kultur und gesellschaft - Deutschlandfunk Kultur

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COPYRIGHT Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Es darf ohne Genehmigung nicht verwertet werden. Insbesondere darf es nicht ganz oder teilweise oder in Auszügen abgeschrieben oder in sonstiger Weise vervielfältigt werden. Für Rundfunkzwecke darf das Manuskript nur mit Genehmigung von Deutschlandradio Kultur benutzt werden.

Deutschlandradio Kultur, Literatur, 4.4.2010, 0.05 Uhr

KULTUR UND GESELLSCHAFT Reihe

:

Titel der Sendung:

LITERATUR 00.05

„Dem Äquator nach – Mark Twains Reise um die Welt

Autor

:

Holger Teschke

Redakteurin

:

Sigried Wesener

Sendetermin

:

04.04.2010

Besetzung

:

Mark Twain Olivia Clara Reporter

Regie

:

Urheberrechtlicher Hinweis: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Jede Vervielfältigung,

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Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in den §§ 45 bis 63 Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig © Deutschlandradio

Holger Teschke Dem Äquator nach ! Mark Twains Reise um die Welt in 395 Tagen zu den Weltwundern der Antipoden

Mark Twain ( Samuel Langhorne Clemens ), Satiriker Olivia Clemens ( Livy), seine Frau Clara Clemens, seine Tochter Reporter Die Daten und Ortsbezeichnungen zu Beginn jeder Szene können vom Sprecher des Reporters gesprochen werden.

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1 23. August 1895 Hafen von Vancouver, an Bord der Warramoo Reporter : Mr. Twain ! Würden Sie sich bitte für einen Augenblick dort an die Reling stellen ? Ein bißchen weiter nach links- da wo ihr Fräulein Tochter steht !

Twain (lustlos) : Wozu denn ?

Reporter : Für ein Abschiedsfoto, Mr. Twain. Ja, dort, genau hinter das Schild !

Twain ( mißtrauisch) : Was steht denn da drauf ?

Clara (liest belustigt) : „ Alle blinden Passagiere werden in Honolulu dem Richter vorgeführt und umgehend zu diesem Hafen zurückgebracht. Die Reederei.“

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Twain : Sehr witzig.

Clara : Nun komm schon, Papa ! Der Mann muß sein Bild verkaufen-genau wie du deine Geschichten.

Twain : Du vergleichst mich mit diesem Zeitungsfritzen ?

Livy : Wenn ich mich richtig erinnere, warst du auch ein Zeitungsfritze, als wir uns kennengelernt haben.

Twain : Und ob ! Aber im Wilden Westen, unter Goldgräbern und Indianern und nicht mit Anzug und Fliege.

Reporter : Danke, Mr. Twain ! Und gute Reise um die Welt !

Twain : Laßt uns verschwinden, bevor wir den Kopf noch durch einen Rettungsring stecken müssen. Sowas... Schiffssirene. 2

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24. August 1895 Kajüte der Warramoo. Twain ( diktiert ) : „Der Ausgangspunkt dieser Reise um die Welt war mein vollständiger Bankrott, der mich dank der Gier und Verlogenheit meiner sogenannten Geschäftsfreunde auf einem Schuldenberg von 190 000 Dollar sitzen ließ. Von diesem grandiosen Thron aus...“

Livy: Sam ! Ich dachte, es soll ein Reisebuch werden und keine Generalabrechnung.

Twain: Gut, gut. Also, Clara, schreib : „ Der Ausgangspunkt dieser Vortragsreise um die Welt war Paris, wo wir zuvor ein paar Jahre verbracht hatten. Von hier aus fuhren wir nach Amerika zurück, wo meine Frau Livia und meine Tochter Clara beschlossen, mitzukommen. Ein Karfunkel an meinem Hintern beschloss, ebenfalls mitzukommen und...“ Livy : Sam !

Twain : „Ein Karfunkel beschloß, ebefalls mitzukommen. Das Lexikon behauptet, ein Karfunkel sei ein Edelstein. Humor in einem Lexikon ist fehl am Platz.“ Livy ( sanft) : Ach, Sam...

Twain : Na, was ? Es soll ein humorvolles Reisebuch werden. Mein Herr Verleger wollte es sogar in den Vertrag schreiben : zum Humor verpflichtet ! Wenn das nicht komisch ist. Weiter, Clara : „Unser Schiff, der Dampfer Warramoo, war leidlich komfortabel und es gab die übliche 5

Schiffsverpflegung – geliefert vom lieben Gott und gekocht vom Teufel. Dieser Dampfer war für eine Fahrt in die Tropen nicht gerade zweckmäßig eingerichtet, aber das ist die Regel bei Schiffen, die man in die Tropen schickt. Sie sind hochversichert, aber ansonsten fehlt es an allem. Außer an Küchenschaben, die so groß wie Suppenteller waren und so schwarz und gefräßig wie Missionare...“

Livy : Sam, ich finde... Twain : Womit soll ich sie sonst vergleichen ? Mit meinen Gläubigern ?

Livy : Meinetwegen mit Gläubigern, aber bitte nicht mit Geistlichen.

Twain : Ich sollte unsere Gespräche aufschreiben, dann bekommt der Verleger soviel lustige Stellen, daß er vor Lachen platzt. Also gut :“... so gefrässig wie Gläubiger. Am 23. August 1895 liefen wir von Vancouver in Richtung Honolulu aus. Merkwürdig, wie diese großen Albatrosse über die Wellen gleiten und dabei immer mit der einen Flügelspitze die Wasseroberfläche streifen, ohne sie je zu berühren- selbst nicht beim höchsten Wellengang. Als Albatros zu reisen wäre angenehmer, schon wegen der Karfunkel und Schaben...“ 3 30. August 1895 An Deck der Warramoo auf Reede vor Honolulu, Hawaii. Clara : Ist das dort Honolulu, Papa ?

Twain :

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Ja. Das herrliche Honolulu auf der paradiesischen Insel Hawaii.

Clara : Aber warum ankern wir ?

Twain : Choleraquarantäne. Wir dürfen nicht an Land. Da drüben warten fünfhundert Leute auf mich und jede Menge Dollar. Na, nichts zu machen. Ich hätte dir gern das Paradies gezeigt, Clara, aber hier stehe ich wie Moses und die alte Schlange lacht uns aus.

Clara : Aber worüber schreiben wir nun ?

Twain : Über etwas Allgemein-Menschliches. Wenn einem gar nichts mehr einfällt, kann man immer über das Allgemein-Menschliche reden. Also, schreib : „ Mein alter Traum,die Inseln von Hawaii nach 29 Jahren endlich wiederzusehen, zerann wie Wasser im Wüstensand. Es ist in dieser Welt einfach, Pläne zu machen. Sogar eine Katze kann das und wenn man erst einmal auf hoher See ist, dann begreift man, daß die Pläne einer Katze und eines Menschen ungefähr gleichviel wert sind.“

Clara: Ganz lustig, aber sollten wir nicht lieber diese herrliche Küste beschreiben ? Damit deine Leser wenigstens etwas von Hawaii sehen ?

Twain :

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Meinetwegen. Also: „Wir lagen im leuchtendblauen Wasser, das zur Küste hin grün wurde und sich dort in einer langen, weiß schäumenden Brandung brach. Die seidigen“ – seidigen ? das klingt ja wie Cooper-na, egal, die Leute lieben sowas, also : „ die seidigen Berge waren in den sanften Schimmer schmelzender Farben gehüllt und ihre Klippen von schräg aufsteigendem Dunst verhüllt. Nichts von der Schönheit der Insel war verlorengegangen, nichts von ihrem Zauber fehlte. Zwei Haie spielten träumerisch um den Bug. Sie warteten auf einen melancholischen Passagier, der vor lauter Sehnsucht nach diesem Idyll ins Wasser springen und ...“ Clara: Aber da sind doch gar keine Haie. Twain : Nein. Aber nach soviel Idylle braucht der Leser einen Witz, um wieder zu sich zu kommen.

Clara: Also, ich weiß nicht...

Twain : Aber ich. „... ins Wasser springen und hinüberschwimmen würde. Die Haie von Honolulu sind alle bei der Quarantäne angestellt.“ Was guckst du so ? Na, Schluß für heute.Gehen wir shuffleboard spielen.

4 Kajüte der Warramoo auf hoher See im Pazifik. Twain ( Tagebuch schreibend ) : 6. September 1895. Gegen vier Uhr nachmittags haben wir den Äquator überquert. Clara hat ihn fotografiert. Gottseidank gab es keine Äquatortaufe oder ähnlichen Unsinn. Seit Tagen durchpflügen wir ein unermeßliches Gewirr von Inseln und haben dann und wann eine davon schattenhaft erblicken können. Jetzt fahren wir in Richtung Fiji, südlich von uns liegt Neuseeland. Irgendwo in diesem Insellabyrinth befindet sich auch Samoa, das ich aber auf 8

keiner Karte finden kann. Um dorthin zu gelangen, befolgt man am besten die Anweisungen des seligen Robert Louis Stevenson, die er an Conan Doyle geschickt hat: „Sie fahren nach Amerika, überqueren den Kontinent bis San Francisco und Samoa liegt dann um die zweite Ecke links.“ Um die Güte dieses Witzes zu verstehen, muß man einen Blick auf die Karte der Südsee werfen. Der arme Stevenson !Ich hätte ihn gern in seinem berühmten Haus Vailima besucht und mir den Flaschenteufel zeigen lassen.Nie werde ich vergessen, wie wir auf der Bank am Washington Square gesessen haben und er mich wie ein kleiner Junge überzeugen wollte, Tom Sawyer und Huck Finn in die Südsee zu schicken. Vielleicht schreibe ich das Buch zu seinem Angedenken und werde damit meine Schulden los. 5 An Deck der Warramoo im Südpazifik. Clara : Seht mal - fliegende Fische !

Twain : Ja, sehr nett . Aber nun komm, Clara. Wir sind keine Touristen. Wir müssen mit unserem Fiji-Kapitel beginnen.

Clara : Wir haben doch noch gar nichts von den Fijiinseln gesehen.

Twain : Aber allerhand gelesen. Das ist meistens aufschlußreicher als Stadtrundfahrten, die meinen Karfunkeln sowieso nicht bekommen. Also : „ Der letzte König der Fiji-Inseln hieß Thakombau. Im Jahr 1858 mußte er die Inseln an England abtreten, um seine Schulden zu bezahlen. Der englische Beamte, der die Über-gabeverhandlungen leitete, wollte dem König wohl einen Krumen Trost hinwerfen und sagte : „Wissen Sie, diese Übergabe ist ja nur eine Art von Einsiedlerkrebs-Formalität. Ja, antortete ihm den König, nur mit dem Unterschied, daß der Einsiedlerkrebs in eine leere Schnecke zieht. Meine ist noch bewohnt.“

Clara : 9

Das fand der englische Beamte bestimmt nicht komisch.

Twain : Es war auch nicht komisch gemeint.

Clara : Ich freue mich trotzdem auf Fiji. Stimmt es, daß die Eingeborenen dort noch immer wilde Krieger sind ? Twain : Und ob. Wenn ein Häuptling stirbt, werden alle seine Frauen erdrosselt und zu ihm ins Grab gelegt.

Clara : Papa ! Dann ist es ja vielleicht doch ganz gut, daß die Engländer gekommen sind.

Twain : Und ob. Wenn den Fiji-Insulanern etwas gefehlt hat, dann englische Kultur und Küche. Aber diese Wilden wissen einfach nicht, was für sie gut ist. Gottseidank haben wir Maschinengewehre und Missionare, um es ihnen beizubringen.

6 Kajüte der Wamaroo. Twain ( Tagebuch schreibend ): Am 16. September laufen wir in den Hafen von Sydney ein und vergehen fast vor Begeisterung. Dieser Hafen ist ein Weltwunder. Die Australier sind unheimlich stolz auf ihn. Ein mitreisender Bürger Sydneys fragt mich sofort, wie ich den Hafen finde. Ich antworte ihm: ein Meisterwerk Gottes. Der Mann nickt höflich und sagt dann : Ja, der Hafen ist herrlich, aber er ist 10

ja nur die Hälfte. Die andere Hälfte ist Sydney und erst damit beginnen die Glocken der Wahrheit zu läuten. Gott hat sicher den Hafen geschaffen – aber Sydney ist ein Werk des Teufels. Ich tröste ihn mit der Bemerkung, daß das auch für New York, San Francisco und Vancouver zutreffen würde. Er nickte stumm und wir schüttelten uns ergriffen die Hände.

7 16. September 1895 im Hafen von Sydney. Reporter : Was bringt Sie nach Australien, Mr. Twain ? Twain : Die Warramoo. Ein wunderbares Schiff. Das größte Wunder ist, daß sie es von Vancouver bis nach Sydney geschafft hat.

Reporter : Da spricht der Humorist ! Ich meine, was erwarten Sie von Australien ?

Twain : Volle Säle, ich soll hier nämlich Vorträge halten. Und ich werde ein Buch über Australien schreiben. Ich habe sogar schon damit angefangen. Man weiß ja meistens mehr über ein Land, wenn man es noch nicht gesehen hat. Man ist nicht von der Realität abgelenkt, sondern kann sich ganz seiner Phantasie hingeben. Das ist sehr wichtig für einen Schriftsteller.

Reporter : Sehr witzig ! Wovon werden ihre Vorträge handeln ?

Twain : Von mir, von wem sonst ? 11

Reporter : Ich verstehe. Möchten Sie unseren Lesern sonst noch etwas sagen ?

Twain : Vergessen Sie bitte nicht, meine seelenvollen Augen zu erwähnen. Sie sehen momentan vielleicht ein bißchen trübe aus, aber das kommt von der Seeluft. Erwähnen Sie also bitte unbedingt den intelligenten Ausdruck meine seelenvollen blauen Augen. Reporter : Blau ?

Twain : Vielen Dank und guten Abend !

Livy ( leise ): Warum mußtest du den armen Mann so auf den Arm nehmen ?

Twain : Armer Mann ? Der kassiert einen Dollar pro Zeile, die ich ihm kostenlos liefere. Habe ich etwa Geld verschenken ?

Livy : Schon gut, reg dich nicht auf ! Es soll doch eine schöne Weltreise werden, oder ?

Twain :

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Meine liebste Olivia, die schönsten Weltreisen macht man in der Bibliothek seines Hauses im Lehnstuhl. Am besten mit einer Flasche Scotch und dem Buch eines armen Teufels, der sich begeistert durch Ozeane und Wüsten quält, während man selber neben dem Kamin sitzt und seine Zigarre raucht. Weltreise, das ist Knochenarbeit. Jedenfalls in meinem Alter. Aber komm, laß uns endlich australischen Boden betreten und erfahren, wie es ist, auf dem Kopf durch die Straßen zu gehen.

8 20. September 1895 Botanischer Garten von Sydney. Twain ( diktierend) : „Australien ist reich an Kohle und Wolle, Eisenbahnen und Dampferlinien, Kirchen und Rennbahnen sowie an gelehrten Gesellschaften. Der Botanische Garten von Sydney ist herrlich angelegt, mit Bäumen und Blumen aus allen Ländern und Klimazonen der Welt. Er liegt oberhalb des Hafens und schließt sich gleich an die Parkanlage des Regie- rungspalastes an . Der Garten ist riesig und bietet genügend Platz für alle australischen Beamten und Bummelanten. Es bleibt immer noch Platz für alle Leute, die körperlicher Arbeit oder Sport etwas abgewinnen können. Australien hat vier oder fünf Gouverneure, die aber meistens in England sind. Deshalb braucht man noch einmal soviele stellvertretende Gouverneure, die die Arbeit machen. Die Arbeit besteht vor allem in Bällen und Empfängen, welche sehr prächtig sind. Das Land regiert sich ohnehin von selber und legt auch Wert darauf. Das Einspruchsrecht der Krone steht mehr oder weniger auf dem Papier und da steht es gut. Neben den Gouverneursbällen sind die Hafenrundfahrten und die Haifischjagden beliebt. Dafür muß man nur auf einem solchen Ball einen reichen Mann kennenlernen, der einen auf seine Yacht einlädt. Der Hafen wimmelt von Haien. Manche Menschen in Sydney leben davon, daß sie auf Bälle gehen und andere von der Haifischjagd, denn die Regierung zahlt dafür eine Prämie. Für die Haifische, nicht bfür die Bälle. Um diese Prämie zu kassieren, muß man nur ein Stück frisches Hammelfleisch auf seinen Haken stecken und abwarten. Die Nachricht von diesen leckeren Ködern hat sich inzwischen in der ganzen Südsee herumgesprochen, weswegen es von Haien wimmelt. In kurzer Zeit dürfte sich diese Haifischzucht zu den profitablesten Unternehmen von ganz Australien entwickeln, vor allem für die Hammelfleischproduzenten.“

Livy :

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Wollen wir nicht erst einmal eine Hafenrundfahrt machen und nachsehen, wieviele Haie da tatsächlich wimmeln ? Als wir eingelaufen sind, habe ich keine gesehen.

Twain : Na und ? Aber alle Welt spricht davon und ohne Haie wäre der Hafen langweilig. Die Hillbillys in Kansas und Kentucky wollen ein bißchen Abenteuer.

Livy : Ich dachte, du schreibst ein Reisebuch und keinen Abenteuerroman. Twain : Was ist ein Reisebuch ohne Abenteuer ? Landschaften wie bei Cooper und Teegesellschaften wie bei Jane Austen.

Clara : Wollen wir nicht trotzdem eine Hafenrundfahrt machen ? Vielleicht erleben wir ja ein Abenteuer.

Twain : Echte Abenteuer sind längst nicht so aufregend wie die, die sich dein Vater ausdenkt. Ein Schriftsteller braucht keine Abenteuer, sondern Phantasie.

Livy : Davon hast du ja genug. Lass uns trotzdem eine Hafenrundfahrt machen, dieses Kakadugeschrei geht mir auf die Nerven. Dann schon lieber Haie, die sind stumm.

Twain :

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Meine liebe Livy, du hast dir auf unserer Weltreise eine bemerkenswerte Kaltblütigkeit zugelegt.

Livy : Mein lieber Sam, die ist an deiner Seite auch unbedingt notwendig. 9 Oktober 1895. Ein Hotelrestaurant in Melbourne Reporter : Mister Twain, was ist eigentlich Humor ? Twain : Humor ? Keine Ahnung. Ich könnte Ihnen höchstens aufzählen, was alles nicht komisch ist. Die beste Definition, die ich kenne, lautet: „ Das Leben ist eine Tragödie für alle, die fühlen und eine Komödie für alle, die denken.“

Reporter : Sehr gut ! Von wem ist dieses Bonmot ?

Twain : Von mir.

Reporter: Sehr originell ! Aber muß ein Humorist nicht sozusagen naturgemäß Witze reißen – so wie ein Dichter dichten muß ?

Twain :

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Naturgemäß ? Ich muß doch sehr bitten. Humor kommt aus bitterer Erfahrung und ist harte Arbeit. Um die Leute mit der Wahrheit zum Lachen zu bringen, muß man sein Handwerk beherrschen. Das weiß der Clown, der sich im Sägemehl der Arena wälzt ebensogut wie der berühmteste Komödiant auf den Bühnen von London. Erinnern Sie sich, was Garrick gesagt hat ? „ Sie können eine ganze Stadt mit einer Tragödie hinters Licht führen, aber noch der letzte Dorftrottel wird Sie auspfeifen, wenn Ihre Komödie nicht komisch ist.“

Reporter : Sehr interessant. Was möchten Sie unseren Lesern über die Politik Amerikas mitteilen ?

Twain : Daß ich mich seit langem nicht mehr damit beschäftige. Vor vierzehn Jahren gab es mal einen Hoffnungsschimmer, als sich eine dritte politische Partei zu etablieren begann, die mit unserer demokratischen Einparteienherrschaft Schluß machen wollte. Leider hatte sie das wahnwitzige Programm, nur die besten und ehrlichsten Männer des Landes versammeln zu wollen. Das mußte ja schiefgehen. Unser Wahlvolk hat ihnen auch gnadenlos die Quittung für diese verstiegene Idee gegeben. Aber jetzt, wo ich meinen Sinn für Humor ausreichend bewiesen habe, indem ich mit Ihnen ernsthaft über Politik geredet habe, hören wir besser damit auf.

Reporter : Sie versuchen aber immer noch, die Geschichte der Menschheit mit Humor zu beschreiben. Haben Sie dafür ein Motto ?

Twain : Allerdings. „Die Tinte, mit der wir Geschichte schreiben, ist nichts anderes als ein flüssiges Vorurteil.“ Reporter : Auch von Ihnen, nehme ich an ? 16

Twain : Von wem sonst ?

Reporter : Ich danke Ihnen, Mister Twain.

10 Oktober 1895. Ein Hotelzimmer in Melbourne Twain ( diktiert ): „Der australische Ureinwohner hatten ein Gebiet von der Größe der Vereinigten Staaten zur Verfügung, bevor die englischen Siedler und Sträflinge kamen. Er kannte keine ansteckenden Krankheiten, bis der weiße Mann ihm dieses Zivilisationsgeschenk über den Ozean brachte. Die Aborigines beschränkten ihre Bevölkerungszahl durch gelegentliche Scharmützel. Der weiße Mann hatte efektivere Methoden, mit denen er die eingeborene Bevölkerung in zwanzig Jahren um achtzig Prozent verringerte. Neben seinen Krankheiten und seinen Feuerwaffen brachte er ihnen auch Kultur und Traditionen. Ein Siedler, dessen Farm von Eingeborenenlagern umgeben war und der sich von ihnen bedroht fühlte, erzählte seinen schwarzen Nachbarn eines Tages von Weihnachten, jener wunderbaren Zeit, in der Friede auf Erden herrscht und alle Menschen einander beschenken. Er habe deshalb einen großen englischen Weihnachtspudding gebackeneinen Pudding, von dem der ganze Stamm satt werden sollte. Am nächsten Morgen war es totenstill im Busch, denn der traditionsbewußte Siedler hatte den Pudding für seine Nachbarn mit Arsen gewürzt.“ Livy : Bist du sicher, daß das nicht eine Schauergeschichte ist, Sam ? Twain : Vollkommen sicher. Mit solchen Geschichten haben sich auch unsere Siedler in Nevada und Kalifornien gebrüstet. Und wenn sich jemand mokierte, dann antworteten sie nur : „Gift ist Gnade. Sonst wären die Indianer ja doch bloß verhungert.“ Das stimmte sogar, denn schließlich haben wir alle ihre Büffel abgeschlachtet und sie aus ihren Jagdgründen vertrieben. Es gibt viele 17

komische Ideen auf der Welt, Livy, aber eine der komischsten ist unsere Einbildung, daß wir weniger barbarisch wären als die sogenannten Wilden. Livy : Und unsere Religion ? Willst du die auch als barbarisch bezeichnen ? Twain : Unsere Religion hat bisher zu all unseren Eroberungen Ja und Amen gesagt, solange sie ein Stück vom großen Kuchen abbekommen hat. Sie will nur die verlorenen Seelen retten, ich weiß. Aber stell dir für einen Augenblick vor, die Wilden wären zu Tausenden an der Küste Neuenglands aufgetaucht und hätten uns aus unseren Häusern und Städten verschleppt , um uns ihre Religion zu bringen. Wir hätten dann bei Hitze und Hagel ihre Holzgötzen anbeten, in Erdhöhlen hausen und rohes Fleisch verzehren müssen. Wie hätte uns das wohl gefallen ? Livy : Du vergleichst Äpfel mit Birnen, mein lieber Sam.

Twain : Nein, ich vergleiche Äpfel mit Ananas. Livy : Ich frage mich nur, ob deine Leser in Neuengland das komisch finden werden.

Twain : Wahrscheinlich nicht. Deswegen wollte mich mein Herr Verleger ja auch vertraglich verpflichten, ein komisches Reisebuch zu schreiben. Über die putzigen Eingeborenen mit ihren lustigen Bräuchen. Ich frage mich, ob unsere Enkel darüber lachen werden.

Livy : Wie du meinst. Ich gehe, um Clara mit der Post zu helfen. Es sind wieder ganze Waschkörbe voller Briefe angekommen. Dr. Fitzgerald ist auch da, er will dich noch einmal untersuchen. Wollen wir den heutigen Vortrag nicht lieber absagen ? Du siehst müde aus. 18

Twain : Nein 11 Oktober 1895. Ein Zugabteil

Twain ( Tagebuch schreibend ): Dr. Fitzgerald hat das verdammte Karbunkel eingefroren und aufgeschnitten, so daß ich wieder reisen kann. Die Medizin ist die erhabenste aller menschlichen Künste, denn sie befreit uns von körperlichem Schmerz. Danach soll angeblich die Religion kommen, die uns von seelischem Schmerz befreit – manchmal. Auf der Fahrt von Ballarat nach Bendigo hatten wir einen Priester als Reisegefährten, einen Mann voller Wärme des Herzens und des Geistes , sehr angenehm. Eines Tages wird er sicher Bischof werden. Dann Erzbischof. Dann Kardinal. Dann Erzengel, hoffe ich. Wenn ich wider Erwarten doch da oben ankommen sollte, wird er sich vielleicht an mich erinnern und eine Ausnahme machen. Der Himmel ist wahrscheinlich nicht besonders anregend, aber in der Hölle würde ich zuviele Kollegen treffen. Es hat übrigens neun Stunden gedauert, um mit dem Zug von Ballarat nach Bendigo zu kommen. Zu Fuß hätten wir es in zwei Stunden geschafft. Aber es eilte ja nicht. 12 November 1895. Schiffsdeck im Hafen von Hobart Clara : Auf Wiedersehen, Hobart ! Auf Wiedersehen, Tasmanien ! Twain : Nun komm schon, Clara ! Wir müssen weitermachen. Clara : Es war so schön auf Tasmanien. Und viel zu kurz. 19

Twain : Deswegen müssen wir es ja für die Nachwelt festhalten. Also:“ Tasmanien war früher ein Auffanglager für Sträflinge, die aus Sydney oder Melbourne geflohen waren. Darunter auch viele Kinder, deren Verbrechen in England darin bestanden hatte, daß sie ein Kaninchen oder einen Korb voll Rüben gestohlen hatten. Wenn Shakespeare etwas später geboren worden wäre, hätten sie ihn auch nach Tasmanien geschickt. Heute steht an der Stelle des ehemaligen Sträflingslagers ein Armen-Asyl. Dort waren Unmengen von alten Leuten versammelt- die ältesten, die ich je zu Gesicht bekommen habe. Es war, als wäre man plötzlich in eine andere Welt eingetreten- in eine unheimliche Welt, in der es weder Kindheit noch Jugend gibt. Eine Welt, die nur das Alter kennt und die dem Rheuma und den Runzeln gewidmet ist. Von den dort lebenden 359 Menschen waren 223 ehemalige Sträflinge und hätten zweifellos packende Geschichten zu erzählen gehabt. Aber sie schwiegen nur still vor sich hin. Das durchschnittliche Sterbealter ist dort 76 Jahre. Ich persönlich war froh, als wir den Ort wieder verließen. Er war mir zu gesund. Siebzig ist alt genug- später wird das Risiko zu groß. Denn was bleibt einem dann von Geist und Gesundheit noch übrig ? Der Tod im Leben und ein Leben als Toter.“ Clara : Hast du Angst vorm Tod, Papa ? Twain : Warum denn ? Ich bin sechzig Jahre alt, Clara. Ich habe 25 Bücher geschrieben und gottweißwieviele Geschichten. Aber ich muß immer noch durch die Welt gondeln wie ein Wanderkomödiant und meine alten Witze erzählen. Tod, wo ist dein Stachel ?

Clara : Mama sagt, du glaubst weder an Himmel noch Hölle. Twain : Nein,nein - an die Hölle glaube ich! Aber wer den Teufel zum Lachen bringen kann, der hat nichts zu befürchten. Vielleicht lassen sie mich dort das Eingangsbuch führen, das würde bestimmt Spaß machen. Clara : Hast du niemals ernsthaft über diese Dinge nachgedacht ? 20

Twain : Und ob ! Also paß auf : Wenn ich sterbe und plötzlich doch im Himmel aufwache- schön, dann habe ich mich eben geirrt und werde mich für alles entschuldigen. Und wenn ich nicht wieder aufwache-der Tod ist doch nichts anderes als ein langer Schlaf. Ich schlafe ganz gern ein bißchen länger. Aber vorher sehen wir uns noch Neuseeland an, wie ? Je mehr man von der Welt gesehen hat, desto leichter fällt es einem, Abschied zu nehmen.

Clara : Ich finde, je mehr man von der Welt gesehen hat, desto schwerer fällt es, Abschied zu nehmen. Twain : Warte, bis du 75 bist und mit Rheuma und Runzeln in einem Altersheim in den Adirondacks sitzt ! Dann sprechen wir uns wieder.

13 November 1895. Schiffskabine, nachts. Twain ( Tagebuch schreibend ) : 4. November 1885. Von Tasmanien mit Kurs auf Neuseeland. Ruhige See, der ich aber nicht traue. Nur Idioten faseln von der Gerechtigkeit der Natur, die uns nichts anhaben wird, solange wir ihre Gesetze beachten. Das ist Nonsens. Ich wasche mir fünfzig Mal am Tag die Hände und eines schönen Tages wird mich die Cholera trotzdem erwischen. Aber das kann mir ebensogut in Elmira, New York passieren wie am Ende der Welt. Ich kann es nicht begreifen, daß es kein Buch gibt, das sich über die Einrichtung dieser elenden Welt einmal so richtig lustig macht. Über dieses nutzlose Universum und die lächerliche menschliche Rasse. Ein Buch, das über Gottes grandiosen Schöpfungsplan den Hohn und Spott ausgießen, den er verdient. Dabei fühlen Millionen von Menschen, die Jahr für Jahr unter grauenvollen Schmerzen dahinsiechen oder abgeschlachtet werden, daß keine allgütige Liebe und Gerechtigkeit über sie wacht und niemand im Himmel auf sie wartet ! Warum schreibe ich nicht dieses Buch ? Weil ich eine Frau und Töchter habe, die daran glauben, deswegen. Einen anderen Grund gibt es nicht. Ist das auch der Grund, warum kein Anderer dieses Buch schreibt ? Ich denke immer noch an die blonde Kellnerin in Sydney, die so frech und elegant war. 21

Merkwürdig. Die hat mir regelrecht Heimweh verursacht. Eine junge blonde Kellnerin mit Sommersprossen...

14 November 1895. Im Hafen von Dunedin, Neuseeland. Reporter : Willkommen in Neuseeland, Mister Twain ! Was sind Ihre Pläne für die kommenden Tage ?

Twain : Reden, reden, reden.

Reporter : Und wenn Sie nicht reden ?

Twain: Schreiben, schreiben, schreiben.

Reporter : Selbstverständlich. Aber wenn Sie nicht reden oder schreiben, was werden Sie dann tun ?

Twain : Schlafen. Sie sehen, das Leben eines Schriftstellers ist todlangweilig.

Reporter :

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Aber Sie werden doch sicher die eine oder andere Stunde nutzen, um sich Neuseelands Sehenswürdigkeiten anzuschauen ?

Twain : Als da wären ?

Reporter : Nun, unsere einzigartigen Gebirge und Küsten, die sie auf keinen Fall versäumen dürfen.

Twain : Vielen Dank für den Hinweis. Ich werde in Christchurch, Nelson, Plymouth, Auckland, Gisborne, Napier, Hastings und Wellington Station machen. Wenn ich bis dahin nicht genug Gebirge und Küsten gesehen habe, dann komme ich nach Dunedin zurück.

Reporter : Was interessiert Sie am meisten in Neuseeland ?

Twain : Die Maori.

Reporter (irritiert) : Die Maori ?

Twain : Allerdings, die Maori. Ich möchte von ihnen lernen, wie man seinen Feinden so richtig die Zunge zeigt. Guten Tag. 23

15 November 1895. Ein Hotelzimmer in Dunedin, am Abend.

Livy : Clara schläft schon. Du wirst heute Abend mit mir vorlieb nehmen müssen.

Twain : Bist du nicht auch müde ? Es war ein langer Tag. Livy : Ältere Damen brauchen weniger Schlaf als junge. Nun fang schon an-oder hast du Angst, daß ich dir zu oft widerspreche ?

Twain : Nein, wieso denn ? Überhaupt nicht. Ich habe meine Notizen schon gemacht. Willst du sie lesen ?

Livy (liest) : „Dunedin. Die meisten Leute sind hier schottischer Abstammung. Auf ihrem Weg von Schottland in den Himmel haben sie hier Halt gemacht. Sie dachten, sie seien schon angekommen. Wir besuchten das Haus von Dr. Hockin, ein wahres Museum für die Geschichte und Kunst der Maori. Er besitzt viele Farbdrucke von Porträts alter Häuptlinge. Nichts an ihrer Miene verrät etwas von einem Wilden. Sie sehen alle aus wie römische Patrizier. Eigentlich müßten die Tätowierungen auf diesen Porträts den Eindruck des Barbarischen erwecken, aber sie tun es nicht. Man braucht nur fünfzehn Minuten, um sich an diese Tätowierungen zu gewöhnen und weitere fünfzehn um zu erkennen, daß sie das einzig Wahre sind. Von da an wirkt das schmucklose europäische Gesicht nackt und unwürdig.“

Twain : 24

Nun - wie findest du das ?

Livy : Ich frage mich, wann du dich tätowieren lassen wirst.

Twain : Bei mir besorgen die Würde meine grauen Haare und die Falten. Ich brauche keine Tätowierung mehr, um wie ein Patrizier auszusehen. Livy: Schön- und ich ?

Twain : Dir ist offenbar entgangen, daß ich von Häuptlingen rede.

Livy : Keineswegs. Aber die Maori-Frauen tragen auch Tätowierungen, wenn auch nur am Kinn. Sehen die etwa nicht würdig aus ?

Twain : Meinst du nicht, daß unser Reverend Howells diese Bemerkung als eine Art Sympathiebezeugung für heidnischen Körperschmuck mißverstehen könnte ?

Livy : Reverend Howells ist ein gebildeter Mann und kein eifernder Missionar. Auch wenn du den Dienern der Kirche wenig abgewinnen kannst, solltest du sie doch nicht alle über einen Kamm scheren. 25

Twain : Entschuldige, das liegt an Neuseeland. Pause.Nicht komisch ? Na, genug für heute. Trinkst du noch eine Scotch mit mir ?

Livy : Auf den Himmel von Dunedin ?

Twain : Auf den Schutzengel meiner Reise ! Gläserklirren.

16 November 1895. Eine Schiffskabine am Abend. Twain ( Tagebuch schreibend ) : 26. November 1895. Von Lyttleton, dem Hafen von Christchurch, mit der Flora nach Nelson und von dort aus weiter nach Auckland. Die Flora war früher ein Viehtransporter und ist so schwarz wie die Seele der Reeder von der Union Company. Die können es sich wegen ihres Schiffsmonopols leisten, solche Seelenverkäufer im Passagierdienst einzusetzen. Es gibt nichts Gefährlicheres als Monopole. Selbst die Regierung zittert vor der Union Company und der Beamte, der am Ende der Gangway darauf achten sollte, daß das Schiff nur die zugelassene Anzahl von Passagieren aufnahm, drückte nach Überschreiten dieser Zahl einfach beide Augen zu und machte sie erst wieder auf, als die Gangway weggezogen wurde. Am 20. November kamen wir mehr tot als lebendig in Auckland an, erholten uns aber in dieser schönen Stadt rasch wieder und besichtigten den Hafen und den Botanischen Garten. Von Auckland aus fährt man nach Roturoa, dem Ort mit den berühmten heißen Seen und Geysiren. Die Bäder dort heilen angeblich Gicht, Rheuma und sogar Alkoholismus, worauf die Ärzte mit besonderem Nachdruck hinweisen. Ich fühlte mich allerdings zu schwach, um den Ausflug an einen so gesunden Ort zu unternehmen. Eigentlich müßte dieses Karlsbad des Pazifik von den Alkoholikern Europas und Amerikas gestürmt werden, aber bisher ist der Ansturm 26

ausgeblieben. Heute nachmittag sind wir gegen drei Uhr von Auckland in Richtung Gisborne abgefahren. Dieses Schiff ist wieder bequem und sauber, dem Himmel sei Dank. Weder Ratten noch Schaben, wie auf der Flora. Ich habe beobachtet, daß man Ratten überhaupt nur auf Schiffen und in Hotels findet, die zu den Mahlzeiten noch diese gräßlichen chinesischen Gongs benutzen. Da Ratten keine Uhren lesen können, nisten sie sich offenbar nur dort ein, wo sie per Gong erfahren, wann das Essen fertig ist. Die Zähne der Leute in Australien und Neuseeland sind überall schlecht. Ein Bekannter erzählte mir, man ließe die Zähne hier nicht plombieren, sondern risse sie allesamt heraus und ersetze sie durch Prothesen. Gelegentlich sähe man sogar junge Damen mit vollständig künstlichem Gebiß. Sie sind glücklich zu schätzen. Ich wünsche, ich wäre mit falschen Zähnen, falschen Karbunkeln und einer falschen Leber zur Welt gekommen. Mir wäre entschieden wohler. Ein Streichholz wird entzündet und eine Zigarre angeraucht. 17 Dezember 1895. Ein Hotelzimmer in Wanganui, am Abend. Twain : Na, dann laß uns mal hören, ob das Tagespensum von heute was taugt.

Clara ( liest): „Gestern abend in Wanganui angekommen. Sehr schöne Stadt am Wanganui-Fluß, der mich an den Mississippi erinnert. Viele hübsche Mädchen in Samtkleidern, noch mehr Heilsarmee, massenhaft Maori. Besonders interessant ist das Rathaus der Maori,das mit grotesken Schnitzereien verziert ist, die einem allesamt die Zunge herausstrecken. Das soll die feindlichen Krieger einschüchtern, aber wahrscheinlich werden sie eher vor Lachen kampfunfähig. Wir durften das Haus,das ganz mit geflochtenen Matten ausgelegt ist, besichtigen. Die Maori waren sehr höflich. Die Briten haben sie nicht ausgerottet, wie die Australier oder Tasmanier, sondern sich damit begnügt, ihnen ihr Land wegzunehmen und sie zu unterjochen. Dafür lassen sie jetzt sogar einen Vertreter der Maori im Kabinett sitzen und haben Frauen wie Männern das Wahlrecht gegeben. Die Engländer sind darauf sehr stolz.“ Du findest also, daß das nur ein Witz ist ?

Twain :

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Stell dir vor, die Maori wären nach England gekommen, hätten die Hälfte aller Engländer erschlagen, ihnen ihr Land und ihre Kirchen weggenommen und anschließend einen einzigen Engländer in ihr Parlament gesetzt. Wie würdest du das bezeichnen ?

Clara : Naja, wenn du das so siehst...

Twain : So sehe ich das. Clara : „Dr. Campbell aus Auckland erzählt in seinem Buch Das alte Neuseeland eine bezeichnende Geschichte. Ein Häuptling der Maori, der einem Missionar lange aufmerksam zugehört hatte, schüttelte schließlich den Kopf und sagte : Ich glaube, Sie bringen da etwas durcheinander. Warum sollen wir denn aufhören, unsere bösen Götter anzubeten und stattdessen nun Ihren guten ? Das ist doch Unsinn. Ein guter Gott wird uns ja nichts Böses tun. Das Böse müssen wir besänftigen. Das sollten Sie auch mal versuchen.“ Ich glaube, darüber wird man bei uns zu Hause auch nicht lachen, Papa. Twain : Wahrscheinlich nicht.

Clara : Mama sagt, du denkst, es gäbe überhaupt keine guten Christen mehr.

Twain : Einen gab`s. Aber den haben sie rechtzeitig erwischt und ans Kreuz geschlagen.

Clara : 28

Du machst dich lustig, Papa.

Twain : Das ist mein Beruf. Manche Dinge sind so traurig, daß man sich nur darüber lustig machen kann. Sonst macht man sich lächerlich. „Der Himmel fürs Wetter, die Hölle für gute Gesellschaft.“

Clara : Soll ich das aufschreiben ? Twain : Nein. Das sollst du dir merken. 18 Dezember 1895. Eine Schiffskabine am Abend. Twain ( Tagebuch schreibend ) : „Zwei Tage in Wellington, ein schöner Hafen und ausgezeichnetes Essen. Habe aus Dr. Campbells Buch viel über die Maori gelernt, die aus Freude am Kampf ihre Kriege zu führen scheinen. Als ein Stamm einmal die Chance hatte, den gegnerischen Stamm vollständig zu vernichten, es aber nicht tat, erklärten die Maori dem Doktor : ‚Wenn wir das tun würden, hätten wir ja niemanden mehr, gegen den wir kämpfen können.‘ Und solche Menschen nennen wir Wilde. Am 13. Dezember sind wir gegen drei Uhr nachmittags mit der Mararoa nach Sydney abgefahren und dort am 17. Dezember wohlbehalten angekommen. Jetzt sind wir seit drei Tagen auf der Oceana in Richtung Ceylon unterwegs. Südliche Meere und ein gutes Schiff- das Leben hat nichts Besseres zu bieten. Ein Streichholz flammt auf.

19 Januar 1896. Im Hafen von Colombo auf Ceylon

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Reporter : Mister Twain ? Mister Twain ! Sie müssen Mark Twain sein !

Twain : Warum muß ich ? Reporter : Sie sinds ! Ich habe Ihr Bild in den australischen Zeitungen gesehen. Willkommen auf Ceylon, Mister Twain ! Ich hoffe, Sie hatten eine gute Überfahrt ? Twain : Ganz ausgezeichnet. Wie einmal ein berühmter Mann gesagt hat : Südliche Meere und ein gutes Schiff- das Leben hat nichts Besseres zu bieten. Reporter : Das werde ich zitieren. Wie lange bleiben Sie auf Ceylon ?

Twain : Leider nur kurz. Offen gesagt, nur einen einzigen Tag. Ich hoffe, Sie nehmen es nicht persönlich, aber ich muß nach Indien weiter.

Reporter: Das sagen alle. Dann halten Sie bei uns auch keinen Vortrag ?

Twain : Tut mir Leid. Ich werde über Ceylon in meinem Reisebuch schreiben, das verspreche ich Ihnen. Aber jetzt muß ich mich um unser Gepäck kümmern. Übrigens, was soll ich mir in Colombo ansehen ?

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Reporter : Die Menschen, Mister Twain! Gute Reise !

20 Januar 1896, am Abend. Ein Hotelzimmer in Colombo

Twain ( diktiert ) : „Colombo ist ganz offensichtlich eine orientalische Stadt-bis zum äußersten Grad, auch klimatisch. Unsagbar heiß und feucht. Wir fuhren zum Markt und mieteten uns dazu eine Rikscha, die ein Eingeborener zog. Eine halbe Stunde lang schaffte er ein gutes Tempo, aber es war Schwerstarbeit für ihn.Nach dieser halben Stunde machte die Fahrt uns keinen Spaß mehr, wir hatten nur noch Augen für den erschöpften kleinen Mann.“

Livy: Wenn ich mich recht erinnere, haben wir dich darauf aufmerksam gemacht. Du hattest deine Augen ganz woanders.

Twain : So? Ach ja : „Die Fahrt durch die Stadt zum Meeresufer war wie ein Traum von tropischer Blütenpracht und einem Feuerwerk orientalischer Gewänder. Die sanft dahingleitenden Gruppen von jungen Frauen und Mädchen –jede für sich eine Flamme, eine Verschmelzung von Regenbogen und Blitz. Und alles harmonisierte, nie gab es einen Mißklang oder eine Geschmacklosigkeit. Die Stoffe waren aus Seide- dünn, zart und anschmiegsam. Dazu die unvorstellbare Anmut dieser Gewänder. Manchmal bestand die gesamte Kleidung einer Frau aus einem einzigen Tuch, das sie um Kopf und Leib geschlungen trug. Dabei waren großzügig weite Flächen glatter und dunkler Haut zu sehen, so daß einem das Herz vor Freude jauchzte und... Livy : Sam ! 31

Twain: Was ist denn ? Ach so. Gut, kommen wir zum Höhepunkt : „Aber dann brach in diese Traumbilder eine schrille Dissonanz ein. Aus einer Missionsschule kamen sechzehn christlich abgerichtete schwarze Mädchen in Zweierreihen herausmarschiert. Europäisch gekleidet, wie zu einem Kirchgang in einem englischen Provinznest. Ihre Kleider waren unsagbar häßlich und so stocksteif gestärkt wie Sterbe-hemden. Ich sah verstohlen zur Seite und auf die Kleider meiner Begleiterinnen. Sie trugen Ebenbilder dieser mausgrauen Scheußlichkeiten. Ich schämte mich, mit ihnen so auf der Straße gesehen zu werden.“

Livy : Danke, Sam. Den Rest wirst du sicher selber zu Papier bringen können. Komm, Clara.

Eine Tür schlägt ins Schloß.

Twain : „Und dann sah ich an meiner eigenen Kleidung herunter- und ich schämte mich, so mit mir gesehen zu werden. Unsere Kleidung ist das häßliche, aber angemessene äußere Abbild unserer inneren Heuchelei. Wir fürchten Farbe und Leichtigkeit wie die Sünde. Und genau so sehen wir aus.“

21 Januar 1896. Ein Hotelzimmer in Bombay am Morgen. Twain ( Tagebuch schreibend ) : Vor zwei Tagen sind wir in Bombay angekommen und meine beiden Damen strafen mich noch immer mit Schweigen. Auf dem Deck der Rosetta habe ich mir eine Erkältung zugezogen, die sie als gerechte Strafe für meine Sünden ansehen. Die einzigen, die mich am Morgen besuchen, sind die indischen Krähen. Aber nun zu Bombay ! Ein verwirrender, ein bezaubernder, ein märchenhafter Ort. Tausendundeine Nacht , wohin man auch sieht. Gegenüber vom Hotel steht eine Reihe von schattenspendenden Bäumen und darunter hocken Gruppen von malerischen Indern: ein Gaukler mit seinem Schlangenkorb und ein Magier mit Seilen und Kisten, 32

Flötenspieler, Tänzerinnen und Akrobaten, Fakire und Wahrsager, Gewürzkrämer und Wunderheiler. Indien, das Land der Träume und des Elends, der Pracht und der Lumpen, der Paläste und Elendsquartiere, der Maharadschas und Mörder, der Aladinlampe und der Bettlerschalen. Allerdings muß man hier gute Nerven haben. Man hatte uns ein ruhiges Zimmer versprochen und wir wußten nicht, was das hier bedeutet. Den ganzen Tag brandet ein unvorstellbarer Lärm zu uns hinauf: Menschen schreien, Affen schnattern, Papageien kreischen, Krähen krächzen und hin und wieder explodiert Dynamit und teuflisches Gelächter. Nach Mitternacht tritt schlagartig Ruhe ein- eine tiefe und beängstigende Stille. Aber Punkt fünf Uhr morgens geht der Lärm urplötzlich weiter. Den Anfang macht dabei immer die indische Krähe. Ich glaube, dieser Vogel hat mehr Wiedergeburten durchgemacht als Shiva selber. Im Laufe ihrer Vollendung muß er Schmierenschauspieler, Priester, Spion, Rechtsanwalt, Lehrer und schließlich Politiker gewesen sein, bevor er Krähe wurde. Aber die Krähe geht dem Tod furchtlos entgegen, denn sie weiß, daß sie bald als Schriftsteller wiedergeboren und dann noch unerträglicher sein wird als jemals zuvor. Wenn ich hier auf meinem Balkon sitze, dann fliegt sie auf das Geländer und spekuliert lauthals über mich : über meine Kleidung und Frisur, was ich von Beruf sein könnte und in Indien zu suchen habe, wie es wohl kommen mag, daß ich bisher dem Galgen entwischt bin und ob es da, wo ich herkomme, noch mehr solche Galgenvögel gibt. Wenn ich sie fortscheuche, kreist sie eine Weile über mir, lacht mich aus und landet dann bald wieder auf dem Balkon, um weiterzukrächzen. Ich glaube, sie kostet Indien mehr als die Regierung und das ist nicht gerade wenig. Aber sie ist ihr Geld wert, denn Indien wäre ein sehr viel traurigeres Land ohne ihr spöttisches Gekrächze. Ich fühle mich ihr auf wundersame Weise verwandt... Die Krähe krächzt, Twain scheucht sie fort. Musik und Gelächter.

22 Januar 1896. Eine Hotelhalle in Bombay. Reporter : Wie gefällt Ihnen Indien, Mister Twain ?

Twain ( heiser ): Ich habe leider noch nichts von Indien gesehen- außer den Gärten vor meinem Balkon und den indischen Krähen.

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Reporter : Aber Sie sind doch schon seit fünf Tagen in Bombay !

Twain : Ich laboriere seit fünf Tagen an einer Erkältung. Ich habe mich auf dem Schiff idiotischerweise auf dem nächtlichen Deck zum Schlafen gelegt, weil die Hitze in der Kajüte unerträglich war.

Livy : Aber Mister Twain wird seinen Vortrag am Freitag trotzdem halten, das können Sie Ihren Lesern versichern.

Twain : Und wenn ich am Freitag tot bin, was dann ?

Livy : Wenn du am Freitag tot sein solltest, werde ich deinen Vortrag halten.

Reporter : Sehr originell. Woran arbeiten Sie zur Zeit, wenn ich fragen darf.

Twain (hustet) : An meiner Erkältung.

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Livy : Mister Twain arbeitet an einem Reisebuch, in dem natürlich auch ein Kapitel über Indien enthalten sein wird.

Reporter : Wir sind schon jetzt darauf gespannt. Was werden Sie in Indien besichtigen ?

Twain : Vor allem die Orte, an denen Witwen verbrannt werden.

Livy ( ungerührt ) : Nach Bombay werden wir in Allahabad, Agra, Delhi, Benares, Darjeeling und Kalkutta Station machen. Von dort aus wird unsere Reise uns dann zu den Mauritiusinseln und nach Südafrika führen.

Reporter : Sehr interessant. Was hilft Ihnen an meisten beim Schreiben ?

Twain : Zigarren. Ein Streichholz flammt auf, Twain hustet wieder.

Livy: Ich glaube, wir müssen jetzt Schluß machen.

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Reporter : Noch eine letzte Frage. Welcher Autor hat Ihrer Meinung nach am besten über Indien geschrieben ?

Twain : Kipling. Er ist der Beste, keine Frage. Ich hoffe, ich werde ihm hier in Indien begegnen. Guten Tag.

23 Februar 1896, Ein Hotelzimmer in Delhi am Abend. Clara ( vorlesend ): „Das Schauspiel, das ein indischer Bahnhof bei der Abfahrt eines Zuges bietet, ist unübertrefflich. Man hat den Eindruck, daß die ganze Welt verreist- das heißt, die eine Hälfte fährt ab und die andere kommt gerade an. Ein bestürzendes Tohuwabohu von Ballen, Bündeln und Menschenmassen, die wie die Wogen eines aufgewühlten Meeres bald hierhin, bald dorthin fluten. Inmitten die Ströme hocken Menschen wie auf kleinen Inseln auf der Erdejunge Frauen mit Babys, Greise mit Knaben, Großmütter mit ihren Enkeln und sie alle warten geduldig. Worauf ? Auf einen Zug, der heute oder morgen abfahren soll, man kann es nicht genau sagen. Die Zeit wird von oben bestimmt und es gibt kein Mittel, sie zu beschleunigen. Dank unserer indischen Diener fanden wir das für uns reservierte Abteil schon nach wenigen Stunden. Nachdem Reisesäcke, Bettzeug, Proviant und Wasser verstaut waren, machten wir es uns bequem und genossen die Reise nach Bombay, die irgendwann am anderen Morgen tatsächlich begann. Unterwegs sahen wir immer wieder Elefanten, Affen und sogar Tiger – ein höchst unangenehmer Anblick. Solche Geschöpfe gehören in den Zoo. In der Wildnis wirken sie unnatürlich und fehl am Platze.“

Livy: Wo hast du denn die Tiger gesehen, Sam ? Twain : 36

Am Morgen kurz vor Bombay, als ihr noch geschlafen habt.

Clara : Schade, daß du uns nicht geweckt hast.

Twain : Ich wollte euch nicht beunruhigen.

Livy : Wie aufmerksam von dir.

Twain : Der Zug hätte entgleisen können und wenn wir dann durch den Dschungel marschiert wären, hättet ihr euch vielleicht geängstigt. Lies bitte weiter, Clara.

Clara : „In den Dörfern Indiens gibt es drei Autoritäten, die von allen Bewohnern bezahlt werden: den Astrologen, den Tigerbesprecher und den Hagelbeschwörer. Der Astrologe entscheidet, wann die Dörfler ihre Felder bestellen, ihre Frauen heiraten oder ihren Nachbarn betrügen dürfen, ohne daß die Götter beleidigt werden. Der Tigerbesprecher hält die Tiger fern und streicht dafür sein Geld ein, bis die Götter sich eines Tages einen Spaß machen und er gefressen wird. Der Hagelbeschwörer wendet den Hagel ab oder erklärt, warum er eine Strafe der Götter ist. Dafür kassiert er in jedem Fall die gleiche Summe. Wer in Indien seinen Lebensunterhalt nicht verdienen kann, ist ein Idiot.“

Livy : Oder ein ehrlicher Mensch. 37

Twain : Das läuft auf dasselbe hinaus. Sieh mich an- ich habe als ehrlicher Mensch fünfundzwanzig Bücher geschrieben und mein Geld in einen Verlag gesteckt, der die Menschen zum Guten und zum Schönen führen sollte - und was hat es genützt ? Auf meine alten Tage schleppe ich mich durch Tropen und Dschungel, um Schulden abzubezahlen, an denen ich nicht Schuld bin. Ich hätte Hagelbeschwörer werden sollen.

Livy : Nein, Sam. Wir lieben dich für das, was du bist. Auch wenn du manchmal unerhört taktlose Sachen schreibst. Aber das liegt daran, daß du ein Tramp aus Hannibal, Missouri bist und für seine Herkunft kann niemand. Nicht einmal ein Hagelbeschwörer.

Twain : Ihr habt mir also verziehen ?

Clara : Schon längst, Papa.

Livy: Hier ist übrigens ein Telegramm von Mister Rogers. Es ist heute nachmittag angekommengerade, als du mit deinem Vortrag fertig warst.

Twain : Her damit ! Papier raschelt, einen Augenblick Stille. Hast du das gelesen ?

Livy : 38

Ja.

Twain : Und ihr sitzt da, als wäre nichts passiert ?

Livy ( ironisch ) : Ich wollte dich nicht beunruhigen. Twain : Beunruhigen ? Meine Schulden sind abbezahlt ! Wir sind schuldenfrei, Clara ! Alles, was ich ab heute verdiene, gehört wieder uns !

Clara : Wir wußten, daß du es schaffen wirst, Papa.

Twain : Aber darauf einen Scotch, meine Damen !

Gläserklirren. 24 August 1896. Ein Garten nördlich von London Twain ( Tagebuch schreibend ) : Unsere Reise um die Welt endete in Southampton, an derselben Pier, von der wir vor dreizehn Monaten aufgebrochen waren. Die Umrundung des gesamten Erdballs schien mir eine schöne und große Leistung zu sein und ich war stolz darauf – für einen Augenblick. Dann kam vom Observatorium in Greenwich eine Nachricht, die mit meinem Stolz kurzen Prozeß machte. In den Weiten des Weltraums war ein Lichtkörper aufgeflammt, der in einem Tempo reiste, mit dem er die gesamte von mir bewältigte Strecke in anderthalb Minuten zurücklegen konnte. Der

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menschliche Stolz ist nichts wert. Es lauert immer etwas im Hinterhalt, das ihm den Wind aus den Segeln nimmt. Immer.

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