kultur und gesellschaft - Deutschlandfunk Kultur

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1 KULTUR UND GESELLSCHAFT Reihe : Literatur Titel der Sendung : „Breit auf dem Rad“ Halluzinogene Substanzen in der Literatur Autor : Gerd Brend...

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KULTUR UND GESELLSCHAFT Reihe

: Literatur

Titel der Sendung

: „Breit auf dem Rad“ Halluzinogene Substanzen in der Literatur

Autor

: Gerd Brendel

Redakteurin

: Dorothea Westphal

Sendetermin

: 16.04.2013

Besetzung

: Erzählerin (Kommentar); Sprecherin (nicht eigens besetzen); Sprecher 1 (Zitate); Sprecher 2 (Zitate)

Regie

: Stefanie Lazai

Produktion

: O-Töne und Musik

Urheberrechtlicher Hinweis: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Jede Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in den §§ 45 bis 63 Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig © Deutschlandradio

Deutschlandradio Kultur Funkhaus Berlin Hans-Rosenthal-Platz 10825 Berlin Telefon (030) 8503-

Gerd Brendel

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Deutschlandradio Literatur 16.4. 2013 Breit auf dem Rad Halluzinogene Substanzen in der Literatur Anmoderation: Vor 70 Jahren, am 19. April, erlebte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann den ersten LSD-Rausch der Weltgeschichte. Er fuhr gerade mit dem Rad vom Labor nach Hause als die von ihm entdeckte Droge zu wirken begann. Aber halluzinogene Substanzen gab es auch vor ihm. Das beweist die Drogen-inspirierte Literatur des 19. Jahrhunderts. Nach Hofmann entdeckten die Beatniks und die Hippies den bewußtseins verändernden Stoff. Und heute? Rauscherfahrungen finden sich in zeitgenössischer Literatur genauso wie in Songtexten, Filmen und Essays: Zwischen Höllentrip und unendlichem Glücksgefühl haben viele Seiten Weltliteratur Platz. Eine mehr oder weniger nüchterne Blütenlese von Gerd Brendel, aber vorab eine Warnung: Erzählerin Sprecherin Sprecher 1 (Zitate und eine kurze Ansage) Sprecher 2 (Zitate und eine kurze Ansagen)

Take 1: (Anti-LSD-Film) Musik Sprecher 1: Die folgende Sendung ist für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren nicht geeignet. Erzählerin: Erleuchtet schreiben. Halluzinogene Substanzen in der Literatur Vorab eine Warnung an Teenager in den USA der 60er Jahre… Take 2: (Anti-LSD Film) I dropped Acid at a friend’s place Sprecherin : Von dem Acid, also dem LSD, hab ich erst gar nichts gespürt. Erzählerin: …und an Jungen in Norddeutschland um 1860: Take 3 (Musik) Drehleier Sprecher 2: („Krischan“)

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De Vader sagt: »Ick mot nu gahn! Krischan! lat de Piepen stahn!« Kum awer geiht he ut de Doer, Krigt Krischan all de Piepen her. Min Krischan steckt ok gar nich fuul De Smoekepiepen in dat Muul.

Take Atmo He smoekt! – Wat, Deuker, is denn dat?! Mi dücht, dar achter rögt sick wat.

Take 4: (Anti-LSD Film) Sprecherin: Aber als ich dann am Imbissstand dieses Hot Dog essen wollte schrie mich das Würstchen an, und es hatte ein Gesicht. Take 5: Musik (Drehleier) Sprecher 2: („Krischan“) Un – puff! – kummt no’n Keerel an: Dat is de swarte Morian. Se danzet un springet un dreihet sick, Den Krischan werd so wunderlick. Take 6: (Anti-LSD-Film) Sprecherin: Irgendwann hab ich den Hot Dog hingeworfen und bin wie verrückt darauf rumgetrampelt. Sprecher 2: („Krischan“) Jüst tret de Moder in de Doer, De Krischan ligt ganz krumm un quer. Un Vader sitt dabi un lacht

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Un segt: »Dat heb ick lange dacht! Ja, ja, min Jung! So mot et gahn! Krischan, lat de Piepe stahn!!«

Take 7: O-Ton (Stephan Resch) Das war halt dieser starke Tobak, das war vermutlich Tabak mit Hanf versetzt, und dann ist es passiert.

Erzählerin: Als Wilhelm Buschs plattdeutsche Bildergeschichte um 1860 entstand, wurde Hanf als Nutzpflanze

an

vielen

Orten

Deutschlands

angebaut.

Für

den

deutsch-

neuseeländischen Literaturwissenschaftler Stephan Resch ist diese Geschichte eines der frühesten Drogenzeugnisse in der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts. Zwischen ihr und dem amerikanischen Aufklärungsfilm zu den Gefahren von LSD liegen 100 Jahre. 100 Jahre vergeblicher Warnungen und Verbote. Denn die Suche nach dem Rausch, vor dem Wilhelm Busch und die amerikanischen Pädagogen warnen, lässt auch so manchen Schriftsteller immer wieder zu starkem Tobak, Haschisch, Pilzen oder LSD greifen. Take 8: (Musik -Broadcast and the Focus Group) ) „Drug Party“ Take 9: O-Ton (Resch) Dieser Griff zur Droge war oder ist für viele Schriftsteller immer ne Hoffnung, unbekannte Bereiche der eigenen Kreativität zu entdecken. Take 10: O-Ton (Cailloux) Etwas zu nehmen, um mehr aus dem Leben rauszuholen, das ist, glaube ich, ne uralte Sache. Erzählerin: Bernd Cailloux, Berliner Schriftsteller, 2013. Sprecher 1: Alles was uns begeistert, trägt die Farbe der Nacht. Erzählerin: Novalis, 1800.

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Sprecher 1: Die Drogen sind Schlüssel. Sie werden freilich nicht mehr erschließen als unser Innerstes verbirgt, doch führen sie vielleicht in Tiefen, die sonst verriegelt sind. Erzählerin: Ernst Jünger, 1949 Take 11: O-Ton (Burroughs) I got millions and millions and millions of images in meeeeeee... Sprecher 2: Ich trage Millionen von Bildern in mir Erzählerin: William S. Burroughs, irgendwann später Sprecher 1: („Der Steppenwolf“) Es ist mir eine Freude, lieber Harry, Sie heut ein wenig bewirten zu dürfen, Sie sind oft ihres Lebens sehr überdrüssig gewesen, Sie strebten fort von hier, nicht wahr? Sie sehnen sich danach, diese Zeit, diese Welt, diese Wirklichkeit zu verlassen und in eine andre gemäßere Wirklichkeit einzugehen, in eine Welt ohne Zeit. Erzählerin: Herman Hesse 1927 in „Der Steppenwolf“. Musik hoch Sprecher 2: Im magischen Theater Erzählerin: Im Roman „Der Steppenwolf“ werden die Hauptfigur Harry Haller und seine androgyne Freundin Hermine nach einer rauschhaften Feiernacht von einem Pablo in dessen „magisches Theater“ eingeladen. Aber bevor sich der Vorhang hebt, reicht der Gastgeber „Erfrischungen“: Sprecher 1: („Der Steppenwolf“) Jeder von uns rauchte nun in seinem Sessel zurückgelehnt langsam seine Zigaretten, deren Rauch so dick wie Weihrauch war, und trank in kleinen langsamen Schlucken die herbsüße, wunderlich unbekannte und fremd schmeckende Flüssigkeit, die in der Tat unendlich belebend und beglückend wirkte.

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Erzählerin: Leider finden sich nirgends bei Hesse Hinweise, welche Art Tabak und herbsüße Flüssigkeit Steppenwolf Haller oder sein literarischer Schöpfer zu sich nehmen. Sprecher 2: Erreichte Hesse diesen visionären Zustand selbst? Durch Meditation? Spontan? Benutzte H. H., der Dichter selbst, den chemischen Pfad zur Erleuchtung? Erzählerin: fragte der LSD-Experte Timothy Leary 1963 in einem Aufsatz in der „Psychedelic Review“. Das, was Harry Haller erlebt, lässt allerdings kaum Zweifel zu: Sprecher 1: („Der Steppenwolf“) Wir erhoben uns, lächelnd ging Pablo

voran, zog einen Vorhang beiseite, und da

standen wir im runden, hufeisenförmigen Korridor eines Theaters, genau in der Mitte und nach beiden Seiten führte der gebogene Gang an sehr vielen, unglaublich vielen schmalen Logentüren vorüber. Take 12: O-Ton (Resch) Harry Haller lebt in dieser bürgerlichen Welt, die ihn einerseits abstößt und auch andererseits Halt gibt, und dieses magische Theater am Ende zeigt ihm diese verschiedenen Seiten seines Charakters wie so ein Vexierspiegel, in dem er sich selber sieht. Erzählerin: Pablo bietet Harry wie ein guter „Trip-Sitter“, der den Berauschten durch seine Visionen begleitet, einen Rahmen für dessen Erlebnisse: Das magische Theater ist der Ort, wo sich der Held selbst begegnet. Hinter jeder Logentür erwartet ihn ein rasend überdrehtes Kapitel seiner eigenen Geschichte. Alte Lieben tauchen auf. Er erlebt wilde Autorennen, eine Raubtierdressurnummer, Orgasmen, Mord und Totschlag, tränenseliges Glück. Sprecher 2: Vor deiner LSD-Sitzung solltest du ‹Siddhartha› und ‹Steppenwolf› lesen. Erzählerin : Empfahl Timothy Leary. Er war der Überzeugung, dass jeder mit Hilfe von Drogen sein eigenes magisches Theater entdecken würde. Treten wir also ein in das magische Theater von Drogen inspirierter Literatur. Take 13: Theaterklingeln

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Take 14: Musik (Debussy) Sprecher 1: („Der Steppenwolf“) Die Inschrift Sprecher 2: („Haschischesser“) Club der Haschischesser Sprecher 1: („Der Steppenwolf“) lockte mich an, ich öffnete die schmale Türe und trat ein

Sprecher 2: („Haschischesser“) „Da ist er! Da ist er!“ schrien mehrere Stimmen zur gleichen Zeit. „Man gebe ihm seinen Teil“ (Übersetzer: Christian Ruzicska) Erzählerin: So wird der Ich-Erzähler 1846 in Théophile Gautiers „Klub der Haschischesser“ begrüßt. Sprecher 2: („Haschischesser“) „Dies wird ihnen dereinst von Ihrem Anteil am Paradies abgezogen werden“, sagte der Doktor, als er mir die Dosis überreichte, die mir zustand. Erzählerin: Ein daumennagelgroßer Klumpen Teig, grün und klebrig. Hauptbestandteil: Haschisch, beste Importware aus den nordafrikanischen Kolonien

Take 15: O-Ton (Resch) England und Frankreich waren im 19. Jahrhundert die größten Kolonialmächte der Zeit, und man hat mit den Kolonien regen Handel getrieben, und mit diesem Warenaustausch ging ein großes Interesse an Exotischem einher: Kunst, Gebrauchsgegenstände und eben auch Drogen. Erzählerin: Die Geschichte der Drogenliteratur ist auch ein Stück Wirtschaftsgeschichte, sagt der Literaturwissenschaftler Stephan Resch, und sie ist ein Stück Sozialgeschichte. Den Club der Haschischesser gab es wirklich. Neben Théophile Gautier zählten Alexandre Dumas und Honoré de Balzac zu seinen Mitgliedern. Take 16: O-Ton (Resch) Darin kann man ganz schön sehen, wie die Droge und ihr soziales Umfeld als Möglichkeit zur sozialen Abgrenzung gesehen werden. Da trifft sich so ne Gruppe von Bohème Schriftstellern und Ärzten aus Paris, Sie gehen in eine Wohnung, die

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orientalisch hergerichtet ist. Sie kleiden sich in orientalische Gewänder, und dann zelebriert man so den Rausch zusammen. Sprecher 2: („Haschischesser“) Meine Nachbarn fingen an, mir sehr merkwürdig vorzukommen; sie rissen riesige Uhuaugen auf, ihre Nasen längten sich zu Elefantenrüsseln, ihr Mund zog sich endlos in die Breite. Die Färbung der Gesichter nahm unmenschliche Töne an. Sprecher 1: („Spleen“ ) Um die Last der Zeit nicht zu fühlen, die eure Schultern zerbricht und euch zu Boden drückt, müßt ihr euch ohne Unterlaß berauschen. Womit aber? Mit Wein, mit Poesie oder Tugend, nach eurem Belieben. Aber berauscht euch. Berauscht Euch! Erzählerin : Forderte ein anderes berühmtes Club-Mitglied, Charles Baudelaire, ein paar Jahre nach Gautiers Trip-Schilderung. Der Typ des weltverachtenden Drogen-Dandys war geboren. Eine Figur, die 100 Jahre später einen Seelenverwandten Baudelaires zu seinem Berufswunsch inspirierte: Sprecher 2: (Burroughs) Schon als Kind wollte er Schriftsteller werden, weil Schriftsteller reich und berühmt sind. Sie lungern in Singapur und Rangun herum und rauchen Opium in gelben RohseideAnzügen. Erzählerin: Der US-amerikanische Schriftsteller William S. Burroughs über eines seiner vielen literarischen Alter Egos. Aber dazu später… Take 17: Theaterklingeln Erzählerin: Denn von William S. Burroughs Junkie-Welt trennen uns noch ein paar Logentüren: Sprecher 1: („Der Steppenwolf“) Wieder befand ich mich im runden Korridor. Und überall, an allen unzähligen Türen lockten die Inschriften. Erzählerin:

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Klaus Mann: „Der fromme Tanz“ , Walter Benjamin: „Haschisch in Marseille“, Aldous Huxley : „Die Pforten der Wahrnehmung“ .Wir eilen weiter. Vor einer Logentür bleiben wir stehen: Sprecher 2: „Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt“ von Ernst Jünger. Atmo Tür Erzählerin: Ernst Jünger, Offizier, Gegner der Weimarer Republik, von manchen als intellektueller Wegbereiter der Nazis gesehen, später angewiderter Kritiker des NS-Staates, Vorläufer zeitgenössischer Medientheorie, Insekten- und Drogenforscher. Ein Leben lang hat Ernst Jünger mit allen möglichen Rauschmitteln experimentiert,

stets mit der Disziplin eines

ehemaligen Wehrmachtssoldaten. Take 18: O-Ton (Cailloux) Hat alles ausprobiert und hat das relativ schnell gemacht. Zum Beispiel Kokain. War dann aber nicht zwei Jahre kokainsüchtig, sondern hat das nur einmal gemacht. Die zweite Ladung hat er weggeworfen, was ich besonders unangenehm fand. Erzählerin: In Jüngers 1949 erschienenem fantastischen Roman „Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt“ spielen halluzinogene Substanzen eine Schlüsselrolle. Zwei Jahre zuvor hatte Jünger den LSD-Erfinder Albert Hofmann kennengelernt. Dem Schweizer Chemiker war 1943 die synthetische Herstellung eines Stoffs gelungen, der in der Natur im „Mutterkorn“, einem Getreideparasiten, vorkommt. Das war die Geburtsstunde von LysergSäureDiethylamid, abgekürzt LSD. Jüngers „Heliopolis“ ist ein Fantasy-Reich, in dem sich ein gerechter Prokonsul und ein finsterer Landvogt bekriegen. Der Romanheld Lucius gerät zwischen die Fronten, bis er im Kapitel „Lorbeernacht“ gemeinsam mit seiner Gefährtin Budur, die er vor den Schergen des Landvogts versteckt hält, von einem geheimnisvollen Elixier kostet. Take 18a : MUSIK „royal chant“

Sprecher 2: („Heliopolis“) Sie tranken und verspürten eine leichte Bitterkeit

Sprecher 1:

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Die Drogen sind Schlüssel – sie werden freilich nicht mehr erschließen als unser Inneres verbirgt, Erzählerin: sagt Budur, auch sie eine Art Trip-Sitterin. Sprecher 2: („Heliopolis“) Zugleich verengten sich die Wände und traten dicht hervor. Sie wurden alt und rissig. Gemäuer verdichteter und konsumierter Zeit. Erzählerin: Der Held wandert durch eine verwüstete Alptraum-Landschaft, Aasgeruch liegt über allem. Sklaven werden auf der Straße vorbei getrieben. Es herrscht Lynchjustiz. Sprecher 2: („Heliolopolis“) Lucius bewegte sich mit wachsendem Entsetzen an diesem Karneval. Der Zwang war pressend und schloss den Willen aus. Er fühlte nichts mehr, was ihn unterschied, auch keine Neugier mehr, Das Pendel schlug weiter, es hatte Stimme angenommen, und er hörte die fürchterlichen Worte: „Das bist Du!“ Erzählerin: Wie Hesses Harry Haller begegnet auch Jüngers Lucius im Rausch sich selbst. Take 19: Theaterklingel Erzählerin: Im magischen Theater wartet die nächste Loge auf uns Sprecher 1: („Der Steppenwolf“) Wieder befand ich mich im runden Korridor. Und überall, an allen unzähligen Türen lockten die Inschriften.

Atmo Tür Sprecher 2: “Naked lunch” von William S. Burroughs

Take 20: Musik (Internet) Psychodelic Jazz Sprecher 2: („Naked lunch“)

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Mit gellendem Pfeifen dröhnt ein Zug durch seinen Körper. Schiffssirenen, Nebelhörner, Feuerwerkskörper zerplatzen über öligen Lagunen.

Spielhallen öffnen sich in ein

Labyrinth von Pornobildchen. Erzählerin: Der Orgasmus, den Johnny , eine der Figuren aus Willam S. Burroughs‘ Roman „Naked Lunch“ mit seinem Freund Mark erlebt, erinnert sehr an einen LSD-Rausch Take 21: O-Ton (Burroughs) I got millions, millions of images in me. Erzählerin: Ein paar seiner Millionen von inneren Bildern verwendet Burroughs in „Naked lunch“ kein Roman mit durchgehender Handlung, sondern zusammenhanglos aneinander gereihte Texte – „Cut – up“ nannte Burroughs seine Methode.

Take 22: O-Ton (Burroughs) “I write in… readers as well” Sprecher 2: Ich schreibe, weil ich den Zustand meines Bewußtseins und das Bewußtsein meiner Leser verändern will.

Erzählerin: Burroughs Cut-Up-Texte waren so wirr wie eine Menge Drogentrips: Heroin, Marihuana, Kokain, Amphetamine oder alles zusammen. Take 23: (Cailloux) Burroughs hat da richtige Rezepte in dem Buch. Da gab‘s eben den sogenannten Speedball, womit man in der Burroughs-Clique experimentierte Erzählerin …zu der Jack Kerouac und Allen Ginsberg gehörten. Take 24: O-Ton (Cailloux) Wo man eben Amphetamine und Opiate zusammen mischte. Man denkt, das hebt sich auf: der aktionistische Treibstoff und das völlig kontemplative beruhigende Opiat. Das ist aber nicht so, das ist ne gute Mischung. Take 25: (Musik ) „I am a dope fiend“ Sprecher 2: (Ginsberg) Mein Gott, was bin ich für ein Drogenteufel!

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Ich hab LSD geschmissen und hab gesehen wie die Hochhaustürme von Manhattan in die Ewigkeit hochwachsen. Erzählerin : sang Allen Ginsberg später Take 26: O-Ton (Cailloux) Auf einem LSD, ACID-Trip hat er die Telefonvermittlung angerufen und hat behauptet, er sei Gott, und dann sagten die, wer sind Sie? Und da hat er es buchstabiert: G o t t. Ja, gut, was wollen Sie ? Und er hat gesagt, er will Chruschtschow sprechen, um als Gott den Weltfrieden zu sichern, ist natürlich ne verrückte Anekdote, war sicherlich ein positiver Trip. Erzählerin: Als Ginsbergs älterer Freund Burroughs auf die Idee kam, seiner Frau wie Wilhelm Tell einen Apfel vom Kopf zu schießen und sie dabei umbrachte, war er allerdings nicht auf ACID, sondern betrunken. Mit LSD wäre Burroughs vermutlich nicht auf diese Idee gekommen. Take 27: O-Ton (Cailloux) Die Grenzen zwischen Du und Ich sind aufgehoben. Erzählerin: weiß der Schriftsteller Bernd Cailloux. Take 28: O-Ton (Cailloux) Das ist eigentlich so die Grundsache Verschmelzungsmomente erlebt.

beim

LSD,

dass

man

tatsächlich

Erzählerin: Die finden sich auch bei Burroughs und seinen Beatnik-Kollegen, genauso wie die Drogenabstürze. Take 29: Theaterklingel Sprecher 1: („Der Steppenwolf) Wieder befand ich mich im runden Korridor. Und überall, an allen unzähligen Türen lockten die Inschriften. Erzählerin: “Das Geschäftsjahr 1968/69” von Bernd Cailloux.

Take 30: (Musik) “I wants to be a hippie”

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Erzählerin: Internationale Songtage, Essen 1968 Take 31 (Musik) ZAPPA „Dirty Love“ Take 32: O-Ton (Cailloux) Das ist 1968 im Herbst gewesen, und ich nenne das ja das deutsche Woodstock, das war sogar ein Jahr früher, und das hat auch so ausgesehen, optisch. Take 33: O-Ton (Fernseh-Bericht BR) „Den Essenern war dabei nicht ganz wohl. Sie befürchteten ein Heer von Gammlern.“ Erzählerin: So ein Fernsehbericht des Bayerischen Rundfunks. Weiter Take 33 „Ein Hauch von Umsturz lag in der Luft Aber nicht nur die Essener staunten. Fast bestaunten die Akteure selbst sich gegenseitig. Der Jugend bewusste Wandervogel den Agit-Prop-Sänger Marxscher Prägung, der Drogen schluckende Psychedeliker den theoretisierenden Akademiker.“ Erzählerin: Und mitten unter ihnen Bernd Cailloux, Mitglied eines Firmenkollektivs namens „Die Muße-Gesellschaft“. Take 34: O-Ton (Cailloux) Das war natürlich ein Glücksmoment. Wir waren ja zwei Journalisten, die unzufrieden waren mit ihrem Beruf und den weggeworfen haben wie nichts, und der Dritte war ein elektronisches Genie, so ein Daniel Düsentrieb, der ständig gebastelt hat und der die Dinge erfunden hat, und wir haben zu dritt in dieser Gartenlaube gehockt und Tag und Nacht gebastelt bis irgendwann dieses erste Gerät fertig war. Sprecher 2: („Das Geschäftsjahr 1968/69“) Er blickte prüfend in die Runde, knipste das Neonlicht aus, bevor er wie ein den großen Knall herbeisehnender, scheinheiliger Sprengmeister seinen obligaten Warnruf losließ Achtung Zündung! Danach explodierte die Luft. Musik (Zappa) hoch Sprecher 2: („Das Geschäftsjahr“) Mein lieber Mann, sagte Sweti, das ist aber ne ganze Menge Licht. Hundert Impulse in der Minute, sagte Bekurz. Erzählerin: In seinem halb-dokumentarischen/autobiographischen

Roman „Das Geschäftsjahr

1968/69“ erzählt Bernd Cailloux 30 Jahre später die Geschichte dieser bahnbrechenden

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Erfindung: Ein Stroboskop-Licht, dass im Takt zur Musik seine Lichtblitze schleudert und seit damals in keiner Disco fehlt. Take 35: O-Ton (Cailloux) Na ja, wir haben den Rausch halt hergestellt für andere. Erzählerin: Zum Abschlusskonzert der Essener Songtage in der Gruga-Halle kommt der Apparat der drei zum Einsatz. Die Lichtblitze der „Muße-Gesellschaft“ zucken über den Köpfen von Frank Zappa und seinen „Mothers of invention“. und in der Halle erlebt Bernd Caillouxs Ich-Erzähler ein berauschendes Wir-Erlebnis: Sprecher 2: („Das Geschäftsjahr“) Gemeinsam mit Bekurz hatte ich das Ding noch auf den obersten Rängen in Gang gesetzt und war dann im Rausch des Geschehens – allein die Entzückungsschreie Tausender – in die Halle abgedriftet, hingerissen vom unverhofften Gemeinschaftsgefühl, einem phantastischen Schwebezustand, wortlos, zeitlos... Take : 35 a : MUSIK „Floating“ Yabe

Take 36: O-Ton (Cailloux) LSD zum Beispiel.. sagt ja auch Hofmann-- Liebe sucht Dich, hat er die Abkürzung gedeutet. Sprecher 2: („Das Geschäftsjahr“) Im Taupunkt der Nacht hatte ich mich für einen kurzen, zu kurzen Moment frei gefühlt; frei – dafür gab´s kein besseres Wort - , frei von jeder Absicht, von jeglichem Zwang. Nichts zu wollen, absolut nichts, keinen Kontakt, auch keine Gespräche, selbst das Lächeln eines Mädchens nicht – das haute mich fast um. Take 37: O-Ton (Cailloux) Love and peace - das war einen Moment lang greifbar, das war eine Weltsekunde. Und es war eine Stimmung, wie ich sie weder vorher noch nachher wieder gefunden habe. Wir haben wahrscheinlich gedacht, halb bewußt ,dass wir den Schleier von der Wirklichkeit runter reißen können und dass wirklich ein ganz anderes Leben deutlich wird oder möglich wird dadurch. Erzählerin: Das ganz andere Leben gelingt den drei Hippie-Unternehmern am Ende nicht. Caillouxs Roman schildert den Aufstieg des Hippie-Kollektivs zur Firma mit Millionenumsatz. Aber am Ende muss der Ich-Erzähler erkennen:

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Take 38: O-Ton (Cailloux) dass Macht und Geld die Ordnungsfaktoren der Gesellschaft und unser aller Leben sind. Das ist die unangenehme Erkenntnis am Ende des „Geschäftsjahres 1968/69“. Erzählerin: Der Traum, mittels Drogen die Spielregeln von Geld und Profit außer Kraft zu setzen, hat sich überlebt.

Take 40: Theaterklingel Sprecher 1: („Der Steppenwolf“) Wieder befand ich mich im runden Korridor. Und überall, an allen unzähligen Türen lockten die Inschriften. Erzählerin: “Rave” von Rainald Goetz Take 41 Musik : (Norman Craig „Hypnotika “) Sprecher 2: („Rave“) „Pills, pills, pills -Girls, girls girls” Wie ging die noch mal diese Nummer? Take 42: O-Ton (Resch) Die Erzählung „Rave“ von Rainald Goetz, da kann man so ne Evolution in der Literatur über Drogen sehen. Erzählerin : „Rave“ entstand in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Techno statt Rock, Koks statt LSD. In den Clubs wird schneller, härter gefeiert. Take 43: O-Ton (Resch) Da ist das Alter Ego des Autors Rainald, und diese Figur erzählt über das Nachtleben in den Techno-Clubs; es gibt nur noch so Momentaufnahmen. Sprecher 2: („Rave“) Am Klo, im Club - Sie nehmen Kokain. Sie gehen raus an die Bar, bestellen Bier. Sie trinken und rauchen. Sie stehen einfach da, ohne groß zu schauen. Es zuckt und donnert. Licht und Nebel. Eis. Sonst ist nichts. Take 44: O-Ton (Resch)

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Und deswegen ist auch der Drogenkonsum kein großes Ritual mehr, das extra zelebriert wird, sondern die Droge ist hier zum beliebigen Konsumgut geworden, von dem man sich ne gekaufte Leistung verspricht. Sprecher 2: („Rave“) Mädchen kennenlernen. Drogen nehmen. Musik hören. Take 45: O-Ton (Resch) Die Figuren bei Goetz, die arbeiten ganz normal von Montag bis Freitag und treffen sich dann am Wochenende, um mit der Mischung aus Musik und Drogen, dieser Dynamik in den Clubs, den Zwang zum Denken und Analysieren mal von sich zu werfen. Erzählerin: Suche nach verborgenen Wahrheiten, nach Selbsterkenntnis? Fehlanzeige. Und für die Veteranen der Hippie-Droge ACID, also LSD, hat Goetz nur Spott übrig: Sprecher 2: („Rave“) Die Acid-Freaks hatten knallbunte Leggins über ihre stakelig verdörrten Beinchen gezogen. Auf der Bühne turnten die Narren und Akrobaten in prächtigen Gewändern an Seilen und Stangen herum, und die Acid-Freaks schauten einen wie fürchterlich getriebene Frohsinnsfurien an, mit hektisch bröckelnden, ratlosen Blicken aus flatternden Augen. Bizarre Szenerie. Take 46: Theaterklingeln Sprecher 1: („Der Steppenwolf“) Wieder befand ich mich im runden Korridor. Und überall, an allen unzähligen Türen lockten die Inschriften. Take 47: Musik (“Drug party”) Sprecher 2: Kater, Turkey, Nüchternes Finale. Erzählerin: steht auf der letzten Logentür am Ende des Ganges. Musik hoch Erzählerin: Von der leeren Bühne zwinkert uns Wilhelm Busch aus rot unterlaufenen Augen mit seiner Pfeife zu: Sprecher 1: („Krischan“)

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Krischan, lat de Piepe stahn!! Erzählerin: Hinter ihm schlägt Charles Baudelaire den schweren Samtvorhang des Haschisch-Clubs zur Seite. Er sieht blass aus: Sprecher 1: (Baudelaire) Geben wir für einen Augenblick zu, dass der Haschisch Genialität verleiht oder wenigstens solche steigert, so vergessen jene, dass es in der Natur des Haschisch liegt, den Willen zu schwächen und dass er also nur auf der einen Seite gewährt, was er auf der anderen fortnimmt. Erzählerin: Willim S. Burroughs nickt und entblößt seine von Einstichen übersäten Oberarme: Sprecher 2: („Naked Lunch“, übers. v. Michael Kellner) Er drückt das Heroin hinein, und durch das geschundene Fleisch scheint makellos der Junge auf, der vor fünfzig Jahren sich einen runterholte und das Plumpsklo mit dem süßlich würzigen Geruch jugendlicher Geilheit füllte. Erzählerin : Als „Naked Lunch“ erscheint, hat der Schriftsteller bereits mehrere Entziehungsversuche hinter sich. Sprecher 2: (Naked Lunch“) Wie viele Jahre waren da auf die blutige Nadel gefädelt? Die Hände schlaff im Schoß sitzt er da und starrt mit den erloschenen Augen des Junkies in die winterliche Morgendämmerung. Take 48: O-Ton (Cailloux) Bei Heroin hörte der Spaß für mich vollkommen auf. Das ist die brutalste Keule, die man sich geben kann, und ich hab das überhaupt nur ein einziges Mal probiert, und das war auch das letzte Mal, dass ich zu härteten Drogen gegriffen habe. Erzählerin: Bernd Cailloux Take 49: O-Ton (Cailloux) Ich würde sagen, jedes einzelne Drogenerlebnis war schön, diese Sache selber ist aber eher schädlich. Sprecher 2: („Gutgeschriebene Verluste“)

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Mit dieser Optik, in der etwas schlichten, fast kindlichen Trennung des Weltpersonals in Gut und Böse, konnte „Acid“ für den Moment für eine Art Wahrheitsserum durchgehen. Die Säure entzog dem Hirn viel Zucker, das schwächte ein unterernährtes Ich so, dass es das Interesse an räumlich-zeitlichen Bezügen und den dazu passenden alltäglichen Denkmustern verlor. Erzählerin: Schreibt Bernd Cailloux in seinem

Roman „Gutgeschriebene Verluste“, quasi die

desillusionierte Fortsetzung der Hippie-Firmengeschichte. Sprecher 2: („ Gutgeschriebene Verluste“) Auf Trip gehen hieß ja im Allgemeinen, ja was bloß, Kaleidoskopbilder gucken, nutzlose Ornamente, delierende Momente sehen – also bestenfalls einen Netzhautorgasmus erleben. Erzählerin : Aber eben nicht nur Take 50: O-Ton (Cailloux) In den Drogenräuschen entsteht ein Gefühl von einer unglaublichen Intensität, die sozusagen nicht zu halten ist. Wenn man mit einer großen Liebe, 20 wunderbare LSDErlebnisse gemeinsam hatte: Das schraubt den Anspruch an Intensität und Nähe so unglaublich hoch. Das ist ein Idealzustand, eine Illusion, die dann im späteren Leben nicht unbedingt wieder herstellbar ist aber sich trotzdem in der Seele abgelagert hat. Take: MUSIK „You need the drug“ Erzählerin: 30 Jahre hat Bernd Cailloux gebraucht, um seine Erlebnisse zu Papier zu bringen. Andere wie Burroughs, Jünger oder Goetz waren schneller. Aber damit ihre Leser ihre Drogenvisionen nacherleben können, mussten sie nüchtern werden. Und manchmal kann das Erzählen zur lebenslangen Therapie werden, um den nicht enden wollenden Kater zu ertragen. Die einen nehmen Aspirin, andere schreiben, und ein paar lesen. Take 52: O-Ton (Resch) Ob Lesen über Drogen das Drogennehmen ersetzen kann? Schwer zu sagen. Man kann natürlich einen Eindruck bekommen. Ich denke, es kommt auf die Qualität des Autors an, das so realistisch und plastisch rüber zu bringen, dass man auch als Leser da gewesen ist. Erzählerin:

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Und das ganz ohne Nachwirkungen, außer vielleicht einer: Sprecher 1: („Steppenwolf“) Angenehm duftete der süße schwere Rauch Erzählerin: heißt es am Ende von Hermann Hesses „Der Steppenwolf“ Sprecher 1: („Der Steppenwolf“) Ich fühlte mich ausgehöhlt und bereit, ein Jahr zu schlafen. Musik hoch