Leben wie vor 5000 Jahren - Pfahlbauten Unteruhldingen

Leben wie vor 5000 Jahren - Pfahlbauten Unteruhldingen

Plattform · 15/16 · 2006/07 Das SWR-Projekt: Leben wie vor 5000 Jahren Kelten am südlichen Bodensee Eine 3000 Jahre alte Flöte vom Bodensee Editor...

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Plattform · 15/16 · 2006/07

Das SWR-Projekt:

Leben wie vor 5000 Jahren Kelten am südlichen Bodensee Eine 3000 Jahre alte Flöte vom Bodensee

Editorial

Liebe Leser, am 31.07.2008 konnte fast auf den Tag genau nach 87 Jahren mit Frau Ursula Kiss (67), aus Ihringen am Kaiserstuhl die zwölfmillionste Besucherin im Pfahlbaumuseum empfangen werden. Dies ist ohne Frage für ein nichtstaatliches Museum eine große Leistung, zeigt es doch ein ungebrochenes Interesse am Thema Pfahlbauten auf, von dem nicht nur Unteruhldingen als Ort, sondern auch die Bodenseeregion und nicht zuletzt die mit ihr befasste archäologische Wissenschaft profitiert. Der Dank für diese außerordentliche Leistung gebührt den Gründern der Anlage für ihre schon damals bewiesene Weitsicht, aber auch all denen, die in neun Jahrzehnten im Verein für Pfahl- und Heimatkunde e.V. über mehrere Generationen hinweg im ältesten archäologischen Freilichtmuseums Deutschlands für diesen Vermittlungsinhalt gearbeitet haben. Das faszinierende Thema der Steinzeit war im Berichtszeitraum Ausgangspunkt einer Kooperation mit dem SWR/ARD-Fernsehen, das 2004 auf uns zukam, um mit unserer Unterstützung die Dokumentation „Steinzeit – Das Experiment. Leben wie vor 5000 Jahren“ zu drehen. Sie lesen einen Hintergrundbericht im Heft, der die Entwicklung der Produktion von den ersten Besprechungen bis zur Evaluation der Ergebnisse nach der Ausstrahlung zeigt. Außer der Tatsache, dass über 30 Millionen Menschen die verschiedenen Bestandteile des Filmpaketes gesehen haben ist es erwähnenswert, dass damit erstmals für die Archäologie über mehrere Jahre hinweg ein gemeinsames Projekt entwickelt wurde, das mit einer Sonderausstellung und dem Originalfilmdorf im Museum seine erläuternde Fortsetzung fand. Wie funktioniert das Entspelzen richtig? – In der filmischen Nachbereitung im Museum kann gezeigt werden, wie leicht steinzeitliche Problemstellungen für den Menschen von heute zu lösen sind, wenn entsprechend vorgegangen wird. Auch ist der Rückblick auf das filmische Produkt im Rahmen der Ausstellung vor Ort im Museum in der Lage, eine Annäherung für den Besucher nicht nur zu illustrieren, sondern auch über die Erfahrungen der Probanden nacherleben

zu lassen. Dies öffnet dem Besucher, dem lernenden Menschen im Museum auf gewohnten und neuen Wegen wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Steinzeit. Neue Ergebnisse zur Taucharchäologie und zu Eisenzeitlichen Umweltnutzungen und Siedlungsanlagen zeigt ein Beitrag aus Schottland auf. Das Crannog-Center am Loch Tay, aus dem die beiden Autoren stammen, ist zugleich auch Teilnehmer eines neuen europäischen Projektes mit Namen liveARCH, ausgeführt von 8 europäischen Museen, an dem auch das Pfahlbaumuseum Unteruhldingen seit 2 Jahren beteiligt ist. Einem ersten Überblick hierzu im Heft schließen sich kritische, aber auch zum Nacherleben aufmunternde Betrachtungen zu heutigen Geschichtsdarstellern in der Form von Reenactment-Gruppen, aber auch eine Diskussion zur Archäologie als populäre Warenmarke in der Erlebnisgesellschaft der heutigen Tage an. Ein Schwerpunkt, der uns aufgrund seiner Aktualität und Tragweite für die Verwendung von archäologischer Erkenntnis in der Öffentlichkeit innerhalb einer am Event orientierten Gesellschaft vor allem im kommenden Heft 2009 noch weiter beschäftigen wird. Am Beispiel einer 3000 Jahre alten Flöte von Hagnau am Bodensee entwickelt sich ein Artikel der Musikarchäologie, der den Bereich der oft verschlossenen geistigen Kultur früher Jahrtausende beleuchtet. Es schließt sich eine Betrachtung der Kelten am Bodensee an, die entgegen älterer Lehrmeinungen durchaus Spuren in Form von Funden und Siedlungen bei uns hinterlassen haben. Die Helvetier Einöde, war demnach gar nicht so einsam, wie sie manchmal von den römischen Schriftstellern beschrieben wurde. Sie ist wohl eher eine Forschungslücke, in der es sich noch zu arbeiten lohnt. Gleiches gilt für die römische Periode am Nordufer des Bodensees. Mit einem römischen Gutshof bei Überlingen Bambergen konnte ein altbekannter, bereits im 19.Jahrhundert entdeckter Platz mit modernsten Prospektionsmethoden dokumentiert werden.

Für einen weißen Fleck auf der Forschungskarte konnten mit Beiträgen zum Mesolithikum des Allgäus weitere Grundlagen geschaffen werden. Mit einer Arbeit zu den Untersuchungen des Berliner Institutes für Vor- und Frühgeschichte am Dümmer See in Niedersachsen unter Hans Reinerth, 1938 – 1941, ist im Rahmen einer aktuellen Dissertation ein weiterer seither unveröffentlichter Teil der Bestände unseres Forschungsinstitutes bekannt gegeben. Damit wird deutlich, welche Schätze noch in den Sammlungen des Pfahlbaumuseums archäologisch betrachtet lagern. Ein Überblick zum aktuellen Stand der Auswertungen der Sammlungen gibt die Internetseite des Museums unter www.pfahlbauten.de Mit der Berichterstattung aus dem Museum und dem Verein schließt der vorliegende Doppelband und zeigt auf, was sich außer der Vogelgrippe am Bodensee 2006, den Niederwasserständen der letzten Winter oder den ständigen notwendigen Renovierungsarbeiten in unserem lebendigen Museum noch so alles getan hat. Ich wünsche Ihnen im Namen der gesamten Museumsmannschaft, dem Redaktionsteam der Plattform und auch im Namen der Vorstandschaft des Pfahlbauvereins viel Freude beim Lesen. Im September 2008 Ihr Dr. Gunter Schöbel Museumsdirektor

Plattform 1

Inhalt

Steinzeit – das Experiment: Eine Kooperation mit dem SWR/ARD-Fernsehen im Rückblick. Wie war es wirklich in der „Steinzeit“?

Seite 4

Entspelzen: Getreideverarbeitung ist kinderleicht, wenn die Verfahrensschritte richtig eingehalten werden. Ein Bericht aus der Experimentellen Archäologie zum Steinzeitfilm.

Seite 51 Kelten am südlichen Bodensee: Gab es die Helvetiereinöde wirklich? Bericht aus einer Forschungslücke.

Seite 84

Neues zur Musikarchäologie vergangener Kulturen.

Seite 70

liveARCH Experimentelle Archäologie und „living history“ in den archäologischen Freilichtmuseen Europas – Das neue Projekt des Pfahlbaumuseums.

Seite 135

2 Plattform

Eine 3000 Jahre alte Flöte vom Bodensee:

Editorial ................................................1 Steinzeit – das Experiment (G. Schöbel)..........................................4 Steinzeit – von Innen (M. Burberg) .......................................45 Entspelzen Ein Experiment zur Aufbereitung von Getreide im Neolithikum (C. Lässig) .......................................... 51 Der römische Gutshof „Heusteig“ (R. Langer) .........................................58 Eine 3000 Jahre alte Flöte vom Bodensee (P. Walter, O. Schimmer) .....................70 Kelten am südlichen Bodensee (T. Stehrenberger) ............................84 Carnyx & Co. (A. Willmy)........................................104 Christof Graf Vojkffy Jäger und Sammler im Allgäu (B. Gehlen, W. Schön)........................112 Späte Altsteinzeit im Ostallgäu (J. Schröppel) ....................................118 Frühe Feuchtbodenarchäologie in Niedersachsen (R. Kossian) ......................................120 Der versunkene Wald von Loch Tay, Perthshire, Schottland (N. Dixon, B. Andrian) .......................130 liveARCH (G. Schoebel) ....................................135 Archäologie als populäre Warenmarke in der Erlebnisgesellschaft (C. Holtorf )........................................138 Aktuelles aus der Archäologie Ein Mühlenstandort bei der Oberuhldinger Aachbrücke (G. Schoebel)................................146 Neues aus dem Forschungsinstitut für Früh- und Vorgeschichte Unteruhldingen (G. Schoebel, P. Walter) ................150 Vereinsnachrichten ..........................154 Plattform 3

Abb. 1: Bei den Dreharbeiten zum Film „Steinzeit – Das Experiment. Leben wie vor 5000 Jahren.“

Das hat noch gefehlt Steinzeit als Doku-Soap?

4 Plattform

Entstehung und Hintergründe 30. Juli 2006: 13 Menschen des 21. Jahrhunderts, sechs Kinder und sieben Erwachsene, gehen mit Hilfe des Fernsehens, begleitender Experten und des Pfahlbaumuseums zurück in die Steinzeit (Abb. 1). Ein Experiment, Ergebnisse der archäologischen Wissenschaft in einer nachgebildeten Lebenswelt mit dem Medium Film zu verbinden, begann. Es war ein von der Abteilung Wissenschaft und Bildung beim SWR Fernsehen in Baden-Baden initiierter Versuch, ein nicht einfaches Thema, nämlich das der Jungsteinzeit am Bodensee mit wissenschaftlicher Hilfe möglichst umfassend für ein Millionenpublikum an den Bildschirmen darzustellen. Der Umgang der Partner untereinander war anfangs von vorsichtiger Zurückhaltung geprägt. Für die Archäologen war klar, keine „Doku-Soap“ unterstützen zu wollen, für die Filmschaffenden hatte Priorität, eine allzu trockene Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse zu vermeiden. Zusammen sollte eine neue, kundengerechte und unterhaltende Form von Wissensvermittlung entstehen, die zunächst als „living science“ – später dann als „Steinzeit – Das Experiment“ vom Sender begrifflich formatiert wurde. Im Bezugsdreieck zwischen Wissenschaft, Fernsehen und Publikum gab es in den drei Jahren von der ersten Formulierung des Vorhabens bis zur Ausstrahlung und Diskussion mit den Museumsbesuchern zwischen 2004 und 2007 verschiedene Phasen der Auseinandersetzung zwischen den Beteiligten. Unterschiedliche Blickwinkel erzeugten zunehmend Reibungspunkte und Lernprozesse, die dem Projekt als Ganzem weiter halfen und deren Erör-

terung bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Es gab einen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn für die Museumspädagogik und die Archäologie. Auf diesen versucht der nachfolgende Artikel neben einer Projektbeschreibung aus Museumssicht einzugehen. Mitnichten ist das Projekt schon beendet. Eine Langzeitwirkung ist wie bei dem Kinderfilm Projekt „Maushaus“ der „Sendung mit der Maus“, der 1996 in Unteruhldingen gedreht wurde, bereits abzusehen1. Für die Fernsehzuschauer war die Serie „Steinzeit – Das Experiment. Leben wie vor 5000 Jahren“ mit all seinen Sendeformaten ein großer Erfolg. 30,4 Millionen Zuschauer nahmen das Sendepaket im Mai und Juni 2007 im ARD Fernsehen wahr. Dazu kamen noch die überaus gut besuchten Internetseiten mit über 2,3 Millionen Nutzern innerhalb weniger Tage und – nach der Medienanalyse des SWR – zusätzlich Berichte in 145 Hauptausgaben von Tages- und Wochenzeitungen mit einer summierten Auflagenhöhe von 63,71 Mio Exemplaren. Dies stellte eine Breitenwirkung dar, die weit über das hinausgeht, was historische Themen zur Archäologie in Deutschland gemeinhin erreichen. Die Umsetzung für das Schulfernsehen in den Regionalprogrammen und die damit entstandene Nutzung weiterer Lernmodule für den Unterricht ist bereits vollzogen, ebenso die ersten Übersetzungen ins Französische und ins Schwedische für den Kultursender arte. Eine Begleitausstellung zum Film in 17 Museen Deutschlands von Schleswig über Dresden bis Unteruhldingen leistete ab Mai 2007 die Fortsetzung des Filmprojekts und die Überleitung

in das klassisch historische Vermittlungselement. Auch das Schweizerische Fernsehen reagierte auf die qualitätsvolle deutsche Produktion mit einem ähnlich gearteten Projekt im DRS-Fernsehen 2007 frei nach dem Motto: „Gutes darf gerne kopiert werden“. Die Serie „Pfahlbauer von Pfyn“, die eine ähnliche Handlungskonstruktion aufwies wie das SWR Projekt, erreichte im Sommer 2007 als tägliche Direktsendung vom Filmset mehr als 50 Prozent der Schweizer Fernsehzuschauer2. Ein Idealfall für die Museen rund um den Bodensee, die ab sofort wieder stärker mit „steinzeitlich“ vorgebildeten und interessierten Besuchern arbeiten können. Aus den etwa 100 Stunden Filmdokumentation für das SWR/ARD Projekt sollten in Zukunft noch weitere Fernsehbeiträge entwickelt werden. Den Anfang machte eine 90-minütige Neufassung der Dorfgeschichte durch die Kinderfilmregisseurin Margret Schepers, die Karfreitag 2008 ausgestrahlt wurde3. Alles in allem darf das „Experiment Steinzeit“ trotz einzelner kritischer Stimmen aus Wissenschaft und Zielpublikum als ein großer Erfolg für alle Beteiligten und für die vor- und frühgeschichtliche Archäologie in Deutschland bezeichnet werden. Die Archäologie im Museum darf sich über eine immense Breitenwirkung und einen methodischen Vorschub freuen, an dem sie mit gestalten durfte, und den sie ohne das Medium Fernsehen sicher nicht so schnell hätte erreichen können. 1

Schöbel 1997.

2

Pfahlbauer von Pfyn 2007, Leuzinger 2007, 24 – 27; Leuzinger 2008, 23.

3

SWR 2008.

Plattform 5

Fernsehen ist wichtig Es ist in der heutigen Gesellschaft kein Geheimnis, dass Informationen zu den meisten Sachverhalten immer stärker mit den modernen Medien vermittelt werden. TV und das Internet bestimmen zunehmend mehr die Art und Weise des Zugangs zu historischen Themen als alle anderen Vermittlungsinstrumente zusammen. Nicht das Museum und die Wissenschaft, sondern die Programmredaktionen oder sogar Hollywood entscheiden aktuell nach Marktanalyse, welche historischen Inhalte wie gegenüber dem breiten Publikum präsentiert werden sollen. Dies wird zum Teil zu Recht auch kritisch gesehen.4 Nicht das Buch oder die Ausstellung, sondern der Bildschirm wird mehr und mehr zum führenden Wissensvermittlungsinstrument. Für diese Entwicklung spricht beispielsweise aktuell die angedachte Einstellung der klassischen „Brockhausedition“ in Buchform zugunsten einer Internetpräsentation nach einer Erfolgsgeschichte von über 200 Jahren. Gut gemachte Archäologieinformation ist im TV inzwischen allgegenwärtig und ihr Qualitätsstandard steigt aufgrund der „Demokratisierung des Wissens“ und qualifizierter Rechercheure stetig an. Sicher gibt es immer noch viele falsche und bei genauer Prüfung wenig „revisionsfeste“ Filmdarstellungen, da sie manchmal – wer kennt das in Archäologenkreisen nicht durch Telefonbefragungen von Wissenschaftlern „fachlich“ aber auch „kompilatorisch“ von Redakteuren eilig zusammengetragen wurden. Echtes Zusammenwirken oder gar eine Musealisierung von Film, der umgekehrten Form von Ressourcen- oder Interpretationstransfer bleibt selten.5 Doch insgesamt wächst, vor allem durch ernsthafte Wissenschaftssendungen, der Anteil gut gemachter Basisinformation und es wird wichtiger, Wissenschaft mit den Möglichkeiten der Fernsehsender zu transportieren. Es ist durchaus möglich, von den neuen Medien im Rahmen von echten Kooperationen für den eigenen Vermittlungsauftrag zu lernen.6

6 Plattform

Wir brauchen kein Fernsehen Fernsehen ist ein „inakzeptables Vermittlungsmedium ohne jeden Nutzen“7 (Manfred Spitzer) und nach Meinung Anderer sogar ein „Nullmedium“ (Magnus Enzensberger).8 Befürworter des traditionellen Vermittlungsweges über die authentischen Originalfunde formulieren auch heute noch: „Den Gegenstand im Museum trennt seine Echtheit von der Reproduzierbarkeit des Gegenstandes Film im Museum, es macht ihn (erg. dort im Museum) einmalig“ (Walter Benjamin).9 Sie, die Mediengegner, möchten davon nicht abweichen, da für sie nur der Dialog mit dem Authentischen, mit dem historischen Objekt vertretbar ist. Dazu kommt, dass nicht nur in Wissenschaftlerkreisen behauptet wird, die Museumswelt sei zuerst der Vermittlung und Bildung verpflichtet und das Fernsehen zuerst der Unterhaltung und Quote. Wobei das Museum bei genauerem Hinschauen ja heute auch Quote, und der Film in den entsprechenden Fachabteilungen ja auch Bildung, Kulturvermittlung und Dokumentation beabsichtigt. Mumien und Ägypten, Pop Art und das Grabmal des ersten chinesischen Kaisers sind Ausstellungsthemen, die von London bis Stuttgart zeigen, wie heute Besucher in den großen Museen entsprechend dem Publikumsgeschmack und weniger nach regionalgeschichtlichen oder europäischen Bildungsansätzen generiert werden. Bei den wenigen Tagungen zum Thema – wie etwa des Museumsverbandes Baden-Württemberg „Medien im Museum“ in Karlsruhe 1995 – wird bei dieser schwierigen Frage gerne wieder der philosophische Standpunkt bemüht. Walter Benjamin, diesmal mit einer Befürwortung der „laufenden Bilder“ eignet sich hierzu besonders. Schon vor 80 Jahren beim ersten Aufkommen des moderneren Mediums Films stellte er fest, „dass sich die Sinneswahrnehmung ändert … und … „ungeahnter und ungeheuerer Spielraum sich der Wahrnehmung und Erkenntnis auftut.10 Lässt sich demnach beides, das authentische materielle Gut aus den Museumsvitrinen, hier der Pfahlbausiedlungen, mit den experimentellen Spielhandlungen einer Dokumentation und der neuen Art von Wissenschaftsvermittlung am Bildschirm verbinden?

Das Steinzeitprojekt Die Idee zum gemeinsamen Projekt nahm zum ersten Mal am Museumsfest am 4. Juli 2004 in den Pfahlbauten von Unteruhldingen Gestalt an. Der Abteilungsleiter SWR Kultur- und Bildungsfernsehen Walter Sucher (Abb. 2), begeistert vom lang anhaltenden „Ötzi Boom“11 , dem Sonderheft „Geo Steinzeiten“, dem „Maushaus“ der beliebten Kindersendung (1997) und dem seit Jahrzehnten andauernden Zuspruch des Bodenseefreilichtmuseums machte den Vorschlag für eine wissenschaftlich fundierte Dokumentation.12 Nach interner Diskussion im September 2004 und der Mitteilung, das Projekt habe „SWR intern gute Karten“ konnte im Oktober 2004 zunächst mit der „Location-Suche“ am Bodensee begonnen werden. Alle fünf großen Naturschutzgebiete am Bodensee mit entsprechend natürlich belassener Vegetation schieden aus Gründen der Schutzauflagen und der Beeinflussung durch Tourismus schon recht bald aus.

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Abb. 2: Walter Sucher, Initiator des Steinzeitfilms.

Am 9. November 2004 wurde der von der Redaktion bevorzugte Bauplatz im abgeschiedenen Bodenseehinterland bei Wolfegg zum ersten Mal besucht. Die Standortdiskussion um die Authentizität des Platzes – die gewählte Lokation war eine ehemaligen Torfstichgrube im Wald (Abb. 3) – ergab zunächst verschiedene

Zur Konstruktion und Rekonstruktion von Vergangenheit vgl. Härke 1993; Holtorf 2006; Veit 2006, 147. Das Fernsehmuseum Berlin, vgl. Kubitz und Sasse 2006, zeigt bislang nur sich selbst und weniger den Diskurs mit den Medien Museum und Wissenschaft. Eine museale Bewertung von Film wäre wünschenswert. Die Forschung braucht Öffentlichkeit, vgl. hierzu Scherzler 2005, 153 – 159. Die Öffentlichkeit braucht aber auch eine sorgfältig dargestellte Forschung, die der im Sekundentakt geschnittene Film nicht immer liefern kann.

6

Fischer 1995, 29 – 30.

7

Spitzer 2005.

8

Zitiert nach Reinhard 2004, 349.

9

Nach Öhner 2003, 33.

10

Zitiert nach Kallinich 1995, 6.

11

Buchele 2004.

12

Mein besonderer Dank gilt Walter Sucher als verantwortlichem Abteilungsleiter für das Projekt sowie Rolf Schlenker, Stefanie von Ehrenstein, Lene Kemling, Gerolf Karwath von der zuständigen SWR Redaktion in BadenBaden. Frau Ingrid Eckerle von der Produktionsleitung und Egon Mayer als Produzent ist wie im Besonderen auch Herrn Oliver Kopitzke und Christoph Mohr für die Organisation der Öffentlichkeitsarbeit ein besonderes Dankeschön zu übermitteln. Den Regisseuren Margret Schepers, Martin Buchholz und Harold Woetzel gilt unser aufrichtiger Dank ebenso wie dem Kameramann Ralf Nowak, der mit seinem Team unter erschwerten Bedingungen die Filmaufnahmen sicherstellte. Den Mitwirkenden gebührt an erster Stelle unsere Anerkennung: Martin und Claudia Burberg mit Till, Roman und Mitja, Olli Junker-Matthes und Britta mit Ronja, Merlin und Taliesin, Frauke-Sophia Peters, Ingo Schuster und Henning Fenner.

Abb. 3: Besuch des geplanten Standorts bei Weingarten im Bodensee-Hinterland.

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Die Durchführung Einwände von Museumsseite aus. Die Kritik lautete: überwiegend saure Moorböden im Siedlungsumfeld, schwierige Frischwasserversorgung in Siedlungsnähe, zu kleine Wasserfläche und zu geringe Seespiegelschwankungsdynamik für die zwingende Anlage einer abgehoben errichteten Pfahlbausiedlung. Gerade Pfahlbauten waren allerdings von Filmseite „wegen einer besseren Optik gegenüber Flachbauhütten“ eher gewünscht. Mit einer Lage abseits prähistorischer Hauptverkehrswege und der erwähnten schwachen allgemeinen Standortfaktoren für eine neolithische Siedlungswahl waren weitere archäologische Gegenargumente vorge-

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Ein besonderer Dank gilt allen Mitarbeitern des

bracht. Für den Moorsee sprach eine interessante Rückzugslage für eine Kleingruppe in Krisenzeiten, oder der Gedanke an eine kurzfristig bestehende Siedlung mit besonderer wirtschaftlicher Spezialisierung. Es waren nach Prüfung gute Sammel- und wenig modern gestörte Schweifgebiete, große zusammenhängende Waldflächen und ausreichend Jagdwild im Gelände vorhanden. Den Ausschlag gab die TV Argumentation, eine Abgeschiedenheit und Kontrollierbarkeit des „settings“ zu erhalten und somit auch den Versuch möglichst ungestört ablaufen lassen zu können. Den nach Steinzeitkriterien uneingeschränkten Jagdmöglichkeiten stand das moderne Jagdrecht und die Problematik der Darstellung von Tiertötungsszenen im Fernsehen entgegen.

Pfahlbaumuseums besonders Herrn Peter Walter von der wissenschaftlichen und Rolf Auer von der handwerklichen Abteilung. Insgesamt waren mehr als 35 Beschäftigte und Unterstützer für das Projekt tätig, die kurz in alphabetischer Reihenfolge genannt werden sollen. Dr. Matthias Baumhauer, Melanie Blender, Barbara von Detten, Dominik Hanke, Beate Hesse, Inge Hesse, Jürgen Hummler, Markus Klek, Mathias Krauß, Hildegard Kussauer, Berthold Knoblauch, Nina Künzler-Wagner, Hans Lässig, M.A., Wolfgang Martin, Dr. Irenäus Matuschik, Franz Mayer Müllerhof, Helga Noelte, Pfahlbaukinderklub Unteruhldingen, Joachim Rech, Roswitha Rudolf, Jana Schmidt, Dr. Gunter Schöbel, Sabine Schöbel, Christa Seewald, Yvonne Siebenhaller, Marianne Sommer, Wolfgang Specker, Liselotte Strick, Christoph Sulger, Firma Trautwein, Peter Walter M.A., Helmut Wenk, Ma-

Ein Zaun sollte die Zeitreisenden vor modernen Spaziergängern schützen. Bei der Dokumentation „Schwarzwaldhof 1902“

des Filmteams war es vorgekommen, dass Schaulustige plötzlich vor der laufenden Kamera standen und sich erkundigten, was hier denn gemacht würde. Leichter sei es möglich, das Gelände entsprechend den archäologischen Anforderungen zu formen, Nadelhölzer herauszuschlagen, weichere Uferkanten zu gestalten oder sogar eine Frischwasserversorgung in der Form einer Quelle zu legen. Auch seien außerhalb des Waldstücks passable Ackerböden in Südhanglage erschließbar, die zu Fuß gut erreichbar wären. Im Fernsehen sei fast alles möglich. Nach positiver Klärung der Standortfrage konnte Dezember 2004 mit Unterstützung der Fürstlich Wolfeggschen Verwaltung zusammen mit der federführenden Redaktion des SWR unter Walter Sucher mit Rolf Schlenker, Gerolf Karwath, Stefanie von Ehrenstein, Lene Kemling, der Produktionsleitung unter Ingrid

Eckerle sowie mit der technischen Abteilung unter Peter Förderer der Bauplatz ausgesteckt werden. Im Museum hatte in der Zwischenzeit im Forschungsinstitut und in der Technikabteilung die Ausstattungsrecherche, die Organisationsplanung und die Requisitenproduktion bereits begonnen. Koordiniert von der Wissenschaftsabteilung arbeiteten 36 Beschäftigte und freiwillige Helfer auf Seiten des Pfahlbaumuseums von 2004 bis zum Sendestart im Mai 2007 am Gelingen des Steinzeit Großprojektes mit.13 Im Sender lief mit großem Aufwand die Planung der vierteiligen Doku-Abendserie, des Kinderfernsehens, der Wissensformate, der vorbereitenden Sendungen, der Entwicklung von Print- und Internetmedien – alles noch unter Geheimhaltung – an. Auch ein für Wissenschaft und Unterhaltung geeigneter Regisseur, der einen Nonstop Aufenthalt im Freien über mehrere Wochen gewohnt war, wurde gesucht.

Im Juni 2005 fand unter Teilnahme des Kameramanns Ralf Nowak und des Regisseurs Martin Buchholz, den Abteilungen Technik und Ausstattung des Senders die Eignungsprüfung des Filmmodellgebäudes „Hornstaadhaus“ (Abb. 4) in Unter-uhldingen statt. Die Festlegungen für Kameraposition, Lichtsetzung, Innenraumaufteilung wie auch der Filmluken für die Kamera oder der Organisationsabläufe erfolgten. Im Juli 2005 wurde über die mögliche Einbindung des Schulfernsehens im didaktischen Bereich nachgedacht. Die Entwicklung der Kleider im Film und die Fragestellung, ob Leder, Leinen oder Baumbast das richtige Material wäre, welche Applikationen nachgewiesen oder erlaubt seien, beschäftigte die Schneiderinnen und das Museum gleichermaßen (Abb. 5). Zu fragmentarisch waren die Stoffe aus den Pfahlbauten, um richtige Schnitte herzustellen und nur die Schuhe und Hüte waren wirklich ausreichend als

Modelle gesichert. Ein Heiterkeitserfolg beim Fernsehen brachte der Vorschlag aus Archäologenkreisen, die Probanden doch nur in Schuhen und Rindenbasthütchen zu zeigen und das etwas unsichere „Dazwischen“ mit einfachen blauen Trainingsanzügen zur Veranschaulichung des archäologischen Rekonstruktionsstandes bei den Gewändern zu markieren. Die Textilrequisite des Fernsehens entschied sich für „Ötzi-outfit“ und Leinenkleider mit Appliken, da Baströckchen oder Grasund Lindenbastmäntel sehr aufwändig in der Rekonstruktion und zudem bei genauer Ausführung im Sender auch sehr kostspielig geworden wären. Fast alle Werkzeuge und Ausstattungsgegenstände waren ad hoc vom Museum nach besprochenem Muster zu fertigen. Die Einzelpositionen für die Handarbeiten summierten sich bald auf sechsstellige Beträge. Damit hatten die Fernsehleute nicht gerechnet. Beim Schwarzwaldhof war das einfacher gewesen. Fehlte dort einmal eine Heugabel, so konnte man ins benachbarte Museum gehen und sich eine ausleihen. Das war für die Steinzeit nicht möglich. Es half nur, sich ein Leihgeschäft über die Produktionszeit mit dem Pfahlbaumuseum zu überlegen. Alle Requisiten, mit Ausnahme der sendereigenen Kleidung, blieben Eigentum des Museums und kehrten nach Drehende wieder nach Unteruhldingen zurück. Das war ein für beide Seiten akzeptables Geschäft, das eine hohe Qualität bei der Ausstattung und eine Nachverwertung im Museum sicherte.

nuela Weiler, Anton Zeller, Gyözö Zsigmond.

Abb. 4: Inspizierung des „Hornstaadhauses“ im Freilichtmuseum Unteruhldingen.

8 Plattform

Abb. 5: Prüfung der Tauglichkeit von Lindenbastschuhen für den geplanten Dauertest.

Plattform 9

Requisite Werkzeuge und Rohstoffe Die Qualitätsdiskussion wurde den gesamten Zeitraum über intensiv geführt. Welche Keramikmagerung ist im Zeitschnitt nachgewiesen? Erfüllt ihr Produzent die Anforderungen? Wir haben gehört, dass manche ihrer Kollegen Leinen als Kleidungsstoff ablehnen – wie stehen sie dazu? Was verbraucht ein Steinzeitmensch an Kalorien täglich, was ein Erwachsener, was ein Kind, können Sie hierzu verlässliche Angaben machen, wir brauchen dies für die Berechnung der Anbauflächen und der Vorräte. Der Sender nahm seine Aufgabe ernst und fast täglich liefen die Fragen und Antworten von Baden-Baden an den Bodensee und zurück. Ein „Steinzeithandbuch“ mit den wichtigsten Informationen und Regeln, bindend für alle Beteiligten, entstand, Spielregeln wurden kommuniziert und immer wieder die Frage erörtert: Wie viel Wissenschaft muss oder darf sein, um das Produkt erfolgreich sowohl für das Fernsehen als auch für die Wissenschaft gestalten zu können.

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Billamboz 2006, bes. 312 – 335, 336, Abb. 46.

12

Leuzinger 2000, 158 – 159.

13

Fasnacht, 2006. 23.

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Schmidt 2007, 16; Schöbel 2005 a, 15.

15

Dvorakova 2006, 96; dazu auch Müller 2008.

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Fasnacht, 2006. 23.

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Schmidt 2007, 16; Schöbel 2005 a, 15.

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Dvorakova 2006, 96; dazu auch Müller 2008.

416; Dieckmann / Harwath / Hoffstadt 2006.

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Die begleitenden Recherchen im Museum und in Baden-Baden erstreckten sich insgesamt über zwei Jahre. Mehr als 300 steinzeitliche Werkzeuge mussten in Eigenproduktion oder durch Fremdvergaben hergestellt werden. Der SWR konnte sich hierbei wie schon bei der Serie „Schwarzwaldhof 1902“ auf die der Sorgfalt verpflichteten Museumsmannschaften verlassen. Alle Geräte entstanden als form- und werkstoffgetreue Repliken neu und in mehrfacher Ausfertigung. Der zunächst besprochene Zeitschnitt für das „setting“ lag bei 3500 v. Chr., Pfyner Kultur, im nördlichen Alpenvorland, wobei es bald deutlich wurde, dass dieser Ansatz doch aufgrund der bestehenden Unvollständigkeit steinzeitlicher Inventare entlang eines eng gefassten Zeithorizontes in den Pfahlbausiedlungen einer kleinen Region exakt nicht zu einzuhalten war. Es musste in Anbetracht der ins Auge gefassten Nutzungen in den verschiedenen Handwerksbereichen ein Querschnitt durch das archäologisch bekannte Material gebildet werden. Die Ausgrabungen Hornstaad14 am deutschen Bodenseeufer und die Forschungen in

Die Aufgabe der Wissenschaft im Film Arbon-Bleiche 315 auf der Schweizer Seite am Bodensee im Thurgau kristallisierten sich bald mit den Eckdaten von ca. 3914 bis 3910 v. Chr. bzw. 3384 bis 3370 v. Chr. und ihren aussagekräftigen Begleituntersuchungen der Naturwissenschaften als die wichtigsten Referenzpunkte für die Rekonstruktionsarbeit heraus. Von dort waren ausreichend Forschungsergebnisse vorhanden. Weitere gut erhaltene Werkzeuge und Indizien zur Wirtschaftsweise, Kleidung und der Nutzung der natürlichen Umwelt entstammten den Ausgrabungen der nördlichen Schweiz, dem südlichen Baden-Württemberg und dem westlichen Teil Bayerns. Dies entsprach auch den vorgesehenen Senderbeteiligungen und zugleich dem Kerneinzugsgebiet des Unteruhldinger Museums. Mit der Mumie vom Hauslabjoch „Ötzi“ war vor allem für die persönliche Ausstattung eines steinzeitlichen Bergwanderers das beste Vorbild gegeben.

Bei einigen Werkzeugkategorien wie etwa den Sicheln oder Bögen wurden auch jüngere Abschnitte der Horgener Kultur mit einbezogen, so dass am Ende der grobe Zeitschnitt „4. Jahrtausend vor Christus“ für alle Rekonstruktionsansätze als verbindlich galt. Diese für den Zuschauer weitgehend unerhebliche Festlegung führte hinter den Kulissen vor allem zwischen den Wissenschaftlern, aber auch zwischen der Redaktion und den Produzenten zu mancher Diskussion. So wurden nur Horgener Töpfe als Ensemble am Kochfeuer akzeptiert und durften die bereits produzierten Hornstaader Flaschen aufgrund ihres höheren Alters nur im Vorratsraum zugelassen werden. So blieben die Zusammenhänge der unterschiedlichen archäologischen Kulturen zumindest in den kleinen Werkensembles gewahrt. Bei den Erntemessern gerieten Geräte der Pfyner und Horgener Kultur zum Einsatz, was unter dem Aspekt der Eignung der verschiedenen Sicheltypen für diesen Zweck bei den verschiedenen Getreidearten zu interessanten Ergebnissen führte. Doch davon wird später noch die Rede sein.

Die Rohstoffsuche für die Ausstattungen war nicht einfach. Leinen kam aus Lettland. Zunder wurde aus Rumänien beschafft, Birkenrindengefäße entstammten weisrussischer Produktion, Bärenzähne und Rinderblasen lieferte ein nordamerikanischer Indianershop. Feuersteinklingen kamen aus Dänemark, Lindenbaste oder Fischernetze konnten dagegen selbst vor Ort produziert werden. Dies galt auch für die meisten Holzund Keramikgegenstände. Beim Beschaffungsposten „Bärenfelle“ halfen beschlagnahmte Zollbestände, welche mit behördlicher Gestattung des bundesdeutschen Umweltministeriums für museumspädagogische Zwecke zu „Ötzikappen und -schuhen“ umgearbeitet werden durften. Dies ist bei „Rote Liste Arten“ wie dem Braunbär ansonsten nicht gestattet. Unter dem Gedanken logisch entwickelter Produktionsketten oder „chaînes operatoires“ entstanden Rohstoffsets vom Ausgangsmaterial über Zwischenprodukte, Halbfabrikate bis zum Fertigprodukt, die es den Kameramännern und Darstellern leichter machen sollten, das Benötigte selbst herzustellen und im Film zu zeigen. Diese waren aber auch dazu gedacht, dem Zuschauer später die Abläufe steinzeitlicher Werkprozesse besser vor Augen führen zu können. Es war nicht nur vorgesehen, die Repliken der Steinzeitdokumentation nur für die vier Erwachsenenund die drei Kinderfilme einzusetzen. Zusätzlich Wissenssendungen, Talkrunden, Schulfernsehen, Populärpublikationen in Zeitschriften, Internetpräsentationen oder eine ganze Serie von Begleitausstellungen in Deutschland waren von Anfang an im Gesamtpaket mit geplant und brauchten Ausstattung. Auch die Absicht der Einbindung möglichst vieler Museen in Deutschland entstand. Wäre es möglich, Begleitausstellungen in den großen Städten Deutschlands gemeinsam zu organisieren?

In der nach allen Seiten offenen Diskussion spielte die Verknüpfung filmischer und archäologischer Fragestellungen bei der Erstellung des Konzeptes eine zunehmend stärkere Rolle. Welche Wissenschaftler können wir noch einbinden, um etwa eine Ötzi-Alpentour über Österreich nach Südtirol abgesichert zu gestalten? Wir haben jetzt Sportmediziner, Zahnheilkundler und Schlafforscher in Freiburg gefunden, die bereit sind uns als Partner zu begleiten. Wir finden das wichtig. Auch die Materialprüfungsabteilung in Pirmasens macht für die Schuhprüfungen der „Ötzi Latschen“ mit. Können Sie uns weitere Spezialisten hierfür benennen? Das Museum war nicht nur Ideengeber sondern bald auch Vermittlungsinstanz für weitere Mitarbeiter und Begleituntersuchungen. Was für ein Film soll entstehen? Gibt es in der 100 jährigen Geschichte des Films viele gute Auseinandersetzungen mit prähistorischen Themen? Wie oft kommen Museen darin vor? Sind Museen wirklich nur Orte des Erinnerns und sind Filme tatsächlich Museen der Träume?16 Lässt sich die „Reliktauthenthizität“ im Fernsehen vermitteln, die ja gleichzeitig Identifikations- und Reflexionsanlässe bieten kann, Fragen aufwirft und die Menschen dichter an die eigene Geschichte heranrücken lässt, um vergangene Lebenswelten besser und auch emotional zu erfahren?17 Die fruchtbaren Diskussionen um die Ziele und den Kontext der Vermittlungsarbeit streiften die gängigen, bereits filmisch tradierten Bilder von Steinzeit – über Jurassic Park bis Fred Feuerstein, von „Am Anfang war das Feuer“ bis zu den die neuen BBC Serien „Time Travel“ oder „Tales from the Green Valley“ und die alten Ufa Filme aus den Pfahlbauten 1926.18

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Das Dorf als Filmset Was ist mit der Vereinnahmung von Bildern im Nationalsozialismus unter ideologischen Aspekte, den langhaarigen 1968er Steinzeitmenschen oder gar den die Komfortrekonstruktionen geschniegelter Reenactment Gruppen mit ladenneuem Equipment unserer Tage? Welches Bild von Vergangenheit zeigen Filme? Waren sie rasiert? Welche Frisuren trugen die Frauen? Zeigen wir die Probanden nackt beim Baden wie im Privatfernsehen oder lassen wir ihnen ihre Privatsphäre? Wie viel Unterhaltung darf und wie viel Bildung muss sein? Die überaus spannende Auseinandersetzung, die auch Kuratoren und Museumspädagogen aktuell anhaltend beschäftigt19, pendelte zwischen bürgerlichen Bildungsidealen und erlebnisund erfahrungsorientierten Strategien innerhalb beider Welten, die sich zwischen Museum und Wissenschaftsfernsehen im Kern nicht groß unterschieden. Der Film musste ein Kompromiss sein und verschiedene Qualitäts- und Zugangsebenen ergeben. Besucher- oder zuschauerorientierte Unterhaltung auf der einen und Wissensvermittlung nach neuestem Stand auf der anderen Seite. Es war von vorne herein klar, dass die einen die „Wissensfenster“, die „Expertengespräche“ im laufenden Film und den großartigen Internetauftritt besonders schätzen würden und die anderen gerade dies neben der eigentlichen Spielhandlung als störend empfänden.

19

Bäumler 2007, 44 – 45.

20

Schlenker / Bick 2007, 23 – 24.

21

Schlenker / Bick 2007, 6.

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Abb. 6: Klausurtagung in Unteruhldingen im Dezember 2005 zur Vorbereitung des Films.

Zu diesen Fragen fand im Dezember 2005 eine Klausurtagung in Unteruhldingen unter Beteiligung weiterer wissenschaftlicher Berater statt (Abb. 6). Für die Schweiz konnte Urs Leuzinger, Ausgräber der Steinzeitsiedlung Arbon-Bleiche 3 vom Kantonalen Amt für Archäologie des Thurgaus und für Österreich Walter Leitner, Kenner der alpinen Archäologie, von der Universität Innsbruck für das Projekt gewonnen werden. Eine intensive Diskussion des Handlungsstrangs ausgehend vom Steinzeitdorf zum Alpenübergang nach Südtirol und wieder zurück entwickelte sich. Was ist wissenschaftlich vertretbar, was ist im Sinne einer Filmhandlung logisch und spannend. Wie viel klassische Wissenschaftsvermittlung darf vorkommen ohne dass es langweilig wird. Was soll und was darf aus ethischen Gründen nicht im Fernsehen gezeigt werden. Wie lässt sich ein geplanter Alpenübergang zweier Darsteller in die Geschichte eines Steinzeitdorfes einbinden. Reicht die Kraft der übrig gebliebenen Gruppe zweier Familien aus, um die alltäglichen Arbeiten zu

erledigen. Wie leicht machen wir es den Probanden, wenn wir sie mit allem Nötigen versorgen und wie schwer müssen wir die Ausgangslage gestalten, damit sie überhaupt gefordert sind? Bauen wir alle Häuser fertig oder zwingen wir sie möglichst bald, ein weiteres Haus zu erstellen? Steigern wir den Druck, indem wir sie alle zusammen zunächst in nur einem Haus „zusammenpferchen“, in dem sie gemeinsam schlafen müssen? Es soll ja kein Urlaub werden, sondern eine mit Einschränkungen möglichst nahe der Steinzeitwirklichkeit kommende Erfahrung unter einer möglichst weitreichenden wissenschaftlichen Zielsetzung. Fragen des Films an die Archäologie und 40 Fragen der Archäologie an den Film wurden Position um Position abgearbeitet. Bildung und Wissenschaft, aber auch Unterhaltung und Spannung für ein breites Publikum zu generieren, das waren immer wieder die bewegenden Fragen für beide Seiten. Eine wissenschaftliche Rückversicherung für die Qualität auf dem „Set“ sollten Experimentalarchäologen bilden, die als Nothelfer immer dann erscheinen sollten, wenn die ohne Drehbuch arbeitenden Laienschauspieler in Schwierigkeiten geraten. Eine Dokumentation des andauernden Scheiterns wie bei klassischen „Dschungelformaten“ könnte so verhindert werden – so die Absicht. Die feste Verpflichtung von Steinzeitspezialisten wie Harm Paulsen aus Schleswig, Anne Reichert aus Ettlingen oder Thomas Patzleiner aus Innsbruck folgte.20 Während der Sender nun nach qualifizierten Schauspielern suchte, begann für das Museum und die Senderrequisite der Aufbau des Fernsehdorfes.

Abb. 7: Ortstermin im Schnee mit den Leitern der Technik und Requisite des Fernsehens und des Pfahlbaumuseums.

Nach der abschließenden Bauplatzbegutachtung im Dezember 2005 (Abb. 7) konnte mit der Anlage des Dorfes nach Plan, der Teilrodung des Ufers, den Geländearbeiten im Umfeld, dem Vorbereiten der Felder und der Entwicklung der Drehortlogistik durch den Sender begonnen werden. 300 kg Fisch wurden in den Teich eingesetzt. Setpläne (Abb. 8), Verkabelung und Technik am Aufnahmeort, Containerstandplätze, Toiletten, Unterkünfte, Lagerflächen und Schneideräume, weitere Einsatztermine für die Fische, Saatzeiten – alles musste wohl überlegt und im zeitlichen Organisationsplan der Fernsehtechnik berücksichtigt sein. Bis hin zur Errichtung eines 10 Meter hohen Kameraturms für die Übersichts- und Standbildkamera, die die ganze Projektentwicklung über die Laufzeit von 10 Monaten festhalten sollte und einem dort mit Scheinwerfern gesetzten „künstlichem Mondlicht“ für Nachtaufnahmen reichten die Vorbereitungen. Aufnahmen mit einem heliumgefüllten Kameraballon gingen dem eigentlichen Dorfaufbau durch das

Abb. 8: Der „Bauplan“ des Filmdorfes.

Pfahlbaumuseum voraus, um die Veränderungen dokumentieren zu können. In den aktuellen Fernseh- und Hörfunkprogrammen lief die Suche nach Menschen, die sich bereit erklärten, für ein aufregendes Experiment an einem Weiher in einem Steinzeitdorf zu Verfügung zu stehen.21 Vom Museum aus war hierfür entsprechend den neolithischen demographischen Vorgaben einer jüngeren Gesellschaft ein möglichst hoher Kinderanteil gefordert worden. Die Anlage des Dorfes erfolgte durch Museumshandwerker und SWR Techniker gemeinsam vom 19. April bis Ende Juni 2006 in nur zehn Arbeitswochen. Drei Häuser, Ställe für das Vieh und das Wegesystem entstanden (Abb. 9).

Abb. 9: Einschlag des ersten Pfahls am 19. April 2006.

Insgesamt kamen 13,5 Tonnen Holz, acht Tonnen vorgefertigter Lehm und 3000 Bund Schilf bzw. Rohrglanzgras auf der Baustelle zur Verwendung.

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Schon nach einer Woche konnte beim ersten Haus der Firstbalken aufgelegt werden (Abb. 10). Alle Häuser waren nach dem Modellmuster „Hornstaad“ vom deutschen Bodenseeufer gefertigt, das bereits 1996 auf der Grundlage der Ergebnisse der Ausgrabungen der Denkmalpflege als Experimentalhaus in Unteruhldingen rekonstruiert werden konnte.22 Die Ablängungen der Hölzer zu Bausätzen für den Rohbau hatte aus Zeitgründen schon im Herbst davor in Unteruhldingen stattgefunden. Am 5. Mai lag der Firstbalken bei Haus 2, Haus 1 hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die Dachdeckung (Abb. 11). Nach fünf Wochen war das erste Haus im Lehm fertig, das zweite gedeckt und das dritte im Rohbau fertig gestellt (Abb. 12). Spezielle Luken für den Einblick der Kamera in die engen Innenräume mussten als Fenster knapp über Bodenniveau geschaffen werden. Spezielle Leuchten am Innenfirst dienten der leichten Aufhellung der ansonsten im Dämmerlicht liegenden Schlaf- und Wohnräume. Und auch der Platz für den „Notfallkoffer“ – dieser war mit einem Feuerlöscher und einem Handy ausgestattet – wurde für alle nicht Eingeweihten unsichtbar mit Klappe in einem Holzstapel unter dem Haus eingebaut (Abb. 13).

22

Schöbel 1997, 83 – 84.

23

Dieckmann / Harwath / Hoffstadt 2007, 227.

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Der Innenraum des Haupthauses 1 erhielt mit Zweigen und Rinden isolierte Schlafstellen, einen speziell mit Lehm verstärkten Feuerplatz und eine Grundausstattung an Werkzeugen und Geräten. Eine stabile Zwischendecke war für 1 – 1,5 Tonnen zu erwartendes Erntegut gedacht. Aufgrund fehlender Absturzsicherungen durften die Kinder nicht auf ihr schlafen. Mit Ausnahme eines Standwebstuhls waren keine Produktionsplätze im Haus vorgesehen (Abb. 14). Irgendwie mussten ja zur Not ein Dutzend Menschen im 15 Quadratmeter großen Gemeinschaftszimmer untergebracht werden können. Aufgrund der Lichtverhältnisse und stets präsenter Sicherheitsüberlegungen wurden die Hausvorplätze und das außen liegende Dorfplatzfeuer als Hauptaktivitätszentren definiert. Dafür war das zweite Haus ganz dem Vorratszweck und den Werkzeugen gewidmet. Das dritte Bauwerk schließlich sollte, so der Plan, während der Besiedlung durch die Dorfbewohner selbst im Dach und im Lehmbewurf fertig gestellt werden. Schilfbündel und Lehm standen hierfür in ausreichender Menge zu Verfügung, auch wenn sie später infolge des hohen Zeit-

drucks bei der Produktion kaum genutzt wurden. Die Erfordernisse des Films an die Sicherheit und die Dreheignung prägten den Dorfaufbau, welche kurz auch für außen Stehende zum Verständnis beleuchtet werden sollen. Die glatten Hüttenwände aus Lehm mit weißem Kalkauftrag durch die Museumshandwerker mussten so nach Wünschen des Kameramannes nachträglich rau geputzt und grau überstrichen werden, um mehr Kontrast und Struktur im Fernsehbild zu erzielen. Alles Gerät wurde von der Requisite, um es optisch altern zu lassen, mit grauer Farbe überstrichen. Die Dachdeckung sollte beim Haupthaus nicht nach bauhandwerklichen Regeln mit glatten Randabschlüssen und kompaktem Aufbau, sondern zottelig, wild, und „telegen ein bisschen verwegen“ erfolgen. Aus Gründen der Brandgefahr durfte anfangs im Innenraum kein Feuer entzündet werden. Der Backofen musste außen zu liegen kommen, um mögliche Brände auszuschließen. Dies war aber eine der gemeinsam gefassten Aufbauregeln. Schließlich war bekannt, dass sowohl die originale Siedlung „Hornstaad“ als auch die

Abb. 10: Der Firstbalken des ersten Hauses ist aufgelegt.

Abb. 11: Beim zweiten Haus kann Richtfest gefeiert werden.

Siedlung „Arbon“ in der Steinzeit ehedem durch Brand zerstört worden waren. Diese Gefahr sollte verständlicherweise mit allen Mitteln minimiert werden. Die Absturzsicherheitsvorschriften der Berufsgenossenschaften erlaubten keine Bodenhöhe der Pfahlbauten von über 1,00 m über Grund, obwohl der Originalbefund in Hornstaad am Bodensee inzwischen bis zu 3,2 m Bodenfreiheit – dies entspricht der Höhe der Pfahlbaurekonstruktion von 1922 im Freilichtmuseum Unteruhldingen – zulässt.23 Geländer, die weder Film noch Museum wollten, wären sonst notwendig geworden. Hinsichtlich der Baustabilität der Häuser erwies es sich von Museumsseite aus als Mangel, dass das Holz aufgrund der doch etwas kurzen Vorbereitungsphase relativ grün verbaut werden musste. Die kurze Lagerung des Bauholzes erzeugte einen Materialschwund im nachfolgenden heißen Juli 2006, der das Baugefüge veränderte, wobei

die Risse im Lehm der Böden und Wände, die nicht mehr verstampft werden konnten, noch das kleinere Problem darstellten. Die Verbannung der Museumsmitarbeiter 4 Wochen vor Drehstart und während der Drehzeit waren dieser Problembearbeitung ebenfalls nicht förderlich. Kritisch und im nachhinein betrachtet hätte eine längere Planungsphase und Aufbauzeit und vor allem auch die kontinuierliche Betreuung der Bauwerke bis in die Drehzeit hinein so manchen Fehler im späteren Spielverlauf verhindert. Das undichte Dach im Dauerregen oder der Ofenbrand hätten vermieden werden können. Auf der anderen Seite aber wäre vielleicht der Film dann auch weniger unterhaltsam für den Betrachter geworden.

Abb. 13: Die „Notfallkiste“ mit Feuerlöscher und Handy, getarnt als Holzstapel unter dem Haupthaus.

Abb. 12: Nach fünf Wochen sieht das zukünftige Filmset schon wie ein richtiges Steinzeitdorf aus.

Abb. 14: Der Standwebstuhl wird eingerichtet.

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Making off und filmische Vorbereitungen Das TV-Team bewegte sich in einem ihm zunächst unbekanntem Terrain. Der Arbeitsgegenstand „Steinzeit“ war der Redaktion aus ihrem Allgemeinwissen aus der Schule, von Museumsbesuchen oder aus Filmen bekannt. Was eine Ausgrabung, wissenschaftliche Auswertungen, experimentelle Archäologie oder wissenschaftliche Interpretationen bedeuten, musste zuerst in mühevollen Recherchen erarbeitet werden. Dazu sammelten die Redakteurinnen Informationen, trugen Wissen von der „neolithischen Revolution“ bis zur Brenntemperatur keramischer Gefäße zusammen. Sie befragten die hinzugezogenen wissenschaftlichen Berater, diskutierten bald auftauchende widersprüchliche Expertenmeinungen und bauten damit ein Grundgerüst an Informationsbausteinen Abb. 15: Making-Off. Die Basthut-Flechterin und der Wagenbauer zeigen ihre Produktion.

Casting und Coaching für ihr Team, die Konstruktion der Filme und die begleitenden Publikationen in den Bereichen Print und Internet auf. Das Kennerlernen steinzeitlicher Produktionsabläufe und handwerklicher Verfahrensketten vollzog sich in einem „making off“, begleitet von der Kamera, am 19. April 2006 im Pfahlbaumuseum. Der Korbflechter, der Feuersteinschläger, der Pfeilund Bogenmacher, die Basthutflechterin oder der Wagenbauer (Abb. 15) zeigten vorab ihre Künste für das Fernsehen. Wissensbausteine für den internen Gebrauch, die nie gesendet wurden, aber von Nutzen für die weitere Projektentwicklung waren, entstanden. Auf dem Set bei Weingarten wurde die Grundsteinlegung für das Filmdorf mit dem Einschlagen des ersten Pfahls dokumentiert. Experteninterviews mit den Bauhandwerkern und den hinzugezogenen Archäoechnikern erläuterten dem Filmteam den praktischen Teil wis-

senschaftlicher Verfahrensrekonstruktionen. Das Testen der Attraktivität des Steinzeitthemas und der Zuschauerresonanz vollzog sich innerhalb der Serienvorbereitung im Nachmittagsprogramm des SWR. Die Serie „Planet Wissen“ im SWR produzierte für die Länderprogramme der ARD die Sendungen „Steinzeit – Aufbruch in die Zivilisation“ (Erstsendung 25. Mai 2005), „Ötzi“– der Steinzeitmann (Erstsendung 27. Mai 2005) und Pfahlbaumuseum Unteruhldingen „Leben in der Steinzeit“ (Sendedatum 8. Mai 2006) von jeweils 60 Minuten Dauer. Der Test war erfolgreich. Wie machte man steinzeitlich Feuer, welche Krankheiten und welche Heilkünste hatten sie, wie lebten sie zusammen und wie lebte und starb Ötzi? Das Fernsehpublikum und die Sendergremien waren am Thema wissenschaftlich fundierter Steinzeitfilme interessiert. Auch die mehrfachen Wiederholungen im WDR, BR oder RBB in ganz Deutschland zeigten eine gute Resonanz, was etwa an der Steigerung von Anfragen zur Steinzeit durch Fernsehzuschauer im Museum deutlich abzulesen war. Abb. 16: Planet Wissen – Vorproduktion für das Nachmittagsprogramm zur Steinzeitserie im Pfahlbaumuseum Unteruhldingen.

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Entscheidend für einen guten Film sind neben dem Drehbuch die Schauspieler. Beides gab es im Steinzeitfilm zu Anfang jedoch nicht. Die Handlung sollte sich nach allgemeiner Einweisung der sinnigerweise als „Probanden“ bezeichneten Gruppe auf der Grundlage der vorhandenen Mittel entlang gewisser allgemeiner Spielregeln und einem groben mit Dorfleben und Alpenübergang gesetztem Handlungsstrang ergeben. Dazu mussten geeignete Darsteller gefunden werden. Zu diesem Zweck startete der Sender ab November 2005 in allen Programmen einen Suchaufruf nach Darstellern mit einem nach Filmkriterien geeigneten Profil24. Mehr als zweihundert Familien meldeten sich. Das Fernsehen nannte als Voraussetzungen:„Neugierde, ein nachvollziehbares, starkes Interesse an dem Thema „Steinzeit“ und am Experiment sowie eine lebhafte Kommunikation untereinander.“ Die wissenschaftliche Beratung hatte die Anmerkungen gesetzt, dass „Steinzeitliche Kernkompetenzen“, „ein hoher Kinderanteil“ und ein „gutes Verständnis der Gruppe untereinander“ aus Gründen der Authentizität und zum glücklichen Meistern der fremden Lebensbedingungen vorhanden sein sollten. Das Fernsehen suchte auf seinen Fragebögen zum Casting, wie später zu erfahren war, „eine hierarchiefreie Struktur innerhalb der Gruppe, bei der jede(r) Rollen nach persönlichen Fähigkeiten übernehmen sollte“. Diese Festlegung der Probanden war nach heutigen gesellschaftlichen Maßstäben der gegenseitigen Rücksichtsnahme und Toleranz formuliert. Entsprach sie aber dem wissenschaftlichen Bild urtümlicher Gemeinschaften aus der Jungsteinzeit?

Keine Hierarchie – keine klare Aufgabenverteilung – kein Drehbuch – man war aus der Sicht der begleitenden Archäologie sehr gespannt, zumal die Auswahl der Testpersonen senderintern durch ein beauftragtes Casting Büro und ohne die Fachvertreter vorgenommen wurde. Am Ende des Auswahlverfahrens standen 13 Personen – zwei Familien, drei Singles, 6 Kinder, 7 Erwachsene. Die Berufe Krankenschwester, Landwirt, Gärtner, Schneiderin und Töpfer waren darunter. Diese Auswahl stimmte hoffnungsfroh, war doch damit eine gute Voraussetzung für eine fundierte und vor allem nach neolithischen Kriterien handwerklich gut ausgebildete Gruppe gegeben. Entgegen den Auswahlkriterien war aber insgeheim schon diskutiert, wer nach heutigen Kriterien den Dorfchef, wer den Landwirt und wer den Alpenüberquerer im Stück geben sollte. Doch hier traten dann auf dem Set unter „Steinzeitbedingungen“ Verschiebungen im angedachten hierarchischen Gefüge ein. Nicht der angesehene Kunsthandwerker und Töpfer sondern der erfolgreiche Nahrungsbeschaffer und Landwirt rückte in die Rolle des Dorfchefs auf, ein Konflikt, der Zeichenwert besaß und gerne vom Regisseur als polarisierende Handlung in den Hauptfilm übernommen wurde. Natürlich wurde auch wie schon bei „Schwarzwaldhof 1902“ eine Mannschaft B ausgewählt, die, wenn es einen Personalausfall oder schwerwiegende medizinische Gründe bei Gruppe A gegeben hätte, sofort als Ersatzgruppe eingesprungen wäre. Anstelle den bekannten Burbergs und Matthes, wäre dann die Gruppe Hagelstein in das Dorf eingezogen.

Gruppen A und B wurden im Juli 2006 zum Training, dem „Coaching“, in das Pfahlbaumuseum Unteruhldingen eingeladen und für die entstehenden Aufgaben vorbereitet. Das „Fit machen“ dauerte für Mannschaft A 7 Tage und war somit bedeutend kürzer als in der Jungsteinzeit. Jedes 15-jährige Kind damals wäre ohne Frage jedem der erwachsenen Probanden von seinen spezifischen Fähigkeiten her überlegen gewesen. Bei der entsprechenden handwerklichen Vorbildung wurde dies allerdings – vielleicht etwas zu blauäugig – als nicht sehr gravierend eingeschätzt. Im Ablauf der Schulung ergänzten sich die Unterweisungen in Theorie und Praxis. Den allgemeinen Erläuterungen zum Zeitschnitt Jungsteinzeit im Freilichtmuseum folgten die Unterrichtseinheiten Ackerund Feldbau (Abb. 17) zum Kennenlernen der steinzeitlichen Lebensgrundlagen.

Abb. 17: Im Versuchsgarten des Freilichtmuseums in Unteruhldingen werden Ackerbau und Feldpflanzen erläutert. 24

Schlenker / Bick 2007, 20 – 21.

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Die Ernährung, Speisenzubereitung und Vorratshaltung nahm sowohl im theoretischen Teil als auch im praktischen Teil im prähistorischen Versuchsgarten des Museums ausreichend Raum ein. Das Feuer machen, Kochen (Abb. 18), Fleisch dörren wurde genauso geübt wie das Betreuen der Kochstellen und Töpfe oder das Befeuern des Backofens zum Brot backen.

kommen? Das Anbringen eines Auslegers war so etwa ein durchaus beachtetes erstes Ergebnis handwerklicher Konstruktionstätigkeit der späteren Alpenüberquerer Ingo und Henning während des Coachings in Unteruhldingen.

Im Werkstattbereich erfolgte die Erläuterung der Hauskonstruktionen. Das Fällen und Zurichten von Bäumen durch alle

Erwachsenen wurde mit den originalen Werkzeugrepliken (Abb. 19) geübt. Instruktionen zum Aufbau einer Lehmwand, eines Daches schlossen sich an. Wie schlägt man Silex und erzeugt man Feuersteinwerkzeuge? Wie entsteht ein Bogen, wie macht man Pfeile? Was ist ein gutes Fischnetz (Abb. 20), wie wird es gefertigt und eingesetzt? Wie entstehen Fäden, Geflechte, Stoffe? Ist es leicht, Einbaum auf dem Bodensee zu fahren (Abb. 21) und welche Hilfsmittel braucht es, um etwa bei Wellen besser über das Wasser zu

Die Werkzeugkunde und die Einweisung in den Gebrauch der vorgefertigten Geräte wurde von internen und externen Archäotechnikern begleitet. So wies Harm Paulsen (Abb. 22), Schleswig, in das steinzeitliche Leben aus eigenen Erfahrungen

ein und zeigte alles um das Thema „Steinverwendung“, „Jagd und Waffenkunde“. Anne Reichert (Abb. 23), Ettlingen, demonstrierte die Werkstoffe Gras, Bast, Rinde, Leder, Fell und Lehm und lehrte ihre Nutzung in steinzeitlichen Gemeinschaften. Überlebenstrainer Thomas Patzleiner (Umhausen), produzierte aus Beeren, Trockenfleisch und Fett echte Notfallnahrung – „Pemmikan“ (Abb. 24). Rolf Auer vom Pfahlbaumuseum, führte in die Geheimnisse der richtigen Holzbearbeitung ein, Berthold Knoblauch als orts-

Abb. 18: Feuermachen und Kochen: Einführung beim Coaching durch Nina Künzler-Wagner.

Abb. 20: Fischnetzknüpfen. Der örtliche Fischer Berthold Knoblauch als Instruktor.

Abb. 22: Harm Paulsen weist in die Technik des Feuermachens und des Silexschlagens ein.

Abb. 24: Der Überlebenstrainer stellt mit den Probanden die Wegzehrung – „Pemmikan“ – her.

Die ausgewählten Darsteller wussten, wie „ein Tag in der Steinzeit“ sich darstellte, hatten durch das wissenschaftliche Team des Pfahlbaumuseums einen theoretischen und praktischen Überbau erhalten und waren für ihr Abenteuer gut gerüstet. Mit dem Gang durch eine Zeitschleuse am Sonntag, den 30. Juli 2006 legten sie alle modernen Kleidungs- und Ausstattungsstücke ab und erhielten nachgemachte steinzeitliche Ausrüstungsgegenstände. Unter der Haut waren sie mit all ihren

Abb. 19: Im Versuch: Rolf Auer vom Pfahlbaumuseum führt in die Holztechnik ein.

Abb. 21: Testfahrt mit dem Einbaum auf dem Bodensee.

Abb. 23: Anne Reichert bei der Demonstration antiker Flechtverfahren.

Abb. 25: Lendenschurz für die kleinen Zeitreisenden – Eine neue Erfahrung.

Abb. 26: Die 13 Zeitreisenden nach Einkleidung an ihrem ersten Steinzeittag.

18 Plattform

ansässiger Uhldinger Fischer berichtete über die jeweils beste Methode, die verschiedenen Fische möglichst in großer Zahl zu fangen.

Vorstellungen noch Menschen des 21. Jahrhunderts geblieben, die schnell noch eine letzte „Galgen-Pizza“ verschlangen, bevor es in die körnerreiche Steinzeit ging. Auf der Haut aber fühlte sich alles für sie wie „echt Steinzeit“ an. Schmuck aus Muscheln, Kalksteinen und Samenkapseln, keine Unterhosen sondern kratzende Lendenschurze (Abb. 25) – das war vor allem für die kleinen Schauspieler gewöhnungsbedürftig. Moderne Schuhe aus, Brille ab, Nasenring raus (Abb. 26), rein in den Bus und ab in die Vergangenheit an den geheim gehaltenen Ort, nach Fuchsenloch, Unterankenreute, Gemeinde Schlier, bei Weingarten im Landkreis Ravensburg.

Plattform 19

Das Steinzeitdorf im Experiment Für das Museum sollte jetzt nach einer intensiven Vorbereitungszeit eine ungewohnte Stille nach der vom Sender auferlegten Kontaktsperre bis zum Ende des Versuchs einsetzen. Eigentlich war jetzt 8 Wochen Urlaub für die Museumsmannschaft vorgesehen. Das Experiment war in seinen äußeren Parametern sorgfältig gesetzt. Nach Drehregel sollte die Beobachtung und Dokumentation des Versuches jetzt vollständig vom Film übernommen werden. Der Zutritt zum Set war nur dem Kameramann mit Assistenz und Ton sowie dem Regisseur gestattet. Ausnahmen gab es für die Exklusiv-Berichterstattung ausgewählter Magazine und Blätter. Allzu gerne hätte die Wissenschaft das Fernsehexperiment jetzt in seinem weiteren Verlauf verfolgt und dokumentierend begleitet, wie dies etwa bei britischen Living History Produktionen inzwischen üblich ist.25 Die Spielregeln sahen jedoch vor, keine Störung von außen zuzulassen, um ein Höchstmaß an „steinzeitlicher Wirklichkeit“ zu generieren. Dies wurde von wissenschaftlicher Seite aus, wenn auch nur schweren Herzens, akzeptiert. Doch die angekündigte Ruhe währte nicht lange.

25

Dvoraková 2006, 96: Tales from the Green Valley. Das Team der Probanden bestand dort aus zwei Historikern und drei Archäologen. BBC 2 August 2005.

26

Schlenker / Bick 2007, Die Produktionsregeln: 39 – 41. Pannen des Alltags: 67 – 68. Ist Steinzeit heute noch herstellbar?: 164 – 165.

27

Martin Burberg fertigte das „Originaltagebuch“ mit den Steinzeitskizzen auf der Nordwand des Haupthauses mit Holzkohle und Rötel.

28

Schöbel 2007, 2 – 3.

20 Plattform

Die Katastrophen und Notfälle kamen schon nach dem ersten Wochenende. „Hallo, ich stehe hier im Naturkostladen, die schaffen es nicht mit dem Entspelzen, dürfen wir auch Hafer oder Grünkern nehmen?“ – „Hilfe ein Topf ist beim Kochen explodiert. Ist dies gefährlich mit den Kindern – oder können wir andere Töpfe haben?“ – „Kommen Sie schnell mit den Handwerkern, der Ofen ist durchgebrannt. Der Regisseur wünscht, dass sie sofort kommen.“ – „Das Dach ist undicht. Es regnet rein. Was können wir tun?“ – „Der Aktometer hat bei Olli gestern 5000 Kalorien Verbrauch gemessen, das ist viel zu viel Energieverbrauch, das bekommt er durch das Körnerfutter gar nicht mehr rein“ – „Es ist kalt, es regnet, wenn einer krank wird, dann gehen alle, sagen sie“ – Der Abbruch des Filmexperimentes drohte. – „Sie wissen sich nicht zu helfen, sie stehen viel zu spät morgens auf und kriegen nichts auf die Reihe, wir müssen sie von außen versorgen, was sollen wir machen?“ „Haben Sie noch Felle, wir brauchen dringend etwas zum zudecken? – Sie fangen nichts, die Fischreuse ist falsch gebaut, der Bogen ist nicht richtig, die Mahlsteine funktionieren nicht – können Sie diese nachschärfen?“ Was war geschehen? Hatten die Probanden schon alles verlernt, was man ihnen eine Woche vorher Schritt um Schritt in einem Kompaktkurs beigebracht hatte? Warum konnten sie sich nicht selber helfen und warum funktionierten die „Notfall-Coaches“, die Experimentalarchäologen, nicht? Es schien aus der Entfernung so, dass moderne Menschen ohne ihre gewohnten zivilisatorischen Klammern und Dienstleistungen nicht mehr handlungsfähig waren und sie warteten, bis ihnen geholfen wurde. Eine erste Reaktion der Schauspieler war: „Das

haben die vom Film in Absprache mit dem Museum extra gemacht, die haben Fehler eingebaut, um die Geschichte spannender zu gestalten“ – was nicht stimmte.

können. Und alle in festen Häusern Sitzenden, darunter die Museumsmitarbeiter in Unteruhldingen, zitterten und litten aus der Ferne mit.

Die Produktionsregeln des living-science Projektes drohten zu kippen. Die Protagonisten führten nicht. Sie konnten sich nicht selber „steinzeitlich“ helfen und erfanden zunächst auch nichts – sieht man einmal von Regenumhängen aus Wildschweinfellen ab – um ihre Situation entscheidend zu verbessern. „Vollkaskomentalität“ oder „Gewährleistungsdenken“ der heutigen Zeit26 – oder schlichtweg eine Überforderung einer zu wenig im Überlebenstraining geschulte Mannschaft? Der Film dokumentierte die Schwierigkeiten detailliert, dort ist alles aufgenommen, was sich aus dem eigentlich zu vermeidenden ersten „Scheitern“ der Versuchspersonen ergab. Es zeigten sich anfangs Hilf- und Ratlosigkeit, ausgelöst durch ungewohnten Regen und Kälte, aber auch bald schon – vor allem im Ernährungssektor – die ersten geglückten Lösungsversuche.

Am 8. August, 10 Tage nach dem Einzug, wurde die Museumsmannschaft entgegen der anfänglich erstellten Drehregeln zu einem Notfalleinsatz zur Dachreparatur auf das Set gerufen. Die Stimmung unter den Schauspielern war gespannt. Das Dach des Haupthauses trug Plastikplanen, im Inneren lagen moderne Decken und Schlafsäcke. Am Feuer gab es von den Kindern angeboten Graupenbrei mit Nüssen und Honig, der im Holzlöffel serviert, vorzüglich schmeckte. Die Frauen teilten mit, dass jedoch die Honigvorräte bald zu Ende seien und sie jetzt, wenn kein Nachschub käme, sparen müssten. Die durchnässte Kleidung bereite Probleme. Es sei kaum noch möglich, im Dauerregen Leinenhemden und Felle zu trocknen. „Wir haben nur zwei Garnituren und drunter nichts an, wir frieren und unter den Erwachsenen gibt es bereits drei Fußverletzte, die Kinder sind noch unversehrt und in einem guten Zustand. Sie haben obwohl sie barfuss laufen keine Fußprobleme, aber wir kommen bei diesem Regen kaum aus den Häusern heraus. Das ist bei so vielen Leuten im Haus schwierig. Außerdem sind auch die Sammelfrüchte wie Himbeeren sehr selten und hier dieses Jahr sehr klein ausgefallen.“

Nach einem sehr heißen Juli in der Vorbereitungsphase hatten die Probanden bei der Durchführung des Projektes im August 2006 sintflutähnlichen Regenfällen und eine für diesen Monat viel zu niedrige Temperatur zu ertragen. Die Auswahl des wärmsten Monats im Jahr mit einer gut gefüllten Vorratskammer kurz vor der Haupternte, war eigentlich zur Erleichterung des Steinzeitlebens zur besseren Konzentration auf spannende handwerkliche und kreative Prozesse gewählt worden – und jetzt das. 150 Liter Regen pro Quadratmeter an einem Wochenende, 20 cm Bodenseepegelanstieg in nur 2 Tagen, Stürme und Tornados – schlimmer hätte es wirklich nicht kommen

erwachsenen Probanden wirkten gedrückt, gar paralysiert, ängstlich, wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange. Der Dauerregen hatte ihnen ihren Mut und ihre sprühende Steinzeitfreude genommen, die sie beim Coaching am sonnigen Bodensee zwei Wochen vorher noch so ausgezeichnet hatte.„Wir haben keine Leiter und wir gehen bei diesem Wetter nicht aufs Dach, um die Löcher zu stopfen und wir können uns nicht um die Beschaffung von Rindenbahnen oder Schilf kümmern, wenn wir soviel Zeit brauchen, um Nahrung herbeizuschaffen.“ Das Aufbrausen gerade der ruhigeren Dorfbewohner, die vorher durch nichts aus der Ruhe zu bringen waren, zeigte den Ernst der Lage an.

Abb. 27: Das Dorf versinkt im Morast. Wochenlanger Regen beeinflusst die Dreharbeiten und die Stimmung.

Durch Museumshandwerker Rolf Auer war das Dach in einem Tag Arbeit und das Auflegen einiger Schilfbündel wieder abgedichtet. Alle weiteren Problemfälle im Steinzeitleben der Sippe und auch die glücklichen, erfolgreichen Momente, wurden im „Steinzeittagebuch“ auf der Außenwand der Haupthütte festgehalten.27 Diese gezeichnete Chronologie der 8 Wochen in Bildern und Piktogrammen fasste die geglückten und misslungenen Experimente zusammen, daneben aber auch alltägliches wie das Melken oder das Körner mahlen. Wie bei einem modernen Wandkalender fehlten dabei aber auch nicht die besonderen einschneidenden Ereignisse, wie der Weggang der Alpenwanderer aus dem Dorf, die Schlachtung des ersten Schweins oder die verschiedenen Kindergeburtstage (Männchen mit Stern). Diese „Wandzeitung“ war später für die museologische Aufbereitung in der Begleitausstellung Unteruhldingen von großer Bedeutung.28

Mit den Männern ergaben sich intensive Diskussionen um ein Loch am Dachfirst, wegen abgerutschter Grasbündel, feuchten Schlafstellen, Rauch, der vom Backofen auf der „Veranda“ in das Hausinnere zog, misslungene Darrversuche von feuchtem Spelzgetreide und um hustende Ziegen und langsam im Matsch versinkende Rinder. Die

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Missglückte Experimente Der Experimentcharakter des wissenschaftlichen Filmprojektes zeigte sich auf verschiedenen Feldern. Es gab technische Experimente, etwa beim Hausbau, naturwissenschaftliche Experimente, beispielsweise beim Feuer machen oder aber das zentrale Experiment des Zusammenlebens einer Gruppe des 21. nachchristlichen Jahrhunderts unter nachgebildeten Bedingungen des 35. Jh. vor Christus. Letzteres war der spannendste Versuch aus Sicht des Museums. Das Feldexperiment war methodisch angelegt, die Versuchsanordnung zumindest dem Planungsstab im Detail bekannt. Schwächen gab es wie bald zu bemerken war, bei der Qualifikation der Probanden. Kritisch betrachtet reichte es nicht, Archäotechniker bei Problemen einzubinden. Besser für ein archäologisches Experiment wäre es gewesen, Experimentalarchäologen zur Verbesserung der wissenschaftlichen Ergebnisse gleich von Anfang an in das Team zu integrieren oder aber die Handlung von diesen selbst durchgängig gestalten zu lassen. Ob dies dann genauso unterhaltsam geworden wäre, müsste durch ähnliche Versuche noch geprüft werden. Die Stärke des Projektes gegenüber vergleichbaren in Skandinavien oder Großbritannien bestand aber mit Sicherheit darin, dass durch eine durchgängige Filmdokumentation, die im übrigen zukünftig Teil jedes archäologischen Experimentes sein sollte, eine gute Nachvollziehbarkeit der Ereignisse gewährleistet wurde. Dies betraf auch die gescheiterten Experimente, deren Lehrwert für die Darstellung steinzeitlicher Prozesse im Museum wertvoll waren.

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Abb. 28: Feuermachen ist kinderleicht.

Abb. 29: Entspelzen ist mit feuchtem Getreide schwierig.

Abb. 30: Geplatzte Kochtöpfe sind das Ergebnis zu starker direkter Feuereinwirkung.

Abb. 31: Nach Ausbesserung hält der Backofen bis zum Projektende durch.

Abb. 32: Mit Ausleger und bei ruhigem See ist der Einbaum ein schnelles Fortbewegungsmittel.

Beispiel 1: Das Feuer machen wollte im Film zunächst trotz intensiver Unterweisung nicht klappen. Was war schief gegangen? Der Feuerstein und der Pyrit waren anfänglich nicht dicht genug am Zunder gehalten worden, die Funkenflugstrecke war zu lang. Der Bedienungsfehler am prähistorischen Feuerzeug wurde jedoch nach mehrmaligem Versuch erkannt. Später klappte das Feuer machen selbst bei Regen problemlos.

Beispiel 2: Auch das Entspelzen des urtümlichen Getreides (vgl. hierzu den Beitrag Hans Lässig im Band) – ein ganz alltäglicher Vorgangs zur Steinzeit – gelang trotz wechselnder Versuchsanordnungen, Darrund Röstversuchen nicht. „Stumpfe Getreidemühlen“, „falsche Mörser“ und „feuchtes Getreide“ wurden dafür verantwortlich gemacht. Dabei waren es nicht optimal ausgeführte Röstvorgänge und Mörserversuche, die das Aufschließen der Körner auf dem Filmset erschwerten – ein Verfahrensfehler. Dass es kinderleicht war, konnten die Probanden später selbst in einer Versuchsanordnung im Museum erfahren. Das Mehl zu Mahlen brauchte dann auch nicht mehr Stunden sondern konnte für 100 g selbst für Ungeübte in weniger als einer halben Stunde erarbeitet werden.

Beispiel 3: Die geplatzten Kochtöpfe resultierten aus einer zu direkten einseitigen Hitzeeinwirkung am offenen Feuer. Temperaturunterschiede von über 400 Grad zwischen der Außen- und der Innenseite eines Gefäßes sind auch bei moderner Keramik nicht unproblematisch. Dieser Bedienungsfehler kam aber auch schon in der Steinzeit vor, wie originale Töpfe aus den Bodenseepfahlbauten belegen.

Beispiel 4: Der nach unten durchgebrannte Backofen auf dem Vorplatz des Haupthauses hatte zwei Ursachen. Da sich die Konstruktion aus Feuerschutzgründen außen und nicht im Innenraum befand, war der Isolationslehm an der Basis mit etwa 10 cm nicht stark genug, es fehlten die weiteren 10 – 12 cm des allgemeinen Hausbodenbelags. Weitaus entscheidender war allerdings die Überbeanspruchung des Backofens als Dauerbrandofen, der aus Gründen des schlechten Wetters, mit allerdings wenig Wirkung für den Innenraum, durchgängig und nicht kurzfristig wie bei einem Kuppelofen üblich, beheizt wurde.

Beispiel 5: Der Untergang des Einbaums war nicht der Konstruktion sondern dem zu stürmischen Wetter zuzuschreiben. Lange Wellen und Sturmwarnung für den Obersee hätten keinen Steinzeitmenschen dazu bewogen, an diesem Tag die Überfahrt im kleinen Einbaum zu wagen. Selbst ein noch im Coaching von den Alpenüberquerern selbst angebrachter Ausleger konnte das filmisch sicher nicht unwillkommene Missgeschick verhindern. Ein Versuch bei besserem Wetter hätte wie vorher vollzogene Experimente am Bodensee zeigen, sicher zu einer erfolgreichen Überquerung geführt. Auch ein höherer Freibord des Bootes wie im Schweizer Filmexperiment eingesetzt hätte den Untergang nicht verhindert. Der SWR Einbaum entsprach in seinen Maßen dem Originalbefund neolithischer Wasserfahrzeuge.

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Zur Diskussion Vgl. etwa Schöbel 2005 b, 16. Schilfgras ist bei entsprechend steilerer Dach-

Abb. 33: Dachdecken wird im Verlauf des Projekts zum Kinderspiel, nachdem der Regen überstanden ist.

Abb. 34: Es war der Honig und nicht der Getreidebrei, der die Zahngesundheit beeinflusste.

steigung die beständigste Dachdeckungsart, wie Vergleiche mir Schindeln, Gras, Rinden oder Rassoden in den Freilichtmuseen Europas zeigen. Während bei Weißtannenschindeln nach 10 Jahren (Arbonhaus Unteruhldingen) bereits eine Komplettsanierung aufgrund von Durchfaulung ansteht und bei Grassodendächern (Haus „Wasserburg“ Freilichtmuseum Bad Buchau) schon nach zwei Jahren moderne Plastikfolien zwischen Grassoden und Dach zur Dichtigkeit eingebracht werden mussten, konnten in Unteruhldingen gerade nach 86 Jahren die noch intakten Dachdeckungen aus Schilf an den Häusern von 1922 ersetzt werden. Rindendächer (Freilichtmuseum Bad Buchau) sind in See abgewandten geschützten Lagen bei Einsatzzwecken bis zu 10 Jahren sicher auch eine Alternative, halten aber ebenso wie Holzschindeln (ohne Nagelung oder zusätzlicher Dachsicherung mit Balken und Steinen) größeren Stürmen über Windstärke 7 bei Dachsteigungen über 20 Grad nur unzureichend stand. 31

Freundliche Mitteilung vorab zur Nachbetrachung des SF Projekt durch Urs Leuzinger, Amt für Archäologie des Thurgaus, Frauenfeld. Die Darsteller des deutschen Projektes erhielten von Anwohnern des benachbarten Dorfes, die Mitleid hatten, ohne Wissen der Filmverantwortlichen zusätzlich des Nachts mehrmals Honiggläser an den Dorfzaun gehängt. Von dort wurden sie dann genauso heimlich und säuberlich gespült wieder abgeholt. Frdl. Mitteilung Hubert Appenmaier, Unterankenreute. Die Darstellung bei Schlenker / Bick 2007, 166 – 167 nach Wittwer-Backofen muss entsprechend korrigiert werden.

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Beispiel 6: Das undichte Dach im Hauptwohnhaus war auf abgerutschte Grasbündel entlang des Firstbalkens auf 2 m Länge und 5 cm Breite zurückzuführen. Eine vierwöchige Hitzeperiode nach der Fertigstellung des Dachs ließ die Rohrglanzgrasbündel schwinden. Die Verzahnung der Gräser ineinander ist aufgrund der geringen Halmstärke und glatterer Oberfläche gegenüber Schilf oder Stroh schlechter. Die Grasbündel boten den bis zu 150 Liter Regen auf den m2 an nur einem Wochenende keinen ausreichenden Widerstand. Die Erfahrung zeigt, dass sich gröberes Röhricht in fester Lage besser für die umgesetzte Dachsteigung eignet, das sich etwa in den Pfahlbauten von Unteruhldingen schon über 85 Jahre hält.29

Dachdeckversuche der Schauspieler am „Junggesellenhaus“ 3 gelangen nach wenigen Wochen Besiedlung (Abb. 33) problemlos, auch wenn das anfängliche Ziel einer Fertigstellung des ganzen Daches während der Drehzeit aus Zeitmangel nicht glückte. Das von Beginn an mit Schilf versehene Vorratshaus Nr. 2 auf dem Filmset zeigte trotz gleicher Witterungsbeanspruchung wie bei Haus 1 keine Schäden und blieb bis zum Abbau im darauffolgenden Frühjahr dicht.

Beispiel 7: Die Zahngesundheit der Steinzeitmenschen war nachweislich besser als im Film dargestellt. So etwa wurden im Film kariöse Gebisse gezeigt, die angeblich für die jüngere Steinzeit typisch seien. Die Interpretation im Film verwies auf eine Expertenmeinung zur schlechten Zahngesundheit zur Steinzeit in Südwestdeutschland und interpretierte den medizinischen Befund der Nachuntersuchung der Probanden in der Zahnklinik Freiburg mit einer Karieszunahme aufgrund spezieller Nahrungs- und Lebensgewohnheiten bei nachlassender Zahnhygiene durch die Probanden im Verlauf des Projektes.

Nur bei einem Jungen, der sich regelmäßig die Zähne mit einem Stöckchen putzte, sei dies nicht ermittelt worden. Im Getreidebrei war das verursachende Nahrungsmittel gefunden. Hier muss ein Einspruch der Korrektheit der Interpretation wegen erfolgen. Die Gebisse, die aus dem Neolithikum in Mitteleuropa vorliegen, sind wie von der Anthropologie zweifelsfrei zu belegen ist, weitgehend kariesfrei, dafür aber aufgrund der stark siliziumhaltigen Getreidenahrung in der Regel stark abgekaut. Gezeigt wurden im Film durch die Vertreterin der Paläoanthroplogie der Universität Freiburg untypische steinzeitliche Gebisse und die Karieswerte rührten dort wie am Fuchsenloch nicht vom Getreide, sondern sind ein Ergebnis des starken und bislang kaum erwähnten Honigkonsums im Steinzeitdorf. Dies konnte durch den nachfolgenden Versuch im Feldexperiment des Schweizer Fernsehens SF ein Jahr später 2007 belegt und methodisch korrekt im Folgeversuch falsifiziert werden. Dort war ohne Honig Extraportionen, die den Brei versüßten, keine Erhöhung der Kariesbefunde festzustellen.30

Allgemein kann gelten, dass naturwissenschaftliche Experimente kausale Zusammenhänge dokumentieren. Das Nachspüren einer Wirkung setzt aber voraus, dass nicht nur die Versuchsanordnung bekannt sein muss, sondern auch alle möglichen Ursachen, die ein Ergebnis beeinflussen können. Die missglückten Experimente zeigen, dass eine kritische Nachbetrachtung der dargestellten Erkenntnisse zur Steinzeit nach der Fernsehberichterstattung sinnvoll ist und mit Generalisierungen im Film stets vorsichtig umgegangen werden muss. Eine Einzelprüfung lässt sich durch die lückenlos vorliegende Dokumentation gewährleisten. Gerade die gescheiterten Versuche sind es aber, die den allgemeinen Erkenntnisprozess für den Zuschauer und Museumsbesucher, manchmal noch stärker wie die gelungenen Experimente, unterstützen können. Sie führen zu der erwünschten weiteren Auseinandersetzung mit den Interpretationen zum Thema Steinzeit und zu den Pfahlbauten in der Wissenschaft und in der Öffentlichkeit.

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Gebrauchsspurenanalyse und das Set nach dem Film

Geglückte Experimente Die vielen geglückten Versuche, steinzeitlich zu arbeiten und zu leben, gerieten gegenüber den Pannen für den Fernsehzuschauer etwas in den Hintergrund. Gerade diese waren es aber, die den Film vor allem für die museologischen Aspekte wertvoll machten. Der Mehrwert dort waren die persönlichen Erfahrungen der Probanden im Umgang mit den steinzeitlichen Methoden und Lebensumständen. Die Tatsache, dass nach 2 – 3 Wochen modernes zivilisationsgeprägtes Fehlverhalten langsam reflektiert werden konnte und trotz interner Auseinandersetzungen Anpassungen an das andere Leben erfolgten, ist besonders bemerkenswert. Dem durch Kälte und Regen und durch fehlende moderne Werkzeuge und Bereitstellungen erzeugten Schock folgten bei besserem Wetter bald eine ganze Reihe von Lösungsansätzen, was allerdings in der ersten Filmstaffel der Hauptfilme mit einigen Ausnahmen zunächst weniger hervorgehoben werden konnte.31 Diesen Teil leistete wie beabsichtigt mehr die wissenschaftlich orientierte Internetpräsentation. Der geglückte Alpenübergang, die Eignung der „Ötzi“ Kleider für den Test oder die Orientierung der Schlaf- und Wachphasen der Probanden am Tageslicht sind Beispiele hierfür.32

31

Die 2008 ausgestrahlten und neu geschnittenen Filme zum Dorfleben (Regie Margret Schepers) und zum Alpenübergang (Regie Hartmut Woetzel) zeigen einen mehr persönlicheren Blick der Probanden auf ihr Erleben, die zwischenmenschlichen Konflikte, aber auch das Glück darüber, sich trotz schwieriger Bedingungen nach einer Eingewöhnungszeit doch zurecht gefunden zu haben.

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Schlenker / Bick 2007, 166 – 167. „Living science – Was kam raus“

Feuermachen, Kochen und Heizen gelang nach den ersten Umstellungen. Man musste nicht mehr länger wie zu Anfang „Kalte Küche“ betreiben. Eine bessere Anpassung an die ungewohnte Kälte und an den Regen stellte sich ein. Neue Kleidungsstücke entstanden. Die Füße gewöhnten sich an das Barfuss laufen. Die Kinder halfen mit der Zeit besser mit – nur das früh Aufstehen zur Steigerung der täglichen Arbeitsleistung wollte nicht bei allen Teilnehmern gleich gut gelingen, was zu Diskussionen führte. Überlebensstrategien entwickelten sich bei den Dorfbewohnern. Missglückte Kornaufbereitungsversuche von Spelzgetreide und schlechte Sammelergebnisse wurden durch die Verwendung von Nacktgetreide und dem stärkeren Einsatz von Milchprodukten für Brei und Frischkäse oder das Schlachten von Tieren kompensiert. Tausch und Handel brachten vom Markt Hülsenfrüchte und geräucherten Speck gegen Töpferwaren. Honiggläser am Dorfzaun stillten den Zuckerbedarf zusätzlich. Äpfel von den benachbarten Bauern ergänzten den immer reichhaltiger werdenden Speiseplan. Das Bewusstsein über die Zusammenhänge einer ausreichenden Nahrungsproduktion als Grundlage für eine dann erst mögliche Kreativität und ein auf Überschussproduktion an Nahrungsmitteln angewiesenes Spezialistentum entstand. Deswegen war in den ersten Wochen die Bauernfamilie als Versorger wichtiger als die Töpferfamilie. Es traten Spannungen auf – zeichenhaft auch für unsere moderne Zivilisation – die mit einem Wechsel in der Hierarchie vor und während dem Experiment in Verbindung zu bringen war.

Archäologisch betrachtet war das Filmset eine materielle Rekonstruktion eines Steinzeitdorfes, das von modernen Menschen mit anfangs nicht ausreichendem Ausbildungsstand bespielt wurde. Es entstanden durch die Auseinandersetzung mit den Geräten und dem Leben im prähistorischen Ambiente auf dem Wege der Alltagsbeobachtung Erfahrungen, aber auch Spuren, die für die Experimentelle Archäologie von großer Bedeutung sind. Der Versuch wurde dokumentiert und kann wiederholt werden. Die Nachvollziehbarkeit des Experiments ist gewährleistet. Es gab Kritik aus Archäologenkreisen, weil bei anderer Besetzung und vorgegebener Dramaturgie der wissenschaftliche Mehrwert noch besser hätte ausfallen können. Dies wäre dann vielleicht zu Lasten des Unterhaltungs- oder des Informationswertes gegangen. Weniger Zuschauer wären bei der ständig zappenden Fernsehgemeinde die Folge gewesen. Dies ist zu berücksichtigen. Mit dem Nachfolgeprojekt des Schweizer Fernsehens SF 2007 „Pfahlbauer von Pfyn“ wurde ein gutes Vergleichsobjekt entwickelt, das vom Ansatz her weniger Unterhaltung und mehr Wissenschaftspräsentation beabsichtigte. Ein direkter Vergleich lohnt. Zusammen mit den Begleitprodukten im Internet, den bereits erwähnten Wissensfenstern oder dem deutschen Schulfernsehen, sind beide Steinzeitprojekte für eine Evaluation des wissenschaftlichen Wertes bestens geeignet. Die Bewohnung des Dorfes erzeugte im Boden und in den Häusern in bester archäologischer Manier Spuren von Aktivitäten. Diese waren auch nach dem Verlassen des Filmsets noch deutlich zu erkennen. Sie ermöglichen archäologische

Nachweise. Spätere Ausgrabungen des Spielgeländes könnten zur Überprüfung zugrunde gelegter wissenschaftlicher Interpretationen eingesetzt werden. Würde die Analyse dann Pfahlbauten oder ebenerdige Hütten ergeben?

Abb. 32: Gebrauchsspurenanalyse an den benutzten Werkzeugen im Pfahlbaumuseum.

Mit den Berichten der Probanden und der Dokumentation im Rahmen eines ersten surveys gelang es, Befundinformationen ereignisnah zusammenzutragen, die bei einer späteren Ausgrabung nicht mehr ermittelbar sein werden (Abb. . Sie zeigten Fragestellungen für weitere Forschungsschwerpunkte zu den prähistorischen Pfahlbauten auf. Interviews mit den Schauspielern, eine Karte der „Hauptaktivitätszentren“ (Abb. 36), eine fotografische Dokumentation der noch am Erdboden sichtbaren Fundverteilungen und ein Protokoll der Geländeentwicklung seit der Auflassung sind für spätere Untersuchungen vorhanden.

Abb. 33: Am Boden nachweisbare Hauptaktivitätszentren entstanden während der Bewohnung durch die Probanden auf dem Filmset.

Zur Veranschaulichung der archäologischen Ausbeute ist, soweit dies der Film nicht zeigt, festzuhalten, dass etwa die „Stechmückenfrage“ in den Pfahlbauten plausibel beantwortet werden konnte. Diese an einem See üblichen Plagegeister stellten nach kurzer Zeit anscheinend kein Problem mehr dar. Empirisch wurde dies durch die Bewohner auf größere Intervalle bei der regelmäßigen Körperpflege zurück geführt. Überraschenderweise hatten die Kinder, die zunächst noch kräftiger gestochen wurden (Abb. 37), im Gegensatz zu den Erwachsenen dafür überhaupt keine Probleme mit Fußverletzungen (Abb. 38). Lederschuhe waren bei Regen wenig geeignet und nur für kurzfristigen Abb. 37: Schnakenstiche bei Kindern traten vor allem in der ersten Woche auf.

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Abb. 38: Fußverletzungen plagten anfangs die Erwachsenen.

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Abb. 39: Lederschuhe eigneten sich bei der Verwendung im Regen nur für kurze Zeit als Fußbekleidung. Sie wurden hart und unbequem.

Abb. 40: Leinenhemden erwiesen sich als beste Art der Kinderbekleidung. Einfache Kappen entstanden aus Wildschweinfellen. 33

Schlichtherle 2005, 47 47 – 48, 51, Abb. 9 mit Bezug auf die Gebrauchsspurenanalysen durch Anderson, Plisson und Ramseyer 1992: Die dortigen „Faustmesser“ der Horgener Kultur müssen aufgrund der rechtwinklig zur Schneide angetroffenen Gebrauchsspuren nicht zwingend zur Ernte eingesetzt gewesen sein. Es ist auch möglich, dass der „Sichelglanz“ vom täglichen Portionieren der im Halm geernteten Vorräte im Dorf her rührt.

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Abb. 41: Verschimmelte Vorräte.

Abb. 42: Saure Milch infolge fehlender Kühlung.

Einsatz verwendbar (Abb. 39). Bastschuhe wurden auf Alltagstauglichkeit nicht getestet. Vergleichsversuche in Unteruhldingen zeigten jedoch, dass diese nur bei weichem Untergrund wie Waldboden oder Feuchtwiese eine längere Haltbarkeit als 2 – 3 Tage besitzen. Blasenentzündungen, Erkältungen und Fußpilz waren im feuchten Milieu bei einfacher Bekleidung und Vor-

Abb. 43: Die großen ergonomisch geformten Sicheln erzeugten im Gegensatz zu den kleinen Horgener Messern keine Blasen.

Abb. 44: Das etwa 1 ha große Feld war während der Drehzeit nur zu einem geringen Teil durch die Probanden abgeerntet worden.

sorge nicht zu verhindern. Fell und Leder schützte bei Kälte und Regen weitaus besser als Leinen oder Bast. Bei trockenem und warmem Wetter stellten Leinenhemden vor allem bei den Kindern (Abb. 40) eine ideale Bekleidungsart dar. Bis auf vereinzelt notwendigen Arbeiten an den Nähten fielen keine Reparaturarbeiten an. Fellkappen wie Taschen, die im übrigen in größerer Zahl von den Probanden selbst hergestellt wurden, waren wichtig für das Arbeiten bei Regen (Abb. 40) oder den Transport von alltäglichen Dingen wie Proviant und Sammelfrüchten. Das Schimmeln oder Schlecht werden der Vorräte war trotz sorgfältiger Lagerung im Haus nicht zu verhindern (Abb. 41). Ohne sofortige Kühlung oder Erhitzung war die kostbare Kuhmilch in Kürze sauer (Abb. 42). Bei Regen schützten sich die Ziegen, indem sie sich unter den Häusern oder auf die Veranda der Häuser aufhielten. Kaum etwas Fressbares war vor ihnen sicher. Vor allem die zarten Triebe an Bäumen und Büschen im Siedlungsumfeld waren bald auf über Mannshöhe abgefressen.

Öl- und Fischtranlampen sorgten für eine spärliche Beleuchtung der Innenräume. Das fehlende Licht bei Nacht in ungewohnter Umgebung führte bei den Kindern dazu, dass sie sich stets wie Blinde, an der Hüttenwand entlang tastend, die Ausgangstüre suchten. Bei den eingesetzten Erntegeräten und Sicheln eigneten sich die handgerecht geformten und für den Schneideneinsatz gedachten besser als die kleinen Horgener Messer zum Zupfen der Ähren (Abb. 43).33 Zu kleine original für Steinzeithände gemachte Geräte erzeugten im Dauereinsatz jedoch Blasen. Eine Inaugenscheinnahme des Drehortes und seiner Umgebung am 22. September 2006, acht Wochen nach dem Einzug, kurz vor Ende ergab spannende Zusatzinformationen. Das vor Tieren mit einem Zaun geschützte Feld (Abb. 44) war überraschenderweise erst teilweise im Bereich des Getreides abgeerntet. Der Lein wartete noch auf seinen Schnitt. Die Qualität der Feldfrüchte

Abb. 45: Lein, Gerste und Rübchen waren trotz der Wetterkapriolen gut gewachsen.

Abb. 47: Die Tiergehege beim Dorf, hier der Schweinekoben, waren tief umgewühlt.

Abb. 46: Zum Erntedankfest konnte ein Strohlabyrinth auf der Ackerfläche eingerichtet worden.

Abb. 48: Große Holzschalen eignen sich auch als Holzfuttertröge.

(Abb. 45) war vorzüglich. Genügend Vorräte für den Winter standen noch zu Verfügung. Spuren eines unbekannten Ritus in Form eines Labyrinthes aus Stroh und kleinen Opfergaben im Zentrum der Ackerfläche waren zu erkennen (Abb. 46). Die Tiergehege im Dorf befanden sich in einem guten äußeren Zustand. Der Schweinestall war tief umgewühlt (Abb.

47), die großen Holzfuttertröge hatten sich bewährt (Abb. 48). Deutliche Trittspuren der Tiere und Menschen zeigten sich entlang der Dorfwege. Bohlen und Äste waren zur Verbesserung der Trittsicherheit durch die Bewohner an den sumpfigsten Stellen gelegt worden.

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Abb. 49: Die Trittspuren der Rinder prägten sich über 30 cm in den Erdboden ein.

Abb. 50: Neben den Häusern konnte ein Mosaik aus Pfaden, Plätzen und Verkehrsflächen bemerkt werden. Abb. 52: Auch unter den Gebäuden waren die ersten Anfänge einer Kulturschichtbildung bemerkbar.

Abb. 51: Zweige und Holzspäne lagen verstreut um die Häuser.

Abb. 53: Unter dem Dachüberstand waren entlang der Wände die Töpfe in Reihe aufgereiht worden.

Abb. 54: Neben dem Kochfeuer standen die Gefäße in Gruppen angeordnet.

Abb. 55: Gebrauchsspuren an den Werkzeugen zeigten deren intensive Nutzung auf.

Vegetationsfreie Flächen entlang der Häuser und Pfade wurden im Gegensatz zu grasbewachsenen Flächen bemerkt (Abb. 49, 50). Stellenweise waren Schilf- und Lehmlagen und kompakte Zweig- und Holzspanlagen, zum Teil U-förmig – wie von Ausgrabungen bekannt – um die Häuser konzentriert (Abb. 51). Unter den Hütten lagen neben den Resten des Hausbaus wie Schnüren, Gras, Laub und Holzschnipseln auch Haselnussschalen, Apfelreste, Ziegenkot und Textilfetzen, die wohl zum Teil durch die Ritzen des Bodens des Pfahlbaus gefallen waren (Abb. 52). Automatisch würde hier aufgrund der Fundkonzentrationen entlang eines Laufhorizontes bei späteren Ausgrabungen auf ebenerdige Bauweise geschlossen werden. Exemplarisch wurden Bodenproben zu Vergleichszwecken aus diesen organisch angereicherten Schichten entnommen.

Kochfeuer (Abb. 54). Patinierte Werkzeuge wie Hacken und Beile lagerten zusammen im Vorratshaus (Abb. 55). Geplatzte Backteller aus Ton, extra für die späteren Archäologen belassene Topfscherben und verbrannte Knochen in der Asche konnten dokumentiert werden (Abb. 56). Die Betrachtung der Kochtöpfe zeigte neben den schon erwähnten Abplatzungen, die der Funktion im übrigen nicht schadeten, den typischen Schmauchspuren und eingebrannten Speiseresten auch Spuren des Überkochens von Flüssigkeiten speziell bei Horgener Lochreihentöpfen. Bei Erbsenbrei verhinderten die Löcher ein Überkochen der feinen Speise (Abb. 57). Funktions- und nicht Verzierungsmerkmale wie seither in der Topfansprache gedacht zeigten sich hier dem immer zuerst typologisch denkenden Archäologen. Reste von zu lange offen eingekochtem Birkenteer am Feuer verwiesen darauf, warum die seitens der modernen Steinzeitmenschen eingebrachten Klebungen der Messer oft nicht gehalten hatten.

Töpfe und Körbe fanden sich fein aufgereiht regensicher unter dem Dachüberstand entlang der Hauswände (Abb. 53) oder in Gruppen organisiert um das

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Abb. 56: In der Asche des Dorfplatzfeuers waren verbrannte Knochen und Topfscherben zu dokumentieren.

Abb. 57: Erbsenbrei im Horgener Tontopf kocht, wenn Lochreihen unter dem Rand eingebohrt werden, nicht über.

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Abb. 58: „Das alles haben wir selber produziert.“

Abb. 60: Die neolithische Wandzeitung am Hauptwohnhaus.

Abb. 62: Schwarze Füße – Resultat des Barfußlaufens auf dem Moorboden.

Abb. 63: Schlafstelle.

frischen Frisuren in vergleichbaren Darstellungen zur Geschichte, gleich ob in Fernsehsendungen oder in Museen, hatte dieses Projekt am Ende wenig gemein. Wie sah die Steinzeit wirklich aus? Welche der vermittelnden Bilder kommen der Wirklichkeit am nächsten?

Abb. 59: Ein Kuppelbackofen nach zwei Monaten Dauertest.

Abb. 61: Verkohlungsspuren am hölzernen Vorsatzbrett des Kuppelofens.

Stolz wurden von den Bewohnern die selbst produzierten Waren präsentiert (Abb. 58). Kurzerläuterungen der erlebten Geschichten an der Hauswand und auch eine Erklärung des Labyrinthes für die damals noch Unwissenden auf dem Feld (Abb. 60) ergaben sich. Schmauchspuren und Abplatzungen am Kuppelbackofen (Abb. 59) erklärten die Auffindungssituation bei Ausgrabungen. Das angekohlte Vorsatzbrett (Abb. 61) löste die Frage des Frontverschlusses eines Backofens allerdings nur unzureichend. Hart getrocknete Schuhe mit Löchern zeigten ohne weitere Erläuterung das Problem mit den Fußbekleidungen an. Schwarze Füße waren die Regel (Abb. 62), wie im übrigen auch die Kleidungen richtige Patina bekommen hatten. Zusammen mit den vielfältigen intensiven Gerüchen im Dorf gaben diese Eindrücke im Hinblick auf gelegentliche „Komfortrekonstruktionen“ zu denken. Mit frisch blütenweißer Kleidung und

Die Schlafplatzorganisation (Abb. 63), das Versorgen der Vorräte (Abb. 64), die Organisation der Hausfeuerstelle mit den Beleuchtungseinrichtungen war bemerkenswert akkurat erfolgt. Erwähnenswert ist dies aufgrund der Tatsache, dass 11 Menschen in einem nur 15 Quadratmeter großen Raum lebten. „Wie bei Heringen in der Dose“ mit nur 40 cm Schlafplatz für jeden (Abb. 65) sei das Familienlager in der Schlafkiste am Kopfende des Hauses organisiert worden. Erst das Zusammennähen aller Schlafdeckenfelle zu einer großen Decke habe dann mehr Wärme und vor allem Ruhe in den gemeinsamen Schlaf gebracht.

Abb. 64: Vorräte waren in großen Krügen und in behelfsmäßig erstellten Regalen sowie aufgehängt bereitgestellt.

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Abb. 65: Das Gemeinschaftslager im Haus: so viel Platz war für jeden zum Liegen vorhanden.

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Abb. 66: Ein Rehschlegel wird verspeist.

Abb. 68: Fischschuppen kennzeichnen den Zubereitungsort.

Abb. 67: Knochenreste am Abfallplatz.

Abb. 69: Einbaumlandesstelle.

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Abb. 70: Das Melken der Kühe erfolgte im provisorisch eingerichteten Stallgebäude.

Abb. 71: Nach dem Abbau blieben Schichten mit Schilf, Grashalmen und Holzspänen zurück.

Abb. 72: Lein und Getreidereste konzentrierten sich nach dem Abbau an der Stirnseite von Haus 1.

Von den auf einer Karte verzeichneten Aktivitätszentren konnten einzelne genauer betrachtet werden. Ein Rehschlegel, der bei Ankunft im Dorf gerade verspeist (Abb. 66) wurde, wanderte später in den See. Weitere Rehknochen kennzeichneten den Schlacht- und Abfallplatz (Abb. 67). Der Ort der Fischzubereitung konnte über dichte Fischschuppenlagen mit bloßem Auge ausgemacht werden (Abb. 68). Die Landestelle für den Einbaum (Abb. 69) lag direkt an der Steigleiter. Wo die Kühe gemolken wurden (Abb. 70) und wer die Ziegen versorgte konnte leicht ermittelt werden. Spuren davon werden sich wie viele weitere Siedlungsaktivitäten aber wohl kaum bei einer zukünftigen Ausgrabung des Geländes finden lassen. Diese Aspekte waren nur durch die direkte Inaugenscheinnahme festzuhalten.

Die ursprüngliche Planung, unter erschwerten Bedingungen auch eine Winterbewohnung durchzuführen, wurde nach den Erfahrungen des kalten regnerischen Augusts nicht mehr vollzogen. Der Abbau der Siedlung Holz um Holz erfolgte ab dem 5. Februar 2007.34 Die Farben der Häuser begannen bereits zu verblassen und der Lehm an Boden und Wänden abzublättern. Es blieben nach dem Ziehen der hervorragend erhaltenen Pfähle die geweiteten Pfostenlöcher, Schichten mit Schnurresten (Abb. 71) Schilf- und Grashalmen, Holzkohle, Speiseresten, Holzspänen – stratigraphisch von oben nach unten aufgezählt – zurück. An der Westwand des Haupthauses konzentrierten sich übrige Getreide- und Leinvorräte, die durch das Herausbrechen der Kamerafenster aus einer Ritze der Stirnwand heraus gerieselt waren (Abb. 72). Ein Jahr später, im Frühjahr 2007 ging dort eine Saatauswahl der angebauten Getreide- und Ölfrüchte wild auf (Abb. 73). Am Filmset erinnerte nach dem Rückbau darüber hinaus kurze Zeit später nichts mehr an das Steinzeitexperiment.

Die Zeit bis zur Ausstrahlung im Mai 2007, nach dem Auszug der Probanden am 24.09.2006, war im Winter zunächst vom Warten auf den Schnee bestimmt. Ohne Bilder vom verschneiten Dorf zum szenischen Abschluß sollte nicht abgebrochen werden.

Abb. 73: Ein Jahr später gingen das Getreide und die Ölpflanzen an dieser Stelle wild auf.

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Dorfabbaunotizen vom 5., 7. und 28.02.2007.

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Werbestrategie und Ausstellungen

Abb. 74: Wiederaufbau des Filmdorfes in Unteruhldingen.

Die Requisiten kehrten Stück um Stück nach Unteruhldingen zurück und wurden nach Kennzeichnung und Beschreibung der Gebrauchsspuren im Archiv der Modellwerkstatt für den weiteren Museumsgebrauch inventarisiert. Das Gegenlesen der Texte für Film und Internet erfolgte. Anmerkungen zum Skript aus der Sicht der Wissenschaft wurden soweit dies terminlich noch reichte, integriert.

Der Wiederaufbau des Filmdorfes (Abb. 74) in Unteruhldingen mit allen verwendeten Gegenständen erfolgte nach Klärung der baulichen und naturrechtlichen Auflagen im Norden des bestehenden Freilichtmuseums. Einer Anlage direkt am Wasser konnte von der Naturschutzbehörde nicht zugestimmt werden, so dass die planmäßige Rekonstruktion im Bereich des aktuellen Strandwalls, der in Unteruhldingen nur bei Hochwasser erreicht wird erfolgte.

Abb. 75: Die flächige Zeitungsberichterstattung war ein Teil der Werbestrategie für den Start der Filmdokumentation zu Pfingsten 2007 im Fernsehen.

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Mit einem umfassenden Werbekonzept, durch mehrere Pressekonferenzen in Schlier, Kr. Ravensburg, in Hamburg, Konstanz und Unteruhldingen sowie begleitenden Fernsehauftritten, mit Zeitungs- und Straßenwerbung wurde vom Sender intensiv auf den Sendestart hingewiesen. Exklusive Berichterstattungen im „Stern“ (Abb. 75), in ausgewählten Fernsehzeitschriften, oder der „Zeit“ erschienen. Das Thema war in aller Munde. Für 17 Museen in Deutschland wurde seitens des Landesamtes für Denkmalpflege in Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Landesmuseum Konstanz, dem SWR und dem Pfahlbaumuseum Unteruhldingen Begleitausstellungen entwickelt, die ergänzend zum Film die archäologischen Inhalte zur Steinzeit im Überblick und regional präsentieren sollten.35 Dort sollte ein Nacherleben ermöglicht werden. Der Film in Ausschnitten, eine Requisitenauswahl, Begleittafeln und begleitende „Do it yourself Projekte“ (Abb. 76) bildeten Anknüpfungspunkte für das interessierte Museumspublikum, etwa im Landesmuseum in Dresden (Abb. 77).

Der Schwerpunkt in Unteruhldingen zeigte in seiner Sonderausstellung neben den originalen Filmobjekten am besucherstärksten Ausstellungsort vor allem die Erfahrungen der Dorfbewohner und Alpenwanderer und ließ den Film nun mit museologischen Mitteln ergänzt noch einmal Revue passieren (Abb. 78). Die Ausstellung fand großen Anklang und wurde daher bis Ende 2008 verlängert. Das Interesse der Museumsbesucher an der persönlichen Berichterstattung aus dem Steinzeiterlebnis war so groß, dass alle Museumstexte – am Ende des Museumsrundgangs platziert – sehr intensiv gelesen wurden (Abb. 79). Dies ist ein bemerkenswertes Ergebnis der Filmkooperation, da Texterläuterungen im Freilichtmuseum heute vermehrt von einem geringeren Teil der Besucher aufgenommen werden. Die Probleme der Menschen im Film wurden entlang des „Steinzeittagebuches“ geschildert. Die verzeichnete Ikonografie der Ereignisse mündete ausstellungsseitig in die Erläuterung der Abläufe, half beim Erkennen der Schwierigkeiten und leistete damit die Auflösungen der Fragestellungen. Wie ist ein Dach dicht zu halten? Wie bekomme ich Feuer an? Wie funktioniert das Einbaum fahren? Was hatten Sie beim „Entspelzen“ vergessen? Wie fühlte sich „die Steinzeit“ an? Wollen Sie dies nacherleben? Dürfen wir Sie auch coachen, informieren und Ihnen zeigen, wie sich die Steinzeit wirklich aus der Sicht der Wissenschaft darstellt? Kommen Sie mit, wir zeigen es Ihnen. In der Umkehrung des traditionellen objektorientierten Lernweges ermöglichte die Kooperation die Entwicklung des Informationsgangs plötzlich anders herum – vom Film deduktiv über

Abb. 76: Im Museum wird das Entspelzen erklärt.

Abb. 78: Sonderausstellung im Pfahlbaumuseum.

Abb. 77: Im Sächsischen Landesmuseum Dresden zeigt die Museumspädagogik die Fernsehdokumentation und die regionale Vor- und Frühgeschichte und präsentiert hands-onProjekte für Schulklassen.

Abb. 79: Die Geschichte der Probanden ist spannend und dient als Einstieg in die Vermittlung der Geschichte der Pfahlbauten am Bodensee. 35

Die Ausstellungsserie „Pfahlbauten – Das Experiment“ entstand auf Anregung des SWR und

die persönliche Erfahrung hin zur fundierten Vermittlung der Hintergründe und Grundlagen. Der Mensch und nicht das Objekt stand im Zentrum der Vermittlung. Dies thematisierte die Sonderausstellung zum Film im Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen. Ein begleitender Ausstellungsführer ist erschienen.36

des Pfahlbaumuseums und wurde von Marion Heumüller und Helmut Schlichtherle vom Landesamt für Denkmalpflege Stuttgart nach gemeinsamer Entwicklung unter Beteiligung des Archäologischen Landesmuseums Konstanz, Dieter Planck, Jörg Heiligmann mit Mitteln der Würth Stiftung konzipiert und umgesetzt. 36

Schöbel 2007.

Plattform 37

Preview

Abb. 80: „Public Previewing“ im Unteruhldinger Strandbad.

Abb. 81: Schauspieler des Aufnahmejahres 1926 (Ufa Spielfilm) und 2006 (SWR-Dokumentation) lernen sich kennen und tauschen Erfahrungen aus.

Im Jahr nach der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland gelang es dann kurz vor der Erstausstrahlung am 22. Mai 2007, 700 Gäste aus der Region im Strandbad Unteruhldingen zu einem „public previewing“ des Steinzeitfilmes zu versammeln (Abb. 80). 85 moderne Steinzeitmenschen aus der örtlichen Bevölkerung brachten in kreativer Kostümierung ihr persönliches Interesse an den Steinzeiten zum Ausdruck.

Die gelungene Vorführung im Freien am Ursprungsort des weltweit ersten Pfahlbaufilms, zeigte „shortcuts“ des Ufa-Steinzeit-Stummfilms von 1926/1927, der am 20.12.1927 erstmals in Berlin im Ufa Pavillon am Nollendorfplatz uraufgeführt wurde und dann die erste Folge und eine Vorschau auf die aktuelle SWR Serie. Die Verantwortlichen der Redaktion bekamen eine erste Reaktion auf das fertige Produkt. Die Bevölkerung kam mit den verantwortlichen Fernsehdirektoren, der Redaktion und den modernen Steinzeitmenschen in Kontakt. Schauspieler des Jahres 1926 und 2006 lernten sich kennen (Abb. 81) und tauschen ihre Erfahrungen aus. Es war für alle schön gewesen – in der Steinzeit.

37 38

SWR Medienbericht 2007. Zum klassischen Angebot der Museumsführungen oder der besucherorientierten Vermittlungseinheiten der inszenierten Bronzezeithäuser aus den Jahren 2002 und 2005 im Pfahlbaumuseum Unteruhldingen treten mit den Modulen der Filmsteinzeit jetzt auch verstärkt vom Erleben und Erfahren der Probanden geprägte Ausstellungsabschnitte in das Bewusstsein der Besucher.

Presseecho

Rezeption im Museum

Nach Ausstrahlung im Fernsehen kann das Medienereignis in Zahlen zusammengefasst werden: Allein Berichte in 145 Hauptausgaben von Tages- und Wochenzeitungen, 38 Titel bei Programmzeitschriften, das sind 65 Prozent aller Fernsehzeitschriften in Deutschland, und eine Auflagenhöhe der Printmedien insgesamt von 63,71 Millionen Exemplaren. Erwartungsgemäß gab es kritische Berichterstattungen wegen angeblich „Hungernder Kinder“, einer „Freaksteinzeit“. Wortneuschöpfungen wie „Prekariats-Dschungelcamp“ und „Steinzeitcontainer“ konnten notiert werden. Die Printmedien Bild und Spiegel, die anfänglich nicht bei der Exklusiv Berichterstattungen berücksichtigt werden konnten, reagierten im zu erwartenden Rahmen zuerst negativ, allerdings bei genauerer Betrachtung oft nicht tiefschürfend recherchiert. Die positiven Darstellungen im Stern und in großen konkurrierenden Leitmedien (Zeit, Readers Digest, Bild der Frau, Gong, TV Today) aus zum Teil den gleichen Verlagshäusern wogen diese erste Reaktion bald auf. Unter den Medienberichten fanden sich auch die Wertungen: „Nicht Voyeurismus und Dauerbeobachtung“, „Keine drallen Halbnackten in Ekelbrühe“ „Fröhliche Wissenschaft“ „Gelungenes Experiment“ „durchdachtes TV-Projekt“ „Gekonnte Verbindung von Fakten und Fiktion“ oder „Kurzum, ein Projekt mit besten Absichten auf Wissensvermittlung, das viel Sympathie verdient hat“. In Bezugnahme auf den internen Medienbericht des Senders darf daher von einem durchaus gelungenen Projekt zwischen Filmschaffenden einerseits und Wissenschaft andererseitesgesprochen werden.37

Mit den Vermittlungsmodulen „Steinzeit – das Experiment“ im Foyer des Pfahlbaumuseums, der Sonderausstellung „Aus dem Steinzeit-Tagebuch …“ im Altbau und dem wieder aufgebauten „SteinzeitFilmdorf“ (Abb. 82, 83) auf dem Freigelände waren drei klassische Ausstellungsformen zum Sendestart im Mai 2007 präsent. Begleitende Literatur im Museumsshop, Filme auf DVD und Praxisorientierte Projekte ergänzten das bereits bestehende Besucherangebot in Unteruhldingen.38 Dinge, die der Film nicht zeigte, wie etwa das Raumerlebnis, die Geruchswelt, konnte in den Führungen angesprochen und nachempfunden werden (Abb. 84). Im Dialog mit den Besuchern war der Film ein ständiges großes Thema. Etwa 10 Prozent kamen nur wegen des Filmes. 30 – 70 Prozent der Besucher, je nach Jahreszeit, im Schnitt etwa 2 Drittel hatten ihn, nimmt man die Ergebnisse einer Stichprobenerhebung als Grundlage, gesehen.

Abb. 83: Die Originalschauspieler im wiedererstellten Steinzeit-Dorf während der Museumswochen im Pfahlbaumuseum im Sommer 2007.

In den Sommerferien konnten die Probanden für eine Bewohnung (Abb. 85) ihres translozierten Dorfes im Museum gewonnen werden. Sie standen für die bis zu 2500 Besucher täglich geduldig für

Vgl. hierzu Schöbel 2005 a und b.

Abb. 82: Egon Mayer (Leiter der Hauptabteilung „Kultur und Fernsehen“ des SWR) und Peter Boudgoust (Intendant des SWR) bei der Eröffnung des Steinzeitfilmdorfes in Unteruhldingen.

38 Plattform

Abb. 84: Führungen im Pfahlbaumuseum ergänzen die Sicht auf die Steinzeit.

Abb. 85: Das Filmdorf im Museum als Teil der Inszenierung.

Plattform 39

Das Ergebnis

Abb. 86: Die Erläuterung des „Lebens in der Steinzeit“ gegenüber dem Publikum.

Antworten bereit (Abb. 86), fragten aber auch ihrerseits die Museumsbesucher danach, was ihnen gefallen oder was sie im Film vermisst hätten (Abb. 87). In speziellen „Lagerfeuergesprächen“ gab es für ausgewählte Besuchergruppen die Möglichkeit, Interviews mit den Steinzeitdarstellern zu führen. Die Besucherfragen wurden festgehalten und können nun weiterführend im Museum genutzt werden. Charakteristisch waren etwa Fragen dieser Art: • Vermittelt ein Crashkurs jene Fähigkeiten, die man zum Überleben in der Steinzeit benötigt? • Wie stand es mit der Ernährung, der Kleidung, dem Wohlbefinden im Projekt? • Würden Sie es wieder machen? Haben sich auch ihre Träume in der Steinzeit verändert? • Wie war das mit der Hygiene, dem Zähneputzen? • Was haben Sie mitgenommen? • Was waren die Kinderaufgaben? • Haben Sie auch Feste gefeiert?

40 Plattform

Abb. 87: Die Schauspieler als Botschafter der Steinzeit.

• Waren Sie selbst mit dem Film zufrieden (Abb. 88)? • Würden Sie es wieder machen? Die anderen Lebensumstände und weniger die Objekte interessierten, was einen weiteren wichtigen Anstoß für die Museumsarbeit geben konnte. Wie sagte da ein Besucher: „Durch die persönliche Gespräche kam eben noch mehr rüber als im Fernsehen.“ Die Gesprächsaufzeichnungen stützen den von Friedrich Waidacher zuletzt geäußerten Ansatz, „… dass jede museale Interpretation eine Mitteilung ist, die Abstraktes durch Konkretes darstellt39.“ – und damit (erg.) für den Betrachter vielfältiger erlebbar macht.

Dies gilt in diesem Falle auch für die filmische Interpretation, welche sich auf der Grundlage wissenschaftlicher Vorarbeiten entwickelte. Die Doku war damit am eigentlichen wissenschaftlichen Vermittlungsprozess maßgeblich beteiligt, ohne ihn vollständig – wie der später verworfene anfängliche Formatgedanke „living science“ suggerierte“– bis zum Ende ausgeführt zu haben.40 Das Experiment war geglückt. Die persönliche Vermittlung mit geschultem Museumspersonal leistet jetzt wieder in Fortführung die Darstellung von Forschungsergebnissen zu den Pfahlbauten. Inszenierung und Schaffung begehbarer und erfahrbarer Räume entwickeln im Freilichtmuseum diejenigen illusionistischen Umwelten, die dem Besucher vermittlungsstärkend die quasi authentischen Erlebnisse eines „Dort seins“ vermitteln.41

Das Thema „Steinzeit“ ist für das Fernsehpublikum in Deutschland „reloaded“. Neue Bilder unter dem Blickwinkel des 21. Jh. sind entstanden. Man spricht auf der Straße wieder über das Leben in den Pfahlbauten. Die Faszination führt zurück in das Museum, in das traditionelle Medium, das die Kultur der letzten Jahrtausende umfassend erläutern kann. Die ausgelöste Aufmerksamkeit führte zu einer Besuchersteigerung im Pfahlbaumuseum Unteruhldingen von 15 Prozent von 2006 bis 2007. Allein 222 000 Besucher konnten in der Sonderausstellung gezählt werden. Eine Nachhaltigkeit des Interesses ist zu erwarten. Dabei waren nicht im Familien- und Schülersegment, sondern vor allem bei den schwer zu bewerbenden Einzelbesuchern am Bodensee die höchsten Steigerungsraten zu ermitteln. Dies entspricht den Erfahrungen des Fernsehens, das einen Altersschnitt der Zuschauer von 57 Jahren über alle Sendungen ermittelte, das nicht aus dem Kinderprogramm, sondern aus dem gesamten Angebotspaket resultierte. Das Schulfernsehen für die Jugend, die Internetseiten mit Millionen von Nutzungen und die Übersetzungen der Serien in fremde Sprachen werden weitere Zielgruppen für das Museum erschließen. Das Besucherinteresse ist das Ergebnis gemeinsam von Fernsehen und Wissenschaft bearbeiteter Wissensressourcen. Der Erfolg liegt in der vielseitigen Thematisierung des Sujets begründet.

Sicher bleiben Wünsche an das Fernsehen wie etwa zukünftig mehr Mitspracherechte und mehr Zeit für die Wissenschaft bei der Durchführung am Set oder am Schneidetisch zu formulieren, damit Fehler in der Darstellung, wie etwa bei dem Kariesproblem oder den angeblichen „Klimakatastrophen im Neolithikum“, die aus Gründen des Zeitdrucks und der Einbindung vieler Forschermeinungen entstanden sind, zukünftig weiter minimiert werden können. An die eigene Wissenschaft gerichtet bleibt die Aufforderung bestehen, zukünftig mehr offensive Kooperationen mit dem Medium Film zu versuchen, damit der Einfluss der Archäologie auf die Vermittlung stärker geltend gemacht werden kann.42 Ein stärkeres Selbstbewusstsein der Archäologie gegenüber der Aufmerksamkeit bringenden Medienmacht ist notwendig. Dies bedeutet nicht, dass Drehbücher oder fertige Filme zur Kontrolle vorgelegt werden müssen43, aber doch, dass eine Verständigung beider Seiten noch spannendere Inhalte erzeugen kann. Statt Medienaskese in einer Zeit radikal neuer Medienkulturen sind neue Medienkompetenzen wieder stärker gefragt44 – aber auch ein Nachdenken über die richtigen Anspracheebenen, um die Kunden sachgerecht zu erreichen.

Das im Fernsehen gezeigte Produkt ohne Drehbuch ist das Ergebnis vieler interaktiver Auseinandersetzungen zwischen den Redakteuren, dem Regisseur und den Probanden. Es brauchte drei bis vier Wochen, bis sich das Team eingespielt und der Regen aufgehört hatte. Es ist am Ende etwas ganz anderes entstanden, als dies zu Anfang in den Vorgesprächen geplant war. Es sind zum Beispiel nur 8 Wochen Leben im Sommer und keine Bewohnung unter Winterbedingungen mit weiteren Streifzügen zur Nahrungsbeschaffung etwa möglich gewesen. Eine Selbstversorgung oder ein Dauerversuch über ein Jahr hinweg in Etappen wie etwa in Großbritannien schon versucht konnte nicht verwirklicht werden. Die Probanden hingen weitgehend am Tropf der gewohnten Außenversorgung. Die Einsicht, dass aus dem Ma-

39 40

Waidacher 2005, 121. Vgl. hierzu auch Fuchs / Wais 2007, 64. „Living science“ ist methodisch keine Neuerfindung des Fernsehens 2006 sondern lässt sich sowohl museologisch als auch in anderen Medien schon im 19. Jh. als Methode einer lebendig gemachten Wissenschaft nachweisen. Zur Entwicklung der Museologie etwa zuletzt: Klausewitz 2007, 8 – 9. Zur Arbeit der archäologischen Freilichtmuseen in Deutschland Schöbel 2008.

41

Waidacher 2005, 177. Bitgood 1990, Boockmann 1987.

An die Öffentlichkeit sei berichtet, dass es abseits der Hauptfilme viel zu Lernen für alle Beteiligten gab, die kaum je in einem Film erscheinen werden, jeden aber in seinem persönlichen Verhältnis zu den neuen Kommunikationstechniken respektive zum Erleben der Steinzeit prägten.

42

So auch Scheeßel 1999,125, der sich für eine stärkere Einflussnahme der Museen an der Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit und Fachdisziplin ausspricht sowie Denzer 1998, 1; Stern 2002, 164; Stemmler-Mohring 1999, 178.

43

Scherzler 2005, 157.

44

Reinhard 2004, 535.

Plattform 41

terial mindestens 8 verschiedene Filme für verschiedene Zielgruppen hätten produziert werden können war am Schluss der Dreharbeiten erhellend. Je nachdem, wer federführend bestimmt hätte, ob die Produktion, der Regisseur der Hauptfilme, die Regisseurin der Kinderfilme, die Redaktion, der Kameramann, die Probanden, die Steinzeitkinder oder gar die wissenschaftlichen Berater – das Produkt wäre jedes Mal ein wenig anders geworden. Das Experiment ließe demnach auch nachträglich noch andere Vermittlungsformen des Experimentes „Steinzeit“ zu. Im Gesamtpaket der audiovisuellen und gedruckten Informationen liegen jetzt zum Lernen geeignete Produkte für unterschiedliche Interessentengruppen vor. Die wissenschaftliche Qualität übertrifft vieles, was vorher zur Vor- und Frühgeschichte gegenüber einem breiten Publikum anschaulich gezeigt werden konnte.

Anschrift des Verfassers Dr. Gunter Schöbel Pfahlbaumuseum Unteruhldingen Strandpromenade 6

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Am Ende war es spannende Wissenschaft und eine überaus gute Darstellung archäologischer Methoden mit Mitteln des Fernsehens zum Thema der Steinzeit. Es hat allen Beteiligten und den Zuschauern viel Spaß gemacht und dies muss so sein, weil sich niemand bei inzwischen täglich 10,5 Stunden Wissenschaftsfilm freiwillig vor den Fernseher setzt um zu lernen. (Martin Schneider Wissenschaftsredaktion SWR). Eine gemeinsame Chance von Fernsehen und Archäologie wurde genutzt. Die Fortsetzung in den verschiedenen Medien wird folgen - im Fernsehen, im Internet und im Museum.

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42 Plattform

Plattform 43

Medienbeiträge zum SWR Film

SWR (2007) „Die Steinzeit-Kinder“, Folge 1:

SWR (2007) Programmpresse Baden-Baden,

„Steinzeit – Das Experiment“

Von wegen superlange Ferien – Wie die

Steinzeit, Living Science, Hightech in der

Steinzeit-Kinder die Zeitreise erlebten.

Steinzeit? Die kannten doch nur …

Blödorn, S. (2007) Programmplatzreport,

Länge Folge 1 – 3: 71 Min.

SWR / Elsner, F. (2007) Menschen der

Steinzeit – Das Experiment, Stuttgart,

SWR (2007) „Die Steinzeit-Kinder“, Folge 2:

Woche, Folge 271. Länge 3 Min. 45 Sek.

05.07.2007, SWR Medienforschung/

Ronja – Mit Seifenkraut geht’s auch. Länge

SWR (2008) SWR-Schulfernsehen, Heft 2

Programmstrategie.

Folge 1 – 3: 71 Min.

(November, Dezember, Januar), Schuljahr

Kopitzke, O. / Galle, J. (2007) Management

SWR (2007) „Die Steinzeit-Kinder“, Folge 3:

2007/2008, Zurück in die Steinzeit. Verant-

Summary, Presseresonanz „Steinzeit – Das

Till – Der Traum von Wurst und Fritten.

wortlich: Dr. Thomas Fischer, multimedia-

Experiment“ – Kennzahlen und Image-

Länge Folge 1 – 3: 71 Min.

les Schulfernsehen im Südwestrundfunk,

Analyse, Baden-Baden.

SWR (2007) Experiment Steinzeit, Über die

Hans Bredow-Straße, 76530 Baden-Baden.

Kopitzke, O. / Schlichter, J. / SWR Presse-

Alpen wie Ötzi. Länge 88 Min. 35 Sek.

SWR (2008) SWR-Schulfernsehen, Hrsg.

stelle (2007) Programmpresse, Presse-

SWR (2007) Odysso, „Das Steinzeit-Experi-

Multimediales Schulfernsehen beim

spiegel: „Die Steinzeit-Kinder“. Baden-Baden.

ment“, 31.05.2007. Länge 29 Min.

Südwestrundfunk im Auftrag der Kultus-

Kopitzke, O. / Schlichter, J. / SWR Presse-

SWR (2007) Planet Wissen – Archäologie.

ministerien Baden-Württemberg,

stelle (2007) Programmpresse, Presse-

Länge 58 Min 11 Sek.

Rheinland-Pfalz und Saarland sowie des

spiegel: „Steinzeit – Das Experiment“.

SWR (2007) Planet Wissen – Bodensee.

Saarländischen Rundfunks und des

Baden-Baden.

Länge 85 Min. 21 Sek.

Südwestrundfunks. Verantwortlich:

Kopitzke, O. / Schlichter, J. / SWR Presse-

SWR (2007) Planet Wissen – Steinzeit.

Dr. Thomas Fischer, Heft 2 (Nov. / Dez. /

stelle (2007) Programmpresse, Presse-

Von Pfahlbauten und mystischen Orten.

Jan.), Schuljahr 2007/2008, Zurück in die

spiegel: „Steinzeit – Die Ausstellungsreihe“.

Länge 57 Min 30 Sek.

Steinzeit – Lesen wie vor 5000 Jahren, 3 – 23.

Baden-Baden.

SWR (2007) „Steinzeit – Das Experiment“,

Kopitzke, O. / Schlichter, J. / SWR Presse-

Folge 1: Der Härtetest. Länge 45 Min.

stelle (2007) Programmpresse, Presse-

SWR (2007) „Steinzeit – Das Experiment“,

spiegel: „Steinzeit – Das Experiment“

Folge 2: Der Aufbruch. Länge 45 Min.

Tageszeitung, Agenturen. Baden-Baden.

SWR (2007) „Steinzeit – Das Experiment“,

Kopitzke, O. / Schlichter, J. / SWR Presse-

Folge 3: Auf Ötzis Spuren. Länge 45 Min.

stelle (2007) Programmpresse, Presse-

SWR (2007) „Steinzeit – Das Experiment“,

spiegel: „Steinzeit – Das Experiment“.

Folge 4: Die Heimkehr, Länge 45 Min.

Programmzeitschriften, Publikumszeit-

SWR (2007) „Steinzeit – Das Experiment“,

schriften, Internetartikel. Baden-Baden.

Pressemappe zu den Pressekonferenzen

Schweizer Fernsehen DRS (2007)

Hamburg und Unteruhldingen.

Pfahlbauer von Pfyn, Steinzeit Live.

SWR (2007) „Steinzeit – Das Experiment“,

Produktion Schweizer Fernsehen DRS.

Pressemappe zu den Pressekonferenzen

Länge 150 Min., DVD.

Hamburg und Unteruhldingen.

SWR (2006) „Steinzeit – Living Science“,

SWR (2007) Tigerentenclub, „Steinzeit-

Hightech in der Steinzeit? Die kannten doch

familie“ / Harm Paulsen, Folge 594.

nur … Image-Broschüre zum Projekt.

Länge 90 Min.

SWR (2007) Der Samstagabend, Abenteuer

SWR (2007) Tigerentenclub, „Steinzeit-

Steinzeit. Länge 89 Min, 17 Sek.

Familie“. Folge 593. Länge 90 Min. SWR (2007) W wie Wissen, „Steinzeit“. Länge 25 Min. 17 Sek.

44 Plattform

Zunächst möchte ich mich dafür bedanken, dass ich mit meiner Familie im Rahmen unserer 13-köpfigen Sippe bei diesem außergewöhnlichen Experiment dabei sein konnte. Das kam für uns einem Sechser im Lotto gleich. Insbesondere gilt mein Dank dem kompletten SWR-Team, den Mitarbeitern des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen, den externen Spezialisten und allen anderen, die für die minutiöse und hervorragende Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung dieses für mich manchmal immer

noch unglaublichen Projektes verantwortlich waren oder noch sind. Es wurde wirklich an alles gedacht. Man kann versuchen, das Ganze von allen möglichen Seiten zu betrachten: aus wissenschaftlicher Sicht mit ihren einzelnen Disziplinen wie Archäologie, Zahnmedizin, Orthopädie, Schlaf- oder Konfliktforschung, aus filmischer Sicht, aus gesellschaftlicher Sicht, aus persönlicher Sicht, von oben, unten, links oder rechts. Wenn man versucht, alle Facetten gleichzeitig zu beleuchten, kann das Ergebnis im besten

Falle immer nur ein Kompromiss sein, da sich die einzelnen Sichtweisen zum Teil widersprechen. Denn die Dokumentation ist keineswegs so flächendeckend wie angenommen, sondern stellt immer nur Ausschnitte dar. Selbst wenn man sich das gesamte Filmmaterial vor Augen führen würde, einiges fehlt teilweise oder ganz: bestimmte Teilbereiche des täglichen Lebens sind wenig oder gar nicht dokumentiert worden, sei es aus mangelndem Interesse seitens der Film-Crew oder weil wir diese bewusst geheim gehalten haben.

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Abb. 2: v.l.n.r.: Olli, Ingo, Henning, Martin.

Wir haben – selten genug – unsere innen am Hemd angebrachten Mikrofone ausgestöpselt, um mal ungehört etwas bereden zu können, was sonst keinen etwas anging. Aber spätestens nach ein paar Minuten kam der Tontechniker, um die Verkabelung bzw. die Ladung des Akkus zu überprüfen. In den 2 Jahren seit Beendigung des Projektes wurde vieles über uns geschrieben. Das Meiste davon war so wie es beschrieben wurde, einiges allerdings zumindest fragwürdig und manches schlicht Unsinn. Tageszeitungen oder Zeitschriften, für den schnellen Konsum bestimmt, haben zum Teil erschreckend schlecht zugehört bzw. recherchiert. Auch in den Filmen und dem begleitenden Buch ist manches behauptet worden, was so nicht stimmt. Denn schnell setzten sich Missverständnisse oder Fehlinterpretationen in den Köpfen fest, ohne hier irgendwem Absicht unterstellen zu wollen.

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Wir sind immer wieder gefragt worden, ob wir das noch mal machen würden, und die für viele erstaunliche Antwort war immer: JA! Manchmal allerdings mit dem Zusatz: Aber lieber ohne Fernsehen. Damit man mich nicht falsch versteht: Wir haben uns mit dem Filmteam sehr gut verstanden. Sie haben auch u. a. durch entsprechende Tarnkleidung versucht, möglichst unauffällig und sensibel zu agieren. Manchmal ist es uns sogar gelungen, sie aus unserem Bewusstsein auszublenden. Aber trotzdem beeinflusst einen die ständige Beobachtung durch Kamera bzw. der zum Teil in und unter den Hütten angebrachten Mikrofonen erheblich. Wir haben unterschätzt, was das mit einem macht: Kleine Konflikte werden unter den Teppich gekehrt, weil man nicht will, dass Hinz und Kunz das später im Fernsehen sieht. Das staut sich an und verschafft sich irgendwann Luft, möglicherweise an einer Stelle, wo es überhaupt nicht hingehört. Und das wird natürlich gezeigt. Da zeigt sich die veuyoristische Seite des Fernsehens.

Wir als Personen wurden auch nicht vielschichtig gezeigt, sondern – wegen der besseren Nachvollziehbarkeit für die Zuschauer, die sich beim abendlichen Fernsehen entspannen wollen – als klar abgegrenzte Charaktere: Das Arbeitstier (Olli), der alternde Held, der sich lungenkrank und fußwund über die Alpen schleppt (Ingo), der edle Wilde (Henning), der arbeitsscheue Querulant (ich). Die Frauen blieben eher im Hintergrund. Die 4-teilige Abendserie ist aus unserer Sicht leider zu sehr in Richtung DokuSoap abgerutscht, und zwar entgegen den ursprünglichen Beteuerungen des Senders. Das Hauptaugenmerk wurde auf Katastrophen, Versagen und vor allem Konflikte gesetzt, die im Übrigen in jeder guten Ehe vorkommen. Die Lösung der Probleme und die Bewältigung des Alltags waren dann eher uninteressant. Dabei folgten auf die ersten drei schwierigen Wochen weitere fünf Wochen, wo eigentlich alles klappte. Die große Chance wurde meiner Meinung nach nicht genutzt. Allerdings: Wer sonst könnte die finanziellen Mittel für die Durchführung eines solchen Projektes bereitstellen? Wer sonst hätte die Sondergenehmigungen erwirken können: Zum Beispiel gab es keine Ohrmarken bei den Tieren und der Anbau von Mohn wurde genehmigt.

Abb. 3: v.l.n.r.: Claudia, Britta, Sophia.

Abb. 4: v.l.n.r.: Till, Roman, Mitja, Ronja, Merlin, Taliesin.

Aber dem waren auch Grenzen gesetzt: Das Jagdgesetz verbietet nun mal das Töten von Tieren mit Pfeil und Bogen. Das Schlachten des Wollschweines wurde zwar mit dem Feuersteinmesser besorgt, aber wie vom Gesetz gefordert erst nach dem Betäuben mit dem Bolzenschußapparat. Die zwingend erforderliche Fleischbeschau durch einen Veterinär erfolgte immerhin vor Ort mit einem antiquierten Mikroskop. Aber ansonsten wurde seitens des Senders auf größtmögliche Authentizität geachtet. Doch auch für uns gab es Ausnahmen: Wir hatten eine Zeckenzange, die ständig im Einsatz war. Trotzdem kam es bei Till zu einer akuten Borelliose, die sofort mit Antibiotika behandelt wurde. (Diese Behandlung wird – als Bildunterschrift – in einer Publikation fälschlicherweise als Hustensaftgabe gegen Erkältung bezeichnet.) Zwei- oder dreimal war ein Arzt vor Ort, und zwar wegen langwierigen Fußverletzungen bei den Erwachsenen. Ingo hätte wegen einer Entzündung am Fuß beinahe nicht in die Alpen starten können, und bei mir gab es aus dem gleichen Grund eine beginnende Blutvergiftung. Für große Heiterkeit sorgte der Vorschlag des Arztes, die Wunden sauber und trocken zu halten. Da niemand ernsthaft aus Authentizitäts-

gründen verlangen kann, dass wir als Protagonisten unsere Gesundheit aufs Spiel setzen, gab es Desinfektionsmittel und Verbandszeug. Wir hatten sogar eine Stecknadel, die wir in einem Balken steckend gefunden haben. Sie wurde von uns sorgfältig vor dem Filmteam verborgen und oft gebraucht, denn Splitter, vor allem in den Füßen, gab es genügend. Nach wie vor erstaunlich finde ich es, dass abgesehen von Brittas Erkältung zu Beginn niemand krank geworden ist. Denn da die Schuhe in dem Matsch nicht zu gebrauchen waren und die dünnen Leinenhemden nicht wirklich warm hielten, haben wir fast ständig gefroren. Die Füße waren den ganzen Tag kalt und nass, und abends zwischen den Fellen hat es ca. eine Stunde gedauert, bis sie mit Hilfe von im Feuer erwärmten Steinen wieder einigermaßen warm wurden. Aber es gab keinen Husten, keinen Schnupfen, keine Bronchitis oder Blasenentzündung, nichts. Der Anfang war für uns sehr schwer. Sämtliche Umstände, die uns erwarten würden, wurden ja geheim gehalten: Die Ausstattung und Lage der Hütten, die Umgebung des Dorfes, Lage und Größe des Ackers und des Gartens, gibt es eine Weide für die Tiere, sind sie überhaupt eingezäunt? Auf jede Frage unsererseits kam immer nur die lakonische Antwort: Lasst euch überraschen!

Dass wir dann nach unserem Einzug noch nicht mal Bettstellen vorfanden war noch das geringste Problem. Viel gravierender war der plötzliche und extreme Wetterumschwung. Das Korn war überreif und hätte eigentlich schon längst geerntet sein müssen. Wir hätten zwei bis drei Tage gebraucht, um uns in der neuen Situation zurechtzufinden. Diese Zeit hatten wir nicht, im Gegenteil, wir mussten im Prinzip alles sofort und gleichzeitig machen: Ernten, Tiere versorgen, Betten bauen und vor allem Essen zubereiten. Katastrophal war für uns, dass das Entspelzen nicht geklappt hat. Zugegeben: Ausgeruht, satt und unter optimalen Bedingungen kann jeder eine handvoll Getreide mörsern, den Spelz wegpusten und das Ganze dann hochrechnen. So haben wir es im Coaching ja auch gemacht. Aber hungrig und frierend täglich dreizehn Menschen damit satt zu kriegen, das ist eine andere Geschichte. Dass es fast ein Jahr später bei Versuchen in Unteruhldingen mit dem von uns geernteten Getreide problemlos geklappt haben soll, kann ich nicht beurteilen. Welcher Mörser wurde benutzt? Wurde es vorher gedarrt? War es vielleicht durch die Lagerung ausreichend getrocknet? Meines Erachtens ist das Problem noch nicht ausreichend beleuchtet und erforscht.

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Auch das Kochen war anfangs ein großes Problem. Während der Coachingwoche war ein Kochtopf explodiert und uns um die Ohren geflogen, weil er ein Schautopf aus einem Regal des Museums und wegen der falschen Tonzusammensetzung nicht zum Kochen im Feuer geeignet war. Es hat uns später ca. 2 Wochen gekostet, bis wir einigermaßen mit den Kochtöpfen umgehen konnten. Solche Feinheiten müssen in einem solchen Projekt erstmal mühevoll mit Hilfe von Versuch und Irrtum gelernt werden, das dauert seine Zeit. Andererseits wiederum haben wohl nur deshalb die Töpfe bis zum Schluss durchgehalten. Die Unterweisung in den Gebrauch des Ofens war problematisch. Der wurde beim Coaching extrem stark beheizt, das hätte so bei uns auf der Veranda zu Problemen geführt. Aber der Museumsofen stand ja auf freiem Feld und somit konnte da nichts passieren. Dass wir den Ofen als Dauerbrandofen genutzt hätten, stimmt nicht. Das hat sich in die Köpfe festgesetzt, weil Urs Leutzinger sich zu der Behauptung hat hinreißen lassen, wir hätten ihn aufgrund des schlechten Wetters als Heizung missbraucht. Die Bilder konnte man ja auch durchaus so interpretieren. Geschehen ist aber folgendes: Ich habe den Ofen angeheizt, um Fladen zu backen, nur reichte die Temperatur nicht aus. Also noch mal angeheizt, wieder war es nicht genügend Hitze. Beim dritten Mal anheizen hat das Backen endlich geklappt, nur war das wohl zuviel für die Ofensohle. Die Auswirkung ist bekannt. Hätte der Ofen, wie es in einem steinzeitlichen Haus üblich war, innen gestanden, hätte die zusätzliche Lehmschicht des Fußbodens für genügend Isolierung nach unten gesorgt.

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Die Coachingwoche hat uns nicht wirklich auf die Situation, mit der wir dann konfrontiert wurden, vorbereiten können. Damit mich niemand falsch versteht: Sie war lehrreich und interessant. Sie hat viel Spaß gemacht. Wir haben viele interessante Leute kennen gelernt. Wir haben einige Dinge gelernt, die wir wirklich gebrauchen konnten: Feuer machen, Dach decken, Steinbeil benutzen, Zwirnen. Und nicht zuletzt haben wir uns noch mal richtig mästen lassen, die Speisekarte rauf und runter, da haben wir ein paar Reserven angelegt, was sich als wichtig herausstellen sollte. Aber: Aus dramaturgischen Gründen sollte auch mal etwas schief gehen. Ursprünglich war an Stelle von Ingo ein alter Freund von uns, ein Wildnistrainer als Alpenüberquerer im Gespräch: Aber es hieß: „Das ist ja langweilig, der kann ja schon alles.“ Dass es dann am 7. Tag ins Haus regnete hat für uns das Fass fast zum Überlaufen gebracht. Für uns war klar: Es liegt eindeutig ein Baufehler vor. Wenn wir das Haus gebaut hätten, wäre das nicht passiert, da waren wir sicher (siehe dichtes von uns gedecktes Dach des „Neubaus“). Mit Rolf Auers Material, Leiter, Dachkletterhilfen, ausgeschlafen und gesättigt und mit dem Wissen, nach getaner Arbeit ein anständiges Essen zu Hause zu bekommen: Kein Problem! Aber so? Eine Leiter hätten wir noch zustande gekriegt, haben wir ja für das Aufhängen unseres Totems (Hirschschädel) später auch geschafft. Wie aber soll man denn bitte schön an den Giebel kommen, ohne die Deckung darunter zu zerstören? Das geht nur mit einer entsprechend langen Leiter, die zu bauen aber zu zweit locker schon mal einen halben Tag in Anspruch genommen hätte. Und diese Zeit hatten wir einfach nicht.

Wir haben uns oft gefragt, wie denn echte Steinzeitmenschen auf eine solche Situation reagiert hätten? Unsere Antwort: sie hätten dichte Dächer gehabt! Aber wenn nicht, durch irgendeine Katastrophe? Womöglich wären sie erstmal eine Etage tiefer zu den Ziegen unters Haus gezogen, bis das Schlimmste vorbei gewesen wäre. Oder alle ins Vorratshaus zu Ingo und Henning auf ca. 4 mal 4 Meter Grundfläche. Dann hätten sie das Dach repariert, denn eine Leiter hätten sie noch vom Hausbau gehabt, und sowieso muss man ab und zu ans Dach. Vielleicht hätte aber auch jemand eine Lungenentzündung bekommen und wäre gestorben. Tja, Pech! Das wollten wir nun nicht unbedingt. Die Kälte hatte aber auch seine gute Seite: es gab kaum Mücken, wahrscheinlich sind die alle ertrunken oder erfroren. Man stelle sich vor: In dieser Situation kommt Anne Reichert, um die Alpenläufer mit ihrer Kleidung auszustatten. Dreizehn Leute barfuß im Matsch, hungrig und frierend. Sie gibt den denkwürdigen Satz von sich: „Ihr lebt doch hier wie im Schlaraffenland!“ Sie bekam natürlich unseren ganzen Frust zu spüren. Dabei hatte sie aus ihrer Sicht mit Verweis auf die Nachkriegszeit ja durchaus recht, die Speisekammer war gefüllt, der Tisch im Prinzip gedeckt. Aber halbrohe Erbsen in lauwarmem Wasser (die so genannte Erbsensuppe), wer würde sich damit satt essen wollen? Spelzgetreide mag ja durchaus ballaststoffreich sein, schmeckt aber wirklich nach Sägespänen. Und wir hatten einfach das Gefühl, dass hier irgendetwas komplett falsch läuft, schließlich haben wir Jungsteinzeit und nicht Nachkriegszeit gebucht …

Das unterstellte Gewährleistungsdenken lässt sich leicht entkräftigen, denn man schaue sich nur mal die Situation mit dem durchgebrannten Ofen am 2. oder 3. Tag an. Wäre es so wie behauptet, hätten wir aufs Reparieren bestanden. Da war ja schließlich ein Bau- bzw. ein Denkfehler die Ursache: die fehlenden Zentimeter Lehmschicht. Stattdessen verbrauchte ich die Kalorienzahl meines Lebens, um den Ofen so schnell wie möglich wieder nutzen zu können.

Abb. 5: Im Blickfeld der Kamera: das Steinzeitdorf.

Wir hatten das Gefühl, es werden uns – vielleicht aus dramaturgischen Gründen – absichtlich Steine in den Weg gelegt. Wir wurden langsam fast paranoid, wir begannen uns zu fragen, ob das Ganze nicht vielleicht eher ein groß angelegtes soziales Experiment darstellt nach dem Motto: wie verhält sich eine Gruppe in einer Extremsituation? Wie weit kann man es treiben? Zu der Erkenntnis zu kommen, dass uns einfach niemand helfen konnte, weil sie es auch nicht besser wussten, hat einige Zeit gedauert. Die Expertennothilfe war im Prinzip immer überflüssig. Sie war vielleicht medienwirksam in Szene gesetzt und sollte zeigen, dass wir ohne Hilfe von außen nicht klar kommen, hat uns aber nicht weitergeholfen! Weder das Fischen hat besser geklappt, noch haben die Entspelzversuche zu befriedigenden Ergebnissen geführt, noch konnten die Lederkleidung oder die Schuhe imprägniert werden. Einzig der Tipp von Harm Paulsen, uns aus Fichtenzweigen Matratzen zu bauen, war

hilfreich. Wahrscheinlich wären wir da auch selber drauf gekommen, immerhin haben wir zur Vorbereitung sämtliche Survivalund Steinzeitbücher gelesen, die wir in die Finger bekommen haben. Schwierig war allerdings, sich möglichst alles zu merken. Für uns war schnell klar, dass in diesem Sumpfloch niemand gesiedelt hätte. Der Moorboden ließ nur eine Monokultur von Fichten und Birken, Farnen und Moosen zu. Außer Schlangen und Fröschen gab es kaum Tiere, nicht mal Regenwürmer. Wir hätte uns ab uns zu mal eine Flugente im Kochtopf gewünscht, aber es gab einfach keine. Nur einmal, wir saßen gerade beim Essen uns Feuer, hörten wir eine hinten im Schilf landen. Wir haben uns so laut gefreut, dass sie gleich wieder durchstartete und sich nicht mehr blicken ließ! Es gab keinen Giersch, auf den wir uns verlassen hatten, und für Sauerampfer und Brennnesseln mussten wir weit laufen. Die Lage des Dorfes war zwar kameratechnisch optimal, aber morgens wurde es spät hell und nachmittags kam schnell schon Abendstimmung auf, während es oben auf dem Acker noch helllichter Tag war.

Die Sache mit dem Dorfchef: Situationsbedingte Hierarchien ergeben sich in jeder Gruppe, die auf irgendeine Weise zusammenlebt und/oder -arbeitet, von selbst, und sie ändern sich je nach Sachlage: Wer gut klettern kann, der holt den Apfel vom Baum, wer gute Augen hat, geht auf die Jagd! Das aber sind jeweils nur temporäre Führungsrollen. Wer der Landwirt sein würde, verstand sich aufgrund unserer Berufe von selbst! Uns ist schnell klar geworden, dass Redaktion und Regisseur probiert haben, einen Dorfchef zu postulieren, haben aber versucht, diese Falle zu umgehen. Warum alle darauf bestehen, es müsse in der Steinzeit für eine funktionierende Gesellschaft einen Chef oder eine Chefin gegeben haben, ist uns nie klar geworden. Möglicherweise liegt es daran, dass alle, die das so sehen wollen, selber eine Chefrolle innehaben. Dass es Konflikte innerhalb der Gruppe gegeben hat, ist unbestritten, und ich denke, angesichts der Umstände auch durchaus nachvollziehbar. Zum Thema Feuer machen: Aus unserer Sicht war das Zundermaterial nach mehreren Tagen Lagerung in der hohen Umgebungsluftfeuchtigkeit schlichtweg feucht geworden. Daher hat es beim ersten Mal so lange gedauert. Danach wurden

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Zundermaterial, Feuerstein und Markasit und auch Reisig jeden Abend in den warmen und vor allem trockenen Ofen gelegt, so dass das Feuer schlagen in Zukunft locker von der Hand ging. Die „Honiggläser vom Dorfzaun“ haben wir nicht nur vor der Kamera, sondern auch vor unseren Kindern so gut versteckt, dass sie zum größten Teil am Ende der zwei Monate noch voll waren. Das hatte folgenden Grund: Anfangs haben wir unseren Frühstücksbrei mit jeweils 1 bis 2 Löffeln Honig (auf den gesamten Topf) versüßt. Als eines Morgens eins der Kinder dazu meinte: „Iiih, nur zwei Löffel?“, haben wir gedacht: Das darf doch nicht wahr sein. Ab sofort war der Honig gestrichen. Nur einmal, nach einem besonders nasskalten Tag, haben wir am Abend warme Milch mit Honig gekocht, das war ein Fest! Und für die Geburtstagstörtchen kam er zum Einsatz. Auch im Film wurde ursprünglich behauptet, der schlechte Zahnzustand läge u. a. an dem dauernden Honigkonsum. Als wir das richtig stellten, musste es noch schnell kurz vor der Ausstrahlung geändert werden. Auch wieder ein Beispiel dafür, dass eine flächendeckende Dokumentation nicht stattgefunden hat und mit Schlussfolgerungen vorsichtig umgegangen werden muss. Im Übrigen haben wir den Honig und auch Fallobst steinzeitlich getauscht, und zwar gegen die im Lagerfeuer gebrannten Keramikketten. Schließlich wollten wir nicht als Bettler dastehen. Nach den 2 Monaten hätten wir anfangen können. Diese Zeit haben wir einfach gebraucht. Denn 5000 Jahre zurückzureisen ist doch schwieriger, als alle Beteiligten vorher dachten. Und mit den Erfahrungen, die

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wir in dieser Zeit gemacht haben, hätten wir bei einer Neuauflage auch den Winter überlebt. Für die Kinder war und ist immer noch die Tatsache am eindrücklichsten: „Dass wir da alle zusammen waren.“ Der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel, die Enge, der Matsch, die Kälte, alles halb so wild, in Erinnerung ist das Leben im Sippenzusammenhang geblieben. Die Geschichten aus unserem Leben, wenn wir Erbsen oder Linsen pulend vor dem Regen geschützt auf der Veranda oder in der Hütte hockten. Die Rituale vor dem Essen oder das Erntedankfest. Das Einbaum fahren, die Schlangen und Frösche. Das Schönste waren sicherlich die Sonnentage und die wenigen drehfreien Tage. Die Momente, wo man wirklich in die Steinzeit eintauchen konnte. Und für mich immer wieder die Augenblicke, in denen ich mit dem Einbaum herumgepaddelt bin, um das Dorf aus einem anderen Blickwinkel zu sehen: romantisch wie am ersten Tag. Wie eine kleine versteckte Indianersiedlung an irgendeinem Nebenfluss des Amazonas. Für meine Frau Claudia war das Zusammenleben in einer Gruppe jenseits der Kleinfamilie am wichtigsten. Mit diesem Thema sind wir noch nicht fertig. Überhaupt ist die Steinzeit für uns alle noch lange nicht abgeschlossen. Vordergründig hat die Rückkehr in die heutige Zeit etwa so lange gedauert, bis die Füße wieder richtig sauber waren, nämlich ca. zwei Monate. Aber nicht nur gedanklich sind wir immer noch viel damit beschäftigt: Durch allerlei Engagements in Museen, Schulen, Kindergärten, bei Kinderferienspielen oder Vorträgen bleibt diese intensive Zeit für uns sehr

lebendig. Die zehn Tage in Unteruhldingen im Sommer 2007 waren etwas ganz Besonderes: Das Leben in den wieder aufgebauten Hütten, die Interaktion mit den Besuchern und ihr großes Interesse, abends Pizza und Bier! Es freut mich, dass dieser hochinteressante Zeitabschnitt der menschlichen Entwicklung durch dieses Projekt der Öffentlichkeit näher gebracht wurde und das Experiment selbst museal weiter aufgearbeitet und diskutiert wird. Bei einer Neuauflage eines ähnlichen Experimentes würde ich vorschlagen, dass man sich genau überlegt, was man will. Will man eine möglichst lückenlose Dokumentation, so muss man alles verkabeln, überall Kameras und Mikrofone aufhängen. Das führt aber dazu, dass man nicht in das gewünschte Steinzeitgefühl eintauchen kann. Wenn man das möchte, sollte man einen Ort fernab jeglicher Zivilisation wählen und möglichst niemanden auf das Gelände lassen. Ich glaube, dass sich beide Ansätze widersprechen. Auch eine Verlängerung auf mindestens vier Monate halte ich für nötig. Aber wie dem auch sei: Wenn gewünscht wären wir wohl wieder dabei, und trotz aller Erfahrungen bin ich mir sicher, dass es wieder ein Sprung ins kalte Wasser wäre! Anschrift des Verfassers Martin Burberg Am Graben 3 D-34632 Jesberg – Hundshausen Tel.: 0 66 95 / 488 E-Mail: [email protected] Abbildungen SWR/R. Nowak

Die Herstellung von Brot ist jedem zumindest in groben Zügen klar: Getreide wird als Feldfrucht angebaut, geerntet, gedroschen und gemahlen. Das Mehl wird unter Zugabe von Wasser und anderen Zutaten zu Teig weiter verarbeitet und schließlich gebacken. Ein selbstverständlicher Arbeitsablauf, aus dem seit Jahrtausenden das Grundnahrungsmittel Brot resultiert. Die Herstellung von Brot aus dem Getreidevorrat war auch eine der ersten Herausforderungen, die von den Probanden der SWR-Dokumentation „Steinzeit - Das Experiment“ zu bewältigen war. Eine nicht zu schwere Aufgabe, sollte man meinen. Doch bei der praktischen Umsetzung stellten sich schnell Probleme ein. Das eingelagerte Rohgetreide konnte nicht zufriedenstellend aufbereitet und gereinigt werden, so dass auch die weitere Verarbeitung mühsam oder unmöglich wurde. Die Grundversorgung mit Kohlehydraten sicherte nach anfänglichen Fehlversuchen dann die Zubereitung von gekochtem Quellgetreide. Richtiges Brot blieb wegen der zu aufwändigen Mehlherstellung die Ausnahme.

Warum gab es schon am Anfang des Produktionsablaufes vom Korn zum Brot solche Probleme? Bei der Vorbereitung zum Experiment hatte man in diesem Bereich nicht mit Schwierigkeiten gerechnet. Die Probanden waren nicht nur mit verschiedenen Getreidesorten im Lager und am Halm (also noch auf dem Feld), sondern auch mit allem notwendigen Gerät zur jungsteinzeitlichen Getreideaufbereitung ausgestattet, sondern sie hatten das wesentliche Know-how dieses Prozesses auch intensiv während des Coachings im Pfahlbaumuseum Unteruhldingen erlernt. Auf Betreiben des Pfahlbaumuseums wurde im April 2007 auf dem Museumsgelände eine Versuchsreihe zur Aufbereitung von Rohgetreide und seiner Weiterverarbeitung durchgeführt. Ziel dieser Versuche war es, die Ursachen für die Probleme bei der Brotherstellung zu klären. Darüber hinaus sollte nach Möglichkeit ein funktionierender Arbeitsablauf herausgearbeitet werden, der im Pfahlbaumuseum dem interessierten Museumsbesucher in einem Projekt „Vom Brot zum Korn“ vorgestellt werden sollte.

Das im Versuch auf dem Museumsgelände verwendete Getreide war identisch mit der Ausstattung des Steinzeitdorfes aus dem SWR-Film. Bei dem im Versuch verwendeten Getreide handelte es sich um Emmer aus der Vorratskammer des SWRDorfes sowie um Gerste vom Getreidefeld des Ackergeländes aus dem Filmdorf in Fuchsenloch, Gemeinde Schlier, Lkr. Ravensburg. Dort wie beim nachträglichen Modellversuch wurden die u. a. von mir angefertigten Repliken neolithischer Gerätschaften verwendet, so dass die Ausstattung identisch und die Rahmenbedingungen vergleichbar waren. Getestet werden sollte die allgemeine Verarbeitungsfähigkeit des Getreides. Die Geräte zur Aufbereitung waren verschieden große Holzmörser mit Holzstampfern, Dreschsparren und verschieden große Worfelschalen. Für die Weiterverarbeitung standen Mahlstein mit Läufer sowie verschiedene Gewebesiebe zur Verfügung. Ferner konnte der Lehmbackofen auf dem Versuchsgelände des Museums genutzt werden. Gearbeitet wurde unter steinzeitlich schlichten Bedingungen auf freiem Gelände. Die bei

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Versuch Nr.

Getreideart Menge Aufbereitung Zeit Art (Min.)

Trocknen, Rösten Art, Temp.

Zeit (Min.)

Entspelzen Gerät

Zeit (Min.)

Trennen Gerät

Zeit Ertrag Nutzen (Min) zurück

Bemerkung Beurteilung

Zeit pro 100g (Min.)

1a

Emmer 200 g BiohofMüller

lose, schüttfertig

x

x

x

kleiner Mörser

3

Worfelschale

8

45 g

140 g

ziemlich sauber, obwohl salopp gearbeitet wurde

7,9

1b

Emmer 200 g BiohofMüller

lose, schüttfertig

x

x

x

kleiner Mörser

5

Worfelschale

10

20 g

165 g

sorgfältiges Vorgehen, sehr sauberes Produkt

9

unsauberes Ergebnis, Verluste durch Verschütten, zu viel!

9,6

1c

Emmer 400 g BiohofMüller

lose, schüttfertig

x

Emmer 200 g BiohofMüller

Waschen

3

2b

Emmer 200 g BiohofMüller

Waschen

3

trocknen Sonne

30

kleiner Mörser

5

Worfelschale

4

20 g

145 g

schlecht entspezt, mittlerer Schrotanteil

7,5 + 30

3a

Emmer 200 g BiohofMüller

lose, schüttfertig

x

Backofen auf Scherbe 170°

5

kleiner Mörser

4

Worfelschale

7

x

120 g

schrotig, angekohlt aber gut entspelzt

13,3

3b

Emmer 200 g BiohofMüller

lose, schüttfertig

x

Auf Ofenboden ca. 170°

3

kleiner Mörser kurz

Worfelschale

7

x

80 g

schrotig, angekohlt, gut entspelzt. Verlust im Ofen

12,5

Emmer 2x BiohofMüller 100 g

lose, schüttfertig

x

Unterhitze auf Scherbe 120°

10

Emmer 1000 g BiohofMüller

lose, schüttfertig

x

auf Scherbe, 10 Portionen á 100 g, je 4 – 5 Min.

45

am Halm

x

x

x

Ähren vom Stroh trennen

2 x 10

x

x

am Halm

x

x

2a

3c

3d

?

x

x

x

x

kleiner Mörser

kleiner Mörser

kleiner Mörser

10

5

4

kleiner Mörser 5 x 200 g, je 5 Min.

25

Dreschsparren

4

Worfelschale

Worfelschale

Worfelschale

14

4

7

90 g

75 g

x

Worfelschale, 5 Portionen á 200 g je 4 Min.

20

20 g

Worfelschale 2 Schritte kurz

3

x

kleiner Mörser 2 x 4

Worfelschale

2x5

x

großer Mörser

6

Worfelschale

250 g

120 g feuchter Spelz ist schlecht vom Korn zu ternnen, unsaubereres Ergebniss

130 g

650 g

sehr sauberes Produkt ohne Spelzreste, viel Schrot

Mahlen + Aufbereitung 100 g Mehl (Min.)

Getreideart

Menge

Rösten Art, Temp.

Zeit (Min.)

Mahlen Gerät

Zeit (Min.)

Bemerkung Beurteilung

Qualität

1a–c

Emmer entspelzt

100 g

x

x

Mahlstein

15

helles Mehl mit mittlerem Schrotanteil (Standartwert neolithischer Mühsal)

24

gut

2a–b

Emmer gewaschen, entspelzt

100 g

x

x

Mahlstein

20

klebriges Mehl mit hohem Schrotanteil. Viele Spelzen. Kaum zu sieben

30

unbrauchbar

3a–b

Emmer stark geröstet, entspelzt

100 g

während Aufbereitung

Mahlstein

10

sehr leicht zu mahlen, Produkt fein aber grau. Geschmack stark malzig

23

schlecht

3c

Emmer sanft geröstet, entspelzt

100 g

während Aufbereitung

Mahlstein

12

gut zu mahlen, helles Mehl mit geringem Schrotanteil, angenehmer Geschmack

28

sehr gut

3d

Emmer geröstet, entspelzt

650 g

während Aufbereitung

Mahlstein

60

620 g helles Mehl, kaum Spelz

20

sehr gut

4c

Gerste sauber

100 g

x

x

Mahlstein

25

sehr mühselig, grobes Endprodukt

34

mäßig

4c

Gerste sauber

100 g

120° auf Scherbe

7

Mahlstein

15

zufriedenstellend feines Endprodukt

24

gut

5a

Dinkel entspelzt

100 g

x

x

Mahlstein

15

Standartwert, einige Spelzen im Endprodukt

24

mäßig

5b

Dinkel geröstet, entspelzt

100 g

Mahlstein

12

etwas leichter zu mahlen als ungeröstet, Endprodukt aber körniger

27

mäßig

10

16

sauber, mittlerer Schrotanteil

10

120 g

grosse Verluste beim Dreschen. Sauber entspelzt ohne Schrotanteil

5,8

x

160 g

sauber entspelzt, geringer Schrotanteil

23,5

7

?

150 g

ziemlich saubere Körner, kein Schrotanteil. Verluste beim Dreschen

8,7

4a

Gerste Fuchsenloch

4b

Gerste 2x Fuchsenloch 100 g

4c

Gerste Fuchsenloch

5a

Dinkel 200 g BiohofSeeger

lose, schüttfertig

x

x

x

kleiner Mörser

5

Worfelschale

4

45 g

135 g

hartnäckig im Spelz

9

5b

Dinkel 200 g BiohofSeeger

lose, schüttfertig

x

Unterhitze auf Scherbe 120°

5

kleiner Mörser

3

Worfelschale

7

20 g

115 g

recht sauber aber noch Spelzen, geringer Schrotanteil

15

?

Weiterführung von Versuch Nr.

während Aufbereitung

den Versuchen verarbeiteten und gewonnenen Mengen und die dabei benötigten Arbeitszeiten wurden mit Hilfe von Stoppuhr und Waage erfasst und dokumentiert (Tab. 1, 2).Der grundsätzliche Versuchsablauf der Getreideaufbereitung bestand darin, unterschiedlich vorbehandeltes Rohgetreide erst vom Spelz zu lösen, dann die „Spreu vom Weizen“, also die Spelzen von den Körnern, zu trennen, und schließlich die Eigenschaften des gewonnenen Produktes bei der Weiterverarbeitung zu beurteilen. Die wichtigsten Abläufe der Versuchsreihe sind in den beiden Tabellen zusammengefasst.

Tab. 2: Weiterverarbeitung des entspelzten Getreides.

Tab. 1: Versuchsverlauf des Entspelzvorganges während drei Tagen in Unteruhldingen.

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Abb. 1: Das Rösten des Getreides erfordert das richtige Fingerspitzengefühl. Schnell ist die äußere Schicht angebrannt und gibt dem Korn einen bitteren Geschmack.

Abb. 2: Die Arbeit mit dem Dreschsparren bringt raschen Erfolg, aber es geht auch viel Getreide verloren.

Abb. 3: Durch kräftiges Stampfen lässt sich das Getreide im Mörser entspelzen. Nach etwa 4 Minuten ist eine lockere Mischung aus Körnern, Schrot und Spreu entstanden.

Abb. 4: Durch leichtes Schütteln der Worfelschale setzt sich die leichte Spreu über den Körnern ab und kann abgeblasen werden.

Abb. 5: Durch gleichmäßiges Rütteln der Worfelschale sortiert sich der Inhalt nach Größe und spezifischem Gewicht: innen der Schrotanteil, in der Mitte Ganze Körner und in der äußeren Zone der Anteil unvollständig entspelzter Getreidekörner.

Die Vorbehandlung des lufttrockenen Getreides erfolgte durch eine Herauf- bzw. Herabsetzung des Wassergehaltes. Durch Waschen und anschließendes Trocknen in der Sonne wurde die Feuchtigkeit erhöht. Die Herabsetzung der Feuchte erfolgte durch Darren bzw. Rösten am Feuer und im Backofen. Hierbei wurden verschiedene Möglichkeiten erprobt, die zu einer mehr oder weniger starken Verkohlung des Getreides führten. Als besonders schonend erwies sich das Darren auf einer großen Gefäßscherbe über dem Abzugsloch des Lehmofens. Hier wurden Getreideportionen zu 100g bei etwa 140° Unterhitze/ Heißluft etwa 5 Min. leicht geröstet (Abb. 1).

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Das Entspelzen selbst wurde durch Ausschlagen der Körner mit dem Dreschsparren auf einer Lederunterlage vorgenommen (Abb. 2). Es zeigte sich jedoch bald, dass dies zu großen Verlusten durch umher fliegendes und damit verlorenes Getreide führte. Diese Art der Aufbereitung scheint für größere Mengen innerhalb eines geschlossenen Raumes oder auf einer größeren, dafür ausgelegten Fläche durchaus effizient zu sein. Da in diesem Versuch aber viele unterschiedliche Kleinmengen bearbeitet werden sollten, war diese Methode unbrauchbar und wurde nicht weiter verfolgt.

Kräftiges Ausstampfen des Getreides im Mörser funktionierte besser (Abb. 3). Hierbei konnten kleine Mengen Rohgetreide ohne größere Verluste sauber entspelzt werden. Sinnvoll waren Getreidemengen um 200 g, die nach etwa 4 Minuten kräftigem Zerstoßen als eine lockere Mischung aus sauberen Körnern, Spelzen, zerstoßenen Körnern (Schrotanteil) und noch nicht entspelzten Körnern in die Worfelschale umgeschüttet werden konnten. Zu große Mengen hingegen ließen sich in einem Arbeitsgang nicht richtig entspelzen, da die eingebrachte Energie beim Mörsern im rutschigen Getreide verpuffte. Zu kleine Mengen ergaben einen hohen Schrotanteil, da viele Körner direkt zwischen Holzstößel und Mörserboden zerschlagen wurden.

Auch die Gerste, die in Fuchsenloch mit halbem Halm geerntet worden war, wurde auf diese Art ausgedroschen. Zunächst wurden die Ähren recht mühsam vom Halm getrennt und dann mit sehr gutem Ergebnis in einem kleinen Mörser ausgedroschen. Weit weniger aufwändig bei gleichem Ergebnis war das Dreschen der ganzen Stroh/Getreidemischung in einem großen Mörser. Hier konnte das Stroh nach dem Dreschen einfach abgenommen werden und nur der körnerhaltige Bodensatz in die Worfelschale geleert werden. Es wurde rasch deutlich, dass gewaschenes und nasses Getreide schlecht zu verarbeiten war, da die feuchten Spelzen hartnäckig an den Körnern saßen. Kräftig geröstetes Getreide ließ sich zwar leicht

und schnell entspelzen, zersplitterte aber so stark, das beim späteren Trennen des Nutzanteiles mit zu großen Verlusten gerechnet werden musste. Am besten war das leicht angeröstete Getreide vom Abzugsloch des Ofens zu verarbeiten. Hier konnte gegenüber dem lufttrockenen Getreide mit deutlich weniger Mühe ein sehr sauberes Arbeitsergebnis erzielt werden.

Das Trennen der ausgedroschenen Körner von Spelzen und Stroh erfolgte in einer Worfelschale. Durch gleichmäßiges Schütteln setzte sich die leichtere Spreu über den schwereren Getreidekörnern und dem Schrotanteil ab und konnte abgeblasen werden (Abb. 4).

Hochwerfen (Worfeln) oder Umschütten von Schale zu Schale reichte an den fast windstillen Tagen hingegen nicht aus. Der verbleibende Rest konnte in der Schale in seine Bestandteile getrennt werden. Durch gleichmäßiges Rütteln der Schale sortierte sich der Inhalt in verschiedene nebeneinander liegende Zonen nach Größe und Gewicht: in der inneren Zone vor allem Mehl und Schrot, darüber ganze, saubere Körner, ganz außen ein Rest nicht entspelzter Körner. Während die unvollständig entspelzten Körner vom Rest abgeteilt und zwecks nochmaligen Dreschens in einen Mörser zurückgegeben wurden, konnten die sauberen Körner und das Schrot zur weiteren Verarbeitung gesammelt werden (Abb. 5).

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Abb. 6: Die Mehlherstellung mit Mahlstein und Läufer bleibt auch unter günstigen Voraussetzungen eine zeitaufwendige Arbeit.

Wiederum bestätigte sich, dass trockenes, möglichst gründlich entspelztes Getreide die besten Ergebnisse erbrachte. Uneffektiv war das Worfeln von Getreide mit zu großem Anteil nicht entspelzter Körner. Besonders schwierig und mit unsauberem Ergebnis war das Trennen von feuchtem Spelz, der nicht abgeblasen werden konnte und immer wieder mit den Körnern verklebte. Das Mahlen des Getreides mit Mahlstein und Läufer dauerte am längsten (Abb. 6). Die unterschiedlich aufbereiteten und gereinigten Mengen aus der Worfelschale wurden in Portionen zu 100 g bereitgestellt und jeweils in kleinsten Mengen auf dem Stein zermahlen und ausgesiebt. Je nach Probe dauerte die Herstellung von 100 g Mehl zwischen 10 und 25 Min. Auch hier lieferte künstlich nachgetrocknetes Getreide schnellere und bessere Arbeitsergebnisse, da die spröderen Körner schnell zerbrachen und sich fein ausmahlen ließen. Feuchtes Material mit anhaftenden Spelzresten verklebte das Mahlwerkzeug und ließ sich nicht aussieben. Besonders schwer waren die rundlichen Körner der Gerste zu zerkleinern. Erst ein Rösten der harten Körner ermöglichte auch das Mahlen der Gerste in einer akzeptablen Zeit.

Der Versuch zeigte, dass mit den neolithi- Neolithiker unter diesen Umständen, wenn schen Gerätschaften in fast allen Fällen überhaupt, nur aufgrund seiner Erfahrung brauchbares Mehl hergestellt werden konn- möglich gewesen wäre, brauchbares Mehl te. Der Arbeitsaufwand und die Qualität des herzustellen. Endproduktes waren dabei stark von der Aufbereitung des Rohgetreides abhängig. Festzuhalten bleibt der große Zeit- und ArUnbrauchbar waren lediglich die Ergebnisse beitsaufwand für die neolithische Produktion von Backwaren. Allein für die der Verarbeitung von zu feuchDie GesamtHerstellung von 1 kg Mehl aus tem Getreide. Der Gegenversuch herstellungsdauer Rohgetreide vom Speicher wermit dem schwer zu verarbeitenfür das heutige den bei einem gut organisierten dem Dinkel (Tab. 1, VersuchsGrundnahrungsmittel Arbeitsablauf 3,5 bis 4 Std. reihe 5) zeigte die relativ guten Brot war in der Eigenschaften des neolithischen benötigt. Hinzu kommen im Jungsteinzeit Getreides. Überaschend war bei Vorfeld der Anbau, die Pflege immens. der Auswertung der Dokumenund die Ernte des Getreides. tation der Umstand, dass für die Herstellung Doch damit steht das Brot noch nicht auf von 100 g Mehl fast immer der gleiche Zeit- dem Tisch: Holz muss geschlagen und geaufwand, etwa eine halbe Stunde, erforder- sammelt, der Ofen geheizt und gewartet werlich war. Die Zeit, die bei der schnelleren den. Weitere Zutaten müssen gesammelt Verarbeitung des nachgetrockneten Getrei- und eingetauscht werden. Schließlich muss des gewonnen wurde, ist vorher auf das Dar- der Teig angesetzt, geknetet und gebacken ren und Rösten verwandt worden. Die Er- werden. Die Gesamtherstellungsdauer für sparnis an körperlicher Arbeit war hingegen das heutige Grundnahrungsmittel Brot war deutlich spürbar. Es wurde aber auch deut- in der Jungsteinzeit immens. Unter diesem lich, dass unterschiedliche Getreidesorten Gesichtspunkt ist kaum vorstellbar, dass Brot verschiedene Aufbereitungsmethoden erfor- für den Neolithiker ein schlichtes Alltagsderten, wobei jeder Arbeitsschritt auf den essen war. Herstellungsprozess abgestimmt und optiAnschrift des Verfassers miert werden musste. Waren die Voraussetzungen des Materials für den anstehenden Hans-Christian Lässig M.A. Arbeitsgang ungeeignet, konnte dieser fast Pfullendorfer Str. 4 nicht ausgeführt werden. Wurde ein Ar- 72505 Krauchwieß-Hausen beitsschritt aber unzureichend ausgeführt, www.laessig-holzdesign.de so geriet der ganze Produktionsablauf ins [email protected] Wanken.

Alles, was Sie schon immer über die Steinzeit wissen wollten ...

Abbildungen

Die Probleme der Probanden beim Steinzeitexperiment wurzeln meiner Ansicht nach in der Nässe des verregneten Sommers 2006. Versuche, derart feuchtes Getreide ungeröstet zu Mehl zu verarbeiten, mussten zum Scheitern verurteilt sein. Mangelnde Sicherheit in der Folge der Arbeitsabläufe und das Fehlen an Zeit, eigene Versuche anzustellen um fehlende Erfahrungswerte zu kompensieren, komplettierten für den Außenstehenden das ungerechtfertigte Bild der Unzulänglichkeit. Ich denke, dass es einem

Abb. 1, 5, 6: PM/Lässig. Abb. 2, 3, 4, S. 45 oben: PM/Schöbel. S. 47 rechts unten: SWR/Nowak. Literatur Schlenker, R. / Bick, A. (2007) Steinzeit. Leben wie vor 5000 Jahren. Stuttgart. Schöbel, G. (2007) Aus dem Steinzeittagebuch ... Steinzeit das Experiment. Ausstellung zur Fernsehdokumentation. Leben wie vor 5000 Jahren in den Pfahlbauten Unteruhldingen. Markdorf. 1 – 38.

Mitglieder des Pfahlbauvereins beim Besuch der Pfahlbauten von Montale (Italien).

... und vieles mehr erfahren Sie im Pfahlbauverein. Im Mittelpunkt der Arbeit des Vereins für Pfahlbau- und Heimatkunde e.V. steht das Freilichtmuseum in Unteruhldingen mit seinen rekonstruierten Dorfanlagen der Stein- und Bronzezeit. Sie stellen anschaulich dar, wie die Menschen am Bodensee gewohnt, gelebt und gearbeitet haben. Zu diesem Museum zählt aber auch die Arbeit hinter den Kulissen im Forschungsinstitut, in der Verwaltung und im technischen Bereich, die zusammengenommen den Museumsbetrieb erst ermöglichen. Als nichtstaatliche Institution in der Trägerschaft des Vereins finanziert sich das Museum ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden sowie Eintrittsgeldern und wird nicht, wie andere Einrichtungen, von der öffentlichen Hand gefördert. Dieses Museum benötigt daher die Hilfe derer, die entweder als passives oder als aktives Mitglied die Arbeit des Vereins für Pfahlbau- und Heimatkunde e.V. Unteruhldingen unterstützen. Werden Sie daher Mitglied (s. S. 131) und werben Sie für dieses einzigartige Museum! Sie erhalten dann freien Eintritt und bestimmte Veröffentlichungen des Vereins kostenlos.

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  bei Überlingen-Bambergen, Lkr. Bodenseekreis. Eine archäologische Bestandsaufnahme mit modernen Prospektionsmethoden.

Abb. 1: Franz Xaver Ullersberger (1807 – 1885).

Römische Gutshöfe sind im Raum Bodensee-Oberschwaben kaum erforscht, einige sind durch die Luftbildarchäologie lokalisiert. Zu dieser Gruppe von Anlagen zählt auch die villa rustica „Heusteig“ nahe dem Neuhof bei Überlingen-Bambergen.

„… Auf dem nordwestlich oberhalb des Orts Bambergen gelegenen Gewann „Auf den Mauern“ stießen nämlich die Feldarbeiter jeweils beim Umpflügen an verschiedenen Stellen auf unterirdisches, kaum mit 15 –20 Centimeter hoher Bodenschichte bedecktes Mauerwerk, dessen Vorhandensein namentlich in heißen Sommern sich dadurch bekundete, daß einzelne Striche des sonst üppigen Geländes äußerst magere und spärliche Feldfrüchte trugen. … Auf diese Erscheinungen aufmerksam gemacht, unterzog Hr. Ullersberger die Fundgegenstände und Oertlichkeit einer nähern Untersuchung, erkannte in Erstern echtrömische Ziegel, veranstaltete an geeigneten Stellen Nachgrabungen, wodurch er einen Theil des Mauerwerks und die Reste von zwei Gemächern bloslegte …“ so berichtet der Überlinger Seebote vom 16. November 1881 über eine erste Untersuchung, die vom Überlinger Privatier Franz Xaver Ullersberger unternommen wurde.

Durch die bisher vorhandenen Erkenntnisse aus Altgrabung, Luftbildern und Feldbegehungen bot es sich an, hier geophysikalische Prospektionen und gezielte archäologische Sondagen durchzuführen. Gerhard Plessing, der „Gutshofbesitzer“ unserer Tage war bereit, das betroffene Ackerland aus der Bewirtschaftung zu nehmen und der Archäologie zur Verfügung zu stellen. Das Projekt wurde im Rahmen einer Diplomarbeit im Studiengang Grabungstechnik an der FHTW Berlin als gemeinsames Projekt von Archäologischer Denkmalpflege, Pfahlbaumuseum Unteruhldingen, dem Verein für Pfahlbau- und Heimatkunde e.V. Unteruhldingen sowie mit Unterstützung der Abteilung für Provinzialrömische Archäologie der Universität Freiburg realisiert1.

Ich danke an dieser Stelle dem Pfahlbaumuseum

chungen. Ohne die tatkräftige Unterstützung durch

Friedrichshafen, dem Heimatverein Heiligenberg

Mitarbeiter des Pfahlbaumuseums und Mitglieder

und seinen Vereinsmitgliedern, der Internatsschule

Schöbel für den Hinweis auf die Fundstelle sowie

des Pfahlbauvereins wäre die Grabung nicht möglich

Salem mit Herr und Frau Meister, Herrn M. G.

dem Verein für Pfahlbau- und Heimatkunde e.V.

gewesen. Weiterer Dank gebührt meinen Professoren

Meyer M.A. vom Institut für Provinzialrömische

Unteruhldingen für die Finanzierung der Untersu-

Dr. Kohlmeyer und Dr. Knaut sowie Herrn Schenk

Archäologie der Universität Freiburg i.Br., Familie

von der FHTW, Dr. Klein vom Landesamt für Denk-

Schuler aus Bamberg, der Familie Plessing sowie

malpflege, Herrn Gmähle vom Vermessungsamt

meiner Familie.

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Abb. 3: Gut Neuhof (rechts im Vordergrund).

Abb. 4: Geologische Karte mit der Fundstelle (rot).

Überlingen-Bambergen

Konstanz

Unteruhldingen und seinem Direktor Dr. Gunter

1

Abb. 2: Übersichtskarte.

Bo

de

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Der Gutshof liegt auf einem nach Süden abfallenden Geländerücken zwischen den Talmulden von Auenbach und Moosbach. Den Untergrund bilden eiszeitliche Geschiebe und Ablagerungen. Das Gebiet mit der Fundstelle hat eine wechselvolle Geschichte. Es wurde zeitweise als Obstanlage genutzt und wird von einer stillgelegten Leitungstrasse (Natokabel) gequert. Zudem war zu erfahren, dass die Ackerfläche in den 1950er Jahren vorübergehend als Versuchsfeld für Traktoren und Pflüge diente.

Abb. 5: Karte der Fundstelle mit Messraster. rot: Messraster Strichlinie schwarz: Gemarkungsgrenze dunkelgrün: ehem. Obstplantage rote Punkte: Erdanker (geophys. Nachweis) gelb: ehem. Fernmeldekabel (Natokabel) schwarz/weiss: röm. Gebäudereste grau: archäolog. Befunde.

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Ost verlaufenden Messbahnen (Messung im Zig-Zag Modus) durchgeführt. Um kleinere und schwächere Anomalien noch zuverlässig zu erfassen, wurde der Messpunktabstand auf 0,25 m eingestellt. Bei den Messaufnahmen wurde ein Abstand von 0,5 m realisiert, der bei der grafischen Umsetzung der Daten auf 0,25 m interpoliert worden ist.

Abb. 6: Luftbild vom 27.07.1999 mit den 1881 entdeckten Gebäuderesten. Blick von Ost. Abb. 7: Grabungsplan Ullersberger von 1881, Blick von West.

Die geoelektrischen Messungen erfolgten mit zwei verschiedenen Elektrodenabständen in der Zweipolanordnung bei 40 V Spannung und einer Stromstärke von 1mA (R15 von Geoscan Research) auf Messbahnen, die von West nach Ost verliefen (Messung im Zig-Zag Modus). Die Gesamtfläche von etwa 5,5 Hektar (Abb. 9) wurde mit einem Elektrodenabstand von Ausgehend von den Luftaufnahmen wurde ein Messareal von 5,5 ha Fläche für die geophysikalische Prospektion bestimmt. In Quadraten von 30 m Seitenlänge fanden geomagnetische und geoelektrische Messungen statt, in Teilbereichen wurde die geoelektrische Messung in verfeinertem Raster wiederholt.

Die vom Pfahlbaumuseum Anfang der 90er Jahre angeregten Luftbildaufnahmen von O. Braasch wurden für eine Dissertation über die ländliche Besiedlung Oberschwabens zur Römerzeit erneuert. 120 Jahren nach den ersten Untersuchungen wurde am Gutshof „Heusteig“ wieder geforscht. Im Luftbild waren die 1881 ergrabenen Gebäudeteile zu identifizieren, zudem zeichneten sich Spuren weiterer Bauten ab.

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Abb. 8: Geomagnetische Kartierung der Gesamtfläche.

0,5 m (0,5 Twin) gemessen. Dadurch ergab sich eine Messpunktdichte von 4 Messwerten pro m2. Die Zusatzmessung einer etwa 0,3 Hektar großen Teilfläche (Abb. 10) über den Gebäudestandorten G1 und G2 erfolgte im Elektrodenabstand 0,25 m (0,25 Twin). Das sind 16 Messwerte pro m2. Besonders aussagekräftig sind die Ergebnisse der geoelektrischen Untersuchungen. Sie erweiterten die bereits im Luftbild sichtbaren Strukturen wesentlich und lassen etliche neue Details erkennen. Die grafischen Umsetzungen der Messwerte von Geoelektrik und Geomagnetik (Abb. 8 – 10) zeigen neben den auffallenden Anomalien S1 – S8 die unschwer meist als Mauerzüge anzusprechenden Reste von sieben Gebäuden (G1 – G7). Deutlich hob sich der in

Stein errichtete 22,3 x 17 m große Bau G1 ab, dessen Grundriss durch die geoelektrische Prospektion nun vollständig wurde. Wegen seiner etwas aufwändigeren Innenarchitektur – der 1881 untersuchte nordwestliche Eckraum besaß ein Hypokaustum mit kleinen Sandsteinpfeilern – ist er als Wohngebäude zu deuten. In den hangseitigen nordwestlichen Raumecken zweier Räume sind wohl noch Reste des Fußbodens erhalten. Ein Sondageschnitt (Schnitt 2) in den nordwestlichen Eckraum – er sollte die Lage der 1881 entdeckten Feueröffnung für die Fußbodenheizung klären – ergab weitere interessante Details. Da der Planausschnitt der Altgrabung nicht genordet wurde, konnte die Feueröffnung entweder an der nordwestlichen Gebäudeecke oder im Gebäudeinneren liegen. Durch

Abb. 9: Geoelektrische Kartierung 0,5-Twin der Gesamtfläche.

Diese beiden Verfahren ergänzten sich in idealer Weise, da sie jeweils verschiedene Spektren aufzeichneten. Für Mauerstrukturen und größere Grabenanlagen eignete sich besonders die Geoelektrik. Erdbefunde wie Gruben, Kulturschichten, Feuerstellen und vergangene Holzarchitektur ließen sich vorwiegend mit der Geomagnetik prospektieren, da sich in ihrer Verfüllung zumeist magnetisch aktive Mineralien befinden. Die magnetische Prospektion wurde auf etwa 4,5 Hektar Fläche mit einem Gradiometer (Förstersonde mit Sensys-Datenlogger) und einer Messempfindlichkeit im Nanoteslabereich (nT) auf von West nach

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Abb. 10: Geoelektrische Kartierung 0,25-Twin des Zentralbereichs im verfeinerten 0,25 m-Raster.

Grabung Ullersberger 1881: U1 = hypokaustierter Raum U2 = „kellerariger Bereich“

Abb. 11: Schnitt 2, Mauerausbruch mit Fußbodenresten.

Abb. 12: Schnitt 2, Kalkfass/Mörtelbottich.

Grabung 2003, nachgewiesene Befunde: MB = Mörtelbottich (Schnitt 2) MV = Mauerversturz (Schnitt 4) AG = geologische Anomalie (Schnitt 5)

den „Negativbefund“ im Sondageschnitt – der anstehende Boden zeigte keinerlei Eingriffe bis zur ausgebrochenen Mauer (Abb. 11) – war die Lage der Feueröffnung im Gebäudeinneren gesichert. Zusätzlich wurde in dem Schnitt der Kalkabdruck eines ca. 80 cm messenden Holzfasses (Mörtelbottich-MB) (Abb.10, 12) dokumentiert, das zur Herstellung von feinem Innenraumverputz gedient haben dürfte. Schemenhaft ist der Grundriss von Gebäude G2 zu erkennen. Seine Grundfläche von rund 678 m2 und die auf den 1881 untersuchten Keller in der Südostecke zustrebenden Mauerfluchten ließen an ein Hauptgebäude im Stil einer Portikusvilla mit Eckrisaliten denken (Abb. 8, 9, 13). Kleinere Nebengebäude oder Teile von Wirtschaftsbauten waren wohl mit den Grundris-

sen G3 – G5 und G7 erfasst. G4 präsentiert sich als flächige Struktur, als Versturz, Estrich, als flächige Rollierung oder verfüllte Grube. Der etwa 90 m2 große Bau G6 war kaum zu erkennen, da er im Bereich der kräftigen Anomalie S4 liegt. Vor Jahren fielen hier durch Planierung Gebäudereste dem Ackerbau zum Opfer. Berichtet wird von Mauern und Estrich mit Ziegelzuschlag. Geländebegehungen vermerken reichlich Ziegelbruch, und bei der Messarbeit selbst fand sich ein Stück Wandverputz mit roter Farbe. Vermutlich handelt es sich um das Badegebäude, zumal es das tiefstgelegene und dem Talgrund des Auenbachs nächste Gebäude ist. Befund G7 konnte nur durch das Magnetogramm deutlich identifiziert werden (Abb. 8, 13, 14). Hier zeichnet sich auf 3,40 x 4 m eine rechteckige Struktur ab, die in

Abb. 13: Planzeichnung des Zentralbereichs.

30 m

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30 m

30 m Abb. 16: Riemenendbeschlag aus Bronze.

5 cm Abb. 17: Terra Sigillata. Abb. 14 a – c: Kombination von Geoelektrik und Geomagnetik mit 5 Schnitten im Zentralbereich. Schnitte 1 – 4: archäologische Befunde.

Abb. 15: Grabungsplan von Schnitt 4, Nordwestecke von Gebäude G2.

ihrer Mitte eine Schuttverfüllung oder Steinpflasterung aufwies, wohl der Rest eines Holzkellers. Die ungefähre Orientierung der Bauten in Nord-Süd- bzw. West-Ost-Richtung ist wohl auf das Geländerelief zurückzuführen. Die Gebäude streuen auf einer Fläche von ca. 1,7 ha, der Gutshof dürfte demnach ein Areal von 2 – 3 ha eingenommen haben. Eine Hofeinfassung zeichnete sich jedoch nicht ab. Um den geophysikalischen Messbefund archäologisch zu verifizieren, um fragliche

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14 b: Widerstandskartierung.

14 c: Magnetfeldkartierung.

Anomalien zu deuten und um den Erhaltungszustand zu prüfen, wurden acht eng begrenzte Sondageschnitte angelegt (Abb. 14). Archäologische Befunde liegen vermutlich bei den Strukturen S7 und S8 vor. Sie ähneln dem Befund unmittelbar außerhalb der Nordwestecke von Gebäude G2. Dort hatte sich in einer flachen Mulde der Mauerschutt einer umgestürzten Gebäudewand erhalten (Abb. 15). Gesichert sind die äußere Mauerschale aus Feldsteinen und eine Gebäudeecke mit auf Gehrung gearbeiteten Blöcken aus Kalktuff. Zudem fanden sich Verputzreste mit rotem Fugenstrich. Der Mauerversturz überdeckte das ehemalige Laufniveau. Eingebettet waren darin u. a. ein feiner, durchbrochen gearbeiteter Anhänger oder Riemenendbeschlag aus Bronze (Abb. 16), Tierknochen und einige datierbare Keramikscherben, darunter sog. helvetische Terra Sigillata (Abb. 17) des frühen 3. Jh. n. Chr. Diese Fundkonzentration ist vielleicht ein Hinweis auf einen rückwärtigen Gebäudeeingang in diesem Bereich (Abb. 18).

5 cm

Abb. 18: Rekonstruktionsversuch nach dem Grabungsbefund, Schnitt 4.

Wie schon die geoelektrische Messung andeutete, sind die Mauerzüge von Gebäude

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Abb. 19: Grabungsplan von Schnitt 3, Südwestecke von Gebäude G5.

G2 schlecht erhalten. Das Fundament aus Wackersteinen reichte gerade noch ca. 30 cm unter die Pflugsohle, hang abwärts war es offensichtlich bereits zu Teilen erodiert. Lediglich der Keller in der Südostecke des Gebäudes war erhalten, 1881 noch 1,2 m tief; inzwischen dürfte weiterer Boden abgetragen worden sein. Auch für Gebäude G5 war nur noch eine Fundamenttiefe von etwa 20 cm zu ermitteln. Die Sondage Schnitt 3 (Abb. 19) ergab hier jedoch eine Grube mit Pfostenloch in der südlichen Gebäudemitte, die von einer Brandschicht überdeckt war; dies hatte sich schon im Messbefund abgezeichnet.

verstreuten römischen Funden, darunter eine sog. kräftig profilierte Fibel aus der zweiten Hälfte des 1. Jh. n. Chr. (Abb. 20) sowie ein ca. 3 cm großer bronzener Kopf in Form einer Theatermaske (Tragödiendarstellung) (Abb. 21). Er war halbseitig im Hohlguss gefertigt und ursprünglich mit einem mit Blei umgossenen Stift als Applik vielleicht an einer Truhe oder einem anderen Möbelstück befestigt.

Abb. 20: Bronzefibel des 1. Jh. n. Chr.

Geologisch bedingt erschienen die Strukturen S2–S6. Bei den besonders auffälligen Bereichen S4 und S5 handelte es sich um bis zu 50 cm mächtige Sandbänke, die vermutlich während der ausgehenden Würmeiszeit durch Schmelzwasserseen entstanden sind. Nur S1 erwies sich als humos verfüllte Rinne. Die Reste der Gutsanlage „Heusteig“ sind in Folge von Ackerbau und Erosion in einem schlechten Zustand. Für den überwiegenden Bereich des Hofareals erwies sich die geophysikalische Prospektion, verknüpft mit Begehungen und gezielten Sondagen, als ein wertvolles Instrument, archäologische Spuren zu erfassen und zu dokumentieren. Nur in Teilbereichen, die anhand des Messbefunds scharf eingrenzbar waren, erschien die aufwändige flächige Ausgrabung noch sinnvoll. Östlich unterhalb des Gutshofs fanden im Sommer 2003 umfangreiche Erdbewegungen zum Bau landwirtschaftlicher Gebäude statt. Die Aushubarbeiten wurden archäologisch begleitet. Dabei zeigte sich unter einem knapp 1 m mächtigen Schwemmhorizont eine ehemalige Bodenschicht mit

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5 cm

Abb. 21: Bronzekopf als Applikation.

2 cm

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Abb. 22: Gesamtplan des Gutshofs.

Abb. 23 a: Airborne-Laserdaten. Deutliche Strukturen: GH 1: Grabhügel, plausibel: ø 56 m, Fläche: 2414 m2, Höhe: max. 1,2 m. GH 2: Grabhügel, plausibel: ø 25 m, Fläche: 437 m2, Höhe: max. 1,0 m. GH 3: Grabhügel, plausibel: ø 28 m, Fläche: 567 m2, Höhe: max. 0,8 m. Daten: Bewuchsmerkmale u. Erhebungen im DGM. Höhenbereich: 473 – 477 m ü. NN.

Abb. 23 b: Digitales Orthophoto von 1996 (rechts). Undeutliche Strukturen: GHu 4: Grabhügel, unklar: ø 17 m, Fläche: 227 m2. GHu 5: Grabhügel, unklar: ø 40 m, Fläche: 1217 m2. GHu 6: Grabhügel, unklar: ø 20 – 30 m, Fläche: 398 m2. LSu: lineare Struktur, unklar: Breite: 4 – 5 m. Datenbasis: Bewuchsmerkmale.

Abb. 24: Römischer Gutshof „Heusteig“ mit Grabhügelfeld unbekannter Zeitstellung (Darstellung leicht schematisiert). RG: Römischer Gutshof „Heusteig“, Datenbasis: geophysikalische Prospektion 2002, Grabungen 1881 und 2003. GH 1 – 3: Grabhügel, plausibel. Datenbasis:

Bewuchsmerkmale u. Erhebungen im DGM. GHu 4 – 6: Grabhügel, unsicher. Datenbasis: Bewuchsmerkmale LSu: Lineare Struktur, unsicher. Datenbasis: Bewuchsmerkmale. Datenquellen: POD 1996 und bereinigte Rohdaten (Last Pulse) des DGM, Landesvermessungsamt.

Abbildungen Abb. 1: Nach Schöbel 1996, S. 16, Abb. 2. Abb. 2: Nach Klein/Langer/Meyer/Schöbel 2004. Abb. 3, 5, 8 – 20, 22-24: R. Langer. Abb. 4: Landesvermessungsamt Baden-Württemberg, Geologische Karte Überlingen. Abb. 6: Luftbild O. Braasch vom 27.07.1999. Abb. 7: Grabungsplan Ullersberger von 1881, Ortsakte des Landesamtes für Denkmalpflege BadenWürttemberg, Referat 25 im Regierungspräsidium Tübingen, Archäologische Denkmalpflege. Abb. 21: Pfahlbaumuseum/G. Schöbel. Literatur Klein, F. / Langer, R. / Meyer, M.G. / Schöbel, G. (2004) Ein römischer Gutshof bei ÜberlingenBambergen. Arch. Ausgr. Baden-Württemberg 2003, 141 – 145. Langer, R. (2004) Dokumentation mittels geophysikalischer Prospektion und Sondagegrabung am Beispiel einer römischen Fundstelle im Gewann „Heusteig“, Gemarkung Überlingen-Bambergen, Bodenseekreis. Diplomarbeit der FHTW Berlin. Schöbel, G. (1996) Die Spätbronzezeit am nordwestlichen Bodensee. Taucharchäologische Untersuchungen in Hagnau und Unteruhldingen 1982 – 1989. Siedlungsarchäologie im Alpenvorland

Das übrige Fundmaterial – insbesondere Scherben von Keramikgefäßen – belegt einen Nutzungszeitraum vom frühen 2. Jh. bis mindestens in das erste Drittel des 3. Jh. n. Chr. Nach Abschluss der geplanten Arbeiten standen erstmals flächendeckende Airborne Laserdaten des Landesvermessungsamtes Baden-Württemberg im 1m-Raster für das Gebiet von Überlingen-Bambergen zur Verfügung. Bei der Auswertung konnte im Jahr 2006 ein bisher unbekanntes Hügelgräberfeld direkt südlich des römischen Gutshofs „Heusteig“ entdeckt werden (Abb. 23).

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Ein Luftbild aus dem Jahr 1996 hatte eine große runde Verfärbung gezeigt (GH1), die zunächst als Wasserloch/Weiher interpretiert wurde, auch die Gewannbezeichnung „Schindelbrunnen“ wies darauf hin. Erst die Kombination des Luftbildes mit den präzisen Höheninformationen aus den Airborne Laserdaten, hier als Schattenrelief dargestellt, zeigte deutlich den grabhügelartigen Charakter dieser großen Verfärbung, die als flache Erhebung vor Ort nicht wahrzunehmen war. Zusätzlich tauchten direkt nördlich zwei weitere, kleinere Erhebungen in den Laserdaten auf, die nicht oder nur schwer im Luftbild auszumachen waren. Die Untersuchung zeigte, dass in der Kom-

bination von Luftbildauswertung, Geophysik und archäologischer Ausgrabung auch in stark erodiertem Gelände noch wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen sind.

IV. Stuttgart. Wagner, R. (1908) Fundstätten und Funde im Großherzogtum Baden, 1. Teil. Das badische Oberland. Tübingen 72 f.

Anschrift des Verfassers Dipl. Ing. Robert Langer Agnesstraße 27 93049 Regensburg [email protected]

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in memoriam Fritz Seeberger

Eine

3000 Jahre alte Flöte

Abb. 1 b: Darstellung von Tänzen im frühen 1. Jt. v. Chr. Zinnfolienverzierte Keramik vom Lac de Bourget, Spätbronzezeit, ca. 850 v. Chr.

vom Bodensee

Abb. 2: Aulosspieler zwischen Hoplithen. „Chigivase“ aus Veji/Etrurien-Italien, protokorinthisch, ca. 620 v. Chr.

Gedanken zu Musik und Musikinstrumenten im vorgeschichtlichen Europa

Vielfältige Geräusche der Natur und deren Nachahmung durch den Menschen standen am Anfang der Musik. Er imitierte Tierstimmen, um zu jagen, die Kommunikation mit den Jagdgefährten wurde durch Geräuschsignale sichergestellt und rituelle Zeremonien wurden von unterschiedlichen Tönen begleitet. Gesang, Pfeifen, Klatschen, Schnalzen und Stampfen bildeten dafür die Basis, hohle Äste, als Trommeln oder Trompeten genutzt oder Tierhörner und Muscheln waren erste Instrumente. Flöten und Schwirrgeräte der Jäger und Sammler der Altsteinzeit aus Vogelknochen und Mammutelfenbein sind die frühesten archäologischen Beweise für Musik (Seeberger 2002).

Abb. 1c: Kanne aus einem Grab beim Athener Haupttor / Dipylon, ca. 740 v. Chr., mit der Darstellung eines Reigentanzes von Männern und Frauen zum Spiel einer Phorminx/Leier. Eine Inschrift links vom Henkel lautet: ΟΣ ΝΨΝ ΟΡΞΕΣΤΟΝ ΠΑΝΤΟΝ ΑΤΑΛΟΤΑΤΑ ΠΑΙΖΕΙ ΤΟ ΤΟΔΕΚΛΜΙΝ „Wer nun von allen Tänzern am anmutigsten tanzt und spielt, der möge [diesen Krug erhalten]“ (Irmscher/ Johne 1986, 431).

Die ersten Künstler schufen vor Jahrtausenden Felsbilder von Tänzern, in der Jungstein- und der Bronzezeit begegnen diese uns dann auf Keramik (Abb. 1). Musik begleitete die Menschen in allen Lebensbereichen, auch bei der Kriegsführung. Die Kelten tanzten und sangen vor einer Schlacht, um sich Mut zu machen. Mit abscheulichem Getöse jagten sie ihren Gegnern Angst und Schrecken ein, wie römische Geschichtsschreiber berichten. Auf griechischen Vasenbildern sind Doppelflöten-/Aulosspieler beim Aufmarsch der Hoplitenheere dargestellt (Abb. 2).

Die meisten Musikinstrumente bestanden aus vergänglichen Materialien, nur wenige haben sich daher erhalten. Dennoch kennen wir einige Flöten, trompetenartige Instrumente, Hörner, Luren, Trommeln, Schwirrhölzer, Klappern, Rasseln, Leiern, Harfen und andere Zupfinstrumente. Experimente mit Nachbauten dieser Instrumente erlauben vorsichtige Annäherungen an prähistorische Klangwelten (Hickmann u. a. 2000 – 2002).

Abb. 1 a: Menschendarstellungen in der Ribisˇa-Höhle bei Vidia/Bulgarien.

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Unerwarteter Fund im Bodensee

Kerbflöten in Afrika

Der Archäologiestudent Gunter Schöbel, heute Direktor des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen, fand im Winter 1986 bei taucharchäologischen Sondagen in der untersten, dendrochronologisch um 1050 v. Chr. datierten Kulturschicht der spätbronzezeitlichen Feuchtbodensiedlung Hagnau-Burg mehrere Fragmente einer Röhre aus Holunderholz (sambucus nigra) (Schöbel 1987 und 1996, 113). Eingeschnittene Verzierungen, eine teilweise erhaltene runde Durchbohrung, ein mit zwei Schnitten angeschrägtes und ein senkrecht abgeschnittenes Ende führten schnell zu der Annahme, hier ein prähistorischen Musikinstrument entdeckt zu haben (Abb. 3).

Die Flöten und Pfeifen Afrikas gehören in ihrer Mehrzahl zum Typ der Kerbflöten. Im einfachsten Fall ist ein solches Instrument eine Hohlröhre, die oben offen und unten geschlossen ist. Sie ist „gedackt“. Das obere offene Ende ist das Blasloch, die Anblasöffnung. Über den geraden Rand der Blaslochöffnung, der mehr oder weniger scharfkantig ist, kann die Flöte angeblasen und ein Ton erzeugt werden (Abb. 5.1).

Nach der Restaurierung des Holzes, der Zusammenfügung der Bruchstücke sowie einer ersten zeichnerischen Rekonstruktion ließ sich das Objekt als eine 15,3 cm lange Flöte mit schrägem Mundstück und einem Loch im vorderen Drittel ansprechen. Sie ist zwar nur zu etwa 30% erhalten, jedoch in Längsrichtung vom Mundstück bis zum gegenüber liegenden Ende hin vollständig.

Abb. 4 a, b, c: Flöten beim Aktionstag „UrZeitKlänge AmSee“ am 30. Mai 1998. Raymond Meylan erklärt die Geschichte dieses Instrumentes.

Der Rand des Blaslochs kann aber auch Uoder V-förmig eingeschnitten sein (Abb. 5.2 – 3). Führt man den Luftstrom über diesen Einschnitt, kann die Flöte ebenfalls zum Klingen gebracht werden (Schimmer 2007).

Die Holunderholzflöte vom Bodensee, bei der es sich um eine Längsflöte / Kerbflöte ohne Kernspalt handelt, wurde inzwischen mehrfach nachgebaut und erprobt. Einer der ersten, der versuchte, den Nachbauten Töne zu entlocken, war der Flötist und Musikhistoriker Raymond Meylan aus Basel (Abb. 4). Da die Spielweise der Flöte nicht bekannt war, wurden verschiedene Möglichkeiten ausprobiert. Durch das Anblasen über das Mundstück unter völligem oder teilweisem Schließen und Öffnen des Griffloches ließen sich bei guter Mund-, Lippen- sowie Blastechnik durchaus eine Reihe von Tönen erzeugen. Als Querflöte gespielt waren durch Überblasen bis zu vier

Abb. 3: Die Flöte von Hagnau-Burg. Unten das Original, oben die Rekonstruktion.

Abb. 5: Afrikanische Kerbflöten.

Töne möglich. Die sichersten Ergebnisse kamen bei zugehaltener (= „gedackter“) Vorderseite zustande. Zwar ist hierbei der Tonumfang begrenzt, er kann jedoch durch Überblasen, wie bei Obertonflöten, erweitert werden. Komplexe Melodien könnten durch den gleichzeitigen Einsatz mehrerer Flöten mit unterschiedlicher Tonlage im Ensemble gespielt worden sein, wie dies noch heute in einigen Gebieten Afrikas geschieht (Abb. 7).

5.1

5.2

5.4

5.6

5.3

Weitere Variationen, die den Blaslochrand betreffen, kommen vor. So kann der Rand auf einer Seite höher liegen, was das Anblasen von der niedrigeren Kante her erleichtert (Abb. 5.4). Die Blaslochränder können seitlich auch hörnerartig erhöht sein, was ähnlich vorteilhaft sein kann (Ginsberg 2001; Schimmer 2007; Abb. 5.5). Vielfach sind Kerbflöten offene Röhren, haben also auch am unteren Ende eine mehr oder weniger große Öffnung. Diese kann kleiner sein als der Durchmesser der Röhre, kann sogar nahe dem ansonst geschlossenen Ende liegen. Wenn

Abb. 6: Das Spielen einer Kerbflöte in Westafrika.

Abb. 7: Militärkapelle der Mbre in Zentralafrika.

5.5

5.7

geschlossen (gedackt)

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5.9

5.10

offen

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Darstellungen prähistorischer Flötenspieler diese Öffnung eine bestimmte Größe nicht überschreitet, also mit einem Finger abgedeckt werden kann, kann sie als Griffloch fungieren und so einen weiteren Ton produzieren. Die Länge der Röhre ist für die Tonhöhe wichtig. Bei gleicher Rohrlänge klingen „gedackte“ Flöten tiefer als offene. Der Durchmesser einer Flöte und die Art der Bohrung ist für die Klangfarbe von untergeordneter Bedeutung.

Man kann zwar davon ausgehen, dass auch einfache Kernspaltflöten leicht anzufertigen sind. Mir scheinen allerdings die Kerbflöten die ursprünglichere Form zu sein. Dafür spricht, dass sie in vielen afrikanischen und asiatischen Stammesgesellschaften verwendet wurden und noch werden. „Gedackte“ Kerbflöten sind zwar relativ weit verbreitet, wie Panflöten und Kugelflöten zeigen, doch sind sie als Jagd- und Signalpfeifen vor allem mit bestimmten Funktionen verbunden.

Abgesehen von der gegebenenfalls als Griffloch verwendbaren Öffnung am Ende der Flöten findet man bei den afrikanischen Kerbflöten ein bis vier Grifflöcher, die unterschiedlich angebracht sein können:

Für musikalische Veranstaltungen wurden offene Kerbflöten bevorzugt. Sie haben ein breiteres Spektrum an Tönen, da sie als offene Flöten mit einem zusätzlichen Griffloch wenigstens vier Töne bilden können.

• seitlich unterhalb des Blaslochs quer zur Anblasrichtung (Abb. 5.6)

Die Anlässe, zu denen Flöten eingesetzt wurden und werden sind vielfältig. Es gibt Tanz-, Sprech-, Jagd-, Signal- und Kultflöten; Flöten werden auch bei Maskentänzen gespielt, als Signalinstrumente kommen sie im Krieg und auf der Jagd zum Einsatz. Besonders aufwändig gestaltete Stücke haben neben ihrem praktischen Wert auch kultische, religiöse oder Unheil abwehrende Bedeutungen (Schimmer 2007, 121). Auch andere Gründe können mit dem Anfertigen und dem Einsatz von Flöten in Verbindung stehen. Knaben der Dowayos in Kamerun müssen nach ihrer Beschneidung längere Zeit abgeschieden im Busch leben. Dort schnitzen sie sich einfache Flöten, denn während der Initiationsperiode dürfen sie nicht mit Frauen sprechen; sie tun dies mit ihren Flöten (Schimmer 2007, 121). Flötenspieler erscheinen auch im Zusammenhang mit Fruchtbarkeitskulten, Heilungszeremonien und Begräbnisfeiern, wo sie die Stimmen der Ahnen verkörpern. Bei einigen Stämmen Afrikas besitzt jeder männliche Erwachsene eine Flöte (Schimmer 2007, 126).

• in Längsrichtung untereinander in Anblasrichtung (Abb. 5.7) • zusätzlich zu den erwähnten Grifflöchern kann ein Griffloch rückseitig vorhanden sein (Abb. 5.8 – 10) (Ankermann, 1983). Neben den hier beschriebenen Typen gehören auch Panflöten und Kugelflöten zu den Kerbflöten. Auch sie werden über den Rand des Blaslochs angeblasen.

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Die Verwendung von Flöten bei vorindustriellen Gesellschaften ist nicht ohne weiteres auf prähistorische Perioden übertragbar. Vor allem fehlende Schriftquellen sind ein großes Problem bei der Beurteilung der sozialen, religiösen und kulturellen Stellung von Musikern und Musik der vorund frühgeschichtlichen Kulturen Europas. Darstellungen von Musikern, darunter auch Flötenspielern, geben uns dennoch Anhaltspunkte.

Kykladen Ägäische Künstler schufen zwischen 3200 und 2500 v. Chr. Idole aus Marmor, die u. a. auch männliche Musikanten darstellen. An Instrumenten sind Syrinx/Panflöte, Harfen und die Doppelflöte Aulos belegt (Abb. 8). Die Idole stammen meist aus Gräbern, wie etwa der Aulosspieler von der Insel Keros. Thimme (1976) sieht in ihnen Verkörperungen von Gottheiten, die die „Große Göttin der Kykladen“

begleiten. Auch dionysische Kulte bringt er mit den Figuren in Verbindung. Doch es könnte sich ebenso um die Darstellung von Ahnen, von Totengeistern oder von den im jeweiligen Grab Bestatteten selbst handeln. Die Musikinstrumente sind jedenfalls gut erkennbar und erscheinen ausgereift. Ihr Einsatz bei Bestattungsfeierlichkeiten ist nicht unwahrscheinlich und auch im profanen Bereich wird musiziert worden sein.

Abb. 8 a – c: Syrinx-, Harfen- und Aulosspieler der Frühkykladischen Zeit (3000–2700 v. Chr.).

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Sardinien Am Ende der sardischen Bronzezeit erreichte die Kunst des Bronzegießens auf der Insel ihren Höhepunkt. Zahlreiche Statuetten entstanden, die die Menschen der Nuraghenkultur in nahezu allen Lebensbereichen zeigten. Darunter sind auch männliche Musiker beim Spiel der Syrinx/Panflöte und der Doppelflöte (Abb. 9 o.). Diese Instrumente bestanden wohl aus Schilfrohr, wie die griechischen und etruskischen Auloi/Tibia. Sie haben sich auf Sardinien bis heute in Form der aus Schilfrohr hergestellten Launeddas erhalten und werden immer noch gespielt (Abb. 9 u.). Der Ton wird durch ein schwingendes Blättchen, ähnlich heutigen Oboen oder Klarinetten erzeugt.

Abb. 9 a – d: Syrinx- und Aulosspieler der sardischen Spätbronzezeit (9. – 8. Jh. v. Chr.) und heutige Launeddasspieler in Sardinien.

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Griechenland Antike Texte zeigen, dass Musiker durchaus einen gehobenen gesellschaftlichen Status erreichen konnten. Der Dichter Pindar (522/518 – 445 v. Chr.) widmete Midas, dem aus Akragant/Agrigento, Sizilien stammenden Sieger im Aulosspiel bei den Pythischen Spielen 490 v. Chr. seinen 12. Siegesgesang:

Nymphe, Reigentänzern treu Geleit. Glückliches Loos unter Menschen, wenn es erscheint, es erscheint nicht ohne Bemühn; doch gelingen läßt’s vielleicht auch heute schon ein Gott. Dem Verhängten entflieht man freilich nicht; doch kommt die Zeit, welche, wenn einem sie auch in Noth gestürzt, unverhofft schon Eines bringt, noch Andres aufspart.

Midas dem Akragantiner, dem Flötenspieler

(Langenscheidtsche Bibliothek sämtlicher griechischer und römischer Klassiker in neueren deutschen Muster-Übersetzungen (1855 – 1907), 74 – 75).

Dich bitt ich, oh Freundin der Pracht, du schönste der irdischen Städte, Hort der Persephone, die du am Herden ernährenden Rand des Akragasflusses auf stattlich überbautem Hügel wohnst, Königin, nimm mit der Menschen und der Unsterblichen Gunst den Kranz den ich bringe von Pytho, Midas’ Kampfpreis gnädig auf. Und ihn den Gefeierten selbst, der Hellas im Kunstwerk besiegt, welches die herrliche Pallas Athene einst erfand, wilder Gorgo’n grausem Klaglied nach geflochten, wie sie von den Mädchen es aus unnahbarem Schlangengezücht hörte in tropfendem Tonfall unter erdrückendem Weh, nachdem der Geschwister ein Drittheil hatte Perseus umgebracht und dem seriphischem Eiland bracht’ und dem Volk den Tod.

Der Text erwähnt vieles, was in Verbindung mit dem Flötenspiel auch auf griechischen Vasen abgebildet wird: Der Aulosspieler Midas hat einen Preis (Kranz) gewonnen; Pallas Athene selbst hat das Instrument Aulos erfunden; der Aulos kann aus Schilf oder Metall bestehen; Auloi werden auch im Kampf eingesetzt und mit Aulosmusik werden Reigen/ Tänze begleitet (Abb. 10). Zu Ehren des pythischen Apollon wurden in Delphi ab 582 v. Chr. alle vier Jahre, jeweils Ende August im Jahr vor den Olympischen Spielen, die Pythischen/Delphischen Spiele begangen. Neben den

Olympischen Spielen waren dies die wichtigsten panhellenischen Kampfspiele. Der Sage nach setzte Apollon sie nach Erlegung des Drachen Python ein. Die Leitung dieser Spiele oblag nach dem Ende des Heiligen Krieges der Delphischen Amphiktyonie, dem Rat der zwölf griechischen Stammesgruppen. Kleinere Pythien wurden in vielen anderen Städten Kleinasiens und Griechenlands gefeiert. Anfangs gab es bei den Pythischen Spielen nur musikalische Wettkämpfe, zunächst den Gesang zur Kithara, später erweitert durch Gesang zur Flöte und Soloflötenspiel. Diese behielten hier auch größere Bedeutung als bei den anderen großen Festspielen, bei denen nach und nach die athletischen Wettkämpfe sowie Wagenund Pferderennen immer wichtiger wurden. Nach Aristoteles dauerten die Spiele sechs bis acht Tage und begannen mit einer heiligen Theateraufführung, die den Sieg Apolls über Python darstellte. In einer feierlichen, prächtigen Prozession wurde

Abb. 10: Darstellung von Musik mit Harfe und Doppelflöte/Aulos und Tanz von Frauen (oben) und Männern (unten) auf der Hydra von Aigina, Ende 8. Jh. v. Chr.

Ja wahrlich er hüllte in Nacht des Phorkos wunderbar Geschlecht und kehrte in Leid Polydektes Mahl für ew’ge Sclaverei und das erzwungene Bett, der Mutter Schmach, als Medusa’s blühend Haupt er abgeschlagen, der Danae Sohn, wie man sagt, aus goldenem Regen gezeugt. Aber nachdem sie den Liebling hatte aus solcher Gefahr gerettet, da fügte die Jungfrau (Athene) aller Stimmen Flötenspiel, um der Eryale lautschallendes Trauergeheul, aus klappernder Kiefer gedrungen, auf dem Werkzeug nachzuahmen. Der Göttin gelangs, und den Fund sterblichen Männern zum Gebrauch reichend benannte sie ihn „vielköpf’gen Ton“, Ruhm erweckenden Kampfgetümmels lauten Herold, der durch das enge Metall hinstreicht und die Rohre von Schilf, das bei der Chariten Stadt voll lieblicher Tänze wächst im Hain der cephisischen

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im Tempel des Apoll ein großes Festopfer dargebracht. Nach einem Festgelage begannen am vierten Tag die Spiele. Die Musik- und Schauspielwettbewerbe fanden im Theater die athletischen Wettbewerbe im Stadion von Delphi statt. Die Wagenrennen wurden aufgrund der gebirgigen Lage Delphis in der nahen Ebene von Krisa ausgetragen. Die musischen Disziplinen umfassten eine Hymne an den Gott Apoll, Flöten- und Kitharaspiel – die Kithara war ein Saiteninstrument ähnlich einer Leier – mit und ohne Gesang, Schauspiel-, Tanz- und Malwettbewerbe. Die Delphischen Spiele waren Ehrenspiele ohne Geldpreise, die Sieger erhielten einen Lorbeerkranz als Auszeichnung. Auch Äpfel scheinen manchmal als Kampfpreis dargereicht worden zu sein, und den symbolischen Palmzweig erhielt der Sieger bei den Pythien ebenso wie bei den Olympien. Besonders ruhmreiche Wettkämpfer ehrte man auch mit Statuen. Das Ansehen, welches der Sieger eines Wettbewerbes für sich und seinen Heimatort errang, war immens. Daher förderten die Städte ihre Athleten und Künstler intensiv, vergleichbar der modernen Förderung von Profisportlern. Die Sage vom Wettstreit des Satyrs Marsyas mit Apollon beschreibt Musik

und Musikinstrumente als Kennzeichen einiger olympischer Götter. Flöten wurden mit Silenen und Satyrn in Verbindung gebracht, mit Geisterwesen, deren Nähe zu den Kulten der Kybele und des Dionysos sie mit Naturkräften verband, die älter als die Götter des Olymp waren. Im Marsyasmythos fand Pallas Athene einen von Ameisen ausgehöhlten und gesäuberten Doppelknochen, in den sie Löcher bohrte. Sie begann auf dieser Flöte zu spielen. Als sie jedoch dabei ihr Gesicht im Spiel im Wasser eines Gebirgssees erblickte, war sie entsetzt, wie entstellt sie während des Flötenspielens aussah. Sie warf daraufhin die Flöte fort und belegte sie mit einem Fluch: Wer auf dieser Flöte spielte, über den sollte Unglück kommen. Der Satyr Marsyas, Begleiter der phrygischen Göttin Kybele, fand die Flöte und spielte sie so schön, dass die Bauern der Umgebung sein Spiel mit dem Apolls verglichen. Apoll hörte davon und forderte Marsyas zum Wettkampf heraus. Er spielte die Kithara, Marsyas die Flöte. Der Sieger erhielt das Recht, mit dem anderen zu machen, was er will. Durch eine List gewann Apoll das musikalische Duell und tötete den unglücklichen Marsyas, indem er ihn an einer Fichte (dem heiligen Baum der Kybele) aufhängte und ihm unter Nutzung der Flöte als Schindwerkzeug die Haut vom Körper zog.

Etrurien Flötenspieler wurden, ab und an von Leierspielern begleitet, in den Gräbern der Etrusker ab dem 6. Jh. v. Chr. häufig dargestellt (Abb. 11). In der Regel spielen sie dabei eine Doppelflöte, die sie, wie römische Quellen berichten, Tibia nannten. Sie entsprach den griechischen Einfachrohrblattinstrumenten, den Auloi. Doppelflöten waren in Alteuropa und dem Mittelmeerraum ab dem frühen 1. Jt. v. Chr. sehr verbreitet. Wie die Idole der Kykladenkultur und Abbildungen in Ägypten und Mesopotamien zeigen, setzte deren Entwicklung schon im 3. Jt. v. Chr. ein. Interessant ist der Name Tibia für diese oboenartige Flöte der Etrusker, denn so wird auch das menschliche Schienbein bezeichnet. Im archäologischen Museum von Perugia ist eine etruskische Flöte ausgestellt, die aus einer menschlichen Tibia hergestellt worden war. Vielfach sind die Musiker bei Banketten dargestellt und gehören dort zu den Bediensteten. Wie konkret in den etruskischen Gräbern Szenen des Alltages der Lebenden wieder gegeben sind, wissen wir nicht.

Abb. 11: Tibiaspieler in der Tomba dei Giocolieri und der Tomba della Caccia e Pesca, Tarquinia/Italien-Toscana/Etrurien, ca. 530 v. Chr.

Osthallstattkreis Grabkeramik und Bronzesitulen sind die Hauptinformationsträger zum Thema Musik in der östlichen Hallstattkultur. Wir kennen hier an dargestellten Instrumenten in erster Linie die Saiteninstrumente Harfen und Leiern (Abb. 12). Insbesondere das Gräberfeld von Schirndorf in Bayern erbrachte viele Darstellungen von Leier-/ Harfenspielern, wobei die bayerischen Töpfer sich ganz offensichtlich einer Formensprache bedienten, die aus dem Bereich Österreich, Ungarn, Nordostitalien und Slowenien beeinflusst wurde. Die Entwicklung dieser Instrumente in Mitteleuropa kennen wir noch nicht, auch fehlen bisher archäologische Funde, wie die einer 7-saitigen Harfe mit rätischer Inschrift vom Pirchboden bei Fritzens in Tirol aus der Zeit um 15 v. Chr. (Tomedi 2001), doch Saiteninstrumente weisen weitaus ältere Wurzeln auf. Bereits aus dem sumerischen Mesopotamien und dem frühdynastischen Ägypten sind derartige Instrumente aus Gräbern (Grab der Königin Puabi in Ur, ca. 2500 v. Chr.) und in Abbildungen überliefert. Etwa gleich alt sind die Harfenisten der Kykladen (s. o.). Mithin konnten Mitteleuropäer etwa im Verlauf der Bronzezeit diese Instrumente bei Kontakten mit dem Orient kennen gelernt haben. Auf den meist aus Gräbern stammenden Situlen oder Zisten – das sind reich verzierte, große eimerartige Bronzegefäße – Norditaliens, Südösterreichs und Sloweniens ist ein vielfältiges Musikleben mit Panflötenspielern, Harfenisten und Hornbläsern wiedergegeben (Abb. 12). Interessanterweise ist das soziale Umfeld der Musiker völlig anders als etwa im etruskischen Bereich. Zwar treten sie auch bei den Etruskern bei Banketten auf, wo sie jedoch den Gastgebern der Bankette sozial klar untergeordnet sind. Die hallstättischen Musiker hingegen gehörten selbst der Führungsschicht an. Auch Soldaten/Krieger spielten Panflöten oder Hörner.

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Abb. 12 (oben): Leierspieler/Harfenisten der frühen östlichen Hallstattkultur.

Abb. 13: Musiker auf Situlen Providence und Watsch.

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Der seltene Fund einer Panflöte/Syrinx gelang in Grab 89 von Przeczyce in Schlesien (Abb. 14) (Kruse 1999, 25, Kat. Nr. 137). Sie lag im Bereich der rechten Schulter eines ca. 60 Jahre alten, in gestreckter Rückenlage bestatteten Mannes, der das Instrument möglicherweise in seiner linken Hand hielt. Das Grab datiert in die späte Lausitzer Kultur am Übergang von HaB3 zu HaC um 750 v. Chr. Bukowski (1999) vermutet hier die Bestattung eines Priesters/Schamanen, was vor allem auf der Beigabe der Flöte beruht und somit nicht gesichert ist. Neun unterschiedliche lange Schafsknochen bildeten die einzelnen Bestandteile der Syrinx (Bukowski 1999, 29–32, Abb.3 und 6). Auf den Zisten und Situlen des Osthallstattkreises und Norditaliens sind Panflöten mit einer unterschiedlichen Anzahl Röhren dargestellt: vertreten sind 4, 5, 6, und am häufigsten 7 Röhren (Lucke/Frey 1962). Diese Bronzetreibarbeiten sind allerdings ca. 200 Jahre jünger als der Grabfund aus Schlesien.

Ungewöhnlich ist eine kleine, nur 7,5 cm hohe Bronzefigur aus Százhalombatta bei Budapest in Ungarn (Abb. 15). Die Fundumstände sind unklar, jedoch ist es sehr wahrscheinlich, dass die Figur ursprünglich Beigabe in einem der hallstattzeitlichen Grabhügel am Fundplatz war. Zwischenzeitlich wurde das Fragment eines Faustkämpfers in diesem Bereich gefunden, womit es denkbar wäre, dass die Figuren zu einer Gruppe gehörten, die ähnlich zusammen gesetzt gewesen sein könnte wie bei den Darstellungen auf den Situlen, wo ebenfalls Faustkämpfer und Musiker gemeinsam erscheinen (Eibner 1999). Das Instrument, das die Figur spielt, ist eine Art Aulos mit hornartigen Enden, was bei zwei weiteren Darstellungen aus der Byc˘í skála-Höhle in Tschechien und dem Grabhügel von Kleinklein, Kröll-Schmiedkogel in Österreich belegt ist (Abb. 16) (Eibner 1999, 45, Abb. 2 und 47, Abb. 3).

Wissenswertes rund um das Thema Flöte

Flöten gehören zu den Aerophonen, genauer zur Untergruppe der Ablenkungs-Aerophone. Das Prinzip ist einfach: der Spieler erzeugt mit Mund oder Nase einen Luftstrahl und bläst ihn über die Kante einer Röhre. In der Röhre gerät die Luft in Schwingung und ein Ton wird hörbar. Bei einfachen Flöten ohne Kernspalt wird der Luftstrahl von den Lippen und/oder der Zunge des Spielers geformt, bei solchen mit Kernspalt genügt einfaches Blasen, der vorgegebene, durch den Kernspalt verengte Kanal gibt dem Luftstrahl Form. Flöten sind neben Perkussionsinstrumenten wie Trommeln, Rasseln, Klappern und Schwirrhölzern die frühesten echten Musikinstrumente, die explizit zum Erzeugen unterschiedlicher Töne und Melodien dienten. Die ältesten derzeit bekannten Flöten bestehen aus Tierknochen. Die Verwendung von Holz oder von Natur aus hohlen Röhren wie Schilf, Holunderholz und in Asien Bambus können wir in den meisten Fällen lediglich vermuten. Aus der altsteinzeitlichen Geißenklösterle-Höhle bei Blaubeuren kennen wir drei Flöten mit Grifflöchern aus ca. 35.000 Jahre alten Schichten. Zwei wurden aus Schwanenknochen, eine aus zwei zusammengefügten wohl mit Birkenpech verleimten Mammutelfenbeinhalbröhren gefertigt. Das Instrument aus Mammutelfenbein wurde mit drei, evtl. vier etwa im Terzabstand gestimmten Grifflöchern versehen und mit seitlichen Kerbungen verziert. Auch die etwa 28.000 Jahre alte Flöte aus Isturitz in den französischen Pyrenäen weist ähnliche Merkmale auf. Sie wurde aus der Ulna (Elle) eines Bartgeiers geschnitzt. Aus der im Vergleich zum Radiusknochen längeren Ulna lassen sich Flöten für tiefere Tonlagen herstellen (Seeberger 2002, 58 – 59). Auch 9000 Jahre alte Knochenflöten aus jungsteinzeitlichen Gräbern bei Jiahu/China sind vergleichbar gestaltet (Hickmann 2002, 143 – 146 – Zhang/Xinhua 2002, 147 – 153 – Liang 2002 155 – 160 – Xinghua 2002 161 – 167).

Abb. 14: Panflöte aus neun Schafsknochen. Grab 89 bei Przeczyce, Schlesien, späte Lausitzer Kultur am Übergang Ha B3/HaC. Abb. 15: Aulosspieler aus Százhalombatta.

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Abb. 16: Aulosspieler aus der B y´ c˘í skála-Höhle in Tschechien (oben) und dem Grabhügel von Kleinklein, Kröll-Schmiedkogel in Österreich (unten).

Nr. 96), „Ferenand getrü und Ferenand ungetrü“ (KHM Nr. 126), „Die Nixe im Teich“ (KHM Nr. 181) oder in Mozarts „Die Zauberflöte“. Heute werden weltweit zahlreiche traditionelle Flötenformen gespielt. Hier einige der wichtigsten: • Launeddas (Sardinien) aus zwei fast gleich langen Schilfrohren; sie ist verwandt mit den altmediterranen Auloi der Ägypter und Griechen und den Tibia der Etrusker. • Panflöten (weltweit) • Shakuhachi (Japan), Xiao (China), T'ungso (Korea) und Quena (Anden) • Csakan, Fujara, Podolka, Konzovka, Tilinko (Slowakei, Rumänien, Bulgarien), Duduk (Armenien) • Seljefloit (Skandinavien) • Querflöten wie die Dizi (China) oder die Taegum (Korea) • Gemshorn, Blockflöte, Einhandflöte, Flageolett, Tin Whistle, Kolbenflöte (Europa) • Indianerflöte (Nordamerika) • Okarina (Südamerika/China) • Mijwiz, Nay (Ägypten, Türkei bis Iran) • Nasenflöten wie die Tungali (Philippinen) • Sackpfeife/Dudelsack/Backpipe (Nordafrika, Türkei, Europa) Die Musik der slowakischen Fujara-Flöte wurde im Jahr 2005 in die UNESCO-Liste der „Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“ aufgenommen (http://de.wikipedia.org/wiki/ Meisterwerke_des_mündlichen_und_ immateriellen_Erbes_der_Menschheit).

In der Literatur der Neuzeit werden Flöten oft in Bezug zum Jenseitigen, zu Tod und Vergänglichkeit gesetzt. So in Grimms Märchen „Der singende Knochen“ (Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm/KHM Nr. 28), „Dat Erdmänneken“ (KHM Nr. 91), „De drei Vügelkens“ (KHM

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Abb. 17: Aulos-/Elymosspieler bei Stieropferung auf dem Porossarkophag von Hagia Triada, Spätminoisch III, ca. 1400 v. Chr.

Aus dem Mittelmeerraum, dem Zentrum der Auloskunst, ist auf dem minoisch/mykenischen Sarkophag von Hagia Triada auf Kreta ebenfalls ein solches Blasinstrument abgebildet (Abb. 17). Die Römer bezeichneten diese Instrumente mit Hornende als Elymos oder „Phrygische Flöte“, auch die Etrusker kannten sie (Brand 2008a).

Zusammenfassung Das soziokulturelle Umfeld, in dem Musik in der Vorgeschichte ausgeübt wurde, beginnt sich abzuzeichnen. Die intensive Beschäftigung der letzten Jahre mit prähistorischen Musikinstrumenten, Darstellungen von Musikern und antiken Texten zu diesem Thema zeigt, dass Musik mit der Entwicklung menschlicher Kultur einsetzte und viele Lebensbereiche wesentlich prägte. Die Flöte von Hagnau am Bodensee ist in diesem Sinn als Anfang einer spannenden Reise in die Vorstellungswelt der Menschen vor 3000 Jahren zu verstehen, auch wenn wir die Melodien und Töne dieser Zeit nicht kennen.

326 – Stroh 1979, Taf. 87.5, Schirndorf Hügel 65, Grabkammer 1. Abb. 13: Nach Schuster 1991, Abb. 5a – c u. 6. Abb. 14: Nach Kruse 1999, 25, Kat. Nr. 137. Abb. 15: Nach Eibner 1999, 39, Abb. 1. Abb. 16: Nach Eibner 1999, 45, Abb. 2 und 47, Abb. 3. Abb. 17: Nach Marinatos/Hirmer 19863, Taf. XXXI. Literatur

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Anschriften der Verfasser

82 Plattform

Abb. 12: Nach Reichenberger 1985, Abb. 1,

Plattform 83

1

Rieckhoff/Biel 2001, 15.

2

Keller-Tarnuzzer/Reinerth 1925, 213–217; vgl. auch Brem 1997 und Stehrenberger 2000.

3

Zu den Autobahngrabungen und baubegleitenden Untersuchungen siehe Rigert u. a. 2001.

Mit dem Beginn der jüngeren Eisen- oder Latènezeit (ca. 475 –15 v. Chr.), benannt nach dem Fundort La Tène am Neuenburgersee, treten die Bewohner der Bodenseeregion zum ersten Mal aus der Anonymität der Urgeschichte. Es beginnt die große Zeit der Kelten, die um 500 v. Chr. durch antike Autoren erstmals historisch belegt sind. Entgegen der gängigen Auffassung handelt es sich bei den Kelten aber nicht um ein Volk. Sie waren nie ein Reich und hatten auch keinen Staat. Es gab zwar größere Stämme (z. B. die Helvetier) und monarchisch regierte Stammesverbände, aber aus unterschiedlichen Gründen gelang nie die Bildung einer großen, zentral gelenkten territorialen Einheit1. „Die Kelten“ – das waren vielfältige ethnische Identitäten mit eng verwandten Sprachen, gemeinsamer Götterwelt und einer gleichartigen materiellen Kultur.

Über ihr Alltagsleben wissen wir nur wenig, denn sie haben uns im Gegensatz zu den Römern keine eigene Geschichtsschreibung hinterlassen. Man weiß zwar, dass sie die Schrift kannten und beim Schreiben griechische Buchstaben benutzten, aber gefunden hat man bisher nur wenige von Kelten geschriebene Wörter, zum Beispiel einzelne Namen auf Münzen, Tonscherben oder Schwertklingen. Deswegen sind archäologische Bodenfunde und römische Schriftquellen die Grundlage der Keltenforschung. Die Bevölkerung lebte damals in Dörfern, Weilern und Einzelgehöften, bis sich etwa ab dem 2. Jh. v. Chr. die ersten stadtähnlichen Siedlungen, oppida wie die Römer sie nannten, herausbildeten. Sie waren Hauptorte einzelner Stämme oder ganzer Stammesverbände, Zentren für die Verwaltung des Umlandes, die Kontrolle von Gütern und des Fernhandels mit dem Mittelmeerraum. Hier ließen sich Handwerker aller Art nieder, die Güter in hoher Qualität und Stückzahl produzieren konnten. Von diesen Großsiedlungen hätte einmal ein keltischer Staat ausgehen können. Doch es kam anders. Als Cäsar seinen Bello Gallico siegreich abgeschlossen hatte, war die Chance zur keltischen Staatengründung endgültig vorüber.

Ein Streifzug durch die Latènezeit im Kanton Thurgau Der Kanton Thurgau gilt auch heute noch als ausgesprochener Landwirtschaftskanton. Gerade der Streifen am südlichen Bodensee zählt zu den fruchtbarsten Böden der Schweiz. Neben der guten Bodenqualität und den günstigen klimatischen Bedingungen bietet die Region auch verkehrsgeografische Vorteile. So stellt dieses Gebiet eine wichtige Verbindung zwischen dem Hochrhein und dem Rheintal dar. Gleichzeitig war durch die natürliche Rheinenge im Bereich Konstanz/Kreuzlingen ein Zugang zum süddeutschen Gebiet gegeben. Es erstaunt daher kaum, dass sich in dieser Gegend eine Konzentration von prähistorischen Siedlungen und Einzelfunden Zeit v. Chr. 0

Epoche

50

Phase

verschiedener Zeitstellung nachweisen lässt. Die jüngere Eisenzeit war im Kanton Thurgau lange Zeit nur durch wenige Fundstellen belegt. Dabei handelte es sich vor allem um Grabfunde der Früh- bzw. der Mittellatènezeit, Siedlungsspuren bildeten dagegen eine seltene Ausnahme2. Über einen langen Zeitraum hinweg änderte sich am Bild des „latènearmen“ Kanton Thurgaus kaum etwas. Erst mit der Fertigstellung der Nationalstrasse A7 vom Seerücken (Schwaderloo) nach Kreuzlingen/Konstanz verbesserte sich die Quellenlage. Durch die Autobahngrabungen und Sondierungen des Amtes für Archäologie des Kantons Thurgau kamen vor einigen Jahren neue Befunde und Funde aus der jüngeren Eisenzeit ans Tageslicht3.

Bemerkungen

LT D2 Brandbestattungen

100

historische Ereignisse 15: Kaiser Augustus Alpenfeldzug

Späte Latènezeit

58: Auszug der Helvetier; Schlacht bei Bibracte Rückkehr der Helvetier

LT D1 125: Rom reicht bis Genf

150

Importe aus Italien LT C2

200

Kelten am .. sudlichen Bodensee

Mittlere Latènezeit

225: Unterwerfung Oberitaliens durch Rom 278: Kelten in Kleinasien

Körperbestattungen 300

LT B2

350

LT B1

floraler Zierstil Frühe Latènezeit

387: Kelten vor Rom Flachgräberfelder mit Körperbestattungen

400

Neues aus der Helvetiereinöde

LT A

Zeittabelle der jüngeren Eisenzeit/ Latènezeit

84 Plattform

LT C1

250

Oppida – erste Städte Münzen Gebrauch der Schrift Glasarmringe

475

Nachbestattungen in Grabhügeln der Hallstattzeit

Um 400: Kelten in Oberitalien Um 450: Herodot erwähnt die Kelten

Plattform 85

54

55

68

82

81

53 57

59 59

50

66 62

65

24 18 23

48/51 47

21 22

32

45

Frauenfeld Winterthur

74

56

19 20

22

79 77

58

Schaffhausen

52

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80

64 8

73

4

7

3031 25

6

Konstanz

11 12

17

33 29

71

27

46 35

60 5

76

13 14 10 16

83 72

26

Arbon

32 1

42 37 43 36

4

Sofern keine anderen Literaturangaben aufgeführt sind, bildet meine Lizentiatsarbeit (Stehrenberger 2000) die Grundlage dieses Artikels. Für die Möglichkeit, Bildmaterial zu verwenden und unpubliziertes Material vorzulegen, danke ich Jost Bürgi

Dadurch konnten auch einige Altfunde unter veränderten Gesichtspunkten neu bearbeitet werden4.

Siedlungs- und Grabfunde der Frühlatènezeit Siedlungsfunde der späten Latènezeit sind im Stadtgebiet von Konstanz schon seit längerem bekannt5. Die Grabung auf der „Hochstross“ zwischen Tägerwilen und Kreuzlingen erbrachte mit der Dokumentation von Befunden den Nachweis frühlatènezeitlicher Siedlungstätigkeit auf Schweizer Seite6.

Kantons Thurgau herzlich! Oexle/Cordie-Hackenberg 1984; Wieland 1996, 244 und Taf. 39, A. 6

Rigert u. a. 2001, 71–88.

7

Rigert u. a. 2001, 105, Abb. 130.

8

Baeriswyl/Trachsel 1995, 37; 45 mit Abb. 22.

86 Plattform

Dass auch baubegleitende archäologische Untersuchungen wichtig sind und Überraschendes zu Tage fördern können, zeigt ein bedeutender Keramikfund aus Tägerwilen, wenige Kilometer von der „Hochstross“ entfernt. Dabei handelt es sich um

Rorschach 38

39

84

St. Gallen

41 40

44

und Hansjörg Brem vom Amt für Archäologie des 5

75

69

34

28

49

Abb. 1: Keltische/latènezeitliche Fundstellen rund um den Bodensee (siehe Fundstellenliste im Anhang). = Siedlung = Einzelfund = Grabfund.

Abb. 2: Teile eines frühlatènezeitlichen Grabinventars aus Kreuzlingen. 5.-4. Jh. v. Chr. M: 1:1.

70

9 15

das Randfragment einer Schale7, welche sich gut in die Gruppe der frühen gerieften Drehscheibenware einfügen lässt, die gegen Ende des 6. Jh. v. Chr. nördlich der Alpen auftritt. Das Stück markiert den frühesten Nachweis von Drehscheibenware auf Thurgauer Boden am Übergang von der älteren zur jüngeren Eisenzeit am Beginn des 5. Jh. v. Chr. Unweit der „Hochstross“ deuten einige Metallfunde (Abb. 2), die im 19. Jh. wohl in Kreuzlingen aufgefunden wurden, auf eine frühlatènezeitliche Bestattung hin. Es ist denkbar, dass beide Fundorte miteinander in Verbindung stehen. Spärliche Spuren der Frühlatènezeit sind auch vom Hochrheingebiet zwischen Schaffhausen und Stein am Rhein bekannt. Keramik aus dem Unterhof8 in Diessenhofen am Rhein und ein möglicher Grabfund aus Unterschlatt sind im Moment jedoch noch isolierte Fundpunkte.

Plattform 87

Zu den wichtigsten Quellen des älteren Abschnittes der Latènezeit gehören nach wie vor die Grabfunde aus dem Thurtal (Frauenfeld, Langdorf und Talacker) und dem südlichen Teil des Kantons (Aadorf, Tobelacker)9. Die Bestattungsweise entspricht der üblichen Tradition, so wurden die Toten in gestreckter Rückenlage niedergelegt. In Bezug auf den Grabbau zeichnen sich dagegen gewisse Unterschiede ab. Neben einfachen Grabgruben wie in Aadorf wurden in Frauenfeld auch Steinabdeckungen und Reste von Holzsärgen nachgewiesen. Frauen trugen neben zahlreichen Eisen- oder Bronzefibeln auf der Oberkleidung paarweise Ringschmuck an Armen und Füßen. Männergräber sind bis heute nicht belegt.

Grabbeigaben wie gerippte Hohlblechringe und Fibeln unterschiedlichster Gestaltung sind gut vergleichbar mit Grabfunden benachbarter Regionen. In der ausgehenden Frühlatènezeit (LT B2) zu Beginn des 3. Jh. v. Chr. vollzieht sich beim Ringschmuck ein Wandel hin zu massiven und kräftig profilierten Stücken, wie sie durch Hohlbuckelringe im ältesten Grabinventar von Frauenfeld, Langdorf vertreten sind (Abb. 3). Die Grabfunde aus Frauenfeld und Aadorf lassen sich aber ebenso wenig mit einer wie Siedlungsstelle verknüpfen eine mögliche frühlatènezeitliche Nachbestattung in einem späthallstattzeitlichen Grabhügel bei Neunforn in der Nähe von Frauenfeld.

dem schweizerischen Mittelland, sondern auch bei den Grabfunden aus dem Umfeld des Oppidums von Manching in Bayern. Keltische Männergräber der Mittellatènezeit zeichnen sich üblicherweise durch die Beigabe von Schwert, Schwertgehänge, Lanze und Schild mit bandförmigem Schildbuckel aus. Das einzige gesicherte Männergrab auf thurgauischem Kantonsgebiet aus Basadingen enthielt ein qualitätsvoll gearbeitetes Schwert mit Scheide, eine Lanzenspitze und einen gerippten Eisenring (Abb. 5). Die Schwertklinge ziert im übrigen eine Punze in Eberform, alle Objekte sind hervorragend erhalten und zeigen kaum Gebrauchsspuren. Ein neuer Schwertfund der gleichen Zeitstellung aus dem Rhein bei Diessenhofen deutet möglicherweise auf ein Weiheopfer hin. Ein früh- oder mittellatènezeitliches Eisenschwert aus Bürglen im Thurtal10, das vermutlich aus dem Überschwemmungsbereich der Thur stammt, könnte ebenfalls als Weihegabe versenkt worden sein. Unklar bleibt der Fundzusammenhang einer eisernen Lanzenspitze aus dem benachbarten Erlen.

5 cm

Abb. 3: Frauenfeld, Langdorf. Ausstattung des 1897 entdeckten Frauengrabes mit Ring-, Fibel- und Gürtelschmuck, 3. Jh. v. Chr. Amt für Archäologie des Kantons Thurgau und Museum für Archäologie, Frauenfeld.

9 10

Stehrenberger 2003 und Brem 1997, 74 – 75. JbSGUF 89, 2006, 234.

88 Plattform

Grab- und Einzelfunde der Mittellatènezeit Aus dem mittleren Abschnitt der jüngeren Eisenzeit im Thurgau fehlen Siedlungsbefunde. Diese Phase ist nur durch Grabfunde aus dem Thurtal (Abb. 4), vom Untersee und aus der Umgebung von Diessenhofen vertreten. Die Bestattungsweise ist immer noch dieselbe, es treten aber neue Schmuckformen wie Glasarmringe, Spiralarmringe aus Bronze, bronzene oder eiserne Fibeln vom Mittellatèneschema und Gürtelketten auf. Die bronzenen Gürtelketten aus den Frauengräbern von Frauenfeld, Langdorf oder aus einem Grabinventar von Ermatingen am Untersee zeichnen die Toten als wohlhabende Keltinnen aus. Die angesprochenen Neuerungen finden nicht nur gute Entsprechungen in der Westschweiz oder

Erstmals sind in der ausgehenden Mittellatènezeit auch die keltischen Münzen nachgewiesen. In einem Frauengrab aus Frauenfeld, Langdorf fand sich ein nach griechischem Vorbild geprägter Viertelstater vom Typ Horgen-Unterentfelden (Abb. 4). Die Goldmünze war zwischen den Zähnen der Toten eingeklemmt und diente wohl als „Fahrgeld“ ins Jenseits. Dieser Fund ist deswegen so bedeutend, weil er zu den ältesten Belegen des Geldwesens auf thurgauischem Kantonsgebiet zählt. Die Konzentration keltischer Münzen im Raum Tägerwilen-Kreuzlingen deutet auf einen Schatzfund, der auf dem „Vogelhärd“ auf dem Seerücken oberhalb von Tägerwilen vergraben wurde. Mindestens vier Münzen sind bekannt, vorhanden ist aber nur noch ein Stück (Viertelstater, Philippus-Nachprägung). Ob die Altfunde aus Kreuzlingen in Zusammenhang mit den Münzfunden vom „Vogelhärd“ stehen, kann nicht ausgeschlossen werden. Hier ist vor allem eine seltene Goldmünze der Boier (Drittelstater vom Typ Athene Alke) zu erwähnen, die gegen Ende des 3. oder aber im 2. Jh. v. Chr. in Umlauf war.

Abb. 4: Frauenfeld, Langdorf. Ausstattung zweier 1908 entdeckter Frauengräber. Beigaben Grab 1: keltische Goldmünze, Glasarmring, zwei Perlen aus Bernstein, drei Fibeln und ein Armring aus Bronze, 2. Jh. v. Chr. Beigaben Grab 2: Glasarmring (Abb. rechts oben), 3. – 2. Jh. v. Chr. Schweizerisches Landesmuseum Zürich, Museum für Archäologie und Depot des Amtes für Archäologie des Kantons Thurgau, Frauenfeld. M: 1:3

Abb. 5: Basadingen-Dickihof. Keltisches Männergrab mit Schwert (Mitte), Scheide (unten), Lanzenspitze (oben) und Eisenring, 3. Jh. v. Chr. Museum für Archäologie, Frauenfeld.

Plattform 89

Abb. 6 a: Auswahl spätlatènezeitlicher Grobkeramik aus Weinfelden, Egelsee-/Härigstrasse. M: 1:2.

Siedlungs- und Münzfunde der Spätlatènezeit Obwohl sich die Quellenlage in den letzten Jahren erheblich verbessert hat, ist die Spätlatènezeit im Kanton Thurgau bis heute nur durch Siedlungsfunde nachgewiesen. Ein Grund für das vollständige „Fehlen“ von Gräbern der letzten Phase der Latènezeit könnte die neue Sitte der Brandbestattung sein, die archäologisch nur schwer fassbar ist. Die Brandgräber aus Elgg11 und ein Grabfund aus Oberwinterthur12 im Kanton Zürich sind in der Nordostschweiz momentan die einzigen Belege für die neue Grabsitte. Die Verstorbenen wurden auf einem Scheiterhaufen verbrannt, der Leichenbrand eingesammelt und in relativ einfachen Gruben zusammen mit wenigen Tongefässen und Metall beigesetzt. Von großer Bedeutung ist die Entdeckung einer keltischen Siedlung in Weinfelden auf einer Hangterrasse des Thurbergs13. Mit der Dokumentation von Pfostengruben, Umfassungsgräbchen und Brandschuttresten gelang zum ersten Mal der Nachweis eines Gebäudes aus der jüngeren Eisenzeit. Das Fundmaterial setzt sich aus wenigen Metall- und Knochenfunden sowie einem Keramikensemble (Abb. 6) zusammen, das sich gut mit spätlatènezeitlichem Siedlungsmaterial anderer Fundstellen vergleichen lässt. Das Wandstück einer italischen Weinamphore (Dressel 1) sowie ein Fragment aus Graphitton repräsentieren die einzigen Importfunde im keramischen Bestand, in dem die Grobkeramik überwiegt.

11

Mäder 2002.

12

Gessner 1943.

13

JbSGUF 83, 2000, 225.

90 Plattform

Plattform 91

Abb. 6 b: Auswahl spätlatènezeitlicher Feinkeramik aus Weinfelden, Egelsee-/ Härigstrasse. M: 1:2.

Ebenfalls in den älteren Abschnitt der Spätlatènezeit datieren die wenigen neuen Keramikfunde aus Gottlieben, Rheinweg14 und die Altfunde (Abb. 7 a, b, c) aus Berlingen am Untersee, die 1912 auf einer Hangterrasse zum Vorschein kamen. Im Material von Berlingen ist ein deutliches Übergewicht der Feinkeramik zu beobachten, Grobkeramik ist nur durch zwei verzierte Wandscherben (Abb. 7 a) vertreten. Unverzierte Wandstücke fehlen, sie dürften bereits kurz nach Entdeckung der Fundstelle entsorgt worden sein. Das vorhandene Material ist also eher ein „Best of“ bzw. eine Zufallsauslese der schönsten Scherben als ein repräsentativer Ausschnitt eines spätlatènezeitlichen Keramikkomplexes. Insgesamt entspricht die Keramik aus dem Kanton Thurgau dem üblichen Form- und Verzierungsspektrum der ausgehenden jüngeren Eisenzeit, wie es auch aus angrenzenden Gebieten bekannt ist. Feinkeramische Hochformen, oft mit Standring versehen, sind durch Flaschen, Tonnen und Töpfe vertreten, während Näpfe und Knickwandoder S-Schalen den Breitformen zugerechnet werden können. Das grobkeramische Gefäßspektrum setzt sich aus Töpfen und Näpfen zusammen. An Gefäßverzierungen sind feiner und grober Kammstrich, Grübchen-, Fingertupfen-, Leisten- und Wulstverzierung nachgewiesen. Auch Gefäßbemalung und Glättmuster sind durch wenige Funde belegt. Spätlatènezeitliche Münzen stammen zur Hauptsache vom südlichen Bodenseeufer, wie etwa eine Potinmünze vom Typ „Grosse Tête“ aus Eschenz15 am Ausfluss des Untersees oder ein Reiterquinar16 von der „Hochstross“ bei Tägerwilen. Unklar dagegen bleibt der Fundort einer Silbermünze (Lemovices, Drachme). Verschollen sind zwei Büschelquinare aus Gottlieben, die im 19. Jh. zum Vorschein kamen und vermutlich mit den Funden vom „Rheinweg“ in Verbindung stehen. Der gleiche Münztyp ist sonst noch in Diessenhofen belegt17.

Die Konzentration von Funden und Befunden aus dem Raum Gottlieben-Tägerwilen-Kreuzlingen ist in Zusammenhang mit der strategisch gut gelegenen keltischen Siedlung auf dem Stadthügel in Konstanz zu bewerten. Die Funde auf Schweizer Seite könnten aus Einzelgehöften stammen, die im Umfeld einer größeren Siedlung an der natürlichen Rheinenge gegründet wurden.

Abb. 7 a: Spätlatènezeitlicher Keramikkomplex aus Berlingen, Haus Gubler. Grobkeramik M: 1:2.

Offene Fragen Trotz verbesserter Quellenlage ist unsere Kenntnis über die jüngere Eisenzeit im Thurgau im Vergleich mit anderen Epochen der Ur- und Frühgeschichte nach wie vor gering. Grabfunde aus Frauenfeld und Aadorf geben zwar einen guten Einblick ins keltische Totenbrauchtum, die dazugehörigen Siedlungen kennen wir allerdings noch nicht. Wenigstens können wir beobachten, dass die bisher bekannten Ansiedlungen bevorzugt in Hanglage oder in Ufernähe gegründet wurden, eine eigentliche Siedlungsgeschichte oder gar ein Siedlungswandel lässt sich dennoch nicht rekonstruieren. Ursache für den vergleichsweise spärlichen Fundniederschlag ist wohl einerseits eine stark zerstreute Siedlungsweise in Form von kleineren Gehöften. Andererseits zeigen gerade die Autobahngrabungen auf dem Trassee der A7 zwischen Schwaderloo und Kreuzlingen sowie die baubegleitenden Untersuchungen im Raum Tägerwilen/Keuzlingen, dass viele Ansiedlungen und ihre Befunde durch Erosion und neuzeitliche Bodeneingriffe zerstört worden sind. Zahlreiche keltische Siedlungsplätze dürften darüber hinaus unter den heutigen Dorfkernen liegen und ihre Geheimnisse für immer für sich behalten. Offen bleibt auch die spannende Frage nach dem Übergang von der Spätlatènezeit zur Römerzeit. Aus dem jüngsten Abschnitt der Spätlatènezeit (LT D2) liegen bis heute keine gesicherten Funde vor.

14

Zu den Funden aus Gottlieben siehe Rigert u. a. 2001, 247 , Abb. 223. 1319 – 1329.

15

JbSGUF 81, 1999, 283. Zu einem münzähnlichen Metallfund aus dem Rhein im Bereich der Insel Werd vgl. Brem 2006 mit Abbildung.

92 Plattform

16

Rigert u. a. 2001, 87 Abb. 96.

17

JbSGUF 89, 2006, 236.

Plattform 93

Abb. 7 b: Spätlatènezeitlicher Keramikkomplex aus Berlingen, Haus Gubler. Feinkeramik M: 1:2.

94 Plattform

Plattform 95

Abb. 7 c: Spätlatènezeitlicher Keramikkomplex aus Berlingen, Haus Gubler. Feinkeramik M: 1:2.

Vielleicht datieren keramische Funde aus Arbon, die bei einer Ausgrabung römischer Töpferöfen zum Vorschein kamen18, ebenso in diese Phase wie Keramik aus Grabungen im römerzeitlichen vicus von Eschenz am Ausfluss des Untersees. In beiden Fällen bleibt allerdings noch eine Gesamtbewertung der Funde und Befunde abzuwarten. Wenigstens bezeugen Funde aus Eschenz, dass keltisches Brauchtum auch in römischer Zeit weiterlebte19. Die Seltenheit von Bodenfunden einer bestimmten Epoche verleitet einen gerne dazu, diesen Sachverhalt mit einem nahezu unbesiedelten Gebiet zu erklären. So wurde mit Blick auf die Fund- und Befundsituation in der Nordostschweiz vor einigen Jahren die Meinung vertreten, dass besonders für die 2. Hälfte des 1. Jh. v. Chr. mit einem fast siedlungsfreien Gebiet bzw. einer „Helvetier-Einöde“ zu rechnen ist20. Neue Grabungen in der Altstadt von Zürich21 oder in Rheinau22 zeigen, dass der jüngste Abschnitt der Spätlatènezeit durchaus nachgewiesen werden kann. Im Thurgau ist diese Phase (noch) nicht belegt, die Einöde also Realität. Allerdings lassen die oben genannten Grabungsergebnisse hoffen, dass zumindest in einigen Regionen die Lücke zwischen keltischer Zeit und römischer Okkupation kleiner wird.

18

Akten AATG. In diesem Zusammenhang sei noch auf dendrochronologische Messungen an Pfählen aus dem Schlosshafen von Arbon und aus Eschenz hingewiesen, die mögliche Fälldaten aus dem 1. Jh. v. Chr. ergaben (siehe auch Brem 1997, 73). Zu neuen dendrochronologischen Messungen an Hölzern aus dem vicus von Eschenz siehe JbSGUF 88, 2005, 356.

19

Zu erwähnen sind hier in Spätlatène-Tradition bemalte römische Gefäße sowie der Fund einer Holzfigur in keltischer Tradition, die in einem römischen Abwasserkanal versteckt wurde (vgl. Höneisen 1993, 44 – 47 mit Abb. 30 – 31).

20

Rychener 1995, Zur „Helvetier-Einöde“ in Süddeutschland vgl. auch Rieckhoff/Biel 2001, 272 ff.

21

Balmer 2005.

22

Schreyer 2005.

96 Plattform

Plattform 97

Abb. 8: Auswahl spätlatènezeitlicher Keramik vom Rorschacherberg, Obere Burg. M: 1:2.

98 Plattform

Plattform 99

Die Latènezeit im Kanton St. Gallen

23

Schindler 1996, mit zahlreichen Abbildungen und Fundstellenkarten; vgl. auch Zanier 2006, 131 – 146. Zum Neufund einer keltischen Potinmünze (Zürcher Typ) aus Amden im Walenseegebiet siehe JbSGUF 90, 2007, 154 – 155 mit Abb. 11.

24

Zu Pfäfersbüel siehe JbSGUF 87, 2004, 343 – 344 und Rigert u. a. 2005, 82 Taf. 14, 238 – 240; zum Sonnenbüel siehe JbSGUF 85, 2002, 330.

25

Schindler 1998.

26

JbSGUF 30, 1938, 91 – 92; JbSGUF 43, 1953, 121 – 122; für die Möglichkeit, Fundmaterial zu sichten und einzelne Funde vom Rorschacherberg vorzulegen, möchte ich mich beim Kantonsarchäologen Martin P. Schindler bedanken.

27

JbSGUF 88, 2005, 364 – 365 und Zanier 2006, 131.

28

Schindler 1996, 92, 95 Nr. 18; Akten Kantonsarchäologie St. Gallen.

29

Schindler 2003, 180 – 181 mit Abbildung; zu den neuen spätlatènezeitlichen Münzfunden und dem

Ähnlich stellt sich die Situation im angrenzenden Kanton St. Gallen dar. Auch hier ist nach wie vor ein relativ geringer Fundniederschlag zu verzeichnen. Kenntnis zum jüngeren Abschnitt der Eisenzeit liefern wenige Grab-, Siedlungs- und Einzelfunde, die aber noch kaum miteinander verknüpft werden können. Wie eine neuere Bestandaufnahme zur Latènezeit im Kanton St. Gallen zeigt, konzentrieren sich die Fundpunkte besonders auf das Rheintal, auf das Walenseegebiet und die Linthebene23. Das Thurtal und das St. Galler Bodenseeufer sind nur durch wenige Fundstellen im Raum Wil bzw. im Bezirk Rorschach vertreten. Diese Regionen waren während der jüngeren Eisenzeit sicher nicht menschenleer, sondern dürften einfach noch wenig erforscht sein. Dieses Ungleichgewicht hängt vor allem mit der Geschichte der archäologischen Forschung im Kanton St. Gallen und der damit verbundenen Konzentration auf einzelne Regionen und Epochen zusammen. Die Kantonsarchäologie hat deshalb in den letzten Jahren ihre archäologischen Untersuchungen durch die gezielte Aufarbeitung von Altfunden, vermehrte Bauüberwachung und Prospektion erheblich intensiviert. Erste positive Resultate machen Hoffnung, dass unser Kenntnisstand gerade zur Latènezeit im Kanton St. Gallen in den nächsten Jahren weiter ansteigen wird.

Fund einer spätlatènezeitlichen Handmühle vgl. auch Ebneter 2005, 260 – 261 mit Abb. 8 und 269 mit Taf. 5, 1082 – 1088. 30

Schindler, 1996, 92 Abb. 11.

31

Picker u.a. 2008, bes. 45.

32

Siedlungs- und Einzelfunde aus dem St. Galler Thurtal, dem Bodenseegebiet und dem Rheintal

Von Bedeutung ist u. a. ein becherartiges Gefäßfragment mit noppenartiger Verzierung in „décor-oculé“– oder Augenmustertechnik. Ein Vergleichsfund in feinerer Machart aus dem Oppidum von Rheinau im Kanton Zürich und ein ähnliches Gefäß vom Münsterberg in Breisach datieren in den jüngsten Abschnitt (LT D2) der Spätlatènezeit. Die Datierung wird gestützt durch die Fundvergesellschaftung mit Münzen und Fibeln in der keltischen Siedlung von Rheinau (schriftliche Mitteilung von Stefan Schreyer, Kantonsarchäologie Zürich). Vergleichbare Funde liegen zudem aus spätlatènezeitlichen Gräbern im Tessin (Giubiasco) oder in Norditalien (Ornavasso) vor. Für Einblicke in das Material von Rheinau, Literaturhinweise und anregende Diskussionen bedanke ich mich bei Stefan Schreyer und Patrick Nagy.

100 Plattform

Die latènezeitlichen Siedlungen wurden bevorzugt in geschützter Höhenlage gegründet, wie zum Beispiel die Funde von Wartau, Ochsenberg, vom Montlingerberg und vom Sonnenbüel und Pfäfersbüel in Sevelen24 im Bodenseerheintal belegen. Für die Wahl dieser Siedlungsstandorte dürfte neben dem Schutzgedanken auch die Kontrolle der wichtigen Nord-Süd-Verbindung ausschlaggebend gewesen sein.

In diesem Zusammenhang soll auch die Fundstelle Alttoggenburg/St. Iddaburg aus dem unteren St. Galler Thurtal nicht unerwähnt bleiben25. Sie liegt auf einem markanten Hügelrücken über dem Quellgebiet der Murg auf fast 1000 m ü. M. Im Fundmaterial sind wenige Scherben früher Drehscheibenkeramik belegt, die ebenso enge Verbindungen zum schweizerischen Mittelland oder zum süddeutschen Raum aufzeigen wie der angesprochene Fund aus Tägerwilen im Kanton Thurgau. Von Bedeutung ist schließlich die latènezeitliche Siedlung Rorschacherberg, Obere Burg am südlichen Bodensee, die 1938 ausgegraben und dokumentiert wurde26. Die Fundstelle liegt gut geschützt zwischen zwei Tobeln auf einer Geländerippe. Datierbare Metallobjekte fehlen, die keramischen Funde (Abb. 8) fügen sich aber gut in das bekannte Formen- und Verzierspektrum der Spätlatènezeit ein. Sondierungen im Jahr 2004 lieferten weiteres Fundmaterial der jüngeren Eisenzeit sowie den Nachweis einer römerzeitlichen Besiedelung seit der Mitte des 1. Jh. n. Chr.27. Unter diesem Aspekt ist nicht ganz auszuschließen, dass einige in der Literatur als eisenzeitlich angesprochene Scherben zwar in Spätlatènetradition hergestellt wurden aber in römische Zeit datieren. Wichtig ist auch der Altfund zweier keltischer Ninno-Quinare aus Rorschach28, die ins 1. Jh. v. Chr. datieren. Sie sind heute allerdings verschollen. Zwei weitere spätlatènezeitliche Münzen des 2. bis 1. Jh. v. Chr. stammen angeblich aus dem Raum Wil. Diese bis dahin ungesicherte und teilweise angezweifelte Fundortangabe wird durch den Neufund mehrerer keltischer Münzen des 1. Jh. v. Chr. bei Bazenheid bestätigt29. Bis heute fehlt im Thurtal, am südlichen Bodensee und im Alpenrheintal auf St. Galler Kantonsgebiet der Nachweis keltischer Gräber. Einzig aus dem Bereich des römischen Vicus in Kempraten bei Jona/ Rapperswil kennen wir einige frühlatènezeitliche Körpergräber, darunter angeblich eine Doppelbestattung30. In diesem Grab fand sich neben den typischen Beigaben wie Fibeln, Arm- und Fingerringen auch sog. Körbchenanhänger aus Bronze. Sie gelten als Beleg für enge Beziehungen zum Alpenrheintal und dem Gebiet südlich der Alpen.

Das Alpenrheintal: Schnittstelle zwischen verschiedenen Kulturkreisen Funde aus dem St. Galler Rheintal und dem angrenzenden Fürstentum Liechtenstein zeigen, dass die Menschen während der frühen Latènezeit regen Kontakt zu Regionen südlich der Alpen und zu den Bewohnern der Südost- und Inneralpen pflegten. Der Norden (Südwestdeutschland) und der Westen (Schweizer Mittelland) waren teilweise von untergeordneter kultureller Bedeutung. Ab der mittleren Latènezeit scheint sich langsam ein Wechsel abzuzeichnen, der sich auch im Bestattungsbrauchtum zeigt. Im Gegensatz zum Totenkult des nordalpinen Vorlandes war zu Beginn der Latènezeit im alpinen Raum und im Alpenrheintal immer noch die Brandbestattung üblich. Erst in der mittleren Latènezeit setzten sich auch hier die Körperbestattungen durch, wahrscheinlich war der Wechsel durch die Gebräuche im keltischen Gebiet nördlich der Alpen beeinflusst. In der Spätphase der Latènezeit bzw. im 1. Jh. v. Chr. gehörte das Rheintal (und auch Nordbünden) eher zum nordalpinen Kulturkreis, ohne dass die Kontakte nach Süden abbrachen.

BEVOR DIE Ö R MER KAMEN Späte Kelten am Bodensee

Von 2008 bis2010 wirddie gemeinsam konzipierte Sonderausstellung über die Keltenim Bodenseeraum nacheinander im Museum fürArchäologieThurgau, im Vorarlberger Landesmuseum Bregenz,im ArchäologischenLandesmuseum Baden-W ürttemberg Konstanz und im Liechtensteinischen Landesmuseum Vaduz zu sehen sein.Eröffnung istam 13. Dezember 2008 im Museum für ArchäologieThurgauinFrauenfeld .Eswerden diekeltischen Spitzenfunde rund um den See aus der noch wenig erforschten Zeitvon ca. 150 v.Chr.biszum Alpenfeldzugder Römer um 15.v.Chr.gezeigt. Der reichbebilderte Katalog kann unter www.archaeologie.tg.chbestellt werden.

Anschriften der Verfasser

Aus Balzers31 im Fürstentum Liechtenstein liegen einige Neufunde der Latènezeit vor, die klare Verbindungen in den Norden (und nach Westen) aufweisen, darunter mittel- und spätlatènezeitliche Glasarmringe und Graphittonkeramik, die möglicherweise aus dem bayerischen Alpenvorland importiert wurde. Einzelne Funde aus der jüngeren Eisenzeit wiederum zeigen Kontakte in den rätischen inneralpinen Kulturkreis oder nach Süden ins Tessin bzw. nach Norditalien32. Besonders die Funde aus der letzten Phase der Latènezeit machen Hoffnung, dass im Boden des Alpenrheintals noch weitere Überraschungen aus der ausgehenden jüngerenEisenzeit schlummern.

Abkürzungen

Thomas Stehrenberger

FLT

Frühlatènezeit

Landesverwaltung des Fürstentums Liechtenstein

HA

Hallstattzeit

Abt. Archäologie

LT

Latènezeit

Postfach 417

MLT

Mittellatènezeit

9495 Triesen FL

SHA

Späthallstattzeit

Email: [email protected]

SLT

Spätlatènezeit

Dr. Gunter Schöbel, Peter Walter M.A. Pfahlbaumuseum Unteruhldingen Strandpromenade 6 D-88690 Uhldingen-Mühlhofen [email protected]/[email protected] Abbildungen

Bibliographisches Abkürzungsverzeichnis AATG

Amt für Archäologie des Kantons Thurgau

AS

Archäologie der Schweiz

CAR

Cahiers d’Archéologie Romande

HA

Helvetia Archaeologica

JbSGUF Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte

Abb. 1: Karte nach Stehrenberger 2000 mit Ergänzungen Abb. 2: Fundzeichnungen AATG, M. Lier Abb. 3: Foto AATG, Daniel Steiner Abb. 4: nach Polenz 1982, 73, Abb. 10, 5 – 12 Abb. 5: Foto AATG, Daniel Steiner Abb. 6: Fundzeichnungen AATG, Th. Stehrenberger Abb. 7: Fundzeichnungen AATG, Th. Stehrenberger Abb. 8: Fundzeichnungen Kantonsarchäologie St. Gallen, M. P. Schindler

Plattform 101

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nicht gesichert, evtl. Spätlatènezeit) 23. Schlattingen, Eppelhauserhalde (Einzelfunde,

(mögl. Grabfund, Frühlatènezeit) 25. Herdern, Amenhausen (Einzelfund, Zeitstellung nicht gesichert, evtl. Spätlatènezeit) 26. Erlen, genauer Fundort unbekannt (Einzelfund, Latènezeit) 27. Bürglen, Kiesgrube Egloff (Einzelfund, Früh-/Mittellatènezeit) 28. Frauenfeld, Langdorf (Gräberfeld, Früh- bis Mittellatènezeit)

Württemberg 63. Stuttgart.

29. Frauenfeld, Talacker (Grabfund, Frühlatènezeit)

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Mittellatènezeit) 32. Neunforn, Mönchhof (Grabfunde, Hallstatt- bis

Fundstellenliste zu Abbildung 1 Kanton Thurgau/Schweiz: 1. Arbon, Fundort unbekannt (Einzelfund, Mittellatènezeit) 2. Arbon, Hilternstrasse (Siedlung?, Zeitstellung nicht gesichert, evtl. Spätlatènezeit) 3. Arbon, Schlosshafen (Dendro- und C14-datierte Holzpfähle, Spätlatènezeit) 4. Berlingen, Haus Gubler (Siedlung, Spätlatènezeit) 5. Bottighofen, Schlösslizelg (C14-datierte Holzkohlenprobe, Latènezeit) 6. Ermatingen, Apolli (Grabfund, Mittellatènezeit) 7. Eschenz, Höflerwies (Einzelfund, Spätlatènezeit) 8. Eschenz, Insel Werd/Rhein (Einzelfunde/Flussfund, Zeitstellung nicht gesichert, evtl. Spätlatènezeit) 9. Gottlieben, Rheinweg (Siedlung, Spätlatènezeit) 10. Gottlieben, Tägermoos (Einzelfund, Latènezeit, Fundort unsicher) 11. Gottlieben, Fundort unbekannt (Einzelfunde, Spätlatènezeit) 12. Kreuzlingen, Fundort unbekannt (Einzelfunde, Spätlatènezeit) 13. Kreuzlingen, Emmishofen (?) (Einzelfund verschollen, Mittel- bis Spätlatènezeit) 14. Kreuzlingen, Egelshofen (?) (verm. Grabfund, Frühlatènezeit) 15. Tägerwilen, Hochstross (Siedlung, Früh- bis Spätlatènezeit) 16. Tägerwilen, Müller-Thurgaustrasse (Siedlung? Frühlatènezeit) 17. Tägerwilen, Vogelhärd (Chastel) (Münzschatz? Mittellatènezeit) 18. Basadingen, Dickihof (Grabfund, Mittellatène19. Diessenhofen, Unterhof (Siedlung, Früh- bis Mittellatènezeit)

Landkreis Waldshut, Baden-Württemberg/Deutschland 51. Altenburg (Oppidum, Spätlatènezeit)

Spätlatènezeit) 24. Unterschlatt, Schelmenbühl/Rofäcker

und 50 vor Christi Geburt. Bayer. Vorgesch.bl. 47,

zeit)

102 Plattform

22. Schlatt, Scharenwies (Einzelfund, Zeitstellung

Gräbern Mitteleuropas aus der Zeit zwischen 300

Deutschland. Stuttgart.

69. Friedrichshafen (Einzelfund, 2 Sequaner-

Spätlatènezeit)

Frühlatènezeit) 33. Pfyn, Städtli (spätrömisches Kastell) (Einzelfund, Latènezeit) 34. Weinfelden, Egelsee-/Härigstrasse (Siedlung, Spätlatènezeit) 35. Aadorf, Tobelacker (Grabfunde, Frühlatènezeit)

36. Alttoggenburg/St. Iddaburg (Siedlung, Späthallstatt- bis Frühlatènezeit) 37. Umgebung Wil, genauer Fundort unbekannt (Einzelfunde, Spätlatènezeit) 38. Rorschacherberg, obere Burg (Siedlung, Spätlatènezeit) 39. Rorschach, genauer Fundort unbekannt (Einzelfunde, Spätlatènezeit) 40. Vild (Einzelfund, 2 Bronzefiguren, Latènezeit – Kurz 1995 Nr. 913, S. 192) 41. Widnau (Einzelfund, Certosafibel, Frühlatènezeit – Kurz 1995 Nr. 949, S. 195) 42. Wil (Einzelfund, Eisenbarren, Latènezeit – Kurz 1995 Nr. 952, S. 195) 43. Kirchberg, Cholberg (Einzelfund, Spätlatènezeit) 44. Kirchberg, Unterbazenheid-Thur (Flussfunde/Münzen, Spätlatènezeit)

Nr. 209, S. 229) 70. Friedrichshafen-Kluftern, Beim Kegelwasen (Einzelfund, Regenbogenschüsselchen-Viertels-

Landkreis Konstanz,

tater, Latènezeit – Wagner 1908, S. 77 – Wieland

Baden-Württemberg/Deutschland

1996 Nr. 210, S. 229)

52. Bodman-Ludwigshafen, Hals (Höhensiedlung, Neolithikum, Mittel- und Spätbronzezeit, Hallstatt- bis Frühlatènezeit – Hopert u. a. 1998) 53. Engen-Anselfingen, Eulenloch, Im Sand (Siedlung und Einzelfund, Helvetier-Potinmünze, Latènezeit – Wieland 1996 Nr. 330, S. 243) 54. Engen-Bittelbrunn, Hohlefels (Höhlenfunde, Latènezeit – Wieland 1996 Nr. 331, S. 243)

71. Kluftern (Goldmünze/„Regenbogenschüsselchen“, Mittel- Spätlatènezeit, Wallanlage) 72. Langenargen (Einzelfund, Frühlatènezeit) 73. Markdorf-Ittendorf (Vierecksschanze, Luftbildbefund, Latènezeit – Wieland 1996 Nr. 211, S. 229) 74. Salem-Hardtwald (Nachbestattung Hügel F, Frühlatènezeit) 75. Tettnang (Einzelfund oder Grabfund?, Goldmünze,

55. Engen-Bittelbrunn, Bildstockfels (Höhlenfunde,

Latènezeit – Wieland 1996 Nr. 212, S. 229)

Latènezeit – Wieland 1996 Nr. 332, S. 243)

76. Tettnang-Laimnau, Chorlehen (Einzelfunde,

56. Engen-Neuhausen, Kiesgrube Kohler (2 Gräber, Spätlatènezeit – Wieland 1996 Nr. 333, S. 243 – 244) 57. Engen-Welschingen (Siedlung mit Grabenanlage, Spätlatènezeit – Hald 2007) 58. Gottmadingen (Grabenanlage, Spätlatènezeit – Hald 2002) 59. Hilzingen (Siedlung und Einzelfund, Eisenbarren, Latènezeit – Kurz 1995, Nr. 385, S. 150) 60. Konstanz-Rauenegg (Einzelfunde, Bronzeringe,

Kanton St. Gallen/Schweiz

Potinmünzen, Latènezeit – Wieland 1996

Frühlatènezeit – Kurz 1995 Nr. 440, S. 155) 61. Konstanz, Stadthügel, mehrere Fundstellen (Siedlung, Mittel- bis Spätlatènezeit – Wieland 1996 Nr. 334 – 336, S. 243 – 244) 62. Mühlhausen-Ehingen, Pfarrwald Ehingen (Vierecksschanze, Latènezeit – Wieland 1996 Nr. 333, S. 243 – 244) 63. Radolfzell, Schiedelen/Im Tenn (Depotfund von 12 – 15 Eisenbarren, Latènezeit – Kurz 1995

Keramik, Latènezeit – Wieland 1996 Nr. 213, S. 229) 77. Überlingen (Einzelfund, Regenbogenschüsselchen, Latènezeit – Wieland 1996 Nr. 214, S. 229) 78. Überlingen-Lützelstetten, Bussensee (Einzelfund, Keramikschüssel, Spätlatènezeit? – Wieland 1996 Nr. 215, S. 229) – Gemeint ist von Wieland evtl. Litzelstetten im Landkreis Konstanz; jedoch konnte weder in den Ortsakten des Landesamtes für Denkmalpflege in Tübingen noch bei der Kreisarchäologie Konstanz eindeutig ermittelt werden, welcher Fundort genau gemeint ist; daher haben wir die Position nicht kartiert. 79. Überlingen (Einzelfund, Boiische Goldmünze, Latènezeit – Bissinger 1889 Nr. 6, S. 6) 80. Unteruhldingen (Einzelfunde, Fibeln, Eisengeräte, Bronzering, Mittel- und Spätlatènezeit – Kurz 1995 Nr. 886, S. 190)

Nr. 687, S. 175 – Wieland 1996 Nr. 338, S. 245) 64. Reichenau (Goldmünze/„Regenbogenschüssel-

Landkreis Sigmaringen,

chen“, Mittel- Spätlatènezeit – Wagner 1908,

Baden-Württemberg/Deutschland

S. 31 – Wieland 1996 Nr. 339, S. 245)

81. Pfullendorf (Einzelfund, Regenbogen-

65. Singen, Mühlenzelgle (Siedlung, Frühlatènezeit – Hopert 1995) 66. Singen, Reckholderbühl („Regenbogenschüssel-

schüsselchen-Viertelstater, Latènezeit – Wieland 1996 Nr. 623, S. 283) 82. Pfullendorf-Aach-Linz, Gertholz (Vierecks-

chen“, Viertelstater, Keramik, Spätlatènezeit –

schanze, Keramik, Mittel- und Spätlatènezeit –

Wieland 1996 Nr. 340 A/B, S. 245)

Wieland 1996 Nr. 478, S. 266)

67. Singen-Hausen a. d. Aach (Vierecksschanze, Kanton Zürich/Schweiz 45. Andelfingen, Hochlaufen (Gräberfeld, Frühlatènezeit)

Luftbildbefund – Wieland 1996 Nr. 341, S. 245) 68. Stockach-Mahlspüren (Einzelfund, 4 Eisenspitzbarren, Latènezeit – Wieland 1996 Nr. 342, S. 245)

Landkreis Ravensburg, Baden-Württemberg/Deutschland 83. Achberg (Einzelfunde, 3 – 4 Regenbogen-

46. Elgg, Breiti (Gräberfeld, Spätlatènezeit)

schüsselchen, Latènezeit – Wieland 1996

47. Marthalen, Steinacker (Siedlung, Spätlatènezeit)

Nr. 478, S. 266)

48. Rheinau, Au (Siedlung/Oppidum, Spätlatènezeit) 49. Oberwinterthur (Grabfund, Spätlatènezeit)

Land Vorarlberg/Österreich 84. Lauterach (Hortfund mit Silber- und Bronzefunden, 2 Einzelfunde, Früh- und Spätlatènezeit – Kurz 1995 Nr. 475, S. 157)

Plattform 103

Carnyx & Co. Darstellung historischer Lebenswelten:

Kelten und kein Ende: Die Teilnehmer von Pax Celtica 2004 in Rottenburg/Neckar. Hier trafen sich Keltengruppen aus Deutschland, Belgien, Frankreich und Tschechien, die sich einer qualitativ hochwertigen Darstellung verpflichtet fühlen.

104 Plattform

Ob Fernsehdokumentation oder Dorffest, überall trifft man heute auf Zeitgenossen in mehr oder weniger historischer Verkleidung: „Gewandete“ allenthalben, selbst wenn die „Gewandung“ nicht selten nur aus Springerstiefeln, martialischem Breitschwert, natürlich auf dem Rücken getragen, und Muttis alter Tischdecke besteht. Dieser bestenfalls erheiternden Variante des Phänomens stehen am anderen Ende der Skala Darsteller und Gruppen gegenüber, in deren Ausstattung viel Idealismus und Aufwand an Quellenstudium, Handarbeit und/oder Geld geflossen ist und die zum Teil auch davon zu leben versuchen. Dass einzelne von ihnen nebenbei im Verdacht stehen, auch unerwünschte bis strafbare

weltanschauliche Inhalte zu vermitteln, ist anscheinend erst jüngst auf professoraler Ebene so recht wahrgenommen oder zumindest publik gemacht worden und hat eine breite Diskussion unter Fachleuten an Universitäten und Museen sowie den Darstellungsgruppen verursacht, die immer noch im Gange ist. Recht schnell wurde dies zum Anlass genommen, Sinn und Zweck solcher Gruppen und ihrer Darstellung für die Öffentlichkeit generell in Frage zu stellen, wobei offenbar politische, qualitative und andere Aspekte zusammengeworfen werden. Argumentiert wird vor allem mit den falschen Bildern, die durch solche Vorführungen vermittelt würden.

Dabei sind zunächst einige Begriffe zu präzisieren. Das gern benutzte reenactment bedeutet eigentlich „Nachspielen“, insbesondere von Schlachten der Neuzeit (z.B. napoleonische Zeit, amerikanischer Bürgerkrieg), während living history das – meist eher zivile – Alltagsleben einer Epoche so exakt wie möglich vorführt und damit oft der zutreffendere Begriff ist, so man nicht allgemeiner „historische Darstellung“ – ähnlich dem französischen reconstitution (pré-/proto-)historique – bevorzugt. Aus dem angelsächsischen Raum stammt die bestimmte Aspekte treffend verdeutlichende Bezeichnung „Interpretator“ für einen Darsteller.

Experimentelle Archäologie sucht hingegen Antworten zu einer bestimmten Fragestellung und setzt wiederholbare Ergebnisse unter definierten Rahmenbedingungen mit Aufzeichnung, Überprüfung und Auswertung von Ablauf und Ergebnissen voraus. Auch wenn völlig außer Frage steht, dass das wenn auch nur vorübergehende Leben in Annäherung an (prä-)historische Verhältnisse manch wertvolle praktische Erfahrung erbringt und die eine oder andere akademische Detailfrage kurzerhand auszuräumen vermag, kann dies streng genommen noch keineswegs als experimentelle Archäologie gelten.

Der Verfasser dieser Zeilen (wie übrigens auch nicht wenige Kolleginnen und Kollegen der Gruppe Carnyx) ist Archäologe, als solcher seit einigen Jahren auch mit der Einrichtung von vorwiegend archäologischen Museen und Ausstellungen befasst, und als Mitglied der „Keltengruppe Carnyx“ seit rund zehn Jahren als Darsteller engagiert, was Erfahrungen auf verschiedenen Seiten mit sich bringt und eine Sicht der Dinge aus unterschiedlichen Blickwinkeln erlaubt. Davon soll im Folgenden die Rede sein.

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Die „Keltentruppe Carnyx“ entstand nicht wie sonst häufig nach dem Vorbild oder als Ableger anderer Gruppen, sondern eher zufällig als höchst provisorisch umgesetzte Spontanidee am Tübinger Archäologenstammtisch: Der „Überfall“ von 1996 auf einen „römischen Reisezug“ zur villa rustica von Hechingen-Stein war eine Gaudi mit dem mitmarschierenden Veranstalter, bei dem man an Publikum noch gar nicht recht dachte (Abb. 1). Abb. 1: Als diese Herren im phantasievollen „Räuberzivil“ sich 1996 anschickten, den „römischen Reisezug“ zur villa rustica von Hechingen-Stein zu überfallen, ahnten sie noch nicht, dass sie später einmal die „Keltengruppe Carnyx“ gründen würden. Abb. 2: Beim Römerfest in Rottenburg 1999 in Rottenburg/Neckar präsentierten sich dieselben Herren und ihre Mitstreiter schon deutlich authentischer.

Dennoch war die Resonanz der wenigen Zuschauer und vor allem des Veranstalters so, dass man sich zu einer Wiederholung zwei Jahre später in größerem Rahmen überreden ließ. Der Erfolg kann angesichts unserer immer noch höchst ungenügenden Ausrüstung nur als überraschend bezeichnet werden - Tausende von Zuschauern, Zeitungsberichte sowie ein paar Sekunden in der abendlichen „Landesschau“. Danach war klar, dass wir nun entweder aufhören oder ernsthaft weiter-

machen mussten. So folgten einige Monate intensiver Arbeit in Bibliothek und Werkstatt vor dem Römerfest in Rottenburg/Neckar 1999, seit dem „Carnyx“ mit vernünftiger und immer wieder erweiterter Ausstattung unterwegs ist (Abb. 2). Aufgrund beruflicher Beanspruchungen und Veränderungen bestreitet die Gruppe heute nur noch wenige ausgesuchte Veranstaltungen im Jahr, mit je nach Anlass etwa fünf bis acht Aktiven, etwa die Hälfte davon Archäologen. Meist sind es Museumsfeste oder ähnliche Veranstaltungen mit keltischem Bezug in Südwestdeutschland; der bisherige Aktionsradius reicht allerdings von Frankreich bis Bayern und von der Schweiz bis Belgien. Hinzu kommen gelegentlich Auftritte in Fernsehproduktionen privater und öffentlich-rechtlicher Sender, vom ZDF bis zum englischen Channel 4, sowie Fotoaufnahmen für Ausstellungs- und Buchillustrationen (Abb. 3).

Abb. 3: Filmaufnahmen für den englischen Fernsehsender Channel 4 auf der Heuneburg (2005).

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Das Repertoire ist flexibel und umfasst in der Regel ein Lager, in dem Handspinnen, Weben am Gewichtswebstuhl und mit Brettchen, Mahlen mit Schiebe- oder Drehmühle oder Münzprägung und Kettenhemd„stricken“ gezeigt werden können sowie natürlich Kochen und Braten oder Backen am offenen Feuer sowie gelegentlich auch den Grubenbrand von Keramik - allerdings nicht alles auf einmal (Abb. 4a – e). Das Lager ist für Besucher zugänglich und zeigt auch Geschirr und Gerät sowie Nahrungs- oder Färbepflanzen, so dass sich viele Anknüpfungspunkte für Gespräche mit Besuchern ergeben.

Abb. 4a (rechts): Auch Buben können Brettchenweben. Keltenmuseum Hochdorf 2003. Abb. 4b (unten): Geschichte zum Anfassen: ganz schön schwer, so ein Kettenhemd. Keltenfest in Nagold 2003.

Abb. 4c (Mitte links): Kulinarisches Stillleben beim Römerfest in Rottenburg/Neckar 2003. Abb. 4d (Mitte rechts) : Keltische Münzprägung bei den Römertagen in Aalen 2002. Abb. 4e (links): Ein bandförmiger Schildbuckel entsteht (1999).

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Wir haben jedenfalls den Eindruck gewonnen, bei unseren Auftritten auch Publikum zu erreichen, das normalerweise entweder gar nicht in ein Museum ginge oder zumindest die Texte dort kaum wirklich lesen würde. Wenn Rekonstruktionen die natürliche Ergänzung der Exponate sind, dann sind Darsteller die natürliche Ergänzung der Rekonstruktionen. Der historische und archäologische Befund als Richtschnur ist dabei eine Selbstverständlichkeit – ebenso wie dessen zahlreiche Lücken, gerade was die Darstellung des Alltagslebens betrifft, und die Notwendigkeit, diese zwar zu überbrücken, aber auch nicht zu verschweigen. Allerdings ist hier der „nix Genaues weiß man eh’ nicht“-Eindruck zu vermeiden und gesicherte Erkenntnis auch als solche zu präsentieren.

Abb. 5: Keine Angst vor wilden Kerlen beim Museumsfest im Kelten Römer Museum Manching 2006: kleiner Bub mit großem Carnyx, unserer Nachbildung der typischen keltischen Kriegstrompete.

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Diese zwanglosen Gespräche betrachten wir als unsere eigentliche Haupttätigkeit und „Kernkompetenz“ (Abb. 5) – und als befriedigendstes Ergebnis, wenn es wieder einmal gelungen ist, eine Gruppe zufälliger Besucher mitzunehmen auf eine tour d’horizon durch die keltische Geschichte, wenn nötig und möglich auch samt angrenzenden Gebieten. Nach unserer Beobachtung sind auch bei berufsbedingt fachlich interessierten Besuchern – etwa jemand aus der Metallbranche, der etwas über vorgeschichtliche Eisentechnologie erfahren möchte – die reinen Fachthemen bald erschöpft. Interessant für alle Besucher wird es, wenn Fakten und Ereignisse in größere geschichtliche Zusammenhänge gestellt und Bezüge aufgezeigt werden können, in die womöglich Teile des noch vorhandenen Schulwissens der Besucher eingebunden werden können.

Wir legen Wert darauf, keine Kelten zu sein, sondern zu versuchen, solche darzustellen. Einzige Ausnahme ist unsere „Geschichtsschau“, bei der ein „römischer Historiker“ in der Toga Zitate seiner griechisch-römischen Kollegen über Kelten vorträgt. Diese werden von nacheinander auftretenden „Betroffenen“ aus verschiedenen keltischen Gesellschaftsschichten kommentiert. Die nicht zu ernsthafte Art der Darstellung macht jedoch auch hier den Bruch zwischen den Darstellern und ihren Figuren deutlich. Gerade im „keltischen Dunstkreis“ sind immer wieder Besucher anzutreffen, die nach Bestätigung ihrer im weitesten Sinne esoterisch-romantischen Vorstellungen suchen. Hier sorgt der Hinweis auf keltische Umweltzerstörung durch exzessiven Holzverbrauch und Metallverhüttung ebenso für Verstörung wie die Schilderung vor allem der mittel- und spätlatènezeitlichen Bestattungspraktiken, deren für uns makabere Sonderbarkeit eine gefühlte Seelenverwandtschaft mit den Kelten durchaus erschüttern kann und die zeitliche und geistige Ferne der Objekte verdeutlicht.

Problematisch ist allerdings, wenn bei einer Museumsveranstaltung unter archäologischer Leitung sich nebenan jemand mit Überzeugung zur soundsovielten Inkarnation des örtlichen Keltenfürsten erklärt und wenig später ein bebrillter DarstellerKollege die handelsübliche Versandausgabe eines Schwertes mit anthropomorphem Griff ernsten Blickes als „druidisches Opferschwert“ vorstellt: Hier kann nicht nur der Ruf der Veranstaltung, sondern auch der anderer Akteure Schaden leiden – ganz abgesehen davon, dass man sich als um Qualität bemühter Darsteller vom Veranstalter nicht gerade ernst genommen fühlt. Ein schwieriges Thema sind politisch-weltanschauliche Inhalte, wie zur Zeit wieder deutlich wird. Nun ist es weder möglich noch wünschenswert, alle Akteure und Gruppen auf ihre Gesinnung hin zu überprüfen, aber ebenso selbstverständlich sollten politische Beeinflussungsversuche unterbleiben. Sobald ein Akteur öffentlich auftritt, nimmt er gegenüber den Besuchern eine herausgehobene Stellung ein, in der er besondere Verantwortung trägt und sich an bestimmte Regeln halten sollte – die eigenen wie die des Veranstalters. Andererseits ist eine völlig ideologiefreie Geschichtsdarstellung gar nicht möglich. Die Quellen, vor allem die archäologischen, sprechen nicht selbst, sondern müssen interpretiert werden, wobei zwangsläufig und auch unbewusst bestimmte Vorstellungen einfließen. Die Frage kann nur sein, welcher Art diese sind und wie sehr sich diese Interpretation vom Befund entfernt. „Ideologie“ heißt ja nicht zwangsläufig „extremistisch“. So wurde etwa die Vor- und Frühgeschichte schon mehrfach in großen Ausstellungen hochoffiziell für den Europa-Gedanken (oder die „Europa-Ideologie“) instrumentalisiert: die Bronzezeit als das „erste goldene Zeitalter Europas“ (1997), „i Celti, la prima Europa“ (1991), „Die Etrusker und Europa“ (1992) oder die Franken als „Wegbereiter Europas“ (2002). Die Beispiele ließen sich vermehren.

Ins Positive gewendet, kann der Akteur anhand der Vor- und Frühgeschichte etwa rassenideologisch-völkische Ideen ad absurdum führen und die frühmittelalterliche Stammesbildung relativieren als von äußeren Faktoren und Zufällen bestimmten Vorgang, zu dem die Stammesidentität erst im Nachhinein von außen gestiftet wurde und die, vor allem für die Oberschicht, alles andere als unveränderlich oder verpflichtend war. Insofern gehört es aus unserer Sicht durchaus zum Repertoire von Darstellungsgruppen, Besuchern gegebenenfalls auch die Möglichkeit von Instrumentalisierung und Missbrauch von Archäologie und Geschichte bewusst zu machen. Für Museen und Organisatoren sind Darstellungsgruppen Besuchermagnete, auf die kaum eine Veranstaltung wird verzichten wollen. Zum einen sollen Museen heute bespielt werden, zum anderen sind sie ein unersetzliches Hilfsmittel zur Veranschaulichung und erhöhen die Attraktivität für breitere Besucherkreise. Entscheidend sollte nicht die Qualität der Ausstattung alleine sein, sondern dass deren Träger auch willens und in der Lage sind, fundiert etwas dazu zu erzählen und Hintergrund zu vermitteln. Die Ausstattung zu beurteilen, wird einem Museum nicht schwer fallen, einer Stadtverwaltung etwa schon eher. Schwieriger, aber ebenso angebracht erscheint es für beide, zu erkennen, welche Inhalte den Besuchern vermittelt werden. Es steht außer Frage, dass dem Veranstalter hier eine Sorgfaltspflicht obliegt für das, was er in seiner Veranstaltung anbietet. Zu ihrer Erfüllung gehört die Erkundigung im Vorfeld, wozu gegebenenfalls durchaus eine Art Interview mit einem Verantwortlichen der Gruppe gehören kann. Aufschlussreich kann hier die Frage nach dem Motiv sein, warum man sich als Darsteller betätigt: ist es Wissensvermittlung, versucht man, das zu

leben, was man darstellt, und wenn, wofür steht dies? Damit ist ausdrücklich nicht ein „Gesinnungs-TÜV“ gemeint, sondern ein Mittel, um Missverständnisse zu vermeiden und klare Absprachen treffen zu können. Dazu darf ebenfalls gehören, dass Mitarbeiter während der Veranstaltung die Runde machen – nicht nur als legitime Qualitätskontrolle des Auftraggebers, sondern auch um den Akteuren eine qualifizierte Rückmeldung zu gewähren: schließlich ist man daran interessiert, eigene Mängel zu erkennen und Stärken auszubauen, was umgekehrt auch für den Veranstalter gelten sollte. Aus Sicht der Archäologen ist für Gruppen, die keine solchen in ihren Reihen haben, die Informationsbeschaffung und -filterung häufig ein schwieriges Kapitel, erst recht, wenn keine gute Bibliothek in Reichweite ist. Dennoch haben sich nicht wenige Aktive ein sehr respektables Fachwissen angeeignet, was unter solchen Umständen besondere Anerkennung verdient. Aber daneben gibt es ja noch das Internet und seine Foren und Homepages – leider, möchte man manchmal hinzufügen, denn nirgends liegen Licht und Schatten so unvermittelt nebeneinander wie hier und machen es vor allem Einsteigern schwer, sich zu orientieren. Die Foren, in denen ein großer Teil des Informationsaustausches und manchmal wohl auch der Legendenbildung – stattfindet, müssen dabei gelegentlich auf Beiträge von Fachleuten, „Studierten“ wie einschlägigen Handwerkern, verzichten, weil sie durch unangemessene Kommentare dort etablierter Amateure verprellt werden.

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Fazit Gute historische Darstellungsgruppen sind eine Bereicherung für alle Beteiligten und in der Lage, anschaulich Information mit großer Reichweite auch an eher museumsferne Kreise zu vermitteln. Allerdings will solche Wirkmächtigkeit verantwortungsvoll eingesetzt werden, da sie ebenso auch unerwünschte Inhalte zu transportieren vermag. Dieser Verantwortung müssen sich alle Beteiligten stellen und ihrer jeweiligen Sorgfaltspflicht Genüge tun: • Akteure müssen sich in erster Linie an den Originalen orientieren und sich immer der Grenzen des Wissens bewusst sein, die man auch den Besuchern nicht verhehlen darf. Weltanschauliche Neutralität – auch mit Blick auf das, was unterschwellig transportiert werden könnte – sollte nicht nur selbstverständlich sein, sondern muss dem Veranstalter gegenüber verbindlich zugesagt werden.

Die eingangs erwähnte Frage nach Sinn und Zweck historischer Darsteller und Gruppen geht am Problem vorbei, denn das Phänomen existiert auch ohne Anerkennung durch die Wissenschaft und kann in der Öffentlichkeit Wirkung entfalten – was auch die Kritiker durch ihre Sorge um die Verbreitung falscher Bilder indirekt zugestehen. Es kann also nur darum gehen, Darsteller und Gruppen, die öffentlich tätig sind, durch gezielte Auswahl und Förderung positiv zu beeinflussen und dieses Feld nicht Akteuren mit fragwürdiger bis inakzeptabler Ausrichtung zu überlassen.

Literatur Bongartz, D.-O./Peitz, Chr. (2004) Der MarktWolpertinger. Pax et Gaudium 14 (Themenheft Kleidung im Mittelalter), 86 – 87. Jockenhövel, A. (2008) Mannheimer Erklärung. http://www.uni-muenster.de/UrFruehGeschichte/ Mannheim.html (aufgesucht 9.7.2008). Kull, B. (2002) „Heute sind wir halt wieder im Hääs ...“ Museumspädagogik, open air und Interpretatoren. Denkmalpflege und Kulturgeschichte 2, 39 – 43. Mehler, U. (2005) Markt und Moneten: Mittelaltermärkte. Museumsblatt. Mitteilungen aus dem Museumswesen Baden-Württembergs 38, April 2005, 24 – 26.

Anschrift des Verfassers Andreas Willmy M.A. Schwarzwaldstr. 5 72108 Rottenburg/Neckar

Schwarzenberger, M. (2008) Der Fall Ulfhednar und die Folgen. http://chronico.de/erleben/ menschenorte/0000489/ (mit zahlreichen Diskussionsbeiträgen; aufgesucht 4.7.2008).

Email: [email protected] Abbildungen

• Veranstalter haben das, was sie einkaufen gründlich zu prüfen und die zu vermittelnden Inhalte durch klare Regeln für die Beteiligten festzulegen.

Abb. 1: J. Hald. Abb. 2, 3, 4a, 4c, 4e, 5, 6, Panoramabild: J. Rehmet. Abb. 4b: A. Gaubatz-Sattler. Abb. 4d: Carnyx.

• Fachmuseen sind für die meisten Aktiven die am leichtesten zugänglichen wissenschaftlichen Institutionen. Sie sollten sich zur fachlichen Unterstützung guter Gruppen (und solcher, die es werden wollen) im ureigenen Interesse verpflichtet sehen. Abb. 6: Keltengruppe Carnyx zu Gast im Federseemuseum Bad Buchau (2003).

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Wichtig für eine qualitätsbewusste Weiterentwicklung der Gruppen ist es, dass auch die Wissenschaftler bereit sind, Hilfestellungen anzubieten – und sich nicht zurück zu halten, um anschließend deren Qualität zu kritisieren.

Allerdings gibt es natürlich auch immer wieder die Beratungsresistenten, die den freundlichen Hinweis, sie würden mit Accessoires aus 500 Jahren und ebenso vielen Kilometern Umkreis am Leib herumlaufen, mit einem „ich find’s aber schön so“ zurückweisen und sich damit, so gerne sie auch meist dazugehören möchten, für Veranstaltungen mit Qualitätsanspruch selbst disqualifizieren.

• Andere Vertreter der Wissenschaft dürfen im eigenen Interesse die Mühe nicht scheuen, die strebend sich Bemühenden wohlwollend zu unterstützen, denn deren Breitenwirkung auf eine Öffentlichkeit, welche die Archäologie ja letztlich bezahlt, ist nicht selten höher anzusetzen als deren eigene.

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Abb. 1: Graf Vojkffy 1936 bei der Ausgrabung des steinzeitlichen Fundplatzes „Speiser“ bei Oberstdorf im Oberallgäu.

0

20

40 Km

Schwäbische Alb Süd

Jäger und Sammler im Allgäu Christoph Graf Vojkffy kann als Begründer der Steinzeitforschung im Allgäu bezeichnet werden. Schon 1930 begann er mit der Suche nach steinzeitlichen Fundstellen im Oberallgäu in der Umgebung von Oberstdorf. Nachdem er dort erfolgreich gewesen war, setzte er seine Suche im Westallgäu in der Umgebung von Schloss Zeil bei Leutkirch fort. Da auch dort seine Mühen von Erfolg gekrönt waren, gewähren seine Funde heute einige Einblicke in die prähistorische Besiedlung einer bisher ansonsten forschungsfreien steinzeitlichen Fundlandschaft (Abb. 3). Die meisten Fundstellen, die er dort entdeckte, liegen im Tal der Wurzacher Ach oder Aitrach und zeigen ei-

ne Besiedlung vom Jungpaläolithikum bis zum Jungneolithikum an (Abb. 4). Obwohl seine Arbeiten nicht heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen, sind durch die Unterstützung von Hans Reinerth zunächst in den 1930er Jahren von Tübingen und dann nach dem Krieg vom Pfahlbaumuseum Unteruhldingen aus einige größere Fundinventare zusammen gekommen. Diese werden im Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen verwahrt. Die Autoren hatten 1998 die Gelegenheit, das Fundmaterial und auch den Briefwechsel zwischen Graf Vojkffy und Hans Reinerth zu sichten.

Das Fundmaterial wurde geordnet, wissenschaftlich erfasst und dokumentiert. Großer Dank gebührt dem Direktor des Museums Dr. Gunter Schöbel, Peter Walter M.A. und Jürgen Hummler für die umfangreiche und freundliche Unterstützung dieser Arbeiten. Im Ergebnis zeigt die Untersuchung, dass das Westallgäu eine viel versprechende steinzeitliche Fundlandschaft ist, deren weitere Erforschung wesentliche wissenschaftliche Erkenntnisse zeitigen würde (Gehlen/Schön 2008).

obere Donau

Bayerisch Schwaben Nord-West

Federsee / Oberschwaben Nord

Wurzacher Ach / Aitrach

Bad- und Urseen

Oberschwaben Süd / Hegau / Bodensee / Nordost-Schweiz

Ostallgäu Süd

Oberallgäu / Vorarlberg

Die Forschungen des Grafen im Allgäu

© Birgit Gehlen 2003

Aitra

6

ch

621 m 791 m

Auenhofen Lauben 641 m

Attenhof

Schloss Zeil

1 16

8 Unterzeil

Herbrazhofen

7

Ach her zac ur W

Ro

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Christoph Graf Vojkffy (1879-1970) entstammte einem alten kroatisch-ungarischen Adelsgeschlecht, das seine Ursprünge auf Stefan den Heiligen, den ersten christlichen König Ungarns zurückführte. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte er auf Schloss Zeil, in dessen Umfeld er neben dem Oberallgäu eine seiner archäologischen Wirkungsstätten fand (Abb. 1 und 2).

Unterallgäu / Ostallgäu Nord

9

15

Ni be l

CHRISTOPH GRAF VOJKFFY -

Abb. 3: Die Westallgäuer Fundgebiete (Rot) im Kontext der steinzeitlichen Fundlandschaften Südwestdeutschlands und der angrenzenden Gebiete der Schweiz und Österreichs (Rosa). Die Angabe zu den einzelnen Regionen beruht auf den Karten in Gehlen (1995), Gulisano (1994), Planck (1988), Stöckli (1995) und Wischenbarth (2000).

14

2 Diepoldshofen 4

Abb. 2: Graf Vojkffy 1939 im Fachgespräch mit Barthel Eberl, dem damaligen Heimatpfleger von Schwaben.

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5

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Haid

1000 m

2000 m

© Birgit Gehlen 2003

< 650 m NN

Datierung

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3 Reichenhofen

650 - 700 m NN

700 - 750 m NN

750 - 770 m NN

770 - 790 m NN

> 790 m NN

Spätmesolithikum/Altneolithikum Jungpaläolithikum Frühmesolithikum Steinzeit unbestimmt Jung/Endneolithikum

Abb. 4: Karte mit den lokalisierbaren steinzeitlichen Fundplätze im Tal der Wurzacher Ach/Aitrach. Die Grundlage ist die von Reinerth 1956 publizierte Karte (Ergänzungen nach topographischen Karten 1:25.000 8125 Leutkirch im Allgäu West und 8126 - Ost). Bis auf Nr. 5 liegen alle Plätze nördlich der Würmendmoränen. Datierung:  Jungpalöolithikum  Frühmesolithikum  Spätmesolithikum/Altneolithikum  Mittelneolithikum  Jung-/Endneolithikum  Steinzeit unbestimmt

heutige Ortslagen

Mittelneolithikum

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Er war zeitlebens ein passionierter Jäger, der seine Zuhörerschaft gerne mit zahlreichen Anekdoten unterhielt. In dem in der Vorzeit am Bodensee veröffentlichten Nachruf (Vorzeit 19. Jahrgang, Heft 1 – 4, 91 – 92) wird er als „eine der markantesten und orginellsten Gestalten im Kreise der deutschen Vorgeschichtsforschung ...“ bezeichnet. Das Zitat: „Man kann sich keine Tagung des Pfahlbauvereins, keine Begehung im Gelände, keine Ausgrabung vorstellen, an der der Graf Vojkffy nicht im Mittelpunkt der Diskussion und Aufmerksamkeit gestanden hätte“, erläutert seine ausgeprägte Persönlichkeit. Vor allem das Mesolithikum, die Zeit der Jäger und Sammler, hatte es dem Grafen angetan. Vojkffy war allerdings eher Jäger als Sammler, was seine archäologische Tätigkeit ebenfalls prägte: Das Suchen von Artefakten und Fundstellen, wie auch das Ausgraben war ihm dabei äußerst wichtig. Allerdings entsprachen seine Ausgrabungsmethoden, die er nachweislich an zwei Plätzen im Oberallgäu anwandte, schon damals nicht dem wissenschaftlichen Standard. Heute würde ein Laie außerdem keine Grabungserlaubnis mehr von den zuständigen Behörden erhalten. Öffentlichkeitsarbeit gehörte für Graf Vojkffy ebenfalls zur Archäologie, wofür zahlreiche Zeitungsartikel sprechen, in denen er seine Ergebnisse und Vorstellungen veröffentlichte. An den wissenschaftlichen Diskussionen seiner Zeit beteiligte er sich ebenfalls intensiv: Er besuchte noch in hohem Alter regelmäßig die Tagungen des Pfahlbauvereins und der Hugo-ObermeierGesellschaft. Wenn er auch in späteren Jahren mit Hermann Josef Seitz aus Lauingen intensiven Kontakt pflegte, blieb sein Hauptansprechpartner in Sachen Steinzeitforschung immer Hans Reinerth.

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Zu den wissenschaftlichen Einflüssen von Reinerth und Seitz gehörte auch die Vorstellung einer spätmesolithisch-neolithischen Kultur mit „pics“ (Hacken) und „tranchets“ (Beilen), dem sog. Campignien. Eine solche „Kultur“ mit klein- und grobgerätigen Steinartefakten wurde 1872 von Ph. Salmon erstmals und 1898 zusammen mit D’Ault du Mesnil und L. Capitan in der Monographie „Le Campignien“ ausführlicher beschrieben. In der folgenden Zeit wurden weit reichende Interpretationen mit dieser „Kultur“ verbunden und sowohl Reinerth als auch Seitz und Vojkffy gehörten zu ihren Verfechtern (Seitz 1956 und 1961/62 – Reinerth 1956/57). Für Deutschland ist mit der Dissertation von Ludwig Reisch (1974), der ursprünglich das Campignien gliedern sollte, stattdessen jedoch seine Nicht-Existenz als Kulturgruppe nachwies, die Diskussion endgültig beendet. Nicht nur in Deutschland, auch in Frankreich und Spanien handelte es sich bei den Campignien-Fundplätzen wohl überwiegend um Schlagplätze mit vielen Silexabfällen unterschiedlicher Zeitstellung. Sie befinden sich an Rohmaterialvorkommen, Schotterkörpern und sogar bei neolithischen Bergwerken. Einige der bei Seitz abgebildeten „Geräte“ aus dem Umfeld von Schloss Zeil sind als grob retuschierte Abschläge zu erkennen, aber auch Kerntrümmer und sonstige Trümmerstücke sind anscheinend darunter vertreten. Einer anderen, damals fachlich durchaus ernsthaft diskutierten, heute aber nur noch als Kuriosität anzusehenden Theorie hing Vojkffy ebenfalls an. Er veröffentlichte sie 1934 in einem Zeitungsartikel. Grundlegende Idee war die damals allgemein akzeptierte Vorstellung, wonach die zeitliche Abfolge unterschiedlicher „Kulturen“ durch Völkerwanderungen verursacht worden wären. Die Vorgänger wären dabei jeweils von den Neuankömmlingen verdrängt worden. So sah der Graf die Mesolithiker des

Allgäus als eine von der Donau aufwärts einwandernden Neolithikern vertriebene nacheiszeitliche Bevölkerung an, die sich in dieser für den Ackerbau ungünstigen Landschaft (das Allgäu) bis in die Bronzezeit hätte halten können. Als Beleg für die Richtigkeit seiner Vorstellungen zitiert er in besagtem Artikel aus einem Brief von Prof. Oswald Menghin, Wien, vom 20.12.1933: „Es wird sie interessieren, daß ich bezüglich des Tardenoisien eine eigene anthropologische Theorie aufgestellt habe und die Ansicht vertrete, daß seine Träger Pygmoide waren und eine sehr primitive Kultur hatten. Sie haben auch bestimmt damit recht, wenn Sie annehmen, daß es sich in Oberstdorf um ein nachlebendes Tardenoisien handelt, ihr Gedanke, daß die Wildmännle- und andere Sagen damit zusammenhängen, ist sehr gut möglich. Unsere deutschen Vorväter können sie von der romanischen Bevölkerung übernommen haben und diese wieder von der vorrömischen, es muß nicht eine direkte Anschauung der Zwerge vorhanden gewesen sein.“ Mit der Bemerkung „Soweit Menghin, einer der größten Fachgelehrten Europas“ – gewissermaßen einem wissenschaftlichen Adelsprädikat – schließt Vojkffy den Absatz in seinem Artikel. Solche Interpretationen sind mittlerweile völlig überholt und erscheinen uns im Rückblick geradezu absurd. Angeregt durch Reinerths Grabungen am Federsee bemühten sich nun Erich Fürst zu Waldburg-Zeil und Christoff Graf Vojkffy seit Ende der 1920er Jahre um die Bergung archäologischer Funde und die Erforschung des Allgäuer Mesolithikums im Umfeld von Schloss Zeil. Anscheinend war schon 1930 eine so große Fundmenge zusammen getragen worden, dass der Fürst Waldburg die Sammlung dem Urgeschichtlichen Institut der Universität Tübingen schenkte. Fachliche Beratung und Bestimmung der Fundstücke erhielten sie durch den damaligen Tübinger Universitätsassistenten Hans Reinerth. Mit

Brief vom 8.10.1930 verabredet Reinerth mit Graf Vojkffy einen Besuch auf Schloss Zeil, da der Fürst zu Waldburg Zeil das Mesolithikum im Oberallgäu intensiver erforschen wollte. Reinerth reiste in demselben Jahr noch mit Mitarbeitern zu Geländebegehungen an und fand die meisten der hier vorgestellten Fundplätze. Die entdeckten Plätze wurden in der folgenden Zeit von Graf Vojkffy weiterhin begangen, im Laufe der Zeit kamen neue hinzu (Reinerth 1956, 4 – 6). Die Funde aus dieser Sammeltätigkeit schickte Graf Vojkffy in den darauf folgenden Jahren an Reinerth, der eine Ordnung und Registratur der Funde vornahm. Reinerth versuchte neben der Annahme der Funde und Fundmeldungen dabei auch eine gewisse „Ausbildung“ des begeisterten Grafen durchzuführen. Anscheinend gab es dabei durchaus Rückschläge, so beginnt er den Brief an Vojkffy vom 9.1.32 mit den Worten „Gründlich schimpfen muß ich ...“. Was war geschehen? Graf Vojkffy hatte ihm Funde von verschiedenen Fundorten geschickt, ohne sie einzeln zu kennzeichnen d. h. zu beschriften. Dies kann aber nicht die Regel gewesen sein, da Reinerth im gleichen Brief mitteilt, dass er zugesandte Artefakte etikettieren und „bessere Stücke“ auch nummerieren ließe. Im Sommer des gleichen Jahres (1932) war Graf Vojkffy dann in der Oberstdorfer Gegend besonders erfolgreich. Von den dort entdeckten Fundstellen lagen einige bis zu 1400 m hoch in alpinen Regionen. In einem Zeitungsartikel, wohl aus demselben Jahr, beschreibt Vojkffy nicht nur seine Entdeckungen sondern stellt auch Überlegungen zur mesolithischen Wirtschaftsweise in der Region an. Es scheint, als ob dies seine einzige „Auswertung“ ist, da es außer ein paar Skizzen für die Publikation „Die älteste Besiedlung des Allgäus“ im 1956er Band der „Vorzeit am Bodensee“ keinerlei Hinweise auf eine Dokumentation gibt. Anscheinend forderte Reinerth keine

fortlaufenden Aufzeichnungen von Vojkffy zu seinen Aktivitäten. Zwar berichtete dieser immer wieder brieflich über seine Erfolge und schickte die Neufunde von der Aitrach an Reinerth, zuerst nach Tübingen und nach dem Kriege nach Unteruhldingen – eine Unterbrechung gab es anscheinend während des Dritten Reiches, als Reinerth vor allem in Berlin tätig war. Aber erst für die Vorbereitung der genannten Veröffentlichung forderte Reinerth genauere Informationen zu den Fundplätzen bei Voikffy an, wie aus dem Schriftwechsel zwischen Februar und März 1957 hervorgeht. Wohl schon in den 1930er Jahren hatte Vojkffy Funde an die Prähistorische Staatssammlung (heute Archäologische Staatssammlung) in München gegeben, wie auch dem Maximilianmuseum in Augsburg Funde geschenkt. Nach Recherchen der Autorin in der Archäologischen Staatssammlung im Februar 2002 sind in München diverse Tagebuchaufzeichnungen zu den Grabungen des Grafen und einige wenige Steinartefakte von verschiedenen Fundplätzen des Oberstdorfer Raumes vorhanden. Es ist wahrscheinlich, dass ein Teil der Funde im Zweiten Weltkrieg oder kurz darauf verloren gegangen sind. Im Museum in Augsburg sollen nach Vojkffy größere Bestände im Magazin vorhanden sein, was noch nicht von uns überprüft wurde. Wolfgang Taute fand dort allerdings bei seinen Untersuchungen in den 1960er Jahren nur mesolithische Funde von Memmingen, die aus der Sammlung Vojkffy stammen. Reinerth schrieb während der Vorbereitung der Publikation am 13.10.1956 an den Grafen: „Bitte schreiben Sie mir, wer im Augsburger Maximilianmuseum jetzt das Mesolithikum und also auch die von Ihnen geschenkten Zeiler Mikrolithen betreut.“ Schon am 14.10. 1956 kommt die Auskunft per Postkarte, „... die ganze Steinzeit ist magaziniert worden ... Dr. Hübener (der neue Museumsleiter) ist

leider Lithophob ...“. Später (Brief vom 23.2.57) wurde dies von Vojkffy noch ausführlicher erläutert. So schrieb er, dass er bei einem Besuch 1955 die Ausstellung umgebaut vorgefunden hatte und keine steinzeitlichen Funde mehr präsentiert waren. Auf seine Anfrage wurde ihm mitgeteilt, dass im Museumsbestand nur „Absplisse“ vorhanden seien. „... was mich derart kränkte, dass ich niemals mehr das Museum betrat. Ich hatte abgesehen vom Mesol. auch Neol. u. einiges sehr schönes Palaeol. übergeben.“ In Folge der Vorarbeiten von Graf Vojkffy reiste Hans Reinerth im Oktober 1930 mit Mitarbeitern zu einem Begehungsprogramm an die Aitrach bei Schloss Zeil, um auf den Äckern der Umgebung nach mittelsteinzeitlichen Fundstellen zu suchen (Reinerth 1956, 6 ff.). Die begangenen Äcker und ihre direkte Umgebung, wie auch die dort gefundenen Artefakte wurden sofort in die Pläne eingetragen. Einige dieser Geländeskizzen, die sein damaliger Grabungstechniker H. Dürr anfertigte, wurden unverändert in die genannte Publikation aufgenommen. Über Flurkarten aus dieser Zeit wäre es wahrscheinlich möglich, die genaue Lage dieser Aufsammlungen zu bestimmen. Da aber weder klar ist, welche Stücke 1930 aufgelesen wurden, noch welche Funde des Grafen genau von welcher Stelle stammen, sind diese Darstellungen nur von beschränktem Informationsgehalt. Die Kartierungen der Steinartefakte dienten damals offensichtlich nicht der Rekonstruktion interner Strukturen, sondern ausschließlich der Identifizierung von „Wohnplätzen“ und der Bestimmung ihrer Ausdehnung. Da weder eine Kennzeichnung der Artefakte noch der kartierten Fundpunkte erfolgte, sind also die Artefakte und die Punkte auf den Plänen nicht in Übereinstimmung zu bringen.

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Abb. 5: Handskizze von Graf Vojkffy zur Lage der begangenen Feldfluren südlich der Wurzacher Ach westlich von Hof Boschen. (Abb. aus Vojkffys Brief an Reinerth vom 23.2.1957).

Abb. 6: Handskizze von Graf Vojkffy zur Lage der begangenen Feldfluren südlich Attenhof. (Abb. aus Vojkffys Brief an Reinerth vom 23.2.1957).

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Das Westallgäu eine steinzeitliche Fundlandschaft Obwohl die Dokumentation der Fundumstände zu wünschen übrig lässt, sind die Informationen beachtlich, die die Funde aus dem Westallgäu hergeben. Es lassen sich zusammenfassend folgende Schlüsse ziehen: Vermutlich ist das Tal der Wurzacher Ach/ Aitrach schon im Jungpaläolithikum besiedelt gewesen. Möglich ist eine Nutzung des Gebietes im Gravettien, sicher können wir aber mit einer Besiedlung ab der späten Eiszeit rechnen. In der frühen Nacheiszeit gehörte die Region zum Lebensraum der mittelsteinzeitlichen Jäger und Sammler. Die mehrfach geäußerte Vermutung, dass spätmesolithische Fundstellen in Süddeutschland seltener sind als frühmesolithische, und daher von einem Bevölkerungsrückgang auszugehen ist (u. a. Taute 1977, 21), stimmt auch für diese Kleinregion nicht. Die Möglichkeit, dass die spätmesolithisch aussehenden Steinartefakte ebenso in ein Altneolithikum gehören könnten, macht das württembergische Jungmoränengebiet und die Region direkt nördlich davon für zukünftige Forschungen besonders interessant. Für das Mittelneolithikum zeigen die Silexrohmaterialien weit reichende Kontakte nach Niederbayern (ca. 180 Kilometer Luftlinie entfernt) und in die zentralen Alpen (ca. 150 Kilometer entfernt) an. Auch wenn diese Informationen nur spärlich sind, so passen sie doch zu den neueren Erkenntnissen aus dem benachbarten Illertal. Jungbis endneolithische Funde liegen relativ konzentriert und könnten auf ein ausgedehntes Siedlungsareal schließen lassen. Betrachtet man die beiden kleinen Fundregionen im Kontext der steinzeitlichen Siedlungslandschaften Südwestdeutschlands und angrenzender Gebiete (s. Abb. 1), so wird offensichtlich, dass die „weißen Flecken“ zwischen den Regionen wohl ausschließlich auf Forschungslücken zurückgehen, die sich bei

systematischer Begehung werden schließen lassen. In diesem Sinne soll die Vorlage der Funde aus dem Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen (Gehlen/Schön 2008) auch ein Anreiz für interessierte Laienforscher sein, in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Denkmalämtern die Pionierarbeit von Graf Vojkffy mit moderneren Methoden, aber mit derselben Begeisterung zum Nutzen der Steinzeitforschung fortzusetzen.

Reisch, L. (1974) Der vorgeschichtliche Hornsteinabbau bei Lengfeld, Ldkr. Kehlheim und die Interpretation „grobgerätiger“ Silexindustrien in Bayern. Materialh. Bayer. Vorgesch. 29. Kallmünz. Seitz, H. J. (1956) Eine steinzeitliche Quarzitkultur aus der Umgebung von Schloß Zeil im Allgäu. Vorzeit am Bodensee 6, 38 – 53. Seitz, H. J. (1961/62) Neue Funde aus der Quarzitkultur um Schloß Zeil im Allgäu. Vorzeit am Bodensee, 10 – 17. Stöckli, W. E. (1995) Geschichte des Neolithikums

Anschrift der Verfasser Dr. des. Birgit Gehlen M.A. & Dr. Werner Schön An der Lay 4 D-54578 Kerpen-Loogh email: [email protected] Abbildungen

in der Schweiz. In: Stöckli, W. E./Niffeler, U./GrossKlee, E. (Hrsg.), SPM II. Neolithikum. Basel, 19 – 52. Taute, W. (1977) Zur Problematik von Mesolithikum und Frühneolithikum am Bodensee. In: Berner, H. (Hrsg.) Bodman: Dorf-KaiserpfalzAdel. Bodensee-Bibliothek 13, Sigmaringen, 11 – 32. Wischenbarth, P. (2000) Neue steinzeitliche Alpinfundstellen in Vorarlberg/Österreich. Ergebnisse

Abb. 1 – 2: APM.

mehrjähriger Geländebegehungen. Germania 78/2,

Abb. 3 – 4: Gehlen.

273 – 292.

Abb. 5 – 6: Vojkffy. Literatur Gehlen, B. (1995) Die Steinzeiten. In: Czysz, W./ Dietrich, H./Weber, G.(Hrsg.) Kempten und das Allgäu. Führer arch. Denkmäler Deutschland 30. Stuttgart, 26 – 37. Gehlen, B./Schön, W. (2008) Steinzeitliche Inventare aus dem Westallgäu: Die Sammlung Graf Vojkffy im Pfahlbaumuseum Unteruhldingen. Gedenkschrift für Jürgen Hoika. Archäologische Berichte 22. Bonn (Druck in Vorb.). Gulisano, G. (1994) Neue mittelsteinzeitliche Fundplätze im oberen Illertal und im Kleinwalsertal. Arch. Informationen 17/1, 79 – 84. Planck, D. (Hrsg.) (1988) Archäologie in Württemberg. Ergebnisse und Perspektiven archäologischer Forschung von der Altsteinzeit bis zur Neuzeit. Stuttgart. Reinerth, H. (1956) Die älteste Besiedlung des Allgäus. Vorzeit am Bodensee 6, 1 – 37. Reinerth, H. (1957/58) Die ersten Funde der „Campignien-Kultur“ am Bodensee. Vorzeit am Bodensee, 11 – 28.

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Abb. 1: Weg zu den Seewänden. Blick nach Osten über den Weißensee zum Ammergebirge. Im Vordergrund Buckelwiesen und Moränen.

Abb. 2: Die Grabungsstelle unter dem Feldblock mit Überhang.

Abb. 3: Der Versturzblock liegt im Hochwald. Darunter hat sich der Jäger zur Allerödzeit aufgehalten.

Späte im Ostallgäu

Abbildungen Jörg Schröppel

Literatur Gehlen, B. (1988) Steinzeitliche Funde im östlichen

Ab 1955 kamen im Ostallgäu immer mehr spätpaläolithische und mesolithische Steingeräte zutage, vor allem an den Seen und ihren Zuflüssen. Dies veranlasste Professor Wolfgang Taute von der Universität Köln und seine Mitarbeiter, nach Rastplätzen der Jäger und Sammler unter Felsüberhängen oder in Höhlen zu suchen. Im September 1984 konnte anlässlich einer Forschungsgrabung unter einem Felsblock über dem Weißensee eine Kulturschichtfolge dokumentiert werden. Nordseitig und damit sehr schattig im Hochwald gelegen, glaubte man zunächst nicht an eine wichtige Fundstelle. Doch die Grabung von Frau GehlenSchön erbrachte wesentlich mehr als das zunächst vermutete Haselmaximum. Auf 11 m2 konnte eine 60 – 100 cm mächtige Kulturschicht der Allerödzeit mit steinzeitlichen Geräten – Rückenspitzen, Rückenmessern und Sticheln aus Silex – freigelegt und mit der Radiokarbonmethode in die Zeit um 11500 v. heute datiert werden. Die Zahl der Silexartefakte liegt bei 500. Bisher

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liegt eine Bearbeitung der Typologie und eine Rekonstruktion der Steinzerlegung vor (Gehlen 2001).

Allgäu. In: Küster, H.-J. (Hrsg.) Vom Werden einer

Die Knochen-, Horn- und Holzfunde blieben bis heute unbearbeitet. Über der Allerödschicht folgen einzelne Funde, wie eine gestielte Pfeilspitze des späten Neolithikums aus grünem Radiolarit und eine Glasperle der späten Eisenzeit. Das Material der Geräte, Ruhpoldinger Radiolarit und Spiculit, stammt aus der Umgebung, Die Forschungsgrabung unter den Seewänden hat den bislang ältesten Siedlungsnachweis am deutschen Alpenrand erbracht. Der Befund passt zur Station Abri bei Unken im Pinzgau, Österreich.

Gehlen, B. (2001) Rast am Fuße der Alpen.

Kulturlandschaft. Vegetationsgeschichtliche Studien am Auerberg (Südbayern). Acta humaniora 3. Weinheim, 195 – 209. Die allerödzeitliche Abristation bei Füssen im Ostallgäu. Mit einem Beitrag von Jutta MeurersBalke. In: Gehlen, B./Heinen, M./Tillmann, A. (Hrsg.), Zeit-Räume. Gedenkschr. Wolfgang Taute. Arch. Berichte 14, Band 2. Bonn. 475 – 552. Gehlen, B. (1995) Die Steinzeiten. In: Czysz, W./Dietrich, H./Weber, G. (Hrsg.) Kempten und das Allgäu. Führer zu arch. Denkmälern in Deutschland 30. Stuttgart 1995, 26 – 37. Reinerth, H. (1956) Die älteste Besiedlung des Allgäus. Vorzeit am Bodensee 6, 1 – 37. Schröppel, J. (2002) Eine Jägerstation im Abri unter den Seewänden im Ostallgäu. Mitt. Naturwiss.

Anschrift des Verfassers Jörg Schröppel Vilstalstr. 52 D-87459 Pfronten

Arbeitskr. Kempten, Jahrgang 38, Folge 2, 87 – 90. Seitz, H. (1956) Zur Frage der Steinzeit im Füssener Land. In: Unser Allgäu 9, Nr. 10, 1956.

Abb. 4: Ein Felssturz bedroht den Siedlungsplatz. Er hat beinahe den Felsblock gerammt. Die Blöcke liegen bis dicht an der Fundstelle.

Abb. 5: Die Situation ist bedrohlich. Die Felswand kann jederzeit erneut zusammenbrechen und eine Schneise der Zerstörung in den Hochwald legen.

Seitz, H.-J. (1956) Eine steinzeitliche Quarzitkultur aus der Umgebung von Schloß Zeil im Allgäu. Vorzeit am Bodensee 6, 38 – 53.

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Frühe Feuchtbodenarchäologie in Niedersachsen. Zu den Ergebnissen der Ausgrabungen des Reichsamtes für Vorgeschichte am Dümmer in den Jahren 1938 bis 19411

An der Grenze der Landkreise Vechta, Osnabrück und Diepholz und verwaltungstechnisch zu letzterem gehörend liegt mit einer Fläche von rund 15 km2 der zweitgrößte Binnensee Niedersachsens: der Dümmer (Abb. 1). Zur besseren Regulierung von Hochwasserständen und Überschwemmungen erfolgten Mitte der 1930er Jahre an den Seeabflüssen umfangreiche Ausbauten. Bei den Aushubarbeiten zur Begradigung des Huntebettes wurden dabei 1934 wenige hundert Meter nördlich des Sees mehrere ur- und frühgeschichtliche Fund- und Siedlungsplätze angeschnitten (Abb. 2). Die günstigen hydrochemischen Konservierungsbedingungen im feuchten anmoorigen Altuferbereich der Hunte und die stark eingeschränkte landwirtschaftliche Nutzbarkeit der angrenzenden Feuchtwiesen hatten in diesem Bereich Voraussetzungen geschaffen, die eine weitgehend ungestörte Erhaltung von archäologischen Befunden und Funden ermöglichten.

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Dieser Artikel stellt eine Zusammenfassung der monographischen Abschlusspublikation zu dem Fundplatz Hunte 1 dar, die 2007 in der Schriftenreihe des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover erschienen ist (Kossian 2007).

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Abb. 1: Dümmer, Ldkr. Diepholz (Niedersachsen). Lage der Fundplätze Hunte 1 bis 4, der „Seefundplätze“ (5-8), eines weiteren Fundplatzes (9) sowie des Fundplatzes Hüde I (10).

Da der interessanteste Fundplatz – genannt „Hunte 1“ – unmittelbar an der alten hannoversch-oldenburgischen Landesgrenze lag und die außergewöhnliche wissenschaftliche Bedeutung der Fundstelle von den Denkmalpflegeinstitutionen schnell erkannt wurde, kam es zunächst zu Kompetenzstreitigkeiten zwischen dem eigentlich zuständigen damaligen Landesarchäologen und Direktor des hannoverschen Provinzialmuseums, Prof. Dr. Karl Hermann Jacob-Friesen (vgl. dazu Wegner 2002) und dem Direktor des Oldenburger Museums für Naturkunde und Vorgeschichte, Karl Michaelsen.

Letzterer hatte ohne Absprache mit hannoverscher Seite den in Fachkreisen wegen seiner politisch-ideologischen Verflechtung umstrittenen Berliner Professor und Leiter des Reichsamtes und Reichsbundes für Vorgeschichte Dr. Hans Reinerth (vgl. dazu Schöbel 2002) hinzugezogen und mit diesem eine systematische Ausgrabung u. a. im Bereich des besagten Fundplatzes Hunte 1 geplant. Die Auseinandersetzungen um die Zuständigkeit für den Fundplatz sollten ihren Höhepunkt in einem persönlichen Streit zwischen Alfred Rosenberg, dem der von Reinerth geleitete NSDAP-Reichsbund und das Reichsamt für Vorgeschichte unterstellt waren, und Reichsführer-SS Heinrich Himmler und seiner archäologischen Forschungsinstitution „Ahnenerbe“ finden. Da sich das im Rahmen einer zunächst durchgeführten Sondagegrabung näher prospektierte Fundareal größtenteils auf hannoverschem Territorium befand, erhielt Reinerth schließlich von dieser Seite eine

Abb. 2: Luftaufnahme mit Blick auf den Dümmer von Norden mit Lagemarkierung der Fundplätze Hunte 1 bis Hunte 3. Abb. 3: Während der Ausgrabung. Abgraben nach künstlichen Schichten und Auflesen der Funde aus dem Aushub.

Grabungsgenehmigung nur unter der Auflage, dass das in diesem Bereich geborgene Fundmaterial nach wissenschaftlicher Auswertung in den Besitz des Provinzialmuseums nach Hannover gelangen müsse. Im September 1938 wurde schließlich mit der Ausgrabung begonnen und das Projekt in drei Kampagnen mit rund zwölf Monaten Gesamtdauer bis August 1940 fortgesetzt und abgeschlossen. Das ab 1939 während des Zweiten Weltkrieges zunehmend unter Finanz- und (Fach-)Personalmangel durchgeführte Projekt wurde aus Mitteln des Reichsamtes für Vorgeschichte, der hannoverschen Provinzialregierung, des Landes Oldenburg, des Kreises Diepholz und möglicherweise des Oldenburger Museums für Naturkunde und Vorgeschichte finanziert. Die Gesamtkosten des Grabungsprojektes lassen sich mit etwa 4050 000 Reichsmark beziffern. Die zeitweise bis zu 50 Personen umfassende Grabungsmannschaft setzte sich aus dem Fotografen und Grabungstechniker H. Dürr sowie in wechselnder Zusammensetzung u. a. aus Fachstudenten, Assistenten und Doktoranden Reinerths, aus Teilnehmern eines Lehrerfortbildungskurses, aus Landjahrjungen, Schulklassen und 1940 zeitweise aus französischen Kriegsgefangenen zusammen (Abb. 3, 4).

Abb. 4: Grabungsbaracke mit Fundwaschplatz an der Hunte. Trocknen, Beschriften und Eintragen der Funde in das Fundbuch.

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Insgesamt wurde eine Fläche von rund 4900 m2 untersucht (Abb. 6). Dabei konnten 24 anhand von Pfostenstümpfen, Holzfußbodenresten, Lehmlinsen und Feuerstellen erkennbare Gebäudegrundrisse, zehn Grubenbefunde und eine mehrphasige palisadenartige Einfriedung (Durchmesser ca. 100 x 37– 40 m) mit Tordurchlässen und Anbauten dokumentiert werden (Abb. 5). Die Größe des gesamten Siedlungsareals umfasst rund 120 x 75 m. Das heute nicht mehr vollständig vorhandene, ehemals schätzungsweise etwa 40 000 Objekte umfassende Fundmaterial setzte sich u. a. aus rund 25700 Silexartefakten, mehreren Tausend Keramikscherben, rund 7000 bestimmbaren Tierresten sowie mehreren hundert Felsgestein-, Knochen-, Geweih-, Bernstein- und Holzartefakten zusammen (Abb. 7 – 11). Bemerkenswert sind auch die über 30 menschlichen Skelettreste aus dem Siedlungsbereich. Wie zuvor schon bei seinen süddeutschen Grabungsprojekten hatte Reinerth von Anfang an zahlreiche, teils innovativ forschende Kollegen aus verschiedenen naturwissenschaftlichen Nachbardisziplinen hinzugezogen (vgl. dazu auch Reinerth 1940, Pfaffenberg 1947, Pfaffenberg / Dienemann 1964). Besonders hervorzuheben ist der europaweit erste erfolgreiche Versuch von Prof. Dr. Bruno Huber und seinem Assistenten Dr. habil. W. Holdheide (Tharandt), mit Hilfe von dendrochronologischen Untersuchungen Erkenntnisse für die Archäologie zu gewinnen.

Abb. 5: Blick von Osten über die Grabungsfläche mit Palisadenverlauf. Oben links die Schutzhütte aus Grassoden, rechts im Bild (stehend) Hans Reinerth, im Hintergrund die Landstraße Lembruch-Dümmerlohausen.

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Für das freundliche Entgegenkommen sowie die bereitwillige Bereitstellung der Dokumentationsunterlagen und des Fundmaterials möchte ich dem Verein für Pfahlbau und Heimatkunde e.V. und Herrn Dr. G. Schöbel und seinem Team nochmals meinen herzlichsten Dank aussprechen.

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Obwohl Reinerth um eine rasche Auswertung und Publikation des Fundkomplexes bemüht war und die einzelnen Manuskriptteile offenbar bereits weitgehend druckfertig vorlagen, gelang es ihm bis 1945 nicht mehr, die geplante Abschlussmonographie fertig zu stellen. Die Drucklegung war offenbar wenige Tage vor Kriegsende an der fehlenden Stromversorgung der beauftragten Druckerei gescheitert. Infolge der zunehmenden Bombardierung Berlins hatte Reinerth bereits 1943 das gesamte Inventar des Reichsamtes und des Reichsbundes für Vorgeschichte, darunter auch die Funde und Dokumentationsunterlagen der Untersuchungen am Dümmer, nach Schloss Salem am Bodensee auslagern lassen. Etwa gleichzeitig verwahrte er – möglicherweise auch im Zuge eines gegen ihn laufenden Parteiausschlussverfahrens – sicherheitshalber u. a. einzelne Manuskripte (teils auch Abschriften) und wohl auch Teile der Dümmer Grabungsdokumentation an verschiedenen Orten in Brandenburg, am Bodensee, am Federsee und in der Schweiz. Die verschiedenen Depots waren in der Gesamtheit anscheinend nur Reinerth persönlich bekannt. Kurz vor Kriegsende hatte sich Reinerth mit seiner Mutter und seinem persönlichen Besitz auf die Insel Reichenau zurückgezogen. Bei einer sehr kurzfristig durch die Franzosen angeordneten Evakuierung der Insel musste Reinerth dort einen großen Teil seiner wissenschaftlichen Aufzeichnungen und damit wahrscheinlich auch wichtige Unterlagen

zu den Grabungen am Dümmer zurücklassen (vgl. dazu Schöbel 1995). Schloss Salem wurde nach Ende des Krieges von der französischen Militärregierung für Verwaltungszwecke beschlagnahmt. Die dort provisorisch eingelagerten Funde und Aktenbestände schaffte man auf den Dachboden des Gebäudes, wo sie offenbar weitgehend unsachgemäß untergebracht waren. In dieser Zeit dürfte ein Teil des Hunte 1Fundmaterials und möglicherweise auch Dokumentationsunterlagen durch unbefugten Zugriff verloren gegangen sein (vgl. Schöbel 1997). Nach Kriegsende begann ein langwieriger, bis Mitte der 50er Jahre dauernder Rechtsstreit zwischen dem Land Niedersachsen und Reinerth, in dem es um die Besitzansprüche der Funde und die Publikationsrechte der Grabungen am Dümmer ging. In einem Vergleich wurde Reinerth das Recht zur Erstveröffentlichung zugestanden, während das Fundmaterial – gemäß der in der Grabungsgenehmigung erteilten Auflage – dem Niedersächsischen Landesmuseum Hannover zur Verfügung gestellt werden sollte. Nach seiner Internierung und Verurteilung im Rahmen der Entnazifizierungsverfahren wurde Reinerth im Jahre 1954 juristisch rehabilitiert und verfügte über den Status eines „ordentlichen Universitätsprofessors zur Wiederverwendung“. Aus den Unterlagen geht hervor, dass Reinerth noch bis Mitte der 70er Jahre zeitweise an einer Auswertung der Grabungen am Dümmer gearbeitet hat

– zu einem Abschluss ist es jedoch nicht gekommen. Ein 1939 in der Zeitschrift „Germanen-Erbe“ erschienener Vorbericht zu den Ergebnissen der Grabungskampagne des Jahres 1938 sollte somit die einzige Primärpublikation zu diesem bedeutenden Fundplatz bleiben (Reinerth 1939). Nach dem Tode Reinerths im Jahre 1990 gelangte sein wissenschaftlicher Nachlass in den Besitz des Unteruhldinger Vereins für Pfahlbau und Heimatkunde e.V. und wird seitdem im Archiv des Pfahlbaumuseums in Unteruhldingen verwahrt2. Maßgeblich auf Initiative von Prof. Dr. Dr. Günter Wegner (bis 2000 Leiter der Urgeschichtsabteilung des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover) und unter bereitwilliger Überlassung der im Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen befindlichen Aktenbestände Reinerths konnte die als hochrangiges Forschungsdesiderat geltende abschließende Auswertung der Grabungen auf dem Fundplatz Hunte 1 im Rahmen eines durch Mittel des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur geförderten Forschungsprojektes am Niedersächsischen Landesmuseum Hannover durchgeführt werden (vgl. dazu Kossian 2007).

Auf der Grundlage der nur noch unvollständig vorhandenen Grabungsdokumentation, der überlieferten Funde und der neuen naturwissenschaftlichen Dendround 14C-Datierungen lässt sich folgender Nutzungsablauf des Platzes rekonstruieren:

Abb. 6: Fundplatz Hunte 1, Ldkr. Diepholz (Niedersachsen). Gesamtübersichtsplan der Befunde der Ausgrabungen in den Jahren 1938 bis 1940 nach Interpretation Reinerths.

Nach Aussage des feinchronologisch näher ansprechbaren keramischen Fundmaterials (Abb. 7 a, b) wurde frühestens während des Horizontes Brindley 3 (nach Brindley 1988, bzw. Phase Drouwen D1 nach Bakker 1979/1992) der Westgruppe der Trichterbecherkultur (TBK), wahrscheinlicher während des Horizontes Brindley 4 (Phase

Bakker D2 – E1) erstmals ein Siedlungsplatz auf einer leichten, insel- oder halbinselartigen Geländekuppe im Ufer- bzw. Altarmbereich des neolithischen Huntelaufs angelegt. Diese Nutzungsphase hat sich offenbar bis den Horizont Brindley 5 (Früh-Havelte-Phase bzw. Phase E2 nach Bakker) fortgesetzt.

Abb. 7 a: Hunte 1, Ldkr. Diepholz n). (Niedersachsen). richterbecherKeramik der Trichterbecherkultur. M: 1:3.

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Abb. 7 b: Hunte 1, Ldkr. Diepholz (Niedersachsen). Keramik der Trichterbecherkultur. M: 1:3.

Abb. 8: Hunte 1, Ldkr. Diepholz (Niedersachsen). Keramik der späten Trichterbecherkultur (Spät-Havelte-Phase/Horizont Brindley 7). M: 1:3.

Nach der relativ gut durch 14C-Daten abgesicherten Typochronologie der TBKWestgruppe kommt für diesen Fundniederschlag der Zeitraum zwischen etwa 3250 cal BC (Mitte Horizont 3) und 3000 cal BC (Mitte Horizont 5) in Frage. Während des Horizontes Brindley 6 (ca. 3000-2900 cal BC) scheint es dann möglicherweise infolge veränderter Standort- bzw. Umweltbedingungen zu einem etwa 100jährigen Hiatus in der TBK-Besiedlung des Platzes gekommen zu sein. Es ist jedoch nicht mit letzter Sicherheit auszuschließen, dass ein Teil der chronologisch weniger eindeutig ansprechbaren unverzierten Keramik in diese Phase zu stellen ist. Ein Hauptfundniederschlag erfolgte dann im Verlauf des Horizontes Brindley 7 (Phase Bakker G bzw. Spät-Havelte-Phase). Es handelt sich im Wesentlichen um ein Spektrum verzierungsloser Gefäßtypen (vorwiegend Schulterschalen, Schultertöpfe, Tassen), das bisher insbesondere im Hinblick auf die Siedlungskeramik als kaum bekannt und erforscht gelten muss (Abb. 8). Aus diesem Forschungsdesiderat ergeben sich Abgrenzungsunsicherheiten zu formal ähnlichen Gefäßen der jüngeren Bronze- bzw. älteren Eisenzeit. Möglicherweise ist ein Teil der in Rede stehenden Keramik auch einer entsprechend späteren, jungbronze-/ ältereisenzeitlichen Nutzungsphase des Platzes zuzuschreiben (s. u.). Der Horizont Brindley 7, dem die besagte Keramik wohl im Wesentlichen angehören dürfte, ist nach Aussage andernorts gewonnener 14C-Daten etwa zwischen 2900 und 2800/2750 cal BC anzusetzen. An Speiserestverkrustungen auf zwei vermutlich diesem Horizont angehörenden Scherben wurden 14C-Datierungen vorgenommen, die im Ergebnis jedoch ein relativ hohes Alter zwischen 3012 und 2894 cal BC bzw. 3016 und 2906 cal BC (1-Sigma-Werte) erbracht haben. Den zweitgrößten Anteil am keramischen Fundmaterial nehmen Gefäßtypen ein, die in den Kontext der frühen bzw. älteren Schnurkeramik (sog. A-Horizont) zu stellen sind. Es handelt sich um ein charakteristisches Siedlungskeramikspektrum, das sich u. a. aus Wellenleistentöpfen, Bechern mit teils untergliederter Schnur- und Rillenverzierung mit Abschlussmuster sowie Strichbündelamphoren zusammensetzt (Abb. 9). Bei den Steingeräten ergänzen Vertreter der typischen A-Äxte und deren Derivate das

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Bild. Nach dem von E. Drenth und A. E. Lanting (1991) für die nordwestdeutschniederländische Einzelgrabkultur bzw. Schnurkeramik entwickelten aktuellen Chronologiesystem können die vorliegenden Gefäße in die Phasen 1 – 3 (schwerpunktmäßig wohl Phase 2) datiert werden. Der absolutchronologische Rahmen ist hier zwischen frühestens etwa 2800 (Beginn Phase 1) und spätestens 2550 cal BC (Ende Phase 3) anzusetzen. Der im Vergleich zu anderen Verbreitungsgebieten der Schnurkeramik (dort überwiegend erst ab ca. 2750 cal BC, vgl. Furholt 2003) relativ frühe Ansatz wird auch durch die am vorliegenden Material ermittelten 14C-Daten bestätigt. Die an Speiserestverkrustungen (auf der Innenseite eindeutig schnurkeramischer Gefäße) ermittelten (zuverlässigen) Daten streuen mit ihren 1-Sigma-Werten zwischen 3018 und 2888 cal BC (tendenziell vermehrt um 2900). Damit wird ein unerwartet früher Ansatz der nordwestdeutschen Schnurkeramik diskussionswürdig, wie er bisher nur in Kleinpolen und Kujawien (um 3000/2900 cal BC) greifbar wurde. Die überwiegend unbefriedigende Dokumentation der stratigraphischen Verhältnisse des Fundplatzes Hunte 1 (fehlende Differenzierung der erkannten Kulturschichten) ermöglicht bedauerlicherweise keine neuen Erkenntnisse zu dem noch weitgehend unklaren absolutchronologischen Verhältnis von später TBK (Brindley-Horizont 7) und früher Schnurkeramik (A-Horizont bzw. Phase 1 – 2 nach Drenth/Lanting 1991) im nordwestdeutschen Raum. Auf dem Fundplatz Hunte 1 ist sowohl eine Koexistenz als auch ein Folgeverhältnis – vielleicht nach einem Nutzungshiatus bzw. Wüstfallen des Platzes – denkbar. Die sich für den nordwestdeutsch-niederländischen Raum ergebenden absolutchronologischen Eckdaten der beiden Kulturen weisen zumindest theoretisch auf die Möglichkeit einer zeitweiligen Parallelität von später TBK und früher Schnurkeramik hin. Leider erlauben auch die am Fundmaterial neu gewonnenen o. g. 14C-Daten wegen der für diesen Zeithorizont bestehenden Datierungsungenauigkeit (Wiggle-Bereiche) diesbezüglich keine weiterrechenden Rückschlüsse.

Abb. 9: Hunte 1, Ldkr. Diepholz (Niedersachsen). Gefäßbeispiele der Schnurkeramik. M: 1:3.

Die zurzeit noch nicht ganz abgeschlossene Neuauswertung der dendrochronologischen Messreihen Hubers und Holdheides durch B. Schmidt (Dendro-Labor Universität Köln) hat für die Palisadenanlage und einige der Häuser absolute Daten zwischen 2837 und 2744 v. Chr. ergeben. Damit kommt auch aus dieser Perspektive eine (spät-)trichterbecherzeitliche bis (früh-/älter-) schnurkeramische Nutzung des Platzes in Frage. In dem genannten Zeitraum streuen die Daten ohne größere Unterbrechung, sodass von einer weitgehend kontinuierlichen Nutzung ausgegangen werden kann. Die offenbar große, möglicherweise verkehrstechnisch bedingte Standortattraktivität bzw. lange Nutzungstradition des Siedlungsplatzes wird auch in einem weniger deutlich hervortretenden Segment der Keramik

erkennbar, das bereits in die Spätphase der nordwestdeutsch-niederländischen Einzelgrabkultur (AOO-Becher) und damit die Phase 4 nach Drenth und Lanting (ca. 2550 – 2400 cal BC) zu stellen ist (Abb. 9). Darüber hinaus sind auch einige Gefäße der frühen (maritime Glockenbecher) und entwickelten bzw. späten Glockenbecherkultur (Veluwe-Glockenbecher, Potbeker/ Topfbecher) vorhanden (Abb. 9). Nach aktuellem Forschungsstand hat die nordwestdeutsch-niederländische Glockenbecherkultur zwischen ca. 2450 und 2000 cal BC (nach Drenth/Hogestijn 1999, 101, dies. 2001, 310) bzw. zwischen ca. 2500/2450 und 1900 cal BC (nach Lanting/van der Plicht 2002, 36, 41, 94 bzw. dies. 2003, 138, 153) bestanden.

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Die lithischen und sonstigen Fundgruppen (Knochen- und Geweihgeräte etc.) lassen sich aufgrund der fehlenden stratigraphischen Differenzierung und wegen der chronologisch überwiegend wenig signifikanten Formgebung nur mit geringerer Genauigkeit den besagten Nutzungsphasen des Fundplatzes zuweisen. Von einigen typischen Steinbeil- und -axtformen abgesehen, ist eine feinchronologische Ansprache in der Regel nicht möglich (Abb. 10, 12).

Abb. 10: Hunte 1, Ldkr. Diepholz (Niedersachsen). Beile und Meißel aus Silex und Felsgestein. M: 1:3.

In einem ebenfalls nur geringen Fundanteil wird die Nutzung des Platzes dann auch während der nordwestdeutsch-niederländischen Frühbronzezeit (nach niederländischer Terminologie) nachvollziehbar. Es handelt sich um die charakteristische Keramik mit Wickelschnurstempelverzierung (sog. Wickeldraht- oder Stacheldrahtkeramik), die im besagten Gebiet zwischen etwa 1900 (evtl. schon früher) und 1575 cal BC in Erscheinung tritt (Abb. 9). Eine genauere feinchronologische Differenzierung dieser Gefäßtypen ist nach dem diesbezüglich noch unbefriedigenden aktuellen Forschungsstand derzeit nicht möglich und bedarf zunächst weiterer Untersuchungen.

Für einzelne Gefäßfragmente könnte schließlich auch eine Datierung in die ältere Bronzezeit in Frage kommen. Die Abgrenzungsunsicherheit der unverzierten Brindley-7 -Keramik von bestimmten Gefäßformen der jüngeren Bronze- bzw. älteren Eisenzeit wurde weiter oben bereits angesprochen. Da die für den letztgenannten Horizont charakteristischen Gefäßverzierungen sowie einige gängige Gefäßformen im vorliegenden Fundspektrum fehlen, dürfte eine evidente Nutzung des Platzes während der jüngeren Bronze- bzw. älteren Eisenzeit jedoch weniger wahrscheinlich sein.

Da das Fundmaterial bei Auffindung im Allgemeinen nur nach den 10 x 10 m großen Fundquadranten und nicht nach den offenbar vorhandenen unterschiedlichen „Kulturschichten“ differenziert inventarisiert wurde, ist eine Einbindung der umfangreichen baulichen Befunde (Gebäudegrundrisse, Palisade, Gruben etc.) nur bedingt möglich. Auch das mit den Hausstellen oder Gruben assoziierte Fundmaterial erlaubt in den meisten Fällen keine sicheren Rückschlüsse auf deren Datierung, da aus methodischen Gründen zunächst nur von einer räumlichen Vergesellschaftung von Funden und Befunden auszugehen ist. Lediglich bei Haus 15 ermöglicht das im Kontext der verschiedenen Erneuerungsphasen des Holzfußbodens geborgene Fundmaterial eine wahrscheinliche Datierung in die Horizonte Brindley 4 – 5. Haus 15 wird von Haus 14 überlagert (Abb. 11), bei dem hinsichtlich des Fundmaterials eine tendenziell jüngere Datierung, wahrscheinlich in die Brindley-Horizonte 5 – 7 bzw. die frühe Schnurkeramik in Frage kommt.

Abb. 12: 12 Hunte 1, Ldkr. Diepholz (Niede (Niedersachsen). Auswahl e Geräte und Schmuckobjekte auss Tierknochen, -zähnen und Geweih. M: 1:2.

Abb. 11: Haus 14 und Haus 15 während der Ausgrabung.

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Abb. 13: Hunte 1, Ldkr. Diepholz (Niedersachsen). Beispiel für Grundrisstyp 1. „Haus 11“ nach Interpretation Reinerths.

Anhand der formalen und konstruktiven Merkmale lassen sich im Wesentlichen drei Gebäudegrundrisstypen differenzieren (vgl. dazu Abb. 6): Typ 1 (Abb. 13): Kleine, im Grundriss polygonale einschiffig einräumige (evtl. auch zweischiffige) Hütten mit teils windfangartig ausgebauter Eingangssituation (Haus 2, 5, 11, 23 und 24), Länge 4,2 bis 5 (5,5) m, Breite 3 bis 3,4 m, Grundfläche ca. 13 bis 15,5 (18,5) m2, Ausrichtung: WSW–ONO, NO–SW, NW–SO, Feuerstelle überwiegend etwa zentral platziert;

Abb. 14: Hunte 1, Ldkr. Diepholz (Niedersachsen). Beispiel für Grundrisstyp 2. „Haus 15“ nach Interpretation Reinerths.

Typ 2 (Abb. 14): Unterschiedlich große, im Grundriss rechteckige ein- bis zweiräumige (ein- bis zweischiffige) Hütten (Haus 6, 9, 12, 13, 15 – 19), Länge 4 bis 7,5 m, Breite 3 bis 4,4 m, Grundfläche ca. 12 bis 29,5 m2, Ausrichtung: N – S, NNO – SSW, WN – OSO, NO – SW, Feuerstelle in der Mittelachse oder am Rand platziert (Haus 9 ohne Feuerstelle) und Typ 3 (Abb. 15): Unterschiedlich große, im Grundriss rechteckige ein- bis zweiräumige (ein- bis zweischiffige) Hütten mit antenartigem Vorbau an der östlich exponierten Schmalseite (Haus 1, 3, 4, 7, 8, 10, 14, 20 – 22), Länge 4,8 bis 11,3 m, Breite 3 bis 4,5 m, Grundfläche ca. 15,4 bis 49,5 m2, Ausrichtung: W – O, NO – SW, NW – SO, WNW – OSO, Feuerstellen überwiegend in der Mittelachse, seltener randlich platziert (Haus 4 ohne Feuerstelle). Aus den dokumentierten Befundüberschneidungen und im Hinblick auf das vergesellschaftete Fundmaterial wird eine relative Abfolge der Bautypen 1 (am ältesten), 2 und 3 wahrscheinlich. Gut vergleichbare Parallelen für die genannten Bautypen 2 und 3 lassen sich sowohl im Milieu der (nordwestdeutsch-niederländischen) Trichterbecherkultur als auch der Schnurkeramik- bzw. Einzelgrabkultur finden.

Abb. 15: Hunte 1, Ldkr. Diepholz (Niedersachsen). Beispiel für Grundrisstyp 1. „Haus 11“ nach Interpretation Reinerths.

128 Plattform

Um eine abschließende Klärung der noch offen gebliebenen Fragen zu ermöglichen, sind moderne naturwissenschaftliche Nachuntersuchungen (neue systematische Dendro-Daten, 14C-Daten, Pollenanalyse, Bodenkunde etc.) im Bereich des Fundplatzes zwingend erforderlich. Trotz der genannten Einschränkungen verdeutlicht der Fundplatz Hunte 1 in besonderem Maße das hohe archäologische Potenzial der Feuchtbodenfundplätze im Bereich der Dümmerniederung, die für den nordwestdeutschen Raum als ein archäologisches und umweltgeschichtliches Archiv ersten Ranges einzuschätzen ist. Hier werden Erkenntnisse möglich, wie sie vergleichbar bisher im Wesentlichen nur im Kontext der süddeutschen und Schweizer Feuchtbodenfundplätze erlangt werden konnten. Eine zukünftige intensivere Untersuchung weiterer Fundplätze am Dümmer lässt auf grundlegende Ergebnisse für die Erforschung des nordwestdeutsch-niederländischen Neolithikums und auch nachfolgender Epochen hoffen.

Literatur Bakker, J. A. (1979) The TRB West Group. Studies in the Chronology and Geography of the Makers of Hunebeds and Tiefstich Pottery. Cingula V. Amsterdam. Bakker, J. A. (1992) The Dutch Hunebedden. Megalithic Tombs of the Funnel Beaker Culture. International Monographs in Prehistory. Archaeological Series 2. Ann Arbor. Brindley, A. L. (1988) The Typochronology of TRB West Group Pottery. Palaeohistoria 28, 1986, 93 – 132. Drenth, E./Hogestijn, W.-J. (1999) De Klokbekercultuur in Nederland: de stand van onderzoek anno 1999. Archeologie 9, 99 – 149. Drenth, E./Hogestijn, W.-J. (2001) The Bell Beaker Culture in the Netherlands: the state of research in 1998. In: Bell Beakers today. Riva del Garda, 11 – 16 May 1998. Trento, 309 – 332. Drenth, E./Lanting, A. E. (1991) De Chronologie van de Enkelgrafcultuur in Nederland: Enkele voorlopige Opmerkingen. Paleo-Aktueel 2, 42 – 46. Furholt, M. (2003) Die absolutchronologische Datierung der Schnurkeramik in Mitteleuropa und Südskandinavien. Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie 101. Bonn. Kossian, R. (2007) Hunte 1. Ein mittel- bis spätneolithischer und frühbronzezeitlicher Siedlungsplatz

Anschrift des Verfassers

am Dümmer, Ldkr. Diepholz (Niedersachsen). Die Ergebnisse der Ausgrabungen des Reichsamtes für

Dr. Rainer Kossian

Vorgeschichte in den Jahren 1938 bis 1940.

Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege

Veröffentlichungen der urgeschichtlichen Sammlungen

und Archäologisches Landesmuseum

des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover,

Wünsdorfer Platz 4 – 5

Band 52. Kerpen-Loogh/Hannover.

D-15806 Zossen

Lanting, J. N./van der Plicht, J (2002) De 14C-

[email protected]

Hildesheim. Reinerth, H. (1939) Ein Dorf der Großsteingräberleute. Die Ausgrabungen des Reichsamtes für Vorgeschichte am Dümmer. Germanen-Erbe 4, 226 – 242. Reinerth, H. (1940) Die Jahrring- und Warwenforschung. Ein neuer Weg zur relativen und absoluten Chronologie der vor- und frühgeschichtlichen Zeit. Mannus, Zeitschrift für Deutsche Vorgeschichte 32, 527 – 570. Schöbel, G. (1995) Die Pfahlbauten von Unteruhldingen. Teil 4: Die Zeit von 1941 bis 1945. Plattform 4, 23 – 40. Schöbel, G. (1997) Die Pfahlbauten von Unteruhldingen. Teil 5: Die Zeit von 1945 bis 1949. Plattform 5/6, 32 – 50. Schöbel, G. (2002) Hans Reinerth. Forscher – NS-Funktionär – Museumsleiter. In: A. Leube (Hrsg.), Prähistorie und Nationalsozialismus. Die mittel- und osteuropäische Ur- und Frühgeschichtsforschung in den Jahren 1933 – 1945. Studien zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte 2. Heidelberg, 321 – 396. Wegner, G. (2002) Auf vielen und zwischen manchen Stühlen. Bemerkungen zu den Auseinandersetzungen zwischen Karl Hermann Jacob-Friesen und Hans Reinerth. In: Leube, A. (Hrsg.), Prähistorie und Nationalsozialismus. Die mittel- und osteuropäische Ur- und Frühgeschichtsforschung in den Jahren 1933 – 1945. Studien zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte 2. Heidelberg, 397 – 417.

Chronologie van de Nederlandse Pre- en Protohistorie III: Neolithicum. – Palaeohistoria 41/42, 1999/2000, 1 – 110.

Abbildungen Abb. 1: Ausschnitt aus: Topographische Karte 1:100000, Orohydrographische Ausgabe, Blatt C 3514 Diepholz, Ausgabe 1985. Abb. 2: Rolfes. Abb. 3, 4: APM/Reinerth. Abb. 5, 12: APM/Dürr. Abb. 6: APM/Hoffmann/Stiefl. Abb. 7 – 11: Lönne. Abb. 13 – 15: APM/Stössel.

Lanting, J. N./van der Plicht, J. (2003) De 14CChronologie van de Nederlandse Pre- en Protohistorie IV: Bronstijd en vroege Ijzertijd. – Palaeohistoria 43/44, 2001/2002, 117 – 262. Pfaffenberg, K. (1947) Getreide- und Samenfunde aus der Kulturschicht des Steinzeitdorfes am Dümmer. – 94.-98. Jahresbericht der Naturhistorischen Gesellschaft zu Hannover für die Jahre 1942/43 – 1946/47, 69 – 82. Pfaffenberg, K./Dienemann, W. (1964) Das Dümmerbecken. Beiträge zur Geologie und Botanik. Veröffentlichungen des Niedersächsischen Instituts für Landeskunde und Landesentwicklung an der Universität Göttingen, Reihe A, Band 78.

Plattform 129

0

Abb. 1: Lage von Loch Tay in Schottland. Abb. 2: Nordwestufer des Loch Tay, Blick nach Westen.

100 km k

Mit dieser Rekonstruktion sollte eine Reihe von Fragestellungen überprüft werden, die sich während der Ausgrabungen im Oakbank Crannog ergeben hatten. Dabei konnten auch prähistorische Konstruktionstechniken nachvollzogen und diese Erkenntnisse später pädagogisch und öffentlichkeitswirksam im Sinne einer „public archaeology“ genutzt werden (Dixon, 2004 - Abb. 1).

Loch Tay a ay

g gh Edinburgh

Überflutetes Waldland in Loch Tay

von Loch Tay, Perthshire, Schottland

Schottland besitzt ein außerordentlich reiches Kulturerbe, auch und gerade in den zahlreichen Gewässern des Landes. Dies überrascht nicht, denn hier gibt es mehr als 30 000 Seen (Lochs) und rund 6000 Flusssysteme. Allein 69% der Küste des Vereinigten Königreichs gehören zu Schottland, dessen stark zerklüftete Landschaften, vor allem in den Highlands, die Nutzung der Gewässer als Handelsund Verkehrswege vorgaben, auch kam und kommt ein großer Teil der Ernährung aus Seen, Flüssen und dem Meer.

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Der Scottish Trust for Underwater Archaeology (STUA) wurde von den Autoren 1989 zur Förderung und Vertiefung unterwasserarchäologischer Forschungen in Schottland gegründet. Weitere wichtige Ziele sind die Anerkennung aller Kulturgüter unter Wasser als nationales Kulturerbe, die Berücksichtigung dieser Denkmäler bei strategischen politischen Planungen und die Verbesserung der Rahmenbedingungen für deren Schutz sowohl in den Küsten- als auch in den Inlandgewässern. Die Arbeit des Trusts konzentrierte sich zunächst auf die so genannten Crannogs, künstliche Siedlungsinseln aus Baumstämmen und Steinen und auf vergleichbare Anlagen aus prähistorischer Zeit. Hinzu kamen Prospektionen entlang der Küsten und Erkundungsarbeiten in den Seen/Lochs

anderer Regionen Schottlands, einschließlich der Orkneys und der westlichen Inseln. Die überaus gut erhaltenen Strukturen aus vielen Perioden, die bei diesen Untersuchungen und Ausgrabungen entdeckt wurden, haben den Trust veranlasst, Detailfragen zunehmend stärker experimentalarchäologisch zu klären. Die vielleicht bekanntesten Arbeiten des STUA sind die Ausgrabungen am früheisenzeitlichen Fundplatz Oakbank Crannog im Loch Tay, Perthshire, im zentralen Hochland Schottlands. Sie mündeten in der experimentellen Rekonstruktion eines typischen Crannog als Mittelpunkt des schottischen Crannog Centers in der Nähe von Kenmore am östlichen Ende des Lochs (www.crannog.co.uk).

In den letzten Jahren hat der STUA und seine Gruppe freiwilliger Mitarbeiter die Küste im nordwestlichen Teil des Loch Tay zu Land und unter Wasser intensiv prospektiert, um vom Menschen gemachte Strukturen oder durch den Menschen veränderte natürliche Landschaftsmerkmale aufzunehmen (Abb. 2). Diese Arbeit ist Teil eines fünfjährigen, multidisziplinären Forschungsprojektes, geleitet vom Schottischen National Trust und gefördert von Historic Scotland und dem National Heritage Lottery Grant (www.benlawers.org.uk). Ziel der Studie

ist es, Hinweise auf durch den Menschen verursachte klimatische Veränderungen während der letzten 5000 Jahre in dieser Region zu gewinnen. Kursteilnehmer des STUA und Absolventen der Edinburgh University untersuchten auf einer Länge von 14 km die Flachwasserzone. Dabei entdeckten und dokumentierten sie mehr als 300 Strukturen wie Schalensteine am Ufer oder ins Wasser führende Steinreihen. Eine der aufregendsten Entdeckungen war eine überflutete Ansammlung von gut erhaltenen, z. T. aufrecht im Wasser stehenden Hölzern in einem der Vermessungsbereiche entlang des Seeufers. Es konnte sich um alte Uferverbauungen oder um Überreste eines natürlichen Waldbestandes handeln. Der Bereich wurde intensiv auf Hinweise menschlicher Konstruktionen hin untersucht. Die Hölzer bestanden aus Eichen, Erlen und Ulmen, die auf 160 m Länge umgestürzt waren und zwischen 1,5 und 3 m tief im See lagen. Zwei Strünke datierten wir mit der C14-Methode in die Jungsteinzeit; die Radiokarbonatdaten lagen zwischen 3540 – 3370 und 2480 – 2280 v. Chr., kalibriert (4705 ± 40 BP-SUERC-6490/ 3905 ± 35 BP-SUERC-6489; Tab. 1 orange

markierte Daten). Wir vermuteten daher zunächst einen 5500 bis 4500 Jahre alten und somit jungsteinzeitlichen Waldbereich, der bis zum Ufer des, wie wir annahmen, damals ca. 4 m tiefer liegenden Lochs gereicht haben musste. 2007 kehrte der STUA wieder an diesen Fundort zurück, um diese Befundsituation genauer zu untersuchen. Unterwasserarchäologen verlegten zunächst eine Messlinie in der Mitte des Fundorts. 56 Pfähle wurden nummeriert und markiert und die Baumarten vorläufig bestimmt. Als häufigste Baumart trat die Eiche auf, aber auch einige Weichhölzer wie Erlen und zwei Kiefern waren vertreten. Die ersten zehn Radiokarbondatierungen wurden an acht Eichen, einer Erle und einer Kiefer vorgenommen. Sie ergaben ein Alter zwischen 9000 v. Chr. und 600 n. Chr., was den chronologischen Rahmen der ersten beiden, jungsteinzeitlichen Datierungen erheblich erweiterte und unsere Interpretationsansätze veränderte (Tab. 1). Tabelle 1: Radiokarbondaten. Daten der Ausgrabungen 2005/2007. T12 und T45 von 2005. (OxCal v3.10).

Proben Nr.

Lab Code

Probe Material

Jahre BP

13C(‰)

Cal 2 sigma

NW07 T48

SUERC-15548

Quercus

1570 ± 35

– 26.5

410 – 570 AD (95.4)

NW07 T20

SUERC-15541

Quercus

3760 ± 35

– 25.8

2290 – 2120 BC (80.1)

NW07 T16

SUERC-15539

Quercus

3780 ± 40

– 26.4

2350 – 2120 BC (87.4)

NW07 T12

SUERC-6489

Quercus

3905 ± 35

– 26.1

2480 – 2280 BC (95.4)

NW07 T27

SUERC-15545

Quercus

4470 ± 35

– 26.8

3340 – 3020 BC (95.4)

NW07 T31

SUERC-15546

Quercus

4535 ± 35

– 26.5

3250 – 3100 BC (60.9)

NW07 T45

SUERC-6490

Quercus

4705 ± 40

– 26.4

3540 – 3370 BC (70.8)

NW07 T17

SUERC-15540

Quercus

5335 ± 35

– 27.2

4270 – 4040 BC (92.4)

NW07 T9

SUERC-15538

Quercus

5405 ± 35

– 26.0

4350 – 4220 BC (87.9)

NW07 T50

SUERC-15549

Quercus

5780 ± 35

– 24.8

4720 – 4540 BC (95.4)

NW07 T1

SUERC-15537

Alnus

6180 ± 35

– 25.2

5230 – 5010 BC (95.4)

NW07 T34

SUERC-15547

Pinus Sylv

7080 ± 40

– 24.7

6050 – 5880 BC (95.4)

Plattform 131

Abb. 3: T16 und T17 im Planum (oben) und im Schnitt (unten).

Abb. 4a, b, c: T16 und zerbrochener Pfahl.

Ausgrabung T17

broken and crushed

T56

T16

damaged

Loch Tay 2007 Submerged woods Trench A Planum

T15

0

Loch Tay Submerged woods Trench A elevation Schnitt

1m

T16

T17

lochbed level

damaged unexcavated

0

1m

Nach der Einrichtung des Vermessungsnetzes wurde ein kleiner Graben angelegt, der einige der Bäume erfassen sollte. Wir wollten damit vor allem die Tiefe der Wurzelsysteme zweier aufrecht stehender Baumstämme ermitteln und hofften, so die ehemalige Waldoberfläche zu finden (Abb. 3). Nachdem wir in einer Tiefe von ca. 1,2 m immer noch keine Wurzeln antrafen, wurde klar, dass nicht nur die Wurzelsysteme tiefer lagen, sondern wohl der ganze Uferabschnitt mitsamt dem Baumbestand in Folge eines Erdrutsches oder Lawinenabganges abgebrochen sein musste und dass sich die Bäume somit nicht mehr in ihrer ursprünglichen Position befanden (Abb. 4). Die Sedimentschichten im Graben bestehen aus typischem Uferkies, Ufersand, Schlick und Schluff mit gelegentlichen Schichten von humosem Material. Möglicherweise glitten sie zu unterschiedlichen Zeiten in den See, überdeckten dabei Seeablagerungen und vermischten sich mit ihnen. Die Situation gestaltet sich sehr komplex. Angesichts des großen Zeitraumes, in dem die Sedimentationsprozesse stattfanden, ist es schwierig, die Schichtgenese nachzuvollziehen (Abb. 5).

Datieren der Baumüberreste Die Radiokarbondaten reichen von der Mittelsteinzeit bis ins frühe Mittelalter und sind vorläufig schwer zu erklären. Daten der Bronze- oder Eisenzeit fehlen bisher. Die komplizierte Lage wird durch zwei sehr große Eichen verdeutlicht (T16 und T17), die räumlich eng beieinander gefunden wurden, chronologisch jedoch 1500 Jahre voneinander getrennt sind. Seltsamerweise weist der dem Ufer näher stehende Stumpf (T17) das ältere Datum auf. Wenn das Ufer in das Loch gestürzt ist, ist es schwer zu verstehen, wie sich der jüngere Baum weiter unten im Loch befinden kann als der ältere und trotzdem noch in einer aufrechten, verwurzelten Position zu stehen scheint.

Weitere stark beschädigte Baumreste im Sondagegraben, darunter ein Baumstumpf, der bereits an der Oberfläche deutlich zu sehen war, und andere Holzreste, die durch die Ausgrabungen zu Tage kamen, stützen die Annahme des Uferabrisses. Die Holzschäden sind so ausgeprägt, dass der Absturz des Ufers die Folge eines gewaltigen Naturereignisses gewesen sein musste. So weist die Südseite von Baum 16, eine sehr dicke Eiche, eine 20 cm tiefe Kerbe auf, in der sich Steine und Kies fanden. Es schien, als sei der Baum durch eine gewaltige Kraft auf dieses Material gedrückt worden (Abb. 6). Abb. 5: Archäologe bei der Aufzeichnung der Baumüberreste am Ausgrabungsort.

132 Plattform

Abb. 6: Einschnitt in T16.

Plattform 133

Vorbericht zum Projekt Abb. 7 : T1 Erle. Abb. 8 : T34 Kiefer.

T34, ein Kieferstamm, ist mit 8000 Jahren die bislang älteste datierte Kiefer Großbritanniens (Abb. 8). Auch sie lag nahe am Ufer, während andere, etwa 3000 – 4000 Jahre jüngere Bäume wesentlich weiter im See und bis zu 1m tiefer gefunden wurden.

Fragen und Zusammenfassung

Probe 1 (T 1/SUERC-15537) stammt von einer Erle, die wie es scheint, in die Richtung des Ufers gefallen ist (Abb. 7). Der Stamm ragt, obwohl er aus sehr weichem Holz besteht und schon 7000 Jahre alt ist, noch aus dem Grund des Lochs. Man sollte annehmen, dass er vollständig erodiert sein müsste oder zumindest unter einer Schicht von Lochsedimenten begraben läge. Erlenholzpfähle bei Oakbank Crannog, weiter im Osten des Sees, sind nach 2500 Jahren schon vollständig erodiert. Es ist daher vollkommen unklar, wie T1 so lange in seiner gegenwärtigen Position erhalten bleiben konnte.

Das angrenzende Ufer, interessanterweise ein natürlicher Eichenwald, ist ein ausgewiesenes Naturschutzgebiet von speziellem wissenschaftlichem und nationalem Interesse (SSSI). Das Ufer ist sehr steil und felsig und es ist schwer, nachzuvollziehen, welches Interesse Menschen gehabt haben könnten, sich hier aufzuhalten, wenn man von der Jagd oder der Suche nach Nüssen, Beeren, Pilzen oder Wurzeln absieht. Jede Form der Landwirtschaft ist hier unmöglich, sogar die Gewinnung von Holzkohle ist wegen des schroffen Geländes schwierig. Dennoch fanden sich in einer Bodenprobe von der Unterseite des Holzpfahles T17 z. T. verkohlte Reste von Gerste und Insekten. Dieses Material könnte eventuell vom Tombreck Crannog, einer mehrere hundert Meter westlich liegenden Lochsiedlung stammen, die 4000 Jahre jünger ist und von dort eingetragen worden sein. Doch solange die Gerste selbst nicht datiert ist, bleibt jede Verbindung mit dem Crannog hypothetisch. Eventuell ist das aktuelle SSSI Waldgebiet am Ufer die Fortsetzung der untergegangenen Bäume. Wenn das so ist, leistet unsere Untersuchung einen wichtigen Beitrag zur Klimageschichte und den Umweltbedingungen dieser Region im Lauf der Jahrtausende. Weitere Forschungsziele sind Seespiegelschwankungen, klimatische und geologische Veränderungen in Loch Tay und seiner Umgebung. Einen direkten Nachweis menschlicher Aktivitäten im versunkenen Wald gibt es nicht. Immerhin weisen die Funde einer neolithischen Steinkugel und dreier Steinäxte, zwei davon verziert, die im

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19. Jh. weniger als 1000 m östlich an Land entdeckt wurden, auf eine Nutzung bzw. Begehung dieser Zone durch den Menschen hin (Gillies 1938). Einige Kilometer westlich, bei Killin, wurde das Steinmaterial in neolithischer Zeit gewonnen. Der STUA wird die Ausgrabungen 2008 fortführen, um weitere organische Proben zu gewinnen und natürliche Sedimentablagerungen zu untersuchen. Ferner soll versucht werden, die ursprüngliche Uferlinie zu rekonstruieren, entlang derer die versunkenen Bäume wuchsen.

liveARCH der archäologischen Freilichtmuseen in Europa

Anschriften der Verfasser Dr. Nicholas Dixon Barrie Andrian The Scottish Crannog Centre Kenmore, Loch Tay, Aberfeldy, Perthshire, PH15 2HY, Scotland. www.crannog.co.uk [email protected] Dr. Nicholas Dixon ist Privatdozent im Fachbereich Archäologe der Edinburgh University und Vorsitzender des Scottish Trust for Underwater Archaeology (STUA). Ms. Barrie Andrian ist Unterwasserarchäologin und Direktorin des Scottish Crannog Centre. Übersetzung: Anna Dowden-Williams / Peter Walter M.A. Abbildungen Abb. 1, 3: Dr. Dixon/Andrian. Abb. 2, 4 – 6: Scottish Crannog Centre/Andrian. Abb. 7 – 8: STUA/Dixon. Literatur Dixon, T. N./Andrian, B. L. (2005) Lawers Underwater and Shore Survey. In Discovery and Excavation Scotland. Council for Scottish Archaeology. New Series Vol. 6, 109 – 110.

Aus der Mitte der Vereinigung EXARC der europäischen archäologischen Freilichtmuseen (www.exarc.net) konnte im November 2006 mit einem neuen auf drei Jahre befristeten europäischen Projekt im Rahmen von „Kultur 2000“ begonnen werden. Acht Museen bemühen sich in diesem Netzwerk unter dem Leader „Historisch Openlucht Museum Eindhoven“ um das gemeinsame europäische kulturelle Erbe und dessen Vermittlung mit besten Mitteln gegenüber einem breiten Publikum. Ziel ist ein quellenorientierter, sorgfältiger Umgang mit den zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Ressourcen, die Verbesserung der Qualität in Darstellung und Präsentation, ein Austausch von Erfahrungen und Vermittlungsformen sowie ein begleitendes praktisches Training und Wissenstransfer der Museumsmitarbeiter untereinander durch einen übergreifenden Austausch von Spezialisten von einem Museum zum anderen (www.livearch.eu).

Im Bemühen, zukünftig mit fundierten und lebendigen Darstellungsformen in der Vermittlung von historischem Wissen unter Zuhilfenahme der Experimentellen Archäologie wie auch der zeitgemäßen Interpretation von Geschichte seit der Steinzeit bis in die Neuzeit das Publikum zu erreichen, fanden inzwischen vier der insgesamt geplanten acht Zusammenkünfte statt. Nach der Auftaktveranstaltung vom 25.01. bis 29.01.2007 in Eindhoven (NL) (Abb. 1), in der es um die Zielsetzung des Projektes und die Definition der jeweiligen Aufgabenstellungen ging, folgte zwischen dem 14. und 18.03.2007 Abb. 1: Treffen der Museumsfachleute im Projekt LiveARCH in Eindhoven vom 25.01. bis zum 29.01.2007

Dixon, T. N. (2004) The Crannogs of Scotland: an Underwater Archaeology. Gillies, W. A. (1938) In Famed Breadalbane. Famedram. Ellon.

Plattform 135

Abb. 3: Foteviken, Schweden, 3. LiveARCH-Treffen vom 07.11. bis zum 11.11.2007

Eine große Bedeutung kam hierbei neben der Darstellung von originalem Kulturgut auch den Elementen der „intangible cultural heritage ressources“ (immaterielles Kulturerbe) in den Freilichtmuseen zu, die nach neuem Selbstverständnis der ICOM und auch inzwischen bekräftigt durch deren Weltpräsidentin Alexandra Cummins schon lange einen festen Platz in den Open Air Einrichtungen besitzen.

Abb. 4: Foteviken, Schweden: Abendliches Training im skandinavischen Reenactment.

Fragen der Nachhaltigkeit in der Entwicklung, aber auch konkrete Bewertungsmuster für Reenactment und universitäre Bemühungen um experimentalarchäologische Beiträge für die Vermittlung im Museum konnten diskutiert werden. Ein Höhepunkt bildete das „SelberAusprobieren-Dürfen“ (Abb. 3). Neben der Vielfalt an Vermittlungsmöglichkeiten waren aber auch die unterschiedlichen Traditionslinien der Entwicklung der Museologie im Norden und im Süden Europas Gesprächsthema.

Abb. 2: Mit den Fahnen der Teilnehmerstaaten am Loch Tay im schottischen Open-AirMuseum Crannog Center, Treffen vom 14. – 18.03.2007

das zweite Treffen in Perthshire (SC) bei den schottischen Kollegen (Abb. 2). In einer Klausurtagung berieten dort 40 Museumsverantwortliche unter dem Thema „Dialog mit dem Besucher“ über die Formen der Auseinandersetzung zwischen den Museen und ihren verschiedenen Besucherzielgruppen. In einer Zeit zunehmender globaler und medialer Konkurrenz, auch in der Freizeitindustrie, wird wieder mehr Wert auf „Live Interpretators“ und direkt vermittelnde Museumsmitarbeiter gelegt. Dies wurde in allen teilnehmenden Museen nicht nur als eine Investition in das Wissen der Besucher, sondern auch in zukünftige Arbeitsplätze für die archäologischen Freilichtmuseen verstanden. „Headsets“ und Bildschirme wurden auf dieser Tagung einhellig als Ersatz für den menschlichen Dialog mit dem Besucher abgelehnt. Das dritte Treffen vom 07.11. – 11.11.07 in Foteviken (SE) (Abb. 3) in Schweden beschäftigte sich mit dem Topos „Living History“, vor allem und dem Standort angepasst aus der Sicht Skandinaviens. Vertreter der ICOM aus Holland und Österreich wirkten unterstützend bei der Diskussion um die Bildung von Museumsqualitätsstandards mit und versicherten ihre Hilfe bei der Verankerung der archäologischen Freilichtmuseen im Weltmuseumsverband.

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Um einen für alle Freilichtmuseen wichtigen Bereich drehte sich der Trainingworkshop „Marketing und Kommunikation“, der vom 03.03. bis zum 07.03.2008 im Partnermuseum auf den Lofoten (NO) stattfand. Am nördlichsten Punkt des gemeinsamen Projektes führte die Diskussion beginnend beim Destinationsmanagement über das strategische Marketing bis hin zur Selbstund Fremdevaluation der einzelnen Häuser, um vor allem die eigenen Besucher, aber auch die Unterstützer und die „Stakeholders“ des eigenen Museums besser kennen zu lernen. Wichtige Fragen waren die nach der Entwicklung des klassischen Museumsangebots in Europa. Was sind populäre Museen? Wie können sich Museen durch Netzwerke in ihrem Auftrag gegenseitig stützen, oder welche strategischen Partner gibt es, etwa im Tourismus, um die eigenen Aufgaben mit denen der Nachbarn oder verwandter Kulturinstitutionen zu verknüpfen? Die nächsten Tagungen finden in Cesis (Lettland) im September 2008, in Modena (Italien) im März 2009, in Uhldingen-Mühlhofen (Deutschland) im Mai 2009 und in Százhalombatta (Ungarn) im Oktober 2009 statt. Das Ziel ist, neben der Institutionalisierung der archäologischen Freilichtmuseen in einem Fachverband, die Herausgabe einer eigenen Zeitschrift (www.exarc.eu/eurorea/index.html), die Sicherstellung von Qualitätsstandards und Entwicklung von Darstellungsformen im Museum (Abb. 5). LiveARCH – lebendige Archäologie – ist ein Zusammenschluss von acht europäischen Freilichtmuseen. Beteiligt sind das Lofotr Viking Musuem (Norwegen), das Foteviken Museum (Schweden), Araisi Lake Fortress (Lettland), das OpenluchtMuseum Eindhoven (Niederlande), das Matricia Museum (Ungarn), das Crannog Center (Schottland), das Museo Civico Archeologico Etnologico di Modena (Italien) und das Pfahlbaumuseum

Abb. 5: Tagungsteilnehmer des 3. LiveARCH-Meetings in Foteviken Schweden, vom 7.11. –11.11.2007. First person interpretation: Theater als Vermittlungsform im Freilichtmuseum.

Unteruhldingen (Deutschland). Weitere Informationen zum mit 1,5 Mio. von Brüssel geförderten Unternehmen der Abteilung Education and Culture DG finden sich auf www.livearch.eu, www.exarc.net und www.pfahlbauten.com.

Abb. 6: Staff Exchange: Mitarbeiterinnen des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen werden von den Kolleginnen des Eindhovener Museums in Praxis und Demonstration im Textilhandwerk unterrichtet, 05. – 08.11.2007.

Anschrift des Verfassers Gunter Schöbel Pfahlbaumuseum Unteruhldingen Strandpromenade 6 D-88690 Uhldingen-Mühlhofen [email protected]

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Archäologie ist eine der am positivsten besetzten akademischen Warenmarken (Holtorf 2007). Archäologie ist populär, weil sie spannende Entdeckungsabenteuer und Rettungsgeschichten erzählt, die unmittelbar vor Ort oder über die Medien von einem faszinierten Publikum quasi miterlebt werden. Obwohl das Bild der Archäologie in der Alltagskultur – wie es in diesem Beitrag beschrieben wird – ein etwas anderes ist als das Bild, das die meisten professionellen Archäologen selbst von ihrem Fach haben, argumentiere ich in diesem Aufsatz, dass die dem Fach quasi immanente Ausrichtung auf populäre Themen ein Kapital ist, das die wissenschaftliche Disziplin viel stärker nutzen sollte als bisher – sowohl im eigenen Interesse als auch in dem einer größeren an Archäologie interessierten Öffentlichkeit.

... als populäre Warenmarke in der Erlebnisgesellschaft Die Archäologie ist eine äußerst medienwirksame Wissenschaft. Ihre Repräsentanten erscheinen regelmäßig in der Alltagswelt. Ganz gleich ob sie in Grabungsfirmen, Museen, Universitäten oder anderen Einrichtungen arbeiten, Archäologen werden oft und gerne als Helden portraitiert. Kompetent, geduldig und mit etwas Glück kommen sie unter oft abenteuerlichen Umständen nicht nur dem Leben früherer Menschen auf die Spur, sondern gleichzeitig enthüllen sie auch wichtige Einsichten in historische Zusammenhänge und bewahren das kulturelle Erbe für künftige Generationen. All das schwingt heute mit, wenn von Archäologie die Rede ist oder Archäologen bei der Arbeit beobachtet werden. Abb. 1: Playmobilarchäologe mitten im Abenteuer.

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Mit anderen Worten: Archäologie ist eine der am besten eingeführten und am positivsten besetzten akademischen Warenmarken (Holtorf 2007). Mit dieser aus dem Marketing entlehnten Formulierung möchte ich freilich nicht für eine (noch) stärkere Kommerzialisierung des Faches eintreten. Vielmehr geht es mir darum, stärker ins Bewusstsein zu rücken, dass die Archäologie – in sowohl wissenschaftlichen als auch populären Manifestationen – Markenprodukte und qualitativ ansprechende Dienstleistungen anbietet, die weit gefragt sind und von vielen Menschen gerne und aus Überzeugung für die Marke konsumiert werden. Dabei handelt es sich zum einen um Geschichten über das kulturelle Erbe und menschliches Leben in der Vergangenheit, zum anderen um Geschichten über den spannenden Prozess des archäologischen Arbeitens selbst.

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ARCHÄOLOGIE ALS DAS ERLEBEN VON ABENTEUERN

ARCHÄOLOGIE ALS KRIMINALISTISCHES SPURENLESEN

Ähnliche Charakterisierungen der Archäologen als Abenteurer und Entdecker finden sich außer in Spielfilmen und Computerspielen auch anderswo in der Alltagskultur: von Spielzeug (Playmobil, Lego), über allerlei Reklamebilder bis hin zu Romanen, Sachbüchern (Cerams Götter, Gräber und Gelehrte, 1949), TV-Dokumentationen (ZDF Expedition) und Magazinen (Abenteuer Archäologie, National Geographic). Dabei ist dieses Stereotyp alles anDas klassische Format der Abenteuerge- dere als harmlos, sondern hat oft ausgeschichte findet sich auch in den drei bis- sprochen imperialistische und bisweilen lang gedrehten Indiana frauenfeindliche Inhalte. Indiana Jones Jones Filmen Jäger des verArchäologen werden hier ist sicher der lorenen Schatzes (1981), oft als sehr „macho“ präam besten bekannte Indiana Jones und der sentiert und weibliche Kolleginnen können ihArchäologe ... Tempel des Todes (1984) nen im besten Fall assiund Indiana Jones und der letzte Kreuzzug (1989), die zusammen stieren. Auch Lara Croft agiert in stereotyüber eine Milliarde US-Dollar eingespielt pisch männlicher Weise – was einerseits als haben. Indiana Jones ist sicher der am be- „Frauenpower“ andererseits aber auch als sten bekannte Archäologe und Abenteurer Mann in einem Frauenkörper interpretiert überhaupt und wohl kaum ein Archäologe werden kann. ist noch nicht auf ihn angesprochen worden. Entsprechend wurde Hermann Par- In Reiner Knizias Spiel Lost Cities. Feszinger, damals neuer Präsident des Deut- selnde Expeditionen für zwei (1999) aus schen Archäologischen Instituts, vom dem Kosmos-Verlag geht es um ExpediTagesspiegel einmal als „die deutsche Ant- tionen von Archäologen „in entlegene und wort auf Indiana Jones“ bezeichnet. Im- geheimnisvolle Winkel der Erde“, um dort mer wieder kokettieren Archäologen und die Ruinen diverser „verlorene Städte“ und Archäologiestudenten auch selbst mit dem zugehörige Artefakte zu entdecken. Die Kinohelden, und vielleicht steckt ja wirk- Spieler versuchen, den „Ruhm“ ihrer Exlich in jedem Archäologen ein kleiner In- peditionen zu maximieren und wenn sie diana Jones? All das wird uns im Sommer „besonders wagemutig“ sind, können sie 2008 neu in Erinnerung gebracht werden, auf den „Erfolg“ ihrer Expeditionen noch wenn der vierte Indiana Jones-Film India- Wetten abschließen. Von den vor Ort lena Jones and the Kingdom of the Crystal benden Menschen, ihren Rechten an den Skull in die Kinos gekommen ist … Fundstätten und ihrer eigenen Weise, die Vergangenheit zu deuten, ist hier nicht die Eine weibliche Verkörperung der im Rede. Mit Ausnahme der Mumienfilme Grunde gleichen Figur ist Lara Croft, die werden Archäologen, die in anderen in den 1990er Jahren rasch bekannt wur- Teilen der Erde arbeiten, in der Populärde. Ursprünglich die Heldin der nach ihr kultur nur selten mit etwaigen unangebenannten populären Computerspiele ist nehmen Konsequenzen ihres Handelns Lara in Lara Croft: Tomb Raider (2001) konfrontiert. und dessen Fortsetzung Lara Croft: Tomb Raider – Die Wiege des Lebens (2003) längst auch zur Kinoheldin geworden.

Eine zweite weit verbreitete Charakterisierung des Archäologen ist die des Detektivs der Vergangenheit. Diesem Bild zufolge, das viele Archäologen selbst sich in Gesprächen mit Journalisten aber auch in der wissenschaftlichen Literatur und in pädagogischen Projekten (z. B. Gründel/ Ziegert 1983; Museum ’t Oude Slot 2005) bewusst zu eigen gemacht haben, besteht ihre Aufgabe zunächst darin, die zahlreichen vorhandenen Spuren der Vergangenheit mit viel Akribie zu dokumentieren. Die Archäologen versuchen sie dann – wie Meisterdetektiv Sherlock Holmes – als Indizien zum Sprechen zu bringen und so herauszufinden, was sich an den Fundstätten früher zugetragen hat. Zu diesem mühsamen Puzzle steht ihnen ganz wie in der modernen Kriminalistik eine breite Palette an naturwissenschaftlichen Analysemethoden zur Verfügung: von physikalischen Datierungsmethoden über geophysikalischer Bodenprospektion bis hin zu genetischen DNA- und anderen Knochen- und Materialanalysen (Hunter/ Roberts/Martin 1996).

Das mit Abstand wichtigste Kennzeichen von Archäologen in der Populärkultur ist ihre Verknüpfung mit dem Abenteuer. Archäologie steht oft für die abenteuerliche Suche nach Spuren der Vergangenheit, die zu abgelegenen exotischen Plätzen führt, mit allerlei Entbehrungen und Gefahren verbunden ist, aber schließlich zu großen Entdeckungen führt, mit denen der Held am Ende erfolgreich heimkehrt.

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Archäologische Narrative in Dokumentationsfilmen (Discovery Channel) und Computerspielen (Sherlock Holmes: The Mystery of the Mummy) sind oft als Detektivgeschichten gestaltet. Im Varusschlachtmuseum Kalkriese stellte Museumsleiterin Heidrun Derks den Archäologen, verkörpert durch den erfundenen Ermittler Stahnke, ebenfalls bewusst als Detektiv dar. Der Besucher wird hier auf folgende Art begrüsst: „Hallo! Augenblick mal! Ich möchte ihnen etwas zeigen: ich bin hier einer der Ermittler. Nennen sie mich einfach Stahnke …“ (Derks 2003). Daneben gibt es eine Vielzahl von Detektivromanen, in denen Archäologen wichtige Rollen spielen. Agatha Christies Roman Mord in Mesopotamien (1936) etwa spielt auf einer Ausgrabung, und Poirot muss unter den Archäologen und anderen Mitarbeiter den Mörder suchen. Grabungen

Abb. 2: Mit viel Geduld bringen Archäologen in der Zeitschrift Verena (5/1990) die Vergangenheit zum Sprechen.

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ARCHÄOLOGIE ALS ENTDECKEN UND ENTHÜLLEN kannte Christie aus eigener Erfahrung. Sie war mit dem Archäologen Max Mallowan verheiratet und begleitete ihn regelmäßig auf seinen Ausgrabungen im Nahen Osten (Trümpler 1999). Archäologen, die Detektive verkörpern, sind Abenteurer des Geistes: nachdenkliche und etwas weltfremde Gelehrte, oft mit Fliege, Brille und Vollbart ausgestattet. Geduldig fügen sie ein Puzzlestück an das andere und entschlüsseln so die Geheimnisse der Vergangenheit. Eine typische Verkörperung des Spuren lesenden Historikers ist Professor Henry Jones, der Vater von Indiana Jones. Zusammen bilden der gelehrte Detektiv und der Abenteuerheld ein unschlagbares Team beim Lösen archäologischer Rätsel. Eine brillante Parodie der Figur des Archäologen als Detektiv stammt von dem deutschen Satiriker Hans Traxler (2007). Sein Märchenarchäologe Georg Ossegg kommt anhand von Ausgrabungen und einer Vielzahl von Indizien der ganzen historischen Wahrheit über das Märchen von Hänsel und Gretel auf die Spur … Nicht weniger eindrucksvoll ist die Darstellung der Ausgrabung eines Fundplatzes des späten 20. Jh. des amerikanischen Autors und Zeichners David Macaulay (1979). Der Amateurarchäologe Howard Carson gräbt hier im Jahr 4022 ein Motel unserer eigenen Zeit aus. Er findet „wundervolle Dinge“ in diesem Motel of the Mysteries – genau wie seinerzeit Howard Carter im Grab von Tutanch-Amun, worauf Macaulay natürlich anspielt. Diese „Schätze“ können Carson als wichtige Indizien über so manche Rätsel unserer dann längst untergegangenen Zivilisation Auskunft geben… (vgl. Museum ’t Oude Slot 2005).

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Am Ende archäologischer Abenteuer- und Detektivgeschichten steht oft der Moment der Entdeckung, das Lüften eines wichtigen Geheimnisses. Das Moment der Enthüllung eines Schatzes oder Offenbarung einer Wahrheit ist ein so wichtiges Kennzeichen des Archäologen in der Populärkultur, dass es hier eine eigene Kategorie rechtfertigt.

ARCHÄOLOGIE ALS BEWAHREN Ein anderer hochqualifizierter Experte ergänzt:

“Like humans, these creatures walked upright on two legs and possessed highly developed opposable thumbs. These and many other similarities lend credence to the theory that hundreds of thousands of years ago, human development passed through a skeletal stage. These skeletons In den Medien erwartet man gleichsam may, in fact, be ancestors to us all. Any of von Archäologen, dass ihre Arbeit ständig us could be part skeleton. (Wie menschliSensationen liefert. Typisch für diese Er- che Wesen liefen diese Kreaturen aufrecht wartungshaltung sind reißerische Schlag- auf zwei Beinen und verfügten über hoch zeilen wie zum Beispiel entwickelte, frei bewegli„Dresden Stonehenge In den Medien che Daumen. Diese und entdeckt: Steinzeit Sternerwartet man gleichsam zahlreiche andere Ähnlichwarte ist 7000 Jahre alt!“ von Archäologen, keiten verleihen Theorien (Bildzeitung Dresden). In dass ihre Arbeit Glaubwürdigkeit wonach der alltäglichen Berichterständig Sensationen vor hunderttausenden von stattung im Fernsehen, in liefert. Jahren die menschliche Entwicklung eine SkelettZeitungen und Magazinen werden selbst eigentlich unspektakulä- phase durchlief. Diese Skelettmenschen re Resultate gerne als sensationelle neue sind möglicherweise tatsächlich unser aller Erkenntnisse gefeiert. Dies wird in Par- Vorfahren.)”. odien besonders deutlich. Das amerikanische Satiremagazin The Onion publizierte Worauf dieses Beispiel schon hinweist, etwa 1999 einen Bericht mit dem Titel verkünden Archäologen in der Populär“Archaeological Dig Uncovers Ancient Ra- kultur gerne umwerfende Erkenntnisse ce of Skeleton People (Archäologische Aus- von allgemeinmenschlicher Wichtigkeit. grabung legt alte Rasse von Skelettmen- Hollywoodarchäologen sind oft Retter schen frei)”. Dort gibt der Ausgräber eines und gelegentlich sogar Erlöser der Gräberfeldes Auskunft über die atembe- Menschheit. Indiana Jones ist nichts geraubenden Implikationen der Entdeckun- ringerem als der biblischem Bundeslade und dem Heiligen Gral auf der Spur. Lara gen: Croft muss es in letzter Minute gelingen, “This is an incredible find. Imagine: At die ganze Welt vor dem bevorstehenden one time, this entire area was filled with Untergang zu retten. spooky, bony, walking skeletons. […] We now know that the skeletons we see in hor- Auch Gisela Graichen (1995, 14 – 22), Auror films and on Halloween are not mere torin von mehreren Archäologieserien für products of the imagination, but actually das deutsche Fernsehen, argumentierte lived on Earth. (Das ist ein unglaublicher einmal entsprechend, dass Archäologen die Fund. Stellen Sie sich vor: Einst war diese Gründe dafür erforschten, weshalb mangesamte Gegend bevölkert von gruseligen, che Gesellschaften funktionierten und anherumlaufenden Knochengerüsten.. [...] dere scheiterten, um dadurch ÜberlebensWir wissen nun, dass die Skelette in Hor- strategien für die menschliche Zukunft zu rorfilmen und zu Halloween nicht reine entwickeln. Produkte unserer Vorstellungskraft sind, sondern tatsächlich auf der Erde lebten.)”

Die Annahme, dass Archäologen tatsächlich derartige Enthüllungen liefern könnten, rückt ihre Arbeit an die Grenze des Wunderbaren. Auch ihre oft gepriesene Fähigkeit, vergangene Kulturen und deren Menschen neu zum Leben erwecken und Artefakte zum Sprechen bringen zu können, lässt im Grunde übernatürliche Fähigkeiten vermuten. Rudolf Pörtner hat diese erstaunliche Begabung des Archäologen in einem 1986 erschienen Vorwort einmal folgendermaßen beschrieben: „Es klingt verwegen, liegt aber doch dicht bei der Wahrheit, wenn von modernen Bodenforschern behauptet wird, dass sie in der Erde wie in einem offenen Buch zu lesen vermögen, dass sie Geschichte … rekonstruieren und tote Gegenstände regelrecht beatmen und zu neuem Leben erwecken können.“ In diesem Zusammenhang erscheinen selbst die Mumienfilme, in denen Archäologen eine Mumie zum Leben erwecken, deren Fluch sie dann verfolgt, kaum noch besonders aus der Luft gegriffen. Ein solcher Handlungsverlauf ist eher so etwas wie eine logische Konsequenz der in den Medien nicht selten implizierten übernatürlichen Arbeitsweise der Altertumsforscher. Archäologische Geheimnisse erscheinen hier im gleichen Licht, das auch Horrorfilmen, fliegenden Untertassen und der Fernsehserie Akte X große Popularität beschert.

Die drei bislang diskutierten Charakterisierungen lassen sich mindestens bis in die zweite Hälfte des 19. Jh., also die Zeit der Entdeckungen Heinrich Schliemanns, zurückverfolgen. Zu dieser Zeit bildete sich nicht nur die wissenschaftliche Disziplin der (vorgeschichtlichen) Archäologie in ihrer heutigen Form aus, sondern auch ihre populäre Warenmarke, woran Schliemann maßgeblich Anteil hatte (Zintzen 1998).

Die Filmarchäologin Dr. Sharon Golban erklärt die Fundumstände auf eine Weise, die Indiana Jones oder Sherlock Holmes sehr fremd wären: “They wanted to put up flats in about three months so we had to be quick. (Sie wollten innerhalb von etwa drei Monaten Wohnungen bauen, also mussten wir schnell sein.)”. Auch die sonst eher traditionellen Abenteuergeschichten zugeneigte National Geographic Society hat den Trend erkannt. Eine DVD mit dem Erst in den letzten Jahren hat sich aber 2002 von ihr vertriebenen Film Inca eine vierte Charakterisierung des Archäo- Mummies: Secrets of a Lost Empire wird logen in der Alltagswelt ausgebreitet. Sie auf dem Rückumschlag mit folgender Einladung an Käufer beworspiegelt die neuen ReaDieser Archäologe ben: “join archaeologists litäten der Denkmalpfleist kein Weltreisender, racing to rescue priceless ge und insbesondere die durch das sog. Verursa- sondern ein lokaler Aktivist Inca relics from looters cherprinzip geregelten auf der Baustelle and urban sprawl. Notgrabungen wider. und in der Verwaltung. (Schließen Sie sich dem Der Archäologe wird nun Wettlauf der Archäologen zunehmend als energischer Anwalt und darum an, wertvolle Relikte der Inkakultur Bewahrer für künftige Generationen von vor Raubgräbern und städtischer Zersieddurch Baumassnahmen, Kriegen oder ille- lung zu retten .)”. galem Handel mit Funden gefährdeten Ironischerweise ist der Archäologe als BeFundstätten dargestellt. wahrer nicht daran interessiert, möglichst Dieser Archäologe ist kein Weltreisender, viel zu finden. Ganz im Gegenteil ist es in sondern ein lokaler Aktivist auf der Baustel- seinem Interesse, dass möglichst viel für le und in der Verwaltung. Unter der Regen- zukünftige Generationen erhalten bleibt jacke trägt er bisweilen einen Schlips. Er er- und er nicht gezwungen ist, mit knappen scheint besonders häufig in der Lokalpresse, Ressourcen so viel wie möglich vor den die gerne und häufig darüber berichtet, was Baggern zu retten. Entsprechend lautete für Funde und Befunde unter dem jüngsten die Überschrift eines schwedischen ZeiNeubau gerettet worden sind. Aber auch in tungsartikels vor ein paar Jahren: „Keine Hollywood hat dieses Bild vom Archäologen archäologischen Funde, wo die Nationalstrasse 29 verlaufen wird“. Das hätte zwanbereits Einzug gehalten. zig Jahre zuvor wohl niemanden interessiert. Im Film The Body (2001) wird auf einer Notgrabung in Jerusalem unter charakteristischem Zeitdruck das Grab von niemand anderem als Jesus Christus freigelegt!

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Abb. 3: Einige Vertreter der Spatenwissenschaft bei der Arbeit in einem Schaufenster der Galeria Kaufhof, Köln 2006.

ARCHÄOLOGIE IN DER ERLEBNISGESELLSCHAFT Alle vier Bilder der Archäologie, die sich natürlich bisweilen erheblich überschneiden, stellen jeweils den Prozess des archäologischen Arbeitens ins Zentrum. Die Popularität der archäologischen Warenmarke ist im Ausgraben und Entdecken, dem kriminalistischen Spurenlesen, dem Enthüllen und Wiedererwecken der Vergangenheit und dem Retten bedrohter Fundstätten des kulturellen Erbes verankert. In der heutigen Alltagskultur ist Archäologie stets ein Verb! Damit meine ich, dass das Substantiv Archäologie gemeinhin als Tu-Wort verstanden wird, wo also etwas passiert, und nicht als ein DingWort, das einen Gegenstand beschreibt. Das Emblem des Archäologen ist nach wie vor – und nicht von ungefähr – der Spaten, ihr wichtigstes Gerät die Kelle. Die im Alltag gängige Darstellung der Archäologie ist weithin ein gefragtes Produkt. Über sie verkaufen sich nicht nur Kinofilme, sondern auch Zeitungen, Werbezeit im kommerziellen Fernsehen, Bücher, touristische Attraktionen und eine ganze Palette anderer Produkte (Jensen/Wieczorek 2002). Dies sollte man nicht als Gefahr, sondern als Chance auch für die wissenschaftliche Archäologie in der Öffentlichkeit sehen. Wir leben heute in einer Gesellschaft, die schon vor geraumer Zeit von dem Volkskundler Christoph Köck (1990) und dem Soziologen Gerhard Schulze (1992) offenbar unabhängig voneinander als „Erlebnisgesellschaft“ bezeichnet worden ist. Köck und Schulze beschreiben eine Gesellschaft, in der die Erweiterung der individuellen Entfaltungsmöglichkeiten zu einem Wandel der Lebensauffassungen geführt hat. Ein expansiver Erlebnismarkt hat sich entwickelt. Leben und Erleben sind zunehmend gleichbedeutend (Pine/Gilmore 1999).

Archäologie ist populär, weil sie spannende Entdeckungsabenteuer und Rettungsgeschichten erzählt, die unmittelbar vor Ort oder über die Medien von einem faszinierten Publikum quasi miterlebt werden. Die „Spatenwissenschaft“ ist entsprechend heute kein bloßes Sparteninteresse mehr, sondern Teil eines Massenphänomens, das mit der archäologischen Warenmarke verbunden ist. Im übertragenen Sinne graben Archäologen freilich nicht nur im Boden, sondern auch in Fragestellungen, die die Menschen direkt berühren. Natürlich hat die Archäologie eine strikt wissenschaftliche Dimension, nämlich die Erforschung der menschlichen Vergangenheit und ihrer Überreste, daneben aber – und auf einer anderen Ebene – lässt sie die Menschen auch ihr Leben in neuem Licht reflektieren. Archäologisches Arbeiten beschwört nicht nur weit verbreitete Träume und Hoffnungen, sondern auch Sorgen und Nöte der Menschen. Wir alle überstehen in unserem Leben bestimmte Abenteuer mit Entbehrungen und Gefahren (und wünschen uns bisweilen weitere!). Wir alle müssen mit Geduld die Rätsel des Alltags lösen. Wir alle sind von eigenen Entdeckungen begeistert und an wesentlichen Einsichten über eine sich schnell wandelnde Welt interessiert. Wir alle müssen mit unseren Ressourcen haushalten und vor dem Vergessen und Zerstören bewahren, was uns wichtig ist. All diese Themen sind in Geschichten über das archäologische Arbeiten enthalten und deshalb unterhält Archäologie die Menschen nicht nur, sondern berührt sie gleichzeitig. Das große Interesse an Archäologie bringt es freilich mit sich, dass das Verständnis des Faches in der Öffentlichkeit ein anderes ist als das, das Archäologen von ihrer eigenen Disziplin haben. Das eigentliche Problem – wenn es hier überhaupt eines gibt – ist jedoch nicht mangelndes Wissen

in der Öffentlichkeit über die Realitäten in der Archäologie, sondern eher ein mangelndes Wissen unter Archäologen über die Realitäten in der Öffentlichkeit (Holtorf 2007). In der Erlebnisgesellschaft muss es eine Grundfrage unseres kaum je auf andere Art praktisch nützlichen Faches sein, wie sie zu der evidenten Nachfrage nach Erlebnissen beitragen kann. Die Antwort liegt auf der Hand, denn die Archäologie ist oftmals schon von der Sache her mit Feldarbeit an (mehr oder weniger) entlegenen Plätzen, Entdeckungen wissenschaftlicher „Schätze“, bedeutsamen Erkenntnissen über die Menschen und ihre Geschichte sowie dem Bewahren wichtiger Funde und Fundplätze befasst. Diese dem Fach immanente Ausrichtung auf populäre Themen ist ein Kapital, das professionelle Archäologen heute viel stärker nutzen sollten – im eigenen Interesse und in dem einer größeren an Archäologie interessierten Öffentlichkeit.

Anschrift des Verfassers Dr. Cornelius Holtorf Lunds universitet Institutionen för arkeologi och antikens historia Box 117 221 00 Lund SWEDEN

Literatur Ceram, C. W. (1949) Götter, Gräber und Gelehrte. Roman der Archäologie. Hamburg. Christie, A. (1936) Murder in Mesopotamia. London. Derks, H. (2003) Kalkriese – oder: wie man eine

Abbildungen

Schlacht ausstellt. Arch. Inf., 26, 127–132. Graichen, G. (1995) “Time-digger” oder die Ent-

Abb. 1: Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung

schlüsselung von Botschaften aus einer anderen

von Playmobil. Playmobil ist eine eingetragene Wa-

Welt. In: Graichen, G./Siebler, M. (Hrsg.),

renmarke der Geobra Brandstätter Gmbh & Co. KG,

Schliemanns Erben. Entschlüsseln Archäologen

für die auch die dargestellten Spielfiguren geschützt

unsere Zukunft? Mainz, 11 – 23.

sind.

Gründel, A./Ziegert, H. (1983) Archäologie und

Abb. 2: Wilfried Beege; Wiedergabe mit freund-

Kriminalistik. Ziele und Wege der Erkenntnis-

licher Genehmigung des Fotografen.

gewinnung. Arch. Inf. 5, 175 – 192.

Abb. 3: Geoff Carver; Wiedergabe mit freundlicher

Holtorf, C. (2007) Archaeology is a brand!

Genehmigung des Fotografen.

The meaning of archaeology in contemporary popular culture. Oxford. Hunter, J./Roberts, C./Martin, A. (Hrsg.) (1996) Studies in Crime: An Introduction to Forensic Archaeology. London.

144 Plattform

Jensen, I./Wieczorek, A. (Hrsg.) (2002) Dino, Zeus

The Onion (1999) Archaeological Dig Uncovers

und Asterix. Zeitzeuge Archäologie in Werbung,

Ancient Race of Skeleton People. http://www.theo-

Kunst und Alltag heute. Mannheim: Reiss-Engel-

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Traxler, H. (2007) Die Wahrheit über

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Trümpler, C. (Hrsg.) (1999) Agatha Christie

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Museum ’t Oude Slot. (2005) The Mysterious

Zintzen, C. (1998) Von Pompeji nach Troja:

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Classroom. A Practical Manual for Teachers.

19. Jahrhundert. Wien.

Brüssel, 105. Pine, J./Gilmore, J. (1999) The Experience Economy. Work is Theatre & Every Business a Stage. Boston, MA. Pörtner, R. (1986) Archäologie: Abenteuer und Wissenschaft. In: Pörtner, R. (Hrsg.), Vergangene Welten, Faszinierende Funde. Abenteuer und Geheimnisse der Archäologie. Stuttgart, 6 – 7. Schulze, G. (1992) Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt/New York.

Anmerkung Ich danke Brigitte Röder für Kommentare zu einer früheren Version dieses Textes sowie Wilfried Beege, Geoff Carver und Judith Kaufmann (Playmobil) für die Abbildungen. Ein in Teilen ähnlicher Aufsatz erscheint in Archäologie in Deutschland, Heft 3, 2008. Eine französische Version wird in Nouvelles de l’Archéologie 2009 erscheinen.

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Ein Mühlenstandort bei der Oberuhldinger Aachbrücke, Gemeinde Uhldingen-Mühlhofen, Oberuhldingen, Bodenseekreis Im Zuge der Baumaßnahmen für eine Tiefgarage des Seniorenwohnheims in Oberuhldingen1 erfolgte zwischen dem 16. und 30. November 2006 in Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Tübingen und der Außenstelle des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Hemmenhofen am Bodensee, eine begleitende Baustellenuntersuchung im südwestlichen Anschluss an die heutige Aachbrücke. Bei Ausschachtungsarbeiten für ein mehrstöckiges Wohngebäude waren bereits 1993 200 m nördlich auf der anderen Seite des Flusses römische Scherben (Abb. 1) und bislang noch nicht datierbare Hölzer zutage getreten. 1998 konnten die Reste einer mittelalterlichen Brücke über die Seefelder Aach bei Oberuhldingen etwa 1 km weiter stromaufwärts mit einer Splintgrenzdatierung des Labors in Hemmenhofen mit 1385 n. Chr. +/– 10 Jahre gesichert werden.2 Im Herbst 2000 glückte im Rahmen umfangreicher Baumaßnahmen an der Seefelder Aach im Ortsteil Mühlhofen die Aufdeckung eines salemischen Gewerbekanals der Papiermühle des Zisterzienserklosters mit Schlagjahren 1680

1

Lokation 47°43'57,43''N – 9°14'26,90''.

2

Schöbel, G. (1999).

3

Schöbel, G./Walter, P. (2000).

146 Plattform

und 1688/1689 n. Chr.3 Dieser Ausgangsbefund entlang der Seefelder Aach, der eine rege Nutzung des Wasserlaufs und eine mögliche Feuchterhaltung in tieferen Schichten anzeigte, verhieß nach der ersten Fundnachricht über ausgebaggerte Bauelemente weitere Informationen zur Geschichte in Uhldingen-Mühlhofen. Trotz tief greifender Regulierungsarbeiten während der 30er Jahre des 20. Jh. am Flusslauf durch den

5 cm

Reichsarbeitsdienst und bei der Errichtung der Verbandskläranlage einige hundert Meter flussabwärts versprach die Auskofferung des Geländes im Ortskern auf dem alten Fabrikareal neue Ergebnisse in Ergänzung zur bislang bekannten historischen Quellensituation. Neben der Mühlhofer Mühle, die ab der Mitte des 12. Jh. über den ortsansässigen Adel belegt ist, und der erstmals 1216 erwähnten Reissmühle, etwa 1 km weiter flussaufwärts in Oberuhldingen, bot sich hier am dritten inzwischen bekannten Mühlenstandort der Gemeinde die Möglich-

keit, für das Mittelalter vielleicht weitere dendrochronologische Anhaltspunkte zu erhalten. Nach dem Gemarkungsatlas von 1882 (Abb. 2) tangierte das Areal des geplanten Seniorenwohnheims zwar nur den nordöstlichen Bereich des ehemaligen Mühlenareals, die Erfahrungen aus anderen Schürfungen entlang der Aach hatten aber gezeigt, dass das ehemalige Flussbett breiter als heute und mit seiner Sohle durchaus, wie die römischen Reste in einiger Entfernung gezeigt hatten, 4 – 5 m unter heutigem Niveau zu Tage treten konnten.

Abb. 1: Oberuhldingen, Aachstraße, Sondage 1993. Fragment einer Terrasigilata-Schale, Rhein-Zabern, Entstehungszeitraum 175 – 225 n. Chr. Dargestellt ist ein musizierender Satyr mit Flöte.

Abb. 2: Ausschnitt aus dem Gemarkungsatlas 1882, Blatt Oberuhldingen mit Eintrag der Fundzone.

Abb. 3 : Die Baugrube während der Baggerarbeiten. Zur Ausgangssituation der Chronologie des Mühlenstandortes nach den historischen Quellen in Uhldingen: 11. Jh.:

Graf Eberhard von Nellenburg vermacht zu Oviltingen eine Mühle an das Kloster St. Salvator zu Schaffhausen. 1111: Heinrich V bestätigte die Besitzungen des Klosters Schaffhausen und auch für Oberuhldingen eine „Happinmuhli“, Happenmühle. Ca. 1120: Bestätigung Happinmühli. 1150: Happinmuhli 31. Mai: Salemer Mönche kaufen dem Armenhospital 1271: Konstanz eine „Zebrugge“ genannte Mühle ab. 1278: Müller Albert und Müller Hermann von Uhldingen belegt. 1686: Brand in der Mühle, der Müller Georg Eggert und seine Frau Barbara Clarissin kommen am 8. April in den Flammen um. Der Altmüller Georg Eggart stirbt 14 Tage später an den Brandfolgen (Totenbuch Seefelden). 1687: Abt Emanuel baut die Mühle nach neuer Konstruktion mit sieben Mahlgängen, eisernem Räderwerk neu. Das Wappen in Stein mit Jahreszahl ist erhalten. 1850 Erwähnung der Kunstmühle Wiedmann mit ausgedehntem Geschäft und wertvoller Einrichtung. 1852 Oberuhldingen ist einer der besten Orte des Amtsbezirks, z. T. wegen der bedeutenden (Kunst-) Mahlmühle, der Säge und einer weiteren Mühle. Ortsbereisungen des Badischen Staates. 1902 Heilig’sche Kunstmühle wird in Fabrik (Kunstweberei) umgewandelt. 1914 Die Heilig’sche Kunstmühle brennt ab. 1919 Firma Schmidt-Predari kauft die mit einer beträchtlichen Wasserkraftanlage ausgestattete Weberei Heilig und möchte Oberuhldingen, Unteruhldingen und Mühlhofen mit elektrischem Licht und Kraft versorgen, Ortsbereisungen des Badischen Staates. 1925/26 Ca. 50 Hausbesitzer haben einen fünf-Jahres-Vertrag mit dem örtlichem Elektrizitätswerk geschlossen, 16 Hausbesitzer bilden eine eigene Lichtgenossenschaft mit Anschluss an das Badenwerk. Nach 1945 Einrichtung verschiedener Fabrikanlagen auf dem Gelände, zuletzt Firma Zimber-Morath, Metallproduktion. 2005 Abriss der alten Fabrikgebäude entlang der Aach. 2006 Beginn der Bauarbeiten für die Seniorenwohnanlage Oberuhldingen.

Abb. 4 (oben): L 10, Mühlradschaufel, links, L 11 Mühlrad-(?)fragment, rechts, nach Bergung in ungereinigtem Zustand.

Abb. 5 (unten): Freilegung der Spalthölzer und Bergung der Mühlradschaufel L10. Mitte rechts unten P7 (1014 n. Chr.).

Auf dem Bauareal stießen die Arbeiter Anfang November 2006 zunächst in etwa 3 – 4 m Tiefe im Westen (Abb. 3) auf verschwemmte, unbearbeitete Hölzer und am Südrand der Baugrube auf Reste des neuzeitlichen nördlichen Mühlkanals aus Rorschacher Sandstein, der auf der alten Gemeindekarten verzeichnet war. Unter den am Grubenrand von den Bauarbeitern abgelegten und oftmals zerrissenen Hölzern zeigten sich bald morphologisch interessante Stücke mit Zuarbei-

tungen, Zapflöchern und Aussparungen, darunter auch ein geschwungen ausgearbeitetes Holz, welches als Teil eines Antriebs oder Mühlrades anzusprechen war (Abb. 4). Vor dem Bagger und dem stets nachfliessendem Wasser konnte ohne größere begleitende Pumpmaßnahmen nur eine grobe Lokalisierung, Einmessung und fotografische Dokumentation der Reste vorgenommen werden (Abb. 5).

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Zone 1:

Z3 Z2

Z1

Zone 4

Aus einem tief ausgebaggerten Loch im nordwestlichen Bereich stammen zwei bearbeitete Hölzer, vermutlich vom „Mühlenwerk“, die von den Baggerfahrern an den Grubenrand gelegt wurden (L9 und L11). Beide bestehen aus Eichenholz. L9 besitzt den Rest einer Eisenklammer und ist mit zwei Dübeln bestückt. L11 weist ein großes Zapfloch im Bereich eines verstärkten Mittelteils auf und lässt sowohl Dübellöcher mit noch darin steckenden Verzapfungen als auch Aussparungen für das Einsetzen von „Mühlradschaufeln“ erkennen.

Bis zu 5 cm herausstehende Dübel auf der Außenseite lassen sicher auch die Interpretation einer anderen Verwendung, evtl. im Räderwerk einer Mühlenanlage zu. Beide Hölzer sind bislang undatiert (Abb. 6, Abb. 7).

Zone 2: Fundort 2, etwa 10 m südlich davon, umfasste eine Reihe senkrecht stehender Eichenspalthölzer von 11 bis ca. 15 cm Stärke. Sie waren etwa parallel zur Längswand der Baugrube gepfählt angetroffen worden (Abb. 5, Abb. 7). Die Messungen im Labor

Hemmenhofen ergaben Waldkantendaten von 1014 n. Chr. Ein als Mühlradschaufel interpretiertes Holz, bislang undatiert, trat etwa zur Mitte der Pfostensetzung etwa 80 cm darüber im kiesigen Sediment auf (Abb. 5). Nach der Holzartbestimmung und morphologisch ist es aus Eiche und wie auf der Abbildung ersichtlich mit den Resten von drei Dübellöchern mit Durchmesser von 22 mm und 2 ovalen Löchern mit Durchmesser von 30 und 33 mm versehen und weist bei einer Länge von insgesamt 100 cm einen dornartigen Fortsatz von etwa 5 – 6 cm Stärke auf. Offensichtlich wurde das Holz nach seinem

Einsatz einer Sekundärverwendung zugeführt, da solche Aussparungen an einem Mühlradbrett untypisch sind. Es zeigt aufgrund seiner Erscheinungsform starke Parallelen zu ähnlichen Mühlenwerken – etwa aus dem bayrischen Raum aus der zweiten Hälfte des 1. nachchristlichen Jahrtausends – auf4.

zur Aufnahme von schräg eingesetzten Verbindungshölzern. Auffällig ist eine sehr sorgfältige und wohl nachträglich mit Zapfen versicherte Ausarbeitung der Hölzer (Skizze Abb. 6). Es ist allem Anschein nach wie die anderen Bauteile nachträglich verschwemmt und sekundär abgelagert worden.

Zone 3:

Zone 4:

Von einer dritten Fundstelle aus leicht höherer Lage stammen weitere Hölzer, u.a. ein aufwendig bearbeitetes Kantholz aus Eiche mit Zapfhölzern und mächtigen Aussparungen

An Fundstelle 4 (Abb. 9) kamen die Reste eines SO-NW verlaufenden Querkanals zum Mühlengerinne mit Fichtenbrettern auf Grundkonstruktion zutage. Die aus der noch in situ befindlichen Unterkonstruktion und den Randbrettern entnommenen Scheibenproben von Brettern, die z.T. im Original zum Teil noch eine Länge von 4,40 m aufwiesen, ergaben Daten, die eine Bauaktivität am Ende des 17. Jh. mit Splintgrenzdatierung 1677 +/– 10 Jahre belegten.

Abb. 7 (links): Schaufel und Mühlradfragment nach der Reinigung aus Fundzone 1.

Abb. 8 (links unten): Bergung P 7. Abb. 9 (unten): Lage des Querkanals aus dem Ende des 17. Jh. am Ostrand der Grube.

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Herzig, F. u.a. 1997; Fries-Knoblach 2006, 385f.; Liebert 2003

Maßstab 1:50

Abb. 6: Lageplan und Skizzen von Bauelementen (u. a. L11).

Maßstab 1:40

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Maßstab 1:20

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Form und Konstruktion des Bretterkanals, der wohl nach seinem Gefälle zur Aach eine seitliche Ableitung vom Hauptmühlenkanal zur Aach darstellte, ließen deutliche Parallelen zum Zuführungskanal der Mühlhofer Papiermühle des Klosters Salem erkennen, der – gleichfalls etwa 4 m breit – auf Unterzügen mit Brettern konstruiert und mit Seitenwänden aus Fichtenund Eichenholz versehen worden war (Abb. 10). Es hatte nach der Erfahrung aus der Mühlhofer Sondage gar den Anschein, als ob gar die gleichen Handwerker für beide Bauwerke angesetzt worden waren, was ja auch die dendrochronologische eng beieinanderliegende Datenserie mit Splintholzgrenze 1677 + 10 für Oberuhldingen und 1680 bzw. 1688/89 für Mühlhofen und der gleiche Auftraggeber vermuten lässt5. Zusammenfassend konnte die historische Quellensituation innerhalb UhldingenMühlhofens somit an zwei Stellen ergänzt bzw. erweitert werden. Zum einen wurden wohl mit dem Seitenkanal ein Teil der Baumaßnahmen Abt Emmanuels von Salem nach

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dem Brand in der Mühle 1686 dokumentiert. Ob sich die gefundenen hölzernen Mühlenteile den früheren Bauwerken des 11.–13. Jh. oder einer späteren Anlage zurechnen lassen, wird die weitere dendrochronologische Bearbeitung zeigen müssen. Das wichtige Ergebnis der Sondage besteht jedoch darin, dass mit Datum 1014 n. Chr. die bereits bestehende historische Ausgangssituation für Ober- und Unteruhldingen gestützt bzw. noch fast 100 Jahre nach hinten verlängert werden konnten. Die neuen Daten für das 11. Jh., vielleicht schon für die Happenmühle oder „Happinmuhli“, liegen noch vor der Gründung des Klosters Salem, korrespondieren mit der Ersterwähnung des Ortes und versprechen eine weiterhin spannende Auseinandersetzung mit den historischen Anfängen der Pfahlbaugemeinde.

Literatur Fries-Knoblach, J. (2006) Hausbau und Siedlungen der Bajuwaren bis zur Urbanisierung. Bayrische Vorgeschichtsbl. 71, 339–430.

Neues aus dem Forschungsinstitut für Vor- und Frühgeschichte Unteruhldingen

Herzig F./Liebert, Th./Nadler, M. (1998) Die Müller Kars des Großen – frühmittelalterliche Wassermühlen im Schwarzachtal bei Groß Höbing. Arch. Jahr Bayern 1997, 143–146. Liebert, Th. (2003) Neue Feuchtbodenbefunde im Schwarzachtal bei Groß Höbing, Landreis Roth – ein Vorbericht. Beitr. Archäologie Mittelfranken 7, 67–75. Schöbel, G. (1999) Reste einer mittelalterlichen Brücke über die Seefelder Aach bei Oberuhldingen, Gem. Uhldingen-Mühlhofen, Bodenseekreis. Plattform 7/8, 128. Schöbel, G./Walter, P. (2000) Der Gewerbekanal im Mühlhofener Aachkanal, ein gut erhaltenes Zeugnis der Industriegeschichte Mühlhofens. Plattform 9/10, 107–112.

 Aus einer Privatsammlung wurde dem Pfahlbaumuseum eine Tüllenpfeilspitze mit 2,9 cm Länge zur Begutachtung vom Fundort „Alt-Heiligenberg“, Gem. Heiligenberg, Bodenseekreis, übergeben (Abb. 1). Sie ist der frühkeltischen Periode (5. Jh. v. Chr.) und somit den typologischen Stufen der Hallstatt D bis La Tène A zuzuordnen. Mit bereits aktenkundigen mittelbronzezeitlichen Funden von dort und urnenfelderzeitlichen Befunden aus dem 19. Jh. verdichten sich dort die Belege für die Existenz einer Höhensiedlung während der Bronze- und Eisenzeit. Verbleib: Privatsammlung Hübschle, Heiligenberg

Abbildungen Abb. 2: Gemeindearchiv UhldingenMühlhofen Abb. 6: Skizze R. Auer Abb. 1, 3 – 5, 7 – 10: PM/G. Schöbel

Abb. 10: Reste des Querkanals aus dem 17. Jh.

Abb. 1: Eiserne Tüllenpfeilspitze vom „Altheiligenberg“, Gemeinde Heiligenberg, Lkr. Bodenseekreis. M: 1:1.

Die Daten entstammen der Untersuchung des dendrochronologischen Labors des Regierungspräsidiums Stuttgarts des Landesamtes für Denkmalpflege Hemmenhofen. Ich danke Herrn Dr. André Billamboz und dem Sachbearbeiter Herrn S. Späth für die freundliche Überlassung der Daten der Hölzer aus der Notgrabung des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen.

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3 cm

 Aus der Baugrube für die Erweiterung des Kieswerks Flur „Kogenbach“ in der Nähe der altbekannten Grabhügel im „Hardtwald“ bei Salem, Lkr. Bodenseekreis, konnte der Privatsammler Winfried Lichtscheidel einige Scherben der Hallstattzeit aus der östlichen Grubenwand sichern. Da keine detaillierte Befunddokumentation hierzu vorliegt, kann vorläufig nicht entschieden werden, ob die Scherben aus dem Bereich ehemaliger Hügelschüttungen oder aber von einer Siedlungsaktivität in diesem Bereich stammen. Es ist weiter ein Bruchstück eines sog. Hallstatt C-zeitlichen Kragenrandgefäßes aus der Sammlung Hübschle, Heiligenberg nachgewiesen. Verbleib: Privatsammlungen Lichtscheidel, Langenargen und Hübschle, Heiligenberg.  Am 25.01.2006 fand Gebietsreferent Dr. Frieder Klein, Denkmalpflege des Regierungspräsidiums Tübingen, im Kies am Fuß der südöstlichen Hafenmole von Unteruhldingen, Lkr. Bodenseekreis, eine jungneolithische Axt (Abb. 2). Die in der Nähe belegte jungsteinzeitliche Siedlung ist seit dem 19. Jh. bekannt. Eventuell stammt der Fund, der an der Basis der Hafenmole angetroffen wurde, aus dem heute nur noch in Spuren nachweisbaren steinzeitlichen Pfahlfeld im Anschluss daran. Möglicherweise geriet die Axt bei Unterhaltungsarbeiten an der Kiesschüttung in den Molenfuß.

5 cm

Abb. 2: Der Pfahlbaufund einer durchlochten Axt aus Stein, Unteruhldingen, Gemeinde Uhldingen-Mühlhofen, Lkr. Bodenseekreis. Verbleib: Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, Referat 25 im Regierungspräsidium Tübingen, Archäologische Denkmalpflege  Aus einer Überlinger Privatsammlung wurde dem Pfahlbaumuseum eine mit zwei Eisennieten versehene Henkelattasche eines Bronzegefäßes mit dreifach geripptem Bandhenkel – Henkelaufsatz aus Bronzeguss mit noch innen liegendem Eisenring und Fragmenten desselben – übergeben (Abb. 3). Länge 6,3 cm, ø Eisenring 1,5 cm, Abstand der Eisennieten 6,6 cm. Das Stück wurde in Salem, Lkr. Bodenseekreis, am 12.02.2005 im nördlichen Bereich von Hügel F im wieder aufgeschütteten Hügelfuß gefunden. Vermutlich ist es dort nach den Ausgrabungen des 19. Jh. unbeachtet liegen

geblieben. Nach Prüfung der Ortsakten und der Aufzeichnungen bei Wagner (1885, Taf. III, 21) passt das Stück zum Bronzegefäß, InventarNr. C 2885 im Badischen Landesmuseum Karlsruhe, das die Funde der Altgrabungen verwahrt. Die Nietlöcher entsprechen in ihren Abständen den Abständen der noch in der Attache steckenden Nieten. Dieser Fund ist im Besonderen bemerkenswert, da ein vergleichbares Objekt aus dem Fürstengrabenhügel Hohmichele (Grab VI) bei Hundersingen an der Donau vorliegt. Der Fund ist dazu angetan, die Diskussion um späthallstättische Fürstenzentren am Bodensee wieder anzustoßen. Voraussetzung hierfür wäre allerdings die Aufarbeitung der Altgrabung am eponymen Fundort der frühhallstättischen AlbSalemer Gruppe. Verbleib: Pfahlbaumuseum Unteruhldingen

Abb. 3: Henkelattasche eines späthallstättischen Bronzekessels, Oberflächenfund 2005, Salem, Lkr. Bodenseekreis.  Im Zuge der Neuaufnahme der Archivbestände des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen konnten für das Fundmagazin bislang 127.756 Objekte erfasst werden.  Wenke Hoyer vom Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Universität Basel hat im Juni 2007 mit der Aufnahme der Grabungsunterlagen Egolzwil II aus dem Wauwiler Moor im Archiv des Museums begonnen.  Hinsichtlich einer Recherche zu Prof. Antoniewicz an der Universität Warschau konnte das Museum unterstützend helfen.  Eine Anfrage seitens der Universität Basel zu Informationen hinsichtlich Herrn W. Mähling war anhand des Personenaktenbestandes im Archiv des Museums erfolgreich.

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 Zur Erarbeitung einer Forschungsgeschichte des Vor- und Frühgeschichtlichen Instituts an der Universität Berlin konnten Auskünfte an die Humboldt-Universität anhand des Personenregisters im Archiv gegeben werden.

Abb. 4: Jungneolithisches Steinbeil aus der Argen, Fundjahr ca. 1965, Schomburg, Lkr. Ravensburg.

Abb. 5: Pfynzeitliche flache Hammeraxt aus Serpentin aus dem Mündungsgebiet der Seefelder Aach, 5 cm

Oberflächenfund 70er Jahre des 20 Jh. Unteruhldingen, Lkr. Bodenseekreis. 5 cm

 Für die Pädagogische Hochschule Weingarten erfolgte die Betreuung einer Semesterarbeit und einer Evaluation zu Themen des Pfahlbaumuseums.  Die Ausarbeitung einer Regionalchronik für Unteruhldingen an der Universität Konstanz konnte seitens des Pfahlbaumuseums in Auftrag gegeben und fortlaufend betreut werden.  Als „Wohnzimmerfund“ konnte ein geschliffenes Steinbeil mit leichter moderner Beschädigung und gepickter Schneide aus der unteren Argen stammend, Fundjahr ca. 1965 übernommen werden (Abb. 4). Geborgen wurde das Fundstück in einem Flussübergang bei Schomburg, Lkr. Ravensburg. Es besitzt eine grüngraue Farbe. Seine Maße: Länge 17,0 cm, Schneidenbreite 6,3 cm, Stärke 4,7 auf 4,3 cm im Mittelabschnitt. Es ergänzt für den Bodensee die Fundkarte dieser jungneolithischen Beilform mit spitzem Nacken im bisher für die Jungsteinzeit fundarmen Nordosten des Bodenseeraums Richtung Allgäu. Verbleib: Pfahlbaumuseum Unteruhldingen

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5 cm

 Am 10. März 2008 übergab Frau Fridel Ulbrich, Schulstr. 8a, 88690 Uhldingen-Mühlhofen, Lkr. Bodenseekreis, dem Pfahlbaumuseum Unteruhldingen das Fragment einer Pfyner Hammeraxt, das sie Anfang der 70er Jahre bei einem Spaziergang auf der zur Winterszeit trocken gefallenen Strandplatte ca. 200 m südlich der Mündung der Seefelder Aach auf Unteruhldinger Gemarkung gefunden hatte (Abb. 5). Weiteres Fundmaterial konnte sie an dieser Stelle damals nicht erkennen.

Die Axt (Inv.-Nr. P-22692) ist etwa zur Hälfte erhalten (Länge 9,4 cm, Breite 4,9 cm, Dicke am Bohrloch 2,6 cm, Gewicht 165 g). Sie besteht aus dunkelgrünem Serpentinit, ein Gestein, das in den Schweizer Alpen im Bereich Selva/Kanton Graubünden, Region Poschiavo und am Gotthard/Kanton Uri, in der Nähe von Hospental vorkommt. Gelegentlich finden sich auch im Bodenseebereich Serpentin- oder Serpentinitgerölle, die bei den Gletschervorstößen der letzten Eiszeiten nach Südwestdeutschland verfrachtet wurden.

Sowohl auf der Ober- als auch auf der Unterseite verläuft ein V-förmiges Rillenpaar vom Bohrloch (ø 2,4 cm) zur Schneide hin. Die obere und untere Schneidenkante wurden sekundär auch im Bereich der Rillen nachgeschliffen und dabei abgeflacht. Ob die Rillen ursprünglich an der Schneidenkante zusammen liefen, ist daher unsicher. Da sie sich jedoch zur Schneide hin spitz verjüngen, ist es unwahrscheinlich, dass sie zusammen geführt wurden. Eine weitere Abflachung ist an einer Außenseite der Axt im Bereich des Bohrloches vorhanden, sie kann durch Abnutzung/Scheuern entstanden sein, z.B. wenn die Axt an einer Hauswand aufgehängt war.

Zápotock´y ordnet diese Äxte seinem Typ „F-Axt, Untergruppe I A, Schneidenform 2“ zu (Zápotock´y 1991 und 1992, 20 – 25). Der Fundtyp datiert mehrheitlich in den mittleren Horizont der Pfyner und der Michelsberger Kultur (Ende Michelsberger Kultur II-Übergang zu Michelsberger Kultur III/IV), dendrochronologisch fixierbar um 3850–3740 v. Chr. (Willms 1982; Zápotock´y 1992, 39). Parallelen finden sich am Bodenseeraum in Bodman (Zápotock´y 1992, Taf. 2.10) und in der Schweiz in Thayngen-Weiher (Zápotock´y 1992, Taf. 6,13). In den letzten Jahren wurden zwischen dem Pfahlbaumuseum und der Mündung der Seefelder Aach mehrfach Fundstreuungen zeitlich nicht bestimmbarer Keramik, Knochen und Silices festgestellt. Der Fund der Pfyner Axt, die nicht verrollt ist und somit kaum über weitere Strecken verfrachtet worden sein wird, verstärkt nun den Eindruck, dass in diesem Bereich mit bislang unbekannten Kulturschichten des Jungneolithikums zu rechnen ist.  Dem Pfahlbaumuseum wurde 2006 eine Eichenprobe von einem Acker zwischen Grasbeuren und Schiggendorf, Gemeinde Salem, Bodenseekreis zur Bewertung übergeben, die bei Aushubarbeiten an der Seefelder Aach vor 10 Jahren geborgen wurde. Nach der morphologischen Zuordnung handelt es sich um ein Stück Kernholz eines Baumes. Eine Bearbeitung war an der Probe ohne Splintholz nicht mehr ersichtlich. Die Kerndatierung

durch das dendrochronologische Labor Hemmenhofen fiel auf das Jahr 1001 v. Chr. Es handelt sich dabei um eine Eiche aus der Spätbronzezeit, die wohl im Zuge einer Überschwemmung in einen Altarm der Seefelder Aach gelangt ist und sich zusammen mit anderen Bruchstücken von Hölzern dort – wie berichtet wird – erhalten hat.  Zwei weitere Proben wurden dem Pfahlbaumuseum 2006 aus einem Acker bei Grasbeuren, Gemeinde Salem, Bodenseekreis nahe der Aach geborgen, übergeben. Auch von diesen Proben wurden durch das dendrochronologische Labor Hemmenhofen des Landesamtes für Denkmalpflege des Regierungspräsidiums Stuttgart Datierungen erzeugt. Sie ergaben bei vorliegendem Kernholz eine Zeitbestimmung für das Jahr 1233 n. Chr. Dies macht eine Sedimentierung des Holzes in der zweiten Hälfte bzw. am Ende des 13. Jh. wahrscheinlich. Beide Hölzer zeigen, wie auch weitere Notbergungen entlang der Aach, dass die Flusstäler mit ihrer Feuchterhaltung in tieferen Schichten noch äußerst wichtige Archive für die Bau- und Umweltgeschichte des Bodenseehinterlandes darstellen.

 Eine Anfrage des HannahAhrend-Institutes in Dresden zu Personen der Forschungsgeschichte der Archäologie (Georg Bierbaum, Walter Frenzel) wurde bearbeitet.

Abbildungen Abb. 1 – 4: PM/Schöbel Abb. 5: PM/Walter. Literatur Eckhardt, H. (1996) Pfeil und

 Die Bearbeitung einer Biografie von Herbert Kühn durch das Institut für Geschichte, Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Bremen wurde vom Pfahlbaumuseum unterstützt.

Bogen. Eine archäologisch-

 Herr Dr. Köninger vom Landesamt für Denkmalpflege beim Regierungspräsidium Stuttgart, wurde bei den fortlaufenden taucharchäologischen Untersuchungen der spätbronzezeitlichen Siedlung Unteruhldingen-Stollenwiesen 2006 – 2008 logistisch geholfen. Anschriften der Verfas-

Heiligenberg, Bodenseekreis.

ser

axtkulturen im mitteleuropäischen

technologische Untersuchung zu urnenfelder- und hallstattzeitlichen Befunden. Internationale Archäologie. Rahden/Westf. Schöbel, G. (1999) Spuren einer mittelbronzezeitlichen Höhensiedlung auf Alt-Heiligenberg, Gemeinde Plattform 7/8, 126 – 127. Wagner, E. (1885) Flachgräber und Friedhöfe in Baden. Willms, Chr. (1982) Die chronologische Fixierung der Flachen Hammeräxte aus südlicher Sicht. Jahrb. Schweizerische Gesellschaft Ur- und Frühgeschichte 65, 7 – 21. Zápotock´y, M. (1991) Frühe StreitÄneolithikum. In: J. Lichardus

Dr. Gunter Schöbel (Hrsg.), Die Kupferzeit als historiPeter Walter M.A. sche Epoche. Symposium Pfahlbaumuseum Unteruhldingen Saarbrücken/Otzenhausen 1988. Strandpromenade 6 Saarbrücker Beitr. Altkunde 55 D - 88690 Uhldingen-Mühlhofen (Bonn) 465 – 476. [email protected] Zápotock´y, M. (1992) Streitäxte des [email protected] mitteleuropäischen Äneolithikums. In: Kossack, G./Martin, M./Ulbert, G. (Hrsg.), Quellen und Forschungen zur prähistorischen und provinzialrömischen Archäologie, Bd. 6. Weinheim.

 Der dänische Kollege Anders Otte Stensager, Kopenhagen, wurde bei seinen Recherchen über die Archäologen Johannes Bröndsted und H. C. Broholm vom Pfahlbaumuseum unterstützt.

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Vereinsnachrichten

2006

Pfahlbautagung 2006 Abb. 1: Mitgliederversammlung am 28. Oktober 2006 in Unteruhldingen. Der erste Vorsitzende Uwe Jabs eröffnet die Veranstaltung.

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Abb. 2: Ehrung von Herrn Jochen Haaga für 56 Jahre Mitgliedschaft der Sparkasse Salem-Heiligenberg. Abb. 3: Frau Oda Andereggen erhält für 51 Jahre Mitgliedschaft ein gerahmtes OriginalReprint des Pfahlbauplakates von 1931. Abb. 4: Axel Huber von der Universität Konstanz erläutert in einem Vortrag die neuesten Forschungsergebnisse zur historischen Gemeinde Uhldingen-Mühlhofen.

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Abb. 5: Erläuterung der alamannischen Pressblechfibel aus dem 7. Jh. von Unteruhldingen mit idealisierter Christusdarstellung. Abb. 6: Blick in den Tagungsraum. Abb. 7: Besichtigung des neuen Museumsgebäudes, Schulstraße 13.

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Abb. 8: Rudolf Dimmeler, 1. Vorstand des Hagnauer Heimat- und Geschichtsvereins, erklärt das Heimatmuseum der Gemeinde Hagnau. Abb. 9: Führung im Untergrund der Winzereigenossenschaft Hagnau durch Herrn Fritz Baur. Abb. 10: Heinrich Hansjakob als schauspielerische Darstellung im Gwandhaus Hagnau durch Roland Gotterbarm.

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Am 28. Oktober 2006 kamen fast 100 Mitglieder des Pfahlbauvereins zur Jahrestagung nach Unteruhldingen bzw. Hagnau. Am Vormittag fand im Vortragssaal des Pfahlbaumuseums die Mitgliederversammlung statt. Danach trug Axel Huber (Uni Konstanz), der z. Z. im Auftrag des Pfahlbaumuseums die Ortsgeschichte von Unteruhldingen erforscht, die ersten Ergebnisse seiner Arbeit vor. In der Mittagspause konnten sich die Teilnehmer mit einem vorzüglichen Eintopf stärken und dann das vom Pfahlbauverein vor kurzem für ein geplantes Fischereimuseum erworbene Haus in der Unteruhldinger Schulstraße besichtigen. Am Nachmittag fuhren die Mitglieder nach Hagnau. Aufgeteilt in drei Gruppen wurden die bedeutendsten Sehenswürdigkeiten des bekannten Weinortes am nördlichen Bodenseeufer besichtigt. Der Winzer Fritz Baur machte in der Kellerei der Winzergenossenschaft die Besucher mit dem Weinbau und der Weinherstellung vertraut. Rudolf Dimmeler, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins von Hagnau und Vorstandsmitglied des Pfahlbauvereins, führte durch das Heimatmuseum, in dessen Mittelpunkt das Leben und Wirken von Pfarrer Dr. Heinrich Hansjakob steht, der 1881 in Hagnau die erste badische Winzergenossenschaft gründete und auch als Schriftsteller bekannt wurde.

Durch das alte Hagnau führte Bärbel Gotterbarm. Der Rundgang umfasste den Uferbereich mit der Fundstelle einer bronzezeitlichen Pfahlbausiedlung sowie die vielen historischen Gebäude im Ortskern. Im neuen Winzerhaus kam man danach wieder zusammen. Hier wurden die Gäste von Frau Meichle, Bürgermeisterstellvertreterin des Ortes, begrüßt. Den folgenden Lichtbildervortrag über die Vereinsreise nach Italien vom vorausgegangenen Jahr kommentierte Museumsdirektor Dr. Gunter Schöbel.

Am Ende der Veranstaltung waren sich die Teilnehmer einig, dass diese Pfahlbautagung ein Erfolg war, auch wenn man dieses Mal nur eine kleine Reise innerhalb der Bodenseeregion unternommen hatte. Dieter Ecker, Schriftführer

Nach dem Abendessen im Winzerhaus wurden die Teilnehmer in die nahe Kirche gebeten. Dort überraschte sie Roland Gotterbarm durch eine Predigt von der Kanzel herunter mit gewaltigen Worten, die vom ehemaligen Pfarrer Dr. Heinrich Hansjakob stammten. Bei der abschließenden Weinprobe im Winzerhaus trat Roland Gotterbarm, auch Vorstandsmitglied des örtlichen Heimatvereins, nochmals mit szenischen Darbietungen auf. Zwischen den einzelnen Gängen trug er Texte aus den Werken von Hansjakob vor, wie und warum dieser an den See kam, über die Hagnauer, über sein Verhältnis zur Obrigkeit sowie einige weitere Anekdoten, die sein Leben und Wirken in dem Bodenseeort gelungen veranschaulichten.

Abbildungen 1 – 14: PM/G. Schöbel

Plattform 155

Vereinsnachrichten

Protokoll der Mitgliederversammlung vom 28. Oktober 2006 in Unteruhldingen – Kurzfassung 1. Der Vorsitzende, Herr Uwe Jabs, begrüßt die Anwesenden, insbesondere den Ehrenvorsitzenden Hans-Erwin Wende mit Gattin, das Ehrenmitglied Franz Bußmann, Herrn Bürgermeister Lamm und Herrn Dr. Trepte als Vertreter des Gemeinderates.. 2. Herr Jabs berichtet von der Arbeit des Vorstandes ( Sitzungen, Grundstückskauf), vom Aktionstag mit Pfahlbau-Halbmarathon, bei dem viele Mitglieder aktiv beteiligt waren sowie vom Kinderclub. Die Zahl der Mitglieder betrage derzeit 594. Dann liest Herr Jabs die Namen von 6 Mitgliedern vor, die seit der letzten Mitgliederversammlung verstorben sind und bittet die Anwesenden, sich zu deren Ehren zu erheben.

3. Museumsdirektor Dr. Schöbel zeigt Lichtbilder zu seinem Bericht, der die wichtigsten Ereignisse seit der letzten Mitgliederversammlung umfasst: • EU-Projekt „Delphi“ mit 20 Stationen an einem 2 km langen Zeitweg und dem „Haus der Fragen" • Herausgabe der Zeitschrift „Plattform" • Einrichtung einer Wetterstation und einer Webcam • Handwerkertag • Luftaufnahmen von Herrn Mende (Nussdorf) • Vortragsreihe in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt des Bodenseekreises an sechs Abenden • Schülerprojekte • Kinderferienprogramm • Besuch von Bundespräsident Horst Köhler und Ministerpräsident Günther Oettinger am 5. Juni 2006 • Steinzeitprojekt in Zusammenarbeit mit dem SWR (Sendestart Mai 2007), bei dem 13 Personen neun Wochen in drei Pfahlbauhäusern verbrachten. • Besucherzahlen 2005 (268.931 = + 1,7 %) • Werbung bei Schulen, Tourismusstellen, Zimmervermietern, Busunternehmern und in Medien • Parkplatz- und Verkehrsanbindungsprobleme (Entwicklung eines gemeinsamen Projektes mit der Gemeinde) • Errichtung neuer Ortseingangstafeln • Pfahlbau-Halbmarathon • Projekt „Schifffahrt- und Fischereimuseum" (zu diesem Zweck wurde das Haus „Schulstraße 13“ gekauft). Am Ende seines Berichtes dankt Herr Dr. Schöbel allen, die zum Gelingen des gemeinsamen Werkes beigetragen haben: den Mitarbeitern des Museums, dem Vorstand und den Mitgliedern des Vereins.

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4. Ein Mitglied will wissen, ob der Kauf von Grundstücken keine Gefahr für die Gemeinnützigkeit des Vereins darstelle. Herr Dr. Schöbel und Herr Jabs verneinen dies, da diese Grundstücke ausschließlich wissenschaftlichen und volksbildenden Zwecken dienen werden.

Herr Haaga trägt den Bericht des Kassenprüfers Hans-Peter Knoblauch über die Kasse des Vereins vor. Dieser bescheinigt der Kassenführung die rechnerische und sachliche Richtigkeit und empfiehlt, dem Kassenführer und dem Vorstand Entlastung zu erteilen.

Ein weiteres Mitglied meint, dass das neue Museum in Konkurrenz zum Seemuseum in Kreuzlingenstehen werde. Dazu meint Herr Dr. Schöbel, das neue Museum stelle die Orts- und Regionalgeschichte dar. Unteruhldingen sei ein altes Fischerdorf und eine Schnittstelle vom Nord- zum Südufer.

Herr Jabs liest den Bericht von Herrn Markhart vor, der im September 2006 den Kassenbericht des Museums geprüft hat und keine Einwendungen gegen die Ordnungsmäßigkeit dieses Berichtes erhebt.

Ein anderes Mitglied fragt, ob vorgesehen sei, einen Teil des Grundstückes in der Schulstraße zu verkaufen. Dies sei nicht vorgesehen, antwortet Herr Dr. Schöbel. Man benötige das Grundstück, weil auf dem Museumsgelände der Platz zu eng sei. Herr Jabs stellt den Antrag, Mitglieder, die 50 Jahre und länger dem Verein angehören, beitragsfrei zu stellen. Herr Dr. Schöbel ergänzt, dies gelte nur für natürliche und nicht für institutionelle Mitglieder. Der Antrag wird ohne Gegenstimmen, bei zwei Enthaltungen, angenommen. 5. Herr Köpple berichtet ausführlich über Einnahmen und Ausgaben des Vereins. Herr Dr. Schöbel projiziert den Bericht über die Kasse des Pfahlbaumuseums an die Leinwand und erläutert die Zahlen im Einzelnen.

Bürgermeister Lamm dankt im Namen der Gemeinde dem Pfahlbauverein und dem Pfahlbaumuseum für ihre Arbeit. Die Gemeinde profitiere von dem Museum als Bildungseinrichtung und als Tourismusmagnet. Er beglückwünscht den Verein und das Museum zu ihrer soliden finanziellen Lage und beantragt die Entlastung von Kassenwart und Vorstandschaft. Vorstand und Kassenwart werden einstimmig, bei Enthaltung der Betroffenen, entlastet. 6. Herr Dr. Schöbel nennt als wichtigste Vorhaben für 2007 die Archivierungsarbeiten im Winterhalbjahr, die Fortsetzung der Erfassung von Modellwerkstatt und Fotoarchiv, den Aufbau der SWR Steinzeithäuser, Instandsetzungsarbeiten am Haus Schulstraße 13, das neue EU-Projekt „liveARCH“, die Herausgabe der „Plattform“ und die Fortsetzung der Arbeiten zur Ortsgeschichte von Uhldingen-Mühlhofen in Zusammenarbeit mit der Uni Konstanz. Dann stellt er den Haushaltsvoranschlag für 2007 vor, der Einnahmen und Ausgaben in Höhe von 1.350.000 Euro vorsieht. Der Haushaltsvoranschlag wird einstimmig angenommen.

7. Herr Jabs und Herr Dr. Schöbel nehmen die Ehrung langjähriger und verdienter Mitglieder vor. 8. Als Ort der nächsten Jahrestagung schlägt Herr Jabs Unteruhldingen vor, verbunden mit Konstanz (Rosgartenmuseum) und Kreuzlingen (Seemuseum) und als Termin die Herbstferien (26. bis 28. Oktober 2007). Die beiden Vorschläge werden von der Versammlung einstimmig angenommen. 9. Herr Dr. Schöbel dankt Herrn Rupp für die Überlassung eines Hirschgeweihs, das zur Herstellung von Werkzeugen dienen wird. Er weist auf die Kachelmann-Wetterstation und die Webcam des Pfahlbaumuseums hin. Dann stellt er ein Ausstellungsstück aus dem eigenen Archiv vor: eine bronzene Scheibe mit Silberüberzug, Teil eines Pferdegeschirrs aus den Alemannengräbern von Unteruhldingen. In der Mitte sieht man einen Christuskopf, darum herum heidnische Schlangen, die Unheil abwenden sollten.

D. Ecker, Schriftführer

Ehrungen des Pfahlbauvereins 2006 25 Jahre Mitgliedschaft: • Gertraud Schneider, Geldern (01.01.1981) • Ingeborg Wende, Nürnberg (31.05.1981) 30 Jahre Mitgliedschaft: • Dr. Klaus Bittmann, Plön (10.06.1976) • Graf Wilderich von Bodman, Bodman (02.07.1976) • Prof. Manfred Erren, Müllheim (18.08.1976) • Gustav A. Hofmann, Freiburg/Br. (01.02.1976) • Dr. Ralf Laschimke, Strassberg (26.05.1976) • Dr. Peter Mauch, Ravensburg (05.11.1976) • Peter Stoll, Vogt (05.06.1976) • Helmut Strobel, Biberach (13.05.1976) • Dr. Bernhard Zepernick, Berlin (18.05.1976) 50 Jahre Mitgliedschaft oder mehr: • Oda Andereggen, Kreuzlingen (12.06.1955) • Dr. Magdalene von Dewall, Langenargen (01.09.1954) • Fritz Förster, Uhldingen-Mühlhofen (07.11.1956) • Heimathaus der Stadt Lauingen/Donau (20.12.1955) • Reinhard Hornbostel, Hummelfeld (03.10.1956) • Dr. Gebhard Kraft, Hamburg (15.07.1954) • Dr. Christian Müller-Loeffelholtz, Uhldingen (26.07.1951) • Schlossschule Salem (18.04.1950) • Sparkasse Salem-Heiligenberg (27.04.1950) • Max Steidle, Salem (06.03.1954) • Georg Fürst von Waldburg-Zeil, Leutkirch (25.03.1954) • Josef Waldschütz, Überlingen (01.01.1951) • Stadt Überlingen (10.06.1950)

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2006 · 2007

Vereinsnachrichten

Impressionen 2006 · 2007 Abb. 1: Niedrigwasser am Bodensee. Familienspaziergang auf der trocken gefallenen Strandplatte. Januar 2006.

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Abb. 2: Durch Frostsprengung zerstörte Pfahlköpfe einer neolithischen Pfahlbausiedlung bei Unteruhldingen. Januar 2006. Abb. 3: Pfahlbauten einmal anders. Zur Erinnerung: 1999 beim Pfingsthochwasser hatte der Bodensee mit einem 3,50 m höheren Stand die Hausplattformen überspült.

Abb. 12: Ein schwäbischer Bestseller. Die Ausstellung „Rulaman – Der Steinzeitheld“ wird im Pfahlbaumuseum gezeigt. April 2006. 3

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14 Abb. 13: „Schnipfelkurs“ mit Steinzeitmessern in den Projektwochen. April 2006. Abb. 14: „Planet Wissen“. So funktionieren Fernsehaufnahmen im Einbaum vor laufender Kamera.

Abb. 4: Auswechslung der Vorpalisade im Steinzeitdorf. Februar 2006. Abb. 5: Der Kinderklub des Pfahlbauvereins zu Besuch beim Taucharchäologen. Frisch geborgene Pfahlreste werden vom Fachmann erläutert. Februar 2006. Abb. 6: Die regelmäßige Pflege des Baumbestandes im Uferhag ist zur Aufrechterhaltung der Verkehrssicherungspflicht im Museum nötig. Februar 2006. Abb. 7: Die Vogelgrippe erreicht den Bodensee. Obwohl in Unteruhldingen kein toter Vogel gefunden wird, erscheinen die Pfahlbauten auf vielen Titelblättern. Februar 2006.

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Abb. 10: Die Unterkonstruktion des Bronzezeitdorfes wird ausgewechselt.

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Abb. 15: „Planet Wissen“. So spitz ist der „Ötzi“-Dolch. Fernsehaufnahmen im Pfahlbaumuseum. April 2006. Abb. 16: Fußballweltmeisterschaft 2006 – auch in den Pfahlbauten.

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Abb. 17: Wissenswertes zur Steinzeit bei der „Kinderolympiade“. Juni 2006. Abb. 18: Der erste Pfahlbau-Halbmarathon geht durch die Freilichtanlage und verbindet auf einem Rundkurs die touristischen Highlights Schloss Salem, Affenberg und Birnau mit den Pfahlbauten. Juni 2006.

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Abb. 8: Niederwasserstand 2006. Tausende von Spaziergängern erkunden am Wochenende das neu gewonnene Ufergelände. Abb. 9: Ein für die Jahreszeit ungewöhnlicher Schneefall am 5. März 2006 führt erstmalig in der Vereinsgeschichte zum Schließen der Pfahlbauten im laufenden Betrieb wegen Unzugänglichkeit.

Abb. 11: Informationsveranstaltung für die Besucherführer des Museums in der Sonderausstellung „Rulaman“ vor der Eröffnung der Sonderausstellung.

Abb. 19: Neue Ortseingangstafeln machen auf die Pfahlbauten aufmerksam. Abb. 20: Ein neuer Einbaum für das SWR Steinzeitprojekt entsteht. Juni 2006.

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Abb. 21: Abendstimmung mit Kameraballon in den Pfahlbauten für Luftaufnahmen. Abb. 22: Das Innengerüst eines Kuppelofens ist fertig geknüpft und wartet auf die Weiterverarbeitung auf dem Projektgelände. Juni 2006.

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2006 · 2007

Vereinsnachrichten

Impressionen 2006 · 2007 Abb. 23: Dänische Feuersteinschläger besuchen die Pfahlbauten. August 2006.

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Abb. 24: Der alte Trick: Feuermachen im Pfahlbaumuseum durch Steinzeitmann „Uhldi“. Abb. 25: Geländeführung hinter dem alten Steinzeitdorf. August 2006.

Abb. 36: Die Plattform 2006 ist im Andruck fertig. Besuch der Redaktion im Druckhaus Zanker, Markdorf. Dezember 2006. 25

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Abb. 26: „Genau solche Steinbeile mit Loch haben wir in China auch!“ Professoren der Shandong-Universität besuchen das Pfahlbaumuseum. Abb. 27: Vortrag zu traditionellen Fischfangmethoden in Tibet. Die Referentin hält ein Modell eines Yakhautbootes in ihren Händen. September 2006.

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Abb. 34: Betriebsausflug auf den Höchsten. November 2006.

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Abb. 40: Verpackung und Versand der Vereinszeitschrift Plattform und der Weihnachtsgrüße. Dezember 2006.

Abb. 42: Ehrung für 20 Jahre Mitarbeit am Pfahlbaumuseum. Januar 2007. Abb. 43: Die genutzten Requisiten des Fernsehprojektes „Steinzeit – Das Experiment“ kehren in die Pfahlbauten zurück und werden inventarisiert. Januar 2007.

Abb. 32: Dach- und Verputzarbeiten in der Außenstelle des Pfahlbaumuseums, Schulstraße 13 in Unteruhldingen. Abb. 33: Morgendliche Besprechungsrunde der Stammbelegschaft im Kaffeeraum. November 2006.

Abb. 38: Türreparatur und Auswechseln durchgefaulter Angeln in der Pfahlbauwerkstatt. Dezember 2006.

Abb. 41: Live-Interview für das Radio im winterlichen Nebel am Bodensee. Dezember 2006.

Abb. 30: Seniorenprojekt in der Bronzezeit. Herstellung von Schmucknadeln. Oktober 2006. Abb. 31: Geschichtsstudenten der Universität Stuttgart begutachten herausgerissene Eichenpfähle vom Mühlenstandort Oberuhldingen, Aachbrücke. November 2006.

Abb. 37: Der besondere Fund: Eine alamannische Pressblechfibel wird im Kinderklub gezeichnet und als Modell nachgearbeitet. Dezember 2006.

Abb. 39: Inventarisation von Beständen der Modellwerkstatt des Forschungsinstitutes. Dezember 2006.

Abb. 28: Reparatur der Sturmschäden am Hornstaadhaus. Oktober 2006. Abb. 29: Das Standardangebot: Die Besucherführung in den Häusern des Pfahlbaumuseums.

Abb. 35: Bauplanung mit dem Architekten für die Erstellung des neuen Steinzeit-Filmdorfes auf dem nördlichen Museumsgelände. November 2006.

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Abb. 44: Ein Bronzezeitkrieger kehrt von der Reparatur aus der Schweiz zurück. Januar 2007. Abb. 45: Vitrinenreinigung als Winterarbeit. Januar 2007. Abb. 46: Neupfählung der Steinzeitpalisade am Überlinger Eck. Februar 2007.

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Vereinsnachrichten

Impressionen 2006 · 2007 Abb. 47: Gewagte Manöver beim Auswechseln schadhafter Bauteile. März 2007.

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Abb. 48: Prospektbörse für die Zimmervermieter am Bodensee. März 2007. Abb. 49: Die Ausbildung neuer Besucherführer. März 2007.

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Abb. 59: Zwei neue „Uhldis“ aus Mühlhofen beim „Public Viewing“ des Steinzeit-Films. Der Vertreter rechts im Bild kommt original aus Sizilien. Mai 2007. Abb. 60: Zwei der fünf neuen Ziegen des Pfahlbaumuseums mit ihren jugendlichen Betreuerinnen. Juli 2007.

Abb. 50: Überholung und Erneuerung der Bronzezeitfigurinen durch den Künstler. März 2007.

Abb. 61: Stolz präsentiert der Fischer in der Morgensonne ein Teil seines Fanges bei den Pfahlbauten. Juli 2007.

Abb. 51: In Windeseile werden die vom Set zurückgekehrten Filmhäuser in Unteruhldingen wieder aufgebaut. Dachdeckung. April 2007.

Abb. 62: Der Pfahlbauteller. Kreationen der örtlichen Gastronomie von der Pfahlbaupizza bis zum Steinzeitfelchen anlässlich des Museumsfestes. Juli 2007.

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Abb. 52: Eine neue Bronzezeitfigur des Museums grüßt am Hafen die ankommenden Gäste. April 2007.

Abb. 63: Steinzeitmenschen wohnen im Pfahlbaumuseum. Juli 2007.

Abb. 53: Das neue Steinzeit-Filmdorf im Entstehen. April 2007.

Abb. 64: Wie man auf 20 Arten Feuer ohne Streichholz macht, erfahren Sie im Pfahlbaumuseum. Juli 2007.

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Abb. 54: Steinzeitversuche für den Film: Wie sieht ein überfeuerter Ofen aus? April 2007. Abb. 55: Ein unverhofftes Fundstück beim Ausräumen des alten Ausstellungsraums. Unter einem Siedlungsmodell erscheint ein alamannischer Bauernhof der Modellwerkstatt des Reichsbundes für Deutsche Vorgeschichte, Baujahr 1941.

Abb. 65: Die Steinzeitfamilie bewohnt ihr in Unteruhldingen wiedererstelltes Filmdorf.

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Abb. 67: So einfach geht das Worfeln. Didaktische Einheit mit fachlicher Beratung. Juli 2007.

Abb. 56: Die abgenommenen Wandverzierungen vom Filmset des Steinzeit-Tagebuches werden 1:1 auf die wiedererrichteten Häuser in Unteruhldingen übertragen. Mai 2007.

Abb. 68: Vorbereitungen zum Schaubrand von Pfyner Keramik. Juli 2007. 57

Abb. 57: Richtfest am neuen Holzschuppen. 14. Mai 2007. Abb. 58: Nachfertigung von „Beinlingen“, Ledergewändern und Leinentextilien mit fachlicher Unterstützung. Mai 2007.

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Abb. 66: Mit diesen Sicheln wurde in der Steinzeit Getreide geschnitten. Demonstration. Museumsfest. Juli 2007.

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Abb. 69: Ansturm auf den Brotbackstand. Juli 2007. Abb. 70: Wie war das eigentlich in der Steinzeit? Die Probanden des Films erteilen bereitwillig Auskunft. Juli 2007.

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2006 · 2007

Vereinsnachrichten

Impressionen 2006 · 2007 Abb. 71: Woher weiß die Archäologie, was die Menschen damals gegessen haben? Erläuterung anhand von Grabungsfunden und Werkzeugrekonstruktionen.

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2007

Pfahlbautagung 2007

Abb. 72: Kopfbedeckung einmal anders. Juli 2007. Abb. 73: Schülerprojekt im Pfahlbaumuseum. September 2007.

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Abb. 74: Wenn man vorsichtig bohrt, dann gelingt die Perle. Schülerprojekt Oktober 2007. Abb. 75: Nachtübung der Feuerwehr am Museumsgebäude, Schulstraße 13, Oktober 2007.

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In seiner Begrüßung gratulierte der Bürgermeister dem Museum und dem Pfahlbauverein für ihre erfolgreiche Arbeit und dankte für die gute Zusammenarbeit mit der Gemeinde Uhldingen-Mühlhofen.

Abb. 76: Der Zeitweg mit Informationen zu 10.000 Jahren Unteruhldingen wird rege angenommen. November 2007. Abb. 77: Abendstimmung in den Pfahlbauten. November 2007.

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Abb. 78: Hofpflasterung auf dem Werkstattgelände. November 2007. Abb. 79: Umverpacken der Glasplatten-Negative und Archivierung nach konservatorischen Gesichtspunkten. November 2007.

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Abb. 80: Betriebsausflug in das INATURA in Dornbirn, Österreich. November 2007. Abb. 81: Besucherführung im INATURA. Wissenswertes über den Naturraum Bodensee wird vermittelt. November 2007. Abb. 82: Der Kinderklub des Pfahlbauvereins bei der Fertigung von Schilfbooten im Modell nach ethnografischen Vorbildern. Dezember 2007.

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Zur 72. Jahrestagung hatte der Verein für Pfahlbau- und Heimatkunde seine Mitglieder nach Unteruhldingen eingeladen. Im Vortragssaal des Museums fand zuerst die Mitgliederversammlung statt. Der Vorsitzende Uwe Jabs begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste, darunter Bürgermeister Lamm, Bürgermeisterstellvertreter Dr. Trepte und das Ehrenmitglied Franz Bußmann.

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Museumsdirektor Dr. Gunter Schöbel berichtete von den vielfältigen Arbeiten, die die 49 Mitarbeiter des Museums seit der letzten Mitgliederversammlung zu bewältigen hatten. Im Mittelpunkt seines mit Lichtbildern untermalten Vortrages stand dabei das Fernsehprojekt „Steinzeit – Das Experiment“ des SWR. Die für die Fernsehaufnahmen vom Personal des Pfahlbaumuseums in der Nähe von Ravensburg errichteten Häuser wurden inzwischen dort abgebaut und im Museumsgelände originalgetreu wieder aufgebaut. Das gesamte Filmset wird bis 2008 im Museum in einer Sonderausstellung gezeigt.

Abbildungen Abb. 8: PM/A. Mende Abb. 12: PM/F. Schultz-Friese Abb. 15: PM/H. P. Walter Abb. 18, 52, 59: PM/F. Schultz-Friese Abb. 24, 29, 72:PM/F. Müller Abb. 42: PM/P. Walter Alle anderen: PM/G. Schöbel

Bei der Neuwahl des Vorstandes wurde Uwe Jabs als Vorsitzender in seinem Amt bestätigt. Sein Stellvertreter wurde Jochen Haaga. Kassenwart blieb Gerhard Köpple und Schriftführer Dieter Ecker.

Als Beisitzer wurden gewählt: Gabriele Schmidt, Elisabeth Rupp, Rudolf Dimmeler und Elmar Heberle. An die Mitgliederversammlung anschließend konnten die Teilnehmer die Häuser des SWR-Projektes und die Begleitausstellung besichtigen. Dann ging es mit der „MS Uhldingen“ nach Kreuzlingen. Nach dem Mittagessen wurde zunächst unter sachkundiger Führung die Kirche St.Ulrich besichtigt. Deren größter Schatz ist die Ölbergkapelle, deren einst 349 Holzfiguren 1963 bei einem Brand zum größten Teil beschädigt und einige sogar ganz vernichtet wurden. Den Höhepunkt des Ausflugs nach Kreuzlingen bildete der Besuch des Seemuseums, das im Kornspeicher und Weinkeller des ehemaligen AugustinerChorherrenstifts untergebracht ist und 1200 m2 Ausstellungsfläche auf vier Stockwerken umfasst. Dr. Hans-Ulrich Wepfer, Gründer und Leiter des Museums, führte die Gäste durch die umfangreichen Sammlungen aus Schifffahrt und Fischerei des Bodensees. Über 40 Boote und Schiffsmodelle sowie eine beachtliche Anzahl an Geräten und Zubehör wurden hier zusammengetragen.

Museumsdirektor Dr. Gunter Schöbel führte mit einem Vortrag zum Thema „Höhepunkte aus 9 Jahrzehnten Museumsarbeit“ in Wort und Bild durch die Geschichte des Pfahlbaumuseums von 1922 bis 2007. Tief beeindruckt von den Erlebnissen dieses Tages verabschiedeten sich die Mitglieder und Gäste des Pfahlbauvereins. Sie sind schon jetzt gespannt darauf, was die nächste Jahrestagung bieten wird. Sie wird auf dem Odilienberg im Nordelsass stattfinden, wo vor über 60 Jahren Ausgrabungen unter der Leitung von Professor Reinerth durchgeführt wurden. Fundstücke dieser Ausgrabungen befinden sich auch im Pfahlbaumuseum. D. Ecker, Schriftführer

Nach der Rückfahrt über den See begaben sich die Teilnehmer der Tagung ins Hotel „Mainaublick“, um den 85. Geburtstag der Pfahlbauten gebührend zu feiern.

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Vereinsnachrichten

2007

Protokoll der Mitgliederversammlung vom 27. Oktober 2007 in Unteruhldingen – Kurzfassung

Pfahlbautagung 2007 Abb. 1: Der neugewählte Vorstand des Pfahlbauvereins 2007: V.l.n.r.: Dr. Gunter Schöbel, Uwe Jabs, Elisabeth Rupp, Gabriele Schmidt, Jochen Haaga, Rudolf Dimmeler, Dieter Ecker, Elmar Heberle, Gerhard Köpple. Abb. 2: Herr Anton Michel erhält seine Urkunde und die Ehrennadel für 30 Jahre Mitgliedschaft.

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Abb. 3: Frau Magdalene von Dewall erhält aus den Händen des 1. Vorsitzenden für 53 Jahre Mitgliedschaft ein Plakat des Künstlers Jägerhuber aus dem Jahre 1931. Abb. 4: Mit dem Motorschiff „Uhldingen“ wird der Hafen von Kreuzlingen erreicht.

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Abb. 7: Dr. Hans-Ulrich Wepfer führt durch das See-Museum. Abb. 8: Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Geschichte der Bodenseefischerei. Abb. 9: Erläuterung des historischen Zuggarns. Abb. 10: Mit dem Schiff geht es zurück nach Unteruhldingen.

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2. Herr Jabs berichtet von den Aktivitäten des Vereins einschließlich des Kinderclubs und von den Sitzungen des Vorstandes. Die Zahl der Mitglieder habe sich seit der letzten Mitgliederversammlung von 594 auf 595 erhöht. 18 Neuaufnahmen stehen 17 Abgänge (11 Austritte und 6 Sterbefälle ) gegenüber. Er bittet die Anwesenden, sich zu Ehren der Verstorbenen zu erheben.

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Abb. 5: Herr Dr. Hans-Ulrich Wepfer vom Seemuseum in Kreuzlingen nimmt die Gruppe des Pfahlbauvereins in Empfang. Abb. 6: Kunstgeschichtliche Führung im Münster von Kreuzlingen.

1. Der Vorsitzende Uwe Jabs begrüßt das Ehrenmitglied Franz Bußmann, Bürgermeister Lamm, den stellvertretenden Bürgermeister Dr. Trepte und die anwesenden Mitglieder und Gäste. Er teilt mit, dass keine Anträge eingegangen sind.

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3. Museumsdirektor Dr. Gunter Schöbel nennt in seinem Bericht das Jahr 2006 „das Jahr der Extreme“. Ein langer und schneereicher Winter, die Vogelgrippe, die Fußball-WM, ein heißer Juli, Dauerregen im August und Parkplatzprobleme an Spitzentagen führten dazu, dass das Jahr 2006 mit 241.499 Personen zum besucherschwächsten Jahr seit 1990 wurde. In seinem Bericht, der von Lichtbildern begleitet wird, geht er auf die vielfältigen Arbeiten von Handwerk, Verwaltung und Wissenschaft ein: Archivarbeiten in Fundmagazin, Schriftarchiv und Modellwerkstatt, Renovierungen an Häusern, Palisaden und Plattformen, Instandsetzung des Zeitweges am Ehbach, Vorbereitung und Durchführung des Museumstages im Mai, die Rulaman- Ausstellung, Baumpflegearbeiten, Schulung und Einstellung neuer Besucherführer sowie der PfahlbauHalbmarathon am 10. Juli 2006 mit rund 500 Teilnehmern. Die Bibliothek umfasse 25.600 Bücher. In den Archiven lagerten

300.000 prähistorische Funde, die Dokumentationen von 108 Ausgrabungen, 2.436 Kleinmodelle, 22.000 GlasplattenNegative und 41.000 Dias. Die für die Auswertung dieser umfangreichen Sammlungen notwendigen Arbeiten könnten auf Dauer nicht mehr ohne staatliche Unterstützung vom Forschungsinstitut geleistet werden. Dann informiert Dr. Schöbel die Versammelten über die Teilnahme an mehreren Fernsehaufnahmen, über die neue mehrsprachige Website des Pfahlbaumuseums und über die Durchführung der Schülerprojekte mit über 3000 Teilnehmern. Von der wissenschaftlichen Abteilung wurden Vorträge gehalten und Publikationen herausgegeben. Ein Student der Uni Konstanz wurde mit der Bearbeitung der Geschichte von Uhldingen-Mühlhofen beauftragt. Die Drucklegung seiner Arbeit ist für das Jahr 2008 vorgesehen. Seit November 2006 nimmt das Pfahlbaumuseum mit 7 weiteren europäischen Museen am EU-Projekt „LiveARCH“ teil. Dies ist bereits die dritte Teilnahme an einem EU-Projekt. Breiten Raum nimmt die Schilderung des SWR-Filmprojektes „Steinzeit“ ein. Der Bau der drei Pfahlbauten in der Nähe von Ravensburg sowie die Ausstattung und das Training der Teilnehmer wurden, in Zusammenarbeit mit dem SWR und weiteren Wissenschaftlern, vom Pfahlbaumuseum geleistet. Aus den 400 Stunden Filmaufnahmen entstanden 4 Sendungen für Erwachsene, 3 für Kinder, 4 fürs Schulfernsehen sowie weitere Filme. Zur Premiere des 1. Films der „Steinzeitkinder“ im Strandbad von Unteruhldingen waren 700 Zuschauer gekommen. 2007 wurde das Filmdorf ins Pfahlbaumuseum umgesiedelt und das komplette Filmset in einer Sonderausstellung gezeigt. „Uns ist mit diesem SWR-Projekt ein großer Wurf gelungen“, betont Dr. Schöbel.

Zum Ende seiner Ausführungen gibt Dr. Schöbel bekannt, dass sich die Besucherzahlen im Jahr 2007 wieder positiv entwickelt haben. Das Museum habe 49 Mitarbeiter beschäftigt. Er dankt allen, die am Erfolg des Museums beteiligt waren, für ihre Mitarbeit. 4. Herr Köpple trägt den Kassenbericht des Pfahlbauvereins vor. Da wir als gemeinnütziger Verein keine Geldmittel in größerem Umfang anhäufen dürfen, wurden 2006 48.527,80 Euro an das Museum übertragen. Herr Dr. Schöbel trägt den vom Büro Förster, Lorenz und Weinreich erstellten und vom Büro Markhart geprüften detaillierten Jahresabschlussbericht 2006 des Pfahlbaumuseums vor. Aus den Rücklagen wurde 2006 das Anwesen Schulstraße 13 in Unteruhldingen gekauft, in dem ein Museumsmagazin und möglicherweise ein Fischerei- und Schifferei-Museum eingerichtet werden soll. Herr Haaga liest den Bericht von HansPeter Knoblauch vor, der die Kasse des Vereins geprüft hat. Darin wird die rechnerische und sachliche Richtigkeit der Kassenführung bescheinigt und empfohlen, dem Kassenführer Entlastung zu erteilen. Herr Jabs trägt den Bericht der Kassenprüfung des Pfahlbaumuseums vor, der von Diplomkaufmann Siegfried Markhart erstellt wurde. Darin werden keine Einwendungen gegen die Ordnungsmäßigkeit des Kassenberichtes 2006 erhoben.

Abbildungen 1 – 14: PM/G. Schöbel

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In der nächsten Ausgabe:

Beitrittserklärung

Bürgermeister Lamm gratuliert dem Pfahlbaumuseum und dem Verein zu ihrem Erfolg und dankt für die gute Zusammenarbeit mit der Gemeinde. „Wenn es dem Pfahlbaumuseum gut geht, geht es auch der Gemeinde gut!“ Er stellt den Antrag, Kassenwart und Vorstand zu entlasten. Der Antrag wird von den Mitgliedern ohneGegenstimmen und ohne Enthaltungen angenommen. Ein Mitglied will wissen, wer das künftige Fischereimuseum trägt, die Gemeinde oder das Pfahlbaumuseum? Herr Dr. Schöbel erläutert den Stand der Planungen. Dieses neue Museum sei zwar wirtschaftlich uninteressant, eröffne aber neue pädagogische Möglichkeiten. Die Kosten von 3 bis 4 Millionen Euro können wir nicht allein tragen. Wir sind auf der Suche nach Zuschüssen. 5. Herr Dr. Schöbel stellt die Planungen für 2008 vor. Sie sehen Einnahmen und Ausgaben in Höhe von 1.430.000 € vor. Er zählt im Einzelnen die Vorhaben für 2008 auf: Dachausbau im alten Museum, Ausbau Schulstraße 13, Grundstücksaufkauf, Projekte zum Leben in der Steinzeit, Archivierungsarbeiten. Herr Jabs lässt über die Planungen und den Haushaltsvoranschlag für 2008 abstimmen. Sie werden von den Versammelten ohne Gegenstimmen und bei einer Stimmenthaltung angenommen. 6. Bürgermeister Lamm leitet die Wahlen zum Vorstand. Es wird keine geheime Wahl gewünscht. Die Ergebnisse Vorsitzender: Uwe Jabs stellvertretender Vorsitzender: Jochen Haaga Kassenwart: Gerhard Köpple Schriftführer: Dieter Ecker Beisitzer: Elisabeth Rupp Gabriele Schmidt Rudolf Dimmeler Elmar Heberle

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Dr. Gunter Schöbel gehört von Amts wegen dem Vorstand an. 7. Für 50-jährige Mitgliedschaft wird Frau von Dewall geehrt. Als Dank für ihre Treue überreicht ihr Vorsitzender Uwe Jabs neben einer Urkunde ein Originalplakat des Pfahlbaumuseums aus dem Jahre 1931. Außerdem werden 5 Mitglieder für 40-jährige, 5 weitere für 30jährige und ein Mitglied für 25-jährige Vereinszugehörigkeit geehrt. 8. Auf Vorschlag von Herrn Jabs beschließen die anwesenden Mitglieder, dass die nächste Jahrestagung vom 2. bis 5. Oktober 2008 auf dem Odilienberg im Elsass stattfinden soll. Herr Dr. Schöbel fügt hinzu, dass Professor Reinerth 1941 und 1943 auf dem Odilienberg gegraben habe und sich Akten von diesen Grabungen im Pfahlbaumuseum befinden. Man könne die Fahrt zum Odilienberg mit einem Besuch von Strasbourg oder Colmar verbinden. 9. Ein Mitglied weist auf die Ausstellung „Ursprünge der Seidenstraße“ hin, die vom 9. Februar bis zum 1. Juni 2008 in Mannheim stattfinden wird. Herr Dr. Schöbel will versuchen, eine Studienfahrt zu dieser Ausstellung zu organisieren. Herr Dr. Schöbel dankt einem der Anwesenden für die großzügige Spende von Hirschgeweihen. Die erste Spende für das geplante Fischereimuseum sei auch schon eingegangen. Herr Jabs grüßt die Versammelten vom Ehrenvorsitzenden, Herrn Hans-Erwin Wende, der nicht zur Jahrestagung kommen konnte. Dann dankt er allen für ihre Teilnahme und schließt die Veranstaltung. D. Ecker, Schriftführer

Ehrungen des Pfahlbauvereins 2007 25 Jahre Mitgliedschaft: • Bruno Helmschmid, Pappenheim (24.06.1982) 30 Jahre Mitgliedschaft: • Dr. Marianne Albrecht, Warburg (23.07.1977) • Josef Baur, Überlingen (14.09.1977) • Anton Michel, Königseggwald (07.06.1977) • Dr. Heinrich Mönnighoff, Dortmund (04.05.1977) • Dr. Ernst Schweckendieck, Hannover (18.10.1977) 40 Jahre Mitgliedschaft: • Richard Kamm, Ellwangen (17.05.1967) • Heinrich Kleefisch, Kreuzau (29.03.1967) • Hans-Jürgen Scheurer, Reno/USA (21.09.1967) • Alfons Speidel, Lindau (10.10.1967) • Reinhard Vetter, Wasserburg (24.07.1967)

Reenactment Sich verkleiden und in die Haut anderer schlüpfen ist ein Wunschtraum vieler Menschen. Wie exakt diese Darstellungen sind, wie viel Wissenschaft es braucht und wo die Grenzen zur Unterhaltung liegen, wird im nächsten Heft diskutiert.

Geschichte aus dem Papierkorb Bilder aus der Museumsvergangenheit erreichten Unteruhldingen aus Amerika. Die spannende Bildrecherche zu bislang weitgehend unbekannten Ereignissen rund um den Bodensee aus den Jahren 1935 – 1937 lesen Sie im nächsten Heft.

Impressum Zeitschrift des Vereins für Pfahlbau und Heimatkunde e.V. Unteruhldingen Herausgeber: Dr. G. Schöbel Pfahlbaumuseum Unteruhldingen Strandpromenade 6 · D-88690 Unteruhldingen Tel. 0 75 56 / 85 43 · Fax 0 75 56 / 58 86 [email protected] · www.pfahlbauten.de Redaktion: Dr. G. Schöbel; P. Walter M. A.; Dr. M. Baumhauer Titelbild: PM Schöbel Herstellung: Druckhaus Zanker, Markdorf 2008 © Unteruhldingen 2008 Für den Inhalt der Einzelartikel sind die Verfasser verantwortlich. ISSN-Nr.: 0942-685X

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Die Schriftenreihe des Pfahlbaumuseums

Beitrittserklärung

Die Schriften des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen können Sie bestellen unter: www.pfahlbauten.de oder Tel.: 0 75 56 / 85 43 · Fax 0 75 56 / 58 86

Führer durch das Museum erhältlich in deutscher, englischer und französischer Sprache.

Plattform Zeitschrift des Vereins für Pfahlbau- und Heimatkunde e.V.

An den Verein für Pfahlbau- und Heimatkunde e.V. Strandpromenade 6 88690 Unteruhldingen

ISSN-Nr. 0942-685X, Einzelhefte 1993 – 2005: Euro 2,– bis 10,–

Schriftenreihe des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen Band 1 69 Seiten ISSN-Nr. 0946-0519 Euro 4,–

Um den Ausbau des Freilichtmuseums zu fördern und um die weitere Erforschung der Vorgeschichte im Bodenseeraum, insbesondere der Pfahlbauarchäologie, zu unterstützen, trete ich hiermit dem Verein für Pfahlbau- und Heimatkunde e.V. als Mitglied bei. Museumsgeschichte Teil 1: 1922 bis 1949.

Lernort Pfahlbauten Materialien für die Projektarbeit mit Schülern.

Ich verpflichte mich zur Zahlung eines Jahresbeitrages von Euro 15,–

Schriftenreihe des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen Band 3 121 Seiten ISSN-Nr. 0946-0519 Euro 8,–

Schriftenreihe des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen Band 2 64 Seiten ISSN-Nr. 0946-0519 Euro 10,–

sowie einer jährlichen Spende von Euro: .........................

Als Mitglied habe ich während der Besuchszeiten freien Zutritt zum Freilichtmuseum. Ich erhalte bestimmte Veröffentlichungen des Vereins kostenlos. Mit der Abbuchung des Mitgliedsbeitrages von meinem Konto bin ich einverstanden.

Vorname: .........................................................................................................................................

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Anschrift: ......................................................................................................................................... Postleitzahl/ Wohnort: ..................................................................................................................... Straße und Hausnummer:.................................................................................................................

Mein Konto, von dem der Jahresbeitrag bis auf Widerruf abgebucht werden kann: Ausstellung zur Fernsehdokumentation »Steinzeit – das Experiment« Leben wie vor 5.000 Jahren in den Pfahlbauten Unteruhldingen

Aus dem Steinzeit-Tagebuch ...

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Schriftenreihe des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen Band 8 40 Seiten ISSN-Nr. 0946-0519 Euro 1,50

Bankleitzahl: ....................................................................................................................................

Kreditinstitut: ..................................................................................................................................



Schriftenreihe des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen Band 7 36 Seiten ISSN-Nr. 0946-0519 Euro 1,50

Beruf: ...............................................................................................................................................

Schriftenreihe des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen Band 6 28 Seiten ISSN-Nr. 0946-0519 Euro 1,50

Schriftenreihe des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen Band 5 58 Seiten ISSN-Nr. 0946-0519 Euro 2,50 Das Haus der Fragen erhältlich in deutscher, französischer und englischer Sprache.

Name:...............................................................................................................................................

Uhldinger Zeitweg

EXARC Archäologische Freilichtmuseen in Europa.

Datum/ Unterschrift: .......................................................................................................................

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