Lebensgemeinschaft - Diakonie Nidelbad

Lebensgemeinschaft - Diakonie Nidelbad

Das praktische Verständnis von „Lebensgemeinschaft“ im Schweizerischen Diakonieverein Bei den nachfolgenden Betrachtungen handelt es sich weniger um e...

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Das praktische Verständnis von „Lebensgemeinschaft“ im Schweizerischen Diakonieverein Bei den nachfolgenden Betrachtungen handelt es sich weniger um eine Darstellung unseres geistlichen Auftrages oder unserer Spiritualität. Vielmehr richtet sich das Augenmerk auf einige ganz praktische Einrichtungen und Ordnungen in unserem Modell gemeinsamen Lebens. 1. Der "Schweizerische Diakonieverein" Der Schweizerische Diakonieverein besteht seit dem Jahre 1906 und versteht sich als privater überkonfessioneller Verein in welchem die Mitglieder zwar ihrer kirchlichen Herkunft treu bleiben, aber ökumenisch offen werden. Die Gründer (insbesondere Gotthilf Haug, Jakob Schelker-Kellenberger und Lina Schelker) hatten erkannt, dass im christlichen Sinn verstandene Diakonie ohne den tragenden Rückhalt einer Gemeinde oder Gemeinschaft eigentlich nicht denkbar ist. So legten sie von Anfang an besonderen Wert auf die Gestaltung von grösseren oder kleineren Zellen, die sie als verbindliche Lebens- und Arbeitsgemeinschaften einrichteten. Arbeitsfelder waren und sind es auch noch: die eigenen Einrichtungen (Gästehäuser, Tagungsstätten, Pflegezentren usw.), sowie auch "auswärtige" Tätigkeiten in Gemeinden und Kirchen. Die so entstandenen Strukturen lassen sich eher mit einem Kibbuzim als mit einer Klostergemeinschaft vergleichen, denn sie sind nicht von schützenden Mauern umgeben, auch nicht "uniform" gestaltet, sondern stehen mitten im gesellschaftlichen Leben, sind somit auch dem "Wehen des Zeitgeistes" ausgesetzt und müssen sich dort mit ihrer christlich-diakonischen Lebens- und Arbeitsgesinnung bewähren. "Gemeinsames Leben" zeigt sich bei uns in unterschiedlichen Verbindlichkeiten und in ihm leben auch verschiedene Stände (ledige Schwestern und Brüder, sowie verheiratete Geschwister) und Generationen als natürliche und geistliche Familien zusammen. - Den Regeln und Vereinbarungen, die wir nun im Folgenden ansprechen wollen, sind nur die am verbindlichsten lebenden Kreise (die helfenden und die dienenden Mitglieder) verpflichtet. Den freundschaftlichen Mitgliedern, sowie den Gästen und Angestellten ist es frei gestellt, wie und wieweit sie sich in die Lebensgemeinschaft einbringen möchten. Wir sind uns natürlich bewusst, dass vieles, was in einer kleinen überschaubaren Gemeinschaft organisch gewachsen ist und dort auch "funktioniert", sich nicht ohne weiteres auf einen grösseren Bereich oder gar auf die Gesellschaft übertragen lässt. 2. Die Arbeit Im Sinne dessen was Diakonie meint, sehen wir jede Arbeit als Dienst an. Nicht was man tut ist wichtig, sondern wie man es tut. Darum gibt es auch keine Wertung der Arbeit nach Wichtigkeit oder Qualität. Jedes soll die Gaben, die ihm in die Wiege gelegt wurden oder es sich angeeignet hat, zum Wohl und Besten aller einbringen können seinem Vermögen, seinen Kräften und seinem Lebensalter entsprechend. Niemand soll überfordert werden, noch das Gefühl haben, aufs Abstellgeleis geschoben worden zu sein. Wir kennen in der Lebensgemeinschaft auch kein Pensionsalter. Bei einem arbeitsund lebensmässigen Miteinander der Generationen ist dies auch gar nicht erforderlich, weil sich die Generationen-Wechsel organisch vollziehen. - Was übrigens früher und 1

zum Teil auch heute noch auf Bauernhöfen und in Familienbetrieben selbstverständlich war und ist. Die Gleichgewichtung jeder Arbeit erleichtert auch die Bereitschaft, sich in verschiedenster Weise einsetzen und entsprechend aus- und weiterbilden zu lassen. Dies fördert die Vielseitigkeit des Einzelnen, gibt ihm zugleich besseren Einblick in die arbeitsmässigen Zusammenhänge und nicht zuletzt können dadurch Fähigkeiten und Gaben entdeckt werden, die er selber vielleicht nie erkannt hätte. 3. Das Finanzielle Weil wir jede Arbeit als gleichwertig ansehen, ist es nur recht, dass auch besoldungsmässig keine Unterschiede gemacht werden. Jedem - ob verheiratet oder ledig, Mann oder Frau - wird nebst freier Kost und Logis ein gleicher "diakonischer Lohn" ausbezahlt. Sozialleistungen, Krankenkasse, Altersvorsorge, Aus- und Weiterbildungskosten, sowie alle anfallenden grösseren Ausgaben (Zahnarzt, Brillen, Kuraufenthalte, Ferien usw.) werden von der Gemeinschaftskasse unterstützt oder ganz übernommen; so z.B. auch die Steuern des Einzelnen, wenn sie die Höhe des monatlichen diakonischen Lohns übersteigen. - Dagegen entrichten die Mitglieder auf freiwilliger Basis den Zehnten all ihrer Einkünfte an die Gemeinschaftskasse. Man sagt, dass die Lebensfähigkeit einer Gemeinschaft daran gemessen werden kann, wie sie mit den Kindern und Alten in ihrer Mitte umgeht. - Diesen gilt bei uns auch eine besondere Aufmerksamkeit. Nebst der Übernahme von Aus- und Weiterbildungskosten der Kinder (solange diese noch nicht selbsterwerbend sind) wird den Eltern von der Gemeinschaftskasse eine die staatliche Kinderzulage ergänzende monatliche Zulage ausbezahlt. Nach und nach, wenn die Kinder selbstständig werden, entfallen diese Zulagen wieder. Da wir kein Pensionierungsalter kennen, wird der diakonische Lohn bis ans Lebensende weiter ausbezahlt. Dagegen fliessen die AHV- und BVG-Renten in die Gemeinschaftskasse. Diese übernimmt dann wieder alle Kosten im Falle von Pflegebedürftigkeit im Alter. Uns scheint, dass dieses Modell einige Vorzüge aufweist, die im Zusammenhang mit den Fragen zur sozialen Gerechtigkeit bedenkenswert sein könnten: In der Gesellschaft ist es doch oft so, dass eine junge Familie gerade dann, wenn die Kinder noch klein sind oder in die Ausbildung kommen, die grösste finanzielle Belastung erfährt, aber andererseits die Einkünfte der Eltern noch gering sind, weil sie sich noch in den unteren Regionen der Gehaltsskala befinden. Dann aber wenn die Kinder "draussen" sind, steht, durch die nun angereihten Dienstjahre bedingt, plötzlich ein grösseres Einkommen zur Verfügung. Sicher gibt es hierin durch Rezession, Arbeitslosigkeit und Familienauflösungen bedingte Ausnahmen; auch werden die entstehenden finanziellen und zeitlichen "ÜberKapazitäten" von manchen in gemeinnütziger Weise wieder eingesetzt. Aber es ist doch oft feststellbar, dass der "schwer erarbeitete Wohlstand" und die "neugewonnene Freiheit" gebührend beansprucht werden, um all das wahrzunehmen, worauf man vorher "verzichten" musste. Die zusätzlichen finanziellen Mittel werden auch zur Aufstockung der privaten Altersvorsorge eingesetzt. - Nur leider erlebt man es nicht selten, dass sie dann nicht zu diesem Zweck verwendet werden - dafür kann man ja den Staat und die Kassen unseres Gesundheitswesens beanspruchen - sondern sie fallen den "lachenden" oder aber "streitenden" Erben zu.

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4. Der Lebensraum Ein weiterer uns wichtiger Aspekt betrifft die persönlichen und gemeinsamen Lebensräume. Gewiss unterliegen auch wir den sich wandelnden "Standards" oberflächenmässig beanspruchen wir heute auch schon bedeutend mehr Wohnraum als noch die Generationen vor uns - aber wir versuchen doch ein vernünftiges Mass einzuhalten. Insbesondere nutzen wir die Möglichkeit, den Lebensraum den Veränderungen der Familien-Zusammensetzungen anzupassen. Gleichsam im Rhythmus der Zu- und Abnahme der Grösse einer Familie ändert sich auch die Grösse der zugewiesenen Wohnung. Wie oft erlebt man es sonst in der Gesellschaft, dass junge kinderreiche Familien mit kleinen Wohnungen vorlieb nehmen müssen, weil Grösseres erst später erschwinglich wird. Aber nach dem Auszug der Kinder bleiben die Eltern allein in überdimensionierten und schwer wieder zu nutzenden Wohnungen und Häusern zurück. - Die Zeit der Aufnahme von Untermietern, z.B. Studenten, ist ja aus der Mode gekommen. In einer Lebensgemeinschaft ist ein gesundes Gleichgewicht von gemeinsamem und einsamem Leben wichtig. Jeder braucht einen Ort, wo er sich "zurückziehen" kann, jede Familie eine Haustüre die sie "hinter sich abschliessen kann". Daneben gibt es aber doch vieles, das, wenn es gemeinsam wahrgenommen wird, Erleichterung bringt und das Gefühl der Zusammengehörigkeit fördert. Für uns sind es etwa die zum Teil gemeinsam eingenommenen Mahlzeiten - die nicht zuletzt die Mütter entlasten! - und die regelmässigen Begegnungen, auch über die Arbeit hinaus; aber auch das ganz praktische Teilen von Fahrzeugen ("Car-Sharing"), das einander Aushelfen mit Kinderhüte-Dienst, Kinderkleidern, Mobiliar, Spielsachen usw. Nebst den Beziehungen der Familien unter einander ist aber auch deren Verhältnis zu den übrigen Mitgliedern der Lebensgemeinschaft, den Ledigen aus Berufung (Diakonieschwestern und Brüder vom gemeinsamen Leben), den Alleinstehenden, den Alleinerziehenden sowie den Angestellten sehr wichtig. Dieses Miteinander von verschiedenen Ständen und Generationen ist zwar nicht frei von Spannungen, hilft und bereichert aber andererseits den Erziehungsprozess an Erwachsenen und Kindern. Wir sprechen in diesem Zusammenhang gerne von einer Lebensschule, im Sinne einer Schule die lebenslänglich dauert und aufs Leben vorbereitet. Zu den "Hauptfächern" dieser Schule gehört natürlich das Üben von Toleranz: Toleranz zwischen den Generationen und Ständen, aber auch zwischen den Konfessionen und Religionen! Ökumenische Offenheit ist in einer so gestalteten Lebensgemeinschaft unerlässlich. 5. Die gesellschaftliche Verantwortung Wenn wir dieses "Modell des Dienens" (wie einst ein Bericht des ZDF's über das Nidelbad hiess) miteinander leben und pflegen, so geschieht dies nicht nur, weil es uns so gefällt und wir uns darin wohl und geborgen fühlen. - Hier sei gleich angemerkt, dass ein Ja zu einem solchen gemeinsamen Leben keine leichte Sache ist und sein kann, es braucht schon eine Berufung dazu. - Wir sehen in unserem Tun auch die Möglichkeit, Alternativen aufzuzeigen zu Fragestellungen, die in unserer heutigen Gesellschaft ganz brennend sind. Nebst den schon angesprochenen Themen der Arbeitsethik und Besoldungspolitik, der Generationen-Problematik, der religiösen Toleranz usw., könnten wir noch Stichworte wie Überalterung der Gesellschaft, Kostenexplosion im Gesundheitswesen usw. hinzufügen. Wenn wir z.B. unsere Pflegezentren noch immer kostendeckend zu führen vermögen, ohne staatliche Betriebs-Subventionen zu beanspruchen - obwohl auch wir 3

heute zum grössten Teil mit "normal" angestelltem Personal arbeiten und zu staatlichen Ansätzen abrechnen -, so wird dies bei manchen Verantwortlichen in Gesellschaft und Politik dankbar als "Alternativ-Modell" wahrgenommen. 6. Schlussbemerkung Diese wenigen Aspekte unseres diakonischen Werkes mögen genügen, um aufzuzeigen, wie der Schweizerische Diakonieverein seine verantwortliche Mitgestaltung der "sozialen und wirtschaftlichen Zukunft in unserer Gesellschaft" wahrzunehmen versucht. Wie schon Eingangs gesagt, lässt sich vieles was im Modell "funktioniert", nicht eins-zu-eins ins Grosse übertragen. Doch eines bleibt sich sowohl im Kleinen wie im Grossen gleich: Ohne persönlichen Verzicht geht es nicht! - Und dieser beginnt schon dort wo man nicht alles, was man haben könnte, sich auch aneignet, nicht alles was einem zustehen würde, ausschöpft, nicht jeden Rechtsanspruch auch geltend macht und nicht bei allem was man tut, die "Was-wird-mir-dafür"-Frage aufwirft. Eine Lebensgemeinschaft ist aber auch Beweis dafür, dass die vermeintliche "Einbusse" von Privatsphäre und -recht des Einzelnen bei weitem ausgeglichen wird durch die Vorzüge und die Bereicherung der grösseren Struktur und Verbindlichkeit, zu welcher man ein Ja findet.

Marco Würger, 2005

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