Lesen in der Schule - dtv Verlag

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Lesen in der Schule Herausgegeben von dtv junior und Hannelore Daubert in Zusammenarbeit mit dem Institut für Jugendbuchforschung, Frankfurt am Main...

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Lesen in der Schule

Herausgegeben von dtv junior und Hannelore Daubert in Zusammenarbeit mit dem Institut für Jugendbuchforschung, Frankfurt am Main Hannelore Daubert ist Lehrerin im Hochschuldienst am Institut für Jugendbuchforschung der Frankfurter Univer-sität, Autorin und Herausgeberin zahlreicher Publikationen zur Kinder- und Jugendliteratur und ihrer Didaktik. Dr. Hermann Henne ist Lehrer, Studiendirektor am Hein-richvon-Gagern-Gymnasium in Frankfurt/Main; er unter-richtet die Fächer Deutsch, Geschichte und Gemein-schaftskunde und ist Lehrbeauftragter für Schulpraktische Studien am Institut für Sprache und Literatur der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt.

Cornelia Franz

Verrat

dtv pocket 78153 Ein Unterrichtsvorschlag für die Klassen 8 bis 10 Mit einer Leseprobe aus dem Buch Konzeption: Hannelore Daubert Text: Hermann Henne

Inhalt

Unterrichtsvorschlag: Cornelia Franz: Verrat (78153) (Hermann Henne) Interview mit der Autorin Anhang: Zusätzliches Material (z. B. diverse Zeitungsartikel) Rezensionen zum Buch Leseprobe (Textauszug aus dem Buch: S. 28-32) Hinweise für Lehrer

Unterrichtsvorschlag Hermann Henne Cornelia Franz Verrat (78153) 8. bis 10. Klasse

Der 17-jährige Jan, angehender Erbe der Senneberg‘schen Druckerei und eines ansehnlichen Familienbesitzes, entdeckt auf einer Auktion Gemälde, die früher einmal im Besitz seiner Eltern waren. Wieso hatte seine Mutter vor Jahren behauptet, die Bilder seien verbrannt? Und warum wehrt sein Vater alle Fragen ab? Irritiert beginnt Jan Nachforschungen anzustellen und kommt einem Familiengeheimnis auf die Spur: Basiert der ganze Wohlstand seiner Eltern und Großeltern nur auf dem Vermögen des früheren jüdischen Druckereibesitzers, der vor den Nazis nach Israel geflohen war und später nie ausbezahlt wurde? Völlig verstört über den Umgang seiner Familie mit ihrer Vergangenheit in der Nazi-Zeit und danach, haut Jan von zu Hause ab. Unterwegs, beim Trampen nach Paris, trifft er Sunny, verliebt sich - er möchte fliehen vor der Unaufrichtigkeit seiner Eltern, gerät aber selbst in einen Sog von Lügen und Verrat, aus dem er sich eigentlich befreien wollte . . . Ein spannend erzählter und durch Perspektivenwechsel interessant komponierter Jugendroman, der sein ernstes moralisches Grundthema geschickt umsetzt in eine Geschichte mit Krimi- und Liebeshandlung.

Zum Text Inhalt »Sein Vater schlug ihm ins Gesicht. Er schlug nicht einmal besonders hart zu, aber Jan nahm es den Atem. Er schob seinen Vater zur Seite, riss die Haustür auf und rannte hinaus. ›Bleib hier, Jan-Niklas!‹, hörte er seinen Vater rufen. ›Bleib hier, du Judas!‹ Jan rannte, als ginge es um sein Leben.« (S. 163f.) Was war geschehen? Jan, der siebzehnjährige Gymnasiast, hatte auf einer Klassenfahrt in London bei einer Kunstauktion Gemälde entdeckt, die er aus dem Esszimmer zu Hause kannte. Die Eltern hatten ihm immer erzählt, dass die Bilder verbrannt seien. Aber jetzt wurden sie hier zum Verkauf angeboten! Jan ist irritiert. Aus London zurückgekehrt, fragt er seine Eltern. Doch sie reagieren völlig unerwartet: Statt sich zu freuen, ist es ihnen unangenehm, und sie wollen mit ihm nicht über die Bilder reden (S. 34ff.). Jan fühlt sich wie ein kleiner Junge behandelt und »abserviert« (S. 69). Das ärgert ihn, aber sein Interesse ist geweckt. Er geht der Sache nach. Chronologie der historischen Ereignisse im Roman: In detektivischer Kleinarbeit findet Jan nun nach und nach heraus, was sich am Ende so darstellt: Sein Großvater Jan-Niklas Senneberg wird 1923 geboren und arbeitet in den 30er-Jahren in der kleinen 8.Firma »Druckerei und Verlag Simon Reich«. Simon Reich ist Jude. Nach der Pogromnacht im November 1938 flieht er aus Deutschland, zuerst nach Frankreich, dann nach Kanada (vgl. S. 114). Zuvor überschreibt er dem Großvater die Druckerei, damit sie nicht von den Nazis

beschlagnahmt werden kann. Außerdem hinterlässt er ihm einige Gemälde des seit 1933 in Ungnade gefallenen Malers Werner Behrmann. Der Großvater verwahrt die Gemälde und führt Reichs Druckerei und Verlag weiter. Nach dem Krieg gestaltet er die Firma um und nennt sie nun »Senneberg‘sche Druckbetriebe«. In den Sechzigerjahren wird er sogar Bürgermeister des Ortes (S. 86). Ab 1948 versucht Simon Reich sich in Israel eine neue Existenz aufzubauen. 1949 wird seine Tochter Hannah geboren. In einem Brief aus dem Jahre 1952 bittet Simon Reich den Großvater ihn auszuzahlen, und er würde sich freuen, die Behrmann-Bilder einmal wieder zu sehen (S. 116). Der Großvater schickt aber nur gelegentlich etwas Geld und Pakete nach Israel (S. 132). Im Übrigen investiert er in die Druckerei und verkauft ab 1956 einzelne der Bilder an den Kunsthändler Erich Reinfeld (S. 47f., 88). Das Geld behält er für sich. Der Kunsthändler Erich Reinfeld war seinerzeit dabei, als sein enger Freund Behrmann die Bilder gemalt hatte. Behrmann war 1947 gestorben, und Reinfeld ist nun erleichtert, dass die Bilder Behrmanns doch nicht verschollen sind. Danach hingen im Senneberg‘schen Esszimmer nur noch »billige« (S. 14f.) Reproduktionen der Bilder. An sie erinnert Jan sich noch. Die Originale seien verbrannt, erklärten ihm die Eltern. Später verschwanden auch diese Reproduktionen (sie waren der Mutter zu anstößig) und wurden durch abstrakte Malerei ersetzt (S. 14). 1962 stirbt Simon Reich in Israel, wenige Jahre danach auch seine Frau Lea; seine Tochter Hannah dürfte noch leben. Nach dem Tod des Großvaters 1989 (S. 48) übernimmt sein Sohn, Gerhard Senneberg, also Jans Vater, die Druckerei. Bis 1992 verkauft nun er weitere fünf Bilder an Reinfeld (S. 48). 1982 wird Jan geboren (S. 48). Auch er soll den Betrieb einmal weiterführen, in dem mittlerweile über 50 Angestellte beschäftigt sind (S. 69). 1999 - in diesem Jahr spielt der Roman - verkauft der

alte Reinfeld »schweren Herzens« die Behrmann-Bilder in London und bei dieser Auktion ist Jan zufällig anwesend.

Jans Nachforschungen gestalten sich sehr mühsam, aber jedes neue Detail spornt ihn an, weiter zu suchen. Von den Überlebenden hilft ihm nur der alte Erich Reinfeld, den Jan in Hamburg ausfindig macht, der aber kurz darauf stirbt. Die Großmutter hüllt sich in Schweigen (»Ich bin müde«, S. 59), die Mutter lenkt ab und der Vater gibt nur widerwillig und unvollständig Auskunft (S. 121). Also muss Jan heimlich im Haus stöbern und er findet aufschlussreiche alte Fotos, Briefe und Akten. Es ist dem Vater peinlich, mit der Herkunft seiner florierenden Firma und mit Fragen nach dem Verbleib der teuren Gemälde konfrontiert zu werden. Von Jan herausgefordert, versucht er sich und den Großvater zu rechtfertigen. Großvater habe durch sein rasches Handeln Simon Reich vor dem KZ bewahrt (S. 149f.); die Firma sei ihm überschrieben worden, also sei er ihr rechtmäßiger Eigentümer geworden; später hätten der Großvater und er die Druckerei in »schwerer Zeit« weitergeführt, umgestaltet und erweitert (s. Kap. 21): also habe er sich das, was er heute besitze, selbst er-10.arbeitet und redlich verdient (S. 162). Die Vergangen-heit möge ruhen. Diese Haltung erschüttert Jan. Für sein Empfinden haben der Großvater, aber auch sein Vater dem Juden Simon Reich und seinen Nachkommen Unrecht getan. Jan spürt plötzlich, dass die Weltgeschichte auf fatale Weise und irgendwie mit seiner eigenen Lebensge-schichte zusammenhängt.

»Juden, Nazis, Flucht, Terror, Zerstörung, Wieder-gutmachung ... Was hatte das alles mit ihm zu tun? Mit seinem Leben, mit seiner Familie? Das waren doch Begriffe, die er aus der Schule kannte. Aus dem Geschichtsunterricht. Das war doch zum Glück alles längst vorbei. Wieso packten ihn diese Wörter plötzlich, nahmen ihm die Luft zum Atmen, jagten ihm Angst ein? Was hatte er damit zu tun? (S. 129) ... »Ständig musste er an diese ganze elende Geschichte denken und dran, dass nichts mehr so war wie noch vor ein paar Tagen. Irgendwie war alles aus den Fugen geraten, seine Familie, sein Zuhause, sein ganzes Leben. Er hätte heulen können.« (S. 148) Für Jan, den smarten Jungen aus gutem Hause, bricht eine Welt zusammen. Wütend und maßlos enttäuscht über seine Familie setzt er sich an den Computer und schreibt sich den Kummer von der Seele. »Er schrieb über seinen Großvater, den er geliebt hatte und der eine Art Vorbild für ihn gewesen war. Und der seinen Freund belogen, betrogen und bestohlen hatte. Er schrieb über seinen Vater, den er immer für gerecht und anständig gehalten hatte. Und der nicht auf die Idee gekommen war, die Tochter von Simon Reich zu entschädigen und ihr die restlichen Bilder zurückzugeben. Er schrieb über seine Mutter, die all die Jahre über den Mund gehalten hatte.« (S. 152)

Jetzt geht der Vater in die Offensive (Kap. 25). Er verlangt von Jan »Solidarität«: »Diese Geschichte«, ermahnt er ihn, müsse in der Familie bleiben. Jan habe kein Recht sie alle zu verurteilen und den »Moralapostel« zu spielen - schließlich habe er bislang noch nichts geleistet. Wenn er erst einmal erwachsen sei, würde er schon lernen, dass man »im Leben auch Kompromisse eingehen muss« (S. 161). Jan ist entsetzt und gibt in seiner Wut vor, »die ganze verlogene Geschichte« (S. 163), so, wie er sie aufgeschrieben hatte, inzwischen an die Zeitung geschickt zu haben. Da verliert der Vater die Beherrschung, schlägt ihm ins Gesicht und nennt ihn »Judas« - Judas, den Verräter. Am nächsten Tag, vier Tage vor Ferienbeginn, verlässt Jan mit ein paar Geldscheinen in der Tasche sein Elternhaus. Damit entwickelt sich der zweite Teil der Geschichte. Jan nimmt den Schimpfnamen seines Vaters wie eine neue Identität an: Er nennt sich »Judas« und erzählt seine Erlebnisse von jetzt bis zu seiner Rückkehr in der Ich-Form. Und in der Tat geht es jetzt mehr um ihn, während im ersten Teil die anderen im Blickfeld standen. Beim Trampen lernt er seine Partnerin für diesen Ausbruch kennen: die sechzehnjährige Sunny aus Kiel, blond mit Sommersprossen und einem sonnigen Gemüt. Viel mehr erfährt man nicht über sie. Die erste Nacht verbringen die beiden in Frankfurt im 28. Stockwerk eines Bürohochhauses auf einem schmalen Ledersofa. Am nächsten Tag sind sie schon in Paris, wo sie für mehr als eine Woche zusammen bleiben werden. In neuer Umgebung und durch die Gegenwart von Sunny denkt Jan-Judas kaum noch an zu Hause. Er

denkt über Sunny nach, die nachts neben ihm liegt und ihn küsst. Und er denkt über sich nach. »Benützte ich Sunny als Ablenkungsmanöver, um eben nicht an zu Hause denken zu müssen? War sie für mich vielleicht nur Mittel zum Zweck, um den Streit mit den Alten zu vergessen? Um den Kopf in den Sand zu stecken, zu flüchten vor meinen wirren Gedanken?« (S. 38f.). Wenig später ist es dann soweit: »Der Streit mit meinem Vater, der Tod von Erich Reinfeld, die ganze verdammte Geschichte . . . das 13.war alles in einer anderen Welt passiert. Und die lag zum Glück weit, weit weg von Paris.« (S. 61) Auf der Suche nach einer Unterkunft lernen sie Jamal kennen, einen gut aussehenden Marokkaner mit blitzenden Augen. Er zeigt ihnen Paris: Paris bei Nacht Paris bei Tag. Er versorgt sie mit Geld und Essen und nimmt sie schließlich dorthin mit, wo er wohnt: in einen unterirdischen Friedhof, in feuchte, dunkle Katakom-ben, wo die Gebeine von 6 Millionen Toten lagern. Dort übernachten nun auch Sunny und Jan-Judas. Jan-Judas fühlt sich bei Sunny geborgen, und er verliebt sich in sie, auch wenn er manchmal furchtbar wütend auf sie ist. Doch es fällt ihm schwer, über seine Gefühle mit ihr zu sprechen. Er kann den Kopf nicht ausschalten, der »verklemmte, verkopfte Jan-Niklas« (S. 94). So scheitert auch sein verkrampfter Versuch mit Sunny als erstem Mädchen zu schlafen. Aber ihn beschäftigen noch andere Probleme. Ja,

»Teddybär hat es schwer«, wie Sunny einmal sagt (S. 67). Er hat Angst, Sunny an Jamal zu verlieren. Schließlich ist Jamal der Erfahrenere und Ältere - und er hat Geld, während Jan-Judas das Geld langsam ausgeht, ihm, den sie sonst in der Schule als »Krösus« gehänselt haben. So beginnt Sunny zu stehlen, denn sie wollen sich nicht länger nur von Jamal aushalten lassen - und Jan-Judas ist dabei. Natürlich ist er entsetzt, dass sie im Supermarkt die Lebensmittel nicht bezahlen, in der Metro schwarzfahren und dass Sonny Fahrgästen die Brieftasche klaut. Aber Sunny rechtfertigt es als Mundraub, und außerdem will er bei ihr bleiben - und sie will, dass er bleibt: »Judas und Sunny in Paris, verliebt, verrückt, weit weg von zu Hause.« (S. 125) Weit weg auch vom hohen moralischen Anspruch an die anderen zu Hause? Wird Jan-Judas nun selbst zu einem Betrüger in schwerer Zeit? Jedenfalls ist er jetzt in einer verzwickten Lage, in der er verantwortlich entscheiden muss. Und er entscheidet sich: Er wird nicht zum Dieb und Hehler - muss dafür aber zum Verräter werden. Die Schlinge liegt ihm schon um den Hals, als er für Jamal gestohlene Fahrräder repariert, die dann in Deutschland verkauft werden sollen. Das ist kein Mundraub mehr, darauf steht Gefängnis, erklärt er Sunny. Aber er ist zu schwach und zu verliebt, um nein zu sagen. Er repariert die gestohlenen Räder und wird so zum Mittäter; als Dank und Bezahlung bekommt der Fahrrad-Narr eines der wertvollen Räder geschenkt. Dann allerdings zieht der zögerliche Jan-Judas seinen Kopf doch noch aus der Schlinge. Es setzt sich bei ihm die von Vernunft geprägte Einsicht durch, dass es so nicht weitergehen kann, auch nicht mit ihm und Sunny.

»Sunny und Judas, Judas und Sunny, das würde irgendwie zu Ende gehen. Das war ein wunderschöner Film, aber es war nicht die Wirklichkeit. . . . Ich musste zurück in mein altes Leben. Musste wieder mit meinen Eltern reden, zur Schule gehen, Oliver wieder sehen. Musste auf irgendeine Weise meine Zukunft in die Hand nehmen.« (S. 173) Seltsam erwachsen wirkt Jan-Judas in solchen Phasen! Aber er bleibt dabei: Denn statt die Räder in Deutschland zu verkaufen, hintergeht er Sunny und verrät Jamal und seinen Komplizen an die Polizei. Jetzt kann er auch nicht mehr bei Sunny bleiben: Sekunden vor der Abfahrt verlässt er den Zug, der sie beide ans Mittelmeer bringen sollte, und fährt stattdessen zurück in die Lüneburger Heide. Als »Moralapostel« hatte er empört die Eltern verlassen, jetzt kehrt er zerknirscht zurück und bezichtigt sich, selbst ein Heuchler, ein Lügner und ein Verräter zu sein. In den Tagen und Wochen nach seiner Rückkehr denkt er viel über seine Erlebnisse nach und schreibt sie auf. Das Schreiben und der zeitliche Abstand lassen ihn erkennen, dass man miteinander reden muss, wenn man mit sich und anderen zurechtkommen will. Besonders über Gefühle müsste man sprechen, statt andere zu denunzieren und davonzulaufen. Und er will sich ändern; er will ehrlicher, offener und mutiger werden. So könnte er seine Beziehung zu den Eltern verbessern - es interessiert ihn nämlich jetzt, wie sein Vater und seine Mutter wirklich fühlen und was sie denken (vgl. S. 206) - und auch für sich und Sunny wünscht er sich eine zweite Chance: »Und dann läuft unsere Geschichte anders, da bin ich mir sicher.« (S. 208)

16.Erzählstruktur und Sprache Der Aufbau des Romans ist kompliziert und bedarf deshalb sorgfältiger Beachtung. Das Buch ist in 33 unbenannte Kapitel unterteilt. In diesen 33 Kapiteln werden die zwei großen Handlungsstränge, Jans Nachforschungen zu Hause und Judas‘ Erlebnisse mit Sunny, parallel und nicht hintereinander erzählt. Also wechselt mit jedem neuen Kapitel auch der Schauplatz wieder: Die geradzahligen Kapitel erzählen aus Paris, die mit den ungeraden Zahlen aus der Lüneburger Heide. In ihrer Abfolge erzählen die Kapitel dann allerdings chronologisch. Einzige Ausnahme sind die Kapitel 31, das von Sunny und Judas weitererzählt, sowie das erste und das letzte Kapitel. In diesen Kapiteln 1 und 33 wird zwar aus der Lüneburger Heide berichtet, aber über die Zeit nach Jans Rückkehr; chronologisch gesehen liegt Kapitel 1 mit der ersten Ansichtskarte von Sunny zwischen den Kapiteln 32 und 33. Das erste Kapitel gibt dem Leser durch seine skelettartige Exposition also eine knappe Vorschau auf die Folgen der Ereignisse in der ganzen Erzählung (Jan begeht zweifachen Verrat). Das tatsächliche Ende wird im letzten, dem 33. Kapitel erzählt. Dort hat Jan seine Geschichte bereits aufgeschrieben und ist dadurch zu gewissen Einsichten gekommen. Durch diese Konstruktion kann man also mit doppelter Berechtigung sagen, dass die Geschichte zwischen den Kapiteln 1 und 33 aufgeschrieben wurde! Die Erzählperspektive deckt sich weitgehend mit dieser Zuordnung der Kapitel: Die Erlebnisse mit Sunny erzählt Jan-Judas in der Ich-Form. Verständlich, denn hier geht es auch vornehmlich um ihn selbst. Der Leser erfährt also nur seine Perspektive und damit so

wenig über Sunny wie er selbst. Seine Nachforschungen dagegen werden in der Er-Perspektive dargestellt. Ausnahmen bilden auch hier das erste und das letzte Kapitel, also die beiden Kapitel nach der Rückkehr. Als Lüneburger-Heide-Kapitel müssten sie auktorial erzählt sein, insofern es aber um die Erlebnisse mit Sunny geht, in der Ich-Form. Das erste Kapitel gibt Sunnys erste Ansichtskarte wieder; damit ergibt sich für diese Passagen die Ich-Perspektive von selbst. Im Rest dieses ersten Kapitels wechselt allerdings recht unvermittelt die Ich- und Er-Perspektive. Erklärbar ist das so: Beide Perspektiven kommen zusammen, so wie jetzt Jans Erfahrungen aus beiden Handlungssträngen zusammenwirken, und diese zweite Hälfte des ersten Kapitels ist chronologisch gesehen die letzte Erzählpassage des Buches. In Kapitel 33 gibt es dann nur wieder eine Ansichtskarte von Sunny und Jans Antwort darauf zu lesen, und beides ist selbstverständlich in der Ich-Form geschrieben. Eine erzählerische Funktion des ersten Schauplatzwechsels besteht darin, das von Jan entdeckte Feldverhalten der anderen unmittelbar seinem eigenen gegenüber zu stellen. Das relativiert einerseits das Verhalten seines Vaters und seines Großvaters; es zeigt andererseits aber umso deutlicher, dass Jan trotz aller Anfechtung noch rechtzeitig von wirklich kriminellem Handeln Abstand nimmt. Außerdem spitzt sich die Konfrontation Jans mit seinem Vater einerseits und mit Sunny andererseits auf beiden Schauplätzen parallel zu (Kapitel 25 und 26) und läuft dann auf das Gleiche hinaus: Jan kommt mit seinen Mitmenschen nicht richtig ins Gespräch, wird körperlich attackiert, begeht Verrat und läuft davon. Der Roman ist für Vierzehn- bis Sechzehnjährige sprachlich gut zu verstehen; die Autorin trifft den

richtigen Ton, ohne sich anzubiedern. Die Sätze sind klar aufgebaut, gelegentlich grammatisch unvollständig und sprachlich vereinfacht. Satzreihen dominieren, komplexe Satzgefüge kommen nicht vor. Bei der sonst nüchternen Art der Darstellung fallen einige spannende Passagen bei Jans Nachforschungen und die eindringliche Beschreibung der Katakomben besonders auf - und einige »schöne« Textstellen. »Anstatt sich ein paar nette Nächte zu machen grübelt er herum und zerpflückt seine Gefühle.« (S. 39) »Hinter meinen Augenlidern flirrte noch immer ein Rest der warmen, roten Sonne, tanzten noch immer die Reste des flackernden, leuchtenden Feuers.« (S. 126) »Dort, wo vor zwei Tagen die Großmutter ihren Geburtstag gefeiert hatte, sah es jetzt trübe aus. Der Regen hatte die hängen gebliebenen Lampions völlig durchweicht und sie schaukelten träge im Wind.« (S. 150) »Ich sah hinauf zur Decke. Wasserflecken hatten im Laufe der Jahre ein abstraktes Gemälde auf dem schmutzigen Weiß hinterlassen.« (S. 170) Didaktische Überlegungen Der Jugendroman ›Verrat‹ ist kein einfaches Buch. Er ist nicht ganz einfach zu lesen und zunächst nicht einfach zu verstehen. Aber die Schwierigkeiten lassen sich eingrenzen und meistern und die (anfänglichen) Mühen der Lektüre lohnen sich! Man sollte mit der Erschließung des Textes beginnen, um dann dem reichhaltigen Inhalt wirklich gerecht werden zu können.

An die beschriebene Erzählstruktur der ineinander verschränkten Handlungsstränge mit wechselnder Erzählperspektive werden sich ungeübte Leser erst gewöhnen müssen; insbesondere, weil die Wirkung und Berechtigung dieser Erzählweise sich erst nach und nach erschließt. Aber die Schülerinnen und Schü-ler lernen damit ein komplexes Verfahren literarischer Gestaltung kennen, was ihre Lesefähigkeit entschei-dend fördert. 1. Bei der Erschließung des Textes sollte zum einen die (chronologische) Rekonstruktion der Nachfor-schungen im Vordergrund stehen und zum anderen die Charaktereigenschaften der Protagonisten und ihre 20.Beziehungen zueinander: in erster Linie Jan und Sunny sowie Jan und sein Vater (Vater-Sohn-Konflikt). Jan entwickelt sich bis zum Schluss kaum: Er ist und bleibt der gut erzogene, etwas verschlossene, leicht verkrampfte Langweiler, der Sunny und seinen Freunden als ein verkopfter Spielverderber und Krö-sus vorkommt; so lohnt sich für ihn auch, die Wirkung von Fremd- und Selbstbild auf sein Handeln und Selbstbewusstsein zu untersuchen. Sunny dagegen wirkt munter und gelöst, unkompliziert und tatkräftig, mutig und trotzig - und Jan liebt ihren lieblichen AprikosenPfirsich-Duft. Den Vater scheint nur der berufliche Erfolg zu interessieren, das Geld und seine Reputation in der Öffentlichkeit: alles durchorganisiert wie von einem Feldmarschall (S. 47). Dagegen neigt die Mutter, die Kunstliebhaberin, eher ihrem Sohn zu: still und zurückhaltend, fürsorglich. An der kunstvollen Gestaltung des Romans gibt es große und kleine Stilelemente zu entdecken: den Schauplatz- und den Perspektivenwechsel (zwischen Ich- und Er-Form), Motive (in beiden Erzählsträngen:

Geld, Fahrräder, 6 Mio. jüdische Opfer und Tote in den Katakomben), sprechende Namen (Sunny, die Sonnige, und Judas, der Verräter) usw. Es gilt, diese literarischen Mittel nicht nur zu beschreiben, sondern auch ihre Bedeutung für den Inhalt zu ergründen. 2. Lüge und Wahrheit, Aufrichtigkeit und Betrug damit sind sensible und immer gültige Grundfragen des menschlichen Zusammenlebens angesprochen, die für Heranwachsende eine besondere Relevanz haben. Hier liegt die Zusammenarbeit mit der Rechtserziehung (in Sozialkunde) nahe; ggf. kann auf schon erworbene Kenntnisse aus diesem Fach zurückgegriffen werden. Wie die Figuren in dem Buch ›Verrat‹ sind Jugendliche täglich der Verführung zur Unaufrichtigkeit ausgesetzt und sie machen Erfahrungen mit unterschiedlichen Vergehen - als Täter oder als Opfer (Ladendiebstahl, Schwarzfahren, Fahrraddiebstahl, Körperverletzung, Spicken, »Petzen«, Schwindeln). Soziologen behaupten, dass in den letzten Jahren das Unrechtsbewusstsein Jugendlicher merklich gesunken und der Hang zur Kriminalität angestiegen sei. Orientierungslosigkeit und ein entsprechender Werteverfall seien dafür verantwortlich. Diese Entwicklung literarisch aufzuarbeiten ist aber ebenso wenig das Anliegen des Buches wie eine moralische Belehrung Heranwachsender. Es wird auch nicht die Illusion genährt, dass es ein allgemein gültiges Maß für Aufrichtigkeit gäbe. Auch wenn Jugendliche das gerne hätten: So einfach und bequem ist das Zusammenleben der Menschen nicht zu regeln. Der ›Verrat‹ problematisiert viel eher den schwierigen Umgang mit der Aufrichtigkeit und hilft den jugendlichen Lesern auf diese Weise, ihr Rechts- und Unrechtsbewusstsein zu schulen. Jugendliche brauchensolche Möglichkeiten, um im Spannungsfeld von (eindeutiger)

Rechtslage und (subjektivem) Rechtsempfinden Maßstäbe und Kriterien für das eigene Handeln und die Beurteilung anderer zu finden. Gleichwohl erscheinen in ›Verrat‹ Wahrheit und Wahrhaftigkeit nicht als beliebig dehnbare Begriffe. Im Gegenteil, das Buch erhebt einen hohen moralischen Anspruch an die Aufrichtigkeit. Präsentiert wird dieser Anspruch so unaufdringlich, dass jugendliche Leser nicht abwehrend reagieren. Die unterschiedlich schweren Vergehen werden stets im Kontext ihrer Entstehung dargestellt. Dadurch ist der Leser gezwungen, die jeweiligen Lebensumstände der Handelnden mit einzubeziehen; eine Haltung, die dem gelegentlich unterentwickelten Rechtsempfinden Jugendlicher leicht zuwider ist - besonders natürlich, wenn es um Vergehen anderer und nicht um das eigene Fehlverhalten geht. Zur Beurteilung stehen an: materielle Schädigungen wie die ausbleibende Wiedergutmachung für Simon Reich, der eigennützige Verkauf der Bilder, der Ladendiebstahl (»Mundraub«), der Taschen- und Fahrraddiebstahl; ferner offenes Lügen und Verraten: Die Eltern belügen Jan (verbrannte Bilder), Jan verrät Jamal, Jan hintergeht Sunny (bei der Verhaftung Jamals); schließlich latente Unaufrichtigkeiten: Die Eltern verschweigen Simon den Verkauf der Bilder, Jan spricht mit Sunny nicht über seine Gefühle usw. Andererseits verteidigen und entschuldigen sich die Handelnden selbst. Der Vater spricht von seinem rechtmäßigem Eigentum, Sunny von Mundraub und vom Reichtum der Bestohlenen, und Jan beruft sich darauf, dass er nun mal so ist, wie er ist: steif, verkopft und verschlossen. Diese Rechtfertigungen bieten einen besonderen Anreiz, sich kritisch mit dem jeweiligen Fehlverhalten auseinander zu setzen.

Ziel ist es also nicht, andere (wie den Großvater oder Sunny) abzuurteilen. Viel eher können die Jugendlichen lernen, auch von ihnen abgelehnte Handlungsweisen anderer zu verstehen, ohne dafür gleich Verständnis aufbringen zu müssen. Genau das nimmt sich auch Jan am Ende vor. Aber auch die Erzählstruktur lässt sich in die Auseinandersetzung mit dem Inhalt einbeziehen. Durch die Verschränkung der Handlungsstränge stehen Vergehen unterschied-lichster Art und Provenienz plötzlich nebeneinander und werden so vergleichbar. Noch anregender für den Leser ist, dass auf diese Weise Jan-Judas mit sich selbst konfrontiert wird: Während sich Jan als Aufklärer über seinen Großvater und seinen Vater empört, ist Judas - für den Leser gleichzeitig - selbst Anfechtungen ausgesetzt und macht sich als Mitläufer und Helfershelfer schuldig. 3. Wenn die Aufrichtigkeit eine Grundfrage des Menschseins ist, dann ist sie auch immer wieder aktuell. Zurzeit besonders exponiert durch das verwerfliche Verhalten namhafter Persönlichkeiten, die als politische Vor- und Leitbilder im öffentlichen Leben standen und noch stehen. Die Auswirkungen dieser Skandale auf das moralische Empfinden und Handeln Jugendlicher sind noch nicht abzusehen, aber sie sind gewiss nicht positiv (vgl. Artikel von Peter Struck im 24.Anhang). Eine mögliche Auswirkung könnte sein, dass die Hemmschwelle zum betrügerischen Verhalten (weiter) sinkt - so, wie es Jan-Judas in seinem Frust formuliert: Wenn ihr lügt, dann lüge ich auch. Grund genug, dass sich Jugendliche im Zusammenhang mit der Lektüre des ›Verrats‹ dieser Zeiterscheinung stel-len, um vielleicht gemeinsam - wie Jan am Ende positive Perspektiven zu entwickeln (z. B. selbst Verantwortung

in Parteien, Vereinen und Verbänden zu übernehmen und es besser zu machen). 4. Nicht zuletzt sollte der im Buch geschilderte Fall des Simon Reich zu einer textimmanenten, dann aber auch grundsätzlichen Problematisierung der so genannten Entschädigung jüdischer und anderer Opfer des Nationalsozialismus genutzt werden. Die Zusammenarbeit mit den Fächern Geschichte und Sozialkunde würde sich hier besonders lohnen. Durch authentische Fallbeispiele können die Jugendlichen erfahren, wie komplex, kompliziert und kontrovers solche Prozesse verlaufen; es kann manchmal sehr lange dauern, bis man sein Recht bekommt. Be-sonders aufschlussreich können dabei die Argumente der Rechtsgegner sein und auch das, was Einzelne gelegentlich von sich aus als Versuch einer Entschädigung leisten. Die Aufarbeitung der Familiengeschichte des Jan Senneberg zeigt eindrucksvoll, dass auch heutige Jugendliche noch von Verbrechen der Nazizeit persönlich betroffen sein können. Jan fragte sich ursprünglich abwehrend, was ihn das alles denn angehe, diese schreckliche Zeit sei doch lange vorbei. Viele Jugendliche teilen diese Ansicht. Nun ist Jans Familie zwar besonders intensiv betroffen und dieser Fall lässt sich nicht verallgemeinern. Aber Jans Mut zum Nachfragen und Forschen kann Anregung und Aufforderung für die Leser sein, auch der eigenen Vergangenheit nachzugehen: in der Geschichte der Stadt, der Schule, des Vereins - und in der Familie. Nicht mit der Absicht, Sündenfälle aufzudecken und anzuklagen, sondern um die eigene Identität in ihrer Geschichtlichkeit zu begreifen. Denn gerade in einer Zeit, in der die letzten Zeitzeugen wie Erich Reinfeld

sterben, zeigt das Buch sehr gut, wie die Verantwortung unweigerlich auf die Generation der Nachgeborenen übergeht: Jan ersetzt auf dem Kuvert nach Israel in der Anschrift Simon durch den Namen von dessen Tochter Hannah und im Absenderstempel den Vornamen seines Vaters durch seinen eigenen. Vielleicht wird er ja tatsächlich einmal nach Israel reisen, um Hannah kennen zu lernen: eine wertvolle Anregung für neugierige Leser, an Austauschfahrten teilzunehmen, um fremde Länder, Menschen und Kulturen kennen zu lernen. 5. Miteinander reden! Wie wichtig das offene Gespräch für ein gedeihliches Zusammenleben der Menschen wäre, zeigen die einschlägigen Erlebnisse des Jan-Judas ex negativo. Vielen Jugendlichen geht es wie ihm: Sie sind nicht recht in der Lage, über ihre Gefühle zu sprechen, zumal, wenn ihnen ihre Gefühle nicht ganz geheuer sind. Sprachlosigkeit aber führt zu Missverständnissen, Unaufrichtigkeit und letztendlich zu Gewalt: Jans Vater ohrfeigt ihn, Sunny tritt ihn, er verrät beide und läuft davon. Jan-Judas‘ Lebenssituationen (erste Liebesbeziehung, Konflikt mit den Eltern) sind Jugendlichen so vertraut, dass sie leicht und mit Gewinn Alternativen zu seiner Verschlossenheit entwickeln können. Gefühle, bevor sie Konflikte provozieren, im Gespräch »auszudrücken« wäre ein lohnendes Trainingsziel für Schülerinnen und Schüler, für das der ›Verrat‹ zahlreiche Übungssituationen bietet.

Methodische Überlegungen Der Jugendroman ›Verrat‹ bietet viele Möglichkeiten der unterrichtlichen Auseinandersetzung. Man muss nicht alle nutzen, um dem Buch gerecht zu werden. Eine den Interessen und dem Leistungsvermögen der Lerngruppe angepasste Auswahl ist das Optimum. 1. Einstieg (vor der Lektüre) - Vereinzelte Äußerungen zum Thema Lügen (siehe Anhang) können als Einstieg zur offenen Diskussion über das Lügen und das Verschweigen der Wahrheit dienen. - Oder: Sprichwörtliche Wendungen zum Thema Lügen werden zu einer kleinen Beispielgeschichte ausformuliert: »Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht«, »Lügen haben kurze Beine« usw. - Über das Titelbild: Was liest der Junge? Oder worüber denkt er nach? Beachte seinen Gesichtsausdruck und die Papiere auf dem Tisch (Briefe, Hausaufgaben, wichtige Erlebnisse usw.; jetzt oder später wird deutlich: Das Titelbild weist auf die Bedeutung des Schreibens für die Aufarbeitung wichtiger Erlebnisse hin). 2. Lektüreverfahren - Je unerfahrener die Schülerinnen und Schüler im Umgang mit literarischen Texten sind, desto mehr und länger sollte man im Unterricht gemeinsam lesen und gleich besprechen. Sind die Schülerinnen

und Schüler mit dem Schauplatz- und Perspektivenwechsel erst einmal vertraut, können auch längere Abschnitte zu Hause gelesen werden (etwa ab Kapitel 10). - Das erste Kapitel kann neugierig machen - oder nur unnötig verwirren; im Zweifelsfall sollte man es vorerst weglassen. - Wenigstens angeregt sei anlässlich der speziellen Erzählstruktur des Buches folgendes Lektüre-Experiment: Man könnte die Klasse teilen (sogar gemäß persönlicher Vorliebe für eine Liebes- oder eine Enthüllungsgeschichte) und jede Hälfte nur einen Handlungsstrang lesen lassen. Danach würde jede Gruppe ihre Geschichte vorstellen (auf einem Plakat zum ruhigen Anschauen). Interessant wäre dabei, welchen Eindruck die beiden Gruppen jeweils von Jan-Judas hätten; Übereinstimmungen und vielleicht ein Wandel der Figur könnten so besonders deutlich werden. Im Übrigen ist man beim Untersuchen bestimmter Handlungsabläufe alle Mal gezwungen, die beiden Erzählstränge des Buches getrennt zu lesen. 3. Lektürebegleitend (Informierende Arbeitsaufträge müssen vorher verteilt werden, um rechtzeitig eingebracht werden zu können.) Kapitel 1: Wer ist wer und was ist geschehen? (Fragen, die vorerst offen bleiben oder hypothetisch beantwortet werden.) - Wer merkt als Erster, dass Jan Judas ist und umgekehrt? Woran ist das zu erkennen? (Am Namen; am »Krösus«, S. 13), usw.? Gemeinsamkeiten, Bezüge

und Unterschiede sind von diesem Zeitpunkt an kontinuierlich mitzuverfolgen!) - Zu jeder Zeit können Klasseninterviews durchgeführt werden: Die Klasse befragt einen Schüler oder eine Schülerin in der Rolle einer Figur (Jan, Sunny, den Vater usw.) nach den Gründen für ihr Handeln, nach Perspektiven usw. Kapitel 2: Warum sind die beiden von zu Hause abgehauen? (Für Sunny bleiben die Antworten hypothetisch.) - Sammele während der Lektüre Eigenschaften und Eigenheiten der Hauptfiguren (Jan-Judas, Sunny, die Eltern) und dokumentiere deine Ergebnisse am Ende (Porträt-Plakat). - Die Geschichte der Druckerei und der Behrmann-Bilder: Sammele die Ergebnisse von Jans Nachforschungen und ordne sie in einer Chronologie übersichtlich (Plakat). Kapitel 7: Was ist mit den Bildern? Denke dir eine Erklärung aus! Kapitel 13: Werner Behrmann ist ein erfundener Maler. Berichte deshalb mit Beispielen, was die Nationalsozialisten unter »entarteter Kunst« verstanden. Wie begründeten sie ihre Ablehnung, welche Art von Kunstwerke stellten sie dagegen? Kapitel 14: Berichte über diesen unterirdischen Friedhof, die Katakomben, in Paris (Reiseführer, Internet)! Kapitel 16: Gib den Dialog zwischen Sunny und Jan-Judas in diesem Kapitel wieder. Vergleiche das, was sie miteinander reden, mit dem, was Jan-Judas nur denkt. Versuche einen Dialog zu schreiben, in dem Jan-Judas seine Gefühle zum Ausdruck bringt. Wie reagiert Sunny darauf?1 Kapitel 17: Wie geht der Brief weiter? Kapitel 18: Jan-Judas fragt dich als seinen besten Freund, was er machen soll! Was rätst du ihm?

Kapitel 19: Hier oder später: Berichte über Versuche der »Wiedergutmachung« nach dem 2. Weltkrieg bis in die Gegenwart. Welche Opfer-Gruppen werden bedacht, wie argumentieren die Verhandlungspartner? Kapitel 22: »›Achtunddreißig!‹, hörte ich ihn brüllen.« Was passiert als Nächstes? Schreibe hier ein spannendes (tragisches?) Ende der Geschichte. Kapitel 25/26: Jan wird vom Vater geohrfeigt und von Sunny getreten. Untersuche, wie und warum es jeweils dazu kommt. Versuche für beide Vorfälle einen gewaltfreien Ausgang zu finden. Kapitel 25: Referiere den Verrat des biblischen Judas. 4. Nach Kenntnis des ganzen Buches Zu den Figuren - Entwerfe ein Porträt des Jan Senneberg, alias »Judas«. Beachte seine Lebensumstände und seinen Charakter. Überlege dir eine eindrucksvolle Art der Präsentation deiner Arbeit. - Untersuche die Erziehungsmethode und den Umgang der Familienmitglieder miteinander im Hause Senneberg; ggf. als Reportage. - Jan verrät seinen Vater und Jamal. Ergründe, warum er das jeweils tut. Befrage ihn in einem fiktiven Interview. - »Ich hatte sie verraten«, gesteht sich Jan-Judas (S. 203). Beschreibe und analysiere das Verhältnis 31.zwischen ihm und Sunny! Worin besteht sein Verrat? - Sunny schreibt gern Postkarten. Lass‘ sie in einem längeren Brief an eine Freundin über ihre Erleb-nisse mit Jan und ihr Verhältnis zu ihm berichten. - Sunny und Jan schreiben beide gern. Lass‘ jeden von ihnen einen lyrischen Text (ein Gedicht o. Ä.)

über ihre gemeinsame Zeit schreiben. - »Ich fing langsam an ihn ein kleines bisschen zu mögen.« (S. 54) Beschreibe Judas‘ schwieriges Verhältnis zu Jamal. - »›Das mit uns, das ist was Besonderes‹, wollte ich sagen - weil ich wusste, dass es stimmte. Aber ich ließ es bleiben.« (S. 42) Lass‘ Jan seinen Satz sagen und entwickle dann ein Gespräch zwischen ihm und Sunny. Zur Erzählstruktur - Welche inhaltlichen Rückbezüge auf den ersten Teil findest du in den geradzahligen Kapiteln? - »Jan liebte dieses stumme Radeln« (S. 55). Beschreibe Jan-Judas im Spiegel seiner Liebe zum Radfahren und zu Fahrrädern. - »Sag gefälligst nicht mehr Krösus zu mir, ja?« Beschreibe Jan-Judas im Spiegel seiner Beziehung zum Geld. Zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit - Recherchiere Beispiele und Verfahrensweisen der Wiedergutmachung an jüdischen und anderen Opfern des Nationalsozialismus (bei Zeitzeugen, im Internet und in Büchern). Wähle eine geeignete Form der Präsentation. - Ladet Zeitzeugen ein, die von ihrer Schulzeit im Nationalsozialismus und ggf. vom Schicksal jüdischer Schüler (an eurer Schule?) berichten können. - Ladet jüdische Mitbürger ein, die mit euch über das Problem der »Entschädigung« authentisch diskutieren können. - Verfasse eine interessante Reportage für die Lokalzeitung

über Jans Recherchen zur Senneberg‘schen Druckerei und zu den Behrmann-Bildern. Informiere korrekt über die Fakten und kommentiere das Verhalten der Beteiligten. Wähle am Schluss eine zündende Überschrift. - Was wirft Jan seinem Großvater und seinem Vater vor? Wie rechtfertigt der Vater sein und des Großvaters Verhalten? Nimm Stellung zu dieser Argumentation. Welche Alternativen hätten der Großvater und der Vater gehabt? - Am Ende beginnt Jan sich dafür zu interessieren, was seine Eltern wirklich fühlen und denken. Führt ein Gespräch zwischen Jan und seinen Eltern, in dem auch die Gefühle der Beteiligten zum Ausdruck kommen. Das Thema ist, wie die Familie mit ihrer Vergangenheit in der Zukunft umgehen will. - Jan will »vielleicht« nach Israel fahren, um Hannah zu treffen. Schildere diese fiktive Begegnung als Dialog oder Tagebucheintrag! - Sucht nach Spuren eurer Vergangenheit! (s. Beispiel im Anhang). In eurer Schule (Ehemalige, Schularchiv), eurem Stadtteil (Stadt- oder Gemeindearchiv), eurer Familie (Stammbaum und Porträts erstellen). Lasst euch von dem leiten, was euch selbst am meisten auffällt und interessiert. Zur Unaufrichtigkeit - Nutzt den Besuch einer Gerichtsverhandlung, um euch über den Umgang mit jugendlichen Straftätern zu informieren und damit auseinander zu setzen (Jugendgerichtsgesetz). - Wie begründen Sunny und Jamal ihre Vergehen (Schwarzfahren, unterschiedliche Diebstähle; ab Kapitel 18). Nimm‘ begründet Stellung dazu.

- »Und ich wusste auch, dass ich nichts sagen würde, dass ich zusehen würde, mitmachen würde« (S. 126), denkt Jan. Vergleiche diesen Gedanken Jans mit der Haltung seines Großvaters und seines Vaters. - Jan, der Judas: Er ist kein Dieb; er ist ein Verräter (vgl. S. 7). Prüfe diese Ansicht der Erzählerin und nimm Stellung dazu. - Stellt euch vor, auch Jan-Judas wäre an der Grenze von der Polizei aufgegriffen worden. Spielt sein Gerichtsverfahren vor einem Jugendrichter. Was könnte ihm zur Last gelegt werden, was entlastet ihn, wie wäre er zu bestrafen? Macht euch die Schwierigkeiten eines solchen Verfahrens deutlich. - »Ich lüge, okay, ich lüge. Ich lüge so, wie ihr alle lügt«, (S. 119) denkt Jan bei sich. Darf man lügen? Schreibe einen Aufsatz zu diesem heiklen Thema. Beziehe Beispiele aus dem öffentlichen Leben und deiner persönlichen Erfahrung mit ein (Parteispendenskandal, Doping usw.) Diskutiert eure Ansichten. Anmerkung 1 Als Anleitung zur reflektierten Entwicklung einer fairen Ge-sprächskultur für Schüler eignet sich besonders: Reinhold Miller ›Du dumme Sau! Von der Beschimpfung zum fairen Gespräch‹. Lichtenau: AOL-Verlag 1999.

Interview mit der Autorin Cornelia Franz lebt in Hamburg, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Tina (13) und Cora (16) aus Frankfurt am Main haben sie zu ihrem neuen Buch ›Verrat‹ befragt: Können Sie uns verraten, wie Sie dazu gekommen sind, Kinder- und Jugendbücher zu schreiben? Haben Sie selbst Kinder? Mein erstes Jugendbuch (›Nicht mit mir!‹) habe ich geschrieben, weil mich eine Geschichte aus meiner eigenen Jugend bewegt hat. Das heißt, das Buch ist zu großen Teilen autobiografisch. Ich wollte also nicht unbedingt ein Jugendbuch schreiben, sondern mir selbst eine ganz bestimmte Geschichte, die mich nicht losgelassen hat, erzählen. Meine eigenen Kinder sind erst zweieinhalb Jahre und drei Monate alt. Am Anfang hatten wir beim Lesen des ›Verrats‹ Schwierigkeiten, zu verstehen, worum es geht. Der Wechsel des Schauplatzes und der Perspektive hat uns lange verwirrt. Warum haben Sie diese Art der Darstellung gewählt? Dazu muss man sagen, dass ich alle meine Bücher in erster Linie für mich selbst schreibe, das heißt, das Schreiben muss mir Spaß machen. Mit diesem Perspektivenwechsel wollte ich etwas für mich Neues ausprobieren. Bisher waren meine Jugendbücher immer in der ersten Person geschrieben. Bei Verrat habe ich erstmals auch versucht, in der dritten Person zu schreiben. Der Wechsel von einer Perspektive zur anderen hat für mich das Schreiben interessanter gemacht. Außerdem erschien es mir passend, den Teil

der Geschichte in der dritten Person zu erzählen, der weniger persönlich ist und sich mehr auf politische/ historische Ereignisse bezieht. Und warum haben Sie die Handlung nicht der Reihe nach erzählt? Warum ich nicht chronologisch erzählt habe: Ich entwickle meine Geschichten immer erst beim Schreiben, d. h., wenn ich anfange, weiß ich selbst noch nicht, wie die Geschichte weitergeht und enden wird. Bei diesem Buch war für mich der Ausgangspunkt die Begegnung zwischen Sunny und Jan und Jans Flucht. Erst während des Schreibens habe ich entwickelt, warum Jan von zu Hause weggelaufen ist. So ergab sich die Rückblende von selbst. Im letzten Kapitel sagt Jan: »Ich habe meine Geschichte aufgeschrieben, das heißt, unsere Geschichte.« Soll das heißen, dass er praktisch das ganze Buch geschrieben hat? Nun, das ist ein stilistisches Mittel, das viele Autoren anwenden. Bei einem Buch, in dem ein Ich-Erzähler zu Wort kommt, kann man sich immer die Frage stellen, ob er das wirklich Wort für Wort so aufgeschrieben hat. Letztendlich ist ja der Ich-Erzähler auch nur eine Erfindung. Ich als Autorin habe ja diese Geschichte ausgedacht und aufgeschrieben. Es gibt eine Szene im ›Verrat‹, über die wir uns besonders gewundert haben: die Übernachtungen in den Katakomben. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen? Gibt es einen solchen unterirdischen Friedhof wirklich in Paris? Ja, diesen Friedhof gibt es, und auch, was Jamal darüber erzählt, entspricht der Wahrheit. Ich habe mit

meinem Mann zusammen einen Reiseführer über Paris geschrieben und bei der Recherche dafür diese Katakomben kennen gelernt. Und seit Jahren spukte in mir die Idee herum, einmal ein Buch zu schreiben, das dort spielt. Gibt es diesen Maler Werner Behrmann (1901-1947) und seine Bilder wirklich? Wir konnten das nicht herausfinden, wir hätten aber die beschriebenen Bilder gerne mal gesehen! Nein, Werner Behrmann ist eine Erfindung. Jamal, der Fahrraddieb, erschien uns von Anfang an unsympathisch, auch wenn Sunny ihn ja zu mögen scheint. Jan bezeichnet ihn einmal als marokkanischen Macho. Wird dadurch nicht das Vorurteil gefördert, dass (alle) Ausländer kriminell seien? Diese Frage zeigt, dass das Vorurteil schon in euren Köpfen steckt, denn außer Jamal stehlen ja auch Sunny, Jans Vater und Jans Großvater. Und trotzdem kommt nicht die Frage auf, ob denn alle Deutschen Diebe sind. Ein anderes Vorurteil könnte dadurch bestätigt werden, dass der jüdische Druckereibesitzer besonders reich ist und auch noch Simon Reich heißt! Oder finden Sie das übertrieben? Auch hier scheint euer eigenes Bild das genaue Lesen erschwert zu haben. Vor dem Krieg war die Druckerei noch längst nicht so groß und Simon wird nirgendwo als reicher Mann beschrieben. Aber ihr habt Recht: Ein anderer Nachname wäre geschickter gewesen.

Der Vater von Jan hat Unrecht getan und gleichzeitig ist er auch ein schlechter Vater. Dadurch entwickelt man natürlich keine Sympathie für ihn. Wäre es nicht denkbar und viel schwieriger, wenn er als Mensch und Vater nun ganz nett wäre? Das stimmt, aber meine Figuren entwickeln beim Schreiben ihren eigenen Charakter und Jans Vater ist mir eben als nicht besonders sympathische Figur in die Tasten geflossen. Die Lektorin hat mich sogar gebeten, die Vaterfigur etwas freundlicher zu gestalten, aber es ist mir nicht gelungen. Vielleicht kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass ein Mensch, der beruflich so wenig Moral zeigt, ein netter Mensch ist. Besonders gut gefallen haben uns die Szenen zwischen Jan und Sunny! Wie können Sie sich so gut in junge Leute wie die beiden hineindenken? Erinnern Sie sich dabei an eigene Erlebnisse oder erfahren Sie das durch Beobachtungen und Gespräche mit Jugendlichen? Obwohl ich schon dreiundvierzig bin, sind mir meine eigene Jugend, meine damaligen Gedanken und Gefühle immer noch sehr nah und ich glaube, grundlegende Dinge wie Liebe, Angst vor Sexualität und Neugierde darauf, Auseinandersetzungen mit den Eltern, Enttäuschung über die korrupte Erwachsenenwelt etc. haben sich nicht sehr geändert. Gibt es einen besonderen Anlass oder ein Erlebnis, dass Sie auf die Geschichte mit dem Verrat an dem jüdischen Druckereibesitzer brachte? Oder haben Sie das alles frei erfunden? Die Geschichte ist frei erfunden, aber inspiriert durch Berichte in den Medien über die nicht erfolgte Rückgabe jüdischen Eigentums.

Jan heult gegen Ende verzweifelt, »weil diese ganze schreckliche Welt nur aus Lügen und Verrat bestand«. Es ist erschreckend, wie aktuell dieses Thema zurzeit auch angesichts der gegenwärtigen Skandale in den politischen Parteien ist. Es sieht so aus, als seien heutzutage gerade die Persönlichkeiten, die erfolgreich im öffentlichen Leben stehen, korrupt und verlogen. Wie kann man da die Hoffnung haben, dass es einmal besser wird? Man muss Hoffnung haben, vor allem als Jugendliche, sonst gibt man sich auf und hat nicht die Kraft, gegen Lügen und Ungerechtigkeit zu kämpfen. Aber ich befürchte, eine Gesellschaft, in der die Ehrlichen und Anständigen das Sagen haben, ist eine Utopie. Neuere Parteien wie die Grünen haben ja versucht, durch die Trennung von Amt und Mandat oder durch das Rotationsprinzip der Machtgier einzelner Personen vorzubeugen. Aber auch da - seitdem sie selbst an der Macht sind - werden diese Grundsätze gerade über Bord gekippt. Vielleicht muss jede Generation neu überlegen, wie man die Demokratie am Leben hält. Wir haben uns gefragt, ob die Geschichte von Jans Familie Senneberg nicht zeigt, dass man durch Lügen und Verrat durchaus zu Glück und Wohlstand kommen kann! Sind die Ehrlichen heutzutage nicht die Dummen? Zu Wohlstand ist Jans Familie gekommen, aber auch zu Glück? Zeigt die Geschichte nicht auch, wie eine Familie durch Unehrlichkeit - durch eine »Lebenslüge« - verkrustet und unlebendig wird? Kann man (Jans Vater) wirklich glücklich werden, wenn man sein Lebenswerk auf Verrat aufbaut?

Ich glaube auf keinen Fall, dass die Ehrlichen die Dummen sind. Vielleicht sind sie nach herkömmlichen Maßstäben oft nicht die Erfolgreichsten. Aber die eigentlich Dummen sind meiner Meinung nach die, die Geld und Besitz höher stellen als Freundschaft, Ehrlichkeit und Mitmenschlichkeit Vielen Dank, Frau Franz, für das Gespräch!

Anhang Diverse Zeitungsartikel Frankfurter Allgemeine Zeitung Samstag, 19. Dezember 1998

Fragliche Provenienz

André Rieu gibt Stradivari zurück Der niederländische Violonist André Rieu gibt die Stradivarigeige, die er vor kurzem für zwei Millionen Mark bei Bongartz in Köln ersteigert hat (FAZ. vom 14. November), auf Wunsch des Auktionators zurück. Georg Paul Bongartz habe ihn darum gebeten, weil die Herkunft des Instruments nicht lückenlos aufzuklären gewesen sei. Es sei fraglich, ob die Violine nach dem Zweiten Weltkrieg rechtmäßig den Besitzer gewechselt habe. Bei dem Versuch, die Provenienz der Geige vor der Übergabe lückenlos nachzuprüfen, sei er nach 1930 »in der Sackgasse« gelandet, sagte Bongartz. Die Stradivari aus dem Jahr 1703 war vor dem Krieg Eigentum einer deutsch-jüdischen Familie. Bei ihrer Flucht habe sie das Instrument einem Genfer Geigenbauer zur Aufbewahrung gegeben. Nach dem Krieg habe dieser die Violine an einen privaten Sammler verkauft. Ob dieser Verkauf mit Einwilligung der Familie geschah und damit rechtmäßig war, lasse sich heute nicht mehr klären. Der Genfer Geigenbauer habe alle Unterlagen verbrannt. Die Stradivari geht jetzt an den privaten Sammler zurück.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Sonntag, 5. März 2000, Nr. 9 (Auszug)

Die Scherzlüge, die Schadenlüge, die Nutzlüge, die Notlüge Das Zusammenleben der Menschen und der Umgang mit Wahrheit / Von Manfred Kock In der Debatte über die jüngsten Lügengeschichten in der Politik wird man gelegentlich hintersinnig und hinterhältig gefragt: »Haben Sie schon einmal gelogen?« oder »Wann haben Sie das letzte Mal gelogen?« - die Fragen suggerieren die Tendenz einer Antwort: Cosi fan tutte, alle die großen und die kleinen Leute haben ihre kleinen oder großen Lebenslügen. Doch: Unwahrhaftig wird bagatellisiert, wenn sie so zu jedermanns Eigenschaft erklärt wird. [...] »Legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind.« (Eph. 4,25) Dies ist die bündige und klare Zusammenfassung dessen, was die Bibel an vielen Stellen über die Bedeutung von Wahrheit und Lüge und das Zusammenleben der Menschen zu sagen hat. Gemeinsames Leben in der Familie, am Arbeitsplatz und im Gemeinwesen kann nur gelingen, wenn Menschen sich darauf verlassen können, dass sie von den Worten ihres Nächsten nicht betrogen und in die Irre geführt werden. Keiner von uns ist allwissend, niemand verfügt über allumfassende Kontrollmöglichkeiten. Wir müssen einander vertrauen können. Was einer sagt, muss stimmen. Die Realität sieht allerdings anders aus. Nahezu alle nehmen es mit der Forderung unbedingter Wahrhaftigkeit und dem kategori-

schen Verbot der Lüge nicht ganz so genau. Die wenigen, für die diese Vermutung nicht zutreffen mag, werden häufig mit dem abschätzigen Etikett »Wahrheitsfanatiker« belegt. Mit dieser Feststellung wird die Lüge allzu leicht verharmlost. Unwahrhaftigkeit und Lüge sind aber die Quelle schwerer Schäden in den Seelen der Menschen und vergiften das Zusammenleben. Auf den zweiten Blick zeigt sich, dass die Anforderungen an die Wahrhaftigkeit komplizierte Fragen aufwirft. Eine alte Lebensweisheit empfiehlt, sich beim Umgang mit der Wahrheit an den Grundsatz zu halten: »Alles, was du sagst, muss wahr sein, aber sage nicht alles, was wahr ist.« Das gilt unter Umständen für den Arzt, der am Krankenbett Auskunft geben soll. Solche Behutsamkeit im Umgang mit der Wahrheit ist auch angezeigt, wenn Vorgesetzte über Mitarbeiter urteilen; sie ist mit Sicherheit auch unentbehrlich für die Arbeit von Journalisten. So eindeutig und hilfreich diese Lebensweisheit für manche Situationen ist in anderen Zusammenhängen kann sie der Deckmantel für Unwahrheiten und Lüge werden. Die Information über einen Sachverhalt kann durch Verschweigen wichtiger Aspekte so verkürzt werden, dass man zwar nicht direkt lügt, aber den Gesprächspartner faktisch völlig in die Irre führt. Diezitierte Lebensweisheit ist also ein hilfreicher Wegweiser in Grenzfällen, aber keine Gebrauchsanweisung für den alltäglichen Umgang mit Wahrheit und Lüge. Andererseits kann die rigorose Forderung, stets verheerend wirken. Wenn in der Nazizeit jemand seinen Nachbarn anzeigte, der den Londoner BBC-Sender verbotenerweise hörte oder gar einen Juden versteckt hielt, so hatte er zweifellos »die Wahrheit« gesagt. Aber für den betreffenden Nachbarn war die Wahrheit tödlich. Die Wahrheit sagen ist keine absolute Kategorie; der Umgang mit der Wahrheit ist daran zu messen, ob er Schaden oder Nutzen für den Nächsten und für das Gemeinwesen bewirkt.

Martin Luther unterschied - ganz in der Tradition der alten Kirche - drei Arten der Lüge: Die Scherzlüge, also die kleinen neckenden Geschichten und Fabeln, die vor allem Kindern erzählt werden, um ihre Aufmerksamkeit zu schulen. Bei dieser Art Lüge löst sich der anfängliche Ernst rasch in Lachen auf. Die Schadenlüge, die erzählt wird in der Absicht zu täuschen, die unter anderem dadurch wirkt, dass die Wahrheit verschwiegen oder verdreht wird zum Nachteil des Nächsten, seines Gutes oder seiner Ehre. Die Nutzlüge, auch Notlüge genannt, das ist die Unwahrheit aus Liebe und Barmherzigkeit, die also dem Schutz des Nächsten oder des Gemeinwesens dient. Das Versteck eines verfolgten Menschen nicht preiszugeben oder das eigene Leben dadurch zu retten, dass gegenüber einem verbrecherischenRegime die Beteiligung an Widerstandshandlungen geleugnet wird, sind Beispiele für »Notlügen«, deren moralische Zulässigkeit nur von wenigen bestritten würde. Bei einer allzu häufigen Berufung auf die Kategorie »Notlüge« liegt die Gefahr darin, dass man fast immer eine »Not« finden wird, um sich darauf zu berufen. An die Rechtfertigung einer Lüge müssen daher hohe Anforderungen gestellt werden. Im Grunde kann nur ein so hohes Gut wie der im Beispiel genannte Schutz fremden Lebens oder die Rettung des eigenen Lebens das Gebot der Wahrhaftigkeit und das Verbot der Lüge außer Kraft setzen. [...] Der Autor ist Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Sonntag, 20. Februar 2000, Nr. 7 (Auszug)

Alles Lüge! Die Wahrheit ist: Ohne Täuschung geht es nicht - weder in der Politik noch im richtigen Leben / Von Uta Rasche und Manfred Köhler [...] Aus psychologischen Studien ist bekannt, dass jeder Mensch durchschnittlich vier- bis fünfmal am Tag die Unwahrheit sagt, Komplimente und Schmeicheleien nicht einmal eingerechnet. Harmlose Lügen sind erwünscht; denn die ungeschminkte Wahrheit ist oft verletzend, distanzlos und nur schwer zu ertragen. Zu große Offenheit bei der Beurteilung des Aussehens und der Leistung anderer Menschen gelten als Zeichen mangelnder sozialer Intelligenz. »Im Deutschen lügt man, wenn man höflich.ist«, beklagt der ungehobelte junge Baccalaureus in Goethes »Faust«. Kinder wissen das noch nicht. Oft schämen sich Eltern, wenn ihr Nachwuchs allzu unbekümmert aus dem Familienleben plaudert. So merken die Mädchen und Jungen, dass Ehrlichkeit zwar eine Tugend ist, ihre Umgebung aber Täuschung fordert. Sollten Kinder also dazu erzogen werden, intelligenter zu lügen? Lügen zu lernen immerhin ist auch eine Lektion auf dem Weg zum Erwachsenwerden: Erst wenn das Kind beginnt, echte Geheimnisse zu haben, wird es eine Persönlichkeit. Und wie auch sollten Eltern ihre Kinder zur Wahrheit erziehen, wenn sie diese selbst aus pädagogischen Gründen bisweilen belügen oder sie zu Komplizen ihrer Unwahrheiten machen? Am meisten gelogen wird bei Trauerreden und in der Liebe. Männer schwindeln dabei anders und häufiger als Frauen, wie die Sozialwissenschaftlerin Hollander herausgefunden hat. Während das schöne Geschlecht die Wahrheit umgeht,

um die Gefühle anderer zu schützen und Beziehungen nicht zu gefährden (»macht nichts, es war auch so schön mit dir«), prahlen Männer, um für ihre Leistungen bewundert zu werden oder ihre Karriere nicht zu gefährden. Die größten Lügner sind Akademiker: Sie lügen oder übertreiben nach den Forschungen der amerikanischen Psychologie-Professorin de Paulo durchschnittlich in jedem dritten Gespräch. Weil ihre Flunkereien plausibler und raffinierter seien, würden sie seltener aufgedeckt als die Lügen von weniger Gebildeten. Der größte Teil der Alltagslügen bleibe ohnehin unentdeckt. Wenn allerdings eine erste Täuschung auffliegt, kann der Schaden groß sein: Der Lügner erleidet einen Verlust an Vertrauen und Glaubwürdigkeit; der Betrogene fühlt sich gekränkt, weil er für dumm verkauft wurde. Doch Ehrlichkeit währt keineswegs am längsten: Beziehungen halten länger, wenn eine gehörige Portion Illusionen mitschwingt. Und ist es nicht im Leben wie in der Politik viel schöner, manche Lügen auch zu glauben? Heißt also leben lügen? Diese Zeitung hat Menschen aus dem Rhein-Main-Gebiet um das Geständnis einer Alltagslüge gebeten. Verzeihliche Lügen samt und sonders. Oder? Vielleicht ist das ja auch schon wieder eine Lüge.

Jean-C. Ammann

Ich bin aber nicht Jean-Christophe. Jean-Christophe Ammann, Leiter des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, gesteht, erst kürzlich auf diese Weise gelogen zu haben. Er wartete an einer Straßenecke auf ein »Blind Date«. Als die Frau, die sich als die Erwartete vorge-stellt hatte, ihn nach seinem Namen fragte, nahm er sich die Freiheit, sich selbst als einen anderen auszugeben.

Michael Quast Nein.

Der Frankfurter Kabarettist Michael Quast auf die Frage seines vierjährigen Sohnes Paul Moritz, ob noch Schokolade im Schrank sei. Seine regelmäßige pädagogische Lüge möchte er als pure Absicht verstanden wissen: »Das ist weder eine Dummheit noch bin ich bereit, mich dafür zu entschuldigen.«

Hans Traxler

Sehr schön, sehr talentiert, der Knabe! Der Frankfurter Cartoonist Hans Traxler zur Mutter eines Fünfjährigen, die ihm eine Zeichnung ihres Sprösslings zur Beurteilung unter die Nase hielt. »Warum sollte ich das Kind nicht ermutigen weiterzumachen, um vielleicht bald etwas Besseres zustande zu bringen«, fragt er sich. »Außerdem liebt mich die Mutter dafür!« Traxler katholisch erzogen, sagt, er habe kleine Lügen und Schwindeleien als notwendige »Kulturtechnik« erlernt: Kein Kind schaffe es, zehn Jahre alt zu werden, wenn es nicht in der Lage sei zu lügen.

Siegfried Sunnus

Herzlichen Dank, aber ich habe anschließend noch einen Termin. Der evangelische Pfarrer aus dem Frankfurter Nordend, Siegfried Sunnus, gibt zu, dass er Einladungen zum Beerdigungskaffee von Familien, die er nicht kennt, in der Regel auf diese Weise ausschlägt.

Jürgen Tröndle

Jetzt fällt schon gar nicht mehr auf, dass Ihre Ohren ein klein wenig abstehen. Der Frankfurter Prominenten-Friseur Jürgen Tröndle gesteht, dass er Kundinnen mit Segelohren aus Höflichkeit nie die volle Wahrheit sagt - schon gar nicht, nachdem er sie frisiert hat. Denn: »Wenn es um Schönheit geht, sind alle Menschen empfindlich.«

Claus Wisser

Der Mann ist ein prima Kerl, nur leider passt er nicht in unsere Firma. Der Frankfurter Unternehmer und Sozialdemokrat Claus Wisser, Inhaber der Wisser-Gruppe, wählt eine schonende Formulierung, wenn er Mitarbeiter entlässt. Sein Unternehmen beschäftigt sich mit Gebäudereinigung, Haustechnik und Sicherheitsdienstleistungen. »Ich lüge, um das Selbstbewusstsein der Leute nicht vollends zu zerstören«, bekennt er.

Frankfurter Rundschau, 21. 2. 2000

»Hör mir auf, von Werten zu reden!« Der Erziehungswissenschaftler Peter Struck über die Auswirkung der aktuellen Politik-und Parteispendenskandale auf Jugendliche Das zweifelhafte Vorbild färbt ab. Denn schon Elfjährige begründen die Unterschlagung von ein paar Mark Einkaufsgeld mit dem kecken Hinweis: »Ich mache das doch nur wie Helmut Kohl.« Dieses Beispiel führt Peter Struck, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg, an, um den negativen Einfluss der aktuellen Politikskandale auf Jugendliche und Heranwachsende zu untermauern. Wir dokumentieren den Text des Wissenschaftlers im Wortlaut. Vor acht Jahren sprachen wir von der Politik- oder Politikerverdrossenheit, insbesondere bei den jungen Menschen unserer Gesellschaft. Vergangenes Jahr beging eben diese Gesellschaft den 50. Geburtstag ihres Grundgesetzes, in dem es ja um Demokratie, um so etwas wie Meinungs- und Wertevielfalt, aber auch um Rechtssicherheit und Pressefreiheit geht. Und jetzt stehen die Politiker, die die Demokra-.tie und die Rechtssicherheit mit aufzubauen geholfen haben, affärenbeladen und gläsern da, nicht alle, aber viele, zu Recht oder zu Unrecht. [...] Zwar sind die Politiker und die Parteien bemüht, Skandale so zu vergleichen, dass aus ihrer Sicht die »Verhältnismäßigkeit« zwischen groß und klein, zwischen kriminell und »nicht strafbewährt«, zwischen sich persönlich bereichernd und »der Partei dienend«, zwischen »historisch verdienstvoll« und »Fehlermachen« zwischen Millionen- und Tausenderbeträgen sichtbar wird; aber für den »kleinen Mann auf der Straße« und vor allem für die jungen Menschen sieht das, was »die

da oben« tun völlig anders aus: • Für den viel zitierten Taxifahrer, der prominente Talkgäste zum Studio fährt, und der viele Stunden fahren muss, um 80 Mark zu verdienen, sind 100000 Mark ebenso unerreichbar viel »Bimbes« wie 18 Millionen Mark. Deshalb neigt er wie auch die Mehrheit der jungen Menschen nicht dazu, zwischen den Machenschaften der verschiedenen Parteien wertend zu differenzieren. • Besonders krass reagieren zurzeit Jugendliche auf die Parteienund Politikeraffären. Ihre viel beklagte Politikverdrossenheit ist geradezu in eine totale Politikablehnung umgeschlagen; sie wollen von der ganzen Thematik nichts mehr wissen, und sie sind in schulischen Unterrichtsgesprächen eigentlich nur noch zu kurzen groben Verurteilungen bereit, aber keineswegs mehr zu differenzierenden Aufarbeitungen, wie ihre Lehrer beklagen. »Hör mir auf, von Werten zu reden!« kommentieren sie Beiträge von Mitschülern zu der 1982 von Helmut Kohl propagierten »geistigmoralischen Wende« und der von seiner Partei geforderten Werteerziehung. »Spende« ist für sie zu einem Wert mit negativem Beigeschmack geworden, die »rückhaltlose Aufklärung« der Medien zappen sie weg, um lieber konkrete Sorgen anderer in »Schmuddel-Talkshows« zu konsumieren; und »Vorbilder« suchen sie nicht mehr wie noch vor 40 Jahren in der Politik, sondern nur noch in ihrem oft misslichen Nahraum und ganz selten in der Musik-und Sportszenerie oder bei »anfassbaren« TV-Stars. [. . .] Das Internet und die moderne Schlüsselqualifikation »vernetzendes Denken« sind ihnen jedenfalls wichtiger als das politische Netzwerk unseres Landes. [...] • Junge Menschen sind, wie aktuelle Umfragen zeigen, kaum noch bereit, sich in politischen Parteien zu engagieren. [...] In dem Maße, wie die nicht nach Zustimmung fragenden autoritären Erziehungsweisen, die immer ein großes Beharrungsvermögen über viele Generationen hinweg haben, zunehmend durch autoritative Führungsstile, die stets um

Begründung und Zustimmung bemüht sind und die allein zu unserer demokratischen Verfassung passen, ersetzt werden, werden wohl auch die Politiker besser und vor allem lauterer werden. Vielleicht vermögen sie dann wieder als Vorbilder für unsere Jugend zu taugen, obwohl sie ebenfalls - oder auch weil sie - nur fragwürdige Menschen sein werden. Hoffen wir also um unserer Jugend und der Zukunft unserer Demokratie willen auf einen baldigen Generationswechsel mit »Neuanfang« in der Politik! [...]

Mögliches Beispiel zum Thema: Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Ausstellung am Gagern-Gymnasium (vom 19. 3. bis 5. 4. 2000) Die jüdischen Schüler des Kaiser-Friedrichs-Gymnasiums von 1888-1933 Eine Gedenktafel an unserer Schule weist darauf hin, dass sich an der Stelle des Südflügels bis zu ihrer Schließung 1939 die Samson-Raphael-Hirsch-Realschule befand. Die Spurensuche gebürtiger Frankfurter Juden, die wegen der nationalsozialistischen Herrschaft ihre Heimatstadt verlassen mussten und oft vergeblich zu dem Platz ihrer alten Schule zurückkehren, gab für Frau Bonavita den Anstoß in den Archiven unserer Schule nach jüdischen ehemaligen Schülern zu suchen.

Mit Unterstützung von Schülern ist es ihr gelungen, Kurzbiographien, Fotos und Dokumente zu 250 Schülern »mit israelitischer Religionszugehörigkeit« zusammenzustellen. Auf 50 Tafeln werden Dokumente und Materialien zu den Frankfurter Jahren, der Schulzeit, den Berufswegen und der Emigration der ehemaligen Schüler zu sehen sein. http://www.hvgg.de/aktuell.htm

Rezensionen zum Buch

Mein Buchtipp »Verrat« von Cornelia Franz ist die Geschichte des 17-jährigen Jan, der es zu Hause nicht mehr aushält, nachdem er erfahren hat, wie seine Familie nach dem Zweiten Weltkrieg zu ihrem Wohlstand gekommen ist. Auf einer Auktion in London entdeckt er zufällig ein Gemälde, das früher seinen Großeltern gehört hatte und das angeblich verbrannt worden ist. Durch Neugier findet er das Geheimnis der familieneigenen Druckerei: Sie war vor dem Krieg das Eigentum eines Juden. Bei seinem Vater stößt er mit seinen Vorstellungen von Moral auf Granit, und so läuft er in einer Kurzschlusshandlung von zu Hause weg. Auf der Straße lernt er Sunny kennen, mit der er nach Paris trampt. Diese »Ferien« werden ein Abenteuer für ihn. »Verrat« ist eines der Bücher an denen man sich richtig festlesen kann. Besonders gut fand ich den ungewöhnlichen Aufbau, denn die Handlung verläuft praktisch gleichzeitig vorwärts und rückwärts. Das erste Kapitel ist eine Erinnerung an Sunny, dann geht es immer im Wechsel: Jan-Niklas zu Hause, wie er die

Vergangenheit seiner Familie erforscht, »Judas« und Sunny auf Reisen. Den Namen Judas hat er sich selbst zugelegt. Dieser Aufbau macht die Story einfach spannend. Man legt sie nicht mehr aus der Hand, auch weil der Roman durch viel direkte Sprache locker und »süffig« zu lesen ist. Steffi Fischbacher Schülerin Miesbacher Merkur Cornelia Franz, Verrat Wessen Geschichte wird hier erzählt? Ist es die von Jan-Niklas Senneberg, einem etwas langweiligen Schüler, der versucht herauszufinden, warum ihm seine Eltern nicht die Wahrheit über die Familiengeschichte erzählen? Oder ist es die von Judas, dem Verräter, der es zu Hause nicht mehr ausgehalten hat und jetzt in den Katakomben von Paris lebt? Die Antwort ist, dass aus JanNiklas Judas wird. Abwechselnd lässt der Autor den Leser mal mit Jan-Niklas in alten Briefen stöbern, um die Herkunft des Familienvermögens zu ermitteln und mal Judas einige Monate später bei der nicht ganz legalen Lebensmittelbeschaffung in der französischen Hauptstadt über die Schulter sehen. Schließlich führen beide Handlungsstränge zusammen, und es wird deutlich, dass sich unser Held weder als Jan-Niklas noch als Judas besonders wohl in seiner Haut fühlt. Vielschichtig und einfühlsam werden die Probleme eines Siebzehnjährigen erzählt, der sich zusätzlich zu den Schwierigkeiten beim Erwachsenwerden auch noch mit der unrühmlichen Vergangenheit seiner Eltern und Großeltern auseinandersetzen muss. Ein spannendes und gleichzeitig sehr sensibles Buch. Daniela Martens Lübecker Nachrichten

Cornelia Franz, Verrat Während einer Klassenreise nach London stößt Jan, Sohn wohlhabender Eltern, auf ein Familiengeheimnis: Ihn beschleicht die dunkle Ahnung, dass der Reichtum seiner Familie mit der Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung jüdischer Bürger im Zweiten Weltkrieg zusammenhängt. Als Jan schließlich die ganze Wahrheit herausbekommt, findet er nur schwer sein seelisches Gleichgewicht zurück. Die Schuld der Väter und Großväter - behutsam und doch bemerkenswert kompromisslos wird in diesem Roman ein Thema, das in vielen Familien noch immer zu den großen Tabus gehört, angepackt. Marie-Thérèse Schins BRIGITTE.

LESEPROBE Cornelia Franz Verrat (dtv pocket 78153) S.28-32 Na ja, gemütlich . . . Die nächste halbe Stunde hockten wir in einer gekachelten Klokabine auf der Herrentoilette. Ich saß auf dem Sitz und Sunny auf meinen Knien. Wir waren dorthin geflüchtet, als wir in einem der Büros Stimmen gehört hatten, die näher zu kommen schienen. Sunny hatte den Arm um meine Schulter gelegt und lehnte sich an mich. Wenn sie sich bewegte, strich ihr Haar über mein Gesicht. Es roch gut, nach Pfirsich oder Aprikose, und ich schnupperte daran, um den Geruch nach Desinfektionsmitteln und Urin aus der Nase zu bekommen.

Gerade als mir die Beine einzuschlafen begannen, stand Sunny auf. »Ich glaube, hier tut sich nichts mehr. Die sind bestimmt alle nach Hause gegangen. Wie wär‘s jetzt mit ‚nem Kaffee?« Wir schlichen an den Pinkelbecken vorbei zur Tür des Waschraums und öffneten sie vorsichtig. Sunny linste hinaus. Doch plötzlich zuckte sie zurück. »Verdammt!«, rief sie und zog mich zu den Kabinen. »Die Putzkolonne ist im Anmarsch.« Fünf Sekunden später saßen wir wieder auf dem Klo und lauschten nach draußen. Aus dem Waschraum der Damentoilette nebenan hörten wir gedämpfte Musik und Stimmen. »Wenn die merken, dass unsere Tür verriegelt ist, gibt‘s Ärger«, flüsterte ich. Mein Herz klopfte so sehr, dass Sunny es durch ihr dünnes T-Shirt hindurch spüren musste. Ich merkte, wie mir der Schweiß ausbrach. Am liebsten hätte ich mich auf der Stelle in Luft aufgelöst. Doch wovor hatte ich eigentlich Angst? Was konnte uns schon groß passieren? Wahrscheinlich würden wir einen Anschnauzer kriegen und rausgeschmissen werden, das war alles. Keine große Katastrophe, oder? Also, Jan-Niklas, wovor hast du Angst? Na, komm schon, gib es zu. Vor dem Skandal natürlich. Jan Niklas Senneberg, mitten in Frankfurt, um neun Uhr abends auf der Herrentoilette eines Versicherungsgebäudes, ein fremdes Mädchen, das nach Pfirsich oder Aprikose riecht, auf dem Schoß. Bei so was lässt man sich einfach nicht erwischen, schon gar nicht, wenn man Senneberg heißt. Gib‘s zu, Jan-Niklas, du würdest sterben vor Peinlichkeit, auch wenn du jetzt Judas heißt. Not macht erfinderisch. Ohne lange nachzudenken holte ich einen Zettel aus meinem Rucksack, schrieb »defekt« drauf und spießte ihn von außen auf die Klinke. Kaum hatte Sunny sich wieder auf meinen Schoß gesetzt und die Tür verriegelt, da kamen auch schon Leute in den Waschraum. Automatisch hielt ich den Atem an, obwohl das überflüssig war.

Afrikanische Musik schepperte aus einem Transistorradio, eine Frauenstimme sang, Wasser plätscherte. »Das kann nicht lange dauern«, wisperte Sunny mir ins Ohr aber sie irrte sich. Denn plötzlich gesellte sich zu der trällernden Frauenstimme eine tiefe, männliche, die in einer kehligen Sprache herumalberte, die wir nicht verstanden. Wir hörten schnelle, rhythmische Schritte, Gestampfe, Gekicher, Geraschel. »Was machen die da?«, flüsterte ich. Sunny lauschte noch eine Weile, dann grinste sie. »Die tanzen . . . wenn nicht noch mehr.« »Na, toll.« Ich gab mir schon nicht mehr solche Mühe, leise zu sprechen. Ich war sauer auf Sunny, weil sie uns in diese dämliche Situation gebracht hatte. Während die beiden da draußen, direkt vor unserer Tür, sonst was trieben anstatt zu putzen, schliefen mir die Beine ein, die mir sowieso noch wehtaten von dem albernen Treppensteigen. Außerdem hatte ich Hunger und Durst und war müde. »Na toll«, wiederholte ich. »Kannst du mir mal verraten, wie lange das . . .« Doch weiter kam ich nicht. Sunny drehte sich zu mir um, in ihren hellen blauen Augen blitzte es. Sie strich mir das Haar aus dem Gesicht und drückte mir einen Kuss auf den Mund. Weich und fest waren ihre Lippen und sie schmeckten ein wenig nach Olivenöl, Knoblauch und Rotwein. Für einen Moment sperrte ich mich, verschloss die Lippen und bewegte mich nicht. Wie in einem Film sah ich die ganze Szene vor mir und sie kam mir ziemlich albern vor. Ich spürte Sunnys Lippen an meinem Ohr. Ihr leises Lachen übertönte die Geräusche vor der Klotür. »Gib‘s zu, Judas. Du hast noch nie auf einer Herrentoilette im siebenundzwanzigsten Stockwerk geknutscht, oder?«