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Jetzt mitmachen und 133 Oxygen Tablet von ARCHOS gewinnen! GEWI N

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Das Familiengeheimnis

»Sehr geehrter Herr Bielendorfer, ich schreibe Ihnen, da ich versuche, einen gewissen Robert Bielendorfer ausfindig zu machen, bei dem ich annehme, dass es sich dabei um Ihren Vater handelt. Mein Name ist Hans Peters, und ich habe im Juli 1967 mein Abitur am Hermann-Hesse-Gymnasium in Leverkusen abgelegt. Anlässlich des fünfzigjährigen Abiturjubiläums unseres Jahrgangs organisiere ich eine Feier und würde dafür gerne Kontakt zu Ihrem Vater aufnehmen, den ich über das Internet leider nicht ausfindig machen konnte.« An dieser Stelle muss ich schmunzeln, weil Herr Peters versucht hat, meinen Vater über das Internet zu finden. Wahrscheinlicher ist es, den Geist von Elvis ans Satellitentelefon zu kriegen. Mein Vater ist in keiner Datenbank eingetragen, und seine wenigen digitalen Aktivitäten im »WorldWideWeb«, wie er es noch immer nennt, beschränken sich auf WikipediaRecherchen, wo er nach ein paar Minuten feststellt, dass er sowieso schon alles weiß, was dort steht. Denn Vater ist kein Mensch, er ist Papapedia. Ich rufe meine Eltern an, um Vater von dem Brief zu erzählen. Das Telefon klingelt. Vater meldet sich mit dem vertrauten

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Schmatzen. Manchmal könnte man glauben, man telefoniere mit dem Colgate-Biber. »Hallo, Papa, schau mal, ich habe hier eine E-Mail für dich bekommen. Kennst du einen Hans Peters aus Leverkusen?« Ich lese das Schreiben vor. »Hans Peeeeters«, spielt Vater in seinem Mund mit dem Namen seines alten Schulkollegen. Irgendwie scheinen die Glocken seines geistigen Kirchturms wohl nicht zu läuten. »Du warst doch auf dem Hermann-Hesse-Gymnasium, das hast du doch mal erzählt«, ziehe ich Vater mal wieder die Infos aus der Nase. Jedes Gespräch mit ihm ist ein Mischung aus Husten und Schweigen. Was meine Mutter an überbordenden Wortsalven abschießt, spart sich Vater lieber auf. »Jaja … das schon …, aber der Jahrgang ist nicht richtig«, murmelt Vater. »Aber du bist doch Jahrgang 1949. Da warst du 1967 doch achtzehn Jahre alt«, rechne ich vor. »Jaja«, sagt Vater kurzatmig und schweigt. Da scheint kein Relativsatz mehr zu kommen. »Also musst du doch 1967 Abitur gemacht haben… . Es sei denn, … es sei denn, … du wärst SITZEN GEBLIEBEN!« »So ist das wohl«, murrt Vater. So kleinlaut habe ich ihn das letzte Mal erlebt, als er Diesel in unseren Benziner getankt hat. »DU BIST SITZEN GEBLIEBEN?«, brülle ich in einer wilden Mischung aus Irritation und Ungläubigkeit ins Telefon. 2

Hängen zu bleiben ist keine Schande, im Falle meines Vaters, dem selbst ernannten Wirtschaftsweisen und wandelnden Wörterbuch, wäre mir allerdings nie in den Sinn gekommen, dass ihm dieses menschliche Schicksal ebenfalls hätte widerfahren können. »Ja, jetzt mach doch da nicht so ein Ding draus, Bastian«, sagt mein Vater genervt. Ich lasse mich aber nicht so einfach abwimmeln. Schließlich habe ich durch diesen Zufall wohl das dunkelste Kapitel meiner Familiengeschichte aufgedeckt. Wo andere Stammbäume einen totgeschwiegenen Betrügeronkel aufweisen oder eine Oma, die im Sanatorium rumgeturnt ist, entpuppt sich die Fallhöhe in meiner lehrerverseuchten Bildungsbürgerfamilie als bedeutend höher. Mein Vater hat eine Extrarunde gedreht, Abitur mit neunzehn. Eine Schande, die sich kaum aus der Biografie tilgen lässt. »Ich soll nicht so ein Ding daraus machen? Du hättest mich zur Adoption freigegeben, wenn ich eine Klasse wiederholt hätte«, sage ich in einer Mischung aus Trotz und Belustigung. Tatsächlich hatte Vater diese Drohung in den wirklich kurzen wilden Zeiten, die ich mir in der elften Klasse gegönnt habe (und manchmal wahrhaftig mit einer Drei nach Hause gekommen bin), wirklich ausgesprochen. »Also, jetzt hör mal auf mit dem Blödsinn. Das waren ja ganz andere Zeiten damals. Da war die Schule viel härter«, sagt Vater und erweckt mit seiner lahmen Rechtfertigung den 3

Eindruck, als hätte man ihm auf dem Kantholz kniend den Katechismus eingeprügelt und ihn dabei die Wurzel aus Pi ziehen lassen. Ich nehme ihm das nicht ab, schließlich fiel seine Schulzeit in die wilden Sechziger und nicht ins Zeitalter ägyptischer Pyramidensklaven. »Wie konnte das denn passieren? Du warst doch angeblich immer so gut in der Schule«, schiebe ich hinterher. Ich will ja nicht in der Wunde bohren, aber … na ja, okay, ich will doch in der Wunde bohren. »Latein und Mathematik«, gibt Vater kleinlaut zu. Immerhin nicht seine Paradedisziplinen Deutsch und Geschichte, sonst hätte er sich aber wahrscheinlich zur Strafe selbst mit einem Duden erschlagen. »Latein? Das sprichst du doch so gern!«, sage ich und denke an sein wildes Sammelsurium an lateinischen Lebensweisheiten, mit dem er die Palette eines Webshops für Wandtattoos um deutlich mehr als das übliche Carpe Diem erweitern könnte. »Jetzt mach da doch nicht so einen Wirbel darum, Sohn. Das muss ja nicht jeder wissen«, sagt Vater pikiert. »Alea iacta est, Papa«, schiebe ich hinterher, man muss den Triumph auch mal auskosten dürfen. Plötzlich höre ich im Hintergrund die Stimme meiner Mutter, die irritiert fragt: »Was ist denn?«

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»Alles gut, Ingrid, der Junge ist dran. Es geht ihm gut. Nee, du musst ihn nicht sprechen, ich grüß ihn schööö…«, stammelt Vater, als ihm plötzlich der Hörer entrissen wird. »Schaaatzilein«, flötet Mutter fröhlich. »Alles gut?« »Ja, hab nur gerade rausgekriegt, dass Papa damals sitzen geblieben ist!« »Wie bitte?«, fragt Mutter verdutzt. Selbst seine Frau und die Mutter seines Sohnes hat er wohl nicht in sein dunkles Geheimnis eingeweiht. Das wird ja immer besser! »Na toll«, blökt Vater im Hintegrund genervt, der Doppelspion ist enttarnt. »DEIN VATER? Herr Schlau persönlich? Das kann doch gar nicht sein!«, sagt Mutter und hält den Hörer halb zu, um meinen Vater zu fragen: »Stimmt das, Robert?«, woraufhin mein Vater wohl kleinlaut nickt. »HEEEERLICH! Der Präsident von Klugscheißistan ist wahrhaftig in der Schule sitzen geblieben«, schiebt Mutter hinterher. Sie hat offensichtlich noch mehr Spaß an der Geschichte als ich. »Schule war damals viel schwerer«, stottert Vater. »Also ich bin nicht hängen geblieben, und ich bin dein Jahrgang, Robert«, donnert Mutter die nächste Salve raus. »Ich auch nicht«, ergänze ich. »Warum ist er denn hängen geblieben?«, fragt Mutter verschwörerisch, als wäre Vater nicht im selben Raum. 5

»Latein.« »Ahaaa, wie herrlich. Er sondert doch immer so gern lateinische Phrasen ab!« »Ingrid … jetzt ist doch mal gut. Niemand ist perfekt.« »Jaja … Nam vitiis nemo sine nascitur. Oder, Robert?« »Hä?«, fragt Vater. »Ach ja, kannst du ja nicht wissen, du sprichst ja kein Latein!« lacht Mutter. »Was heißt das denn jetzt?«, fragt Vater ungeduldig. Langsam tut er mir fast ein bisschen leid. »Ach, das hat Horaz gesagt, das passt perfekt auf dieses Gespräch. Sei nicht traurig, Robert. Es heißt: Kein Mensch wird ohne Fehler geboren.« »Ihr seid ja Komiker«, sagt Vater und geht beleidigt aus dem Raum. »Tja, sind wir wohl«, sagt Mutter und schiebt leise hinterher: »Aber sitzen geblieben sind wir nicht!«

Das Schampong

Mutter ist auf Kur. Was bedeutet, dass Vater für sich selbst sorgen muss und auf das blanke Menschsein zurückgeworfen ist. Vater ist ohne Mutter in etwa so lebensfähig wie ein Kaktus im Spaßbad. Daher haben Nadja und ich ein bisschen Sorge,

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dass wir ihn beim nächsten Besuch nackt mit dem Speer in der Hand auf Rattenjagd im Nachbarsgarten vorfinden. Zwei Tage haben wir nichts von ihm gehört. Ich rufe an. Das Telefon klingelt eine Ewigkeit, bevor mich das sonore Organ meines Erzeugers erlöst. »Bielendorfer!« »Na, Papa, wie geht’s dir?« »Sehr gut!«»Das freut mich zu hören. Klappt denn alles?« »Natürlich. Was soll denn nicht klappen?« »Na ja, so oft warst du ja nicht allein ohne Mama, über längere Zeit, meine ich.« »Also bitte. Ich bin ja schon erwachsen, Bastian!« »Ich weiß, Papa. Wir wollten nur, dass du weißt, dass wir da sind, falls du Hilfe brauchst.« »Danke, Sohn. Kennst du zufällig einen Klempner?« »Einen Klempner?« »Spreche ich undeutlich? Deine Generation sagt ja auch Gas-Wasser-Scheiße zu diesem Gewerk, aber das finde ich unpassend.« »Nein, ich kenne keinen Klempner. Warum fragst du?« »Es gibt da ein winziges Problem mit der Waschmaschine.« »Was ist denn passiert?« »Die Bedienung so einer Waschmaschine ist ja wirklich wahnsinnig einfach …« »Das stimmt wohl, aber …« »Deine Mutter hat mir extra alle Schritte aufgeschrieben.« 7

»Ja. Und jetzt?« »Ich habe a) die dreckige Wäsche in die Trommel gefüllt, b) den Waschgang gewählt und c) die Trommel verschlossen«, liest er anscheinend von einem Zettel ab. Wenn meine Mutter die Anleitung noch kleinteiliger verfasst hätte, wäre wahrscheinlich auch ihr Hund Maja damit klargekommen. »Ja, und dann?« »Nun habe ich d ) das Waschmittel hinzugefügt. Hier gab es allerdings ein kleines Problem.« »Was denn?« »Das Waschmittel war alle.« »Dann kauf doch neues?« »Sohn, die Sachen mussten gewaschen werden, für Großeinkäufe hatte ich keine Zeit!« »Papa, der Supermarkt ist zwei Gehminuten entfernt.« »Lass mich ausreden. Aufgrund des Mangels an Waschmittel habe ich ein Substitut gewählt.« »Wie bitte? Was?« »Ein Substitut. Meine Güte, Sohn! Dein Wortschatz ist ja seichter als unser Gartenteich. Ein Substitut ist ein Ersatz!« »Aha. Und was war dein Ersatz?« »So weit sind wir doch nicht, Bastian.« »PAPA! Was hast du in die Waschmaschine gefüllt?« »Schampong.« »Wie bitte?« 8

»S - C - H - A - M - P - O - N - G. Muss ich es buchstabieren?« Man merkt, dass mein Vater von einer rheinischen Hausfrau erzogen wurde. Trotz seiner beeindruckenden Bildung sind ein paar Begriffe hängen geblieben. Er sagt nicht »Büfett«, sondern »Buuufätt«, und nicht Parfüm, sondern »Paarfümp«. Und eben Schampong statt Shampoo. »Du hast da Shampoo reingekippt? Das war aber eine Scheißidee.« »Toll, dass du das jetzt sagst, Sohn. Hinterher ist man ja immer schlauer.« »Du hast mich ja vorher nicht gefragt. Was ist denn passiert?« »Ich bin davon ausgegangen, dass Schampong und Waschmittel letztlich die gleiche Wirkung haben. Beides reinigt, beides löst Fette.« »Aber nur eines von beiden schäumt.« »Da wären wir bei dem Problem, Bastian. Kennst du jetzt einen Klempner oder nicht?« »Was ist denn passiert?« »Ich saß in meinem Arbeitszimmer im Erdgeschoss und las den Spiegel … übrigens, der Artikel über das Bildungssystem ist sehr interessant, den solltest du mal lesen!« »Papa, das tut doch jetzt nichts zur Sache!« »Dann kam der Hund vorbei. Du kennst ja Maja.«

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»Hör mal, Papa, ist das hier eine Inhaltsangabe aus der fünften Klasse mit Personenvorstellung? Natürlich kenne ich Maja!« »Gut, dann hätten wir das geklärt. Ich habe es erst gar nicht gemerkt, aber der Hund sah irgendwie anders aus. So glänzend.« »Wie bitte?« »Na ja, jedenfalls fiel mir dann auf, dass sie eine Haube auf dem Kopf hatte, eine Art Krone.« »Hä?« »Aus Schaum. Eine Schaumkrone. Lustig, oder? Gerade als ich feststellen wollte, wo der Hund das herhatte, hat sich das Mysterium von allein gelöst. Da kam der Schaum schon an meinem Zimmer vorbei.« »AUS DEM KELLER? Wie viel hast du denn da reingekippt, Papa?« »Na ja … eine Flasche etwa. Auf dem Schampong steht ja auch nicht, wie viel man nehmen soll. Jedenfalls nicht für Kleidung.« »Weil es für die Haare ist! Du hast eine komplette Flasche Shampoo in die Waschmaschine gekippt?« »Na ja, die war ja nur noch drei viertel voll.« »OH MEIN GOTT!« »Ich war auch irritiert. Der Hund war allerdings fröhlich.« »Das ist doch schön. Und bis wo ist der Schaum gekommen?«

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»Na ja, bisher bis ins Wohnzimmer, denke, der Vorgarten wird noch erreicht werden.« »Was heißt ›wird‹? Du hast die Waschmaschine noch nicht ausgemacht?« »Glaubst du, das würde etwas ändern?« »JAAA! Bist du wahnsinnig, Papa?« »Ich hab mich noch nicht in den Keller getraut. Man sieht ja nichts vor lauter Schaum.« »Ähm, Mama wird dich umbringen, das ist dir bewusst, oder?« »Deshalb meine Frage: Kennst du einen Klempner?« »Nein, du bräuchtest allerdings was ganz anderes.« »Was denn?« »Eine Zeitmaschine!« »Aha … hast du da eine Nummer?« Unglaublich, der Mann. Soll er doch seine erste Schaumparty für Pädagogen ausrichten. Er kann sich ja noch Norbert Gallenreiter und ein paar heiße Bikinigirls einladen und dann mitten im Schaum seine Reclamhefte vorlesen. Das würde dann schon fast als Konzeptkunst durchgehen.

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Der Apple fällt nicht weit vom Stamm

»Sohn!« »Vater!« Langsam klingen die Gesprächsanfänge zwischen mir und meinem Vater wie das erste Ferngespräch von Luke Skywalker und Darth Vader. »Deine Mutter ist ja derzeit auf Kur.« »Ich weiß, Papa.« »Und ich bin auf mich allein gestellt.« Bei Vater klingt das so, als hätte man ihn nur in Unterhose und mit einem Klappmesser im Amazonas ausgesetzt. »Ich weiß, Papa. Seitdem hast du die Bude geflutet, die Mikrowelle in die Luft gejagt und …« »Ist ja gut, Sohn, das ist alles Vergangenheit.« »Papa, das mit der Waschmaschine war gestern!« »Du lebst zu sehr in der Vergangenheit, Sohn. Vor uns liegt die Zukunft!« Okay, ich glaube, Papa hat heute Morgen den Kaffee nicht getrunken, sondern geschnupft. »Ach ja? Und was soll das bedeuten?« »Du weißt ja, dass deine Mutter bereits sehr erfolgreich ins Internetz gesurft ist.« »Ja … ins Internetz gesurft, Papa, genau. Und jetzt?« 12

»Man kann sich ja nicht immer allem Neuen verschließen. Ich komme jetzt auch ins PC-Zeitalter!« »Nur nichts überstürzen, Papa!« Es klingt absurd, weil wir das Jahr 2017 schreiben, aber für meinen Vater ist »ins Internetz zu surfen« in etwa so ein Großprojekt wie die Besiedlung des Mars. Er hat die letzten siebenundsechzig Jahre seines Lebens wie ein Metzger auf seiner alten Olympia-Schreibmaschine rumgehackt, Generationen von Schülern mit handgeschriebenen Zetteln gefoltert und bei Wissensfragen seinen Brockhaus griff bereit gehalten wie ein Zeuge Jehovas die Werbebroschüre. »Was heißt hier überstürzen? Du machst dich doch nicht wieder lustig über mich?« »Nee, nee. Wie ist denn dein Plan?« »Plan? Ich habe keinen Plan, ich setze direkt um!« Das würde auch als Lebensmotto meines Vaters durchgehen. »Und wo komme ich da ins Spiel?« »Ich habe eine Frage, Sohn.« »Wirklich nur eine?« Im Geist wette ich gerade mein gesamtes Barvermögen dagegen. »Ja, ERST MAL nur eine!« »Was machst du denn gerade?« »Ich installiere den Heimcomputer.« »Du selbst? Den Heimcomputer? Dann hoffe ich mal, du hast Windows 95 auf 5 1/4-Zoll-Disketten griff bereit.«

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»Was? So ein Blödsinn. Ich habe das neueste Windows hier ... denke ich … aber irgendwas stimmt da nicht!« »Wo hast du denn überhaupt den Computer her?« »Vom Gallenreiter.« »Was? Mit dem sprichst du doch seit 1994 nicht mehr!« »Blödsinn!« »Hä?« »Seit 1992. Außerdem haben wir Waffenstillstand vereinbart. Das war ja eh nie so ernst mit unserer Feindschaft.« »Papa, der hat versucht, dich mit einem Jeep zu überfahren.« »Ach, diese neumodischen Servolenkungen sind nur zickig. Das war sicher ein Versehen.« »Okay. Und was für einen PC hast du jetzt?« »Einen grauen.« »Ich meine doch, was für einen Prozessor? Grafikkarte? Wie viel RAM?« »Ganz viel … bestimmt fünf oder so?« »Fünf was? Prozessoren? RAM?« »Beides!« »Papa, das ist Blödsinn! Man hat nur einen Prozessor, und RAM wird in Gigabyte gemessen. Du hast keine Ahnung, was du da redest, oder?« »Okay, Sohn. Ist ja gut. Darum geht es doch jetzt nicht. Der PC ist schon gut, so wie er ist.« »Welches Betriebssystem hat er denn drauf?« 14

»Da sind wir an des Pudels Kern! Gar keins!« »Hä?« »Meine Güte, des Pudels Kern ist aus Faust. Dir muss man auch alles erklären!« »Ich meine doch, warum da kein Betriebssystem drauf ist.« Ich glaube immer noch, dass der Gallenreiter meinem Vater mit Absicht einen Schrottcomputer ohne Betriebssystem verhökert hat und ihm jetzt dabei zusieht, wie er langsam verrückt wird bei dem Versuch, Windows selbst aufzusetzen. »Er hat da alles gelöscht. Wegen seiner privaten Daten.« »Aha, dann musst du das Betriebssystem jetzt selbst aufsetzen?« Dagegen wird der Bau der Pyramiden ein Kinderspiel gewesen sein. »Setzen? Worauf denn?« »Auf den Kopf, Papa! Du trägst Windows in Zukunft als Hut. Und immer wenn eine hübsche Frau vorbeikommt, verbeugst du dich und ziehst dein Windows!« »Hör mal, verarschst du mich?« »Du musst das Betriebssystem installieren. Auf dem PC!« »Da bin ich ja gerade dabei. Du musst hier ja nicht ausfallend werden. Ich will ja nur deine Mutter überraschen, dass ich auch endlich mal was am Computer kann.« Oje, das ist ja wirklich mal süß. Irgendwie können meine Eltern in ihrer technischen Hilflosigkeit richtig niedlich sein. Für meinen Vater, der selbst einen Taschenrechner für ein 15

modernes Stück Zukunftstechnik hält, ist das schon ein großer Liebesbeweis. Meine Mama ist am PC mittlerweile ja wirklich recht fit, ob die verbleibende Brenndauer der Sonne aber noch ausreicht, um meinen Vater weg von der Olympia-Schreibmaschine hin zum Internetz zu führen, darf zu Recht bezweifelt werden. »Das ist wirklich putzig, Papa. Aber wie soll ich dir denn jetzt helfen?« »Vielleicht ist meine Frage ja auch blöd …« »Ganz bestimmt nicht, Papa. Wer nicht fragt, bleibt dumm.« »Also, wir haben ja das Jahr 2017.« »Ja, das ist richtig.« Manchmal klingen die Gespräche mit meinem Vater wie ein Demenztest … aber für mich! »Und ich habe Windows 8 hier.« »Ja, das sagtest du bereits.« »Muss ich das dann zweimal installieren?« »???« »Also, ich will ja aktuelles Windows haben. Muss ich das dann zweimal da draufmachen?« Langsam verstehe ich die Frage meines Vaters, und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. In der Vorstellung meines Vaters funktioniert Computertechnik additiv: zweimal Windows 8 ergibt Windows 16, so, wie zwei 100-PS-Motoren 200 PS ergeben. Auf so was Absurdes muss man erst mal kom-

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men. Ich versuche ernsthaft zu antworten, aber es kommt nur eine Mischung aus Walrossnießen und Satzbau heraus. »Du willst Windows 16...hrrrrrr...aber Papa...höhöhö...das geht doch nicht...oh Mann, ich kann nicht mehr...hihihi…« »Lachst du mich etwa aus?« »Nicht doch …« »Du hast doch gesagt, es gibt keine doofen Fragen.« »Da hatte ich die ja noch nicht gehört!« »Na super. Da will man einmal Hilfe.« »Papa, ich hab letzte Woche noch die Raviolireste von der Küchendecke gekratzt!« »Kannst du mir jetzt eine richtige Antwort geben, oder muss ich Nadja anrufen?« »Warum das denn?« »Die hat sicher noch nicht die Geschichte von deinem ersten Damenbesuch gehört.« »DAS würdest du nicht tun.« Vater spielt auf den Besuch meiner ersten Freundin Jana im Alter von sechzehn an. Meine Mutter hatte gekocht, und ich saß stolz wie Oskar mit meiner Angebeteten beim Abendessen. Allerdings war ich so aufgeregt, dass ich dasselbige vor den Augen meiner geschockten Eltern und meiner pikierten Jugendliebe erbrach, direkt auf unsere damalige Dogge Adenauer, die neben mir am Tisch Platz genommen hatte. Der Hund lief dann durchs Haus und schüttelte sich. Auf die neuen Vorhänge, Omas altes Ölgemälde und auf … Jana. Es blieb dann bei 17

dem einen Besuch. Unfassbar peinlich. War ja klar, dass Vater dieses Kryptonit noch aus dem Köcher holen würde. »Ich habe sogar noch Fotos von dem armen Hund. Adenauer war danach nie wieder derselbe.« »Gut, Papa. Ich versuche, dir zu helfen.« »Danke, Sohn. Also, was ist jetzt mit dem Windows?« »Gut, Papa. Windows 8 ist das aktuelle Betriebssystem, es gibt noch Windows 10, aber 8 reicht für euch völlig aus. Und es ist nicht so, dass man Betriebssysteme addieren kann.« »Aha!« »Es reicht also völlig, wenn du das nur einmal installierst.« »Da wären wir bei der zweiten Frage.« »Ich war doch noch gar nicht fertig!« »Wo installiere ich das denn?« »Ähm … beim DVD-Laufwerk?« »Und wie macht man das auf?« »Mein Gott, an der Kopfseite vom Tower ist so ein kleiner Knopf, da musst du drücken!« »Welcher Tower?« »Der Tower of London, Papa. DER PC-TOWER! Das Gehäuse!« »Ach so. Aber das ist kein Tower … das ist so flach.« »Hä? Hast du einen Laptop gekauft?« »Genau! Einen Schlepptopp!«

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Vater kichert. Humor für siebenundsechzigjährige Computerneulinge. »Warum sagst du das denn nicht gleich?« »Hab ich doch!« »Hast du nicht! Hat der Laptop denn ein DVD-Laufwerk?« »Warum fragst du mich das? Du bist doch der Computerfachmann!« Langsam läuft das Gespräch aus dem Ruder. »Papa! Du sitzt aber doch vor dem Ding. Da kann man doch mal gucken, ob der Laptop ein DVD-Laufwerk hat. Beschreib mir doch bitte mal das, was du siehst.« »Also, da ist ein Tisch, die Lampe, der Lap …« »AN DEINEM LAPTOP! Nicht das, was du im Zimmer siehst!« »Du machst mich hier ganz nervös. Jetzt weiß ich, was deine Mutter meint, wenn sie sagt, dass du immer so ungeduldig bist!« »Also, Papa, sag jetzt einfach, was du an dem Laptop sehen kannst!« Ich bin langsam vom Reden zum Schreien übergegangen. Otto hat sich bereits unter den Sofasessel verzogen, während Nadja in der Tür meines Arbeitszimmers steht und ungläubig den Kopf schüttelt. »Also, da sind an den Seiten so Knöpfchen dran. Und dann sind da so Löcher. Und hinten so ein Apfel.« »EIN APFEL? Papa, was für ein Laptop ist das?« 19

»Ein grauer!« »Hast du einen Laptop von Apple gekauft?« »Mmh, kann sein. Hinten ist jedenfalls ein Apfel drauf.« »Und der Gallenreiter hat dir Windows 8 dazugegeben?« »Doch nicht der Gallenreiter. Der junge Mann bei Saturn. Ich hab dem gesagt, dass ich jetzt den Computer lerne.« »Papa! Man kann kein Windows-Betriebssystem auf einem Apple-Computer installieren!« »Warum sagst du das denn nicht gleich?« »Du hast mir doch nicht … ach, vergiss es!« »Du behandelst mich ja, als wäre ich doof!« »Also, bei manchen Sachen könnte man das denken, Papa.« »Frechheit! Ich zitiere immerhin Goethe, und du?« »Ich?« »Du zitierst die Sesamstraße! Wer nicht fragt, bleibt dumm. Was sagt das über uns aus?« »Gar nichts, Papa. Hör zu, ich komme und helfe dir, das kriegst du so nicht hin.« »Ach, das ist aber nett. Ich kann uns ja was zu essen warm machen.« »PAPA! Fass die Mikrowelle nicht an! BITTE!« »Ist ja gut. Soll ich Kuchen holen?« »Das wäre doch mal was.« »Dann hole ich Apfelkuchen. Lustig, oder?« »Ja, sehr lustig, Papa.«

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IDYLLE KANN JEDER! Wenn die Floppy-Disks nicht in den CD-Spieler passen wollen und weder die Nachbarschaft noch Apples Siri jemals wieder mit Vater sprechen möchten, dann muss Bastian dran glauben. Nachdem das Lehrerkind bereits seine Mutter fit gemacht hat fürs Weppzwonull, ist nun Vater dran – und der zahlt es dem Sohn mit ungebetenen Ratschlägen zurück. Denn auch jenseits der Dreißig gelingt es Bastian kaum, die Familienbande zu entwaffnen – vor allem, weil Vater Bielendorfer auch noch Schützenhilfe am Rotstift bekommen hat: Neffe Ludger ist zwar erst zwölf, er hält seinen Babysitter Basti aber so auf Trab, dass man am Ende nicht mehr weiß, wer hier eigentlich auf wen aufpasst …

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EAN 4043725000500