Leseprobe - Societäts-Verlag

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Udo Scheu Kains Tattoo Udo Scheu Kains Tattoo Ein Frankfurt-Krimi Die Romanfiguren sind ausnahmslos Geschöpfe des Autors, die gesamte Handlung is...

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Udo Scheu Kains Tattoo

Udo Scheu

Kains Tattoo Ein Frankfurt-Krimi

Die Romanfiguren sind ausnahmslos Geschöpfe des Autors, die gesamte Handlung ist seiner Fantasie entsprungen. Jede Übereinstimmung mit lebenden Personen oder tatsächlichen Geschehnissen wäre rein zufällig.

Alle Rechte vorbehalten • Societäts-Verlag © 2013 Frankfurter Societäts-Medien GmbH Satz: Nicole Ehrlich, Societäts-Verlag Umschlaggestaltung: Nicole Ehrlich, Societäts-Verlag Umschlagabbildungen: © Artem Furman - fotolia.com Druck und Verarbeitung: freiburger graphische betriebe Printed in Germany 2013 ISBN 978-3-95542-037-6

„Ich stell mir einfach vor, es (Anm.: das zerbrochene gläserne Einhorn) hat eine Operation gehabt. Das Horn wurde ihm abgenommen, damit es sich nicht mehr vorkommt – wie eine Missgeburt! (...) Jetzt wird es sich bei den anderen Pferden wohler fühlen …“ (Tennessee Williams, Die Glasmenagerie)

Der Herr machte dem Kain ein Zeichen, damit ihn niemand erschlage, wer immer ihn finde. (Die Bibel, Altes Testament, 1. Buch Moses, 4, 15)

Prolog

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er kleine Junge schrak aus dem Schlaf auf. Er schaute sich um. Sein neues Zimmer war ihm noch nicht vertraut. Erst vor zehn Tagen hatten seine Eltern das elegante Haus im Dichterviertel des Frankfurter Stadtteils Eschersheim bezogen. Die herrschaftliche Villa war zuvor noch monatelang renoviert und den Ausstattungsansprüchen der heutigen Zeit angepasst worden. Das Kind rieb sich die Augen. Es musste schlecht geträumt haben. Da war dieses hämmernde Ticken gewesen, das sich mehr und mehr und immer lauter in seinem Kopf eingenistet hatte. Irgendwann hatte dann seine jüngere Schwester in das Konzert eingestimmt und begonnen, pausenlos zu heulen. Nur, dass ihm ihr Gejammer nicht fremd war. Sie schrie vielmehr ständig. Tag und Nacht. Das war ihm zur Gewohnheit geworden. Ärgerlich schaute der Junge auf seinen Wecker neben dem Bett. Es war erst kurz vor sechs Uhr. Von draußen fielen die ersten Sonnenstrahlen auf die Fensterscheiben. Mit beiden Händen schlang sich der Junge sein Kopfkissen um die Ohren. Er wollte noch schlafen. Darauf hatte er sich mächtig gefreut, als er vor wenigen Tagen sein glänzendes Versetzungszeugnis in die vierte Klasse erhalten hatte und in die Sommerferien verabschiedet worden war. Das Ticken hörte nicht auf. Mit penetrantem Rhythmus bohrte es sich durch die Daunen. Also doch kein Traum! Der Junge nahm sich vor, nicht hinzuhören. Es gelang ihm nicht. Er warf sein Kissen zu Boden, setzte sich im Bett auf und lauschte. Ein heller Doppelton, danach eine kurze Pause. Dann wieder der Doppelton. Was mochte das sein? Es hörte sich wie sein kleines Radio an, wenn er an den Knöpfen herumdrehte und keinen Sender fand.

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Das Kind knöpfte seine rot-weiß gestreifte Schlafanzugjacke zu und stand auf. Es zog die Hosen hoch, streifte mit dem Zeigefinger unterhalb der feuchten Nase entlang und ging auf den Flur. Das Geräusch verstärkte sich. Es kam offenbar aus dem Erdgeschoss. Mit seinen nackten Füßen lief der Junge die geschwungene Holztreppe hinunter. Weil der geblümte Teppichläufer die Treppenränder aussparte, blieb er auf der Mitte der Stufen. Die äußeren Holzdielen vermied er sorgfältig, weil sie ihm zu kalt waren. Am Ende der Treppe blieb er stehen. Sein Atem ging schnell. Er sah sich nach allen Seiten um und horchte. Da war es wieder. Tick, tick. Pause. Tick, tick. Er suchte nach Erklärungen, um sich zu beruhigen. Vielleicht hatten Vater oder Mutter vergessen, ein elektrisches Gerät auszuschalten. Es kam von rechts. Der Junge wandte sich den dortigen Türen zu, die alle geschlossen waren. Er marschierte von Tür zu Tür und legte jeweils sein Ohr an die Füllung. Da sie erst ein paar Tage hier wohnten und nicht alles fertig eingerichtet war, fehlte ihm noch die Vorstellung, wie die Räume im Einzelnen genutzt wurden. Als er sein Ohr gegen die dritte Tür presste, stockte er. Dies musste das Zimmer sein. Er konzentrierte sich. Obwohl das fortwährende Kreischen seiner Schwester ihn störte, war er sicher, dass das Ticken hier am stärksten zu hören war. Sein Herz klopfte. Die Stimme klang zaghaft und brüchig. „Mama?“ Nichts! Keine Antwort. Er holte tief Luft und straffte seinen Oberkörper. Behutsam legte er seine kleine Hand auf die Türklinke. Fast verließ ihn der Mut, in das angrenzende Zimmer zu schauen. Mit einem Mal schämte er sich. Was sollte das? Es gab hier nichts, was ihm hätte gefährlich werden können. Sollte er den Angsthasen spielen, sich heimlich wieder zurückziehen und das ganze Haus zusammenrufen und aufwecken? Sein Vater würde ihn mit Sicherheit auslachen. Und wenn er, wie so häufig, noch

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übermüdet wäre, würde er ihn überdies noch mit irgendeinem Verbot bestrafen. Oder sich über ihn lustig und ihn zum Gespött machen. So, wie er es gerne vor allen Leuten tat. Nein, er wollte sich nicht blamieren und dem Vater den Triumph gönnen. Diesem Spielverderber, der sonst bei allem einen Rückzieher machte, weil er längst zu alt für Kinderspäße war. Mit sachtem Griff öffnete der kleine Junge einen Spaltbreit die Tür. Er streckte den Kopf hindurch und musste zunächst seine Augen an das Dämmerlicht im Raum gewöhnen. Die Rollos waren bis zu den Fensterbänken heruntergezogen. Nach und nach füllte sich der Raum mit Konturen. Sein Blick fiel auf ein breites Bett, über dem ein Wandregal angebracht war. Er begriff, dass er sich im Schlafzimmer seiner Mutter befand, die von seinem Vater getrennt schlief, weil sie schnarchte. Genau von dem Holzbrett an der Wand kam das impertinente Geräusch, dieses infernalische Ticken. Der Junge strahlte übers ganze Gesicht. Na also! Sein Mut hatte sich gelohnt. Hier war die Quelle seiner Schlafstörung. Ein dämlicher Wecker, den seine Mutter offenbar vergessen hatte auszuschalten. Da, links auf dem Regal, stand das kleine silberne Ding. Ein Knopfdruck würde genügen, diesen nervigen Dauerton zu beenden. Das Kind pfiff eine Melodie vor sich hin und bewegte sich Richtung Wandregal. Mit einem Mal zuckte es zusammen und blieb wie angewurzelt stehen. Warum brachte seine Mutter den Wecker nicht selbst zum Schweigen? Wo war sie überhaupt? Das Bett sah zerwühlt aus. Wie nach einem bösen Traum. Oder gar einem Kampf? Wieder stieg Angst in dem Jungen auf. Er musste mehrmals hart schlucken. Verlegen fuhr er sich durch das Haar. Dann ging er auf Zehenspitzen weiter, als habe er Furcht, eine lauernde Gefahr würde über ihn hereinbrechen. Sein Rufen war kaum hörbar. Nur ein Hauch. „Mama?“ Stille! Bis auf das Ticken. Aufdringlich und unbarmherzig. Er ballte die Fäuste als Mittel gegen die Angst und schlich näher, bis er vor dem Bett stand. So hätten die furchtlosen Hel-

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den, die er in Comics und Fernsehserien ständig bewunderte, auch gehandelt. Alles unverändert. Doch um an den Wecker zu kommen, musste er zur Längsseite des Bettes gehen. Er bog um das Bettende und blieb wie auf Knopfdruck stehen. Was er jetzt sah, ließ ihn seinen eigenen Zustand nicht mehr spüren. Sein ganzer Körper zitterte. Der Schweiß, der auf seiner Stirn ausbrach, vermischte sich mit dicken, kullernden Tränen und rann in Strömen über die Wangen. Dann tropfte er von der Kinnspitze auf die Schlafanzugjacke und hinterließ dort feuchte, dunkle Flecken. Die Zähne klapperten unkontrolliert in einem Rhythmus, der groteskerweise dem Ticken des Weckers glich. Tick, tick. Pause. Tick, tick. Seine Fingernägel bohrten sich in die Handballen, bevor er die Hände zum Mund führte. Dann erschütterte ein spitzer, langer Schrei die Villa. Alles blieb still. Nur das unaufhörliche Ticken und das Greinen der Schwester legten sich als monotoner Dauerschall über die gespenstische Kulisse. Der Blick des Jungen glitt wieder zu Boden. Dort lag eine nackte Frau, die zu Lebzeiten höchstens dreißig Jahre alt gewesen sein mochte. Ihre Augen standen offen. Sie zeigten diese gebrochene Starre, wie sie nur im Tod geboren wird. Die Haare waren verklebt, der Mund stand weit offen. Wie ein bläulicher, geschwollener Klumpen drückte die Zunge gegen den Gaumen. Die Arme waren ausgebreitet, die Hände völlig verkrampft. Sie bezeugten einen letzten schweren und schmerzhaften inneren Kampf. Neben der Frau waren unzählige Tablettenschachteln und -röhrchen verstreut. Vor ihr lagen eine leere Wasserflasche und ein umgekipptes Glas. Eine Handbreit von ihrem Gesicht entfernt lag ein Briefbogen. Der Junge wischte mit dem Ärmel über seine verweinten Augen und sah zur Tür hin. Sein Aufschrei hatte noch immer niemanden herbeigerufen. In seinem Kopf hämmerte es. Was sollte er weiter tun? Er schluchzte laut auf. „Mama?“

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Seine Mutter gab keine Antwort mehr. Nie mehr! Unter Aufbietung aller Kräfte fasste er den Entschluss, der Leiche näher zu kommen. Dazu kniete er sich zuerst auf den Boden und krabbelte dann auf allen Vieren. So fühlte er sich stabiler. Dann fiel sein Blick wieder auf das Blatt Papier. Jetzt sah er, dass es beschrieben war. Es war die Schrift seiner Mutter. Er kannte sie von der Kontrolle der Hausaufgaben her. Im Zeitlupentempo näherte er sich. Er streckte seinen Arm weit aus, um dem Leichnam nicht zu nahe zu kommen. Endlich hielt er das Blatt in der Hand. Die Schrift seiner Mutter war ordentlich. Eine Schönschrift. Er konnte sie gut lesen. Schritt für Schritt gelang ihm die Entzifferung. Seid mir nicht böse. Auch unser Herrgott wird mich verstehen und bei sich aufnehmen. Obwohl ich alle Schuld trage. Das hast Du, Harry, mir immer wieder vorgehalten. Ich sah keinen anderen Ausweg. Ich habe Euch alle lieb. Alle! Eure Mama. Der Junge ließ das Blatt fallen. Ein erneuter Weinkrampf überkam ihn. Was um Himmels willen bedeutete dieser Brief? Verstanden hatte er nur, dass mit Harry wohl sein Vater Harald gemeint war. Mutter hatte ihn immer Harry genannt. Aber warum war sie jetzt tot? Irgendetwas Furchtbares musste passiert sein. Den Vater zu fragen, würde er sich nicht trauen. Der war immer so streng zu ihm. Aber was sollte er tun? „Mama?“ Keine Antwort. Noch immer kniete er. Er betrachtete das entstellte Gesicht der Mutter und begann unter Tränen zu beten. War das ein Lächeln, das sie ihm eben geschenkt hatte? Plötzlich war er ganz ruhig. Ihm war kalt. Er wollte wieder ins Bett gehen. Das Ticken des Weckers und das Schreien der Schwester waren ihm auf einmal gleichgültig. Er fühlte sich unsagbar einsam und verlassen. Mutterseelenallein.

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ie Presse im Rhein-Main-Gebiet sprach am Morgen von einer Sensation. Selbst überregionale Zeitungen brachten die Nachricht auf der ersten Seite. Die lokalen Radiosender meldeten den Fund der Skulptur als Jahrhundertereignis und überboten sich in den Interviews mit Archäologen und Historikern. Das hessische Regionalfernsehen kündigte für den Abend eine Sondersendung an. Es war noch nicht lange her, seit der Erdboden im Nordwesten von Frankfurt dem Spaten der Bauarbeiter bei Ausschachtungsgrabungen Widerstand geleistet hatte. Genau dort, wo vor Jahrhunderten das Römerkastell und die Lagerstadt Nida gestanden hatten, stießen die Werkzeuge in gehöriger Tiefe auf ein unnachgiebiges Hindernis. Der Grabungstechniker war zunächst von einem Stück Fels ausgegangen. Er hatte die Parole ausgegeben, die Umrisse abzuklären, um den Brocken mit geeignetem schweren Gerät heben und entfernen zu können. Bei näherer Prüfung war jedoch aufgefallen, dass der Stein in einer ungewöhnlich weißen Farbe leuchtete und offenbar behauen, geglättet und poliert war. Dies war Anlass genug gewesen, die weiteren Arbeiten sofort einzustellen. In einem nächsten Schritt hatte der Vorarbeiter den Architekten verständigt. Dieser hatte sich mit dem Direktor des Liebieghauses, einem auf der Sachsenhäuser Seite am Mainufer gelegenen Skulpturenmuseum, in Verbindung gesetzt. Unter einigen Auflagen hatte der Museumschef vom Landesamt für Denkmalpflege die Nachforschungsgenehmigung erhalten. Zuvor war er zu der Baustelle gefahren und hatte den freigelegten Teil des Fundstücks besichtigt. Auf den ersten Blick war

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ihm klar, dass es sich um ein Kunstwerk aus Marmor handeln musste. Die Archäologen und Kunsthistoriker hatten den heutigen Tag für den Abschluss der Ausgrabungs- und Freilegungsarbeiten festgesetzt und Kommunalpolitiker wie auch Medienvertreter für den Vormittag zu einer öffentlichen Präsentation der Fundstücke eingeladen. Das gesamte Gelände ähnelte in der Seitenansicht einem Blätterteig. Die Grabungsfläche, ein rechteckiges, aus der Umgebung herauspräpariertes Areal, war mit Kleinwerkzeug von jedem losen Sandkorn befreit worden, um die Bodenstrukturen besser ablesen zu können. Bereits eine Stunde vor Beginn der Festreden glich die komplette Umgebung einem Tollhaus. Übertragungsfahrzeuge sämtlicher gängiger Fernseh- und Radiosender standen um die Absperrungen herum. Eine Unzahl von Reportern drängte sich durch den schmalen Zugang zur Baustelle und kämpfte vor dem provisorischen Rednerpult am Eingang eines dunkelbraunen Zeltes um die besten Plätze. Ein kleinerer Kreis von Journalisten lief auf dem Ausgrabungsgelände herum, schoss Fotos und holte sich von dem Grabungstechniker und Entdecker ein paar Informationen. Eines der Teams bat sogar einen Mann mit einem gelben Schutzhelm auf dem Kopf, eine Spitzhacke in die Hand zu nehmen und die Szene nachzustellen, bei der ein Werkzeug auf die Marmorskulptur aufgeschlagen war. Die zwischenzeitlich aufgestellte Zeltstadt passte allerdings nicht mehr so recht zu diesem Motiv. Pünktlich auf die Minute setzte die herbeigeeilte hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst zu einer Begrüßungs- und Dankesrede an. Vom Kreis der Zuhörer aus war ihr Gesicht kaum zu erkennen. Ein riesiger bunter Pulk von Mikrofonen streckte sich wie eine Ansammlung von Gummibällen ihrem Mund entgegen. Die vielfarbigen Ummantelungen hätte man aus einiger Entfernung für einen Strauß von Frühlingsblumen halten können. Als weitere Redner folgten die Oberbürgermeisterin, der Landesarchäologe und der kommunale Kulturdezernent, alle

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unter dem sogleich gebrochenen Versprechen, sich kurz fassen zu wollen. Schließlich beseitigten einige umstehende Fachleute die Sichtblenden von einer überdachten Lafette, wobei die anwesenden Politiker mithalfen, solange sich die Reporter für diese Arbeiten interessierten. Kameras begannen zu surren. Ein Blitzlichtgewitter entlud sich auf der mannsgroßen weißen Marmorstatue eines Jünglings, einem römischen Kunstwerk von erlesener Schönheit. Das Gesicht zeigte weiche, mädchenhafte Züge. Die Schulter war leicht gedreht. Die Arme hingen herab. Mit dem rechten Bein deutete die Skulptur einen Schritt nach vorn an. Auf dem Sockel prangte in großen eingemeißelten Buchstaben der Name ANTINOOS. Der Direktor des Liebieghauses, Doktor Jonas Stadelmann, sah sich unauffällig um und registrierte zufrieden, dass sich die Aufmerksamkeit der Reporter anderen Personen zugewandt hatte. Er zupfte den Landesarchäologen Moritz Haverkamp am Ärmel seines wollweißen Staubmantels und machte mit dem Kopf eine Bewegung zu einem weiter hinten gelegenen Zelt hin. Anschließend arbeitete er sich mit kleinen Schritten rückwärts aus der Hauptansammlung von Menschen heraus. Dabei nahm er eine gebückte Haltung ein, weil er befürchtete, mit seiner überdurchschnittlichen Körpergröße entdeckt und von seinem Vorhaben abgehalten zu werden. Er erreichte das Zelt fast zeitgleich mit Haverkamp, der seinen Rückzug aus der Menge aufgrund seines bemerkenswerten Bauchumfangs nur unter heftigem Drängen und mit einigen Entschuldigungsfloskeln erkämpfen konnte. Stadelmann schob die Zeltplane vor dem Eingang zurück und trat ein. Bevor er sein maßgeschneidertes Sakko ablegte und sich auf einen der umstehenden Regiestühle setzte, warf er noch einen Blick in einen übergroßen Spiegel, der in ein Regal eingelassen war. Er ordnete sein gewelltes graues Haar und schob die randlose Brille von dem langen Nasenrücken zu den wasserblauen Augen. Es gehörte zu seinem Ritual, dass er dabei seine eingefallenen Wangen aufblies und ein unterdrücktes

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Grunzen von sich gab. Anschließend bot er mit einer ausholenden Handbewegung dem zwischenzeitlich eingetretenen Haverkamp einen Platz an. Haverkamp ließ sich ungebremst in den Stuhl fallen. Er wischte sich mit dem Handrücken über seine faltige, schweißnasse Stirn und fuhr sich dann mit der feuchten Hand über seinen Ostfriesenbart. „Ich will nicht unverschämt sein. Hätten Sie vielleicht etwas zu trinken für mich? Solche Auftritte sind nichts für mich. Das schafft mich völlig. Ich bin mehr ein Kind der Wissenschaft.“ Kaum wahrnehmbar nickte Stadelmann mit dem Kopf und stand auf. Er drehte sich zu einem am Boden stehenden Kasten mit Mineralwasser, sodass sein spöttischer Blick für den Gast nicht sichtbar wurde. Es kostete ihn einige Anstrengung, bei dem Anblick des aufgelösten Schwergewichts nicht laut zu lachen. Vor einigen Tagen hatte er Haverkamp in dessen Büro in Wiesbaden besucht. Haverkamp hatte ihm gesagt, in welchem Umfang das Land Hessen seine Nachforschungen finanziell unterstützte. Außerdem hatte er ihm noch Spenden der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Aussicht gestellt. Dafür hatte Stadelmann auf sein Recht verzichtet, als Ausgräber zuerst die Ergebnisse veröffentlichen zu dürfen. Zugleich hatte er regelmäßige Berichte über die Grabungsfortschritte versprechen müssen. Am Ende des Gesprächs hatte er Haverkamps Bitte entsprochen, ihn in seinem Auto mit nach Frankfurt zu nehmen. Als er von der Bahnhofstraße nach rechts Richtung Autobahn abgebogen war und dabei leicht den Bordstein gestreift hatte, war sein Fahrzeug tatsächlich auf der Beifahrerseite leicht aufgesetzt. Mit einem unbeeindruckten Schmunzeln hatte er dies auf die imponierende Leibesfülle von Haverkamp zurückgeführt. Stadelmann gab sich einen Ruck, um wieder ernst zu werden. Er griff nach einem Glas, das wegen der Staubentwicklung umgedreht auf dem Regal stand, goss es voll und drückte es seinem Gast in die Hand. „Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den

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Scheffel. Was heißt hier Kind? Man merkt Ihnen sofort an, dass Sie ein sehr gewichtiger Vertreter der Wissenschaft sind.“ In einem Zug leerte Haverkamp das Glas und nahm es von einer Hand in die andere. Sein Gesichtsausdruck offenbarte eine Mischung aus Verlegenheit und Ratlosigkeit. Während Stadelmann ihm das Glas abnahm, rutschte Haverkamp auf seinem Stuhl nach vorn und presste die Arme auf die Lehnen. „Lassen wir das mal so stehen. Sagen Sie mir lieber, warum Sie mich hier unter vier Augen sprechen wollten. Ich verstehe sowieso den ganzen Trubel nicht. Wieso haben Sie die Figur nicht, wie sonst üblich, erst geborgen und danach die Presse informiert? Dann hätten wir eine ordentliche Ausstellung gemacht und in Ihrem Büro einen schönen Sekt auf den Erfolg trinken können.“ Stadelmann winkte ab. „Das wäre mir auch lieber gewesen. Leider hatte jemand vom Ausgrabungsteam unsere Entdeckung frühzeitig an eine Boulevardzeitung verraten. Der Reporter war drauf und dran, den Fund umgehend als Schlagzeile zu präsentieren. Mit großer Überredungskunst versprach ich ihm einige exklusive Informationen und konnte ihn so davon abhalten, sein Vorhaben umzusetzen.“ Der erhobene Zeigefinger, die hochgezogenen Augenbrauen und die ratlose Miene Haverkamps verdeutlichten, dass er voller Sorgen und Bedenken war. „Damit haben Sie allerdings die Fundstelle und den Erfolg der Ausgrabungen einem erheblichen Risiko ausgesetzt. Stellen Sie sich einmal vor, diese Zeitungsleute wären heimlich auf das Gelände vorgedrungen, um Fotos zu machen. Was hätte da nicht alles zerstört werden können. Außerdem hätten sie etwas mitgehen lassen können. Hatten Sie mir nicht gesagt, dass Sie außer der Statue noch eine Reihe anderer Sachen ausgegraben haben?“ Der Rücken Stadelmanns versteifte sich. Dadurch überragte er sein Gegenüber selbst im Sitzen um mehr als einen halben Kopf. Er amüsierte sich, beherrschte jedoch sein Lächeln, um seine Verachtung für die Ängstlichkeit Haverkamps nicht allzu sichtbar werden zu lassen. Bei diesem Beamtentyp passte eben

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