Lügen in Zeiten des Krieges - Die Onleihe

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rupft sie die hochgeborne Römerjugend!« Nun will der Dichter nicht mehr, daß sie treu ist, selbst wenn das möglich wäre. Er möchte nur selbst gesunden, die quälende Krankheit abschütteln, die ihm alle Freude vergällt hat. Ipse valere opto et taetrum hunc deponere morbum … Diese Zeilen haben unseren Mann jahrelang verfolgt, er meint Catulls Krankheit bis auf den Grund zu kennen, auch er wollte nichts anderes mehr, bloß noch gesunden, um jeden Preis. Nur trifft auch diese Metapher nicht. Seine Krankheit geht tiefer als die des Dichters. Catull zweifelt keinen Augenblick daran, daß er geboren ist, um glücklich zu sein und Freude zu empfinden angesichts der guten Taten, die er früher begangen hat, benefacta priora voluptas. Das sind die Götter ihm schuldig,

da er ihnen treu war. O di, reddite mi hoc pro pietate mea. Der Mann mit den traurigen Augen ist überzeugt, daß er für alle Zeiten verändert ist, wie ein geprügelter Hund, und daß kein Gott ihn heilen kann. Gute Taten, auf die er zurückblicken könnte, hat er nicht getan. Trotzdem, es hilft ihm, das Gedicht wieder und wieder zu sagen. Heulen vor Verzweiflung wird er nicht. Er denkt an die Geschichte des Kindes, aus dem so ein Mann geworden ist. Maciek soll das Kind heißen, wie der kleine Maciek in dem alten Lied, der feine Kerl, der unermüdlich immer weitertanzt, solange die Musik spielt.

I Geboren bin ich ein paar Monate nach dem Reichstagsbrand, in T., einer Stadt mit ungefähr vierzigtausend Einwohnern in einem Teil Polens, der vor dem Ersten Weltkrieg zur K.u.K.-Monarchie gehört hatte. Mein Vater war der angesehenste Arzt in T. Keiner konnte ihm das Wasser reichen, weder der Chef des Krankenhauses, ein katholischer Chirurg, noch die beiden praktischen Ärzte, meines Vaters Kollegen. Nur mein Vater hatte Diplome von der Universität Wien; nur er hatte vom ersten gimnazjum-Jahr an als zeller gegolten und die in ihn gesetzten Erwartungen

glänzend erfüllt, indem er eine jener goldenen Uhren gewann, die Kaiser Franz Joseph jedes Jahr an die besten Abiturienten im Kaiserreich verteilen ließ; und keiner tat es ihm gleich an aufopfernder Freundlichkeit und Fürsorge für die Patienten. Meine Mutter, eine Schönheit aus Krakau, war viel jünger als er; sie starb im Kindbett. Die Heirat war durch einen Ehevermittler zustande gekommen, aber der Doktor und die Schönheit verliebten sich so schnell und heftig ineinander, daß man in der Familie die Geschichte wie ein Märchen erzählte, und mein Vater schwor, er werde den Rest seiner Tage nur der Erinnerung an meine Mutter und dem Leben mit mir widmen.

Er hielt sein Wort sehr lange. Meine Mutter hatte eine ältere Schwester, die noch schöner als sie war und jetzt als einziges Kind auch viel reicher; alle waren sich einig, daß diese Schwester wohl nie heiraten würde, auch nicht ihren verwitweten Schwager. In der hermetischen Welt reicher galizischer Juden hing ihr ein Gerücht an: Man munkelte, sie habe sich mit einem katholischen Maler eingelassen, und bei dem Versuch auszureißen seien die beiden erwischt worden. Der Künstler habe sich in seinem Verhalten offenbar von der angenehmen Aussicht auf ihre Mitgift leiten lassen; als aber mein Großvater einschritt und seinen lodernden Zorn gleichmäßig auf die