Lügen in Zeiten des Krieges

Lügen in Zeiten des Krieges

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Louis Begley

Lügen in Zeiten des Krieges Roman

Aus dem Amerikanischen von Christa Kruger

SüddeutscheZeiTung 1 Bibliothek

Für meine Mutter

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutscheii Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten Sind im Internet uber http:lldnb.d-nb.de abrufbar. Der vorliegenden Ausgabe liegt die Textfassung der Originalausgabe des im Suhrkamp Verlag erschienenen Rucher zugrunde. Lizenzausgabe der Süddeurschen Zeitung GmbH, München fïir die SUddeulbchrZeimnq1 Bibliothek 1 0 0 7 O 1991 by Alfred A. Knopf, New York Für die deutsche i l b e r s e ~ z u r i ~ : D Suhrkamp Verlag Frankfurr a m Main 1994 Titelforo: Joe J. Heydecker Autorenfoto: Jürgen WassmuthlSV-Bilderdienst Klappeiitext: Dr. Harald Eggebrecht Gestalturig: Eherhard Wolf Grafik: Dennis Schmidt Projektlcitung: Dirk Rumberg Produktmanagement: Sabine Sternagel Satz: \mi, hlaiifred Zech Herstellung: Hermann Weixler, Thekla Neseker Driick und Bindearbeiten: Ebner ei Spiegel, Ulrri Printed in Germany ISBN 978-3-86615-506-0

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Kurz nach meiner ersten Kommunion wurde ich gelb. Die Leber tat mir weh, und ich hatte Fieber. Nach Tanjas Diagnose hatte ich eindeutig Gelbsucht, wie meine Grogmutter, kurz bevor sie starb. Bis jetzt hatte Tanja mich immer, wenn ich krank war, mit Aspirin, kalten Umschlagen und Hühnerbrühe kuriert. Einen Arzt konnte man auf keinen Fall rufen: Er würde mich untersuchen wollen, und dann sah er vielleicht meinen Penis. Ich war wedcr ein Madchen, noch lebten wir im alten China: Ich konnte nicht, für den Arzt unsichtbar, hinter einem Vorhang stehen und von dort aus am Korper einer Elfenbeinpuppe zeigen, wo es mir weh tat. Diesmal machte sich Tanja ernste Sorgen. Sie wuBte nicht genau, wie mein Vater Gelbsucht behandelte. Offenbar war auch Pan Wladek besorgt. Er kam in unser Zimmer und sagte: Ich kann Ihnen einen Arzt empfehlen, dem Sie in jeder Hinsicht trauen konnen. Bitte, lassen Sie ihn das Kind untersuchen, Sie brauchen nichts zu fürchten. Tanja war einverstanden. Die Diat und Tabletten, die der Doktor verschrieb, wirkten prompt. Ich konnte den Unterricht wicderaufnehmen und sogar ausgehen und meinen Grogvater besuchen. Es war ein herrlich heiDer Sommer mit vielen strahlenden Sonnentagen. Wie mein GroBvater vorhergesehen hatte, brach die Ostiront der Wehrmacht zusammen. Innerhalb von drei Wochen wurden fünfzehn deutsche Divisionen aufgerieben, und in den zwei, drei Wochen danach rückten die Russen fast vierhundert Kilometer vor. Wir hatten schon einmal eine geschlagene Armee auf dem Rückzug gesehen: die Rote Armee, die im Juni 1941 aus T. geflohen war. Aber damals war die Front von Anfang an nicht weit von uns entfernt gewesen, und dann schienen die Russen über Nacht wie

vom Erdboden verschluckt. Jetzt sahen wir eine Niederlage in Zeitlupe: Lastwagen in den Warschauer StraBen und Lazarettzüge mit verwundeten deutschen Soldaten, Transporte und Züge mit dreckverkrusteten Einheiten, die von der Front abgezogen wurden - alle fuhren gen Westen. M a n erzahlte sich von deutschen Soldaten, die gebettelt hatten, man moge sie verstecken oder ihnen Zivilkleider im Tausch gegen ihre Pistolen und Gewehre geben. Die Polizei war nun überall. Feldgendarmeriepatrouillen überwachten alle wichtigen Kreuzungen. Ausweiskontrollen hauften sich, ebenso willkürliche V e r h a f t ~ n ~ e nLautspre. cher konnten plotzlich über einen belebten Platz hinweg das Kommando ~Stehenbleibenc(brüllen, und schon tauchten aus den SeitenstraBen Polizeieinheiten auf, manchmal nur deutsche, manchmal deutsche und polnische, und durchsuchten die Menge. An manchen Tagen kam es vor, daB Pan Wiadek uns riet, nicht aus dem Haus zu gehen; anscheinend arbeitete er nicht mehr, er kam und ging ganz unregelmaBig. An anderen Tagen bat er Tanja, manchmal auch mich, Packchen für ihn mitzunehmen. Wir muBten sie bestimmten, genau bezeichneten Personen aushandigen, die an einem verabredeten O r t auf uns warteten. Das sei so ungefahrlich wie alles, was wir sonst auch rnachten, sagte er. Dann, gegen Ende Juli, verlangsamte sich der russische Vormarsch wider Erwarten. Wir begriffen nicht, was ihn hatte aufhalten konnen. Die BBC lieB uns im wie üblich flotten, zuversichtlichen Ton wissen, daC die Russen ihre Truppen neu ordneten und die Nachschublinien verkürzten. Frische Truppen seien auf dem Marsch vom Dniepr zur Front. Aber auch die Deutschen warfen frische Truppen an die Front. In Warschau munkelte man von grogen deutschen Konvois, die sich diesmal in ostlicher Richtung bewegten. Die Royal Air Force und, wie manche glaubten, auch die Russen bombardierten Warschau mehrere Nachte lang. Tanja redete mir zu: Die Bombeneinschlage und davor das Jaulen der Flugzeuge im Tiefflug rnüsse uns freuen. Wir lernten aus der Starke und dem Ton des Einschlags zu schlieBen, ob ein Gebaude getroffen war. Manchmal burnste es sehr laut und nahe, und der

Einschlag erschütterte Wande und Decke des Luftschutzkellers, in dem alle Hausbewohner saBen. Ein Angriff dauerte selten lange. Wir gingen danach immer hinauf in die Wohnung und krochen wieder ins Bett, unsere Herzen voller Hoffnung. Diese Flugzeuge waren gerngesehene Gaste; sie konnten nicht lange bleiben, aber sie kamen immer wieder. Pan Wiadek und Pan Stasiek sprachen jetzt ganz offen von der Armia Krajowa, A. K., der ))Armee im Lande(<,der polnischen Untergrundarmee, die dem Befehl der Exilregierung in London unterstand. Sie brachten von der StraBe Flugblatter mit, in denen die Bevolkerung zum Aufstand aufgerufen wurde. Die A. K. sei bereit zum Schlag gegen den Feind und zur Befreiung Warschaus. Pan Wiadek wuBte, man wartete nur noch darauf, d a # die Russen nach AbschluB ihrer Vorbereitungen die Offensive wiederaufnahmen. Aber die Russen schienen sich überhaupt nicht mehr zu rühren. Die Stellungen, von denen die BBC berichtete, veranderten sich nicht; zur Zeit war die Front in Polen zum Stillstand gekommen. Von meiner Gelbsucht hatte ich einen überempfindlichen Sinn für Gerüche zurückbehalten. Ich konnte die Kochdünste aus dem ganzen Haus so genau riechen, daR ich wuBte, was in jeder Küche gekocht wurde. Leider waren die Mahlzeiten damals besonders übelriechend. Manchmal wurde mir vor Ubelkeit ganz schwindlig. Tanja führte mich dann in den Sachsischen Garten, damit mir a n der frischen Luft wieder besser würde. Wir machten sogar langere Spaziergange. Der 1.August war ein Dienstag. Wir trafen uns mit GroBvater in seiner mleczarnia. Es gab fast nichts mehr zu essen. Wir bekamen nur etwas Brot und Tee. GroGvater sagte, so unnatürlich ruhig wie die Stadt sei, konne das nichts Gutes bedeuten. AuBerdem lagen wieder überall Flugblatter herum, die die Befreiung Warschaus ankündigten. Das gefiel ihm nicht. Er riet Tanja dringend, Vorrate einzukaufen, egal was sie kosteten. Sie sollte Kerzen besorgen, wenn es kein Acetylen gab, vor allem aber Mehl, Reis, Schinken, was immer sie auftreiben konnte. Wir verabredeten uns für den nachsten Tag wieder. Er scharfte uns ein, mit der StraBenbahn nach Hause zu

fahren und gleich die Vorrate zu kaufen. Er selbst stieg auch in eine StraBenbahn und fuhr nach Mokotow zurück. Wir fuhren dann doch nicht mit der StraBenbahn. Eine eigenartige Tragheit überfiel uns. Zuerst gingen wir in den Sachsischen Garten und sai3en in der Sonne. Wir fragten uns, ob mein Vater denn noch am Leben sei. Keiner von uns hatte eine Vorstellung, wie lange der Krieg noch dauern würde, wo wir bei Kriegsende sein mochten, wo mein Vater uns suchen würde, falls er aus RuBland wiederkame. Ich fand es am besten, in T. auf ihn zu warten. Wir würden unser Haus wiederbekommen, vielleicht sogar unsere Mobel noch vorfinden und wieder so zu leben beginnen wie vor dem Krieg. Er hatte bestimmt dieselbe Idee; auch er würde nach T. fahren. Wir gingen dann in Richtung Dom und Rynek Starego Miasta, dem alten Markt. Die StraBen waren voller Leute, die herumflanierten wie wir, und in der Luft lag eine Heiterkeit, die angesichts der Wehrmachts- und Feldgendarmerietruppen in Kampfanzügen überall auf der Teatralny und Zamkowy ganz fehl am Platz war. Sie hatten Panzerwagen; die Maschinengewehre an den StraBenecken waren von Sandsacken umgeben. In1 Rynek aBen wir ein Brotchen und betrachteten die Leute. Es fiel uns merkwürdig schwer, zu Pani Dumonts Wohnung zurückzukehren. Tanja sagte: In diesem Augenblick sind wir frei, das Haus ist eher eine Gefangniszelle. Aber wir muBten ja zurück. Obwohl wir müde waren, fand Tanja, wir sollten den Rest der Nachmittagssonne ausnutzen und zu FuB gehen. Es war Zeit aufzubrecheri. Wir waren noch in den engen grauen StraRen der Altstadt, da horten wir auf einmal, scheinbar von allen Seiten, Schüsse, dann Maschinengewehrfeuer, und dann knallte es noch vie1 lauter; explodierende Handgranaten waren das, was wir aber erst spater erkannten. Menschen rannten auf die StraBe, andere schrien, alle sollten weg von der StraBe, sollten schleunigst in Hauseingangen oder sonst irgendwo in Deckung gehen. Wir suchten Schutz in einem Torbogen, der eigentlich, wie in Warschau oft, eine Einfahrt von der StraBe in den Innenhof war, jemand versuchte sofort, das Tor zu schlieflen, es klemmte, so daB wir den Blick auf die StraBe

behielten. Ein Panzerwagen der Wehrmacht rumpelte über die Piwna in Richtung des Rynek, der Lauf des Maschinengewehrs auf dem Wagen schwenkte gleichmai3ig von einer Seite zur anderen, und die Salven ratterten kurz und trokken. Wir konnten die GeschoBgarben, dann die Einschlaglocher in den Hausern und das splitternde Glas sehen. Von oben, vom Dach oder aus einem hochgelegenen Fenster, gab jemand Schüsse auf den Panzerwagen ab. Die Kugeln prallten gegen die Panzerung. Der Wagen hielt, das Maschinengewehr wurde nach oben gerichtet und erwiderte das Feuer. Das dauerte eine Weile, bis ein zylindrischer Gegenstand, einer kleinen Glasflasche ahnlich, von hinten unter den Wagen rollte. Einen Augenblick lang schien es, als geschahe nichts. Dann eine laute Detonation, Rauch, und der Wagen fing zu brennen an. Deutsche Soldaten sprangen heraus; am Strai3enrand sah man andere Manner knien und Gewehre in Anschlag bringen. Die Soldaten fielen. In der Toreinfahrt redeten jetzt alle auf einmal; wir fingen an zu begreifen, was geschehen war: Vor unseren Augen griff die A. K. die Deutschen an, wahrscheinlich überall in Warschau zugleich. Der Aufstand hatte begonnen. Da Pan Wladek gesagt hatte, daB die A. K. erst mit Beginn einer neuen russischen Offensive losschlagen würde, muBte es also jetzt soweit sein: Die Russen waren da. Morgen oder spatestens in ein paar Tagen waren wir dann frei; wir müBten uns nie mehr verstecken und nie mehr Angst haben. Aber statt dessen vergingen Wochen, und die Kampfe in der Stadt dauerten an. Bis die Deutschen den Strom sperrten, horten wir Nachrichten. Die BBC liei3 uns wissen, dai3 die Russen immer noch ihre Stellungen ausbauten und ihre Nachschublinien verkürzten. Der Wehrmachtsfunk berichtete, dai3 deutsche Verstarkungstruppen am Stadtrand von Warschau angekommen waren. Das wuBte auch die BBC, hoffte aber, daB die Rote Armee die Stadt in Kürze befreien würde; es würden dann Waffen und Munition mit Fallschirmen abgeworfen, um die heldenhaften Verteidiger der Stadt zu unterstützen. Der Wehrmachtsfunk versprach, die Stadt würde dem Erdboden gleichgemacht. Wir fingen a n zu witzeln, daG

die Amerikaner vielleicht schneller bei uns waren als die Russen. Vorlaufig aber bombardierte die Luftwaffe im Tiefflug Warschau und verwandelte die Stadt in ein Feuerrad, dessen Nabe wir in der Altstadt bildeten. Der Feuerkreis wurde immer enger. Bis die Bomben regelmaBig dicht in unserer Umgebung einschlugen, stiegen wir aufs Dach und beobachteten die Flugzeuge, die Bomben, die sie abwarfen, und die Brande. Der Anblick dieses erneuten deutschen Feuerwerks unterschied sich nicht sehr von dem des brennenden Ghettos, den wir seinerzeit von Pani Z. s Haus aus gehabt hatten. Nur waren wir alle diesmal Teil des Schauspiels, und niemand klatschte mehr Beifall. Die Universitatsbibliothek bekam einen Treffer und ging in Flammen auf; noch Tage danach fielen mit dem nicht enden wollenden Aschenregen, a n den wir inzwischen gewohnt waren, ganze, noch glühende Buchseiten vom Himmel; manche waren von der Hitze so zusammengebacken, daB sie nicht zerfielen, wenn sie auf dem Boden aufkamen, man konnte noch zusammenhangende Textstücke lesen. Als wir schon ungefahr eine Woche in dem Haus an der Piwna waren, wurde eine Rechtsanwaltin auf Tanja aufmerksam. Zuerst Iachelte und zwinkerte sie ihr zu, dann fing sie ein Gesprach an; sie war von dem Angriff überrascht worden, als sie sich in der Werkstatt ihres Korsettmachers im dritten Stock des Hauses aufhielt, und hatte das Haus nicht mehr verlassen konnen. Es war Abend, wie üblich waren wir im Keller. Tanja lud die Rechtsanwaltin ein, sich zu uns auf die Matratze zu setzen, die sie der Frau des Hausmeisters, Pani Danuta, abgekauft hatte. Tanja wurde immer noch rot vor Wut, wenn sie a n die widerwartigen Begleitumstande dieses Kaufs dachte. Zu meiner Überraschuq erzahlte sie jetzt der vollig fremden Frau, wie die Hausmeisterin, Tage nachdem Tanja einen Wucherpreis für die Matratze bezahlt hatte, wieder in den Keller gekommen war, das Objekt mit gierigen Augen gemustert hatte und dann, ohne jemanden Bestimmten anzusehen, erklarte, Tanja habe unerhort gefeilscht und ihr schlieBlich das kostbare Stück zum halben Preis abge-

schwatzt; sie konne sich glücklich schatzen, daB sie so billig davongekommen sei, ehe andere Obdachlose, die sich leichter von ihrem Geld trennen konnten, alle verfügbaren Matratzen und Feldbetten im Haus kauften. Pani Danuta war die Obdachlosen langsam leid - die bettelten und jammerten und benotigten alles, bloB weil sie nichts hatten. Warum waren die nicht in eigenen Wohnungen bei ihren eigenen Mobeln, Kleidern und Vorraten geblieben, statt die Freundlichkeit armer Leute auszunutzen, die selbst bald hungrig und nackt dastünden! Die Rechtsanwaltin lachte über die Geschichte und bat Tanja, sie solle sie doch beim Vornamen nennen; sie sei Pani Helenka. LaB Pani sich mal in die Lage der Hausmeisterin versetzen, sagte sie. N u n müssen die armen Leute schon drei Armeen hassen: Die Wehrmacht, weil das die Deutschen sind, die Armia Krajowa, die diesen verfluchten Aufstand angezettelt hat, und dazu werden sie noch überrannt von einer Armee Obdachloser, von Ihnen, Ihrem Sohn, mir u n d den vielen anderen, die durch einen unglücklichen Zufall bei ihnen gelandet Sind - bloB weil sie a m falschen Tag zur falschen Stunde in der Piwna unterwegs waren. Und alle wollen wir ihre Matratzen und ihr Essen! Pani Danuta und viele ihrer Hausgenossen sehen, daB an diesem Aufstand irgendwas nicht in Ordnung ist - als die Russen siegten und die Deutschen in Scharen wegliefen, haben die tapferen Krieger von unserer A. K. Flugblatter verteilt und vielleicht hier einen Deutschen und da einen Kollaborateur umgelegt. AIS aber die Wehrmacht es dann glücklich geschafft hat, den russischen Vormarsch zu stoppen, fangen diese Burschen auf einmal ihren Krieg an. Sol1 das die Kooperation mit den Russen und den Englandern sein, die sie uns versprochen haben? Falls sie geplant haben, daB ganz Warschau in Schutt und Asche fallt wie Stalingrad, dann hatten sie ihre Sache kaum besser machen konnen. Wie auch immer, die Frau meint es eigentlich nicht bose; Pani sind nicht aus Warschau und kennen sich mit dieser Menschenklasse nicht aus. Bei denen ist die scharfe Zunge oft nur ein Zeichen für ein weiches Herz.

Pani Helenka hatte kurzes krauses graues Haar, ein rundes Gesicht mit runden braunen Augen und war im Ganzen überhaupt kugelrund. Die armeIlose graue Seidenbluse spannte sich über einem eindrucksvollen Busen, den ein Korsett in Form hielt, dessen Rand ich unter ihren Achseln hervorblitzen sehen konnte, wenn sie mir den A r n ~ e ngestikulierte. Sie redete gern, und wenn sie sich in ihr Thema hineinsteigerte, strich sie Tanja über den Kopf. Ich hatte noch nie vorher gesehen, dai3 eine Fremde so vertraulich mit Tanja urnging. Dai3 Tanja sich nicht strauhte, überraschte mich nicht. Wir konnten es uns nicht leisten, Pani Helenka zu kranken. Aber dai3 Tanja einem anderen Menschen, Grocvater und mich ausgenommen, ihre wahren Gefühle offenbarte, hatte ich seit Lwow nie mehr gehort. Der Keller war moderig; Wande, Fui3boden und Stütztrager, alles fühlte sich feucht an. Pani Helenka brachte eine lachsrosa Daunendecke, die ihr der Korsettmacher geliehen hatte. In der Nacht konnten wir uns alle drei hineinkuscheln und u~iserenunruhigen Schlaf beginnen, wobei Tania flüsterte, ich brauchte keine Angst zu haben, wenn wir Bomben und Gewehrfeuer horten. Am Tag leitete Pani Helenka ein BridgeSpiel, an deni rieberi Tanja ein kinderloses Paar teilnahm, das seine Matratze uns gegenüber plaziert hatte. Ich sah ihnen in die Karten. Wenn sie nicht mit Bieten beschiftigt waren, horten wir Pani Helenka zu. Sie hatte ihre Wohnung, in der sie auch ihre Klienten empfing, in Mokotow, nicht weit von Grogvaters Quartier. Telefon hatte sie auch, aber niemanden, der Anrufe entgegennahm, also war es ganz nutzlos: Wir konnten nicht einmal, wenn die Verbindung funktionierte, eine Nachricht für Gro13vater durchgeben. Ihre Sekretarin hatte sie schon lange entlassen. Klienten gibt es nicht mehr, lachte sie, nur noch den Schwarzrnarkt. Sie schimpfte auf die A. K., nicht allein, weil man zum falschen Zeitpunkt, mit einer unvorbereiteten und zahlenmagig unterlegenen nArmee im Lande. losgeschlagen hatte, sondern vor allem, weil man den Aufstand mitten a n einem Werktag begonnen hatte, als die arbeitende Bevolkerung von Warschau nicht zu Hause, sondern a m Arbeitsplatz war - aui3er den Handwerkern, die

ihre Werkstatt in der eigenen Wohnung hatten, wie ihr Korsettmacher. Sie sagte zu Tanja: Denken Sie einmal a n Leute, die nicht so leben wie Sie und Ihr Sohn, mit dem Sie bei dem schonen Wetter spazierengingen - Gott sei Dank sind Sie zusammen -, oder wie ich, eine alleinstehende alte Jungfer, die sich um niemanden kümmern mui3; ich konnte kurz entschlossen losgehen und ein Mieder in Übergroi3e anprobieren. Aber denken Sie a n die vielen Mütter, die zur Arbeit gehen muBten und ihre Kinder ohne Aufsicht zurücklieBen, a n die Kinder, die man in den Park zum Spielen geschickt hatte, a n die alten Leute, die eingeschlosseri in ihren Zimmern saDen, wiihrend die Nichte, oder wer sonst zu ihrer Versorgung d a war, zum Einkaufen oder zur Arbeit unterwegs war. Stellen Sie sich vor, wie hilflos und verloren diese ,Menschen in einer Stadt sind, die zur Bombenzielscheibe der Luftwaffe geworden ist. Das sind die Tragodien, die mir das Herz brechen das wird man der A. K. nie vergessen. Die Deutschen stellten auch das Wasser ab. Die Toilette benutzen zu müssen wurde zurn quiilenden Problem, denn das Haus, in dem wir untergekommen waren, hatte keinen Abtritt irn Hof. Der Hausmeister und ein paar kraftige M a n ner brachen schlieOlich mit Pickelhacken das Pflaster auf und gruben ein Loch. Sie deckten es mit Brettern a b und lieBen einen schmalen Spalt frei, so da13 man Nachttopfe ausleeren oder das Loch direkt benutzen konnte. Vorher hatten wir wie die anderen Obdachlosen einen Hausbewohner bitten müssen, o b wir uns auf seiner Toilette erleichtern oder uns und unsere Kleider bei ihm waschen durften. Jetzt waren wir wenigstens alle gleichgestellt. Jemand sagte: Geschieht den Mietern ganz recht; sollen sie doch Petunien in ihren Toiletten pflanzen. Es wurde immer schwerer, Nahrung zu beschaffen. Die Glücklichen, die noch in ihren eigenen Wohnungen sai3en, konnten von den Vorraten leben, die sie gesammelt hatten, weil das Horten in unsicheren Kriegszeiten ihnen zur Gewohnheit geworden war oder weil sie wie Grogvater gerade noch rechtzeitig gespürt hatten, daB die letzten Stunden vor dem Angriff die Ruhe vor dem Sturm waren: Sie

hatten sich Kartoffeln, Reis, getrocknete Bohnen und Mehl besorgt. Wir muRten sie bereden, uns etwas von ihren Vorraten zu verkaufen. Tanja ÜberlieR Pani Helenka die Verhandlungen für uns, aber bald schon war keiner mehr so dumm, Lebensmittel gegen wertloses Papier einzutauschen. Man muRte sich aufs Betteln verlegen. Ein A. K.-Offizier mühte sich, Gemeinschaftsgeist und Bereitschaft zum Teilen in den Hausbewohnern wachzurufen, aber er stieR auf taube Ohren. Die Wartezeit zog sich hin, und die Hochstimmung vom 1. August schlug um, zumindest in Arger, manchmal aber auch in offene Wut über die Untergrundbewegung, genau wie Pani Helenka es vorausgesagt hatte. Tanja qualte sich mit Sorgen um meinen Grogvater. Er war allein und als Jude unablassig in besonderer Gefahr. Uns war jetzt auch klar, wie recht er gehabt hatte: Wir hatten uns nicht in der Altstadt verbummeln dürfen. Wir erzahlten uns gegenseitig unsere Tagtraume, die davon handelten, wie wir ihn finden würden, aber diese Traume zu verwirklichen war ausgeschlossen. Sein Zimmer in Mokotow war praktisch am anderen Ende Warschaus, so weit weg, daR Pani Helenka drohte, uns mit Gewalt zurückzuhalten, wenn wir uns auf den Weg dorthin machten. Schon der Versuch, in der Altstadt eine StraRe zu überqueren, konnte todlich enden - das wuRten wir nur noch nicht. Unsere Tagtraume sollten bald eine andere Richtung nehmen. Ein A. K.-Mann erzahlte Tanja, die Deutschen hatten Mokotow schon wieder unter Kontrolle. Jetzt konnten wir nur noch hoffen, daR GroRvater nicht in den StraRenkampfen umgekommen war. In diesem Fa11 würden wir uns nach dem Krieg wiederfinden, vorausgesetzt, wir überlebten ihn. Pani Dumonts Wohnung war nicht so weit weg wie Mokotow. Tania wollte versuchen, mit mir dorthin zurückzukehren: Der Schmuck lag in seinem Versteck unter einem Dielenbrett, wir hatten Kleidung dort und sogar einen bescheidenen Lebensmittelvorrat, es sei denn, die anderen hatten sich seiner schon bedient. Und wir waren wieder in heimischer Umgebung. Tanja sagte, sie hatte sich nicht traumen lassen, daR sie Pani Dumont einmal vermissen würde -

aber Pani Helenka wurde allmahlich so besitzergreifend, daR man kaum noch Luft bekam. Also machten wir uns an einem frühen Morgen auf den Weg, nachdem wir Pani Helenka zum Abschied kurz umarmt hatten. Tanja hatte gedacht, wir konnten immer ein paar Hauserblocks weit laufen und dann wieder eine Weile abwarten und Schutz suchen. Ich sollte zuerst gehen, den Bürgersteig entlangrennen, mich ducken und moglichst keinen Larm machen. Immer wenn ich ein paar Hauser geschafft hatte, sollte ich in einer Einfahrt auf Tanja warten. Es war besser, wenn ich zuerst ging, weil die Deutschen vielleicht auf ein Kind nicht achteten; tauchten wir zusammen auf, boten wir ein groReres und lockenderes Ziel. Tanja versprach, nicht weit hinter mir zu bleiben. Niemand auBer uns war auf der StraRe; ich kam mir leichtfüi3ig und schnell vor. Die Haustore waren geschlossen, aber trotzdem war in allen Torbogen noch gerade genug Platz, daR ich mich in eine Ecke quetschen konnte und somit in Deckung war. Kam Tanja in dem Torbogen an, in dem ich wartete, kniete sie sich neben mich und sagte mir, welches Tor ich als nachstes ansteuern und wann ich loslaufen sollte. Aber a n der Ecke mugten wir die Piwna überqueren; einfach um die Ecke zu biegen war sinnlos. Schrag gegenüber auf der anderen StraRenseite konnte ich eine Einfahrt mit geschlossenem Tor und einem guten Versteck erkennen. Tanja sagte, lauf so schnell du kannst, du muRt dich jetzt nicht ducken. Ich hatte gerade die Einfahrt erreicht und mich gegen die Mauer gedrückt, da horte ich schon Gewehrfeuer, und Kugeln prallten gegen die Ornamente des Steinpfostens auf meiner Torseite und auf den Bürgersteig vor mir. Ein deutscher Soldat schoi3 auf mich vom Dach eines Hauses auf der Piwnaseite, die ich gerade verlassen hatte. Ich war ein paar Tore von der StraRenecke entfernt. Solange ich auf seiner StraRenseite war, hatte er mich nicht und ich ihn nicht gesehen. Jetzt aber hatten wir einer den anderen genau im Blick. Er kniete neben einem Schornstein; von Zeit zu Zeit richtete er seinen Feldstecher auf mich. Wenn ich ganz still stand, horte er nach einer Weile auf zu schieRen. Sowie ich mich bewegte, zischte wieder eine Kugel,

in welchem Rhythmus man am besten pumpte und wie weit man einen Eimer füllen mufite. Ein dreiviertelvoller Eimer lieR sich leichter tragen und schwappte nicht über. Und wieder gab es kaum etwas zu essen. Jemand aus einem anderen Haus - unsere Kellergemeinschaft war sich einig, dafl eine solche Gemeinheit niemandem von uns zuzutrauen war - war in mehrere Wohnungen eingebrochen und hatte die Küchen geplündert. Der Verlust a n Lebensmitteln war betrachtlich. Wachen wurden aufgestellt. Die Hausgemeinschaft beschlofl, die restlichen Vorrate einzusammeln und die Zuteilung dann einem Küchenkomitee zu überlassen. Mehrere altere Leute waren krank. Tanja übernahm freiwillig die Krankenpflege, teilte Aspirin aus, was ein sehr knappes und kostbares Medikament war, machte Kompressen und setzte Schropfkopfe. A. K.-Soldaten waren ein vertrauter Anblick im Keller; sie brauchten ein paar Stunden Schlaf, manche waren verwundet. Die StraRenkampfe kamen immer naher, und dazu wurden wir standig von der Luftwaffe hombardiert. Die A. K. hatte keine Flak, und so versuchte sie, die Flugzeuge von Hausdachern aus mit Gewehren zu beschiegen. Maschinengewehre gab es kaum, und die Munitionsvorrate für sie gingen zu Ende. Einmal, bevor es endgültig zu gefahrlich wurde, sich auf dem Dach aufzuhalten, sahen wir zu, wie sie ein Flugzeug trafen, das sehr tief geflogen war und von Zeit zu Zeit eine Bombe abgeworfen hatte. Es fing an zu rauchen, dann zu brennen und verschwand schliei3lich in der Ferne hinter Hausern. Vielleicht kam es noch bis zum Flugplatz. Jetzt aber war es vorbei mit den Aufenthalten auf dem Dach und mit den Ruhepausen in den Wohnungen zwischen zwei Bombenangriffen. Wir warteten im Keller auf das Ende.

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Eines Nachmittags kam ein A. K.-Offizier zu uns in den Kellet, um eine Mitteilung zu machen. Er sagte, die A. K. müsse sich sofort durch die Abwasserkanale zurückziehen, da die Deutschen in wenigen Stunden zu erwarten seien. Wir sollten ruhig bleiben und, wenn die Deutschen da seien, prompt und ohne Widerworte ihren Befehlen folgen. Wir würden das Haus verlassen müssen, darauf sollten wir uns vorberei-

ten, sollten die notigsten Kleider zusammensuchen und einen kleinen Koffer packen. Wir müflten darauf gefaRt sein, daR die Deutschen ukrainische Wachen mitbrachten. Die Ukrainer waren wie die Tiere. Junge Frauen sollten sich K o ~ f t ü c h e r umbinden und diese tief ins Gesicht ziehen und moglichst unauffallig bleiben. Der M a n n salutierte und wünschte uns alles Gute. Kurz darauf fiel eine Bombe auf das Nachbarhaus; eine andere rifl einen Krater in die StraRe. Leute aus dem zerbombten Haus kamen in unseren Keller. Das Gewehrfeuer lieR nach, und nach einer Weile klangen Bombeneinschlage und Schüsse weiter entfernt. Es war schon dunkel, und die Deutschen lieflen auf sich warten. In dieser Nacht schlief fast niemand. Familien safien redend zusammen. Manche beteten laut. Ich muRte mich auf unsere Matratze legen, Tanja wollte es so. Sie legte sich neben mich, nahm mich in die Arme und sprach flüsternd auf mich ein. Ein Glück, daB wir keinen Moment vergessen haben, daR wir katholische Polen sind, und dafl niemand Verdacht geschopft hat, sagte sie. Das sei unsere einzige Hoffnung: genau wie alle anderen zu sein. Die Deutschen konnten nicht alle Polen in Warschau toten, es gab einfach zu viele, aber bestimmt jeden Juden, den sie erwischen konnten. Wir wollten uns ganz klein und unauffallig machen und genau aufpassen, einander in der Menge nicht zu verlieren. Falls etwas ganz Schlimmes passierte und sie abgeführt würde, sollte ich nicht versuchen, ihr zu folgen: Das würde ihr nicht helfen, sondern für uns beide alles nur schlimmer machen. Wenn moglich, sollte ich auf sie warten, andernfalls irgendeinen Erwachsenen in der Nahe bei der Hand nehmen, am besten den mit dem freundlichsten Gesicht, und sagen, ich sei Waise, und dann einfach hoffen. Ich sollte nicht sagen, dafl ich Jude sei, und mich nicht ausziehen lassen, wenn ich es irgend vermeiden konnte. Tanja lieR mich diese Instruktionen wiederholen und sagte, jetzt sollte ich schlafen. Sie kamen am nachsten Morgen, als wir alle schon lange wach waren. Was dann folgte, kannten wir von der Judenvertreibung in T.: Wieder bellten sie abgehackte Kommandos, wieder schlugen sie mit den Gewehrkolben erst a n das

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Haustor, dann a n die Kellertür, und wieder hasteten und stolperten Leute durch Treppenhauser. Ein Offizier der Wehrmacht und ein paar deutsche Soldaten standen beiseite auf dem Bürgersteig, wahrend die Hauptarbeit von den Ukrainern erledigt wurde: Sie rannten durcheinander, stiefien und schlugen die Menschen, sobald sie aus dem Haus auf die Straije traten. Manche hatten Peitschen, und manche hatten Hunde. Eine Frau unmittelbar vor uns bewegte sich so schnell, wie ein Ukrainer es wollte. Er schlug sie mit der Peitsche, Ihr Mann kampfte sich durch und stellte sich vor sie. Zwei Ukrainer schlugen ihn. Viele Leute aus anderen Hausern waren in Viererreihen schon abmarschbereit aufgestellt. Ein Ukrainer befahl Ruhe und forderte alle Frauen in unserer Gruppe auf, sofort ihren Schmuck abzugeben. Er zeigte auf einen Eimer. Dann gab er den Befehl, den Eimer von Hand zu Hand gehen zu lassen. Als wir an die Reihe kamen, zog Tanja Armband und Ring ab und warf beides hinein. Der Ukrainer lieij sich ihre Hande zeigen und winkte uns dann weiter. Ich sah Tanja an: Sie hatte sich ein Tuch umgebunden und es unter dem Kinn verknotet, ihr Gesicht war mit Kohlestaub schwarz verschmiert, sie ging gebeugt wie eine alte Frau. Als wir die Kolonne erreicht hatten, sagte sie, sie wolle mitten in einer Reihe gehen, ich konne auijen bleiben. Obwohl die Kolonne schon abmarschbereit schien, gab es noch einmal Gebrüll und einen Schrei: Eine Frau hatte nichts in den Eimer geworfen; der Ukrainer, der darauf aufpagte, griff nach ihrer Hand, sah einen Ring, schlug ihr ins Gesicht und schnitt ihr mit der leichten, ja flüssigen Bewegung eines Schlachters den Ringfinger ab. Er hielt ihn in die Hohe, damit ihn alle sehen konnten. Ein Ring war an ihm. Finger samt Ring wanderten in den Eimer. Die Kolonne setzte sich in Bewegung. Tanja batte uns beide in die Mitte der Reihe geschoben, a n den Augenseiten gingen Manner. Jetzt sahen wir kein bekanntes Gesicht mehr. Die Leute aus unserem Haus hatten wir aus den Augen verloren; immer wieder hatte man sich aufstellen und wieder umstellen müssen, bis der deutsche Offizier endlich den Befehl zum Abmarsch gab. Die Kolonne bewegte sich die Kra134

kowskie PrzedmieScie hinab und bog rechts a b in die Aleje Jeroiolimskie, aber es war kaum moglich, unter den rauchenden Trümmern die Straijen wiederzuerkennen, die wir uns so sorgfiltig eingepragt hatten. Tanja glaubte zu erkennen, daij man uns zum Hauptbahnhof führte. Wir waren ein Meer von Marschierenden. Tanja und ich hatten kein ~ e ~ a c k , unsere Hande waren frei. Ich lief ganz leicht und h ü ~ f e n d . Kam das von der Angst, oder weil ich die seltsame Parade, in der wir mitliefen, nach al1 den Wochen im Keller genoij? Um uns herum stolperten und schwankten Leute unter riesigen Gepickstücken. Manche schleppten ein Mobelstück oder einen Teppich mit, viele hatten Kinder auf dem Arm. Direkt vor uns trug ein M a n n einen Kafig mit einem grogen grau und rot !gefiederten Papagei darin; der Vogel stieij alle paar Minuten einen gellen Schrei aus. Die Kafigtür stand offen, und der Mann steckte immer wieder die Hand hinein und streichelte den Papagei beruhigend. Unsere Kolonne erinnerte mich an die ~ u s t r e i b u n gder Juden aus dem Ghetto von T., die ich nachts vom Fenster aus beobachtet hatte, nur hatte diesmal alles groijere Ausrnafie: Die Alleen, auf denen wir marschierten, waren vie1 breiter und die Kolonne sehr vie1 langer, aber auch jetzt saumten Ukrainer, SS und Wehrmacht die Straijen, durch die wir liefen. Viele der Deutschen waren Offiziere. Die Ukrainer und ihre Hunde liefen mit uns mit, die Deutschen aber standen unbeweglich wie grüne und schwarze Statuen auf dem zerbrochenen, schuttbedeckten Pflaster. Von Zeit zu Zeit sprang ein Ukrainer in die Kolonne und schlug auf einen Menschen ein, der nicht mit den anderen Schritt hielt oder stehengeblieben war, um sein Gepack in die andere Hand zu nehmen. Sie schlugen Eltern, deren Kinder weinten; wir durften keine Gerausche von uns geben. Und sie zerrten Frauen, die ihnen auffielen, aus der Kolonne. Sie prüg-elten die Frauen, prügelten die Manner, die sie beschützen wollten, zerrten die Frauen dann an den Straijenrand, hinter die Reihe der deutschen Posten. Sie vergewaltigten die Frauen, einzeln oder in Gruppen, auf der Erde oder gegen Mauerruinen gepreijt. Manchmal wurde eine Frau auf die Knie gezwungen, von 135

hinten an den Haaren gezerrt, man riR ihr den Kopf zurück, und ein Soldat nach dem anderen stieR ihr seinen Penis in den schreienden Mund. Hatten sie eine Frau genug benutzt, stieRen sie sie manchmal in die Kolonne zurück, und sie taumelte schluchzend mit uns allen weiter. Andere Frauen wurden gleich in den Trümmern mit dem Baionett erstochen oder erschossen. Bisweilen hielt die Kolonne an. Tanja und ich blieben dann stehen; Leute, die toricht genug waren, sich auf einen Koffer oder ein Paket zu setzen, wurden zu Boden geschlagen und dann so lange getreten und gestoRen, bis sie wieder ordentlich aufrecht standen. Wahrend dieser Stopps suchten sich die Ukrainer eifrig Frauen aus. Direkt vor uns stand eine schlanke, strahlend schone junge Frau mit ihrem Baby auf dem Arm. Ihre Schonheit und Eleganz waren mir schon aufgefallen; sie trug ein beigefarbiges Tweedkostüm mit dunklem Zickzackmuster, das mich an Tanjas Kostüme von früher erinnerte. Ein Ukrainer packte sie a m Arm und zerrte sie aus der Kolonne. Zuerst wehrte sie sich nicht, aber dann riR sie sich los und lief auf einen deutschen Offizier zu, der ungefahr zwei Meter entfernt stand. Auch dieser Offizier war mir schon aufgefallen. Er hatte ein gutgeschnittenes gelassenes Gesicht und eine makellose Uniform. Die Stiefelschafte, die seine Waden umschlossen, waren frisch poliert und schimmerten so sehr, wie es in dieser StraRe vol1 Kalkstaub und Schutt eigentlich gar nicht sein konnte. Die Arme hatte er auf der Brust gekreuzt. Konnte es sein, daR die junge Frau einfach geblendet war vom Glanz der Stiefel? AIS sie vor dem Offizier angekommen war, warf sie sich ihm zu FüRen, hielt mit ihrem einen Arm ihr Baby hoch und umklammerte mit dem anderen diese fabelhaften schwarzen Rohren. Das Gesicht des Offiziers verfinsterte sich vor Arger und Verachtung. Er hielt die Ukrainer mit einer Handbewegung zurück; alles um ihn herum schwieg, als er einen Moment nachdachte, was nun zu tun sei. Dem Augenblick der Reflexion folgte die Aktion, prazise und prompt. Der Offizier ergriff das Kind, befreite seine Stiefel aus der Umarmung der jungen Frau und trat ihr heftig gegen die Brust. Mit einem oder zwei Schritten

erreichte er das nachste offene Kanalloch. Viele Kanaldeckel waren weg, weil die A. K. das Kanalsystem als Angriffs- und Fluchtweg benutzt hatte. Er hielt das Kind hoch, betrachtete es konzentriert und lieR es in den Kanal fallen. Die Ukrainer brachten die Mutter weg. Kurz darauf marschierte die Kolonne weiter. Es war schon fast Abend, als wir an dem groBen Platz vor dem Hauptbahnhof ankamen. Der Platz war in zwei ungleiche Teile geteilt. Auf dem grogeren wurden wir und mit uns - wie wir annahmen - wohl alle Überlebenden aus Warschau zusammengetrieben. Manche lieBen sich nieder und betteten die Kopfe in die SchoRe ihrer Nachbarn, andere saBen auf ihrer Habe oder kauerten sich auf den Boden. Dazwischen gab es Durchgange, die wie Linien in einem Kreuzwortratsel angelegt waren und die Menge in Abschnitte teilten. An den Randern des Lagerplatzes patrouillierten ukrainische Wachen. Den kleineren Teil des Platzes hatte man zum Militarlager gemacht - jede Menge Laster und Panzerwagen standen auf ihm. Tanja und ich setzten uns Rücken an Rücken auf den Boden. Unsere Nachbarn, die schon seit einem Tag da waren, sagten, es gabe nichts zu essen und zu trinken, nur das, was man von Leuten erbitten konnte, die eine Feldflasche oder Lebensmittel in ihren Bündeln hatten. Offenbar gab es eine ganze Menge solch schlauer Menschen in unserer Umgebung. Wir erfuhren auch, daB am Morgen und am Tag zuvor Teile des Platzes abschnittsweise geraumt worden waren; ganze Gruppen waren zum Bahnhof gebracht worden. Neuankommlinge wie wir waren nachgerückt. Die Nacht sei schlimmer als der Marsch und das Warten gewesen: Betrunken seien die Ukrainer und die Deutschen durch die Durchgange gestrichen, um sich Frauen auszusuchen, die sie mit in ihr Lager geschleppt hatten. Schreie hatte man gehort, wahrscheinlich seien die Frauen nicht nur vergewaltigt, sondern auch noch gefoltert worden. Tanja fragte, o b jemand wisse, wohin die Züge uns bringen würden. Die Meinungen darüber waren geteilt. Manche glaubten, es würde eine kurze Reise werden, nur bis zum nachsten abgelegenen Wald, wo wir dann mit Maschinen-

gewehren niedergemaht würden, andere sprachen von Konzentrationslagern oder Fabrikarbeit in Deutschland. Tanja erkundigte sich auch nach Latrinen. Sie erfuhr, dafl mehrere Stellen dafür dienten. Sie waren leicht zu finden; man muflte nur immer der Nase nach gehen. Dahin sollten wir uns sofort aufmachen, befand Tanja, und lieber nicht bis zur Nacht damit warten. Wir schlangelten uns durch die Menge und stellten uns in der langen Warteschlange vor dem O r t an. Tanja sagte, wenn wir dies jetzt erledigt hatten, würde sie Lebensmittel und Wasser auftreiben, wir müflten uns schliefllich bei Kraften halten. Sie wollte ohne mich gehen, das sei leichter, meinte sie, aber zuerst würden wir irgendwo einen Lagerplatz suchen, den ich dann für uns freihalten müsse. Es sollte ein Platz ohne weinende Kinder und ohne jammernde Kranke sein: Die zogen das Unglück an. Und sie wollte, daR wir mittendrin in einer Gruppe lagerten. Leute, die versuchten, auflen am Rand zu bleiben, um frische Luft zu bekommen und schnell weglaufen zu konnen, machten es falsch. Frische Luft sei ihr gleichgültig - sie wolle die Nacht überleben. Wir machten es, wie sie es gesagt hatte. Nach einer Weile kam sie wieder. Sie flüsterte mir ins Ohr, sie habe Brot und Schokolade. Schokolade hatten wir seit Beginn des Aufstandes nicht mehr gegessen. Eine Flasche Wasser brachte sie auch mit. Bezahlt hatte sie mit ihren Ohrringen, nie seien Ohrringe nützlicher gewesen, vertraute sie mir an; wie gut, die versteckt zu haben. Am meisten freute sie sich darüber, dafl sie sogar einen kleinen Spiegel, einen Kamm, Lippenstift und eine Decke erhandelt hatte. Die Decke für die Nacht, das andere für den nachsten Morgen. Tanja packte das Essen nicht aus, bevor die Nachbarn zu essen anfingen. Sie hielt es für schwierig, in gewisser Weise sogar für gefahrlich, wenn eine Frau und ein kleiner Junge sich in einer hungrigen Menge satt aflen, ohne etwas abzugeben. Dann teilte sie das Brot in Abend- und Morgenportionen. Jeder von uns beiden durfte einen Schluck Wasser trinken. Den Rest, und vor allem die Schokolade, sollte es erst aIn nachsten Morgen geben. Wir wickelten uns in die Decke und legten uns hin. Es wurde langsam dunkel, rings

um uns schmiegten sich die Menschen warme- und schutzsuchend aneinander. Tanja gestand mir, dafl sie Angst vor der Nacht hatte, aber wir müRten versuchen zu schlafen; waren wir zu erschopft, würden wir Fehler machen. Sie erklarte mir: Die junge Frau mit dem Baby zum Beispiel hat einen furchtbaren Fehler gemacht, als sie den Offizier auf Knien anflehte. Sie hatte sich kerzengerade vor ihn hinstellen, ihm streng in die Augen sehen und verlangen müssen: Sorgen Sie dafür, dafl diese Ukrainer sich wie disziplinierte Soldaten benehmen. Tanja sagte, die Deutschen konnen Mitleid nicht ertragen Schmerzen sind ihnen lieber. Wenn du sie um Erbarmen bittest, antwortet dir der Teufel, der in ihnen steckt, und der ist schlimmer als die Ukrainer. Endlich war der Tag zu Ende. Ich fiel in einen bleiernen Schlaf. Gebrüll und Flüche weckten mich auf. Lichtkegel von Tasçhenlampen zuckten suchend durch das Dunkel. Wie befürchtet, fahndeten Ukrainer und Deutsche nach Frauen. Tanja sagte: Schnell, zieh die Decke ganz über mich, leg dich obendrauf und t u so, als ware ich ein Kleiderbündel. Rings um uns wateten Soldaten zwischen den Schlafenden durch, musterten sie, liegen einige liegen, zerrten andere mit sich. Dann waren sie wieder fort. Kaum war wieder notdürftig Friede eingekehrt, unterbrochen nur von Seufzern, Klagen und Stohnen, da horten wir ganz neue, unglaubliche Tone: Der Lautsprecher, aus dem tagsüber deutsche Kommandos drohnten, füllte jetzt den Platz mit altbekannten Wehrmachtsschlagern. Irgendein Soldat hatte ein Grammophon aufgetrieben und spielte Begleitmusik für ein Freiluftbordell. Aber das Bordellvergnügen schlofl andere Amusements offenkundig nicht aus. Die neunte oder zehnte Wiederholung von nLili Marleen. wurde durch ein ohrenzerreiflendes Stakkato unterbrochen. Maschinengewehrfeuer, dem die Schreie Verwundeter folgten. Vielleicht hatte ein Soldat das nachtliche Herumirren von Gefangenen storend und unerlaubt gefunden. Solche unerlaubten Aktivitaten unterband man a m besten dadurch, dafl man dicht über die Kopfe der ruhig Liegenden oder Kauernden hinwegschofl; wer aufstand, wurde sofort umgemaht, das war gut für die

Disziplin. Leider konnten nicht alle kauern, sitzen oder, besser noch, mit dem Gesicht nach unten auf der Erde liegen. Die Verwundeten schrien um Hilfe, korperlose Stimmen riefen Arzte auf, sich zu melden, und Arzte, die mutig genug waren, darauf zu reagieren, wurden zu neuen beweglichen Zielscheiben. Auch diese Nacht verging. Ihr folgte erneut ein strahlender, wolkenloser Tag. Der Herbst in Polen ist so reich und voller Duft und Versprechungen wie keine andere Jahreszeit, er riecht nach reifem Obst und Korn; es ist die Zeit, in der man im kühlen feuchten Schatten weitgespannter Baumkronen Pilze sammelt. Aber uns machte weder die Morgenstunde noch die Jahreszeit Hoffnung. Aus dern Lautsprecher tonten pedantische Anweisungen, daB man nach rechts oder nach links gehen, daB man Gruppen von fünfzig, Gruppen von hundert Personen bilden sollte, daB es Gruppenleiter geben sollte, die für die Ordnung zustandig waren, daB man den hlüll aufsammeln, daB man sitzen, daB man stehen, daB man warten sollte. Weil man aber glaubte, daB wir die Befehle nicht verstanden, drangten sich wieder Ukrainer mit Hunden und Peitschen in die Menge und paBten auf, daB wir zufriedenstellende Kolonnen bildeten. Gegen Mittag marschierten Tanja und ich im Gleichschritt am Ende einer solchen Kolonne. Der Hauptbahnhof lag vor uns, er zeigte erstaunlich wenige Spuren des Kampfes. Ich hatte groBe Angst: Jetzt würde sich zeigen, was man mit uns vorhatte. Ich konnte nicht merken, ob Tanja genausoviel Angst hatte wie ich. Den Rest unseres Brotes und die Schokolade hatten wir gleich bei Sonnenaufgang gegessen. Anders als die Leute in unserer Umgebung war Tanja nicht auf die Ukrainer angewiesen, um zu verstehen, was die Lautsprecher von uns wollten; und von dern Moment an, als klar war, daB unser Abtransport bevorstand, hatte sie groBe Geschaftigkeit entfaltet. Lange bevor die Ukrainer die Menge herumkommandierten und man aufgereiht in Habtachtstellung erstarren muBte, hatte sie unsere Wasservorrate genommen und uns damit gegen meinen tranenreichen Protest Hande und Gesicht gewaschen. Sie schüttelte den Staub aus unseren Klei-

dern und strich sie glatt. Dann kammte sie mir die Haare und putzte sich selbst heraus, so gut es ging: Sie betrachtete sich mit hochster Konzentration in dem Taschenspiegel, ordnete ihr Haar, legte Lippenstift auf, studierte das Ergebnis und brachte kleine Korrekturen an. Ich war erstaunt, wie sehr sie sich verandert hatte. Das gebeugte, ruBverschmierte alte Weib, das sie auf dern Marsch aus der Altstadt gewesen war, war verschwunden. Statt dessen betrat ich den Bahnhof an der Hand einer distinguierten, selbstbewuRten jungen Frau. Ganz anders als am Tag zuvor blieb sie nicht im Hintergrund, versuchte sie nicht, in der Menge unterzugehen, vielmehr drangte sie sich in die AuRenreihe. Dann verlieB sie zu meinem Entsetzen die Kolonne ganz, hielt mich sehr fest an der Hand und blieb erst stehen, als wir uns auf dern Bahnsteig a n exponierter Stelle zwischen der Menschenmenge und dern Zug befanden. Trotz meiner Panik begann ich zu begreifen, daB Tanja ein wohlüberlegtes Theater spielte. Ihre klaren blauen Augen musterten die Szene, die sie vor sich hatte: Es war, als o b sie nur mühsam ihre Ungeduld und Entrüstung beherrschen konnte. Ich dachte, daB sie, hatte sie einen Regenschirm zur Hand gehabt, sicher mit der Spitze ungeduldig auf den Bahnsteig geklopft hatte. Was sich vor unseren Augen abspielte, war aber auch kaum zu glauben: Zwei lange Züge mit Güter- und Personenwagen auf den beiden Gleisen standen bereit, um die Kolonne aufzunehmen. Die Ukrainer stieBen und schlugen auf die Polen ein und trieben sie in Gruppen auf die Waggons zu, alte Leute stürzten auf den Bahnsteig, andere glitten aus und rutschten auf die Gleise, Weil sie nicht genug Kraft hatten, sich zu den Güterwagen hochzuziehen; Koffer, die nicht mitgenommen werden durften, weil die Ukrainer sie zu grog fanden, wurden aufgerissen, ihr Inhalt über den Bahnsteig verstreut; wütende Hunde zerrten a n ihren Leinen, Ukrainer brüllten Kommandos in einer Mischung aus gebrochenem Deutsch und Polnisch, Menschen schrien und weinten und klammerten sich aneinander. Noch jemand betrachtete diese Szene ahnlich distanziert und angewidert wie Tanja: ein beleibter Hauptmann der Wehrmacht in mittleren Jahren, der, ganz für sich, ein paar Meter

entfernt von uns in der Bahnsteigmitte stand. Ich merkte, daB Tanja auch ihn mit ihren emporten Blicken bedachte, daB ihr Theater in erster Linie ihm galt. Auf einmal setzte sie sich wieder in Bewegung und zerrte mich mit. Ein paar energische Schritte, und sie stand vor dem Offizier. Sehr hochmütig und sehr gewahlt sprach sie ihn an: Er moge doch so freundlich sein, ihr zu erklaren, in welche Richtung diese graBlichen Züge führen. Die Antwort liefl meine Beine zittern: Auschwitz. Ganz die falsche Richtung, gab Tanja zurück. Eine Zumutung, unertraglich, daB sie sich in der Nahe al1 dieser verrufen aussehenden Leute aufhalten müsse, dai3 sie sich von betrunkenen, undisziplinierten Soldaten anbrüllen lassen müsse, und das vor einem Zug zu einem Bestimmungsort, dessen Namen sie noch nie gehort habe. Sie sei die Frau eines Arztes aus R., ungefahr zwei Bahnstunden von Warschau entfernt, und nach Warschau sei sie gekommen, um Kleidung zu kaufen und die Augen ihres Sohnes untersuchen zu lassen. Natürlich habe sie in diesem graBlichen Chaos alle ihre Einkaufe verloren. Wir hatten absolut nichts mit dem zu tun, was sich hier abspiele. Er als Offizier werde doch Ordnung schaffen konnen, und vielleicht habe er auch die Freundlichkeit, uns zu einem Zug nach R. zu verhelfen. Wir hatten unser Geld fast ganz ausgegeben, aber zu einer Fahrkarte zweiter Klasse reiche es wohl noch. Der Hauptmann brach in Gelachter aus: Meine Gnadigste, sagte er zu Tanja, so wie Sie kommandiert mich nicht mal meine eigene Frau herum. Konne sie ihm versichern, dafl ihr Ehemann sich wirklich freuen würde, wenn sie nach Hause kame? Und wo habe sie denn gelernt, sich so gepflegt auszudrücken? Wenn sie ihm diese grundlegenden Fragen beantworter habe, wolle er sehen, was sich in der verflixten Sache mit dem Zug machen lasse. Tanja errotete: Mochten Sie die Wahrheit horen, auch wenn Sie sie nicht schatzen werden? Natürlich, antwortete der Hauptmann. Ich glaube, meinen Mann stort es nicht, daB ich hin und wieder sehr temperamentvoll bin. Deutsch habe ich in der Schule gelernt und wahrscheinlich durch eigene Lektüre verbessert, Thomas Mann lese ich besonders gern, ich lese alles von ihm, was ich finden kann, in der Originalsprache - in R. ist das nicht viel, aber in War-

schau kriegt man eine ganze Menge. Es ist dies eine sinnvolle Beschaftigung für eine Hausfrau in der Provinz. Ich weiR, daB Thomas Manns Bücher im Reich verboten sind, aber Sie wollten ja die Wahrheit horen. Ich bin kein Parteimitglied, nur ein Eisenbahnfachmann, erklarte der Hauptmann, noch immer lachend. Ich bin froh, daB Sie sich einen grogen Stilisten ausgesucht haben. Sol1 ich Ihnen jemanden rufen, der Ihr Gepack tragt, solange wir einen Zug nach R. suchen? Der Offizier war ein M a n n von Welt. Er sah keinen AnlaB, sich vorzustellen, und er schien weder miijtrauisch noch verwundert darüber, dai3 wir kein Gepack hatten. Er brachte uns zu einem Zug, der auf einem entfernten Bahnsteig wartete, half Tania beim Einsteigen in ein Abteil erster Klasse und schlug zum Abschied die Hacken zusammen. Tanja brauche sich nicht zu beunruhigen. Er stelle ihr eine Fahrerlaubnis nach R. aus, Fahrkarten seien nicht notwendig. Der deutsche Reservist, der für diesen Militarzug zustandig sei, sorge dafür, dai3 sie ungestort bliebe. Der Zug stand noch ein paar Stunden, nachdem der Mann uns verlassen hatte. Langsam füllte er sich mit Soldaten; Iarmende Gruppen von Offizieren belegten die Abteile neben uns. Allmahlich legte sich Tanjas Erregung, zugleich aber auch ihre Kühnheit: Ihr Gesicht zerfiel zusehends, es war jetzt wieder das Gesicht der vergangenen Nacht. Sie zitterte ununterbrochen und redete pausenlos davon, daB wir verloren waren, weil der Zug noch nicht abgefahren war. Bestimmt würde unser Hauptmann einem anderen Offizier von der komischen Schreckschraube mit dem Interesse für Thomas Mann erzahlen, und der würde aufhorchen, weil er sich auf mehr als nur auf Eisenbahnen verstand, würde die Gestapo benachrichtigen, und die würde uns dann abholen. Sie sei schon wieder zu weit gegangen mit ihren Lügen - dafür müBten wir nun zahlen. Aber niemand kam. Die Offiziere, die uns im Vorbeigehen neugierig musterten, gingen weiter. Eine Pfeife schrillte, der Zug fuhr an, und bald kam auch der nicht mehr ganz junge Reservist und erklarte uns, der nachste Hait sei G., dann hatten wir etwas über die Halfte des Weges nach R. hinter uns.