"Litterae Virgilianae". Vom Fortleben einer - Historisches Kolleg

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Schriften des Historischen Kollegs Herausgegeben von der Stiftung Historisches Kolleg Vorträge 14 Johanne Autenrieth "Litterae Virgilianae" Vom For...

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Schriften des Historischen Kollegs Herausgegeben von der Stiftung Historisches Kolleg Vorträge 14

Johanne Autenrieth

"Litterae Virgilianae" Vom Fortleben einer römischen Schrift

München 1988

Schriften des Historischen Kollegs im Auftrag der Stiftung Historisches Kolleg im Stifterverhand für die Deutsche Wissenschaft herausgegehen von Horst Fuhrmann in Verhindung mit Knut Borchardt, Lothar Gall, Alfred Herrhausen, Karl Leyser, Christian Meier, Horst Niemeyer, Arnulf Schlüter, Rudolf Smend, Rudolf Vierhaus und Eberhard Weis Geschäftsführung: Georg Kalmer Redaktion: Elisabeth Müller-Luckner Organisationsausschuß : Georg Kalmer, Franz Letzelter, Elisabeth Müller-Luckner, Heinz-Rudi Spiegel Die Stiftung Historisches Kolleg hat sich für den Bereich der historisch orientierten Wissenschaften die Förderung von Gelehrten, die sich durch herausragende Leistungen in Forschung und Lehre ausgewiesen hahen, zur Aufgahe gesetzt. Sie vergibt zu diesem Zweck jährlich Forschungsstipendien und alle drei Jahre den "Preis des Historischen Kollegs", Die Forschungsstipendien, deren Verleihung zugleich eine Auszeichnung darstellt, sollen den berufenen Wissenschaftlern während eines Kollegjahres die Möglichkeit bieten, frei von anderen Verpflichtungen eine größere Arbeit abzuschließen. Professor Dr. Johanne Autenrieth (Freiburg) war - zusammen mit Professor Dr. Tilemann Grimm (Tühingen) und Professor Dr. Ernst Schulin (Freiburg) - Stipendiat des Historischen Kollegs im sechsten Kollegjahr 1985/86. Den Ohliegenheiten der Stipendiaten gemäl.l hat Johanne Autenrieth aus ihrem Arbeitsbereich einen öffentlichen Vortrag zu dem Thema" ,Litterae Virgilianae'. Vom Fortlehen einer römischen Schrift" am 9. Juni 1986 in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gehalten. Die Stiftung Historisches Kolleg wird vom Stiftungsfonds Deutsche Bank zur Förderung der Wissenschaft in Forschung und Lehre und vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft getragen.

© 1988. Stiftung Historisches Kolleg, Marstallplatz

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München 22.

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FÜR diesen Vortrag*) habe ich die Formulierung "Litterae Virgilianae" gewählt, eine Formulierung, die in einer karolingischen Quelle überliefert isti); ich meine damit die römische Capitalis, in der alle uns erhaltenen spätantiken Vergilcodices geschrieben sind. Die Grundformen dieser rund zweieinhalb Jahrtausende alten Schrift sind seit dem 6., spätestens 5. vorchristlichen Jahrhundert aus der lateinischen Epigraphik bekannt. Etwa seit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert ist die Capitalis neben anderen Schriften im Buchwesen beliebt und in dieser Sphäre - sei es handschriftlich, sei es später im Buchdruck - freilich in ganz verschiedener Verwendung lebendig geblieben. Dazu gesellt sich heute ihr Gebrauch in Leuchtreklamen und Symbolen des praktischen täglichen Lebens bis hin zu ihrer Rolle in Werken der Literatur und bildenden Kunst. Eine Geschichte der Capitalis und ihrer Funktionen böte Stoff für eine Kulturgeschichte par excellence. Aus diesem umfangreichen und vielfältigen Komplex möchte ich drei Bereiche herausgreifen: I. Capitalis in spätantiken Codices und Handschriften der Übergangszeit 11. Funktion der Capitalis in karolingischen Handschriften 11 I. Capitalis in Figurengedichten

L Capitalis in spätantiken Codices und Handschriften der Übergangszeit Da im Titel des Vortrags der Name Vergils bereits angeklungen ist, wähle ich als Beispiele die alten Vergilhandschriften, zumal von keinem anderen römischen Dichter - und das ist sicher kein Zufall *) Der im folgenden abgedruckte Vortrag wurde am 9. Juni 1986 in München im Rahmen eines mir vom Historischen Kolleg gewährten Stipendiums für das Forschungsvorhaben "Das Erbe römischer Schrift in Mittelalter und Renaissance" gehalten. Der Text wurde nur geringfügig, vor allem an den Stellen erweitert, wo es angesichts der in diesem Heft eingeschränkten Anzahl von Abbildungen zum Verständnis nötig war. Handschriftenzitate, Abbildungsnachweise, Tafelwerke und die wichtigste Literatur wurden beigegeben. I) S. U. S. 25

6 der Überlieferung - so viele Codices bzw. Reste von Büchern aus der Spätantike erhalten sind. Am bekanntesten sind die zwei mit Bildern geschmückten Exemplare~): der Codex "Vaticanus", entstanden um die Wende \om 4. zum 5. Jahrhundert in Rom, der mit 75 Rlättern - davon 50 mit Miniaturen zu Georgica und Aeneis - nur fragmentarisch überliefert ist. In diesem Prachtexemplar stehen der in klarer "klassisch" wirkender Capitalis geschriebene Text und die Illustrationen in engstem Zusammenhang miteinander. Der zwar auch nicht vollständig, aber doch in weit größerem Umfang erhaltene Codex "Romanus", dessen lange umstrittene Datierung heute um das Jahr 500 eingependelt ist, enthielt zu fünf Eklogen Autorenhilder, wovon heute noch drei vorhanden sind (Ahb.I); ferner 6 Hirtenhilder zu den Eklogen und 10 Darstellungen zur Aeneis, deren Qualitiit mit der eleganten Capitalis, dem feinen Pergament und dem monumentalen Format der Luxushandschrift kontrastiert. Neben diesen bei den illustrierten Prachtausgaben sind weitere fünf Vergilcodices ganz oder in Fragmenten aus der gleichen Zeitspanne aus Italien erhalten.') Die ') "Vergiliu, Vaticanus" Val. lat. 3225: CLA I, 11. Faksimile: Vergilius Vaticanus. Volistiindige Faksimile-Ausgabe ... Faksimile, Graz 19XU, Commcntarium Dal'id H. Wright. Graz 19X4 (Codices selecti 71: auch: Codices e Vaticanis selecti 40). - f10rentine Miitherich, Die illustrierten Vergil-Handschriften der Spätantike, in: Würzburger Jahrbücher für die Altertumswissenschaft N.F.8 (19X2) :205-221 und Abb. 4a, b. "Vergilius Romanus" Val. lat. 3X67: CLA I, 19. - Miitherich wie oben mit Abb. 5 und weiteren Abbildungsnachweisen. ') "Vergilius Augusteus" Val. lat. 3256 und Berlin 2" 416: CLA I, 13 und CLA 8, **13 (S. 9). Fabimile: Vergilius Augusteu,. Vollständige FaksimileAusgabe.. Einführung Carl Nordenj'alk. Graz 1976 (Codices selecti 56), S. 11-19: Datierung 4. Jh.: s. aber Bischof/. Paläographie S. 82 Anm. 35: Tendenz zum 6. Jh. "Codex Sangallensis" Sangall. 1394 p. 7-49: CLA 7, 977. "Codex Veronensis" Verona XL 3X: CLA 4, 498. "Codex Palatinus" Val. Pal. laI. 1631: CLA 1,99. Faksimile: Codex Vergilianus qui Palatinus appellatur. Praef. Remigills Sabbadini. Paris 1929 (Codices e Vaticanis selecti 14). Ausstellungskatalog: Bibliotheca Palatina. Ausstellung der Universität Heidelberg in Zusammenarbeit mit der Bibliotheca Apostolicä Vaticana. Katalog zur Ausstellung 1986, hrsg. von Elmar Mittler. Textbd S. 114f. Nr. C 2.1, Bildbd S. 70 und 71. "Codex Mediceus" Florenz Laur. Plul. XXXIX I (und Val. lat. 3225): CLA 3, **296. Zu allen Codices }ohannes Giille in der Tusculum-Ausgabe der Aeneis, 5. Aufl. 1980 S. 583-630 und Richard Seidel', Beiträge zur Geschichte und Paläographie der antiken Vergilhandschriften, in: Studien zum antiken

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Ahh. I "Vergi1ius Romanus", Vat. lat. 3867 f. 14r.

Schrift aller dieser spätantiken Exemplare ist Capitalis, die zweifellos überhaupt die bevorzugte Schrift der Spätantike für repräsentative Codices der römischen Dichtung war, soweit das die durch große Verluste verminderte Überlieferung noch erkennen läßt. Die Vergilhandschriften zeigen zwei verschiedene Arten bzw. Techniken der Capitalis: die "Schreibschrift", die sog. Capitalis Rustica, bei der wir die Hand des Schreibers bei gleichmäßiger Haltung der Feder verfolgen können. Der terminus "Rustica" ist - auch wenn er dem Erscheinungsbild dieser Kalligraphie Unrecht tut - in Epos, hrsg. von H. Görgemanns und E. A. Schmidr. Meisenheim 1976 (Beiträge zur klassischen Philologie 72) S. 129-172. - Vgl. auch Caml/o. Libri e continuita, passim.

8 der paläographischen Nomenklatur üblich zu ihrer Unterscheidung von der Capitalis Quadrata, auch Capitalis Elegans oder Monumentalcapitalis genannt. 4 ) Die Capitalis Quadrata setzt bei der Bildung der einzelnen Buchstaben eine verschiedene Federhaltung des Schreibers voraus, so daß z. B. senkrechte Striche bei N als Haarstrich, bei D und E als Druckstrich erscheinen. Die Buchstaben kommen also auf künstliche Weise wie beim Gravieren oder Meißeln von Inschriften zustande. Der Vergilius "Augusteus", so benannt, weil man früher glaubte, er sei zur Zeit des Kaisers Augustus entstanden - heute datiert man ihn meist in das erste Drittel des 6. Jahrhunderts -, ist auch von monumentalen Ausmaßen: sowohl in der Größe der Blätter im Format von 40 x 35 cm wie der 7 bis 9 Millimeter hohen Buchstaben (Abb. 2). Die Rustica-Handschriften sind, abgesehen vom ebenfalls großformatigen Vergilius Romanus, kleiner, die Buchstaben meist etwa 5 Millimeter, also fast nur halb so hoch. Für die Vergilhandschriften in bei den Schriftarten ist noch bemerkenswert, daß die Codices durchgängig in ein und derselben Schrift, also entweder von Anfang bis Schluß in Rustica oder in Quadrata, geschrieben sind. Das scheint, wie die übrigen Capitalishandschriften römischer Autoren lehren, ein festes Gesetz beim Gebrauch dieser Schrift zu sein. Möglichkeiten der Hervorhebung bestanden, wie z. B. im Vergilius Romanus zu sehen ist, in der Verwendung roter Tinte, etwa für die erste Textzeile eines Buches, in der Aeneis. Rote Schrift erscheint in den Bucolica auch für Überschriften und für die Bezeichnung der redenden Personen. Außerdem kommt kleinerer Schriftgrad in brauner Tinte z. B. im Palatinus für die Seiten titel mit der Buchbezeichnung vor; größerer Schriftgrad kann für Kolophone verwendet werden.') Eine spezielle Eigenart zahlreicher spätantiker Handschriften in Capitalis, wie auch in der nachher zu zeigenden Unziale, besteht darin, daß der erste Buchstabe der Seiten, manchmal auch der Spalten, mit einem vergößerten Buchstaben beginnt.") Im Codex Augu4) In Capitalis Quadrata: Vergilius Augusteus und Codex Sangallensis (das

kleine Papyrusfragment Kairo Pap. oxy. 1098, CLA 10, 1569 kann hier außer Betracht bleiben). Alle übrigen oben verzeichneten Vergilcodices in Capitalis Rustica. ')Lowe. Facts, bes. die Tabelle S. 188-195, und More Facts mit Tabelle S. 252-267. 6) Lowe. Facts S. I 87ff., bes. S. 196-199.

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Ahh. 2 "Vergilius Augusteus", Vat. lat. 3256 f. 2r.

steus sind diese ersten Buchstaben sogar ornamental und farbig verziert. In ihnen sieht earl Nordenfalk die frühesten Ansätze der Zierbuchstaben respektive der Zierinitialen überhaupt.') Es ist völlig gleichgültig, ob mit solchen vergrößerten Buchstaben ein Buch, ein Abschnitt oder ein Satz oder Nebensatz beginnt. In Prosahandschriften gibt es Beispiele, wo der erste Buchstabe der Seite, auch wenn er mitten im Wort steht, vergrößert ist. Es handelt sich also um ein rein graphisches Gestaltungsprinzip der Seite als Ganzes, ohne die geringste Rücksicht auf den Textzusammenhang. E. A. ') Nordenfalk, Zierbuchstaben S, 69-88, bes. S. 74 ff.

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Lowe, dem wir die systematische Beobachtung dieses Phänomens verdanken, bringt es in Zusammenhang mit der Umschrift der Texte von den Papyrusrollen in die Pergamentcodices.") Sehen wir noch die scriptura continua, das fortlaufende Schreiben des Textes ohne Worttrennung an: Carl Nordenfalk erklärt die Praxis der scriptura continua damit, daß in der Antike das Vorlesen oder laute Lesen des Einzelnen üblich war, wobei ja auch keine Pausen zwischen den Worten gemacht würden.") Das mag ein Grund sein; ich will darüber hier nicht diskutieren. Es muß aber angemerkt werden, daß im Mittelalter, wo die Worttrennung einsetzt, das Vorlesen bzw. laute Lesen ja auch eine große Rolle spielte. Nach meiner Überzeugung ist für die scriptura continua in den spätantiken Handschriften die graphische Einheit der Seite entscheidender."') Ein graphisches Problem war freilich bei den Dichterhandschriften nicht zu vermeiden: die verschiedene Uinge der Verse rührte zu dem ausgefransten rechten Rand. Daß man sich solcher Probleme bewußt war und Lösungen zum "Randausgleich"' fand, könnte man z. R. an einer Inschrift des 2. Jahrhunderts'i) und vereinzelt an karolingischen Handschriften demonstrieren.") Aus den spätantiken Dicherhandschriften jedoch sind solche Versuche nicht bekannt. Wie sieht es mit der am Beispiel der Vergilhandschriften gezeigten graphischen Einheit aus in den Codices mit Schriften, die seit dem 4. Jahrhundert, vielleicht schon früher entwickelt, neben der Capitalis im Buchwesen beliebt sind, d. h. der Unziale und Halbunziale? Zunächst zur Unziale, die sich durch die allgemeine Tendenz zu runden Formen, leicht zu erkennen bei d, e und m, von der Capi-

Lo\t'l'. Facts S. 196. ") Norden/alk. Zierhuchstaben S. 22 f. 11l) Diesen Gesichtspunkt, nämlich die "gleichmäßige Reihung der Schriftzeichen in ehenmäßig aufeinanderfolgenden Kolumnen", hetont Norden/alk jedoch im Zusammenhang damit, daß "eine Verzierung einzelner Buchstahen innerhalb dieses festen Gefüges ... nur störend wirken" konnte (wie Anm. 9). ") Franz Stel/ens. Lateinische Paläographie, 2. Aufl. ßerlin und Leipzig 1929 Taf. 7: Randausgleich in den fünf Namenkolumnen. ") Z. B. Val. Ross. 247, 28v und 69r: hexametrische Gedichte zu Bedas De temporum ratione und zu einem anderen Computus. Der Randausgleich kommt hier durch Dehnung einzelner Buchstaben innerhalh der Zeile zustande. - Den Hinweis auf diese Hs. verdanke ich ßernhard Bischoff.

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II talis unterscheidet und überwiegend für Binelcodices und patristische Texte, aber auch in einzelnen Fällen für römische Prosaliteratur verwendet wurde. Als Beispiel dafür nenne ich den Pariser Liviuscodex in Unziale aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts, der in zwei Spalten, sonst nach dem gleichen Prinzip wie die Capitalishandschriften angelegt ist: vergrößerter erster Buchstabe, hier in Prosa auch mitten im Wort, und Kolophone in der gleichen Schrift in vergrößertem Schriftgrad.") - Einen anderen Befund lernen wir in einem der berühmten Palimpsestcodices des Klosters Bobbio kennen'4): hier wurde im 7. Jahrhundert der um die Wende des 4./5. Jahrhunderts geschriebene Text von Ciceros De re punlica abgeschabt und mit einem Augustintext überschrienen. Da die erste Beschriftung nicht völlig getilgt wurde, scheint der in zwei Kolumnen in sehr großen Unzialbuchstaben ausgeführte Cicerotext unter dem spiiter in Langzeilen über die ganze Seite hinweg in kleinerer Unziale geschriebenen Augustintext noch erkennbar hindurch. Dies ermöglicht die Beobachtung, daß im Cicerotext zahlreiche Kolumnen mit einem vergrößerten ersten Buchstaben beginnen. Insofern stimmt die graphische Gestaltung mit den Capitalishandschriften und dem eben genannten Livius überein. - Ein neues Element zeigen in der Cicerohandschrift die Incipits und Kolophone: sie sind p. 10 und 156 in großer Capitalis hervorgehoben. Im oberen Drittel von p. 156 lesen wir unter dem Augustintext D E RE PUBLICA ... wobei das eckige Capitalis-D und -E deutlich sichtbar sind (Abn. 3). Hier nimmt also die Capitalis gegenüber der Unziale des Haupttextes eine vornehmere Stellung ein. Das ist im Agrimensorencodex aus dem Beginn des 6. Jahrhunderts, der, in Unziale geschrieben, Werke der römischen Feldmesser enthiilt, noch besser zu sehen.'5) Für Überschriften wird hier gelegentlich Monumentalcapitalis verwendet: 40v erscheinen Textschluß, Explicit und Incipit in dieser ") Paris RN la!. 5730: CLA 5. 562. Faksimile: Histoire Romaine de Tite Live [Hrsg. von Henri Omolll], 4 Bde Paris 1907. ") Va!. la!. 5757: CLA I, 34 und 35. Faksimile: M. Tullii Ciceronis De re publica ... [Hrsg. von Gio\"alllli Mercalij, Text- und Tafelbd, Bibliotheca Apostolica Vaticana 1934 (Codices e Vaticanis selecti 23). ") "Codex Arcerianus" Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek 36.23 Aug. 2°; CLA 9, 1374. Faksimile: Corpus Agrimensorum Romanorum. Codex Arcerianus A ... Eingeleitet von Hans BlIlzmann. Leiden 1970 (Codices Graeci et Latini 22).

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Abb.3 Cicero-Palimpsest, Val. lal. 5757 p. 156.

Schrift (7 Zeilen) (Abb. 4); sonst begegnet für Explicit und Incipit sowie für die Beischriften zu den Illustrationen CapitaIis Rustica. In biblischen und patristischen Unzial-Handschriften wird die Capitalis ebenfalls häufig für fortlaufende Seitentitel und für Kolophone angetroffen, also auch hier eine Differenzierung der Schriftart.

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Abb. 4 Agrimensores, Wolfenbüttel HAB, 36, 23, Aug, 2° f. 40v,

Fast ausschließlich für christliche Texte benutzt wurde die sog. Halbunziale - überliefert seit dem 4. Jahrhundert. (Man würde sie zutreffender römische Minuskel nennen. da sie mit Ober- und Unterlängen z, B. bei bund d. p und q das Prinzip der Majuskelschriften durchbricht.) In Halbunzialcodices begegnet für Formeln gelegentlich Un-

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ziale; manchmal wird für Kolophone aber auch Capitalis verwendet.'6) Es zeichnet sich hier eine erste Stufe von Hierarchie der Schriften ab, die seit dem 7./8. Jahrhundert immer häufiger anzutreffen ist: Capitalis, Unziale, Halbunziale. Der Bruch mit der am Beispiel der Vergilhandschriften gezeigten einheitlichen graphischen Gestaltung der Seiten und Bücher ist seit dem Ende des 6. Jahrhunderts vollzogen, und parallel damit verschwindet die Capitalis grundsätzlich als Schrift für ganze Bücher. Wenn sie später auftaucht, ist ihr Vorkommen bemerkenswert für die in ihr ausgeführten Textstücke bzw. die Literaturgattung, oder sie stellt den Reflex einer antiken Vorlage dar. Die von Nordenfalk in seinem Buch über die spätantiken Zierbuchstaben beobachteten Tendenzen zur differenzierten Gestaltung und zur Ausschmückung der Codices faHen in die gleiche Zeit und bestätigen den Bruch zwischen spätantikem und mittelalterlichem Buch im 6. Jahrhundert. Und die ornamentierten und farbigen Anfangsbuchstaben im Vergilius Augusteus, den Bischoff u. a. gegen Nordenfalks Frühansatz (4. Jahrhundert) ins 6. Jahrhundert datieren (vgl. Anm. 3), fügen sich in dieses Bild. Das seitdem auf bestimmte Funktionen beschränkte Fortleben der Capitalis kann an Bibelhandschriften aus England seit der Wende vom 7. zum 8. Jahrhundert verfolgt werden, wo ihr Anwendungsbereich erweitert wird. Es handelt sich um einzelne Codices, die im Unterschied zur weit überwiegenden Überlieferung in der spezifisch insularen Ausprägung von Schrift und Buchschmuck die Tradition der römischen Englandmission und spätere Kontakte zu Rom widerspiegeln: der BibeItext in diesen Handschriften ist in Unziale - English Uncial 17 ) - geschrieben; für den wissenschaftlichen Apparat, wie Argumenta, Prologe etc., aber wird sehr sorgfältige Capitalis verwendet, wie natürlich auch für Kolophone in bewußter Abstufung von Schriftgrad und Farbe. Ein wichtiges Beispiel dafür ist der planmäßig dosierte Einsatz brauner, z. T. roter Capitalis in verschiedenen Schriftgraden im "Codex Amiatinus". Die Capitalis wird hier nicht nur, wie in den bisher 16) Beispiele aus dem 5./6. und 6. Jh. für Unziale im Incipit: Val. Basilie. D.

182 fol. 288, s. Stelfens wie Anm. ll Taf. 20: CLA I, la. - Lowe. More Facts S. 258f. (Nr. 105), dort weitere Hss. - Capitalis im Explicit: Bamberg Ms. Patr. 87 (B IV 21) 79v: CLA 8,1031. - Lowe. More Facts S. 260f. (Nr. 112): dort weitere Hss. 17) Elias Avery Lowe. English Uncial, Oxford 1960.

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gezeigten Beispielen, für Incipit- und Explicit-Formeln und Seitentitel, sondern jetzt auch für gelehrtes Beiwerk, z. B. das ganze Argumentum zum Zweiten Brief an Timotheus, verwendet. 18 ) Ähnlich wird im "Vespasian-Psalter", im beginnenden 8. Jahrhundert im Augustinus-Kloster in Cambridge in English Uncial geschrieben, verfahren: hier ist der ganze wissenschaftliche Vorspann Blatt 2-11 in Capitalis Rustica ("in imitation Rustic capitals", wie Lowe sich ausdrückt), geschrieben. I") Als drittes Beispiel ist der "Codex Bigotianus", ein Evangeliar in English Uncial des 8. Jahrhunderts, zu nennen. Die Vorstücke zu den Evangelien sind in Capitalis Rustica ausgeführt, die Kolophone in zeilenweise wechselnder roter und brauner Capitalis Quadrata.''') Ein merkwürdiges Nebeneinander von Capitalis und Unziale zeigt das Psalterium duplum aus der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts, im Westfrankenreich entstanden.") Außer der Praefatio ist das Psalterium iuxta Hebraeos in Unziale jeweils auf der Rectoseite geschrieben, die gallikanische Psalterversion, der nach Bonifatius Fischer der "Ehrenplatz" gebührt"), in Capitalis jeweils auf der korrespondierenden Versoseite, so daß im aufgeschlagenen Buch der Psalmtext der beiden verschiedenen lateinischen Versionen sich in Capitalis und Unziale gegenübersteht (Abb. 5 und 6). Die Unziale zeigt die unschönen Formen, die auch in anderen kontinentalen Handschriften dieser Zeit begegnen, als diese Schrift zu entarten beginnt. Die Capitalis im Psalterium duplum ist eine höchst gekünstelte Wiederaufnahme dieser Schrift in steifen Buchstaben mit unnötigen Zutaten wie Füßchen auf der Zeile oder Schweifen unter die Zeile und Endverstärkungen an oberen oder mittleren Balken. Völlig degeneriert erscheint das G in beiden Schriften, wo die Sucht des Schreibers, Verzierungen zu bilden, zu einem besonders häßlichen '") "Codex Amiatinus" Florenz Laur. Amiatino I; C LA 3, 299. - Lowe wie Anm. 17 S. 8-13 mit Abb. VIII und IX. - Fischer, Bibelhandschriften S. 9-34 und passim. 14) "Vespasian Psalter" London BL Cotton Vespasian AI: CLA 2, * 193. Faksimile: The Vespasian Psalter ... Ed. by David H. Wrighr, Kopenhagen 1967 (Early English Manuscripts in facsimile 14). - Fischer. Bibelhandschriften S. 345 Anm. 314. 21') "Codex Bigotianus" Paris BN lat. 281 und 298: ('LA 5, 526. - LOII'e, English Uncial wie Anm. 17 S. 22 mit Abb. XXX und XXXI. ") Vat. Reg. lat. 11: CLA I, 101. - Fischer, Bibelhand,chriften S. 1171'., 364 lind passim. ") Fischer, Bibelhandschriften S. 118.

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Abb. 5 und 6 Psalterium duplum, Val. Reg. laI. 11 f. 21 v und 22r.

Resultat führt. Kolophone und Rubriken sind im Psalterium duplum in roter und grüner Capitalis Quadrata geschrieben, also höher gestuft, - Zur Ehrenrettung des graphisch so wenig geglückten Codex sei bezüglich des Textes wiederum Bonifatius Fischer zitiert: "Für beide Psalmtexte ist R (= Psalterium duplum) eine führende Handschrift in der römischen Vulgata ... "

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11. Funktion der Capitalis in karolingischen Handschriften Die Hierarchie der Schriften und die Rolle der Capitalis darin I:ißt sich im Bereich der karolingischen Skriptorien am deutlichsten an den Bibeln verfolgen, die seit Alkuins Rückzug vom Hof Karls d. Gr. in die Abtei St. Martin in Tours dort in großer Zahl von Anfang bis Ende des 9. Jahrhunderts entstanden. 23 ) ") Grundlegend hierzu: Fischer. Bibelhandschriften S. 203-403, Kapitel ,Die Alkuin-Bibeln'. Zur Schule von Tours: Edward Kennard Rand. A Survey of

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Ich wähle als Beispiel aus der umfangreichen, meist für den Export bestimmten Reihe der Tours-Bibeln ein (heute in Zürich liegendes) Exemplar aus der Zeit des Tourser Abtes Fridugis aus. Dieser Pandekt wird von Bonifatius Fischer zwischen 820 und 830 angesetzt, einer Zeit also, in der in den Tours-Bibeln bereits ein fester Schriftkanon entwickelt ist. 24 ) Auch der Buchschmuck hat zu dieser Zeit eine gewisse Qualität erreicht, ist allerdings noch nicht mit den Prachtexemplaren der späteren und Spätzeit Tours zu vergleichen. Aus dem Züricher Codex läßt sich die folgende in den ToursBibeln zur Regel gewordene Hierarchie der Schriften ablesen: An erster Stelle rangiert natürlich die Capitalis Quadrata, wie der reich ausgestatteten Zierseite zu entnehmen ist, die das Buch eröffnet. 25 ) Diese Capitalis, die nach dem Vorbild römischer Inschriften gehildet ist, wird in verschiedenen Größen auch für die Incipits der einzelnen Bücher sowie als Grundform für die weniger geschmückten Initialen verwendet. 2 ") Die weitere Rangfolge der Schriften läßt sich am Beispiel der ersten Seite der Genesis ablesen"): Der Monumentalcapitalis des Incipit folgt im Rang unmittelbar die Unziale, in der der eingerückte Schriftblock entlang der Initiale I ausgeführt ist. Der Text von Kapitel I II (mit roter römischer Ziffer am Rand bezeichnet) beginnt mit rotem Capitalis-D. Die erste Zeile des Kapitels - am a, g, N erkennbar - ist in Halbunziale geschrieben, die folgenden Zeilen in karolingischer Minuskel wie der gesamte Haupttext (Abb. 7). Wir haben also die Rangfolge Capitalis Quadrata, Unziale, Halbunziale in den Auszeichnungsschriften.

the Manuscripts of Tours, vol. I: Text, vol. 2: Plates, Cambridge Mass. 1929 (Studies in the Script of Tours I). Ders .. The Earliest Book of Tours with Supplementary Descriptions of other Manuscripts of Tours, Cambridge Mass. 1934 (Studies in the Script of Tours 2). - Wilhelm Koehler. Die Karolingischen Miniaturen I: Die Schule von Tours l. Teil: Die Ornamentik, Berlin 1930; 2. Teil: Die Bilder, Berlin 1933. Tafeln: Berlin 1930. ") Zur Züricher Bibel (ZB Car. CI): Fischer. Bibelhandschriften S. 261; zu der Anlage der frühen Tours-Bibeln bis zum Züricher und Berner Codex: Koehler wie Anm. 23 I, I S. 102-108. 25) Koehlerwie Anm. 23 TaL ISb. ") Koehlerwie Anm. 23 z. B. Taf. 16a-c, 16g; Rand. Earliest Book wie Anm. 23 Taf. XLIV l. 27) Ste.fJens wie Anm. II Taf. 47: Abb. der ganzen Seite.

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Ahh. 7 Tours-Bibel, Zürich ZB, Car. C. I f. I r (Ausschnitt).

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20 Wo bleibt aus dem Vorrat der spätantiken Schriften die Capitalis Rustica? Sie wird im Haupttext für Explicits's) (manchmal mit Angabe des Buchumfangs) verwendet; ferner erscheint sie meist in den fortlaufenden Seitentiteln.''') Als bemerkenswerte Reminiszenz an die bevorzugte Verwendung der Rustica in der Spätantike für Dichtung, also metrische Texte, erkennen wir, daß das Bibelgedicht Alkuins auf einem der Zürich er Bibel vorgehefteten Blatt in kleiner Capitalis Rustica geschriehen ist (Ahb. 8). Mehr Mut zur repräsentativen Gestaltung des Bihelgedichts zeigt die wenig später entstandene Tours-Bihel (heute Bamherg, Ms. hihl. I), wo das Bibelgedicht Alkuins ehenfalls in Capitalis in eine prächtige Zierseite hineinkomponiert ist. Widmungsgedichte in Capitalis Rustica hzw. Ziercapitalis begegnen vereinzelt noch in anderen Tours-Bibeln '0) und sind auch sonst keine Seltenheit. In den Tours-Biheln, die mit Bildern geschmückt wurden. was etwa zur Zeit der Züricher und Bamherger Bibeln, also gegen Ende der his 834 reichenden Regierungszeit des Abtes Fridugis, einsetzt, sind die meist metrischen Tituli zu den Bildern gleichfalls in Capitalis Rustica geschriehen.") Wir sehen also auch hier eine Bevorzugung der Capitalis Rustica für Verse. ") Rand, Earliest Book wie Anm. 23 Tat'. XLIV I. Capitalis Rustica auch in Kanontafeln für Explicit, z. B. Koeh/er wie Anm. 23 Tat'. 17c und für andere Angaben (der Capitalis Quadrata untergeordnet) Koeh/er Tat'. 17a-c. ferner für Kapitelverzeichnisse Koehter I, I S. 102. ''') Z. B. Koeh/er wie Anm. 23 Tat'. 16a. '0) Z. B. Koehter wie Anm, 23 Tat'. 57b aus Bamberg MS.hihl. I; Tat'. 77 aus der Vivian-Bihel. Paris BN lat. I. Widmungsgedichte in Capitalis Rustica (ohne Abbildungen derseIhen) s. Koeh/er I, I Nr. 12 S. 371 zu Paris BN 11514. Kochtel' I, I Nr. 41 S. 404 zum Lothar-Evangeliar Paris BN lat. 266 und Koehter I, I Nr. 43 S. 407 zum Dufay-Evangeliar Paris BN 93g5, - Zu den Gedichten in Tours-Bibeln, die von Alkuin stammen, Fischer, Bibelhandschriften S, 222-246, ") Z. B. Stuttgart WLB HB "40; Farbtafel s. Bonijatius Fischer. Die AlkuinBibel, Freihurg 1957, nach S. 10. London BL Add. 11848 s. Kochtel' wie Anm. 23 I, I Nr. 19 mit Taf. 24 und 25. Evangeliar aus Nancy s. Koeh/er Nr. 28, Paris BN lat. 274 s. Koeh/er Nr. 29, Wolfenbüttel 16. Aug. 1'01. s, Kochtcr Nr. 30. Bibel von Grandval London BL Add. 10546 s. Koch/er Nr. 31 und Tal'. 50-53; Farbtafeln s. Die Bibel von Moutier-Grandval. British Museum Add. Ms, 10546, Bern 1971 Tat'. 3, 6, 29, 42. Vivian-Bibel Paris BN lat. I s. Koch/er Nr. 38 und Taf. 69-75. Lothar-Evangeliar Paris BN lat. 266 s. Koeh/er Nr. 41 und Tal'. 98-100. Dufay-Evangeliar Paris BN 9385 s. Koehter Nr. 43 und Tal'. 109-111. Ferner erscheinen in Capitalis Rustica Evangelistengedichte im Evangeliar von Nancy s. Koeh/er Nr. 28 und Taf. 35b, 36, 37a. d. Paris BN lat. 274 s. Koch/er Nr. 29. Wolfenhüttel 16 Aug. fol. s, Koch/er Nr. 30.

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Abb. 8 Tours-Bibel, Zürich ZB, Car. C. I f. IVv.

I n der Wiederbelebung der spätantiken Schriften, gezeigt am Beispiel der Tours-Bibeln, kann man ein Renaissance-Element sehen, ähnlich den Bemühungen um eine korrekte lateinische Sprache und dem Studium antiker Literatur in der sog. karolingischen Renaissance. Was die graphische Gestaltung insgesamt anlangt, muß man aber betonen, daß die spätantiken Buchschriften in karolingischer Zeit eine andere Funktion erhalten, indem sie ausschließlich dem Schmuck der Bücher bzw. der Hervorhebung bestimmter Formeln oder metrischer Stücke dienen. Ihre ursprüngliche Funktion

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22 als Träger der ganzen Texte hat, von wenigen Ausnahmen abgesehen, jetzt die karolingische Minuskel übernommen, und damit beginnt eine völlig neue Epoche im Schriftwesen. Den Beobachtungen an den Tours-Bibeln gilt es jetzt, Befunde an anderen Texten gegenüberzustellen. Kehren wir zu Vergil zurück: Die vier der schönsten zu Beginn meines Vortrags vorgeführten spätantiken Exemplare befanden sich in karolingischer Zeit im Frankenreich. Der monumentale Augusteus und der illustrierte Romanus könnten nach Bernhard Bischoffs Vermutungen zur Hofbibliothek Karls d. Gr. gehört haben 32 ); der Palatinus lag im 9. Jahrhundert in Kloster Lorsch, davor vielleicht ebenfalls in der Hofbibliothek. 33 ) Und in Tours? David Wright verdanken wir den eindeutigen Nachweis, daß sich der Vergilius Vaticanus, also das ehrwürdigste, illustrierte Exemplar der Spätantike, im 9. Jahrhundert in Tours befunden haben muß, und zwar zur Zeit, als in Tours eine Vergilhandschrift im Entstehen begriffen war. Das beweisen Zusätze im Vaticanus und gleichzeitige Glossen im karolingischen Codex aus dem 2. Viertel des 9. Jahrhunderts, die von der gleichen Hand stammen. 34 ) Aber weder die äußere Form des karolingischen Vergilcodex aus Tours, d. h. Schrift und graphische Gestaltung insgesamt, sind dem Vaticanus nachgeahmt, noch ist der Text eine Abschrift aus dem alten Exemplar. 3S ) Der einzige Einfluß, den der antike Vergilcodex in Tours ausgeübt hat, liegt im ikonographischen Bereich, und zwar keineswegs in einer Vergilillustration, sondern in Miniaturen späterer Bibelhandschriften. 3h )

lO) Bischof]: Mittelalterliche Studien 3 S. 155 und 168. ") CLA 1,99. Bischo{f'wie oben S. 155. - Ders .. Lorsch im Spiegel seiner Handschriften, München 1974 (Münchener Beiträge zur Mediiivistik und Renaissance-Forschung. Beiheft) S. 48, 56, 64 und 118 f. \4) David H. Wright, When the Vatican Vergil was in Tours, in: Studien zur mittelalterlichen Kunst 800-1250. Festschrift für Florentine Mütherich, hrsg. von K. Bierbrauer. P. P. Klein und W. Sauerländer, München 1985 S. 53-66 (mit Abbildungen). 35) Wright wie oben. Zum Vergilcodex aus Tours, heute Bern Burgerbibliothek Cod. 165 vgl. ferner Olto Homhurger, Die illustrierten Handschriften der Burgerbibliothek Bern, Bern 1962 S. 80f. 36) Bereits Koehler wie Anm. 23 I, 2 S. 166-172 hatte bei klassischen Elementen in Bildern der Tourser Grandval- und Vivian-Bibel auf das Vorbild des Vergilius Vaticanus hingewiesen. - Vgl. auch Miitherich wie Anm. 2 S. 220 r. - Hinzu kommt jetzt der paläographisch untermauerte Beweis s. Wright oben Anm.34.

23 Der karolingische Vergilcodex aus Tours ist von Anfang an als wissenschaftliches Werk geplant: drei Kolumnen sind durch die Liniierung vorgesehen, die mittlere größer für den Vergiltext, die seitlichen Kolumnen schmäler für die Scholien aus Servius u. a. 17 ) Diese Anlage ist kein Sonderfall, sondern in einer Reihe anderer karolingischer Vergilcodices anzutreffen JH ): man betreibt damals auf Grund der spätantiken Apparate intensiv Vergilphilologie und Exegese - kein Wunder bei einem so beliebten und in das zeitgenössische Bildungswesen völlig integrierten Autor. Im Vergleich zu anderen karolingischen Vergilhandschriften zeichnet sich das Exemplar aus der Schule von Tours durch seinen Schmuck aus: nämlich die Goldinitiale T zu Beginn des Buches auf schwach durchschimmerndem Purpurgrund, die von Capitalis Rustica flankiert ist. 39 ) Hingegen fällt der Gebrauch von Capitalis für Überschriften nicht aus dem Rahmen. Zu beachten ist noch, daß jeder Vers mit einem roten Rustica-Buchstaben beginnt, der, leicht abgesetzt vom Wort, links außen zwischen den zwei senkrechten Begrenzungslinien des Schriftblocks steht (Abb. 9). Dieser Usus der herausgerückten Versalien in karolingischen Vergilcodices und Handschriften metrischer Texte anderer römischer Autoren sowie karolingischer Dichtung 40 ) hat sich seitdem jahrhundertelang, z. T. bis in unsere Druckausgaben hinein, bei Versen gehalten. Den Abbildungen karolingischer Vergilhandschriften bei Chatelain - es sind zehn, d. h. nur ein Bruchteil des Überlieferten, aber jedenfalls repräsentativ genug - ist zu entnehmen, daß sie alle, ob mit oder ohne Kommentar, aber fast jede mit Glossen, völlig mittelalterlich eingekleidet sind: Der Haupttext in Minuskel kann durch 17) Sle.trens wie Anm. II Tar. 55 (Textseite, wo die linke Glossenspalte fehlt).

Emile Chalelain. Paleographie des classiques latins Bd I, Paris 1884-1892 Taf. LXVII (Textseite mit den zwei nankierenden Glossenspalten). IX) Vgl. z. B. die Codices Bern Burgerbibliothek 172 und 167 mit den "Scholia Bernensia", ferner den zu Bern 172 gehörigen Parisinus latinus 7929 (Chalelain wie Anm. 37 Taf. LXVIII). ") Abbildung zuletzt bei Homburger wie Anm. 35 Taf. 6. 40) Vgl. die Abbildungen metrischer Texte bei Chalelaill wie Anm. 37 sowie vereinzelte Proben in den Abbildungen zu den Poetae latini der MGH. Die senkrechten Begrenzungslinien des Schriftblocks in bezug auf das Phänomen der herausgerückten Versalien beobachtet Renato Raffael/i, La Pagina e il Testo. Sulle funzioni della doppia rigatura verticale nei codici latini antiquiores, in: Atti dei Convegno internazionale ,,11 Libro e il Testo", Urbino 20-23 settembre 1982, hrsg. von C. QueSIG und R. Ra/lael/i, S. 1-24 .

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AM. 9 "Vergilius Turonensis", Bern Burgerbibliothek, Cod. 165 f. 135r.

Initialen oder Initialseiten geschmückt sein. Die Überschriften sind in Capitalis, manchmal auch Unziale, vom Text abgehoben. Die ersten Buchstaben aller Verse sind ohne Rücksicht, ob sie am Satzbeginn oder im Enjambement stehen, als Versalien in Capitalis, seltener auch in Unziale, links herausgerückt und stehen oft in großem Abstand zur Fortsetzung des Wortes.

25 Hier ist ein Wort zu dem Titelzitat meines Vortrags "Litterae Virgilianae" fällig. Diese Bezeichnung wie auch "virgilica manus" stammt aus karolingischen Verzeichnissen von Schriftarten, die Bernhard Bischoff ediert und interpretiert hat. Ich kann die Einzelheiten seiner sehr subtilen Untersuchungen im Detail hier nicht darlegen und nur ihr Endergebnis nennen. Die Litterae Virgilianae meinen vermutlich die hier gezeigten für den ersten Buchstaben des Hexameters benutzten Versalien, wobei in erster Linie an Capitalis zu denken ist, aber auch Unziale in der gleichen Funktion (= Majuskel) nicht auszuschließen ist. Bischoff räumt ein, daß die "Ableitung beider [Bezeichnungen] vom Namen Vergils nicht zweifelhaft ist", und hält es für möglich, daß ein "älterer spezifischer Gebrauch" eben in bezug auf Capitalis vorlag, der allmählich der allgemeinen Bezeichnung für Majuskel schlechthin gewichen ist."') Ich habe es deshalb für vertretbar gehalten, die Bezeichnung Litterae Virgilianae in ihrer vermutlich ursprünglichen Bedeutung auf Capitalis zu beziehen. Denn für einen älteren spezifischen Gebrauch der Bezeichnung Litterae Virgilianae in bezug auf Capitalis und eine später noch vorhandene Erinnerung daran könnte meines Erachtens auch folgendes sprechen: Bibelgedichte und metrische Tituli zu Bibelillustrationen werden, wie ich berichtete, z. B. in den weit verbreiteten Tours-Bibeln in Capitalis Rustica geschrieben. Durch die Schrift werden also diese Verse ebenso wie das schon erwähnte wissenschaftliche Beiwerk (Argumenta etc.) in den northumbrischen Unzial-Bibeln vom eigentlichen Bibeltext sozusagen als "weltliche" Zutat graphisch abgehoben. Speziell in den in Capitalis geschriebenen Versen aber schlägt möglicherweise eine Reminiszenz durch an das Vorbild, nach dem man Hexameter in Spätantike und Mittelalter formt - eben Vergil -; und die spätantiken Capitalishandschriften Vergils hatte man ja im 9. Jahrhundert im Frankenreich vor Augen! Freilich kann man fragen, warum dann aber die karolingischen Vergilhandschriften nicht in Capitalis geschrieben wurden. Dazu ist zu sagen, daß es für die an Minuskel gewöhnten Schreiber sehr zeitraubend gewesen sein dürfte, umfangreiche Texte, wie z. B. die ") Bernhard BischofT Einführung zu: Sammelhandschrift Diez. B SanI. 66. Grammatici Latini et catalogus librorum. Vollständige Faksimile-Ausgabe ... , Graz 1973 (Codices selecti 42) S. 32. - Ders., Paläographie 2. Auf!. S. 82 mit Anm. 38.

26 Aeneis, ganz in Capitalis zu schreiben. Auch hätte man dafür mehr Platz als für MinuskeItexte, also mehr teures Pergament gehraucht. Ferner wird die Lektüre von Capitalis, da man inzwischen an Minuskel gewöhnt war, bei sehr umfänglichen Texten als mühselig empfunden worden sein. Und das Lateinische, zumal lateinische Dichtung, war vielen Lesern nicht mehr so geläufig wie dem gebildeten Publikum der Spätantike in Rom, Ravenna etc., für das die alten Capitalis-Prachthandschriften Vergils bestimmt waren. Da man aber in karolingischer Zeit, wie am Beispiel des Vergil aus der Schule von Tours gezeigt wurde und wie die zahlreichen damals geschriebenen Vergilhandschriften beweisen, intensiv am Text interessiert war, brauchte man leicht benutzbare Exemplare. Das heißt, die Litterae Virgilianae, die Capitalisbuchstaben, wurden zurückgedrängt und erscheinen nur noch in Überschriften und in den ersten Buchstaben der Verse, den herausgerückten Verskapitalen bzw. Versalien. Dies entspricht der allgemeinen Tendenz der Funktionsverschiebung der Capitalis von Textschrift zur Auszeichnungsschrift. An den beiden Polen: Bibel-Vergil wurde versucht, das Fortleben der Capitalis in ihrer neuen, übrigens in den Tours-Bibeln stiirker als in den Vergilhandschriften hervortretenden Rolle zu illustrieren. Ein dritter repräsentativer Text soll kurz unter diesem Aspekt betrachtet werden: nach dem römischen Nationalepos das althochdeutsche Bibelepos, das der Mönch Otfried in Kloster Weissenhurg zwischen 864 und 871 verfaßt hat. Zwei der heute noch erhaltenen Handschriften stammen aus dieser Abtei und sind unter des Dichters Augen - an einem der Codices schrieb Otfried selbst mit - entstanden.4~)

Wie sieht es nun in einer althochdeutschen Dichtung mit der Capitalis aus? Das ist mit zwei Sätzen zu beantworten: Die H ierarchie der Schriften auf der I nitialseite des heutigen Heidelberger Codex - Quadrata, Unziale, Capitalis RustiGI (Abb. 10)41) - entspricht 4') Wien ÖNB cod. 2687 ("Y"). Faksimile: Otfrid von Weissenburg, Evangelienharmonie. Vollständige Faksimile-Ausgabe ... Einführung Hans BIII~­ mann. Graz 1972 (Codices selecti 30). Zu den autographen Korrekturen und Einträgen in V s. Wol(gang Kleiber. Otfrid von Weissenburg. Untersuchungen zur handschriftlichen Überlieferung und Studien zum Aufbau des Evangelienbuches, Bem und München 1971 (Bibliotheca Germanica 14) bes. S. 90 ff. mit Abbildungen von Marginalien Otfrieds in V und Otfried-Autographen in Weissenburger Handschriften. Vgl. auch BUizmann. wie oben, Einführung S. 2\-23. Heidelberg UB Cod. Pa!. lat. 52 ("p"J. Zahlreiche Abbildungen bei Kleiber a. a. O.

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Abb. 10 Otfried, Heidelberg UB, Pal. lat. 52 f. 42v.

") Vgl. auch Kleiber wie Anm. 42 Taf. I. Weitere Beispiele für Capitalis Rustica in V und P Kleiber Taf. 11 und 111. - Zu den Auszeichnungsschriften und ihrem Vorkommen in V s. Bulzmann wie Anm. 42 S. 23 und die Faksimile-Ausgabe.

28 dem in den Tours-Bibeln gezeigten Befund. (Daß die Halbunzialc fehlt, ist nicht auffällig, da sie zunächst eine Spezialität von Tours und der damit in Verbindung stehenden Skriptorien, in vielen anderen Orten aber, wie hier in Weissenburg, unbekannt ist.) Die herausgerückten Versalien finden wir bei Otfried am Versbeginn"") - vorausgesetzt wir akzeptieren die unter Germanisten nicht ganz unuillstrittene Auffassung, daß es sich im Bibelepos um Langzeilenvcrse handelt, also immer zwei Zeilen in der Handschrift einen Langvers bilden. Ferner ist in Otfrieds althochdeutsches Epos eine Kunstform der lateinischen Dichtung hineingetragen: das Akrostichon und Telestichon, ferner das Mesostichon. Diese Kunstform verwendet Otfried in den Widmungsgedichten an König Ludwig d. Deutschen, an seinen ehemaligen Lehrer, Bischof Salomo von Konstanz, und an seine Freunde aus SI. Gallen, die Mönche Hartmut und Werinbert, und zwar in der Form, daß bei den deutschen Strophen jeweib die ersten und letzten Buchstaben auf den Rand gerückt als rote Majuskeln erscheinen, die die lateinisch formulierten Widmungen ergeben und den deutschen Text wie ein Rahmen umfassen."') Die Verwendung von Capitalis als Auszeichnungsschrift in den Prachthandschriften biblischer und liturgischer Texte in der Hofschule Karls d. Gr. und in hervorragenden westfränkischen Skriptorien, wie z. B. Metz u. a., in höchster kalligraphischer Ausführung. sei hier wenigstens betont, kann aber nicht ausgeführt werden. Hervorzuheben ist noch die repräsentative Rolle. die man der Capitalis in politicis beimaß. Dies zeigt die Gestaltung der ersten

S. das Anm. 42 zitierte Faksimile von V und für P die Abb. V-VII. IX, XI u. a. bei Kleiber wie Anm. 42. 45) Die Widmungen s. im Faksimile von V (Anm. 42): an König Ludwig den Deutschen I r-3r (Überschrift Monumentalcapitalis, Akrosticha und Telesticha ebenfalls, aber mit unzialem e). an Bischof Salomo von Konstanz 8r-9r (Überschrift in Capitalis Rustica. Akrosticha und Telesticha in Monumentalcapitalis. aber mit unzialem e und m, Telesticha in Capitalis Rw,tica), an die SI. Galler Mönche Hartmut und Werinbert 189v-194v (Überschrift in Capitalis Rustica, Akrosticha und Telesticha in Monumentalcapitali" aber mit unzialem e). Vgl. dazu den Abschnitt .Der optische Versdekor der Akrosticha und Telesticha' von Ulrich Ernst. Der Liber Evangeliorum Otfrids von Weissenburg. Literarästhetik und Verstechnik im Lichte der Tradition, Köln und Wien 1975 (Kölner germanistische Studien 11) S. 206 tT, zu Otfried S. 210-214. 44)

29

Seite der Lihri Carolini, des in Karls d. Gr. Auftrag verfaßten Manifestes im Bilderstreit gegen Byzanz. Im zeitgenössischen Exemplar ist der Anfang verloren: aher eine Kopie aus der Mitte des 9. Jahrhunderts, geschriehen in Reims, ist komplett, und man kann annehmen, daß die Abschrift dem Original sehr getreu nachgebildet ist: Der Hauptteil der Initiumseite ist in roter und grüner, zeilenweise wechselnder Capitalis Rustica geschrieben, in der gleichen Schrift die erste Zeile der Praefatio, der dann nur noch drei Minuskelzeilen folgen. 4 ") Ein zweites Beispiel ist der Liber epistolaris Carolinus, eine auf Geheiß Karls d. Gr. veranstaltete Sammlung von Papstbriefen an die fränkischen Herrscher Karl Martell, Pippin und Karl d. Gr. Das Original dieses für die Beziehungen der Karolinger zum Papsttum höchst wichtigen Corpus ist verloren. Eine Ahschrift des späten 9. Jahrhunderts (wahrscheinlich zwischen 870 und 889), vermutlich aus Köln, muß aushelfen, um uns vorzustellen, wie das Original ausgesehen haben mag. Hier ist die ganze erste Seite, die den Auftrag Karls enthält, in roter Capitalis geschrieben ..!;)

* * * Obwohl man die schönen Vergil-Exemplare der Sp:itantike im Frankenreich zur Hand hatte, wurde lediglich ikonographischer Einfluß des Vaticanus in Tours-Bibeln festgestellt, während die karolingischen Vergilhandschriften in ihrer Anlage keinerlei Reminiszenzen zeigen und alle nicht illustriert sind - außer dem jetzt LU erwähnenden Fragment: Florentine Mütherich, die einen Fund Bernhard BischofTs puhlizierte, ist die Kenntnis wenigstens eines ahgeschabten und radierten Fragmentblattes mit einer karolingischen Bild-Kopie aus einem heute verlorenen spätantiken Vergilexemplar zu danken. Den Untersuchungen Frau Mütherichs zufolge handelt es sich bei dem Fragment aus dem 9. Jahrhundert um das Einlei-

'") Paris BibI. de l'Arsenal Ms. 663. Vgl. Kar! der Grosse. Werk und Wirkung [Ausstellungskatalog), Aachen 1965 Nr. 346 S. 193 und Abb. 33. 47) Faksimile: Codex epistolaris Carolinus. Österreichische Nationalbibliothek Codex 449. Einleitung und Beschreibung Franz Unlerkircher. Graz 1962 (Codices selecti 3). Außer I r in roter Capitalis (s. Farbtafel) sind auch die meisten Überschriften zu den Briefen in roter Capitalis Rustica, wahrscheinlich von der gleichen Hand geschrieben, s. Unlerkircher S. X IX f.

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30 tungsbild zu den Bucolica und zur I. Ekloge. Die umgebenden Textstücke sind in karolingischer Minuskel geschrieben."8) Besser steht es um die Überlieferung anderer karolingischer Kopien aus antiken Vorlagen, wovon ich nur Beispiele für die verschiedenen Möglichkeiten der Nachahmung zeige: Als erstes der heute in Utrecht liegende Psalter, der in Reims (Hautvillers) zwischen 816 und 833 entstanden ist. 49 ) Die Zeichnungen der Psalterillustration gehen vermutlich über nicht mehr faßbare Zwischenglieder auf eine spätantike Vorlage zurück, sind aber karolingisch komponiert. Die in drei Spalten angeordnete Schrift für die Psalmen ist eine flüssig, manchmal beinahe flüchtig geschriebene Capitalis Rustica (selten rot hervorgehoben, z. B. das Gliederungswort "Diapsalma"'). Die Überschriften zu den Psalmen und die auf den Rand herausgerückten Versinitialen sind in roter Unziale geschrieben, die erste Textzeile der Psalmen in brauner Unziale, am Anfang des Buches (Ps. 1-17) in Gold. Wir haben also quasi eine Umkehrung der Rangfolge der Schriften, die uns sonst in alten Codices begegnete: Die Unziale ist als Auszeichnungsschrift der Capitalis übergeordnet. Überhaupt gibt die Verwendung der Capitalis für den Haupttex! im Utrecht-Psalter Rätsel auf: als Textschrift war Capitalis ja in größerem Umfang, wenn wir von dem graphisch nicht geglückten Psalterium duplum absehen, für ganze Bücher seit dem 6. Jahrhundert nicht mehr benutzt worden. Außerdem waren die alten Bibelcodices, von kleinen Fragmentstücken abgesehen, alle in Unziale geschrieben. Müssen wir unsere Vorstellung hierüber auf Grund des Utrecht-Psalters ändern und mit verlorenen Bibelhandschriften in Capitalis rechnen? Es bleibt fast nichts anderes übrig, zumindest für eine Vorlage des Utrecht-Psalters, zumal die Anordnung des Textes in drei Spalten ebenfalls auf ein spätantikes Vorbild hindeutet. 50 ) 48) Florentine Mütherich. Ein verlorener karolingischer Vergil-Codex, in:

2000 Jahre Vergil. Ein Symposion, Wolfenbüttel 1983 (Wolfenbütteler Forschungen 24) S. 189-195 und Abb. I (S. 196). 49) Utrecht Bibliotheek der Rijksuniversiteit Hs. 3~. Faksimile: Utrecht-Psalter. Vollständige Faksimile-Ausgabe ... Kommentar Koert van der Horst. Jambus H. A. Engelbregt. Übersetzung aus dem Holländischen Johannes Rathofer, Graz 1984 (Codices selecti 75). 5(1) In der Einleitung zur oben zitierten Faksimileausgabe wird S. 14 bezüglich der Capitalis im Utrecht-Psalter auf die auch sonst in karolingischen Handschriften praktizierte Verwendung von Majuskelschriften hingewiesen. Jedenfalls aber ist die Anlage in drei Textspalten in keiner der zitierten anderen karolingischen Handschriften anzutreffen: Capitalis Rustica für den

31

Klarer liegen die Verhältnisse bei zwei illustrierten Terenzhandschriften: hier kopieren die Bilder eindeutig antike Darstellungen: die Namen der auftretenden Personen sowie lncipits etc. sind in Capitalis vermerkt; der Haupttext aber ist in karolingischer Minuskel geschrieben"), ebenso wie in dem oben erwähnten Vergilfragment. Der gleiche Befund liegt vor in einer karolingischen Kopie des spätantiken Agrimensorencodex 52 ), in der illustrierten Berner Physiologushandschrift'l) u. a. I n diesen Fällen ist die ikonographische Tradition der Antike hartnäckiger als ihre Schrifttradition. Einen dritten Typ zeigt die Anlage des Leidener Arat'4): Die Miniaturen sind vorzüglich nach einer offenbar sehr guten antiken Vorlage gemalt (Abb. 11). Die Capitalis mit den Texten zu den Sternbildern ist in ihren klaren strengen Formen ebenfalls dem alten Vorbild getreulich nachgeahmt (Abb. 12). Ausgeführt ist die kaganzen Haupttext ist in den zum Vergleich herangezogenen biblischen und liturgischen Prachthandschriften nur im Evangeliar Paris BN lat. 9383 (Text nicht in Spalten geteilt) verwendet ( Wilhelm Koehler, Die karolingischen Miniaturen Bd 3, Text, Berlin 1960 S. 129). Bei allen anderen als Parallelen ins Feld geführten Codices wird die Capitalis Rustica in größerem oder kleinerem Umfang als Auszeichnungsschrift neben anderen Schriften, und zwar immer auch der Minuskel, verwendet. Man kann also nicht, wie dies in der Einleitung zum Faksimile S. 14 geschieht, die spezifische Verwendung der Capitalis Rustica im Utrecht-Psalter auf einer Ebene mit ihrem Vorkommen in anderen karolingischen Bibelhandschriften und liturgischen Büchern sehen. ") Vat. lat. 3868 und Paris BN lat. 7899, Abbildungen zuletzt bei Cavallo, Libri e continuita NT. 537 und 541 (nach S. 638). Vat lat. 3868 ist beschrieben von Wilhelm Koehler und Florentine Mütherich, Die karolingischen Miniaturen Bd 4, Berlin 1971 S. 85-100 dazu Abbildungen TaL 28-61. ") Vat. Pal. lat. 1564. Abbildungen s. F/orentine Mütherich, Der karolingische Agrimensorencodex in Rom, in: Aachener Kunstblätter 45 (1974) 59-74. Farbtafel : Cavallo, Libri e continuita NT. 542 (nach S. 638). Ferner Ausstellungskatalog: Bibliotheca Palatina wie Anm. 3 Textbd S. 129L NT. C 7.1, Bildbd S. 103-105. ") Bern Burgerbibliothek Cod. 318. Faksimile: Physiologus Bernensis. VollFaksimile-Ausgabe ... Wissenschaftlicher Kommentar von Christoph von Steiger und Otto Homburger, Basel 1964. 54) Leiden Bibliotheek der Rijksuniversiteit Voss. lat. qu. 79. Faksimile-Ausgabe in Vorbereitung im Faksimile-Verlag Luzern. Koehler-Mülherich wie Anm. 51 Beschreibung S. 108-116, Bilder TaL 75-93, Schemata mit Beischriften TaL 94 und 95, Schriftseiten TaL 96. - Abbildungen und Beschrei· bung s. auch F/orenline MÜlherich und Joachim E. Gaehde, Karolingische Buchmalerei, München 1976 (Die grossen Handschriften der Welt [2]) S. 69 und 71, Abb. 18 und 19.

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rolingische Arat-Kopie um 840 im Umkreis des Hofes, wahrscheinlich noch unter Kaiser Ludwig d. Frommen. Im 14. Jahrhundert wurden, vermutlich um die Schwierigkeiten des Entzifferns der scriptura continua in der Capitalis zu überwinden, die Verse in gotische Textura umgeschrieben, hinzugefügt. Bereits als Überleitung zur folgenden, letzten Gruppe soll noch eine weitere astronomische Handschrift aus der Mitte des 9. Jahrhunderts, wahrscheinlich aus dem lothringischen Gebiet genannt

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werden. 55) Dieser Codex geht auf ein antikes Exemplar zurück. das nach Art der Carmina figurata, auf die ich gleich zu sprechen komme, angelegt war. Nimmt man die bei Cavallo abgebildeten Sternbilder Wassermann und Kentaur (hier: Abb. 13) als Beispiele, so sieht man, daß Köpfe, Hände, Füße oder Hufe und Attribute ausgemalt sind, während die Körper durch die in Capitalis Rustica geschriebenen Textfelder dargestellt werden, was sicher der alten Vorlage entspricht. Nach diesem Schema sind auch die übrigen Figuren ausgeführt. Der Begleittext ist in karolingischer Minuskel hinzugefügt. ") London BL Harley 647. Vgl. Karl der Grosse. Werk und Wirkung wie Anm. 46 Nr. 496 S. 307 und Abb. 85. - Cavallo, Libri e continuita Abb. Nr. 528 und 529. - Koehler-Mütherich wie Anm. 51 Beschreibung S. 101-107, Abbildungen Taf. 62-74.

35 Diese Beispiele für karolingische Kopien spätantiker illustrierter Handschriften mögen genügen, um das wenigstens teilweise Festhalten an der Capitalis aus der Vorlage zu demonstrieren. Außerdem wird an diesen Beispielen - auch wenn in ihnen die Übernahme antiker Elemente nach Art und Umfang differiert - bei ihrer Konfrontation mit dem Gros der karolingischen Handschriften Vergils und vieler anderer römischer Texte deren Einkleidung ins zeitgenössische Gewand um so deutlicher und damit auch die schon betonte Verlagerung der Capitalis auf eine andere Funktionsebene in dem neugestalteten, sehr differenzierten Schriftwesen. Die Lektüre Vergils ist beliebt in der Schule und zur Delektation, die metrische Form seiner Hexameter wird in vielen karolingischen Dichtungen nachgeahmt, geschrieben aber wird sein Text nach der neuen Mode. 111. Capitalis in Figurengedichten

Da ich die Bedeutung der Capitalis als Schrift für Verse betonte, soll jetzt noch ihre Rolle in der artifiziellsten Sorte von Dichtung betrachtet werden. Das Phänomen, aus Schriftzeilen Figuren zu bilden, wie wir es zuletzt an den Sternbildern des astronomischen Codex gesehen haben, wird in der lateinischen Literatur zuerst faßbar beim später verbannten Hofdichter Kaiser Konstantins: Publilius Optatianus Porfyrius im 4. Jahrhundert. In seinen dem Kaiser gewidmeten Gedichtzyklen finden sich vereinzelt Carmina figurata im Sinn des Technopägnion: z. B. zwei Altäre, ein Musikinstrument. Die meisten Gedichte des Porfyrius aber sind in der Form von sog. "Gittergedichten" gebildet. Bei diesen wird ein Textrechteck oder ein Textquadrat mit gleich vielen Buchstaben pro Zeile bzw. Vers gefüllt (Abb. 14). Diesen Textflächen werden nach dem Prinzip des Akrostichons oder durch trigonale Strukturen oder christliche Signa gleichsam auf einer zweiten Ebene "versus intexti" inseriert. 56 ) Dazu Ulrich Ernst, der sich zur Zeit unter den Philologen wohl am intensivsten mit der Figurendichtung beschäftigt: "Durch die Christianisierung der carmina jigurata. durch ihre Transferierung in die

P. Optatiani Porfyrii Carmina, hrsg. von EIsa Kluge. Leipzig 1926 (Bibliotheca Teubneriana). - Publilii Optatiani Porfyrii Carmina, ree. Johannes Polara. 1 Textus, 1I Commentarium criticum, Turin 1973 (Corpus scriptorum latinorum Paravianum).

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Abb. /4 Porfyrius, Bern Burgerbibliothek, eod. 212 f. 119v unten.

panegyrische Sphäre der Hofdichtung und durch Intextkompositionen in Kreuzform hat Porfyrius der optischen Poesie des Mittelalters generell den Weg gewiesen ... "57) - Die Poesie gewinnt in den Figurengedichten neben ihrer angestammten akustischen hier auch eine optische Dimension: die Gedichte können nicht nur rezitiert und gehört, sie müssen auch selbst gesehen werden. Einem Widmungsgedicht an Kaiser Konstantin ist zu entnehmen, daß Porfyrius Farbe benutzte, um die versus intexti kenntlich zu machen (13-4, 7-8), d.h. also, daß er für seine Carmina figurata ein und dieselbe Schrift verwandte, und diese dürfte, zumal bei Gedichten, und erst recht, wenn sie in panegyrischer Absicht an den 57) Ulrich Ernst, Poesie und Geometrie. Betrachtungen zu einem visuellen Py-

ramidengedicht des Eugenius Vulgarius, in: Geistliche Denkformen in der Literatur des Mittelalters, hrsg. von K. Grubmüller, R. Schmidf- Wiegand. K. Speckenbach. München 1984 (Münstersche Mittelalter-Schriften 51) S.323. - Vgl. auch ders., Die Entwicklung der optischen Poesie in Antike und Mittelalter und Neuzeit. Ein literarhistorisches Forschungsdesiderat, in: Germanisch-Romanische Monatsschrift 57 = N.F. 26 (1976) 379-385. - Während der Drucklegung der vorliegenden Studie erschien: Jeremr Adler und Ulricl! Ernst, Text als Figur. Visuelle Poesie von der Antike bis zur Moderne, Weinheim 1987 (Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek 56) mit umfassender Bibliographie zum Gesamtkomplex S. 323-332: Abhildungsnachweise zu einigen im folgenden hesprochenen Denkmälern konnten nicht mehr eingefügt werden.

37 Kaiser adressiert waren, Capitalis gewesen sein. Dies entspricht dem, was wir bei den spätantiken Vergilhandschriften konstatierten: In der durchgehend gleichen Schriftart Auszeichnung nur durch Farbe. Merk würdigerweise ist die beste karolingische Porfyriushandschrift (über das 9. Jahrhundert geht die Überlieferung nicht zurück) in Minuskel z. T. mit Unziale gemischt geschrieben. 5R ) Und keiner der zahlreichen anderen frühmittelalterlichen Textzeugen ist rein in Capitalis ausgeführt. 50 ) Das haben erst die Humanisten mit richtigem Instinkt - oder auf Grund besserer Vorlagen? - wieder in Ordnung gebracht. Als Beispiele nenne ich eine heute in Wolfenbüttel aufbewahrte Handschrift des 16. Jahrhunderts in Capitalis mit gelber Übermalung der Intexte und eine sehr geptlegte Münchner Überlieferung in Capitalis auf ganz feinem Pergament, ebenfalls des 16. Jahrhunderts, in der die Intexte golden eingerahmt sind. 60 ) Daß die Prämisse, die Porfyriusgedichte seien ursprünglich in Capitalis ausgeführt, zutreffen dürfte, zeigen die karolingischen Abschriften der wenigen Figurengedichte aus dem großen Gedichtcorpus des Venantius Fortunatus, des Hofdichters bei den Merowingern in der 2. Hälfte des 6. Jahrhunderts. In den fünf karolingischen Handschriften, die des Venantius Carmina figurata enthalten. sind diese bei vieren in Capitalis Rustica ausgeführt. 61 ) In der St. Galler Venantius-Handschrift (196) ist dem echten ein vor- oder frühkarolingisches Kreuzgedicht angeschlossen, das ") Bern Burgerbibliothek Cod. 212 f. Illr-122r. Abb. ,. Karl der Grosse. Werk und Wirkung wie Anm. 46. Abb. 37, dazu Nr. 362 S. 204. - Humhurger wie Anm. 35 S. 1621'. und Abb. 146-148. so) E/sa K/uge in der Einleitung zur Ausgabe (s.o. Anm. 56). Nieht zur Sehrift im einzelnen äußert sieh GiOl'anni Po/ara, Rieerehe sulla tradizione manoscritta di Publilio Optaziano Porfirio, Salerno 1971. 60) Wolfenbüttel Herzog August Bibliothek 9 Aug. 4", dazu: Po/ara wie Anm. 59 S. 18f.; München BSB Clm 706a, dazu Po/ara S. 19. 61) Die Figurengedichte des Venantius Fortunatus (11 4, 11 5, V 6 in der Edition von F. Leu, MGH Auet. ant. 4, I) in Capitalis in folgenden Handschriften: Brüssel BR 5354-5361 (nur 1I 4 und V 6), Paris BN lat. 8312 (neben Capitalis-Formen kommen bei A, D, E, H, M auch Unzialis-Formen vor), Paris BN lat. 9347, Sankt Gallen Stiftsbibliothek 196. Dagegen sind die,e Gedichte in Mailand Ambros. C 74 sup. in Unziale geschrieben. Kopien sämtlicher hier zitierter Handschriften und den Nachweis der Brüsseler Überlieferung, die Leo nicht bekannt war, verdanke ich der Liebenswürdigkeit von Prof. Mare Reydellet, Rennes, der eine Neuedition der Venantius-Gedichte vorbereitet.

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Abb. 15 Josephus Scotus, Bern Burgerbibliothek, Cod. 212 f. 124r.

vom Zentrum her in alle vier Kreuzarme hinein zu lesen ist"2; für beide Stücke ist rote und grüne Capitalis Rustica verwendet. Ich überspringe die zeitlich auf Venantius folgenden Autoren, die Figurengedichte oder Akrostichisches hinterlassen haben, und komme zu einem Corpus karolingischer Carmina figurata. das sich im Berner Codex 212 an die schon genannten Porfyriusgedichte anschließt - nunmehr hauptsächlich in brauner und roter Capitalis 6') Bischof!: Mittelalterliche Studien 2 S 276.

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Ahh. 16 Josephus Scotus, Bern Burgerbibliothek, Cod. 212 f. 124r unten.

ausgeführt. Die karolingischen Figurengedichte - Huldigungen an den Kaiser und Lob des Kreuzes - sind, wie die Carmina des Porfyrius in panegyrischer Absicht, hier zur Überreichung an Karl d. Gr. verfaßt: sie stammen von Alkuin, dem Iren Josephus Scotus und dem Westgoten Theodulf, also aus Karls engster literarischer Umgebung. 6l ) Die Abbildungen (Abb. 15 und 16) zeigen ein Gedicht des Josephus Scotus, einen Panegyricus auf Kart d. Großen 64 ): Die () Carle pUlas ... so beginnt der erste waagerechte Hexameter. Die Intexte sind unten auf der Seite in karolingischer Minuskel wiederholt. Der erste lautet: Die 0 Carle preeor quae sIal speeiosior auro. I n der Figura beginnt der Vers in roter Tinte oben links: DIC 0 C, biegt dann diagonal nach rechts unten ab und endet am äußersten rechten Rand unten bei R (letzter Buchstabe von speciosior) und läuft senkrecht am rechten Rand bis zur untersten Zeile A VRO. Die Capitalis Rustica ist sorgfältig in der üblichen karolingischen Prägung 61) Dieler Schaller. Die karolingischen Figurengedichte des Cod. Bern. 212, in: Medium Aevum vivum, Festschrift für Walther Bulst, hrsg. von H. R.

Jauss und D. Schaller. Heidelberg 1960 S. 22-47. 0') MGH Poetae latini aevi Carolini ed. Dümmler. Bd I S. 154 und 155.

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40 ausgeführt. - Bernhard Bischoff erkennt in dem Porfyrius-KarlsCorpus Schreiber aus St. Amand und Mainz aus dem Anfang des 9. Jahrhunderts. 65 ) Hrabanus Maurus, Mönch und Abt des Klosters Fulda, und schließlich bis zu seinem Tod 856 Erzbischof von Mainz, lernte, vermutlich während er um die Jahrhundertwende am Hof Karls und in Tours als Schüler bei Alkuin weilte, das Genos der Figurengedichte kennen. Seine eigenen Carmina figurata jedoch widmet Hraban abgebildet auf dem letzten Gedicht, im demütigen Gestus als Dedikator stilisiert - ausschließlich dem religiösen Bereich, der Verehrung des heiligen Kreuzes. Sein Werk Oe laudibus sanctae crucis umfaßt 28 Figurengedichte in Hexametern nebst erklärender Prosaparaphrase. Noch zu Hrabans Lebzeiten entstanden mehr als ein Dutzend Exemplare, Angehörigen des karolingischen Hauses, Päpsten, Erzbischöfen und Klöstern gewidmet. Die zwei besten der erhaltenen Codices sind die vatikanische Handschrift, in Fulda geschrieben, und der Wiener Codex, in den 40er Jahren in Mainz, also später entstanden. h6 ) Hraban schafft auf dem Widmungsbild für den Kaiser, ferner auf der letzten Seite mit dem Autorenbild (Abb. 17) sowie bei einigen anderen Stücken, z. B. mit Engeln, eine Kombination des Technopägnion und des Gittergedichts. Das heißt, die figürliche Darstellung mit Intext - man denke an die oben erwähnten Sternbilder von Wassermann und Kentaur - wird dem Gittergedicht inseriert, und im Gittergedicht selbst sind durch weitere I ntexte immer zusätzlich noch Formen des Kreuzes eigens versifiziert. In dem Imago-Gedicht für Ludwig den Frommen haben Kaiserfigur, Kreuz, Schild und

65) Karl der Große. Werk und Wirkung wie Anm. 46 Nr. 362 S. 204. - Hom-

burger wie Anm. 35 S. 162. 66) Val. Reg. lat. 124. Faksimile: Hans-Georg Müller, Hrabanus Maurus - De laudibus saneta (!) crucis - Studien zur Überlieferung und Geistesgeschichte

mit dem Faksimile-Textabdruck aus Codex Reg. Lat. 124 der vatikanischen Bibliothek, Ratingen etc. 1973. - Farbtafel und Beschreibung: MiitherichGaehde wie Anm. 54 S. 55 und Abh. 12. - Perey Ernst Schramm und Florel1tine Mütherich, Denkmale der deutschen Könige und Kaiser, 2. Aufl. München 1981 S. 121 f., S. 479 und Abb. S. 227. Wien ÖNB Cod. 652. Faksimile: Hrabanus Maurus. Liber de laudibus sanctae crucis. Vollständige Faksimile-Ausgabe. Kommentar: Kodikologische und kunsthistorische Einführung Kurt Holter, Graz 1973 (Codices selecti 33).

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Ahh. 17 Hrabanus Maurus, Wien ÖNB, Cod. 652 f. 33v.

Nimbusreif je eigene Texte: z. B. im Nimbusreif oben rechts beginnend: Criste corona tu Hludolluicum' Im Schild: Nam scutum f/dei depellit tela ne(anda. Die Stücke der Intexte sind ihrerseits so in die waagerechten Hexameter eingebaut, daß auch ihr Text kontinuierlich weiterläuft. Durch das mit Intext versehene Kreuz in der Rechten des Kaisers wird der Zusammenhang vom Widmungsbild für Ludwig und die Generalthematik des Werkes zum Ausdruck gebracht.

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42 Die stil- und textkritisch gewonnene Feststellung, daß der Wiener Codex nicht die Kopie der vatikanischen Handschrift sein kann, ist in unserem Zusammenhang wichtig: Die Figurengedichte der vatikanischen Handschrift sind durchweg in Unziale geschrieben, die höchstens - wie im Ludwigsbild - durch Farbe hervorgehoben ist. Wurde die Wahl der Schriftart durch den christlichen Inhalt bestimmt? Dies wird fraglich durch den Befund im Wien er Codex. Denn hierin sind nur die Versus intexti in Unziale ausgeführt, wiihrend die übrigen Verse oder Versteile der Carmina in Capitalis erscheinen. Die auch in anderen Handschriften unterschiedliche Verwendung von Unziale und Capitalis ist am letzten Gedicht mit dem Autorenbild Hrabans zu verfolgen. 67 ) Demnach setzt der verschiedenartige Einsatz der Schriften sich in zwei Überlieferungszweigen fort: Unziale in der vatikanischen Handschrift und in den über ein verlorenes Zwischenglied von ihr abhiingigen Kopien: Capitalis Rustica für den Haupttext, Unziale für die Intexte in der Handschriftengruppe, zu der der Wiener Codex gehört: K) Man kann also bei der Filiation in bei den Handschriftenfamilien ein konsequentes Festhalten am Vorbild bezüglich der Schriftart konstatieren. In Parenthese: Dieser Befund erhiirtet auch die Vermutung, daß die Kopien der Libri Carolini und der Epistolae Carolini auf ihren Widmungsseiten, die vorher erwähnt wurden, die Capitalis aus den Vorlagen übernahmen. Die Dichter am Hofe Karls und Hrabanus Maurus blieben im frühen Mittelalter nicht die einzigen, die figürlich strukturierte Gedichte oder Prosatexte bildeten - ich kann auf sie hier nicht eingehen. An Umfang - und wir sind versucht zu sagen, auch an Künstlichkeit - erreichte aber keine mittelalterliche Figurendichtung, weder im Bereich der Panegyrik noch im Bereich des Kreuzeslobes,

67) Abbildungen bei Joachim Prochno, Das Schreiber- und Dedikationsbild

in der deutschen Buchmalerei, Teil I, Leipzig und Berlin 1929; zu Hraban S. 11-16. - Zum Handschriftenstemma von Prochno auf Grund der Berichtigung von Datierungen einzelner Handschriften (durch Bernhard Bischoff): Holter wie Anm. 66 S. 22 ff., bes. S. 26 f. - Vgl. auch Müller wie Anm. 66 S. 61-111, bes. S. 109 mit einem Stammbaum der gesamten Überlieferung; da zu den Codices keine Angaben über die Schriftbefunde gemacht werden, ist eine Prüfung der Verwendung von Capitalis und Unziale für die bei Prochno nicht abgebildeten späteren Handschriften nicht möglich. 6') Die Handschrift des 10.Jhs. Cambridge Trinity College B 16,3 aus Can-

43 solche Berühmtheit wie Hrabans Werk Oe laudibus sanctae crucis. Das zeigt die ungewöhnlich große Anzahl der Handschriften bis ins 16. Jahrhundert. h9 ) Die Humanisten Reuchlin und Wimpfeling bewunderten Hrabans Kreuzgedicht, letzterer veranstaltete 1503 eine Druckausgabe des Opus. Ebenso schätzten, wie die bereits genannten sorgfältigen Abschriften des 16. Jahrhunderts zeigen, die Humanisten den Gedichtzyklus des Porfyrius - auch dieser (nach dem Pariser Erstdruck von 1590 durch Pithou) von einem seiner Bewunderer, dem Bankier Paulus Weiser, 1595 in Augsburg zum Druck befördert. 70) In einer Geschichte der Capitalis müßte die Schilderung, welch wichtige Rolle sie in der Renaissance des 14./ 15. Jahrhunderts spielte, ein ausführliches Kapitel bilden: ihre ganz individuelle Form in der Schreibschrift aus der Feder berühmter Autoren, z. B. Boccaccios, die kunstvolle Gestaltung und Stilisierung durch namhafte Maler in Prachthandschriften bis hin zur geometrischen Konstruktion der Buchstaben und den Theorien hierüber. Dieser Komplex mit seinen Problemen kam bei einem Kolloquium über Renaissance- und Humanistenhandschriften im April 1986 in München zur Sprache. 71 ) Mein zeitlich wie sachlich fragmentarischer - und in der Auswahl auch sicher anfechtbarer - Versuch, an wenigen Beispielgruppen Fortleben und Bedeutung der Capitalis sowie ihre Funktion zu illustrieren, soll mit dem Blick auf die Carmina figurata beendet werden: So begeistert die Humanisten von Hrabans Opus und den Figurengedichten des Porfyrius waren, - von barocken N achahmungen und Weiterbildungen ganz zu schweigen - so negativ, ja vernichtend, sind die Urteile ernst zu nehmender Kultur- und Literaturhistoriker des 19. und 20. Jahrhunderts. Hier ist von "Abgeschmacktheiten" etc. die Rede. Ein Zitat, an Stelle vieler, nämlich von Jacob Burckhardt über Porfyrius: "Die Marter, die der Leser terbury dagegen verwendet auch für die Intexte Capitalis Rustica. 09) S. das Handschriftenverzeichnis bei Müller wie Anm. 66 S. 35-39. 70) Kluge und Polara wie Anm. 59; Polara widmet der Ausgabe von Weiser und seiner Vorlage Kapitel I (S. 36-64), dem Druck von Pithou Kapitel II

(S.65-86). 71) Die Referate dieses Kolloquiums - für unser Problem besonders einschlägig Jonathan J. G. Alexander, Initials in Renaissance illuminated manuscripts: the problem of the so-ca lied "litera Mantiniana"- werden in den Schriften des Historischen Kollegs in der Reihe der Kolloquien (Verlag 01denbourg, München) als Bd 13 erscheinen.

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1925, S. 78.

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45 empfindet, läßt auf diejenige des Dichters schließen."") Dies ist die wissenschaftliche, die kritische Seite. Und die Dichter des 19./20. Jahrhunderts, z. B. Mallarme und Apollinaire? Und die jüngsten Spielarten der konkreten, experimentellen, der visuellen und der phonetischen Dichtung'?") Auch sie bedienen sich in vielen Fällen und sicher nicht zufällig! - der Capitalis, wie das Beispiel (Abb. IX) aus Apollinaires Calligrammes, den Gedichten von Frieden und Krieg von 1913-1916, zeigt.'·) Die enge Verbindung dieser modernen Dichtung mit der bildenden Kunst wäre programmatischen Äußerungen profilierter Künstler zu entnehmen. Die bildliche Verwirklichung ist in den verschiedensten Formen erfolgt.- s) Eine dieser Möglichkeiten, die Verselbständigung einzelner Buchstaben als Kunstwerk per se aus der Begeisterung über die Form begegnet dem Handschriftenforscher in vertrauter Sphäre ich denke an die Graphiken Josua Reicherts im Neubau der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart von 1972: ein gelbes S z. B. bildet eine eigene Tafel. Und vielleicht noch als Pointe zum vorigen: Josua Reichert läßt das alte magische Quadrat SATOR AREPO TENET OPERA ROTAS ("Der Sämann Arepo hält die Werke in Umlauf') wieder aufleben: buchstaben weise wechselnd, rot und blau gestaltet, ziert es in Capitalis einen Betonpfeiler (Abb. 19).70)

72) Zitate nach Ernst. Poesie und Geometrie wie Anm. 57 S. 321 mit Anm. 3. ;') Eine Übersicht dazu: Pierre Garnier. Jüngste Entwicklung der internationalen Lyrik, in: Zur Lyrik-Diskussion, hrsg. von Reinhold Grimm. Darmstadt 1974 (Wege der Forschung 111) S. 479-491. ;4) Guillaume Apollinaire. Calligrammes. Poemes de la paix et de la guerre 1913-1916, 4. Autl. Paris 1925 S. 78. - Interpretationen anderer Figurengedichte Apollinaires: Wo(lgang Raible. Moderne Lyrik in Frankreich, Stuttgart etc. 1972 S. 92-100. 75) Zur Orientierung: Ernst. Entwicklung der optischen Poesie wie Anm. 57 S. 383. - Manlred Beet::.. In der Rolle des Betrachters. Zur Aktivierung und Sensibilisierung des Lesers in der visuell-konkreten Poesie, in: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 24 (1980) 419-451 (z. B. S. 437 Max Bill, S. 439 Kandinsky). - Giovanni Poz::.i. La parola dipinta, Mailand 1981 (z. B. S. 11 Literatur-Bildende Kunst, S. 15 Klee, Miro, Magritte u. a., S. 18 Kubisten, Expressionisten, Futuristen, Neo-Avantgardisten etc.). Weitere Literatur s. in den zitierten Publikationen. -0) Die Stuttgarter Drucke von Josua Reichert, hrsg. von der Württembergisehen Landesbibliothek mit einer Einführung von M. Bender. Stuttgart 1972.

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Abb. 19 Die Stuttgarter Drucke von Josua Reichert, hrsg. von der Württ. Landesbibliothek, 1972.

47 Um aber zum Schluß den Rogen zurück zu Vergil zu schlagen: Der "homme de lettre und Diplomat" Harry Graf Kessler veranstaltete in seiner Cranach-Presse zwischen 1913 und 1931 mehrsprachige Vergilausgaben mit Graphiken von Aristide Maillol (Abb. 20 und 21 )77), in deren Druck die Capitalis in ungewöhnlicher Weise für größere Textpartien wieder auflebt!

77) Z. B. die Eclogen Vergils in der Ursprache und Deutsch übersetzt von Ru-

dolfAlexander Schroeder. Mit Illustrationen gezeichnet und geschnitten von Aristide Maillol. Leipzig, Insel-Verlag 1926. Zu dieser und zu anderen Ausgaben mit Illustrationen von Maillol s. Bemd Schneider, Vergil. Handschriften und Drucke der Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel 1982 (Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek 37) S. 198-203.

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Ahh. 20 und 2/ Vergil. Eklogen. Lateini,ch und deutsch (von R. A. Schroeder). Leipzig, Insel 19~6.

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50 Die folgenden, grundlegenden Werke werden in den Anmerkungen in Kurzform zitiert: Biscll(~tt:

Miflelalterliche Studien 1-3 - Bernhard Bischof!', Mittelalterliche Studien. Ausgewählte Aufsätze zur Schriftkunde und Literaturgeschichte Bd. 1-3, Stuttgart 1966-1981 Bischofl: Paläographie - Bernhard Bischoff, Paläographie des römischen Altertums und des ahendländischen Mittelalters, 2. überarb. Auf!. Berlin 1986 (Grundlagen der Germanistik 24) Ca va 110 , Libri e continllita - Guglielmo Cavallo, Libri e continuita della cultura antica in eta barbarica, in: Magistra Barbaritas. I barbari in Italia, Mailand 1984, S. 603-662 CLA 1-11 - Codices Latini Antiquiores. A Palaeographical Guide to Latin Manuscripts prior to the Ninth Century Bd. 1-11, hrsg. von E. A. Lowe, Oxford 1934-1966; ein Supplementbd. erschien 1971 ebenfalls in Oxford. (Das Supplement, das den CLA-Nummern folgt, wird nicht eigens zitiert.) Fischer, Bibelhandschrijien - Bonifatius Fischer, Lateinische Bibelhandschriften im frühen Mittelalter, Freiburg 1985 (Vetus Latina. Aus der Geschichte der lateinischen Bibel 11) Lowe. Facts - E. A. Lowe, Some Facts about our Oldest Latin Manuscripts, in: Ders., Palaeographical Papers 1907-1965 Bd. I, hrsg. von Ludwig Bieler, Oxford 1972, S. 187-202 Lowe. More Facts - E. A. Lowe, More Facts about our Oldest Latin Manuscripts, ebenda S. 251-274 Norden/alk. Zierbuchstaben - Carl Nordenfalk, Die spätantiken Zierbuchstaben, Text- und Tafelbd., Stockholm 1970 (die Bücherornamentik der Spätantike 2)

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Abbildungsverzeichnis Abb. I Biblioteca Apostolica Vaticana. "Vergilius Romanus", Vat. lat. 3867 f. 14r. Abb.2 Biblioteca Apostolica Vaticana. "Vergilius Augusteus", Vat. lat. 3256 f. 2r. Abb. 3 Biblioteca Apostolica Vaticana. Vat. lat. 5757 p. 156. Abb. 4 Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek. 36. 23. Aug. 2° f. 40v. Abb. 5 und 6 Biblioteca Apostolica Vaticana. Reg. lat. 11 f. 21 v und 22r. Abb. 7 Zürich, Zentralbibliothek. Car. C I f. 1r (Ausschnitt). Abb. 8 Zürich Zentralbibliothek. Car. C I f. IVv. Abb. 9 Bem, Burgerbibliothek. eod. 165 f. 135r. Abb. 10 Heidelberg, Universitätsbibliothek. Pa!. lat. 52 f. 42v. Abb. 11 Leiden, Universitätsbibliothek. Voss. lat. qu. 79 f. 22v. Abb. 12 Leiden, Universitätsbibliothek. Voss. lat. qu. 79 f. 23r. Abb. 13 London, British Library. Harley 647 f. 12r. Abb. 14 Bem, Burgerbibliothek. Cod. 212 f. 119v (unten). Abb. 15 Bem, Burgerbibliothek. Cod. 212 f. 124r. Abb. 16 Bem, Burgerbibliothek. eod. 212 f. 124r (unten). Avv. 17 Wien ÖNB, eod. 652 f. 33v. Abb. 18 G. Apollinaire, Calligrammes\ Paris 1925 S. 78. Abb. 19 Die Stuttgarter Drucke von Josua Reichert, hrsg. von der Württembergischen Landesbibliothek mit einer Einführung von M. BenzIer, Stuttgart 1972 (Bogen 15). Abb. 20 und 21 Vergil, Eklogen. Lateinisch und deutsch (von R. A. Schroeder). Leipzig, Insel 1926.

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