Lotte Brunner Tagebuch 1903-1932

Lotte Brunner Tagebuch 1903-1932

–1– Lotte Brunner Tagebuch 1903-1932 Vollständige Fassung auf der Grundlage des Berner Manuskriptes Erfaßt und © von Dorette Griem –2– Hinweise vo...

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Lotte Brunner Tagebuch 1903-1932 Vollständige Fassung auf der Grundlage des Berner Manuskriptes

Erfaßt und © von Dorette Griem

–2– Hinweise von Dorette Griem: Allgemeines: – Nur wenn Lotte Titel in Anführungszeichen setzt, erscheint hier im Text: » «; GroßKleinschreibung bleiben dabei unverändert. – Sonstige Anführungszeichen sind hier ergänzt; manchmal in [ ], wenn ungewiß ist, ob es die richtige Stelle ist. – Das Zeichen “” bedeutet, daß die Stelle noch einmal mit dem Original verglichen werden sollte. – In eckigen Klammern “[ ]” stehen Dorettes Fragen oder Unsicherheiten, manchmal auch Ergänzungen (u.a. auch aus der Haager Fassung) und Kommentare. – Es sind noch unstimmige Daten zu überprüfen (durch: Datum vergleichen / berichtigen, suchen unter “[Datum”). – “BMs.” bedeutet Berner Manuskript – “HMs.” bedeutet Haager Manuskript – [St.] bedeutet, es sind ausgeschriebene Namen von Stolte »Es gibt kein Ende« übernommen worden. – [Gr.] bedeutet, es sind ausgeschriebene Namen von Grünberg »Auf den Pfaden…« übernommen worden. Unterschiedliche Schreibweise der Namen im BMs. (beibehalten wie in BMs): – Herrlikow =Abkürzung für Carl Borromäus Herrligkoffer, siehe BMs. Fußnote S. 71. – Hermine von Preuschen = o durchgestr. von Lotte BMs. bis S. 662, dann Hermione. – Jenspeter / Jenspieter / Jenspiter [Magnussens Sohn] – Aladar Rado / Radó / Rádo – Oesterheld | Österheld – Tellmann / Telmann BMs. S. 84 – Bittlinger Margarete / Margret / Margreth / Margrete – Bo-Jin-Rah / Boyinrâ / Bojinrah – Dilloff / Dillhoff – Jochanan ha Sandler / Sandlar – Neïhla / Neïlah – Meissnerowski / Meisnerowski [HMs.: Meißnerowski] – Central-Verein / Zentralverein / C. V. – Im gesammten BMs. wird Brunners Bruder Akiba genannt. Ab Seite 853 ist Ekiwa handschriftl. in Akiba verbessert. Angleichung der Namen in gängige heutige Schreibweisen: – BMs. Dvòrak, gelassen, kann ich nicht schreiben [Dvorák+Dach auf r?] – Rafael geändert in Raffael; Karamasoff in Karamasow; Raskolnikoff in Raskolnikow; Oblomoff in Oblomow; Gontscharoff in Gontscharow – BMs. S. 118a: Lotte: A.f.d.S (= Anmerkung für diese Seite): Hier folgt Abdruck des beigefügten Privatdrucks »Kater Murrian«; fehlt noch, hinzufügen!. – Leerzeilen in Fußnoten bitte löschen. – Schreibweise der Tonart der Musikstücke wie Lotte, aber Bindestrich hinzugefügt. – Grundsätzlich Punkt nach Fußnote [sagt Lotte und Duden] – Kasparspiel: [ad libitum = nach Belieben] Anweisungen kursiv, Gesang in Anführungsz. – Abgekürzte Namen sind ausgeschrieben, soweit bekannt – wenn Vor- oder Nachnamen hinzugefügt sind, dann immer mit [ ] Informationen für den Brunner-Briefwechsel: – Leopold Neustadt in Lissa – Deitelbaum, hebr. Tamari. BMs. Seite 309, Fußnote. – Brief an Bäumer vom 21. April 1904 S. 13/14: genaueres Datum als im BW. und am Schluß ein Absatz mehr.

Schluß ein Absatz mehr. –3– – Brief an Erna Porsch vom 4. Juli 1915 S. 356: auch im BW?

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Constantin Brunner im Tagebuch von Lotte Brunner 30. Mai 1919: “Das Genie ist voller Widersprüche, sagt heute dies und morgen sein Gegenteil und kann keinen Parteistandpunkt einnehmen wie die andern. Weil die Welt ja nicht wahr ist, weil das Leben nicht ist und nicht gelebt wird! Aber es balanciert sich selber aus auf dem Grunde, der doch kein Grund ist.”

Vorwort Von dem Vorhandensein dieser Tagebücher wußte mein Vater, doch hat er keine Zeile davon gesehen oder gehört. Unsere Absicht, sie einmal gemeinsam durchzugehen, konnte nicht mehr zur Verwirklichung gelangen. Den Antrieb zu den Aufzeichnungen hatte mir ein unwidersprechliches Gefühl von Verpflichtung gegeben. Dieses wuchs sich mit den Jahren so stark aus, daß es endlich meinen Mangel an Selbstvertrauen überwand. Hier war einfach eine Aufgabe zu erfüllen, die das Schicksal selber gestellt hatte; eine Arbeit mußte geleistet werden; mochte es unvollkommen geschehen, sie durfte nicht unterbleiben. Und nur ich, auf der ganzen Welt nur ich, bin für sie da. Diese Erkenntnis durchleuchtete mich schließlich derart, daß ich in Zeiten, wo mein Lebensgefühl ermattet oder verwundet war, nur um dieser Aufgabe willen zu existieren meinte. Ich bin gezwungen, noch mehr von mir selber zu sprechen. Besonders muß ich sagen, daß das langsame Tempo meiner Entwicklung unschuldig schuldig ist an der Tatsache, daß sich die allerersten Jahrgänge, verglichen mit den späteren, dürftig, spärlich, unbeholfen darbieten. Ich war damals in vieler Hinsicht jünger als meine Jahre, ich hatte meine Aufgabe noch nicht in voller Bestimmtheit erkannt, und überhaupt eignete mir eine gewisse Traumhaftigkeit des Erlebens, die mich unfähig machte, in jedem Fall das Wesentliche herauszukennen, mit Energie zu ergreifen und äußerlich festzustellen. Der für diese Arbeit allerwichtigste Takt in der Auswahl dessen, was zu geben und was nicht, ist mir erst allmählich zu besserer Reife gelangt. Auch dies bleibt beklagenswert, daß ich anfänglich zu einseitig abstrakt gerichtet war und äußere Umstände und Geschehnisse fast niemals einer Bemerkung wert hielt. Solche und andre Mängel werden vielleicht vergütet durch einige Vorzüge. Dazu darf ich in erster Linie ein sicheres Gefühl für meines Vaters Persönlichkeit und was ihr natürlich und angemessen, rechnen. Mag ich hier oder da seine Worte ungeschickt, entgenialisiert wiedergegeben haben, nie konnte ich ihm einen wesensfremden Gedanken, selbst nur Ausdruck in den Mund legen. In dieser Hinsicht also darf ich sagen: es stimmt alles. Zum Teil stimmt es auch nach dem Buchstaben; denn manche Sätze habe ich unmittelbar nachdem sie ausgesprochen waren, und dann wörtlich oder fast wörtlich, notiert. Wofür ich ferner einstehe, das ist meine unbedingte Ehrlichkeit. Nie ließ ich mich von andrem leiten als vom Interesse für die Person und die Sache; kein einziger Fall, daß Eitelkeit mir die Feder um Haaresbreite abgelenkt hätte. Beinah muß ich fürchten, hierin übertrieben schamhaft, ja in den ersten Jahren pedantisch verfahren zu sein. Hundertmal habe ich meinen Namen unterdrückt, schöne und charakteristische Worte verschwiegen, wenn sie ein Lob oder Höheres für mich enthielten. Gar was meines Vaters eigentliches Verhältnis zu mir ausdrückt, davon habe ich in diesen Blättern nur wenig erscheinen lassen. Dies hat mich keine Überwindung gekostet, ich brauchte mich nicht darum zu verrenken, nur so war es mir von Anfang an natürlich.

ich brauchte mich nicht darum zu verrenken, nur so war es mir von Anfang an natürlich.

–5– Auch davon, daß die festgehaltenen Gedanken fast nie in Gesprächsform gegeben sind, ist zum Teil diese meine Scheu, mich selber auftreten zu lassen, die Ursache. Obwohl nur zum kleineren Teil. Denn es verhält sich tatsächlich so, daß mein Vater beinah immer redete, kaum je sich unterhielt, so daß dem Partner ganz von selber die Rolle des Zuhörers wurde. In anderen Fällen wieder schienen mir nur seine Äußerungen merkenswert. Und auch davon gebe ich oft nur die prinzipielle Zusammenfassung des Hauptgedankens; einerseits weil Konzentration geboten schien, andrerseits weil ich nicht immer fähig war, den Strom mit allen Wellen und Wellchen, in sachterem oder heftigerem Verlauf, mit Strudeln, Katarakten, seine stillere Klarheit, seine Trübung aufs Papier zu zaubern. Was nun das hier nicht so sehr gezeichnete als sich selbst zeichnende Bild meines Vaters betrifft, so glaubte ich angesichts solcher Fülle von Geist und Leben, nicht ängstlich darauf bedacht sein zu müssen, daß keine Schatten hineingerieten. So habe ich nichts abgemildert und nichts überdeckt. Nicht zum Beispiel den gesteigerten Enthusiasmus im Rausch des ersten Zusammentreffens mit neuen Menschen, der sich im weiteren Verlauf naturgemäß nicht in jedem Fall auf seiner ursprünglichen Höhe halten konnte. Man hat diese wie jede Einzelheit aus dem Ganzen zu verstehen. Mein Vater sagt von sich (unter dem 16. April 1915): “Ich muß immer heroisieren. Das ist einfach der Enthusiasmus, der meiner Liebe so notwendig anhaftet wie der Eisenstaub dem Magneten.” So auch habe ich die Äußerungen über Politisches – wozu besonders der Weltkrieg in reichem Maße anregte – nur wenig beschnitten, obwohl mir bewußt ist, daß hier häufig genug nicht ex cathedra, sondern aus überhitzter Stimmung des Augenblicks gesprochen wurde, und die Politik am wenigsten ein Gebiet für meines Vaters Begabung darstellt. “Wegen dieses Starren und Eisigen”, sagte er (7. November 1914), “wegen des beschränkt Relativen, von wo gar kein Weg in anderes hineinführt, darum liegt mir die Politik nicht." Ebenso habe ich Kunsturteile nicht unterdrückt, auch wo ich weiß, daß sie manchen befremden müssen. Feueratem belebt und verzehrt. Darauf allein kommt es an, ob das Kennzeichen des Genialen in diesen Tagebüchern verlöscht oder bewahrt geblieben: Das immer und überall Schöpferische – was die Hand berührt, ist zu ungeahntem Leben erweckt; wo der Fuß geht, springen Quellen auf. Das Staunenswürdige, Überwältigende, Beseligende, das Verführerische und in gewissem Sinne Gefährliche eines immerwährenden Weltschaffens aus dem Geist, dies will gelebt, vielleicht gelitten und vor allem geliebt werden. Aus äußerlichen Gründen schien es nötig, einen großen Teil der vorkommenden Personen nur mit Buchstaben zu bezeichnen. Ich habe Sorge getragen, daß, wenn es später einmal erwünscht sein sollte, die vollen Namen herzustellen sind. Erst dann wird das für eine Arbeit wie die vorliegende fast unerläßliche Register angefügt werden können. Lotte Brunner

Testament 1899.1 Liebe Lotte, Geld bekommst Du, auf beiliegende Papiere hin, bei Bankier C. A. L. Krause, Leipzigerstraße, dito ist Geld für Euch bei Rechtsanwalt Heilbut, Hamburg A B C-Straße 6 I. Diese Angelegenheiten laß Dir besorgen von Großpapa. Sollte uns etwas zugestoßen sein, so will ich, daß Ihr Euch nicht mehr betrübt als eben nötig ist, darüber hinwegzukommen. Ihr sollt aber darüber hinwegkommen und Euer Herz soll nicht klein sein und wissen, daß dies Leben nur wert ist für den, der es lebt; wer es aber verloren hat, hat nichts verloren. Seid stark und wisset, daß ihr mehr seid als Menschen und weit besseres, und seid als Menschen das beste, was ihr als Menschen sein könnt. Alle meine Papiere soll Lotte allein, ohne Beisein irgendeines andern Menschen, durch1

Dieses Testament wurde verfaßt vor Antritt einer Reise unserer Eltern nach Kopenhagen. Meine Schwester Gertrud und ich – fünfzehn- und sechzehnjährige Mädchen – waren für diese Zeit in die Obhut der Großeltern nach Cüstrin gegeben.

–6– sehen und ordnen. Alles Literarische soll sie verwenden respektive verarbeiten; was sie aus Briefschaften etc. von meiner Menschlichkeit etwa erfährt, soll sie für sich behalten und lieben, wie sie mich geliebt hat und immer lieben wird. Mit Verwendung und Verarbeitung meiner Skripturen soll sie erst beginnen nach ihrem achtundzwanzigsten Lebensjahre. NB. Das Geld, was bei Krause und in Hamburg steht, soll für die Kinder weggestellt werden; Großpapa soll sofort sorgen, daß das Müllersche Erbe für Lotte und Gertrud gesichert wird; tausend Mark davon sollen für Hans2 bestimmt sein, ohne daß er darum weiß: Sie sollen ihm dienen im Falle einer Not. Ob ein solcher vorliegt, soll Lotte bestimmen, die sich stets um seine Entwicklung bekümmern soll. Lotte soll studieren, Gertrud die Gartenbauschule durchmachen und nebenbei viel Geschichte und Ästhetik treiben. Lotte soll einen Brief schreiben an nachstehende Adresse: Mrs. Frida Mond (Adresse), worin sie schreibt: daß ich meinem großen Freunde Lebewohl sage, dessen Freundschaft mir gewesen sei anstatt der ganzen Menschheit, und daß mein Leben allein darum schön gewesen sei. In geschäftlicher Angelegenheit bitte ich: monatlich fünfundvierzig Mark an meine Mutter Zuschuß, solange sie lebt, und Sorge, Sorge, Liebe und zärtliche Liebe und Glück für mein Lottekind und für meine Gertrud. Sie sollen treten an meine Stelle und in die Stelle meiner Freundschaft. – Weder Lotte soll Trude noch diese jene jemals innerlich verlassen: Wenn sie sich veruneinigen, darf die Gespanntheit zwischen ihnen nicht länger als eine halbe Stunde anhalten, um was es sich auch handle; Lotte soll Trude stets daran erinnern und mit der Aussöhnung beginnen, um was immer es sich auch handeln mag. Macht mit unsren Sachen, was ihr wollt. Die Bücher sollen alle Lotte gehören bis auf einige Werke, die Trude gern will und die Lotte ihr, welche es auch sein mögen, geben soll. Umgekehrt soll es sich auch so mit den Bildern für Trude verhalten, auch hinsichtlich einiger für Lotte; doch kann Trude, wenn sie will, die Bilder verkaufen und das Geld wegstellen für sich. Ein Bild soll Anni3 zum Andenken geschenkt bekommen. Meine goldene Uhr soll Otto Ernst bekommen, die dito Kette Helmy4 und sich eventuell etwas daraus anfertigen lassen. (NB Verliehen habe ich an K.: zweihundertzehn Mark; an M. B.: zwanzig Mark; an L. B.: fünfzig Mark.) NB Die Verwaltung des Geldes etc. für die Kinder soll niemand anders als Großpapa haben; für den Fall, daß irgend jemand sonst, wer es sei, es an sich nehmen will, sind meine früheren Bestimmungen allesamt aufgehoben, und ich vermache alles an Großpapa, der es den Kindern nach ihrer Mündigkeit zurückgeben mag. NB. Auch bitte ich Großpapa, sofort nach unsrem Tode das, was er testamentarisch Rosa5 und mir vermacht hatte, auf den Namen der Kinder schreiben zu lassen. NB Im versiegelten Paket bei Krause, Leipzigerstraße, ist mein neues Manuskript (und die Zettel, die zur Fertigstellung nötig sind). Am liebsten wäre mir, daß die Großeltern herziehen zu den Kindern, die vorläufig in Berlin bleiben müssen, um sich für einen Beruf vorzubereiten. Lebt Alle wohl! und ihr meine Kinder, versucht mein Leben, meine Art und mein Denken recht zu durchdringen; dann werdet ihr niemals unglücklich sein. diese Zeit in die Obhut der Großeltern nach Cüstrin gegeben. 2 3 3 4 4 5

Unser Bruder, geblieben war. der nach der Scheidung der ersten Ehe meiner Mutter bei dem Vater geblieben war. Meine Freundin. Meine Freundin. Dessen Frau. Dessen Frau. Meine Mutter; später von Vater Leoni genannt.

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2. September 1903 “Ich lehre in unmittelbarer Fortsetzung von Christus. Der predigt den wahren, lebendigen Glauben, das heißt den auf das Leben angewandten; so lehre auch ich um des Lebens, nicht um der Lehre willen.” Ungefähr so sagte Vater zu mir. 3. September 1903 “Ich finde auch, daß mit dem Unmöglichen uns so vieles Mögliche in den Händen zerrinnt.6 Aber von mir kann ich wohl sagen, daß, soweit es an mir selber lag, ich nie ein mögliches Schönes in meinem Leben habe vorbeigehen lassen, ohne es aufzugreifen.” 8. September 1903 Von G.: “Sie hat in sich das Letzte, Tiefste; aber sie hat es unverbunden mit dem praktischen Verstande, daher ist es unfruchtbar. Sie ist dümmer als die andern Dummen, obwohl sie einen Grund von Geistigem in sich trägt. Sie ist wie ein hungernder Wanderer in der Wüste, der eine Million in Gold bei sich in der Tasche hat und sich dennoch nicht ein Stückchen Brot dafür zu kaufen vermag, der verhungern muß trotz seinem Reichtum.” 9. September 1903 “Zum Briefeschreiben gehört geistiges Kleingeld; das habe ich nicht.” 20. September 1903 “Jean Pauls Ruhm war groß, aber kurz; und doch haben wir an Fülle der Lyrik keinen, der ihm das Wasser reicht. Nur daß bei ihm der deutsche Gelehrte in den Dichter gefahren ist. Daher der Mangel an künstlerischer Form, der ihn nur in Auszügen genießbar macht. Es ist wahrhaft tragisch um einen Geist wie Jean Paul.” 22. September 1903 “Wagner , bei all seinem glänzenden Abstraktionsvermögen, das mir wieder beweist, wie der große Künstler die große Reflexion nicht entbehren kann, besitzt dennoch nicht die Fähigkeit, das Erkannte auf Formeln zu bringen. Daher leidet sein Buch an Weitschweifigkeit; die festen Punkte zum Ausruhen fehlen.” – “Und daher”, sagte ich, “erscheint sein Buch mehr das Werk eines Philologen als das eines Philosophen zu sein.” 7

26. September 1903 Vater sagte mir heute wie schon oft: “Das wird mir so schwer, die Wendungen zu finden, welche die Gedanken verbinden müssen, die Scharniere der Rede. Darin kann ich vom Lokalanzeiger lernen.” Er ist nicht leicht glücklicher und wahrhaft so vergnügt, als wenn es ihm gelungen ist, ein solches “Scharnier” in sein Manuskript einzufügen. “Du begreifst das nicht, ich weiß wohl”, sagte er heute, “aber du kannst dich so schön mitfreuen, darum sollst du zehn Pfennige haben.” 28. September 1903 “Den Ausdruck analogon rationis fand ich bei den Scholastikern, die damit das Bewußtsein der Tiere bezeichneten. Durch ihn wurde mir der vorher noch dunkle Begriff meines Analogon 8 plötzlich klar, und er gab mir auch die Bezeichnung.” 30. September 1903 “Wie wunderbar müßte es sein, wenn uns von den ganz Großen, etwa von Christus und 5 Spinoza, bekannt Denn wasgenannt. für Witze müssen die gemacht haben! Von Spinoza Meine Witze Mutter; später wären! von Vater Leoni 6 6 7 7 8

Goethe, Wilhelm Meister. Goethe, Meister. Wir lasenWilhelm »Oper und Drama«. Wir lasen »Oper und Drama«. Einer der wichtigsten Termini meines Vaters, das abergläubische Denken, das Zerrbild des geistigen Denkens, bezeichnend.

–8– wissen wir allerdings, daß er ein heiterer Gesellschafter gewesen. Und bei Christus deutet mir ein Wort auf Humor und Ironie. Als sie ihn fragen: ‘Wer bist du?’ da antwortet er: ‘Ich bin, der mit euch redet.’” 2. Oktober 1903 “Hätte damals an Stelle des kleinen Dreyfuß ein Mann mit Herz und Mund gestanden, so hätte etwas Bedeutendes, Umwälzendes geschehen müssen. Denn die Konstellation war herrlich, wie sie die Geschichte in Jahrhunderten nicht wieder bringt, und die Ecke war scharf genug zu einer neuen Wendung.” (Früher hatte Vater einmal gesagt, er wünschte, er wäre in Dreyfuß’ Lage gewesen.) 5. Oktober 1903 Ich fragte Vater, welche Bücher er wählen würde, wenn er, auf eine wüste Insel verbannt, nur drei mit sich nehmen dürfte. Er antwortete: “Spinoza, die Bibel und das Kommersbuch; nur daß ich dann bedauern würde, keinen Kommers veranstalten zu können.” 6. Oktober 1903 “Ganz zweifellos ist die englische Revolution bedeutender gewesen als die französische.” “Aber”, meinte ich, “sie war eigentlich nur Sache der Regierung, während die französische wirklich Volkessache war.” “Das allerdings; der Grund dafür aber ist der, daß England der einzige wahre Staat ist. Darum gingen Reformation und Revolution von der Regierung aus und drangen von da in die tieferen Schichten. Die englische Revolution ist die Ausdeutung und Ausbeutung der Magna Charta, der in ihr verbrieften Freiheitsrechte. So hat die Geschichte sich von Johann bis zur Revolution organisch entwickelt. Organisch bis aufs feinste ist das englische Staatswesen. Die Aristokraten sind wirklich die Besten des Landes, und die Besten des Landes können Aristokraten werden, können teilnehmen an der Regierung. Überall hat England seine wunderbare Selbständigkeit. Es ist ein Haus ohne Brücken. Auch die englische Philosophie ist gänzlich frei von kontinentalem Einfluß und hat ihren rein empirischen Charakter streng bewahrt. Freilich, die Engländer haben keine Philosophie des Geistes – dafür aber ist ihre Literatur die großartigste Europas. Darin sind sie den Juden zu vergleichen, bei denen ebenfalls die Geistigkeit sich nur in den Literaturwerken offenbart.” 25. Oktober 1903 Ich finde Vater jetzt zum ersten Male zufrieden mit seinem Einleitungsbuche9, daran er gegenwärtig noch verbessert, ordnet, Stellen einschiebt (zum Beispiel über das Verhältnis der Fakultäten zur Sprache, ferner über die Parallele, die zwischen den Äußerungssphären des Geistes und den Formen des praktischen Verstandes besteht). Seiner Sache war er immer und stets gewiß, aber jetzt befriedigt ihn auch seine Darstellung. Gustav Landauer war bei uns; er wohnt im Nachbardorfe, in Hermsdorf. Ein Artikel über Mauthner in der »Zukunft« hatte Vater durch die Innigkeit und den Schwung des Stils angezogen; jetzt hat ihn Landauers schöne kleine Einleitung zu seiner Übersetzung des »Eckhart« veranlaßt, die persönliche Bekanntschaft anzubahnen. 28. Oktober 1903 “Du kannst dir nicht denken, was für ein stumpfes, unbewußtes Kind ich gewesen bin. Das einzig Schöne, was mir bedeutungsvollen Eindruck in meine Kinderjahre geprägt hatte, war die Reise, die mein Vater mit mir in meinem dreizehnten oder vierzehnten Jahre nach Schweden machte; aber aufgerüttelt wurde ich davon nicht. Und bei all dieser Passivität stand ich doch in einem gewissen Widerspruche – der sich niemals positiv äußerte – zu meiner Familie: ich konnte nicht tun, was sie taten. – Mein Vater hielt Unendliches von mir; er konnte mich ansehen mit einem Blick so zärtlich und so traurig zugleich, wie ich es nie wieder bei einem Menschen gesehen habe. Als ich zum Jüngling erwachsen war, begann er des geistigen Denkens, bezeichnend. 9

»Ankündigung«, von der »Die Lehre von den Geistigen und dem Volk« eingeleitet ist.

–9– auch Erwartungen an mich zu heften. Im Alter von siebzehn oder achtzehn Jahren übergab ich ihm zwei Vorträge über den Talmud, die ich geschrieben hatte und die ich noch habe, und nachdem er sie gelesen, sagte er mir, er, der die ganze Talmudliteratur kannte: ‘Da ist etwas drin, was du nicht weißt, da ist etwas Großartiges drin.’ – Auch meinem Bruder machte ich einmal einen mächtigen Eindruck; das war durch einen Brief, den ich ihm geschickt hatte und auf den er mir antwortete: ‘Wenn du diesen Brief selbst geschrieben hast, so bist du der größte Mann des Jahrhunderts; wünsche dir, was du willst, ich will es dir schenken.’”10 29. Oktober 1903 “Schon als junger Mensch verstand ich, von einem Gesicht auf die glücklichste Art Seele und Schicksal abzulesen – zum Erstaunen aller. Am meisten hilft mir dabei der Blick der Augen; dunkle Augen erschweren es mir. Demnächst ist die Nase am wichtigsten. Frauenphysiognomien kann ich besser lesen als männliche, weil ich ein Mann bin.” Wunderbar froh und ruhig ist Vater, aufgelegter als je zu sprudelndem Scherz und tiefstem Ernst. Kein Mann ist um ihn, der zu ihm sprechen kann. Er spricht zu allen – Dummen und Klugen –, wie sie noch nie haben sprechen hören, indem er ihnen den verborgensten Grund ihres Wesens heraufholt und klärt. Naive Leute halten diesen seinen mächtigen Blick für eine Art Zauberei. Toni D. sagte einmal zu mir, nachdem Vater wieder sehr schön zu ihr über sie selber geredet hatte: “Sag mal, Lotte, hat er es wirklich, ganz bestimmt, nicht bloß auswendig gelernt, daß er so reden kann?” “Nein, ganz bestimmt nicht”, sagte ich und lachte. “Aber das ist ja nicht möglich, das ist ja nicht möglich”, rief sie einmal über das andere aus. Er kann ausgelassen sein, auf der Erde liegen, Unsinn reden, lachen wie niemand. Die kindlichen Naturen lieben ihn daher. Er ist erfinderisch bis zum Bizarren im Scherz und hat eine geradezu erschütternde Art, vom Scherz zum Ernst zu springen. Das merken aber die wenigsten. In jeder Gesellschaft wird er sofort der Mittelpunkt; er spricht, die andern hören. Sie werden aufmerksam durch seine eigentümliche und bedeutende Art zu reden. Die Uneingeweihten können ihn meist gar nicht verstehen. Auch wissen sie niemals, ob etwas Ironie oder Gutherzigkeit ist, was er sagt. Durch die Freiheit seines Wesens und das UrIndividuelle erregt er zunächst Staunen, dann Ärger oder Bewunderung, aber die ihm einmal anhängen, sind ihm mit ihrem Besten ergeben und schöpfen beständig aus ihm das Geistige, dessen sie bedürfen. “Wer mich kennenlernt”, sagte Vater zu mir, “schreibt irgend etwas darauf: Otto Ernst [St./Gr.] hat zuletzt seinen ganzen Dramenerfolg mir zu danken; Ernst Altkirchs [St./Gr.] Roman hat sich erst durch sein Verhältnis zu mir ausgewachsen; der faule H. v. L.-A. schrieb ein Buch, wie es auch immer sein mag, nach seinem Erlebnis an mir, und Eberhard König [Gr.] – all sein Schaffen ruht, seit er mich kennt, auf meinem Grunde.” Dr. Bäumer ist gegenwärtig nach mir sein einziger Zuhörer. Bäumer nimmt gut auf, ist von sehr ernster Passivität, ganz passiv, so daß er das Fremde rein widerspiegelt. Ein sehr schätzenswerter Mann, von tüchtiger, umfassender Gelehrsamkeit, verläßlich, liebenswürdig. “Daß Mauthner vor der ‘Armseligkeit der Sprache’ erstarrt und jammernd stehenbleibt, das”, sagte ich, “begreife ich nicht ganz.” “Ja”, sagte Vater; “Mauthner hat sich hingesetzt und geheult, und da hat den Landauer das Mitleid gefaßt, und er hat sein Taschentuch gezogen und mitgeflennt. Das ist Mauthners Sprachkritik und Landauers Skepsis und Mystik.” 10. November 1903 Heute haben wir – tausend Segen darüber – das Einleitungswerk an einen Verleger geschickt. 9

»Ankündigung«, von der »Die Lehre von den Geistigen und dem Volk« eingeleitet ist.

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Der Brief des Bruders ist erhalten.

– 10 – 15. November 1903 “Meine Geschichte der Philosophie – wenn ich sie einmal schreibe – beginnt natürlich mit einer Darstellung der Lehre Spinozas, die allein für die Beurteilung der andern Systeme den Maßstab bildet.” Vater war als Jüngling mit Bodenstedt bekannt, in Wiesbaden. Der schätzte ihn hoch. Einmal sagte Vater etwas, was ihm bedeutend erschienen sein muß; denn er nahm des jungen Mannes Gesicht zwischen seine Hände, sah freundlich hinein und machte mehrmals voll Anerkennung und Staunen: “Hm, hm, hm.” “In der Geometrie sah man mich auf dem Gymnasium als Wunder an. Ich konnte alle Sätze aus meinem eigenen Denken heraus beweisen und konnte so viele Beweise machen, wie ich nur wollte – einfache und komplizierte. Mein Lehrer war außer sich, er gab mir Aufgaben, die weit über unser Pensum hinaus lagen; ich löste sie mit Selbstverständlichkeit. Ich irrte niemals, und wenn der Lehrer irrte, bemerkte ich es sofort. Aber wo die Algebra begann, hörte es bei mir auf. Ich begriff gleich den ersten Satz nicht, und infolge davon überhaupt keinen einzigen.” 16. November 1903 Landauer hatte Vater von Mombert geschwärmt. Heute bin ich nach Hermsdorf gegangen und habe einen Band (»Der erste Denker« usw.) geholt. Vater war erst stumm vor Entsetzen, dann aufgeregt. Zur Erholung las er mir darnach ein paar recht männlich schöne Gedichte von A. Fitger vor, bei dem er wieder festen Boden unter den Füßen fühlte. 17. November 1903 “Eine reine und edle Hand ist mir immer ein gewisses Zeugnis für die Sauberkeit der Seele.” 18. November 1903 “Spinozas Konzeption von den unendlichen Attributen ist eine Phantasie, vor deren Erhabenheit jedes Dichterwerk zusammenfällt, die größte Erweiterung menschlichen Schauens, die einzige, vor der ich erschüttert stehe.” 23. und 24. November 1903 Vater hat Landauer einen Teil seines Einleitungswerkes vorgelesen; Landauer war begeistert. Beim Abendessen angeregtes Gespräch zwischen beiden, obgleich Vater nicht wohl dazu aufgelegt war, über den Begriff des Staates und über das Duell, ob der Staat ein Recht habe, es zu bestrafen oder nicht. Vater: ja; denn das Leben des einzelnen gehört dem Staate. Landauer: nein; denn das Duell ist Privatsache. 27. November 1903 “Vorlesungen habe ich, besonders in der letzten Zeit meines Studiums, wenig besucht – dazu hatte ich zu viel zu tun. Die einzigen Professoren, die mich interessierten, waren Zeller, Riehl, Deussen – vor allem Bastian, ein geistvoller, wenn auch wirrer Kopf.” 3. Dezember 1903 “Platon war eine schöne Frau, so schön, wie sie als Frau nie existieren konnte.” 6. Dezember 1903 “Die Anarchisten sind entweder Archisten – das sind die reinen, herrlichen Männer, die ihrer Natur nach keiner Gesetze bedürfen – oder sie sind eigentliche gewöhnliche Anarchisten, Bombenschmeißer.” 13. Dezember 1903 “Mein Kreuz ist mir aus der Unlogik meiner Mitmenschen bereitet. Daran werde ich tagtäglich

“Mein Kreuz ist mir aus der Unlogik meiner Mitmenschen bereitet. Daran werde ich tagtäglich – 11 – geschlagen – ein ewiges Martyrium. Im Tiefsten freilich bleibe ich unberührt, aber das Fleisch fleischert und das Herz blutet.” 15. Dezember 1903 “Seelengröße besteht nur in der klaren Voraussicht der Folgen. Wie man die Folgen selbst erträgt, das hängt dann vom Physikum ab.” Gestern Unterhaltung mit Dr. Bäumer – Vater äußerte, daß für ihn die Theorie von den motorischen und sensitiven Nerven schon umgefallen sei. Ohne große und vielfältige Studien könne er natürlich über diesen Gegenstand nicht schreiben; er sei dennoch a priori seiner Sache sicher. So nähme ein jeder deduktiv die Resultate vorweg, die er erst nachher induktiv belege. Durch Robert Meyers Briefe werde dies deduktive Verfahren sehr klar; er habe im Anfange mit geringen, schlechten Daten seinen Satz von der Erhaltung der Kraft gestützt. 10. Januar 1904 Dr. Plato vom Rabbinatsseminar in Köln11 wird von Vater als der tüchtigste Lehrer geschätzt, den er gehabt; ihm hauptsächlich verdanke er auch seine reine Aussprache des Hebräischen. “Der Begriff des Staates”, sagte jemand, “ist bis jetzt noch nicht definiert worden.” Vater: “Ich und du – das ist der Staat.” Schön weiß Vater seine philosophische und menschliche Würde im Gespräch zu wahren. Mag er sich noch so lebhaft, noch so liebenswürdig unterhalten, immer zieht er um das wahrhaft Seine eine hohe Mauer, über die schwerlich einer hinüberzuschauen vermag. 19. Januar 1904 Zu aller Staunen liest Vater das Wesen eines Menschen aus seiner Handschrift, oft so, daß seine Deutung die feinste und reichste Charakteristik gibt. Dabei verfährt er natürlich vollkommen intuitiv, Gesetze beachtet er nicht, bis auf eines, was aber kaum eine Rolle spielt: Das sich Gleichbleiben oder Größerwerden der Endbuchstaben weist nach seiner Meinung mit Sicherheit auf Ehrlichkeit des Charakters hin. Er erklärte mir heute, daß, wie eine genügend künstlerische Phantasie und Strenge des Denkens aus einem Stück des Fußes die ganze Statur, der er angehört, zu konstruieren vermöchten, daß gerade auf dieselbe Weise sich ihm aus einem einzigen noch so kleinen Zuge, den er richtig trifft, das ganze Bild des Menschen mit inneren und äußeren Eigenschaften aufrolle. Es sieht sich manchmal wie Zauberei an, wenn er mit Treffsicherheit Angaben über körperliche Eigentümlichkeiten macht: Form der Hände, Farbe der Augen und Haare usw. Aber darauf, sagt er, kommt alles an, daß er im Anfange etwas Richtiges findet, von dem er seinen Ausgang nimmt. 30. Januar 1904 Vater sagte neulich, daß man die Neuzeit von Kopernikus ab rechnen sollte, statt mit der Reformation zu beginnen, deren Gedankengehalt sich nicht von ferne mit der Originalität des kopernikanischen Gedankens messen könnte. Des Kopernikus Idee, wie schlecht von ihm selbst auch immer gestützt, gehörte zu den allermachtvollsten und großartigsten. (Vgl. die »Lehre von den Geistigen und dem Volk«.) “Dreierlei haben die Franzosen: Rhetorik, Satire und mystische Lyrik.” 6. Februar 1904 Als Vater gestern bei Leo Berg war, stand er plötzlich mitten im Gespräch auf und ging ohne Abschied mit den Worten weg: “Ich bin dumm.” 10 Heute Vater Thea12ist gesprochen. Derhat Brief desmit Bruders erhalten. “Wie stehen Sie zu Gott? Wie zur Welt? Wie zu den 11 Dort sollte Vater zum Rabbiner ausgebildet werden. 11 Dort sollte Vater zum Rabbiner ausgebildet werden. 12 Freundin von mir.

– 12 – Menschen? Haben Sie viele Vorurteile? Fühlen Sie sich durch die Vorurteile andrer gestört?” Diese Fragen richtete er ganz ernsthaft an sie, die nur wenig und schüchtern antwortete. Er knüpfte sehr schöne Bemerkungen an seine Fragen und leitete dabei Thea ganz von ferne behutsam auf seine Hauptprinzipien, indes so, daß sie diese nicht als solche zu erkennen vermochte. Ihren innigen Anschluß an einen und gar, daß dieser eine Shakespeare ist, lobte er sehr, suchte sie aber davon zu überzeugen, daß Shakespeare, weil er als Künstler die ganze Welt spiegelt und nur in wenigen Gipfelstellen wirklich als Shakespeare und nicht als eines seiner Geschöpfe spricht, nicht alles leisten könne. Aber Shakespeare hätte einen Bruder, der das vermöchte: Spinoza. Ich sprach Freitag abend mit Vater über seine schauspielerische Begabung. “Nie”, meinte er, “wäre ich ein großer Schauspieler geworden, denn nie hätte ich in Gang und Gebärde Innerliches ausdrücken mögen. Nur rohe Menschen empfinden dabei keine Scham. Ich weiß ganz genau, daß das Lächerliche meines Ganges nur aus Schamgefühl entspringt.” – Sein Gang ist übrigens durchaus nicht auffallend oder gar komisch. In den letzten Jahren hält er beim Spazierengehen oft eine Hand zur Faust geballt auf dem Rücken, was sehr kontemplativ und durchaus gut aussieht. Die Schultern trägt er übertrieben gerade (ein Kind sagte einmal: “Dein Vater geht krumm nach hinten!”), den Kopf zuweilen etwas gesenkt. 27. Februar 1904 “Es gibt Menschen, die sich durch Briefwechsel ein Verhältnis zueinander schaffen, das neben dem eigentlichen herläuft, in der Luft spielt und einen ganz fremden Klang gibt.” 3. März 1904 “Die Leute meinen immer, die Klugheit bestünde in der Kunst, die Dummheiten anderer in Übereinstimmung zu bringen.” 4. März 1904 “Du vergißt, daß ich durch meine Kenntnis des Hebräischen eine ganze Begriffswelt habe, die ich im Gespräch immer hinunterschlucken muß.” 5. März 1904 “Glaube nur, daß Spinoza unendlich tief unter dem gelitten hat, was die Menschen ihm angetan hatten. Nur in dem wunderbaren Leben der Einsamkeit hat er sich darüber zu erheben vermocht.” Ich sagte zu Vater, daß er nicht seinem Denken und Schaffen entsprechend lebe, insofern er gehemmt sei und gezogen. Darüber beruhigte er mich. “Als ich damals das literarische Büro13 mit allem Drum und Dran aufgab, da hatte ich die Wahl, ob ich mein Leben in der 12 Freundin von mir. 13

Im August des Jahres 1891 hatte mein Vater in Hamburg (Colonnaden 54) ein Institut ins Leben gerufen, das er »Literarisches Vermittlungsbüro« nannte. Aus einem Prospekt vom Januar 1892 sei angeführt: “Die durchgehende Tendenz des Literarischen Vermittlungsbüros ist gerichtet auf die Hebung aller literarischen Verhältnisse, vorzugsweise auf die Verbesserung der literarischen Verkehrswege. Das Literarische Vermittlungsbüro unterstützt den Schriftsteller mit Rat und Tat, es sucht nach Kräften alle seine Interessen wahrzunehmen, indem es bereitwilligst jederzeit Auskunft erteilt über alle in Frage kommenden Punkte der schriftstellerischen Technik, ihm auch nötigenfalls die Hilfe eines wirksamen Rechtsbeistandes gewährt. Es erstrebt eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage des Schriftstellers, indem es durch bestmögliche Verwertung seiner Arbeiten, durch Belebung, Vereinfachung und Beschleunigung des literarischen Verkehrs die Erwerbsbedingungen für die schriftstellerische Produktion günstiger zu gestalten sucht… Werden wir durch die stetig erhaltene Übersicht über Forderung und Leistung sowie durch Anwendung aller äußerlichen Mittel des schriftstellerischen Erfolges (zum Beispiel Vervielfältigung des Originals, wodurch wir dasselbe an verschiedenen Orten gleichzeitig

– 13 – kleinen Schwebe, einfach und bequem, oder in der großen Schwebe leben wollte. Meine Biographie machte, daß ich das letzte wählte, und ich habe meinen Entschluß bis jetzt noch keinen Augenblick bereut. – Ich weiß, daß ich in bösem Geruch stehe, daß ich mir Haß bei Feinden, Mißverständnis bei Freunden geschaffen habe; es vergeht kein Augenblick, in dem ich nicht dies alles fühlte, aber ich wäre nicht wert zu existieren, wenn ich nicht wüßte, daß es so sein muß, nicht anders sein kann.” 19. März 1904 “Über die Schuster sollte man einmal schreiben. Zuerst natürlich über die drei großen: Böhme, Sachs und Fox. Ich habe als kleiner Junge die Schuster studiert, besonders einen, der uns gegenüber wohnte, Knoop. Bei dem habe ich viele Stunden gesessen und das Merkwürdige erlebt, daß man zum Fenster hinaus in die Höhe gucken muß, wenn man die Straße sehen will, die Menschen also zuerst an den Beinen erkennt, was allein schon in einen revolutionären Gedankenkreis führt. Und dann dies Wunder aller Wunder, die Glaskugel, in die ich hineinblickte, während wir miteinander philosophierten, Herr Knoop und ich, und dies breite Lächeln in dem kleisterbleichen Schustergesicht, wenn ich eine recht tiefsinnige Äußerung gemacht hatte! –”14 Vater erzählte mir neulich, daß auf der Reise nach Schweden, die sein Vater mit ihm als Zwölfjährigem gemacht, die Besteigung des Schiffes in Lübeck sehr eindrucksvoll gewesen wäre. “Des juifs allemands!” sagte ein Maschinenarbeiter zum andern, als die beiden auf Deck spazierten. Und der Vater hatte ein Wort gesprochen, das sehr einfach klingt, aber das Kind tief berührte: “Siehst du, mein Junge, nur dies eine Brett trennt uns von dem ungeheuren Wasserabgrund.” Abschrift eines Briefes meines Vaters an Landauer, 24. März 1904. Da es in der Tat nichts beweist, daß Sie so lange nicht hier waren15, und ich etwas vom reichen Ippelmeyer an mir habe, der so reich ist, daß er sich überhaupt nichts beweisen läßt; da sich aber in allem Menschlichen die Gegenteile beweisen lassen und immer beide Gegenteile bewiesen werden müssen, damit das Menschliche in seiner ganzen Nichtigkeit voll sei – warum beweisen Sie immer nur mit Nichtkommen und nicht auch mit Kommen zu mir? Weil andere zu Ihnen kommen? – Um so eher müssen auch Sie zu mir kommen, da Sie selber sehen, daß die Menschen kommen. So ist also das Kommen das Wirkliche des Menschen, und allein das Wirkliche ist vernünftig; das Nichtkommen ist nichtwirklich und unvernünftig. Ach, Gustav, wenn Einer berufen ist, zum Wirklichen zu kommen, so sind Sie es. Sie wissen es: Wenige sind berufen, die meisten sind “unberufen”!! Und wie habe ich mich gefreut, mit Ihnen zusammenzukommen: und nun, und nun! Sie haben selber gelehrt, daß der Bruno Wille nicht genügt, geschweige denn der bloße Wille ganz allein; womit, nebenbei bemerkt,

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anbieten können, um so schneller eine Entscheidung herbeizuführen) in den Stand gesetzt, die bestmögliche Verwertung der literarischen Produktionen zu beschleunigen, so ist andrerseits unser Bestreben dahin gerichtet, Verlagshandlungen und Redaktionen durch Überweisung von nur durchaus geeigneten Arbeiten zu entlasten.” Die Einrichtung erregte in der Schriftstellerwelt großes Aufsehen und genoß während der Zeit ihres Bestehens besonderes Vertrauen. Ihr wurde 1893 »Der Zuschauer«, »Zeitschrift für Kunst, Literatur und Kritik«, angegliedert, ebenfalls von Constantin Brunner begründet und geleitet. Dieses Blatt betrachteten prominente Persönlichkeiten als freie Tribüne für Vernunft, Recht und Geschmack, und es erfreute sich beim gebildeten Publikum großer Schätzung undAuswüchse Beliebtheit. und Brunner und seine Gesinnungsgenossen zogen Mode darin mit Waffen gegen Exzentrizitäten der damaligen literarischen zu scharfen Felde. Waffen gegen Auswüchse und Exzentrizitäten der damaligen literarischen Mode zu Felde. Vgl. Constantin Brunner, Zum fünfundfünfzigsten Geburtstage, Nord und Süd, August und September 1917. September 1917. Landauer hatte meine Schwester allein im Hause getroffen und zu ihr gesagt, daß er so lange nicht zu meinem Vater gekommen sei, beweise nichts.

– 14 – Schopenhauer gänzlich widerlegt ist. Und was soll ich erst sagen von Ihrem Weibe? Warum verachtet sie mich? und will ein Lied bleiben, das ich niemals singen soll? Ich muß glauben, daß sie mich verachtet wegen meiner Handschrift. Ich weiß nicht, was ich glauben soll – ich habe es nie gewußt, ich bin dumm. Aber mein Weib ist klug und weise und hat sichs erdacht, Sie beide auf die Probe zu stellen. Sie läßt fragen, ob Sie beide morgen, Freitag abend, zu uns kommen wollen! Aha, – nun werden wir sehen, ob Sie kommen, wir werden’s sehen, sage ich. Wenn du noch eine Mutter hast bei dir, so bring sie mit. Wir bitten darum. Wir werden‘s sehen, ob die Mutter mitgebracht wird. Wir bitten auch um eine gleich zu schreibende Antwort und sind und bleiben relativ und absolut mit praktischem Verstande und Geist: sterbliche Ewige. 6. April 1904 Ich sagte: “Ich habe auch den ganz festen Aberglauben, daß du mich im Sommer gesund machen wirst.” “Aberglauben, Kind? Aberglauben haben wir höchstens, – wenn wir ihn denn so nennen wollen – im Verstande, und du bist doch wahrhaftig verständiger als dein Verstand! Aberglauben? Nein, Glauben, Wissen sollte es dir sein. Denn wenn nicht noch ein paar Menschen so viel Urkraft, so viel Selbstproduktivität besäßen, wohin wäre es da mit der Menschheit gekommen? So weit, daß sie in einen Koffer gepackt und dem Teufel oder dem Nichts in den Rachen geschoben werden müßte. Wenn ich dich nicht gesund machen könnte, so dürfte ich ja auch nicht glauben an Christi Wunderkraft, damit er die Kranken heilte, und ich wollte nicht einmal glauben, daß diese Welt nicht existiert. – Freilich heruntergekommen ist das Menschengeschlecht, wäre es das nicht, so liefe man auf die Straßen und gäbe ihnen dort die Wahrheit, und sie würden sie hören. Aber da läge denn die Wahrheit wirklich auf der Gasse – und keiner höbe sie auf.” 7. April 1904 “Die Gedanken sind wie die Schmetterlinge, man muß sie immer erst erhaschen, und hält man sie endlich, so sind sie tot.” 13. April 1904 “Hegel schätze ich als den bedeutendsten deutschen Philosophen. Es ist etwas Großartiges, so eine Ordnung in die Sache gebracht zu haben.” Abschrift eines Briefes meines Vaters an Eduard Bäumer 21. April 1904. Es war sehr hübsch gestern bei euch, – ein Fluchtort, auch für mich, vor dem Feinde und Verfolger Berlin! Dank Brief, den ich vorgefunden habe – wie eine Fortsetzung des Besuches. Und Sie schreiben über diese Lehre, als wär sie ein Fluchtort aus dem verwirrenden und betäubenden Groß-Berlin des Lebens und gemeinen Wissens und eine Sicherung gegen die Gefahr, daß wir mit unsrem wahren Selbst darin verlorengehen. “Gut, gut”16 – das soll sie sein. So ist es nötig, da es nun mit uns auf einen Punkt gekommen, daß mit dem alten Aberglauben, weil er nicht die Wahrheit gewesen, an der Wahrheit überhaupt gezweifelt wird, als gäbe es keine, worüber sie unversehens in den neuen Aberglauben fallen müssen. Denn das Denken des Menschen reicht in allen bis auf einen letzten Grund, worauf die Relativität des Leben-Denkens ruht als auf ihrem Absolutum, und dieser Grund ist entweder der der Wahrheit des Wirklichen, oder der des Aberglaubens. – Kein Mensch kann sein ohne das eine oder das andere. Und wird die Wahrheit des Wirklichen ergriffen, so wird ja eben darum die Wahrheit unsrer Wirklichkeit ergriffen und damit der Friede errungen, den wir suchen. Das meint Ihr Wort, wenn Sie sagen, daß nun der tiefste Grund ihres Seins berührt wurde. Und Sie werden ganz gewiß weiterkommen darin und ganz sicher werden und glücklich: denn jene wunderbare [griech.], jene Rückkehr im innerlichsten Wesen zu uns selbst, vollzieht sich ganz oder gar nicht, kann nicht stehenbleiben auf dem Wege, weil sie keinen lange nicht zu meinem Vater gekommen sei, beweise nichts. 16

“Gut, gut” ist eine stehende Redensart Bäumers, die wir häufig im Scherz zitieren.

– 15 – Weg durchläuft, nicht als Prozeß in der Zeit sich vollzieht wie das Denken des Verstandes. Nur weil sie mit diesem und damit in der Zeit sich bewegt, darum braucht’s Zeit, bis wir mit dem vollen Bewußtsein, welches immer nur in den Formen des praktischen Verstandes vor sich gehen kann, von ihr Besitz haben, was dann vollendet ist, wenn alle Gedanken des Verstandes von ihr durchdrungen und verklärt sind und wir verstehen, daß alle Entzweiung des Denkens nur in unsrem Verstande ist, in uns Verstand ist aber die Relativität und Negation des Denkens, die Verhüllung der Wahrheit, wonach der Verstand in der Einheit des Geistes wohnt. Wenn Schopenhauer nicht mehr Ihr Venerabile ist, weil Sie erkennen, daß sein Prinzip und damit sein ganzes Philosophieren im relativen Denken des Verstandes steht und damit nicht auf die Totalität des Lebens und dessen geht, was mehr ist als unser Leben, – so werden Sie doch deswegen nicht zu einer ungebührlichen Verachtung dieses wahrhaft glänzenden Mannes kommen? Er ist für vieles ein unvergleichlicher Lehrer, wovon einmal mündlich. Es ist da, so wenig wie sonst irgendwo, von einem Urteile in Bausch und Bogen die Rede, wir stehen uns selber am besten, wenn wir einen jeden nach seiner Art gelten lassen, damit auch sein Wert für uns unverloren bleibe. Ach, wenn wir Egoisten, die wir doch im Grunde auch in den andern nur uns selber wollen, unsrer Kritik gegen die andern den Lauf lassen, so bleibt uns bald kein einziger mehr, mit dem wir leben könnten und keiner der andern Egoisten wird mit uns leben wollen. Darum gilt es immer nur in Hinblick auf das Ganze eines Menschen, ob wir dazu ja oder nein sagen können, und wenn ja, – besonders wo es sich um ein wirkliches direktes Miteinanderleben handelt – dann auch ein volles Ja und alle Kritik nach Möglichkeit zurückgedrängt und gemildert, und so können wir, wenn nur jenes Ja, das wir zum Ganzen jenes Menschen gesagt, ein echtes Ja gewesen ist, – denn dann wars Liebe. Das nur immer gegenwärtig halten und danach handeln, sonst fressen die kleinen kritischen Neins unser großes Ja mitsamt dem zu uns gesagten Ja des andern; denn alle Kritik bringt Antikritik (wenn auch zunächst nur solche der Kritik), das ist Streit wer Recht hat, das ist eine Ehe, – vor der sich Eheleute am meisten zu hüten haben. Liebt euch! – das ist nichts gesagt und nichts gewünscht. Das tut ihr oder ihr tut’s nicht. Aber vergeßt nie jenes Ja der Liebe und laßt niemals ein Nein so laut klingen, daß jenes nicht mehr gehört wird, und vergeßt niemals, was ihr euch, wie es auch komme, für ewig und unter allen Umständen dadurch schuldig geworden seid, daß ihr euch geliebt habt und hütet euch vor der Ehe als vor dem Tode der Liebe – – das wär ein Thema zu einer Predigt, – die ihr euch selber als Gardinenpredigt halten könnt. Mutter, ich bin dumm17, und ich habe dummes Zeug geschrieben, vernichten Sie diesen Brief, wenn Sie das nicht schon mit Ihrem Zorn getan haben. Und dabei immer noch keine Antwort auf Ihre Anfrage18. Bestimmen Sie doch selber: Ich bin zu dumm. Überhaupt, ich wollte, ich hätte in meinem Leben nichts mehr zu bestimmen in solchen praktischen Dingen: dazu gehört ja eine ungeheure Konzentration und Pfiffigkeit. Ich muß da immer nur hineinstarren in die totschwarze Indifferenzmitte zwischen den Möglichkeiten. Ich werde immer dümmer – mir wird übel und Fleischmann19 – ich bin ein Millionär an dummen Gedanken. 9. Mai 1904 “Wenn ich böse und erregt bin, so ist das niemals eine primäre sondern stets eine sekundäre Erregung. Im Grunde stehe ich gar nicht, niemals, auf dem Niveau eurer Aufregungen; ich muß mich immer erst besinnen: Aha so, jetzt mußt du erregt sein, denn du mußt das Leben ja mitmachen, dann bin ich es heftiger als ihr, weil ich mit unerbittlicher Logik die Konsequenzen ziehe.” “Von meinen Erlebnissen weiß ich nichts mehr, es ist, als hätte ich gar nichts erlebt; wenigstens ist nie etwas so tief in mich eingedrungen, daß es hätte auf mich wirken können.” 16 Diesgut” undistdas setzte Vater mit unsichreren Worten, er sonstzitieren. spricht, aber “Gut, eineVorige stehende Redensart Bäumers, die wir häufigals im Scherz 17 18 18 19

“Mutter, ich bin dumm” – Vater Unbewußt stellte sichhat vor, Nietzsche hätte imerZustande der rührend. Apathie diese Worte häufig gesprochen. Vater dies erfunden; fand es sehr diese Worte häufig gesprochen. Unbewußt hat Vater dies erfunden; er fand es sehr rührend. Wann Bäumer mit Vater zusammensein könnte. Wann Bäumer mit Vater zusammensein könnte. “Fleischmamm” nannte eine kleine Nichte Bäumers Leibschmerzen.

– 16 – rührend auseinander, als er des Abends mit Mutter und mir im Weinrestaurant bei Aschinger saß, und es überkam ihn selber eine große Herzlichkeit, in der er trotz der RestaurantÖffentlichkeit Mutters Hand in die eine, meine in die andre nahm und fest drückte. Daß er eine glückliche Kindheit gehabt habe, sagt Vater häufig, nur eines habe ihn arg verletzt und zu Tränen gebracht, wenn nämlich, was sehr häufig geschah, die Leute sagten, sein Vater verzärtele ihn. Guten und klugen Frauen dankt Vater seit frühen Jünglingsjahren viel. Seine “alte Freundin Johanna”20 lernte er auf eine so hübsche Art kennen, daß ich hier das wenige niederschreiben will, was er selber mir vor kurzem davon noch zu erzählen wußte. Er saß in Köln in der Gaststube des Wirtshauses, in dem er wohnte und spielte Schach mit der Wirtstochter. Dies wurde, ohne daß er es merkte, von einer Dame mit gütigem und klugem Gesicht beobachtet, die zuweilen in den Gasthof kam, weil sie die armen Wirtsleute mit Geldmitteln unterstützte. Des jungen Mannes Art, mit dem Mädchen umzugehn, wohl auch sein ungewöhnliches Äußeres, gefiel ihr so, daß sie ihn fragte, ob er auch einmal mit ihr zu spielen Lust hätte. Sie spielten miteinander Schach und kamen über allerhand ins Gespräch, sie lud ihn zu sich ein, er kam bald häufig, und es entstand ein sehr schönes und enges Freundschaftsverhältnis aus der Bekanntschaft. Das erste, was sie für ihn tat, war, ihm eine andre Wohnung zu besorgen, da das Wirtshaus durchaus kein passender Aufenthalt für ihn war, was er von sich aus gar nicht bemerkt hatte. Nachher auf der Universität hat er viel Häßliches sehen und hören müssen. Zuerst war er darüber sehr erschrocken, dann aber klug genug einzusehen, daß hier Zimperlichkeit nichts helfen könnte, und so machte er es sich zum Prinzip, die andern in häßlichen und schmutzigen Reden zu überbieten. Er wurde verstanden, und in sehr kurzer Zeit war der Ton seiner Kommilitonen gänzlich verändert. Stets war er der Vergötterte – “Herder” war sein Beiname, wegen seiner feurig strömenden Rede –, im heiligsten Ernst und im drastischen Scherz war er der Leitende. Aller Lärm wurde stumm bei seinem Wort, und die Besseren unter den Kameraden lauschten ihm wie einem gotterleuchteten Prediger. Seiner Freigebigkeit waren in jener Zeit, trotz geringer Mittel, noch nicht so enge Grenzen gezogen wie heute. Sie äußerte sich bei jeder Gelegenheit: war er betrunken, so nahmen ihm die Freunde sogleich das Portemonnaie weg, weil er sonst alles, was er besaß, verschenkt hätte. Einmal ging er im Rausch heim, holte sich einen Maurer von der Straße hinauf in seine Wohnung, gab ihm all seine Kleidung und das letzte Zehnmarkstück des Monats und ließ dann den freudig Erstaunten wieder gehn. Übrigens ist es merkwürdig, was sein in nervöser Hinsicht zarter Körper damals ertragen konnte: Kneiptisch die Nacht hindurch, Arbeitstisch den Tag hindurch. “Ich war ja mal ein halbes Jahr lang besoffen und habe bei alledem gewaltig gearbeitet”, sagt er. Es war nichts Ungewöhnliches bei ihm, um sechs in der Frühe von der Kneipe heimzukommen. Ohne Schlaf dann sofort an den Schreibtisch. Einmal nach einem schweren Gelage gaben ihm, da er heftigen Durst hatte, die Freunde eine Flasche alten Cognac; in der Meinung es sei Wasser, setzte er sie an den Mund, trank sie zur Hälfte aus und fiel natürlich sofort um und in tiefen Schlaf. Seitdem widersteht ihm Cognac. – In späterer Zeit hat er ein halbes Jahr hindurch nur Importen geraucht. Vor seinem Vater hatte er nie ein Geheimnis. Als er sich zum ersten Mal verliebte, teilte er es sogleich dem Vater mit, und der bat, ihm eine Photographie des Mädchens zu schicken, damit er die Nase beurteilen könnte und eine Probe von ihrem Haar. 11. Mai 1904 Als Kind von etwa eineinhalb Jahren war mein Vater so schwer erkrankt, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wurde. Noch ein Mittel wollte der alte Hausarzt Bendix versuchen, das die Krisis herbeiführen sollte. “Wenn nach neuntägiger Bewußtlosigkeit”, sagte er, “das Kind erwacht, ist es gesund.” Mitten in der kalten Winternacht stürzte die Mutter in die Apotheke, um das Mittel zu holen und brach dann ohnmächtig vor Erregung auf der 19 “Fleischmamm” nannte eine kleine Nichte Bäumers Leibschmerzen. 20

Johanna Löwenthal in Köln, Mutter von Frida Mond.

– 17 – Treppe zusammen. Als sie zur Besinnung gekommen, gelobte sie Gott, daß ihr Knabe Rabbiner werden sollte für den Fall, daß er gesund würde. Es kam so, wie der Arzt gesagt hatte: Nach neun Tagen völliger Besinnungslosigkeit erwachte das Kind und wurde gesund. Das erste, was es sagte, war “Bieb haben”. Darunter verstand es, daß es mit seinem kleinen Finger die Augenwimpern der Mutter ganz sacht streichelte, wobei es den Daumen derselben Hand in den Mund gesteckt hielt. Das war als Kind seine liebste Zärtlichkeit. Weiches, Zartes berührt er immer noch gerne. Er war aber überhaupt ein ungemein zärtlicher kleiner Junge.21 Der Vater hütete des Kindes Leben mit Sorglichkeit, ja mit Angst. Er durfte nicht herumlaufen wie die andern Kinder, weil er sich hätte erkälten können, er durfte nicht schwimmen, weil er sich im kalten Wasser den Tod geholt hätte. Für das Zeigen der Zunge bekam er einen Taler, wobei ihm das “Trundeln” die Hauptsache war. Er sammelte eine ganze Masse Taler und sonstige Ersparnisse. Als er sie einmal vorzeigen sollte, waren sie nicht da: Des praktischen Jungen Sparbüchse war ein Mäuseloch unter der Treppe gewesen! Die Beschämung, besonders vor Akiba, dem großen Bruder, wäre entsetzlich gewesen. Machte seine Schulklasse einen Ausflug, so ging der Vater nebenher. Hustete oder nieste der Junge einmal, sogleich wurde er ins Bett gesteckt und mit Spielzeug über die “Krankheit” hinweggetröstet. Eine Folter war das oft angewendete Klistier; “kein Tier, kein Tier!” schrie der Junge, als er noch sehr klein war, wenn das Marterwerkzeug gebracht wurde. Die meisten betrachteten seinen Vater als Sonderling; doch trotzdem und trotz eines gewissen Starrsinns, der ihm bei aller Seelenweichheit anhaftete, war er sehr beliebt. Seinen Verstand hatten Talmudstudium und wissenschaftliche Lektüre fein ausgebildet. Er war erst siebzehn Jahre, als er auf glänzende Weise den Titus Livius ins Hebräische übersetzte. Er reichte die Arbeit seinem Vater (also dem Großvater des meinen), der nahm sie in die Hand, las sie mit innerer Bewunderung, aber äußerlich gleichgültiger Miene durch und warf die Blätter vor den Augen des Jünglings in das Kaminfeuer – damit er nicht stolz würde! Dieser Großvater22 muß eine jedermann imponierende Erscheinung gewesen sein, um die sogar allerhand Mythen gesponnen wurden; so sollen seine großen dunklen Augen Heilkraft besessen haben. Schreckenerregend sollen diese mächtigen Augen auf Fremde gewirkt haben. Trat jemand zu ihm in den Bibliothekssaal, wo er studierend auf sein Buch niederblickte, so war gewöhnlich der eingetretene Gast sprach- und fassungslos, wenn der Rabbi den Blick vom Buche hob. Eine Frau war vor diesem Blick ohnmächtig geworden, er hatte sich daher angewöhnt, die Augen möglichst niedergeschlagen zu halten. Er war Oberrabbiner von Dänemark, Schleswig-Holstein und Hamburg und stand zu dem dänischen Könige in persönlicher Beziehung. Einige wertvolle Handschriften seiner großen Bibliothek wurden nach seinem Tode der Oxforder Bibliothek einverleibt. Ein Mann, dem er eine Wohltat erwiesen, fragte: “Womit kann ich Ihnen das vergelten?” “Tun Sie mir nur nie etwas Böses”, war die Antwort des Menschenkenners. – Natürlich war er die Glorie der Familie; mein Vater galt zunächst nur als der Enkel seines Großvaters. Der Stolz und die vornehme und würdige Haltung dieses Mannes hatten sich auf seine Tochter, “Tante Michael”, vererbt, die zu den reichsten Einwohnern Hamburgs gehörte. Sie stand auf gespanntem Fuße mit ihrem Bruder Moses (dem Vater meines Vaters), weil sie, der die Familienehre etwas Unverletzliches war, ihm seine Mesalliance niemals verzeihen konnte. Er hatte nämlich ein armes Mädchen von einfacher Herkunft geheiratet, dessen Natürlichkeit, Frische und Naivetät ihn angezogen hatten. Das war aber keine Frau für den Sohn des Rabbi Akiba Wertheimer! Ein liebes, unschuldiges Mädchen muß meines Vaters Mutter gewesen sein, noch als alte Frau blickte diese Unschuld aus ihren halb erblindeten Augen. Ihr späterer Mann hatte bei ihren Eltern in oder bei Lübeck zur Miete gewohnt, an dem Betragen des jungen Mädchens Gefallen gewonnen und sie viel später geheiratet. Einen Beweis von ihrer Naivetät gibt diese kleine Geschichte: Es war das Pesachfest bei ihren Eltern unter Beisein 20 desJohanna MietlingsLöwenthal [Duden: veraltet gedungener Knecht] in Köln,für Mutter von Frida Mond. gefeiert worden. Am nächsten Morgen 21

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“Meine Kinderzärtlichkeit war so, daß sich ihr kein Mensch entziehen konnte!” (26. April 1918). April 1918). Rabbi Akiba ben Awigdor Wertheimer, geb. 1778 in Breslau, gest. 1835 in Altona.

– 18 – um fünf Uhr klopfte es schüchtern an die Stubentür des jungen Mannes, und herein trat Rieke, setzte sich mit hochroten Wangen an sein Bett, faltete die Hände und bat im herzlichsten Ton: “Ach, lieber Herr Wertheimer23, tun Sie mir die Liebe und singen mir noch einmal das Chadgadja (das Lied vom Zicklein) vor, es war gestern zu schön!” 24 In der Tat soll der Vater eine weiche und schöne Stimme gehabt haben, die besonders beim Singen jüdischer Gesänge sehr ergreifend wirkte. Sie hat sich auf seinen Sohn vererbt. Vater hat ein ganz entschiedenes Talent zum Vorsänger. Seine Stimme scheint wie für hebräischen Gesang geschaffen. Dazu kommt seine sorgfältige, vornehme Aussprache des Hebräischen (die portugiesische). Ein Kolnidre, von ihm vorgetragen, muß jedem ans Herz gehen. Meines Vaters Mutter also war eine liebe, heitere Person, befähigt, mit lebhafter Phantasie zu erzählen, gleich aufgelegt zu Schalkheit und Scherz wie zu freundlichem, helfendem Dienst und ganz besonders, Streitigkeiten zur Versöhnung zu bringen. Mein Vater, das spätgeborene Kind, war ihr Liebling. Er hat bis an ihr Ende für sie Sorge getragen. Obwohl der Vater kein Geschäftsmann, sondern durchaus Gelehrter war, und den Ladentisch stets Haufen wissenschaftlicher Bücher bedeckten, gedieh das Geschäft recht nett, und eine volle Kasse erfreute oft am Abend die Familie. Eine schreckliche Veränderung aber fand statt, als der junge Akiba plötzlich dem Vater die Zügel aus der Hand nahm, um die Sache “großzügiger” zu führen. Riesige Annoncen wurden in die Zeitungen gesetzt, und der ganze Lagerbestand wurde mit großem Schaden verauktioniert. Mit einem Schlage sah sich die Familie am Bettelstab. Auch die zehntausend Mark, die sich der Vater überspart hatte, waren in die Binsen gegangen. – Mein Vater mag damals zwölf Jahre alt gewesen sein. Natürlich war der Vater ein besonders intimer Kenner der talmudischen und biblischen Literatur. Einstmals besuchte ihn ein Missionar, der alle Mittel anwandte, um ihn zum Christentum zu bekehren. Der Vater holte schließlich eine Bibel, legte sie vor den Missionar auf den Tisch und bat, beliebig Stellen aufzuschlagen und den ersten Satz vorzulesen. Allemal wußte er, zum Staunen des Mannes, das Angefangene fehlerlos fortzusetzen. Als er meinte, genug Proben gegeben zu haben, schlug er das Buch zu und sagte freundlich: “So mein Herr, wenn Sie nun die Bibel so gut kennen wie ich, kommen Sie wieder!” Sein Humor kam besonders Kindern gegenüber in origineller Form zum Ausdruck. “Ich bin ein Menschenfresser”, sagte er einmal zu einem kleinen Jungen, “und zwar verspeise ich nur Militär, nämlich nur die Obersten.” (Die oberen Hälften der Rundstücke!) – Einmal waren zwei Jungen, Ausbünde von Ungezogenheit, bei ihm zu Besuch. Er nahm jeden Knaben an einem Ohr und zog sie schweigend in den Keller, wo eine große Regentonne, mit Wasser gefüllt, stand. Unmerklich stieß er an die Tonne, so daß die Oberfläche schwankte. Er hob die Knaben in die Höhe und ließ sie hineinsehen; sie erblickten in dem zitternden Wasser unbestimmte Bilder. “Wißt ihr, wer da wohnt? Da wohnt der Katzenschneider!” – “Wer ist denn das?” – “Wie, ihr kennt den Katzenschneider nicht?! Na, dann will ich euch von ihm erzählen. Der Katzenschneider ist ein ganz kleines buckliges Männchen; das hat eine Schere, die ist größer als er selbst, und damit schneidet er aus den ungezogenen Kindern Katzen. Ritsch, ratsch, und die Katze ist fertig. Ja, woher dachtet ihr denn, daß all die Katzen kommen?!” – Dieser Mythos soll sehr heilsam auf die beiden Rangen gewirkt haben. Der kleine Leo25 trug einmal eine Jacke, woran dem Vater ein blind aufgesetzter Knopf auffiel. “Der Junge hat die ganze Welt zum besten”, sagte er. – Der Ausdruck hat sich dem Kinde eingeprägt. Akiba26, das älteste der Kinder, war ungewöhnlich begabt. In der Schule wurde er “das Talent” genannt; auch war er so lerneifrig, daß er schon als Knabe Tag und Nacht zu studieren pflegte (vgl. über seine Tagebücher Seite 853f), und es dauerte nicht lange, bis Milchmann und Bäckerjunge in Altona bekannt gemacht hatten, daß der junge Akiba Wertheimer 22 jeden Rabbi Morgen Akibaum benfünf Awigdor Uhr unten Wertheimer, in seiner geb. Stube 1778 am in Schreibtisch Breslau, gest.säße. 1835Im in Altona. Alter von vier 23 Bürgerlicher Name Constantin Brunners. 23 24 Bürgerlicher Name Constantin Brunners. Vgl. »Vom Einsiedler Constantin Brunner« Seite 30. 24 25 Vgl. »Vom Einsiedler Constantin Brunner« Seite 30. Der spätere Constantin Brunner. 25 Der spätere Constantin Brunner. 26 Geb. 1847, gest. 1880.

– 19 – Jahren konnte er bereits fließend im Talmud lesen, er hatte es sich ganz allein beigebracht, indem er die Buchstaben wie Bilder aufgefaßt und die gleichen Bilder zusammengesucht hatte. Einstmals sollte er einem Rabbiner eine Probe seiner Kunst ablegen. Dieser nahm eine schöne große Birne, legte sie auf eine Seite des Buches und sagte: “Die Birne ist dein, wenn du ohne Fehler das Stück vorliest, das sie bedeckt.” “Wird der Stiel mitgerechnet?” fragte der Kleine. Akiba heiratete später eine charaktertüchtige, intelligente Frau und lebte bis zu seinem allzu frühen, durch Schwindsucht erfolgten Tode als ökonomischer Leiter des jüdischen Salomon Heineschen Krankenhauses in Hamburg. Seiner Frau Amalie brachte mein Vater als Jüngling eine zarte schwärmerische Verehrung entgegen; er hat sie bis zu ihrem Tode geschätzt. Am liebsten von seinen Geschwistern war meinem Vater die Schwester Emma, die ihm auch an Alter am nächsten stand, ein sanftes und heiteres Mädchen mit großen dunklen Augen. Sie ist als junge Frau in Amerika gestorben. Sie hat sehr schön mit dem kleinen Leo zu spielen, vor allem auch talentvoll zu schauspielern gewußt. Dabei stellte er sich außerordentlich gewandt und begabt an und spielte besonders seine Mädchenrollen zum Entzücken der ganzen Verwandtschaft. Einmal, ich glaube zur Hochzeit seiner Schwester Marianne, wurde wieder ein Stück aufgeführt, in dem er ein Mädchen gab und seine Rolle mit viel Geschick und Sicherheit durchführte. Zum Schluß aber, als das kleine Mädchen sich die Nase putzen mußte, nahm es unter dem Gelächter der Zuschauer das Röckchen hoch, unter dem die Jungenshosen sichtbar wurden. Bevor er in die Schule kam, wurde er in einen Kindergarten geschickt, der von einem Fräulein Adele geleitet wurde, einem wahrscheinlich hübschen und liebenswürdigen Wesen, denn sie nahm sein Herz so ein, daß, als er später in die unterste Schulklasse eintreten sollte, er immer nur weinte und schrie: “Adele! Adele!” Ein halbes Jahr lang war das leidenschaftliche Kind nicht in der Schule zu halten. Jeden Tag schrie er wieder sein “Adele! Adele!”, und es blieb nichts andres übrig, als daß denn auch täglich Adele vom Kindergarten in die Schule hinüberlief (beide Institute hingen zusammen; sie wurden von einem Fräulein Heyer geleitet) und den Jungen, der auch ihr Liebling war, zu sich in den Kindergarten holte. Dort war er ein großer Held: sehr gewandt im Laufen und Springen, geschickt beim Flechten und andern Handarbeiten, ein guter kleiner Sänger und besonders hervorragend im Aufsagen von Gedichten. – “Adele war meine erste Liebe”, sagt er. Als Erwachsener hat er sich große Mühe gegeben, sie ausfindig zu machen, um sie wiederzusehn und ihr zu danken; da sie sich aber verheiratet hatte, und er nur ihren Mädchennamen wußte (Koopmann), gelang es ihm nicht, was er noch heute bedauert. An der Schule unterrichtete eine sehr kleine und verwachsene Lehrerin (Fräulein de Baer), die er für ein Kind hielt. Da er bemerkte, daß sie den gleichen Heimweg hatte wie er, ging er eines Mittags an sie heran mit der Frage: “Du, Kleine, wollen wir nicht immer zusammen gehen?” Er war auf manchen Gebieten ein glänzender Schüler; seine Aufsätze erregten Bewunderung und wurden stets vom Lehrer vor der ganzen Klasse vorgelesen. Einmal, er war da noch sehr jung, hatte er ein Aufsatzthema, wahrscheinlich einen sprichwörtlichen Gedanken, etwa “Hochmut kommt vor dem Fall” oder dergleichen, in Form einer selbst erfundenen Erzählung behandelt: Ein Soldat rühmt sich vor seinen Kameraden, er könne dreißig Eier auf einmal essen. Seine Prahlerei wird immer dreister, bis die andern verlangen, eine Probe zu sehen. Er tut Butter in eine Pfanne, schlägt dreißig Eier hinein und bäckt sie so lange, bis sie zu einem ganz kleinen steinharten Klümpchen zusammengeballt sind, das er stolz vor den Augen der Freunde hinunterschluckt. Das Klümpchen aber bleibt wie ein Stein in seinem Magen liegen, er wird krank und muß seine Prahlerei mit dem Tode büßen. – Ein andermal war den Knaben die Wahl des Themas überlassen worden. Da schilderte er, wie ein altes heruntergekommenes Pferd neben einem jüngeren zu Konstantinopel im Stalle steht, und wie das alte dem jungen Gefährten seine Lebensgeschichte erzählt. Es stammte ab von dem Hengst, der Mohammed auf der Hedschra getragen. Der Sultan hatte es darum stets in besonderen Ehren gehalten und nur an Feiertagen geritten. Aber es war auch in einer Schlacht gewesen. Bei dieser Schilderung hatte der Junge sich soviel wie möglich in die Vorstellungswelt des

dieser Schilderung hatte der Junge sich soviel wie möglich in die Vorstellungswelt des – 20 – Pferdes zu versetzen gesucht. Und so läßt er dem Tiere den Kampf der feindlichen Heere als ein großes Ballspiel erscheinen; die Menschen hätten einander Bälle zugeworfen und beim Fangen solche Freude gehabt, daß sie die Bälle umarmten und damit in die Höhe sprangen; darauf wären sie in den Sand niedergefallen. Weiter erzählt das alte Pferd dem jungen, daß es den alten Sultan am Krönungstage getragen. Als es zu Jahren gekommen, hatte der Sultan es seinem Wesir geschenkt. Noch älter und endlich unbrauchbar geworden, wurde es vom Wesir verkauft, kam erst in eine Tretmühle und stand nun da als Karrengaul im Stall. Die Erzählung schließt mit der letzten traurigen Betrachtung. Da ertönt draußen Trompetenschall – der junge Sultan wird gekrönt –, noch einmal richtet sich das alte Pferd in die Höhe, seine Ohren spitzen sich, die Augen leuchten, dann sinkt es tot zusammen. Dieser Aufsatz füllte mehrere Hefte, und der Lehrer verwandte eine ganze Stunde darauf, ihn der Klasse vorzulesen. Bei den Lehrern war der Knabe sehr beliebt. Sie gingen mit ihm spazieren, besuchten ihn, wenn er im Bette lag, was, wie gesagt, sehr häufig vorkam und brachten ihm Spielzeug und Bonbons mit. Besonderes Interesse widmete ihm ein Lehrer Namens Bräuning, dem Vater große Anhänglichkeit bewahrt hat. Dessen Liebenswürdigkeit ging so weit, daß er bei Klassenausflügen, wo der Junge an dem allgemeinen Essen aus rituellen Gründen nicht teilnahm, aus eigner Tasche solche Sachen für ihn kaufte, die er unbedenklich essen konnte. Des Kindes liebste Vergnügungen bestanden darin, am Hafen zu spielen, wo er den Matrosen, die ihn kannten, die Taue abnahm und sie um die Pflöcke wickelte, und außerdem der Waschfrau seiner Mutter Kotzebue vorzulesen. Sein Vater besaß eine Unzahl Bände mit Kotzebues dramatischen Werken, die das Kind alle hintereinander und manche in häufiger Wiederholung seiner Zuhörerin vorlas. Er las sehr lebendig, wenn auch manchmal etwas Unverstandenes und nicht ganz Korrektes mit unterlief, wie zum Beispiel, daß er Jahre hindurch wiederholte: “Herr von Langsam, ein Lan-dedel-mann”, ohne je darüber nachzudenken, was für ein Wesen ein “Lan-dedel-mann” wohl sein möchte. In diesen Jugenderinnerungen wurzelt sicherlich mit die Vorliebe, die er noch jetzt für Kotzebue hegt. Das eigentliche Spiel indessen war das Soldatenspiel, das äußerlich auf zahme Weise, aber im Innern mit “Schlachtenglut und einem großen Gefühl von Helden- und Erlösertum” ausgeführt wurde. (Vgl. »Der Judenhaß und die Juden«) Die Heere bestanden aus unzähligen, auf das sorgfältigste ausgeschnittenen Papiersoldaten, die alle auf dem langen Tische in der Diele richtig aufzubauen allein schon viel Zeit und Mühe erforderte. Helfen durfte niemand, er spielte Krieg immer allein und möglichst unbeobachtet. Auf jeder Seite schoß eine Kanone Erbsen. Große Trauer verursachte ihm, wenn ein Soldat beim Umfallen Schaden erlitt; besonders brach leicht die Bajonettespitze ab – das war schlimm, denn es waren ja seine lieben Soldaten! Auf diese Weise hat das Kind besonders die Schlachten seines Königs Friedrich nachgespielt, Verzweiflung und Triumph gleichermaßen nachgelebt. Auch Seeschlachten wurden geliefert: Kleine selbstgemachte Papierschiffchen mit weißen Perlen stellten die deutsche, solche mit blauen Glasperlen gefüllte die französische Flotte vor. Die Schiffe wurden im Atlas auf dem atlantischen Meere aufgestellt und gegeneinander gestoßen. Die Partei, welche beim Zusammenstoß die meisten Perlen verlor, war unterlegen. Eine Niederlage der Deutschen kränkte ihn tief, und er griff wohl auch ein bißchen dem Geschick unter die Arme. Besondere Anerkennung erwarb sich der Junge mit großen Schiffen, die er aus Holz und Pappe sehr genau verfertigte. Ein solches Schiff kostete wochenlange Arbeit, war dann aber reich an präzis ausgeführten Einzelheiten. Zum Fahren auf dem Wasser waren diese Schiffe nicht bestimmt, dazu wären sie ihm viel zu schade gewesen. Je bewußter das Kind wurde, eine um so größere Stelle begann die Religion in ihm einzunehmen, bis sie schließlich der Mittelpunkt seines ganzen Fühlens und Denkens ward. Erzogen nur in jüdischer Wissenschaft, nicht geradezu religiös, leitete ihn eigene Frömmigkeit dahin, die religiösen Gesetze, Gebote und Verbote aufs strengste zu beachten. Lieber hätte er den Tod erleiden als auch nur ein einziges Mal gegen Gottes Wort sich versündigen mögen. Im Elternhause wurde ein sogenannter streng ritueller Haushalt geführt, dem ängstlich treuen Glauben des Kindes aber längst nicht streng genug. Vor Tagesanbruch stand der körperlich zarte Knabe auf, um in die Synagoge zu gehen, die er dreimal täglich besuchte. Kein Schluck Wasser kam über seine Lippen, ehe sie den Segen darüber gesprochen hatten. Ich kann nicht

Wasser kam über seine Lippen, ehe sie den Segen darüber gesprochen hatten. Ich kann nicht – 21 – viel davon erzählen, weil er selber nur wenig erinnert – wie von allem Tatsächlichen seines Lebens –, nur die Stimmung jener Jahre mag ihm noch lebendig sein. – Allmählich wurde der Gedanke an den Teufel mächtig in ihm, und er beschloß, sich Gewißheit über des Teufels Existenz zu verschaffen. In seiner Stube zog er Kreise und Zeichen (er kannte sie aus den Faustbüchern) und sprach furchtbare Beschwörungsformeln. Er erwartete zitternd und völlig entrückt, nun würde das Ungeheuer erscheinen, ihn bei der Kehle packen und stracks mit ihm in die Hölle hinabfahren. Aber er mußte um jeden Preis mit den Kräften des Jenseits in eine fühlbare Verbindung treten! Der Teufel blieb aus – und damit war dann vieles endgültig abgetan. In Köln, wo er das Rabbinatsseminar besuchte, vollendete sich sein Freiwerden von Religion; er studierte nacheinander so ziemlich alle Religionen aller Völker durch, um die beste herauszufinden. Von den Jünglingsjahren kann ich leider nicht ausführlicher berichten als von der Kindheit. “Ich habe keine Biographie, nur eine Ideographie”, sagt Vater. Er besitzt kein Gedächtnis für die äußere Form seines Lebens; nur weniges hat sich der Erinnerung eingeprägt. Das jedoch weiß ich, daß er an verschiedenen Orten des Mittelrheins schöne Wochen und Monate verlebt hat. Eine Zeitlang wohnte er in Ober-Dollendorf am Fuße des Siebengebirges. Da blickte er von seiner Wohnung auf den Petersberg, und in sein Fenster reichte eine Linde die Zweige hinein, daß es war “wie in einem Vogelnest”. Er zog dann in die Nähe dieses Ortes nach der “Sülz” (der Name ist, wie er sagt, das verdorbene Wort Solitude), dicht beim Kloster von Heisterbach, zu liebenswürdigen Leuten, die zwei Töchter hatten, von denen die eine sehr schön war, Amanda hieß und für den jungen Studenten eine lebhafte Zuneigung empfand, ja ihn wohl in ihrem Herzen dem Bauernsohn, mit dem sie verlobt war, vorzog.27 Viele Sommer hat mein Vater in Wiesbaden zugebracht, meist mit Frida Mond oder ihrer Mutter zusammen. Ich glaube, auf dem Leberberg hat er dort oft gewohnt. Ich weiß nicht, ob dies die Zeit war, als er in Freiburg studierte oder früher oder später. In Freiburg hat er das ungebundenste, ausgelassenste Studentenleben geführt, tolle Streiche gemacht, gelacht, getrunken, geliebt, gedichtet, gearbeitet. Einmal ist er im Rausch mit einem Kameraden auf ein vorspringendes kleines Pappdach geklettert – es gibt einen Knall, und eine erstaunte Köchin im Parterre sieht zwei Paar Beine in ihre Kochtöpfe hängen. Die Pappe des Daches war natürlich gebrochen, unten lag die Küche, die beiden Studenten waren ganz gemütlich auf den Herd heruntergeplumpst und amüsierten sich über das Gesicht der Köchin. “Der Kopf” und “das Lamm” waren die Stammrestaurants. In einem von beiden hieß der Wirt Levy Nathan, wurde aber von Vater Leviathan getauft. War das Beefsteak hart, so deklamierte er mit Emphase diesem Wirte vor: “O schmölze doch dies allzu feste Fleisch!” Ein andermal, bei schlechtem Beefsteak mit Reis: “Nicht Roß, nicht Reis – i geh!” Sehr drollig verstand er es, sich mit dem ernstesten und harmlosesten Gesicht von der Welt an der abnormen Dummheit eines Kameraden zu ergötzen und die ganze Korona damit zu amüsieren. “Wo schläft eigentlich Ihr Hund?” fragte Priebatsch eines Tages. “Ach sehen Sie, da wechsle ich ab”, war die Antwort: “Eine Nacht schlafe ich im Bett und der Hund auf dem Sofa, und dann wieder schläft der Hund auf dem Sofa und ich im Bett, und die nächste Nacht wieder schlafe ich im Bett und der Hund auf dem Sofa” usf. in infinitum. “Aber möögen Sie denn das?” “Gott, sehn Sie, wie gesagt, ich wechsle ja ab, denn dann schlafe ich ja wieder im Bett und der Hund auf dem Sofa” usw. zum Gaudium der Kommilitonen. Dieser Hund, ein sogenannter schweizer Fuchs, Hektor, genannt Heck, war in Freiburg dasjenige Wesen, an das sich mein Vater am innigsten anschloß, kein schöner Hund, aber klug und “charaktervoll”, mit ganz besonderem Verständnis für die Eigenart seines Herrn. Heck mußte später in Hamburg erschossen werden, weil er zu altersschwach und krank war, um ohne Qualen weiterleben zu können. Vater hat mir vor Jahren erzählt, wie er an dem Tage, der seines Hundes Todestag werden sollte, mit Otto Ernst hinausgefahren ist in die Anstalt, in die er das Tier zur Heilung oder Linderung gebracht hatte, wie der Hund herangekrochen, ihn mit seinem schwachen Wedeln zu begrüßen und ihm die Hände zu lecken, wie er dann hinausgetragen wurde, und bald darauf der Schuß knallte. – Nur seines Vaters Tod ist ihm nähergegangen. 26 Geb. 1847, gest. 1880. 27

Über das Leben auf der Sülz vgl. Seite 265f.

– 22 – In Freiburg war er häufiger Gast der Familie Borchardt. Die eine Tochter, jung und hübsch aber geistig nicht lebendig, hat seiner »Elwine«28 den Namen gegeben; die ältere, sehr unglückliche Regina, von ihrem Witz und Naturell. Seine zarteste Freundin dort war Lucia S.[Sachs?], Frau eines Hauptmanns, der sich, glaube ich, in Asien aufhielt. Sie muß ein duftiges, opheliahaftes Geschöpf gewesen sein. Herzlich befreundet war Vater mit dem Rabbiner dort, Lewin. 12. Mai 1904 “An Kotzebue lebe ich meine Liebe zu den Philistern – soweit ich überhaupt welche habe –, und darum liebe ich ihn.” 13. Mai 1904 Aus einem Gespräche mit Frau Landauer: “Die Anarchisten sind die Aristokraten unter den Menschen, aber wo wollen sie die Aristokraten zum Anarchismus hernehmen? – Übrigens ist Ihr Mann auf ganz andrem Wege zum Anarchismus gekommen wie die andern alle; die sind von außen her, durch die sozialen Mißstände, die Mitleid in ihnen weckten, dazu getrieben worden, Ihres Mannes Anarchismus dagegen wächst tiefer aus seinem Innern heraus; er ist eigentlich nur eine Form für seine Mystik. Diesen geistigen Inhalt, den ich darum bei ihm überall spüre, vermisse ich zum Beispiel bei Krapotkin, dessen Memoiren ich letzthin las.” 14. Mai 1904 “Einen Bildhauer haben wir gehabt, Michelangelo, und der war ein Barbar. Da siehst du es nun, daß wir Barbarenvölker sind.” “Und vielleicht ist es mit unsrem Dichter, mit Shakespeare, ebenso”, sagte ich. “Ja gewiß, genauso.” “Sehnsucht ist freilich töricht, aber ganz anders steht es um den Schmerz über Verlorenes. Das war da, das gehörte zu meinem Leben; geradeso könntest du mir Herz oder Lunge herausnehmen und verlangen, daß ich weiter existieren sollte. Keine Philosophie vermag den Schmerz um den Tod eines geliebten Wesens aufzuheben.” “Nein, weil der Kummer im praktischen Verstande ist und also bei der Geschiedenheit der Sphären Trost aus dem Geiste nicht empfangen kann, ‘Trost’ ist überhaupt schon ein Ausdruck des praktischen Verstandes.” “Gewiß, daher. Den praktischen Verstand aber leben wir, also gibt es keine Hilfe gegen seine Leiden, und wir müssen sie als bestehend anerkennen.” “Also hat Schopenhauer recht, wenn ihm der Schmerz etwas Reales ist?” “Freilich hat er das, nur braucht man darum nicht wie er, Pessimist zu werden.” “Ist es aber da nicht in der Tat das Weiseste und Gebotenste, von vornherein auf des Lebens Freuden und Schmerzen und schwankendes Glück zu verzichten und als Einsamer seinem geistigen Wesen allein zu leben? Und warum hast du das nicht gewählt? Ich habe darüber manchmal schon gedacht.” “Das Weiseste ist es ganz gewiß, und ich hätte so gelebt[ – ]zwar nicht in der wirklichen Wüste, aber als Einsiedler, wie Spinoza als Einsiedler unter den Menschen gelebt und mit ihnen in Verkehr gestanden hat –, wenn nicht meine Biographie es anders gewollt hätte. Die aber hat Anforderungen an mich gestellt, die ich nach der Notwendigkeit meiner Natur erfüllen mußte. Andern wäre das ein Opfer gewesen – so edel war bei mir die Sache nicht, ich habe ohne Kampf gewählt, wie ich immer tue, wenn ich mich entscheide und habe noch in keinem Augenblick Reue gefühlt, das weißt du. Im übrigen ist mir für mein Schaffen die Berührung mit Menschen gut: Ich bedarf dieses Stachels. Und dann auch habe ich immer ein wenig auf meinen Stern getraut, daß der es nicht allzu schlecht mit mir meinen könne.” (Quintessenz eines Gesprächs, das Vater und ich beim Kaffeetrinken in Halensee führten, in der Veranda eines großen Restaurantgartens.) 27

Über das Leben auf der Sülz vgl. Seite 265f.

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Lustspiel.

– 23 – 16. Mai 1904 “Ich lebe in einer Zeit, in der man nur als Schriftsteller wirken kann, und doch ist dieser Weg, wenigstens dieser Weg allein, mir nicht natürlich. Darum müßte ich einen, wenn auch kleinen Kreis von Menschen – acht oder zehn zuverlässige Leute – um mich haben, zu denen ich sprechen könnte und in denen meine Lehre fest ruhte. Wenn mein erster Band heraus ist, findet sich vielleicht von selbst so eine kleine Gesellschaft zusammen, die ich nicht leiten würde, die ich aber von Zeit zu Zeit besuchen möchte, um zu sprechen und einige von meinen kleinen und doch so wesentlichen Schriften, die erst nach meinem Tode erscheinen werden, dort vorzulesen. Ich kann dabei nur auf die junge Generation rechnen, die jetzige halte ich für unrettbar verloren mit ihren nichtsigen, widerspruchsvollen Idealen – junge Leute, die den großen Ernst besitzen, die suche ich. Natürlich würde ich auch Frauen in meine Gemeinde aufnehmen.” 17. Mai 1904 “Ich sage es nicht jetzt in dieser unsrer Zeit, aber wahr ist es trotzdem, daß man ein herrlicher, in meiner Bedeutung ‘geistiger’ Mensch sein kann ohne allen Sinn für Natur.” “Und auch ohne Sinn für Kunst, der doch wohl mit dem Natursinn zusammenhängt?” “Jawohl, das meine ich.” 27. Mai 1904 “Zuerst wird der Mensch ein wenig enterdigt (als Kind), dann allmählich vererdigt er, und zum Schluß wird er beerdigt.” 4. Juni 1904 “Wenn jemand ganz trostlos dasteht, so muß man ihm ein schmetterndes Wort ohne Rücksicht in sein Leben hineinschleudern – hilft das nicht, so hilft nichts.” 5. Juni 1904 “Mein ganzer Abschnitt ‘Allgemeines’ ist eine große Predigt. Eine Predigt tut einmal wieder not, jetzt, wo niemand mehr predigt außer vielleicht noch Ibsen; aber der kritisiert nur, der weist keine neuen Wege.” 10. Juni 1904 Vater weiß von Botanik so gut wie nichts und sagt zuweilen im Scherz: “Ich kann nur Petersilie und Zedern vom Libanon unterscheiden und das auch nur, wenn sie in der Suppe liegen.” 28. Juni 1904 Ich sagte, daß ich mir seine Handlungsweise damals, als er Mutters Leben in seine Hand nahm,29 als etwas Besonderes vorstellte. – “Es ist jedenfalls das Bedeutendste an Klugheit, was ich überhaupt geleistet habe”, antwortete er mir. “Ich zeige nicht nur den Menschen, wie du meinst, ein klares Bild ihrer eignen Seele, sondern es ist, als hätte ich sie gemacht, wie sie sind, als wäre ich ihr Schöpfer und Herr, dem sie zu Willen sein müssen zu ihrem eigenen Besten; ich wirke suggestiv auf sie. Bis jetzt ist mir noch keiner begegnet, bei dem ich das Gefühl gehabt hätte: über den bin ich nicht mächtig.” 13. Juli 1904 Als Vater von Großpapas30 Beerdigung zurückkam, fragte ich sogleich nach der Rede des Rabbiners, weil ich weiß, wie er sich über derartiges unter Umständen ärgert und aufregt. “Nein, es war sehr gut”, sagte er, “fast so gut, als hätte er gar nicht gesprochen.” 28 29 29 30

16. Juli 1904 Lustspiel. Meine Mutter war verheiratet mit Georg Müller, einem Großvetter Constantin Brunners. Meine Mutter war verheiratet mit Georg Müller, einem Großvetter Constantin Brunners. Vater meiner Mutter.

– 24 – “Vom politischen Leben würde ich die Frauen ausschließen, vom kommunalen keineswegs.” 1. September 1904 “Man hält oft ein Wasser, dessen Oberfläche unruhig ist, für tief, weil man den Grund nicht sehen kann. Auf diese Weise wird manch einer überschätzt, zum Beispiel gegenwärtig Novalis, dessen schönes Wollen freilich auch nicht unterschätzt werden darf.” “Dieser Krieg zwischen Rußland und Japan gehört zu den ganz bedeutenden Kriegen. Gewinnt Japan, so ist die Folge eine völlig veränderte Weltlage, weil dann nach langer Zeit zum ersten Male der Orient wieder ein Wort mitredet. Die Japaner sind ein herrliches, kluges Volk; sie sind die asiatischen Engländer. Mir persönlich allerdings nicht sympathisch.” “Mut ist ein ganz unsinniger Begriff. Wenn ich den Kampf mit einem Stärkeren aufnehme, bin ich im Grunde nicht mutig zu nennen, so wenig, wie wenn ich mich mit einem Elefanten messen wollte. Ich würde immer feige sein, aus Klugheit, solang ich könnte; hilft aber die Feigheit nicht mehr, dann tapfer bis aufs letzte Tröpfchen Blut; dann schön untergehn, wenn doch untergegangen sein soll. – Übrigens besteht die Tapferkeit, die ich beständig übe, in meinem absoluten Verzichten auf äußerliche Karriere und Anerkennung.” “Bäumer ist von allen meinen Freunden derjenige, welcher meine Lehre am besten versteht, der mich in manchen Punkten schärfer erfaßt, als ich mich selbst erfasse, weil er bei allem sofort die ganze praktische Bedeutung einsieht. Niemals übergeht er etwas Wesentliches, niemals redet er wertloses Geschwätz; er bezieht jedes auf den Einen wirklichen Mittelpunkt, den er nicht aus dem Auge läßt. Einen tüchtigeren Versteher als ihn kann ich mir nicht wünschen. Was ich noch besonders an ihm schätze, ist, daß ich nicht den kleinsten Unterschlupf des Aberglaubens in ihm entdeckt habe; sogar von Moralkritik ist er völlig frei.” “Geisler31 ist von meinen Freunden der einzige, der etwas Großartiges besitzt. Er ist der stärkste Mensch, den ich kenne und einer, der in jedem Augenblicke lebt, was er ist und als ein großer Dichter lebt. Was er spricht, wird zum plastischen Kunstwerk und welche Liebenswürdigkeit und Feinheit des Umganges! Fein und dabei so wundervoll grob, wenn es dazu kommt. Und was für ein Charakter!, der leider gar zu selten Gelegenheit hat, sich in seiner ganzen Prächtigkeit zu entfalten.” Auch später betonte Vater häufiger, daß Geisler für ihn der Künstler sei, und daß er in dieser Hinsicht viel von ihm gelernt habe. “Als Lebensregel würde ich einem jungen Menschen mitgeben: Pflege deinen Leib, verbessere deinen Verstand (darin ist einbegriffen: bilde dich in den Wissen schaften aus), sieh zu, ob du noch mehr besitzest als Verstand, und findest du mehr, so untersuche, ob es ist: Analogon oder Geist.” “Ich möchte nicht dauernd in einem Lande leben, in dem nicht deutsch gesprochen wird; allein das Schwedische wäre mir nicht unangenehm, weil es wie ein schöner Dialekt des Deutschen ist, und dann hat das ganze Leben der Schweden etwas so Gebildetes, Urbanes. Am wenigsten könnte ich französisch um mich herum hören, weil ich die Sprache gar nicht mag, weil sie mir so nichtsig ist wie die französische Literatur, von der ich dir alles schenken will bis auf den Rabelais, Diderot und ein wenig von Helvetius. Freilich ist auch Molière ein großer Mann, aber du wirst begreifen, wenn ich ihn mit Ibsen zusammenstelle – beide sind große Zeitmenschen. Auf ähnliche Weise möchte ich Zola mit Schiller vergleichen.” 4. September 1904 Jemand äußerte Mitleid mit den Russen. – “Weil die Russen mir leid tun”, sagte Vater, “darum tun sie mir nicht leid. Weil ich weiß, daß nur eine völlige Niederlage ihre Erhebung 30 Vater meiner Mutter. 31

Paul Geisler, Komponist, Dirigent und Musikkritiker.

– 25 – herbeiführen kann. Jetzt wird ein frischer Luftzug in Rußland hineinblasen, und allmählich werden die Augen des Volkes sich öffnen und erkennen, daß Väterchen und Gott nicht allmächtig sind. Dann wird die Zeit für Rußlands Revolution und Befreiung gekommen sein. Die paar Nihilisten von heut und gestern können nichts wirken, die gehn gegen das Einzelne und nicht gegen das Ganze; das Volk muß es vollbringen. Wäre es reifer, es hätte jetzt diesen Krieg mit Japan als günstige Gelegenheit aufgegriffen und hätte Rußland zur Republik gemacht. Dann wäre das republikanische Heer auch der Japaner mächtig geworden, weil mit ihm die Idee und mit der Idee der Mut gewesen wäre.” “In der Geschichte läßt sich ‘Glück’ korrigieren, nicht im Leben des einzelnen; denn der stirbt darüber hinweg.” 8. September 1904 “Wenn jemand einen logischen Fehler hat und deswegen reinfällt, bleibe ich völlig kalt dabei; denn das ist Weltordnung, mit der ich mich ganz eins fühle.” 9. September 1904 “Es ist mir lieb, daß ich an Baer, Wiegand und Virchow unter den Empirikern eine so tüchtige Stütze gegen den Darwinismus gefunden habe, gegen den ich den ersten großen Schlag zu führen glaube. Darwin halte ich allerdings für einen großartigen Mann, seine Hypothese aber für ganz blödsinnig.” 11. September 1904 “Ich glaube, Eckermann hat gar nicht existiert. Eckermann ist das Gedächtnis von Goethe.” “Bettina ist der Gassenjunge, der sich an die Kutsche des Reichen hängt, wohl wissend, daß er sonst nicht solch eine weite Strecke vorankommen wird.” 18. September 1904 “Ich halte Heine nicht für einen ganz großen Dichter in meinem Sinne, aber als Politiker war er geradezu ein Prophet.” 29. September 1904 “Wertsein heißt: etwas Nützliches leisten. Ein Mensch ist um so wertvoller, je mehr er Nützliches leistet. Wer nichts Nützliches leistet, ist ein Vagabund. Wer Schädliches leistet, ein Verbrecher.” 3. Oktober 1904 “Ich habe wieder einmal Heines Traumbilder gelesen, und ich alter Kerl habe mich dabei ganz jugendlich gefühlt und so wundervoll unreif.” 12. Oktober 1904 “Die Anarchisten erkennen, daß die Gesellschaft anarchisch ist und wollen sie zum [An]Archismus führen. Dies ist die Meinung der wahren Anarchisten; die kleinen und niedrigen aber wenden sich gegen die Gesellschaft, weil sie von ihr ausgestoßen worden sind. Schlimm ist es, daß die edlen Anarchisten der unedlen bedürfen; ganz gewiß aber weiß der bessere, daß er sich des niedrigen nur als eines Werkzeuges bedient. Er verbirgt ihm seine eigentlichen Absichten, weil der andre nicht fähig ist, sie zu fassen; er betrügt ihn sogar, um ihn gebrauchen zu können. Diesen Abstand zwischen dem wahren und dem falschen Anarchisten fühlt auch Kropotkin (von dem vorher die Rede gewesen war), der, wenn auch keine wirklich große Natur, doch vornehm genug ist, um tiefer zu sein als das, was er weiß und das, was er spricht. Wissen Sie, wer mein Anarchist ist? Simson. Lesen Sie’s einmal nach in der Bibel und geben Sie mir Bescheid, ob ich nicht recht habe und sagen Sie, ob man ihn überhaupt anders

geben Sie mir Bescheid, ob ich nicht recht habe und sagen Sie, ob man ihn überhaupt anders – 26 – auffassen könne als so. Der Mann, der hinunterging, sich die Hure zu holen, wenngleich auch seine Eltern nein sagten, der den Löwen zerriß wie ein Ziegenböcklein, der tausend Philister schlug mit eines Esels Kinnbacken und der endlich im Sterben noch dreitausend Mann mit sich riß, daß es heißt: es waren der Toten mehr, die in seinem Tode starben, denn die bei seinem Leben starben – das ist mein Held. Laßt uns, wie er getan, Füchse mit brennenden Schwänzen über die Felder der Philister jagen!” 15. Dezember 1904 “Nietzsche ist der Philister der Zukunft.” 29. Dezember 1904 Vater las mir den ersten seiner Vorträge über das Judentum32 vor. Er fand, daß er vieles davon noch benutzen könnte, weil sein Standpunkt im wesentlichen noch derselbe sei wie damals. Er erzählte mir, daß sein Publikum, als er diesen ersten Vortrag hielt, ein ganz kleines, beim zweiten schon ein ungeheures gewesen sei. “Die Wirkung war kolossal, geweint und gezittert haben die Zuhörer.” “Wenn meine Lehre sich nicht an allen Ecken mit der Zeit berührte – freilich muß sie wiederum über die Zeit hinausgehn –, so wäre sie nichts wert, denn sie wäre kein Leben. Aber die Zeit hat, bis jetzt wenigstens, mich schlecht genug behandelt. In einigem zwar meint sie es gut mit mir, da jedoch, wo es am meisten not täte, leistet sie mir nichts! Hat sie mir doch nicht einen Menschen geschickt, der mich fördern könnte. Lauter kleinliche Menschen schickt sie mir, Knüppel in den Weg, an denen ich mich ärgern muß. Ärgere ich mich im großen – wie zum Beispiel über einen wie Nietzsche –, da geht’s schon, denn das ist mir gesund, weil ich mir Wut zum Schaffen anärgere. Aber alle, die mir begegnen, stellen sich vor mich hin wie die Stiere, glotzen mich drei Tage lang an, reißen mir einen Fetzen ab, rennen weg und machen dann etwas Herrliches aus dem Fetzen, das alles sein mag, nur nicht meines und nicht ihres.” 31. Dezember 1904 “Ein gewaltigeres Gedicht als den Psalm: ‘An den Wassern Babels saßen wir und weinten’ gibt es in der ganzen Weltliteratur nicht.” 18. Januar 1905 Gestern hörten wir im Architektenhause Otto Ernst seine schöne, wahrhaft poetische Symphonie Über das Meer lesen. Vater war sehr glücklich, ihn endlich einmal aus echter Bewunderung heraus loben zu können. Das war ihm lang entbehrte Freude, denn er lobt gern und gibt seiner Anerkennung mit großer Hingabe und Innigkeit Ausdruck. 30. Januar 1905 Diesen Brief schrieb Vater heute an den Arzt Leopold Neustadt in Lissa: Gemeiner Polde, Roschewenski, Russischer Zar ohne jegliches Rachmonis mit Tempelhof, Dorfstraße 4133! Hast du gar kein Herz im Leibe? hast du kein Gefühl in deinem Herzen? hast du keine Tinte für dein Gefühl und deine Teilnahme an Tempelhof, Dorfstr. 41? Ai wai! mir werd slacht34 in Tempelhof, Dorfstr. 41; ich rufe nach einem Arzte in Lissa! 3. Februar 1905 “Niemand, kein Lukian und kein anderer hat von den Göttern mit so feinem Spotte zu sprechen gewußt wie Homer. Es wäre leicht, einmal die Stellen zu suchen, aus deren Zusammenstellung man ein klares Bild seiner Auffassung von den Göttern gewinnen könnte.” 31 Paul Geisler, Komponist, Dirigent und Musikkritiker. 32 Aus der frühen Hamburger Zeit. Nicht erhalten. 32 33 Aus der frühen Hamburger Zeit. Nicht erhalten. Dort wohnten wir. 33 Dort wohnten wir. 34 Anspielung!

– 27 – 8. Februar 1905 “Die Artigkeit der meisten Kinder ist nichts als Affenartigkeit.” “Wie doch alles unnütz ist, wenn die rechte Anlage fehlt. Was hätte ich bei meinem Vater, der so fein Sprachen kannte und so fein im Spiel sie zu lehren verstand, alles lernen können, wenn ich eben gekonnt hätte. Selbst im Hebräischen weiß ich verhältnismäßig wenig.” 28. Februar 1905 “Die Flut der alltäglichen Gedanken stürzt über uns hinweg und droht, alles in uns zu verschlingen. Darum muß man stark denken. Einen Gedanken denken und ihn stark denken ist ein gewaltiger Unterschied. Die meisten Menschen sind so dumm, daß sie selbst in ihrer mächtigsten Leidenschaft, ja in der Raserei der Leidenschaft, höchstens einen gesteigerten Ausdruck finden, aber nicht denken. Die Menschen sind zu dumm für sich und für das Leben, denn das Leben ist nicht dumm, ist sogar furchtbar klug.” “Wenn nicht mein Werk alle meine Kräfte absorbierte, würde ich mehr auf mein Leben vewenden und nicht so wie ein Philister leben, so langweilig in einer Linie, sondern die Linie würde ich mit Zieraten schmücken.” 3. März 1905 “Ein großer prophetischer Zug geht durch alles, was die Juden gesagt haben und ist heute noch nicht erloschen. Heine hat ihn, unsre jüdischen Politiker, vor allem Lassalle, haben ihn. Man fühlt, dahinter steckt eine starke, leidenschaftliche Besinnung, dem wohnt eine Überzeugungskraft inne, die geradeswegs aus der Natur, nicht aus Beweisgründen, entspringt. Ohne fortgerissen zu werden, kann keiner lauschen; er mag nachher weggehn und nichts davon wissen wollen, aber für den Augenblick kann er sich der machtvollen Wirkung nicht entziehn.” 6. April 1905 Vater sagte heute im Scherz, als er von Mutterrecht redete, daß wir noch in unsrem Sprechen den Unterschied zwischen Vaterrecht und Mutterrecht machten, “denn, wir sagen Vaterland und Muttersprache, weil die Mutter immer mehr spricht als der Vater, und weil es ganz unmöglich wäre zu singen: ‘Lieb Mutterland magst ruhig sein.’” 30. April 1905 “Für einen ganz unbedeutenden Mann ist mir selbst die dümmste Frau zu schade.” 24. Mai 1905 “Böcklin ist ein Barbarengenie – freilich ein Genie. Alles Häßliche aus der griechischen Mythologie hat er aufgegriffen. Denn es ist etwas modern Krankhaftes in ihm: Nicht umsonst hat er lauter Faune, lauter Kyklopen, lauter aufgedunsene Weiber gemalt.” 1. Juni 1905 Bei Gelegenheit des Seesieges der Japaner über die Russen sagte Vater: “Wenn man sich so im Mittelpunkt der Welt weiß, nimmt man an den großen Weltangelegenheiten ungeheuren Anteil.” 22. Juni 1905 “Heine ist der witzigste Mann in der ganzen Literatur, und daß er noch mehr ist, das bleiben wir ihm ewig schuldig. Will man seine Poesie in ihrer ganzen Reinheit und Unschuld genießen, so muß man die Harzreise lesen, die für Heine dasselbe bedeutet wie für Goethe der Werther.” 27. Juni 1905 “Ein Buch, das zu den besten gehört, nach dem ich alle paar Jahre einmal greife, das mich wirklich stärkt, ist Carlyles »Helden und Heldenverehrung«, denn gleich nach dem Verdienst

wirklich stärkt, ist Carlyles »Helden und Heldenverehrung«, denn gleich nach dem Verdienst – 28 – groß zu sein, kommt das, Größe so nachempfinden zu können. Die Bücher von Carlyle, die Sachen behandeln, mögen schlecht sein – wie die französische Revolution –, auch sein Leben war eine Sache, mit der er nicht fertig zu werden verstand, ihm war aber der Blick für die Persönlichkeit eigen wie kaum einem. Man braucht nur an Cromwell zu denken, dessen Stellung in der Geschichte schließlich Carlyle bestimmt hat.” 5. August 1905 “Das ist so wundervoll an Goethe, daß sich der Philister in gar kein Verhältnis zu ihm setzen kann.” 14. August 1905 “Nirgendwo ruhen meine Gedanken lieber als auf dem Unangenehmen in meinem Leben, auf dem, was mir unangenehm war und auch auf dem, was mir, an der Oberfläche des Gefühls, unangenehm ist, denn davon fühle ich mit Bewunderung und, wenn man einer verstandlosen Macht gegenüber so reden dürfte, mit Dankbarkeit, wie notwendig es sich in mein Leben einfügt und wie ich ihm meine beständige innerliche Anspannung und Ausspannung schulde.” 4. September 1905 “Es ist ein Kennzeichen der schlechten Musik, daß sie keine Disharmonien hat. Die großartigsten Disharmonien und die gewaltigsten Auflösungen schafft natürlich Beethoven. Wagners Disharmonien sind oft so groß, daß er nicht mächtig genug ist, sie aufzulösen; daher ist es vielleicht nicht der schlechteste Geschmack, der Wagner nicht verträgt. Aber ein hochbedeutender, ganz echter Künstler ist und bleibt er darum doch.” 6. September 1905 “Ein Kompliment machen, so definierte ich früher einmal, heißt: com pli mentir, nämlich: mit Geschick lügen.” “Das muß noch in meine Lebensregeln35, wie Mutter diese Bemerkungen immer nennt – daß es gut ist für einen tieferen Menschen, ja ihm not tut, irgend etwas an sich zu haben, wodurch er auf den ersten Blick der Menge auffällt und ihr zum Gespötte wird, denn er bedarf dessen als eines fortwährenden Ansporns.” 8. September 1905 “Ich finde viele starke Wurzeln meines Denkens in dem der Romantiker. Darum sind sie mir lieb, und ich habe Neigung, mich später einmal mit ihnen gründlich zu beschäftigen. Sehr liebe und schätze ich Brandes’ Buch über die deutsche Romantik, das ich schon zweimal gelesen habe und mir nächstens zum dritten Mal vornehmen möchte, und das will doch bei mir gewiß viel heißen.” 11. September 1905 “Der einzige Roman, den mein Vater gelten ließ, waren »Die Wahlverwandtschaften«. Ich war noch sehr jung, als er mir dieses Werk zu lesen gab. Sonst las er nur wissenschaftliche Bücher; mit Vorliebe Darwin. Mit Medizin beschäftigte er sich auch gern.” “Später möchte ich gern einiges über mein Leben aufschreiben, um jungen Leuten dadurch zu helfen, um sie im Kampfe zu stärken und ihnen zu zeigen, wie ich überall in meinem Schicksal eine große Vernunft und Notwendigkeit erkenne. Ich habe schon Notizen zu dieser Arbeit.” 13. September 1905 “So sitze ich denn unter diesen ‘Gebildeten’ immer wie Daniel in der Löwengrube. Mein Herr aber verschließt ihnen den Rachen, so verschlingen sie mich nicht, sie brüllen mich 34 Anspielung! 35

Teil eines damals entworfenen, später nicht ausgeführten Werkes, dessen Titel »Du und die Andern« lauten sollte. Das Fragment ist erhalten, war aber nicht zur Veröffentlichung bestimmt.

– 29 – nur an.” 15. September 1905 “Zola ist der französische Lessing. Allerdings hat er mehr Poesie und überhaupt mehr Inhalt als Lessing.” März 1906 “So weit muß es erst gekommen sein, daß kein Hund ein Stück Brot von mir nimmt – dann geht meine Sache.” 2. April 1906 “Ich habe kein Verlangen nach dem Süden, sondern wenn ich reisen will, lockt mich der Norden. Denn ich will das Fremde. Die Fülle an Tieren und Pflanzen, die der Süden bietet, reizt mich nicht, denn Tiere und Pflanzen kenne ich – aber die großen Wunder des Nordens, die gewaltigen Umrisse, das Mineralische – dieses Fremde und Verwandte zugleich –, das liebe ich. Auch das Meer, das Großartigste von allem ist mineralisch.” 7. April 1906[Datum s. u.] Vater geht schon lange mit der Absicht um, seinem Werke36 ein Spinoza-Bildnis voranzusetzen. Jetzt, da es soweit ist, schwankt er noch, ob er das ganze große Bild einheften lassen oder das Porträt als Signet, also kleiner und unscheinbarer, aber auch schön und würdig, auf das Titelblatt bringen soll. Er fragte mich um meine Meinung. Ich entschied für das Signet. “Das große Bild würde im Käufer des Buches, auch im Leser zunächst, eine falsche Vorstellung erwecken”, sagte ich. “Er wird unwillkürlich meinen, er habe es hier nur mit einem die Spinozaliteratur vermehrenden Buche zu tun. Deine Selbstverleugnung ist mir zu groß.” “Ist das dein Grund”, antwortete mir Vater, “und ist der Grund richtig, so bin ich natürlich für das eingeheftete Bild. Und das wäre meine größte Freude, in jedem meiner drei Bände37 ein anderes Bild des Spinoza zu bringen, und unter jedem sollen die Zahlen 1632-1677 stehen, damit man sogleich daran erinnert werde, daß in diesem Jahrhundert, in dem finstersten Jahrhundert, ein solcher Mann gelebt hat.”38 7. April 1906 “Nietzsche, Mendelssohn und Bettina will ich nicht in meiner Bibliothek haben.” 11. April 1906 “Sollte ich definieren, was für ein Buch mein Buch ist, so würde ich etwa sagen: es ist ein zur Anwendung aufs Leben bestimmtes Kunstwerk, das gegründet ist auf philosophische Begrifflichkeit und dessen Verständnis philosophische Durchbildung erfordert.” 15. April 1906 “Es ist möglich, daß ich während der Arbeit am ersten Abschnitte des zweiten Bandes (über den Geist) ganz anders gestimmt sein werde, als ich je zuvor war. Bis jetzt versenkte ich mich absichtlich nicht mit all meinem Wesen in die Tiefe des Geistigen, wenn ich vom Geiste sprach, sondern ich behandelte den Gegenstand mehr von außen, mehr als etwas, das eben dazugehört. Sobald ich mich aber ausschließlich diesem Thema widme, kann es kaum fehlen, daß ich mich ihm ganz hingebe, und dann ist es nicht ausgeschlossen, daß ein Flor davon auf mich fällt und vielleicht sogar auf meinem Gesicht erkennbar sein wird.” bestimmt. 36 Die Lehre von den Geistigen und vom Volk. 36 37 Die Lehre von den Geistigen und vom Volk. Das Werk war ursprünglich auf drei Bände angelegt. 37 Das Werk war ursprünglich auf drei Bände angelegt. 38 Ich besinne mich, daß Landauer beinahe flehentlich zu mir sagte: “Bitten Sie Ihren Vater, das Spinozabild wegzulassen.” Ich antwortete: “Die Motive sind zu schön, ich wage nicht mehr zu widerstreben.” “Nun ja, die schönen Motive sollen erhalten und überliefert werden.” Nachgetragen September 1924.

– 30 – “In vier Jahren, denke ich, wird mein Hauptwerk fertig sein. Ich rechne für jeden Band anderthalb Jahre und, da man immer etwas zulegen muß, auf das Ganze vier Jahre.” 3. Juni 1906 “Ich habe meine »Lebensregeln« wieder durchgelesen und gefunden, daß ich sie jetzt sehr gut genau so brauchen kann, wie ich sie vor etwa zwölf Jahren niederschrieb. Sie werden sogar nach ihrem eigentlichen Charakter erst kenntlich sein, wenn mein Hauptwerk veröffentlicht ist. Die Spuren von Jugendlichkeit, die sie zum Teil tragen, will ich durchaus nicht verwischen – man hat auch Pflichten gegen seine Vergangenheit und gegen die Ausdrucksweise seiner Vergangenheit.” “Eigentlich bin ich ja ein Vielschreiber; wenn ich in meiner Kraft bleibe, so habe ich nach sechs Jahren eine ganze Bibliothek herausgebracht; denn außer meinem Hauptwerk möchte ich kurz hintereinander die »Lebensregeln«, die Aphorismen und eine Sammlung von Aufsätzen, die ich liegen habe, veröffentlichen, zum Beispiel den über die Technik des künstlerischen Schaffens, über die Ehe,39 über die Anekdote40 und über den Esel.” 9. Juli 1906 “Ich habe zahllose ungedachte Gedanken in mir, die ich nie mitteilen und nie in mein Werk bringen kann, weil sie mir selbst unbekannt sind, die aber täglich in mir leben und oft als eine Last auf mich drücken. Sieh, jeder, der einen lumpigen Mord begangen hat, fühlt sich gequält, wenn er nicht davon reden darf, kein Verliebter hält es aus, ohne endlos von seiner Liebe zu schwätzen, und ich muß dieses Schwere ewig stumm mit mir schleppen. Es sind kosmische Gedanken oder Gefühle; könnte ich sie je äußern, so würden sie ganz unreif erscheinen und schwärmerisch. Kleine Spuren solcher Weltphantasie findest du bei aufmerksamem Lesen in meinem Buche, zum Beispiel da, wo ich sage, daß es wohl noch ganz andres geben mag als das, was wir Gestirne nennen. Wenn ich so kosmisch fühle, denke, phantasiere, so weiß ich es recht, daß ich ein unendlicher Jüngling bin.” 11. Juli 1906 “Seit zwölf Jahren habe ich nichts anderes getan, als was der Egoismus meines Werkes forderte. Nun habe ich aber auch den Wunsch, wenn mein erster Band abgeschlossen ist und die »Lebensregeln« geordnet sind, mir drei Wochen für mich zu nehmen; auch möchte ich einmal wieder sehn wie das ist, ein Buch zu lesen.” – Vater hat all die Zeit hindurch tatsächlich nur um seiner Arbeit willen gelesen, also nur solche Bücher, deren Studium ihm für sein Werk notwendig schien. “Meine »Ankündigung« ist nichts als eine Stimmungsentladung, und so, lediglich als Stimmungsbuch, soll sie auch auf den Leser wirken.” 9. Oktober 1906 “Auf Luthers Bibelübersetzung, Voß’ Homer und Schleiermachers Platon lasse ich nichts kommen.” Dazu gehört noch Vaters Bewunderung für den Schlegel-Tieckschen Shakespeare. 25. Oktober 1906 “Ich muß bekennen, daß ich in meiner Kindheit, in den Jünglingsjahren, ja bis in mein reiferes Alter hinein, niemals die Vorstellung hatte, etwas Besonderes zu sein und etwas Besonderes leisten zu können. Nur eine unglaublich volle Seele habe ich immer gefühlt, und eine so volle Seele, das wußte ich, hatte keiner von allen, die ich je gesehn. Diese Fülle meiner Seele empfand ich am deutlichsten im Theater, wo ich oft meinte, vor Erschütterung sterben zu müssen – und ich wäre auch gestorben, wenn ich nicht hätte weinen können. Noch jetzt gehe ich hauptsächlich darum ungern ins Theater, weil ich die Rührung fürchte. Was 39 39 40

Beide in der Zeitschrift »Der Zuschauer« (siehe Seite 11) erschienen. Beide in der Zeitschrift »Der Zuschauer« (siehe Seite 11) erschienen. Die Anekdote und das Anekdotenerzählen, erschienen im Zeitgeist, Beiblatt zum Berliner Tageblatt, 18. 9. 1893; 25. 9. 1893; 2. 10. 1993.

– 31 – habe ich als Kind geweint! Jeden Tag, denn jeden Tag las ich Kotzebue, und jedes Lustspiel von Kotzbue brachte mich zu Tränen! In jedem Lustspiel kommt ja ein edler Mann vor, der aus purer Generosität irgendeinem eine Mark oder noch viel mehr Geld schenkt! Heute noch bin ich ebenso leicht ergriffen. Wie du mir neulich das Märchen vom König Drosselbart vorlasest, mußte ich meine Kehle festhalten, um nicht laut zu schluchzen. – Wenn ich nur halb so schreiben könnte, wie ich eine volle Seele habe!” “Kotzebue hatte das Talent zum Genie – nur das Genie fehlte ihm. Ich aber freue mich schon immer sehr an einer so bedeutenden formalen Begabung, weil sie so gar selten ist. Und, was den Inhalt anbetrifft, wenn der auch nicht groß und dichterisch ist – Kotzebue hat manchmal einen prächtigen Humor, und er hat Sentenzen.” 8. Dezember 1906 “Von Zeit zu Zeit habe ich eine Phantasievorstellung, die mich sehr erschüttert. Ich sehe eine dunkle Bühne. Es ist Nacht, und über die Bühne schreitet eine gebückte Gestalt – ein Blinder mit einer Laterne in der Finsternis – diese Vorstellung hat für mich einen eigenen, mir selbst unerklärlichen Zauber. Mir ist, als könnte ich sie mal für ein Gleichnis gebrauchen, doch ahne ich selber noch nicht, wie und wofür.” 9. Dezember 1906 “Es führen keine Fäden von Lessing zu den Gedanken unsrer Zeit. Wie tot er ist, das kannst du daran abschätzen, daß bei uns im Hause, wo doch jeder, der was ist, mal im Gespräch herankommt, Lessings Name das ganze Jahr über nicht erwähnt wird, weder von uns noch von denen, die zu uns kommen, und das sind doch Leute von den mannigfaltigsten Interessen. Höchstens seinen Stil habe ich gern – von Kunst hatte er keine Ahnung.” “Mark Twain ist ein entzückender und hochcharakteristischer Mann. Niemand kann mich wie er so zum physischen Lachen zwingen. Euch wird er wohl ein bißchen zu hyperbolisch sein.”41 13. Januar 1907 Vater war Freitag im Kaiserkeller zur Besprechung einiger wichtiger praktischer Angelegenheiten mit seinem Verleger Schnabel zusammen, dessen Zeit aber zufällig recht gemessen war. Beim Abschied hat Vater, wie er mir erzählt, zu Schnabel gesagt: “Schade, daß Sie schon weg müssen, ich hätte gern erst noch eins mit Ihnen getrunken – nach dem Wort der Goten, die forderten, daß eine bedeutsame Angelegenheit zuerst in der Nüchternheit, dann aber im Rausche besprochen werde.” “Das ist ein tiefdeutiger Spruch”, knüpfte Vater beim Wiedererzählen an, “denn in der Tat ist zu allem Großen die Verbindung von eiseskaltem Verstand mit dem Feuer des Enthusiasmus nötig, damit der rechte Weisheitsmittelpunkt getroffen werde. Ich glaube auch, daß mir dies ganz natürlich ist, denn mir scheint, ich habe auch in meinem Stil kühle Logik verbunden mit dem Schwung der Leidenschaft.” “Als Jüngling hab ich alle innerliche Glut und Kraft für unsre Kneipen verpufft, und schön war’s! Schön waren auch die Bierreden, die ich in der Besoffenheit hielt, die ich übrigens vorher richtig ausarbeitete.” 2. Februar 1907 “Dante ist nicht wertvoller als Klopstock.” 23. März 1907 “Bedenke, wenn ich so einen Menschen zum Freunde hätte wie Heine! Der wäre mir viel wertvoller als ein sogenannter Denker. Ich würde mich ihm ganz unterordnen, wenn es nötig wäre (aber es wäre wahrscheinlich nicht nötig), denn ich würde ihn unglaublich bewundern, immerwährend.” Tageblatt, 18. 9. 1893; 25. 9. 1893; 2. 10. 1993. 41

Die Geschichte von der Uhr, vom artigen kleinen Knaben und von der Expedition der Tiere hat Vater mehrmals uns und anderen vorgelesen. (April 1915)

– 32 –

Ganz frei, groß und fast heiter hat Vater neulich über den Tod und den Toten gesprochen, als die Kapsel mit der Asche der Cécile Mutzenbecher eintraf. Wie grauenhaft es sei, mit dem Toten irgendeinen Kult zu treiben, etwa ihm Blumen darzubringen. Denn der Tote sei das Häßlichste, was wir kennen, das einzig wahrhaft Häßliche, weil er eine Karikatur unser selbst sei. Über sein Verhältnis zu Cécilie Mutzenbecher sagte er, daß kein Faden eines wirklich Geistigen von ihr zu ihm hinübergeführt hätte; aber sie sei eine ungewöhnlich prächtige Frau gewesen von großen Vorzügen, und in sein Verhältnis zu ihr hätte er eine so große Herzlichkeit ausgegossen wie in alles, was er lebt. “Wenn ich mit meinem Buchhändler korrespondierte, würde ich ebenso innige und zärtliche Briefe schreiben.” Vater leidet jetzt beständig an seinen Augen und macht sich große Sorgen deswegen für die Zukunft. “Mein Auge”, sagt er mit Bitterkeit, wenn er von seinen Augen spricht, weil er das linke gar nicht mitrechnen könne; dieses ist mit einem Fleck auf der Hornhaut behaftet, den man übrigens in der Kindheit leicht hätte wegbringen können. 28. März 1907 “Ich leiste jedem genau so viel, wie er nötig hat. Wo einer sehr viel nötig hat, da hab ich noch nie versagt, denn ich kann meine Grenzen unendlich ausdehnen. Wer mich aber nicht braucht, wer nicht an meine Tür klopft und schreit, dem bin ich nichts. Ich bin wie ein Ofen; der brennt auch nur, wenn eingeheizt ist. Rede ich aber mit einem aus wirklichem Anlaß, dann kann ich auch lebendig reden, weil ich dann nicht wie ein bloßer Gebildeter mit festen, toten Begriffen komme, sondern wie ein Denkender die Gedanken, die ich vorbringe, schaffe.” “Wenn einer meinen Abschnitt über den praktischen Verstand gelesen hat, kann er als konsequenter Materialist abziehn.” April 1907 “Ein Mensch meiner Art verändert sich in seinem Benehmen gegen die Mitmenschen um sein vierzigstes Lebensjahr herum völlig, zu der Zeit nämlich, wo das, was ihm vorher nur im Gefühl eigen war, zum Gedanken wird und sich in scharfer Formulierung äußert.” Brief an Prager42 in München. (21. Mai 1907) Sie sind, was mir ein Ekel und Abscheu ist – glauben Sie’s mir: es ist mir deswegen so auf den Tod verhaßt, weil ich selber etwas davon in mir habe – Sie sind ein anständiger Mensch und sogar ein nobler! Wenn aber zwei so genaturte zusammenkommen, entsteht ein Weltbrand. Ich möchte lieber mit dem größten erymanthischen Schweine und Schuft zu tun haben als mit Ihnen; ich will eher in die Hände des Schinderhannes fallen als in Ihre. Ich kenne Sie, ich traue Ihnen nicht über den Weg: Sie werden stets die Absicht haben, mich zu betrügen. Sie haben Jakobs Stimme und Esaus Hand. Sie sind listiger als alle Tiere des Feldes. Sie machen alles, alles in der Welt zur Falle und legen Ihren tückischen Speck darauf. Ihnen ist selbst meine Lotte nicht heilig – Sie wollen mir einen Nebel vormachen, und zuletzt wird wieder Ihre Noblesse triumphieren. Ich fürchte Ihre Verschmitztheit – aber hören Sie, unter welcher Bedingung ich’s wagen will. Wenn Sie mir den beifolgenden Schein mit vollzogener Unterschrift zurückschikken, soll Lotte kommen, und sie und wir alle werden Ihnen und Ihrem lieben Weibe und allen, die ihr dort Gutes erweisen, dankbar sein: wenn aber nicht, so bekommen Sie noch nicht einmal die Photographie meines Hauswirtes zu schauen. Himmel, was habe ich eine Not mit Ihnen und mit Ihrer Noblesse. Aber ich hoffe, so wird es endlich doch gehen. So vorsichtig wie herzlich: 42

Leiter der Pensionsanstalt für deutsche Schriftsteller.

– 33 – Brunner. (Auf der Nebenseite) Ich verspreche hiemit beim Wohle meines Weibes, meines Klärle und der Pensionsanstalt, sämtliche Kosten, welche mir oder den Meinigen, sei es direkt, sei es indirekt, durch den für diesen Sommer in Aussicht genommenen Aufenthalt der Lotte bei uns wie, wodurch und wo auch immer entstehen sollten, gewissenhaft in Anrechnung bringen zu wollen und mir zurückerstatten zu lassen. Ich verspreche dies und verspreche, daß ich mein Versprechen halten werde. Ort und Datum:

Eigenhändige Unterschrift:

43

3. Juni 1907 bestand zu Anfang aus drei bis vier Druckseiten,

“Mein Zwischenspiel vom Immanuel Kant jetzt aus ebensoviel Bogen.” “Ein einziges Talent möchte ich mir zusprechen: Konstruktionstalent.”

16. Juni 1907 “Es ist unsäglich feinsinnig von den Griechen, daß sie von allen menschlichen Affekten nur den einen, den Eros, personifiziert haben. Und damit haben sie die Liebe zu etwas ganz Einzigem erhoben. Nicht wir lieben, sondern der Eros kommt über uns. Diese Passivität wird auch symbolisiert durch den Pfeil, der uns in die Brust trifft, ganz unabhängig von unsrem Wunsch und Willen.” “Der Name Spinoza klang mir schon in meiner Kindheit, als sich noch gar keine tieferen Vorstellungen damit verknüpften, wunderbar weich und vornehm ins Ohr. Es war immer mein Lieblingsname, und noch jetzt kenne ich keinen von solcher Schönheit, Eleganz und Melodie.” 19. August 1907 “Wenn ich so etwas Großes erlebe wie Stalheim , so fühle ich, wie alle meine Kinder sich in mir regen und übereinanderspringen. Ja, ganz körperlich habe ich dies Gefühl, hier, in meiner Brust (und er zeigte mir mit der Hand genau die Stelle), und dann muß ich weinen.” 44

21. August 1907 “Als ich die Stelle vom Gedränge der Welt schrieb45, hatte ich beständig die Friedrichstraße in der Gegend der Leipziger vor Augen.” 24. August 1907 “Wir müssen in Geldsachen Philister sein, während die Philister einzig in Geldsachen unphiliströs sind.” 12. September 1907 “Lange, lange Jahre war ich im eigentlichen Sinne kritiklos. Ich fraß, was mir in den Weg kam. Ich habe auf ganz andre Weise Kritik gewonnen wie andre. Nicht Menschen, nicht Bücher gaben sie mir, ich habe sie nicht gelernt, sondern sie bildete sich in mir an der Hand meines Grundprinzips aus und konnte daher erst spät entwickelt sein, nämlich erst, als dieses Grundprinzip vollendet war. Aus Kritiklosigkeit habe ich auch lange Zeit eine Unzahl von Trivialitäten in mir herumgetragen. Aber all diese Trivialitäten hab ich nie nachgeplappert, sondern alle habe ich neu und selbständig gefunden, so daß sie für mich Originalitäten waren, und ich mich über sie freute wie über gefundene Wahrheiten.” 42 “Es gibt Christus am derSchriftsteller. mir recht wäre. Mein Christus müßte zwar dem Leiter der keinen Pensionsanstalt für Kreuz, deutsche 43 43 44

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Enthalten in der »Lehre von den Geistigen und dem Volk«. Enthalten in der »Lehre von den Geistigen und dem Volk«. In seiner Norwegen. Den Eindruck, den der BlickGeburtstage«. ins Närotal meinem Vater gemacht, erwähnt er in Arbeit »Zum fünfundfünfzigsten in seiner Arbeit »Zum fünfundfünfzigsten Geburtstage«. »Die Lehre von den Geistigen und dem Volk« Seite 274ff.

– 34 – Leibe nach tot sein, aber kein gewöhnlicher Leichnam, sondern ein Scheintoter in dem Sinne, daß das ewige Leben durch den Körper dränge und ihn auf wunderbare, höhere Art verlebendigte. Das ist künstlerisch nur zu erreichen durch eine ganz groß mystische Farbe. Rembrandt vielleicht hätte das machen können. Von den vorhandenen Darstellungen ist mir die von Velasquez die edelste.”46 16. September 1907 “Wenn ich nur erst mit dem Abschnitt über die Abstraktionen fertig bin! Dann kommt nichts mehr als ein Loch und ein paar hinkende Kühe, – die letzten, die ich in den Stall treibe. Ein Loch, das heißt die Stelle, wo ich über den Staat sprechen müßte, aber sage, daß ich es hier nicht tue, weil ich den Staat zusammen mit der Moral in dem Band über das Analogische behandeln will. Die hinkenden Kühe, das sind die kleinen Abschnitte über Traum, Verrücktheit, Sprache, die mir wenig Mühe machen werden.” “Als ich ein kleiner Junge von vielleicht acht Jahren war, passierte mir das Entsetzliche, daß ich Schweinefleisch über meine Lippen brachte. Wir waren damals befreundet mit Barthels, den Nachbarskindern, die eines Tages meine Schwestern und mich einluden, kochen mit ihnen zu spielen. Als wir aufgegessen hatten, fragten Barthels: ‘Wißt ihr auch, was ihr da gegessen habt? Das war Schweinefleisch!’ Meine Schwestern nahmen diesen Aufschluß leichtsinnig hin, ich dagegen war wie vom Schlage gerührt. Daß nicht sogleich das Weltgebäude krachend auf mich einstürzte, begriff ich nicht. Schweinefleisch über meine Lippen! Ich weiß nicht, ob ich mich gebrochen habe, aber auf das Gefühl des Ekels und des tiefsten Entsetzens besinne ich mich noch sehr gut. Mit Bewußtsein und Absicht habe ich Schinken zuerst in Köln gegessen, in einem Restaurant am Neumarkt, das mich wegen eines schönen Orchestrions sehr lockte. Da kostete es mich gar keine Überwindung, denn nachdem ich den theoretischen Bruch schon vollzogen hatte, war mir der praktische keine Sensation mehr. In Köln habe ich mich von Religion frei gemacht. Es wird dir naiv vorkommen, daß ich damals mit größtem Eifer und mit äußerster Genauigkeit alle Religionen durchstudierte, um so, wenn es eine gab, die wahre zu finden. Besonders fesselten mich die altorientalischen, vor allem die assyrische und ägyptische. So kam ich dazu, mich vom Religiösen ganz abzuwenden. Am besten freilich gefiel – und gefällt – mir die jüdische Religion; sie ist die einfachste; auf orthodoxes Zeremoniell wird verhältnismäßig wenig Wert gelegt, und die konsequente Durchführung des monotheistischen Gedankens ist wahrhaft großartig. Als ich mir nun so durch vergleichende Studien Klarheit geschafft hatte, verließ ich auch das Seminar zur Betrübnis des ausgezeichneten Lehrers Dr. Plato, der großes Interesse an mir gefaßt und mich privatim in Philosophie, das heißt natürlich in Religionsphilosophie, unterrichtet hatte. Ich blieb noch kurze Zeit in Köln und beschäftigte mich mit Unterrichten und – mit Dichten. Das Dichten war mir lange eine wichtige Angelegenheit. Bis zu etwa fünfundzwanzig Jahren glaubte ich ja, ein Dichter zu sein – weil ich damals noch keine Ahnung hatte, was ein Dichter ist und eine mit dem Dichterischen verwandte Lebhaftigkeit und Fülle des Empfindens für poetische Begabung hielt. Dann trieb mich aber doch mein Instinkt zum Studium der Philosophie, obwohl die philosophische Fachsprache mich schon damals fremd und widrig berührte. Während ich in Köln war, starb mein Bruder. Ich schrieb damals seiner Frau einen großen Trostbrief, in dem ich ihr vom König David erzählte, wie der jammerte und sich zerrang um sein krankes Kind; als es aber gestorben war, legte er Feierkleider an und war fröhlich. So suchte ich sie zu überzeugen, daß der Tod sie nichts anginge und daß sie sich dem Leben zuwenden müßte.” 20. September 1907[Datum prüfen s.u.] “Ich wußte es vorher, daß der Abschnitt über die Abstraktionen mir von allem am schwersten werden müßte – schließlich ruht ja auch alles darauf. Zwar zu denken macht mir der Gegenstand gar keine Schwierigkeit, aber die rechte Gruppierung bei der Darstellung zu finden und einzuhalten ist so mühevoll, weil sich mir bald dies bald das gewaltsam in den 45 »Die Lehre von den Geistigen und dem Volk« Seite 274ff. 46

Ein großes Blatt damit hängt in Vaters Zimmer.

– 35 – Vordergrund drängen will.” 19. September 1907[Datum prüfen, Stolte: 29. Sept. 07] “Soundsoviel Meter über dem Meere und noch viel höher über allem Menschlichen47 – das kann man wohl sagen, aber es durch Druck zu fixieren ist abgeschmackt. Nun, Nietzsche hat stets die Grenze des Abgeschmackten nicht nur nicht vermieden, sondern alle Augenblick überschritten.” “Goethe ist insofern ein schlechter Lehrer, als er einem alles fertig zurechtgemacht vorlegt. Er stellt nie große Fragen – er gibt nur Antworten, und nicht einmal immer große.” 1. Oktober 1907 “Die Blitze, die Juno schleudert, sind Ohrfeigen.” Vater hat selbst viel Freude an diesem Ausdruck; er teilte ihn uns heute bei Tisch sehr vergnügt mit. Den Abschnitt über die Abstraktionen nennt Vater die schwerste Arbeit seines Lebens. November 1907 “Griechenland und England haben patriotische Dramen. Unsre Leute meinen, wenn sie Hurra! und Deutschland, Deutschland über alles! schreien, so sei das ein Stück. Aber Bilder sind nötig und Persönlichkeiten und vor allem ein Dichter. Wir haben auch keine Geschichte – wir haben eine Schande. Darum kann ein ordentlicher Kerl bei uns kein Patriot sein. Das bißchen ‘Ehre’ von Siebzig kommt mir immer vor wie ein ganz leidliches Geschäftsunternehmen – das aber auch eines Tages kaputtgehn wird. Wir sind ja keine Nation. Statt uns damit abzugeben, groß zu sein, sehn wir nur auf die andern Völker und neiden ihnen ihre Tüchtigkeit. Die Deutschen sind das allerneidischste und hämischste Volk, das existiert.” 9. November 1907 “Ich habe in dem ersten Teil meines Werkes zu wenig gesperrt drucken lassen; ich rechnete zu sehr auf das gute Lesen meiner Leser.” 13. November 1907 “Ich habe in meinen jungen Jahren für weiter nichts gegolten als für einen besonders gutmütigen Menschen, weil ich mich mit jedem, aber mit jedem, der an mich herankam, beschäftigte und seine Interessen ganz zu den meinen machte. Und auch jetzt habe ich für mich keine rechte Vorstellung etwa von ‘passendem Verkehr’ und, so hochmütig es vielleicht klingt, im Grunde ist mir der Mensch, den ihr hochstehend nennt, nicht mehr als der, welcher euch niedrig erscheint. Dabei habe ich mir im Umgang mit Menschen nie etwas vergeben; ich bin nie zu jemandem heruntergestiegen, sondern habe immer nur versucht, den andern in die Höhe zu ziehen. Aber den großen Unterschied, den gerade ich so stark betone, kann ich, nach der Lage dieses Gedankens, für mich in meiner Praxis nicht machen. Weil die Praxis nicht danach ist, weil ich in keiner geistigen Gemeinschaft lebe. Und du wirst nie sehn, daß ich so töricht bin, eine noch nicht vorhandene Wirklichkeit realisieren zu wollen.” 14. November 1907 Heute ist Vater in der rechten glühenden Erregung der Inspiration. Er hat starkes Herzklopfen und geht beständig im Zimmer auf und ab, ohne Feder und Papier anzurühren. “Dies ist mein eigentliches Schreiben”, sagt er; “das Papier schwärzen – das ist kein Schreiben.” Und dabei allemal die quälende und spornende Angst, er könnte sterben, bevor die paar Blätter, um die es sich gerade handelt, fertig wären. Manchmal murmelt er während des unruhigen Auf- und Abgehens Worte vor sich hin – drei, vier, fünf verschiedene Worte, in denen sich der Sinn seiner Gedanken konsolidiert. 46 Ein großes Blatt damit hängt in Vaters Zimmer. 47

Nietzsches Einleitung zu »Jenseits von Gut und Böse«.

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24. November 1907 “Ich weiß, daß meine Ankündigung eigentlich zwei Schlüsse hat. Das ist, was die Kunst anlangt, ein Fehler, aber es waren andre Rücksichten, die mir höher standen. Vielleicht ändere ich es noch mal bei einer späteren Auflage – vielleicht freilich auch nicht.” 26. November 1907 Heute der ersehnte letzte Federstrich. Mutter und ich warteten im Nebenzimmer, bis das “Fertig!” uns rief. Es war wie das Warten auf eine Geburt, fand Mutter. Und nachher war doch alles so ganz ohne Pathos, und abgesehen von dem Gefühl der Freude und Erleichterung, eine Dämmerstunde in Vaters ernstem Arbeitszimmer ganz wie sonst. 21. November 1907 [Datum prüfen s.o.] “Mir drängen sich während des Schreibens viel Bilder und Gleichnisse zu, aber ich weise sie fast immer ab, weil kein Bild mir logisch genug ist. Nur eine leichte bildhafte Färbung gebe ich gern hier und da.” 2. Dezember 1907 “Du sagst, das Denken hätte meine Stirn geprägt – das glaube ich nicht, aber wenn ich dir mein Herz zeigen könnte – das muß die Spuren zeigen. Denn ich denke, scheint’s, gar nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Es klingt fast unglaublich, ist aber doch so, daß ich beinahe immer mit ganz dummem, dumpfem Gehirn arbeite, mit einem Gefühl, als könnte ich nicht die einfachsten Dinge logisch unterscheiden. Dann lese ich irgendeinen LokalanzeigerArtikel – er braucht nicht einmal von Holzbock48 zu sein! –, und der hilft mir. Ich kann das nicht weiter erklären, aber es verhält sich so.49 Wie bei so dumpfem Hirn was Vernünftiges aufs Papier kommt, ist mir selber unklar. Nach der Arbeit fühle ich Angestrengtheit nicht im Kopf, weil ich ja eben nicht mit dem Kopfe denke, sondern im Herzen. Nur selten bekomme ich, trotz der empfindlichsten Kopfnerven, von geistiger Arbeit Kopfweh. Die bekomme ich vielmehr, weil ich meine Augen zu sehr anstrenge.” “Es vergeht kaum ein Tag, der mir nicht Beweise bringt von der merkwürdigen Ähnlichkeit deiner Anlage mit der meinen. Die gleiche Anlage, die gleiche Entwicklung, das gleiche späte Reifen. Es ist da eigentlich nicht einmal von Ähnlichkeit oder Verwandtschaft zu reden – es ist völlig dasselbe, nur bei dir ins Weibliche übersetzt. Auch was ich bei dir als Fehler bezeichne – das sage ich dir nur in den Einzelfällen nicht –, ist mir von mir selber her sonderbar vertraut.” 7. Dezember 1907 Von dem Schluß dieses Bandes sagte mir Vater, er hätte seine Leidenschaft dabei sehr zurückgehalten, und ihn hätte mehr das durchschüttelt, was er verschwiegen, als das, was er geschrieben. Der Schluß des Ganzen würde genau der Ankündigung entsprechen, überhaupt völlig dasselbe sein, freilich in ganz anderer Form. 9. Dezember 1907 [Datum prüfen s. u.] “Dieser ganze Band war mir ja eigentlich höchst unangenehm zu schreiben. Weil ich mich erst wohl fühle, wenn ich frei von allem Guten und Schönen reden kann – ich bin ja doch ein alter Theologe! – und hier so viel damit zu tun hatte, einen Grund zu legen und alle Begriffe zu erklären. Wenn ich meine Fakultätenlehre festgelegt habe, dann kann ich beginnen zu reden. Ich hoffe, das noch zu erleben.” 47 48 48 49

Nietzsches Einleitung zu »Jenseits von Gut und Böse«. 8. Dezember 1907[Datum prüfen] Recht untergeordneter Journalist des Lokalanzeigers. Recht untergeordneter Journalist des Lokalanzeigers. Vgl. Bachs “ersten zufälligen Fußtritt aufs Pedal”. Überhaupt drängen sich Parallelen zwischen Vaters und Bachs Technik des Schaffens auf.

– 37 – Nach dem Anhören von Bachs H-moll: “Ich sehe es wieder, daß Bach nicht mein Mann ist. Er ist mir zu protestantisch. Gewiß steckt darin viel Herrliches. Aber er ist seinem Gotte längst nicht nah genug. Der jüdische Einheitsgedanke fehlt. Mir kamen zu dem Texte viel größere Melodien, und fast die ganze Zeit habe ich in Gedanken meine Musik singen müssen, während meine Ohren den Bach hörten. Das hat mich natürlich sehr angestrengt, und am Ende konnte ich’s nicht mehr.” – Vater war sehr nervös während des Konzerts. Besonders zu Anfang rückte er viel auf seinem Stuhl, atmete manchmal heftig und bewegte seinen Hut, den er auf dem Schoße hielt. Ein paarmal nahm er ein Blatt Papier und schrieb darauf einige kurze Notizen nieder, wie meist beim Anhören von Musik, weil gute Musik ihn fruchtbar macht. Daß ihm so unbehaglich zu Mute war, kommt zum Teil auch daher, daß er in die große Publikumsmasse eingekeilt sitzen mußte.50 20. Dezember 1907 “Ich finde es sehr ungerecht von Goethe, zu sagen: seine dargestellten Frauengestalten seien alle besser als die wirklichen. Das ist freilich als Verstandesurteil unanfechtbar, aber es gibt eine Gefühlsüberzeugung, und Goethe hatte sie in diesem Fall gewiß, die höher steht und mehr Recht hat. Könnte man mit diesem harten Wort konfrontieren, was Goethe in leidenschaftlichen Momenten den Frauen gesagt hat, die er liebte und sicher auch während er sie liebte, sehr hoch stellte, so würde sich, davon bin ich überzeugt, ein großer Widerspruch hiermit ergeben. Und gerade Goethe, der so viel von den Frauen gehabt hat, dürfte nicht in dieser Weise über sie sprechen. Aber er ist eben ein Dichter. Nur hätte er hier, wie er es doch sonst tut, wie er es zum Beispiel in seiner Naturbetrachtung immer tut, Gefühl und Anschauung ihr Recht geben sollen. – Ich bin einer, der gut von den Frauen sprechen wird und der sie nicht darum verachtet, weil sie persönlich sind, während wir sachlich sind. Ja, ich finde, daß dieses ‘Persönliche’ uns sehr zugute kommt.” Im Anschluß an den Briefwechsel mit Landauer: “Wenn ich jetzt meiner Neigung folgte, so würde ich mich ein paar Wochen hinsetzen und ein Werk über die Sprache schreiben. Aber ich tue es nicht, weil es nichts taugt, einen Gegenstand isoliert, außer Zusammenhang zu behandeln.” 29. Dezember 1907[Datum prüfen s.u.] “Wir können nicht von einem Gedicht gerührt sein. Das gibt es nur bei den Arabern, wo Dichter und Dichtung eine so merkwürdige und gewaltige Rolle spielen. Wenn man nur denkt, was Mohammed zuwege gebracht hat durch die Verse der alten großen Dichter, besonders der wundervollen Moallakat! Mohammed selbst ist sicher ein großer Stotterer gewesen, aber die Verse, die haben gemacht, daß soundso viele, ihm ihr Leben hinbrachten.” 29. Dezember 1907[Datum prüfen] “Die Zeit einer tumultuarischen Verworrenheit, die meinen Jünglingsjahren folgte, hat viel länger gedauert als diese Jünglings- und Übergangsjahre.” zwischen Vaters und Bachs Technik des Schaffens auf. 50

Vor meiner Reise nach Italien (März bis Juni 1912) hatte ich in Berlin zum ersten Mal die Matthäus-Passion gehört und sofort begriffen, daß die Kenntnis dieses Werkes von entscheidender Bedeutung für Vater sein müßte. Daher ließ ich mir vor meiner Abreise das bindende Versprechen geben, diese Ostern die Passion zu hören. Am 6. April schrieb mir Vater nach Rom: “Seit dem vergangenen Sonntag hab ich Großes und das Größte durch Bachs Matthäus-Passion (worins mir noch über Beethovens Höhe zu gehen scheint); leider aber hab ich, allzu bachantisch, auch Mittwoch und gestern, Freitag abend, Bachsche Kantaten schlimmer Art gehört, darin er, ohne echte Inspiration und Frömmigkeit, sich selber manieriert und Nummern macht, Gelegenheitsmusik, die man doch ruhen lassen sollte zu den Toten, für die sie ward. Ich möchte nun so bald wie möglich wieder die Johannes-Passion und dann wieder die Matthäus-Passion hören!” Seitdem hört Vater jedes Jahr die Matthäus-Passion. Die Johannes-Passion verwirft er völlig, als langweilig und scholastisch. (Späterer Zusatz)

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Februar 1908 “Als ich meine alte Freundin Johanna Löwenthal zum ersten Mal sprach, kam unsre Unterhaltung zufällig auf ein Buch von Benfay oder von einem aus dessen Kreis. Sie selbst hatte diesem Kreis angehört, erzählte sie, und nun schilderte sie mir lebhaft die angeregte Gesellschaft ihrer Mädchenjahre. Ganz reizend wußte sie darüber zu sprechen. Besonders erinnere ich mich noch, wie sie zwei einander entgegengesetzte junge Leute beschrieb, einen elegischen Humoristen – der lauter Spaß und Witz in sich trug und dazu immer ein melancholisches Gesicht machte – und einen humoristischen Melancholiker, der sein Pendant bildete. Später drängten sich allerlei unzugehörige Elemente heran, die die Harmonie störten. Am meisten Eindruck aber von diesen Erzählungen machte mir ein Vers, den ein Verehrer von ihr in einem Gesellschaftsspiel improvisiert hatte und der sich wohl auf diese neu Hinzugekommenen beziehen sollte: ‘Die geistig Toten und die Lebendigen können sich in alle Ewigkeit nicht verständigen.’ Ich, der ich sozusagen keinen Vers mehr auswendig weiß, habe doch diesen behalten. Und er ist ja nun gewissermaßen ein Motto zu meiner ganzen Arbeit geworden.” 25. Februar 1908 “Ich brauche für mein Schaffen entweder eine ganz einfache oder meine Umgebung. Eleganz kann ich beim Arbeiten nicht vertragen, sie macht mich unruhig und lenkt mich ab. Schon sehr früh habe ich mir mein Arbeitszimmer stets auf irgendeine besondere Weise eingerichtet. Ganz früher hatte ich allerdings nur Bücher, aber dann wußte ich es doch durch einen Vorhang oder sonst etwas so zu machen, daß es merkwürdig aussah.51 Je besser und hübscher im Laufe der Zeit meine Wohnung geworden ist, um so Tüchtigeres habe ich geleistet. – Schon damals bin ich ja übrigens, um meine Technik des künstlerischen Schaffens fertig zu machen, nach Uhlenhorst gezogen. – Seit ich eine nette Wohnung mit Bildern habe, vor allem aber seit ich euch um mich habe, geht es am besten. Was ihr für Kleider tragt, für Gesichter macht, das alles ist von Wichtigkeit. Und Bilder muß ich haben – Farben! So eine nüchterne gleichmäßige Tapete könnte ich nicht aushalten. Wenn ich kein Geld hätte, mir Bilder zu kaufen, ich glaub, ich würde Leinwand nehmen und sie beklecksen, nur um Farben zu haben, Farben!” 26. Februar 1908 “Alle Romantiker zusammen haben nicht eine kritische Leistung hervorgebracht, die mit Börnes wundervoll genialer Kritik des Hamlet zu vergleichen wäre. Diese Kritik weist mit Totsicherheit auf das Wesentliche. Jeder Hamletausgabe sollte sie vorgedruckt sein.” 13. März 1908 “Es liegt im Wesen des Genies, nur das in sich auszubilden, was andre nicht können.” 21. März 1908 “Ich war wohl schon achtzehn Jahre alt, da erfuhr ich zum ersten Mal, daß es Deklamation und Schauspielerei gibt. Ich saß mit einem jungen Kaufmann zusammen, der einem Verein angehörte und infolgedessen sehr ‘gebildet’ war. ‘Kennen Sie denn auch den Faust?’ fragte er mich. ‘Ja, den kenne ich.’ ‘Aber verstehn Sie ihn auch?’ ‘Ich glaube ja, ich kann ihn auch auswendig.’ ‘Na, dann lassen Sie mal hören!’ Und schüchtern und tonlos fing ich an: ‘Habe nun ach Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie’ – ‘Sie sind ja verrückt’, brüllte es (er?) mir in die Ohren. Ich war sehr erschrocken und sehr beschämt, denn ich glaubte es ihm aufs Wort, daß ich verrückt sei, weil er es gesagt hatte. Nun fing er an, mir den Beginn des Faust vorzusagen, wahrscheinlich mit gräßlichem Schmierenpathos. Aber in dem Moment begriff ich, worauf es ankommt. Ich erfuhr mit einem Schlage, daß man völlig, als langweilig und scholastisch. (Späterer Zusatz) 51

Ich besinne mich zum Beispiel, daß Vater schon in der Zeit des »Literarischen Büros«, etwa 1892, in seinem Zimmer ein Brett angebracht hatte mit den Worten: Einigen “Ägyptern sind die Krokodile heilig, andern nicht” (eine ganz harmlos gemeinte Stelle aus dem Herodot, der er besonderen Sinn gegeben).

– 39 – solche Dinge nicht im gewöhnlichen Ton, sondern mit Pathos spricht, und von der Minute an konnte ich deklamieren und schauspielern wie jetzt. An demselben Abend noch glänzte ich mit meiner Kunst in dem Verein des jungen Kaufmanns. Und nun ging ich mit Leidenschaft ins Theater. – Aber so ist es mir mit allem ergangen; immer habe ich mit einer ganzen Kleinigkeit gleich das Ganze gehabt.”52 30. März 1908 “Wenn ich mit allem fertig bin und dann noch Leidenschaft und Brand genug in mir habe, dann will ich ein Drama schreiben, und in diesem Drama will ich sterben. – Ja, ich trage ein Drama in mir!” “Wo haben Sie nur all das Zeug gegen Kant her?” “Wo hatte Simson die dreihundert Füchse gegen die Philister her?” 8. Juli 1908 “Was für ein Unterschied zwischen dem, was wir ein gutes Wort nennen und was die Franzosen unter einem ‘bon mot’ verstehen! Der ganze Unterschied der Nationen liegt darin.” 22. August 1908 Vater las mir von einigen Zetteln Notizen vor, die mir den Eindruck fertiger Aphorismen machten. Aber es wird alles in Text und Zusammenhang gebracht – “Die Zettel werden aufgearbeitet”, sagen wir. “Alle diese Einzelgedanken”, sagte Vater bei dieser Gelegenheit, “sind wie Blumen, die ich überall einpflanzen kann, weil ich sie immer mit der Wurzel habe. Daher die Fülle und Lebendigkeit meines Stils an manchen Stellen. Immer und in jedem Augenblick zieht mein Ganzes an mir vorüber – wie bunte Teppiche, Lebensteppiche. Immer anders gewebt und vielgestaltig, aber dem Sinn des Dargestellten nach stets das gleiche. Und hin und wieder bin ich glücklich genug, einen der Teppiche zu ergreifen und festzuhalten. Das ist mein Arbeiten, darin besteht meine Art zu arbeiten, und darum sage ich auch, daß ich kein Schriftsteller bin.”

1. Dezember 1908 (Gardone53) “Natürlich ist Beethoven unvergleichlich größer als Goethe. Schon weil er aus einem Gusse war, und Goethe war doch aus tausend, aus allen Güssen. Beethoven war ganz groß; ich stelle ihn neben Shakespeare.” Anfang Dezember 1908 (Gardone) “Schon als Kind hatte ich große Schwungstimmungen. Und auch jetzt noch kommen sie häufig. Meist im Anschluß an bestimmte Worte, an scheinbar ganz bedeutungslose Worte. So mußte ich heute immer denken: ‘Fliegen wie die Vögel’ und fühlte mich dabei sehr ergriffen. Nun ja, das Fliegen der Vögel ist vielleicht auch für uns das einfachste und großartigste Gleichnis.” 12. Dezember 1908 (Gardone) “Von den modernen Dichtern (‘modern’ rechne ich von Heine an) mag ich so recht nur – Otto Ludwig. Der hatte auch Weltgewissen. Und sein »Erbförster« ist eine schöne Sache. Heine – Otto Ludwig, so geht es bei mir.” Herodot, der er besonderen Sinn gegeben). 52

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Ähnliches Seite 10. wird über Beethovens Klaviervortrag berichtet. Vgl. Marx, Beethoven, 2. Auflage, Seite 10. Nach Abschluß der »Lehre« sehr leidend, war Vater zur Erholung erst acht Wochen an den Gardasee, dann vier Wochen nach Sankt Moritz im Engadin gegangen. Die ersten vier Wochen brachte meine Mutter mit ihm zu, die übrige Zeit ich, zugleich zur Linderung meiner nervösen Leiden.

– 40 – Ende Dezember 1908 (St. Moritz) Ein merkwürdiger Mann, fanatischer Phrenologe, hatte uns in einer Konditorei angesprochen und über Vaters Schädel geäußert: das Schlußvermögen sei größer als das Vergleichungsvermögen. Vater widersprach ihm nicht, aber auf dem Rückwege sagte er zu mir: “Nein, Scharfsinn besitze ich wenig; nur gerade so viel wie ich für meine Zwecke brauche. Was ich gefunden habe, habe ich durch Anschauung gefunden; dadurch, daß ich mich gerade vor die Dinge hingestellt habe.” 2. Januar 1909 (Sils-Maria) “Nietzsche war ein schlechter, ein böser Mensch; einer, der so außerhalb der Menschheit stand. Darum kann ich ihn nicht leiden.” 2. Januar 1909 (St. Moritz) “Einen sehr liebenswürdigen und liebevollen Lehrer hatte ich an Bräuning. Er war Offizier und starb dann leider bei einem Manöver. Und wie hat er meine Homer-Rezitationen bewundert! Manche ganze Stunde wurde nur dem gewidmet: ich rezitierte, und die andern hörten zu. Auswendig konnte ich’s alles, ohne Grenze. Und das vor allem verstand ich: zu skandieren und doch jedem Worte seine Prosabetonung zu lassen. Ja, betonen kann ich wie vielleicht keiner sonst auf der Welt; nach strengster Logik und nach feinstem Gefühl. Die Leute sind immer so dumm zu denken, daß eines das andre ausschließe.” 31. Januar 1909 “Ich fühl’s – ich werde wieder gesund, muß wieder gesund werden. Ich habe meine Juden aus Ägypten geführt, aber ich will nicht, daß ich und sie in der Wüste sterben. Nur ein wenig schwach bin ich jetzt. Was einem andern etwa die Leidenschaft für Bachus oder Venus getan hat, das war bei mir die Passion de la vérité. Von dieser Leidenschaft kann sich keiner einen Begriff machen, der sie nicht selber besitzt. Und damit hat natürlich immer gerade das Herzorgan zu tun. Ich denke aber, besser zu werden. Sollte es indessen nicht sein, sollte ich die Kraft zur großen Konstruktion nicht wieder gewinnen, so würde ich, was ich an Aufzeichnungen habe, durchgehn und was mir davon wertvoll erscheint, in der unvollkommensten Form, die es gibt – in Aphorismen – herausgeben.” “Wenn man sieht, wie schrecklich die Leute lesen, könnte man allen Mut zum Schreiben verlieren!” “Hegel schreibt immer wundervoll, weil die ganze Gediegenheit seiner prachtvollen Natur dabei herauskommt, aber er ist unkünstlerisch. Er hat keine Ahnung davon, daß man gewisse künstlerische Mittel anwenden muß, um zu wirken. Und so wirkt er längst nicht das, was er eigentlich müßte.” 21. Februar 1909 “Heute bekommt ihr jeder ein Stück Kuchen extra von mir”, sagte Vater. “Warum?” “Weil heute der Todestag von Spinoza ist.” Und dann sprachen wir davon, daß am 24. November 1932 der dreihundertjährige Geburtstag Spinozas sein wird. “Das muß der schönste Tag unsres Lebens werden”, sagte Mutter, und Vater: “Wenn wir es erleben und gesund sind – dann reisen wir nach dem Haag; und dann möchte ich die Festrede halten!”54 26. Februar 1909 “Sieh dieser ganze Aufsatz ist angeschlossen an den einen Gedanken und Ausdruck, den ich mirmeiner damalsnervösen abends Leiden. im Schreibzimmer in Gardone notierte: Biographie des Herrn Jeschuah 55

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Als der Tag kam, wurde Vater tatsächlich dazu aufgefordert – lehnte jedoch ab! – Späterer Zusatz. Zusatz. »Spinoza gegen Kant und die Sache der geistigen Wahrheit«, geschrieben als Vorrede zur deutschen Übersetzung von Meinsma, »Spinoza und sein Kreis«.

– 41 – Josephsohn. Damit ging mir so lebendig die Vorstellung auf, daß ich in dieser Arbeit gegen die Philologie und ihre ganze Ödigkeit zu Felde ziehen müßte.” “Ein Dichter bin ich nicht, aber ich habe gerade so viel dichterische Begabung, wie ich für meine Sache brauche. Ich weiß, ich könnte viel poetischer schreiben, wenn ich wollte. Aber ich gehe mit Absicht immer nur bis an die Grenze des Poetischen und nicht weiter. Eine Fülle von Bildern kommt mir immer beim Schreiben, aber maßhalten ist besser , und deshalb gebrauche ich zur Zeit immer nur einiges davon und bewahre mir das übrige für spätere Gelegenheiten auf. So behalte ich allemal noch einige Pätschchen in der Tasche. – Da, willst du hören, was mir letzthin auf meinem Wege gewachsen ist?” (Nun las mir Vater eine ganze Reihe von Gleichnissen, Bildern und starken Wendungen vor, die er ursprünglich in die Meinsma-Vorrede hatte hineinbringen wollen, aber aus künstlerischen Gründen zurückbehalten hat.) 27. Februar 1909 Es war davon die Rede, daß X keine Anstalten macht, über Vaters Werk zu schreiben. “Das schadet nichts, wenn mal ein Hahn nicht kräht – darum geht die Sonne doch auf.” 28. Februar 1909 Vater hat diese Nacht geträumt, er wäre mit dem Kaiser zusammengewesen und hätte im Gespräch mit ihm immer “wir” gesagt, wenn er von sich sprach – “wir finden, daß Sie das anders hätten machen müssen”, usw. “Warum sagen Sie denn immer ‘wir’”, fragte ihn der Kaiser. “Na, wenn ich zu Dir, zu Einer Person, ‘Sie’ sage, muß ich doch wohl von mir ‘wir’ sagen!” Juni 1909 “Richtig lesen, das heißt: das Werk wieder zurückschaffen in den Autor. Wenn ich lese, so gehe ich um mit dem Autor; nur auf seine Person kommt es mir an. Ich kenne im Grunde ja auch gar keine Gedanken – ich kenne nur Menschen.” 22. Juli 1909 “Zur großen theoretischen Komposition gehört weit mehr Phantasie als zum Poetisieren. Wenn man auch nur eine geringe poetische Anlage hat, so ist das Dichten kein so bedeutendes Kunststück mehr, denn Stoffe zu kleinen Produktionen finden sich leicht. Aber in theoreticis: da wollen die großen Zusammenhänge immer wieder aus der tiefsten Tiefe der Phantasie geschöpft sein!” 23. Juli 1909 Vater sieht jetzt einen Teil seiner Notizen durch – ungezählte Niederschriften auf Zetteln, aus verschiedenen Zeiten stammend. Er will davon diejenigen auslesen, die er für seine Arbeit »Du und die Andern« gebrauchen kann. Dabei wächst ihm Drang und Lust zur Arbeit. Am liebsten ginge er an das Ganze, an den zweiten Band des Hauptwerkes. “Aber”, sagt er, “wenn ich jetzt gezwungen wäre, als ‘Schriftsteller’ zu leben, das heißt fürs Brot zu schreiben – wenn ich das könnte – und also auf meinen großen Lebensplan Verzicht leisten wollte, – Material hätte ich in meinen Manuskripten genug für eine Menge Bücher, so daß es in der Hinsicht sehr gut anginge.” Juli 1909 Anläßlich Karpeles’

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Tod: “Wie wird Heine sich ekeln!”

5. August 1909 “Eigentlich bin ich ja Theaterdirektor. Fürs Theater habe ich ungeheuer viel übrig.” deutschen Übersetzung von Meinsma, »Spinoza und sein Kreis«. 56

Karpeles hat verstimmend schlecht über Heine und andere geschrieben.

– 42 – 21. August 1909 “Essays schreiben gehört nicht zur Schriftstellerei. Der Essayschreiber ist kein Schriftsteller, sondern nur ein guter Leser, gehört also zum Publikum und zeigt den andern aus dem Publikum, was er gelesen und wie er es gefunden hat. Als Ausnahme möchte ich keinen andern als Emerson gelten lassen. Der schriftstellert in der Form des Essays. Schriftsteller ist er darum, weil er auf den Willen wirkt.” Von Montaigne hält Vater nicht viel. Als höchstens fünfzehn- oder sechzehnjähriger Knabe machte Vater auf die Gedichtsammlung eines gewissen Wittkower57, die »Blütenstrauß« betitelt war, folgendes Epigramm: “Wahrlich, manchen Strauß bestand ich, Um dies Buch ganz durchzulesen; Aber leider! das empfand ich: Blüten sind nicht dringewesen.” 3. März 1909[Datum prüfen s. o.] “Mir träumte von einem kleinen Kind, zu dem Kinde trat seine Mutter, die war viel größer als das Kind, und dann kam die Großmutter, die wieder noch viel größer war. Darauf fühlte ich, wie im Traum eine Art Pause eintrat, wo ich mich auf etwas noch Größeres besann, denn auf solche Steigerung war es abgesehen. Nun kam der Papst, riesengroß, so groß wie ein Haus. Der Papst war ich; wie ein ungeheurer Schneemann, aber grau mit einem schwarzen Hut. An meiner Hand hielt ich ein ganz kleines Mädchen; die war meine ‘Konkubine’. Ich nannte sie ‘Bienchen’ und war sehr zärtlich zu ihr. ‘Die hast du wohl sehr lieb?’ fragte jemand. ‘Ja’, antwortete ich, ‘mit einem Bienchen muß man doch schwärmen.’” 22. Oktober 1909 Da Vater sich mit dem Briefe, der »Du und die Andern« einleiten soll, quält: “Nichts wird mir doch so schwer wie die Einleitungen. Mit der »Ankündigung« ist es mir auch so schlecht gegangen. Nicht zu sagen, was die mir für Plackerei gemacht hat. Und eigentlich muß ich gestehen, daß sie mir, wie sie nun da ist, gar nicht einmal so besonders gefällt.” Februar 1910 “Als Student in Berlin ließ ich mir zum Spaß einmal die Karten legen. Es fielen die vier Asse, und die Kartenlegerin sagte: ‘Sie werden einmal etwas Großes für die Menschheit tun.’ Ein paar Wochen später war ich in einer Gesellschaft, wo wieder, zur Unterhaltung, Karten gelegt wurden. Wieder deckten sich die vier Asse auf, und wieder wurde mir der gleiche Bescheid.” 16. Februar 1910 “Sogenannte Lebenskämpfe habe ich genug durchzumachen gehabt und noch durchzumachen – vielleicht mehr als andre. Woher hätte ich auch sonst meine Bewegungslehre? Meine Bewegungslehre kommt aus der Psychologie!” 26. Februar 1910 “Würdest du nun die Sch. unter die geistigen Menschen zählen?” fragte ich, als wir beide im Park spazieren gingen und uns über die grünen Frühlingszeichen an den Bäumen und auf der Erde freuten. “Hast du mich je auf solche Frage Antwort geben hören? Ich mache diese ganze Unterscheidung praktisch niemals. Obwohl ich täglich am Werke bin, auf diesen Unterschied hinzuweisen und ihn ins Bewußtsein der Menschen zu bringen, spielt er für meine eigene Praxis nicht die geringste Rolle.” “Am Ende könnte man überhaupt diese Einteilung in Geistige und Volk von deiner Philosophie ganz ablösen?” 56 Karpeles hat verstimmend schlecht über Heine und andere geschrieben. 57

Wittkower hat meinen Vater eine Zeitlang im Hebräischen unterrichtet; er war ihm eine sehr unsympathische Persönlichkeit.

– 43 – “Ich weiß nicht. Ich hätte nichts dagegen, wenn man zunächst diese Zweiteilung nur als Pädagogik und Heuristik auffaßte. Und doch ist es viel mehr und so fest und fein eins ins andere hineinverwoben. Und vielleicht ist für die Praxis nur jetzt nicht die Zeit. Jedes nach seiner Zeit. Doch über diese Sache kann und werde ich niemals sprechen.” 28. April 1910[Datum überprüfen s. u.] Anläßlich Björnsons Tod sagte jemand: “Es müssen doch große Gedanken in diesem Kopfe gewesen sein.” “Ja, vielleicht”, erwiderte Vater lächelnd, “denn rausgekommen sind keine. – Nein, Ibsen war der weit größere Mann (die Zeitungsartikel hatten Björnson über Ibsen gestellt), Björnson ist eine kleine Zeitgröße, für kurze Zeit. Ibsen aber hatte großen Freiheitsdrang und hat unter diesem Freiheitsdrang gelitten, und das ist sehr viel.” 25. April 1910 Der junge Massow, auf dessen musikalische Begabung mein Vater den Goby Eberhard58 aufmerksam gemacht hatte, war dann auf Gobys Veranlassung von dessen Schüler Chaffey unentgeltlich im Violinspiel unterrichtet worden. Bevor Goby nach Soden und Chaffey nach Amerika ging, war ausgemacht worden, daß Gobys Sohn, Siegfried Eberhard59, den Unterricht weiter übernehmen sollte. Aber nun waren Goby und Chaffey fort; und da Siegfried keine Anstalten machte, den Jungen zu unterrichten, wandte sich dieser in seiner Verzweiflung an meinen Vater, der dann daraufhin dem Siegfried folgendes schrieb: Heldenmut und Menschenliebe oder Wem ist das Kind sein Lehrer? Personen: Das Kind Massow, vom Kopf bis zu den Füßen Ein Vibrato. Goby in Soden. Chaffey in Amerika. Ein königlicher Held in Halensee.60 Ein trauernder Denker in Tempelhof.61 Kein Geld. Der Held: Lasset die Kindlein zu mir kommen! 11. Oktober 1910 Vor ein paar Jahren, als ich eine Woche in Hermsdorf einsam in Landauers leerer Wohnung verbrachte (sie waren in Süddeutschland), fiel mir, am vorletzten Tage, das Buch der Lou Andreas-Salomé über Nietzsche in die Hände. Ich las mit ungeheurem Anteil darin und versuchte seitdem oft, Vater auch zu der Lektüre zu bestimmen. Rein zufällig, oder doch, weil Vater so gar wenig liest, unterblieb das, bis vor wenigen Tagen, auch ganz zufällig, ich in einem Gespräch – über Nietzsche, glaube ich – dringender wurde, so daß Vater schließlich sagte: “Nun, so laß Landauer das Buch einmal herschicken.” Landauer schrieb zu der Sendung, wir könnten nun etwas noch Besseres haben als das Buch, nämlich die Schreiberin selbst, die gerade hier sei, und erbot sich, uns mit ihr zusammenzuführen. Vater griff das nicht auf. Doch am Freitag, als er eben in dem Nietzsche-Buche las und an einer besonders schönen Stelle hielt, wie er später sagte, klingelte es. Ein Telegramm: “Eine Frau, die Ihnen danken möchte, bittet um die Erlaubnis, Sie morgen um vier Uhr kurz zu sprechen. Lou AndreasSalomé.” – Darauf ein liebenswürdiges Ja von Vater. Doch obwohl auch er aus dem Buche den Eindruck sehr unsympathische starker Tüchtigkeit Persönlichkeit. gewonnen hatte, erwartete er gar nichts von Bedeutung für 58 Namhafter Violinpädagoge, mit meinem Vater befreundet. 58 59 Namhafter Violinpädagoge, mit meinem Vater befreundet. Ebenfalls Violinpädagoge. 59 60 Ebenfalls Violinpädagoge. Siegfried Eberhard. 60 Siegfried Eberhard. 61 Constantin Brunner.

– 44 – sich. Gehört hatten wir von der Lou nur wie von vielen andern zeitgenössischen Schriftstellerinnen auch, ziemlich schattenhaft; Vater kannte kaum ihren Namen; ich freilich hatte in meinen Seminarjahren einmal den Roman »Ruth« gelesen. Seltsam war uns nur, daß das Schicksal solch einen lebendigen Faden spinnen wollte zwischen Nietzsche und Brunner. Also nichts von Vorgedanken. “Ich werde ja sehen, ob sie mir gefällt; nun, ich werde nicht gleich meine liebe Lou zu ihr sagen”,62 warf Vater beifäufig und halb scherzend hin. Und nun sagt er doch “meine liebe Lou” und hat sie erst zweimal gesprochen. Die Lou hat seit dem Juni nichts getan, als in der »Lehre« gelesen. Wenn sie zu Ende ist, fängt sie wieder von vorn an. Die Schrift »Spinoza gegen Kant« hat sie sich in das große Werk einbinden lassen, zwischen Ankündigung und Prolegomena. Da gehörte sie hin. Den stärksten Eindruck ihres Lebens nennt sie die Lehre. Alles in ihr ist ganz neu davon geworden, alles Alte umgeworfen, und ihr ganzes Leben soll nun im Dienste der Lehre stehn – in welcher Art und Form, das weiß sie noch nicht. Schreiben ist ihr vorläufig unmöglich, sie will überhaupt nichts mehr schreiben, nur noch lesen, die Lehre lesen. Sie blieb ein paar Nachmittagsstunden bei Vater in seinem Zimmer. Dann mußte sie weg, und Montag müßte sie zurück nach Göttingen. Drei Wochen war sie schon in Berlin gewesen und hatte sich aus Schüchternheit nicht entschließen können, Vater aufzusuchen. Bei Landauers aber, so erzählte später Hedwig63, hatte sie von nichts und von niemand als von Vater gesprochen und gefragt und gefragt! Das Telegramm schickte sie, um sich möglichst rasch zu dem zu zwingen, was ihr so schwer wurde und doch so notwendig war. Am Montag kam ein Messengerboy mit der Botschaft: Lou würde mit dem Nachtzuge fahren, wenn sie noch einmal kommen dürfte. Und dieses zweite Kommen war wohl gerade entscheidend. Er möchte doch alle Konventionen zwischen ihnen fallen lassen und du zu ihr sagen. Sie sprachen lange miteinander. Mutter war in der Stadt, ich saß hinten in meiner Stube und nähte. Inzwischen kam Vater einmal zu mir, küßte mich sehr und sagte, alles wäre sehr merkwürdig bei Lou, und nachher würde er mir erzählen. Um halb acht Uhr aßen wir dann zusammen, darauf brachte Vater Lou in ihre Wohnung zurück, und von halb zehn bis halb zwölf Uhr saßen Vater, Mutter und ich noch miteinander im Weinrestaurant von Kniese am Belleallianceplatz über Austern und Beefsteak, und Vater erzählte uns, was sie besprochen hätten und wie stark in der Lou das neue Leben wäre. 20. Januar 1911 Vater erzählte mir heute morgen von einigen dramatischen Versuchen seiner frühen Jahre. Als Siebzehnjähriger hat er eine Episode aus dem Leben seines Vaters, von der Mutter ihm erzählt, in einem Lustspiel behandelt, »Das Haupt der Familie«. Was davon erhalten ist, sehr wenig und in der ersten unordentlichen Niederschrift, las er mir vor. Es steckt entschiedene Begabung fürs Dramatische darin – wie in all seinen Sachen, offensichtlich oder latent – und kotzebuescher Einfluß tritt deutlich hervor. “Wie sollte das anders sein”, sagte Vater auf ein hierauf bezügliches Wort von mir, “Kotzebue ist für uns der Lustspieldichter.” An einem Drama, »Das Recht der Frau«, hat Vater schon vor und dann während der “Zuschauerzeit” gearbeitet. Am meisten aber lag ihm sein »Judendrama« am Herzen, ja noch heute hegt er den Wunsch, es zu Ende zu bringen. Es spielt zur Zeit von 1870; Judentum und Patriotismus sind die hauptsächlichen Bewegungsmotive. Aber wo all diese Manuskripte sind? Vater sagt, bei der Auflösung des literarischen Büros damals sei ihm viel abhanden gekommen; er selber habe nie auf seine Sachen geachtet und ein andrer gewiß nicht. Er weiß noch nicht einmal, was fehlt!64 Den Sommer haben wir wieder im alten, schönen Misdroy zwischen Wiesen, Wald und See verbracht. Vaters Arbeit, bei der ihn Kopf- und Augenschmerzen leider viel störten, galt 61 vorConstantin allem demBrunner. Briefe, der ursprünglich als Einleitung zu »Du und die Andern« gedacht war. 62 62 63 63 64

Beziehung auf Nietzsche. Beziehung Nietzsche. Landauers auf Frau. Landauers Frau. Einen Teil vom »Haupt der Familie« habe ich beim Aufräumen des Nachlasses gefunden und vernichtet. – Späterer Zusatz.

– 45 – Vater feilt immer von neuem an diesem Briefe, denn gerade er müsse künstlerisch fein herauskommen, da er keinen eigentlich positiven Inhalt habe. Aber überhaupt, was es auch sei, “was nicht gut ist, ist gar nichts”. Lieber ganz wenig fertigbringen, aber das in einer gewissen Vollendung, als viel und das nur andeutungsweise, roh und spärlich. Denn von der Form hängt die Wirkung ab. So ist auch der Vorschlag des Bernauer Anhängers K., alle Hauptgedanken skizzenhaft zu geben, damit sie nur da und gesichert seien, ganz gegen Vaters Natur und Überzeugung. Er ist viel zu sehr Künstler, um so verfahren zu können. “Unmöglich, daß ich, wie K. mir vorschlägt, meinen Plan ändern und statt das Einzelne auszuführen, das Ganze im Umriß fertig machen könnte. Weil ich viel zu tief weiß, daß unter den Menschen aller Inhalt nur in der gehörigen Form wirkt. Ich würde nie Ruhe haben, wenn ich meine Sachen roh hinausließe. Auch Gott hat die Welt nicht so hingeschmissen, sondern hat daran gearbeitet, so lange, bis er fand, daß sie gut wäre, und wenn er auch damit als ein etwas eitler Schöpfer sich erweist, so hat doch jedenfalls die biblische Schöpfungsgeschichte Anwendung auf jeden Schöpfer, wie ja überhaupt die Bibel der wunderbarsten und mannigfachsten Anwendungen fähig ist.” Auch an den Aufsatz, der im Archiv für Philosophie65 erschienen ist, wurde in Misdroy die letzte Hand gelegt. Als Prof. Stein sich sofort und in besonders liebenswürdiger Weise zur Annahme bereit erklärte, war Vater beinah enttäuscht. Denn heimlich hatte er erwartet, niemand würde die Arbeit nehmen und sich schon fast ein bißchen gefreut, sie von sich aus zu veröffentlichen mit dem Bemerk: von sämtlichen philosophischen Fachblättern abgelehnt. Außerdem entstand, im Anschluß an eine kleine Reise, die Vater mit mir nach Stockholm machte, um mir die herrliche Stadt zu zeigen und den vierundneunzigjährigen Onkel zu besuchen, dieses Wunder eines alten Mannes, die kleine Geschichte »Onkel Abraham und der Dieb«66, natürlich nur aus dem Wunsche heraus, dem Alten, der den kleinen Schwank aus seinem Leben so prächtig frisch erzählt hatte, noch auf den Rest seiner Tage eine besondere Freude zu machen. Ich war entzückt von Vaters Benehmen in Stockholm. Er war ganz einfach, sehr munter und fügte sich vollkommen, ohne mit einem Blick darüber hinauszuschauen, in die Art der Verwandten, in ihre Herzlichkeit, ihren Humor. Er war nichts als eben nur der herzlichste und humoristischste von allen. Daß er sich dort so behaglich fühlte und gab, hat seinen Grund wohl zum Teil in einer wirklichen Familienähnlichkeit, die hier gerade im Charakter der Herzlichkeit und des Humors besteht. Dem alten Onkel gleicht Vater übrigens auch äußerlich im Bau des Gesichts und Oberkörpers und ganz gewiß in der imposanten Energie, die bei dem Alten freilich ganz aufs Praktische geht. Ich konnte mich nicht genug über Vaters Harmlosigkeit freuen und mir wurde vielleicht zum ersten Male deutlich, wie es hauptsächlich die Bildungsansprüche gewisser Menschen sind, die ihn oft unnatürlich bis zur Geziertheit erscheinen lassen, weil sie ihm zuwider sind. Mit ganz Ungebildeten, mit Bauern, Schiffern, Handwerkern, Briefträgern usw. habe ich ihn stets gut und natürlich gefunden. Seine unerschöpfliche Güte bewährte Vater an Adalbert und Eva Silbermann, deren Ehe in mancher Hinsicht besserungsbedürftig ist. Eva war etwa zehn Tage in Misdroy. Vater hat sie gern; ihre Energie, das Aristokratische und Sichere ihrer Haltung, dazu ihr ungewöhnlicher Scharfsinn erinnern ihn an seinen verstorbenen Bruder Akiba. Er sprach viel und nachdrücklich mit ihr über ihre Ehe, in der Hoffnung, durch seinen Einfluß auf beide Teile Gutes zu wirken. Und doch ist wahrscheinlich alle Kraft und Zeit, die er hierfür einsetzte und die nicht gering waren, verloren, denn durch einen besonderen Zwischenfall wurde es ihm nachher unmöglich, mit Adalbert, der auf zwei Tage nach Misdroy kam, das Gespräch zu führen, von dem er alles erwartete. Dieser Zwischenfall bestand in der radikalen Ablehnung von Adalberts dramatischer Produktion, die durch Vorlegung eines Dramas notwendig geworden war. Vater bat, um ihres freundschaftlichen (zwar nicht tiefen, aber liebenswürdigen) Verhhältnisses willen, es bei dem allgemeinen Nein, ohne Begründung im einzelnen, bewenden und vernichtet. – Späterer Zusatz. 65

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»Die Lehre von den Band 1911 Heft 3. Geistigen und vom Volke«, Archiv für systematische Philosophie, 17. Band 1911 Heft 3. In der Zeitschrift »Ost und West« erschienen, August-September 1911.

– 46 – zu lassen. Dieser Weg, die peinliche Sache zu erledigen, verletzte Adalbert, und so scheint nicht nur viel von Vaters Zeit und Kraft, sondern auch dieser lebhafte, geistreiche, kindliche, verehrungsvolle und uns allen angenehme Mensch für ihn verloren.67 Noch jemand sollte von seiner unglücklichen Liebe zum Dichten geheilt werden. Der begeisterte junge Brunnerianer Kettner in Czernowitz ist nach Vaters Rat völlig entschlossen, sein Laster für immer von sich zu werfen und sich ganz und gar ernster wissenschaftlicher Tätigkeit zuzuwenden. Jungen Leuten wie diesem seltsamen und naiven Kettner, dem feurigen, kleinen Pali Neubauer in Budapest, dem braven tüchtigen Lorenz in Elberfeld gegenüber entwickelt Vater seine ganze Güte und Weisheit. Sie vergöttern ihn, und er nimmt seine Aufgabe, ihnen zu helfen, so ernst, daß er trotz dringendster Arbeit sie nicht einmal mag auf einen Brief warten lassen. Begreiflich, daß Vater neulich, als er Briefe des alten Goethe las, befremdet wurde durch den schroffen, “ertötenden” Ton, den dieser oft für die Jugend hat. Es sind viele Menschen, die mit ihrer ganzen Persönlichkeit und ganzem Geschick an Vater hängen. Er sagt selbst, ihm sei so, als habe er immerwährend hundert Rosse zu lenken, keiner der Zügel dürfe ihm nur einen Augenblick entgleiten, und jeder verlange einen andern Griff. Ein leichter, leicht zu nehmender Mensch ist unser Herrlikow68, den der durch die Korrespondenz wach und lebhaft gewordene Wunsch, Vater persönlich kennenzulernen, nach Misdroy trieb. Herrlikow ist ganz wie ein deutscher Burschenschafter, mutig, ja kampfund angriffslustig, allezeit aufgelegt, seine Sache – das ist Vaters Sache – zu verfechten; am liebsten, wenn es bei der Gelegenheit zugleich den Pfaffen ein wenig an den Kragen gehn könnte, immer zu Trinken und Lachen bereit. An Solidität und Ernst des Denkens fehlt es dabei nicht, und die Bewunderung für seinen “Meister”, den er weit über Spinoza gestellt wissen will, platzt aus jedem Satze. Prächtig ist sein Lachen, – Unendliches haben die beiden, Vater und Herrlikow, miteinander gelacht, besonders über jüdische Witze, dieVater unnachahmlich erzählt, beim Wein im Misdroyer “Seeblick”, einem angenehmen Hotel mit Restaurant. Eines ernsten Gesprächs von einer, der letzten Weinsitzung mit Herrlikow bei dem Abschiedsessen, das er uns gab, erinnere ich mich besonders gern. Es war vom echten Studententum die Rede (oder vielmehr Vater redete), gewissermaßen eine Vertiefung des Textes: “Allein das rechte Burschenherz kann nimmermehr erkalten”. Was für eine Begeisterungsfähigkeit in den Studenten, in den besseren, ja auch in den mittleren, lebendig sei, und wie schön und unübersehbar folgenreich das wäre, wenn diese Begeisterung, die so, wie es nun ist, leer verpufft und sich in und für Dummheiten ausgibt, wenn die gepackt und fruchtbar gemacht würde. Und Vater erzählte von seinen Kneipen, seinen Präsidien, seinen Bierreden über den Bandwurm, und wie alles doch im Grunde so furchtbar ernst gewesen und bei jedem Gelage ihm die Hauptsache ein Warten und Horchen, ob sich nun nicht endlich die Seele der andern oder eines andern bis zu ihrer letzten Tiefe entschleiern wollte. Immer vergebenes Warten. – Herrlikow war ein guter Zuhörer, ein wenig abschiedstraurig. Als ich ihn neckte: “Herrlikow, Sie haben da ein so wunderbares Souper arrangiert, wie zu einer Freudenfeier”, da seufzte er: “O Kinder, ich wollt doch noch ein viel wunderbareres Essen geben, wenn ich noch bei euch bleiben könnt!” Aber im ganzen war’s doch lustig, und der Weg in seine Wohnung wurde dem Herrlikow ganz schwer, so mußte er lachen im Gedanken an Vaters Witze. 22. Januar 1911 “Ich habe mich mein Leben lang vom Schicksal frei gehalten und will es weiter tun.” 25. Januar 1911 66 Über sein Arbeiten an »Du und die Andern«: “Da sind noch ein paar matte In der Zeitschrift »Ost und West« erschienen, August-September 1911. Stellen, die mich 67

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Adalbert hat sich überwunden und ist nach kurzer Zeit des Grollens zu Vater zurückgekehrt. (Oktober 1911) (Oktober 1911) Der eigentliche Name – Carl Borromäus Herrligkoffer – ist von uns unter allerlei Scherzen in das wendisch klingende “Herrlikow” verwandelt worden!

– 47 – sehr ärgern, womit ich vorläufig gar nicht zurechtkomme. Denn alles, was mir einfällt, ist für die guten Partien, die werden reicher und feiner – aber die armen Leute stehn da und kriegen nichts.” Der »Faust« ist im Grunde leer; er hat keine eigentlich tiefen Gedanken. Doch hat er die Stimmung der Gedanken, die ja bei Goethe immer so wundervoll ist.” 8. April 1911 “Es ist gar nicht zu sagen, was für ein dummes Kind ich gewesen bin und wie völlig urteilslos bis in meine späten Jünglingsjahre hinein; der Literatur gegenüber sogar noch damals, als ich mein literarisches Büro gründete. Aber bei alledem fühlte ich, daß ich was können würde, sobald ich mich nur daranmachte und besseres als vieles, was ich bewunderte. Unbedeutende und gleichgültig hingesprochene Worte haben oft Ungeheures in mir bewirkt. Ich weiß zum Beispiel noch genau, wie einmal Leo Berg, ich glaube zu Konitzer, in Bezug auf ein Manuskript, das sie vor sich hatten, sagte: ‘Dieses Bild ist nicht anschaulich.’ Von dem Moment an stand für mich die konstitutive Bedeutung fest, die dem Begriffe Anschaulichkeit in meiner Poetik, vor allem in der Poetik meiner Philosophie zukommt.” “Als Kind galt ich immer als der Schlemihl, besonders draußen in Eimsbüttel bei meinem Bruder. Bei ihm wohnte ich oft lange Zeit hintereinander, und dann war da auch zuweilen ein anderer Junge, Storch hieß er, der mir in allem weit überlegen war, zum Ärger meines Bruders. Akiba las Cicero mit uns Jungen, und auch da war Storch der Flinkere und Tüchtigere. Aber dann einmal zufällig, da zeigte sich’s zum Staunen Akibas, daß ich alles, was wir gelesen hatten, auswendig wußte. Das konnte nun wieder Storch nicht.” (Spaziergang übers Tempelhofer Feld) “Du weißt, was ich von Beethoven halte. Aber unvergleichlich mehr ist mir doch Michelangelo, er, der ganz allein ein Gegengewicht gegen die gesamte griechische Plastik hält, ohne den Plastik uns nur griechische Plastik wäre. Dabei habe ich nicht das geringste Verlangen, die Originale zu sehn; es würde mir nichts dazutun, wenn ich sie sähe. Durch die Photographien fühle ich die ganze Bedeutung, ja, ich glaube, durch bloße Beschreibungen würde ich sie gefühlt haben, selbst wenn mir nie Abbildungen zu Gesicht gekommen wären.” (Spaziergang nach Südende) 2. September 1911 “Gedacht habe ich nie. Ich weiß oder ich weiß nicht, aber ‘denken’ kann ich nicht. Vielleicht daher meine Sicherheit; denn wer denkt, kann irren.” 3. September 1911 Während unseres Aufenthaltes in Misdroy schuf Georg Wienbrack, angeregt durch »Spinoza gegen Kant«, seine Spinozabüste. Vater ist sehr beglückt darüber. Ganz erfüllt von Vaters Persönlichkeit und von seinem Verhältnis zu Spinoza, machte Wienbrack sich eines Tages auf, wie er erzählt, ging über das Tempelhofer Feld bis zu unsrem Hause, davor eine Weile auf und ab, dann in den Park, wo er sich auf die “Philosophenbank” setzte; so nannte er die Bank, von der er wußte, daß Vater dort zu sitzen pflegte. Und, nachdem er längere Zeit ruhig gesessen, kam ihm wie ein Blitz sofort ganz klar und voll die Idee zu seinem Spinoza, und so drängend, daß er sich ein Auto nahm und nach Hause raste. Er konnte es nicht aushalten, bis er zur Arbeit kam, war dann, in seinem Atelier angelangt, im Nu mit dem Wesentlichen fertig und hat darauf furchtbar geweint. 13. September 1911 Da Nordau schrieb, nachdem er den Aufsatz im Archiv für systematische Philosophie gelesen, daß er die Trennung der Menschen in Geistige und Volk nicht anerkennen könne, da in der Natur nirgendwo schroffe Gegensätzlichkeit walte, sondern immer Übergang, Abschattung, so sagte Vater: wie er gar nicht erwarte, daß in dieser Hinsicht jemand mit ihm ginge; wenn

so sagte Vater: wie er gar nicht erwarte, daß in dieser Hinsicht jemand mit ihm ginge; wenn – 48 – zwei es täten, so wäre ihm das genug. Aber falsch wäre die Lehre, daß die Natur keine Sprünge mache. “Ich behaupte, die Natur macht nur Sprünge.” 22. September 1911 “Unendlich viele sind zum Bösen, sehr wenige zum Guten zu erziehen und alle nur durch Beispiel.” Wienbrack heute abend hier, um Vaters Stirn abzuformen, die er für seine Spinozabüste verwenden will. Nachdem die Prozedur, die im Eßzimmer stattfand, vorüber und Vater draußen war, um sich zu waschen, gestand Wienbrack Mutter gegenüber, daß ihm überhaupt, nicht nur der Büste wegen, daran gelegen hätte, einen Abguß von Vaters Stirn zu besitzen. Er habe noch nie eine solche Stirn gesehen, sagt er, und sie sei das erste gewesen, was ihm an Vater aufgefallen wäre. Nach dem Essen las Vater dem Wienbrack den noch nicht ganz vollendeten Brief über die Spinozabüste69 vor. Wienbrack machte dabei ein Gesicht, als ob er die heilige Weihe empfinge. Danach vermochte er die Tränen nicht mehr zurückzudrängen. Nach beendetem Lesen zog sich Vater in sein Zimmer zurück, das dunkel war. Wienbrack blieb erst ein Weilchen wie erstarrt bei uns am Eßzimmertisch sitzen. Keiner sprach. Plötzlich sprang er auf und stürzte durch den dunklen Salon in Vaters Zimmer, um ihn zu küssen. 25. September 1911 Ein ganz kurioser, eigentlich sinnloser und jedenfalls schwer beschreiblicher Humor liegt in Vaters Familie, und zwar von der mütterlichen Seite her. Flora70 hat ihn, der alte schwedische Onkel besaß ihn, Ellis71 Sohn Ernst soll ihn haben, und ich kenne ihn an Edu 72, den ich gern mag, aber ich kann nicht mit ihm zusammensein, weil ich einfach körperlich das viele Lachen nicht aushalte. Es ist tatsächlich immer ein “fast sterben vor Lachen”. – Und so, erzählt Vater, sei es früher, als er jung war, wenn er nichts eigentlich Ernstes zu tun gehabt, bei ihnen zu Hause jeden Tag hergegangen. “Zappeln” nannten sie dies Unsinnmachen, das Vater charakterisiert als “ein Sich-Baden im Nichts”. Freilich so wie Vater “verrückt” sein kann, so kann es keiner aus der Familie. Er erzählte mir, daß er einmal bei seiner Schwester Marianne solchen wahnsinnigen Ulk getrieben habe, daß das Dienstmädchen, das etwas davon hörte, sich vor Lachen zum Fenster hinausstürzen wollte! Und mitten im endlosen Spaßen, wobei immer neue Einfälle ununterbrochen einander folgten, Vater hinaus, auf ein paar Minuten, und wieder zurück mit einem in der Geschwindigkeit fabrizierten ellenlangen Gedicht, dem »Räuberlied« nach irgendeiner bekannten Melodie, das dann unter erneutem Lachen gesungen wurde. Bei jeder Gesellschaft hatte er sofort sämtliche junge Mädchen, und waren es dreißig, um sich herum, für die dann ein andrer Mann überhaupt nicht existierte. Und er war liebenswürdig, bevorzugte keine und setzte keine zurück. Der Häßlichen, Verschmähten hat er sich immer besonders angenommern. Die Ironie, sagt er, liegt ihm als Schriftsteller besser als der Humor. (Ja, sagte ich, weil Ironie ethisch ist, Humor nur ästhetisch, und ihm komme es zuallererst auf ethische Wirkung an.) Die Ironie habe er vom Vater, den Humor von der Mutter. Anläßlich des Briefes über die Spinozabüste: “Mit der Komposition einer Sache habe ich noch nie Schwierigkeiten gehabt. Die steht von Anfang an fest und braucht nie umgestoßen zu werden.” Beruhigt über Vater werden Mutter und ich erst sein, wenn wir ihn bei seinem zweiten Bande in das wissen. wendisch Aberklingende er fühlt sich “Herrlikow” dieser Arbeit verwandelt körperlich worden! nicht gewachsen; er deutete dies 69 Als Aufsatz in »Nord und Süd« gedruckt, Januar 1913: »Eine Idealbüste Spinozas«. 69 70 Als Aufsatz in »Nord und Süd« gedruckt, Januar 1913: »Eine Idealbüste Spinozas«. Vaters Schwester. 70 71 Vaters Schwester. Vaters älteste Schwester. 71 Vaters älteste Schwester. 72 Ernsts Stiefbruder.

– 49 – an. So wie es ist, liegt aber Gefahr der Zersplitterung vor, die ich nicht ausdenken, nicht einmal mit meinen Gedanken streifen mag. Vater ist impressionistisch wie ein Künstler, macht aber die Impressionen seinen Prinzipien untertan als Philosoph. Zur Zeit arbeitet Vater an fünf bis sechs Sachen zugleich, wie er sagt, ist aber dabei nicht zerstreut, sondern aufmerksam und mitteilsam. Ich bewundere immer, bei seiner sonstigen Heftigkeit und Reizbarkeit, seine Toleranz Störungen gegenüber. Ich bin zuweilen ganz unglücklich, wenn ich zur Unzeit in sein Zimmer eingedrungen bin. Seh ich die rote Wollmütze73 über das Papier gebeugt, so weiche ich sofort erschrocken zurück, denn dann ist er tief in der Arbeit. “Ja, es kann schon vorkommen, daß du mir mal ein Wort, selbst einen Gedanken verscheuchst, den ich nachher nicht wieder finde, aber stör mich nur! Daß ich nicht ärgerlich werde, kommt daher, weil ich dich doch immer so gern sehe!” 28. September 1911 Vater ist allen Menschen gegenüber nicht nur hilfsbereit bis zur Aufopferung, sondern auch liebenswürdig. Aber es gibt Fälle, wo er eine “Kratzbürstigkeit” herauskehrt, die sich im Grunde nicht gegen den Menschen selbst richtet, sondern gegen das Prinzip, das er vertritt oder mehr noch gegen die Stellung, die er in der Öffentlichkeit einnimmt. So hat er Dehmel zwar hier im Hause sehr herzlich aufgenommen (und er ist ihm persönlich zweifellos sympathisch), hat ihm aber danach, als Dehmel zugleich mit einem warm anerkennenden Briefe über »Spinoza gegen Kant« seine »Verwandlungen der Venus« schickte, in so prinzipiell ablehnender Weise geantwortet, daß Dehmel verstummte. “Ich muß einen solchen Menschen auf eine solche Probe stellen. Hätte Dehmel bestanden, hätte er die Schroffheit meines Briefes überwunden, so wäre wahrscheinlich etwas Gutes zwischen uns geworden. Nun weiß ich, daß nichts drin lag in dem Verhältnis – also weg damit!” Vater ist natürlich, daß er sich durch solch Vorgehen schadet, daß er sich alle möglichen Menschen von Einfluß zu Feinden macht, daß zum Beispiel Dehmel ein begeisterter Verehrer und Verbreiter hätte werden können, aber – “Das ist mir einerlei, und auf diese Generation rechne ich überhaupt nicht. Wird eben der Dehmel der nächsten oder übernächsten Generation zu mir kommen! Ich habe Zeit, ich kann warten.” Vater überwacht sorgsam die Durcharbeitung der Spinozabüste, ängstlich, daß etwas vom Ursprünglichen der Konzeption verwischt werden könnte, ist wiederholt im Atelier gewesen (zum Teil mit Mutter, deren Urteil Wienbrack sehr schätzt) und hat dem Künstler Winke zur Abänderung von Einzelheiten gegeben. Ja, man kann ohne Übertreibung sagen, daß Vater diese Büste mit modelliert hat. Neulich kam Vater ganz unglücklich zurück: “Er hat die Stirn verdorben!” Aber gestern war er begeistert: nichts von der ersten Konzeption sei verloren, alles sei nur feiner durchgearbeitet worden. Da einige nahe Verwandte, vor allem seine Schwestern, ihm in der letzten Zeit mehrfach Briefe geschrieben, sagte Vater: “Ich will mit dieser, meiner entfernteren Familie, nur zu tun haben, wenn es ihr schlecht geht und ich ihr helfen kann; sonst habe ich für meine eigentliche Familie zu sorgen, die wirklich groß genug ist.” Ein andermal: “Was heißt das, Flora sei meine Schwester? Wenn sie Geld braucht, ist sie meine Schwester.” (Er meint, wenn er imstande ist, ihr zu helfen, so steht sie ihm dadurch nahe – wie übrigens jeder andre Mensch auch.) Er sagte wiederholt: “Raten kann man den Menschen nicht, man kann ihnen nur Geld geben.” 30. September1911 Vater sagt selbst, daß wohl niemand lebt, der so vorlesen kann wie er. Ist es schon ein Vergnügen, ihn ein gewöhnliches Zeitungsreferat lesen zu hören, weil es mit solcher Natür72 Ernsts Stiefbruder. 73

Eine dicke rote Wollmütze verhilft zu der für die Produktion erwünshten Wärme.

– 50 – lichkeit geschieht, daß, wüßte man nicht, er liest, man sicher wäre, ihn erzählen zu hören, so erlebt man Bedeutendes, wenn Vater Kunstwerke vorliest. Schildern läßt sich seine Art wohl kaum, nachmachen noch weniger, da sie im Intuitiven seiner Natur ihre Wurzel hat. Wie ganz die Kunst seines Lesens Intuition ist, wird allein schon deutlich durch die Tatsache, daß er bei Dramen, die er gar nicht kennt, die verschiedenen Rollen sofort richtig auffaßt und anfaßt. Denke ich an die vielen Stunden seines Vorlesens, meist Abendstunden bei Lampenschein, so steigt mir zuerst sein Homerlesen herauf. Das war in unsrer Kindheit, in Bergedorf und dann in Eilbeck74, damals, als er uns mit dem Wichtigsten der Weltliteratur bekannt machte, um uns Kinder, deren Erziehung er übernommen hatte, ins Schöne und Große einzuführen. Nebenbei leitete ihn wohl auch die Absicht, für sich selber zu “revidieren”, was er früher nur mit Leidenschaft, nicht mit Urteil aufgenommen hatte; denn damals war die Zeit, wo zugleich mit der Neugestaltung seines äußeren Lebens auch sein inneres festere Gestalt annahm, und er sich immer mehr rüstete auf sein großes Werk, und dafür mußte ihm Festigkeit in der Kritik ein wesentliches Erfordernis sein. Als eines besonderen Erlebnisses erinnere ich mich der Vorlesung der »Haimonskinder« (in der Tieckschen Darstellung), und ich weiß, was es mir, dem elfjährigen Kinde, für Eindruck machte, als ich zum Schlusse aus Vaters Augen einen großen Tränentropfen um das herrliche Pferd Bayard auf das Buch niederfallen sah. Die Shakespeare-Tragödien machte seine Stimme und Gebärde zu Aufführungen von solcher Wirksamkeit, daß eine noch so gute Bühnendarstellung mich nicht leicht befriedigen kann. Im höchsten Maße abgestoßen gar wurde ich, als ich vor wenigen Jahren mit Altkirch zusammen ansah, wie »König Lear« auf der Reinhardt-Bühne zum bloßen Dekorationsstück herabgewürdigt wurde. Mir war dabei immer noch in den Ohren und vor Augen, wie Vater die Rolle des wahnsinnigen Königs mehr gespielt als gelesen hatte. Natürlich kam auch der »Faust« an die Reihe. Hier ist Vater nun ganz wie im eigenen Hause, und alle drei Hauptrollen, Faust, Mephisto wie auch das Gretchen, für das er ganz zarte Töne in der Stimme hat, sind ihm wie auf den Leib geschrieben. Den »Faust« hat er in den Jünglingsjahren so oft gelesen, daß er große Partien Wort für Wort auswendig kennt, was viel heißen will bei einem, der so leicht keinen Vers im Gedächtnis behält. Ich denke weiter die Jahre durch, da komme ich an die Vorlesung der Sophokleischen Antigone; in Waidmannslust75 war es, in der Wohnstube, am Nachmittag, vor Mutter, Walther König und mir. Vater hatte vorher das Stück etwas zusammengestrichen, wodurch die Wirkung bedeutend erhöht wurde. Auch das Hohe Lied verdeutlicht und verstärkt Vater durch geringfügige Kürzungen, und liest er dieses, so ist’s, als ob er alle Rosenblätter von Schiras aus seinem Munde schüttete. Und doch: sein eigentliches Vorlesen ist mir immer das seiner eigenen Werke. Vielleicht mag Beethoven in ähnlicher Weise seine Kompositionen gespielt haben, sonst möchte es einzig sein. Die ganze Fülle seines Pathos und Ethos kann sich hier frei ergießen; donnernd stürzt es herunter. Und ist doch nichts weniger als ein wildes Getose. Da sind Feinheiten der Übergänge, Vorbereitungen des Kommenden oft nur durch eine zarte Tonfärbung. Wenn eine ruhige Stelle daran ist, so unterlasse ich es wohl einmal absichtlich, auf den Inhalt zu achten, um mich nur dem Klang hinzugeben; dann ist mir, als hörte ich einem Liede zu; einer jener dunklen, weichen hebräischen Melodien, die Vater so wunderschön singt. Aber doch, das Pathos bleibt das Hauptsächliche, das Anschwellen aus der Stille zum Wind und vom Wind zum Sturm. Monotonie tritt nicht ein, mag der Sturm noch so lang anhalten, weil jeder Satz für sich in sich aufs lebhafteste bewegt ist. Vater liest nicht nur mit der Stimme. Alles tut mit: die Lippen, die sich heftig schürzen, so daß der Mund, der in der Ruhe Anmut, ja Süßigkeit ausdrückt, etwas Großes, Starkes bekommt; die Unterlippe erscheint breiter, weil sie vorgeschoben wird, die mächtige, elfenbeinerne Stirn, über deren Berge und Täler es oft wie Dämpfe zieht, die schwarzen Brauenbogen, 73 dieEine in der höchsten Erregung verhilft hinaufgezogen werden; darunter erwünshten das schwarze Leuchten der dicke rote Wollmütze zu der für die Produktion Wärme. 74 74 75

Vororte von Hamburg. Vororte von Hamburg. Vorort von Berlin, wo wir von 1902 bis 1904 wohnten.

– 51 – Augen, das mächtig den Raum durchdringt; nicht zu vergessen die Bewegungen des ganzen Oberkörpers, das Auf und Nieder der Schultern, vor allem aber die Gebärden der Arme und Hände, die überaus mannigfaltig sind und derart, daß wie bei einer guten Tänzerin jedes Fingerglied mit beschäftigt ist. Der Zeigefinger der rechten Hand zum Beispiel drückt gesammelte Energie und den Willen zu überzeugen aus, wenn er sich mit der Spitze fest auf den Tisch stützt, sich förmlich in die Tischplatte einbohrt. Oft auch schließt sich die eine oder die andre Hand zur Faust zusammen und löst sich dann allmählich wieder auf mit ausdrucksvollen Bewegungen der Finger oder plötzlich, mit vehementem Ruck. Aber auch noch mehr Einzelheiten würden kein Bild geben, nicht dem Auge und noch weniger dem Ohr, da Klang sich nicht schildern läßt. Wer indessen erlebt hat, wie Vater, am Eßzimmertisch sitzend, zu jeder Seite eine Petroleumlampe, von dem meist dicken Haufen Blätter mit den starken, einfachen, monumentalen Schriftzügen76 ein Blatt nach dem andern in die lange, weiße, energievolle Hand nahm, um die kraftvollen Zeichen in kraftvolle Töne umzusetzen, der wird nie die gedruckten Reihen lesen können, ohne ein Wehen von der lebendigen Stimme dabei mitzuhören, und es taucht ihm wohl gar über der Druckseite jene einzig helle, hohe, ebenmäßige Stirn auf und darunter der furchtbare Ernst zweier dunkel leuchtender Augen. 20. Oktober 1911 [Datum prüfen s.u.; HMs.: 2. Okt.] Immer noch gehn wir alle drei von Zeit zu Zeit in Wienbracks Atelier. Er verbessert dann unter unsren Augen, nach unsren Ratschlägen. Fast scheint er mir darin ein wenig zu folgsam, so daß ich neulich geradezu an eine Schneiderin denken mußte, die ändert, wie ihre Dame es verlangt. Freilich hat Wienbrack ungeheures Vertrauen zu uns dreien; Gaulkes Äußerungen gegenüber blieb er fest und ganz er selbst. Und das scheint sicher: Er hat nur wirklich zum Guten geändert. Neulich schuf er, Vaters Anweisungen folgend, der Büste eine ganz neue Stirn. Vater hat mit seiner Stirn ein wenig Modell dazu gestanden. Wienbrack sagt, er betrachte Vater als seinen “Lehrer in der Plastik”. Vater sprach mit mir von seinem Briefe über Wienbrack’s Spinozabüste. Ob der Stil darin nicht anders sei als in seinem Werk? “Ja”, sagte ich, “aber auch schon der Archiv-Aufsatz ist anders geschrieben als das Werk.” Wie das käme? “Ich glaube daher, weil du in beidem nicht kämpfst; das gibt einen ruhigeren Fluß. Denn auch im Archiv-Aufsatz, obwohl du darin den Kern deiner Philosophie behandelst, ist keine Streitstimmung, eher etwas von Resignation. Die einzige Stelle aber im Briefe, wo du dich prinzipiell gegen etwas wendest, ich meine, wo du von dem ‘Geplastik modernster Abrichtung’ sprichst, ist wieder in der alten Art geschrieben. Da sieht man also, was den Unterschied macht!” Er gab es zu. 4. Oktober 1911 “Ich möchte einmal einen Aufsatz schreiben: »Homer der Humorist«, denn dieser Aufsatz fehlt.” Vater vermag zum Erstaunen, das Wesen eines Menschen kurz in scharfer Formulierung auszusprechen. Von Gaulke zum Beispiel sagt er, er sei das Modell, die verlorene Form des “freien Menschen”. Deutlicher und vollständiger kann man in der Tat Gaulke nicht charakterisieren, ihn, der nichts vom Philister an sich hat, keine Enge, keine Vorurteile, der sogar gegen die Formen der Gesellschaft kräftig strampelt, wenn er sich dadurch gehemmt und geschädigt weiß, der aber dennoch in all seiner Freiheit unbewegt ist, ganz leer, bloß negativ. “Er ist ein Automat; drücke ich auf den Knopf ‘freie Liebe’ oder auf ‘Anarchismus’ oder auf ‘Pädagogik’ oder worauf immer, es wird stets das herauskommen, was sich für den ‘freien Menschen’ gehört, aber nie etwas, das man nicht erwartet hätte. Überraschung gibt’s nicht.” 75 Vorort von Berlin, wo wir von 1902 bis 1904 wohnten. 76

Die Entwicklung von meines Vaters Handschrift muß dem graphologisch Interessierten wichtig sein. Es geht immer mehr zu Größe und Einfahheit der Form. Die Schnörkel der frühen Jugend werden bald fallengelassen.

– 52 – Mit der Fähigkeit zu scharfer Formulierung hängt die Gabe zusammen, Menschen und Dingen drollige Namen zu geben. Schon dem Vater war dies eigentümlich gewesen: So hatte er die Arie aus dem Troubadour “Lodernd zum Himmel schlagen die Flammen” “die Rolandskule” getauft, nach einer Erdvertiefung, an der sie bei ihren Spaziergängen am Elbufer vorbeizukommen pflegten. “Ich bin der Adam, der allen Tieren Namen geben muß”, sagte Vater von sich. Kaum einer der entfernteren Bekannten entgeht seinem Spitznamen, aber dies vollzieht sich alles in völliger Harmlosigkeit, aus bloßer Freude am Komischen und am Produzieren. Ein Mädchen, das sich immer mit einem gewissen Aplomb für “tief” ausgibt und dabei sich und andere bis zum Gähnen langweilt, heißt “die gähnende Tiefe”, eine spleenige Engländerin “die tolle me mu, mi, mis(s)”. Eine etwas schmuddelige Jüdin hieß “das schwärzeste Individuum der reinsten Rasse”. – Wir hatten als Kinder an diesem Taufen den größten Spaß; unser Entzücken bildete der Name “Ritter Diogenes Flunkerpeter von Folterpuckel zu Pisa”, womit ein Zahnarzt bezeichnet wurde; jedes Glied des langen Namens hatte für uns seine besondere komische Bedeutung, und wir übten uns, den langen Adelstitel in einem herunterzuschnurren. – In Hamburg hatte Vater einen Bekannten, der ein kläglich mageres und häßliches Frauenzimmer bei Gelegenheiten nach Hause zu begleiten pflegte, den “Ritter von der traurigen Gestalt” genannt. Aber sein ganzes Talent zum Taufens konnte erst an der ungeheuer dicken Emmy Rossi entwickelt werden; es existiert oder vielmehr existierte, denn das wenigste blieb erhalten, eine ganze Literatur von Rossinamen, die Vater und Otto Ernst zum Schöpfer hat.77 Vaters Studentenspäße, in die er viel Produktionskraft muß gelegt haben, sind begreiflicherweise spurlos vergangen. Neulich fiel ihm eine Strophe ein, die er als Fortsetzung des Kommersliedes »Es steht ein Wirtshaus an der Lahn« improvisiert hatte; alle mußten beginnen mit “Frau Wirtin hat auch”: “Frau Wirtin hat auch einen Sohn, den hatt’ sie von Elias Cohn. Er war von unsre Leute, drum macht er schon im Mutterleib mit sieben Monat Pleite.” Vater liebt Augen, die viel Weißes in sich haben; aus solchen kann er die Seele des Menschen besser lesen als aus dunklen. Und “das viele Weiß unterscheidet das Menschenauge vom Tierauge”. Aus Gerechtigkeitstrieb ergreift Vater in jedem Falle persönlichen Erlebens die Partei des Unglücklicheren, des allgemein Angeklagten und Verachteten und ist dadurch vielleicht manchmal schon aus Gerechtigkeit ungerecht geworden. Zum Merkwürdigsten gehört Vaters “schwarze Kunst” (wie ich scherzhaft sage): Irgend jemand kann an irgend jemanden denken, den Vater gar nicht kennt, und ist er recht aufgelegt, so gibt er, ohne Fragen zu stellen, ganz von sich aus eine vollkommene Schilderung dieses Unbekannten, seiner Seele, seines Körpers, seiner Bewegungen, ja oft auch seiner Lebensverhältnisse. Kleine Eigentümlichkeiten, zum Beispiel in Gang oder Blick, hat er schon mit solcher Sicherheit getroffen, daß er höchstes Staunen, ja Schrecken hervorrief. Er fühlt alles in nicht zu erklärender Weise dem Menschen, den er vor sich hat, ab. Nicht anders steht es um sein Handschriftdeuten; die Handschrift tut dabei wenig zur Sache, vielleicht gar nichts, sie bietet nur den äußeren Anhalt. Nichts von graphologischer Methode. Das einzige, was er als gesetzmäßig anerkennt, ist, daß Gleichgroßbleiben der Buchstaben gegen das Ende der Wörter für Ehrlichkeit spricht, das Kleinerwerden für Unaufrichtigkeit und Absetzen innerhalb der Wörter für das Vorhandensein von Phantasie. Aber auch dies ist bei ihm ganz untergeordnet: Das Wesentliche bleibt der innere Konnex mit dem Menschen. Manchmal, frühen Jugend werden bald fallengelassen. 77

Vgl. den Aufsatz »Liliencron und alle seine unsterblichen Dichter«, Nord und Süd 1. Februar 1912.

– 53 – selten, versagt sein Können, meist dann, wenn die erste seiner Angaben als nicht zutreffend zurückgewiesen wird. Geht er dagegen den ersten Schritt in guter Richtung, so gelangt er fast immer sicher und ohne Umwege ans Ziel. Von einer seiner wunderbarsten Leistungen weißHermine von Preuschen zu erzählen. Vater hatte sie eben kennengelernt auf einer Reise nach Norwegen, da hat er ihr (noch auf dem Schiffe, glaube ich) den verstorbenen Tellmann, ihren Mann, den er nicht gekannt und ihr Verhältnis zu ihm, von dem er nichts gewußt (zählte seine Bekanntschaft mit ihr doch erst seit Stunden), so geschildert, daß sie nicht nur aufs äußerste bestürzt und erschrocken war, erblaßte und vor Erregung weinte, sondern bekennen mußte, daß sie nun eigentlich zum ersten Mal diesen Mann und ihr Verhältnis zu ihm recht verstünde. Wienbrack war nicht minder betroffen, da Vater ihm seine Frau lediglich nach der Porträtbüste, die er im Atelier sah, bis aufs feinste charakterisierte. Jedes Zauberkunststück, jedes Kartenkunststück erfaßt Vater sogleich und kann es immer, wenn auch nach andrer Methode, nachmachen. Nur, da er nicht das geringste über den Moment hinausgehende Interesse daran nimmt, vergißt er derlei sofort wieder. Ich habe ein eklatantes Beispiel für dies sofortige Erfassen erlebt: Ein junges Mädchen, Käte W., ist im Besitz eines überraschenden Zauberkunststücks. Sie behauptet, diese Kunst sei ein hochgeschätztes Erbstück in einer alten jüdisch-spanischen Familie gewesen. Der letzte Sproß derselben, eine kinderlose Frau, habe sie lieb gehabt, und ihr vor dem Sterben, unter der Bedingung absoluter Verschwiegenheit, das Geheinmis anvertraut. Die Sache ist so: Man denkt sich eine Frage aus und überträgt sie derart in Ziffern, daß jeder Buchstabe seine Ziffer erhält – mit 1 wird begonnen – und jeder folgende Buchstabe die fortlaufende Ziffer (also zum Beispiel: was 123/wird 1456/aus 273/mir 845). [Zahlen über Buchst. geschr.] Der Käte werden nur die Chiffren übergeben, und sie beantwortet jede Frage in kürzester Zeit in den entsprechenden Chiffren, auch solche Fragen, die außerhalb des Bereichs ihrer Kenntnisse liegen, wie verwickelte juristische, worüber Fachleute das Gesetzbuch zu Rate ziehen mußten. So wurde uns erzählt; Vater und ich haben das Mädchen nur als kluge, sanfte, bescheidene Schülerin, nicht als Zauberin gekannt. – Als Vater davon hörte, hat er das Kunststück sofort nachgemacht, und ohne auch nur einmal zu irren. Wir machten ein paarmal eine Art Spiel daraus, das freilich für ihn etwas anstrengend ist. Ich fragte zum Beispiel: Wann erscheint Vaters zweiter Band? (Antwort: Das hängt von mir ab.) Wird meine Schlaflosigkeit geheilt werden? (Antwort: Ich wünsche es so sehr wie du, und ich denke, sie wird geheilt.) Reisest du bald? (Antwort: Ich habe dir schon gesagt, daß in diesem Jahre dazu wenig Aussicht besteht.) Welche Rolle spielte Böhmen im dreißigjährigen Kriege? (Antwort: Du weißt, daß ich mich mit diesen Angelegenheiten in der letzten Zeit wenig beschäftigt habe; ich weiß nicht mehr so genau, welche Rolle Böhmen im dreißigjährigen Kriege spielte.) Dies alles wörtlich. Die Antworten gibt Vater der Bequemlichkeit halber in Worten statt in Zahlen; sicherlich sind in diesem Falle die Zahlen so unwesentlich wie im andern die Handschrift. Ein paarmal gab ich Vater eine chiffrierte Frage, er sah sie flüchtig an, legte den Zettel beiseite, las die Zeitung oder tat irgend etwas andres – und ganz plötzlich sagte er mir die Antwort. – “Ich habe die Frage in irgendein Schubfach in mir gesteckt und da drinnen wird weitergearbeitet, ohne mein Zutun”, sagte er auf mein Befremden. – Von Vaters ganzer “schwarzer Kunst” gilt übrigens, daß er sie leichter und besser bei Fern- als bei Nahstehenden ausübt. So viel ist klar, daß dieses scheinbar oder in Wirklichkeit über das Rationale hinausgehende Wissen und Können keineswegs einer isolierten Begabung entspringt, vielmehr Ausfluß der gesamten Anlage ist. Vater selbst behauptet, es sei nichts als Klugheit, Scharfsinn, Menschenkenntnis, “ein Stück von meinem Großvater in mir”. Indessen gibt er zu, daß, hätte er Gewicht auf das Talent gelegt und es ausgebildet, viel Erstaunlicheres erreicht worden wäre. Er hätte dann ein richtiger Wundermann werden können, so einer, der die Welt verwirrt und bei Hofe und vor sämtlichen Professoren der Universität Proben seiner Zauberkunst abgelegt hätte. “Im letzten Grunde”, sagte er, “ist es die Anlage, die den Religionsstifter macht. Alexander von Abonoteichos hat sie besessen und Christus, der wunderbar war und klug genug, die Menschen zu kennen. Tote erwecken, Kranke heilen, das ist ein leichtes. Und gar in einer Zeit, wo das ganze Volk voll Wunderglauben steckte. Aber

ein leichtes. Und gar in einer Zeit, wo das ganze Volk voll Wunderglauben steckte. Aber – 54 – selbst heute, in unsren Tagen der Skepsis und des Rationalismus, kann es nicht schwerfallen, die Aufgeklärtesten schwindeln zu machen. Man bringt die Menschen in Ekstase oder schläfert sie ein, man spielt ihnen ihr Interesse weg, ohne daß sie es merken – man hat Macht über sie, und wenn man selbst nicht klüger ist als ich. Und ist doch im eigentlichen Sinne gar kein Schwindel dabei! Schließlich steht es ja auch mit meinem Werk nicht anders: Über das Sachliche und über das Schriftstellerische hinaus ist da etwas, was meine Leser, die rechten Leser, in meine Willenssphäre zwingt. Deshalb, wie sich in den Briefen, die ich bekomme, und auch in einigen Kritiken zeigt, kommen sie nicht los davon, müssen sie immer wieder dahin zurück, können sie nichts andres mehr lesen.” 5. Oktober 1911 Nichts ist sicherer, als daß in Vater viele geheime Kräfte ein verborgenes Leben führen müssen, weil keine Gelegenheit sie weckt und heraufholt. Ich sage zuweilen, er sei ein ”Gelegenheitsphilosoph”, in demselben Sinne wie Goethe und jeder Dichter ein Gelegenheitsdichter gewesen. Ohne die Opposition seiner Freundin Frida Mond wäre vieles nicht in solcher Klarheit herausgekommen; der Widerspruch lockt mächtig seine Schaffenskraft. Der Archiv-Aufsatz ist durch eine Stelle in einem Briefe von Landauer über das Prinzip der Lehre von den Geistigen und vom Volke entstanden. Die Schrift »Spinoza gegen Kant« würde ohne die große Wut über die Lina Schneider-Angelegenheit78 nicht existieren. Gewisse Stellen in »Du und die Andern« sind infolge von Betrachtungen über Lous Natur und Richtung gemacht worden, das Judenbuch hat den Anlaß seiner Entstehung in einem Gespräche mit Peter Adalbert Silbermann. Usw. Ich habe Vater nie anders als Menschen und Situationen überlegen gesehen. Er scheint es von je auch in solchen Momenten gewesen zu sein, wo er unter einem Ereignis gelitten hat. Als nach seines Vaters Tode, der für ihn einen furchtbaren Verlust bedeutete, denn er hatte in dem Vater den liebsten Freund verloren, als da die Tage der Kondolenzbesuche kamen und ein Besucher nach dem andern in dunkler Kleidung, jeder mit dem gleichen Leichenbittergesicht, der gleichen zusammengenommenen Haltung, der gedämpften Stimme ins Zimmer trat und den berühmten stummen Handdruck bot, da ging Vater auf einen dieser Leute zu mit der Frage: “Wissen Sie nicht einen guten Witz?” Wie er das heute erzählte, mußte ich an einen Vorfall denken, den ich miterlebt habe. Prager und Schaumberg wollten Vater als Deputierte der Münchener Pensionsanstalt für Schriftsteller besuchen, um ihm zu danken, weil durch seinen Eifer und Bemühungen ihrer Anstalt der Nachlaß der Cécile Mutzenbecher zugefallen war. Feierlich zogen sie in unsren Salon ein, im schwarzen Frack, den Zylinder unterm Arm, Schaumberg ein dickes Buch in der Hand, »Rembrandt« von Neumann, das er offenbar mit einer Ansprache Vater überreichen wollte. Eine eingeschriebene Widmung war schon vorher auf Altkirchs Anraten ausradiert worden. So fand sie Vater, als er aus seinem Arbeitszimmer in den Salon trat. Er merkte sofort, was ihm drohte, und mit einem schnellen: “Guten Tag, meine Herren, wollen Sie nicht ihre Röcke ausziehn, es ist so warm?” rannte er die ganze Grandezza über den Haufen. 7. Oktober 1911 In jungen Jahren war Vater immer angeschwärmt, doch nie in seinem Wesen erkannt. Die Klügsten und Bestgesinnten, wie Leo Berg, waren der Ansicht, daß der Jüngling sich in tausend genialen Nichtsnutzigkeiten zersplittere.79 Sehr begreiflich, denn er ließ, bevor er an Februar sein Werk ging, alle sichtbaren Kräfte nur ins Leben selbst fließen. Die Leute sahen 1912. 78

79

Eine Bekannte von Frida Mond hatte das Buch von Meinsma, »Spinoza en zijn Kring« sehr liederlich aus dem Holländischen ins Deutsche übersetzt. Frida zuliebe hatte Vater im Jahre 1908 und Verbesserung übernommen, dies ohne holländisch zu können, und die sichDurchsicht damit ein richtiges kleines Martyrium geschaffen. können, und sich damit ein richtiges kleines Martyrium geschaffen. Vgl. eine Bemerkung Bergs in Mutters Album »Erkenne dich selbst« aus der Hamburger Zeit.

– 55 – nichts als die krausbunte Decke; daß sich darunter, im Tiefen, eine völlig gesunde, reiche und folgerichtige Entwicklung vollzog, ahnten sie nicht. Auch nicht der Kritiker Leo Berg, der noch dazu Vater geliebt hat, er, der all seine Kräfte daransetzte, um Größen wie Ibsen und Nietzsche in Deutschland den Boden zu bereiten! Noch weniger Liliencron. Aber in seiner Nähe kam Vater immer die Langeweile an. Bei Otto Ernst war es so: im Anfang schwärmerische Bewunderung und Liebe, darauf Opposition, zuerst nur geheime, dann anwachsend und damit offener. Ein “Werde wesentlich!” aus Freundesmund (wie Rahel Varnhagen dem jungen Heine zugerufen) wäre vielleicht für Vater in jenen Jahren nicht unnütz gewesen, obwohl sehr möglich, daß es an der Eigenmacht seiner Genialität abgeprallt wäre. Sein bester Freund war und ist seine Freundin Frida Mond, und doch gibt es wenige, die nach seinem eigenen Geständnis, ihn so mangelhaft kennen wie sie. Dies leiht der Beziehung einen eigenen Charakter.80 Sicher ist, daß auch hier, wie in vielen Fällen, Entfernung und Seltenheit des Zusammentreffens ein guter Konservator sind. Im übrigen versteht Vater es, theoretische Gegensätzlichkeit aus den persönlichen, rein menschlichen Beziehungen völlig auszuschalten. Schmerzlich, daß Vater es bis jetzt zu keiner wirklichen Freundschaft mit irgendwem gebracht hat. Was im Anfang vielleicht so aussah, mußte schließlich zersprengt werden. Ohne zu wissen und zu wollen, fordert Vater von jedem absolute Hingabe.81 Das können nur Frauen leisten oder Männer, die fast wie Frauen sind, wie zum Beispiel Bäumer, der kaum Lebenswillen und keine Lebensselbständigkeit besitzt, sondern reiner Theoretiker ist und als solcher restlos Brunnerianer, und Altkirch, dessen Natur zwar mehr Farbe hat, der sich aber unsicher in allem Wesentlichen fühlt und zeigt und darum aus gutem Instinkt Vater zu seinem idealen Stützpunkt gewählt hat. Altkirch ist übrigens fein genug, um zu wissen, daß Vater keinen Freund hat und haben kann. Ich sprach einmal mit ihm über dieses Thema. Vater ist ungewöhnlich nobel in Geldangelegenheiten und gibt, wo er irgend kann mehr, als er vertragsmäßig zu geben verpflichtet ist. Dies ist durchaus Sache der Anlage, nicht der Verhältnisse. Aus seinen Erzählungen geht hervor, daß er auch früher schon, in allerungünstigster Lage, besonders freigebig gewesen sein muß; erst recht sogar, da er nur für sich allein Verantwortung trug. So betrachtete er als junger Mensch als selbstverständlich, an jedem noch so großen Kneiptisch die gesamte Zeche zu bezahlen. Trinkgelder gibt Vater gern und reichlich, für kleine Luxusdinge, die Freude machen, gibt er mit Vergnügen Geld aus, ein Abendessen im Restaurant läßt er sich etwas kosten, und man kann ihm dabei keinen größeren Gefallen tun, als recht viel und Erlesenes zu bestellen; für Geschenke geht ein unverhältnismäßig großer Teil seines Einkommens drauf, für wohltätige Zwecke (nicht allgemein soziale, sondern innerhalb unsres persönlichen Lebenskreises) ungefähr “der Zehnte”, große Summen werden à fond perdu “verliehen” – aber die unmittelbar notwendigen, nüchtern praktischen Dinge, die man haben muß, an denen man sich aber weiter nicht freuen kann, kauft er äußerst ungern. Es bedarf großer Mühe, ihn zur Besorgung von Stiefeln oder Hemden zu bewegen, dafür ist nie Geld da, – in der gleichen Zeit, wo er mit strahlender Miene für ein gutes Essen einen Fünfzigmarkschein auf den Tisch legen würde. Auf die Anständigkeit andrer Menschen in Geldangelegenheiten rechnet Vater gar nicht mehr. Er läßt sich auch bis zu einem gewissen Grade, besonders auf Reisen, gutlaunig betrügen. Es kommen aber Fälle, wo ganz plötzlich ein Michael Kohlhaas-Temperament aus ihm herausbricht, und dann zieht er die letzten Konsequenzen, und handele es sich um ein Tüttelchen auf einem I! Und geht immer weiter, “womöglich bis ans Absolute heran, soweit wir dies in unsrer Menschlichkeit zu leben imstande sind”. Charaktere, die ihm darin gleichen, liebt er; Michael Kohlhaas, Otto Ludwigs »Erbförster« stehn ihm nahe; und gar mit dem Moses, der den Ägypter erschlug, fühlt er sich eins. 80 80 81

Zeit. Vgl. einige von Vaters Briefen an mich nach Italien! Vgl. einige von Vaters Briefen an mich nach Italien! Vgl. »Unser Christus«. – Das Genie “gibt, aber nimmt auch ganz”.

– 56 – 9. Oktober 1911 Gestern nachmittag bei Wienbrack den wohlgelungenen Gipsabdruck besichtigt, mit Freude und Ergriffenheit. An den Haaren wünschte Vater noch etwas Wesentliches geändert: Die Mittellocke müsse allmählicher, organischer aus der rechten Haarseite herauswachsen; zu dem Zweck soll diese Haarseite etwas abgeflacht werden, wodurch dann auch mit der andern Seite eine schöne Asymmetrie entstünde. Außerdem war ihm das Grübchen im Kinn etwas zu tief, ein Zug von Naturalistik, der in das Ganze nicht passe. – Aber seine Freude! Er mußte den Wienbrack an den Ohren reißen! Er drohte, ihn einen ganzen Tag hindurch zu verhauen! Und die Besorgnis, es könnte dem Gipsabguß etwas passieren! “Ich bin nicht eher beruhigt, als bis Sie zwei Abgüsse an verschiedenen Orten aufgestellt haben.” Nun wurde gefeiert. Wir drei mit Wienbrack und seiner Frau im Kaiserkeller bei einem guten, von Vater arrangierten Souper. Zunächst einfache Stimmung heiterer Geselligkeit, allmählich wurde Vater vom Wein zum Allertiefsten angeregt. Wienbrack trank seine Worte begieriger als den Wein, sprach, mitbeflügelt, davon, wie er im Sumpf gesteckt, das heißt geglaubt hätte, sich mit dekorativer Plastik begnügen zu können, zu müssen; sein Eigenstes wollte er ganz in sich vergraben, da es doch niemand verstehen und würdigen könnte. Aber Vater wär im rechten Augenblick gekommen, um ihn an den “paar spärlichen Fetzen”, die herausgeguckt hätten aus dem Sumpf, in die Höhe zu ziehen. – Vater sagte: Es muß eine neue Epoche kommen, sie wird kommen, wo Plastik den Menschen wieder etwas bedeutet, wo diese Kunst, die in unsrer Zeit sozusagen abgesetzt ist, thronen wird. Und eine neue Art von Plastik: der antike Idealismus auf dem Grunde unsrer so gänzlich verschiedenen Menschheit. Diese Epoche sieht Vater in Wienbracks Büste des Spinoza als begonnen an; denn in ihr sei Verbindung von Idealismus mit Naturalismus, vom reinen absoluten Geiste mit dem Individuellen, vom Schönen mit dem Charakteristischen. Wir müssen uns an unser modernes, ich möchte sagen germanisches Profil halten, das antike geht uns in seiner Form nichts mehr an, aber der antike Geist muß in unsre Form gegossen werden, der Geist des Idealismus. Ist das vollbracht, so wird die Skulptur wieder den Platz einnehmen, der ihr zukommt, höher als die Malerei, höher ganz gewiß als die Musik. Man muß den Menschen Augen machen für die Bedeutung der Plastik, und ich glaube, ich kann es. Glauben Sie, daß Sie mit mir fahren können, so warten sie getrost ab, vielleicht zwei Jahre. Zuerst werden einige kommen, die glauben, das Neue zu sehen, die es sich aber nur einreden, und dann nach und nach wird sich die Luft, die ansteckende Luft bilden, die zu jeder Wirkung ins Große nötig ist, und dann kommen auch die, die wirklich sehen können. (Nüchternes Referat über den Hauptinhalt von Vaters strömender Rede.) “Nun Wienbrack, haben Sie eigentlich aus meinem Werk etwas für die Plastik gelernt?” – “Alles. Das Werk ist ja selbst Plastik.” Auch über Rembrandt hat Vater an dem Abend gesprochen; von Rembrandts Opposition gegen den Schönheitsschematismus der italienischen Malerei und gegen die künstlerische Auffassung der Bibel, die damals herrschend war. “Er schuf sich seine eigene Bibel mit einer Mutter Gottes, die ein gemeines Bettelweib mit Läusen im Haar ist und einem häßlichen kranken Jesus. So wunderbar Rembrandt ist in seiner Selbständigkeit, er hat kein Gebäude geschaffen wie der viel größere Michelangelo, er hat nur herrliche Quadersteine hingelegt, die wir selber zusammenfügen müssen.” Von Rembrandts Selbstporträts: sie seien gewiß alle nicht ähnlich, bis auf das des alten Rembrandt in München. Rembrandt habe Scham gefühlt über seine Häßlichkeit und dann Trotz und dann Eitelkeit, daher die Menge der Selbstporträts; dazu kam noch die Freude am Technischen des Kunststücks, sich selbst nach dem Spiegelbilde zu malen. 11. Oktober 1911 Daß Vater zuerst von Kunst zuinnerst gepackt wurde, war gerade um die Zeit seiner Verheiratung, als er nämlich auf einer Reise zu seiner Freundin Frida Mond in London das Original der Tauschwestern sah. (Er hat den Eindruck in einem Briefe an Nordau geschildert.) Dadurch wurde in ihm auch der Trieb rege, seine nächste Umgebung künstlerisch zu gestalten. Aber er ging darin ein wenig wüst vor, es lief manche Geschmacklosigkeit mit unter. Sein künstlerisches Urteil hat sich, scheint mir, erst allmählich entwickelt. Dazu kommt, daß

künstlerisches Urteil hat sich, scheint mir, erst allmählich entwickelt. Dazu kommt, daß – 57 – seine Mittel äußerst beschränkt waren. Als es galt, einen Haushalt zu begründen, kaufte er zunächst immer nur und immer wieder Bilder und wandte daran fast die sämtlichen Mittel, die ihm zur Verfügung standen – er könne keine leere Tapete sehen, die dem Blick eine Grenze setzt, er müsse durch die Tapete hindurch ins Weite schauen, und das gewähren Bilder. Schlechte Bilder sind ihm lieber als Tapete. So kam es, daß zwar die sämtlichen Wände unsrer Wohnung, Korridore, Klosett, Mädchenzimmer nicht ausgeschlossen, von oben bis unten mit Bildern geziert waren, daß es aber mit dem übrigen Hausrat im Anfang ziemlich kläglich aussah – bis auf einige gar nicht in den allgemeinen Charakter hineinpassende Prunkstücke – wie eine sehr prächtige plat de ménage – die Vater bei Gelegenheit zu seiner Freude erstanden hatte. Und doch versteht er sich aufs Einrichten, auf ein gewisses effektvolles und originelles Anordnen. Ich besinne mich sehr wohl auf eine Zeit, wo unser “Salon”, mit einer Säule in der Mitte, die, ich glaube, den Antinouskopf oder den der Venus von Milo trug, allgemeines Entzücken erregte, trotzdem die in der Diagonale aufgestellte Chaiselongue (das Hauptmöbel!) eine Attrappe war, nämlich ein mit Decke belegtes altes eisernes Bettgestell, das denjenigen gehörig stoßen konnte, der sich, nichts ahnend, dieser scheinbar normalen Sitzgelegenheit anvertraute. In seinem Dekorationstrieb hat Vater ein wenig Ähnlichkeit mit derHermine von Preuschen; sie geraten auch in manchen Dingen auf dieselbe Idee: Zum Beispiel wünschen beide alle Zimmerdecken mit wellenartig drapierten Seidenstoffen verhüllt. – Einen feinen Liniensinn zeigt Vater im Aufhängen von Bildern. Und sein Zimmer, besonders wie es jetzt aussieht, ist fast ein vollendetes Kunstwerk, den Formen wie den Farben nach. Lou Salomé sagte, sie hätte es beschrieben, so unterlasse ich es als überflüssig.82 Es scheint, daß Vater schon als junger Mensch immer in sein Zimmer einen besonderen Zug zu bringen gewußt hat: damals wohl bloß durch originelle Aufstellung der Bücherregale, wodurch der Raum gegliedert wird und dunkle Tiefen entstehen, die die Phantasie anregen (noch jetzt Wesentlichkeit!) und vielleicht durch Abteilen der Schlafstelle mit einem Vorhang. 12. Oktober 1911 Als Buber in Wien einen Vortrag gehalten hatte, trat aus dem Auditorium ein junger Mann heftig auf ihn zu mit der Frage, ob er Constantin Brunner in Berlin kenne. Im Gespräch mit Buber tat der Jüngling die merkwürdige Äußerung: Die Lehre von den Geistigen und vom Volk hätte kein einzelner, sondern das Judentum selber hätte sie geschrieben. Nordau dagegen war, nachdem er das Werk gelesen, erstaunt zu hören, daß es von einem Juden stammt. Er fände eher griechischen Geist darin als jüdischen. Für den Brief über die Spinozabüste studiert Vater emsig eine große Sammlung von Goetheporträts und vor allem Lavaters Physiognomik, die ihn aber keineswegs befriedigt. “Freilich ist Lavater ein feiner, sogar ein genialer Mann, aber er ist doch ein unwissenschaftlicher und unphilosophischer Schwärmer. Und ich habe nichts aus seinem Werke gelernt und bin davon nicht schöpferisch angeregt worden.” Dies letzte ist sein Kriterium für ein im wirklichen Sinne gutes Buch. Auch große Kunst macht ihn immer produktiv; in der Musik zumeist Beethoven, auch Wagner. Mutter spielt oft Beethoven, während Vater arbeitet bei den durch ein dazwischen liegendes Zimmer gedämpften Klängen. Das tut ihm wohl und fördert seine Arbeit. Er liebt Mutters seelenvolles, wenn auch technisch nicht vollendetes Spiel. “Beethoven muß man mit Fehlern spielen”, sagt er zuweilen. In Konzerte geht er so gut wie gar nicht. Nur dazu will ich ihn bringen, daß er in diesem Jahre die Matthäuspassion von Bach hört. Das Sitzen mitten im großen Publikum ist ihm zuwieder und macht ihn nervös. Wenn er ins Theater geht – er geht aber höchstens zu Possen, weil er die Rührung gar zu sehr fürchtet (freilich außerdem das schlechte Spiel, denn er hat ein leidenschaftliches Theaterblut!) –, wenn er ins Theater geht, so nimmt er einen Logenplatz, um möglichst isoliert zu sitzen. Im Zirkus findet er Freude an den Clowns und auch in gewissen Spezialitätentheatern, wie zum Beispiel dem Apollo-Theater, macht ihm das Burleske Spaß. Hin und wieder, doch sehr selten, sieht er sich dergleichen an, und 81 Vgl. »Unser Christus«. – Das Genie “gibt, aber nimmt auch ganz”. 82

Magdalena Kasch hat später das Zimmer in der Batjanstraat 16 im Haag genau beschrieben.

– 58 – dann kann er fabelhaft lachen. Kunstgenüsse sucht er kaum auf; es ist ihm, glaube ich, nicht nötig, sich von außen her den Schwung ins Geistige geben zu lassen. Daher zieht es ihn auch niemals im geringsten nach Italien. Wie leicht hätte er Gelegenheit gehabt, Frida Mond dort zu besuchen! Er wollte nie. Keine Natur hat solche Macht über ihn wie die norwegische. Meer und Felsen sind ihm größere Wunder als üppige Vegetation, weil sie vom menschlichen Wesen weiter ab liegen. Dabei fehlt ihm durchaus nicht der Sinn für das Licht und die schimmernden Farben der südlichen Landschaft. Solange wir am Gardasee waren, entzückte ihn die warme zarte Schönheit seiner Ufer, aber nachher, in den mächtigen Bergen des Engadin, fühlte er sich heimatlicher, obwohl ihm das Engadin gegen Norwegens Großartigkeit nicht aufkommt. Als heute früh ein unschöner und für Vater sehr unangenehmer Brief kam: “Ich weiß doch, daß die Menschen Egoisten sind und sein müssen; würde ich einmal einem begegnen, der es auch nur in einem Punkte nicht wäre, so müßte ich mich ja aufhängen! Freilich, ich bin auch Egoist, denn ich bin auch Mensch, und wenn jemand mir mit seinem Egoismus auf den Leib rückt, so bedarf ich all meiner Kraft und philosophischen Überlegenheit, um meinen Egoismus, der denn doch wohl ein gut Teil stärker und mächtiger ist als der des andern, herunterzudrücken und auf den Kampf zu verzichten. Das wird mir hart, aber ich schaffe es oft in einer einzigen Sekunde.” “Das Unangenehmste von allem, was mir passiert ist – und ihr könnt mir glauben, [daß ich viel durchgemacht habe,] besonders in jüngeren Jahren, wo ich noch nicht [mehr] Kraft aufs Leben wandte und mich ganz anders wie heute den Menschen hingab, jedem Menschen! –, am allerunangenehmsten ist mir die Sache mit Landauer83. Und doch hat mich gerade diese Sache gar keinen Schmerz gekostet.”[1. [ ]: Satz fehlt im BMs., wird doch aber zum Verständnis gebraucht. 2. [ ]: HMs.=mehr, “nicht” paßt nicht zum Inhalt] 13. Oktober 1911 Ich sprach auf einer der vorigen Seiten von einem gewissen dekorativen Pathos, das Vater im Einrichten von Zimmern zum Ausdruck bringt. Dasselbe zeigt er bei andern Gelegenheiten: Er verschmäht es durchaus nicht, Pathos an den Tag zu legen, wenn er eine Situation als besonders kennzeichnen will. – Mir kommt der Abend in den Sinn, als Eberhard König zum ersten Male unser Haus betrat. Um ihn zu ehren und ausdrücklich als jungen Dichter zu begrüßen, mußte ich, auf einem Stuhle in der Tür zwischen Salon und Eßzimmer stehend, seine Stirne küssen und Gertud84 knieend ihm einen Pokal mit Wein überreichen, den er leerte, während Mutter ein paar feierliche Akkorde am Klavier spielte. Ich war damals sechzehnjährig und ein überaus schüchternes Kind. Ich weiß noch, wie ich vorher Vater mit Tränen bat, er möchte mir den Kuß erlassen und “bitte laß mich nicht Staffage sein!” Aber das half nichts. – Der Geschmack unsrer Zeit ist nicht auf das Pathetische in Kunst und Leben gerichtet, ein Mensch wie Vater steht allein schon durch sein Pathos fremd da, isoliert, begibt sich in die Gefahr, geschmacklos und lächerlich gefunden zu werden. Unsere Kindheit hat heilige und heiligende Momente nicht entbehrt. Ich denke dabei kaum an die Feste, obwohl besonders das Weihnachtsfest so freudig und dabei so feierlich wie möglich begangen wurde. Ich denke viel mehr an die furchtbar ernsten Stunden, die Vater uns Kindern bereitete, wenn Ungezogenheiten schwererer Art vorlagen. Ich darf sagen, daß wir beide sanfte, durch Vernunft und Güte leicht zu lenkende Kinder waren, immer willig zu Gehorsam, nichts fordernd. Dennoch ging es nicht ohne Vergehen und Fehler ab, die Strafe erhielten. In solchem Falle herrschte meist schon vorher eine schwüle Stimmung; an Vaters ernstem Gesicht und Ton merkte man das Heraufziehen eines Gewitters. Ich wußte dann, bald mußte der schreckliche und doch zur Lösung der Spannung mehr noch ersehnte als gefürchtete Augenblick kommen, wo Vater mich zum Strafgericht in sein Zimmer fordern würde. Diese 82 Gerichtsverhandlung, beispäter der es nurZimmer Angeklagten und Richter16 gab, zerfielgenau regelmäßig in drei Magdalena Kasch hat das in der Batjanstraat im Haag beschrieben. 83 83 84

Es kam zum Bruch. Es kam zum Bruch. Meine um ein Jahr jüngere Schwester.

– 59 – Teile: Anklage, Strafe, Verzeihung. Der mittlere nahm immer die wenigste Zeit in Anspruch. Leider kann ich nicht (niemand würde es wohl können) die Leidenschaft, den ungeheuren Ernst schildern, womit Vater die Situation behandelte, den großartigen Fluß und das tief Aufwühlende seiner Rede; ich kann höchstens verweisen auf die Strafpredigten in seinem Werk. Denn davon bin ich fest durchdrungen: jede von den kleinen oder größeren Strafpredigten, die uns Kindern galten, war ihm so ernst, so wichtig und jede war infolgedessen so wirkungvoll wie irgendeine Seite in seinem Buche. Auch wußte ich in jedem Falle, war ich noch so jung: er litt unter dem, was vorlag, gewiß ebenso wie ich; es lag ihm nicht daran zu strafen, sondern edlen Willen zu wecken und Zustände zu bessern. Wohl kam es vor, daß ich im buchstäblichen Sinne mich wand unter der über mich stürzenden Gewalt seiner Worte, daß ich wie im Fieber die Bücher auf den Reihen zählte oder das Tapetenmuster auswendig lernte, ja daß Verzweiflung bis zu Selbstmordgedanken mich packte, weil weiter zu leben mir unmöglich schien. Und noch heute, ich muß es gestehen, scheint mir, wenn ich zurückdenke, die Stärke seines Ausdrucks in keinem Verhältnis zur Schwere des Vergehens. Aber, sollte ich darin auch recht haben, alles Mißverhältnis ist aufgehoben durch die Heiligkeit seines Ernstes, seines Willens, seines Leidens, seiner Liebe, die weit eher etwas wie die Stimmung eines echten Predigers und seiner Gemeinde aufkommen ließ als der Kälte und Nüchternheit einer Gerichtsverhandlung. Die Strafe bestand in jedem Fall in Ohrfeigen oder, um den herzlicheren und milderen Ausdruck zu gebrauchen, der bei uns fast immer angewendet wurde, in “Patschen”. Als körperlichen Schmerz habe ich sie, vielleicht vor Erregung, kaum je empfunden. Sie waren der natürliche Ausdruck der Sache und des Augenblicks und vor allem das teure Siegel unsrer nun wiederhergestellten Einheit, deren Lockerung uns beiden kummervoll gewesen war. Und dann das Schönste: Ich saß auf seinem Schoß, lange und still, mein tränenüberströmtes Gesicht in seine Brust hineingeschmiegt, fest an ihn gedrückt; küßte die weißen Hände, die mich rot “gepatscht” und die mich nun streichelten und streichelten so sanft und kühl wie leichter Wind. Vater küßte mich wiederholt lang und innig auf den Mund in dem glücklichen Gefühl, mich nun ganz und restlos wieder zu besitzen. Und ich hab größeres Glück bis heute nicht empfunden als damals, wo ich mit gereinigtem und wie neu geborenem Herzen auf Vates Schoß saß, gestärkt in meinem Willen zum Guten und in meiner Liebe zu ihm – welche beide mir eins waren. 17. Oktober 1911 85

Vom Grafen Glehn : “Er hat zu nichts Talent, aber er hat Genie.” 19. November 1911 “Daß ich von Natur mehr Neigung für das Starke, Charakteristische, ja Übertriebene habe als für das sogenannte ‘Schöne’, beweisen all meine Äußerungen. Immer stand mir Michelangelo in der Kunst über allen. Und ich will gestehen, daß ich im Gegensatze zu ihm Raffael eine Zeitlang scheußlich tief stellte; nur sprach ich nie davon, mit keinem, weil eine geheime Stimme mir dabei sagte, ich würde noch einmal anders über ihn denken. Und so ist es gekommen. Seitdem mein Geschmack feststeht und ich für das ‘Schöne’, ja sogar für das jetzt so verachtete ‘Süße’ viel übrig habe, vor allem aber, seitdem du groß bist, ist mir Raffael mit seiner großen geschlossenen Gedankenkomposition ganz wundervoll. Seine Madonnen in all ihrer Verschiedenheit voneinander, sind alle zusammen die Frau, so wie in der griechischen Plastik der Zeus in all seinen Formen (bis herab zu unsrem Triton86, der der letzte in der Klasse ist, aber doch immer noch in die Klasse gehört und den ich darum liebe), so wie die vielen Zeustypen der Mann sind, so sind Raffaels Madonnen die Frau!” Und er küßte mich. Mozart schätzt Vater, so sehr ihn seine Anmut erfreuen kann, ziemlich niedrig ein; ungefähr so wie früher den Raffael, nur daß für Mozart keine geheime Stimme ein Wort einlegt. 84 85 85 86

Meine um ein Jahr jüngere Schwester. Freund von mir. Freund von mir. Abguß von einer antiken Plastik des Berliner Alten Museums.

20. November 1911

– 60 – Vater ist nicht mehr eigentlich gesellig. Sind mehrere zusammen, so bleibt er oft scheinbar stumpf und mit sich selbst beschäftigt, trotz aller Liebenswürdigkeit. Allgemeine bedeutende oder auch nur interessante Gespräche werden bei uns immer seltener. Weil, je älter Vater wird und je mehr er seine zentralen Gedanken festgelegt hat, um so weniger ihm möglich ist, irgendeinen besonderen Gegenstand zu behandeln ohne Anschluß an die leitenden Prinzipien, deren Kenntnis er doch bei vielen nicht voraussetzen darf und die im einzelnen Falle neu zu entwickeln ihm natürlich widerstrebt. Bei den Eingeweihten dagegen genügt meist eine Andeutung von ihm zur Entscheidung einer theoretischen Frage. Doch beweist er jedem Menschen sein starkes persönliches Interesse. Wer ihn haben will, muß ihn in seinem Zimmer aufsuchen, und so zu zweien, in seiner Umgebung, da ist er erst ganz er und hält all seine Kräfte gesammelt, dem andern davon zu geben, besonders wenn dieser zu empfangen hungrig ist. “Der Ofen brennt nur, wenn er geheizt wird”, sagt Vater gern. Ist jemand unglücklich, ja hat er nur ein Anliegen, das ihn beunruhigt, so glüht Vater sofort in dem Bestreben, ihn zu stärken, zu klären und vor allem, ihm zu helfen. Neulich wollte Vater bei trübem Wetter mit mir spazierengehn. “Setz deinen weißen Hut auf, Kind”, sagte er. “Bei dem schlechten Wetter und hier draußen?” “Tu’s Kind! Der Festtag mit mir ist kurz.” Auf der Reise ist Vater ganz frei, völlig von seiner Arbeit los, nur damit beschäftigt, seinem Begleiter Schönes zu zeigen, mit ihm zu genießen, ist nichts als Liebe, Scherz, Zärtlichkeit. Auch äußerlich hält er sich frei: Er läßt das Geld unbekümmert fließen. Ich wäre in Stockholm statt dreier Tage lieber acht geblieben und hätte für Zimmer und Essen weniger bezahlt; doch hätte ich dies nie sagen dürfen, er wäre gekränkt gewesen. Zur Freiheit des Reisens gehört für ihn notwendig eine gewisse Schrankenlosigkeit im Geldausgeben. Andrerseits verfährt er systematisch: in der Steigerung der Genüsse. Immer wird er die Reiseroute so einrichten, daß man vom Schönen zum Großartigen, vom Erfreulichen zum Interessanten gelangt. Dafür ist er bewußter Künstler. Wenn es sich auch nur um einen kleinen Ausflug handelt, muß doch der Plan richtig sein. Ich machte mal den Vorschlag: “Könnten wir nicht erst dahin, dann dorthin gehen?” Es wäre bequemer gewesen. “Aber nein, das ist ja ein schwerer Kompositionsfehler; als ließe man ein Drama mit dem Tod des Helden beginnen.” Auch unsre Weihnachtsfeier in ihrer Eigenart beruht auf diesem Prinzip der Steigerung. Vater und Mutter bereiten in den Vorderzimmern alles vor. Wir sind inzwischen in meiner Stube, auch das Dienstmädchen, das überhaupt an diesem Abend an allem teilnimmt, und bringen die Wartezeit mit Märchenlesen hin. Um sechs oder halb sieben Uhr wird dreimal in Abständen geklingelt. Manchmal auch kommt Vater vorher einmal als Weihnachtsmann mit Bart und Rute. Klingelt es zum drittenmal, so gehen wir hintereinander den schmalen Korridor hinunter nach vorn, in die blendend erleuchteten Zimmer. Alle Kerzen im Salon brennen, und dort steht auch der leuchtende, sehr kindlich bunt aufgeschmückte Baum. Es gab da ein paarmal eine kleine Differenz zwischen Vater und mir: Ich wollte so gern das Zimmer dunkel und nur von den Baumkerzen bestrahlt haben; aber ich wurde mit der in solchen Fällen gewohnten Heftigkeit abgewiesen – man darf ihm seine Kreise nicht stören. – In der geöffneten Tür zwischen Salon und Vaters Zimmer ist ein kleiner hell bedeckter Tisch aufgestellt mit einem Leuchter und einer dicken Bibel. Vater läßt unser altes Kindersymphonion ungesehen “Stille Nacht, heilige Nacht” spielen. Wir sitzen auf Stühlen im Salon, die in zwei Reihen stehen, ganz dicht bei dem Tischchen, an das sich nun Vater setzt, um die Geburt Christi aus dem Lucas vorzulesen und danach Corinther 13. Dann beglückwünschen und küssen wir einander. Und nun beginnt das Schenken, das bei uns ein Stunden dauernder Vorgang ist. Das Tischchen verschwindet, statt dessen steht ein kleiner Stuhl in der offenen Tür, mit der Lehne in Vaters Zimmer hinein. Dort, von einem Wandschirm verdeckt, in einer Ecke, lagert die ganze Fülle der Geschenke. Nun wird von Vater aufgerufen: zum Beispiel Lotte. Dann stehe ich auf, setze mich auf den kleinen Stuhl, und Vater kommt mit einer Sache, die er aus dem geheinmisvollen Winkel hinter dem Wandschirm hervorholt und hält sie mir vors Gesicht, während die andern, die sie schon vorher sehen, bewundern und jubeln. Abwechselnd wird bald der eine, bald der andere in gleicher Weise auf den Geschenkstuhl

jubeln. Abwechselnd wird bald der eine, bald der andere in gleicher Weise auf den Geschenkstuhl – 61 – befohlen. Aber alles in einer bestimmten, schriftlich festgelegten Reihenfolge, bei der die Hauptsche ist, daß jeder, auch das Dienstmädchen, einigermaßen gleich oft aufgerufen wird und die Hauptsache der Hauptsache: die Steigerung. Ohne wenigstens eine Pause wäre es kaum auszuhalten, denn die immerwährende Freude und Mitfreude strengt an. Die erste Abteilung, also die vor der Pause, bringt meist nur Leckereien, vom Pfefferkuchenteller und kleinen Marzipan- oder Schokoladensächelchen, die oft einzeln gegeben werden, bis zu großen Würsten aus Marzipan und Bonbonnieren, die Vater meist selbst bei Sarotti eingekauft hat. In der Pause erquicken wir uns am Eßzimmertisch an einer Bowle (von Vater selbst gebraut, “Bischof” genannt) und fein belegten Brötchen. Das Dienstmädchen ist bei dem allen durchaus Gast oder Familienmitglied, den Tisch hat Mutter bereitet. So gestärkt, gehn wir zu neuer “Arbeit” in den Salon zurück. Nun kommen die eigentlichen Geschenke; den Beginn machen die unbedeutenderen, immer schönere folgen, sein Hauptgeschenk erhält jeder zum Schlusse. Darauf folgt das Abendessen, und ist das vorüber, so betrachten wir den Baum, der auch zwischendurch nicht vergessen worden war, und die eigenen Geschenke und die der andern. – Für Vater, den Arrangeur, ist das ganze Fest, abgesehen noch von den Besorgungen, eine große Anstrengung; aber die Tradition wird nie verletzt; er denkt nicht daran, es sich je einmal bequemer zu machen. 21. November1911 Vater rühmt, daß ich ihn verstünde. Er irrt, ich habe es ihm gesagt. 11. Dezember 1911 Vater und ich sprechen jetzt häufig von dem, was ich einmal nach seinem Tode werde tun müssen, und es geht nun schon fast, ohne daß ich weine. Meist auf Spaziergängen; wir fühlen dann beglückend das Ineinander unsrer Hände und hören den Gleichklang unsres Schrittes, während wir von der Zeit sprechen, wo wir für immer getrennt sein werden. Seine Stimme klingt ruhig, aber er hält oft inne, mich zu küssen, meine Hand zu drücken oder ein Kosewort zu sagen. “Du wirst einmal schwer für mich zu arbeiten haben, viel schwerer als je bei meinen Lebzeiten. Die Sichtung und Herausgabe meines Nachlasses bietet unendliche Schwierigkeiten; aber du wirst sie überwinden, denn durch niemanden als durch dich will ich mich selber gleichsam fortgesetzt wissen. Nur sollst du einen tüchtigen Mann, einen der keinen Ehrgeiz für sich selber hat, sondern der sich der Sache hingibt, wählen, um ihn, wo du dich nicht sicher fühlst, zu befragen, der dir vor allem in den äußerlichen Angelegenheiten, wovon du natürlich nicht genug verstehst (Kontrakte mit Verlegern usw.), zur Seite steht. Aber jede letzte Entscheidung sollst du treffen und sollst nie zaghaft sein, nie unruhig, ob du recht getan, denn ich lege das Herz meines Willens in deine Hand und dir kann immer sein, als hörtest du zu deinem Ja das meine dazu. Eine ganze Zeit, ein halbes Jahr vielleicht, wirst du nur immer lesen müssen und wirst verzweifeln, weil du keinen Faden findest. Aber du sollst nicht verzweifeln, denn einmal wirst du doch den Faden finden. Und dann mußt du sichten. Auf keinen Fall will ich alles, was da ist, veröffentlicht haben, nur weil es von mir ist und vielleicht einmal meine Person vielen etwas bedeuten könnte. Nichts Unreifes, nichts Unvollkommenes sollst du herauslassen, nur solches, wodurch wirkliche Förderung zu erwarten steht. Da ist nun vieles, was dir Sorge machen könnte, nämlich vieles, Unzähliges, was für jeden, auch für dich, ganz trivial aussehen muß. Es ist nicht trivial; ich habe von jeher die Eigentümlichkeit, meine stärksten Gedanken in der Form der Trivialität für mich zu notieren, aus einer Art Schamgefühl, weil mir jede krüppelhafte Darstellung eigentlich unmöglich ist und ich immer gleich die ganze große Ausführung in und vor mir habe. Ich nun weiß genau, was jede dieser trivialen Bemerkungen verhüllt, aber du kannst nichts anderes tun als sie vernichten. Ich sage dir dies, um dir große Sorge, ja Verzweiflung zu ersparen. Veröffentliche nur, was dir bedeutend erscheint; Häßliches, Unvollkommenes vernichte, und was etwa dazwischen liegt, magst du privatim im Manuskript aufbewahren. Mit vielem wirst du es leicht haben, indem du es in der Form von Aphorismen herausgibst. Was meine Gedichte betrifft, so sollst du keine Sammlung davon machen. Ich habe wohl mehr als zwanzigmal soviel Gedichte geschrieben, als ich aufbewahrt habe, die meisten in

mehr als zwanzigmal soviel Gedichte geschrieben, als ich aufbewahrt habe, die meisten in – 62 – meinen Knabenjahren, wo ich überhaupt immerfort dichtete, aber ich weiß, daß ich kein Dichter bin. Du müßtest einige wenige, die du für die besten hältst, zur Veröffentlichung auswählen und vielleicht mehrere von den ganz frühen Kindergedichten, die denen wert sein könnten, welchen meine Persönlichkeit nahesteht, und du könntest vielleicht in einer Einleitung darauf aufmerksam machen, wie ich mich mit einem gewaltsamen Entschluß vom Dichten losgemacht habe.”87 Wir hoffen beide, daß wir noch einmal dazu kommen, gemeinschaftlich wenigstens die bedeutendsten seiner Skripturen zu ordnen. 1. Januar 1912 Silvester gefeiert mit Ernst Müller88, unserm Weihnachtsgast, mit Wienbracks, Altkirchs und Saßnick89, der aber leidend war und sich öfters zurückziehen mußte. Verbindung von ausgelassenstem Scherz und Ernst. Frau Wienbrack spielte die Mondschein- und die Waldsteinsonate und das Largo aus der zweiten Sonate von Beethoven. Vater trat mit seiner burlesken Seite hervor, indem er »Der Hund beißt«90 mit großem Kraftaufwand sehr komisch vorlas. Selbst der kranke Saßnick, der nebenan im Salon auf dem Sofa lag, wurde von Lachen durch und durchgeschüttelt. Auf die Posse folgten einige Pseudo-Nönnchen-Gedichte91, (vor allem »Klaus und Emma«), Ernst trug aus dem Gedächtnis recht drollig Vaters »PfennigGeschichte« vor, die Illustrationen dazu von Karl Müller wurden herumgereicht und bewundert92, und zum Schluß sang Vater noch sein »Räuberlied«. 5. Januar 1912 “Mein Vater hat immer gesagt: Lügen ist gar nicht so schlimm, aber es gibt eine Art von Lügen, die schlimm sind, das sind die Lügen mit einem Wahrzeichen. Damit meinte er solche Lügen, die Entstellungen einer Wirklichkeit sind, wobei sich der Lügner auf das Wirkliche, das zugrunde liegt, beruft, das aber im Zusammenhange einen ganz andern Sinn gibt, wie losgelöst.” Seine Doktor-Dissertation hat Vater viel Unannehmlichkeit und Aufregung verursacht. Schon damals war es ihm ganz unmöglich, erzählt er, einen besonderen Gegenstand außerhalb eines großen gedanklichen Zusammenhanges zu behandeln. Er hatte sich wohl hundert Themen überlegt, ehe er zur Einsicht in diese Unmöglichkeit gelangte. Nun lag ihm sehr am Herzen 86 Abguß von einer antiken Plastikan des Berliner Museums. seine Philosophie der Geschichte, der er seit Alten Jahren, mindestens seit seinem zwanzigsten 87 Vgl. den Aufsatz »Liliencron und alle seine unsterblichen Dichter«. 87 Vgl. den Aufsatz »Liliencron und alle seine unsterblichen Dichter«. 88 Verwandter von Vater und mir: Sein Vater war Vetter Constantin Brunners und Bruder meines Großvaters Selig Müller. Ernst Müller ist Lehrer an der Schule des Dr. Rée in Hamburg. Er ist ein tüchtiger Philologe und Historiker. Seine revolutionäre Auffassung von der Schule hat er in einer – ungedruckten – Arbeit, betitelt »Die Zwangsschule«, entwickelt. 89 entwickelt. Ein etwas psychopathischer Maler – Lohengringestalt – der eine Zeitlang oft zu uns kam. 89 90 Ein etwas Maler – Lohengringestalt Posse, vonpsychopathischer Vater in seinen Studentenjahren verfaßt. – der eine Zeitlang oft zu uns kam. 90 Posse, von Vater in seinen Studentenjahren verfaßt. 91 Friedrich Nönnchen war ein wirklich lebender Mann, der in Pinneberg bei Hamburg wohnte und sich um Haus und Hof “dichtete”. Ellenlange Gedichte ließ er als Inserate in Zeitungen drucken, da kein Herausgeber sich dafür willig fand. Ich besinne mich noch, wie Vater uns Kinder zu einem Ausflug nach Pinneberg mitnahm, wo wir Nönnchen besuchten. Er trat uns entgegem als ein ältlicher, großer und starker Mann von komischer Feierlichkeit, der uns Kinder segnete und mit seinen Gedichten beschenkte. Er las uns neu entstandene Verse vor. Seine freundliche alte Frau klagte viel über die unglückliche Leidenschaft ihres Mannes für die Poesie, womit er sie und sich zugrunde richtete. Noch sehe ich eine längliche Bauernstube vor mir, an den Wänden Regale, alle gefüllt mit Nönnchens Gedichten, die erzur selber verlegte. Die Art seines Dichtens war so komisch, daß sie Vater und Ernst Müller Karikatur reizte. sie Vater und Ernst Müller zur Karikatur reizte. 92 Erhalten. Vom »Räuberlied« habe ich leider keine Spur gefunden, auch in meinem Gedächtnis nicht.

– 63 – Jahre, ernst gearbeitet hatte. Nach vielen Kämpfen erhielt er die Erlaubnis, einen Teil aus dieser Philosophie der Geschichte als Doktor-Dissertation vorzulegen, aber nur unter der Bedingung, daß er den Rest nachliefern würde. Da er dieses Versprechen nicht hielt, nicht halten konnte, so wurde ihm noch lange Zeit von der Universität aus keine Ruhe gelassen. Die Professoren, von denen er abhing, waren Bastian, der Ethnologe (der ihm sehr wohlwollte), der Pädagoge Dilthey und Ebbinghaus. Vater erzählt, seine Stellung zu Kant und Schopenhauer in seiner Jugendarbeit stimme im wesentlichen mit seiner heutigen überein. 7. Januar 1912 “Als junger Mensch ging ich siebenmal die Woche ins Theater. Kritik übte ich nie, dazu war mir die Sache viel zu heilig, auch war ich ja ganz unkritisch überhaupt – aber ich dichtete während des Zuhörens jedes Stück, ob gut oder schlecht, um; nur bei gewissen Szenen, die größer waren als ich je etwas hätte machen können, schwieg es in mir. So fühlte ich mich jedesmal völlig als Dramatiker inmitten der großen Menge, die so schön still dasaß; dann aber wiederum war ich auch all die Schauspieler zugleich, die dort vorne gingen und sprachen, und plötzlich war ich ein solcher Schauspieler, der mittendrin das Ganze unterbrach, um eine lange, gewaltige Rede an das schweigende Publikum zu richten. So ging es mir jedesmal, wenn ich im Theater war, aber ich dachte nicht daran, dies für etwas Besonderes zu halten, sondern meinte, in der gleichen Weise sei jedem zu Mute.” 8. Januar 1912 Altkirch93 kam, er habe etwas mit Vater zu besprechen. Die Freunde hätten für das neue[BMs.: nächste. Paßt aber nicht zu 1912] Jahr, in dem er die Fünfzig erreichen würde, vor, einen Brunner-Verein zu gründen. Die Gesellschaft sollte zunächst aus den näheren Freunden und Anhängern bestehen; diese sollten auch Geld zusammenbringen, um Vaters Sache zu fördern und vor allem die leidige Verleger-Angelegenheit zu ordnen (das ist richtig, daß Vater sobald wie möglich von Schnabel los und zu einem rechtschaffeneren und rührigeren Verleger müßte). Altkirch wollte Vaters Erlaubnis für das Vorhaben einholen. Er sagte nicht zu, wollte noch ein wenig überlegen und war am nächsten Morgen fest entschlossen, seine Erlaubnis zu verweigern, weil es ihm zu sehr widerstrebt, die Freunde zu Geldausgaben in seinem Interesse zu veranlassen. 11. Januar 1912 Die Spinozabüste ist immer noch nicht fertig. Die Augen sind daran schuld. Vater hatte sonderbarerweise nicht bemerkt, daß Wienbrack es nicht bei der leichten Andeutung des Augapfels, wie sie das Tonmodell anfänglich zeigte, gelassen, sondern einen ekstatisch in die Höhe gerichteten Blick geschaffen hat. Die Photographie zeigte Vater nun zu seinem Entsetzen fremde Augen! Wienbrack, gefügiger als sein Ton, teilt sofort Vaters Schrecken, begreift nicht, wie er solche Augen habe machen können, solche “widerwärtigen” und quält sich seitdem fortgesetzt, die Augen von früher zurückzufinden, kommt auch alle paar Tage mit einem “Herrlich, ich hab’s!” aber nur, um auf Vaters “Nein, Sie haben’s nicht!” von neuem an die Arbeit und auf die Suche zu gehen. Gut, daß Vaters Hymnus auf die Büste noch nicht gedruckt ist. “Eine zweite Liebesehe kann es nur für einen ordinären Menschen geben, für einen feinen niemals. Wodurch ist denn der feine Mensch fein? Durch die tausend Beobachtungen, die er fortwährend macht und die alle dem Gewöhnlichen entgehen. Wer sie macht, tut es freilich unbewußt, aber sie können doch jeden Augenblick ins Bewußtsein hinaufspringen. Und so wird er in seiner zweiten Verbindung immer mit der ersten vergleichen müssen und niemals zur Naivität voller Hingabe gelangen. Für die Leute allerdings, die nur Glieder sind, ist es einfacher. Aber dem Besseren sind doch die Glieder nur Mittel, ja sind sie sozusagen gar nicht. 93

Kaufmann mit künstlerischen und wissenschaftlichen Interessen, als junger Mann Büroangestellter im Literarischen Vermittlungsbüro in Hamburg, wurde später meines Vaters Freund, einer der ersten, die von der Bedeutung der Persönlichkeit ergriffen waren!

– 64 – nicht da.” 17. Januar 1912 Gestern abend war Vater bei Prof. Ludwig Stein, dem Herausgeber des »Archivs für systematische und für Geschichte der Philosophie« und neuerdings außerden von »Nord und Süd«. Stein hat sein lebhaftes Interesse für Vater zuerst in dem Briefe bezeugt, worin er für die Einsendung des Aufsatzes »Die Lehre von den Geistigen und vom Volke«94 an das Archiv dankte. Er wünschte seit langem, Vater kennenzulernen, dachte sogar daran, zu dem Zweck nach Misdroy zu kommen, und hat ihn jetzt, nachdem er den Essay »Liliencron und alle seine unsterblichen Dichter« für Nord und Süd aufgenommen, so dringend zu sich eingeladen, daß Vater anständigerweise sich nicht entziehen konnte, obwohl er mit leisem Widerstreben ging, denn er hätte lieber den Stein zuerst in unsrer Wohnung gesehen. “Was der Mann eigentlich mit mir will, verstehe ich nicht”, sagte Vater heute früh zu Mutter und mir, nachdem er gestern abend den Besuch gemacht, “denn er ist doch, trotz gewisser Freiheiten, der richtige gelehrte Professor. Übrigens bei einer schönen naiven Hingabe an Gelehrsamkeit, hat er einen Zug von ganz raffinierter Praxis. Und ganz und gar der richtige Professor! Was er nicht historisch einordnen kann, das existiert ihm nicht, oder es beunruhigt ihn. ‘Für mich sind Sie ein Neospinozist’, schoß er gleich auf mich los. ‘Das ist Ihre Privatsache’, erwiderte ich. Ferner gestand er mir, daß so lange er mein Werk kennt (er hat übrigens vier Monate gebraucht, um mich zu lesen), daß ihn seitdem Gedanken über die Analyse der Genesis meiner Konzeption von den drei Fakultäten (sic) beschäftigten. ‘Nicht wahr’, fragte er, ‘Spinozas drei Stufen der ratio haben bei Ihrer Konzeption mitgewirkt.’ ‘Aber nicht die Spur!’ war meine ruhige Antwort. Aber so einem etwas von dem wahren Wesen einer Konzeption zu erklären, ist ja ganz unmöglich. Ach, hundertmal stach es mich, daß ich hätte aufspringen und ihn ein bißchen kratzen mögen – ich hätte es ja bequem gehabt, da er in seinem eigenen Hause war –, oder irgendeinen guten Spaß hätte ich gar zu gern mit ihm getrieben, aber schließlich meint er es doch gut mit mir, und was kann er dafür, daß er so ist, wie er ist? Zum Schluß mußte ich ihn denn doch zu mir einladen, und da sagte er auch noch, er sei begierig, mein Interieur! kennenzulernen! Was soll ich nun dazu sagen? Zu solcher Bildung?!” Die Sache mit Stein war Vater sichtlich unbehaglich. Aber heute nachmittag holte er ganz plötzlich, ganz unerwartet mich vom Schreibtisch und Mutter vom Klavier weg in seine Stube, mit leuchtenden Augen und lachendem Gesicht, ganz voll von innerer Freude. “Jetzt bin ich von meinem ‘Stein’leiden genesen. Der liebe Gott, der richtige alte liebe Gott hat mir geholfen!” Und er hielt die letzte Nummer von »Ost und West« in die Höhe. “Eine wundervolle, eine glänzende Nummer95 von Anfang bis zu Ende. Aber das Allerbeste: was ich darin von Arno Nadel gelesen habe. Das ist mein Mann, ein ganz feiner Mann. Hat das hier” – und er las den Satz: ‘Die kleine lebendige Menschheit muß die große, tote Tiermenschheit aufgeben’ –, “hat das Arno Nadel geschrieben, oder habe ich es geschrieben? Nein, so gut hätte ich es ja gar nicht sagen können; wie gut ist nur das ‘aufgeben’! Kennt er mich, wie man manchmal glauben möchte: gut; kennt er mich nicht: noch viel besser. – Ich habe gleich eben Winz96 für die schöne Nummer gedankt und nach Arno Nadels Adresse gefragt.” 23. Januar 1912 Vater verfolgt mit lebhafter Spannung den Verlauf der Reichstagswahlen, ist glücklich über die günstige Stellung der Linken, ermahnt die Leute zu wählen – aber er selbst wählt nicht; “ich kann nicht, ich kann wirklich nicht!” – Die Erklärung dafür findet man in »Der Judenhaß und die Juden«. Freund, einer der ersten, die von der Bedeutung der Persönlichkeit ergriffen waren! 94

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»DieLehre von den Geistigen und vom Volke«, erschienen im »Archiv für systematische Philosophie« über 17. Band 1911von Heft Später veränderte mein Vater den Titel in »Kurze Rechenschaft die Lehre den3.Geistigen und vom Volke«. Rechenschaft über die Lehre von den Geistigen und vom Volke«. Jahrgang 12, Heft 1. Jahrgang 12, Heft 1. Leo Winz: Redakteur von »Ost und West«.

– 65 – Vater ist nicht recht im Zuge mit der Arbeit. Die verunglückten Spinoza-Augen an Wienbracks Büste wirken als Hemmung. Seit einigen Tagen freilich scheint er beruhigter und hat offenbar die Sache innerlich einigermaßen erledigt. Wir waren neulich mit Dr. Magnussen97 und seiner Frau im Atelier. Wienbrack hat jetzt eine Art Mittelform geschaffen zwischen den ekstatisch schmerzlichen Augen von früher und den leeren, die er inzwischen gemacht hatte. Man ist wohl nicht ganz befriedigt, muß aber endlich eines als Abschluß gelten lassen. Ich hoffe, daß sich nun Vaters Spannung in Produktionsstimmung auflöst. Ich mache mir schwere Sorgen, weil ich ihn nicht, wie ich es wünschte und erwartete, vorwärtskommen sehe. Die Zeit verrinnt, und mit Schrecken legt man sich dann und wann Rechenschaft darüber ab, wieviel wieder verronnen ist. Vater hat die Eigentümlichkeit, nicht zu rechnen. Er lebt, als hätte er ein ewiges Leben auf dieser Erde verbrieft. Wie oft dachte ich: soll ich ihn gehn lassen? Oder habe ich die Pflicht, als sein Kamerad, ihn anzuspornen? Darf ich aber einen Nachtwandler anhalten, der vielleicht mit den Sternen im Bunde steht? Ich entschloß mich endlich, aus tiefem Gefühl der Verpflichtung, zu einem Wort, sagte, wie ich mich um die Vollendung seiner Arbeit sorgte und daß ich nicht volle Ruhe und Befriedigung fände, bis das Ganze dastünde. Doch half es nichts, hat nicht den mindesten Einfluß. Er küßte mich, dankte, sagte, ich sei sein guter Kamerad und hätte von mir aus recht, so zu ihm zu sprechen, bat mich sogar, es öfter zu tun, aber: es wäre alles gut und richtig, wie es ist. Und er wär wie eine Lokomotive, die läuft weiter und weiter, ohne zu wissen wohin und weshalb. Und nichts dürfe gewaltsam geschehen; “ist der Kessel überheizt, so platzt er”. Und “dächte ich mit Unruhe an mein Werk, an das, was ich noch vor mir habe, so könnte ich gar nichts mehr fertig bringen”. Aber ich muß denken, daß er im Sommer sein fünfzigstes Jahr erreichen soll und was noch geschaffen sein will: die Lehre vom Geiste und die vom Analogon, dann die eigentliche Lehre von den Geistigen und vom Volke, von der noch so gut wie nichts gegeben ist; »Du und die Andern«, ferner seine Selbstbiographie und endlich die Redaktion einer Reihe von Aufsätzen aus früheren Perioden. 2. Februar 1912 Vor einigen Tagen forderte Prof. Stein Vater auf, an einer Konferenz über Konservierung jüdischer Altertümer teilzunehmen, die in seiner Wohnung stattfinden sollte; nur Autoritäten (zum Beispiel Liebermann) wären geladen. Vater lehnte glatt ab, so sehr viel Herz er für die Angelegenheit habe. “Beginne ich erst, mich mit derartigem einzulassen, so kann ich bald jeden Tag in Vereine laufen. Bekannt wird man freilich auf solche Weise, aber mir hat von je instinktiv alles widerstrebt, was meine Person hätte fördern können; nur für die Sache will ich etwas tun, für mich nicht.” Aus ähnlichen Gründen hatte Vater vor Jahren abgelehnt, als die Pensionsanstalt deutscher Schriftsteller ihn zu ihrem Aufsichtsrat machen wollte. Neulich war Arno Nadel hier. Er sieht aus wie ein Musiker, der er auch ist: klein, untersetzt, fleischig, schwarzes welliges Haar, feuchte braune Augen, starke hohe Stirn; der Nasenansatz spricht von scharfer Kritik. – Ausdruck und Haltung haben etwas Gespreiztes, Übereitles. (“Die Amfigur”, so bezeichnete Vater später seine Erscheinung.) Vater gab ihm sein Werk mit, Nadel seinerseits hat ihm nun inzwischen seine Aphorismensammlung zugeschickt. Sie wollen sich nicht eher wieder sprechen, als bis jeder fertig gelesen hat. Vorgestern hat Frida Mond Vater die Baersche Spinoza-Bibliothek zum Geschenk gemacht. Große Freude. Vater hofft, sie noch beträchtlich ergänzen zu können. Am 1. Februar, gestern, stand »Liliencron und alle seine unsterblichen Dichter« in »Nord und Süd«; heute nachmittag, auf diesen Artikel bezugnehmend, traf ein Brief vom Spemannschen Verlag aus Stuttgart ein: Spemann möchte ein ernsthaftes philosophisches Aphorismenbuch 96 Leo Winz: Redakteur von »Ost und West«. 97

Peter Magnussen: Hausarzt und Freund. Seine Frau Paula ist Malerin und Bildhauerin. Von ihr stammt ein Ölporträt meines Vaters.

– 66 – aus Vaters Feder verlegen. Gerade jetzt, wo er an einem solchen arbeitet (»Du und die Andern«), diese Aufforderung! 13. Februar 1912 Auch das Berliner Tageblatt (Fritz Engel) hat der Liliencron-Aufsatz hervorgelockt: dringende und dabei schüchtern vorgebrachte Bitte um Beiträge. Gestern abend war Prof. Stein hier. Vater las in unsrer Gegenwart seinen Brief über die Spinozabüste vor. Währenddes zeigte Steins Gesicht andauernd den Ausdruck unbefangener Freude und Bewunderung. Vater las schön, vor allem musikalisch schön, konnte mit seiner Stimme machen, was er wollte. Es war, musikalisch aufgefaßt, eine ganze Oper mit Arien und Rezitativen, von einer Stimme gesungen und aufgeführt. Durch zu heftiges Emporziehen der Augenbrauen und zu viel Bewegung der Stirnmuskeln verliert das Gesicht bei den leidenschaftlichen Stellen oft an Schönheit, was mich etwas kränkt. – Stein findet den Essay zu fein für »Nord und Süd« und möchte vor allem ihn nicht kürzen, was für seine Zeitschrift nötig wäre. Vater ist überzeugt, seiner Sache durch die kleinen Zwischenarbeiten zu nützen, und als wirklich auf den Liliencron-Aufsatz hin Spemann und das Berliner Tageblatt sich meldeten, sagte er: “Siehst du, wie mein Instinkt immer recht hat? Die kleinen Arbeiten sind wichtiger, als du denkst, und ohne daß ich es im einzelnen beabsichtige und vorher mir klar darüber bin, helfen sie dem Ganzen.” Gestern ist die Spinoza-Bibliothek angekommen. Vater freut sich nicht eigentlich so sehr über die Bücher als übert seine Absicht, sie einmal einer Spinozagesellschaft zu geben. 15. Februar 1912 Die Deutsche Tageszeitung hat eine gemein antisemitische Rezension über »Liliencron und alle seine unsterblichen Dichter« gebracht. Um zu sehen, wie die Leute sich benehmen werden, hat Vater dem Chefredakteur folgenden Brief geschrieben: Sehr geehrter Herr, wenn ich Ihnen heute schreibe, so geschieht das in der Annahme, daß sie ein Ehrenmann sind, der eine auf frivole Lügen gestützte Ungerechtigkeit in dem von ihm redigierten Blatte nach Möglichkeit wiedergutmachen wird. Ich möchte Sie bitten, wenigstens die blau angestrichenen Stellen aus der Beschimpfung zu lesen, die Sie am 12. Februar in Ihrem Blatte gebracht haben, und damit zu vergleichen die blau angestrichenen Stellen auf den miteingeschickten Fahnen 1,5 und 6. Läßt sich das aufrecht erhalten, daß ich die sachlich ausreichende Antwort schuldig bliebe, weswegen der Aufsatz von mir geschrieben ward, oder habe ich meine Absicht unmißverstehbar ausgesprochen? Und konnte ich den “Mut” zu meinem Vorgehen vor Liliencrons Tod finden, da ja doch die Briefe, von denen ich rede, erst nach Liliencrons Tod veröffentlicht wurden? (Mein Freund Liliencron kannte meine allzeit aufrichtige und rücksichtslose Kritik, die gegen ihn selber wahrlich noch ganz viel anders herauskam als hier in meinen gedruckten Zeilen.) Sie tun aber noch besser, sehr geehrter Herr, und nicht mehr als in diesem Falle recht ist, wenn Sie meinen ganzen Aufsatz im Zusammenhang lesen. … Ich bin ein ernster Mann, der sein ganzes Leben der allerernstesten Arbeit gewidmet hat und widmet; die ihm übrigens auch von der rechtsstehenden Presse anerkannt wurde – meine Philosophie hat begeisterte Angänger unter ausgezeichneten Leuten Ihrer politischen Richtung. Ich bin nichts weniger als ein Journalist, der Egoismus meiner Lebensarbeit läßt mir das nicht zu – schreibe ich aber einmal einen Aufsatz, so geschieht es, weil eine sittliche Überzeugung mich drängt. Vielleicht gewinnen Sie selbst aus der hier in Frage kommenden Plauderei, wenn Sie sie im Zusammenhange lesen, den Eindruck, der Sie dann tun machen wird, was nötig ist, soweit das nach dem Geschehenen noch möglich ist. Es widerstrebt mir, anders auf die gegen mich gerichtete Verleumdung zu reagieren, als indem ich Ihnen den Fall unterbreite. Hochachtend Constantin Brunner

Constantin Brunner – 67 – Berlin-Tempelhof Dorfstraße 41 NB. Die beiden Anlagen erbitte ich zurück. 17. Februar 1912 Auf einen höflichen Brief des Herrn Örtel, des Chefredakteurs (großer Antisemitenführer): die Sache sei nicht die seine, sondern die des Fritz Bley, Leiter der literarischen Abteilung: Sehr geehrter Herr, so darf ich Sie denn also bitten, meinen Brief dem Herrn Fritz Bley zu übergeben und danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit. In Hochschätzung Constantin Brunner, übrigens ein durch und durch deutscher Mann, kein Antisemit. 20. Februar 1912 Ein patriarchalisches Verhältnis zu Dienstboten ist Vater natürlich. Immer war er bereit, die Rechte unsrer Mädchen zu vertreten und zu schützen, von jeher half er, wo irgend möglich, ihre Angelegenheiten ordnen und bessern. Das erste Mädchen, das dieser Einstellung Vaters gut und natürlich entgegenkommt, ist unsere Emma. Die Anmut und Lebhaftigkeit ihrer Seele haben wir zuerst bei der diesjährigen Weihnachtsfeier so recht kennengelernt. Es ist schön und merkwürdig zu sehen, wie sie ohne Urteil, ohne Frage unsre Lebensrichtung anerkennt und soweit ihr Takt ihr angibt, mit uns mitgeht. “Die Menschen verstehen das nicht”, sagt sie am liebsten. Und Vater, der sonst nie seine Menscheneinteilung praktisch macht, sagte doch von diesem Bauernkinde: “Wollt ihr den Typ eines reinen Geistesmenschen, so seht nur Emma an! Das war es ja eigentlich, was mir zu euch noch fehlte: ein dienendes Wesen wie Emma, die sich all dem Unsrigen ganz naiv anschmiegt und für jeden von uns durchs Feuer ginge. Nicht, daß ich mir je vorher eines Mangels bewußt war, aber da es nun da ist, weiß ich: Das hat zur Vollendung noch gefehlt.” Er unterhält sich zuweilen mit ihr, sucht von ihr zu nehmen, wenn sie etwas drückt und ist fast schrankenlos freigebig. Er möchte, daß sie sich in der Kleidung von andern Dienstmädchen unterscheidet, daß sie “einfacher und besser” angezogen gehe als die andern. Er hofft und rechnet darauf, daß sie für immer bei uns bleibt und will dann natürlich auch für ihr Alter sorgen. Zum Heiraten hat Emma, wie es scheint, wirklich nicht viel Neigung. 21. Februar 1912 Von Nadels Aphorismenbuch ist Vater nicht befriedigt. “Es ist zu eitel, das heißt natürlich zu geistreich und hinterläßt als Ganzes, so prachtvoll einige Aussprüche sind, nichts Rechtes; vor allem gibt es keine Willensbestimmung. Das Buch kann keine Wirkung tun.” Auch muß ihm die Abhängigkeit von Nietzsche ärgerlich sein. Beim Spaziergange folgten heute Vater und ich einem Leichenzuge: Die Militärkapelle schritt mit Chorälen und Trauermärschen dem schwarzen Wagen voran. “Wenn ein Lebender so etwas für einen Toten wünschen darf – ja, das möchte ich auch: Mit militärischen Ehren möchte ich begraben sein.” 26. Februar 1912 Schreiben Vaters an Örtel, der ihm einen Brief Bleys an Örtel eingeschickt hatte, worin Bley mit hochmütiger Gebärde die Sache von sich abzuschieben strebt. Vaters Brief: Sehr geehrter Herr, ich danke Ihnen bestens für Ihre Bemühungen und für die Nichtbeantwortung meines Briefes, die nach Ihrem Verlangen mit zurückfolgt. Mein Brief enthielt zwei Fragen, deren Herr Bley mit keinem Wörtchen Erwähnung tut. Derlei hat keinen Sinn, das ist Antisemitismus, das ist für mich nun erledigt. Daß übrigens auch die antisemitische literarische Kritik der guten Sache indirekt dient, hab ich zu meiner Freude auch in unsrer unbedeutenden Angelegenheit erfahren – von neuem sehe ich meine Auffassung bestätigt, daß auch der Antisemitismus, trotz allen unqualifizierbaren Ausschreitungen, dem Vaterlande Nutzen bringt. Vielleicht begegnen wir uns später einmal wieder – vielleicht äußere ich mich einmal öffentlich über

begegnen wir uns später einmal wieder – vielleicht äußere ich mich einmal öffentlich über – 68 – die Antisemitenfrage, und Sie lesen das: Sie werden finden, daß ich über dem antisemitischen Gesindel keinen Augenblick die echten Idealisten des Antisemitismus verkenne. In Hochschätzung Constantin Brunner. 27. Februar 1912 Kaum hat Vater eine gute Verbindung, die Nutzen verspricht, ja erst den Beginn zu einer, so denkt er schon, wie seine Freunde mitprofitieren könnten. In jedem Falle so. Jetzt hofft er schon, Ernst Müllers deutsche Geschichte bei Spemann unterbringen zu können. 29. Februar 1912 Schweningers Aufsatz im letzten Heft »Nord und Süd« (1. März) »Zur Psychologie des Arztes« bezeichnet Vater als den “Ausdruck einer bedeutenden Persönlichkeit”. So hätten nur die ganz Großen unter den Ärzten sich geäußert. Und jeder Arzt sollte sich an diese "goldenen Worte” “als an seinen Glauben, sein tägliches Vaterunser” halten. 1. März 1912 “Dir kann ich’s ja ruhig sagen, wie mein Schriftstellern eigentlich zustandekommt: Den Klang und die Schönheit einzelner Ausdrücke habe ich von je nie aus der Seele verlieren können. Als junger Mensch exzerpierte ich geradezu ‘schöne Worte’ aus Büchern, aus ganz leeren Büchern. Nicht, daß ich mich damit als mit bloßen Floskeln behängt hätte, nein, ich pflanzte sie in meinen Garten, der sozusagen Blumen hatte, die gar nicht aussahen, und nun bekam ich denn schöne, leuchtende Blumen.” Im weiteren Verlaufe des Gesprächs kamen wir, wie so oft, auf Goethe. “Wenn ich bloß den Namen Goethe höre”, sagte Vater, “so sehe ich ein Bild, wie Elias, der gen Himmel auffährt. Und sehe vor allem ein warm gelbes Seidengewand, wie mattere Farben von Sonnenblumen; mit vielen Falten; um den Schoß nicht gut geordnet, steif und knittrig wie Papier; aber oberhalb und auch unterhalb ganz herrlich.” – Mir fiel ein, daß auch Otto Ludwig irgendwo sagt, er sähe Goethe immer gelb. 30. Juni 1912 “Untreue seines Weibes, selbst wenn er aufgehört hat, ihr seine Liebe zu schenken, läßt sich kein rechter Mann gefallen, und nur die tottretungswürdigsten unter den Männern halten dazu still. Der rechte Mann fühlt sich immer als Herr, der nicht zu rächen zwar, aber einfach zu strafen hat. Er wird ganz kalt das Licht auslöschen oder vielmehr den Wurm zertreten, wird die Treulose vielleicht so nebenbei und gelegentlich ein bißchen erdrosseln – denn die eigenen Hände müssen es vollbringen, kein Werkzeug darf dazwischen sein. Der rechte Mann fühlt sich als metaphysischer Richter, der das zu besorgen hat, was außer dem Bereich des weltlichen Richters liegt und was eigentlich Angelegenheit des Weltgeistes wäre. Shakespeare hat den Othello von da ab, wo sein Glauben an Desdemonas Untreue beginnt, absolut richtig gezeichnet. Daß er vielleicht ein wesentliches Motiv überschlüpft hat, macht bei Shakespeare nichts aus; er ist kein Philologe, und zudem: wer weiß, was für ihn die eigentliche tragische Schuld ausgemacht hat?!” “Der Mann ist zu Treue nicht verpflichtet, die Frau in jedem Falle – ganz einfach, weil ihre Natur es so will.” Später, bei Gelegenheit, sagte Vater von sich, daß er nie so handeln (das heißt die Untreue einer Frau bestrafen) würde, denn “ich bin in dieser Beziehung kein Mann”. 28. Juli 1912 “Erziehung – so etwas gibt es nicht. Es existiert keine begriffliche Realität, die das Wort Erziehung nötig machte. Erziehung – das ist Aberglaube, Zauberglaube, man kann aber nicht mit Worten zaubern. Aber über dieses Thema ist noch kein vernünftiges Wort in der Welt gesprochen worden, und die Pädagogen sind die allerdümmsten Leute. Oder, sind sie mächtige Menschen mit großer, breiter Wirkung, dann sind sie das, aber keine Pädagogen. Erziehung – nein, Natur und: tamen usque recurret. Ja, man kann eine Barriere runterlassen, aber

– nein, Natur und: tamen usque recurret. Ja, man kann eine Barriere runterlassen, aber – 69 – man muß sich nicht einbilden, das Pferd zu sein, welches den Wagen zieht. Man kann, wenn man klug und mächtig ist, die Verhältnisse so einrichten, wie es den Eigenschaften des Kindes günstig ist, aber diese Eigenschaften ändern, auch nur beeinflussen wollen – wie gesagt, das ist Aberglaube, Glaube an Zauberei. Es gibt Raubvögel, die kleine Vögel fressen – das nenne ich Erziehung.” “Beim Eigensinn muß man unterscheiden den Kindereigensinn vom Charaktereigensinn. Der erste ist der noch nicht eingestellte Egoismus, der zweite ist der Egoismus.” 29. Juli 1912 “Alles, was ich tat, war: meinen Instinkt rationalisieren.” 6. August 1912 Als ich am Morgen in sein Zimmer trat, den Hund hineinzubringen, hieß Vater mich ein Weilchen Platz nehmen. Bald stand er vom Schreibtisch auf, setzte sich zu mir auf die Chaiselongue, faßte mich um und sagte: “Herz, mein Herz, wenn ich so schreibe mit meiner Hand, ist es mir wie eine chirurgische Operation: als ob ich aus einem kranken Körper ein gesundes starkes Kind herausholte. Und als du ins Zimmer tratest, da dachte ich: Das muß ich dir sagen.” “Das ganze sogenannte “Problem” der Ehe ist damit gelöst, – daß es für jeden Mann gut ist, unverheiratet zu bleiben und für jede Frau gut, ja notwendig, zu heiraten.” 9. August 1912 Vater hat vor Mutter, mir, Peter Adalbert Silbermann und dem jungen Katz aus Czernowitz98 seine neue Arbeit »Der Judenhaß und die Juden« im Entwurf, der aber schon sehr voll und vollständig wirkte, vorgelesen. Hochbegeisterte Aufnahme. Der junge, hingebende, in Verehrung glühende Kettner küßte Vater wiederholt die Hände. Und auch Adalbert, dessen Hingabe im allgemeinen mit Widerstand gemischt ist, schritt auf Vater zu, schüttelte ihm die Hand und sagte in warmem Ton: “Nun, mein lieber Meister, Sie wissen selbst, wie das alles aus meinem Herzen gesprochen ist. Und so wird es vielen sein.” 10. August 1912 Vater bedauert, mit Kettner, der es so sehr verdient, nicht wie er möchte, ernsthaft sprechen zu können. Die österreichische Aussprache bringt die Störung. “Wenn er ein Wort sagt, in diesem Dialekt, so stockt es bei mir, mein Deutsch will nicht fließen!” Von den Briefen der Magdalena Kasch sagte er: “Das ist Deutsch, das ist Stil, die könnte ein Kind Luthers sein. Wenn ich so schreiben könnte! Sie hat’s offenbar von mir gelernt, aber sie hat mir mehr abgelernt, als ich habe. Wenn sie die gehörigen Kenntnisse erwirbt, so wird sie einmal glänzend schreiben, denn die kann schreiben.” 19. August 1912 Als von dem bevorstehenden fünfzigsten Geburtstag die Rede war: “Was mich durch alle Leiden und Beschwerden hindurchgetragen hat und trägt, was mich, allem zum Trotz, so sprungfrisch erhalten hat, so daß ich die fünfzig Jahre, die ich auf dem Rücken habe – oder wo eigentlich? –, gar nicht fühle, das kommt nur daher, weil mir von je so gewesen ist, als hätte der liebe Gott bei meiner Geburt zu mir gesagt: Da, nimm! Hier geb ich dir eine Ewigkeit zu verschwenden!” (Aber die Teufelsseite dieser Gottesgabe, davon weiß er nichts!) Seine alte Freundin Johanna Löwenthal schon hat immer geklagt, so erzählt Frida –: “Der Wertheimer99 hat keinen Zeitsinn; der fehlt ihm einfach, dabei ist gar nichts zu machen.” Von ihr stammt ein Ölporträt meines Vaters. 98

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29. August 1912

Katzeine nahm baldindarauf den Namen Kettner an, den ich ihm ausgesucht hatte mit Beziehung auf Stelle Platons Jon. auf eine Stelle in Platons Jon. Leo Wertheimer: bürgerlicher Name von Constantin Brunner.

– 70 – Den fünfzigsten Geburtstag heiter und mit viel Blumen in Misdroy begangen. Selbst Ponto mußte ein Kränzchen tragen, von den Blüten der Preiselbeere, die in der Heide wächst. Ich hatte einen Kranz von goldgelben Immortellen auf, den ich – mit einem Verschen – von meinem Kopf auf Vaters übertrug. Briefe, Geschenke, Besuche. Sonderbarerweise zweimal die gleichen, ziemlich seltenen Schachfiguren. Früh am Morgen las ich mein kleines Festspiel vor, das ich hier aufnehme. Nur wenige Male im Leben habe ich Vater vor Freude weinen sehen; hier überkam es ihn. Kater Murrians rätselhaftes Verschwinden und glückliche Wiederkehr Eine Ponto- und Puppenkomödie in drei Teilen nebst Epilog Zum 28. August 1912 von Lotte100 Über das Verhältnis des Dichterischen zum Philosophischen gesprochen. Von Goethe ausgehend. “Wenn ich nur an Goethe denke, so überkommt mich eine richtige Andacht. Dieser wunderbare, reiche Mann! Und wie bei ihm alles auf den Gedanken ruht! In den Gedichten (die im Westöstlichen Divan meine ich nicht mit) und vor allem im Faust. Die Gedanken des Faust sind ja eigentlich unklar, sind sogar flach und philistrig, aber die Poesie ist die des Gedankens. Gleich im Anfang der Monolog: Ja, dieser Faust ist gewiß nicht mein Denker; aber wie er da sitzt und den Kopf in die Hand stützt – wie er dasitzt, das ist poetische Gedankenstimmung. Und ebenso bei dem, der so viel größer ist als Goethe: bei Shakespeare, der weit eher versteht, den Gedanken zu formulieren: In jedem seiner Stücke findet sich, abgesehen vom Dramatischen, der Höhepunkt einmal in der Reflexion bezeichnet. Aber die Reflexionen selbst brauchen gar nicht in jedem Falle viel zu taugen. Der berühmte Hamlet-Monolog, gerade wie der erste Faust-Monolog, ist in der Gedankenstimmung großartig, im Gedanken schwach. – Über das Philosophische in der Dichtung sollte einmal jemand ein Buch schreiben und dieses Thema fortsetzen in: Das Dichterische in der Philosophie.” 31. August 1912 Ich sagte: “Ich wüßte eigentlich nicht, was Philosophie andres sein könnte als der eine Satz: Das Ablolute ist” (alles Weitere gehört schon in die Sphäre des praktischen Verstandes, ist Weltanschauung, wollte ich damit sagen). “Nun”, gab Vater zur Antwort, “ich würde mich doch verpflichten, fünftausend Millionen Bände und einige mehr über Philosophie zu schreiben, wenn du mir Leben und Gesundheit und vor allem mein Augenlicht garantiertest. Aber wegen der Kürze des menschlichen Lebens und der Unsicherheit des Sterbens habe ich mich zunächst auf einen Band eingerichtet.” 10. September 1912 Es liegt in Vaters Natur, alles bis zum Äußersten zu treiben. Weil es nur von da ins Alleräußerste, ins Absolute geht. So in seinen persönlichen Verhältnissen, wo er alles auf die Spitze stellen muß, wo es immer “biegen oder brechen” heißt. Es ist die Hybris, wie er selber sagt, die sich frei dem Schicksal entgegenstellt, es herausfordernd, und dann allerdings zur Tragik führen könnte. So in seinen persönlichen Beziehungen (Landauer, Eberhard König, Lou) und entsprechend auch in seinem Werk. Woher denn sonst in den polemischen Teilen diese Maßlosigkeit des Scheltens bei einem, dem am Kampfe an sich doch nichts liegt, 99 Leo Wertheimer: bürgerlicher Name von Constantin Brunner. 100

Als Privatdruck vorhanden.

– 71 – dem es im Gegenteil um Ruhe, Frieden und Aufbau zu tun ist? Nur, weil die stärkste Temperamentserregtheit, als höchste Stufe im Relativen, hinüberleitet ins Absolute. 6. Oktober 1912 Der berühmte Schachspieler Emanuel Lasker, durch den Redakteur Winz eingeführt, war bei uns, um Vater kennenzulernen, ein feiner, nervöser Mann, lebhaft philosophisch interessiert. Er hat auch zweimal mit Vater Schach gespielt; das erste Mal mit vorgegebener Dame. Dabei war Vater recht befangen. “Haben Sie nur keine Angst”, suchte Lasker zu ermutigen. “Ja, was soll ich denn sonst haben, wenn nicht Angst?” Dennoch wurde das Spiel wenigstens patt. Aber das zweite Mal spielte Vater freier, wozu, glaube ich, auch beitrug, daß jetzt Lasker nichts vorgab und beide also mit gleichen Waffen kämpften. Der Ausgang war: remis. Vater war in großer Bedrängnis auf einen genialen Zug gekommen. Dies entspricht ganz seiner Art: Die Überraschungsstrategie Friedrichs des Großen. “Typische Schachbegabung hat Ihr Vater nicht”, sagte Lasker auf meine Frage und fügte hinzu: “Weil er eben andres kann.” Das zweite Spiel war ganz aufregend, besonders für Winz, der selber ein guter Spieler ist. “Wenn der Doktor Brunner die Partie gewinnt, so veröffentliche ich sie in »Ost und West«”, und er sprang auf, und es kribbelte ihm in den Händen, selber die Figuren zu ergreifen. 9. Oktober 1912 “Friedensbestrebungen sind Unsinn. Solange es Gewitter gibt, muß es auch Kriege geben.” Mutter spielte den Trauermarsch aus Beethovens As-Dur, und Vater sagte, wie manchmal schon: “Mit diesem Marsch möchte ich zu Grabe getragen werden.” Jetzt ist Herrligkow für einige Tage zum Besuch hier. “Es ist merkwürdig, was dieser turbulente Mensch, wo es ans Ernste geht, für gute, tiefe, richtige Dinge sagt.” Vater möchte kein zweites Mal mit Lasker spielen. “Mein Vater ist einmal zum Kegelschieben gegangen und hat sofort alle Neun geworfen. Darauf trat er sogleich den Rückweg nach Hause an. Er wollte nie in seinem Leben wieder Kegel schieben und hat es auch nie getan, um den guten Eindruck nicht auszulöschen. Wie es jetzt ist, kann ich sagen, ich habe mit Emanuel Lasker remis gemacht – ich bin überzeugt, daß es mir, und wenn ich hundertmal mit ihm spielte, nicht ein Mal wieder so gehen wird.” 16. Oktober 1912 Anläßlich der Magdalena Kasch: “Dies ist ein Fall, der sehr zu denken gibt. Zwei Frauen sind es, die zu mir kamen, Lou und Magdalena. Wie ganz anders hat mein Werk auf sie beide gewirkt wie auf Männer! Männer sind davon erschüttert, auf die Dauer; einige haben es zu ihrem Grund-Buche gemacht, darin sie täglich lesen. Aber Lou und Magdalena kamen zu mir: hypnotisiert, starr. Ernst und Stärke der Konzentration sind bei der Magdalena so, daß sie nichts andres sehen und hören will, kann als dies eine. Sie hat ein paar Akte im Hamlet gelesen auf meinen Wunsch. ‘Nun, das ist doch wohl ein Gewaltiger, der Shakespeare?’ ‘Und du erst!’ gab sie mit dieser großen Selbstverständlichkeit zur Antwort.” Vater wünscht indessen, daß sie sich mit anderem beschäftige und lerne. Ihre Bildung besteht aus Dorfschule (wo sie nicht einmal das Einmaleins richtig gelernt hat, wie sie sagt) und der »Lehre«. Ich soll sie in Kunst einführen, er selbst will ihr regelmäßigen Unterricht geben. Sie behauptet, nichts zu brauchen und lacht. 28. Oktober 1912 Die Magdalena hat im Briefe – stark und vornehm – ihre Leidenschaft auch für die Person bekannt. Da Vater grenzenlose Macht über sie hat, vertraut er fest, ihre Gefühle ableiten zu können. “Sie soll und wird sich als Kind fühlen.” Von seiner Großmutter väterlicherseits erzählt Vater, sie wäre hundert Jahre alt geworden, eine kräftige, vornehme Frau (nicht die Mutter seines Vaters, sondern die zweite Frau des alten Rabbi Akiba). Die Umstände ihres Todes sind merkwürdig. Sie war am Morgen ausgegangen.

alten Rabbi Akiba). Die Umstände ihres Todes sind merkwürdig. Sie war am Morgen ausgegangen. – 72 – Ein Kutscher, der sein Pferd schlagen wollte, streifte mit der Peitsche ihr Kleid. “Das überleb ich nicht”, sagte die Stolze, legte sich hin und starb. Vaters Buch über die Juden schreitet schnell und sicher vorwärts. Er ist ganz in der Arbeit, fast ungehemmt, obwohl ihm einige Stellen Schwierigkeiten machen. Von diesem Buche erwartet er einen weitgreifenden Erfolg, der ihm zum Teil darum wünschenswert wäre, weil er helfen könnte, das Hauptwerk vorwärtszustoßen. 13. November 1912 “Wenn ich als ganz kleiner Junge mit meiner Mutter in der ‘Zentralhalle’ saß vor irgendeinem schlechten Ausstattungsstück, da schon fühlte ich – wie später immer – ganz dunkel, aber bis zur Ekstase stark, was Theater ist: Machtmittel, die Menschen zu vereinigen, zu versammeln und hinzuführen zu ihrem Ideal, zu ihrem Leben, ihrem eigentlichen. Und wußte schon damals, so klein ich war, so dumm ich war, wußte es ohne Gedanken: daß ich größere Machtmittel habe.” Schiller liebte ich im gleichen Sinne. Er hat die Form, ich liebte an ihm das Methodologische (ich sage absichtlich nicht: das Methodische).” “Beethoven und Michelangelo – ja, aber Shakespeare ist tausendmal größer als sie. Denn sie sind unglücklich, und er ist glücklich.” “Shakespeares Gesinnung zur Welt zeigt sich am deutlichsten in seinem »Timon«.” Welche Landschaft die seine wäre, fragte ich. “Die, wo ich am glücklichsten mit euch zusammen leben könnte. – Ja wirklich, isoliert, ohne Beziehung zum übrigen Leben, existieren solche Fragen nicht für mich.” 23. November 1912 “Mozart ist der Mann, der reine Musik macht, ohne sich um den übrigen Weltspektakel im geringsten zu kümmern. Musik ohne Psychologie, Musik für Engel.” Wienbrack hat Vaters Medaille beendet. Das Porträt ist recht schön gelungen. Der Revers dürfte nach meinem Empfinden bedeutender sein; die Idee ist gut, die Ausführung zart, aber am rechten Schwung und Nachdruck, auch geradezu an Phantasie und künstlerischem Einfall scheint es zu fehlen. Neulich sagte Vater: “Daß ich je unglücklich werden könnte, das vermag ich gar nicht zu denken; ich hab gar keine Bahnen dafür in mir. Aber wenn du unglücklich würdest, müßte ich es auch sein.” 4. Dezember 1912 Es kam heute vom Herausgeber einer konservativen Monatsschrift (Das neue Deutschland, Grabowsky) an Vater die Aufforderung zur Mitarbeiterschaft und die Notiz, daß sie einen Artikel über Vater von Brieger bringen würden. “Der Mann (Grabowsky) hat aus meinem Werk ganz fein herausgewittert, daß ich zu einem Drittel konservativ bin. Daß ich mich natürlich nie einer politisch konservativen Partei anschließen würde, besonders solange sie judenfeindlich ist, kann er nicht wissen. Interessant ist aber, wie sich Gedanken begegnen, als wären sie wirkliche Wesen; laufen kann man sie sehn wie Hasen: Da finde ich unter den Mitarbeitern dieser Zeitschrift den Namen Oskar Schmitz. Und gerade habe ich mir das Buch von diesem über Beaconsfield zurechtgelegt, weil ich glaube, darin zu finden, was mir angenehm, vielleicht sogar dienlich sein könnte. Selbstverständlich hätte ich nie Fühlung mit den Leuten gesucht, aber einige meiner Gedanken gingen doch in ihrer Richtung, und nun kommen sie mir entgegen. Überall in der Welt seh ich ganz konkret die Gedanken gehn; auch wenn ich Menschen gehen sehe, seh ich nur Gedanken.” Vater liest für seine Arbeit immer erst dann, wenn er so gut wie fertig ist. Dann ist der

Vater liest für seine Arbeit immer erst dann, wenn er so gut wie fertig ist. Dann ist der – 73 – Zeitpunkt gekommen, wo er sich um Literatur über seinen Gegenstand ernstlich kümmert. Jetzt wird er damit für seine »Judenbuche«, wie er scherzhaft sagt, beginnen. Exzerpte aus der Studentenzeit hat er viel dafür benutzen können. 28. Januar 1913 Magdalena kämpft und leidet weiter und wird nicht fertig. Was sie quält? Daß sie zu sehr überwältigt ist, um sich vor Vater, ja selbst vor uns, frei, wie sie eigentlich ist, geben zu können. “Sie kennen mich alle nicht, ich bin ganz anders und bin mir selber fremd geworden.” Und nun glaubt sie, erlöst würde sie nur dann, wenn sie fertig brächte, mit Vater von der geistigen Wahrheit zu reden und von ihrem Verhältnis zu ihm – denn dies beides wäre unzertrennlich. Alle paar Tage glaubt sie, so weit zu sein und fordert Vater auf zur Unterredung – die nie wird. Sie schweigt und schweigt und quält sich. Vater sagt: “Magdalena will sich einen Strahl von der Sonne brechen und damit spazierengehn. Und das mit ihrer Ungeschicklichkeit!” Ihr Erleben ist so stark; man meint, sie müßte davon zerspringen. Sie sagt auch selbst: Vaters Gedanken wären ihr so mächtig, daß sie mit ihrer ganzen Stärke dagegen angehen müsse, um sie überhaupt tragen zu können. Sie legt sich lang auf die Erde und hält ihren Kopf fest. Und wie es das Aussehn prägt, dieses Mißverhältnis von Last und Kraft! Die Formen ihres Gesichts scheinen wie zerschmettert, aufgehoben, vernichtet durch das Übergewicht der Empfindung. Vater ist geduldig, gütig – aber er langweilt sich und weiß nicht, was mit ihr anfangen. Vor Verzweiflung holt er dann das Schachbrett, obwohl sie ganz kindisch spielt. Auch Mutter und ich sind gut mit ihr, doch mit etws Zwang. Ein Mensch, der ewig in Ekstase durch die Welt läuft – das reizt ein wenig. Sehr drollig ist Magdalenas Verhältnis zu Emma. Magdalena: bewundernd, fast vergötternd, Emma: kühl, schätzend, doch ohne alle Sympathie. Einmal, Magdalena war erst kurze Zeit in Tempelhof, beklagt Emma sich bei mir: “Fräulein Kasch ist stolz; sie hat mich angesehn und nicht gegrüßt.” Ich: “Unmöglich. Sie ist nur verträumt und hat dich wohl angeguckt, ohne dich zu sehn.” “Nein, Sie können’s mir glauben; sie hat im Laden gestanden, als ich hereinkam, und sie hat mich angesehn und meinen Gruß nicht erwidert.” Lösung des Rätsels: Magdalena hatte die Kühnheit von Emmas Nase so andächtig bewundert, daß sie darüber das Gutentagsagen vergessen. – Neulich fragte sie mich: “Wie ist denn nun Emma in die schwierigen Teile von Ihres Vaters Werk eingedrungen?” Ich konnte mein Lächeln nicht verbergen. Nachher erzählte ich Emma von der schmeichelhaften Meinung, die Magdalena von ihr hegt. Sie hatte nur die abweisende Bemerkung: “Ich weiß nicht, das Mädchen scheint doch gar nicht nachzudenken. Wie die durch die Welt geht …!” 30. Januar 1913 Wenn eine Liebe “himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt” ist, so Magdalena ihre. Gestern kam sie zu mir, ganz glückselig. “O, mir geht es sehr gut,” auf meine Frage. “Der Phädros [Phaidros]hat mir geholfen, das Allerschönste von Platon.” Und nach ziemlich viel Fragen und Drängen: “Ach, ich hab wieder mal ‘ne falsche Idee gehabt, und die hat Platon nun berichtigt. Ich hab immer gedacht, die Philosophen lieben nur ganz allgemein, die ganze Welt, nicht wie andre Menschen lieben. Das ist ja Unsinn, hat mir der Phaidros gezeigt. Und nun hab ich mein Mittel: Ich muß meine Liebe einfach ordentlich zeigen, wie sie ist – dann bin ich frei!” Ich war ganz erschrocken. Die Arme macht ihre Rechnung immer so großartig, und doch steckt allemal ein Hauptfehler darin – dieses Mal hatte sie sie nun bestimmt ohne den Wirt gemacht! Eine Weile schwieg ich, denn es wurde mir schwer, sie aus dem festen Glückstraum aufzurütteln. Aber dann sagte ich: “Liebe Magdalena, so geht es nicht.” Sie war ganz starr. “Warum denn nicht?” “Wegen der Antwort; und dann würde eine viel härtere Zeit folgen als jetzt ist.” Und so sprachen wir weiter, und das Ende war leider, daß ich zerschlagen hatte, was Platon aufgebaut, und daß sie mit Tränen wegging. Aber was hätte ich sonst tun sollen?! Auch um Vaters willen, der, wie er sagt, einen Ausbruch von ihr absolut nicht will. Nun muß ich gleich heute nach der Ärmsten sehn. Es ist doch Liebe, richtige Menschen-Frauenliebe. Sie verzehrt sich in Sehnsucht.

Menschen-Frauenliebe. Sie verzehrt sich in Sehnsucht. – 74 –

Vater ist sehr nervös. Wenn es doch mit seinen Herznerven besser würde! Dr. Magnussen versichert, es sei die natürliche Hypersensibilität “des hochgeistigen Menschen” und kein Grund zur Sorge. Er weiß auch Vater gut zu beruhigen. Es besteht ein schönes Nachbarverhältnis zwischen uns und Magnussens. Reine vornehme Menschen, die nur Gutes wollen und sich durch Berührung mit Gutem gehoben fühlen. 3. Februar 1913 “Das Schachspiel ist die beste Gelegenheit, in das Hirn eines andern hineinzusehen. Eigentlich ist der Schachdeckel der einzige, welcher sich abheben läßt.” “Bei ganz jungen Menschen ist mir starkes Interesse an der Phrase immer ein sehr gutes Zeichen.” 29. März 1913 Wir wohnen nun in Potsdam, am Tiefen See. Vater hat den schönsten Arbeitsplatz, auf dem er je gesessen. Die Umsiedlung hat seinem Befinden einen guten Schwung gegeben und scheint wie eine Art Kur auf ihn zu wirken. Er war beim Einrichten tätig, munter, Schwierigkeiten erfinderisch überwindend, voll reizender und verwegener Einfälle, kurz, in seinem Element. Und es ist ja sein Element: Einrichten ist wie Bauen, Bauen wie Schaffen. Er sagte auch selbst: “Mir ist hierbei genau so zu Mute, als wenn ich an meinem Werk arbeite.” Auch betont er beim Anordnen von Einzelheiten gern: “Wie bei meinem Werk: Ich muß ins Ganze sehen; einzelnes existiert nicht. Und wie in meinen Büchern: Da ist manches versteckt, was kaum einer oder überhaupt keiner sieht, so hab ich’s auch in meiner Stube: da sind Winkel, wenn man in die hineinkriecht, entdeckt man irgendwas Nettes oder Interessantes.” – Auf Wärme des Eindrucks geht Vater am meisten aus; so sind ihm die modernen heruntergezogenen weißen Decken ein Greuel, und er gebraucht soviel wie möglich bunte Stoffe, um sie zu verdecken. “Fetzen sind mir lieber als diese moderne Geschmacklosigkeit!” 9. April 1913 Da Wienbrack sich jetzt mit dem Kopfe Luthers beschäftigt, hat er gefunden, daß dessen Stirn in allen Proportionen Vaters Stirn gleicht. 24. April 1913 Die Post brachte ein Schreibmaschinen-Manuskript, anonym, doch war als Adresse angegeben: B. d. S. 1632, Postlagernd Berlin W. 30. Vater las uns die Arbeit vor: eine Satire auf Kant, ruhend auf Vaters Kant-Kritik. Vater war tief entzückt, hatte Freudentränen im Auge. “Der schönste Brief, den ich je bekommen habe.” 101 27. April 1913 Beim Spazierengehen: “ Die Magdalena ist ernsthaft und nicht wie andere Frauenzimmer, die den Idealismus wieder wegschmeißen, wenn sie praktisch nichts pflücken können. Die hat nicht so einen Windkasten statt des Kopfes.” 2. Mai 1913 Zu meinem Geburtstag hat Vater das folgende Kasparstück gemacht und aufgeführt. K ASPAR (singt) “Wie freu ich mich, wie freu ich mich” – Junge, Junge, was ‘ne Stimme, was? Was for ‘ne Ziehharmonie in meinem Rachen, was? “Wie freu ich mich, miamiich.” Na, seid ihr auch da? Seid ihr alle da? Wirklich alle, die da sind? Wer nicht da ist, muß es sagen (du kleiner Lügenpott, du bist ja doch da, ich seh dich ja, – na wart nur, wenn du nach Haus kommst: Du hast gestern an deiner Mutter ihrem Zucker geleckt – oder derlei). Na, wenn ihr alle da seid, dann singt mal alle mit: “Wie freu ich mich!” Kinners, ihr singt ja wie der vierbeinige Kanarienvogel, von dem die Schinken kommen. (Büst du still 100 Als Privatdruck vorhanden. 101

Verfasser: der junge Felix Goldner.

– 75 – mit deiner Ofenexplosionsstimme! –) Nu laßt mich allein singen, ich hab das Singen höllisch gelernt bei meiner Gesinglehrerin Fräulein Zieh-har-mo-ni-ka, die ist von innen und von außen einundausgebildet, die hat mir das beigebracht und meinen Rachen einundausgeracht, daß es kracht. Meine Gesinglehrerin Fräulein Ziehharmonika, die sagt, beim Singen muß man den roten Rachen zusperren wie n‘ schwarzen Abgrund, damit man nie Stimme singt, sondern Harmonie. Das ist der Ziehharmonikagesang, das ist die neue Methode. “Wie freu ich mich” – nicht miiich nach der alten Methode, sondern Miamiau, mieu alles in eins (singt so): “Wie freu ich mich!” Und warum freu ich mich? Weil ich heute ausgehe auf Lottes Geburtstag! Wie freu ich mich! Junge, Junge, wat forn Ziehharmonika im Hals, wat? Nun bin ich aber angestrengt, will ausruhen. Wo leg ich meine neuen Methotengebeine hin? Ob es hier am Ende gut ist für meine Ziehharmonie (stößt mit der Nase auf eine Stelle, die einen Wimmerton gibt). Nanu, was war das? Wer grunzt hier in der Gemeinde? Bist du das gewesen? Pfui! (wiederholtes Suchen – Ton). I was für eine eigenwürdige und merkartige Stelle! Sitzt da am Ende meine Gesinglehrerin Fräulein Ziehharmonika drin (ruft sie – Spiel ad lib.). Wißt ihr, was das für eine Stelle ist, die so piept? Nichts wißt ihr, die Gehirnlehre schwört, keinen Schimmer habt ihr. Soll ich es euch sagen, was das für eine Stelle ist, die so piept? Ihr dürft es aber keinem einzigen Menschenfloh wieder ins Ohr sagen – wollt ihr mir das versprechen? – na, dann sagt es auch keinem wieder (Spiel ad lib.). Na, dann sollt ihrs hören, paßt genau auf: Die Stelle, die so piept, ist eine Piepstelle! Junge, Junge, was für ‘ne Stelle hat der Kaspar gefunden, und was hat er für ‘ne Zappelwut auf seinen Vater und seine Mutter und seine Großmütter und Großväter und alle seine Tantentanten und Onkelswidebonkels und seine 66,666 3/4 Verwandtens. Denn mein Vater und meine Mutter und meine Großmütter und Großväter und alle meine Tantentanten und Onkelswidebonkels und meine 66,666 3 /4 Verwandtens haben immer gesagt, ich werde nie im Leben eine Stelle finden, ich müßt mir denn eine kratzen. Die Lügenfässer, die sündige Menschheit; denn nu hab ich die schöne Piepstelle gefunden. Piep! sobald ich mit der Nase raufstoße. Junge, Junge, Junge, was mag das für eine Piepstelle sein. Ich bin aber der Kaspar, der sich nicht wundert und der keine Furcht kennt: Ich stoße immer wieder mit der Nase drauf, drauf, drauf, drauf, und müßt ich mir die ganze edle Gurke abstoßen und hineinstoßen in die Piepstelle. Ei, da kommt einer, der sieht gelehrt aus, der muß mir sagen, was das für eine Piepstelle ist. Denn eine Piepstelle ist es, das hab ich euch gesagt. Aber was das für eine Piepstelle sein oder nicht sein mag, das ist die Frage. RICHTER (den Kaspar haut). RICHTER (gequetscht, lispelnd) Mein Herr, wie dürfen Sie mich schlagen? K ASPAr Wenn ich dein Herr bin, darf ich dich schlagen (tut es nochmal). RICHTER Sie sind nicht mein Herr. K ASPAR Wenn ich dich aber schlage, bin ich dein Herr (abermals). RICHTER Das ist doch aber nicht Sitte, daß man einen schlägt? K ASPAR Das hab ich nicht gewußt, daß das nicht Sitte ist (haut ihn wieder). RICHTER Ich hab es Ihnen aber doch jetzt gesagt?! K ASPAR (hauend) Das kann ich nicht behalten, nicht behalten, nicht behalten. Ich hab meinen Kopf voll durch meine Gesinglehrerin, ich muß die neue Ziehharmonikamethode behalten; wie kann ich da behalten, was Sitte ist? und kann auch die Prügel nicht behalten, die nicht Sitte sind, und muß sie weggeben. Ich hab schon wieder vergessen, daß das nicht Sitte – (haut ihn). RICHTER Das ist ja unerhört! K ASPAR (mit Knüppel zurück) So hört man’s besser (haut ihn rechts und links mit dem Knüppel). RICHTER Was wollen Sie von mir? K ASPAR Du sollst mir sagen, was das für eine Piepstelle ist. Denn eine Piepstelle ist es – Donnerwetter, willst du das glauben, du gelehrtes Bohnenstroh, daß das eine Piepstelle ist?! (Haut ihn). Brenne, brenne, Bohnenstroh und sag geschwind, was für eine. Sobald ich hier mit der Nase drauftippe, Piep, Piep macht es, und ich muß wissen, was das für eine Piepstelle ist, weil ich wütend bin auf meinen Vater und meine Mutter und meine Großmütter

Piepstelle ist, weil ich wütend bin auf meinen Vater und meine Mutter und meine Großmütter – 76 – und Großväter und alle meine Tantentanten und Onkelswidebonkels und meine 66,666 3/4 Verwandtens, die immer gesagt haben, ich würde nie eine Stelle finden, ich müßte dir denn eine kratzen (kratzt ihn), und nun hab ich doch die schöne Piepstelle gefunden. Sag es schnell, damit das Familienglück wieder einkehrt in unsre Familie. RICHTER (besieht, untersucht, holt Lupe, Spiel.) Ja, das ist in der Tat eine ausgezeichnete Stelle – das ist die diabolische Stelle des Erdenrunds.. K ASPAR Was schnackst du da? Das ist die Diarrhoe und die Kolik des gelben Hunds? RICHTER Die diabolische Stelle des Erdenrunds. Ich will dir sagen, welch eine Bewandtnis es damit hat. Tief in der Hölle sitzt der Höllenfürst, der Teufel, und leidet an Gicht im Zeh des linken Fußes. Und es gibt eine Stelle auf unsrem Planeten, welche unsre Gelehrten die diabolische Stelle des Erdenrunds nennen; diese Stelle ist durch elektrische Leitung unmittelbar verbunden mit des Teufels linkem Zeh. Wer eine Sonntagsnase hat, kann diese Stelle finden und sich den Teufel dienstbar machen; denn durch den Druck auf die diabolische Stelle des Erdenrunds wird dermaßen an des Höllenfürsten schmerzhaftem Fuß gerissen, daß er erscheinen muß. O, mein Herr, Sie haben eine Sonntagsnase! K ASPAR Hab ich denn wochentags keine Nase? RICHTER Wochentags haben Sie auch eine Sonntagsnase. Die Gelehrten nennen das so. Und wenn Sie nun auf diese diabolische Stelle des Erdenrunds klopfen und rufen dazu Perlicko, dann muß der Teufel erscheinen, und wenn Sie rufen Perlacko, dann muß er auf der Stelle wieder verschwinden. K ASPAR (haut ihn) Danke, danke, danke. RICHTER Was unterstehn Sie sich? K ASPAR (haut ihn weiter) Ich habe das doch nicht behalten, daß das nicht Sitte ist und jetzt plötzlich wieder nicht. RICHTER Das werden Sie bereuen – denn ich bin der Richter (ab). K ASPAR Wie freu ich mich, wie freu ich mich. – (Singt: “Wie freu ich mich auf die Piepstelle” (Ton) und auf den Teufel. Den wollen wir nun gleich einmal beschwören. Wie hat er man noch gasagt? Was soll ich tun und rufen? (Beschwörung. Teufel, den Kaspar gleich haut.) TEUFEL (brüllt) Burre, Burre, Burre. K ASPAR Der hat auch ‘ne wundervolle Ziehharmonie im Hals – (haut ihn). TEUFEL Dein Ruf ist erschollen im Höllengrund – au weih! Wie reißt mich die Gicht im linken Zeih – au weih! K ASPAR Ich hab auch die Gicht in den Händen, darum reißt es immer rechts und links. TEUFEL Wenn du mich haust, hau ich dich wieder. (Mit Prügel zurück) Jetzt soll es nach der Reihe gehen. K ASPAR Jawohl, ich fang an (haut ihn). Teufel Nein, paß auf – nach der Ordnung. Es wird immer 1, 2, 3 gezählt und dann gehauen. K ASPAR 1, 2, 3 (haut lange). TEUFEL Nein, nein, nein. Erst kommst du, und dann komm ich. Bei 3 wird einmal gehauen. K ASPAr Jawohl, 3, 3, 3, 3 (haut). TEUFEL Nein, ich will es dir vormachen. Paß auf: 1, 2 – K ASPAR 3! (haut ihn). TEUFEL Nein, ich bin an derReihe:1, 2 K ASPAR Perlacko! (Teufel ab) Perlicko! ( Teufel kommt, Kaspar 3, 3, 3, haut, Teufel packt ihn.)  K ASPAR Perlacko! (Teufel ab) K ASPAR Junge, was für’n Spaß! Perlicko-Perlacko, Perlicko-Perlacko :/:/:/.[senkr. Striche] O was fürn Kasparspaß. Wie freu ich mich! Singt alle mit! K ASPARS F RAU Was erlebe ich, als eine gebüldete Frau, für Unbüll in meinem Leben. Ach Kaspär, mein teurer Gatte, du hast den Richter geschlagen, du hast die heilige Obrigkeit verletzt, daß ihr geschwollenes Auge nach dir sucht. O Kaspär, mein Gemahl, wie wird es dir gehen und wie wird es deiner Eulalia gehen!

gehen und wie wird es deiner Eulalia gehen! – 77 – K ASPAR Du weißt, ich kann den langen Namen Eulalia nicht leiden, drum nenne ich dich immer bei dem kurzen Namen, mein teures Tigeraugeriesenschlange Katzenrachenellenbogeneulaliaemerentiaquadratschafapfelsinenbein. K ASPARS FRAU O, mein geliebter Mann, wie wird es dir gehen! Alle Menschen sind böse auf dich Kaspär. Aber du kennst keine Reue und besinnst dich nicht. Wunderst du dich denn nicht, daß so viele Menschen böse auf dich sind? K ASPAR Ich will mich wundern, wenn eine Kaffeekanne Strümpfe stopft, aber nicht, wenn die Menschen auf mich böse sind. Und du machst mir Sonntagsnase Vorwürfe, du Tigeraugeriesenschlange Katzenrachenellenbogeneulaliaemerentiaquadratschafapfelsinenbein, Döskopf, Schafskopf, Kohlkopf -opf -pf -pf- (zurück Spiel, haut sie). FRAU O Kaspär, mein Herr und Gebieter. K ASPAR Ich schmeiß dich raus aus der die das Haus, du die das Trampeltier, du trampelst mir auf die Piepstelle. FRAU Was tu ich? Worauf trampel ich? K ASPAR Auf die Diarrhoe und Kolik des gelben Hunds. FRAU O Kaspär, Kaspär, wie behandelst du deine gebüldete Frau, die noch kein Wochengeld bekommen hat. K ASPAR Was? Hab ich dir nicht erst vorige Woche versprochen, daß ich dir zu unsrer silbernen Hochzeit, wenn du sie nicht erlebst, ein falsches Zehnpfennigstück zeigen werde? Du undankbare Trine, das hast du in dem Töchterpensionat gelernt (haut sie). Wie schön ist doch die Träne einer Braut, wenn der Geliebte ihr aufs Auge haut! – Jetzt bleibst du hier, drückst auf die Piepstelle und rufst Perlicko, dann kommt ‘n Tausendmarkschein raus (ab). FRAU O weh, weh ( unten Kinderschreien) – ach mein herziges Kind Heidrun-Puvogeline (holt es im Arm). Schlafe und schlummre in süßer Ruh, Puvogeline, mein Säugling bist du. (Kind schreit) Das ärmste Kind hungert – (Rrrrr) – hört ihr seinen lütten Magen knurren? (Holt die Wurst) Ach, das ist die letzte Milch, die ich im Hause hab (etc.). Eine Mutter muß auf der Stelle für ihr Kind was tun, auch auf der Piepstelle. Perlicko! TEUFEL (Frau läßt ihr Kind fallen, schreit.) FRAU So hab ich mich in meinem Leben noch nicht erschrocken. TEUFEL Ich will dir Herrn Zierlich schicken (ab). FRAU Ja, vor Herrn Zierlich fürchte ich mich nicht (etc.).  K LAPPERZAHN (holt sie etc.) P OLIZIST (mit Galgen. Rede beim Aufstellen, will auf Kaspar lauern, legt sich schlafen. Kitzel – mit Troddel. Dann Kaspar: er habe ihm mit seinem Zahnstocher die ganze Piepstelle ausgerissen, nu gehts nicht mehr.) P OLIZIST Nein, das ist nicht Zahnstocher, das ist Galgen, woran Kaspar gehängt werden solle. K ASPAR Was soll ich geschenkt kriegen? P OLIZIST Nein gehängt, mit deinem Leben ist es aus. K ASPAR Ach, Sie geben eins aus, Herr Polizist, das ist schön, das ist gut für meinen Gesingrachen, solch’n kleiner Rachenputzer. P OLIZIST Da hilft kein Spaß, du mußt hängen. Kaspar Wie macht man denn das? (Polizist belehrt ihn mit Durchstecken des Kopfes, wie es zu machen, Kaspar steckt immer verkehrt durch, sagt endlich, der Polizist soll es ihm vormachen und zieht die Schlinge zu. Spiel al gusto.) K ASPAR Angeführt, mit Butter beschmiert! Da bammelt er! O weh, da seh ich den Richter kommen. (Reist den Galgen aus, wirft ihn hinunter) Uff, Uff – Stöhnen ist die halbe Arbeit – (ab). RICHTER (mit totem Polizisten, den er niederlegt, Klage über Kaspars böse Streiche, dieser tritt auf, zum Richter:) K ASPAR Bist du schon wieder da? Komm hierher, dann gibt dir Kaspar Sonntagsnase eine Ohrfeige.

Ohrfeige. – 78 – RICHTER Ich komme aber nicht, und wenn du mir auch zwei gibst. Ich lasse mich nicht wieder schlagen. K ASPAR Du bist geschlagener als ich dich schlagen kann: mit Dummheit und Gelehrsamkeit, mein Bohnenstroh (schlägt mit großem Hammer Richter tot und alles nacheinander, was kommt, alle Figuren, Teufel auch mit seinen Gespenstern, alles auf einen Haufen). Wie freu ich mich (etc.). Ich bin der Kaspar, der keine Furcht kennt, weil er lachen kann. Wie freu ich mich! Ich habe mehr Freud, als jemals ein Kaspar gehabt hat. Alles auf der Piepstelle, und keiner piept nicht mehr. TOD (Kaspar schlägt auf ihn, Tod lacht nur immer fürchterlicher.) K ASPAR Was lachst du Klapperfratze? Ich schlage dich tot! TOD Darum muß ich lachen, daß du dümmster Kaspar den Tod töten willst. Ich muß lachen – daß ich krähe (kräht vor Lachen). Du kitzelst mich, wie noch keiner mich gekitzelt hat – ich muß lachen, lachen – o – hihihi – daß ich vor Lachen zerknalle (er zerknallt). K ASPAR (jubelt, daß der Tod zerknallte, schafft die Leichen weg.) Arbeit macht das Leben süß, Faulheit stärkt die Glieder. FRAU O Kaspär, Kaspär, du machst die Welt leer – K ASPAR Ich schmeiß dich raus aus der die das Haus – FRAU Und hast mir immer noch kein Wochengeld gegeben, ich habe nichts zu kochen! K ASPAR Ich will dir Erquickung kochen, du Lästermaul: eine lange Prügelsuppe, Fünffingerkraut und Besenstielpastete mit Wichssauce. All das will ich dir auf deinem Seelensack kochen (will mit dem Hammer auf sie). FRAU Du wirst doch nicht unsre Heidrun-Puvogeline zum Waisenkind machen? K ASPAR Hat einer von euch gehört, daß ich gesagt habe: ich mache Puvogeline zum weißen Käs? Ich mache weißen Käs aus Puvogelinchen? Ich vohssen Puh aus Käsweißelinchen?! Ich pusse Voh aus Piloseweinchen?!! – Loseweinchen – Weinchen – Weinchen – (er weint). O Gott, o Gott, so was soll einem unbescholtenen Spitzbuben nachgesagt werden, der sein Leben lang auch nicht das geringste Böse unterlassen und die ganze Welt benutzt hat, um an ihr seine Sonntagsnase auszuschneutzen? Du verleumderische faule Trine, dir müßten schon morgens früh die Bettfüße ins Bett steigen und dich verwalken, daß du dünn wie dein Bettuch wirst – ich schmeiß dich raus aus der die das Haus, du die das Trampeltier (wirft sie ins Publikum), fangt sie auf, fangt sie! Und heute gehen mir alle Haare aus; denn heute gehe ich aus – auf Lottes Geburtstag –, und wenn ich ausgehe, dann gehen doch auch meine Haare mit aus. Zu Lottes Geburtstag 1. Mai 1913 Die Birke ist Vaters Lieblingsbaum. Die dunkelrote Nelke nach der Rose seine Lieblingsblume. Er sei früher unphiliströser gewesen, sagt Vater. Da habe es ihm wenig oder gar nichts ausgemacht, wenn sich Menschen von ihm lösten. Aber auch jetzt könne er das gut ertragen, wenn auch so groß und frei wie in seiner Jugend nicht mehr. Eigentlich sollte wohl die Entwicklung umgekehrt sein, meinte er. 10. Mai 1913 “In einer ordentlichen Literaturgeschichte müßten Männer wie Dippel und Edelmann, die jetzt ganz zurückstehen, gründlich berücksichtigt werden. Sie sind vielleicht die Besten unter den sogenannten Aufklärern. Und was den deutschen Stil betrifft, so ist sehr zu bedauern, daß ihre Wirkung ganz unterbrochen wurde. Sie setzten das Lutherdeutsch fort, dann aber kam Herders romantischer Humanismus, danach die Anarchie der Romantik, und das Ihre war damit zunichte gemacht. Gerade Dippel und Edelmann habe ich immer geliebt. Es hat nichts mit Spinoza zu tun – denn du weißt, um eigentliche Spinozaliteratur habe ich mich nie gekümmert. – Daß ich so viele Sachen von Edelmann besitze, und daß mir Dippel fehlt, kommt daher, weil seine Bücher mir zu teuer waren. Ich bin sehr froh, sie nun in der Spinozabibliothek zu haben.” 27. Mai 1913

27. Mai 1913 – 79 – Ich las Vater aus dem »Zeitgeist« den Aufsatz »Zwischen Bergson und Laplace« von Alexander Moskowski vor. Vater mußte sich zwingen, ihn bis zu Ende zu hören und wurde von einer Erregung erfaßt, die er aber schnell überwand. “Du wirst es wohl begreiflich finden, wenn es einen Augenblick in mir aufsteigt. Aber ich muß noch einsam stehen in einer Zeit, die noch lange nicht ernsthaft genug ist für die Philosophie. Und mir kann es zum Glück nicht gehen wie Schopenhauer, der schließlich halb verrückt wurde vor Erbitterung und dazu kam, die Professoren ‘unehrlich’ zu schimpfen. Verstehen kann man’s schon, wie einer dazu kommt! Es ist doch wirklich, als ob ich gar nicht da wäre, und ich mag sein, wer ich will, aber eine Kraft spür ich doch! Wird da ein Wesen gemacht von dem Als-ob des Vaihinger – mein Buch war erschienen, bevor er herauskam, und meine ‘Konstruktionen’ hat niemand beachtet. Aber ich hab Zeit, und auf diese Generation hab ich von vornherein nicht gerechnet.” 28. Mai 1913 “Wenn ich an Michelangelo denke, so sehe ich seinen Moses. Er selbst ist mir sein Moses. Nicht einmal das Gesicht oder der Körper oder gar, was sonst etwa am meisten bewundert wird: wie die Hand in den Bart greift – nein, die Haltung des Kopfes, wie dieser Kopf sitzt und kuckt, das ist es bei mir, und an diesem Moses könnte ich den zentralen Begriff meiner Ästhetik, die tragische Hamartie, genausogut entwickeln wie an irgendeiner Tragödie oder am Matthäus-Evangelium.” Von kleineren Gegenständen ist wenig, woran Vater so hängt wie an den metallenen Schachfiguren, die er kürzlich erworben hat. Nun schien mit großer Wahrscheinlichkeit ein Bauer davon verloren. “Ich war im ersten Augenblick furchtbar aufgeregt, denn ich liebe diese Figuren gar zu sehr. Aber im nächsten Augenblick sagte ich mir, das sei unwürdig und war damit auch schon beruhigt. Es ist ja überhaupt so eine Sache bei mir mit dem ‘Zween Herren dienen’; doch im allgemeinen komme ich ganz gut damit durch. Ich meine, eigentlich ist es doch so, daß ich mein Herz an nichts hängen dürfte, um keines Dinges Knecht zu sein, und dennoch hängt mein Herz, bei der Ausbreitung und Mannigfaltigkeit meines Wesens, an so vielem.” 2. Juni 1913 Als Vater Lisbeth Stern aufforderte, ihn zu besuchen und sie zögerte, weil sie ihn tief in der Arbeit wußte: “Aber Kind! Die Arbeit hat mich noch nie am Leben gehindert. Und ich bin doch nicht wie ein Bergmann, der hinabsteigt in seinen Schacht und dann von der Oberfläche abgeschnitten ist. Bei mir sind Tiefe und Oberfläche eines.” 4. Juni 1913 “Der Jacobi-Mendelssohnsche Streit – würdest du mich fragen, wer nun recht hat, so könnte ich dir nicht antworten, und niemand könnte es. Aber wenn ich sagen soll, wohin ich mich neige – Jacobi hat das Recht des Genies auf seiner Seite. Aber auch weiter nichts! Und der dumme Mendelssohn hat seine guten Gründe und ist ehrlich gestorben, ganz ehrlich. Ich stelle mir vor, daß Jacobi Lessing genial gesehn hat. Die Äußerungen, die er Lessing zuschreibt, sind so geworden, wie er sie überliefert, durch das Medium Jacobischen Geistes. Daß Lessing Spinozist gewesen, glaube ich keinesfalls. Denn wirklich, wie hätte er vor Mendelssohn dies verschweigen sollen? Dafür gab es keinen Grund. Und etwas davon müßte man doch auch merken in dieser schafigsten aller Philosophien, der ‘Erziehung des Menschengeschlechts’! Die ganze Sache ist eben ein Wunder, vom lieben Gott aus den Wolken erfunden, schlecht erfunden, weil die Geschichte so etwas brauchte.” 6. Juni 1913 Vater war mit mir im Theater, wir sahen »Professor Bernhardy« von Schnitzler. “Wenn ich so etwas mit ansehe, da kribbelt es mir manchmal in den Fingern, als hätte ich Journalistenhände, und ich möcht in dem Augenblick meine ganze Sache hinschmeißen und nichts tun als Flugblätter schreiben und Zeitungsartikel – bloß dem Publikum zeigen, immer wieder an allen Einzelheiten, und genau die Kriterien zeigen und richtig beweisen: was für einem

an allen Einzelheiten, und genau die Kriterien zeigen und richtig beweisen: was für einem – 80 – Dreck sie immerwährend anheimfallen.” – Dies Stück war nicht einmal besonders übel, nur schwächlich und unbedeutend (in der Grundlage verbirgt sich sogar etwas Feines, wie Vater heute früh sehr geistvoll ausführte – nur daß es sich “verbirgt”, nicht mit lebendiger Kraft herauskommt und packt) – es war nicht dieses Werk, was Vater wieder einmal – wie fast immer im Theater – in Rage brachte, sondern der Zustand unserer Literatur und unseres Publikums, den es mit repräsentiert. 11. Juni 1913 Seit einigen Tagen ist Vater ganz im Banne – wie er selber sagt – eines sehr merkwürdigen Mannes, des Dr. Moritz de Jonge. Zwei seiner Schriften »Jeschuach, der klassische jüdische Mann« und »Messias, der kommende jüdische Mann« hatte Vater seit Jahren unaufgeschnitten liegen. Nun, da er ein wenig für sein Judenbuch liest, hat er sich darangemacht und ist entzückt von der Originalität, der ungeheuren Konzentrations- und Temperamentsstärke und tief ergriffen von dem Schicksal des Mannes, der sich heimlich für den Messias hält. Sein tüchtig Stück Verrücktheit übersieht Vater natürlich nicht, schlägt es aber nicht allzu hoch an. “Lies du es auch gleich durch! Solchen Mann kennenzulernen ist mehr wert als tausend Erfahrungen.” Vater hat ihm nun geschrieben. Bei seinen ersten Niederschriften begeht Vater, wie er sagt, den Fehler (“der größte unter denjenigen meiner schriftstellerischen Fehler, den ich kenne”), zu lange Sätze zu bauen. “Sie sind zwar immer richtig, ja, ich trenne mich schwer von ihnen, aber aus Rücksicht auf die Leser löse ich sie fast immer in kleinere auf.” Die Christusrede102 in der ursprünglichen Fassung ist Vater fremd geworden. Er kann sich zu dem Stil von damals (sie ist vor zirka achtzehn bis zwanzig Jahren entstanden) nicht mehr finden und arbeitet sie in den jetzigen um, ohne an das Wesentliche des Inhalts zu rühren. Sie war viel trockener und schwächer im Ausdruck. Jetzt erst bekommt sie ihr eigentliches Leben und Farbe. 15. Juni 1913 “Adalbert Silbermann verübele ich nicht, daß er sich hat taufen lassen. Er ist ein halt- und treuloser Mensch, und an solchen ist nichts verloren. Eva103 aber darf es nicht tun, und täte sie es doch, so würde sie meine Freundschaft verlieren. Eva ist ihrer ganzen Natur nach treu, und sie hat Rasse, und solche Individuen kann die Gemeinschaft nicht entbehren.” Vater arbeitet an seinem Judenbuch wieder sehr stark; fast so angespannt wie in der guten alten, unnervösen Zeit; auch abends ziemlich spät, ist fröhlich, aber nicht unbeschwert von nervösen Leiden. Eine gute Erfrischung bieten ihm die Dampferfahrten, die er hier so bequem machen kann. Zu größeren Wanderungen wäre er wohl fähig, aber es kommt nicht leicht dazu. Allein geht er so gut wie nie, nicht den kleinsten Spazierweg, das mag er gar nicht. Er hat überhaupt niemals Bedürfnis nach völliger Einsamkeit und Isolierung. 18. Juni 1913 “Ein ungewöhnlicher Ausdruck ist an sich schon Poesie. Es gibt Goethesche Gedichte, deren Wirkung nicht auf poetischer Anschauung, sondern rein auf ungewöhnlichen Wortverbindungen, ja auf Syntax beruht.” 24. Juni 1913 “Ich arbeite immer an allem zugleich, am ersten wie am letzten; denn das ist ja kein trockenes Arbeiten, sondern wie eine Glut, die immer anhält. Wache ich vom Schlaf auf, so denke ich an meine Sache. Und mir ist, als stünde ich immer auf der Kanzel. Wie weit der 101 Ausdruck hinter zurückbleibt, das fühle ich so tief – andern wird es wohl Verfasser: derdem jungeEmpfinden Felix Goldner. 102

Rede der Juden: Wir wollen ihn zurück! aus »Der Judenhaß und die Juden«. Rede der Juden: Wir wollen ihn zurück! aus »Der Judenhaß und die Juden«. 103 Frau des Adalbert. 102

– 81 – auch so gehn –, und darum versuche ich beständig den Ausdruck zu verstärken oder wenigstens zu erheben.” – Unermüdlich ist Vater in der Tat, sein Gewissen stets wach für jeden Satz. Wie oft ruft er mich zu sich hinein – in solchen Zeiten wie die jetzige, wo er eine letzte Hand anlegt – und fragt mich: “Was meinst du zu dieser Änderung? Hör mal ... oder war es vorher besser? ... Kann man wohl so oder so sagen? Scheint es dir zu gewagt?... Ist dies wohl ganz deutlich, was ich damit meine? ... Was ist im Klang besser, dies oder das?” Als handelte es sich um ein lyrisches Gedicht. Jedes Komma hält Vater der Überlegung oder Besprechung wert. “Ich muß es so gut machen, wie ich kann. Die Wirkung hängt davonb ab.” 26. Juni 1913 Ich gab Vater das Rätsel auf: “Ein Toter schleppt einen Lebendigen aus dem Walde.” Sofort sagte er: “Der Kamm, der die Laus aus dem Haar bringt.” Wir wunderten uns. “Ja, wenn mein Kopf heiß ist ...! Woraus nicht zu schließen, daß Vater ein besonders begabter Rätselrater sei. Ein heißer Kopf ist unter den körperlichen Arbeitsbedingungen für Vater die allererste. Daher hat er immer auf seinem Schreibtisch eine dicke wollene Mütze liegen, die er, im stärksten Produzieren, aufsetzt. Er hat gern, wenn ich von Zeit zu Zeit leise seine Tür öffne und ihm hineinnicke, ein paar Worte mit ihm spreche; sehe ich aber die rote Mütze auf seinem Kopf, ziehe ich mich sofort leise zurück und schließe die Tür wieder. Er besitzt schönere Arbeitsmützen als diese alte, benutzt aber nur diese. 28. Juni 1913 “Dieser de Jonge ist für mich – aber das kann ich nur hebräisch sagen –, ein großartiger Baalteschuwoh ist er, und damit mir lieber als jeder, der ein ‘fleckenloser’ Charakter dasteht.” 29. Juni 1913 Dr. Magnussen versteht ausgezeichnet, Vater über seine nervösen Herz- und anderen Beschwerden hinwegzutrösten. “Solche Nervosität gehört zu Ihrer Philosophie”, sagt er mit dieser leisen, ruhigen, langsamen Stimme, die sich immer gleichbleibt und die nie Widersprüche sagt. 11. Juli 1913 Zu Weihnachten denkt Vater sein Judenbuch herauszubringen, dann gleich zu den folgenden Ostern »Über die Vereinigung der Künstler mit den Denkern«. Ich atmete auf, wie er das heute sagte. Denn dann, endlich, wird er an den Teil über den “Geist” gehen, der mir als das Wichtigste erscheint. Denn wo ist das Absolute je entwickelt worden? Ist es nicht schließlich immer geblieben bei dem omnis determinatio negatio est? “Mein Werk über den Geist wird gar keine Polemik enthalten; es wird Eine Ruhe sein, und darum wäre vielleicht das beste, ich höbe es mir für meine letzten Jahre auf.” Wovon ich Vater abzubringen suche, indem ich ihn auf seine Selbstbiographie als letzte Arbeit hinweise. 24. Juli 1913 “Auf dem Standpunkt meiner Rede an die Juden stand ich in meinen Jünglingsjahren; als ich sie schrieb (mit etwa dreißig Jahren) schon längst nicht mehr; da sagte ich: So könnten die Juden sprechen! Doch nun schien mir dies – wie überhaupt die ganze Rede – zu kalt. Und auch darum, weil eine solche Form die Wirksamkeit unbedingt schwächen und schädigen muß, nahm ich mir das Recht, in dieser Hinsicht zu ändern, sogar scheinbar unwahrhaftig zu sein und doch wie von mir aus zu sprechen. Ich weiß, daß ich als Mensch wie als Jude hierzu das Recht, ja die Pflicht habe. Früher, in der alten Fassung, gebrauchte ich übrigens noch das Wort ‘Gott’. Ich glaubte, so gut wie andere ein Anrecht darauf zu haben. Warum sollte ich es nicht mit meinem Inhalt füllen dürfen, wie jeder, selbst Spinoza, mit dem seinen getan? Inzwischen aber habe ich dies Wort längst beiseite gelegt, auch schon darum, weil es gute Leute abschrecken könnte.”

– 82 – 28. Juli 1913 “Aller Anfang ist schwer. Aber auch alles Ende. Jetzt, wo ich bei den letzten Kleinigkeiten meines Buches bin, habe ich wieder so furchtbar zu kämpfen wie im Beginn. Es zieht mich wie mit Schiffstauen zu meiner Arbeit, und der Satan will mich immer wieder wegreißen.” Im Überschlag gingen wir heute früh einige von Vaters Verhältnissen zu Menschen durch –: Landauer, Eberhard König, Lou (von deren “scholastischer Erotik”, auf die er nicht vorbereitet war, Vater sprach), Otto Ernst, Frida. “Sklavenaufstände meist”, sagte er. “Aber interessant all diese Verhältnisse, nicht wahr? alle, die wir da aufzählen.” “Unsres haben wir noch vergessen”, sagte ich lächelnd. “Nein, nein, das ist kein Verhältnis, das ist ein Sein; du bist ja kein Anderes!” 23. August 1913 “Weißt du, weißt du wirklich, was ein Mann ist? Ein Mann ist der, welcher immer und in jedem Augenblick aufrecht erhält und es nie verleugnet, was er seiner Geliebten in der höchsten Ekstase gesagt hat.” 24. August 1913 Aus einem Gespräch über Erziehung: “In meinem Staate besuchen alle Kinder die gleiche Schule, ohne Unterschied des Geschlechts, des Vermögens, des Standes, der Begabung. Nur daß in besonderen Fällen geistig hochstehenden Eltern die Erlaubnis zugestanden würde, ihre Kinder – freilich unter staatlicher Kontrolle – selbst zu unterrichten; darüber hätte eine Kommission zu entscheiden. In der Schule würden mehr Fächer fakultativ als obligatorisch gelehrt, damit möglichst nach Begabungen gesondert werden kann und der Unsinn aufhört, ein Kind zu etwas bringen zu wollen, was es nicht ist, eine Grausamkeit, die unsere jetzige Erziehung zur Tyrannei macht. Die Hauptsache: es soll und darf nur von Dingen der Relativität – also von Dingen und Bewegung – die Rede sein. Das Geistige muß bis zur Pubertät genauso ausgeschlossen bleiben wie das Analogische. Man wird das Kind hinweisen darauf, daß einmal sein eigentliches, geistiges Leben kommen soll – etwas ganz Großes, das es vor sich hat –, aber als auf etwas Spätes, Fernes und um so Heiligeres. ‘Die herrlichen Bilder in diesem Hause – ja, wenn du groß bist, da wirst du erst wissen, was es mit ihnen ist.’ Aber man zeige dem Kinde viel Bilder – Tiere, Pflanzen, Berge, den Sternenhimmel (eigens gefertigte Anschauungsbilder oder, wo es paßt, künstlerische) –, damit seine Phantasie geweitet werde, nur zeige man sie nicht als Kunst. Hat man so das Kind genährt lediglich mit Dingen der Relativität, ist sein Denken und Wesen rein geblieben, da man nicht Früchte von ihm gefordert hat vor der Blüte, ja vor der Knospe, dann kann der Erzieher bei dem gut beanlagten Kinde die Freude erleben, es in der Zeit der Pubertät dem Schönen entgegenwachsen zu sehn. Das Kind holt es sich dann wohl selbst. Und hat es nun zu tun, den neuen, seinen wahren Lebensinhalt zu ergreifen und in sich zu fassen, so ist es damit zugleich der Gefahr der bedenklichsten Lebensjahre aufs beste enthoben. Das erste Beginnen geschlechtlicher Liebe wird behütet und veredelt und mit geistigem Inhalt gefüllt sein.” 19. September 1913 Frau Klingenberg hat Vater einen Dank geschrieben für das, was ihr und ihrem Manne »die Lehre« gegeben und gleichzeitig in dem Briefe nach einem guten Kommentar zu Spinozas Ethik angefragt. “Darauf kann ich nur antworten mit einer Verwarnung vor Kirchmann”, sagte Vater zu mir. “Ich selber, ja, ich möchte schon mal einen Kommentar zur Ethik schreiben; das wäre schon eine Aufgabe, die mich reizt. Doch werd ich kaum je Zeit dazu haben. Denn mein Kommentar würde ein ganzes Werk sein. Nicht so: Jetzt kommt der erste Vers, jetzt kommt der zweite Vers, jetzt kommt der dritte Vers usw., sondern es gäbe ein fortlaufendes, zusammenhängendes Werk. Und so wie die Infusorientierchen würde ich’s machen, wie die ihre Nahrung aufnehmen: erst einzelne Stücke, die sie dann auflösen, so würde ich dem Leser die Nahrung geben, daß sie ihm glatt einginge.”

– 83 – 22. September 1913 Da nun (gestern) das Judenbuch eingepackt und an einen Verleger geschickt worden ist – “Was ich eigentlich über die Juden zu sagen habe, ist darin natürlich nicht enthalten, wo ich nur vom Äußerlichen rede. Nicht, wieso mir die Juden neben den Griechen, die in den Werken der Kunst die Ruhe des Geistes darstellen, wieso mir die Juden das andre geistige Volk sind – dieses kleine Lumpenvölkchen, zerdrückt von den Assyrern, den Persern, den Römern –, das dann in und nach seinem politischen Untergange sagt und sagen kann (denn es hat sich ja alles erfüllt, und das ist mit gewöhnlichen Mitteln nicht zu erklären): Ihr werdet alle zu uns kommen und unsren Gott anbeten, und er wird uns nicht verlassen, denn wir sind sein auserwähltes Volk!” Wir gerieten auf die gebildeten Juden des Mittelalters. “Ich mache mir nicht viel aus ihnen allen. Natürlich verkenne ich nicht den großen Teil, den sie im allgemeinen zur Kultur geleistet haben – und unter welchen Umständen! – Aber die einzelnen Persönlichkeiten stelle ich alle nicht sehr hoch. Selbst Maimonides, selbst Ibn Gabirol sind nur Scholastiker. Wenn ich so überdenke, welche Juden sich mir überhaupt herausheben – abgesehen natürlich von den Großen der Bibel... Ja, solche – solche einfach Umwerfenden, Unbegreiflichen wie Jesaia (der Talmud, der doch auch manchmal sehr Feines sagt, nennt ihn ‘die Antwort auf Jeremia!’), selbst Jeremia, Ezechiel, Zacharia – so haben natürlich nie wieder Menschen gesprochen. Und was man nicht vergessen darf, daß sie eben Propheten waren – ich glaube durchaus an Prophetie! Danach – außer natürlich dem Allergrößten, Christus: Hillel. Dann Akiba, der ein Prachtvoller war, so ein Räubermäßiger, mit seinem anfänglichen Haß gegen alle Gelehrsamkeit und seinem Märtyrertod. Und er hat auch was gewirkt für die damalige geistige Verfassung.” – Vater erzählte mir ausführlich und anschaulich, wie Akiba die Tochter eines Gelehrten geliebt, die ihn nur heiraten wollte, wenn er den Talmud studieren würde. Und darauf ging der Hirt, der er bis dahin gewesen, wirklich fort und studierte und kehrte nach vierzehn Jahren mit einem Gefolge von zweitausend Schülern zurück. Eine große Volksmenge empfing ihn jubelnd. Darunter seine Geliebte, die er sogleich erkannte. Sie wurde im Gedränge beiseite gestoßen. “Laßt sie”, rief Akiba, “ihr verdanke ich alles.” Er hat sie geheiratet, aber danach sich noch zehn Jahre zu weiterem Studium von ihr ausgebeten. Und dann sein Tod! Man löste ihm die Haut vom Fleisch, um die Folter empfindlicher zu machen, aber er hatte nichts zur Antwort als immer wieder sein Echad! Eines. Daß der Kaiser sagte: “Ja, bist denn du ein Mensch? Welche Folter soll ich denn für dich ersinnen?” Echad, echad – so wollte er hineinstürzen in das Eine. Jochanan ben Sakkai dann, ein tüchtiger Systematiker. Auf der alexandrinischen Seite steht Philo immerhin als ein bedeutender und sehr feiner Mann. Später Saidja-Halewy, den habe ich gern, aber so gewaltig, wie man ihn macht, ist er nicht. Die Kabbala enthält etwas sehr Großes und Echtes, aber schlecht gemischt mit der bösen Angelologie und Dämonologie. Das tief Poetische, mythisch Poetische der Juden erhielt sich und arbeitete fort in der Hagada.” 23. September 1913 “Ich möchte gelegentlich meine verschiedenen Aufsätze über Spinoza – der größeren Verbreitung zuliebe vielleicht bei Reclam – herausgeben, und zwar unter dem Titel »Zu Spinoza«, der mir sehr gut vorkommt.” 24. September 1913 Vater hat einen vor mehreren Wochen entworfenen Aufsatz über den Ruhm in diesen Tagen überarbeitet.104 “Dieser Aufsatz ist ein Schnitzel vom Judenbuch. Er stand zuerst als Stelle darin, die mir aber zu breit erschien, so daß ich sie abtrennte. Aber wie schlecht, ja geradezu unlogisch ich immer zuerst schreibe! Das Feilen nachher ist alles!” 26. September 1913 Aus einem Telephongespräch zwischen Vater und Dr. Magnussen: Vater: Was sagten Sie? 103 Frau des Adalbert. 104

17. Januar 1914 in »der Zukunft« erschienen.

– 84 – Magnussen: Ich habe nur geniest. Vater: Ach so, ich dachte, es war aus dem Lexikon. Magnussen: Ja, aus dem tierischen Lexikon. Während ich etwas krank im Bette lag, sprach er mir viel von seinem Vater. “Der hatte Opposition gegen alles, gegen alle Literatur und gegen die ganze Menschheit. In der Literatur mochte er noch am ehesten Maimonides; den las er viel. Bei all seiner Intelligenz, seiner Regsamkeit, war mein Vater doch eine völlig unspekulative Natur. Eine richtige Durchgangsstation! Gegen die Menschen war er sehr erbittert, obwohl er sich in allen einzelnen Fällen gütig zeigte. Er rebellierte gegen alles und alle, sehr auch gegen den Altonaer Rabbiner Ettlinger, der nach meines Großvaters Tode dessen Stelle einnahm. ‘Das Räfchen’ nannte er ihn nur. Mit Empörung erfüllte ihn, daß der neue Rabbiner den Vorsitz der Gerichtsbarkeit aufgab und diese so von der übrigen Verwaltung getrennt wurde. Mich hatte er am liebsten auf der Welt, und ich war natürlich auch gut zu ihm, aber ich muß doch jetzt oft denken, wie ich ihm so viel mehr hätte wohltun und ihm helfen können. Am guten Willen fehlte es mir ja nicht, aber doch sehr an Einsicht. Es ist für die Jugend so schwer, sich in das Alter richtig hineinzuversetzen, ist ja überhaupt schwer, sich in einen andern Menschen hineinzuversetzen. Wenn ich nun manchmal denke, daß es im Grunde leicht gewesen wäre für mich, die Erbitterung meines Vaters zu mildern, so tut mir das ordentlich wehe.” Vater las »Das Lamm Benedikt Spinoza«, eben in der »Zukunft« erschienen, Magnussens vor, die zu Abend bei uns waren, und sagte nachher zu mir, es gefiele ihm wieder gut, und er legte Wert darauf. Zur Lektüre der »Glückele von Hameln«: “Wie so ein einfacher Mensch, wenn er nur Fähigkeit zum Schreiben besitzt, doch ganz von selbst, ohne es gelernt zu haben, das Richtige trifft: erst eine kleine Einleitung, dann ruhiger, sachlicher Bericht und zwischendurch einmal, wo sich’s natürlich machen läßt, eine kleine Peroration.” 8. Oktober 1913 Ernst Müller erzählte: “Ich erinnere mich noch gut, wie Leo mit seinem Vater zu uns kam. Er erschien mir immer als das Urbild eines sanften und frommen Knaben. Wir spielten gar nicht und sprachen kaum miteinander; er saß still und in sich hineinsinnend in einer Ecke.” “Ja”, setzte Vater lächelnd hinzu, “wir waren wie Hunde, die sich nur gegenseitig berochen.” Im Gespräch mit Ernst Müller über das »Judenbuch« sagte Vater: “Zu den inneren Schwierigkeiten gehören auch die, welche mir das Kapitel über den Staat machte, deswegen, weil ich dieses Thema prinzipiell in meinem Hauptwerke behandeln werde.” Als von der Malerschule der Nazarener die Rede war: “Wenn so viele in einem Stil arbeiten, das ist immer ein sicheres Zeichen dafür, daß der Stil nichts taugt und die Leute nichts taugen.” 9. Oktober 1913 “Einmal ist keinmal – aber zweimal ist immer.” 11. Oktober 1913 Ich fragte Vater beim Gutenmorgensagen, wie er geschlafen hätte. “Ach, wenn du das vielleicht verstehst und kennst –: Ich habe dünne Ränder um große Löcher geschlafen.” 14. Oktober 1913 Ich sprach davon, daß ich und wie ich mit Emma den »Faust« lesen möchte. “Nur nicht alles erklären wollen”, meinte Vater; “man hat meist die ganz falsche Auffassung, als müßten alle Einzelheiten verstanden sein zur Erfassung des Ganzen. Wir sehen aber doch auch nicht alles! Denk mal, wenn wir alles wahrnehmen sollten, was tatsächlich zwischen uns und der Sonne liegt.”

Sonne liegt.” – 85 –

Vater mag gar zu gern jemandem etwas Schönes zeigen und tut dann mit dem Raffinement eines Regisseurs alles mögliche, um die Wirkung ungestört und groß hervorzubringen. So wie er neulich Ernst Müller zu einer schönen Aussichtsstelle im Babelsberger Park führte. Eine ganze Weile vorher schon: “Da, du mußt nach rechts sehen! Sieh doch nur die herrlichen Bäume dort! Kannst du sehen? Den da! So, nun dreh dich mal um!” Die Überraschung lag natürlich auf der linken Seite. Vater ist dann in einem kindlichen Feuereifer. Auf schmalen Wegen muß der Gast immer vorangehn, damit ihm der Aussblick nicht gehindert wird, und ganz böse kann Vater werden, wenn eines von uns, die wir die Sache schon kennen und oft sehen, einmal vergessen, dem Gast den Vortritt zu lassen. Man darf eigentlich nirgendwo stehen, denn überall könnte man ihm ein bißchen den Blick verstellen! – Auf Reisen genießt Vater eigentlich nur, indem er seinem Begleiter die Schönheiten zeigt. Allein zu reisen hätte für ihn gar nichts Anziehendes; er könnte sich nicht leicht dazu entschließen. 17. Oktober 1913 “Magnussens, beide sind sehr feine, aber gehemmte Naturen, die das absolut Reine wollen. Aber der Anstoß war nicht stark genug. Wie Billardkugeln sind sie beide ein Stück gelaufen, dann zusammengestoßen, und nun stehen sie still in der Welt, kommen nicht weiter, halten sich aneinander; ihr Sich-ineinander-Versenken ist ein Versunkensein geworden. Aber neben ihnen lag eine andre Billardkugel, und das Zusammentreffen der beiden wirkte in der Diagonale auf die dritte – das Kind (Jenspeter), darin die feine Sehnsucht dieser beiden prächtigen Menschen Fleisch geworden erscheint. Darum ist der kleine Jenspeter so rührend, weil er das Fazit der Naturen seiner Eltern so ganz darstellt. Möglich, daß er nun weiterkommt, so weit und weiter wie sie wollten – möglich freilich auch, daß er ein Schlemihl! wird, besonders wenn es den Eltern nicht gelingen sollte, ihm die Rauheiten und Entsetzlichkeiten des Lebens zu ebnen und zu mildern… Wenn ich so die Menschen seh, ich seh sie ohne Kleider, ohne Fleisch und Blut, ohne Materie – die nackten Gedanken seh ich.” Vater liest jetzt viel in den Propheten und ist sehr voll davon: “Noch nie hat jemand richtig über die Propheten gesprochen (Michelangelo freilich hat sie richtig gemalt!) – das möchte ich wohl einmal. Aber ich komme nicht dazu.” “Wenn ich so denke: Deußen – ich habe vielleicht zwölf Vorlesungen von ihm gehört. Denn schließlich, so sehr ich das alles ganz dumpf instinktmäßig bewunderte, bei aller meiner Ehrfurcht sah ich doch nicht ein, warum ich mich so schrecklich sollte langweilen lassen.” 21. Oktober 1913 “Wie doch die ganze Sprache ein Gleichnisleben ist! Das aber nur auf einzelnen wenigen Gleichnissen ursprünglich ruht. Wie durch Zellenbau haben sich diese ins Unendliche propagiert.” 27. Oktober 1913 “So ins Allgemeine streben wie Kettner, ist nichts wert. Die Welt ist das Allgemeine; wir aber müssen in ihr das Besondere wollen und tun.” Vater hat sein Manuskript des Judenbuchs an einige Verleger gesandt, und da er kein Exemplar im Hause behalten konnte, ist er in jedem Falle glücklich, wenn ein Verleger ihm das seine zurückschickt, denn dann kann er wieder daran arbeiten, was ihm die Hauptsache ist. Ich sage immer, er ist wie der Mann, der studierend hinter seinem Ladentische saß; es kam jemand herein, um zu kaufen. “Gibt es denn gar keine andern Geschäfte in der Stadt?! Müssen Sie denn ausgerechnet grad zu mir kommen?!” fuhr er auf. 28. Oktober 1913 “Die unendlichen Attribute bei Spinoza – das möchte ich noch einmal so erklären, wie ich das Omnia animata deutlich gemacht habe. – Spinoza ist zu jung gestorben. Es kann gar nicht

das Omnia animata deutlich gemacht habe. – Spinoza ist zu jung gestorben. Es kann gar nicht – 86 – anders gewesen sein als so: Er hat die Ethik zuerst ganz more geometrico verfaßt und dann nach und nach, durch Fragen von andern und Briefwechsel angeregt, Zusätze und Anmerkungen eingeschoben. Das ist ja auch klar: für den Denkenden selbst steht alles ganz fest und ist es einfach; nur um der Leser willen und wegen ihrer Fragen muß das Einfache auseinandergelegt, das Abstrakte konkretisiert werden. Ich bin überzeugt, hätte Spinoza länger gelebt, die Ethik wäre viel umfangreicher und farbiger durch eine Menge veranschaulichender Zusätze geworden und würde nicht so viele zugefrorene Stellen aufweisen wie jetzt.” Wir sprachen von der seelischen Kompliziertheit der Menschen, die sie so oft gemein erscheinen läßt, wo sie es doch wohl nicht sind. “Ja, das glaub ich schon”, sagte ich, “einfache Schurken gibt es nicht.” “Ach sag das doch nicht! Es steht kein Wort umsonst im Lexikon; jedes findet einmal seine Anwendung.” Ein junger Mensch aus Leipzig, Abraham Suhl, hat Vater eine kleine kunstphilosophische Arbeit zur Beurteilung eingeschickt, die ihm sehr gefällt, besonders der philosophische Standpunkt. “Wenn ich diesen Aufsatz überarbeitete – in einem Tage wollte ich eine klassische Abhandlung daraus machen; wie ich sie ohne die Vorlage nie fertig gebracht hätte.” Und wir sprachen im Zusammenhang damit über Shakespeares Verhältnis zu den dramatischen Arbeiten seiner Vorgänger. 30. Oktober 1913 Anläßlich des Otto Ernstschen sehr törichten Vortrages über Nietzsche, den wir gestern anhören mußten, sagte ich heute ungefähr: “Man mag gegen Nietzsche sagen, was man will, er war natürlich kein Philosoph, er hat kein System, er hat Widersprüche: aber eine philosophische Natur ist er gewesen, und man fühlt sich fortgerissen von den philosophischen Stürmen, die ihn durchbraust und endlich zerstört haben.” Worauf Vater antwortete: “Nein, so ist es nicht. Philosophische Stürme gibt es nicht. Die philosophischen Gedanken selbst sind immer in Ruhe. Was macht denn die Bewegung des Meeres? Doch nicht das Meer, sondern der Sturm, das Fremde. Nietzsche hat seine persönlichen, egoistischen, weltlichen Kämpfe auf das Gebiet der Philosophie verlegt, wo sie nicht hingehören, und wo auch die nicht hingehören, die er eben dadurch hingezogen hat. Die Philosophen sind eben eine besondere Gattung von Menschen. Wie sie sich mit dem Leben, mit ihrem Haushalt abzufinden haben, ist ihre Aufgabe nebenbei, die freilich am besten durch den einen gelöst worden ist, der keinen Selbstmord beging, sondern sich einfach zurückzog und damit sicherstellte. Aber auch Selbstmord aus Philosophie kann es geben; Mainländer, eine echte Philosophennatur, ist so aus der Welt gegangen. Und die Stoiker entschuldigen den Selbstmord aus richtigem philosophischen Verstehen. – Ich persönlich hatte die Einsamkeit als Lebensform für mich wohl erwogen. Aber ich würde nichts aus mir herausgebracht haben ohne die Reibung mit der Welt. Ich ärgere mich leicht, und das ist mir ein Treibmittel. Es ist schon richtig so!” 1. November 1913 Neulich einmal sagte Vater, daß er durch seine ganze Kindheit und noch einen großen Teil seiner Jünglingsjahre hindurch immer das Gefühl, aber ohne daß es ihn quälte, gehabt, als stünde er unter der ganzen übrigen Menschheit. Er bewunderte unterschiedslos alle und war von vornherein dankbar gerührt, wenn sich jemand mit ihm überhaupt nur befaßte. “Ich lebte in mir, in meinem eigenen Hause immer im Keller – bis ich ganz plötzlich umzog und da ohne Übergang sofort auf den Boden, so daß, wie ich mich in der ersten Hälfte meines Lebens unter den andern fühlte, ich mich in der zweiten über ihnen fühle, und wie das erste ohne Schmerz war, so ist das zweite ohne Hochmut.” Neulich wollte X Vater eine geliehene größere Summe zurückbezahlen, die Vater aber nicht annehmen wollte, weil die Verhältnisse des X schlecht sind. “X hat Schulden – ich habe zwar auch welche und sogar viel mehr; aber ich kann sie besser tragen als er.” Zu ihm sagte Vater, als X von der Sache anfing: “Ich weiß gar nicht wovon Sie reden. Ich versteh Sie gar nicht. Sie sprechen von etwas, das nicht ist. Ich bitte Sie, hören Sie bloß auf! Ich kann das

nicht. Sie sprechen von etwas, das nicht ist. Ich bitte Sie, hören Sie bloß auf! Ich kann das – 87 – nicht aushalten, wenn jemand von Unwirklichem spricht!” Die kleine sechsjährige Ellen, Tochter des Arno Nadel, hat auf einen melancholischen Dichter, der ihre Eltern mehrmals besuchte, dieses Gedicht gemacht, das ich seiner Merkwürdigkeit halber hier festhalten möchte: Ich weiß einen verträumten Eierkopf, Ein schiefes Gerippe. Er lacht nur einmal im Jahr. Er ist gefährlich und ruhig. Auf Jesus dichtete sie: Wenn Jesus spricht den Todesvers, Den er für sich behält – Er segnet nur, er flieget nur Über die ganze Welt. 9. November 1913 “Daß unsre Emma, die gefühlsmäßig das Allergrößte erfaßt, nie einen intellektiv konzentrierten Ausdruck, kein geistreiches Wort versteht, ist Schuld ihrer Aszendenz. Zu solcher Fähigkeit muß man durch Generationen erzogen sein. – Es beruht alles auf ganz mechanischen Zusammensetzungen, nur daß die Größen natürlich inkommensurabel sind.” Ich sagte, wie manchmal zum Staunen aus einem ganz dürftigen Geschlecht plötzlich einer wie ein König hervorginge. Vater: “Ja, das Wasser sickert im Gestein und setzt seinen Niederschlag ab. Darin ist wohl immer ein bißchen Gold, und an einer Stelle kommt es dann wohl mal zusammen, ganz viel Gold und andres Kostbares und ist plötzlich ein Edelstein da.” Vater erzählte, was ihm seine Mutter von ihrem Bruder Jakob, dem Jaköble, erzählt hat. Der war feiner als all seine Geschwister, hatte schmale schlanke Glieder, besonders die Hände so, und eine weiße Haut. Er war Lehrer, geriet aber wegen seiner freiheitlichen Ideen in Konflikte und wanderte deshalb nach Amerika aus, wo er es praktisch zu nichts gebracht hat – er war eine ganz idealistische Natur – und früh gestorben ist. “Ich habe in jungen Jahren so gerne Geige gespielt! Aber so gern, daß ich mich eines Tages entschloß, mein Instrument ganz und für immer beiseite zu legen; weil das Spielen mich verschlungen hätte! Genau so wie ich es mit dem Dichten gemacht habe. Denn im Grunde fühlte ich ja zu deutlich, daß ich weder ein Musiker noch ein Dichter bin.”105 Jetzt hat Vater sogar die Noten vollständig vergessen. Es gehört zur Ökonomie seines Gedächtnisses, auszustoßen, was nicht gebraucht wird. “Jemandem eine Krankheit nachsagen ist schlimmer als moralisch Böses auf ihn reden. Denn das hebt sich meist von selber allmählich wieder auf. Der Ruf des Kranken aber bleibt dem Menschen, und der Kranke ist der Schwache, der Verachtete. – Ich stehe mit dem allen auf ganz ordinärem Boden.” Mit der Magdalena hat Vater energisch gesprochen, bös, in Güte. Und nun scheint sie frei zu sein, glaubt es wenigstens und vergleicht sich mit der andern Magdalena, der auch der Teufel ausgetrieben worden. Sie sagt, nicht Liebe oder Liebessehnsucht sei ihr Leiden, sondern einzig und allein dies, daß sie Vater gegenüber keine Freiheit gewinnen könnte. Vater meint, das gelte nicht nur ihm und uns gegenüber, sie sei überhaupt für Geselligkeit von der Natur nicht gemeint; gut neben einem Einsiedler zu leben, dem auferlegt wäre, drei Jahre lang nicht zu sprechen. “Aber ein Mensch, der solche Schätze in sich hat, was braucht der auch weiter?” – Er hat ihr nun dies – vielleicht Schwerste – auch gesagt und dazu, was 104 17. Januar 1914 in »der Zukunft« erschienen. 105

Vgl. »Liliencron und alle seine unsterblichen Dichter«.

– 88 – sie zuerst erschreckte, nachher aber gerade beruhigte: “Von dem Augenblick an, wo du frei mit mir irgendeine Causerie halten könntest wie andre, hätte ich nicht das geringste Interesse mehr für dich – es gehört eben nicht zu deiner Natur.” – Aber mir hat er gestanden, welch eine Qual das Zusammensein für ihn ist. “Denn du weißt, daß ich eine Beschränkung meiner Freiheit eigentlich überhaupt nicht aushalte. Als wenn ich immer nur geduckt gehen dürfte, komme ich mir vor. Und wie ein Tierbändiger – während ich ganz ruhig und sogar liebevoll mit ihr spreche, habe ich immer die Bestie in mir niederzuzwingen, die manchmal rasend werden möchte, ja manchmal wäre sie der Magdalena fast schon an die Kehle gesprungen und hätte sie hinausgeworfen – nicht zur Tür, zum Fenster rausgeschmissen! Ein Mensch mit solchem Leben in sich, und dann nach außen alle Luken zu! Und könnte sie doch einmal aufmachen und sogar draus schießen!” – “Laß sie auf kürzere Zeit kommen”, sagte ich, “dann ist es für sie und für dich weniger Qual.” “Ja, das wäre natürlich das einzig Richtige. Aber ich darf um ihretwillen nicht, denn wie ich es ihr auch beibrächte, sie würde sich immer bestraft fühlen. Einer so herrlichen Natur gegenüber bin ich verpflichtet, einen Teil von dem, was ihr so schwer aufliegt, für sie mit zu tragen. Aber – weißt du, ich kann mir sehr gut vorstellen, wie so einer Spirale in der Welt zu Mute sein muß!” 15. November 1913 “Was für eine kindliche Natur unsre Emma ist! Kindlich – wirklich wie ein Kind. Und ohne daß sie sich selber so betrachtet, will sie doch durchaus so behandelt sein.” 16. November 1913 “Die interessantesten Menschen sind mir immer der Mann im Monde und des Teufels Großmutter gewesen.” 1. Dezember 1913 Da wir den Besuch des Jesuiten Dunin-Borkowsky erwarten, kam zwischen uns die Rede auf das Thema, wie gar nicht vorstellbar für unsereinen eine Seele sei, in der feinste, ausgebildete wissenschaftliche Kritik vereint lebt mit strengem Katholizismus. “Vollkommen kann ich mir das vorstellen”, sagte Vater, “kann es erleben! In Kürze zusammengefaßt ist dreierlei, was es völlig erklärt, nämlich Tradition, (die so tief erlebte Geschichte, daß diese Geschichte überhaupt die Persönlichkeit selber wird), Autorität und die wunderbare, wirklich wunderbare! Tatsache derHeiligen; nicht die kleinen Mirakelsächelchen, aber die Persönlichkeiten der Heiligen; ihr Glauben, ihr Martyrium, ihr Wirken – das hat eine ungeheure Macht! Ich könnte sehr gut, in meinem Gewissen so gut beruhigt wie jetzt, Geistlicher sein – ich kann es nur nicht sein, weil – ich es zu sehr bin.” Vater mag gar nicht die Zeiten, in denen er nicht mit ganz intensivem geistigen Arbeiten, sondern mehr äußerlich beschäftigt ist, zum Beispiel die Wochen der Drucklegung und Korrekturen; die Pausen zwischen Beendigung des alten und Beginn eines neuen Werkes. “Ich habe dann ein so schlechtes Vagabundengefühl.” Reisen liebt er freilich – “aber immer nur auf kurze Zeit”. 3. Dezember 1913 Da ich begonnen hatte, Paulsens Einleitung in die Philosophie zu lesen und empört über Standpunkt und Auffassung in Vaters Zimmer gelaufen kam –: “Ja, liebes Kind, daran muß man sich doch gewöhnen, daß diese Zeitberühmtheiten nichts sind. Wenn ich sie mir näher ansehe, kommt mir freilich immer wieder der Gedankde, der mir von Anfang natürlich war und der auch meine dauernde Grundstimmung geblieben ist: ob ich nicht lieber ganz in der Stille hätte schaffen und dann mein Werk irgendwo – in den Tempel der Diana von Ephesus! – hätte hinlegen sollen, bis jemand es aufhöbe, wohl lange nach meinem Tode. Das bißchen selbst, was sich zu mir gefunden hat infolge meines an die Öffentlichkeit-Tretens – es ist schon zu viel! Weil es ja doch zu wenig ist! Ich mußte aber dennoch tun, wie ich tat – hab ich mal Reue auf den gewählten Weg, so vertreib ich sie mir einfach damit, daß ich weiter darauf gehe, durch das Weg-Gehen selber –, ich mußte mich so einrichten aus ganz ordinären

darauf gehe, durch das Weg-Gehen selber –, ich mußte mich so einrichten aus ganz ordinären – 89 – praktischen Gründen; weil ich imstande sein mußte, die freundschaftliche Dummheit und Gemeinheit auf irgend etwas Sichtbares hinzuweisen! Aber du kannst mir glauben, daß ich auch ein Herz habe, das leiden kann. Daß der Gott Mensch wird, ist die Wahrheit. Immer sehen und fühlen sollen, daß der Starke sich vor dem Schwachen verkriechen muß, nur weil dieser das große Tier ist mit den vielen Stücken und Köpfen!! Doch trage ich’s auch wieder mit Fröhlichkeit und anders wie Schopenhauer, der über seinem Schimpfen auf die Volksgemeinheit selber in Volksgemeinheit herunterfällt. – Und solche Leute wie Paulsen, Eucken, Deußen und so viele andere, die in ihrem Kram ganz gut Bescheid wissen und leidliche historische Berichte zu geben wohl fähig sein mögen – wie kommt man dazu, von ihnen zu erwarten, daß sie etwas, daß sie gar Philosophen sind? – Wie heißt doch der Kaufmann, von dem wir die Heringe beziehen? Richtig, Siewert. Würde es uns wohl einfallen, nur weil seine Heringe gut sind, hinzugehen und nachzuschauen, was für eine Individualität dieser Kaufmann ist?!” “Wenn wir den künstlerischen Maßstab, den wir heute gewöhnt sind, an die Ethik des Spinoza legen, besonders an die Affektenlehre, so ist sie natürlich unvollkommen. Aber wer sagt uns, daß dieser Maßstab in der Anwendung auf ein philosophisches Werk berechtigt ist? Der größte Künstler unter den Philosophen, Platon, er hält ihn nicht aus. In seinen besten Gesprächen sind höchst unkünstlerische Stellen, Langweiligkeiten, langweilige Unrichtigkeiten; während bei Spinoza die Langweiligkeiten doch immer Richtigkeiten sind. Aber nie würde ich jemandem raten, die Ethik hintereinander vom ersten bis zum letzten Blatt durchzulesen. Die Affektenlehre gar ist nur ein Nachschlagebuch. Wie eine Botanik, worin Pflanze nach Pflanze beschrieben wird; in diesem Sinne kündigt Spinoza seine Auffassung ja auch selber in den einleitenden Worten an. Haben wir im Leben mit einem Affekt zu tun, so mögen wir bei Spinoza darüber nachlesen, um uns theoretisch abzukühlen. Notwendig sind all diese Beschreibungen um der Vollständigkeit willen. Das ist wie eine vollkommen geschlossene Peripherie. Und ja: Jeder Punkt führt zum Mittelpunkt! Kein Zweifel, daß Spinoza durch das Erleben seiner eigenen Affekte zu dieser Darstellung gekommen ist. Und indem er seine Persönlichkeit zur Menschheit erweiterte, gelangte er zu dieser Ausführlichkeit; die Betrachtung seiner wenigen persönlichen Affekte konnte philosophisch nicht genügen, sie mußte ausgedehnt werden auf alle wesentlichen Affekte überhaupt. Genau so hatte auch Christus getan: aus seinen eigenen wenigen Sünden, aus der Sehnsucht, sich von ihnen zu reinigen, entsprang dieser große – ich möchte sagen: dieser ‘dicke’ Trotz gegen all die vielen Sünden der ganzen Menschheit.” 4. Dezember 1913 “Als du noch ein kleines Kind warst, hab ich einmal, weiß ich, über dich geweint; nur aus Rührung über deine Existenz. Von immerher ging ein unendlicher Reiz von dir aus zu mir. ‘Reiz’ nicht im gewöhnlichen Sinne – du warst ja auch kein eigentlich schönes Kind, zu blaß –, unter ‘Reiz’ verstehe ich: Notwendigkeit.” 11. Dezember 1913 “Die Sache mit Lou habe ich nicht zu Ende gemacht, wie ich doch sonst immer tue. Weil sie kein koscherer Gegner ist und aus Mitleid mit ihrer Schwäche.” Wir haben uns das eben erschienene Buch von Elisabeth Förster-Nietzsche »Der einsame Nietzsche« ins Haus kommen lassen, um die Seiten über Lou nachzulesen. Vater stand davon auf, empört über Nietzsche – davor fiel ihm alles Übrige ganz weg. Das sei keine Kunst, in ein paar theoretischen Augenblicken sich groß und “drüber” zu fühlen – vor die Sache, vor das Leben gestellt, benähme er sich wie das ärgste Klatschweib, schwach und niederträchtig. Und seine “Philosophie” sei ein Spinoza weggerissener Fetzen. “Unlauterer Wettbewerb, der leider auf geistigem Gebiet nicht bestraft wird. Wenn einer statt 4711 auf seine Marke druckt 7411 und behauptet, das sei die wahre Eau de Cologne, das heißt unlauterer Wettbewerb und gilt als sträflich, und Nietzsche wird als Originalgenie verehrt! – Ich habe eine Menge über Nietzsche aufgeschrieben, aber ich glaube, alles verstreut. Es lohnt mir jetzt nicht, es zu sammeln. Mag der Unsinn nur immer weiter toben, bis er sich ausgetobt hat und ein

zu sammeln. Mag der Unsinn nur immer weiter toben, bis er sich ausgetobt hat und ein – 90 – neuer herankommt. Es eilt nicht!” 13. Dezember 1913 “Eine Einführung in die Philosophie – für Philosophen! (denn man kann natürlich keine Anweisung zum Fliegen für Fische und keine für Vögel zum Schwimmen für nützlich erklären) denke ich mir von Begriffen ausgehend und nach ihnen geordnet. Und zwar so: wenn ich sie schreiben sollte, würde ich natürlich Spinoza zum Führer wählen, weil er mir als der beste Philosoph erscheint. Wer es nun macht – am liebsten würde ich mir die Arbeit als ein Sammelwerk von verschiedenen Gelehrten denken –, müßte den, den er für den Hervorragendsten hält, an die Spitze stellen. Ich also würde etwa beginnen mit dem Begriff der Substanz, indem ich nämlich zuerst einfach die Definition des Spinoza abdruckte. Darunter würde das gesetzt, was andere bedeutende Philosophen über diesen Punkt beigebracht haben – Platon, Aristoteles, Kant usw. usw. Und so zu jedem Begriff würde ich im wesentlichen nur die Philosophen selber sprechen lassen. Verbindenden Text brauchte es nur in beschränktem Maße zu geben. Aber wie viele wesentliche und geistreiche Beziehungen und Vergleiche sprängen dem Leser dabei von selbst in die Augen! Welche Übungen ließen sich auf den Seminarien daran knüpfen! Und so wäre alles dem Belieben und den subjektiv beschränkten Anlagen der Philosophieprofessoren entzogen und eine wirklich objektive Darstellung gewonnen, wobei nur die reden, die etwas zu sagen haben und auf die es ankommt. Ich würde bei der Anordnung natürlich meine Fakultätenlehre maßgebend sein lassen. Wie erleuchtend müßte dann zum Beispiel wirken, wenn unter der Rubrik ‘Aberglauben’ bei Spinoza nur Striche zu sehn wären (er hat ja keine Unsterblichkeit, keine Seele, keine Moral, wirklich keinerlei Aberglauben!). – Das Richtigste wäre wohl, zuerst die Hauptbegriffe in einen Band (von mäßiger Dicke) zu bringen, dann die mehr nebensächlichen nach dem gleichen Prinzip in etwa drei bis fünf Bänden folgen zu lassen. Das wäre dann eine Geschichte der Philosophie, anders als die chronologischen nach dem Entwicklungsaberglauben! Durch die gewissermaßen lexikalische (wenn auch selbstverständlich nicht alphabetische) Einrichtung hätte man, von einem guten Index unterstützt, zugleich ein Nachschlagewerk ersten Ranges.”106 Über Politik und aktuelle öffentliche Angelegenheiten wird in unsrem Hause fast nie gesprochen, obwohl Vater seit längerer Zeit ziemlich eifrig die Zeitung liest, womit er früher auf lange ausgesetzt hatte. Den Ausgang des Russisch-japanischen Krieges hatte er übrigens lange vorher prophezeit, nie die Begeisterung der Allgemeinheit für Kuropatkin und Stössel mitgemacht, wie er auch vor Jahren die allgemeine Sentimentalität zugunsten der Buren verlachte.107 14. Dezember 1913 “Sich körperlich verbrauchen und zugleich geistig anstrengen, das ist, als wenn man ein Licht an beiden Enden anzündet; es verzehrt sich um so schneller. Das Körperliche und das Geistige, das sind ja unsre beiden Enden.” 19. Dezember 1913[Datum s.u.; HMs.:15. 12.] Aus einem Telephongespräch Vaters mit Magdalena, die manchmal, wenn sie überhaupt spricht, gute Dinge sagt: Vater: Wie alt ist eigentlich Berta? (Magdalenas “Herrin”) Magdalena: Ach, das ist verschieden. Mal siebzig, mal einundsiebzig, je nachdem. Vater: Wie alt bist du denn? Magdalena: Achtundzwanzig. Vater: Und wie alt bist du heute? 105 Magdalena: So alt wie du.seine – Vgl. »Liliencron und alle unsterblichen Dichter«. 106

Eine primitiv doxographische Methode war, wie es scheint, den Griechen nicht fremd; sie wurde, wie bezeugt, von Theophrast befolgt.

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Jetzt, im Kriege, zeigt sich recht, was sie wert war! – April 1916.

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“Dadurch, daß ich in meinen nächsten menschlichen Beziehungen, sowie sich eine Trübung zeigt, auf der Stelle das ganze Verhältnis von Grund auf reinwasche und blank putze, passiert mir und um mich herum nie das, was fast überall sonst das Selbstverständliche wird: daß Verstimmungen, weil sie nie zum Austrag gebracht werden, sich festsetzen und so auswachsen, daß schließlich jeder vom andern losgerisse, ganz isoliert dasteht.” 16. Dezember 1913 “X hat sich damals, als ich von den hundert Mark nichts wissen wollte, nicht sehr nett benommen; er ist mit ein paar schnöden Worten schnell über die Sache weggeglitten. Dann hat er nichts mehr von sich hören lassen. Offenbar nimmt er mir übel, daß ich ihm etwas Gutes tun wollte. Nun, das finde ich selbstverständlich. Ich werde in diesen Tagen selber zu ihm gehen und seinen Kindern ein kleines Weihnachtsgeschenk bringen. Das wird zwar an seiner Verstimmung gegen mich nichts ändern, aber es ist mir doch angenehm, so zu tun; ich habe dann ein besseres Gefühl.” Mit dem Titel “Freund” geht Vater darum so freigebig und ganz wahllos um, weil er nicht im geringsten auf eine wirklichen Freund rechnet. Darum ist ihm für das Wort eigentlich “jeder gut genug”, wie er sagt. Für seinen Hund108 ist Vater, genau als wäre der ein Kind, besorgt, paßt auf, daß er im Regen nicht ohne Schabracke ausgeht, kümmert sich darum, ob er auch regelmäßig frisches Wasser bekommt, spricht ihm zärtlich zu, wenn er nicht ganz wohl ist. Im Essen (“Fressen tun Menschen; Ponto ißt”) verwöhnt er ihn. Unbelegtes Brot weist Ponto entrüstet zurück. “Warum soll denn mein Hund trockenes Brot essen?! Wir tun es ja auch nicht!” “Warum sollte er nicht auf der Chaiselongue liegen dürfen?! Die Möbel sind zur Benutzung der Hausgenossen.” Wenn Ponto keine Eßlust hat, setzt Vater sich auf den Boden neben die Futterschüssel und versucht, ihm durch allerhand Späße Appetit zu machen. “Ponto, solch ein Essen! Sieh, die Fürsten kommen, dich zu beneiden!” Dies ist das gewöhnlichste Lockmittel. Oder “Nauke”, der Porzellanhund, wird neben die Schüssel gestellt und “frißt alles auf”. Wenn Ponto an sich selber herumknabbert, beruft Vater ihn: “Du wirst mir noch meinen ganzen Hund aufessen!” In Tempelhof hatten wir einen Jungen engagiert, der sich als “Pontagoge” (derTitel stammt von Bäumer) die Jahre seiner Tätigkeit hindurch vortrefflich bewährte. Zweimal täglich führte Johannes Hafer seinen “schwarzen Freund” spazieren, und seine Begeisterung für Ponto ging so weit, daß er ihn in unzähligen kleinen Bleistiftskizzen darstellte und diese alle über seinem Bett anbrachte. Unter jeder stand: Mein schwarzer Freund. Daß Johannes sein kleines Amt gewissenhaft besorgte, hat Vater ihm und seiner Familie sehr freundlich vergolten. Die Mutter schickte er auf seine Kosten zum Arzt, der Schwester verschaffte er eine gute Stellung.109 Den Jungen selbst beschenkte er mit Büchern und Geld und ging auch zuweilen mit ihm in den Zoologischen Garten oder ins Kino. Da Johannes sich ebenfalls treu zeigt, so hält sich die kleine Beziehung. Von Zeit zu Zeit besucht er uns, und zu Weihnachten wird er beschenkt. Es war Vater wie eine selbstverständliche Verpflichtung, für Johannes’ Ausbildung so viel zu tun wie möglich: Er hat ihn im Büro der elektrischen Straßenbahn untergebracht und läßt ihn noch jetzt an Fortbildungskursen teilnehmen. Vater hätte ihn am liebsten auf ein Lehrerseminar geschickt, der Junge wollte es aber nicht. Oder vielmehr, die Eltern hegten, da sie einer religiösen Sekte angehören, Bedenken. Auch im allergeringsten hält Vater Treue. Er kann sich nicht leicht entschließen, ein Geschäft, in dem er mehrere Mal gekauft hat, für ein anderes aufzugeben, selbst wenn sein Konservati107

Jetzt, im Kriege, zeigt sich recht, was sie wert war! – April 1916. Holländischer Königspudel, Ponto. 108 Holländischer Königspudel, Ponto. 109 Diese Schwester, verheiratete Elise Ziesmer, ist Anhängerin geworden, auch Johannes hat sich den Brunnerianern zugesellt. – August 1925. 108

– 92 – vismus ihm Schaden bringt.110 Gegen Arme ist er sehr freundlich. Für Portierleute und deren Kinder hat er immer ein teilnehmendes Wort oder einen kleinen Scherz, wo er ihnen nur begegnet, den Kindern gibt er gern einen Groschen für Bonbons. Auch das kleidet er gern in eine neckische und zarte Form. Zum Beispiel “Minna, magst du mir vielleicht einen Gefallen tun? Möchtest du mir wohl für einen Groschen Bonbons holen, recht schöne? Aber bitte, iß sie doch selber auf, ja? Nimm mir das auch ab, bitte!” Und dann streichelt er Wange und Haar. 17. Dezember 1913 “Von einem Handeln nach Zwecken kann nur im Tierreich die Rede sein, in der Pflanzenwelt gibt es nur Mechanismus. Die Blume wendet sich nach dem Licht nicht anders wie das Stück Holz, das in der Sonne liegt, sich krumm zieht. Es ist eine lediglich mechanische Reaktion. Freilich, mechanisch ist unsre Absichtlichkeit ebenfalls; aber das unsrer (der Tier-) Gattung Charakteristische besteht eben darin, daß der Mechanismus unsres zweckmäßigen Tuns uns im Wissen bewußt wird, denn Tiere sind fühlende, wollende, wissende Wesen.” Um die Zeit als Mutter Vater kennenlernte, also in seinen Jünglingsjahren, hat er, wie sie sagt, einen fanatisch-theologischen Gesichtsausdruck gehabt, einen fast ekstatischen Blick. Überaus mager sei er gewesen, die Hautfarbe grünlich blaß, die Nase fast immer etwas gerötet (das Hamburger feuchte Klima hielt ihn bei beständigem Schnupfen), überhaupt so elend im Aussehn, daß ein Onkel von Mutter, ein Arzt, ihn nach seinem Äußern für schwindsüchtig hielt. “Mit Schelling ist doch nichts Rechtes los, so ein herrlicher, so ein schöner Geist er war. Wo er mal wirklich philosophisch spricht, ist er völlig unklar. Sein ganzes langes Leben hindurch hat er immer auf die ‘Identifizierung’ gewartet – auf die mit sich selbst! Im lebendigen Gespräch mag er Prachtvolles gegeben haben, wo es um einen kurzen Aufschwung von Kurzem her zu tun war; aber zu dem rechten festen Zusammenhang im Großen hat er es nie, in keinem seiner Werke gebracht. – Fichte ist aus ganz andrem Holze! Er stellt sich zwar ebenfalls alle Augenblick als ein andrer dar, doch jedesmal ganz mit sich selber eins.” 18. Dezember 1913 “Überall in der Welt gilt nicht ‘richtig oder verkehrt’, sondern immer handelt es sich nur um eine Machtfrage. Daß es aber in der Philosophie ebenso geht, das ist das Allerschlimmste in der ganzen Welt.” 24. Dezember 1913 “Das gibt doch wohl sehr zu denken, daß Spinoza das Wort ‘Gott’ nur im Anfang seiner Ethik definiert, dann es ganz fallen läßt und es höchstens in einigen populären, ganz nach außen gekehrten Zusätzen und Anhängen noch gebraucht. Das ist schriftstellerische Kunst im tiefsten Sinne. Er wollte gleichsam unmerklich an etwas Bekanntes anknüpfen, um dann allmählich davon weg- und zu dem Seinigen hinzuleiten.” 25. Dezember 1913 Ein junger Ungar ist das Fest über bei uns. Sehr andächtiger, sehr schwärmerischer Brunnerianer. Paul Neubauer. Er frißt jedes Wort, das Vater spricht, mit Augen und Ohren. Als Vater gestern die Weihnachtsvorlesung aus der Bibel hielt, strömten dem kleinen Neubauer die Tränen über die Wangen, und leidenschaftlich küßte er danach Vaters Hand. Er war vor vier Jahren einmal ein paar Stunden bei uns gewesen, und seitdem hat er sich, wie er selber sagt, die ganze Zeit hindurch “vorbereitet” auf den Moment, wo er Vater wieder gegenübertreten würde. “Er hat sich sehr konsolidiert”, meint Vater, hat tüchtige Kenntnisse erworben, wobei ihn sein vorzügliches Gedächtnis unterstützt. Ganz und in jedem Augenblick erfüllt hat sich den Brunnerianern zugesellt. – August 1925. 110

Obwohl wir in Potsdam wohnen, fährt er, um sich die Haare schneiden zu lassen, eigens nach Tempelhof zu seinem alten Barbier! – Oktober 1920.

– 93 – von der “Lehre”, tut er mit seinem regen Temperament das Möglichste, für ihre Ausbreitung zu wirken. Vorläufig fast nur erst mit dem gesprochenen Wort; er fühlt selbst, daß Vaters Rat, mit dem Schriftstellern auf größere Reife zu warten, berechtigt ist. Er ist ein prachtvoller Musikant auf der Geige, ein lebhafter, liebenswürdiger, schelmischer Gesellschafter. 28. Dezember 1913 “Die Inder haben keine Philosophie, sowenig wie die Juden. Seit Schopenhauer, der sie nicht gekannt hat, bemüht man sich vergebens, aus den Veden etwas herauszupressen, immer mit dem verdeckten Bestreben, dies dann dem Judentum, dem Christentum entgegenzuhalten. Für uns genügt die Kenntnis von ein paar Gedanken oder eigentlich des einen Hauptgedankens der Inder: so wie man nicht alle Lokalgötter kennen will, nicht all die vielen Zeus, sondern den einen. In eine Geschichte der Philosophie gehört das indische Denken nicht hinein; sie hat sich nur auf wissenschaftlich systematisches Denken zu erstrecken.” Auf meine Frage, ob er unsre Mystiker zurechne: “Ja, sie haben zwar nur wenige Sätze, aber diese gehören für uns unbedingt dazu.” 30. Dezember 1913 “Alle echt tragische Hamartia beruht darauf, daß der geistige Mensch seine Idee bis in die äußersten Konsequenzen durchdenkt und dementsprechend seine praktische Forderung stellt. Christus, Antigone, Ibsens Gestalten, was du willst – es ist immer dies. Ein Gleichnis: eine schwere Eisenstange; du kannst sie dir lang, immer länger, immer noch länger vorstellen – aber schließlich an ihrer eignen Schwere zerbricht sie und zerbricht anderes mit. Mein »Du und die Andern« will eigentlich gar nichts weiter aussprechen als dies.” Im Gespräch, noch mehr im Handeln, stellt Vater die Unterscheidung von Geistigen und Volk, die er doch in seinem Werk gar nicht stark genug betonen kann, vollständig zurück. Spricht er davon – kaum je und wenn, so fast gezwungen – doch stets nur in diesem Sinne: Der Geistige ist nichts absolut Existierendes, sondern ein Ideal (etwa wie das des stoischen Weisen). Oder besser so: Der Geistige existiert nirgendwo rein, der Volksmensch ebensowenig; gerade wie es keinen “Menschen” gibt, überhaupt nichts, was dem Gattungsbegriff ganz entspräche. Der Gattungsbegriff ist insofern ein rein negativer, als er nur zur Unterscheidung dient. “Neubauer ist ein guter Leser. Einer, der auch so sehr versteht, den Einzelheiten bis ins letzte nachzugehen. Er liest mich, wie er Musik hört, Note für Note, und bemerkt auch bei mir den feinsten Harmoniewechsel.” 1. Januar 1914 Neubauer fragte: “Warum ist das Relative?” Antwort: “Ja, wenn Sie mit solcher Frage ausfahren, können Sie nicht anders, als mit zerstückeltem Wagen heimkehren.” Als Neubauer sich ziemlich anarchistisch über den Staat ausließ, sagte Vater, daß er sich dem ungerechtesten Staatsurteil in jedem Falle freudig unterwerfen würde, wie Sokrates getan. Nie dem Urteil des einzelnen, aber immer dem des Staates, denn der Staat sei das Recht. Silvester fein gefeiert mit Magnussens, die so gute Musik-Zuhörer sind, dem kleinen Neubauer und dessen Freund, dem Komponisten Aladar Radó. Die beiden haben gespielt: Neubauer zuerst die Chaconne von Bach, dann zusammen ungarische Tänze von Brahms, slavische von Dvòrak (wobei es dem unglaublich temperamentvollen Radó nie schnell genug gehen konnte), und dann führte Radó auf dem Klavier seine neue Oper auf (man kann wirklich nicht anders sagen – so, wie eben nur Komponisten spielen, mit allen Mitteln, auch denen der Schauspielerei); sie heißt »Der schwarze Kavalier« und soll nächstens auf die Bühne des Königlichen Opernhauses kommen. Schlag zwölf Uhr sprang der kleine Neubauer auf die Truhe im Eßzimmer und verlas einige Verse zum Segen des neuen Jahres. “Lieber Meister, nehmen Sie mir meine schlechten Verse übel?” so fand ich ihn ein paar Minuten danach dunkelrot wie ein

meine schlechten Verse übel?” so fand ich ihn ein paar Minuten danach dunkelrot wie ein – 94 – Mädchen im Arbeitszimmer am Fenster vor Vater stehen. “Übelnehmen! Ach Gott! – Lotte streichle den guten Jungen mal!” gab Vater weich zur Antwort. – Zum Schluß las Vater »Der Hund beißt« vor und erzielte eine große Wirkung damit: von Anfang bis zu Ende einstimmiges Lachen. Frau Magnussen amüsierte sich besonders über den Schluß: “Was weiß ich vom trojanischen Pferd?”, und daraus machten wir noch allerlei Spaß. 2. Januar 1914 Neubauer raucht und trinkt zuviel. Dazu meinte Vater: “Ich könnte mir ja ohne weiteres ein Versprechen von ihm fordern, das Trinken und Rauchen zu lassen, aber ich will nicht; es wäre pädagogisch verkehrt. Was seine Natur und Jugendlichkeit verlangen, kann man ihm ohne Schaden nicht rauben. Ich habe ihm nur gesagt: Trinken Sie immer etwas weniger, als Sie möchten, dann wird’s schon gehn! Und das hat er versprochen.” 4. Januar 1914 “Eigentlich müßte mir doch ein solcher Mann wie Rousseau der allerliebste sein, aber ich kann ihn gar nicht vertragen: Sein ganzes Pathos ist nicht echt. Nur als sehr junger Mensch war ich entzückt von der »Nouvelle Héloise« [Héloïse]; später blickte ich mal wieder hinein, da erschien mir alles gestelzt und affektiert. Den »Emile« gar möchte ich um Gottes willen nicht wieder lesen; ich glaube, er müßte mir fast so langweilig sein wie ein Buch von Nietzsche.” 16. Januar 1914 Ich habe gestern Vater in ein Brahms-Konzert gelockt, es aber nachher fast bereut. Er kann sich zu Brahms nicht finden, bezeichnet, was er von ihm gehört, fast unterschiedslos als öde, tot, leer, erfindungs- und phantasielos, kalt, langweilig, ohne Herz und als “ein ganz unorganisches Sammelsurium”; Brahms habe “nur die Fähigkeit, äußerlich aufeinanderzuhäufen”. Gleich nach dem ersten Stück (Doppelkonzert für Violine und Cello) sprang er heftig auf und floh davon, nachdem er zu Georg Stern, einem Brahms-Enthusiasten, der zufällig mein Nachbar war, noch schnell gesagt hatte: “Für einen Hamburger zu geräuschvoll!” Damit war er schon aus dem Saal. “Möglich, ja wahrscheinlich, daß nachher zwischendurch noch einmal etwas Schönes kam”, sagte er heute morgen in heiterster Stimmung zu mir, “aber wenn mir gleich zu Anfang die Augen ausgestochen werden, kann ich nachher nichts mehr sehen.” “Wenn du nach meinem Tode meine gesammelten Aufsätze herausgeben solltest, versäume nicht, bei den in der »Zukunft« erschienenen nur das Original (im Manuskript) maßgebend sein zu lassen. Denn Hardens kleine Änderungen sind mir gar nicht recht; er ist in seiner Art ein guter Stilist, aber an der letzten Feinheit im logischen Unterscheiden fehlt es ihm sehr.” – Wie heute im Aufsatz über den Ruhm, wo Harden aus “erfahrungsmäßiger Verifikation” (das heißt in der Erfahrung) “erfahrungsgemäße” gemacht hat (das hieße: der Erfahrung entsprechend). 17. Januar 1914 “Darin besteht die ganze Kunst des Schriftstellerns: die Seele des Lesers, ja jedes Lesers, und in all ihren Gedankengängen und -verbindungen zu berechnen. Wenn ich schreibe, habe ich immer die ganze Seele der Menschheit vor mir und weiß, was sie bei jedem Wort denkt. Nicht daß ich dem Widerspruch aus dem Wege zu gehn trachte, im Gegenteil will ich ihn oft aufstacheln, aber jedes Wort ist mit Raffinement in diesem Sinne gewählt, ohne daß ich natürlich im einzelnen Fall darum weiß, ich bin ganz naiv dabei; sonst könnte ich überhaupt keine Zeile schreiben.” 21. Januar 1914 Der junge Suhl war durch seinen Freund Deitelbaum (Tamari) angeregt worden, sich mit nach Tempelhof zu seinem alten Barbier! – Oktober 1920. 111

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Vgl. Seite 142.

– 95 – seinem Aufsatz an Vater zu wenden. “Schreib an Constantin Brunner, der fragt nach keinem Teufel was!” Nun ist Deitelbaum, der sich plötzlich entschlossen hat, da er hier in pekuniärer Hinsicht und mit seiner Ehe Schiffbruch erlitten hat, nach Palästina zu gehn (mit seinem kleinen, noch nicht anderthalbjährigen Jungen), Deitelbaum ist nach Berlin und bei der Gelegenheit zu uns gekommen. “Ich kann Ihr Werk nicht lesen”, hat er zu Vater gesagt. “Ich habe es doch gelesen, aber ich kann nicht. Vor Aufregung nicht. Mir strömen die Gedanken in solcher Fülle zu und mit solcher Macht, daß ich nach einer Seite schon auf muß und hinaus in den Wald; da lauf ich dann drei Stunden herum, und dann geht’s wieder.” Er ist Mitte der Dreißig, ein kleiner Jude aus Russisch-Polen, schwächlich; aber tiefe Klarheit in Ausdruck und Wesen! Aufgewachsen wie im Ghetto. Als er von seiner Jugend erzählte, glaubte ich Salomon Maimon zu hören. Er erzählte sehr schön und schlicht: vom Cheder, der Schule, in die das dreijährige Kind mußte, um hebräisch lesen, aber nichts als das zu lernen; das Cheder war die Schule, das heißt die Eß-, Wohn-, Schlafstube und Küche des Lehrers, zugleich Aufenthalt seiner Hühner und, wenn er so reich war, auch seiner Ziege. Die Kinder saßen und krochen auf dem Boden umher. Er erzählte auch, wie sich die ersten Fragen und Zweifel schon früh in ihm geregt, und wie er von klein auf die Lehrer für zu “ungescheit” gehalten, um ihnen damit zu kommen. “Ich dachte immer: sie sind gelehrt, aber ungescheit.” Wie er dann aber Bücher kennenlernte und damit lauter neue Welten und vor allem die große, geistige, europäische Welt. Der Vater eines Mitschülers besaß eine reiche Bibliothek; “nicht einen Schrank voll, nein, die ganze Wohnung voll Bücher, auf allen Tischen, Stühlen, auf dem Fußboden, überall lagen Bücher”. Da der Besitzer dieser – natürlich hebräischen – Bibliothek dem Knaben die Erlaubnis zur Benutzung gegeben hatte, so brachte er täglich die freien Stunden, die die Jeschuwah ihm ließ, von zwölf bis vier Uhr, dort lesend zu. Der ihn so freundlich förderte aber galt als Freigeist, als “Epikuräer”, und das Ende war, daß Deitelbaum nun aus der Jeschuwah ausgewiesen wurde. Amüsant ist die bei jeder Gelegenheit rege jüdische Skepsis: da alle die Bücher, die er las, hebräische Übersetzungen aus den europäischen Kultursprachen waren, geriet er auf den Verdacht, die Übersetzer könnten das Beste weggelassen haben. Aus dieser Erwägung begann er zuerst Russisch, dann Deutsch zu lernen und hatte damit den ersten Schritt aus dem Ghetto getan. Unter den Büchern war auch Spinozas Ethik von Rubin. In dieser hebräischen Ausgabe trug sie den Titel »Die Erforschung Gottes«, und das lockte ihn. Ohne sie zu verstehen, fühlte er etwas Starkes heraus. Viel später ist sie ihm dann wieder begegnet: als er Chemie studierte, “störte” ihn die Auffassung, als seien Materie und Kraft verschiedene Faktoren. Hinter dem Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und dem (scheinbar) anderen von der Erhaltung der Energie suchte er die Einheit. Da sah er bei einem Bekannten die Ethik in Reclam auf dem Tische liegen und blätterte flüchtig darin. Darauf, in einer schlaflosen Nacht die Einheit hinter und in dem Verschiedenen suchend, erinnerte er sich, in der Ethik gelesen zu haben, daß die Kraft der Materie immanent sei. Am nächsten Tage griff er zu dem Buche, verstand es wieder nicht, gewann aber eine Ahnung daraus – “und mit dieser dunklen Ahnung tappte ich mich vorwärts”. Da er nun begann, Vorbereitungen für seine Auswanderung nach Palästina zu treffen, war ihm heimlich sein wichtigstes Anliegen, den jungen Suhl Vater zu “vermachen”. Das hat ihn zu dem Rat bewogen: “Schick deinen Aufsatz an Constantin Brunner.” Deitelbaum ist ganz voll von Vaters Gedanken; sie fließen wohl in all sein ernstes Gespräch ein, und so ist sicherlich auch der junge Suhl, der die »Lehre« noch nicht kennt (weil er überhaupt noch nichts Philosophisches lesen will), stark beeinflußt, wie man übrigens auch dem eingesandten Aufsatz anmerken konnte. “Aus Neubauer, denke ich mir, wird ein Journalist werden mit etwas ernsthafterem Unterfutter.” “An Swifts großem Werke schätze ich die Genialität der Konzeption so ganz ungeheuer und sehe über Trockenheiten und Dummheiten in der Ausführung völlig hinweg. Überhaupt urteile ich nach dem Wert der Konzeption und danach, ob einer seine eigne Idee, die Idee seiner Persönlichkeit, erfaßt hat. Zur Ausführung gehört schriftstellerisches Talent, das mir mehr als etwas Zufälliges erscheint.” –

als etwas Zufälliges erscheint.” – – 96 –

24. Januar 1914 Bäumer, der sich aus persönlichen Gründen (er glaubte sich durch Mutter gekränkt) – schweren Herzens – vom Verkehr mit Vater ganz zurückgezogen hat, bezeugt hin und wieder durch Briefe, unterzeichnete und anonyme, seine Anhänglichkeit an die Sache und sucht dann vor allem so eindringlich wie möglich, Vater zur Fortsetzung des großen Werkes zu bewegen, indem er ihn besonders, sehr berechtigterweise, an die Unsicherheit des menschlichen Lebens erinnert. Auf Vater macht das nicht den geringsten Eindruck – außer daß er Bäumers Treue und Ernst herzlich anerkennt. Er bleibt mit der ganzen Stärke und Sicherheit seines Fatalismus überzeugt davon, daß alles, wie es ist und wird, richtig ist und wird. So auch im kleineren überall da, wo es sich um sein Schaffen handelt. Bin ich unruhig um das »Judenbuch« und mahne ihn, sich um Verlag usw. zu kümmern: “Sei ganz sicher”, sagt er, “mein Buch erscheint keinen Tag später als es muß!” 25. Januar 1914 Die ganze Schwierigkeit, sich in den Beziehungen zu Menschen richtig zu halten, findet Vater in den beiden einander widersprechenden Sprüchen Salomonis zum Ausdruck gebracht, die er deshalb oft zitiert: “Antworte dem Narren nicht nach seiner Torheit; sonst gleichst du ihm.” Und dagegen: “Antworte dem Narren nach seiner Torheit; sonst dünkt er sich weise in seinen Augen.” Vater hat die Sprüche hebräisch im Kopf und mußte sie mir erst übersetzen.112 27. Januar 1914 In seiner Studentenzeit betrat Vater einmal mit einem prononciert jüdisch aussehenden Bekannten ein Restaurant. Nachdem sie Platz genommen hatten, erhoben sich zwei in ihrer Nähe sitzende große, blonde “Rassegermanen”, schritten auf die beiden zu, machten eine tiefe Verbeugung und stellten sich vor, indem sie laut und im ironischen Mauschelton sagten: Silberstein und (den zweiten Namen weiß Vater nicht mehr; es waren die Namen zweier damals in der Öffentlichkeit viel genannter Juden; “nehmen wir an”, sagte Vater beim Erzählen : “Goldberg!”). Worauf Vater sofort sehr gelassen erwiderte: “Freut mich”, und sich und seinen Freund vorstellend: “Stöcker und Wagner!” (Damals die populärsten Antisemitenführer) 28. Januar 1914 Wir hoben Radós Spiel hervor (vgl. Seite 157f.) im Vergleich zu dem anderer, selbst sehr feiner, aber bloß reproduktiver Klavierspieler. “Ja, wer etwas Schöpferisches hat, da ist alles gleich ganz anders. Es braucht sogar nur ganz wenig Produktionskraft zu sein, es zeigt sich doch sofort: diese Herrschaft über die Dinge! Schlechtes Klavier?!! Überhaupt kein Klavier! Musik!” Eines hat Vater doch mit Kant gemeinsam, stellten wir heute fest. Auch Kant hatte die rechte Hüfte höher als die linke; wohl ebenso wie Vater vom allzuvielen Schreiben. 29. Januar 1914 Dem Nervenarzt Dr. S. erzählte Vater gestern beim Abendessen eine Geschichte aus seinem Leben, die S. aufs höchste interessierte. – Als Vater junger Student in Freiburg war, befand sich in der Mittagsgesellschaft, wo er zu essen pflegte, ein gewisser Wolf. Er studierte Psychiatrie, und so jung Vater war, so kam ihm dieses Studium in diesem besonderen Falle doch damals schon bedenklich vor: Wolfs Vater war im Irrsinn gestorben, vor allem aber schien in den Augen des jungen Mannes etwas nicht recht geheuer. Wolf schloß sich mit besonderem Vertrauen an Vater an; wenn ihn etwas drückte, besprach er es gern mit ihm und fühlte sich danach beruhigt und getröstet. Einmal, als Vater von einem mehrtägigen Ausflug in den Schwarzwald zurückkehrte, machten ihn die Kameraden auf Wolf aufmerksam; er habe sich verändert und sei so seltsam in sich gekehrt. Vater fand aber nichts Auffälliges 111 Vgl. Seite 142. 112

Vgl. »Spinoza gegen Kant«, Seite 51.

– 97 – in seinem Benehmen. Nach dem Essen trat Wolf auf ihn zu: “Möchten Sie heute nachmittag zu mir kommen? Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen.” “Ja, gewiß.” Und sie verabredeten die Stunde. Um die bestimmte Zeit stieg Vater zu Wolf hinauf. Der trat ihm entgegen, kreideweiß; seine Augen flackerten so, daß kein Zweifel übrigblieb: Der Wahnsinn mußte ausgebrochen sein. Er schloß die Tür ab, steckte den Schlüssel in die Tasche – einen Augenblick wich Vater alles Blut vom Herzen. Der andre war ein Hüne an Gestalt und Kraft! Er ging an den Tisch, zog die Schublade auf, nahm eine Pistole heraus, legte sie auf den Tisch: “Ich werde Sie jetzt auf der Stelle erschießen.” Nach dem ersten furchtbaren Erschrecken war Vater absolut ruhig und kühl, ja die Situation machte ihm, wie er sagt, ästhetisches Vergnügen – “es war wie ein Spielen am Abgrund”. Er faßte Wolf ganz fest und ruhig ins Auge, ließ keinen Blick von ihm und sprach zunächst kein Wort. Der andere redete. Er holte ein Buch aus der Tischschublade und legte es neben die Pistole – es war ein gerade erschienener Roman von Paul Lindau. “Ich werde Sie jetzt auf der Stelle erschießen. Denn ich weiß natürlich – ich kenne Ihre Feder ganz genau –, daß kein andrer als Sie dieses Buch geschrieben hat.113 Sie haben es getan, um mich wahnsinnig zu machen. Denn das ist ja selbstverständlich, daß ich nach der Lektüre dieser Schrift wahnsinnig werden mußte, wo die ganze Geschichte meines Vaters drinsteht, und was ich Ihnen sonst noch anvertraut habe. Das haben Sie alles so schmählich mißbraucht, und darum erschieße ich Sie nun.” – “Er war fertig mit Reden, und nun fing ich an. Wie ein Kind in ein Tuch so wickelte ich ihn ganz in meine Worte ein. Ich sprach sehr lange; meinen Blick beständig auf ihn gerichtet, schlug ich ihn völlig in meinen Bann (wobei ich dadurch unterstützt wurde, daß er eigentlich immer schon in meinem Bann gewesen war). Ich zog ihn hinter mir her, wie die Kinder ihre Pferdchen ziehen. Und ich heuchelte, indem ich meine Liebe zu ihm übertrieb. In Kürze sagte ich ungefähr dies: ‘Aber mein lieber Wolf, natürlich habe ich das Buch geschrieben. Du weißt doch (ich duzte ihn in dieser Stunde), wie viel mir an dir liegt! Hast du es denn nicht bemerkt, daß ich es aus Liebe zu dir getan habe? Dieses Buch wird deine Heilung sein! Der einzige Weg, der mir blieb, dich vor dem Wahnsinn zu retten. Du hast ja noch nicht alles gelesen. Die Fortsetzung enthält den Schlüssel! Das Manuskript dieser Fortsetzung ist bei mir zu Hause. So, und jetzt, mein lieber Wolf, komm mit mir in meine Wohnung, damit ich es dir zeigen kann!’ Wolf, der ganz hypnotisiert war, schloß die Tür auf, wir traten hinaus; ich atmete wieder frei, winkte eine vorbeifahrende Droschke heran und fuhr mit Wolf hinaus bis zu einer Klinik, wo ich ihn ablieferte. Von dort kam er dann bald ins Irrenhaus, wurde später als geheilt entlassen, war es aber in der Tat nicht und starb zum Glück sehr früh.” 30. Januar 1914 Heute früh erzählte mir Vater in so sehr schönen Bildern von einem Konzert (Kammermusik), das er gestern gehört hat. Das Streichquartett in F-Moll von Beethoven wäre so wunderbar gewesen! “Als läge man in einem niedrigen kleinen Bache ganz ausgestreckt, und die Wellchen gingen einem lauwarm bis an den Hals und manchmal auch übers Gesicht.” – “Zajic – was waren das für himmlische Schleifen, die er mit seiner Geige machte! Schleifen aus Seidenband, nein aus Wasser, so weich gebunden.“ – “Das Violoncello ist mir der Grund. Aber der alles hält. Wie ein lieber Gott, der nur zuweilen gutherzig mitbrummt. Zwei Engel hält er mütterlich fest im Arm: die Geige im einen, Viola im andern.” 4. Februar 1914 Von Offenbach, der bei uns schwärmerisch geliebt und verehrt und von Mutter viel gespielt wird, sagte Vater gestern, er habe die schönste Melodik und auch Tiefe darin, aber gar keine Kontrapunktik. Während seines Arbeitens Musik zu hören, stört Vater nicht nur nicht, sondern ist ihm sogar lieb und anregend. Ganz aus der Nähe dürfte der Klang wohl allerdings nicht kommen. In all unsren Wohnungen, soweit ich mich besinnen kann, stand immer das Klavier im 112 Vgl. »Spinoza gegen Kant«, Seite 51. 113

Weder kannte Vater den Roman, noch auch hatte er damals irgend etwas je veröffentlicht.

– 98 – Eßzimmer, das durch das Wohnzimmer von Vaters Arbeitszimmer getrennt war. Wenn Mutter Klavier spielt – fast nur Beethoven, gelegentlich Wagner und in der letzten Zeit, wie gesagt, vielfach Offenbach (Hoffmanns Erzählungen, Orpheus, Schöne Helena) –, so bleibt die Tür vom Eßzimmer zu dem Mittelraum offen und Vater hört während des Schreibens oder Umherwanderns die Töne heranklingen. – Ähnliches berichtet Karoline von Wolzogen über Schiller (Schillers Gespräche, hrsg. von Petersen, Insel-Verlag 1911, Seite 163): “Schiller liebte sehr die Musik und hatte sie gern in einem Nebenzimmer, wenn er in seiner Arbeitsstube auf und ab ging und sich einer dichterischen Stimmung überließ. Dies bewog meine Schwester, noch weiteren Unterricht im Klavierspielen zu nehmen. Das Lied von Gluck »Einen Bach, der fließt« brachte ihm immer die angenehmsten Phantasien zu.” Das Auf- und Abgehen gehört auch für Vater unbedingt zur schöpferischen Arbeit (vgl. Die Lehre, Seite 854). Unter seinen Büchern schätzt Vater sehr hoch die großen Enzyklopädien, besonders Ersch und Gruber, auch die Real-Enzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche von Herzog, besitzt deren verhältnismäßig viele, bewundert die Güte und Zuverlässigkeit der Artikel, benutzt sie viel (auch für das Judenbuch haben ihm Ersch und Gruber und Herzog vor allem, viele Dienste getan) und sagt, daß sie ihm manchen Weg in die Bibliothek ersparten. Unsere Emma hatte eine kleine Operation im Krankenhaus durchzumachen. Unterwegs, ich begleitete sie – machte ich sie darauf aufmerksam, daß im Krankenhaus gebetet werden würde, sie sollte sich darüber nicht wundern und erschrecken. “Aber das macht ja gar nichts”, gab sie zur Antwort; “ich kann ruhig beten: für Gott denke ich mir Herrn Doktor; Christus sind Sie, und gnädige Frau ist ein Engel. Ich kann fein beten; bestellen Sie das nur bitte zu Hause!” Diese fröhliche Gefaßtheit hinderte sie indessen nicht, nachher die Andachten, die die Schwester abhielt, “ganz empörend” zu finden, besonders wenn sie dadurch in der Lektüre von Bernsteins naturwissenschaftlichen Volksbüchern, die wir ihr mitgegeben hatten, unterbrochen wurde. Von Emma, ihrer Entschiedenheit, Kindlichkeit, seelischen Anmut ist Vater dauernd entzückt. Er bezeigt ihr ungemeine Herzlichkeit, väterliche Sorgfalt und Fürsorge, sucht ihr große und kleine Freuden soviel wie möglich zu bereiten. Zuweilen darf sie ihn abends ein halbes Stündchen in seinem Zimmer “besuchen”, und dann spricht er sie frei von allerlei Schatten und Nebeln, die sich manchmal auf ihre empfindliche Seele lagern. Ihr höchstes ist ein Spaziergang mit Vater; unterwegs erzählt er ihr wohl kleine Schnurren aus seinem Leben, besonders aus seiner Studentenzeit, und freut sich über ihr Lachen. “Emma kann so fabelhaft lachen!” – Seit einiger Zeit nimmt sie auch an den Mahlzeiten teil, unter Umständen selbst, wenn Besuch da ist, und immer wird ihre Anwesenheit von Vater freundlich berücksichtigt, sei es, daß er das Gespräch etwas nach ihren Interessen lenkt oder auch nur, daß er zwischendurch das Wort einmal an sie richtet oder acht gibt, ob sie genügend ißt. Beim Erzählen übertreibt Vater sehr stark, und dieses inhaltliche Übertreiben verstärkt er noch durch Mimik und Gesten. 5. Februar 1914 Über eine wirklich gelungene Arbeit kann Vater sich unglaublich freuen. Kaum etwas bereitet ihm mehr Genuß, als uneingeschränkt loben zu dürfen. Nachdem er das meiste von Otto Ernst schroff hatte ablehnen müssen, war er ganz beglückt, »Ortrun und Ilsebill« kennenzulernen, wovon ihm besonders der zweite Akt gefiel. Gestern bei Magnussens hatte er eine Riesenfreude an dem Bild, das Frau Magnussen von ihren beiden Kindern gemalt hat: der kleine blütenhafte Jenspieter und die noch kleinere, aber ganz derbe, sozusagen noch ganz animalische Fraukelotte. “Die vollkommene Unschuld so kleiner Kinder”, sagte Vater, “ist insofern ein besonders glücklicher Vorwurf, als darin von selbst etwas enthalten ist, was dem Werke Wert gibt: das gänzlich Beziehungslose, beziehungslos zur Wirklichkeit. – Wie eben aus dem Ei geschlüpft, unten hängt noch die Schale; Jens träumt schon dunkel vom Leben, Mimi weiß noch von gar

unten hängt noch die Schale; Jens träumt schon dunkel vom Leben, Mimi weiß noch von gar – 99 – nichts. Und was mich so freut: wie ich vom Drama Rohheit, ja das ganz Ordinäre verlange, befriedigt mich auch hier das Plausible, Populäre des Gegenstandes; wenn das Bild in einer Ausstellung hängt, wird jeder, wird noch unsre Portiersfrau begeistert davorstehen können und schreien: ‘Wie reizend, wie süß!’ Und das ist gut, weil es also einfach ist.” – Immer wieder beglückwünschte Vater Frau Magnussen, immer von neuem schüttelte er ihr die Hand. Er fühlt lebhaft ihre eigene Schaffensseligkeit mit. Alle Augenblicke sprang er von seinem Stuhl an dem kleinen Teetisch im Salon auf, sein Glas in der Hand, stellte sich vor das Bild, nach rechts, nach links, vor die Mitte, in größere, in geringere Entfernung. – “Nein, das ist gar zu prächtig! Wie mich das freut! Da haben sie wirklich etwas geschaffen. Das möcht ich mal gleich meiner Frau telephonieren! Ja, darf ich?” usw. in springender Lebhaftigkeit. Wir sprachen davon, ob wirklich, wie behauptet wird, Fruchtbarkeit ein wesentliches Merkmal des Genies sei. Vater lehnte dies entschieden ab, in der Meinung, daß die Anzahl der Werke des Genialen lediglich davon abhänge, wie dieser selbst “zu seiner Technik steht”. “Multum wird immer da sein, multa nicht in jedem Falle. Ich stelle mir vor, daß Spinoza sein Leben lang an der Ethik gebessert hat, um immer vollkommenere Präzision zu erreichen. Seine wenigen anderen Schriften sind leicht, sogar elegant geschrieben; für den Ausdruck der Ethik bedurfte es fortgesetzten Ringens. Goethe, der wie in allem, so auch in diesem Punkte gemischt erscheint, hat ein verschiedenes Verhältnis zu seiner Technik: An seinen großen Werken hat er viel überarbeitet und gefeilt; einem großen Teil seiner mehr nebensächlichen Schriften fehlt es dagegen ganz an dem, was ich das Enthymematische nenne (weil man das nur griechisch richtig ausdrücken kann); sie sind flau. Bei Malern, Bildhauern und besonders Musikern scheint fast immer, der Beweglichkeit ihrer Phantasie entsprechend, auch das Multa des Schaffens vorhanden. Doch als Kriterium des Genies möchte ich die Fruchtbarkeit schon deshalb nicht gelten lassen, weil sie so häufig mit der Mittelmäßigkeit und dem Dilettantismus verbunden auftritt.” Ins Theater geht Vater nicht so leicht; er findet da zu viel Anlaß zu Ärger. In die für fein und gut geltenden, zum Beispiel das Reinhardtsche, schon gar nicht. Eher läßt er sich von der Potsdamer Bühne mal ein Genrestück oder Lustspiel vorspielen (“das ist anspruchslos, da erwarte ich nichts”), und in Berlin macht ihm hin und wieder ein Varieté wie das Apollotheater, wenn es Gutes an derber Komik bringt, oder der Zirkus mit seinen Clowns Spaß. Konzerte besucht er ebenfalls selten, so sehr er die Berliner musikalischen Darbietungen schätzt; die Anstrengung ist ihm zu groß, und das Sitzen so eingekeilt ins große Publikum empfindet er als unangenehm, es macht ihn unruhig und nervös. Geht er ins Theater, so nimmt er womöglich einen Logenplatz, um, so weit es geht, isoliert und bequem zu sitzen. Mit Geld rechnet er bei allem Ausgehen gar nicht, ißt gern gut, läßt noch viel lieber seinem Begleiter – denn allein weggehn kommt bei ihm nur höchst selten vor, sozusagen nur im “Notfalle” – feine Sachen vorsetzen und sitzt während des Essens gern in einem gemütlichen Raum; in Berlin bevorzugt er die Schifferstube im Kaiserkeller, wo wir schon manche gute Stunde, ja manchen guten langen Abend, wir drei allein oder mit Freunden, zugebracht haben. 6. Februar 1914 Daß alles Feinste im Menschen doch auf dem Ordinären ruht, sagte Vater heute morgen, ja daß das Feine dasselbe sei wie das Ordinäre! “Dies ist der Parallelismus der Attribute.” Und: “Der Keller ist genauso eingerichtet wie die erste Etage.” 7. Februar 1914 Der alte Rabbi Akiba Wertheimer blieb den damals einsetzenden modernen Strömungen gegenüber, besonders im sogenannten Tempelstreit, auf dem alten Standpunkte, an dem er vielleicht mehr mit seinem Charakter als theoretisch festhielt; vor allem ließ er sich die Gerichtsbarkeit, die von dem Rabbinat loszureißen man in jenen Zeiten allerorts begann, nicht aus den Händen nehmen. Vater meint, daß er seiner tieferen Gesinnung nach gar nicht so unbedingt abergläubisch gewesen sei.

so unbedingt abergläubisch gewesen sei. – 100 – Auf seinen Sohn hatte er die großartigsten Hoffnungen gesetzt. Dieser war achtzehn Jahre alt, als er ihm einmal, in Gegenwart anderer, die Hand auf das Haupt legte mit den Worten: “Mein Mausche kann Raf werden in allen Grenzen Israels.” (Das letzte hebräisch) Aber die glänzende Entwicklung des Jünglings wurde jäh abgebrochen. Ganz plötzlich begann er zu kränkeln, ohne daß die Ursache gefunden werden konnte. Da, eines Nachts, als er wie gewöhnlich noch spät studierte, stürzte eine alte Magd ins Zimmer und ihm zu Füßen: nun wisse sie, was ihm fehle, sie habe gesehen, wie seine Schwester ein weißes Pulver in sein Essen geschüttet habe; danach sei sie gewiß, daß er seit längerer Zeit schon Gift bekäme. Er raffte sofort das Notwendigste zusammen, vor allem die Bücher, mit denen er gerade beschäftigt war (es sind die wenigen – auffallend schöne Ausgaben – aus der Bibliothek des alten Rabbi Akiba, die wir eben durch diesen Umstand unter unsren Büchern stehen haben), und er verließ noch in derselben Nacht das Haus seines Vaters. Dann brach er in einer schweren Krankheit zusammen, und während er so elend dalag, daß er von den Vorgängen ringsum nichts merken konnte, starb sein Vater. – So hat es Vater mir erzählt, so meinte er es von seinem Vater gehört zu haben. Es scheinen hier aber zwei Krankheiten des jungen Mannes durcheinandergebracht zu sein. Der Großvater starb erst 1835, als der Vater114 achtundzwanzig Jahre alt war. “Mein Vater sprach nur selten und ungern von diesen Dingen, aber er war nichts weniger als ein Phantast. Außerdem wird der Kern seiner Darstellung durch die Tatsache bestätigt, daß zur gleichen Zeit plötzlich seiner Schwester von meinem Großvater das Haus verboten wurde. Ja, mein Großvater traf die Bestimmung, diese Tochter dürfe nie sein Grab besuchen, und das ist für Juden das Allerfürchterlichste, und mein Großvater war ein außerordentlich milder Mann!” Das junge Mädchen zählte damals neunzehn Jahre, ein Jahr weniger als der Bruder, und wahrscheinlich war sie schon zu jener Zeit mit dem Holländer Bott verlobt, den sie vermutlich bald darauf heiratete. Beide standen mit einem Komitee in Verbindung, das in Amsterdam seinen Sitz hatte und mit allen Mitteln dem Bestreben diente, das streng orthodoxe Judentum zu erhalten. In dem Sinne, vielleicht auch im Auftrage dieses Komitees, handelten sie. Der junge Sohn und natürliche Nachfolger des berühmten Rabbiners sollte seiner freieren Geistesrichtung zum Opfer fallen. Er selber hat später dem Sohne gegenüber wiederholt den Verdacht ausgesprochen, daß auch der Tod des Alten kein natürlicher gewesen sei. Als der Jüngling etwa nach einem halben Jahr von seiner schweren Krankheit aufkam, war der schöne Haushalt des Verstorbenen aufgelöst, die bedeutende Handschriftenbibliothek (für zehntausend Mark, eine für damalige Verhältnisse beträchtliche Summe) an die Bodleriana in Oxford verkauft worden.115 Das Schlimmste aber: Der junge Mann war an Körper und Lebenswillen gebrochen. “Mein Vater sah auch aus wie einer, der, von Natur kräftig und stark, durch irgend etwas einen Knacks bekommen hat.” Nun war alles für ihn aus, nun warf er in Schwäche und Trotz alles von sich. Nun wollte er alles eher werden als Rabbiner, ingrimmig stieß er den Thron von sich, der seiner wartete (denn aller Juden Blicke waren in Hamburg und Altona auf ihn als den allein würdigen Nachfolger seines Vaters gerichtet). Er ließ sich sein Erbe auszahlen, um – Kaufmann zu werden, tat sich mit jemandem zusammen, eröffnete mit ihm ein Geschäft, das in kurzer Zeit kaputt war, nachdem es sein Geld aufgesogen hatte. Auf die jüdische Gemeinde hat er sein Leben lang eine stille Wut gehabt, von dem Nachfolger seines Vaters, Rabbiner Ettlinger, sprach er nicht anders als von dem “Räfchen”; eine Sekretärstelle bei der Gemeinde anzunehmen, die ihm geboten wurde, war er natürlich zu stolz. Halb Trotz, halb Naivetät brachten ihn dazu, sich wie von der Gemeinde, so auch von seiner Familie zu isolieren, indem er das schlichte Mädchen heiratete, das meines Vaters Mutter wurde, eine Heirat, welche die vornehmen Verwandten zeitlebens als Mesalliance betrachteten. Die Erinnerung an die schreckliche Begebenheit aus seiner Jugend hat in ihm 113 so Weder nachgewirkt, erden Vergiftung seinen ihn etwas deshalb nicht aus den kanntedaß Vater Roman,für noch auchSohn hatte fürchtete er damalsund irgend je veröffentlicht. 114

Moses starb Wertheimer starb 1887 im Alter achtzig Jahren.Jahren. Seine Frau Rachel, genannt Rieke, im Jahre 1900 im Alter vonvon siebenundsiebzig Rieke, starb im Jahre 1900 im Alter von siebenundsiebzig Jahren. 115 Dabei befindet sich wohl auch der Stammbaum der Familie.

– 101 – Augen lassen mochte. Dies war wohl die Hauptursache seiner Ängstlichkeit; er glaubte, sein Kind in jedem Augenblick behüten zu müssen, weil er damit rechnete, die Schwester würde ihn in diesem Kinde, seinem Liebling, treffen wollen. “Madame Bott” oder auch “die Bottsche” stand wie eine Hexe im Hintergrunde. “Sie sah sehr fein aus, aber eine große Warze auf der Backe bestätigte meinem Kindersinn ihre Hexenhaftigkeit.” Wenn die Kinder ihrer auf der Straße ansichtig wurden, und sie wohnte eine Zeitlang in der Nähe, in der Grünen Straße, rissen sie aus.116 Von Herrn Bott wird berichtet, daß er bei all seinem Fanatismus einen wüsten Lebenswandel geführt habe. Vaters Vater hat beobachtet, wie er am Versöhnungstage aus einer Dose schnupfte, deren Deckel innen eine obszöne Darstellung zeigte. 9. Februar 1914 Nach dem Tode des Großvaters Rabbi Akiba wurden die Gemeinden von Altona und Hamburg getrennt. In Hamburg stand Bernays der Gemeinde vor, in Altona Ettlinger, auf den Rabbiner Loeb folgte. Zu diesem hatte Vaters Vater ein recht freundliches Verhältnis und ließ auch seinen Jungen Unterricht bei ihm nehmen. Das war für das Kind wunderschön, in dem geräumigen Hause, dem Hause seines Großvaters, in dessen mächtigem Bibliothekssaal mit dem lieben herzlichen Mann über den hebräischen Büchern zu sitzen. Der Rabbiner hielt sehr viel von dem Knaben, beschäftigte sich und spielte viel mit ihm, erzählte Geschichten und Anekdoten und wünschte sich ihn zum Nachfolger. Im Sommer erteilte er den Unterricht in der Laube seines Gärtchens, von dem ein kleiner Eingang direkt in die Synagoge führte, und Vater erzählt, wie herrlich es gewesen sei, mit dem Rabbi zusammen durch diese besondere kleine Tür die Synagoge zu betreten. Alles war von Erinnerung belebt und geweiht. Man durfte stolz sein auf die Mauern der Synagoge, die zwei Dänenkugeln nicht hatten durchdringen können: sie steckten noch, und die Knaben betrachteten sie interessiert. Aber auch das Komische guckt aus den Winkeln von Vaters Gedächtnis heraus: er erzählte lachend, wie einmal der Synagogendiener Plättner vom Boden der Synagoge in eins der großen, hohlen Säulenkapitäle gefallen war und dort lange warten mußte, bis er herausgeschafft werden konnte. Die warme Luft der jüdischen Tradition, die Vaters Kindheit umwehte und durchdrang, ist ihm wohl die allerliebste Erinnerung. Doch, sagt er, es sei schwer, solchen davon [zu] erzählen, die selber nichts davon durchlebt haben und es vielleicht nur ästhetisch zu würdigen vermögen; eine Auffassung, die ihm geradezu widerwärtig ist. Der milde Glanz des FreitagAbends mit der Segnung der Kinder; auch die materiellen Dinge und Verrichtungen, denen die Tradition so warmen Sinn gibt; welche Freude, welcher Stolz zum Beispiel für das Kind, den großen, roten, irdenen Schalenttopf[Lexikon: Schalettopf] selber zum jüdischen Bäcker zu tragen! Am Freitag abend bekam der Vater schon ein Stück von der Torte ( im Sommer “Bickbeer”torte, mit Rosenwasser übergossen!) im voraus, die die Mutter für den Sabbath zu backen pflegte. Dem Jungen gab er regelmäßig ein bißchen ab, denn, so sagte er jedesmal dabei: “Einen Jungen darf man nicht zusehen lassen!” Zufällig fand ich neulich, daß es im Talmud heißt: man müsse Kindern von allem guten Essen ein wenig abgeben, weil sie sonst einen Tropfen Blut verlören. Die vielen Feste, deren Krone das Pesach! An dem allen die Kinder, vorzüglich die Knaben, beteiligt. Man kann sich das Entzücken eines Kindes denken, dem die Aufgabe übertragen war, sämtliche Löffel, Messer und Gabeln des Hauses an lange Bindfäden zu befestigen, in die Mikwa (das Frauenbad) zu bringen, wo sie in dem dort bereiteten Bade unter Segenssprüchen getauft wurden! Noch schöner, das letzte Stückchen Brot von “Chomezbatteln” in einen Holzlöffel zu legen, diesen in ein Tüchlein zu binden, oben hinein eine Federpose zu stecken und dies Päckchen von dem großen Feuer, das auf dem herrlichen Hofe der “Schul” (Synagoge) zu diesem Zwecke entzündet war, verbrennen zu lassen. Auch dies wurde den Knaben überlassen, die in großer Schar, stolz auf ihr wichtiges und heiliges Geschäft, das Feuer umstanden. Das Allerschönste aber war wohl die Seder-Feier selbst mit den schönen Liedern und Geschichten, die der Vater, in sein Sterbehemd gekleidet, vortrug und woran wiederum die Kinder ihren großen Teil hatten. – Der Junge mußte, als Jüngster der Familie, das Manischtano sprechen, 115 Dabei befindet sich wohl auch der Stammbaum der Familie. 116

Vgl. »Vom Einsiedler Constantin Brunner«, Kiepenheuer Potsdam 1924, Seite 33.

– 102 – das Epikaumon suchen. Und das Vergnügen, die Neugierde halb, halb ehrfürchtige Scheu, womit die verdeckten Schüsseln auf dem Tisch, mit wunderlichen Symbolen einige, mit reellen und leckrigen Eßbarkeiten andere gefüllt, betrachtet wurden! Selbst der traurige Fasttag Tischebeaw brachte für die Kinder Spaß: indem sie nämlich bei den Großen um das von den Lichtern heruntergetropfte Wachs bettelten, woraus allerhand Püppchen und Figuren geformt wurden. Der Großvater hatte zuerst ein Rabbinat in Breslau. Als er dann das der großen jüdischen Gemeinde in Moisling (bei Lübeck) übernahm, legte er sich den Namen Wertheimer bei, weil seine Familie aus der Stadt Wertheim ob der Tauber stammte. Der Name Rabbi Akiba Breslau hätte ja nun keinen Sinn mehr gehabt. Auch unterschied er sich mit dem neuen Namen von denjenigen seiner Verwandten, die den Namen Breslau beibehielten. Vater bemerkte einmal beiläufig, es wäre gar nicht ausgeschlossen, daß die Malerin Luise Breslau, die in den Memoiren der Marie Baschkirtseff erwähnt wird, seiner Familie angehöre, etwa eine Nichte des Großvaters, was wohl festgestellt werden könnte. Als der kleine Moses ungefähr zwei Jahre alt war, wurde Moisling mit Altona vertauscht. Auch Vaters Mutter ist in einem Dorf nahe Lübeck geboren, in Fackenburg. In Altona lernte sie ihren späteren Mann kennen. Da ich Vater, des bedeutenden Hauptgedankens wegen, von Hölderlin »Der Tod des Empedokles« zu lesen gegeben hatte: “Es ist wahr, das groß Gewollte und Gedachte, wovon du sagtest, steckt darin; aber ich würde es von selber gar nicht gefunden haben, so ganz verschwimmt und verliert sich alles. Wie ein Licht, dessen Schein zergeht bis zum blassesten Schimmer. Hölderlin hat nur eine Sache gekonnt, den »Hyperion«; der ist freilich so, von solcher Macht der Lyrik, daß er dadurch auch Plastik ist! Seine wenigen schönen Gedichte gehörten eigentlich in den »Hyperion« hinein. So geht es auch mit Eichendorff; der hat nichts als den »Taugenichts« geschrieben, und die besten seiner Gedichte könnten alle miteinander darin stehen.” Aus seiner Schulzeit erzählt Vater gern, wie einmal der Lehrer Bräuning (“mein alter geliebter Bräuning, mit seinem schönen preußischen Offiziersgesicht”) den Knaben die Wahl eines Aufsatzthemas freigestellt hatte. Bevor er einem in Brasilien geborenen Jungen das Heft zurückgab, fragte er ihn: “Hast du den Aufsatz auch wirklich ganz allein gemacht?” “Ja, ganz gewiß!” “Hat dir wirklich niemand geholfen? Und hast du auch kein Buch benutzt?” “Nein, das kann ich beschwören.” “Nun, der Aufsatz hat doch immerhin solche Vorzüge, daß ich ihn der Klasse vorlesen möchte.” Und er begann zu lesen – »das Lied von der Glocke«, Wort für Wort; nur hatte der Junge es wie fortlaufende Prosa, ohne die Versenden und -anfänge zu markieren, aufgeschrieben. “Die Klasse barst fast von dem Gelächter der Jungen.” 11. Februar 1914 “Himmel und Hölle[HMs.: Himmel, Erde und Hölle] haben die gleichen Räume, nur übereinander. Nicht einmal übereinander, sie sind eine Wohnung, die nur bald so, bald so erscheint dem Himmels-, Erd- oder Höllensinn, der darin weilt.” 15. Februar 1914 Deitelbaum ist vor seiner Abreise nach Palästina noch einige Male bei uns gewesen und wird noch wiederkommen; er erweist sich als eine angemehme, gütige und ernsthaft gesammelte Natur. Er spricht einfach, bestimmt, obwohl durch leichtes Stottern ein wenig gehemmt, zeigt eine kindliche Bereitschaft, sich belehren zu lassen. Er sagte von Spinoza: “Wenn man ihn gelesen hat, weiß man alles; aber man kann nicht reden.” – Von seinem jungen Freunde Suhl, der, sozusagen eben aus der Schule, gleich Ehemann und nun auch Vater eines kleinen Ben Zion geworden ist, brachte Deitelbaum Zeichnungen, hauptsächlich Porträts, die viel künstlerische Begabung und sogar eine gewisse Mächtigkeit zeigen, freilich auch, daß den Fähigkeiten die nötige Ausbildung fehlt. Große Eigenart, Strenge, Schroffheit, Leidenschaft, kampfbereiten Mut bezeugt ein Schulaufsatz, der einige Jahre zurückliegt, über Shylock.

kampfbereiten Mut bezeugt ein Schulaufsatz, der einige Jahre zurückliegt, über Shylock. – 103 –

“Jedes Gedankliche, auch das ästhetische, ist empirisches, subjektives, allerpersönlichstes Erleben. Interesseloses Genießen gibt es nicht. Alles steht in Einem und in uns hinein; die ganze Welt ist in eines jeden Seele.” 20. Februar 1914 In dieser Woche waren zwei Menschen bei uns, von denen jeder an sich selbst so merkwürdig ist wie auch ihr Verhältnis zueinander. Weißberg, ein Neunzehnjähriger, hatte schon um die Weihnachtszeit geschrieben, er sei von Vaters Werk so gepackt, daß er sich ganz diesen Gedanken zu widmen und zunächst in Hamburg Vorträge darüber zu halten gedächte. Nach telephonischer Anmeldung kam er nun neulich mit seinem Freunde Heyn zu uns. Diese Freundschaft, hörten wir, war erst vierzehn Tage alt. Heyn, vierundvierzigjährig, ein prächtiger, klein und etwas untersetzt gewachsener Niederdeutscher, blond, mit liebenswürdigem Mund und auffallender Kraft im Blick der Augen, das Profil vollkommen holbeinisch, von Kindheit an ein “Gottsucher”, von jeder noch so angenehmen Lebensform unbefriedigt, weil ihr der rechte Inhalt fehlte; wegen dieser höchsten Sehnsucht, die sich mit den Jahren steigerte, still und steif neben seiner Frau lebend, die hart darunter litt, ohne doch zu wissen was und warum – hat er nun diesen von Enthusiasmus glühenden Jüngling kennengelernt und durch ihn Constantin Brunner. Weißberg war ihm zunächst ein Moses, sprechend von seinem Gotte, der sich ihm deutlich geoffenbart. Bis heute hat Heyn nicht in der »Lehre« gelesen, nicht einmal ihren Titel gewußt; doch kennt er, wie Vater nach einem Gespräch mit ihm sagte, ihren ganzen Inhalt. Die Idee, welche Weißbergs Wesen und Wollen durchleuchtet, hat Heyn, also durch dieses Medium hindurch, völlig überwältigt. “Wer überzeugt? – Ein Überzeugter!” sagt Vater. – “Ich gebe einen Pfennig und empfange Millionen. – Und sollte ich nicht dem alles schuldig sein, der mir das Höchste gebracht: die Wahrheit?” So sieht Heyn es an. Der Pfennig aber, den er gibt, besteht zunächst darin, daß er alle und jede praktische Verantwortung für den jungen Mann übernimmt, den er in kärglichen, vielleicht sogar verzweifelten Verhältnissen gefunden; wahrscheinlich wird er ihn ganz in seine Familie aufnehmen, jedenfalls seine Tenorstimme ausbilden lassen (aber so, wie er bedachtsam sagt, daß es seine wesentliche Entwicklung und Arbeit nicht stören darf). Er ist ihm wie ein Vater, nein, eigentlich wie eine Mutter, so viel Stolz und zugleich Weichheit liegt in seiner Liebe. Dabei, im Bewußtsein der übernommenen Verantwortung und überhaupt seinem männlichen Naturell und der im Offiziersdienst geübten Disziplin gemäß, fehlt es ihm durchaus nicht an Strenge, und Weißberg befindet sich wohl ebenso fest in seinem Bann wie Heyn in dem des Jünglings. Heyn ist ein ganz naiver Mensch, aber solcher mit verborgenen Kräften, die lange zurückgedrängt bleiben, dann aber auf einmal elementar hervorbrechen können. Naiv in andrer Weise, aber fast bis zur Unglaublichkeit, ist auch Weißberg, obwohl sich Schauspielerei hineinmischt, die indessen auch wieder Kindlichkeit an sich hat. Er sieht sehr götterjünglingshaft aus (worauf er enorm eitel ist), aristokratisch schlank, der Kopf ein idealer Feuerkopf mit prachtvollem Goldhaar. Vater bemerkte besonders in der Stirnbildung Ähnlichkeit mit Friedrich dem Großen, die Wienbrack, der sich gerade jetzt – auf Vaters Anregung – mit dem Alten Fritz beschäftigt, so interessierte, daß er, wenn noch Zeit gewesen wäre, gern für seine Zwecke eine Tonskizze gemacht hätte. So naiv ist Weißberg, daß er zum Beispiel mitten beim Abendessen fragte: “Soll ich Ihnen mal ein lyrisches Gedicht von mir aufsagen?” und dann, ekstatisch zur Decke blickend, zurückgelehnt, Messer und Gabel in den Händen, mit schwärmerischer Stimme, der ein leichter hamburgischer Akzent doch Nüchternheit und auch wieder Naivetät verleiht, begann er langsam: “Küsse mich!” – “Nicht wie …” Nun, ich hab’s nicht auswendig behalten; es waren ein paar ziemlich breit und voll gemalte Bilder, die in einer scharfen Pointe zusammenliefen. Ihm ist dies Umspringen vom Hühnerfrikassee zum “Küsse mich” ganz natürlich, es gehört zu der Leichtigkeit seines Wesens. So kann er eben drollig kasparhaft drauflosschwätzen und im nächsten Augenblick zu einem so heiligen Ernst gesammelt sein, daß er darin und dafür sterben möchte. Er steckt voller Pläne für Vaters Sache; das ist bei solcher Lebhaftigkeit und Aktivität selbstverständlich. Sein Studium der Philosophie hat er sofort entschlossen abgebrochen, als er im vierten Semester durch Vaters Aufsatz im Archiv für systematische Philosophie die Gedanken der

Semester durch Vaters Aufsatz im Archiv für systematische Philosophie die Gedanken der – 104 – »Lehre« kennenlernte. Sein höchstes Ziel ist: Paulus sein, wie er sagt. Und in all dies glühende Wollen und Streben hat er innerhalb der wenigen Tage den Freund so mithineingezogen, daß der nun mehr um der Idee als um Weißbergs willen mindestens soviel einsetzt und aufgibt wie dieser. Seine praktische Tätigkeit (früher war er Marineoffizier, und durch wertvolle Erfindungen, die er gemacht, steht er noch in ständiger geschäftlicher Verbindung mit dem Reichsmarineamt) hat er zwei mit hohem Gehalt von ihm angestellten Leutnants übertragen, um selber frei zu sein für das ideale Wirken, wie es sich die beiden Freunde denken. Dreitausend Mark hat er zunächst für Weißbergs Vorträge in Hamburg hergegeben. Vater wollte ihn auf ein sicheres Fiasko vorbereiten. “O, das erwarte ich sogar. Nun, dann bin ich eben dazu da, daß ich ihm freundlich zulächle und sage: ‘Was geht dich das an?’” – Wie auch der Erfolg sei, sollen weitere Vorträge Weißbergs in allen großen Städten der Welt folgen. Ferner wollen sie – wofür noch ein Verwandter Heyns, dem sie auch schon Begeisterungseifer eingeflößt haben, ein Grieche, seine Hilfe zugesagt hat – eine Zeitschrift gründen mit dem Titel »Kunst, Philosophie, Liebe«. Und der junge Weißberg sieht schon deutlich vor sich eine Gemeinschaft zur Unterstützung geistig Schaffender (“Aber alles geht durch meine Hände!”) und – kurz und gut – eine ganze durch ihn umgekrempelte und natürlich herrliche Welt. Über Weißbergs Fähigkeiten kann man wohl noch kein definitives Urteil abgeben. Vater findet ihn für seine Jahre “enorm reif”. Als um Weihnachten Weißberg an Vater geschrieben hatte und damals wegen der materiellen Schwierigkeiten sein Vortragsplan noch ganz im Dunkeln lag, wies Vater ihn an Dr. Kleinschmidt in Hamburg, der sich als warmer Anhänger der »Lehre« gezeigt hatte. Er gab dem jungen Mann, ohne ihn zu kennen, zweihundertfünfzig Mark und fügte hinzu: “Sollten Sie Brunner sehn, so sagen Sie ihm bitte nichts von mir als nur dieses: im Zusammenhange hätte ich sein Werk jetzt bereits zehnmal gelesen.” 22. Februar 1914 Deitelbaum, der Anfang des nächsten Monats nach Palästina abreisen wird, will dort, sowie er mit seiner Existenz ein wenig festen Fuß gefaßt hat, Vaters Werk ins Hebräische übersetzen, was er für sehr aussichtsreich hält. Eine Übersetzung in die russische Sprache hat er privatim für sich schon begonnen und möchte sie von jemand anders fortsetzen lassen. Denn das scheint ihm sehr wichtig. “Ihr Werk ist überhaupt nicht für die Deutschen, für die Russen ist es.” In Palästina denkt er, eine Kolonie zu gründen und sie im Sinne von Vaters Lehre einzurichten und zu leiten. – Bei der Auswahl der Menschen sollte als Prüfstein die Wirkung von Vaters Werk gelten; um so mehr als sich erwiesen hat, daß auch ganz Ungebildete (wie Hartung117, ferner die Magdalena) davon, und vielleicht am allerstärksten, ergriffen werden können, wenn sie übrigens die Natur danach haben. 25. Februar 1914 Vaters natürlich instinktiv befolgte Arbeitsmethode befindet sich ganz im Einklang mit seiner Auffassung des Verhältnisses von Abstraktion zu Empirie: Zunächst steht alles Gedankliche fest, höchstens die allerwichtigsten Daten sind mit eingeflochten. Ist das Buch dann als Abstraktes sozusagen fertig, dann beginnt ein sehr eifriges Lesen (in diesem Falle hauptsächlich von rassentheoretischen Schriften), und nun erst gerät die Fülle des den Ideen entsprechenden Tatsachenmaterials in das Werk. »Der Judenhaß und die Juden« verhält sich zur »Lehre von den Geistigen und vom Volke« ähnlich wie Spinozas »Theologisch-politischer Traktat« zur »Ethik«, hatte ich gesagt. 116 Vgl. »Vom Einsiedler Constantin Brunner«, Kiepenheuer Potsdam 1924, Seite 33. 117

Erwähnt in »Zum fünfundfünfzigsten Geburtstag«. Hartung, Uhrmacher in Roßleben an der Unstruth, war bei seinem inbrünstigen Suchen nach Gott an die »Lehre« geraten. Ganz davon hingenommen und getrieben weiterzugeben, verirrte und verstrickte er sich in Gesprächen mit den Oberlehrern seines Örtchens. Er näherte sich meinem Vater zuerst in Briefen, dann besuchte er. In Tränen hingeschmolzen sank er Vater an die Brust. Eine sanfte mystische Natur.

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“Würdest du mir raten, von Herder »Über den Geist der ebräischen Poesie« zu lesen?” fragte ich. “Nein; es würde dir wenig Nutzen bringen. Es ist so verschwommen, so in einem hin, nichts hebt sich heraus. Wie all die andern Herderschen Schriften dieser Art taugt es nicht viel.” “Was von Herder taugt denn aber viel?” “Herder.” 26. Februar 1914 Über Weißbergs ersten Vortrag haben wir von zwei Ohrenzeugen ( Fräulein Voigt118 und Ernst Müller) sehr ungünstigen Bericht erhalten, hatten aber auch nichts Besseres erwartet. Vielmehr hatte Vater nicht versäumt, sowohl Heyn wie auch Weißberg gegenüber seine Bedenken aufs schärfste zu äußern. An seiner Meinung über den jungen Mann, daß dieser “absolut genial” sei, hält Vater fest. “Ob er zu seinen sonstigen Genialitäten dazu auch noch ein Philosoph ist, weiß ich allerdings nicht. Davon aber, daß er seine Fähigkeiten ausgezeichnet entwickeln wird, bin ich überzeugt. Entweder er wird etwas ganz Ungewöhnliches, oder er schießt sich eine Kugel vor den Kopf; eine Mitte gibt es für so einen nicht.” Zu den Vorträgen hegte Vater, wie gesagt, nicht das geringste Vertrauen; aber den Plan dazu fand er auch “absolut genial”; besonders die Aufeinanderfolge der Themen, wie er sie aus der Annonce im Hamburger Fremdenblatt ersah und dann die Idee, worauf das Ganze gestellt ist, den Namen Constantin Brunner erst zum Schluß zu nennen, nachdem alle vier Vorträge von den Brunnerschen Gedanken durchtränkt sein sollten. – Erfolg oder Mißerfolg – die ganze Sache berührt Vater nicht im geringsten, wie denn überhaupt seine Persönlichkeit durch eine vollkommene Scheidewand von der öffentlichen Wirkung, die sie ausübt, getrennt scheint. Was mich betrifft, so kann ich von dem jungen Weißberg nichts Hervorragendes erwarten. Mir erscheint er nicht viel mehr als ein hübscher, besonders lebhafter Junge, leicht zur Begeisterung entflammt, im Abstrakten eines gewissen Abfühlens fremder Gedanken fähig, durch Aussehen, Mimik und innere Lebhaftigkeit sehr geschickt, was ihn erfüllt, privatim, im Verkehr von Mensch zu Mensch, auf andere zu übertragen, übrigens von großer geistiger Leichtfertigkeit, worin ihn sein Ehrgeiz noch bestärkt. Zur Genialität scheint mir die Basis zu fehlen: das schlichte Wollen um der reinen Idee willen, das dem Wollen entsprechende Können (wovon man auch bei einem Neunzehnjährigen nach meiner Meinung mehr spüren müßte[)], und selbst an den Ernst der Arbeit, wodurch die nötigen Mittel zu einer Wirksamkeit im großen Sinne erworben werden müßten, kann ich vorderhand bei ihm nicht glauben. 27. Februar 1914 “Daß die jungen Leute immer gleich so feige sind, mit dem Gedanken des Selbstmords zu spielen, wenn sie Unbequemlichkeiten im Leben haben! Wie kann man den Konsequenzen seiner Natur in der Welt entgehen wollen!” “Diese Wurst ist gut; davon muß Ponto auch haben. – Was, du gibst ihm so die bloße Wurst aufs Brot, ohne Butter darunter?! Ich versteh gar nicht, warum der Hund schlechter essen soll als wir!” 28. Februar 1914 Seine Auffassung von der jüdischen Rasse, wie er sie in seinem Judenbuch entwickelt, bezeichnete Vater mir heute als “die wissenschaftlich philosophische Formulierung des Prophetismus”. 1. März 1914 Muß Vater einmal unbedingt in eine Gesellschaft der üblichen “Gebildeten” hinein, so ist sein Streben sofort darauf gerichtet, alles zu vermeiden, was ein Bildungsgespräch herbeiführen könnte. Bei guter Laune gelingt es ihm dann meist, einen Ton von allgemeiner harmloser, etwas derber Vergnügtheit anzuschlagen, worein die andern gern einstimmen. Gewöhnlich sanfte mystische Natur. 118

Freundin und Gesellschafterin der verstorbenen Cécile Mutzenbecher.

– 106 – schafft er sich ein festes Zentrum, eine bestimmte Sache als Ausgangs- und Anknüpfungspunkt. Gestern zum Beispiel, an meines Schwagers Geburtstag, machte er während des Essens und nachher immer noch den Spaß, als ob es nicht genug Essen gäbe. Es müßten mehr “Gänge” kommen usw., das alles in derb ulkiger Form. Nach dem Essen die Hoffnung, daß nun das Essen beginnen würde usw. Wann denn endlich Kaviar aufgetragen würde? Statt dessen lieber Satz mit Kaviar: “Ick-hav-jar-kein-Hoffnung mehr, daß es noch etwas gibt.” Usw. usw. Auf eine bestimmte Sache bestimmten Menschen gegenüber sich einstellen ist ohnehin vielfach Vaters Art. Selbst mit der Hausschneiderin hat er einen stehenden Scherz: Er brüllt sie als Löwe an und nennt sie seine Löwenbraut, und das wird schließlich zu einem Ritus, der nicht ausgelassen werden darf. Auch zu dem dreijährigen Jenspieter Magnussen steht Vater schon in einem Verhältnis, das seine festen Formen hat. “Onkel Brunner, sag mal Bob”, kommt der Kleine schon an der Tür ihm entgegen. Und dann versucht sich Vater mühsam, bringt aber nur Bibs und Brabs und Brims und tausenderlei Verkehrtheiten zustande, und Jenspieter stellt mitleidig fest: “Er kann nicht Bob sagen.” 6. März 1914 “Harden – Harden ist eine politische Partei; konservativ-revolutionär gesinnt gerade wie ich, und darum stimme ich im politischen Urteil fast immer so verblüffend mit ihm überein.” 7. März 1914 “Am liebsten von Heine sind mir seine jüngsten, unschuldigsten Sachen: die Harzreise, und ganz besonders gern hab ich die Traumbilder. Du weißt, wie sehr ich schon die Form des Zyklischen, das lange Durchhalten der Stimmung schätze. Als solche lyrische Zyklen betrachte ich zum Beispiel auch Eichendorffs »Taugenichts« und den »Hyperion« von Hölderlin, und liebe sie. Immer mag ich Heine durchaus nicht; auch ich fühle mich oft genug von ihm abgestoßen, das magst du glauben, finde ihn auch häufig ganz dünn, aber man kann doch keinen Augenblick die Originalität seiner Persönlichkeit vergessen; und dies, daß es so unmöglich ist, ihn einzuzordnen, einzufangen, beweist schon allein sein Genie!” Von Immermanns »Tulifäntchen«, das ich Vater zu lesen gab, sagte er, daß es “ein bedeutendes Nichts” sei. “Nun, nicht ein so bedeutendes Nichts wie die Welt, aber doch schon bedeutend genug. Immermann wird nicht genügend geschätzt.” “Wenn ich eine Darstellung der Menschheitsrassen zu geben hätte, würde ich von der jüdischen als der zentralen ausgehen, genauso wie ich in einer Geschichte der Philosophie Spinoza in die Mitte stellen und alles auf ihn beziehen würde.” 8. März 1914 “Der Talmud ist keine Literatur – er ist ein Wunder. Denn fast unglaublich, wie ein Volk in solcher elenden, verzweifelten Lage, die fortgesetzt so war, daß man sich eigentlich nichts davon vorstellen kann, wie dieses Volk überhaupt etwas Geistiges schaffen konnte; kein andres Volk hätte das fertiggebracht. Als Literatur ist der Talmud einfach schrecklich, bis auf die wenigen großartig schönen Stellen natürlich. Eine klägliche Erziehung, die er leistet, die allerschlimmste: eine Erziehung zur Abgeschmacktheit. Und ein Scharfsinn, der jeden klugen Mann geradezu beleidigen muß. Aber dem Talmud muß man wirklich anders gegenüberstehen als sonstigen Werken; nicht mit der Frage: Was bekomme ich? sondern soll auf die Menschen sehen, die unter solchen Umständen, in ständiger Gehetztheit und Todesgefahr ein Ideal zu schaffen imstande waren, um deswillen und dann auch wieder mit Hilfe dessen sie alles ertrugen. Die Kabbalah? – Stell dir eine verrückt gewordene Wüste vor mit ein paar Oasen darin.” 11. März 1914 Harte Urteile über Mitmenschen weist Vater auf jede Weise, direkte und indirekte zurück. Eine harmlose Médisance läßt er indessen gern gelten und findet er sogar zur leichteren

Eine harmlose Médisance läßt er indessen gern gelten und findet er sogar zur leichteren – 107 – Unterhaltung gehörig. 12. März 1914 Als davon die Rede war, ob man sich nicht den Nachmittagsschlaf aus hygienischen Gründen lieber abgewöhnen sollte: “Ach, die modernen Ärzte! Was die alles wissen oder vielmehr ausklügeln! Wer wird denn aber den Professor fragen? Man fragt doch den Hund! Und die Tiere alle legen sich nach dem Fressen hin und schlafen und sagen damit dem Menschen, er solle auch so tun.” Ich wundere mich oft, wie geduldig und liebenswürdig sich Vater benimmt, wenn er in seiner Arbeit, selbst in der tiefsten, gestört wird. “Wer sich fallen läßt, der fällt”, sagte Vater ein paarmal. 17. März 1914 “Was einer wert ist, hängt hauptsächlich davon ab, wieweit er in der Seele frei ist, frei mit dem Eigentlichen, Tragenden. Nicht von Talenten, Motiven gegenwirkenden Quietiven usw.” An Nadel hat Vater eine starke Enttäuschung erlebt. “Nach den paar Sätzen damals in Ost und West mußte ich etwas ganz Besonderes für mich erwarten. Er ist aber nur geistreich, und außer vier oder fünf guten Gedichten habe ich inzwischen nichts von ihm gesehn, das was taugte. Ich hätte mir damals wohl sagen sollen, daß ein geistreicher Mensch von heute auf alles mal geraten kann.” “Auch mein »Judenbuch« wird man heute unwissenschaftlich finden, weil ich es unter der Würde der Vernunft und Schönheit halte, all das unnötige Gelehrtenzeug hineinzustopfen, das jetzt gerade für bedeutend gilt. Später wird man wohl einsehen, daß im Gegenteil mein Verfahren um so wissenschaftlicher ist.” 18. März 1914 Auf meine Frage, in welche der drei Formen geistiger Erhebung der Naturgenuß eingeordnet werden müsse, antwortete Vater, daß jeder Naturgenuß ästhetisch und also dem Kunstgenuß völlig gleich sei; wer die Natur mit Empfindung betrachte, verwandle sie damit für sich in ein Kunstwerk. 19. März 1914 Wir gingen spazieren, der untergehenden Sonne zu, die groß und goldrot in den dunklen Ästen eines starken Baumes hing – “wie das Nest des Vogels Phönix”, sagte Vater. Die Dalmatiner Hunde nannte Vater die Birken unter den Hunden. “Welche rasende Mühe ich mir beim Arbeiten mit allem und jedem gebe, mit jeder dreckigsten Kleinigkeit, davon kann sich niemand einen Begriff machen.” Manchmal, einen Augenblick lang, verwundert sich Vater über sich selber, daß er äußerlich so “festgelegt, so philiströs in einer Linie” lebt, wofür er eigentlich “nicht gemeint” sei. Und das ist auch wahr; ihm entspräche wohl ein bunteres und freieres Leben, auch mit mehr Scherz und Tollheit, als Mutter und ich aufzubringen oder zu fördern vermögen. Vielleicht aber, wenn Vater einmal so spricht (was übrigens nie mit Klage oder Vorwurf geschieht), verwechselt er sein jetziges Ich mit dem Studenten von früher, und wenn man ernstlich fragt, muß man am Ende doch antworten, daß seiner Arbeit und auch seinem Gesundheitszustand von heute seine Lebensart und Umgebung günstig ist. Früher, ehe er zu einem Werk konzentriert war und als ihm seine Körperkräfte noch unverletzlich und unerschöpflich schienen, konnte er freilich, mußte er sogar, seine ganze Genialität in sein Leben fließen lassen, das davon natürlich wunderliche Formen mag angenommen haben. Es liegt aber, denke ich, doch Sinn

natürlich wunderliche Formen mag angenommen haben. Es liegt aber, denke ich, doch Sinn – 108 – darin und ein guter, daß zur selben Zeit, wo er begann, sich innerlich zu konsolidieren, seine Kräfte von außen in sich hineinzuziehen und im Innern bis zu einem Werk zusammenzuballen, daß er gerade damals auch seinem äußeren Leben feste Gestalt gab. Vaters Gesundheit hat übrigens, obwohl er immer noch mit nervösen Beschwerden zu kämpfen hat, seit wir in Potsdam wohnen einen guten Aufschwung genommen. Die erschreckende Reizbarkeit, die sich nach der Vollendung des Hauptwerkes zeigte, hat sich vermindert. 21. März 1914 Von Börne hat Vater sehr gern den Essay über den Hamlet (“Das Beste was über den Hamlet geschrieben wurde. Dagegen Goethes Geschwafel im Wilhelm Meister!”) und »Der Narr im Weißen Schwan«. Gedichte von Ernst Lissauer, die Vater durch Zeitschriften in die Hände fielen, machten ihm einen tüchtigen Eindruck. “Sie sind anschaulich, und das ist der absolute, der einzige Maßstab zur Beurteilung eines Gedichts, und vielleicht werden sie ein gutes Gegengewicht bilden gegen das verfließende Gequieke der Dehmel, Stefan George und all der übrigen Schwächlinge.” Die schwierige Aufgabe, mit mehreren Menschen gut zusammenzuleben und auch sie untereinander in gutem Einvernehmen zu halten, löst Vater, wie er sagt, dadurch, daß er für sein Verhältnis zu jedem eine besondere Sphäre schafft, worin er die andern Sphären nicht eingreifen läßt, vielmehr jede isoliert hält. 23. März 1914 Von Wienbrack sagte Vater, er sei ein “Quartalskünstler”; weil er immer von Zeit zu Zeit, nachdem er inzwischen ganz im Bann einer Frau gestanden, diesen plötzlich mit Gewalt bricht, zu seiner Arbeit zurückkehrt und sich dann völlig in diese vergräbt, ohne irgend etwas von der Welt zu sehen. Von Altkirch: “Trotz der schrecklichen Diskrepanz zwischen seinem Intellekt und Empfindungsleben hat er sich dennoch entwickelt und ist dabei sich selber treu geblieben.” Über Magnussen als seinen Arzt sagte Vater: er wüßte natürlich sehr wohl, daß die ganze Suggestions-Behandlung darin bestünde, daß Magnussen ihm seine eigene Ware wiederverkaufte. “Aber ich bin sehr zufrieden damit; ich gieße etwas in ein Gefäß, und Magnussen gibt es mir zurück, nachdem er den Inhalt durch seine ärztliche Erfahrung und Gewissenhaftigkeit filtriert hat.” 24. März 1914 “Wenn ich sterben sollte, achte nach meinem Tode darauf, daß in manchen meiner Bücher sich Hinweise durch Striche oder Notizen finden. So habe ich in den zwei starken Bänden Lutherbriefen vorne mit Zahlen angegeben, welche Briefe die schönsten oder jedenfalls mir am interessantesten sind.” 25. März 1914 “Wie schwer es ist, bei schöpferischer Kraft geschmackvoll zu bleiben, erfahre ich ständig während des Schreibens, denn ich lege großen Wert darauf. Es gehören aber fortgesetzte Selbstverleugnung und die größten Opfer dazu. Die herrlichsten, interessantesten Einfälle muß man um des Ganzen willen preisgeben und tut das mit einem Gefühl, als mordete man seine eigenen Kinder. Wie oft fühlt man sich zu Humor gereizt – schon weil er die schnellste Art darstellt, mit einer Sache fertig zu werden –, aber man darf an der Stelle gerade nicht, die Haltung des Werkes läßt es nicht zu, sie würde beeinträchtigt werden. Ich bin sehr sorgfältig: wo ich grotesk werden will, bereite ich den Leser lange und bedachtsam darauf vor, entweder zu mildern oder um so geschickter zu überraschen. Ich gebe mir viel Mühe um den Geschmack. Andere, die Allergrößten, sind darin unbekümmerter, rücksichtsloser, Shakespeare zum Beispiel. Er ist oft geschmacklos mit Häufungen; wie ein Kind, das immer

Shakespeare zum Beispiel. Er ist oft geschmacklos mit Häufungen; wie ein Kind, das immer – 109 – höher übereinander baut; am Ende erschlägt das Letzte das Erste, und alles fällt ein.” “Als junger Mensch habe ich in vielen Fällen dickste Freundschaften plötzlich abgebrochen, wenn ich das Philisterium zu stark witterte. Ich hatte ja immer dunkel gefühlt, daß es vorhanden war, aber durch irgend etwas, manchmal eine bloße Kleinigkeit, trat es mir so hell ins Bewußtsein, daß ich sofort Schluß machen mußte. Ich blieb dann einfach weg, antwortete auch auf keinen Brief – aber das alles machte ich rein instinktmäßig, ohne mir Rechenschaft darüber abzulegen. Ich mußte so aus einem Gefühl der Verpflichtung gegen mich selbst, gegen die Freiheit meiner Persönlichkeit, die mir damals alles galt. Die glaubten, mich ganz verschlungen zu haben, fanden dann mit einem Male ihren Leib leer; darunter natürlich auch solche mit langen Haaren – die mir kurze Gedanken zugetraut hatten! Eines schönen Tages schwirrten meine Schwingen, und ich flüchtete mich – ein wirkliches Flüchten! – in die Höhe. Gar als mein Interregnum zu Ende ging, und ich mich auf meine Gedanken und die Arbeit daran einzurichten begann, befreite ich mich vorher von so ziemlich all meinen Beziehungen. Wenn ich mich jetzt dessen erinnere, kommt mir solch Verfahren ja ein bißchen undankbar vor, denn inzwischen bin ich rüchsichtsvoller geworden, und doch hatte ich damals recht. Sowie das Philiströse mir zu dicht auf den Leib gerückt kam, sah ich es als Eingriff in meine Sphäre an und mußte es mit einem Ruck abschütteln.” 27. März 1914 Da von Schulreform (flüchtig) die Rede war: “Eine ganz schlechte, entartete Tradition ist mir immer noch lieber als subjektive Willkür. Wie ich auch vorzöge, im miserabelst regierten Staate zu leben gegenüber dem Leben in anarchistischer Freiheit.” 28. März 1914 Wir aßen zu Mittag Eisbein mit Sauerkraut, und jemand bemerkte, daß dies Gericht, das doch so ausgezeichnet sei, für ordinär gelte, weil es von Arbeitern bevorzugt wird. “Ja”, meinte Vater, “hier wie in so manchem trifft der verwöhnteste Geschmack mit dem einfachen zusammen; geradeso wie Märchen nur von Kindern und von sehr gebildeten Menschen gern gelesen werden; für die Halbgebildeten existieren sie gar nicht.” 29. März 1914 Mit ein wenig schmerzlicher Ironie: “Wie soll man denn nun Treue definieren? Als Wahrnehmung der Interessen?” “Du weißt gar nicht, wieviel Lyrik ich früher gelesen habe. Zum Beispiel einmal einen ganzen Sommer hindurch Eichendorff, jeden Tag. Ich kann nur nichts im einzelnen davon behalten; mein Gedächtnis ist nicht derart. Doch im Augenblick bin ich ganz hingegeben.” Durch sein vieles Lesen in früheren Jahren und seinen scharfen Blick für das Wesentliche, kennt Vater allerlei sonst ganz Unbekanntes von Wert und Eigenart. So suchte er mir gestern aus Hippels »Lebensläufen« ein paar Liebesbriefe heraus und las sie mir vor, die wie große, frische Blumen in einem Garten von lauter Papierrosen und Wasserfällen aus Glas stehen. Wie viel verwickelter und schwieriger, aufregungsvoller ist unser Zusammenleben geworden, seit ein ganzer, voller Mensch, Emma, hinzugekommen ist! Eine ruhige, einfache Existenz kann ich mir nicht einmal vorstellen. Aber von den Komplikationen unsres sich von außen so schlicht gemütlich ansehenden Lebens könnte ich niemandem, nicht einmal mir selber, ein Bild geben. Alles Wichtige davon scheint sich aus lauter Kleinigkeiten, ja unfaßbaren, unbestimmbaren Nuancen von Gefühlen, Gedanken, Worten aufzubauen, und wiederum fließt jede geringe Einzelheit aus den Prinzipien her, die die Menschen und ihre Beziehungen verkörpern. Sagen läßt sich nichts davon – wer kann aus dem lebendigen Strom eine Welle herausgreifen und mit der Hand weitergeben?! 31. März 1914

31. März 1914 – 110 – Einmal, morgens früh im Bett, hat Vater sich in Gedanken so lustig Kaspar vorgespielt, daß er lang hintereinander laut lachen mußte; ich hab es von meinem Bett aus im Nebenzimmer gehört. 1. April 1914 Von Weißberg und andern seines Schlages sagte Vater: “Cum ira sine studio – viel Wut, aber ohne alles Studium.” Bei der Korrektur von Manuskripten anderer ist Vater das Streichen die Hauptsache. Es macht ihm dann geradezu Spaß, wie durch bloßes Weglassen der Ausdruck kräftiger, energischer, logischer, poetischer wird. Er hat sogar einmal “die Streicherin” als zehnte Muse bezeichnet, die hilft, wenn die übrigen neun versagen (Altkirch gegenüber). So wie er denken in diesem Punkte wohl alle Schriftsteller von Erfahrung. Vgl. Eckermann, Gespräche mit Goethe (5. April 1830); von Voltaire schwebt mir eine ähnliche Bemerkung vor. 6. April 1914 Mir kam neulich in die Erinnerung zurück, wie Vater in der ersten Zeit, die wir in Berlin waren, oft viertelstundenlang vor Böcklins Pietà der Nationalgalerie ganz versunken und schwer ergriffen gesessen. Seitdem er Holbeins Werk in Basel kennt, ist ihm das Böcklinsche nicht mehr viel; denn was wertvoll daran, sei von Holbein abgeschrieben, sagt er. Doch bin ich überzeugt, daß sein gesamter Kunstgeschmack, der erst spät Richtung erhielt, sich inzwischen verändert hat und nichts von Böcklin ihm mehr im eigentlichen Sinne etwas bedeuten könnte, die ganze Persönlichkeit nicht. Als Student in Berlin119 ist Vater lange Zeit hindurch jeden Tag von der Universität ins Museum gegangen; er scheint aber alle Kunst damals noch ziemlich traumhaft, mit sehr allgemeinem Empfinden aufgenommen zu haben. Anstoß und Umschwung gab erst sein Erleben an den Tauschwestern in London (während seines Aufenthaltes dort kurz vor der Verbindung mit Mutter). In einem Briefe an Max Nordau hat er dies geschildert. Die schöne Photographie, die wir von den Tauschwestern besitzen, hat damals Frida Mond für ihn herstellen lassen. – Ich glaube, daß er auch erst in jener Zeit begann, sich mit Kunstgeschichte, auch etwas mit der Technik des Stahl- und Kupferstiches zu beschäftigen, so wie er auch Mutter ein wenig anleitete, sich mit den hervorragendsten Künstlern, besonders Malern, und ihren Werken bekannt zu machen. 7. April 1914 “Es gibt kein Verhältnis, nirgendwo in der Natur, es gibt nur Über- und Unterordnung.” Wenn man nur ein bißchen mit dem Fuße auf deiner Erde scharrt, das geht gleich bis in den Mittelpunkt, sagte ich heute zu Vater; Außen und Innen, Groß und Klein sind bei dir eines.”[Anführungsz. nur am Schluß, davor durchgestr. S. 192] “Voll und rund”, sagte Vater, “halte ich jedem Menschen die Treue, und immer gefüllt mit absoluter Herzlichkeit.” “Familie kommt von famulus. Das heißt, jedes Glied soll dienen der einen Idee, dem Gedanken der Familie, den der Herr am reinsten repräsentieren muß.” (Vgl., was in dem Aufsatz über die politischen Parteien vom Staatsoberhaupt gesagt ist.) “Jeder Mensch bedarf, daß er von Zeit zu Zeit neu aufgezogen wird, um nicht in seiner Schwäche zu versinken. Einige wenige vermögen freilich ihr eigener Uhrschlüssel zu sein. Aber daß sie das Aufgezogenwerden ebenso nötig haben wie die andern, ist ja damit auch schon gesagt.” “Wenn ich einen Menschen nicht erneuern kann aus meiner Kraft, so bediene ich mich 118 Freundin und Gesellschafterin der verstorbenen Cécile Mutzenbecher. 119

Er hat zuerst in Berlin, dann in Freiburg, dann wieder in Berlin die Universität besucht.

– 111 – der seinen, indem ich ihn so tief demütige, so ganz zermürbe bis aufs letzte, daß gewissermaßen ein Loch in ihm entsteht, wohinein nun von den andern Stellen Lebenskraft fließt und sich so kräftig ergießt, daß er daraus sich wieder auferbauen kann. Weh tut das freilich auch mir; selbst Jesus fühlte ja, ‘es ist eine Kraft von mir gegangen’, doch bleibt dies die einzige Möglichkeit zur Hilfe. Natürlich, das weißt du ja, wenn ich so – oder in andren Fällen anders – handle, so tue ich das ganz unbewußt, und erst, während ich mit dir spreche, in diesem Augenblick, werden mir die Zusammenhänge deutlich.” “Wer wirklich etwas schafft, dem kann kein andrer helfen. Wie Gott, ganz einsam, ganz selbstgenügsam und wirklich aus dem Nichts – als Symbol ist das sehr glücklich! – muß er seine Welt holen. – Außer in kleinen Einzelheiten habe ich zum Beispiel nie, von keinem, auch nur Anregung erfahren. Ich hatte doch lange, ungestörte Stunden mit Lou, die voll von meinem Werke zu mir kam. Ich habe sie gefragt, ich habe klug gefragt: ‘Lou, welches scheint dir der Höhepunkt zu sein?’ Ich habe direkt gefragt: ‘Lou, welchen Teil hältst du ästhetisch für am tiefsten stehend?’ Ich habe sogar die langweilige Frage an sie gerichtet: ‘Möchtest du etwas über die Sache mit mir sprechen?’ – Es ist bei alledem nicht das geringste herausgekommen. Ja, ich muß sagen, daß sie mir nicht einmal hat ordentlich folgen können, daß sie oft das Gespräch zur Entgleisung brachte. – Ferner habe ich zum Beispiel mit Landauer große Unterhaltungen gehabt; Nutzen für meine Arbeit hat sich nie daraus ergeben. Am ehesten konnte mich noch Bäumer durch Fragen auf dies oder das bringen.” (Hier unterbrochen worden!) 8. April 1914 Nadels neu herausgekommene verstiegene, verschrobene, verschwommene Gedichte, von ihm selbst abgeschickt, empfangen. Rundweg, ohne Kritik im einzelnen zu üben, hat Vater ihm in einem Brief erklärt, daß ihm das Herz weh täte zu sehen, wie er mit vielen unsrer Zeit vergessen hätte, was ein Gedicht sei. Selbstverständlich ist damit die persönliche Verbindung zerschnitten.120 Aber Nadel hatte schon ohnedies – nachdem Vater seinen »Cagliostro« abgelehnt – begonnen, sich zurückzuziehen, und Vater sagt gern: “Wer von selbst weggeht, der soll nicht wiederkommen”, und vor allem geht ihm natürlich das Prinzip und die Wahrhaftigkeit über das Persönliche. “Was für Haufen Lyriker der Teufel jetzt scheißt, das ist gar nicht zu sagen. Das ganze Land voll von lauter stinkenden Haufen. Nicht einmal zu Dünger zu gebrauchen, das unverdaute Zeug! Statt daß so einer wie der Nadel sich ordentlich auf seine Hosen setzt und was Rechtes lernt, muß er Gedichte schreiben und daran Mühe und Zeit vergeuden! Wenn er ein bißchen an sich und seiner Bildung arbeitete, könnte er einmal sehr nette Aufsätze machen und dafür käme ihm, was er an lyrischem Empfinden und Ausdruck hat, zugute. Dazu reicht’s, zu mehr nicht.” Vater versichert ausdrücklich, daß ihm bei der Stelle im Werke über das ideale Verhältnis von Mann und Weib nicht das Bild irgendeiner bestimmten Frau vorgeschwebt habe. “Ich habe an keine gedacht, denn ich habe an alle gedacht.” Daß man leben, naiv leben und nicht sich eine Reliquienkammer im Herzen anlegen solle, davon sprachen wir auf einem Spaziergang im Neuen Garten. “Das Fließende anhalten wollen, ist Sünde, ist Morden!” “Es ist doch wohl ein ewiges Gesetz, das keine Ausnahme duldet: wer abseits von aller Mode geht, muß im eigentlichen Sinne isoliert, ja verbannt bleiben und hat während seines Lebens auf keinen Erfolg zu rechnen. Eine Generation muß immer erst in der Wüste sterben.” 10. April 1914 Heyn, auf der Durchreise nach Dresden in Berlin, war gestern ein paar Stunden bei uns, um 119 Er hat zuerst in Berlin, dann in Freiburg, dann wieder in Berlin die Universität besucht. 120

Nicht ganz. – 13. Juni 1914.

– 112 – Vater wiederzusehen und von seinen natürlich traurigen Erfahrungen mit Weißberg zu sprechen. Er ist tief und schmerzlich enttäuscht; denn weder war es ihm möglich, den jungen Mann zu stetiger Arbeit anzuleiten, noch ihn von seinem wüsten Lebenswandel abzubringen. Ausgearbeitete Vorträge hat Weißberg überhaupt nicht besessen, trotz seiner Versicherung. Im letzten Augenblick hat er sich eine Broschüre, wohl den Möbius121, gekauft, und darin allerlei angestrichen, sich hierauf auf sein ganz unmögliches, traniges, sinnwidriges Vorlesen aus Vaters Werk (vgl. die berichtenden Briefe von Fräulein Voigt und Ernst Müller, sowie die von ihnen eingesandten Kritiken) und auf seine “Genialität” vollständig verlassen. “Und doch kann ich mich nicht ganz schuldig sprechen”, sagt Heyn, “trotz allem bin ich nicht auf Weißberg reingefallen, und er ist kein ‘geistiger Hochstapler’, wie einige Hamburger ihn nannten; er besitzt die große Erkenntnis und hat sie an mich weitergegeben.” Vater bleibt dabei, er sei ein Genie. “Aber ein Kentaur, zusammengewachsen mit einem bösen, wilden Pferde. Daher die Fähigkeit und Neigung zur wüstesten Libertinage einerseits und zur abstraktesten philosophischen Askese andrerseits. Alle Gegensätze, die existieren, sind in ihm verbunden, und er ist das Spiel dieser aller. Aber dies allein schon bezeugt seine Genialität. Freilich zur wahren Genialität, die etwas wirkt in der Welt und die immer Sittlichkeit ist, gehört zu dem andern allen hinzu ein eiserner Charakter, denn nur dadurch kann die sittliche Tat vollbracht werden. Möglich, daß Weißberg sich noch durchringt; das kann niemand wissen. Sicher, daß er nicht, wie er möchte, zweien Herren dienen kann, was niemand kann: Seinen Idealismus möchte er zur Milchkuh machen, die ihm Geld und Ruhm liefern soll. Zu helfen vermag ihm kein Mensch – vielleicht tut es das Unpersönliche, da muß man abwarten – er muß auf seine eigene Kraft – oder Schwäche, je nachdem, gestellt werden.” Ich fragte noch, woher wohl meine Abneigung und Kälte gegen Weißberg, vom ersten Augenblick an, hergerührt hätte, und Vater sagte: “Ohne daß du mit Gedanken darauf kamst: das viele wüste Erleben, das dieser junge Mensch schon hinter sich hat, stößt dich instinktiv ab. Es verdirbt wirklich die Unschuld – ich will nicht einmal sagen der Natur, aber des Benehmens, dem infolge davon alle unmittelbare durchfließende Herzlichkeit mangelt.” Aus dem Gespräch mit Heyn: “Sie wollten ja gar nicht Gedanken übermittelt, sondern Wogen geglättet haben.” Bemerkenwert ist ein kleines Ereignis, das Heyn erzählte: Als im letzten, vierten Vortrage des Weißberg mehrere junge Leute (meist seine ehemaligen Mitschüler!) solchen Skandal machten, daß Weißberg schon allein deswegen ganz verloren war, stand ein Mann aus dem Publikum auf, ein Rechtsanwalt Hinrichsen, und sprach ein paar Minuten mit solchem Ernst (nachdem er zuvor die Ruhestörer zum Schweigen gebracht), daß er damit gewissermaßen die fatale Situation gerettet hat, wie Heyn berichtet. Hinrichsen erwies sich als kundiger Brunnerianer, deutete auf die Unmöglichkeit hin, mit ein paar herausgerissenen Sätzen eine Idee von der »Lehre« zu geben und schloß den Wunsch an, daß diese Vorträge wenigstens den Erfolg haben möchten, diesen oder jenen zu Brunners Werk hinzuleiten.122 12. April 1914 Gestern gegen Abend mit Vater den schönen Weg von Bornim durch Sanssouci nach Hause zurückgegangen. Er hat mir unterwegs die Geschichte vom heiligen Chrysostomos so ergreifend, so kunstvoll und gewaltig erzählt, als wenn er sie im Augenblick erfunden hätte. Auch hat er wohl wirklich mancherlei hinzugefügt und Lücken der Erinnerung in freiem Schaffen ausgefüllt. 13. April 1914 “Natürlich sind wir immer abhängig vom Ganzen, aber der eigentliche Kreis unsres Bewußtseins ist sehr eng. Im Zentrum unsres Egoismus sitzt gut und böse, das heißt nützlich und schädlich; weiter hin zur Peripherie zwar immer dasselbe (denn anderes kennen wir überhaupt 120 nicht), aber in schwächeren Graden des Lebensinteresses: schön und häßlich, das ist also der Nicht ganz. – 13. Juni 1914. 121

A. Moebius, Constantin Brunners Lehre. Wilh. Borngraeber, Berlin W. A. Moebius, Constantin Brunners Lehre. Wilh. Borngraeber, Berlin W. 122 Hinrichsen schickte später eine Arbeit ein, betitelt »Stunden mit Spinoza«. 121

– 113 – Art nach auch: was uns wohl und was uns wehe tut. Mit Kunst hat dies gar nichts zu schaffen; das Schöne geht die Kunst sozusagen nichts an als nur, daß es die äußerliche Form hergibt, die Modifikation des praktischen Verstandes.” (Antwort auf die Frage nach dem Wesen des Schönen.) 18. April 1914 Nadel hat Vaters Kritik so gut wie möglich aufgenommen. “Ich habe aber kein eigentliches Interesse mehr an ihm. Mich bestimmte nur damals der eine Satz, ihn mir anzusehen. Ich merkte aber sehr bald, daß dies bei ihm beherbergt ist wie alles andere auch, nämlich als bloße geistreiche Zufälligkeit. Es geht nicht durch den Menschen durch.” Als kleiner Junge hat Vater vor jedem Hund auf der Straße die Mütze gezogen, aus Ehrfurcht, und damit er ihn nicht beißen sollte. 20. April 1914 Gestern abend wurde lobend von der Wandervogel- und Pfadfinderbewegung gesprochen. Doch dem trat Vater entgegen: auf den ersten flüchtigen Blick sehe es zwar so aus, als würden da Freiheit und Selbständigkeit gefördert. Schwerer wiegt jedoch auf der andern Seite die Gefahr, daß solche Bewegungen dazu beitragen, die Familien zu zerbröckeln in einer Zeit, die ohnehin zu solchem Zerfall in so böser Weise neigt; dies um so mehr, als die jungen Menschen in ihrer Wald- und Wiesenfreiheit, fern vom Hause, besonders aufgelegt sind, sich untereinander mit unreifen Freiheitsideen anzustecken. Was aber der Familie schadet, schadet auch dem Staate. – “Wandervogel, Pfadfinder – alles die verlängerte Eisenstange!” (Vgl. »Der Judenhaß und die Juden« Seite 220f.) Im »Berliner Tageblatt« heute ein Prolog zur Festvorstellung der »Zauberflöte« von dem zeitberühmten Prof. Vaihinger. – “Wenn ich so etwas lese, dann kommt mir doch wohl mal der Gedanke, daß ich besser getan hätte, ganz in der Stille meine Sache fertig zu tun und sie erst nach meinem Tode herauskommen zu lassen.” Ich wandte ein, die völlige Abgeschlossenheit würde dem Werk zu sehr die Richtung ins Abstrakte gegeben haben. Die Berührung mit Menschen sei der Arbeit zugute gekommen. “Das sag nicht! Die paar kleinen Lebenswunden, die man braucht, erhält man schon auf diese oder jene Weise. Und das Entscheidende bleibt ja doch die eine große, immer offene, angeborene Wunde.” Von dem Prolog noch: er lese auch darin Christi Kreuzigung, denn das sei nun einmal ein so ungeheures Symbol und nicht bloß Christi Kreuzigung, sondern zugleich der Triumph der Pharisäer! 21. April 1914 Je älter er würde, desto unleidlicher käme ihm Schiller vor mit seiner Philistermoral und seiner absoluten Unfähigkeit, Menschen zu schildern. Eine Zeitlang mal hätte er gehofft, in den Prosaschriften etwas zu finden, doch sei darin dieselbe Todödigkeit. Ausgenommen nur ein paar sehr wundervolle Briefe, besonders an Goethe. “Eichendorff habe ich mal sehr geliebt, und auch heute noch klingt eine Seite in mir ganz ordentlich mit, wenn er mich berührt. Doch ist mir im ganzen seine Persönlichkeit und sein Kreis zu eng (solche Lieder an seinen Bruder! Der Bruder wird doch wohl sehr gelacht haben!). Es ist schließlich immer dasselbe und ist backfischhaft und sentimental. Auch sehe ich heute zuviel Spielerei und Selbstbetrug bei ihm und zuviel Goethe- und HeineNachahmung.” 28. April 1914 Vater wird ein sehr schelmisches Kind gewesen sein. Viel Einzelheiten zu behalten, ist nicht die Art seines Gedächtnisses. Aber er hat mir erzählt, wie er gern seine Mutter “gefoppt” hätte. “Ich saß doch immer am Fenster und sah mir unsre protestantische Kirche an, dieselbe, die ich wohl tausendmal gemalt habe, mit dem schönen goldenen Knopf, meinem Hauptkunststück. Da weiß ich noch, wie ich einmal rief: ‘Mama, Mama, komm mal schnell

Hauptkunststück. Da weiß ich noch, wie ich einmal rief: ‘Mama, Mama, komm mal schnell – 114 – her! Sieh mal, wer da in die Kirche geht!’ Und als die Mutter kam: ‘Ach wie schade! Du kommst gerade einen Augenblick zu spät; sonst hättest du gesehn, wie der lange Abraham Cohn in die Kirche gegangen ist!’” “Steif getauft” nannte Vater einen getauften Juden, der sich ängstlich bemüht zeigte, seine angeborene Lebhaftigkeit zu verbergen und ein möglichst unverdächtiges, germanisch ruhiges, reserviertes Wesen zur Schau zu tragen. Gestern saßen wir beide im starken Frühlingswind am Rande eines Ackers über dem Dorf Eiche. Ich erzählte den Traum der letzten Nacht, worin eine sonderbare Doppelexistenz eine Rolle spielte. “Seltsam, daß du so etwas sagst, denn auch ich hab all die Zeit her eine unbestimmte unfertige Träumerei von einem Doppelwesen in mir getragen. Doch kann ich’s eigentlich gar nicht erzählen; es ist wie eine Gegend, von der du nur Stücke siehst, das meiste aber überhaupt gar nicht. Nun, ich will versuchen, das wenige, was ich selber weiß! Denk dir einen, der rücksichtslos, gerade auch gegen das, was er liebt, seine Kraft, die groß ist, wirken läßt. Immer ohne Beschränkung. Aber bei alledem liegt in ihm wie ein Schatten, worin er das alles erlebt, wie ein fremdes Bild und Tun. Auch trifft er einst in tiefer Waldeinsamkeit an einem sonnenhellen Tage ein Wesen (was für eins? Da ist eine Lücke), das spricht zu ihm: Ich schenke dir die Doppelheit des Lebens! – Einmal liegt er auf dem Bett; da löst sich ein heller Dunst von seinem Körper, der wird dichter und zu einem weißen Licht; die Lichtgestalt bekleidet sich mit seinem Leibe, hebt sich empor – und immer folgt er – durch Welten, durch Nächte, durch Nächte von Nächten, in den Himmel schließlich. Dort liegt aufgeschlagen ein wunderbares, riesengroßes Buch, das Schicksalsbuch. Die lichte Gestalt läßt ihn hineinblicken. Er liest darin all sein Denken und Tun – liest es und ist ein Heiliger geworden. Danach findet er sich wieder mit geschlossenen Augen auf seinem Lager wie zuvor!” Wie Vater diese Geschichte oder vielmehr Idee einer Geschichte erzählte, war mir, als hörte ich ein Stückchen Chassidismus. Deutend sagte ich: “Ja. Wohl den meisten Menschen ist dies eigen – wenigstens kenne ich es so von mir selber –, daß man in den Augenblicken stärksten Gefühls, wo der Egoismus am mächtigsten herausgefordert und erregt ist, daß man da, an der Grenze des Lebens, sich sofort über die Grenze hinausschwingt ins Unpersönliche und sich selber mit allem Tun und Leiden als ein Fremdes, ein Relatives sieht und begreift. Wer aber derart sub specie aeternitatis sich von ferne betrachtet, ist, in dem Moment wenigstens, wirklich ein Heiliger. So trägt man sich selbst als seinen eigenen Heiligen in sich. Der Mann deiner Geschichte stellt mit seinem ganzen Leben dar, was uns höchstens in ein paar herausgerissenen Stunden zuteil wird, und so gehört es sich für eine Dichtung.” 30. April 1914 “Weder war Lessing ein Dichter, noch hat er von Kunst verstanden, wie er nicht erst nötig gehabt hätte, in seinem »Laokoon« zu beweisen. Er war ein lebhafter Mann, und als an einem solchen hat man Freude an ihm, wenn man seine Streitschriften liest; da ist einiges recht interessant und gut geschrieben. Auch vom »Nathan« halte ich übrigens viel; natürlich sehe ich ihn nicht als Kunstwerk, ganz gewiß nicht als Drama an, aber als ein sittliches Lehrgedicht mit guter Tendenz. Das Werk ist mehr angetan dazu, deklamiert als gespielt zu werden. Es ist aber recht schön; im »Nathan« weht reine Luft.” 1. Mai 1914 “Wenn man die Evangelien aufmerksam liest und Christus dabei als Menschen ins Auge faßt, als den wunderbaren, göttlichen, menschlichen Menschen, der er gewesen, sieht man da ganz deutlich eine bestimmte Entwicklungslinie: Zu Anfang war er ganz bescheiden – ‘Wer ist gut’, sagt er, ‘als der alleinige Vater im Himmel?’ Dann aber haben ihn offensichtlich die Schmeicheleien seiner nächsten Umgebung, besonders die der wohl ziemlich üblen Weiber, eingeräuchert. Es gehört schon eine enorme Eitelkeit dazu, so etwas zu sagen wie: ‘Arme habt ihr allezeit bei euch, mich aber nicht allezeit.’ Wenn sich das auch als Geschichte sehr schön liest, psychologisch betrachtet, wie man doch auch betrachten muß, sieht es anders aus.

liest, psychologisch betrachtet, wie man doch auch betrachten muß, sieht es anders aus. – 115 – Deutlich ist jedenfalls, daß Christus sich schließlich von seinen Nächsten hat einreden lassen, woran er im Beginn gar nicht gedacht hatte, daß er der Messias sei. Nun sieht er seinen Tod voraus, dies gibt ihm seine Haltung ein, bestimmt, heldenhaft und dann doch wieder vorsichtig, zurückhaltend (denk an die ausweichende Antwort: ‘Du sagest es.’).” Während der Korrektur des Judenbuches will Vater sich, wie er sagt, “beim Dreschen das Maul verbinden”, obwohl er damit gegen das ausdrückliche Bibelverbot handle. Der sonst vermehrten Kosten wegen. (Die Überkorrekturen für die zwei Halbbände der Lehre haben ihn vierzehnhundert Mark gekostet!) Übrigens hat er sich in seiner praktischen Berechnung getäuscht. Er glaubte, es sei ganz leicht, einen Verleger zu finden und sieht nun das gerade Gegenteil. Keiner hat den Mut. Die meisten tragen schon Bedenken, überhaupt irgend etwas auf Judentum Bezügliches zu veröffentlichen. Nun gar ein so kühnes Werk, so neu und original in Standpunkt, Entwicklung, Schreibweise. In einen ausgesprochen jüdischen Verlag möchte Vater es begreiflicherweise am wenigsten geben. Die Zwischenzeit nutzt er für die Arbeit selbst unermüdlich aus. “Ich habe ihr noch viel Herz, Fleiß und Kunst angedeihen lassen”, sagt er. 8. Mai 1914 Ein Schema zu einer sehr einfachen, aber tauglichen Geheimschrift gab Vater gestern abend Mutter und mir unterhaltungsweise an: Das Alphabet wird so aufgeteilt ABCDEFGHIKLM NOPQRSTUVWXY Für jeden Buchstaben tritt zunächst der obere respektive untere ein. Für A zum Beispiel wird N, für N entsprechend A gesetzt. Dann wird das hebräische Alphabet zu Hilfe genommen, dessen Buchstaben bekanntlich Zahlenwerte bezeichnen. Für A wurde N gesetzt; N = hebräisch [Zeichen fehlt] hat den Zahlenwert von fünfzig; der Anfang des deutschen Zahlwortes gibt nun in der Chiffre den Buchstaben; so daß also aus A schließlich F wird (oder Fü – wie man es sich bei dem häufigeren Vorkommen des gleichen Anfangsbuchstabens nun ausmacht). – Aus N wurde erst A, dann [Zeichen fehlt] = eins, also E oder Ei. Usw. – Das hebräische Alphabet steckt sicherlich irgendwo auch in den Chiffren auf Seite 1106 der »Lehre«. – Vater erzählt, daß er mit Hilfe jener Doppelbedeutung der hebräischen Buchstaben früher sehr nette Kunststücke gemacht hätte. So diktierte er eine große Kolumne von Zahlen schnell hintereinander, indem er die Buchstaben irgendeines hebräischen Verses im stillen in Zahlen umsetzte, die er an der Hand der Worte nachher bequem auswendig sagen konnte. 13. Mai 1914 Vaters Arbeiten ist so, daß er das erste, das Abstecken des Gebiets sozusagen, in großer Geschwindigkeit vollbringt, ja wie gehetzt von dem Gedanken, der Tod könnte ihm das Werk abschneiden, ehe die Grundlagen fest und erkennbar dastehen. “Ich laufe wie über eine heiße Platte.” Der zweite Teil seines Arbeitens, das Vertiefen, Erweitern, Schmücken dagegen gebraucht viel Zeit und geschieht in Muße; unermüdlich, doch in breiter Ruhe. Und darin würde Vater nie ein Ende finden, wenn ihm nicht von außen eins gesetzt würde. “Ich, der ich so von allem losgekoppelt bin, was die Zeit bewegt, ich komme wohl hin und wieder mal auf die Frage, ob ich nun eigentlich so tief unter oder so hoch über dieser Zeit stehe, daß sie für mich keinen Platz hat.” 14. Mai 1914 Daß er ganz einsam stehe, betont Vater jetzt häufiger. “Daß mein Werk nicht gerade eingestampft wird wie damals Schopenhauers, verdanke ich einem bloßen Zufall; einer gewissen persönlichen Liebenswürdigkeit, die durch die Zeilen scheint und die das bißchen Wirkung, wovon man überhaupt reden könnte, hervorgebracht hat. Im übrigen ist schon alles ganz richtig! Und ich muß damit zufrieden sein – und bin es auch! –, daß meine Sache da ist, und wenn sie einmal gesucht werden sollte, gefunden werden kann. Niemand steht zu mir. Keiner, der kommt und sagt: Du hast dies für uns getan (das

Niemand steht zu mir. Keiner, der kommt und sagt: Du hast dies für uns getan (das – 116 – Judenbuch), so wollen wir dir helfen. Alle sind Feinde oder Feiglinge. Man braucht sich nur unsre philosemitische Literatur anzusehen, wie ich doch jetzt getan habe, um zu wissen, wie feige sie alle sind. Vom Zionismus rede ich jetzt nicht, das ist Parteisache. Aber da sind Bücher von vielleicht vierhundert Seiten, und nach Seite dreihundert beginnt man ganz leise zu merken, die Schrift hat philosemitische Tendenz, ganz schüchtern verbirgt es sich zwischen den Zeilen. Und nun mein Buch, das klar sagt und klar will – wer soll den Mut dazu haben? Selbst wenn sie glauben, ein Geschäft machen zu können – sie wagen nicht, das heiße Eisen anzufassen. Ich habe nun wohl an dreißig oder mehr Verleger geschrieben und nach meinem Herzen und meiner Ehre nicht gefragt, weil ich sie ganz beuge unter Herz und Ehre der Sache. Nun aber mache ich Schluß, und geht es nicht so, komme ich eben aus einem Winkel an die Öffentlichkeit.” “Für den, der etwas Ernstes schafft, gibt es keine Hindernisse, nicht Ehe, nicht Armut, nichts. Was da ist, muß nach seiner Natur wirken. Die Menschen reden nur und die übrigen Dinge nicht. Der Bach fließt den Berg hinunter und klagt nicht: es ist mir zu kalt, oder: es ist mir zu warm, oder: da ist ein Stein! Natürlich gibt es doch Hindernisse, aber damit, daß man sich entschließt, es sollen keine sein, sind sie schon abgetan.” “‘Die Welt hat mich nicht angenommen’ – alles steht im Neuen Testament so schön und so wahr! Was wollen selbst die Freunde? Sich. Unter den Jüngern ist keiner, der etwas für Christus getan hat; doch, einer – Judas Ischariot. – Wie sah der Idealismus derer aus, die doch die bedeutendsten waren unter denen, welche sich mir näherten? Landauer – als ich zu seinem Sozialismus nicht ja sagen wollte, war es aus. Lou – da ich keine Lust hatte, mich eine Nacht mit ihr zu amüsieren – nichts also! Ja, die Freunde! Frida hat mir keine Treue gehalten, und lang habe ich da Glauben und Hoffnung gehn heißen. Doch kannte ich dies alles im voraus; die Welt hat mich nie betrogen und mir mit einer einzigen Schmeckprobe ihr ganzes Wesen gezeigt. Sollte es aber noch einmal so mit mir werden, daß ich alt werde und sie mir Anerkennung bringt, da möchte es wohl sein, daß ich bitter werden könnte (was ich jetzt nicht bin, wie du mir bezeugen wirst). Und dafür bitte ich dich, wenn es so kommt, daß du mich aufrufst und mir zeigst, daß Verbitterung mir nicht geziemt, daß sie ein Abfall sei von meiner Natur, ihrer Energie und ihrer Tapferkeit.” 28. Mai 1914 Vater hat eine kleine Seereise nach Kristiania hin und zurück mit dem Schiff über Kopenhagen gemacht, um seine sehr erschlafften Nerven zu erfrischen, dieses Mal allein, obwohl ihm das, wie er sagt, etwas schwer angekommen ist. Dennoch hat er sich während der Reise recht wohl gefühlt und bei heiterem Wetter das Schöne der Seefahrt wie der Umgebung Kristianias gut genossen. Holmekollen und die Höhen weiter hinauf beschrieb er entzückt und sehr anschaulich, besonders wie in der Dämmerung die hellen Häuschen unten geleuchtet hätten gleich lauter Lichtfunken. Ein altes Wikingerschiff, das in Kristiania zu sehen, hat ihm die Phantasie angeregt. “Wie es denkbar ist, solche Reisen mit so ein paar Brettern zu bestehen! Durch Charaktere ist es möglich. Damals war der Wille alles, was heute mechanisiert ist, heute, wo es keine Seeleute mehr gibt, nur noch Dampfknechte. Auch die Beziehungen der Menschen untereinander (die Menschen natürlich nicht) waren besser in jenen Zeiten, wo alles noch mehr auf Treu und Glauben gestellt war.” ÜberHarden sprachen wir letzthin ein paarmal. Und ich sagte, daß er das richtige Gegenstück zu Vater sei. Auch er opponiert gegen alles; aber nur gegen Einzelheiten, nie prinzipiell. Er ist eben ein Journalist, Vater ein Philosoph. So wird Hardens Kritik der Einzelheiten mit dem Tage verfliegen, Vaters Kritik des Ganzen, auf Philosophie und Charakter ruhend, wird bestehen. Ganz natürlich jedoch, daß in Fragen rein praktischer, besonders politischer Art, beide übereinstimmen. Harden geht nicht mit ernstem Schritt zu einem Ziel; er schreitet überhaupt nicht, er tanzt über den Boden; aber selbst im Tanz noch fehlt ihm Ruhe. Den Augenblick ist Vater unzufrieden mit dem Judenbuch, besonders mit dem Ton der Einleitung;

Den Augenblick ist Vater unzufrieden mit dem Judenbuch, besonders mit dem Ton der Einleitung; – 117 – doch nicht derart, daß er ihn ändern könnte noch selbst möchte. Vater hat mehrmals versucht, Bäumer das Wiederkommen zu erleichtern, ohne daß dieser die gebotene Hand ergriffen hätte. Nun, hauptsächlich durch einen Brief, von mir veranlaßt, hat Bäumer selber einen Annäherungsversuch gemacht, doch so schüchtern und zag, daß Vater ihn ganz übersieht. “Bäumer ist eine prächtige Natur und von einer Treue für meine Gedanken und auch für meine Person, wie sie eines größeren Menschen würdig wäre. Aber äußerlich ist er doch ganz gewöhnlich und muß, trotz innerlicher Feinheit, das Ordinäre leben, er bleibt ‘Das Köpenicker Dampfboot’ 123 Und dann ist er zu feige. Kann er sich nicht zu etwas mehr Stärke und Mut mir gegenüber aufschwingen – nun, so muß er eben wie jeder Mensch die Konsequenzen seiner Natur tragen. Ich habe versucht, ihm zu helfen, jetzt will ich nicht mehr.” 1. Juni 1914 Oko aus Cincinnati hob in seinem letzten Brief hervor, daß Vater durch seinen Enthusiasmus des Denkens im Leser eine philosophische Stimmung hervorrufe, die diesen für die Gedanken empfänglich mache. (Übrigens fast dasselbe sagt Magdalena in einem oder mehreren ihrer Briefe.) 2. Juni 1914 “Mich zu lieben genügt nicht der gerade Ochsenweg bis zu meiner Person, sondern mitlieben muß man all meine vielen Haken und Häkchen, woran so mancherlei aufgehängt ist.” (Vater meinte hauptsächlich seine Beziehungen mannigfacher Art zu allerlei Menschen, welche Beziehungen die ihm Nächsten verstehen, würdigen und in ihre Liebe mit einbeziehen müßten.) 4. Juni 1914 “Aus der Welt und aus mir selber rausgeschmissen, überhaupt ganz weggestumpelt fühle ich mich bei solchem Wetter!” – Die grauen, kalten Tage machen Vater in der Tat das Arbeiten fast unmöglich. Er fühlt sich elend, das Hirn ausgeleert und muß in der Finsternis die Augen- und damit die Kopfnerven über die Kraft anstrengen. Dennoch könnte er nicht im Süden leben, und es scheint dieser Kampf mit Kälte und Dunkelheit sogar notwendig, denn auffallenderweise sind gerade die düstersten Monate (Januar und Februar) regelmäßig die seiner stärksten Produktivität. “Alles muß man dem Teufel abringen”, sagt er wohl. 5. Juni 1914 “Von dem, was ich noch vorhabe, ist mir »Du und die Andern« das Wichtigste, und wenn ich zu wählen hätte, würde ich sogar lieber die Fortsetzung meines Werkes lassen als dieses fast aphoristische Buch, von dem ich mir eine starke unmittelbare Wirkung auf die junge Generation verspreche, und auf diese Jungen kommt es doch schließlich ganz allein an. Auch wird mir die Arbeit daran leicht werden, ja eine Erholung sein, weil die Form weniger streng ist und ein mehr künstlerisches Produzieren zuläßt; während ich der Arbeit an meinem Hauptwerke bei meinem jetzigen Gesundheitszustand gar nicht fähig wäre. Wie mein Kopf jetzt beständig ist, könnte er Konzentration auf das Abstrakte und strenge logische Formulierung gar nicht leisten.” »Die Vereinigung der Künstler mit den Denkern«, zuerst als Teil von »Du und die Andern«, dann als selbständiges Buch gedacht, möchte Vater nun in einige größere Aufsätze zerlegen und in Zeitschriften (»Zukunft«) veröffentlichen. Dadurch werden die Gedanken schneller verbreitet, Freunde erworben, und die alten Freunde sind froh, von Zeit zu Zeit Vaters Stimme zu hören, versichert zu sein, daß er noch lebt und sich und ihnen getreu weiter schafft. 8. Juni 1914

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Hinrichsen schickte später eine Arbeit ein, betitelt »Stunden mit Spinoza«.

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Bäumer ist in Köpenick geboren, und das »Köpenicker Dampfboot« der Titel einer winzigen Zeitung.

– 118 – Da ich Vaters Posse »Der Hund beißt« mit Vergnügen gelesen hatte und den forschen Gang bewunderte, sagte Vater: “Ja, das kann ich; dramatische Entwicklung ist das einzige, wofür ich Talent habe!” – Auf “Steigerung” legt er, wie schon berichtet, den größten Wert: in der Weihnachtsfeier, auf Reisen, bei Spaziergängen, ja selbst, wenn er Ponto ein belegtes Brötchen in kleinen immer weicheren und delikateren Bissen verabreicht. “Sieh hier, Ponto, das letzte Stück! Auf die herrlichen Terrassen deines Butterbrotes wird nun das Sanssouci dieser Wurst gesetzt!” 10. Juni 1914 Als junger Mensch hat sich Vater lebhaft mit dem Plan zu einem »Judendrama« getragen, das merkwürdigerweise in der Grundidee völlig mit »Der Judenhaß und die Juden« übereinstimmt, da es Verbindung von jüdischem Geiste mit deutschpatriotischer Gesinnung zum Ausdruck bringen sollte. Vater hat historische Vorstudien, besonders aber gründliche Menschenstudien für diese Arbeit gemacht, die dann durch die Tätigkeit im Literarischen Büro und am »Zuschauer« zurückgedrängt wurde. Schriftliche Aufzeichnungen scheinen nicht erhalten. Den Beginn sollte eine sehr bewegte Szene bilden: Jahrmarkt auf St. Pauli in Hamburg 1871. Eine Menge Buden, Ausrufer. Unter ihnen hervorragend ein jüdischer Handelsmann, Typus Elbstraße, fast ghettohaft, eine Art Veilchenfeld (»Der Hund beißt«). Einlaufen von Siegesdepeschen, die laut verlesen, dann im Taumel zerrissen, umhergestreut werden. Auf die Buden-Klettern, um vorzulesen, Tumult, buntes, aufgeregtes Leben. Zwischen all dem der Jude, dessen Anteil dadurch erhöht ist, daß sich sein Sohn im Kriege befindet. Dieser, eine interessante Natur, ist der Held des Schauspiels. Ein tapferer Soldat, dem der König selber das Eiserne Kreuz angeheftet hat. Dabei begeisterter Jude. 12. Juni 1914 “Ich rege mich nur, wenn mich etwas dazu auffordert. Ich habe gar keine Aktivität, sondern nur Re-Aktivität, im Leben wie im Schaffen.” Vater ist sehr wohl imstande, ja, seine Natur fordert es von ihm, zum Beispiel einen Menschen gegen seine eigentliche Überzeugung zu glorifizieren, nur weil andere ihn zu stark herabsetzen. “Wo Ich und Du und Ich und die Andern aufhört, da beginnt aller Ernst, alle Tiefe, alle Weisheit, alle Liebe.” “Warum glaubst du dir und deinen Sinnen? Und nicht mir?!” 13. Juni 1914 Emmas Vater war hier, ein pommerscher Bauer (ich habe ihn nicht gesehn), und Vater sehr erfreut über seinen Besuch. “Seit lange habe ich mich, außer mit dir natürlich, so gut nicht unterhalten. Ein fester und ein kluger Mann! Ich würde ihn seinem Aussehn nach eher für einen Schiffer als für einen Bauern gehalten haben. Seit ich ihn kenne, ist mir nun vieles in Emmas Natur noch verständlicher geworden. Über Familie und Staat haben wir uns unterhalten, und er sagte gut und selbständig gedachte Dinge, auch übrigens gut ausgesprochen.” 16. Juni 1914 Kettner hatte einen Aufsatz von sich (Besprechung des Euckenschen Buches »Sammlung der Geister«) eingesandt. Vater ärgerte sich über die Leerheit und bestimmungslose Allgemeinheit. Und spricht dann so ungemein drastisch. “Dieser blöde Idealismus! Ich kann Kettner nichts sagen, als daß er sich eine kleine, die kleinste, aber eine bestimmte Aufgabe vornehmen soll. Er mag über das Hühnerauge am letzten Fuß des Tausendfußes schreiben, so schreibt er doch über etwas. Aber dies?! Das ist doch überhaupt kein Schreiben – das ist Schwitzen! Und hast du schon mal gehört, daß einer ein Beefsteak schwitzt?!” (Das heißt in dieser vagen allgemeinen Abstraktheit konsolidiert sich’s nicht zu etwas Konkretem, zu einem “Beefsteak”!) 18. Juni 1914 Als Kind war Vaters Hauptspiel in den Schulpausen “Herr und Hund”, wobei er natürlich

Als Kind war Vaters Hauptspiel in den Schulpausen “Herr und Hund”, wobei er natürlich – 119 – den Hund machte; schon wegen seiner Fähigkeit, sehr schnell zu laufen, war er hierfür begabt. Im Schnellaufen und im Springen hat er sich beim Turnunterricht ausgezeichnet. Er war der beste Springer seiner Klasse, bis er sich einmal Schaden tat und ein halbes Jahr liegen mußte. “Unsere lumpigsten Journalisten sind immer noch klüger in Aufspürung des Wesentlichen als die Universitätsprofessoren.” “Der feinste unter den Romantikern war Jakobi.” 20. Juni 1914 “Einen naiv schaffenden Künstler gibt es nicht; zum Schaffen gehört immer höchste Bewußtheit.” 22. Juni 1914 Vater geht das Manuskript des Judenbuches durch, ist an einigen Stellen mit der Darstellung unzufrieden (meist, insofern sie ihm zu lebhaft ist), entschließt sich aber, nicht zu ändern, weil er sonst wieder mindestens ein Vierteljahr darauf verwenden müßte, nichts andres tun, nichts lesen dürfte; er möchte aber die Veröffentlichung nicht über den Herbst hinaus aufschieben und hält in diesem Falle die Änderungen nicht für unbedingt wesentlich. Bäumer, nun durch Altkirchs Übersiedlung nach Graz124 ganz vereinsamt, hat Vater gebeten, ihn wieder besuchen zu dürfen. So geschehn am 21. Juni, Sonntag, nachmittags. Miteinander auf unsrem Tiefen See gerudert, wobei Bäumer sich als ein tüchtiger aquaticus erwies. Aber die Beziehung damit nicht wieder angeknüpft. Zwei kulinarische Erfindungen hat Vater gemacht: “Gitter” und “Schlaukobbler”. Das Gitter besteht darin, daß ein Liqueur (am besten Chartreuse) derart zum Kaffee getrunken wird, daß zuerst ein Schluck Kaffee, dann schnell ein Schluck Liqueur, dann schnell wieder Kaffee genommen wird, wobei sich die Geschmäcker sozusagen gitterartig kreuzweis übereinanderlegen. – Schlaukobbler ist eine Zitronenlimonade mit Rheinwein vermischt, etwas Vichysalz hinein. Vaters liebster Wein ist Rheinwein, besonders wenn er starken Felsgeschmack hat. Auf Rotwein legt er keinen besonderen Wert und trinkt einen leichten regelmäßig zu Tisch nur um der körperlichen Anregung willen. 24. Juni 1914 “Niemand ist gut denn der alleinige Gott. Das heißt: wer Gott, wer das geistige Bewußtsein in sich trägt, nur der kann gut sein. Und ja, wer gut handelt, tut es nicht aus Güte, sondern aus Weisheit, aus Weisheit Gottes. Denn die Menschen, auch die sogenannten besten, sind schlecht untereinander. Nicht schlecht, sie suchen ihr Interesse.” Zu drolligem Spiel ist Vater oft beim Spazierengehen aufgelegt. Gestern fuhr er mit mir auf dem Dampfer nach Kladow, und von dort gingen wir den schönen Weg nach Sakrow. Das ist hier doch ein ganz ander Leben mit Spaziergängen in der wirklichen Natur, Wasserfahrten, Rudern (Vater und ich in gleichem guten Takt); Sonnenuntergänge von unsrer Glienicker Brücke, erhabene! “Die schönsten Sonnenuntergänge”, sagt Vater, “haben wir hier in der Mark.” Gestern, als wir auf den Dampfer warteten, fragte Vater mich: “Willst du mein Kerlinchen Poikel sein?” “Nein, Poikel klingt wie Porkel, und das kommt von porcus Schwein, das mag ich nicht.” “I wo, Poikel kommt doch von Poikile!” “Ja, dann will ich!” Solcherart Unsinn spielen wir zuweilen. Und dann tausend Beziehungen, zärtliche, komische Vergleiche zwischen Lotte und Kerline. Lotte ist so sehr viel tüchtiger im Laufen. Aber Kerline steht der Hut so nett. Usw. Früher, auf größeren Wanderungen, hatten wir fast Zeitung. 124

Er hatte inzwischen einige Jahre in Berlin zugebracht.

– 120 – immer irgendein komisches oder romantisches Spiel. Durch das Dorf Puttgarten, bei Arkona, zogen wir, indem Vater beständig sang: “Putt putt putt mein Lottechen, Putt, putt, putt mein Schnuckel. Hier fliegt nicht Mück noch Mottechen, Sonst kriegt’s was auf den Buckel.” Einmal, da wir bei schlimmem, kaltem Regen im langweiligen Ostswine auf den Zug zu warten hatten, gingen wir trotz des Wetters ins Gehölz, und zwar Vater als ein indischer Fürst, ich als seine Frau Duschijah, die einen phantastischen Park besaß, Boote mit goldenen Rudern, schneeweiße Gazellen, und einen Priester verurteilte sie zum Tode, weil durch seine Schuld eine der heiligen Gazellen umgekommen war. Auf Rügen, erinnere ich mich, zauberten wir besonders eifrig. Da war der böse Geist Grünspan, der sich gern in Kühe verwandelte, die Vater dann mit gezücktem Regenschirm bedrohte und beschwor, so daß die Bauern offenen Mundes stehenblieben und ihn wohl für verrückt hielten. – Manchmal geriet ich ganz in den Bann dieser Phantastik. So eines Abends, als wir durch Wald heimwanderten, und Vater, ein morgenländischer Zauberer, seine Hand, weiß wie Milch, im Mondschein ausreckte – da bekam ich’s mit der Angst und lief ihm davon in die Dunkelheit des Waldes. In Neu-Strelitz gab es eine wunderschöne Geschichte mit einem kleinen Wettergeist Nartek, einem zarten Knaben, der durch einen rohen überlegenen Geist elend zu Tode kam; ich weiß leider nichts Genaues mehr. Gar nicht leiden mag ich das Muottas Muraigl-Spiel, das in St Moritz aufkam und seinen Namen von einem Berge der Gegend hat, auf den wir hinauffuhren, um die Aussicht durch das langgestreckte Engadin zu genießen; während der Fahrt mit der Drahtseilbahn hüllte sich aber schon alles in Nebel, der dann oben sich gerade auf eine Sekunde teilte, so daß wir noch eben einen Blick, zart und grau wie eine Silberstiftzeichnung, erhaschen konnten. Der Name, der schnurrige, ließ uns nicht mehr los. Vater ernannte sich zum Muraigl, mich zur Muottas, und ich mag das Spiel darum nicht, weil ich gegenüber dem ungezogenen Muraigl, der nichts tut, als mich mit spitzfindigen Fragen quälen, die jämmerlichste Mutterrolle spiele. “Muottas, warum heißt es nicht ‘von Tischtele?’” “Was??” “Ach, Muottas, du bist zu dumm. Wieso heißt es denn Tischtele-phon?” – “Muottas, was ist David?” Ich bin dumm und kann nicht antworten. “Dreimal darfst du versuchen.” Ich, wie gejagt, probier drauflos. “Ach, du bist dumm. David is Kochbuch.” “Was?!” “Na ja, es heißt doch immer Davidis Kochbuch!”125 Und so unerschöpflich weiter zu meiner Verzweiflung. “Du bist überhaupt eine ganz unnatürliche Muottas!” Dies entsetzliche Spiel, das eigentlich nur in einer Verhöhnung meiner Mutter-Dummheit und -Schwäche besteht, kann leider auch in der Stadt gespielt werden. Auch in der Stadt haben wir in seltenen Fällen netten Unsinn getrieben. Einmal, am hellerlichten Tage in der Leipzigerstraße, mitten im Menschenstrome, hielt Vater plötzlich an und schrie: “Du vertierst überhaupt immer mehr!” Da mußte ich doch sehr lachen. Ein andermal, Hochbahn 2. Klasse, Vater seinen Kalabreser tief und schief in die Stirn gerückt, recht laut: “Sag mal du, wird denn der eine Bückling heute abend für all die Leute reichen? Und wo nehmen wir denn Stühle her?” “Ach, das geht schon; man kann ja auch auf oder unter dem Tisch sitzen. Und ein halber Hering ist, glaube ich, auch noch da!” (Längst waren die Leute von uns abgerückt!) “Na ja; wenn das nur heute abend nicht wieder ‘ne Messerstecherei gibt!” “Ja, immer die Eifersucht wegen der verfluchten Angelina!” Usw. zum Befremden der Passagiere. 27. Juni 1914 “Bogumil Golz ist sehr fein und originell. Besseren Leuten empfehle ich ihn, wo ich Gelegenheit habe.” “Magdalena kann richtig schreiben. Besonders seit sie begriffen hat, daß man keinen Satz schreiben muß, der nicht von Empfindung gefüllt ist – worin ja eigentlich die ganze Poetik 124 Er hatte inzwischen einige Jahre in Berlin zugebracht. 125

Ein früher bekanntes Kochbuch.

– 121 – besteht.” “Thorwaldsen und seine todlangweiligen Nachfolger – das ist alles praktische Archäologie; Abteilung: Übungen! Lebendigen Wert hat das nicht, weil die erregende Leidenschaft fehlt, mag Thorwaldsen selber noch so rein in der Linie sein. Seine griechischen Übungen sind übrigens immer noch besser, als wo er germanisch charakteristisch sein will; seinen Christus finde ich ganz dumm.” – Von da geriet das Gespräch auf Goethe. “Seine schönsten Sachen bleiben die deutschen Dichtungen, »Werther« und »Faust« (den »Goetz« schätze ich nicht!). Bei »Iphigenie« und »Tasso« ist mir immer sehr schlecht zumute gewesen. Natürlich kann er, der so wunderbar und doch auch – leider! – alles kann, er kann das auch: griechisch reden. Und eine Sprache ist geduldig und biegsam, sie läßt viel mit sich machen. Doch da ist die Ecke, wo der scharfe Wind geweht hat, der uns allen so verderblich geworden ist, der uns weggebracht hat von dem guten Wege, auf den Luther uns, vom hebräischen Bibeltexte inspiriert, geführt hatte.” Das Mottiv für sein Judenbuch “Cum ira et studio” hat Vater in einer Schrift von Samter über Judentaufen gefunden. Doch hatte er vor langer Zeit schon einmal im Gespräch mit mir geäußert, jedes gute Buch müsse cum ira et studio geschrieben sein. Nun wollte er Samters wegen in dem Werke eine Bemerkung machen, daß er das Motto von ihm entlehnt habe. Jetzt aber findet er bei Bogumil Golz dasselbe: Nec ira sine studio über verschiedene Abteilungen seiner Schriften gesetzt. Dies veranlaßt Vater, den besonderen Hinweis fallen zu lassen. 28. Juni 1914 Vater sah in der Zeitschrift »Licht und Schatten« (Beilage zum Hamburger Correspondenten No. 14) eine Zeichnung »Kain« von Lovis Corinth, die ihm bedeutend erscheint. “Kain hat mich nie besonders beschäftigt; aber nun steht er für immer vor mir, wie Corinth ihn da gezeichnet hat. Das steht einfach. So wie man sich Moses nie anders mehr vorstellen kann, wenn man den von Michelangelo gesehen hat. Auch den David so. Das sind geflügelte Bilder, wie es geflügelte Worte gibt; man kann sich dann nicht mehr anders ausdrücken.” Vater malt sich gern künftige Reisefreuden aus. So macht ihm schon seit lange Vergnügen, von einer Reise zu sprechen, die er gegen den Herbst mit mir nach Kristiania machen möchte. Was er mir alles zeigen wird! Wie wir den Tag in Kopenhagen ausfüllen wollen. Daß wir nie in den Städten selbst, sondern draußen im Freien wohnen werden. Was ich wohl zu den Trollhättan sagen würde! Ob ich Lust hätte in Kristiania etwas von nordischer Malerei zu sehn? Die Glyptothek in Kopenhagen müßten wir auf alle Fälle besuchen; sie würde mich “mächtig” interessieren! Usw. Nach dem Süden bekomme ich ihn leider kaum. Doch hat er mir versprochen, sich wenigstens Venedig einmal von mir zeigen zu lassen. Denn der Bedeutung des Markusplatzes für ihn bin ich sicher. Für ihn heißt reisen eigentlich nur: in den Norden fahren (am liebsten ginge er bis Spitzbergen hinauf, wenn er nicht die Kosten scheute); für mich ist’s leider umgekehrt: Ich denke nur an Italien, Südfrankreich, Südspanien.126 29. Juni 1914 Nach einer Absage: “Wenn die B. nicht kommt einen besuchen, müßte man ja Lustbarkeitssteuer zahlen!” 30. Juni 1914 “Börne ist einfach, kunstreich, kräftig im Stil und immer stark und tüchtig in der Gesinnung. Wenn er so ein Was des Schreibens gehabt hätte wie sein Wie, so gehörte er zu unsren großen Schriftstellern, während er nun nur der größte deutsche Jourmalist ist. (Denn Heine rechne ich dahin nicht, weil der doch schließlich sehr viel mehr ist).” 125

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Vater mag sehr ungern bei Bekannten essen, so gern er selber Tischbesuch hat. Einladungen Ein früher bekanntes Kochbuch. Die geplante Reise wurde durch den Krieg vereitelt.

– 122 – selbst bei Freunden anzunehmen, kostet ihn geradezu Überwindung. Er ißt sich dann auch einfach nicht satt vor Unbehagen und aus einem dunklen Gefühl, als ob man ja so etwas gar nicht in Anspruch zu nehmen hätte. Gewöhnlich läßt er sich dann noch auf dem Heimwege in einem Restaurant etwas Ordentliches vorsetzen. Anders allerdings Magnussens gegenüber, und es gibt noch einige wenige Ausnahmen. Das sind besonders gastfreundliche und unwiderstehlich gütige Menschen, und der ganze Haushalt hat etwas Wohlhabendes. Bei Magnussens zum Beispiel macht es Vater bei guter Aufgelegtheit sogar offenbar Spaß, an der mit Blumen und schönen Geräten geschmückten Tafel zu sitzen. Auch raucht er bemerkenswerterweise Magnussens Zigarren; sonst mag er eingeladen sein wo auch immer, fremde Zigarren nimmt er nie an, sie schmecken ihm nicht. Er hat da einen sehr empfindlichen Geschmack und verstand von jeher, Zigarren so auszusuchen, daß zum Beispiel selbst die verwöhnten Söhne von Frida Mond, die nie weniger als einen Shilling für das Stück bezahlten, Vaters AchtPfennig-Zigarre, die er damals rauchte, gern nahmen und sogar bewunderten, und die feinnervige Frida hat immer den Geruch seiner Zigarren gelobt. 1. Juli 1914 Gestern einen herrlichen Abend im Kaiserkeller. Nur wir beide. Nachdem Vater mit dem Verlag Österheld so gut wie abgeschlossen hatte, zu unsrer Freude. Schöne Gespräche. Zum Beispiel über Christus und das Wunder der Evangelien. Die Vollkommenheit der Niederschrift erklärte Vater aus der Zeit: Es gab noch keine Literatur, stattdessen Tradition, das macht ganz andere Menschen mit andrem Sinn für Gesprochenes, anderem Schreibvermögen, anderem Gedächtnis. “Und es gibt eben unendliche Menschenmöglichkeiten. Jetzt, unsre Zeit ist so charakterlos, so gleichgültig geworden, daß es in ihr nicht einmal möglich ist, sich an den Galgen zu bringen!” – Nachher kamen wir auf George Sand, ihr “theoretisches Pathos”, das Vater sehr schätzt, ohne allzuviel unmittelbare Sympathie für ihre Person zu empfinden, woran ihn das Männliche in ihrer Natur hindert. “Was aber nur darum manchmal so verletzend aus ihr herausspricht, weil die Männer, mit denen sie zu schaffen hatte, für ihre Natur zu weiblich waren.” Von ihrem Einfluß auf Ibsen sprach Vater dann, den er immer als einen echten Dichter bezeichnet, dem es aber an Klarheit im letzten Prinzipiellen gefehlt habe. Die Frauenbewegung, auf die wir von Ibsen und George Sand gerieten, habe nur eine Mutter, die Sand, keinen Vater. “Das ist aber auch ganz natürlich, denn wenn sich ein ordentlicher Mann überhaupt daranmachte, so würde er höchstens die Frauen wieder zurückjagen!” – Es war im ganzen eine so schöne Harmonie, ein so volles Beisammensein; daß wir durch die lärmende Friedrichstraße Hand in Hand gingen wie durch den verschwiegensten Wald. Ich hatte ein wunderschönes Kleid an: weißer Krepp wie Spinnweb, mit blaugrün und schwarz in krausen, doch ganz ruhigen Mustern bestickt. Österheld zeigte Vater ein Buch von Schlaf, das er verlegt hat. “Holzfrei scheint ja das Papier zu sein”, sagte Vater (mit Beziehung darauf, daß früher Schlaf mit Arno Holz zusammengearbeitet hat) – “ob es aber auch schlaffrei ist?” Noch einige von Vater stammende Benennungen (vgl. Seite 82f.): die alte taubstumme Tante Male Levy: Malefica oder auch Tanta malorum. Herr Halle, ein Bekannter: der Hallesche Tor.127 2. Juli 1914 Über das Judenbuch: “Dies hat mich so maßlos theoretisch aufgeregt, und darum ist es der Keimpunkt meines Buches, daß die ‘Andern’ sich all unsrer Ideale bedienen und dann von uns sagen, wir seien ideallos! Das ist himmelschreiend menschlich. Und insofern hat mein Buch eine philosophische Seite, als ich den ganzen Fall behandle als ein Beispiel, eine ungeheure Illustration für 126 das Wesen der Menschennatur, das Egoismus ist. Wir haben alles, was nur irgend etwas Die geplante Reise wurde durch den Krieg vereitelt. 127

Ein sehr von uns bewundertes Dienstmädchen aus der Potsdamer Zeit: Else Tatagata. – Späterer Zusatz.

– 123 – im höheren Sinne wert ist, gegeben – nie könnten sie einen Moses, Christus, Spinoza hervorbringen, und selbst nur die Kleineren: Lassalle, Montefiore, selbst einen Moses Mendelssohn, so ungern ich den mag, doch ist auch er in gewissem Sinne letzter Ausläufer der Art, die eben an ernsthafter Sittlichkeit nicht ihresgleichen hat – und gerade das sprechen sie uns ab! Daraus muß ihnen der Prozeß gemacht werden. Was die Juden für den Handel getan haben, daß der Wechsel ihre Erfindung ist (ich glaub’s nicht einmal!) – das ist alles Quatsch und Nebensache und fällt mir gar nicht ein zu erwähnen. Die Hauptsache muß Hauptsache bleiben. Und heute ist die Zeit für den Prozeß da, heute, wo die Juden fester sitzen als je, durch die Mischehen. Ihr Geld nützt ihnen nicht mehr wie früher, auch sind sie nicht mehr die Reichsten im Lande; der nationale Kaufmann tut, was er kann, sie zu verdrängen. Aber die Mischehe, so entsetzlich sie mir im Grunde des Herzens ist, so lieb doch aus taktischen Gründen. Die Welt kann jeden Tag, heute, morgen, ohne daß wir es merken, in Roheit versinken. Dann ist es die Mischehe, wodurch die Juden verflochten sind und die sie schützt!” 3. Juli 1914 Rauchen hat für Vater, wie er sagt, nur negativen Wert. Insofern er einen Mangel verspürt, und zwar sehr empfindlich, wenn er es zu unterlassen gezwungen ist. Im allgemeinen sind seine Zigarren gut mittelstark, wenn er sehr intensiv arbeitet, bevorzugt er schwerere. Seitdem Auftreten seines nervösen Herzleidens hat Vater das Rauchen beschränkt. Früher gebrauchte er täglich etwa zwanzig Zigarren, jetzt durchschnittlich kaum sechs, jedenfalls nicht mehr. Hier wirkt ein Versprechen, das er mir in dem schlimmen Winter 1908 in Gardone gegeben hat, um meine Besorgnis zu beschwichtigen. Mich beunruhigte damals sein Rauchen, weil einige Ärzte sein Herzleiden damit in Verbindung gebracht hatten. Ich bat ihn so inständig, sich einzuschränken, daß er mir überließ, ein tägliches Maximum zu bestimmen. Ich ließ ihm als Äußerstes sechs Zigarren täglich zu. Soviel mußte ich schon bewilligen, denn ich hatte einen produktiven Menschen vor mir und zudem einen starken Raucher (der zum Beispiel früher mal ein halbes Jahr hindurch nur Importen geraucht hatte!). Vater gab sofort ohne Widerrede sein Wort und hält es streng. Eine von den ganz kleinen Zigarren, die er gewöhnt ist, rechnen wir als knapp eine halbe normale. 4. Juli 1914 “Eine Sprachphilosophie läßt sich auf den einfachen Gedanken gründen – hier ist wieder simplex sigillum veri –, den ich in meinem Werke angedeutet habe: Wörter sind Dinge, Grammatik ist Bewegung. In solcher Sprachphilosophie gibt es dann nicht, wie in all den andern, Mitten, von wo aus man sich ins Unbestimmte verliert. Weil damit die Sprache sich mit dem Denken als völlig übereinstimmend erweist. Daher muß auch von solchen sprachwissenschaftlichen Untersuchungen, auf solcher philosophischen Grundlage, ein helles Licht auf das Denken selbst fallen, denn die Analogie, der Parallelismus liegt immer auf der Hand. Um ein Beispiel zu nennen: Indeclinabilia gibt es genau wie in der Grammatik auch im Denken: Das höchste Indeclinabile ist natürlich die Substanz. Insofern, als in ihnen die einzelnen Bestandteile am meisten in Bewegung aufgelöst und der ganze Satz oder gar mehrere Sätze in einen Brei verkocht sind, bezeichnen die agglutinierenden Sprachen eine Höhe. Obwohl andrerseits gerade sie eben dadurch, zum Beispiel durch das Ausschließen von Nebensätzen und Appositionen, sich der Möglichkeit deutlicher Explikation und überhaupt der Ausbreitung und Entwicklung im Sinne unsrer Sprachen begeben. Sprache von diesen Gesichtspunkten aus studieren muß überaus interessant sein. Zum Beispiel das Verhältnis der Wörter zu den Endungen, die selbstverständlich auch einmal Wörter gewesen sind (was auch andres, da wir nur in Vorstellungen denken?!). Wir haben gewissermaßen Freie und Sklaven unter den Wörtern und einen kommunistischen Staat, worin die Sklaven für viele Herren zugleich zu arbeiten haben in förmlichen Phylakterien. Ach, was ließe sich da noch alles sagen und ausführen! Und welche Lust, es zu tun, nachdem unsre Philologen so trefflich im einzelnen vorgearbeitet haben! Da würden sich dann keine Lücken mehr ergeben – ja, wohl Lücken an Beispielen, aber keine im Denken.” 5. Juli 1914

5. Juli 1914 – 124 – “Alle Theorien über unsre Praxis, von der hygienischen bis zur nationalökonomischen, sind so wenig wert, daß man jede ohne weiteres durch ihr Gegenteil ersetzen könnte. Und in der Tat läuft ja oft die Entwicklung in der Weise, daß das stracks Entgegengesetzte eine Theorie ablöst.” In allem, was unmittelbar sein Werk betrifft, zeigt sich Vater ordentlich bis zum Pedantismus. So hat er mir gestern gestanden, es sei ihm ein wirklicher Schmerz, nicht ein ganz glattes, reines, typographisch schönes und tadelloses Manuskript in die Druckerei liefern zu können.128 Aber das ist ihm noch nie geglückt, nicht mit dem kleinsten Aufsatz, weil ihm immer wieder Nachträge und Einfälle zu Änderungen kommen. – In andern Angelegenheiten ist Vater unordentlich. Es stört ihn gar nicht, Kragen und Schlips, die er beim Arbeiten nicht umhaben mag, den ganzen Tag zwischen Büchern und Manuskripten auf dem Schreibtisch herumliegen zu haben. Briefe wirft er in irgendeine Schublade, ohne sie je zu ordnen. Dagegen ist er in der Beantwortung sehr gewissenhaft wie in allem, wo es sich um Rücksichtnahme auf Menschliches handelt. Quittungen bewahrt er in den seltensten Fällen auf, so daß er schon manche Rechnung zweimal bezahlen mußte. Vor seiner Verheiratung ließ er sich mit der größten Sorglosigkeit ausnutzen. Wenn sein Schneider, Herr Schnakenbeck, Geld nötig hatte, machte er Vater einen freundlichen Besuch, musterte seinen Kleiderschrank und fand, daß unbedingt ein neuer Anzug gebraucht wurde. Das war in Hamburg, zur Zeit des Literarischen Büros. Jetzt kostet es unendliche Mühe, Vater zur Anschaffung von Kleidungsstücken zu bewegen; er schiebt sie trotz unsrer Reden, Bitten, handgreiflichen Beweise so weit hinaus, daß er inzwischen oft mit geflickten Hemden und unmöglichen Stiefeln herumgeht. Mutter und ich sind, das darf ich wohl sagen, in unsren Toilettenansprüchen sehr bescheiden. Es kommt wohl vor, wenn auch selten, daß Vater selber mitgeht, einen Hut etwa oder Mantel für einen von uns zu kaufen; dann wählt er durchaus, was ihm gefällt und wovon er meint, daß es uns Freude macht, ohne Ängstlichkeit hinsichtlich des Preises. Ist er gut aufgelegt, so kann es Vergnügen machen, mit ihm zu besorgen. Wir beide wenigstens haben uns schon gut dabei amüsiert und sogar von Spaß und Laune bei der Wahl treiben lassen. So in diesem Sommer, wo wir zusammen einen kleinen hellblauen Hermeshut mit schwarzen Flügeln für mich kauften, weil Vater drollig fand, wie mich der Hut plötzlich in einen richtigen griechischen Hermes umwandelte; da nahm ich ihn, obwohl er zu meinen übrigen Sachen nicht gut paßte. Vater zeigt sich dann ganz von seiner leichten, kindlichen Seite, ist im Laden zärtlich zu mir, macht spaßige Bemerkungen über die Gegenstände und kleine Scherze, um die Verkäuferinnen zu unterhalten. 6. Juli 1914 “Jeder Mensch hat einen Punkt besonderer Schwäche; und darauf muß man im Verhältnis zu ihm Rücksicht nehmen und vor dieser Schwäche, an der sich nichts ausgleichen und korrigieren läßt, einfach die Segel streichen.” “In jedem Verhältnis zwischen zwei Menschen werden immer von Zeit zu Zeit auf beiden Seiten die Grenzen der Kompetenz neu festgesetzt.” “Ein Reicher müßte ein Buch, ein kleines Buch schreiben, worin er den Reichen sagte, was sie eigentlich mit ihrem Geld anzufangen hätten und daß Reichsein eine Schuld bedeutet, die abgetragen werden muß. Die Sozialisten haben das freilich schon gesagt, aber von ihnen, den Armen, den anderen, hören sie es nicht; es muß einer aus ihrer Mitte kommen!” 9. Juli 1914 Vater ist früher, wie er sagt, ein “Gleichnismacher” gewesen (wie Goethe), hat fast nur in Bildern und Gleichnissen gesprochen – bis sein Denken anfing, sich mehr ins Systematische zu richten; da hat er sich das gleichnisweise Sprechen zum Teil unwillkürlich, aber auch Späterer Zusatz. 128

Nietzsche quälte aus demselben Ehrgeiz die halbblinden Augen. Goethe hielt schön geschriebene Exemplare des »Götz« und der »Marienbader Elegie« fast heilig.

– 125 – mit Willen abgewöhnt. Daß er dumm sei, sagt Vater oft und mit ehrlicher Überzeugtheit. Er kennt kein eigentliches Nachdenken, und er schafft, als wäre da einer in ihm, der diktierte. Als er so ähnlich sich wieder gestern äußerte (beim Kaffee im Garten der Historischen Mühle, wo die Buschrosen lange, heitere Girlanden zogen), da mußte ich an eine Photographie denken, die einmal Rosi Bieber von Vater gemacht und wobei ein Versehen etwas sehr Glückliches ergeben hat: Vaters Kopf ist hinter den ägyptischen Vorhang in seinem Zimmer geraten und der Mund der Sphinx so dicht an sein Ohr, daß es scheint, als gäbe sie ihm ein, was er zu sagen habe. Der Ausdruck von Vaters Gesicht geht damit merkwürdig zusammen: schwer und breit liegen die Wangen, die Augen glanzlos. 10. Juli 1914 “Die Natur will den Geist nicht; drum macht sie ihm den Eintritt jedesmal schwer. Nichts will sich verwandeln, alles möchte in seiner Form beharren.” 18. Juli 1914 In der rasenden Hitze läuft Vater salopp herum, nämlich nur mit einer Hose bekleidet, den Oberkörper bloß. Doch hat er eine so schöne, breite, reine, hellglänzende Brust, daß es ein sehr angenehmer Anblick ist. Der sonst Schamhafte kann dann über das Maß sorglos sein: indem er zum Beispiel in solchem Zustand auf den Flur hinausläuft an seinen Briefkasten, unbekümmert darum, ob gerade ein Lieferant die Treppe heraufsteigt. Unsern Herrlikow, der jetzt zum Besuch hier ist, bringt Vater den ganzen Tag lang zu seinem ungeheuren, dröhnenden Gelächter. Oft mit sehr bescheidenen Mitteln. “Was? Ihr Bayern spuckt die Steine von den Kirschen aus?” “Ja, macht ihr dös nit?” “Doch. Wir tun es eben als Preußen!” “Ich bin einer der besten Christen, die heute existieren. Und ich glaube wie keiner sonst an eine wichtige Lehre des Christentums: die von der Gnadenwahl. Bei Christus findet sie sich verborgen, bei Paulus ganz entwickelt. Nur der Name ist natürlich schlecht. Paulus gehört zu den mächtigsten Köpfen, die die Welt gehabt, es kommt einem nur meist nicht zum Bewußtsein, weil es immer heißt: der ‘Apostel’ Paulus!” 19. Juli 1914 Vater sprach heute wieder davon, wie zäh er als junger Mensch gewesen. “Ich sagte schon öfter, ich war mal ein halbes Jahr lang besoffen; das heißt aber ein Vierteljahr; denn am Tage arbeitete ich. Ich konnte sehr wohl die ganze Nacht hindurch ungeheure Quantitäten Alkohol vertilgt haben (wieviel? Ihr würdet immer denken, ich übertreibe, wenn ich’s sagen würde), um sieben Uhr früh etwa kam ich dann heim und sofort an den Schreibtisch. Schlief ich aber gar von sieben bis neun, so fühlte ich Herkuleskraft. Und gehen konnte ich überhaupt ohne Grenze; acht, zehn Stunden steigen, ohne daß ich das Geringste spürte. Da brauchte ich auch keine Trainage vorher: ein Vierteljahr nicht aus der Bude rausgekommen und dann plötzlich einen ganzen Tag lang gewandert!” Daß die Leute von dem Wesen der Nervosität nur sehr dunkle Vorstellungen hätten, führte Vater aus, daß sie tausend verschiedene, absolut nicht in einen “Mülleimer” gehörende Erscheinungen mit dem Sammelnamen “nervös” deckten. “Die Nervosität ist förmlich die Substanz, deren unendliche Attribute wir nicht kennen; wir sehen nur ein paar, eben genug, um die Möglichkeit unendlicher Attribute ahnen zu lassen.” 25. Juli 1914 “Soldat wäre ich unter keiner Bedingung geworden; aber als Freiwilliger würde ich mich im Kriege jederzeit zur Verfügung gestellt haben.”

– 126 – 26. Juli 1914 Wir sprachen zuerst scherzend davon, wie in so einer Zeit wie die Französische Revolution wohl mancher und besonders manche mag guillotiniert worden sein, nur weil er oder sie gerade einen Hals besaß, der dazu anreizte. “Denn in Epochen, die das Gesetz zersprengen und die Persönlichkeit freigeben, kehrt sich alle mit Sinnlichkeit gemischte Grausamkeit hervor, die sonst zwar auch vorhanden, aber mehr niedergehalten ist. Überhaupt treiben solche Zeiten ungeahnte Individuen und Kräfte an Individuen hervor, da jeder avancieren kann nur nach dem Werte (nicht dem moralischen) seiner Persönlichkeit und nach der Stärke, womit er seine Affekte mit der allgemeinen Idee zu verbinden vermag. Ich könnte mir denken, daß ich zum Beispiel, der ich jetzt so hinter meinem Schreibtisch hocke, ins Zentrum großer Weltzusammenhänge gestellt, ebenso wohl handeln könnte, wie ich jetzt denke. Ja, ich wäre ein ausgezeichneter Feldherr, einer, der in jedem Fall das einzelne auf das Zentrale zu beziehen wüßte. Und so könnte ich mit gutem Herzen und Gewissen leben, gerade wie jetzt mit meinem Schreibwerke. Was ich nicht kann, was mich tötet, ist nur das Kleinbürgerliche, die enge Welt, das halte ich nicht aus.” Im weiteren Verlauf des Gesprächs über besondere Zeiten und ihre Männer kamen wir auf Franklin – “eine sehr seltsame, schöne, uneigennützige, sehr kennenswerte Natur und der reinste Typ des selfmade-man, gar nicht durch Umstände gefördert, alles aus sich selbst heraus schaffend”. Dann auf Oliver Cromwell, “wohl der allermerkwürdigste Mann der neueren Geschichte, von dem man eigentlich gar kein Bild hat, der vor einem steht, wie mit eisernem Visier bedeckt. Und seine Leute! Und dieses Verhältnis zur Bibel! Was die Bibel da wieder geleistet hat! Nein, solche Merkwürdigkeit!” 2. August 1914 Nun ist Kriegszustand verhängt, und wir mobilisieren. Gerade heute vor acht Tagen, da wir uns noch keinen ernsten Gedanken über die öffentliche Lage gemacht hatten, kam Vaters Neffe Edu, der sich bei Werder ausgedehnte Plantagen eingerichtet hat, eigens her, nur um zu sagen, wir möchten für alle Fälle Geld flüssig machen, denn es würde schlimm werden. Er selber hatte sich schnell mit Konservenvorräten und Waffen versehen, denn sein Haus würde im Falle einer Hungersnot zuerst von den Bauern geplündert werden. “Kommt es soweit, miete ich mir eine Schaluppe und rauf mit Frau und Kind und den Konserven. Im Schiff findet uns keiner!” Wir lachten. ”Edu, du erzählst Indianergeschichten”, sagte ich. “Und das nur, weil Österreich mit Serbien etwas vorhat!” Er blieb dabei, es hätte nie so ernst ausgesehn. Vater sah dagegen die Lage sehr optimistisch an und hielt einen europäischen Krieg für beinahe ausgeschlossen. “Nach acht Tagen wird sich ja zeigen, wer recht hat” – damit ging Edu weg. Doch ließ Vater sich auf jeden Fall soweit von ihm beeinflussen, daß er mir den Auftrag gab, eine Summe Geldes von der Bank zu holen und einigen Vorrat an Lebensmitteln zu bestellen. Er selbst reiste am nächsten Tag mit Mutter nach Misdroy. Was mich sehr befremdete war dann, daß ich auf der Bank kein Hartgeld, sondern nur Scheine erhalten konnte, obwohl man mich auf meine Frage lächelnd versicherte, das stünde mit der Kriegsgefahr in keinem Zusammenhang. Inzwischen ist die Verwirrung der Leute soweit gestiegen, daß sie nicht einmal Gold, nur Silber nehmen. Nur kleines Geld. Die Eierfrau wies ein Zehnmarkstück, das Mutter ihr bot, ab: “Nee, nee. Wenn Se’s nich kleener haben, denn gar nich. Ick kenne Ihnen ja. Bezahlen Sie lieber een andermal.” – Fieberhafte Aufregung überall: Werden wir mobilisieren oder nicht? Finstere Entschlossenheit, als dann gestern der Befehl herauskam. Vater ist sehr ruhig, tröstet, klärt auf. Heute die in Angst aufgelöste Portiersfrau. Er erwartet immer noch, daß das Schlimmste abgewendet wird. “Wenn nicht – heute, wo fünfundzwanzig Millionen ins Feld kommen –, das gibt einen Krieg, wie ihn die Weltgeschichte noch nicht gesehn hat. Ein wahrer bellum omnium contra omnes. Siebzig-Einundsiebzig ist mittelalterlich, einfach mittelalterlich dagegen!” Er möchte, daß, wer irgend imstande, seinen Wehrbeitrag im Ganzen zahlt statt in Raten. Sehr leid ist ihm, daß unser Kaiser, den er gern hat und schätzt, sich in seinen Reden jetzt schlecht bewährt. Empörend sind ja auch solche Worte, daß er allen verzeihe, die es schlecht mit ihm gemeint! Auch, daß unsre Neider uns zu den Waffen getrieben hätten!

Neider uns zu den Waffen getrieben hätten! – 127 – In diese Zeit der allgemeinen Erregung fällt der Tod unsres kleinen Ponto, der seit einigen Monaten schwer an einer Geschwulst litt, die die Leber angegriffen hatte. Heute ist eine Operation versucht worden, doch zeigte sich bei der Gelegenheit die Geschwulst als so bösartig, daß der Arzt, wie er mit Vater für diesen Fall vereinbart hatte, sich genötigt fand, das liebe Tier sanft mittels Morphium hinüberzubringen. Die Beklommenheit des Unentschiedenen liegt schwer auf Vater. Zu seiner Arbeit kann er sich unmöglich konzentrieren. Die beste Lösung seiner persönlichen Spannung wäre, wenn er etwas Äußerliches für die allgemeine Angelegenheit schaffen, organisieren, tun könnte. An die Herausgabe seines Judenbuches, woran ihm vorher so viel gelegen hatte, denkt er gar nicht mehr. Mir fällt jetzt ein, wie er mir zum Trost immer sagte: “Keinen Tag später als es muß.” Wirklich, wäre das Buch schon Ostern erschienen, es wäre nun so gut wie verloren gewesen, während nach einem Kriege wahrscheinlich Teutomanie und Antisemitismus so steigen werden, daß es dann erst recht am Platze ist. Für den Ausgang des Krieges hat Vater – so entsetzlich es gerade für uns Deutsche aussieht, die wir von allen Seiten eingeschlossen und bedroht sind – “ein gutes Gefühl”. Wir sprechen fast nur vom Krieg – wie übrigens jedermann. Gestern abend, als Vater und ich noch ein wenig spazierengingen, auf die Glienicker Brücke und dann durch die stille, dunkle Schwanenallee, sagte ich: “Wenn ich mir den Krieg vorstelle, sehe ich doch nichts als all das junge, gute Blut, das dann über die Erde fließt. Daneben erscheint mir alles abstrakt.” “Nein, nein”, antwortete Vater. “Ich sehe unser Deutsches Reich, das eben vierzig Jahre steht und herrlich steht, zerbröckelt und zergangen, Schleswig-Holstein abgerissen, ElsaßLothringen abgerissen, im Osten Polen abgerissen, das ganze Reich in kleine Staaten aufgelöst – das ist das Konkrete, denn das ist die Idee! Da sieht man eben doch, daß du ein Weib bist, und ich bin ein Mann! – Ja, wenn der alte Fritz jetzt wiederkkäme und der uns führte – da würde auch ich die Flinte auf den [B]Puckel nehmen und mitziehen.” “Ein gutes Gefühl hab ich. Aber es hält sich so im Unbestimmten, daß es in mein praktisches Tun nicht einfließt. Da bin ich durch die Unsicherheit so gelähmt, ich habe zur Zeit so gar keinen Schwung in meiner ganzen Natur, daß ich tatsächlich nicht einen einzigen Satz schreiben kann.” “Wenn wir einen großen Krieg bekommen und wenn Deutschland siegreich daraus hervorgeht, was ich hoffe und glaube, dann wird sich bei uns eine solche Teutomanie breitmachen, daß man es nicht mehr wird aushalten können. Denn das ist wahr, keine Nation neigt so wie unsre dazu, sich mit etwas ganz Leerem zu spreizen.” Patriotische Lieder singend ziehn die Soldaten aus in ihren grauen Feldzugsuniformen, meist mit düsterem Gesicht. “Woher soll auch die Begeisterung kommen”, sagt Vater, “in diesem Krieg, wo es nichts zu retten, nichts zu verteidigen gibt, und sie eigentlich nicht einmal wissen, gegen wen und um was es geht. Was für eine Parole soll ihnen mitgegeben werden?” – “Immer feste druff”, sagen die Gedankenlosen. Am Sonnabend sollte ich einen eingeschriebenen Brief an Frida nach London schicken, und da schon hieß es, geschlossene Briefe dürften ins Ausland nicht mehr befördert werden. 3. August 1914 “Mir ist, als ob ich selber Deutschland wäre – rechts will Rußland, links Frankreich auf mich los. Ich fühle es an meinem Herzen, das wieder gar nicht in Ordnung ist.” “Ich hätte die Politik ganz anders geleitet, wenn ich sie in Händen gehabt hätte. Statt den Dreibund zu stiften, der uns nicht viel wert ist, würde ich immer versucht haben, Deutschland mit England zu verbinden. Von da droht uns nun die eigentliche Gefahr.” 4. August 1914 “Ich bin jetzt zu nichts fähig, ich kann keine Karte schreiben. Wirklich, ich bin darin

“Ich bin jetzt zu nichts fähig, ich kann keine Karte schreiben. Wirklich, ich bin darin – 128 – schwächer als irgendeiner: Wenn bei mir die Hauptfunktionen nicht in Ordnung sind, setzen die nebensächlichen gleich von selber aus – ich träume nur so darüber hin. Du glaubst nicht, wie viel ich mir in meinem Leben durch solche unnatürliche Lässigkeit einfach unwiederbringlich kaputtgemacht habe. Und die Unsicherheit jetzt, das In-der-Schwebe-Hängen bringt mich ganz um.” “Das weiß ich sehr wohl, daß dieser Krieg auch die Relativität ist. Aber ich will gegen mein Gefühl dafür gar nicht das andere aufrufen. Ja, ich würde nicht wollen, selbst wenn ich könnte.” “Das Verhalten der Mächte empfinde ich bei diesem Ereignis genauso wie das der einzelnen Menschen in ihren privaten Schicksalen. Ich bin überzeugt, daß im Grunde kein Reich diesen europäischen Krieg gewollt hat, aber alle fühlen sich dazu getrieben durch die Angst des einen vor dem andern und durch die Panik, die zuletzt jedes ergreift.” Gestern fuhren wir nach Tempelhof zu Magnussens. Auf der Fahrt mit der elektrischen Bahn bekam man einen lebendigen Eindruck davon, daß nun wirklich Krieg ist. Am BellealliancePlatz zog ein Trupp Kürassiere zu Pferd vorbei, darunter blasse, feine Jungen, schön wie Ritter der alten Zeit. Unser Wagen hielt. Sie winkten und lächelten durch die offenen Fenster zu uns herein. “Kommt alle wieder!” rief eine alte Frau und brach dann in Schluchzen aus. Niemand konnte die Tränen zurückhalten. Das Tempelhofer Feld ist bedeckt mit Pferdebaracken und Lazarettwagen. Schwarze, braune, weiße Pferde zur Ausmusterung stehen da in Menge. Freiwillige haben sich mehr gemeldet als zur Zeit angenommen werden können. In der Bahn gebärdete sich ein blujunger Bursche ganz verzweifelt, weil man ihn zurückgewiesen hatte. Aber, was die Zeitungen auch sagen mögen, im ganzen fehlt die Begeisterung, und der größte Teil fügt sich nur schweigend ins Unabänderliche. “Jetzt wo unsre Existenz bedroht ist, erfährt einmal jeder handgreiflich, daß der Staat gleichbedeutend mit unsrem Leben ist. Aber sie kommen nicht zur Klarheit darüber.” Das schlimmste in der ohnehin bestehenden Unsicherheit sind die zahllosen falschen Gerüchte, die sich im Handumdrehen bilden, ja deren Entstehung man unter Umständen selber beobachten kann. Jeden Augenblick glaubt das Publikum einen Spion erwischt zu haben, die Phantasie wird zu den fabelhaftesten Erfindungen angeregt. Vater ist demgegenüber allemal durchaus skeptisch und begegnet den meisten Erzählungen mit einem ungläubigen Lächeln. Wer von den näheren Bekannten in den Besitz einer amtlichen Meldung gelangt ist, telephoniert sie sofort. So erhielten wir gestern abend die entsetzliche Nachricht, daß England mit uns gebrochen habe. Vater nahm sie hin wie ein Todesurteil. Aber dennoch will er keinen Zweifel an unserm Gelingen aufkommen lassen. “Wenn irgendwann, erfährt man in solcher Zeit, daß jede politische Partei nichts andres ist als Lebensfürsorge. Urteil – das ist ein verbrämtes Synonym für Interesse.” Noch nie ist Vater so grenzenlos zärtlich, so meiner fast beständigen Gegenwart bedürftig gewesen. Als ich meinen Entschluß aussprach, mich für Pflege von Verwundeten zur Verfügung zu stellen, hatte ich kaum darauf gerechnet, daß Vater sofort zustimmen würde. Aber er tat es, und als ich andre Möglichkeiten der Hilfsleistung erwog, sagte er: “Nein, dies ist das beste, weil es das einfachste und das unmittelbarste ist, und Krankenpflegerinnen kann es in solchem Falle nie genug geben.” Jetzt heißt es nicht: Wie geht’s? sondern: Hast du eine Nachricht? 6. August 1914

6. August 1914 – 129 – “Das einzige Land, das wirklich gewinnen könnte, ist Rußland. Denn wenn es verliert, kriegt es die innere Revolution, die allein es der Kultur näherbringen kann.” “Der Tüchtigkeit, Zuverlässigkeit, Arbeitstreue unsrer Truppen dürfen wir gewiß sein. Auch haben wir zweifellos gediegene Offiziere. Auf diesem Gebiet hat von jeher der Adel so viel getan, daß wir ihm Dank schulden, und da ist er unersetzlich, denn er hat die Tradition. Ob unsre ersten Führer Genie besitzen, kann man nicht wissen. Mir ist aber überhaupt nicht sicher, ob es heute noch wie in früheren Kriegen auf menschliche Genialität ankommt, ob es nicht vielmehr ein bloßes mechanisches Abwägen sein wird – wie Maschinen, die aufeinander losgehen, und wo dann der Zufall entscheidet, welche die andre kaputt macht.” “Wenn wir glücklich aus diesem allen hervorgehen – das gäbe ein friderizianisches Aufblühen (anders wüßte ich es nicht zu nennen). Aber das Schicksal liegt für lange dunkel vor uns – Verhandlung mit Ausschluß der Öffentlichkeit, sagt es und sperrt den aus, über welchen doch entschieden wird.” Mutter sagt, es wäre ihr gerade, als läge ein Schwerkranker, und man wüßte nun nicht, würde er gesunden oder sterben. Keiner von uns mag etwas tun, das nicht mit der Sache zusammenhängt. Ein Buch zu lesen oder gar im Kahn zu rudern, käme einem beinah wie Hochverrat vor. Aber das wird natürlich nur in den ersten Tagen so sein. Danach muß sich ja die ärgste Spannung lösen und persönlichen Interessen wieder nachgegangen werden. Im Volke zeigt sich nun doch eine große Begeisterung, die wächst, je schwieriger sich unsre Lage gestaltet und ein Vertrauen auf die deutsche Streitmacht, das mir in gewissen Augenblicken beinahe frevelhaft erscheint. “Wir siegen!” Über eine Million Freiwilliger hat sich schon gemeldet. Darunter Siebzig-, ja Achtzigjährige, die ihr Eisernes Kreuz vom letzten Kriege vorzeigen und so den Anspruch auf Uniform begründen. Sie werden denn auch eingekleidet und hier im Lande für irgendwelche Dienste, zum Beispiel zum Einüben von Reservisten verwandt. Aber von den Jüngeren will kaum einer hierbleiben, jeder will sich aussetzen, “Ich bleibe nicht etwa hier, die Glienicker Brücke zu bewachen, ich will ins Feld und kämpfen,” sagte der Gärtner drüben. Von den Franzosen wird geringschätzig, vom Russen aber mit äußerster Verachtung gesprochen. Möglich, daß die Kraft der Feinde von den Unsern unterschätzt wird, ja wahrscheinlich. Die Russen werden von vornherein für Überläufer gehalten, die um Gefangennahme flehen. Von den Franzosen heißt es, daß sie nicht einmal Stiefel hätten. 9. August 1914 Wirklich, unsre Leute gehn mit einer Zuversicht, die hinreißt. “Wir werden’s schon machen!” Keiner, der mit Zwang herangeholt werden mußte; die Abgewiesenen sprangen in die fahrenden Züge, weil sie durchaus mitwollten. In acht Tagen die gesamte Mobilisierung fertig. Nun, die Soldaten sind überzeugt, in vierzehn Tagen hätten wir Paris! Aber in sechs Wochen ganz gewiß; denn so habe es der Graf Haeseler (der einzig Populäre) unserm Kaiser in die Hand versprochen. Als die Nachricht von der Erstürmung Lüttichs kam, war Vater außer sich. Er telephonierte an alle. Überhaupt ist das Telephon ein guter Ableiter seiner Unruhe. “Das hatte ich erwartet, das ist preußisch, das ist fritzisch. So geschwind mußte es gehn!” An sein kindliches Soldatenspielen wird Vater nun wieder lebhaft erinnert. Alle Schlachten vom alten Fritz hat er genau nachgespielt mit seinen zwei- bis dreitausend sorgfältig ausgeschnittenen Papiersoldaten, von denen der Bogen einen Sechsling kostete. Zwei Kanonen, auf jeder Seite eine, schossen Erbsen. Die Soldaten singen: “Lieb Vaterland, magst ruhig sein” – das ist jetzt mehr als ein Lied!

Die Soldaten singen: “Lieb Vaterland, magst ruhig sein” – das ist jetzt mehr als ein Lied! – 130 –

14. August 1914 Es treffen so spärliche Nachrichten vom Kriegsschauplatze ein, daß man sich zu Befürchtungen getrieben fühlt. Wir sind ruhiger geworden, aber es hängt doch wie ein schwarzes Tuch über allen. Vater meint, die eigentliche Entscheidung für die allgemeine Stimmung sowohl wie für das Benehmen der andern Länder (besonders Englands und Italiens, auch Dänemarks) hinge von dem Ausgang des ersten größeren Treffens ab. “Wenn wir zuerst siegen, dann darf man voller Hoffnung auch für das Ende sein.” Wienbrack ist Landsturm mit Waffe und leistet schon Wachtpostendienste in Mahlow. Er telephonierte neulich, er hätte schon Rebhühner geschossen “aus Patriotismus – weil sie ja den Bahndamm gefährden könnten”. Und Karnickel – weil, was auf zweimaligen Anruf nicht steht, niedergeschossen werden müsse. 15. August 1914 Man hört so gut wie nichts! Aber viele, auch Vater, fürchten, daß auch Italien, unser Dreibundgenosse, sich gegen uns wenden könnte. So persönlich verlassen kommt man sich vor! Das aber wäre ja gar nicht auszudenken, daß all unser teures Blut um nichts in die Erde flösse. Vater rechnet heimlich und laut mit unsrem Siege (eben weil mit dem Gegenteil zu rechnen unmöglich wäre) und verwandelt schon in seiner Phantsie das bisher labile Gleichgewicht Europas in ein stabiles, wofür ihm in erster Linie die Schwächung Rußlands (durch Wegnahme Polens und der Ostseeprovinzen) und die Englands (Gibraltar müßte an Spanien kommen) notwendig erscheint. “Die Großmächte stehen wie die Hunde erst eine lange Weile ruhig nebeneinander da; dann, mit einem Male, chap chap chap chap! fallen sie alle übereinander her und verbeißen sich ineinander.” Gaulke war da. “Nun, Gaulke, was sagen Sie?” “Gar nichts. Mich geht die Geschichte nicht das geringste an; ich bin lediglich Zuschauer. Hab ich immer gewußt, daß der Völkerwahnsinn mal losbrechen würde. Ich bin eine neutrale Macht, wohlwollend für Deutschland, aber neutral. Ich tu gar nichts. Ich will keinen kaputthauen, also auch keinem die Wunden verbinden.” – Und Vater, der heiße Patriot, der von jedem Aufopferung bis ins letzte für das Vaterland verlangt, kann doch von Gaulke solche Worte vertragen, weil sie in seinem Munde keine Frivolitäten sind. “Ich finde das bei ihm sogar schön! Denn es ist nicht Leichtsinn und Kälte, es ist sein Charakter. Bei Gaulke kommt das alles aus der Wurzel, drum klingt es echt und verletzt nicht. Er macht nicht mit, er stellt sich auf sich selbst, und er kann es. Sein Standpunkt ist anders als der meine, aber es ist einer.” Der Steuerbehörde, die in Gaulke drang um gewisse Auskunft über seine pekuniären Verhältnisse, hat er geantwortet: “Ich lebe von Anleihen, nach dem Vorbilde des deutschen Reichs.” – Ein andermal wurde ihm der Offenbarungseid abgefordert, worauf er zurückschrieb: “Du sollst den Namen deines Gottes nicht unnützlich führen. Und deine Rede sei Ja, Ja, Nein, Nein; was darüber ist, das ist vom Übel.” Vater gibt vorbedächtig kein Geld an öffentliche Kassen, weil er alles irgend zu Erübrigende privatim wird abgeben müssen. “Wenn der und die und die und der und die vielen alle zu mir kommen: Wir hungern! da kann ich mich ihnen nicht versagen. Meine Familie ist groß, und ich muß auf viel und schlimme Not gerüstet sein. In seinem Kreise ordentlich geben, soviel man kann, ist schon etwas wert.” “Von Körner habe ich als Kind viel mehr gehabt als von Schiller. Weil er so unmittelbar kriegerisch ist. Die Gedichte, aber besonders den »Zriny«, konnte ich auswendig. Den »Zriny« spielte ich überhaupt immerfort. Auch den »Nachtwächter« habe ich aufgeführt mit meinen

spielte ich überhaupt immerfort. Auch den »Nachtwächter« habe ich aufgeführt mit meinen – 131 – Geschwistern, und das war denn eine Sache!” 17. August 1914 “Wenn wir in diesem Kriege Frankreich überwinden sollten, so glaube ich, werden wir es – wie in den biblischen und griechischen Kriegen – auf eine absolute Vernichtung absehen, die ja übrigens gerade in der Konsequenz der Feuerwaffe liegt; alles Männliche wird dann wohl über die Klinge springen müssen.” 18. August 1914 “Englands Handeln, das nenne ich gute Politik, denn das ist die echte, schöne, ehrliche Perfidie: England bedient sich Deutschlands, um Rußland zu schwächen. Wenn wir jetzt Rußland besiegen, so ist es England, das den Sieg errungen hat, ohne daß es England einen Pfennig kostet.” “Dieser Krieg ist übrigens eine ausgezeichnete praktische Widerlegung der Rassentheorie. Sehr rassenbrüderlich das, wie die germanischen Engländer mit Slawen und Romanen gemeinsame Sache machen gegen uns! Es ist eben, wie ich sage: Nur die Staaten, die Politieen, sind das Reale.” 19. August 1914 Vater hungert nach einem Sieg. Er ist wie im Fieber. “Ein absolut guter Ausgang ist für uns jetzt überhaupt unmöglich geworden, wo es nun sicher ist, daß auch die Japaner gegen uns gehen werden. Unsere Kolonien können sich die Feinde einfach einstreichen, wie Croupiers. Ich habe nie viel auf unsre Kolonialausdehnung gehalten. Wir sind keine Weltmacht – das ist England; uns fehlt dazu von vornherein die richtige geographische Lage –, wir sind eine europäische Großmacht. Unser Geschrei, unsre Überhebung, unser kurzer Traum wird jetzt wohl ein Ende finden.” Als Vater aus der Zeitung Berichte von für uns günstig ausgelaufenen Gefechten las: “Ich will das alles nicht. Ich will den Vernichtungssieg.” Er ist absolut fest durchdrungen davon, daß der nächste große Schritt über unser Tod und Leben entscheidet. “Wir stehen vor dem dunklen Schicksalstor; jeden Augenblick kann es sich öffnen.” “Der Staat, diese Lebensmöglichkeit, die wir mit Kunst der Notwendigkeit abgetrotzt haben, ist nun in Frage gestellt. Unsere Unruhe, das ist das Fragezeichen.” “Eine Niederlage Deutschlands würde ich niemals überwinden.” “Meine Politik wäre immer gewesen: gute Freundschaft mit England zu halten.” 20. August 1914 “Die Schlachten, die ich kenne, die von Hannibal, Cäsar, Friedrich dem Großen, sind ja alle ganz anders als die modernen mit der unendlich langen Frontlinie. In meinen Schlachten kam es immer darauf an, den einen Flügel zusammenszudrücken und dann die ganze Armee einzuschließen. Aber ich muß mich auch an die lange Front gewöhnen, und es wird am Ende auf das gleiche hinauskommen. Ja, schließlich ist meine Schreiberei ja auch nach diesem Prinzip: Ich habe eine lange Linie und darauf all die vielen Einzelheiten verknüpft und befestigt, und dann mit einem Mal (mit ausdrucksvoller, heftiger Armbewegung), dann breche ich durch mit Hurrah!” “Ich habe früher mit großer Aufmerksamkeit den ganzen Clausewitz gelesen. Das ist wohl einer unsrer feinsten Militärschriftsteller.” 23. August 1914 Der Sieg bei Metz hat Vater sehr beglückt – aber noch bei weitem nicht beruhigt. “Es ist

Der Sieg bei Metz hat Vater sehr beglückt – aber noch bei weitem nicht beruhigt. “Es ist – 132 – noch nicht der Vernichtungssieg, den wir brauchen. Und zufrieden können wir überhaupt nicht sein, solange die Franzosen noch auf deutschem Boden stehn.” Vaters Neffe Edu war einen Tag bei uns. Es hat mich ungemein interessiert, wie in andern Fällen früher, auch jetzt in dieser großen öffentlichen Sache, die verblüffende Ähnlichkeit seiner Auffassung mit der seines Onkels zu beobachten. Ganz dies absolute Dabei- und DarinSein, die gleiche Energie, das Wesentliche zu ergreifen, die dazugehörige Heftigkeit, womit das Nebensächliche – das ist jetzt vor allem das Persönliche – abgestoßen wird. “Wie geht es denn mit deiner Gesundheit?” “Ach, das ist doch ganz egal! Wie kannst du denn jetzt danach fragen!” Dasselbe in etwas andrer Form habe ich Vater wiederholt sagen hören. Die Lebhaftigkeit und Energie Edus scheint mit der Art des alten schwedischen Onkels verwandt, kommt also von Vaters Mutter und deren Vorfahren her. “Wenn die Engländer eine ordentliche Schlappe durch uns erleiden, bekommen Sie hundert Mark”, hat Edu einer armen Frau versprochen. Vater schenkt der Zeitungsfrau Geld für jede Siegesnachricht, die sie bringt. Vater arbeitet wieder an seinem Judenbuch, indem er vor allem das einfügt, wozu ihn die neuesten Ereignisse angeregt haben. Seit Ausbruch des Krieges liest Vater regelmäßig die Zeitung uns allen gemeinsam vor, während wir Soldatenstrümpfe und -pulswärmer stricken. Er legt Wert darauf und war eines Tages sehr erregt, als Emma fehlte, weil sie einholen gegangen war. Wir lesen immer vormittags, sowie ich aus dem Rote-Kreuz-Kursus zurück bin. Und natürlich abends. Vater, der doch jedem einzelnen, in kleinsten Kleinigkeiten selbst, Interesse zeigt und Unterstützung gewährt, wie er kann, denkt jetzt im Krieg völlig unsentimental. Die Gefallenen spielen ihm gar keine Rolle. “Du mußt historisch denken.” 25. August 1914 “Ich versuche zu arbeiten, so schwer es mir jetzt wird und hoffe doch, dem Vaterlande durch diese meine geistige Arbeit einen größeren Dienst zu leisten, als ich mit meinem doch schließlich ziemlich schwachen Leibchen könnte.” 29. August 1914 Vater lobt das Geheimnis, womit all unsre militärischen Operationen umhüllt sind, von den ersten Vorbereitungen an. Niemand wußte von der großen Anzahl unsrer Luftschiffe, von der Wirkung der 42 cm-Geschütze, und ebenso war jeder überrascht von der Menge grauer Felduniformen, die so plötzlich aus den Arsenalen herauskamen. Wir waren gerüstet bis auf den letzten Knopf, in einer Weise, die keiner im Publikum hatte ahnen können. Dann kam die bewundernswerte Ruhe und Pünktlichkeit, womit sich in wenigen Tagen das ungeheure Werk der Mobilisation vollzog. Die Regimenter wurden in die Züge gesetzt, und kein einziger erfuhr, wohin es ging. Niemand hier kennt den Aufenthalt des Hauptquartiers; vom Kaiser hieß es nur, daß er abgereist sei. “Diese absolute Geheimhaltung ist das Zeichen des Tüchtigen. Damit wird die Gediegenheit unsres deutschen Charakters bezeugt. Denn das bringen die andern nicht fertig. Ein Romane kann ein Held sein, er kann sich fürs Vaterland hinopfern, aber Schweigen bewahren, solch völliges Schweigen, daß nichts hindurchsickert, das läßt ihm seine Lebhaftigkeit nicht zu.” “Die Ordnung in unsrer Armee, wie in jedem gut eingerichteten Verbande, beruht auf absolutem Gehorsam und absoluter Selbständigkeit. Jeder Führer, ja schließlich jeder Soldat ist einerseits durchaus an seinen Befehl gebunden, andrerseits aber nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet, wenn es die Umstände fordern, nach eigener Überlegung und Entscheidung zu handeln. Eine Tragödie wie die des Prinzen von Homburg wäre heute nicht möglich.”

möglich.” – 133 –

“Goethe hat so wenig Sinn für Geschichte wie für Musik besessen und ist an der Französischen Revolution und der Befreiung Deutschlands wie an Beethoven vorbeigegangen.” “Ein kleiner Sieg über die Engländer erfrischt und befreit alle Herzen hier mehr als selbst ein großer über Russen oder Franzosen. Man hat ein ganz andres Gefühl dabei: das einer riesigen Schadenfreude. Es ist das ein Stück Gerechtigkeitsgefühl, hinübergenommen aus Friedens- in Kriegszeiten, wo es eigentlich gar keine Anwendung hat, weil alle Gerechtigkeit aufhört.” 30. August 1914 “Was ich hauptsächlich bewundere, das sind unsre preußischen Märsche. Gut marschiert ist halb gesiegt.” Gestern abend war Vater in Berlin. Er erzählt, daß dort die vergnügteste Stimmung herrsche, nicht die Spur getrübt durch die Nachricht von dem traurigen Untergang von vier deutschen Kreuzern und einem Torpedo in der Nordsee. Die Restaurants sind übervoll, die Häuser geflaggt, und auf den Straßen drängt sich das Volk auf Berichte lauernd und immer wieder patriotische Lieder singend. Es gibt natürlicherweise mehr Sensationslüsterne als wahre Patrioten. Der Vaterländische Frauenverein, der Nationale Frauendienst – alles schlecht organisiert, Weiberwirtschaft. Bezahlte Rechnungen und unbezahlte Rechnungen durcheinandergeraten, so daß junge Mädchen treppauf, treppab rennen müssen mit den Quittungen und jedes Mitglied zu fragen haben: “Ist Ihr Beitrag schon gezahlt oder nicht?” Schlimmer und ganz unerträglich hört sich an, wenn eine Vorstandsdame als etwas Selbstverständliches erzählt, daß sie den Namen und die Adresse einer halb verhungerten Frau [vergessen] oder den Zettel mit der Notiz verloren habe! Überhaupt diese Zettel! Alles schreiben sie statt in ein Buch auf lose Blätter, die nachher irgendwo herumfahren. Hier in Potsdam besteht ein Überangebot von Hilfskräften, wodurch die leitenden Damen erst recht den Kopf verlieren. Vater behauptet, daß Frauen ernster Organisationsarbeit nicht gewachsen seien. Sie könnten überhaupt nichts leisten, wozu Gedächtnis und Umsicht gehört. Um die ins Feld berufenen Schaffner der elektrischen Bahnen zu ersetzen, hatte die Gesellschaft versucht, die zurückgebliebenen Frauen einzustellen – mit sehr schlechtem Erfolg. “Wenn für uns alles gutgeht, und wir Polen bekommen, so gibt es natürlich über kurz oder lang einen Krieg zwischen Österreich und Deutschland um Polen.” “Grey hat sich offenbar sehr verrechnet in der Beurteilung unsrer Kraft. Wer weiß, ob er nicht mit diesem Irrtum den Anfang vom Ende der englischen Weltmacht begründet? Noch ist England der mächtigste Staat, noch hat es seine Flotte – aber auch nur seine Flotte, und eine verruchte Stunde, ein einziges Bumbum kann alles kaputtmachen.” “Johannes von Müllers Geschichtswerke habe ich in meiner Jugend begeistert gelesen, verschlungen; aber sie taugen nicht viel.” 1. September 1914 Vater las aus der Zeitung einen Auszug der Rede vor, die John Burns in Albert Hall gehalten. “Burns spricht wie ein Deutscher. Das ist nicht klug. In der Literatur kann man übertreiben, denn da hat man Zeit; nicht so in der Politik, wo sich in zwei Wochen, ja in einem Tage die ganze Lage umgestalten kann. Burns würde sein Ziel sicherlich besser erreichen, wenn er seine Gründe verschleierte. Was man eigentlich denkt, darf man in der Politik nicht durchblicken lassen. Die Rede ist allem Anschein nach schön, aber sie ist nicht klug.” 2. September 1914

2. September 1914 – 134 – Vater trägt ein patriotisches Abzeichen, will heute abend zur Sedanfeier in den Lustgarten und bittet uns, Lichte bereit zu halten für den Fall, daß illuminiert wird. Am Sonntag nachmittag gingen wir in der Gegend der Garnisonkirche auf und ab, um zu hören, wie Prof. Becker mit dem alten Glockenspiel geistliche und patriotische Weisen spielte. Es war einfach-schön, zuweilen orgelhaft. Vater hatte neulich bei Tisch Spaß daran, daß ich sagte: “Die Engländer sind wie die Fische. Im Wasser schwimmen sie, aber auf dem Lande sterben sie.” Der Patriotismus, sonst immer latent, in unsrem Kreise wenigstens nie geäußert, tritt nun wie eine ganz neue Empfindung oder Eigenschaft doppelt mächtig hervor. Altkirchs “Hoch Deutschland!” hat aus fremdem, wenn auch verbündetem Lande einen besonders schmerzlichen Unterton. Auch solche junge Leute, die von sich selber ein geistiges oder künstlerisches Werk erwarten, ja eine Umgestaltung der Weltzustände in einem neuen Sinne, die ihr Leben liebten, verzärtelten, weil sie es wegen dieses künftigen Werkes hoch einschätzten, Maler, Musiker, Schriftsteller, junge Philosophen, achten es nun für nichts weiter als einen Leib mit Kraft zu schießen und eilen als erste zu den Fahnen. Sie, gewohnt überall zu urteilen und meist zu verurteilen, unterstellen sich nun gläubig demutsvoll dem Geiste des Ganzen, sind mit allem zufrieden und beglückt, wenn nur von ihnen gefordert wird. Dem Telephonfräulein, das sich immer besonders freundlich zeigte, nun aber auf Vaters Bitte jede neue Meldung vom Kriegsschauplatz sofort gewissenhaft durchtelephoniert, hat Vater gestern durch mich als Zeichen seiner Dankbarkeit eine große Bonbonniere auf die Post geschickt. “Wir alle machen Schulden bei der Zukunft, die erst spätere Geschlechter bezahlen können.” Wegen der Vernichtung der russischen Armee in Ostpreußen bestand Vater darauf, Mutter, Emma und mir Konfekt zu kaufen, obwohl wir uns gegen die Geldausgabe jetzt, wo anders als sonst gerechnet werden muß, sträubten. Was Vater voraussah, beginnt schon sich zu erfüllen: Die Bekannten und Freunde kommen mit Bitten um Geld. “Ich kann es ihnen nicht abschlagen; ich muß zwar neue Schulden machen, um ihnen zu geben, aber ich kann immer noch besser Schulden machen als sie.” Vater spricht ganz kriegerisch! Da ihm Toilettepapier zu hart war, sagte er: “Solche PopoPanzerplatten kann ich nicht aushalten.” Er fügte dann noch hinzu: “Dann könnten wir ja ebensogut eine antisemitische Zeitung von hinten lesen.” “Da ich mich jetzt zu gar nichts Rechtem sammeln kann, schließlich aber doch mit der Zeit etwas anfangen muß, so habe ich mir einmal wieder Heines Italienische Reise vorgenommen. Ach, sie ist doch wunderschön! Trotz mancher ärgerlichen Stellen. Das ist ein Schriftsteller! Und immer dieser herrliche Freiheitsgeist. Ich habe eben die Schilderung von Verona hinter mir, und ich muß doch sagen, daß die Stimmung der Stadt absolut darin gegeben ist. Mit meinem Eindruck von Verona trifft jedenfalls, was Heine sagt, vollständig zusammen.” 3. September 1914 Gestern abend zur Sedanfeier eine große Menschenmenge auf dem dunkelnden Exerzierplatz. Auf der einen Seite die sich weithin streckenden Flügel des Stadtschlosses, gegenüber die prächtigen Laubmassen des Lustgartens. Dazwischen Menschen, Menschen; Soldaten, Landsturmleute in dunklem Helm, weißgekleidete junge Mädchen. Der Dom blickte herüber, zwischen den Säulen des Kuppeluntersatzes wob Dämmerung, daß die Formen sich ins Unbestimmte verloren. Manchmal erschienen sie dem Auge wie ein chinesisches Bauwerk mit

stimmte verloren. Manchmal erschienen sie dem Auge wie ein chinesisches Bauwerk mit – 135 – Einschnürungen und wulstigen Schwellungen. Auf der Rampe des schönen Hauses an der Ecke der Breiten Straße war der Männergesangverein aufgestellt; sie trugen Fackeln in den Händen, die einen gelbroten Schein warfen. Und dann sangen sie, fromme und kriegerische Lieder. Die Glocken der Garnisonkirche spielten dazwischen ihren Satz ab, wenn die Zeit es verlangte. Geredet wurde auch, doch verstanden wir nichts. Der Chor setzte wieder ein, und als unsre großen nationalen Lieder an die Reihe kamen, da mochte niemand schweigen, und Männer und Frauen sangen “Heil dir im Siegerkranz”, “Deutschland, Deutschland über alles”, “Die Wacht am Rhein”. Vater sang mit seiner weichen gebildeten Stimme ganz allein die zweite Stimme, doch die Umstehenden schienen es für verkehrt zu halten. Zum Schluß stimmte der Chor das große, innige, feierliche Niederländische Dankgebet an, und wer es kannte, stimmte mit ein. Die Soldaten sangen mit starken Stimmen und Herzensanteil. Als die Menge zurückflutete, war der Himmel rosa von den Reflexen des elektrischen Lichts und stellenweise rot von bengalischem Feuerwerk. Eben in die Stadt eingetreten, bemerkten wir ein Klümpchen Menschen, das sich um ein Extrablatt gebildet hatte. Zwischen Elektrischen und Autos drängten wir zu ihnen hinüber. “Zehn französische Armeekorps unter den Augen Seiner Majestät zwischen Reims und Verdun zurückgeworfen”. “Hurrah!” schrie Vater, und gleich schrie die ganze Straße. Vater blieb länger als wir in der Stadt, im Café Schultheiß, und hörte am Abend spät noch die Kunde, die Österreicher hätten bei Lemberg gesiegt. Die Erregung darüber ließ ihn nicht schlafen, er machte Pläne, besetzte Polen, vereinigte die österreichische mit der deutschen Armee, drängte die Russen ab und machte die polnischen Juden frei. Leider war die Freude verfrüht; nach der heutigen Morgenzeitung dürfen wir kaum mit einem Siege bei Lemberg rechnen, den wir doch so dringend brauchen. Die letzten Tage haben mit ihren großen Siegesbotschaften das Publikum, uns eingeschlossen, so verwöhnt, daß man immer gleich das Allergrößte verlangt. “Givet ist gefallen.” “Ach, warum sagst du nicht: Antwerpen?”

6. September 1914 “Der beste Geist einer Armee ist der Drill.” Gleich in den ersten Kriegstagen äußerte Vater einmal: “Bei der Defensive fühle ich mich nie wohl; ich muß im Angriff sein; selbst im Schachspiel, bei überlegenem Gegner, sehe ich zu, so schnell wie möglich meine Defensive in Offensive zu verwandeln.” 7. September 1914 Alles Goldgeld soll der Reichsbank abgeliefert werden. Vater hat so viel zurückbehalten, daß wir im Falle der äußersten Not ins Ausland (nach Stockholm) fliehen können. Mit den Berichten aus dem Kriegsquartier (Generalquartiermeister von Stein) ist Vater unzufrieden; sie sind verschwommen, bemäntelnd, aufbauschend. Weicht der Feind zurück, so heißt es, er sei in die Flucht geschlagen (und lautes Trara dazu!), müssen wir weichen, so wird die Meldung davon dem Publikum schonend eingegeben und gleich dazu bemerkt, was die Truppen an anderer Stelle erreicht hätten. Womöglich gar sieht die Darstellung so aus, als hätte ihr Zurückgehen im Plane gelegen. Es wird aus zwei Vokabularien gesprochen, die gleiche Sache anders benannt, wenn sie den Feind als wenn sie uns betrifft. 8. September 1914 Die Meldung, daß Dr. Ludwig Frank im Kampfe gefallen sei, hat Vater sehr erschreckt. “Der einzige Reichstagsabgeordnete, der mir wert war, der beste und begabteste, der tapferste Redner. Lieber drei Regimenter verloren als einen solchen Mann!” Hardens Zukunft-Artikel über den Krieg befriedigen Vater durchaus nicht. “Sie sind unter der Würde der Sache. Harden scheint tot.”

– 136 – “Wir werden siegen”, hört Vater gern; aber “wir werden siegen, denn wir kämpfen für die gerechte Sache”, kann er gar nicht vertragen. 9. September 1914 Magdalena Kasch gehört mit zu Vaters Kriegsberichterstattern. Sie ist beauftragt, alle paar Stunden zur Filiale der Lokal-Anzeiger-Expedition zu laufen und, wenn dort neue Depeschen angeschlagen sind, Vater den Wortlaut zu telephonieren. Nun möchte sie so gern immer als erste die Meldung bringen; das ist ihr aber erst einmal gelungen. Gestern nachnittag entspann sich nach Emmas Bericht folgende Unterhaltung am Telephon: “Könnte ich Herrn Doktor sprechen?” “Nein, es tut mir leid, Herr Doktor schläft.” “Dann wecken Sie, bitte! Ich habe etwas Großes zu melden.” “Ich darf nicht wecken. Können Sie mir nicht sagen, was es ist? Ich bestelle es, sowie Herr Doktor aufgestanden ist.” “Nein, bitte wecken Sie!” “Nein, das kann ich nicht. – Was ist denn Neues?” “Maubeuge gefallen, vierzigtausend Gefangene, und –” “Vierhundert Geschütze.” “Ach, Sie wissen schon?” “Seit drei Stunden.” “Ach! – – – Wie viele Strümpfe haben Sie schon?” “Drei Paar Strümpfe und sechs Hemden.”129 “Ja, Sie haben Zeit, Sie bekommen was fertig!” Die Beziehung zwischen Emma und Magdalena ist amüsant. “Ich verehre sie ja, gewiß, aber Sympathie kann ich nicht für ihr haben”, sagte Emma einmal. Und gestern ganz empört: “Wegen Maubeuge soll ich Hernn Doktor wecken?! Noch nicht wegen Antwerpen!! Überhaupt nicht!” “Na, Emma, wenn Paris fällt, darfst du.” “Hm – ja – aber ich weiß doch noch nicht.” Spaziergänge gibt es für uns nicht mehr seit Ausbruch des Krieges. Wir gehen nur in die Stadt, um womöglich Nachrichten zu ergattern. Das Tag für Tag gleich herrliche, sommerlichste Wetter, wie man es sich so lange sehnlich gewünscht hatte, wird kaum beachtet, jedenfalls nicht genützt. 12. September 1914 “Italien wird immer neutraler”, sagte Vater neulich. 14. September 1914 “Obwohl ich natürlich wünsche, daß kein Engländer lebendig zurückkommen möchte, kann doch nicht umhin, ihren General French für einen außerordentlich klugen, vielleicht gar genialen Feldherrn zu halten. Wie er dem wilden Hunnenansturm des Generals Kluck ausgewichen ist, wie er sich fein zurückgezogen und dabei die Falle von Maubeuge vermieden hat, ist eine hervorragende Leistung. Und wie vorteilhaft stach sein freier, mit jedem Worte ehrlicher Kriegsbericht ab gegen unsre verlogenen, unglaubwürdigen! Wir werden von unsrem Generalstab wie unmündige Kinder behandelt.” “Für uns Deutsche, die wir so verhaßt sind in der Welt, kann nichts andres gelten als oderint dum metuant,” sagte Vater mehrmals. Gestern abend hat Vater sich mit Emma über den Krieg unterhalten und ihr erklärt und gezeigt, wie die Völker gerade ebenso handeln wie die einzelnen Menschen in ihrem Privatleben. Freundschaft, Feindschaft, sich schlagen, sich wieder vertragen. Indem der eine den andern bene Exemplare des »Götz« und der »Marienbader Elegie« fast heilig. 129

Für die Soldaten natürlich.

– 137 – verläßt und verrät, erfindet er schnell etwas, seinen Egoismus zu beschönigen. “Was? Das hast du gemacht? Mit dir kann ich nicht länger Freund sein! Das wäre wider die Moral, deren Vertreter ich bin!” – Vater sprach immer so, daß Emma sehr wohl an ihre persönlichen Erfahrungen anknüpfen konnte, ohne daß doch ihre Erlebnisse bezeichnet und berührt wurden. 15. September 1914 “Eine einzige verlorene Schlacht kann heute, wo jede Schlacht eine Vernichtungsschlacht ist, einen verlorenen Krieg bedeuten!” “Die Römer, doch wahrlich ein kriegerisches Volk, haben nie zu gleicher Zeit nach zwei Fronten gekämpft.” Vater verglich mehrmals unsre jetzige Lage mit der Friedrichs des Großen. Die Geschichte des Siebenjährigen Krieges kennt er noch immer ausgezeichnet, und ich wundere mich zuweilen, von ihm, der wenig Daten-Gedächtnis besitzt, genaue Angaben etwa über die Stärke des friderizianischen Heeres und des gegnerischen in den Hauptschlachten zu hören. Edus Lebhaftigkeit und ihre derbbarocke Äußerung ist überraschend und überraschend familienhaft! Neulich telephonierte er an, um Vater wegen Nachrichten vom Kriegsschauplatz zu befragen. “Vater kann den Augenblick nicht herankommen.” “Ach, wie kann denn Vater mitten in der heißesten Schlacht aufs Klosett laufen!” – In Glindow ist Edu ganz abgeschnitten und darum auf die telephonische Verbindung mit uns angewiesen. Meldet ihm Vater einen Sieg, so wird die Meldung sofort durch den Glindower Amtsvorsteher, mit dem Edu befreundet ist, als amtlich angeschlagen, und wenn Edu es wünscht, werden dazu die Glocken geläutet. “‘Günstiger Stand der Schlacht vor Paris’ – das mag ich nicht hören. Denn so hat es mit Lemberg auch angefangen. Das ist die Manier, uns auf Niederlagen vorzubereiten. Wenn es uns gut geht, hören wir schon ganz Bestimmtes darüber. Bekommen wir gar keine Nachrichten oder so ganz allgemeine, verschwommene, so gibt das Anlaß zu Besorgnis.” Trotzdem Vater jetzt sehr unruhig ist wegen der großen Schlacht im Westen und vielleicht noch mehr über den Kampf zwischen Österreichern und Russen in Galizien, ist er im Grunde für den letzten Ausgang sehr zuversichtlich. Nur daß ihn die kleinen Teilerfolge, die uns die Zeitung immer als endgültige hinstellen will, nicht befriedigen. “Hindenburgs Siege, das sind richtige Siege, richtige schöne, volle Vernichtungssiege.” 16. September 1914 Da wir das Berliner Tageblatt, die Bewohner des ersten Stocks die Vossische Zeitung und die des Parterres den Lokal-Anzeiger halten, hat Vater einen Austausch eingerichtet, der es jedem ermöglicht, alle drei Zeitungen zu lesen. Er nennt das die “Trippel-Entente”, weil die Mädchen der drei Parteien immer treppauf, treppab zu trippeln haben, um die Blätter zu holen oder zu bringen. “Hast du etwas Schönes gelesen?” fragte ich Vater, der aus der Stadt kam, wo er, wie oftmals in dieser Kriegszeit, im Café Schultheiß Zeitungen durchgesehen hatte. “Ja, etwas Herrliches. Was ich freilich schon kannte, aber mit Vergnügen, mit mehr als Vergnügen, wieder gelesen habe: Carlyles Brief über den Krieg von Siebzig. Eine wirkliche Stärkung in solcher Zeit wie die jetzige.” “Was ist schön daran?” “Ja, was ist den überhaupt schön? Kraft!” Wir lasen einen Zeitungsbericht über die traurigen Zustände in Brüssel. Viele Leute dort werden jetzt wahnsinnig, hieß es. “Ja, das macht die Ungewißheit. Ungewißheit ist für den Menschen viel schwerer als Unglück. Sie ist geradezu unerträglich, die menschliche

den Menschen viel schwerer als Unglück. Sie ist geradezu unerträglich, die menschliche – 138 – Seele ist nicht dafür eingerichtet; sie wird davon überdehnt, bis sie schließlich zerreißt.” Man liest jetzt nichts als die Zeitung, die aber stundenlang. Absichtlich übertreibend sagte Vater neulich: “Der Feldherr? Der Feldherr von heute hat das Telephon zu bedienen!” 17. September 1914 Vater sagt, daß er die Aufregung dieser Zeit nicht ertragen könnte ohne die Arbeit an seinem Judenbuch. Er macht unaufhörlich Änderungen und Zusätze und segnet den Umstand, daß das Werk noch nicht fertig gedruckt, sondern nur einmal abgesetzt ist, so daß er noch freie Hand hat. Freilich verstößt er damit gegen seinen anfänglichen Vorsatz, wonach er dieses Mal die so sehr kostspieligen Korrekturen vermeiden wollte (er rechnet schon jetzt, daß das Buch sich durch Zusätze um etwa zwei Bogen vermehren wird), aber andrerseits liegt in dieser Arbeitsmöglichkeit jetzt sozusagen Vaters Existenz begründet. Wie sollte er die Zeit sonst überstehen? Er würde immerfort weglaufen müssen, sagt er selbst; denn zu einem neuen Werk sich zu sammeln, wäre ihm ganz unmöglich. 19. September 1914 Es wurde davon gesprochen, was für Anforderungen in Marschleistungen an die Truppen gestellt werden, zum Beispiel war von elf Uhr abends bis zum nächsten Abend um acht Uhr marschiert worden mit nicht nennenswerten Ruhepausen. Vater sagte: “Ja, Mensch und Tier können ihre körperliche Leistungsfähigkeit ungeheuer weit ausdehnen, und bei Jungen, Kräftigen wird sie nur selten überdehnt. Ich hätte in meiner Jugend das auch leisten können. Was konnte ich aushalten! Ich habe doch mal beim Kölner Karneval vom Montagabend bis nächste Woche Aschermittwoch-Fischessen überhaupt nicht geschlafen! Nur immerfort mich herrlich amüsiert! So in einer Anspannung, in einem hin. Und alle meine Kneipen waren große Anstrengungen, denn ich habe da jedes Mal etwas Richtiges geschaffen. Und eigentlich immer die ganze Nacht geredet, von den wahnsinnig ulkigsten Bierreden, mit denen ich begann, bis zum glühenden Ernst.” 22. September 1914 “Wenn nur nicht immer neben den Handlungen das elende Geschwätz herliefe! In dieser schwer ernsten Zeit ist mir die ganze Zeitungskampagne im tiefsten zuwider. Man stelle zehn deutsche Marktweiber, zehn französische, zehn belgische, zehn englische und zehn russische Marktweiber einander gegenüber – und man wird ganz dasselbe haben. ‘Ich soll lügen? Was? Nein, du lügst!’” 24. September 1914 Vater hatte nichts veröffentlichen wollen in dieser Zeit. Aber das “Moralgeschwätz” ringsum hat ihn doch so tief gekränkt, daß er irgendwie darauf reagieren mußte. So schrieb er, zunächst für das Judenbuch, durch die Ereignisse und ihre Besprechungen in der Öffentlichkeit angeregt, einige Bemerkungen über Völkerrecht nieder, die er nun trotz seines Widerwillens und trotz starker Bedenken zu einem Aufsatz zusammengefaßt hat, den er heute mit der Anfrage: “Mögen Sie dieses für diese Zeit?” an Harden abschicken will. Die Bedenken sind dagegen gerichtet, daß der Aufsatz unter den heutigen Umständen vielleicht geradezu etwas Provozierendes haben könnte. “Es herrscht eine schneidende Kälte darin”, sagte ich. “Ja, mehr noch, ich fühle eine gehässige Logik durch”, antwortete mir Vater. “Aber es ist einmal so, daß ich jetzt von meinem eigentlichen, warmen patriotischen Empfinden nichts kann verlauten lassen (obwohl für den feinen Leser sich doch etwas davon verraten muß), und da trifft es sich seltsam, daß kurz vor dem Kriege die »Zukunft« meine Arbeit über die politischen Parteien gebracht hat, aus der es schon herzlicher, ‘patriotischer’ klingt. Diesen Aufsatz über das Völkerrecht hätte ich ja leicht zum Schluß retten können. Aber ich wollte nicht – es ist einmal meine Art, so zu reagieren, wenn ich getriezt werde, und darum habe ich einfach mit dem Zitat aus Hegels Philosophie des Rechts geschlossen. Ein schönes Zitat,

ich einfach mit dem Zitat aus Hegels Philosophie des Rechts geschlossen. Ein schönes Zitat, – 139 – was? Zwischen vielem fast Unlesbarem stehen bei Hegel immer die prachtvollsten Stellen, wo er dann plötzlich ganz lutherisch schreibt. Hegel war der klügste Mann, den Deutschland gehabt hat, das heißt ich meine die reale, die gefüllte Klugheit, sonst war Kant der Klügste (er ist überhaupt der Klügste von der ganzen Welt, der Klügste, den ich kenne jedenfalls), aber es ist eben scholastische Klugheit bei ihm.” Vater war noch ein wenig schwankend, ob er den Aufsatz einschicken sollte. Er könnte falsche Vorstellungen von seiner vaterländischen Gesinnung erwecken. “Was meinst du. Soll ich?” “Schick ihn jedenfalls an Harden”, sagte ich, “er hat Publikum und ist selber Publikum, und ob er ihn annimmt oder nicht, genügt ja schon als Maßstab.” “Denk mal, dasselbe hab ich auch gedacht, fast mit den gleichen Worten.” 25. September 1914 “Jetzt, in dieser Zeit und Stimmung hat man natürlich nichts dagegen, wenn alle Gefallenen als gefallene Helden gelten. Aber man muß sich doch dessen bewußt bleiben, daß nur bitter wenig Helden darunter sind, daß so gut wie alle gezwungen gehn, auch die ‘Freiwilligen’! Und daß ein Held etwas ganz andres ist! Nie einer in der Gemeinschaft, sondern immer einer, der ganz allein auf seinem Geiste steht gegen die Gemeinschaft. Und ob es nicht auch, abgesehen noch hiervon, größer ist, ob nicht mehr dazu gehört, ein Held zu leben, als ein Held zu sterben?” “Nichts im Leben wird uns geschenkt. Der da oben mit das grauße Buch und die grauße Kass’ ist ein Jude! Der paßt gut auf, daß Einnahme und Ausgabe stimmt!” 27. September 1914 “Im Anfang war ich noch zweifelhaft, aber der Fortgang dieses Krieges hat mir doch gezeigt, daß zum Wesen des Kampfes gehört, die Art der Kriegsführung sei wie sie wolle: die Flanke des Feindes zu durchbrechen oder einen Flügel zu umgehen; der Frontalangriff führt nicht, auch heute nicht, zum Ziel.” Übrigens hat Harden den Aufsatz zurückgeschickt mit der Begründung, daß er die Veröffentlichung zu weit würde hinausschieben müssen und Vater wahrscheinlich nur mit sofortiger gedient wäre. – Es ist Vater ganz recht so. Die Arbeit an andre Stelle zu geben, kommt für ihn gar nicht in Betracht. “Als ich noch jung war, konnte ich unsren Kaiser absolut nicht leiden. Meine Sympathien haben sich ihm zugewandt damals, als die gesamte konservative Partei solch schreckliche Hetze gegen ihn unternahm. Jetzt (wo ich freilich auch noch jung bin) habe ich ihn sogar recht gern: Er ist im wesentlichen tüchtig, unbedingt pflichttreu, lebhaft und für vieles interessiert. Daß er manchmal zur Unzeit redet und ungeschickte Dinge, ist am Ende nicht allzu fürchterlich und das einzig Schlimme dabei eigentlich nur, daß es immer gleich öffentliche Blamagen sind.” 28. September 1914 Musik will Vater jetzt gar nicht hören, nur Märsche. Als ich sagte, die Eroica möcht ich schon, wies er das für sich schroff ab. Sein Liebling unter den Märschen ist der Hohenfriedberger. “Obwohl ich nicht glaube, daß der alte Fritz ihn gemacht hat – dann wäre er ein genialer Komponist –, ist dieser Marsch doch der ganze Fritz.” – Wir haben eine kleine Sammlung von Märschen gekauft, die der Lokal-Anzeiger eben veröffentlicht hat, und Mutter spielt nun des Abends daraus, wobei Vater den Rhythmus nie kräftig genug herausgebracht findet, so daß er selbst mitklopfen, mitklatschen, laut mitsingen muß. “Stell dir vor, du hättest einen Marschallstab in der Hand!” schreit er Mutter an. Immer wieder will er seinen Hohenfriedberger und den Torgauer. Vom Hohenfriedberger sagte er noch: “Dabei sehe ich immer meinen alten Fritz, den rechten Arm mit dem Schwerte ausgestreckt und damit auf die Feinde zeigend: vorwärts!” Mein Liebling, der Marsch der finnländischen Reiterei aus dem Dreißigjährigen Kriege ist ihm nicht marschmäßig forsch genug und für

Reiterei aus dem Dreißigjährigen Kriege ist ihm nicht marschmäßig forsch genug und für – 140 – einen Marsch zu religiös. Den Pariser Einzugsmarsch will Vater aber noch nicht gespielt haben – “erst wenn wir wirklich in Paris einziehen!” sagt er. Aladar Rádo ist im Kampf gegen die Serben gefallen, der junge feurige Komponist, der uns am Silvesterabend seinen »Schwarzen Kavalier« vorgespielt hat. Die erste Nachricht dieser traurigen Art, die uns persönlich trifft. 1. Oktober 1914 “Das Niederländische Dankgebet ist Glockengeläut. Schließ mal die Augen und singe dir die Melodie: da hörst du es gleich, wie die herrlichen großen Glocken Bimbam ineinanderschlagen.” “Ich bin so unendlich gespannt auf die Darstellung des Krieges, die nach seiner Beendigung von unsrem Generalstab wird herausgegeben werden. Dann erst kann man den Verlauf kennenlernen; vorläufig wissen wir ja gar nichts, denn die Zeitungen geben nichts der Rede Wertes!” Ich hatte mir Moltkes Geschichte des Krieges von 1870-1871 aus der Bibliothek geholt und sie auch Vater zu lesen gegeben. Er war keineswegs befriedigt, findet die Darstellung “trocken und unanschaulich bis zu solchem Grade, daß niemand daraus Belehrung ziehen könnte”. Daß er, wenn sich die Gelegenheit zu einer Freundschaft für ihn jetzt noch bieten sollte, sie ablehnen würde, sagte Vater heute im Gespräch beim Spaziergang zu mir. Er hätte “zu dumme, zu dumme! Erfahrungen” gemacht. Er spreche so ohne Sentimentalität, ohne zerdrückte Abschiedsträne. Aber er kenne gar zu gut den Egoismus, den falschen Egoismus der Menschen und die Torheit sowohl wie die Rücksichtslosigkeit der Kampfmittel, um sich dem noch aussetzen zu wollen. Er liebe die Menschen ehrlich von Herzen, wie kaum einer mehr imstande wäre, aber “Freunde hat man erst nach dem Tode”. Und was sei es denn gar, allein zu sein? Im Grabe läge auch keiner bei einem. Er habe von je gewußt, daß er Einer und doch auch Alles sei und damit das Alleinstehen gut ausgehalten, nicht mit Entsagung, sondern als Selbstverständlickeit, obwohl er auch Verlangen nach Freunden, nur kein schmerzliches, gefühlt habe. “Eine gewisse Souveränität und eine gewisse Ungeschicklichkeit meines Charakters und dazu der glückliche Umstand, daß ich mit dem Meinigen so spät herausgetreten bin – ich bin ja eigentlich noch kaum heraus! –, hat mich übrigens immer vor dem Ärgsten bewahrt.” Wir gingen im Neuen Garten bei herrlichem Sonnenuntergangs-Himmel, den wir besonders von dem kleinen Steg am Badehäuschen lange betrachteten. Das Gewoge von Gold und Lila, das vom Wind gefegte Grau, zwischen den farbenglühenden Randwällen hellblaue ruhige Kessel, Wolkentiere im wilden Lauf, in phantastischen Stellungen; unten das Wasser bleich lila schimmernd und dem Ufer zu wie nasser schwarzer Atlas sich bauschend; straffend und leise anschlagend. “Sieh dort die grauen Ballen mit den genährten Rotbeuteln! Als ob die sich abscheiden wollten von dem Grau, lauter Kraft, und dann hinunterfallen!” “Wir haben das nationale Bewußtsein – wie ich sage: seit hundert Jahren.130 Aber, ob dies unbedingt das überlegene Prinzip für den Krieg ist, scheint mir noch gar nicht ausgemacht. Es wäre ja denkbar, daß das Vertrauen der Russen auf Gott und Väterchen und auch die russische Knute unserm Bewußtsein von Staat und Vaterland die Waage hielte und das gleiche leistete.” “Hier vor dir und im geschlossenen Zimmer kann ich es ja wohl sagen: Die Belgier haben sich großartig benommen! Mit dem Mute der Verzweiflung, als richtige Desperados, Franktireurs sagen wir verächtlich, weil es unser Interesse so will. Aber das vergessen wir, was für ein Grad von Tapferkeit dazu gehört und welch allgemeine Hingerissenheit, wenn ein 129 Für die Soldaten natürlich. 130

Vgl. »Der Judenhaß und die Juden«.

– 141 – ganzes Volk, Männer, Frauen, Kinder sich gegen eine Armee zur Wehr setzt; denn das wissen die dümmsten Bauern, was das heißt: ein bewaffnetes Heer, und daß ihr Kampf aussichtslos sein mußte. – Wir werten eben alles so, wie es in unsern Egoismus hineinpaßt.” – Und ich erinnerte daran, daß man dieselben Handlungen, derentwegen man heute die Belgier verdammt, den Tirolern in ihrem großen Aufstand als Heldenmut gerechnet hat: Steine auf die Feinde werfen, sie mit kochendem Öl übergießen – woran auch jetzt wieder namentlich die Kinder sich beteiligt haben. 4. Oktober 1914 “Dem Militarismus, dem vielgeschmähten, sollten wir alle auf Knieen danken. Wo wären wir jetzt ohne ihn?! Und England – in demselben Augenblick, wo es gegen unsern Militarismus zu Felde zieht, ist es mit allen Mitteln bestrebt, sich einen eigenen zu schaffen.” 6. Oktober 1914 “Neutral sein – das heißt: dem Unterlegenen in den Rücken fallen.” “Jetzt, wo die Spannung am höchsten steht, jetzt gerade wird man durch das endlose Warten ganz abgespannt, im wörtlichen Sinne. Denn so langes Gespanntsein hält keiner aus. Verlieren die Alliierten diese große Schlacht an der Aisne, dann ist das ungefähr so, als wenn ein Schachspieler die Dame verliert; macht der Gegner darauf nicht die dümmsten Fehler (wie bei unsrer Heeresleitung natürlich ausgeschlossen), so ist der Kampf entschieden. Dieser Krieg kann sich in die Länge ziehen, aber fällt jetzt schnell Antwerpen und wird dadurch unsre Belagerungsarmee frei und mit ihrer Hilfe die Schlacht in Frankreich gewonnen, dann, glaube ich, kann der Ausgang für uns nicht mehr unglücklich sein.” “Es ist nicht wahr, daß England einen Krieg um den Pfennig führe, wie die Leute hier in ihrem fanatischen Haß behaupten. Auch England, wie alle Länder, kämpft um seine Existenz, die durch die Machtentfaltung Deutschlands gefährdet war. Wenn nicht jetzt, so wäre es später zwischen England und Deutschland zum Kriege gekommen, und dieser Augenblick, wo Rußland und Frankreich uns angriffen, war natürlich der, den Grey benutzen mußte. Ich an seiner Stelle hätte wahrscheinlich ebenso gehandelt.” 8. Oktober 1914 “Ich bin davon überzeugt, daß die Franzosen augenblicklich vorteilhaftere Stellungen haben als wir”, sagte Vater heute morgen, worauf ich ziemlich betreten fragte: “Ja, aber worauf hoffst du denn?” “Auf unsern Sieg”, antwortete er ruhig. 9. Oktober 1914 “Was soll ich nun noch mit meinem Buche anfangen? Höchstens es noch ein bißchen auf Kriegsstärke bringen!” Abends durch unser freundliches Telephonfräulein die Meldung vom Fall Antwerpens. Schnell telephoniert Vater nach allen Richtungen. Bald darauf kam schon von verschiedenen Seiten dieselbe Kunde. “Nun haben wir unsre Belagerungsarmee (zweihunderttausend Mann) frei, nun bin ich auch ganz sicher, daß wir die große Schlacht gewinnen! Es tut aber auch not! Denn wenn wir die Schlacht verlören, fiele Dänemark von Norden, Italien und Portugal von Süden über uns her, und der liebe Gott würde uns von oben auf dem Kopf rumtrampeln.” “Wenn Italien und Portugal auch noch gegen uns gingen, das könnten wir der Welt nicht vergessen. Wie das geschichtliche Bewußtsein in den Massen sich ständig kräftigt, würden wir Generationen brauchen, um das zu verwinden.” 10. Oktober 1914 “Wenn diese große Schlacht gewonnen ist, dann schreibe ich mein Vorwort; jetzt kann ich nicht. Und danach bin ich hoffentlich imstande, mich anderem zuzuwenden, wenn auch zunächst

nicht. Und danach bin ich hoffentlich imstande, mich anderem zuzuwenden, wenn auch zunächst – 142 – kleineren Sachen.” Vaters nächste Sorge ist nun, ob wir auch die Armee der Verbündeten bei Antwerpen einfangen werden. “Ohne die tu ich’s nicht, so hunderttausend Mann müssen wir kriegen. In Antwerpen selbst sind gewiß mindestens zwanzigtausend. Wo sollen sie auch hin? Sie haben keinen Ausweg.” Nach dem Sieg in Frankreich, den wir nun mit Zuversicht erwarten, wollen wir eine kleine Gesellschaft armer Kinder mit Kuchen und Schokolade füttern. Das Bild des Alten Fritz will Vater dann bekränzt in die Mitte gestellt haben. 11. Oktober 1914 “Es dürfte kein einziger Mann über die Grenze kommen. Geschieht es aber doch, so weiß ich, es mußte so sein; unsre Heeresleitung hat dann eben diese Sache höheren Zwecken geopfert. Andere Auffassung würde ich für Insubordination halten, denn wir haben wirklich allen Anlaß zu unbedingtem Vertrauen; wir sind gut aufgehoben.” 18. Oktober 1914 Schwanken in Siegesfreude, Hoffnung, Trauer über Verluste, Befürchtungen schwerster Art – so geht die Zeit. Anläßlich einer Stelle des Judenbuches sagte Vater neulich: “Ich gebe oft einen künstlerischen Vorzug preis, ja verfahre unkünstlerisch um des Hauptzweckes willen – nach dem alten kriegerischen Grundsatz: Wirkung geht vor Deckung.” “Beim Schriftstellern ist das erste: listig zu sein wie die Schlange. Ja, mit List muß der Leser dahin gebracht werden, daß man ihm Dinge, die ihm heilsamen, aber äußersten Dinge sagen kann, die er ohne solche Vorbereitung nie ertragen könnte.” 22. Oktober 1914 “Ich sehe mein Buch als ein Geschichtswerk, als mein Geschichtswerk an und habe darum den Reflexionsgrund so schwach gemacht. Ich habe damit vielfach auf das Meinige verzichtet – nicht mit absichtlicher Bewußtheit, sondern unwillkürlich, mit der Anchinoia, deren jeder Schriftsteller bedarf –, wer mich nicht genau aus meinem Hauptwerke kennt, wird zum Beispiel nicht merken, daß ich in Wirklichkeit überhaupt die Moral leugne und nur immer moralkritisch spreche. Auch meine Gottlosigkeit, die ich ja herausstelle, wird doch der gewöhnlichere, der freigeistige Leser nicht verstehen; er wird immer denken: Na ja, er nennt das gottlos, aber es ist doch Religion!” “So ist es natürlich nicht, als steckte in meiner Christusrede131 irgend etwas von Gesinnung, die ich jetzt nicht mehr vertreten würde. Nur dies: als ich sie zuerst niederschrieb, waren meine Gedanken noch im Stande der Unentwickeltheit. Das zeigt sich in der durchgehenden Vermischung des Begriffes ‘religiös’ mit dem, was ich jetzt ‘geistig’ nenne. Meine Auffassung war immer die gleiche (nie war ich jung genug, um Christus für Gottes Sohn zu halten), aber ich war noch nicht fertig bis zu meiner heutigen Terminologie. So sprach ich auch noch, als könnte man zu allen Juden und zu allen Christen so sprechen, was ich doch heute nicht mehr täte. Aber ich hielt mich berechtigt, das so zu lassen und bin auch in den Zusätzen, die ich neu gemacht habe, nicht davon abgewichen, sondern habe besonders die feine Vermischung von ‘religiös’ und ‘geistig’ beibehalten.” 29. Oktober 1914 “Es wird mir doch in gewissem Sinne schwer, mein Judenbuch jetzt nicht herauszugeben – eine reife Frucht, die nicht mehr im Mutterleibe bleiben will.” 130 Vgl. »Der Judenhaß und die Juden«. 131

Rede der Juden: Wir wollen ihn zurück aus »Der Judenhaß und die Juden«.

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“Daß unsre Heeresleitung nicht genial ist, kann ich jetzt schon sagen. Daß sie klug genug sein möge, will ich hoffen.” “Ich höre so gern in all dem Gebrüll auf die leiseren Stimmen unten, und da höre ich nirgend Haß gegen das französische Volk heraus, eher geradezu Sympathie. Sie hassen die Engländer, verachten die Russen, aber für Frankreich bestehen freundlichere Gefühle.” “Beim Lügen der Kinder und auch Erwachsener mit minder starkem Denken ist oft ein Mißverhältnis zwischen Vorstellung und Logik maßgebend: die Vorstellung ist so mächtig, daß eine Verwirrung eintritt, wobei der logische Zusammenhang zerrissen wird. Sie geben dann ganz andre Gründe an, als wirklich für sie bestimmend waren, aber es ist kein eigentliches Lügen, und der Erzieher muß es davon fein unterscheiden. Ich habe diesen Fall bei Emma oft beobachtet.” “Von der Überlegenheit unsrer Armee in offener Feldschlacht habe ich in diesem Kriege noch nichts gesehn. Bis jetzt ist immer nur unsre Belagerungsartillerie mit ihren 42 cm-Geschützen der Trumpf.” Vater hat noch nie einen Zweifel an unserm endlichen Siege geäußert. “Die empörende Kriegsberichterstattung, der Ton in den Zeitungen, die rohen Gespräche und Urteile des Publikums – das alles rechne ich unter die Kriegsgreuel.” “Unsre Lage ist durchaus günstig. Denn wir müssen immer bedenken, daß wir den Krieg nicht in unsrem Lande haben und dann, daß wir doch schon auf ein gut Stück Boden unsre Hand halten; das sollen sie uns doch erstmal wieder wegnehmen!” “Meine Bewunderung für England steigt durch diesen Krieg, und ihrem Landheer hätte ich nie das zugetraut! Was durch Zeitungslüge und -zensur durchsickert – denn wir erfahren ja nichts –, macht den Eindruck höchster Tüchtigkeit und dabei Noblesse. Na ja, England ist eben die kultivierteste Nation.” “Ich wüßte schon, wo man einen Teil der vielen Verwundeten unterbringen könnte: im Haager Friedenspalast!” “Über die Türkei als Bundesgenossen kann ich wirklich nicht mitjubeln. Mir scheint im Gegenteil aus ihrem Eingreifen hervorzugehen, daß Rußland sich sicher fühlt und die Gelegenheit benutzt hat, die Türkei in die allgemeine Verwicklung mit hineinzuzerren, um seine Hand auf Konstantinopel zu legen, das es immer schon haben wollte.” “Ich habe an mir gefunden, daß die eigentliche Schaffenskraft, überhaupt das geistig Zentrale im Menschen, nicht zugleich mit der körperlichen Gesundheit leidet, vielmehr ganz unberührt bleibt. Als ich mein »Spinoza gegen Kant« schrieb, war mir beim Schreiben immer so, daß ich mein kaputtes Herz mit der Hand halten mußte, und mein Arm wurde von einem Teufelsgewicht heruntergezogen.” 1. November 1914 “Ich hätte meine Stelle über Heine (im Judenbuch) gern größer gemacht; der Zusammenhang ließ es mir leider nicht zu. Aber über Heine kann man eigentlich nicht anders wie ausführlich sprechen. Weil bei ihm alles kompliziert ist. Wie einfach liegt Goethes Verhältnis zu Spinoza! Und nun dagegen Heines Verhältnis zu Spinoza, zu Goethe – ja, und zu Hegel (das stark war) und selbst zu Luther!” 4. November 1914

4. November 1914 – 144 – “Der liebe Gott muß schon ganz schief gebetet sein”, sagt Vater immer, wenn wir in der Zeitung lesen, wie jedes Volk für seine Sache und den Untergang seiner Feinde betet. 7. November 1914 Einige Bemerkungen der letzten beiden Monate, die ich auf Zetteln notiert hatte, will ich hier festhalten: “Raffael, so lieb ich ihn habe, ist doch nicht mein Maler. Wir Menschen wollen das menschliche Auf und Ab, Stürmen und Fluten. Raffaels Göttliches ist zwar ganz schön, aber seinem Gotte fehlt die Macht! Raffael ist wie seine Madonnen (an die man auch gleich bei seinem Namen denkt), und wenn du nur solche reizende sanfte Madonna wärst, ohne deine Kraft, dein Temperament, deinen Zorn, würdest du mir nur in sehr verringertem Umfange bedeuten, was du mir nun bedeutest.” “Wenn ich Zeit hätte, würde ich in jedem Jahre mindestens einmal den Tristram O Shandy lesen. Kein Schriftsteller hat so den Leser in seinem Bann wie Sterne; der weiß ihn wie einen Kreisel zu drehen.” “Ich bin wie ein Tankkahn – der ganze Raum voll von einer Sache.” “Man darf niemandem je den eigentlichen Ursprung seiner Mängel bezeichnen, nie den Finger auf die Kernstelle legen, weil man damit jeden, besonders aber einen untheoretischen Menschen, der sich nicht ins Allgemeine erheben kann, vernichten würde. In der Erziehung ist es von Wichtigkeit, das zu beachten, wenn man dem feineren Kinde nicht furchtbaren Schaden zufügen will. Du hast das und das getan, mag man sagen, aber nicht: du bist so, daß du immer das tust! Du hast gelogen – nie: du bist ein Lügner.” Einmal sagte Vater in Kritik moderner pädagogischer Grundsätze: “Nächstens wird man noch die Säuglinge fragen: Wünschen Sie Milch oder Bier?” “Es kommt darauf an, wer anfängt – im Bösen wie im Guten. Eine kleine Verletzung ruft natürlich die ungleich stärkere Reaktion des Verletzten hervor; der begonnen hat, bleibt immer im Unrecht. Ebenso: habe ich jemandem zuerst eine Gefälligkeit erwiesen, die kann er nie wieder ausgleichen. Wenn der reiche Herr von S., dem ich neulich Abend mein Auto anbot, mir sein ganzes Vermögen schenkt – ich bleib immer der, der ihn hat mit in der Kutsch fahren lassen, und er bleibt ewig in meiner Schuld.” “Die Frau ist die Frage, der Mann die Antwort.” “So befreundet bin ich nie mit jemandem gewesen – außer mit euch, mit denen ich lebe –, daß ich ihm das Geringste von meinen Angelegenheiten, meinen wirklichen Angelegenheiten, gesagt hätte.” “Das Kompositionstalent von Kotzebue, das ist etwas ganz einziges, was ich jedesmal von neuem bewundere, und es gab eine Zeit, wo ich so davon entzückt war, daß ich selber darauf dachte, ein kleiner Kotzebue mit lauter kleinen Lustspielen zu werden. Ich habe denn auch eine ganze Reihe stark von ihm beeinflußter Versuche gemacht, wovon ich mich besonders auf einen mit dem Titel »Das Haupt der Familie« besinne.” “Jenspeter ist ein sehr eigenartiges, ein bedeutendes Kind. Eigentlich weniger verträumt als hartnäckig bei dem Seinigen bleibend. So wird er gewiß auch später sich ganz in die Arbeit für sein Ziel vertiefen und sich dabei nach außen hin vollständig abschließen. Ich bin sicher, daß er eine bestimmte Begabung hat – ob eine künstlerische oder ganz andre kann man noch nicht wissen –, eine Begabung muß er haben, denn so laufen die Pferde nicht herum, ohne Kutsch!”

– 145 – Vater hat jetzt sechs Bände Börne hintereinander gelesen. Es interessiert ihn psychologisch, Börne mit Heine zu vergleichen. In tieferem Sinne aber läßt ihn Börne unbefriedigt. “Das bloß Geistreiche und immer Geistreiche erstickt seine ganze Persönlichkeit. Heine ist nur ab und zu geistreich, zwischendurch ist er anderes und Besseres – von Börne bleibt einem nichts.” Vorgestern abend gingen Vater und ich zur Glienickerbrücke. Das Wasser lag in unbestimmtem Nebelblau, nur ein paar große schwarze Kähne hoben sich dem Ufer nahe heraus – “wie die Lofoten”, sagte ich plötzlich, eigentlich aufs Geratewohl. Da hatte ich schon eine kleine Ohrfeige. “Nein, das ist ja unglaublich, eben diese Sekunde wollte ich das Wort Lofoten sagen! Das ist ja geradezu unheimlich schön, solch Zusammentreffen!” Vater war ganz beseligt. – Im Sommer, bei einem Spaziergang in Sanssouci, hatten wir eine ähnliche Freude. Wir blieben vor ein paar Bäumen, ähnlich Lebensbäumen, aber goldgrün, stehen, und Vater fragte: “Weißt du, wie sie aussehen?” “Ja, wie große Märchenvögel, die ihr Gefieder spreizen.” “Aber wirklich, genau dasselbe, gerade das hatte ich gemeint!” Vater möchte durchaus nicht, daß Herrlikow ins Feld geht (vgl. seine Briefe an ihn aus dieser Zeit, zwei oder drei!), denn er hat ein Gefühl, als ob es für ihn unglücklich ausgehn würde. “Für Personen habe ich schon zuweilen dieses sichere Gefühl, für politische Sachen am wenigsten, für meine Sache sehr. Für Politik spricht in mir überhaupt immer bloß die reine Ratio; darum ist auch mein politisches Kapitel im Judenbuch ganz kühl. Wegen dieses Starren und Eisigen, wegen des beschränkt Relativen, von wo gar kein Weg in anderes hineinführt, darum liegt mir die Politik nicht.” Herrlikow geradezu abraten möchte Vater begreiflicherweise nicht; aber in seinen brieflichen Andeutungen liegt für den, der es versteht, förmlich etwas Beschwörendes. 9. November 1914 Vater hatte mich gebeten, Pali Neubauer zu schreiben, um ihn etwas über den Krieg zu beruhigen. “Ich glaube nicht, daß er darin Trost finden kann”, sagte ich, als ich Vater meinen Brief zum Durchlesen gab. “Es wird ihm jedenfalls wohltun. Trost? Was heißt denn Trost? Doch nicht, daß man jemandem seine Schmerzen wegnehmen kann. Sondern nur, daß man an die Stelle von was liebem Verlorenen etwas andres Liebes setzt. Trost ist einfach ein schlechtes Wort: Liebe muß es heißen.” 11. November 1914 “Wenn ich meinen Kopf rausstecke in dies besoffene Wetter (und wo soll ich ihn sonst hinstecken?), wird mein Kopf selbst besoffen!” – Vater leidet wieder unter den lichtlosen Tagen. Heute hat Vater auf Anfragen des Ernst Lorenz, diesem einen Brief mit wichtigen Erklärungen des spinozistischen causa sui geschrieben. 12. November 1914 Die Zeitung brachte uns das schöne Gedicht von Ernst Lissauer auf Luther. Ich sagte: “Kannst du das nicht für dein Judenbuch gebrauchen? Denn es ist doch ein sehr merkwürdiges Exempel und kann kein bessres geben, daß nun wieder ein Jude wie kein andrer Schreiber unsrer Tage ganz bewußt und absichtsvoll an dein altes Lutherdeutsch anknüpft, sich von dorther Stoff, Form, Kraft, Begeisterung holt?” – Vaters Antwort war: “Nein, so nicht; so mache ich derartiges nicht. Aber mit hineinnehmen will ich das Gedicht, das hatte ich mir auch schon vorgenommen: Ich setze es einfach in meinen Text mit dem Namen Lissauer darunter. Das übrige müssen sich meine Leser dann schon selber denken!” “Den Namen Constantin habe ich mir wegen seiner Bedeutung beigelegt – Constantin, der Beständige.” +“Ja, und Brunner, das war eine Huldigung für Frida, dein Verbundensein mit ihr auszudrücken, wie in der Firma Brunner und Mond zusammenstehn, nicht wahr?”

mit ihr auszudrücken, wie in der Firma Brunner und Mond zusammenstehn, nicht wahr?” – 146 – “Ach nein, nein, gar nicht+ *eigentlich Huldigung, sondern um sie ein bißchen zu ärgern und mich dann darüber zu amüsieren. Es war wohl so allerlei, was sich an Motiven mischte. Wie es immer bei mir ist.* Einfache Motive bestimmen mich nie und mußt du nie hinter meinen Handlungen suchen.”  [BMs. Seite 261: von + bis + im BMs. durchgestr.; von* bis * nur im HMs.; der letzte Satz handschriftl. im BMs. nicht durchgestr. Wo Zusammenhang?] 14. November 1914 Da man sich eine Entscheidung in diesem Kriege auf gewöhnliche Weise nicht vorstellen kann, so hat Vater schon seit lange diese Idee: wenn wir Calais und Boulogne haben, sollen wir den Feinden den Frieden anbieten, indem wir sagen: “So, weiter wollen wir nichts. Wenn ihr den Frieden nicht annehmt, so nehmt uns erstmal dies wieder weg!” Und das müssen wir dann halten können. – Zu seiner Verwunderung fand er neulich fast denselben Gedanken von Maximilian Harden ausgesprochen. “Und wenn wir nur das davon hätten, daß wir uns dann im Westen auf die bloße Defensive legen könnten, wodurch für die Offensive im Osten Kräfte frei würden.” 18. November 1914 Ich fragte, ob eigentlich kein Roman die tiefen Verlegenheiten feiner Menschen schilderte, die aus ihren wechselseitigen Beziehungen erwachsen. “Nein”, sagte Vater, “einen solchen Roman gibt es nicht. Aber in abstracto behandle ich das Thema in meinem »Du und die Andern«. Denn der Grund der Verlegenheiten ist ja der, daß jeder Modus die Substanz ist; von ihr hat er all seine Untugenden und Härten, nämlich seinen Egoismus, das heißt seine Unvermischbarkeit. Vermischung zwischen Menschen kann es nur in den Punkten geben, wo ihre Egoismen absolut zusammenfallen. – Den Romanschriftstellern fehlt die prinzipielle Klarheit für solchen Gegenstand.” “Sieh mal, wie dumm ich zuweilen beim Schreiben bin, und deswegen hauptsächlich ist es ja, daß ich immer sage: Ich bin kein Schriftsteller. Ich bin so langsam, das Richtige kommt mir oft erst so spät, ich fühle dann den Fehler, aber ich kann ihn nicht gutmachen. Ich schrieb doch neulich dem Lorenz über die causa sui des Spinoza. Bei der abstrakten Erklärung konnte ich nicht stehenbleiben, ich brauchte ein Gleichnis. Und so schrieb ich: Dem Spinoza wegen seines causa sui eine empirische Ursache zur Last legen, das wäre geradeso, als behauptete man, du sollst nicht morden hieße, du sollst morden – bloß weil das Wort morden darin vorkäme.132 Das Bild ist aber falsch! Und heute, nach so viel Tagen, fällt mir ganz plötzlich, während ich mit völlig andren Gedanken beschäftigt bin, ein, wie es richtig heißen muß: das wäre gerade, als sagte man, weil Apollon den Drachen Python erschlagen hat, Apollon und Python seien dasselbe. So ist es in Ordnung! Ich fühlte wohl immer, da stimmte etwas nicht, aber es fest packen – unmöglich! Das ist mir mit solchem Gedanken geradeso, als sähe ich einen Bekannten aus der Ferne sich nähern. Ich sehe nicht deutlich: ist es Cohn? Ach nein, es ist Müller. Guten Tag, Müller! Aber nein, schließlich, nach langem Warten, kommt er auf mich zu, und ich erkenne ihn genau: es ist ja Levy!” – Ich sagte scherzend: “Es ist eine Art momentaner Weiblichkeit, die es dir zuweilen schwer macht, deine Empfindung sofort intellektiv umzusetzen.” “Meine Blutarmut hat schuld, es ist richtige Blutarmut”, behauptete Vater, bis wir uns auf blutarme Weiblichkeit einigten. 19. November 1914 “Es ist auffallend, daß alle, die sich zu meinem Werke finden, als Charaktere ganz besonders vortrefflich sind – treue Menschen. Die anders sind, kommen wohl auch – aber sie gehn auch gleich wieder. Freilich, die ganz Feinen, die Besten, kommen gar nicht – weil die überhaupt nicht kommen!” Eine Zeitungsnotiz hat uns so sehr amüsiert, daß ich sie nicht vergessen möchte: Ein gefangener Franzose soll auf die Frage, warum er sich gar nicht zur Wehr gesetzt, nicht einmal 131 Rede der Juden: Wir wollen ihn zurück aus »Der Judenhaß und die Juden«. 132

Vater führt von Spinoza an aus der Emend. int.: ut vulgo dicitur causa sui.

– 147 – geschossen, sofort die Arme hochgestreckt und sich ergeben hätte, die Antwort erteilt haben: “Lieber fünf Minuten feige als das ganze Leben tot!” – Ich will noch hinzufügen, daß man erzählt, ein Russe habe in aller Unschuld gefragt: “Ach bitte, wo ist hier die Gefangennahme?” Gestern, von Magnussens kommend, ging ich, wie meist, für ein Augenblickchen zu der Magdalena hinauf in ihr einsames Stübchen. Es hatte ein kleines Hin und Her von unbedeutenden Mißverständnissen zwischen uns gegeben. Mir lag nur daran, daß sie endlich einsehen möchte, wie verkehrt man einem sensiblen Menschen wie Vater begegnet, wenn man ihm immer wieder seine eigenen Leiden in der Welt ausmalt, die seiner Krankheit vornehmlich, stöhnt, wo er seufzt, jammert, wo er klagt. Wenn Vater den Schnupfen hat, kriegt sie vor lauter Mit-Leiden sofort die Schwindsucht und schreit: o weh, wir haben beide die Schwindsucht! Doch ist alles, was praktischen Sinn und Gewicht hat, mit Magdalena kaum zu besprechen. Sie hebt jedes einzelne sofort in eine so ferne Sphäre der Abstraktion, daß vom Eigentlichen überhaupt nichts mehr übrigbleibt. Ich fing gestern dieses Thema an, um es zu Ende zu führen, und ihre Art, es zu behandeln, die gänzliche Unfähigkeit, wobei sich sogar ihre im Abstrakten sichere Logik ins gerade Gegenteil verkehrt, machte mich ein wenig heftig. Als sie schließlich doch wohl eingesehen hatte, daß ich im Recht bin, sah ich die Uhr – ich mußte fort. “Magdalena”, sagte ich, “das tut mir leid. Sie werden nun keinen angenehmen Eindruck von meinem Besuch zurückbehalten. Die Zeit ist leider zu kurz, um ein freundliches Ende anzusetzen”, und ich gab ihr herlich die Hand. “Aber nein, das geht doch noch sehr gut”, antwortete sie darauf, indem sie mich ohne ein weiteres Wort umarmte und küßte, was ich von Herzen erwiderte. – Nachher mußte ich an die Geschichte von den beiden Einsiedlern denken, die sich nicht zanken können; Vater hat sie mir in meinen Kinderjahren erzählt: Zwei Einsiedler lebten friedlich im Walde. Eines Tages ging der eine in die Stadt, um etwas Notwendiges auf dem Markte zu kaufen. “Ich habe etwas sehr Merkwürdiges gesehen”, sagte er, als er zurückkam. Bruder, ich habe zwei Leute sich zanken sehn.” “Ach, wie wird das gemacht?” fragte der andre. “Wir wollen es auch versuchen.” Der erste sagte: “Ja. Sieh, hier stelle ich unsern Topf in die Mitte. Nun sage ich, das ist mein Topf! Nun mußt du sagen: Nein, das ist mein Topf.” Der Bruder sprach ihm nach: “Nein, das ist mein Topf!” “Nun, wenn er dir gehört, so nimm ihn doch”, sagte der erste und schob ihm den Topf zu. Über Haydens Schöpfung: “Der Wiener liebe Gott ist entzückend.” 22. November 1914 Gestern beim Spaziergang durch den winterlichen Wald des Brauhausberges erzählte Vater mit Entzücken von den Freuden der “Sülz”, wo er in Jünglingsjahren mehrfach seine Sommerferien verbracht hat. “Es war ein Leben so, wie die feinen Leute früher Schäferspiele spielten, ganz ungestört heiter, die vergnügteste Romantik, aber so naiv gelebt, daß es mir als romantisch nie zum Bewußtsein gekommen ist. Unter lauter netten Menschen – das ganze Dorf war gebildet, harmlos und angenehm gebildet, und meine Weinbauernfamilie ganz besonders – ich der Mittelpunkt und vergöttert. Jeden Abend mußte ich erzählen, meine Phantasie hinausschicken, wohin sie wollte; meist zwanzig, dreißig Leute, alle heiter und liebenswürdig, um mich herum! Sommergäste und Bekannte und Verwandte der Wirtsleute und dazwischen immer eine ganze Menge der reizendsten, muntersten jungen Mädchen; wirklich wie Blumen, jede ein bißchen anders, und an jeder durfte ich in aller Freiheit ein bißchen riechen. Amanda, die jüngere Tochter meiner Wirtsleute, war wunderhübsch – wenn sie sprach, verlor sie allerdings etwas, weil dann die ganze Dummheit ihrer Hübschheit herauskam; aber es war ja auch Vergnügen genug, sie anzusehn: ein schlankes Mädchen und doch voll, mit zarten Formen, die Farben watteauhaft. Ihre Schwester Elvira war lange nicht so hübsch; sie hatte wohl allerhand Treulosigkeit erfahren und vom Erleben scharfe Züge bekommen; immerhin sah sie nett genug aus, viel blonder als Amanda – aber, wie gesagt, etwas Scharfes: eine Ecke weiter eine Hexe! – Ach, das Lachen, das Spielen, Trinken von dem köstlichen Wein und die Spaziergänge, die herrliche, herrliche Klosterruine von Heisterbach!” Ich sagte, daß ich tausendmal lieber als Kristiania mir die Orte seiner Jünglingsjahre am Rhein und im Schwarzwald von ihm würde zeigen lassen. “Ja, mir ist, als hätte ich diese

am Rhein und im Schwarzwald von ihm würde zeigen lassen. “Ja, mir ist, als hätte ich diese – 148 – Reise förmlich von dir zu verlangen, wo es doch schon verkehrt genug ist vom lieben Gott, daß er mich in jenen Zeiten nicht dabeisein ließ.” “Glaub mir”, erwiderte Vater und drückte mir die Hand, “es ist doch so besser, er hat doch recht gehabt.” Ob er nicht doch frischer geatmet hätte, als er plötzlich von dem engen Leben zu Hause mit all der Einschränkung, dem vielen Einsitzen, dem ewigen Ins-Bett-beordert-Werden, in Freiheit und Selbständigkeit geraten, fragte ich Vater gestern. “Nein, nein, so war das gar nicht bei mir. Äußere Übergänge habe ich nie gemerkt. Mein innerstes Leben war immer so in einem hin und ganz still.” Mir wird immer klarer, daß Vater gar keine unternehmende Energie besitzt, sondern nur die der Re-Aktivität. Diese um so viel stärker, als ihm die andre fehlt. Er fängt nie von sich aus etwas an. Auch leider nicht den zweiten, allernötigsten Band seines Hauptwerkes (über den Geist), sondern Kleinigkeiten, die unter dem Arbeiten zu Großigkeiten werden und wozu er durch irgend etwas, eine Frage, ein Gespräch – angeregt und so unabweislich dadurch beschäftigt wird, daß er nicht los kann. Er ist wirklich wie eine Frau, die ein Kind empfangen hat, ob groß oder klein, so oder so geartet, sie muß es eben austragen, sie kann sich kein andres in ihren Schoß hineinzaubern, und zur Welt muß es, wenn es kann. – Wegen dieser seiner Anlage der Re-Aktivität und mangelnden Initiative ist die Entwicklung von Vaters Schaffen so langsam vor sich gegangen. Der erste Band seines Werkes wäre vielleicht nie zum Abschluß und noch weniger an die Öffentlichkeit gelangt ohne das Wunder eines bestimmten Zufalls: die Begegnung mit Landauer. Übrigens ist ja auch der ganze Inhalt seines Werkes nichts als Re-Aktion auf die Welt und auf der Menschheit Verhalten gegenüber dem Geist. Vater hatte mir Gutzkows Darstellung von Börnes Leben empfohlen. Ich sagte, daß sie mir gefiele und ich es erquicklich fände, wenn ein Mann, der von sich aus das Originale schätzte und verstünde, die Originalität eines überlegenen und bewunderten Geistes ins Licht stellte. Dann äußerte ich ein kleines Erstaunen über einige geringfügige Geschmacklosigkeiten in Bildern und Vergleichen, wozu Vater bemerkte: “Bei einem Dichter – und das ist Gutzkow durchaus – finde ich das ganz selbstverständlich, weil er so stark anschaulich empfindet, daß er überhaupt immer an der Grenze des Geschmacks herumläuft und ihm fast unmöglich ist, sie zu wahren. Man braucht nur an Shakespeares Euphuismus zu denken. Ein geschmackvoller Schriftsteller, wenn er Kraft hat – denn sonst nenne ich ihn gar nicht Schriftsteller, denn was will er? – ist etwas Fabelhaftes!” Mich ängstigt’s oft: Ich darf Vater nicht anhalten. Und muß es doch als einen Selbstbetrug auffassen, wenn er sich damit beruhigt, die Menschen hätten für lange genug zu tun, den ersten Band der Lehre auszunutzen, und darin sei alles enthalten. Ich kann mich so nicht zufrieden geben: Die Lehre vom Geist ist die eigentliche Philosophie, die er der Menschheit nicht schuldig bleiben darf. Nicht einmal die Auseinandersetzung über die praktische Lebensseite der Lehre von den Geistigen und vom Volke hat er das Recht, ihr vorzuenthalten. Läßt er es bei Andeutungen bewenden, läuft er ja Gefahr, in diesem Punkte unter die Schwärmer, Anarchisten, Davidsbündler geworfen zu werden. Was hemmt ihn? Sind es die Ideen zu kleineren Schöpfungen, die dazwischentreten und den Weg verstellen? Es ist wahr, sie sind mächtig – aber doch nur, wie die Gegenwart eine mächtige Göttin ist. Fehlt ihm, körperlich und nervös, ein Gefühl von Kraft, daß er sich nicht getraut, an sein Größtes zu gehen? Er sagt aber selbst, daß körperliche Schwäche das eigentliche Schaffen nicht lähme! Oder ist es der Mangel an Initiative, der ihn zum Hauptwurf nicht kommen läßt? Wenn man einen Anstoß, einen groben, äußeren heranzaubern könnte, aber wie sollte das geschehen? Worte von mir, die ihm Triebkraft geben sollen und wozu ich unendlich selten greife, selten greifen darf, hört er ruhig an, ohne sich von ihnen bestimmen zu lassen, und ich breche dann ab mit dem schmerzlichen Gefühl, daß vielleicht doch mehr Intelligenz, Überzeugungs- und Überredungskraft, Energie von meiner oder anderer Seite ihn zu zwingen vermöchten, was ich mit geringeren Kräften des Geistes und Willens und der

ihn zu zwingen vermöchten, was ich mit geringeren Kräften des Geistes und Willens und der – 149 – großen Kraft der Liebe nicht ausrichten kann. 23. November 1914 Gestern abend malte uns Vater, wie schon manchmal in erinnerndem Genießen, die Freuden der jüdischen Festtage aus. Ein kindlich heiteres Lächeln umspielt dann Mund und Augen – man sieht, während des Erzählens lebt er die Feiertage seiner Kindheit noch einmal durch. Was das immer für Freuden und Vorfreuden gewesen seien! Das Pesach, wo schon vierzehn Tage vorher jedes Eckchen, wo man sonst nie hinkam, nach dem Chomez durchsucht und gereinigt wurde. Mit welcher “tränenbegossenen Wonne” die frommen Kinder das kleine Martyrium des scharfen, bitteren Moraur auf sich nahmen. “Ich finde, die Begeisterung ist dem Menschen so natürlich, daß sie sich, ohne nach Sinn und Wert zu fragen, an jeder feierlichen Zeremonie entzünden kann. Chanuka mit dem Leuchter, dem neunarmigen, ‘das silberne Eisen’ (ursprünglich bestand er aus Eisen, später gab es in den besseren Haushaltungen silberne), woran an jedem Tage ein anderer angezündet wird; der mittlere heißt ‘der Diener’, weil man an ihm die übrigen entzündet; wenn die Lichter angesteckt sind, singt die Familie das herrliche Lobpreisungslied des Makkabäersieges Moauszur jeschuossi (das Vater noch jetzt zuweilen gern und mit Schwung beim Durchschreiten seines Zimmers singt). Das ausgelassenste Fest, mit Späßen durch den ganzen Tag, war Purim. Allein die Hamannsohren! Wie das alles die Phantasie anregt! Überhaupt immer an den Feiertagen die besonderen, beziehungsreichen, interessanten und so schmackhaften Gerichte! Am Feste der Gesetzesfreude das Amüsement der Kinder; jedes trägt ein Fähnchen, und der große Moment, wenn alle Thorarollen mit ihren gestickten Mäntelchen und silbernen Glocken herausgenommen werden. Die Synagoge von Altona hatte wohl an achtzig. Und dann wird aufgerufen, und die Männer der Gemeinde tragen selber hintereinander die kostbaren Rollen durch die ganze große Synagoge. Die Frauen und kleinen Mädchen oben treten an die Brüstung, stolz, ihre Männer und Väter mit der buntbekleideten Rolle im Arm gehen zu sehn. Und zum Schluß gibt es wieder etwas Herrliches für die Kinder: da steht der Synagogendiener auf, er trägt als letzter seine Thora, und sämtliche Jungen unter dreizehn Jahren mit Jubel hinter ihm her, während es von oben Bonbons und Nüsse regnet. Überhaupt haben ja die Kinder bei jedem Fest so viel zu tun. Am Pesach, welcher Stolz als Jüngster das Manischtanno[St. S. 139: Manistanna] zu sprechen! Ach Pesach! Wenn die Tür geöffnet wird für den Elijahu hanovi! Das große ehrwürdige Geheimnis! Und ein jeder weiß den Zusammenhang. Nicht bloß ein paar Gebildete, die es zufällig gelernt hätten, sondern wirklich alle wissen und fühlen es auch, daß erst der Prophet Elias kommen muß, ehe der Messias erscheint. Denn Elias muß ja über alles Bescheid geben. Sonst wüßte man gar nicht, was man in Palästina, wohin es doch mit dem Messias geht, zu tun und zu lassen hat, er entscheidet die Rechtsfragen, klärt über alle Verhältnisse auf. Ich habe den Elias sehr geliebt; auch war er geistreich, und das prägt sich ein. Einstmals ging er mit irgendeinem Begleiter auf den Markt, wo viele Menschen ihr Wesen trieben. Wer von all diesen mag wohl selig werden? fragte sein Begleiter. Der Possenreißer, gab Elias zur Antwort, denn wer so viele Menschen zum Lachen bringt und fröhlich macht, hat wohl die Seligkeit verdient. – Unsre Propheten, unsre großen Rabbinen, Akiba, Hillel, Chanina[St. S. 140: Chananja], Jehuda Hanassi und die andern alle, auch die großen Lehrer des Mittelalters, zu denen kann man ein richtiges Verhältnis haben, sie haben wirklich gelebt, jeder hat etwas ganz Bestimmtes geleistet, und man weiß, was. Das ist nicht wie mit den Heiligen der katholischen Kirche, die überhaupt nicht existieren würden, hätten die Maler sie nicht gemalt und die schließlich eben deswegen nur frostige Allegorien sind.” Daß der schaffende Mensch praktisch, besonders im Ertragen von Widerwärtigkeiten, schwächer sei als die andern, gab Vater in einem flüchtigen Gespräch über Nietzsche zu. Aber diese Schwäche dürfe eben nie in die Sphäre des Schaffens getragen werden; das Abstrakte müsse freigehalten bleiben. Nietzsche würde ihm in vielen Zügen lieb und sogar besonders wert sein, aber der Anspruch, womit er auftritt, mache das alles zunichte; dagegen richte er sich. Übrigens den »Zarathustra« – und der gälte doch für Nietzsches bestes Werk und er selbst habe ihn dafür angesehn – könne er nicht aushalten, und wenn man ihn nicht zu Gefängnis, sondern zu Schlimmerem verurteilen wollte, brauchte man ihn nur zu zwingen, den »Zarat-

sondern zu Schlimmerem verurteilen wollte, brauchte man ihn nur zu zwingen, den »Zarat– 150 – hustra« zu lesen. 25. November 1914 “Es ist unglaublich, wie viele Nicht-Kombattanten dieser scheußlichste aller Kriege unglücklich macht und schwer schädigt. Wenn die Entwicklung unsrer technischen Mittel, besonders der Flugzeuge, so weitergeht wie bisher, werden im nächsten Kriege die Einwohner aller Länder in ihren Betten nicht mehr sicher sein; durch die Matratzen durch wird es sie ereilen.” Es verlautet hier und da, unsre Heeresleitung beabsichtige in kurzer Zeit wirklich, wie alle Leute hier ersehnen, Truppen nach England zu schicken. “Das wäre ein Abenteuer, wozu wir durchaus keine Menschen übrig haben, und wenn das, wie ich nicht glaube, geschähe, würde ich eine schrecklichere Angst ausstehen als ganz England. Aber ich traue auf die Besonnenheit unsrer Heeresleitung.” Herrlikow, der Kräftige, leidet seit Ausbruch des Krieges unter einer sich steigernden Psychose, einer Art von Kriegsneurose; es sind hauptsächlich Zwangsvorstellungen von der Niederlage des deutschen Vaterlandes, die ihn um Ruhe und Schlaf bringen. “Ich kann nichts tun, als ihm innigste Vertiefung in das neue Testament empfehlen; vielleicht, daß es ihm einmal ganz neu und gewaltig aufgeht, nämlich der Sinn der wirklichen und einzig wahren Passion. Die paulinischen Briefe muß er lesen und vor allem das Matthäusevangelium und sich so damit durchdringen und es sich beständig vorstellen, bis er das alles selber ist.” Vater leidet wieder nervös. Er schildert die schlimmste Form seines Leidens als den Zustand einer “vollständigen Erweichung, worein alle Sinneneindrücke sich schmerzhaft eingraben”. Dies Gefühl ist am konzentriertesten im Rücken, besonders in der Kreuzgegend. “Mein ganzer Rücken klingt”, sagt er zuweilen und: “Ich höre und sehe mit dem Rücken.” “Zum Publizisten großer Art fehlt es Harden an zweierlei: an Pathos und an Humor.” Über Herrlikows Leiden: “Herrlikow, mit einem Herzen, womit man den Winter warm machen könnte, dem konnte das natürlich leicht passieren; die weichsten Herzen sind jetzt selbstverständlich die gefährdetsten.” 30. November 1914 In der Unterhaltung heute vormittag gebrauchte ich das Wort “geistreich”. “Ach, du sagst ‘geistreich’; da fällt mir mein Traum von heute nacht ein. Ich war mit lauter Politikern zusammen, mit russischen, englischen, französischen und deutschen; Bülow war darunter, und ich glaube, auch Bismarck. Wir sprachen über den Krieg und die politische Lage. Das war aber einfach wundervoll. Denn jeder Satz war so geistreich, die sublimsten Gedanken in den sublimsten Wortverbindungen zum Ausdruck gebracht, daß wir damit uns über das Geschehen vollständig erhoben, und ich fühlte mich durch diese Gesellschaft so erhöht, daß mir die Worte wie Lichter von den Lippen sprangen. Wer nicht die feinste Kultur und Urbanität besäße, hätte von unsrer ganzen Unterhaltung gar nichts verstehen können, so schwebte sie über den Ereignissen hin und hatte sie doch gepackt! Als ich aufwachte, wußte ich noch den letzten Satz, aber nun habe ich ihn leider vergessen. Ach, es war wundervoll, so sprechen zu können!” 1. Dezember 1914 “Die Menschheit ist eine klebrige, poröse Masse. Wenn man an einer Stelle Petroleum oder Gift eingießt, das sickert gleich durch das Ganze. Nur das Gute ist unter den Menschen nicht ansteckend.” Es scheint mir des Merkens wert, daß diejenigen drei Bücher, welche am meisten von Kriegern ins Feld mitgenommen werden, das Neue Testament, Goethes »Faust« und Nietzsches

Kriegern ins Feld mitgenommen werden, das Neue Testament, Goethes »Faust« und Nietzsches – 151 – »Zarathustra« sind. Umfragen bei Buchlhändlern haben dies Resultat ergeben. 4. Dezember 1914 Vater liebt und bewundert sehr die »Wahlverwandschaften« als zu Goethes schönsten Werken gehörig und hob noch neulich hervor, wie fein das sei, daß die Menschen dieses Romans einige kleine Verkehrtheiten, die leicht abzustellen gewesen, im Gegenteil pflegten und gerade damit den Zusammenbruch des Ganzen auf sich herabzögen. Es verletzt Vater, daß “in diesem köstlichen, reifen Werke einige kleine Mängel sich so breit machen. Zum Beispiel eine große lange Langweiligkeit in der Mitte. Und dann mag ich gar nicht alles, was Ottilie sagt: das ist voll von einer Sentimentalität, aus der gerade Goethe sich so gut herausgearbeitet hatte. Was sie schreibt nun gar – es gehört zu den unverantwortlichen Rücksichtslosigkeiten, wie sie Goethe an sich hatte, dieses Tagebuch, das weder zu dem Roman noch zu Ottiliens Wesen und in den Kreis ihres Denkens paßt, einfach da hineinzustecken, bloß weil er gerade keine andre Stelle für die Veröffentlichung dieser Bemerkungen zur Hand hatte. Die passende Gelegenheit abzuwarten, dazu war Goethe zu ungeduldig. Wirklich schade, daß er so unkünstlerisch verfahren mochte mit einem Werke, das sonst gerade ein so hohes Kunstwerk ist und natürlich trotz der Mängel bleibt.” “Es ist wirklich jedesmal eine richtige Tragödie, wenn die Frau sich in irgend etwas von ihrem Manne loslöst und ihr kleines, wackliges Haus in sein größeres hineinbauen will: Sie zerstört damit beide.” “Die Alten haben das alles so schön und einfach gesagt: Das Weib soll treu und gehorsam sein. Und das ist es auch, was ich verlange.” “Genial ist nur das ganz Unmittelbare. Und das Unmittelbare ist in jeder Form genial.” 8. Dezember 1914 “Meiner Meinung nach ist zu Anfang ein schwerer Fehler damit gemacht worden, daß unser rechter Flügel (Kluck) gleich auf Paris loszurücken versuchte. Damals hätten wir uns lieber Boulogne oder Calais nehmen sollen – mit einem Handstreich hätten wir es gehabt, denn im Anfang war die Küste nur schwach verteidigt. Antwerpen hätte ruhig unbelagert, nur in Schach gehalten, bleiben können. – Unsre Heeresleitung ist nicht genial, wie mir scheint, und das kostet uns Hunderttausende von Menschen.” “In den gleichen Lebensverhältnissen betragen sich durchweg die Frauen schlechter als die Männer: engherzig, kleinlich. Der Volksmund spricht ganz recht nur von der bösen Schwiegermutter und das Märchen, das immer die richtige Erfahrung ausspricht, von der bösen Stiefmutter.” 11. Dezember 1914 Seit Ausbruch des Krieges haben wir einen kleinen Kostgänger, ein dreizehnjähriges Mädchen, ein wackeres Fresserchen. Nun kam uns allerlei Nachteiliges über die Kleine zu Ohren; zum Beispiel die erwiesene, von ihr selbst bestätigte Tatsache, daß sie Kommisbrote, die ihr Soldaten aus Mitleid schenkten, verkauft hatte, um den Erlös zu vernaschen. Es ist offenbar von wirklicher Not bei ihr nicht die Rede, und darum hielt ich es für richtig, einem bedürftigeren Kinde den Freitisch zuzuwenden. Aber Vater wollte davon nichts wissen: “Kaum gibt man einem Armen was, so heißt es schon an allen Ecken und Enden: Der hat’s nicht nötig! Und übrigens – wir geben doch dem Kind nicht darum zu essen, weil es einen JesusCharakter hätte!” Auf seinem halbkreisförmigen Balkon hat Vater eine kleine Vogelstation eingerichtet: ein Häuschen, worein Hanfsamen und Sonnenblumenkerne gestreut werden, und für die Meisen hängt eine Tafel da, die Fett und Körner enthält, alles, was sie mögen und brauchen. Kuchenund Weißbrotkrümel mästen den Spatzen kleine Schmerbäuche an. Drollig ist’s, wenn sie

und Weißbrotkrümel mästen den Spatzen kleine Schmerbäuche an. Drollig ist’s, wenn sie – 152 – versuchen, sich wie die Meisen auf der freischwebenden Tafel zu wiegen, um diese besonderen Delikatessen zu genießen – aber sie bringen es nicht fertig, sie können sich nicht halten; nur ein dicker brauner hat es merkwürdigerweise den Meisen abgesehen und kann ein bißchen Schaukelei vertragen. Entzückend ist der immerwährende Betrieb auf unsrer Vogelstation, das ewige leichte Hin und Her. Hauptgäste sind natürlich die Spatzen. Zu den feineren Leuten gehören schon die etwas schüchternen Hänflinge133, unsre Lieblinge aber bleiben die Meisen; die bunten mit den weißen Backen, vor allem die winzigen grauen mit schwarzen Käppchen. Gestern kam ein neuer Gast, dessen Namen wir noch nicht wissen: ähnlich den grauen Meisen, aber langgeschwänzt, der Kopf vom lichtesten, weichsten Blaugrau, etwas Bronze im Rückengefieder. Wohl auch eine Meisenart. Zuweilen besucht uns ein bunter großer Vogel mit starkem Schnabel, ein Specht. Hin und wieder fliegt auch mal eine Amsel so hoch. Vater sorgt selber auf das gewissenhafteste für die Gesellschaft und hat den Genuß davon, wie ihn doch wohl nur ein in der Stadt Aufgewachsener kennt, dem sich diese reizende kleine Welt als etwas ganz Neues darbietet. Weniger Ornithologe kann man wirklich nicht sein: Neulich lag ich, etwas unpäßlich, im Bett. “Kannst du mal schnell heraus”, Vater stürzte in mein Zimmer – “da ist ein Vogel auf meinem Balkon – ein ganz großer, seltsamer, seltener, wunderbarer Vogel! Komm schnell!” Ich ging und sah – eine Taube; eine richtige schwarze Taube mit weißen Schwanzfedern und schillerndem Hals, die sich aus einem der Nachbargärten an unsre Futterstelle verflogen hatte. – Nach Weihnachten bekommen es unsre Vögel besonders gut, denn dann wird ihnen der Tannenbaum (den wir in diesem traurigen Jahr fast nur für sie anschaffen) auf den Balkon gestellt. Das Häuschen und einige Futterringe und -tafeln hängen wir hinein, und sie fühlen sich zu Hause wie im Wald und hüpfen von Zweig zu Zweig. Das Vogelfutter ist jetzt leider teurer geworden – aber “Leute, die von einem abhängig sind, darf man Teuerung nicht entgelten lassen, und wenn’s bloß Vögel sind”, sagt Vater. 12. Dezember 1914 Vater feilt noch an dem Judenbuch und will an die Vorrede gehn, “um die Sache los zu sein”. “Denkst du schon an das, was du danach machen wirst?” fragte ich heute morgen. “Nein, ich werde doch keinen Ehebruch begehn.” Von Magnussens: “Ihre Stube ist ja ein bißchen eng – aber so rein, daß man doch gern darin sein mag.” “Daß dieser Krieg als partie remise enden könnte wie ein Schachspiel, halte ich für ausgeschlossen. Das ist bei Wirklichkeitsmächten, wo es bis aufs Letzte geht, doch anders: wenn alle Truppen weg und erschöpft sind – na, dann gehn eben noch die Könige aufeinander los und messen ihre Körperkräfte! – Aber es ist ein furchtbarer, ein dummer, ein ungenialer Krieg. Da stehn die Heere sich gegenüber – ich muß an ein Holzspielzeug denken: zwei Boxer zu beiden Enden einer Holzstange, die man hin- und herschiebt; jetzt geht der linke vor und der rechte zurück (links große Siegesposaune); im nächsten Augenblick steht es umgekehrt (Siegesmeldung rechts). Kein Vorwärts, ein Hin und Her.” 13. Dezember 1914 Jenspieter sagte gestern: “Mimi sagt immer bendig – sie weiß noch nicht, daß es ribendig heißt.” Ich erzählte es Vater als gutes Beispiel dafür, wie sich ein Mensch mit seiner Verkehrtheit über die Verkehrtheit des andern erhebt. “Schreib es dir auf, ich will es auch aufschreiben; es ist mehr wert als ein ganzes Buch. Ja, man sollte ein Buch herausgeben, worin nichts steht als dieser eine Satz: Mimi sagt immer bendig – sie weiß noch nicht, daß es ribendig heißt.” Vater war der Rat erteilt worden, gegen seine nervösen Rückenbeschwerden sich das Kreuz 132 Vater führt von Spinoza an aus der Emend. int.: ut vulgo dicitur causa sui. 133

Jetzt hören wir, es sollen keine Hänflinge, sondern chinesische Nachtigallen sein. 4. Februar 1915.

– 153 – mit Salzwasser abzureiben. “Das ist gerade, als wollte man einen Apfel, der innen verfault ist, von außen schön blank putzen. Was können die äußeren Mittel helfen?” Jenspieter mag durchaus nicht guten Tag sagen. So sehr er sich freut, wenn man kommt – er versteckt sich oder wenigstens seinen Kopf. “Es ist nicht Laune”, sagte ich zu Vater; “er schämt sich, er empfindet die Peinlichkeit des Anfangens und hat eigentlich recht damit.” “Ja, an den Kindern können wir so recht sehen, was ich mein Lebelang gefunden habe, wie unnatürlich es mit unsrem Guten Tag und Adieu und den andern Redensarten ist. Aber wir bedürfen doch solchen toten Gerüstes, um darauf das Lebendige bauen zu können.” Wir kamen von da auf die Schriftsteller. “Die schlechten brauchen die toten Einleitungen zu ihrer Sache; aber von allen guten gilt das Horazische in medias res.” 14. Dezember 1914 “Jetzt ist nicht die Zeit, davon zu reden, aber nach dem Kriege wird es sehr nötig sein, sich zu fragen: ob denn all den ‘Fortschritten’ der Menschheit, besonders den technischen, irgendein Wert beizumessen ist, wenn solche Kriege mit dieser noch nicht dagewesenen Furchtbarkeit und Unmenschlichkeit möglich sind. Ob wir nicht besser täten, ohne Eisenbahn und Luftschiff und Telegraph zu leben, meinetwegen wie Urmenschen in Höhlen zu kriechen und dafür Krieg nach der alten guten Art zu führen? Da – die Stuttgarter Friedensgesellschaft will mich zum Mitglied. Ja, wenn die Menschheit eine Friedensgesellschaft wäre! Aber so! Lieber irgendeiner Sekte beitreten!” Gestern hörten wir, daß viele gefangene Russen einfach sofort niedergemacht würden, und das seien nicht Ausschreitungen einzelner Soldaten, sondern wird von oben her gebilligt, ja befördert. Ich war so aufgeregt, daß an kein Schlafen zu denken war. “Wenn man sich das nur von einem einzigen Fall richtig vorstellt, ist es schon so, daß man eigentlich nicht wieder froh werden könnte in dieser entsetzlichen Welt. Und nun eine ganze Menge und gute, unschuldige Menschen darunter!” “Glaub mir”, sagte Vater, “sieh du aufs Ganze: Die Menschen tun einander gerade so viel Gutes wie Böses. Und wenn du so lieb und süß zu mir bist, ist die Schandtat, die dich so aufregt, wieder wettgemacht, aber wirklich wettgemacht!” “Gerade bei dieser Turbulenz auf der ganzen Welt, in die auch ich mich so ganz hineingerissen fühle – denn wir sind alle verwundet jetzt, richtig verwundet –, möchte ich versuchen, wenn ich mit dieser Arbeit fertig bin, mich ganz in die Gedanken der abstrakten Philosopbie zu begeben. So wie man einnimmt.” “Himmel und Erde – das Und ist es, was wir leben, wir leben immer die Kopula.” “Wenn ich Geld hätte, und die Witterung der Welt wäre danach, würde ich jetzt mit dir ein bißchen nach Norwegen hinauffahren, auf zehn Tage nur, und da auf Holmekollen mit dir spazierengehn. Wirklich nicht aus Gleichgültigkeit gegen den Krieg; gerade im Gegenteil, aus zu leidenschaftlichem Mit-Leiden!” “Das Mitleid über den engen Kreis unsrer Pflichten hinaus ist eine richtige Krankheit. Der Strom unsres Bewußtseins verfließt in den schmalsten Grenzen: ein wenig darüber hinaus, da ist Irrsinn und Krankheit; ein bißchen zuviel Beschäftigung mit der Vergangenheit, übertriebene Sorge um die Zukunft macht krank; ein wenig zuviel schon, so wie die Temperatur unsres Blutes nur geringe Minderung oder Steigerung zuläßt, ohne daß Fieber eintritt. Das Strombett ist eng; ungezügelte Phantasie und Gefühl wollen es erweitern, das Wasser tritt über die Grenze, Sand wird aufgeworfen, der ganze Strom hinausgedrängt (die kranken Dichter; Hölderlin). Das Bild hat einen ausgedehnten Sinn: Einige Teilchen des Flusses, nach der beständigen Bewegung immer verschiedene, sind stets in Reibung mit dem Ufer. Das tut dann sehr weh oder sehr wohl. Aber solche Gespräche schon sind gefährlich; nur gesunde Köpfe dürfen sie sich gestatten.”

– 154 – 15. Dezember 1914 So seelenempfindlich ist Vater: Wir beide kamen von größerem Spaziergang heim. Wir sprachen nicht viel; seine Hand lag mit meiner zusammen in meinem Maulwurfsmuff; unsre Füße gingen gleichen Schritt. “So möchte ich nun noch Meilen mit dir gehn, so doppelt verbunden”, sagte Vater kurz vor unsrem Hause. Da ich mich gerade mit Mappen ägyptischer Plastik beschäftigt hatte, so mußte ich an gewisse Doppelbildnisse denken, die dieses zwiefache Verbundensein stark und innig zum Ausdruck bringen. Unglücklicherweise sagte ich, was ich dachte. “Wie schade! Du hast mich ganz herausgerissen! Gerade als hättest du, was du wahrlich nicht tust, plötzlich in unser Gespräch ein langes Zitat gebracht. Denn was geht mich ägyptische Kunst an?! Tote Granitblöcke, eingefrorenes Gefühl, erratische Eierschalen überall. Das ist Orient, eine fremde, tote Welt; für mich beinah so tot wie das Japanische. Historie, die mich ja nie interessiert; nicht einmal um die Historie meiner selbst hab ich mich je gekümmert. Und das eingefrorene Gefühl des Orients mag ich gar nicht; nur das geschmolzene der Hebräer.” – Der Spaziergang in den Babelsberger Park war schön gewesen. Die Sonne war schon untergegangen, aber ihr letzter Schein wob sich noch goldviolett in den schweren Nebel. Von der Generalsbank der Blick läßt an Florenz denken, mit Türmen und Domkuppel. Wohl noch schöner die Aussicht von der Siegessäule, durch Bäume und Sträucher in fünf Veduten geteilt, deren mittlere den gewundenen Flußlauf zeigt, die äußerste rechts traumhaft den Pfingstberg mit den flachen Türmen seines Belvedere. Über allem tiefrot der Abendhimmel. Man fühlte sich aus unsrer Welt versetzt. Aber beim Umwenden der Blick auf das Eiserne Kreuz der Viktoriasäule schleuderte uns sogleich wieder hinein. Das Eiserne Kreuz – uns allen jetzt das vertrauteste Zeichen! – Von dem spitzen Staket um die Säule sagt Vater jedesmal: “Und da drunter, in der Erde, stehn Schutzleute mit Helm und Lanze, und was da oben rausguckt, das sind die Lanzenspitzen, die sie durchgesteckt haben. Der ganze preußische Militarismus ist das.” – Als wir an die Steinbank kamen, die wir die Zeus- und Herabank getauft haben, lag der See schon unerkennbar im Dunkeln. Vater war gut gestimmt, kein Mensch im Park. Um eine Riesenkonifere spielten wir Kriegen134. Von der kleinen Brücke in Glienicke sahen wir den Griebnitzsee dicht mit Nebel bedeckt, es war schön. 16. Dezember 1914 “Alles auf dem Grunde Schöne muß sich trotz den furchtbarsten Anfechtungen endlich doch nach der ganzen Schönheit seines Wesens wiederherstellen.” 18. Dezember 1914 Ich habe Vater den Briefwechsel zwischen Rahel und Varnhagen aus dem Jahre 1813 gegeben, worin ich selber in diesen Kriegstagen gelesen und einiges für ihn gefunden hatte. “Ja, man geht gern mit Rahel um; sie sitzt und liegt wirklich vor einem, die ewig und überall Lebendige. Da ist kein bißchen Wasser, das faulig wäre, alles klar und fließend. Und in dem, was ich jetzt gerade lese, finde ich auch nichts Abgeschmacktes. Das Zentrale freilich ein bißchen klein und geistreich – so viele Namen, während man doch Gott! Gott! beten muß! Aber ich freu mich mit ihr und über sie. Und auch der Varnhagen gefällt mir immer sehr gut, und ich finde unrecht, ihn nur so als Anhängsel zu betrachten: Er gehört doch zu unsern besten Geschichtsschreibern! Hat es zu schönem, edlen Ausdruck, zu voller Abrundung und Abgerundetheit gebracht. Nein, ich finde, das ist schon ganz viel, was der kann. Er ist weit begabter als Eckermann, und um eine große Weltgeschichte ab ovo zu unternehmen, war er bloß zu fein. Er spiegelt immer nur die Persönlichkeiten und das so gut! Mir ist das viel lieber. Was er erlebt, wie er es erlebt, das ist sogleich Geschichte.” – Im weiteren Verlaufe des Gesprächs gerieten wir auf Rahels Verhältnis zu Heine, und ich erwähnte ihr: Heine, werde wesentlich! “Ach, Heine war ja so wesentlich! Mir ist er gerade jetzt wieder ganz wundervoll. Und wer so mühelos von überall her ins Wesentliche hineingleiten kann, der muß doch wohl da zu Hause sein. Hör mal, man ist eben nicht den ganzen Tag in der Synagoge – aber wenn man drin ist, kann man seinen Hut aufbehalten!” (Beziehung auf eine Anekdote, die in Kürze so lautet: Gespräch zwischen einem Rabbiner und einem Pfarrer, der an der Februar 1915. 134

Hamburger Ausdruck für Greifen.

– 155 – jüdischen Religion dreierlei auszusetzen hat. Zuerst, daß die Juden in der Synagoge so lärmend sprechen. Der Rabbiner rechtfertigt dies so: “Ja, unser lieber Gott ist schon alt, der ist der Älteste, daher hört er schon ein bißchen schwer und muß laut zu ihm gesprochen werden.” Zweitens gefällt dem Pfarrer nicht, daß die Juden sich bedeckten Hauptes im Gotteshause aufhalten. “Ja, das hat auch seinen guten Grund; wenn wir bei unsrem lieben Gott sind, da sind wir zu Hause und können ruhig den Hut aufbehalten.” Der dritte Einwand des Pastors richtet sich gegen das Zeremoniell der jüdischen Leichenbegängnisse. “Da haben Sie recht, Herr Pastor”, gibt der Rabbiner zur Antwort; und darum seh ich lieber zehn Gojim zu Grabe tragen als einen Juden.”) 20. Dezember 1914 “Herabziehen ließe ich mich nicht; denn damit würde ich mehr als Welt verraten.” 21. Dezember 1914 “Daß die hebräische Bibel von Gott inspiriert ist, glaube ich nicht, aber daß die deutsche von Luther inspiriert ist, weiß ich. Daran haben wir wirklich die Bibel deutsch!” “Ich mag sehr gern einmal in die kleine Frauen-Synagoge gehn (aber Bettina darf da nicht sitzen, höchstens Schammis sein, ich kann sie nicht leiden. Ihre ganze Begabung ist an sich schon Absicht. Ihr fehlt die Sachlichkeit, die weibliche Sachlichkeit meine ich natürlich). Mit Rahel geh ich jetzt doch wieder gern um und finde sie in diesen Briefen sogar wenig manieriert. Gott, mal ein bißchen! Das ist aber selbstverständlich: Man ist nicht nur in sich, sondern auch um sich herum. Nicht gut ist ihr salto mortale kopfüber plumps ins Mystische, den sie immer macht, und da spricht sie dann auch schlechter als sonst. An philosophischem Mitgehen konnte Karoline135 mehr leisten als sie. Und an der hab ich auch das große Mütterliche so sehr gern: Sie leitet ihre Freunde, regt sie an. Ich betrachte die Frauen ja wenig nach dem, was sie leisten, sondern seh sie mir nur so liebevoll an und sehr interessiert sozusagen nach dem Geschlechtlichen ihres Denkens. Auch George Sand – ich kann über ihre schauderhaften künstlerischen Schwächen hinweglesen: Sie vermag doch die große Predigt! Und wenn sie sie auch anderswo gehört hat, so kann sie‘s doch stark wiedergeben.” Vater hatte uns (auch Emma) Jean Pauls »Schulmeister Wuz« vorlesen wollen, aber es ging nicht wegen “der Schnipsel von seinen Kollektaneen, die ihm überall herumhängen. Das ist ja wie eine Tüte mit klebrigen Lutschbonbons, von denen das meiste haften bleibt: man weiß schließlich gar nicht mehr, was ist Bonbon und was ist Papier”. “Das Buch Hiob, das jetzt so hoch bewundert wird, mochte ich nie recht. Ich habe mich in meinen unkritischen Jünglingsjahren natürlich pflichtschuldigst damit beschäftigt, sogar es zu übersetzen begonnen, aber bis auf die einzelnen herrlichen Stellen ist es mir doch im Grunde meines Herzens, mit den übrigen Bibelbüchern verglichen, untergeordnet vorgekommen. Gewiß, es ist ein schöner Geist der Freiheit darin, aber – ich kann nicht anders sagen als so grob: es ist mir zu dumm! Die Leute nehmen das für Philosophie, daß der Gerechte leiden muß, und noch heute besteht die ganze Philosophie manches Gebildeten aus nichts weiter – das hat mich nie befriedigt. Die Geschichte an sich ist wunderschön, aber es kommt leider so wenig Geschichte vor. Und ganz gräßlich hab ich immer gefunden, daß er zum Schluß all seine Sachen wiederkriegt – nein, da ist denn doch das Ordinäre voll!” “Weswegen man schreiben muß und allein darf, das haben die alten Propheten am besten gewußt, die nichts wollten, als die Menschen mit der Kraft ihres Gottgedankens stärken.” Heute beim Spazierengehen – den Waldweg nach Moorlake und dann am Sakrower See entlang zurück – herrlicher Abendhimmel; blaß blaugraue Wolkenwand von einem breiten fahlgoldenen 134 Hamburger Ausdruck für Greifen. 135

Karoline Schlegel-Schelling.

– 156 – Streifen geteilt; das in diesem Jahre aus Mangel an Arbeitskräften stehengebliebene kornährengelbe Schilf bildete hüben wie drüben bei Moorlake zwei kleine Sonneninselchen; die schlanke Mondsichel von einer dünnen weißen Wolke umgeben, die für Augenblicke die Gestalt einer Ziege annahm, der der Mond nun wie ein Glöckchen am Halse hing; das Wasserhuhn schrie, eine Amsel flötete kräftig und kurz – auf diesem Wege hat Vater mir in einem Gespräch über unsre augenblicklichen, nicht sehr bequemen Geldverhältnisse offenbart, daß die tausend Mark für meine italienische Reise damals, 1913, nicht von meinem Geld, wie ich natürlich wollte, und er mich glauben machte, genommen waren, sondern von seinem. Ich bin noch ganz erschrocken, verwirrt und befangen von diesem Geständnis. Freilich hätte Vater nicht ohne Verlust eines meiner Papiere verkaufen können – aber dennoch! 22. Dezember 1914 Als damals die große Cholera in Hamburg herrschte, erzählt Vater, hätte er Sorge, daß es auch ihn ergreifen könnte und Fluchtgedanken nie gehegt, aber eine große Flasche Cognac immer bereitgehalten. “Hätte die Cholera mich gepackt, ich würde ohne weiteres die ganze Buttel in einem Zuge ausgesoffen haben; so war ich fest entschlossen.” 23. Dezember 1914 “Die Leute wundern sich oft, daß ich soviel von ihnen weiß, als ob ich in sie hineinschauen könnte. Ja, ich kann auch. Und sehe, wie jeder die Vielheit ist. Die sich uns als Doppeltheit zeigt, als Ja und Nein. Ich seh das förmlich wie einen aus zwei Fäden gewundenen Strang, der durch den Menschen läuft. Ich beginne die zwei Schnüre auseinanderzuwinden: Er merkt es nicht, aber er hilft mir. Vielleicht mit Worten, vielleicht mit einem längeren Hm, vielleicht mit einem Lächeln. Das bezeichnet dann die Kreuzungsstelle; von da geht es nach den beiden Richtungen: zum Ja hier, zum Nein dort – auch zum Guten und Bösen. Wienbrack zum Beispiel, wenn er sich nicht entscheidet und abwartet, hat solch ein zweifädiges Lächeln, V. so ein Hm.” 26. Dezember 1914 “Alles, was an Aufzeichnungen über einen großen Mann besteht, es ist alles nicht wahr. Und glaub mir dies, was ich immer von vornherein so sagte: Ein großer Mann hat eben einen edlen Charakter. Napoleons Herzlosigkeit, Goethes Kälte – das ist Unsinn. Aber jeder große Mann hat seinen Hof mit Kritik, Gezischel und Getuschel um sich, und da muß er mit Rücksichtslosigkeit mitten hindurch, um seinen höheren Absichten folgen zu können. Mir ist nichts rührender, als wenn es von Goethe heißt, er sei oft mittendrin aufgestanden und ganz still hinausgegangen, um für sich allein zu sein. Wem er gerade davonlief, der wird es als Rücksichtslosigkeit empfunden haben, aber sie sind nicht maßgebend, und jetzt, in der Entfernung der Zeit, wir sehen nicht mehr, was dazwischen lag, wir sehn das Schöne schön. Fremde, nahe Leute können einen großen Mann nicht schildern: Nur er selber kann es. Ich finde da gar nicht richtig, was Heine sagt, daß die Schwächen sich verstecken. Nein, sie haben mehr Tendenz, sich zu offenbaren, als sich zu verbergen. So wie es die unentdeckten Mörder treibt, an die Stelle ihrer Tat zu laufen und sich auszuliefern.” “Ich hatte von jeher das Bedürfnis, wenn mir jemand etwas so recht Schlechtes, ja Boshaftes getan hatte, ihm dagegen etwas besonders Gutes zu tun, am liebsten ohne daß er es wußte. Ich könnte davon ganze Geschichten erzählen. Ich handelte so gar nicht einmal aus Güte – es war mir natürlich – wohl in dem Gefühl, daß der andere ja eigentlich nicht anders konnte.” 28. Dezember 1914 Auf Vaters Wunsch spielte Mutter gestern den Trauermarsch aus Wagners Siegfried und dann den aus Beethovens As-Dur. “Ja, wenn ein romantischer junger Held gestorben ist, da weiß ich kaum einen erschütternderen Trauermarsch als diesen Wagnerschen. Er zerreißt einen jedesmal, ist wohl überhaupt das Zerissenste, was Musik ausdrücken kann. Aber der andre – den mag ich für meinen Tod doch lieber. Es ist Weltordnung darin. Und hat was von Militärmusik.”

Militärmusik.” – 157 –

Im Gespräch erinnerten wir uns einer kleinen drolligen Begebenheit. Altkirch, der manchmal unverhältnismäßig naiv ist, hatte einmal in vollem Ernst erzählt und war nicht davon abzubringen gewesen, eine perverse Lehrerin wäre mit mehreren jungen Hunden niedergekommen; er hätte das gelesen. Darüber amüsierte sich Vater, und als er bald darauf nach Norwegen reiste, schickte er aus Bergen dem Ernst eine Karte ungefähr des Inhalts: Auf Reisen erlebt man oft Merkwürdigkeiten. So habe ich eben einen Hund mit einigen jungen Lehrerinnen niederkommen sehn. Trotz der schweren Zeit bekommen Scherz und humoristische Erzählung in diesen Weihnachtstagen wieder ihr Recht, besonders da Ernst Müller zum Besuch hier ist, der so viel Sinn dafür hat. Seine trockenen, mit leiser Stimme und ruhigem Gesicht ausgesprochenen Drolligkeiten machen uns Spaß. Gestern war vom Schach die Rede, und daß Frauen selten Begabung dafür hätten. Ernst behauptete von sich, daß er es auch nicht könnte und machte dabei die Bemerkung: “Frauen und Söhne von Frauen sind überhaupt selten begabt.”136 30. Dezember 1914 “Ein Schattenriß gibt einem zwar nicht die Person, aber er leistet doch etwas. Ungefähr dasselbe wie ein passender Name. Es ist die Deckung der Grenzen.” Vater erzählt, was für ein reizendes, naives Vergnügen er und Ernst Müller durch Jahre darin gefunden hätten, Nönnchen-Gedichte zu machen. Jeden Morgen wäre Ernst zu ihm gekommen, und sie hätten unter wundervollem Scherz und Lachen einander die neuen Produkte vorgelesen. Jeden Tag also war etwas Neues entstanden. Es ist ganz merkwürdig, wieviel Zeit Vater aufs Dichten gewandt hat, in frühen Jünglingsjahren auf romantische Gedichte, besonders Sonette – immer reizte ihn die komplizierte Form – und später die parodistische. Die Freude daran sei Stilgefühl, sagte er einmal. Vgl. Seite Der arme Max Nordau hat in dieser Kriegszeit als Deutscher in Paris (obwohl über dreißig Jahre dort ansässig) Schweres durchgemacht und mußte schließlich nach Madrid fliehen. Er schrieb (erst die dritte Karte erreichte uns), daß von den wenigen Büchern, die er mitnehmen konnte, eines »Die Lehre von den Geistigen und vom Volke« sei, und daß diese die harte Probe, in solcher Lage Trost und Beruhigung zu geben, voll bestanden habe. 5. Januar 1915 “Ich möchte dir ein Abenteuer erzählen”, sagte Vater, als ich in einer ruhigen Abendstunde auf der Chaiselongue in seinem Zimmer lag, “ein Abenteuer, das mir gestern in der Stadt begegnet ist. Du weißt doch, ich ging zum Essen zu Kempinsky, und da saß ich ganz abgeschlossen und wie in einer kleinen Sackgasse, wo nur wenige Tische standen, und die waren meist leer. Mir gegenüber saßen ein Herr und eine Dame. Sie konnte mir gerade ins Gesicht sehen und ich ihr. Sie war schlank, von sehr zarter Haut, eine sehr lange vornehme Nase, Haare – wie Hermiones Perücke, weißt du?137 die Finger sehr aristokratisch, ganz lang – du würdest sie überhaupt wohl schön gefunden haben. Sehr ruhige Augen, dunkler als die Haare, glaub ich. Ja, und mit diesen Augen war etwas sehr Seltsames: ein richtiges Sprechen zu mir hin die ganze Zeit und auf durchaus ungewöhnliche, auf sehr ernsthafte Weise. Und so geschickt, daß ihr Begleiter nichts davon merken konnte. Nun, du weißt, wie unbeweglich ich bei so etwas bleibe. Aber dann kam erst das Eigentliche: Da stand nämlich ihr Begleiter auf und ging hinaus, und kaum hatte er den Rücken gewandt, so erhob sie sich, schritt auf mich zu, blieb vor mir stehen (aber so, daß niemand zwischen uns beide hätte sehen können), sagte: ‘Mißdeuten Sie mir’s nicht und sein Sie mir nicht böse’, ergriff meine Hand und küßte sie mit einer stürmenden Leidenschaft. ‘Wie kann ich Ihnen denn böse sein, wenn Sie mir so gut 135 sind?’ gab ich zur Antwort. Darauf faßte sie wieder meine Hand, küßte sie wieder und Karoline Schlegel-Schelling. 136

Diese Wendung benutzte Vater später in seinem Christusbuch. Diese Wendung benutzte Vater später in seinem Christusbuch. 137 Wohl venetianisch–blond. 136

– 158 – drückte sie mit einer Bewegung, als hätte sie alle Leidenschaft eines ganzen Lebens für diesen Moment aufgespart, förmlich in ihren Busen hinein. ‘Vergessen Sie nicht’, sagte ich, ‘Sie haben ihren Herrn und ich – ich habe meine Dame!’ und ich sah sie wohl herzlich an, aber doch so, wie man jemanden zum Lebewohl ansieht. Sie schien ganz zu begreifen und setzte sich ruhig wieder an ihren Platz. Das alles hatte sich in einem kurzen Augenblick abgespielt. Ihr Begleiter kam denn auch gleich zurück, und sie plauderte wieder so unbefangen mit ihm, als ob inzwischen nichts geschehen wäre. Ich weiß gar nicht recht, was ich von der Sache denken soll. Vielleicht doch eine einfache Verwechslung? Ich kann nur sagen, ihre Art war durchaus sittlich; du weißt, wie empfindlich ich in dem Punkte bin. Sie war überaus distinguiert, und doch, meine ich, hätte ihr tieferes Wesen stärker zu mir gesprochen, würde ich wohl irgendein verbindendes Wort gesagt haben. Vielleicht: schreib mir Postamt Mauerstraße ABCD, oder was einem so in der Geschwindigkeit einfällt, denn viel Zeit war ja nicht. Aber mir ist es ganz recht so, daß ich es habe bewenden lassen. Und dann mußte ich beim Nachhausegehen so aus bloßer Phantasie denken: wenn ich nun doch, jetzt beinahe vor Toresschluß wirklich, gegen dein und mein Erwarten, durch irgendwen und irgendwas zu einer kleinen Episode (denn andres könnte es nicht sein) getrieben würde, zu einem kleinen Ausflug vor Toresschluß, ob du es wohl als zu meiner Natur gehörig betrachten und gemütsruhig mit ansehn könntest?” Weil mir Vrieslander beim Abschied ein Bändchen Baudelaire in die Hand gedrückt hatte und ich neugierig auf den Inhalt war, bat ich Vater, mir »Die Blumen des Bösen« vorzulesen, während ich, nicht ganz wohl, auf seiner Chaiselongue lag. Er tat es – »Lesbos« las er, vom poetisch-rhetorischen Schwunge hingerissen – legte dann aber unwillig das Buch hin: “Nein, die Gesinnung ist doch zu schlecht. So etwas schreiben, um Geld zu verdienen, heißt eine Hure sein und es tun, um Ruhm zu erwerben – das ist der äußerste Mißbrauch von dem, was die Menschen nun einmal schön nennen.” “Bei Alice138 weiß ich nie: soll ich ihr nun eigentlich einen Kuß oder eine Ohrfeige geben? und inmitten dieser Unschlüssigkeit bleibe ich untätig stehen. Ich habe sie ja einerseits sehr gern, das heißt ihren Enthusiasmus, von dem sie immerwährend glühend ist. Das entzückte mich, als sie noch sehr jung war, im Ausdruck ihres Gesichts. Aber dann bin ich doch wieder so empört, daß dieser Enthusiasmus sich zu gar nichts Ernsthaftem hinwenden will und ganz ungefüllt bleibt. Man wächst doch, die Flamme wird größer, man muß mehr Nahrung auflegen. Bei Alice bleibt es immer dasselbe mit ihrer schönen, aber ganz allgemeinen und schließlich leeren Schwärmerei. Und sie will den Zweck, aber nicht die Mittel.” 6. Januar 1915 Wir lasen ein paar von den letzten Briefen der Magdalena und freuten uns daran, ja ich war zuweilen ganz entzückt von der Kraft und Lebendigkeit des Ausdrucks. “Denk dir das nun mal gedruckt”, sagte Vater, “denn Gedrucktes nimmt man unwillkürlich ganz anders auf als bloß Geschriebenes.” “Ja”, sagte ich, “es gewinnt durch den Druck ungefähr so viel wie ein Bild durch den Rahmen, was einen immer so überrascht.” “Gewiß. Vor allem erscheint im Druck alles klarer, schärfer phrasiert sozusagen.” Wir wurden unterbrochen. 7. Januar 1915 Vaters Trieb, zu benennen. Er sei wie Adam, der allen Geschöpfen Namen geben mußte. Die Bekannten erhalten harmlose Spitznamen, Vaters Spielzeug ist durchweg getauft, und in der vorigen Wohnung trugen die Bücherregale Pappschilder mit dem Namen je eines Freundes oder einer Freundin. Vater betonte, was ihm bei seiner Verheiratung mit Mutter die wunderbare PhantasieAnregung und das Feld der Betätigung bedeutet hätte, welche die Existenz der Kinder gegeben. 137

Wohl venetianisch–blond.

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Alice Brandt, Freundin unseres Hauses.

– 159 – Von Gerhard Kornfeld, dem Bruder derEva Silbermann, haben wir gehört, daß er sich hat taufen lassen. Er ist vor kurzem in verzweifelter Stimmung ins Feld gezogen. “Ich will ihm Pakete schicken, aber schreiben tu ich ihm nicht”, sagte Vater. 9. Januar 1915 “Es sind ja wirklich wenige, ganz wenige, die treu zu mir und zugleich zu meiner Sache stehn. Und sie sind meist von geringem Seelen-Umfang. Die Besseren, Begabteren mußte ich wieder verlieren. Tüchtige Leute habe ich nicht. Aber es ist doch auch ganz natürlich: Ich bin eben nicht unter die Menschen gegangen, mich zu predigen, so konnte ich keinen Anhang gewinnen. Beachte dies wohl! Denk die ganze Literatur durch: Jeder hat Menschen gesucht. Ich habe immer nur genommen, was mir der Zufall – später dann mein Werk, also auch fast der Zufall – gebracht hat. Aber es ist mir sehr recht so, es gehört wohl so zu meiner Natur und zu meinem Schaffen, und jetzt, da ich nun älter bin und die Komplikationen mehr fürchte, bin ich mehr als je gesonnen, mich auf meinem engen Wege zu halten. Interessante Menschen mir sehr nahe kommen lassen, das will ich absolut nicht mehr. Spinoza hatte wie in allem so auch darin wundervoll recht, daß er sich nur zu einfachen, ganz unbedeutenden und unberühmten Leuten hielt.” 11. Januar 1915 Die Kur, die Vater Herrlikow verordnet hat, ist von vollständiger Wirkung, wie des Genesenen Briefe bezeugen. Wo die Heilung so von innen her, durch die eigenen Gedanken erfolgt, ist wohl auch kaum ein Rückfall zu befürchten. Vater vermag wirklich Wunderbares an Menschen. Er ist jetzt gerade an einem andern schwierigen Fall beschäftigt. Bekannte von Magnussens, Major Rudorff und Frau, mit denen wir einigemal zusammen waren, haben einen sechzehnjährigen Sohn, der fest entschlossen war, Ostern freiwillig als Fahnenjunker ins Heer einzutreten. Dieser Dagobert hatte früher nie das geringste Interesse für Militärisches gezeigt, ja eine kleine Geringschätzung dafür an den Tag gelegt, während seine ganze Neigung der Technik und Mathematik gehörte, wofür er begabt ist. Der Krieg aber scheint das Soldatenblut seiner Vorfahren in ihm geweckt zu haben, dazu kommt, daß seine ganze Klasse, Unterprima, zu den Fahnen geeilt ist, bis auf zwei herzkranke Jungen, mit denen er nun als einziger Gesunder den Unterricht teilt. Die Lehrer hetzen mit Redensarten wie: “Na, du schämst dich wohl, daß du noch zu Hause bist?” – es wird bei den jungen Leuten einfach zum point d’honneur, sich freiwillig zu stellen. Nun ist Dagobert das einzige Kind seiner Eltern. Der Mutter, einer schwachen, nervösen Frau, bedeutet er alles. Der bloße Gedanke an die Möglichkeit, ihn zu verlieren, brachte sie der Verzweiflung nahe. In ihrer Not wandte sie sich an Vater. Aber sie sei doch überzeugt im Grunde, da könne auch er nichts machen, denn der Junge sei felsenfest entschlossen und rede von nichts andrem mehr, ja er habe geschworen, sich etwas anzutun, wenn die Eltern ihn hindern würden. Vater wollte versuchen, mit Dagobert zu sprechen. Als es hieß, Vater würde Rudorffs besuchen, sagte der Junge zu seiner Mutter: “Herr Dr. Brunner kommt wohl, um dir klarzumachen, wie du dich als deutsche Frau zu benehmen hast.” Vater tat weiter nichts, als eine seelische Beziehung zu Dagobert herzustellen und ihn zum Nachdenken zu bringen. “Wie Sokrates hat Herr Doktor mit mir gesprochen, und so hat es auch auf mich gewirkt”, sagte der durchaus nüchterne Dagobert nachher. Und – so geschickt und fein hat Vater die schwierige Sache angefaßt –: “Herr Doktor steht übrigens ganz auf demselben Standpunkt wie ich.” Nach dieser einmaligen Unterredung hat sich zunächst das Resultat ergeben, daß Dagobert, wie wir gestern hörten, nicht mehr von Ostern, sondern von August spricht, was die Eltern schon sehr beglückt und Hoffnungen in ihnen wachhält. Nun bildet hier die Voraussetzung für Vaters Wirken seine Überzeugung, daß es für das Ganze der Sache, “vom Armee-Standpunkt aus gesprochen”, nicht von Vorteil sei, unsre ganz jungen Leute, noch dazu mangelhaft ausgebildet, hineinzuschicken. “Der Krieg kann sich in die Länge ziehn, wir dürfen uns nicht unnötig schwächen, diese Jungen können uns unter Umständen nach einem Jahr weit mehr nützen; noch besteht bei uns kein Mangel an Soldaten. Wenn ich nicht so dächte, würde ich nicht versucht haben, Dagobert zu beeinflussen; der Jammer der Mutter, so sehr er mir ans Herz geht, hätte mich nicht vermocht, den

der Jammer der Mutter, so sehr er mir ans Herz geht, hätte mich nicht vermocht, den – 160 – Standpunkt des Allgemeinen, der allein hier Gültigkeit besitzt, zurücktreten zu lassen.” Gestern war Johannes Hafer zum Besuch hier, der frühere “Pontagoge”. Er hat sich gut entwickelt, ist mit seinen achtzehn Jahren ernsthaft, strebsam, nett belesen, verständig. Vater hätte ihn damals gern Lehrer werden lassen, aber die Eltern stellten sich dem entgegen, weil sie einer Sekte, der neu-apostolischen, angehören und fürchteten, durch den Lehrerberuf ihren Sohn in religiöse Konflikte zu bringen. Es ist schade, daß Vaters Wunsch sich nicht verwirklichen konnte, denn des Johannes’ bedächtige und freundliche Art, seine Begabung, selber zu lernen, das Gelernte gut weiterzugeben und seine strenge innere und äußere Disziplin hätten ihn zum Volksschullehrer vorzüglich geeignet gemacht. Er steht immer noch unerschüttert auf dem Boden seiner Sekte. Ich bewundere Vater, wie klug und fein er mit dem Jungen spricht, gerade, wenn es sich ergibt, über ein religiöses Thema; er behandelt es mit solcher Zartheit und Vorsicht, daß alles Verletzende ausgeschlossen bleibt, dabei aber streut er dies und das von allerlei Freiheitssamen, nur dem feineren Blick erkennbar, mit ein, so daß, wenn für Johannes ein Augenblick des Erwachens kommen sollte, er Anregung und Unterstützung in sich selber finden würde von einer Seite her, nach der er jetzt gar nicht ausschaut.139 Übrigens ist Vater diese Art von religiöser Beschränktheit durchaus sympathisch; Sektenwesen insbesondere war ihm von je lieb und interessant. Denn dort findet sich noch ein lebendiger, unscholastischer Gottesdienst, ein In-Zungen-Reden. Wie oft hat Vater früher, manchmal mit Mutter und uns Kindern, die Abende der Heilsarmee besucht! Da war besonders ein Engländer, der wunderschön, sanft, kraftvoll und eindringlich sprach (ich erinnere mich noch des Tonfalls, und wie edel die englische Sprache in seinem Munde klang). Jeder Satz wurde von einem Dolmetsch übertragen, und diese Wiederholung hatte etwas Würdiges, Bekräftigendes. Davon erzählten wir gestern Johannes. Ganz zwanglos und natürlich richtet Vater das Gespräch zu seinem Nutzen ein. Er läßt auch meistens Mutter etwas ernste Musik vorspielen; gestern aus Parsival, Walküre und Siegfrieds Trauermarsch. Und dann las er etwas Wunderschönes vor: den Abschnitt über die kleinen, schwachen, frommen Michelein, die der Herr trägt und die großen, starken Christoffles, die den Herrn tragen, von der Madame de Guyon. Diese kleine Abhandlung liebt Vater sehr; er hat sie uns schon öfter vorgelesen. Ich hatte mir Elizabeth Brownings Sonette aus dem Portugiesischen (in der Übersetzung von Rilke) bestellt und lag gerade unpäßlich im Bett, als Vater mir das Buch brachte. Ich bat ihn, mir etwas daraus vorzulesen. Er las drei oder vier Gedichte, und sie mißfielen uns durchaus, Vater äußerte sich sogar in ziemlich starken Ausdrücken dagegen. Am nächsten Tage sah ich mir die Sammlung allein an und war überrascht von einem ganz andern Eindruck. Ich fand eine solche Innigkeit, Wärme und Wahrheit des Gefühls in so edle Form gegossen, die schwierige Form des Sonetts so würdig behandelt und nie zu Spielerei entwürdigt – und wo findet sich in der Literatur ein zweites Mal der Dank einer schönen Frauenseele an ihren männlichen Erlöser so rein, völlig weiblich ausgesprochen? Ich sagte zu Vater: “Die Gedichte sind sehr, sehr schön, du hast sie nur schlecht gelesen.” “Na, na – ich kann sie mir ja noch mal ansehn, aber eigentlich habe ich genug.” Ich wollte sie nun gar nicht geben, weil mich ein Festhalten an dem unfreundlichen Urteil gekränkt haben würde, aber ich mußte doch, und eben kam Vater in meine Stube: “Du hast doch recht, sie sind wirklich schön, diese Sonette. Und das ist sehr lehrreich: Man darf sie nicht laut lesen. Reim und Zäsur sind so zart, daß sie den Ton nicht vertragen – die Augen müssen die Ohren sein.” 12. Januar 1915 Wenn Vater flott arbeitet, schafft er durchschnittlich am Tage drei bis vier von seinen Quartseiten (das kommt ungefähr einer Druckseite gleich); in dürren Zeiten wie jetzt, wo er sich abquält (augenblicklich mit der Vorrede zum Judenbuch), ergibt der Tag im Durchschnitt nur eine solche Quartseite. 138

Alice Brandt, Freundin unseres Hauses.

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Johannes ist eifriger Brunnerianer geworden, schon lange. – August 1925.

– 161 – 13. Januar 1915 “Eine Geschichtsschreibung ist nur dann interessant und etwas wert, wenn sie künstlerisch ist – nie, wenn sie sich der langweiligen sogenannten Objektivität und Wissenschaftlichkeit befleißigt. Das könnte man geradezu als Grundsatz aussprechen.” 15. Januar 1915 Vater erzählt, was er von seinem Vater weiß: Der Großvater ist einmal auf einer Brismile (Beschneidung) gewesen, und auch der Schammes war mit, der Gemeindediener und zugleich persönliche Diener des Rabbi. Da ist dem Rabbi eingefallen, er brauchte ein Buch oder sonst irgend etwas und hat den Schammes nach Hause geschickt, es zu holen. Der war nun ein wenig angeheitert vom Festwein, und als er durch die Papagoyenstraße ging, fingen die Gassenjungen, derbe Altonaer “Buttjes” an, ihn zu hänseln; sie wurden immer roher, sein Zustand wird sie gereizt haben, bis sie schließlich über ihn herfielen und ihn blutig schlugen. Da, in solcher Lage, rief der fromme Schammes laut: “Wer ein Bote ist um etwas Gutes (eine Mizwe), kann keinen Schaden erleiden” (ein Talmud-Ausspruch, von mir ungenau zitiert; Vater gab ihn hebräisch), und beruhigt setzte er, freigekommen, seinen Weg fort. 16. Januar 1915 “Am allerehrwürdigsten an meinem Vater war mir seine Stimme, mit der er die alten hebräischen Melodien sang. Diese Stimme betrachtete ich ganz von seiner Person losgelöst – es war die Tradition selber, die da sang.” 18. Januar 1915 Da ich mich bei Wagners Selbstbiographie langweile, bei Klatch und Äußerlichkeit ohne Ende, und nicht Lust habe, sie weiter zu lesen, sagt Vater: “ Tu es doch; man soll keine Gelegenheit vorbeilassen, wo ein immerhin doch nach gewisser Richtung bedeutender Mann von sich selber spricht. Da muß man zuhören und gleichzeitig ein bißchen die Menschen überhaupt damit kennenlernen.” An der Magdalena hat Vater jetzt viel Freude und findet, daß von allen, die sich von außen zu seinem Werk und zu ihm gefunden, sie die geschlossenste Natur sei, die auch am stärksten seine Gedanken sich zu Leben mache. “Auch ist sie, nachdem ihr die sieben Dämonen ausgetrieben, eine richtige Magdalena und könnte, wenn ein richtiger Christus wäre, sehr wohl in seinem Zuge mitgehn und würde auch, treu bis ans Ende, noch unter seinem Kreuz stehen.” Vater ist aus dem Stamme Juda, dem Königsstamme, und zwar aus der Familie des David. Der Stammbaum weist auf Marheschall, von dort auf Raschi, der auf Jochanan Hasandeler (den Sandalenmacher) zurückgeht, von dem eben diese Abstammung von der Familie des David angegeben wird. 20. Januar 1915 Nach einem Gespräch mit einem engen Menschen: “Wie doch die meisten aufwachsen, ohne eine Ahnung davon zu gewinnen, daß das menschliche Bewußtsein unendlich ist! Unendlich auch in jeder seiner Einzelheiten. Wo ein lebendiges, frisches, fließendes Gemüt immer in jedem einzelnen den ganzen Kreis der Unendlichkeit – wenn man so sagen dürfte! – durchfährt.” Den ganzen Schluß seines zweiten Halbbandes hat Vater furchtbar schnell, in vierzehn Tagen nämlich, und unter dem Banne stärkster Inspiration geschrieben, worauf eine große Erschöpfung folgte. 21. Januar 1915 Beim Spaziergang durch Sanssouci – klarer, windiger Tag – Erzählungen aus alter Zeit: von seiner Jünglingsschwärmerei für die Schwägerin Amalie. Das war nach dem Tode des Bruders. Wie Vater oft des Abends bei ihr gesessen und ihr leidenschaftlich die Hände geküßt, was ihn

Wie Vater oft des Abends bei ihr gesessen und ihr leidenschaftlich die Hände geküßt, was ihn – 162 – vollständig befriedigt hätte, da er auf weiteres weder mit der Phantasie noch mit dem Willen geraten und was sie um so gleichmütiger geschehen lassen konnte, als sie damals durch ein Liebesverhältnis zu einem Arzte des Krankenhauses in Anspruch genommen war. Einen seltsamen Eindruck hat Vater zu gleicher Zeit in eben dem Hause seiner Schwägerin durch die Erscheinung eines jungen Mädchens gewonnen, eine Verwandte Amaliens, die zufällig Wertheimer hieß, die “schöne Sara Wertheimer”. Es war dem jungen Manne schon längst erzählt worden von ihrer “Marmorschönheit”, ein Ausdruck, der seine Phantasie stark angeregt hatte. Nun traf es sich, daß er, kurz nach dem Tode Akibas, eine Nacht im Hause der Schwägerin zubringen sollte, während gerade die schöne Sara ebenfalls dort zu Besuch war. Als er schlafen gehn wollte, begegnete sie ihm auf dem Korridor und reichte ihm ihre langen Finger zum Gute Nacht hin. Und da stand sie vor ihm, daß er sie ordentlich betrachten konnte.140 “Wirklich ein Marmormädchen, schlank, groß; schneeweiß die Haut, im Gesicht fast totenhaft weiß; die Augen, kohlschwarz und doch auch wie schwarzer Marmor, blickten leidenschaftlich und senkten sich in die meinen, doch so, als ob der Blick nicht wieder ins eigene Gefühl zurückkehrte. Das richtige Erlebnis jedoch, völlig einer Vision gleich, kam erst danach. Ich verließ noch einmal mein Zimmer; beim Zurückgehen irrte ich mich bei den vielen Türen – mit einem Male fand ich mich nicht in meiner Stube, sondern in der des jungen Mädchens, und da stand die Marmorne im bloßen Hemd und im bloßen Mondschein wie nackt mit ihren weißen jungen Gliedern – und ich blieb stehn mit offenem Munde. Sie stand auch; keines sprach ein Wort, und so schweigend ging ich hinaus. Ich hatte aber zum ersten Mal ein Weib gesehn”. – Ich fragte, ob ihn dies Erlebnis in seiner Beziehung zu Amalie gestört hätte. “Nein, aber gar nicht! Du weißt doch: eines, vielleicht nur dies eine zeichnet mich aus vor den übrigen Menschen: ich vergleiche nicht, ich halte die Sphären getrennt. Das tat ich von je. Und konnte so auch, in aller Unschuld und indem ich wirklich keiner Abbruch tat, sehr gut mehrere Mädchen zugleich lieben, wie ich zuweilen tat. Ich vergleiche überhaupt nicht! Vergleichen tut der Teufel, – darum hinkt er auch! Und die Menschen tun es allesamt. Indem sie es gewöhnlich so einrichten, daß sie sich in einem Punkte, worin sie gerade stark sind, mit einem andern, der eben an dieser Stelle seine Schwäche und seine Vorzüge ganz woanders hat, vergleichen und so Anlaß zu Überhebung finden.” 22. Januar 1915 Über das Freisprechen von Menschenseelen: “Der andre sitzt vor mir wie der Golem, und ich habe die schwere Last des Mysteriums zu heben. Ich stürze mich auf die fremde Seele wie ein Tiger, der aber ein Engel ist und lege mich über sie wie mit Flügeln, bis ich sie ganz decke. Aber es muß ein Funke im andern sein, etwas muß aus ihm mir entgegenschweben. – Und solch ein Werk ist furchtbar anstrengend!” Früher häufiger, jetzt überaus selten, spricht Vater von seinem “Vetter Christus” oder auch von seinem “Vetter Paulus”. Ich besinne mich, daß mir dies als Kind immer unheimlich und gleichsam gefährlich erschien. Vielleicht war das aber nur Scheu vor dem Pathos überhaupt. Als sehr junger Mann hat Vater mal ein junges Mädchen, ein hübsches, abends nach Hause begleitet. In der Haustüre wollte er sie küssen. Aber da hat sie ihm den Mund so häßlich, “so dumm – ganz offen!” hingehalten, daß er “vor körperlichem Degout” sofort weggerannt ist und sich vor dem Mädchen nie mehr hat blicken lassen. Von den Aufständen der Juden gegen die Römer sagte Vater, daß es viel mehr an Zahl und daß sie von weit größerer Bedeutung gewesen sein müßten als nach den spärlichen Berichten scheint, daß aber ein Glanz davon in gewissen Stellen des Talmud erkennbar sei. Besonders die Bewegung unter Barkochba [Lexikon: Bar Kochba] zeuge von einer Gewalt, die wir, da nur römische Berichte vorhanden sind, kaum mehr ahnen können; sehr wahrscheinlich war sie viel gewaltiger als der Titus-Vespasianische Krieg. Dem römischen Heere hatten die Juden so zugesetzt, daß Hadrian nicht den üblichen Bescheid nach Rom geben konnte: Kaiser 139 Johannes ist eifriger Brunnerianer geworden, schon lange. – August 1925. 140

Aus einem späteren Gespräch: “Sie sah so aus, daß sie Ruth hätte heißen müssen.”

– 163 – und Heer sind in guter Verfassung! “Und was für ein Mann, wie ein Makkabäer muß dieser Sternensohn gewesen sein, der die Felssteine, die die Römer schleuderten, mit dem Fuße auffing und zurückschnellte und in seine Schar nur solche aufnahm, die ihre Kraft damit bewiesen hatten, daß sie eine Zeder vom Libanon ausgerissen und ihre Tapferkeit, indem sie sich einen Finger der linken Hand abgeschnitten. – Das war kein Aufstand, das war ein großer Krieg!” Gestern nachmittag saßen Vater und ich nach unsrem zweistündigen Spaziergang in der Konditorei von Rabien am Nauener Tor. Da begann draußen ein Leierkasten zu spielen »Ein feste Burg ist unser Gott« – so dünn, so kläglich, daß ich lachen mußte. “Weißt du, wie das klingt?” sagte Vater. “Als wenn ein Engelchen zur Strafe für irgendwelche Ungezogenheit das Lied ganz allein und noch mit Schluchzen in der Stimme dem lieben Gott vorsingen müßte.” “Das hab ich bei Mutter immer als lieb und angenehm empfunden, und es wird mir auch unvergeßlich bleiben, daß in einer Zeit, wo niemand was in mir gesehn hat als höchstens einen geistreichen Menschen, am wenigsten aber ich selber etwas Besonderes an mir fand (was ich übrigens im Grunde heute noch nicht tue), daß da Mutter doch etwas gekuckt hat. Sie hat eben Blick für das Wesentliche, was ich immer von ihr sage. Sie ist wahrlich nicht klug, – dafür hab ich sie auch niemals gehalten; das erste war, daß ich ihr mit Neckerei die kleine Redensart abzugewöhnen suchte, die sie damals, als ich in ein Verhältnis zu ihr trat, an sich hatte, nämlich: ‘Mein Köpfchen’ – fast jeder ist ihr an Intelligenz, an Sprech- und Lernbegabung überlegen, aber sie hat Gefühl fürs Ganze. Auch für das Ganze meiner Natur, und das meine ich auch, wenn ich sage, sie hat Verständnis für mich, womit ich immer weit davon entfernt bin, sie für die einzelnen Fälle zu autorisieren, sondern ich sage so eben im Hinblick auf ihr starkes Gefühl für das Ganze und Wesentliche.” 23. Januar 1915 Ich erzählte Vater meinen Traum der letzten Nacht, von einem Baby, das gesprochen hat völlig wie ein erwachsener Mensch, was mir unheimlich und häßlich gewesen. “Denk dir das mal”, sagte Vater, “auf der Bühne! Denk dir etwa ein Cagliostro-Drama. Durch das ganze Stück wird das Baby getragen als ein gewöhnliches Kind, bleibt im Hintergrund, in einer mystischen Beziehung zur Hauptverwicklung. Und für die Schlußszene, beim Lösen des Knotens, hat der geschickte Dramatiker sich dies aufgespart, daß das für harmlos genommene Kind plötzlich beginnt, wie ein Erwachsener zu sprechen. Stell dir das Grausen vor, daß solche Verkehrung des Allernatürlichsten und Selbstverständlichsten im Publikum erwecken müßte!” Ob er sich der Eifersucht für fähig hielte, hatte ich Vater gefragt. “Solcher Schwäche gewiß nicht. Welcher ordentliche Mensch läßt denn die Dinge bis zu dem Punkt kommen, wo es doch Messer und Strick gibt?!” 28. Januar 1915 Gestern hat Vater vor Magnussens und uns, nachdem wir erst einen Spaziergang um den Griebnitzsee gemacht hatten, aus seinem Judenbuch vorgelesen: seine Theorie von der jüdischen Rasse und später noch, nach dem Abendessen, die ganze Rede, die allein drei Stunden in Anspruch nahm. Er sagte heute, wie froh er für das Buch wäre, daß er noch Zeit gehabt, daran zu bessern. Die Rede ist viel länger geworden, aber: “Jetzt bin ich, soweit ich das überhaupt sein kann, zufrieden damit. Sie ist länger, das heißt sie ist kürzer geworden! Nämlich mehr mit Sachlichkeit gefüllt. Es sind eigentlich mehrere miteinander verbundene kurze Reden (zum Beispiel über den mosaischen Staat, über die ‘Liebe’ im alten Testament, über die Taufe), und jede ist so, daß ihr Thema auch an sich für den Leser förderlich und unterrichtend behandelt ist. Was ich immer gern habe: daß auch mit den untergeordneteren Einzelheiten etwas Neues oder sonst ernsthaft Aufklärendes gegeben ist.” Besonders Paula Magnussen war bis zur Angegriffenheit erschüttert. Sie sollten mit

Besonders Paula Magnussen war bis zur Angegriffenheit erschüttert. Sie sollten mit – 164 – dem letzten Zug um ein Uhr fahren. Heute morgen telephonierte Vater an. Folgendes Gespräch: Vater: Sind Sie rechtzeitig nach Hause gekommen? Magnussen: Ja, sehr gut. Vater: Sie haben doch die Elektrische bequem bekommen? Magnussen: Nein, die war zu früh gefahren. Vater: Ja, wie sind Sie denn aber zum Bahnhof gelangt? Magnussen: O, sehr gut. Wir sind gegangen und haben uns dabei schön Potsdam besehn. Vater: Ja, haben Sie denn da den Zug noch erreicht? Das ist doch gar nicht möglich! Wann sind sie denn gefahren? Magnussen: Um halb fünf Uhr! Schließlich kam heraus, daß sie im Café hatten sitzen müssen, aber – “es war sehr schön, gerade richtig so. Meine Frau war doch zu erregt, um zu schlafen. So haben wir uns noch gründlich unterhalten und aussprechen können.” Für die etwas pedantischen Magnussens, die noch dazu Café und Restaurant verabscheuen, etwas Außerordentliches! “Bestimmtheit ist es – ‘der gewisse Geist’ –, was auf Menschen wirkt, sie ansteckt, Herrschaft über sie verleiht. Die wahnsinnige Sicherheit des Paulus hat das Christentum gemacht.” – Daß die Männer durch ihre Bestimmtheit allein den Frauen überlegen sind, besprachen wir. Magnussens Frau ist eine reichere Natur als er, aber die aristokratische Unbeirrbarkeit seines Wesens macht, daß sie ihm vertraut, zu ihm aufblickt und sich von ihm führen läßt. Magdalena sagte auf einem Spaziergang zu mir: “Wienbracks Spinoza ist doch nicht der rechte; und ist auch nicht der, den Ihr Vater sich gedacht hat! Ich finde, man muß immer erst lesen oder denken, damit er etwas zu einem spricht. – Im Profil mag ich ihn denn noch lieber als von vorn.” – Sie hat Photographien von beiden Ansichten in ihrer Stube hängen. “Was Goethe über Shakespeare sagt, ist alles weit unter seinem sonstigen Sprechen. Nicht ein frisches, gutes, bedeutendes Wort darunter. Shakespeare haben wir wirklich nicht Goethe, sondern allein den Romantikern zu danken.” Den »Goetz« mag Vater gar nicht. – “Ein bißchen Talent – kaum – und weiter nichts.” “Wer wirken will, also auch der Erzieher, muß die Gemüter in Tumult, in die höchste Aufregung bringen. Der Boden muß umgepflügt und aufgewühlt werden vor der Saat.” 30. Januar 1915 “Diese Versetzung aus dem Mutterleibe in die Welt, das ist eine! Wogegen von der Septima nach Prima gar nichts wäre. Und dann da draußen existieren – eigentlich als nichts, wie ein herausgekommenes Stück Eingeweide eines andern Menschen. Das ganze Wunder kann ich so deutlich durchfühlen, weil ich das genau so an meinen Werken erlebe. Wie die zuallererst herauskommen ans Licht – wie nur ich sie sehe, so winzig, so erbarmenschreiend, da würde, wer sie sähe, Mitleid haben (mit mir natürlich!). Und dann nähre ich mein Kind, und es wächst, immer zu gleicher Zeit an allen Teilen. Es bleibt immer dasselbe Wesen wie von Anfang an, dieselbe Haut umschließt es, aber es wird größer und stärker außen und innen. Ich gebe ihm das Beste, was ich habe, ich erziehe es, bis es groß und erwachsen ist und ich sagen kann: Nun mußt du allein ins Leben laufen. Das ist alles völlig ein wirkliches Tragen und Gebären. Solang ich mein Kind noch unter dem Herzen hab, da kommt es sehr darauf an, womit ich mich nähre, was ich erlebe, ob ich guter Stimmung bin; ich assimiliere zwar alles zu Nahrung für das Kind – aber wer weiß nachher, ob alles wirklich gerade das Beste war.” Gestern mit Magdalena und Heyn, der aus seiner Winterfrische in Garmisch herkam, um Vater zu sehen, bei Wienbrack, dessen neues Werk, ein Porträt seines elfjährigen Töchterchens, in Augenschein zu nehmen. Vater hatte die Arbeit vor Monaten gesehn, wo sie ihn entzückt hatte, fand sie aber jetzt bedeutend zum Nachteil verändert, besonders die großen Augen leer, den Reiz der Kindlichkeit verflogen, das ganze Werk “unter dem Konventionellen”.

Augen leer, den Reiz der Kindlichkeit verflogen, das ganze Werk “unter dem Konventionellen”. – 165 – Er äußerte sich sehr stark, und Wienbrack bezeichnete sich als “glücklich, einen so zuverlässigen Beurteiler zu haben”. “Die Kunst”, sagte Vater unter anderem, “ist der Künstler. Aber das heißt nicht, daß der Künstler in solcher Weise seine Biographie auf sein Werk schreiben darf.” Womit er, für Wienbrack im einzelnen, für die übrigen nur allgemein verständlich, andeuten wollte, daß die Arbeit für ihn unverkennbare Spuren nicht schöner Erlebnisse trüge. “Nein, nein, Sie sehen und wissen alles! Es ist unheimlich, es gruselt mich!” rief Wienbrack aus. “Heyn hat mir ein sehr interessantes Geständnis gemacht: die Worte in meinem Werk, daß das geistige Erwachen meist mit der Pubertät komme, hätten ihm sein ganzes Leben mit einem Schlage erleuchtet. In dieser neuen Erkenntnis sei er dann tagelang ‘mit einem Lächeln auf dem Gesicht’ einhergegangen und von da aus eigentlich erst lebendig in das Werk eingedrungen. – Das ist mir immer sehr interessant, wie so jeder von einer andern Ecke aus hineinkommt. Natürlich: jeder muß bei seinem Egoismus gepackt sein.” “Man muß so stark sein wie die ganze Welt. Daß man selber in der einen Waagschale sitzt und die ganze Welt in der andern und dann Gleichgewicht ist. Und muß wissen, daß zwei Schalen nur für unsre Auffassung sind, daß in Wahrheit wir die Welt sind.” “Wenn uns in den Evangelien an Christi Worten hier und da etwas befremdet, so müssen wir uns klarmachen, was sehr selbstverständlich und vor allem sehr schön ist: daß er nämlich oftmals etwas so oder so sagen mußte, weil er seine Jünger auf diese Weise am besten zu dem kriegen konnte, wohin er sie haben wollte.” – Über die Abweichungen in den Evangelien: “Die Sonne spiegelt sich natürlich anders in einem Sumpf wie in einem fließenden Wasser.” Ich hatte eine Bemerkung darüber gemacht, daß mir so schlichte Menschen wie Heyn, die so gar nichts Schauspielerisches an sich haben (wie feine Menschen doch sonst meistens), besonders wohltuend wären. Darauf: “Jeder, der einmal über sich selbst reflektiert hat, ist ein Schauspieler. Weil er sich so sehen will, wie er am liebsten von andern gesehen sein möchte. Aber ob dir die naiven Menschen (wenn man überhaupt diesen Gegensatz hinstellen darf) im näheren Verkehr besser gefielen, ist mir doch sehr fraglich. Sie haben schon dies Unangenehme, daß sie ihre Tugenden plump herzuzählen pflegen; während die Schauspieler, die ihre Eitelkeit feiner einfließen lassen, ihre Vorzüge gleich in all ihren Äußerungen mit zur Schau auslegen.” “Unser Krieg kann sich sehr in die Länge ziehen, aber was die Leute sagen, daß wir nach dem Friedensschluß mit den übrigen Feinden noch einen besonderen Krieg gegen England führen sollten, halte ich für ganz ausgeschlossen. Es wird durchaus dabei bleiben, daß keines der verbündeten Länder einen Separatfrieden schließt. Natürlich geht es für England genauso um die Selbsterhaltung wie für Frankreich; denn wenn wir die belgische Küste haben, ist England fertig.” – Ich glaube, Vater rechnet jetzt doch auch mit der Möglichkeit, daß wir, die wir wohl kaum zu besiegen sind, doch nichts Entscheidendes gewinnen. “Wer weiß, ob nicht eine ganze Ära von Kriegen angebrochen ist?!” 31. Januar 1915 Heyn sagte: “Jesus hat es leben müssen; Spinoza hat es zum Teil gelebt, zum andern Teil in sein Werk gegossen. Unser Meister aber ist der Größte: denn er hat es ganz in sein Werk getan.” Heyn erzählte allerlei von seiner Kindheit; nicht wie man von Erinnerungen spricht, sondern als von etwas, das noch und immer da ist. Er sprach von erhabenen Momenten seiner frühen Knabenzeit, die er sich damals und noch lange nicht zu deuten wußte, von dem Blick seiner früh gestorbenen Mutter und der ältesten Schwester, den er jetzt verstünde. Und von seinem Verhältnis zu Jesus, dessen Person er sich aus den Evangelien “herausgeschält” hatte und mit der er gelebt – “als Kind spielte ich immer mit dem Jesusknaben” –, ohne die Bibel

mit der er gelebt – “als Kind spielte ich immer mit dem Jesusknaben” –, ohne die Bibel – 166 – oder überhaupt irgend etwas zu lesen, so stark gelebt, daß er schließlich dazu kam, sich selber für Jesus zu nehmen. – Wogegen Vater bemerkte, daß er sich eigentlich gar nicht auf seine Kinderzeit besänne und gewiß nicht auf solche Merkwürdigkeiten. “Bei mir war das alles nur so ein Hin – ein Strom, der mit Eis zugedeckt war.” Heyn will immer durchaus von seinem Geld geben. Er wollte Vater fast zwingen, wenigstens doch dreitausend Mark anzunehmen, um sie an ein paar Bedürftige seiner Bekanntschaft zu verteilen. Vater ging nicht weiter, als daß er hundert Mark an Otty schicken ließ. Heyn hat viel Gefallen an Wienbrack gefunden, ist froh, ihm zu helfen, tut es ausgiebig und hat ihn für den Februar nach Hamburg eingeladen, wo er ihm bei der Einrichtung eines neu angekauften Häuschens im Othmarschen behilflich sein soll. Wienbrack fühlt sich im Himmel! 2. Februar 1915 Heyn erzählte (so gut wie wörtlich), Weißberg sei bei seinem Aufenthalt in Berlin zum Rektor der Universität gegangen, ihm von Brunner zu sprechen. Dabei habe sich diese Unterhaltung ergeben: Weißberg: “Ich halte Constantin Brunner für den größten Mann des Jahrhunderts.” Der Rektor: “Der Jahrhunderte, junger Mann! Aber – Sie werden mich wohl verstehen – ich bin Professor! – Und wird nicht nachher auch bei Brunner der salto mortale kommen?” Weißberg: “Exzellenz, Gott ist sich selber unbewußt.” Der Rektor: “Ach so ja!” Hat nun nicht dieser Bericht den Geschmack der drolligsten Legende? Besonders mit dem köstlich amüsanten “Ach so ja!” des Professors! – An Legendenbildung fehlt es überaupt nicht ganz. Neubauer hatte früher einmal von Leipziger Freunden geschrieben; sie hatten von Constantin Brunner gehört, er versammle jeden Abend seine Anhänger in seinem Zimmer, um ihnen, in dichten Tabaksqualm gehüllt, seine Lehre vorzutragen. Ich glaube gar, jeder ist nach dieser Sage mit einer großen Pfeife bewaffnet, Vater mit der allergrößten. 3. Februar 1915 Ich nannte das jüdische Rituale ein Gefängnis, dessen Mauern künstlich, durch Mittel der Kasuistik, etwas erweitert seien, aber es bleibe Gefängnis. “Nein, nein, das meinen nur solche, die nichts davon erfahren haben. Es liegt vielmehr in dieser Umgrenzung eine wunderbare Freiheit, ein Gehegtsein, eine Sicherheit ohnegleichen, weil man ja durch jede Einzelheit mit dem Allersichersten in Berührung gebracht wird. Du kannst dir nicht vorstellen, wie wundervoll das ist!” Die Magdalena erscheint mir immer wie gewisse mittelalterliche Nonnen mit ihrer übersinnlich-sinnlichen Liebe zur Person Christi. Visionen, Ekstasen, Tränen, Gelübde, Sich auf die Erde Legen, von Teufeln besessen und wieder gereinigt sein, Menschenliebe und -verachtung – alles, was dazugehört! – Ich sagte so ungefähr zu Vater. – “Ja, das ist eben ein Typus, der zu allen Zeiten existiert und in der christlichen Religion freilich noch besonders zu seinem Recht kommt, weil Christus sich ja nicht wehrt. Aber ich wehre mich übrigens auch nur, wenn es gerade notwendig wird und spüre es gar nicht, wenn sie mit klingendem Spiel ihren Durchzug durch mich hält und danach den Triumphbogen baut.” “Spinoza ist insofern kein Jude, als er so gut wie kein Pathos hat, und Pathos ist das Charakteristische der Juden. Darum muß er durch Männer von Temperament dem Verständnis vermittelt werden. Statt des Pathos finden wir bei ihm eben dieses große Drübersein. Aber in seiner Verbindung von Ethos mit Spekulation hat er die Bibel fortgesetzt.” 4. Februar 1915 “Wir haben dramatische Talente, aber zu einer dramatischen Literatur reicht es nicht. Bei Schiller ist das Unglück der vollkommene Mangel an Psychologie und dies ganz auf den

Schiller ist das Unglück der vollkommene Mangel an Psychologie und dies ganz auf den – 167 – äußeren Glanz Gestelltsein. Kleist fehlt, bei herrlichen Einzelheiten, innere Harmonie und letzte Erhebung. Ja, und dann? Dann kommen schon Otto Ludwig und Hebbel. Otto Ludwig ist schon etwas, durch seine liebenswürdige, geschlossene Natur. In seinem »Erbförster« steckt allerlei Gutes auch dramatisch Gutes. Hebbel ist mir zu kalt, zu forciert, auf Rädern und Schrauben und daher auch zum Teil abgeschmackt.” “Wienbrack ist ein reizender Zuhörer, weil er wie ein Vogel so geschwind verdaut.” 5. Februar 1915 “Jetzt fängt der Krieg an! Und jetzt muß auch bald eine Entscheidung fallen. Nun wird’s auch nicht allzulange mehr dauern. Ich glaube im Juli haben wir Frieden. Und daß dann Deutschlands Machtstellung noch gestärkt und befestigt sein wird, daran zweifle ich nicht.” 8. Februar 1915 “Glaub’s nicht, wenn dir jemand sagt, ich wäre früher anders gewesen. Ich bin immer derselbe. Den Unterschied macht nur: ich bin jetzt blutarmer, das heißt empfindlicher. Spreche ich, und der Widerhall im andern kommt nicht richtig heraus, ist das Licht meinen Augen störend, schmeckt das Bier nicht ganz, wie es soll – gleich stockt mir die KleingeldFabrikation.” Aus dem Traktat Gittin des Talmud (90a) hat Vater mir heute morgen ein merkenswertes Gleichnis von Rabbi Mëir vorgelesen und übersetzt: Es seien die Gedanken über die Weiber wie die über Essen. Fällt eine Fliege in den Becher – die meisten sind so, daß sie die Fliege rauswerfen und den Becher trinken. Einige aber werfen die Fliege raus und rühren den Becher nicht mehr an. Und so sei Joseph, Marias Mann, gewesen.141 “Einem ungewöhnlichen Menschen und seinem Leben zusehen ist doch immer ein schönes Schauspiel.” (In bezug auf Magdalena) “Gegensätzlichkeit ist das Zeichen feinerer Naturen und im weitesten Sinne des Genies.” – Rahel sagt: “Widersprechende Eigenschaften, in Harmonie gebracht, machen den großen Mann.” (Brief an Varnhagen, 2. Band, Seite 219) 11. Februar 1915 “Was für eine wundervolle Krone der Liebe dieser Heyn aufhat, das allein ist doch schon herrlich zu sehn.” – Ich erinnerte daran, wie er damals bescheiden, ja schüchtern mit Weißberg ankam; er hatte nicht einmal die Treppe heraufkommen, sondern auf der Straße warten wollen, und ich bemerkte, daß es ähnlich doch fast immer sich im Leben mache: Irgendein nebensächlich Scheinendes wird zur Hauptsache; das erst stark Betonte fällt nachher ganz weg. Man braucht nur eine Reise zu machen, um zu erfahren, daß nicht das Ziel, worauf man sich am meisten gefreut hatte, sondern irgend etwas Ungeahntes am Wege den schönsten Eindruck hinterläßt. “Ja, und die Unterströmungen von Gedanken sind es, die Geschichte machen”, sagte Vater. Wobei wir gleichzeitig den Namen Christus aussprachen. Über das Wunder der Evangelien sprachen wir jetzt manchmal. Daß die drei Synoptiker aus einem gemeinsamen sogenannten Urevangelium (wohl in syro-chaldäischer Sprache) geschöpft haben müssen, leuchtet ein. Daß dieses das Werk des Matthäus, des Zöllners Matthäus sei, möchte Vater seinem Gefühl nach annehmen, schon wegen des im Matthäusevangelium deutlich hervortretenden Hasses gegen die Schriftgelehrten. Daß überhaupt Niederschriften existieren, bezeichnet Vater als ein Wunder, da die Scheu der damaligen Juden vor schriftlichen Aufzeichnungen sie fast verboten habe. Erst durch den Revolutionär Jehuda Hanassi sei darin eine Änderung bewirkt worden, in einer Zeit, wo, nach dem Untergange, sich die Notwendigkeit herausstellte, das viele, was in den einzelnen Köpfen herumlief, festzulegen und sicherzu140 Aus einem späteren Gespräch: “Sie sah so aus, daß sie Ruth hätte heißen müssen.” 141

Vgl. »Unser Christus«.

– 168 – stellen; so wurde der Grund zur Mischnah gelegt. “Früher, also auch zu Christi Zeiten, hatte nichts existiert als das Gesetz und seine Auslegung, und diese Auslegung war im Grunde nichts als das innerliche Bewußtsein vom Gesetz. Auch die Talmud-Literatur ist ja eigentlich nichts als Auslegung der Schrift; wo sie sich zu weit davon entfernt, ist es von Übel. Es gibt eben nur die Eine Schrift142, und diese ungeheure Spannkraft, die solche Konzentration, solche Verinnerlichung erzeugt, hat die Welt erobert.” 12. Februar 1915 “Ohne eigentliche Tiefe hat mein Vater doch eine so ernste Würde besessen, daß sie wie Tiefe auf mich wirkte.” “In lauen, schönen Sommernächten kommt mir immer das hebräische Wort Lajelo [Stolte S.151: Laila] für Nacht in den Sinn, denn darin fühle ich wirklich das Laue der Nacht ausgedrückt und ihr stilles Wehen und Weben und wie ein Herabwallen dunkler Flöre.” 13. Februar 1915 “Ohne mich – das weißt du – an Kraft und Intensität mit ihnen vergleichen zu wollen, stehe ich doch zwischen Christus und Spinoza in der Mitte, habe von dem Hirtensinn Christi und gehe wie er auf Herzenswirkung aus, fordere aber andrerseits strenge Formulierung und will mich einsam halten. Ich bin nicht in der richtigen Zeit; denn mein ganzes Wesen ist aufs Reden angelegt; freilich nicht wie bei Christus, dessen Worte ja wirklich für jedermann waren; aber auch nicht wie bei Spinoza, der schließlich niemanden brauchte und auch niemanden hatte und dessen Wirkung daher auch erst heute beginnen kann.” Ich meinte, daß durch die Beschäftigung mit dem Talmud das Wissen von geschlechtlichen Dingen für unsere Begriffe unnatürlich früh an Vater herangetreten sei. “Ach nein, das ist ganz anders. Diese Angelegenheiten sind im Talmud mit einer solchen Würde behandelt – ich kann tatsächlich sagen, ich habe das gelesen und gelernt, aber nie gemerkt, daß da nun von Geschlechtlichem die Rede war.” Wienbrack sagt, Heyn sei der Apostel; dies sei er nach dem Wesen und auch im Äußern, und so will er ihn auf der jetzt begonnenen Plakette darstellen. Von Renans Leben Jesu: “Das ist keine Wissenschaft und nicht einmal wissenschaftlicher Geist. Eine Idee luftiger als die andere, zur ‘Hypothese’ aufgeplustert. Es ist Rhetorik – es ist französisch!” 19. Februar 1915 Vater hat recht bekommen mit seiner Prophezeiung oder vielmehr mit dem sicheren Gefühl, das sich seiner ganz plötzlich, wie eine Fahne sich dreht, bemächtigt hatte: Wirklich weht nach langer Schwüle jetzt ein frischer Wind. Der Sieg an den masurischen Seen hat uns gutgetan. Und: “Zum ersten Male habe ich auch einen Eindruck von Hindenburgs Tüchtigkeit, in diesem Falle hat er sich als ein richtig feiner Stratege erwiesen.” – Sehr befriedigt, ja entzückt ist Vater auch von unsrer Antwort auf die amerikanische Note, als deren Verfasser er am Stil Bethmann-Hollweg erkennen will. Er nahm, da er die Überschrift sah, das Abendblatt “mit gewaltigem Herzklopfen in die Hand. Ich hatte solche Angst, daß wir vielleicht uns hätten einschüchtern lassen. Aber nein, radikal, wie sich’s gehört, diplomatisch geschickt, würdig im Ton – das ist geradezu ein gutes Aktenstück.” – Vater ist glücklich und sieht ruhig dem Ende des Krieges entgegen, das er für den Juli erwartet. “Das ist auch eine meiner Ähnlichkeiten mit Harden, daß ich das Kino schätze, wenn ich auch nicht so wahnsinnig dafür begeistert bin wie er. Aber bei der Banalität unsrer Theater stelle ich es über diese, und ich finde auch, daß es an sich, durch seine Eigenart, im 141 Vgl. »Unser Christus«. 142

Vgl. auch Josephus, Contra Apionem.

– 169 – Psychologischen etwas leisten kann, was die Bühne so nicht vermag: eine Vergrößerung der Seelenvorgänge. Und dadurch, daß nicht gesprochen wird (während ich doch im Theater meist über die Worte in Verzweiflung gerate), bin ich in der angenehmen Lage, mir zu Mienen und Bewegungen selber meinen Text dichten und auch noch in das Banalste etwas hineinlegen zu können. Das regt mächtig an.” Neulich bei Magnussens während des Essens hob Magnussen sein Glas und sprach feierlich die jetzt leider geflügelten Worte “Gott strafe England!” In keinem Punkte ist der sonst so ruhige, vornehme Magnussen fanatisch, nur in seinem Haß gegen alles Englische. Aber er mußte ganz allein trinken; niemand von uns mochte diese Form gelten lassen. Als aber Vater beim nächsten Gang auf eine tüchtige Niederlage der Engländer trank, schlossen wir uns alle freudig an. 20. Februar 1915 Ich hatte mich verwundert darüber ausgesprochen, daß die größten und freiesten Künstler, in ihren Werken völlig frei, sich in persönlichen Äußerungen oft philiströs zeigen; so Beethoven und Michelangelo. “Das ist ganz natürlich; weil sie’s nur im Gefühl, nicht im Verstandesbewußtsein haben. Wäre mein Gedanke ganz bei ihnen durchgedrungen, dann würde da in Werken und Worten Übereinstimmung herrschen.” “Ja”, sagte ich, “das ist klar. Und die Erleuchtung geschähe im einzelnen mit einem Schlage. Wirklich sind doch Künstler wie Frauen, die durch ein Manneswort, ein Philosophenwort erlöst werden können und müssen.” “Goethe ist oft philoströs, Shakespeare nie!” 23. Febraur 1915 Vater liest niemals in seinen eigenen Werken; doch gestern kam er durch Zufall an die Bewegungslehre und blätterte in dem Abschnitt über die Griechen. “Das hat mir nun gar nicht gefallen, aus den verschiedensten Gründen nicht. Aber dann geriet ich unversehens in das “Zwischenspiel” und – ich konnte mir nicht helfen, es war mir so interessant, daß mir nicht möglich war aufzuhören, und ich las es zu Ende, bis zwei Uhr nachts. Ich fand es wirklich gut, viel darin gesagt, wirklich ernsthaft Aufklärendes gesagt, besonders über Religion – du weißt, wenn ich so spreche, denke ich gar nicht daran, daß ich das nun selber geschrieben habe!” “Die Vermessenheit Christi, der finstere Trotz in seinen Antworten erklärt sich durch das Zurückgedrängtsein ins Dunkel, durch das Niedergetretenwerden; das macht so wahnsinnig selbstherrlich.” 3. März 1915 “Ich glaube, daß es viel größere Schauspielerinnen als Schauspieler gibt, es ist eine spezifisch weibliche Kunst. Schon weil dem Frauenkörper mit seinen Biegungen und Schmiegungen von selbst die eigentlichen Ausdrucksmittel des Instinktiv-Gefühlsmäßigen gegeben sind. Die stärksten Eindrücke von Männern auf der Bühne empfing ich durch einen gewissen Door, der am Kölner Stadttheater weniger durch Sprechen und Gestikulation als bloß durch seine ganz einzig seelenvolle Stimme auf mich wirkte, und in London begeisterte mich Irving.” – Jetzt ist Vater entzückt von der Kino-Schauspielerin Asta Nielsen, die alles könne. Früher, als er noch “siebenmal die Woche” ins Theater ging, erschütterte ihn das Spiel der Nuscha Butze, deren Gang er besonders bewunderte. Dann spricht er auch mit Wärme von Rosa Bertens in den »Gespenstern«. Matkowsky war ihm ein Greuel, freilich sah er ihn nur einmal. Aber “so schlecht darf ein guter Schauspieler auch nicht ein einziges Mal sein”. – Auch die Duse lehnt er ab: “Ich konnte die Stimme nicht vertragen, dieses Katzengeschrei der Liebe, und damit war für mich alles andre abgeschnitten.” “Von Antisemitismus habe ich in meinen persönlichen Erfahrungen eigentlich gar nichts zu verzeichnen.”

verzeichnen.” – 170 –

5. März 1915 “Zwei – das geht nur, wenn einer Wagen und der andre Pferd ist. Aber wie sollen zwei Wagen vorwärtskommen?” “Rahel bleibt immer ein altes Mädchen! So sehe ich sie. – Ihr Wesen ist, daß sie nicht kann (geistig gestalten), aber sie will und sie muß!” “Was mich hauptsächlich für das Kino einnimmt, ist das Ordinäre als Grundlage, wovon ich, wie du weißt, so viel halte. Das war es, was Goethe als Dramatiker gefehlt hat, und weil er die Wichtigkeit davon nicht erkannte, hat er einfach nichts vom Drama und infolgedessen nichts von Shakespeare verstanden. Er, der über jeden und jedes so wunderbar sprechen konnte, hat doch kein einziges Wort über Shakespeare und ebensowenig über die alten Tragiker zu sagen gewußt, das sich einprägt und was taugt.” “Ich muß ganz viel an Asta Nielsen denken, denn so etwas von Können ist ja unerhört. Solche Verwandlungsfähigkeit! Überhaupt in jedem Augenblick eine andere! Und alles an ihr verändert sich. Im »Totentanz«, wenn sie Mandoline spielt, hat sie plötzlich ganz andre Hände, daß man erschrickt! Das Gesicht ist nicht schön, kann es aber jeden Augenblick werden. Und dazu hat sie diesen reizenden Knabenkörper. Ja, das ist ein feines Frauenzimmer! Wenn du irgendwo an einem Kino vorbeikommst und da steht an: Asta Nielsen, laß alles stehn und liegen und geh hinein, ganz gleich, was sie spielt. Auch wird sie, die so aus allem die Tiefe herauszuholen versteht, gewiß keine Rolle übernehmen, aus der sie nicht irgend etwas Besonderes machen kann. Aber vor allem sieh dir den »Totentanz« an! Herrgott, das Lied! Endlich hab ich nun mal ein Lied singen hören!” Ich möchte mir ein paar Worte von Ellen Key aus ihrem Essay über Rahel Varnhagen merken, weil sie etwas Allgemeines über das Wesen des Genies richtig ausdrücken: “… Rahels Bewußtsein ihres Wesens und Wertes ist ebenso wirklich wie ihre Unbewußtheit, was nur dem in seelischer Beziehung rohen Menschen unmöglich scheint und doch der für alle großen ursprünglichen Naturen charakteristische Zug ist.” (Seite 34) “… Und in diesen Zügen offenbaren sich die großen Naturen. Nur die leben, die sich selbst verschwenden.” (Seite 66) Rahel selbst sagt (a. a. O. Seite 100): “Fein organisierte Menschen müssen Zerstreuung haben”, was durchaus auf Vater und besonders auf den Charakter seiner Nervosität zutrifft: Irgendein gleichgültiger Mensch tritt ins Zimmer – und dunkle Stimmung ist schon hell geworden. Dieser Fall wiederholte sich immer wieder in den Zeiten schweren nervösen Leidens. Jean Paul sagt von Rahel (a. a. O. Seite 100): “Sie ist eine Künstlerin, sie hebt eine ganze neue Sphäre an, sie ist ein Ausnahmswesen, mit dem gewöhnlichen Leben im Krieg oder weit darüber hinaus – und so muß sie denn auch unverheiratet bleiben.” Rahel selber rühmt von ihrer Verbindung mit Varnhagen: “Mein Hauptglück besteht aber darin, daß ich durchaus nicht merke, daß ich verheiratet bin! … Ich bin völlig frei von ihm, sonst hätte ich ihn nie heiraten können. Er denkt über Ehe wie ich.” – So weiß ich, daß Vater, als er sich mit Mutter verband, durchaus betonte, daß dies nicht als Ehe aufzufassen sei. Und noch jetzt sagt er wohl einmal, wenn er sich etwa durch eine Kritik seines Handelns oder Benehmens in der Freiheit beschränkt fühlt: “Das geht nicht. Ich bin doch nicht verheiratet.” 8. März 1915 Den armen Deitelbaum143 hat der Krieg von Palästina nach der Schweiz getrieben, mit Schwester und Kindchen. Er beklagt schmerzlichst den Verlust seiner schönen Büchersammlung, was er aber gar nicht entbehren könne, sei die »Lehre«. So hat er um ein neues 142 Vgl. auch Josephus, Contra Apionem. 143

Er hat seinen Namen ins Hebräische übersetzt: Tamari.

– 171 – Exemplar mit Widmung gebeten. Vater hat ihm hineingeschrieben: “Das Volk entsetzte sich über seine Lehre” (Matthäus 7, 28) und dazu einen herzlichen Wunsch für sein Leben. An der Schwester hat Deitelbaum eine wahre Gefährtin gewonnen, indem sie von ihm den Sinn der Lehre empfängt. 13. März 1915 Eine Studentin der Theologie war gestern bei Vater, ihn um Bücher aus der Spinoza-Bibliothek zu bitten, die sie bei ihrer Examensarbeit unterstützen sollen. Liebenwürdig wie immer widmete ihr Vater über eine Stunde Zeit, während der er “Katalog mit ihr sprach”, denn auf andres wollte sie sich durchaus nicht einlassen. “Ein gediegener Charakter, ein kluges, theologisch gewandtes Mädchen – und diese Schamlosigkeit, womit sie alles Innerliche ablehnt! Und wie unsre Universitäten mit ihrer Arbeitsmethode und den Themen, die gestellt werden, alles Leben töten – und nur das Intuitive ist doch unser bißchen Leben! – und wie sie dafür nichts als Pedantismus ausbilden![”] – Das Examensthema dieses Mädchens heißt, glaube ich: »Spinozas Auffassung und Würdigung der wesentlichen Gedanken der Religion«. An der schwerfälligen Form fand sie nichts auszusetzen. “Wenn sie da nun aufführt, was Herr Meyer gesagt hat über das, was Herr Cohn gesagt hat über das, was Herr Schulze gesagt hat usw., in einer Reihe so lang, daß der Gedanke selbst zum Schluß irgendwohin verkommen ist, dann wird es wohl richtig sein. – Wie die Naturen erkennbar sind! Wie ich recht habe mit meiner Menscheneinteilung! Es stimmt alles in jeder Kleinigkeit auch bei diesem Frauenzimmer wieder. Die gänzliche Abgekehrtheit vom Geiste bei so viel Verstand. Sie betet nun Christus an. Aber ich hatte beinah Lust, ihr zu sagen, was ich damals Harry144 geschrieben hatte: daß sie jetzt Schopenhauer verehrte, interessiete mich nicht; aber sie möchte mir doch erzählen, was sie damals, wenn sie zu seiner Zeit gelebt hätte, über ihn gedacht und gesprochen haben würde. Denn es sind immer dieselben Typen, die wiederkehren. Und immer auch wird das Genie mit einem andern Genie totgeschlagen: Christus haben sie mit Moses erschlagen, mit Christus haben sie wieder unzählige andre umgebracht – nun, und Spinoza hat ja auch eine kleine Aufregung in der Welt verursacht!” “Es ist immer gefährlich, vor dem Publikum von sich selber gering [zu] sprechen; denn solch Selbsturteil wird gläubig hingenommen. Hätte Eckermann gesagt: Seht, ich bin der Mann, der dies wunderbare Gedächtnis hat, daß er sprechen kann wie Goethe – er würde anders im Urteil der Nachwelt dastehn. So bleibt er der kleine Eckermann. Ähnlich ist es mit Varnhagen; der hat so lange davon geredet, wie unbedeutend er sei, bis man es ihm geglaubt hat.” Wir sprachen über den Sinn des Abendmahls. “Christus sagt: Dies ist mein Leib – das heißt nichts andres als: was ich hier esse, wird dadurch zu meinem Leibe, zu mir; und so sollt ihr immer, wenn ihr etwas zu eurem Leibe macht, und überhaupt bei den alltäglichen Verrichtungen, meiner gedenken. – Das ist echt jüdisch geistreich. An andrer Stelle sagt Christus: Ihr sollt mich essen.” Vater geht, wo er kann, Asta Nielsen spielen zu sehen. “Sie ist eine richtige Zauberin, die alles kann: schwimmen, reiten (aber wie eine Zirkusreiterin!), tanzen – alles in der höchsten Vollendung. Gestern hatte sie als Zigeunerin ein Glas Bier auszutrinken – sie tat es in einem Zuge, so wie abgebissen, genau wie ich es als Student machte. Und schnell wie Graupelschauer gehen über ihr Gesicht sämtliche nur mögliche Visagen und alle Lust und alles Weh aller Menschen, die je gelebt haben und noch leben werden bis ans Ende der Welt.” “Ich habe mehrere Jahre sehr elend, sehr kümmerlich gelebt.145 Aber ich habe es sozusagen nicht gemerkt, war ebenso fröhlich wie sonst, niemals, keine Sekunde, niedergedrückt. Ich 143 warErwie Traum, es ist Quietistisches in mir; das macht, daß ich unberührt hatim seinen Namen insetwas Hebräische übersetzt:dann Tamari. 144

Harry Hertz, vor zwei Jahren in Rom gestorben, Freundin von Frida Mond. Harry Hertz, vor zwei Jahren in Rom gestorben, Freundin von Frida Mond. 145 Nachdem er das Seminar in Köln verlassen. 144

– 172 – bleibe. Und ging’s dann plötzlich hinein in die elegante Lebenssphäre, so war auch dies wieder selbstverständlich und geschah ohne Übergang in meinem Bewußtsein. Auch in meiner Kindheit mußte ich ja eine lange Zeit der bittersten Armut durchmachen; aber es war mir ganz natürlich, ich wäre nie auf die Idee geraten, daß es anders hätte sein können. Ich großer Junge schlief bei den Eltern im Zimmer, in einem kleinen Zimmer; ich lag auf einem Sofa, so schmal, daß ein Tisch daneben gestellt werden mußte, damit ich nicht runterfiel. Aber weil ich sehr unruhig schlief, fiel ich doch oft. Es machte nichts. Es machte auch nichts, daß die Stube voll von Petroleumgeruch und Zigarrenqualm war, denn mein Vater rauchte jede Nacht acht Zigarren im Bett zu seiner Lektüre; er schlief sehr wenig. Ich bin überzeugt, daß dies meiner Gesundheit gar nichts geschadet hat. Was ich an Nervosität habe, das ist Bestimmung so und mußte auf jeden Fall kommen.” 19. März 1915 “Mit Asta Nielsen besetze ich mir die klassischen Frauenrollen in der dramatischen Literatur und solche, die es gar nicht gibt, die ich nur in mir habe.” 20. März 1915 “Wenn es Sinn hätte, so etwas nachträglich zu bedauern und bei solchem Menschen! – ich meine, Goethe hätte die Lilli heiraten sollen; in ihr fühlte er sich doch offenbar von etwas sehr Feinem berührt. Ich weiß auch gar nicht recht, warum er es nicht getan hat; ich kann mir nur denken, daß die große Schar ihrer Verehrer ihn abgeschreckt hat. Schrecklich ist dies an Goethe, daß er in späteren Jahren sich die ungebrochene Genialität seiner Jugend als Ungezogenheiten erklärte, und wo dann doch trotz allem auch im Alter seine Genialität, besonders in der Opposition, mit ihm durchgehn wollte, daß er da die Geheimrätlickeit darüberdeckte.” Zwischen Heyn und seiner Frau hat Vater eine Mittler-Rolle übernommen. Sie waren hier mit ihrer reizenden kleinen Marietta. “Nichts ist mir schrecklicher, als Mißbrauch treiben sehn mit der Schwäche der Frau”, sagte Vater. Er empfindet nicht eigentlich Sympathie für Frau Heyn, aber großes Mitleid und versucht, ihr zu dem Recht zu verhelfen, das sie in der Ehe mit diesem herrlichen, aber unverständig tyrannischen Manne entweder nie besessen oder verloren hat. Am schlimmsten sei es geworden, nachdem Heyn die »Lehre« kennengelernt; “zehn Jahre hast du geherrscht, von nun an herrsche ich”, hat er proklamiert. “Das ist das mißverstandene Kapitel über die Weiber”, sagte Vater; “das gerade Gegenteil steht darin, aber es gibt eben nichts, was nicht mißverstanden werden könnte, der bloße Stoff an sich ist schon gefährlich.” In seiner Mittler-Tätigkeit fühlt Vater sich auf gutem Wege und überzeugt, wirklich helfen zu können. Die Frau ist verständig und nachgiebig, Heyn selbst meint, wenn ihm nur die Richtung angegeben würde, liefe er schon allein weiter. “All Ihre Menschenliebe ist Dreck”, sagte Vater, “wenn Sie sie nicht zuallererst in der nächsten Umgebung bewähren!” Und: “Tyrannisch darf ein Mann sein, und der Mann von Charakter und Eigenart muß es sein, aber die Frau muß dafür das große Gefühl der Sicherheit durch ihn gewinnen, sich in ihm aufgehoben fühlen.” – Ein paar Zufälligkeiten hielten Heyns davon ab – vielmehr sie ließen sich abhalten –, Vater ein letztes Mal, wie geplant war, gründlich zu besuchen. Er war sehr aufgeregt. “Nun ist es gar nichts; die Balken sind gelegt, aber nicht befestigt. Das wollte ich noch machen, indem ich Einzelheiten mit jedem von ihnen besprochen hätte. Das war so nötig! Es geschieht ja nur in ihrem Interesse, daß ich mich aufrege, aber es ist doch auch so: wenn die Truppen mich zu ihrem General ernennen, müssen sie absolut gehorchen; das geht nicht, daß da einer einfach sagt, er hat heute sein Gewehr nicht mitbringen können oder so etwas.” Die siebenjährige Marietta spielte viel bei uns herum, alles in einer stillen Heiterkeit. Besonders konnte sie stundenlang “Hund” spielen, wobei sie ihre Rolle fast nur mit einer zarten Mimik und leisem Wau wau durchführte. 23. März 1915

23. März 1915 – 173 – “Hast du dir denn eigentlich überlegt, mit welchem Zuge wir fahren müssen?” fragte ich gestern. “Ach, weißt du, so die Bißchens von Überlegungen, die in einem rumlaufen, so die Vorschattenkinder.” – Wir hatten die Absicht, einen größeren Spaziergang zu machen in dem linden Vorfrühlingswetter; da bekam Vater unterwegs solches Kopfweh, daß er sich entschloß – vom Babelsberger Bahnhof mit mir nach Berlin zu fahren (“reisen” heißt es in solchem Fall), um ein Kino zu suchen, wo ein Asta Nielsen-Film gespielt wird; wir fanden aber nichts Rechtes und aßen und saßen dann noch eine Weile im schönsten Beieinander, trotz Kopfschmerz und Ermüdung, bei Kempinsky. “Weißt du, mir ist immer so sehr bewußt und im Gefühl, wie durchaus wir zur Sonne gehören und wie wunderbar, daß wir sie sehen, daß wir unser Herz sehen können!” Nachher kamen wir auf einige seiner menschlichen Beziehungen, und ich sagte, daß er eine Aufgabe haben müsse, wenn er ein Verhältnis zu jemandem gewinnen soll. “Das hast du sehr richtig gesehen. Von Anfang an hab ich auch die Seelsorgerei als mein eigentliches Lebenswerk betrachtet. Und wenn ich dann so mit einem spreche und dabei an ihm ziehe und arbeite, da fühle ich mich ganz wie ein Hirte und hab den Menschen so lieb, zärtlich lieb dabei und möcht ihn ganz körperlich in die Höhe heben, über alle Gefahr weg, auf meinen Schultern tragen. Und da ist mir ganz das gleiche, ob Mann oder Weib; aber besonders früher haben das manche Frauen mißverstanden und geglaubt, ich meine sie!” Vater erzählte mir neulich, wie es ihn als Kind immer gekränkt habe, wenn die Hamburger Juden von Altona so verächtlich als dem Mokkem Olleph (Mokaum Aleph: Ort A.) gesprochen. 23. März 1915[Datum s. o.] “Charakter besitzt, wer sein Bestes zur Herrschaft über sich selbst und dann über andere bringt.” “Ich denke mir den Verlauf des Krieges so: Im Westen werden die Feinde jetzt bald eine Offensive größten Stils ins Werk setzen, mit lauter Kolonnen in Marschtiefe. Sie können dabei vielleicht zweihunderttausend Mann verlieren, aber werden, das hoffe ich stark, nicht durchbrechen, trotz unsrer beiden schwachen Punkte nicht. Und dabei werden sie sehen, daß es nicht geht; daß sie uns zwar ein paar Schützengräben weit zurück-, aber nicht aus dem Lande treiben können – und dann werden sie uns den Frieden anbieten.” “… Das sind die teilnehmenden Freunde, die uns am liebsten das Ganze wegnähmen.” 4. April 1915 Unter den jetzt lebenden Dichtern stellt Vater Gerhard Hauptmann und Sudermann am höchsten. Emma Berg brachte mir auf meine Bitte die kleine Sammlung Briefe, die Vater im Laufe der Zeit, hauptsächlich aber im Jahre 1893, an ihren Bruder Leo geschrieben hatte.146 Sie gewähren mir einen Blick in das Vergangene, der mich erschüttert. Vaters romantische Jahre, Sturm und Drang, dem Wahnsinn und Tode nahes Elend, Verzweifeln an sich selbst im Wechsel mit dem Gefühl des Erwähltseins, Hunger nach Menschenseelen, sehnsüchtig nach ihnen greifend und doch mit dem Bewußtsein, allein zu stehen und allein zu bleiben; Naivetät, Liebe – wie ist es mir, ihn so sprechen zu hören. Und daß ich damals nicht bei ihm war! Welch himmelweite Veränderung jetzt! Wo spricht Vater noch naiv?! Und doch eignete ihm schon damals die Souveränität von heute: Er springt um und um mit dem kleinen Leo Berg und sicher in jeder Sprungstellung! Entscheidende, prinzipielle Briefe sind übrigens, wie es scheint, vernichtet; jedenfalls fehlen sie. Es war darin von Bergs Unzulänglichkeit, auch in bezug auf seine Arbeit für das Büro, ausführlich die Rede, wie Vater erzählt. Auch aus der Berliner Zeit fehlen die prinzipiell kritischen Briefe. Vater bestreitet, wirklich je so elend gewesen zu sein, auch daß Leo ihm ganz nahe gestanden hätte. 145 Nachdem er das Seminar in Köln verlassen. 146

Sie sind erhalten.

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Vater erzählt mir, es gäbe Briefe aus jener Zeit, worin er sich stärker ausspricht als in diesen. Natürlich in erster Linie an Frida. Er erwähnte aber auch Arthur Fitger147, von dem er sehr viel gehalten. Wohl mehr theoretisch als persönlich hat Vater einem gewissen A. Mordtmann in München eine große Anzahl Briefe geschrieben; Mordtmann interessierte sich liebevoll für den »Zuschauer« und schätzte besonders Vaters Aufsatz »Zur Technik des künstlerischen Schaffens« außerordentlich hoch. “Was habe ich damals für Briefe geschrieben schon allein in Sachen des Literarischen Vermittlungsbüros! Den ganzen Tag saß ich und verfaßte lange, gewissenhafte kritische Abhandlungen für die obskuren Leute, die ihre Arbeiten zur Prüfung eingesandt hatten. Diese dicken und sehr ernsthaften Briefe sind natürlich in alle Winde verstreut.” “Seelische Kämpfe hab ich freilich auch gehabt; aber immer waren sie ganz kurz, in einem Nu war alles abgetan. So auch mit der Religion. Es war dann ein schrecklicher Zustand, aber ganz schnell vorüber.” Ein Gespräch zwischen mir und Vater nahm solchen Weg, daß ich ihm sagen durfte, vielleicht mußte, wie er oft gegen die Feinheit seines Wesens verstieße mit allzu handgreiflichen Eitelkeiten. “Mich verletzt oft bis zu Tränen”, sagte ich, “wenn du gleichgültigen Menschen mit solcher Breite und Genauigkeit vorsetzest, was andere Schmeichelhaftes über dich geäußert, ihnen Briefe zeigst, worin du vergöttert wirst und dabei noch die deutlichsten Stellen unterstreichst. Ich weine dann heimlich, weil es unwürdig ist. Verstehen tu ich’s ganz. Daraus, daß dein äußeres Leben bis zur Lächerlichkeit und Verlegenheit für dich in Unstimmigkeit ist mit deiner Natur. Und das erkenne ich auch und mit Bewunderung, daß gerade du wie keiner, wo es darauf ankommt, auf alle Eitelkeit verzichtet hast, auf jedes In-Szene-Setzen, alles, was man sich von außen heranziehen kann, was gerade du im höchsten Maße gekonnt hättest. Aber eben darum stören und beleidigen mich die kleinen Mittel!” Vater hörte sehr ruhig zu, schwieg dann eine lange Weile; darauf dankte er mir aufrichtig und gab mir recht. “Ja, ich weiß, daß ich es so mache. Und auch, daß ich im Innern nicht eitel bin (außer soweit es zu jeder anständigen Produktion gehört): Das größte Kompliment ist mir keines! Sieh aber, daß jede Ursache alle ihre Wirkungen in sich trägt und bedenk die Fetzchen von Wirkung, die ich erlebe.” Und – nach längerer Pause, mit einer Stimme, die tiefer herzukommen schien als gewöhnlich: “Und versteh auch dies, was ich dir geschrieben habe: daß ich leben muß halb wie ein Narr und halb wie ein Verbrecher. Herrgott wie hänge ich in der Welt! Ein Geächteter! Vogelfrei – und mit Vogelaugen-Klarheit! Die jedem gerade in sein Herz blicken. Wie soll ich stehen? Ich habe nichts; vor der Welt habe ich nichts. Also brauche ich Kredit! Und diesen Kredit muß ich mir immer neu und künstlich schaffen. Freilich hast du recht, wenn du die Methode plump nennst, ich fühle sehr, daß du damit etwas Häßliches triffst – aber ich weiß doch nicht, ich will darüber nachdenken, ob es für die Praxis richtig wäre, sie ganz aufzugeben. So wie der dramatische Dichter die gröbsten Mittel braucht, wovon wir oft gesprochen haben, vielleicht kann ich sie ebensowenig in meinem Leben entbehren. – In meiner Selbstbiographie würde ich dieses Thema nach aller Offenheit behandeln, nach den psychologischen Zusammenhängen.” Nordau hatte nach seiner Flucht von Paris Vater aus Madrid eine Karte geschrieben, worauf stand, daß unter den drei Büchern, die er ins Exil hätte mitnehmen können, auch die »Geistigen« gewesen, die die schwerste Probe, in dieser Zeit als Erbauungsbuch zu dienen, trefflich bestanden hätten (Vgl. Seite 283f.). Nun schickt Altkirch einen Artikel aus dem Pester Lloyd ein (Über Lesen und Bücher), worin Nordau auf die gleiche Situation des Abschiednehmens von seiner Bibliothek Bezug nimmt und als die drei Bücher – es hätten nur kleine sein dürfen –, die er sich zur Begleitung ausgewählt, Goethes Faust, Heines Romanzero und Lukrez, de natura rerum [Brockhaus: De rerum natura] bezeichnet. Für uns ein nicht zu lösender Widerspruch “Aber, wenn es auch bös aussieht, ich habe keinen Anlaß, Nordau 146 Sie sind erhalten. 147

Schriftsteller und Maler in Bremen.

– 175 – zu mißtrauen. Du weißt, ich stehe gar nicht einmal in nahem Freundschaftsverhältnis zu ihm, aber nach allem habe ich den bestimmten Eindruck, daß er ein ganz tapferer, braver Charakter ist, wie ich in meinem Buch gesagt habe: einer, dem man trauen kann bis in alle Ecken und Winkel seines Herzens.148 Ich habe keine Veranlassung, die Stelle zu streichen, obwohl mir dieses Rätsel seltsam ist, und ich auf nichts komme, es zu lösen; zumal er die beiden sich widersprechenden Aussprüche ungefähr gleichzeitig getan haben muß. Wenn ich über einen Menschen von vornherein eine gute Meinung habe, so ist sie durch Tatsachen nicht umzubringen. Wie ich früher wohl mal zu dir sagte: ‘Wenn du mich einen Mord vollbringen siehst, wirst du doch nicht glauben, daß ich gemordet hätte!’ Die Sache mit Nordau beunruhigt mich gar nicht weiter, ich schalte sie einfach aus. Vielleicht klärt sie sich von selber auf – wenn nicht: auch gut!” Einen wunderlichen Logierbesuch hatten wir für mehrere – ich weiß nicht wieviel – Tage an Friedrich Kettner. Unser Haus war ihm nur Schlafstelle; am Tage toste er in Berlin herum, ohne Uhr, – und ganz unmenschenhaft schien alles; kam er etwa um halb zehn Uhr abends zurück, so fand er in der Regel, daß Zeit wäre, zu Bett zu gehen und legte sich schlafen. Begegnete er aber einem von uns am Morgen oder Abend, so rückte er – in den ersten Tagen war es so – sofort mit seinen “Dichtungen” heraus, las, ob man hören wollte oder nicht und erwartete in sicherer Unbefangenheit ein Lob, das zu seinem Staunen ausblieb. – Vater sah einen herrlichen Possenstoff in seinem Benehmen: der Dichter als Besuch. Aber dann fühlte er sich doch leicht verstimmt: “Ich habe nun in dem Museum meines Innern Exemplare genug – für solche Sammlung genügen die Typen! – sowohl von Frauen, die mit der Idee durchaus die Person umfangen wollen, als auch von solchen Männern, die zwar die Idee hoch bewundern, doch nur unter der Bedingung, daß nun auch ihre Nicht-Ideen von mir lieb gepriesen werden.” – Mit Kettner löste sich’s nachher ganz freundlich. Den dritten Abend benützte er zu einer gründlichen öffentlichen Vorlesung (das heißt vor uns dreien). Nach dem Ende ging Vater hinaus, weil er seine Kritik zuletzt und nachdrücklich äußern wollte und aus Übergewissenhaftigkeit erst, nachdem er die Arbeiten noch einmal für sich geprüft haben würde. Ernstlich zur Beurteilung aufgefordert, ließ ich keine Zartheit, sondern derbe Offenheit walten, bemerkte nur zum Schluß, daß er sich die Entscheidung natürlich aus Vaters Munde holen müsse. Am nächsten Abend, nach Kettners Rückkehr von Berlin, kam es dann zu Vaters Rede, die darin gipfelte, daß zwar schon öfters Schund auf seinem Tisch gelegen habe, dieser aber überträfe weit alles Bisherige. Und vor allem: Kettner müsse arbeiten, sachlich werden, wie er ihm schon vor drei Jahren in Misdroy so dringend empfohlen. “Diese Allgemeinheit steht noch unter dem gewöhnlichsten Konkreten.” – Und nun traten Kettners liebenswürdige und gute Eigenschaften hervor: Er nahm seine Verurteilung gläubig und freundlich hin, der Autorenfanatismus schien wie weggeblasen, und es wurde möglich, die wenigen Minuten, die er abends und morgens noch in unsrem Hause zubrachte, immerhin nett und durch keinen Ärger getrübt mit ihm zu verkehren. 7. April 1915 “In Freiburg hörte ich viel den Naturwissenschaftler August Weißmann, und längere Zeit hindurch hing ich sehr begeistert seiner Theorie von den somatischen und propagatorischen Zellen an, bis ich sie als ganz scholastisch aufgab. Danach wären nur die somatischen Zellen veränderlich, die Fortpflanzungszellen blieben unter allen Umständen unbeeinflußt. Das glaube ich schon lange nicht mehr. Ich will dir ein Experiment erzählen, das angestellt worden ist: Man hat einer weißen Henne reiner Rasse ihren Eierstock herausgenommen und dafür den einer schwarzen Henne ebenso reiner Rasse eingesetzt (das kann man nämlich!) und dann das weiße Huhn mit einem schwarzen Rassehahn verbunden. Was meinst du, wie die Kinder geworden sind?” – “Nach meinem Gefühl von Leben und Fortpflanzung: schwarz und weiß gesprenkelt; nach Weißmann hätten sie ja schwarz werden müssen. Aber der Eierstock der schwarzen Henne wird doch, wenn er sich schon in den Organismus der weißen Henne einfügt, von ihm bestimmt mit seinem Blute genährt, von seiner Seele belebt – wie sollte 147 Schriftsteller und Maler in Bremen. 148

Der Judenhaß und die Juden Seite 197.

– 176 – das anders sein?!” – “Ja, so denke ich auch, und die Erfahrung hat uns recht gegeben: Die Kücken waren gesprenkelt. – Woran ich noch festhalte, ist die Einteilung in somatische und propagatorische Zellen, und das scheint mir auch der Fall, daß die propagatorischen sich länger als die anderen von äußeren Einflüssen, zum Beispiel klimatischen, freihalten.” 14. April 1915 Nach den Annalen las Vater jetzt Goethes Rede auf die Fürstin Anna Amalia. Er rief mich ins Zimmer: “Hör doch mal diesen Satz! Und diesen! Ist es nicht der reine Nönnchen? (Vgl. Seite 382) Nur gänzlich unamüsant. Was soll man nun überhaupt zu diesem Goethe sagen?! Wie sich ihn erklären?! Da gibt es nur den Trost, eine liebe Seele herzurufen und sich von ihr wieder auf den eigentlichen Goethe verweisen zu lassen, woran man ja schon von selber denkt. Aber es bleibt wirklich schwer, sich mit dieser Art abzufinden; weil es ja doch Goethes ist.” Bei einem Satz hat Vater “Anna Wohlgemut” an den Rand geschrieben: Diesen Namen trug eine Kleinstädterin, die in der “Zuschauer”zeit einen drollig geschwätzigen Brief an die Redaktion geschrieben hatte, lauter Geschwätz in einem Satz. Seltsam, wie stark sich gerade Frauen zu Vaters Werk finden. Und auch, wie die Übertragung, in einigen Fällen – wie bei ansteckenden Krankheiten – durch eine Mittelsperson geschieht, die selber unberührt bleibt. So ist jetzt durch Professor Archenhold ein junges Mädchen gekommen: Erna Porsch. Archenhold hatte vor zwei Jahren um ein Exemplar der Lehre gebeten. Vater schickte mich damit zu ihm. Ihn selbst konnte ich nur einige Minuten sprechen, seine Frau nahm mich sehr freundlich auf. Nun, nach so viel Zeit, meldet sich Archenhold plötzlich wieder am Telephon, um zu sagen, wie er sich für das Werk interessiere und auch Menschen dafür gewonnen habe, besonders eine junge Dame, seine Sekretärin. An dem und dem Tage halte er hier einen astronomischen Vortrag für die Verwundeten im Lazarett der Orangerie; diese Gelegenheit würde er benutzen, Vater zu besuchen. An dem Besuch wurde er dann gehindert; ich mußte indessen den Vortrag mitanhören, und danach in den folgenden Tagen gab es noch einige Telephongespräche, bei denen der Professor sich für Vater und mich besonders interessiert zeigte. In der Orangerie hatte er mir gegenüber die Bemerkung gemacht: “Wenn ich auch nicht in allen Punkten mit der Lehre Ihres Vaters übereinstimme, so muß ich doch seinen Mut anerkennen.” Inzwischen war die angekündigte Dame hier, seine Sekretärin, ein junges Mädchen, Ostpreußin, Erna Porsch. Sehr beschäftigt und überanstrengt, konnte sie erst abends um halb neun Uhr kommen. Ich sah sie nicht, weil ich, nicht wohl, mich hingelegt hatte, hörte aber immer wieder ihre kräftige Stimme durchdringen. Vater erzählte nachher: “Diese Stimme kann plötzlich schmelzend weich werden; das müßte bei einem Schauspieler großartige Wirkung tun. So wie in einem Menschen Sing- und Sprechstimme oft so verschieden sind. – Emma hatte sie ins Wohnzimmer geführt. Als ich hereintrat, blieb sie ruhig auf dem Sofa sitzen und lächelte mich an. Dann sprang sie auf, schüttelte derb meine beiden Hände – und da war sie auch schon hineingeflügelt in mein Arbeitszimmer. Sie sah sich um – 'Ja, hier bin ich zu Hause’, rief sie aus.[”] – Sie muß übermütig sein; ich hörte oft ein lautes, stürmisches Gelächter. Sie erzählte, daß sie Archenhold gefragt, ob er denn nicht philosophische Bücher in seiner Bibliothek hätte. “Ja, Kant und Descartes.” “Haben Sie nicht Spinoza?” “Nein, aber ein Werk von Constantin Brunner; daraus werden Sie auch etwas über Spinoza erfahren.” Ein paar Tage nach dem Besuch hat sie Vater einen Brief geschrieben; sehr schön, lebhaft, geistreich, freiheitlich. Sie will ihn wiedersehn und soll es Sonntag in acht Tagen. Magdalena, die nach einer Freundin verlangt, hat Erna Porschs Adresse bekommen und ihr geschrieben. Vater möchte gern die beiden zusammenbringen, aber ob nicht die Erna mit ihrem Sturmtemperament die hilflose, stumme Magdalena sofort umblasen wird? Es soll aber ein Versuch gemacht werden, weil Magdalena so einsam und menschenhungrig ist, daß sie sich von Vater geradezu eine Freundin ausgebeten hat. Es war zunächst an Elsa gedacht worden, aber äußerliche Gründe und daß Elsa selber gar keinen Anschluß wünscht, sprechen

worden, aber äußerliche Gründe und daß Elsa selber gar keinen Anschluß wünscht, sprechen – 177 – dagegen. Seit einigen Monaten gehört Elsa mit zu Vaters geistigen Kindern. Sie ist Schwedin, eine feine, ruhige, im Grunde leidenschaftliche, sehr herbe Natur, mit Mutters Bruder verheiratet, einem gutmütigen, liebevollen Menschen. Auf Elsa schien etwas zu lasten; ihre Stummheit war schwer zu durchbrechen. Vater gegenüber öffnete sie sich: ihr fehle ein geistiges Zentrum. Er gab ihr zunächst die Paulinischen Briefe in die Hand. Sie leisteten ihr nichts. “Da liegt mir der Schwerpunkt zu sehr im Jenseitigen”. Da wies Vater sie an sein Werk (mit dem Rat, die Prolegomena zu überschlagen, was zu befolgen ihrer ordentlichen, gewissenhaften Natur schwer ankam), und nun hat sie sich frei gelesen und ist sehr glücklich geworden. “Daß auch Frauen kommen, ist mir eine Bewährung dafür, daß mein Buch mehr ist als Buch und ein Zeichen, daß was wird! Und es ist doch schwer, durch mein Werk durchkommen, wenn ich auch ein schlauer Hund bin und manchmal so getan habe, als wäre es leicht. Für eine Frau ist es gar nicht so einfach.” “Was Altkirch von Spinoza sieht, ist der schräge Reflex von dem, was andre gesehen haben.” “Viele kommen zu mir als richtige Patienten. Und kann ich sie auch nicht kurieren, so steht doch eben an Stelle der Heilung der Arzt, mit dem über das Leiden zu sprechen und den zu lieben doch auch schon wohltut.” “Ich liebe jeden Menschen, wenn er nur zu mir kommt und erlebe in jedem das Mysterium. Unvorbereitet, wie ich immer in der Welt war, so aufs Geratewohl, nur mit dem nackten Leben zu kämpfen und zu schwimmen – nicht wie andre, die sich vornehmen: so, nun mach ich meine Examen, und dann bin ich Volksschullehrer und bleibe es und noch ein bißchen Ehe dazu, dann fertig – Freiheit in der Welt, daß sie sich in mich, ich mich in sie ergieße, ist mir Lebensbedingung, und so hätt ich auch mich nie verheiraten können! Nein, daß dann all meine Öffnungen zur Welt mir hätten verstopft werden sollen! Nein, es könnt mich einer einspinnen wollen in die köstlichste Liebe – sollt ich darin gefangen sein, es wär Starrheit und Tod, denn ich wär abgesperrt von der Einheit hinter dem Fluß. Ich hab ja schon schrecklich wenig Berührung mit Menschen – es kann nicht anders sein bei meinem Leben und ist jetzt auch alles so schwer, wo man nicht auf den Markt gehen kann, um zu reden und alles voll ist und jede Stelle besetzt, und man pustet durch ein langes, dunkles Rohr, ob wohl da unten irgendeiner hört. Aber das alles kann man ja gar nicht sprechen und soll auch nicht, es sind bloß Trümmer, und selbst wenn ich meine Biographie schriebe, käme wahrscheinlich nichts davon hinein, obwohl es zum Grunde gehört; es ist ja Zufall, woran man gerade denkt und auch Hauptsachen läßt man aus. Ich kann auch gar nicht so nachdenken über mich, ich hab es mein Lebtag nicht getan, du siehst auch, es geht nicht, und wir wollen doch aufhören mit dem Trümmersprechen, wir sind ja nur zufällig daran gekommen.” Vaters Beziehungen sind durchweg von solcher Intensität, daß wenn er nur mit dem Portier oder wer es sei, spricht, es so ist, als wären nur diese beiden auf der Welt! 15. April 1915 “Wessen Bewußtsein ist denn nun eigentlich in Ordnung und nicht krank?! Wer leidet nicht an den verkehrtesten Vorstellungen über sich selber und sein Verhältnis zur Welt?!” Vaters Natur und Ausdruck ist wirklich grenzenlos. Bei jedem andern kommt man einmal an Schranken und fühlt dann zugleich seine eigenen. Mit Vater durchläuft man immer neue Welten, und hört er auf, so muß es der andern, nicht seinetwegen geschehen. Und dies grenzenlose Wesen doch eigentlich in enge Verhältnisse gesetzt, die ein Flügelschlag, ein richtiger, schon zerschlagen müßte. “Wienbrack kann wie wenige leicht, flüssig, glatt, mit Bestimmtheit und ganz besonders amüsant erzählen. Es ist das größte Vergnügen ihm zuzuhören, am nettesten, wenn er ein

amüsant erzählen. Es ist das größte Vergnügen ihm zuzuhören, am nettesten, wenn er ein – 178 – kleines Bosheitsinteresse an seinem Gegenstande hat. Auch sein theoretisches Sprechen ist gut: bestimmt und anschaulich. Und immer ist seine Rede derart, daß sie auch den andern mit in Fluß bringt.” 16. April 1915 “Ich muß immer heroisieren. Das ist einfach der Enthusiasmus, der meiner Liebe so notwendig anhaftet wie der Eisenstaub dem Magneten.” Jeder, der Vaters Werk in sich aufnimmt (jetzt wieder Elsa und Erna Porsch), sagt davon, es sei ihm alles so selbstverständlich; er habe das alles längst in sich gehabt, nur ungewußt. In derselben Weise spricht so jeder. Mit der Kriegslage ist Vater jetzt durchaus zufrieden. Deutschlands Welthandel zwar werde auf alle Fälle, vielleicht auf Dezennien, vernichtet sein. “Auch noch die dümmste Kritik, an mir oder meinem Werke geübt, macht mich nachdenklich und leitet mich an, in mir zu suchen, ob nicht doch etwas Berechtigtes daran sei.” “Ich habe ihn Bescheid gestoßen”, sagte Wienbrack neulich mit der ihm eigenen drolligen Energie. 19. April 1915 Ich hatte gesagt, daß ich nicht mag im Privatleben kluge Berechnung, Umwege, feine Zweideutigkeiten, kurz, unter Menschen, die mitsammen leben und sich lieben, nichts, was gegen die Naivetät und einfachste Offenheit verstößt. Darauf Vater: “Ich muß an den klugen Kaiser Sigismund denken, den ich früher, als ich mich noch mit Geschichte abgab, so sehr gern hatte. Der hat den Ausspruch getan: Qui nescit simulare, nescit regnare! Du weißt, ich für mich lasse das simulare ganz weg; aber der Klugheit bedarf ich für mein regnare, um alle Fäden in der Hand zu behalten und um des guten Friedens willen. Und diese Klugheit schreibt oft Verwickelungen vor, die derart sind, daß ich auch dich nicht hineinblicken lassen kann, denn indem ich es dir zeigen wollte, du es also von außen sähest, erschiene alles ungeheuer kompliziert, was doch von innen, in mir, höchst einfach ist.” “Wir Juden müssen wissen, daß es nur eine Praxis in der Welt gibt – denn wir haben sie doch erfunden! –, es ist die Liebe.” 21. April 1915 Vater hat gestern um eines Gesprächs willen einen größeren Spaziergang mit Paula Magnussen gemacht. Ihr tieferes Bewußtsein wachzurufen, zu klären, zu festigen, ihr damit eine Stütze zu bieten gegen ihren Hang zur Melancholie war seine Absicht. “Aber sie ist wie ein gezwirnter Faden, der oben aufgeribbelt ist und darum kaum in ein Nadelöhr zu bringen. Und wenn das Bewußtsein so auseinandergeht, dann tut es dem Menschen weh… Feinere Frauen sind nie im Gleichgewicht und kommen durch sich selber auch nicht hinein. Dazu müßten sie vom Manne erzogen werden und richtig wie Kinder: mit Küssen und mit Ohrfeigen, denn eine andere Erziehung gibt es überhaupt nicht.” “Wenn ich zurückblicke, finde ich, daß mein stärkstes und schönstes Verhältnis das zu meiner alten Freundin Johanna Löwenthal gewesen ist. So von Anfang bis zu Ende schön; es liegt kein einziger Schatten darauf und da wird mir bei der Erinnerung richtig warm. Gleich so selbstverständlich bin ich hineingerutscht in diese Beziehung! Aus dem blödsinnigst unregelmäßigen Leben. Du glaubst gar nicht, wie dürftig und verrückt solch ein junger Mensch wie ich war, sich einrichtet. An ordentlich Essen denkt man ja gar nicht, hat gar keine Zeit und vor allem keine Gedanken dafür. Und es schadet ja auch nichts. Gott, man sieht dann ein bißchen grün aus, aber ist doch ganz gesund und frisch. Die Johanna nahm mich etwas unter ihre Hut – soweit ich mir das gefallen ließ –, ich sah doch so gern ihre schönen,

etwas unter ihre Hut – soweit ich mir das gefallen ließ –, ich sah doch so gern ihre schönen, – 179 – treuen Augen, mit denen sie mich anblickte, wenn sie für mich sorgte. Ach, es war wunderschön, und ich so voll befriedigt durch sie, daß ich während der ganzen langen Zeit, wo wir beide zusammen waren, kein einziges Verhältnis außerdem hatte. Sie war sehr streng moralisch, philiströs moralisch – das heißt, ich würde es bei ihr, die sich selber so streng nahm und hielt, doch lieber stoisch nennen –, mich störte es jedenfalls nie. Wenn wir beide zusammen ausgingen – kein junger Bursche konnte mit seiner Liebsten glücklicher sein! Und denk dir, wie seltsam! Jetzt wiederholt sich manchmal bei mir derselbe Traum, immer in der gleichen Form, bei mir, der ich so wenig träume. Ich bin dann in Köln und vor der Abreise. Und da fällt mir entsetzlich schwer aufs Herz, daß ich ja gar nicht bei meiner Freundin gewesen bin. Irgendeine frivole Macht, die ich nicht sehe, nicht kenne, hat mich zurückgehalten, und ich kann nichts dagegen machen und bin sehr unglücklich. – Solch ein Unsinn! Wo ich in Köln doch nie andres gesucht habe als nur meine alte Johanna!” Eben kommt die Nachricht, daß der junge, schöne, lebhafte und vielfach, obschon oberflächlich begabte Gerhard Kornfeld sich das Leben genommen hat. Vater ist blaß und tief betroffen. Aber gleich imstande, ja getrieben, allgemein zu betrachten und über diese modernen Menschen zu sprechen, “die sich prinzipiell an keine Treue, gegen niemanden und nichts binden, und daraus wird dann die positive Untreue und alles Schlechte und Häßliche. Der dümmste, stinkendste Aberglaube hält die Menschen immer noch wärmer, schöner und freier als diese ihre ‘Freiheit’, womit sie sich ihr Leben zimmern wollen. Diese modernen jungen Leute, die für sich in Anspruch nehmen, was das Genie – niemals in Anspruch nimmt!” Nachher: “Es kostete mich ordentlich einen Ruck, mich der Trauer zu entwinden, die mich weniger noch um den besonderen Fall als im Gedanken an unsre unglückliche, verdorbene Jugend überhaupt ergreifen wollte. Da ist mir doch die gewöhnliche Gedankenlosigkeit, die kneipt und Kommerslieder singt, tausendmal lieber als solche verrückte Aufgeregtheit. Von den modernen, gebildeten Jünglingen kann ja keiner mehr ein ehrliches Studentenlied singen! Ich sagte noch vorhin zu Heyn: ‘Freilich fehlt Ihnen manches an Wissen und Bildung, aber Sie können doch selig und froh sein, daß sie nicht durch die ästhetische Bildung gelaufen sind.’ Nun, Heyn ist ja wirklich wie die Kinder sind, deren das Himmelreich ist! Er ist der kindlichste von all unseren Menschen.” Heyn gestand Vater schüchtern, daß er immer noch von Zeit zu Zeit sterben möchte, weil die Menschheit so ist, wie sie ist und die Wahrheit nicht fassen und leben kann. “Aber ich glaube nun, daß ich über dieses Leid auch noch hinauskomme an Ihrer Hand.” Heyn blickt gerührt, in Fürsorge und Stolz, auf Wienbrack, der sich’s liebenswürdig wohl sein läßt, Humor und ernste Leidenschaft graziös durcheinandersprudelt und sich in seinen Meister verliebt gebärdet. Jenspieter sah meine Halskette an mir und sagte: “Meine Königslocke mit der goldenen Kette!” 27. April 1915 Von der Harmonie im alten Goethe hatte jemand gesprochen. “Das glaube ich doch nicht”, sagte Vater, “daß die olympischen Götter so miteinander verkehrt, sich solche Briefe geschrieben haben. Auch nicht, daß sie sich so benommen haben, wenn die Giganten zu Besuch kamen. Die olympischen Götter – alle Ehrfurcht vor ihrer Ruhe – aber sie mußten kämpfen können, denn sonst wären sie überrannt worden!” Erna Porsch ist eine modern anarchistische Natur, wie Vater sagt, und erinnert ihn an Lou. Durch diese gewarnt, ist er vorsichtig geworden. Er hat der Erna gesagt, abgesehen von seinem natürlichen Widerwillen gegen die moderne “Freiheitslibertinage” habe er auch eine störende Erfahrung gemacht, die er nicht wiederholen möchte: es sei jemand um seiner Sache willen zu ihm gekommen, und nachher habe es sich so gewendet, daß dieser Jemand dann “Persönlichstes der schlimmsten Art” von ihm gewollt habe; dagegen möchte er sich sichern. – “Dreimal mindestens muß ich erst zugekuckt haben bei der Erna, bei jedem Menschen”, sagte Vater zu mir. “Es gibt eine Defloration, von der ein Mädchen nicht wieder

Menschen”, sagte Vater zu mir. “Es gibt eine Defloration, von der ein Mädchen nicht wieder – 180 – in die Höhe kommt. Aber sie scheint mir ganz in Ordnung; ihr Instinkt ungebrochen, worauf es ankommt. Nur theoretisch etwas aufgerissen, und möglich, daß sich dies Loch wieder zusammenziehn läßt. Sie hat wirklich etwas Ähnlichkeit mit Lou, aber ohne eine Spur von dem Perversen, woraus ich Lou ja keinen Vorwurf mache, aber sie hat es doch nun einmal. Die Erna ist wie ein Kind. Mitten im Gespräch, ganz unvermittelt, wie sie ja überhaupt ist, springt sie plötzlich auf: ‘Gib mir mal einen Kuß’, sagt sie – und da hab ich auch schon einen weg, den unschuldigsten Kuß – Gott, wie ein Mensch vor der Pubertät küßt! Und sofort war sie wieder bei etwas anderem. Eben wie ein Kind, das so mitten im Spiel zur Mutter läuft, ihr einen Kuß gibt und weiterspielt.” 29. April 1915 Gestern haben Vater und ich einen gesegneten Spaziergang gemacht, durch Sakrow nach Kladow. Ein königliches Programm von Wetter und Lichterscheinungen! Vornehm und zart lag der große Wannsee im Nachmittagsglanz. Kladow hat etwas von einem Badeort am Meer, die gewölbten, pflanzenreichen Wiesen aber und der strenge Kiefernwald erinnern ans Gebirge. Das war besonders deutlich in dieser Jahreszeit; die Obstblüte steht noch im Beginn, aber ein Hügel, in den ein alter Backofen hineingebaut ist, war ganz bedeckt und umduftet von blühenden Kirschsträuchern. Früh und blaß stieg der Vollmond auf und begleitete uns auf dem Heimweg; allmählich gewann er Licht, während zugleich auf der andern Seite die untergehende Sonne Land und Wasser mit dunklem Gold übermalte. Da wir uns am Mond entzückten, wurde in Vater plötzlich eine Erinnerung wach; ihm fiel ein Gedicht ein, das er in früher Knabenzeit (wahrscheinlich als Quintaner) auf Sonne und Mond als ein Ehepaar gedichtet hatte, worin der Mond, die Frau, ihrem Manne immer nachläuft, ohne ihn zu erreichen. Es wären leichte Verse gewesen, meinte Vater. Gezeigt hat er sie nur seinem Freunde, dem Krankenwärter Schröder im Heineschen Krankenhause, wo das Kind viel bei seinem Bruder zu Besuch war. Schröder – ein “norddeutscher, viereckiger Mann; auch das Gesicht viereckig, nur durch Gutmütigkeit etwas gerundet” – war sein Vertrauter. Das hatte sich durch den Zufall ergeben, daß der Junge einmal sein Taschenbuch, wohinein er seine Verse – gleich ins Reine – zu schreiben pflegte, hatte fallen und liegenlassen; es war von Schröder gefunden und durchgelesen worden, und seit dem Ereignis interessierte sich der Krankenwärter für das Kind. Er fragte jedesmal: “Hast du wieder was gedichtet?” und besonders lag ihm daran, philosophische Gespräche mit dem Jungen zu führen. Vater hat ihn sehr geliebt und verehrt; dies schon, weil Schröder crambe deklinieren konnte, ein Wort, das in des Kindes Grammatikunterricht zunächst ausgelassen, weil auf das Griechische verschoben war.149 Sein andrer Hauptfreund im Krankenhaus war der Gärtner Thomas, den er zwar nicht so gebildet fand wie Schröder, aber doch sehr gern hatte. Sie philosophierten auch miteinander, obwohl “nicht auf so hoher Stufe”. “Wir meditierten hauptsächlich über den Hintern der Kühe.” “Wie?” fragte ich etwas erstaunt. “Ja, ist dir nie aufgefallen, wie die Kühe, von hinten gesehen, nachdenklich erscheinen und zum Nachdenken anregen? Und die beiden Kühe meines Bruders spielten natürlich eine große Rolle für mich; ich schob ihnen Gras ins Maul; mit ein bißchen Grauen vor der Berührung ihrer rauhen Zunge; aber doch so, wie die Gefahr den Reiz erhöht; man kommt sich heldenhaft vor.” – Merkwürdig, daß Vater trotz seiner Freundschaft mit dem Gärtner gar nichts Botanisches von ihm gelernt hat. “Nein, darüber sprachen wir nicht; mein Vater, der hat sich sehr für Pflanzen interessiert; er zog auch immer was, am liebsten Myrten, auch immer eine Minze.” Große Bäume von besonderer Schönheit, bestimmte Individuen von Bäumen, hat Vater früh geliebt. Die ersten, die zu ihm sprachen, von denen er das Gefühl hatte, daß sie “nicht sich zu mir neigten, aber doch befreundet zu mir standen”, waren in Düsternbrook[Stolte S.157:brock] in Kiel. In Tempelhof liebte er die schlanken, hohen Rüstern vor unsrem Hause und einen wundervoll geformten, jetzt leider vom Sturm zerbrochenen Kastanienbaum im Park, den er nach seiner Gestalt “die Harfe” genannt hatte. Nie aber hat er einen Baum so 148 verehrt wie die ungeheure Eiche in Sakrow, in der Tat ein Naturwunder, ein Weltbaum. Der Judenhaß und die Juden Seite 197. 149

Widerspruch zu der Bemerkung in »Vom Einsiedler Constantin Brunner«. Seite 39. Auf Befragen sagt Vater, er könne nicht mehr entscheiden, wie es gewesen.

– 181 – “An diese Eiche muß ich jeden Tag denken.” Auf der Kladower Chaussee malten wir uns eine kleine Rheinreise aus, wie wir sie zusammen machen möchten. Vater richtete jeden Tag genau ein, vom Morgen bis zum Abend. “Würde es dir weh tun, vieles verändert und zerstört zu finden?” fragte ich. “Nein, im Gegenteil, es muß mich doch freuen, so viele Tode überlebt zu haben!” Vom Rhein spricht Vater mit Liebe und Herzlichkeit, aber nicht bewundernd. “Da ist sehr viel Langweiliges, geradezu Ödes und eigentlich nichts ganz Großes und nur, weil ich dir das so oft gesagt habe, wirst du nicht enttäuscht sein. Für die Romantiker hatte das alles eine ganz andre, eigene, gefüllte Bedeutung, die uns fehlt. Auch hat sich seit jener Zeit das Naturgefühl verändert, zum Teil dadurch, daß man jetzt mit mehr Bequemlichkeit weite Reisen machen und so sehr viel Großartigeres sehen kann. Mir war der Rhein schön, ganz unabhängig von dem, was ich von den Romantikern wußte, was auch damals sehr wenig war, und jedenfalls war ich in keiner Weise von ihnen beeinflußt; ich war in meiner Jugend überhaupt von nichts beeinflußt. Ich liebte schon so sehr die Ruhe des Rheins und sein Hinströmen. Und ich freute mich eigentlich immer, ohne nachzudenken wieso; die Freuden sprangen mir so zu aus dem Fluß wie Forellen, und ich trank denn auch einen guten Tropfen dazu.” Heute nachmittag hatten wir den Versuch gemacht, Vater eine geringere Sorte Kaffee anzudrehen, sind aber gut hereingefallen. “Was ist denn das?! Das schmeckt ja, als wenn ein Schornsteinfeger seinen Zylinder in Schokolade gemacht hätte!” Auf dem Balkon essen ist Vaters Freude, war es schon in Tempelhof – wieviel mehr hier am Tiefen See! Wenn irgend die Witterung erlaubt, läßt er draußen decken, ja oft bei zweifelhaftem Himmel, und wir müssen dann manches Mal, vom Regen vertrieben, mitten in der Mahlzeit mit Tischtuch und Geschirr umziehn ins Eßzimmer. Heute mittag sahen wir während des Essens den neunjährigen Sohn unsres Wirts mit dem drei Jahre alten Portierjungen im Garten Krieg spielen. Der Kleine mußte Russe sein, sollte totgeschossen werden und lief davon. “Ich glaube der Russe gruppiert sich um”, bemerkte Vater. »Frühlings Erwachen« von Wedekind geriet zufällig in Vaters Hände. “Ich sehe darin Genialität ohne Größe; Konzeption und Schema sind genial, aber ohne Inhalt, in der Ausführung an Grabbe angelehnt. Über diese Leere sucht Wedekind zuweilen hinwegzutäuschen, indem er unbestimmte Wörter wählt, die Stimmung schaffen sollen und bei denen man sich alles mögliche denken kann. Scheußlich ist es natürlich, solch ein Buch zu schreiben, daß, wenn es Kindern in die Hände fällt, sie verderben muß. Und dies Buch auch noch »Frühlings Erwachen« zu nennen! Netter Frühling das! Wenn es noch wenigstens Wedekinds Schweinerei hieße! Na, es ist so viele Worte nicht wert. Niemand hat was von so einer Sache; sie fördert niemanden und nichts.” Als ganz junger Mensch hat Vater für den philosophischen Schriftsteller Schubert geschwärmt (derselbe, von dem Kleist so großen Einfluß erfuhr). Er glühte besonders für Schuberts “musikalischen Stil”, der ihm “wie Bibelstil” erschien. Bei späterem Nachprüfen war er dann erstaunt über die Inhaltlosigkeit. 1. Mai 1915 Vater hatte versehentlich mehrere Quartblätter seines Manuskriptes zerrissen, die ihm noch wichtig waren. Nun konnte er sich eines Ausdrucks, der ihm wichtig war, trotz unablässigen Nachdenkens, nicht erinnern. Es handelt sich um eine Stelle im Vorwort zum Judenbuch, wo die Rede davon ist, daß die Juden bald wieder schuld sein werden an der Cholera, der Sintflut, der modernen Lyrik – und an noch etwas, was nun leider nicht zu ermitteln schien. Ich konnte es nicht wissen, weil ich die frühere Fassung nicht kannte. Nun gab Vater mir einen Haufen der winzigen Papierfetzen in die Hand – so klein, daß auf vielen nur eine einzige Silbe stand –: ich sollte suchen, ob ich ein Wort fände, das passen könnte. Während des Suchens fiel mir die Silbe “bab” auf, und fofort drängte sich mir die Vorstellung auf: babylonisch; es könnte vielleicht etwas mit “babylonisch” gewesen sein! Ich fragte Vater,

babylonisch; es könnte vielleicht etwas mit “babylonisch” gewesen sein! Ich fragte Vater, – 182 – und richtig: der Ausdruck “babylonischer Turm” war an der betreffenden Stelle vorgekommen. Leider kann Vater sich trotzdem nicht auf das Eigentliche – babylonischer Turm wovon? – besinnen. Seit wir in Potsdam wohnen, haben Vater und ich die Sitte geschaffen, an meinem Geburtstag, am ersten Mai, den Birkenwald von Sakrow zu besuchen. Da ich dort so gern einmal den Vollmond erleben wollte, gingen wir dieses Mal schon am Vorabend des Geburtstages. Um acht Uhr machten wir uns auf den Weg; wir glaubten, er müßte bald aufgehen. Der Jungfernsee bot noch Sonnenuntergangsfarben; ein Kahn fuhr durchs Wasser und zog einen hellblau-goldenen, breit zulaufenden Pfauenschweif über die ganze Fläche. Ich aber blickte immer wieder nach der Mondseite, wo sich nichts zeigte. Es wurde später. Der Schiffer setzte uns über; der Mond ginge erst um neuneinviertel Uhr auf, beantwortete er meine Frage. Drüben gingen wir, vorfeierlich gestimmt, an den nebligen Wiesen entlang, durch das kleine Dorf, die Frösche machten Lärm wie Maschinen und Räder einer Fabrik, unglaubliches Gequak und Gelächter, ein Hund bellte, kein Mensch zu sehen, kein Wagen. Am Kirchhof vorbei auf den Birkenwald zu: kein Mondschein, aber das allerletzte blasseste, silberne Sonnenlicht zwischen den Bäumen, die wie silberne Säulen mit phantastischen Kapitälen unbewegt dastanden. Wir vermißten den Mond nicht mehr, nur hofften wir, er werde uns auf dem Heimweg leuchten, den wir bald antreten mußten. Er kam nicht. Aber zu Hause angelangt, ein Blick auf unsern Tiefen See – da lag eben eine große, dunkelgoldene Kappe auf den Bäumen des Babelsberger Parks. “So ein Schalk”, sagte Vater. “Wir suchen den runden Herrn in Sakrow, und er ist bei uns zu Hause!” – Es war aber doch schön – und Geburtstag! 2. Mai 1915 Vater erzählte mir, wie damals auf Bäumers Veranlassung Prof. Fränkel ihn untersucht hatte, und was für ein Maß von psychologischem Ungeschick Bäumer in der Angelegenheit bewiesen. Er hatte Vater zu Fränkel begleitet, der als autoritativ für Herzleiden gilt, hatte überhaupt Vater veranlaßt, sich, nachdem gewissenhafte Ärzte sein Herz für normal erklärt, von einer “Autorität” untersuchen zu lassen. Fränkel stelllte Erweiterung fest und eine Anomalie an der Herzklappe – “Sie haben sich ein Tabakherz angeschafft!” – “Und so, wie die geschickten Leute einem das Ungünstige verbergen”, sagte Vater, “indem sie es einem auf die unangenehmste Weise ins Gesicht werfen, so erklärte er mir eine sehr begrenzte Lebensdauer als gewiß. Und nun Bäumer! Dies Gesicht! Du weißt doch, ich kenne Bäumer und seine Neigung zu mir und weiß, er hat es mir oft gezeigt, daß mein Leben ihm als besonders kostbar gilt – vorn auf der Elektrischen hielt er seinen Arm um mich, es könnte mir was passieren! – und nun mischte sich, ich versichere es dir, in seine Trübsal doch eine richtige kleine Schadenfreude: daß nicht er der Patient war, sondern ein anderer. Er hatte das mit seiner Lunge gehabt, er war nun ganz geheilt! – Ich muß dir gestehen, ich verbrachte darauf eine schreckliche Nacht, das heißt eine Viertelstunde in der Nacht, die endlos war und schrecklich, wo ich mir sagte, daß ich nun bald weg müßte von denen, die mir lieb sind und von meiner Arbeit. Aber dann, sofort, hatte ich es aus eigner Kraft vollständig überwunden: Es machte mir nichts, und ich nahm mir vor, zu leben und zu arbeiten, als wenn nichts wäre. Und in dieser Zeit ist mir Magnussen so viel gewesen, und das rechne ich ihm auch immer dankbar an. Obwohl er mich damals noch fast gar nicht kannte, hat er mich richtig angefaßt – holzklotzgrob, aber doch auch fein – und richtig. Und absolut selbständig und konsequent, indem er dabei blieb, trotz Fränkel sei mein Herz gesund, nur nervös. ‘Ich habe fast dasselbe gehabt’, sagte er mir dann immer wieder mit demselben Tonfall, ‘und zu Ihnen und Ihrer Arbeit gehört nun einmal so etwas. Denken Sie an die körperlichen Leiden, die Luther hat durchmachen müssen’ usw. Und besonders dies letzte war das Richtige für mich.” – Mir wurde damals, weil ich selber sehr leidend war, Fränkels Diagnose gar nicht mitgeteilt, so daß ich Vaters Besorgnis, die aus seinem Gesicht und Wesen sprach, gar nicht teilen konnte. In Rom kam ich dann bei Frida zufällig mit Fränkel zusammen, und die Sorge, Befragen sagt Vater, er könne nicht mehr entscheiden, wie es gewesen. 150

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1909.

– 183 – er könnte Frida und mich in Furcht setzen, veranlaßten Vater zu einem sehr erregten Brief an mich (24. April 1912). 4. Mai 1915 “Die Ärzte sind die schlechtesten Mediziner”. “Neulich hatte ich ein ganzes Buch über Psychiatrie im Kopf, das ich nun aber vergessen habe. Das erste Kapitel hieß: Christus. – Was unsern Psychiatern allen fehlt, das ist die Naivetät. Und das ist das Wichtigste: die Naivetät, die sich Eins weiß mit dem Weltgrunde und daher Wunder an den Kranken wirkt.” Pappeln nannte Vater mehrfach “schwarze Flammen”; er liebt sie. Magdalena und Erna Porsch beginne sich ineinander einzuleben. “Firma Pumpe und Quelle”, sagt Vater scherzend; aber Magdalena spricht offenbar in diesem Verhältnis freier als uns gegenüber. Die Vormittage sind von je Vaters beste Arbeitszeit. Trotz seiner Nervosität. Vater hat früher nie Spinoza gelesen – “es wäre mir viel zu langweilig gewesen” –, nur hineingeguckt. “Aber ich habe ganz und gar Bescheid gewußt. Im Zusammenhange ihn gelesen habe ich erst spät und zu bestimmten Zwecken. Für mich hätte ich’s gar nicht nötig gehabt.” 8. Mai 1915 “Wer sich einem andern ganz hingibt, erweitert damit wirklich sein Selbst und gewinnt höhere Kräfte.” Vater hat einige Werke in seiner Bibliothek, die sonst kaum ein Mensch kennt, die er aber liebt, schätzt und viel benutzt. So den Kunsthistoriker Schnaase, das Synonymenlexikon von Kaltschmidt, worin “alles” steht, dann die kleine Geschichte der Philosophie von Conrad Herrmann. “Das sind solche Bücher, die heimlich ausgeschrieben, aber nie genannt werden.” “Ich kann mir vorstellen, daß für einen phantasievollen Jüngling der bloße Name der Geliebten solchen Reiz von sich strahlt, daß er sozusagen einen Koitus dahinein, in den Namen, begeht.” – Wir hatten über Personennamen gesprochen, ihre Wichtigkeit, daß sie die ganze Person in sich einzufangen scheinen und dann auf sie rückwirken usw. Vater kann sich nicht leicht entschließen, vom Sie zum Du überzugehen, das heißt Männern gegenüber; ich glaube, nicht ein einziges Mal ist in einem Verhältnis, wo er sich duzt, dies von ihm ausgegangen. Das Duzen mit Herrlikow beruht auf einem Mißverständnis: Vater hatte ihm (als Dank für ein schönes Kommersbuch) “Fiducit” geschrieben, und das hatte Herrlikow nach Studentensitte so aufgefaßt, als enthielte es das Anerbieten des Du, obwohl das Wort ganz ohne solche Bedeutung hingeschrieben war. Nachher brachte Vater es nicht übers Herz, dem guten Herrlikow die Freude zu nehmen und eine Beschämung zu bereiten. – Frauen duzt Vater im Gegenteil eigentlich ohne weiteres – “weil sie wie Kinder sind” – und junge Leute auch; da fühlt er sich als Vater und Erzieher. Er hat eine durchaus zärtliche Art mit Menschen umzugehn, streichelt häufig auch nicht so ganz Nahstehenden Haare und Gesicht und klopft sie auf den Rücken. Bei Tisch ist ihm eine naive Art der Fürsorge eigen: wenn die Gäste nach seiner Meinung nicht genügend essen, und sie befriedigen ihn darin nie, legt er ihnen gewaltsam Portionen auf ihre Teller, die ganz unmöglich bewältigt werden können. Mutter und mich verdrießt es zuweilen heimlich, wenn auf einem Teller etwa ein kleines Viertelpfund Fleisch liegenbleibt und also verlorengeht. “Daß meine Briefe an dich vielleicht an Inhalt, auch am Ende an Herzlichkeit unter denen an andere stehen, kommt daher, weil unserm Verhältnis Trennung nicht natürlich ist. Auch steht alles fest; wir haben einander keine Briefe zu schreiben. Bei den andern muß ich oft

steht alles fest; wir haben einander keine Briefe zu schreiben. Bei den andern muß ich oft – 184 – die ganze Beziehung in den Brief hineinbringen, und das gibt Fülle und Wärme.” “An Lou ist dies das Schlimmste und völlige Bankrotterklärung, daß sie, weil ihr persönliches Erleben scheiterte, einfach die Sache, der sie sich mit solchem Ernst und solcher Leidenschaft verschworen hatte, aufgab.” Wenn sich eines von uns entfernt – von sich selber, von der Fröhlichkeit und Gesundheit, von ihm –, zerreißt Vater sich darum, ihn wieder heranzuholen. Ich sagte neulich scherzend, er kletterte wie Petrus der verlorenen Ziege nach. Und auch: es bestrafe sich, daß er tun wolle, was nur dem lieben Gott zusteht. 10. Mai 1915 Vater las mir seine fertige Vorrede zum Judenbuch vor. Da ich sagte, es sei mir ordentlich ein Schauer übergelaufen, wie ich ihn vom glücklichen Ende habe sprechen hören, jetzt wo wir noch mitten im Ungewissen stehen und die letzten Wochen doppelt, aus Sorge um Italien, und es sei mir ein bißchen wie Frevel gegen das dunkle Schicksal erschienen – da erhielt ich die Antwort: “Nein! – – das Schicksal ist doch wohl nicht mehr wert als wir!” Im Gespräch über Betrachtung von Kunstwerken: “Menschen mit Anlage für das Abstrakte sind meist wenig begabt, die stoffliche Bedeutung eines Werks der bildenden Kunst zu erfassen; sie springen sofort zu dem höheren künstlerischen Eindruck über mit Überschlagung des materiellen Inhalts. Du zum Beispiel bist wegen deiner Richtung zum Abstrakten von Kindheit an langsam und ungeschickt, bei Bildern den Vorgang, die eigentliche Darstellung richtig zu deuten. Und doch ist dies durchaus wichtig und wesentlich, und die höhere Kunstbetrachtung sollte sich nur darauf aufbauen. Die Menschen, die beim Äußerlichen stehnzubleiben pflegen, besitzen dagegen häufig erstaunliche Gewandtheit im Erfassen des Stofflichen.” – Als höchstes und wunderbares Beispiel für die Vereinigung beider entgegengesetzter Fähigkeiten nannte ich Goethe, dem das Sehen wie das Schauen in der Vollkommenheit eigen gewesen. “Nun, Goethe ist kein Beispiel: Goethe ist ein Genie!” 11. Mai 1915 Vater beschäftigt oft der Gedanke, daß er nicht so, wie er möchte, Gutes tun kann und nicht mehr in dem Maße wie früher, als er frei war und eigentlich jedem gehörte, dem er etwas leisten konnte. Er sprach darüber ein Breiteres; er kommt sich jetzt “viel zu ungütig, zu eng abgeschlossen” vor, und wenn er nicht glaubte, durch seine Leistung im Theoretischen auch sozial etwas zu leisten, könnte er so nicht leben. Er erzählte ein wenig von seinem früheren Wohltun. “Wohltat ist ein schönes Wort und ein sehr häßliches; aber das ist gewiß wahr, daß die Wohltat (die ich, wie du weißt, wahrlich nie um Menschen- oder Gotteslohn tat), daß sie dem, der sie übt, mehr Segen bringt als dem Empfänger. Ach, wenn ich einem seine verfahrene Sache so glatt in Ordnung gebracht hatte – das war dann ein Gefühl von Befriedigung, von Schönheit in mir, dem nichts gleichkommt!” Neulich auf einem kleinen Ausflug nach Brandenburg, machte es Vater Freude, den netten Kantor der Katharinenkirche mit einem größeren Trinkgeld zu überraschen, als der erwartet haben konnte. Mir machte es auch Vergnügen. “Ach, weißt du, als ich noch jung war und doch meist gar kein Geld hatte, da schenkte ich sehr oft mal irgendeiner alten Frau auf der Straße oder einem armen Kind drei Mark – und ehe noch der Mund wieder zu war, war ich schon weg.” Vater besitzt eine Gemme zum Siegeln mit zwei eingegrabenen Fischen, dem Christuszeichen. Ferner Manschettenknöpfe in Mosaik und Gold, wovon einer die Buchstaben A und Ω, der andere P und R trägt, das heißt Pax-Roma und deutet auf Frida Mond. Das Entzücken von Vaters Kinder- und frühen Jünglingsjahren bildete ein kleiner Zirkus, der des Sommers in St. Pauli neben dem großen Zirkus Renz spielte. Wenn er irgend konnte, ging der Junge hin und genoß als Zaungast für ein paar Pfennige den Anblick olympischer

ging der Junge hin und genoß als Zaungast für ein paar Pfennige den Anblick olympischer – 185 – Herrlichkeiten. Denn die in Trikots ihre Künste vorführten, waren natürlich lauter Götter und Göttinnen und jedes Stückchen Tresse oder Flitter ein Venusgürtel. Es fiel Vater auf, daß Goethe sich um seine herrliche Mutter so wenig bekümmert, ihr höchst selten geschrieben, sie kaum besucht hat und vor allem in den vielen Bänden seiner Werke sie zwar erwähnt, aber nie mit Wärme und eingehend darstellt. 13. Mai 1915 “Fremd ist mir eine Menschenseele nie vorgekommen, auch keine verbrecherische (und mit solchen bin ich früher wohl mal umgegangen); fremd nicht; denn mir war immer so, als ob ich das alles auch hätte werden können, aber so schwer anzufassen ist manche, und das fühle ich dann, als ob mir ein Stück von meiner eigenen Seele losgerissen sei.” Die Magdalena ist so ein blasses Himmelsjüngferlein, und die Erna Porsch steht daneben als ein Mädchen, dem man blaue Jungenshosen und eine Matrosenbluse anziehen möchte; einen Südwester auf den Kopf, und der Schifferknabe wäre fertig. 16. Mai 1915 Weißberg hat antelephoniert, ob er Vater sprechen dürfte. Es gehörte Mut dazu nach dem Fiasko, dem langen Schweigen, und da er sich sagen mußte, daß Heyn genug Nachteiliges über ihn geredet haben würde. Vater wollte ihn nach dem Vorgefallenen nicht gern in unser Haus kommen lassen; auch um ihm Beschämung vor Mutter und mir zu ersparen, verabredete er sich ins Café. Weißberg wurde durch allerhand Umstände zurückgehalten, und es ging schließlich nicht anders, Vater mußte ihn hierher bestellen. Doch empfing er ihn allein in seinem Zimmer, ohne ihn mit uns zusammenzubringen. “Ich habe ein anderthalbstündiges Gedicht zu ihm gesprochen mit dem immer wiederkehrenden Refrain: Sie müssen ein Heiliger werden, oder Sie werden sehr unheilig. Und setzen Sie sich hin und lesen nichts als die Bekenntnisse des heiligen Augustin. – Es gibt in der Tat Sünden, die man nur durch Askese sühnen kann. Gedanken kann man mal von allerlei Art haben, dafür sind wir gemischt, aber mit Handlungen ist es anders. Bei Weißberg kommt alles darauf an, ob er, was ich nicht weiß, Produktivität besitzt. Ein wirkliches Talent entschuldigt viel und macht wieder gut. Aber die richtige Buße gehört immer noch dazu.” Die Stimmung ist wieder ähnlich wie zu Beginn des Krieges. Man hat keinen andern Gedanken als an Italien: Wird es gegen uns gehen? Und es scheint so. Vater ist wieder nicht imstande zu arbeiten, so nimmt diese Befürchtung ihn hin. Jetzt, wo unsre Lage so ausgezeichnet geworden war, soll uns das schwer erkaufte Glück durch unsren Bundesgenossen wieder aus der Hand gerissen werden! Dies zu denken ist empörend und furchtbar. Erna Porsch, die als Sekretärin an der Sternwarte immer erst abends frei ist, hatte neulich für die Zeit von acht bis halb neun ihren Besuch angesagt. Es liegt wohl in ihrer freien, sorglosen, unbekümmerten Art, praktisch nicht zu rechnen: Um halb elf Uhr kam sie hier an. So blieb nichts übrig, als sie bei uns übernachten zu lassen, und da das kleine Fremdenzimmer gerade nicht in Ordnung war, wurde auf dem Schlafsofa in Vaters Arbeitszimmer ein Lager gemacht. Es ging denn auch gut – abgesehen von einem kleinen vergeblichen und, wie Vater mir erzählt, sehr kindlich vorgebrachten Ansturm auf seine Keuschheit. Ich weiß doch kaum eine Frau unter seinen Beziehungen, die in diesem Punkte nicht einen Versuch unternommen, schwächer oder stärker, deutlicher oder versteckter, harmloser oder raffinierter. Er sagt, in jüngeren Jahren habe er solche Erfahrungen noch viel mehr gemacht, und die Bürgermädchen, die gewöhnlichen, griffen viel plumper zu. Aber, wenn etwas ihm eine Erwiderung unmöglich machen müßte, so wäre es allein schon dieses SichAnbieten. Erna Porsch schreibt an Vater Briefe, worin sich eine genial geistreiche Phantasie äußert. Ihre Art erinnert an Clemens Brentano.

Ihre Art erinnert an Clemens Brentano. – 186 –

“Bis Magdalena einen Kuß gibt – in der Zeit hat Erna schon Urenkel!” Über den ersten Abschnitt von Spinozas Politischem Traktat: “Dies: naturam humanam, quae nullibi est, multis modis laudare et eam, quae revera est, dictis lacessere norunt – das ist es, was ich meine und ausführe: Sie haben, statt den Egoismus als Prinzip anzuerkennen, eine Moral aufgestellt, die mit ihm nicht zusammentrifft.” 19. Mai 1915 “Dies ist wirklich kein Krieg; das Wort ist zu sanft. Es ist eine furchtbare Zeit, die wir erleben, und fast möchte man sich schämen, Mensch zu sein.” “Wenn nichts dabei herauskäme, als daß ein einziger italienischer Soldat am kleinen Finger dadurch verwundet würde, so müßten wir St. Peter, den Vatikan, den Moses des Michelangelo mit Bomben zertrümmern. Was ist jetzt Kunst?! Und nennen sie uns Barbaren, so wollen wir wenigstens auch ordentlich welche sein – und man wird überhaupt schließlich das, womit man zu viel beschimpft worden ist –, hausen sollten wir in den Kunststädten Italiens, wie die alten gotischen Barbaren getan. Und gar – soll untergegangen sein, dann so viel mitreißen, wie irgend angeht! Da erwachen Simsongefühle! Aber wir brauchen trotz Italien nicht zu verzagen.” Wir haben seit Jahren einen Ritus, der nicht ausgelassen werden darf. Wenn Vater sich rasiert hat, was jeden zweiten Tag geschieht, ist seine Haut zart wie die eines Kindes und duftend nach der schönen Kaloderma-Seife. Dann stelle ich mich vor ihn hin und sage wie einen Zauberspruch: “Da mein König sich her zu mir wandte, gab seine Narde ihren Geruch.” Den ersten Teil sage ich zur linken Wange geneigt, dann bekommt sie einen Kuß, den zweiten zur rechten, die auch einen Kuß bekommt. Dann gibt es noch einen Kuß auf den Mund. Das Ganze geht sehr schnell, und ein Mal genau wie das andere. Niemand weiß, was wir zaubern. Ist noch jemand im Zimmer, so versäumen wir die Zeremonie nicht, aber ich spreche so leise, daß man es nicht verstehen kann. 20. Mai 1915 ”Heute ist der schwärzeste Tag, den Deutschland – zu unserer Zeit wenigstens – erlebt hat.” (Die italienische Kammer tritt zusammen, die Kriegserklärung steht ganz nah bevor.) Vater leidet äußerst unter der Spannung. Eine Möglichkeit günstiger Lösung sieht er in der Aussicht, daß vielleicht doch noch ein Ultimatum – natürlich mit maßlosen Forderungen – von Österreich gestellt werden könnte. Vaters Konstitution verlangt durchaus Fleischkost. Und im übrigen behauptet er, nach nichts ein so starkes Bedürfnis zu haben wie nach Buttermilch. Vater sprach von den Weiblein, denen er den Fluß gezeigt, der sie hintragen könnte zum Meer – sie wollen auch das Meer, vor allem aber möchten sie bei dem Flußgott an der Quelle sitzen und sich mit ihm amüsieren! 24. Mai 1915 “Das ist schon richtig, die deutsche Natur kann das Unidealistische im englischen Wesen nicht vertragen. Der Gegensatz ist schon alt; Schopenhauer, ein bißchen selbst Hegel sprechen in diesem Sinne gegen England. Aber über diesem Mangel vergessen wir allzusehr das ganz Großartige und einzige der englischen Politik und Geschichte. Gerade das, worin Deutschland in den letzten hundertfünfzig Jahren groß und führend ist, in Philosophie, Musik, bildender Kunst, Literatur, und was wir schon darum am höchsten schätzen, haben die Engländer ja gar nicht. Shakespeare natürlich, der Unendliches aufwiegt. Romantik? – da ist mir auch unsere lieber; Byron hat freilich mehr Form und Kompositionsbegabung als irgendeiner von den unsren, aber unsre sind doch als Menschen interessanter und persönlich von reicherem Inhalt. Ich weiß nicht, Byron – ich hab ihn in meiner urteilslosen Jünglingszeit viel

Inhalt. Ich weiß nicht, Byron – ich hab ihn in meiner urteilslosen Jünglingszeit viel – 187 – gelesen; schon weil ich wußte, er ist berühmt, hatte ich den größten Respekt vor ihm, aber eigentlich bedeutet hat er mir nie etwas. Ich finde, er ahmt immer Byron nach; und die andern, die ihn nachahmen, tun es besser.” “Frida ist auch allmählich verengländert. Zuert hat sie sich dagegen als gegen etwas Fremdes gesträubt, und schließlich hat sie doch den bloßen Empirismus, die kahle Naturwissenschaftlichkeit ihres Kreises angenommen, ja, dies ist ihr ein Ideal geworden. Und dadurch ist etwas Kaltes in sie gekommen.” “Die russische Volksseele – ich sprach schon mal zu Lou so: das ist eine bloße Phrase, nicht mehr als ‘das deutsche Gemüt’ und die ‘Herzensbildung’ der ungebildeten Leute. Weil andres, Höheres nicht da ist, verweisen uns die russischen Schriftsteller immer auf dieses Dunkle, Warme, das noch schlafen und einmal erwachen soll. Es ist aber in Wirklichkeit nichts daran als die Roheit, die einen mit dem Transtiefel über den Kopf haut und die Sentimentalität, die nachher Tränen der Rührseligkeit darum vergießt. Auch im Raskolnikoff, so schön das Buch auf eine Art ist und packend! habe ich das jetzt wieder gefunden. Das Russische ist schon roh, das ganze Regime ist es, wobei die vielen so wie Sachen verbraucht werden, damit ein paar reiche Leute sein können.” Gestern brachte Emma Berg noch einige nachträglich gefundene Briefe Vaters an ihren Bruder, die den prinzipiellen Gegensatz der Naturen stärker herausheben, aber die eigentlichen Briefe seien es immer noch nicht, behauptet Vater.151 25. Mai 1915 Von Magnussen: “Ich liebe sehr diese stille Vornehmheit; auf interessante Menschen gehe ich ja gar nicht aus. Und ich sehe auch nicht ein, warum man das Feine weniger schätzen soll, wenn es latent ist; ich mag es sogar gerade gern so wie bei Magnussen, wo es zum Teil überhaupt nicht, zum Teil schief herauskommt.” “In Edu steckt ein wenig schöpferische Kraft, von der Kraft, die etwas aus dem Nichts schafft, und wem davon nur ein Quentchen eigen ist, der hat etwas Geniales – der liebe Gott ist ganz Genie! – und damit ist ihm zugleich Macht über Menschen gegeben.” Obwohl aus dumpferen Motiven und in primitiverer Weise folgt Edu im Prinzip einer ähnlichen Praxis wie Vater. Er wird beherrscht von einem Zwang, Gutes zu tun. “Da sind Leute”, sagte er, “die mich auffressen, buchstäblich auffressen, und ich kann nicht anders, es macht mir dann Vergnügen, sie immer voller zu stopfen. Je schlechter es mir geht, um so mehr. Und wenn ich mich mal richtig amüsiert habe, falle ich dem ersten armen Mann, der mir begegnet, beinah um den Hals, weil ich ihm drei Mark oder irgendwas schenken kann. Das muß ich dann tun, um mich befriedigt zu fühlen. Ich glaube nicht an einen lieben Gott, der mir’s mal wieder bezahlt, aber ich weiß doch, daß es so richtig ist, nicht bloß für den armen Mann, auch für mich.” – Wie oft sagt Vater: “Der Idealismus ist das beste Geschäft.” Vorgestern hat Edu eine Komödie bei uns aufgeführt, wie nur er kann, mit seinem ganzen Apparat der “Zappelei”. Es kam daher: wir essen seit Monaten, wie fast jedermann heutzutage, wo die Naturbutter schlecht und teuer ist, Pflanzenbutter; ein besonders gutes Präparat beziehen wir hier aus einem Potsdamer Geschäft. Aber Vater weiß nichts davon und darf nichts wissen. Edu hat in seinem Haushalt auf Mutters Empfehlung dieselbe Kunstbutter eingeführt und ist sehr zufrieden damit. – “Also morgen kommt ihr endlich mal nach Glindow. Was wollt ihr zum Abendbrot?” fragt Edu. “Spargel mit Butter,” schlägt Mutter vor, ihr Lieblingsessen. “Ja, schmeckt denn die Pflanzenbutter geschmolzen?” fällt Edu ein. “Um Gottes willen ganz unmöglich, aufgelöst kann man nur Naturbutter essen!” sage ich. Vater: “Ja, eßt ihr denn tatsächlich Pflanzenbutter?! Ja, welcher anständige Mensch tut denn so was?!” Und eine ganze Reihe von Pfuis, Igitigitigits (im hamburgischen Dialekt 150 1909. 151

Siehe Seite 315.

– 188 – Ausruf des Ekels; git = Gott) und andren Ausdrücken höchsten Entsetzens von Vaters Seite. “Wir haben sehr gute Butter, wir werden euch welche mitbringen.” Edu geriet in Entzücken und in sein Fahrwasser und begann aufs Gewandteste mit dem gefährlichen Gegenstande zu spielen, so daß Mutter und ich uns nicht halten konnten vor Lachen, aber dabei – in höchster Angst, daß Vater doch bei irgendeinem Wort ein Licht aufgehen könnte – Edu mit Blicken und Fußstößen beschworen, vorsichtig zu sein. Ihn machte das im Gegenteil immer kühner, und er wagte sich endlich so weit vor zu behaupten: “Lieber Leo, glaub mir, es gibt Frauen, die monatelang ihren Männern Pflanzenbutter für Naturbutter vorsetzen, und die Männer merken es gar nicht.” “Ja, was sind das aber auch für Männer und für Frauen! Und der Unterschied ist ja so deutlich! Du zum Beispiel rochst vorhin direkt nach Margarine, deine ganze Haut!” “So”, sagt Edu mit leuchtenden Spitzbubenaugen. “Und nachher, nachdem ich eure reine Naturbutter gegessen hatte, wurde der Geruch besser?” “Ja, gewiß!” – Und so weiter wohl eine Viertelstunde hindurch, während welcher ich mich herrlich amüsierte, obwohl mir wiederum etwas unheimlich zu Mute war, denn wenn es sich durch irgendeinen Zufall herausstellen sollte, daß Vater düpiert worden ist, das wäre geradezu verhängnisvoll, weil er dann mißtrauisch werden würde. 28. Mai 1915 “Die Erna Porsch ist ein sehr merkwürdiges Mädchen. Ganz besonders in ihren Bewegungen. Darin solche Originalität habe ich überhaupt noch nicht gesehn und hätte ich nicht für möglich gehalten. Mit Worten spricht sie gar nicht so glänzend, wie man nach ihren Briefen denken sollte, manchmal freilich sehr gut, aber auch oft geradezu schwer. Dafür dann spricht sie mit ihren Bewegungen eine seltsame, doch immer verständliche und nie mißzuverstehende Sprache. Besonders eine Merkwürdigkeit hat sie an sich, die aber gar nicht zu schildern ist: Sie schließt die Augen und klappt dann vollständig in sich zusammen, sie verschwindet ganz in sich selber, daß sie überhaupt nicht mehr da zu sein scheint; zart wie eine Mimose dann – die aber reagiert wie ein Zyklop! Und Erschütterungen können durch sie durchgehn mit einer Geschwindigkeit … wenn nur der Satz begonnen ist, ehe man noch das eigentlich sinntreffende Wort gesagt hat, ist in ihr schon eine ganze Welt umgestürzt und auch schon eine neue wiederaufgebaut.” Wir hatten davon gesprochen, daß Erna Porsch und andere den Weg von der Sinnlichkeit zur Seligkeit möchten. “Gott mit Gewalt nackt sehn zu wollen, ist immer gefährlich, und gar für ein Weib!” 1. Juni 1915 Ich hatte Vater gebeten, sich einmal wieder Hebbels »Herodes und Marianne« anzusehen, weil das Werk mir groß erschienen war. Aber: “Nein, nein – das ist alles interessant, klug, richtig, aber glaub mir, dem bei der dümmsten kotzebueschen Sentimentalität das Herz schmilzt – wenn ich ungerührt bleibe, kannst du glauben, daß Hebbel kalt ist! Da ist alles erklügelt und errechnet. Und der Schatten Shakespeares in jedem Satz!” Wenn man an Vaters Zimmertür vorübergeht, hört man oft, wie er sich seine Arbeit in einer Art von leidenschaftlichem Predigerton vorliest. Ich sagte etwas zu Erna Porsch, was sehr richtig ist. Sie hatte gefragt, ob Vater ordentlich sei, und ich antwortete: “Höchst ordentlich und höchst unordentlich. Und so mit Ja und Nein in der weitestmöglichen Spannung müßte ich beinahe auf alle bestimmtem Fragen nach Vater antworten. Und das ist ganz klar: Jeder Mensch hat ja alles in sich, und Vater, mit dem lichtesten, schärfsten Bewußtsein von der Welt und sich selber, hat jedes nach seiner höchsten Stufe. Daher lauter Ja und Nein.” Wegen einer, die auf ein Abenteuer mit ihm ausging, sagte Vater: “Ein Verhältnis auf eine halbe Stunde oder drei Wochen, das geht nicht! Dazu gehört immer die ganze Natur, das heißt aber mit ihrem ganzen Leben bis zum Sterben.”

aber mit ihrem ganzen Leben bis zum Sterben.” – 189 –

“Die Frauen sind ja wirklich übel dran: Sie können nichts als abwarten, bis ihnen das Glück in den Schoß fällt! Denn wenn sie es sich mit Gewalt heranholen wollen, das geht erst gar nicht, dann machen sie sich ganz unglücklich, weil es wider die Natur ist.” “Manchmal wenn ich auf dem Klosett bin, fällt mir so allerlei ein und dann auch mal Hebräisches, und ich sage es dann unwillkürlich laut vor mich hin, und plötzlich bekomme ich einen Schrecken, der sich mir über den ganzen Körper legt, weil hebräisch ja eine heilige Sprache ist und streng verboten, sie an unheiligem Ort zu sprechen. Das sitzt so fest aus der Kinderzeit, ich habe mir schon ordentlich Mühe geben müssen, mich davon loszumachen.” “Was außer all dem übrigen mit dazutut, bei dem, der überhaupt sprechen und schreiben kann, sein Gesprochenes in gewissem Sinne über das Geschriebene zu erheben, das sind die vielen verschämten Gleichnisse, die miteinfließen – Kinder von Gleichnissen, oft sogar solche, die bei der Geburt gleich sterben, aber sie sind wie die Krönlein auf den hebräischen Buchstaben und machen die Rede schön und besonders.” Meinen Schwager Fritz, der jedem Kriegsgerücht ohne Besinnen traut und es als beglaubigte Tatsach weitergibt, nennt Vater den “Gerüchtsrat”. 6. Juni 1915 Vaters Geschäft der Seelsorgerei blüht. Die Woche verläuft so: Heute, am Sonntag, macht Vater mit Erna Porsch einen größeren Spaziergang, um Muße und Anlaß zu einem für sie und ihr Verhältnis zu ihm wichtigen Gespräch zu finden. Er will versuchen, sie wie von einer Krankheit davon zu heilen, daß in ihrem Denken und vielleicht auch Fühlen das Geschlechtliche übermäßig beleuchtet ist. – Montag kommt Wienbrack, der in verwirrter Lage zwischen seiner Frau und einer Geliebten in der Mitte steht und von Vater als selbstverständlich Stütze und Lösung erwartet. Die Geliebte, die Vaters Namen mit Ehrfurcht von Wienbrack hatte aussprechen hören, war auch schon als Gerechtigkeit und Schutz Erflehende hier; die angetraute, halb verlassene Frau wird vermutlich bald erscheinen. Dienstag soll Alice kommen, die an einer unglücklichen Liebe und allgemeinen Sehnsucht und Unsicherheit niederliegt. – Dann wird Major Rudorff erwartet, zu dem kein eigentliches Verhältnis besteht und mit dem zu sprechen Vater besonders schwerfällt, weil da gar keine “Handhabe fürs Feinere” vorhanden ist. Aber er ist beruflich bis zur Krankhaftigkeit verbittert, und die Frau, die darunter hart leidet, hat Vater gebeten, er möchte den Versuch machen, ihn etwas aufzurichten. – Auch Johannes soll in dieser Woche einmal kommen. Er ist inzwischen wacher geworden und als Folge davon die Beziehung zu Vater herzlicher, und damit sind natürlich auch insofern kleine Ansprüche verbunden, als Vater ihm nun mehr leisten kann, was er übrigens mit besonderer Freude tut. – Schon allzu lange ist auch Elsa nicht bei ihm gewesen. Sie erweist sich als die Bescheidenste, immer Einsichtige, obwohl durchaus schwärmerisch und sehr einer seelischen Erfrischung bedürftig. Sie ist ein “leichter Fall” und ein sehr erfreulicher. Natürlich, wenn Vater nicht gerade in dieser Zeit verhältnismäßig arbeitsfrei wäre (nachdem nun auch noch das Vorwort zum Judenbuch fertig), könnte er nicht in solchem Maße Zeit verschwenden. Mit der Magdalena steht es jetzt einigermaßen gut. Indem Vater den Fall der Erna Porsch mit ihr bespricht – denn sie soll und kann auf die Freundin einwirken und ist glücklich, damit Vater zu helfen –, sagt er ihr manches an sie Gerichtete, was er ihr direkt nie hätte sagen können. “Und sie ist fein genug, es zu verstehen, und es nützt auch. – Sie ist vielleicht nicht mehr fern von einer richtigen Heiligen, denn Anfechtungen des Fleisches waren zuerst alle Heiligen ausgesetzt.” “Wenn ich nicht richtig schlafen kann, was ich da nur alles mit meiner Bettdecke habe! Wie wir eins werden und eine Weichsel, die sich teilt und was noch alles!”

Wie wir eins werden und eine Weichsel, die sich teilt und was noch alles!” – 190 –

8. Juni 1915 “Was man mit einem Menschen sprechen kann? Nichts als auf das Verhältnis seines Ich zum Bedeutenden der Welt ihm ein helles Licht werfen. Dies will jeder, den ganzen Tag lang; dann fühlt sich der Egoismus am wohlsten und so recht deftig im Herzen – und dann sagt er: Wie schön unegoistisch haben wir gesprochen!” Vater hatte einmal zu Wienbrack scherzhaft warnend gesagt: “Wienbrack, Wienbrack, die erste Frau ist von Gott, die zweite von den Menschen, die dritte vom Teufel!” – worauf Wienbrack gelassen erwiderte: “Nun, dann ist die vierte wieder von Gott!” “Ich lerne täglich in dieser Landschaft, wie wenig Bodenrelief dazu gehört, Blicke in die Tiefe zu geben und eine Gegend schön zu machen.” Ganz flaches Land hat Vater nicht gern; auch zum Wald gehören für ihn kleine Höhenabwechslungen. Neulich sprachen wir vom Reim, und ich fragte, ob Bettina nicht recht hätte, wenn sie ihn eine “beschimpfende Fessel für den Geist” nennt. “Jedenfalls”, sagte Vater, “gibt es zu denken, daß die einzigen beiden Völker, die eine ernsthafte Literatur haben, die Juden und die Griechen, ihn nicht kennen.” Wir lesen den »Politischen Traktat« im lateinischen Original miteinander, Vater und ich. Zum 8. Paragraph vom 2. Kapitel sagte Vater (hauptsächlich bezüglich des Satzes: “Nam natura non legibus humanae rationis, quae non nisi hominum verum utile et conservationem intendunt, continetur” etc.), daß da Spinoza den praktischen Verstand charakterisiere, aber nur der Fakultät des Denkens nach, ohne von Fühlen und Wollen zu sprechen. Es klänge so, als meinte er dasselbe wie Vater, sei aber doch ganz anders, denn es sei nicht gesagt, daß unser Denken unsre Existenz ist. Und ebenso etwas weiterhin, wo der Mensch particula naturae genannt wird, der deshalb nicht totius naturae ordinem erkennen könne, so würde Vater nicht sagen. Obschon bei Spinoza keine Klage im Hintergrund stünde über menschliche Unvollkommenheit wie bei andern (“Er war ganz unsentimental, er war der stärkste Mann!”). Aber Vater sagt, daß der Mensch und jedes einzelne auch das Ganze ist. Das hat Spinoza natürlich auch gewußt und es zum Ausdruck gebracht in dem Satz der Ethik (4. Def. im 1. Buch): Per attributum intelligo id, quod intellectus de substantia percipit, tanquam ejusdem essentiam constituens. “Tanquam; wenn man dieses tanquam versteht, hat man alles. Und dies ist die wahre Philosophie des Als ob! – Ich freue mich immer so sehr, daß Spinoza nie etwas Verkehrtes sagt. Denk mal, was das heißt! Er führt Wichtiges nicht aus, aber Fehler gibt’s nicht.” Nicht ganz recht ist Vater im Politischen Traktat die Auseinandersetzung über das Jus naturae. “Es ist eine Konzession an seine Zeit, die sich viel mit diesem Begriff beschäftigt hat, daß sie so lang ist. Darum ist sie zu lang. Denn es ist ja eigentlich kein Begriff! Nirgendwo existiert ein natürliches Recht, und man sollte das Wort ‘Recht’, das seinen ganz bestimmten, auf eingerichtete menschliche Gesellschaft passenden Sinn hat, nicht auf eine Fiktion anwenden.” 12. Juni 1915 “Molière gehört nicht zur Literatur, nicht einmal zur französischen; denn er ist kein Dichter; kein einziges poetisches Wort, alles läuft durch den Verstand. Er ist so ein besserer Lessing: klüger, weicher, ein feinerer, leichterer Schriftsteller (nichts von Pumpen und Schrauben!), aber eben keine unmittelbare Kraft. Auch seine Psychologie ist gut, aber ganz mechanistisch.” In Zeiten minderer Arbeisfähigkeit greift Vater oft nach demjenigen seiner Regale, worauf “die bessere Belletristik” ihren Platz hat. Gestern fand ich ihn Klopstock lesend, die Oden. “Gewiß, der Mann hat geirrt, aber es ist doch sein eigener Irrtum. Er ist oft abgeschmackt bis zur Unverständlichkeit, seine Phantasie ist für das, was sie will, nicht groß genug, seine Begeisterung nach unserm Gefühl kalt – und doch steckt Wärme, ja Glut darin, und

seine Begeisterung nach unserm Gefühl kalt – und doch steckt Wärme, ja Glut darin, und – 191 – hinter allem steht eine Persönlichkeit von solchem Ernst und solcher Würde, daß man einfach Respekt davor hat. Bei welchem unsrer heutigen Lyriker könnte man das sagen, an die Klopstocks Abgeschmacktes und Scholastisches manchmal erinnert?! Ich glaube nicht, daß nach hundert Jahren einer, wie ich jetzt zu Klopstock, zu einem von ihnen greifen wird. Und an manchem hab ich doch großen Genuß gehabt: »Der Züricher See«, »Der Eislauf«, »Die frühen Gräber« sind wirklich schöne Gedichte. Und auch »Die Musik« ist so lebhaft in der Vorstellung, daß es beinah ein Gedicht ist.” 13. Juni 1915 Gestern abend, da Magnussens und Heyn hier waren (der zu den “Klienten” der Woche – vgl. Seite 345f. – noch hinzugekommen und eigens von Hamburg hergefahren ist, um Vater zu sehen), hat Vater von dem Geistreichen an Christus gesprochen, daß es nie beachtet und hervorgehoben worden, und allerdings insofern berechtigterweise, als die andern Eigenschaften so unendlich größer, aber es verdiene doch bemerkt zu werden, daß Christus auch in diesem Punkte einzig dastehe und von keinem übertroffen, auch nicht von solchen, die sich ganz auf das nur Geistreiche gelegt. Diese höchst geistreiche Art sei auch das gesellschaftlich Urbanste, was man sich denken könne. Am besten festgehalten sei sie von dem feinsten und intellektuellsten der Evangelisten, von Johannes, bei den ungebildeteren trete dies Moment mehr zurück. Mit “geistreich” denkt Vater an solche Aussprüche wie: Wer bist du? Ich bin der mit euch redet, wie Christus sich damit und anderswo der Situation entzieht! Dann wie er seine Verwandten abweist und die Jünger seine Verwandten nennt. Auch wohl Ausbrüche wie: Lasset die Toten ihre Toten begraben! Dazu muß auch gerechnet werden die überlegen pädagogische Form den Jüngern, besonders Petrus gegenüber. Weiter kam Vater darauf, wie fein das sei, “diese Tragödie vor der Tragödie”, dieses Allerschrecklichste auf dem Ölberg, bis es in ihm vollendet war. Und dann hob er hervor den Trotz, womit Christus (genau wie Sokrates) sein Schicksal mit Gewalt auf sich herabgezogen.152 Heyn, der einen ins Große gehenden Sinn für Geschäfte zu haben scheint, hat sich in bedeutende Unternehmungen eingelassen, aus denen er beträchtliche Jahreseinkünfte erwartet. “Dies Geld soll ganz und gar für unsre Sache da sein”, sagt er, “denn wir brauchen Geld.” Bestimmte Vorstellungen hat er offenbar noch nicht, da er sich noch in der Entwicklung fühlt und dabei ist, sich selber abzuwarten. Aber mit der Idee im allgemeinen ist Vater einverstanden. “Gewiß brauchen wir Geld. Alles läuft bei mir auf praktische Organisation hinaus: Ich will nichts andres als diese.” Heyn versichert, durch die Lehre finde er sich in seinen Geschäften gefördert.153 “Die großen Geschäftsleute kommen und fragen mich und tun, was ich sage, weil sie einsehen, daß es richtig ist. Ich habe durch die Lehre eine neue Macht über die Menschen.” – Heyn fühlt sich berufen, für die Sache zu wirken, ohne selber die Form, wie es geschehn soll, zu kennen. Er lebt nur nach seinem Instinkt und erscheint bald wie ein Kind, dann ein gotterleuchteter Apostel 16. Juni 1915 “Wenn Goethe sagt, daß er sich durch Dichten von seinem Leiden befreit hätte, so ist das eine seiner schönen, freien Reproduktionen spinozistischer Gedanken; hier des Gedankens, daß wir unsern Affekt überwinden, indem wir ihn von seiner Ursache lösen und mit einer allgemeinen Idee verbinden. Dies Allgemeine ist für Goethe die Dichtung.” Ich fragte Vater, ob es in seinem Staat Todesstrafe gäbe. Er antwortete: “Nein, nur KolonialVerbannung.” 19. Juni 1915 151 Erna Porsch erzählte, im Alter von acht Jahren hätte sie plötzlich angefangen, sich entsetzlich Siehe Seite 315. 152 Vgl. »Unser Christus«. 152 Vgl. »Unser Christus«. 153 Dasselbe versicherten mehrere andere Anhänger. – Zusatz Oktober 1924.

– 192 – vor dem Tod zu fürchten und zugleich auf ein Mittel zu sinnen, Unsterblichkeit zu erwerben. Da hat sie in Geschichte und Vorgeschichte gesucht, ob sie einen fände, der nicht gestorben wäre. Und richtig: Elias ist im feurigen Wagen zum Himmel aufgefahren. Wie hat er das wohl erreicht? Nun, er hat gewußt, sich mit dem lieben Gott gutzustellen. Das mußte sie auch. Und nach dieser Erkenntnis war sie ihrer Unsterblichkeit und der Himmelsequipage ganz sicher und die Furcht vor dem Tode los. Ich sagte, daß Erna Porsch die geistigen Erlebnisse, die sich den meisten Menschen in der Form von Gedanken oder Vorstellungen darbieten, wie Körpergefühle erführe. Und Vater erklärte, daß sei Phantasie, denn Phantasie sei das Unmittelbarste, der erregte Körper. Von Erna Porsch sagte Vater, sie sei “grenzenlos kindlich”, aber in dieser Grenzenlosigkeit wie in jeder läge eine große Gefahr. Mich hat an Magdalena verletzt, ja empört, daß sie über Nietzsche gelacht, ihn verhöhnt hatte. Sie kennt kein Wort von ihm, hat sich nie in seine Seele eingelebt und lacht ihn aus, bloß im Vertrauen auf Vaters Urteil, der übrigens das nie billigen würde, wie ich überzeugt bin. Ich sprach mit ihm darüber: “Doch, sie hat nach ihrer Natur völlig recht und hat recht von einem höheren Gesichtspunkt der Betrachtung. Denn wenn das nicht wäre, der blinde Glaube, wär die Welt nicht. Nachahmung ist die Bewegung der Welt, ohne sie würde die Welt zu einem Sumpf werden und nichts tun als riechen – wenn dann noch eine Nase dafür da wäre, ich meine jetzt: riechen für die höhere Nase! – Nein, Magdalena als Magdalena hat recht, obwohl du mit deiner Entrüstung wieder nach deiner Natur recht hast, und obwohl ich selbst, wenn sie in meiner Gegenwart eine solche Bemerkung machte, sie ihr verweisen würde (du besinnst dich wohl, wie ich mal einen rausgeschmissen habe, weil er Stirner geschmäht hatte), aber sie muß gehorsam sein. Das ist wie beim Militär und ja auch wirklich Krieg! Und wenn der General sagt, die Engländer sind schlechte Kerle, da muß jeder auf jeden mit Wut losschlagen, und keiner kann erst nach England fahren und zusehen, ob es stimmt – und was wäre denn schon seine Kritik wert?!” “Wenn ich schreibe, da mache ich immer Strebungen und dann Widerlager; zuerst den Anarchismus, und dagegen setze ich das Philiströse, dann wird die rechte Weisheit getroffen. Im Gespräch läßt sich nicht so weise sein. Da kommt das Temperament oder der Vorteil oder der vermeintliche Vorteil, oder man hat keine Zeit, oder der andere läuft einem davon – wenn nicht mit den Füßen so mit den Ohren.” Mutter erzählte mir, wie sie früher unter Vaters Verschlossenheit – nicht etwa ihr, sondern allen andern gegenüber – gelitten. Da habe er im Café gesessen, und jeder im Kreise hätte “losschwadroniert”: Geisler mit seiner sophistischen, temperamentvollen, aber eigentlich inhaltlosen Rede, Goby Eberhardt bloß glatt schönrednerisch, Leo Berg kritisch geistreich, aber in kleinem Rahmen und nur negativ – und Vater hätte stumm zugehört, zu keinem Disput Stellung genommen, nur mal eine geistvolle Wendung gegeben, ein Witzwort hingeworfen und sich übrigens mit den Angelegenheiten und Anschauungen eines jeden so intensiv befaßt, sich scheinbar ganz da hineinbegeben, als hätte er keine eigenen. Auf dem Heimwege hat dann Mutter so manches Mal gefragt: “Warum hast du wieder nicht gesprochen?! Ich wußte doch, wie du denkst, warum hast du nicht deine Meinung gesagt, du hättest doch all ihre Worte mit einem einzigen von dir über den Haufen werfen können!” Und immer gab er zur Antwort: “Ich darf nicht, ich kann nicht; es gehört so dazu. Sie würden mich nicht verstehen, und das heißt: sie würden mich mißverstehen.” Und wollt ich mich entmummen, So müßte all das Lumpenpack verstummen! Ich erinnere mich, dieses Zitat in jenen Jahren, meinen frühen Mädchenjahren, öfters aus Vaters Munde gehört zu haben. Vater spricht erst frei, seitdem sein Werk heraus ist. Damit war das Siegel von seinen Lippen genommen.

Lippen genommen. – 193 – Ich glaube, man könnte Vaters Leben ganz gut nach diesem Gesichtspunkt in Perioden einteilen: 1.) Das schweigende träumerische Kind. 2.) Der beredte träumerische Jüngling. 3.) Der schweigende und schaffende junge Mann. 4.) Der beredte und schaffende reife Mann. “Es gibt Künstler, die nur eines, das aber ganz vortrefflich, gekonnt haben. Darin haben sie ihre Liebe gelassen, wie die Biene ihren Stachel hingeben muß im Stich. Hölderlins »Hyperion«, Eichendorffs »Taugenichts«, Carlyles »Helden und Heldenverehrung«.” “Verstehst du, daß so weiches festes Fleisch, in das man so einsinken kann, daß es kühlt? Abkühlt wie der Schlaf!” 25. Juni 1915 Vater war ein paar Tage mit Mutter in Arnsberg in Westfalen, um meinen Bruder, der dort verwundet im Lazarett liegt, zu besuchen. Auf der Rückreise nahm er Aufenthalt in Goslar, wo ihn der alte holzgeschnitzte Christus am Kreuz in der Domkapelle außerordentlich ergriff. Es ist derselbe, von dem Heine in der »Harzreise« wegwerfend spricht, das sei menschliches, nicht göttliches Leiden. Das hatte Vater zwar auch hervorgehoben, aber dennoch bezeichnete er diesen als den bedeutendsten Kruzifixus, den er gesehen. Auch die Arbeit als “wirklich fein”. (Der Führer bemerkte, Thorwaldsen habe diesen Christus für den schönsten “seiner Art” erklärt.) Den später und schlecht angefügten Leib verglich Vater, um ihn mir zu veranschaulichen, mit seinem alten, verlorenen Kater Murrian, einer allerprimitivsten Holzpuppe.154 “Vor dem Kaiserhaus, das natürlich schön ist, konnte ich nicht umhin – du weißt, daß ich sonst nicht vergleiche –, mir die Frage vorzulegen: das ist es doch nun, das Romanische und das Gotische, was Deutschland wert ist, denn weiter hat es doch nichts geschaffen, und es ist viel, aber: kann es stehen neben den griechischen Tempeln? Und mir wurde die ganze Würde, Stille, Erhabenheit des griechischen Baus neu lebendig, und ich mußte sagen, daß selbst seine schwachen Nachbildungen, wie zum Beispiel unser Schinkelmuseum, mehr hergeben.” 27. Juni 1915 Gestern hat Edu Kaspar bei uns gespielt, ganz improvisatorisch, in solcher Vollendung, daß besonders Vater und ich den höchsten Genuß davon hatten, eine Illusion, die vollkommen war, einem für den Augenblick die ganze ernsthafte Welt des Leidens wegnahm, und so durchaus begriedigend wie alles wirkliche Können. Ich habe Vater noch nie, glaube ich, so lachen hören, bis zu Tränen und zuweilen so laut, daß es die Kasparspäße übertönte. Auf ganz aus der Welt liegende Sachen kam Edu, er weiß nachher selbst nicht wie. Wenn Kaspar zum Beispiel immer sang: “Sempfelmann, Sempfelmann!” eine ganze wahnsinnig komische Szene hindurch. Daß Kinder im Publikum saßen, Edus kleine Ellen, Elsas Hakon und der Sohn unsres Wirtes, machte es noch schöner. Wegen der Drolligkeit notiere ich einen Scherz vom heutigen Nachmittagskaffee. Wir aßen Stolle. Vater hielt den Teller mit seiner Schnitte in die Höhe und verzog greisenhaft das Gesicht, namentlich den Mund. “Was ist das, Lotte?” Und ich war nachher selbst verwundert, daß ich sofort antworten konnte: “Der alte Mann bei Stolle” – von dem wahrlich bei uns sonst nicht die Rede ist.155 153 “Jeder einzelne fordert von einem, daß man sich für ihn ganz zerreißen soll” – kam es in Dasselbe versicherten mehrere andere Anhänger. – Zusatz Oktober 1924.

154

Vgl. mein Puppenspiel »Kater Murrians rätselhaftes Verschwinden und glückliche Wiederkehr«. derkehr«. 155 Gewährsmann von einiger Bedeutung für die Biographie Spinozas.

– 194 – der letzten Zeit mehrfach bitter und müde aus Vater heraus. Alice, die sich nach Geistesnahrung sehnt, aber will, daß ihr die Taube gebraten ins Maul fliegt, sprach von Interesse an der Romantik. Ich sagte, daß die Romantiker bei all ihrer Schönheit uns nicht stärken, nur schwächen können. “Ja”, fügte Vater hinzu, “die Romantik ist ein Krankenhaus, wo jeder zum andern sagt: ‘Gott sehn Sie schlecht aus! Sie machen’s nicht mehr lang!’” Wer in einige Berührung mit Vater kommt, spürt seine eigenen Kräfte stärker und seine Mängel stärker, und so wachsen für ihn in hellerem Bewußtsein von sich selber sowohl Glück wie Leid. Vater erzählte neulich, daß er damals in Hamburg, kurz vor Ausbruch der Cholera, gefunden und auch mehrfach geäußert habe, daß die Luft “anders schmecke als sonst”. 3. Juli 1915 Bild: Ich sitze nach dem Haarwaschen, nur mit meinem grünen Kimono bekleidet, in Vaters Arbeitszimmer auf dem Teppich, und Vater geht um mich herum, mein Haar mit einem japanischen Papierfächer zu trocknen, den er mit solchem Eifer über meinem Haupte bewegt, daß ich wie in einem Orkan sitze! Gestern bescherte mir der Nachmittag drei kleine Märchenwunder: Erst huschte ein Wiesel mit weißem Bauch an mir vorüber. Dann begegnete ich in den Straßen einem Jungen mit einem Wagen, den zwei kleine schneeweiße, rot aufgezäumte Ziegen zogen. Und als ich abends gegen Sonnenuntergang mit Vater noch ein wenig den Sakrower Weg ging und wir an dem kleinen Schloß des Prinzen Friedrich Leopold vorbeikamen, stutzen wir plötzlich. Was steht denn da auf der Treppe für ein Hund?! Nein, da wendet uns ein großer brauner Hirsch seinen wundervollen Kopf hin und äugt uns ruhig an. Ein Hirsch auf der Treppe eines Hauses! Was können die drei Begegnungen bedeuten? fragte ich Vater. “Das Wiesel knabbert etwas an dir ab, und Ziegen und Hirsch tragen es auf ihrenHörnern ins Weite”, gab Vater zur Antwort. Mir fiel ein, daß ich als etwa achtjähriges Kind einmal sagte: “Merkwürdig, Leo Berg und Leo Wertheimer haben solche Augen, durch die man nicht richtig durchkucken kann!” Vater vertraute mir, daß die Erna “eine verrückte Leidenschaft” für ihn habe. Aber er gedenke nicht, sich nach dem Gesetz der Haifische oder irgendeiner fremden Gattung zu richten, sondern nur nach seinem eigenen. – “Sie ist ein ganz tiefer, ganz prachtvoller Mensch – soll sie aber an dieser Verrücktheit kaputtgehn – mir recht! Denn dann ist’s egal, ob diese Sache sie umbringt oder eine andre.” Vater wünscht, daß ich diese Briefabschrift aufhebe. “Erna ist zwar sehr ehrlich – aber man kann doch nie wissen, wie etwas kommt.” 4. Juli 1915 Liebste Erna, ich konnte heute mittag nicht mit dir telephonieren – es war mitten unter dem Essen und waren zu viele am Hörrohr. Aber auch sonst wärs wohl gar nicht so viel besser gegangen; was ist das nur, was da zwischen uns den eigentlichen Gesprächsinhalt totmacht und statt seiner unbestimmte Dunkelheiten hin und her schiebt?! Du verstehst mich nicht; müßtest aber verstehen, sobald du auf die letzten zum Grunde liegenden Einfachheiten dich besinnen könntest. Daß du das hier nicht kannst – ja, das ist überhaupt eine Gefahr für dich: Über dem Geistreichen entgleitet dir das Fundament des Einfachen, worauf alles steht – und weil alles darauf steht, droht deinem Leben die Gefahr, auf der allzu hitzigen Suche nach dem Edelsten in die Gemeinheit zu stürzen. Da hast du die Formel und das Licht, das ich auf deine Bahn werfen möchte, eh es zu spät ist. Ich meine es so gut mit dir wie das Gute in dir; und kann ich nicht dieses in dir stärken, so will ich gar nichts mehr mit dir zu schaffen haben; mein großer Dämon verbietet es mir.

so will ich gar nichts mehr mit dir zu schaffen haben; mein großer Dämon verbietet es mir. – 195 – Bleib drei, vier Wochen für dich, geh weltenweit, ewigkeitstief in dein Gutes und dann komm damit zu meinem. Herzlichst B. 7. Juli 1915 Zur Lektüre von Spinozas »Politischem Traktat«: “Selbstverständlich ist mir Spinoza in der Stärke und Prägnanz des sachlichen Denkens weit überlegen. Aber es gibt eines, was ich ihm voraushabe: Das ist die Einfachheit der Terminologie. Meine paar Termini – mir sind es sogar noch zu viele –, an die man sich immer halten und womit man alles halten kann… Wenn man mich fragen würde, welche Staatstheorie ich habe, so könnte ich ruhig sagen: die spinozistische. Obwohl bei mir alles viel einfacher erscheint; denn ich unterscheide gar nicht zwischen natürlichem und bürgerlichem Recht; Naturrecht ist für mich nur eine Fiktion und der Staat der dem Menschen natürliche Zustand. Aber Spinoza meint dasselbe. Wenn seine Ansicht hier und anderswo nicht klar durchscheint, so kommt es daher, und das muß stark hervorgehoben werden, daß er sich der Ausdrücke seiner Zeit bedient, aber seinen neuen Sinn hineinlegt, ohne besonders zu definieren. Darum versteht man seine Auffassung oft am besten durch eine gelegentliche, nebensächliche Äußerung – wie zum Beispiel im Politischen Traktat, wo er vom Naturrecht als dem Naturgesetz spricht; das Naturgesetz aber ist kein andres als der Egoismus: conatus suum esse conservare.” Die Einfachheit von Vaters Terminologie – dies ist vielleicht, ja sicher, ein Kernpunkt der Wichtigkeit, wodurch seine Lehre gleichermaßen von der Religion getrennt ist, die keine feste Terminologie kennt, weil sie sich ganz auf das Gafühl stützt, darum aber keinen greifbaren Halt gewährt, – wie sie andrerseits sich damit von der bisherigen Philosophie unterscheidet, der vor lauter Terminologie das einfach Menschliche und die Größe des Zusammenhanges verlorengeht. Vater bezeichnete neulich Schelling als “bewußten Scharlatan”, der, um original neben Spinoza zu stehen, nach langen unfruchtbaren Versuchen zu einer neuen Philosophie, sich schließlich nichts gewußt habe, als dessen Äußerungen der Substanz, die Attribute cogitatio und extensio, aufzugreifen und endlich als einzige Originalität, das “Und” zwischen ihnen, zwischen Geist und Welt, zu betonen. – Übrigens spricht Vater dennoch von Schelling als von einer “großen Natur”. 8. Juli 1915 Gestern Asta Nielsen im »Fremden Vogel« gesehen und bewundert, wie sie “den Übergang aus der engen, heiteren Verstandeswelt zu dem Triebleben, das so schwer auf dem Menschen lastet”, zum Ausdruck bringt. “Die Asta Nielsen ist ein Genie, das alle männlichen Schauspieler totschlägt. Gar nicht zu begreifen das! Und doch wieder mir so besonders verständlich, daß diese Genialität gerade nur einer Frau eigen sein kann. Schade, schade, daß ich darüber nichts in mein Weiberkapitel bringen konnte, das wäre mir ja so sehr willkommen gewesen. Aber ich denke, irgendwo schreibe ich noch mal über die Asta Nielsen; nur in die Sachen, die ich jetzt vorhabe, paßt es nicht.” Wie sie gegen den Schluß durch den Wald in den Tod tappt, scheint sich ihre Menschlichkeit aufgelöst zu haben in Natur: Sie schwankt hindurch wie eine Pflanze. Dies sagt Vater öfters: daß die Philosophie leicht und nur die Philosophen schwer seien. Von Asta Nielsen noch: “Sie regt mich weniger auf als sie mich vielmehr in der Tiefe anregt. Und ich betrachte sie für die Schauspielkunst als so einzig, wie ich Beethoven für die Musik, Shakespeare für das Drama ansehe.” “Tolstoi war schon einer, der sich geregt hat, daß man ihn sieht! Aber es ist viel Ordinäres an ihm. Dostojewski ist viel feiner.”

an ihm. Dostojewski ist viel feiner.” – 196 –

“Darum halte ich so viel von dem Ordinären als Grundlage eines Kunstwerkes, weil es das Äußerste ist, und sich deshalb auf ihm das Seelische am deutlichsten zeigt.” Über den »Raskolnikoff« des Dostojewski: “Das ist mit vollendetem Scharfsinn und Herzenskenntnis fast ohne Fehler oder doch mit sehr kleinen Fehlern entwickelt und mit gewaltig tüchtigen Mitteln zur Anschauung gebracht – aber es ist schließlich eine wissenschaftliche Abhandlung, kein Kunstwerk, kein Shakespeare, der die Menschenseele ebenso kennt, aber in eine weitere Welt setzt. Dies ist ein einziges enges Stückchen Welt; ein Kunstwerk aber braucht Luft, Luft um sich her und Grund und Gipfel!” 15. Juli 1915 Aus einem kleinen zufälligen Gespräch über das Verlieben: “Nein, in bloße Attrappen hätte ich mich nie verlieben können, auch in meiner Jugend nicht!” Und als ich fragte, ob nicht doch der schöne Körper an sich auch liebenswert sei: “Nein, dazu ist für den Reinen doch die Kunst da. Und der Unreine verliebt sich sogar in die Kunst – das sind die beiden Gegensätze.” Vater sagt, daß nach seinem strategischen Ermessen wir versuchen müßten, Warschau zu nehmen, und dann müßten wir auf Grund dessen, was wir erreicht haben, durch Vermittlung einer neutralen Macht, am besten wohl der Schweiz, den Frieden anbieten. Unterstützen würde dabei die Kriegsmüdigkeit, die bei den Feinden eher einsetzen würde als bei uns, weil ihnen der Erfolg fehlt. Da jetzt in der Kriegszeit wer irgend kann, bestrebt ist, Konserven herzustellen, um für die Zeiten noch größerer Teuerung vorzusorgen, sprach Vater davon als von dem conatus suum Esse(!) conservare! – Und ich klagte: “ Was Emma einweckt, weckt Vater auf.” 19. Juli 1915 Die Durchbrechung der russischen Front in Galizien und Polen, die Mackensen und Hindenburg jetzt geglückt ist, bezeichnet Vater als das bedeutendste Ereignis in dem ganzen Feldzug. Von Goethe als von einem Dilettanten – im höchsten Sinne – gesprochen, der seine großen Schöpfungen innerlich nicht vollenden konnte oder sich auf Vorbilder stützen mußte. Daß Shakespeare den vornehmen Engländern das leiste, was Homer den Griechen: daß sie nämlich Namen und Taten ihrer Ahnen in ihrem Dichter bewahrt finden, die schönste Art von einem Adelsbrief. “Die Brüder Grimm, besonders Jakob, sind so wunderbar fein gewesen, daß fast schon schwerfällt, die Ordentlichkeit zu begreifen, womit sie sich in schließlich doch engen, ja philiströsen Grenzen des Denkens gehalten haben.” Vater erwähnt oft als maßgebend die Tatsache, daß man bei Shakespeare fünfzehntausend, bei Goethe nur neuntausend Wörter gezählt habe. Vater ist wieder besonders nervös, leidet am Herzen, schafft eine unruhige Sphäre um sich und kann zu neuem Wirken leider vorläufig nicht kommen, wie es scheint. Mir ist, als schlösse er sich in der letzten Zeit innerlich mehr ab, ein wenig lebensmüde, und mehr noch als sonst zeigt er sich bestrebt, was er mit dem einen lebt, vom andern getrennt zu halten, Konflikte scheuend und Ruhe suchend. Es ist viel Trauriges dabei. Jetzt, da Vater sich ohne eigentliches äußeres Arbeiten findet, in dem schweren Übergang zu einem Neuen, liest er viel Shakespeare. “Was hat der Shakespeare doch für eine Zunge, das ist ja gar nicht zu sagen! Und berauscht bin ich von der Übersetzung (natürlich SchlegelTieck)! Wie das Deutsche sich da förmlich duckt und so zart sich dem Englischen entgegen-

Tieck)! Wie das Deutsche sich da förmlich duckt und so zart sich dem Englischen entgegen– 197 – schmiegt! Diese gehört auch zu den Übersetzungen, die für uns so fest dastehen wie Originalwerke und woran nur der herumkritisieren kann, der nicht in der Sache ist.” 21. Juli 1915 “Ich bin einfach. Aber sowie man nur im geringsten in irgendeinem Punkte meine Naivetät verletzt – gleich ist alles aufgerührt zur größten Komplikation. Die Amöbe ist das Einfachste und trägt doch in sich alle Lebenskeime, das ganze unentwickelte Leben.” – Dies zu wissen, davon sprach Vater wie von dem ABC eines Umgangs mit ihm. 18. August 1915 Zu einer kleinen Erfrischung sind wir, Vater und ich, eine Woche im Harz gewesen. Zu Anfang haben wir Goslar besucht, als Schlußstein der Reise Hildesheim gesetzt. Große Freude an den Fachbauten der alten Zeiten, den malerischen Straßenprospekten! Und doch: “Was uns jetzt natürlicherweise entzückt und was wir mit pietätvollem Auge und Herzen betrachten, ist in Wahrheit barbarisch und wird wohl den Künstlern von damals auch schwerlich gefallen haben. Es ist im Grunde eine schauderhafte Mischung von Gotik und Renaissance. Keiner von beiden Stilen ist uns ganz eigentümlich gewesen, die Renaissance nicht einmal begreiflich, und so entstand das im Grunde häßliche und ganz äußerliche Gemisch.” Unterwegs in Harzburg, sprach Vater einmal von dem theoretischen Eigensinn seiner alten Freundin Johanna Löwenthal. “Der Eigensinn, den sie mit all den alten Parteigängern des Liberalismus geteilt hat. Sie war übrigens politisch außerordentlich befähigt – ganz anders wie Frida! –, auf diesem Gebiet überhaupt die tüchtigste Frau, die mir begegnet ist. Aber diesen ganz leeren Eigensinn der Liberalen, der sich vom Politischen aus dann weiter erstreckt, hat auch Frida geerbt. Die Partei hat ihn noch, über ihre eigentliche Tendenz hinaus oder außerhalb ihrer, denn die Aufgabe ist ihr ja inzwischen durch andre von den Schultern genommen worden.” Vater erzählte mir wieder einiges von seinen früheren Beziehungen zu Mädchen (im Anschluß an ein Gespräch über seine jetzigen), und es wurde mir von neuem deutlich, daß seine Venus von Amor und Himeros, nicht von Pathos, am wenigsten aber von Hymenäos begleitet war. “Wo das Geschlechtliche aufhört, fängt für mich das Eigentliche erst an – und das fühlten auch die meisten, selbst dumme Mädchen, instinktiv durch.” “Mörike – ein entzückender Backfisch; mehr ist nicht zu sagen.” Vaters Kriegsplan: daß wir Serbien überrennen (“gefangennehmen”). Durch die trivialsten Angelegenheiten seiner Umgebung (Evas Ehe- und Scheidungsgeschichte, Wienbracks Liebes- und wahrscheinlich auch Scheidungsgeschichte) läßt Vater sich so beschäftigen, aufregen und abziehen, daß er zu seinem Eigentlichsten nicht genügend kommt, was mit anzusehen Mutter und mir peinvoll ist, so sehr wir begreifen, wie notwendig dies aus seiner Natur folgt, die Leben (auch das zufällig mit ihm verflochtene) über Schaffen stellt. 21. August 1915 Noch einmal Mörike: “Der deutsche Backfisch, seine Ach wie wird mir doch!-Lyrik. Reizend, aber man kann sich doch nicht ernstlich mit so was beschäftigen! Mörike ist der Engste von all unsern Dichtern, der Unschuldigste im guten und bösen Sinne, der noch nichts von der Welt und daß die Engländer und Franzosen schlecht sind, weiß. Wenn ich richtig ernsthaft sprechen soll, fällt natürlich die ganze ‘Lyrik an sich’, die jetzt so phrasenhaft gepriesene, als ein Nichts vollkommen weg. Gedichtsammlung – das heißt das Barbarischste, Geschichtswidrigste, Literaturschändendste oder was man sonst sagen will. Denn das Gefühl allein erheben wollen und nicht einmal, nein: sechsunddreißigmal, hundertmal ist ja schrecklich. In einer anständigen Literatur wächst das Gefühl zwischendurch, allmählich und selbstver-

In einer anständigen Literatur wächst das Gefühl zwischendurch, allmählich und selbstver– 198 – ständlich mit heraus: bei Shakespeare, in der Bibel.” Ich spreche Vater jetzt wenig, weil ich im Lazarett pflege. Von unsrem russischen Feind sprach Vater als von dem Weichselzopf, der nicht auf einmal abgeschitten werden könnte: so müßten wir die Brutstätten einzeln aufheben. »Wilhelm Meisters Wanderjahre« hat Vater jetzt wieder gelesen, sprach heftig darüber ab – “die Kompositionslosigkeit, die Unanschaulichkeit der Gestalten, das Philisterium, die verunglückten Versuche, humoristisch zu sein, den lächerlichen Schluß, die Unbeholfenheit der Sprache”. Dazwischen dann wieder “die herrliche goethische Diktion, einzelne nicht hineingehörige, aber an sich schöne Geschichten, Weisheiten – aber als Ganzes schauderhaft! Und doch ist selbst eine wie Rahel glatt darauf reingefallen! Sie hat Goethe einfach blind geglaubt, das müßte alles so sein!” Am Abend las Vater Mutter und mir die »Expektorationen« von Kotzebue vor (Persiflage auf Goethe; aus Braun, Goethe im Urteil seiner Zeitgenossen): ”Selbstverständlich ist der Standpunkt ordinär, und es ist auch schwach gemacht. Aber man merkt doch den talentvollen Schriftsteller. Kotzebue war nur zu faul. In seinen besseren Stücken ist die Anlage immer ausgezeichnet, mit der Durchführung hat er sich keine Mühe gegeben. Was ist die Gurli156 für eine entzückende Konzeption, und wie platt kommt sie heraus! Wenn ich Kotzebue lese, mache ich mir das nun alles selber ordentlich zurecht.” 25. August 1915 Vater kann stundenlang Essays über Asta Nielsen sprechen; in höchstem Enthusiasmus. Gestern hat er sie (mit Magdalena zusammen) in der »Filmprimadonna« gesehn, “einem sogenannten besseren, aber kalten Stück”, das der Asta Nielsen, die eine Herzkranke darin spielt, Gelegenheit gäbe, eine Studie von außerordentlicher Größe zu schaffen. “Wie ihr Gesicht alle Phasen durchläuft von der lieblichsten, zartesten Gesundheit bis zum Letzten: zum Affen, und dann zum Tod! Die ganze Tierheit, aber unschuldig. Und das macht sie alles so lange, wie sie will, und nie einen Augenblick zu lange. Und dann tanzt sie, ein kleines Weilchen nur, aber wer kann so tanzen? Nur sie, die eben alles kann. So tanzen können, solchen Körper haben, ihn so haben können! Nachher ist sie einmal bloß Auge; ihr ganzes Gesicht – was ist das für ein schönes Gesicht! – verschwindet, um Auge zu werden.” Usw. Vater kann noch nicht arbeiten, ist schlimm herabgestimmt, leicht im Tiefsten gestört. Was für ein zartes Instrument! Daß mir der Mut vergeht, einen Griff darauf zu wagen! Während es mir doch fast unmöglich ist, ihn so allein mit seiner Qual (denn er quält sich) stehenzulassen. Lindern, beistehen, Einsicht haben, trösten, auffrischen – ja, man denkt sich das alles so schön und einfach, und als sei nur der Takt der weiblichen Liebe dafür erforderlich. Aber die Wirklichkeit des Genies, die Energie, womit es in solchen Zeiten der Verstimmung seine Sphäre um sich schafft, eine Atmosphäre von undurchdringlicher Dicke, ist ganz anders. Und o! das Leiden, wenn man dazu kommt, an dem praktischen Wert seiner Liebe zu zweifeln! Die Begeisterung der höchsten Stunden, sonst einzige Bürgschaft für unser Leben selbst, gewinnt nun den Gespensterklang des tönenden Erzes, der klingenden Schelle. “Sie muß in die ‘Lehre’ gehen”, sagte Magdalena von Erna. “An meiner Vorrede zum Judenbuch war ich inzwischen tätig wie an einer Statuette. Eigentlich bin ich ja bei etwas anderm, aber ich bin immer ab und zu da hingelaufen, noch hier und da einen kleinen Druck zu geben.” Mich beunruhigte an der Vorrede die Sicherheit, womit Vater den glücklichen Ausgang des Krieges vorwegnimmt. “O nein, gar nicht. Gerade das habe ich geschrieben, als die Russen so tief in Ungarn hineinstanden.” 155

Gewährsmann von einiger Bedeutung für die Biographie Spinozas.

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Aus: »Die Indianer in England«.

– 199 – Mutter liest seit einiger Zeit den ganzen Goethe hintereinander durch, Band für Band. “Aber zwischendurch muß ich doch immer Brunner lesen, sonst fühle ich mich leer,” sagt sie. 7. September 1915 Auf meine Tätigkeit im Lazarett: “Ich freue mich so unendlich, von jeher immer, wenn du etwas lernst. Das ist eigentlich meine größte Freude. Kannst du das nicht begreifen – wenn jemand überhaupt lernen kann, und wenn er einem so nahesteht?!” “Wenn ich mir vorstellen soll, daß du nicht mehr wärst – ich weiß, deinen Händen würde ich ganz extra nachtrauern. Wie zwei geliebten Verstorbenen. Komisch eigentlich: wie zwei! Denn sie sind mir ja immer zusammen eins. Aber es wäre doch so.” Nach wonnevollem Durchlesen des »Faust« bemerkte ich zu Vater, daß mich der Versuch und seine Lösung, “das heilige Original in mein geliebtes Deutsch zu übertragen”, nicht befriedigt hätte. Und daß Gretchen keine eigentliche Gestalt im höchsten Sinne, also etwa in dem der Shakespeareschen Frau wäre. Auf das erste sagte Vater: “Ja, ist dir denn nie aufgefallen, daß es Goethe nirgend gelingt, wo es auf die Theologie ankommt?” Und auf das zweite: “Daß Gretchen als das deutsche Weib gilt, daran ist nur Deutschlands Dummheit schuld.” Vater, der Arme, ist gar nicht wohl all die Zeit über. Ein Zustand, den Magnussen Influenza nennt. Aber ohne Fieber. Er kann nicht arbeiten. Die folgenden Bände werden nicht erscheinen! Ich kann nicht ermessen, was darin liegt. Mir ist alles dunkel geworden. Vater schließt sich mehr ab. Die freundliche Beziehung zu Magnussens macht unsern ganzen geselligen Verkehr aus. Darin liegt kein Keim zu Aufregung, aber auch eine gewisse Langweiligkeit und Leere. Mit Magdalena trifft Vater sich hin und wieder, wenn er in Berlin zu tun hat. Erna Porsch ist fürs erste in den Hintergrund getreten oder vielmehr geschoben worden. Die Freunde sind auswärts, meist in näherem oder fernerem Zusammenhang mit dem Kriege tätig. Elsa, Ottos Frau, kommt zuweilen und läßt sich von Vater klären, stärken, besprechen. Sie sieht an ihren guten Tagen wie die vornehmsten englischen Frauen aus, leicht, durchsichtig, mit “Meeraugen”, wie Vater sagt. Sie ist fast stumm und auch so inaktiv, “wie eine Uhr, deren Werk ganz richtig geht, nur drehn sich die Zeiger nicht”. Heyn kommt von Zeit zu Zeit, um ein paar Stunden mit Vater sprechen zu dürfen. “Er spricht manchmal rein zum Verlieben, dieser Heyn!” Vater möchte die Magdalena, die im Grunde Obdachlose, in Heyns Haus bringen. Diese beiden geistig Leidenschaftlichen, norddeutsch Schweren müßten wohl zueinander stimmen. Wenig Menschen. “Mein Werk ist auch tot.” Sollen die Farben so blaß bleiben?? Und wenn es irgendwo im Gewebe aufblitzen wird, so gibt es wieder Erschütterungen, Kämpfe, Szenen! Was ist das für ein seltsames Schicksal! Und dann auch wieder gar kein Schicksal! Eine kahle Biographie. Es drängt sich leicht die Frage auf: ob Vater gut getan hat, sich durch Heirat doch immerhin zu binden (weniger – aber auch mehr als jeder andere!), und sie beantwortet sich wie jede auf Vater bezügliche mit einem Ja und einem Nein – das heißt: sie bleibt offen. Nie wird Vaters Wesen dargestellt werden; denn ich kann nicht, und niemand soll sich je einbilden, es nach Schriften, Briefen, Aussprüchen zu können! 11. September1915 Gerade gestern ein paar begnadete Stunden mit Vater, wie lange und selbst auf der Reise nicht. Ich kam abends zwar wie immer sehr müde aus dem Lazarett heim, aber Vaters Frage, ob ich noch mit ihm ins Café möchte, regte solche Wünsche und Hoffnungen an, daß ich sprang, das gestreifte Pflegerinnenkleid, das Vater gar nicht mag, in ein dunkelviolettes

sprang, das gestreifte Pflegerinnenkleid, das Vater gar nicht mag, in ein dunkelviolettes – 200 – umzutauschen, das ihm besonders angenehm ist. Ich weiß nicht mehr recht, wie das Gespräch glitt – aber es glitt! Das Wonnegefühl der Leichtigkeit, der gelösten Zunge, vor allem endlich wieder des Ineinanders. Einmal sagte ich: “Ich hab oft so stark die Sehnsucht, mich ein einzig Mal ganz zu lösen, vielleicht in Versen (obwohl mir der Vers ja gar nicht natürlich ist und ich schwer reime) – oder auf irgendeine Weise, am liebsten auf eine Lebensweise!” Und Vater antwortete: “Dies ist romantischer Irrtum, Horizontgedanke; man läuft und denkt, gleich da zu sein, und es verschiebt sich immer weiter. Willst du dein Wasser gern in Dampf verwandeln, um weiter zu reichen in der Welt? Laß! Eis, Wasser, Dampf – alles gleich, wenn man’s recht ansieht.” – Nachher von Frida, und wie wir sie lieben! “Es freut mich immer, daß du dir so sehr denken kannst, was sie mir in meiner Jugend bedeuten mußte. Sie war da auch noch besser als jetzt, von einer wundervollen Aufgetautheit. Und ich sprach doch anders: unbestimmter, poetischer, und sie konnte wirklich gut folgen und sich gut an den Ernst heranspielen und um mich herumspielen. So ein Schweben war es; wenn ich jetzt daran denke, sehe ich sie gehen mit dieser fabelhaften Leichtigkeit, als setzte sie die Füße gar nicht auf.” – Ich weiß, daß auch mich in Rom dieser Gang zu Bewunderung hinriß, fast möchte ich sagen “zu leicht”, fast schwindelerregend. Und das nun doppelt rührend jetzt bei dem alten Frauchen! Ich sagte: “Wenn ich sie mir jung denke, stelle ich mir das Porträt von Sabine Lepsius vor, das im Palazzo Zuccari in Rom hängt und das gut ist. Und dazu denke ich mir ein Kleid von leichter lavendelblauer Seide.” “Nein, sie ging schon damals meist schwarz. Und von Bildern mag ich nur die eine alte Photographie.” Das Porträt von der Frau Lepsius kennt Vater nicht. Daß mich oft bis zur Verzweiflung kränkt, die Unmöglichkeit, ihm nur mehr für seine Arbeit zu leisten, sagte ich gestern. Er wies mich ab, das sei Unsinn, so etwas gäbe es nicht, ich sollte keine Charlotte Stieglitz sein. Es wäre nichts mit dem Pumpen, da sei nicht mehr da wie herauskäme, Vergewaltigungen durch andere wie durch sich selber wären gräßlich, Lessing onanistisch. “Alles ist richtig so wie es ist.” Aber ich mußte an das mir bedeutungsvolle Bild von Vater mit der Sphinx denken, wo er in einem schweren Phlegma erscheint; ein Blitz, und alles brennt auf in Temperament! Aber der Funke muß von außen geschleudert werden. In dem, wie er das Gegebene für absolut nimmt, nie unerwünscht, ist Vater ganz naiv, unromantisch. Ich mußte schließlich lachen, weil er gar kein Logisches mir entgegenhielt, sondern immer nur die Karikatur des Ideals, das ich meinte. Mich schalt Vater “hypochondrisch” wegen derartiger Bedenken, “selbstquälerisch”. Erna Porsch, die ich neulich sprach, sieht nicht mehr matrosenhaft aus, sondern ist dünner, blasser und zarter und sehr nervös geworden. Dabei kommt die angeborene Vornehmheit ihrer Manieren und Sprache, besonders Aussprache, viel stärker zur Geltung. 16. September 1915 Bernhardine war kurz hier, eine Tochter von Vaters altem schwedischen Onkel, der im letzten Jahre vierundneunzigjährig gestorben ist. Vater hat diese Kusine besonders gern und sie ist uns allen lieb. Sie ist groß, schlank, blond mit “skratternde øgon”157 [Stolte S. 171: øgen], wie Vater früher immer von ihr sagte und wie noch jetzt zutrifft, und würde dem Äußeren nach etwa für eine deutsche Rittergutsbesitzerin gehalten werden können. Sie spricht meist lebhaft, oft in der ruhigen, humorvollen Art ihrer Familie, ganz eingestellt auf Neckerei und Lachen. Sie beweist Energie und Güte im Leben, und hat innige Freude an bildender Kunst. Vater erzählte mir, wie Berna neulich im Alleinsein mit ihm auf so sehr nette Weise – “unschuldig, unsentimental und ohne Anspruch” – gestanden, wie sehr sie ihn als junges Mädchen geliebt hätte. “Ich hab dich mehr geliebt als alle Männer, Leo, und mußte immer an dich denken. Und obwohl ich nur zwei oder drei Tage mit dir zusammen war, weiß ich doch noch jedes Wort, daß du gesprochen hast.” Er hat schon damals viel von ihr gehalten und sich mit ihr herumgeneckt, als er in Schweden zum Besuch war. “Ich war damals von einer verrückten Ausgelassenheit; aber daß sich gerade zu der Zeit in meinem 156 Aus: »Die Indianer in England«. 157

Das heißt lachende Augen.

– 201 – Grunde etwas furchtbar Ernstes vollzog, ahnte natürlich niemand.” Berna mag etwa sechzehn Jahre gewesen sein, ein schlankes, hübsches, bleichsüchtiges Mädchen – mit skratternde øgon. Die Familie hoffte, Vater möchte sie heiraten und schickte sie deshalb für längere Zeit zu Verwandten nach Hamburg. Aber Vater, der praktische Absichten witterte, zog sich nun zurück und mußte damit leider das ihm liebe Mädchen kränken. Ich fühle, wie schön es ihm ist, Berna jetzt nach soviel Jahren wieder näherzutreten und dabei eine Unebenheit in ihr, mag sie noch so leicht sein, sanft zu glätten. Berna fiel so sehr die Ähnlichkeit Vaters mit ihrem Bruder Leodor und mit ihrem Vater in gewissen Zügen auf. “Leodor hat auch dies”, sagte sie, “daß alles so sein muß, wie er es wünscht.” Sie meinte, daß er die Tatsachen willkürlich umdeutet. Mutter zum Beispiel hatte in den letzten Tagen Schmerzen, die Ischias zu sein schienen. Aber die Heftigkeit, womit Vater solche Vermutung von sich wies! Es kann gar kein Ischias für Mutter geben, weil er nicht möchte! Leodor wurde uns von Berna geschildert als ein liebevoller, unendlich liebevoller Tyrann. Seine Frau ist sehr hingebend und ihre Ehe die glücklichste, die man denken kann. Den Kindern und auch den Geschwistern gegenüber hält er sich als Patriarch. Aber der Alte war tyranisch! So daß der eine Sohn Georg (der “Edelste” von allen, wie die liebe Berna sagt) jetzt im Alter von einundvierzig Jahren erst zu leben beginnen darf! Berna erzählte noch Interessantes von ihrem Vater: Er hatte immer irgendeine Liebschaft, und als Achtundachtzigjähriger eine so starke, daß er beschloß, seine Freundin zu heiraten. Er erklärte dies seinen Kindern, die begreiflicherweise außer sich gerieten und auf alle Weise versuchten, ihn davon abzubringen. Da die Stockholmer Kinder kein Glück mit ihren Vorhaltungen hatten, berief Leodor Berna aus Kopenhagen zu Hilfe. Sie, als die Mutigste, versprach, die Sache in Ordnung zu bringen. Sie fing an, mit Aufwand ihrer ganzen Energie, auf den Vater einzureden. Sie möchte mit Achtung an ihn denken, sie möchte auch, daß mit Achtung von ihm in der Stadt gesprochen würde, und wenn er sich wirklich verheiraten wollte, so könnte er das ja tun, aber keines seiner Kinder würde jemals wieder seine Schwelle betreten. Sie brachte ihn wirklich soweit, daß er, in flammender Wut, seinen Verlobungsring (er trug tatsächlich einen!) vom Finger riß und aus dem Fenster auf die Straße schleuderte. Damit war die fatale Angelegenheit entschieden; es gab nur noch ein kleines Nachspiel: Jeden Abend vor Schlafengehen pflegte der alte Onkel Patience zu legen und dabei seine Gedanken laut vor sich hinzusprechen. Am Abend des Tages, an dem die Szene zwischen ihm und Berna stattgefunden hatte, stand während seiner Patience die Tür zum Nebenzimmer offen, wo Berna sich aufhielt, die nun ungewollt hörte, wie der Alte die Karten auf den Tisch schmiß mit einem: “Die verfluchte Gesellschaft! Dieses unverschämte Mädchen, diese Berna! So eine Unverschämtheit! Die meinen nämlich, ich kann nicht mehr …!” – Als Berna das hörte, warf sie sich in ihren Mantel, sprang die Treppen hinunter, in ein Auto, zu Leodor, um ihm diese Kostbarkeit unter Lachkrämpfen mitzuteilen! Vater war entzückt. “Das ist mythisch groß! Und das ist ganz mein Onkel! Daß ich diese Geschichte nun weiß! Gerade dies fehlte, um sein Bild abzurunden!” Er hing sehr am Leben, noch im höchsten Alter; nur in den letzten Wochen, als er nicht mehr ausgehen konnte, sich zu amüsieren und immer frierend am Ofen sitzen mußte, da erklärte er sich mit dem Tode “einverstanden”, wie Berna sagt. Während eines Kusses drückte mir Vater die Hand so heftig, daß mich eine kleine Wunde am Zeigefinger, die mir ein Brotmesser im Lazarett zugefügt hatte, schmerzte. Als er es bemerkte, tat es ihm leid. “Nein, nein, im Gegenteil”, sagte ich, “ich mag gern, wenn du mir in der Zärtlichkeit weh tust. Warum, das weiß ich eigentlich nicht recht.” “Doch, es ist ganz klar, weil Schmerz versinnlicht, das Erlebte greifbar macht. Oder, wie du auch fühlst, es wird immer auf dies hinauskommen. Aber sag, wie du fühlst!” “Ich kann nicht gut; es schwebt mir zu sehr, und wenn ich etwas sage, wird es so grob und viel zu stark und allgemein gerauskommen, und du wirst irregeleitet.” “Nein, sag!” “Es ist ein kleines Martyrium, das süß ist, weil es eine kleine Ekstase ist. Also das äußerste Ende, und darum schön.” “Und das ist gerade, was ich meine. Für das Letzte haben wir keinen andern Ausdruck als die Hyperbel – oder die Umkehrung. Wie man auch in der Zärtlichkeit sagen kann zum Beispiel “du Scheusal!” Und um das ganze Feld abzukloppen: Bei kranken Menschen kann

Beispiel “du Scheusal!” Und um das ganze Feld abzukloppen: Bei kranken Menschen kann – 202 – dies Prinzip zum Lustmord führen.” “Und bei Genialen wegen ihrer höchsten Lebhaftigkeit zur Perversität?” “Nein, das bestreite ich. Geniale Menschen sind nie pervers. Weil es nicht mittendrin bei ihnen gehemmt wird und absurrt, sondern der Weg zwischen Zentrum und Peripherie immer frei bleibt.” 18. September 1915 Mir hatte das Quisquis Deum intelligit, Deus fit Eindruck gemacht. Aber Vater wollte es nicht als höchste Form gelten lassen, was ich nicht ganz verstand. Überhaupt nicht, wie Vater im Einzelfalle immer die Grenze zwischen Mystik und Philosophie klar bestimmen kann, da mir in der guten Mystik der Einheitsgedanke durchaus unantastbar scheint. Dies wollte Vater nicht anerkennen, weil die Mystik die Welt nicht richtig bestimmt. Das Streben nach Vergottung, wie es auch der lateinische Satz von oben zum Ausdruck bringt, lehnt Vater ebenfalls ab. “Der Baum kann nicht Tier werden; es gilt nur die Gnadenwahl; Gott sein! nicht Gott werden!” – Ich fragte, ob der Spinozismus keine sittliche Forderung in sich schlösse. “Nein, glücklicherweise nicht. Er sagt nur: es ist! nicht: es wird! oder: du sollst! wie Kants kategorischer Imperativ. Schon die mathematische Form der Ethik weist auf die bloße logische Folgerung und schließt Entwicklung in der Zeit aus. Die Ethik ist eine Beschreibung. Daher ist auch die Titelgebung genial: Es wird geschildert, wie es Sitte ist unter den Menschen, wie es bei ihnen zugeht (auch das Wort Moral hat ja eigentlich keinen andern Sinn – von mos[o mit waagerechtem Strich]: Sitte). Und schließlich hat Spinoza in seinem Werk sich selbst beschrieben. So wie Christus sich beschrieben hat, der das größte praktische Beispiel zum Spinozismus darstellt, der mit seinem ‘Wahrlich, ich sage euch’ seine Natur schildert und der pharisäischen entgegenstellt und der die gleiche Sittenlehre predigt wie Spinoza, nämlich in dem: ‘Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie’ – das heißt: ihr seid alle Sünder, das heißt: es gibt keine Sünde, also kein Gut und Böse.” Worin denn, bei Voraussetzung der Gnadenwahl, die Aufgabe für den Erwählten läge, fragte ich noch einmal. “Tief in sich zu schürfen nach dem Letzten, was er in sich birgt; und nach außen abstreifen die Zwiebelhäute der Welt und Umgebung alle.” – Ich wollte mir aber nun erst recht mein Quisquis Deum intelligit, Deus fit nicht nehmen lassen, denn es schien mir von Anfang an nichts andres zu wollen, als daß der Mensch den Geist in sich erkenne und so zu Geist werde. Darauf ließ mir Vater dies Wort zu, obgleich ihm die Formulierung nicht recht war. Ich kam noch einmal auf den Titel »Ethik« zu sprechen und drückte ein Befremden darüber aus, daß nur die Affektenlehre damit bezeichnet sei und nicht die Philosophie, nicht die Kernsätze, die mir die Hauptsache schienen. Vater antwortete: “Nein, der Titel ist absolut richtig, und die Ethik ist die Hauptsache, weil durchaus der Mensch dem Menschen die Hauptsache und einziges Objekt ist. Die metaphysischen Sätze stellen nur Stützen dar, sie wollen nur deutlich machen, daß der Mensch ein Modus der Substanz ist; nachher wird die Beschaffenheit dieses Modus gezeigt. Daß für uns diese Sätze mehr bedeuten, hat mit der Absicht des Autors nichts zu schaffen.” Mir wurde klar diese Übereinstimmung von Vater und Spinoza: Sie kommen beide auf die Praxis hinaus. Über den Titel »Ethik« sagte Vater noch, daß darin Spinozas Frömmigkeit läge, seine jüdische Frömmigkeit: Gottesverehrung. Neulich sprachen wir über Konflikte, ob es die gäbe. “Ja, für die gewöhnlichen schwachen Menschen durchaus; für die genialen gibt es keine Konflikte, sondern nur gordische Knoten!” 21. September 1915 Vater fand unter zufällig erhaltenen Skripturen aus seiner Jugendzeit ein dramatisches Fragment, zum Teil in plattdeutschem Dialekt: Ein Dienstmädchen wird fälschlich des Diebstahls bezichtigt. Es ist nur der erste Beginn in erster Niederschrift vorhanden, die tragische Entwicklung in der Anlage aber schon erkennbar. Solche gerade in der allereinfachsten Seele darzustellen, reizte ihn damals, aber für ganz kurze Zeit nur wie begreiflich, so daß er den

darzustellen, reizte ihn damals, aber für ganz kurze Zeit nur wie begreiflich, so daß er den – 203 – Entwurf liegenließ.158 25. September 1915 Vater wollte auf mein Bitten mir seine Vorrede in erweiterter, prächtigerer Gestalt vorlesen. “Ich hab eben so was Niedliches hineingebracht, gerade eben. Mal sehn, ob du wohl die Niedlichkeit entdeckst!” Ich fand sie wohl: “Das mit den kleinen Buchstaben, die die Infektionsträger sind, nicht wahr?”159 “Ja natürlich. Und: Das habe ich dir, mein teures Weib, zu danken!160 Denn wie du heut früh in mein Zimmer kamst, übtest du solch einen Guß von Niedlichkeit in mich hinein(sic), wie du da so standest. Und da mußte ich dann sagen: ‘Treuloser Aeneas, wie konntest du deine Dido verlassen?!’ 161 Und du sagtest dann auch noch: ‘Wie? Den – Do?’ – und da war plötzlich die Stelle mit den Buchstaben gemacht.” Vater ist jetzt mit der Vorrede zufrieden und möchte sie gleich nach Friedensschluß in der »Zukunft« veröffentlichen (vorausgesetzt, daß Harden sie bringt), das Werk einige Monate später herausgeben. “Höchstens fehlt mir zu meiner ganzen Befriedigung noch ein großes Gleichnis, das im Mittelpunkt stünde. Sieh mal, ich hatte eins, aber ich ließ es doch weg als nicht ganz passend. Es wäre an die Stelle über den Denker gekommen.” Und Vater las von einem Zettel: daß der Denker aus dem Lethe Vergessen des Lebens trinkt, dann aber aus anderem Strom Erinnerung des Ewigen. – Ich erklärte mich damit überhaupt nicht für einverstanden. “Warum nicht?” fragte Vater. “Weil es die volksmäßige Auffassung vom Philosophen zu unterstützen scheint, als ob er das Leben negierte; er soll es doch nicht vergessen, er soll es nur ewig leben. Und so kommt mir dein Gleichnis trivial vor.” “Ja, siehst du, so muß es dir auch vorkommen, und doch liegt das nur an der Rohheit meiner ersten Notizen, denn gemeint ist es ganz anders; als Vergessen nur für die Praxis der andern!” “Du meinst: daß der Philosoph aus Liebe handelt?” “Ja, aber daß meine ersten Niederschriften meist trivial scheinen und mißverständlich sind selbst für dich, das kommt daher, weil ich immer am Ganzen bin. Sieh, ich hab etwas ganz Wunderliches – aber du darfst es nicht als Krankheit auffassen, denn es ist meine Gesundheit! Und ich hab das von jeher so, solange ich denken kann: als wäre an meinem Kopfe, gerade wo die Glatze ist, eine offene Stelle; dadurch hör ich beständig wie ein leises Rieseln, so wie ganz wunderbares Waldweben. Und das rührt her von einer beschriebenen Rolle, die vom Himmel herunterreicht in meinen Kopf. Darauf stehn alle meine Werke: was ich geschrieben habe und noch schreiben werde und auch, was ich nicht schreiben werde. Und jedes meiner Zettelchen gehört in diese unendliche Rolle, und ich schreibe meine Bemerkungen so roh und trivial, weil sie ja doch nur Sinn haben, wenn ich sie an ihren Platz auf der Rolle hineinarbeite; ich für mich habe immer den Sinn des Ganzen. So war es schon früher, als ich die vielen trivialen Gedichte schrieb: mir war da nichts Triviales, alles schwang mir mit, auch sie gehörten in die Rolle. Und weil immer die große Rolle in meinem Kopfe rauscht, darum kann ich auch immer an all meinen Sachen zugleich arbeiten und manchmal ein bloßes ‘Und’ einfügen an irgendeiner Stelle meines Hauptwerkes zum Beispiel. Ich tu es manchmal nicht – aus Faulheit oder andern Gründen, aber ich könnte immer.”162 26. September 1915 Vater erzählte Mutter und mir heute morgen von seiner Großmutter mütterlicherseits, 157 163heißt lachende Augen. Das Bela. “Es ist deine Urgroßmutter”, sagte er zu mir, “und ich bin ganz sicher, daß, was du 158 Im Nachlaß von mir gefunden und vernichtet. 158 Im Nachlaß von mir gefunden und vernichtet. 159 »Deutschenhaß, Judenhaß und die Ursache des Krieges«, Nord und Süd, Januar 1917, Seite 60. Seite 60. 160 Zitat aus einem kleinen Stück, das meine Schwester als Kind auf unsrem Puppentheater improvisierte. improvisierte. 161 Vater war gestern abend blieb im Schultheiß-Café und hatte erwartet, daß ich nachkommen würde. Allzu lazarettmüde ich aber zu Hause. 162 würde. Allzu lazarettmüde blieb ich aber zu Hause. Vgl. Vom Einsiedler Constantin Brunner. 162 Vgl. Vom Einsiedler Constantin Brunner. 163 Behle, das ist Bella, geborene Stern aus Gnoyen in Mecklenburg, heiratete Lewin Isaak.

– 204 – an Ästhetik und Lust an Märchen und Geschichten und im Umgang mit Kindern hast, ihr Erbteil ist. Und wir beide sind also auch verwandtschaftlich aus einer Wurzel und zum Teil daher einander so ähnlich”. Die alte Frau hat ihm in seiner frühen Kindheit mehr Eindruck gemacht als alle andern Personen. Sie war groß und stattlich und dem Kinde die beste Erzählerin und gute Freundin. “Sie erzählte ohne Kunst, aber war immer so ganz drin in den Sachen. Und was mir von andern vielleicht peinlich gewesen wäre – bei der Großmutter nicht. So hatte sie mir versprochen: Wenn der Junge Barmitzwe wird, kriegt er von mir eine goldene Uhr mit goldener Kette. Die Großmutter las mit Leidenschaft (wovon sich auch auf die Tochter Rieke vererbte) Romane aus Zeitschriften. Es waren meist historische; der Toleranzkaiser Joseph, Leopold, Maria Theresia (»Der Poldl hat a Buab« und andere Anekdoten spielten eine Rolle), auch Napoleon, wurden wie lebende Personen ihres Kreises eifrig besprochen. In den späteren Jahren mußte Vaters Schwester Elli vorlesen, und keine Störung wurde dann zugelassen: Haushalt, selbst Besuch wurden in den Vorlesestunden nicht anerkannt. Einen humoristischen Kritiker dieser Vorlesungen stellte Vaters Bruder Akiba dar, der sich besonders über seiner Schwester immer wiederholtes “Gnädige Durchlaucht um [HMs. S. 314: (sic) für und] Papa”, das durch einen langen Roman ging, köstlich amüsierte. Vater besinnt sich noch auf den Tod der alten Frau, wenigstens darauf, wie er, vielleicht achtjährig, im Bett gelegen, und die Mutter hereinkam, den Ofen heizen wollte und dabei in Schluchzen zusammenbrach. – In der Großmutter Umgang war dem Kinde vor allem Rabbi Dovid interessant, der häufig bei ihr aus- und einging und besonders sie über Politik belehrte, wovon sie gar nichts verstand (“Das habe ich auch geerbt,” sagte ich). Am Sonntag pflegte die ganze Familie mit Rabbe Dovid einen Ausflug zu Bekannten nach Othmarschen zu machen, das Kind wurde im Kinderwagen gefahren, und da war ihm der merkwürdigste Moment, wenn Rabbi Dovid, “dessen ehrwürdiges, etwas verfinstertes Gesicht” Vater noch erinnert, seine Uhr herausholte: “Es ist Minche-Zeit!” und unbekümmert um Zuschauer sich mitten auf der Landstraße hinstellte, um sein Gebet zu verrichten und erst weiterzugehen, nachdem es beendet und er die vorschriftsmäßigen drei Schritte rückwärts und dann wieder vorwärts getan hatte. – In seinen letzten Jahren wurde Rabbi Dovid verrückt. Einmal war die kleine Elli, die er besonders gern mochte, bei ihm zum Besuch. Plötzlich faßte er das Kind am Genick und hielt es eine ganze Weile zum offenen Fenster hinaus mit den Worten: “Siehst du, wenn ich dich jetzt fallen lasse und du liegst zerschmettert auf dem Hof, kann mir nichts passieren, denn sie sagen ja, ich bin verrückt!” 6. Oktober 1915 Die furchtbare Offensive im Westen. “Zum ersten Mal in diesem Krieg bin ich besorgt. Nicht ängstlich, aber doch sehr besorgt.” Vater leidet wieder unter der Spannung, fühlt sich elend und kann nicht arbeiten. Von Wienbrack, für den es nun auch ernst geworden ist, aus dem Westen eine seiner rührenden Karten und zum Schluß die Bitte: “Erhalten Sie mir meine Gedanken!” Kein Leiden greift Vater jetzt so ans Herz wie das seine. “Aus dem ganz egoistischen Grunde, weil er den stärkeren Ausdruck findet.” Schmerzlich die engen Grenzen, die Vaters Wohltätigkeit gesetzt sind. Zuweilen zitiert er wehmütig scherzend: “Schmeiß den Kerl raus, er bricht mir das Herz!” Solch ein Kerl ist auch Wienbracks verlassene Geliebte, Frau Buch, für die Vater gar keine Sympathie fühlt (“so roh alles!”), aber großes Mitleid. Magdalena wird in wenigen Tagen in Heyns Haus eintreten. “Gewiß, es wird auch Schwierigkeiten haben; aber die sind bei allem, und diese Sache ist an sich gut wie wenige. Dieses Gute wollte ich und hab es begonnen; das andere müssen sie dann selber machen. Man kann einen Menschen immer nur aufs Pferd setzen – reiten muß er selber.” Vater hat Magdalena vorher Aufgabe und Richtung angedeutet. “Sie wird es nicht ganz können, denn sie Sie wohnten zuerst in Fackenburg bei Lübeck, später in Altona, wo sie sich Levy nannten. Unter ihren acht Kindern, die alle in Fackenburg geboren wurden, ist Rieke, Vaters Mutter.

– 205 – versteht sich aufs Leben nicht, aber ein wenig wird sie vielleicht doch auch von dem ihrer Natur Fremden lernen und auf jeden Fall, wie es sei, wird sie Gutes wirken.” – Die Trennung von Vater ist ihr natürlich sehr hart angekommen, aber sie beugte sich ohne Widerstand seiner Einsicht und Entschließung. Erna ist auch fort bis auf weiteres nach Heilsberg, ihrer Heimat. Ich war noch einmal und eigentlich ungewöhnlich herzlich mit ihr zusammen. Sie strömt Jugend und Wärme aus, spricht hastig, in kindlichem Durcheinander, aber immer lebendig. Zum Abschied sagte sie mit Erröten: “Darf ich Sie einmal, ein einziges Mal, auf den Mund küssen?” Ich faßte sie um und küßte ihre Wange: “Nein, bitte nicht auf den Mund, denn so küsse ich niemand als Vater!” Auch von Mutter ging sie zärtlich. Vater hält viel von ihr; aber die Entfernung sei ihr gut und notwendig. 10. Oktober 1915 Vater sprach von Magdalena, Erna, Lou, wie sie sich die “Ehe” mit ihm so leicht gedacht (von Lou als der genialsten, aber philiströsesten – “sie ist eine Schwester von Nietzsche, von einer Mutter wenigstens; der Vater war ein anderer”), und wie er sich nie, auch in seinen jungen Jahren nicht, zur Ehe hätte einfangen lassen. “Und dann wieder – das weißt du ja, Kind, halte ich die Ehe streng wie keiner!” Bei der Betrachtung dieses scheinbaren Widerspruches äußerte ich mich über die Gegensätzlichkeit seines Wesens überhaupt, in der Art wie ich Seite344 getan. “Ja”, sagte er, “und so ist es mit meinem Theoretischen genau. Ich bin ebensowohl Demokrat wie Aristokrat und so weiter bis in die letzten Gedanken. Aber das alles immer im lebendigen systematischen Zusammenhang, so daß, wer mich auf einen dieser Gegensätze festnageln wollte, mir Unrecht täte. Ich brauche zu meiner Existenz die unendliche Freiheit der Bewegung, ein isolierter Standpunkt ist mir zu – – gottlos! Und das ist es, was ich bei denen nicht vertragen konnte, die die ‘Ehe’ mit mir wollten. Und darum bleibt mein Verhältnis zu dir so einzig und allein mir natürlich, weil da alles drin ist.” Daß die Entscheidung dieses Krieges auf dem Balkan fallen wird, glaubt Vater mit den meisten; aber im Gegensatz zu ihnen rechnet er auf ein verhältnismäßig schnelles Ende. Er erwartet sogar einen Sonderfrieden mit Rußland, nachdem es erkannt hat, daß es Konstantinopel nicht bekommen wird. “Dann hat Rußland kein Kriegsziel mehr. Und schließlich kommt für jedes Land der Augenblick, wo es sich fragt: Wieviel habe ich noch einzusezten und wieviel zu gewinnen?” Heute früh rief Vater mich zu sich hinein und las mir zuerst »Ein feste Burg ist unser Gott« und darauf den 46. Psalm aus der Bibel vor. “Was ist schöner?” “Ach, was für eine Frage! Das eine Mal spricht der liebe Gott selber und das andre Mal schließlich doch der Mensch Luther!” Und ich war von dem Psalm so hingerissen, daß ich im Vergleich damit den herrlichen Choral ein Rauflied nannte. Dann verglichen wir oder vielmehr Vater verglich die Luther-Übersetzung des 46. Psalms mit der wörtlichen Meyerschen und mit dem Original, was sehr interessant war und trotz einiger Ungenauigkeiten, sogar Mißverständlichem, wieder Anlaß zu Bewunderung für Luther gab. “Einige Stellen sind außerordentlich schwer wiederzugeben, weil sie dunkel sind: mystisch, bei aller Gewalt.” Heyn hat neulich gesagt, wie Vater mir erzählte: “Wenn ich mein Ich denke, dann (in seiner stoßenden Manier) – dann bin ich tot!” In ironischer Beziehung auf schlechte Liebesgaben für unsere Soldaten: “Zum Tode – geht’s!” Vater liebt Schmuck nur aus wertvollem Material, also Gold oder Edelsteinen. Silber läßt er nur gelten, wenn die Arbeit sehr kunstreich ist, Halbedelsteine gar nicht. 12. Oktober 1915

12. Oktober 1915 – 206 – Gestern vormittag besprach Vater einige Stellen seiner Vorrede mit mir: aus “und das Erlebte hat sich uns nicht in die Kleider gesetzt”, ist geworden: “Im Rosengarten sitzen wir nicht”. Obwohl er ihn gut findet, war ihm der erste Ausdruck zu vulgär und auch gar zu parallel dem folgenden: “Und was wir erfahren, fällt auf keinen Stein!” “So etwas wie ‘es setzt sich einem nicht in die Kleider’ und andere konkrete Wendungen dieser Art habe ich oft von meiner Mutter gehört und im Gedächtnis behalten. So hilft mir meine Mutter beim Arbeiten. Auch was ich neulich bei Magnussens gebrauchte: einem den Dampf antun, das heißt nämlich den Höllendampf, stammt von ihr.” Dann zeigte Vater mir die Stelle von den Buchstaben als Infektionsträger (vgl. S. 312). “Ob wohl ein Leser merkt, wie zart eigentlich meine Witze sind??… ‘als Infektionsträger die kleinen, sogenannten…’ – da erwartet man: Mikroben oder jedenfalls ein wissenschaftliches Wort. Und dann kommt ganz einfach: Buchstaben! ‘Typen’ wäre schon verkehrt gewesen. – Solche Feinheiten habe ich zu Tausenden in meinen Arbeiten versteckt, und davon merkt vielleicht nach hundert Jahren mal ein Leser eine und ein anderer wieder eine andere. Aber das schadet ja nichts.” Zuletzt trug mir Vater ein Bedenken vor. Es heißt eimal: “Die namenlose staunende Süßigkeit und Seligkeit des Gedankens” usw. “Kann man das sagen?” fragte er. “Ja, staunende Süßigkeit meinst du? Ich weiß noch nicht recht. Ich glaube nur mit einem Caesar supra grammaticos.” “Aber warum kann man sagen: staunende Seligkeit?” “Weil man auch sagen kann: ich bin selig, aber nicht: ich bin süß!” “Siehst du, das ist aber gerade, was ich meine! Ich meine wirklich: ich bin süß geworden im Denken. Und ich möchte nicht gern Rücksicht nehmen auf die schlechten Leser (was freilich gerade bei diesem Werk die meisten sein werden). Und dann denke ich auch, niemand wird mir vorwerfen können, daß ich salopp schriebe, und so kann ich eine Sache wagen. (Vater klagt zuweilen, daß er weniger Mut zum Ungewöhnlichen habe als andere Schriftsteller.) Das ‘staunend’ gibt mir nämlich Farbe in den Satz; es ist sonst ein guter Schwarz-weiß Satz, aber ich brauche Farbe.” – Wir kamen schließlich dahin, die Bedenken fallenzulassen. Aber nach einer Stunde suchte mich Vater noch einmal auf: “Jetzt hab ichs gemacht; es heißt nun: ‘Ins aufgetan Ewige staunende Süßigkeit und Seligkeit’164 usw. Nun bin ich in Ordnung!” – Vorher hatten wir noch alles mögliche erwogen, aber wieder verworfen; zum Beispiel “namenlose Süßigkeit und staunende Seligkeit”, womit jedoch der Rhythmus des Satzes verloren hätte, und überhaupt sollte “Süßigkeit und Seligkeit” als Verbum solemne ungetrennt stehenbleiben. 16. Oktober 1915 “Die Asta Nielsen ist ein großes Phänomen. Ja, es ist eine rasende Unmöglichkeit, daß so etwas überhaupt existiert! Wie Shakespeare. Ich denke sie meist mit Shakespeare zusammen. Und fühle mich ganz mit ihr verwandt – wenn auch nur im Verstehen. Sie begreift die ganze Welt dramatisch (und man kann die Welt als Drama nehmen!) und – kann sie darstellen! Mit diesem, was ich nicht anders nennen kann wie: absolute Verwandlungsfähigkeit. So mit dieser fabelhaften Geschwindigkeit in alles hineingleiten, von einem zum andern, und dann fällt alles ganz von ihr ab, und es erscheint ihr völliges Drübersein, was das Allerwunderbarste ist.” Vater hat sich neulich in der Stadt erst mit Elsa, am Abend mit Alice getroffen. “Was für ein Unterschied das doch immer gleich ist, ob einer aus dem Zentrum kommt oder von der Peripherie! In jedem Kopfschütteln der ganze Gegensatz. Mit Alice geht es doch nicht, trotz ihrem Hunger. Jede Frage ist verkehrt, die sie stellt! Dagegen Elsa, die fast stumm ist – die wenigen Worte, die sie spricht, ihr Schweigen selbst kommt aus dem Richtigen her.” 17. Oktober 1915 “‘Die Hand pflegen’ – das ist ein Ausdruck, der mir den höchsten Ekel erregt. Lieber wollte ich doch mit einer Hure umgehen als mit einer Frau, die – ‘ihre Hand pflegt!’ Die Hand, Mutter. 164

»Deutschenhaß, Judenhaß und die Ursache des Krieges«, Nord und Süd, Januar 1917, Seite 63.

– 207 – dieses groß Wunderbare, ein Mensch am Menschen – ja, ein Extra-Mensch! – und das zweite Geschlechtsorgan. Die Hand pflegen – ebenso gut oder so scheußlich könnte eine Frau sagen, sie schrubbert ihre Vagina.” Vater hat vor Magnussens seine Vorrede gelesen. Ich hörte zu und quälte mich, weil er schlecht las, so, daß ich immer nicht wußte: gefällt mir die Sache heute nicht, oder hat nur das Lesen schuld. Und dann ängstigte mich der Gedanke, Vater könnte nachher fragen: Nun, war es schön? oder so ähnlich, und ich würde dann die schreckliche Wahl haben zwischen Lüge und Kränkung seiner. Aber als Magnussens fort waren (und sie mußten gleich nach der Beendigung zu ihrem Zuge), sagte Vater: “Ich habe sehr schlecht gelesen.” Ich war erlöst, kam gleich mit der vollen Wahrheit heraus, ohne zu wollen; den Kopf gegen seine Brust: “Ich habe mich geschämt.” “Was, vor Magnussens?!” “Unsinn, nein! Vor dir, vor mir! vor der Sache!” – In sanfter, zärtlicher hingeneigter Weise: “Weißt du denn aber nicht, daß du das nicht durftest? Weil ich mich doch schon geschämt habe! Und daher doch mein schlechtes Lesen. Sieh, ich hatte von Anfang an ein Widerstreben, gerade Magnussens gerade diese Sache vorzulesen. Weil sie ihnen ja eigentlich zuwiderläuft. Und dann wollte ich es wieder erst recht; ich muß Magnussens manchmal solch einen kleinen Stoß geben, denn es ist doch immer ein kleiner Stoß vorwärts. Nun las ich also gezwungen. Und ich darf, ich kann nichts Gezwungenes tun. Ich war beständig in Magnussens drin, und damit war mir die Sache entwertet, verschwand mir zu einem Nichts. Deshalb las ich so – – – ja, wie denn?” “Mit Fanatismus an Stelle der Leidenschaft. Hättest du matter, gleichgültiger gelesen als sonst, es würde mich nicht so getroffen haben. Aber gerade dies Gesteigerte, und nun hohl!…” “Ja, das ist das Scheußliche dann, wenn man die Technik hat, von den früheren Malen her. – Aber welch schönes Zusammen doch, daß auch du dich geschämt hast!” Übrigens hatten Magnussens die Unnatur des Lesens auch empfunden. Nur daß er als Arzt die Ursache allein in Vaters körperlichem Zustand suchte, der in der Tat schlecht war: Herzklopfen und Hitze. 22. Oktober 1915 Dagegen hat Vater vor Herrlikow, der eben ein paar Tage zum Besuch hier war, dieselbe Vorrede ganz wundervoll gelesen. Es schien mir etwas Löwenhaftes darin an Kraft mit Eleganz. Auffallend übrigens und wie ungemein charakteristisch für Vaters Art, daß sowohl sein philosophisches Werk wie dieses je in zwei Reden eingeschlossen sind (Ankündigung – Schluß; Vorrede – Christusrede). Vater selber äußert sich über die Vorrede zum Judenbuch (ich denke noch der Zeit, wo es nur ein “kurzes Vorwort” geben sollte und mein Zweifel daran abgewiesen wurde!) zufriedener als über irgend etwas von seinen andern Arbeiten. Der Bau gefällt ihm, und am Ausdruck habe er besonders sorgsam gefeilt. Was ich neulich anläßlich dieser Rede sagte, dem stimmte er lebhaft zu: “Du nimmst in deinen Ansprachen dein Publikum immer ein bißchen höher, als du es eigentlich mit deinem Urteil wertest und so deine Leser wie den einzelnen Menschen, den du im persönlichen Verkehr fördern willst.” “Das haben alle die großen Erzieher getan (mir standen besonders Christus und Franz von Assisi vor) und haben damit eine Zeitlang die besseren Menschen in die Höhe gebracht.” Herrlikow war wieder ein lieber Gast, mit seiner goldenen Herzlichkeit und seinem ungezügelten studentenhaften Lachen, das Mutter und mich leicht angreift. Solche hingebende Liebe zu seinem “Meister”! Der rein treue Blick, womit er ihm lange und wie schmelzend ins Auge sieht! Und die Wonne über jedes ernste Wort, das Vater spricht, das Gelächter auch beim schlechtesten Witz! Von höchster Wichtigkeit war uns das Resultat seiner ärztlichen Untersuchung. Er bezeichnet nicht nur Vaters Herz, sondern auch das Gefäßsystem als vollständig gesund, was besonders Mutter, die immer Arteriosklerose befürchtete, beruhigt. Vaters Leiden sei rein neurasthenischer Natur, versichert Herrlikow, und Magnussen habe recht in der Diagnose wie in der Behandlung.

– 208 – Aus einem Gespräch mit Herrlikow über die Vererbung: daß alle Modi unmittelbar von der Substanz abhingen, nie ein Modus vom andern. Die Modi seien zwar Grade, aber nicht Stufen, die zu höherer Entwicklung auseinander hervorgingen. Der Vater zeuge das Kind nicht so, daß er stürbe und in das neue Wesen überginge. Und gegen das: “Es gibt keine Sprünge in der Natur” sei zu setzen: Es gibt nur Sprünge in der Natur! Zwischen den Graden, die wir wahrnehmen, sind unzählige andre, die uns verborgen bleiben; hätten wir wirklich eine Form zwischen Affen und Mensch entdeckt, was wäre gewonnen? Es fehlten von neuem die Zwischenglieder. – Es kam schließlich darauf hinaus, daß Bewegung und Kausalität sich nicht denken lassen. Ein leichtes “Bösesein” Vaters auf Magnussens von der Vorlesung her. Ich muß durchs Telephon sagen, daß er böse sei, und er telephoniert nicht! Eigentlich straft Vater gern! Und dann ist wieder Scham dabei. Aus Scham, vielfach gemischter Scham, wird er tyrannisch. Dabei schwärmte er: “Wie wir neulich mit Herrlikow bei Magnussens waren (nach der verunglückten Vorlesung!) – diese Zartheit von Magnussen! Kein Wort gesprochen, alles nur zum Ausdruck gebracht durch eine Nuance größerer Zärtlichkeit, womit er mich über den Korridor ins Zimmer geleitete – ein Handauflegen, ein leise, leise modifizierter Klang in der Stimme. Aber wenn man es versteht – mir ersetzt das eine Rede von gottbegnadeter Zunge!” In einer Unterhaltung mit Herrlikow rühmte Vater die ursprüngliche unverdorbene Idee der Beichte als wundervoll, das “Sich-Ausgießen in einen reinen Menschen” als beglückend und höchst natürlich und erzählte von der starken Hinneigung zum Katholizismus, die er in seinen Kinder- und auch noch in seinen Jünglingsjahren empfunden. 23. Oktober 1915 Über Goethes »Epimenides«, den Vater so zwischendurch heute gelesen, daß die Arbeit “außer der Kälte, den häufigen Verlegenheitsreimen, der Manieriertheit (“Manier von Faust II”) und anderen Scheußlichkeiten auch – mit Erlaubnis zu sagen! – so etwas Verlogenes habe”. “Mir hat heute nacht geträumt – richtig geträumt, denn ich wachte mit der Vorstellung auf – ich wäre mit dir nach Sils Baseglia gegangen und hätte als Muraigl dich Muottas gefragt: ‘Wird hier die Schlacht an der Marne [HMs.:Marme] verkauft?’ Du, wie immer dann, ganz hilflos verwundert: ‘Was ist das?’ ‘Ja, ich meine bloß, weil hier überall ansteht: Marmeladen!’” Auf der Straße küßte Vater heute meine Hand, mitten während des Miteinandergehens, und sagte ganz schnell darauf, ohne es vorher ausgedacht zu haben: “Der Kuß soll durch den Handschuh dringen Und mit deinem Herzen springen. – Ist das was? Ich hab gar nicht nachgedacht.” Im November, meint Vater, etwa im letzten Drittel, müsse sich die politische Lage klären und natürlich zu unsern Gunsten. 31. Oktober 1915 Ein schöner Vormittag heute in Vaters Zimmer. Draußen schmolz leise der verfrühte Schnee; Spatzen, die auf unsrem Balkon ihr Futter empfangen, setzten sich auf das äußere Brett zuerst des rechten, dann des linken Fensters und blickten mit eindringlich fordernden Augen durch die Scheiben. Vater sprach über seine Arbeit. Er steht jetzt bei einem Aufsatz über Künstler und Denker, den er schnell fertigmachen, ja schon an Mutters Geburtstag, am 8. November, vorlesen will. Das ursprünglich im Zusammenhang geplante Werk über die Vereinigung der Künstler mit den Denkern (woraus der Teil über Wienbracks Spinozabüste schon abgetrennt worden) hat er nun ganz in verschiedene Aufsätze aufzulösen sich entschlossen, die er in einer Essay-Sammlung mit anderen seiner kleinen Arbeiten zusammen heraus-

sen, die er in einer Essay-Sammlung mit anderen seiner kleinen Arbeiten zusammen heraus– 209 – geben möchte. Dabei kam unser Gespräch auch auf den in der »Zukunft« veröffentlichten Aufsatz über Goethes Verhältnis zu Spinoza.165 “Es soll nichts sein als eine Zusammenstellung von Daten, den falschen Angaben eines Chamberlain und derartiger Leute entgegenzuhalten.” Vater hat sich jetzt aus seinem Safe von der Bank geholt, was die Grundlage seines Werkes über den Geist bilden soll166 und las mir daraus vor den Anfang, der das Wesen des Geistes durch das der Relativität erklärt (wobei Vater die Darstellung “klar bis zur Flachheit” nannte) und weiterhin über die Modifikation des praktischen Verstandes im Kunstwerk. Diese Auseinandersetzung – sie war ihm wie neu, er las ohne Erinnerung – freute ihn sehr; er fand sie wichtig. “Das ist nun was von meiner Ästhetik und ist, glaube ich, zum ersten Mal überhaupt Ästhetik. Denn wo wird sonst gesagt, was eigentlich mit dem Kunstwerk los ist?! Natürlich hab ich’s noch nicht geschrieben, da fehlt noch viel an Kernwörtern und auch sonst, steckt aber auch schon manches drin, und jedenfalls kann ich einigermaßen beruhigt sein, denn selbst wenn ich im Alter und mit schwächerem Geiste daran ginge, fände ich das feste Gerüst vor. Und so ist es auch mit meinem Werk über das Analogon. – Als ich sagte: “Aber der Band über den Geist wäre doch das Wichtigste?” gab er zur Antwort: “Du Närrchen, wenn ich dir aber verspreche, daß dich das Analogonwerk sehr überraschen soll, wirst du’s doch glauben?! Und sogar könnte ich dies für das Nötigere halten, denn das abstrakte Denken vollzieht sich schließlich in den dafür Fähigen ganz von selber, aber die Mittel zur Abwehr des Verkehrten muß man ihnen geben. Übrigens aber ist mir im Grunde alles gleich wichtig und hab ich da kein Groß und Klein.” – Ich fragte, ob denn auch die Praxis der Lehre von den Geistigen und vom Volke so weit entwickelt und dargestellt sei, daß sie nicht für leere Utopie müßte angesehen werden. “Utopie oder nicht – die großen Utopien sind noch immer Wirklichkeit geworden. Und das ist mir gleich. – Übrigens wirst du noch einmal in ganz anderer Weise als bisher sehen, welche Rolle ich den Juden in diesem praktischen Verhältnis zuerkenne. Davon habe ich in meinem Judenbuch nichts verlauten lassen, wo ich lediglich den historischen, keinen psychologisch-philosophischen oder sonst höheren Standpunkt einnehme. Ich bin nun fertig damit und genug Jude gewesen; es ist mir recht, ich habe auch eine Ritter- und Pietätspflicht mit dem Buch erfüllt. Nun aber weiter und anders! Nicht wie Nietzsche, der mit dem Folgenden immer sein Voriges totschlägt – bei mir ist kein Gegensatz, beide Auffassungen stehen mit- und ineinander.” – Er meinte so, wie Denken sub specie relativitatis und sub specie aeterni sich nicht aus-, sondern einschließt. Wie der Künstler mit den Mitteln des modifizierten praktischen Verstandes sein Geisteswerk schafft, darüber sprachen wir noch nach der Richtung, daß die ganz großen Künstler jeder sein Originalmittel gehabt; zum Beispiel Rembrandt sein besonderes Licht. “Ja, und wenn mir die Welt anders entgegengekommen wäre und ich hätte mich freier ausbreiten können, dann würde auch ich meine bestimmten Mittel gebraucht und gepflegt haben. Solch ein Mittel wäre mir unter anderm Kant gewesen!” Ich sagte, daß mir der Aufsatz über Wienbracks Spinozabüste, der ja eigentlich auch Vaters ästhetischen Grundgedanken enthält, nicht so besonders lieb sei, daß ich etwas von Oratorik und Emphase beinahe unangenehm empfände. “Mag schon sein”, antwortete Vater. “Ich glaube auch, daß mir nur der große prinzipielle Zusammenhang liegt, wo ich breit auf freier Bahn aus dem Vollen entwickeln kann.” “Ja, du mußt immer mit vollen Backen blasen, und da brauchst du schon einen ordentlichen Sack!” “Meine kleinen Sachen taugen vielleicht nur dann, wenn sie Abschnitzel von großen sind.” “Ja, wie die kleine Sache über den Ruhm.” – Als das Äußerste nach der ungünstigen Seite bezeichnete ich die Erklärung in »Ost und West«: »Eine Spinozagesellschaft?«. Vater gab das durchaus zu; die Technik des pathetischen Stils sei ihm natürlich geworden, und nun müsse er sie anwenden auch da, wo vielleicht der Inhalt nicht zureiche. Seite 63. 165 21. Jahrgang, November 1912. 165 21. Jahrgang, November 1912. 166 In der Waidmannsluster Zeit niedergeschrieben, 1902-1904.

6. November 1915

– 210 – “Der Aufsatz über Künstler und Philosophen wird doch größer, als ich anfänglich dachte, und ganz unmöglich bis zu Mutters Geburtstag fertig.” – Als ob Mutter und ich eine Sekunde lang ernstlich darauf gerechnet hätten! Johannes Hafer, in dessen kleiner, aber ernsthaft geordneten Welt sich gerade jetzt allerlei schwer herumzuwälzen scheint, hatte neulich, da er uns besuchte, auffallend traurige Augen. “Wenn ich in solche traurige Augen blicke, ist mir immer gerade, als sähe ich den Tod darin hocken, als machte sich der Tod darin breit.” – Inzwischen hat Vater den Johannes schon freier und glücklicher gemacht. Wo ein Fünkchen Ernst in einem Menschen lebt, und er streift nur das Äußerste von Vaters Sphäre, zieht es ihn hinein. Sollte man glauben, daß unsre Schneiderin, Fräulein Kaprolath, die seit einigen Jahren bei uns im Hause für Mutter und mich arbeitet, neulich sehr aufgeregt Vater gebeten hat, ihr eine Stunde für ein Gespräch zu schenken? Und daß dabei nichts herauskam als Sehnsucht, für die ihr verlorengegangene Religion, an der sie in der Jugend fromm gehangen, einen besseren Ersatz zu bekommen und die Überzeugung, daß nur Vater ihr Verlangen stillen könnte? Die Kaprolath ist nun zwar echt in solchem und in jedem Gefühl, aber wahrlich nicht stark an Verstand; so war es für Vater schwer, ihr ein Positives zu versprechen. Doch will er sich natürlich weiter um sie bemühen, wie er für jede suchende Seele immer ganz da ist, und vorläufig hat er ihr gesagt: ob nicht das schon ein Trost für sie sein könnte, daß sie in ihm einen Menschen sähe, der gleich ihr in der Religion gelebt, dann die Religion überwunden hätte und danach nicht ebenso glücklich geblieben, sondern glücklicher geworden wäre! – Es soll sie in der Tat beruhigt haben. Eine besondere Aufgabe erfüllt Vater gerade in diesen Tagen an einem jungen Mädchen, Inge von Holtzendorf, Tochter von Hermine von Preuschen und dem verstorbenen Konrad Telmann. Hermione hat meine Eltern vor Jahren auf einer norwegischen Reise kennengelernt; sie verkehrt seitdem freundschaftlich in unsrem Hause. Ihre Tochter Inge, die mit ihrer Schwester bei Verwandten erzogen wurde, hat die Pflegeeltern verlassen, um bei der Mutter zu leben – eine weit vollere Natur als Hermine. Sie ist groß gewachsen, goldblond von Haar, bauernhaft und königlich zugleich Erscheinung und Gesicht; wenn dies Gesicht schön wird von innen heraus, glänzt es in einer Verklärung sondergleichen. So sehen wir es nun oft, weil Vater auf sie wirkt und auch, weil sie in eine Liebe verstrickt ist. Ihr Freund, ein verheirateter Mann von beinahe fünfzig Jahren, Vater mehrerer Kinder, will sie heiraten, und sie kam zu uns, fest für ihn entschieden. Nicht von ihm sie abzubringen, war Vaters Streben (“denn ich glaube schon, daß es ein guter Mann sein wird, ein tüchtiges und reines Mädchen wie Inge vertraut sich wohl keinem schlechten”), aber sie vor allzu schnellem Handeln zu bewahren in einem immerhin so schwierigen Fall. Schnell hat er zunächst dies erreicht, daß sie ihm versprach, sich einige Wochen zu bedenken. “Vielleicht, daß doch der Kopf ein paar Tropfen Wasser in das brennende Herz gießt. Wie ich es angefangen habe mit Inge? Indem ich mich während meines Sprechens ganz zu Inge gemacht habe, konnte ich ihr sie selbst zum ersten Male nackt zeigen und ihr auch den Mann, den sie liebt und mit dem sie vorher ganz in eins verflossen war, gegenüberstellen, daß sie ihn nun deutlicher sieht als vorher. Ich verwandle mich bei so etwas vollständig in den Menschen, den ich zu einem bestimmten Ziel, zu seinem eigentlichen Ziel, hinhaben will. Ich spreche dieses Ziel gar nicht aus; er selbst muß es mir benennen und froh sein.” Inge ist in der Tat glücklich und sieht ihr Leben wieder schön, nachdem sie schreckliche Aufregungen durchgemacht: Die unverständige Mutter, Gefahr für ihr Kind fürchtend, hatte zu den plumpsten Mitteln gegriffen (zum Beispiel die Frau von Inges Freund von ihren Zusammenkünften benachrichtigt, Material gegen ihn gesammelt, um Inge abzuschrecken usw.); sofort mußte sie Vater versprechen, all ihre häßlichen Schritte einzustellen, dafür sollte Inge als Gegenleistung die Bedenkzeit zusichern. Zugleich möchte er auch den Mann prüfen; er hofft, daß ein Vorschlag zur Verzögerung dessen eigenem Wunsch und Verantwortungsgefühl entgegenkommt. – Vater hat nun ein paar Tage außerordentlich in dieser Angelegenheit zu tun, indem er besonders stundenlange Gespräche mit Inge führt. “Sie sagt wenig, aber es ist doch immer so, daß ich ihres produktiven Mitgehens gewiß bin. Du weißt, was ich darin verlange, und sie versteht

ihres produktiven Mitgehens gewiß bin. Du weißt, was ich darin verlange, und sie versteht – 211 – in der Tat alles. Es ist doch merkwürdig, wie sich der bessere Mensch in jeder Einzelheit dokumentiert! Dies wird nie anerkannte Wahrheit werden, weil es dem Interesse der andern zuwiderläuft, aber es ist doch so. Ich sagte zu Inge: Würdest du das nun natürlich finden, wenn ich dir unter Umständen, wenn ich meinte, daß es sein müßte, ein paar tüchtige Ohrfeigen gäbe? Daß dies einfach ein starker Ausdruck wäre, eine Hyperbel auf den Backen?! – Aber das ist doch selbstverständlich! sagte sie.” – Solche Wirksamkeit an Menschen äußert sich in und an Vater genau wie Schaffen an seinen Werken; sie macht ihn lebhaft, angeregt, fröhlich, und er fühlt seine Leiden nur in den Pausen und nach dem Ende. Nichts ist ihm natürlich wie dies. Ich glaube, daß er auf Frauen noch viel leichter seinen Einfluß übt als auf Männer. Wenigstens sagte er mir gerade gestern: “Du weißt, ich erzähle dir immer alles, und so sage ich dir auch, daß ich mir, während ich an Inge arbeitete, immer deutlich dessen bewußt war, daß ich dies über sie vermochte, weil ich Mann bin. Wenn ich gewollt hätte – ich hätte den ganzen andern Mann, so ernst und schön sie ihn liebt, so wegblasen können und sie zu mir ziehen. Aber ich wollte natürlich gar nicht. Im Gegenteil war ich von Anfang an darauf aus, ihm zu nützen.” Inge empfand, wie sie sagt, nach dem ersten Stutzen, Vaters Art als durchaus selbstverständlich. Sie gehört zu den wenigen, für die die Sphäre des Genialen die eigentliche Lebenssphäre ist. Konventionen existieren nicht, wenn Vater sich ernsthaft mit einem Menschen zu schaffen macht. Er duzte natürlich auch Inge ohne weiteres. Gestern sagte er ihr guten Tag mit “Na, mein Ingel?” Seine Art ist zärtlich; väterlich zärtlich, Haare und Gesicht streichelnd; hin und wieder auch ritterlich mit einem Handkuß. Erstaunlich, wenn er an solcher Aufgabe bemüht ist, wie alle seine Kräfte nur dahin schießen, wie heiß das Interesse daran, alles andere ausschließend, wie er emsig mit Telephonieren, Schreiben und was sonst zu tun. Es anzusehen regt etwas auf, indem man bedenkt, daß, wie er so für einen Menschen an der Arbeit ist, die Arbeit für die vielen Menschen zurückstehen muß. Aufsätze sollen jetzt herankommen, dann »Du und die Andern«, danach endlich der Band über den Geist. Aber inzwischen wird Neues konzipiert werden – vielleicht auch durch die veränderten Verhältnisse nach dem Kriege angeregt –, und auch diese Ideen werden ihr Anrecht auf Ausführung energisch geltend machen! Vater sagt mir eben, daß er während der Beschäftigung mit Inge doch auch seine Arbeit gefördert habe; aber er fühle sich nun sehr angestrengt – “wie ein Licht, das an zwei Enden angezündet sei”. Ich tröstete ihn: es wäre doch ein ewiges Lämpchen! Von Inge: sie sei trotz ihrer Reinheit noch im dunkeln gewesen über das, was sie ihrer weiblichen Würde und Wert schuldig; ihre Erkenntnis davon zu erhellen, habe Vater als seine Aufgabe betrachtet. Vater fühlt sich gestört, wenn Menschen körperlich größer sind als er (“Inge ist darin so taktvoll, daß sie sich unwillkürlich etwas duckt!”). In Waidmannslust kamen wir eine Zeit mit Bekannten von Eberhardt König häufiger zusammen, einem jungen, sehr langen Künstlerehepaar. Einmal begegneten wir ihnen bei einem Spaziergang, und ich erinnere mich, wie Vater sich, als er sie ankommen sah, auf einen hohen Stein, der am Wegrande lag, stellte. Die Äußerungen sind natürlich scherzhaft, aber zugrunde liegt ein ganz primitives Empfinden (wie Vater mir selbst erklärt hat): Wenn es zu einem leibhaftigen Kampf käme, wäre er als der Kleinere der Schwächere. Vater erzählte, daß er das Thema von der Technik des künstlerischen Schaffens (“eines der interessantesten!”) damals 167 nicht ohne egoistisches Motiv aufgegriffen hätte. “Denn das wußte ich allerdings immer, daß die Schöpferkraft sich keiner von außen holen kann, aber 166 In der Waidmannsluster Zeit niedergeschrieben, 1902-1904. 167

Er schrieb einen so betitelten Aufsatz für den »Zuschauer«.

– 212 – indem ich hoffte, daß die andern von ihrem Wie und dabei auch von geheimen Listen und Kniffen, die jeder hat (denn der Künstler ist immer ein Schlaukopf!), berichten würden, dachte ich, auch für mich zu profitieren. Die Beiträge sind dann kläglich genug ausgefallen. Die besseren Leute ließen mich meist ganz im Stich.” 12. November 1915 Dies, was sie selber erzählt, ist charakteristisch für Inge, für ihre Sensibilität und für das seltsam Primitive an ihr. Sie hat in Brunshaupten mit ihrer Mutter eine Dampferfahrt gemacht. “Und der Abend war so herrlich, daß ich ganz hingerissen wurde und meiner Mutter mein ganzes Herz öffnen mußte. Aber danach habe ich mich so entsetzlich geschämt – so, daß ich Mutter dann furchtbar gekratzt habe.” Vater, der sich sehr über diese Schilderung amüsierte, indem er sie an uns weitergab, fügte hinzu: “Sie wollte das Vertrauen, das sie ihrer Mutter geschenkt hatte, einfach wieder abkratzen!” 16. November 1915 “Wenn Marianne von Willemer tatsächlich die Gedichte gemacht hat, die unter ihrem Namen gehn – sie so gemacht hat, wie sie da sind –, dann ist sie Deutschlands größte, Deutschlands einzige Dichterin. Aber ich glaube es nicht; denn ich weiß, was Redaktion machen kann.” “Die griechische Säule mit all ihren Einzelheiten genau zu kennen, halte ich für das Wichtigste von allem, was gelernt werden kann. Die Säule als Individuum mit ihrem wunderbaren Leben, die Verschiedenheiten der Säulenarten – von da aus kann man zu allem gelangen. Die Menschwerdung Gottes ist daraus begreiflich.” “Ich war in meiner Jugend nur logisch und ethisch gerichtet, nicht ästhetisch. Aber was ich schließlich doch von Ästhetik in mir habe, das habe ich gelebt in der griechischen Sprache. In ihr habe ich mich immer so unendlich wohl gefühlt; und noch heute kommt mir manchmal die Sehnsucht an, das Griechische, das ich fast unbegreiflich vergessen habe, wieder neu zu lernen. Vielleicht nehme ich es auch nochmal wieder auf. Und mein Homer-Rezitieren – das war wirklich was! Die ganzen Gesänge konnte ich so auswendig hersagen – und mit strengster Innehaltung des Rhythmus, ohne doch daß die Knochen vorstanden!” Wir sprachen beim Spazierengehen im Babelsberger Park über die Stelle in Vaters Aufsatz168, wo von der Konzeption der Unendlichkeit der Attribute die Rede ist. Und Vater sagte: “Da ist so vieles in uns so zart, daß man es nicht sagen kann. Aber weißt du, wie ich die Unendlichkeit der Attribute zuweilen fühle? Wie dunkelblaue wolkige Säulen, die horizontal in meiner Brust gelagert sind.” Paula Magnussen ist krank und verwirrt durch ein gesteigertes Wollen, hinter dem ihr malerisches Können zurückbleibt. Im Gespräch darüber sagte ich: “Paula, die große Kunst macht dich rasend!” und Vater fand diese Bemerkung so zutreffend, daß er mich bat, sie aufzuschreiben. Vor zwei Jahren etwa hat sie Vater porträtiert: ein hübsch und lebendig gemaltes Bild, aber die Ähnlichkeit ist leider gering, und schließlich hat sie doch einen Caféhaus-Literaten aus ihm gemacht. Mutters Porträt, das zu Vaters diesjährigem Geburtstag entstand, zeigt bedeutend mehr Zusammenhang mit dem Modell und eine auffallende Lebhaftigkeit der Auffassung, freilich ist es etwas unsicher, unruhig, unfertig wie die meisten Arbeiten von Paula Magnussen. 19. November 1915 “Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, mit was für Empfindungen und Anschauungen ich ein Drama lese. Indem ich nämlich immerwährend verändere, es ganz umproduziere. Bei Shakespeare freilich hört das auf – weil er das Drama absolut kann. Und auch bei Kotzebue – weil 167 Er schrieb einen so betitelten Aufsatz für den »Zuschauer«. 168

Künstler und Philosophen, »Die Zukunft«, XXIV. Jahrgang Nr. 45, Seite 162f.

– 213 – der die Technik absolut kann; aber da kriege ich dann Schlaganfälle wegen der Plattitüden und Scheußlichkeiten des Inhalts.” Vater ist empört über die Rolle, die bei den jetzigen Jünglingen und jungen Mädchen das Erotische spielt, daß sie es immerwährend betont im Bewußtsein halten und ist empört über die Lektüre, die hierzu anregt. Wie unschuldig das in seiner Jugend und bei ihm gewesen sei; nur in anderem mitschwingend, nie isoliert herausgestellt! 28. November 1915 “Die letzten, größten Gedanken in wirklicher Klarheit und Anschaulichkeit entwickeln und greifbar machen, das können nur sehr wenige. Und doch ist es das Allerwichtigste.” Seine augenblickliche Arbeit169 fällt Vater leicht und natürlich, fast erholsam. Von Landauer: daß er ein Lyriker sei, der nicht dichten könne, ein kleiner Romantiker (das heißt ein Künstler ohne Kunst). Vater hat das damals in der »Zukunft« erschienene Gespräch über seine Lehre wieder gelesen und – “es hat mir eigentlich gut gefallen; nur da nicht, wo es darauf ankommt, das Eigentliche zu sagen.” Wir einigten uns darauf, daß das Gespräch zwar nicht gut, aber schön sei. “Ja, wie der ganze Landauer.” Vater meinte nachher, es wäre wohl möglich, daß Landauer noch einmal wieder zu ihm käme.170 Was mir sehr zur Überraschung gesagt war. 10. Dezember 1915 Das Vorwort zu seinem Judenbuch hat Vater sehr leicht – in anderthalbstündiger Arbeit – zu einem Aufsatz gemacht, der nun in »Nord und Süd« erscheinen wird. Harden hatte leider ablehnen müssen. “Jeder hat seinen körperlichen locus minoris resistentiae, ob er es weiß oder nicht, in der Anlage. Das ist ein vortrefflicher Ausdruck, der große Auseinandersetzungen spart. Für solch ein Wort fühle ich mich geradezu dankbar. Mein schwacher Punkt war mein Herz, lang ehe ich es wußte. Ich erinnere mich deutlich, wenn ich als junger Mensch – schon so mit drei-, vierundzwanzig Jahren – sehr viel und stark gesungen hatte (und das kam oft vor!), so empfand ich auf der linken Seite am Brustbein an einer betimmten Stelle einen Druck, den ich mir nicht zu deuten wußte, der sich aber auf die gleiche Art, nur verstärkt, wieder einstellte, als vor sieben Jahren meine erste schwere Herznervosität auftrat.” “Die großen Liebesnaturen – dazu rechne ich von unsren Menschen nur Heyn und Herrlikow – sind meist ebenso haltlos wie die Künstler. Heyn ist tiefer als Herrlikow, aber im Verstande weit ungeordneter und darum haltloser.” Edu ist jetzt ernsthaft zur »Lehre« und damit auch erst eigentlich zu Vater gekommen – alles ein wenig roh in der Auffassung und ungebildet, aber doch gut und tüchtig. Sein Humor bleibt der denkbar originellste. Es bedarf eines Beispiels, um eine Vorstellung davon zu geben: Er baut ganze Phantasien, komische Geschichten aus, die er manchmnal für sich und seinenBruder Ernst, der herrlich mitlachen kann, niederschreibt. Darin spielten bisher regelmäßig die Hauptrolle – seine Eltern, denn niemanden findet er komischer als sie; “sie treten auf”, heißt es. So richtet er in Gedanken ein Kino für sie ein, mit “fliegendem Büffet”, merkwürdigsten Klosettverhältnissen usw. Manchmal baut er abends im Bett ein Haus, worin alle komischen Leute seiner Familie wohnen, die er nun untereinander in Verwicklungen geraten läßt so drollig, daß er selber, manchmal zum Schrecken seiner 168 Frau, die ihn glaubt, auflachen muß. Aber die Hauptrollen fallen immer Künstler undschlafend Philosophen, »Dielaut Zukunft«, XXIV. Jahrgang Nr. 45, Seite 162f. 169

Über die Vereinigung der Künstler und Philosophen. Über die Vereinigung der Künstler und Philosophen. 170 Es war aus theoretischen Gründen im Jahre 1911 zum Bruch gekommen. Näheres darüber wird einmal aus der Veröffentlichung der Briefe hervorgehen. 169

– 214 – seinen Eltern zu, Tite (das ist Christian) und Elli – “das Künstlerpaar Titelli”, wie sie bei Edu heißen. Daher war es für ihn ein harter Schlag, als seine Mutter ihm nach einer Auseinandersetzung in einer ernsten Lebensangelegenheit, wobei er sich nicht ihren Wünschen entsprechend betragen hatte, erklärte: “Zur Strafe verbiete ich dir, mich wieder auftreten zu lassen.” Edu fühlte sich verloren. Er versuchte, Hanne und Isaak (Isaak, Sohn von Markus, dem Bruder von Vaters Mutter; Hanne, dessen Frau) als Ersatz dienen zu lassen – es ging nicht, seine Schaffenskraft war gelähmt. Sich streng an die Verordnung zu halten, war ihm selbstverständlich, aber er litt ernstlich. Wie groß war daher seine Freude, als nach einiger Zeit die Mutter sich ganz von selbst wieder “zum Auftreten” erbot! Sofort verfertigte er ein großes Plakat, das er seinem Bruder einschickte; es verkündigte, von einem Kranz umrahmt, das Wiederauftreten des Künstlerehepaares Titelli, “Elli, an den Dardanellen backt sieFrikandellen”, ist als besondere Sensation angegeben. In jede Frikandelle backt sie eine Stinkbombe ein, und Tite schmeißt dieses verhängnisvolle Gebäck gegen die feindlichen Schiffe, worauf sie prompt sinken. Es steckt Originalität und Kraft in der Familie. Von seinem alten schwedischen Onkel erzählte mir Vater neulich: wie einmal sein Geschäft ganz zugrunde gegangen und er längere Zeit ein gebrochener Mann gewesen, wie er da eines Nachts im Bett gelegen und zu sich gesprochen hätte: “Was, du willst Abraham Levy sein, der große Abraham Levy? Gar nichts bist du! Schämen mußt du dich! Aber du wirst wieder der große Levy werden!” Und er ließ noch in derselben Stunde seine Frau und alle seine Kinder an sein Bett treten, um ihnen zu verkündigen: “Ein halbes Jahr werdet ihr nichts essen können als Hering und Karoffeln, und mit zerrissenen Schuhen werdet ihr laufen – aber danach geht es wieder hoch!” – Und es hat nicht einmal so lange gedauert. “All mein Reden mit Elsa läuft immer nur auf das eine hinaus: Vertraue dir, so weißt du auch zu leben! Und ist ein beständiger Versuch, sie aus ihrer Stummheit, mit der sie geschlagen ist, zu erlösen. Viel wird mir ja nicht gelingen, aber ein wenig freier – und damit natürlich glücklicher – scheint sie mir doch schon geworden.” Gespräch zwischen Vater und Edu über die Geschlechtlichkeit des Mannes, wobei Vater bemerkte: daß der Harem die natürliche Form sei – aber, darauf komme es an: eine Favoritin müsse der bessere Mann haben und dieselbe müsse es bleiben, und sein Takt vollbrächte es, die Schwierigkeiten auszugleichen. Eine sehr bedeutende Erscheinung ist Inge für Vater geworden. “Das ist einmal ein vollkommener Fall! So genial wie Lou, ohne deren Philiströses und Verdrehtheiten. Alles so einfach und selbstverständlich. Und eine wunderbare Ähnlichkeit mit mir in allem Wesentlichen. Ihre lyrische Anlage halte ich – bei ihr! – für nebensächlich; sie hat Hauptbegabung (du weißt wohl, was ich damit meine).” Inge hat sich in Berlin ein Zimmer genommen und lernt; unter Vaters geistiger Leitung; einmal wöchentlich kommt sie her und hat Unterricht bei ihm in “Kunstgeschichte, Psychologie, in mir und in ihr. Du kannst glauben, daß sie ein vollendeter Schüler ist; immer produktiv im Aufnehmen. Manchmal beugt die Wucht des Empfangens sie nieder, so daß sie stöhnen muß. Und weil ich dir alles erzähle, will ich dir auch dies sagen: neulich war sie, dies starke Mädchen, ganz erschöpft von seelischer Ergriffenheit, ganz ermattet, und da sagte sie zu mir: Küsse mich! Ich tat es aber nicht und sagte, daß, wenn ich es getan haben würde, dies nicht, wie sie meinte, Freiheit wäre, sondern Schranke. Aber es ist nichts von den dummen Störungen wie bei Magdalena und Erna waren. Inge versteht alles wie ich selber und mit solcher Innigkeit. Inge – das heißt: Innige, habe ich schon gesagt; anders ist es nicht zu deuten.” Inge ist unendlich beglückt, wie ihr das neue Leben und sie selber aufgeht. “Was sie fühlt, das sind die Wonnen des Erzeugtwerdens; ich erzeuge Inge, sie ist mein wirkliches Kind; aber weil alles da ist, wächst es furchtbar geschwind.” Inge hat eine Reihe von Liebesmärchen geschrieben, auf die sie jetzt, mit dem neuen Maßstab, gar keinen Wert legt. Vor einiger Zeit hatte sie die kleine Sammlung an den

Maßstab, gar keinen Wert legt. Vor einiger Zeit hatte sie die kleine Sammlung an den – 215 – Xenien-Verlag gesandt, der sie sofort annahm. Aber dann fing sie gerade an, sich dieser Arbeit zu schämen und kümmerte sich nicht mehr um den Verlag. Sie hat nun auf Vaters Wunsch ihm die Märchen gegeben. Ich sagte: “Ich würde Inge veranlassen und anleiten, die Ungleichmäßigkeiten im Stil auszugleichen und eine gewisse jugendliche Üppigkeit in der Schilderung wie auch Monotonie in den Darstellungsmitteln (Blumen, Gold usw.) wegzubringen, was eine Kleinigkeit wäre, und dann sollte sie die Märchen herausgeben.” “Für Inge”, meinte Vater, “ist diese ganze Sache eine Nebensache, und es schadete sogar nichts, wenn sie die Blätter ins Feuer würfe! Aber du hast recht: es wäre eine Kleinigkeit. – Was mich persönlich freut – an den Märchen selbst, so schön sie sind, liegt mir schließlich nichts –, das ist zu sehen, wie alles immer das Eine ist, und jedes darauf hinausgeht und davon herkommt.” – Am Abend sagte Vater noch zu mir: “Weißt du, wie ich die Märchen empfand? Als wenn ein ganz junges Mädchen sich nackt auszieht und dann sich duckt und die Brust mit den Händen bedeckt, weil es sich seiner Nacktheit schämt.” 15. Dezember 1915 Mutter kam darauf, daß sich aus dem Namen Inge: “Geni” machen läßt (daß “Genie in Inge steckt”, wie sie sagte), meinte aber, wir wollten es ihr nicht sagen, um sie nicht zu verwöhnen. Vater lächelte in sich hinein. “Einem so großen Menschen wie Inge kann überhaupt nichts schaden; wohl aber sind wir verpflichtet, ihm alle nur mögliche Ehrfurcht zu erweisen; auch schon um das zu leisten und auszugleichen, was die anderen versäumen, die sich immer nachher vorphantasieren, sie hätten als Ochs und Esel an der Krippe gekniet. – Als ich Inge kennenlernte, wollte ich zuerst ihrer Größe nicht ganz glauben; was mich bedenklich machte, war die Erfahrung, daß es Schöne gibt, die sich nicht entwickeln. Nun aber weiß ich von Inge: sie braucht sich gar nicht mehr zu entwickeln; es ist alles da. Hier endlich auch das Verhältnis des Künstlerischen zum Philosophischen vollkommen, nämlich so, daß es nicht zum Bruch in ihr kommen könnte; sie wird die Hauptgedanken nie verlassen, weil sie in ihr liegen. Was ich an ihr tue? Blutdüngung!” Zu gestern hatte Inge ihr Drama (denn die Bezeichnung verlangt das Werk, obwohl sie selber sie ihm nicht gibt) von der Jungfrau Maria geschickt, “von der Frau, die das Heilige gebar und es nicht begriff” (sagte Inge). Vater las es am Abend Mutter und mir vor und war zum Schluß, beim Allerletzten so erschüttert, wie ich ihn kaum gesehen: daß er vor Tränen keine Stimme mehr hatte. “Was mich da am Schluß so wahnsinnig erschütterte”, sagte er nachher entschuldigend, “war, daß während die Maria sich verflucht, vom Himmel her die Benedeiung erklingt. Weil, was da oben geschieht, so gar nichts zu tun hat mit dem hier unten; ja gegen unser Wissen und Wollen vollzieht sich das Eigentliche. – Sehr fein und richtig auch, wie Inge die Maria nicht irrsinnig werden läßt; aber ich würde als Schauspielerin ihr letztes (‘Er war ein König und ich habe es nicht gewußt!’) mit dem Schrei des Wahnsinns geben. Denn nachher wird sie wahnsinnig.” Zwischen siebzehn und achtzehn Jahren hat Inge die »Maria« geschrieben. aus der gleichen Zeit stammt »Die Dirne«. Er will Hermine, die ihrer Inge so dumm (dumm bewundernd!) gegenübersteht, bei Gelegenheit sagen: sie solle sich hüten, die Frau zu sein, die das Heilige gebar und es nicht begriff! Vater war ein paar Tage in Hamburg bei Heyns, wo jetzt ja auch Magdalena ist. “Ich muß nun endlich reisen (Heyn drängte Monate schon mit der ihm eigentümlichen herzlichen Energie), weil ich fühle, daß er mich braucht.” Vater kam guter Stimmung zurück nach angenehmen, vergnügten Tagen und vor allem mit dem Bewußtsein, glücklich gewirkt zu haben. In erster Linie auf das Verhältnis der Eheleute. “Heyn ist ein Mensch, der vorwärtskommen kann; er richtet sich genau nach dem, was ich ihm sage und befindet sich gut dabei. Er versteht und kennt nun seine Fehler besser, vor allem natürlich diese entsetzliche Gewalttätigkeit! und wenn er sie auch nicht entfernt ganz ablegen wird, so lernt er doch ausgleichen und vergüten. Auch seine Frau hat große Fortschritte im Vertändnis seiner und

ausgleichen und vergüten. Auch seine Frau hat große Fortschritte im Vertändnis seiner und – 216 – in der Liebe gemacht. Ja, ich halte für möglich, sie so weit zu bringen, daß sie begreift, wie gerade in dem, was ihr oft unerträglich ist, seine Schönheit beruht!” Von Heyn erwähnte Vater noch als bemerkenswert, daß er jetzt endlich glaube, lesen zu müssen, einige bestimmte Bücher. “Magdalena hat ihn schon zu Shakespeare gebracht, und ich habe ihm geraten, mit »Hamlet« und »Timon« den Anfang zu machen.” Seinen Aufenthalt in Hamburg wollte Vater auch zur Gelegenheit nehmen, Otto Ernst zu besuchen, dem er immer noch freundschaftlich zugetan ist, obwohl ihre Wege sich nirgendwo berühren, und obwohl “Otto nicht gut an mir gehandelt hat, indem er mich gänzlich vernachlässigte. – Ich traf ihn nicht zu Haus. Aber Helmy (Ottos Frau) war da, und wir hatten eine solche echte Freude und Herzlichkeit miteinander, ganz wunderschön, so daß selbst der kleine erworbene Hochmutszug in ihrem Gesicht davor verschwand. Auch Lore, Gerda und Senta hab ich flüchtig gesehen – reizende Mädchen – und alles wäre herrlich gewesen, wenn nicht unglücklicherweise Helmy mir zum Abschied Ottos Kriegsbuch gegeben hätte. Das hätte sie nicht tun dürfen! Ich hab es in der Bahn von Anfang bis zu Ende durchgelesen; ich mußte es bis zu Ende lesen, denn nun wollte ich die Seele in ihrer ganzen Nacktheit, in ihrer ganzen Roheit sehen. Roheit aller Feinheit und Tüchtigkeit gegenüber. Ach, und ich glaube: es ist alles ehrlich gemeinte Roheit! Wie froh wäre ich gewesen, hätte ich mir sagen dürfen: du hast einen Schwindler zum Freund! Ich habe mich ernstlich gefragt: ob ich nicht verpflichtet bin, ihm einen ehrlichen Absagebrief zu schreiben, worin ich ihm auch gesagt hätte, daß ich mich zu Nietzsche stelle, wenn er, der so viel Kleinere, mit so plumpen Hieben und Stößen auf ihn losgeht (wie ich ja auch damals aus seinem Nietzsche-Vortrag einfach davongelaufen bin171). Einen Absagebrief um der Weltgerechtigkeit willen; weil die eine Schale so voll ist von Ruhm und Geld, so glaubte ich mich einen Augenblick verpflichtet, etwas, das ganz Andre! in die andre Schale zu legen. Aber ich entschloß mich dann gleich, es zu unterlassen. Weil erstens es die Weltbewegung schon von selber besorgt und dann, weil ich ihn doch nicht dazu bringen könnte zu sagen: Ja, es ist wahr, lieber sollen hunderttausend andre Unanständige das Publikum verderben, ich will von jetzt ab schweigen! – Ich habe ihm ja alles gesagt damals, vor Jahren, als er noch auf der Kippe stand; von da ab datiert auch seine Feindseligkeit gegen mich. Und ganz früh schon hab ich ihn immer darauf gewiesen: Du mußt Publikum werden; nur da ruht deine Begabung! Nachdem ich nun das Kriegsbuch durchgelesen hatte, schämte ich mich so entsetzlich, den Besuch gemacht zu haben. Das ist die Scham des produktiven Menschen, wovon sich der stumpfere keinen Begriff machen kann. Man schämt sich seiner schöpferischen Organe! Genau so, wie die nackte Frau Brüste und Schoß bedeckt, das, womit sie zeugt, und will es bewahren und nicht preisgeben. Das ist die zarte Scham, die den Produktiven so plötzlich überfällt und den Unbegreifenden launisch und inkommensurabel erscheint.” 16. Dezember 1915 “Jede Tragödie ist die des geistigen Menschen. Selbst da, wo das Geistige verschüttet und begraben liegt und nur plötzlich so gewaltsam und grotesk hervorbricht: ich meine im Lear, der mir mit die größte von Shakespeares Tragödien ist. Na, überhaupt Shakespeare! So ein Sprecher! Der einzige, den wir nach der Bibel gehabt haben. Der alles sagen kann! Und mit einem machen kann, was er will: beseligen, erstaunen und das Herz umdrehn. Wenn ich an ihn denke bloß, fühle ich, als ob mein Herz gequirlt würde, und ich erinnere mich dann, wie oft er mir das Herz zerwrungen hat!” Vater fiel unter Lachen neulich ein, daß er früher öfter im Scherz zu Mutter gesagt: “Was megärst du?” wenn sie mit Nachdruck um etwas bat. “Nein, keine losgelöste Lyrik, wie ich immer sage! Aber doch muß es das geben für die, die mit ihrer Natur auf der Stelle stehen (wie du zum Beispiel), und für diese Könige muß es so sein, daß sie immer gleich wissen, wo ihre Krone liegt, damit sie sie aufsetzen können. Ja, wird einmal aus der Veröffentlichung der Briefe hervorgehen. 171

“Ausgerissen bist du wie Schafsleder”, schrieb Otto Ernst in bezug darauf.

– 217 – eine Krone ist die Lyrik.” 20. Dezember 1915 Vater hängt stark der Regel vom Goldenen Schnitt an und schätzt daher in hohem Maße ihren Urheber Zeising. Ich besinne mich, wie er schon vor vielen Jahren bei seinem Unterricht in Kunstgeschichte, den er in einigen Berliner Pensionaten erteilte, dies Gesetz hervorhob (besonders anläßlich des Parthenon), und auch jetzt erzählt er mir, daß er Inge ausführlich davon gesprochen und sie sehr damit beglückt habe.172 “Ich finde keinen Anlaß, Heine den Dichter des Meeres zu nennen. Er hat über das Meer nicht anders gesprochen und nicht besser wie über vieles und beinahe alles, was er überhaupt bespricht. Wirklich merkwürdig bleibt dagegen, daß ein Dichter wie Goethe so gar nichts nicht nur über das Meer, sondern auch über das Gebirge gesagt hat.” Ich bin dafür, daß die gewöhnlichen Menschen früh heiraten, die guten spät und die besten gar nicht; denn wo sollen diese auch ihren Menschen gerade finden?” Vater betrachtet sein ursprüngliches Vorwort zum Judenbuch nun gänzlich als besonderen Aufsatz173 und ist sogar noch zweifelhaft, ob er diese Arbeit bei Erscheinen des Buches ihm voransetzen soll. Aber wahrscheinlich wird er es tun “weil dies zum Plädoyer gehört”. “Da Inge so wenig spricht, aber vorzüglich auf Fragen antwortet, wende ich bei ihr eine ganz besondere Art erothematischer Methode an. Ich lasse bei meiner Frage mehrere Glieder aus, und sie springt dann in ihrer Antwort mit großer Sicherheit so weit sie soll. Und intellektuelle Freuden kann Inge haben! Was die so für Hochzeiten feiert im Gespräch mit mir!” Von Erna Porsch: daß sie in ihrem Stil dieselbe Grazie hätte wie in ihrer entzückenden Aussprache, – “und immer so viel Kleinvieh in den Nebensätzen!” Vater erzählt öfters die Geschichte, wie kurz nach Erfindung der Eisenbahn der Pfarrer seinen Bauern die Lokomotive erklärt. Habt ihr nun alle verstanden? fragt er. Jawoll, ist die Antwort des wortführenden Bauern; aber ‘nen Peerd is doch drin! – “Das ist so tief! Für die Philologen ist immer ‘nen Peerd drin, und nur das Peerd, was sie in jedem Falle suchen.” Der Berichterstattung unsres Generalstabes schenkt Vater zwar im allgemeinen Vertrauen, doch nicht ohne sich darüber klar zu sein, daß sie Ungünstiges möglichst übergeht. “Sie macht es ungefähr so wie der Schuljunge, der seinem Vater fortwährend erzählt, wie viele Plätze er raufgekommen ist. Der stolze Vater erfährt schließlich zu seinem Erstaunen, daß der Sohn einen sehr niedrigen Platz einnimmt: Er hatte nie erzählt von den Fällen, wo er runtergekommen war!” Über Briefe sprach Vater, und wie sie von Außenstehenden immer mißdeutet werden müßten, da die seelische Beziehung zwischen Schreiber und Adressat immer unausgesprochene Voraussetzung bleibe, dem Fremden verschlossen. Was sich die Philologen im Auslegen von Briefen geleistet hätten! Wie Briefstellen, die nur im Zusammenhang mit solchem, was dem Schreiber und dem Adressaten bekannt ist, Sinn haben, Anlaß zu den wildesten Schlußfolgerungen gäben. Auch wenn Leute sich nicht entsprechend ausdrücken können oder mit Gewalt liebenswürdig sein wollen, schreiben sie oft so, daß das Licht ganz verkehrt fällt. So zum 171 Beispiel Prof. Stein, derwie jetzt kürzlich, alsschrieb Vater Otto ihm Ernst seinenin Aufsatz »Deutschenhaß und “Ausgerissen bist du Schafsleder”, bezug darauf. 172

Vgl. auch »Lehre« Seite 635 Anmerkung. Vgl. auch »Lehre« Seite 635 Anmerkung. 173 Erschienen unter dem Titel »Deutschenhaß, Judenhaß und die Ursache des Krieges« im Januarheft von »Nord und Süd« 1917. 172

– 218 – Judenhaß« eingesandt hatte, in seiner Antwort wehmütig der Stunden gemeinsamen Philosophierens gedenkt. “Und ich kann doch schwören, daß ich nie mit ihm philosophiert habe, es auch gar nicht könnte, daß ich vielmehr all seinen Versuchen dazu glücklich aus dem Wege gegangen bin. Aber nach diesem Brief könnte ein Unbeteiligter ihn für einen geistigen Intimus von mir halten.” 24. Dezember 1915 Scherzhaft sagte ich von Vaters Handschrift, die so viel von seinem Wesen ausdrückt (und da er Leo heißt): ex ungue leonem. Man hatte Vater, der Misdroy so sehr liebt, den Wald von Heringsdorf gerühmt. Er fand ihn aber dürftig und sagte, mit Beziehung auf die vielen Berliner Juden, die sich Sommers in Heringsdorf aufhalten: “Das ist doch kein Wald – das sind die zwölf Stämme!” 25. Dezember 1915 Gestern zur Weihnachtsfeier las Vater wie in jedem Jahr die Weihnachtsgeschichte (aus Lucas) und danach 1 Korinther 13. Darüber sprachen wir zwei noch, und ich sagte: “Höher gibt es doch einfach nicht.” “Nein, in der Sache nicht. Nur im Ausdruck. Ich meine: die Unendlichkeit der Attribute.” Im weiteren Verlauf des Gesprächs erklärte Vater noch das “gleichwie ich erkannt bin” als die Liebe, womit Gott sich selber liebt. Inge hat Vater zum Fest einen “Brief” geschickt: ein Heft mit einer Dichtung, worin sie das Leben ihrer letzten Monate ausspricht. Sie erbat sich von Vater, es uns nicht zu zeigen – aus Scham. “Es ist die wunderbarste und mächtigste Huldigung, die mir je dargebracht worden ist. Aber du weißt, daß ich es so nicht empfinde. Schade, schade, daß ich es euch nicht geben darf. Und auch, daß niemand außer mir etwas davon haben soll. Inge ist die erste Frau, die ich kennenlerne – und vielleicht die einzige überhaupt – die sich ganz nackt ausziehen und so zeigen kann. Aber daher diese Scham! So daß sie gerade es am wenigsten kann. Nur vor mir kann sie.” Er erzählte mir dann doch einiges vom Löwen Constantin, dem König, dessen Stadt die Magd Tiefher (Vater hatte einmal im Gespräch “Du Tiefher” zu ihr gesagt) durchschreitet, und von ihrem Sänger Haidehald. Vater las mir sogar eine Stelle vor (später mehrere). “Aber ich sage Inge nachher, daß ich es getan habe.” Mir fällt auf, wie unbedingt ehrlich Vater in allem mit Inge verfährt. Wenn ich ihn andern gegenüber manchmal nicht streng genug in dieser Hinsicht finde, so erscheint mir dies jetzt als Rücksichtnahme auf ihre Schwäche. Inge ist stark, und Verhältnis und Verpflichtung sind so ernst, daß sich peinlichste Aufrichtigkeit eigentlich von selbst versteht. Vater nannte diesen Weihnachtsbrief von Inge “ein Geschenk, für das königlich kein Ausdruck ist, und wovor ich wie ein Bettler stehe”. Wir spielten Charaden raten (wir spielen aber sehr selten, leider!) und wählten auf meine Veranlassung für Vater, der den »Faust« auswendig kennt, “Der Philosoph, der tritt herein”, was er natürlich nicht herausbekommen konnte, aber es war doch sehr nett, wie wir (Mutter, Ernst Müller, Inge und ich) gar nichts äußerten, sondern wie vorher um den Tisch saßen, und auch Vater hatte ja weiter nichts zu tun , als bloß hereinzukommen, was er ohnedies tat, und nun fragte er natürlich immer, was denn wäre, was denn sein sollte, und wir ermunterten ihn, doch zu raten, denn es wäre alles fertig und richtig so. Ernst Müller ist, wie beinahe alljährlich, unser Weihnachtsgast für mehrere Tage. Angenehm, freundlich, anspruchslos bis zum Komischen. Aber das Gespräch wird durch ihn etwas einseitig literarisch, mit starker Hinneigung zum Witzigen, hauptsächlich Wortwitzigen. Er arbeitet seit Jahren an einer Homer-Übersetzung in Prosa, denn er haßt die Vossische und möchte ihr eine schlichtere und sachlichere gegenüberstellen. Gestern las er eine Probe vor (den 19. Gesang der Odyssee). Vater war höchst unzufrieden, bezeichnete heute mir gegenüber diese Arbeit als “richtiges Narrenwerk”. Was ihn vor allem aufbrachte, war der

gegenüber diese Arbeit als “richtiges Narrenwerk”. Was ihn vor allem aufbrachte, war der – 219 – Rhythmus, der wie unglücklich aufgelöste Vossische Hexameter wirkte. 30. Dezember 1915 Vaters Aufsatz »Deutschenhaß und Judenhaß« ist von der Zensur derart beschnitten worden, daß überhaupt alles auf den Judenhaß unmittelbar Gesagte, sogar die zweite Hälfte des Titels, weggestrichen ist. Infolgedessen hat Vater natürlich von einer Veröffentlichung in »Nord und Süd« Abstand genommen. Was ihn sehr amüsierte, war, daß die Streichungen gerade bei dem Ausdruck “Wir können die Zunge nicht gebrauchen” einsetzten. Inge war neulich, da Vater ihr aus seinem neuen Aufsatz die Stelle über die Attribute vorlas, davon so erschüttert, daß sie ein Strom von Tränen übergoß. “Ich habe so noch gar nicht weinen sehen – überhaupt, als ob sie wegschwimmen wollte.” Erna Porsch leidet bei ihren Eltern in Heilsberg das Schicksal einer Gefangenen und Nervenkranken. Offenbar hat ihre Liebe zu Vater sie so unglücklich und krank gemacht174. Von Nietzsches »Ecce Homo«: “Mit dem Gestank einer solchen Schändung den Höchsten vom Kreuze zu reißen und sich selber, ein wahnsinniges, scheußliches Gespenst, an seine Stelle zu hängen, so mit Lüge und Gestank mußte ja Nietzsche abfahren.” 1. Januar 1916 Gestern sahen wir Asta Nielsen in dem geistreichen Film »Die falsche Asta Nielsen«. “Ich sehe sie natürlich lieber im Tragischen, aber sie kann alles und mir ist sogar besonders wert, dies nun auch zu kennen. Denn es ist wie ein Stück Biographie, womit sie einem persönlich nahe tritt: eine Art vornehmen Protests, die Verleumdung der Welt abzuwehren. Ich mußte unwillkürlich an Nietzsches »Ecce Homo« denken: was für ein Unterschied es ist, ob so eine Dreckseele sich vor einem enthüllt oder solche reine, edle.” Am Abend waren Magnussens bei uns, wie in den letzten Jahren meist am Silvester. Meine Krippe wurde beleuchtet, der Baum angezündet, Vater las wieder Weihnachtsgeschichte und Paulusbrief und nachher Inges Mariendrama. Er war sehr erregt, vor dem Lesen schon, währenddes und am meisten nachher. Und als Paula Magnussen sich in ihrer tieffühligen, aber im Ausdruck oft wirren und leicht daneben treffenden Art über die Dichtung äußerte, mußte sie sich schrecklich anfahren lassen, sie könnte ja ganz schweigen, wenn sie nichts zu sagen hätte, und da sie zum Beispiel gerühmt hatte, daß Inge gar keine “Vorbilder” benutzt: “Nein, so einer braucht keinen Maler und Lehrer, sich danach zu richten” (was sie auf ihre Anlehnung an Carrière beziehen mußte). Bewundernswert, wie sie – und vor allem er, der vollendete Ritter seiner Frau – zu solchen Reden stillhielt, obwohl sie mit Tränen. Sehr bald freilich vergütete Vater seine Härte, küßte ihr Hand und Stirn, reichte und drückte ihrem Mann herzlich die Hand; er sei noch so fortgerissen von der »Maria«, das mache ihn “kämpferisch”, und wenn er nicht wüßte, daß sie auch das Heilige in sich herbergte, würde er ja nicht gelesen haben. Paula Magnussen war großartig, dankte, noch die Augen rot und naß, für solche Wahrhaftigkeit, die ihr unendlich wohltäte, und ihr Mann sagte, daß sie beide sehr wohl verstünden, was “heiliger Eifer” sei. Wie Vater von Inge spricht! Von keinem Menschen so. Das Mariendrama könnte er so, wie es da ist, in die Bibel hineinsetzen! Er wüßte kein Komma daran zu ändern; sollte er aber etwas finden, so würde er denken: Inge hätte es wohl besser gewußt als er. Vor solchem Menschen gäbe es nichts als in die Knie sinken. Und (dreimal stark betont): es wäre ihm lieb, daß Magnussens nun wüßten, wen sie in ihrem Hause gehabt! Inge, in der schon früher alles auf ein Drama gezielt, will nun das Drama von den Geistigen und vom Volk schreiben. Vater ist entschieden, daß Inge (und “keine Frau, die etwas Höheres will”) kein Kind Januarheft von »Nord und Süd« 1917. 174

Sie ist dann wahnsinnig geworden. – Zusatz August 1925.

– 220 – haben dürfte – denn “dann ist es aus”. Wie gering Vater in solchem Zusammenhang und überhaupt von der Mutterschaft spricht! Vater hat Lou geschrieben: ob sie nach all der Zeit ihm wirklich gar nichts zu sagen hätte.175 Während eines Spazierganges im Neuen Garten (mit uns und Inge) erschienen Vater die Schilfhalme am Rande des Jungfernsees wie große Noten. Shelley steht für Vater höher als Byron, der ihm zu sehr Schauspieler ist. “Und vor allem hat Shelley mehr Berührung mit seinem eigenen Golde.” Er verglich ihn mit einer wunderschönen, weichen Frau. Von der Melodie des Mozartschen (oder nicht-Mozartschen) »Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein«: “Wie lange Wickelbänder, die aufsteigen, sich in Rokokoschleifen verschlingen und das Kind allmählich ganz einwickeln.” Böcklins Pietà hat Inge den Anstoß zu ihrer »Maria« gegeben. Merkwürdig die Übereinstimmung mit Vaters ehemaliger Vorliebe für dieses Bild. Inge hat ihre Dichtung in zwei Tagen hingeschrieben. Vater möchte alles vermeiden, was Inge beeinflussen könnte. “Nicht einen Ausdruck darf sie von mir entlehnen. Ich würde ihn nicht dulden! Nur Richtung und Bewußtheit soll sie gewinnen – hat sie schon gewonnen – und wird dadurch ihre Kräfte besser gebrauchen.” “Herder, unser erster und herrlichster Humanist, ist insofern ein Unglück für Goethe geworden, als er ihn auf Bildung, Gelehrsamkeit und damit auf das Nachmachen aller Stile gewiesen, statt auf seine Natur und Selbständigkeit und statt ihn vor Fremdem geradezu zu bewahren. Nur Spinoza hat Goethe natürlich nicht geschadet, und dessen Gedanken gibt er auch immer in freier, unabhängiger Weise wieder.” 5. Januar 1916 “Was ich da sage (im Werk) von dem, was die Frau dem Manne leistet, das ist nicht als ‘Ergänzung’ gemeint – so etwas gibt es nicht, weil kein Mensch dem andern etwas geben kann, was der nicht hat –, sondern der Mann ruht in der Frau, mit seinem Sensitiven in dem ihren; er kann und will schwimmen – und in dem Schwimmenden!” “Mein Verhältnis zu der alten Johanna Löwenthal war so schön und mir wie alles so selbstverständlich, daß ich während der Zeit nie darüber zum Bewußtsein kam, wie schön es war; ich reflektierte nicht, ich lebte. Und so schön war es deshalb, weil auf beiden Seiten nichts Egoistisches drinlag; das machte es rein.” “Die sich in Haß verwandeln kann, war keine Liebe, sondern die ordinäre Tierliebe. Bei uns heißt es nicht nur: Gott ist die Liebe, sondern vor allem: Gott ist die Liebe!” Wienbrack ist wieder hier. Vater hat ihn sehr zu sprechen und kann es, da er dieses Mal mehrere Wochen bleiben wird. Damals war Vater auffallend kühl gegen ihn. Ich verstand, warum: Er ist entrüstet über Wienbracks gewissenloses und feiges Benehmen gegen seine Frauen, besonders gegen die Geliebte. Erst heute kamen wir darauf zu sprechen. “Wenn ich auch von Wienbrack – und von keinem Künstler – Besseres darin zu erwarten hatte, so ändert die vollzogene Tatsache doch meine Stimmung, und ich kann nicht frei wieder mit ihm verkehren, ehe ich ihn nicht gehörig zurechtgesetzt und gedemütigt habe, so gedemütigt, daß er freilich nicht geändert und gebessert, aber doch für eine Weile davon aufgerichtet wird. Bei seinem letzten Hiersein konnte ich das nicht machen; die Zeit war zu kurz; er mußte gleich wieder hinaus; ich konnte ihm zu seinem ohnehin schweren Gepäck nicht auch noch 174 Sie ist dann wahnsinnig geworden. – Zusatz August 1925. 175

Sie hat nicht geantwortet. – Mai 1916.

– 221 – diese allerschwerste Last aufpacken. Aber nichts empört mich so, als wenn ich sehe, daß ein Mann eine Frau mißhandelt. Die Frau, die in jedem Falle auch das Kind des Mannes sein muß! Wenn sie es auch nicht weiß, vielleicht gar nicht will, der bessere Mann ist zugleich der Vater seiner Frau, und strampelt sie gar ein bißchen mit Emanzipationsgelüstchen, darüber lächelt er in seinem Herzen und schenkt ihr von seiner Kraft, denn eigene hat sie nicht, statt ihre Schwäche zu mißbrauchen.” 7. Januar 1916 Vater flötete heute morgen das Hauptmotiv aus dem ersten Satz von Beethovens C-Moll vor sich hin. Ich sah ihn lächelnd an, während ich das Ende abwartete. “Warum lachst du?” fragte er. “Weil ich mal hören wollte, ob du wohl einmal etwas ohne eigene Variationen pfeifen würdest; du hast es eben wirklich getan; die C-Moll scheint doch über dein Kompositionstalent hinauszugehen. Aber sonst kannst du ja nie etwas getreu wiedergeben. Ich meine natürlich nicht unmusikalisch, aber nie ohne Selbsttätigkeit.” “Ja, das war immer so bei mir. Wenn ich in der Synagoge den Vorbeter machte – bei meinem Bruder draußen oder in der großen Synagoge in Köln – ich habe mich nie genau nach den vorgeschriebenen Melodien gerichtet; aber immer haben die Leute mir gesagt, es sei wundervoll und viel schöner als sonst. Ein angesehenes Mitglied der Kölner Gemeinde, ich glaube er hieß Emanuel, hat mir sogar einmal ein sehr ansehnliches Geldgeschenk zugewendet mit einem Briefe, worin er herzlich dankte für die besondere Andacht, die er durch mich empfangen.” Mir war das ganz neu. Ich hatte nie gewußt, daß Vater wirklich je in der Synagoge vorgesungen hat. Er könnte es noch, sagte er, und möchte es; könnte mit dem natürlichsten Herzen. Ich fragte, ob er noch genügend auf dem laufenden sei. “Heute wäre ich es nicht; aber morgen ganz und gar.” Er erzählte, daß er in Köln auch einmal eine Predigt, eine lange Predigt gehalten hätte. Über das Thema: Die beiden Berge, Garizim und Ebal, den Berg der Segnungen und den der Flüche! “Möglich, daß der Text noch irgendwo erhalten ist.” Und so kam er auf seine Kölner Zeit zu sprechen in einer mir gänzlich neuen Weise. Sein Vater und auch Rabbiner Loeb hatten gewünscht, daß er die Universität besuchte. Er wollte aber um alles nicht die Eltern belasten und darum so schnell wie möglich praktisch selbständig werden. Das jüdische Seminar in Köln bildete seine Schüler in drei Jahren zu Lehrern aus; von da aus konnten sie weiter studieren und Rabbiner werden. Vater dachte zunächst nur an eine Lehrerstellung, denn daß er nie Rabbiner sein würde, war ihm damals schon klar. Ungern sah der Vater diesen Entschluß. “Aber du weißt, wenn es drauf ankommt, bin ich im Praktischen von einer großen Souveränität.” Durch Verwendung des Rabbiners Loeb erhielt Vater ein Stipendium in dem Kölner Seminar. Nun hob ein sehr neues Leben an in dem Internat des Seminars (Tieboldgasse 11), das der Rabbiner Dr. Plato von der orthodoxen Gemeinde in Köln leitete. “In eine richtige Finsternis und Kälte kam ich verzärteltes Kind, das vom Vater immer nur so auf dem Arm getragen war. Ich habe sehr Schweres durchgemacht; aber ohne daß es mir, wie du weißt, als Schweres zum Bewußtsein kam; ich fühlte mich nie unglücklich. Außer in ganz kurzen Augenblicken. Die schrecklichste Erfahrung, die ich gemacht habe, die Erfahrung überhaupt, ein für allemal, war diese: Ich war in eine Streitigkeit hineinverwickelt worden; vor der ganzen Klasse sprach Dr. Plato darüber mit dem Oberlehrer und sagte mit Beziehung auf mich – ich seh ihn noch dabei in seinem Bart kraulen: ‘Ja, und da er keine persona grata bei den andern ist…’ Das gab mir einen Stich ins Herz. Dies war etwa im zweiten Monat meines Dortseins. Ich hatte wohl zunächst etwas sehr Fremdes für die Kameraden – sie waren übrigens meist kein wertvolles Menschenmaterial. Nach diesem schrecklichen Wort rollte ich mich mehr in mich zusammen und später merkte ich zu meinem Erstaunen, daß ich furchtbar geliebt war.” Dr. Platos besondere Zuneigung genoß er von Anfang bis Ende. “Er war ein etwas schwacher, aber ein überaus feiner und guter Mann. Und schön! Klein, aber so vornehm! Wirklich, wie ein Grieche sah er aus, ja geradezu wie Plato! Er war ein vorzüglicher Lehrer, der einzige, bei dem ich etwas, sogar viel, gelernt habe; nicht sowohl in den Klassenstunden als vielmehr in dem Privatunterricht, den er mir allein in Religionsphilosophie erteilte. Er sah mich mit besonderen Augen an und hielt mich für ungewöhnlich begabt,

phie erteilte. Er sah mich mit besonderen Augen an und hielt mich für ungewöhnlich begabt, – 222 – aber es war ihm doch wohl manchmal etwas wunderlich bei mir zu Mute. Er räumte mir, ohne daß darüber je gesprochen wurde, eine Ausnahmestellung ein. Als ich zum Beispiel dahintergekommen war, daß mir die Klassenstunden nichts nützen, fing ich einfach an, sie mit Lesen auszufüllen. Er wußte es und übersah es absichtlich. Ich las deutsche Literatur, begeisterte mich an der Messiade, überhaupt sehr an Klopstock. Ebenso ging ich wochenlang einfach nicht in die Synagoge. Stell dir vor, was das heißt bei orthodox erzogenen Seminaristen, die morgens und abends zu erscheinen hatten! Ich tat es eben nicht. Und Dr. Plato, der oft in der Frühe selber in unsern Schlafsaal kam, uns herauszutreiben, sagte nichts, wenn ich ruhig im Bett liegenblieb und deutete mein Verhalten nie als Böswilligkeit gegen ihn.” Vater erzählte ferner von dem sehr übermütigen Purimspiel (siehe Seite 1242f.), das er in jener Zeit verfaßt und das von ihm und seinen Mitschülern vor einem großen Teil der Gemeinde aufgeführt wurde. Er hatte die Rolle des Mardochai. Nach vollendeter Vorstellung hörte er eine Frau sagen: es sei doch unanständig, wie der Mardochai redete, er wolle gehn und seinen fetten Bauch pflegen! “Das war dann wieder eine Erfahrung; ich lernte die Kritik kennen!” Ein reichliches Jahr blieb Vater in der Anstalt. Dann brach er plötzlich ab. Ohne Erklärung, ohne eigentlichen Abschied, auch nicht von dem geliebten und verehrten Dr. Plato. “Es ging nicht anders, es mußte so sein. Und ich habe nie – auch in einem andern, größeren Fall nicht – Scheu getragen, den Verdacht der Undankbarkeit auf mich zu ziehen. Es war keine. Ich kann das so schnell nicht erklären. Es hängt mit meinem Solidaritätsgefühl zusammen. Ich habe mich nie als Ich, den andern nie als Du gefühlt.” Vater wurde dann arg verleumdet; es hieß, er sei hinausgeworfen worden wegen unsittlicher Lebensführung, er hätte ein Verhältnis mit einem jungen Mädchen gehabt, das dort im Hause wohnte. “Ich, der ich damals noch gar nicht wußte, was das ist: ein junges Mädchen, nicht einmal darüber nachgedacht hatte und bis zu meinem zwanzigsten Jahr überhaupt keine geschlechtlichen Empfindungen kannte!” Dr. Plato stellte ihm dann freiwillig ein wunderschönes Zeugnis aus, worin er vor allem seinen “sittlichen Ernst” hervorhob. Dieses Zeugnis gab Vater später (das Original) bei den Prozessen, die er um Mutter führen mußte, in die Akten und hat es nicht zurückerhalten. Nach seinem Weggang vom Seminar stellte Vater sein äußeres Leben ganz in die Leere. Er verdiente etwas Geld mit Privatstunden. Aber er hat offenbar gehungert und in einer förmlich Anton Reiserhaften Verwahrlosung gelebt, sehr elend. Aber wieder auch dies, ohne es richtig zu merken. “Ich kann davon nur schwer eine Vorstellung geben, in welcher Art ich so etwas und überhaupt lebte – und lebe –, ich könnte es in einer längeren Auseinandersetzung. Vielleicht später, wenn ich zu meiner Biographie kommen sollte. Aber auch da würde ich das Unangenehme gern mit einem Schleier zudecken, besonders wenn ich anderen mit meiner Schilderung nichts nützen könnte.” Vater sagte auch, daß er sich, wenn es darauf ankäme, seine Erinnerung, die jetzt für ihn selber so schwach schiene, ganz verdeutlichen könnte – “bis auf jeden einzelnen Jungen meiner Klasse, wenn ich wollte!”. In so elenden Umständen lernte ihn die alte Johanna Löwenthal, die Mutter von Frida Mond, kennen und zog ihn heraus, soweit er sich ziehen ließ. “Aber doch natürlich als der froheste Junge kam ich ihr entgegen!” Diese neue Freundschaft war dann gleich sehr schön; aber nicht ein bißchen wie eine Erlösung oder derartiges! (Vgl. Seite 15) Gegen den Schluß seiner Erzählung versicherte mich Vater, er würde mir als Jüngling abstoßend gewesen sein, und ich würde ihn nicht erkannt haben nach seinem Wesen. Ich sollte ganz sicher sein, nichts an ihm versäumt zu haben! 9. Januar 1916 Gestern besuchte ich Inge in ihrem bescheidenen Mietsstübchen in der Ansbacher Straße, das aber, mit vielen Blumen, doch nach ihr aussieht. Neben ihrem Bett hängt auf dunklem Hintergrunde Vaters Plakette in gelblich getöntem Gips (die sie herrlich findet); davor steht ein Tischchen, mit violetter Samtdecke belegt, an den Zipfeln Goldquasten und auf dem Tischchen eine Schale Moos, worein sie eben frischen Lorbeer steckte. Inges Pathos äußert sich sehr ruhig und selbstverständlich.

sich sehr ruhig und selbstverständlich. – 223 – Inge kommt jetzt zweimal die Woche zum Unterricht her. Mit der griechischen Architektur sind sie fertig. Vater bezog neulich in der Stunde, wie er nachher erzählte, die Vereinigung der drei Stile, wie das Erechtheion sie zeigt, auf die drei griechischen Tragiker, die auch dorisch (Äschylus), ionisch (Sophokles) und korinthisch (Euripides) seien. Von Gottfried Keller, den er schätzt, findet Vater, daß er im Vergleich zu der Unbedeutung des Inhalts zu viel Stärke an den Stil wende. Sehr am Herzen liegt Vater die Geschichte von den drei gerechten Kammachern: “Daran freut mich, was ich das Enthymematische des Stils nenne; daß auch die Nebentaschen so recht vollgepackt sind. Und darin steckt auch was Geniales. Aber sonst stößt mich an Keller die schweizerische Philistrosität zu sehr ab.” “Strindberg war ein ganz Seltsamer, Starker, der nur an seiner Stärke und ihrer Überspannung kaputtgegangen ist. Ich habe ihn freilich seit meiner Jugend nicht gelesen und habe überhaupt nicht viel von ihm gelesen – was mir sehr recht ist, denn so habe ich von dem vielen Schlechten, was er sicherlich geschrieben hat, nichts kennengelernt –, aber besonders von seinem Buch »An offener See« ist mir ein ganz großer Eindruck zurückgeblieben. – Unausdenkbar schrecklich muß ja für eine Frau gewesen sein, mit Strindberg zu leben, denn das war seine Hauptkrankheit, jede Frau nur als Gattungswesen, nie als Individuum zu sehen; ich meine, nicht gerade geschlechtlich, sondern ihrem ganzen menschlichen Wesen und Umfang nach; und das zu wissen, muß für eine Frau unaushaltbar sein; jede Bewegung wird einfach getötet.” Wolken liebt Vater so sehr; wir sprechen viel über ihre Farbe und Gestalt auf Spaziergängen. “Die Gebirge der Ebene” nennt er sie, und wer ein “Wolkenherz” habe, müsse sie schöner finden als die wirklichen Gebirge. Er deutet sie gern nach Erhabenheit und Lieblichkeit. Daß der Krieg bisher ein Wahnsinn gewesen, von nun ab aber ein Frevel werde: denn es sei nichts mehr zu gewinnen. Das bisher Erreichte bedeute immerhin eine große Veränderung, eine Taille in der modernen Politik – darüber hinaus aber ginge es nun nicht mehr. Inge gibt ihren Freund auf (vgl. Seite 384f.). Entscheidend war, daß er kein Gefäß für die »Lehre« sei, wie sie sagt. Seit sie durch Vater bewußt geworden, hat sich auch das Maß, womit sie Menschen mißt, verändert. Sie sieht ihn anders. Er war damals der erste Mann von innerer Schönheit, der ihr begegnete, und die packte sie (nachdem sie an der Häßlichkeit ihrer Umgebung wahnsinnig gelitten) und zog sie zu ihm hin, obwohl sie behauptet, seine Leidenschaft nie erwidert zu haben. “Friedrich den Großen liebe ich so rasend, daß mir manchmal, was mir doch nicht leicht passiert, die Tränen kommen, wenn ich an ihn denke.” “Das ist das Unglück bei meinem Arbeiten, daß ich meine hauptsächlichen Zettel nie benutzen kann, sondern immer nur zufällige Nebenzettel. Denn wo soll ich unter meinen Millionen von Zetteln die Hauptzettel zu dem betreffenden Thema, das immer seit lange in mir gelegen hat, gerade herausfinden?! So gehe ich jedesmal meiner besten Bemerkungen verlustig und bin auf den Zufall angewiesen.” “Lenau allein glaube ich seine Melancholie wirklich.” “Andauernde Beschäftigung mit Napoleon hat ihn mir immer recht klein erscheinen lassen – nur zwischendurch freilich überraschend! – und sogar seine Erfolge als mindestens halbe Zufälligkeiten.” Inge ist nur schwer zu bewegen, daß sie ihre Dichtungen aus früherer Zeit Vater gibt. Jetzt hat sie drei Einakter geschickt, wovon Vater einen, »Die Dirne«, heute früh vorlas. Er

hat sie drei Einakter geschickt, wovon Vater einen, »Die Dirne«, heute früh vorlas. Er – 224 – stammt aus derselben Zeit wie die »Maria«, und es ist auch der gleiche Stil, ihr Stil (Vater sagt: “Der sachliche Stil”), die Konzentration auf das Wesentliche. “Es ist ganz richtig so; »Maria« und »Die Dirne«. Zuerst erledigt Inge das Geschlecht in sich.” Ich mußte beim Zuhören daran denken, wie Vater in seinen jungen Jahren, ein zweiter schlimm-heiliger Vitalis, die Bordelle besuchte, nur um die Dirnen kennenzulernen und gut gegen sie zu sein. Der Gedanke, diese Aufzeichnungen zu haben und fortzusetzen, macht mich jetzt oft froh. Im einzelnen manchmal ungeschickt, müssen sie dennoch von Wert sein, wenn auch nicht durch mein Verdienst: Ich bin überzeugt, daß sie in der Welt des Denkens und der Schönheit eine Stelle haben. In unsrer Bibliothek fiel mir gestern ein Heft in die Hand: Schopenhauers Gespräche von Grisebach. Mir schlug beim Lesen das Herz frohlockend: Da haben wir doch mehr zu verschenken! Oder wäre möglich, daß ich mich in diesem Allerwichtigsten einem Irrtum hingäbe? Schließlich bin ich ganz allein auf mein eigenes Urteil angewiesen; ich habe nie jemanden einen Blick in diese Blätter tun lassen und werde es auch so leicht nicht. “Wenn Inges Freund ein starker Mann wäre und sie wollte ihn durchaus – ich hätte ihr das Licht gehalten! So aber ist es unendlich besser, ja einzig gut für sie und mir gerade, als wäre die schrecklichste Gefahr an ihr vorübergegangen, und als ob der liebe Gott selber mich häßlichen Mann zum Engel erwählt hätte, ihr zuzurufen: denk an dich! Ich halte Inge für ein Genie, und das heißt nichts andres als: die sittliche Verpflichtung vom Tiefher zum Tiefhin. Sie darf nicht durch geschlechtliche Liebe oder Heirat von sich abgezogen werden; ihr Instinkt hat sie bis jetzt gut bewahrt und nun, da sie durch mich sich ihrer ganz bewußt geworden, ist ein Irrtum für alle Zukunft ausgeschlossen. Eine einzige dumme Liebessache wäre bei einem so feinen Gewissen auf immer lebenstörend geworden. Sie ist ein Genie – die erste Frau, von der ich dies sage – und braucht ihren Körper für ihre Produktion. Zölibat für Mönche, Nonnen, gewöhnliche Menschen – Unsinn! Aber dem Genie, das einen ganz andren Körper und also eine ganz andre Geschlechtlichkeit hat: notwendig.” “Alles bei Inge deutet auf dieses Eine: geniales Schaffen. Auch wie sie erzählt, daß sie als Kind in der Schule so maßlos ehrgeizig gewesen und keine über sich dulden konnte.” Bei Willkomm und Abschied küßt Vater Inge die Hand mit solcher Ehrfurcht, daß er sich fast zu beugen scheint. Und sie beugt sich dann wieder in Scham und Ergriffenheit. “Schmerzlich ernsthaft sieht Inge aus”, sagt Vater. Heyn hat das Allertiefste in sich, aber er fällt von da alle Augenblick in den menschlichen Übermut und damit noch unter das Niveau des Strebenden.” Da jemand das ungünstige Urteil von G. über Vater berichtigen wollte: “Wenn ich denn schon in G. untergehen soll, dann will ich ehrlich ersaufen, aber nicht verkehrt gerettet werden.” “In dem Kapitel über die Weiber habe ich weder über die Frau und ihre Bedeutung (von der ich viel mehr halte) noch über ihr Verhältnis zum Manne das gesagt, was ich eigentlich zu sagen hätte, sondern nur in einer bestimmten Hinsicht habe ich gesprochen; das Kapitel ist doch nur Anhängsel an den Teil über die Körperlichkeit des intellektiven Denkens! Dies ist mir aber so viel mißverstanden worden.” “An Magdalenas Briefstil erfreut mich immer die vorzügliche logische Haltung, die sie besonders durch guten Gebrauch der Flickwörter bewirkt; ihre Denns, Jas, Nuns usw. geben gleichsam das logische Gerüst ab.” “Inges Geist mit seiner Reinheit, Ursprünglichkeit und entschiedenen Kraft des Ausdrucks erkenne ich dem meinen als durchaus überlegen an. Sie hat keine Hemmungen – das ist das Geniale.”

Geniale.” – 225 – Vater sprach nun von sich, wie schwer ihm das Arbeiten fiele, daß er alles zuerst “blaß und abstrakt” herausbrächte und nur durch “ein mich Verbeißen in die eigene Lebhaftigkeit” die Gedanken konkret und damit wirksam gestalte. – Ich entgegnete, daß sein Schaffen unter andern Gesetzen stünde als das künstlerische, denn das Künstlerische sei bei ihm nicht das Letzte, sondern nur Mittel. – “Mag sein. Wenn man will, kann man mich als Romantiker ansehn. Wegen meiner Grenzenlosigkeit. Weil, besonders an meinen pathetischen Stellen, ein Inhalt immer auf einen andern, höheren hindeutet und es hinter dem letzten immer noch ein Letztes gibt.” “Daß der Körper Geschlechtsorgan ist, sage ich wie manche andere. Es muß so sein, weil jedes Individuum Gattungswesen ist und die Gattung bestrebt sein muß, sich zu erhalten. Weil alles Bewegung ist und Lebensfürsorge, darum macht das Geschlechtliche unsern ganzen Organismus aus. Ich leite davon aber nicht solche Folgerungen für das Individuum selber ab wie andere. Nicht als ob nun das Erotische all unser Besußtsein füllen müßte. Das wäre eng anthropomorphistisch gedacht.”176 Nach dem Begriff Liebe in der Zusammenstellung Kunst, Philosophie, Liebe haben schon mehrere Leser gefragt. “Ich werde dies Thema im Bande über den Geist zusammenhängend entwickeln, es wird da eine Spitze bilden wie die Pneumatologie im ersten Teil, und auch damit läuft es dann also wieder auf Praktisches hinaus.” Edu sagte mir: “Heute habe ich Leo geküßt. Ich liebe sonst nicht, wenn Männer sich küssen, aber heute habe ich ihm ein einziges Mal einen richtigen Kuß auf den Mund gegeben.” (Nach der großen, durch das Werk empfangenen Erschütterung, er war nach längerer Abwesenheit zurückgekommen). “Ibsens dramatische Kunst beruht im Grunde auf einem ganz äußerlichen Kunstgriff: daß nämlich die auf der Bühne zwar genau wissen, was vorgeht, die Zuschauer aber gar nicht. Das Eigentliche lauert als eine Katze geduckt im Hintergrunde, um zum Schluß mit einem Katzensprung nach vorn zu schießen.” 17. Januar 1916 Vater las vor Inge, Elsa und uns (Wienbrack sollte auch dabei sein, wurde aber verhindert) aus seinem Manuskript über die Vereinigung der Künstler und Denker: den ersten philosophischen Teil und einiges von den Briefen (der dritte Teil – »das schwere Dach« – ist noch nicht fertig). Ich fragte heute, ob er nicht noch nähere Anweisungen in bezug auf Lernen und Lesen geben möchte, wieweit es und was für die geistigen Naturen von Nutzen oder gar notwendig. “Nein; was ich da gesagt habe, muß genügen, und jedes kann aus sich weiterführen. Ich gebe immer nur den Anstoß; dem Neugeborenen, das nicht atmet, den Klaps auf den Popo: Atmen muß es dann allein.” Elsa fuhr mit Inge heim, spät abends. Ich fragte heute am Telefon: “Habt ihr miteinander gesprochen?” worauf Elsa sagte: “O, ich habe viele Fragen an sie gerichtet, nur um ihr wunderbares Ja oder Nein zu hören – ich weiß nicht, wo sie das herholt.” 18. Januar 1916 “Für ein Mädchen ist es ungemein wichtig, mit welchem Namen man sie ruft.” – Unter unsern weiblichen Bekannten findet Vater, daß Inge, Eva, Alice, Lou wirklich ihren Namen tragen. – Maria sollte überhaupt keine heißen, da dieser Name durch die Madonnenbilder unveräußerlich geworden. – “Lotte” liebt Vater so sehr für mich; da es den leichtesten wie den ernstesten Situationen sich anpasse; der Mißbrauch des Namens störe ihn gar nicht, er fühle ihn immer “esoterisch” und “ganz edel” und freue sich, daß er sich so verschieden sagen ließe. – Später einmal sagte er: “Lotte klingt so leicht und weich wie eine Flaumfeder, 175 Sie hat nicht geantwortet. – Mai 1916. 176

Beziehung auf Freud.

– 226 – wie du bist, und so schnell von Entschluß , wie du auch bist.” Edus neue Entwicklung: “Da sieht man wirklich einmal das Gras wachsen!” “Mich ergreift immer wieder wunderbar – was die meisten gar nicht beachten –, daß die Bäume nicht nur nach oben, sondern ebensowohl nach unten wachsen, dem Himmel und der Hölle zu. Und das ist mir das besonders Köstliche an meinen Hyazinthengläsern, dies so deutlich zu sehen, wie die Pflanze nach unten hin ihre feinen Wurzelfäden in dem dünnen Element so ungehemmt und schön entwickelt – ebenso schön wie die Kerze oben, finde ich. In der Erde natürlich muß die Wurzel schwarz werden und krumm bei dem Widerstand, worauf sie immerwährend stößt. Aber es ist im Grunde doch dasselbe Wachsen der Pflanze nach unten wie nach oben. Die Hyazinthen in ihren Wassergläsern lassen mich auch an Menschen denken, die in einer freieren und leichteren Umgebung schöner werden.” “Mein Volkswerk liegt sozusagen fertig da; denn es besteht aus wissenschaftlichen Notizen, die noch einmal zusammenzustellen oder auch nur wesentlich zu vermehren, ich mir nie mehr die Riesenmühe geben würde. Natürlich habe ich meine Sauce darübergegossen, und daß ich diese, wenn ich das Buch überhaupt veröffentlichen sollte, etwas dicker oder dünner, je nachdem, machen würde, ist wahrscheinlich.”177 Inges Hund heißt Othello; da er von dem Gute Jagow stammt, hat Vater ihn so getauft! Weil er nun so viel riecht, hat Vater den Namen zu Oletto (von lateinisch olet) umgewandelt. Das Musikalische in der Lyrik, das Lyrische im engeren Sinne, nennt Vater “Zittern”. Inges Gedichte, die er übrigens als weit unter ihrer sonstigen Produktion stehend ansieht, haben doch Zittern, wie er sagt. “Ich hatte von diesen Gedichten gar nichts erwartet, weil für mich apriorisch, rein denkerisch, feststeht, daß, wer andres und mehr kann, für Lyrik im eigentlichen Sinne nicht befähigt ist.” 23. Januar 1916 “Ich werde Lou auch noch ein drittes Mal auffordern. Es ist nicht, daß ich etwas von ihr will – um Gottes willen, ich möchte nie wieder etwas mit ihr zu schaffen haben! – aber ich empfinde als meine Ritterpflicht, ihre Lage soweit ich kann zu erleichtern. Denn ihr ist es mit mir sehr schlecht gegangen. Mich wird sie nicht wieder los wie irgendeinen andern, mich wird man nicht wieder los! Von mir, dem Manne, kann sie sich abwenden, von meiner Männlichkeit nicht! Die herrscht oder stört – was auf eins herauskommt – in ihren Gedanken – Lou, die jedes Komma von mir weiß, und lebendig weiß! Das ist mir jetzt erst – durch Inge – ganz klar geworden, daß Lou an meinem Werk meine Männlichkeit gelesen hat. Denn Inge, in ihrer stärkeren und einfachen Art, ist es genauso gegangen. Darum hat Inge, die bei all ihrer Bescheidenheit rasend ehrgeizige Inge (weil sie selbst was kann!) zuerst so furchtbar unter meinem Werk gelitten, weil sie es ganz als Frau gelesen hatte. – Was? Da ist einer, der sich so der Welt bemächtigen kann? Ganz anders als ich?! – Aber sie ist damit gleichzeitig oder einen Augenblick drauf mit der Frau in sich fertig gewesen und zur vollen Hingabe gelangt. Dies muß ich Lou immer anerkennen: nachdem sie von der Männlichkeit gepackt war, hat sie sich vom Manne fernhalten wollen, weil sie sich kannte und ich ihr zu gut war. Aber das verstand ich doch damals nicht, ihr: Laß mich im Winkel!” 25. Januar 1916 “Andere machen eine Arbeit nach der andern; ich arbeite immer an all dem Meinigen zugleich; und daher ist es, daß ich nicht anders als mit Zetteln arbeiten kann.” 176

Beziehung auf Freud.

177

Vater erklärte mir später einmal dies Werk als überflüssig geworden, denn es sei hauptsächlich gegen die Religion gerichtet und diese habe inzwischen ohnedies abgewirtschaftet.

– 227 – 29. Januar 1916 Inge brachte am Sonntag ihren »Johannes«. Vater findet die Auffassung der Bibelgestalt höchst original und “das Porträt des Scheltpropheten glänzend aufgerollt.” Besonders bewundert er die Psychologie in den Massenszenen; nur Shakespeare habe die Menge so geschildert. Wie mißlungen dagegen Goethes Versuch im »Egmont« sei. – “Die »Maria« kann Inge nie übertreffen, denn das ist Vollendung. Es schmerzte sie aber, als ich es ihr sagte. Nur daß für sie bewußtes Ziel werden wird, was in der »Maria« Gefühlserregung ist.” Emma hat sich, zunächst heimlich, den ersten Band der »Lehre« aus dem Regal genommen und erst nachdem sie die Ankündigung gelesen, mit Vater gesprochen. “So schön”, sagt Vater, “wie kaum einer von den andern, und in derselben Art.” Es sei ihr gleich im Beginn wie Schuppen von den Augen gefallen, und nun habe sie Ersatz für die verlorene Religion. Und das alles mit solcher schönen Magddemut: Für solchen Mann darf ich arbeiten! Nun wüßte sie doch erst ganz, in wessen Hause sie sei! Und sie hat sich einmal, als wir aus waren, die ganze Wohnung besehen, jedes Stück in der Wohnung, und alles habe anders ausgesehen. Besonders in meinem Zimmer. Und alles darin hat ihr so gut gefallen – “nur der dicke Mann nicht”.178 – Sie liest nun tatsächlich weiter, mit Überschlagung der Prolegomena (wozu Vater sie erst bewegen konnte, nachdem er ihr gesagt, daß er es absichtlich so eingerichtet habe, daß man diesen Abschnitt zuletzt vornehmen könnte), steckt begeistert inmitten der Bewegungslehre. Ihre Gesamtstimmung ist stark davon beschwingt, die Arbei geht ihr weit besser von der Hand. Vaters Buch muß doch etwas Populäres an sich haben in der Art der Bibel, und es muß offenbar ein Lesen geben gleichsam über die Logik und die Sätze hinweg; “ein unmittelbares Spüren der Kraft”, wie Vater sagt. 2. Februar 1916 Not, Elend Ausschließung vom Welthandel, Zensur, die kein freies geistiges Leben duldet – alle Schrecken hat Vater heute für die Zeit nach dem Kriege vorausgesagt. “Wenn der Krieg, wie man damals glauben mußte, nur ein halbes Jahr gedauert hätte, es würde sich wieder ausgeglichen haben, so aber macht jeder Tag länger die Zukunft schwerer.” Von einigen seiner liebenden und anspruchsvollen Weiberlein: “Sie verstehen das nicht, mein: nicht Jude nicht Grieche, nicht Mann, nicht Weib, nicht jung nicht alt. Und daß dann doch wieder: Jude und Grieche, Mann und Weib, jung und alt dabei sein muß. Aber den Unterschied verstehen sie bei mir nicht.” “Das Erlösungsbedürfnis, das Schütteln der Seele, und mit dem ganz einfachen Wort, das nicht einmal extra schön ist, kein Gleichnis, sondern bloß nackt und wahr, das ist durch Judäa in die Welt gekommen, Griechenland hat das nicht gekannt.” Daß das Gespräch mit Inge von selbst immer ins Höchste und ganz Große wächst, auch wenn er einmal “ganz ordinär” anfinge, sagte mir Vater. Und dabei schweigt sie fast nur. “Aber wir denken aus einem Herzschlag.” 6. Februar 1916 Im Anschluß an Vaters Arbeit über Künstler und Denker und die Bemerkung von der Haltlosigkeit der Künstler, äußerte ich, daß mir Frauen, wenn ihrer Natur Künstlerisches beigemischt ist, im Gegenteil fester und ordentlicher erscheinen als Frauen sonst. “Ja, weil sie nicht Künstler sein können ohne eine besondere logische Grundlage, besser als die gewöhnliche. Was ich immer sage: Schließlich kommt es auf den praktischen Verstand eines Menschen an.” sächlich gegen die Religion gerichtet und diese habe inzwischen ohnedies abgewirtschaftet. 178

Bronzefigur eines japanischen Gottes, eines Gottes der Wohlbehäbigkeit, des materiellen Genusses, Fukerufuju.

– 228 – Das Buch Joram von Rudolf Borchardt hat Vater neulich nach langer Zeit, mehreren Jahren, wieder vorgelesen (Inge, Mutter, mir). Eine Zeitlang, nachdem er durch Landauer darauf hingelenkt war, las er es oft vor und schätzte es als das einzig Starke der modernsten Literatur, ohne freilich die Mängel zu verkennen (Breiten, Affektiertheit, Ungleichmäßigkeit des Stils, vor allem das “verrückt Moderne der Grundidee”). “Mit ein paar Änderungen, vor allem mit Strichen, hätte ich ihm das ganz herrlich zurechtmachen können.” 9. Februar 1916 “Man überzeugt doch nicht mit Beweisen – man beweist mit Überzeugungen!” “Das einmal richtig denken – stundenlang! – dieses Wunder, unsre eigentliche Lebenserfahrung: wie unser Bewußtsein und unser Körper immer ineinander sind, ohne sich je zu berühren – das allein führt in alle Tiefen.” Von Hegels Auffassung des Spinoza gesprochen. Ich sagte, Hegel habe offenbar dies nicht gedacht: die Identität von Relativität und Absolutem. “Ja, doch, zuweilen. Aber das ist ein Gedanke, der immer auf die höchste Höhe will, wo das meiste Licht ist, und da rutscht er dann am ehesten wieder hinunter. Und bei Hegel kommt wie bei den andern ja immer dies hinzu, daß er ein Mensch sein und den Spinoza herabsetzen muß, um sich hochzubringen.” Indem ich mir dies vergegenwärtigte und die Hegelschen Aussprüche über Spinoza, die ich kurz vorher gelesen, und das feindliche Temperament, das hindurchsticht, erschütterte mich der Gedanke an Vaters Selbstverleugnung. Dieser Fall steht einzig in der Geschichte. Paulus – aber der hielt Christus für den lieben Gott! “Als junger Mensch, wenn ich eine Unterhaltung mit jemandem hatte – ich würde die Welt für diese Unterhaltung in die Schanze geschlagen haben! Schließlich bin ich ein prinzipieller, das heißt ein gründlicher Mann und verfuhr danach. Immer das ganze Haus auf den Kopf gestellt, vom Keller bis zum Boden alles durcheinander, schnell ein bißchen getanzt und vor dem Abschied wieder Ordnung gemacht – und noch mal alles durcheinandergebracht!” 20. Februar 1916 “Was mich bei Aristophanes stört, ist das Starre der Absicht, und daß es dann auch noch politische Absicht ist! Und dafür, daß er kein eigentlich Großer ist, habe ich auch noch mein persönliches Zeichen: Bei ihm muß ich abändern, streichen, versetzen, was mir bei den griechischen Tragikern und nun gar bei Shakespeare nie einfiele.” “Die kleinen Druckstellen, die Erziehung an einem Kinde hervorbringt, sind so unbedeutend, daß jeder Atemzug und jedesmal Fressen den Körper in seine ursprüngliche Raumausdehnung zurückkehren läßt.” “Inge war bisher nur von Judäa gepackt. Ich mache sie nun auch in Griechenland heimisch, damit sie doch auch auf dem andern Bein steht. Und alles Bedeutende gebe ich ihr immer gleich mit der ganzen Persönlichkeit, an die es gebunden ist. So kennt sie nun gut Herakleitos, und der ist natürlich ein Mann nach ihrem Herzen! Letztes Mal habe ich ihr, um ihr den Sokrates zu versetzen, die Apologie vorgelesen. Sie ist doch herrlich! Auch immer mit dieser Gereiztheit des charaktergroßen Mannes, der so bös sein muß gegen die andern wegen seines Prinzips der Gerechtigkeit und aus lauter Liebe.” “Künstler und Philosophen heißt mein Aufsatz nun, nicht Künstler und Denker, denn das könnte die verkehrte Vorstellung erwecken, als wollte ich von den Künstlern sprechen, die zugleich Denker sind. Bei dem Titel des Ganzen kann es dann wieder heißen: Die Vereinigung der Künstler mit den Denkern, weil da dies Mißverständnis ausgeschlossen ist.” “Daß die romanischen Völker in ihren Sprachen nur das männliche und weibliche, nicht auch das sächliche Geschlecht haben, liegt letzten Endes daran, daß sie auf der Stufe der

auch das sächliche Geschlecht haben, liegt letzten Endes daran, daß sie auf der Stufe der – 229 – Reflexionslosigkeit stehen (wenn man den größten Maßstab nimmt) und die Welt nur geschlechtlich, nicht sachlich betrachten – etwa wie die Frauen nur durch das Medium des Mannes sehen.” Es ist für Vater ein besonderes Glück, gerade jetzt, wo er an seiner Arbeit über Künstler und Philosophen beschäftigt ist, gerade zu dieser Zeit mit Inge zusammengetroffen zu sein. 24. Februar 1916 “Mit Fragen danach, wie ich mir denn das Leben der Geistigen eingerichtet denke, habe ich nichts zu schaffen. Ich will nur die Forderung rege machen. Immer und immer wieder. Das Leben läuft dann schon und besorgt sich selbst. Meinetwegen mag man an die Sozialdemokratie denken: Lassalle hat nicht gefordert, daß die Lebensversicherungen der Arbeiter staatlich sein sollen und hat nicht gewußt, daß es so und mit vielem so werden würde.” Über Edu, der so gut wie keine Kenntnisse besitzt und nun mit so leidenschaftlichem Ernst die Lehre annimmt und durcharbeitet: “Andere bauen erst den Keller und dann weiter hinauf zum Dach; Edu muß vom Dach hinunter bauen. Es geht schwer, aber es geht.” Edu hat mir (und auch Vater) gestanden: er sei alle die Jahre krank gewesen an einer übertriebenen geschlechtlichen Erregbarkeit. Nichts habe ihm dagegen geholfen. Aber durch die Lehre sei er nun so gut wie vollständig geheilt. Neulich sei es ausnahmsweise wieder einmal über ihn gekommen; da habe er sich an die Prolegomena gemacht und sich nach wenigen Augenblicken vollständig frei gefühlt. Wir sprachen davon, daß man von der äußeren Erscheinung keines Menschen der Vorzeit eine so bestimmte und lebendige Vorstellung habe wie vom Sokrates. “Und dies lediglich durch die vorzüglichen literarischen Porträts. Denn die plastischen Darstellungen mildern und verklären allesamt die Eigenheiten; keine zum Beispiel zeigt seine Glotzaugen. Solche Naturalismen ließ der feine Kunstsinn der Griechen nicht zu.” “Bei alle den Frauen hab ich doch nun das: dies Nichtsprechenkönnen, Fragenwollen aber nicht mögen oder können – eine sagt es fast wie die andere, daß sie schweigen müsse: Magdalena, Lou, Inge, Alice, nun auch Emma. Es muß doch etwas der weiblichen Natur Eigentümliches sein.” Inge sagte neulich zu Vater (wie er mir erzählt): “Wenn du mich zärtlich ansiehst oder zärtlich streichelst, dann erschrecke ich, daß du dich dieser Form bedienst und hab eine solche Ehrfurcht vor dir – dann bin ich alle deine Heerscharen!” – Vater setzte hinzu, daß ein solcherart mit tiefer Neigung und anderm Tiefen gefülltes Schweigen natürlich nicht das Störende und Hemmende in sich trage wie das gewöhnliche der Weiber. Alice war hier gewesen. Nachher saß ich auf Vaters Chaiselongue und sagte: “Weißt du, ich hab doch Alice wirklich gern, sehr gern. Aber manchmal hat sie für mich etwas so Unschönes, im Gesicht, im Mienenspiel oder im Sprechen, irgendwo. Und bei der ersten Begegnung heute empfand ich dies so stark, daß ich fürchte, ich bin gar nicht recht nett zu ihr gewesen. Etwas stieß mich ab.” – Vater nahm mein Ohrläppchen zwischen die Finger, zog mich vom Sofa auf, legte den Arm um meine Schulter und ging einen Augenblick schweigend mit mir durch sein Zimmer. Dann sah er mich an: “Nun will ich dir sagen, daß ich heute genau dasselbe gefühlt habe. Als ich sie unterwegs fragte, ob sie nicht besser täte, ihre Jacke am Hals fester zu schließen, verzerrte sie beim ‘Nein’ so schauderhaft das Gesicht. – Aber, nicht wahr, wenn wir uns nach solchen Eindrücken richten wollten, mit denen der andere gar nichts zu schaffen hat, es wäre geradezu gemein!” Gegen wen ich Vater nie ungeduldig und heftig gesehen habe, ihn, den so außerordentlich Reizbaren, das ist Magnussen. Dieser darf ganz triviale Dinge sagen, darf sie auch noch schlecht und stockend sagen – Vater wird immer freundlich zuhören und noch zum zehnten

schlecht und stockend sagen – Vater wird immer freundlich zuhören und noch zum zehnten – 230 – Mal freundlich darauf eingehen. Es ist die Unschuld, Güte, Ruhe, Feinheit ohne Anspruch, die große Unbeholfenheit und das nie Agressive in Magnussens Natur, was Vater so milde sein läßt. Das Verwirrte in Paulas Art kann Vater indes gar nicht vertragen; es hat ihn schon mehrmals zu starker Heftigkeit hingerissen, die er freilich immer danach durch besonders liebevolles und ritterliches Bezeigen wieder ausgleicht. Solche Heftigkeit kommt zum Ausbruch eigentlich nur, wenn Frau Magnussen sich lebhaft aber unzulänglich und für einen Mann wie Vater verletzend über Werke des Geistes äußert. Darin versteht er keinen Spaß. Aber er schätzt außerordentlich den Kern von Tiefe in ihrem Wesen und findet auch und besonders in ihrem mündlichen Ausdruck zuweilen “geradezu geniale Lichtblitze” und ihr Erzählen manchmal von entzückender Frische. 28. Februar 1916 “Von Edu kann man sagen, was von sehr wenigen gilt: daß die äußerste Humoristik und der tiefste Ernst die beiden Enden seiner Natur bilden.” “Sentimentalität? Ich habe gar nicht so viel gegen die Sentimentalität einzuwenden. Sie ist dem Menschen so natürlich, da er doch nicht weiß woher und wohin und so bloß in der Welt hängt.” Schreckliche Spannung um Verdun. Werden wir es bekommen? Vater hält diese vor Verdun für die entsetzlichste aller Schlachten des Krieges und ist um den Ausgang noch besorgt. “Das steht einmal fest: Die Kraft hat Deutschland.” Wenn Vater nicht mehr ist, da werden mehr als drei Erben kommen, und jeder wird sagen und beweisen, daß er die echteste Liebe besessen und genossen! Dies ist eine Vorstellung, die Schwindel erregen könnte. Magdalena zeigte sich den inneren Schwierigkeiten bei Heyns nicht gewachsen und muß wieder fort. – “Wenn ich nur eine ganz mechanische Tätigkeit für sie wüßte! Je niedriger, um so besser. Für Menschen von so starker Innerlichkeit gibt es keine andre Praxis. Der Talmud sagt: ‘Gut ist zum Lernen der Thora ein Handwerk hinzu’. Und es war etwas von diesem Ernst auch darin, wenn ich als Junge immer Grünhöker werden wollte.” Von Harden kam heute Korrektur des Aufsatzes »Künstler und Philosophen« , mit vielen und zum Teil sehr verdrießlichen stilistischen Abänderungen Hardens, die folgenden Brief Vaters an ihn veranlaßten: Mein hochverehrter Harden, waren Sie es selbst, der mit meinem Manuskript so große Mühe sich gegeben hat: wie soll ich Ihnen danken? und wie erst soll ich Ihnen nicht danken?! Einiges nehme ich mit Freuden an (wenn ich sage mit Freuden, so meine ich mit Freuden179) andres aber kann ich unmöglich annehmen und bitte, daß Sie meine Fassung wiederherstellen lassen. Auf Einzelheiten kommen, das hieße einen Zacharias-Brief schreiben, zwanzig Ellen lang und zehn Ellen breit. Allgemein: Ich bin kein leichtfertiger Schreiber weder mit Was noch mit Wie; auch wie ich schreibe, kommt aus Bedacht oder noch tiefer her. Darf ich mit der weiteren Verteidigung meines Rechtes dazu Maximilian Harden betrauen? so bin ich gewiß, daß er – auch gegen sich selber Genusses, Fukerufuju. 179

Dies bezieht sich vor allem und fast lediglich auf die Umänderung eines Satzanfanges aus “Aber das scheint schwer begreiflich” in “Schwer aber scheint begreiflich”, welche Korrektur Vater ganz zu Entzücken hinriß. Immer wieder rühmte er sie: “Das schreibt der Essayist, der weiß wie’s gemacht wird. Das ist Stil. Das ist griechisch in seiner Ruhe. Nie wäre ich darauf gekommen, im Leben nicht. Und so einfach! Ich kann doch eigentlich gar nicht schreiben; ich bin nicht einfach genug.” Usw. und immer wieder voll Freude und Lob dafür einen ganzen Vormittag lang.

– 231 – – für mein Recht stehen wird, als ginge es um sein eignes Recht gegen einen andern. Und so hab ich zum Schluß, anders wie am Anfang, denn doch nur zu danken und zu danken. Immer in herzlicher Gesinnung Ihnen treu ergeben Brunner 29. Februar 1916 “Menschen wie Alice und fast all den andern ebenso kann, darf ich nie sagen, was ihnen eigentlich fehlt und was ihre Halbheit macht; so nah stehn sie mir nicht, so nah sind sie mir nicht, als daß ich es dürfte. Es wäre Roheit, ihnen so eins vor den Kopf zu geben. Das macht mir diese Art Beziehungen so schwer. Denn andrerseits muß ich natürlich den Kernpunkt doch immer berühren (zu Alice zum Beispiel habe ich, seit ich sie kenne, schließlich von gar nichts andrem gesprochen), aber weil ich weiß, daß es ihnen weh tut, suche ich den Schmerz nachträglich vielmals zu vergüten.” “Meine Stelle über Sokrates (in »Künstler und Philosophen«) soll kein erschöpfendes Porträt sein, so wenig wie ich in dem Kapitel über die Weiber meine, alles Wesentliche über das Thema gesagt zu haben, sondern ich habe nur in einer ganz bestimmten Hinsicht gesprochen, hier, im Falle des Sokrates, über sein Verhältnis zu den Sophisten. Ich war darin so peinlich genau, daß ich nicht einmal seine Ironie erwähnt habe – höchstens implicite – als nicht dazugehörig. Wenn ich direkt von Sokrates sprechen wollte, so würde ich ihn vor allem als den ungriechischen, als einen hebräischen Mann nehmen, der was vom Propheten in sich hatte – wie ich auch in Herakleitos und Aischylos Orientalen sehe. Und würde, damit in Zusammenhang, sein Archaisches gegenüber seiner Zeit rausstellen.” “»Eckermanns Gespräche« muß ich unter die allerbesten Werke von Goethe rechnen.” Emma liest unentwegt weiter. Vater ist mehr als befriedigt, ist entzückt und beinah überwältigt von der Wirkung, die sie spürt und zeigt. Ihn beglückt zu erfahren, daß nur Natur genügt, sein Werk zu erfassen. “Schauderhaft war mir selbst, die logischen und dialektischen Auseinandersetzungen zu machen; wenn ich sie hätte sparen können, wie gern hätte ich es getan! Aber daß es Leser geben würde, die über dies alles hinweg den eigentlichen und letzten Sinn ganz rein ergreifen, konnte ich nicht erwarten.” Der Schwung für das Praktische, wovon ich Seite 417 sprach, ist übrigens ganz erlahmt. 4. März 1916 Noch mehr von allgemein wesentlichen Zügen “hineingepackt” in die Sokratesstelle. “Heine, Börne, Lassalle, Harden – sie haben doch alle etwas von dieser ethischen Kriegerischkeit, die spezifisch jüdisch ist.” “Es ist doch auffallend, daß die kleinen Staaten, außer Griechenland und Judäa, nichts Rechtes an Kunst und Literatur hervorgebracht haben. Denk mal die Schriftsteller der Schweiz! Einfach lächerlich.” – “Aber das große Amerika hat auch fast nichts aufzuweisen”, sagte ich. – “Ja, Amerika ist noch zu jung, hat noch zu viel mit seinen Lebenseinrichtungen zu tun. Seine Literatur besteht in Humoristik und Mystik – weil das die bequemsten Äußerungsformen sind.” 12. März 1916 “Die Liebe Gottes zu sich selbst – ist das wirklich reine Mystik?” wurde gefragt. “Wie kann etwas Mystik sein, was so vollkommen rationalistisch aufgeht?! Du kannst es nüchtern ausdrücken meinetwegen mit Erhaltung der Energie und Erhaltung des Stoffes und des Unendlichen, was wir nicht kennen, weil nur Denken und Ausdehnung unsre Attribute sind. Die Liebe Gottes zu sich selbst ist die Treue, die Wunderbarkeit, womit alles fortwährend besteht, entsteht, wächst, dem Einen zuwächst. Das ist ganz gewiß keine Mystik.”

besteht, entsteht, wächst, dem Einen zuwächst. Das ist ganz gewiß keine Mystik.” – 232 –

“Dies, daß Denken und Ausdehnung dasselbe sind, doch nie ineinandergreifen, ist wohl in der Tat schwer zu fassen. Denken ist überhaupt schwer, und es gibt Wahrheiten, die man heute ganz klar und hell hat, und morgen können sie bei einem, dessen Denken nicht gerade von Eisen ist, davongeflogen sein. Man muß sich solche Wahrheiten dann immer wieder vorhalten, am besten sie sich in den hellen Augenblicken niederschreiben in einer festen, einfachen Fassung, die einen stützt, wenn man wieder unsicher geworden.” Vater las eben, auf meine Bitte, den »Gösta Berling« von Selma Lagerlöf. Er kannte schon die »Christuslegenden« und einige Kapitel aus »Niels Holgersens Reise mit den Wildgänsen«. “Ja, das ist schon eine große Dichterin, stark und innig. Und hat auch Gedanken. Die bedeutet für die Schweden viel; sie schafft ihnen ja eine richtige Nationalliteratur.” Am achten März hatte Magnussen Geburtstag. Als wir mit noch einigen Gästen bei Tisch saßen und einen besonders vortrefflichen Bocksbeutel tranken, sagte Vater plötzlich: “Ich möchte ein Rätsel aufgeben; und wenn es ihnen recht ist, gibt jeder, der es nicht rät, eine Mark, die Damen fünfzig Pfennige, und das Geld wird irgendwie für unsre Soldaten verwendet. Ja?” – Allgemeine Zustimmung und Neugierde. – “Also: Welches ist der beste Schluck von diesem Bocksbeutel?” – Verwunderung. Schwache Versuche zu raten. Der erste Schluck? Der letzte? Ziemlich dürftige Begründungen. Spannung. “Nun, so sagen Sie es schon!” – “Ja, ich weiß es auch nicht”, gab Vater zur Antwort, “und darum zahle ich auch gleich.” Und er legte zwei Mark auf den Tisch. Das gesammelte Geld wurde mir eingehändigt, und ich schickte Sprotten dafür ins Lazarett. Noch ein kleines Anhängsel: Magnussens Freund, der Pfarrer Bittlinger, reichte ein paar Minuten darauf Vater die Hand mit einem schelmischen: “Ich danke Ihnen.” – “Wofür denn?” “Sie haben mir eine Mark erspart.” – “Wieso denn?” “Weil Sie nicht auch noch fragten: “Welches ist der zweitbeste Schluck von dem Bocksbeutel.” “Gegen andere darf ich nicht rücksichtslos sein. Aber gegen euch, die ihr mir so nahsteht, die ihr mit mir lebt, darf und kann ich nicht nur – ich muß!” “Selma Lagerlöf ist viel bedeutender als George Sand, denn deren Letztes ist das Soziale, während die Lagerlöf auf etwas tief Religiösem ruht, und während George Sand allerdings bestimmte Gruppen von Menschen praktisch beeinflussen konnte, vermag Selma Lagerlöf etwas viel Höheres: Sie kann eben mit diesem Ernst und Pathos der Religiosität auf Individuen wirken. Ich könnte mir sehr wohl vorstellen, daß sie imstande wäre, einen Menschen ganz durchzuschütteln und zu einer Umkehr zu bewegen.” “Ob Friedrich der Große ein Politiker war? Aber der allergrößte, allerfeinste! Denn er kannte die Menschen und das Ordinäre an ihnen, verstand auf das geschickteste aus ihren Zwistigkeiten Vorteil zu ziehen, wußte, daß der einzige ehrliche Mann der ist, der bekennt, ein Schurke zu sein und war – wie jeder Große – in jedem Augenblick bereit, die ganze Sittlichkeit wegzuwerfen – aus Sittlichkeit. Ist doch auch der liebe Gott nicht sittlich! Sondern geht in seiner Natur nach ganz andren Gesetzen zu Werke.” “Ich kenne nur eine Poetik: Longin, Über das Erhabene. Das ist eine wundervolle Schrift.” 16. März 1916 “Ich rechne es unserm Kaiser hoch an, daß er zögert, den rücksichtslosen Unterseebootskrieg, den die Alldeutschen natürlich wollen, zu erklären. Denn wenn es auch möglich ist, daß wir nicht anders können und uns nur dies übrig bleibt, es ist so furchtbar, und die Folgen sind so furchtbar, daß ich nicht weiß, wie ein einzelner diese Verantwortung tragen soll. Ich glaube, ich würde in solchem Fall abdanken und als gemeiner Soldat im Heer mitkämpfen. Wenigstens müßte, wenn wir denn zu dem entsetzlichsten aller Mittel zu greifen gezwungen sind, vorher eine Note an England geschickt werden, worin wir erklären, daß wenn es unsre

sind, vorher eine Note an England geschickt werden, worin wir erklären, daß wenn es unsre – 233 – Schiffahrt in Ruhe lassen wolle und zulasse, daß Schiffe aus unsren Häfen laufen und wieder in sie zurück, daß wir dann bereit seien, den Unterseebootskrieg einzustellen; aber wir müßten essen, wir könnten unsre Frauen und Kinder nicht verhungern lassen. – Dies nicht, als könnte es wirklich England umstimmen, sondern nur, um den Neutralen deutlich zu machen, daß wir nicht anders können.” 19. März 1916 “Shakespeare über alles. Shakespeare hat für mich so einen letzten Ton und letzten Klang, der alles übertönt und überklingt. Wenn ich an ihn denke, noch mehr natürlich, wenn ich ihn lese, bin ich immer nur in einem einzigen großen Staunen.” Auf den »Macbeth« legt Vater keinen sehr großen Wert, greift dazu kaum, während er sonst immer mal zwischendurch ein Shakespearesches Drama liest. “Die griechischen Tragiker haben die großen Stellen – aber im ganzen – Shakespeare!” Wir freuten uns in einer anschließenden Unterhaltung, daß man so wenig Daten über Shakespeare weiß. “Von all den ganz Großen hat man glücklicherweise nichts als das bißchen Legende.” “Da greif ich dann wirklich schon zu Schiller, um mich mal ein bißchen zu amüsieren, und dann muß ich mich so langweilen und ärgern.” Bezeichnend für Vater, und das ist nicht ein einmaliger Fall, sondern das Regelmäßige: Er läuft ein Stück zur Stadt zu, um auf der Elektrischen auf einen Zehnpfennigsschein – statt für fünfzehn Pfennige – fahren zu können. Ganz selbstverständlich aber ist dabei, daß er fünf Pfennige Trinkgeld gibt! Ich habe Vater eine kleine Sammlung hamburgischer Kasparspiele geschenkt, woran er großen Spaß findet. Die getreue Aufzeichnung erkennt er besonders an. “Solche mündliche Literatur ist mir ja eigentlich die liebste.” – Wir kamen auf den Wortwitz, und daß er unentbehrlich und keineswegs zu verachten sei. “Natürlich meine ich nicht den geschmacklosen Wortwitz und auch nicht, daß wie bei manchen die ganze Unterhaltung darauf gestellt sein soll. Am liebsten ist er mir als Hilfe für konzentrierte Urteile. Wenn ich zum Beispiel Ittelsohn180 einfach Krittelsohn nannte – das trifft.” – Ich erinnerte an die Spinozerosse181; Vater erzählte mir, wie er ein Hamburgisches Ehepaar Herrmann Unteroffizier und Julie Bildung getauft; und ich bewunderte die Malerei und Schilderung in diesen Namen. Ein Kasparspiel (»De Moosbüdel«) las Vater gestern vor größerem Publikum, nämlich: Mutter, Inge, mir und vor Emma und ihrem Besuch, ihren zwei Schwestern und dem Bruder, mit viel Erfolg. Vaters Verhältnis zu Inge entwickelt sich störungslos harmonisch. Sie will in allem wie er, ist gut und kindlich. Sie lernt fleißig und äußerst gewissenhaft. 22. März 1916 “Ich habe, als ich jung war, nie über mich selbst gesprochen. Ich war wie ein Wasser, das sich ausgoß, heute ist es hier, morgen schon dort, und worauf es ankam, war mir nur das Laufen, nicht ob ich Wasser war und naß. Dabei aber – das magst du glauben – war, wo es sich drum handelte, mein Instinkt immer wach und brachte mich etwas aus meinem labilen Gleichgewicht – labil wie eine Waage, die der feinste Hauch schwankend macht –, so reagierte ich wahnsinnig.” “Gebrochen habe ich nie mit einem Menschen deswegen, weil er meinen Egoismus gekränkt hätte, wenn brach,Vormittag so war es stets um des Prinzips willen.” undsondern Lob dafür einenich ganzen lang. 180

Eine in Berlin ziemlich bekannte Figur, ein philosophisch lebhaft interessierter, immer zu Disput aufgelegter Mann. zu Disput aufgelegter Mann. 181 Siehe »Die Lehre von den Geistigen und vom Volke« Seite 925.

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“Bei Hermine sind Klug und Dumm Nachbarn, die sich alle Augenblick gegenseitig die Wand einstoßen.” 23. März 1916 “Als ich, ein kleiner Junge, schon bei einem Lehrer mit dem Hebräischen begonnen hatte, half mein Vater mir spielenderweise weiter. Wir unterhielten uns nämlich auf unsern Spaziergängen damit, ein hebräisch-deutsches Lexikon zu verfassen! Du kannst dir denken, daß so etwas für ein Kind den wunderbarsten Reiz hat. Also was kommt zuerst? fragte mein Vater. – Aleph, antwortete ich natürlich – Und dann? – Aleph Aleph. – Ja, das ist aber noch nichts, das ist noch kein Wort. Weiter! Aleph Beth. – Ah, das ist was! Was heißt das? – Nun wußte ich schon, daß Aw Vater heißt und freute mich. Dabei blieb es natürlich nicht. Mein Vater gab mir grammatische Erklärungen zu den einzelnen Wörtern, ging auf andre Dialekte und Sprachen über, erzählte mir die schönsten Geschichten dazu aus der Überlieferung, sagte mir bei passender Gelegenheit Sprüche aus dem Talmud – kurz, es ging alles aufs Leben, und ich habe viel gelernt, während unser mündliches Lexikon mit jedem Spaziergang dicker wurde.” “Ich finde den Gang des Menschen noch viel charakteristischer als seine Handschrift. Nur natürlich ebenso viel schwerer zu deuten.” 30. März 1916 Wir stellten fest, daß während dieser Kriegszeit nur zwei neue Menschen sich wegen seiner Lehre an Vater gewandt haben: vor längerer Zeit ein gewisser Patay aus Ungarn, und kürzlich ließ jemand durch eine Hamburger Buchhandlung bei Schnabel Vaters Adresse erfragen. “An meinen Vater denke ich sehr viel und natürlich mit der größten Dankbarkeit. Und, ich kenne doch sonst derlei gar nicht – da liegt mir immer ordentlich schwer auf dem Herzen, daß ich doch rücksichtsvoller hätte sein können, wenn ich mich mehr in den alten Mann hineingedacht hätte. Es kam mir nie zum Bewußtsein, daß er durch mich litt, weil er nie andre als die gütigsten, zärtlichsten Worte und dies grenzenlose Vertrauen für mich hatte. Ich bummelte, als ich noch zu Hause war, eine Zeitlang schrecklich; das heißt ganz harmlos natürlich, aber ich kam dann Nächte hintereinander sehr spät zurück. Nie ist ihm der Gedanke gekommen, ich könnte mich mit Frauenzimmern herumgetrieben haben oder sonst auf böse Wege geraten. Aber er ängstigte sich, der unpraktische alte Mann, und besorgte, mir möchte auf der Straße etwas zustoßen, und dann schlief er nicht ein, bis ich zu Hause war. Schrecklich eigentlich, so mit Angst dazuliegen! Ja, zuweilen trieb es ihn auf und hinaus, und ich begegnete ihm in der Nähe unsres Hauses auf der Straße. Das gab mir dann einen Stich ins Herz, aber da er nie etwas Hartes sagte, höchstens ein zärtliches ‘Aber Leo!’, so machte ich mir sein Leiden gar nicht deutlich. Jetzt weiß ich, daß ich mit einem einzigen Wort ihn hätte beruhigen können. Er verstand mich, weniger mit Gedanken, aber doch mit dem Gefühl so sehr; er liebte mich eben. Nie daß er mich auch nur gefragt hätte: ‘Wo bist du eigentlich gewesen?’ Meine Mutter, eine so vornehme Natur sie war, tat das schon eher einmal. Aber dann gab es eine Szene. Denn das weißt du ja, was nur im entferntesten wie Kontrolle aussieht, kann ich instinktiv nicht vertragen und weise es furchtbar schroff ab.” Das weiß ich allerdings und bin von selber mit Fragen sehr vorsichtig, obwohl Vater, wie er sagt, mir gern erzählt und sich durch mich noch keinen Augenblick “kontrolliert” gefühlt hätte. Es gehört, unbeschadet aller Offenheit, zu seinem Gefühl von Freiheit, nicht Auskunft geben zu müssen über seine Wege, die gleichgültigsten selbst. Nie kommen seine Sätze so langsam heraus, nie sind sie so umständlich und ungeschickt eingerichtet, als wenn er etwas so Einfaches zu sagen hat wie: “Morgen will ich nach Berlin zum Zahnarzt.” “Johannes Hafer muß ich jetzt ganz sich selbst überlassen; denn er macht offenbar in religiöser Hinsicht eine Krisis durch, wobei ich ihn nicht stören darf.”

– 235 – “Ich möchte kein Buch mehr schreiben, ohne über den Fall der Pharisäer und der Sophisten zu sprechen. Jedesmal anders käme es schon von selbst heraus. Dies ist das einzige, was die paar, die überhaupt lernen können, aus der ganzen Menschheitsgeschichte zu lernen haben.” Da wir auf Geld aus England angewiesen sind, wären wir jetzt ohne tätige Freunde in übler Lage. Aber es erweist sich doch, daß die Freunde des Gedankens auch die der Person sind. “Nur auf solche auf das Überpersönliche gegründete Freundschaft ist wirklicher Verlaß.” Heyn und Herrlikow an erster Stelle geben Vater, was er will, mit Lachen, ohne Schuldschein und mit den immer wiederkehrenden Worten: “Mein Geld oder deines, da ist kein Unterschied.” 3. April 1916 “Die Idee der Lilith hat mich als jungen Menschen, ich kann fast sagen als Knaben, immer sehr angezogen und meine Phantasie beschäftigt. Der Name mag viel dazu beigetragen haben; die Nächtliche – ich stelle sie mir noch heute vor wie damals: ganz weiß und in einem Mantel von blauschwarzem Haar, blauschwarz. Die Überlieferung gibt keinen weiteren Anhalt, als daß sie Adams erste Frau gewesen und mit ihm die Dämonen erzeugt habe. Aber das ist es auch gerade: sie ein Wesen von der Welt einer so ganz andren Ordnung und er das Wesen der neuen Welt … und als ich gestern Inge von Lilith erzählte, fiel mir ein zu sagen: als Adam den Kain zeugte, hat er an Lilith gedacht! Und das machte ihr großen Eindruck.” “Von allem, was ich Inge erzählt habe, hat nichts so stark auf sie gewirkt wie mein Traum von dem Schauspieler und der Uhr.182 “Über die Päderastie der Griechen haben wir kein Recht von unsrem Zeit-Standpunkt aus einfach ablehnend zu urteilen. Diese bedeutende Erscheinung ist auch nicht etwa damit abgetan, daß man sie mit einer Korruption Griechenlands in Zusammenhang bringt. Griechenland war nicht korrupt, dafür hat es viel zu viel Großes und Schönes geschaffen, und ebenso ist die griechische Päderastie mit zu viel Schönem verbunden, als daß man sie ohne weiteres verachten dürfte, auch fällt sie durchaus mit der höchsten Blüte des Landes, mit der perikleischen Periode, zusammen. Ich bin gewiß kein Verteidiger der Knabenliebe, das weißt du, schon weil ich persönlich nichts davon in meiner Natur habe, obwohl mir eine gewisse leichte Zärtlichkeit im Verkehr mit Freunden durchaus natürlich ist – aber ich finde eng gedacht, etwas abzuweisen, nur weil es anders ist als das, was wir anzuerkennen gewohnt sind. Das Recht des ‘anderen’, darauf beruht bei mir schließlich alles; mein Judenbuch setzt auseinander, daß die Juden nicht verdienen, verachtet zu werden, weil sie anders sind als andere, und meine Lehre von den Geistigen und vom Volke spricht erst recht von den Menschen, die ‘anders’ sind. Ich weiß, daß der Standpunkt der Zeit und des Ortes immer beschränkt ist und daß die Möglichkeiten der menschlichen Natur unendliche sind, mögen auch nur bestimmte an bestimmter Stelle zu bestimmter Zeit in die Erscheinung treten. Man sagt wohl, unsere Ehe sei natürlich, weil in ihr Kinder gezeugt werden – aber man braucht das Natürliche nur weiter auszudehnen (und man muß es), um auch die Päderastie natürlich zu finden. Es wurde bei den Feinen das feinste Geistige in Schwung gesetzt durch Steigerung der Sinne; daß es bei den Ordinären ordinär herging, ist selbstverständlich und bei uns nicht anders. Und wie sieht denn unser Ideal von der geschlechtlichen Sittlichkeit aus? Meinem sinnlichen Empfindungsleben entspricht es jedenfalls nicht, und was ich bei andern gehört habe, ist, daß sie es in der Theorie zwar anerkennen, praktisch aber keineswegs damit zufrieden sind. Natürlich sind wir an das Unsrige gewöhnt, und es ist so weit in uns eingegangen, daß die meisten von uns – ich auch – eine rein gefühlsmäßige Abneigung haben gegen das, was wir vom Geschlechtsleben der Griechen wissen, aber, wie gesagt, es moralisch zu richten sind wir nicht berechtigt, sondern, da so viel herrliche Leute dabei waren, vielmehr verpflichtet zu dem honny soit qui mal y pense, das, ich weiß nicht mehr in welcher Form, Philipp über die edle Tat der thebanischen Schar sprach, deren Mitglieder alle untereinander in geschlechtlichem Verhältnis sollen gestanden haben.” (Vgl. hierzu die Anmerkungen im »So181 Siehe »Die Lehre von den Geistigen und vom Volke« Seite 925. 182

Siehe »Zukunft« 9. Februar 1918.

– 236 – krates«.) Uns begegnete Flauberts Wort: Un homme qui s’est institué artiste, n’a plus le droit de vivre comme les autres. – “Ja, aber das Wichtigste hat Flaubert übersehen: daß nämlich Schaffen auch Leben ist, und Leben, das heißt zunächst auch: Genießen.” “Früh schon hab ich – abgesehen von den paar großen Weltwerken – immer nur auf die Verfasser hin gelesen. Als wenn ich mich so mit jemand unterhielte – da sagt einer vielleicht das ganze Jahr hindurch nichts, was die Mühe lohnt, und dann kommt doch mal was Interessantes heraus. So lese ich und bin zufrieden mit ein paar schönen Stellen, wo sich’s öffnet und ich hindurchblicke auf die Persönlichkeit und auf ihre Methode. Denn auch auf Methode des Produzierens bin ich immer unglaublich neugierig gewesen und habe dafür immer einen großen Riecher gehabt. Freilich jeder versteckt seine Kniffe und Schlauheiten und verwischt mit Scharren sorgfältig die Spur. Darum versuchte ich’s ja auch einmal mit den Lebenden, ob die besser Auskunft geben wollten als die Toten183; es kam natürlich nicht viel dabei heraus.” Ich fragte, ob man nicht das Lesen aufgeben oder wenigstens auf das erkannt Gute beschränken sollte, statt sich auf die paar guten Stellen, die vielleicht kommen, zu verlassen. “Wir brauchen das Lesen, um nicht zu erschlaffen. Die Kunst ist empirisch und gehört ganz zum Leben dazu.” “Nur zwei Dinge habe ich alter Mann, von denen ich jeden Tag und immer reden muß: Egoismus und Geist; das heißt: so viel zu reden ist ja nur vom Egoismus! Und wie nach Thales alles aus dem Wasser wird, so bei mir aus dem Egoismus – nur daß dies wahr ist und die Wasserlehre nicht.” 7. April 1916 “Mein Unterrichten Inges ist ein Erzählen von mir und von ihr. Und wenn sie auch wenig spricht, so weiß ich von dem Wechsel ihres Gesichts doch genau, was in ihr vorgeht. Ich sehe, wie sie dichtet, wenn diese trockenen Kalbsaugen anfangen, so fabelhaft zu leuchten. Ich tue nichts, als daß ich ihr gebe, was so der Ältere, der das Leben erfahren hat, dem Jüngeren geben kann. Und darin hat mein Unterricht (wenn man dies Geben so nennen will) Ähnlichkeit mit jener wunderbaren Institution Griechenlands, wo die älteren Männer den Knaben ihren Geist mit Liebe eingossen – nicht Schule, nicht Hochschule, viel planloser als mein Lehren (denn ich halte mich bei aller Freiheit an eine gewisse Ordnung), aber die Hauptsache, daß es ein Übertragen des Lebendigen ist.” “Griechenland ist Inge nun aufgegangen, und ich hielt dies zu ihrer Erziehung für notwendig. Aber das Eigentliche bleibt für sie – wie für mich – Judäa. Darin hat sie ihr Leben, das ist sie. Und später will ich ihr davon erzählen.” “‘Erzähl mir was!’ kann Inge mit einer zwingenden Eindringlichkeit sagen. Als sie es neulich tat, erzählte ich ihr die grandiose Mythe von Nimrod, der Gott bekämpfen wollte. Da baute er sich einen Kasten, gerade so groß, daß er hinein konnte und spannte zwei Adler davor, die er acht Tage hatte hungern lassen. Er steckte ein Stück Fleisch an seinen Speer und hielt ihn in einer Entfernung von ihnen hoch. Sie flogen dem Fleisch nach; er hielt den Speer höher, und sie flogen höher und so immer höher, fast bis an den Himmel. Da warf er den Speer in den Himmel hinein, und der kam zurück: blutig!” Vater las Edu und mir den Aufsatz über Urteil, Kritik, Beifall und Ruhm aus Schopenhauers »Parerga« vor. Er fand ihn ausgezeichnet, aber eitel in dem Sinne, daß er ganz zugeschnitten sei auf das Persönliche und so wenig objektiv philosophisch, daß er nicht einmal Definitionen der besprochenen Begriffe enthalte. – Ich bat Vater, uns danach seine kleine Arbeit über den Ruhm zu lesen, die ich besonders liebe, und er tat es. 182

Siehe »Zukunft« 9. Februar 1918.

183

»Die Technik des künstlerischen Schaffens«.

– 237 – 9. April 1916 “Keinen Augenblick verläßt mich im Zusammensein mit Inge das Bewußtsein von der Überlegenheit ihrer Produktionskraft über die meine. Und dies Empfinden, das so ganz nur ein selber Schaffender haben kann, gibt eine Sicherheit, in der ein ungemessenes Glück liegt. Nie kann ich Inge gegenüber vergessen, daß sie ein Tempel ist, darin der Gott seinen Sitz aufgeschlagen hat, und immer weht mich daraus dieselbe Reinheit und Kraft an. Welch eine beglückende Vergewisserung schon, die Großen der vergangenen Zeit zu kennen und zu verehren, aber einen großen Künstler zu sehen und mit ihm zu sein, das ist mir ganz wundervoll! Die dummen Leute sagen ja, ich erkennte keine Autorität an und risse alles herunter. Aber ich weiß, wie ungemein gerade ich mich hingeben kann, vielleicht wie niemand sonst. Und wenn Spinoza oder Platon oder Goethe, die ich so bewundere und vor denen ich mich beuge, aufstehen und in mein Haus kommen könnten, wir würden natürlich auch die gemeinen Dinge des Lebens miteinander treiben, essen und trinken und in Gegenwart anderer gewöhnliches Zeug sprechen, aber mich würde keine Sekunde das Gefühl von ihrer Bedeutung verlassen.” “Als schamlos empfinden wir Alice’ Verhältnis zum Geist. Weil es kein recht natürliches ist. Sie will immer, sie zerrt sich drum, sie fragt, statt zu wissen und zu haben. Es ist eine kleine, feine, liebe, unschuldige Notzucht, die sie treibt – Gott, es ist nicht schlimm, sie ist kein Wüstling, – aber Notzucht!” 12. April 1916 Ich war nach langer Zeit einmal wieder ins Kaiser Friedrich-Museum gegangen. “Nun, war es schön?” – “Nicht so recht”, sagte ich; “es lag natürlich an mir; vielleicht kam ich zu abgespannt hin. Aber es wollte kein Enthusiasmus in mir aufspringen. Die Werke schienen mir wohl schön, aber beinah alles im Grunde gleichgültig und wie überflüssig.” – “Ja, auch der Kunst gegenüber bedarf es eines gewissen ununterbrochenen Rausches, einer SelbstSuggestion, die in der Gewöhnung besteht.”184 “Selbstverständlich soll man den Kindern auf ihre Fragen das Märchen vom Storch erzählen und nicht, was die modernen Erzieher (den Namen verdienen sie gar nicht!) sich ausgeklügelt haben. Kinder sind immer voll von Sagen, Mythen und Märchen – das fällt nachher alles ganz von selber richtig wieder ab.” Jenspieter hatte mich gefragt: “Hast du schon den Osterhasen gesehn?” – “Ja.” – “Wie sah er aus?” – Ich beschrieb ihn und fügte hinzu: “Und um den Hals hatte er ein rotes Band, daran hing ein Körbchen mit Eiern.” – “Wirklich?” fragte Jenspieter ernsthaft. Da er nun naturwissenschaftlich sehr interessiert und darin für sein Alter ungewöhnlich gelehrt ist, hatte ich nicht das Herz, ihn irrezuleiten und sagte: “Nein, das mit dem Eierkörbchen war nur Spaß.” – Dies fand Vater nicht in Ordnung, ich hätte sollen den Osterhasen Osterhasen sein lassen. Und von da kam es zu der obigen Bemerkung über den Klapperstorch. Mir ist jetzt zuweilen, als ginge Vater dem Alter zu. Da kommen zwar noch viele Augenblicke oder selbst Stunden vollster Elastizität; besonders in Gegenwart anderer ist er immer jung, so daß niemand seine Abspannung merkt und selbst Magnussen keine Vorstellung davon hat und infolgedessen falsche Schlüsse zieht, zum Beispiel den Krieg als Ursache der Erregbarkeit, von der wir erzählen, betrachtet; aber im alltäglichen Leben ist Vater matt bei verstärkter Reizbarkeit, äußert sich häufig bitter und müde, sieht schlaff und grau im Gesicht aus, während die Gestalt schlank und biegsam erscheint. Das Gesicht verrät mehr und mehr neurasthenische Konstitution und Leiden, indem es die Bestimmtheit des Umrisses einbüßt.185 Frisch rasiert, gut angezogen, lebhaft im Gespräch, kann Vater indes immer noch strahlend aussehen. Er scheint in sein Klimakterium getreten. Wie wird sein Alter sein, was wird es ihm, der Menschheit und was uns bringen? 183

»Die Technik des künstlerischen Schaffens«. Der Gedanke an den Krieg war wohl der Grund. 184 Der Gedanke an den Krieg war wohl der Grund. 185 Nichts mehr davon! Zusatz November 1916. 184

– 238 – “Wenn Amerika gegen uns geht und gar, wie dann anzunehmen ist, auch noch Holland, dann ist das Ende dieses Krieges gar nicht abzusehen, dann kann er fünf Jahre dauern.” “Das deutsch-rumänische Handelsabkommen gilt mehr als eine gewonnene Schlacht.” 13. April 1916 “All meine praktischen Angelegenheiten ohne Ausnahme hab ich als junger Mensch verbummelt. Ich hätte meine Lage sehr günstig gestalten können, immer wieder, und ich unterließ einfach, den Besuch zu machen, von dem alles abhing. Einen harmlosen Besuch. Zuerst schob ich ihn durch Monate auf, bis er eigentlich schon unmöglich geworden war, und dann ging ich hin, sah mir die Tür an, berührte den Drücker und – ging wieder weg. Das hab ich nicht in einem, in hundert Fällen hab ich es so gemacht. Selbst wo ich wußte, daß Menschen mich lieb hatten und durch mich litten. Da war der alte Rabbiner Loeb in Altona, mir so herzlich zugetan, und ich verehrte ihn sehr. Nachdem er gehört, daß ich mein frommes Leben aufgegeben hatte (was er fromm nannte – ich war nie so fromm gewesen wie in den Jahren!), trug er, wie ich durch andre hörte und mir auch denken konnte, Leid um mich; aber er zürnte mir nicht, sondern ließ mir in der herzlichsten Weise sagen, ich möchte ihn doch besuchen. Da ging ich zweimal bis an seine Tür, und wie ich den Drücker angefaßt hatte (denn dazu zwang es mich), sagte es in mir: nein! Ich wußte mir damals diese Stimme nicht zu deuten, versuchte es auch gar nicht, aber ich gehorchte ihr. Mir war, als sei es zwar eine Sünde, den lieben alten Mann zu kränken, aber eine viel größere Sünde, zu ihm zu gehn. Eben war ich aus der Konventions-Gesellschaft ausgetreten, so durfte ich mich auch an ihre Vertreter nicht halten. In mir war das nur ganz dunkel, aber stark. Jetzt könnte ich den armen Rabbiner und all die andern, die ich vernachlässigte, gut besuchen, ohne mir etwas zu vergeben, und ich täte es, wenn sie lebten, denn jetzt habe ich mir alles vom Herzen heruntergeredet und kann darauf verweisen als auf eine klare, außer mir liegende Sache; aber damals mit der ganzen Unruhe von all diesem in mir, nicht als Werk, sondern als Leben, da ging es nicht anders. Ich hätte es ja äußerlich vorzüglich haben können. Schon durch die besseren Männer der jüdischen Gemeinde. Du glaubst gar nicht, in welcher Form sie zu mir Knaben sprachen, wie zu ihrem werdenden König, der ich der Enkel meines Großvaters und in ihren Augen ein Licht war und vor allem das frömmste Kind der Gemeinde. Das gibt etwas ganz Besonderes in den Ton. Mir war es in Demut selbstverständlich. Ich war ein so verdusseltes Kind, ungefähr wie auf deinem Bildchen, das zwar verblaßt ist, doch gar nicht schlecht. Mich erfüllte sehr das Versprechen, das meine Mutter dem lieben Gott um meinetwillen gegeben hatte. Ich fühlte mich als Nasir. Nie stellte ich mir vor, so ein Rabbinerchen zu werden wie etwa unser Loeb, – es war immer eine unendliche Kirche, die sich immer mehr erweiterte, um die ungeheure strömende Menschenmenge zu fassen.”186 17. April 1916 “Simson war immer schon mein Held, der humoristische Held, der sich so paradiesisch benimmt in der Hölle ringsum. – Ich las neulich noch Inge seine Geschichte vor; sie hatte gerade die Ilias hinter sich. Ach Gott, was ist Achill für einer gegen Simson! Gewiß, sehr schön, aber weiter? Nein, Griechenland muß immer den Mund schließen, wenn Judäa zu reden anfängt.” “Ich zeigte Inge einige Gebäude in Berlin; ich ging mit ihr da, wo die schönen Gebäude zusammenstehen. Aber am wohlsten wurde mir doch wieder unter Schinkels Säulen da oben. Die sind herrlich, und das ist der schönste Punkt von Berlin. – Nachher traten wir in die Hedwigskirche ein; sie war voll von Menschen, und es wurde gepredigt. Aber das konnte ich nicht aushalten, daß der Mann uns von Christus erzählen wollte – von Christus! – eine Stimme aus der Wüste war das! –, und nach einer halben Minute ging ich wieder.” “Inge ist eine richtige Magd. Ihr ist alles selbstverständlich, was ich wünsche, sie tut es 185 Nichts mehr davon! Zusatz November 1916. 186

Vgl. Geburtstagsbrief. – Zusatz 1918.

– 239 – widerspruchslos. Ich sagte: ‘Inge, du sollst vierzehn Tage Ferien haben, wir werden uns inzwischen nicht sehen.’ Ich weiß, es ist ihr schmerzlich, aber sie hat keine Antwort, sondern sieht mich nur an wie jemand, der sagt: es ist gut.” Gestern zusammen zur Matthäuspassion in der Garnisonkirche. Aber Vater, allzu erschüttert, konnte nur den ersten Teil ertragen. “Es ist doch eine zu ungeheure Furchtbarkeit darin. Bei dieser grenzenlosen Süßigkeit. Und hier ist Bach katholisch – oder jüdisch, wenn du willst –, während ich mich zu seiner andern protestantischen Musik, zu den Fugen, Fügchen und Kantaten, auch zur Johannespassion, nicht finden kann. Die Matthäuspassion war, ob von ihm gewußt oder nicht gewußt, der Sonnen-Mittelpunkt seines Denkens, seines Lebens und ganzen Strebens, und die andern, kleinen Sachen sind nur bei der Bildung der Sonne, in der Rotation, aus dem Weichen so abgesprungen und leben nun für sich, aber als kleine und als dunkle Welten.” 18. April 1916 “Ich hätte sehr Lust, über die sinnliche Seite des Sokrates, und wie sie mit seiner philosophischen zusammenhängt, zu schreiben; aber ich darf aus kompositionellen Gründen meine Stelle über ihn nicht allzu sehr erweitern. Vielleicht entschließe ich mich noch zu einer Anmerkung, sonst muß ich’s für später aufschieben; aber ich habe da allerlei zu sagen und möchte es nicht versäumen.” Vater hat Inge über Knabenliebe belehrt, was seine Gedanken nach dieser Richtung besonders angeregt hat. “Ich finde es eines genialen Philologen wie Schleiermacher würdig, den »Phaidros« als Jugendwerk Platons zu betrachten und stimme den inneren Gründen, die er dafür angibt, bei.” 20. April 1916 “Ganz deutlich fühle ich den Sitz meines eigentlichen Körperempfindens im Unterleib, den Sitz des Wollens in der Brust, im Herzen, und mein Denken fühle ich an einer ganz bestimmtem Stelle in der Mitte meiner Stirn.” Dies gehörte zu der Auseinandersetzung über Fühlen, Wissen, Wollen im Werk, fand ich. “Vielleicht einmal bei einer späteren ausführlicheren Darstellung”, sagte Vater. “Ich habe die Stelle über die Knabenliebe doch nur mit einer sehr kleinen Anmerkung versehen können, denn ich hätte gar zu viel zu sagen, so daß es den Zusammenhang zerreißen würde.” “Wenn der Lissauer, wie es scheint, nur diese eine Manier hat, ist es natürlich schlimm und tut er Unrecht der Vielheit der Weltdinge, indem er so alles mit einer Farbe überstreicht.” “In der letzten Rede des Kanzlers hat dies mir einen großen Schreckschuß eingejagt, daß er so spricht, als wollten wir Polen behalten. Denn das wäre für uns entsetzlich, Schlimmeres könnte uns deutschen Juden nicht passieren, als wenn den polnischen Juden die Grenze freigegeben würde. Sie würden nicht gewinnen, denn sie sind noch nicht reif zur Emanzipation und müssen ihre hundert Jahr bis dahin ruhig in Rußland abwarten, und wir würden alles verlieren, was wir in so schwerem Kampf erobert haben.” 22. April 1916 “Daß mein Werk irgend etwas bedeuten muß in der Welt, fühle ich ja, aber ebenso sicher ist mir, daß weder ich noch irgend jemand heute wissen kann, was und wie es bedeutet. Jedenfalls ganz andres und anders, aber gänzlich! als ich selber oder sonst einer vermuten kann. Es sind da mehrere Seiten – nun, ich will und kann auch nicht davon sprechen.” Auf meine Bemerkung, daß die Frauen, die sich zu ihm gefunden, fast durchweg feiner seien als die männlichen Anhänger und die Frage, ob dies wohl daher käme, daß der Mann zur

als die männlichen Anhänger und die Frage, ob dies wohl daher käme, daß der Mann zur – 240 – Hingabe an den Mann zu viel Konkurrenzgefühle zu überwinden habe: “Dies ja, und dann und vor allem: Die besseren Männer sind fast immer besetzt mit einer Überzeugung, während die Frauen meist frei sind.” “Etwas hat der Protestantismus an Kunst hervorgebracht, das den Bildern der katholishen Maler das Gleichgewicht hält: das Kirchenlied.” “So idealistisch finde ich Shakespeare, in jedem seiner Stücke so deutlich ausgesprochen: Dies alles vergeht und ist nichts, es soll nur hinführen zum Ideal, daß ich mir seine Sachen mit den Gestalten der griechischen Plastik könnte aufgeführt denken.” Kirchenlieder von Bartholomäus Ringwald zusammen gelesen und uns sehr gefreut an der ehrlichen Menschlichkeit, womit er sein Frommsein äußert, wie an der Kindlichkeit, Leichtigkeit und Freiheit des sprachlichen Ausdrucks. Vater sagt, daß er ihn immer besonders gern gehabt. [Andere Reihenfolge der letzten beiden Abschnitte von Lotte?] 24. April 1916 Ostermontag Gestern abend las uns Vater, um den dreihundertjährigen Todestag des Cervantes zu würdigen, Heines Einleitung in die Prachtausgabe des Don Quixote vor. Wir waren alle entzückt, Vater begeistert von der “reinen Sachlichkeit und Hingabe, die zu sehen immer eine Freude und eigentlich die allergrößte Freude” sei – und “er ist doch auch ein liebenswerter Mann, der Heine, das sieht man gerade hieraus.” Wie der Mensch so nichts aus seinem Innern holen kann, sondern mit allem sich anlehnen und auf Äußeres stützen muß, sprachen wir. “Was ist denn an dem ganzen Wicht auch nur ein Wicht zu nennen?! müßte es heißen!” 6. Mai 1916 “Der Rahmen darf nicht das Bild fortsetzen. Im Gegenteil hat er in Form und Farbe davon abzuweichen. Er ist doch der Jesus, der mit der Welt vermittelt, da kann er doch nicht ebenso sein wie die Leute, für die er die Vermittlung macht; nein, gerade sein Anderssein macht’s doch!” Daß das Gleichnis für die philosophische Darstellung genau so unentbehrlich sei wie die Definition. 11. Mai 1916 Vor Jahren – wir wohnten damals in Waidmannslust – waren eine Zeitlang Wortwitze bei uns im Schwange, die wir mit den Namen der Philosophen anstellten und kurzweg “Philosophenwitze” nannten. Besonders Bäumer war darin eifrig, schrieb “Descartes postales” und von der “via Spinosa” des Lebens und kam immer mit etwas Neuem an. Auch Landauer nahm etwas teil. Sehr drollig war, wie dieser einmal nach dem Abschied die Treppe hinunterging und meinem Vater, der noch oben stand, hinaufrief: “Ich hab ‘n Dales”! (Thales in seiner schwäbischen Aussprache), worauf Vater sofort erwiderte: “Das tut Mi-let!” Schließlich wurde dies Spiel zu einer kleinen Manie, wovon man sich gar nicht mehr losmachem konnte. “Du hast in der Male-Branche zu tun”, erinnerte ich Vater, wenn er Geld an seine arme alte Tante Male zu schicken hatte. “Der Geu – links hat noch keinen Grogk”, sagte ich einmal im intimstem Kreise auf Bäumer zeigend, der von allen am meisten darüber lachte. Seine kaufmännische Begabung hat Vater als Kind bewiesen, indem er Windmühlen aus buntem Papier machte, die mit einer Stecknadel zusammengehalten und an einem Stock befestigt wurden, und diese Windmühlen an seine Kameraden verkaufte je um – eine Stecknadel! die ihm nämlich zur Anfertigung einer neuen notwendig war. Als Vater sich mit Mutter verheiratete, schrieb er eine Karte an Otto Ernst, worauf stand:

Als Vater sich mit Mutter verheiratete, schrieb er eine Karte an Otto Ernst, worauf stand: – 241 – “Unsre Verlobung ist aufgehoben” – eine Post später (oder einen Tag darauf) erhielt Otto eine zweite Karte mit den Worten: “durch unsre Verheiratung.” “Käthchen von Heilbronn ist die beste Frauengestalt in unsrer ganzen deutschen Literatur.” – Daß es keine wirklich vollendete Darstellung einer Frau gäbe, hatte Vater bemerkt; aus dem Grunde nicht, weil die Männer, die doch nur die eine Hälfte der Menschheit, die Literatur machen, und sie die Frau nur von sich aus sehen. Selbst Shakespeare sei hier Mann. Goethes Mignon ist Traum und Schatten, Homers Penelope eine Statue. Wie mannigfach unterscheiden sich die homerischen Helden voneinander, wie schwach im Vergleich dazu sind seine Frauen charakterisiert. “Altkirch ist das genaue Gegenteil von einem Schriftsteller. Denn Schriftsteller nenne ich einen, der über jedes Ding der Welt, über das kleinste Baumblatt, hunderttausend Bände schreiben könnte, der wie eine Spinne Faden um Faden aus sich selber zieht und so sein Haus in die Luft baut, daß man es sehen kann. Altkirch aber steht tot und starr vor jeder Erscheinung – bei all seinem überquellenden, zur Seite der Sentimentalität hinquellenden Fühlen ist er ausgeschiedene Welt, Lava, die sich nicht rührt.” 14. Mai 1916 Heute hat Inge ihren Geburtstag. Vater hat ihr eine Gemme aus Lava mit einem Kopfe Homers in Gold fassen lassen. Und ihr die Schnorrsche Bilderbibel geschenkt. Griechenland und Judäa. Heyn ist auf einen Tag hier. Er erzählte von seiner Mutter: so wie ihre verschiedenen Gedanken gewesen, so habe sie ihre fünf so verschiedenen Kinder bekommen. Vater las ihm Inges »Maria« und die »Dirne« vor mit außerordentlicher Wirkung. “Inge hat mir die Maria geschenkt. Ich hatte immer nach ihr gesucht, aber sie nicht finden können. Und es ist doch so wichtig, die Maria zu haben!” So sagte er. Für Kunst im ausgebreiteteren Sinne wenig zugänglich, ist er allem Wesentlichen doch jeden Augenblick bis in die letzte Tiefe offen. Vater erzählt mit Rührung, daß die härtesten Scheltworte, die sein Vater gegen ihn gebraucht, “du Närrchen” und “du Stoffel Rundhut” gewesen, wobei er ihn mit seinen “russisch grünen” Augen zärtlich liebend angesehn hätte. 22. Mai 1916 Vater las mir vor aus einer alten Niederschrift der Ankündigung (Waidmannsluster Zeit): einen Abschnitt persönlicher Bemerkungen von großer Vehemenz des Empfindens und Ausdrucks. Eine Stelle über Nietzsche, die mir gerecht und besonders einleuchtend erscheint, bat ich ihn, bei nächstmöglicher Gelegenheit zu verwenden. Für Menschen von ausgeprägter Natur und Art haben Vater und ich ein deutliches Farbenempfinden. So bestimmten wir gestern einige. “Wie bin ich?” fragte Vater. Ich sagte: “Dunkelblau mit schwarzen Schatten. – Und ich?” “Auf Goldgrund ein brünstiges Rot, solch Rot, wie das Würmchen Schamir hervorbringt.” Da mir dies fremd vorkam, erinnerte ich, daß bei einem ähnlichen Gespräch früher einmal Vater von mir gesagt: “Ich seh bei dir keine bestimmte Farbe, ich hab mehr das Gefühl deines Körpers im Gedanken an dich. Höchstens seh ich Schneeweißes herunterwallen.” Diese beiden Aussagen kämen auf eins heraus, meinte er gestern. – Mutter wurde als dunkelblau von ihm bezeichnet. – “Wie siehst du Inge?” fragte er mich. Ich sagte: “Sonnengold.” – Glehn187 bestimmte Vater als Graublau, was mich sehr überzeugte. Paul Neubauer als “ein dünnes Rotbraun” – Magdalena sieht Vater “staubgrau” (ich sehe außerdem rot und blau), Alice “schwedisch blau und gelb – besonders gelb”. Elsa teilte ich eine helle Lavendelfarbe zu, womit Vater sich einverstanden zeigte. 186 Vgl. Geburtstagsbrief. – Zusatz 1918. 187

Graf Nikolaus von Glehn, Freund von mir.

– 242 –

“Unsere Kleidung ist so aufs Christlich-Eheliche zugeschnitten, und diese Geschlechtsauffassung ist so zeitlich zufällig, daß wir schon aus diesem Grunde nicht unbefangen über sie reden können.”188 “Mir wäre ja eigentlich natürlich, in der Zeit, wo ich nicht arbeite, Unsinn zu machen, richtigen Kinderunsinn; ausgedachte Spiele, Boden-Luftspiele, was man will. Wenn ich denke, was ich früher herumgewirbelt bin! Alle Menschen, die mir in den Weg kamen, zusammengenäht an einen langen Faden! Noch in der Zeit meines literarischen Büros. Da war zum Beispiel damals in Hamburg eine wunderhübsche Ausstellung in einem Park. Jeden Abend ging ich eine Zeitlang, sowie ich mit meiner Arbeit fertig war, dahin. Und zwanzig, auch dreißig junge Mädchen aus meiner Bekanntschaft kamen, um mich zu treffen. Ich war ihr ‘Onkel’, und du kannst dir nicht vorstellen, was da immer los war mit Spaß und Gelächter, komischen Verwicklungen, großen fingierten Rechtsstreitigkeiten, Femgerichten, scherzhafter Spaltung in Parteien, Spielen aller Art und vor allem Lachen in jeder Minute. Manche waren verlobt, aber immer hatten sie mich am liebsten! Und vertrauten sich mit allem mir, ihrem ‘Onkel’, an, und ich setzte ordentliche Energie zu, ihre Angelegenheiten zurechtzubringen. Dabei konnte ich nie in gewöhnliche Schwierigkeiten kommen, denn es waren ja so viele, und alles ging öffentlich vor sich. Es war reizend lustig. Spaß bin ich gewohnt von Kind auf; wenn bei uns zu Hause gerade nichts Besonderes los war, so setzten wir uns hin und ‘zappelten’”. 24. Mai 1916 “Ich hatte als junger Mensch an Frauen gar nicht gedacht. Bis sie an mich dachten. Und dann dachte ich immer noch nicht an sie. Aber als ich dann anfing, mich mit ihnen zu beschäftigen, – man kann doch nicht sagen, daß es mir an Romantik fehle, aber das habe ich nie begriffen, was da für ein weiter Weg des Schmachtens und Werbens vorgeschrieben sein soll (Goethes Liebschaften sind mir aus dem Grunde auch alle unsympathisch). Ich hatte von jeder Frau immer gleich von Anfang an das Gefühl: sie gehört mir (was die dümmeren freilich mißverstanden) und hätte immer in der ersten Minute das letzte haben können, wenn ich nur gewollt hätte.” Vater erzählt mir, daß er Inge im Gespräch zuweilen “Hoheit” tituliere. “Will Hoheit nun mit dem Dampfer fahren?” oder so. Vor längerer Zeit schon hat Vater mit mir zusammen Inges Gedichte auf ihren Wert hin durchgesehen. Er hat einige herausgehoben und, je nachdem, mit Bleistiftzeichen versehen: I (= Inge), I. I. (= Junge Inge), Mo (= Modern), T (= Tiefher). 25. Mai 1916 Vater zählt zuweilen bei kleinen, schwer entscheidbaren Angelegenheiten an den Knöpfen seiner Weste ab: “seine Urim und Tummim befragen”, nennt er dies (die “leuchtenden und vollkommenen” Steine, zwölf an der Zahl, wahrscheinlich den zwölf Stämmen entsprechend, eingefügt in das Brustschild des Ephods). In dieser Zeit der hauswirtschaftlichen Schwierigkeiten und Beschränkungen, wo Fleisch, Brot, Mehl, Kartoffeln, Butter, Fett jedem einzelnen in äußerst knapper Portion zugemessen und auch diese geringen Mengen oft nicht zu bekommen sind, haben wir dank der Liebe freundlich gesinnter Menschen, die durch besondere Umstände reichlicher versehen sind, noch keinen Mangel gelitten. Soweit möglich hatten wir freilich auch selbst einige Vorräte beschafft. “Mir wäre recht”, sagt Vater, “wenn der Staat alle Lebensmittel nicht nur, sondern die fertigen Speisen durch Volksküchen verteilte, damit keiner mehr und Besseres erhalte als der andere; aber bei alledem hat der einzelne durchaus das Recht, sich durch List 187 Graf Nikolaus von Glehn, Freund von mir. 188

Vgl. Anmerkung über griechische Erotik im »Sokrates«. – Zusatz Februar 1917.

– 243 – oder andre Mittel Vorteile zu sichern, denn die jetzigen Verhältnisse bedeuten eine Art Rückkehr in den Naturzustand.” Vater regt überall zur Güte an, wünscht besonders, wo Konflikte notwendigerweise stattgefunden, daß der Überlegene nachträglich dem andern sein Leiden wieder wettmache. Auch von Inge fordert er – und aufs strengste! –, daß sie ihre Mutter sanft behandle und das Verhältnis zu den Pflegeeltern freundlich gestalte. “Das Jiddische”, Sprache und Literatur, ist Vater aufs äußerste zuwider. – Er zitierte einmal ein Wort des Rabbiners Lewin (mit dem er in Freiburg befreundet gewesen): “Es gibt Juden, Jidden und Jauden.” 30. Mai 1916 Emma vertraute mir: “Früher, ehe ich das Werk gelesen hatte, konnte ich frei mit Herrn Doktor sprechen. Da war ich ein Kind, und wie er mich abgerichtet hatte, so sprach ich und so war ich. Aber jetzt bringe ich gar nichts heraus, weil die Ehrfurcht zu groß geworden ist. Und ich denke oft, ich möchte lieber irgendwo anders und nicht in Herrn Doktors Nähe sein.” Vater sagte mir neulich: “Du bist jetzt tausendmal naiver, wie du als Kind gewesen. Denn da warst du wirklich allzu traumbefangen, um naiv sein zu können.” “Man muß sich gewöhnen, die sogenannten seelischen Fehler der Menschen überlegen und philosophisch zu betrachten. Was ist denn für ein Unterschied, ob einer am Geiz oder an einem Buckel leidet, muß man sich mal sagen!” Die Beziehung von Platons Ideen auf des Sokrates Begriffe, worüber in seiner Arbeit eine Anmerkung, hat er zuerst beim Unterrichten Inges gedacht und ausgesprochen. Im »Zeitgeist« stand diesen Sonntag eine kleine Rembrandtnovelle, die ich Vater zu lesen gab. “Es ist natürlich nicht tief gefaßt, aber man kann das Richtige hineinlegen, und ich tat es beim Lesen. Rembrandts sogenannte Verschwendungssucht verstehe ich als das Gefühl, daß man beim Schaffen alles Hab und Gut so hinschmeißen muß, wenn man das Werk damit um einen Schimmer besser machen kann. Das hab ich selber ganz ähnlich. Alle Tage sterben, um zu leben. Und dann nach jeder neuen Arbeit: Nun ich dich gesehn, will ich gerne in die Grube fahren!” 21. Juni 1916 Zuweilen steht in mir mit einer gewissen Bangigkeit die Frage auf: ist es wirklich ein Glück für Inge und ihre Entfaltung, Vater jetzt schon begegnet zu sein, der ihr, dem jungen Kinde, die Wahrheit als goldene Frucht in den Schoß legt? Verlangt nicht seine Kunst dem Künstler ab, daß er um der Goldäpfel willen den langen, gefahrenreichen Weg gehe? Und selbst das ganze Himmelsgewölbe muß er einmal mit seinen Schultern, seinen Menschenschultern, getragen haben! – Doch ist alles so schön zwischen ihnen beiden, daß Kritik üben fast sündhaft erscheint. Es geht wohl anders, als man meint, besonders auf Gotteswegen, die immer wunderbar sind. Vielleicht auch ist es ganz menschlich richtig, daß Inge erst viel lernen soll – und das tut sie –, und daß während dieser Zeit die Produktion ruhen darf oder sogar muß. Otto Ernst hat den dritten Teil seines biographischen Romans eingesandt, »Semper der Mann«, ein schreckliches Buch, ein Haufen ausgespiener Galle, garniert mit wirklich stinkendem Eigenlob; Reklame niedriger Art vom ersten bis zum letzten Buchstaben. Vater wollte ursprünglich gar nicht erwidern, schrieb aber dann auf mein Drängen ein kurzes Wort: dieser Art, das eigene Leben und die Lebensleistung zu betrachten, könne er nicht

– 244 – folgen; übrigens blieben seine persönlichen Empfindungen die alten liebevollen.189 “Wenn Otto Ernst typischer wäre, würde ich ihn mir mal prinzipiell vornehmen, um allerhand mir Wichtiges an ihm zu erläutern. Aber er ist nicht typisch: Er ist kein Volksdichter wie Schiller, er ist der Pöbeldichter und sein Publikum das allerunfruchtbarste.” Dennoch hat Vater ihm den folgenden Brief noch geschickt. Es treibt ihn in solchem Falle, wenn er schon herangeht, alles zur Katastrophe zusammenzuziehen. – Brief: (27. Juni 1916) Auch das las ich nicht gern, mein lieber Otto, daß du nun mit Spaßantwort abmachen willst, was dir aus Ernst und Schmerz heraus der schrieb, den du in früheren lebendigen Zeiten als deinen besten und wertesten Freund bezeichnet hast, und von dem du unmöglich glauben kannst, daß ihn Neid gegen dich bewegt (zumal wir geistig keine Nachbarn sind, vielmehr weit auseinandersitzen) oder der Sold deiner Feinde, deren keinen ich kenne – ich weiß nicht einmal die richtigen Namen an Stelle der fingierten – und ich würde mich dann wohl auch nicht mit privaten Auslassungen gegen dich begnügen: du weißt, daß mir Tribünen zu Gebote stünden, von denen weithin gehört wird. So könnte es mich niemals gegen dich treiben, daß ich dein Feind würde, da ich doch dein Freund war und also bin. Ich bin dein Freund auch mit meinem so sehr entschiedenen Nein. Woher aber kommt, daß dir das nicht lieb ist, nicht ebenso lieb dies von mir jetzt und alle die Zeit her, wie ich früher im ganzen dir lieb gewesen bin, und daß du, statt auf mein Wort zu hören, mir Pferdefüße andichtest und mich in Sack zu stecken meinst. Es ist auch nicht an dem, daß ich so von vornherein allen deinen Produktionen gegenüber nein sagte; weswegen du dann mir keine mehr geschickt hättest. Lies nur, was in meinen letzten Zeilen steht, und denk an das, was ich dir zu deinem Märchenspiel schrieb. Auch hab nicht ich dieses Buch verlangt; dein Tu l’as voulu ist ein französischer Kriegsbericht. Lotte hatte mir erzählt, du wärst ihr mit dem Wort entgegengekommen: Gerad eben wollt ich Vater ein Buch schicken; daraufhin ließ ich sie die Karte schreiben. Genug, leider nicht genug zum Besserwerden. Aber es liegt nicht an mir: Es liegt an mir und an dir. Ich sage, daß es mich schmerzt; und wenn es dich auch schmerzte, würde um so viel weniger an dir liegen und unser Verhältnis seiner Vergangenheit und unser um so viel würdiger sein. Herzlich Leo Constantin. Diesen Brief hat Otto überhaupt nicht beantwortet. Es wäre Vater nun natürlich und angemessen, eine prinzipielle Auseinandersetzung, wozu dieser Brief eigentlich nur der Vorbote sein sollte, nachzusenden. Es nicht zu tun, quält ihn ein wenig, und er wird sich wohl über kurz oder lang auch dazu entschließen. 28. Juni 1916 Inge lernt eifrig. – Sie ist viel schöner geworden, seit wir sie kennen; selbst ihr Haar hat einen höheren Glanz gewonnen, und tiefer abwärts gekämmt, statt straff zurückgestrichen, läßt es ihr Gesicht weicher, hingegebener, magdlicher erscheinen. Die Haut schmückt der Atlasschimmer der Jugend, namentlich am Halse, ein wahrer Junohals. Ihrer Gestalt, als wir sie kennenlernten allzu plump, hat nun durch die Kriegskost mehr Harmonie gewonnen. Vater lehrt sie alles Schöne, was er weiß und kann; auch Schach. Sie denkt viel an die Engel und bat mich, ihr die schönsten der Kunst zu nennen und zu zeigen. Das tat ich. Sie möchte gern ihr Schlafzimmer so einrichten, daß ihr Bett in der Mitte steht, gar keine weiteren Möbel und lauter große Engel an den Wänden. Für diesen Sommer erwartet selbst Vater Entsetzliches auf dem Kriegsschauplatz, aber darauf ein schnelles Ende. Wir seien politisch nicht klug gewesen, meint er; es habe einen 188 Vgl. Anmerkung über griechische Erotik im »Sokrates«. – Zusatz Februar 1917. 189

Die am 26. Juni erfolgte Antwort umging den Ernst des Schreibens und der Sache.

– 245 – Augenblick gegeben, wo wir den Frieden hätten anbieten müssen und können. Nicht dem Reichskanzler, den er “anständig” nennt, sondern der Partei der Alldeutschen gibt er schuld. Ja, er ist im Grunde überzeugt, daß ihr Fanatismus den Krieg verschuldet habe. 1. Juli 1916 Ich habe Vater oft lobend von einer Frau sagen hören: “Sie ist sauber.” Er meint damit nicht, daß sie sich viel wäscht und reinlich trägt, sondern etwas anderes, das mir nie ganz deutlich war. Helle, klare Haut gehört wesentlich dazu. Gestern nun sagte er zu mir: “Du bist absolut sauber, und wenn ich das von dir sage, meine ich damit etwas ganz andres als die Sauberkeit der andern Frauen. Es läßt sich nicht erklären, und doch ist es etwas ganz Bestimmtes und gehört zu dem ersten Wesentlichen in deiner Charakteristik. Du ganz allein hast das für mich: Ich kann es nur die Distanz, die du zu deinem eigenen Körper hast, nennen. Wenn ich mich grob, aber vielleicht nicht deutlicher ausdrücken sollte: man kann sich von dir nie denken, daß du dich etwa häßlich kratzen könntest oder so etwas. Darin liegt eine Kultur, die du mehr als alle von Natur aus mitbekommen hast.” 3. Juli 1916 Inge, die in der letzten Zeit meist vom Sonnabendnachmittag bis Sonntagabend hier ist, fragte mich, nach ihrer Art stoßend, hastig (“so aus der Ewigkeit rausgetolpatscht”, nennt es Vater) – mit plötzlicher Energie ein längeres Schweigen brechend: “Wie groß denkst du dir die Engel?” “Die Erzengel sind so groß wie Vater und die Seraphim wie ich.” – Und dann über die Gewänder der Engel. Neulich hatte sie schon gefragt: “Welcher von den Erzengeln ist dir der liebste? Mir Michael.” – “Warum?” – Nach einer Pause: “Weil er der große Kämpfer ist.” – Gestern vormittag, auf meiner Chaiselongue sitzend in ihrem losen, silbergrauen Leinenkleid, das den Hals weit frei läßt, mit der ihr eigenen kindhaften Dringlichkeit: “Ich wollte dich etwas fragen: Kann man denken, ohne starke Anschauungen zu haben?” – Wir sprachen darüber ein Längeres, Inge immer wenig und dies stoßweise. Ich wußte gleich, was sie meinte: daß ihr fortwährendes Bildersehen so mächtig, daß sie meinen muß, es hemme. “Auch wenn ich zu einem sagen würde: ich liebe dich! so könnte ich dies nicht, ohne ganze Scharen von Engeln neben mir stehn zu haben.” 9. Juli 1916 “Das Kasparspiel ist genial. Kaspar, der keine Macht anerkennt und roh, rücksichtslos gegen alles angeht, negiert die Welt mit Lachen, und das ist eine Art, beinah so berechtigt wie die philosophische, und Lachen ist fast so gesund wie Denken.” “Goethe hat lange nicht genug Umgang mit dem Geist Mephistopheles gehabt, und so ist es ein witziges Menschchen geworden, ein Literatchen noch dazu, eine Art besserer Merck.” Vater schenkt so gerne und oft schön! Kürzlich hatte er in Goslar ein besonders nettes Schachspiel gesehen und für Elsas kleinen Hakon, der Schachinteresse und -begabung zeigt, gekauft. Mutter hatte geraten, es ihm erst im September, zum Geburtstag, zu geben und Vater dahin bestimmt. “Es ist mir eigentlich nicht ganz recht”, sagte er ein paarmal, “es ist gegen meine Natur.” Und als Hakon dann zum Besuch kam, auch noch als frischer Primus, da schüttelte Vater den kleinen, aber fühlbaren Zwang ab und entschloß sich kurz, das Spiel jetzt zu schenken. “Gott sei Dank, ich bin nun ordentlich frei; als hätte ich etwas Schlechtes vorgehabt, war mir all die Zeit.” So wie der Körper sich erleichtert fühlt, wenn er einen Fremdkörper, mag er noch so klein sein, losgeworden ist. Inge hat ihren »Luzifer« gebracht. Ein erhabenes Werk. Obwohl unfertig insofern, als einige Szenen unter der Größe der übrigen und der Gesamtidee stehen. Schwächer ist vor allem das durch Vater Eingegebene herausgekommen: die Darstellung seines Traumes, der Inge den Anstoß gab und selbst die Lilithgeschichte und -Gestalt. “Daß dies nicht ganz gelungen, rührt von der feinen Scham her, weil es nicht ganz ihr Eigenes ist. Dieselbe Scham, die Inge bei einer körperlichen Zeugung wegen des Mannes und der Empfängnis haben

Scham, die Inge bei einer körperlichen Zeugung wegen des Mannes und der Empfängnis haben – 246 – würde. Vielleicht kann ich ihr mit Leichtigkeit die Traumszene zurechtbringen, vielleicht werde ich es sogar müssen, weil dies meines ist. Aber am Ganzen hat sie noch zu arbeiten. Wie sollte sie nicht? Dies ist seiner ganzen Idee nach ein Lebenswerk; zehn, zwanzig Jahre muß es wohl wenigstens mit ihr gehen. Denn es soll noch vollkommener werden, es ist mir für Inge und für die Konzeption noch nicht erhaben genug.” Brief an Otto Ernst. Juli 1916. Mein lieber Freund Otto, die Art Deines Antwortens und dein Nichtantworten auf meinen Brief, verpflichtet mich tiefher, dir ausführlich zu schreiben, Dir rückhaltlos und rücksichtslos klaren Wein einzuschenken. Das habe ich schon früher getan; danach wurde Dein Verhalten gegen mich derart, daß ich schweigen und mich mit Andeutungen begnügen mußte. Inzwischen aber ist Deine Lage immer bedenklicher und gefährlicher geworden; und darum schreibe ich nun, weil ich versuchen will, Dir einen Rat zu geben. Wenn ich aber zunächst sehr hart gegen Dich reden muß, so vergiß nicht, keinen Augenblick, die Innigkeit der Beziehungen, wie sie zwischen uns bestanden hat. Du kennst mein Herz genug, so daß Du unmöglich glauben kannst, es will Hartes gegen Dich ausstoßen aus böser Endabsicht; auch weißt Du wohl, daß ich zu den Dir verhaßten Kritikern keine Beziehung unterhalte. Mein Urteil ist nicht beeinflußt durch sie, ist wie es war und wie Du es kennengelernt hast noch vor Deinen Theatererfolgen, als Dein Berliner Hotel noch bei mir war und bevor jene Kritiker gesprochen hatten. Von ihren Kritiken erfuhr ich wenig, nur ganz allgemein wie über Dich geredet und was “das OttoErnst-Publikum” genannt wird. Erst aus Deinem Buch, welches Du mir schicktest, hab ich recht erfahren, wie es steht und in welchem Verhältnis Du zur Kritik stehst, und was dadurch aus Dir geworden. Wer hat Dich erschlagen, mein Otto, daß Du nun daliegst als ein solcher Semper der Mann! – Die Eitelkeit hat Dich erschlagen, der Größenwahn hat Dich zu einem derartigen Michael Kohlhaas gemacht. Du empfindest als ein Unrecht, daß man Dich nicht ein Genie nennen will; das bringt Dich in die wüste Fehde und treibt Dich über die Grenze dessen, was die Menschen am Menschen erträglich finden. Dein ganzes Buch ist unerträgliche Reklame; alles, alles, alles Reklame für Dein Geniesein, und Du legst es einem immer wieder in den Mund, wie man zu rufen und zu stöhnen hat: “Ach, dieser Heros! Ach, ach, dieser goldene Sonnenmensch!! Ja, das ist das echte naive Germanengenie!!!190 Dieses naive Germanengenie spricht aber in dem ganzen Buche kein naives und unberechnetes Wort, hat keine Liebe zu nichts außer sich, keine sachliche Hingabe an keinen Menschen, an keine Idee, an kein Ideal. Große Männer haben Ärgeres erduldet als Du, ohne Deine Vorteile im Leben zu gewinnen, aber in ihren Lebensbetrachtungen fanden sie trotzdem Gelegenheit, von andern und von anderem zu reden wie von ihrer Persönlichkeit, und freilich, wo sie von dem Persönlichen reden, da reden sie von dem Unpersönlichen, wodurch die Persönlichkeit groß wird; denn mit Wutgeheul über Kritiken und mit moralischer Klätscherei und Denunziationen der Kritiker zeigt sich Persönlichkeit nicht groß, sondern schlimmer als klein. Eitelkeit und Größenwahnsinn haben Dich verblendet, mein geliebter Freund, und mir bleibt nur geringe Hoffnung, Deine Augen sehend zu machen. Dennoch muß ich alles so sagen und weiter sagen, als müßte es gelingen. Danach erst kann mein Rat kommen. Ich muß sprechen über Deine Begabung, wie sie denn also nicht nur mir erscheint – Wird einer einen Esel dich zu nennen wagen, kümmere dich nicht drum; wenn aber zwei es zu dir sagen, so leg dir eine Halfter um. Wie diese Begabung dir selber erscheinen würde, wenn sie nicht zufällig gerade Deine wäre und wenn Du nicht beinah gänzlich Deine Unschuld verloren hättest. Unschuldig wärst Du 189 Die am 26. Juni erfolgte Antwort umging den Ernst des Schreibens und der Sache. 190

Hier stand zuerst noch, wurde dann aber von Vater gestrichen: Die Rassentheoretiker müssen jubeln: Gott über die Welt, da ist es, das echte naive Germanengenie! und die jüdischen Käufer: bei Hermann dem Cherusker, der Deutscheste sieht uns als Deutsche an und rettet Israel!

– 247 – geblieben, hätte die Welt ohne Widerspruch Dich als Genie anerkannt oder doch wenigstens die Widersprecher an den Galgen gehängt – nun, Du bist kein blutdürstiger Wüterich –: an den Galgen der Lächerlichkeit. Ich muß als Freund klipp und klar sprechen über Deine Begabung. Es wäre traurige Sache um die Freundschaft, die uns mit Blindheit und Taubheit schlagen müßte gegenüber Literatur und Kunst, darin wir die Wurzeln unsres Lebens haben, sobald es einem Freunde so in seinen Kram und Wahn paßt; wir können auch niemandem die Bestimmung zuerkennen, die Menschheit auf den Kopf zu stellen und den Unterschied zwischen dem Hohen und Niedrigen zu verwischen und zu verwirren: Wenn Du nicht beinah gänzlich Deine Unschuld eingebüßt hättest – geblieben ist sie, wo Du wirkliche Begabung hast. Als Lyriker (in Gedichten, in Ortrun) bist Du unschuldig und schön und im Paradies, mein Otto: der ganze übrige Otto Ernst (abgerechnet ein wenig Otto Lustig, was aber nicht hoch genug, um hier in Betracht zu kommen) ist ein Sünder. Otto, Du hat keinen Ernst (außer also in der Lyrik) und nicht allein keine schöpferische Begabung für die größeren Produktionen des Ernstes, sondern auch nicht einmal Stimmung und Gesinnung dafür und bist unten am Berge geblieben: du beharrst bei Gesinnung, Stimmung, Geschmack, Anschauung und Psychologie der unteren Menschenkreise, die für all das Aufgezählte nicht in Betracht kommen, – Schatten können von keiner Sonne beschienen werden. Das ist es, was Übelwollen Dir nicht versteht und als geschäftsmäßiges Bauchrutschen vor dem Pöbel anrechnet. Mit Deinen Theaterstücken (das Schöne in Ortrun ist Lyrik) bleibst Du außerhalb des eigentlich Dramatischen, außer Verhältnis dazu; gänzlich unzugehörig, bringst Du nichts in Bewegung, weil Du da nicht selber, in wirklich lebendiger Tiefe, bewegt warst. Ich will das nicht weiter ausführen und begründen; Du würdest auch schwerlich den Baum richtig und schön finden, an den ich – schmerzliches Geschäft für mich – an den ich Dich hier zu henken habe. Ich muß aber die Tatsachen aussprechen. Deine längeren Produktionen stehn in schiefem Verhältnis zu dem wirklichen Ernst solcher Produktionen. Darum auch mußte Deine Autobiographie so mißglücken. In dem ersten Teil sind noch lyrisch schöne Episoden, aber als Lebensbetrachter o nein, bist Du auch da kein Betrachter; und das Ganze macht die dich liebhaben, traurig und quält durch die vergnügte und mißvergnügte Ideenlosigkeit, unterbrochen nur von Philisterplattheiten und Philistersentimentalitäten (das Wort Philister in dem argen Sinne, der sich in guten nicht verwandeln läßt) und endlich den krankhaften Anspruch in diesem Otto Ernstschen Ecce homo! So äußert sich kein Genie und so verlangt es nicht von Menschen: es ruht in viel Größerem in sich selber, als ihm Menschen geben können. – Zu jeder rechten Betrachtung gehört ein rechter Betrachter. Der bist Du nicht. Es ist ja alles, alles klein und schief. Und so will man auch nicht angesehn haben, was groß und schief ist. Darum müssen auch solche, denen Nietzsche widerwärtig ist und unheilvoll dünkt, bei Deinem Angriff auf Nietzsche für ihn sehr gegen Dich empfinden. Mit jedem Worte über Ernstes richtest Du Dich hinaus aus dem Ernste, jedes Wort des Ernstes gebrauchst Du verkehrt und seellos; Du kannst da gar nicht sprechen. Und so schufst Du selber dieses, daß die Kritik bei Dir nicht gegen Einzelheiten geht, vielmehr das Ganze Deines Produzierens und Deines Existierens ungehörig und ungeziemend nennt und sich außerhalb des Standpunktes der Kritik auf den Standpunkt der Abweisung, der Hinausweisung stellt. Damit tut sie Dir recht, und damit tut sie Dir unrecht, weil sie mit Deinem Schlechten auch Dein Gutes verwirft. Dies zu bessern und dich vor weiterem Unglück zu bewahren, mußt Du Versöhnung suchen mit dem Gewissen der Welt, welches in diesem Falle auch Dein eigenes Gewissen werden muß. Du solltest das Gute und Schöne aus Deinem besten Urselbst, das Reine und ganz Ungetrübte aus der liebenswerten Innerlichkeit Deiner Unschuldswelt mußt Du wie ganz neu zusammenstellen und herausbringen und dazu sprechen: “Dieses allein ist das Meinige, alle die andern Werke habe ich in meinem Hause verbrannt und verleugne sie in jedem andern Hause; sie haben mit meiner wahrhaften Seele nichts gemein, sie sind nichtig und nichts. Es gibt davon kein Exemplar mehr zu kaufen!” Machst Du diese reinliche Scheidung, so wendest du Dein Schicksal, rettest Dich vor unglückgequälter Erkenntnis und Verlassenheit im Alter, und es kann nicht fehlen, daß Du alsdann auch ein größeres Publikum gewinnst, ein Publikum. Publikum ist allein das große Publikum, nämlich das große Publikum, welches besteht aus

Publikum ist allein das große Publikum, nämlich das große Publikum, welches besteht aus – 248 – dem kleinen Publikum der Zeiten: das große Publikum der einen Zeit, wie Du es hinter Dir her hast, ist gar kein Publikum, ist nichtig in sich, hält nichts, vermag nichts weiterzugeben in die Tiefe der Zeiten hinunter; und eh Du es verlassen hast, verläßt es Dich. Damit hab ich Dir meinen Rat gegeben, durch welche Tat ich meine, daß Du es wenden und abschneiden kannst, damit es nicht sich selber büßt; und mein Brief ist zu Ende. Mir war bitterschwer, ihn zu schreiben. Mir wäre das unmöglich gewesen, wenn ich Dich nicht sehr lieb hätte. Auch hab ich mich, bei meinen jetzt so geschwächten Augen, ganz blind und wirr geschrieben. Dennoch ist mir dies Schreiben keine Lebensvergeudung, wie Du es auch aufnehmen magst. Solltest Du es übel aufnehmen, so muß auch das getragen werden von mir – und von Dir. Vater tat nachträglich ein wenig leid, den Brief so schnell abgesandt zu haben. “Davon müßtet ihr mich in so wichtigen Angelegenheiten immer abzuhalten suchen; denn ich bin langsam. So ist mir erst, als es zu spät war, eingefallen, daß meine Bemerkung über Otto als Lyriker mißverständlich sein könne in der Weise, als ob ich ihn für einen Lyriker von großer Bedeutung hielte. Aber ein Brief ist eben etwas zwischen zweien und hat zur Voraussetzung das ganze Verhältnis und alles Frühere. Und in diesem Falle kann Otto nicht anders als an das Viele denken, was ich ihm in früheren Gesprächen über Lyrik gesagt habe und über meine Meinung von den Nur-Lyrikern; ich sprach darüber besonders im Anschluß an Liliencron.” 22. September 1916 Heute findet Vater folgende Notiz auf einem Zettel, den er zur Zeit verlegt und vergessen hatte; sie gehört hierher: “Der du nicht in dir ruhst mit Genialität, nicht weißt, was die ist; sondern ruhen willst darin, daß alle sagen, du seist Genie.” 15. Juli 1916 “Auch Dichtung ist zuletzt: Stärke, Stärke der Persönlichkeit. Darum ist Christus die größte Dichtung, die wir haben; Christus gezeugt und gedichtet vom lieben Gott. Und Sokrates, der Nüchterne, der doch wirklich nichts Lyrisches an sich hat (Lyrik allein ist nicht stark genug, Dichtung zu sein), wirkt wie eine Dichtung. Und daß Spinoza, der sich nie dichterisch geäußert, gerade auf die größten dichterischen Gemüter so mächtig wirkt, ist die Persönlichkeit, ihre Stille, ihr Schicksal, was da ineinanderschwingt: Goethe hat wirklich sehr wenig von Spinozas philosophischen Gedanken verstanden, aber er ist eingegangen in Spinozas Seele mit der seinen und erfaßt von der großen Phantasie, die darüber waltet.” Vater arbeitet an Inges »Luzifer«, immer damit beschäftigt (sogar nachts dreht er seine Lampe an, um Einfälle und Ausdrücke festzulegen), aber es wird ihm leicht, denn es ist ihm natürlich. “Wer hätte je gedacht, daß du einmal mit jemandem zusammen würdest arbeiten können?” sagte ich. “Ja, ich selber nicht. Und dies ist richtig ein gemeinsames Werk, ein Kind, das sie von mir empfangen hat; sie hat es so herrlich gemacht, aber ich muß nun noch weiter daran tun, und ich glaube, es gelingt mir. – Lolle, ich bin ein Dichter, was sagst du dazu? Auf kurze Zeit bin ich Dichter geworden!” Er lacht sehr. “Dabei seh ich, wieviel leichter es doch ist, so Kunst zu machen als das, was ich immer mühsam zusammenbaue. Was ich, ich glaube wenigstens, könnte, das wäre ein Drama machen. Dreierlei hab ich dazu: Kenntnis der Menschen (um die Psychologie wär mir nicht bange), Beherrschung der Form, der dramatischen Komposition und Technik und als drittes: Kritik meines eigenen Schaffens. Und einen großen Stoff trage ich seit lange in mir (ich meine nicht das Judendrama, von dem ich mal sagte), den allergrößten, den ich an niemand anders übertragen könnte. – Wenn ich ein Drama machte, da könnte ich doch endlich mal die Schleuse öffnen, die ich bei meinem sonstigen Arbeiten immer mit Gewalt verstopfen muß.” Auf meine Bemerkung: so untadelig sei der Luzifer nicht wie die Maria: “Freilich nicht; der Luzifer ist eine Gedankendichtung im höchsten Sinne. Und es ist Inge noch neu, sich so ganz auf den Gedanken zu stellen. Aber es wird um so großartiger.”

auf den Gedanken zu stellen. Aber es wird um so großartiger.” – 249 –

Vater ist so ganz eingegangen in Inges Luzifer, daß er daran arbeitet wie an seinen eigenen Sachen, indem er jede Stelle auswendig kennt und weiß, wo jedes Wort steht. Um zu sehen, wie Inge schafft, ob sie durch Ändern bessert oder verschlechtert, hat er sich ihre erste Niederschrift geben lassen. In einem Satze verstärkte er ein Wort; er schlug den ursprünglichen Text auf und fand diesen selben Ausdruck, den Inge nachher verworfen und durch einen andern ersetzt hatte. “Obwohl ich glaube, auch an Gefühl und Gemüt hinzugetan und den Ausdruck verstärkt und verschönert zu haben, betrachte ich doch als meine Hauptaufgabe am »Luzifer«, den Gedanken, worauf das Ganze ruht, klarer herauszubringen. Ohne daß das Dichterische leidet, muß die tragende Idee von Zeit zu Zeit deutlich erkennbar auftauchen. Ähnlich wie in einer schlecht dialektischen, kalten, allzu breiten Weise die französischen Tragiker es machten, muß dies nun gut, kurz und mit der nötigen Schamhaftigkeit gemacht werden.” 18. Juli 1916 “Bei meiner Liebe zum Griechischen kannst du dir denken, wie ganz berauscht ich war, als ich in jungen Jahren Offenbachs »Schöne Helena« kennenlernte. Noch ganz abgesehen von dem Zauber der Musik: bloß die entzückend lukianische Art, mit den Gestalten der Helden und Götter umzuspringen. – Offenbach hat viel Ähnlichkeit mit Heine: bei echter Seeleninnigkeit und sogar -hoheit immer Schwanz und Absicht dabei, weil immer alles dabei sein muß und sich alles in der Seele so rasend geschwind vollzieht.” 19. Juli 1916 Gestern abend las Vater den »Luzifer« vor Mutter, Alice, Emma und mir. “Die »Maria« ist zum Weinen, der »Luzifer« zum Zittern”, sagte Alice nachher. Am späten Abend sprach Vater noch mit mir über das Werk: “Nun muß sie dies so weiterführen in einem zweiten Drama, daß sie dasselbe, was da im »Luzifer« passiert, auf die Erde versetzt und in Menschen geschehen läßt. Das kann sie; aber es ist eine Lebensarbeit.” ”Dies ist ja ein kleines oder großes Wunder, daß gerade zu der Zeit, da ich über die Vereinigung von Denkern und Künstlern schreibe, mir dies Erleben leibhaftig in den Weg tritt derart, daß ich so mit dem größten Dichter unsrer Tage verbunden werde. Ein Wunder, aber von mir nicht als Wunder empfunden, so unendlich selbstverständlich ist es mir wie all mein Erleben.” “Der »Luzifer« ist mir natürlich zur Zeit wichtiger als all meine Schreiberei; das heißt: er gehört mit dazu, er ist ganz das Meine, so schön, wie ich es eben nie gekonnt hätte.” Nach dem Kriege möchte Vater »Die Dirne«, die »Maria« und den »Luzifer« in die Öffentlichkeit bringen. “Als ich Inge meinen Traum von der Uhr erzählte, sagte sie sofort: ‘Das ist das Bedeutendste, was ich überhaupt gehört habe.’ Und dann die schnelle Frage: ‘Wer war der schwarze Mann?’ (Ich hatte nur von einem schwarzen Mann gesagt, der den Zeiger herumgerissen), worauf ich zur Antwort gab: ‘Was weiß ich?! vielleicht der Teufel!’ – Und damit war der Luzifer in ihr fertig.” 22. Juli 1916 “Ich muß einen Gedanken zu Ende denken, er läßt mir sonst keine Ruhe: Ich kann Pflaumenmus essen (ich meine: irgend etwas tun, was gar nicht damit zusammenhängt) – ich fühle doch bei allem dabei, wie es hier (Vater deutete auf die Nabelgegend) in meinem Leibe in breiter Masse vorwärtsmarschiert. Und will ich es mit Gewalt vernichten, so wächst es erst recht. Nicht im Kopf oder Herzen fühle ich so, sondern im Leib, denn das ist der Wille, was ich da fühle!”

– 250 – “Inge hat gar keine Eitelkeit. Wenn ich mit ihr am »Luzifer« arbeite und ihr Ausdrücke wegnehme, die an sich schön sind, aber aus irgendeinem Grunde um des Ganzen willen weg sollen, so läßt sie das mit der größten Ruhe geschehen. Und diese wahnsinnige Sicherheit! So wie eine sehr reiche Dame in einem Laden mit Kostbarkeiten nur hinzeigt: ‘Das – das – das nicht!’” 24. Juli 1916 “Die Arbeit am »Luzifer« war mir doch ganz entzückend, und es fällt mir nun ordentlich schwer, zu dem Meinen zurückzukehren. Und so arg unbedeutend und mittelmäßig kommt es mir natürlich dagegen vor.” (Es ist der mittlere Teil von der Vereinigung von Künstlern und Denkern, die Briefe, die Vater ohnehin schon ein bißchen zu leicht sind.) “Bei einer einzigen Stelle war es mir zweifelhaft, ob ich sie in den» Luzifer« einfügen dürfte: daß der Mensch weder schaffen noch zerstören kann, sondern in dem einen der Affe Gottes, in dem andern der des Teufels ist; dieser Gedanke lag nicht in der Sache, sondern ist von mir aus neu hinzugekommen, während ich in allem übrigen nur deutlicher herausgebracht habe, was da war. In diesem Falle trug ich darum Bedenken. Aber ich habe Inge gefragt, ob sie dies von mir annehmen möchte, und sie hat zu meiner großen Freude ja gesagt.” Als Luzifer Eva zum zweiten Mal bittet, ihm ihr Kind zu geben, sagt er: “Gib mir doch dein Kind, Eva!” Vater hatte dies immer mit starkem Ton auf dem Doch gelesen, und wir hatten uns beide an der kindlichen Energie des Ausdrucks gefreut, bis ich darauf kam: Das hat nur deine Betonung gemacht, gemeint ist es ganz gewöhnlich, nur als dringende Bitte: “Gib mir doch usw.” Aber Vater wollte dies nicht glauben. Inge bestätigte gestern meine Auffassung. Nun aber wurde schleunigst ein Strich unter das “doch” gesetzt, und sie freute sich mit. Vater erklärt Inge die Personennamen aus der Bibel, wie er auch mir sie früher erklärt hatte. Adam = der Irdene, Rote; Eva = Leben; Abel = der Dunst, der Feine; Isaak, nach dem Lachen der Mutter genannt; Abraham = der Vater der Höhe; Ruben = siehe, ein Kind! David = Freund, Freundlicher; Goliath = Haufe; Simson = der Sonnenhafte. Usw. Und das alles geht mächtig in Inge ein. – Als ich vor Jahren Lisbeth Sterns Kindern, zwei kleinen Mädchen Unterricht in der biblischen Geschichte gab, ließ ich mir vorher immer von Vater die entsprechenden Namendeutungen sagen, denn die Kinder waren ganz wild darauf und nahmen es so wichtig, daß sie ganz entsetzt berichteten: “Denk mal, die andern Kinder in der Schule haben Religion ohne die Namen! Das ist doch keine Religion!” Vater vertraute mir den heimlichen Entschluß, für die Veröffentlichung von Inges Arbeiten nicht das Ende des Krieges abzuwarten. Aber Inge solle nicht davon wissen. “Wenn es nach meinem Herzen ginge, so würde der Auftritt zwischen Luzifer und Lilith mit einer fabelhaften Bocksgeilheit schließen, denn das gehörte dazu, die Sache verlangt es eigentlich. Eine besondere Art von Erotik, eine kosmische sozusagen, aber natürlich in menschlicher Form, da wir eine andre nicht haben. Weil jedoch Inge nichts davon angelegt hat, will ich es auch nicht hineintun.” 27. Juli 1916 Inges primitive Kinderart: Von ihrer Mutter gekränkt durch häufige, übrigens harmlose Sticheleien auf ihr “alle Augenblick mit Brunners!”, wurde dies eines Mittags bei Tisch Inge zu viel, wie sie mir erzählte. “Nun, und bist du heftig geworden?” fragte ich. “Ach nein, ich habe ihr nur etwas Grieß ins Gesicht geworfen.” – Ich habe so gelacht, noch ganz nachher, als ich allein war, mußte ich lachen. Inges Gesicht und Stimme waren todernst. “Inge”, sagte ich, “stell dir vor, du hättest eine Tragödie geschrieben – und mit tragischem Ernst hast du mir die Angelegenheit dargestellt –, und deine Heldin gäbe diese Antwort: Ach nein, ich habe ihr nur etwas Grieß ins Gesicht geworfen!” – Da erst fing sie auch an zu lachen.

– 251 – 28. Juli 1916 “Der Widerspruch im Genie? Nein, der Widerspruch liegt bei den andern, die nicht die Einheit dieser beiden Wirklichkeiten leben.” (Vgl. »Unser Christus«) 1. August 1916 Vor einigen Tagen überraschte Vater Hermine, Inges Schwester Helga und Magnussens mit dem »Luzifer«. Er las, leidenschaftlich dramatisch, zuerst die »Maria« und darauf den »Luzifer«. Hermine verstand offenbar nicht viel davon. Nur sehr oberflächlich ergriffen, erging sie sich in banalen Äußerungen wie: “wirklich großartig” und “gar nicht angelehnt” usw. Nach der Vorlesung zog Vater sie in mein Zimmer, um ruhig mit ihr zu sprechen. “Aber es ging gar nicht, ich bin sehr unzufrieden mit ihr.” – Das Ergebnis ist, das die arme Inge nun ihrer Mutter Lob auszustehen hat! Sie kamen den Abend erst spät nach Lichtenrade zurück und weckten Inge noch in der Nacht, um ihr Worte des Dankes und der Anerkennung zu sagen. Es war eine schöne Sommernacht. Inge hatte ihr Bett in den Garten unter die Weide tragen lassen und schlief dort. In den Zweigen der Weide sah sie am Abend die Sterne aufgehen und am Morgen verblühen. Sie wollte ganz für sich feiern, die Nacht und auch den folgenden Vormittag. Um sechs Uhr früh kam die Mutter in den Garten, und Inge sah sie die Wege auf- und abgehn. Sie schilderte mir ihre Erscheinung als höchst wunderlich. Graue Pumphosen hatte sie an und eine unmenschlich weite graue Jacke. Die Füße steckten in großen Pelzschuhen. Das Merkwürdigste aber war das Gesicht, das ganz bedeckt war von Korkplatten, die durch viele Schnallen und Gummizüge miteinander verbunden sind – eine Vorrichtung, um die Runzeln fernzuhalten, womit sie jeden Abend ihr armes Gesicht vergewaltigt; erst am Vormittag wird die Maschinerie abgebaut. Inge stand auf, schöpfte sich Wasser in antiken Krügen und trug sie auf der Schulter ins Haus. Sie feierte nämlich griechisch, und dies kann man, wenn man sie kennt, höchstens kindlich, aber nicht lächerlich finden, denn all ihre Attitüden haben von Natur eine monumental antike Art, eine Lässigkeit und die Stille des Ernstes. Besonders hält sie die Hände sehr schön. Diese sind, wie überhaupt ihre Körperformen, fast archaisch einfach. – Nachdem sie sich angezogen und Rosen geopfert hatte, brachte sie mehrere Stunden auf einem Lager halb liegend zu, einen dichten Kranz von Immortellen auf dem Haar. “Ich möchte mir gern immer die Füße salben; kannst du mir nicht ein Salböl nennen?” fragte sie mich ganz ernsthaft. Und ebenso ernsthaft stellte ich ihr eine kleine Mixtur zusammen. Nun lehrt Vater sie (und mich) auch etwas von der griechischen Sprache. Die Methode ergibt sich aus dem Ziel. Wir wollen nicht möglichst viel griechisch lernen, sondern nur so viel, wie erforderlich ist, um das zu beherrschen, was sich von griechischen Elementen mit unsrem Geistesleben verbunden hat. Wir lernen das Griechische vom Deutschen aus. “Wartet ein halbes Jahr, und ihr werdet euch in der Bildungswelt ganz anders sicher fühlen.” Dementsprechend gibt Vater vorwiegend etymologische Erklärungen und teilt uns Zitate aus dem Griechischen mit, während er das Grammatikalische sehr einschränkt. Auf diese Weise möchte er, daß auch auf den Gymnasien griechisch gelehrt würde: das Wichtigste der Formenlehre, wenig Syntax; die griechischen Schriftsteller sollen in deutscher Sprache gelesen werden. Aber das Etymologische soll einen breiten Raum einnehmen, und man muß die Kinder dahin bringen, daß sie in unsern Fremdwörtern ganz heimisch werden. “Man muß den Schülern sagen, daß Komma von [grch.] stammt; das werden sie nicht so bald vergessen, denn es ist interessant zu wissen. Und in aller Pädagogik gilt als erster Grundsatz: an das Interesse anknüpfen! An Spielinteresse meinetwegen, wenn es nicht anders geht. An heißen Augusttagen, wenn die Klasse am Einschlafen ist – drei Witze auf die Stunde, natürlich mit dem nötigen Temperament vorgetragen, und die ganze Klasse ist wieder frisch!” Ich fragte, ob Vater sich den Unterricht im Lateinischen ebenso dächte wie den griechischen. “Im Wesentlichen: ja; insofern ich auch hier ein großes Gewicht auf Ableitungen, Fremdwörter und alle Verbindungen mit Lebensinteressen legen würde. Aber Latein muß doch nachdrücklicher und ausführlicher betrieben werden. Ich ließe da auch etwas lesen; zum Beispiel den Nepos, weil der von ethischem Interesse und Wirkung ist.”

– 252 – 14. August 1916 “Darauf mußt du sehen, wie jeder Mensch das Absolute ist und deshalb zweierlei in sich trägt und äußert: sowohl einen Haß gegen das ganze Dasein – zunächst die Wut auf seine Mitmenschen – er will die Relativität nicht! Und dann im Gegensatz dazu das Bedürfnis, wenigstens ein Wesen so wahnsinnig zu lieben – kürzere oder längere Zeit; je schlechter der Mensch, um so kürzer –, es zu vergöttern, das heißt es über die Relativität emporzuheben.” Wir erfuhren durch die Zeitung von Geislers (vgl. Seite 31 Anmerkung) sechzigjährigem Geburtstag. Bei einem kurzen abendlichen Spaziergang sprach Vater über ihn mit größter Bewunderung seiner “so echten Künstlernatur” und ergriffen von der Elendigkeit dieses Schicksals. In Richtung und Naturell sei Geisler Heine und Aristophanes verwandt, und niemand auch könne diese beiden besser verstehen als er. Wie in ihnen sei in ihm “das Politische – in einem weiteren, höheren Sinne” – eine besondere Anlage und gebe der ganzen Seelenmischung eine bestimmte Farbe. – Von da auf Heine, daß es schon etwas ganz Wunderbares sei, wenn einer sich als Dichter so absolut original äußern könne, viel größer und wirklich anbetungswürdig aber sei der Politiker Heine, der immer mit der äußeren Freiheit die innere geistige gemeint und als wahrer Aristokrat gesprochen habe. Ein amüsantes kleines Intermezzo: Vor kurzem kam ein Brief von Vaters Schwester Flora, dem eine Zeitungsnotiz aufgeklebt war: »C. Brunner, Wie der Hirnhofer Jackel das schöne Mädchen von Lille kennenlernte und andere Geschichten.« Dieser Brunner müsse doch wohl ihr Bruder sein! Ernst Müller freilich meinte (!): nein! Vater machte sich den Spaß, eine Karte zu senden: “Selbstverständlich, wer mich kennt, weiß das doch. Der Hirnhofer Jackel.” Nun scheint Flora eifrig für dieses Buch Propaganda zu machen. Jedenfalls erhielt ich von Edu, der eben den Besuch von seiner Mutter, Vaters Schwester Elli, überstanden, einen Brief, der folgendes enthält: “Dabei will ich Dir gleich mitteilen, daß meine Mutter Leo nun auch mal näher kennengelernt hat; dieses Buch nämlich, »Hirnhofer Jackel« ist doch mal etwas Gemeinverständliches – recht nett. Drollig ist ja die Schilderung von Berthel – dabei hat Leo gewiß an Bernhard Menken (das ist Floras Mann) gedacht, überhaupt sind verschiedene mir bekannte Gestalten darin – mündlich! An Emil G. habe ich auch ein Exemplar geschickt.” – Ich antwortete ihm, ich freute mich, daß er vom Brunnerianer zum Jackelianer fortgeschritten sei! 15. August 1916 Heyn will zuweilen von seinem tiefsten Erleben Zeugnis geben und beginnt langsam, stockend: “Ich will erzählen. Ich habe – – ja-nu ist’s schon weg.” Und kommt nicht weiter. “An ihm wird so sichtbar, wie man kaum für möglich halten sollte, daß die beiden Sphären: Geist und praktischer Verstand kongruent sind und sich eben deswegen nie berühren”, sagte Vater. Von seiner Kindheit weiß niemand so wunderbare Dinge zu berichten wie Heyn. “Ich war vielleicht neun Jahre alt, da dachte ich immer nach, wie ich denn nur den Menschen beikommen könne, daß sie mich hörten, mich, ein unbekanntes Kind. Und da hatte ich mir ausgedacht, zu Pferd wollte ich in ein Dorf einreiten mit einer Harmonika, und die wollte ich so schön spielen, daß alle zuhören mußten, und dann, wenn ich sie alle fest hab und alle mich sehen, weil ich ja hoch zu Pferd bin, dann fang ich aber an zu reden!!”191 – Ihm wiederholte sich in seiner Kindheit häufig dieser Traum, daß er viele große Berge – “aber groß wie die Schneekoppe!” – ganz und gar in sich hineinessen mußte – “einen nach dem andern mußte ich verputzen; und wenn ich sie endlich alle überwunden hatte, dann wachte ich auf und war frei”. 16. August 1916 Altkirch hat aus Graz eine Novelle oder vielmehr die ersten sechs Kapitel davon eingesandt: Evremont und Spinoza. Die Arbeit liegt ihm sehr am Herzen, und er hofft sehnsüchtig und, wie es scheint, zuversichtlich auf Vaters Anerkennung, schrieb aber dazu das stolze Wort, und rettet Israel! 191

Vgl. »Unser Christus«.

– 253 – er wünsche den strengsten Maßstab der Beurteilung. Vater hat ihm sehr kühl sachlich geantwortet; so unpersönlich und für seine Art unherzlich, daß wer diese Art kennt, sofort merken muß, wie schwer ihm wurde, den Brief zu schreiben. Aber – “ich könnte nicht anders, ohne zu heucheln. Und außerdem hatte Altkirch mir geradezu versprochen, sich an die Aufgaben zu halten, auf die ich ihn gewiesen und denen er gewachsen ist (wie Spinoza im Porträt192) und sich an freies Schaffen nicht mehr zu machen. Ich habe ihm ja gesagt, daß ich nicht mehr sein Schriftsteller sein wollte!” – Wenn man zusammenrechnen könnte, was Vater an Zeit und Kraft früher an die Verbesserung von Altkirchs meist geringwertigen Manuskripten gewandt, ein ganzes Stück Leben kommt heraus. “Ganz früher dachte ich immer noch: er lernt’s vielleicht doch noch. Aber wenn ich nun wieder diese Sätze da ansehe – obwohl sie ein klein bißchen besser sind – jeder vielleicht nur mit zwei Puckeln – na, ich muß doch sagen im ganzen: Er hat sich seine Jugendfrische bewahrt! – Und so hab ich ihm denn geschrieben, daß die Anordnung der Bilder zwar geschickt sei, die Ausführung aber viel zu wünschen übrig lasse, und daß eben das fehle, was sich nicht ersetzen lasse: Die leicht hinströmende Fülle wird er nie haben; ja, die leicht hinströmende Fülle ist, was ihm für immer fehlen muß.” 17. August 1916 Gestern abend waren Vater und ich allein. Ich lag auf seiner Chaiselongue (auf dem Konope, wie wir griechisch Lernenden jetzt sagen!). “Soll ich dir vom singenden springenden Löweneckerchen erzählen?” fragte ich ein bißchen aufs Geratewohl. “Ja, erzähl.” Als ich fertig war: “Nein, nein, das sind die Märchen, die ich gar nicht mag, das ist ein Durcheinander von allem möglichen, was seine Stelle und Notwendigkeit ganz woanders hat und ist darum gar nichts. Soll ich dir eine Geschichte vom heiligen Andreas erzählen?” Und nun erzählte mir Vater so wundervoll, prächtig und innig, wie nur er kann, von dem frommen Bischof, der den heiligen Andreas so sehr verehrte, so sehr, daß er über jeden Brief, den er schrieb, den Namen dieses Heiligen setzte; und wie der Teufel in Gestalt einer schönen und witzigen Jungfrau den Bischof verführen wollte (“sie sagte” … und leise in mein Ohr mit einem Kuß darauf – während wir im Zimmer miteinander auf und ab gingen, umgefaßt, “wie die kleinen Schuljungen, so geh ich so gern mit dir!” –: “eigentlich er! Wir wissen es ja; aber sag’s nicht weiter!”), und wie der heilige Andreas als Pilgrim kam und nur eingelassen werden sollte, wenn er die drei von der Teufelsjungfrau vorgelegten Fragen beantworten könnte. Diese schönen Fragen! Zuerst: “Wo ist Gott am wunderbarsten im Kleinen?” und die Antwort, ohne Zögern erteilt: “Im Menschenantlitz; da ist keines, das dem andern gliche, und doch ist jedem, auch dem niedrigsten noch, ein wenig Glanz geblieben von der Hand Gottes, aus der es hervorging.” Dann: “Wo ist die Erde höher als der Himmel?” “Im Empyräum; denn da sitzt Christus, dessen Leib von der Erde genommen ist.” Und nun die letzte Frage, deren Beantwortung den Versucher zunichte macht, und die Scheinfungfrau löst sich mit Gestank in Nebel auf und vergeht: “Wie weit ist es von der Hölle bis zur Erde?” “Das muß wissen, der so fragt, denn eben erst hat er den Weg zurückgelegt.” – Dies schön ausgesponnen und geschmückt! 20. August 1916 Die Hirnhofer Jackel-Komödie ist fortgeschritten; eine interessante Verwicklung, befriedigend gelöst. Edu hatte es darauf abgesehn, mich hereinfallen zu lassen und den Brief Vater verabredet gehabt. Der Satz vom Berthel stammt sogar von Vater selbst. Sie hatten alle einen Riesenspaß an meiner Empörung, die sie scheinbar teilten. Um aber Edu eine kleine Strafe zu erteilen (“weil du Lotte reinlegen wolltest, verdientest du ein bißchen Ärger”), hatte Vater mich angetrieben, Alice, für die Edu besondere Sympathie hegt, Edus Reinfall auf den Hirnhofer Jackel zu erzählen. Ich tat es auf Vaters Wunsch, nach vielem Sträuben, denn dies war natürlich gar nicht nach meinem Herzen. Sie schrieb nach Vaters Diktat einen Brief an Edu: “Nachdem ich dies erfahren, kann ich nicht einsehen, mit welcher Berechtigung Sie sich an jenem Abend so hoch als Brunnerianer über meine mindere Geistigkeit erhoben.” 191 Vgl. »Unser Christus«. 192

1913 bei Diederichs, Jena, erschienen; 1924 veröffentlichte er bei Meiner in Leipzig »Maledictus und Benedictus«.

– 254 – (So ungefähr; Beziehung auf ein Gespräch zwischen beiden, vom 1. Mai. Damals stand Alice noch als Neuling in Vaters Gedanken.) Ihr war die kleine Rache sehr willkommen – “mit Wonne schreib ich ihm den Brief!”. Edus Antwort lautete so: “Nachdem ich dies erfahren, sehe ich, daß ich recht hatte, mich an jenem Abend so hoch als Brunnerianer über Deine mindere Geistigkeit zu erheben. – Verstehst Du mich Alice?” – Er wollte sich mit dieser Fassung, die wir natürlich als dumm und frech beurteilten – eine bloße Retourkutsche! – den Weg nach beiden Seiten offenhalten, denn er zog die Möglichkeit in Betracht, wir könnten ihn durchschaut haben und nur zum besten halten. – Einen Tag, nachdem Alice die Antwort von Edu bekommen hatte (die Mitteilungen machten wir uns telefonisch), saß ich morgens in der Badewanne. Da klopfte Vater: “Du mußt sofort aufmachen! Es ist ein Brief da, der dich mächtig interessieren wird. Du mußt ihn gleich lesen!” – “Ich kann unmöglich, ich sitze in der Badewanne!” – “Ach, das schadet ja nicht, mach doch auf!” Der Brief wurde also hereingereicht. Auf ordinärem Briefbogen in ordinärer Handschrift die Bitte eines ganz ungebildeten Mannes, ihm anzugeben, was Constantin Brunner noch außer dem Hirnhofer Jackel geschrieben; denn dieses Buch sei gar zu schön und habe ihm und den Seinen riesiges Vergnügen bereitet. Und ob nicht die nächste Auflage in kleinerem Format erscheinen könnte, er möchte davon seinen Söhnen und Neffen ins Feld schicken; “in tiefer Bewunderung Ihres Geistes Johann Stephan, Chamotteneinlage-Inhaber”. Gestern nun kam Edu. Ich begann von gleichgültigen Dingen, doch er kam schnell auf “die Sache”. Er begann mit Vorwürfen über die Taktlosigkeit, Alice in diese Angelegenheit hineinzuziehen. Ich war hilflos, weil ich mich nicht verteidigen konnte, ohne Vater bloßzustellen. Edu schauspielerte meisterhaft und begleitete all seine Worte mit einem rührenden Kalbsgesicht. Was ich denn überhaupt wollte? Ob ich denn das Buch überhaupt gelesen hätte? Nein? Dann hätte ich auch gar kein Recht, etwas zu sagen, denn das Buch wäre großartig! Ich, zuerst mit Engelsgeduld, suchte zu erklären, ihn von der inneren Unmöglichkeit zu überzeugen. Als nichts verfing und auf alles die banalsten und im Grunde gar nicht passende, den Kern der Sache völlig verfehlende Antworten erfolgten, geriet ich in Zorn und gab ihm in Vaters Gegenwart eine, wie Vater nachher sagte, furchtbar knallende Ohrfeige – ich selber merkte gar nichts davon und konnte mich später erst mit Mühe darauf besinnen. “Stell dir das doch ein einziges Mal vernünftig vor”, sagte ich unter anderm: die Werke eines ernsten Schriftstellers! Wäre das wohl möglich: Spinoza, die Ethik und – Wie der Hirnhofer Jackel das schöne Mädchen von Lille kennenlernte. Oder Goethe: Faust, Wahlverwandtschaften, – Wie der Hirnhofer Jackel usw.” “Ja, warum denn nicht?” – mit dem unschuldigsten Kalbsgesicht. Schließlich resignierte ich. Nun aber begann Edu einen neuen Abschnitt: “Ja, wenn es so ist, wie du sagst, dann besteht eben eine Kluft zwischen uns, die sich nie wieder schließen wird.” Er fing an, mir leid zu tun, er konnte ja nichts für seine Verständnislosigkeit. Und ich war trotz seiner Anstrengung nicht dazu zu bringen, die Notwendigkeit der “Kluft” anzuerkennen. Vater kam mir zum erstenmal während der Auseinandersetzung, die zum großen Teil in seiner Anwesenheit stattfand – zu Hilfe: Ich hätte recht, wir könnten ruhig weiter Freunde bleiben; es handle sich um einen Unterschied lediglich in der ästhetischen Erziehung, worin Edu hinter mir zurückstehe. Dies leuchtete mir sehr ein und stimmte mich immer milder gegen Edu, der dagegen immer böser wurde, während ich mich dennoch sehr aufregte und mit heißen Backen dasaß. Da fing Edu plötzlich an: “Ja, und die Geschichte mit Alice? Ich will nicht blamiert vor Alice stehn! Du hast mich da hineingebracht, zieh du mich auch wieder raus!” “Nun gut, ich werde ihr sofort telefonieren, ich sei die Reingefallene, du habest dir nur einen Spaß gemacht und nie an den Hirnhofer Jackel geglaubt. Hältst du deine Ehre dann für wiederhergestellt?” – “Ja, das genügt mir.” Gott, wie schäbig, dachte ich, und in diesem Augenblick verachtete ich ihn ein wenig. Aber wirklich mit Trauer erfüllte mich Vaters Verhalten: Er hatte mich sozusagen gezwungen, Alice in die Verwicklung hineinzuziehen, er hatte wiederholt erklärt, daß er die Verantwortung übernähme – und nun ließ er mich sitzen! Dies war mir unbegreiflich und deshalb um so schmerzlicher; doch beschloß ich, nie etwas davon merken zu lassen. – Endlich, da sie beide sahen, daß ich mich ernstlich aufregte, während ich mich ohnedies besonders elend fühlte, klärten sie mich auf. Das war dann natürlich sehr nett. Dabei stellte sich heraus, daß das einzige von der ganzen Jackelgeschichte, was seine Richtigkeit hatte, Floras Brief war. Edu kennt das Buch

ganzen Jackelgeschichte, was seine Richtigkeit hatte, Floras Brief war. Edu kennt das Buch – 255 – gar nicht. Den Brief des Klamottenkutschers hatte Inge auf Vaters Anstiften schreiben lassen! Und ich hatte Vater noch den Rat gegeben, auf die Frage nach seinen übrigen Werken, dem Klamottenkutscher einfach zu antworten: »Die Lehre von den Geistigen und vom Volke« und »Spinoza gegen Kant«! – Nun, es war eine sehr interessante kleine Komödie und von Edu bewundernswert gespielt. Daß Alice noch ein wenig vom Spaß hätte, wünschte ich sehr, und da Edu und ich einen Tag miteinander in Berlin verbrachten, luden wir sie für den Abend zu einem Essen zu Kempinsky ein. Nun fing er mit ihr ebenso an, wie er es mit mir gemacht hatte: “Sag mal, hast du den Hirnhofer Jackel überhaupt gelesen?” – “Nein, aber hast du den Hirnhofer Jackel überhaupt verstanden?” – “Ich denke ja; es ist schließlich nicht schwerer als Leos andere Bücher.” – Im ganzen kam aber nicht viel Interessantes heraus. Beide waren abgespannt. Auch zeigte sich, wie mangelhaft telefonische Mitteilungen sind: Alice und ich hatten uns mehrfach mißverstanden, ohne es zu bemerken. Zum Schluß bekam Alice heftige Darmbeschwerden; obwohl sie wirklich litt, war sie doch noch hin und wieder zu einem derben Scherz fähig. Sie steht vor einer Reise in die Schweiz. “Daß du mir mindestens zehn Pfund Schweizer Käs mitbringst!” sagte Edu. “Ich werde dir die Löcher davon in meinen Strümpfen mitbringen”, gab sie zur Antwort. Aber die Hauptsache, Verwicklung und Lösung der Jackelkomödie, hatten für sie nicht so viel Interesse und Reiz, weil sie nicht so fest hineinverflochten war wie wir und, eben durch die Unzulänglichkeit der telefonischen Mitteilungen, nicht einmal richtig im Bilde; andrerseits hatte auch bei uns die Spannung nachgelassen, denn wir hatten das Beste davon schon vorweggenossen. 21. August 1916 “Einmal rede ich ernsthaft mit jedem Menschen, wer es auch sein mag; er braucht nur für eine halbe Stunde in mein Haus zu kommen oder noch kürzer. Einmal versuche ich es mit jedem, der mir in den Weg läuft. Aber sehe ich dann, es geht nicht, so lasse ich ihn für immer laufen.” Inge hat eines ihrer vielen Tagebücher früherer Jahre gebracht (die übrigen liegen in Jagow verwahrt). “Diese Stille der Frömmigkeit und dagegen der wahnsinnige Seelenhunger! Das Originellste aber: jedesmal neben und in der glühendsten Schwärmerei die vollkommene Fremdheit und Kühle; wenn sie jemanden eben noch toll bis in den Himmel angeschwärmt hat – gleich muß sie die Kritik hintenansetzen, die alles wieder aufhebt. Sie weiß das wahrscheinlich gar nicht, und es ist um so merkwürdiger, hier mit solcher Dringlichkeit den Zwang walten zu sehen. Das ist das Geniale: beide Gegenpole des Empfindens in dieser Stärke und beständigen Nähe zueinander. Unreifes finde ich in dem ganzen Tagebuch in keiner Zeile (natürlich ist sie mit vierzehn Jahren eben eine vierzehnjährige Inge!), vielmehr die Immer-Reife, die uns schon bei ihren doch so frühen Dichtungen in Erstaunen setzte und die bei keinem genialen Manne möglich wäre, bei dem genialen Mädchen mir aber ganz erklärlich ist. Leer ist das Tagebuch natürlich – die bloße leere Form mit dem rasenden Hunger nach Inhalt und die Sucht, sich zu heiligen.” 24. August 1916 Vaters nach allen Seiten strahlende Güte und Liebenswürdigkeit wird in dieser Zeit praktisch belohnt! Wir erleben alle Augenblick, immer wenn die kleine Not am höchsten gestiegen (besonders die Fettnot), ein Wunderchen: Der schickt ein Stück Speck, der bringt gar Schinken, hier kommt ein Päckchen Butter (so wie Vater früher Blumensendungen erhielt), und gar die gute Magdalena rennt sich ihre schwachen Kräfte ab und macht sich wahrscheinlich überall verhaßt, weil sie den Niendorfern193 ihre Schätze an Fischen, Zucker, Brot, Butter, Öl und vielen Undsoweiters entreißt, um uns zu helfen. Als “telepathische Stütze der Hausfrau” hat Vater sie bezeichnet und gelobt. “Honorar für mein Werk”, sagt Vater auch zuweilen lächelnd, wenn von irgendwoher eine derartige nahrhafte Überraschung eintrifft. – Natürlich geben wir nun wieder ab. »Maledictus und Benedictus«. 193

Niendorf an der Ostsee ist ihre Heimat.

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Man ist allgemein bezaubert von dem glücklich gelungenen Wagnis des U-Handelsschiffes “Deutschland”. Wir sehen es als ein Bravourstück an, das ebensogut schief hätte ausgehen können. “Die Lage ist zu ernst jetzt, als daß man über solche Kleinigkeiten jubeln dürfte. Das ist geradeso, als wollte ich, wenn mir eben ein lieber Mensch gestorben ist, flaggen, weil ich eine Schachpartie gewonnen habe.” – Vater rechnet immer noch, daß der Krieg in diesem Jahre zu Ende geht. Ich kann mir kein Ende mehr vorstellen! “Das Kind schätzen ist der Urgrund aller Erziehung. Nicht es für geringer und dümmer halten bloß darum, weil es noch Kind ist – wie die meisten dummen Leute tun, denen nun leider all die vielen Kinder anvertraut sind. Und die Kinder dazu bringen, daß sie lernen, von ihrem Innenleben zu sprechen, was sie von selbst nie tun, und weswegen sie sich so viel quälen müssen.” – Dies letzte besonders in Erinnerung an meine Kindheit gesagt. Denn ich hatte viel gelitten, unter Phantastik, Hexen- und Räubergrauen, schwerem Alpdruck, Selbstquälereien und was alles nervösen Kindern so furchtbar zusetzen kann und hatte nie davon gesprochen, einfach weil ich nicht wußte, daß es ein solches Sprechen gibt. Lebhaft beschäftigten mich metaphysische Fragen, die ich ebenfalls nie äußerte; doch freute ich mich jeden Abend auf die Zeit im Bett vor dem Einschlafen, die ich dazu benützte, “über die Welt nachzudenken”, wie ich es bei mir selber nannte. Vater hat mir den Bann gelöst. Ich war damals zehn Jahre alt. Er ging mit uns im Bergedorfer Gehölz, worin der Nebel weiß und dicht hing. Ich fragte etwas über den Nebel, besinne mich aber leider nicht mehr darauf, was es war. Er blieb stehen, sah mir gerade in die Augen, faßte mein Kinn und sagte: “Du bist ja eine kleine Philosophin!” Ich hatte bei dem Wort natürlich nur unbestimmte Vorstellungen, doch machte die Art, wie es gesprochen wurde, daß ich mich zum ersten Mal gelöst fühlte und sofort seine Hand ergriff: “Darf ich nun alles fragen?!” – “Gewiß darfst du, sobald wir zu Hause sind” (denn Mutter und Trude waren dabei!). Mir klopfte das Herz vor Erwartung. In unsrer kleinen Wohnung angelangt, zog Vater mich auf seinen Schoß: “Was möchtest du denn am liebsten wissen?” – “Über den Tod.” – Ich weiß nicht mehr, was er mir sagte, aber er bewegte und beruhigte mich. In stürmischer Folge brachte ich nun nacheinander all die Fragen heraus, die mich in meinen Denkstunden im Bett beschäftigt hatten. Ich genoß zum ersten Mal und vielleicht am stärksten in meinem ganzen Leben das Glück des Sprechens und Zuhörens. Von da an blieb meine Zunge gelöst, wenigstens dem Erlöser gegenüber. Und von da ab gab Vater mir Unterricht in Geschichte der Philosophie, mit den Griechen beginnend. Er brachte mir, da er über “das Nichts” mit mir gesprochen, ein Gedicht mit, das er selber in früheren Jahren über dies Thema niedergeschrieben; ich konnte es sofort auswendig, obwohl es lang ist und ganz abstrakt, und war berauscht davon.194 Alice und ich gestern am Telefon: Alice: “Also wenn ich Sonnabend komme, bringe ich euch eine Obsttorte mit” (zu Vaters Geburtstag). Lotte: “Selbstgemacht?” Alice: “Natürlich.” Lotte: “Na??… Schwöre!” Alice: “Wobei soll ich denn schwören?” Lotte: “Schlag vor!” Alice: “Bei Allah!” Lotte: “Nein.” Alice: “Bei dem Mond, dem wandelbaren.” Lotte: “Nein. – Bei Spinoza gegen Kant!” Alice: “Adieu.” – und abgehängt. 193

Niendorf an der Ostsee ist ihre Heimat.

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Es ist erhalten.

– 257 – Zu Vaters schönsten Geschichten gehört die, wie das Meer salzig geworden ist. Von dem armen Bruder, der am Weihnachtsfest den reichen Bruder um ein wenig zu essen bittet. Der gibt ihm einen Schinken, aber mit der Bedingung, er müsse nun tun, was er ihn heißen werde. So zwingt er ihn, mit dem Schinken zur Hölle zu gehn. Vor der Höllentür begegnet dem Armen ein altes Weib, das ihm bedeutet: