mathe-brief - Österreichische Mathematische Gesellschaft

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MATHE-BRIEF November 2013 — Nr.41 ¨ Herausgegeben von der Osterreichischen Mathematischen Gesellschaft http: // www.oemg.ac.at / Mathe–Brief ———— mat...

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MATHE-BRIEF November 2013 — Nr.41

¨ Herausgegeben von der Osterreichischen Mathematischen Gesellschaft http: // www.oemg.ac.at / Mathe–Brief ———— mathe–[email protected]

H ILDA G EIRINGER ( VERH . P OLLACZEK , VON M ISES ), 1893–1973 Hilda Geiringer war die erste der in Wien promovierten Mathematikerinnen, die weiterhin in der Forschung t¨atig war, und sie war 1928 im deutschen Sprachraum erst die zweite Frau nach Emmy Noether in G¨ottingen 1919, die sich habilitieren konnte. Hilda Geiringer wurde als zweites von vier Kindern am 28.9.1893 in Wien geboren. Die Familie stammt aus Stampfen (Stupava, Slowakei). Der Vater, Ludwig Geiringer, war Textilerzeuger. So wie ihre Geschwister Ernst, Paul und Karl (ein bekannter Musiktheoretiker) musste sie sp¨ater Wien verlassen und fand in den USA eine zweite Heimat. Hilda Geiringer besuchte ab dem Jahr 1904 die Vorbereitungsklasse des Privat M¨adchen-Obergymnasiums des Vereines f¨ur erweiterte Frauenbildung in Wien und sodann ab dem Jahre 1905 das Gymnasium selbst, ¨ wo sie im Jahre 1913 die Reifepr¨ufung ablegte. Uber diese Schule, oft Schwarzwald-Schule genannt, und u¨ ber die Geschichte der sozialistischen Bewegung in Wien in der Zeit um dem 1. Weltkrieg findet sich vieles in dem sehr interessanten Buch [5]. Dort ist auch belegt, dass Hilda in der Jugendkulturbewegung“ t¨atig war. Im Kreis um Eugenie Schwarzwald verkehrten ” außerdem Adolf Loos, Oskar Kokoschka, Rainer Maria von Rilke und viele andere Pers¨onlichkeiten. Sicher wurde Hildas Liebe zur Literatur hier begr¨undet. Ihre mathematische Begabung zeigte sich schon fr¨uh, so fiel ihr die Wahl des Studiums leicht. In ihrer Dissertation behandelt Hilda Geiringer die Verallgemeinerung der Theorie der Fourierreihen auf zwei Dimensionen. Neben der Mathematik hat sie auch Vorlesungen von Ernst Mach besucht. Sie blieb ihr Leben lang treue Anh¨angerin der Philosophie Machs. Das war auch eine Gemeinsamkeit, die sie von Anfang an mit ihrem sp¨ateren Ehemann Richard von Mises verbunden hat. Sicher h¨orte sie auch Sigmund Freud. An Hilda Geiringer, der es gelungen war, ihr Studium mit der Dissertation in nur vier Jahren abzuschließen, ist die entbehrungsreiche Zeit des 1. Weltkriegs nat¨urlich nicht spurlos vor¨ubergegangen. Sie hat in einem Kindergarten, der j¨udische Fl¨uchtlingskinder aufgenommen hatte, mitgearbeitet, sie hat Verwundete betreut, und sie war sehr aktiv im Akademischen Frauenverein, wo sie Vortr¨age u¨ ber das Frauenstudium hielt, und in der Friedensbewegung t¨atig. Da es in Wien keine M¨oglichkeit gab, wissenschaftlich t¨atig zu sein verließ Hilda Geiringer 1918 Wien, um in Berlin als Mitarbeiterin von Leon Lichtenstein an der Redaktion des Jahrbuchs u¨ ber die Fortschritte der Mathematik zu arbeiten. Daneben unterrichtete sie auch an der Volkshochschule. Ein Ergebnis dieser T¨atigkeit ist ein Buch ’Die Gedankenwelt der Mathematik’, in dem sie den Versuch unternimmt, die gesamte Mathematik und ihre Entwicklung popul¨ar verst¨andlich darzustellen. Sie zeigt darin große Reife und umfassende Kenntnisse. Ihre philosophischen Ansichten sind sehr von Mach beeinflußt. Es gab um diese Zeit in Berlin eine Gruppe von Wiener Naturwissenschaftlern, zu der auch Hilda geh¨orte.

Durch diese Gruppe, und auch durch ihre Arbeiten kam sie in Verbindung mit Richard von Mises, der seit 1920 am Institut f¨ur Angewandte Mathematik an der Universit¨at Berlin war; sie wurde 1921 Assistentin an diesem Institut. Im gleichen Jahr heiratet sie Felix Pollaczek; 1922 wird die Tochter Magda geboren, bereits 1925 trennt sie sich wieder von ihm. Als Assistentin von Richard von Mises entwickelt sie eine reiche Forschungs- und Publikationst¨atigkeit. Sie besch¨aftigt sich nun mit Angewandter Mathematik und arbeitet in der Redaktion der Zeitschrift f¨ur Angewandte Mathematik und Mechanik mit. Sie hat enge Kontakte mit einer großen Zahl von Fachkollegen. 1928 gelingt ihr die Habilitation, und 1933 wurde f¨ur sie eine außerordentliche Professur eingereicht. Die Zeit von 1933 bis 1973 (immerhin ihr halbes Leben) hat Hilda Geiringer nicht mehr im deutschen Sprachraum verbracht. 1933 verliert sie die Lehrbefugnis und die Stelle in Berlin. Ein Jahr lang kann sie in Br¨ussel am Institut f¨ur Mechanik arbeiten. 1934 erh¨alt sie ein Angebot, als Professorin f¨ur Reine und Angewandte Mathematik an der Universit¨at Istanbul zu wirken. Von Mises war bereits seit 1933 Direktor dieses Instituts. Sie alle, inklusive ihrer Tochter, die die franz¨osische Schule besuchte, waren in Istanbul sehr gl¨ucklich, hatten ein ausgezeichnetes Arbeitsklima und wurden sehr gastfreundlich behandelt. Drei Jahre durften sie auf franz¨osisch vortragen, dann auf t¨urkisch. ¨ 1939 m¨ussen sie allerdings auch die T¨urkei verlassen. Uber Portugal und England kommen sie in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo Richard von Mises ein Angebot der Harvard University hatte. Hilda unterrichtet dann bis 1944 in Bryn Mawr, nebst Kursen in Swarthmore, Haverford und der Brown University. Am 5. November 1943 heiratet sie Richard von Mises, 1944 wird sie Head of Department of Mathematics im Wheaton College, Norton, Massachusetts. Ihre Untersuchungen u¨ ber Plastizit¨at und Genetik f¨uhrt sie all diese Jahre weiter. Nach dem pl¨otzlichen Tod von Richard von Mises am 14.7.1953 a¨ ndert sich ihre Situation. Sie besch¨aftigt sich nun intensiv mit seinem Nachlass und gibt etliche seiner Arbeiten und B¨ucher heraus. Als Beispiel sei hier das letzte und am meisten Neubearbeitung erfordernde Buch Mathematical Theory of Probability and Statistics“ (1964) erw¨ahnt. ” Nach der Pensionierung 1959, ist sie noch einige Zeit als Research Fellow in Harvard t¨atig. Neben vielen Reisen besch¨aftigt sie sich jetzt wieder mit den Grundlagen der Wahrscheinlichkeitstheorie und mit historischen und philosophischen Problemen. Am 22. M¨arz 1973 stirbt sie in Santa Monica (Kalifornien) an Lungenentz¨undung. Unter den Ehrungen und Auszeichnungen, die Hilda Geiringer erhalten hat ist die Ernennung zum Fellow of the American Academy of Arts and Sciences, die Ernennung zum Professor emeritus (mit vollem Ruhestandsgehalt) der Freien Universit¨at Berlin, und ein Ehrendoktorat des Wheaton College. (Christa Binder) [1] C. Binder, Hilda Geiringer: ihre ersten Jahre in Amerika, in S. Demidov et al. (Eds.), Amphora: Festschrift f¨ur Hans Wußing zu seinem 65. Geburtstag, Basel 1992, pp. 25–53. [2] C. Binder, Beitr¨age zu einer Biographie von Hilda Geiringer – Jugend und Studium in Wien, GAMM Mitteilungen 1995, 61–72. [3] J.L. Richards, Hilda Geiringer von Mises, in L.S. Grinstein and P.J. Campbell (eds.), Women of Mathematics, Greenwood Press 1987, 41–46. [4] R. Siegmund-Schultze, Hilda Geiringer-von Mises, Charlier series, ideology, and the human side of the emancipation of applied mathematics at the university of Berlin during the 1920s. Historia Mathematica 20 (1993), 364–381. [5] F. Scheu, Ein Band der Freundschaft, Schwarzwald-Kreis und Entstehung der Vereinigung Sozialistischer Mittelsch¨uler, Hermann B¨ohlau Nachf., Wien u.a. 1985.

NB: Eine etwas ausf¨uhrlichere Version dieses Artikels und Biographien weiterer o¨ sterreichischer Pers¨onlichkeiten findet sich im Internet unter der Adresse http://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/Biographien?start=g.