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Menschen in Zeit und Raum Das Archäologiemuseum als Ort des interkulturellen Lernens Silvia Renhart 3 Menschen in Zeit und Raum Das Archäologiemuseu...

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Menschen in Zeit und Raum Das Archäologiemuseum als Ort des interkulturellen Lernens Silvia Renhart 3

Menschen in Zeit und Raum Das Archäologiemuseum als Ort des interkulturellen Lernens Dokumentation eines Projekts mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (UMF) im Universalmuseum Joanneum (UMJ) Silvia Renhart

Menschen in Zeit und Raum Das Archäologiemuseum als Ort des interkulturellen Lernens Dokumentation eines Projekts mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (UMF) im Universalmuseum Joanneum (UMJ) Silvia Renhart Herausgeber Universalmuseum Joanneum Archäologie & Münzkabinett Redaktion Karl Peitler Lektorat Jörg Eipper-Kaiser Grafische Konzeption Lichtwitz-Büro für visuelle Kommunikation Satz Beatrix Schliber-Knechtl Druck Dravski tisk d.o.o. Auflage 150 Umschlagbild Erinnerungen an Afghanistan, Foto: UMJ/AArchMk Graz 2016

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Vorwort

Seit mehr als 200 Jahren bemüht sich das Universalmuseum Joanneum, Geschichte in die Gegenwart zu holen und aktuellen Zeitfragen gegenüberzustellen. Gerade jetzt, wo der Gesellschaftsentwurf Europa gefährdet ist, kommt dem historischen Lernen eine große Bedeutung zu, ermöglicht es doch, das Gegenwärtige am Vergangenen zu messen und die Entwicklung der europäischen Gesellschaft und ihrer Werte zu verstehen. Wenn historische Gedächtnisleistungen Sinn haben, müssen sie – wie der Soziologe Oskar Negt in seiner Streitschrift Gesellschaftsentwurf Europa. Plädoyer für ein gerechtes Gemeinwesen (2012) schreibt – auch zu Lernprozessen motivieren, die dazu beitragen, Vorurteile abzubauen, die politische Urteilskraft zu schärfen und die substanziellen Grundlagen einer zivilen Gesellschaftsordnung zu achten. Museumsarbeit ist Gemeinwesenarbeit. Museen dürfen nicht Rückzugsoasen für kultur- und kunstverliebte Eliten und Entfremdungszonen für Menschen sein, deren Chance, Bildung zu erlangen, gering ist. Gerade archäologisch-historische Museen verfügen zur Einwirkung auf ihre soziale Umwelt über ein breites Repertoire an „Soft Power“ – diesen Begriff aus der Politikwissenschaft dürfen wir seit dem 2015 erschienenen Buch Cities, Museums and Soft Power von Gail Dexter Lord und Ngaire Blankenberg auch für die Museen in Anspruch nehmen. Unser Archäologiemuseum mit seinen Objekten, deren Herkunft von der Steiermark bis in den Vorderen Orient reicht, hat vielfältige Anknüpfungspunkte für das historische Lernen und die Erinnerung, nicht nur für einheimische Erwachsene und Jugendliche, sondern auch für junge Menschen, die auf sich allein gestellt von einem Zuhause, das Tausende Kilometer entfernt ist, fliehen mussten. Wir haben deswegen ca. 40 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und Somalia mit ihren Betreuerinnen und Betreuern des Vereins alea lernforum in unser Museum eingeladen, damit sie etwas über uns und wir etwas über sie erfahren. Das Archäologiemuseum wurde für die Jugendlichen, ihre Betreuer/innen und die Museumsmitarbeiter/innen zum Resonanzraum – zu einem Ort der Weltbeziehung, an dem ausgestellten Objekte aus der Antike zum Auslöser für die Reflexion über die eigene Vergangenheit wurden. Der Ansatz zu diesem Projekt ist dem vom Soziologen und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa aufgeworfenen Themenkomplex der „resonanten Weltbeziehungen“ verbunden, der gegenwärtig von Wolfgang Spickermann, seit 2013 Ordinarius am Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde an der Karl-Franzens-Universität Graz, für die Grazer Altertumswissenschaften erschlossen wird.

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Für die Zusammenarbeit, die für das Gelingen dieses Projekts entscheidend war, möchte ich folgenden Damen und Herren danken: Andreas Hammerschmid (Geschäftsführer alea & partner gmbh), Elisabeth Ploteny-Legat (Projektleitung alea & partner gmbh), den Betreuerinnen und Betreuern des Vereins alea lernforum mit der Lehrgangsleiterin Andrea Pösner, dem Sozialpädagogen Rüdiger Tinauer, der Projektleiterin Silvia Renhart und allen Kolleginnen und Kollegen der Abteilungen Archäologie & Münzkabinett und Besucher/innenservice des Universalmuseums Joanneum, die mitgewirkt haben. Dieser Projektbericht soll der Öffentlichkeit Einblick geben in eine Form der Museumsarbeit, die sich gegenüber einem gesellschaftlich relevanten und kontrovers diskutierten Themenfeld nicht verschließt. Vielleicht ist er darüber hinaus auch eine kleine Hilfestellung für ehrenamtliche oder professionelle Betreuer/innen, die junge Menschen mit Migrationsgeschichte auf das Leben in unserer Gesellschaft vorbereiten und dabei das Potenzial von Museen nutzen wollen. Nicht zuletzt sollen mit diesem Bericht auch unsere Erfahrungen an Kolleginnen und Kollegen weitergegeben werden, die ihre Museen für geflüchtete Menschen öffnen wollen.

Karl Peitler Leiter der Abteilung Archäologie & Münzkabinett

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Menschen in Zeit und Raum – Das Archäologiemuseum als Ort des interkulturellen Lernens Ferne Kriege sind plötzlich sehr nahe und betreffen seit gut einem Jahr vehement auch Österreich. Atemlos stand man vor allem in der Steiermark dem Flüchtlingsstrom gegenüber, der sich im Herbst 2015 über die Staatsgrenze in Spielfeld bewegte. Viele Menschen wurden weitertransportiert, viele sind jedoch im Land geblieben und haben um Asyl angesucht. Unter den Flüchtlingen befanden sich nicht nur Erwachsene, sondern auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, sogenannte „UMF“. Eine bisher nicht in dieser Form wahrgenommene – auch ungeahnte – Vielfalt an Kulturen und Menschen kam ins Land. Doch das ist nicht das erste Mal, dass Migration stattfindet. Gerade aus der Sicht der Archäologie und Anthropologie ist festzuhalten, dass Wanderungsbewegungen alle von Menschen bewohnten Kontinente der Erde zu allen Epochen betrafen. Migration begann, genau genommen, mit der Auswanderung der frühen Menschen aus Afrika. Seit damals gab es immer wieder Epochen, die von großen Ein- und Auswanderungswellen aus ökonomischen, umweltbedingten, kriegsbedingten oder anderen Gründen geprägt waren. Gerade in historischen und archäologischen Museen spiegelt sich die daraus entstandene Vielfalt an Lebensstilen und Herkünften wider. Sie erscheint uns hinter Glasvitrinen als „Normalität“. Doch Vielfalt und Diversität sind auch heute im täglichen Leben bereits „Normalität“, und jede/r hat das gleiche Recht auf kulturelle Teilhabe.

UMF-Gruppe 1 im Archäologiemuseum am 1. Juni 2016, Foto: UMJ/ AArchMk

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Diese Ereignisse und Anforderungen der letzten Zeit sowie die Verpflichtung, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, führten zur Konzeption des Projekts „Menschen in Zeit und Raum – Das Archäologiemuseum des Universalmuseums Joanneum als Ort des interkulturellen Lernens“. Das Projekt wurde von Anfang an von allen Projektbeteiligten, den Teams Archäologie & Münzkabinett und Besucher/innenservice des Universalmuseums Joanneum und alea lernforum, begeistert und tatkräftig mitgetragen und unterstützt. Allen ein wirklich herzliches Dankeschön dafür! Das Ergebnis dieses Pilotprojektes liegt nun in Form einer Ausstellung mit Begleitfolder vor und soll auch andere Museen zur Nachahmung animieren. Ebenso bietet sich der breiten Öffentlichkeit die Möglichkeit, zu erkennen, wie viel Potenzial, Lebensfreude, Eifer, Lern- und Gestaltungswillen in diesen jungen Menschen steckt, die so hoffnungsfroh und meist unter widrigsten Umständen in das von ihnen hochgelobte Land Österreich gekommen sind. Es wird allen, die einmal mit diesen Jugendlichen ernsthaft gesprochen haben, klar, dass sie eine Chance brauchen und auch für unsere Gesellschaft eine Chance sind. Integration ist keine Einbahnstraße, sondern braucht das Bemühen aller Beteiligten, führt sie doch letztendlich zu einer gemeinsamen, positiven Weiterentwicklung unseres Lebensraumes und von uns „Menschen in Zeit und Raum“. Warum „UMF und UMJ“? Ein Museum wie das Universalmuseum Joanneum (UMJ) und speziell sein Archäologiemuseum hat – neben den klassischen Aufgaben des Bewahrens, Sammelns, Ausstellens und Vermittelns – insgesamt vor allem die Aufgabe, das Verständnis für das Kulturerbe der Menschheit zu fördern. Im „50-Punkte-Plan zur Integration von Asylberechtigten und subsidiär Schutzberechtigten“ der österreichischen Bundesregierung aus dem Jahre 2015 wurde unter anderem festgehalten, dass es im Sinne des Subsidiaritätsprinzips auf allen Ebenen Maßnahmen bedarf, um gesellschaftliche Rahmenbedingungen für eine bestmögliche Integration von Flüchtlingen zu schaffen. Darauf beruft sich dieses Vermittlungsprojekt des Archäologiemuseums in Schloss Eggenberg. Damit wird ein kleiner Beitrag zum besseren gegenseitigen Verständnis und zum Abbau von Missverständnissen auf allen Seiten geleistet. 6

Je mehr UMF gebildet und in die lokale Gesellschaft eingebunden werden – auch im Kulturbereich unseres Landes –, umso besser und rascher gelingen Integration und Selbsterhaltungsfähigkeit. In diesem Sinne treffen die Handlungsfelder „Sprache und Bildung“, „Interkultureller Dialog“ sowie „Sport und Freizeit“ des „50-PunktePlans“ für den Bereich „Museum“ zu und verlangen nach Maßnahmen, wie sie hiermit vonseiten des UMJ gesetzt und angeboten werden.

UMF-Gruppe 2 im Archäologiemuseum am 8. Juni 2016, Foto: UMJ/AArchMk

Konzeption und Umsetzung „Mein Museum – Meine Geschichte – Ich erinnere mich“ Meine Heimat, ich bin stolz auf Deine Liebe, meine Heimat, für Dich könnte ich mich aufgeben. Mein Land, für mich ist Deine reine Erde wie das Paradies, mein Land, auch Dein kärglichster Ort ist für mich wie ein Blumenbeet. Egal wo ich bin, Dein Platz ist in meinem Herzen. Ich liebe Deinen strahlenden Glanz, für mich ist er teurer als alle Edelsteine Deiner Berge. O Heimat, für mich bist Du mein Herz und mein Leben, in meinen Adern fließt Dein Blut. Wenn ich Dich sehe, geht mein Herz auf wie eine Blume, sei es im Herbst oder im Winter. (Heimatlied aus Afghanistan, vorgetragen von drei UMF am 8. Juli 2016 bei der Eröffnung der Ausstellung „Menschen in Zeit und Raum“ im Archäologiemuseum) 7

UMF haben meist geringe bzw. nur einseitige Berührungspunkte und Erfahrungen mit anderen Kulturen. Diese Feststellung trifft speziell auf die moderne europäische Kultur zu und wohl auch auf ihre Vergangenheit. Die damit verbundenen Hinterlassenschaften, wie sie zum Beispiel im Rahmen von Archäologie und Anthropologie erforscht und in Museen präsentiert werden, stellen für die Jugendlichen völlig neue Erfahrungen und Erkenntnisse dar. Aus diesem Grund und auch aufgrund des vorherrschenden Bildungsniveaus (großteils fehlende Pflichtschulabschlüsse, Analphabetismus etc.) wurde ein niederschwelliger Zugang gewählt, wie mit einer Einführung in den gewohnten Kursräumlichkeiten und dem Vertraut-Machen mit neuen Begriffen durch einfache Erklärungen und höchstmöglicher „Verlebendigung“. Damit ein optimales Gelingen gewährleistet war, startete das Programm mit einem intensiven Vorinformationsgespräch zwischen den Trainerinnen und Trainern mit der Projektleiterin und dem Aufzeigen der Möglichkeiten im Museum. Letztere wurden „begreifbar“ im Sinne von „Learning by Doing“ und „Hands-on“ sowie in Form von Interaktionen zwischen Kulturvermittlerinnen und -vermittlern sowie UMF in kleinen Gruppen. Das heißt keine Frontalführungen, sondern offene „Kulturspaziergänge“. Danach fand im Unterricht eine Nachbereitung mit den Jugendlichen durch die Trainer/innen statt. Das daraus resultierende Feedback floss in die Ausstellung ein. Das Projektergebnis wurde im Rahmen einer Ausstellungseröffnung, in die auch die Übergabe der Zertifikate anlässlich des Kursabschlusses an die Jugendlichen eingebettet war, präsentiert. Wie die Erfahrung zeigt, trägt jeder UMF ein Smartphone bei sich. Es ist quasi zum Mittler zwischen den Welten geworden und meist die einzige Verbindungsmöglichkeit zur daheimgebliebenen Familie. Es ist ein Erinnerungsspeicher von besonderem Wert und von besonderer Bedeutung. Das Smartphone ist ein kleines „Privat-Museum“, in dem die eigene Geschichte zur besonderen Erinnerung und Anknüpfung an die eigene Vergangenheit und Identifikation in Form von Kontakten, Bildern und Filmen gesammelt, bewahrt und auch präsentiert wird. Aus dieser privaten Sammlung sollten die Jugendlichen vor dem Besuch im Archäologiemuseum zwei Bilder aussuchen, ausdrucken und mitbringen. Das Archäologiemuseum des Universalmuseums Joanneum ist ein Ort des interkulturellen Lernens. Es stellt die bedeutendsten Objekte aus der Urgeschichte und Römerzeit der Steiermark in einen Kontext mit Objekten aus dem alten Ägypten, aus Zypern, Etrurien und dem archaischen und klassischen Griechenland. In der Ausstellung werden diese Funde als Ausgangspunkte für existenzielle Fragen des Mensch-Seins gedeutet. Im Archäologiemuseum wurde von jedem UMF seine persönliche Geschichte zeichnerisch zu Papier gebracht. Im Zentrum standen dabei die Fotos und ein im Museum ausgewähltes Objekt, das abgezeichnet werden 8

Gestalten von Collagen, Foto: UMJ/AArchMk

konnte und das eventuell eine besondere Erinnerung hervorrief. Dabei sollte diese „Erinnerung“ dargestellt, formuliert und in einen kulturellen Kontext gestellt werden. So entstanden „Lebensspuren der Flüchtlinge“ auf Papier. Sie verblieben als Dokumente ihres Besuches im Museum und wurden im Rahmen einer Ausstellung präsentiert. Anhand dieser Aktion wurden über die Frage nach der eigenen Geschichte hinaus auch die Fragen nach der Geschichte des Ursprungslandes sowie des Gastlandes Österreich wach. Vor allem die Fragen nach Letzterem sollten beantwortet und deutlich gemacht werden, ebenso wie die damit verbundenen Gepflogenheiten und Entwicklungen bis ins Heute. Generell wurde den unterschiedlichen Fragen bereits in der Vorbereitung nachgegangen, wie zum Beispiel ob die UMF Erfahrungen mit Kultur, Museen, Archäologie und dergleichen in ihrem Heimatland gemacht haben, und wenn ja, in welcher Form usw. In Rahmen der Nachbearbeitung wurde über den Museumsbesuch reflektiert, um so eine Auseinandersetzung mit anderen Kulturen zu ermöglichen sowie um Ähnlichkeiten oder Unterschiede herauszuarbeiten und zu benennen. Diese Erfahrungen im Archäologiemuseum sollten zu einem gemeinsamen Erleben führen, das ein unbefangenes, tolerantes und offenes Klima des Miteinanderredens und Respektierens der jeweils anderen bzw. anderer Kulturen ermöglicht. 9

Bashir aus Afghanistan mit Bildcollage, Foto: UMJ/ AArchMk

Modulaufbau 1. Glossar Die Museumsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter haben im Vorfeld des Museumsbesuches ein Glossar mit den notwendigen und auf das Museum zugeschnittenen Begriffen verfasst und den Betreuerinnen und Betreuern für den Unterricht übergeben, damit die UMF diese Begriffe bereits vor dem Museumsbesuch kennenlernen konnten. 2. Besuch im Unterricht Aufgrund der Komplexität und Neuheit des Themas gestalteten die Museumsmitarbeiter/innen als Vorbereitung auf den Museumsbesuch mit den Betreuerinnen und Betreuern für die UMF eine eigene Unterrichtseinheit. 3. Besuch im Archäologiemuseum Der Museumsbesuch wurde mit den theoretischen und praktischen Einheiten zu einer sinnvollen Ergänzung der Integrationsmaßnahme und bildete ein Gesamtpaket aus Sprachkurs, interkulturellem Kennenlernen und menschlich-kulturellem Austausch. Der Besuch erfolgte in Form eines Kulturspazierganges mit einfachen, leicht verständlichen Erläuterungen 10

und dem Verweilen vor Objekten, die die UMF besonders interessierten. Dazu traten drei Kreativstationen: die Anfertigung eines Objektes aus Salzteig, das Zubereiten von Steckerlbrot bzw. Brotfladen für eine Jause mit Topfenaufstrich, Gemüsesticks und Äpfeln nach dem Motto „Kultur geht durch den Magen“ und schließlich die Gestaltung von Bildcollagen, mit denen die eigene Geschichte dargestellt wurde. Dafür wurden vor dem Museumsbesuch ausgewählte und ausgedruckte Bilder von der Heimat und/oder Gegenstände verwendet. 4. Nachbereitung Im Rahmen der Nachbereitung im Unterricht wurden Statements der Beteiligten festgehalten. Zudem entstanden Feedback-Poster, die für die nachfolgende Ausstellung zur Verfügung gestellt wurden. 5. Ausstellung „Menschen in Zeit und Raum – UMF im UMJ“ Aus den angefertigten Werken (Salzteigfiguren und Bildcollagen), Fotografien und Statements aller Beteiligten wurde eine kleine Ausstellung gestaltet, die bis Saisonende im Archäologiemuseum präsentiert wird. Die Ausstellung ist so konzipiert, dass sie als umfassende Projektpräsentation leicht an unterschiedlichen Orten gezeigt werden kann und den Charakter einer Wanderausstellung hat. Dazu wurde auch ein Folder mit Projektkurzbeschreibung und Abbildungen erstellt. 6. Ausstellungseröffnung Die Ausstellung wurde am letzten Schultag feierlich eröffnet. Im Zuge der Veranstaltung wurden an die Jugendlichen die Bestätigungen für die erfolgreiche Absolvierung des Deutsch- und Integrationskurses überreicht. Einen weiteren Höhepunkt stellte ein interkulturelles Buffet dar, das von den UMF vorbereitet wurde. Führung im Archäologiemuseum, Foto: UMJ/ AArchMk

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Zeitleiste Bis 12. Mai 2016 Erarbeitung des Glossars und Übermittlung an den Sozialpädagogen Rüdiger Tinauer 25. Mai 2016, ca. 8–12 Uhr Gestaltung einer Unterrichtseinheit durch das Museumsteam (Silvia Renhart, Karl Peitler, Christa Gamperl und Barbara Porod) im Schulungszentrum Graz 1. Juni und 8. Juni 2016, 8–12 Uhr Je 20 UMF besuchten an einem der beiden Termine mit ihren Trainerinnen und dem Sozialpädagogen das Archäologiemuseum und wurden von den Teams der Abteilungen Besucher/innenservice und Archäologie & Münzkabinett des Universalmuseums Joanneum betreut. 8. Juli 2016, 10–12 Uhr Eröffnung der Ausstellung Menschen in Raum und Zeit mit Überreichung der Bestätigungen über die erfolgreiche Absolvierung des Deutsch- und Integrationskurses (Redner/innen: Karl Peitler, Silvia Renhart, Christa Gamperl; Andreas Hammerschmid, Geschäftsführer alea & partner gmbh; Susanne Lucchesi Palli, Land Steiermark, Amt der Steiermärkischen Landesregierung, Abteilung 6, Fachabteilung Gesellschaft) 31. Oktober 2016 Ende der Ausstellung

Maya und Haya aus Syrien und Bashir aus Afghanistan beim Salzteig-Workshop, Foto: UMJ/AArchMk

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Projektdaten und allgemeine Projektinformationen Kooperationspartner Abteilungen Archäologie & Münzkabinett und Besucher/innenservice des Universalmuseums Joanneum, alea lernforum Projektleitung (Idee, Konzeption, Umsetzung) Dr.in Silvia Renhart, Abteilung Archäologie & Münzkabinett Projektmitarbeit Abteilung Archäologie & Münzkabinett: Mag. Karl Peitler, Dr. Marko Mele, Dr.in Barbara Porod, Nina Heyer, BA, Lenuta Helena Mihat, Beatrix Schliber-Knechtl, Mag. Daniel Modl; Abteilung Besucher/innenservice: Christa Gamperl, Mag.a Claudia Ertl; alea lernforum: Lehrgangsleiterin: Mag.a Andrea Pösner, Betreuer/innen: Judit Ferenczi, MA, Geraldine Hrad, Bakk.a, Albin Jerovsek, Lejla Ruznić, BA, DIin Michaela Schaffer, Astrid Schwarz; sozialpädagogische Betreuung: Rüdiger Tinauer, BA Veranstalter des Sprach- und Integrationskurses alea lernforum Ansprechpersonen Rüdiger Tinauer, BA (Sozialpädagoge), Mag.a Elisabeth Ploteny-Legat (Projektleiterin alea lernforum), Mag.a Andrea Pösner (Lehrgangsleiterin) Kursort Schulungszentrum Graz (AMS Schulungszentrum Eggenberg, Herbersteinstraße 4, 8020 Graz) Kursteilnehmer/innen 40 UMF aus Afghanistan, Syrien und Somalia (durchschnittliches Alter: 17 Jahre, Altersspanne: 15–19 Jahre) Sprachniveau 1 Klasse: Alphabetisierungskurs, 2 Klassen: A1, 1 Klasse: A1–A2 (nach dem Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen). Das niedrige Sprachniveau erforderte von den Projektbeteiligten neben einer einfühlsamen Vorgangsweise eine einfache Wortwahl und teilweise auch Erklärungen auf Englisch bzw. Übersetzungsunterstützung von sprachaffinen Jugendlichen aus der Gruppe. Programmdauer im Museum 4 Stunden (Kulturspaziergang: ca. 1 h, Station „Steckerlbrot“: ca. 1 h, Stationen „Salzteigfiguren“ und „Bildcollagen“: ca. 2 h) Die Jugendlichen samt Begleitung waren Gäste des Universalmuseums Joanneum. Die Teilnahme an der Veranstaltung war kostenfrei. 13

Interkulturelles Buffet im Archäologiemuseum, Foto: UMJ/AArchMk

Anhang 1: „Glossar“ Das Glossar wurde von den Museumsmitarbeiterinnen und -mitarbeitern verfasst und von den Betreuerinnen und Betreuern mit den UMF im Unterricht als Vorbereitung auf den Museumsbesuch erarbeitet. Es beinhaltet grundlegende Begriffe aus Museologie und Archäologie. Geschichte Alles, was in der Vergangenheit geschehen ist. Jeder Mensch hat seine Geschichte, jede Familie hat ihre Geschichte, jedes Land hat seine Geschichte, jeder Gegenstand hat seine Geschichte. Museum Ort, an dem Gegenstände gesammelt, bewahrt, erforscht und gezeigt werden. Es ist auch ein Ort der Erinnerung. Vitrine Glaskasten, in dem besonders wertvolle und auch sehr alte Dinge gezeigt und geschützt werden. Lapidarium Eine Sammlung von Steindenkmälern aus der Römerzeit. Das Archäologiemuseum des Universalmuseums Joanneum besitzt die größte und umfangreichste Sammlung von Römersteinen in ganz Österreich. Bei diesen Objekten handelt es sich hauptsächlich um Grabmonumente, die Bilder der Menschen zeigen. Sie geben durch Inschriften, Tracht und dargestellte Diener/innenfiguren Informationen zum Leben und Beruf der Verstorbenen. 14

Archäologiemuseum des Universalmuseums Joanneum Das Archäologiemuseum des Universalmuseums Joanneum ist mehr als 200 Jahre alt. Das Universalmuseum Joanneum wurde 1811 gegründet. Die archäologischen Sammlungen haben 50.000 Objekte. Die Objekte wurden angekauft, geschenkt oder von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Museums ausgegraben. Die Objekte stammen aus der Steiermark, aber auch aus Ägypten, Zypern, Italien und Griechenland. Archäologie „Die Lehre von dem, was alt ist“. Die Archäologinnen und Archäologen suchen in der Erde nach den Überresten alter Kulturen. Sie erforschen, was die Menschen aus längst vergangenen Zeiten hinterlassen haben. Anthropologie Die Lehre vom Menschen in Zeit und Raum in all seiner Vielfalt. Anthropologinnen und Anthropologen untersuchen die Überreste von Menschen, die bei archäologischen Ausgrabungen gefundenen wurden. Ausgrabung Archäologinnen und Archäologen graben in der Erde und suchen nach Funden. Es werden Reste von Siedlungen ebenso ausgegraben wie die Gräber von Menschen. Archäologische Funde Funde werden bei archäologischen Ausgrabungen aus der Erde ausgegraben. Sie werden von Archäologinnen und Archäologen dokumentiert und wissenschaftlich untersucht. Besonders wichtige und schöne Funde werden ausgestellt. Mit ihrer Gestalt, ihrem Material oder ihren Verzierungen zeigen sie uns, wie alt sie sind bzw. welcher Kultur sie angehören. Beispiele von Funden: Werkzeuge aus Stein, Scherben, Knochen, Gegenstände oder Reste aus Metall, Keramikgefäße, Trinkbecher, Kochgeschirr, Speisereste, Knochen von Tieren, Geweih, Horn, Knochen von Menschen, Reste von Getreide, Reste von Holz, Waffen aus Eisen, Speer, Pfeil, Bogen, Schwert, Schmuckgegenstände, Fibel (Gewandnadel), Ohrringe, Ketten, Gürtel, Grabsteine, Sarkophage (Steinkisten zur Bestattung von Toten), Mumie, Skelett, Leichenbrand, Lanze, Webgewicht, Webstuhl, Spinnwirtel, Spindel, Faden, Wolle, Leder, Fell, Sichel, Messer. Hinterlassenschaften Dinge und Spuren, die unsere Vorfahren in allen Gegenden der Welt für verschiedene Tätigkeiten gebraucht und zurückgelassen haben. Das können Spuren von verfallenen Häusern ebenso sein wie Steinbeile, Tontöpfe oder Schmuckgegenstände.

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Vorfahren Menschen, die (lange) vor uns lebten. Dazu zählen Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, Ururgroßeltern. Urgeschichte/Vorgeschichte/Prähistorie Die lange Zeit in der Geschichte der Menschheit, aus der es keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt. Steinzeit Eine Periode in der Urgeschichte, in der die Geräte und Werkzeuge hauptsächlich aus Stein hergestellt wurden. Die Steinzeit ist in drei Abschnitte unterteilt: Altsteinzeit, Mittelsteinzeit und Jungsteinzeit. Kupferzeit Diese Epoche bildet das Ende der Jungsteinzeit. Sie hat ihren Namen vom Metall Kupfer. In der Kupferzeit wurde zum ersten Mal Metall verwendet. Ein sehr bekannter archäologischer Fund aus dieser Zeit ist „Ötzi“ – „Der Mann aus dem Eis“, der vor 5.300 Jahren in den Bergen Westösterreichs und Italiens lebte. Bronzezeit In der Bronzezeit konnte man bereits Geräte, Werkzeuge und Waffen aus Bronze herstellen. Bronze ist eine Mischung aus zwei Metallen: Zinn und Kupfer. Eisenzeit Die Eisenzeit folgt auf die Bronzezeit. Eisen ist viel härter als Bronze oder Kupfer. Die Herstellung von Eisen brachte deshalb einen großen Fortschritt. In der Eisenzeit gab es in Österreich bereits große Siedlungen. Damals waren der Abbau von Salz und der Handel damit sehr wichtig. Der ältere Teil der Eisenzeit wird in Mitteleuropa „Hallstattzeit“ (ca. 800–400 v. Chr.) genannt und der jüngere Teil „La-Tène-Zeit“ (ca. 400–15 v. Chr.). Durch den Handel kamen viele kulturelle Einflüsse ins Land. Viele wertvolle Gegenstände aus dieser Zeit sind noch erhalten. Zum Beispiel die Bronzemaske aus Kleinkein (Südsteiermark) und der Kultwagen von Strettweg (Obersteiermark). Beide sind im Archäologiemuseum zu sehen. Antike Damit ist die Zeit der Griechen und Römer gemeint. Das Reich der Römer umfasste einen Großteil Europas (Italien, Griechenland, Spanien, Frankreich, die Schweiz, Österreich, die Länder auf dem Balkan, Teile von Großbritannien und Teile von Deutschland). Alle Staaten, die am Mittelmeer liegen, also auch die Türkei, der Libanon, Israel, Ägypten, der Norden von Tunesien, Algerien und Marokko, gehörten zum Römischen Reich. 16

Österreich in der Römerzeit Vor mehr als 2000 Jahren eroberten die Römer den Alpenraum und kamen auch nach Österreich. Das römische Leben und die römische Kultur wurden in Österreich vorherrschend. Der bedeutendste Fund dieser Epoche im Archäologiemuseum ist ein silberner Becher aus einer römischen Villa in Grünau (Weststeiermark). Mittelalter Das ist die Epoche nach der Antike. Ihr folgt die Neuzeit, die heute noch andauert. Migrationen Im Laufe der Geschichte der Menschheit gab es immer wieder größere und kleinere Wanderbewegungen mit mehr oder weniger großen Auswirkungen auf die lokalen Gesellschaften.

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Anhang 2: Statements der am Projekt Beteiligten

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