Menschen und Werke. Essays

Menschen und Werke. Essays

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Menschen und Werke.

ESSAYS VON

Georg Brandes. ZWEITE DURCHGESEHENE UND ERGÄNZTE AUFLAGE.

MIT EINEM GRUPPENBILD IN LICHTDRUCK.

al

Frankfurt vm. LITERARISCHE ANSTALT RÜTTEN & LÜENING 1895.

Alle Rechte,

Vorwort.

s

ist

eben zwölf Jahre her, dass ich dem deut-

schen Publikum eine Sammlung Essays vorlegl e. J

Sie hat Leser gefunden und ist in neuer, jetzt

Ich war dawar bemüht, was ich

wieder ausverkaufter Ausgabe erschienen. mals in

Berlin

wohnhaft und

schrieb, in die deutsche Sprache zu überführen.

Seitdem hat meine Wirksamkeit aufs Neue ihren

Kopenhagen gehabt;

Mittelpunkt in

auf

die

Verhältnisse im skandinavischen Norden gerichtet

[ge-

wesen und

ich

vor Augen

geschrieben.

habe mit einem

von dem, was ich

Nur

in dieser

sie ist

nordischen Publikum

ein sehr

geringer Theil

Reihe von Jahren hervor-

ist in's Deutsche übertragen worden, und Mehrzahl der Bücher, die, mit meinem Namen versehen, in Deutschland erschienen, wurden weil es zwischen Dänemark und Deutschland keine litteraristihe Konvention giebt ohne meine Zustimmung und ge.'^en

gebracht habe, die





meinen Willen

als

Uebersetzungen

alter,

vor zehn oder

fünfzehn Jahren umgearbeiteter Entwürfe herausgegeben.

Der Umfang meiner Lebensarbeit und meiner Be(strebungen ist deshalb nothwendigerweise der deutschen

Lesewelt unbekannt.

Was

für das

Staatsgesellschaften geschrieben

ist,

Publikum kleinerer braucht

viele, nicht

VORWORT.

IV

ZU erwartende, Voraussetzungen oder auch dende, Erklärungen,

um von einem

viele,

ermü-

anders erzogenen,

anders interessirten Publikum verstanden zu werden.

habe unter meinen kürzeren Arbeiten eine Auswahl getroffen, von der es mir vorkam, dass

Ich kleine

allgemein europäisch

sie vielleicht ein

likum

am

Eines

gebildetes Pub-

ehesten interessiren könnte. Gastes,

der

sich

nur

selten

zum Besuch

wagt, wird der Hausherr nicht leicht überdrüssig. Ein Essayist, findet,

der sich

nur ein Mal

kann wenigstens

zwölf Jahre

ein-

nicht der Zudringlichkeit

be-

alle

schuldigt werden.

Kopenhagen,

im September

iS^j

Georg Brandes.

NACHSCHRIFT. Ueberraschend schnell

ist

Essays ausverkauft worden.

die erste Auflage dieser

In

der zweiten sind die

Sudermann und Hauptmann ergänzt, das Buch überhaupt sorgfältig durchgesehen und ein wenig verbessert. Aufsätze über Nietzsche

und Strindberg,

October iSp^f.

G. B.

INHALT. Seite

y^

1.

Goethe und Dänemark

2.

Ludwig Holberg

3.

Adam

4.

Friedrich Nietzsche

5.

Emile Zola

225

6.

Guy de Maupassant

261

.

1

59 97

Oehlenschläger: Aladdin .

137

7.

Puschkin und Lermontow

293

8.

Fjodor Dostojewski

309

9.

Leo

345

10.

Tolstoi

Das Thier im Menschen

12.

Alexander

13. J. P.

L

361

387

11. Kristian Elster

Kielland

398 434

Jacobsen

14.

August Strindberg

15.

Hermann Sudermann

515

16.

Gerhart Hauptmann

533

.

482

..

Goethe und Dänemark. (1881)

oethe

ist

nicht nur die tiefste und umfassendste

dichterische Begabung, sondern überhaupt der

am

reichsten ausgestattete Mensch, der seit den

Tagen der Renaissance in europäischer Litteratur hervorgetreten ist. Obwohl die ersten fünfzig Jahre seines Lebens und Wirkens bekanntlich dem achtzehnten Jahrhundert angehören und dessen Ideen- und Gefühlsleben den volltönigsten Ausdruck geben, den es in bejahender Form erhalten hat, und obwohl wir heutzutage an vielen Punkten die Begrenzung seiner Anlagen erblicken, lässt sich die Grenze seiner Herrschaft in Zeit und Raum noch nicht ersehen. Das zwanzigste Jahrhundert wird ihn von dem neunzehnten empfangen, wie dies ihn von dem vorhergehenden empfing, und allmählich wie die Völkerschaften in der Kultur steigen, streben

Dichtungen, Gestalten und Gedanken

sie,

sich seine

in stets vollerem

Maasse anzueignen. Man würde Goethe in Verhältniss zu jedem civilisirten Volk stellen können und würde die Entwicklungs1

GOETHE UND DANEMARK. stufe dieses Volks in der

seines Verständnisses

modernen Zeit an dem Grad

diesen einen Geist ermessen können; denn jede Epoche, jedes Land und jeder Mensch charakterisirt sich selbst merkwürdig durch das von ihnen für

Berthold Auerbach hat

über Goethe gefällte Urtheil.

das glückliche

war

Wort

„goethereif" gebildet.

Goethereif

von Goethe's Leben kein Volk, auch das deutsche nicht. Aber die Völker reifen schneller oder langsamer dem Verständniss seines Wesens in

der

ersten Periode

entgegen.

Es ist mir aus diesem Gesichtspunkt eine anziehende Aufgabe erschienen, das Verhältniss zwischen dem grossen Mann und einem kleinen Lande so darzustellen, dass man dadurch einen gedrängten Ueberblick über hundert Jahre der Kulturgeschichte Dänemarks hat. Es wird hier gleichsam Probe gemacht an der Freiheit und Fülle des däni-

Wir folgen Goethe von seinem ersten epochemachenden Werke, wo die geniale Unbändigkeit schen Geisteslebens.

Er Dänemark

des Jünglings durchbricht.

das Verständniss in

ist

ist

hier schon gross, aber

schwach und gering.

Das ganze achtzehnte Jahrhundert geht zu Ende, bevor man sich im Norden eine Vorstellung von dem Wesentlichen in dem Wirken Goethe's zu bilden vermag. Er ist ein alternder Mann, als er hier von den ersten Jünglingen geahnt und begriffen wird. Von da ab wächst das Verständniss langsam aber sicher. Die verschiedenartigsten Geister begreifen verschiedene Seiten seines

Wesens und

Wir

sehen aber

bald wird das Verständniss productiv.

Aus dem Jüngling, dessen Bücher verboten und parodirt werden, wird der Mann, dem die Besten der Zeitgenossen huldigen, und dessen Werke sie erklären, und aus diesem Mann wird der Greis, dessen Ruhm der grösste des Zeitalters ist und nach dessen gleichzeitig auch Goethe wachsen.

Aufenthaltsort gepilgert wird. Sein Lebenslauf Geschichte, und sich

die

kaum

ist

geschichtliche

er gestorben,

Gestalt

in

ist

schon

so verwandelt

eine

mythische.

GOETHE UND DÄNEMARK. Er

mit den ältesten der Weisen Griechen-

stellt da,

lands verwandt nnd doch als ein Grnndleger moderner

Naturwissenschaft wie auch moderner Poesie und Kritik.

Er

Hand, Darwin seine andere, der modernen „Weltweissagte und deren Grundwall seine

reicht Thaies seine eine

und

schwebt über

Geist

sein

litteratur", die er

Werke

sind.

Am

9.

September 1776

schrieb Seine

königliche

Hoheit der Erbprinz zu Dänemark an die Canzelei

um

durch dieselbe der theologischen Facultät Kopenhagens ein

Gutachten

abzufordern

das Buch

„ob

Werthers

von welchem Proft eine Uebersetzung angekündigt hat, ohne Schaden für gute Sitten gelesen werden kann", wenn nicht, ,,Avolle die Canzelei (denn das hat Leiden,

der König befohlen) diese Uebersetzung sofort einstellen

und kassiren lassen." Am 19. September an den König: Cabinetbefehls

Antwort der Canzelei

erfolgte die

„In allerunterthänigster Erfüllung des

vom neunten

liujus ist

Facultät zugeschrieben worden, ob

der theologischen

u.

s.

w.,

und da

die

theologische Facultät in Ihrem Gutachten, das allerunterthänigst beigelegt

ist,

das erwähnte Buch

als eine Schrift

welche die Religion verspottet, die Laster beschönigt und gute Sitten verderben kann, so hat die betrachtet,

Canzelei heute

kund zu

dem Polizeipräsidenten geschrieben, Proft

thun, dass er die in Vorbereitung seiende Ueber-

setzung sofort einzustellen habe, da dieselbe keineswegs

gedruckt oder debitirt werden darf." S.

[Luxdorphiana

258.]

Unter den Mitgliedern der theologischen Facultät der Universität zu Kopenhagen, die dieses burleske Verbot veranlassten,

war der

als dänischer

Bischof später

GOETHE UND DANEMARK. bekannte N.

durch

der

E. Balle,

einen

sonderbaren

Zufall zwei Jahre gleichzeitig mit Goethe und Jerusalem in

Leipzig studirt hatte.

Man würde Dänemark Unrecht thun, wenn man einen Beweis ungewöhnlicher nationaler Beschränktheit in einer Urkunde suchen wollte, in welcher nur die so häufige theologische Bornirtheit der damaligen Zeit sich ausspricht. In Mailand hatte, wie Goethe selbst Eckermann erzählt, der Bischof die

ganze Ausgabe der erschienenen

Wertherübersetzung von den Geistlichen den aufkaufen lassen,

um

in

den Gemein-

das Buch ganz im Stillen wieder

aus der Welt zu bringen



das übrigens

ein Mittel,

leicht das entgegengesetzte Eesultat hätte herbeiführen

können.

Und

in

Deutschland selbst war Werthers Leiden

an mehr als einem Orte gerade so feindlich aufgenommen

Dänemark. In Hamburg hatte der durch Lessing unsterblich gewordene Hauptpastor I. M. Goetze seine „Kurze aber nothwendige Erinnerungen über die Leiden des jungen Werthers" 1775 herausgegeben, nach welchen „die ganze Charteque" keinen anderen Zweck habe als „das Schändliche von dem Selbstmorde eines jungen Witzlings abzuwischen und diese schwarze That als eine Handlung des Heroismus vorzuspiegeln" und in Leipzig wurde das Buch von den weisen Vätern der worden wie

in

Stadt sogar bei hundert Reichsthalern Strafe verboten. [J.

W.

Appell: Werther und seine Zeit.] Das Verbot hatte denn auch nicht

Bedeutung verstanden.

in

einem Lande,

wo

Obwohl Werther

alle

erst

die geringste

Gebildeten Deutsch

1832 (durch Meisling)

in dänischer Uebersetzung erschien, war schon in den

Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Werther-

epidemie unter der Jugend in Dänemark stark verbreitet. Rahbek, der empfindsame Elegien- und Trinkliederdichter, Herausgeber eines dänischen Spectators und überhaupt der einzige eigentliche Literator jener Uebergangszeit des 18. Jahrhunderts in das

folgende,

war

in seinem

GOETHE UND DANEMARK. 10. Jahre jener Epidemie verfallen. Wo er sie bespricht und auf ihr gleichzeitiges Auftreten in verschiedenen Ländern aufmerksam macht, stellt er es als unentschieden hin, ob das Buch die Quelle oder das Erzeugniss jenes Fiebers sei, und erklärt nicht zu wissen, „ob er ein Schwärmer wurde, weil er immer Werther in der Tasche trug, oder ob er immer Werther bei sich hatte, weil er ein Schwärmer geworden war." Goethe selbst, der in „Dichtung und Wahrheit" die allgemeinen Einflüsse der Zeit und die Leetüre englischer Schriftsteller hinzuzieht, um das Entstehen des Buchs zu erklären, war später (Eckermann IIL 29) geneigt, den Ursprung individueller zu fassen. „Die vielbesprochene Wertherzeit

wenn man es näher betrachtet, freilich nicht dem Gange der Weltcultur an, sondern dem Lebensgange

gehört,

jedes Einzelnen, der mit angeborenem freien Natursinn sich in die beschränkenden

Formen

einer veralteten

Welt

und schicken lernen soll." Die Gegenwart wird wohl an eine Wechselwirkung zwischen Werther und dem finden

Zeitalter glauben.

Obwohl nun die Schwärmerei für Goethe's Jugendwerk viele Herzen erfüllte und manch einer jungen verheiratheten Frau Seufzer und Thränen jugendlicher Anbeter eintrug, waren die dänischen litterarischen Zustände doch durchaus nicht der Art, dass man in den letzten Decennien des Jahrhunderts Goethe schätzen und seiner Entwickelung mit Verständniss und Freude folgen konnte.

Eahbek, so eingeschränkt sein Gesichtskreis auch war, ist

entschiedener Vertreter

als

der

Empfindsamkeits-

periode fast der Einzige, der in dieser Zeit einen vollen

Eindruck von Goethe hat. Und selbst er war persönlich gegen Goethe eingenommen wegen dessen angeblichen „Stolzes",

und war noch im Jahre 1803 nicht weiter

gekommen, nennt,

dem

Clavigo.

als

bis

zum

„ersten Goethe",

Verfasser von Werther,

Was Goethe

Götz,

wie er ihn Stella

später geschrieben hatte,

und

war ihm

GOETHE UND DÄNEMARK. nicht sympathisch, obwohl er 1801 eine Uebersetzuug von Wilhelm Meisters Lehrjahren herausgab. Die älteren, französisch gebildeten, massig begabten Dichter, Pram und Thaarup, mochten weder Goethe noch Schiller, und verabscheuten überhaupt die ganze neuere deutsche Litteratur. Sie schrieben zwar nie eine Zeile gegen die grossen Deutschen, aber charakteristische

mündliche Aeusserungen von ihnen sind aufbewahrt. Von

dem aufbrausend

heftigen Sonderling

Pram hat Oehlen-

seinen Lebens-Erinnerungen

schläger eine hübsche Anekdote „ „Mit Pram disputirte ich zuweilen, bis er „Höre", sagte er einrasend und ich hitzig wurde. mal, als wir von Schiller sprachen, „wenn ich einem in

:



deutschen Unteroffizier sage

:

Du

sollst

mir so ein Stück

schreiben wie Wallenstein, und der Schlingel es nicht

vierundzwanzig Stunden tliut, so hat er siebenundzwanzig Stockprügel verdient." Nun brach ich in ein lautes Grelächter aus, legte die Hand auf seine Schulter und sagte in

„Lieber Pram, und wenn

man Dich

todt schlüge,

könntest nicht eine einzige solche Scene schreiben."

„Das

ist,

Du



meiner Treu, sehr möglich", sagte er nun ganz

freundlich; „ich habe auch nicht von mir gesprochen.""



Pram

wollte augenscheinlich

schätzung gegen Schiller

als

nicht so sehr Gering-

überhaupt einen Abscheu vor

dem Neuen ausdrücken, wofür

er

Gründe

zu

geben

unfähig war.

Der einzige Dichter der

alten Schule, welcher wirk-

war der geniale Norweger Johan Herman Wessel (1742—1785), der ein Jahr vor seinem Tode eine komische Erzählung „Stella" verlich einen Pfeil

öffentlichte,

gegen Goethe

richtete,

welche Goethe's Schauspiel gleichen Namens

parodirt. Wessel, der durch sein die französische Tra-

gödie verspottendes Meisterwerk „Liebe ohne Strümpfe" in der nordischen Litteratur einen unsterblichen

gewonnen

hat,

war

gesunken und hatte

schnell von seiner poetischen

in

Ruhm Höhe

den Achtziger Jahren einen grossen

GOETHE UND DÄNEMARK. Theil seines

Humors

eingebüsst. Goethe's „Stella" konnte

zwar durch die überspannte Empfindsamkeit und den gewagten Schluss die Satire eines komischen Genius herausfordern, aber Wessels Gedicht als

ist

weniger witzig

plump.

Ein fünfter Dichter der altern Generation, Sander, dem Oehlenschläger seine erste, späte Bekanntschaft mit Goethe verdankte, sprach von dem grossen Dichter mit einem Schrecken

wie

stolzen Leidenschaften,

von „einem Manu mit wilden, der

sein

schönes Genie miss-

braucht hätte" und lieh dem Jüngling einige seiner Werke mit einer väterlichen Warnung „als seien sie Pulver und

Kugel oder

giftige Arzneimittel."

schläger schon 19 Jahr

alt-,

Damals war Oehlen-

bisher hatte er von Goethe

immer nur wie von einem überspannten Schwärmer gehört, der junge Männer verführte, sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen, oder wie von einem unsittlichen Schriftsteller, den zu lesen sich für junge Leute

nicht zieme.

IL

Wie weit

die intelligentesten Kreise, ja selbst die

deutschen und deutschredenden Familien in Dänemark,

davon entfernt waren, Sinn für die Grösse Goethes zu haben, zeigt am deutlichsten der Standpunkt des 1764 geborenen Dichters Jens Baggesen, der in diesen Familien stetig

Ende 1790 besuchte dieser zum ersten Male Weimar, wohnte bei Wieland und sah Goethe nicht, der damals in Schlesien war; aber er scheint hier nur Missstimmung und Unwillen gegen den Abwesenden eingesogen zu haben. Gewiss musste die selbstsichere Ruhe Goethe's dem unsteten, hysterisch empfindsamen, im französischen Sinne geistreichen Dänen fremd und unsympathisch sein. Aber seine Briefe an Eeinhold wie seine Tagebücher zeigen, dass ihm ausserdem von Goethe's verkehrte.

GOETHE UND DANEMARK. „P>eunden", wie er

es naiv ausdrückt, s^ehr viel

Böses

über den Hochmuth, die Selbstsucht, den Geniestolz Goethe's eingeflüstert worden

Kopenhagen den

hold,

sei.

[Baggesen an Rein-

19. Dec. 1791. Briefwechsel!., 20.

In Baggesens Reisetagebuch heisst es ein Paar Jahre später

:

Ich ziehe den vorstellenden (Fichte'schen) Egois-

mus dem darstellenden (Goethe'schen) vor.] Erst im Anfang des Jahres 1795 kommt Baggesen dazu, Goethe seinen Besuch zu machen, der jedoch wenig

befriedigend ausgefallen sein muss

;

sonst

würde

er,

der

Alles aufzeichnet, eine solche Begebenheit nicht unbe-

sprochen gelassen haben. Einen günstigen Eindruck hat er nicht erhalten

hat

er,

und

um

den ungünstigen wiederzugeben,

der sich sonst so völlig in der klassischen Denk-

weise bewegt, ein romantisch angehauchtes Schmähwort

gebraucht; im folgenden Jahre nennt er in einem Briefe

an Reinhold mit einer an Novalis erinnernden

Wendung

Goethe „den erhabenen Brauer in Weimar". Auch ein zweiter Besuch bei Goethe hat in Baggesens Papieren keine Spur hinterlassen. Welche Scheu er aber dem ihm so fremden

zeigt

Wesen

des grossen

Mannes gegenüber

am schärfsten eine Aeusserung in einem vom 25, Sept. 1797: „Lavatern sah ich

Jacobi

nicht; die Zeit

war zu kurz dazu

Wahrheit zu sagen,

fürchtete

— und

fühlte,

Brief an dies

Mal

eigentlich, die

ich Goethe'n

bei

ihm

anzutreffen, der eben in Zürich angelangt war."

Baggesen, der bei lativer

ebenso

Kopf war und sehr von

angezogen

all

seiner Zerfahrenheit ein specu-

sich sein ganzes

der Philosophie

fühlte, hatte in der

Leben hindurch

wie von der Poesie

Kantischen Philosophie

seine geistige Erziehung durchgemacht. Sein Enthusias-

mus für Kant war so gross, dass er sogar dessen Vornamen Immanuel als zweiten Vornamen annahm, und er sah als junger

Mann

alle geistigen

Erscheinungen durch

Kantische Brillen. Deswegen vermochte er nicht, Goethe zu verstehen.

Mit Kants Moralgesetz gemessen schien

:

GOETHE UND DANEMARK. ihm Goethe frivol, und von dem Standpunkt des Rationalismus angesehen war er irrationell. Als gegen die Jahrhundertwende die Periode der Reaction für ihn wie für so viele Andere kam, vermochte er nicht sich zu dessen Naturphilosophie,

Schelling zu erheben,

Dänemark Goethe den

Weg

bahnte,

die in

auf seinen rein

logischen Geist abschreckend wirkte, sondern

nahm zu

und Glaubensphilosophie seine Zuflucht, schloss sich erst Reinhold, dann Jacobi innig an. Sein Unmuth gegen Goethe machte sich im Anfang des neuen der Gefühls-

Jahrhunderts in einem Gedichte Luft, das man einfach als höchst thöricht verurtheilen kann, das aber völlig

im Geiste des vergangenen Zeitalters geschrieben ist, und eben deswegen ein Interesse darbietet, weil es, obwohl auf sehr mangelhafter Kenntniss Goethe's beruhend, das Gepräge

der

historischen

Unfähigkeit

Es

stehens nicht offener tragen könnte. Muthwillig

Und

ist

sein

Thun, muthwillig

eines Ver-

heisst hierin

all sein

Sinnen,

Ausgelassenheit sein End' und sein Beginnen.

Wenn

Aud're den Gedanken hin und her

Mühselig suchen, endlich

müde

finden.

So suchen ihn Gedanken, kreuz und quer

Und

finden ihn

(Denn

Und

ernstliche



doch nur von ungefähr;

Besuche hasst er

sehr.)

stünds bei ihm, er Hess sich niemals finden.

Er hat dem Pübel manches Buch geschenkt.

Worin

er

niemals dacht', und jede Zeile



denkt!

Die Worte von Goethe's Hass gegen ernstliche Besuche klingen fast wie eine Reise-Erinnerung. Es

kam

jedenfalls

Baggesen

gar Nichts Ernst. launenhaft,

weil

Er er

so vor, als sei es

erschien bei

Goethe mit

ihm unberechenbar und

ihm den bewussten Plan, an

dessen Bedeutung für die Dichtkunst er glaubte, nicht

zu finden vermochte.

GOETHE UND DÄNEMARK.

10

Es verwirrte ihn Enthusiasmus

vollständig', dass

Goethe sogar den

verwendete und von diesem Stoff zu einem schalkhaften in einem und demselben Werke überging. Und Goethe strebte nicht; man spürte bei als Stoff

ihm keine Gedankenarbeit;

er schien als Künstler unbe-

und jede Zeile dachte.

wusst, er hatte nicht gedacht,

Es

ist

sehr eigenthümlich, dass diese

Jahrzehnt später fast überall

als

Wendung,

das höchste

die ein

Lob

golten hätte, hier einen bittern Vorwurf ausdrücken

Es

ist

gesoll.

auch bemerkenswerth, wie verwandt dieser An-

dem ist, den Baggesen einige Jahre später in seiner berühmten poetischen Epistel „Nureddin an Aladdin" gegen Oehlenschläger richtet. Ganz im Sinne des achtzehnten Jahrhunderts waren für ihn nicht Werden und griff

Wachsen,

sondern Denken

Goethe die treten fand

Man

und

Thun

die

höchsten

Baggesen bei Eegeln „des gebildeten Geschmacks" über-

geistigen Funktionen.

;

begreift, dass

aber es gehörte nichts desto weniger viel

Uebermuth und etwas Frivolität dazu, gegen einen solchen

Mann

die platte Beschuldigung zu richten, dass

„dem Pöbel" manches Buch geschrieben hätte. Das Gedicht ist in der dänischen Litteratur folgenschwer geworden, denn indem es die Entrüstung Oehlenschlägers hervorrief und ihn gegen Baggesen überhaupt verstimmte, gab es dem bis dahin guten, ja innigen er

Verständniss der beiden Dichter den ersten Riss. Bag-

gesen hatte,

als er

im Jahre 1800,

in der Absicht nie

zurückzukehren, Dänemark verliess, Oehlenschläger „seine dänische Leier" vermacht; er sah in

dem Jüngling

da-

mals mit Recht einen begeisterten Verehrer. Aber kurz

danach Avar der Umschlag in der neueren dänischen Littera-

Rhede 1801 hatte das Ankunft von Steffens aus

tur erfolgt. Die Schlacht auf der

Nationalgefühl geweckt, und die

Deutschland

als

Apostel einer neuen Zeit hatte auf die

zeitgenössische Jugend, besonders auf fast alle angehen-

den Dichter und Schriftsteller,

den

tiefsten

Eindruck

GOETHE UND DAiNEMAKK.

11

Stettens war in Wirklichkeit der Erste, der Augen der jüngeren Generation für die Bedeutung und

gemacht. die

die Grösse Goetlie's öffnete, er „der schlimme Atheist", wie er sich bezeichnet, „der es wagte, die Weisheit jener Zeiten apokryph und den verschrieenen Goethe kanonisch zu nennen". Eingsum in den Briefen und

Memoiren des

jetzt ausgestorbenen Geschlechts lindet

man Zeugnisse

der umfassenden

Wirkung

seiner ersten

Vorlesungen.

Grundtvig,

der berühmte Dichter

und nationale

Sektenstifter, hat in seinem „Kirchenspiegel" den Ein-

druck, den jene Vorlesungen

zu hören

ausbielt



Worten wiedergegeben lich,



die einzigen, die er je

auf ihn machten, in :

folgenden

„Ich fand es zwar ganz unglaub-

aber auch ganz merkwürdig, was er in seiner ver-

wegenen Sprache unleugbar nannte, dass Alles, was wiiin Kopenhagen lasen und schrieben und bis in die Wolken erhoben, deutsche und französische Makulatur sei und dass, wenn man wissen wolle, was Poesie sei, nur Shakespeare und Goethe, die ich niemals hatte nennen hören, zu lesen seien, wenn man aber einen Begriff' von Philosophie haben wolle, so solle man nur Steffens hören und Schelling lesen." Welche üniAvälzung Steffens in der Seele des jungen Oehlenschläger hervorrief, wie er unter dem Eindruck ihres ersten, Tag und Nacht dauernden Gespräches sein epochemachendes Gedicht „Die goldenen Hörner" schrieb und alle seine früheren Arbeiten, sogar einen halbwegs gedruckten Band Gedichte verwarf, das ist zu oft und zu gut erzählt, um mehr als einer Andeutung zu bedürfen. Zwar hatte Oehlenschläger schon vier Jahre früher Goethe lieben gelernt er hatte sich damals in „Götz von Berlichingen" mit derselben Schwärmerei vertieft, mit welcher ;

er in der Kindheit seine Lieblingsbücher gelesen hatte:

„Ich folgte Goethe's Geist, wie der treue

Knabe Georg

seinem Herrn in der Schlacht. Ich kroch in den grossen

GOETHE UND DANEMARK.

12

und obgleich

Dichterliarnisch, füllen konnte,

ich ihn

noch nicht aus-

tröstete ich mich mit Götzens

Worten:

Die künftigen Zeiten brauchen auch Männer." Aber jenes Studium war noch völlig naiv, von einem Genuss oder Verständniss der hohen Kunst bei Goethe war OehlenGesteht er doch

Schläger noch weit entfernt.

„Ich merkte gar nicht, dass ich

Es war

selbst:

dass es Poesie war.

las,

die Begebenheit selbst, die ich erlebte."

Die

Gespräche mit Steffens und die Vorlesungen desselben über Goethe's Werke lehrten Oehlenschläger den grossen Dichter als Künstler und Denker verstehen. Als dann im Jahre 1803 die deutschen Gedichte Baggesens erschienen, musste das an Goethe gerichtete ihn nothwendigerweise im höchsten Grade empören. Seit er in den Geist des neuen Jahrhunderts eingeweiht worden, war seine jugendliche Begeisterung für das feine und

geschmeidige Talent des altern Landsmannes verdampft.

Er

schrieb einige Satiren gegen ihn, die er jedoch nur

Freunden

vorlas.

innerungen"

Er hat

sie

in

seinen „Lebens-Er-

in leider sehr massiger

deutscher Ueber-

Eine Strophe beginnt:

setzung mitgetheilt.

Was? Er

den Pöber?'"

singt „für

Solch wurrazerfressnes Möbel

Wagt an den Helden

Du

sich?

Jens für Weib und Dirne

Tief in den Staub die Stirne

Vor Goethe,

Oehlenschläger gesen'sche

ist

Opposition

die er einschlug, aus zuleiten.

^

passt für Dich ^

geneigt, die ganze spätere Bag-

gegen die poetische Richtung,

dem Zorn über

Er geht doch

vielleicht

Das Wortspiel der

Jens der Mädchen" eines bei den

ist

diese Satiren herin

dieser Ansicht

letzten Zeilen war unübersetzbar. „Ein im Dänischen eine scherzhafte Benennung

Frauen beliebten Uofniachers.

GOETHE UND DANEMARK.

13

unbewusst etwas zu weit, um jener Opposition jede innere abzusprechen aber oline Einfluss auf die Stimmung- eines so erregbaren Mannes wie Baggesen waren sie sicherlich nicht. Oehlenschläger bemerkt bei diesem Anlass ferner „Mehrere Jahre darauf war wieder sein Faust, ein grosses Spottgedicht gegen Goethe, die erste Ursache seiner Feindschaft gegen mich, weil ich ihm meine Entrüstung darüber bezeugte, auf diese Weise Bereclitig-ung-

;

:

einen grossen

Mann

zu verhöhnen.

Um

Goethe's willen

hatte ich also diese vieljährigen Verfolgungen zu erleiden.

Nie habe

ich doch

diesem auch nur eine Andeutung

darüber gemacht, musste auch viele Jahre hindurch es dulden, dass Goethe mich ignorirte und endlich in einigen

Briefen an Zelter mich ä la Baggesen behandelte."

Nach wenigen Jahren

der Stellung Baggesens zu Goethe ein. im Herbste 1806 sich in Kopenhagen aufwurde er mit dem Oersted'schen Hause bekannt

änderung

Während hielt,

trat jedoch eine grosse Ver-

in

er

und vertraut. Der grosse Jurist (spätere Premierminister) Anders Sandöe Oersted, Bruder des berühmten Entdeckers des Elektromagnetismus und von beiden Brüdern vielleicht der bedeutendere, war mit der Schwester Oehlenschlägers, der schönen und begabten Sophia, verheirathet. Die junge Frau war eine der damals nicht sehr zahlreichen dänischen Damen, die lebhafte geistige Interessen hegte; sie hatte ein unruhig verlangendes und strebendes Naturell, lebte in Musik und Poesie, war geschmackvoll, witzig und doch zur Schwermuth neigend, in ihrer

Ehe mit dem kränklichen, mit Arbeit überlasteten

Forscher nicht besonders glücklich und befriedigt. Von fremden Sprachen verstand und sprach sie nur Deutsch,

zwar ungrammatisch,

aber mit feiner Empfindung für

eigenthümlichen Wendungen und Ausdrücke. Sie empfing als Gast in ihrem Hause Fichte (den ihr Gemahl alle

in das dänische Geistesleben eingeführt hatte), als der

seiner Professur beraubte

Denker Kopenhagen besuchte.

GOETHE UND DANEMARK.

14

Sie las Tieck, Novalis, Fichte. Goethe

war

ihr Lieblings-

dichter.

Eine heftige Neigung fesselte bald den 42jährigen Baggesen an die 24jälirige Schwester seines damals abwesenden Nebenbuhlers, und man spürte es schnell, dass sie einen

bedeutenden Einfluss auf ihn ausübte. Eines

Tages wurde er in ihrem Hause krank und blieb, selbst nach der schnellen Heilung, von der Zeit ab fast während seines ganzen Aufenthalts dort wohnen. Im September 1806 schreibt H. C. Oersted an Oehlenschläger „Baggesen ist liier .... deine Schwester arbeitet, nicht ganz ohne Erfolg, ihn zu Goethe zu bekehren. Er fühlt schon, dass Vieles in seinen Urtheilen über den grossen Dichter :

persönlichen Verhältnissen entsprang."

Das den Angriff auf Goethe widerrufende Gedicht, das 1808 in „Heideblumen" gedruckt wurde, findet sich in

einem Schreibkalender Baggesens aus dieser Zeit ent-

worfen. Es lautet:

Palinodie.

Der zarten Unschuld kühle Morgenrüthe,

Das schüchterne Gefühl der

ersten Liebe,

Die Christusoffenbarung meiner Jugend,

Die zitternde Bekämpfung Avilder Triebe, Die gar zu herbe, noch nicht

Was

reife

Tugend:

früh zur Kunst des Dichters Seele wendet

Entfernte lang mein krankes Herz von Goethe.

Der

freien Weisheit

warme

Mittagsonne,

Das Gleichgewicht, errungen durch Erfahrung, Des Mannes

gröss're Gottesoffenbarung,

Der vollempfundnen Liebe ganze Wonne:

Was Zog den

zu Natur der Dichtung Kunst vollendet nicht länger unberufnen Richter

Zurück zum grössten

aller

deutschen Dichter.





GOETHE UND DANEMARK.

15

dem Tagebuch Baggesens vom Sommer 1807

In

„Dass Lilia (d. h. Soi)hia Oersted), diese begabte Seele, schon als junges Mädchen den Deutschen Goethe und den Dänen Baggesen allen ihr bekannten Dichtern vorzog, bewirkte, dass ich (1806 1807) Goethe zu lesen anfing, während ich früher in seinen Schriften nur geblättert hatte. Seine Iphigenia erklärt

er

:

reine, poetisch



finde ich unleugbar so beschaffen, dass ich jetzt das zu

mein Wunsch am meisten klassische welches Baggesen am meisten imponirt.

erreichen wünsche,

dem zu

war." Bezeichnend genug

Drama Er

Goethe's, fing

entfliehen früher

ist es

das

an sich seines alten kindlichen Verhältnisses

zu Wieland ein wenig zu schämen und die Spuren seiner

Verehrung für denselben in seinen Werken zu dem Gedichte „Der Ursprung der Poesie"

tilgen. In

(Poesiens

Oprindelse) wurde 1785 (in der ersten Fassung) Voltaire

mit Shakespeare und Klopstock zusammen genannt als

welche von dem echten Dichtermeth tranken

die,

1791

abwar an

von 1806

die Stelle Voltaires

ab wird Wielands Name

;

von

Wieland getreten; von

dem Namen

Goethe's verdrängt. In der grossen neuen Vorrede zum „Labyrinth" vom Mai 1807 spricht Baggesen von seinem Auftreten [in dem Wendepunkt, als das 19. Jahrhundert sich von dem 18. losriss, und erzählt, wie der Umstand, dass er in den

Kreis Wielands anstatt in den Goethe's hineingezogen wurde, für seine Entwicklung verhängnissvoll war. „Wenn ich damals die persönliche Bekanntschaft dieses Genius der Genien gemacht hätte und dadurch früher mit seinen

Meisterwerken bekannt

und

in

die

Mysterien seiner

eigenthümlichen Kunst eingeweiht worden wäre, gewiss

wäre dann meine Huldigung, wenigstens für lange Zeit, ausschliesslich geworden." Baggesen beklagt jedoch das Geschehene oder Unterlassene nicht, denn das Studium Goethe's würde, meint lich

geworden

sein,

er,

seiner Selbständigkeit schäd-

Wieland könnte ihm dagegen nicht

:

GOETHE UND DÄNEMARK.

16

schaden

:

„Klopstock,

meine Poesie mehr

als

Voss und sogar Schiller haben Wieland beeinflusst." Der Satz

vermuthlich mit subjectiver Wahrheit geschrieben. Der Odenstil Baggesens verräth die Einwirkung von Klopstock, seine Hexameter nur zu sehr diejenige von Voss, aber als geistige Persönlichkeit war er mit Wieland ist

viel

einem anderen deutschen

näher als mit irgend

Dichter verwandt. Sonderbar, dass der zu Goethe neu Bekehrte, der ein so feines Ohr für Verse besass, noch

immer

Voss rein metrisch über den so lange

fortfuhr,

verkannten Meister zu

den er doch selbst „in

stellen,

Neueren

eigentlich poetischer Kraft" den Ersten aller

nennt. Voss nennt er daselbst den Ersten „in

Doch nachdem

licher Verskunst".

dies

eigent-

geringe Opfer

den alten Göttern gebracht war, gab er sich rücksichtslos

dem neuen Cultus

Unwillens, den

er,

hin.

Er drehte den

Spiess des

der klassisch Gläubige, gegen Goethe

gerichtet

hatte,

Uebermuth

auf-

blühende

romantische Schule und war entzückt,

bei

dem

gegen die

in vollem

jetzt weniger als je romantischen Altmeister eine

grosse,

wenn

auch

beherrschte

Ungeduld über

das

Treiben der Jüngeren zu spüren.

Es war eben der Zeitpunkt, wo die Naturphilosophen und Eomantiker ihrer Unzufriedenheit mit Goethe öflfentlichen und noch mehr privaten Ausdruck gaben. Seit sein Aufsatz „Winckelmann" erschienen war, konnten sie ja in ihm nicht mehr einen Beschützer und Patriarchen sehen. Oehlenschlägers Briefe an H. C. Oersted vom Jahre 1807 geben von dieser gegenseitigen Missstimmung reichliches Zeugniss.

Er beklagt

seinen alten Freund Steffens:

,,

zuletzt nichts Rechtes mehr",

sich bitterlich über

Selbst Goethe

sagt

er,

und

war ihm

die Aeusse-

rungen der Schlegel haben ihn ganz besonders empört „„Als ich mit Friedrich über Goethe's Krankheit sprach, sagte er kaltgrinsend

:

„Der

alte Kerl hat faule

Nieren und wird's nicht lange mehr machen."

August

!

GOETHE UND DANEMARK.

17

Wilhelm sagte mir, trotzdem er wusste, dass ich von Goethe kam und bei ihm beliebt war: ,, Goethe soll sich sehr niederträchtig geäussert haben in der LitteraturZeitung etc." Ich hatte alle Fassung nöthig, um ihm nicht

zu

Maulschelle

eine

dass

geben,

der

kleine

Schwächling unter den Tisch gerollt wäre."" Ueber die Stimmung Goethe's spricht Oehlenschläger sich in folgenden

und

Worten aus

die lange,

frei,

„In Berlin war ich allein

:

drückende Belästigung von

Steffens'

Persönlichkeit hatte etwas Bitteres hinterlassen, böses

Nun kam

Blut gesetzt.

ich

nach der Sehnsucht eines

halben Lebens zu meinem Lehrer und Meister Goethe

Und da sah

ich die

stumme Entrüstung des alten Löwen

über die neuere Frechheit und den muthwilligen Unge-

Er sprach wenig davon, aber

stüm.

ich las in seinem

Herzen und zog aus seinem besonnenen Urtheil meinen Schluss

....

Ich hatte nicht viele Autoritäten,

aber

Goethe war eine." schreibt Baggesen in „Sage Sophia, dass der Friede zwischen ihrem Goethe und ihrem Baggesen geschlossen ist, und was Sie gewiss erfreuen wird, dass, wenn ich der Erste war, der ihm öffentlich die Hand

In

demselben Jahre (1807)

einem Brief nach Kopenhagen

war

reichte, so

:

er der Erste, der mir privat die seinige

und mir für „Parthenais", die er in Karlsbad gelesen hatte, danken liess. Wir sind über den Werth und Unwerth der indem

gab,

er

mich

herzlich

grüssen

neuen Schule völlig einverstanden."

Zu

^

einer unbedingten Verurtheilung der

ist Baggesen in

Romantiker

diesem Augenblick durchaus nicht geneigt.

Sein aus demselben Jahre herrührendes dänisches Gedicht

„Mein

'

Mal

in

Gespenst

und

ich

selbst"

(Min

Gjenganger

Die Beziehungen Baggesens zu Sophia Oersted sind

dem

zum ersten

reichhaltigen, aber allzu breiten, achtbändigen

Werk

Kr. Arentzens: „Baggesen og Oehlenschläger" dargestellt worden.

2

GOETHE UND DÄNEMARK.

18

og jegselv) beweist, dassdieaufriclitig-e, wenn auch nicht tiefgehende Wandlung, die in ihm vorgegangen war, seine

Augen

die poetisch-geniale Seite der Kindlichkeit

für

und der Ausgelassenheit bei Schlegel geöffnet war vielleicht während dieser Uebergangsepoche gerechter als Oehlenschläger gegen die Romantiker gestimmt; was er aber bei ihnen Anzuerkennendes fand, dafür hatte ihm die eingeimpfte Bewunderung bei Tieck

hatte

;

ja er

für Goethe das Verständniss gegeben.

Seine deutsche Gedichtsammlung „Die Heideblumen" enthält nicht nur Nachklänge an Goethe, sondern auch

Huldigungen.

directe

Goethe

wird

der

strahlender Gottmensch" genannt, und in

„Dichtung

dem Stamm-

buch des jungen Goethe, den Baggesen in Heidelberg bei Voss traf, schilderte er den Vater des ihm schnell lieb

gewordenen Jünglings

als

zwischen

Homer und

Shakespeare emporragend. Die Begeisterung für einen auf so ganz verschiede-

nem

geistigen

Baggesen nur

Boden stehenden Dichter war jedoch bei anempfunden und konnte bei seinem

widerspruchsvollen Charakter sich nicht lange auf diesem

Höhepunkt

halten.

Nach und nach, wie

sein Verhältniss

zu den deutschen Romantikern und zu Oehlenschläger sich

immer

kritischer

und polemischer gestaltete, wie

Oehlenschläger ohne geistig vorwärts zu schreiten ihn in der öffentlichen

vollends

nachdem

Meinung immer mehr überstrahlte, und im November 1811 bei seiner Rück-

er

kehr vom Ausland durch den kalten, fremden Empfang

Sophia Oersteds, die

in der Zwischenzeit einen

Jüngern Freund in dem gefunden hatte, das Band, das

und

Philosophen ihn

andern Sibbern

ursprünglich mit

Goethe und Oehlenschläger verknüpft hatte, zerrissen wurde sein Ton gegen den grossen deutschen

fühlte,



Meister kühler und pietätloser.

Schon noch mehr

in in

seinem „Taschenbuch für Liebende" 1810,

dänischen Prosaschriften und Poesien von

GOETHE UND DANEMARK. 1814 und 1817 beliandelt er Goethe

19

als weitschweifigen,

halbironischen oder altersmüden Romantiker. In seiner

„Abrakadabramythologie" heisst Tieck und Schlegel auswendig schon von Baggesen meinte land

diesem also,

es:

Kleeblatt dass

„Lerne Goethe,

— besonders was Deutschvergessen

Deutschland im

hat."

Jahre

1817 schon irgend etwas von Goethe vergessen habe. Erst 1836 erschien als „Dritter Theil der Poetischen

Werke Baggesens

in deutscher Sprache" sein schon 1804 geschriebenes grossses aristophanisches Drama „Der vollendete Faust oder Romanien in Jauer", ein Werk,

das nach den Aeusserungen Oehlenschlägers in seiner ursprünglichen Gestalt eine hauptsächlich gegen Goethe gerichtete Satire gewesen sein muss, das aber, 1806 ge-

ändert und 1809 reingeschrieben,

nur geringe Spuren

der einstigen Grundtendenz trägt. Goethe, der mit

Namen

Opitz bezeichnet

ist,

wird

als

dem

über der Satire

stehend dargestellt. Das Stück, das vielleicht,

weil es

Dänemark einen unverdienten Ruhm geniesst, spielt in Weimar während des Besuches der Frau von Stael. Das vorwärts drängende französische Heer steht als drohende Macht im Hintergrund, und ein fremder Offizier betritt zuletzt, nachdem ganz Romanien Niemand

liest,

in

ohne Schwertschlag

erobert

worden,

Fortinbras die Bühne. Unter erdichteten

als

siegreicher

Namen erscheinen

Goethe, Wieland, Jean Paul, Fichte, Dr. Gall, Frau von Stael, Schelling,

Tieck und Baggesen selbst als Hans-

wurst. Ich gestehe, dass die Satire mir nicht immer verständlich ist und

mir nur ausnahmsweise witzig vorkommt. Nur der Scherz, der mit den Romantikern, besonders mit den nachlässigen Versen Tiecks und dem fremdklingenden lyrischen Nonsens der Sonettfabrikanten getrieben wird, ist durch und durch treffend und amüsant.

Ein gewisses geistiges Armuths-Zeugniss hat Baggesen sich selbst dadurch gegeben, dass diese dramatische

GOETHE UND DÄNEMARK.

20

Parodie, wird,

welcher

in

seiner ganzen

vor

Form

Tieck

Allen

oder ünform

gehänselt



nach

das



genau an die Tieckschen polemisch-phantastischen Lustspiele erinnert. Die Neueren werden (nicht eben tief) als Barbaren aufgeTheater im Theater

fasst, welclie die

u.

s.

w.

griechisch-römische Kultur tilgen und

„Schulen" abschaffen wollen,

alle

Schelling

sorten werden (nicht eben geistreich) sie

und Kon-

dargestellt,

wie

mit grossen Prügeln die Büsten ,,der unromantischen

Philister" Homers und Virgils herunterschlagen. In einem

Chor-Gesang wird Unheil, das

seine

ausdrücklich

Goethe von

Epigonen anrichten,

aber da die Frucht nie weit

all

dem

freigesprochen,

vom Stamme

fällt,

scheint

Goethe irgendwie doch für die Verirrungen seiner Schüler eine Verantwortung tragen zu müssen. Der Sohn Baggesens bemerkt in seiner Vorrede, dass der Vater zwar

Goethe für den grössten Dichter Deutschlands anerkannt habe, „aber", heisst es, „er war überhaupt jeder Vergötterung feind, und hasste in der Literatur die Schulen". Mag es mit dem letzten Satz sein wie es will, der erstere spricht geradezu eine Unwahrheit aus. Wie ? Baggesen, der in seinem Leben nie zu vergöttern müde wurde, sei der Vergötterung feind gewesen, habe aus solcher Ursache Goethe nur flüchtig, in einem kurzen Zeitraum seines litterarischen Lebens geschätzt Nein, die Ursachen !

lagen viel tische,

tiefer.

Der

zersplitterte, unruhige, enthusias-

hyperkritische Baggesen

konnte Goethe

nicht

rückhaltslos erkennen ohne gleichzeitig sein eigenes poetisches

Wesen

zu verurtheilen, oder es wenigstens als eine

untergeordnete Entwicklungsstufe anzusehen. Das that

jenem Augenblick, da er durch schwärmerische Liebe inspirirt, sich der Bewunderung für Goethe hingab; denn eben zu jener Zeit brach er in seinem Werke „Mein Gespenst und ich selbst" mit seiner ganzen dichterischen Vergangenheit. Sobald aber der Traum, sein Naturell von Grund aus mit einem Schlage ändern er eben in

GOETHE UND DANEMARK ZU können,

verflogen

zu der

"vveise

alten,

war,

21

musste er nothwendiger-

nur gemilderten,

Antipathie

zu-

rückkehren.

III.

Die Stellung Oehlenschlägers zu Baggesen, insofern von dem Verhältniss des letzteren zu Goethe bedingt wurde, ist in „Hroars Saga'' 1817 dichterisch umschrieben.

sie

"Ich habe immer deine Geistesgaben hoch geschätzt'', sagt

der Skalde

hier

Hrane zu seinem Nebenbuhler

Ragnvald, „aber es war deine feindliche, allzu bittere Gesinnung gegen Andere, die mich zuerst gegen dich reizte.

Erinnerst du dich, wie heftig du den herrlichen

alten angelsächsischen Skalden Hofting angriffst

'?

Ich

fand es eines echten Sohns Bragi's unwürdig, Schand-

Mann zu singen, und es w^ar mein Missvergnügen und meine unverholene Entrüstung darüber, die dich veranlassten, auch über mich deine Bitterkeit zu ergiessen'^ gedichte auf einen grossen

Es

aus Oehlenschlägers Lebens-Erinnei'ungen be-

ist

kannt, wie väterlich er während seines ersten Aufenthalts in

Weimar von Goethe aufgenommen wurde, wie

es

den

Meister amüsirte „die deutsche Sprache in einem poetischen Geiste entstehen zu sehen".

Man

erinnert sich

vielleicht auch,

wie Hakon Jarl bei der ersten Vorlesung

Goethe

gefallen

nicht

wollte,

wie sehr dies Oehlen-

schläger zu Herzen ging und wie während der traurigen

Wanderung im

herzoglichen Lustgarten

Goethe'schen Verse,

stehen, „Die ihr Felsen

Nymphen

die

schönen

Felswand eingegraben und Bäume bewohnt, o heilsame

die in der

s. w." dem Verzweifelnden wieder ]\Iuth Von Weimar zog Oehlenschläger fast direct nach Dresden, wo Ludwig Tieck, dessen Gegenwart in !

u.

einflössten.

der Stadt er nicht ahnte, ihn zuerst aufsuchte und durch

den herzlichen

Beifall,

den er seinen Werken Aladdin,

GOETHE UND DANEMARK.

22

Hakon, dem Evang-elium des Jahres spendete, den für Lob und Tadel so empfänglichen Dichter beglückte. In Dresden sah Oehlenscliläger zum ersten Male Gemälde von Correggio. Ich gruppire diese Thatsachen, weil es mir unzweifelhaft vorkommt, dass

sammen

hat, aus

man

hier die Haupt-Ergebnisse zu-

welchen das bekannte (ausnahmsweise

zuerst in deutscher Sprache verfasste)

das Modell des

selbst

Oehlen-

Oehlenschläger

schlägers „Correggio'' hervorging. natürlich

Drama

naiven,

ist

begeisterten

Coloristen, gegen dessen Zeichnung sich Einwendungen machen lassen, der aber durch den Schmelz seiner Farben In dem grossen, die Mängel der Formgebung deckt.

strengen, von Allen verehrten, fast unfehlbaren Buonarotti,

der durch sein erstes hartes Urtheil

Correggio

alles

aber dann

um

Lob

in

dem armen

Vertrauen an seine Begabung raubt, ihn so rücksichtsloser schätzt

den Himmel

des Glücks

erhebt,

und durch sein erkennen wir

unschwer Goethe wieder, der schon bei diesem ersten Besuche Oehlenschlägers nach dessen eignen Worten allzu oft an einem gewissen hochmüthigen, zurückhaltenden Wesen Gefallen fand''. Tieck endlich, der fein,

,

gebildete, kunstsinnige Schüler der Grossen, der Oehlen-

schläger so brüderlich entgegengekommen war, scheinlich

das

Vorbild

des

Giulio

ist

augen-

Eomano, den der

Dichter mit seinem Mangel an Blick für die feinere

Eigenthümlichkeit der Künstler zum Vertreter der huma-

nen Bildung gemacht Erdewallen

Künstlers

hat.

und

Zwei Goethe'sche Gedichte, Künstlers Apotheose,

die

Oehlenschläger beide übersetzt hatte, enthielten ausser-

dem im Grundriss

die Idee des

Dramas.

Dänemark immer für eins der schwächeren Oehlenschläger'schen Werke gegolten hat, „Correggio", das in

begründete bekanntlich durch seine Uebereinstimmung mit dem damals herrschenden deutschen Geschmack den

Euf des Dichters

in

Deutschland und wird noch heut-

GOETHE UND DANEMARK. zutage,

wolil

allein

unter

allen

deutschen Bühnen gespielt,

wurde

sogar

ja,

das Vorbild

seinen

diese

eines

23

Dramen, auf

tragische Idylle

ganzen

europäischen

Genre, der Künstler-Dramen.

Wenn

meine Vermuthung richtig ist, dass Goethe und Tieck unbewusst für Michel Angelo und Giulio Romano Modell gesessen haben, lässt es sich nicht läugnen, dass der Einfluss, den „Correggio" auf die Stellung Oehlenschlägers zu den zwei deutschen Dichtern

im eminenten Sinne tragikomischer war. Tieck schrieb gegen das doch in vielen Hinsichten schöne und werthvolle Stück eine leidenschaftlich bissige Kritik und Goethe wollte dem armen Poeten, der einen Umweg von 20 Meilen gemacht hatte, um dem so treu verehrten Meister die Frucht seines italienischen Aufenthalts zu zeigen, nicht einmal erlauben, ihm sein Drama vorzulesen. Die Stimmung Goethe's gegen Oehlenschläger war eine kältere geworden der ungestüme und nicht ausübte,

ein

;

immer taktvolle Jünger wollte

sich gern das alte herz-

wieder ertrotzen.

liche Verhältniss

Man w^eiss,

dass der

Versuch misslang und dass Oehlenschläger traurig nach Hause reisen musste, „nachdem er", wie die letzten Worte des zweiten Bandes seiner Lebensbeschreibung lauten, „die Gunst des grossen Goethe verloren hatte''. Er hätte es verdient, diese Gunst, die ihm so theuer war, zu behalten, er, der später noch den Satz schrieb: „Keinen Mann in der Welt habe ich mehr als Goethe geachtet und geliebt." Unmittelbar und direkt verdankt er ihm als Dichter nicht viel. Fast nur in seinem herrlichen

Jugendwerk

man den

„St. Johannes-xlbend Spiel"

spürt

von einem bestimmten Goethe'schen Vorbilde, dem „Jahrmarktsfest zu Plundersweilen"; und Einfluss

selbst hier steht das dänische

Werk, das

eine jährlich

wiederkehrende Volksfeier im Walde nördlich von Kopen-

hagen verherrlicht, das geistiges Eigenthum der ganzen Nation geworden

ist

und dessen Repliken

als

Sprichwörter

(40ETHE UND DANEMARK.

24

auf den Lippen des Volks

dem

deutschen

leben,

gegenüber,

das

völlig

selbständig

an

Bedeutung

es

übertrifft.

Was Oehlenscliläger aber Goethe verdankt,

ist

im Allgemeinen und Ganzen

gewiss sehr viel

;

es lässt sich

jedoch

natürlicherweise nicht mit Bestimmtheit nachweisen.

Der

„Götz" hat ohne Zweifel stark dazu mitgewirkt, dass er schon jung zu der nationalen Vorzeit seines Volkes zurückgriflf; seine

Begeisterung für die mittelalterlichen

Denkmäler Dänemarks, für den Roeskilder Dom z. B., hat sich vielleicht an dem Enthusiasmus Goethe's für den Strassburger Münster entzündet; Goethe's Beispiel hat ihm endlich Muth eingeflösst seiner Neigung zu folgen, alte Rhythmen der Volkslieder, alte, volksthümliche und den Dialekten angehörende Worte in die poetische Sprache aufzunehmen. Im Uebrigen haben weder die Vorzüge noch die Fehler der Oehlenschläger'schen Poesie mit Goethe etwas gemein. Er war in seiner Frische und seinem Pathos wäe in seiner Schlaffheit völlig national. In seinem Gedicht „Meine Meister" nennt Oehlenschläger nach Ewald, Shakespeare, Cervantes, Homer, zuletzt auch Goethe als den, der hinter den Anderen in jeder einzelnen Fähigkeit zurückstehe, der aber in sich ihre

gesammten Kräfte

vereine.

in seiner edlen Naivetät

Er

fühlte

und bewunderte

den universellen Geist

in

in Goethe.

wenn

Dieser hat ihm nicht Recht gethan,

er ihn

den bekannten Briefen an Zelter mit Werner, Arnim,

Brentano und mehreren zusammenwirft als einen, dessen Arbeiten und Treiben „durchaus ins Form- und Charakterlose geht". Nicht dass das Urtheil einfach zu hart sei,

ganz und gar nicht

aber es

ist

ist

wenn Goethe

es,

treffend.

schreibt:

Kaum

treffender

„Dieser gute

Oehlen-

schläger ist auch einer von den Halben, die sich für ganz halten und für etwas darüber. Diese Nordsöhne gehen nach Italien und bringens doch nicht weiter, als ihren Bären auf die Hinterfüsse zu stellen

;

und wenn er

GOETHE UND DANEMARK. einigermassen tanzen lernt, dann meinen

Denn Bäreuartiges gab

das recht.'^

25

sie,

es

wäre

es bei Oelilenschläger

und die Wildheit war bei ihm nur zu gelehrig, den Tanz der Wohlerzogenheit zu lernen. Man fühlt, dass Goethe, durch das wenig gewinnende Wesen überhaupt

nicht,

Oehlenschlägers zurückgestossen, sich nie die

Mühe

ge-

geben hat, ihn zu lesen. Er lobte von seiner Freundin Amalia von Hellwig veranlasst, Tegners Fritliiofssage, sogar unter der Ueberschrift „Volkspoesie" (was diese

am

Production

wenigsten

ist)

das originelle und so viel

;

kräftigere Vorbild derselben, Oehlenschlägers „Helge",

nannte er dabei nicht und hat er augenscheinlich nicht gekannt. IV.

Wie im Allgemeinen

die Romantiker, vor allen Tieck

einen viel grösseren direkten Einfluss auf die dänische Literatur ausübten als Goethe,

schläger mit seiner

so steht

auch Oehlen-

unbedingten Verehrung desselben

unter den zeitgenössischen Dichtern und Schriftstellern allein.

Fast

alle

übrigen Urtheile über Goethe, die in

dänischen Briefen oder Memoiren aus der damaligen Zeit

vorkommen,

sind von

theologischer

und ästhetischer

Befangenheit diktirt. Bredahl, der grobe und wilde Dramatiker des Entrüstungspessimismus, schätzte Oehlenschläger weit höher

Goethe der kleine romantische Poet N. Sötoft findet noch 1820 (nach einer Lobpreisung Tieck's) Goethe frivol und marmorkalt. Er schreibt „Schiller ist gewiss ein

als

;

:

grosser Geist voll

Gemüth

;

aber echte Genialität lässt

meiner Ansicht nach nie in seinen Arbeiten finden, und bei Goethe scheinen Frivolität, Frechheit und beson-

sich

über das Gemüth gesiegt zu Ansprüche an Genialität stellt bisweilen die Kleinheit, und so frivol moralisirend ist bisders eine Marmorkälte

haben.'' So grosse

weilen die Unhedeutendheit.

;

GOETHE UND DÄNEMARK.

26

Der kindlich religiöse, pietistiscli angehauchte Ingemann, der bekannte Dichter hübscher Lieder und quasihistorischer Volksromane, der in seiner

Jugend

eine er-

bärmliche, die platonische Liebe verherrlichende Nach-

ahmung Werthers verfasst hatte, schreibt in seinem „Rückblick auf mein Leben'^ von Goethe: „Seine Per-

— insofern dieselbe — habe ich nie

sönlichkeit offenbart

sich in seinen Schriften

geliebt,

und mit der vollsten

Erkenntniss seines Genies habe ich immer eine Art von

Hass zu der Lebensansicht genährt, die ich in seinen Werken fand." Goethe war ja ein Geist mit offenen

Scham wie ohne Leichtfertigkeit seiner Sinne bekannt war; er war ein Kind der Natur, das sich seiner Mutter nicht schämte. Ingemann hasste Sinnen, der ohne falsche

Goethe wie

Zu

er die Sinne

und

die Sinnenwelt hasste.

derselben Gruppe ästhetisch

theiler Goethe's

befangener Beur-

kann der allerdings ganz anders durch-

gebildete und freisinnige Bischof Jens Paludan-Müller, der

Vater des berühmten Dichters, werden.

In

nicht

ganz gerechnet er im

seinen Briefen an Sibbern verehrt

höchsten Grade Goethe als Künstler und

„plastischen

Darsteller des Menschen als veredeltes Naturproduct"; er findet Goethe „unendlich reich innerhalb seiner Sphäre" ist in dem Dualismus der mittelWeltanschauung operirt er mit den Begriffen

aber befangen wie er alterlichen

Natur und Freiheit wie mit unbedingten Gegensätzen: Goethe kenne die Natur in ihrem ganzen Umfang; das Reich der Freiheit sei ihm dagegen ein unbekanntes Land; Goethe vermöge den Menschen nur als Bürger der Erde, nicht zugleich als Erbe des Himmels zu schildern dies ;

Mangel, ja noch mehr „sein grosses Verbrechen." Kein Wunder deshalb, dass die pietistische Parodie des Pfarrers Pustkuchen, die falschen ,,Wanderjalire", deren

sei sein

Tendenz

:

die

ist,

den Abscheu aller guten Christen vor

Goethe's Lebensansicht zu erwecken, von Paludan-Müller

mit sympathischem Interesse gelesen wird.

Er möchte

GOETHE das Buch

in

l'Nl)

den Händen

Goetbe's wissen,

um

ihre

DANEMARK. aller

Augen

27

blinden Bewunderer

für seinen eigentlichen

Charakter als Dichter zu öffnen.

Der Standpunkt iiber, die fast

dieses Geistlichen Goethe_^gegen-

unbedingte Anerkennung seiner Kiinstler-

bewusstem ^^'iderspruch mit der eigentlich auch nur formellen Ablehnung seiner ganzen AVeit- und Lebensanschauung steht, wurde in den dreissiger Jahren der herrschende bei der gebildeten dänischen Klerisei, die von dem eifrigen Goethe-Bewunderer Bischof Mynster ihr Gepräge erhielt. Mynster hat nicht einmal Bedenken gehegt, als Motto für seine Selbstbiographie die in nicht

grösse,

die in dem Munde eines Bischofs doch gewiss sonderbar klingenden Worte Goethe's an Auguste Stolberg anzu-

wenden

:

Alles geben die Götter, die unendlichen, ihren

Lieblingen ganz

u.

s.

w.

Es war das Gleichgewicht,

die umfassende Welt-

klugheit, das Beschauliche, über den Parteien Stehende, die erkämpfte Leidenschaftslosigkeit, der erhabene Egois-

dem

Männer wie Mynster und Seinesgleichen hinzogen. Die Tiefe und Wahrheit seiner in Leid und Forschen gewonnenen Lebensweisheit vermochten sie nicht zu ergründen. Interessanter, wenn auch viel toller und barocker als die Aeusserungen dieser der Hochkirche angehörenden Geistlichen über Goethe, sind diejenigen des genialen mus, die zu

Sonderlings N. F.

Geiste Goethe's

S.

Grund tvig

(geb. 1783), des Stifters

der einzigen aus ursprünglich dänischen Ansichten her-

vorgegangenen kirchlichen Gemeinde. Ich habe schon erzählt, dass er zuerst von Steffens 1802 Goethe's Namen hörte; zehn Jahre später spricht er sich zum ersten Mal über ihn aus. In seiner „Weltchronik" 1812, in der er als Apostat des Rationalismus und überzeugter Anhänger der historischen Schule mit der Bibel in der Hand, an dem Offenbarungsglauben festhaltend, den Geist der Zeit verurtheilte

;

GOETHE UND DÄNEMARK.

28

und

die Geschichte pries,

den Deutschland in mehr

wird Goethe „der beste Kopf, als zwei Jahrhunderten erzeugt

hat", gelobt, weil er als Verfasser von „Götz" die Ge-

schichte neu belebt und

das Zwergengeschlecht durch Vorführung der Riesenväter desselben erschreckt habe. „Werther" und „Faust" sieht er ausschliesslich von

die

dem Gesichtspunkte

des Offenbarungsglaubens. Werther

nennt er ein „Gemüth voll tiefer Sehnsucht, das sich mit

einem Seufzer vom Glauben kehrt." Er meint, dass

der-

Dichter in „Faust" vor seinen eigenen Gedanken erschreckt sei,

Avo der

Held seinen Bund mit dem Teufel

jedenfalls kehren wir,

die wir

schliesse

uns des Falles des Ge-

schlechts und der Erbsünde erinnern, uns mit Schaudern fort.

Die Rundung der Goethe'schen Meisterwerke

sei

tbeuer erkauft, sie seien geeigneter das Zeitalter einzulullen als

zu erwecken.

An „Tasso" und „Egmont"

zeigt

Grundtvig, dass Goethe's Weltansicht sich nicht über die der gewöhnlichsten Lebensklugheit erhebe. In „Wilhelm

Meister"

habe

leben könne,

Geschmack zu

er

beweisen wollen,

wenn man

wie herrlich

es verstehe,

man

das Leben mit

geniessen.

In seiner „Aussicht über die Weltchronik" von 1817

hat Grundtvig sich einen neuen geschichtlichen Stand-

punkt für die Beurtheilung Goethe's gewählt. Nachdem er Sachsen, Schwaben und Franken als die ursprünglichsten deutschen Stämme und unter diesen wieder die Franken als den grund deutschen Stamm bezeichnet hat, stellt er die Behauptung auf, ob nun Goethe ursprünglich ein Frankfurter, und Frankfurt ursprünglich fränkisch gewesen oder nicht, so sei doch Goethe innerlich ein echter fränkischer Deutscher, er stehe als Ausdruck des eigentlichen Deutschthums, des höchsten Verständnisses aller

deutschen Stämme mit einander da.

Dass Goethe weit tiefer von Ossian als von Shakespeare ergriffen sein soll, ist eine der vielen losen Behauptungen, woran

Grundtvig reich

ist.

Weniger aus der Luft

gegriffen ist

GOETHE UND DÄNEMARK. Goethe

unleugbar die Behauptung,

29

sei

oder richtiger der wirkliche Voltaire",

„der deutsche

wenn auch

die

Begründung äusserst schwach ist, nämlich die, dass was Voltaire nur anscheinend vermochte, das finde man bei Goethe, „die Macht Alles, was er wolle, glanzvoll schimmern zu lassen". Mit ungeheurer Geschmacklosigkeit folgt dann „Diese Kunst ist merkwürdig denn so mit Geist vergolden vermag Niemand, in dem nicht ächte Kraft sich findet, und es würde ohne Zweifel treffend sein, zu sagen, Goethe vergolde mit dem Athem ;

:

des sterbenden Werthers."

Nicht viel schlagender

ist

dieZufügung: „Der Glanz Goethe's ist kalt und todt; er hat mit ihm viel Unreinheit in seinen Werken zu adeln sich bestrebt."

Grundtvig nimmt Goethe

es

höchst übel auf, dass

er so früh die geschichtlichen Stoffe aufgab,

um

sich in

„Faust"und den „Wahlverwandtschaften" dem rein Natürlichen zu widmen: „Wo die Naturgeschichte Goethe's die Königin der Zeit wird, da ist Saga von ihrem Thron gestossen", und noch heftiger wird ihm vorgeworfen, dass er „die Geschichte in dem Grade über die Schulter ansieht, dass er es nicht einmal für der Mühe werth

Form gebraucht Roman darin zu

hält sie zu bekämpfen, oder sie nur als

um

seinen

eigenen

wohlgefälligen

giessen". Grundtvig droht ihm, dass die Geschichte sich

minder vornehm von ihm wie von in seiner Art gleichfalls „der Geschichte den Stuhl vor die Thür stellte" und dadurch „ihres Lobes verlustig ging". Man sieht, dass der Verzur Strafe

Voltaire

nicht

wenden werde, der

fasser tief in

mus

dem Hass zum Jahrhundert

steckt und

die

Reaktion dagegen

des Rationalisals endgültig

Naiv und nicht ohne Feinheit sagt er dann „Zum Württemberger Friedrich Schiller wendet sich

betrachtet. :

und nun folgt ein ganz treffender Vergleich zwischen Schiller und Goethe: „Die Freiheit strebte Schiller in allen

freundschaftlich die Geschichte" (und Grundtvig),

GOETHE UND DÄNEMARK.

30

Stellungen als einen Räuber, einen Empörer, einen Vaterlandsvertlieidiger, einen Soldaten, endlich als eine Träu-

merin zu malen .... er war also ein historischer Schauwie Goethe ein natürlicher Eomanheld. Die Kunst

spieler,

war weit

Schillers

edler

und

reiner, stand aber in

Leben

und Glanz und Einheit weit hinter Goethe's zurück." Dies ist im Wesentlichen das Urtheil Grundtvig's, wobei er gewiss sein ganzes Leben hindurch stehen

Von einem irgendwie gearteten

blieb.

Einfluss Goethe's

auf dieProduction des volksthümlichen Psalmendichters ist

natürlich keine Rede.

Es gibt noch einen poetischen Zeitgenossen Oehlender sich wie die meisten Anderen anfangs gegen Goethe sträubte, bei dem aber Goethe's Einfluss schlägers,

sich mit grosser Entschiedenheit

nachweisen

ist der merkwürdige deutschgeborene und

am

lässt-

das

leichtesten

deutsch schreibende Dichter Schack von Staffeidt (1769 bis 1826), der mit

und

Gewalt dänischer Lyriker sein wollte Sünden und Sonder-

es trotz all seinen sprachlichen

barkeiten auch wirklich wurde. Seine dänischen Poesien

haben sie

Regel einen ultraromantischen Charakter,

in der

offenbaren

grüblerischen

aber den echt deutsch-metaphysischen,

Zug

seines Wesens, durch welchen er in

der Litteratur, der er seiner eigen und selbständig dasteht.

Jugend theilt.

Wahl nach angehörte, so Er hatte in seiner frühen

die landläufigen Vorurtheile

Nach einem Besuch

„An Goethe

tadelte

er

mit

gegen Goethe ge-

bei Klopstock schreibt er:

Fug

die

blindgepriesene

Natur, ohne Auswahl und Verschönerung."

Nachdem

aber Oehlenschläger, sein glücklicher und so viel reicher

begabter Nebenbuhler,

Bahn gebrochen

der

dänischen Poesie die neue

hatte, fing er an nicht nur ihn, sondern

auch den von ihm gepriesenen Goethe zu studiren und beiden nachzuahmen. Direkte Nachahmungen von Goethe

kommen

bei ihm in nicht geringer Zahl vor. „Mahomet's Gesang", „Der Sänger", „Erlkönig", ,,Die Braut von

GOETHE UND DANEMARK.

31

Corinth", ,,Nähe des Geliebten" sind unter seinen Ge-

dichten nacligeahmt. Wichtiger

ist

aber, dass er augen-

scheinlich nie ohne die Vertiefung in Goethe den

Rang

erreicht

jetzt allseitig

Werke wie

hätte,

der ihm

als

hohen

dänischem Lyriker

zuerkannt wird. Für die Schönheiten solcher

Iphigenia und Tasso hatte er mehr Blick als

Vorzüge der deutschnationalen Jugenddichtungen Denn er war nicht wie Oehlenschläger in seiner Dichtung national, sondern wurde, obschon er in seiner frühen Jugend als fanatischer Däne einen Angriif auf das Deutschthum in Dänemark gerichtet hatte, mit den reiferen Jahren immer mehr kosmopolitisch gesinnt.

für die

Goethe's.

Während Oehlenschläger

als

naiver,

sinnlich-frischer

Künstler und geborener Dramatiker in Schauspielen

Goethe's

(besonders

in

den

späteren

der Natürlichen

Tochter) „die abstracte Dictionsvergötterung, diese Vor-

nehmheit im Style, durch welche die dramatische Besich dem Menuette nähert'^ scharf gerügt hat,

wegung

begrüsste Staffeidt „Die Natürliche Tochter" als Vorbote einer neuen Kunstepoche, in der die nationalen Unter-

schiede zurückgedrängt und die allgemein menschlichen

Züge

allein hervortreten

werden. Der abstracte, meta-

physische Dichter verräth sich in dieser Vorliebe,

die

den Beweis liefert, dass es auch ausserhalb Deutschlands einzelne Verehrer gab, die den alten Goethe auf Kosten des jungen rühmten.

V.

Das Verständniss Goethe'scher Dichtung war, wie wir sahen, gleichzeitig mit der Natur-Philosophie und der

Romantik

in

Dänemark durch

Steffens so zu sagen ein-

geführt worden. Die ersten Gegner Goethe's waren, insofern sie nicht aus rein theologischer Beschränktheit sich

gegen das Neue verschlossen, als Voltairianer, Lessingianer, Kantianer eigentlich philosophische Gegner. Die

GOETHE UND DÄNEMARK.

32

ersten leidenschaftlichen Anhänger, die er in fand,

waren Romantiker mit einem

Anflug-

Dänemark

von Natur-

Philosophie.

Es

findet sich aber unter

den bedeutendsten und

innigsten Goethe- Verehrern einekleine Gruppe von Naturdie es mit der Forschung ernst nahmen, und die, obwohl sie in Schelling ihren gemeinsamen Ausgangspunkt haben und die Pflege der IdentitätsPhilosophie mit der Vertiefung in Goethe vereinigen, als Naturforscher, Dichter, Denker mit anziehender ürsprünglichkeit ihre Weltanschauung darstellten. Ich denke besonders an Hauch, Sibbern und Hans Christian Oersted.

Philosophen,

Carsten Hauch (geb. 1790), ein tüchtiger Zoologe

und hervorragender romantischer Dichter, der sich sogleich Oehlenschläger leidenschaftlich anschloss, ihn bald

durch sein Feuer

inspirirte, bald

gegen die Aussenwelt

vertheidigte, fühlte sich schon in seiner Jugend nach seiner

Geistesart besonders von den kleineren Gedichten Goethe's

unendlich angezogen.

„Kaum", sagt

er,

„konnten die

alten Kunenlieder auf ihre Zuhörer stärker wirken, als diese musikalische Lyrik, in welcher

Goethe vor allen

andern Dichtern seine Stärke hat, mich damals Seine Lieder konnten mich auf meinen

ergriff.

Wegen wochen-

lang begleiten, und ich sang sie mir oft laut vor,

wenn

ich allein war, zu Melodien, die ich selbst, so gut ich es vermochte, erfand."

Man

wird

in

den

lyrisclien Dich-

tungen Hauch's grössere Verwandtschaft mit Novalis und Tieck als mit Goethe finden; er war jedoch von dem

Naturton Goethe's tief beeinflusst und er verstand voll und ganz die Goethe'sche Kunst. Hauch war in seinem Mannes-Alter an den Hochschulen in Soröe und Kiel Professor.

Oehlenschlägers siedelte

er,

zum

Nach dem Tode

Professor der Aesthetik

an der Universität ernannt, nach der Hauptstadt über, und

nach meiner persönlichen Erfahrung ist das Hauch'sche Haus in Kopenliagen dasjenige gewesen, in welchem

GOETHE UND DANEMARK. der Geist Goethe's yerelirt in

Hause

am

Dänemark

tiefsten begriffen fortlebte.

33

und

Obwohl

am höchsten

ich in diesem

den Sechziger Jahren) viel verkehrt habe, erinnere ich mich kaum eines Abends, wo Goethe's Name (in

nicht genannt

und von seiner Kunst nicht gesprochen

wurde. Sie war der Maasstab, mit dem die Kunst Anderer

gemessen und zu gering oder zu wenig einfach befunden ward. Hauch, den man sich als einen Vergötterer Oehlenschlägers dachte und der jedenfalls sein entschiedener

Bewunderer

war,

verehrte

den Dichtern

unter

nur

Shakespeare und Goethe unbedingt. Er betrachtete es Oehlenschläger

Pflicht,

als

Pietätlosigkeit der

vertheidigen.

Jugend

gegen

principiell

Der Goethekultus,

die

vermeintliche

und unbedingt zu

der in seinem

Heim

getrieben wurde, musste indessen nothwendig das Verdienst Oehlenschlägers etwas in Schatten stellen, nie

und

habe ich schärfere, unbarmherzigere Kritik der

gei-

stigen Persönlichkeit Oehlenschlägers, nie eine verständ-

Bewunderung von Goethe gehört als in dem Hauch'schen Familienkreis. Es war nicht allein der Dichter nissvollere

Goethe, dessen Geist über

dem Hause schwebte.

Man

huldigte in den praktischen Angelegenheiten des Lebens

— nicht durch Nachahmung, durch natürliche, ursprüngüebereinstimmung — Ansichten, wie Goethe

liche

sie

hegte,

man

spürte seinen Geist in

dem grossen Gewicht,

das auf körperliche Fertigkeiten gelegt wurde, wie gut schwimmen, gut segeln, ein Haus zeichnen und bauen zu können oder es zu verstehen, auf dem Eise ein Menschenleben zu retten. Nicht allein, dass man solches verstand und that, es war, als thäte man es im Namen

ungenannten Meisters, Goethe. so glücklich, nach Weimar zu kommen und den Schutzgeist des Ortes von Angesicht zu Angeeines

Hauch war nie

sicht zu schauen. Dies

Hans

Loos

fiel

Oersted und Sibbern zu.

Dänemark Bedeutung wie Alexander von Humboldt

Ghristian Oersted (geb. 1777) hat für

eine ähnliche

3

GOETHE UND DANEMARK.

34

für Deutschland. Sein grosser

Dänemark

sichtsvolleren in

Eulim

ist

unter den Ein-

jetzt etwas verblasst

;

seine

Philosophie mit ihrem Gemisch von furchtsamen Pan-

theismus und Vernuuftchristenthum heit verlassen

:

Namen

ist

längst als Halb-

der Glanz, den seine grosse Entdeckung

Augen Mancher durch Entdeckung irgendwie fruchtbar zu machen, verdunkelt aber ihm bleibt das unbestrittene Verdienst, mit grossem Wissen, ununterbrochenem Forschen, kindlich reiner Hingebung an ideale Ziele und der seinem

gab, wird in den

seine Unfähigkeit, diese ;

Autorität, die eine grosse Leistung gibt, für die natur-

wissenschaftliche Erziehung und Bildung seines Volkes erfolgreich gewirkt zu haben.

Er hat

die polytechnische

Lehranstalt in Kopenhagen gegründet und durch sein in der Matur" zu seiner Zeit Humanität und Toleranz in weite Kreise verbreitet. Früh hatte er mit der Naturphilosophie gebrochen. Die Lehre von einem einzigen grossen Weltorganismus musste ihn fesseln, aber in dem mystischen, von Phan-

Buch „Der Geist

tasmen bevölkerten Halbnebel

konnte

er mit

seinem

Bedürfnisse nach strenger, ernster Forschung nicht auf-

kommen. Einer die Poesie,

die

seiner Lieblingsgedanken

zu

war

der, dass

seiner Zeit sich noch recht oft in

übernatürlichen und ungesund

phantastischen Vorstel-

lungen bewegte, sich nach und nach die naturwissen-

Weltanschauung zu eigen machen und darEr hatte selbst, um diesen Gedanken zu illustriren, ein mittelmässiges Hexametergedicht „Das Luftschiff' geschrieben. Er meint, wie er sich ausdrückt, dass die Fortschritte der Naturforschung und die allgeschaftliche

stellen müsse.

'

meine Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse eine Menge Vorstellungen, deren sich die Dichter früher bedienten, unbrauchbar

kammer gleich

einei-

aber,

machen und

in die poetische Eüst-

vergangenen Zeit verbannen werden, zudie Wissenschaft den Dichtern für

dass

diesen Verlust einen reichen Ersatz bietet.

Als diese

GOETHE UND DANEMARK. Ansicht von dem Theologen, angefochten wurde, berief er

Werkes „Der Geist

seines

35

Bischof Mynster, sicli (in

heftig

dem zweiten Theil

in der Natur")

auf Goethe

wie auf einen grossen Dichter, der weit weniger

als die

meisten anderen aus jener poetischen Rüstkammer verw^endet und seine Mittel ohne Umweg direct von der Natur geholt habe. Er macht geltend, dass Goethe in seinem Gedicht „Die Metamorphose der Pflanzen" den

Welt vorEr nennt mit Be-

Geist der Lehre, die er als Naturforscher der

gelegt hatte, zusammengedrängt gab.

Avunderung Goethe's Gedicht über die Howard'sche Auffassung der Wolkenformation. Er hebt hervor, dass

ringsum

in seinen

Werken

man

dichterischen Darstellungen

wissenschaftlich begriffener Naturverhältnisse begegnet,

und beklagt nur, dass Goethe die mathematische Naturlehre so gröblich missverstehe.

Dann schliesst

er

:

„Welch

anderer deutscher Dichter hat sich durch und durch so als

Naturbeobachter offenbart"?

stellungen der

Menschen

sieht

seinen Dar-

Selbst in

man, dass er den Wesen,

die seine Einbildungskraft erschuf, ein

Gepräge gab, das

nur von tiefgehender Beobachtung herrühren konnte."

Im Jahre 1822 besuchte Oersted Goethe

in AVeimar.

Eine weitläufigere Darstellung dieses Besuches scheint

gegangen zu sein. Eine kürzere sendet er October 1823 an seine Halbschwester, Frau Bull:

leider verloren

am

10.

ist,

dass ich aufs Freundschaftlichste von Goethe, dessen



„Was

dich vielleicht

am

meisten

amüsiren wird,

grossen Dichtergeist du liebst, empfangen wurde. Er hat in

den späteren Jahren seines Lebens mit verdoppeltem dem Studium der Naturwissenschaft obgelegen

Eifer

und empfing mich wie ein Physiker den andern. Da ich ihm sagte, wie sehr es mich erfreue, dass meine Wissenschaft mich einem Manne näher geführt hätte, der schon seit meiner frühesten Jugend Gegenstand meiner Bewunderung gewesen sei, antwortete er mir „Was kann wohl ein Mann in meinem Alter besser thun, als sich :

GOETHE UND DANEMARK.

36

in die

Arme

der Natur zu werfen. '^ Ich verbrachte einen

Abende

der schönsten

in seinem Familienkreis.""

Dass Oersted seinerseits Goethe nicht gleicligültig war, beweist mir der Umstand, dass wie mir der



bekannte Politiker Herr Dr. Loewe-Bochum mitgetheilt der deutsche Physiker Schweigger sich oft und hat bitter beklagte, Goethe habe seine Entdeckung des elek-



tromagnetischen Multiplikators stets übersehen und immer statt seiner Oersted als

den Entdecker

Es



ist bereits

den eigentlichen epochemachen-

wohl mit Recht



gepriesen.

berührt Avorden, wie Baggesen, als

er,

im Jahre 1811 vom Auslande zurückgekehrt, zu dem Hause Anders Sandöe Oersteds hineilte, schon bei dem ersten kalten Empfang sich aus der Gunst Sophia Oersteds verdrängt fühlte. Während seiner Abwesenheit war Frederik Christian Sibbern (geb. 1785), ein höchst ursprünglicher, echt

in das

humaner,

allseitig gebildeter

Haus eingeführt worden, hatte

junger Denker sich in Sophia

Oersted leidenschaftlich verliebt, und wurde nun seinerseits

von ihr

Baggesen ein ein

in die

glühende Verehrung für Goethe ein-

wie durch Ansteckung Das Verhältniss Avar gewiss völlig unschuldiges, wenn auch von der Seite Sibberns das ganze Gemüthsleben beherrschendes. Es waren

geweiht,

die fünf Jahre früher ergriifen hatte.

zwei Seelen,

die sich

in

Goethe begegneten und die

gegenseitigen Neigung die

ihrer

Weihe der Goethe-

religion verliehen.

1811

— 12

unternahm Sibbern, bevor er die Stelle als Professor der Philosophie, die er mehr als 50 Jahre inne hatte, in Kopenhagen antrat, eine Reise ins Ausland; sein Briefwechsel während dieser Reise ist gedruckt und der grosse Raum, den Goethe in diesen Episteln einnimmt, macht es vielleicht deutschen Lesern wünschenswerth, einige Bruchstücke derselben kennen zu lernen. Am 4. April 1812 schreibt Sophia Oersted an Sibbern „Sie glücklicher, der Sie jetzt nach Weimar reisen. :

GOETHE UND DÄNEMARK. Gott seg-ne

Sie.

Ich gönne es Ihnen

vom

Vergessen Sie nicht Ihr Versprechen,

3?

g-anzen Herzen.

mir etwas von

Zu meiner

Goethe zu erbetteln oder zu stehlen

Persönlichkeit passt Schiller nicht so wie Goethe. Die Einfachheit, Kraft und Festigkeit, die unfassbare, Alles

durchdringende und doch so milde Stärke, die wie der

Magnet durch

Erde,

die

durch jede noch

kleine

so

Arbeit von Goethe geht, die fehlt ihm, und die eben, die bei

Goethe mich erhebt,

ist

tröstet, erfreut

es

und

beruhigt."

Sibbern traf Goethe nicht, weder in

Er

in Jena.

wollte

hielt sich

Weimar noch

damals in Carlsbad

aber nicht unterlassen,

auf.

Sibbern

die Bekanntschaft der

Frau von Goethe zu machen. Er schreibt aus Weimar 16. Mai 1812: „Es ist und bleibt mir ein Räthsel, wie Goethe sie zur Frau hat nehmen können .... In Jena sah ich ein

Uhr

sie einen

ganzen Abend hindurch tanzen, bis

fast jeden einzigen

Tanz.

Es

den Studenten, ihr den Hof zu machen,

um

ist Sitte

unter

theils natürlich,

sich über sie aufzuhalten, theils weil sie es pikant

finden. Sie wetteifern darin, mit ihr tanzen zu dürfen."

Sie

war damals 48 Jahre

alt.)

In seiner Ungeduld, Goethe zu sehen, hielt Sibbern es nicht aus, dessen

Rückkunft nach Weimar zu erwarten,

sondern pilgerte ihm zu Fuss bis Carlsbad nach.

einem Brief aus Jena

16. Juli

In

1812 hat er seine Ein-

drücke von der Erscheinung Goethe's beschrieben:

„Aber

ich sollte

von Goethe erzählen,

das Glück gehabt habe, den wunderbaren lich für

mich zu finden, ihn

Stimmung

in

jetzt,

da ich

Mann zugäng-

guter und glücklicher

und melirmals gesprochen habe. Ich Freude sein; wenn das Herz nur genügsamer wäre. Er hat mich so gut empfangen, wie ich nur hoifen durfte; und doch — wenn ich nicht die Hoffnung oder richtiger den Vorsatz hätte, noch ein Mal vor meiner Heimreise zu ihm zu getroffen

könnte und

sollte billigerweise jetzt voll

;

GOETHE UND DÄNEMARK.

38

kommen, würde

ich voll Missmutli sein.

Doch

preise ich

ihm verbrachte (vier Mal in Allem) und die, in welchen ich ihn bei Frau von der Recke sah, und die Augenblicke, da ich ihn bei der Quelle und auf den Promenaden begrüsste ich preise mich glücklich für sie alle, und beklage nur, dass ihrer nicht mehrere waren und dass ich ihm nicht weit näher kam. Er ist von einer majestätischen Schönheit, voller Kraft in Blick, Haltung und Gang, wie ein Mann in den besten Jahren und dennoch trägt sein Gesicht das Gepräge der 63. Er hat eine Gestalt und einen Anstand wie ein Fürst lieber möchte ich sagen, wie ein Minister, und denke dabei fast an den alten Bernstorff ..... die Stunden,

die

ich bei

;



;

Leben und wirken wird

ohne irgend eine

er gewiss,

Hemmung, wenigstens noch zwanzig

Jahre.

Er

sieht

könne er achtzig Jahr erreichen, ohne ein Greis zu werden. Freuen Sie sich, dass er noch so viele Jahre mit Ihnen leben kann und Ihnen jedes Jahr neue Gaben aus, als

bringen Ich zog in den Gasthof in CarJsbad ein und ging

am

um mir eine Wohnung vom Posthaus abzuholen.

folgenden Morgen in die Stadt,

zu suchen und meinen Koffer Als ich

über den „Eing^' ging



Markt

begegnete ich ihm

einem Becher ich

in

;



so

heisst hier der

kam mir entgegen mit kam also vom Brunnen

er

der Hand, er

kannte ihn augenblicklich und wollte schon den Hut

ziehen.

kannte

Dann bedachte ich, dass Von Goethe merkte

er

ja

nicht

mich

ich nichts weiteres,

weder auf den Strassen noch auf den Spazierwegen; ich hatte mir alles füllen

fast

gedacht,

dass er dort in Carlsbad

und durchdringen, Alles ihn wiederspiegeln

müsse

Er empfing mich freundwar da eine Viertelstunde; dann machte er Verbeugung und liess mich gehen. Es hatte nicht auf sich, was ich mit ihm besprach; es nimmt ja Ich stand denn vor ihm.

lich;

eine viel

ich

;

GOETHE UND DÄNEMARK. schon Zeit zu sagen, wolier

man kommt und wohin man

geht; etwas war die Rede von der neuen Universität in

Norwegen, die mir überhaupt ein bequemer Gegenist, um ein Gespräch anzuknüpfen. Ueber meine

stand

Begeisterung für ihn sagte ich nicht ein einziges Wort das wagte ich nicht. Ich stand mit ihm

am

Er

Fenster.

stand da, hoch und kräftig, in einem blauen Eock, den er auch am Tage voraus trug. Als ich von ihm ging, war es, als ob es in meiner Seele stille stand; ich konnte ihre Stimmung wenden, wohin ich wollte, zur Freude, zum Missmuth

Wenn Rock und

ich später in einer

Entfernung einen blauen

eine hohe stattliche Gestalt sah,

sogleich aufgeregt.

Und noch

viel

mehr,

wurde als

ich

ein

ich

Paar Tage danach wirklich Goethe auf der Strasse begegnete und er mich ansprach Wie geht es ? — Es war mir wie vormals, wenn von ferne ein gelber Shawl meine Freude erregte, und ich ihm nachzustieren fortfuhr, obwohl ich erkannt hatte, dass es nicht der :

rechte war."

Wie

sehr Sibbern sein Leben lang sich mit Goethe

beschäftigte, davon legen seine Briefe nach der

Rück-

kunft von seiner Reise Zeugniss ab. Fast sein ganzer,

deutsch geführter Briefwechsel mit Henriette Herz

ist

Goethe gewidmet. 1815 schreibt er ihr, es gebe kaum ein Tag, wo er nicht an Goethe denke, er halte sich an ihn in Freude wie in Trauer, aber besonders in bitteren Stunden. Er findet, dass die Leiden, von welchen Goethe sich durch seine Werke frei machte, auch den, der

sie liest, verlassen, ja es

Goethe er es

alles

sei

dem

Leser, als hätte

eben für ihn geschrieben. Sibbern hat (wie

später seinen Gabrielis

wiederholen lässt)

eine

schmerzgemischte Freude daran, „Dichtung und Wahrheit" zu lesen

;

denn der Inhalt entzückt

Vergleich zwischen

diesem vollen

seinem eigenen

niederschlagend.

sei

ihn, aber der

reichen

Leben und

Die Ruhe,

das

GOETHE UND:DÄNEMARK.

40

Gleichgewicht, die Allseitigkeit Goethe's kann Sibbern nie

müde werden zu

sagt

er,

preisen.

was

„in allem,

hat unser Zeitalter

„Einen vollendeteren Mann" und rein menschlich ist,

bloss

kaum hervorgebracht". Man

sieht,

dass es trotz alledem auch für ihn eine für Menschen

zugängliche Sphäre gab, die mehr als bloss und rein menschlich sein

sollte.

Henriette Herz

um

ist

Weib genug,

sich

von Sibbern

Goethe's willen fast vernachlässigt zu finden. Sie ver-

gleicht die Passion ihres dänischen

Freundes für Goethe

„Wie Sie einmal Paar schönen Augen unter-

mit seiner früheren für Sophia Oersted.

jeden Abend mich von ein

hielten, die Sie in Ihr Innerstes getroffen hatten, so ist

Ihr Brief so voll von

darüber vergessen". Geist,

Goethe,

dass

Sie mich

selbst

Sie antwortet übrigens im selben

bewundert Goethe, hat aber längst gewusst, dass

das Heiligste nicht für ihn das Heiligste

wegen der

sei.

Sie, die

Parallele, welche ungewöhnliche Fähigkeiten,

Verbindungen mit ausgezeichneten Männern und gemeiur same Abstammung zu ziehen einladen, so oft mit Rahel zusammen genannt wird, hatte nichts von dem ursprünglichen, untrüglichen Sinn für Goethe's Grösse, der eins

der auffallendsten Zeugnisse abgiebt für Raheis geistesfreie Genialität.

Als der junge Professor der Philosophie nach wenigen Jahren mit einer dichterischen Production auftrat in Dänemark ist man, was man auch sonst sei, immer ein wenig Poet spielten in der Schrift „Nachgelassene





Briefe von Gabrielis", einer Wertheriade, für welche seine

Beziehungen zu der Frau Oersted den Stoff gaben, die Dichtungen Goethe's noch eine grössere Rolle als die Ossians in „Werther". Die Liebenden spazieren in den

Buchenwäldern Seelands, und Lieder vor. Sie hat

harmonie Goethe's.

bewegt hat", sagt

in

sie singt

„Was mich sie,

ihm Goethe'sche

ihrem Blute etwas von der Naturauch

„Abends

am Tage unruhig

liegt alles vor

mir

in

GOETHE UND DANEMARK. milde

Ruhe

aufgelöst."

Und

41

sie verstellt

wie Goethe

das Ganze im Einzelnen zu geniessen. „Die vorzüglichsten

Wesen", sagt er ihr, „haben immer die längste Jugend; denn sie begehren Nahrung von dem unendlichen Leben der ganzen Natur, und in jedem Genuss geniessen sie das Weltall. So ging es Ihnen mit Goethe, mit dem Sie langsam emporwuchsen und sich langsam entfalteten". In Sibberns Werk „Ueber Poesie und Kunst" ist Goethe endlich geradezu als der ideale Künstler dargestellt,

denn

er vertritt die

Verschmelzung von Genialität und

Besonnenheit, die Sibbern das Höchste

ist.

Sehr ver-

ständig wird hier entwickelt, wie Goethe nur selbst

allseitig

zu

vollendeten Organ seines

um

sich

zum tüchtigen, Genius zu machen in allen

entwickeln

und

Richtungen der Kunst und Wissenschaft gestrebt und gearbeitet zu haben scheint, wie er aber eben dadurch seinen Mitmenschen eine ganze helle und reine Welt Besonders Tiefes und Neues findet man in schenkte. Sibberns kunstphilosophischen Schriften nicht, und von

den begabteren Zeitgenossen wurden

sie

besonders wegen

des breiten schleppenden Stils fast übersehen.

Verhältniss zu Goethe betrifft, so

war

es

Was

sein

der damaligen

Intelligenz- Aristokratie schon ein Anstoss, dass Sibbern

trotz

des Anlaufes

nicht lassen konnte

Henriette



Herz

christliche Gefühl

zu rein freisinnigen Ansichten es



nach dem Beispiel seiner Freundin

dem gepriesenen Goethe das und die Gottesergebenheit zu vermissen. bei

Sibbern war nicht derjenige, dem es gelang, als Aesthetiker die geistige und künstlerische Ueberlegenheit Goethe's in

dem Bewusstsein

dauernd zu befestigen.

des dänischen Volkes

GOETHE UND DÄNEMARK.

42

VI.

Diese Aufgabe und dieser Erfolg waren einem

am

entgegengesetzten geistigen Pol sich befindenden Gegner

von Sibbern, dem gewandten und genialen Dichter und Denker Johan Ludvig Heiberg vorbehalten. Unter allen dänischen Grössen ist es Heiberg, welcher, mit dem hellsten Bewusstsein über sein Ziel, direct imGoethe'schen

Geist hat wirken wollen, und da er die seine

Ansichten und Sympathien

der

Gabe

besass,

ganzen haupt-

städtischen Intelligenz mitzutheilen, da er sein Mannes-

hindurch

alter

der Abgott

Gebildeten

der

und

der

absolute Oberrichter in der Litteratur war, hat er auch

was er von Goethe erfasst und in aufgenommen hatte, zum geistigen Eigenthum der höheren Klassen gemacht und dadurch sowohl der Einsicht in Goethe's Kunst wie der Befestigung der rein zu seiner Zeit das, sich

äusserlichen Autorität von dessen

Vorschub

Namen den

grössten

geleistet.

J. L.

Heiberg (1791

— 1860)

ist

unstreitig eine der

hervorragendsten Persönlichkeiten der dänischen Litteratur im 19. Jahrhundert.

Als romantischer Lyriker und

witziger, glänzender Lustspieldichter beliebt, ja populär, als

Einführer und talentvoller Verfechter der Hegel'schen

Philosophie von massgebendem Einfluss, sogar nachdem diese Philosophie ausserhalb

Stellung

verloren hatte,

Dänemarks

als Kritiker

ihre herrschende

und Aesthetiker

endlich buchstäblich ein Erzieher seines Volkes, hat er

ungefähr von 1824 liche

und

— 1842 eine im Wesentlichen erspriess-

civilisatorische Geistesherrschaft ausgeübt.

ihm hauptsächlich

fehlte,

war

ein voller originaler

ton; Primitivität hatte er nur in seinem Witz.

Dichtkunst gruppirte sich nicht

um ihn

Was

NaturIn der

eine feine, reflectirende,

sehr naturwüchsige Formschule

(Henrik Hertz,

;

GOETHE UND DÄNEMARK.

Gegen die fünfziger Jahre ihm stets vorhandener Hang zum

Frederik Paludan-Müller u.

wurde jedoch

ein bei



A.).

Schematismus und zur Sophistik im Denken, zum leeren Formalismus in der Kunst und Kritik so stark, dass er als Kritiker, Theaterdirektor und Politiker fast nur ein

Hemmniss der Entwickelung wurde. Es lag in seinem Wesen etwas von der olympischen Ueberlegenheit, der göttlich heitern Ironie, der diplomatischen Selbstbeherrschung, die er bei Goethe verstanden hatte. Die unerschöpfliche Naturfiille, die ewige Frische

des Goethe'schen

Wesens besass

er nicht. Seine

leidenschaftliche Gluth

hatte nie die

gehabt,

Jugend die

bei

auch die hohe Weisheit nicht, die bei Goethe erquickt. Nicht dass er der Natur und dem Naturstudium fremd war. Im Gegentheil er war Goethe

hinreisst, sein Alter hatte

von frühster Jugend ab eifriger Naturforscher, besonders Entomolog, und erbetrieb bis in seine letzten Lebensjahre mit wahrer Leidenschaft astronomische Forschungen sind optische und akustische Das naturwissenschaftliche Gebiet des Goethe'schen Wissens war ihm also keineswegs unbekannt; er war sogar wie sein deutscher Meister ein Feind der empirischen und experimentellen Richtung und wie die meisten Hegelianer ein Anhänger von Goethe's Farbenlehre. Aber er hatte nichts von dem weltumspannenden Entdeckergeist, dem grossen naturalistischen Pantheismus, der Goethe mit den Ahnen der

seine

Schriften

letzten

Monographien.

Philosophie, einem Thaies, einem Heraklit in Verwandt-

Er war kein Urmensch. Heiberg war, ungefähr 30 Jahr alt, von Hegels Philosophie mächtig ergriffen worden, war 1824 in Berlin

schaft bringt.

mit Hegel selbst in Verkehr getreten es

von

jetzt

ab

und betrachtete

als eine seiner wesentlichsten

Lebens-

aufgaben, der Hegel'schen Philosophie Eingang in Däne-

mark zu der

verschaffen.

Hegelianer

der

Aber

für ihn wie für nicht

ersten

Zeit

war

die

wenige

Hegel'sche

GOETHE UND DÄNEMARK.

44

Philosophie nicht von der Dichtung Goethe's zu trennen. Sie

waren ihnen zwei Formen desselben geistigen

Inhalts.

Mit Heibergs Auftreten fängt daher eine Periode in dänischen Geistesleben an, auifasste,

in

welcher

dem

man Goethe

so

wie er sich durch Hegel'sche Brillen ausnahm,

und ihn nicht

so sehr

um

seiner selbst willen wie als dich-

terische Illustration der metaphysischen

und ästhetischen

Theorien Hegels bewunderte. Es versteht sich von selbst, dass Heiberg mit seiner lebhaften poetischen Empfindung sich diesen Verirrungen fern hielt.

bewunderung scheint

Mit

all

seiner Goethe-

Tode

er indessen bis zu seinem

nie

geahnt zu haben, von wie kurzer Dauer die Weltherrschaft seines Lieblingsphilosophen in Vergleich mit derjenigen seines Lieblingsdichters werden würde. In

dem Aufsatz „Ueber

sophie" (18.33) findet sich

von Goethe:

die

die

Was Goethe von

Dichtern unterscheide,

sei

Bedeutung der Philo-

Grundansicht Heibergs allen

dasselbe,

zeitgenössischen

was Dante und

Calderon so sehr über ihre Zeitgenossen erhebe

;

er stelle

die Philosophie seines Zeitalters dar, er sei ein speculativer Dichter gewesen.

Heiberg spricht sich

in

Folge dieser

Auffassung mit starker Einseitigkeit gegen den in Dänemark mit gutem Grund herrschenden Shakespeare-Cultus aus: Shakespeare sei kein ähnlicher poetischer Vertreter der

Menschheit. Shakespeare, der einem Lande gehöre, das stets in lauter endlichen sei allzu national

um

Bestrebungen befangen gewesen,

nicht Eealist zu sein.

Interessante

Charakterschilderungen, psychologische und historische Memorabilien seien die Gegenstände, in die er sich vertiefe,

aber nie spüre

man

ein Bewusstsein davon, dass

und vergängliche Seiten sowohl des Lebens wie der Dichtkunst in der Anschauung des Unendlichen sich verlieren. Die übertriebene Bewunderung Shakespeare's sei lächerlich und unverzeihlich in einem Zeitalter, das einen weit grösseren Dichter besitze. Goethe

dieselben

als endliche

stehe durchaus niclit in Liebe zu den Einzelnheiten der

GOETHE UND DANEMARK.

45

Natur und des Menschenlebens hinter Shakesi)eare

zu-

rück; im Gegentheil er übertreffe ihn auch in der liebevollen Vertiefung in's Endliche,

Begebenheiten

als die

nur seien sowohl die

Charaktere von ihm als unter-

geordnete Momente der ideellen Einheit gehalten. er in Tasso

Wie

weder den Dichter noch den Staatsmann

vorziehe, so wolle er uns überhaupt nie für einen Helden

oder einen Liebenden begeistern, sondern für die nicht individuell zeigt,

und persönlich begrenzten Ideen.

Heiberg

wie diese doppelte Eigenthümlichkeit und Grösse

Goethe's die irrthümlichen Ansichten über ihn erklären; „Die, w^elche sich nur an seine überraschende Liebe

zum

Endlichen halten, nennen ihn sinnlich und materiell;

die,

welche nur das

entgegengesetzte

haben, finden ihn ohne

Moment

aufgefasst

Wärme und Begeisterung,

sagen,

ihm mit keiner Sache Ernst sei. Und beide Klassen von Gegnern werden dann leicht zu den weiteren Beschuldigungen getrieben: dass er unmoralisch sei, weil er die moralischen Pflicht-Bestimmungen, an die sich die Menge wie an feste Haltpunkte klammert, in ihrer Endlichkeit darstellt und ihnen die vermeintliche dass

es

absolute Gültigkeit raubt;

dass er irreligiös

sei,

weil

seine Poesie, anstatt sich unter die Religion zu stellen,

durch ihre Verschmelzung mit der Philosophie im Gegentheil den religiösen Standpunkt in seinen eigenen Umfang aufgenommen hat. In beiden Hinsichten hat Goethe indessen nichts anderes gethan, als uns unsere eigenen

Gedanken zum Bewusstsein zu bringen das aber ist es eben, was Viele übel aufnehmen. Niemand lässt in seinen Handlungen die isolirten Pflichtbestimmungen als unbe;

dingt gelten

:

aber

man

thut. Ebenfalls ist, Avas

Welt darüber ziemlich Allgemeinen noch wollen;

nicht

in

dass

will sich einbilden,

den religiösen Punkt

die Hierarchie

einig,

dem

Individuellen

desto weniger

beugt

man

man

es

betrifft, die

weder im

ertragen sich

zu

davor,

indem man Goethe irreligiös nennt, weil er jenen unseren ernsten Gedanken uns zum Bewusstsein erhebt.''

GOETHE UND DÄNEMAKK.

46

Diese Worte, die den Nagel auf den Kopf treffen und ohne Zweifel die wahrste und tiefste Ansicht von Goethe enthalten, die bis dahin in Dänemark ausgesprochen worden, sind von einer den Nicht-Dänen kaum recht fassbaren Kühnheit. Sie sprachen in einem

orthodoxen Lande ein neues Princip aus

;

sie enthielten

einen directen, bewussten, entschiedenen Angriff auf die alles überfluthende officielle theologische

man

überall

mit

Gesinnung, die

den Lippen bekannte,

während

die

Meisten in einem schlaffen Halbbewusstsein von einer

ganz verschiedenen Weltanschauung hinlebten. Diese so kühn, dass Heiberg selbst in seinen älteren den Standpunkt, den sie bezeichneten, aufgab, Jahren und, als die theologische Reaction in den vierziger Jahren ihren Aufschwung nahm, vom Pantheismus zur speculativen Dogmatik zurückzukehren schien. üeberall in Heibergs Werken finden sich zerstreute

Wortewaren

Beiträge zur Aesthetik der Goethe'schen Dichtung. Er

war der unermüdliche Verfechter der von Goethe

aus-

gesprochenen, streng künstlerischen Ansicht der Poesie.

Er gab einen Auszug

des Briefwechsels zwischen Schiller

und Goethe mit Noten heraus, und wenn er in seiner scharfen, bisweilen sophistischen Polemik gegen Hebbel als Verfasser der Dramen „Judith" und „Genoveva" und des Aufsatzes „Ein viel

Wort über das Drama"

(1843)

dem

Jüngern deutschen Dichter so hart zusetzte, hatte

Grund, dass er bei Hebbel (wie bei Gutzkow) keine neue über Goethe hinausführende Eichtung zu erkennen vermochte, sondern nur einen Rückfall in die von Goethe längst überwundenen Eines hauptsächlich darin seinen

seitigkeiten oder Trivialitäten fand.^

»

MS

ff.,

Man

sehe Heiberg: Prosaiske Skrifter

IV., 443, 471, V.,

215

ff.,

353

ff.

I.,

Wenn

416—430,

Emil

Kuh

III.,

256,

in seiner

Biographie Hebbels sich durch die Begeisterung für seinen Gegenstand hinreissenlässt, Heiberg als einen hegelianisch angehauchten Gottsched

GOETHE

DÄNEMARK.

UNI)

47

Heiberg selbst und fast noch mehr sein treuer poetiBundesgenosse Henrik Hertz, der sich nie bei Einer Dichtart, Einer Gruppe von Stoffen, oder Eitier

scher

Behandhmgsweise beruhigte, sondern

sein Talent in

immer

neuen Varietäten offenbarte, fussen als Dichter durchaus in Goethe's Erdreich. In ihren guten

man

Goethe'sche

Luft,

leider

Dichtungen athmet

sehr

Diese

verdünnt.

Geister hatten mit Goethe nur das Aristokratische, Verfeinerte

gemeinsam; ihnen

fehlte das

eminent Mensch-

und deshalb grossartig Volksthümliche, das in Goethe's Naturgrund lag. Heiberg hatte, wie schon berührt, viel von dem alten Goethe, nichts von dem jungen. Hertz, der in dem Drama „Hundert Jahre" dem UltraDänenthumGrundtvig's gegenüber sein poetisches Streben direct auf Goethe zurückführt („Wir haben aus einem Born geschöpft, der in Weimar entsprang'O» ist sowohl in seiner lyrischen Form wie in seiner Prosa von Goethe's Kunst beeinflusst. Frau Gyllembourg, die Mutter J. L. Heiberg's, die in Dänemark die Humanitätsmoral des liche

achtzehnten Jahrhunderts vertritt,

ist als Schriftstellerin

zwar am nächsten die Schülerin ihres Sohnes, doch Goethe's zugleich. Hire Lebensansicht war ursprünglich der Naturglaube und Freiheitsglaube der Eevolutionsperiode. Sie scheint zuerst mit Eousseau gefühlt zu haben.

Daran hat

sich



wahrscheinlich durch

den Sohn



der Einfluss Goethe's natürlich angeschlossen. Ihr Bil-

dungsideal

ist

das Goethe'sche,

doch

nach und

nach

wie die Jahre gingen" und die theologische Eeaction zunahm, durch den Zusatz traditioneller Elemente stark geändert. Bisweilen, wie in dem Schauspiel „Die Fregatte

Der Schwan''

greift sie bis auf „Stella" zurück.

Paludan-Müller hat in seinem Hauptwerke

zu stempeln, so

Lässt dieses sicli

„Adam

nur durch die Unkenntniss der däni-

schen Sprache erklären, in welcher dieser übrigens so schätzenswerthe Litteratur-Historiker sich befand.

GOETHE UND DÄNEMARK.

48

Homo"

nicht nur von Byron, auch von Goethe gelernt.

der Maskenball und die Er-

Solche Einzelnheiten wie

Adams durch Alma haben directe Analogien in Mummenschanz und in der Apotheose Gretchens im

lösung der

zweiten Theil des „Faust".

Der

Erzählerstil in Prosa

istbeiPaludan-Müller, wie bei Heiberg, Frau Gyllembourg,

Hertz, Chr. Winther, H. P. Holst insofern von Goethe beeinflusst wie der Stil in Einer Sprache

von der Dar-

stellungsart in einer anderen beeinflusst sein kann.

Die unter den jüngeren dänischen Dichtern der damaligen Zeit, welche weniger formalistisch und reflektirend als

Heiberg, Oehlenschläger näher als ihm standen, Poul

Chr. Winther, Emil Aarestrup verdanken als Goethe wenig, wenn überhaupt etwas. Winther Lyriker Möller,

und Aarestrup übersetzen ihn bisweilen, sind aber beide weit eher von Heine als von ihm beeinflusst. Poul Möller fühlte sich von dem Unwillen der Goethe'schen Schule gegen die politische Opposition angezogen, jedoch von ihrer Geringschätzung der praktischen Lebensziele zurück-

gestossen, die sie als „Literesse für das Zeitliche" verwarf.

Die Schule ging

in

wegen sind Heiberg und

Formalismus zu Grunde. Desseine nächsten Freunde oder

Schüler auf der jetzigen Entwickelungsstufe des dänischen

Geisteslebens so vollständig zur Seite geschoben worden, dasssie, die so kürzlich Gestorbenen (Heiberg starb 1860, Hertz 1870), fast wie vergessen sind. Man hat aus ihnen Alles gelernt, was von ihnen zu lernen war. Sie haben

schon zu ihren Lebzeiten ihren Lohn vorweggenommen. Die junge Generation findet unter ihnen keinen zu be-

kämpfenden Gegner, keinen Führer und kein Vorbild.

vn. Auf Heiberg

folgt

in

dem

geistigen

Leben Däne-

marks das Zeitalter des constitutionellen Liberalismus und der besonders durch Sören Kierkegaard (1813 - 1855)

GOETHE UND DÄNEMARK.

49

Gestalt und Eigenthümlichkeit g-ewinnenden religiösen

Weder

Eeaction.

der politische Liberalismus noch der

theologische Rückschlag

war dem sympathischen und

eindringlichen Verständniss Goethe's günstig.

Von Politiker

der Seite der den Absolutismus bekämpfenden

kam

Dänemark, wie

in

Auffassung Goethe's

in

zum Vorschein,

Deutschland, eine die ihn wesentlich

als indifferenten Olj'mpier oder epikuräischen

Hellenen

charakterisirt. Unter den Schriftstellern, die ursprünglich

dieser Gruppe angehörten, ist der Journalist, Novellenund Romandichter M. Goldschmidt unstreitig der talentvollste. Seine romantische Religiosität war ausserdem der Naturfroramheit Goethe's abhold. Man findet ringsum in Goldschmidt's

Werken Andeutungen

einer in Deutsch-

am nächsten von Heine vertretenen bewundernden Abneigung gegen Goethe. Er hebt besonders den land

politischen Indifferentismus Goethe's wie Schiller's her-

Doch war

davon

den ehrlichen, Börne zu fühlen, noch ferner davon in das Schimpfen und das Zornesgebrüll eines Menzel einzustimmen. In einem Artikel über „Lj'rische Poesie" sagt er 1857 sehr richtig: Goethe

vor.

brennenden,

war all

er weit

dummen Hass

ein Hellener

entfernt,

eines

oder Heide,

der

vom Christenthum

das aufgenommen hat, das nicht durch Schwärmerei

oder

Hang zum Uebernatürlichen

konnte.



seine

Harmonie stören

Er nimmt Aergerniss von der Aeusserung

Goethe's, dass das Religiöse auf der feinsten Verwechse-

lung des Subjectiven und des Objectiven beruhe,

und

weniger von einem Wunsch, den Schiller für Goethe's Nächte ausspricht, „und das während Bona-

nicht

„Durch beide" (Goethe und Schiller), sagt Goldschmidt, „war eine eigenthümliche Gleichgültigkeit, ein egoistisches Streben danach, in Genuss und

parte

u.

s.

w.".

Wohlgefallen sich ausserhalb des Allgemeinen zu

stellen,

Gemüther eingezogen". Im Allgemeinen kann man sagen, dass die Antipathie, welche die Mehrzahl in deutsche

4

:

GOETHE UND DÄNEMARK.

50

der liberalen Politiker gegen Heiberg und seinen Einfluss hegte, den von Heiberg

immer gepriesenen Goethe ihnen

gewissermassen einfach als den nur Deutschlands erscheinen Hess.

Heiberg

viel grössern

Als

wurde

solcher

er

von ihnen bekämpft.

Ganz anders gestaltete sich die von Kierkegaard ausgehende Reaction gegen Goethe. Für Kierkegaard mit seinem christlichen Pathos, seiner brennenden Leidenund seiner

schaftlichkeit, seiner ethischen Begeisterung

üeberzeugung, dass Märtyrerthum das Loos jedes wahren Geisteshelden hier auf Erden sei, war das Lebenswerk

und die Lebensführung Goethe's nothwendig ein AergerHim, dem es ausserdem zum Dogma geworden, dass man nur Ein Mal liebt, und der mit so unverbrüchlicher Treue an der einzigen Liebesneigung seines Lebens niss.

fe.stgehalten hatte, musste das Verhältniss Goethe's zu

den Frauen und der Liebe ein Stein des Anstosses

sein.

Seine ausführlichste Auseinandersetzung mit Goethe

dem zweiten

Theil des Werkes „Stadien dem Aufsatze des Assessors Ehe. Der Assessor geht mit dem Helden der

findet sich in

auf dem Lebenswege" in

über die

Goethe'schen Selbstbiographie streng und spöttisch ins Gericht wegen seines Benehmens Friederike gegenüber

„Wenn

die kleine Dorfschönheit so unglücklich gewesen,

Seine Excellenz nicht recht zu verstehen, treu bleibt,

so ist

sie,

wenn

ich

der Idylle zur Tragödie avancirt

Excellenz so unglücklich gewesen

;

sich jedoch

mich nicht

irre,

aus

wenn dagegen Seine ist,

mit sich selbst in

Missverständniss zu gerathen, und ferner in der Weise,

wie er es wieder gut machen will, äusserst unglücklich so ist er, wenn ich mich nicht irre, aus dem Drama

ist,

verabschiedet und in

dem Vaudeville

ansässig."

Er, der

sonst so umsichtige und tiefe Psycholog, betrachtet in

diesem Fall das Herzensverhältniss zwischen

Weib ganz

Mann und

von einem äusserlichen Schuldenverhältniss, das durch Bezahlung geordnet werden muss, als sei

GOETHE UND DÄNEMARK. die Rede.

Mädclien,

51

Er nennt es ein Falsum, „dass nicht jedes wenn es gegeben ist, dass der Mann die

Verpflichtung kontrahirt hat, eine unabweisbare Gläubigerin sein solle".

Es

liegt ausserhalb

meiner Absicht, mich zum Ver-

theidiger Goethe's in diesen verwickelten

Fragen aufzu-

schwachen Punkte Nirgends in dem Angriif Kierkegaards zu entdecken. Schwierigkeit, spürt man bei ihm ein Bewusstsein der die Grenze anzugeben, wo ,,es gegeben ist, dass der Mann die Verpflichtung kontrahirt hat" im Gegensatz

werfen

;

es ist aber leicht, die äusserst

zu jener Konstellation der Herzen,

wo

die Verpflichtung

und beantFrage, ob und wann der Mann gegen seinen Wunsch trotz warnender Ahnungen, ausschliesslich um sein Wort einzulösen, sich und sein ganzes Leben als Geschenk geben darf, ob das sich auch thun lässt, ob es nicht in vielen Fällen ein Verrath gegen das liebende Weib sein würde lauter Fragen, Gedanken und Zweifel, mit denen Kierkegaard wie Wenige vertraut gewesen

noch nicht eingetreten

ist.

Nirgends

stellt

wortet er die



sein muss. Interessant ist dieser Angriff", besonders, weil

er von einem

wand

Manne

herrührt, der mit unendlichem Auf-

der Reflexion und mit erdrückender Empfindung

der Verantwortung sein

einem jungen Mädchen gege-

Wort zurückgenommen hatte, um danach sein Leben lang über diesen Bruch und dessen Folgen zu

benes

brüten.

Kierkegaard meint, in „Dichtung und Wahrheit" die Erklärung dafür zu finden, dass Pathos dasjenige sei,

was man

bei

Goethe am meisten vermisse.

Es

sei in

seiner Dichtung ausgeblieben, weil es in seinem sich nicht fand.

Er

Leben

findet ferner darin die Ursache, wes-

halb seine vorzüglichsten Gestalten, die weiblichen, vermeintlich in

— immer

in einer



Beleuchtung erscheinen,

welcher die überlegene Verständigkeit,

die

zu ge-

niessen und sich zu entfernen wisse, als berechtigt oder 4*

GOETHE UND DÄNEMARK.

52

wenigstens

als

entschuldbar dastehe.

An

,,Clayigo^' odei'

„Faust" kann er mit dieser Behauptung- doch kaum gedacht haben. Bitter verspottet er die kriechende Be-

wunderung der Groethe'schen Fähigkeit, hältniss,

das ihn

ein Lebensver-

zu überwältigen drohte,

Denn was

entfernen, dass er es dichtete.

dadurch zu

sei diese

Natur-

eigenthümlichkeit anderes als die Parade des natürlichen

und lüsternen Menschen gegen das Ethische?

Das

ver-

stehe sich, dass nicht Jeder, der „dichtet", Meisterwerke

hervorbringe, aber was thue dies mit Eücksicht auf das

Ethische zur Sache ? Auch dieser Vorwurf

besonders

ist

deswegen interessant, weil er aus der Feder eines Schriftstellers stammt, der die Hauptqual seines Jugendlebens eben nur durch immer und immer erneuerte dichterische Darstellungen derselben überwand.

Zu

kam

der ethischen Missbilligung Goethe's

Kierkegaard aber noch die

religiöse.

Und

bei

so bildete

nach und nach vor Kierkegaards Seele ein Zerrbild viel wahrer als das, welches die Welt Wolfgang Menzel verdankt. Dass Goethe die bildlich-

sich

von Goethe, nicht

mythischen Vorstellungen, die ihm

in der

Kindheit ein-

geprägt wurden, nicht bis zu seinem Tode bewahrte, dass er „sich zurückzog,

wo

es galt,

ob auch bis zur

Verzweiflung mit Versagen jedes Anspruchs

auf das

Leben oder auf eine bedeutende Existenz für die Glaubensgemeinschaft mit den Eltern zu kämpfen", das kann er nicht verzeihen, weil er auf den höchsten Gebieten keine

der Pietät anerkennen will. Er Goethe wegen des vermeintlichen Pflichtbruchs. „Wie die letzte Philosophie es zu einem Schimpfwort gemacht hat, von Kants ehrlichem Weg

höhere Pflicht

als die

lästert mit Bitterkeit

zu reden, so belächelt Goethe vornehm Klopstock, weil

Fanny, seine erste Liebe, Anderen verheirathet hatte, ihm in einem andei'en Leben angehören würde." Er wirft Goethe vor, dass er sich nicht, wie er selbst, gegen die ganze es ihn so sehr beschäftigte, ob

die sich mit einem

GOETHE UND DANEMARK.

53

moderne Kultureiitwickelung gestemmt hat, anstatt ihr vorzüglichster Träger seit den Zeiten der Renaissance zu werden,



sich zu dem,

er denkt sich die Möglichkeit, dass

Goethe

was

was

er

wurde, ja zu mehr

wurde, hätte entwickeln können, wenn

als

er, statt die

er

ganze

Entfaltung des deutschen Geistes in Lessing und Winckelniann, Bürger

und Wieland, Herder und Kant zusammen-

zufassen, anstatt als der alles verdunkelnde Mittelpunkt in

dem

Sternbild zu strahlen, das von Schiller, Hölderlin,

Kleist,

geistern

Heine und den anderen freigeborenen Dichtergebildet wird, ein Barde wie Klopstock, ein

Magus wie Hamann,

ein Heiliger

wie Lavater geworden

wäre, die alle ihren religiösen Kindheitseindrücken treu blieben, aber deren als Curiositäten

Werkejetztnur vonLitterarhistorikern

aufgesucht werden.

[Georg Brandes:

Sören Kierkegaard. Leipzig 1879.] Nach und nach schmolz sogar für Kierkegaard die

hohe Lebensweisheit Goethe' s mit der ihm so verhassten feinen Lebensklugheit des Bischofs Mynster zusammen. Er bildet sich ein Wort, ein Compositum, „das MynsterGoethe'sche", mit welchem er den feigen Epikuräismus,

den er verachtet, stempelt. So heisst es z. B. in seinen „Nachgelassenen Papieren von 1849" von dem von ihm verabscheuten Professor Martensen, Mynsters Nachfolger als

Bischof Seelands:

Beispiel

des

„Nimm

Martensen.

Mynster-Goethe'schen,

die

Der

ist

Mitwelt

ein

zur

höchsten Instanz zu machen; nur steht er noch niedriger."

Es

kaum etwas Ungereimteres über Goethe dass er seinen Zeitgenossen um jeden Preis

liesse sich

sagen, als

zu gefallen gestrebt habe und ihn als Typus der Ge-

nusssucht zwischen zwei Bischöfe zu placiren, schreiende Ungerechtigkeit.

ist

eine

Diese Auffassung war trotz

alledem zur Zeit des Triumphes der Kierkegaard'schen

Ideen (etwa 1856—1866) in vielen sonst intelligenten Kreisen Dänemarks die vorherrschende.

Eine Gruppe von Männern gab

es jedoch,

in der

:

GOETHE UND DANEMARK.

54

das Genie und die Verdienste Goethe's nie über Rücksichten auf das,

was als unbedingte Moral oder unbedingte

Glaubensverpfliclitunggalt, vergessen wurden, die Gruppe

und Naturforscher. Professor gestorbene) Philosoph und

\veniger freidenkender Philosophen

Der (1875

als

Hans Bröchner, der Dänemark, welcher auf

Geschichtschreiber der Philosophie, erste entschiedene Freidenker in

Jugend einen Einfluss ausübte, ein Metaphj^siker, der wie Goethe ein treuer Bewunderer Spinoza's war, ein pandie

theistisch religiöser Idealist, der Griechenland undDeutsch-

land seine Bildung verdankte, lebte in Goethe.

Er war selbst

und Goethe's Faust war selten von seinem Tisch fort und seltener aus seinen Gedanken. Auch unter den Naturforschern hatte Goethe eine Es konnte kaum anders sein. kleine, treue Gemeinde. eine Faustische Natur,

Mir wenigstens ist es immer so vorgekommen, als strahle das Genie des Meisters auf keinem Gebiet überraschender und voller, als sei nirgends die geheimnissvolle Verwandtschaft

seines

Hervorbringens

mit

der schöpferischen

Kraft des Weltalls einleuchtender und mehr ergreifend

zu empfinden als in seinen Forschungen zur philosophischen

Botanik und Anatomie. Wer fühlt nicht hier, dass Goethe wie sein Faust „die Mütter'' geschaut hatte, wer sieht nicht, dass sein Lynceusblick in das grosse

Laboratorium der Natur hineindrang! Ich habe,

um

diesem Entwurf eine gewisse Voll-

ständigkeit zu geben, einen der ersten dänischen Natur-

den Entomologen Schiödte gebeten, mir mit ein Paar Worten anzudeuten, welche Eindrücke er während

forscher,

seiner wissenschaftlichen

Lauf bahn auf Goethe zurückzu-

führen vermag. Professor Schiödte schreibt mir

u.

A.

„Ich bin durch Goethe in der Arbeitsmethode, in

welche ich durch mein Naturell eingeführt wurde, befestigt und darin bestärkt worden, sie unter Ungunst

und Widerspruch festzuhalten und zu entwickeln. besteht

darin,

sich

Sie

aus der endlosen Mannigfaltigkeit

GOETHE UND DANEMARK. dadurch

liinaiiszuretten,

symbolisch behandelt, seitig

d.

dass h. sie

man so

55

seine Gegenstände

vollständig und

all-

wie möglich durchdringt und solcherweise die Be-

arbeitung als ein instar omnium hinstellt, laut der Erkenntdass jeder abgeschlossene Organismus oder jede zusammenhängende Gruppe von Organismen die ganze organische Natur vertritt. Mannigfach bin ich in dieser

niss,

Bestrebung von Goethe beeinflusst worden,

auch mit

Eücksicht auf meine Darstellungsweise in morphologischen und

systematischen Conspectus,

in

Abbildungs-

Ueber naturhistorisches Zeichnen hat er Vieles, das mir fruchtbringend war. Mir besonders theure Stellen von Goethe sind: Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall. AVas ist das Besondere? Millionen Fälle. — Willst Du Dich am Ganzen erquicken, so musst Du kunst

dgl.

u.

das Ganze im Kleinsten blicken".

Es

scheint

mir,

dass

diese so verschiedenartigen

und so ungleich motivirten Zeugnisse der Bewunderung, der Abneigung oder der Dankbarkeit der verschiedensten Männer eines kleinen Volkes besser als die wärmsten Lobreden eine Vorstellung von den nach allen Richtungen hin verbreiteten Anregungen geben, die der

Geist Goethe's sonnenartig ausstrahlt

VIII.

Was

die jüngste, jetzt in

dem Mannesalter stehende

Generation in Dänemark Goethe verdankt, lässt sich kaum bestimmen oder ermessen. Seine Dichtung, seine Weltansicht, seine Ideen sind vielen so ins Blut über-

gegangen, sein Einfluss hat durch so viele Kanäle gewirkt, dass nur Wenige mit einiger Genauigkeit ihre Schuld Jahren,

Man las in den den Dreissigern stehende Ge-

an ihn anzugeben vermögen.

da das jetzt

schlecht aufwuchs,

in

in

Dänemark wenig Deutsch.

Die

GOETHE UND DÄNEMARK.

56

Natioiialfeindscliaft als

gegen Deutschland, die wir

fast Alle

Jünglinge leidenschaftlich theilten und die nach dem

machte Ganzen wenig sym-

Verlust des ganzen Schleswig heftig aufloderte,

uns

die

pathisch.

deutsche Litteratur im

Ueberhaupt

ist

die deutsche Geistesart

den

Dänen fremder als man nach der Verwandtschaft der Völker und nach der langen Abhängigkeit von Deutschland glauben

sollte,

besonders viel

fremder

als

die

Deutschen ahnen. der wenigen

Goethe war aber (mit Heine) einer

Sterne Deutschlands, die auch zur Zeit, da die nationale

Entfremdung von Deutschland am grössten war,

ihr

Werke

Licht über die Grenze sandten. Nicht dass seine

Uebersetzungen vorvon ihnen früher gab,

in guten, künstlerisch ausgeführten

lagen

;

die Uebersetzungen, die es

sind fast

ohne Ausnahme schlecht,

schollen und sind nie

veraltet oder ver-

Wer

populär gewesen.

ihn ge-

Noch weniger lernten wir im nationalen Schauspielhaus Goethe kennen. Er ist auf der königlichen Bühne in Kopenhagen so zu sagen nie aufgeführt worden. Man hat in Dänemark Claudine von

lesen hat, las ihn im Original.

Villabella drei Mal, Clavigo fünf Mal,

Die Geschwister drei Mal gegeben.

was von Goethe

gespielt

worden

ist.

Egmont Und das

vier Mal, ist Alles,

Die nicht-dänischen

zeitgenössischen Dichter, die auf die Jugend

am

tiefsten

gewirkt haben, die beiden Norweger Björnstjerne Björnson und Henrik Ibsen, haben von Goethe wenig, zu wenig, gelernt und mit ihm nichts gemein.

man

Zwar

findet

und da eine einzelne, fast äusserliche Beeinflussung wie wenn die Eolle Solvejgs am Schlüsse „Peer Gynt"s an das letzte Auftreten Gretchens in „Faust" erinnert. Aber theils ist ein solcher kleiner Zug wohl hier

am wahrscheinlichsten auf Homo als ZAvischenglied

zweite

Hand

— durch

— hervorgerufen,

er nur in

theils

Adam

berührt

geringem Grade die Lebensansicht. Die däni-

schen Dichter der Generation von 1870, H. Drachmann,

GOETHE

INI)

DÄNEMARK.

S. Scliaiidoipli, J. P. Jacobseii,

E.

Skram

57

u. s.

w. scheinen

von Goethe durchaus nicht unmittelbar beeinflusst. Sie sind es mittelbar, theils durch die litterarische Erbschaft, die sie von ihren Vätern

und

tlieils

übernommen haben,

durch den mächtigen, von Goethe ausgeübten

Einfluss auf fast die ganze ausgezeichnete zeitgenössische

Litteratur, die in den letzten Jahrzehnten die in

Dänemark bewegt

hat.

Am

wie

grosse französische Kritik,

Gemüther

meisten hat vielleicht die sie sich

vor 1870 ent-

wickelt hatte, dazu mitgewirkt, uns zu Goethe zurück-

Das Wort, das so oft hingeworfen wird, das, was Europa recht verstehen soll, ihr von Frankreich erklärt werden niuss, hat sich für die jüngere Generation in Dänemark in diesem Fall bestätigt. Ich spreche nicht in meinem eigenen Namen. Schon in meinem achtzehnten Jahr machte „Dichtung und Wahrheit'' einen Eindruck zuführen.

auf mich, der viele Jahre hindurch für meinen Studien-

Aber

plan entscheidend wirkte.

es

gab

Viele,

Deutschland fast fremd geworden war und die

denen es

nur

durch das Medium nationaler Antipathie und früh eingesogener Vorurtheile sahen. Werke, wie die Englische Litteraturgeschichte von Taine,

oder wie die Goethe-

Biographie von Lewes, die beide im Anfang der siebziger Jahre übersetzt wurden, lehrten uns aufs neue Deutschland zu verstehen und zu würdigen, und Goethe

ward uns das

Was

ideale Deutschland.

unsere Väter

am

stärksten zu Goethe hinzog,

sein erhabenes Gleichgewicht, seine Ruhe, die vollendete

Harmonie

seines

Wesens ist uns Jüngeren nicht das die Euhe seines Alters ist uns fast

Theuerste an ihm verleidet

worden,

;

weil

Phlegma unserer Väter

wir

sahen,

wie das nationale

sich in ihr spiegelte

und aus

Würde und Berechtigung

ihr

Uns ist Goethe besonders so theuer, weil wir nicht Mächte ausserhalb oder über der Natur anerkennen, und weil die Gewissheit seiner

Goetlie

der grosse,

wahre,

den

Kampf

sog.

entscheidende

!

GOETHE UND DANEMARK.

58

Protest gegen den Suprauaturalismus

man von einem

ist,

er,

der,

wie

Staat im Staate spricht, eine Natur in

der Natur genannt werden kann.

Uns

ist

Goethe ferner

so theuer, weil wir die Kunst leidenschaftlich lieben und weil Goethe uns auf zwei oder drei Gebieten der Künstler über allen Andern ist. Er, der als Morphologe

und Anatom fast ausschliesslich die Form zu definiren suchte, und der die Form als Bildung bestimmte, ein Wort, das den Akt des sich Bildens und das Gebildete zugleich umfasst, er vertritt uns die höchste Form und die höchste Bildung.

Was

unsere nationalen Koryphäen uns predigten,

Hoffnung oder der blinde Glaube oder die blinde Liebe; einige verkündigten das Evangelium des nationalen Selbstgefühls, andere das des

war entweder

die blinde

unbedingten Versagens, von Goethe

kam

uns der Zuruf:

Verstehe

Wir sahen andere bespiegelung,

grosse Geister Europa's in Selbst-

Selbstvergötterung,

Selbstvernichtung,

Selbstbetäubung oder Selbstentäusserung endigen, Goethe

wurde uns das grosse Paradigma der Selbstentwickelung. Wir lernten von ihm, dass wer vor Allem daran arbeitet, sich selbst zu entwickeln,

die

am

meisten Aussicht hat, in

allgemeine Entwickelung einzugreifen.

versalität seines Geistes ist

freut sich

ihrer,

ohne

sie

und bleibt

zu begehren;

haben wir gelernt, im Einzelnen den Augen zu verlieren.

nie

Die

ein Ideal;

Uni-

man

aber von ihr

das Ganze

aus

2.

Ludwig Holberg. (1887)

ie

Scliauspieldichtimg Holberg's

ist

die Blütlie

der Existenz des grossen Einsamen. Kein

Werk

was Dänemark und Norwegen ihm schulden und durch ihn einander verdanken. Dänemark ist und bleibt Norwegen gibt eine vollkommenere Vorstellnng davon,

tief verpflichtet,

weil Holberg das Licht in der Stadt

Bergen als das Kind norwegischer Eltern erblickte; Norwegen steht kaum in einer weniger tiefen Schuld zu Dänemark, weil es ihm die Bedingungen seiner Wirksamkeit gab,

besonders die Möglichkeit, seine dichte-

rischen Anlagen in der Form des Schauspiels zu entfalten. Aber beide Länder verdanken doch ihm unendlich viel mehr, als er ihnen verdankt. Ihnen wurde in ihm ein Herr und Meister geboren. Ludwig Holberg ist der erste Mann, dem Dänemark und Norwegen sich geistig

unterworfen haben. I.

gegen den Cultus des Genies gesprochen und geschrieben worden. Man hat In der neuesten Zeit

ist viel

gefunden, dass die von der litterarischen Kritik unter-

LUDWIG HOLBERG.

60

iiommeiien Analysen des Genies von der Last der Dank-

barkeit gegen dasselbe entbänden, indem sie Vieles in jedem Werk zu andern Urhebern als dem des Werkes zurückführten.

Man

hat das Genie für verringert, ver-

indem es als ein Erzeugniss seines Zeitalters und ein Ausdruck seines Volksstammes aufgefasst wurde. Man hat den Einfluss der grossen Männer für überschätzt gehalten. Alles wäre auch ohne sie erreicht worden, nur langsamer. kleinert angesehen,

Hierzu gesellt sich bisweilen,

besonders bei den

Vertretern und Anhängern der Demokratie, die Ansicht,

dass die Menschheit keiner leitenden Geister bedürfe, ja sich

am

besten ohne sie behelfe; der Glaube, mit andern

Worten, dass

sie sich

durch Zusammenlegen vieler ge-

wöhnlicher Tüchtigkeit und vieler begabter Mittelmässigkeit ersetzen lassen.

Aber

dieser

Hang zum

geistigen Ostracismus des

Genies, der durch das Studium der Naturwissenschaften

angeregt wird, und im üebrigen seine Nahrung von dem

gemeinen und dem feinen Neid erhält, hat in einer falschen Grundanschauung seinen Ursprung. Die Auffassung der Litteratur und der Kunst, nach welcher Ideen und Visionen in letzter Instanz von den Massen, dem Haufen herzuleiten sind '— eine Auifassung, welche von dem französischen Denker Taine formulirt

worden

ist,

der, obgleich in politischer Hinsicht ausge-

prägter Aristokrat, in diesem Punkte merkwürdig demokratisch gesinnt

ist

— hat seine Wurzel in einer allzulange

unterhaltenen Sinnestäuschung. Eine Idee, eine Kunstform, ein reformatorischer

Gedanke keimt

nie in

dem Haufen.

Selbst die Volkslieder des Mittelalters gingen nicht aus

dem „Volke'' hervor. Die Idee entsteht in dem einzelnen Mann, der über dem Haufen hervorragt und ihn zu sich hinanzieht. Er schafft sich langsam einen Kreis unter den Aufgewecktesten, besonders unter denen, die wie er angelegt sind, dieselben Neigungen, nur in geringerem

LUDWIG HOLBERG.

61

besitzen. Doch die Initiative geht immer von dem grossen Individuum aus, niemals von einem Publicum

Grade,

oder von einer Bevölkerung.

Besonders die Verhältnisse des Alterthums, welche die Gebildeten Europa's in der Regel vor den modernen

kennen

lernen,

haben die Denker der Gegenwart irre als die Verkehrsmittel wenig

Im Alterthum,

geleitet.

entwickelt waren und die Völker mehr für sich lebten,

bedeuteten die Herkunft und die Umgebung, welche mit

dem Geburtsland gegeben waren, neueren Zeit

ist es

In der

fast Alles.

anders geworden. Eine Litteratur des

Alterthums, wie die griechische,

ist

nothwendigerweise

ganz durch den Charakter des Volkes bestimmt, in dessen Mitte sie erstand, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil

ein

von anderen Nationen nicht So wird die Litteratur Griechenlands

Schriftsteller

die

beeinflusst waren.

von

einigen

repräsentativen Männern gegebener,

gedrängter Ausdruck der griechischen Cultur. In der neueren Zeit drückt eine Litteratur in der

Regel nur insofern den Charakter und die Eigenschaften eines Volkes aus, als das Volk im Stande gewesen ist, dieselbe zu

bewundern und sich anzueignen. Man kann immer darauf verlassen, dass

sich aber durchaus nicht

der grosse, allmählig anerkannte Schriftsteller ursprünglich ein

wesen

Ausdruck der Eigenschaften seines Volks ge-

ist.

Zuweilen zeigt sich seine Grösse

am

stärksten

eben darin, dass er die Eigenschaften des Volkes nach den

seinigen

umformt,

wunderung erzwingend, müther

indem

er,

langsam sich Be-

auf zahllosen

Wegen

die Ge-

beeinflusst.

Holberg ist ein Beispiel grössten Stils. Er ist kein Ausdruck der nationalen Cultur. Dieselbe war, da er als geistiges Individuum erwachte, sehr unbedeutend, stand hinter derjenigen Europa's zurück, konnte einem lernbegierigen, geschweige denn einem cäsarischen Geiste, keine hinreichende Nahrung bieten. Er stand ihr in

all

LUDWIG HOLBERG.

62

den Formen,

in

gegenüber; ihm sie

gering

bewussten

sie

ihm entgegentrat, fremd er schätzte

der naiven Gestalt der Volkslieder und

in

Volksbücher;

welchen

fehlte der Sinn für sie, ja

er

verabscheute

sie,

wo

und anspruchsvollen Form

sie sich in

der

der Pedanterie

und der Scholastik äusserte. Wie bildete er sich denn? Wie sich heutzutage so manch' anderer freier und bedeutender Geist bildet. Durch die Berührung mit anderen freien und bedeutenden Geistern, in Europa dünn zerstreut, wie es jene waren,

Büchern suchte oder deren Einfluss er der Atmosphäre fremder Länder vernahm. Seine gelehrte Bildung ist universell, vielen Menschen-

die er in ihren in

rassen und Völkern entstammend;

Bildung

ist

seine

künstlerische

Und was besondere

nahezu romanisch.



Aufmerksamkeit verdient: seine Geistesrichtung ist wie in meinem Werkchen „Ludwig Holberg und seine :

Zeitgenossen" näher erörtert obgleich der Classicismus



der reine Classicismus,

factisch

sowohl

gegen den

allgemeinen germanischen Rassencharakter, wie gegen die speciell nordischen Volkseigenschaften der Skandinavier streitet.

Deshalb bildet er zu seinen Lebzeiten keine Schule, sondern steht in seinem Zeitalter ganz allein, und wird nichtsdestoweniger der volksthümlichste Name in der Litteratur der beiden Länder, der

am

allgemeinsten an-

In einem Zeitraum von anderthalb

erkannte Meister. hundert Jahren hat er sämmtliche Gesellschaftsklassen Dänische und norwegische zweier Völker erobert. Volkseigenthümlichkeiten

haben

sich

bis

zu

gewissen Punkte nach den seinigen geformt. Er war nämlich völlig anders geartet

einem als

die

Es gab Niemanden,

anderen Nordländer der ihm gleich war, und er erinnerte an nichts Früheres Seine Bedeutung beruht zum diesen Ländern. in seiner Zeit.

grossen Theile hierauf.

LUDWIG HOLBEKG. Denn Eine sellschaft,

Gefalir droht

Eine geistige

63

immer der modernen Geunaufliörlich mehr

Pe^.t, die sich

und mehr verbreitet. Diese Gefahr, diese Pest besteht darin,

dass Alle einerlei werden,

Kreises, den ein

Land oder

dass innerhalb

des

eine Kaste ausmacht. Alle

einander und nichts als einander verstehen und dadurch

nach und nach

alle

zusammen Durchschnittsmenschen

werden, mit möglichst viel gemeinsamen Zügen, mit Vorstellungen und Vorurtheilen gemein, mit Lastern gemein,



mit Tugenden gemein

kleinen

Lastern,

geringen

Tugenden,ungeheurerMittelmässigkeitihnen allen gemein.

Zu den

grossen Wohlthätern

der Menschheit ge-

hören die Männer, die mit Erfolg versucht haben, sich

gegen den Strom zu stemmen, der im Leben der Gegenwart mit so reissender Kraft und Geschwindigkeit zum

Gewöhnlichen und Einartigen führt. Kurze Zeit vor Holberg's Auftreten hatte der Engländer Molesworth Däne-

mark mit den folgenden Worten gebrandmarkt: „Ich habe nie ein Land kennen gelernt, wo der Sinn der Bevölkerung mehr nach einem Kaliber und von einer Art wäre als hier. Man findet Niemanden mit ungewöhnlichen

Eigenschaften,

Niemanden,

der in besonderen

Studien oder Geschäften sich auszeichnet."

Holberg

ist

der grosse Stein,

Geschick Dänemarks

in die

der von dem guten

Mitte des Stromes geschleu-

Damm

gegen ihn abgab. Er schilderte seine Zeitgenossen wie sie waren, mit ihren Dummheiten und Schwachheiten, ihren Urtheilen und dert

wurde und der einen

Vorurtheilen, gab ihren Querschnitt und Durchschnitt, ihr Mittelmass in

kühnem

geartet

als

und ihre ^littelmässigkeit in starken Zügen,

Stil, in

hohem

seine Zeit,

Relief.

Er war

so

ganz anders

dass ihre Alltagsphysiognomie

ihm eine heitere Caricatur wurde. Und seine Absicht war nicht nur

die,

als Schilderer

zu unterhalten; nein, er wollte die Rasse als Moralist verbessern.

LUDWIG HOLBERG.

64

Holberg Völker.

der

ist

Er übernahm

Züchter der nordischen

grosse diese

Heerde und strebte Menschen

aus ihr zu machen. Er wirkte dadurch, dass er ihnen kräftige

und

Kost

reinigte die Luft

satirische

Peitschenhiebe gab; er

vom Aberglauben und

die

Wege von

den Schranken der Dummheit.

Andere mildere Geister haben

sich

bestrebt,

ein

neues besseres Geschlecht durch Liebe zu erziehen, es heranzulieben zuzüchtigen.

Holberg versuchte, das Geschlecht empor-

;

Er

ist

der grosse, einsame, lachlustige Zucht-

meister des Geschlechts.

Seine Bedeutung für

Dänemark

ist

deshalb

eine

älmliche wie die Peter's des Grossen für Eussland. führte Europa's Culturin sein

Land

ein.

Er

Fehlte ihm auch,

wie jenem Genie auf dem Throne Russlands, Sinn und Blick für mancherlei WerthvoUes aus der Vorzeit des Landes,

dieser Vorzeit,

mit welcher er brach, so be-

wirkte er doch gleichzeitig, dass das Land von nun an unter den Mächten Europa's geistig mitgerechnet werden konnte.

Er war heit,

ein Todfeind aller eingerosteten

aber er war

niclit

Gewohn-

deshalb ein Fürsprecher poli-

Er war wie der grosse Czar, idem er Jugend liuldigte, und wie der grosse Preussen-

tischei- Freiheit.

in seiner

könig, den er in seinem Alter bewundei'te, ein reformatorisclier Alleinherrscher, der die ersten

Umrisse einer

modernen Nationalität aus dem groben Material heraushieb.

Holberg ist der aufgeklärte Absolutismus in Dänemark-Norwegen. Es gibt zwei Arten hervorbringender Geister die:

jenigen,

deren

innerstes

Wesen

in Befruclitung anderer Geister,

Begabung

es ist,

sich an den Tag legt und diejenigen, deren

von den Ideen des Zeitalters

befruclitet,

dieselben künstlerisch in einer Gestaltenwelt herauszu-

formen. Die meisten modernen Dichter sind der letzteren

LUDWIG

65

den Ideen g-egenüber emi)fang-end. es allein, welche fast jeden kleinen

Art:

sie verlialten sich

Zum

Ersatz sind

sie

IIOLBERG.

Zug der Gestaltung hervorbringen. Mit Holberg verhält

hohem Grade Geist.

Er,

ein

es sich anders;

er ist in gleich

befruchtender und ein gebärender

der angelegt

war zu einem Herrscher und

Gemüther anderer Menschen, hat völlig als er gedichtet und geträumt hat. Er hat seine Ideen selbständiger als Andere hervorgebracht, und gleichzeitig war er abhängiger als Herrn über so viel

die

gedacht und gewollt,

heutzutage die Sitte erlaubt, mit Rücksicht auf Einzeln^ heiten der Formgebung.

Ausgezeichnete und gewissenhafte Forscher haben

von Rahbek an bis Olaf Skavlan, Legrelle und Hoffory mit grossem Eifer Alles zusammengesucht, was in der älteren und neueren Litteratur Holberg als Comödiendichter zum Muster und Vorbilde gedient hat. AVährend

man

zu Holberg's Lebzeiten ihm bisweilen sein Benutzen und Umformen epischer Stoffe und dramatischer Elemente übel nahm, ist man in neuerer Zeit nicht weit davon entfernt, ihm dasselbe zur Ehre anzurechnen. Es Die ist an sich weder ein Vorzug noch ein Fehler. Hauptursache dieser starken Benutzung der Vorgänger war die improvisatorische Eile, mit welcher Holberg seine Schauspiele in zwei kurzen Perioden seines Lebens ausarbeitete: die ersten sechsundzwanzig Comödien in



den Jahren 1722 1727, die letzten sechs in der Zeit von 1747 1754, also in einer solchen Hast, dass er ungefähr in drei Jahren nach einander jährlich nicht weniger als sieben seiner wichtigsten und besten Comö-



dien geschrieben haben muss.

Gleichwohl hat

man

in der letzten Zeit auf der

Jagd

nach Holberg'schen Entlehnungen von seinem Eifer sich ein wenig zu weit führen lassen. In der geringsten Aehn-

man Nachahmung gespürt; die Uebereinstimmung hat man als Beweis dafür

lichkeit hat

zufälligste

angesehen.

LUDWIG HOLBEKG.

f)6

dass Holberg ein einzelnes bestimmtes Vorbild gehabt habe; selbst in solchen Zügen, die mit Nothwendigkeit für verschiedene Bearbeitungen verwandter Stoffe

ge-

meinsam werden, hat man sprechende Zeugnisse gefunden. Ohne dem natürlichen Eindruck Zwang anzuthun, wird indessen kaum Jemand, wie es geschehen ist, die „Maskerade" von Regnard's „Le joueur" beeinflusst, oder den Misanthropen Moliere's, zuerst in „Der Wankelmüthige", später in dem „Philosoph in der Einbildung"

nachgeahmt finden. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass Holberg

als

Dichter der Erfindung älterer Zeiten stark verpflichtet ist.

Dafür

Grade

ist er,

als die

wie schon erwähnt,

weit geringerem

meisten anderen Poeten, ein Ausdruck von

Ideen, denen gegenüber er sich nur

Er

in

empfangend

verhielte.

wollte sich nicht damit begnügen, ein Spiegel seines

Zeitalters zu sein.

Er war

nicht damit zufrieden, in seiner

Kunst nach Künstlerweise eine flüchtige Erscheinung in einem bleibenden Bilde festzuhalten. Nein, er wollte diese Menschenheerde so aufzüchten, dass er die Rasse verbessei'te. Er wollte diesen Haufen von grossen Thoren, diese Bevölkerung von grossen Kindern solcherweise erziehen, dass die Thoren sich schämten und aus den Kindern reife ^Männer und Frauen würden. Er ist unter den grossen Skandinaven der Volkserzieher.

II.

Ludwig Holberg wurde am

December 1684 in Bergen, der aufgewecktesten Stadt Norwegens und der

am

.3.

wenigsten nationalen der beiden Reiche, geboren.

Die Hanseaten hatten hier ihr „Comptoir" deutsches und schottisches Blut hatte sich mit dem norwegischen der Bevölkerung vermischt, und holländische Sitte und ;

LUDWIG HOLBERG. Gebraiicli, Arbeitsamkeit

die

man

ßt

und Derblieit waren Vorbilder,

Nachahmung vor Augen

beständig zur

hatte.

Bergen war dazumal eine europäische Handelsstadt von Rang. Ludwig Holberg's Vater, Christen Nielsen, der, wie es scheint, den Namen Holberg nach einem Hof im Drontheim'schen angenommen hatte, war ein Officier, der, als Bauernsohn geboren, sich vom einfachen Soldaten zum Oberstlieutenant aufgeschwungen hatte, ein Zug, der auf seltene Eigenschaften und ungewöhnliche Tapferkeit

hindeutet,

des Heeres Adlige

fremdländisches

in

einer

wo

Zeit,

die Officiere

waren oder Eingewanderte,

Wesen ihnen

deren

eine Art von Adel verlieh.

Er war

ein Abenteurer, der in seiner

sischen

und

Jugend

venetianischen Kriegsdiensten

in malte-

gestanden

und aus Reiselust Italien zu Fuss durchwandert hatte. Von ihm scheint Holberg die Neigung, sich gründlich in der lust

Welt umzusehen,

im

Blute,

das

die

Unruhe und und

phantastische

die

Kampfes-

kriegerische

Element des Gemüths geerbt zu haben von der Mutter, Karen Lem, und ihren Verwandten hat er, dem Anscheine nach, „die Lust zum Fabuliren", wie auch den Witz und den lustigen Sinn als Erbe erhalten. Ludwig Holberg war von zwölfen das jüngste Kind. Nur ein Jahr alt verlor er seinen Vater, elf Jahre alt seine Mutter. Es liegt Etwas von der Frühreife und ;

der

Einsamkeit

Wesen und Er war

des

jung

Verwaisten

über

seinem

seiner Production. ein kleiner zarter Schulknabe, heftig,

er gereizt wurde, spöttisch,

wenn

wenn

er sich vertheidigen

Er besuchte in Bergen zuerst die deutsche Schule, dann das Gymnasium, lernte gut Deutsch in der ersteren,

musste.

gut Latein in der letzteren, langweilte sich aber schon als Kind bei den lateinischen Disputir-Uebungen, mit

welchen die Schüler vom Rector geplagt wurden. Im Jahre 1702 wird er Student der Universität zu

LUDWIG

68

IIÜLBEKG.

Kopenhagen, nimmt aber aus Armutli gleich eine Stelle an als Hauslehrer bei einem Prediger zu Voss in Norwegen, reist 1703 wieder nach Kopenhagen und macht im Laufe der nächsten Jahre sein philosophisches wie auch theologisches Examen, beschäftigt sich mehr mit Französisch und Italienisch als mit Metaphysik und Theologie, muss dann, arm wie er ist, abermals nach Norwegen zurück und von Neuem Hauslehrer werden, durchblättert hier zufälligerweise die Tagebücher, die der Herr des Hauses als junger Mann auf Eeisen geführt hat und wird dadurch selbst von heftigem Eeisetriebe ergriffen. Neunzehn Jahre alt zieht er hinaus auf seine erste Reise, einundzwanzig Jahre alt auf seine zweite. Auf seinen drei ersten, mit kurzen Zwischenräumen unternommenen Reisen bleibt er sechs und ein halbes Jahr fort.

Geld,

um

diese Reisen ins

Ausland zu unternehmen,

hat er nicht, aber er

hilft sich so

Wasser und zu Fuss,

ficht

gut er kann, reist zu

wie ein armer Geselle, oder

singt vor den Hausthüren, oder schlägt sich mit Musik-

unterricht (Geigenspielen), oder Spraclnmterricht durch,

oder er übernimmt die Stelle eines Hofmeisters. So sieht er Holland, England, Deutschland, Frankreich, Italien,

indem

er

sparsam

äusserst

Nothwendigkeit und

aus

äusserst diätetisch aus verständiger Rücksicht auf seine zarte Gesundheit lebt. lernt

Menschen

Er hat

eine

Menge Reiseabenteuer,

aller Gesellschaftsklassen

der verschiede-

den grossen fremden Bibliotheken. Denn sogar der Zutritt zu den Büchern war ihm im Norden sehr erschwert gewesen, und sein nen Nationen kennen und studirt

in

Wissenstrieb umfasste die Welt der Bücher, wie diejenige der Menschen.

Er

studirt

die Schriftsteller

des Auf-

und Grotius, Pufendorf und Thomasius, geleitet vom Drange, sein Gemüth von dem Staube gründlich zu befreien, mit welchem seine norwegische Schulbildung und seine Kopenhagener Univer-

klärungszeitalters

Bsijle

sitätscultur es angefüllt hatte.

LUDWK; Daheim

lebte

Orthodoxie, in

llOI.IiERG.

G9

und atlimete man noch in lutlierischer barbarisclien Aberglauben eines ver-

dem

gangenen Jahrhunderts,

und Holberg kehrt heim mit der Lust und dem Beruf, ein Schriftsteller im Dienste der Aufklärung zu werden. in theologischer Scholastik

pliilologischer Pedanterie.

Er

und Rechtsphilosoph und hat mit dem später so berühmten Juristen Andreas Hojer eine erste Polemik, in welcher debutirt

als

popularisirender

Historiker

Laune am frühesten hervorbricht. Nach einigen knappen Jahren, in welchen er zu tiefer Armuth hinabsinkt und armselige und demüthigende Unterstützungen annehmen muss zuletzt sogar aus dem Armengeld der Trinitatis-Kirche wird er an der Universität für das zufällig ledige Fach der Metaseine satirische





physik angestellt. Dieser Berufung für eine Wissenschaft, die für ihn keine Wissenschaft war, sondern als leeres

nebelhaftes

und

Wesen

ein

seines Absehens,

Gegenstand seiner Geringschätzung folgte er nur,

einer gesicherten Stellung bedurfte

gerade

Er

frei

weil er dringend

und weil dieser Platz

war.

selbst

kam

sich gewiss in dieser Stellung als

Metaphysiker aus Hunger, Metaphysiker gegen seinen Willen, tragikomisch vor.

Und nach und nach schärft sich nun sein Blick für um ihn her. Diese ganze Gelehrsam-

das Komische rings

keits-Anstalt, der er einverleibt, liches

Wissen ausgeschlossen

Theologie und

die

ist,

und von welcher nütz-

wo nur

die orthodoxe

formale Logik der damaligen Zeit

mit Eifer getrieben werden, steht vor ihm in komischem

Schimmer, im Glanz der Lächerlichkeit, und bald mit ihr das Schulwesen, das darauf vorbereitet, die Gelehrten,

die

daraus

die Küster

hervorgehen,

und Pfarrer,

die

Advokaten und Richter, und Aerzte,

die Philosophen

welche an ihren trockenen Brüsten die Pedanterie gesogen haben.

ein-

So kommt er nach und nach dahin.

LUDWIG HOLBERG.

70

dem

diese ganze Gesellschaft, das ganze kleine Land, er

angehört,

als

einer

züchtigenden und befreienden

Satire anheimgefallen zu sehen.

Und „Peder Paars" entsteht, dieses älteste spöttisch Wort über Dänemark, welches unter der Form,

witzige

Epopeen zu parodiren, und unter dem Anschein, einen Peter zu besingen, der, um seine Dorthe zu besuchen, eine Reise vornimmt, die Geistlichkeit, die Gerichte, den Kriegerstand geisselt, Spiessbürger und Pedanten, Bauern und Fischer, die Plackerei der Leibeigenen und die Plünderung der Gestrandeten, jegliche Dummheit und jeglichen Missbrauch stäupt und damit endigt, den Nutzen und das Recht des scharfen Spottgedichtes zu behaupten. Obgleich „Peder Paars" als eine That der Jugend die ganze Kraft der Satire gegen das ältere Geschlecht mit der Abgeschmacktheit ihrer Gebräuche, der Rohheit ihrer Gewohnheiten und der Welkheit ihrer Kenntnisse richtet und die Laster und Lächerlichkeiten des jüngeren alte

Geschlechts unbedingt schont, enthält das Stück doch eine

Schaar

ganze

der

bekannten

Comödienfiguren,

wie in den Windeln.

Mit reissender Geschwindigkeit folgen nun in den Jahren 1722 1724 mehr als zwanzig ausgezeichnete



Es ist, als ob die in Erwägung gezogene und am 23. September 1722 ins Werk gesetzte Eröffnung der nationalen Bühne die Schleusen für einen überströmenden Productionsdrang in Holberg geöffnet hätte. Schauspiele.

Von seinem

siebenunddreissigsten

vierzigsten Jahre muss er in

dem

fast

bis

zu

Fieberzustande des Schaffens verbracht haben, seinen

eigenen Körper empfindend, mit

stets sich

seinem

ununterbrochenen

kaum

einem Gefühl

erneuernder Klarheit im Gehirn, die bisweilen

zu einer Art von innerer Illumination sich gesteigert hat.

Trotz

all'

der AViderwärtigkeiten Holberg's mit

Theater, das den harten und aussichtslosen das Fallissement führte, trotz

all'

dem

Kampf gegen

der Verdriesslichkeiten,

LUDWIG HOLBERG. die

er

Eigenschaft

seiner

in

71

Professor ausstehen

als

musste, weil er sich auf eine so frivole Hantirung wie die,

Schauspiele

für die

Bühne zu

schreiben,

einliess,

Demüthigung, als Mitglied des Consistoriums dem unklugen und grausamen Vorgang gegen die an armen Studenten, die auf den Brettern aufgetreten waren, trotz seiner

theilnehmen zu müssen, wirklich oder scheinbar griffenen,

gewesen

muss

und



in

trotz des Hasses der

dies eine glückselige Zeit seines

sein, aller



den Schauspielen Ange-

Lebens

menschlichen Wahrscheinlichkeit nach

die glücklichste Periode desselben.

III.

Es

ist

zu bilden,

nicht leicht, sich eine Vorstellung darüber wie es in der Seele Holberg's ausgesehen

hat, zu jener Zeit,

wo

er auf ein

Mal den Henrik

leib-

haftig in der Gestalt eines Bergenschen Strassenjungen

aus

das

dem Staub alter Comödienflguren schuf, und Pernille, Weib nach dem Herzen dieses Mannes, aus einer

Kippen formte, damit sie ihm eine Hilfe sei als dem Kannengiesser seinen Ehrgeiz und dem Meister Gert seine Suada gab, die beiden grossen Popanze Tyboe und Menschen-Schreck formte, den Seeländischen seiner

;

er ferner

Bauern in Jeppe und den Jütländischen in Studenstrup malte und die unsterblichen Schattenbilder Ulj'sses und Chilian ausschnitt. Sicherlich sah es jedoch in seineminnern

Und

dem KopenhagenerPublikum seine prächtigen lärmenden Winterbilder

festlich aus.

fast gleichzeitig gibt er

aus der Provinz und der Hauptstadt in der

,,

Weihnachts-

stube" und „Maskerade" und seine lustigen Sommerbilder

von Stadt und Wald nach der Quelle".

in „Dereifte Juni"

Und während er mit

und die „Reise

wilder Ausgelassen-

dem gravitätischen Ernst seiner Schullehrer und Küster gehen lässt, legt er seinen ganzen Tiefsinn

heit sich in

LUDWIG HOLBER(;

72

in die Gestaltung der

ewigen Situation des „Erasmus

Montanus'' nieder nnd nimmt mit sicherem Selbstgefühl Rache an seinen Feinden in dem „Glücklichen Schiffbruch", welcher zugleich seine Selbstvertheidigung und

Kunst ist. Hätte man ihn gleich darnach bekränzt und im Triumph getragen, es wäre ein geringer Lohn und ein die Apotheose seiner

ohnmächtiger Dank dafür gewesen, was er in diesen Jahren seinen Landsleuten schenkte. Aber Triumphe hat Holberg nicht aufzuzeigen und

Kränze bekam er erst, als er in seinem Gi-abe lag. Obgleich Holberg in Wahrheit der grösste Dichter Dänemark's ist, darf Niemand erwarten, eine neue und tiefe Ansicht über Leben und Tod in seinen Schauspielen zu finden hielt er sich doch streng innerhalb der Be;

grenzung seines Talentes. Er hat es nie versucht, ein nicht-komisches Drama zu schreiben, und er hat überall den Charakteren, Lebensverhältnissen und Situationen ungefährliche, verhältnissmässig unschädliche, Ungereimtin

heiten gesehen.

AVas er auch hervorbringt,

Alles von der lustigen Seite.

Comödien

als die

Das Leben

er

Schaubühne hervor, auf der

Ueberfluss an Narren gibt,

theils

gutmüthige, theils blödsinnige,

nimmt

tritt in diesen

es einen

sympathische,

und auf der

tlieils

ein bestän-

zu Markte und Andere plagen, von Gecken, die ihre Einfalt preisgeben, von leeren Prahlern, harmlosen Lügnern, beschränkten Schuldiges

Treiben herrscht von Thoren,

kommen, von Dummköpfen,

die

die sich selbst

füchsen, thörichten Sonderlingen, possirlichen Fressern

und noch possirlicheren Säufern, von Langweiligen, deren Langweiligkeit amüsirt, von kleinen Heuchlern nnd plumpen, leicht gefoppten Schlingeln, von unwissenden abergläubischen Stümpern, dickköpfigen Spiessbürgern und Matronen, heirathslustigen alten Jungfern, Caricaturen von Charlatans, von naiven guten Köpfen, von verliebter

und

vergnügungssüchtiger

Jugend

beiderlei

LUDWIG HOLBERG.

73

Geschlechts, und ausserdem von Spassmachern, Schelmen

und Schalken. Das Leben, das

und SicliEutfalten des Wesens dieser Menschen, ihre Handlungen und Begebenheiten, ihre Wünsche und verschiedenartigen Begierden, ihre Pläne und Ziele, ihre Anziehung aneinander, ihr Unwille und ihre Schachzüge gegen einander. Der Tod kommt nicht vor, ebensowenig wie ernstes Unglück, ernste Krankheit oder Sorge, tiefe Leidenschaft oder wirkliches geisterung, oder

ist

das Sich-Aeussern

Verbrechen,

Kampf

oder

tragikomische

Be-

fürs Leben, oder rein geistiges

Streben nach Bildung und Einsicht, oder das Spiel starker Gefühle, oder die Begierde eines kräftigen, geschweige denn eines mächtigen Willens nach der Herrschaft.

Hier

Stimmung

kommt als

verhältnissmässig selten eine andere des

die

guten Humors zum Vorschein,

Zug von Wehmuth, nur ein einziges vom Rührenden. Und hier ist so zu Spur von Naturstimmung. Weder Jahres-

äusserst selten ein

Mal

ein Anstrich

sagen nie eine zeit

noch Tageszeit spielt irgend eine andere Eolle als

die rein äussere.

Die offene Strasse,

auf welcher die

Handlung so oft vorgeht, ist eine abstracto Scenerie. Niemals werden die Personen von einem Gewitter überrascht, niemals spürt man Regen oder Schnee, niemals fällt

ein Sonnen- oder

scheiben ins Zimmer.

Mondenstrahl durch die Fensterdes Regens einmal erwähnt,

Wird

so geschieht es nur, die Lächerlichkeit des illustriren,

Montanus zu

der sich aus gelehrter Zerstreutheit durch-

weichen Hess und sich seinen Mantel nicht ausbat. Das

Leben

hier ist bürgerliches Familienleben, oder Bauern-

leben, oder Schauspielerleben, oder Schriftstellerleben,

oder sonst irgend Etwas, aber es wird immer im Geiste des französischen Classicismus aufgefasst und nie

Leben

in oder

ist

deshalb

mit der Natur.

Dieses Leben, in welches der

Tod

nie eingreift,

und

aus welchem ernste Noth und Krankheit, ernste Leiden-

LUDWIG HOLBERG

74

Schaft und Schuld verbannt sind, ist nun so eingerichtet,

was dem Autor als Gerechtigkeit immer Genugthuung zu Theil wird. Es gibt vielleicht keinen optimistischeren Komiker Er scheint, so niedergeschlagen er auch als Holberg. persönlich sein konnte, den Optimismus als Beruf und Pflicht des Dichters betrachtet zu haben. Es geht immer dass

demjenigen,

erscheint,

über Diejenigen her, welche die Niederlage verdient

Und

haben.

welche

ist,

selbst

wenn

gerade die Tugend

es nicht

wie in der „Weihnachtsstube" oder

siegt,

„Der verpfändete Bauernjunge", so erhält der Gefoppte doch nur, was er für seine Beschränktheit oder Leichtgläubigkeit verdient hatte.

Die sogenannte poetische

Gerechtigkeit wird immer mit Eifer gehandhabt.

Das

liegt

Comödie

schon

dem Wesen der Holberg'schen

in

als Kunstart. Sie

geht in gerader Linie darauf

Lachen zu erwecken. Aber das Lachen, das über dem Gecken oder dem Schwätzer oder dem Heuchler aus, das

schwebt,

ist

Niederlage

schon

Strafe;

unglücklichen

des

Mantel

spanische

eine

die Stockprügel,

Bewerbers,

Werkzeug

(ein

der

oder

die

der

Criminaljustiz),

sind nur die einfache Consequenz jener Strafe, welche folgerichtig

um

einen

letzter

das Gelächter des naiven Publicums noch

Grad

Instanz

Der Genuss, den Holberg

steigert.

seinen

Zuschauern

bereiten

will,

in ist

derjenige der berechtigten Schadenfreude.

Die Welt, die er vor unsern Augen ausbreitet, daher eine

solche,

in

ist

welcher unendliche Unvernunft

sich frei herumtreibt, aber über welcher herrschend eine

Vernunft schwebt, die zuletzt die Unvernunft vernichtet oder



in

weniger hohem

Stil

keiten fertig wird und die ganze

Das Hauptvergnügen



mit allen Schwierig-

Bude

bei diesen

Ordnung bringt. Comödien besteht

in

deshalb darin, dass durch die Art, wie diese überlegene Vernunft

sie

gebaut sind,

während der ganzen Zeit ihren Kopf verlegt

Sitz in des Lesers oder Zuschauers eigenen

LUDWIG HOLBERG

75

ZU haben scheint. Unanfhöiiicli appellirt Holberg an das Ueberlegenheitsgefühl

des

Lesers

dem

dargestellten

Charakter oder der stattfindenden Situation gegenüber. zu Angesicht mit dieser Komik sitzt der ununterbrochenem Selbstgenuss, kommt sich

Von Angesicht Zuschauer

in

besser, verständiger,

einsichtsvoller, feiner vor als die

komischen Helden und Heldinnen, und geniesst entweder dieses sein Bessersein oder wie bei „Ulysses

von Ithaca"

Anachronismen und Ungereimtheiten) ausBesserwissen und seinen reinen Geschmack, der eine Folge desselben ist. Holbergs ungew'öhnliche Popularität beruht zu nicht geringem Theil darauf, dass es im Grunde genommen für frisch empfängliche Gemüther, wie sein erstes Publicum, und für die Durchschnittsmenschen der neueren Bildung überhaupt keine einschmeichelndere Art von Schauspielen als eine solch rein komische Kunst wde die seine gibt. Wenn es mit Recht gesagt werden muss, dass Holberg als Geist sein Volk gezüchtet und gezüchtigt hat, so muss es auch auf der anderen Seite hervorgehoben (mit dessen

schliesslich

sein

werden, wie unendlich einschmeichelnd sein Unterricht

und die ganze Form seiner Mittheilung an den Leser und Zuschauer ist. Er gehört nicht zu den Schriftstellern, nicht zu den Dichtern,

die

darauf ausgehen,

eigenes Nichts fühlen

gnügen darin

solle,

dass der

Leser sein

oder zu denen, die ihr Ver-

finden, ihre Ueberlegenheit über ihn her-

Ln Gegentheil, er wendet immer an jenen gesunden Menschenverstand, den er sicher ist, bei den Zuschauern zu finden, und zwischen den Zeilen scheint er immer zum Leser zu sagen: Du und ich, wir zwei, wir lachen über diese Thoren. Nur beim allerersten Hervortreten der Comödien konnte es geschehen, dass der Eine oder der Andere im Publicum, irgend ein Pedant wie Tychonius, auf den es wohl noch dazu direct abgesehen war, sich persönlich

vortreten oder ahnen zu lassen. sich

;

LUDWIG HOLBERG.

76

war das

getroffen oder verspottet fülilte. Bald darnach unmöglicli.

Selbst

Schwachheit

litt,

an

welcher

Derjenige,

derselben

selbst Derjenige, welcher ein

wenig zu

politischer Kannengiesserei neigte oder sich nicht frei

von „Jean-de-Francerie''

fühlte,

genoss als Zuschauer seine

Hermann von Bremen

unendliche üeberlegenheit über

oder Hans Frandsen, und wurde doch naturgemäss, nach-

dem

Comödie das Schwäche betrachtet hatte, darauf

er durch das Vergrösserungsglas der

lustige Zerrbild seiner

hingeleitet, seinen Fehler zu verbergen,

zurückzudrängen

oder wohl ganz und gar abzulegen.

Und was

die Schauspiele nicht so schnell

dem Ein-

zelnen gegenüber auszurichten vermochten, das bewirkten

langsam durch den stillen, stetigen Einfluss auf die eine Generation nach der andern. Mehrere von Holberg's entschieden moralisirenden

sie

Schauspielen gehören zu seinen ausgezeichnetsten. Aber dichterisch steht er

am

höchsten,

wo

er sich jenseits

der Pädagogik, jenseits aller Sorge über Erlaubtes und

Unerlaubtes bis zum Uebermoralischen erhebt. ist er so

in

den

göttlich

im Ulysses.

beiden herrlichen

Daher

ist

Culturbildern,

Daher

er so gross

der

kühnen

„Weilinachtsstube" und der übersprudelnden „Wochenstube". Künstlerisch betrachtet, in

Bezug auf dramatische

Architektur, stehen diese beiden Meisterwerke nicht hoch

aber in poetischer Hinsicht sind

sie unübertroffen.

Die

Beobachtungsgabe, die verschwenderisch reiche Fähigkeit zur Charakteristik, die über Alles sich hinwegsetzende Lustigkeit und der übermüthige Witz, der sich in diesen

beiden Figurengalerien aus einer fernen Vorzeit findet, stellt sie

nicht weit unter

Montanus und hoch über

viele

regelmässig angelegte und correct durchgeführte pädaz. B. „Das arabische Pulver", „Ohne Schwanz". oder Kopf und

gogische Comödien wie

LUDWIG

IlULBEKCi.

IV.

Komischen ist ein eig'enthümliclies dadurch entsteht, dass ein und derselbe Gegenstand auf einmal ein Gefühl von Lust und ein Gefühl von Unlust, ein angenehmes und ein unangenehmes Gefühl auf eine solche "Weise hervorruft, dass

Das

Gefülil des

Mischgefülil, welches

diese beiden Gefühle einander in Stärke nicht sehr ungleich

und das angenehme, durch das überwundene Unbehagen gestärkt oder gewürzt, die Oberhand behält. Wo Holberg nicht nur seine Zeitgenossen amüsirt hat, sondern noch heutzutage unterhält, da stehen die Lust- und Unlustgefühle, welche das Komische bei ihm erweckt, im richtigen Verliältniss zu einander. "Wenn er mit gewissen Stücken oder gewissen Einzelnheiten entweder das Lachen überhaupt nicht mehr erwecken kann, sind,

oder doch nicht mehr die feineren oder die conventioneil

erzogenen Naturen (die Damen, die jungen Mädchen) zum Lachen bringt, so beruht das darauf, dass in diesen Fällen, zum wenigsten diesen Zuschauern gegenüber, das innere Spiel

in

den Gefühlen allein

der Komik,

der Wettstreit

weggefallen und

dominirend übriggeblieben

das

zwischen

Unlustgefühl

als

ist.

Hier ein paar Beispiele von dem Bleibenden und dem Vergänglichen in seiner Komik. Die Trunksucht des Jeppe vom Berge ruft insofern ein Unlustgefühl

beim Zuschauer hervor, als jegliche Betrunkenheit einem entwickelten Menschen zuwider ist dieselbe ist aber



nicht allein unschädlich, ungefährlich; die

Bedingung für

das Entstehen einer komischen "Wirkung überhaupt

sondern

sie ist



höchst unterhaltend. Die Betrunkenheit

macht nicht nur Jeppe immer unzurechnungsfähiger, sie macht ihn witzig, schalkhaft, humoristisch, sie gibt sowohl seiner Naivetät wie der Schlauheit seines hellen Kopfes

einen Hochdruck und eine vermehrte Wirkungskraft.

Der

LUDWIG HOLBERG.

78

Zuschauer findet kaum Gelegenheit, unschön zu finden,

Und

bevor

den Trunkenbold

schon Interesse für ihn

er

was Jeppe

Ungereimteste, das als ungereimt missfällt, ist zugleich von einer gewissen Seite oder doch von seinem Standpunkt

gefasst hat.

Alles,

aus gesehen, so plausibel, sich als den passiven

dass es berückt.

Wenn

er

Tummelplatz des inneren Krieges

wenn

seiner Glieder schildert;

Magen und

sagt, selbst das

er versichert, dass sein

seine Beine nach der Schenke wollen, sein

Rücken aber

in die Stadt, so scheint diese pseudonaive Erklärung des Kampfes zwischen Lust und Furcht abwechselnd unmöglich und annehmbar, Albernheit und pfiftige Wendung, Fiktion und Symbolik, Deliriumsge-

schwätz und guter Spass,

dies Alles in blitzschnellem

Wechsel, bis der Eindruck des Komischen entsteht und bleibt, als ein dauerndes,

brochenes Gefühl,

Und

rhythmisch von Behagen unter-

das sich in Lachen Ausdruck gibt.

so verhält

es

sich

im

grösseren

Stil

allen

Charakteren gegenüber. Peter der Küster amüsirt unaufhörlich, weil seine naive Selbstsicherheit so solide ist,

Worten im

immer zum wenigsten gelingt es ihm, durch den formellen Zusammenhang zwischen seinen Vorstellungen und Gedanken uns dass sie seinen

ersten Augenblick

einen gewissen Nachdruck verleiht. Einige Sekunden

mit seiner Ansicht anzustecken, als

möglich aufzuzwingen

;

uns seine Auffassung

dann werfen wir

sie

wieder

aus unserm Bewusstsein durch einen Stoss des Lachens hinaus

;

sie

kehrt zur neuen Beschauung zurück, als be-

und vernünftig vom Gesichtspunkte des Küsters, verwandt mit Wendungen, die wir kennen und an die wir aus der Denkweise unserer Umgebung gewohnt sind, und wird dann abermals mit ruckweis wiederkehrendem Lachen zurückgestossen. Es geht so zu, wie wenn der Bär mit dem Kopf den Holzklotz zurückstösst, der in einer Schnur vor dem Bienenstock hängt; der Holzklotz bekommt seinen Stoss, der Honig wird genossen, greiflich

als

LUDWIG HOLBERG. kommt

79

wird wieder fortgestossen, und der Honig- hier ganz anders blitzartig abwechseln als in der Fabel, und dass es der Honig und nicht der Klotz ist, der zuletzt den Ausder Klotz

nur dass

wieder,

der Klotz

schlag gibt. In den entscheidenden Situationen in

tanus" beruht deshalb die

Wirkung

„Erasmus Mon-

darauf,

dass

das

Unbehagen, welches die pedantische Wichtigthuerei der Hauptperson hervorruft, sich im Vergnügen über Jacob's naives Durchhauen seiner Beweisgründe verliert, und namentlich im Genuss darüber erlischt, wie der Küster mit der ganzeuDreistigkeit des Unwissenden durch noch tollere Sinnlosigkeit, die im Kreise dieser Zuhörer Recht behält, die Paradoxen des Erasmus weit überbietet. Die Strafe, die hierin liegt, und die so dialektisch, so reich an innerem Widerspruch ist und die daher einen so grossen Apparat von Unlust- und Lustgefühlen in Schwingung setzt diese Strafe ist Strafe genug und die einzige angemessene. Die Stockprügel hingegen unterhalten uns nicht mehr, weil kein Spiel, kein Wett-



kampf zwischen den Gefühlen stattfindet, die sie hervorrufen. Es langweilt uns zu sehen, wie der Bursche Prügel bekommt, und die Brutalität der Prügel gibt ihm gerade das Recht, welches der Dichter ihm durchaus nicht ein-

räumen

wollte.

Dieses Hervortreten des Unlustgefühls

ist

ab und

zu den Comödien Holberg's bei der Nachwelt schädlich

gewesen. Bisw^eilen hat er sich schon selbst darin geirrt, dass er das Plumpe für das Witzige genommen hat (man kann z. B. nicht mehr über die groben lateinischen Schimpf Worte lachen, die Petronius dem Jacob von Tyboe für Ehrenverse

verkauft);

häufiger jedoch beruht die

Kälte des Lesers darauf, dass sein Nervensystem feiner ursprünglichen Zuhörer ist. Das Eine oder Andere kommt uns kindisch vor, was damals in gleicher Höhe mit den Voraussetzungen des Publicums stand oder

als das der

LUDWIG HOLBERa.

80

wohl gar ein gutes Stück über der Durchsclinittsliöhe lag. Hieran lässt sich nichts ändern. Der Fehler ist in diesem Falle weder Holberg noch uns zuzuschreiben. Die Schuld fällt auf die Zeitumstände, über welche hinaus

Kunstwerke sich niemals vollständig erheben. Was dagegen ausschliesslich der Fehler des modernen Lesers oder der modernen Leserin ist, das ist der Mangel an Bildung, der sich durch den kühnen Scherz zurückgestossen fühlt, die Prüderie, die selbst ausgezeichnete

Aergerniss nimmt,

die

Kohheit,

die

durch eine freie

Sprache ohne Schlüpfrigkeit gelangvveilt wird, lich die

schliess-

Farbenblindheit vor einer Grösse, die nicht in

dem gedämpften

farblosen

Gewände

unserer Zeit einlier-

schreitet, sondern das uns so ferne,

bunte Costüm des

beginnenden achtzehnten Jahrhunderts

träfft.

V.

Man dien, als

lernt

Holberg gründlicher durch seine Comö-

durch die Gesammtheit seiner andern Werke

kennen.

Wir werden

in seine Auffassung

darüber eingeweiht,

welches Verhältniss das geziemende zu allen Lebens-

mächten

sei

:

und erfahren, wie

er sich die verschiedenen

menschlichen Gemüthsbewegungen und Triebe in ihrer

Wirksamkeit und im

Streit mit einander vorstellt.

Derjenige, welcher sich

z.

B. einen Einblick in seine

Ansicht über Politik verschaffen

will,

erhält ihn durch

den „Kannengiesser", der so humoristisch den Nutzen politischer Specialkenntnisse verkündigt,

vom Berge"^

dessen

und durch,, Jeppe

ausgesprochene Absicht

es

ist,

gegen einen Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung zu warnen, für welche übrigens damals nicht zu fürchten war, und dessen Moral ein wenig ungeschickt kommt, weil der arme Jeppe selbst keinen Augenblick in

LUDWIG HOLBERG.

81

Wirklichkeit daran gedacht hat, sich die siebenspitzige

Freiherrnkrone aufs Haupt zu setzen.

Es sind besonders die Handwerker und Bauern, in deren Hände die Macht zu legen, Holberg unmöglich findet. Aber „Don Ranudo" zeigt, dass der Gedanke an eine Adelsaristokratie ist ein

ihm ebenso fern

lag.

Seine Politik

treuer Ausdruck und directer Ausfluss der Befreiung

von jeglichem Adelsdruck und der von demselben ausgehenden kindlich vertrauensvollen Uebertragung der Alleinherrschaft auf den König. Besonders in „Ohne Kopf und Schwanz", in „Hexerei", des Bürgerstandes

dem „Arabischen Pulver" findet man Holberg's Verzum Glauben und Unglauben ausgesprochen. Das erste Stück erscheint als eine Verherrlichung der rechten Mitte zwischen dem Hange, alles Uebernatürliche zu glauben und alles zu leugnen. Er zeigt darin, wie die Neigung zum Aberglauben in ihrer Leidenschaftlichkeit dem Missbrauch von Betrügern, und wenn der Betrug entdeckt wird, wieder dem Umschlag in

hältniss zur Eeligion,

zur entgegengesetzten Aeusserlichkeit ausgesetzt

ist,

und

durch ein anderes Beispiel, wie der principielle Unglaube, der nicht der Ausdruck einer erkämpften Ueberzeugung, sondern einer mit allen Schwierigkeiten er zeigt

leicht

fertigen Frivolität

ebenfalls

ist,

schwachen Füssen steht, und sich Bigotterie verwandeln kann.

Er

auf

äusserst

in die scheinheiligste

legt seine eigene Ansicht, die er als den Ver-

nunftstandpunkt betrachtet, eine Skepsis, wagt, principiell zu leugnen, in den langweiligen Person Ovidius. Es

ist

die es nicht

Mund

der leider

ihm hier noch weniger

gelungen, sein Abbild auf der Bühne interessant zu

machen,

man

als in

dem „Glücklichen Schiffbruch". Aber wenn

bedenkt, dass Holberg,

obschon den meisten Ge-

spenstergeschichten gegenüber völlig

ungläubig,

nicht

unbedingt wagte, die Existenz von Gespenstern zu leugnen, ja sogar sich einbildete, selbst ein Gespenst gesehen 6

LUDWIG HOLBERG.



ZU haben, eigenen

so

Wesen

man glauben besseres Ausfall

man,

verstellt in

dem

sollte.

mehr von seinem

dass

bhitlosen Ovidius

„Hexerei",

ein

steckt,

unendlich

als

viel

ist ganz und gar ein lustiger den Aberglauben als den damaligen

Schauspiel,

gegen

Hauptfeind der Cultur und der Kunst. Die Ansichten Holberg's über Poesie und besonders über das Wesen des Schauspiels liegen klar zu Tage in dem „Glücklichen Schiffbruch'^ und in „Ulysses" weniger deutlich treten sie in „Melampe" hervor. Er legt grosses ;

Gewicht auf die

sittliche

Sendung der wahrheitsliebenden

Satire und überschüttet in gleichem Masse mit seinem

Spott das affectirte Tragödienpathos und die Spectakelphantastik mit ihrer Vernachlässigung aller Gesetze der

Wirklichkeit und aller Regeln des Classicismus. In der animalischen Welt, die der menschlichen zu

Grunde liegt, und auf welche sie gebaut ist, sind der Hunger und die geschlechtliche Liebe die zwei grossen Grundtriebe. In der Gesellschaft, wie wir sie in unserm Jahrhundert kennen, sind Geldgier, Genusssucht, Streben nach Macht und Ansehen die uns begegnenden Grundtriebe,

welche die vielen komischen, tragischen, rührenden

und abscheulichen Schauspiele,

die

uns das Leben

zeigt,

veranlassen.

Holberg sieht die Gesellschaft nicht

so.

Möglicher-

weise war sie auch zu seiner Zeit insofern nicht gleicher Art,

als die

Concurrenz unendlich viel weniger scharf

war. Die Begierde nach Geld spielt eine verhältnissmässig geringe Rolle in der Welt seiner Comödien. Sie beseelt

den einen schmutzigen Schlingel Rosiflengius, den alten Heuchler Jeronimus in „Pernille's kurzem Fräuleinstande"

und eine Menge armer Leerbeutel und Oldfuchse: sie ist Henrik nicht fremd, am wenigsten dem Kannengiesserlehrling, obgleich sie nicht einmal bei Henrik als geschmeidigem Lakai besonders hervortritt. Bei Polidor,

dem

einzigen, der in Liebe

zum Golde

aufgeht, verliert

LUDWIG HOLBERG.

83

ganz in der Hoifnung auf eine magische Gewalt

sie sich

kraft der Alchymie.

Da immer

es

dänische Naturen sind,

echt

schildert,

d. h.

die

schwache und spröde,

Holberg die statt

des Willens nur Stetigkeit und statt der Leidenschaft

nur Eitelkeit liaben, nicht Wille

zur

ist

das Leben in seinen Schauspielen

Macht

(Nietzsche).

giesser seufzt nach Macht,

Nur der Kannen-

doch für ihn

ist

das Er-

reichen derselben auch fast nur Sache der Eitelkeit.

Eindruck hat Holberg augenBedeutung der Geschlechtsliebe als Triebrad in der Weltraaschine empfangen. Er hat nicht nur, theilweise aus Rücksicht auf eine ihm unentbehrliche Einen

viel tieferen

scheinlich von der

dramatische Convention, fast allenthalben das Verlangen zweier Liebenden

nach Vereinigung zum Mittelpunkt

seiner Schauspiele gemacht, sondern seine Stücke sind

von kühnen und derben Anspielungen auf das Geschlechtliche so durchzogen, das man sieht, wie seine Phantasie von dem Thema erfüllt, ja überfüllt gewesen ist. So schwer es ihm auch fällt, eine feinere oder reichere und tiefere Erotik darzustellen, so wohl bewandert zeigt er sich in Allem, was die Art von Liebe berührt, welche

Tapet kommt, wo Dienstmädchen und Knechte, Domestiken und Bauern, Kleinbürger und Handwerker, Ochsenhändler und Schauspieler, Spassmacher, Dirnen und alte Weiber ihrer Rede freien Lauf lassen. Er benutzt mit voller Rücksichtslosigkeit die Sprache der damaligen Strassen und Wohnzimmer, ja der Gesindestuben und Küchen, nicht so, dass man jemals den Eindruck bekommt, als wäre er selbst eine stark sinner ist das so wenig, wie eine liche Natur gewesen zärtlich erotische sondern so, dass man den humoristischen Beobachter herausfühlt, der Bescheid weiss und der, obschon selbst in seinem persönlichen Leben völlig ausserhalb des Spieles, auf das ganze Treiben mit höchst wachsamem Blick für die komischen Seiten desselben aufs





6*

LUDWIG HOLBERG.

84

immer zu einem Lächeln oder einem Scherz

herabsielit, bereit.

Höchst interessant

es

ist

nun zu beobachten,

mit

welcher Bestimmtheit Holberg, obgleicli er erst nahe den Vierzigen Schauspiele zu schreiben anfing, indem grossen Process zwischen den Trieben der Jugend, ihrem ver-

Hang, ihrer Vergnügungssucht und der

liebten

dem

verkleideten Ohnmacht,

als

mürrisches

als

Moral

Wesen

sich

formenden Ernst des Alters überall und hartucäckig, auf jedem Punkte, Partei für die Jugend nimmt. Leonard sagt in der „Maskerade": „Er wird ja

schon

Wären wir

und

ebenso,

unseren Rücken nicht eher zukehrte.

werden,

ehrbarer

Jugend

unserer

in

zu,

jetzt

als

sie

so munter

Wir waren

Schwager. wir

kehrten

den

ihrigen

und niuthig

Welt

der

vorher uns als

wie vor

zwanzig Jahren, so gingen wir auch auf die Redouten.

Wenn

wir unsere Kinder der Lustbarkeiten wegen, die wir doch selbst in

unseren jungen Jahren geliebt,

Alters halber nicht scheint es, als

mir just

und geübt haben, nun aber

mehr mitmachen können, verfolgen wollen,

ob wir ihnen darum neidisch wären.

für, als

wenn

Tanzen verfluchen

einer, der

so

Das kommt

Hühneraugen am Fuss

hat,

das

wollte."

Ein anderer nordischer Dichter,

der in gleichem

Alter wie Holberg schriebe, würde in der Eegel weder

wie sein Henrik noch wie sein Leonard denken oder reden, sondern wie sein Jeronimus, da,

am würdigsten

Man

dieser seiner Creatur.

Schreck"

die Scene

wo

dieser sich

Aber Holberg steht hoch über

zeigt.

lese in „Dietrich

Menschen-

zwischen Jeronimus und Henrik:

Henrik: Sollte sich ein Vater nicht in seine Fussstapfen tritt? zählt,

darüber freuen,

Hat Herr Jeronimus

dass er in seiner Jugend ganz närrisch

einem vornehmen Frauenzimmer im Auslande?

dass sein Sohn nicht

selbst

er-

war vor Liebe zu

:

LUDWIG HOLBEKG.

85

Jcronimus: Darfst

Du

mir vorwerfen, dass ich

Iluiul

Henrik: Weit davon

erwähne

ich

entfernt,

würde

des Herrn Jeronimus, denn ich

dieses nur

zum Ruhme

vier Schillinge für

nicht

einen jungen Menschen geben, der keine Liebe fühlt.

J

in

selbst

ni

er

Liebe und Liebe sind

mus

zweierlei

Fehler, aber ich habe meine

Ich habe

Dinge

meiner Jugend grassat gelaufen;

ich

bekenne meinen

Sünden bereut und Pönitence dafür

gethan.

Henrik: Monsr.

Leander

wird

auch

Pönitence

thun,

wenn

er

alt wird.

Regelmässig- legt also Holberg

durch den älteren

toleranten Bürger oder durch den lebhaften aufgeweckten

Diener seine Sympathien für freude an den Tag.

das Recht

der Lebens-

Selten oder niemals dagegen hat

er vermocht, die Naivetät in ihrer göttlichen Reinheit

und Einfachheit Convenienz und Heuchelei entblössen zu lassen. Die Pseudonaivetät muss bei ihm, wie bei La Fontaine, immer die wahre Kindlichkeit ersetzen. Jacob in „Erasmus Montanus" kommt ihr am nächsten, aber selbst er ist doch äusserst schlau und bewusst. Holberg, der bisweilen

— wie in

der ,,Weihnachtsstube'^

— Kinder

auf die Scene bringt, verstand es nicht, den naheliegenden Vortheil aus ihrer Naivetät zu ziehen. Li diesem Punkt fühlt

man den

Hagestolz,

der

zu keiner beständigen

täglichen Beobachtung Anlass hatte. Die Kinder wieder-

holen

bei

ihm mechanisch und komisch die armselige

Weisheit ihres Schulmeisters; aber von dem Urverstande der Naivetät,

der

oft,

Nagel auf den Kopf

so

trifft,

sicher wie

unbewusst,

den

hat der grosse dichterische

Repräsentant des Verstandes keinen Gebrauch zu machen gewusst.

LUDWIG HOLBERG.

86

Was dem modernen

Leser bei ihm besonders auf-

jedoch das Folgende

Nicht von Menschen, die und komischem Wettstreit nach Geld und Geldeswerth, nach groben oder feinen Genüssen, nach beständigerem oder flüchtigerem Glücke, nach Ansehen und Macht jagen, sah Holberg die Welt erfüllt, sondern von Menschen, die fast alle und durchgehends für etwas Anderes oder mehr gelten wollen als das, was sie sind,

fällt,

ist

:

in rastlosem

oder aus

die

aus Dummheit (wie Peter der Küster) oder

und Einige wollen nur scheinen, wie

Eigensinn (wie Vielgeschrey)

ungereimt betragen.

sich

verrückt

Jean de France, Jacob v. Tyboe, Don Ranudo oder Jeronimus in „Die honnette Ambition/' Andere (Kannenwelche die giesser, Jeppe) sind arme Unwissende, Situationen, in die sie gebracht werden, nicht verstehen.

Wieder Andere sind Sonderlinge, wie die Wankelmüthige oder der Goldmacher; oder sie haben eine Manie, Avie Gert Westphaler oder eine fixe Idee, wie der eingeMit einem Hahnrei in der „Wochenstube''.

bildete

Wort,

es sind die intellectuellen Thorheiten, die logischen

Ungereimtheiten, für die Holberg's Auge und Gemüth

empfänglich sind. Dieser Ausschnitt zugsweise

vom Weltall

erblickt.

ist

Ihm

es,

den er vor-

erscheint die

Welt

nicht von Leidenschaft erfüllt, nicht schlecht, nicht gut,

nicht gross

und sublim, auch nicht

fürchterlich

und

schreckeneinflössend, sondern ungereimt und schnurrig, eine

Herberge für Thoren, darum des Lachens werth.

Lächerlich

ist

sie.

Sie der Lächerlichkeit preisgeben,

das heisst also ihren Werth richtig schätzen und

ihr

mit ihrer eigenen Münze zahlen.

duWelt stetiger Bornirter und eingebildeter Thoren undpossirlicher Maulaffen undeinfältig wichtiger Pedanten

Schwarz und in Roth, auf die Bretter sollst du Einen Tanz sollst du tanzen, über den du dich wundern wirst — nach dem Bogen des einsamen Geigers! Ja nach dem Spiel seiner Saiten sollst du tanzen,

in

!

!

LUDWIG HOLBEßG. du Landsmann,

87

Du Hans und du Peter, du Und du holde Landsmännin, du Ingeborg Bleideckerin, du Anna

o du

Narr

!

Easmus und du Ranudo! wie du heissest,

Kannengiesserin, du Arianclie ßuclidruckerin,

du Else

Sclmlmeisterin und ihr Barbaras und ihr Dortheen, o ihr

charmanten Zweibeinigen

!

Ihr

sollt

dazu gezwungen

werden, euer Innerstes herauszukehren, damit Jedermann all

das Nichts sehen kann, das euer einziger Inhalt

ist

Eine Welle von Gelächter, breit und mächtig wie eine Wasserfluth^

soll glatt

und eben, aber unwiderstehlich

über das Land hingleiten, Euch bespülen, untertauchen, baden, reinigen und überall ihr scharfes Salz absetzen.

VI.

Und

so

stand durch das Machtgebot des Genies

die dänische Schaubühne da. Und das Volk kam und wunderte sich und lachte und zürnte, verstand hier und da etwas, ging vergnügt und vergesslich fort, betrachtete

das dänische Theater wie ein Vergnügungslokal weniger

dem Gedandas Publicum dem gegenüber

feinen Ranges, vermochte nicht sich bis zu

ken emporzuschwingen^, dass auch eine Pflicht habe, die

Pflicht, es zu unterstützen

aufrecht zu erhalten, und sah es mit Gleichgültigkeit

und

am

Rande des Bankerotts schwanken, wieder und wieder auf eine Zeitlang geschlossen werden,

um

schliesslich

nach nur vierjähriger Existenz solcherart zu unterliegen, dass es am 25. Februar 1727 mit Holberg's wehmüthig lustigem „Das Leichenbegängniss der dänischen Comödie" seine Wirksamkeit endgültig abschliessen musste. Ein Jahr darnach machte der grosse Brand in

Kopenhagen möglichkeit.

jegliche Theatervorstellung

Vom

zu einer UnJahre 1728 an und während der ganzen

Regierungszeit Christian's VI. herrschte der geistliche Einfluss uneingeschränkt,

und Schauspiele wurden von

— LUDWIG HOLBERG.

88

den Tonangebenden bei Hofe und in der Gesellschaft als ein gegen die gute Sitte streitendes Aergerniss betrachtet.

Wie

innerlieh sich auch Holberg mit

Schauplatz verbunden fühlte, er musste

dem dänischen

als

dramatischer

Dichter verstummen.

„Dies

ist

etwas einzig Dastehendes.

umher suchen, um denke vergleichsweise an

Man mag

weit

Man Kämpfe Moliere's, um

etwas Aehnliches zu finden.

„Tartuife" auf die

die

Bühne zu

bringen, oder an das jahre-

lange, energische Streben des Beaumarchais, „Figaro"

aufgeführt zu sehen. Hierin

ist

Etwas, das einen Dichter

anspannt, etwas BegeisterndeSjElektrisirendes. Aber einem

Volk eine Litteratur, eine Bühne schenken, seine hervorragendste, eigentliche Wirksamkeit im Alter von siebenunddreissig Jahren eröffnen, um schon vier Jahre darnach ihr Leichenbegängniss feiern zu müssen, nachdem die Trauerglocken im Grunde die ganze Zeit mit

Ausnahme des liat

ersten halben Jahres geläutet haben

;

jemals eine geistlose Regierung im Verein mit einem

unreifen Volk einem blühenden Genie, geschweige

dem

Hauptschriftsteller eines Landes schlimmer mitgespielt ?

Andere grosse Dichter haben mit Armuth, mit Feinden zu kämpfen gehabt sie haben, rein äusserlich genommen, weit mehr gelitten und ganz anderes Uebel erduldet. Aber wo findet sich ein Seitenstück zu diesem ? Holberg hat sei:

nem Lande das erste lesenswerthe Gedicht geschenkt, führt dann



gleichsam

gelegentlich,

bloss weil

ein, schreibt als

paar



eine im Lande Anfang zwei Dutzend

Schauspieler ein Gebäude errichten

ganz neue Kunstart

ein

]\Ieisterwerke, steht in seinem kräftigsten Alter, einige



und man

zwanzig Jahre aus seinem Leben als dramatisclier Schriftsteller, sage zwanzig Jahre Der Pietismus schickt sein dramatisches Genie in vierzig Jahre alt

streicht

!

die Besserungsanstalt zu zwanzigjähriger gelehrter Strafarbeit,

sperrt

es

ins

Zellengefängniss,

zur Einsamkeit, zum Schweigen! Es

verdammt

sieclit

es

denn auch

LUDWIG HOLBERG. hin

;

89

aber so lebenskräftig, so mittheilungsbedürftig

ist

dieser Genius, dass er, sobald er aus seinem einsamen

Kerker, geschwächt wie ein durch die Haft ergrauter

Gefangener, freigelassen wird, sich mit der untrüglichen

von Neuem dem Theater

Sicherheit des Instinctes

wendet

— und

zu-

mit zitternder Greisenhand entwirft Hol-

berg seine letzten Figuren und Scenen für die Bühne". Holberg, der zeitig

zum

historischen versetzt

ausschliesslich

dem

^

vom metaphysischen Lehrstuhl worden war, gab

sich

nun

fast

wissenschaftlichen Studium hin, und

wirkte als Verfasser historischer, populär philosophischer

und journalistischer Arbeiten. Er gab seine Geschichte

Dänemarks

heraus,

seine Kirchengeschichte,

verfasste

seine Geschichte von Helden

und Heldinnen, seine Be-

schreibung der Stadt Bergen,

seine Moralischen

Ge-

danken, die in dicken Bänden erschienene Reihe seiner Episteln

u. s.

w.

und schrieb (jedoch

lateinisch)

Eine kühne Dichterwerk „Niels Kliem", sophisch-allegorischen

Roman, der

einen

das

philo-

indirect durch Schil-

derung der Lebensweise phantastischer Gesellschaften und abenteuerlicher Völker dasjenige, was in Dänemark für das unbedingt

Gebührende

galt, relativ

machte und

ein ironisches Licht darüber fallen Hess.

„Niels Kliem" erinnert,

durch den Unwillen, den und durch die Weise, auf welche er eine Gruppe, (die letzte) von den dramatischen Erzeugnissen Holberg's vorbildet, an die Rolle, welche „Peder Paars" in Holberg's Jugendproduction spielt. Wie seiner Zeit die Vornehmen und die Gelehrten Rostgaard und Gram sich bemüht hatten, Peder Paars zu unterdrücken, so er hervorrief

Verbot gegen

Bluhme und Pontop„Niels Kliem" ausge-

Zum Glück

für Holberg scheiterte

ereiferten sich jetzt die Hofpriester

pidan dafür,

ein

fertigt zu erhalten.

diese letztere Bestrebung wie die erstere.

'

Und wie „Peder

Georg Brandes, „Ludwig Holberg und seine Zeitgenossen", S.237.

LUDWIG HOLBERG.

90

Paars" schon die Umrisse zum Kannengiesser,

dem

Westplialer, Peter

Gert

Küster, und die ersten Anlagen

zuPernille, Dietrich Menschen-Schreck, Philemon enthält,

ebenso veranlasst „Niels Kliem" theils direct, theils durch

von Lucian und Anderen, die Holberg wegen Romans unternahm, entweder den ganzen Plan

die Studien

dieses

oder doch zahlreiche Einzelnheiten der Schauspiele aus

seinem Greisenalter: „Philosophus in der Einbildung", „Sganarel's Eeise in das

Land der Philosophen",

„die

Republik" und „Plutus".

Es war im Jahre 1747,

als

das Theater nach der

Thronbesteigung Friedrichs V. von Neuem eröffnet wurde, dass Holberg der

kinder schenkte

;

Bühne

die letzte Brut seiner Geistesim Vergleich mit den von Gesundheit

strotzenden Sprösslingen seiner Jugendzeit, bleiche Kinder eines gealterten Vaters.

Ihr Erfolg

ist

wahrscheinlich nicht gross gewesen,

hatte sich doch der neue Geschmack sogar von seinen

Jugendwerken abgewendet. Das

einfältig verfeinerte Pu-

blicum fasste das Verhältniss so auf, als hätte sich Holberg

jenem Moment überlebt, wo der Entwicklung fehlte, damit sie zu der Höhe gelange, auf der man angefangen hat, ihn voll-

schon

in

noch ein halbes Jahrhundert

ständig zu verstehen.

Wie wurde

Meliere

von Destouches verdrängt worden,

Holberg

von den deutschthümlichen theils von dem neufranzösischen Lustspiel mit dessen stattlicher Ehrbarkeit verdrängt. Man stiess sich daran, „Henrik in jetzt

Volksschauspielen

theils

mit ihrer Scenerie,

der Kannengiesser-Comödie auftreten zu sehen, mit un-

gekämmtem Haar und Holberg's letzte

„Man

Daher sind

blossen Händen".

Episteln

voll

von bitteren Klagen:

wirft unsere Originale auf die Seite"

;

„man

zieht

ihnen schlecht zusammenhängende Marktschreier-Stücke vor." Die letzten Worte, die wir aus seiner Feder besitzen, sind die letzten Seufzer seiner

Qual

:

„Man

fragt

LUDWIG HOLBERG. nicht

mehr darnach, ob

ausgearbeitet

91

ein Schauspiel gut oder schlecht

sondern ob es mit Gesang und Tanz

ist,

Schriftsteller kann jetzt und Keiner fürchtet sich davor, seine Arbeit vergeudet zu sehen, wie mager, elend und schlecht zusammenhängend sie auch sei." (Die 539., letzte Epistel, nach seinem Tode gedruckt.) schliesst

Ein

Comödien-Schreiber

jeder

agiren,

Selbstverständlich müssen sich in jenen Jahren Viele

gefunden haben, die seine Bücher mit Interesse lasen, sonst

wäre der verhältnissmässig starke Verkauf derAber während seine Schriften

selben nicht zu erklären.

im Begriffe standen, Volksbücher zu werden, genoss er weder bei den Kindern der Welt noch bei den Schriftgelehrten das Ansehen,

das er so reichlich verdiente,

geschweige den grossen Ruhm, der jetzt so lange nach seinem Tode seinen

Er

Namen

umstrahlt.

hatte schon in einem ziemlich jungen Alter seine

Biographie unter der Form

„Dreier Episteln an einen

berühmten Mann'' herausgegeben, nicht vollendetem Latein abgefasst.

in

lebhaftem,

Man

aber

verdachte ihm

sowohl die kleinen Fehler seines Lateins wie den Umstand, dass er die Oeffentlichkeit mit seiner eigenen Person unterhielt, warf ihm Selbstlob vor und beschul-

digte ihn der Absicht,

die

Herzen durch Klagen über

seine Feinde rühren zu wollen.

Mit seinem Hange, so viele Fächer wie möglich zu umspannen, und überall eine Uebersicht mitzutheilen, hatte er ausserdem bisweilen in seinen Schriften, in

seinem

schreibung

Werk,

statistisch-topographischen

Dänemarks

und

Norwegens",

mit

wie „Be-

dem

Historischen, besonders der Geschichte des nordischen

Alterthums, es etwas zu leicht die Beschuldigung

genommen

gegen ihn nahe,

haupt an Gründlichkeit

;

dadurch lag

dass es ihm über-

fehle.

Schliesslich war er durch seinen Widerwillen gegen den Autoritätsglauben und sein Festhalten an der Vernunft

LUDWIG HOLBERG.

92

dem Kern der Religion wie der Moral,

als

als

Freidenker

verdächtig, und das umsomelir, je stärker die religiöse

Reaction sich geltend machte.

Er hatte schon Die

niedergelegt.

Gram

längerer Zeit seine Professur

seit

scharf kritische

Methode,

welche

in die Geschichtsforschung eingeführt hatte, ver-

mochte er nicht sich anzueignen er hatte zu seiner Zeit mehr als Lehrer und Schriftsteller, denn als Forscher und Gelehrter, mehr durch den erklärenden Ueberblick ;

durch das analytische Eindringen gewirkt. Deshalb

als

verliess

er,

sodald er

in der historischen Kritik

sich

Dänemarks und vertauschte seine Professorenstellung mit dem Amte überflügelt

sah,

das Feld

der Geschichte

eines Quästors.

Er war

ein tüchtiger

Finanzmann



in

eigenen wie



fremden Angelegenheiten. Er war der erste und ist wohl noch bis jetzt der einzige dänische Schriftsteller,

in



der sich durch seine Schriften ein Vermögen erworben hat.

Er

gut,

Terslösehof,

legte es in Grundbesitz an, kaufte sich ein

auf

dem

er die

Land-

Sommerzeit zu ver-

bringen pflegte, Hess sich dreiundsechzig Jahre

alt,

vom

König Frederik V. zum Baron erheben und vermachte testamentarisch sein ganzes Capital an Grundbesitz und baarem Gelde der neuen Akademie in Soröe, sogar dergestalt, dass die Akademie noch bei seinen Lebzeiten den Niessbrauch

der

Zinsen

hatte.

So war

er

auf

Weise und bis in seine letzten Jahre ein Wohlthäter seines Landes und Volkes. Es scheint, dass ihn bei dem Gesuch um Erhebung

jegliche

in

den Freiherrnstand derselbe ehrgeizige Trieb geleitet

hat,

der ihn sein Leben lang dazu anspornte, sich in

den verschiedensten Fächern zu versuchen, immer

eifrig

bemüht, sich auf jeglichem, innerhalb seiner Fähigkeit auf welchem Andere Er wollte Baron sein, um es Weise einleuchtend zu machen.

liegenden Gebiete auszuzeichnen, sich hervorgethan hatten.

auch auf ganz äusserliche

LUDWIG

IIOLBERG.

93

dass er durch eigene Kraft und Klugheit sich aus einer

unscheinbaren gesellschaftlichen Lage und aus ärniliclien Verhältnissen bis zu einer Höhe hinaufgeschwungen hatte, die das ragte.

Niveau des gelehrten Standes im Norden über-

Er

wollte,

dass

man

die schöne Litteratur in

seiner Person geadelt sehen sollte; es hat ihn als eine

Art Rache über die Verächter und Feinde des Theaters befriedigt.

Seinen grossen Meister Moliere hatte

man

wie einen heimathlosen Zigeuner behandelt und ihm ein ehrenhaftes Grab verweigert.

Er wollte ihnen

dass ein Comödienschreiber sich gleichen die ein adeliges

Wappen

Rang

zeigen,

mit Denen,

führten, zu sichern vermochte.

Ein blosser Titel würde ihn nicht gereizt haben, aber da er schon dem Besitze nach Freiherr war, d. h. da er reichlich so viel

Land

besass, wie zu einer Baronie

dem Namen nach sein. Empfindenden Verwunderung und Anstoss erregt hat, ist nur, dass Holberg nicht zu stolz war, um diese Auszeichnung zu wünschen. Es berührt ein wenig peinlich, dass er solche Würde als commensurabel mit Verdiensten wie den seinen betrachtete. Doch ist es wiederum völlig ungereimt, einen andern Massstab an Holberg in jenen Tagen zu legen, als man, noch dazu so viele Jahre später, an Goethe, Schiller und Victor Hugo legt. Niemand hat es sonderbar gefunden, dass Goethe und Schiller sich in den Adelstand erheben Hessen, Wenige haben es Hugo verübelt, dass er sich zum Pair von Frankreich ernennen liess. Interessant ist es zu sehen, dass Holberg in dem erfordert wurde, wollte er es auch

Was

bei einigen feiner

Wappen, um dessen Bewilligung

er

nachsuchte,

seine

dichterische Wirksamkeit und nicht seine gelehrte Schriftstellerei als seine hauptsächliche Berechtigung zum adeligen

Rang keit

geltend gemacht,

und dass

er die

Aufmerksam-

Abstammung hinzulenken Die Tanne in seinem Wappen bedeutet

auf seine norwegische

gewünscht hat.

augenscheinlich Norwegen,

wie

die

Leier

die Poesie,

LUDWIG HOLBERG.

94

während

Namen

der hohle

Berg selbstverständlich auf den

anspielt.

Es war zu erwarten, dass man Holberg seine Aufnahme in den Adelstand zur Last legen würde. Man berief sich gegen ihn auf sein Schauspiel „Die honnette

Ambition", obgleich keine Aehnlichkeit zwischen seinem

dem von ihm verspotteten zu finden ist. Holberg musste sich sogar während eines Processes, den er Fall und

mit einem betrügerischen Verwalter führte, darin finden, dass

man über

auch

die Person, welche

seinen Baronstitel Witze machte; denn

den Verwalter

in jener Rechts-

sache vertrat, war Verwalter und hasste ihn wegen der

gegen seinen Stand

vielen Ausfälle

in der

„Beschreibung

Dänemarks und Norwegens", wie auch in den Comödien. Er versagte es sich daher nicht, in seiner Eingabe den dessen eigenem „Jeppe vom Berge" zu vergleichen, der als Baron seinen Verwalter examinirt, ihn gehenkt sehen will, und der auf die Frage baronisirten Dichter mit

was ihm Böses zur Last gelegt würde, „Bist du nicht Verwalter und Du noch? Trägst Du nicht silberne Knöpfe?"

des Verwalters, einfach fragst

antwortet

:

Dieses Beispiel *

ist

nicht

das

einzige

dafür,

wie

wenig Ehrerbietung Holberg in seinen alten Tagen erzeigt wurde und die, welche man ihm spendete, war mehr ofiiciell als gefühlt. Ein Franzose, ein Herr Beaumelle, der in Kopenhagen eine kleine klatschhafte Zeitschrift in französischer Sprache „La Spectatrice Danoise" herausgab, machte sich zum Organ der Ansichten, die man in der eingebildet feinen Gesellschaft über Holberg hegte. Er griff" ihn unter dem Namen Plautiberg an, um ihn dadurch der unerlaubten Benutzung von Situationen und Charak;

teren des Plautus zu zeihen.

Plautiberg Avird von Beau-

melle als Derjenige bezeichnet, „der in allen Gattungen schreibt und sich in keiner einzigen auszeichnet, sondern

zugleich als Humanist, Philosoph, Schöngeist, Theolog,

LUDWIG HOLBERG.

95

Epigrammatiker, Eeclitsgelehrter, Historiker und Moralist sicli

durch Plagiate bereichert".

beschuldigt,

in

Und Holberg wird

dafür

seinem Urtheil über seine Landsleute

und über Franzosen wie Destouches, sich nur vom Neid leiten zu lassen, indem es über ihn heisst, „dass er die Werke Anderer und insonderheit die der Fremden herabsetzt, weil seine eigenen. Dank dem guten Geschmack, nicht mehr gelobt werden". Unter diesen Umständen kann sich keiner darüber

wundern, dass Holberg's Lebensanschauung eine dunklere Schattirung erhielt, als

wo

sie in seiner

Jugend gehabt

hatte,

das Lachen ihm half, seine Sorgen zu verscheuchen.

Zehn Jahre vor seinem Tode schrieb er (in den „MoraGedanken") „Die guten Tage, so ich im Leben

lischen

:

der grösste Theil meines Kümmerniss, Krankheit und Mangel an alledem, was die Welt Gutes nennet. Wenn Andere mehr gute Tage zählen können, soll es mir lieb sein denn ob man gleich sich in immerwährender Qual befindet, soll man Andern ihr kurzes Vergnügen hatte, sind leicht gezählet-,

Daseins

ist

hingegangen

in

;

nicht raissgönnen."

Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in strenger

Zurückgezogenheit, nach Vermögen sich von der Welt absperrend,

deren Dankbarkeit und Treue er kennen

gelernt hatte.

Er

an derselben Sparund arbeitete mit demselben Fleiss, durch welchen er sich als Jüngling ausgezeichnet hatte. Seine Gesundheit war immer schwach gewesen. Nun litt er an immer wiederkehrenden Kopfschmerzen und hektischen samkeit

hielt bis zuletzt

fest

zuletzt in Schwindsucht übergingen. Die Musik, die ihn sein ganzes Leben zerstreut hatte, erfreute ihn nicht mehr wie vorher. Er suchte Trost in Studien,

Anfällen, die

Beschäftigung mit Sprachen des Alterthums, in welche sich zu vertiefen ihm früher die Zeit oder (wie in der

dem

Altnordischen

gegenüber)

das Interesse

gefehlt

LUDWIG HOLBERG.

96

hatte, aber er fühlte mit

Wehmuth,

dass seine Fähig-

zum Er starb in seinem siebzigsten Jahre nach Mitternacht am 28. Januar 1754. Der Eindruck, den dieser Todesfall machte, war gering. Die Bevölkerung Kopenhagens war gleichgültig. Es gab keine Trauer der Gemüther, und keine dem Todten würdige Aeusserung über die Bedeutung des Verlustes wurde gehört oder erschien. Nur Wenige verstanden, dass es der grösste Mann Dänemarks und Norwegens war, der jetzt auf der Bahre lag, und noch geringer war die Zahl Derer, die Etwas dabei fühlten. Nicht einmal von der Bühne her, welche Holberg geschaffen hatte, wurde seines Scheidens aus dem Leben erwähnt, während neun Tage später ganz Kopenhagen in Aufregung über den Tod der jungen, leichtLernen verringert war.

keit

fertigen Schauspielerin,

Studenten trugen

sie

Jungfer Thielo,

gerieth

:

Die

zu Grabe, und ein grosses Leichen.

gefolge aus allen Ständen

legte von der allgemeinen Trauer Zeugniss ab. Als dagegen am Ende des Jahres die Leiche Holberg's von Kopenhagen nach Soröe zur Beisetzung gebracht wurde, bestand das ganze Trauergefolge aus den zwei Bauern, die den Leichenwagen

fuhren.

Ungefähr fünfundzwanzig Jahre später Hess die Akademie von Soröe in

der Stadtkirche über Holberg's

Sarg ein von Wiedewelt ausgeführtes Denkmal errichten. Eine wirklich gute Statue von ihm ist in Dänemark niemals errichtet worden. Das einzige ihm würdige Denkmal, welches bis jetzt existirt,

ist

dasjenige, welches er

sich selbst in der Dänischen Schaubühne geschaffen hat.

Man kann

auf dieses

Werk

ein

Wort anwenden,

welches in einer anderen Sprache über ein anderes Werk geist: In jedem Dänen und Norweger, der lesen gewinnen Holberg's Comödien einen Leser mehr.

sagt worden lernt,

3.

Adam Oehlenschläger Aladdin. (1886)

I.

ehlenschläger's Märcliendrama „Aladdin"

ist

der

Ausgangspunkt des neueren dänischen Geisteslebens, der Grundstein, über dem das Gebäude aufgeführt

ist,

welches

die dänische Litteratur in der

ersten Hälfte dieses Jahrhunderts ausmacht.

In der

allgemeinen litterarischen Autfassung

des

Nordens bezeichnet Aladdin ausserdem die Thronbesteigung der Phantasie, und unter Phantasie versteht

man

das poetische Erfindungstalent, das Oehlenschläger

vor Holberg und den Dichtern des vorigen Jahrhunderts voraus hat.

Während Holberg bekanntlich in

die ältere Litteratur

grossem Umfang benutzte, und in der Eegel nur den

aus fremder

Hand empfangenen Stoff belebte, bezeichnet man annimmt, die freie Einbildungs-

Oehlenschläger, wie

kraft, die eigentliche dichterische Production. Phantasie

war

ja die

Losung der Romantik.

man indessen ein altes dänisches Buch aus dem Jahre 1758: „Tausend und Eine Nacht, worin auf Oeffnet

7

ADAM OEHLENSCHLÄGER ALADDIN.

98

:

eine ergetzliclie

Weise

arabische Historien und

allerlei

wunderbare Ereignisse, wie auch g'leichermassen anziehende Liebesgeschichten erzählt werden" — die Quelle, welche

Oehlenschläger

Ausarbeitung

der

bei

seines

„Aladdin" vor Augen gehabt hat dann wird man sehen, dass er hier genau so wie Holberg sich die Grundlage :

seines Stückes

Zug

für

Zug angeeignet, und

hinsichtlich

der Fabel so gut wie gar nichts verändert hat.

Fast

keine der Begebenheiten, keine der Hauptpersonen, ja nicht einmal eine der Nebenpersonen sind von ihm selbst

Er haucht dem

erfunden.

alten

Märchen einen neuen

Geist ein, seinen eigenen und den seiner Zeit, aber von

Erfindung

freier

ist

wenig vorhanden. Meis-

hier bitter

tens folgt er seiner Quelle Satz für Satz, Zeile für Zeile

mit solcher Genauigkeit, dass

wenn

er,

thunlich, dieselben

Ausdrücke benutzt, sogar an solchen Stellen, wo kein rechter Sinn dabei herauskommt. Es ist deshalb viel leichter, die

Züge anzugeben,

die

man

Oehlenschläger

selbst verdankt, als diejenigen aufzuzählen, die er aus

dem Märchen aufgenommen hat

Hinzugedichtete

das

hat. ein

Und

selbstverständlich

grosses

psychologisches

Interesse.

der

In

ersten Hälfte

des „Aladdin",

derjenigen,

welche mit der Hochzeit des Helden und Gulnare's endet, sind

die

folgenden

wesentlichen Züge

hinzugedichtet

oder umgedichtet.

Aladdin erzählt, wie er als angehender Schneider den jungen Mädchen Mass genommen hat. Dieser Zug lllustrirt

die

vollblütige Sinnlichkeit

seiner jugendlichen Natur.

und

Er betrachtet

Lebenslust

ferner die Be-

erdigung seines Vaters wie ein anderes Schauspiel. Das zeigt die Sorglosigkeit seiner trägen Natur, die sich durch

nichts

in

ihrer Fröhlichkeit stören lässt.

leichtsinnige Sanguiniker, durch

Er

ist

der

und durch sanguinisch,

durch und durch leichtsinnig, aller Empfindlichkeit bar.

Die folgende Einzelheit hat etwas mehr zu bedeuten.

ADAM OEHLENSCHLÄCiEK: ALADDIN. In „Tausend und Eine Nacht"

ist

99

Aladdin einfach der

Sohn des Schneiders Mustafa. Oehlenschläger hat dies verändert. Aladdin ist bei ihm ein illegitimer Sohn, den Morgiane während ihrer Ehe dem Emir AI Mamon gehören hat. Ganz glücklich ist diese Erfindung insofern nicht, als sie erstens nicht sonderlich mit

der Morgiane übereinstimmt,

dem Charakter

wie er sich bei Oelilen-

dem Märchen entnommene Idee des klugen Nureddin, sich für Mustafa's Bruder auszugeben, um als Oheim Aladdin's in die Familie aufgenommen zu werden, etwas zweifelhaft macht. Denn gerade nachdem Nureddin die Vermuthung Aladdin's über seine unregelmässige Abstammung hat aussprechen schläger entfaltet, zweitens die

hören, nähert er sich ihm als legitimer Onkel.

Diese Aenderung des Stoffes

ist

romantisch.

Sie

Ausbruch der jugendlichen Schalkhaftigkeit Oehlenschlägers, die sich daran ergötzt, den Helden als Kind der Liebe einzuführen. Demnächst ist es ein Versuch' zu erklären, wie es zugeht, dass ein Schneiderkind das Blut in seinen Adern hat, das so grosse Schicksale ist

ein

möglich macht. Reminiscenz.

Schliesslich liegt

In

dem

Vorbild Oehlenschläger's war, beitete,

darin vielleicht eine

Schauspiel, welches das nächste als er sein

dem „Kaiser Octavianus" von

Werk

Tieck,

ausar-

welches

im Verhältniss zwischen der Mutter Susanne und dem Sohne Florenz etwas hat, das an dasjenige zwischen Morgiane und Aladdin erinnert, ist der alte Clemens nur Pflegevater, und alle häuslichen Conflicte entstehen daraus, dass der vertreib

und

Hang

ritterlicher

des Sohnes zu fürstlichem Zeit-

Hantirung

in

dem Krämergeist

des Elternhauses Widerstand findet.

Doch nur

hier zu

Anfang der Dichtung entfernt

sich

Oehlenschläger absichtlich und übermüthig von der in

Dänemark herrschenden Moral. Je mehr

die Arbeit fort-

und frommer wird er. Noch ein kleiner feiner Zug, der hinzugedichtet

schreitet, desto bürgerlicher

7*

ist

ADAM OEHLENSCHLAGER ALADDIN.

100

:

und uns direct in den Mittelpunkt des Schauspiels verdient Erwähnung.

führt,

In „Tausend und Eine Nacht" kennt der afrikanische

Zauberer ganz genau den Ort, wo die Lampe zu finden aber ihm ist es nicht gestattet, sie selbst dort fortzu-

ist,

nehmen. „Dergleichen musste ein Anderer verrichten".

Darum macht

ihm den Dienst zu

Worin tigen,

diese

hält, ,,das

aber fähig sein könnte,

den er von ihm verlangt".

leisten,

Lampe zu bemäch-

die Fähigkeit, sich der

wird nicht gesagt; es finden sich nur „Der afrikanische Zauberer verstand sich

besteht,

Worte

:

ausserordentlich alle die

den er für ein

er sich an Aladdin heran,

unbedeutendes Kind

Zeichen

und fand deshalb die ihm von

auf Physiognomien

in Aladdin's Angesicht,

Nöthen waren." Hier hat Oehlenschläger die berühmte Scene hin-

wo

zugedichtet,

der

die Apfelsinen in den

Knaben hinabgeworfen

Averden.

Haufen

spielen-

Nachdem Aladdin

zweimal aufgefangen hat, fallen sie das dritte Mal in seinen Turban. Wie der, welcher zweimal schon vom Glücke begünstigt, es das dritte Mal „mit auf dem sie

Rücken gebundenen Händen

in seinen

Turban

offenbart sich Aladdin vor Nureddin als das

lockt",

brauchbare

Werkzeug.

Und hier stehen wir beim Grundelement des Charakund an der Schwelle zu dem Ideenleben, womit Oehlenschläger aus seinem eigenen Innern das Märchen ters

ausstattete.

Was

ist,

was bedeutet Aladdin

?

Auch ohne eine in dem Epilog direct gegebene Andeutung würde man verstanden haben, dass es zwei Stellen gibt, in denen die

nämlich da,

wo Nureddin

Haupterklärung zu finden in

dem

ist:

alten Folianten liest,

und da, wo der Geist des Ringes dem Aladdin das Leben erklärt.

;

ADAM OEHLENSCHLAGER: ALADDIN.

101

Nach einer Einleitung ohne besonderen Tiefsinn, die nur darauf ausgeht, dass äusserst Wenige als ob es irgend Einen gäbe das Glück ganz besitzen, folgen





schöne und empfundene Verse, die wortgetreu in Prosa

„Der heitere Sohn der Natur

übersetzt so lauten:

ist

dem Glück am Nächsten. Das, wonach der nächtliche Grübler fleissig forscht, wenn die Sonne im fernen Westen sinkt, das findet er mit Leichtigkeit durch ein Wunder." Betrachtet man, rein philologisch, dieses Gedicht in

man

Terzinen, so entdeckt lichen Stil-Mysticismus

eigentliche romantische

ständlichkeit

Der Ausdruck strebt nach Unver-

dem Verstände,

er will

;

sofort darin den eigenthüm-

der deutschen Romantik.

mantik

d.

h.

Darum

aufgeklärten, undurchdringlich sein.

dem

platten,

liebt die

Ro-

und indirecten Ausdrücke für das Wunderbare, solche Worte wie abenteuerlich, bewundealle directen

:

rungswürdig, ewig, heimlich, geheimnissvoll, heilig, himmlisch, seltsam, bezaubernd, räthselhaft, unbegreiflich, unmittelbar, unbekannt, unendlich, unsichtbar, unsagbar, seltsam,



Wunder, wundern, Wunderwirkung, Wunder-

wundervoll

sonderbar,

Wunderwerk,

wunderbar,

blume, Wunderkraft, Wunderkind.^

Das

Wort

erste

des Gedichtes

lautet:

„seltsam".

Seltsam sind des Glückes Gaben rings vertheilt.

Dann

„Wunder": „Das Glück ist ein Wunder", und „Das Glück ist unbegreiflich" und „unmittelbar".

folgt

ferner

Aladdin

ihm ein

fällt

ist

also der erkorene Liebling des Glückes

das Glück im Schlafe zu; er findet es durch

Wunder,

weil

es

sich

andere Weise gewinnt

man

Man

erreicht es durch die

wirkt

diese

Aber was 1

Man

romantischen

Lampe

ist sie

ihn

verliebt hat.

Auf

Lampe, und nach aussen hin

bekanntlich

wie

eine

Allmacht.

an sich?

vergleiche Stil.

in

das Glück überhaupt nicht.

Hermann

Leipzig 1878.

Petrich: Drei Capitel

vom

ADAM OEHLENSCIILAGER: ALADDIN.

102

Liest

mau man

das Gedicht „Die Stimme der Lampe,"

Antwort und begegnet wieder den Grundgedanken und Stichworten der Romantik (der

so erhält

Lampe Lampe

der u. s.

die

dem „Himmellicht" der

„Heiligthümer", w.):

Erst stieg Prometheus auf, jetzt steigt er nieder

Und

raubt das Licht, des Lebens Blüth' und Kraft;

Und Odin durch Gunlöda's Liebe wieder Den schönen Trank

sich aus

dem

Hier wird es also erklärt, glückbringende Allmacht, funkens es

und

sei,

im Epilog,

Berg' verschafft.

dass die Lampe,

Uebereinstimmung hiermit

in

„Das Licht

Hier

heisst

sie sei selbst, die

geheimnissvolle Urkraft,

Die Alles wirkt, Avas Leben und Glück

ein

diese

des Prometheus-

das Licht

ist folglich

heisst."

der träge Strassenjunge von Ispahan

neuer Prometheus

geworden,

das Schosskind des

Glückes zu der grossen Lichtgestalt verwandelt. recht passt dies noch nicht zu

So

dem Aladdin, der vor

dem Bewusstsein des dänischen Volkes steht. Aber dann folgen die beiden letzten Zeilen mit ihrem plötzlichen barocken Sprung in die mythische Phantasie des nordischen Alterthums zurück: ein anderer Odin bekommt den Trank, und der Trank ist natürlich der Meth Suttung's, welcher die Dichtergabe gibt. Das Ganze ist also Allegorie.

Der Fund von Aladdin's Lampe

ist

ein

davon, wie der geniale Dichter sein Genie entdeckt und den Besitz all seiner Fähigkeiten ergreift. Sinnbild

Aladdin

ist

dann nicht nur der Liebling des Glückes, Das Gedicht oder genauer

sondei-n er ist das Genie,

:

ruht auf der Auffassung des Genies, sei



eine

Seite

der

Sache;

denn

dass es glücklich einige

grössten Genies auf Erden, Michel Angelo

z.

von den waren

B.,

vielleicht niemals glücklich, nicht einmal mit ihrer Arbeit

;

ADAM OEHLENSCHLAGER: ALADDIN.

Das Gedicht ruht demnächst auf der Auf-

zufrieden. fassung-,

103

das Genie vollbringe Alles ohne

Mühe

— eine

halbe Wahrheit, die zur Vervollständigung Buffon's tiefer

Worte

dass

bedarf,

Aladdin

ist

endlich

das Genie eine lange Geduld nicht das Genie

ist.

im Allgemeinen,

nicht einmal die Künstlernatur im Allgemeinen, sondern speciell

das

romantisch

dichterische

poetische

Genie,

Genie,

noch

welches

genauer: als

das

das

einzig

wahre geschildert wird. Die Lampe, die glückbringende Allmacht,

die eben wie Oehlenschläger selbst in seiner Lebensbeschreibung sagt: Die dichterische Fällig-

das Licht war,

ist also,

durch die er zum Besitz

keit,

Schätze der Welt

aller

gelangte. Diese Fähigkeit wird mithin anscheinend als

Spenderin der wahren Einsicht aufgefasst ist ja

das Heiligthum der Natur



— die

Lampe

und die Phantasie

scheint das einzige anerkannte Licht sein zu sollen.

Im Gegensatz Forschung,

die

hierzu ist Nureddin die

schwere Sphinx,

die

grübelnde

dem Fluge der

schönen Chimäre nicht folgen kann: Mir ward gegeben mit scharfsinnigem Geist Ins Inn're des Naturalls tief zu schau'n

Das

äuss're

Werkzeug

bin ich aber nicht.

Das äussere Werkzeug ist hier, wie in der ersten Dichtung Oehlenschläger's, „Die goldenen Hörner", das Naturkind, körperlich kräftig, vollblütig und klaräugig. Doch weiterhin im Gedicht wechselt Nureddin den Charakter, er wird nach und nach immer mehr verringert. Wenn der Geist des Ringes, von der Lampe redend, sagt „Einer hat das Aeussere, das man Glück nennt, ein Anderer :

das Innere, das Geist genannt wird, vereint sind sie der

höchste Schmuck des Lebens", so läge es nahe,

durch

Bestimmungen auf Aladdin und Nureddin geführt werden, besonders in Nureddin Geist ohne Glück zu diese

verkörpert

zai

sehen; aber in der Folge dieser langen

ADAM OEHLENSCHLAGER ALADDIN.

104

:

Replik verwandeln Alles.

Er

Aladdin hat

sich die Charaktere.

und

nicht nur das Glück, er ist die Kraft,

ist

Nureddin wird als der „Leere und Eitle" bezeichnet, der sich mit unfruchtbarem Fleiss, mit muskelschwachem

Arm

aufwärts zu kämpfen versucht. Er

terie,

zum Neid geworden;

zur Pedan-

ist

er ist jetzt

die reine Nie-

und Kleinlichkeit, die auf das Selbsterworbene pocht, und denjenigen hasst, der mit einer glücklichen Natur geboren wurde. So muss auch verstanden werden, was der Kaufmann drigkeit

zu Nureddin über Aladdin's Palast sagt: „Einer baut langsam auf und schrabt aus allen Ecken und Enden die Materialien ist

zusammen ... Er übereilt sich nicht; dann wird es wieder

etwas zu schlecht gemauert,

heruntergerissen

.

.

Ein Anderer,

.

als

sich selbst heraus

und rastet

Gebäude ein

fertig dasteht.

vernünftiger

zieht Alles aus

bevor das ganze

nicht,

Und

Mann

das

ist

sonderbarer,

ein

Spinne geboren,

komischer Kauz,

gethan,

während anzündet

Morgenpfeife

seine

und raucht." Dies

ist nichts

Vorstellung

vom

Anderes

Genie,

als Oehlenschläger's

dass

zeichen desselben folgende sind

aus sich selbst hat

welchem

(und

die :

feste

wesentlichen Kenn-

erstens, dass es Alles

das in

diesem Gedicht,

er seine Quellen so stark benutzt)

die Schnelligkeit, mit welcher es arbeitet

;

in

demnächst

— eine wichtige,

aber doch immerhin secundäre Bestimmung.

Was

Oehlenschläger indessen besonders behaupten

will, ist die

Naivetät des Genies. Es

Grosse und Ausgezeichnete kindlich Dichtkunst,

welche in

dem

ist naiv,

ist.

weil alles

Als die dänische

klassischen

Zeitalter

nationalen Erinnerungen und Mythen verschmäht

die

liatte,

sich durch ihn der Götterwelt, der nordischen Helden-

und Ritterzeit zuwandte, schilderte mit Vorliebe

den

Kampf

er in diesen

der Kraft,

am

Formen

liebsten

der

naiven Kraft gegen List, und schleichende Schlauheit.

ADAM OEHLENSCHLAGER: ALADDIN. Wesen war

In ihrem

Das Genie

Und sowohl ist

Thor

die Kraft naiv.

denn

naiv,

ist

105

ist naiv.

es ist die liöcliste Kraft.

historisch wie psychologisch interessant

der Menschenwelt und während des Eindringens der

die neue Betrachtungsweise

der Menschenseele,

die

in Dänemark entsteht. Im vorigen Jahrhundert war

Romantik

der gute Bürger, der

nützliche Staatsbürger das Ideal gewesen.

Genie,

sogar

die

grössten Dichter

wie

Sogar das

Holberg und

Ewald, kannten kein höheres Lob als das, gute Bürger gewesen zu sein. Jetzt, da der dänische Staat sich aufzulösen anfängt, entsteht eine neue und nationale Auf-

fassung des Genies. Es wird als isolirte Persönlichkeit ausserhalb

der Gesellschaft und

Die Auffassung wird zugleich licher.

des Staates

tiefer

gedacht.

und überschweng-

Für Holberg war das Genie der derbe, wahrheits-

liebende und streitbare Schriftsteller gewesen, wie er in

dem „Glücklichen Verfolgern

um

Schiffbruch^'

ihn herum



auftritt

mit

all

seinen

eine einfache, gut bürger.

liehe Auffassung des Genies.

In die Zwischenzeit zwischen Holberg und Oehlen-

schläger

fällt

Goethe's Auftreten,

seines Meisterwerkes

über

für lange Zeiten das gewichtigste

darüber. Faust

ist

und das Fragment

das Genie, genannt Faust,

Wort

der Menschheit

das Genie als Forschergeist, das die

Natur und den Menschen kennen und erkennen will, das nach einem Wissen strebt, welches mehr als Stückwerk ist,

Alles umfassend, universell; nach einem Lebensge-

fühl, so gewaltig,

dass es sich niemals einen Augenblick

der Rast denken

kann, und nach einer Macht über Gegenwart und Vergangenheit, die keine Grenzen kennt. Es war eine schwierige, anscheinend unmögliche Aufgabe, eine Dichtung über das Genie nach „Faust" zu schreiben. Die späteren Dichter haben nur vermocht, die skizzirten Züge weiter auszuführen, z. B. dadurch, dass

sie,

wie Byi-on, das Qualvolle und Genusssüclitige

ADAM OEHLENSCHLAGER: ALADDIN.

106

im Ausdruck, den Zug des Weltschmerzes, vertieften und verdüsterten. Aber vollständig umzukehren, eine ganz neue, trotzig naive Definition des Genies zu geben, das

war Oehlenschläger vorbehalten.

„Nein'', sagt Oehlen-

schläger, „nicht der forschende, nicht der strebende Geist ist

das Genie. Fleiss und Forschen, Streben und Arbeit

machen es nicht aus. Dem geborenen Sohne des Glückes, dem die gute Gabe des Genies zugefallen ist, ihm fallen auch alle anderen guten Gaben des Lebens ohne Mühe zu." Und Faust wird degradirt. Er wird hinabgedrückt zu dem bleichen, gelehrten Zauberer, der vieles weiss, aber nichts vermag, und der in dem schönen, grossen, rothwangigen Knaben, den er zum Werkzeug benutzen will, bald seinen Herrn und Meister findet.

II.

Das Ganze kann wie das

leichteste

und willkür-

lichste Phantasiebild erscheinen.

Wie weit

ist es

davon

entfernt, es zu sein!

Die

Lebensanschauung hat

Cultur und

besonders

in

der

europäischen

der deutschen Eomantik tiefen

Grund.

Wir können bei Novalis und Steffens die Muttergedanken zum Aladdin nachweisen ja wir können die ;

Elemente, aus denen

sie entstehen,

noch

viel

weiter zu-

rück in der deutschen Poesie und Philosophie verfolgen.

„Aladdin"

ist

die Poesie des

AVunsch, der so genial

ist,

Wunsches. Er

ist

der

dass die Erfüllung sich von

Aber schon Schiller hatte sein Gedicht „Columbus" mit den berühmten Zeilen abgeschlossen:

selbst versteht.

Mit

Was

dem Genius

steht die

der eine verspricht,

Natur im ewigen Bunde, leistet die

And're gewiss.

In Uebereinstimmung mit dieser Lebensanschauung

und dieser Ausdrucksweise stand Fichte's Lehre über

ADAM OEIILENSCHLAGER ALADDIN.

107

:

das welterscliaffende und weltbelierrscliende Ich

;

die in-

nere Kraft des strebenden Icli's war Einbildungskraft, und von der schöpferischen Einbildungskraft ging nach seiner Darstellung die ganze Wirksamkeit des Menschengeistes aus.

Eindrücke von diesen grossen Geistern spürt man bei Novalis.

Für ihn

ist

das eigentliche

Wesen

des Ich's

Anlage und das wahre Wissen eine Offenbarung. Es gibt eine höhere Befähigung in uns, Instinct oder Genie genannt, welche allen geistigen Aeusserungsformen vorausgeht, und von welchem diese nur einzelne Funktionen sind. Er vereint die Ueberzeugung des Dichters von dem Recht und der Macht des Genies mit der Gewissheit des Frommen, dass der Glaube Berge versetzen kann. (In Aladdin baut und versetzt der Geist doch nur Paläste.) Eine von seinen Lieblingsvorstellungen ist die von der „Wunderkraft der Fiction". Die Fiction ist die Gabe, das Nicht-Gegenwärtige gegenwärtig zu machen. „Aller Glaube", behauptet er, „ist wunderbar und wunderthätig" und „Wenn ein Mensch plötzlich wahrhaft glaubte, er sei moralisch, so würde er es auch sein." Es ist nicht schwer, den Funken der Wahrheit in dieser Phantasterei zu finden, die von Novalis den Namen „magischer Idealismus'' erhielt. Aber eben dieses Stichwort passt auf Aladdin; sein Idealismus ist magisch. Die Lampe war in Aladdin einerseits die Dichtergabe, andererseits der Kern der Natur. Der Widerspruch scheint grell. Aber für Novalis ist die Natur nichts Andie geniale

;

:

wahrnehmbare Einbildungskraft, Physik als die Lehre von der Phan-

deres, als eine sinnlich

und

er definirt die

tasie.

Also wird die Dichtergabe gerade dasselbe wie

der Kern der Natur.

Aladdin war ausserdem die All-

macht des Wunsches. Aber für Novalis hatte gerade Fichte's Lehre von dem praktischen Ueberwinden der Schranken des Ich's sich zu der unbedingten Allmacht

ADAM OEHLENSCHLAGER ALADDIN.

108

:

des denkenden oder glaubenden oder wünschenden Ich's

über die äussere Welt verwandelt.

Eoman

„Heinrich von Ofterdingen" Jahre vor Aladdin die Apotheose der Poesie. Sein

ist

ist

vier

Und

er

der Erste, der die Ideen formulirt, auf denen Aladdin

gebaut

ist:

Die wahre Poesie

chens. Alle Poesie

echten Märchen

ist die

muss märchenhaft

Poesie des Mär-

sein;

denn

in

dem

wunderbar, geheimnissvoll und

ist alles

doch zusammenhängend.

Im Verein mit Novalis, aber noch stärker und mehr persönlich, hat Steffens auf Oehlenschläger Einfluss aus-

geübt.

Er hatte im Jahre 1798

die persönliche Bekannt-

war sein entschiedener Anhänger geworden; aber der feurige und naive Norweger nahm den romantischen Geist in sich mit einer schaft Schelling's gemacht und

jugendlichen Begeisterung auf,

die,

der Unselbständigkeit

des nicht Eingeborenen entsprungen, ihm eine Art von

Haym

Orginalität mittheilte. gesagt,

hat das

treffende

Wort

dass noch bevor die Lehre alt geworden war,

sie sich in

seinem Gemüth verjüngte. Wir können hinzu-

fügen, dass noch bevor sie bei ihm alt geworden,

von Neuem durch ihn

sie

dem Gemüthe Oehlenschläger's

in

verjüngt wurde. ist der Glaube den Geheimnissen

Die bewegende Kraft in Steffens daran,

dass wir den

Sclilüssel

des Hervorbringens der Natur

zu in

den Tiefen unseres

eigenen Geistes besitzen Meine Gedanken sind mit den :

Gedanken der Natur wesensverwandt, daher hat die Ahnung das Recht, auf weite Strecken der Forschung vorauszuleuchten:

„Wem

die

Natur vergönnt,

in sich

Harmonie zu finden (bei Oehlenschläger: „Wem dieHarmonia ihren Ring schenkt"), der trägt eine ganze unendliche Welt in seinem Innern und ist der geheiligte

ihre

Priester der Natur.*' Steffens hatte ein viel gründlicheres Naturstudium

hinter sich als Schelling und vermochte

dadurch rein

ADAM OEHLENSCHLÄGER: ALADDIN.

109

wissenschaftlich seinem Lehrer viel zu lehren; aber die

poetische Beo'eisterung, mit der er sich auf die Natur-

philosophie

warf,

bewirkte ausserdem, dass die neue

Philosophie durch ihn auf die Dichter wirkte, und die

Poesie befruchtete. Die Grösse Goethe's hatte ihm nicht

Mann

nur eine Schwärmerei für den

ihm auch

sondern

vereinte,

eingeflösst, der den

mit dichterischem Genie

genialen Blick für die Natur

die

Ueberzeugung beige-

dass Goethe seiner poetischen Begabung seine

bracht,

übrige Grösse verdanke.

Er widmete Goethe

seine Bei-

träge zur „Naturgeschichte der Erde", und auf Goethe spielt er

an mit den Sclilussworten dieses Werkes über

den vollendeten Dichter als den Gipfel der schöpferischen



Natur

ein Satz,

der geraden

Weges

zu Aladdin's

Grundansicht führt.

Doch bevor SteflFens in Oehlenschläger's Leben Epoche machte, hatte er schon einen anderen Dichter Tieck's Poesie hinterlassen.

Er hat seine Spuren in Noch ehe Tieck ihn kennen

lernte, hatte er freilich auf

romantische Weise mensch-

des Zeitalters tief beeinflusst.

Bäume und Büsche hineingelegt, den Ausdruck der Gefühle in den Formen der Berge und Wolken gelesen, Farben klingen gehört und die Töne der Nachtigall in die Strahlen des

liche

Stimmungen

in die

Phj'siognomie der

Aber durch das Jena verwandelte dieses romantische Spiel mit der Natur sich in mystische Naturdeutung. Die Beeinflussung durch Steffens ist in „Der getreue Eckhardt" und in „Tannhäuser" deutlich. Der allgemein romantische Grundgedanke, die Natur sei sichtbarer Geist, der Geist unsichtbare Natur, und die allgemein romantische Grundvorstellung, dass die Menschen seele sich selbst in jedem Naturorganismus und NaturÄlondenlichtes sich

ergiessen

Zusammenleben mit

Steffens in

sehen.



gegenstande wiederfinde, lisirt,

dass es der

wird bei Tieck so individua-

Wahnwitz

mit der Natur begegne.

sei, in

dem

sich der

Mensch

^

ADAM OEHLENSCHLÄGER ALADDIN.

110

:

Es

ist

die

für

grundverschiedenen Anlagen zwei

gleichzeitiger Dichter höchst bezeichnend, dass es, als

Tieckund Oehlenschläger kurz nacheinander von Steffens Wahnsinn, für Oehlenschläger die vollendete, rothwangige Gesundheit ist, die das geheimnissvolle Bündniss des Menschen mit der Natur begründet. Der Kern in diesen Tieck' sehen Märchen ist die grauenvolle magische Macht, mit welcher der Venusberg wirkt. Was er mit Leben und Kraft schildert, ist der vom Naturzauber hervorgerufene Schwindel, der den Menschen hinab in die Tiefe zieht, wo die Geister hausen, und wo Gold, Silber und alle Metalle funkelnd locken. Steffens kannte aus Erfahrung ähnliche Stimmungen, und die Gespräche, in welchen der Norweger, ein aus-

beeinflusst werden, für Tieck der

gezeichneter Erzähler, diese eben ausgemalt, hatten es

Tieck angethan. Steffens brachte nach Deutschland den lebendigen Eindruck mit, den kurz vorher der Anblick der norwegischen Gebirgswelt auf ihn gemacht hatte. Es war ihm, pflegte er zu sagen, als ob die Erde vor ihm ihre innerste geheimnissvolle Werkstätte geöffnet hätte. Ihm war zu Muthe, als sei die fruchtbare Erde mit ihren Blumen und Wäldern eine zwar anmuthige, aber leichte Decke, die unergründliche Schätze verberge, und als sei diese Decke

hier liinweggehoben,

Am

um

ihn in die Tiefe hinabzuziehen.

Tieck'sche Erzählung „Der Runenberg" von Steffens in der Weise geprägt. Aladdin wurde im Winter 1804 1805 geschrieben. deutlichsten

ist

die



Nicht ein Brief, nicht ein

Billet, nicht

einmal eine Notiz

scheint von diesem ganzen Jahre aufbewahrt zu sein, während Briefe und Erinnerungen Oehlenschläger's aus

anderen,

viel

unbedeutenderen Perioden

haufenweis

vorliegen.

Man vergleiche H aj'm: Die romantische Schule, S. 3.58 fF., 625

flf.

ADAM OEHLENSCHLAGER ALADDIN.

111

Die Entstehungsgeschichte des Gedichtes

lässt sich

:

also nicht

direct

Doch

verfolgen.

so viel weiss

man,

dass es unter der unmittelbaren Beeinflussung von Steffens

Und

entstand.

so viel

ist

ferner bekannt, dass Oehlen-

schläger unmittelbar vor „ Aladdin" „ Vaulundur" schrieb, diese völlig verschiedenartige Arbeit, nordisch, archaistisch

im

Stil,

streng, kalt und grau im Colorit,

Aladdin mit zeitgenössischem

Stil

in

während

der Diction ein

helles buntes Bild des Orients vor uns entrollt.

Und doch haben

die beiden

Werke etwas

gemein.

Vor Vaulundur wie vor Aladdin öffnet die Erde ihr Innerstes auch ihm schenkt sie auf solche Weise ihre Schätze, dass er der Herr des grössten Reichthums ;

wird. Seine Berggrotte entspricht der Höhle Aladdins;

man

findet sogar einige der Ausdrücke, welche die unter-

Höhle malen, in der folgenden Schilderung der Grotte wieder „Der Eingang zu dieser Bogenwölbung war mit jungen Eosen bewachsen. An den Wänden schimmerte das rotheste Gold und dazwischen allerlei andere Metalle. Rubinen waren den Wänden eingesprengt, dazwischen allerhand Corallen und Krystalle von bleicheren Farben. Der rothe Karfunkel in Vaulundur 's Grotte entspricht der Lampe in x41addin's Höhle, Er ist das Symbol des Feuers und des Lichtes. Wie es in Alladdin über die irdische

:

'^

Lampe

heisst „die himmlische Urkraft, das Licht selbst",

ebenso heisst es hier im Gesänge der Meerfrau:

Was

niemals

Ist die

stirbt,

was

nie vergeht,

rothe Gluth, die in sich besteht,

In Alles sich mengt, von der .Sonne gefallen, Nichts selber bedarf, ein Bedürfniss Allen.

Es sind

norwegischen Gebirgsvisionen von von dem deutschen Runenberg Tieck's über die nordische Grotte Vaulundur's bis zu der persischen Höhle Aladdin's erstrecken. also die

Steffens, die sich

ADAM OEHELNSCHLÄGER: ALADDIN.

112

Aber auch das Gedankenleben des Meisters Schelling Nach der Bekanntschaft mit Steffens war Schelling in nahe Berührung mit den Brüdern Schlegel getreten. Er entdeckte nun eine Ana-

finden wir in ,,Aladdin" wieder.

logie zwischen

seiner

eignen Stellung

empirischen Naturforschern und

zu den älteren der neuen

derjenigen

Dichtung zu den Poeten und Kritikern der AufkläUnd unter dem Einfluss der romantischen rungszeit,

Atmosphäre

Jena unternahm

in

Schwenkung

eine

er

hinüber zur Kunst und Poesie. Er spricht nun von der Bedeutung der naturwissenschaftlichen Revolution, die er

durchgeführt

hat,

nur für

nicht

die

Philosophie,

sondern für „das Höchste und Letzte'^ die Poesie. vergöttert, wie

man

sieht,

Kunst des Wortes. Die Naturphilosophie, sagt ist

Er

ganz wie die Romantiker die

nicht nur aus der Poesie entsprungen,

er jetzt,

sondern

sie

strebt auch zu diesem ihrem Ursprünge zurück.

Es

galt für ihn, eine unbedingte

Harmonie zwischen

den Welten der Nothwendigkeit und der Freiheit, des

Unbewussten und des Bewussten zu finden. Er fand sie der Kunstanschauung und in dem künstlerischen Schaffen. Denn in der Wirksamkeit des Genies und in dem Resultat dieser Wirksamkeit ging das Bewusstlose und das Bewusste in einander völlig über das Genie war nichts Anderes als die durch die Freiheit hindurch wirkende Natur. Die Kunst war dem Philosophen das Höchste, weil sie ihm das Allerheiligste erschloss, ihm einen Einblick in das Heiligthum gab, wo das, was in den verschiedenen Welten der Natur und der Geschichte in

:

getrennt war, in Einer

Flamme brannte



derjenigen

der wunderbaren Lampe.

Die Natur, war Schelling die noch bewusstlose Poesie des Geistes. Nur als Ganzes stellte die Natur das Unendliche dar; aber jedes einzelne

Kunstwerk

enthielt

es.

Die

Kunst war also das einzige wahre, ewige Organen und

Document der

Philosophie.

In seinem

Werke

„Sj^stem

ADAM OEHLENSCHLÄGER: ALADDIN.

113

des transscendentalen Idealismus" (1800) behauptet die Philosophie

wie

dass,

ihrer Kindheit

in

Poesie hervorging, so werde

sie,

und mit ihr

alle

er,

aus der

Wissen-

schaften „wie ebenso viele getrennte Ströme wieder in

den allgemeinen Ocean der Poesie ausmünden".

— nach dem treffenden

Hier spürt man deutlich wie



Romantik an die Thür der Wissenschaft anklopft, und wie der heraufbeschworene

Ausdruck Haym's

die

Geist der Poesie den Geist

kennens umspinnt und

erstickt.^

man nun von

Sieht

Nureddin zurück,

des wissenschaftlichen Er-

Höhe auf Aladdin und man es besser, weshalb

dieser

so versteht

Nureddin im Laufe der Dichtung immer geringer, unbedeutender wird.

Anfangs

er der Zauberer,

ist

grosse Meister, entfernt,

äussere

tief

der

im Schosse der Erde entdeckt;

Werkzeug

ist

er nicht.

Vom

Aladdin gegenüber, ungefähr

also

schläger gegenüber stand:

Andere nicht hat, aber wenden.

Dann verwandelt zum

er

er

so,

nur das

Beginn an steht er wie Steffens Oehlen-

hat alle Ideen,

kann

der

tausend Meilen weit

Lampe,

die

der allsehende,

die der

sie nicht poetisch ver-

er sich, wird

zum marklosen Fleiss,

kraftlosen Neid, zur zusammenstoppelnden Pedan-

terie, bis er

damit endet,

als

Freiwerber Vortrag vor

Gulnare darüber zu halten, dass er

als

Kind an Würmern

und jetzt an schlechtem Magen leidet. Zuletzt bekommt er endlich seine Strafe, indem Gulnare ihn ver,giftiges Gegiftet, und Aladdin ihm scharfe Wahrheiten würm"! während des Todeskampfes ins Gesicht sagt.

litt





Was als

ist die

steigende Philisterie Nureddin's Anderes,

der steigende

Forschen:

als

Hohn

der Romantik über das grübelnde

die Selbstvergötterung der Poesie,

üeberlegenheitsgefühl des Dichters, und was

1

Haym,

,

Die roiuantische Sclnüe,

S. 637,

ist es

646

ff.

das

anders.

ADAM OEHLENSCHLÄGER: ALADDIN.

114

als das, was Der Geist der Poesie, der den Geist des Erkennens umspinnt und erstickt? Wenn man dieses recht versteht, dann sieht man es deutlich, wie ein Kunstwerk von diesem Range entsteht.

das sich in dieser Todesscene offenbart,

wir bei Schelling schon sahen

Da hoch

:

Lampe zum ganzen

steht er, dieser Aladdin, die strahlende

seiner Hand, als Eingangsgestalt

in

dänischen Geistesleben in diesem Jahrhundert



einer

gigantischen Leuchtthurmsstatue ähnlich, die den Ein-

gang zu einem Hafen beleuchtet.

Man

sehe ihn an

:

er sprudelt

von Leben und Ju-

gend, gross und schön, braunäugig und stark, mit zwei

— ein

spielenden dunkeln Sonnenaugen trät des

idealisirtes Por-

rothwangigen fünfundzwanzigjährigen Jünglings,

der ihn dichtet und sein Blut in die Adern seines Geschöpfes hinüberleitet.

Die warme Stimmung, worden,

das

ist

in

der Aladdin empfangen

keine nur historische,

das

ist die in

welche der geniale Jüngling zum ersten Male während des mächtigen Schwellens sagt: „Ja, ich bin die in

Menschen

es,

ein Genie nennen."

welcher er seine

dieser

Hand

des Herzens

zu

sich selber

ich fühle, dass ich das bin,

Das

ist die

was

Stimmung,

Hand ausstreckt und die Macht in wäge sie die unsichtbare Lampe

fühlt, als

des Märchens, und die Ueberzeugung gewinnt, dass er in dieser

Lampe den

Geist hat, der nicht mühselig und

pedantisch sich abzumühen braucht, sondern der Geist ist,

der unwiderstehlich

und dem

Alles,

alle

Hindernisse überwindet,

was man von ihm

fordert, leicht fällt.

Stimmung, in welcher dieser Jüngling dankbar und übermüthig fühlt, dass er der Hochbegünstigte ist, und das Genie als Glück empfindet. Natürlicherweise krystallisirten sich viele Elemente Aladdin,

in der

das

ist

die

Vorstellung Oehlenschläger's

vom

Genie.

Er

hatte

es ja erlebt, wie der korsikanische Artillerielieutenant

nach wenigen .Tahren wie im Fluge eines Märchens

als

ADAM OEHLENSCHLÄGER: ALADDIN.

115

weltbeherrschender Kaiser dastand. Er sah mehrere von

den Marschällen Napoleon's die grosse Epopöe des wundervollen Schicksals variiren. Das Märchen war zu seinen Lebzeiten Wirklichkeit geworden. Im Jahre 1804

wurde Napoleon zum Kaiser ausgerufen. Im Winter 1804 1805 schreibt Oehlenschläger „Aladdin". Jedoch die wesentlichsten Züge zu seinem Helden entnahm er keinem bis

fremden Angesicht. Sein wahres Vorbild war er selbst.

dem so streng arbeitenden Genius des Kaisers verdankte er diese Vorstellung von der Werthlosigkeit

Nicht

des strengen Fleisses. Seine eigene,

so besonders ver-

anlagte Genialität verdankte er seiner Idee

vom Genie

überhaupt.

wunderbar wie Aladdin dem Tag und Nacht dauernden Gespräch mit dem vom Auslande zurückgekehrten Steffens von seiner dichterischen Begabung überGerade

seine

Lampe

so, so plötzlich,

findet,

Und

wältigt worden. lung, sondern

Frühlings,

war

nicht in stiller langsamer Entwick-

plötzlich,

war

so

ja er nach

seine

wie während eines tropischen

Poesie in die

Höhe geschossen,

hatte die dänische Sprache vollständig erneut, ihr frische

Säfte zugeführt, ihr neuen Gang, neuen Klang gegeben, hatte das verlorene Alterthum zurückerobert und eine

starke nordische Renaissance verkündet und eingeleitet



und wie diese Poesie

eine

Brücke hoch über das

Zeitalter des Rationalismus zurück bis zu der Heidenzeit

und der Mythenwelt des alten Nordens es ihr

vorbehalten,

bald

schlug, so

war

das ganze Skandinavien zu

Norwegen

in dem Augenblicke fest zu halten, von Dänemark trennte, ja Schweden, den Feind, für Dänemark so vollständig zu gewinnen, dass dieses Schweden zuletzt Oehlenschläger mit dem Kranze Tegners zum geistigen König der nordischen

entzücken,

da die Politik

es

Länder krönte. Aus der Vorahnung solcher Triumphe, aus diesem stürmischen Selbsto:efühl heraus geht er also an sein Werk.

ADAM OEHLENSCHLÄGER ALADDIN.

116

:

Märchen aus „Tausend und eine Nacht", als Kind auf seinem Schemel dasselbe, gelesen hatte, folgt ihm Zeile für Zeile, Wort für Wort, Zug um Zug, fügt nur hier und da Etwas hinzu, dichtet hier und da etwas um — aber das genügt, damit er selbst mit seinem ganzen Wesen den Stoff ausfüllt und

Er

ergreift das

das er schon

ihn durchdringt.

Und

nicht nur er selbst, sein eigener Geist durch-

dringt beseelend diesen Stoff.

Eindrücke von Goethe's

Faust, Voraussetzungen ausTieck's Octavianus, die Lehre Fichte's von

dem

die

Welt setzenden

Ich, der

magische

Idealismus Hardenberg's, seine und der Schlegel Apotheose der Einbildungskraft, die Gefühle und Phantasien,

welche die Poesie der

norwegischen Felsen und der

unterirdischen Welt in Steffens wachgerufen hatten, die ersten Bearbeitungen dieser Gefühle und Phantasien bei

ganze Genielehre

und Kunstvergötterung Schelling's, sein Grundgedanke, der zum Erdrosseln der Wissenschaft durch die Dichtung führt: Tieck,

endlich

die

Alles spiegelt sich in diesem Gedicht,

das so einfach

und in welchem all das Ausländische dänisch geworden ist. So tiefe Wurzeln hat „Aladdin" in der Cultur des

ist,

dass es Kinder amüsirt,

ganzen nördlichen Europa's der damaligen Zeit, in der der Kritik, der Metaphysik und der Natur-

Poesie,

wissenschaft jener Tage.

So

tiefe

Wurzeln haben

alle

ausgezeichnete Geistes-

erzeugnisse der Welt.

Und gerade

so

tiefe,

Wurzeln Romantik ab-

so weitverzweigte

hat die geistige Bewegung, welche,

die

Dänemark im Anfang der siebziger Jahre auftrat, und welche jetzt auch Norwegen und Schweden umspannt. Auch die ist ein Ausdruck der höchsten Cultur eines ganzen Zeitalters.

lösend, zuerst in

ADAM OEHLENSCHLÄGER ALADDIN. :

117

IIL

Um den vollen Eindruck von dem dichterischen Werth „Aladdin's" zu bekommen, braucht man nur das Gedicht mit dem zu Grunde liegenden Märchen zu vergleichen. Will man im Einzelnen das dichterische Verfahren und den persönlichen Charakter Oehlenschläger's

muss man zu dem, was er hinzugedichtet, was er an seinem Stoff verändert hat, zurückkehren. Im Allgemeinen kann man sagen, dass die Aenderungen darauf ausgehen, Hässliches zu entfernen. Komisches hinzuzufügen, alle interessanten Motive zu entfalten, das Würdige hervorzuheben, lyrische Partien, die dem Stoffe Schwung geben, hineinzuflechten und ihn mit übernatürlichen Wesen, Geistern und Nymphen Eine in romantischem Stil der Zeit auszuschmücken. Haupttendenz ist schliesslich die, dem Märchen, so weit sich das thun liess, ein gewisses Gepräge von der in Dänemark damals verbreiteten gutmüthigen Frömmigkeit zu geben, über das Ganze einen Schimmer anerkannter Moral und protestantischer Religiosität zu werfen. Studiren, so

wie zu dem,

Uebernatürliche

Wesen

sind,

wie gesagt, eingeführt,

Schönheit und Stärke treten, obgleich nur Personificationen, in den

feinen

kühn malenden, sowohl energischen, wie

Versen,

die

Schloss

ihnen

den

in

Mund

gelegt sind,

Ferner bilden die Repliken der das

plastisch hervor.

bauenden Geister eine

mächtige

und unver-

gessliche Episode schliesslich ist das Gespenst Nureddin's, :

der

Mann

in der

scharlachrothen Tracht,

einer

impo-

nirenden Phantasie entsprungen. Hässliches Geist der

Im Märchen versetzt der nachdem er ihn aus dem Braut-

ist entfernt.

Lampe

Saladin,

bett gehoben hat,

an

einen

übelriechenden Ort;

bei

ADAM OEHLENSCHLÄGER ALADDIN.

118

:

Oehlenscliläger wird er auf

Im Märchen hat

dem Schlossaltan

die Prinzessin

aufgestellt.

gegen

nichts

Bräutigam, bei Oehlenschläger verabscheut

diesen

sie ihn.

Interessante Motive sind ausgeführt.

In

der Quelle finden

sich

nur zwei Zeilen

über

Aladdin's Wahnsinn, nachdem er Gulnare verloren hat.

Dort steht: „Denn er ging von Thür zu Thür, ohne dass er selbst wusste, was er that, und fragte Alle, die ihm begegneten, ob sie nicht seinen Palast gesehen hätten." Oehlenschläger hat daraus Anlass

genommen zu

einer Eeihe der vorzüglichsten Scenen, die er überhaupt

hervorgebracht hat zu dem Besuch in Morgiane's Haus und der tiefempfundenen Scene, in welcher Aladdin den Greis fragt, wie viel Tage von vierzig übrig, wenn schon neununddreissig verflossen sind ? Das wirkt so ergreifend, :

weil der Leser fühlt, wie schwer es

fällt,

Operation auszuführen, wenn das Leben verloren

die einfache

am

vierzigsten

ist.

Von den zahlreichen, unvergleichlichen lyrischen Partien

gehören einige der besten diesem Abschnitte an.

Da

steht das classisch mächtige Lied der Spinne an Aladdin

im Gefängniss „Sieh mein Gewebe fein," Oehlenschläger hat nie etwas dem Stile nach Einfacheres und Grösseres :

geschaffen.

din

Da

am Grabe

ist

das Wiegenlied des irrsinnigen Alad-

der Mutter. Es glimmt etwas an Shake-

speare Erinnerndes durch diese Poesie des Wahnsinns

hindurch, zu welcher die Musik der Rohrflöte, auf welcher

Aladdin der todten Mutter vorspielt,

Nachtwind durch

An

die feuchten

einigen Stellen

ist

„wie der wilde Winterzweige klingt".

es

ferner

Oehlenschläger

gelungen, der Handlung und der Landschaft ein morgenländisches

Colorit zu geben,

das in

ist

hier das Gedicht „die arabische

dem

französirten

Vor Allem Wüste" zu nennen,

Textbuch, das er vor sich hatte, völlig

fehlt.

eine Mondlandschaft mit der durch die Sandwüste henden Karawane, welches ein kleines Meisterwerk

zieist.

ADAM OEHLENSCIILAGER ALADDIN. :

119

Unmittelbar mit dem Morgenländischen vereint steht

nun in der Gestalt Morgiane's, der Mutter Aladdin's, das rein Kopenhagen'sche. Diese Gestalt ist ganz und gar die Schöpfung Oehlenschläger's, ausserordentlich durch die kühne Mischung des niedrig Komischen mit dem Rülirenden, das sich in dieser Art nie bei den Vorgängern Oehlenschläger's, nie bei Holberg, noch weniger bei Wessel findet. Die äusseren Linien waren gegeben Die Angst vor dem Geist der Lampe und der Umriss der Scenen mit dem Sultan, mit Aladdin und mit dem Gewürzkrämer; hinzugefügt ist die nicht ganz natürliche Scene, wo Morgiane Aladdin für eine Statue hält, und der witzige Wortwechsel mit dem Krämer: :

Verlangt

von dem besten Oel?

sie

Morgiane. Nein;

Vom

schlechtesten mir

was

wenn

ausbitten

ich

dürfte.

Er muss mir aber etwas Gutes geben.

Diese

Komik

ist

bei Oehlenschläger selten, weil sie

von der unglücklichen Uebertreibung, welche sein eben vorausgegangenes Lustspiel „Freia's

so fein ist, so frei

und zu welcher der Dichter gleich deutschen Umarbeitung

Altar" verunziert,

wieder

in

grässlichen

seiner

und Verballhornisirung

Er nennt

selbst

des

in

„Aladdin"

der Vorrede

zurückkehrte.

zum deutschen

den Sturm und den Sommernachtstraum von Shakespeare wie die dramatischen Märchen Gozzi's seine Vorbilder im Komischen. In diesem Punkt ist er jedoch ganz original. Hingegen spürt man an anderen Stellen

Aladdin

„Aladdin" deutlich das Vorbild Shakespeare's, der gerade damals durch die mustergültige Uebersetzung in

A.

W.

Schlegel's

seinen Einfluss

auf die Romantiker

auszuüben begann. Die von Schlegel zuerst herausgegebene Tragödie

„Romeo und beeinflusst.

Julie" hat einige Nebenfiguren in Aladdin

Die

Amme

Gulnare's

ist

eine abgeblichene

ADAM OEHLENSCHLÄGER: ALADDIN.

120

Copie der derben

Amme

und der verhungerte

Julia's,

Apotheker, dem Aladdin das Gift abzwingt, eine freie Nachahmung des nicht weniger hungrigen Apothekers, bei dem Romeo das Gift kauft. Ist die Amme bei Oehlenschläger unbedeutender als bei Shakespeare,

dann

ist

zum Ersatz dafür der Apotheker amüsanter und mit grossem Humor aufgefasst. Unsterblich ist die Wendung des Apothekers: Geht, tödtet Fliegen, Wespen, Philosophen,



Mir gleich!

wenn

Ilir

nur mich, mein Weib und Hassan,

Mein Söhnchen mit den krummen Beinen schont.

Dieser Oehlenschläger'sche derselbe frei und kräftig

ist,

Humor

wie

ist

dänisch.

Wo

hier, trägt er dasselbe

Gepräge, das später der grosse Maler Marstrand seinen humoristischen Figuren aus dem Volksleben gibt; er weicher

ist,

um

wie

in der Gestalt des alten Sultans,

wo der

und Pantoffeln" auf die Strasse läuft und die ganze Kaiserwürde vergisst, gibt Oehlenschläger den Grundriss, nach welchem

aus Sorge

H.

C.

die Tochter „in Schlafrock

Andersen seine alten Könige im Schlafrock mit dem Kopf und dem Reichsapfel unter

der Krone auf

dem Arme

formt.

Wo die Behandlung mit dem Märchengeist der Fabel übereinstimmt, ist sie vortrefflich. Wo sie spiessbürgerlich moralisch oder religiös wird,

Und

da

fällt

der Dichter ab.

je weiter das Gedicht fortschreitet, desto bürger-

licher

wird Oehlenschläger, bis er zuletzt,

in der

unmög-

lichen deutschen Bearbeitung durch tugendhafte Senti-

Werk von Grund aus verdirbt. Er entnimmt dem Märchen den verschmitzten Juden,

mentalität das

beim Einkauf der silbernen Teller übervortheilt. Er nimmt auch den braven Goldschmied, der ihm viel mehr gibt. Aber während dieser brave Mann der Aladdin

natürlicher Weise in der arabischen Erzählung ein ehrlich

rechtgläubiger

Mohammedaner

ist,

macht Oehlenschläger

:

:

ADAM OEHLENSCHLAGER ALADDIN.

121

:

dem ganzen Geist der Dichtung zum und dichtet die Grimasse hinzu, dass der Jude aus Aerger darüber, dass ihm ein silbernes Fass entgeht, ihn im Streit mit

Christ,

Selbstmord zu begehen beschliesst. Ja, er lässt ihn mit der folgenden Possenreplik abtreten Ich hänge mich! Erst aber geh'

Eines Christen

Das

ist

liiii

nnd

freilich

icli

stehle mir

äusserst

in

den nächsten Laden

den Strick.

gedacht,

satanisch

aber

wenig menschlich und wenig glaubwürdig. Unter vielen unbändig sinnlichen, äusserst unanstänin „Tausend und Eine Nacht" ist „Aladdin" eins der sittsamsten Märchen. Oehlenschläger

digen Geschichten

hat ausserdem in dänischer Uebersetzung die französische

Bearbeitung vor ist.

wo Alles noch decenter geworden entnimmt er den Zug, dass Aladdin

sich,

Dem Märchen

Kammer getragen worden ist, Schwert auf dem Lager zwischen ihr und sich anbringt. Das ist mehr ehrbar und symbolisch, als eigentlich wirkungsvoll und natürlich. Indessen folgt Oehlenschläger sobald Gulnare in seine ein

hier nur seiner Quelle. Bedenklicher ist es, dass er, je

mehr er sich mit dieser Scene beschäftigt, immer mehr Behagen daran findet, ihre moralische Schönheit breitzutreten. In dem deutschen „Aladdin" legt er, nachdem Aladdin und Gulnare in Schlaf gefallen sind, einen ganzen Monolog des Genius der Unschuld hinein. Die Stelle lautet Ahiddin und Gulnare liegen schlafend bette,

in

dem

Hochzeits-

das gezogene Schwert zwischen ihnen.

Die Fee der Unschuld sitzt

lächelnd

am Lager und

dem Scheine

betrachtet sie bei

ihrer

Diamantenki'oue. Seh' ich auf der Erde Unschuld, Tugend,

Muss

ich weinen,

Aber

süss sind meine Thränen.

Nein,

Du

bist

kein

Bei den Kleinen

eitles

Wähnen;

'

'"

ADAM OEHLENSCHLÄGER: ALADDIN.

122

Nicht allein zu finden, Tugend! Blühst im Alter, blühest in der Jugend. Schlafet meine lieben, guten Kinder!

Gott begleit' euch

!

Reich seid ihr in Eurem Herzen Bei der Liebe Himmels-Kerzen

Süss erfreut euch! Glücklich werden meine Kinder,

Wenn

ihr

immer mehr mich



liebt

nie minder!

Ich kenne in der ganzen Welt-Litteratur bei einem

Dichter von so holieni Range nichts, das so

dumm und

parodisch wirkt.

Von Anfang an

Es

vergiftet

mich jedesmal,

freut

wenn

ich sie

funkeln sehe

....

winken mich mit ihrem hellen Blick wie kleine unschuldige,

lichtgekleidete Engel



wo Nureddin

Gulnare sagt hier empfindsam von den Sternen:

wird.

sie

hatte Oehlenschläger allzuviel Mora-

Scene hineingelegt,

lität in die

und

sie

von der Erde

selig

vergeben mir die Nothwehr

zum Paradies hinauf

hier.

Schon die Zeitgenossen bemerkten, dass die moralische Idee ab und zu in allzu reflectirtem Lichte in „Aladdin" hervortritt. Das findet hier statt und ebenfalls,

Lampe und

des Ringes, die neu-

trale Mächte, wie Elektricität oder

Dampf, gleichgültige

wenn

die Geister der

Werkzeuge

für den menschlichen Willen sein müssten



die sogar an einigen Stellen ausdrücklich erklären, dass sie nicht

Wesen

denken, nur gehorchen



selbst als moralische

auftreten, Trauer über einen Befehl von Nureddin

an den Tag

legen

oder glühenden Zorn

und gleich

darnach herablassende Nachsicht äussern einem Gebot

von Aladdin gegenüber. Dadurch verlieren sie ihre übernatürliche Grösse, werden zum Menschlichen herabgezogen, werden brave Gesellen, Biedermeier.

Im

gleichen Geiste

führt Oehlenschläger den

dem

:

:

ADAM OEHLENSCHLÄGER ALADDIN.

123

:

Märchen fremden Gedanken Gulnare

um Nureddins Mord

ein,

nach Mekka unternehmen. Ja, er

dem

Stil,

Aladdin

dass

und

zu sühnen, einen Pilgergang

dass er Aladdin,

der

fällt in

dem Grade aus

diese Wallfahrt

vor-

schlägt, sagen lässt

Doch

nicht der Geist des Ringes

Soll uns're Reise uns

Wie fromme

Und

und der Lampe

gemächlich machen.

Pilger wollen wir dahinzieh'n

gleiches Loos mit allen

Andern

theilen.

von den Geistern der Lampe und des Ringes wird, je mehr Oehlenschläger sich von der naiven Ursprünglichkeit des Märchens entfernt, eine Art von Pflicht für Aladdin bei allen schwierigen und wichtigen Fällen. Als er Hindbad nach dessen missglücktem Meuchelmordversuch zum Zweikampf herDiese Totalenthaltsamkeit

ausfordert, ist er ritterlich romantisch genug, die

zwischen sich und ihn zu stellen und

Lampe

Prämie sie, also auch Gulnare, den Palast und alles Uebrige dem Sieger auszusetzen. — Und den Ausruf: „Was wagst Du?" als

beantwortet er mit moralisch-theologischer Begeisterung

„Die Wahrheit gegen die Lüge, das Gute gegen das Böse!" „So spricht Basedow zu seinen Kindern", hat einmal Heiberg über eine ähnliche Wendung bei Oehlenschläger bemerkt.

Kurz gesagt, Aladdin ist zum reinen Mustermenschen geworden; er ist wie die Geister biedermannisirt. Er verschmäht sogar den Vortheil, welchen zu besitzen sein

Leben ausmacht, und

zu schafien hat.

Er

Hand einer Lampen und Ringen nichts

stellt Alles in die

Gottheit, die mit Geistern in

verlässt

sich nicht

mehr auf das

Glück, sondern auf das Recht. Aber Glück die

natürliche Lebensbetrachtung;

Recht,

— das

das ist

ist

in

einem Worte die moralische. Was hat der Sohn des Glückes mit dem Recht zu Schäften?

!

124

ADAM OEIILENSCHLAGER ALADDIN. :

Nur dadurch, dass der eigenthümliche Charakter des Gedichtes ausgemerzt worden,

ist es

gelungen, die

Idee des Glückes und des Genies mit derjenigen der Wahrheit und des Guten zu vertauschen. Das Recht ist die äussere Offenbarung des Guten in einer Gesellschaft. Aber Aladdin passt nicht in eine Gesellschaft hinein. All dieses Häufen moralischer Vorzüge auf den Helden ist zwar gewissermassen im Geiste der nordischen Generationen, denen „Aladdin" die poetische Bibel wurde; denn derjenige, welcher Kaiser in den weitverbreiteten Reichen des Wunsches und der Einbildung war, der ward in

Dänemark lange

Zeit hindurch faktisch

(z.

B. in der

Wahrheit und alles Rechtes Aber nichtsdestoweniger thüt es der Idee des Werkes Eintrag^ dass es als das Gedicht von dem Siege des Guten übei- das Böse, des Rechtes über das Unrecht endet. Denn Recht, das ist was jeder Mensch haben kann, ja am liebsten haben sollte. Glück dagegen ist die seltene Begünstigung, und was ist Aladdin anders als die Ausnahme von der allgemeinen Regel des Lebens Das Gedicht hätte als das Gedicht von der grossen Ausnahme anfangen und enden sollen. Politik) als Inbegriff aller

betrachtet.

IV.

Wenn ein in voller Kraft arbeitender Künstler im Laufe kurzer Zeit Werke von sehr ungleichem Werth hervorbringt, beruht dieser verschiedene AVerth seiner

Arbeiten auf der grösseren oder geringeren Ueberein-

stimmung zwischen der Individualität des Künstlers und dem Stoff', den er ergriffen hat. Nicht in jedem Stoff kann er Verwendung für seine ganze Naturbegabung finden. Der hohe Rang „Aladdins" unter den Jugendwerkeu Oehlenschlägers beruht, wie schon angedeutet, besonders auf der Leichtigkeit, mit der er in der Haupt-

ADAM OEHLENSCHLÄGER: ALADDIN.

125

person Hauptzüge seines Wesens als Jüngling- verkörpern konnte. Ja, er

war Aladdin, grosses Kind und grosser Geist

wie er war.

Mit Aladdin gemein hatte er den Mangel

Er ist gleich Alles, was werden kann. Weder das „Johannisnachtspiel" noch

an Entwicklungsmögliclikeit. er

„Aladdin", noch „Hakon Jarl" hat er jemals übertroffen.

Und

war noch nicht recht alt, als er mit Verwunund Schmerz empfand, dass die Bewegung, das derung Zeitalter, die Jugend ihn hinter sich zurückgelassen hatten. Es findet sich in „Aladdin" eine ergreifende Scene. er

Nureddin hat sich der Lcimpe bemächtigt, den Palast und Gulnare nach Afrika entführt. Gestürzt, vernichtet, zuerst zum Tode verurtheilt, dann unter dem Beil des Scharfrichters begnadigt, hat Aladdin eine Frist erlangt,

um dem

Sultan die vermisste Tochter zurück zu schafi'en.

Das Unglück hatte er in die

seinen Geist umnachtet. Irrsinnig geht

Hütte seiner verstorbenen Mutter, greift nach

dem Nagel, an dem

in alten

Tagen

die

Wunderlampe

zu hängen pflegte, und glaubt, er halte sie wieder in seiner

Hand. Wie

er aus der

Hütte heraustritt, umringt

ihn ein höhnender Pöbelschwarm.

Er droht dem Haufen

mit der Lampe, sagt, dass er

nur zu reiben brauche,

um Genugthuung

sie

und Rache zu nehmen, glaubt den Geist vor sich zu sehen, befiehlt ihm den Palast zurückzubringen und ruft: „Nehmt Euch

in

zu

erhalten

Acht! Das Schloss

ein

kommt wie

Sturmwind.

Steht nicht im Weg- ihm! Es zerschmettert Euch."

Ein schallendes Gelächter

Das wurde

erfolgt.

sein eigenes Schicksal.

Er glaubte in Lampe

seinen reiferen Jahren noch immer, er habe die

Hand und gebiete über den Geist, und begriff warum die übermüthige Jugend es ihm nicht

in seiner nicht,

glaubte.

Eine Nemesis traf

ihn,

wie

sie seine

ganze

ADAM OEHLENSCHLÄGER: ALADDIN.

126

Generation, treflfen

man kann

ja

Denn

Volk

ganzes

sein

der

Oehlenschläger'schen

dieser

in

der Genialität

Wesen

sagen,

sollte.

spiegelt

sich

Zeitgenossen,

die

ja

Aufifassung

Auffassung und

ganze

eine

das des

Seite

Von Anfang an

hatte

das Volk sein Vertrauen auf das Naive gesetzt.

Naiv

dänischen Volkscharakters ab.

ist

schon der erste charakteristische Held der dänischen

Sage,

Uffe

der

Sanftmüthige,

der

Aladdin hat, ein Jüngling, der

einige

Züge von

phlegmatischer

als ein

Dummkopf betrachtet und behandelt wird bis zu dem Tage, wo er im doppelten Zweikampf der Erretter des Landes wird. Eine eigenthümlich nationale Naivetät gibt auch den hervorragendsten unter den dänischen Zeitgenossen Oehlenschlägers ihr Gepräge.

Das Land hatte

damals eine geistige Blüthezeit, und es erweckte in jenen Tagen mit Recht Aufmerksamkeit in Europa, dass ein so kleines Land, noch dazu durch den Verlust von

Norwegen um zwei

Drittel seines Gebietes verkleinert,

von weltberühmten Geistern hervorbrachte, Männer wie Thorwaldsen, H. C. Oersted, H. C. Andersen. Alle haben sie einen Anflug vom Aladdinartigen, das kindlich Einfache in Auftreten und Haltung,

eine ganze Plejade

das Plötzliche, Ueberraschende in der Entfaltung ihrer Genialität

und das verhältnissmässig geringe Entwick-

lungsvermögen.

Nehmen wir Oersted, der doch gerade Geist und weder Dichter

von dem man Elektromagnetismus

glauben



ein forschender

noch Künstler

sollte,

ist,

Oersted,

dass er als Entdecker des

einer Macht, die bald grössere



über Dinge verrichten sollte, als der Geist des Ringes all den Zufälligkeiten auf denen Aladdins Glück beruht, erliaben stehe; er macht seine Entdeckung durch einen glücklichen Zufall, ist nicht im Stande, sie wissenschaftlich im Geringsten auszubeuten und muss Andern überlassen, sie theoretisch und praktisch fruchtbar zu machen.

ADAM OEHLENSCHLAGER: ALADDIN. Sogar

in der Politik,

wenigsten gehört, findet tenden Männer.

wohin das Aladdinartige am

man

Man könnte

mehreren der

lei-

Lehmann nennen,

der

es bei

Orla

eine Zeitlang in den vierziger Jahren teste

Däne war. Schön,

er schon in seiner

127

wohl der berühm-

beredt, der Liebling Aller, wird

Jugend Volksführer und Minister. Der ihn. Aber mit Thatsachen zu

Aladdin-Nimbus umstrahlt

rechnen, hat er nie gelernt.

Den

Punktirgriffel der Be-

rechnung hat er so gut wie die Dichter verschmäht. Er ist und bleibt das liebenswürdige, verzogene, bewunderte, begabte, beredte Kind des Glückes, der Phantast, der

wegträumen und wegreden zu können, bis er 1864 den Untergang all seiner Hoffnungen und 1870 den Zusammensturz

sich einbildete, die politischen Hindernisse

seiner letzten Hlusionen erlebte.

Man

findet

Spuren dieses

verhängnissvollen

und

falschen Contrastes zwischen Genie und Wissenschaft,

zwischen Geist und Wirklichkeitssinn bei dem grössten

Denker und dem hervorragendsten Pädagogen des Landes, bei Kierkegaard und bei Grundtvig, — bei Kierkegaard, der den

Werth der Wissenschaft überhaupt

erkennt und der seinen Stolz

nicht an-

mit der in

darin setzt,

„Aladdin" gepriesenen wundervollen Hast zu arbeiten:

Andern nichts Gedanken — bei Grundtvig, der den Bauern Sagen und Legenden Geist mit-

er ist der Einzelne, der mit der Arbeit der

gemeinsam

hat,

Strom weise zufliessen

durch Deutung alter theilen will

:

Begnadete,

der ;

die

der langweiligen regelmässigen Arbeit wird

wenig Werth beigelegt, ohne

dem

der Geist

kommt und wirkt

sie.

Man sehe schliesslich das ganze dänische Volk,

derart

entwickelt, gewohnt, so hoch und so gross von sich selbst

zu denken, schwellend vor Selbstgefühl nach

dem

sieg-

reichen Ausgange des dreijährigen Kampfes um Schleswig

(1848

— 1850), der phantastisch

halb Millionen Menschen

als ein Sieg

von andert-

über 40 Millionen Menschen

ADAM OEHLENSCHLAGER: ALADDIN.

128

aufgefasst wurde. Die dreizehn Jalire zwischen den zwei

schleswig'schen Kriegen gehen hin in einem

Glück und Kraft. Sorglos wie Aladdin Bild

man

sich so

lange gespiegelt,

Traum von

selbst, in dessen

sah die

dänische

Nation nicht die drohende Gefahr.

man nicht hoch, und man verWie sollte Aladdin Faust begreifen können!

Deutschland schätzte stand es nicht.

Sah er ihn doch nur

in der Gestalt des hässlichen ge-

lehrten Zauberers Nureddin. die höchsten Geistesgaben,

Der Deutsche hatte nicht nicht

die Siegesgewissheit



Weshalb nicht? Weiler strebte und sich abquälte, allzuviel schrieb und las, immer Materialien des Genies.

sammelte, aber kein Architekt war, Architekt

wie Aladdin.

am wenigsten

ein

Er hatte Gelehrsamkeit und

Berechnung, hatte die Resultate seines Forschens und

Deutens inne. Aber auf so etwas kam es nicht an. Das Alles hatte geringen Werth im Vergleich mit dem, was ihm fehlte: die kindlich und geniale Einfachheit, die alle Scliwierigkeiten

durch die Inspiration des Instinctes

löst; die geheimnissvolle

und von allen guten Mächten

unterstützte Kraft des Grundwesens,

diese Kraft,

die

nur im Norden wohnte, unerschütterlich wie der Nordstern, mächtig strahlend wie das Nordlicht, ja, die im Grunde wie Aladdin's Lampe „die heimliche Urkraft, das Licht selbst" war, das, nach

dem Grundtvig'schen

Glauben durch dieses Volk über die Erde verbreitet werden sollte. Und dann geschah das Unglaubliche, Unfassliche. Die nordische Tapferkeit, die heilige und geniale Einfalt, wurde durch weit zielende Zündnadelgewehre, durch artilleristische und taktische Berechnungen geschlagen. Man hatte (wie Aladdin), „Wahrheit gegen Lüge, das Gute gegen das Böse gewagt", und Nureddin hatte gesiegt. Der kalte Verstand hatte den Genius des dänischen Volkes, die kleinliche Berechnung hatte den sorglosen Muth freier Männer überwunden.

ADAM OEHLENSCHLÄGER: ALADDIN.

129

V.

Wälirend

so

Aladdin-Gedanke

auf diese Weise Oelilenscliläger's

in

Dänemark der Formel für den

als

nationalen Typus des Zeitalters seine Tiefe erwies und

und Schwäche in der wurde derselbe auf Grund und Boden von dem grössten norwegischem Dramatiker des Landes zweimal wieder aufgenommen und behandelt.

gleichzeitig

seine Einseitigkeit

Wirklichkeit des Lebens verrieth,

Zum ersten Male in den „Kronprätendenten". Hier begegnen wir dem Aladdin- und dem Nureddin-Naturell in den Prätendenten

Hakon und Skule

hat das Recht, deshalb halb siegt

er.

ist

variirt.

Der Erstere

er getrost; das Glück, des-

Der Andere wird, interessant wie

zur Hauptperson

des Stückes;

er

ist

der

er

ist,

ehrgeizige

Kampf und Misstrauen verzehrt, der Gaben genug hat, um Ansprüche auf einen Königsthron erheben zu können, dem aber ein gewisses UngreifGrübler, von innerem

bares



fehlt,

das allem Uebrigen erst den Werth gibt,

eben Das, was in der Sprache Oehlenschläger's die

Lampe

hiess.

Er mit seinem Nureddin-Naturell

Königskopf', Hakon

ist

Obgleich Hakon nicht klüger

kühner

als Skule, ist er

ist

„ein

der ganze König. ist als

der Bischof, nicht

doch der grössere Mann. Denn,

erklärt der Bischof, der glücklichste

Mann

ist

der grösste

Mann. Der Glücklichste ist derjenige, der die grössten Thaten verrichtet; er erzeugt Gedanken, die er selbst nicht fasst; er weist den

Weg, den

er selbst nicht kennt,

aber den er doch geht und gehen muss,

bis er

durch

die Freudenrufe des Volkes erfährt, dass er eine Gross-

that ausgeführt hat.

?;

ADAM OEHLENSCHLÄGER: ALADDIN.

130

Das

Hakon's Loos.

ist

Alles gedeiht ihm;

Er

dessen er bedarf, geschieht. ein ganzer Aladdin.

Aber

Alles,

diesem Punkte

ist in

er ist nicht nur der siegreiche

Liebling des Glückes, er hat nicht nur wie Aladdin das

Recht

des

Emporkömmlings,

angeerbtes, als Geburtsrecht

das Recht für sich zu tieferen

Neid

Recht

das

sondern

„Das grösste Glück

als'

ist das,

Und mit einem weit

haben."

demjenigen Nureddin's, fragt sichSkule,

als

mit welchem Recht

kam ?

:

Hakon und

nicht er das Recht be-

Art Versuch, hinter dem Rechtsbegriff Platz zu nehmen, eine Art Attentat, den RechtsDieses

begriflf

eine

ist

hinterrücks

anzufallen,

ihn

zu tödten.



Die

Antwort lautet, Hakon habe das Recht mit dem tieferen Recht bekommen, dass er den Königsgedanken, den bis jetzt unerhörten, hat, ganz Norwegen um sich zu sammeln. Das ist das Geheimniss der Macht, die er über die Geister ausübt. Als Hakon diesen Gedanken Skule mittheilt, begreift dieser ihn nicht „Sammeln Drontheimer und Wikwäringer um sich sammeln? Das ist unausführbar So Etwas hat die Sage Norwegens nie berichtet." — Hakon „Für Euch ist es unausführbai' denn Ihr könnt nur die alte Sage noch einmal vorführen, für mich aber ist es leicht, wie für den Falken, die Wol-



:

!

:

ken zu spalten."



Als Skule endlich den Plan versteht,

den Vorsatz, den Gedanken Hakon's sich anzueignen und ins Werk zu setzen. Das fasst er in seiner Verzweiflung

ist

Nureddin,

der

die

Lampe

Aladdin's

stiehlt.

Er

und zu seinem eigenen Erstaunen siegt er im ersten Treifen; nachdem zittert er aber unter dem

kämpft,

Eindruck und wagt es kaum, an die Möglichkeit zu Das ist Nureddin, der mit schlotternden Knieen dasteht, die Lampe aus den Händen verlierend, gerade in dem Augenblick, wo der Geist sich zeigt und ihm

glauben.

blindlings

gehorcht hat.

Und noch mehr.

den „Kronprätendenten" handelt es

im Grunde nicht

um

einen

Kampf

Auch

in

wie in Aladdin, in der äussern Welt,

sich,

ADAM OfiHLENSCHLÄGER ALABDIN.

131

:

sondern

um

Dichterwertli und Dicliterloos. König Skule

fragt den Skalden, welcher Grabe er wohl bedürfe,

um

König zu werden, und Jatgeir antwortet „Nicht der des dann würdet Ihr nicht so fragen." Er fragt von Neuem mit denselben Worten, und die Antwort lautet „Herr, Ihr seid ja König." Da sagt König Skule die tiefen Worte „Glaubst Du jeder Zeit so fest, dass Du Skalde bist?" Diese Replik wendet deutlich genug das ganze Verhältniss um die Sache verwandelt sich in ein Bild dessen, was gerade ein Bild der Sache sein sollte. Das Verhältniss zwischen zwei Nebenbuhlern um den Königsthron wird ein Bild des Verhältnisses zwischen zwei Nebenbuhlern um eine Dichterkrone, wie dieses Verhältniss dazumal, vor fünfundzwanzig Jahren in Norwegen sich darstellen konnte, als Ibsen noch in der all:

Zweifels, denn

:

:

:

gemeinen Auffassung für den bleichen Mond unter Björn-

Sonne

son's

galt;

und man

welch schmerzliches

fühlt,

Bekenntniss in dieser zuletzt angeführten Zeile liegt:

„Glaubst

Du

zu

jeder Zeit

so

fest

daran,

dass du

Skalde bist?" In diesem

Drama

ist

die

Nureddin-Natur zu weit

grösserer Ehre gelangt als bei Oehlenschläger.

Steht

auch Hakon mit den Palmen des Sieges in der Hand,

und macht auf den Hat aber Henrik Ibsen Grundgegensatz in dem alten

so wirkt doch Skule viel fesselnder

Leser den tieferen Eindruck.

dem

auf

seelischen

Märchenspiel

Oehlenschläger's

hier

gleichsam

weiter

gebaut, so hat er einige Jahre später ein vollständiges

Gegenstück dazu

geliefert.

Der polare Gegensatz zu „ Aladdin" heisst „Per Gynt".

Wie Aladdin eine Vergötterung derPhantasiewirksamkeit, „Per Gynt" eine Kriegserklärung gegen dieselbe. Für Oehlenschläger ist das Phantasieleben das Höchste, für Ibsen das Gelährlichste und am sichersten Demüthigende von Allem. Die Einbildungskraft ist das Glück Aladdin's so ist

9*

ADAM OEHLENSCHLÄGER ALADDIN.

132

:

und die Ursache seines Genies; sie ist das Ung-lück Per Gynt's und die Ursache seiner Erbärmlichkeit. Dieselbe Macht, die für Oehlenschläger die Wahrheit und das Leben, ist für Ibsen die Lüge, die um das

Leben herum geht. Das Verhältniss des jungen Aladdin's zu Morgiane ist in dem Verhältniss Per Gynt's zu seiner Mutter variirt. Auch Per hat Träume von zukünftiger Grösse, die dem Zweifel der Mutter begegnen. Und Per lügt nicht geradeaus, er phantasiert. Er sieht sich, sobald er die Augen schliesst, alsTriumphator voranreitend, wie Aladdin, auf dem goldbeschlagenen Pferde mit dem grossen „Kaiser Per Gynt und seine Gefolge hinter sich tausend Mannen!" Er bildet sich halbwegs ein, hexen und, wie Alad-



din,

Geister beschwören zu können; er begegnet,

Aladdin,

schallendem Gelächter,

Zauberkraft spricht, und

wenn

er

wie

über seine

ihm trotzdem, wie Aladdin, den Unglauben seiner Mutter zu besiegen sie wird schliesslich, wie Morgiane, für ihren Sohn begeistert; sie hat Augenblicke, wo sie glaubt, er könne durch die Luft auf einem Bock reiten. Auch hier baut der Held es gelingt

;

ein

„Schön

prachtvolles Haus:

Thurm und Wetterfahne Fremdes Volk

soll

soll's

gebaut werden,

sollen auf dem Dachfirst sein ....

was es dem Gebirg." Nur dass

sich darüber verwundern,

das da schimmert fern auf

ist,

all

Einbildung oder Lüge. Kein Geist des Ringes trägt diesen Per durch die Luft; kein Geist der Lampe baut ihm einen Palast, und wenn auch er

dieses Einbildung

ist,

Morgenländer wird, mit einer Araberin vereint und als Sultan oder Prophet verehrt, so ist all dieses nur wie eine Parodie, eine

grausame Caricatur des Verhältnisses

Aladdin's zu Gulnare, der Huldigung Aladdin's als Sultan.

Denn während Aladdin der Dichter triumphirenden Sinne des Wortes,

Anfang

bis zu

Ende

das,

was

in ist

dem damaligen Per Gynt von

er über sich sagen hört,

:

ADAM OEHLENSCHLAGER: ALADDIN. WO

er

sich

über seinen Nachruf in der Heimath

133

er-

kundigt: „Ein abscheulicher Dichter/' was in der Volkssprache so viel wie Lügner heisst.

Dass Ibsen jemals während der Ausarbeitung von Per Gynt Aladdin bewusst vor Augen gehabt hätte, kommt mir ganz unwahrscheinlich vor. Aber die Aehnlichkeit, die in dem Verhältniss zwischen Mutter und Sohn durchschimmert, hat verwandte Folgerungen nach sich gezogen. In beiden Dichtungen ist der Held der einzige Sohn einer Wittwe und die Mutter eine komisch rührende Person. In „Alad-

am Grabe sie

wir den Sohn, irrsinnig vor Verzweiflung

sehen

din"

der Mutter sitzen, und in seiner Einbildung

kleines Kind in den Schlaf wiegen und Ebenso singt Per Gynt seine sterbende Mutter Schlaf, indem er ihr schöne Geschichten, wie Kinder

wie

ein

singen. in sie

gern vor dem Einschlafen hören, erzählt. Nur dass

Wahnsinn Aladdin's schön

und dass hier die während bei Ibsen eine schneidende Ironie die Lüge und die Phantasterei beleuchtet, welche die arme Aase selbst im Tode umspannen. An „Per Gynt'' kann man messen, wie weit die nordischen Geschlechter gegen den Schluss der sechziger Jahre von „Aladdin" fortgekommen waren; denn dasselbe, was in „Aladdin" der schöne Traum war, ist in „Per Gynt" die leidige Phantasterei. der

ist,

Situation das volle Mitgefühl des Dichters hat,

Aladdin ist die Freude über das Leben, d. h. die Freude des Auserkorenen über sein Leben als Ausnahme aber für Andere als die Lieblinge des Glücks ;

ist dies

ein niederschlagendes Gedicht.

im Grunde melancholischer der Werthlosigkeit

all

sein,

als

Denn was kann diese Lehre

Derer, über die es

von in „Aladdin"

heisst

Gar

viele Seelen

Wer

nicht

Der

ist

zur

kranken und erschlaffen;

von Gott vorzüglich auserkoren,

Menge

seiner Zeit geschaffen.

:

ADAM OEHLENSCHLAGER ALADDIN.

134

:

Im deutschen

werden

„Aladdin'^

Menschen

diese

mit Mohren verglichen, die vergeblich versuchen,

sich

weiss zu waschen

Doch waschen

sich

Und toben gegen Weil

und reiben

sich die

Schicksal, Gott

sie nicht so Avie

Mohren

und Leben,

Jene sind geboren.

So fruchtlos ist das Streben des Nicht-Genialen nach Auszeichnung. Während die ganze neuere nordische Poesie eine Art von erziehendem Charakter hat, muss man Aladdin eins

der

für

Menge niederschlagendsten Werke Menge nur das Eine Gute: Respect vor dem Genie. Aber

die

nennen, die es gibt. Es lehrt der

und zwar sehr

man

spricht

so

viel

zu geben. Aladdin

ist ein

ungefährliches Buch,

jedem Kind

Mann

und

ist,

der Jugend in die

für die

das

Hände

Jugend durchaus nicht

man dennoch gibt.

Dänemark

in

Es ist ein Buch, vorkann Knaben schädlich

es hat

weiss

Ausnahme

in

ist,

der Regel,

dass

er

es zu sein.

nicht

die

grosse

aber der Knabe hofft noch darauf, es zu

werden, und während er das Gedicht

Welt wenn

Hand

Erwachsene; aber es grossen Schaden angerichtet. Denn der

trefflich für

sein,

in die

von

von gefährlichen Büchern,

solchen, die es gefährlich

Und dann

in sich ein,

glaubt

liest,

er,

trinkt er die Vorstellung von einer

in der Alles

dem Sorglosen

gelingt,

wünschen von einer Welt, in welcher Schätze gewonnen, Hindernisse beseitigt, das Glück erobert und Triumphe erreicht werden ohne Mühe, ohne Arbeit, ohne Einsicht und ohne Kampf. In einem Lande, wo das Evangelium der Arbeit niemals mit Kraft gepredigt worden war, hat „Aladdin" das Evangelium des Genies gepredigt, und die Frucht ist die gewesen, dass kaum ein Land in der Welt er es nur wagt, gehörig zu

existirt,

wo

Dänemark.

;

es so viele eingebildete Genies gibt als in

Im Alter zwischen fünfzehn und zwanzig

ADAM OEHLENSCHLAGER ALADDIN. :

Jahren glaubt

135

fast jeder arbeitsscheue dänische Jüngling,

dass er ein Genie

sei.

Das

ist

das Erbtheil aus der Zeit

der Romantik.

Aber

in der

ganzen Geschichte des Volkes während man tiefer noch, als schon

dieses Jahrhunderts hat



berührt



Anfang

dieses Jahrhunderts geschehenen Untertauchen

Wirkung spüren können von dem zu

die

des Volkes in der Aladdin-Eomantik. heisst

es

ja,

das Licht selbst.

Sie

Die Lampe ist, kommt zum Be-

günstigten „während er süss und angenehm schlummert".

Für das ganze Volk ist jenes Licht das Licht der und das dänische Volk kam, wie Aladdin, im

Freiheit,

Jahre 1849 schlafend zu seinem Glück,

seinem Licht,

Wie

hütet Aladdin

seiner Freiheit, seiner Verfassung.

seinen Schatz ? Statt ihn unzugänglich, unangreiflich zu

bewahren,

stellt

er ihn einfach,

wenn er ausgeht, hinter Und so wird die alte

einer Bildsäule oben im Saale hin.

Kupferlampe für eine neue umgetauscht.

Viel besser

hütete das dänische Volk seinen Schatz nicht.

Als im

Jahre 1866 die Reaction sich nach der Niederlage einschlich und Nureddin für die alte Verfassung eine neue anbot, lieferte das Volk die alte aus.

durch den Schaden nicht klüger.

Und Aladdin wird

Nachdem der grosse

Verlust das erste Mal erlitten und ausgeglichen worden

und Hindbad, der noch gefährlicher ist als Nureddin, kommt, um Aladdin aufs Neue die Lampe zu rauben, gibt er sie wieder aus seiner Hand, stellt sie auf den Fussboden zwischen sich und ihm und vergisst, stark im Glauben an das Recht, sich im voraus die Macht zu sichern. Das Glück Aladdin's ist besser als sein Verstand — er ist ja die Ausnahme. Aber wahrlich, Aladdin ist ein gefährliches Buch, der Jugend eines Volkes zu übergeben. Denn freiwillig auf die Macht Verzicht zu leisten, die man hat, sich sein Recht zu sichern; nicht rechtzeitig Macht hinter das Recht zu stellen: das ist der schlimmste Leichtsinn, den ein Volk begehen kann.

ADAM OEHLENSCHLAGER: ALADDIN.

136

im Anfang das Evangelium des Genies, zum Schlüsse das Evangelium des Rechtes. Bekommen die Dänen jemals eine Dichtung von gleich Aladdin predigt

hohem Eang und verwandter typischer Art, sie vielleicht

ches nicht der Ausnahme, sondern Allen

das Evangelium der Macht besteht, liches

gilt,

wird

und dann

verkünden, welches darin

dass das Recht nur da ein wirksames,

Recht

melt hat.

so

das Evangelium der Arbeit predigen, wel-

ist,

wo

es hinter sich die

wirk-

Macht gesam-

»

Friedrich Nietzsche.

4.

EINE

ABHANDLUNG UEBER ARISTOKRATISCHEN RADICALISMUS. (1888)

n clerLitteraturdes gegenwärtigen Deutschlands scheint Friedrich Nietzsche mir der interessanteste Schriftsteller zu sein. Obgleich selbst in sei-

nem Vaterlande wenig gekannt, tendem Eang,

der es vollauf

studirt, erörtert,

ist er ein

Geist von bedeu-

verdient,

dass

die, Stimmung Bewegung zu setzen.

deren guten Eigenschaften besitzt er zutheilen und

man

ihn

bekämpft und sich aneignet. Unter an-

Gedanken

in

Während achtzehn Jahren hat Nietzsche

mit-

eine lange

Eeihe Bücher und Hefte geschrieben. Die meisten dieser Bände bestehen aus Aphorismen, und die meisten und neuesten dieser Sprüche beschäftigen sich mit den mora-

Im Uebrigen aber hat er die verschiedenartigsten Fragen behandelt und über Cultur und Geschichte, Kunst und Frauen, geselliges und einsames Leben, Staat und Gesellschaft, Lebenskampf und Tod lischen Vorurtheilen.

seine wechselnden Ansichten geäussert.

Der Ausdruck „aristokratischer Radicalismus", dessen Sie sich ist sehr gut. Das ist, mit Verlaub gesagt, das gescheuteste Wort, das ich bisher über mich gelesen habe. Nietische (2. December 1887.) ^

bedienen,

FRIEDRICH NIETZSCHE.

138

In einem Brief

vom

10. April

1888 schrieb Friedrich

Nietzsche aus Turin als Antwort auf die Mittheilung, dass in Kopenhagen

Reihe öffentlicher Vorträge

eine

über seine Schriften angekündigt sei:

was ist das für eine üeberden Muth hergenommen, von

;,Aber, verehrter Herr,

raschung

ken Sie

Wo

!

einem vir

reden zu wollen Denim lieben Vaterland bekannt behandelt mich daselbst, als ob ich etwas !

vielleicht, dass ich

Man

bin?

haben Sie

obscurissimiis öffentlich

Absonderliches

und Absurdes wäre,

etwas,

das

man

einstweilen nicht nöthig hat, ernst zu nehmen. Offenbar

wittern

sie,

dass auch ich sie nicht ernst nehme, und wie

sollte ich's auch, heute,

dictio in adjecto

Anbei

wo „deutscher

geworden

ist!

Geist" ein contra-



folgt eine kleine vita, die erste, die ich ge-

schrieben habe Vita.

dem

Ich

am

bin

Schlaclitfelde

Oktober 1844 geboren,

15.

auf

vonLützen. Der erste Name, den ich

war der Gustav Adolfs. Meine Vorfahren waren es scheint, dass der Typus gut erhalten ist, trotz dreier deutscher „Mütter". Im hörte,

polnische Edelleute (Niezky)

;

Auslande gelte ich gewöhnlich als Pole; noch diesen Winter einzeichnete mich die Fremdenliste Nizza's comme Polonais.

Man

sagt mir,

dass mein Kopf auf Bildern

Matejko's vorkomme. Meine Grossmutter gehörte

zudem

Willm-Goethe'schen Kreise Weimars; ihr Bruder wurde der Nachfolger Herders in

der Stellung

des General-

superintendenten Weimars. Ich hatte das Glück, Schüler der ehrwürdigen Schulpforta zu sein, aus der so Viele (Klopstock, Fichte, Schlegel,

der deutschen Litteratur in

Ranke usw. usw.), die in Betracht kommen, hervor-

gegangen sind. Wir hatten Lehrer, Ehre gemacht hätten (oder liaben Bonn, später



),

Ich studirte in

in Leipzig; der alte Ritschi,

erste Philolog Deutschlands,

Anfang an

die jeder Universität

aus. Ich

zeichnete

damals der

mich fast von

war mit 22 Jahren Mitarbeiter

des

t

FRIEDRICH NIETZSCHE.

139

„Litterarisclien Centralblattes" (Zarncke). Die

des philologischen Vereins in Leipzig, besteht, geht auf mich zurück.

Gründung

der jetzt noch

Im Winter 1868

mir die Universität Basel eine Professur

an-,

— 69 trug ich

war

nocht nicht einmal Doktor. Die Universität Leipzig hat

mir die Doktorwürde hinterdrein gegeben, auf eine sehr ohne jedwede Prüfung, selbst ohne

ehrenvolle Weise,

Von Ostern 1869—1879 war

eine Dissertation.

Basel;

ich

hatte

ich in

nöthig mein deutsches Heimatsrecht

aufzugeben, da ich als Offizier (reitender Artillerist) zu oft

einberufen und in meinen akademischen Funktionen

worden wäre. Ich verstehe mich nicht desto weniger auf zwei Waffen Säbel und Kanonen — und, vielleicht noch auf eine dritte .... Es ging Alles sehr gut in Basel, trotz meiner Jugend; es kam vor, bei Doktorpromotionen namentlich, dass der Examinand älter war als der Examinator. Eine grosse Gunst wurde mir dadurch zu Theil, dass zwischen Jakob Burkhard und mir eine herzliche Annäherung zu Stande kam, etwas Ungewöhnliches bei diesem sehr einsiedlerischen und gestört

:

abseits lebenden Denker. Eine noch grössere Gunst, dass

ich

vom Anfang meiner Baseler Existenz an

beschreiblich

Wagner

in eine un-

nahe Intimität mit Richard und Cosima

gerieth, die damals auf ihrem

Landgute Trieb-

schen bei Luzern wie auf einer Insel und wie abgelöst

von allen früheren Beziehungen lebten. Wir haben einige Jahre alles Grosse und Kleine gemeinsam gehabt, es gab ein Vertrauen ohne Grenzen. (Sie finden in den gesammelten Schriften Wagners, Band desselben

an

mich

abgedruckt,

7,

ein „Sendschreiben"

bei

Gelegenheit

der

„Geburt der Tragödie".) Von jenen Beziehungen aus habe ich einen grossen Kreis interessanter Menschen (und „Menschinnen") kennen gelernt, im Grunde fast Alles,

was zwischen Paris und Petersburg wächst. Gegen 1876 verschlimmerte sich meine Gesundheit. Ich brachte da-

mals einen Winter inSorrent

zu,

und meine alte Freundin,

FRIEDRICH NIETZSCHE.

140

die Baronin Meysenburg („Memoiren einer Idealistin") und dem sympathischen Dr. Ree. Es wurde nicht besser. Ein äusserst schmerzhaftes und zähes Kopfleiden stellte sich heraus, das alle meine Kräfte erschöpfte. Es steigerte sich in langen Jahren bis zu einem Höhepunkt habitueller Schmerzhaftigkeit, so dass das Jahr damals für mich 200 Schmerzestage hatte. Das Uebel muss ganz und gar lokale Ursachen gehabt haben, und fehlt jedwede neuropathologische Grundlage. Ich habe nie ein

Symptom von

geistiger

Störung gehabt;

selbst

kein

war damals so langsam wie der des ersten Napoleons (= 60). Meine Specialität war, den extremen Schmerz cru, verl mit vollkommener Klarheit zwei bis drei Tage hintereinander

Fieber, keine Ohnmacht. Mein Puls

auszuhalten, unter fortdauerndem Schleim-Erbrechen. Man

hat das Gerücht verbreitet, als ob ich im Irrenhaus ge-

wesen

sei

(und gar darin gestorben

sei).

Nichts

ist

irr-

thümlicher. Mein Geist wurde sogar in dieser fürchterlichen Zeit erst reif: Zeugniss die „Morgeni'öthe'', die ich in

einem Winter von unglaublichem Elend in Genua, abseits von Aerzten, Freunden und Verwandten, geschrieben

Das Buch ist eine Art „Dynamometer" für mich: habe es mit einem Minimum von Kraft und Gesundheit verfasst. Von 1882 an ging es, sehr langsam freilich, wieder aufwärts Die Krisis schien überwunden (— mein

habe. ich

:

Vater in

ist

dem

dem Lebensjahr, dem Tode am nächsten war). Ich

sehr jung gestorben, exakt in

ich

selbst

habe auch heute noch eine extreme Vorsicht nöthig; ein Paar Bedingungen klimatischer und meteorologischer Art sind unerlässlich. Es ist nicht Wahl sondern Zwang, dass ich die Sommer im Oberengadin, die Winter an der Riviera zubringe .... Zuletzt hat mir die Krankheit den allergrössten Nutzen gebracht: sie hat mich herausgelöst, sie hat mir den Muth zu mir selbst zurückgegeben .... Auch bin ich, meinen Instinkten nach, ein tapferes Thier, selbst

ein militärisches.

Der lange

;

FRIEDRICH NIETZSCHE. wenig exasperirt. Aber was liegt daran

Widerstand hat meinen Stolz

Ob

ich ein Philosoph bin V



141



ein

!

war

In den Jahren 1887 und 1888

.

.

."

die Productivität

wurden hervorragende Arbeiten von sehr verschiedener Art herausgegeben und

Nietzsche's erstaunlich. In ihnen

ein

ganze Eeihe neuer Werke vorbereitet. Dann erfolgte,

gegen Schluss dieses Jalires, vielleicht als Folge von Ueberanstrengung, ein heftiger Krankheitsanfall, von dem Nietzsche noch nicht genesen ist. Als Denker

ist

er

von Schopenhauer ausgegangen

er ist in seinen ersten Schriften geradezu sein Schüler.

Aber da

er

nach mehrjährigem Schweigen,

während

dessen er seine erste geistige Krise durchlebt,

wieder

von jedem Schüler verhältniss befreit. Er so starke und rasche Entwicklung durcli weniger im Gedankenleben selbst, als im Muth, seine

auftritt, ist er

macht nun eine



Gedanken auszusprechen

— dass

neues Stadium bezeichnet,

Schrift auf Schrift ein

bis er

nach und nach sich

auf eine einzige Grundfrage concentrirt, der Frage nach

den moralischen Werthen. Er hatte schon

in seinen ersten

Anfängen als Denker und Schriftsteller David Strauss gegenüber wider jede moralische Ausdeutung vom Wesen des Alls protestirt und unserer Moral ihren Platz in der Welt der Erscheinungen angewiesen, „bald als Schein und Fehlgriff, bald als Zurechtlegung und Kunst". Und seine litterarische Thätigkeit hat bisher ihre

einer Untersuchung erreicht,

vom Entstehen der

Höhe

in

Moralbegriffe

wie es seine Hoffnung und Absicht war, eine dei- moralischen Werthe, eine Unter-

durchgeführte Kritik

suchung des Werths dieser (als gegeben betrachteten) Werthe zu liefern. Das erste Buch seines Werkes „Umwerthung aller Werthe'' war fertig, als er krank wurde. *

*

Nietzsche's Schriften sind folgende: Unzeitgeniässe Betrach-

tungen,

— Die Geburt der Tragödie, oder Griecbenthum und — Menschliches, Allzumenschliches, lundll. — Morgen-

I— IV.

Pessimismus.



:

FRIEDRICH NIETZSCHE.

142

I.

zum ersten Male oft genannt, wenn gerühmt, wegen einer bissigen, jugend-

Nietzsche wurde

auch nicht

viel

gegen David Strauss, von dessen Buch „Der alte und der neue Glaube" hervorgerufen. Nicht gegen den ersten kriegerischen Abschnitt des Werks, sondern gegen den ergänzenden, aufbauenden lichen Streitsclirift

Theil desselben

hier ein in seinem

ist

Tone

pietätloser

Angriff gerichtet. Dieser Angriff galt jedoch weniger der letzten Kraftanstrengung des einst so grossen Kritikers

welche dieses sein letztes

als jener Mittelmässigkeit, für

Wort als das letzte Wort der Bildung überhaupt dastand. Es war anderthalb Jahre nach dem Abschluss des deutsch-französischen Krieges. Der stürmische Siegesjubel

war noch des

waren

nicht verstummt. Niemals

Wogen

die

deutschen Selbstgefühls so hoch gegangen.

Nach

der allgemeinen Auffassung in Deutschland und den mit

Deutschland befreundeten Ländern waren es nicht die deutschen Heere

allein,

welche die französischen ge-

schlagen hatten, sondern die deutsche Cultur habe die

Da

französische besiegt.

erhob sich diese Stimme und

sagte

Gesetzt hier hätten wirklich

ander gekämpft,

so

siegende Cultur zu bekränzen

was

die unterliegende

gering gewesen zösischen röthe,

— und

— so war

Gedanken über

z"\vei

Culturen mit ein-

wäre das noch kein Grund,

die

;

man

werth war; das sagt

ist ihr

man

Ehre nicht

die

müsste erst wissen,

Werth

ja von

gross.

die moralischen Vorurtbcile.

Aber

sehr

der franes

kann

— Die fröhliche

— Jenseits

von Gut und Böse. Zur Genealogie der Moral. Also sprach Zarathustra, I— IV. Der Fall Wagner, ein Musikantenproblem. Götzendämmerung, oder wie Wissenschaft (La gaya scienza).







man

mit

dem Hammer

pbilosophirt.

:

FRIEDRICH NIETZSCHE. in

143

diesem Fall überhaupt nicht die Rede von einem Sieg

der deutschen Cultur sein, theils weil die französische

noch besteht, theils weil die Deutschen jetzt wie früher noch von ihr abhängig sind. Es war Kriegszucht, natürliche Tapferkeit, Ausdauer, dieUeberlegenheit der Führer, der Gehorsam der Geführten, „kurz Elemente, die nichts

mit der Cultur zu thun haben'', was Deutschland zum

Und schliesslich hat die deutsche Cultur dem guten Grunde nicht gesiegt, weil in

Sieg verhalf. besondei's aus

Deutschland der reine Begritf von Cultur verloren ge-

gangen

ist.

Es war

erst ein

Jahr

her, dass Nietzsche selbst die

grössten Erwartungen an die Zukunft Deutschlands geknüpft, auf dessen nahe

bevorstehende Befreiung

vom

Gängelband der romanischen Civilisation gehofft und die günstigsten Weissagungen aus der d eutschen Musik herausgehört hatte. Der geistige Verfall, der ihm von der *

Aufrichtung des Reiches unzweifelhaft zu beginnen schien, veranlasste ihn jetzt, der herrschenden Volksstimmung mit rücksichtslosem Trotz zu begegnen.

Er behauptet, dass Cultur als künstlerische Stileinheit

und vor Allem Lebensäusserungen

sich zuerst

durch

alle

eines Volkes offenbare. Viel gelernt zu

zu wissen dagegen,

haben und

viel

wie er zeigt, weder ein nothwendiges Mittel zur Cultur noch ein Zeichen von Cultur; ist,

beides kann vortrefflich mit Barbarei

zusammengehen,

dasheisst, mitStillosigkeit, oder mit einem bunten Misch-

masch von

Stilarten.

Und

seine einfache

Behauptung

mit einer Cultur, die aus Mischmasch besteht, kann

keinen Feind bezwingen,

am wenigsten

ist

man

einen Feind wie

die Franzosen, die lange eine wirkliche, fruchtbare Cultur

besessen,

Werth

man

lege ihr nun grösseren oder geringeren

bei.

Die Geburt der Tragödie,

S.

112

ff.

FRIEDRICH NIETZSCHE.

144

Er beruft sich auf ein Wort Goethe's an Eckermann: „Wir Deutschen sind von gestern. Wir haben zwar seit einem Jahrhundert ganz tüchtig cultivirt, allein e^ können noch ein paar Jahrhunderte hingehen,

ehe

und höhere Cultur eindringe und allgemein werde, dass man von ihnen wird sagen können, es sei lange her, dass sie Barbaren gebei unseren Landsleuten so viel Geist

wesen."

Für Nietzsche decken, wie man

sieht, die Begriffe

Cultur und einheitliche Cultur einander.

Um

einheitlich

muss eine Cultur ein gewisses Alter erreicht zu haben und in ihrer Eigenthümlichkeit so stark geworden sein, dass sie alle Lebensformen duixhdrungen hat. Einsein,

heitliche Cultur ist aber natürlicherweise nicht dasselbe,

wie eingeborene Cultur. Eine einheitliche Cultur hatte, das alte Hellas,

aber

sie

und asiatischer Einflüsse

;

war

die

Frucht ägyptischer

eine einheitliche Cultur hatte

das alte Island, obgleich ihre Blüthe gerade durch den lebendigen Verkehr mit Europa herbeigeführt ward

;

eine

einheitliche Cultur hatte Italien unter der Renaissance,

England im sechzehnten, Frankreich im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, obgleich Italien seine Cultur aus griechischen, römischen und spanischen Eindrücken aufbaute, Frankreich die seinige aus antiken, keltischen,

spanischen und italienischen Elementen und obgleich die Engländer vor allen ein Mischvolk sind. Es ist zwar nur anderthalb Jahrhunderte her, seit die Deutschen anfingen, sich von der französischen Cultur freizumachen, und kaum mehr als hundert Jahre, seit sie der Schule der Franzosen entrannen, deren Einwirkung gleichwohl noch heutzutage zu spüren ist; aber doch wird Niemand die Existenz

wenn

sie

einer

deutschen Cultur leugnen können,

auch verhältnissmässig jung und im Werden

Ebensowenig wird der, welcher Sinn für die Uebereinstimmung zwischen deutscher Musik und deutscher Philosophie, Gehör für die Uebereinstimmung zwischen

ist.

FRIEDRICH NIETZSCHE.

145

deutscher Musik und deutscher lyrischer Poesie, Auge Vorzüge und Mängel der deutschen bildenden

für die

Kunst hat, die Ergebniss Eines in dem ganzen deutschen Gedanken- und Gefühlsleben erscheinenden Grundhanges sind, geneigt sein, Deutschland von vornherein einheitliche Cultur abzusprechen. Bedenklicher wird das Verhältniss für solche kleineren Länder, wo die Abhängig-

vom Ausland

keit

Potenz

nicht selten Abhängigkeit in zweiter

ist.

Für Nietzsche

ist

indessen dieser Punkt der verhält-

nissmässig unwichtigere.

Er ist überzeugt, dass die Stunde

der nationalen Culturen bald schlagen wird, da die Zeit,

wo überhaupt nur noch von

einer

europäischen oder

europäisch-amerikanischen Cultur geredet werden könne, nicht

mehr

fern sei.

Er geht von der Thatsache

aus,

dass die entwickelten Menschen aller Länder sich bereits jetzt als Europäer, als Landsleute, ja, als

Bundesgenossen

und von dem Glauben aus, dass schon das nächste Jahrhundert den Krieg um die Herrschaft über die Erde

fühlen,

bringen werde.

Wenn dann

aus

dem Resultat

dieses Krieges

ein

biegender, brechender Sturmwind über alle nationalen Eitelkeiten hinfährt, worauf wird es dann

ankommen?

Es gilt dann, meint Nietzsche, ganz in Uebereinstimmung mit den hervorragendsten Franzosen unserer Zeit,

ob es bis dahin gelungen sein wird,

eine Rasse

hervorragender Geister, welche die centrale Macht

er-

greifen können, aufzuzüchten und zu erziehen.

Das Grundunglück

ist

daher nicht, dass ein Land

noch keine echte, einheitliche und durchgeführte Cultur habe, sondern, dass

man

sich für gebildet halte.

Und den

Blick auf Deutschland gerichtet, fragt Nietzsche, wie es

zugegangen

ist,

der zwischen

dass ein so ungeheurer Gegensatz wie

dem Mangel an wahrer Cultur und dem

selbstzufriedenen

Glauben,

gerade

die

einzig

wahre

zu besitzen, entstehen konnte, und er findet die Antwort 10

FRIEDRICH NIETZSCHE.

146

dem Umstände, dass eine Classe Menschen zur Macht gekommen ist, die kein früheres Jahrhundert gekannt hat und die er (1873) auf den Namen Bildunosphilister tauft. in

Der Bildungsphilister hält seine unpersönliche Bildung für die eigentliche Cultur wenn er davon hat reden ;

hören, Cultur setze ein einheitliches Geistesgepräge vor-

guten Meinung von von seiner Art findet und da Schulen, Hochschulen und Kunstanstalten nach seinen Bedürfnissen und einem seiner Bildung entsprechenden Muster eingerichtet sind. Da er sozusagen überall denselben stillschweigenden Convenienzen hinsichtlich Eeligion, Moral und Litteratur, hinsichtlich Ehe, Familie, Gemeinde und Staat begegnet, so scheint ihm bewiesen, aus, so bestärkt ihn das in seiner

sich selbst, da er überall Gebildete

diese imponirende Gleichartigkeit sei Cultur. nicht,

dass

diese

Er ahnt

wohlgeordnete und wohlzusammen-

hängende Philisterei,

die an Schreibtischen

und auf Ehren-

keineswegs deswegen Cultur geworden

plätzen

sitzt,

weil ein

Zusammenwirken zwischen ihren Organen

findet.

Sie

ist,

sagt Nietzsche,

Cultur-,

sie

ist

eine nach

ist,

statt-

nicht einmal schlechte

Vermögen

solid verschanzte

Barbarei, nur ganz ohne die Frische und wilde Kraft des

ursprünglichen Barbarenthums

Ausdrücke,

um

zu schildern, in dem in dessen giftigem

In

;

und er hat

viele

malende

das Bildungsphilisterium als den Morast alle

Nebel

die Gesellschaft

Müdigkeit stecken bleibt und alles

Streben dahinsiecht.

der Bildungsphilister werden

wir in der Regel Alle hineingeboren, und in ihr wachsen

wir auf. Sie empfängt uns mit herrschenden Meinungen,

unbewusst annehmen, und selbst wenn die Meinungen getheilt sind, so sind sie doch bloss in Parteigetheilt. meinungen in öffentliche Meinungen Ein Aphorismus von Nietzsche lautet: „Was sind öffentliche Meinungen? Es sind private Faulheiten." Der Satz ist nicht unbedingt wahr. Es gibt einzelne Fälle, wo die öffentliche Meinung etwas wertli sein kann. John die wir





FRIEDRICH NIETZSCHE.

14t

Buch darüber geschrieben. In gewissen sehr unzweifelhaften Fällen, wo Treu und Glauben gebrochen worden, und bei gewissen grob-niederträchtigen Kränkungen des Menschenrechts kann die öffentliche Meinung ein seltenes Mal sich wie eine Macht erMorley hat

ein gutes

man

heben, die es verdient, dass

ihr folgt. Sonst ist sie

in der Regel ein Fabrikat, das im Dienst des Bildungs-

philisteriums hergestellt wird.

Bei ihrem Eintreten ins Leben begegnet die Jugend

mehr oder weniger philiströsen Gruppenmeinungen. Je mehr der Einzelne zu einem wirklichen Menschen veranlagt ist, desto mehr Widerstand leistet er dagegen, mit der Herde zu gehen. Aber selbst wenn eine innere Stimme zu ihm sagt Bleibe dir selbst treu Sei du selbst so hört er mit Missmuth diesen Zuruf. Hat er ein Selbst? er weiss es nicht; er kennt sich noch nicht. Er sieht sich nach einem Lehrer um, einem Erzieher, Einem, der ihn nicht etwas Fremdes, sondern er selbst, also verschiedenen etwas

:

!

!

dieser Einzelne, zu werden, lehren will.

Es gab

Dänemark einen grossen Mann, der mit Zumuthung an seine Zeitgenossen sollten Ein:;elne werden. Aber die Aufforin

eindringlicher Kraft die richtete, sie

derung war von Seiten Sören Kierkegaard's nicht so sie ausgesprochen wurde. Denn das Ziel war gegeben. Sie sollten Einzelne werden, nicht

unbedingt gemeint, wie

um

sich zu freien Persönlichkeiten zu entwickeln, son-

um

dern Sie

auf diesem

Wege wahre

wurden nur anscheinend

schwebte ein:

gehorchen

um den

!

Du

sollst

frei

glauben!

Christen zu werden.

über ihnen

gestellt,

und

ein:

Du

sollst

Sie hatten auch als Einzelne eine Schlinge

und an der anderen Seite des Engpasses durch den die Herde getrieben wurde, wartete wieder die Herde: Ein Hirt, Eine Herde.^ Hals,

der Einzelheit,

*

Sören Kierkegaard.

Ein

literarisches

Charakterbild

von Georg Brandes. Leipzig 1879. 10*

FRIEDRICH NIETZSCHE.

148

Es

um

ist nicht,

seine Persönlichkeit sofort wieder

aufzugeben, dass der Jüngling unserer Tage danach strebt, er selbst zu

landen

werden und einen Erzieher sucht. Er

Dogma

sich kein

soll.

vorspiegeln lassen, in

Und

er

Satzungen angefüllt

mit Unruhe,

Wie

will

er wieder

dass

er

mit

sich selbst in sich selber

wie sich selbst aus sich selber ausgraben? Dazu

finden, sollte

fühlt

ist.

dem

Ein Erzieher kann nur

der Erzieher ihm helfen.

ein Befreier sein.

Einen solchen befreienden Erzieher suchte Nietzsche und fand ihn in Schopenhauer. Einen solchen

als Jüngling

findet Jeder, der

danach sucht,

in seiner Entwicklungszeit

wirkt. Nietzsche sagt:

in der Persönlichkeit, die

am

tiefsten befreiend auf ihn

nachdem

Schopenhauer gelesen, wusste

er,

er die erste Seite

von

dass er jede Seite von

ihm lesen und auf jedes Wort Acht geben würde,

selbst

ihm begegnen könnten. Jeder geistig Strebende wird Männer nennen können, die er auf diese Weise gelesen. Allerdings blieb für Nietzsche, wie im Allgemeinen für jeden Strebenden, noch ein Schritt übrig sich von auf die Irrthümer,

die

bei

diesem

Schriftsteller



dem

Befreier zu befreien.

Wir

finden in seinen ältesten

Schriften gewisse Schopenhauer'sche Lieblingsausdrücke, die später nicht

Befreiung digkeit,

mehr

ist hier

bei

ihm vorkommen.

Aber

die

eine ruhige Entwicklung zur Selbstän-

während welcher die tiefe Dankbarkeit sich erwie im Verhältniss zu Wagner ein gewalt-

hält, nicht

samer Umschlag, der ihn veranlasst, den Werken allen

Werth abzusprechen,

die

ihm früher die werthvollsten

von allen gewesen.

Er rühmt an Schopenhauer seine hohe Ehrlichkeit, neben die er nur diejenige Montaigne's stellen kann, seine Klarheit, seine Beständigkeit, sein reinliches Ver-

hältniss zu Gesellschaft, Staat und Staatsreligion.

Bei

Schopenhauer nie eine Einräumung, nie ein Liebäugeln. Und Nietzsche erstaunt über den Umstand, dass

FRIEDRICH NIETZSCHE.

149

Leben in Deutschland ausEin neuerer Engländer hat gesagt „Shelley hätte nicht in England leben können, und eine Rasse von Scilopeiihauer überhaupt das hielt.

:

würde dort unmöglich sein !'' Diese Art Geister werden geistig gebrochen, dann schwermüthig, zuletzt krank oder irrsinnig. Die Gesellschaft der Bildungsphilister macht den ungewöhnlichen Menschen das Leben sauer. Beispiele finden sich massenhaft in der Litteratur aller Länder, und die Gegenprobe lässt sich Shelley 's

beständig machen.

Man

braucht nur an die zahlreichen

Talente zu denken, die früher oder später

um

gebeten und,

zu existiren,

räumungen gemacht haben. Aber unnütz aufreibende

verräth der

dem

um Pardon

Philisterium Ein-

selbst an den Stärksten

Kampf

sich in

Zügen

und Runzeln. Nietzsche citirt das Wort eines geübten Diplomaten, der Goethe nur obertlächlich gesehen und gesprochen: „Voilä un homme qui a eu de grands chagrins," und Goethe's Zusatz, als er es seinen Freun-

den erzählt die

:

„Wenn

sich

nun

in unseren Gesichtszügen

Spur überstandenen Leidens, durchgeführter Thätig-

keit nicht auslöschen lässt, so ist es kein

Wunder, wenn

was von uns und unserem Bestreben übrig bleibt, Und das ist Goethe, commen-

Alles,

dieselben Spuren trägt." tirt

Nietzsche, auf den unsere Bildungsphilister als auf

den glücklichsten Deutschen hinzeigen.

Schopenhauer war bekanntlich

bis in seine letzten

Lebensjahre ein ganz einsamer Mann. Keiner verstand ihn, keiner las ihn. Der grösste Theil der ersten Auflage

Werks:

„Die Welt als Wille und Vorstellung" Maculatur verkauft werden. Das Buch erschien 1819 und blieb dreissig Jahre lang unbeachtet. Noch 1837 ist Schopenhauer's Persönlichkeit in Däne-

seines

musste

mark

so

als

wenig bekannt, dass Poul Möller,

ein dänischer

Dichter und Denker, der ihn früh gelesen hatte, ihn für einen Professor in Berlin hält, und 1841 widerfährt der

„Gesellschaft der Wissenschaften"

in

Kopenhagen das

FRIEDRICH NIETZSCHE.

150

bekannte Unglück,

dass sie ihm ihren Preis für

eine

seiner berühmtesten Arbeiten verweigert.

unseren Tagen

Anschauung grosse Mann ganz und gar durch das Zeitalter bestimmt wird, dessen Kind er ist, es unbewusst zusammenfasst und ihm mitBewusstsein Ausdruck zu geben bestrebt ist. Aber obgleich der grosse Mann selbstverständlich nicht ausserhalb des Gangs der Geschichte sich bewegt und immer auf Vorgängern fusst, so keimt eine Idee doch stets in einem Einzelnen, oder in einigen Einzelnen auf, und diese Einzelne sind nicht zerstreute Punkte in der niedrigstehenden Menge, sondern Hochbegabte, welche die Menge an sich ziehen und nicht von ihr gezogen werden. Das, was man den Zeitgeist nennt, entsteht zuerst in ganz wenigen In

stark verbreitet

die Taine'sche

ist

worden, dass der

Gehirnen.

Anfang

Nietzsche, der von

an,

wohl meist durch

Schopenhauer's Einwirkung, stark von dem Satz erfüllt

war, der grosse

Mann

sei nicht

dem hervorragenden Er-

Stiefkind der Zeit, fordert von zieher, dass er die

das Kind, sondern das

Jungen gegen

die Zeit erziehe



eine,

so im Allgemeinen formulirt, recht ungereimte Forderung,

aber für ihren Urheber sehr bezeichnend.

Es

scheint ihm, dass die neuere Zeit besonders drei

Meuschentypen nach Nachfolge

einander zur

hervorgebracht hat.

Rousseau's, den Titanen, der,

Nachahmung und

Zuerst den Menschen

von den höheren Kasten

gedrückt und gebunden, sich erhebt und in seiner Noth die heilige Natur anruft. Dann den Goethe'schen Menschen. Nicht

Werther und

die

verwandten revolutionären

Gestalten, die noch von Rousseau abstammen, nicht die

ursprüngliche Faustfigur, sondern Faust, wie er sich nach

und nach entwickelt. Er ein

Weltbeschauer. Er

ist

ist

kein Weltbefreier, sondern

nicht der wirkende Mensch.

Nietzsche erinnert an Jarno's Wort gegen Wilhelm Meister: „Sie sind verdriesslich und bitter, das

ist

recht schön und

FRIEDRICH NIETZSCHE.

Wenn

gut.

151

Sie nur erst einmal recht böse werden, wird

es nocli besser sein."

Einmal recht zornig zu werden,

damit

es besser

werde, dazu will nach der Meinung des dreissigjährigen Nietzsche

Mensch

Scbopenbaner'sche

der

aufmuntern.

Dieser Mensch nimmt freiwillig das Leiden auf sich, die

Wahrheit zu sagen.

Sein Grundgedanke

glückliches Leben

unmöglich

ist

Mensch erreichen kann, ein

ist

der

:

heroisches Leben,

ist ein

Ein

das Höchste, was der

;

d, h.

Leben, in dem unter den grössten Schwierigkeiten

Etwas gekämpft wird, was auf die eine oder andere Weise Allen zu Gute kommt. Zu dem wahrhaft Menschlichen heben nur die wahren Menschen uns empor, die, welche durch einen Sprung der Natur geworden zu sein scheinen, die Denker und Entdecker, die Künstler und Hervorbringer und die, welche mehr durch ihr Wesen wirken, als durch ihr Thun: die Edlen, die für

im grossen

Stil

Guten,

Die,

in

Guten wirkt. Diese Menschen sind das

denen der Genius des

Ziel der Geschichte.

Nietzsche formulirt den Satz:

,,

Die Menschheit

soll

fortwährend daran arbeiten, einzelne grosse Menschen zu erzeugen und dies und nichts Anderes sonst ist



Das ist dieselbe Formel, zu der mehrere Gegenwart gelangt sind. So heisst es bei Renan fast gleichlautend „In Summa ist der Zweck der Menschheit die Erzeugung grosser Menschen .... nichts als grosse Menschen; die Rettung wird durch grosse Menschen kommen." ^ Und man sieht aus Flaubert's Briefen an George Sand, wie überzeugt auch er davon war. Er sagt z. B. „Das einzige Vernünftige ist und bleibt eine Regierung von Mandarinen, vorausgesetzt, dass die Mandarinen etwas können, oder ihre Aufgabe.''

^

aristokratische Geister der

:

*

Unzeitgerricässe Betrachtungen.

2

Renan,

Dialogues

et

Drittes Stück, S. 60.

fragments pbilosophiques,

S.

103.

FRIEDRICH NIETZSCHE.

152

richtiger, dass sie viel

bedeuten,

können

.

.

ob einige Bauern mehr

.

.

Es hat wenig zu

oder weniger lesen

können und ihren Pastor nicht hören, aber es ist unendlich wichtig, dass Menschen wie Renan und Littre Unsere Eettung leben können und gehört werden. liegt jetzt in einer wirklichen Aristokratie."^ Sowohl Renan wie Flaubert würden Nietzsche's Grundidee unterschreiben, dass ein Volk der Umweg ist, den die Natur macht, um ein Dutzend grosser IVränner hervorzubringen. Aber obgleich es diesem Grundgedanken nicht an Fürsprechern fehlt, soll damit nicht gesagt werden, dass er in der europäischen Philosophie der herrschende

ist.

B. Eduard von Hartmann sehr verschieden über das Ziel der Geschichte. Ihm kommt

In Deutschland denkt

es unzweifelhaft

z.

vor,

dass

die Geschichte,

oder,

mit

grösseren Wort, der Weltprozess ein Ziel haben

einem

müsse und dass dieses Ziel nur negativ sein könne, da ein goldenes Zeitalter in seinen

Augen nur

ein

dummes

ist. Daher seine Phantasien über einen, von den höchstbegabten Menschen freiwillig herbeigeführten Weltuntergang. Und im Zusammenhang damit steht seine Lehre, dass die Menschheit nun in das Mannesalter eingetreten zu sein scheine, also über die Entwicklungsstufe hinaus sei, wo Genies nothwendig waren. Diesem Gedanken gegenüber vom Weltprozess, dessen Ziel Vernichtung und Erlösung ist, Erlösung der

Hirngespinst

leidenden relativ

Gottheit

vom

Dasein,

nüchtern mit seinem

Nietzsche

erscheint

einfachen Glauben,

dass

das Ziel der Menschheit kein in das Unendliche hinaus-

geschobenes

sondern in ihren höchsten Exemplaren

sei,

Er

Hauptfrage offen, denn nicht wiederum Ziele ob diese grössten Menschen

liegen müsse.

lässt freilich dabei die

haben, und zwar solche, die sich nicht auf ihre Selbsterhaltung beschränken.

1

Flau b er t,

Lettros ä George Sand, S. 139

ff.

FRIEDRICH NIETZSCHE.

153

Hiermit liat Nietzsche indessen die schliessliclieBeant-

wortnng seiner Frag'e Was ist Cultiir ? erreicht. Denn anf jenem Verhältniss beruhen der Grundgedanke der Cultur und die Pflichten, die sie auferlegt. Sie erlegt mir die Pflicht auf, mich selbstthätig in ein Verhältniss zu den grossen Menschenidealen zu setzen. Ihr Grundgedanke ist der: sie weist jedem Einzelnen, der für sie arbeiten und an ihr theilnehmen will, die Aufgabe zu in sich und ausser sich auf die Erzeugung des Denkers und Künstlers, des wahrheits- und schönheitsliebenden Menschen, der reinen und guten Persönlichkeit und damit auf die Vollendung der Natur hinzuarbeiten, also nach dem Ziel :

:

hin: vollendete Natur.

Wann

herrscht Culturzustand?

Wenn

die

Menschen

einer Gesellschaft beständig daraufhinarbeiten, die Exis-

tenz grosser Menschen zu fördern. Aus diesem höchsten

Und welcher Zustand ist am vom Culturzustand entfernt ? Der, in welchem

Ziel folgen alle anderen.

weitesten

Menschen

und mit vereinten Kräften das Menschen erschweren, indem sie theils das Aufackern des Erdbodens verhindern, der erforderlich ist, damit das Geniale emporwachsen kann, die

Aufkommen

instinctiv

grosser

theils hartnäckig alles Geniale

bekämpfen, das sich unter

ihnen erhebt. Ein solcher Zustand

ist Aveiter

von Cultur

entfernt, als die reine Barbarei.

Aber gibt

es einen solchen?

wird vielleicht der Eine

oder Andere fragen. Die meisten kleineren Völker können sich die

Antwort aus der Geschichte ihres Vaterlandes Man wird da, in dem Grade, wie die „Bil-

herauslesen.

dung'' steigt, das Bildungsklima sich verbreiten sehen, in

dem das Genie

nicht gedeihen kann.

so bedenklicher,

da,

Und

das

ist

um

wie es scheint, in den modernen

Zeiten und unter den Rassen, die jetzt die Macht über die

Erde unter

sich getheilt haben, Staatsverbände

ein paar, oder einigen paar Millionen

reich

genug sind, um Geister vom

Menschen

allerersten

von

selten zahl-

Kang hervor-

:

FRIEDRICH NIETZSCHE.

154

zubringen. Es scheint, als würden die Genies erst aus dreissig oder vierzig Millionen herausdestillirt.

mehr Grund

für

die

Um

kleineren Genossenschaften,

so

aus

allen Kräften Cultur zu fördern.

Man

ist in

neuerer Zeit mit

dem Gedanken

vertraut,

das Ziel, auf das es hinzuarbeiten gelte, sei das Glück

das Glück Aller, oder doch die

Frage

der Meisten.

Worin das

wird seltener erwogen, und doch

Glück besteht,

lässt

sich nicht abweisen, ob nicht ein Jahr, ein

Tag, eine Stunde im Paradiese mehr Glück enthält,

als

Aber gleichviel: So vertraut man auch mit dem Gedanken ist, einem ganzen Land, einer Menschenmenge Opfer zu bringen, so unsinnig scheint es, dass ein Mensch um einzelner anderer Menschen willen da sein sollte, oder die Pflicht haben könnte, ihnen sein Leben zu weihen um damit die Cultur zu ein

Leben

in der Ofenecke.

fördern. Vielleicht lässt jedoch jenes grösstmögliche Glück,

welches es der Bentham-Mill'schen Moral zufolge grösstmöglichen Zahl zu sichern

gilt, sich

der

überhaupt nur

von den einzelnen grossen Persönlichkeiten erlangen. Vielleicht muss auf die Culturfrage, wie das einzelne Menschenleben den höchsten Werth und die grösste Bedeutung erhalte, die Antwort lauten Vortheil der

seltensten

:

dadurch, dass es

des Menschengeschlechts gelebt wird.

der Einzelne auch so

am

zum

und wei'thvollsten Exemplare Vielleicht richtet

meisten dafür aus,

dass das

Leben der Meisten werthvoller werde. In unseren

Tagen bedeutet

eine sogenannte Cultur-

institution nur zu oft eine Einrichtung, kraft welcher die

Gebildeten, in geschlossener Reihe vorgehend, alle Einsamen und Widerspenstigen, deren Streben auf höhere Ziele gerichtet ist, zur Seite drängen. Auch den Gelehrten fehlt daher in der Kegel jeder Sinn füi- den werdenden

Genius und jedes Gefühl für den Werth des gleichzeitigen

und

strebenden

unbestreitbaren

Genies.

Darum

haben,

trotz

und rastlosen Fortschrittes auf

des allen

FRIEDRICH NIETZSCHE.

155

technischen und fachwissenschaftlichen Gebieten, die Be-

dingungen für die Entstehung des Grossen sich so wenig dass der Widerwille gegen das Geniale

verbessert,

abgenommen

eher zu- als

Vom

nicht viel erwarten. in seinen Dienst

wenn

nur,

hat.

Staate können die hervorragenden Individuen

Er nützt ihnen

nimmt;

selten,

er nützt ihnen

er ihnen volle

wenn

er sie

mit Sicherheit

Unabhängigkeit schenkt. Nur

müde dem aufreibenden

wirkliche Cultur kann verhindern, dass sie zu frühe

und

oder erschöpft werden,

Kampf

mit

sie

vor

dem Bildungsphilisterium bewahren. Werth beruht darauf, dass er der Träger

Nietzsche's einer

solchen,

wirklichen Cultur ist:

selbst unabhängig,

ein Geist,

Unabhängigkeit mittheilt und der für

Andere jene befreiende Macht werden kann, die Schopenhauer in seiner Jugend für ihn wurde.

IL Vier von Nietzsche's Jugendschriften führen den gemeinsamen Titel „Unzeitgemässe Betrachtungen", ein :

Titel, der

bezeichnend

ist für

seinen früh gefassten Vor-

gegen den Strom zu gehen. Eins der Gebiete, auf dem er sich gegen den Zeitgeist in Deutschland gekehrt hat, ist das der Erziehung, satz,

indem

er auf

unbändige Art die umfassende historische

Erziehung, auf die Deutschland stolz

ist

und

die

man

in

der Regel überall als wünschenswerth betrachtet, gänzlich verurtheilt hat.

Sein Grundgedanke frei

der:

Was

das Geschlecht

zu athmen und kühn zu wollen verhindert,

allzu lange Vorzeit,

am

ist

Bein,

die es hinter sich, wie eine

herschleppt.

Er

meint,

die

ist

die

Kugel

historische Er-

ziehung verhindere das Geschlecht sowohl daran zu handeln wie zu geniessen,

i

der,/

da Der, welcher sich nicht im

'

-^

FRIEDRICH NIETZSCHE.

156

Augenblick ganz sammeln und in ihm leben kann, weder selbst Glück zu fühlen noch etwas auszurichten vermag,

das Andere glücklich macht. Ohne die Fähigkeit, unhistorisch zu empfinden, kein Glück.

Und ebenso

gehört zu

allem Handeln Vergessen, oder richtiger Nichtwissen des

Vergangenen. Das Vergessen, das Unhistorische die einhüllende Luft, der Dunstkreis, in

entstehen kann.

Man

denke,

um

dem

allein

ist

wie

Leben

das zu verstehen, sagt

Nietzsche, an einen Jüngling, der von Leidenschaft für

Weib, oder an einen Mann, der von Leidenschaft Aufgabe ergrift'en wird. Für beide existirt, was hinter ihnen liegt, nicht mehr, und doch ist dieser Zu-

ein

für eine

stand, der völlig unhistorische, derjenige,

in

dem

jede

Handlung, jede Grossthat ersonnen und vollbracht wird. Dem analog aber gibt es, wie Nietzsche meint, einen gewissen Grad

historischen Wissens,

der

vernichtend

und verderblich für die schöpferische Kraft eines Volkes ist. Man hört den gelehrten Philologen, dessen Beobfür die menschliche Thatkraft

achtungen meist auf deutsche Gelehrte und Künstler aus diesem Raisonnement heraus.

gerichtet gewesen,

Denn

dass der deutsche Kaufmannsstand oder Bauern-

stand, das

deutsche Militär

oder die

deutschen Indu-

striellen unter einem Uebermass von historischer Bildung

leiden sollten,

wäre

es

ungereimt anzunehmen. Indessen

dürfte selbst für deutsche Dichter, Forscher

und Künstler

das Uebel, worauf hier hingewiesen wird, von der Art sein, dass

ihm nicht durch blosse Abschaffung des histo-

rischen Unterrichts

beizukommen ist.

Die, deren Schaflfens-

gehemmt und gewaren sicher von vornherein so ohnmächtig und thatunkräftig, dass die Welt durch ihre Erzeugnisse nicht bereichert worden wäre. Und was da

trieb durch

das

historische AVissen

tödtet Averden kann,

lähmt,

ist

ja ausserdem nicht so sehr die ungleichartige

Masse von todten historischen Kenntnissen (über Regierungshandlungen, politische Schachzüge, Kriegsthaten,

FRIEDRICH NIETZSCHE. künstlerisclie Stilarten

ii.

s.

w.),

157

wie die Bekanntschaft

mit einzelnen grossen Geistern der Vergangenheit, mit

was der Mensch noch

deren Thaten verglichen Alles, leisten kann,

von so verschwindender Bedentung zu sein

scheint, dass es gleichgültig wird, ob seine Arbeit zur

Welt komme oder

Goethe

nicht.

allein

kann einen

be-

ginnenden deutschen Dichter zur Verzweiflung bringen. Abel" ein Heldenverehrer wie Nietzsche kann folgerichtig die Bekanntschaft

den Grössten nicht verringert

mit

wünschen.

Der Mangel an künstlerischem Muth und Kühnheit hat

Allem

das

tiefer liegende

Zerbröckeln

geistiger

Ursachen, unter ihnen vor

der

das

Persönlichkeit,

die

moderne Gesellschaftsordnung mit sich führt. Starke Menschen vertragen eine grosse Summe Geschichte ohne zum Leben ungeeignet zu werden. Was indessen interessant und für Nietzsche's geistigen Standpunkt bezeichnend ist, das sind seine Untersuchungen darüber, in welchem Grade das Leben überhaupt für die Geschichte Gebrauch hat. Die Geschichte gehört nach seiner Auffassung dem, der einen grossen

Kampf kämpft und

Vorbilder,

Lehrer,

Tröster nöthig

hat, die er unter seinen Zeitgenossen nicht findet.

würde

Ohne

Höhenzug

von grossen Augenblicken grosser Menschen, der sich durch die Jahrtausende erstreckt, nicht lebendig und klar vor mir Geschichte

die

stehen können.

der

Einer, der sieht, dass ungefähr

kaum

hundert Menschen die Cultur der Eenaissance herbeiführten, wird

dass

z.

hundert

B. zu der Ueberzeugung gelangen können,

produktive

Menschen,

in

einem

neuen

dem Bildungsphilisterium ein Ende machen könnten. Verderblich dagegen kann die Geschichte wirken

Geist erzogen,

der

in

Hand unfruchtbarer Menschen. Man

jungen Künstler in Natur hinaus, sendet die

in

Kunststädte,

wo

sie

jagt

z.

B.

die Galerien hinein, anstatt in die sie

mit noch unbefestigtem Sinn

den Muth verlieren.

Und

in allen

FRIEDRICH NIETZSCHE.

158

Formen kann, seiner Ansicht nach, die Geschichte zum Leben untaug-lich machen als monumentale, indem sie den Irrthum hervorruft, dass es bestimmte, immer wiederkehrende Constellationen gäbe, so dass, was ein-

ihren

:

mal möglich war, jetzt unter ganz veränderten Umständen wieder möglich sei als antiquarische, durch Erwecken der Pietät für das Alte und Vergangene, welche den Handelnden lähmt, der immer die eine oder andere Pietät kränken muss; endlich als kritische Geschichte ;

durch das von ihrhervorgerufeneniederschlagende Gefühl, dass wir gerade die Irrthümer der Vergangenheit, über die wir uns zu erheben streben, als Erbschaft

und Kind-

heitseindrücke in unserem Blut tragen, also beständig in

einem inneren Streit zwischen unserer alten und

neuen Natur leben müssen.

Auf diesem Punkt, wie auf anderen früher berührten» will Nietzsche in letzter Instanz der

Kreuzlahmheit der

modernen Bildung zu Leibe. Dass „gebildet" und

„histo-

risch gebildet" in unserer Zeit fast gleiche Begi'iffe sind, ist

ihm ein trauriges Symptom. Es ist, sagt er, spurlos vergessen, dass Bildung sein sollte, was sie bei den Griechen war: Beweggrund, Fähigkeit zum Entschluss; heutzutage wirdBildungalsInnerliclikeitbezeichnet,weilsieeintodter

inwendiger Klumpen

Die

am

Wenn

ist,

der seinen Besitzer nicht bewegt.

meisten „Gebildeten" sind Conversationslexikons. sie

handeln,

geschieht es kraft einer

allgemein

anerkannten Convenienz oder aus der flachen Rohheit heraus.

An diese auf den allgemeinen Zustand zielende Betrachtung knüpft sich dann eine Klage, die vielleicht besonders in dem modernen Deutschland entspringen musste, die Klage darüber, wie drückend die historische Grösse in dem Epigonenbewusstsein der Nachgeborenen wirke, in jener Ueberzeugung, ein Spätling, eine Nachgeburt einer grösseren Zeit zu

sein.

Einer, der wohl Ge-

schichte lernen, aber nie Geschichte hervorbringen könne.

FRIEDRICH NIETZSCHE.

159

Sogar die Philosophie, klagt Nietzsche, mit einem Seitenblick auf die deutschen Universitäten,

mehr

sei

und mehr zu einer Geschichte der Philosophie geworden, zu einer ]\rittheilung darüber, was alle Welt über alles Mögliche gemeint hat. Man betont in den verschiedenen

Ländern wie eine Ehrensache,

dass

freiheit habe. In Wirklichkeit sei das

man Gedankennur eine dürftige



Man darf auf hundert Arten denken handeln und dagegen darf man nur auf eine einzige Art, dieser Zustand ist es, der als Zustand der Bildung bezeichnet wird und in Wirklichkeit nur eine Form, „und zudem eine schlechte Form, Uniform'' ist. Freiheit.



Nietzsche greift jene Auffassung an, nach welcher die historische

Bildung vor unserem Bewusstsein

vor allen anderen gerecht urtheilende steht.

als die

Man

liebt

den Historiker, welcher der reinen Erkenntniss zustrebt, aus welcher nichts

Wahrheiten, und

Aber

folgt.

es ist ein

es gibt viele gleichgültige

Unglück, wenn ganze Batail-

lone von Forschern sich über derartige Wahrheiten her-

machen, selbst wenn diese engen Geister ehrliche Charak-

Man

tere sind.

hält den Historiker für objectiv, der die

Vergangenheit an den Lieblingsmeinungen seiner Zeitgenossen misst, und den für subjectiv, der diese Meinungen nicht als Muster betrachtet.

Man hält

den für

am

meisten

berufen, ein Moment der Vergangenheit darzustellen, dem diese ganz gleichgültig

ist.

Aber nur wer an der Zukunft

mitbaut, versteht die Vergangenheit, und nur

werk umgebildet kann

zum Kunst-

die Geschichte Instincte aufrecht

erhalten oder erwecken.

Wie

die historische

vermittelt

man

Erziehung

eine solche Fülle

jetzt betrieben wird,

von Eindrücken, dass

Stumpfheit, ein Gefühl, alt in einem alten Volk geboren

zu

sein,

die

Folge

ist



obgleich

uns nicht

dreissig

Menschenleben, jedes auf siebzig Jahre berechnet, vom



Beginn unserer Zeitrechnung trennen. Und hiermit verbunden ist der ungeheuere Aberglaube an den Werth

FRIEDRICH NIETZSCHE.

160

der Weltgeschichte. Unaufhörlich wird der Schiller'sche Satz: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht" wiederholt, als

als

könnte es ein anderes historisches Gericht geben

den Gedanken

und hartnäckig hat sich dieHegel'sche

;

Auffassung von der Weltgeschichte als der immer deutlicheren Selbstoffenbarung der Gottheit gehalten, bloss

dass sie nach und nach in reine

Bewunderung

Erfolg, in Billigung eines jeden noch so

tums übergegangen

dem Eesultat zu lichen

Ausgang.

ist.

schaffen

Aber Grösse hat nichts mit und nichts mit dem glückder umsonst redete,

Demosthenes,

grösser, als Philipp, der

den

für

brutalen Fac-

immer

Alles

siegte.

ist

scheint,

behauptet Nietzsche, in unseren Tagen in der Ordnung, sobald es eine fertige Thatsache ist;

Genie in seinem blühenden Alter weise dafür,

Und

wenn

selbst

stirbt, findet

dass es zur rechten Zeit

gestorben

das bisschen Geschichte, das wir haben, nennt

den „W^eltprozess'^

;

man

zerbricht sich den

den Ursprung und das Endziel desselben

ein

man Beist.

man

Kopf über

— was

doch

Weshalb du da bist, denkt Nietzsche wie S. Kierkegaard, das kann dir Niemand aber da du nun einmal in der Welt im Voraus sagen ein Zeitverlust sein dürfte.

;

da bist, so suche deinem Dasein einen Sinn zu geben, indem du dir ein so hohes und edles Ziel steckst, wie du es vermagst. Bezeichnend für Nietzsche's später so ausgeprägt aristokratische Tendenz ist sein Eifern gegen den Respect, welche die moderne Geschichtschreibung vor den Massen hegt. Ehemals, raisonnirt er, schrieb man Geschichte aus dem Gesichtspunkt der Regenten und verweilte ausschliesslich bei ihnen,

waren.

Nun

ist

wie mittelmässig oder schlecht

man dazu übergegangen,

Gesichtspunkt der Massen zu schreiben. ist

die

Masse nicht

1

+

derselben herauskommt),

+ X

1

+

1

+

1

auch

sie aus dem Für Nietzsche

(bis die

1

sondern

d. h. die Bestialität, die in

sie

+

Zahl

1

den Einzelnen dadurch

t'RIEDRICH NIETZSCHE.

16l

entwickelt wird, dass sie Masse werden.

So au%efasst sind ihm denn die Massen entweder Copien grosser Persönlichkeiten, schlechte Copien, verwischte Copien aus schlechtem Material, oder sie sind Widerstand gegen die Grossen, oder sie sind

Uebrigen sind

sie

Massentrieben:

Werkzeuge der Grossen. Im

etwas für die Statistik, die

Nachäften, sog-enannte

schlechtstrieb

Faulheit,

in

den

Hunger und GeGesetze

historische

findet.

man dann, was während langer Zeit eine Masse in Bewegung gesetzt hat. Und man tauft

Gross nennt solche

es historische

Macht.

Wenn

z.

B. die plumpe Masse sich

den einen oder anderen Religionsgedanken angeeignet oder ihren Bedürfnissen angepasst, ihn mit Zähigkeit vertheidigt und durch Jahrhunderte mit sich geschleppt

man den Erfinder dieses Gedankens gross. Das Zeugniss von Jahrtausenden spricht dafür, heisst es. das ist Nietzsche's und Kierkegaard's gemeinAber samer Gedanke das Edelste, Höchste wirkt überhaupt

hat, so nennt





weder gleich noch später. und Dauerhaftigkeit einer Religion eher gegen die Grösse

gar nicht

Darum

auf die Massen,

spricht der historische Erfolg, die Zähigkeit

ihres Stifters als für sie.

Will

man

eins der historischen Ereignisse nennen,

nennt man gerne die macht gegen die Bedeutung dieses Erfolgs nicht die gewöhnlich angeführten Thatsachen geltend Luther's frühzeitige Verweltlichung derselben, seine Compromisse mit den Machthabern, das Interesse der Fürsten, sich von der Obermacht der Kirche zu befreien und sich zugleich des Kirchengutes und einer unterthänigen, abhängigen Geistlichkeit zu versichern, an Stelle der ehemaligen freien und von der Staatsgewalt unabhängigen. Er erblickt die Hauptursache die vollständig geglückt sind, so

Reformation.

Nietzsche

:

des Gelingens der Reformation in

dem Mangel an

der nordeuropäischen Volksstänime.

Cultur

Der Versuch, im

Alterthum neuegriechischeReligionenzu

stiften, scheiterte

11

FRIEDRICH NIETZSCHE.

162 _

wiederholt. Obgleich

Männer wie Pythagoras, Piato,

leicht Enipedokles^'Eig-enschafteii

viel-

von Keligionsstiftern

besassen,

waren

die Individualitäten zu verschiedenartig,

dass

ihnen

mit einer Durchschnittsanweisung auf

als

Glauben und Hoffnung hätte geholfen werden können. Dass Luther's Reformation im Norden gelang, war dementsprechend ein Zeichen, dass die Cultur des Nordens

Entweder gehorchte im skandinavischen Norden, der Losung von oben, oder, wo der Umschlag eine Gewissenssache war, offenbarte diese, wie wenig individualisirt die Bevölkerung, wie einsartig sie in ihren geistigen Bedürf-

hinter der Südeuropa's zurückstand.

man

blind, wie

nissen war.

Solchermassen war auch ursprünglich die

Bekehrung des heidnischen Alterthums nur wegen der stattgefundenen reichlichen Vermischung des römischen Bluts mit Barbarenblut gelungen. Die neue Lehre wurde von Barbaren und Sklaven den Weltkürzlich

herrschern aufgezwungen.

Hier hat nun der Leser Proben der Argumente, mit denen Nietzsche seine Behauptung begründet, die Geschichte

als

gäbe nicht das gesunde und

Geschichte

stärkende Erziehungselement für die jungen Generationen ab, wie

man

glaubt: nur der, welcher das Leben kennen

gelernt habe und

zum Handeln

gerüstet sei, brauche die anzuwenden. Die Anderen drücke sie, mache sie unfruchtbar, indem sie ihnen das Epigonengefühl mittheile und sie veranlasse, auf allen

Geschichte und verstehe

sie

Gebieten dem Erfolg zu huldigen. Nietzsche's Polemik in dieser Sache ist eine Polemik gegen Jeden historischen Optimismus, aber er wendet sich energisch von dem gewöhnlichen Pessimismus ab, der seiuer Ansicht nach aus

dem

Verfall, aus entarteten oder

geschwächten Instincten, entspringt. Er schwärmt jugendlich für die siegreiche

Durchführung einer „tragischen"

Cultur, getragen von einem aufwachsenden Geschlecht

mit unerschrockenem Sinn,

in

dem das

griechische Alter-

FRIEDRICH NIETZSCHE.

Er verwirft den

wiedergeboren werden könne.

tluini

1G3

Schopenhauer'sclien Pessimismus, denn er verabscheute früh jede Askese

Gesundheit,

;

aber er

suclit

der aus der Stärke,

Kraft herstammt, und

einen Pessimismus der

der überströmenden

er glaubt ihn bei

den Griechen

zu finden. Er hat diese seine Auffassung in seiner gelehrten und tiefsinnigen Jugendschrift

:

„Die Geburt der

Tragödie oder Griechenthum und Pessimismus" entwickelt, in

der er zwei neue Bezeichnungen

„dionysisch" einführte

:

„apollinisch"

und

Die beiden Kunstgottheiten der

Griechen, Apollo und Dionysos, deuten den Gegensatz

zwischen der bildenden Kunst und der Musik an. Der erstere entspricht

Im Traum

dem Traum, der andere dem Rausch.

MenWelt des schönen Scheins. Sehen wir dagegen in den tiefsten Grund der Menschen unter der Sphäre des Gedankens und der Phantasie hinab, so begegnen wir einer Welt von Grauen und Entzücken, dem Reich des Dionysos. Oben herrscht Schönheit, Mass und Grenze, darunter aber wogt frei das Uebermass der Natur in Lust und Qual. Von einer schen hin

;

traten die Göttergestalten zuerst vor die

der

Traum

ist die

späteren Entwicklungsstufe Nietzsche's betrachtet, offen-

bart sich das tiefere Motiv dieser forschenden, spürenden

Versenkung in das griechische Alterthum. Schon auf jenem Zeitpunkt findet er in dem, was für Moral gilt, ein Verkleinerungsprincip der Natur gegenüber, sucht den principiellen Gegensatz davon und findet ihn in dem rein künstlerischen, vom Christenthum entferntesten Princip, das er das „dionysische" tauft.

Psychologisch gesehen, treten schon hier die Grund-

züge dieses Schriftstellers deutlich hervor.

Natur

thum

ist es,

bis

Was

für eine

die mit einem so wilden Hass das Philister-

hinauf zu David Strauss verfolgt ? Eine Künstler-

natur augenscheinlich.

Was

für ein Schriftsteller ist es,

der mit so tiefer Ueberzeugung

voi-

den Gefahren der

historischen Bildung warnt? P^in Philolog augenscheinlich,

FRIEDRICH NIETZSCHE.

164

der sie an sich selbst erlebt hat, sich selbst davon be-

droht gefühlt hat, Epigone zu werden, und nahe daran

gewesen

ist,

den historischen Erfolg zu verehren.

Was

für

ein

Wesen

als

Geniecultus definirt ? Gewiss kein Eckermann-Naturell,

das so leidenschaftlich Cultur

ist es schliesslich,

aber ein Schwärmer, der anfangs willig war zu gehorchen,

wo

dem bald aber

er nicht befehlen konnte,

sein eigener

Herrschertrieb klar wurde, und der früh begriff, die

Menschheit noch weit davon entfernt

alten Gegensatz

men zu

:

Anderen, ein Beweis davon ergriff,

über den

gehorchen und befehlen, hinausgekom-

Napoleons Auftreten

sein.

ist,

dass

:

ihm,

ist

wie vielen

die Freude, die

dass endlich wieder Einer

Tausende

gekommen war, der

zu befehlen verstand.

Aber

er ist nicht

dazu angelegt, auf dem Gebiete

der Moral Gehorsam zu predigen.

Im

er veranlagt

und Niedrigkeit dass sie noch immer

ist, leitet

unserer modernen Moral davon ab, als höchstes

wie

Gegentheil,

er die Schlaffheit

Gebot Gehorsam setzt, anstatt der Moral zu schreiben.

Fälligkeit,

sich selbst seine

Es fand

sich

ursprünglich

Weibliches,

viel

viel

Passives in seiner Natur. Er lebte auch lange nur von

Frauen umgeben. Die militärische Schule und die Theilnahme am Krieg haben ihn wahrscheinlich in sich selbst etwas Hartes und Männliches entdecken lassen, und ihm einen weitgehenden Abscheu vor Weichlichkeit und Feminismus beigebracht. Er wandt sich dann mit Unwillen von der Mitleidsmoral in Schopenhauer's Philosophie und von

dem Romantisch-Katholischen

Wagner's Musik

denen

digt.

Er sah

Meister nach

ab,

ein,

er

dass er in

früher

beiden

seiner Phantasie

seinen Bedürfnissen

umgebildet,

in

gehul-

beide

und er

verstand recht wohl den Instinct der Selbsterhaltung, der sich darin geltend gemacht hatte. Geist formt sich die Helfer

So

widmete

er

.später

zurecht,

sein

Der strebende

deren

Buch:

er bedarf.

„Menschliches,

FRTEDKTCH NTETZSCHE.

165

Allzumeiischliches'^, das zum liundertjährigen Gedächtniss-

tage Voltaire's herausgegeben wurde, den „freien Geistern" er träumte sich die Bundesim Leben noch nicht getroffen hatte.

unter seinen Zeitgenossen

genossen

zu, die er

;

Die schwere, schmerzvolle Krankheit, die mit seinem beginnt und ihn für lange

zweiunddreissigsten Jahre

zum Einsiedler macht, löst ihn von der früheren Komantik und befreit seinen Geist von allen Banden der Zeiten

Leben zu lieben, kraft seines stolzen Gedankens „Ein Leidender hat kein Recht zum Pessimismus," Diese Krankheit macht ihn in strengerem Sinne zum Philosophen. Sein Gedanke schleicht fragedies gilt für einen Werth. lustig auf verbotenen Wegen Kann man ihn nicht umkehren? — Dies wird für ein

Pietät. Sie führt ihn dazu, das :

:

Gutes gehalten.

Ist

es

nicht eher ein Böses"?

Gott nicht widerlegt ? Aber kann Teufel es ist?



Ist

sagen, dass der

Sind wir nicht Betrogene?

trogene Betrüger, Alle?

Und

man



Und

be-

....

so steigt aus langer Kränklichkeit eine leiden-

schaftliche Begierde nach Gesundheit,

die

Freude des

Genesenden am Leben, an Licht, an Wärme, an Leichtigkeit und Freiheit des Geistes, an dem Ueberblick und den weiten Horizonten des Gedankens, am Schauen „neuer Morgenröthen", an der Gestaltungsfähigkeit, an der dichterischen Kraft, empor. Und er tritt in das hohe Selbstgefühl und den Entzückungszustand einer lange ununterbrochenen Production hinein.

III.

Es ist weder möglich noch nothwendig, die ganze Keihe seiner Schriften hier durchzugehen. Für den, der das Interesse auf einen noch wenig gelesenen Schriftnur darum, seine eigenthümlichsten Gedanken und Ausdrücke in Relief zu

steller hinleiten will, handelt es sich

stellen,

damit der Leser sich mit geringer Mühe eine

FRIEDRICH NIETZSCHE.

166

Vorstellung von seiner Art und Weise als Denker und Geist bilden kann. Die Arbeit wird in diesem Fall dadurch

erschwert, dass Nietzche in Aphorismen denkt,

und da-

durch erleichtert, dass er jedem Gedanken einen Hochdruck zu geben

pflegt,

der

ihm eine paradoxale Phy-

siognomie verleiht.

Die englische Wohlfahrtsmoral hat in Deutschland nicht angeschlagen;

unter

den lebenden Denkern sind

wohl Eugen Dühring und Friedrich Paulsen ihre hervorragendsten Vertreter. Eduard von Hartmann hat sich in seiner „Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins" bestrebt, die Unmöglichkeit darzulegen, zugleich für den Culturfortschritt

und für das Menschenglück zu arbeiten.

Nietzsche findet neue Schwierigkeiten bei einer Unter-

suchung des Begrilfs Glück. Das Ziel der Wohlfahrtsmoral ist, den Menschen so viel Lust und so wenig Unlust wie möglich zu schaifen. Aber wie, wenn Lust

und Schmerz so verknüpft viel Lust wie möglich haben

Summe

will,

welcher so

dass Der,

sind,

auch eine entsprechende

Unlust mit in den Kauf nehmen muss

in Clärchens

betrübt."

Lied

Wer

:

Es heisst „Himmelhoch jauchzend, zum Tode

weiss,

'?

ob das Letztere nicht die Be-

dingung für das Erstere ist? Die Stoiker glaubten es und verlangten, um der Qual zu entgehen, so wenig Lust wie möglich vom Leben. Oftenbar muss man daher auch in unseren Tagen dem Menschen keine starken Freuden versprechen, wenn man sie vor grossen Leiden bewahren will. Man sieht, Nietzsche spielt die Frage auf das höchste geistige Gebiet hinüber, ohne Rücksicht darauf, dass das

Hunger, köri)erVerkümmerung, überanstrengende, die Gesundheit zerstörende Arbeit keinen Ersatz in heftigen Freuden bietet. Selbst wenn aller Genuss tlieuer erkauft wird, ist

niedrigste und verbreitetste Unglück

:

liche

damit

noch

nicht

gesagt,

dass

jegliche

Qual

durch

heftigen Genuss unterbrochen und aufgewogen wird.

:

FRIEDRICH NIETZSCHE. In Uebeieinstimmung Geistesrichtung greift er

mit

167

seiner

aristokratischen

demnächst die Bentham'sche

„Das grösstmögliche Glück, füi- die grösstmögliche Anzahl'' an. Das Ideal war ursprünglich, das Glück aller Menschen zu- schaffen. Da sich das nicht

Formel:

tliun lässt, erhält

das Princip die angeführte Begrenzung.

Aber warum Glück für

die grösste

Anzahl

?

man könnte

sich denken, für die Besten, die Edelsten, die Genialsten,

und

es

muss erlaubt

sein,

zu fragen, ob dürftiger Wohl-

stand und dürftiges Wohlsein wirklich jener Ungleichheit der Lebensbedingungen vorzuziehen sind, deren Stachel die Cultur zu stetigem Steigen zwingt.

Nietzsche

mit

diesem

mag

hierin Recht haben,

ohne deshalb

Angriff Entscheidendes 'gegen

das Wohl-

fahrtsprincip in der Moral vorgebracht zu haben.

Er

Lust und Glück zu eng. Wenn der Culturfortschritt auch manchmal auf seiner Bahn das

fasst die Begriffe

Glück der Individuen vernichtet,

so

zielt es

doch in

letzter Instanz darauf, die allgemeine Wohlfahrt zufördern.

Das sogenannte Glück des Wilden

ist

nicht nur nicht das

Man nenne den höheren man gebe ihm einen anderen Namen

höchste, sondern auch kein echtes.

Zustand Glück, oder das Entscheidende ist, dass die höhere Empfänglichkeit auch für den Schmerz kein zu theurer Preis

ist für

ganzen Lebensinhalts. Und ebenso wenig streitet die Ansicht Nietzsche's

die Steigerung des

von der grossen Persönlichkeit als geschichtlichen Zweck principiell gegen das Moralprincip der Wohlfahrt. Ich huldige zwar durchaus nicht der Betrachtungsweise, nach welcher die grosse Persönlichkeit nur als Mittel zum Zweck oder als Diener der Menschheit aufgefasst wird.

Der

grosse Mensch

(wie

ist

insofern

Selbstzweck,

als er

Leonardo oder Goethe) vor Allem sich selbst befriedigen will und muss. Aber nicht desto weniger bringt er eben dadurch etwas hervor, das auf irgend eine Weise unzähligen Geschlechtern zu Gute kommt.

FRIEDRICH NIETZSCHE.

168

Gewichtiger

ist

Nietzsche'» Polemik gegen die Ent-

Es wird Selbstlosigkeit gelehrt. Moralisch sein heisst uneigennützig sein. Es ist gut, selbstlos zu sein, heisst es. Aber was heisst das: gut? gut für wen? Nicht

sagungsnioral.

für den sich selbst Aufopfernden, aber für seinen Nächsten.

Wer

die Tugend der Selbstlosigkeit preist, preist Etwas, was der Gesellschaft zu Gute kommt, aber dem Einzelnen zum Schaden gereicht. Und der Nächste, der uneigennützig geliebt werden will, ist selbst nicht uneigennützig. Der Grundwiderspruch in dieser Moral ist, dass sie ein

Wohl des Ichs fordert und emzum Besten eines anderen Ichs stattfindet. Der wesentliche und unschätzbare Werth aller Moral

Verzichtleisten auf das pfiehlt,

welches

besteht für Nietzsche ursprünglich nur darin, dass sie

Zwang ist. Wie die Sprache durch den metrischen Zwang Kraft und Freiheit gewinnt, wie Alles, ein langwieriger

was

in der

bildenden Kunst, der Musik,

dem Tanz

u. s.

w\

von Freiheit und Feinheit sich findet, kraft willkürlicher Gesetze geworden ist, so gelangt auch die Menschennatur nur durch Zwang zur Entwicklung. Damit wird der Natur nicht Gewalt angethan; das ist selbst Natur. Das Wesentliche ist, dass gehorcht werde, lange, und in einer Richtung. Du sollst gehorchen, irgendwem

und lange, sonst gehst du zu Grunde, das scheint das moralische Gebot der Natur zu sein, das zwar nicht kategorisch ist (wie Kant meinte), auch nicht sich an den Einzelnen wendet (die Natur bekümmert sich nicht

um den

das an Völker, Stände, gerichtet zu sein Menschheit Zeitalter, Eassen, ja an die scheint. Alle Moral dagegen, die sich an den Einzelnen Einzelnen),

sondern

zu seinem eigenen Besten,

um

seines

Wohlergehens willen

aus diesem Gesichtspunkt betrachtet, nichts Anderes, als Klugheitsregel, Recept gegen Leidenschaften, und all diese Moral ist in ihrer Form ungereimt, da

wendet,

sie sich

nicht

ist,

an Alle wendet, und verallgemeinert was sich Kant gab mit seinem lässt.

verallgemeinern

FRIEDRICH NIETZSCHE.

169

Aber Händen geborsten. P]s

katej^orisclien Imperativ eine Ilichtschnur.

diese

Kiclitsclinur ist in unseren

nützt

nichts, uns zu sagen:

„Handle, wie Andere in diesem

Falle handeln sollten/'

Denn wir

wissen, dass es keine

gleichen Fälle gibt oder geben kann, sondern dass jede

Handlung

einzig

in ihrer

Art

ist,

dass alle Vor-

so

schriften sich nur auf die grobe Aussenseite der

Hand-

lung beziehen.

Aber

Stimme und das Urtheil des Gewissens?

die

Die Schwierigkeit

ist nur, dass wir ein Gewissen hinter unserem Gewissen haben, ein intellectuelles hinter dem

moralischen.

Wir haben

entdeckt, dass das Urtheil von

N. N.'s Gewissen eine Vorgeschichte in seinen Trieben, Symi)athien, Antipathien, Erfahrungen oder Mangel an

Erfahrungen

hat.

AVir sehen recht wohl ein, dass unsere

Ansichten über das Kechte und Gute, unsere moralischen

Werthbestimmungen kräftige Hebel Thaten handelt

;

sind,

wo

es sich

um

aber wir müssen damit anfangen, unsere

Ansichten zu läutern und uns selbständig neue Wertlitafeln zu schatten.

Und was ist

es

das Moralpredigen

ganz ebenso

leer

für Alle

angeht,

so

wie das moralische Geklatsch

der geselligen Persönlichkeiten über einander. Nietzsche gibt den Morallehrern den guten Rath, dass

sie,

anstatt

Erziehung des Menschengeschlechts zu bemühen, lieber wie die Pädagogen im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert thun sollten, die ihre ganze Kraft darauf concentrirten, einen einzelnen Menschen sich mit der

zu erziehen. Aber in der Regel sind die moralischen Schreihälse selbst ganz unerzogene

Menschen und ihre Kinder

erheben sich selten über die moralische Mittelmässigkeit.

Wer

da

fühlt, dass er in

ausser Vergleich mit Anderen

seinem innersten ist,

Wesen

der will sein eigener

Gesetzgeber sein. Denn eins ist vonnöthen seinem Charak:

ter Stil geben.

Diese Kunst wird von

dem geübt, der

mit Blick für die starken und schwachen Seiten seiner

FRIEDRICH NIETZSCHE.

170

und jenes aus seinem Wesen entfernt, demnächst durch tägliche Uebung und erkämpfte Gewohnheit Neues hinzufügt, das ihm zur zweiten Natur wdrd, sich also einem Zwang unterwirft, um nach und nach sein Wesen unter sein eigenes Gesetz zu beugen. Nur so erlangt ein Mensch Zufriedenheit mit sich selbst, und nur so wird er erträglich für Andere. Die Unzufriedenen und Missglückten rächen sich nämlich in der Regel immer an Anderen. Selbst saugen sie Gift aus Allem, aus ihren schwachen Fähigkeiten, wie aus ihren geringen Mitteln, und leben mit einem beständigen Durst nach Rache gegen Die, in deren Wesen sie Harmonie ahnen. Immer führen solche Menschen die Moralworte im Munde, die Natur

dies

ganze Janitscharenmusik: Sittlichkeit, Ernst, Keuschheit, die Forderungen des Ideals; immer rast in ihrem Herzen der Neid gegen Die, welche Gleichgewicht erlangt haben

und deswegen geniessen können. Jahrtausende hindurch war

Sittlichkeit

die herrschende Sitte, Ehrfurcht vor

gegen Gewohnheiten. Der w^eil

freie, originale

Gehorsam

den ererbten

Mensch war

unsittlich,

er mit der Ueberlieferung brach, vor der die

An-

deren eine abergläubische Furcht hegten. Häufig sah er

an und wurde selbst von dem den er erweckte. Unbewusst wurde

sich selbst auch für unsittlich

Schauder

ergriffen,

dann eine solche Volksmoral der Gewohnheitssittlichkeit von allen Denen ausgearbeitet, die zum Stamm gehörten, indem man beständig neue Beispiele und Beweise dafür fand, dass das angebliche Verhältniss zwischen Schuld

und Strafe vorhanden war: Führt man sich

so

und so



Da es Einem nun schlecht. wurde die Behauptung nie entkräftet und die Volksmoral immer aufs Neue bestätigt. Sitte und Gebrauch vertraten die Erfahrungen früheauf,

so geht es

häufig

schlecht

Einem

geht,

rer Geschlechter hinsichtlich des vermeintlich Nützlichen

oder Schädlichen; steht in

aber

das Gefühl

für

das Sittliche

keinem Verhältniss zu diesen Erfahrungen

als

FRIEDKICII NIETZSCHE.

solchen,

171

sondern zu ihrem Alter, ihrer Ehrwürdig"keit

und ihrer daraus folgenden Unbestreitbarkeit. In dem Kriegszustand, in dem ein von allen Seiten bedrohter Stamm im Alterthum lebte, war unter der Herrschaft der strengsten Gewohnheitssittlichkeit kein

Genuss grösser

als

Grausamkeit. Grausamkeit gehört zu

den ältesten Fest- und Siegesfreuden der Menschheit.

Man lich

dachte sich gestimmt,

auch die Götter

Avenn

Grausamkeiten bot stellung in die

Welt



man

ihnen

und

ein,

so

sondern

Nase des Herrn. Das Christenthum hat

fest-

das Schauspiel von

schlich

sich

die Vor-

dass auch freiwillige Selbst-

plagerei, Kasteiung, Askese

nicht als Zucht

und

ergötzt

von grossem Werth seien, Geruch in der

als ein süsser

als Religion

des Alterthums

ununterbrochen Seelenqual gepredigt und angewendet.

Man

denke sich den Zustand eines Christen des Mittelder voraussetzt, dass er der ewigen Qual nicht

alters,



Eros und Aphrodite waren in mehr entrinnen kann. seinen Augen Höllenmächte, und der Tod Entsetzen. Der Grausamkeitsmoral ist die Mitleidsmoral gefolgt. Das Mitleid wird als unegoistisch gepriesen, so z. B. ganz besonders von Schoi)enhauer. Schon Eduard von Hartmann hat in seinem gedankenreichen Werke „Die Phänomenologie des sittlichen BeAvusstseins" (217

— 240) die Unmöglichkeit

im Mitgefühl die wichtigste

sehen, geschweige denn die einzige, will.

nachgewiesen,

moralische Triebfeder zu

wie Schopenhauer

Nietzsche greift die Mitleidsmoral aus anderen Ge-

sichtspunkten an. Er beweist,

dass sie nichts weniger

Das Unglück des Anderen peinigt stempelt uns vielleicht als feige, wenn

als unegoistisch ist.

uns, kränkt uns,

wir nicht Hülfe bring'en. Oder

es liegt in ihr ein

zeig einer möglichen Gefahr für uns selbst.

Wir

Fingerfühlen

ausserdem Lust, wenn wir unseren eigenen Zustand mit

dem

des Unglücklichen vergleichen, und Lust;

wenn wir

FRIEDRICH NIETZSCHE.

172

als die

Mächtigen, die Helfenden auftreten können. Die

Hülfe, die wir bringen, wird

empfunden,

oder

entreisst

von uns selbst

als ein

Glück

uns vielleicht einfach

der

Lang-eweile.

Das Mitleid

wirkliches Mitleiden

als

wäre eine

Schwäche, ja ein Unglück, denn es würde die Leiden in der Welt vermehren. Der, welcher sich im Ernst dem Mitleid mit den ihn umgebenden Qualen ergeben wollte,

würde einfach dadurch zu Grunde gehen. Unter den Wilden hat man ein Grauen davor, Mitleid

zu erwecken. Der, welcher es thut, gilt als verächt-

Mitleid mit Einem zu fühlen bedeutet im Gedankengang der Wilden, dass man ihn verachtet. Aber man findet kein Vergnügen daran, ein verächtliches Geschöpf leiden zu sehen. Dagegen einen Feind leiden zu sehen, lich.

der unter Qualen seinen Stolz nicht aufgibt, das

ist ein

Genuss; das erweckt Bewunderung. Man predigt gern die Mitleidsmoral unter der For!'' mel: „Liebe deinen Nächsten Nietzsche klammert sich im Interesse seines Angritts

an das Wort der Nächste. Er betont nicht bloss, was Kierkegaard „eine teleologische Suspension des Ethischen" nannte, sondern er fühlt sich dadurch gereizt, dass das wahre

Wesen

dass wir den Blick

des Sittlichen darin liegen sollte,

auf die

nächsten Folgen

unserer

Handlungen richteten und die zur Richtschnur nähmen. Dem Engen, Spiessbürgerlichen in dieser Moral stellt er diejenige gegenüber, die über die nächsten Folgen wegsieht und sogar durch Mittel, die dem Nächsten Qual verursachen, ferneren Zielen zustrebt, dert,

obgleich

dieselbe

Sorge

z.

B. Einsicht för-

und Zweifel und böse

Leidenschaften beim Nächsten erweckt. Wir brauchen deswegen nicht ohne Mitleid zu sein, aber wir können unser Mitleid

Und

um

des Ziels willen gefangen nehmen.

so ungereimt es

ist,

das Mitleid als unegoistisch

zu bezeichnen und es heilig zu sprechen, so ungereimt

:

FRIEDRICH NIETZSCHE. ist es, eine

Reihe Handlungen

Gewissens zu

brandmarkt geschehen,

g-eben,

sind. als

bloss

in die

173

Gewalt des bösen

weil sie als egoistisch ge-

Und was anders ist in letzterer Zeit man den Selbstverleugnungs- und

dass

Selbstaufopferungsinstinct und Alles, was unegoistisch ist,

verherrlicht hat, als Avären das die

wahren moralischen

Werthe. Die englischen Moralisten, die zur Zeit Europa beherrschen, erklären den Ursprung der Moral auf folgende

Weise unegoistische Handlungen wurden ursprünglich gute von Denen genannt, denen sie erwiesen wurden und zum Nutzen gereichten später hat man die ursprüngliche Ursache, weshalb sie gelobt wurden, vergessen und die unegoistischen Handlungen an und für sich als :

;

etwas Gutes betrachtet.

Es war nach Nietzsche's eigener Aussage

die Schrift

eines der englischen Eichtung angehörenden deutschen

„Der Ursprung der moralischen Empfindungen" (Chemnitz 1877) von Dr. Paul Ree, die ihn zu einem so leidenschaftlichen Widerspruch Punkt für Punkt aufstachelte, dass er durch diese Schrift den Stoss empfing, seine eigenen Gedanken über diese Frage zu klären und zu entwickeln.

Schriftstellers:

Was indessen verwundert, ist Folgendes: missvergnügt mit jener ersten Schrift arbeitete Ree ein anderes und weit bedeutenderes Buch über dasselbe Thema aus „Die Entstehung des Gewissens" (Berlin 1885), in dem der Standpunkt, an welchem Nietzsche Aergerniss nahm, verlassen ist und mehrere der Grundgedanken, die dieser

gegen Ree geltend macht, mit einer Menge Beweisstellen aus verschiedenen Schriftstellern und Völkern ausgesprochen werden. Die beiden Philosophen haben einander gekannt

und persönlich mit einander verkehrt. Es befremdet deshalb, dass Nietzsche 1887 seinen Unwillen gegen Ree's 1877 ausgesprochene Anschauungen berührt, ohne zu

;

FRIEDRICH NIETZSCHE.

174

erwähnen, wie nahe dieser in dem ein paar Jahre vor vseinem eigenen herausgegebenen

Werk

seiner Auffassung

gestanden.

Schon Ree hat eine Menge Beispiele dafür angeVölker keine andere

führt, dass die verschiedensten alten

moralische Classification der Menschen kannten, als die in

Vornehme und Geringe, Mächtige und Schwache,

so

dass die älteste Bedeutung von gut sowohl in Griechen-

land wie auf Island vornehm, mächtig, reich w'ar. Nietzsche baut seine ganze Lehre auf dieser GrundSein Gedankengang

lage auf.

ist

folgender:

Die Bezeichnung „gut'' rührt nicht von dem her, dem Güte erwiesen wurde. Die älteste Werthbestimmung war folgende: Die Vornehmen, Mächtigen, HochgestellHochgesinnten hielten sich selbst und ihr Thun und

ten,

Lassen

für

„gut"



ersten

Ranges



im Gegensatz

zu allem Niedrigen und Niedriggesinnten. Vornehm, edel

im Sinne des Standesgefühls einer höheren Kaste

ist

der

Grundbegriff, woraus ,,gut" sich als seelisch hochgeboren entwickelt.

Die Niedrigstehenden werden

als „schlecht"

(nicht als böse) bezeichnet. Schlecht erhält erst spät seine

unbedingt herabsetzende Bedeutung. Es ist von Seiten des gemeinen Mannes ein lobendes Wort: schlecht und recht.

Die herrschende Kaste nennt die ihr Angehörigen zuweilen bloss die Mächtigen, zuweilen die Wahrhaftigen so

der griechische Adel,

dessen

Organ Theognis

ist.

Bei ihm hat schön, gut, edel immer die Bedeutung adlig.

Die vornehme Moral- Werthbestimmung geht von einem triumphirenden Bejahen aus, wie wir es bei den homerischen Helden finden: wir Vornehmen, Schönen, Tapfern wir sind die Guten, die von den Göttern Geliebten.



Es

sind

Lust

starke,

es ist,

mit Kraft

geladene Menschen,

deren

zu handeln und streiten, für die das Glück

mit anderen Worten etwas Aktives

ist.

Es war selbstverständlich unvermeidlich, dass diese Vornehmen die gemeine, von ihnen beherrschte Schar

FRIEDRICH NIETZSCHE.

l7o

verkannten und verachteten. Doch spürt man nach der recht willkürlichen Behauptung Nietzsche's in der Regel bei ihnen ein Beklagen der unterjochten Kaste von Arbeits-

sklaven und Lastthieren, eine Nachsicht mit Denen, tür

Glück

die das

etwas Passives

ein Ausruhen,

ist.

In den Niedrigstehenden lebt nothwendigerweise um-

gekehrt ein durch Hass und Neid entstelltes Bild der Herrenkaste. In dieser Entstellung

ist

Rache.

^

Im Gegensatzzu der aristokratischenWerthschätzung (gut = vornehm, schön, lirt

glücklich, gottbegnadet) formu-

sich die Sklavenmoral folgendermassen

:

die

Elenden

„Guten": die, welche leiden und beschwert sind, die Kranken, die Hässlichen, die sind die einzigen Frommen. Dagegen Ihr, Ihr Vornehmen und Reichen, Ihr seid in alle Ewigkeit die „Bösen'', die Grausamen, die Unersättlichen, die Gottlosen und nach dem Tode die Verdammten. Während die vornehme Moral der allein sind die

Ausschlag des grossen Selbstgefühls war, diges Bejahen,

ist

die

Sklavenmoral

Nein gegen etwas Anderes, ein „du

ein

ein bestän-

beständiges

sollst nicht", eine

Negation.

Dem

— schlecht

gut

(schlecht

nehmen Werthschätzung entspricht

für die andere

Man

:

gut



Moral die Guten waren.

lese die isländischen

Sagen, vertiefe sich

Moral der alten Nordländler und



Nietzsche

stellt,

stelle ihr die

in die

Klagen

unterstützt seine Hypothese mit einigen zweifel-

haften Etyinolog-ien. Das

schwarz,

der vor-

böse. Und wer sind die Bösen Moral der Unterdrückten? Eben dieselben, die

der Sklavenmoral für diese

= werthlos)

die Gegenüberstellung

malus, neben das er ^t^Xr(:: auf die vorarischen Bewohner von

lateinische

geht, meint er,

Erde im Gegensatz zu der blonden, arischen Erobererrasse. fin (Adelsmann, Fingal) ursprünglich Blondkopf, später der Gute, Edle, Reine im Gegensatz zu den schwarzhaarigen Ureinwohnern. Seine Etymologie gut von gothisch ist entschieden unrichtig. Got ist Hengst Mann. Italiens

Im Gälischen bedeutet

FRIEDRICH NIETZSCHE.

176

Über die Unthaten der Wikinger gegenüber. Und man wird sehen, dass Nietzsche insofern Recht hat, wie diese Aristokraten, deren Sittlichkeit in vielen Punkten hoch stand, ihren Feinden gegenüber nicht besser waren, als

Auf die Bewohner der christlichen nieder wie Adler auf Lämmer. folgten einem Adlerideal. Aber

losgelassene Raubthiere.

Küstenländer schlugen

Man kann man wird die,

sagen,

sich

sie

sie

dann auch nicht darüber verwundern, dass

welche diesen fürchterlichen Uebergriffen ausgesetzt

waren, sich

um

ein

ganz entgegengesetztes moralisches

Lammes. Ln dritten Kapitel seiner Nützlichkeitsmoral versucht

Ideal scharten, nämlich das des

Stuart Mill zu beweisen, wie dasGerechtigkeitsgefühl sich aus der thierischen Begierde einen Schaden oder einen

Verlust zu vergelten, entwickelt hat. In einer Abhand-

lung über „die transcendente Befriedigung des Rachegefühls"

(Anhang zur ersten Ausgabe vom „Werth des

Lebens") hat Eugen Dühring nach ihm versucht,

die

ganze Strafrechtslehre auf dem Wiedervergeltungstrieb zu begründen. In seiner „Phänomenologie" hat Ed. von

Hartmann nachgewiesen, wie dieser Trieb, streng genommen, immer nur ein neues Leiden, eine neue Kränkung herbeiführt, um Genugthuung für die ältere zu gewinnen, dass also das Vergeltungsprincip nie zu einem sittlichen

Princip werden kann, Nietzsche macht einen gewaltsamen,

Hauptsumme

leidenschaft-

moderner Moral nicht auf den Vergeltungstrieb oder das Rachegefühl im Allgemeinen, sondern auf eine engere Form derselben Groll, Neid, „Rancune" zurückzuführen. Für ihn

lichen Versuch, die

falscher

:

ist,

Und

was

er Sklavenmoral nennt,

die

diese Neidmoral hat alle Ideale

reine Neidmoral.

umgeprägt

:

Ohn-

macht, die nicht vergilt, wurde Güte; ängstliche Niedrig-

Demuth; Unterwerfung unter den, welchen man Gehorsam; Sichnichträchenkönnen wurde Sichnichträchenwollen, wurde Vergebung, wurde Liebe keit

füi'chtet, Avui-de

Friedrich Nietzsche.

i77

Die Erbärmlichkeit wurde eine Aus-

zu den Feinden.

zeichnung-, eine Distinction

;

Gott züchtigt, wen er

liebt.

wurde eine Vorbereitung, eine Prüfung-, eine Schule, noch mehr Etwas, das einmal mit Zinsen aufgewogen, als Seligkeit zurückbezahlt wird. Was diesen Demüthigen auf Erden zu lieben blieb, waren ihre Brüder und Schwestern im Hass, die sie ihre Brüder und Schwestern in der Liebe nannten. Den von ihnen erwarteten, kommenden Zustand nannten sie ein Kommen ihres Oder

sie

:

Reiches, des Reiches Gottes.

war

Worauf

sie hofften,

das

nicht die Süssigkeit der Rache, sondern der Sieg

der Gerechtigkeit.

Wenn

Nietzsche die Absicht gehabt hat, mit dieser

Schilderung das historische Christenthum zu hat er



wie jeder sehen kann



treffen, so

eine Karikatur im

Geist und Stil des achtzehnten Jahrhunderts geliefert.

Aber dass seine Beschreibung einen gewissen Typus der Apostel der Neidmoral

trifft,

sich nicht leugnen,

lässt

und selten ist all der Selbstbetrug, der sich unter einer Moralverkündigung bergen kann, mit grösserer Energie entschleiert worden. (Man vergleiche „Jenseits von Gut und Böse", „Vorspiel zu einer Philosophie der Zukunft" und „Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift.") :

IV.

Eine Definition des Menschen würde für Nietzsche

Der Mensch geben und halten kann. die folgende sein

Er darin,

erblickt

:

den

ist ein

eigentlichen Adel

dass er etwas versprechen,

stehen, eine

Thier, das Gelübde

des Menschen

für sich selbst ein-

Verantwortung übernehmen kann

Mensch mit der Herrschaft über

sich

— da der

selbst,

welche

dieses Verhältniss voraussetzt, auch Herrschaft über die 12

FRIEDRICH NIETZSCHE.

178

äusseren Umstände und die übrigen Geschöpfe erlangt,

deren Wille nicht so anhaltend

ist.

DasBewusstsein seiner Verantwortlichkeit nennt der souveräne Mensch sein Gewissen.

Was

nun

ist

lichkeit, dieses

die Vorgeschichte dieser Verantwort-

Gewissens ? Sie

ist

lang und blutig. Durch

fürchterliche Mittel ist im Laufe der Geschichte ein Ge-

dächtniss

das einmal

für

schweigend oder laut Ver-

sprochene oder Gewollte aufgezüchtet worden.

Jahr-

tausende hindurch wurde der Mensch in die Zwangsjacke der Gewohnheitssittlichkeit geschnürt und durch Strafen,

wie

Steinigung, Rädern oder Verbrennen, durch lebendig

Begrabenwerden, durch Ertränken in einem Sack oder mit einem Stein

am

Halse, durch Zerrissenwerden von

vier Pferden, durch Peitschen, Schinden,

durch

alle diese Mittel

]\lensch

ein

eingebrannt

gegen den

geniessen, die mit



wurden dem vergesslichen Thier

langes Gedächtniss für



Brandmarken

Ersatz,

das Versprochene die

Vortheile

zu

dem Gesellschaftsverband verknüpft

sind.

Nach Nietzsche's Hypothese entsteht das Schuldbewusstsein einfach als Bewusstsein einer Schuld. Das Vertragsverhältniss zwischen Gläubiger und Schuldner, das so alt

ist

wie die ältesten Grundformen des mensch-

lichen Verkehrs in Kauf, Verkauf,

das Verhältniss, das hier zu Grunde

Tausch u. s. w., ist liegt. Der Schuldner

verspricht (um Vertrauen auf sein Versprechen der Zu-

rückzahlung einzuflössen) irgend Etwas, was er besitzt: .seine

Freiheit,

sein

Weib,

sein

Leben; oder er gibt

dem Gläubiger das Recht, im Verhältniss zur Schuld ein grösseres oder kleineres Stück Fleisch aus seinem Körper zu schneiden (das Zwölftafelgesetz noch im „Kaufmann ;

von Venedig"). ist

Die Logik hierin, die uns ziemlich fremd geworden, folgende; als Ersatz des Verlustes wird dem Gläu-

biger eine Art Wollustgefühl

zugestanden,

dasjenige,

fHiedricii Nietzsche.

welches darin

bestellt, seine

179

Macht an dem Machtlosen

auszuüben.

Der Leser kann die

bei

Ree

(angef. Schrift S. 13 u. s.w.)

Beweise für Nietzsche's Behauptung- finden, dass die

Auifassung der Menschheit Jahrtausende

hindurch ge-

Andere leiden sehen, thue wohl aber Anderen Leiden zufügen, das sei ein Fest, während dessen der Glückliche von Machtgefühl schwelle. Man kann dort auch die Beweise dafür finden, dass die Triebe zum wesen

ist

Mitleid,

:

:

zur Billigkeit,

zur Milde,

die später als Tu-

gendenverherrlicht wurden, ursprünglich fast überall als als Schwachheitssymptome beworden sind. In Kauf und Verkauf und Allem was seelisch dazu gehört und älter als jede Gesellschaftsordnung ist, liegt nach Nietzsche's Auffassung der Keim von Ersatz, Ausgleichung, Eecht, Pflicht. Der Mensch ist früh darauf stolz gewesen, ein Werthe abmessendes Wesen zu sein. Einer der frühesten Gemeingedanken war der: Jedes Ding hat seinen Preis. Und der Gedanke: Alles kann abgezahlt werden, war die älteste und naivste Richt-

moralisch werthlos, ja trachtet

schnur der Gerechtigkeit.

Nun steht die ganze Gesellschaft, wie sie sich nach und nach entwickelt, in demselben Verhältniss zu ihren Mitgliedern, wieder Gläubiger zu dem Schuldner. Die Gesellschaft beschützt ihre Mitglieder; sie sind vor dem friedlosen Zustande gesichert, wenn sie ihre Verpflichtungen gegen sie nicht brechen. Der, welcher seine

Zusage bricht, der Verbrecher, wird dem vogelfreien Zustande zurückgegeben, der den Ausschluss von der Gesellschaft mit sich führt.

Da

Nietzsche

mit

seinem

ausschliesslich psj^cho-

logischen Interesse allen gelehrten Apparat liegen lässt,

können seine Behauptungen nicht direct controlirt werden. Man findet bei Ree in seinen Paragraphen über Rachlust und Gerechtigkeitsgefühl und in dem Abschnitt über 12*

f'KlEDRICH NIETZSCHE.

180

das Abkaufen der Eache, das Ausgleichen durch Bussen,

Data gesammelt. Andere Denker als Nietzsche (so E. von Hartmann und Ree) haben die Auffassung bestritten, dass die Gerechtigkeitsidee aus der Rachsucht entstehe, und Nietzsche hat kaum ein neues, überzeugendes Argument zu Tage die historischen

aber das für ihn

als Schriftsteller EigenthümUebermass persönlicher Leidenschaft, womit er gegen diesen Gedanken protestirt, augenscheinlich aus dem Grunde, dass derselbe dem modernen, demokratischen Gedankengange geläufig ist. In vielen modernen Forderungen von Gerechtigkeit klingt ein Ton plebejischen Grolls und Neides mit. Unwillkürlich hat mancher moderne Gelehrte von bürger-

gefördert

;

liche ist das

licher oder kleinbürgerlicher Abstammung etwas Grösseres

und Werthvolleres

als

schlagsalfecten gesehen,

vernünftig die

war

in

den Rück-

dem lange Unterdrückten

eigenthümlich sind, wie Hass, Groll, Neid,

Rachsucht.

Nietzsche beschäftigte sich nicht einen Augenblick

mit

dem Zustande,

in

dem

die

Rache

recht fungirt; denn die Blutrache

ist

von Sklavenhass gegen den Herrn,

als einziges Straf-

ja kein Ergebniss

sondern von Ehr-

Er verweilt ausschliesslich dem Gegensatz zwischen der herrschenden und der

begriffen unter Ebenbürtigen. bei

unterworfenen Kaste

und nährt eine

stets

aufs

hervorbrechende Erbitterung gegen Theorien,

Neue

welche

die unter den Mitlebenden, die mit dem Fortschritt nachsichtig gegen die plebejischen Instincte gemacht und misstrauisch oder feindlich gegen die Herrschergeister gestimmt haben. Seine rein persönliche Eigentliümlichkeit, das Unphilosophische und Temperamentbestimmte an ihm, verräth sich indessen in dem Zuge, dass er, der nur Hass und Verachtung für die unterdrückte Kaste oder Rasse, für ihre „Rancune" und die aus eingeklemmtem Neid entspringende Sklavenmoral hat, in der Machtfreude der herrschenden

sympathisiren,

FRIEDRICH NIETZSCHE.

181

Kaste förmlich schwelgt, die Atmosphäre von Gesundheit, Freiheit, Offenheit und Wahrhaftigkeit, in der sie leht, nicht

genug preisen kann. Ihre Uebergriffe entschuldigt er. Das Bild, das sie sich von der

oder vertheidigt

Sklavenkaste macht, findet er bei Weitem nicht so falsch, wie dasjenige, das diese sich von der Herrenkaste bildet.

Auch

nicht

von

wirklichem

Unrecht,

das

Kaste begangen, kann für ihn im Ernste die Rede

Denn an und

An und

für sich gibt es

für sich

ist

ein

sein,

weder Recht noch Unrecht.

da das Leben in seinem Wesen,

Grundfunctionen nichts Vernichten als

ist.

sein.

Schadenzufügen, ein Vergewal-

tigen, Ausnutzen, Vernichten kein Unrecht,

Unrecht

diese

als

kann kein in seinen

Ueberwältigen, Ausnutzen,

Rechtszustände können nie etwas Anderes

Ausnahmezustände

sein,

nämlich als Einschränkung

der eigentlichen Lebensbegierde, deren Ziel Macht

ist.

Nietzsche ersetzt den Schopenhauer'schen „Willen

zum Leben" und den Darwin'schen „Kampf ums Dasein" mit dem Ausdruck „Wille zur Macht". Nicht um das Leben, das blosse Leben wird nach seiner Auffassung gekämpft, sondern

wenig treffende



um

die Macht.

Und

Worte darüber, was

er hat viele für kleine

ärmliche Verhältnisse die Engländer vor



und

Augen gehabt

haben müssen, die den Begriff „struggle for life" mit seiner Genügsamkeit aufstellten. Es kommt ihm vor, als hätten sie sich eine Welt gedacht, in welcher Jeder froh ist, wenn er nur das Leben fristen kann. Aber das Leben ist ja nur der Minimumausdruck. An sich fordert das Leben nicht bloss Selbstbevvahrung, sondern Selbstvermehrung, und solchermassen ist es gerade „Wille zur Macht". Es leuchtet also ein, dass kein Grundunterschied zwischen dem neuen und dem alten Kunstwort vorhanden ist; der Kampf ums Dasein führt nothwendiger Weise den Kampf der Mächte und den Kampf um die Macht mit sich. Nun ist eine Rechtsordnung, von diesem Gesichtspunkte gesehen, ein Mittel im Kampf

FRIEDRICH NIETZSCHE.

182

der Mächte. Als souverän, als Mittel gegen allen

Kampf

überhaupt gedacht, wäre sie ein lebensfeindliches, ein die Zukunft und den Fortschritt des Menschen niederbrechendes Princip.

Etwas Aehnliches meinte schon

Lassalle, als er den

Ausspruch that, der Rechtsstandpunkt

sei ein schlechter

Standpunkt im Leben der Völker. Das für Nietzsche Bezeichnende ist die Freude am Kampf als solchen im Gegensatz zur Betrachtungsweise des modernen Humanismus. Für Nietzsche misst sich die Grösse eines Fortschritts daran, wieviel ihm geopfert werden muss. Die Hygieine, die das Leben in Millionen schwacher und unnützer ist

Wesen

aufrecht erhält, die eher sterben sollten,

für ihn kein wirklicher Fortschritt. Ein Durchschnitts-

glück

der

Mittelmässigkeit,

das der

grösstmöglichen

Anzahl der elenden Geschöpfe gesichert würde, die wir heutzutage Menschen nennen, wäre für ihn kein wirklicher Fortschritt. Aber für ihn, wie für Renan, würde die Erziehung von einer stärkeren, höheren Menschenart, als die,

welche uns umgibt („der Uebermensch'^), selbst

wenn

sie nur dadurch erreicht werden könnte, dass Massen von Menschen, wie wir sie kennen, hingeopfert werden müssten, ein grosser und wirklicher Fortschritt sein. Nietzsche's mit vollem Ernst ausgesprochene Zukunftsphantasien über die Erziehung des Uebermenschen und dessen Er-greifen der Macht auf Erden, haben eine solche

Aehnlichkeit mit Renan's halb scherzend, halb skeptisch

entworfenen

Träumereien von

einer wirklichen

dass

einem neuen Asgaard,

Fabrik von Äsen (Dialogues

man kaum an

phil. 117),

einer Beeinflussung zweifeln kann.

Nur, dass Renan unter dem überwältigenden Eindruck

Commune in Paris in Dialogform so schrieb^ dass Pro und Contra zu Worte kommen, während bei Nietzsche der leichte Traum sich zu einer dogmatischen Ueberzeugung krystallisirt hat. Es verwundert und verletzt daher ein wenig, dass Nietzsche nie andere Aeusserungen der

FRIEDRICH NIETZSCHE. als antipathische

183

über Renan vorbring-t. Er berührt

kaum

seine geistes aristokratische Tendenz, aber er verabscheut

dem Evangelium der Demüthigen, die an den Tag legt und die freilich in einem

die Ehrfurcht vor

Renan

überall

gewissen Streit mit der gehofften Errichtung einer Brut-

Uebermenschen steht. Renan und Taine nach ihm haben

anstalt für

fast religiösen Gefühle

sich

gehegt wurden.

französische Revolution

lange für die

gegen die

gewandt, die im neuen Europa

Renan hat früh aus nationalen Gründen

die Revolution

bedauert, Taine, der ursprünglich mit ihr sympathisirte, schlug nach gründlicherem Studium um, Nietzsche geht in ihren Spuren. steller,

Es

die sich als

den Urhebern

ist

natürlich, dass

Kinder

Schrift-

der Revolution fühlen, mit

grossen

der

moderne

Empörung

sympathisiren,

von ihnen unter der gegenwärtigen, antirevolutionären Stimmung in Europa nicht zu ihrem Recht gekommen. Aber die Schriftsteller haben u. A.

und sicher sind

viele

Scheu vor dem, was Cäsarismus genannt wird und

in ihrer

in

dem

politischen Jargon

in ihrem Aberglauben an Massenbewegungen übersehen, dass diegrössten Empörer und Befreier nicht die vereinten Kleinen sind, sondern die wenigen Grossen nicht die kleinen Missgönner, sondern die grossen Gönner, die den Anderen Recht, Wohlergehen und geistiges Wachsthum gönnen. Es gibt zw^ei Klassen revolutionärer Geister, die, welche sich instinctiv zu Brutus und die, welche sich ;

ebenso instinctiv zu Cäsar hingezogen fühlen. Cäsar

ist

der grosse Typus Friedrich IL und Napoleon besassen jeder nur eine Gruppe seiner Eigenschaften. Die moderne ;

wimmelt von Lobgesängen auf Brutus. Aber kein Dichter hat Cäsar

Freiheitspoesie aus den vierziger Jahren

besungen. Selbst ein so antidemokratischer Dichter wie

Shakespeare

war ganz ohne Blick

für .seine Grösse,

verherrlichte Brutus nach der Vorschrift Plutarch's auf seine Kosten

und gab die Gestalt Cäsars

in einer grossen

FRIEDRICH NIETZSCHE.

184

Karikatur.

Nicht einmal Shakespeare hat verstanden,

dass Cäsar einen ganz anderen Einsatz auf den Tisch des Lebens warf, als sein armer Mörder. Cäsar stammte

von Venus ab, seine Form war Anmuth. hatte die edle Einfachheit, die das ten

sein

ist;

Wesen war

heute alle höchste Macht

Adel.

ihren

Sein Geist

Merkmal der GrössEr, nach dem noch

Namen

trägt,

konnte

Alles, wusste und kannte Alles, was ein Heerführer und

Herrscher ersten Ranges können und kennen muss. Nur einige

Männer der

italienischen Renaissance

haben sich

Höhe von Genie erhoben. Für alle Fortschritte, die sich in jenen Tagen ausführen Hessen, war sein Leben Bürgschaft. Brutus' Wesen war Doctrin, sein Merkmal die Beschränktheit, welche todte Zustände zu

einer

solchen

zurückführen will und die Vorbedeutung einer Berufung in der Zufälligkeit eines

Namens

Sein Stil

sieht.

war

trocken und angestrengt, sein Geist unfruchtbar. Sein

Laster war Habgier, Wucher seine Lust. die Provinzen rechtlose Beute.

Er

Für ihn waren

liess

fünf Senatoren

Salamin Hungers sterben, weil die Stadt nicht bezahlen konnte. Und dieser unfruchtbare Kopf ist wegen

in

eines Dolchstosses, der nichts ausrichtete

dem verhinderte,

was

er

verhindern

und nichts von eine Art

sollte,

Genius der Freiheit geworden, nur weil

man

nicht ver-

standen hat, was die Ausstattung der stärksten, reichsten, königlichen Natur mit der höchsten Machtfülle bedeutet.

Es

lässt sich aus

dem Angeführten

dass Nietzsche die Gerechtigkeit

leicht verstehen,

nur aus activen Ge-

müthsbewegungen ableitet, da die Rückschlagsgefühle für ihn immer niedrige sind. Auf diesem Punkte hat er sich indessen nicht aufgehalten.

Die Aelteren hatten in

dem Vergeltungstrieb den Ursprung der

Strafe gesehen.

Stuart Mill hatte in seiner Nützlichkeitsmoral

die Ge-

rechtigkeit von der bereits angeführten Straf bestimmung

(justum von jussum) abgeleitet, welche Sicherheitsmassregel, keine

Vergeltung war. Ree hat in seinem Buche

FRIEDRICH NIETZSCHE.

vom „Ursprung

185

des Gewissens" den verwandten Satz ver-

theidigt, dass die Strafe keine

Folge des Gerechtigkeits-

gefühls, sondern das Gerechtigkeitsgefühl eine Folge der

Strafe

sei.

Die englischen Philosophen im Allgemeinen

leiten das böse soll

Gewissen von der Strafe ab. Ihr Werth

darin bestehen, das Gefühl des Vergehens im Schul-

digen zu erwecken.

Hiergegen protestirt Nietzsche. Er behauptet, dass Menschen nur verhärtet und kühlt, ja dass

die Strafe den

der Verbrecher sogar durch die Gerichtshandlung ihm

gegenüber daran verhindert wird, sein Thun lich

zu betrachten

lungen,

;

als

verwerf-

denn er sieht genau dieselben Hand-

welche er begangen:

Spionage,

Fallenlegen,

Qual zufügen, im Dienste der Justiz gegen sich ausgeübt und dann gebilligt. Während langer Zeiten kümmerte man sich auch gar nicht um die Sünde des Ueberlisten,

Verbrechers,

man

als schuldig,

betrachtete ihn nur als schädlich, nicht

sah in ihm ein Stück Schicksal, und der

Verbrecher seinerseits nahm die Strafe auch Schicksal,

als ein

das über ihn hereinbrach und trug

Stück mit

sie

demselben Fatalismus, mit dem die Russen noch heutzutage leiden.

Im Allgemeinen kann man

sagen,

die

Strafe zähmt den Menschen, sie bessert ihn nicht.

Der Ursprung des bösen Gewissens unerklärt. Nietzsche stellt folgende

ist

also

noch

geniale Hypothese

Das böse Gewissen ist der tiefgehende Krankheitszustand, der im Menschen unter dem Druck der gründlichsten Veränderung zum Ausbruch kam, die er überauf:

haupt durchgemacht, eine Gesellschaft

nämlich da

er sich endgültig in

eingesperrt fand,

die

gefriedet war.

Alle die starken und wilden Triebe, wie Unternehmungslust,

Tollkühnheit, Verschlagenheit, Raubsucht, Herrsch-

sucht, die bis dahin nicht bloss geehrt, sondern förmlich

aufgezüchtet worden, wurden plötzlich als gefährlich gestempelt und schrittweis als unsittlich und verbrecherisch

gebrandmarkt.

Wesen,

die zu einem umherstreifenden.

FRIEDRICH NIETZSCHE.

186

kriegerischen Abenteurerleben passten, sahen auf einmal alle ihre Instincte als werthlos, ja als

verboten bezeichnet.

Ein ungeheurer Missmuth, eine Niedergeschlagenheit ohne Gleichen bemächtigte sich ihrer. Und alle die Instincte, die sich nicht nach aussen Luft machen durften, wandten

nun nach innen, gegen den Menschen selbst: das Feindschaftsgefühl, die Grausamkeit, der Drang nach sich

Abwechselung, Wagespiel, Ueberfall, Verfolgung, Verda entstand das böse Gewissen. wüstung nicht durch einen Als der Staat errichtet wurde seine Zeitgenossen und Rousseau Gesellschaftsvertrag, wie





voraussetzten



eine Eroberer-

sondern dadurch, dass

rassemit furchtbarer T3^rannei auf eine zahlreichere, aber

— da wandten nach innen die active Ki'aft, die Begierde nach Macht kehrte sich gegen den Menschen selbst. Und in diesem Erdreich sprossen unorganisirte Bevölkerung niederschlug sich alle die Freiheitsinstincte derselben

dann

;

die Schönheitsideale: Selbstverleugnung, Selbstauf-

opferung,

Uneigennützigkeit empor.

Die Lust an der

ihrem Keim eine Art GrausamSelbstaufopferung das böse Gewissen ist die Begierde nach keitsdrang ist in

;

Selbstmisshandlung.

Man

fühlte

als eine Schuld,

nun nach und nach das Verbrochene Schuld gegen die Vorzeit, die Vorfahren,



anfangs welche durch Opfer bezahlt werden musste, durch Ehrendurch Nahrung im gröbsten Verstand



bezeugungen und durch Gehorsam denn alle Gebräuche sind als Werke der Vorväter auch ihre Befehle. * Man lebte in einer ewigen Angst, ihnen nicht genug zu geben, ;

man

opferte ihnen das Erstgeborene, den Erstgeborenen.

Die Furcht vor dem Stammvater stieg in dem Masse, wie die Macht des Geschlechts zunahm. Bisweilen wird er

zum Gott umgeschatfen, wobei der Ursprung

Gottes aus der Furcht deutlich zu erkennen

Man

des

ist.

vergleiche Lassa lle's Theorie des römischen Testaments.

:

FRIEDRICH NIETZSCHE.

Das

187

Sclmldgefülil gegen die Gottheit ist Jaliiiiun-

derte hindurch stetig gestiegen,

bis die

Anerkennung

der chi-istlichen Gottheit als Universalgott ein

Maximum

von Schuldgefühl zum Ausbruch brachte. Erst in unseren Tagen spürt man ein merkbares Abnehmen dieses Schuldgefühls; aber wo das Sündenbewusstsein seinen Höhepunkt erreicht hat, da hat das böse Gewissen um sich gefressen wie ein Krebs, indem das Gefühl der Schuld,

Sünden unmöglich Genüge thun zu können, das Gedanke einer ewigen Strafe sich mit ihm verband. Der Stammvater (Adam) wird nun von einem Fluch getroffen gedacht, die Sünde

für die

alleinherrschende wurde, und der

ist

Erbsünde. Ja, in die Natur

aus deren Schoss

selbst,

der Mensch hervorgeht, wird das böse Princip verlegt sie ist verflucht, verteufelt

Ausweg

stehen, in

dem

— bis wir vor dem paradoxen

die gemarterte

paar tausend Jahre Trost gefunden hat für die Menschheit

und macht

:

Menschheit ein Gott opfert sich

sich in seinem eigenen

Fleisch und Blut bezahlt.

Der nach innen gekehrte Grausamkeitstrieb hat sich hier in Selbstpeinigung verwandelt und alle thierisch-menschlichen Instincte sind hier als Schuld gegen Gott gedeutet worden. Jedes Nein, das der Mensch zu seiner Natur, seinem wirklichen

Wesen

sagt, schleudert

er hier als ein Ja, eine Wirklichkeitserklärung aus sich

heraus,

um

die Heiligkeit des Gottes, sein Richterwesen

und demnächst Ewigkeit,

Jenseits,

Qual ohne Ende zu

bestätigen.

Um

das Entstehen der asketischen Ideale recht zu

muss man ausserdem bedenken, dass die ältesten Geschlechter geistiger und contemplativer Naturen unter einem fürchterlichen Druck von Geringschätzung begreifen,

seitens

der Jäger und Todtschläger lebten.

kriegerische an ihnen

war diesen

sich nicht anders helfen, als

Das konnten

sie

Das Un-

verächtlich. Sie konnten

indem

sie

Furcht erweckten.

nur durch Grausamkeit gegen sich selbst,

;

FRIEDRICH NIETZSCHE.

188

durch Kasteiung und Selbstqual leben sie die

tliun.

in

einem Einsiedler-

Als Priester, Wahrsager, Zauberer schlugen

Massen mit abergläubischem Entsetzen. Der aske-

tische Priester ist also für Nietzsche die hässliche Larve,

aus welcher der gesunde Denker

sich

entwickelt hat.

Unter seiner Herrschaft wurde unsere Erde der asketische Planet ein Rabennest im Himmelsraum, von miss:

vergnügten, hochmüthigen Geschöpfen bewohnt, denen vor dem Leben ekelte, die ihren Planeten als ein Jammerthal verabscheuten und, von Unwillen gegen Schönheit

und Freude

sich selbst soviel Böses

erfüllt,

wie möglich

zufügten.

Nicht desto weniger in der Askese finden

:

ist

der Widerspruch, den wir

Das Leben gegen das Leben

ge-

braucht, nur ein scheinbarer. In Wirklichkeit entspricht

das asketische Ideal

dem

tiefen

Hang und Drang

eines

hinsiechenden Lebens nach Pflege und Heilung. Es ein Ideal, das auf Schwächung

ist

und Müdigkeit hindeutet

auch (mit seiner Hülfe kämpft das Leben gegen den Tod, Es ist ein Kunstgriff zur Selbsterhaltung des Lebens. Die Voraussetzung dafür ist der Krankheitszustand des

gezähmten Menschen, AVunsch,

der Ekel

etwas Anderes zu

sein,

am Leben

mit

dem

irgendwo anders zu

sein, zur höchsten Innerlichkeit und Leidenschaft potenzirt.

Der asketische Priester

ist die

Verkörperung dieses

Wunsches. Kraft desselben hält er die ganze Herde verstimmter,

entmuthigter,

verzweifelter,

verunglückter

Wesen am Leben fest. Gerade weil er selbst krank ist, ist er ihr geborener Hirte. Wäre er gesund, würde er sich von all

dieser Begierde

:

sche Sittlichkeit als

Schwäche, Neid, Pharisäismus,

fal-

Tugend umzustempeln, mit Unwillen

abwenden. Aber krank, wie er ist, ist er dazu berufen, Krankenwächter in dem grossen Hospital von Sündern und Sünderinnen zu sein. Er geht beständig mit Leidenden um, die die Ursachen ihrer Qual ausser sich suchen; er lehrt den Leidenden, dass die schuldige Ursache seiner

FRIEDRICH NIETZSCHE.

189

ist. So giebt er dem Groll des missglückMenschen eine andere Richtung, macht ihn ungefährlicher, indem er ihn nöthigt, einen grossen Theil seines Grolls über sich selbst ergehen zu lassen. Einen Arzt kann man den asketischen Priester eigentlich nicht

Qual er selbst

ten

nennen;

aber er mildert Leiden,

erfindet Trost jeder

Art, bald Betäubungs-, bald Reizmittel.

war immer, dass er das SchuldDas innere Leiden wurde Der Kranke wurde Sünder. Nietzsche vergleicht

Sein Hauptmittel

gefühl in Sünde umdeutete. Strafe.

den Unglücklichen, der diese Erklärung seiner Qual hält,

um

mit dem Huhn,

das

man

er-

einen Kreidestrich

gezogen. Jetzt kann er nicht weiter kommen. Wohin man während einer langen Reihe von Jahrhunderten sieht, da sieht man den hypnotischen Blick des Sünders



trotz

Hiob



auf die Schuld

des Leidens starren.

als

die einzige

Ursache

Ueberall das böse Gewissen, die

Busshemd und Thränen und Zähneknirschen und der Ruf: mehr Schmerz, mehr Schmerz! Alles diente

Geissei, das

dem asketischen

Ideal.

Und

so entstanden epileptische

Epidemien, wie die der

St. Veitstänzer und Flagellanten und die Hexenhysterie und die grossen Massendelirien in extravaganten Sekten (die noch in Phänomenen wie

der Heilsarmee

dergl. spuken).

u.

Das asketische Ideal hat noch keine wirklichen Angreifer;

es

gibt

noch keine bestimmten Verkündiger

eines neuen Ideals.

Insofern als die Wissenschaft seit

Copernicus stets darauf ausgegangen

ist,

den Menschen

ihren früheren starken Glauben an die eigene Bedeutung

zu rauben, wirkt sie eher in Uebereinstimmung mit ihm. Seine wirklichen Feinde und Untergraber hat das asketische Ideal zur Zeit

im Grunde nur in Comödianten dieses

Ideals, in heuchlerischen Verfechtern desselben, die das

dagegen erwecken und aufrecht erhalten. Sinnlosigkeit der Leiden als ein Fluch empfunden wurde, gab das asketische Ideal ihnen einen

Misstrauen

Da

die

FRIEDRICH NIETZSCHE.

lÖO

einen Sinn,

Sinn;

der

einen nenen Strom von Leiden

mit sich führte, aber besser war, als keiner. Ein neues Ideal ist gegenwärtig im Begriff, sich zu bilden, ein Ideal,

das im Leiden eine Lebensbedingung, eine Glücksbedin-

gung

sieht

bestreitet,

und im Namen einer neuen Cultur dasjenige was wir bisher Cultur genannt haben.

V.

Es

gibt unter Nietzsche's

Werken

ein sonderbares

Buch, das den Titel hat: „Also sprach Zarathustra." Es besteht aus vier Theilen, in den Jahren 1883 1885



geschrieben.

Die Hauptperson und Einiges in der Form ist der Avesta der Perser entlehnt. Zarathustra ist der m3"stisclie Religionsstifter, der meist Zoroaster

Religion

ist die

genannt wird. Seine

Religion der Reinheit; seine Weisheit

ist

und freimüthig, wie die Weisheit dessen, der gleich nach seiner Geburt lachte; sein Wesen ist Licht und Lohe. Der Adler und die Schlange, die beiden Thiere, die er bei sich in seiner Berghöhle hat, das stolzeste und das klügste Thier, sind alte persische Symbole.

leicht

in

Dieses Werk enthält Nietzsche's Theorien sozusagen Form von Religion. Es ist der Koran, oder richtiger

die Avesta, die es ihm ein Bedürfniss



dunkel und

tisch

tief,

war zu hinterlassen

hochfliegend und abstract, prophe-

und zukunftstrunken, bis an den Rand gefüllt mit seines Urhebers, das wiederum ganz von

dem Wesen

sich selbst erfüllt

ist.

Von modernen Werken,

Ton angeschlagen und diesen symbolisch-allegorischen Stil angewandt haben, sind zu nennen Mickiewicz' „Buch der polnischen Pilger", Slowacki's „Anheli" und „Das Wort eines Gläubigen" von dem von Mickiewicz beeinflussten Lamennais. Aber die diesen

^

FRIEDRICH NIETZSCHE. diese

alle

Bücher sind biblisch

,191

ihrer Sprache

in

ihrem Geist. „Zarathustra" dagegen

ist

ein

und

Erbauungs-

biich für freie Geister.

Nietzsche

selbst

stellt

dieses

Werk am

höchsten

unter seinen Schriften. Ich theile diese Auffassung nicht.

Die Einbildungskraft, von der er getragen wird, ist nicht gestaltenbildend genug, und eine gewisse Monotonie ist

Typen sich bewegenden Darstellung. Aber es ist ein Buch für Diejenigen, welche die nur Gedanken enthaltenden Werke Nietzsche 's nicht zu bewältigen vermögen es enthält alle seine Grundgedanken in rhetorisch-dichterischer Form. Der Vorzug dieses Werkes ist ein Stil, der vom ersten bis zum letzten Worte volltönend, tiefklingend, starkstimmend ist; hie und da ein wenig salbungsvoll in seinem streitbaren Urtheilen und Verurtheilen immer ein Ausdruck für Selbstfreude, unzertrennlich von der archaistischen, in

;

;

ja Selbstberauschung, aber reich an Feinheiten, wie an

Kühnheiten, sicher und zuweilen gross. Hinter diesem Stil liegt eine

Stimmung wie Windstille

so leicht, so ätherrein in ihr

— und

ist,

in einer Bergluft,

die

dass keine Ansteckungsstoffe

vorhanden sind, keine Bakterien in ihr gedeihen kein Lärm, kein Stank, kein Staub, kein Stein

kein Steg hinaufreicht.

Droben reiner Himmel, am Fuss des Berges das Meer und drüber ein Lichthimmel, ein Lichtabgrund, eine Azurglocke, die sich stumm über brausende Wasser und mächtige Bergrücken wölbt. Droben ist Zarathustra mit sich allein, reine Luft in vollen tiefen Zügen athmend, allein mit der aufgehenden Sonne, allein mit dem Glühen freie

des Mittags, das nicht die Frische vermindert

allein mit den blinkenden, sprechenden Sternen der Nacht. Ein gutes, tiefes Buch ist es. Ein Buch, hell durch ;

seine Lebensfreude, dunkel durch seine Eäthselsprache, ein

Buch

für

die

und Wagehälse und der grossen Menschen-

für geistige Bergsteiger nicht

Vielen,

die

in

FRIEDRICH NIETZSCHE.

192

Verachtung aufgeübt sind,

Haufen

und

die das

Gedränge und den

grossen Menschennur darum so tief verabscheut, weil ihr das Bild einer höheren tapfereren Menschheit vorschwebt, geringschätzt,

in der

liebe, die

und aufzüchten

die sie aufziehen

Zarathustra

ist

will.

hinaufgeflüchtet in seine Höhle auf

dem Berge aus Ekel vor dem kleinen Glück und den Er hat gesehen, dass die Lehre der Menschen über Tugend und Zufriedenheit sie beständig

kleinen Tugenden.

kleiner macht: ihre

Güte besteht meist darin, dass

sie

Niemand solle ihnen Böses thun, darum kommen sie den Anderen zuvor, indem sie ihnen etwas Gutes thun. Das ist Feigheit und wird Tugend genannt. Frei-

wollen.

lich greifen sie

auch gerne an und schaden gerne, aber

doch nur denen, die ein für allemal preisgegeben sind, und denen man ohne Gefahr zu nahe treten darf. Das wird Tapferkeit genannt und

ist

nur noch tiefere Feigheit.

Aber wenn Zarathustra

die feigen Teufel aus

schen austreiben

rufen sie ihm entgegen

will, so

dem Men:

„Zara-

thustra

ist

gottlos."

Er

ist

einsam, denn alle seine früheren Gefährten

die jungen Herzen wurden alt und nicht einmal alt, nur müde und trag, nur gemein sie nennen das, aufs Neue fromm geworden sein. „Um Licht und Freiheit flatterten sie einst, gleich Mücken und jungen Dichtern. Ein wenig älter, ein wenig kälter, und schon sind sie Dunkler und Munkler und Ofenhöcker." Sie haben ihr Zeitalter verstanden. Sie wählten Zeit und Stunde gut. „Denn eben wieder fliegen die Nachtvögel aus. Die Stunde kam allem lichtscheuen Volke."

sind von ihm abgefallen

;



Zarathustra verabscheut die grosse Stadt wie eine Hölle für Einsiedlergedanken. „Alle Laster und Laster sind hier zu es

gibt viel

stellige

Hause

;

aber es gibt hier auch Tugendhafte,

anstellige,

angestellte Tugend.

Tugend mit Schreibfingern und

und Wartefleisch."

Viel an-

hai'tem Sitz-

FRIEDRICH NIETZSCHE.

Und Zarathiistra

193

verabsclieut den Staat, verabscheut

ihn wie Henrik Ibsen im Norden und tiefer als

Für ihn

ist

er.

der Staat das kälteste aller kalten Unge-

heuer. Die Grundlüge des Staats ist die, dass er das Volk ist.

„Nein, schaffende Geister waren

es, die das Volk schufen und ihm einen Glauben und eine Liebe gaben; so dienten

sie

dem Leben;

Staat

ist

jedes Volk ist eigenthümlich, aber der

überall gleich." Staat ist für Zarathustra das,

„wo der langsame Selbstmord wird". Der Staat

ist

Leben genannt

Aller

für die Vielzuvielen. Erst

wo

der

Staat aufhört,

fängt der Mensch an, der nicht über-

flüssig ist; der

Mensch, der die Brücke

zum Ueber-

ist

menschen.

Vor den Staaten

ist

Zarathustra auf seinen Berg

geflüchtet, in seine Höhle.

Li Schonung für

ihn.

Reich

und Mitleid lag an

den

kleinen

die grösste

Lügen

Gefahr

des Mitleids

lebte er unter den Menschen.

„Zerstochen von giftigen Fliegen und ausgehöhlt,

dem

Steine gleich, von vielen Tropfen Bosheit, so sass

ich unter ihnen ist

alles Kleine

und redete mir noch zu: an

seiner Kleinheit.

welche sich „die Guten" heissen, stechen

„unschuldig

Sonderlich in aller

die,

Unschuld,

lügen in aller Unschuld; wie vermöchten

sie, gegen mich gerecht zu sein?" „Wer unter den Guten lebt, den lehrt Mitleid lügen. Mitleid macht dumpfe Luft allen freien Seelen. Die Dummheit der Guten nämlich ist unergründlich." „Ihre steifen Weisen, ich hiess sie weise, nicht steif.

sie

Ihre Todtengräber, ich hiess sie Forscher und Prüfer



so lernte ich Worte vertauschen. Die Todtengräber graben sich Krankheiten an. Unter altem Schutt ruhen schlimme Dünste. Auf Bergen soll man leben."

Und mit

athmet er wieder Bergnun seine Athemzüge von dem Menschenwesens. Da sitzt Zarathustra mit seligen Nüstern

freiheit ein. Erlöst sind

Geruch

alles

13

:

FRIEDRICH NIETZSCHE.

194

den alten zerbrochenen Tafeln des Gesetzes und neuen

um

herum und wartet auf seine Stunde, die Stunde, da der Löwe kommt mit dem Taubenschwarm, die Kraft mit der Sanftmuth, und ihm huldigt. Und er reicht den Menschen eine neue Tafel, halbbeschriebenen Tafeln

sich

auf der solche Lehren, wie diese stehen

Schone nicht deinen Nächsten! Die grosse Liebe zu den Fernsten gebietet es. Der Nächste ist etwas, das überwunden werden muss.

Sage nicht

:

Ich

tliue

gegen Andere, wie

dass Andere gegen mich thun sollen.

kann Keiner Glaube

dir thun. nicht,

Was

ich will,

du thust,

Es gibt keine Wiedervergeltung.

dass du nicht

rauben

sollst.

Ein

Recht, das du dir rauben kannst, sollst du dir niemals

schenken lassen.

Hüte dich vor den guten Menschen. Sie sprechen Wahrheit. Denn Alles, was sie böse nennen das verwegene Wagen, das lange Misstrauen, das grausame Nein, der tiefe Ekel vor den Menschen, die Fähigkeit und der Wille, in Lebendiges zu schneiden, das Alles muss hinzu, wo eine Wahrheit geboren werden soll. Alles Vergangene ist preisgegeben. Aber da es so ist, könnte es geschehen, dass der Pöbel Herr würde und Alles in seinen flachen Wassern erstickte, oder dass

nie die

ein

:

Gewaltherrscher sich Alles zueignete.

Darum

be-

dürfen wir eines neuen Adels, der allem Pöbel und allem

Gevvaltherrischen Widersacher

Wort man kaufen

Tafeln das

den

ist,

schreibt: edel. Sicherlich keines Adels,

kann,

oder,

dessen Vorväter Kreuz-

züge ins gelobte Land machten, nur diejenige

ist,

und der auf neuen

oder dessen Tugend

das Vaterland zu lieben.

Nein, lehrt

Zarathustra, vertrieben sollt ihr sein von euren Vater-

ländern und von euren Grossvaterländern und Urgrossvaterländern.

Nicht eurer Väter Land

sollt ihr lieben,

sondern eurer Kinder Land.

Diese Liebe, das

neue

dem

Adel,

die

Liebe

zu

neuen

ist

Land,

der

dem

:

FRIEDRICH NIETZSCHE.

195

unentdeckten, das fernliegt in dem fernsten Meer. euern Kindern

sollt ihr

ihr auf diese

Weise

Zarathustra

du

Alles Vergangene

eurer Väter Kinder seid.

ihr

sollst nicht

An

das Unglück gut machen, dass sollt

erlösen.

ist voll

von Milde. Andere haben gesagt

ehebrechen. Zarathustra lehrt: die Eed-

lichen sollen zu einander sagen:

,,Lasst uns zusehen,

dass wir einander lieb behalten, lasst uns einander eine Frist setzen, damit wir versuchen können, ob wir eine

längere Frist wünschen."

Was

nicht gebogen werden

kann, wird gebrochen. Ein

Weib

sagte zu Zarathustra

Wohl brach ich die Ehe: aber zuerst brach die Ehe mich. Und Zarathustra ist ohne Gnade. Es heisst: Stosse nicht an den Wagen, der abwärts geht. Aber Zarathustra sagt was reif zum Fall ist, daran sollt ihr stossen. Alles, was unserer Zeit angehört, fällt und verfällt. Keiner :

kann

es aufhalten,

aber Zarathustra will noch danach

stossen.

Zarathustra

liebt

die Tapferen.

Aber nicht die Es gehört

Tapferkeit, die jeden Angriff beantwortet. oft

mehr Tapferkeit dazu,

sich zurückzuhalten und vor-

beizugehen und sich für den würdigeren Feind sparen. Zarathustra lehrt nicht lieben,

sondern:

Ihr

sollt

:

aufzu-

Ihr sollt euere Feinde

euch nicht

in

Kampf

mit

Feinden einlassen, die ihr verachtet. Warum so hart? rufen die Menschen Zarathustra zu. Er antwortet: warum so hart, sprach zum Diamanten einst die Küchenkohle: sind wir denn nicht Nah-Verw^andte? Die Schaffenden sind hart. Ihre Seligkeit ist, ihre

Hand

auf Jahrtausende zu drücken wie auf Wachs.

Keine Lehre empört Zarathustra mehr,

als die

von

der Eitelkeit und Bedeutungslosigkeit des Lebens. Sie

Augen altes Geschwätz, Altweibergeschwätz. Lehre des Pessimismus von der überwiegenden Unlust als Summe des Lebens ist Gegenstand seines

ist in

Und

seinen

die

entschiedenen Abscheues.

.

13*

:

FRIEDRICH KIETZSCHE.

196

Dieselbe

schwärmerische

Nietzsche bewegt

den

zum Leben hat

Liebe

„Hymnus an

das Leben"

Frau Andreas-Salome zu setzen. Es heisst darin

seiner Freundin cliester

Gewiss so

Wie Ob

liebt ein

für

Freund den Freund

ich dich liebe, räthselvolles Leben,

ich gejauchzt in dir, geweint,

Ob du mir

Leid, ob

du mir Lust gegeben.

Ich liebe dich mit deinem Glück

Und wenn du mich

und Harme,

vernichten mnsst,

Entreisse ich mich schmerzvoll deinem

Wie Freimd

Und

von Chor und Or-

sich reisst

Arme,

von Freundes Brnst.

das Gedicht schliesst: Hast du kein Glück mehr übrig mir zu schenken,

Wohlan, noch hast du deine Pein.

Wenn Achilles

es vorzog,

Tagelöhner auf der Erde,

König im Keich der Schatten zu sein, so ist die Aeusserung schwach und zahm im Vergleich mit diesem Ausbruch von Lebensdurst, der in seiner Paradoxie selbst nach dem Kelch der Qualen lechzt. Eduard von Hartmann glaubt an den Beginn und das Ende des „Weltprocesses". Er meint, dass keine Ewigkeit hinter uns liegen kann: sonst müssten schon nach seiner alle Möglichkeiten eingetreten sein, was Behauptung — nicht der Fall ist. Auch auf diesem Punkt statt



in scharfem

Gegensatz zu ihm, lehrt Zarathustra mit eigeii-

thümlicher, nicht eben überzeugender Mystik das ewige

Wiederkommen, d. h. dass alle Dinge ewig zurückkehren und wir selbst auch, dass wir schon seit ewigen Zeiten gewesen sind und alle Dinge mit uns. Die grosse Uhr der Welt ist für ihn eine Sanduhr, ein Stundenglas, das sich immer von Neuem umkehrt um immer wieder auszulaufen. Es ist das genaue Gegenstück zu Hartmanns Weltuntergangslehre.

:

!

FRIEDRICH NIETZSCHE.

197

Bei seinem Tode wird Zarathustra sagen: nun schwinde und sterbe ich; in einem Nu bin ich nichts, denn die Seele ist sterblich wie der Körper; aber der Knoten von Ursachen, in den icli hineinverknüpft bin, kehrt wieder und wird mich immer wieder hervorbringen.

Am

Schluss des dritten Theils von Zarathustra

ist

„Das andere Tanzlied." Tanz ist in Nietzsche's Sprache immer der Ausdruck für den hohen Leichtsinn, der über der Erdenschwere und über all dem dummen Ernst erhaben ist. Dieses in sprachlicher Hinsicht sehr merkwürdige Lied ist eine gute Probe des Stils in diesem Werk, wo er sich zu dem höchsten dichterischen Flug erhebt. Zarathustra sieht das Leben vor sich als ein Weib; sie schlägt Kastagnetten und er tanzt mit ihr, all seineu Zorn auf das Leben und alle seine Liebe zum Leben hinaussingend ein Capitel mit der Ueberschrift

Wer

liasste dich nicht,

:

dich grosse Binderin,

winderin. Versucherin, Finderin!

Wer liebte

Um-

dich nicht,

dich unschuldige, ungeduldige, windseilige, kindsäugige

Sünderin

dem Leben und seinem kommen die Worte vor

In diesem Gespräch zwischen

Liebhaber, Tänzerin und Tänzer,

Zarathustra, du liebst mich bei

wie du sagst, eine

alte

du

bist

schwere Brummglocke;

bis zu deiner

Weitem

Es gibt brummt Nachts

die

Höhle hinauf. Hörst du

nachts die Stunde

nicht so hoch,

mir nicht treu genug.

schlagen,

die

so denkst

Glocke Mitterdu bis Mittag,

dass du mich bald verlassen willst.

Und

so folgt

nachtsglocke.

zum Schluss das Lied

der alten Mitter-

Aber im vierten Bande des Werks, im

Abschnitt „Nachtwandlerlied" wird Zeile für Zeile jene kurze Strophe glossirt und commentirt, die halb wie ein mittelalterliches Wächterlied, halb wie der

Psalm eines Mystikers geformt, die geheimnissvolle Stimmung in Nietzsche's Geheimlehre zur kürzesten Formel zusammengedrängt enthält:

:

:

FRIEDRICH NIETZSCHE.

198

Es geht gegen Mitternacht, und

so

heimlich,

so

schrecklich, so herzlich, wie die Mitternachtsglocke zu

Zarathustra redet,

ruft er

Um

Mitternacht hört

laut

werden

darf,

und

man

den höheren Menschen zu: Vieles,

was am Tage nicht

die Mitternacht spricht

Mensch,

:

gib Acht!

Wo ist die Zeit hin ? Die Welt

Und

schläft.

Sank

ich nicht in tiefe Brunnen

kälteschauernd fragt es

der Erde Herr sein?

Was

spricht die

tiefe

:

Wer

'?

soll

Mitternacht?

brummt, der Holzwurm pickt, der Herzenswurm nagt: Ach! Die Welt ist tief. Aber die alte Glocke ist wie ein klangvolles Instrument; alle Qual hat sie ins Herz gebissen, der Väter und der Urväter Schmerz und alles Glück hat sie in Schwingung gesetzt, der Väter und der Urväter Glück es steigt aus der Glocke wie Ewigkeitsduft, ein rosenseliger Goldweingeruch von altem Glück und dieses Lied Die Welt ist tief und tiefer als der Tag gedacht. Ich bin zu rein für die plumpen Hände des Tages. Die Reinsten sollten die Herren der Erde sein, die UnDie Glocke



ei-kanntesten, die Stärksten, die Mitternachtsseelen, die

und tiefer sind, als jeder Tag. Tief ist ihr Weh. Aber Lust geht tiefer, als Herzensqual. Denn die Qual spricht Brich mein Herz Flieg weg, meine Klage!

heller

!

:

Weh

spricht: vergeh!

Doch

Ihr höhern Menschen!

zu einer Lust,

Denn Lust und Qual unzertrennlich.

ewig.

Denn

sind verkettet, verliebt in einander,

Und alle

Alles beginnt von Neuem, Alles

Lust

luill

Ewigkeit,

will

Eiuigkeit.

Also

ist

dies das Mitternachtslied

Mensch! Gib Acht!

Was

spricht die tiefe Mitternacht?

„Ich schlief, ich schlief

Aus

Ja Wehe.

sagtet Ihr jemals

so sagtet Ihr auch Ja zu allem

tiefem

Traum



bin ich erwacht.

tiefe,

ist

tiefe

FRIEDRICH NIETZSCHE. Die Welt

Und

tief

ist

tiefer als ist

ihr

Lust



tiefer

Weh

spricht:



alle

Will

der

Weh

Tief

Doch

199

Tag

gedacht.



noch

als Herzeleid:

Vergeh!



Lust will Ewigkeit

tiefe,

tiefe

Ewigkeit!"

VI.

So also ist er, dieser streitbare Mystiker, Dichter und Denker, dieser Immoralist, der nicht müde wird zu verkündigen. Kommt man zu ihm von den englischen

man

ganz andere Welt zusammen geduldige Geister, deren Wesen auf Aneinanderreihen und Umspannen einer Menge kleiner Thatsachen ausgeht, um Philosophen,

so

tritt

in eine

hinein.

Die Engländer sind

dadurch

ein Gesetz zu finden.

alle

Die besten unter ihnen sind

aristotelische Köpfe. Wenige fesseln persönlich die meisten ;

scheinen als Persönlichkeiten wenig zusammengesetzt zu

wirken mehr durch das, was sie thun, als durch das was sie sind. Nietzsche dagegen ist (wie Schopenhauer)

sein. Sie

ein Errather, ein Seher, ein Künstler,

durch das, was er thut,

als

weniger interessant

durch das, was er

ist.

So wenig deutsch er sich auch fühlt, setzt er doch metaphysische und intuitive Ueberlieferung der

die

deutschen Philosophie fort und hegt den tiefen Widerwillen der deutschen

Denker gegen jeden Nützlichkeits-

gesichtspunkt. In seiner leidenschaftlichen, aphoristischen

Form

ist

er unbedingt original; durch seinen

Gedanken-

inhalt erinnert er hin und wieder an Viele Andere, sowohl in

dem Deutschland, wie

wart

;

in

dem Frankreich der Gegen-

er hält es indessen augenscheinlich für rein un-

möglich, dass er einem Zeitgenossen etwas zu danken

habe, und zürnt gegen Alle, die ihm in

anderen Punkte gleichen.

dem einen oder

FRIEDRICH NIETZSCHE.

200

Es

ist

schon berührt worden, in wie hohem Grade

er an Ernest Eenan durch seine Auffassung der Cultur

und seine Hoffnung auf eine Geistesaristokratie, welche die Herrschaft der Erde ergreifen könnte, erinnert. Nichtsdestoweniger hat er nie ein anerkennendes für

Eenan Es ist

Wort

übrig. gleichfalls berührt

worden, dass er in seinem

Kampf mit der Schopenhauer'schen Mitleidsmoral Eduard von Hartmann zum Vorgänger hat. In diesem Schriftsteller,

dessen Ernst und grosses Talent unbestreitbar

sind, will Nietzsche

nach Art einiger deutscher Univer-

sitätslehrer mit unkritischer Ungerechtigkeit einen Char-

latan sehen. Hartmami's

Wesen besteht aus schwereren Er ist schwerfällig, süffisant,

Stoffen, als das Nietzsche's.

grundgermanisch und endlich, im Gegensatz zu Nietzsche,

ganz unberührt von französischem Geist und südlichem Sonnenbrand. Aber es gibt Berührungspunkte zwischen ihnen, die auf den historischen Verhältnissen in dem Deutschland beruhen, das sie Beide erzogen hat. In erster Linie

ist

etwas Gleichartiges in ihrer Le-

bensstellung, da sie Beide als Artillerieofficiere eine ähn-

durchgemacht haben; demnächst in ihrer Bildung, insofern sie beide von Schopenhauer ausgegangen sind und nichtsdestoweniger grosseEhrerbietungfür Hegel bewahrt haben, also diese beiden feindlichen Brüder in ihrer Verehrung vereinen. Weiter stimmen sie in ihrer gleich fremden Stellung zur christlichen Religiosität und christlichen Moral überein, ebenso in ihrer ganz modern liche Schule

deutschen Geringschätzung der Demokratie. Nietzsche gleicht

Hartmann

in seinen Angriffen auf

Anarchisten und Socialisten, nur dass Hartmann's Haltung

während Nietzsche sich in geschmackloser Weise darin gefällt, vor den „anarchistischen Hunden" zu sprechen und das in demselben Athemzug, in dem er Abscheu für den Staat hegt und hier wissenschaftlicher

ist,

ausspricht. Nietzsche gleicht

Hartmann weiter

in seiner

FRIEDRICH NIETZSCHE.

201

immer wiederkehrenden Aufweisung der Unmöglichkeit des Gleichheitsideals und des Friedensideals, da das Leben nichts als Ungleichheit und Krieg ist: „Was ist gut? tapfer zu sein ist gut. Nicht die gute Sache heiligt den Krieg, sondern der gute Krieg heiligt jede Sache."

Wie

Vorgänger verweilt er bei der Nothwendigkeit des Kampfes um die Macht und bei dem vermeintlichen sein

Culturnutzen des Krieges, In diesen beiden doch verhältnissmässig so unab-

hängigen Schriftstellern, von denen der eine ein mystischer Naturphilosoph, der andere ein mystischer Immoralist spiegelt

ist,

sich der in

dem neuen deutschen Reiche

vorherrschende Militarismus. Hartmann nähert sich auf vielen

Punkten dem gewöhnlichen deutschen National-

gefühl. Nietzsche steht in principiellem Streit sowohl mit

ihm wie mit dem Schöpfer des deutschen Reichs aber etwas von Bismarck's Geist liegt gleichwohl über den Werken beider Männer. Was die Kriegsfrage angeht, ;

so ist der Unterschied zwischen

Nietzsche den Krieg nicht

um

ihnen

nur der,

dass

einer phantastischen Welt-

erlösung willen liebt, sondern damit die Mannheit nicht

aus der Welt verschwinde. In seiner Geringschätzung des Weibes, seinem Schmähen ihrer Befreiungsversuche begegnet sich Nietzsche wieder mit Hartmann, doch nur insofern Beide hierin an Schopenhauer erinnern, dessen Schüler auf diesem Gebiet als

Hartmann ist. Während Hartmann indessen

hier nur

Doctrinär mit einem gewissen Anstrich von Pedanterie

auftritt, spürt

man

bei Nietzsche unter seinen Ausfällen

gegen das weibliche Geschlecht einen feineren Sinn für die Gefährlichkeit des Weibes, der auf schmerzliche, per-

sönliche Erfahrung hindeutet. Viele Frauen scheint er nicht gekannt zu haben, aber die er gekannt hat, hat er augenscheinlich geliebt

geringgeschätzt.

und gehasst, doch am meisten

Immer wieder kommt

wie ungeeignet der

freie,

er darauf zurück,

genialische Geist für die

Ehe

FRIEDRICH NIETZSCHE.

202

Es

Aeusserungen an mehreren Stellen in der hartnäckig betonten Nothwendigkeit vom einsamen Leben des Denkers. Was aber das weniger persönliche Raisonnement über das Weib angeht, so spricht das altvaterische Deutschland aus Nietzsche wie aus Hartmann, dieses Land, dessen Frauen Jahrhunderte hindurch, im Gegensatz zu den Frauen Frankreichs und Englands, auf das häusliche und streng private Leben hingewiesen waren.

ist.

liegt in diesen

etwas stark Individuelles, so besonders

Man muss an

diesen deutschen Schriftstellern im Allge-

sie Blick für den tiefen Gegenbeständigen Krieg zwischen den Geschlechtern und satz haben, den Stuart Mill nicht sah und nicht verstand. Aber doch ist die Ungerechtigkeit gegen den Mann und die ziemlich flache Billigkeit gegen das Weib, in Avelche Mill's bewunderungswürdiger Befreiungsversuch zuweilen

meinen anerkennen, dass

herausläuft,

bei

Weitem

brutalen

der

Unbilligkeit

Nietzsche's vorzuziehen, der es behauptet, dass wir in

des Weibes

unserer Behandlung

zu der

„Ungeheuern

Vernunft des alten Asiens'^ zurückkehren müssen. In

seinem

Kampf gegen

Pessimismus

den

hat

Nietzsche endlich Eugen Dühring (besonders in dessen

„Der Werth des Lebens'') zum Vorgänger, und dieser Umstand scheint ihm so viel Unwillen, ja Verbitterung eingeflösst zu haben, dass er in einer bisweilen versteckten, bisweilen offenen

bezeichnet. Dühring

Polemik Dühring

ist

ihm ein Greuel,

als

seinen Afien

als Plebejer,

als

Antisemit, als Racheapostel, als Schüler von Comte und

den Engländern; aber Nietzsche hat kein Wort übrig für das sehr bedeutende an Dühring, das nicht in Bezeichnungen wie jene aufgeht. recht wohl,

wenn man

Man

versteht inzwischen

Nietzsche's eigenes Schicksal be-

denkt, dass Dühring, der blinde Mann, der lange ignorirte

Denker, der auf die

oflficiellen

Gelehrten herabsieht, der

ausserhalb der Universitäten lehrende Philosoph,

obwohl ihn das Leben so wenig verwöhnt

hat,

der,

seine

FRIEDKICII NIETZSCHE.

Liebe zum Leben laut

bekennt

seine eigene Caricatur dasteht.

Grund

für ihn sein,



Das

203

vor Nietzsclie

wie

sollte indessen kein

dann und wann

selbst

den Dühring-

schen Scheltton anzuschlagen. Merkwürdig ist es, dass dieser Mann, der so unend-

von französischen Moralisten und Psychologen

lich viel

wie

La

Rochefoucauld, Chamfort und Stendhal gelernt

wenig von der Beherrschung

hat, sich so

in ihrer

Form

dem Zwange nicht unterworfen gewesen, den der litterarische Ton in Frankreich Jedem hinsichtlich der Erwähnung und Schilderung der eigenen Person auferlegt. Lange scheint er dafür Er

hat aneignen können.

gekämpft zu haben, selbst zu werden.

ist

sich selbst zu finden

Um

sich zu finden,

Einsamkeit wie Zarathustra

in seine

und ganz er

kroch er

Höhle

in seine

hinein. Als

ihm gelungen war, zu einer ganz selbständigen Entwicklung zu gelangen und er den eigenthümlichen Gedankenborn reich in seinem Innern strömen fühlte, hatte er allen äusseren Massstab für seinen eigenen Werth verloren; alle Brücken zur umgebenden Welt waren abes

Dass die äussere Anerkennung

gebrochen. steigei'te

ausblieb,

nur sein Selbstgefühl. Der erste Schimmer einer

Anerkennung von aussen her gab diesem Selbstgefühl noch einen Hochdruck. Zuletzt ist es über seinem Kopf zusammengeschlagen und hat für eine Zeit lang diesen so seltenen und ausgezeichneten Geist verdunkelt.^ Doch wie er im Augenblick in seinem unvollendeten Lebenswerk ausgeprägt dasteht, ist er ein Schriftsteller, der es wohl verdient, sorgsam studirt zu werden. 1

dem

letzten heisst

gegeben, das



tiefsten

Grund genug, In

Buch heisst es: „Ich habe den Bücher gegeben, die sie überhaupt besitzen dass die Deutschen Icein Wort davon verstehen."

In Nietzsche's vorletztem

Deutschen die

es':

sie besitzt."

,,Tch

liabc der Menschheit

das

tiefste

Buch

FRIEDRICH NIETZSCHE.

204

NACHSCHRIFT. (1893) Seit der obenstehende Aufsatz geschrieben wurde, ist

in Nietzsche's

günstige

persönlichem Schicksal leider keine

Wendung

Schriftsteller hat

wandlung

eingetreten, in seinem Schicksal als sich

vollführt.

indessen eine vollständige

Aus dem

Um-

unbekannten, selten

fast

genannten Denker ist in wenig Jahren der Modephilosoph des Tages geworden. Von Deutschland aus ist sein Ruhm in alle

Länder

verbreitet. Selbst in

dem gegen fremde,

zumal deutsche, Einflüsse so spröden Frankreich wird er dargestellt, gepriesen, widerlegt, verspottet. In Deutsch-

land und ausserhalb Deutschland hat er eine Art von

Schule gebildet;

man

beruft sich auf ihn und compro-

wenn auch bekämpft man gleich-

mittirt ihn nicht selten dabei recht

unfreiwillig; von gegnerischer Seite

zeitigleidenschaftlich seine Ideen

stark,

und seinen Einfluss, bald

wenn auch etwas zu pädagogischer Weise, bald mit gemeinen Waffen und der falschen ernsthaft, in würdiger,

Ueberlegenheit gesinnungstüchtiger Mittelmässigkeit. Unter den mir vor Augen gekommenen Aufsätzen

über Nietzsche sind die Mittheilungen Frau Lou AndreasSalome's in der „Freien Bühne"", der polemische Aufsatz

Ludwig

Stein's in der

„Deutschen Rundschau'' und

die Vorreden Peter Gast's zu den neuen

Werke

Ausgaben der

Nietzsche's mir als die lehrreichsten erschienen.

Frau Andreas hat Nietzsche im Jahre 1882 persönlich nahe gestanden und hat eine Reihe neuer Aufklärungen über die Entwicklungsstufen seines Gedankenlebens in den entscheidenden Jahren gegeben; Professor Stein hat mit in der Regel musterhafter Haltung ohne Gehässigkeit auf die vermeintlichen Gefahren aufmerksam

machen wollen, welche

die

Lebensanschauung Nietzsche's

FRIEDRICH NIETZSCHE.

205

Jugend und die kommenden Geschlechter mit Herr Peter Gast spricht wie der Schüler, sich führe. der dem Meister am nächsten gestanden, ihn am besten kennt und am meisten bewundert. Die Resultate der von Lou von Salome mitgetheilten für die

Aufklärung- lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Entwickelung

so lange er noch in

Nietzsche war,

begriffen war, als Mensch, als

Temperament durch und

durch eine Künstlernatur. Zu erkennen hiess für ihn, sich erschüttern zu lassen.

Von

einer

Wahrheit

sich zu über-

zeugen hiess für ihn, von einem Erlebniss überwältigt zu werden. Sein Bedürfniss sich geistig zu verwandeln

war durch

und bewegt Gedankenleben überhaupt durch sein Gemüthsleben ganz und gar bedingt. Was ihn fesseln und dauernd festhalten sollte, durfte sein Bedürfniss, gemüthlich erregt

zu werden



sein

sich nicht erklären oder vollständig errathen lassen. er über eine

Klaren,

so

War

Sache oder eine Persönlichkeit völlig im

war das Interesse an dem Gegenstand

ihn damit erschöpft.

Deshalb hat

in

für

seinem geistigen

Leben zuletzt die Mystik den Sieg davon getragen. Er entwickelt sich durch plötzlichen Gesinnungswechsel, und der entscheidende Schritt ist für ihn immer die Losreissung

vom

nicht

Alten,

die

neuen Wahrheit. Denn die Losreissung

Erfassung ist

der

eine Selbst-

überwindung mit allen Qualen einer solchen, die ihn ganz in Beschlag nimmt, dagegen empfängt er anfangs mit einer gewissen Unselbständigkeit,

weiblich passiv,

den Gedankenkreis, der den früheren ablöst.

Auf

seiner ersten Stufe

Schüler Schopenhauers, erscheint „Richard

ein

Wagner

ist

er Metaphysiker,

Lehrjunge Wagners. in

ein

187G

Bayreuth", eine Schrift,

in welcher diese Geistesrichtung ihren

Höhepunkt erreicht.

Schon im folgenden Jahre tritt Nietzsche mit„Menschliches-Allzumenschliches" in einer neuen Phase als Positivist

und

Gegner

aller

Schopenhauer-Wagnerischen

FRIEDEICH NIETZSCHE.

206

Metaphysik auf. ErhatteinPaiilRee einen ausgesprochenen Positivisten persönlich kennen gelernt. Eine fast unbekannt gebliebene kleine Schrift dieses Denkers „Psychologische Betrachtungen" (im Stile

La

Rochefoucauld'«)

hatte einen starken Eindruck auf ihn gemacht und ihm

vermuthlich

Form klarer,

zuerst die Vorliebe

eingeflösst.

Ein

für

die

aphoristische

reiner, selbstloser Charakter, ein

etwas trockener Kopf machte Ree eine scharfe,

nicht überbrückbare Trennung'zwischen dem Empfindungs-

leben und der Gedankenwelt des Denkers. Er hielt das

Logische von dem Psychologischen ganz rein und fern.

Er war der Lehre

reine Theoretiker, für den die

Alles, ihre

Wahrheit der

Anw^endbarkeit im Leben gar nichts

bedeutete, ein Mensch ohne eigentliche schriftstellerische

Begabung, ohne Ursprünglichkeit wie ohne Eitelkeit, ein ganz unkünstlerisches, rein logisches Naturell, ein Gegenpol Nietzsche's.

Eben wie

dieser im Begriffe

stand, sich

von der

metaphysischen Richtung seiner Jugend loszureissen, gab

ihm die Bekanntschaft mit Ree, den er erst überschätzte und idealisirte (um sich später gegen ihn zu wenden) ein neues Idealbild des erkennenden Menschen, das er über sein früheres Idealbild des künstlerischen und sittlichen Genies stellen konnte.

Und nun

folgt eine kleine

Reihe von Schriften, in denen die Geringschätzung aller Urtheile und Schätzungen, die

dem

Gefühls- und Trieb-

leben entstammen, zu Worte kommt. Die Ueberlegenheit des Denkers über den Menschen, des Verstandesartigen

über das Instinctive wird mit der Leidenschaft des Neubekehrten behauptet. DerHochmuth desjenigen, der sich als

Ausnahme von dem Allgemeinen

geberdet, wird gelästert,

das Recht der hochmüthigen Selbstisolirung bestritten. Nietzsche hebt nicht wie früher (und später) den Rangunterschied zwischen den Menschen hervor, stellt sie im

auf Eine und zwar eine recht niedrige Stufe. Die Ei-kenntniss der Wahrheit ist jetzt ihm wie

Gegentheil

alle

!

FRIEDKICH NIETZSCHE.

Ree das

einzige Ziel.

207

Lieber mög-e die Menscliheit zu

Grunde, als die Erkenntniss zurück gehen Jeder dieser Grundsätze war für Nietzsche eine Selbst-

überwindung, eine Kriegserklärung gegen früher (und später) gehegte Lieblingsansichten.

Angelegt wie er war, seine Wünsche und HerzensGedankenwelt zu befriedigen, immer als

triebe in seiner

ganzer Mensch zu fühlen und zu denken, und mit ungestüuier Selbstliebe

Speculation

sich selbst in

die

Ideale

seiner

brachte er durch seinen

hinein zu legen,

Uebergang zum Positivismus, durch die Verherrlichung der Wahrheit auf Kosten der lebenerhaltenden Instincte, überhaupt durch die herabsetzende Behandlung des Instinctiven ein Opfer, das er nicht lange zu bringen ver-

mochte, legte sich einen

Reaction musste.

in

Zwang

auf,

gegen welchen die

seinem Innern schnell und gewaltsam folgen

Um sich geistig ganz auszuleben, musste Nietzsche

über alle Erfahrungswissenschaft und alles strenge Denken

Welt seiner Ahnungen und Träume hinein Zwei Bücher, „Die Morgenröthe" und ,, Die fröh-

fort in die fliegen.

liche Wissenschaft" bezeichnen den Standpunkt,

wo

er

noch nicht mit der Erfahrungs Wissenschaft gebrochen, die allgemein wissenschaftliche Denkweise nur

selbständig

und persönlich ausgeformt hat. Das innige Verhältniss zu Paul Ree und die darauf folgende Entfremdung von seiner Denkart, das der früheren Jüngerschaft Richard W^agner gegenüber und der Losreissung von ihm wie eine schwache Paralelle

Augen Der Zauber mächtig gewesen, deshalb war der

entspricht, hat sich auf weit stillere Weise, den

der Oeffentlichkeit viel ferner abgespielt.

war lange

nicht so

Bruch nicht so aufregend und schmerzhaft. Aufseiner dritten und letzten Stufe fühlte Nietzsche nach jener kurzen kritischen Periode wieder das Bedürfniss,

sich zur Erkenntniss

Dinge zu

hel)en.

der

Er war bisher

in

letzten

und höchsten

Sachen der Erkenntniss-

FRIEDRICH NIETZSCHE.

208

gekommen, Weise über Kant hinauszukommen, indem er die Frage mit der gewaltsamen Behauptung durchzuhauen versuchte, dass die tiefsten Probleme theorie

zu keiner abschliessenden Ansicht

strebte er in seiner

jetzt

nicht durch den Verstand allein, nur mit Hülfe desTrieb-

und Gemüthlebens,

durch religiöse und künstlerische werden konnten. Er leugnete noch immer die metaphysischen Wahr-

Intuition, gelöst

heiten als für uns nicht existirend, definirte indessen die

wahre Philosophie als ein Mittel, Ersatz für dieselben zu schaffen, eine Welt zu gestalten, vor der wir knieen können. Er suchte jetzt

alles Intellectuelle

auf ursprüng-

Das Intellecwurde ihm nur die Zeichensprache der Instincte, das Denken ein gewisses Verhalten der Triebe zu einander. Er versuchte, die in seinem eigenen Wesen vorkommende Abhängigkeit des Gedankenlebens vom Gemüthsleben zu verallgemeinern, einen theoretischen Ausdruck dafür zu finden. Inder „Götzendämmerung" ist Nietzsche so weit gekommen, dass erst mit ihm „die wahre Welt" erschaffen wird: Ein mächtigerer Lebenswille vermag liche Instinct-Eindrücke zurück zu führen. tuelle

dem früheren schwächeren Lewenn man einen Philosophen denkt, bei dem der Kraft-Extract

zu jeder Zeit das von

benswillen erschaffene Weltbild umzuformen sich

des Daseins Philosophie

geworden

ist,

so

;

wird in seinem

Weltbild das Leben gerechtfertigt und erklärt sein

;

wenn

Denker statt dessen meistens übel vom Dasein gesprochen und Askese gepredigt haben, so bezeichnet

die

dies nur,

dass die lebenerhaltenden Instincte in ihnen

durch einen kränklichen Zustand erschlafft gewesen.

Der Wille des selbstgewissen Individuums ist nicht Schopenhauer's metaphysischer Wille, denn geworden ist aber mystischer Art, denn er bildet mj^stisch die Naturbedingungen um, denen er entsprang. Er kann nicht aus derZeitunddenUmgebungenabgeleitetwerden, erentstaninitnur der Persönlichkeit selbst und ist insofern frei. er; er ist

FRIEDRICH NIETZSCHE.

209

In der positivistischen Periode Nietzsclie's

der vornehmste Mensch seiner Zeit stand

jetzt

;

war ihm

der an der Spitze

derjenige,

wurde ihm der moderne Mensch

der nnvornelime in Vergleich mit den Geistern, in denen

von alter Zeit her Gesammeltes und Aufgespartes als lebendige Willensmacht hervorbricht. Ein Genie, in dem Alles wirksam wäre, was jemals in dem menschlichen Bewusstsein gelebt und gewirkt hat, der also die Vorzeit überschauen und zusammenzufassen vermöchte, würde

auch den Weg, das

Ziel,

Menschheit

die Zukunft der

zu offenbaren vermögen.

kam

Nietzsche

Uebermenschen

zuletzt

als in sich

dass

weit,

so

er

diesen

mystisch eingeschlossen be-

trachtete. Als menschlich bedingte Persönlichkeit betrachtete Nietzsche

sich

zwar

als

kranken Mann

ewigen Wesen nach sah er sich jedoch als

Genius

Menschheit,

der

;

das Medium,

als

seinem

als Zarathustra,

durch

welches das in den Zeiten Ewige sich seiner Bedeutung

bewusst wurde.

Während Frau Andreas

sich besonders

bemüht

hat,

die Entwicklungsstadien Nietzsche's auseinanderzusetzen,

hat

Ludwig

zu warnen.

Stein sich besonders bestrebt,

Ob

gegen ihn

er für seine Befürchtung, dass sich all-

mählich eine recht unerträgliche Nietzsche-Schule bilden

Gründe

wird, gute

hat,

vermag der Nicht-Deutsche nicht

zu entscheiden; ich gestehe,

dass

es

mich auch sehr

Es gibt Männer, deren erster Gedanke, wenn sie etwas lesen, der ist Ist dies nun richtig oder nicht richtig"? Es gibt andere, denen dieser Gedanke erst in zweiter Linie kommt, und die vor Allem sich fragen: Ist der Mann, der dies geschrieben hat, interessant, bedeutend, werth zu kennen, oder nicht? Wenn er es ist, wenig

interessirt.

:

so

ist

die

Richtigkeit

wichtig, doch

überhaupt Studiren,

seiner

Ansichten,

wenn auch

immer secundär. Reifere Leser werden ja

nicht

Nietzsche

mit

dem Hintergedanken

seine Ansichten annehmen,

noch weniger mit 14

FRIEDRICH NIETZSCHE.

210

dem, für

sie

Propaganda machen zu wollen

;

es ist

ihnen

sogar verhältnissmässig unwichtig, ob eine grössere oder geringere Zahl seiner Sätze als widerlegbar zu betrachten sind. Sie fühlen die Befriedigung, eine ureigene,

Persönlichkeit getroffen zu haben.

när ist?

Was

Ob

war noch

thut es! Joseph de Maistre

reactionärer und

ist

mächtige

Nietzsche reactioviel

doch ein werthvoller Mensch (wenn

auch lange nicht so werthvoU). Ob er cynisch ist Was schadet es Cynismus kann sehr wohlthuend sein, und wir '?

'?

wollen Nietzsche ja nicht nachplappern. Dass er ein Dilettant der exacten Wissenschaft ist ? Sehr möglich.

Es gibt

aberDilettanten,diemehrIdeen bei uns in Bewegung setzen als die gründlichsten

Künstler als Denker

Fachmänner. Dass ist

Wir leugnen

!

er weit

es nicht,

mehr

können

aber den Künstler von dem Denker nicht trennen und

haben unseren Spass an beiden, nicht am wenigsten, wenn der Künstler grübelt und der Denker träumt. Wir sind ja nicht Kinder, die Belehrung, sondern Skeptiker, die Menschen suchen, und uns freuen, wenn wir einen Menschen gefunden haben das Seltenste, was es gibt. Es erschreckt uns nicht, wenn Ludwig Stein den von Nietzsche bewunderten Beyle „den wegen seiner zügel-



losen Frivolität berüchtigten Cyniker Stendhal" nennt.

Wir geben zwanzig

artige

für den einen Beyle.

und tugendhafte

Und wenn

Schriftsteller

Stein uns nochmals ver-

sichert, dass Stendhal „für den raftinirtesten Genussmenschen und frivolsten Cyniker seiner Zeit gegolten hat", so ahnt dieser Verfasser augenscheinlich nicht, wie wenig solche Leser, wie sie Nietzsche sich wünschte,

sich

um

das kümmern,

oder dem Lesepöbel

wofür einer bei der Lesewelt Die Männer und Frauen, die

gilt.

Beyle und Nietzsche verehren, sehen diese Schriftsteller nichtvon dem Familienvater- oder Tanten-Standpunkt an. Hr. Peter Gast hebt den Grundwillen Nietzsches

zu unausgesetztem Wachsthum, zur Höherentwicklung

und Äfachtausbreituno- hervor. Er zeigt wie die äusseren

FKIEDRICH NIETZSCHE.

211

Verhältnisse (sein Amt, seine

Pliilolog-ie) und die inneren Schopenhauer und Wagner) Die Natur bereitete den sein Wachsthum hemmten. Selbstbefreiung, indem er krank und Weg zu seiner immer kränker wurde. Die Erkrankung und nur in zweiter Linie die Bekanntschaft mit Ree führte die Er-

(seine

zu

Heroldstellung

nüchterung herbei, die seine zweite Periode kennzeichnet. Mit Stärke hebt Gast gewisse bleibende Eigenthümlichkeiten bei Nietzsche hervor,

die ihn zu

jeder

Ree trennen mussten. Seine Grundansicht ging immer auf Vertheidigung der werthvollen Menschen Zeit von

gegen die Massen.

Ausnahme zu für

sein,

die Regel.

Ree, der nicht das Gefühl interessirte

sich

Nietzsche hat nie

in

hatte,

der Moral nur

die Voraussetzung

was dem niederen dem höheren nützen müsse, oder dass gut, nützlich für Alle gleich gut sei. Er hat immer an eine natürliche Rangordnung der Menschen geglaubt und des Utilitarismus

Menschen

die

angenommen,

dass,

nütze, auch

ihm die Lehre von dieser Rangordnung. Es dürfte zweifelhaft sein, ob Nietzsche die Folge

Moral

ist

seiner Morallehre

ziehen würde, welche

Schüler

sein

zieht: „Die herrlichste, straffste, männlichste Einrichtung

unserer plebejisch und ist

das Militär,

seinem

Da

mercantilisch effeminirten Zeit

gilt

der

biologischen Werthe''.

Mann

vor Allem nach

Nietzsche

hat,

glaub'

Lobpreisung des männlichen Genius geistiger verstanden haben wollen. ich, seine

Aber unzweifelhaft hat Gast Recht, wenn

er einen

W. Draper

„Grosse

Satz wie den des Amerikaners J.

Menschen könne ja dürfe es nicht mehr geben" als einen Gegenstand der ganzen Abscheu und Verachtung Nietzsches hervorhebt, und wenn er umgekehrt in einigen Worten Goethe's über Herders „Ideen" Nietzsches Grundansicht vorweggenommen sieht. Sie lauten: „Siegt diese Art Humanität, dann, furcht' ich, wird endlich die Welt ein grosses Hos])ital und Einer des Andern 14*

:

FRIEDRICH NIETZSCHE.

212

humaner Krankenwärter". Nietzsche hat

in der

immer

gepredigten Lehre des Altruismus die Gefahr der Abwärtsentwickelung gesehen. Eine Zeit, wo es als grösste Tugend gilt, sich zu verlieren und zwar an Niedrigere,

Leidendesich zu verlieren, muss den Menschen schwächen

und herabsetzen.

wo das Mitleid immer am Leiden selbst durch Mitleid

Eine Zeit,

verherrlicht wird, obwohl

nur in den gröbsten Fällen etwas zu ändern

ist,

wird

durch die Forderung, dass die Gesunden mit den Kranken leiden sollen, alle Lebenskraft

graben, indem

sie

fach vermehrt.

nur die

und Lebensfreude unter-

Summe

des Leidens tausend-

Nietzsche warnt deshalb seines Gleichen

gegen das Mitleid. Eben weil der Zarathustra-Mensch dem Mitleid am zugänglichsten ist, muss er es sich verbieten.



stark exalSehr scharf und klar hat Gast den Eindruck, den Nietzsche von dem Zeitalter

tirten



empfing, in

den Worten wiedergegeben

dem Glück

nacli

:

Alle

der Faulen und Unwürdigen

streben



statt

nach höchster Kraftanspannung und Selbstbezwingung. Zum Schlüsse sei es mir erlaubt, bei meinem ganz persönlichen Verhältniss zu Nietzsche einen Augenblick zu verweilen

Unsere Beziehungen fingen damit an, dass er mir sein es,

Buch „Jenseits von Gut und Böse" sandte. Ich erhielt einen

wenn auch

las

starken, doch nicht einfachen

oder bestimmten Eindruck und reagirte auf die Sendung nicht,

zum Theil schon

deshalb,

zum

Theil weil ich täg-

lich zu viele Bücher erhalte um mich bedanken zu können. Da aber in dem folgenden Jahr die „Genealogie der Moral" mir vom Verfasser zugeschickt wurde und dies

Buch nicht nur an und für

sich viel klarer war, sondern

auch das vorhergehende für mich in neue Beleuchtung rückte, dankte ich dem Autor mit einigen Zeilen, in Folge deren sich ein Briefwechsel entspann, der durch die

Krankheit Nietzsche's dreizehn Monate später unter-

brochen wurde.

FKIEDKICII NIETZSCHE.

Die Briefe, die er mir Lebensjahr

213

in seinem letzten

gesunden

scheinen mir von zu grossem In-

sclirieb,

teresse für seine Biograpliie,

um

die Hauptstellen darin

seinem so stark gewachsenen Leserkreis vorzuenthalten. 1.

Nizza, den

Verehrter Herr, ein Paar Leser, die

Ehren hält und sonst keine Leser meinen Wünschen. so sehe

icli

Was

tVeilicli

glückliclier bin ich,



man

2.

Dezember

bei

1887.

sich selbst in

That zu den letzten Theil dieses Wunsches angeht,

immer mehr, dass dass

zum

satis

so gehört es in der

er unerfüllt bleibt.

Um

so

sunt pauci mir die pauci nicht

fehlen und nie gefehlt haben. Von den Lebenden unter ihnen nenne ich (um solche zu nennen, die Sie kennen werden) meinen

ausgezeichneten Freund Jakob Burkhardt, Hans von Bülow, M. Taine, Diclitcr Keller von den Todten den alten Hegelianer Bruno Bauer und Richard Wagner. Es macht mir eine aufrichtige Freude, dass ein solcher guter Europäer und Cultur-Missionär, wie Sie es sind, fürderhin unter sie gehören will; ich danke Ihnen vom ganzen Herzen für diesen guten Willen. Freilich werden Sie dabei Ihre Noth haben. Ich selber zweifle nicht daran, dass meine Schriften irgendworin noch „sehr deutsch" sind: Sie werden das freilich viel stärker empfinden, verwöhnt, wie Sie sind, dnrch sich selbst, ich meine durch die freie und französisch-anmuthige Art, mit der Sprache umzugehen Viele Worte (eine geselligere Art im Vergleich zu der meinen). haben sich bei mir mit anderen Salzen inkrustirt und schmecken mir anders auf der Zunge als meinen Lesern das kommt hinzu. In der Skala meiner Erlebnisse und Zustände ist das Uebergewicht auf Seiten der seltneren, ferneren, dünneren Tonlagen gegen die normalen mittleren. Auch habe ich (als alter Musikant zu reden, und der ich eigentlich bin) ein Ohr für Viertelstöne. Endlich es gicbt in das wohl am meisten macht meine Bücher dunkel mir ein Misstrauen gegen Dialektik, selbst gegen Gründe. Es scheint mir mehr am Muthe, am Stärkegrade seines Muthes gelegen, was ein Mensch bereits für „wahr" hält oder noch nicht .... (Ich habe nur selten den Muth zu dem, was ich eigentlich weiss.)

den Schweizer

;

:





Wie weit mich diese Denkweise schon in Gedanken geführt ich fürchte mich wie weit sie mich noch führen Avird beinahe, mir dies vorzustellen. Aber es giebt Wege, die es nicht hat,



FRIEDRICH NIETZSCHE.

214

erlauben, dass

man

weil ich vorwärts

Damit

rückwärts geht, und so gehe ich vorwärts,

sie

viuss.

ich meinerseits nichts versäume,

was Ihnen den Zugang

zu meiner Höhle, will sagen Philosophie erleichtern könnte, soll mein Leipziger Verleger Ihnen meine früheren Schriften enhJoc übersenden.

Soeben giebt man ein Chorwerk mit Orchester von mir heraus, „Hymnus an das Leben". Derselbe ist bestimmt, von meiner Musik übrig zu bleiben und einmal „zu meinem Gedächtniss" gesungen zu werden angenommen, dass sonst genug von mir übrig einen

;

bleibt.

Aber

Sie

sehen,

was für posthumen Gedanken ich lebe. man wie die meine, ist wie ein Grab so steht auf dem Bene vixit qui bene latuit

mit



eine Philosophie,

lebt nicht

mehr

mit.



Grabstein des Descartes.

Eine Grabschrift, kein Zweifel! 2.

Nizza, den

8.

Januar 1888.

Sie sollten sich gegen den Ausdruck „Culturmissionär" nicht wehren. Womit kann man dies heute mehr sein, als wenn man seinen Unglauben an Cultur „missionirt" ? Begriffen zu haben, dass unsere europäische Cultur ein ungeheures Problem und durchaus ist dieser Grad von Selbstbesinnung, Selbstkeine Lösung ist überwindung nicht eben heute die Cultur selbst?



Inzwischen

mag



es mir gestattet sein, Ihnen ein verAvegenes

Curiosum mitzutheilen, über das kein Verleger zu verfügen hat, ein ineditum von mir, das zum Persönlichsten gehört, was ich vermag. Es ist der vierte Theil meines Zarathustra; sein eigentlicher Titel in Hinsicht auf das, was vorangeht und Avas folgt, sollte sein:

Die Versuchung Z arath ust ra's. Ein Zwischenspiel. Vielleicht

beantworte

ich

so

am

besten

Ihre

Frage

in

Ausserdem hat es überhaupt einen guten Sinn, gerade durch diese Geheim-Thür den Zugang zu „mir" zu nehmen: vorausgesetzt, dass man mit Ihren Augen erinnerte mich und Ohren durch die Thür tritt. Ihre auf wieder, Avie Alles, was ich von Ihnen kennen lernte Betreff meines Mitleids-Problems.

das Angenehmste an Ihre Naturbestimmung, nämlich für alle Art psychologischer Optik.

Wenn

Sie die schAvierigeren

Rechenexempel

der dme moderne nachrechnen, sind Sic damit ebenso sehr in Ihrem ElemcMite als ein deutscher Gelehrter damit aus seinem Elemente

zu treten pflegt.

Oder denken Sie

jetzigen Deutschen? Mir scheint

es,

vielleicht

günstiger

über die

dass Sie Jahr für Jahr

in rebus

!

FRIEDRICH NIETZSCHE.

215

plumper und viereckiger werden (recht im Gegensatz wo Alles nuancc und Mosaik wird), dass ihnen alle tieferen Ereignisse entschlüpfen. Zum Beispiel mein „Jenseits welche Verlegenheit hat es ihnen gemacht von Gut und Böse" Nicht ein intelligentes Wort habe ich darüber zu hören bekommen, Dass es sich hier um die geschweige ein intelligentes Gefühl. lange Logik einer ganz bestimmten philosophischen Sensibilität handelt und nicht um ein Durclieinander von hundert beliebigen Paradoxien und Ileterodoxien, ich glaube, davon ist auch meinen

psychohgicis

zu den Parisern,



wohlwollendsten

Lesern

dergleichen ,,erlebt"

;

nicht mit

von Leidenschaft und Leiden entgegen. denkt sich gar nichts dabei.



haben recht mit dem

Sie

!

„Haranguiren des Erdbebens",'

aber eine solche Don-Quichoterie gehört es

Man hat nichts dem Tausendstel Man Ein „Immoralist"

aufgegangen.

nichts

man kommt mir

zum Ehrwürdigsten, was

auf dieser Erde giebt 3.

Nizza, den 19. Februar 1888. Sic haben mich auf das Angenehmste mit Ihrem Beitrage zum Begriff „Modernität" verpflichtet; denn gerade diesen Winter ziehe ich in Avcitcn Kreisen um diese Werthfrage ersten Ranges herum, sehr oberhalb, sehr vogelmässig und mit dem besten unmodern wie möglich aufs Moderne herunterWillen, so

zublicken

Ich vorgesetzt,

— — — — — — — — — — — — — habe mir für meine nächste Reise nach Deutschland mich mit dem psychologischen Problem Kierkegaard

zu beschäftigen, insgleichen die Bekanntschaft mit Ihrer älteren Litteratur 2 zu erneuern. Dies wird für mich, im besten Sinn des Worts, von Nutzen sein



und wird dazu dienen, mir meine eigene ,,zu Gemüthe zu führen".



Härte und Anmassung im Urtheil

Machen

Sie,

verehrter Herr, eine gute Miene zu

dem „bösen

Spiel",

meine zu dieser Nietzsche'schen Litteratur. Ich selber bilde mir ein, den „neuen Deutschen" die reichsten, erlehtesten und unabhängigsten Bücher gegeben zu haben, die sie

ich

überhaupt besitzen

!

ebenfalls selber für meine Person ein capitales

Ereigniss in der Krisis der Werthurtlieile zu sein. *

2

Aber das könnte

Ein von Taine's Geschichte der Revolution benutzter Ausdruck. Die alte Sagenlitteratur ist fj^emeint.

:

FRIEDRICH NIETZSCHE.

216

ein

;

Irrthum

sein;

und ausserdem noch

Dummheit

eine



ich

wünsche, über mich nichts ghiuben zu müssen. Ein Paar Bemerkungen noch sie beziehen sich auf meine :

Erstlinge

(



und Juvenalia)

die Juvenilia

Die Schrift gegen Strauss, das böse Gelächter eines „sehr

gab einen damals schon Prof. ordin., trotz meiner 24 Jahren somit eine Art von Autorität und etwas ßeiuiesenes. Das Unbefangenste über diesen Vorgang, wo beinahe jede „Notabilität" Partei für oder gegen mich nahm und eine unsinnige Masse von Papier bedruckt Avorden ist, steht in Karl Hillebrand's „Zeiten, Völker und Menschen" Band 2. Dass ich das altersmüde freien Geistes" über einen solchen, der sich dafür hielt,

ungeheuren Skandal ab

Machwerk

:

ich Avar

verspottete,

war

den deutschen Geschmack

dass ich

compromittirenden

einer

bei

Kritikers

ausserordentlichen

eines

nicht das Ereigniss, sondern

Geschmacklosigkeit

flagranti

in

ertappte: er hatte Strauss'es „alten und neuen Glauben" einmüthig, trotz

Partei-Verschiedenheit,

religiös-theologischer

aller

als

ein

Meisterstück von Freiheit und Feinheit des Geistes (auch des Stils!)

war das

bcAVundert. Meine Schrift

(—

Bildung

jene

„Bildung",

erste Attentat

Frankreich den Sieg errungen habe

Wort

„Bildungsphilister"

ist

wie

welche,

aus



);

auf die deutsche rühmte, über

man

das von mir formulirte

dem wüthenden Hinundher der

Polemik in der Sprache zurückgeblieben, Die beiden Schriften über Schopenhauer und Richard Wagner stellen, wie mir heute scheint, mehr Selbstbekenntnisse, vor Allem Selbstgelöbnisse über mich dar als etwa eine Avirkliche Psychologie jener mir ebenso tief verwandten als antagonistischen Meister ( ich Avar der Erste, der aus Beiden eine Art Einheit destillirte jetzt ist dieser Aberglaube sehr im Vordergründe der deutscheu



Anhänger Schopenhauers. Dies Damals Avaren es die letzten zu Wagner hielten, und „Wagner und Hegel"

Cultur: alle Wagnerianer sind

war anders Hegelinge,

als

die

ich

jung

Avar.

lautete die Parole in den fünfziger Jahren noch).

und „Menschund Häutung. Auch

ZAvischen den „unzeitgemässen Betrachtungen" liches,

Allzumenschliches"

liegt

eine Krisis

leiblich ich lebte Jahre lang in der nächsten Nachbarschaft des Todes. Dies war mein grosses Glück ich vergass mich, ich überlebte mich :

:





Kunststück habe ich noch einmal gemacht. So haben Avir nlso einander Geschenke überreicht: ich denke, ein Paar Wanderer, die sich freuen, einander begegnet zu sein ....

das

gleicht^

4.

Nizza, den 27. März 1888.

Ihnen für einen so reichen und nachdenklichen Brief schon früher gedankt zu haben: aber es gab ich Avünschte sehr,

FKIEDKICH NIETZSCHE.

217

.Schwierigkeiten mit meiner (Jesundheit, so dass ich in allen guten

Dingen arg verzögert

An meinen Augen,

bin.

anbei gesagt, habe

ich einen

Dynamometer meines Gesammtbefindens

dem

in

sie sind,

:

nach-

Hauptsache wieder vorwärts, aufwärts geht, dauerhafter geworden als ich sie je geglaubt habe, sie haben die Prophezeiungen der allerbesten deutschen Augenärzte zu es

der



Schanden gemacht. Wenn die Herren Gräfe et hoc genus omne Kecht behalten hätten, so wäre ich schon lange blind. So bin ich



schlimm genug! mich

zeigten, letzten



No.

bei

3

der Brille angelangt,

aber

ich

spreche von dieser Misere, weil Sie die Theilnahmc

sehe noch. Ich

danach zu fragen, und weil die Augen

Wochen besonders schwach und

reizbar waren.

den

in



Sie dauern mich in Ihrem dies Mal besonders winterlichen und düsteren Norden wie hält man da eigentlich seine Seele aufrecht? Ich bewundere beinahe Jedermann, der unter einem bedeckten Himmel den Glauben an sich nicht verliert, gar nicht zu reden vom Glauben an die „Menschheit", an die „Ehe", an das „Eigenthum", an den „Staat" In Petersburg wäre ich Nihilist: hier glaube ich, wie eine Pflanze glaubt, an die Sonne. Die Sonne Nizza's das ist wirklich kein Vorurtheil. Wir haben sie gehabt, auf Unkosten vom ganzen Reste Europa's. Gott lässt sie mit dem ihm eigenen Cynismus über uns Nichtsthuer, „Philosophen" und Grecs schöner leuchten als über dem so viel ;





würdigeren militärisch-heroischen „Vaterlande". Zviletzt haben auch Sie mit dem Instinkte des Nordländers das stärkste Stimulans gewählt, das es giebt, um das Leben im

Norden

auszuhalten,

Wikinger-Streifzug.

den Krieg,

den

aggressiven

den

Atfekt,

Ich errathe aus Ihren Schriften den geübten

Soldaten; und nicht nur die „Mittelmässigkeit", noch mehr vielleicht die Art der selbstständigeren

Geistes

mag

und eigeneren Naturen des nordischen

zum Kampfe

Sie beständig

„Pfarrer", wie viel Theologie

ist

in all

herausfordern.

Wie

viel

diesem Idealismus noch rück-

.... Dies wäre für mich schlimmer noch als bedeckter Himmel, sich über Dinge entrüsten zu müssen, die Einen nichts augehn!

ständig!



So viel für dies Mal. Ihre „deutsche Romantik" hat mich darüber nachdenken machen, wie diese ganze Bewegung eigentlich nur als Musik zum Ziel gekommen ist (Schumann, Mendelssohn,

Weber, Wagner, Brahnis) als Litteratiir blieb Versprechen. Die Franzosen waren glücklicher. ;

sie



zu sehr Musiker, um nicht Romantiker zu Musik wäre mir das Leben ein Irrthum

ich bin

ein

Ich sein.

grosses fürchte

Ohne

;

FRIEDRICH NIETZSCHE.

218

5.

Torinu, den 10. April 1888.

Was

die Abfassungszeiten der einzelnen

stehen sie auf

Böse".

dem

Vielleicht

Bücher betrifft, so von „Jenseits von Gut und

Titel-Rückblatte

haben Sie das Blatt nicht mehr.

„Die Geburt der Tragoedie"

und Winter 1871 abgefasst (beendet

wurde zwischen Sommer 1870 in Lugano, wo ich zusammen

mit der Familie des Feldmarschall Moltke lebte).

Die „Unzeitgemässe Betrachtungen" zwischen 1882 und Sommer 1885

(es sollte

13 werden; die Gesundheit sagte glücklicherweise

Nein!).

Was

Sie über „Schopenhauer als Erzieher" sagen,

macht mir

grosse Freude. Diese kleine Schrift dient mir als Erkennungszeichen

wem

der hat

sie nichts Persönliches erzählt,

sonst nichts mit mir zu thun.

Im Grunde

nach dem ich bisher gelebt habe „Menschliches,

Schema

darin,

sie ist ein strenges Versprechen.

;

Allzumenschliches",

Sommer 1876—1879.

wahrscheinlich auch

steht das

sammt

seine zwei Fort-

1880. Die Januar 1882. Zarathustra 1883—1885 öeder Theil in ungefähr 10 Tagen. Vollkommener Zustand eines „ Inspirirten". Alles unterwegs, auf starken Märschen, concipirt: absolute Gewissheit, Gleichzeitig mit der als ob jeder Satz Einem zugerufen Aväre. ). Schrift grösste körperliche Elasticität und Fülle „Jenseits von Gut und Böse", Sommer 1885 im Oberengadin und den folgenden Winter in Nizza. Die „Genealogie", zwischen dem 10. und 30. Juli 1887 beschlossen, durchgeführt und druckfertig an die Leipziger Druckerei geschickt. (Natürlich gicbt es auch Philohgica von mir. Das geht

setzungen,

Die

„Morgenröthe"

„fröhliche Wissenschaft"



aber uns Beiden nichts mehr an.)

mache eben einen Versuch mit Turin, ich will hier bis um dann ins Engadin zu gehen. Winterlich hart, böse bis jetzt. Aber die Stadt suj)erb ruhig und meine Instinkte schmeichelnd. Das schönste Pflaster der Welt Ich

zum

5.

Juni bleiben,

6.

Turin,

.... Was und

iiK'lir

noch,

4.

Mai 1888.

Sie mir erzählen, macht mir grosses Vergnügen

dass ich's gestehe

überzeugt davon, dass

ich's



Ueberraschung.

Ihnen „nachtrage"

:

Seien Sie

Sie wissen,

alle

Einsiedler sind „nachträgerisch" ?

Inzwischen wird, wie ich hoffe, meine Photograjjhie bei Ihnen

angelangt

sein.

Er versteht sich von

selbst,

dass ich Schritte that,

:

FKIEDRICH NIETZSCHE. nicht gerade

um

mich zu photographiren

219

(denn

ich

Zufalls-Photogniphion äusserst inisstrauisch), sondern der eine Photographic von mir

liat,

bin

gegen

um Jemanden,

dieselbe zu entfremden. Vielleicht

denn noch weiss ich es nicht. Im andern Falle will ich meine erste Reise nach München (diesen Herbst wahrscheinlich) benutzen, um mich wieder zu versinnbildlichen. Der „Hymnus auf das Leben" wird dieser Tage seine Reise nach Kopenhagen antreten. AVir Pliilosophen sind für nichts dankbarer, als Avenn man uns mit den Künstlern verwechselt. Man versichert mich übrigens von Seiten der ersten Sachverständigen, dass der Hymnus durchaus aufführbar, singbar, und in Hinsicht auf Wirkung sicher sei ( „rein im Satz" dies Lob hat mir am meisten Freude gemacht). Der vortreflfiichc Hofkapelhneister Mottl von ist

mir's

gelungen

;



:

Carlsruhe (Sie wissen, der Dirigent der Bayreuther Festaufführungeh) hat mir eine Aufführung in Aussicht gestellt.

Aus

Italien meldet

man mir



dass die Gesichtspunkte

eben,

meiner zweiten LTnzeitgemässen Betrachtung

in

einem Berichte über

deutsche Geschichts-Litteratur sehr zu Ehren gebracht seien,

den Wiener Gelehrter Dr. v. Zackauer im Auftrage des Florenzer Archivio storico gemacht hat. Der Bericht läuft in dieselben aus. ein



Wochen in Turin .... sind mir besser gerathen als irgend welche Wochen seit Jahren, vor allem philosophischer. Ich habe fast jeden Tag ein, zwei Stunden jene Energie erreicht, um Diese

meine Gesammt-Conception von Oben nach Unten sehn zu kiinnen wo die ungeheure Vielheit von Problemen, wie im Relief und klar in den Linien, unter mir ausgebreitet lag. Dazu gehört ein maximum

von

kaum mehr

Kraft, auf Avelches ich

hängt Alles zusammen, es war schon

Es Jahren Alles im rechten

bei mir gehofft hatte.

seit

Gange, man baut seine Philosophie wie ein Biber, man ist nothwendig und weiss es nicht aber das Alles muss man sehn, wie :

ich's jetzt

gesehen habe,

um

es zu glauben.





so erstärkt, so guter Laune ich hänge den ernstesten Dingen einen kleinen Schwanz von Posse an. Woran hängt das Alles? Sind es nicht äia ^wtawNorihuinde, denen ich das verdanke, diese Nordwinde, die nicht immer aus den Alpen kommen? sie kommen mitunter auch aus Kopenhagen!

Ich bin so

erleichtert,



7.

Turin, den 23. Mai 1888.

....

möchte Turin nicht verlassen, ohne Ihnen nochmals auszudrücken, wie vielen Antheil Sie an meinen ersten ivohlgerathenen Frühling haben. Die Geschichte meiner Frühlinge, seit 15 Jahren Ich

zum Mindesten, war nämlich

eine Schauergeschichte, eine Fatalität

.

FRIEDRICH NIETZSCHE.

220

von Dccadence und Schwäche. Unterschied

war

es

;

als

Die Orte machten darin keinen

ob kein Recept, keine Diät, kein Clima

den wesentlich depressiven Charakter dieser Zeit verändern könnten. siehe da! Turin! Und die ersten guten Nachrichten, Ihre

Aber

Nachrichten, verehrter Herr, aus denen mir bewiesen ward, ich lebe

....

dass

Ich pflege nämlich mitunter zu vergessen, dass ich

Ein Zufall, eine Frage erinnerte mich dieser Tage daran,

lebe.

dass in mir ein Hauptbegriff des Lebens geradezu ausgelöscht

ist,

Kein Wunsch, kein Wölkchen Wunsch vor mir! Eine glatte Fläche! Warum sollte ein Tag aus meinem siebzigsten Lebensjahre nicht genau meinem Tage von heute der Begriff „Zukunft".



lange in der Nähe des Todes mehr für die schönen MöglichAber gewiss ist, dass ich jetzt mich keiten aufzumachen? dass ich darauf beschränke, von heute bis morgen zu denken, und für keinen Tag heute festsetze was morgen geschehen soll weiter! Das mag unrationell, unpraktisch, auch vielleicht unchrist-

gleichen?

dass

Ist es,

um

gelebt habe,

die

ich

Augen

zu

nicht









jener Bergprediger verbot gerade diese Sorge

lich

sein

den

andern Tag"

philosophisch.

Ich



aber es

scheint

mir im

höchsten

bekam vor mir etwas Respekt mehr,

ihn sonst schon habe:



ich

begriff,

„um

Grade als

ich

dass ich verlernt habe zu



auch nur gewollt zu haben ich dazu benutzt, „Werthe umzuwerthen". Im Grunde ist der Goldmacher Sie verstehen diesen Tropus? die verdienstlichste Art Mensch, die es giebt: ich meine der, welcher aus Geringem, Verachteten etwas Werthvolles und sogar Gold macht. Dieser allein bereichert; die andern wechseln nur um. Meine Aufgabe ist ganz kurios dies Mal ich habe mich

wünschen, ohne

es

Wochen habe

Diese





:

was bisher von derMenschlieit am besten gehasst, gefürchtet, veraclitet worden ist — und daraus gerade habe ich mein „Gold"

gefragt,

gemacht Dass man mir nur nicht Falschmünzerei vorwirft Oder .

.

.

!

mehr;

man



Ist

zvird es thun.

viel-



meine Photographie

in

Ihre

Hände gelangt? meine

Mutter hat mir den grossen Dienst erwiesen, in einem so ausserordentlichen Falle nicht

undankbar erscheinen zu müssen.

— —

Turin, den 27. Mai 1888.

Was Sie für Augen haben Der Nietzsche auf der Photographie er ist ist in der That noch nicht der Verfasser des Zarathustra ein Paar Jahre zu jung dazu. !



:

FRIEDRICH NIETZSCHE.

von Gote bin ich sehr dankbar; dieselbe nehme an, dass Sie hente anch einen

F'ür die Etjnnologie ist

einfach göttlich.



221

Ich

— — — — — — — — — —

Brief von mir lesen?

9.

den

Silz-Maria,

....

Hiermit

mache

mir

ich

ein

wahres

13. Sept. 1888.



Vergnügen

mich Ihnen wieder in's Gedächtniss zurück zu rufen und zwar durch Uebcrsendung einer kleinen boshaften aber trotzn<ämlich

dem

solu" ernst gemeinton Schrift, die noch in den guten Tagen von Turin entstanden ist. Inzwischen nämlich gab es böse Tage in Ueberfluth, und einen solchen Niedergang von Gesundheit, Muth und „Willen zum Leben", Schopenhauerisch geredet, dass mir jene kleine Frühlings-Idylle kaum mehr glaublich erschien. Zum Glück besass ich noch ein Dokument daraus, den .,Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem'". Böse Zungen wollen lesen

„Der Fall Wagner's'* .... So sehr und mit so guten Gründen Sie sich auch gegen Musik vertheidigen

mögen

(



die zudringlichste aller Musen), so

sehen

Sie sich doch einmal dies Stück Musiker-Psychologie an. Sie sind,

verehrter

Herr

Cosmopoliticus,

viel

zu

um

europäisch gesinnt,

Mal mehr zu hören, als meine sogenannten Landsleute, die „musikalischen" Deutschen Zuletzt bin ich in diesem Falle Kenner in rebus et personis und, glücklicher Weise, bis zu dem Grade Musiker von Instinkt, dass mir über die hier vorliegende letzte Werthfrage von der Musik aus das Problem zugänglich, löslich erscheint. Im Grunde ist diese Schrift beinahe französisch geschrieben es möchte leichter sein, sie ins Französische zu übersetzen als ins nicht dadei hundert

.

.





.... Würden Sie mir noch

Deutsche

Adressen geben können, mitzutheilen?

ein



Ein Paar Monate erwarten: unter

dem

Paar russische oder französische

deren Fall es Vernunft hätte, die Schrift

in

später

giebt es etwas Philosophisches zu

sehr wohlwollenden Titel „Müssiggang eines

Psychologen" sage ich

aller

Welt Artigkeiten und Unartigkeiten

eingerechnet dieser geistreichen Nation, den Deutschen





Dies Alles sind aber in der Hauptsache nur Erholungen von der Hauptsache:

„Umwerthung

letztere heisst

Europa wird nöthig haben, noch

aller

Werthe".



um

den

einer

bei

ein Sibirien zu erfinden,

Urheber dieser Werth-Tentative dorthin zu senden. Hoffentlich

Ihnen gewohnten

begrüsst resoluten

Sie

dieser

Verfassung

heitere Brief

in

FRIEDRICH NIETZSCHE.

222

10.

Turin, den 20. Oktober 1888.

Werther und lieber Herr, wiederum kam ein angenehmer Wind von Norden mit Ihrem Briefe zuletzt war es bisher der einzige Brief, der ein „gutes Gesicht", der überhaupt ein Gesicht :

Wagner

zu meinem Attentat auf

Denn man

maclite.

schreibt mir

und Nächsten einen heillosen Schrecken hervorgebracht. Da ist zum Beispiel mein alter Freund Baron S. in München unglücklicher Weise gerade Präsident des Münchener Wagner- Vereins mein noch älterer Freund, der Justizrath K. in Köln, Präsident des dortigen Wagner- Vereins mein Schwager Ich habe selbst bei Näheren

nicht.

;

;

Dr. Bernhard Fürster in Südamerika, der nicht unbekannte Antisemit, einer

der

meine

eifrigsten

Mitarbeiter



und Bayreuther Blätter verwechselt M

der

Freundin M. von

verehrungswürdige

nach wie vor W^agner mit Michel Angela

man mir

Andererseits hat

zu

.

.

.

.

.

.

gegeben,

verstehen

ich

solle

auf der Hut sein vor der Wagnerianerin: die hätte in gewissen Fällen keine Skrupel. Vielleicht wehrt man sich, von Baj^reuth Manier, durch Interdiktion aus, auf reichsdeutsche und meiner Schrift



als „der ötfentlichen Sittlichkeit gefährlich"

....

Ehren der Wittwe Bizet's hat mir grosses geben Sie mir ihre Adresse; insgleichen die des Fürsten U. Ein Exemplar ist an Ihre Freundin, die Fürstin Ihre Intervention zu

Vergnügen gemacht.

Bitte

A. D. T. abgesandt.



Bei meiner nächsten Veröffentlichung, die



der Titel mehr auf sich warten lassen wird ( ist jetzt „Götzendämmerung. Oder: Wie man mit dem Hammer philosophirt"), möchte ich sehr gern auch an den von Ihnen mit so ehrenden Worten mir vorgestellten Schweden* ein Exemplar Diese Schrift ist senden. Nur weiss ich seinen Wohnort nicht. nicht gar zu lange



meine Philosophie

in niice



radikal bis

zum Verbrechen



Ueber die Wirkung des „Tristan" hätte auch ich Wunder zu berichten. Eine richtige Dosis Seelen-Qual scheint mir ein ausgezeichnetes

Tonicum vor

W.

Keichsgerichtsrath Dr.

in

einer

Wagnerischen

Mahlzeit.

Der

Leipzig gab mir zu verstehen, auch

Kur diene dazu .... Ach was sie arbeitsam sind Und ich Idiot, der ich nicht einmal Dänisch verstehe! — Dass man gerade „in Russland wieder

eine Karlsbader



!

aufleben" kann, glaube ich Ihnen vollkommen ein russisches Buch,

vor

allem Dostojewski

;

ich rechne irgend

zu meinen

grössten Erleichterungen.

Von Herzen und

mit einem Hecht, dankbar zu sein Ihr Nietzsche.

^

August Strindberg.

;

FRIEDRICH NIETZSCHE.

223

11.

Torino,

via Carlo Alberto

den

20.

November

III.

6,

1888.

Verehrter Herr, Vergebung, dass ich auf der Stelle antworte.

Es giebt

jetzt

meinem Leben

in

curiosa

von Sinn im

Zufall, die

nicht ihres Gleichen haben. Vorgestern erst; Jetzt wieder.

wenn

Sie wüssten,

was

ich eben geschrieben hatte,

mir seinen Besuch machte

.

.



Ach,

als Ihr Brief

.

Ich habe jetzt mit einem Cynismus, der welthistorisch werden Avird,

mich

Das Buch heisst „Ecce homo" und ist ohne die geringste Rücksicht auf den Gekreuzigten

selbst erzählt.

ein Attentat

Donnern und Wetterschlägen gegen Alles, was christlich ist, bei denen Einem Sehn und Hören vergeht. Ich bin zuletzt der erste Psychologe des Christenthums und kann, als alter Artillerist, der ich bin, schweres Geschütz vorfahren, von dem kein Gegner des Christenthums auch nur die Existenz vermuthet hat. Das Ganze ist das Vorspiel der „Umwerthung aller Werthe", des Werks, das fertig vor mir liegt! ich schwöre Ihnen zu, dass wir in zwei Jahren die ganze Erde in Convulsionen haben werden. es endet in

oder christlich infekt





Ich bin ein Verhängniss.

Errathen

Sie,

wer

„Ecce homo"

in

am

schlimmsten

wegkommt?

habe ihnen furchtbare Dinge gesagt .... Die Deutschen haben es zum Beispiel auf dem Gewissen,

Die Herren Deutsche

!

Ich

die letzte grosse Zeit der

Geschichte,



Sinn gebracht zu haben

in

die

Renaissance,

einem Augenblick,

lichen AVerthe, die decadence-Werthe, unterlagen,

Instinkten der höchsten Geistlichkeit selbst

waren,

Gegeninstinkte anzugreifen



das hiess ja



.

an einer entscheidenden

in

....

Die

den die

Kirche



das wäre der Sinn der Renaissance,

Symbol .). Auch dürfen Sie darüber

ihr eigentliches

sie

ihren christ-

das Christenthum wiederherstellen



(Cesare Borgia als Papst

um die

überwunden durch

Lebens-Instinkte

die

wo wo

.

nicht böse sein, dass Sie selber



ich schrieb Buchs auftreten sie eben in diesem Zusammenhange, dass ich das Verhalten meiner deutschen Freunde gegen mich stigmatisire, das absolute In-Stich-gelassen-sein mit Ehre wie mit Philosophie. Sie kommen, eingehüllt in eine artige Wolke von Glorie, auf einmal zum Stelle des





Vorschein

....

Ihren Worten über Dostojewski schätze

ihn

andererseits

Material, das ich

als



kenne

Weise dankbar, wie sehr

er

das

glaube ich unbedingt; ich werthvollste

psychologische

ihm auf eine merkwürdige auch immer meinen untersten Instinkten ich

bin

FRIEDRICH NIETZSCHE.

224

Ungefähr mein Verhältniss

zuwider geht. beinahe

weil er mich

liebe,

den ich

zu Pascal,

belehrt

hat:

der

einzige

....

logische Christ



unendlich

ich, entzückt und wie l)ei mir zu Hause von Herrn August Strind])erg. Meine aufrichtigste Bewunderung, der nichts Eintrag thut, als das Gefühl, mich dabei ein wenig mitzubewundern .... Turin bleibt meine Residenz.

Les

Vorgestern las

inarie's

Ihr Nietzsche, jetzt Unthier.

Wohin darf Im

Fall, dass Sie

ich

Ihnen

die

noch 14 Tage

„Oötzen-Dämmerung" Kopenhagen sind,

in

senden? ist

keine

Antwort nüthig. 12.

Ohne genauere Adresse, ohne Datum, mit sehr grossen Buchstaben auf einem nach Kinderart mit Bleistift liniirteu Stück Papier geschrieben. Poststempel, Turin, 4. Januar 1889.) (Unfrankirt.

Dem

Freunde Georg

Nachdem Du mich

entdeckt hast,

die Schwierigkeit

zu linden:

ist

war

jetzt die,

es kein

mich zu

Kunststück mich A^erlieren

.

.

.

.

Der Gekreuzigte.

Da worden nisse

mit unglaublicher Eohheit der Versuch gemacht ist,

eines

die ganze Production Nietzsche's als Erzeug-

Irrsinnigen

zu stempeln,

aufmerksam gemacht, dass eine

krankhafte

und dass

erst in

eingetreten

ist.

Exaltation

dem

erst in

sich

sei

hier

darauf

den letzten Briefen zu äussern anfängt

allerletzten die Geistesverwirrung

Emile Zola. (1887)

Is

Prosaschriftsteller geht Zola von Taine aus.

Sechsundzwanzig Jahre alt, sagt er von dem Verfasser der„Geschichte der englischen Litteratur", dass „die neue Wissenschaft, die aus Physiologie

und Psychologie, Geschichte und Philosophie bestehe, ilire höchste Entfaltung in ihm gefunden habe". Taine ist seiner damaligen Auifassung zufolge „die höchste Offen-

barung unseres Wissensdranges, unseres Untersuchungsstrebens und unseres Hanges, Alles zu einem einfachen Meclianismus zurückzuführen, der unter die mathematischen Wissenschaften hingehört".

Taine war mit anderen Worten augenscheinlich der und verstand.

erste zeitgenössische Denker, den Zola las

Es fand sich eine gewisse Uebereinstimmung zwischen den natürlichen Neigungen und den ursprünglichen Sympathieen des älteren und des jüngeren Schriftstellers.

Zola hatte wie Taine eine Vorliebe für das, was reich

und breit

ist,

für das Kräftige und Derbe.

Taine war ein Jordaens, und Zola war ein Jordaens. Das Massive bei Taine, all' das Schwelgen in Farben 15

EMILE ZOLA.

226

und Formen,

in Naturschauspielen, in

Orgien und Ge-

walttliätigkeiten, gefiel Zola.

Sie liebten ferner alle Beide eine gewisse verstän-

dige Trockenheit und Einfachheit in

Buches und eine überströmende,

dem Grundriss

eines

bisweilen ermüdende

Füllein den Einzelnheiten, die von dem scharfen

Rahmen

umfasst wurden. Sie waren Systematiker und Beschreiber alle Beide.

Dass bei Taine die Umgebungen so viel und der Mensch so wenig bedeutete, machte anfangs Zola stutzen und rief seinen jugendlichen und leidenschaftlichen Protest hervor. „So lange Taine dem Dichter und dem Maler ein wenig Menschlichkeit, ein wenig freien einzelne

Willen und persönlichen

Schwung

einräumt,

kann

er sie

Er dem Haufen gegen-

nicht ganz zu mathematischen Regeln zurückführen".

behauptet die Souveränität des Genies

über. Taine's Methode scheint ihm nur brauchbar bei Massenunternehmungen oder gemeinschaftlichen Werken wie den Pyramiden Aegyptens und den grossen VölkerEpopöen; sobald man die Persönlichkeit, den Flug und Schwung des freien und unregelmässigen Menschen einführe, schnarren alle Federn, und die Maschine berste. Doch wenige Jahre später schlägt er um, geht ganz in die mechanische Anschauung auf, eignet sich sogar Taine's Ausdrucksweise an und gebraucht mit Vorliebe dessen trotzigsten Jugendstil. Vor „Therese Raquin" setzt er als Motto die bekannten Worte, die seiner Zeit Taine so viele Unannehmlichkeiten verschafften: „Tugend und Laster sind Producte wie Vitriol und Zucker.'* In der Vorrede seines grossen Werkes „Les Rougon-Macquart" schreibt er einen Satz, der aussieht, als wäre er nach

„Die Erblichkeit hat ihre Gesetze wie die Nur ist zu Schwere.'' Wie die Schwere? Vielleicht. bemerken, dass wir die Gesetze der Schwere kennen,

Taine copirt

:



aber von den Gesetzen der Erblichkeit so gut wie gar nichts wissen.

;

EMILE ZOLA.

Er

spricht endlich hier mit einer

Ö27

Wendung,

die das-

Faden dem einen Men-

selbe Vorbild verräth, von seinen Versuchen, den

zu finden, der mathematisch sicher von

dem andern

schen zu

führt.

So vollständig

ist

er hier

für die Lehre gewonnen, der er sich anfangs zu wider-

setzen strebte.

Nichts von dem,

was Taine geschrieben, hatte

sol-

chen Eindruck auf ihn gemacht, wie der Aufsatz über Balzac, in welchem er seinen zweiten grossen Führer fand.

Dieser Aufsatz, der damals für eine der verwegensten litterarischen

Handlungen

galt, stellte

mit einem heraus-

fordernden und übertreibenden Vergleich einen noch umstrittenen Romanverfasser an die Seite Shakespeare's

aber er machte Epoche, und er führte in die Litteratur einen neuen Ausdruck und einen neuen Massstab für den

Werth

dichterischer und historischer

Mensch

nisse darüber, wie der

Werke

Taine schloss nämlich folgendermassen speare und Saint-Simon

von Zeugnissen,

ist

ein:

Zeug-

ist.

„Mit ShakeBalzac das grösste Magazin :

das wir über die Beschaffenheit

menschlichen Natur besitzen.'' (Documents sur

la

der

nature

humaine.)

Zola machte hieraussein ungenaues Stichwort: documents humains, zu welchem Edmond de Goncourt in der Vorrede zu La Faustin mit Unrecht die Vaterschaft beansprucht.

Wiederum war

es eine gewisse Aehnlichkeit in der

Naturanlage, welche bewirkte, dass Balzac so mächtig in Zola einschlug. Ihn sprach das

Unverdrossene an dem

grossen Arbeiter und das Colossale in seiner Arbeit an.

Er fand

bei

ihm den Sinn für das Moderne

:

Balzac hatte

Dichter sein eigenes Zeitalter dargestellt

und den Balzac hatte nicht verschönern wollen; endlich den Sinn für das Umfassende: die Idee,

als

Sinn für das Wirkliche alle die einzelnen

;

:

Romane

zu einem grossen Ganzen zu

EMILE ZOLA.

228

verbinden. Bei Taine sah Zola

zum

und

nach Verdienst geschätzt,

ersten Male Balzac

diese

spornte natürlich seinen eigenen

Werthschätzung

Muth und

seine eigene

Hoffnung an.

Ausserdem fand

er bei

ihn ganz befriedigte. Es

Metaphysik

befreite,

Taine eine Kunsttheorie, die

war

die alte, hier nur

von

aller

Lehre der deutschen Aesthetik, dass

das Ziel des Kunstwerkes das

ist,

irgend eine wesent-

hervorragende Eigenschaft, irgend eine wich-

liche oder

tige Idee klarer

und vollständiger zu offenbaren,

wirklichen Gegenstände es thun.

als die

Diese Definition

kam

sowohl seinem Drange nach Wirklichkeit, wie seinem

Drange nach Persönlichkeit

Und

er

drückte

eigenen Worten aus, est

im

coin de la

mit

dem

Kunst entgegen.

denselben Gedanken

indem

cre'ation

er sagte:

vn ä travers

Später, als er sich in das hatte, ersetzte er

in der

mit

Un un

seinen

oeuvre d^art

temperament.

Wort Naturalismus

den theologischen Ausdruck

verliebt cre'ation

gottlosen Ausdruck nature.

I.

Diese Definition,

Natur

ist,

durch ein

Kunstwerk ein Stück Temperament gesehen oder aufdass

das

und durch ihre Einfachheit ansprechend, durchaus nicht so bestimmt, dass sie zur x\usschliessung all' der Kunst gebraucht werden kann, welche der Verfechter des Naturalismus verwirft oder verschmäht. gefasst, ist frisch

aber

Schon das Wort „Temperament" ist unbestimmt; angeborene Eigenthüm-

es lieisst zunächst eine kräftige lichkeit.

Es kann durch körperliche und

sinnliche Be-

schaffenheit, durch Eigenthümlichkeit, durch Lebensan-



Ausdrücke, die verschieschauung übersetzt werden dene Möglichkeiten eröffnen. Temperament geht zunächst

EMILE ZOLA. auf das Blut blütig.

:

leichtblütig",

Taine sagt

sagt: Blut.

229

warmblütig, schwerblütig, kalt-

Eigenschaft, Fälligkeit, Idee. Zola

:

Er meint zunächst

eine kräftige angeborene

Eigenthümlichkeit.

Nun ist

die Frage, inwiefern diese Eigenthümlichkeit

das umformt, Avas zuerst „Schöpfung", später „Natur"

genannt wurde. Denn der Nachdruck fällt auf dieses Grlied. Zola nannte sich ja später „Naturalist" nach dem Gegenstande, nicht „Personalist" nach dem Temperament. Die Frage ist also Ist das von dem Temperament :

umgebildete Stück Natur noch Natur ? Dass heisst, Natur

Wann

für die Anderen. auf,

hört

die

umgeformte Natur

Natur zu sein?

Wenn

ich eine nackte Mannesgestalt

male ich Natur.

Wenn

Prometheus male, ungeheuer, hoch oben über den Bergesgipfeln ausgestreckt,

Natur oder

male,

dann

ich (wie Böcklin) den gestraften

dem Nebel

in

dann noch

ist dies

nicht"?

Wenn ich ein Skelett male, dann male ich Natur. Wenn ich den Tod als Skelett male, ist das noch Natur? Wenn ich (wie Max Klinger) den Tod als Skelett male, das früh Morgens mitten in einer blumenreichen Sommerlandschaft ein Bedürfniss befriedigt,

ist

da die Natur

vom Temperament getödtet?

Man

sieht,

wie leicht das Natürliche ins Phantas-

tische hinübergleitet.

Und wenn man liest, wie Zola seine man auch, dass der Stachel

Ansicht vertheidigt, entdeckt

seines Angriffes gegen die sogenannte historische

gerichtet

ist,

während

die

phantastische

Kunst

ausser Acht

gelassen wird.

Zola hat nie die Art der Phantasiewirksamkeit präcisirt,

lich

welche er bekämpft. Aber das, worauf

abgesehen

bildungskraft,

hat,

welche

ist

er's eigent-

das lose Erfinden

über

der

Ein-

den Gegenständen

und

ausserhalb der dargestellten Menschen schwebt.

;

EMILE ZOLA.

230

Es war Phantasie

wegen

einst der Stolz der Dichter, dass sich ihre

frei

zwischen dem Nordpol und Südpol be-

konnte-, aber

man braucht

der Natur zu reisen. schildern als das,

was

nicht so weit nach

Niemand kann

ja

doch Anderes

er mit seinen eigenen

Augen sah

oder in seinem eigenen Gemüth erlebte.

Zola

will,

die historische

Er

wie schon angedeutet, besonders gegen

Richtung in der Kunst opponiren.

räsonnirt folgendermassen

cipien, das

:

All'

die alten Prin-

romantische Princip so gut wie das classische,

wurden auf Arrangement der Natur, auf der systematischen Amputation der Wahrheit gegründet. Man ging davon aus, dass die Wahrheit an sich unwürdig sei, und dass Poesie nur dann entstehe, wenn man die Natur läutere und beschneide, vergrössere und verschönere. Die verschiedenen Schulen kämpften mit einander darüber, welche Verkleidung man der Wahrheit anlegen solle. Die Classiker hielten fest an dem antiken Costüm

Romantiker machten eine poetische Revolution um sie in Rittertracht und Harnisch zu stecken. Jetzt komme der Naturalismus und erkläre, dass die Wahrheit nackt gehen könne und keinerlei Draperie bedürfe. die

Die Frage ist nur, ob nicht das, was jetzt das Temperament genannt wird, ganz wie das, was vorher

genannt wurde, läutert und beschneidet, vergrössert und verschönert? der Geschmack,

Ob

später die Phantasie

nicht das naturalistische

Temperament gezwungen

wird, eine Draperie über die Wahrheit zu werfen, gerade so wie der

classische

Geschmack und

die

romantische

Phantasie es gethan haben. Die Antwort muss lauten:

dass

auch nicht

der

Naturalismus jener Umbildung der Wirklichkeit entgehen sicli aus dem Wesen der Kunst ergiebt. Dir Vorzug vor der historischen Kunst kann nicht auf diesem Punkte gesucht werden, sondern darin, dass diese

kann, die

EMILP: ZOLA.

231

Kichtung reichliche Gelegenheit hat, Modelle zu benutzen,

während der historische Dichter nur zu oft die Wahl hat, in der alten Tracht einen Zeitgenossen oder eine Puppe darzustellen. Spielhagen hat treffend den modernen Künstle]" mit Odysseus in der Unterwelt verglichen. Als

Odysseus den Schatten begegnet,

muss er ihnen erst ihm Rede stehen können. das Blut der Wirklichkeit, ohne welches

Blut zu trinken geben, bevor

Das Modell

ist

sie

das Geschöpf der Phantasie leblos bleibt.

Es giebt ein Modell, welches der Romandichter immer bei der Hand hat, das ist er selbst. Deshalb fängt er fast immer bewusst oder unbewusst mit Werken an, in denen er selbst dem Helden Modell gestanden hat. Zola ist keine Ausnahme. Claude" das

In

„La

Confession de

Hauptperson, Modell und Dichter

ist

eigene

Gemüth

des Verfassers sich

eins.

hier

in

Dass der

Wiedergabe mit Macht geltend machen muss, ist klar. Das schildernde und das geschilderte „Ich" haben hier allzu viele

Berührungspunkte,

um

so mehr, da die Dar-

stellung bis zum Aeussersten empfindsam ruft Claude

unaufhörlich

ist.

„Brüder",

zu, „mein armes Wesen wird von dem Fieber der Sehnsucht und des

den Lesern

Entbehrens geschüttelt". Der stete Gegensatz hier ist der zwischen dem Heim der Kindheit und der Umgebung des Jünglings.

Dort die Provence mit ihrer Sonne, hier Paris mit seinem Koth und Claude 's Kammer mit ihrem Elend. Es offenbart sich bei dem Verfasser eine Art Schrecken über das Hässliche und Widerwärtige in dem wirklichen

Leben, welcher doch so beschaffen

ist,

dass der Gegen-

stand, der den Menschen in ihm abstösst, den Künstler

ihm magisch anzieht. „Dieses ist", ruft er den Genossen seiner frühesten Jugend zu, „eine Welt, die ihr nicht kennt. Das Studium derselben macht schwindlig ....

in

Ich

möchte

diese

Herzen und Seelen

durchforschen,

EMILE ZOLA.

232

vielleicht

aber ich

würde ich nur Schlamm auf dem Grunde möchte diesen Schlamm untersuchen".

finden,

Es wird hier unter dem Schluchzen der Seele eine Art pessimistischer Dogmatik verkündet. Die französischen Dichter, die, wie Musset

und Murger,

von den

ein Bild

Geliebten ihrer Jugend gegeben haben, als ehrbar,

un-

schuldig leichtsinnig oder anmuthig leichtfertig, werden einer ausschmückenden Verlogenheit beschuldigt:

„Man nennt

sie die

Dichter der Jugend, diese Lügner,

und geweint, und die dann jenen Weibern die ihre Jugend zerstörten, Flügel an die Schultern gegeben haben. Ihre Geliebten waren in Wirklichkeit die gelitten

infam

;

ihre Liebe führte

all'

das Grausige mit

eine Liebe aus der Gosse erzeugt.

Sie

sich,

das

wurden

selbst

Schlamm gezogen, hernach dann ihre ungesunde Liebe beweint und eine

betrogen, verwundet, in den

haben sie Welt der Lüge aus jungen Sünderinnen geschaffen, die in ihrer Sorglosigkeit und Lebenslust reich an Liebreiz sind. Sie lügen, sie lügen, sie lügen."

Zola war also im Voraus entschlossen,

die Kehr-

seite zu schildern, der Dichter der Kehrseite zu

werden.

Dieses Buch, das seine eigenen Erlebnisse behandelt, verräth denn auch

mit aller wünschenswerthen Deut-

lichkeit eine der Eichtungen, in welche er

seine

Gegen-

stände umbilden wird, indem es seinen frühentstandenen pessimistischen

Hang

Und wenn bei der Blick sich

offenbart

und begründet.

ihm, wie bei anderen Romandichtern,

nach und nach immer mehr erweitert,

so dass er nicht

mehr nur

sich selbst

und sein Eigenes

von Gestalten, die von ihm selbst weit verschieden sind, ausserdem Gebäude und Gegenden, Magazine und Fabriken, Gärten und Gruben,

schildert, sondern eine Fülle

Land und

Welt der Thiere und der Pflanzen, „die ganze Arche Noäh" malt, dann müssen wir trotzdem in all' Diesem immer ihm selbst begegnen. See, die

EMILE ZOLA.

er

233

Indem er sich in seinen Gegenstand vertieft, tlieilt ihm unwillkürlich und nothwendig- einen grossen

Wesens mit. Welches ist nun nach Zola's eigener Auftassung sein Temperament beim Beginn seiner Laufbahn V Er schreibt über „Germinie Lacerteux" von den Brüdern Goncourt: „Ich muss bekennen, dass mein ganzes Wesen, meine Sinne und mein Verstand midi zwingen, dies zum Aeussersten gehende und fieberhafte Werk zu bewundern. Ich finde darin alle die Fehler und alle die Vorzüge, die mich in Leidenschaft versetzen: eine unbezwingbare Energie, eine souveräne Verachtung Theil seines eigenen

vor

dem

Urtheil

der

Dummen und

der Furchtsamen,

eine grosse und stolze Kühnheit, eine ausserordentliche

Kraft in

der Farbe

und im Gedanken,

endlich

eine

künstlerischeSorgfaltundGewissenhaftigkeit, die in diesen

Tagen der Pfuscherei eine grosse Seltenheit ist." Er giebt zu, dass sein Geschmack vielleicht verdorben ist, aber ihm schmecken stark gewürzte litterarische Gerichte, die

Decadence-Werke,

in

welchen eine

krankhafte Empfindlichkeit die kräftige Gesundheit der classischen Zeitalter ersetzt hat.

Er hat

sich gekannt, aber nicht ganz.

Die Energie

der Brüder Goncourt war von der scharfen Art, nicht

von der breiten. Sie seine,

messen.

Classicität

lässt sich nicht quantitativ,

Und

er

stand

und der Romantik

von

viel

Anfang

näher als

wie die an

der

sie.

II.

bei

Sehen wir das Temperament und die Wirklichkeit ihm einander gegenüber. Ich nehme einige Beispiele

aus seinen

Romanen der siebziger Jahre. dem ersten Roman der grossen Roman-

Zuerst aus folge:

„La

fortune des Rougon".

EMILE ZOLA.

234

Es

den Tagen des Staatsstreiches, December

ist in

1851. Zwei verliebte Kinder, ein siebzehnjähriger

Knabe Mädchen wandeln dort unten in der Provence des Nachts umher und hören aus der Ferne den Laut des Marsches und C4esanges der kommenden Insurgenten. und

ein dreizehnjähriges

konnte aber durch den Sturm

„Silvere lauschte,

Stimmen nicht

deren Schall durch die Höhen, die zwischen ihnen lagen, gedämpft wurde. Aber plötzlich zeigte sich eine schwarze Menge an der Biegung des Weges, und die Marseillaise, gesungen mit rachedie

dürstiger

Wuth,

auifassen,

schwang

Himmel empor,

gen

sich

schreckenerregend".

„Die Schar zog den Hügel hinab im stolzen,

un-

widerstehlichen Schritt".

„Man konnte denken,

sich keinen

grossartigeren Anblick

Hervorbrechen dieser paar Tausend die Todtenstille der Nacht. Der Weg war

als

das

Menschen in zum Strom geworden, der lebendige Wellen rollte, die nie enden zu wollen schienen, und unaufhörlich zeigten sich bei jeder Wendung des Weges neue schwarze Massen, deren Gesang die starken Stimmen dieses Menschenstromes mehr und mehr anschwellen Hess Die Marseillaise erfüllte den Himmelsraum, als wäre sie von Riesenmunden hineingeblasen in ungeheuere Trompeten, die mit den trockenen Tönen des Messings sie zitternd in alle Richtungen des Thaies hinausschleuderten.

Und

die

Schlage.

Landschaß

scbluiiimcnide

Sie

er:iUterte

von

dem wenn

die anderen wie ein Trommelfell, wird; sie vernahm den Widerhall bis

und

ii'ieder holte

in

ihr Innerstes

brennend

Töne des Nationalgesanges".

„Und dann war sang,

einem

Ende bis zum Trommel gerührt

mit mannigfachem Echo die

leidenschaftlichen

welche

mit

erwachte

einen

die

es

nicht nur die Menschenschar,

Landschaft

rief

nach

Rache

und

:

EMILE ZOLA. Freiheit

während dieser Bewegung

235

ihrer Luft

und ihres

Erdbodens". Die Landschaft hier

ist

also keine gewöhnliche Ucächt-

liche Landschaft, sie lebt wie ein menschliches

Wesen

Felsen, Wiesen und Felder, jedes kleinste Gebüsch

•,

nimmt

Er ist in der Landschaft, Er, der sie malt. Das Temperament dringt in die Natur ein und bildet sie um. Sie wird von Zola umgestaltet, damit er den Eindruck erhöhe von der Entschlossenheit und Kraft der marschirenden Truppe. Der muthige Knabe beschreibt die Schar, Gruppe für Gruppe, je nachdem sie an den Kindern vorbeiziehen. Er nennt jede Abtheilung und charakterisirt sie mit hoher Begeisterung. „Das sind die Holzhauer aus den SeilleDas sind die wäldern, die werden Sapeure sein Männer von La Palud die Leute dort haben nur Sensen, aber die werden die Soldaten niedermachen, wie man Gras mäht Saint-Eutrope! Mazet! Les Gardes! Marsanne! Der ganze nördliche Abhang der Seille! Das ganze Land ist mit uns!'^ Manchmal kommt an dem ungeheueren Chorgesang

Tlieil.

dem jungen Mädchen vor, ,,als ob die Leute gar nicht mehr marschiren, sondern die Marseillaise, dieser barsche Gesang, mit seinem schrecklichen Wohlklang es

sie

mit sich fortrisse". Diese Stelle

ist fast

homerisch.

Sie

erinnert ein

wenig an das Schiffsverzeichniss aus dem zweiten Gesänge der Iliade. Zola hat diese Aehnlichkeit zu erreichen versucht; er sagt es gerade heraus, an einer Stelle, weiterhin, wo er den Faden wieder aufnimmt, nachdem er die schmutzigen, politischen Intriguen der

Bewohner

von Plassans geschildert hat „Die Schar der Empörer begann von Neuem ihren heldenmüthigen Marsch durch die kalte und klare Landschaft. Es war wie ein breiter Strom von Begeisterung. Jener Hauch des Heldengedichts, der Silvere und Miette mit sich fortriss, kreuzte mit seiner heiligen Grossmuth

EMILE ZOLA.

236

die scliändlichen

Comödien der Familien Macquart und

Eougon." Jedoch Arbeiter aus der Provence, der Helden aus der Iliade gesehen, das

in

dem Lichte

ist

der Antheil

des Temperaments an der Sache, nicht der eigene An-

Natur. Das

theil der

ist

nicht nur Romantik, wie das

frühere Beseelen der Landschaft. Es

Und

ist

der klassische

Stil.

dieses ist nicht die einzige Parallele mit der

Dichtung des alten Griechenlands in „La fortune des Rougon". Zola wollte, um einen Gegensatz zu haben zum blutigen Verbrechen des Staatsstreiches, eine kindliche Liebesidylle schildern.

Auf Kind heitserinnerungen

gestützt, wollte er ein modernes Seitenstück zu der alt-

griechischen Novelle von Daphnis und Chloe ausführen.

Man

Erzählung hindurch das Vorbild, und er gesteht im Grunde selbst ein, dass er es gehabt hat. Beim Beginn seiner Darstellung sagt er, dass die jungen Menschen „eine jener Id^-llen durchlebt hatten, die unter den Familien der arbeitenden Klasse entstehen, in denen man noch die primitiven Lebensverhältnisse fühlt durch seine

der alten griechischen Novellen findet".

sagt er

an

:

„Ihre

Idj-lle

Und am

Schlüsse

bewahrte ihre seltene Anmuth, die

eine altgriechische Novelle erinnerte."

Aber

arme Kinder der Pro-

so viel ist klar: zwei

vence in unsern Tagen im Stile altgriechischer Hirtenerzählungen dargestellt, das

ist

nicht eben Abschreiben

der Natur; die persönliche Eigenthümlichkeit,

wie

sie

und entwickelt worden (also nicht das Temperament allein), ist hier im höchsten Masse wirksam gewesen. noch dazu von

der Cultur

bereichert

Der Reiz und das Pikante Erzählung

ist

in jener alten hellenischen

bekanntlich, dass in den zwei Kindern lang-

sam, ganz langsam die Liebe erwacht.

Die Sehnsucht

keimt, wächst und versteht sich nicht selbst. Chloe badet in

den Quellen

vor

den Augen

von Daphnis;

beide

.

EMILE ZOLA. schlafen nackt unter

237

demselben Ziegenfell,

ohne eine

unwiderstehliche Anziehung an einander zu empfinden.

Zola gab der Idylle neue Anmuth, neuen Reiz und

Ausgang aber wir sehen seinen Silvere und zusammen herumstreifen wie Daplmis und Chloe. Sie schwimmt des Nachts vor seinen Augen, und derselbe Mantel bedeckt sie alle Beide, wenn sie ein-

tragischen

;

seine Miette

schlafen.

Doch Zola hat

sich nicht

damit begnügt, einer

um

clas-

moderne Wirklichkeit darzustellen. Er bedurfte des Symbols, des romantischen Symbols, ohne sich doch von der Wirklickeit entfernen zu wollen. Der grosse Romantiker Delacroix hat das bekannte Bild „Die Freiheit auf den Barrikaden" gemalt: das junge Mädchen mit der rothen Haube und dem Säbel in der Hand, welches die Erinnerung an eine Göttin der Freiheit hervorruft, und an ihrer Seite den Knaben aus dem Volk mit dem festen drohenden Blick und dem Gewehr in der Hand. Das scheint Zola vorgeschwebt zu haben. Er will irgend eine Weise Miette in dieser Richtung hin auf sischen Inspiration nachzugehen,

heben,

sie

eine

umbilden. Sie hat sich erboten,

die

Fahne

der Empörer zu tragen. Diese halten sie für zu schwach Sie zeigt ihnen

dazu.

Und

dann ihre vollen weissen Arme.

er schreibt:

„Wartet, sagte

sie.

Sie riss schnell ihren Mantel

ab und zog ihn wieder an, nachdem

nach aussen gekehrt hatte.

Da

ihr

ganz

bis

(er ist

(die

gekleidet

in

einen

aus einfachem Kattun), der

auf die Füsse hinabfiel. Die Haube, die leicht

auf ihrem Kopfe sass, schmückte

Mütze

das rothe Futter

stand sie nun in der

weissen Helle des Mondenscheins,

weiten Purpurmantel

sie

sie

wie eine phrygische

Kaputze hat einer solchen vorher nicht ge-

glichen; jetzt gleicht sie ihr), sie ergriff die Fahne, drückte

deren Stange gegen ihre Brust und hielt sich gerade und schlank zwischen den Falten dieses blutigen Banners

.

.

EMILE ZOLA.

238

In diesem Augenblick

war

sie

die jungfräuliche Freiheit

selbst."

Punkt

für Punkt,

Zug um Zug

fühlt

man

wie

hier,

das Temperament die Naturbeobachtung umformt, das

Modell umdichtet. Zola will die Wirkung erreichen, dass dieses Kind,

das mit der Kugel in der rechten Brust

zusammensinkt, die vom Staatsstreich ermordete Freiheit selber

ist.

Von Anfang an wie er

sie

ist

und den Jungen

deshalb Lyrik in schildert.

der Weise,

Wir sehen

sie stets in

der Verklärung, worin ihre Personen vor einander stehen.

Zuerst schauen Beide,

jedes an

des

seiner Seite

Brunnens, nichts mehr von einander, als das Spiegelbild im Wasser; selbst die Stimmen werden umgeformt, verschleiert durch das

Und wenn

Echo im Brunnen.

sie

sich später begegnen, erhebt sich die Sprache der Er-

zählung erinnert:

den in

zu

einer

Schwärmerei,

die

an

Victor

Hugo

„Das Lächeln des Mädchens warf Licht über zwischen ihnen." „Es war nun ein Gesang

Raum

ihrem Herzen, der das Geschrei ihrer Feinde über-

täubte."

Der graue Nebel, der

wird bezeichnet

ihre Schläfen liebkoste,

als „der duftende Schleier,

wie gesättigt war von der

der

noch

Wärme und dem Wohlgeruch

der üppigen Schultern der Nacht". Der Stil bereitet uns

darauf vor, in ihr eine Verkörperung von Unschuld, Grossmuth und rührender Jugend zu sehen, bis sie sich in der Todesstunde zum Sinnbild entfaltet. So benimmt sich Zola, wenn er den Eindruck von etwas Erhabenem und Reinem hervorbringen

will.

Auf verwandte Weise geht er zu Werk, wenn es ihm darauf ankommt, den Eindruck naiven Wohllebens hervorzubringen; eine jener künstlerischen Wirkungen, in

denen Jordaens seine Stärke hatte.

Er schildert im „L'Assommoir"

einen Mittagsschmaus

bei einer Arbeiterfamilie, eine Mahlzeit, deren einziges

;

EMILE ZOLA. Gericht eine Gans richte zu geben

ist.

Gervaise vermag nicht, mehr Ge-

aber die Gans

;

239

ein

ist

Luxusgericht

sich den Genuss derselben gestatten zu können,

man

Ueppigkeit, dei-en

Zola muss denn

So steht Saft."

sie also

da

An zwanzig

:

ist

eine

lange gedenkt.

voi-

Allem die Gans gross machen.

„ungeheuer, goldgelb, triefend von

Pei-sonen essen davon. Sie „sättigen

ihre Gier" an der Gans. Alle essen, als hätten sie acht

Tage

gefastet,

und Alle überladen

sich

den Magen an

der einen Gans, so dass sie fast krank davon werden

und

sich ihre Kleider aufknöpfen müssen.

Aber

nicht

genug damit,

die

Gans

erfüllt die Strasse,

ja den ganzen Stadttheil.

„Unterdessen sah durch die offene Thür das ganze Quartier zu und

nahm



an dem Schmaus der und erquickte die Strasse.

Theil

Geruch der Gans erfreute Die Krämerlehrlinge gegenüber, auf dem Trottoir, bildeten sich ein, dass sie von dem Thiere mitässen; die Fruchthändlerin und die Kaidaunenverkäuferin traten jeden Augenblick vor ihre Ladenthüren, um sich am Geruch zu laben und sich um den Mund zu lecken: So viel

war gewiss, die ganze Strasse war nahe daran, vor Magenüberladung zu platzen Die Gefrässigkeit verpflanzte und verbreitete sich, bis das Quartier Goutted'or zuletzt

ganz

den Bauch hielt in

Man kann

und gar nach Essen roch und sich einem ganz verteufelten Bacchanal".

nicht leugnen, das Künstlertemperament

ziehen. ein

Wirkung

Gans zu Man hätte nicht anders sprechen können, wäre

hat es hier verstanden,

aus der einen

ganzer Elephant angerichtet worden.

III.

Zola hat eine Vorliebe für die symbolische Behandlung kleiner wirklicher Züge.

EMILE ZOLA.

240

Es ist kein Zufall, dass die Wohnstube der Familie Rougon in Plassans eine sonderbare gelbe Farbe angenommen hat. Möbel, Tapeten, Gardinen, selbst die Marmorplatten auf dem Kamin spielen ins Gelbe. Dieses Gelb ist die Farbe des Neides. Es hat fernerhin eine schlechte Vorbedeutung für Coupeau's und Gervaise's Verheirathung, dass

sie in einer

Wolke von Kehricht getraut werden, während

die Kirche

gereinigt wird. Sie sind zu spät

gekommen, und während

der Küster fegt, giebt ihnen der verdriessliche Priester einen kurzen, nachlässigen Segen, als wären sie in der

Zwischenzeit zwischen zwei richtigen Messen gekommen,

um

einander zu verheirathen,

sich mit

„während der

Herrgott gerade ausgegangen war". In

dem Hause, welches Gervaise bewohnt,

sich eine Färberei,

befindet

und das Wasser, das aus der Fär-

berei herausströmt, spiegelt unaufhörlich die

Stimmung

der Heldin ab. Als sie hineinzieht mit guten Hoffnungen für die Zukunft, ist das tres tendre)

und sieht

;

Wasser hellgrün

sie schreitet

in der

pomme

(d'un vert

lächelnd über den Rinnstein

Farbe des Wassers eine glückliche Vor-

So lange es ihr gut geht, bekommen die Wohnung eine ungeheure Bedeutung für sie, erweitern sich zu einem grossen Fluss, den sie gerne recht klar haben möchte, mitten in all bedeutung.

drei Ellen Rinnstein vor ihrer

dem schmutzigen Kehricht der

Strasse

;

ein sonderbarer

und lebendiger Fluss, den die Färberei im Hause nach der Farbe ihrer zartesten Launen färbt. Als sie zuletzt zu Grunde gegangen ist, sich aus Hunger preisbietet, und eines Abends nach Hause kehrt, nachdem sie zu ihrer tiefen Beschämung Goujet, dem Manne, den sie geliebt hat, begegnet ist, da ist das Wasser in einen dampfenden Sumpf verwandelt, der sich einen schmutzigen Ablauf in die reinen Umgebungen eröffnet. Und Zola fügt zur noch grösseren Deutlichkeit hinzu „Dies Wasser hatte die Farbe ihrer Gedanken. Sie waren :

EMILE ZOLA. verronnen,

schönen Ströme

die

^41

und

von himmelblau

hellroth !"

Bisweilen haben diese symbolischen Züge bei Zola einen ausserordentlichen Reiz. ]\Ialer

Als in „L'oeuvre" der

Claude zum ersten Male

und zwar

ausstellt,

in

der Ausstellung der von der Jury verworfenen Bilder,

wird sein Atelier

am

frühen Morgen

stellungstages so beschrieben her,

;

denn da er nicht Geld genug

vergoldeten

Rahmen zu

des ersten Aus-

,;Goldparzellen flogen umhatte,

sich

einen

von einem Tischler vier Bretter zusammenschlagen lassen und diese kaufen,

hatte

er

selbst vergoldet."

Wir erleben seine Niederlage, die durch die Rohheit und den Unverstand des Publikums herbeigeführt wird. Nur Eine glaubt im Ernst an ihn, seine Freundin Christine. Er findet sie im Atelier wartend, da er ganz gebrochen, spät Abends nach Hause zurückkehrt. Sie hat ihm nie angehört, aber gerührt über sein Unglück, im weiblichen

Drang zu

trösten und aufzurichten, ergibt sie sich

jetzt in einem

ihm

Sturm von Leidenschaft.

Doch Zola hat nicht jene Goldparzellen vergessen, deren er zwei Bogen vorher erwähnte. Ihre Bestimmung war es nicht allein, einen Rahmen zu vergolden. Nun

kommen

sie

zur

Anwendung wie

eine Art Brautfackel.

Im Dunkel der Nacht funkeln sie allein mit einem Rest vom Tageslicht, gleich einem schimmernden Sternengewimmel. Bisweilen verwandeln sich diese kleinen halbsymbolischen Züge in eine durchgeführte Symbolik. Sie

kann

unglaubwürdig und deshalb störend wirken, wie in „Une page d'amour", wo die Gestalt des alten Weibes, Mutter Fetu, die nur da ist, um den Untergang anzudeuten und vorher zu verklmden, ganz die Rolle spielt, wie in alten romantischen Büchern die Hexen.

Aber

die

Kraft haben.

Symbolik kann auch ihre Grösse und ihre So z. B. in „Nana", einem Roman, der 16

EMILE ZOLA.

242

überhaupt nur in geringem Grad auf Beobachtung und Erfahrung- beruht. Anfangs ist diese Nana ein zufälliges Individuum, ein loses unzüchtiges Wesen, in einem Hinterhause geboren. Doch wie sich der

Roman entfaltet,

steigt

wird grösser und grösser, bis sie zuletzt der Geist

sie,

der Zügellosigkeit wird, der über

dem Paris

des Kaiser-

tliums schwebt.

Bei den grossen Wettrennen in Longchamps hat ein reicher Adliger seinem Pferd ihren Namen gegeben.

Es

besiegt im

wird der

Wettkampfe

Name

Dadurch

ein englisches Pferd.

des siegenden Pferdes etwas Französisches,

und deshalb kann es dazu kommen, dass der Name „Nana" unter stets wachsendem donnernden Jubel-

Nationales,

ruf über die

Und

Menge

dahinrollt.

es wirkt symbolisch,

wenn mit wilder

Begeiste-

!" rung gerufen wird „Es lebe Nana, es lebe Frankreich Der Ruf erhebt sich in einem Nimbus von Sonnenglanz, :

seinem Triumphklang über hunderttausend und die kaiserliche Tribüne erreicht,

bis er mit

Menschen

wo

hinfcährt

die Kaiserin selbst in die

Hände

bis die

klatscht,

ganze Ebene den Widerhall des gefeierten Namens an

Nana zurückwirft: „Es war

ihr Volk, das ihr huldigte,

während

sie,

aufrecht stehend im Sonnenlicht, Alles beherrschte mit Sternenhaar und ihrem weissblauen Kleid, das die

ilirem

Farbe des Himmels hatte." Sie ist hier etwas mehr als ein gefallener Engel, ein schädlicher Genius. ein Mensch :

Es wenn

ist

bol,

Sym„Nach

schliesslich ein ebenso unzweifelhaftes

zuletzt, während das

dumme

Geschrei

:

ununterbrochen aus der Strasse zu einem Klumpen eiternder Ge-

Berlin! nach Berlin!"

Nana, schwüre verwandelt, wie das Kaiserreich, dessen Glanz sie war, in den letzten Zuckungen daliegt. emporsteigt,

Und wie Nana durch ein französisches Pferd als Zwischenglied zum Kaiserthum verwandelt wird, so wird

EMILE ZOLA in

Ö43

„L'oeuvre" das badende Weib auf Claucle's Gemälde

den Gedanken Christinen's

die Kunst, weil die Gestalt in

symbolisirt

die künstlerische Vision

— die

verzehrende

Frau hin;^egeben wird um dieser Unwirklichkeit als Nahrung zu dienen. Zola hat in Claude's Hang zur Symbolik wahrscheinlich auf seinen eigenen Mangel an Fähigkeit hindeuten wollen, die Umgebung mit dem Naturalismus wiederzugeben, den er stets als Theoretiker predigt und in seiner Praxis so Vision,

der

ihr

Leben

als

häufig überschreitet.

Keiner von Zola's Romanen

Hange, machen,

die Hauptgestalten so durchdrungen,

zu

wie

ist

jedoch von diesem

grossen

„La

Symbolen zu

faute

de

l'abbe

Mouret''. in der Nähe seiner Geburtsstadt Aix ihm den ersten Ansporn zu diesem Eoman ge-

Ein Landsitz scheint

geben zu haben. Seine Phantasie, die immer die Neigung hatte, die

wurde durch den folgenden Gegenstand in Bewegung gesetzt einen Garten, in welchem hundert Jahre hindurch Alles aufgewachsen war, wie es wollte. Der Garten gab ihm den Kindruck eines breite Lebensfülle auszumalen,

:

unberührten Urwaldes unter einem Regen von Sonnenstrahlen.

Eines Tages hat er durch einen Zaun undeutlich einen ungeheuren

Baum

erblickt, voll

von einem grossen

Vogelschwarm er hat einen saftigen Rasen geschaut und den Geruch von einer solchen Fülle wild umher wuchernder Pflanzen eingeathmet, dass es ihm war, als stände der ganze Gesichtskreis um ihn her in Einem ;

würzigen Blumenduft.

Und

von dem Garten des Paradieses Gemüth erhoben. Dieser Garten mit

die Vorstellung

hat sich in seinem

seiner geschützten Ueppigkeit ist

Umgebung

für junge

Liebe

in

ihm als eine herrliche ihrem Entstehen und IG*

EMILE ZOLA.

244

Wachstlium vorgekommen. Als er in dem sehr heissen Sommer des Jahres 1874 sich dieses Eindrucks von seinem achtzehnten Jahre erinnerte, fühlte er unter dem Verfolgen der Familieneigenschaften und Familienschicksale der Geschlechter

Rougon-Macquart

sich selbst eine Schilderung

plötzlich Lust,

vom Naturleben und von

der

erwachenden Herrlichkeit der Liebe zu gönnen, die gar wenig mit dem Verderben und dem Verfall des zweiten Kaiserreiches zu schaffen hatte.

Und

er schrieb seine

Variante der Paradieslegende, wie er schon seine Variante des

althellenischen

Für manchen

Schäferromans geschrieben

alten Dichter

des Paradieses vor Allem

wesen,

wo

der

Löwe an

und Maler

ist

hatte.

der Garten

das Heim des Friedens ge-

Lammes

der Seite des

graste.

Für Zola mit seinem Temperament war er die Heimstätte der freien Fruchtbarkeit, das Eden der unendlichen Naturfülle. Sein Ideal war, wie dasjenige des Romandichters Sandoz im „L'oeuvre", das grosse Ganze in dem vollen Strom des allgemeinen Lebens zu schildern (en pleine coulee de la vie universelle). Dieser Sandoz, in

welchem Zola

sich selbst geschildert hat,

liebt vor

Allem die mütterliche Erde. „0, du gute Erde'', ruft er aus, auf dem Rücken liegend, „du, die du unser Aller

Mutter

bist,

des Lebens einzige Quelle

!

Du, die ewige,

unsterbliche, deren Blutumlauf deine Durchrieselung von

der Weltseele

ist,

deren Saft sogar in den Steinen da

und die Bäume zu unsern grossen festwurzelnden Brüdern macht! In dich will ich mich verlieren". Um die Natur in ihrer heidnischen Ueppigkeit und ihrem Erzeugungstrieb in sein modernes Werk einführen zu können, bedurfte er eines grossen Gegensatzes. Aber zu der Natur als Macht bot sich kein anderer Kontrast dar, als das Christenthum als naturfeindliche Macht aufgefasst. Zum Leben der Natur im Wachsen und Schwellen, in Begierde und Paarung gab es keinen so scharfen Contrast, als das Leben in streno-ei und unfruchtbarer

ist

EMILE ZOLA.

245

Jungfräulichkeit, welches durch das katholische Klostergeliibde erschaffen wird.

das S3^mbol der

Das heidnische Alterthum hatte

irdischen Fruchtbarkeit geformt,

grosse Mutter Cybele,

die

die in Asien durch Orgien an-

gebetet wurde. Das christliche Mittelalter hatte dagegen

das Symbol der

himmlischen Keuschheit Jungfrau Maria, die in Europa verehrt ward.

gestellt,

die

mit Askese

heilige

Zola hatte also seinen Helden, der von Anfang an ein kränklicher

Madonna-Anbeter

ist,

welcher das frucht-

bare Naturleben hasst und nur wünscht, als Einsiedler in einer

Wüste leben zu können, wo nichts Lebendiges, kein rinnendes Wasser seine frommen

keine Pflanze,

Betrachtungen die

störe.

Gegen Maria und den Mariacultus stellt Zola dann Cybele und den Cybelecultus als symmetrischen

Gegensatz.

Serge Mouret hat eine Schwester, deren Geist im

Wachsthum stehen geblieben

um

ist,

deren Körper sich aber

schwere Arme, und athmet nur, umgeben von dem reichen animalischen Leben im Hinterhof, zwischen Kaninchen, Enten und Hühnern, in der heissen Luft der Befruchtung und des Brütens. Aus ihr macht er langsam eine Cybele. Die Haushälterin des Priesters sagt von ihr „Finden sie nicht, so kräftiger entwickelt hat. Sie hat

eine mächtige Brust. Sie lebt

:

dass sie der grossen

Dame

zu Plassans ähnlich sieht?" eine Cybele, die auf einer ein

aus Stein in der Kornhalle

Und

Zola erklärt „Sie meinte :

Korngarbe ausgestreckt

Werk von einem Schüler Puget's.''

Und etwas

liegt,

weiter-

war ein Geschöpf für sich, weder Fräulein noch Bauernmädchen, eine Tochter der Erde, mit einer Schulterbreite und einer engen Stirn wie

hin sagt er über sie: „Sie

eine junge Göttin

...

sich frei herumdreht,

am Körper

sitzen,

Sie hatte die runde Taille, die

und

die starken Glieder, die gut

wie man

sie

an den antiken Bild-

EMILE ZOLA.

246

werken findet. Man hätte glauben können, der Erde des Hinterhofes emporgeschossen, sie

sie sei

aus

und dass

deren Saft durch ihre starken Beine einsöge, die

Bäume waren Befriedigung in dem Gewimmel um

weiss und fest wie junge

Sie

fand ihre stete

sie

herum

Sie bewahrte dabei ihre Ruhe, die der

eines schönen Thieres glich

dem

Glücklich in

Gefühl, wie ihre kleine Welt sich vermehrte, fühlte sie

gleichsam dadurch ihren eigenen Körper wachsen.

dem Grade

hatte

sie

das Gefühl,

gleich zu sein, dass sie sich

Mutter

In

diesen Müttern

all'

vorkam wie

die

gemeinsame

Mutter Natur, die ohne Gemüthsbewe-

Aller, die

gung von ihren Fingern einen Schweiss der Erzeugung und Befruchtung tröpfeln Hess/' So geht hier bei Zola, wie in einer Ovidischen Metamorphose, die Verwandlung des Menschen zur Göttin vor

sich.

Sie lebt nur,

vernimmt,

wenn

sie

das Leben

mit den Daunen

ihrer Brust.

Und wenn

wird ihm ganz übel gegnet, das

dem

;

Arme, wenn

ihre

als fege sie

herum

Princip beist einer

als sei Desiree ge-

Hüften breiter geworden,

sie sie ausbreite,

als seien

ungeheuer gross, und

mit ihren Eöcken den überwältigenden Ge-

ruch der Erde .

dem

und er

seinen widerspricht,

als seien ihre

sich

der Bruder zu ihr hinüberkommt, er fühlt, dass er

Ohnmacht nahe: „Es schien ihm, wachsen,

um

der Gänse und Enten an

entlang,

der

ihn zu betäuben

Und nach und nach verwandelt

der sie wohnt, in ihr Ebenbild. „Des Nachts

nahm

glühende Landschaft ein Gepräge an, als wälze in seltsamer Leidenschaft.

Da

drohe.'^

sich die Stadt, in

diese

sie sich

schlief sie aufgelöst sich

windend, mit den Gliedern auseinander gestreckt, schwere heisse

Seufzer

ausstossend,

das

Schweisses der schlafenden Erde.

kräftige

Man

Aroma

Rücken dem Busen nach oben gewandt, den Bauch

eine gewaltige Cybele glauben können, die auf den

gefallen sei, mit

des

hätte an irgend

E.MII.E

ZOLA.

247

eiitblösst unter den Strahlen des Mondes, berauscht von der Sonnenliitze und von noch mehr Befruchtung träumend."

Wir

der directen Wiedergabe

sind hier weit von

wir haben das Gebiet der

der Wirklichkeit entfernt;

Mythenbildung betreten.

Weit mehr jedoch die

in allen

Umformung

Einzelnheiten durchgeführt

ist

der Wirklichkeit zur Legende in

dem Abschnitt über Serge und

Albine.

Um den jungen li3'sterischen Priester in einen Adam verwandeln zu können, muss Zola ihn auf einige Zeit zu einem neuen Menschen machen. Er lässt ihn in eine schwere Krankheit fallen, wohl ein Tj'phusfiber. Man fängt ja als Eeconvalescent nach einem Typhus wie von Neuem an. In seiner Krankheit vergisst Serge sein ganzes früheres

Leben. Als er wieder zum Bewusstsein kommt,

findet

junge Mädchen an seinem Bette. „Lehre mich gehen", sagt er ihr mit einer Replik, die zugleich symer das

bolisch den Neugeschaffenen ristisch für einen

als

Schritt für Schritt wird als

dem

ist,

schwach,

als sei er nicht einfach zu

Beinen zu halten, sondern

Leben

bezeichnet und

Typhuskranken habe

nun

um

er das

die

es

charakte-

vorkommt,

sich auf seinen

Gehen

verlernt.

Wiederkehr zum

eine Einführung in das Leben,

gleich

der-

jenigen des ersten Menschen, geschildert.

Die erste Berührung mit der Erde, sobald er seinen Fuss ausserhalb seiner Kammer setzt, giebt ihm einen Stoss, eine Lebenserweckung, die bewirkt, dass er gerade Ihm entschlüpft ein stellt, als fühlte er sich wachsen. Seufzer.

Aber

er ist

zum Leben er„Du gleichst einem gehenden Baum ist, so ist der Park Mensch

noch nicht völlig

wacht. Albine sagt daher

:

Baum." Und wie er ein geworden. Er sieht hinaus über den Park „Der Garten war eine Kindheit .... die Bäume sahen kindlich aus. :

;

EMILE ZOLA.

248

Die Blumen hatten das rosige Fleisch kleiner Kinder." ^ Das heisst es ist aller Tage Morgen. Er fühlt mit all :

seinen Sinnen, dass der erste

Morgen kommt. „Er

fühlte

den Morgen in den lauen Lüften, schmeckte ihn in der gesunden Schärfe der frischen Luft, athmete ihn mit dem

Wohlgeruch ein, den der sich nähernde Morgen um sich sammelt er hörte ihn im Flug und Gesang der Vögel er sah ihn lächelnd und roth über der thauigen Ebene kommen." ;

Und

jetzt heisst es

„Serge wurde während dieser

:

Kindheit des Gartens geboren, 25 Jahre alt geboren, mit plötzlich erwachten Sinnen. „Wie schön Du bist!" ruft Albine aus,

und

„Nie zuvor habe ich Dich gesehen." Gesundheit, Stärke und Macht ruhen auf seinem Antlitz

Warum Auch

;

sie flüstert

:

er lächelt nicht, sein Blick ist königlich."

königlich? Weil er jetzt

Adam

ist!

Stimme findet Albine verändert. Ihr scheint, diese Stimme erfülle den Park mit mehr Milde, als der Gesang der Vögel, und mit mehr Ueberlegenheit, als der Sturm, der die Zweige beugt. seine

Warum Aber

Weil er

diese Ueberlegenheit?

er ist noch gefühllos.

gleichgültigen Gott.

Dann

Adam

ist.

Er gleicht einem jungen

fällt er in

einen tiefen Schlaf

unter blühenden Rosenbäumen. Als er dadurch geweckt dass Albine eine Handvoll Kosen auf ihn wirft, da erwacht gleichzeitig sein Geschlecht in ihm. Und er

wird,

es, Du bist meine Liebe, bist von meinem Fleisch .... von Dir habe ich geträumt .... Du warst in meiner Brust, und ich gab Dir mein Blut, meine Muskeln, meine Knochen. Du nahmst die Hälfte meines Herzens, aber so milde, dass

sagt zu ihr: „Ich weiss Fleisch

1

lait

C'ctait

une enfance.

de jeunessc

des chairs de bambin.

Ics

Les verdures päles sc noyaient d'un

arbres restaient

piiörils, les fleurs

avaient

EMILE ZOLA.

249

Wollust war, es so mit Dir zu theilen .... und *^ ich erwachte dadurch, dass Du aus mir herausstiegst. Man sieht, dies ist eher Bibelauslegung, als Natures eine

studium zu nennen. Sie lässt

schweren Haarflechten

ihre

Die

fallen.

an die Hüften wie ein Goldstoff Haare hüllen sie ein. Die Locken, die ihr bis über die Brust hinabrollen, bis

vollenden ihr königliches Gewand.

Warum

Gewand?

königliches

Weil

sie jetzt

Eva

heisst.

Sie ist „die

Sonne der Schöpfung". Sie

Sonne

ist die

„Er küsste jede Locke, er verbrannte seine Lippen an den Strahlen einer untergehenden Sonne." Nach und nach ist es, als würden sie Beide nur „ein Und um mystisch einziges Wesen, königlich schön". zu Einem Menschenpaares Zusammenschmelzen des das Wesen und ihre Herrschaft über die Allnatur zu be„Die weisse Haut Albine's war nur zeichnen, heisst es selbst:

:

der weisse Glanz von der braunen Haut Serge's.

Sonne

selbst.

an.-' (Ils

le

soleil

in

passaient lentement, vetus de soleil

lui-meme.

Und

so

Sie

Sonne gekleidet. Sie waren die Die sich verneigenden Blumen beteten sie

gingen langsam,

wird

Les

fleurs

penchees

die Allegorie

noch

les

ils

;

etaient

adoraient.)

viele

Hundert

Seiten hindurch fortgesetzt und zwar mit so kleinlicher

Genauigkeit, dass der Geistliche, der wie der Engel mit

dem Flammenschwert

Namen Archangias

aus dem Garten vertreibt, den

sie

führt.

IV.

Das eigenthümlichste

für Zola

als

Symboliker

ist

indessen noch nicht diese Behandlungsweise der Hauptgestalten im einzelnen ein Geljiet

Dichtern

Roman, obgleich er sich auf welchem er

eingelassen hat,

vergleichen

lässt,

die

einer

hier auf sich mit

himmelweit

EMILE ZOLA.

25U

verschiedenen Poetik huldigten, wie Milton und KIoi)stock.

am

Nein,

eigenthümlichsten

seine durchgehende Per-

ist

um

sonification eines unpersönlichen Geg-enstandes,

chen herum er Alles gruppirt. In der Regel drehen sich seine Bücher

um

wel-

ein Stück

Erde, ein Gebäude, eine Fabrik, ein Geschäft oder Aehn-

dem

er übermenschliches Leben verleiht und das Symbol der Mächte dient, die über die Lebensweise und die Verhältnisse eines ganzen Standes oder liches,

dann

als

einer ganzen Menschenklasse walten.

Bald wirken

sie als blosse Sinnbilder,

bald als über-

irdische gute oder böse Wesen, ungefähr wie die Götter in

den Heldengeschichten des Alterthums oder wie das

unerbittliche Schicksal in der Tragödie.

So ist in „La faute de l'abbe Mouret" der Mittelpunkt jener Garten, der wie ein übernatürliches Wesen sein eigenes

Leben

Dieser Garten

überredet und belehrte

lebt, lockt,

eine Liebesgottheit

ist

und wird

als eine

einzige grosse Liebkosung (une grande caresse) bezeichnet.

Und

er

ist,

obgleich in Südfrankreich belegen,

in

Er wird ausdrücklich

als

vollem Ernst das Paradies. asiatisch bezeichnet;

denn

es heisst,

dass in Vergleich

mit diesem Garten alle Gärten Europa's abgeschmackt

Duft von morgenländischer Liebe, der Duft von Sulamith's gemalten Lippen von seinen wohlriechenden Bäumen ausströme". Deshalb heisst es von seien, dass „ein

dem Baume

in der Mitte des Gartens,

Baume

wirklichen

des Lebens

:

wie

von

dem

„Sein Saft hatte solche

Stärke und war so reich, dass er hinab über die Rinde

Er badete den Baum

tioss.

barkeit-, er

machte den

in einen

Baum

Dampf von

Frucht-

zur männlichen Kraft der

ganzen Erde." *

Cc coin de

de Serge;

il

la natiire riait

couches de gazon

les

inenager dessentiers

Tun de

discrotement des peurs d'Albine et

se faisait plus attendri, deroulait sous leurs pieds ses

plus molles, rapprochait les arbustes pour leur

etroits. S'il

ne

les

avait pas encore Jetes

lautre, c'etait qu'il sc plaisait a

promener

aux

liras

leurs desirs.

:

EMILE ZOLA.

Was Kougon*^

251

hier der Garten, das ist in ein

alter,

„La

fortiine des

unvordenklichen Zeiten

seit

ver-

lassener Kirchhof, auf welchem sich die zwei einander liebenden Kinder treffen. Der Platz hat jetzt ein sehr

gewöhnliches Aussehen, da er als Bretterniederlage ver-

wendet wird. Für das gewöhnliche Auge ist er nichts Anderes. Aber Zola's eigene Melancholie und sein eigener rasender Schaffensdrang verwandeln den Platz. Er bedarf einer Grundstimmung von grenzenloser Traurigkeit und unterirdischer Begierde. Obschon Name und Bestimmung des Platzes verändert sind, fühlt er den Hauch des Todes und die Luft

Und

herrschen.

an

der Todten

er verflicht das Todes-

diesem Orte

und Liebesmotiv

mit einander. Als der erste

Lippen brennt,

ist

warme Kuss von es ihr, als

Silvere auf Miette's

müsse

sie

daran sterben.

warum, aber Zola weiss es. Es ist der Wille der Todten des Kirchhofs, dass diese Zwei sich Sie weiss nicht

Ihr heisser

lieben sollen.

Athem

gleitet hin über

die

Stirnen der Kinder; die Todten hauchen ihnen ihre todten

Leidenschaften ins Gesicht und erzählen von ihrer Brautnacht. Die

weissen Gebeine unter der Erde sind

voll

von Zärtlichkeit für ihre Kinder. Die geborstenen Schädel

erwärmen

sich

an den Flammen ihrer Jugend. Und wenn

Kinder sich entfernen, Gras hält ihre Füsse fest.

die

Es

zucint der alte

Kirchhof.

Das

Wirklichkeit weder Silvere noch Miette,

ist in

sondei-n Zola, der

all'

dieses hört und

fühlt.

Denn

die

Kinder fahren fort in ihrer unbevvussten Liebe auf diesem Erdreich zu leben, das so gebieterisch ihre Vereinigung verlangt. er dem Leser hat wohl Niemand Novalis ins Gedächtniss hervorruft. Etwas geschrieben, das in dem Grade an die berühmten Verse von Novalis erinnert, in denen die Todten sagen

Zola

ist

hier

so

romantisch,

dass

EMILE ZOLA.

252

Süsser Reiz der Mittcrniiclite, Stiller

Kreis geheimer Kräfte,

Wollust räthselhaftcr Spiele,

Wir nur kennen euch; Leiser

Wünsche

Hören wir

Immerdar

und schauen

in sel'ge

Schmecken

Wie

süsses Plaudern

allein

Augen,

nichts als

Mund und

Kuss.

und die veranderswo („L'Assommoir") eine Branntweinsclienke, die ringsumher Verderben und Unhier der Kircliliof das Centruni

lockende Macht

so

ist,

tergang: ausspeit, oder eine grossartige Modehandlung („Au bonheur des dames''), die alle die kleinen Geschäfte in ihrer Nähe verzehrt, und sich mit unglaublicher Schnelligkeit erweitert, oder eine unterirdische in welcher die Arbeiter

Grube („Germinal^^j

ohne Ausbeute für sich selbst

aber zugleich den von dem Grund und Boden unterminiren, Haus mit heuchlerischer Fa^ade und heuch-

Sklavenarbeit verrichten, Capital beherrschten

oder ein

lerischer Vordertreppe („Pot-Bouille''), das der

und dem Laster

der

es

Eleganz

bewohnenden Mitglieder der

Bourgeoisie entspricht.

Man glaube nur nicht, dass diese personificirende Anschauungsweise sich jedem phantasiebewegten Künstler würde,

darbieten natürlich

der

Gegenstände

wählt,

um eine Localität gruppiren. Man

die

sich

vergleiche nur

Zuchthaus und das Leben der Bewohner desselben geschildert hat, ohne jeglichen Anflug von Syrabolisiren. Das Zuchthaus fängt Niemanden ein, martert Keinen, wird weder gehasst noch verwünscht. Es ist ein todtes Ding. Alles Leben ist in den Personen der Gefangenen die Nüchternheit, mit welcher Dostojewski das

in Sibirien

concentrirt, alles künstlerische Licht fällt auf

sie.

Eines der schlagendsten Beispiele dieser Auffassungsweise bei Zola

findet

sich

in

„Le ventre de Paris".

Hier sind die Hallen von Paris wie Kessel gemalt, für

.

EMILE ZOLA. die

Verdauung

eines

253

ganzen Volks bestimmt; ein riedas Symbol des Lebens der

sengrosser Metallbauch,

Wohlgenährten und Fetten. Die Bevölkerung,

um

die sich

die Hallen gruppirt, sind lauter Fette, zu denen der

Held

der einzige Magere den Gegensatz bildet.

als

Der ungeheure Metallbauch wiederholt sich und spiegelt sich nun überall ab. Die Frauen, welchen der Held begegnet, haben einen so runden und strammen Busen, dass derselbe einem Bauche ähnlich sieht. Dire runden, rosenrothen Finger haben kleine Bäuche an den Fingerspitzen. Selbst die Häuser des Quartieres wärmen mit falscher Gutmüthigkeit ihre hervorspringenden Bäuche in

den ersten Sonnenstrahlen.

^

Nirgends hat man besser Gelegenheit, Zola's GrundEr ist als Dichter nicht vor Allem Psycholog, so wenig wie sein erster Lehrer ansicht zu beobachten.

Taine es war.

Er

schildert

die Entwicklungs-

selten

geschichte des Individuums, vielmehr die Eigenthümlichkeit desselben als bleibend

darauf angelegt,

und

Und

fest.

die Charakteristik

er ist besonders

grosser Gruppen,

grosser Massen zu geben.

Schon Zola's Neigung, das Wesentliche zu schildern, das Allgemeingültige, das, was so wenig variabel wie möglich ist, treibt ihn dazu, aus dem Seelenleben das höchste Gefühlsleben, das feinste Gedankenleben heraus-

zusondern wie Etwas, das nicht für ihn liegt und woran er

kaum zu glauben

an die

grossen,

scheint.

einfachen

Er

hält sich

Grundtriebe,

am an

liebsten die

ein-

fachsten, seelischen Zustände.

»

la poitrine arroiidie, si rauette et si

tendiie, qu'elle

aucune pensee charnelle et qu'elle resserablait ä un ventre Leurs mains potelees, d'un rose vif, avaient une sorte de souplesse Les maisons gardaieut prasse, des doigts ventrus anx phalanges leur fagade ensoleillee, leur air beat de bonne maison, se chanftant honnetement le ventre aiix premiers rayons.

n'eveillait

.

.

.

.

.

EMILE ZOLA.

254

Aber auch seine erster

sein

Er

Richtung-.

sein

führte

ihn

in

diese

wollte in seiner grossen Romanreihe ein

Zeitalter schildern,

nend

ursprüng-liche Lebensanscliaiiung',

pessimistischer Hang-

Urtheil

gendes gegeben:

das seinen Abschluss und anschei-

Sedan fand.

bei

Damit war

Fol-

Abscheulichkeiten und eine Nemesis.

Einzelne Romane, die

am

längsten bei den Abscheulich-

keiten verweilen, enthalten reinen, unverniischten Pessi-

mismus.

In denselben sieht der Verfasser nichts,

nicht schwarz

oder schmutzig-

ist

:

„La

curee",

das

„Le

de Paris", „Eugene Rougon", „Pot-Bouille." Andere deuten die Nemesis in der Gestalt einer Art von Naturgerechtigkeit an „La conquete de Plassans", „Nana", „Germinal". Ein einzelner hat einen gewissen Optimismus von wenig glaubwürdiger und wenig geistreicher Art: „Au bonheur des dames", ein anderer hat den Pessimismus als Thema und Problem „La joie de vivre". Die Lebensanschauung ist in den späteren Büchern

ventre

:

:

umfassender

als die

ursprüngliche Rücksicht auf die Ge-

schichte des Kaiserreiches es Anfangs zuliess; ganz phi-

zwar nie aber man und das Gefühl weicher wird. Zola folgt seiner Stimmung und seinem künstlerischen Bedürfniss, welches dasjenige ist, zu variiren. Doch ist die Lebensanschauung durchgehends äusserst düster. Man findet sehr lange ein parti-pris, das Unglück in Allem und das Verwerfliche überall zu finden. Der moralosophisch klar ist die Grundansicht

;

spürt, dass die Milde grösser

lische

Massstab wird mit

um

so grösserer Sicherheit an-

gelegt, weil Zola keiner höheren

Moral bedarf

als der-

gang und gäbe ist, und erst in seinen letzten Büchern unter dem Eindruck des herannahenden Alters

jenigen, die

wird die Aussicht auf eine andere und bessere Gesellschaft als die bestehende eröffnet.

Der Pessimismus wirkt nun

in Zola's künstlerischem

Streben in genauer Uebereinstimmung mit seinem Hang, das Allgemeingültige,

Grundmenschliche

zu

schildern,

EMILE ZOLA.

er simplificirt

d. h,

man

d'amour", und

255

Man lese „Une page was Zola aus der Liebe ge-

und reducirt. sehe,

macht hat. Ein Grauen, eine Verrücktheit, halb Greuel, halb Dummheit. Man lese, „L'oeuvre"' und sehe, was die Kunst demjenig-en wird, der es ernst mit ihr meint eine :

ewige Qual, eine einfache Manie.

Es ist diese, aus verschiedenen Quellen genährte Neigung Zola's zum ps.ychologischen Simpliflciren, die ihn zum Repräsentativen führt. In dem einzelnen Arbeiter schildert er den Stand, in der einzelnen Courtisane die

Courtisane.

Seine Hauptfähigkeit

ist

die,

typische

Züge und

grosse Totalitäten aufzufassen und wiederzugeben. Er bringt mit Vorliebe die Wirkung von etwas Riesengrossem hervor.

Er

erreicht diese

Wirkung

nicht impressionistisch

durch ein paar entscheidende Züge, sondern wie Victor

Hugo durch hartnäckiges Wiederholen und durch das Aufzählen von einer Menge äusserer Einzelheiten; er zählt z. B. unzählige Namen von Pflanzen, von verschiedenen Arten Käse, von den Stoffen und Waaren eines

Magazins

auf.

um

Einzelheiten zusammenzufassen und Wirkung, der er nachstrebt, hervorzubringen, nimmt er dann seine Zuflucht zum Symbol; zum grossen Grundsymbol, wie z. B. den Hallen als dem Bauch von Paris, und dann stempelt er alle Einzelheiten mit dem Merkmale des Symbols, findet den Bauch in dem Busen der Frauen, in den Fa^-aden der Häuser, an den Spitzen der Finger wieder.

Aber,

alle

die einheitliche

So hat er

sich als

Romandichter zum leidenschaft-

lichen Verfechter einer rein mechanischen Psychologie

entwickelt.

Er

führt

all'

das Menschliche

zum

rein Ani-

malen zurück, schleift und entfernt das höchste Willensleben und das feinste Spiel der Intelligenz, stellt selbst die

am

vorzüglichsten

ausgeprägte Persönlichkeit

als

EMILE ZOLA.

256

eine fast

unbewusste oder kraft einer Art Manie fun-

girende Maschine dar.

Aber

all'

die

mehr

als

animale Kraft,

all

die freie

Selbständigkeit, den übermächtigen Willen, den er den

Individuen raubt, ertheilt er kraft einer Eigenthümlichkeit seines Temperaments den unpersönlichen Schöpfungen, wie einem Terrain oder einem Gebäude, die dann eine rein abstracte Macht, wie die Liebe, die Industrie, den Grosshandel, irgend ein Lebenselement personificiren. Diese unpersönlichen Dinge schwellen dann an von der selbständigen Kraft, die er dem Individuum geraubt hat. Sie sind wie Verkörperungen jenes unwider-

stehlichen Schicksals, das die Alten mächtiger als Menschen

und Götter nannten. Es ist, als ob seine eigene Machtbegierde und seine eigene Machtfreude sich daran labe, diese Schicksalsmacht zu besingen, welche die Individuen ohne Rücksicht und ohne Gnade gebraucht und vernichtet. Seine grosse epische Dichtung ,,Les Rougon-Mac-

quart"

ist

also eine Reihe von lose

Gesängen über

und

geheimnissvollen

Dichter er

an einander geknüpften

die verschiedenen Incarnationen

fürchterlichen

Gottheit,

dieser

deren

ist.

NACHSCHRIFT. (1893)

1887 war das

in

dem „gebildeten" Publikum ausserzum Theil noch in Frankreich voi'über Emile Zola das folgende: Er

halb Frankreichs und

herrschende Urtheil sei,

wie er sich nenne, ein

Naturalist-^

er vertiefe sich

mit einem sonderbaren, bisweilen empörenden, nur für rohe Natui-en anziehenden Behagen in eine immer

EMILE ZOLA.

um

schmutzig-ere Wirklichkeit,

257

dieselbe mit möglichst

photographischer Treue darzustellen; die Naturtreue in der Wiedergabe des

Schmutzes

seine

sei

eigentliche

Specialität; sein Pessimismus verberge eine unreine Freude

an dem Gemeinen.



Noch

viel später schrieb Nietzsche:

„Zola oder die Freude zu stinken."

Um

diesem Vorurtheil entgegen

zu

der obenstehende Aufsatz geschrieben. scheinbare Paradoxie behauptet, Zola

sei

treten wurde Es wurde die überhaupt gar

wenn man unter einem Naturalisten einen Naturnachahmer verstehe. Der Beweis wurde geführt, dass er schon in dem ersten Roman seiner grossen Romanfolge und noch mehr in den vielen ihn fortsetzenden, die Natur, d. h. die Landschaft, die Umgebung, die kein Naturalist,

Hauptpersonen, die Hauptereignisse, kurz gesagt Reelle,

mit

dichterischer Phantasie

habe, dass er sogar in in

dem Geist

dem

alles

völlig umgestaltet

Erzählerstil bisweilen episch

alter Heldengedichte, bisweilen lyrisch in

Hugo 's sich ausdrücke. Das Wort SymGegensatz zum Naturalismus war damals

der Art Victor bolismus

als

Halb scherzhaft und doch ganz wurde indessen nachgewiesen, dass der verschrieene Naturalist durch und durch ein Symboliker ist. Seitdem hat Zola die Romane La Terre, Le Reve, La Bete humaine, L'Argent, La Debäcle, Le Docteur noch nicht geläufig. ernstlich

Pascal

veröff'entlicht.

AVar unter ihnen La Terre dazu angelegt, der Ansicht über Zola's Lust, in dem Gemeinen und Grässlichen dieser

Roman in

boden

als lebendiges,

darstellte



grossartiger



obwohl eben Weise den mütterlichen Erd-

zu wühlen, keinerlei Eintrag zu thun

Leidenschaften erregendes, Wesen

so überzeugte die folgende

Erzählung Le

Reve auch die Widersträubenden darüber, dass Zola an

gegen das Phantasievolle und von dem Erdboden losgelöste Poesie eines unschuldigen Traumlebens hege, sogar wenn

sich keinen Widerwillen die freie

und

reine,



17

EMILE 20LA.

Ö58

aucli in

etwas schwerfälliger Weise

seraphischen

Höhe zu erheben

— sich zu einer fast

verstehe.

Der grosse Kriegsroman La

D eh ach

war sowohl

durch seinen Stoff wie durch die Behandlungsweise dazu

Ohne Nationalhass und doch mit sehr heissem Patriotismus geschrieben, in seinen Schilderungen sehr wahr, in seinen Urtheilen scharf und geschaffen, populär zu werden.

doch milde, in seiner Darstellung des gestürzten, früher so leidenschaftlich gehassten Kaisers wie der Verirrungen

der Pariser legte dies

Commune

Werk

versöhnlich und mitleidsvoll, wider-

in zahlreichen, besonders französischen,

Kreisen die Legende von Zola's aller Poesie feindlichen Brutalität.

Der Roman enthält wie

litterarische

Reminiscenzen

die früheren einige

die Scene,

:

wo der Spion

Goliath geschlachtet wird, erinnert an eine ähnliche in Balzac's „Les chouans", und der Schluss

einen

Kameraden von der Hand

:

der

Tod des

des anderen, diese Ver-

sinnbildlichung des Bruderkrieges zwischen Versailles und Paris, erinnert an

den Tod des einen Bruders durch den am Schlüsse der Chronique du

Schuss des anderen, der

temps de Charles IX von Merimee die Greuel des Bürgerkriegs zwischen Katholiken undHuguenotten personificirt.

La

debäcle

steht

als litterarisches

anderen Romanen Zola's zurück ausgeführte

;

Kunstwerk hinter

das breitangelegte, ruhig

Buch hat aber eben

jenes Gepräge einer

Volksepopöe, das den dichterischen Fähigkeiten Zola's

entstammt und ihnen entspricht. Zuletzt hat Le Docteur Pascal schön

den Cyclus geschlossen. Der

über das grosse in

Werk und

dem Rahmen

Roman

eine

und würdig

giebt den Ueberblick

Art Erklärung desselben wie Zola sie

einer Liebesgeschichte,

noch nicht so innig und gefühlvoll mit so aufrichtigem Glauben an eine echte und reine Liebe erzählt hatte. Hier tönt

das

ganze

Werk

Zeichen worunter es steht,

in ist

Harmonien

aus.

Das

das sehr altmodische:

Glaube, Treue und Hoffnung; Treue des Dichters gegen

EMILE ZOLA. sich selbst

259

und seinen Plan Glaube an die Wissenschaft, ;

an die Liebe, und zuletzt an das Leben, welches siegreich über das Krankhafte triumphirt und das

zur Herrschaft bringt

;

Gesunde

Hoftnung auf eine bessere grosse

Zukunft. Es liegt etwas von der Stimmung einer nicht

mehr kämpfenden Kirche darüber. Man empfindet zwischen den Zeilen die Versöhnung des Dichters mit dem Leben, die das Eesultat der wohl zu Ende geführten und reichlich belohnten Tagesarbeit ist. Ohne verwischt zu sein, haben sich die Züge in der geistigen Physiognomie Zola's hier stark gemildert.

Es wäre ungereimt viel Gewicht auf eben den Punkt zu legen, der für Zola selbst der Hauptpunkt ist:

das

Werk

als

durchgeführte Hlustration der Erblich-

keitslehre aufgefasst.

Wie schon

berührt, wir kennen

die Gesetze der Erblichkeit nicht, der Dichter hat deshalb

hier freie

Hand und

das Spiel seiner Phantasie lässt sich

kann uns die Combinationen bieten, Dagegen hat es ein nicht geringes Interesse zu verfolgen, wie sicher und geschickt Zola hier den Zusammenhang seiner grossen Familienschilderung als

nicht kontrolliren

:

er

die er will.

typischer weist.

Darstellung des

Auf weniger

der ganze Inhalt

drängt und

als

aller

dieselben

zweiten Kaiserreichs nach-

Einem Bogen

(S.

119

— 132)

ist

zwanzig Romane zusammengeendgültig so geordnet, wie

dem Crescendo des Plans

entsprechen.

sie

^

Vor Zola hatte nur Ein anderer französischer Dichter ähnliche

eine

Schilderung

seines

Zeitalters in

einer

zusammenhängenden Romanserie versucht, Balzac hatte '

Die Reihenfolge

ist

nicht die bekannte, in welcher die Ro-

La Fortune des Rongon, Engene Rougon, La Curee, L'Argent, Le Reve, La Conquete de Plassans, Pot-Bonille, Au Bonheur desDames, LaFaute de L'abbe Mouret, Une Page d'amour, Le Ventre de Paris, La Joie de vivre, L'Assoramoir, L'Oeuvre, La Bete humaine, Germinal, Nana, La Terre, La Debacle, Le Docteur Pascal.

mane

erschienen sind, sondern die nachstehende:

17*

EMILE ZOLA.

260

aber die

Romane

einzeln geschrieben

und bekam

erst

verhältnissmässig spät den Einfall, dieselben Personen

immer wieder auftreten zu lassen. Der Zusammenhang ist bei ihm weit cäusserlicher als bei Zola. Es lässt sich indessen nicht läugnen, dass trotz aller Grossartigkeit des Plans das poetische Verdienst allein auf der Aus-

führung jeder einzelnen Erzählung beruht. Ein Dichter-

werk

zwanzig Bänden ist wie jenes hundert Stadien lange Gemälde, von welchem Aristoteles mit Recht behauptet, dass es kein Kunstwerk sein würde. Es sind die besten, die typischen unter den einzelnen Büchern, Werke wie L'Assommoir oder Germinal, mit welchen der Name Zola's stehen und fallen wird. in

Guy de Maupassant.

6.

(1890)

s

war im Jahre 1877, dass

eines

eines Tages im Hause Russen das starke Verweilen des modernen

französischen

Romans

bei Allem,

Beschreibung eigne, zur Sprache kam.

was

sich zur

Alle stimmten

darin überein, dass die Neigung, die Prosa-Darstellung der bildenden Kunst zu nähern, in stetem Steigen begriffen sei,

während zugleich

die Zergliederung der See-

lenzustände eine immer sorgsamere und feinere werde.

in

Ein kosmoi)olitisch gebildeter Deutsch-Russe brach die Worte aus „Die Erzählungskunst ist todt. Bei :

den Neueren hat

man nur die Wahl zwischen BeschreiWorauf man wohl nachher

bungen und Analysen. verfallen wird ?"

Hierauf entgegnete der Wirth langsam, mit Nachdruck: „Ich glaube,

man

Avird

zum

Style von

Manon

Lescaut zurückkehren."

Das Erstaunen war allgemein, und ich erinnere mich, „Das werde ich für meinen Theil wohl erleben." kaum erwidert zu haben

:

Ich habe es nun doch erlebt.

GUY DE MAUPASSANT.

262

I.

Im Jahre 1880

debütirte in der französischen Litte-

ein junger Mann, der, ohne irgend eine von der modernen Darstellungskunst gemachte wesentliche, werthratiir

volle Errungenschaft aufzugeben, zur alten classischen

Erzählermanier zurückgekehrt

Guy

ist 39 Jahre alt, macht jedoch noch immer den Eindruck der Jugend-

de Maupassant

in der Litteratur lichkeit.

ist.

Er

ist

im Buche wie im Leben eine kräftige,

einnehmende Gestalt. Das Wort umuiderstchlich ist das erste, das sich bei der Erinnerung an ihn auf die Lippen drängt. Nicht als ob

er,

wie

vom Anfang an Bourget,

durch irgend etwas Feminines Terrain gewonnen hätte.

Er

ist

durchaus männlich,

ja,

er bot lange Zeit

fast

Noch

wie

ausschliesslich Junggesellen-Lektüre.

waren

ist

wurden,

er,

unwider-

andere

Grössere

stehlich

durch eine ureigene Originalität, welche unter

es

oder

hartnäckiger Arbeit allmälig allen Widerstand zu über-

winden vermag. Er überlegenen Muth.

ist

In

es

durch seine Bravour, seinen

seinem Wesen

gelassenheit, eine Keckheit, die mit

lag

Sturm

die

eroberte, weil sie nie frivol war, sondern stets

eines

eine Aus-

Gemüther im Dienste

ganz bestimmten künstlerischen Zweckes verwendet auf, als bis er sich im

wurde. Denn nicht eher trat er

Besitze der kaltblütigsten Herrschaft über seine

Gaben

und künstlerischen Mittel befand.

Doch

bei

tieferer

widerstehlichkeit

Guy

Betrachtung

beruht

de Maupassant's

diese Un-

in P'rankreich

und sogleich Eigenschaften auszeichneten, welche zu den unschätzbarsten, ältesten des französischen Stammes gehören, jedoch lange zurückgedrängt und verschmäht, ja förmlich vergessen waren. Von den ersten Zeiten des Romantismus an darauf, dass ihn ursprünglicli

GUY DE MAUPASSANT.

263

und späterhin immer melir und mehr liatte man die französische Sprache gebogen und gestreckt, geschminkt und parfümirt, um sie zum Ausdrucke dessen zu befähigen, was bisher für unsagbar gegolten. Die Eomantiker hatten alte

Worte aus dem sechzehnten Jahrhundert

auf ihr Geweb' gestickt, die Neologen dasselbe mit neuen,

von

technischen Gebieten herbeigeholten Barba-

allen

Die Decadenten waren bestrebt, der

rismen getigert.

Sprache auf Kosten der Fasslichkeit einen musikalischen Charakter und

dadurch,

hüllten, ein philosophisches

dass sie die

Worte

in

Nebel

Gepräge zu verleihen. Ueber-

haupt hatten die Neueren Eifectmittel aufgehäuft, wo die Aelteren mit einem Zuge, einem Striche wirkten.

Und was

die Composition

wurde

sie

nur

damit der Verfasser

alle

betrifft,

allzu oft stark vernachlässigt,

so

Aufmerksamkeit auf die Wiedergabe des Lebens sammeln man sie ganz und gar bei

könnte. Zuweilen auch schob Seite,

um

der Wahrheit allein das

Wort zu geben und

das Gewöhnliche Tropfen auf Tropfen, in

all

seiner er-

müdenden Einförmigkeit wirken zu lassen, wie es sich in der Tage steter Wiederkehr zu ergeben pflegt.

Da trat nun

Einer

auf, ein

junger Mensch, der eine

unanständige Geschichte nach der andern schrieb, Geschichten, die in berüchtigten Häusern spielten oder von

deren Bewohnerinnen handelten,

ganz haarsträubende



und dieser junge Mensch war von der ersten Novelle an, die er schrieb, ein Classiker, welcher die ihrem innersten Wesen nach so logische französische Sprache gleich einer in der Sonne blitzenden, blankSachen

gezogenen Klinge

in leuchtender Klarheit spielen Hess, ein

immer gesund war, obgleich er fast Gesundes darstellte, immer nüchtern, selbst wenn er,

Classiker, der

nie ein

im eigenen Namen sprechend, sich warm Er war kein Schilderer von Menschen oder redete. Er Möbeln, kein Zergliederer von Seelenregungen. stellte alles mit wenigen Strichen, mit einem Bilde, einem seltenesmal

GUY DE MAUPASSANT.

264

malenden oder carikirenden Zuge dar, alle Psychologie in Handlung auflösend. In einem Zeitalter und einem Land,

wo

einige der vortrefflichsten Schriftsteller in Sätzen, die

sich halbe

und ganze Seiten lang hinzogen,

bis das Zeit-

Stimmung Blumen eines Treibhauses, die zahlreichen Fisch- und Gemüsearten der Hallen einzeln aufzählten, um auf diese Weise Wirkung zu erzielen, war er kurz, kurz und bündig, kurz und kühn, rücksichtslos sinnlich und ironisch bis zum Cynismus, lustig oder beissend, immer aber kurz. Endlich zeigte er sich vom ersten Tage an als ein wort kam, mit Hartnäckigkeit oder

verfolgten,

Meister der

eine Idee, eine

die hunderterlei

Composition, verstand,

wie

seiner Arbeit Einheit zu geben. — Reinheit

nur Wenige, des Herzens,

sagt Kierkegaard,heisst: Einheitliches wollen.Einheitliches wollen ist auch die Kunst des Meisters. Niemand hat besser

Maupassant verstanden, in einer kürzeren oder längeren Erzählung Alles in eine starke einheitliche Wirkung als

auf das

Gemüth

des Lesers aufgehen zu lassen.

Kunst der Composition grundfranzösisch

ist

ist

ferner die

Wahl

häufig zugleich sensuell und

komisch,

französischen Menschenrace,

bei

der

die

gegenseitige

Und

dieser Stoffe, die,

dem Hange der physischen Seite

der Liebe zu verweilen, entgegenkommen,

Abgeneigtheit,

Diese

jedoch grundfranzösisch.

sowie ihrer

Anziehung

der

Ge-

schlechter empfindsam wie die Deutschen, leidenschaftlich

wie die Italiener oder feierlich wie die Spanier zu behandeln. Es finden sich zuweilen Anklänge an das freie, schelmische

Wesen der

alten französischen Novellisten

Nur dass diese Schelmerei Fassung eines weit gefestigteren, vollendeteren

in Maupassant's Erzählungen.

hier in der

Stils erscheint.

Maupassant hat als Stilist die Gabe, scharf zu kennzeichnen, ohne sich ungewöhnlicher Ausdrücke zu bedienen. Ebenso wenig charakterisirt er mittelst vieler Adjective. Kr theilt nicht die Verehrung gewisser moderner Schrift-

GUY DE MAUPASSANT.

265

Beiwort (l'epithete rare). Ein kräftiger Stilist, malt er durch die Hauptpartien des Satzes, durch Substantive und Verben. Er findet mit oder ohne Gleich-

steller für das seltene

niss die

bezeichnenden Züge, die dem Leser eine Gestalt,

eine Situation verlebendigen. So zeichnet er den

Demo-

kraten Cornudet mit folgenden Worten: „Zwanzig Jahre

hindurch hatte er seinen rothen Bart in die Bierkrüge sämmtlicher demokratischer Cafes getaucht." Den Notar in „Bei- Ami" charakterisirt er mit nachstehender Scherz-

Caricatur „Der Notar war ein kleiner, ganz runder Mann, :

um und um

rund.

Sein Kopf sah aus wie eine Kugel,

die auf eine zweite

Kugel genagelt worden, und diese

w'urde wiederum von zw^ei Beinen getragen, so klein, so kurz,

Er

dass sie beinahe ebenfalls Kugeln glichen."

schildert in „Stark wie der

Guilleroy

zu

dem Maler

Tod"

die Liebe der Gräfin

indem

Olivier Bertin,

er ihr

Gefühl als das der leidenschaftlichen, hartnäckigen Zuneigung bezeichnet, \velche nur die Frauen hegen, die sich

Einem ganz und

für

immer hingegeben haben

:

Sie

lieben nicht blos ihren Geliebten, sie wollen ihn lieben und

suchen ihr Inneres so unablässig mit dem Gedanken an ihn zu erfüllen, dass nichts Fremdes einzudringen vermag.

Und damit

seine

Anschauung

sich klar in

Lesers präge, schliesst er mit dem Bilde

:

den Sinn des

„Sie haben ihr

Leben durch ihren Entschluss gebunden, gleichwie Einer, der von einer Brücke ins Wasser springt, wenn er schwimmen kann und sterben will, sich vorher die Hände bindet." Guy de Maupassant hat in der Vorrede zu seinem Eomane „Pierre et Jean" selbst erzählt, auf welche Weise ihn Flaubert zum Schriftsteller erzog. Flaubert schärfte ihm den alten Satz ein, dass Genie ein langes Gedulden sei. Flaubert war der Ansicht, dass die Aufgabe eines jungen Schriftstellers darin bestehe. Alles, was er ausdrücken wolle, lange genug und mit ausreichender Aufmerksamkeit zu betrachten, um daran eine Seite zu entdecken, die vor ihm noch Niemand gesehen. Niemand

GUY DE MAUPASSANT.

266

dargestellt hat. Flaubert behauptete, es fände sich an allen Dingen etwas noch nicht Beobachtetes, daher Unbekanntes, das es gelte, ins Auge zu fassen „Wenn wir :

ein

loderndes Feuer,

schreiben wollen,

vor diesen

Baum

so

einen

Baum

auf einer Flur be-

haben wir uns vor dieses Feuer,

so lange hinzustellen, bis sie in unseren

Augen keinem andern Feuer, keinem andern Baume auf der Welt mehr gleichen." Und Maupassant lässt ihn mit den Worten schliessen: „Auf diese Weise wird man originell."

Wohl

zu verstehen, wenn

man

es ist.

Der blosse

Wille macht Niemanden dazu, wie auch Niemand ohne beharrliches Streben dahin gelangt, sein Talent zu entfalten. II.

Auf den Urstamm seiner Originalität stösst man in seinem ersten Buche „Verse". Diese einzige Gedichtsammlung, die er herausgegeben, stammt aus dem Jahre 1880. Selten wohl hat sich in Frankreich ein Ruf so rasch begründet. Jenem Erstlingswerke folgten in den verlaufenen neun Jahren nahe an zwei Dutzend Bände. Es ist das nicht eine geradezu überströmende Productivität, die allerdings zum Theile von dem Verlangen nach eineni unabhängigen Dasein und reichem Geldverdienste bedingt gewesen ist, hauptsächlich aber doch von der Leichtigkeit und Kraft, welche die Natur dieses Talentes ausmachen. Auffallend ist es, d ass Maupassant, der so wenig lyrisch erscheint, seine

Laufbahn

als lyrischer

Dichter begann.

Und

obendrein mit guten Versen. Es giebt in Frankreich wie anderwärts Prosaisten unter den Dichtern, die der

Reimkunst abhold sind und nie das Mindeste in gebundener Schreibart hervorgebracht haben. Goncourt, Huysmans sind derartige Ausnahmen. In der Regel jedoch debütiren selbst die grossen Prosaisten, Zola

zum

Beispiel

GUY DE MAUPASSANT.

267

und Daudet, mit Versen. Es bestätigt sich bei diesen Persönlichkeiten wie bei ganzen Völkerschaften, dass der Vers die ursprüngliche Form der litterarischen Production ist. Daudet gab zu allererst eine Sammlung leichter, frischer erotischer Gedichte (Les Amoureuses) heraus. Zola hat wohl nichts dergleichen veröffentlicht, schrieb jedoch in seiner frühen Jugend eine Menge Gedichte, allesammt

Nachahmungen der Poesien Alfred de Musset's (gegenwärtig

in der

von Paul Alexis herausgegebenen LebensAlso tastend musste

beschreibung Zola's abgedruckt). er seinen

Weg

suchen.

Die Verse Maupassant's, die er in reiferen Jahren als Zola geschrieben, übertreffen die Verse des Letzteren weit an Originalität.

man

Vergleicht

jedoch mit

sie

denen eines wahrhaft lyrischen Dichters derselben Generation, so ist der Eindruck natürlicherweise kein tiefer.

Richepinhatin seinen melodiösen, vielgestaltigen Versen, seinen Gassen- und Vagabundenliedern, der vortrefflichen

Sammlung von Liebesgedichten, kosungen" (Les Caresses)

führt,

die den in

Titel „Lieb-

den derberen aber

dem „Das Meer" sein ungeberdiges Naturell sich recken und strecken und frei tummeln lassen. Er ist ein Sänger, Maupassant ist ein kecker Erzähler, der die Versform in seiner Gewalt hat. So birgt sich denn auch nur der unaufgeschlossene, unentfaltete Kern seines Wesens in diesen Gedichten, Alles in Allem zwanzig an der Zahl, die er unter dem bescheidenen Titel „Des

leereren „Gotteslästerungen" (Les Blasphemes) und frischen Cyklus

Vers" herausgab.

Am meisten

springt hier eine mächtige

Sinnlichkeit, gesund, aber heftig, in die

Zug mag

als

keine

Augen. Dieser

besondere Eigenthümlichkeit

er-

scheinen, da doch eine starke Sinnlichkeit bei französischen Dichtern nichts Seltenes

ist.

Aber

sie findet sich

eben bei Anderen nicht in dieser Art vor.

wie

es

Zola zum

Weise sinnlich, so ungefähr Richard Wagner ist. Er schildert in der Regel,

Beispiel ist auf ganz andere

GUY DE MAUPASSANT.

268

gleich

Wagner,

ein ewiges

Sehnen und Begehren, das

keine oder eine allzu späte Nahrung findet oder trotz

Allem beständig unbefriedigt

bleibt.

Man denke an

das

junge Paar in ,,La fortune des Rougon", an die Hauptperson in „Son excellence Eugene Rougon", das ewige

Schmachten

in

„La

faute de l'abbe

Mouret" oder „Une

page d'amour". Die Begierde, von der er erzählt, endet beinahe stets mit Enttäuschung oder Unglück und ist ihrem Wesen nach ein keuchender, engbrüstiger Trieb, der langes Sehnen und kui'ze Lust bescheert. Bei Mau-

passant

man

ist die

sagen.

Sinnlichkeit naturkräftig, ländlich möchte

Er verweilt

in seinen

Versen nicht bei den

Qualen, die Cupido zufügt, wohl aber bei den Freuden, die

Venus schenkt. Er spricht nicht (wie Richepin) im

eigenen Namen, allein er sieht diesen Naturtrieb pantheistisch das Weltall durchdringen in grossem Stile,

wie mit

und behandelt ihn

breitem Pinsel in

Zügen malend. Das Gedicht „Au bord de

l'eau"

sicheren



eine

am Flussgestade zwischen einem jungen Manne und einem Wäschermädchen vom Lande spielende Liebeswird so stark von dem Athem der Natur geschichte



durchweht, dass ein Gedicht über die Liebe der Faunen und Nymphen in seinemTenor nicht übermenschlicher sein könnte, so irdisch der Inhalt jenes Gedichtes auch ist. Oder

Dichtung des Buches „Venus rustique'' heraus. Sie erzählt einfach von einem Bauernmädchen, das durch seineSchönheit allen Männern den Kopf verdreht; allein es herrscht darin der berückende Zauber

man

greife die grösste

der grossen, antiken Liebesgöttin. Nichts ist hier hässlich

oder niedrig.

Zwischen den Linien schimmert eine Art

von erotischem Naturcultus hervor. Dies die eine der Saiten,

die

er

gleich

anfangs

anschlägt.

Während sonach er

ist,

von Anbeginn

Zola, als der Schwarzseher, in der sinnlichen

der

Begierde eine

Quelle des Unglücks erblickt, die Liebe nicht selten mit

GUY DE MAUPASSANT.

269

Abneigung- und sogar (wie in „Une page d'amour") mit

Verachtung betrachtet, ja im Grunde gegen das, was Schopenhauer den „Willen zum Leben" nannte, gegen den Trieb, zu leben und Leben mitzutheilen, lange eine man sehe „La pessimistische Bitterkeit empfunden hat trägt Guy de Maupassant stets Sympathie joie de vivre"





den Venus

oder doch Nachsicht demjenigen entgegen, beherrscht.

Ja

diese wohlwollende Nachsicht erstreckt

sich sogar auf die vulgärsten Priesterinnen der Liebe.

Art Büchern die Courtisane behandelt. Man vergleiche damit die Behandlung, die sie zum Beispiel bei Renan und Zola erfährt. In den philosophischen Dramen, die Renan als älterer

Es

spiegelt sich eine Seite seines Naturells in der

und Weise wieder, auf welche

Mann

schrieb,

welchen

sie in

er in seinen

diesen Schauspielen,

der Einblick,

die

das ungewöhnliche Seelenleben des skep-

gewähren, so ungemein interessant Imperia, die grosse Courtisane, mit aufrichti-

tischen Verfassers

macht,

ist

gem, fast an Bewunderung grenzendem Wohlwollen dargestellt.

erscheint als Vertreterin der

Dieselbe

der Schönheit, des Gedankens

wie Prospero der Vertreter ist.

Balzac hatte

sie in

Welt

der Welt

seinen „Contes

drolatiques" mit künstlerischer Begeisterung geschildert,

Renan, der symbolisirende Philosoph, erkennt

sie

als

vollberechtigte Erscheinung an, verhandelt mit ihr wie

von Macht zu Macht. Zola hingegen ist die Courtisane nichts Anderes als die Dirne, verheerend gleich einer blinden Naturgewalt, unsagbar stupid und gemein ohne doch im geringsten boshaft zu liche Menschthier,

sein,

Grund und Ursache

das verächt-

lauter verächt-

Handlungen, in ihrem ureigensten Wesen das ganze Leben lang etwas Ekles, und deshalb in der Sinn und Bedeutung des Daseins entschleiernden Todesstunde

licher

ein geradezu anwiderndes sie

sein

,Nana"

derbes, führt.

Ding



moralisirendes

und

so schreibt er über

Buch,

das

den Titel

GUY DE MAUPASSANT.

270

Maupassant

ist

der Courtisane gegenüber weder so

galant wie Renan noch so streng wie Zola. Er betrachtet sie

mit einem Lächeln. Er behandelt

sie je

nach den

Umständen als eine mehr oder minder sympathische, mehr oder minder komische Gestalt, deren Auftreten in der Gesellschaft unausweichlich zu den drolligsten Zu-

sammenstössen und Situationen Anlass gibt („Beule de suif", „La maison Tellier", „Mademoiselle Fifi" u. s. w.).

Er

führt sie fast nur ein,

um

die ganze Gemeinheit

und

Thorheit blosszulegen, welche die reguläre bürgerliche Gesellschaft unter ihrem Ueberzuge von Ehrbarkeit birgt.

Denn

die Durchschnittsmenschen sind

ihm allüberall

nie-

drigstehende Thiere, bald komische, bald widrige Geschöpfe, in der Regel Beides zugleich.

Dies nun die zweite Saite, die er schon in seinen

Gedichten anschlägt.

Für

deren

gänse" typisch. eine düstere schildert.

Klang

ist

das

Gedicht

„Die

Wild-

Lebhaft wird hier der Flug der über

Ebene südwärts ziehenden Wildgänse ge-

Man

hört ihr Geschrei, sieht das Doppelband, in

dem die Karawane dahinwogt, sieht, wie siesich amHimmel zu einem grossen, immer breiter werdenden Dreieck entfalten. Pfeilschnell streichen sie dahin, die Hälse vor-

gestreckt, die Luft mit sausenden Flügelschlägen peit-

schend.

Unterdessen watscheln,

steif

vor Kälte,

ihre

zahmen Brüder ernsten Ganges unten auf der Erde. Ein zerlumpter Junge treibt sie, indem er sich dabei ein Stücklein pfeift. Da hört mit Einemmale die watschelnde Schaar das Schreien des wilden Schwarms, der da oben vorbeijagt. Sie erheben die Köpfe und sehen die freien Flieger den Raum durchschneiden. Sie lüften ein wenig die gestutzten Flügel, trippeln ein bischen mit den Füssen.

Eine im tiefsten Linern schlummernde dunkle Erinnerung an den ursprünglichen Freiheitszustand, an die Fi-eiheit

von denen sie stammen, scheint in ihnen aufzudämmern, und nach oben gewendet heben sie heftig zu

jener,

GUY DE MAUPASSANT. schreien an, gleichsam zur

271

Antwort auf das Geschrei der

wilden Brüder. Wenige Gedichte spiegeln Maupassant's Gefühlsweise so klar ab wie dieses. Er selbst hat als See-

mann, Sportsman, Jäger und Reisender diese Wildgansnatur, und da er ein Zugvogel ist, zieht es ihn stets nach dem Süden, den er

liebt.

Der Unterschied zwischen dem bedeutenden Mendem unbedeutenden liegt für ihn darin, dass Freiheit die Lebensluft des ersteren, flügellahme Gebundenheit das Element des andern ist. Er fühlt sich auch schen und

in seinem Schriftstellerberufe als die

Wildgans, die ihren

Schrei über die zahmen Gänse hintönen lässt

und hie und da in deren Herzen den alten Traum von Wildheit und Freiheit weckt. Dies sein Gesichtspunkt für die Menge der Menschen rings um ihn her und für den Werth der bürgerlichen Gesellschaft. Was die Civilisation aus den Menschen gemacht hat, ist ihm etwas, was diesen watschelnden Gänsen ähnlicht, etwas Hässliches, wenn es von einem Standpunkte, etwas Komisches, wenn es von einem andern gesehen wird. Er schaut auf sie, gleich wie die Wildgänse auf ihre zahmen Verwandten, von oben herab.

III.

Der Blick von oben herab verrieth

sich sofort bei

seinem ersten Auftreten als Erzähler in einem Meisterwerke, in welchem einige seiner vorzüglichsten Eigenschaften zu

Tage

Es

ist die

de Medan",

später

traten.

zuerst in der

Samm-

den „Contes et nouvelles" abgedruckte Erzählung „Beule de suif ^

lung „Soirees

in

Bewohner von Ronen wollen bei dem Herrannahen derPreussen während des Feldzuges von 1870 aus der Stadt entfliehen. An einem trüben Wintermorgen, wo man beim matten Scheine einer Laterne einander kaum

GUY DE MAUPASSANT.

272

man

ZU unterscheiden vermag-, dräng-t gence, in die

man

sich

um

die Dili-

hineingepfercht wird. Es sind da ein

Graf mit seiner gestrengen G-emahlin, ein

legitimistischer

Grossfabrikant und Millionär mit seiner ziemlich leichtfertigen Gattin, ein reicher, als

Kaufmann

nicht sehr ge-

wissenhafter Weinhändler mit seiner dürren Ehehälfte, ein

demokratischer Prahlhans, zwei Barmherzige Schwestern und eine wohlgekleidete Dame, von der sich jedoch bei näherer Prüfung herausstellt, dass sie keine Dame, sondern eine stadtbekannte Person ist, rund, fett und gutmüthig, schlecht beleumundet, doch eine eifrige Patriotin. In Folge eines Schneesturms, der zu langem Aufenthalte

auf

dem Wege

indem der Wagen

nöthigt,

sich

kaum

vorwärts zu arbeiten vermag, sieht sich nach Verlauf

von ein paar Stunden die Gesellschaft

in die peinlichste

Niemand ist mit Lebensmitteln versehen, und Einkäufe zu machen ist unmöglich, da die Bevölkerung vor dem im Anmärsche befindlichen deutschen Heere geflohen ist. Nur die wohlgenährte, wohlgekleidete junge Person hat einen Esskorb mitgenommen, vollgepfropft mit allerlei leckeren Dingen und mit vier Verlegenheit versetzt.

Flaschen Wein. In einem gegebenen Augenblicke breitet sie eine

schneeweisse Serviette über die Kniee aus und

beginnt ihre Mahlzeit zu halten.

Anfänglich hatte ihre Eeisegesellschaft

Moment lang von der

doch nur um Ausrufen der Entrüstung über

Anwesenheit Luft zu machen

;

dann war

worden, wie stets das Laster, wenn es Kreis sich eindrängt. heftiger,

immer

einen

Seite angesehen,

in halblauten, verletzenden

ihre

sie

Nun

gieriger

sie ignorirt

in einen sittlichen

aber, da sich die Esslust

geltend macht,

immer

erweist der

Appetit sich stärker als der Enthusiasmus des Demokraten, die Respectabilität des

Kaufmanns,

der

Hochmuth des

Fabrikanten, das Selbstgefühl des Adeligen, die Tugend

Damen und

Frömmigkeit der Nonnen. Einer nach dem Andern strecken sie Alle die Waffen und buhlen, der

die

GUY DE MAUPASSANT. mürbe gemacht und Besitzerin,

um

Ö73

kleinlaut, voll Artigkeit

gegen die

den Inhalt des Korbes. Alle politischen,

moralischen und religiösen Schattirungen sind in dieser dicht besetzten Diligence vertreten, alle aber capituliren

vor dem Esskorbe auf dem Schosse der Dirne.

wohin der Wagen endlich gelangt ist, wird er angehalten. Die Deutschen Ihre sind der langsamen Diligence zuvorgekommen. Truppen füllen die Stadt, und der preussische Lieutenant will der Gesellschaft die Erlaubniss zur Weiterreise nur In

dem Hotel

des Städtchens,

unter der Bedingung ertheilen, dass Fräulein Elisabeth

Roussel ihm ihren Besuch mache. Sie weist diese Zumuthung unter dem Beifalle all der mitreisenden Patrioten mit Entrüstung zurück und steigt

dadurch in der

Achtung der Gesellschaft. Doch da das Verbot der Abreise sich als ernst gemeint erweist und unerbittlich aufrechterhalten wird, bemächtigt sich der Gesellschaft eine leicht begreifliche

und auf die preussenfeindliche Dame wird immer stärkere Pression geübt, um sie zum Aufgeben ihrer patriotischen Scrupel zu bewegen. Von allen Seiten wird sie so lange Ungeduld,

alsbald eine gelinde, allmälig aber

von der ehrbaren Gesellschaft bestürmt, ihre Vorurtheile gegen die fremden Gewalthaber fahren zu lassen und einer Forderung nachzugeben, deren Nichterfüllung den Plänen ihrer Mitreisenden so empfindlichen Eintrag thut, bis sie in heller Verzweiflung sich endlich widerstrebend fügt,

und auf diese Weise

die

Ermächtigung zur Weiter-

reise erlangt wird.

Als

sie

jedoch in der Frühe des nächsten Morgens,

die Späteste

einnimmt, da

von Allen, ist die

ihren Platz

Ordnung der

bürgerlichen Gesellschaft in ihre

in

der Diligence

gebildeten, ehrbaren alten Rechte wieder

Der gähnende Abgrund zwischen Tugend und Laster hat sich aufs neue aufgethan: Niemand kennt. Niemand grüsst sie. Ja, als im Laufe des Tages Alle eingesetzt.

18

GUY DE MAUPASSANT.

274

während Mundvor-

ihre wolilgespickten Speisekörbe hervornehmen, sich in ihrem Besitze auch nicht der kleinste

rath

befindet



haben doch diesen

die Mitreisenden

seinerzeit bis auf den letzten Bissen, den letzten Tropfen

vertilgt

— muss

gütlich thun

den Tort erleiden,

sie

und

sie

dass Alle

sich

vor Hunger verschmachten lassen

ohne sich auch nur im geringsten daran zu kehren.

kühnen Novellette ist was Maupassant zu beleuchten wünscht; mit Genialität legt

Bewundernswürdig

in dieser

die Composition. Aufs schärfste charakterisirt sie,

sie

jede lächerliche Gemeinheit bloss, die in

diesen

all

Gemüthern — ob der Färbung nach religiös oder irreligiös, politisch oder unpolitisch, bonapartistisch, legitimistisch

oder



republikanisch

in

dieser

mittelguten Gesellschaft verborgen

guten und

ganzen lag.

Gleichwie der

Rattenfänger von Hameln mit seinem Spiel die Ratten aus ihren Schlupflöchern lockte, so versteht es Maupassant, die allzu menschlichen Eigenschaften aus ihren dunklen

Er

Verstecken in den Herzen hervorzulocken.

erfindet

eine Situation, eine Verwicklung, ein völlig unerwartetes,

ungewöhnliches, aber auf äusserst natürliche Weise herbeigeführtes Zusammentreffen von Umständen, welches

geeignet

ist,

jede schmeichelnde Täuschung, der wir uns

über die Menschen der civilisirten Gesellschaft hinzugeben geneigt sein könnten, von Grund aus zu zerstören. Welche Ironie

!

Und

niemals Ironie in Worten, Der Witz

mals im Vortrage

selbst,

immer nur

ist

es die

ist nie-

stumme,

furchtbare Ironie derThatsachen, die das Gelächter hervorruft.

Und

keine Uebertreibung. Eine so bittere Misan-

thropie auch dahinter liegt, es ist alles natürlich und die

Munterkeit und Frische

des Erzählertones

lässt Alles

spielend dahingleiten.

Man

lese vergleichshalber die Novelle

die unter einer aus

„En

famille"

Mann, Frau und mehreren Kindern

bestehenden Beamtenfamilie sich abspielt.

Die Mutter

des Mannes, Frau Caravan, die nahe an Neunzig, aber

GUY DE MAUPASSANT. noch rüstig

ist,

wenn

sie

275

auch ab und zu an Ohnmachts-

Frau gehasst, doch der verhofften Erbschaft halber im Hause behalten, bei der Familie des Sohnes. Die Frau ist überzeugt, dass sie und die Ihren in dem Testamente der Alten mit einem anfällen leidet, wohnt, von der

grösseren Antheile

bedacht

sind als die verheirathete

Schwester ihres Mannes mit deren Gatten. Herr Caravan lieb. Dass seine Frau ewig wegen des Geizes der Alten, und um jeder Kleinigkeit willen mit ihr hadert, ist ihm

hat seine alte Mutter herzlich

auf

sie schilt,

besonders

eine stete Qual.

Eines Tages, unmittelbar nach einem fürchterlichen

Zank, findet eines der Kinder die alte

dem Boden ausgestreckt alsbald einen

die



Dame

aufrichtigste Verzweiflung,

Uebergang von

plötzlichen

leblos auf

ein Vorfall, der im

der

zu gutgespielter Trauer und stillem

Manne

der Frau

bei

heftigen

Weinen

Wuth

hervorruft.

Ein Assistent beim Spitale, der bei der Familie als Hausarzt fungirt, wird gerufen. Er constatirt den eingetretenen Tod.

Der Todesfall

hat

das

Mittagmahl

der

Familie

unterbrochen. Die Frau wünscht nun, dass es fortgesetzt

werde, und ladet den Arzt dazu hält. Allmälig

langen

der denn auch mit-

ein,

alle zu, trotz der

Trauer, und in der

Gemüthsbewegung trinken alle ein wenig zu viel. Mann und Frau gehen früh zu Bette, um ein wenig zu ruhen, ehe sie bei der Leiche

Wache

am Tage

eine Krise

wahren Schmerzes durchgemacht,

in deren

Verlauf

in

in

dem

er,

halten.

Während

komischer Hilflosigkeit,

Cafe, das er zu besuchen pflegt,

der Leute gebettelt,

hat

herrscht: das Testament. als sie sich

er jedoch

sie

um

ein einziger

Und kaum

sogar

das Mitleid

Gedanke

be-

sind sie zu Bette,

auch schon bei ihm danach erkundigt. Sie

Aufregung, dass es sich nicht

findet, und nöthigt ihm sofort seine Einwilligung ab, den zweiten Erben so spät als möglich von dem Todesfalle zu benachrichtigen, ist voll

18*

GUY DE MAUPASSANT.

276

damit

sie

Zeit gewinne, einige der wertlivolleren Hab-

seligkeiten aus der

Wohnung

in die ihrige zu schaifen.

der Schwiegermutter herab

Der Mann

an das Ministe-

will

rium ein Telegramm senden, sein Ausbleiben am nächsten Tage zu entschuldigen. Die Frau macht ihm jedoch begreiflich, wie unnöthig dies sei, und er selbst kann nicht umhin, sich mit einer gewissen Befriedigung die Miene des Chefs zu vergegenwärtigen,

wenn

er dessen unver-

meidliche Vorwürfe über sein Ausbleiben durch die einfache Eröffnung ist

zum Verstummen

bringt

:

„Meine Mutter

gestorben."

Im Nachtgewande trägt nun das Ehepaar die Stutzuhr und die Commode mit der Marmorplatte aus den Zimmern der Alten über die Treppe herab, um, bevor die übrigen Mitglieder der Familie erscheinen, sich derselben

zu

versichern.

Die Sachen der Verstorbenen werden

Commode genommen und anderwärts

aus der

unterge-

Darauf schlafen Beide süss, und den nächsten Morgen wird der noch kaum zur Besinnung gekommene

bracht.

Gatte ausgeschickt, die Todesanzeige zu erstatten, die Leichenschau zu veranlassen,

den Sarg, den Leichenwagen, den Trauergottesdienst, die schwarz geränderten, gedruckten Mittheilungen an die Bekannten zu bestellen und endlich den Verwandten ein Telegramm zu senden. Unterdessen ziehen zuerst die Kinder des Hauses treppauf treppab, die verlassene Todte zu sehen,

wonach allmälig

eine förmliche Wallfahrt aller der vielen Gassenkinder entsteht, die sich leise hinaufstehlen

auch

sie des



doch bald sind

Anblicks müde, und die alte Frau Caravan

in dem ausgeplünderten Zimmer zurück. Gegen Mittag besinnt sich die Schwiegertochter, dass

bleibt

allein

Kerzen zu statten kommen könnten, und möchte daher zwei von jenen, die bei der Leiche brennen, er-

ihr zwei

sparen. Sie schickt eines der Kinder hinauf, sie zu holen,

aber dieses stürzt alsbald mit der entsetzlichen Nachricht herbei,

Grossmutter kleide sich eben an.

Es

ist

GUY DE MAUPAS6ANT.

277

eine Lethargie gewesen, sie liat im Sclieintode Alles vernommen, nur nicht reden können. Die Alte kommt ruhig die Treppe hinab. Und während nun ununterbrochen an der Thürkliugel gerissen wird und die zu früh in Bewegung gesetzten Behörden

erscheinen,

während das Packet mit den

bestellten Todes-

anzeigen gebracht wird, erfolgt Schlag auf Schlag die

Ankunft der telegraphisch herbeigerufenen Verwandten, die Entdeckung der Alten, dass ihre Möbel in die untere Etage geschafft worden seien, ihre kurze Bitte „Du wirst so gut sein, meine Sachen wieder hinaufzutragen", ihr an die Tochter gerichtetes Geheiss „Du kommst morgen :

:

mit deinen Kindern", was gleichbedeutend

ist mit einem Testament zum Schaden des Sohnes und dessen Gattin, endlich als Krone des Ganzen Herrn Caravan's Ausruf:

„Was

morgen meinem Chef sagen !" Eine beissendere, ergötzlichere Studie über die Habsucht in ihrem Conflict mit der Pietät und den Familienin aller

Welt

soll ich

kaum zu finden sein. Ueberaus fein ist dem Manne das Gemisch von wahrer Liebe

gefühlen dürfte

besonders bei

zu der Mutter, von wahrer Trauer über deren vermeintlichen

wie

Tod und von Rücksicht auf das

Madame

es bei

Eigen-Interesse,

ihm angefacht, gezeichnet. Endlich

auch hier wieder, wie bei der erstgenannten Novelle, die eindringliche, heitere Ironie der Begebenheiten. Die

Wiedererstandene, die stumm den Verwünschungen über ihren Geiz zugehört, Zeugin gewesen,

wie ihre Möbel

fortgeschleppt Avurden, und sich ihre Kleider aus einem alten Schubkasten hat hervorklauben müssen

;

sie

rächt

indem sie die Schwiegertochter am empfindlichsten Punkte trifft. Auch hier wieder dieselbe Lust, in den Männern und Frauen der bürgerlichen Gesellschaft das komische und niedere Thier zu zeigen. sich jetzt,

GUY DE MAUPASSANT.

278

IV.

Neben

dieser Neigung, die Respectabilität

Gemeinheit

in

Komik aufzulösen

und

Element dem sensuellen beizumischen altfranzösisch,

Maupassant

echt

so

gallisch ist

in den Novellen

Hang

ein starker

waltsamkeit

die

was macht

so

ganz

sich bei

sowohl wie in den Gedichten

geltend, den Naturtrieb in seiner Ge-

und seinen

Folgen zu schildern. In nicht weniger oder findet ein





und

komisches

ein

Mann

als

barocken oder unglücklichen drei kleinen Novellen

sucht

seinen unehelichen Sohn. In „Mon-

sieur Duchoux'^ findet der Vater denselben früh gealtert,

wohlhabend, von plumpem, eingebildetem und verspürt deshalb auch nicht die geringste

kahlköpfig,



Wesen Regung

eines verwandtschaftlichen Gefühls für ihn. In

„L'abandonne"

findet der

Existenz er keinerlei als einen Idioten,

der

lindern möchte, vertrinkt.

deren

Name

Vater einen Sohn, von dessen

Ahnung gehabt, auf dem Lande jede Gabe, mit der man sein Loos In einer dritten Erzählung,

mir nicht gegenwärtig

ist,

finden die vor-

nehmen Eltern ihren illegitimen Sohn auf dem Lande als einen wohlhabenden Hüfner von kurz angebundenem Wesen, der sie keines Blickes würdigt. In

den grösseren Erzählungen,

die

man Romane

nennt, beschränkt sich indess Maupassant selbstverständlich

nicht

Zügen zu

darauf,

Skizziren.

seine Lebensbilder mit so

wenigen

Es sind bald derber, bald

feiner ge-

schriebene Bücher. Die älteren, wie „Bel-Ami", führen eine rücksichtslos freie Sprache, die späteren, wie „Fort

comme

la mort^' oder

„Notre

coeur'', sind in

ihrem Vor-

wurf fast krankhaft verfeinert, in ihrem Stile wärmerund bewegter, immer aber sind es Werke, die, reichhaltig und vielseitig, sich nicht

auf Eine Pointe zurückführen lassen.

GUY DE MAUPASSANT.

279

Eines giebt es indess, wovon in letzter Instanz alle

Erzählungen handeln, worauf sie alle hinauslaufen. Es ist, was die Franzosen „le desenchantement de la vie" nennen, die Art, wie das Leben seinen Reiz verliert. Anfangs erscheint dasselbe durch die Vorstellungen von diese

seinem Werthe so verschönt, dass es einen unwidersteh-

Zauber ausübt und der Jüngling oder das junge Mädchen den Gedanken, diesem mit so vielen Hoffnungen, Verheissungen, Versprechungen umgebenen Dasein je entsagen zu sollen, kaum zu fassen vermag. Dann zeigt lichen

Maupassant, dass diese Verheissungen sich nicht erfüllen,

warum sie nicht in Erfüllung gehen und wie dies kommt. „Une vie'' erzählt die Geschichte einer feinen, braven Frau. Sie besitzt nicht eben viel Sinn für die Wirklichkeit,

ist

fast wehrlos

im Kampfe ums Dasein,

ausser

Stande, sich in vernünftiger Weise zu Entschlüssen auf7Airaffen, geneigt, sich Illusionen

hinzugeben, geneigt, in

und

Entrüstung aufzuflammen. Der Mann, den

sie geliebt

geehlicht, entpuppt sich als eine kalte,

brutale Natur,

wüst und geizig. Und da sie von ihm befreit wird und sich an ihren Sohn klammert, beginnt dieselbe Tragicomödie, die der Vater mit ihr gei?pielt, von vorne mit dem Sohne. Er beutet seine Mutter aus, bei der er sich nie blicken lässt, ist roh und dumm, hartherzig und gleichgiltig. Wenn am Schlüsse des Buches der Enkel ihr in den Schoss gelegt wird, da ist Einem, als kleinlich,

als verlöre sich der Blick in eine endlose Perspective.

Damit der Eindruck der Wehmuth nicht gar zu sehr überwiege, ist als Gegengewicht zu der allzu grossen Sensibilität der

Hauptperson der derbe, gesunde Verstand

einer normannischen Bauersfrau hingestellt.

In „Mont-Oriol"



— einem leichteren,

unterhaltenden

Weib, ein exalBuch tirtes Wesen, anbeten und enttäuscht werden. Der junge Mann, an den sie sich gekettet, wird, flüchtig, wie seine

sehen wir gleichfalls ein junges

Natur

ist,

ihrer überdrüssig.

Von

der Folie einer

GUY DE MAUPASSANT.

280

starken Komik, die mit der Gründung und dem systematischen Verleumdungsklatsche eines modernen Curortes

verbunden

hebt sich ihr Schmerz wie der thörichte

ist,

Leichtsinn seines

Wesens

Er

ab.

verlässt dieses feine,

erlesene weibliche Geschöpf, das sich

hingegeben,

um

in seiner

Dummheit

ihm

in freier

sich für

Liebe

immer und



denn er verzichtet auf und wieder nichts an eine kleine, unbedeutende, hübsche eine Mitgift Bauerndirne zu ketten, deren Courmacher seine Eifer-

für nichts



sucht erregen.

„Bel-Ami" handelt von einem jungen Manne, der ganz talentlos ist und bleibt, jedoch durch seine grobe Schönheit, eine Stallknechtschönheit, deren Zauber die Frauen, vornehme und gewöhnliche, junge und ältere, zu Dutzenden besiegt, sowie durch eine in der Schule des Lebens allmälig erworbene Rücksichtslosigkeit, die,

vollkommen roh und gemein,

sich

gleichwohl als das

Reichthum erwirbt und zu den höchsten Stufen der Gesellschaft emporsteigt.

zum Siege Verhelfende

erweist, grossen

Hier sind es nicht die Personen, der Leser ist es, der aus allen Illusionen in Bezug auf die Gerechtigkeit des Wettlaufes gerissen wird.

Während eine

i-ein

in der

dänischen Litteratur

passive Gestalt

ist,

die, Alles

Adam Homo

vermeidend, was

von den Umständen tragen lässt, ist hier der Held activ, ja energisch, und Alles liegt zuletzt auf den Knieen vor dem Glück, das er seiner dreisten Gemeinheit zu danken hat. ihr hinderlich sein könnte, sich

In

diesem

Komane kommt

eine Stelle

vor,

die

einem von da ab bei Maupassant stets wiederkehrenden Bel-Ami begleitet eines Gedanken Ausdruck giebt. Abends den alten Dichter Norbert de Varennes nach Hause. Wehmüthig bemerkt ihm da der Alte, es komme ein Tag, an dem es mit dem Lachen vorüber sei, weil

Tod hervorblicke. So lange man jung wisse man nicht, was der Tod bedeute, später

hinter Allem der sei,

GUY DE MAUPASSANT. aber werde der Gedanke an ihn würdigt, verunstaltet uns

Tag

281

fiircliterlich.

Er

ent-

für Tag, beraubt uns der

Zähne und der Muskelkraft, der Farbe des Haares, der Glätte der Haut, Er lässt den Menschen verwittern. Ihm nähert uns jeder Schritt. Jeder Athemzug ist ihm behülflich bei seinem grausen Werke. Athmen, Schlafen, Essen, Arbeiten, Träumen, Alles, was wir tliun, es ist ein ewiges Sterben. Kurz gesagt: Leben ist Sterben! Und er schliesst: Ueberall erschaue ich den Tod. Das Gewürm, das mein Fuss auf dem Wege zertritt, die fallenden Blätter, das weisse Haai- im Barte eines Freundes, Alles giebt mir einen Stich ins Herz und ruft mir zu: hier

dem

drängt

Poeten in den

sich

bei

Guy

Mund

Da

ist

de Maupassant

an das Alter und den Tod, wie

Die

immer Gedanken

allmälig

stärker hervor. Diese stete Beschäftigung mit

ist,

er!

gelegte Melancholie, sie

sie hier charakterisirt

wird ein immer deutlicherer Zug seiner Production.

Höchst bezeichnend für dieSchwermuth, den Pessimismus und die Todesgedanken im Vereine ist die phantastische Novellette

„La morte",

in

welcher der Erzähler eines

Nachts auf dem Kirchhofe die Todten aus ihren Gräbern aufstehen, die lügenhaften, preisenden Inschriften

der

Leichensteine auslöschen und statt derselben schreckliche

Wahrheiten über sich selbst hinschreiben sieht. Es scheint, dass die bei Maupassant sich mehr und mehr geltend machende Schwermuth einestheils das komische Element in seinen schriftstellerischen x4.rbeiten stark in den Hintergrund gedrängt, anderntheils einen zunehmend verfeinernden Einfluss auf seine Kunst geübt hat. Dass man sich auf die Schilderung gewöhnlicher Vorfälle und Situationen beschränken müsse, hat er nicht einmal in seiner Jugend geglaubt. Nun aber ist er auf dem besten Wege, sich auch von dem Glauben der intransigenten, naturalistischen Gruppe, dass in modernen Büchern nur gewöhnliche, unbedeutende Menschen zur Darstellung kommen dürften, loszumachen. Vor Allem

GUY DE MAUPASSANT.

282

aber hat er kürzlich ganz neue Töne angeschlagen und zeigt sich in seinem ergreifenden

„Fort comme

la mort'^, weich,

Werke, dem Romane:

warmherzig, voll Empfin-

von seiner gewohnten, fast principiellen Menschenverachtung, dabei im Stile zart bis zur Verschämtdung,

heit.

frei

Dieses fesselnde Buch,

welches die nicht seltene

Erscheinung, dass die Leidenschaft eines Mannes von der

Mutter auf die Tochter übergreift, zum Inhalte hat und

Macht einer Liebe darzustellen sucht, die stärker als Vernunft und Lebens-Philosophie, ja stärker als ein vieljähriges, durch zärtliche Hingebung gefestetes Zusammenleben ist, dreht sich gleichwohl nicht die überwältigende

eigentlich

um diese allmächtige, todbringende

Eigenschaft

der Liebe. Es zeigt sich allerdings, dass sie die Macht hat,

Mann und Glück

zu zerschmettern, wenn ein

Wesen

ohne Widerstandskraft, mit voller Empfänglichkeit für sie ihr in

den

Weg

tritt.

Allein der Idee des Buches

nach kann nur der ältere Mann also getroffen werden, nur er, den der Jugend überströmende Lebensfülle bereits verlassen hat. Die Krankheit wirkt bloss auf einen nicht

mehr vollkommen lebenstüchtigen Organismus tödtlich. Näher betrachtet, ist es indessen doch nur wieder das Thema vom Alter und Tode, das hier Alles beherrscht. Der innerste Kern des Ganzen ist einfach, was es für Mann oder Frau heissen wolle, alt zu werden. Das ist's, was mit einer tiefen, stillen Melancholie, wie man sie dem ausgelassenen, glänzenden Maupassant nicht zugetraut hätte, studirt, erforscht worden. Giebt es eine zweite Erzählung, die so wie diese das angstvolle Ankämpfen des liebenden Weibes gegen das Alter schildert, das, unerbittlich nahend, sie Tag für Tag immer sichtlicher entstellt ?

Vor einigen Jahren schrieb Paul Bourget Privatbriefe über Maupassant

:

„Je

lui

in

einem

voudrais moins de

possession froide de soi-meme, une angoisse de quelque

chose d'autre et pour tout dire une conception de la vie

GUY DE MAUPASSANT. plus tourmeiitee."

Es hatte

beschränkten,

Lebensanschauung

für

allemal

angenommenen gemacht.

der so lange seinen Stolz dareinsetzte, alle

ist er,

in

Handlung umzusetzen, nunmehr gelangt.

Man

achte

der

Tod" vorkommende

B. auf die gleich anfangs in „Stark wie

z.

sorgsame,

eingehende

legung von dem Seelenzustande des Malers, die

Frage vorlegt, ob

Guilleroy verliebt

Roman noch

Nun

die Tiefe zu

Selbst zur feinen Analyse der Empfin-

gehen vermag. Psychologie

ein-

es sich ziemlich leicht

dass auch er gar wohl in

zeigt es sich,

dungen

eine Zeitlang den Anschein,

Maupassant mit seiner auf einen etwas engen

als hätte

Kreis

283

sei.

er

Es

auch wirklich

als

Dar-

er sich

in die Gräfin

findet sich freilich in diesem

so etwas wie ein Ueberrest des naturalisti-

schen Credo, und zwar in dem Zuge, dass die männliche

Hauptperson so wenig Künstler ist („gar kein Künstler'', verbesserte Maupassant einen Besucher, der jene Bemerkung fallen Hess). Jedenfalls versteht man, dünkt mich, nicht zur Genüge die ungeheure Leidenschaft, die diesen

Mann ohne

Genialität, der ein halbes Jahrhundert

auf dem Rücken hat, für ein blutjunges Mädchen erfasst.

Wäre er ausgeprägter künstlerisch veranlagt, mit grösserer Begabung, mehr Phantasie und Feuer ausgestattet, die '

wilde Leidenschaft hätte ganz

anderen Zündstoff vor-

gefunden.

Maupassant wendet dagegen ein, dass er bei Männern, welche so wenig Künstlernaturen sind wie sein Bertin, in diesem Alter derartige Leidenschaften habe entstehen Als Beispiel nannte er den Namen eines besehen. kannten

Schriftstellers.

Der Roman „Notre coeur", am meisten aus dem Leben

die letzte

gegriffene

und

vielleicht

Arbeit Mau-

in der er noch einen Schritt weiter in der Richtung der psychologischen Methode Bourget's gethan, behandelt das Thema von der Entzauberung des Lebens

passant's,

womöglich

in

noch eindringlicherer Weise. Er thut hier

GUY DE MAUPASSANT.

284

dar, dass

man

in einer übercivilisirten Gesellschaft,

der Parisisclien,

wo man

keinerlei andere ernstliche Be-

schäftigung kennt, als zu lieben, selbst hiezu die

Die Frauen verlieren

verliert.

wie

sie in

Gabe

Folge einer welt-

Hingebung macht; die Männer verlieren sie kraft eines Dualismus zwischen ihrem sinnlichen und seelischen Liebesdrange, in den das Verhältniss der verfeinerten Frauen zu ihnen sie hineinzwingt. lichen Verfeinerung, scheut, oder

gegen

welche

die

leibliche

sie gleichgültig

V.

Es

ist

gar früh, dass die „Desillusion"", der Gedanke

an das Alter und die Auflösung ihren reichen Kelch mischte,

Wermuth

in

den

den das Leben Maupassant cre-

denzt, einer Natur, die ursprünglich mit all den frischen,

wilden Instincten des Urmenschen ausgestattet erschien.

Wahrscheinlich haben allzu viele Arbeit und allzu

viel

Genuss die unangreifbar scheinende Gesundheit seines Wesens untergraben. So oft er kann, wendet er Paris, dessen lärmendes Treiben sein Nervensystem auf die Dauer nicht verträgt, den Rücken, und er pflegte früher monatelang als Seemann auf seinem Fahrzeuge im Mittelmeere zu leben. Jetzt greift auch die Seeluft seine Nerven an. „C'est le metier", giebt er als (nicht eben ausreichende) Ursache an. Es wird ihm nun nicht mehr Seeluft, sondern ausschliesslich

wird

dieser

Gebirgsaufenthalt verordnet.

seine

litterarische Production

Vielleicht

mit

einer

neuen Art von Natureindrücken bereichern.

Was

er an Landschaften bisher

am

besten darge-

an und für sich wenig anziehende Natur seiner heimathlichen Normandie. Aber er ist mit keiner andern besser vertraut, und er entwickelt hier dieselbe stellt,

ist

die

genaue Kenntniss der Wirklichkeit, dieselbe Wahrheitstreue, wie in seinen zahlreichen meisterhaften Schilderungen der Gefühlsweise und der Sitten normannischer

GUY DE MAUPASSANT.

285

Bauern und Grundbesitzer. Mit grosser Vorliebe verweilt er ferner bei der Landschaft der Umgebung von Paris, die er als eifriger Rudersportsman bei seinen Fahrten auf der Seine bei Tag und Nacht in- und auswendig kennen lernte. Endlicli gab er in seinem Buche „Au soleiP'

Bilder des afrikanischen Südens.

Am eigenthümlichsten erscheint er vielleicht überhaupt in

seinem Verhältniss zu den Natur-Umgebungen durch

eine nur er

z.

B.

ihm eigene Naturpoesie. In „Sur l'eau" giebt die

geheimnissvolle Schönheit

eines Flusses,

dessen seltsames, unheimliches Nachtleben, dessen Mystik

und den panischen Schrecken wieder, der

sich zuweilen

desjenigen bemächtigt, welcher zur Nachtzeit einsam im

Boote auf den Wassern Aufenthalt genommen. Anderwärts verräth er einen Hang, Naturwesen und Natureindrücke mit Eindrücken aus dem Menschenleben zu parallelisiren.

In

„Un

soir", der

den Fischfang an der Küste

Afrikas schildert, fängt die Hauptperson den achtarmigen

Tintenwurm, dieses See-Ungeheuer, das

in der französi-

schen Poesie eine so grosse Rolle spielt

(la

pieuvre bei

Victor Hugo). Die Art und Weise, wie Tremoulin das gefangene Thier misshandelt, über dem Kohlenbecken des Bootes dessen Fangarme verbrennt und es mit

Messerstichen tödtet, symbolisirt hier deutlich den Hass

gegen das Weib, das ihn verrathen und herabgewürdigt hat. In der Erzählung „Une partie de campagne" ist die Liebesseligkeit eines

jungen Paares durch die Töne

der Nachtigall angedeutet, die im Gebüsch über ihren

Häuptern erschallen. Es heisst daselbst: „Ein Rausch überkam den Vogel und dessen immer hastiger werdender Sang schien die Musikbegleitung zu einem Knittern unter dem Baum abzugeben, das wohl von Küssen herrührte. Nun ergriif diese Kehle mit ihrem Wohlklange eine förmliche Raserei. Bald hielt der Vogel lange

einen

einzelnen Ton,

bald

befielen

ihn

grosse

melodische Spasmen. Zuweilen rastete er ein klein wenig

GUY DE MAUPASSANT.

286

und

liess

nur zwei, drei klare Töne hören,

die plötz-

einem schneidenden Laute abschlössen. Dann er abermals die Töne zitternd, sprudelnd einander

lich mit liess

wie im Sprunge jagen, in einem leidenschaftlichen Liebeslied, das mit einem Triumphschrei endete/' Diese Vertrautheit mit der Natur giebt Maupassant,

dem Freiluftmann,

eine gewisse Ueberlegenheit über seine

Zeitgenossen, so über Paul Bourget, der in seiner schärferen Intelligenz und reicheren Bildung

mehr Sinn für Luxus und Pflanze und Thier

die Ausstattung eines eleganten Hauses, für

Comfort,

als für

Wiese und Fluss,

verräth.

VL In Bourget's

Sammlung „Pastellen"

befindet

sich

„Gladys Harve}'", die von einer jungen Arbeiterin erzählt, welche die Leetüre eines eine reizende Novelle

Romans

:

des Schriftstellers Jacques Molan so begeistert

hat, dass sie völlig in

den Wunsch aufgeht, den Verfasser

des Buches kennen zu lernen.

danke, Centime

um

zulegen und sich mit schaffen, elegant

Es kommt ihr der Geum Franc zusammen-

Centime, Franc

dem Ersparten

eine Toilette anzu-

genug, dass sie Jacques Molan mit einiger

Aussicht, sein Gefallen zu erregen, in seiner

Behausung

aufsuchen könne. Sie hat seine Biographie gelesen und ist. Durch Wunder von nach Verlauf von zehn Monaten wie eine Dame gekleidet und begiebt sich auf

weiss, dass er unverheirathet

Sparsamkeit erreicht ihr Ziel, ist

den

sie

Weg

nach seinem Landhause. Sie zieht die Glocke. Freunde nach Paris gefahren. Auf ihre Frage, ob er noch denselben Tag zurückkehre, erwiedert der Gärtner: ,,Ich werde Madame fragen." Und nun gewahrt sie im Hause eine schlanke, hübsche Frau mit blonden Haaren. Dieser Anblick trifft sie wie ein Blitzschlag. Auf einmal wird es ihi- klar er lebt

Er

ist

nicht zu Hause, ist mit einem

:

GUY DE MAUPASSANT.

287

mit einer Geliebten, und verzweifelt kehrt zurück,

um

bald

darauf zur Cocotte

Das Geschichtchen ist wahr. Maupassant

sie

nach Paris

herabzusinken. ist es

begegnet,

er selbst hat es Bourg-et erzählt. In Wirklichkeit wie in der Erzählung-

Freundin

war

die vermeintliche Geliebte

des Freundes,

der

eine

Maupassant nach Paris

begleitet hatte.

Die Anekdote zeigt, welchen Enthusiasmus der so wenig weibische Maupassant bei Frauen, selbst bei jenen, die der Cultur ermangeln, zu erwecken vermag. Die Natur seiner Gaben musste ihn nothwendig sofort zum Liebling der Demi-monde wie der männlichen Jugend Frankreichs machen. Allmälig aber drang er, populär wie sein Talent dem ganzen Wesen nach ist, überall durch, in Paris wie in den Provinzen, in Russland wie in

Frankreich.

Lässt man die trefflichsten der nunmehr der älteren

Generation angehörenden Schriftsteller Frankreichs im Geiste an sich vorüberziehen, so vertheilen sich Stärke

und Schwäche bei ihnen folgendermassen Edmond de Goncourt ist der feinste, am tiefsten eindringende Erforscher der Seele, vom Standpunkte des Nervenlebens betrachtet. Bei seinen Personen sind die Nerven wie bei Geschundenen oder in einem anatomischen Präparat blossgelegt. Und er ergreift und martert unsere Nerven. Wenn erz. B. den Entwicklungsgang einer Krankheit schildert, kann es keinen schonungsloseren Peiniger des Lesers :

geben, als ihn. Seine tiefgehende Originalität hat etwas mit krankhafter Verfeinerung Verwandtes.

— Zola

ist

der

mächtigste, den weitesten Kreis beherrschende Abbildner

Er versucht, mit Romanen ein grosses, einheitliches Werk einen Bau mit cyklopischem Unterbau, mit

des socialen Lebens der Gegenwart. allen seinen

zu bilden,

schweren Mauern, voll Leben und Licht, Duft, Gestank und Rauch; eine drückende Atmosphäre lagert darüber. Seine Eigenschaften sind die des gigantischen Arbeiters.

Er

GUY DE MAUPASSANT.

288

ist

er

derb und breit, oft erschrecklich breit. Massiv wie ist,

geht er vorzugsweise auf Massenwirkung aus. Er

schildert einzelnes Derbkomisches, er selbst aber bleibt

dabei unverbrüchlich ernst.

Niemals ein Lächeln, nie Stimmung. Stets ein Werk, nie ein Scherz. Goncourt ist so urmodern, dass nichts in der älteren französischen Litteratur auf ihn hinweist. So wie seine sprachlichen Bestrebungen dem Wesen der französischen Sprache widerstreiten, so ist er selbst in vieler Beziehung eine heitere

ein unfranzösisches

Phänomen, oder

richtiger,

weitert den Begriff des Franzosenthums.

er er-

Auch Zola mit

seinem Mangel an Leichtigkeit und Witz, seinem Hang, durch Ueberfülle zu erdrücken, seinem wuchtigen Ernst

und dem derben Gepräge seiner Persönlichkeit ist nichts weniger als ein rein französischer, litterarischer Charakter.

Es

ist viel

vom

Italiener in ihm.

Alphonse Daudet endlich erscheint unter den französischen Erzählern als der fühlende Künstler. Er wirkt von allem Anbeginn als Dichter durch sein „unter Thränen

Er hat nichts von der Rauhheit, die oft das Merkmal sehr bedeutender Künstler ist. Sein Talent ist von einschmeichelnder Anmuth. Allerdings trieb er anfangs Verschwendung mit dem Mitleid, was ihn ab und zu unangenehm empfindsam machte. Er hatte jedoch nicht blos die Gabe, den Rührseligen Thränen zu ent-

lächeln'^

locken,

er besass

auch

die,

das

Dumme und Gemeine

höchst komisch erscheinen zu lassen, ja die Gabe,

ko-

mische Typen zu schaffen, so dass er frühe in den streng geschiedenen Reichen als

des Weinens und Lachens

sich

Herrscher bekundete.

Mit Einem Schlage vermag er seinem Leser vielerlei Eindrücke zu vermitteln, oder genauer, mit einem einzigen Griffe viele Saiten unseres inneren Saitenspieles

anzu-

schlagen, sodass wir von Eindruck zu Eindruck gleiten.

Er

ist

weit nationaler als Zola, aber er

der Südländer mit

ist

Südfranzose,

dem geschmeidigen Erzählertalente

GU V DE M AUPASSANT. und der reichen Mimik,

289

erfinderisch, unterhaltend, bnnt,

der eclite Proven^ale mit

dem schärfsten Blick

für die

Laster und Gebrechen des Provengalen. Leider war er ziemlich lange zu sehr von Dickens beeinflusst, um den

Eindruck voller Originalität zu machen, und nur in seinen vorzüglichsten Arbeiten ist es ihm gelungen, sich von aller Sentimentalität frei

zu halten.

Keiner dieser älteren Erzähler, irgend einer der Zeitgenossen

ist so

noch auch kaum

französisch wie

de Maupassant. Im Vergleich mit ihm

ist

Guy

Bourget ein

Kosmopolit und Huysmans ein Niederländer. Er ist der eigentliche Gallier in dem Kreise der grossen Erzähler, nie ein Peiniger wie Goncourt, nie breit

sentimental diese.

wie Daudet.

Er geht

Werke wie „L'Assommoir",

nicht

wie Zola, nie so

tief

wie

„Sappho'', ,,Manette

Salomon", sind aus einem ungleich ernsteren Menschen-

Aber er ist noch jung, und Begrenzung ist keine eigentliche Unvollkommenheit, denn trotz seiner Oberflächlichkeit, wo eine solche sich vorfindet, ist er doch immer classisch d. h. der Schriftsteller, der seinen Stoff mit vollkommener Ueber der Sinnlichkeit und dem Klarheit beherrscht. Freiheitsdrange, über der Lachlust und der Satire, über dem Mitgefühle und der Melancholie schwebt bei ihm

studium hervorgegangen. seine unbestreitbare

stets der klare, sichere Künstlerverstand.

NACHSCHRIFT. (1893)

Das Schicksal Maupassant's hatte allgemeines Bedauern erregt; sein Tod wird nicht bedauert werden.

Manch Einer hat sich gefragt, mit welchem Rechte man vor mehr als einem Jahre den Unglücklichen, der den 19

GUY DE MAUPASSANT.

290

Wahnsinn, unerbittlich und unheilbar, kommen hinderte, seiner Verwandlung- in ein

Der treue

alte Bediente, der den

fühlte, ver-

Wrack vorzubeugen.

Auftrag hatte, die Be-

sucher fernzuhalten, wenn Maupassant an seinen schlim-

men Kopfschmerzen seinen

Herrn

haben,

sich

lichen

Manne

und an dessen Zärtlichkeit für

litt,

die,

welche mit Maupassant

verkehrt

noch erinnern werden, that dem unglückeinen schlechten Dienst, als er die Kugeln

aus seinem Revolver

entfernte.

Der Tod

ist

hier als

Befreier gekommen.

wurde kaum 43 Jahre

]\laupassant

Er war der

alt.

klarste Erzähler, der grösste Naturanbeter, überhaupt

das

natürlichste

Talent

des jüngeren

Schriftstellerge-

schlechtes in Frankreich.

Er begann, verschwenderisch reich an Saft und an guter Laune bis zur Ausge-

Kraft, an Gesundheit, lassenheit, schnitt.

und an kühner

Er stand da halb wie

Satire, ein

die

bis

ins

Mark

Naturkind aus der Nor-

mandie, halb wie ein Künstler aus Paris.

Von Anfang

an hatte er in seinen Versen einer starken, naturkräftiSeine gen, ländlichen Sinnlichkeit Ausdruck gegeben.

Venus rustique; die antike Liebesmodernes Bauernmädchen wiederkehrend, allen Männern den Kopf verdreht. Er sieht den erotischen Naturtrieb pantheistisch das Weltall durchdringen und Heldin

ist

hier die

göttin, die, als

behandelt ihn

in

grossem, einfachem

Stil.

In Prosa hat er als Satiriker und Misanthrop debü-

Als Erzähler hatte er ursprünglich den tiefen Hang in altfranzösischer Manier; Lustig-Unanständigen zum

tirt.

nur das Geschlecht, in dem gewöhnlichen Biedermann fast nur den kleinlichen und er sah im

Weibe

fast

habsüchtigen Egoisten.

Sehr schnell aber wechselte er Haltung und Ton, als feiner und

zeigte sich als vielseitiger Beobachter,

bisweilen bitterer Cliarakterschilderer, in

entwicklungsfähig.

Zu

gleicher Zeit,

wo

hohem Grade er in ganz

:

GUY DE MAUPASSANT.

291

kleinen, ausgelassenen Novelletten, wie in

Hemdärmeln,

einer Herreng-esellschaft Geschichten erzählte, er sehr ernste, grosse

Romane,

schrieb

welchen er das feinste

in

Verständniss für das Herzensleben und die Sorgen feiner

Frauen an den Tag durch

zeichnete sich

Immer war

aus.

In den

legte.

Form

Alles,

was

er schrieb,

Klarheit

durchsichtige

dieselbe

seine

letzten

Doch

fest

und einfach.

wirksamen Jahren seines Lebens

entwickelte er ganz neue Seiten seines Talents.

Seine

Lustigkeit wich einer seelenvollen Schwermuth

seine

Gabe,

Sinneneindrücke

alle

Contouren wiederzugeben, einen

Hang

in

zur gedankenreichen Grübelei.

Forscher der seelischen Tiefen. („Fort

Bildern

comme

la mort,

Notre

Er

scharfen

durch

sich

Er wurde

schilderte

ein

zuletzt

eine Liebe,

coeur'')

fast unsinnlich war, halb Zärtlichkeit, halb

Er begnügte

mit

vervollständigte

;

die

Schwärmerei.

mehr damit, ein plattes oder gesundes Gefühlsleben darzustellen. Er spürte dem schleichenden Gange des Wahnsinnes in der menschlichen Seele nach („La horla", „Un fou"). Er gab bisweilen dem ganz Phantastischen freien Flug er konnte dann und wann fast mystisch erscheinen. sich nicht

;

Er, der als Vergötterer der Natur mit Verspottung

der zähmenden und verfeinernden Civilisation begonnen hatte, endigte mit

einem Widerwillen gegen

alles

bloss

Natürliche, sogar gegen das Sinnenleben, als dessen Verherrlicher er einst dastand. In einer seiner letztenNovellen „L'inutile beaute'', ruft der junge Mann, den der Verfasser als

Sprachrohr gebraucht

:

„Uie Natur! Ich sage

dir,

dass

wir gegen die Natur unaufhörlich ankämpfen müssen, führt uns ewig

sie

zum Thier zurück."

So sehr hatte in nur zehn Jahren der Dichter der Venus und des Hauses Tellier sich verwandelt, dass er den letzten Satz mit aufrichtiger Ueberzeugung und einer Art metaphysischen Trotzes schrieb.

ländlichen

19*

GUY DE MAUPASSANT.

292

Auch technisch war

Entwicklung begriffen. Er, der Dramatiker als Erzähler, gab sich zuletzt einer Analyse von seelischen Zuständen hin, die ihn seinem geistigen Gegenpol Bourget nahe brachte. Dann geschah es, dass eine Krankheit, die sich er in stetiger

durch hartnäckiges Kopfleiden

ihn lange gezwungen hatte, so viel

zu leben und Seeluft

und die wie möglich im Süden

angekündigt,

einzuathmen,

das Gehirn angriff

und ihn mit Einem Schlage zu Boden schlug.

Wenn man listen

das allerjüngste Geschlecht der Symbo-

ausnimmt,

das ihn

selbstverständlich als einen

Schriftsteller niedriger Art, einen Erzähler

lungsreisende betrachtet,

bewundert und unsäglich trotz der

war

geliebt.

männlichen Ruhe

für

Hand-

er in Frankreich allgemein

seines

Er war als Mensch Wesens in hohem

Grade liebenswürdig, gewinnend ohne Geschmeidigkeit nur durch die vollendete Wohlerzogenheit, die bei ihm die Aeusserungsform einer reichen, warmen Natur war.

Puschkin und Lermontow.

7.

(1888)

I.

it

Alexander Sergej e witsch Puschkin wird die

russische Poesie eine selbständige Macht, wie die Poesie

hei

Goethe,

Oehlenschläger

oder

mehr dazu, edle Gefühle oder Lehren einzuprägen-, sie ist — im Principe weder die Dienerin der Moral, noch der wenigstens Sie erhebt sich wild und frei. Vaterlandsliebe.

Hngo.

Sie dient nicht

nützliche

Wie



die anderen slavischen Hauptdichter zu jener

Zeit unterliegt Puschkin der tiefen Einwirkung Byrons

muss durch dessen Einfluss hindurch, um werden.

und

er selbst zu

Am eigenthümlichsten ist er gleich anfangs durch

gewaltsames Temperament. Er stammt mütterlicherseits vom Neger Hannibal, den Peter der Grosse gekauft sein

und

in

Frankreich zumIngenieur-Oftizier hatte ausbilden und wohlhabender Gutsbesitzer

lassen und der als General

Das Gesicht des Dichters wie seine Poesien sprechen von dem afrikanischen Blute in seinen Adern. Sein Vater war ein französisch gebildeter Weltmann, der sich nie einer anderen Sprache als der französischen bediente und nach aristokratischer Weise auch den Sohn

starb.

laut

PUSCHKIN UND LERMONTOW.

294

in dieser

Sprache erziehen

liess.

Puschkin hatte seine

frühe und so fruchtbringende Bekanntschaft mit Russlands Volksliedern,

Märchen und Bylinen

allein seiner

Amme,

einer braven russischen Bauersfrau, zu danken.

Zeitig

zeitig ausschweifend,

reif,

Dandy, gehört

er zu den nicht

zeitig

und lange

wenigen künstlerischen

Genies aus dem Anfange des Jahrhunderts, in denen eine innere Kraft,

die

von keiner Verderbniss angegriffen

wird, sich gesund und schaffenstüchtig unter Verhältnissen

bewahrt, die geringere Geister aushöhlen und zu Grunde

Der Schaden, den er an der Seele nahm, und Unregelmässigkeit seines Lebens, sondern vom Druck der politischen Verhältnisse, denen sein Charakter nicht gewachsen war, und von richten würden.

kam

nicht von der Wildheit

Kaiser Nikolai's persönlichem Versuch, ihn zu gewinnen,

dem der junge Aristokrat Schon

als

nicht zu widerstehen vermochte.

Zehnjähriger hatte Puschkin seines Vaters

französische Bibliothek mit Voltaire, Rousseau und den

Encyklopädisten verschlungen. Von seinem zwölften bis zu seinem achtzehnten Jahre besuchte er das kaiserliche

Lyceum

in Zarskoje-Selo, w^o Untenicht und Geist franwaren — die französische Sprache wurde den Zöglingen von Marat's leiblichem Bruder beigebracht wo die Erziehung äusserst schlecht war und wo die

zösisch



älteren Schüler ihre Ideale in den Gardelieutenants der

Garnison sahen, nach deren Muster hielten, spielten

und

tolle Streiche

sie sich

Geliebte

machten. Der junge

Puschkin galt für einen der ärgsten Tollköpfe der Schule, genoss aber gleichzeitig einen gewissen Ruf für erotische

und epigrammatische Verse. 1817 bekam er eine Stellung im Ministerium des Aeussern, die er vernachlässigte um sich kopfüber in den Wirbel des Petersburger Gesellschaftslebens zu stürzen, anscheinend keiner anderen Ehre nachstrebend als der, sich zu einem vollkommenen Weltmanne und aristokratischenLöwen zu entwickeln. Wieviel Gewicht er bis zu seinen letzten Tagen auf geckenhafte

PUSCHKIN UND LERMONTOW. Verfeinerungen legte, beweist

am

295

besten die Schilderung,

die er in seiner hinterlassenen Novelle „Die ägyptischen

Nächte" unter dem Namen Tscharsky von sich selbst gegeben hat. Er wollte, wie Byron, auf keinen Fall als Dichter „von Fach" betrachtet werden, sprach äusserst ungern überLitteratur, dagegen äusserstgern vonPferden, Spiel und Essen, „obgleich er die Gebirgsrace nicht

von

der arabischen unterscheiden konnte, sich nie der Trümpfe erinnerte und heimlich gebratene Kartoffeln allen Erfin-

dungen der französischen Küche vorzog". („Die ägyptischen Nächte.")

Trotz aller Zerstreuungen gab er 1820 seine erste

Dichtung

„Ruslän und Ljudmila" heraus,

die

ausser-

ordentliches Aufsehen machte, obgleich dieses versificirte

Märchen, das

sich auf einer russischen

Sage aufbaut, an

Ariosto, an AVieland, an Szukowski erinnert und keine

andere Originalität hat als seine sorgfältige Composition und die grosse Kunst des Vortrages. Das Gedicht galt für reine Romantik, es interessirte durch eine gewisse Schalkhaftigkeit des Tons und eine kräftige Sinnlichkeit dei-

Farbe, Avar im Uebrigen ohne

alle

psychologische

Bedeutung.

Zu diesem Zeitpunkte fiel Puschkin zum ersten Male Er war als Jüngling politisch-poetischer „An den Revolutionär gewesen. Eine Ode von ihm in

Ungnade.

:

Dolch" wurde

in allen

russischen Garnisonstädten ge-

sungen, wahrscheinlich aber ohne dass

man den Namen

Er verabscheute den Despotismus, unter dem man gegen Ende der Regierung Alexander I. litt, des Verfassers kannte.

hasste die Censur, welche die Poesie unterdrückte, und das Polizeiregiment, dessen Willkür die

Jugend

ihre

Wohl-

fahrt überlassen sah, und witzig, wie er war, und beissend spöttisch,

durchbohrte er die herrschenden Persönlich-

keiten und Zustände mit Epigrammen, die im

Runde machten. General gouverneur

1820 verklagte der ihn

beim

Kaiser

St.

Lande

die

Petersburger

wegen

einer

PUSCHKIN UND LERMONTOW.

296

„Ode an die Freiheit", aber Alexander las sie ohne Entrüstung und verlangte nur von dem jungen Dichter, dass er ihm alle seine übrigen Gedichte vorlegen solle, unglücklicher Weise war

ein

Spottgedicht über

den

Liebling des Kaisers, Araktschejew, darunter, und zornig

über diesen

Hohn gegen

einen Mann,

dem

er ausgezeich-

netes Vertrauen erwies, verbannte Alexander den Sünder

zuerst nach Sibirien, dann auf die Fürbitten Mehrerer

nach Kischenew in Süd-Russland als Collegien-Secretär beim dortigen Generalgouverneur. Während dieses Aufenthaltes erhielt Puschkin nach einer Krankheit Urlaub,

den Kaukasus und die Krim zu sehen, und die epoche-

machende Wirkung ihrer Naturschönheiten ist deutlich in seiner Poesie zu spüren. Im Kaukasus lernte er Byrons Dichtungen kennen, und der Eindruck Byrons schmolz in seinem jugendlichen Gemüthe mit dem Eindrucke des Kaukasus zusammen, unverwischbar wie dieser, aber noch tiefer gehend. In Kischenew und Odessa gab er Aergerniss durch sein wildes Leben und seine Byron' sehen Manieren und war desswegen bereits bei seinen Vorgesetzten schlecht angeschrieben, als ein Privatbrief

von ihm nach

St.

Petersburg aufgefangen wurde, der,

von einem jungen Engländer, einem Freunde Shelley's, handelnd, den sogenannten Atheismus Shelley's vertheidigte. Die Folge war eine neue Verbannung. Puschkin erhielt Befehl, sich unter polizeilicher Aufsicht auf seinem

Gute Michailowskoje im Gouvernement Pskow aufzuhalten.

Bekanntlich rettete diese sechsjährige Verbannung

von

St.

Zweifel

Petersburg Puschkin's Leben.

Er

am December-Aufstande von 1825

hätte ohne

bei Nikolai's

Thronbesteigung Theil genommen, wenn er zur Stelle gewesen wäre. Als er nach dem furchtbaren Ende der Eevolution und nach der Vernichtung seiner nächsten

Freunde sich entschloss, den Kaiser in einer Bittschrift um Aufhebung seiner Verbannung anzugehen, gestand

PUSCHKIN UND LERMONTOW.

297

Frage des Kaisers ein, seine SymDecember auf Seite der Rebellen gewesen. Unter die wenigen Punkte aus der Geschichte der russischen Litteratur, die Gemeinbesitz geworden er auf die direete

patliien seien

am

25.

gehört das Gelöbniss des Dichters an den Kaiser

sind,

in Betreff künftiger Loyalität, die

Umarmung, mit der

Nikolai dies Gelöbniss beantwortete, und sein Versprechen,

Puschkin vor den Chicanen der Censur zu beschützen,

indem er in Zukunft selbst sein Censor sein wolle. Puschkin stand vor der Wahl einer Versöhnung mit dem Kaiser und seinem Systeme oder lebenslänglicher Verfolgung und Verbannung und ging das Compromiss ein. Bald war seine Stellung in der vornehmen Welt wie in der litterarischen gesichert. Der Kaiser gab ihm eine Pension von 6000 Rubel jährlich gegen die Verpflichtung (mit welcher der Dichter es leicht nahm), eine Geschichte

Peters des Grossen zu schreiben, und ernannte ihn gleichzeitig

zum

mit brio

kaiserlichen Kammerjunker.

am

St.

Er nahm wieder

Petersburger High Life Theil, grämte

Grunde heimlich über die peinliche Gunst, die er genoss, während seine Jugendfreunde in Festungscasematten und sibirischen Bergwerken verschmach-

sich aber im

teten oder als Landflüchtige in fremden Hauptstädten lebten.

Er betäubte diese Stimmung, indem er seine Zuflucht zu dem bei hervorragenden Russen nicht seltenen Bewusstsein des Stolzes über Russlands Umfang und Kraft als Militärmacht nahm der ehemalige Radicale genoss ;

die Vorstellung, dass Russland jeden

zuschlagen vermöge,

dieser

Widerstand nieder-

entspringe nun

aus

dem

Selbständigkeitsdrange aufrührerischer Polen oder aus der

Freiheitsliebe

der

mit

diesen

sympathisirenden

westlichen Racen. So muss seine bekannte „Ode an die

Verleumder Russlands'' von 1831 verstanden werden. Trotzdem war er allzu verschieden von der weltlich gesinnten

Umgebung, unter

die er versetzt war, zu tief

PUSCHKIN UND LERMONTOW.

298

zu eigen, stolz und spöttisch,

zu bewundert und anerkannt von Denen, die seine Originalität begriffen, um nicht von Hass und schäumender Missgunst umbraust zu leben. Dieser Hass war es, der sich Genugthuung schaffte, indem er den französisch-holländischen Abenteurer Dantes (de Heekeren) in seinen Annäherungen original,

an Puschkin's Gattin beschützte und diesen dadurch

in

Tod trieb. Berechtigt war daher der Zornesausbruch, mit dem das junge Geschlecht in Eussland einen frühen

durch Lermontow's Stimme die Nachricht von Puschkin's

Tod

dem bekannten Duelle beantwortete.

in

moderne Persönlichkeit in der man es auch ausdrücken könnte, der erste hervorragende Mann, der den Muth hatte, seine Persönlichkeit vollaus in der Dichtung geltend zu machen. Im Gegensatze zu seinen Vorgängern Puschkin

ist die

russischen Poesie,

erste

oder

wie

schon als Jüngling herrisch auf, ohne Respect

tritt er

für litterarische Traditionen noch Autoritäten, hat,

schon ganz jung,

seiner

Stirn,

und

den Stemitel von Grösse

er

auf

den Schwung und die Macht in seiner

dichterischen Haltung, welche die Zeitgenossen zwingen,

ihm einen Häuptling zu begrüssen. Er trägt jenen Zug an sich, über den sich selbst die Gegner nicht irren. Er gehört zu denen, die gelästert, angegriffen, beneidet, gehasst werden, aber denen niemand den zweiten Rang beilegt. Die Vereinigung von Gewalt und Liebreiz in seiner Sprache übertraf in allzu hohem Grade, was man bisher gekannt hatte. Einem Ausländer erscheint Vieles in seiner Dichtung jetzt veraltet. Der überwältigende Einfluss Byrons, unter in

autokratischen

dem in

er reifte, ist in seinen kürzeren epischen Gedichten

allzu

hohem Grade merkbar. Von den

vieren, die er

zwischen 1821 und 1824 schrieb: dem „Gefangenen im

Kaukasus", dem „Springbrunnen in Bachtschissarai", den „Räuberbrüdern" und den „Zigeunern", ist das erste am ansprechendsten

durch

seine Naturbilder,

die

beiden

PUSCHKIN UND LERMONTOW.

299

folgenden dnrch die Eclitlieit des persönliclien Gefülils,

Byrons „Giaur'', „Der Corsar" nicht anPuschkins Räuber emi)finden ganz ge-

die durch die diiecte Naclialimung' von

„Der Gefangene gefochten wird

;

in Chillon",

wiss nicht wie wirkliche Räuber, aber er hat sein Gefühlsleben naiv und

kommen

lassen.

unverfälscht

durch

„Die Zigeuner" stehen

Worte

sie zu

am

höchsten.

Die frische Wildheit, in der die Gestalt des ZigeunerMädchens hervortritt, wirkt bezaubernd im Vergleiche mit der Haltungslosigkeit Aljeko's, der die Civilisation flieht und eines ihrer abscheulichsten Laster mit sich trägt

:

die Eifersucht, die ein anderes

Eigenthum betrachtet, den muthlich

hat

diese

feine

es

als dessen

Dichtung Prosper Mei-imec,

die Idee

der sie übersetzte,

Wesen

einmal geliebt hat. Verseiner Meisternovelle

zu

„Carmen" gegeben. Wie der Gefangene im Kaukasus, leidet Aljeko an Byron'schem Spleen und Skepsis. II.

An Byron (am

meisten an „Beppo") erinnert auch

das Gedicht „Graf Nulin", das einen leichteren, frivoleren

Ton anschlägt. Ganz unter dem Eindrucke des „Don Juan" begann Puschkin 1823 planlos sein Hauptwerk „Jewgeni Onjägin", zu welchem er sieben Jahre hindurch beständig zurückkehrte, um immer eigentliümlicher eine dichterische Selbstschilderung und überhaupt weit mehr Erlebtes darin

niederzulegen,

Poesien vorhanden

ist.

als

in

seinen

übrigen

Schliesslich ist seine grosse epische

Dichtung „Poltawa" augenscheinlich von Byrons „Mazeppa" inspirirt, obgleich sie, an und für sich betrachtet, Byrons Jugend gedieht bei weitem durch die malerische Kraft der Schilderungen und die treue historische Wie-

dergabe von dem

Hetmans

fürchterlichen Charakter

übertrifft,

die

stark

gegen

des

alten

das Romanzen-

gepräge absticht, das Byron dieser Gestalt gegeben.

PUSCHKIN UND LERMONTOW.

300

Nimmt man kurze

lyrische

Poesien

und

Prosa-

novellen aus, in denen Puschkin selbständig dasteht, so lässt sich

kaum

eine einzige Dichtung von

ihm anführen,

zu der er kein Vorbild gehabt. Seine versiflcirten Er-

zählungen im Volkstone, wie das „Lied von Oleg" oder seine Märchen, sind modernisirte B3"linen (Puschkin

ersten in Russland, der

einer der

sammelte). Sein einziges grosses

war

epische Volkslieder

Drama

„Boris Godunow",

dessen meisterliche Exposition so grosse Erwartungen

er-

weckt, ist eine Nachahmung von Shakespeare's historischen

Dramen (besonders von „Richard III." und „Macbeth'^). Wie wenig gerecht der litterarische Ruhm oft vertheilt wird, zeigt sich darin, dass dieses Drama weit berühmt und höchlich bewundert wird, während Merimee's „Les debuts d'un aventurier", das mit unendlich grösserer Originalität und Wahrheit denselben Stoff, die Erhebung des falschen Demetrius, behandelt, fast ganz unbekannt geblieben. Was endlich Puschkins Balladen betrifft, so sind sie nicht bloss stark von Mickiewicz beeinflusst, sondern zwei von den bekanntesten und am häufigsten übersetzten, die Balladen von den ,,Drei Budrj^ssen" und ist

vom

„W^ojewoden''

sind

wortgetreu dem

polnischen

Dichter nachübersetzt, ohne dass dies ausdrücklich ge-

nannt worden.

Vielleicht

haben

einige

der

älteren

Puschkin-Ausgaben eine Notiz darüber enthalten,

Volksausgabe hat keine,

und

in

die

Bodenstedts Ueber-

setzung von 1855 sind die Balladen ohne Weiteres als Puschkin'sche bezeichnet. Selbstverständlich bricht gleichwohl in den besten dieser metrischen novellen, in denen

sischen Historiker

nahm und durch.

Werke und noch mehr in den ProsaPuschkin die von dem grossen rus-

Karamsin geschaffene Kunstprosa über-

weiter entwickelte, eine starke Selbständigkeit

Wo

Puschkin sich am höchsten erhebt, da hat Grade das Kennzeichen des grossen

er in auffallendem

Künstlers, selbst krank, Gesundes hervorzubringen.

Der

PUSCHKIN UND LERMONTOW. Künstler

ist in

der Regel

Unregelmässigkeit,

zu langsam geht

ein

Ontlaw,

eine

301

lebendige

eine Uhr, die bald zu rasch,

bald



selbst Shakespeare und Moliere waren pathologisch angelegt aber seine überraschende Gabe ist es dann, dass sein Product, das er hervorbringt, gesund wird, gesetzbestimmt, eine Uhr, die richtig zeigt. So ist es mit Puschkin. Als Mensch war er nur in allzu hohem Grade ein Kind der St. Petersburger Civilisation, ein Opfer der Saloncultur und ein Sclave der Mode; als Dichter bezeichnet er, je mehr er sich entwickelt, desto deutlicher die beginnende slavische Reaction gegen St. Petersburg und den Hass gegen alle Saloncultur wie gegen die wahnsinnige Herrschaft der Mode, der die Grundleidenschaft in Jewgeni Onjägin" ist und seinen schärfsten Ausdruck da findet, wo Onjägin seinen besten



.,

Freund, den jungen Lensky, in einem von der Gesellschafts-Convenienz geforderten Duell tödtet.

Als Geist steht Puschkin weit hinter B3Ton zurück, in

dem

keine Blasirtheit die flammende Freiheitsbegeiste-

Leben war und ihn in den Tod während Puschkins jugendlicher Freiheitsglaube beim Eintritte des Mannesalters umschlug. Aber er übertrifft Byron in seiner Fähigkeit, Gestalten zu zeichnen. Seine schöne historische Erzählung „Die Tochter des Capitäns" ist Vorläuferin von Gogols „Taras Bulba", und seine feinen Novellen bahnen den Weg für die rung

angriff, die sein

führte,

Wirklichkeitsschilderungen der folgenden Generationen in

dem von einem russischen Kritiker

so

genannten

„sentimental-naturalistischen Stile".

III.

Wie Michael

weit näher steht nicht Puschkins Nachfolger Jurjeiuitsch

viel tiefer

liches

Lermontoiu

und intensiver wirkt

Gemüth

!

meinem Herzen er nicht

!

Wie

auf ein empfäng-

Nie vergesse ich den Eindruck, den „Ein

PUSCHKIN UND LERMONTOW.

302

Held unserer Zeit" in Marmiers französischer Uebersetzung auf mich als Schulknabe machte. Das war der Byronismus in seiner stärksten und feinsten Essenz, Grösse in diesem Kaukasus, nach welchem Lermontow immer und immer wieder verbannt wurde, Grösse in der Natur, Grösse und Kälte in der Seele des Helden. Das war der Prometheus der neuen Zeit, an den Kaukasus-Felsen geschmiedet. Das war Muth, Prunklosig'keit, Genuss verlangen, Ueberlegenheitsgefühl, durch Verban-

nung gefesselt, gemartert vom Adlerschnabel der lebensmüden Zweifelsucht. Wie habe ich dies Buch geliebt und bewundert, das erste, das ich als halberwachsener Mensch verstand, wie habe ich mit der armen Tscherkessin Bela gefühlt, mit der leidenschaftlichen und krankhaften Wera und mit der kleinen Fürstin Mary, mit allen diesen



und Frauen, die den harten, stolzen Petschorin lieben fast noch mehr mit dem alten Capitän Maxim Maximitsch, dessen bewundernde Ergebenheit Petschorin mit gleichgültiger Kälte lohnt.

das von Marmier

Und

Vorrede zum Roman wiedergegebene Gedicht,

in der

vortrefflich

das so bezeichnend für Lermontow ,Je

Du Du Du

to

ist:

rends graces, ö Seigneur!

tableau varie d'iin fcu des passions

et

monde

plein de chanues,

du vide du coeur,

poison des baisers, de rAerete des larraes,

De la haine, qui tue et de l'auiour, (|ni niont, De iios reves trompeurs perdus dans los espaccs, De tout enfin, uion Dien ruisse-je seuleuient Ne pas longtemps te rendre graces, !

Bodensted t hat eine Schilderung von Lermontow gegeben, wie er ihn im Winter vor seinem Tode in einer Ilestauration in Moskau sah: ein junger Offizier von Mittelgi-össe, mit

vornehm ungezwungener Haltung und

ungewülinlicher Elasticität in allen Bewegungen.

Hals trug er ein nachlässig

Um

den

geknüpftes Halstuch, die

Uniform war nicht ganz zugeknöpft und nicht ganz neu.

PUSCHKIN UND LERMONTOW. aber unter ihr sah

man blendend was

bückte sich nach etwas,

303

weisse Wäsche. hatte,

verloren

er

Er sagt

Bodenstedt, „mit einer solchen Geschmeidigkeit, als ob alle

Knochen

in

seinem Körper geknickt wären, obgleich

man nach Brust und

Schultern auf einen ziemlich starken

Knochenbau schliessen musste".

Und

er schildert den

Gegensatz zwischen dem grossen, ruhigen, seelenvollen Auge und dem spöttischen Ausdrucke um den feingeschnittenen

Mund;

im Gebrauche

den Cynismus Lermontows

er malt

der Sprache,

seine

Lust,

sich

an den

Anwesenden zum Ritter zu schlagen und seinen aufrichtigen Eifer, wieder zu versöhnen, wenn er jemand gekränkt hatte.

Was dass

sie

Einen an dieser Darstellung verwundert, ist, an Lermontows Beschreibung vom „Helden

unserer Zeit" nicht bloss lebhaft erinnert, sondern bis

Wendungen

auf einzelne Ausdrücke und spricht,

wo

Petschorin

der Stelle ent-

„Maxim Maxies: „Er war von

im Abschnitte:

mitsch" eingeführt wird. Dort heisst

Mittelgrösse, elegant und fein aber seine breiten Schultern ;

deuteten auf einen starken Körperbau, und wenn ihn beobachtete,

sah

man

leiciit,

dass

die

man

Natur ihn

um die Strapazen eines den Einfluss verschiedener Klimate, den Wirbel des Weltlebens und die Stürme des Seelen-

mit Kräften ausgerüstet hatte,

unstäten Lebens,

lebens auszuhalten. Unter seiner Sammtjacke, die nachlässig zugeknöpft war, sah

eines

der Kennzeichen

schmack

man

vollständig reine Wäsche,

Mannes von gutem Geauf die Bank setzte, schien

eines

Als er sich

seine Gestalt sich gleichsam zusammenzufalten, ganz als

wäre kein Rückgrat in seinem Rücken. Seine ganze Stellung verrieth dann eine Art nervöser Schwäche." Diese Parallele zeigt, in wie hohem Grade Lermontow seine eigene Persönlichkeit beim Ausmalen von Petschorins Wesen vor Augen hatte, und wer mit seiner ganzen Pi'oduction vertraut ist, wird leicht sehen, wie

PUSCHKIN UND LERMONTOW.

304

viel

von Petscliorin sich wieder

personen

seiner

beiden

in

den zerrissenen Haupt-

grössten Dichtungen,

Dämon" und „Ismail-Bey"

„Der

wiederfindet.

IV.

Lermontow wurde in Moskau geboren, sah schon als Knabe die wilden Berggegenden des Kaukasus, nahm das Byron'sche Wesen in sich auf, studirte an der Universität seiner Geburtsstadt, St.

machte

Petersburg durch, verliess

die Junkerschule in

sie als

Cornet

vom

Leib-

husarenregiment und war schon als ganz junger Oflizier

durch

seine

ausgelassenen

und

unanständigen

Vferse

bekannt. Die Dichtung „Hadsji-Abrek" aus seiner ersten

Jugend

ist

energisch und hart,

setzte Phantasie von Merimee.

wie eine

in

Verse ge-

1837 wurde der drei-

undzwanzigjährige Dichter zum ersten Male nach dem

Kaukasus verbannt, aus einem nur in Russland möglichen Grunde, wegen seines Klagegedichtes über Puschkins Tod, das nur wiedergab, was Alle, auch der Kaiser, fühlten, worin Lermontow aber die Kühnheit gehabt hatte, Nikolai um Rache gegen den Mörder anzurufen, der einer der Lieblinge der Gesellschaft war, wie er später

unter Napoleon IIL einer der

Männer des französischen

Kaiserhofes wurde, und sich besonders durch sein freches

Auftreten im Senate gegen Sainte-Beuve bekannt machte.

Nach Verlauf

eines Jahres

wurde Lermontow be-

gnadigt und lebte nun einige Jahre in

St.

Petersburg,

hochangesehen als Dichter. Er gab sein „Lied vom Zaren Iwan Wassil je witsch, von seinem jungen Leibwachenhäuptling und dem kühnen Kaufmanne Kalasch-

bereits

nikow" heraus.

Ton der

Schon Puschkin hatte versucht,

den

alten Bylinen anzuschlagen, doch nur in ganz

märchenhaften Poesien, Lermontow belebte aufs neue den Vortrag der historischen und heroischen Bylinen in einem anmuthsvollen kleinen Epos, das im strengsten

PUSCHKIN UND LERMONTOW.

305

Stile gelialten war und in welchem der Zeitgeist aus Iwans III. Periode in reiner Naivetät zum Ausdrucke kommt. Welch ein Künstler war er, dieser Dämon in Menschengestalt, der schon als Knabe Mann gewesen und der als Jüngling starb, nachdem er Werke von unvergänglicher Bedeutung hervorgebracht hatte.

Und

gleichzeitig schreibt er jenes

lyrischer Gedichte,

in

denen

Gewimmel kurzer stolze Seele

seine

ohne

Umschweife ihre Unbeugsamkeit an den Tag legt. Puschkin konnte nachgeben, sich gewinnen lassen, Brutalitäts-Patriot werden konnte er nie. Seine Freunde täuschten und verriethen ihn. Er verblieb treu in Freundschaft. Andere verglichen sich mit dem, was sie gehasst. Er verblieb treu gegen sich selbst in seinem Hass. Die Grösse und Hoheit seines inneren Wesens brachten ihn beständig aufs neue zu Falle. Er fuhr

fort,

gross zu fühlen

Er war von Spionen umgeben, verdächtig, wenn er schwieg, preisgegeben, wenn er redete, verketzert, verleumdet, verhasst, verlassen. Er war immer weit grösser und stärker als sein Geschick. Nie hat er und

frei

zu denken.

vor Baal das Knie gebeugt. Sie schalten ihn einen schlechten Patrioten.

wortete: „Ich liebe mein

Vaterland, aber für

Er

ant-

Barbarei

kann ich keine Begeisterung fühlen. Ich mag nicht den Euhm, der für Blut gekauft wird, nicht das stolze Vertrauen, das sich auf Bajonetten stützt, auch nicht die Glorie

des grossen Alterthums." (Gedicht: „Mein Vaterland".)

Aehnliche Ausbrüche von Geringschätzung und Abscheu

vor blutigem Walten enthält die meisterliche Schlachtmalerei: „Walerik".

Wie nimmt

sich

dagegen Puschkin

herkömmlich aus!

Lermontows

innerstes Stimmungsleben

zu Tage in der Sammlung:

liegt offen

„Kleine Einfälle und Aus-

haben ihn gepeinigt, weil er wagte zu denken, gesteinigt, weil er zu reden wagte; sie konnten nichts antworten, daher ihre Raserei. Aber er beneidet ihnen

fälle".

Sie

20

;

PUSCHKIN UND LERMONTOW.

306

nicht ihre Ordensbänder; auch nicht die Geschmeidigkeit

desRückens, wodurch diese gewonnen wurden. Alles haben sie

ihm geraubt, nur nicht seinen Stolz und seinen Muth.

Er hat für das Schöne

geglüht, für das

Wahre

gefochten

das schien den Anderen schlecht und gefährlich. Nun,

da ihm die Freiheit geraubt ist, hat langes, einsames Nachdenken seinen Hass in grenzenlose Verachtung verwandelt. Er weiss, dass Eine Bitte um Gnade, Ein reuiges Wort ihm alle Wege öffnen würde, aber eher bricht er zusammen in seinen Ketten, ehe er dies eine, lügenhafte Wort sagt, das ihn retten könnte. Er gönnt den Anderen ihre Freuden; er schenkt den Anderen ihr Bedauern; Alles will er eher werden, als ihnen gleich.

1840 wurde Lermontow zum zweiten Male

Kaukasus verwiesen wegen

in

den

dem Sohne

eines Duells mit

des französischen Gesandten, des Litteratur-Historikers

Baranze. Er war ein grundsätzlicher Gegner des Duells, als Edelmann und Offizier sich von den Forderungen der Gesellschaft nicht freimachen, denen um ihn herum gehuldigt wurde. Bald nachdem er die Hauptstadt verlassen, erschien sein Eoman „Ein Held unserer Zeit". In diesem Buche war Mehreres, wozu die höhere Gesellschaft der damaligen Zeit die Modelle auffinden konnte. Ein Kamerad Lermontows, Mart3'now,

konnte aber

fühlte sich durch verschiedene Stellen des

Romans

be-

leidigt (wahrscheinlich glaubte er sich in Gruschnitzki's

Person portraitirt), und

Witz über

seinen

als

der Dichter eines Tages

ihn ausgehen Hess, ergriif er die Ge-

legenheit zu einer Herausforderung. In

dem

Duell, das

Herz geLermontow am troffen. Ein Denkmal wurde ihm in Pjatigorsk errichtet, in dessen Nähe er gefallen war. Ein Dämon war in ihm, ein Herrschergeist, heiss folgte,

und

fiel

und grausam, wild und zärtlich; Unabbis zum Trotze gegen Alles, was ihm stand, und bis zum Losreissen von Allem,

kalt, gut

hängigkeit über

15. Juli 1841, ins

liebend

!

PUSCHKIN UND LERMONTOW. was

klammern

sich an ihn

montow war, hat

So jung,

wollte.

307

wie Ler-

er oft sich selbst fragen müssen,

nicht ein böser Geist in ihm

lebte

:

ob

der Geist, der ihm

Frauen gewann, die ihm bald zur Last wurden, und der hohnlachte und spottete, wo Andere sich gerührt fühlten. Wäre er über die 27 Jahre hinausgelangt, die ihm vergönnt waren, so hätte diese Frage ihn nicht mehr geplagt. Er hätte dann gefühlt, dass seine Kraft gesund, sein Recht sicher, seine Natur reich und gross war, und dass der Ursprung seines Wesens jenseits von dem Gegensatze zwischen Gut und Böse lag. Was wir von ihm besitzen, ist nur der eine unvergleichliche Prosaroman und einige Bände Poesien, die von der Censur (derselben Censur, die alle bildlichen Darstellungen von Frauen verbot, „die nicht vollständig angekleidet waren, d. h, vom Kinn bis an die Kniee") mit wahren Breschen durchlöchert worden. Aus seinem „Märchen für Kinder" ersieht man, dass das, was wir z.

B.

vom „Dämon"

besitzen

Popularität in Russland

— diesem Gedichte,

schon dadurch

dessen

bezeugt wird,

dass man die Illustrationen dazu an allen AVänden sieht und dass Rubinstein den Text zu einer Oper daraus in Wirklichkeit so wenig ist, dass nach genommen



Meinung „auch nicht eine Spur von der dämonischen Natur des Geistes übrig geblieben". Wie

des Dichters

hoch steht nicht

dennoch dieser

„Dämon" über de

Vigny's berühmten „Eloa"

Es

ist

die

ganze Romantik des Kaukasus-Gebietes

in dieser Poesie lebendig

drungen von

:

Natur und Menschen durchheroischen Stimmung, be-

einer wilden,

leuchtet von jugendlichem Trotz wie von Blitz auf Blitz.

Keiner schildert hinreissender als Lermontow den

ein-

samen Ritt eines jungen tscherkessischen Fürsten längs der kaukasischen Bergpfade. Niemand hat wie er eine Schlacht zwischen Kosaken und Tscherkessen gemalt. Puschkins Schlachtmalerei in „Poltawa" ist mächtig und 20*

PUSCHKIN UND LERMONTOW.

308

pompös, aber sie ist die phantastische Reconstruction einer Vorzeit durch einen Dichter. In Lermontows „Walerik" ist

auch der kleinste Zug

wahr und

erlebt, gesehen, so

schlagend

bewunderungswürdig wiedergegeben, dass keine andere Dichtung uns ihm näher bringt. Man sieht so

ihn vor sich, wie er daliegt, ehe die Schlacht beginnt,

das weisse Zeltlager vor seinem Auge ausgebreitet, wäh-

rend die Kosaken-Pferde, klein und mager, mit hängen-

dem Kopfe an

Man

seiner Seite stehen.

fühlt die

Sonne

brennen, sieht die Kosaken-Posten, zwei und zwei in der

Ferne, hört die ersten Kugeln und die ersten Rufe.

man Lermontow

Und

Menschen und Schilderer kennen lernt, desto lieber gewinnt man ihn. Es ist sinnbildlich, dass sein Laben eine Reihe von Zurücksetzungen und Verbannungen in dem Lande war, von dem er selbst irgendwo sagt Niemand komme da vorwärts ausser Denen, die zurückgehen. Seine Dichtung

je

eindringender

als

:

wirkt durch ihre starke persönliche Originalität. Er begann,

wie

alle russischen Schriftsteller, unter

fremdem

zunächst deutscher Schreckensromantik



seiner Jünglingszeit führt den deutschen Titel

und

Leidenschaften"

genössischen Polen



später sah

er,

Einflüsse,

ein Arbeit aus

„Menschen

wie

und Puschkin zu Byron

die

zeit-

als

zum

grossen Dichter des Zeitalters auf; aber obgleich er so

ganz jung stirbt, jünger sogar als Shelley, steht seine männliche und stolze Physiognomie mit reinen und deut-

Zügen vor uns. Er war zu sehr von

lichen

um

sich

und seinem Eigenen

erfüllt,

das breite Russland vor unserem Blick entfalten zu

können, er war ein revolutionärer Geist, aber ein revolutionärer Romantiker. Bald nach ihm oder gleichzeitig

mit ihm begannen neue Richtungen sich in Russlands Litteratur und Geistesleben geltend zu machen,

Rich-

tungen, die Puschkins und die seinige ablösen sollten.

8.

Fjodor Dostojewski. (1888)

m Gegensatz

zu

dem nationalen Pessimismus

bei

Turgenjew steht bei Dostojewski der nationale Optimismus. Der grosse Skeptiker Turgenjew, der an so wenig glaubte, glaubte an die Kultur Westeuropas. Dostojewski achtete den Occident gering und

Kann man

glaubte an Russland.

genjews beinahe

als

die Production Tur-

Emigrantenlitteratur ansehen,

so

stehen wir mit Dostojewski ganz auf russischem Boden; er ist der autochthone Dichter, der echte

Barbar ohne

einen Tropfen klassischen Blutes in seinen Adern.

Man

betrachte dieses Antlitz! halb russisches Bauerngesicht, halb Verbrecherphj'siognomie, mit flachgedrückter Nase, kleinen, durchbohrenden Augen unter Augenlidern, die

vor Nervosität zittern, langem, dichtem, unordentlichem

Kopfhaar: dazu eine Denker- und Dichter-Stirn, gross und wohlgeformt, der ausdruckder selbst geschlossen von zahllosen vollste Mund, Qualen zu reden scheint, von abgrundstiefer Wehmuth, von krankhaften Lüsten, unendlichem Mitleid, leiden-

und

Bart

1

in

hellem

Zuerst



in nicht

wenig verschiedener Form



erschienen

„Deutsche litterarische Volkshefte, herausgegeben von Leo Berg,

Heft

3,

Berlin,

Brachvogel

&

Ranft, 1890."

FJODOR DOSTOJEWSKI.

310

schaftlichem Neid, Unruhe und Verbissenheit!

Körper, der nur Nerv

Man

be-

und schmächtig, krummgebeugt und zäh, von Kindheit an Dieses behaftet mit Krämpfen und Halhicinationen! beim ersten Blick unansehnlich und gemein, Aeussere trachte

diesen

ist,

klein



bei näherer Betrachtung unheimlich genial, entschieden



spricht krankhaft und entschieden aussergewöhnlich von Dostojewskis epileptischem Genie, von dem Born

der Milde, der seine Seele erfüllte, von den Wellen eines fast

wahnwitzigen Scharfsinnes, die ihm oft zum Kopf von jenem Ehrgeiz, der Grösse in der

stiegen, endlich

und jenem Neide, der Kleinliches

Bestrebung,

in der

Seele schafft.

Ein Charakter, der an Rousseau erinnert, reizbar und misstrauisch, mit Anfällen von Gemeinheit und doch des höchsten Aufschwungs fähig. Obwohl seine Familie zu dem russischen Klein-Adel gehörte, aus welchem in der Regel die untergeordneten Beamten hervorgehen, war er doch durch und durch, wie Rousseau, Demokrat, Ist er auch noch dazu ein Ideen fanatiker, wie Rousseau, so unterscheidet er sich doch von ihm durch tiefe, seelischeZüge: Rousseau istDeist, abertrotz aller Empünd-

samkeit kein Christ, ein Feind der christlichen Demuth und jeder Art von Unterwerfung unter das Schicksal.



ganz gleichgültig ob sein Dostojewski hingegen ist in seinem dogmatischer Glaube orthodox war oder nicht



ganzen Gefühlsleben der typische Christ. Seine Werke machen ein wahres Repertorium von christlich aufgefassten Charakteren und Gemüthszuständen aus. Alle seine Personen sind Kranke, Sünder oder Heilige beiderlei Geschlechts, undderUebergang vom Sünder zum Bekehrten,

von der Sünderin zur Heiligen, vom leiblich Kranken zum seelisch Gesunden vollzieht sicli bald durch langsame Läuterung, bald blitzartig wie in dem Neuen Testament, ja

und

zuweilen der

ist

die

grösste

Sünderin

Verbrecher

zugleich

eine

ebenso

nahe

Heilige,

daran.

FJODOR DOSTOJEWSKI.

311

bewunderungswürdig' wie schurkisch zu

sein. Pliysiolo-

Typen von Armen und Elenden, von unwissenden Herzensguten, einfältig zarten Naturen, edlen Freudenmädchen, nervösen Vergisch und i)sychologisch sind alle diese

störten, beständig

Epileptikei-n,

an Hallucinationen Leidenden, begabten

schwärmerischen Märtyrern

selben Typen, die wir bei den Aposteln

— gerade

die-

und Schülern

des ersten christlichen Zeitalters ahnen.

I.

Fjodor Michalo witsch Dostojewski wurde imOctober 1821

zu

Moskau

im

Armenhospital

geboren,

wo

Arzt angestellt war. Die Familie hatte und wenig Vermögen. Fjodor und sein Bruder Alexis, mit dem er sein Leben lang durch vertraute Freundschaft und gleiche litterarische Interessen verbunden war, wurden auf die militärische Ligenieurschule nach Petersburg geschickt, und gingen aus derselben als Unterlieutenants hervor. Aber bereits nach einem Jahre (1844) suchte Fjodor seinen Abschied vom Militärdienst, um ganz der Litteratur zu leben. Er litt schon damals unter der Krankheit, die sich noch verschlimmerte, sein Vater als

Kinder

viele

als er in Sibirien

mit Peitschenhieben gezüchtigt wurde,

Krämpfe und war ausserdem die er später behandelt, und

Der

er hatte

visionär.

Steife,

seines Talentes

wegen, Verbrecherpsychologie zu geben, ist folgende Aussage von ihm zu einem Freunde charakteristisch „Die :

Niedergeschlagenheit, die bei mir auf die epileptischen Anfälle folgt, hat das Bezeichnende: ein grosser Verbrecher

bekannte Schuld^

eine

;

ich

fühle mich wie

kommt mir

vor, als ob eine un-

verbrecherische

That mein Gewissen

es

bedrücke."

24 Jahre

Am

alt schrieb er

Schluss seines Lebens

den hat

Roman „Arme er

in

Leute".

dem „Tagebuch

FJODOR DOSTOJEWSKI.

312

eines Schriftstellers" die

Umstände

erzählt, unter

welchen

sein erster Eintritt in die Litteratur erfolgte.

seinen er

Roman

Als er

geschrieben hatte und nicht wusste, wie

das Manuscript anbringen

sollte,

bewog

einen

er

seiner Freunde, den später bekannten Schriftsteller Gri-

gorowitsch dazu, es dem Dichter Njekrassow zu über-

um

bringen. Des Morgens

Klopfen an

kam

Uhr hörte Dostojewski Es war Grigorowitsch

3

Thür.

seiner

mit Njekrassow

;

zurück,

der den

Roman

ein

er

bereits

gelesen hatte und so erfüllt von ihm war, dass er sich

gedrungen

fühlte,

den Verfasser sogleich an sein Herz

zu drücken. Als er spät

Dostojewski

gleich zu Bjelinski,

dem

am Morgen

des nächsten Tages

ging er mit dem Manuscript

verliess,

„dem

so-

russischen Gedanken-Orakel,

Kritiker, dessen blosser



Name

die

Debütanten ent-



„Ein neuer Gogol ist auferstanden" rief Njekrassow, indem er in die Thür trat. „Ja, gewiss, sie schiessen auch heutzutage wie Pilze empor!" antsetzte."



wortete Bjelinski ärgerlich und griff unwillig nach

Manuscript. Aber die

Wirkung auf ihn war

dem

dieselbe wie

auf Njekrassow. Als der Verfasser ihn besuchte, rief er

ihm leidenschaftlich zu

:

wahr das Ich glaube nicht. Aber Sie sind, wie

spiration darin. Sie

„Verstehen Sie selbst, jung wie

was Siegeschrieben haben?

ist,

es ist wahre, künstlerische In-

Respectiren Sie selbst die Gaben, die

empfangen haben,

und

Sie

werden

ein

grosser

Schriftsteller."

Um

diese

Ueberraschung und diese Begeisterung

verstehen zu können, muss

man

sich erinnern, dass die

russische Litteratur noch keinen einzigen Versuch dieser

Art enthielt ausser Gogol's „Mantel", und dass Turgenjew's „Tagebuch eines Jägers" erst fünf Jahre später erschien. Als ein paar Monate nach der Unterredung Bjelinski's mit Dostojewski der Roman „Arme Leute" gedruckt vorlag, war des Verfassers litterarisches Ansehen mit Einem Schlag'e begründet.

FJODOR DOSTOJEWSKI.

313

Die Uurulie und Vielseitigkeit seines Wesens kann man schon daran erkennen, dass er unmittelbar, nachdem er in einer Richtung dehutirt hatte, die sich der nähert, welche Dickens kurz zuvor eingeschlagen mit

hatte, in

Paul

und

der

einer

werthlosen und

de Kock's Manier:

Ehemann

unter

komischen Novelle „Die Frau eines Andern

dem

Bette'',

fortfahren

konnte.

Er hatte alt

hatte

er

Zwölf Jahre schon Karamsin und Walter Scott, Ge-

früh übermässig viel gelesen.

und geschichtliche Romane wühlt. Das Leben griff ihn an, nervös,

schichte

in

Menge durch-

reizbar, furchtsam,

empfindsam, überentwickelt wie er war, noch dazu mit der ungewöhnlichsten Fähigkeit ausgerüstet, sich in ge-

Auf der Ingenieurschule las er besonders ^eifrig Balzac, schwärmte für Pere Goriot, der mit seinem ganzen geistigen Gepräge dachte Situationen zu

versetzen.

eine von den Voraussetzungen für seine eigenen

Romane

und übersetzte „EugenieGrandet", beschäftigte sich im Uebri^n viel mit George Sand und Eugene Sue, Dickens und Hoffmann, die alle in seinen Productionen hergiebt,

zu erkennen sind. In dieser ersten Jugendperiode

Dostojewski noch eine Beute der Einflüsse. zählt,

Er hat

war

verschiedenartigsten

selbst in seinen späteren

Jahren

er-

wie Bjelinski ihn zum Socialismus führte und, wie

er es nennt, sich bestrebte ihn

Hass und

zum Atheismus zu

be-

Undankbarkeit gegen die Männer, die auf seine Jugend einwirkten, Herzen, Bjelinski u. s. w., und der seinen Ausdruck in dem Roman „Die Dämonen" (Die Besessenen) erhalten hat, macht sich in diesem bitteren und giftigen Versuche geltend, die Schuld für seine Jugendüberzeugungen auf einen Todten zu werfen. Man muss sich erinnern, dass es ein alter Reactionär ist, der da spricht, und zu seiner Vertheidigung sich erinnern, dass Dostojewski ein vom Derselbe

kehren.

dieselbe

:

Leben misshandelter Mann war.

FJODOR DOSTOJEWSKI.

314

Am

23. April 1849, des

Morgens um 5

wurde Männern

ülir,

er zugleich mit dreiunddreissig andern jungen

gefangen genommen.

Er hatte längere sich

um

Zeit einem Kreise angehört, der

einen gewissen Petraschewski gebildet hatte,

einen Anhänger von Fourier's' System; in diesen Zusammenkünften ward laut und unvorsichtig gesprochen der Führer war als echter Fourierist ein Feind von Göttern und Königen, ein Gegner der Ehe und des Eigenthums Die Anklage gegen in ihren herrschenden Gestalten. ;

Dostojewski persönlich lautete auf: Theilnahme an den

Begegnungen des Kreises, Aeusserungen über die Strenge der Censur, Vorlesen oder doch Zuhören beim Vorlesen verbotener Broschüren, endlich Versprechen möglicher Hülfe zur Errichtung einer Druckerei.

Die Angeklagten wurden nach dem Kastei geführt und dort in den Kasematten isolirt. Sie blieben dort acht Monate ohne andere Zerstreuung als die Verhöre. Erst gegen Ende ihrer Gefängnisszeit wurden ihnen einige Erbauungsbücher gestattet. Der arme Dichter, der allein auf den Umgang mit seinen Gedanken angewiesen war, fühlte sich wie unter einer Luftpumpe.

Am man

22.

December wurden

für schuldig befunden hatte,

Platz geführt,

wo

die Angeklagten,

nach dem Semenowski-

bereits ein Schafott

errichtet war.

Bei einer Kälte von 21 Grad Eeaumur zwang sich bis aufs blosse

Hemd

die

auszuziehen

um

man

sie,

ihr Urtheil

Das Vorlesen dauerte eine halbe Stunde. Als es begann, wandte sich der stets optimistische Dostojewski zu seinem Nachbar und sagte: „Sollte es möglich sein, dassman uns hinrichten will ?" Statt zu antzu vernehmen.

worten zeigte der Gefragte nur auf einige Gegenstände, die unter AVagendecken verborgen standen, und wie Särge

aussahen. ,,

Das Todesurtheil endete mit den Worten:

sind dazu verurtheilt erschossen zu werden." Ein

Priester mit

dem

Crucifix in der

Hand

trat

nun vor und

;

FJODOR DOSTOJEWSKI. forderte die

zum Tode

auf eine einzige Ausnahme ab.

und zwei andere von

darauf Petraschewski

den Anfülirern an Pfähle.

Ein

pagnie Soldaten die Gewehre ersten

zu beichten.

Verurtlieilten auf,

Sie sclilugen es alle bis

Man band

315

Commando-Worte.

Offizier Hess seine

und

laden

Erst

in

Com-

ertheilte die

diesem Augenblick

wurde eine weisse Standarte geschwungen und den Ver-

die sie

der

dass

mitgetheilt,

urtlieilten

geändert habe. Unten

Kaiser

am Schafott warteten

nach Sibirien bringen

sollten.

ihre

Strafe

die Schlitten,

Dostojewski war

zu zehnjähriger Zwangsarbeit verurtheilt.

Die Strafe

wurde jedoch später zu fünf Jahre Zuchthaus und

vier-

jährige Dienstzeit als gemeiner Soldat mit Verlust des

Adelstandes und In Tobolsk sie

bürgerlichen

der

trennten

sagten einander

Eechte verändert.

Wege Lebewohl. Man sich

die

der Gefangenen legte ihnen Fuss-

Köpfe und schickte sie in ihre verschiedenen Bestimmungsorte. Was Dostojewski in dem sibirischen Zuchthaus unter Verworfenen und Bettlern, Unwissenden und Wilden, Verbrechern und Verzweifelten sah und fühlte, erlebte und erlitt, das hat er in indirecter Form der Welt in

fesseln an,

rasirte ihre

seinen „Aufzeichnungen aus theilt, in

dem todten

Hause'' mitge-

beschreibender und psychologischer Hinsicht

einem der grössten Meisterwerke, das irgend eine Litteratur aufzuweisen hat. Hätte er in eigenem Namen geschrie-

ben und sein Verbrechen

würde das Buch

als ein politisches bezeichnet,

die Censur nicht passii-t haben.

Wir

daher einen erdichteten Erzähler, der in plötzlicher Leidenschaft ein gewöhnliches Kriminalverbrechen treffen

begangen hat, und auf dessen Rechnung die Beobachtungen kommen. Was Dostojewski nicht erzählt, ist, dass er selbst persönlich der Gegenstand jener entsetzlichen körperlichen Strafen war, die er beschreibt.

Von 1849 — 1859 war Dostojewski völlig todt.



für die Litteratur

"^

;

FJODOK DOSTOJEWSKI.

316

37 Jahre alt kelirte er mit zerrüttetem Nervensystem von Sibirien zurück. Eine grosse Veränderung war mit ihm vorgegangen. In den vier Jahren, die er in der Zwangsanstalt zugebracht, hatte er nur ein einziges

Buch

bei sich

gehabt, das Neue Testament, und er hatte es wieder und

wieder gelesen. erloschen.

Alle

Er sah

Empörung

seiner Seele

in

war

jetzt nicht allein ein, mit wie geringer

Menschenkenntniss er so jung die Welt hatte reformiren wollen, und wie wenig jener abstrakte Idealismus verschlug er war auch durchaus fromm und demüthig, gehorsam und unterthänig geworden. Er fand seine Strafe gerecht; ja, noch mehr, er war Kaiser Nikolai dankbar dafür. Er bildete sich ein, dass er ohne sie wahnsinnig gewoi'den wäre meinte, dass das geheimnissvolle Entsetzen, das er stets bei Anbruch der Dunkelheit fühlte, ihm unter normalen Verhältnissen den Vei'stand geraubt haben würde; nun nahmen wirkliche Leiden diesem die Macht. Zunächst hatte er einen tiefen Einblick in das Seelen-

sondern

;

leben

des

russischen Volkes

erhalten.

Sein Geschick

was gewöhnlich und er hatte bei

hatte ihm die Einsicht in das eröffnet, als die

Kloake der Menschheit

jedem,

selbst

dem am

tiefsten

gilt,

Gesunkenen trotz

aller

Niedrigkeit etwas Werthvolles gefunden. Gleichzeitig da-

Glauben an den Nutzen und die Mög-

mit, dass er den lichkeit

einer

gewann

er den

politischen

Kevolution

verloren

hatte,

Glauben an eine sittliche Eevolution im Geiste des Evangeliums. Er kehrte deshalb als der Philantrop unter den russischen Dichtern, als der Dichter der hilflosen Parias zurück.

Mit Recht

ist

anderswo gesagt

:

was Wilberforce im wurde

englischen Parlament für die Neger gewesen, das

Dostojewski

in

der russischen Litteratur für das Prole-

tariat, d. h. ihr

Fürsprecher. Er

ist

als

Künstler wahr-

um den Paria nicht sonderlich zu Poet schwärmerisch genug, um das

heitsliebend

genug,

verschönen,

als

Bestehen eines „göttlichen Funkens'' selbst bei diesen

FJODOR DOSTOJEWSKI.

317

Elenden zu verkünden. Ja noch mehr, die Moral, die er verkündet,

vielleicht der reinste

ist

Ausdruck für die

Paria-Moral, und reiner vielleicht noch als das historische

Christenthum,

worin sich auch andere Moral-Elemente

finden.

Dieses stete Preisen des Selbstlosen, Aufopfernden (im Gegensatz

zu

dem, der seine volle Kraft einsetzt

für Selbsterhaltung-, Selbstentwicklung-

und Machterwei-

dem Geist der Der Nächste lobt die Selbstlosigkeit, weil er Vortheil davon hat; dächte er selbstlos, würde er alles von sich weisen, was ihm zum Vortheil geentspringt

terung-)

jedoch

keineswegs

Selbstlosigkeit.

reichen kann. Hierin liegt der Grundwiderspruch dieser

Moral, dass ihre Beweggründe gegen ihr Prinzip streiten. Sie wird verkündet zum Besten der missglückten Menschen und hat deshalb in der Regel keine eifrigeren und wärmeren Fürsprecher als die Art von Misslungenen, die

nicht selbständiges Geistesleben ihrer eigenen Ideenwelt

nannte Bildung genug,

genug haben,

leben zu können,

um

um

in

aber soge-

darunter zu leiden, und deren

Was für Begabung und Bildung auch solche Menschen haben, es bereitet ihnen tiefstes

Wesen

der Neid

ist.

leben in einem steten Bedürfniss der Rache von denen sie argwöhnen, dass sie geniessen. Dostojewski entwickelt sich zu einem kolossalen Muster dieses Typus, als er die schlimmsten Misshand-

nur Qual;

gegen

sie

die,

lungen seines Lebens hinter sich hat und nun arm, bald verschuldet und in steten, endlosen Geldverlegenheiten,

abhängig von den Verlegern, deren Vorschüsse ihm den aufs Neue anfangen soll,

Lebensunterhalt verschaffen, sich einen

Das

Weg

in

der Litteratur zu bahnen.

nach seiner Rückkehr von Sibirien schreibt, „Erniedrigte und Beleidigte" gehört erste Buch, das er

nicht zu seinen besten Werken, es enthält Charaktere, die er bereits in seinem ersten

Buch angedeutet hatte und die Er hatte von Sibirien eine

später bei ihm wiederkehren.

FJODOB DOSTOJEWSKI.

318

junge Frau mitgebracht, die

Wittwe

eines

der

welche

in

er

verliebt

war,

Anhänger Petraschewski's, der

in der Gefangenschaft starb. Sie ihrerseits liebte einen

andern,

und Dostojewski's Briefe zeigen, wie

ganzes Jahr

daran

arbeitete,

mit

sie

seinem

er

ein

Neben-

buhler zu vereinen und wie er seine Freunde in Bewegung setzte

um

beiden aus

die Hindernisse

für

die

Verbindung dieser

dem Wege zu räumen. Dieser Kampf endete

indessen damit, dass er sie selbst heirathete.

Diese Wirklichkeit liegt der Handlung in den „Erniedrigten und Beleidigten" zu Grunde, worin übrigens die Gestalten, die

an Dickens erinnern, keinen lebens-

wahren Eindruck machen. Dostojewski warf sich auf die Journalistik, die während seines ganzen Lebens ihre Anziehung auf ihn bewahrte und welcher er viel Zeit und Kraft gewidmet hat. Er wurde Mitarbeiter an den von seinem Bruder Michael herausgegebenen slavophilen Zeitschriften, zuerst

„Die Zeit'', dann „Die Epoche'' und predigte Liebe und Bewunderung für Russland, „das nicht mit dem Verstände begriifen werden kann, sondern an das man glauben muss."

Im Jahre 1865

verliert er seine erste Gattin

und

seinen Bruder Alexis; Michaels zweite Zeitschrift geht ein,

und Fjodor flüchtet ins Ausland, um seinen Gläubigern

zu entgehen. Er hat keine Freude an der Reise, die er

durch Deutschland, durch Frankreich und Italien macht.

Er hat

um

stets epileptische Anfälle,

seine Verleger

um

und muss heimkehren,

neue Vorschüsse zu bitten,

die

ihm auch, aber unter den ungünstigsten Bedingungen, gewährt werden. Von der Reise bringt er einen einzigen tiefen Eindruck mit, den einer Hinrichtung, deren Zuschauer er in Lyon gewesen ist. Sie hat ihm den Augenblick seines Lebens zurückgerufen, in dem er sich am tiefsten erschüttert fühlte, und an den die Erinnerung stets in seinen Romanen wiederkehrt: jene Morgenstunde

FJODOR DOSTOJEWSKI.

am

auf dem Scliafott er einen niächtig-en

22.

319

December 1849. 18G2 machte

Eindruck auf die Lesewelt mit seinen

„Erinnerungen aus dem todten Hause" 1866 aber schluger völlig durch mit „Verbrechen und Strafe" (Raskolni;

kow),

Beitrag zu

das einen

maligen Russlands

Was

wie kaum

lieferte,

das Buch schildert,

cielles; in

Wirklichkeit

der Psychologie

ist

des da-

ein anderes

Werk.

nur anscheinend etwas Spe-

rollt es

ein allgemeines grosses

Gesellschaftsbild auf.

II.

Das Problem, das im engeren Sinne als das des Buches bezeichnet werden kann, ist ein Problem, mit dem die meisten denkenden Köpfe sich beschäftigt haben: die sich selbst widersprechende Doppelbetrachtung der des Menschenlebens. Man Bismarcks Reden tüchtig behandelt. ^ Es beschcäftigte mich als vor mehreren Jahren in Berlin ein Mord an einem mehr als 82 Jahre alten Weibe verübt worden, die von einem der vielen Liebhaber, welche

Gesellschaft von findet das

dem Werth

Problem

in

durch Geld gewonnen hatte, erschlagen wurde. Das Problem war dieses hat das Menschenleben unbedingten Werth? Warum beantwortet die moderne Gesellschaft diese Frage auf eine sich widersprechende Weise ? Sie straft mit den härtesten Strafen die Mutter, die ihr neugeborenes Kind tödtet, ohne Rücksicht darauf, dass sie nur aus Furcht vor Schande oder vor Mangel sich selbst sie

:

einen weit grösseren Verlust und einen weit grösseren

Schmerz zufügt

als

der Gesellschaft; ja sie bestraft

sie,

wenn ihr Beweggrund der gewesen ist, das Kind vor all' dem Elend zu behüten, das es zu erwarten hätte.

selbst

Die Gesellschaft fordert, dass der volle Kelch irdischen

Unglücks über das Haupt des kleinen Wesens

1

Gesammelte Reden

des Fürsten Bisniarck.

(Hahn

ausge-

1.

895.)

FJODOR DOSTOJEWSKI.

320

gössen werden

soll. Aber die Gesellscliaft widersetzt Anlage von Fabriken, deren Betrieb den Arbeitern Krankheit und frühen Tod bringt, ja sie betrachtet sogar die Anlage einer solchen Fabrik in einer

sich nicht der

industrielosen

Gegend

als eine

Wolilthat.j\|

Derjenige, der sich in Dostojewski's Werß mit diesem

Problem

befasst, ist Raskolnikow, ein junger russischer

Student, ungewöhnlich schön, mit feinen Gesichtszügen

und

schwarzen seelenvollen Augen,

hervorragend

be-

arm

ist,

gabt, aber arm, wie nur ein russischer Student

Elend gerathen,

in tiefes

Hut, den

man

Armuth hat

in

nicht ansehen

Lumpen

er die Studien aufgegeben, sich

vergebens

und

tiefer ge-

bemüht, sich zu ernähren und sunken. Er

ist

hypochondrisch

und gut

;

gehüllt, mit einem

kann ohne zu lachen. Aus ist tiefer

verschlossen, mürrisch, misstrauisch und er ist stolz, aber zugleich grossmüthig

;

er verräth sehr ungern seine Gefühle.

ehrgeizig mit Anlage

Er

ist

zu grosser Kühnheit, aber so oft

missmuthig, dass er kalt und gefühllos erscheint bis zur

Er ist von Gemüth Melancholiker, und auffahrend, hochmüthig und hochherzig, traurig über den Uuglückszustand des Menschengeschlechts und mit einer stets brennenden Begier, den Menschen ein Helfer in grossem Stil zu sein. Er ist seinem tiefsten Wesen nach unfähig. Man ist das nach des Verfassers Meinung durchgehends in Russland, wo alle wünschen ohne Arbeit und Mühe schnell reich zu werden, und wo man daran gew^öhnt ist, dass Alles, was man überhaupt Unmenschlichkeit. finster

-t

Einem

erreicht.

wohnt,

fix

und

am Gängelband

seine ganze geistige

bekommen.

Seit

fertig in

den Schoss

geführt

zu werden,

fällt,

ge-

gewohnt,

Nahrung von andern vorgekaut zu

fast

200 Jahren hat man sich jeder

Wirksamkeit entwöhnt. Raskolnikow von Natur schon melancholisch, so bietet die Armuth seiner Melancholie neue Nahrung. Schon sein elendes Zimmer verstimmt ihn unausgesetzt. öffentlichen

War

;

FJODOR DOSTOJEWSKI.

321

Der sclimiitzi^e, en^e Raum engt, seine Seele ein. Er kann seine Mietlie niclit bezahlen, und leidet oft Hunger. An den langen Winterabenden hat er kein Licht, liegt im Dunkeln, arbeitet zuletzt nicht einmal um sich Licht zu verschaffen; auf seinem Bücherbrett sind die CoUegienhefte

fingerdickem

mit

Staub

bedeckt.

Er

träumt,

träumt beständig

Träumt von einer abscheulichen, alten Wucherin, und geizig, von der er dann und wann geborgt hat, und von einem sie betreffenden Gespräche, dessen Zeuge er einmal in einer Kneipe war. Da sass ein Student und sagte „Die verfluchte Alte möchte ich todtschlagen und berauben und ich versichere Dich, dass ich auch steinreich

:

nicht die geringsten Gewissensbisse spüren würde."

sagte das zwar im Scherz, setzte aber im Ernst

Er

fort

dumme, elende, niederträchtige Alte, die nicht allein Niemandem nützt, sondern auf Allen schadet, mit denen sie in Berührung kommt der andern Seite junge, frische Kräfte, die zu Grunde gehen aus Mangel an Unterstützung und zwar zu Tausenden hunderte, vielleicht tausende von Existenzen, die auf den rechten Weg gebracht werden könnten, Dutzende von Familien, die von Elend, Ausschweifungen, Alles widerlichen Krankheiten befreit werden könnten und was hat überdurch das Geld dieser Alten

„Auf der einen

Seite eine

;

;

~

.

.

.

haupt die Existenz dieser schwindsüchtigen, dummen und niederträchtigen Alten auf der allgemeinen Wagschaale des Lebens für als

das Leben

einmal soviel sie

;

Bedeutung V Nicht mehr Schabe und nicht Alte ist weit schädlicher, da

eine

einer Laus,

denn

die

einer

das Leben Anderer untergräbt."

Die Worte

schlagen in Raskolnikow's Seele

weil gerade derselbe

ein,

Gedankein seinem Kopfe schwirrt,

rumoren fort in seinem Hirn wie das Küchlein im VA, umsomehr, da zu seinem eigenen Elend das der Wesen getreten ist, die ihm die theuersten sind. Seine alte 21

FJODOR DOSTOJEWSKI.

3Ö2

von einer und die durch Stricken und Sticken, das ihre armen Augen verdirbt, noch 20 Rubel im Jahre dazu verdient, schickt ihm einen Brief, aus dessen milden, rücksichtsvollen Ausdrücken die draussen in ihrer Provinzstadt

Mutter,

Pension von 120 Rubeln

lebt,

hervorgeht, dass seine einzige, heiss geliebte Schwester,

und schön

so stolz

sie

auch

ist,

im Begriif

durch eine abscheuliche Ehe zu opfern,

um

sich

steht,

ihn auf der

Universität halten und die Mutter in ihren alten Tagen

unterstützen zu können.

Er

fährt auf, sträubt sich wider

den Stachel, will seiner reinen Schwester verbieten, sich

auf diese schreckliche Ehe einzulassen. Aber mit welchem

Recht verbieten? Wie verhindern? Was kann er ihr daund der Mutter seine ganze Zukunft zu widmen, wenn er erst seine Studien vollendet und eine

für bieten ? Ihr

Stelle erlangt hat

dahin

!

In zehn Jahren vielleicht

seine Mutter blind oder todt

ist

!

Aber

von der Auszehrung und bis dahin ist die Schwester was kann nicht in zehn Jahren geschehen!

Er hat

sich

früh

eigene Theorie

eine

brechen gebildet, dass der

bis

vom Fasten und .

.

.

über Ver-

ungewöhnliche Mensch das

Recht habe, nicht das ofticielle Recht, sondern eins, welches ihm das Gewissen giebt, gewisse Hindernisse und Schranken, die andere Menschen hemmen^ zu überschreiten

;

einzig und allein doch in

dem

Fall, dass seine

Menschenglück ausgeht, ein solches Ueberschreiten fordert. Wenn Männer wie Kepler und Newton ihre Entdeckungen auf keine Weise der Menschheit liätten zugänglich machen können als Idee,

eine Idee, die

auf das

durch Aufopferung von Menschenleben, die ihren Entdeckungen Hindernisse in den Weg legten, so hätten sie

das Recht gehabt, ja wären sogar dazu verpflichtet,

sie

aus

dem Wege zu räumen. Die Erfahrung

lehrt ihn,

dass fast alle Gesetzgeber und Reformatoren der Menschheit

von den

hamed,

ältesten an bis

Napoleon

zu Lykurg,

Verbrecher

gewesen

Solon, sind,

Muschon

FJODOR DOSTOJEWSKI. dadurch, dass

sie ein

3Ö3

neues Gesetz schufen und ein altes

umstiessen, das der Gesellschaft als heilig galt und von

den Vorfahren überliefert war, und dass

vor Blut-

sie

vergiessen nicht zurückgeschaudert haben, nicht einmal

vor dem Vergiessen ganz unschuldigen Blutes, das mit

Heldenmuth zum Schutz des alten Gesetzes aufgeopfert wurde. Die Menge erkennt nicht das Recht solcher Menschen, sie richtet sie hin oder hängt sie, wenn sie es

aber

vermag,

diese

die

folgenden

Geschlechter

stellen

Ermordeten auf Piedestale und erweisen ihnen

Und

Ehrerbietung.

ist

er nicht selbst ein solcher un-

gewöhnlicher Mensch?

Aber That. Sie

ganzes Wesen empört sich gegen die ihm zu ekelhaft, allzu widrig. Eine alte

sein ist

Frau mit einer Axt zu Boden zu schlagen All' sein Stolz, alles Adlige in seiner Natur krümmt und windet sich. Doch die Tage gehen und es ist kein anderer Ausweg; langsam, langsam macht er sich mit dem Gedanken vertraut; durch einen ganz merkwürdigen Zufall erfährt er die Zeit, wann die alte Frau an einem bestimmten Abend allein sein wird ... es ist als wäre !



er mit dem Zipfel seines Kleides in das Rad einer Maschine gekommen, die ihn mit sich fortwirbelt, und mit einer Mischung von verzweifelter Entschlossenheit und kind-

lichem Leichtsinn in dem Augenblick des Verbrechens

Mord



und noch einen Mord; denn und gutmüthiges Geschöpf, tritt ein, als Raskolnikow gerade begonnen hat, die Taschen der Todten zu untersuchen, und er tödtet sie mit noch einem Schlage. Aber er war der That nicht gewachsen oder zu edel angelegt für die Unthat — wie man es nehmen will. Er kann morden im Nachtwandler- Wahnsinn, aber

vollführt er den

ihre Schwester, ein armes, einfältiges

er versteht nicht zu stehlen.

Er entrinnt

eignet sich nur ein paar werthlose Sachen an,

mit äusserster

Mühe dem

Schicksal,

am 21*

Ort,

FJODOR DOSTOJEWSKI.

324

derTliat ergriifen zu werden; und nun beginnt die Periode seines Lebens, in der er nicht

mehr im Stande

ist,

etwas

anderes zu thun, als über seine Unthat nachzugrübeln.

Er

vertilg-t alle ihre materiellen

in

dem Gedanken

auf,

sie

sich doch unversehens jeden

Schuldigen suchen. Dies

ist

Spuren; aber er geht

zu verbergen und verräth

Tag mehr

denen, die den

jedoch nicht die Hauptsache;

keine äussere Entdeckung vernichtet ihn, sondern eine innere, die, dass er nicht eine von jenen auserwählten unge-

wöhnlichen Naturen nach

der Ausführung

sich zu der

ehe

ist,

es

Höhe

denen

alles erlaubt ist.

Er vermag

seines Verbrechens nicht mehr,

zu erheben, von der er es betrachtete,

vollbracht war.

Er verzehrt

sich

allmählich.

„Nein", sagt er zu sich selbst, „jene Menschen, die

bewundert, sind nicht so beschaffen wie Herrscher,

dem

ich.

man

Der wahre

alles erlaubt ist, vernichtet Toulon, be-

mächtigt sich mit den Bajonetten der Macht

Heer

in Paris,

Egypten, opfert eine halbe Million Menschen auf dem Feldzuge nach Moskau, macht dann in Wilna ein Wortspiel darüber und nach seinem

vergisst ein

in



Tode werden ihm Götzenbilder errichtet. Solche Menschen müssen wohl von Erz sein, nicht von Fleisch und Blut"! Und ein Nebengedanke bringt ihn fast zum und die Pyramiden, Waterloo Lachen: „Napoleon





Weib mit ihrem Bett. Würde

ein ekelhaftes, kleines, altes, wuchertreibendes

einem rothbeschlagenen Koffer unter

wohl ein Napoleon unter das Bett einer solchen alten Frau kriechen? Unsinn!" Er bereut nicht den Mord der Alten er betrachtet immer noch ihr Leben als ein unnützes, ihren Tod Die Alte als etwas Gleichgültiges, sogar Nützliches. durch er wollte ja ist und bleibt ihm Nebensache; ihren Tod nur einem Prinzip zum Leben verhelfen; nicht einen Menschen, sondern ein Vorurtheil tödten und die .

.

.

;

Kluft überschreiten, welche die Alltagsseelen, die

gewöhnlichen

Tross gehören, von

zum

den Schaaren der

FJODOR DOSTOJEWSKI. Er hat das Vorurtheil

Allserwählten trennt. ist

325

getödtet,

aber dennoch auf dieser Seite der Kluft stehen ge-

blieben,

er ist grenzenlos elend,

elender als je zuvor.

Er wollte nur an einer hungernden Mutter nicht vorübergehen und seinen Rubel

Er hat

nichts Böses gethan.

Und wie gewissenhaft

nicht in der Tasche behalten. er gehandelt!

Er

versicherte sich ja erst durch sorgsame

Selbstprüfung, dass er die Schranke nicht

Triebe zu

stillen,

hat

sondern

um

um

sinnliche

eines grossen Zieles willen

überschreiten wollte; dann suchte er sich unter

„unnützen Läusen" die

aller

all'

den

unnützeste aus und endlich

indem er jene Frau ermordete, nur soviel zu nehmen, als ihm zu seinem nächsten Ziel unbedingt beschloss

er,

nöthig war.

Aber nicht

die Alte hat er getroffen;

sich selbst,

ihm weit über den Kopf gewachsen, sie hat ihn vollständig isoliert, ihn ganz in sich selbst zurückgeworfen. Das Geheimniss quält ihn bis zum Wahnsinn, und die Qual, eine „Laus" zu sein

sein eigenes Ich.

Seine That

ist

die Andern, vernichtet ihn. Sobald er den Mord begangen hat, fühlt er sich einsam, fremd vor sich selbst, und zu ewigem Schweigen verdammt. Es ist ihm, als könnte er niemals mehr mit

wie

all'

Anderen sprechen. Bald darauf wird er von einem wahnsinnigen Drang gequält, sich zu verrathen, selbst alles zu erzählen. Er würfe am liebsten sogleich den ganzen in den Kanal, er denkt nicht daran, ihn anzuwenden, vergisst ihn unter einem Stein am Bauplatz. Er begreift selbst nicht, was mit ihm geschehen ist, aber

Raub

es ist ihm,

wäre

als

er

von seiner Vergangenheit ab-

getrennt wie durch den Schnitt einer Scheere. Es ein Augenblick,

wo

er

am

um dem Allen ein Umgebung macht er den Eindruck spränge,

Aber

er trifft menschliches

Gestalten



einen

kommt

Wasser Ende zu macheu. Auf seine liebsten gleich ins

eines Verrückten.

Elend in dessen schlimmsten

sterbenden

Trunkenbold,

eine

FJODOR DOSTOJEWSKI.

326

brustkranke Wittwe mit einem Nest voll Kinder ohne Brod, ein edles junges

Mädchen, das sich zum Freudenmädchen

hat erniedrigen müssen

um

seinen kleinen Geschwistern

Nahrung zu verschaffen



und der Drang,

Edelniuth

zu zeigen, zu helfen, giebt ihm auf kurze Zeit den

Glauben an das Leben wieder. Doch dem kurzen Auf-

schwung folgen neue Qualen. Der Gedanke martert ihn, ob die Anderen nicht alles wüssten, so dass er eine ganz unnütze Comödie spiele, wenn er sich vor gewissen Leuten verstellt.

Und

wirklich giebt es Leute, die auf der Spur

sind: Einen, der alles geahnt und ihn ganz durchschaut hat,

und dieser Eine ist ein genialer Jurist, ein Untersuchungsrichter. Kaskolnikow wird jedoch weder in Haft genommen, noch verhört, nein, was zuletzt seine Lippen öffnet und ihn zur Selbstanzeige zwingt, lisches Ereigniss.

kommt

ihm

es

ist ein rein

inneres, see-

Lange bevor dies zum Ausbruch

gelangt,

vor, als nähere sich der Augenblick,

da

und er vergleicht selbst das Gefühl von dem Kommen dieses Augenblicks mit seinem früheren Empfinden der Nothwendigkeit, eben damals die Alte ermorden zu müssen. Doch jenes Gefühl wird beständig durchkreuzt von dem Gefühl des auflodernden Hasses er sich verrathen müsse,

gegen die Mitwelt; er nährt einen mörderischen Hass gegen Die, von denen er ahnt oder fürchtet, dass sie um sein Geheimniss wüssten. Wenn er in seinen einsamen Betrachtungen sich selbst die Fragen vorlegt, was er unter diesen oder jenen Umständen thun müsse,

um

nicht überlistet zu werden,

tödte ich ihn",

die stete

ist

der Ausbruch ,,dann

Antwort auf

alle solche auf-

tauchenden Fragen. Ja zuletzt entdeckt er mit Schrecken, dass er sogar an Mutter und Schwester, die er stets so lieb gehabt,

Und

zuweilen mit einem Gefühle von Hass denkt.

dieser

Hass und

all'

diese

aus Liebe. Hätte er nur nicht so

Qual

lieiss

ist

entsprungen

geliebt, so

wäre

dies Alles nicht geschehen!

Wäre

seine Seele

kalt

gewesen,

er

selbst

nicht

;

FJODOR DOSTOJEWSKI.

327

hochherzig und ernstliaft, er wäre niemals ein Mörder geworden. Mehr und mehr fülilt er sich in dieser schrecklichen Zeit zu jenem jungen, oben erwähnten Mädchen hingezogen, das aus Liebe zu seinen kleinen Geschwistern eine Dirne geworden. Sie konnte selbst kühn,

bei

angestrengtester Arbeit niemals das

zum Lebensund

unterhalt Notlüge durch Tagelohn verdienen,

Mutter selbst hat

sie

die

auf die Strasse getrieben. Mitleid

hat ihn in Verbindung mit ihr gebracht, Bewunderung für

den Adel und die Reinheit

kein Tropfen wirklicher Unzucht

gedrungen von

der

Wesens

ihres ist



denn

noch in ihr Herz



bewegt ihn, sie aufzusuchen. Er ehrt die Auch sie hat ja „die Welt Verstossene.

Schranken überschritten", auch sie hat Hand an ein Menschenleben gelegt, an ihr eigenes, hat sich geopfert und sich unnütz geopfert; aber sie steht seelisch hoch über ihm. Und sie wird nach und nach sein Gewissen. Eines Tages, da er lange schweigend in ihr weinendes Antlitz geblickt, wirft er sich vor ihr nieder

und küsst

ihre Füsse.

„Was

thun Sie?

Er antwortet beugt



ich

:

habe

Was

thun Sie? Das mir!"

„Nicht vor Dir habe ich mich ge

mich

gebeugt

dem ganzen

vor

Leiden des Menschengeschlechts." ist, er solle selbst sein Verbrechen anMartyrium auf sich nehmen"; sie will ihn niemals verlassen, will ihm in die Verbannung nach

Sonjas Bitte

zeigen, „sein

Sibirien folgen als Zuchthäuslerin.

Auch

seine Schwester ruft

sie sieht in

ihm

Er weigert sich lange.

zu, sich selbst

anzuzeigen

diesem Schritt die einzige Rettung von der

Selbstverzehrung, in die er gesunken

den Ausdruck Verbrechen

ist.

gebraucht,

Aber

als sie

empört er

sich.

„Dass ich eine widerwärtige, schädliche Laus, eine alte Wucherin ermordet, für deren Tod einem vierzig Sünden vergeben werden könnten, ein Wesen, das den armen Leuten das Blut aussaugte



das

soll

ein

Verbrechen

:

FJODOR DOSTOJEWSKI.

328

seiii!'^



„Du

hast Blut vergossen "

— „Blut" — es

verzweifelt aus.

!

!

ruft die

Schwester

antwortet Raskolnikow „Alle

vergiessen es fliesst und ist stets auf Erden in Strömen geflossen, es wird wie Champagner vergossen, und man wird deshalb auf dem Capitol gekrönt und



Wohlthäter der Menschheit genannt ich selbst wollte ja nur das Gute, und würde hunderttausend gute Thaten für diese eine Dummheit begangen haben, und es w^ar nicht einmal eine Dummheit, nur eine UngeschicktheitDurch diese Dummheit wollte ich mir nur eine unabhängige Stellung verschaffen, den ersten Schritt thun, und dann sollte dies alles

durch einen verhältnissmässig unermess-

Nutzen aufgewogen werden. Aber nicht einmal den ersten Schritt habe ich ausführen können, weil ich ein Lump bin Das ist das Ganze !" lichen

!

Länge stärker als er. Er ihrer Demuth und Bescheidenheit starkenWeibes, die That zu bekennen, nicht widerstehen und der Roman endet mit Raskolnikows Selbstanklage auf dem Polizeikontor: „Ich bin es gewesen,

Doch Sonja ist auf kann den Bitten des bei

die

all'

;

der die alte Registratorswittwe und ihre Schwester mit

Axt mordete und darauf ihr Eigenthum raubte."

einer

III.

Dostojewski hat in dieser Erzählung Zeitbild geben wollen.

„Was

offenbar ein

hier vorliegt",

sagt im

Buches der Untersuchungsrichter Por„ist deutlich genug ein phantastisches, trauriges Produkt der neuen Zeitrichtuug es ist eine That, die nur die Neuzeit hervorbringen kann, die Zeit, in der es Brauch ist, seine Gefühle zurück zu zwingen und Phrasen anzuführen wie die dass Blut „erfrischend" wirkt; es sind Phantasien, die aus Büchern stammen-, es ist ein Herz, das krampfhaft von Theorien dritten Theil des

pliyrus zu

dem Helden,

:

überreizt ist

;

es ist eine Entschlossenheit, die bis

zum Ver-

FJODOR DOSTOJEWSKI.

329

brechen geht, wie wenn fremde Füsse ihn dahin trügen." Der Verfasser hat augenscheinlich die politische Gährung im Auge, obgleich er sich wohl hütet, ein Wort über Politik fallen zu lassen.

Wir

stossen auf eine unzweifel-

„Es

hafte Hindeutung auf Kaisermord.

ist

doch gut",

sagt Porphyrius zu Easkolnikow, „dass es nur ein elendes, altes

Weib war, das

Ihr ermordetet

;

wenn Eure Theorie so wäre Euer

eine andere Richtung genommen hätte,

Verbrechen

vielleicht

noch eine

hundert millionenmal

That geworden." Und ferner treffen wir in einem Traum, den Easkolnikow hat, während er über dem Mordgedanken brütet und sich davor entsetzt, eine Schilderung, die zwar nirgends direct auf das russische Volk angewendet wird, die aber unzweifelhaft fürchterlichere

in

die finsterste Vorstellung

einem Sinnbild

Zuständen geben will. Der Held sieht im Traume

den

von

ein klägliches, mageres,

hellbraunes Bauernpferd, das vor einem Ungeheuern Last-

wagen gespannt ist, den es unmöglich ziehen kann aber von dem rohen Besitzer des Wagens wird es ohne Gnade ;

wieder und wieder gepeitscht, über das Maul, über die Augen, erst mit einer Peitsche, dann mit drei Peitschen auf einmal; es stöhnt und keucht, kann zieht, bleibt stehen,

kaum athmen, kann

versucht wieder zu ziehen,

den Hagel von Schlägen nicht länger aushalten und beginnt endlich unter allgemeinem Gelächter auszuschlagen.



Es wird von Neuem gepeitscht während einige das Tamburin dazu schlagen, einer ein freches Lied singt und ein Frauenzimmer vergnügt Nüsse knackt gepeitscht über das Maul und über die Augen. Da selbst wuchtige Schläge mit einer Wagenstange über den Rücken das Pferd nicht weiter treiben können, greift der Besitzer zu einer grossen Eisenstange und giebt ihm hiermit einen Schlag. Es versucht zum letzten Mal zu ziehen da schlägt ein erneuter Hieb es entseelt zu Boden.



;

Wo

der

sociale

Zustand

der

Art

ist,

wie

er

hier

FJODOR DOSTOJEWSKI.

330

symbolisch geschildert wird, daist es kein Wunder,

wenn

Jugend blutige Gedanken regen.

sich in der Seele der

auch kein politischer Verbrecher, den Dostohat, so ist es doch einer, dessen Verbrechen das mit einem politischen gemein hat, dass Ist es

jewski

dargestellt

es kein niedriges ist

Absicht,

nicht ausgeführt in der gemeinen

;

Wohlstand

grösseren

sich

sondern bis zu

einem

zu

verschaffen,

gewissen Grade uneigennützig,

und vor allem, es ist ausgeführt von einer Person, die im Augenblick des Verbrechens keinen Zweifel an ihrem Recht hegt. Vergleicht man indessen die Männer und Frauen, die wir in späteren Jahren in Russland wegen haben

Mordanschlags

weniger die, welche

als

verurtheilen

Theilnehmer

und

sehen,

richtet wurden, mit diesem Mörder, so ist der auftallend.

nicht

am Kaisermord hingeGegensatz

Jene gingen keineswegs durch die seelischen

Folgen ihrer That zu Grunde sie Avaren als Verschworene, und nach dem Augenblick des Mordes, in voller Uebereinstimmung mit ihrem innersten Wesen; ihre Ueber;

in

zeugung blieb unverrückt und unangefochten

Wären

sie nicht

aus

dem Wege

bis zuletzt.

geschafft worden,

würden

Wahrscheinlichkeit nach ihr Leben zu Ende haben ohne eine andere, als eine ruhige und stolze Erinnerung an ihre Mordattentate auf Personen zu bewahren, deren Ausrottung sie für eine gute That, ja sogar für ihre Pflicht hielten. Raskolnikow hingegen geht unter den Folgen des Mordes zu Grunde. Er ist wie die politischen Verbrecher von einem bestimmten Grundsatz ausgegangen, der zwar im Buche nicht genannt wird, aber nichts desto weniger seiner HandlungsAveise zu Grunde liegt, dem nämlich, dass der sie

aller

gelebt

.

Zweck das

I\Iittel heiligt.

Dieser Satz, den die Einfalt

missverstanden und der Jesuitismus missbraucht hat,

ist

genau und buchstäblich wahr. Das Wort „heiligt" weist darauf hin, dass ein guter, würdiger Zweck gemeint ist. Einen guten, würdigen Zweck hat derjenige, der wirkliche Werthe erhalten oder hervorbringen will.

FJODOR DOSTOJEWSKI.

3.'31

Gesetzt nun, dass Einer sein gutes Ziel nur erreichen

kann, indem er Leid zufügt,

und

Leid geringer wäre als

welches erstehen würde,

wenn eres

das,

unterliesse, das Mittel

gesetzt,

dass dieses

anzuwenden; gesetzt,

Mann das Wohl seiner Mitbürger ^\i\\ und diesen guten Zweck nur erreichen kann, indem er einen einzelnen Mann entfernt (es sei ein mit ansteckender z.

dass ein

B.,

Krankheit Behafteter oder ein Tyrann) so ist seine Handlung rühmenswerth, wenn er von den beiden Uebeln — wovon das eine oder das andere mit Nothwendigkeit :

eintritt



das kleinste wählt.

Der naheliegende Ein-

Folgen seiner That nicht übersehen kann, bedeutet nichts, da die Moral auf die Absicht,

wand, dass

er die

nicht auf das Resultat sieht.

Im täglichen Leben

be-

zweifelt deshalb auch niemand die Richtigkeit des Satzes;

man

vollkommen mit dem Gedanken vertraut, dass Die Gesellschaft lehrt: darfst nicht tödten, aber fügt hinzu: ausgenommen, Du wenn das Vaterland (der gute Zw^eck) es fordert, denn da ist

es keine unbedingten Pflichten giebt.

ist es

nicht erlaubt, sondern Pflicht, die grösstmögliche

Anzahl Feinde unschädlich zu machen. Die Gesellschaft lehrt, es ist eine schlechte Handlung, Arm oder Bein eines Andern abzuschneiden, fügt aber hinzu: wenn der Arzt Arm oder Bein amputirt in der Absicht, das Leben eines Kranken oder Verwundeten zu retten, so heiligt

Zweck das Mittel. Damit der Satz gültig sein soll, müssen folgende Bedingungen erfüllt sein Der Zweck muss gut sein. Der Zweck darf durch keine anderen Mittel zu erreichen der gute



:

sein, als

durch schmerzbereitende, auch nicht durch ein

Grade schmerzbereitendes Mittel als das Das Leid, das als Schmerz angewandt wird, muss geringer sein als das, welches ohne Anwendung des Mittels entstehen würde. Mit Rücksicht auf alle diese Punkte wird der typische russische

in geringerem

angewandte.





Terrorist

vor wie nach

seinem Eingriif in den

Gang

FJODOR DOSTOJEWSKI.

332

der Ereignisse völlig

unbekümmert

sein.

Warum

ist es

Kaskolnikow nicht?

Obwohl Dostojewski unzweifelhaft nicht das Geringste für politische Terroristen übrig gehabt hat, da

doch selbst politische Fortschrittsmänner ihm verhasst waren, so

hat er

ordentliche Feinheit

doch des

in

diesem Punkt eine ausser-

Er

Empfindens gezeigt.

streitet eigentlich nicht die Richtigkeit

be-

von Raskolnikows

Raissonnement, zeigt aber, dass er unklar über seinen

Zweck nicht.

ist,

ungewiss, ob es wirklich ein guter

Zu Sonja sagt

verzweifelt,

er

sei

dieser einen

ist

oder

Monat nach dem Morde

stets unsicher

gewesen.

Wenn

er

prüft, findet er, dass er im Grunde nicht gemordet hat um seine Mutter zu unterstützen, auch nicht um ein Wohlthäter der Menschheit zu werden, sondern um zu erfahren, ob er wie alle andern, „eine Laus" wäre, nicht ein Mensch, das heisst, ob er im

sich selbst

Stande wäre, die Schranken zu überschreiten oder nicht. ist unsicher über sein Ziel und unsicher über seine

Er

innere Berechtigung, dieses bestimmte Ziel zu verfolgen,

das nach seiner eigenen

nur von den Aus-

Theorie

erkorenen mit allen Mitteln erstrebt werden darf.

Da

ganze Tage hindurch sich mit der Frage quälte, ob Napoleon so gehandelt haben würde, fühlte er bereits er

dunkel, dass er kein Napoleon war.

Deshalb wird er von den Consequenzen der That völlig überwältigt. Er wollte nur ein altes Ungeheuer tödten, aber

kaum war dies geschehen, so zwang ihn die um nicht entdeckt zu werden, ein armes

Nothwendigkeit,

gutmüthiges Geschöpf zu tödten,

das

niemals

irgend

einem Menschen Leid zugefügt hatte, ja immer ein Opfer anderer gewesen war. Er wird später selbst genöthigt, Lisaweta's geistige Verwandtschaft mit der von ihmso hoch geschätzten Sonja zu erkennen. Er sagt irgendwo „0, wie Weib hasse; ich glaube, ich könnte :

ich jenes elende, alte sie

noch einmal niederschlagen,

wenn

sie

zum Leben

FJODOR DOSTOJEWSKI.

33S

erwachte! Aber die arme Lisaweta! Warum miisste Sonderbar, dass ich fast niemals an hinzukommen !

denke Sonja

!

!

als .

.

ob ich .

sie

gar nicht getödtet hätte

Armen

Ihr

Ihr Milden

!

!

sie

Lisaweta!

den

mit

sie

furcht-

Ihr Lieben samen Augen AVarum weint Ihr nicht ? AVarum stöhnt Ihr nicht einmal ? sie geben .

.

.

.

.

.

Alles hin mit ihrem milden, stillen Blick."

Doch weit mehr

als dieser

nicht

gewollte

Mord

Lisawetas martert ihn die Unruhe, entdeckt zu werden, und dieses System von Verstellen, Leugnen und Lügen,

worin er sich verwickelt Sein Verstand ist nicht solid genug, um dies auszuhalten und er ist, bis er sich selbst !

anzeigt, beständig

am Rand

des Wahnsinns,

In einem

Epilog, der in Sibirien spielt, lässt Dostojewski Raskol-

nikows trotziges und doch gebrochenes Wesen in Zärtlichkeit aufgehen und durch Sonjas treue, aushaltende Liebe zum Lebensmuth gestärkt werden. Raskolnikow ist „ungläubig", aber Sonja glaubt. Noch ehe Raskolnikow seine Schuld bekannt hat, findet eine ergreifende Scene statt, als Sonja ihm laut aus dem Neuen Testament vorliest, eine Scene, in welcher das Talglicht in dem krummen Leuchter des elenden Zimmers mit Einem Male den Mörder, das gefallene Mädchen und das Evangelium beleuchtet — eine geniale und wahrhaft christliche Scene. In dem Epilog, zu welchem Dostojewski offenbar seine eigenen Erfahrungen aus Sibirien hat benutzen wollen, tritt seine religiöse Ueberzeugung direct und doctrinär hervor. Ueberhaupt hat man, wie

ich eine

junge

russische

Dame

es

ausdrücken

sehr oft bei Dostojewski ein Gefühl,

als

hörte,

ob seine ge-

schaffenen Gestalten tiefer schauten als der Dichter selbst.

Er hat

es nicht

vermocht,

duction zu übersehen.

die

Tragweite seiner Pro-

FJODOR DOSTOJEWSKI.

334

IV.

Wollte

man nun

mit welcher hier

Charakter der Hauptperson erforscht finden, dass sie fast

annähernd

die Nebenpersonen nur

mit derselben Sorgfalt studiren,

würde man

so

ist,

der

ohne Ausnahme, ein Dutzend etwa

der Zahl nach, durch die Kraft und Wahrheit, mit der

gezeichnet sind, auf der Höhe des Helden stehen;

sie

und

Es

stehen in Verhältniss zu ihm.

alle

überflüssige Person in

ist

keine

Zu den bewun-

diesem Buche.

derungswürdigsten Gestalten gehört der Untersuchungs-

und der Guts-

richter Porphyrius, ein juristisches Genie,

besitzer Swidrigailow, eine mannigfach zusammengesetzte

Natur, ein Wollüstling, der sich verliebt hat

und ihr

in

nachstellt.

Raskolnikows Schwester

Er

ist ein

Verstandes-

mensch, ein vortretflicher Kopf uad besitzt, obwohl er einen ungebüssten

Mord oder auch mehrere auf seinem

auf seine Weise Muth

und Ehrgefühl. zahlreiche Mörder aus Eigennutz, durch Er bildet als Einzelheiten in seiner Handlungs- und Denkweise einen Gewissen

hat,

Gegensatz zu dem Helden des Buches, Swidrigailows Behauptung sträubt,

der sich gegen

dass sie einen be-

stimmten, gemeinsamen Grundzug hätten.

Die Oharakterzeichnung bei Dostojewski ist ersten Ranges; sie ist tief und kräftig. Gleichwohl lässt sie nach Dickens' Weise fast das ganze Geschlechtsleben wenn nicht unberührt, so doch ungeschildert. Der Dichter scheut auf diesem Gebiet das Paradoxon nicht, so die sittlich

untadelhafte Dirne,

Reinheit strahlend in

jedem

feil

und doch vor

— sie erinnert mehr an eine Antithese

menschlicher Gestalt von Victor

Hugo

als

an eine

wirkliche Persönlichkeit.

Die Scheu vor Schilderungen des natürlichen Sinnenist um so auffallender, als hier wie in den meisten andern Büchern des Dichters unnatürlicher, empörender

lebens

FJODOR DOSTOJEWSKI.

Man bemerke

Geschlechtstrieb gestreift wird. drig^ailows hässliches

Und man

chen.

S35

hier Swi-

Verlangen nach kleinen zarten Mäd-

vergleiche

rogin ausfragt, ob es

wahr

staunenerregende In-

die

wo Schatow den Staw-

quisition in den „Besessenen",

sei,

dass er in Petersburg

einem geheimen Club angehört habe, der Befriedigung unnatürlicher Wollust

zum

ob er wirklich

Ziele hatte,

gesagt habe, dass der Marquis de Sade bei ihm in die

und ob er Kinder verführt und

Schule gehen könnte, missbraucht habe. Es tasie sich häufig

um

ist klar,

dass Dostojewski's Phan-

solche naturwidrigen Lüste drehte,

eben weil seinem Gedankengang zufolge einer gesunden Sinnlichkeit kein

Raum

gelassen wurde. Sein

Hang

zur

Schilderung körperlicher Leiden, das lange Verweilen bei

Grausamkeiten deutet auch auf unnatürliche Lustgefühle. Eigenthümlich ist es, dass Turgenjew wieder und wieder auf Vergleiche zwischen Dostojewski und de Sade zu-

rückkommt. Es geschieht zwar meist aus Unwillen darüber, dass sein gehasster Rivale so häufig als Heiliger

dargestellt wurde, aber es ist olfenbar Turgenjews Ueberzeugung gewesen, dass hier ph3^siologisch und psychologisch eine wirkliche Verwandtschaft stattfand. ^

Soviel

ist

gabung mit

jedenfalls

klar,

dass DostojcAvskis Be-

einer perversen Nervosität

zusammen

So hoch auch die Charakterzeichnung

in

hing.

„Verbrechen

und Strafe" steht, leidet das Buch doch unter der Unvollkommenheit des Vortrages. Die dialogisirten Partien sind ohne Vergleich die besten. Sobald der Dichter selbst redend auftritt, hört die

Kunst auf. Dostojewski wie Turgenjew, den Franzosen ihre Erzählerkunst abzulauschen; was er sich von ihnen an-

vermochte eignete,

es nicht

war

ihr Humanitätsideal,

eine volksthümliche

Grundansicht, die mit derjenigen Louis Blanc's und Victor

Hugo's verwandt

*

ist.

Tiirgenjews Brief an Saltykow

vom

24.

September 1882.

FJODOR DOSTOJEWSKI.

336

hohem Grade die Gabe des Dichters geringem Grade Künstler. Seine Schriften liess er alle drucken, wie sie ihm aus der Feder flössen, ohne irgend welches Durcharbeiten, geschweige Umarbeiten. Er ging nicht darauf aus, ilinen durch Zusammendrängen oder Ausscheiden die höchste ihm mögliche Vollkommenheit mitzutheilen, sondern arbeitete wie ein blosser Publicist, und darum ist er durchgehends zu Er, der in so

hatte,

war

in

weitläufig.

So

ist

es

klar, dass er

gerade bei seinem vorzüglichsten Werke im ersten Theil gar nichts von der Abhand-

lung gewusst hat, die er im zweiten Theil Raskolnikow

über seine Theorie geschrieben haben

Bestimmte

lässt.

Aeusserungen im ersten Theil widersprechen sogar dem, dass der Held eine solche geschrieben haben kann. entspricht

nur wenig der modernen Kunst

Es

des Vor-

trags, wenn der Dichter an verschiedenen Stellen des Raskolnikow Wendungen gebraucht wie: „Später erfuhr man, dass Swidrigailow an dem Abend noch einen Besuch gemacht habe" oder „als er sich später, lange danach, jener Zeit erinnerte, war es ihm klar, dass sein Be. wusstsein zuweilen umnebelt gewesen sein müsste" oder „später erschien es Sonja wunderbar, dass sie so mit einem Male es begriffen hatte'^ Mit solchen Wendungen sucht ein Dichter die Lücken und Versäumnisse der Schilderung auszubessern. Irgendwo schreibt Dostojewski

sogar mit echter, altmodischer Naivetät: „Wir wollen vorläufig die ganze Gedankenreihe liegen lassen, durch

welche Raskolnikow zu diesem Resultat gekommen war;

wir haben ohnehin schon zu weit nur noch hiniu,

dass

Schwierigkeiten bei

die

vorgegriffen.

factischen,

dem Unternehmen

rein eine

Wir fügen materiellen

ganz neben-

sächliche Rolle für ihn spielten." Vorgreifen und Ent-

haben in einem Roman ebensowenig Platz wie Lücken und Lückenbüsser. Bereits aus „Verbrechen und Strafe" sieht man, schuldigungen für Vorgreifen,

FJODOR DOSTOJEWSKI.

337

inAviefern Dostojewski ein Dichter des Proletariats ge-

nannt werden kann. Er hat wie kein anderer das Proletariat der Intelligenz wie das der Unwissenheit gekannt

und verstanden. Seine Haupteigenschaft,

Art

eine

psychologischer

wenn

er es darstellt,

Clairvo.yance,

vornehmen Welt gegenüber im Stich

die

lässt

ihn (z.

ist

der

B. der

Fürst in „Erniedrigte und Beleidigte"). Die Stärke und

merkt man besonders, wenn der gesunde seelische Zustand an das Gebiet des Wahnsinns streift. Er hat den menschlichen Seelenzuständen gegenüber den sichern Blick eines Irrenarztes, aber es geht ihm zuweilen wie den Irrenärzten, dass die stete Gewohnheit, seelische Abnormitäten vor Augen zu haben, ihn dazu verführt, das Abnorme überall zu sehen, und

Weite

dieser Clairvoyance

nach und nach das Gleichgewicht seines eigenen Verstandes ins Schwanken bringt.

Er nimmt gerne

seinen Stand

Scheidelinie, die vernünftigen

auf der schmalen

Gedankengang von exaltir-

tem und zweckmässige Handlungsweise von verbrecherischer trennt. Von diesem schmalen und niedrigen Damm blickt er hinaus nach beiden Seiten und vergisst niemals, deii Leser darauf aufmerksam zu machen, wie schmal und niedrig diese Scheide zwischen Gesundheit und Krankheit, Recht und Unrecht in Wirklichkeit sei. Mit besonderer Virtuosität malt er den geistigen Schwindel aus, der den Menschen zwingt, sich in einen Abgrund von Verbrechen oder Aufopferung zu stürzen. Er kennt wie kein anderer die anziehende IVFacht der Abgründe. Als Kenner des Seelenlebens ist er ganz Patholog. Die unendliche Sensibilität, eine Folge seines epileptischen Naturells, ist zugleich seine Stärke. Seine eigene Krankhaftigkeit, seine nervösen Anfälle, seine Hallucinationen,

seine

Krämpfe kehren bei den Personen wieder, die er Der Schrecken, der ihn durchschauerte, zuerst

schildert.

als er die Todesstrafe, später als er die Peitschenstrafe 22

vy

;:

FJODOR DOSTOJEWSKI.

33Ö

vor Augen hatte, begegnet uns wieder in der Haltung seiner

Hauptpersonen

gegenüber

der

Aussicht

auf Strafe

(Raskolnikow, eine Menge Personen in „Das todte Haus",

Dmitri

in

„Die Brüder Karamazow")

am

deutlichsten

jedoch vielleicht in „Der Idiot", wo der Held gleich im Beginn des Buches einem Kammerdiener alle die Schrecken Es wird hier der zum Tode Verurtheilten vorstellt. auseinandergesetzt,

das Tödten

dass

in

Folge

eines

Todesurtheils unverhältnissmässig abscheulicher sei als selbst der fürchterlichste

Mord, und damit geschlossen

Vielleicht giebt es einen Menschen,

nur vorgelesen worden,

um

dem

ein Todesurtheil

ihn zu martern.



Immer

von Qual und Angst! Die meisten der Personen Dostojewski's sind hellseherisch. So allein in „Die Brüder Karamazow" der jüngste der Brüder Alioscha, der in den Seelen liest und das Verborgene sieht, und der edle Mönch Zossima, der Heilige des Buches, der Dmitris Versuchung zum Vatermord voraussieht und sich in christlicher Mystik vor ihm auf die Kniee wirft, vor ihm als dem Sündigsten und darum dem Heile Nächsten. Epileptisch ist der Held in „Der Idiot" Fürst Myschkin und der Mörder in „Die Brüder dieser Hintergrund

\

Karamazow" Smerdiakow,

Da nun l

;

""

^"^

das Pathologische Dostojewski's Stärke

ist,

ganz natürlich, dass seine drei besten Bücher Verbrechernaturen schildern. Man findet sie in „Die

so ist es

Brüder Karamazow" wie in „Das todte Haus"; aber „Verbrechen und Strafe" giebt doch das typischste Beispiel der Meisterschaft seiner psychologischen Analyse ab

Buch entfaltet das Verbrechen in seinem ganzen Wachsen von der ersten Zelle an bis es seine letzte Frucht bringt. Als Kenner kranker Gemüthszustände, dieses

als Dichter

„des moralischen Fiebers" hat Dostojewski

nicht seines Gleichen.

Es

ist

natürlich,

ausschliesslich

dass bei einem Dichter,

Psycholog

ist,

die

der so

Naturumgebung

fast

FJODOR DOSTOJEWSKI.

Was

339

von der Landschaft gebrauclit, ist der Streifen Horizont, derSchimmer des blauen keine Bedeutung hat.

er

Himmels, das von einem Dachstübchen in einer der Vorgrossen Stadt oder durch die hoch oben

städte einer

angebrachte Scheibe einer Gefängnisszelle erblickt wird. Bei ihm

ist alles

Replik, alles Gespräch, in so fern alles

dramatisch.

Dostojewski

ist

grösste Dialektiker.

unter allen Dichtern Russlands der

Er hat besonders

seine Stärke in

einer erstaunlichen Disputierkunst des Replikenwechsels.





und er liebt unendliche Monologe analysirt eine Sache von den verschiedensten Seiten in das feinste Detail. Der Dialog ist bei ihm eine Art Inquisition, ein fortgesetzter Kampf zwischen Menschen,

Der Monolog

die einander ihre Geheimnisse zu entreissen suchen.

Nichts ist seinen Personen und ihrem Verfasser ferner als der

westeuropäische Ehren-Codex, wie er am schärfsten

formulirt in Calderons

Dramen

hervortritt

und noch

als

Rest aus der Ritterzeit in der romanischen und deutschen Gesellschaft existirt. In der Welt, die Dostojewski uns eröffnet, sind die verletzendsten

Beschuldigungen, ja ein

Schlag ins Gesicht nichts Entehrendes für einen Mann.

Da wird von

gesprochen wie von der

Durchpeitschen

natürlichsten Sache der Welt. In christlichem Geist und/

Uebereinstimmung mit der nationalen Mystik wird das Leid beinahe als ein Gut betrachtet. Eine Person bei Dostojewski sagt „Ich fürchte nur, meinerl Qual nicht würdig zu sein." Die Qual wird als eine in guter

:

Art Distinction aufgefasst. Sie kauft immer jemand oder etwas los. Wenn sie vorüber ist, so ist das Verbrechen, das die Anregung dazu gab, ausgelöscht.

Ja noch mehr eine Versuchung.

„Wissen liche

Sie,

:

das Leid

ist in

dieser verkehrten

SchatowsagtzuStawrogin

(Nihilisten):

warum Sie damals diese gemeine und

Ehe eingingen ?

.

.

.

.

Welt

schänd-

Sie verheiratheten sich aus 22*

FJODOR DOSTOJEWSKI.

340

Lust, Schmerzen, Gewissensqualen zu fühlen, aus moralischer Wollust.

Es war

Auifassung

nicht alleinstehend.

ist

eine Nervenirritation."

Und

diese

Darumist höchst bezeichnend und echt byzantinischfür

christlich

Dostojewski der Lebenstrieb

Prinzip. Dies ist es, das er in den drei

mazow mystisch

das

böse

Brüdern Kara-

verkörpert hat. Der Atheist Iwan sagt

zu seinem Jüngern Bruder: „Weisst Du, wenn ich meinen Glauben an das Leben verloren hätte, .... so würde ich mich doch nicht tödten, ich würde trotz Allem leben Ich habe den verzauberten Becher an meine Lippen gesetzt, ich lasse ihn nicht los, ehe ich ihn bis zur Neige ausMehr als ein Mal habe ich mich gefragt, geleert. ob es in der Welt einen Schmerz giebt, der im Stande in mir diesen unendlichen Durst zu überwinden, ist, diesen Durst nach Leben, der vielleicht unziemlich ist; aber ich glaube nicht, dass es für mich, für meine !

.

.

.

dreissig Jahre irgend einen

Schmerz der Art

giebt. Ich

weisses wohl, dass die Moralisten, besonders

die,

welche

Verse schreiben, die tuberkulösen Leute, und

die,

welche

ewig den Schnupfen haben, diesen Lebensdurst niedrig und verächtlich nennen. Es ist auch wahr^ dass dieser Durst ein Charakterzug ist, der die Familie Karamazow leben! es koste, was es wolle! Er ist Aber was ist darin niedrig?" Obwohl nun der Lebensdurst zu den Uebeln ge-

kennzeichnet:

auch in

hört, ist

dir.

.

.

.

doch das Leiden nicht ohne weiteres ein Gut.

Dostojewski

ist

grausamen)

bei all seinem (unbewusst

Verweilen bei Qualen und Geniessen von Qualen allzu

weich und empfindsam und nervenschwach und zitternd

um ^-^

nicht in Mitleid hinzuschmelzen.

Ja das Mitleid

ist

ihm eine Art Religion, und es kommt zuweilen seinem System, seinem Glauben an Gott, seinem Christentlium in

den Weg. Er

ist

Dialektiker genug,

terlichen Angriff auf den

irdischen Leiden

um

einen fürch-

Glauben an Gott wegen der

erheben zu

können.

Man

lese z. B,

:

FJODOR DOSTOJEWSKI.

341

Iwans Aufzählung all' der menschlichen Grausamkeiten gegen schutzlose Thiere, gegen kleine Kinder, man bemerke sein Verweilen bei allen Eaffinements der Grausamkeiten: ein kleines Pferd, das in die Augen gepeitscht wird, ein siebenjähriges Mädchen, das mit Dornenzweigen gepeitscht wird, ein fünfjähriges Mädchen, das man in der Nachtkälte des Winters auf einem Closet einschliesst und dessen Gesicht man mit Excrementen beschmiert, die man es nachher zu essen zwingt; ein leibeigener Knabe von acht Jahren, den ein General Alles dies, ohne von seinen Hunden zerreissen lässt und Gott eingreift man erwäge seinen Schluss dass es ist möglich, dass alles dies zusammen zu der himmlischen Harmonie des Alls mitgehört; aber ich erkenne sie wägt für mich nicht eine einzige sie nicht an; Thräne eines Kindes auf. Der junge Heilige Alioscha schlägt für Dostojewski diese Zweifel mit der Antwort nieder: „Es giebt ein Wesen, das Alles vergeben kann, denn es selbst hat sein unschuldiges Blut für Alle und Alles vergossen." Dies Argument ist nicht viel besser als das, welches an einer andern Stelle des Buches der Teufel während einer Hallucination Iwan giebt: „Welches Vergnügen würde man ohne Leiden haben? Alles würde wie eine unendliche Ceremonie sein: heilig, aber unendlich lang-





weilig."

Mit einer ganz überraschenden Hoheit und Grösse hat Dostojewski das religiöse Problem, wie es sich vor seinen

Augen

formte, in der sinnreichen Dichtung „Der

Grossinquisitor" entwickelt, deren Verfasser er Iwan sein lässt

und derentwegen

allein

„Die Brüder Karamazow"

übersetzt zu werden verdienen. Christus ist auf

Erden zurückgekehrt.

grossen Autodafe in Sevilla,

Bei einem

wo man hunderte von Ketzern

ihm zu Ehren verbrennt, zeigt er

in

der

Asche des Scheiterhaufens wandelnd. Alle erkennen

ihn.

sich,

still

FJODOR DOSTOJEWSKI.

342

die

Menge

um

scliaart sich

ihn, er segnet sie.

Da

lässt

der Grossinquisitor, ein neunzigjähriger Greis ihn greifen, fesseln, in die Zelle der

zum Scheiterhaufen Verdammten

bringen und hier macht er ihm zur Nachtzeit einen Besuch. Die Dichtung besteht aus einem Gespräch zwischen

dem

Grossinquisitor und Christus,

oder

einem langen Monolog des ersteren,

richtiger

der von

Antwort unterbrochen wird, einem Monolog,

in

aus

keiner

welchem

dem Erlöser zeigt, wie grosses Unrecht damit thue, wiederzukommen und das Werk seiner

der Kardinal er

Gläubigen zu zerstören, und ihm seinen bestimmten Willen verkündet, ihn als Ketzer lebendig verbrennen zu lassen,

um Ruhe zu

seiner Thätigkeit zu

bekommen. Der

Inquisi-

tor entwickelt Christus, welche Fehler, politische Fehler

er bei Lebzeiten begangen.

Der wichtigste von

allen war,

der Aufforderung des Versuchers nicht zu folgen. Steine in

Brod zu verwandeln, sondern

leeren

Händen zu

sich den

Menschen mit

offenbaren. Hierdurch hat er es denen,

die sich wider ihn erheben, möglich gemacht, sich die Loosung zu schaaren:

wenn Du

willst,

„Gieb

um

ihnen erst zu essen,

dass sie gut sein sollen." Wir, sagt der

Kardinal, geben ihnen Brod.

Wir verstehen zu

und wir reden in Deinem Namen. Und

sie

mit, dass sie uns ihre Freiheit bringen,

lügen,

endigen da-

sie

zu unsern

Füssen niederlegen und uns um Ketten und Brod bitten. Es giebt auf Erden nur drei Kräfte, welche die im Grunde so schwache und aufsässige Menschheit im Zaum halten können, das ist: das Wunder, das Mysterium und die Autorität.

Und Du

hast diese Kräfte verschmäht,

um

eineFreiheit zu verkünden, die es gerade zu confisciren

und eine Liebe, mit welcher die Menschen nicht werden können „Darum ist es nothwendig gewesen. Dein Werk zu corrigieren", es zu corrigieren durch Eoms Macht und Cäsar's Schwert, und einige Hunderttausende von fortgeschrittenen Geistern unglück-

galt,

regiert

lich

zu machen,

:

sie auszurotten,

avo

man

konnte,

um

!

FJODOR DOSTOJEWSKI. unzähliger Millionen ich

Dich verbi-ennen,

Wohl

343



zu sichern.

„Morgen

lasse

^ä-/."

Christus erwidert kein Wort, sondern starrt Inquisitor mit

Augen,

einem sanften und festen Blick

dann nähert

in

dem

er ruhig das Antlitz

dem die

seineu

und küsst den Greis auf seinen blutlosen Mund. Da erbebt der alte Mann, öffnet die Zellenthür und sagt: Geh Deines Wegs und kehre niemals wieder niemals, .

.

.

niemals Dieses Gedicht wird in

dem Roman

als

aus athei-

Gedanken entsprungen verdammt, aber schon die Komposition zeigt, mit Avelchem Ernst und welcher Vielseitigkeit DostojeAVski gefragt und die verschiedenen Antworten geprüft hat. Die Zeit von 1871 81 war die ruhigste in Dostojewki's Leben. Seine zweite Ehe trug dazu bei, seine ökonomischen Verhältnisse zu ordnen. Er überstrahlte stischen



durch seine Popularität

alle die Schriftsteller, die

anfangs

ihm ebenbürtig galten; besonders erbleichte Pisemski's Ruhm völlig vor dem seinen. Aber er überstrahlte auch Turgenjew, der so lange als ihm überlegen betrachtet wurde all' der Unwille, den sich der grosse Dichter bei Radikalen und Slavophilen zugezogen hatte, kam eine Zeitlang Dostojewski zu Gute. Als im Jahre 1880 als

;

die Enthüllung einer Statue Puschkin's ein litterarisches

Nationalfest in

Moskau

veranlasste,

grössten Schriftsteller sprachen,

Rede

Beifall, die Dostojewski's

Schluchzen hervor, und

bei

welchem

die

erweckte Turgenjew's

aber rief Entzücken und

als er geendet,

trug

man

ihn

im Triumph umher. In seiner Monatsschrift: „Tagebuch eines Schrift-

nun den Glauben an Russland als und fiel mit gleicher Bitterkeit die russische „Intelligenz" und die westeuropäische Cultur an, die für ihn derjenigen Babels und Sodoms gleichkam. So galt er bei seinem Tode als Russlands grosser, volksthümlicher

stellers" predigte er

Pflicht

FJODOR DOSTOJEWSKI.

344

Tod war

Dichter. Die Trauer über seinen

eine Landes-

trauer; 40,000 Menschen folgten seinem Sarge. Russisclie Studenten sandten einen offenen Brief an seine Wittwe,

worin es

u.

a. heisst:

werden Dostojewski's Ideale vergessen werden von Geschlecht zu Geschlecht werden wir sie ver„Niemals ;

erben als eine theuere Hinterlassenschaft unseres grossen, Sein Andenken wird niemals aus geliebten Lehrers. .

.

den Herzen der russischen Jugend gelöscht werden, und wie wir ihn lieben, wollen wir auch unsere Kinder lehren,

den

und

Mann zu

achten und zu lieben, den wir nun so bitter

trostlos beweinen.

Kämpfen stehen,

.

.

unseres Lebens

.

Dostojewski wird in

immer

leuchtend

wir werden immer daran denken,

vor

dass

er

den uns es

war, der uns die Möglichkeit lehrte, die Keinheit der Seele in jeder Lebensstellung und unter allen Verhältnissen unberührt zu bewahren."

Es war, wie man richtung, die bei seinem

sieht,

die

Tode das

slavophile letzte

Wort

Geistesbehielt.

9-

Leo Tolstoi. (1888)

raf

Leo Nikolajewitscli

Tolstoi, Eiisslands gröss-

ter jetzt lebender Wirkliclikeits-Scliilderer

und

Träumer, ist mächtiger als Turgenjew, gesunder als Dostojewski.

Mit Turgenjew verbindet ihn sein Pessi-

mismus, mit Dostojewski seine slawische Religiosität und sein

Glaube an den russischen gemeinen Mann.

Mit

letzterem hat er das Misstrauen gegen die Kultur West-

europas gemeinsam, nur dass es sich bei ihm über

alle

Civilisation ausdehnt.

Seine Phantasie ist weitumfassend, episch. In

auf ihn

ist

der Satz wahr

:

der

Roman

sei

Bezug

das moderne

Er hat nicht blos, wie andere Dichter, eine Kulturund das Leben der sogenannten guten Gesellschaft und ausserhalb der russischen Hauptstädte wieder-

Epos. stufe in-

gegeben,

sondern er hat in seinem grössten

Werk

ein

Volk und eine historische Katastrophe ersten Ranges gemalt: Napoleon's Feldzug und Niederlage auf russischem Boden. Tolstoi wurde am 28. August 1828 auf dem Gut Jasnaja Poljana im Gouvernement Tula geboren, verlor 1837 seinen Vater, kam 1843 auf die Universität zu Kazan, beschäftigte sich mit Jurisprudenz und semitischen Sprachen, kehrte aber schon nach drei Jahren auf sein Gut

Zeitalter, ein Heer, ein

LEO TOLSTOI.

346

dem Kaukasus,

zurück. 1851 ging er in Kiiegsdiensten nach

wo

er seine ersten

am Krimkrieg

Versuche schrieb, nahm

war mit im Gefecht an der Tschernaja und heim Sturm auf Sewastopol und nahm nach dem Friedenstheil,

schluss seinen Abschied. 1857 trat er seine erste Reise ins

Ausland an,

sie

ging über Deutschland nach

Italien.

Auf seinem Gut, wo er sich dem gemeinen Mann näherte und dessen Wesen studirte, gründete er eine Freischule und beschäftigte sich auf jede Weise mit dem Gedanken, was für das gemeine Volk gethan werden könne und müsse. 1862 verheirathete er sich. Er hatte zuerst die Absicht, einen grossen

Roman „Die Decembristen"

(die

Aufrührer von 1825) zu schreiben, gab aber diese Idee zu Gunsten einer anderen auf, aus der „Krieg und Frieden"

hervorging (1865-1868). 1878 folgte „Anna Karenina", später Novellen, Dramen, Volksschriften, Bekenntnisse.

Es kennzeichnet treue, dass er als als

Art von Tolstoi's WirklichkeitsSelbstbeobachter und gewissermassen die

Turgenjew

Selbstbiograph begann.

Produktion selbst ganz zurück. AVo man

den Dichter selbst erräth, sich

ganz

für

ist es in

tritt

in

in seiner

Dostojewski

jenen Gestalten, die

Andere opfern und zum Dank dafür

in

der Regel verschmäht werden, weil ihnen alle die ver-

führerischen Eigenschaften fehlen,

mit

denen flachere

Persönlichkeiten glänzen. So der Erzähler

Iwan Petro-

witsch in den „Verunrechteten und Unterdrückten". Es ist

ein

Schimmer davon sogar

in

dem

alten

Makar

Alexiewitsch in

„Arme Leute". Rührend

demüthig

Selbstschilderung in „Das todte Haus",

ist .die

bescheiden, ja

obgleich der Verfasser verstehen lässt, dass der Erzähler

von den Anderen für eine ungewöhnliche Persönlichkeit angesehen wird. Aber immer zeichnet Dostojewski, wo er sich selbst als Modell benutzt, ein AVesen von der ausserordentlichsten Güte. In seinem Roman „Der Idiot" hat er sich selbst in der Gestalt des Helden, des Fürsten

Myschkin gemalt. Myschkin

ist

Genie durch die höchste

LEO TOLSTOI.

347

Begabung, Kind durch die Einfachheit und Reinheit des Herzens. Vierundzwanzig Jalire lang hat er an dem unheilbaren Uebel der Epilepsie gelitten, deshalb findet

Sanftmuth darein, dass man, selbst wenn er im Besitz aller seiner Fähigkeiten ist, ihn wie einen Kranken oder Verrückten, wie Einen, der auf dem Punkte er sich mit

ist,

„seinen Schlaganfall" zu bekommen, behandelt.

Er hat

keine feinen Manieren, vermag mit seinen Ideen nicht haushälterisch umzugehen

und braucht daher, wie er selbst sagt, Worte, die nicht zu den hohen Gedanken passen, die er aussprechen will, und diese gleichsam herabwürdigen. Aber dennoch ist in seiner Umgebung nicht Einer, der solcher Worte würdig ist. Das verkündigt Dostojewski durch den Mund eines jungen Mädchens „Keiner hier ist Ihres Geistes, Ihi-es Herzens, nein nicht einmal soviel wie Ihres kleinen Fingers werth Sie :

!

sind ehrlicher

als

wir Alle,

edler,

klüger,

als

irgend

Einer von uns!"

Wenn

annähernd zu schildern, so ist es, weil er nur schildern will, was Er erzählt sein Kindheits- und Jugendleben er kennt. („Kindheit", „Jugend"); dann indirekt, aber auf durchsichtige Weise, seine Erlebnisse als Offizier im Kaukasus Tolstoi

anfängt,

sich

selbst

(„Die Kosaken"), seineErinnerungen vom Kriege („Kriegsbilder", „Sewastopol"). sich selbst giebt,

handgreiflich.

ist

Er

Ueberall,

wo

die Selbstkritik

er ein Bild von und Selbstironie

entschleiert seine Schwachheiten, er

deckt seine Thorheiten auf. Niemals macht er den Ein-

druck einer idealen Gestalt. Im Gegentheil, er

dem

ist

Der,

Anderen gelingt, Herzen zu gewinnen, und der nicht mehr Glück verdient, als ihm zufällt. In den „Kosaken" ist sein Olenin, wie Petschorin bei Lermontow, ein im Kaukasus lebender Offizier der eleganten Welt. Aber während Petschorin, trotz seiner Kälte, überall Wärme bei den Frauen begegnet, erntet es

weniger

als

Olenin für eine lange gehegte,

leidenschaftliche Liebe

LEO TOLSTOI.

348

ZU einem Naturkind, einem Kosakenmädclien, nur solchen

Unwillen und solche Verachtung, dass

den Kopf nach ihm wendet,

tow

ist

der hochentwickelte

sie nicht

als er abreist.

Mann

einmal

Bei Lermon-

selbst in seiner Blasirt-

heit anziehend: für Tolstoi gilt es hier,

wie überall, die

Ueberlegenheit der Natur über die Produkte einer künst-

Bildung zu behaupten. Und mit dieser seiner Liebe und Bewunderung für die Natur hängt es zusammen,

lichen

dass die Kaukasuslandschaft,

Rahmen war,

Zeit" nur ein

im „Helden unserer

die

in

den „Kosaken" mit der

Frische und Kraft der Naturmenschen verschmolzen hervortritt: „der

ewige Schnee, den keine Hand erreichen

kann, und das erhabene Weib in seiner ursprünglichen „ich freute mich an ihr wie an der HerrBerge und des Himmels und konnte es nicht sein lassen, mich zu freuen, denn sie ist schön, wie jene". Man fühlt, dass etwas ganz Anderes als Selbst Verherrlichung dem Dichter am Herzen liegt: Wirklichkeits-

Schönheit"

.

.

.

lichkeit der

treue.

Diese Wirklichkeitstreue Tolstoi rührt:

zunächst

wo

ist

es,

die uns überall bei

der eigene Charakter des

Dichters durch die erdichteten Gestalten hindurchzufühlen

wie in gewissen schweren Naturen, starken linkischen Männern, die ohne sonderliche Initiative sich lange vom Strom treiben lassen, bis eine Erweckung religiöser Natur alle ihre besten Fähigkeiten zu den Waffen ruft: Bezuchow in „Krieg und Frieden", Levin in „Anna demnächst wo Tolstoi das Karenina" sind Beispiele tägliche Leben fremder Naturen schildert, wie in der ist,



feinen, bitter wahrheitsgetreuen Novelle „Familienglück",

die mächtig wirkt, einzig und allein durch die Darlegung,

wie die Hlusionen des Lebens entstehen, genährt werden und verloren gehen. Sie schildert das Wachsen und die Blüthe der Liebe, dann die langsame Verwandlung, welche die Liebe zweier Eheleute zur Freundschaft herabwürdigt,

und

lässt zuletzt

die Zärtlichkeit

gegen die Kinder jede

LEO TOLSTOI. andere Leidenschaft ablösen. selbst

Es

349

ist

das Alltag^sleben

ohne ein einziges romantisches Ereigniss,

Nächst

der Wirklichkeitstreue

ist

besonders

das

Errathungsvermögen, die Ahnungsgabe an Tolstoi merkwürdig.

Er

besitzt die so äusserst seltene historische

Phantasie. Freilich ist er ein hinreichend

moderner Geist um

keinen Versuch zu machen, ferne, längst dahingegangene Persönlichkeiten hervorzumahnen.

Er geht

in der Zeit

nicht weiter zurück als bis zu einer Epoche, in der ihn eine noch lebenskräftige Ueberlieferung unterstützen kann.

Gleichwohl

ist

historischen

Periode

Schilderung

seine

wie

einer

vergangenen

der Zeit Alexanders

L

be-

wunderungswürdig. Seine historischen Portraits machen den Eindruck von Bildern, die auf Grundlage persönlicher

Erinnerungen gemalt

Kutuzow sind Es giebt

sind.

Sein Napoleon,

sein

Beispiele. in

Allem

vielleicht blos

zwei dichterische

Darstellungen, in denen das Auftreten Napoleons den Ein-

druck voller Wahrheit macht und mit voller künstlerischer

Kraft wiedergegeben

ist.

Die eine

ist

Alfred de Vigny's

bewunderungswürdige Schilderung von Napoleon's Gespräch mit dem Papst in „Servitude et grandeur militaires"; die andere ist die Scene in „Krieg und Frieden", wo Napoleon dem russischen Sendling Balachow Audienz giebt. Sie ist geschrieben, als wäre der Verfasser unsichtbar zugegen gewesen.

Wie sprechend

ist

dieser über Napoleon

:

nicht solch ein kleiner Zug, wie

„Sein weisser, fetter Hals stach

Farbe scharf ab gegen den schwarzen von dem ein starker Eau-de-CologneGeruch aufstieg." Man fühlt den Parvenü in dieser kleinen

durch

seine

Uniformkragen, Einzelheit. Tolstoi's

Rang. ist,

Doch

Kutuzow

ist ein

Charakterbild von gleichem

so hervorragend

so hat es doch starke

es

Mängel

auch

als

Kunstwerk Es ist

als Portrait.

LEO TOLSTOI.

350

kaum

zweifelhaft, dass der Dichter aus nationalen

religiösen

Gründen Kutuzow zu

viel

und

zugestanden hat und

Napoleon zu wenig. Was an Napoleon hervorgehoben wird, ist die Gewaltsamkeit, der thörichte Hochmuth,

was man entbehrt, ist der Eindruck der Genialität. An Kutuzow wird selbst die Unthätigkeit, ja die Stumpfheit als Ausdruck eines

dem

der unmittelbar vor

Fall steht;

tiefen Verständnisses der vermeintlichen

herrlicht, dass die

oder richtiger, wie

sie

sie wollen:

müssen, ohne dass das Eingreifen

des einzelnen Menschen sonderlich dazu

von

Thatsache ver-

Begebenheiten gehen, wie

tliut

oder da-

zieht.

DieseParteilichkeit beruht indessen ganzaufTolstoi's

eigenthümlicher Lebensanschauung. Ohne Dostojewski's Nervosität und Exaltation

ist er

zu einer ähnlichen Ent-

ferntheit von aller Ehrfurcht vor menschlicher Intelligenz

und politischer oder wissenschaftlicher Grösse gelangt. In Deutschland glauben die Schriftsteller an Vernunft und Bildung, in England an die selbständige Kraft des Individuums, in Frankreich an Fähigkeiten, im Norden an Sittlichkeit; Tolstoi fühlt sich, wie die Russen so häufig,

geschlagen

von

der Geringheit des

einzelnen

Menschen gegenüber dem All. Er hegt Ehrfurcht vor dem Universum und dem Schicksal, aber keine vor Wissenschaft, Kunst noch Kultur. Es ist nicht Wissenschaft oder Kunst, worauf es ihm ankommt. Nein, Leben und Tod sind zwei grosse, ernste, undurchschaubare Dinge. Die grosse Predigt, die Leben und Tod täglich vor den Ohren des Dichters Der halten, übertäubt für ihn allen Lärm der Erde. Räthsel menschliche Verstand scheint ihm gegenüber dem des Erdenlebens

so

schwach,

dass

die einfachste In-

telligenz hier der höchsten gleich wird.

Und

der menschliche Wille

ist

gegenüber dem un-

widerstehlichen Strom der historischen Begebenheiten für nichts zu rechnen.

Es ist nicht der Heerführer, der wirklich

:

LEO TOLSTOI.

S51

das Heer führt: das Schicksal treibt es vorwärts. ist nie

sie

Es

der Feldherr, der wirklich die Schlacht leitet

wird ohne seine Mitwirkung durch geheimer Trieb-

kräfte Spiel gew^onnen oder verloren.

Eine für Tolstoi typische Scene

ist die,

wo

der ver-

wundete Fürst Andreas, ausgestreckt auf dem Schlachtfeld liegend, zum Himmel aufsieht. Napoleon hält mit seinem Gefolge bei dem Verwundeten und er, der Ohnmächtige, der bisher Napoleon so grenzenlos bewundert hat, findet ihn jetzt klein und unbedeutend im Vergleich mit dem, was zwischen seiner eigenen Seele und dem unermesslichen Himmel vorgeht. bezeichnend, dass kaum irgend ein Autor und mit solcher Sicherheit und Mannigfaltigkeit geschildert hat, wie man stirbt. Er ist ebenso vertraut mit den Stimmungen, die dem Selbstmord vorausgehen, dem des Mannes, wie dem der Frau, wie mit den Gefühlen, womit die tüchtige und die untüchtige Natur unter Krankheit das Kommen des Todes erwartet, und mit dem Grauen und der endlichen Befreiung, die der

Es

ist

so häufig

Tod

in der

Schlacht mit sich führt.

Aus Tolstoi's Mangel an wissenschaftlicher Bildung und seinem geringen Glauben an die menschliche Intelligenz entpringt das Ideal,

das

er

sich

von

einer

Rückkehr zur Natur gebildet hat. Es entspricht nicht dem Rousseau'schen, denn es hat einen religiösen Charakter; aber es erinnert daran. Der Bauer Karatajew in „Krieg und Frieden" macht einen so tiefen Eindruck auf Bezuchow, nicht bloss weil er ein primitives Geschöpf ist, sondern weil er die Resignation und die christliche Brudei-liebe hat, die dem civilisirten Menschen fehlen. Tolstoi ist insofern reiner Romantiker,

als er

das

Ideal nicht vor uns, sondern hinter uns in den niedrigsten Klassen sucht.

Er

ist

insofern nicht reiner Pessimist,

wie schwarz er auch die Zustände sieht, selbst stets danach strebt, jenes Ideal zu verwirklichen und

als er,

LEO TOLSTOI.

352

dessen Verwiiklicliung- Andern predigt.

Dadurch

unter-

scheidet sich der Pessimismus, der in seinen Schriften

scharf von jenem, in

hervortritt,

dem

in unseren

Tagen

und deren eigenthümlichsten Ausdruck man bei Huysmans findet, einem gewissenhaften Künstler und einem Menschen ohne Hoffnung, dessen Pessimismus darin besteht, dass er vom Leben gelangweilt und angeekelt wird. Alles, was er gesehen und beobachtet hat, war in unerträglichem Grade hässlich und platt. Er leidet unter Allem und wird durch Alles verletzt, die französische Litteratur kulminirt hat

was sich seinem Blick darbietet, und sehr bezeichnend istes, dass er eine Romanfigur geschaffen hat, die sich in ein ganz

einsames Leben zurückzieht, und der die Wirklichkeit so dass sie das Wirkliche durch das Künst-

verhasst

ist,

liche, ja

sogar das Tageslicht durch künstliches Licht

ersetzt,

nnd

die

von den einfachen, allzu wenig gewürzten

Klassikern, die sie geringschätzt, zu den stark unnatürlichen Schriftstellern ihre Zuflucht nimmt.

Mit diesem aufs Aeusserste gehenden Pessimismus hat Tolstoi den einen Berührungspunkt: den Unwillen

gegen das, was bloss klar und rationell den typischen französischen Pessimisten ein werthvolles Ding,

nicht der

alles das,

was sie,

sie in

sobald

Aber für das Leben

über dessen Räthsel nachzugrübeln

Mühe lohnt. Das

Einzige,

der Litteratur würdigen und

schätzen

ist.

ist

was diese Pessimisten

lieben, ist die Kunst.

der Wirklichkeit sie es in

Und

verabscheuen,

der Kunst finden.

Denn

nur wenn das Kunstwerk fast ausschliesslich das darstellt, was an sich selbst lauter Alltäglichkeit und Unschönheit

kann man sicher sein, dass es die Kunst selbst ist, was man im Kunstwerk liebt. Der Kunstliebhaber zieht sogar oft das Niedrige und Schmutzige als Stoff vor, um von Grund aus die Kunst in der Behandlungsart ist,

geniessen zu können.

Für Tolstoi dagegen

ist

und unerschöpfliche Sache,

das Leben eine so ernste dass sein Interesse für die

LEO TOLSTOI.

353

Kunst von Anfang an vei'sclnvindend war im Vergleich mit dem Interesse, womit er um die Lebens- und Glücksfrage kreiste. Einen selbständigen Wertli hat die Kunst überhaupt nie für ihn gehabt, und in seiner letzten Periode sieht er auf seine früheren Arbeiten als allzu künst-

Er ist in eine Art christlichen Sozialismus von ganz persönlicher und eigenthümlicher Natur aufgegangen, und insofern er der Kunst überhaupt eine Bedeutung zuerkennt, geschieht es unzweifelhaft nur lerisch herab.

als

dem Organ der wahren Lebensanschauung,

volkserziehenden Macht grössten

Es

ist

unmöglich,

als einer

Stils.

auf eine Kunstanschauung ein-

zugehen, die die Form,

den

Stil,

gerade das Element

geringschätzt, das die Kunst zur Kunst macht.

Es kann indessen kein Zweifel darüber vorhanden sein,

eignet

welche ist,

der beiden Auffassungen

am

meisten ge-

eine Litteratur hervorzubringen, die nicht eine

Litteratur des Niedergangs, sondern des Aufblühens

ist,

Organ für Ideen betrachtet, oder jene, welche die Kunstform allein als Form kultivirt. Der Satz, die Kunst sei Selbstzweck, ist wahr genug, muss aber nicht so verstanden werden, als hiesse er ein Reden und Schreiben bloss des Redens oder Schreibens wegen gut. Nur wo grosse Visionen und grosse Gedanken die,

welche die Litteratur

als

sind, findet sich jenes Lebensprincip in der Litteratur,

das sie verhindert, sich in Unfruchtbarkeit zu verlieren.

Darum bedroht

Tolstoi's neuestes Verschmähen der Kunst Russlands Geistesleben mit keiner Gefahr. Warum erzählen, was Alle kennen, die einigermassen den Lauf der Dinge verfolgt haben: die Reue des grossen Mannes über das gedankenlose Leben seiner Jugend, das, wie seine Jugendwerke bezeugen, jetzt seinem Blicke noch weit gedankenloser erscheint, als es gewesen seine offene Beichte, würdig und naiv, die Beichte eines Grüblers, der nicht zum Denker geschaffen wurde sein selbst-





gebildetes religiöses System, das

dem Christenthum 23

die

LEO TOLSTOI.

354

Lehre von der Unzulässigkeit des Krieges, ja alles bewaffneten Widerstandes entnimmt und für welches der dass wir nach

Satz,

dem Schlag auf die eine Wange zum Haupteckstein der Re-

die andere hinhalten sollen,

Dass sich sehr Wuchtiges gegen diese gefährLehre einwenden lässt, ist mehr als gewiss; aber

ligion wird. liche

was uns

interessirt, ist hier nicht dies,

sondern der echt

Grundgedankens und Grundob der friedliebende, ganz unkriege-

russische Charakter dieses gefühls.

Es

ist,

als

rische Volksgeist

an

lichen Russlands,

in Tolstoi's

produktiv geworden

sich,

der Volksgeist des eigent-

Verkündigung

religiöser

sei.

Der Philolog Carl Abel sagt irgendwo, nachdem und das kleinrussische Volk charakterisirt hat: „Es gibt noch eine Nationalität er sprachlich das grossrussische

in Russland, wichtiger als eine der beiden besprochenen.

Diese äusserst merkwürdige Menschenart besteht aus den

Eine Mischung

höheren Klassen des Reichs.

dem Scepter

verschiedenen Racen, die unter

aller der

des Zaren

versammelt sind, bilden diese höheren Klassen einen der begabtesten, muthigsten und unternehmendsten Menschentypen,

Und

irgend

die

ein

Krieg

ausgerichtet,

Boden erzeugt hat." was es in Diplomatie und

irdischer

er erklärt, dass Russland,

dieser

Anführergruppe

verdanke.

am

allerwenig-

Diese Gruppe aber interessirt Tolstoi sten, weil

Krieg und Diplomatie ihn

am wenigsten

interes-

siren. Die dagegen, welche bisher auf blinden Gehorsam, gegen diese Führerklasse hingewiesen waren, sind seiner ganzen Theilnahme sicher. Sie sind es, mit denen er in Beschäftigungen, ja in Kleidung und Aeusserem sich nach

und nach zu

identifiziren versucht hat,

zum

Theil

um

ihre

Gefühlsweise bis auf den Grund kennen zu lernen, zum Theil

um

sich in keiner Hinsicht

über

sie

zu erheben.

Einer meiner Bekannten, ein ziemlich kaltsinniger Jurist, der Tolstoi auf seinem

konnte

nur mit

Gute im Sommer besuchte, Erregung von diesem

einer gewissen

LEO TOLSTOI.

355

Besuch sprechen. Hinsiclitlich der Gerüchte über eine Schwächung- der Geistesgaben Tolstoi's sagt er: Tolstoi ist, wenn auch kein Denker, ein klarer Geist, tolerant

gegen Andersdenkende und von einer engelhaften Güte. Er liest fortwährend Viel, interessirt sich für Alles, geht in seinen Gesprächen nicht darauf aus, Propaganda zu machen. Aermlich gekleidet, halb in Lumpen, in seiner Familie, die seine

lebt er

Ueberzeugung nicht

aber ihn ehrt und vergöttert. Seine Gattin

ist

theilt,

eine ver-

ständige Dame, eine gute Hausfrau in einem Haus, das in

grossem

tische

Stil

geführt wird.

Die Söhne sind prak-

Männer und bewirthschaften das Gut.

Seine Umgebung bestand damals aus drei Gattungen Menschen Halbtolle, die in ihm sehen, was sie sehen wollen, und aus seinen Worten machen, was sie machen wollen. Ausbeuter, die gekommen, aus seiner Menschenliebe Nutzen zu ziehen und oft unzufrieden sind, da er nicht alle ihre Forderungen befriedigen kann. Endlich Korrespondenten der verschiedensten Zeitungen, die je nach der Richtung des Blattes, an dem sie mitarbeiten, :

über ihn schreiben. Tolstoi lehrt ganz naiv, der sein,

wie er reinlich sein

solle.

Mensch

Um

solle glücklich

glücklich zu sein

müsse man so wenig Bedürfnisse haben wie möglich. Deshalb Rückkehr zu dem ursprünglichen Zustand, den er

dem unzusammengesetzten Leben des Bauern findet. Der moralisirende Hang hat von Anfang an tief in Tolstoi gelegen. Er ist immer bei ihm gegenwärtig,

in

einige seiner ersten kleinen Novellen, wie „Luzern" vielleicht

ausgenommen. Er

ist

unverkennbar

in

„Krieg und

„Anna Wirkung schwächt. Allzu

Frieden", er macht sich noch stärker geltend in Karenina'',

wo

er sogar die

sichtbar tritt hier in der Schilderung die Moral hervor, die wir daraus ableiten sollen.

spürt

man

begriflf: so

Mit anderen Worten hier :

die fixe Idee der alten Menschheit

geht

es,

wenn

u. s.

:

w. Ursache und

den Straf-

Wirkung 23*

LEO TOLSTOI.

356

ohne

werden,

class

es

ausdrücklich

gesagt

wird,

in

Schuld und Strafe umgesetzt. In den späteren Jahren hat Tolstoi seine Wirksamkeit Volksschriften zugewandt.

Er hat

beschlossen, sich

an die hund-ert Millionen statt an die oberen

Er hat

zu wenden.

Legenden,

eine Eeihe

Zehntausend

kleiner Erzählungen,

symbolischer Geschichten und Märchen ge-

schrieben, von denen durch seine Uneigennützigkeit jedes

Heft zu ein paar Pfennigen ( 1 V2 Kopeken) verkauft wird und deren Zweck es ist, dem russischen Bauern und Arbeiter, der erst jetzt aus jahrtausendlangem Schlaf aufwacht, die Nahrung zu geben, die für sein Gemüth

und

passt,

die Vorstellungen,

für

die er

Bedarf hat,

mitzutheilen.

Diese kleinen, volksthümlichen Schriften sind keine

Lektüre für die Gebildeten. Aber das grosse Bauerndrama

von 1887 „Die Macht der Finsterniss", steht hoch über diesen pädagogischen Heften. Es ist vielleicht das Meisterwerk des grossen Sonderlings und Grüblers. Es gehört durch seine poetische Bedeutung der Weltlitteratur an, :

ja es bezeichnet für die dramatische Litteratur die Auf-

nahme

eines neuen Stoffkreises.

Obgleich dieses Schauspiel die merkwürdige Eigenschaft hat, nicht eine Replik zu enthalten, die der Un-

wissende und Ununterrichtete nicht verstehen kann, es

ist

doch eine Kost für die Höchstgebildeten.

Es

ist

eigenthümlich für Tolstoi, unwissenschaftlich

Gedanke nicht in die von Unglück und Elend einzudringen vermag. Keiner, der seine Abhandlung über „Die Bedeutung von Kunst und Wissenschaft", d. h.über wie er

angelegt

ist,

dass sein

ökonomischen Ursachen

ihre Bedeutungslosigkeit gelesen hat



dieser morali-

sirende Versuch eines Autodidakten, über Dinge zu urtheilen,

liegen

Geld

die ausserhalb der

— als

Spannweite seines Geistes

wird sich darüber wundern, dass Tolstoi das

Wurzel

alles

Uebels betrachtet.

Er erweist

LEO TOLSTOI. persönlich den

Armen Dienste

unterstützt sie nie mit Geld.

357

verschiedener Art, aber er

Er vergeudet

seine Zeit

damit, einer armen Frau einen Ofen setzen zu

helfen,

aber er giebt ihr nicht die paar Rubel, die nöthig wären,

damit

sie

besser und

ihn

solider

vom Töpfer

gesetzt

bekäme. Persönlich gross,

aber er

ist

er reich

und seine Einnahmen sind

bedient sich der

Wendung, dass Geld-

sachen in das Gebiet seiner Frau gehören. Selbst hat

Geld bei sich und er bekommt nur dann und wann in seinem Hause 15 Kopeken, um in einer der Badstuben der gemeinen Leute ein Bad nehmen zu können. Im Drama ,,Die Macht der Finsterniss" sind Spuren er nie

dieser Wunderlichkeit.

da Mitritsch ihm

Man bemerke Akim's

erklärt,

Indignation,

wie es zugehe, dass das Geld,

Bank giebt, Zinsen trage. Alles Zinsenund Bankwesen ist ihm Betrug. Man hört hier den Verfasser aus dem alten Bauern sprechen. das

man

in die

Uebrigens hat er sich mit

musterhafter Selbstbe-

herrschung hinter seinen Personen

versteckt

gehalten

und das Schauspiel ist gross durch seinen einzigen Wirklichkeitssinn und das grosse, milde Herz, das darin klopft. Wir sehen hier in eine Welt hinein, wo Niemand Horizont hat, wo Niemand über irgend etwas, das ausserhalb der Dorfgrenzen liegt, ordentlich Bescheid weiss, nicht einmal die Soldaten, die herumgestreift sind und ;

von den Frauen gilt, was in einer Replik von ihnen gesagt wird es giebt Millionen von ihnen im russischen Land und alle sind sie so blind wie Maulwürfe keine :

;

nur ein bisschen Aberglauben;

Kenntnisse, sterben,

sind

sie

gerade

so

klug

wie

wenn bei

sie

ihrer

Geburt.

Gegen

diese

die Lichtstrahlen

„Macht der Finsterniss" hat Tolstoi vom Herde seiner Begeisterung und

seiner Phantasie gerichtet.

erzieher den

Mit ihr hat er

Kampf aufgenommen.

Hinter

als Volks-

der

Mauer

LEO TOLSTOI.

358

seines

Asgaard zündet

hellen

Flammen

er

den Seheiterhaufen an, in dessen

der Geist der Finsterniss, jener „Riese

im Adlerbalg" einmal hinabsinken wird. In der russischen Schrift „Graf L. N. Tolstoi und die Kritiken

über seine Werke"

(1886)

ist

die

ganze

Reihe der existirenden Portraits des grossen Schriftstellers gesammelt. Auf einer Gruppe von 1856 ist der

zusammen mit Grigoro witsch, Gontscharow, Turgenjew, Druzinin und dem feinen Komödiendichter

junge

Offizier

Ostrowski abgebildet; auf einem anderen Bilde von 1857 besteht die Gruppe aus Turgenjew,

Njekrassow,

Sollogub,

Grigorowitsch und Panajew.

Tolstoi,

Man

findet

da auch ein prächtiges Portrait von Kramskoi und eine

Menge photographischer Bildnisse aus den reiferen Jahren. Man kann darin verfolgen, wie dieser Charakterkopf von innen ausgeformt und durchgearbeitet wird. der noch nicht dreissigjährige Offizier mit rischen Schnurrbart,

dem reglementmässig

dem

Da

ist

militä-

geschnittenen,

dem seltsamen, schroffen und tiefen Blick, dem ausdrucksvollen Mund, fragend und unsicher, ein

glatten Haar,

beunruhigendes Gesicht,

das

eine scheue,

gewaltsame

Seele verräth. Alle die anderen sehen so gezähmt,

weich aus neben ihm, unberechenbar, wie

und naiv

er

so

scheint,

trotzig.

Die Jahre gehen, die Entwicklung findet sich ein und dieser Kopf wird ein anderer. Eine Eigenschaft tritt darin hervor, die alle anderen verdrängt: überlegene Macht.

In den späteren Jahren wird dieser Ausdruck

Da ist Kramskoi's Portrait aus dem Alter von 40 bis 50, mit dem glatten, um die Schläfen wogenden, schwarzen Haar, dem mächtigen, dunklen Voll-

zur Majestät.

und Halslinien deckt, mit dem Ausdruck von concentrirter Strenge und Tiefsinn. Es ist keine Unsicherheit mehr um diesen Mund, keine Unruhe mehr

bart, der Hals

auf dieser Stirn in 's

Mark

;

der Blick

ist

des Sehers

und Grüblers

der Dinge eindringendes Schauen. Demnächst

LEO TOLSTOI. das Portrait:

an seinem Schreibtisch,

Tolstoi

wunderungswürdig-es Bild durch tiefung aus.

Das

die Grösse

ein be-

des Stils

So sehen höchster Ernst und Ver-

und der Haltung.

Mann

359

fühlt jeder, der das Bild sieht.

schreibt, das

Was

der

nicht Tand, nicht loses Gerede,

ist

das sind starke, gewichtige Worte, werth des Wagens.

Und

wo

der Ausdruck dem Fürchterlichen, dem Erschreckenden nähert, halsstarrig bis zum Fanatismus. Die schweren Augenbrauen scheinen fast zu in

es giebt

noch ein weiteres Portrait,

den Augen und

um den Mund

sich

drohen, der freiwachsende, grosse graugesprengte Bart erinnert an die alten Propheten.

Und

zu der Bilderreihe

die spätesten Portraits

die

:

sechszigjährigen Tolstoi,

Blouse des Bauern

mit

des Buchs kommen noch bekannte Photographie des

des Muschik

in

der dunklen

dem Ledergurt um den

Leib,

mit dem nach russischer Bauernart in der Mitte gescheitelten Haar, die Stirn durchzogen von tiefen, über die

Nase sich senkenden Furchen, der wilde, schneeweisse Bart, der fast bis an die über der Brust gekreuzten Arme reicht, und der tief bekümmerte Blick des Mystikers, dessen Festigkeit an das Starren eines Gemüthskranken erinnert. Endlich Ejepin's meisterliches, auch in Oeldruck verbreitetes Gemälde: ein sich weit erstreckendes Ackerfeld mit einem Hintergrund von Wald; auf dem Mittelplan pflügende Bauern und im Vordergrund Tolstoi als Bauer, nach russischer Art mit Einem weissen Pferd vor

dem

alterthümlichen Holzpllug

pflügend,

den anderen

weissen Gaul an der Leine hinter sich führend, der die

Egge

zieht.

Denn

es ist

Leo Nikolajew^itsch

selbst, diese

mächtige breitschultrige Gestalt mit der weichen, weissen Mütze, die die gesenkten Augen vor der Sonne schützt, mit dem blauen

am

Halse otfenen Kittel und den hohen

den fetten Boden treten. Hier ist nichts, was an den Grafen, den geborenen Aristokraten erinnert. Die dicke plumpe Nase, die schwere Kinnlade ist die Stiefeln, die

!

LEO TOLSTOI.

360

des russischen Bauern. Aber welch wunderlicher Bauer diese Haltung, diese ungeheure

Das

Macht

in der Einfachheit!

der Bauer als Grübler, als Heros, als Genie, als

ist

Das

Civilisator.

ist

der skytische Prinz Herodots, Kola-

xais, der Pflugeisenfürst,

der Ackerbauheld mit

das

ist

Mikula, das Dorfkind,

dem wundervollen

Pflug, der seine

segensreiche Furche über die grenzenlose russische Ebene

Das ist der Nationalheld Ilja von Murom selbst, von den vor tausend Jahren Gestorbenen erstanden, um aufs Neue den russischen Boden aufzuackern, er, der stärker als sein Schicksal den Weg zum Reichthum zog zieht.

und „nicht reich" wurde, sondern ganz aufging

in der

grundrussischen Idee der Gemeinschaft.

Und

kehren wir mit Tolstoi

so

zurück zu

den

und

rus-

ältesten Verkörperungen von russischer Natur

sischem Geistesleben. Er, an den Turgenjew seine letzten,

mit Bleistift geschriebenen Worte richtete, den er sterbend anredete

Dichter

:

!"

„Mein Freund .

.

.

!

des russischen Landes grosser

er ist in unseren

Tagen der

letzte grosse

Ackersmann aus jenem Ackerbauer-Geschlecht des

un-

ermesslichen Reiches.

Was bebaut er? was bereiten und bauen sie Alle da drüben an, die Jungen und die Alten, die Männer des guten Willens? Schwarze Erde, fruchtbare Erde, neue Erde, Kornerde ... die breit angelegte, reiche, warme Natur .

.

.

das sich unendlich weit Erstreckende, was das Gemüth mit Schwermuth und Hoffnung erfüllt

und

die Zukunft.

.

das Undurch-

.

den Mutterschoss Russland und neue Mystik

dringliche, dunkel Geheimnissvolle für neue Wirklichkeiten

.

.

.

.

.

.

.

10.

Das Thier

Menschen.

im

(1890)

I.

s ist

auffallend, in wie

hohem Grade

die

Dichtung

der jüngsten Zeit bei den hervorragendsten ihrer

europäischen Vertreter mit der Vorstellung einer

Doppelheit unseres Wesens beschäftigt

ist.

Bei einem einzigen französischen Schriftsteller

Paul Bourget



tritt diese



Zweitheilung im menschlichen

Geschöpf wissenschaftlich begründet auf. Bourget ist nämlich auch als Dichter der psychologische Kritiker, der er ursprünglich gewesen.

Bei der Erklärung des

Trieb- und Gefühlslebens seiner Personen geht er niemals rein künstlerisch zu

Werke

;

er hat stets die

Sonde des

Forschers in der Hand. Ueberblickt

man daher

seine

gesammte dichterische

Production von seiner ersten Novelle, „L'irreparable",

an bis zu seinem Roman, „Le disciple", so wird man gewisser gemeinsamer Züge gewahr. Alles dreht sich im Grunde um die Verdoppelung des Ich. Jene erste Novelle

ist

die

Geschichte

eines

jungen,

originellen

Mädchens; eine Ueberrumpelung in der Einsamkeit der Nacht von Seite eines gewissenlosen Mannes mit

DAS THIER

362

welchem

IM MENSCHEN.

es sich in eine unschuldige Koketterie einge-

lassen, bildet die kritische

Die Erzählung

beginnt,

Begebenheit seines Lebens. mit einem

sehr bezeichnend,

Gespräche zwischen dem Verfasser und einem Professor der Psychologie, der ein Werk über die Auflösung der Ideen-Associationen geschrieben. Ich nennen

— die

Da

nun, was wir unser

Vorstellung von etwas Innerem und

Bleibendem, das mit einem Körper verbunden

ist

— eine

durch Ideen-Associationen entstehende Vorstellung betrifft unzweifelhaft

Problem

studirte

die

dem Professor Formen der Auflösung das von

in

ist,

so

Wahrheit

des Ich und

seine Doppelnatur, wie sie bei den zahlreichen Krank-

dem Romane von Bourget begegnen wir

heiten des Gemüthes und des Willens auftreten. In zuletzt erwähnten

nun aufs neue dem Professor der Psychologie, aufs neue dem gleichen Thema. Die Arbeit, die der junge, des Mordes angeklagte Verbrecher Robert Greslou einem berühmten Professor einsendet erfahren,

ist

um

dessen Urtheil

In der Novelle wird vor Allem entwickelt, die einfachste ist theils

zu

eine Studie über das Doppelwesen des Ich.

Verdoppelung des Ich bestehe.

worin

Das Ich

bewusst, theils unbewusst. Daraus erklären sich

im Allgemeinen die Irrthümer und Missgriffe im Leben. In uns verbirgt sich ein Geschöpf, das wir nicht kennen, von dem wir niemals wissen, ob es nicht das gerade Gegentheil des Wesens

sei,

das wir zu sein vermeinen.

Darauf beruhen die seltsamen Umschläge im Benehmen und in der Handlungsweise, die wir erleben oder beobDieser

achten.

z.

B. arbeitet auf ein Ziel hin, von

dem

er sein Glück abhängig wähnt, und hat er es erreicht,

entdeckt

er,

dass er die heimlichen, wahren Forderungen

seines Gefühlslebens verkannte. Jener wieder sieht aus

wie andere Menschen, erhebt

vor

sich

ihm,

handelt wie

die Anderen.

Da

mit Einemmale das Bild seines Unglücks einer steten Sorge, einer steten Gefahr,

deren er zu vergessen strebte, die ihn jedoch plötzlich

DAS THIEK

IM MENSCHEN.

363

Überwältigen und seinem Leben eine völlig veränderte

Eichtung geben kann. In

dem Roman

Hauptperson eine

liefert die

voll-

ständige Analyse ihres eigenen Wesens, indem der junge

Mann jeden

seiner Gemüthszustände auf ein wissenscliaftSchema: Vererbung, Einfluss der Umgebung, Versetzung der Person u. s. w. zurückführt. Er bestimmt seine herrschende Eigenschaft als die Gabe oder den Trieb der Selbstverdoppelung. Es walten in ihm gleichliches

sam zwei

sich

deutlich von einander unterscheidende

Persönlichkeiten:

und

fühlt,

und

eine,

eine,

kommt und

die die

da

als

geht,

handelt

Zuschauerin der an-

deren Lebensführung beobachtet. Er

ist nicht

im Stande,

anzugeben, welche der beiden Personen sein wahres Ich sei.

Er versucht

diese seine Zwiefältigkeit

von einer

Racenmischung, der Abstammung von einem Grenzvolke

Von Kindheit auf hat er an Verstellung Unwahrheit seine Freude gehabt, nicht aus Prahlund sucht, sondern einfach um in seiner Phantasie und dem Bewusstsein der Umgebung ein Anderer zu sein. Es machte ihm das grösste Vergnügen, Meinungen auszusprechen, die den von ihm als wahr angesehenen schnurstracks entgegengesetzt waren, und zwar aus demselben sonderbaren Grunde. Seine Lust ist, neben seiner wahren Natur eine erdichtete zum Ausdruck zu bringen. Die ganze Lügenhaftigkeit in seinem Auftreten, seine Freude zu herzuleiten.

betrügen, verführen, überlisten,

sich ein edelgesinntes

Weib, für das er keinerlei Zuneigung hegt, zu erschleichen, all das ist nur die Folge dieses unüberwindlichen Zwiespaltes in der Anlage seines Menschenwesens. Wie man sieht, ist die Zweitheilung, die den wissenschaftlich gebildeten Bourget beschäftigt, eine solche, die nur auf philosophischem

Wege

vollständig verstan-

den werden kann. Sie entspricht allerdings einigermassen

der Spaltung unseres Wesens, die

man

in alten

Tagen

zwischen dem sogenannten Leiblichen und dem sogenannten

DAS TRIER IM MENSCHEN.

364

Seelischen

fand,

fällt

aber mit dieser keineswegs zu-

Nur insofern dürfte Bourget sie nach althergebrachter Weise auffassen, als er in seinen späteren

sammen.

Schriften als einziges Mittel gegen dieselbe die religiöse

Andacht verherrlichen zu wollen

scheint.

II.

Andere bedeutende

Schriftsteller

der Gegenwart,

die gleichfalls bei der Vorstellung einer Doppelheit un-

Wesens verweilen, haben diesem Dualismus einen Ausdruck gegeben, der fast an das Mittelalter gemahnt. Sie sprechen von dem Thierischen im Menschen und dem Menschlichen im Menschen, wie von zwei verschiedenen Welten, die in uns zusammengekoppelt sind. Sie zeigen sich in einer Weise von dem Gedanken dieses Verhältnisses beherrscht wie ungefähr die Theologen von dem Verhältnisse der göttlichen und der menschlichen Natur im Gottmenschen. Nicht gar wenigen der zeitgenössischen Dichter ist das menschliche Geschöpf eine Art Centaur, halb Thier, halb höheres Wesen, das

seres

der Schall der eigenen Hufschläge, fliegende

Gedanken

wenn

verliert, aus seinen

es sich in hoch-

Träumen weckt.

Die sich so in die Betrachtung des Thieres im Menschen versenken, wollen es entweder einfach schildern, es in seiner ganzen Furchtbarkeit und Abscheulichkeit ausmalen, oder sie wollen es bekämpfen, zuweilen

sogar

ausrotten,

ohne dass es ihnen jemals gelänge, anzugeben, wo das

scharf und klar die Scheidewand

Thierische aufhört und das Menschliche beginnt.

Hat

doch der Mensch nur allzu viele Functionen und Organe mit den niedrigeren Geschöpfen gemein.

Eine zum Nachdenken

nun

anregende Erscheinung

ist

die principielleUneinigkeit der bedeutendsten Dichter

unserer Zeit in Bezug auf die Frage, ob das sogenannte

Thierische

ein

Ueberrest des

ursprünglichen

Natur-

;

DAS THIER IM MENSCHEN.

365

zustandes aus den Tagen der Wildheit und jenen der Barbarei, oder ob es mit seinen uns

bekannten Zügen ein

Culturproduct, ein Product der Uebercultur es,

wie man sich auszudrücken

Rückkehr zur Natur, das

ist,

so dass

durch die

pflegt, allein

heisst zu einfacheren, ländliche-

ren Zuständen bekämpft werden kann. Einzelne Dichter, wie Maupassant oder Zola, neigen der ersteren Ansicht zu

;

ihnen bedeutet das Thier die

Andere hingegen, wie Strindberg, Tolstoi, huldigen der zweiten Autfassungsweise nach ihnen entstammt das Thierische der Unnatur unserer primitive Wildheit.

;

falschen Civilisation. Tolstoi's neue, in Russland verbotene, aber

gelesene Erzählung „Die Kreuzer-Sonate"

ist

stark

eine rein

moralisirende Arbeit, und insoferne seinen für das russische

Volk geschriebenen erziehenden Legenden und

Geschichten verwandt, nur dass eben dieses Buch sich

an einen Leserkreis wendet, der zu den

civilisirtesten

der Welt gehört. Hier, wie in „Gespenster" oder in „Ein Handschuh", ist die

Reinheit

oder Unreinheit

Verhältnisses der Mittelpunkt,

geschlechtlichen

des

um den

sich alles dreht

doch herrscht in der Anschauungsweise des

grossen

Russen eine wildere, leidenschaftlichere Consequenz, als bei den Norwegern. Ibsen hat in den „Gespenstern" die schrecklichen

Folgen gezeichnet, welche der Leicht-

Mannes für die Familie, für das nächste Geschlecht nach sich zieht, Björnson ein junges Mädchen an den Mann die Forderung der unbedingten Enthaltsamkeit vor der Ehe stellen lassen. Es schien nicht möglich, in sinn des

den Ansprüchen auf diesem sie

höher zu spannen.

Gebiete

Doch Tolstoi

weiter zu gehen, läuft

Russe bis an das äusserste Ende der Leine

als



echter ein

von

der Reitkunst entlehnter Ausdruck, mit welchem ich in

meinem Buche: „Eindrücke aus Russland" russische Eigenart zu kennzeichnen versucht habe. Er nimmt die an den

DAS THIER IM MENSCHEN.

366

Mann

g-estellte

wieder

Forderung der Reinheit vor der Ehe aber noch durch die neue

auf, erweitert diese

Forderung der sogenannten Reinheit

Zwar

spricht Tolstoi

in

in der

Ehe.

neuen Erzälilung

seiner

nicht im eigenen Namen. Doch lässt sich theils aus einem im Eisenbahncoupe geführten Gespräche, in welchem die den Sieg davontragende Meinung der eigenen des

Dichters sehr nahe zu

kommen

scheint, theils aus

weitläufigen Betrachtungen der Hauptperson

den

über ihr

Leben, die den grössten Theil des Buches einnehmen, Tolstoi's Einverständniss mit der zu

Worte kommenden

Lebensanschauung heraushören. Er dürfte wohl kaum eine Nichtübereinstimmung der eigenen mit der Grundauffassung Posdnysjew's behaupten wollen. Wenigstens hat er nichts gethan, um in dem Leser den Eindruck wachzurufen, als ob eine solche stattfände. Was sich hier einwenden Hesse, wäre höchstens, dass er in seiner Schrift: „Worin besteht mein Glaube'?", in weicherer allerdings dieselben Bahnen wie seine Hauptperson gewandelt ist, nicht so weit geht wie diese. Tolstoi tritt mit Leidenschaft für die altchristliche

Autfassung des jungfräulichen Standes

als des eigentlich

ein. Er verurtheilt mit kräftigen Worten den Aberwitz der Gesellschaft, die so manches liebenswürdige junge Mädchen einem sittenlosen, ver-

hohen und werthvollen

Manne

Arme

treibt, nur damit es nicht Jungfrau zu bleiben, erleiden müsse, was in Tolstoi's Augen eine Ehre ist. Ehe oder Nicht-Ehe, Trauung oder Nicht-Trauung gilt Tolstoi

derbten

in die

die vermeintliche Schande,

vollkommen gleich auf die Form legt er keinen Werth. Docli an das erste Weib, dem ein Mann sich verbunden, den ersten Mann, dem eine Frau die Treue gelobt, ist ;

er, ist sie für

Lebenszeit, unauflöslich geknüpft. Sie sind

durch ein Pflichtverhältniss aneinander gefesselt.

Freude

in

seinem Gefolge,

kommt

nicht

in

Ob

Betracht;

darauf wird kein Gewicht gelegt. Die moderne Anschau-

DAS

TIIIER IM

dass die Liebe die

ung-,

MENSCHEN.

Ehe begründe und

367

ihr Wertli gebe,

erscheint Tolstoi als ein Frivolität in der Art, wie sie

den Menschen früherer Zeit, ja im Grunde noch Hegel mit Gesinnung als solche erschien. Tolstoi

seiner substantiellen

— nach der Meinung etwelcher Pessimisten

dürfte zu

dem

richtigen

— Resultate gelangt

man

welche

sein, dass die

Verbindung,

früher Ehe nannte und zumeist noch so

nennt, nur möglich

ist,

wo

sich Alles auf Autorität

und

Gehorsam aufbaut, wo die Eltern, wenn der Zeitpunkt hiezu gekommen, der Tochter einen Mann, dem Sohne eine Gattin wählen, und die Frau vor dem Gatten zittert, den

zu lieben verpflichtet

sie

Dies nämlich

ist.

ist

ja

Form der Ehe; keine Wahl, keine ScheiEin Herr, Ein Wille, im Falle von Widersetzlich-

die classische

dung

;

Will

keit Prügel, viel häusliche Zucht. so gelangt

man

allmälig, scheint er zu

man

dies nicht,

meinen und fürchten,

dazu, die Liebe zur Alleinherrscherin, die Verbindung

der Geschlechter zu einer Privatsache zu machen, wobei sich die

das

Wirksamkeit der Gesellschaft darauf beschränkt, der Kinder nach Kräften zu sichern.

Wohl

Die conservativste, doch keineswegs befriedigende

Deutung der „Kreutzer-Sonate" ist die, Tolstoi habe sagen wollen Wie die Männer heutzutage sind, macht ihr Wandel in der Jugend sie für das eheliche Zusammenleben untauglich. Kein Zweifel, wie Björnson ist auch er sehr erbittert über das Schlechte und Unwürdige jenes Lebens, das die Männer, bevor sie in die Ehe treten, der Sage nach in der Regel führen. Tolstoi hat :

sogar in seiner „Beichte" selbst Bekenntnisse recht unheimlicher Natur abgelegt, die,

ben,

immer darthun, dass

was

er

am

wenn

sie

auch übertrie-

er aus eigener Erfahrung kennt,

schärfsten verurtheilt

jener Jahre zu gedenken,

ohne

:

„Es

ist

mir unmöglich,

dass mich

ein Gefühl

von Entsetzen, Abscheu und Schmerz überfiele. Es giebt kein Laster, dem ich mich damals nicht hingegeben habe, kein Verbrechen, das zu begehen ich niclit fähig

:

DAS THIER IM MENSCHEN.

368

gewesen wäre. Lüge, Diebstahl, Ausschweifungen aller Art, Gewaltthätigkeit, Mord all dessen habe ich mich mehr oder minder schuldig gemacht Draussen auf dem Gute, auf dem ich weilte, vergeudete ich in Saus und Braus, im Kartenspiel Alles, was meine Leibeigenen mir durch ihre Arbeit erwarben zugleich peinigte



.

.

und strafte

.

.

ich sie bei jeder Gelegenheit, opferte sie

Ausschweifungen, betrog

Man

.

.

sie,

verkaufte sie

u. s.

meinen

w.

.

.

."

vergleiche hiemit die Schilderung Posdnysjew's in

wie er sich „im Schlamm der Ausschweifungen gewälzt" habe. Die Pointe ist hier der „Kreutzer-Sonate",

eben wie in Björnson's Darstellungen verwandter Art die

Männer, wenigstens

alle

Männer der besser

gestellten

Klassen, führen in ihrer Jugend ein geradezu schändliches

Leben,

lieblos, roh, in

Das Eine

ist

wüster Weibergemeinschaft.

gewiss, dass derartige Schilderungen

und Aussprüche im Grunde nur für diejenigen ein lebendigeres Interesse haben können, deren Entwicklung der jener Dichter entspricht. Der Eindruck einer nicht geringen Anzahl männlicher Leser wird ohne Zweifel der sein: wir fühlen uns nicht getroffen. So Mancher, den man nicht im Verdacht hat, ein Scheinheiliger zu sein, wird sich

in

seinem Innern sagen:

Geredes müde.

Was

gebildeten Pöbel."

ist es

Wie

„Ich

bin

dieses

anders als Geschwätz für den

trefflich

solche Bücher auch ge-

schrieben sein mögen, in diesem Punkte sind es Volksbücher,

die es

Einem nur aufs neue zum Bewusstsein

bringen, dass alle wahre Kunst sich an die Höchstent-

wickelten der Zeit wendet.

Wir begegnen in dieser Beziehung in den verschiedenen Ländern verwandten litterarischen Erscheinungen. Da tritt der jüngere Dumas auf, der, seinen eigenen Angaben zufolge, Heiliger gelebt,

in

seiner

Jugend keineswegs wie

man dächte denn an den

ein

heiligen Au-

gustinus in dessen erster Periode; er hat später ein geordnetes Leben geführt und predigt dann an der Schwelle

DAS THIER IM MENSCHEN.

369



des Alters die strengste Gesclileclitsmoral

sie höclistens

und da aus alter Gewohnheit mit gewagten Redensarten und schlüpfrigen Anspielungen spickend. Es tritt Björnson auf, der, ohne eben die Pariser Jugenderfahrungen Dumas' zu haben, sich zu einem ebenso hart gesottenen Moralisten als dieser entwickelt, dabei aber das von liie

einem echten Norweger hat, dass er mehr Aufrichtigkeit

und Frische

als eigentliche Feinheit besitzt.

Er verkündet Er hat, gesehen, und

uns den geschlechtlichen Verfall der Männer.

wie es scheint, gar

Rohheit

viel

um

sich

er will sich das Verdienst erwerben, zu ihrer

rung beizutragen. Ob

sie

Verminde-

durch eine rundreisende Moral-

Agitation, wie er dieselbe seinerzeit in Szene setzte, ver-

mindert wird,

ist eine

Sicher aber

oifene Frage.

dass er den ästhetischen

Werth

seiner

ist,

pädagogischen

Romane durch das Seelsorgerartige, das in ihnen herrscht, verringert hat.

Nunmehr kommt

Tolstoi.

Er hat

die Civil-

und

Militär-Erfahrungen eines russischen,, Junkers" hinter sich,

und aus diesen heraus argumentirt er Männern gegenüber, die niemals „Junker" gewesen, niemals ein Junkerleben geführt und in ihrem Verhalten gegen das andere Geschlecht sich vielleicht niemals roh gezeigt. Auf solche Leser aber macht er wie die anderen Moralisten in ihrem Kampfe gegen die Moral der Gesellschaft nothwendig den Eindruck von Puritanern, welche Papisten angreifen. Der entwickelte Leser interessirt sich nicht für innere theologische Fehden. Mönchsgezänke wie Hütten von Luther's erstem Angriffe auf den Papst schrieb. Es giebt sicherlich noch in unseren Tagen Männer, die in entscheidenden Punkten wie Griechen aus der besten Zeit des alten Hellas empfinden; Männer, für welche der Dualismus des Thierischen und Menschlichen nicht existirt; Männer, welche sich nie im Pfuhl gewälzt, die kein böses Gewissen haben und keiner Bekehrung bedürfen. An diese treten nun jene Dichter !

24

DAS THIER IM MENSCHEN.

370

heran und behandeln

„Um

Gotteswillen",

sie gleich professionellen Säufern.

rufen sie den Lesern

Tropfen Wein über eure Lippen! Seht Ihr lebt in einer

zu,

um

Welt von Trunkenbolden und

Seht, hier liegt Einer in der Gosse,

„keinen

euch her! Deliristen.

besoffen

bis

zur

Verthiertheit, dort Einer zitternd, mit tanzenden Muskelfiebern,

todtkrank in einer Zelle von Matratzen.

Gotteswillen^ leert kein Glas

Und unterdessen

Um

Wein!"

Trauben unter der Sonne Strahlen. Hell und dunkel hängen sie da, und Dionysos, der Gott des Weines und der Tragödie, reicht, die Stirne mit grünem Laube umkränzt, dem Durstigen und Müden den Trank dar, den Trank, der des ÄFenschen Trost ist. Diese Moralisten machen Bakchos selbst zu reifen

einem Deliriums-Candidaten. ihre

Worte

Und

sich nicht selten an

sie

Mänaer

vergessen,

dass

richten, die wie

Griechen fühlen, den Weingott verehren, den Wein, mit

Wasser gemischt, trinken, des leichten Rausches gemessen und Trunkenheit gleich der Pest scheuen. Doch Tolstoi lässt sich an dem Björnson'schen Standpunkte nicht genügen. Er geht weit gründlicher zu Werke. Aus seinem Buche schlägt der Fanatismus eines mächtigen Gefühles flammengleich empor, und sein streng folgerichtiger Gedanke geht um so viel tiefer denn Björnson's Verkündigung, als das Urchristenthum tiefer ist

denn

die

Seminarien-Weisheit

der Entwicklungs-

lehre.

Tolstoi empört das Thier im Menschen, das Mensch-

Es empört ihn der Umgang der Gatten in der Ehe. Der leidenschaftliche Verkehr Neuvermählter untergräbt seiner Anschauung nach alles innigere Wohlwollen, alle wahre Achtung zwischen Mann und Weib und trägt thier.

die Schuld an all

dem Bösen, das später zwischen ihnen

Er erzeugt Selbstverachtung wie Verachtung des andern Theiles. Er lässt in den Zwischenpausen der Perioden körperlicher Anziehung, jenen tiefen Hass auftaucht

:

DAS THIER

IM MENSCHEN.

371

nach unter Ehegatten jedem Zwist über den unbedeutendsten Gegenstand zum Ausbruch zu kommen pflegt. Er ist überdies die Ursache der halb wahnwitzigen Eifersucht, welche nach der Voraussetzung des Buches stets einen der Gatten entstellen, der Tolstoi's Auffassung-

bei

oder auch beide verzehrt und deren häusliche Existenz

zu einer ewigen Hölle macht.

Es

interessant, in unseren

ist

Tagen

licher Gefühlsweise zu begegnen.

solch altchrist-

Keine Spur der ge-

sunden, antiken und modernen Lebensauffassung, die im

Zusammenleben zweier Liebenden, wie leidenschaftlich es auch sein mag, etwas Schönes und Reines erblickt. Keine Spur des Naturcultus, der im Alterthume das Sinnenleben adelte keine Spur jener unendlichen Zärtlichkeit, die es beim modernen Menschen adelt und den rohen Genuss zu Freude oder Glück wandelt. Den Ausgangspunkt bildet das Bibelwort, wer ein ;

Weib in

ansiehet, ihrer zu begehren, der sündigt mit ihr

Und das Neue ist, dass in den Augen Wort auch in der Ehe gilt. Die Ehe

seinem Herzen.

Tolstoi's dieses

wird dadurch gebrochen, dass die Gatten einander begehren. In

den

Mann

dem

idealen Verhältnisse ist das

die Schwester,

vollständige Consequenz Sectirern,

den

Skopzen,

Selbstverstümmelung.

nichts Anderes.

wäre in

Tolstoi

Weib

für

Die klare,

von den religiösen Russland gezogene die die

:

scheut

diese

offenbar.

Dafür aber wünscht er, so viel sich entnehmen lässt, das sensuelle Element entweder ganz ertödtet oder doch auf ein Minimum herabgedrückt zu sehen. allein jedes Biossstellen der körperlichen

Nicht

Formen durch

ausgeschnittene oder fest anschliessende Kleider, nicht

Tanz

ist ihm als Sinnenerhitzung ein Gräuel, Kunst überhaupt, besonders die Musik, weniger als einen Apell an die Sinne denn als Gefühlserweckerin. So ist denn auch das Buch nach einem Musikwei-ke betitelt. Der Gedankengang ist der, dass

bloss der

er fürchtet die

24*

DAS TRIER IM MENSCHEN.

372

jede bedeutende Composition eine liinreissende Gewalt ja, dass der Zuhörer förmlich besessen wird von bewegten Stimmung, in der sich der Componist befand, als er sie schuf. Die Seelen des Zuhörers und

hat,

der

des Tondichters fliessen ineinander. die

Und ebenso

lässt

Musik auch die Zuhörer, zuweilen ihrer zwei und zwei

mit einander, in dieser selben Stimlnung verschmelzen, sich abtrennen von der Umgebung, sich vereinen. Sie kann insofern Kupplerdienste verrichten.

IIL

Nach der langen Dauer der Erziehung Europas

in

christlich-spiritualistischem Sinne ist die Auffassung des

Geschlechtsverhältnisses als eine Erniedrigung kein tenes Vorkommniss.

Man

sel-

findet sie indessen in unseren

Tagen bei Persönlichkeiten von durchaus heidnischem Typus nicht minder entwickelt, als bei Spiritualisten und Christen. Die moderne Entwicklung hat verfeinerte Menschen der verschiedensten Ueberzeugungen sich von dem griechischen Einheitsgefühle in seiner Freiheit und Gesundheit gleich weit entfernen lassen. Ich entsinne mich

aus meiner frühen Jugendzeit einer philosophischen Unter-

redung mit einem jungen französischen Freunde, die sich um diesen selben Punkt, die geschlechtliche Vereinigung, drehte, die auch ihn empörte. Es erregte seinen Unwillen, dass der Weltenbaumeister keine feinere, edlere Form für die Vereinigung der Geschlechter gefunden. Noch liegt mir sein Ausruf in den Ohren: „Pourquoi cette Insulte!" Wozu diese Verhöhnung, dieser Schlag ins

Angesicht?

Es ist dieser Gedanke, der in Maupassant's letzter Novellensammlung „L'inutile beaute" sich an verschiedenen Stellen variirt findet. In „Un cas dedivorce" sagt der Held von seiner jungen Gattin, er wäi-e schliesslich dahin

DAS THIER IM MENSCHEN. gekommen,

sie

373

weder mit Hand oder Mund berühren zu

können, ohne einen unüberwindlichen Ekel zu empfinden, nicht gerade vor ihr, nein, einen viel umfassenderen, viel

mehr mit Verachtung gepaarten Ekel vor der Umar-

mung

Wesen als etwas man sich schämen, das man geheimwovon man nur flüsternd, mit Erröthen „allen verfeinerten

selbst, die

erscheint,

dessen

halten müsse, spricht".

Und

als in der Novelle,

lung den Titel führt,

die

nach welcher die Samm-

Rede auf

eine sehr

schöne,

vornehme Dame kommt, deren Schönheit unter zahlreichen Geburten leiden könnte, und die Bemerkung fällt: Was lässt sich dagegen sagen, es ist der Lauf der Natur! lautet die Antwort, dass Alles, was auf Erden lauter, schön, elegant, ideal, nicht GotteSj sondern des Menschen Werk sei. „Wir sind es, die der Schöpfung, indem wir sie besingen, sie deuten, sie als Poeten bewundern, als Künstler idealisiren, als Männer der Wissenschaft erklären, einen Hauch von Schönheit und Anmuth leihen, einen Reiz, etwas Geheimnissvolles in sie legen. Denke an die Fortpflanzung! Kann man sich etwas Unedleres, Widerwärtigeres denken? ... Es ist, als hätte die Natur aus einer Art boshaften Cynis. mus' jeglichem Versuche des Mannes, sein Verhältniss zum Weibe zu verschönen, zu veredeln, für immer unübersteigliche

Hindernisse in den

Weg

legen

wollen.

Der Mensch hat gleichwohl die Liebe erfunden, was als Antwort an eine hinterlistige, hohnneckende Gottheit nicht gar so übel ist."

Hier bei Maupassant

ist also in

Beziehung auf dieses

Verhältniss die Natur als Feind aufgefasst. Bei Tolstoi ist sie

das nächste Ziel, doch ein Ziel, über das er immer

wieder hinausstrebt, ein hinter uns liegendes Ideal, zu dem

man zurückkehren

soll,

nur dass er eben noch ein höhe-

res als dieses kennt, nämlich die

Bei ihm

ist

der

Kampf gegen

Verleugnung derselben.

das sexuelle Leben eine

DAS THIER IM MENSCHEN.

374

blosse

Anwendung

allgemeinen Gesichtspunkts,

seines

demzufolge die Cultur bäude, Verfeinerung,

vom Uebel Ueberfluss,

Bauern- und Handwerkerleben

ist

Geld, Praclitge-

ist:

jedes andere als das

vom

Uebel. Vorlängst

schon hatte er die Wissenschaft verworfen und verur-

Nun kam die Reihe an die Kunst. Er hatte im Gelde nie verdichtete Arbeit, immer nur verdichtete Gewalt sehen wollen. Nun sieht er im theilt.

geschlechtlichen Verkehr nur einen thierischen, ernied-

rigenden Zustand. Er hat nachgegrübelt über das Tra-

und Komische, dass der Mensch ein vervoUkommtes Thier ist und daher nur theilweise seinen Ursprung in Vergessenheit zu bringen, dessen Spuren nie gänzlich auszulöschen vermag. Und die Cultur Avird ihm diejenige Macht, die all das Thierische in uns die Oberhand gewinnen lässt. Man fühlt aus seinem mit den Jahren sich mehr und mehr entwickelnden Abscheu gegen gische

das rein Natürliche, das allzu Menschliche, sowohl russische Religiosität heraus als jenen Greisenblick angesichts dieser Mysterien, der sich auch

Norden bemerkbar gemacht Frivolität,

vor dem

hat.

potenzirten

im skandinavischen

Der Abscheu vor der Triebleben,

vor

der

dem Laster hat bei ihm schliesslich Abscheues vor dem Thiere im Menschen

Leidenschaft und die

Form

des

angenommen.

Wendet man Verfasser, sich in

nun von dem Buche zu dessen von diesem zu dem grossen Publikum, das sich

Bewunderung

für ihn verliert,

folgende Bemerkungen aufdrängen. Es

wie sehr

die Menschheit sich

noch

Es

so dürften sich ist

merkwürdig,

heutigentags

von

den Meisten von uns die biblische Erziehung noch so im Blute, dass wir Moralisten imponiren lässt. unwillkürlich meinen hier, :

liegt

wo Sittlichkeit gepredigt wird,

trägt sich etwas Hochernstes und Feierliches zu. Hatten

da die Russen einen Schriftsteller

wie

feinen, liebenswürdigen,

TurgenjeAV,

einen

gutmüthigen

Weltmann, der

;

DAS anspruclislos

ein

TIIIER IM MENSCHEN.

375

dichterisches Meisterwerk

andern schrieb. Er bildete sich nicht geschlecht dadurch umzumodeln.

nach dem

ein,

das Menschen-

Er war

ein schlichter

Künstler mit einzelnen Schwächen, mit grossen Tugenden

Nach ihm nun kommt ein Poet wie Tolstoi. In seiner Jugend ein ziemlich ausschweifender Gutsbesitzer und Officier, wird er im reiferen Alter ein grosser moralisirender Dichter, mit den Jahren ein immer leidenschaftlicherer Moralist, zuletzt ein Johannes der Täufer. Er hat in der Ehe 18 Kinder in die Welt gesetzt; er endigt damit, die legitime Kindererzeugung zu verdammen. Er bildet sich seine eigene Religion, er predigt, ist ein Rufer und Züchtiger; er geht im härenen Hemde oder richtiger in einem Muschik-Kittel einher — und ist ein Gentleman.

er mit diesem angethan, so lässt er sich photographiren.

Er

lässt sich

in der

den Bart wachsen und scheitelt das Haar

Mitte über der Stirne

gleich

einem russischen

Bauern, er lebt auf seinem Landgute, in Betrachtungen

und körperliche Arbeiten vertieft. Bald ähnelt er einem Bauernpropheten, und da die mit Ernst gepflogene alltägliche

Wirksamkeit den Zügen endlich

sein

Gepräge

auf-

gedrückt, gestattet er einem zugereisten Photographen,

Ausdruck auf der präparirten Platte festzuhalten. hinter dem Pfluge einher, den weissen Gaul vor das altvaterische hölzerne Geräthe gespannt; er ihren

Er geht

träumt sich

den Naturzustand zurück, fernab von aller Cultur, von seinem in nächster Nähe gelegenen Herrensitz, und lässt Riepin kommen, um sich so, in den Naturzustand zurückversetzt, von ihm malen zu lassen. in

Der Unterschied zwischen ihm und dem ursprünglichen „Johannes der Täufer" ist somit deutlich genug.

Bekanntlich hatte dieser keinen Herrensitz, wodurch es

ihm um ein Weniges leichter geworden sein muss, sich von der Civilisation gänzlich losgetrennt zu fühlen. Und ferner liess er sich, als er das härene

nicht darin photographiren.

Hemd

angethan,

DAS THIER IM MENSCHEN.

376

Auf seinem Höhepunkte angelangt, greift denn nun Menschen der heutigen Zeit auf Grund von Verhältnissen an, kraft welcher der Mensch ein zum Menschthume entwickeltes Thier ist. Stände es in seiner Macht, er würde das Thier im Menschen gerne gänzlich Tolstoi die

ausrotten.

Es Thier.

ist

Das

um

etwas Sonderbares ist

Bezeichnung

diese

ja ein uralter christlicher Ausdruck.

Man

wird nicht leicht der lebendigen Schilderung des Thieres im dreizehnten Capitel der Offenbarung Johannis vergessen:

„Und

ich trat an den

Sand des Meeres,

und

dem Meer steigen^ das hatte sieben Häupter und zehn Hörner, und auf seinen Hörnern zehn Kronen, und auf seinen Häuptern Namen der Lästerung. Und das Thier, das ich sähe, war gleich einem Pardel, und seine Füsse als Bärenfüsse, und sein Mund eines Löwen Mund. Und der Drache gab ihm seine Kraft und sie beteten das Thier an und sprachen Wer ist dem Thiere gleich? Und wer kann mit ihm kriegen?" Bekanntlich war den damaligen Christen das Thier zunächst die römische Weltmacht. Wir wissen dies mit

sähe ein Thier aus

.

.

.

:

aller

Genauigkeit. Das Sinnbild

bis

zur mystischen Zahl 666 im Vers 18,

Namen

ist

uns völlig durchsichtig die Nero's

Nero Kaesar, mit hebräischen Buchstaben geschrieben und nach dem Zahlwerthe derselben zusammengelegt. Tiefer aufgefasst war jedoch den ersten Christen das Thier selbstverständlich das Heidenthum bildet,

überhaupt

als

Wesen und Macht,

all

das Ungetaufte,

in-

überwunden werden sollte. Mit anderen Worten, um den modernen Kunstausdruck zu gebrauchen das Thier war kein wirkliches Thier, es war das Menschenthier. soferne Thierische im Menschen, das

:

So fasste es auch Alexander Dumas mit geistreicher

Anwendung

seinen Versuchen, den

auf, als er

1870

der alten Bibelstelle von

Menschen

in

dem grossen SchmelzEr behauptete, der

tiegel Paris zu analysiren, erzählte.

DAS THIER IM MENSCHEN.

377

Mensch, selbst der Pariser, enthalte stets einen, wenn auch noch so winzig-en Bruchtheil von Seele, ungefähr wie die

immer

Und

sechzigste

ein

Atom

homöopathische Verdünnung noch

der ursprünglichen Flüssigkeit enthält.

er berichtete, wie er aus den

Dämpfen des Tiegels

Dummköpfe sich habe formen und bilden sehen, als er plötzlich ein Brodeln vernahm, und empor aus dem Kessel stieg, nicht aus dessen Schaum oder Dampf, sondern aus den darin enthaltenen männliche und weibliche

Stoffen selbst gebildet

:

ein

ungeheures Thier mit sieben

Köpfen und zehn Hörnern, und auf diesen Hörnern trug

es

zehn Kronen und auf den Kopten Haar, das Metallglanz

und

die

Farbe des Alkohols

Mund

Das Thier war gleich

hatte.

einem Pardel, und seine Füsse

als

Löwen Mund. Und Und das Thier war

Bärenfüsse und sein

gab ihm bekleidet mit Purpur seine Kraft. und Scharlach und geschmückt mit Golde und Edelgestein und Perlen, und in den weissen Händen hielt es, wie

man

eines

der Drache

eine Schale mit Milch trägt, einen goldenen Becher,

voll all des

Gräuels und der Unsauberkeit Babel's, So-

Von seinem Leibe ging

doma's und Lesbos'.

aus ein

berauschender Qualm, durch dessen Gewölk es wie der schönsten von Gottes Engeln Einer strahlte, und darin

Tausende von Menschlein sich bewegten, die vor Wollust sich wanden, vor Schmerz heulten und mit einem leichten Puff oder Knall verschwanden,

das heisst sie

und nichts blieb zurück als ein Tropfen einer Flüssigkeit, eine Thräne oder ein Blutstropfen. Aber das Thier wurde nicht satt. Es zertrat sie mit seinen Füssen, zerriss sie mit seinen Nägeln, zermalmte sie barsten,

mit seinen Zähnen, erdrückte die

es

so

erdrückte,

Seine sieben Köpfe

Himmel

sie

an seiner Brust. Und

wurden am meisten beneidet.

bildeten

einen Kranz,

reichte, sein siebenfacher

Mund

der in den

lächelte stets,

Lippen waren brennend roth und über seinen zehn Kronen flammte im Lichtglanz das Eine Wort: Prostitution. seine

DAS THIER IM MENSCHEN.

378

Dieses Tliier, sagte

Das

des Weibes.

nach dem Manne

war

er,

Tliier

die neueste

Verkörperung

sonach hier das brüllend

ist

ihm entgegenlächelnde, weibliche Geschlecht, das nach tausendjähriger Knechtung und Ohnmacht, bewaffnet mit seiner Schönheit und seinen Schönheitsmitteln, sich am Manne rächt und diesem eine Liebe schenkt, die ihn zu Grunde richtet und verdirbt. Es ist dieses das Thier, das er auf die Bretter der Bühne brachte, als er das grosse, grobe Symbol, Cesarine, in

begehrende,

„La femme de Claude'' aufrichtete. Augen ist es demnach, so ziemlich wie

In Dumas' in Tolstoi's,

die Cultur,

genauer die Uebercultur, die

den Menschen im biblischen Sinne thierisch,

d. h. laster-

haft macht, denn das wirkliche Thier ist ja nicht lasterhaft,

und auch

die

Menschen waren

setzung nach, nicht, so lange der

unbedingten Zucht

sie nicht

es,

der Voraus-

moderne, sondern

der Autoritäten unterworfene,

Menschen waren.

IV.

Zur selben

Zeit, als Tolstoi in

Eussland dieKreutzer-

Sonate ausarbeitete, schrieb Zola in Frankreich seinen

Roman „Das Hier

ist

Menschthier". das Verhältniss von einer ganz verschie-

denen Seite gesehen.

Für Zola

ist

„das Thier" nicht

etwas, das die Civilisation in uns entwickelt, sondern ein

schlummernder Rest aus der Urzeit in uns ZurückUmständen zu unserem Schrecken erwachen kann. Zola's Standpunkt ist nicht als

gebliebenes, das unter gewissen

Er legt das Augen stellt, ohne Anklage, doch mit grossartigem Ernste. Im Grunde war es stets das Mensclithier, was Zola beschäftigte. der moralische, sondei'n der naturhistorische. Verhältniss nur so dar, wie es sich ihm vor

Gewisse jüngere Schriftsteller,

wie Bourget und Rod,

DAS

TIIIEK IM

und höchster

Civilisation

in dessen

P^ntfaltung' unter einer verfeinerten

Zola greift immer auf die

;

379

Wesen

nur für das menschliche

iiiteressiren sich

letzter

MENSCHEN.

ursprünglichen

und sinnlichen Regungen, aus denen der Urmensch besteht, zurück. Man erinnere sich zum Beispiel seiner Schilderung der Liebe des Bauern zu dem Boden, zum Besitz und Gewinn in „La terre'', oder jener des Instincte

Selbsterhaltungstriebes in dessen naivster

Form

in

„Le

ventre de Paris". Hier nun hat er auf einen ursprünglichen

Hang

trieb,

den grausamen Instinct,

der unheimlichsten Art, auf den Zerstqrungs-

tilgung führt,

der zu

zurückgegriffen und

Mord und Ver-

ihn in

sammenhange mit dem erotischen Triebe

Während

seinem Zu-

aufgefasst.

Tolstoi in seiner Novelle principiell den

erotischen Trieb in dessen Ueberentwicklung studirt und zeigt,

wie aus ihm die Mordmanie hervorkeimt, indem

der Zerstörungstrieb als ein blosser Ausschlag der Eifer-

sucht entsteht, vertieft Zola sich principiell in den Mordinstinct

und

schildert

eine

ganze Reihe Morde

und

Mordversuche, weist jedoch secundär in ihnen allen den

Zusammenhang mit

einer kurzstämmigen,

kräftigen Erotik nach.

Wir sehen

alle

aber lebens-

Menschen, die er

vorführt, von dieser ursprünglichen Mordgier beherrscht.

Ein Ehemann, der erfährt, dass ein seiner Gattin, als sie ein junges tigt habe, rächt sich

Eifersucht

behülflich zu sein.

Wüstling sich

nach einem Anfalle rückblickender

durch einen Mord,

waggon an ihm

alter

Mädchen war, bemäch-

verübt,

seine

Die Blutthat

den er im Eisenbahn-

Frau zwingend, dabei lastet schwer auf den

beiden Gatten und entfremdet sie einander bald gänzlich. Das junge Weib nimmt einen Liebhaber und fordert, dass er ihren Mann tödte. Er willigt mit vollem Bewusstsein ein,

doch im selben Augenblicke,

wo

er seines Opfers

um die That zu vollbringen, ermordet er, von einem unwiderstehlichen Drange getrieben, wider Willen

harrt,

die Geliebte.

:

DAS THIER IM MENSCHEN.

380

Dieser junge Mann, der unfreiwillige Mörder, ist die Hauptperson des Buches. Zola wollte, wie er ausdrücklich erklärt hat, im Gegensatze zu den Russen Dostojewski,



Tolstoi — zeigen,

dass

man

nicht vorsätzlich und

mit

klarem Bewusstsein, sondern aus blindem Antrieb morde.

Er und

wollte eine Art Gegenstück zu Raskolnikow liefern trifft

nun merkwürdig mit Tolstoi zusammen. Jacques

Lautier leidet

an einem krankhaften Triebe, einer ge-

heimnissvollen, unwiderstehlichen Sucht, jedes tödten,

Es

das er entblösst sieht.

ist

Weib

zu

das ein in der

Natur vorkommender, den Aerzten wohlbekannter, auch Handbüchern beschriebener Hang. Zola

in gelehrten

fügt jedoch als persönliche Besonderheit, scheinliche

Was

als

unwahr-

Erklärung aus Eigenem Folgendes hinzu

solcherart über Lantier kommt, ist nicht etwa eine

plötzliche Krise

blinder Raserei.

Es

ist

eine

immer

wiederkehrende Gier, uralte Kränkungen zu ahnden, an welche

alle deutliche

Erinnerung aus seinem Gedächt-

entschwunden ist. Es kam, heisst es, so weit, weit all dem Bösen her, das Weiber je seinen Vorfahren zugefügt, von all dem Groll, der sich von Mann zu Mann aufgehäuft, von der ersten Untreue eines Weibes zur Zeit, da die Menschen noch Höhlenbewohner waren. Die Anfälle werden also durchaus

nisse her,

von

Atavismus betrachtet. Sie stammen aus vorhistowährend bei Tolstoi der Anfall Posdnyjew's gerade umgekehrt von der Uebercultur der modernen

als

rischer Zeit,

Zeiten hergeleitet wird.

Wenn

Lantier seine Krisen hat,

fühlt er das unabweisliche Bedürfniss, sich ein

Weib zu erobern um

es allein für sich

im Kampfe zu

haben.

Es erscheint dies in Zola's Phantasie als der entartete Hang, sie als eine Beute über den Rücken zu werfen, eine Beute, die er der Gemeinschaft mit Anderen für immer entrissen. Bei Zola also schlecht verdauter Darwinismus, wie bei Tolstoi vernunftwidriges, wiedergeborenes Altchristenthum.

DAS THIER

Um

Lantier

IM MENSCHEN.

nun gruppiren

sich

381

andere

Persön-

lichkeiten mit den gleichen Anlagen für das Mordliand-

werk: ein junges Mädchen, eine Bahnwärterin, die aus Eifersucht einen ganzen Zug in Trümmer gehen lässt, weil sie in Lantier verliebt ist und sich an ihm und seiner Geliebten, die sich beide in

rächen will

;

ein alter

der langsam sein

Mann,

Weib

nisse zu bemächtigen,

dem Zuge

ein moralisches

vergiftet,

um

und endlich

befinden,

Ungeheuer,

sich ihrer Erspar-

ein Heizer, der aus

Eifersucht schliesslich Jacques ermordet. So

ist denn das Dichtung über vorhistorische Mordlust in ihrer Verbindung mit dem erotischen Triebe; insofern eine Art vorhistorischer Epopöe. Es ist lehrreich, sie mit einer ernstgemeinten vorhistorischen Epopöe aus unseren Tagen zu vergleichen, z. B. mit Heinrich Hart's „Tul und Nahila", dem ersten Bande eines Werkes „Lied der Menschheit'', das nach dem naiven Project aus nicht weniger als 24 Gesängen bestehen soll. Hart's Dichtung spielt auf Ceylon, im grauen Alterthum, Jahrtausende vor aller Civilisation. Die Hauptpersonen sind ein Paar, das unter Wesen der Uebergangszeit von den Vorfahren der Menschen zu den Menschen selber lebt. Noch treiben aftenartige Zwerge und Riesen neben den Menschen ihr unheimliches Spiel. Nur wenige Begriffe haben sich entwickelt: das Feuer ist Schlange, die Feuerschlange; auf welche Weise man sich zum Herrn über sie macht, ist noch unbekannt. Man gebraucht Ausdrücke wie „Die Feuerschlange hat am Fleisch ge-

Ganze

eine grosse

:

Wenige Geräthschaften Keule, steinernes Beil, Steinspitzen für die Speere, Angelhaken aus Knochen, Bastschlingen zum Fang. Unter den Menschen herrscht Abhängigkeit von der Natur und Heerdengefühl. Wir nagt."

:



verfolgen

die

Lebensgeschichte

Nahila liebt Tul mit treuer, Liebe, denn nicht

um

für's

des

Menschenpaares.

Leben verbindender

ihretwillen, weil er sie der

preisgeben

wollte,

ist

er

von

Gemeinschaft

seinem Stamme

DAS THIER IM MENSCHEN.

382

Das Schamgefühl, die Schamhaftig-

ausg-estossen worden.

keit entwickelt sich bei ihr aus einem originellen, nicht

unwahrscheinlichen Motive ihr hässlich erscheint,

aus Blättern.

Wir

weil ihr eigenes Geschlecht

:

darum

flicht sie sich eine

Schürze

wie die Geburt des Kindes

sehen,

unter gewissen Verhältnissen die Zucht von Hausthieren

Eine Ziege wird eingefangen,

nothwendig macht.

die

mit ihrer Milch das Kind ernährt.

So grosse Schwierigkeiten der Stoff auch darbietet, Dichtung ist nicht geistlos. Die Menschen haben hier wirklich den Charakter des Ursprünglichen, Wilden. Und doch ist Alles bei Zola in seiner Art wilder die

und grösser, wiewohl es sich in unseren Tagen (1870) zuträgt und die Dichtung als ein Roman auftritt, der von Eisenbahnbetrieb, von Eisenbahnunglück handelt, gleichwie von Verbrechen, die mit Eisenbahnschienen und in Eisenbahnwagen begangen werden. Jules Lemaitre hat auf eine Schwäche des Buches hingewiesen,

dass

Umgebungen mit dem Kerne in keiner organischen Verbindung stehen. Während in „L'Assom-

nämlich

die

moir'' zwischen der

Branntweinkneipe und der Arbeiter-

„Germinal" zwischen der Grube und den Minenarbeitern ein nothwendiger Zusammenhang herrscht, findet hier zwischen Mordgier und EisenbahnBevölkerung oder in

betrieb ein solcher keineswegs statt. Insofern steht dieses

Buch hinter verschiedenen anderen vorhergegangenen Werken zurück es ist zufälliger in seiner Composition. Doch ist es gross durch den Blick des Dichters für die ;

einfachen,

schrecklichen

Grundtriebe

der Menschheit,

gross auch durch seine reiche Symbolik.

Ausser dem Menschthier

Romanen Wesen,

Zola's,

auch

in

ist,

gleichwie in anderen

diesem

ein

unpersönliches

hohem Grade das Interesse des Autors gefangen nimmt. In früheren Romanen waren welches

in

es dei' Kirchhof, die Hallen,

das

Verkaufsmagazin,

der

die Branntweinschänken,

Ackerboden,

die

Kirche.

DAS THIER IM MENSCHEN.

383

Anderwärts ist der Nachweis versiiclit worden, dass Zola, während er das Menscliliche überall auf das Animalische zurückführt, unpersönliche Gebilde mit

all

der über das

Animalische hinausgehendenKraft, deren er die Individuen beraubt, ja mit Selbständigkeit und Willen ausstattet. Ein solches unpersönliches Geschöpf ist im EisenbahnRomane die Locomotive. Sie hat einen Namen; sie heisst Lison, führt ein Eigenleben und weckt Gefühle wie ein

Weib. Der Locomotivführer liebt seine Maschine, liebt wie der Reiter sein Pferd. Es findet eine Art Ehe

sie,

zwischen ihm und ihr ICs

kommt

statt.

eine grossartige Schilderung des

der Locomotive vor

um

sich

Kampfes

während eines Unwetters

durch den aufgehäuften Schnee Bahn zu brechen; und als späterhin der

Zug auf

einen mit schweren Steinen

beladenen Karren stösst und die Locomotive in Trümmer geht, stirbt sie ganz wie ein lebendiges Wesen.

Es

liegt

darin eine Kunst, die zur Manier geworden. Die Loco-

Ungeheuer mit glühenden Augen und beschämt sozusagen den Menschen durch ihre Gelehrigkeit, ihre Disciplin, ihre ganze Brauchbarmotive,

dieses

Eisenlenden,

keit, gleichwie

ihrem Führer

Und am

durch die ungetheilte Liebe, welche

sie

einflösst.

Schlüsse des Buches fehlt es nicht an einer

anderen noch grösseren Symbolik. Nachdem der Heizer

Jacques ermordet und ihn von seiner Locomotive herabgestossen hat und diese ohne Führer, Geist wie ein rasendes

Wesen von

ohne lenkenden

Station zu Station dahin-

im Juli-Monate jenes denkwürdigen Jahres 1870 einberufene französische Soldaten an die Grenze führend, saust,

schliesst die

Beschreibung mit den Worten

:

„Sie wollte

vorwärts, unaufhaltsam vorwärts, hinaus in die schwarze

Nacht. Niemand wusste wohin.

Opfer die Maschine auf ihrem sie nicht

ob

sie

Was lag daran, wie viele Wege zermalmte. Eilte

trotzdem der Zukunft entgegen, unbekümmert,

Blut vergiesseV Ohne Führer mitten im nächtigen

DAS TRIER IM MENSCHEN.

384

Dunkel, einem taub und blind hinstürmenden Thiere gleich, rollte sie in haltloser Schnelle dahin, all dies

Kanonenfutter

hinter sich her schleppend: die bereits tief ermatteten

Soldaten, die in ihrer Trunkenheit johlten." Diese von

Niemandem gelenkte Locomotive

ist,

Sinnbild jenes Frankreich,

ohne einen Willen an

das

man

fühlt es, das

Der vom Vernichtungsvom Mordinstincte handelnde Roman gipfelt

seiner Spitze in den Krieg zieht. triebe, in

diesem Hinschleppen von Tausenden und Abertausen-

den zum ungeheuren Massenmord. des grossen Krieges

vergiessen

ist

Das endlose BlutEinem Triumph

in

und Niederlage des Menschthieres. V.

Das

ist

das Anerkennenswerthe bei diesen grossen

fremden Dichtern und Schriftstellern, dass ren Augen das menschliche auseinanderschlagen.

Wesen

Es giebt

sie

vor unse-

gleich einem

nichts, das aus

Fächer Furcht

vor einem Publikum oder vor einer Journalistik hinweggeheuchelt, hinweggelogen werden

soll.

uns vom Lasterhaften und Niedrigen, ein weites

Es erschliesst sich

vom Verbrechen aus

Feld seelischen Lebens, ein Ausblick über das

Thierisch-Menschliche, das

blos

Natürliche,

das

allzu

Menschliche bis hin zum rein Menschlichen und dessen

Menschenadel. ist in

Und

Alles,

was

hier mitgetheilt wird,

der bewundernswerth freien Sprache der grossen

Litteraturen, ohne Ziererei, ohne Sentimentalität gegeben. Alle

bedürfen

sie,

um

eine Vorstellung von

dem

Reichthume und dem Elende des Lebens zu geben, der Idee einer Spaltung unseres Wesens in zwei Welten, die unbewusste und die bewusste, welche in dem poetischen Sprachgebrauche der jüngsten Zeit mit den Welten des Thieres und des Menschen in uns identificirt wurden, den Gebieten der Nothwendigkeit und Freiheit., wie man in alten Tagen sagte.

DAS THIER

IM MENSCHEN.

Die moderne Wissenschaft

glaubt

eine Willensfreilieit gleich jener, an die

385

niclit

man

melir an

sich in frühe-

rer Zeit klammerte. Einzelne Dichter erblicken eben hierin eine Gefahr. So Bourget, den der

Eindruck zu schrecken

scheint, welchen der philosophische Determinismus mit-

unter auf eine Jugend gemacht hat, in deren

Augen er

Freibrief zu rücksichtslosem Egoismus giebt. fürchtet,

den in

und

einen

Bourget

eben die Wissenschaft, eben die Civilisation wür-

den kommenden Geschlechtern das Thier entfesseln,

Büchern („Mensonges", „Le ohne eine gewisse frömmlerische Schlaifheit, auf den katholischen Abbe, auf die Religion, das Gebetals die einzige Macht hingewiesen, die in

seinen

letzten

disciple") hat er denn, nicht

das Thier niederzuhalten und den modernen Gemüthern Einheit wiederzugeben vermöge. länglich echter Franzose

Willensfreiheit in sich

ist,

Dumas, der

um keinen

ein hin-

Zweifel an der

aufkommen zu lassen, sieht das Thier

im Moraste der Uebercivilisation sich entwickeln und lässt seinen Mahnruf dagegen ertönen. Der Moralist Tolstoi und das Weltkind Maupassant betrachten mit dem gleichen Unwillen das Grund verhältniss zwischen den beiden Geschlechtern, eine

Kränkung der Menschenwürde

w^elches ihnen als

erscheint,

dem Pa-

riser Schriftsteller als erniedrigend dünkt, als ein

Stück

unüberwundener und unüberwindlicher Urnatur, dem russischen hingegen als ein Product der überreizenden Unnatur der Civilisation. Zola endlich ist der durch und durch überzeugte Determinist, bei dem die Menschenpflanze, das Menschenthier, der Menschengedanke, der Menschenwille unabänderlichen Gesetzen gehorchen, und der als Entgelt eine Art phantastischer Genugthuung darin findet, leblose Gegenstände mit selbständigem Leben und unabhängigem Willen auszustatten. Menschlich, wahrhaft menschlich ist nur die Maschine, scheint Zola in seinem „La bete humaine" zu sagen. Menschlich, wahrhaft menschlich ist nur die Civilisation, scheint Maupassant 25

DAS THIER IM MENSCHEN.

sse

in

„La beaute

uns Natur

ist,

inutile" zu sagen, als thierisch

wo

er über Alles,

was

in

den Stab bricht. Menschlich,

adelig menschlich, in der Sprache der alten

Tage göttlich,

nur die Sammlung der Seele im frommen Gefühl und im Gebet, sagt Bourget in den Büchern seiner reiferen Jahre. Menschlich ist nicht die Cultur, nicht die Civiliist

sation, sagt Tolstoi in seinen letzten allein jene

Werken, sondern

Lebensweise, die dem Bösen gegenüber keine

Nothwehr kennt, niemals Unrecht abwehrt, sich um Geld und Gut nicht kümmert und Mann und Weib dahin bringt, stets nur die Schwester, den Bruder in einander zu sehen.

Das

ist also die

Sprache, die von den Weisen unserer

Tage, von den Männern, welche sich an den grössten und

vornehmsten Leserkreis der Erde wenden, geführt wird.

Könnte

ein

alter

Hellene

der

classischen

Zeit

Griechenlands aus seiner Asche auferstehen und diese

Aussprüche hören, so würde er gewiss vor Staunen ob solcher

Reden

die

Hände zusammenschlagen.

11.

Kristian Elster. (1882)

m Jahrel 869 kam mir zufälligerweise eine Nummer des norwegischen ,,Aftenbladet" vor Augen, in

welcher sich eine dramaturgische Kritik befand,

und einer gewissen Schärfe die Satire in dem Bund der Jugend" abwies, insofern dieselbe als gegen den Charakter und das Streben der norwegischen Fortschrittspartei gerichtet aufgefasst wurde. Dieser Artikel, der mit den Buchstaben K. E. die mit Kraft

Schauspiele Henrik Ibsen's „Der

unterzeichnet war, fesselte mich durch seine jugendliche

Begeisterung, seine männliche Sprache, sein Persönlich-

keitsgepräge so stark, dass ich durch Vermittelung des

anonymen Kritiker ein Schreiben richtete, welchem ich, ohne mehr als diesen einzigen Aufsatz von ihm zu kennen, seinem Talente meine Huldigung darbrachte und ihn bat, mir seinen Namen sowie seine

Blattes an den in

sonstigen litterarischen Arbeiten zu nennen. Kristian Elster

antwortete mir, dass er bisher nur ein paar Zeitungsartikel

und sprach sich über die SchwierigVorwärtskommen in einem Lande begegneten, wo er wegen seiner Ueberzeugungen mit allen Autoritäten gespannt lebte und wo noch Ideen, über welche Europa längst hinausgekommen sei, die

veröffentlicht habe,

keiten aus, die seinem

2.0*

KRISTIAN ELSTER.

388

Herrschaft besässen. „Die Kritik hierzulande", schrieb er, „ist eine Gespenster-Kritik, die wie so viel anderes Todtes an unserer Universität herumspukt, die z. B. die

Ehre

hat, heutzutage der Hauptsitz oder, richtiger, der

Es war derselbe

Alleinsitz des Hegelianismus zu sein".

Gedanke, der in „Gefährliche Leute" in den Worten ausgedrückt ist: „Unser Schicksal ist unabwendbar; unser

Land

ist

wo

einer von den stillen Plätzen,

die sich ausgelebt haben, eines friedlichen

die Ideen,

Todes sterben."

Jener Artikel war das erste Glaubensbekenntniss einer unruhig suchenden, aber charakterfesten Seele er war zwar bis zu einem gewissen Grade gegen Henrik ;

Ibsen gerichtet, jedoch einem Geiste entsprungen, sich diesem Dichter

gegenüber

tief

der

verpflichtet fühlte.

In der frühen Jugend Elster's hatte die „Nordische Heerfahrt", die in seinem achtzehnten Jahre erschien,

Er und

ihn

Kameraden sahen in diesem von Ibsen's späteren Werken so völlig überstrahlten Drama die wahre Auferstehung des alten Norvöllig bezaubert.

dens, für dessen Kraft sie

seine jungen

schwärmten

;

sie

fanden darin

jenes ursprünglich Norwegische, welches eine neue Poesie

und eine volksthümliche Politik sprachlichen Streben der Jugend,

straev" (ein Versuch,

aus

in Verbindung mit dem dem sogenannten „Maal-

den verschiedenen Bauern-

dialekten einen gemeinsamen, den Bauern verständlichen

zu bilden) aufs neue zu Ehren und Anerkennung bringen sollte.

in

Ein

kleines, ungedrucktes Schauspiel, das Elster

seinem neunzehnten Jahre verfasste, war eine Nach-

ahmung der nordischen Dramen Ibsen's; seine kleine Erzählung „Ein Kreuzgang" zeigt, dass er gleichzeitig Björnson zu studiren anfing und in dem Stile schrieb, den Björnson's Bauern-Novellen eingeführt hatten.

Alexander L. Kielland hat

in der

kurzen biogra-

phischen Skizze, die er der von ihm besorgten Ausgabe der kleineren Erzählungen Elster's vorausgeschickt hat, die

äusseren

Umrisse

von dem Leben

des

zu früh

KRISTIAN ELSTER. verstorbenen Autors mitgetheilt.

Begebenheiten

in einer

389

Man erhält den Faden der

kurzen, ernsten Existenz, die nie

von dem vollen Sonnenlicht erhellt, nur ab und zu von dem Reflexlichte schöner „Sonnenwolken" belebt wurde.^

Abgekannt hat; ich bin leider nicht im Stande, diese Lücke auszufüllen: es ist p]ine Seelengeschichte zu liefern, lag nicht in der sicht Kielland's, der Elster nicht

schwierig, beinahe unmöglich, aus einigen Büchern, aus

halbwegs ähnlichen Porträts und wenigen Briefen von einem Autor oder über ihn dem einzigen Material,



das ich über Elster sammeln konnte Bild von einer Persönlichkeit zu

gesprochen, ja nie gesehen hat.

— sich ein richtiges

formen, die

man

nie

Ich muss mich daher

auf einige Andeutungen über Elster

als

Menschen be-

schränken. Kristian Elster gleich ein praktisch

dem

war

ein

ganz unweltlicher und zu-

angelegter Mensch,

unweltlich in

Sinne, dass er ein Enthusiast und nie auf seinen

Vortheil bedacht war, praktisch insofern er keine An-

lagen zu schulmässigen Grübeleien, keine Gabe für zu-

sammenhängende theoretische Studien, hingegen digen Sinn

für

die

Natur und für

leben-

die Politik besass,

welche Volkserziehung und Fürsorge für das Volk

ist.

Amt

wie

Ich glaube desshalb auch, dass ein praktisches

das seine



er

war Förster im Drontheim'schen

— mit

der steten Beschäftigung im Freien, die es veranlasste,

Anlagen gut eignete. eine sehr spröde und scheue Natur, verschlossen und schroif gegen Fremde, auch in diesem Sinne durchaus kein Weltmann. Viel von diesem Wesen war wohl Folge seiner Kränklichkeit, denn seine Constitution war nicht stark. In dem Briefe, den er mir mit seinem Roman „Tora Trondal" schickte, sagte er: „Meine

sich für seine

Elster



Elster's.

war

„SonneiiAvolken"

ist

der Titel einer der scbünsteu Novellen

KRISTIAN ELSTER.

390

Erzählung war im Wesentlichen bereits vor acht Jahren fertig. Krankheit hat mich verhindert, sie zu Ende zu bringen." Durch einen Brief, den ich von seinem besten Freunde, Herrn Pastor Just Ebbesen in Drontheim, er-

bekommt man den Eindruck sowohl von der

hielt,

Gebrechlichkeit seiner Gesundheit wie auch

steten

von seinem

eigenthümlich verschlossenen Wesen: „Er war im täg-

Umgang der liebenswürdigste Mensch, den Sie denken können. Trotz gichtischer Kopfschmerzen, trotz ökonomisch kleiner Verhältnisse war seine gute Laune unverwüstlich, und so schweigsam er unter Fremden lichen

sich

war, so lebhaft war er zu Hause. Er meinte immer, dass

an der Gicht sterben werde, von der er Jahre hinkam anders. Eine heftige Lungenentzündung machte in neun Tagen seinem Leben

er

durch geplagt ward; aber es

Ende. Er war fest überzeugt, dass er wieder aufkommen werde; er wollte so gern leben. Die letzte ein

Nacht verbrachte ich bei ihm; da sah er ein, dass es schlimm mit ihm stehe, und er sprach ganz ruhig mit mir über die Anstalten, die ich treffen möge, wenn er gestorbensei; aberselbstjetztnochbekamichdenEindruck,

dass er im Grunde nicht

Man

sterben zu müssen.

glaubte,

glaubt so etwas ungern, wenn man, wie

vierzig Jahre alt ist

und den Kopf

voll

er,

Pläne hat

;

nur

ihm

musste das Fortgehen doppelt schwer sein, denn er vergötterte seine Gattin und hinterliess kleine Kinder.

Wie

scheu er war, bewies er in seinem Verhalten

mir gegenüber.

Er

legte grossen

Werth auf mein Ur-

über litterarische Dinge, einen so grossen, dass es mich nun schmerzt, nicht schon zu seinen Lebzeiten in theil

der Lage gewesen zu sein, seine Production ausführlicher

Wir waren überdies durch ein ganz beBand mit einander verbunden. Die Gährung

zu besprechen.

sonderes

der Gemüther, welche meine ersten Vorlesungen veranlassten

und

die er

während

eines Besuches in Kopen-

hagen miterlebte, beschäftigte ihn sehr, und

es

war, wie

KRISTIAN ELSTER. unter

ich aus bester Quelle weiss,

391

dem Eindruck der

Agitation gegen dieselben, dass er seinen fährliche Leute" verfasste,

er im Jahre 1872 in

weniger war

er,

Roman „Ge-

dessen wesentliche Partien

Kopenhagen

schrieb. Nichtsdesto-

der doch bereits im brieflichen Verkehr

mit mir gestanden hatte, zu schüchtern, um mir einen Besuch zu machen oder mich seinen Aufenthalt in Kopenhagen wissen zu lassen. Erst „Tora Trondal" brachte uns nach zehnjähriger Pause auf's neue in Berührung mit einander. In dem Briefe, der das Buch begleitete, dankte er mir aufs neue mit allzu grosser Bescheidenheit für mein Lob seines alten Artikels sowie für den Antheil, den ich an seiner eigenen Entwicklung und an dem zu jener Zeit in dem geistigen Leben Norwegens sich vollziehenden Umschwung habe. Das Buch, das den Gegensatz zwischen dem Beamtenstand und der Landbevölkerung Norwegens darstellt, war gediegen und gut; ich las es mit Vergnügen und konnte nicht die Spuren von Nachahmung Björnson's linden, die Andere darin entdecken wollten. Es war allerdings eine Arbeit, die nicht ganz auf der

Höhe der

Zeit stand, in welcher sie erschien; der dar-

Gegensatz zwischen ästhetisch und ethisch angelegten Naturen war der durch die Werke Kierkegaard's gestellte

und seiner Nachahmer in den Sechziger-Jahren aller Welt im Norden geläufige; man merkte dem Buche an, dass es

jahrelang fast vollendet in dem Schreibtisch des Au-

tors gelegen hatte. fasser, der in

ahnte indessen, dass der Ver-

den ganz jungen Jahren so hatte schreiben

können, als reifer

im Stande

Man Mann

höchst Bedeutendes zu leisten

sein müsse.

Einige Zeit darauf, im Februar 1880,

wieder einen Brief von Elster

Er bat mich um

eine

— einen

erhielt ich

rührenden Brief.

Empfehlung für ein norwegisches

Er fühlte ein Norwegens ein

Reisestipendium, welches damals frei war. so heftiges Verlangen,

sich ausserhalb

KRISTIAN ELSTER.

392

wenig umzusehen „Ich bewerbe mich", schrieb er, „um ein ganz kleines Stipendium; es ist nicht eines von denjenigen, welche an die bereits Anerkannten oder Be!

rühmten ausgetheilt werden, sondern ein völlig unschuldiges, das jedes Jahr vielen Malern, Musikern und Litteraten verliehen wird,

zum

die bei

dieser

Gelegenheit

und letztenmale genannt werden. Ich glaube also nicht, dassich unbescheiden hohe Ansprüche erhebe. Ich werde mich aber kaum in der Vermuthung irren, dass Diejenigen, welche hier die Entscheidung zu treffen haben, gegen mich ungünstig gestimmt sind, und sollte die Sache gelingen, könnte dies nur dadurch geschehen, dass Jemand, an dessen Sachkenntniss kein Zweifel herrscht, " es wagt, sich zu meinem Vortheil auszusprechen Es war das erstemal, dass sich Jemand an mich wandte um eine Empfehlung für ein öffentliches Stipendium in Skandinavien, an mich, von dem eine Empfehlung in allen mir bekannten Fällen die sicherste Misscreditirung sein würde. Um so viel wie möglich Elster's Naivetät abzuhelfen und selbst befangen in dem naiven Glauben, dass man meinen Worten vielleicht doch rein litterarisch einiges Gewicht beilegen würde, schrieb ich einen eindringlichen Empfehlungsbrief, in welchem ich die Worte an die Spitze stellte, dass mir Herrn Elster's Lebensanschauung, seine religiösen und sonstigen Ansichten unbekannt seien, dass dieselben aber, soweit ich vermuthen könne, von meinen eigenen Anschauungen sehr ersten-

bedeutend abwichen.

Es war umsonst. Die Regierung, die in Norwegen Dänemark immer, die politische Eeaction

damals, wie in

und die kirchliche Orthodoxie vertrat, verweigerte aus kleinlicher politischer

Rancune dem armen

Schriftsteller

das nachgesuchte Stipendium, obwohl er von

dem

sach-

verständigen Comite als Erster vorgeschlagen war. Einige

Monate später kam

ein neuer Brief, dessen Inhalt

mich

schmerzte. Elster theilte mir das Resultat mit und sprach

KRISTIAN ELSTER.

393

nun sicher nie werde er auch danach

die Ueberzeuguiig

aus,

reisen können,

grosses Bedürfniss

„Das

fühle.

so

er

Anderem

nun," heisst es unter

ist

schlimm genug, insofern

Briefe, „allerdings

Weg

durch der

dass

als

in

dem

mir da-

zu der Ausbildung versperrt wird, die

man nur durch den Besuch

der grossen Culturländer

Hingegen scheint es mir, dass ich mich in das Urtheil über mich als Schriftsteller ruhig finden kann, welches in einer solchen Abweisung liegt. Die Aeusseerhält.

rungen,

welche mir bei dieser Gelegenheit von Ihnen

wie von Henrik Ibsen zugegangen sind, haben jedenfalls für mich einen ganz anderen Werth als die Anerkennung, welche Einem dadurch öffentliches

er

zu Theil wird, dass

man

ein

Stipendium erhält." Ich ersah hieraus, dass

weder Mittel besass noch

je zu erlangen meinte,

eine Reise ins Ausland zu unternehmen



um

ein Glück,

das heutzutage in das Loos selbst sehr wenig bemittelter

und begabter Menschen zu der norwegischen Regierung als Elster,

wenn

fallen pflegt. ist

um

er auf Reisen

Das Vorgehen

so beklagenswerther,

gegangen wäre, wahr-

scheinlich noch leben würde.

sei,

Im Frühjahre 1881

erfuhr ich,

ferner, dass er eine

Wittwe und

lassen habe. Ich brauchte sie eine Vorstellung zu

hältnisse sein

dass er gestorben

Kinder hinternicht zu kennen, um mir drei

machen, wie schwierig ihre Ver-

müssten,

wenn

ihr Ernährer

sich nicht

einmal Hoffnung auf eine grössere Reise machen konnte: ich forderte

öffentlich

das norwegische Storthing auf,

an Kristian Elster's Hinterlassenen zu sühnen, was die

Regierung gegen den Dichter verbrochen hatte und habe die Freude gehabt, dass das Storthing, allen Regeln zuwider, der Wittwe eine Pension von 800 Kronen gesichert hat.

Erst nach

was

dem Tode

Elster's

wurde es offenbar, Norwegen in ihm

für einen wahren, echten Dichter

besessen

hatte



als

kurze Zeit

darauf der

Roman

KRISTIAN ELSTEK

394

Auch an diesem Buche,

„Gefährliche Leute" erschien.

dessen Erscheinen er nicht erlebte, hatte er acht volle

Der Roman

Jahre gearbeitet.

ist vielleicht von der nach Verdienst gewürdigt worden, weil er gleichzeitig mit den ersten, leichtgeschriebenen

Kritik nicht ganz

und glänzenden Arbeiten Alexander Kielland's erschien. Und doch ist es unzweifelhaft, dass die norwegischdänische Litteratur sehr wenig solche Bücher besitzt.

Das Werk hat einzelne Mängel und Sonderlichkeiten, aber es ist ein Eoman, welcher seinen Autor in gleichen Rang mit den ersten Schriftstellern des Nordens stellt. Es findet sich hier eine Sicherheit in der

und

Charakterzeichnung

männlicher Ernst in

der Lebensanschauung, Art einzig sind. Kielland besitzt trotz all seiner Anmuth und Schärfe nicht die Tiefe Kristian ein

die in ihrer

Elster's.

Ich erklärte in

meinem Aufrufe an das norwegische

Storthing, wie schön und bedeutend ich seinen

Roman

fände. Elster selbst meinte, dass derselbe „einen grossen

Mangel" habe, fürchtete aber, dass es ihm zu viel Zeit nehmen würde, eine Umarbeitung zu unternehmen, und dass der Roman dann wie „Tora Trondal" zu spät erscheinen werde. Welcher dieser vermeintliche Mangel war, ist mir nicht mitgetheilt worden. Ich denke mir aber, dass Elster

selbst

die

unzweifelhafte Lockerheit der

position missbilligt, so wie das Verhältniss des

zu

dem Pampasweibe unbefriedigend

hat.

Der junge

Norweger,

der

Kom-

Helden

dargestellt gefunden seine Vaterstadt

zu

reformiren strebt, geht daran zu Grunde, dass er sich verpflichtet

mit dem

fühlt,

ein

fremdes Mädchen zu heirathen,

nur die Aufwallung eines Augenblickes ihn

verbunden hat. Dieser Zug ist durch den Charakter der Hauptperson durchaus nicht hinlänglich motivirt und macht desshalb den Eindruck des romanhaft Unwirklichen dagegen glaube ich, dass die Lebensansicht, die hier dem Helden zugeschrieben wird, diejenige Elster's •,

KRISTIAN ELSTER.

395

war. Er gehörte augenscheinlich zu den von J. P. Jacobsen in „Niels Lyhne"sogenannten„i»ietistischen Freidenkern",

das heisst, er hatte erst in so reifen Jahren sich von

den Voraussetzungen der Orthodoxie

Wurzeln dogmatischer Moral

in

befreit, dass tiefe

seinem Innern stecken

geblieben waren.

Uebrigens meine ich das Vorbild gefunden zu haben,

nach welchem Elster unbewusst das Verhältniss Knut

Mädchen aus den Pampas ausgeführt hat; es ist ohne Zweifel die Katastrophe in dem Roman Turgenjew's „Ein adliges Nest", wo das Benehmen des Helden

Holt's zum

freilich besser

Auch

in

begründet

diesem

ist.

Werke kommt

die folgende Situation

Ein im Leben und auf Reisen stark hin- und hergeworfener Mann gewinnt nach seiner Rückkehr in die vor

:

Heimath

die Liebe eines völlig reinen

und edlen Mäd-

chens; er wagt zuerst nicht recht, sich ihr zu nähern,

denn

er

[ist

an eine

Frau gebunden, getrennt

hat.

ganz

verworfene und

die ihn betrogen

Endlich

kommt ihm vor Augen,

athmet in

verlogene

und von der er er

auf;

sich

eine Zeitung

welcher er von ihrem Tode

Glück ergreifen. Er hält Hand, als er eines Tages, wie er nach Hause kommt, im Corridor Koifer und Kasten aufgehäuft findet und ein Duft von Patchouli ihm entgegenschlägt, der ihm meldet, dass seine Frau noch zu den Lebenden gehört und sich in seiner nächsten Nähe befindet. Die Rückkehr der vermeintlich Verstorbenen raubt Lawretzky Glück und Zukunft er und seine Geliebte geben einander auf; er verlässt das Land, sie geht in ein Kloster. Der Unterschied ist bei Elster nur der, dass ein Mosch usgernch an die Stelle des Patchouligeruches getreten ist, dass jenes Weib, das für todt liest;

er ist frei, er darf das

es schon in seiner

;

gehalten wird, halbwild, nicht verderbt, endlich dass sie nicht die legitime Frau des Helden

ist.

Elster hat das

KRISTIAN ELSTER.

396

Motiv aufgenommen und durch moralischen Rigorismus überspannt.

Es ist,

ist

gewiss kein Zufall, dass er dazu

Turgenjew

ein

Motiv zu entlehnen.

gekommen besten

Seine

„Ein fremder Vogel") verrathen eine Verwandtschaft mit der Betrachtungsart und Die Frauender Vortragsweise des grossen Russen. Novellen („Sonnenwolken",

besonders die jungen Mädchen

gestalten,

diese

seine Heldinnen,

wenig Cultur, sellschaftliche

so feine,

und so wenig geWahrheitsliebe und eine

die so viel Seelenadel

so viel Enthusiasmus

Form,

so viel

und

unsinnliche Erotik besitzen,

alle einen

Hintergrund

so

welche

endlich

norwegischer Küstenlandschaft

haben, sind mit den wahrhaften, russischen

bei Elster,

seelenvollen,

Mädchen Turgenjew's verwandt.

jungen,

Elster nähert

Turgenjew durch seine Naturstimmung hereindringliches Studium der seedurch sein vorzurufen, lischen Nuancen und durch die feine und melancholische Im Uebrigen liegt natürSelbstironie des Erzählers. sich in seinen besten Capiteln

bewunderungswürdige Gabe,

eine

licherweise zwischen diesen beiden Persönlichkeiten die

ganze Kluft, welche einen armen norwegischen Autodidakten, der von kleinstädtischen Autoritäten mit Rück-

Frage abhängig ist, ob er einmal in seinem Leben Paris und London sehen werde, von einem vornehmen Russen trennt, der altem Adel entsprungen,

sicht auf die

vermögend, von seiner frühesten Verkehr gestanden, was Europa Jugend mit Allem in zu seiner Zeit Interessantes und Ausgezeichnetes er-

völlig unabhängig, sehr

zeugt hat. Kristian Elster hat damit angefangen, seine grossen

Landsleute unter den Dichtern zu studiren und in ihrer Weise zu fühlen und zu formen er hat sodann im An;

fang der Siebziger Jahre sich von einer nur nordischen Individualität zu einem allseitig empfänglichen modernen

Geist entwickelt, und seine Dichterbegabung

ist

durch

KRISTIAN ELSTER. die geistige

Entwicklung gewachsen.

Jahrzehnts stand er

in

397

Am

Schlüsse des

der ersten Reihe der Männer,

welche die Höhepunkte der Civilisation des skandinavischen Nordens bezeichnen.

Er war noch

nicht berühmt,

nicht einmal anerkannt und konnte es nicht sein, seine vorzüglichsten Arbeiten

wurden

theils

erst

denn nach

seinem Tode herausgegeben, theils erst dann gesammelt.

Aber

er

war der Meisterschaft

nahe, als er starb.

12.

Alexander

L.

Kielland.

(1883)

lexander Kielland hat einen in der Geschichte der neueren nordischen Litteratur beispiellosen

Es sind nicht viele Jahre her, machte schon mit seiner ersten Novellettensammlung viel Glück, und dieses Erfolg- gehabt.

seit er aufgetreten; er

kleinen

Glück hat ihn seitdem nicht mehr verlassen, obgleich er eine reiche Productivität entfaltet hat. Dies ist an und für sich in der Ordnung, denn mit Ausnahme des kleinen Bandes „Aus der Bühne" und einiger Kleinigkeiten unter

den Novelletten stehen alle seine Arbeijten hoch; aber Glück ist nichtsdestoweniger eine Sache,^ die andere

sein

Ursachen als die Begabung hat, denn die allein genügt wahrhaftig nicht. Ein Franzose hat nicht ohne Grund das Talent

cet

empeche-tout,

das

stete

Hinderniss

auf

dem Wege genannt. Eine erste Ursache von Kielland's Erfolg

ist

die,

dass das Publikum nicht Zeuge seiner Entwicklungs- und

Lehrjahre gewesen ; er hat nichts Naives oder Unreifes veröffentlicht.

gemacht,

ist

Der erste Eindruck, den ein Schriftsteller immer mächtig, zuweilen unauslöschlich.

ALEXANDER Man

fährt

Lange

fort,

L.

KIELLAND.

einer

in

399

öffentlichen

Persön-

lichkeit die Gestalt zu sehen, in der sie debutirte.

Wie

nach Beyle's Aeusserung ein Weib für seinen Verehrer stets das Alter hat, in

dem

er es zuerst sah, so sieht

das Publikum ungereimt lange in einem Schriftsteller die

halbwegs oder noch weniger fertige Persönlichkeit, die sich zuerst vor seinem

Jahre

fertiges.

war

Auge

zeigte. Kielland

war

dreissig

und er lieferte nichts UnMan hatte ihn nicht werden sehen — das allein

alt,

als

er

auftrat

ein Prestige.

Von den neuesten nordischen nur J. P. Jacobsen so ausgeprägt,

Schriftstellern hatte

Wirklichkeit aus-

(in

Aber Jacobsen erforderte weit mehr litterarische Bildung, um verstanden zu werden, und er hatte, wie die meisten anderen Jüngeren, in einer Kampfzeit debutirt. Er hatte sich sein Publikum langsam geprägter) begonnen.

zusammenlesen müssen,

er

sowohl wie andere Schrift-

steller jener Periode, die sich

unter den Augen des Publi-

cums entwickelt haben. Jeder einzelne jüngeren Generation

Schriftsteller der

hatte sich gerade

mühsam

seinen

Leserkreis gebildet, als Alexander Kielland auftrat.

kam wie ein Erbe. Er übernahm

Er

mit seinen ersten Büchern

das ganze Publikum, das erzogen worden, und diesmal,

wie immer, siegte Alexander mit Philipp's Soldaten.

Dazu kam

in Betreff

Dänemarks, dass er Norweger

war, nicht über dänische Verhältnisse schrieb, nicht durch

Behandlung dänischer

Stoffe Anstoss

gab

;

und dass

er

Dänemark hatte, entschied auch sein Glück in Norwegen. Es nützt nämlich nichts, wenn die Norweger das leugnen; die Aufnahme eines norwegischen Buches in Dänemark ist zur Zeit entscheidend für seine Aufnahme in Erfolg in

Norwegen. Ich sage damit durchaus nicht, dass dies Verhältniss

Dänemarks grössere Urtheilskraft beweist, sage

über-

haupt nichts darüber, ob dies Verhältniss das gebührende sei,

ich konstatire bloss das Faktische. Selbst Björnson's

und Ibsen's Dichterruf wurde

in

Dänemark begründet.

ALEXANDER

400

L.

KIELLAND.

Eine Hauptursache, dass Kielland das Publikum so war der neue Ton, den er in der schönen

rasch eroberte,

Litteratur anschlug, der Weltton,

war,

der

um

so pikanter

da er einen norwegischen Accent hatte und von

Norwegen herüberklang, das man wegen rischer Vorzüge gelobt hat,

Welttones.

vieler littera-

aber selten wegen seines

Von den norwegischen Dichtern

hatte vielleicht

Tonart angeschlagen, aber er war lyrischer Dichter, wenig ausserhalb Norwegens gelesen und längst vergessen. Nun ist es für ein Stadtpublikum immer schwer, einem Weltmanne in der Litteratur zu widerstehen, da in seinem Bewusstsein Weltton im Grunde das Ideal ist. Aber das Einnehmende, das Siegreiche an Kiellands Weltton war, dass er lauter Dinge in ihm vortrug, von denen „die Gesellschaft"

Welhaven

bloss

diese

früher nichts hatte hören wollen.

Es war neu und neckisch,

dass er der feinen Welt fürchterliche Spitzen in ihrer

eigenen Gesellschaftssprache gab. des alten Respekts

Man war und

des alten

Inhalts

und

Poesie,

die in Schafsmässigkeit ausgemündet,

Man

wollte

all

der

artigen so satt.

andererseits aber auch von einer aus der

Wissenschaft herausgeführten Opposition nichts wissen, angesichts welcher der ganze Vorstellungskreis, in

dem

und dumm erschien; verdammendes Pathos hören, auf lärmende Zigeunerlustigkeit und ungeschickten Künstler-

man

wollte

trotz;

lebte,

eng

man auf hier

ebensowenig

lyrisch

bekam

man

einen

Ersatz

für

die

Ge-

danken und Stimmungen, deren man überdrüssig war, und er kam in geschliffenen Formen, ohne Tiefsinn, ohne Lyrik, ohne Pathos, ohne farbensatten beschreibenden Stil; er war witzig, und den Witzigen wird in den nordischen Hauptstädten Vieles, ja im Grunde Alles vergeben, wenn der Witz nicht direkt drohend ist, und das war er hier nicht. In diesen Umständen dass Kielland ohne Unfertigkeit begann, dass er ein von Anderen aufgezüchtetes :

ALEXANDER Publikum

L.

KIELLAND.

401

Erbe übernalim, dass seine Stoffe ausserhalb Dänemarks (und ausserhalb Deutschlands) lagen und als

dass er seinen geistigen Radikalismus in der

Form

des

Welttons vorbrachte, hat man die Grundelemente seines Dichterglücks im Norden und im Ausland.

Er

zeigte sich gleich im Besitz eines grossen Er-

Er wirkte durch

zählertalents.

seine Gedrängtheit, diese

Haupteigenschaft des wirklichen Schriftstellers

er ver-

•,

mochte im kurzen, scharfen Riss bald eine bittere Lebenserfahrung oder überlegenen Spott niederzulegen, bald schmerzlichen, sehnsuchtsvollen, wehmüthigen,

gen Stimmungen einen trotz der Kürze

Man

Ausdruck zu geben. mit welcher

am Schluss

lusti-

hinreichenden

erinnere sich der Wirkung,

der „Schlacht von Waterloo" die

Sehnsucht des jungen Mädchens nach dem Süden und der Freiheit fast mit Nichts gegeben, des Humors, mit dem in

„Hoffnung ist grün" der unsäglich jämmerliche Studenten-

Schwachkopf gezeichnet

ist.

Und welche ätzende

Bitter-

„Welken Blätter" Ein solcher Satz ist wie eine Essenz, in welche die Stimmungen keit in den Schlussworten der

vieler qualvollen

Jemehr

!

Stunden zusammengedrängt nun entfaltete,

sein Talent sich

grösseren, schwierigeren Kompositionen,

wurde

sind.

auch

in

desto leichter

Grundzüge und die ursprüngliche Methode Zu Anfang war der Geist dieses Schriftstellers augenscheinlich durch den Anblick und es,

die

desselben zu erkennen.

die Auffassung eines

ganz einzelnen Gegensatzes, einer

einfachen Lebensantithe