MIGRANTENORGANISATIONEN IM SPIEGEL DER GENERATIONEN

MIGRANTENORGANISATIONEN IM SPIEGEL DER GENERATIONEN

Dokumentation zur Fachtagung am 9. und 10. November 2013 in Dortmund Migrantenorganisationen im Spiegel der Generationen Ein Beitrag von Migrant_Inne...

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Dokumentation zur Fachtagung am 9. und 10. November 2013 in Dortmund

Migrantenorganisationen im Spiegel der Generationen Ein Beitrag von Migrant_Innenorganisationen

Inhalt 3 4 7 9 11

14 17

Vorwort PD Dr. Ansgar Klein, Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement Grußwort Guntram Schneider, Minister für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen Grußwort Ullrich Sierau, Oberbürgermeister der Stadt Dortmund Begrüßung Prof. Dr. Siglinde Naumann, Hochschule RheinMain Begrüßung Antonio Diaz, BIFF e.V. Vorträge Einführungsreferat: Generationenfragen in der Einwanderungsgesellschaft Dr. José Sánchez Otero, Bundesverband spanischer sozialer und kultureller Vereine e.V. Integrationsarbeit in Dortmund Reyhan Güntürk, Leiterin MIA-DO-Kommunales Integrationszentrum Dortmund

20 22 24 25 26 28

Themeninseln Väterarbeit Generationenwechsel in Migrantenorganisationen Migrantenorganisationen jüngerer Menschen Neue Eltern – Neue Medien Mütterarbeit Offenes Forum Generationen

29

Talkrunde

32 36 39 42 44 47 51

Zukunftsforen Kulturarbeit Neue Migrantenorganisation Flüchtlingsarbeit Elternarbeit Jugend(verbands-)arbeit Migration und Alter Thesensammlung

52

AbschlieSSende Talkrunde

65 66 68

Anhang AG Migration und Teilhabe Materialien Impressum

Veranstalter und FördereR Veranstalter war das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) über die AG 5 „Migration und Teilhabe“ des BBE in Kooperation mit dem BIFF e.V. Gefördert wurde die Veranstaltung vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

PD Dr. Ansgar Klein (Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement)

Vorwort Unter Beteiligung des Oberbürgermeisters von Dortmund, Ulrich Sierau, von Guntram Schneider, Minister für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, und des frisch gewählten Bundestagsabgeordneten Dr. Karamba Diaby aus Halle a.d. Saale, der schon seit Jahren an den Tagungen des BBE mit Migrantenorganisationen mitwirkt, fand in Dortmund am 9. und 10. November eine Fachtagung der AG „Migration und Teilhabe“ des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE) statt. Migrantenorganisationen leisten einen unbestrittenen Beitrag zur Förderung des Generationendialogs und zur gesellschaftlichen Partizipation von Migrantinnen und

Migranten unterschiedlicher Generationenlagen. Während der Fachtagung „Migrantenorganisationen im Spiegel der Generationen“ sind Handlungsbedarfe analysiert und konkrete Handlungsansätze für die Anregung und Gestaltung gelungener Verständigungs- und Kooperationsprozesse zwischen den Generationen erarbeitet worden. Hierzu wurden die Kompetenzen der 76 Teilnehmer_innen aus Migrantenorganisationen, Politik und Verwaltung gezielt aufgegriffen und einbezogen. Thema der intensiven Diskussionen waren die Anforderungen des demografischen Wandels an Migrantenorganisationen: Dazu zählt der Generationenwechsel, der in verschiedenen Migrantenorgani-

sationen stattfindet. Eine ressourcenorientierte Perspektive auf den Lebenslauf und die Lebensphasen von Vereinen wurde für die Identifizierung von guten Praxismodellen genutzt. Dabei sind auch neue Migrantenorganisationen von Bedeutung, die von erst in jüngerer Zeit zugewanderten Communities ins Leben gerufen werden. Weitere Aspekte waren der Generationendialog und die Fragen des Alterns der ersten Einwanderergenerationen. Darüber hinaus wurde der Blick auf Jugendorganisationen und nicht zuletzt auf Familien und Eltern gerichtet. Die Tagung wurde in bewährter Partnerschaft vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gefördert und von Prof. Dr. Siglinde Naumann und Antonio Diaz, BIFF e.V., geleitet.

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Guntram Schneider (Minister für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen)

GruSSwort Sehr geehrte Prof. Dr. Naumann, sehr geehrter Dr. Diaby, meine sehr geehrten Damen und Herren,

Enkelkinder leben hier, viele sind inzwischen deutsche Staatsbürger_innen geworden. Verbunden fühlen sie sich mit ihrem ursprünglichen Heimatland, aber ebenso mit die Einladung zu der Fachtagung Deutschland. Sie haben Bindungen habe ich sehr gern angenommen. in der alten und der neuen Heimat. Nordrhein-Westfalen ist von Zuwanderung geprägt. Und das ist Migrantinnen und Migranten der auch gut so! In NRW leben heute ersten Stunde haben in erhebüber 4,1 Mio. Menschen mit Mi- lichem Umfang zum wirtschaftligrationshintergrund. Das sind über chen Aufstieg Deutschlands beige20 Prozent. tragen. Sie haben unser Land mit aufgebaut. Die Abkommen zur Anwerbung von Gastarbeitskräften, die die Unzweifelhaft hat Arbeit immer Bundesrepublik seit 1955 mit eu- eine zentrale Rolle bei der Migratiropäischen und auch einigen au- on nach Deutschland gespielt. Daßereuropäischen Ländern schloss, rüber hinaus stellt sie einen festen hatten eine klare Zielrichtung: Bestandteil der gesellschaftlichen Sie sollten den Wirtschaftsauf- und sozialen Integration dar. Daschwung sichern und dem ausge- bei ist ganz klar, dass sich gute Ardörrten heimischen Arbeitsmarkt beit auch lohnen muss! Deswegen junge und unverbrauchte Arbeits- setze ich mich als Arbeitsminister kräfte zuführen. des Landes Nordrhein-Westfalen auf der Bundesebene für MindestNichts beschreibt den Webfehler löhne in allen Arbeitsfeldern ein. der damaligen Politik treffender als der berühmte Satz des Schrift- Die Migrantenorganisationen spielstellers Max Frisch: „Wir haben ten bei der Integration der ZuArbeitskräfte gerufen, und es sind wanderinnen und Zuwanderer der Menschen gekommen.“ ersten Generation eine wichtige Rolle. Und nicht nur damals, auch Für die erste Generation der ehe- heute ist dies weiterhin so. Die maligen Gastarbeiterinnen und Migrantenorganisationen bringen Gastarbeiter, die in den 1960er sich aktiv ein und leisten ihren BeiJahren gekommen sind, ist Deutsch- trag. Sie wissen um die Sorgen und land längst zum Lebensmittelpunkt Nöte der hier lebenden Menschen geworden, auch nach dem Ende der mit Migrationshintergrund. Sie unErwerbstätigkeit. Ihre Kinder und terstützen die verschiedenen Ge-

nerationen der ehemaligen Gastarbeiter_innen, aber auch die neu zugewanderten Migrantinnen und Migranten dabei, sich in die Gesellschaft zu integrieren und an ihr teilzuhaben. Auf Ihrer Tagung sind viele eindrucksvolle Beispiele von Migrantenorganisationen vertreten. Eine erfolgreiche Integration ohne das bürgerschaftliche Engagement von Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte ist nicht vorstellbar. Integration kommt eben nicht von allein. Integration benötigt gesellschaftliches Engagement, damit gegenseitige Akzeptanz und ein friedliches Miteinander gelingen. Auch zukünftig werden wir erfolgreiche Integration nur zusammen schaffen. In diesem Zusammenhang nochmals ein herzliches Dankeschön an die vielen Menschen in den Migrantenorganisationen – Sie leisten hervorragende Arbeit und zwar generationsübergreifend. Durch das ehrenamtliche Engagement Ihrer Mitglieder_innen tragen Sie mit dazu bei, dass nicht über Migrantinnen und Migranten gesprochen wird, sondern mit Ihnen. In der öffentlichen Debatte werden die genannten guten Beispiele leider immer noch viel zu wenig

4 | Dokumentation | Migrantenorganisationen im Spiegel der Generationen

Schneider | Grußwort wahrgenommen. In Deutschland hat es sehr lange gedauert, bis Migrantenorganisationen als Partner von Integrationspolitik erkannt und anerkannt worden sind. Lange Jahre wurden sie kaum beachtet. Und wenn sie wahrgenommen wurden, dann häufig eher in einem negativen Kontext und nicht als Träger wichtiger gesellschaftlicher Initiativen in den Bereichen Soziales, Bildung und Kultur. Selbstorganisation galt für manche als Ausdruck von Abschottung. Erst ab den 1990er Jahren entwickelte sich allmählich eine Situation, in der solche Organisationen als gleichberechtigte und anerkannte Partner von Behörden, Verbänden oder politischen Gremien auf Augenhöhe galten. Heute sind Migrantenorganisationen grundsätzlich anerkannt. Zum einen als Interessensvertreter der Menschen mit Migrationshintergrund, zum anderen als Träger sozialer Dienstleistungen. Sie werden bei bundesweiten, landesweiten und lokalen Integrationskonferenzen als Akteure eingebunden. Migrantenselbstorganisationen werden von den Medien stärker wahrgenommen und sie haben sich in den vergangenen Jahren organisatorisch und fachlich erheblich weiterentwickelt. Und: Selbstorganisation wird nicht mehr als Ausdruck von Abschottung gesehen,

sondern als Bereitschaft zur Mit- Nordrhein-Westfalen nimmt eine wirkung und Einmischung in öffent- Führungsrolle in der Integrationspolitik ein. Unter der rot-grünen liche Belange. Bundesregierung wurde IntegraDamit Migrantenorganisationen ihre tion aber deutlich substanziell Funktion in angemessener Weise gestärkt. So haben wir das erste ausfüllen können hat die Landesre- Teilhabe- und Integrationsgesetz in gierung von Nordrhein-Westfalen einem Flächenland eingeführt, das diese als Partner der Integrations- der Landtag in Nordrhein-Westfaarbeit anerkannt und das früher als len ohne Gegenstimmen beschlosdie meisten anderen Länder. Und: sen hat. Dies war ein wichtiger Nordrhein-Westfalen hat auch frü- Schritt für die weitere Entwicklung her als alle anderen begonnen, die- und stellt eine neue qualitative Stufe in der Integrationspolitik dar. se zu fördern. Alle wichtigen gesellschaftlichen Wir haben die Projektförderung Gruppen wurden im Vorfeld gehört durch zentrale Angebote der In- – gerade auch die Organisationen formation und Qualifizierung von der zugewanderten Menschen. Haupt- und Ehrenamtler_innen aus Migrantenorganisationen flan- Ein zentrales Ziel dieses Gesetzes kiert. Neben der Fachberatung, ist es „die Organisationen der Mendie beim Deutschen Paritätischen schen mit Migrationshintergrund Wohlfahrtsverband (DPWV) an- in demokratische Strukturen und gesiedelt ist, hat auch das Kom- Prozesse einzubinden und sie zu petenzzentrum für Integration die fördern“ (§ 1 Ziele). Migrantenorganisationen durch vielfältige Angebote unterstützt. Nach unserem Verständnis sind die Vor mehr als zehn Jahren ist zudem Migrantenorganisationen, neben den das Netzwerk der Eltern mit Migra- Kommunalen Integrationszentren tionshintergrund hinzugekommen. und den Integrationsagenturen der Freien Wohlfahrtspflege, die Neben den Fragen der Beantra- dritte Säule der Integrationspoligung, der Qualifizierung sind die tik. Um dies zu unterstreichen, hat wesentlichen Bildungsthemen auf der Landtag die Mittel für die Miden Seminartagen vorgestellt, dis- grantenorganisationen erhöht. Zukutiert und an die örtlichen Mi- dem arbeitet mein Haus zurzeit an grantenorganisationen weiterver- Rahmendaten für die neue Förderrichtlinie. Selbstverständlich hamittelt worden.

Dokumentation | Migrantenorganisationen im Spiegel der Generationen | 5

Schneider | Grußwort ben wir hier die wissenschaftliche Perspektive und die Sichtweise der Migrantenorganisationen miteinbezogen. Dabei kommt es vor Ort auf die enge Vernetzung der verschiedenen Akteur_innen an: Eine landesweite Koordinierungsstelle in Dortmund begleitet den Aufbau dieser bundesweit einmaligen flächendeckenden Integrationsinfrastruktur. Wie gut das bei uns funktioniert durften Sie ja bereits gestern Abend erfahren. NRW lässt sich das viel Geld kosten. Aber es lohnt sich!

die interkulturelle Väterarbeit, die beim BIFF e.V. angesiedelt ist. Bei geselligen Treffen wird hier lebensweltorientierte Beratung z. B. zu Erziehungsfragen angeboten. Sei es die Mütterarbeit von Africa Positive e.V. Sie setzen sich insbesondere dafür ein, bestehende kulturelle Vorurteile gegenüber Afrika abzubauen.

Ein weiteres Beispiel stellt Phönix e.V. dar, der die Potenziale der russischsprachigen Migrantinnen und Migranten gezielt fördert. Ihre Arbeit habe ich mir kürzlich persönEin weiteres wichtiges und ak- lich vor Ort angeschaut. tuelles Thema ist die doppelte Staatsbürgerschaft. Sie stellt eine Alle diese Organisationen fungiewesentliche Voraussetzung für ren als Brückenbauer zwischen gesellschaftliche Teilhabe und so- den Kulturen, aber auch zwischen mit für gelingende Integration dar. den Generationen und fördern so Dabei muss doch vollkommen klar Integration und gegenseitige Aksein, dass wir von den jungen Men- zeptanz. schen nicht erwarten können, dass sie sich für eine Heimat entschei- Ein weiterer Punkt in diesem Zuden. Zur Identität eines jeden Men- sammenhang, der mir sehr am schen mit Migrationshintergrund Herzen liegt, ist die Förderung von gehören nun mal seine Herkunft jungen Menschen und Jugendorgaund sein Herkunftsland bzw. das nisationen. seiner Eltern und Großeltern. Deswegen sagen wir unmissverständ- Die Jugendorganisation Hêvî e.V., lich „Ja“ zur doppelten Staatsbür- die 2009 von Schüler_innen und Student_innen in Aachen gegrüngerschaft! det worden ist, ist ein Bespiel dafür. Wir haben gestern von vielen po- Sie arbeitet mit jungen Menschen sitiven Entwicklungen und Bei- zusammen und erreicht dadurch spielen im Bereich der Migran- gemeinsam etwas. Sie stärkt das tenorganisationen erfahren. Das Selbstwertgefühl der Kinder und Thema „Generationen“ ist dabei Jugendlichen und fördert deren von zentraler Bedeutung. Ob z. B. Entwicklungsmöglichkeiten innerin der Eltern- und Familienarbeit halb und außerhalb der Bildungsoder in Bezug auf die Weitergabe einrichtungen. Ihre Mitglieder_invon Erfahrungen an jüngere Gene- nen fördern Toleranz und Respekt rationen innerhalb von Migranten- zwischen den Kulturen und Generaorganisationen. Natürlich arbeiten tionen und helfen somit, die gesellwir sehr viel und eng mit dem Bund schaftliche Integration zu stärken. zusammen, aber NRW und Dortmund liegen mir natürlich persön- Wir brauchen solche Menschen, die sich mit viel Innovation, Kreatilich sehr am Herzen. vität und Einfühlungsvermögen in Bitte sehen Sie es mir nach, wenn der Integrationsarbeit einsetzen. ich an dieser Stelle hiesige Projekte Die Migrantenorganisationen sind beispielhaft herausstelle. Sei es ein unverzichtbares Fundament

erfolgreicher Integrationsarbeit. Mindestens genauso wichtig ist das Engagement weiterer gesellschaftlicher Partner. Erst das gemeinsame Engagement bringt das „Herzblut“ in die Integrationsprojekte, welches den Erfolg ausmacht. Die Förderung von Bürgergesellschaft und bürgerschaftlichem Engagement in allen Gesellschafts- und Politikbereichen ist ein zentraler Baustein der Integrationspolitik in NRW sowie im Bund. An dieser Stelle gilt, stellvertretend für die weiteren Partner_innen auf Bundesebene, mein Dank den Veranstalter_innen dieser Fachtagung. Wie schön, dass Sie bei uns in Dortmund zu Besuch sind. Sie haben am gestrigen Tag gehört – und werden es heute auch noch hören – was Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Migrantenorganisationen leisten. Nicht nur deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass Migrantinnen und Migranten nicht „betüdelt“ werden müssen, sondern als aktive Gestalter_innen wahrgenommen und in den Integrationsprozess miteinbezogen werden sollen. Integration heißt: Mitmachen. Integration heißt: Sich Engagieren, sich Einmischen in öffentliche Belange. Integration heißt: Seine Rechte in der Gesellschaft selbstbestimmt und selbstbewusst einzufordern. Integration heißt zugleich: Verantwortung für die Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu übernehmen, auch wenn dies – im Hinblick auf eine erfolgreiche Integration – nicht immer einfach ist. Unverzichtbar für eine gelingende Integration ist die Arbeit der vielen engagierten Organisationen von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, Ihre Arbeit. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

6 | Dokumentation | Migrantenorganisationen im Spiegel der Generationen

Ullrich Sierau (Oberbürgermeister der Stadt Dortmund)

GruSSwort Sehr geehrte Prof. Dr. Naumann, sehr geehrter Herr Diaz, sehr geehrte Damen und Herren,

Liebe Gäste, die Zusammenarbeit, die Förderung und die Unterstützung der zahlreichen Dortmunder Migrantenorganisationen ist ein Schwerpunkt unseres gesamtstädtischen Integrationskonzeptes. Dieses habe ich zur „Chefsache“ erklärt. Das bei mir direkt angebundene „Kommunale Integrationszentrum Dortmund“ ist eine Querschnittsstelle, unserer zentralen Steuerungseinheit. Im Rahmen des heutigen Abendempfangs im Dortmunder U wird Ihnen Frau Reyhan Güntürk, die Leiterin von „MIA-Do/Kommunales Integrationszentrum“, die Arbeit dieser Steuerungseinheit noch näher vorstellen.

dem Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE), das diese Tagung in Kooperation mit der Arbeitsgruppe „Migration und Teilhabe“ des BBE und dem Verein BIFF – Bildung, Integration, Frauen, Familie e.V. durchführt, danke ich herzlich für die Einladung. Es freut mich, dass die Tagung „Migrantenorganisationen im Spiegel der Generationen“ in Dortmund stattfindet. Ganz herzlich heiße ich Sie willkommen. Sicherlich nicht von ungefähr wurde Dortmund als Veranstaltungsort ausgewählt. In Dortmund verfügen wir über ein aktives Netzwerk von Migrantenorganisationen. In Dortmund haben Migration und Integration eine lange Geschichte. Dieses Netzwerk setzt kontinuier- Seit Beginn der Industrialisierung lich Akzente für eine Weiterent- leben in Dortmund viele Menschen wicklung der Integrations- und Mi- mit Migrationshintergrund. Bis grationspolitik unserer Stadt. Vom heute ist Dortmund eine Stadt der Dortmunder Netzwerk gehen zahl- Vielfalt, in der Menschen aus rund reiche Impulse für die Integrations- 180 Nationen zu Hause sind. 30 und Migrationspolitik des gesamten Prozent der Dortmunderinnen und Landes Nordrhein Westfalen aus. Dortmunder haben eine Zuwanderungsgeschichte. Die Menschen, Wir alle erhoffen uns Synergieef- die hierher kommen und hier lefekte von der Tagung. Schließlich ben, bringen viele Talente, Potenzibringen Sie, meine Damen und ale und Kompetenzen mit. Sie sind Herren, Netzwerkerfahrungen mit wie alle anderen am erfolgreichen Migrantenorganisationen auf den Strukturwandel Dortmunds beteiunterschiedlichsten Ebenen mit. ligt. Sie sind mit all den Aspekten Vom gegenseitigen Austausch kön- ihrer Biografien eine Bereicherung nen wir alle nur profitieren. für die Stadt. Sie sind aus der Stadt-

gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Integration wird in Dortmund jeden Tag gelebt: in den Stadtteilen und Quartieren, in Vereinen und Organisationen, Schulen und Kindergärten, zwischen Jung und Alt, Frauen und Männern, Einheimischen und Zugewanderten. Eine gelungene Integration, ein friedliches Miteinander, gegenseitiger Respekt und Wertschätzung – das sind wichtige Faktoren für die Zukunftsfähigkeit einer Stadt. Eine gelungene Integration ist, wenn Menschen sagen: Dortmund ist auch meine Stadt. Wenn sie sich einmischen und mitgestalten möchten, wenn sie Vorschläge zu den unterschiedlichsten Themen einbringen und Verantwortung übernehmen. Dieses freiwillige Engagement stärkt nicht nur die Persönlichkeit, nein, es stärkt die Entwicklung der gesamten Gesellschaft. Den Migrantenselbstorganisationen und den traditionellen Vereinen kommt hierbei eine bedeutende Rolle zu. Sie sind für Menschen mit Migrationshintergrund ein besonders wichtiger Zugang zu gesellschaftlicher und politischer Partizipation. In Dortmund gibt es eine Vielzahl von Migrantenselbstorganisationen. Mit dem VMDO e.V. hat sich hier ein Dachverband von 34 Migrantenselbstorganisationen aus unterschiedlichen Kultur-

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Sierau | Grußwort kreisen gegründet. Das ist sowohl regional als auch überregional ein vorbildlicher, interkultureller Zusammenschluss. Die Migrantenselbstorganisationen sind für unsere Stadt unverzichtbar, wir stärken sie daher in ihrer Arbeit. Das fängt mit der Kontaktvermittlung zu den Akteur_innen der Integrationsarbeit an und hört mit gezielten Qualifizierungsveranstaltungen auf. Dabei führen wir einen Dialog auf Augenhöhe. Denn:

In Dortmund wollen wir nicht über Migrant_innen, sondern mit ihnen reden. Wir nehmen unsere Dialogpartner nicht nur mit, wir nehmen sie ernst. Uns verbindet die Zukunft unserer Stadt. Daran wollen wir gemeinsam arbeiten und auch weiterhin Maßstäbe im Bereich der Integration setzen.

pekten des Generationendialogs innerhalb von Migrantenselbstorganisationen befassen. Zahlreiche anregende Gespräche und Diskussionen warten auf Sie. Die Handlungsaspekte, die Sie dabei entwickeln, werden für alle Akteur_innen hilfreich sein. Gemeinschaftlich gelingt es uns, auch weiterhin Maßstäbe im Bereich der Meine Damen und Herren, Integration zu setzen. Für die anstehenden Aufgaben wünsche ich im Laufe der Tagung werden Sie nach alter Tradition der Bergleute: sich mit vielen interessanten As- „Glück auf“.

8 | Dokumentation | Migrantenorganisationen im Spiegel der Generationen

Prof. Dr. Siglinde Naumann (Hochschule RheinMain, stellv. Sprecherin der BBE AG 5 „Migration und Teilhabe“)

BegrüSSung Sehr geehrte Damen und Herren, Dortmund statt, einer Migrantenliebe Kolleginnen und Kollegen, organisation, die sich die Themen Bildung, Integration, Frauen und ich möchte Sie nun in anderer Rolle, Familie auf die Fahnen geschrieals stellvertretende Sprecherin un- ben hat. Auch das Büro des BIFF serer Arbeitsgruppe 5, „Migration e.V. wurde im vergangenen Jahr und Teilhabe“ des BBE zu unserer von Rechtsextremen beschmiert. diesjährigen Tagung mit dem Titel Ich hoffe sehr, dass wir mit dieser „Migrantenorganisationen im Spie- Veranstaltung gemeinsam einen gel der Generationen“ begrüßen. Beitrag dazu leisten können, Rassismus, Diskriminierung und allUnsere Tagung beginnt heute an tägliche Ausgrenzung im heutigen einem besonderen Datum der deut- Deutschland zu bekämpfen. Die schen Geschichte. Der 9. November Praxis des BIFF e.V. leistet dazu ei1989 war der Tag der Maueröff- nen lebendigen Beitrag. nung. Es war die Zeit der Montagsdemonstrationen, im Rahmen Der andere Kooperationspartner derer sich viele demokratisch ge- unserer Tagung ist das Bundessinnte Menschen in der DDR für netzwerk Bürgerschaftliches EngaBürgerrechte einsetzten. gement. Es wurde 2002 vom Nationalen Beirat des Internationalen 31 Jahre zuvor war der 9. November Jahres der Freiwilligen gegründet 1938, ein undenkbar finsterer Tag um „bestmögliche rechtliche, inin der deutschen Geschichte. In der stitutionelle und organisatorische Nacht vom 9. auf den 10. November Rahmenbedingungen für das bürwar die Reichskristallnacht. Ab die- gerschaftliche Engagement zu sem Zeitpunkt verschlimmerte sich schaffen“. Es ist eine Mitgliederordie Lage der jüdischen Bevölkerung ganisation. Die inhaltliche Arbeit auf unfassbare Art und Weise. Sie des Bundesnetzwerkes erfolgt in waren zuvor Diskriminierungen und Arbeitsgruppen zu unterschiedsozialen Ausgrenzungen ausgesetzt, lichen Themenfeldern. Die AG 5 nun wurden sie verfolgt und muss- ist eine davon. Wir haben das Ziel, ten um ihr Leben fürchten. Das Ende bürgerschaftliches Engagement von kennen wir alle. Der Völkermord aus Migrantinnen und Migranten öfrassistischen Motiven kostete 6 Mil- fentlich sichtbarer zu machen und lionen jüdische Mitbürger_innen in dessen Bedeutung hervorzuheben. Europa das Leben. Es lag auf der Hand, unsere Ziele Unsere diesjährige Tagung findet gemeinsam mit Migrantenorgain Kooperation mit dem BIFF e.V. in nisationen zu verfolgen. Gerade

viele kleine Migrantenorganisationen agieren ehrenamtlich und auf lokaler Ebene. Damit ihre Ressourcen, Erfahrungen und Anregungen für die gemeinsame Weiterentwicklung einer aktiven Zivilgesellschaft fruchtbar werden können, wurde die Idee entwickelt und umgesetzt, in Kooperation mit den Migrantenorganisationen vor Ort eine jährliche Plattform für Menschen und Organisationen ins Leben zu rufen, die mit den Querschnittsthemen Migration und Teilhabe befasst sind. Diese jährlichen Tagungen finden seit dem Jahr 2006 statt und sind zu einem wichtigen Vernetzungsforum geworden. Die Migrantenorganisationen initiieren die inhaltlichen Themen. Beim ersten Workshop 2006 in Oberhausen wurden die Weiterbildungsbedarfe von Migrantenorganisationen eruiert. 2007 ging es in Kooperation mit dem Landesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement Bayern und dem Institut für Soziale und Kulturelle Arbeit in Nürnberg um die Frage, wie die Weiterbildung der Heterogenität von Migrantenorganisationen gerecht werden kann und wie sie zu ihrem Empowerment beitragen kann. Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Migrantenorganisationen in Ost- und Westdeutschland standen 2008 in Potsdam ebenso im Fokus, wie Überlegungen zu Förderkon-

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Naumann | Begrüßung zepten, die Migrantenorganisationen sen Anhalt, der Integrationsbeaufals selbstbewusste Akteure der Zi- tragten und der Jugendwerkstatt „Frohe Zukunft“ in Halle statt. Dr. vilgesellschaft akzentuieren. Karamba Diaby war einer der HauEin wichtiger Baustein für die För- pakteure dieser Veranstaltung in derung von Migrantenorganisati- seiner Heimatstadt. Thema waren onen sind die strukturellen Rah- Konzepte und Methoden der Eltermenbedingungen. Während einige narbeit von MigrantenorganisatiBundesländer sehr viel Wert da- onen. Ein zentrales Ergebnis lautet, rauf legen, die Modalitäten für Pro- dass erfolgreiche Elternarbeit zwar jektförderungen so zu gestalten, vor Ort ganz niedrigschwellig bedass sich Migrantenorganisationen ginnt, aber überregional vernetzt daran beteiligen können, gibt es sein sollte, um als Interessenverauch nach wie vor Bundesländer, tretung wirksam zu werden. die lediglich eine Anteilsfinanzierung für Integrationsprojekte be- Das Thema Partizipation stand bei reitstellen, wobei nicht vorgesehen der Tagung 2012 in Berlin im Mittelist, dass der Eigenanteil durch das punkt, die in Kooperation mit dem ehrenamtliche Engagement der In- Migrationsrat Berlin-Brandenburg itiativen erbracht werden kann. In- stattfand. Es wurde unter anderem itiativen ohne Eigenmittel sind hier diskutiert, wie die politische Partizipation von Migrantinnen und chancenlos. Migranten in politischen Parteien, 2009 ging es in Rheinland Pfalz Gewerkschaften, Beiräten und um die Netzwerkarbeit. Deutlich Ausschüssen gefördert werden wurde, Netzwerke bergen Chan- kann. Im Ergebnis wurden Handcenpotentiale für eine lokale und lungsempfehlungen für die Verüberregionale Zusammenarbeit auf besserung der Wertschätzung der gleicher Augenhöhe, andererseits interkulturellen Vielfalt in unserer ist eine produktive Netzwerkarbeit Bevölkerung entwickelt, die sich in jedoch nicht vorraussetzungslos der Vergrößerung von Partizipatiund bedarf eines hohen persön- onsmöglichkeiten niederschlagen lichen und zeitlichen Engagements sollen. Angesprochen wurden die Bereiche „interkulturelle Öffnung der Akteur_innen. im öffentlichen Dienst“, „Förde2011 fand die Tagung in Koopera- rung von Migrant_innenorganisation mit dem Landesnetzwerk der tionen und MigrantenjugendorgaMigrantenorganisationen in Sach- nisationen“ sowie die „Stärkung

politischer Beteiligungsmöglichkeiten“, z. B. durch ein gleichberechtigtes kommunales Wahlrecht für Drittstaatenangehörige und die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft. In diesem Jahr lautet das Thema unserer Tagung „Migrantenorganisationen im Spiegel der Generationen“. Das Thema Generationen hat viele Facetten. Zum einen geht es um den Generationenwechsel, der in verschiedenen Migrantenorganisationen stattfindet bzw. stattgefunden hat. Der Dachverband der spanischen Elternvereine feierte in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen. Der Blick ist jedoch auch auf neue Migrantenorganisationen zu richten. Weitere Aspekte sind der Generationendialog sowie die Fragen des Alterns der ersten Einwanderergeneration. Darüber hinaus geht es um Jugendorganisationen und nicht zuletzt um Familien und Eltern. Die gemeinsame Klammer besteht darin, den Blick auf die Gestaltungspotenziale für die Zukunft der angesprochenen Themen zu richten. Ich möchte mich bei allen Unterstützerinnen und Unterstützern im Vorfeld dieser Veranstaltung bedanken, insbesondere bei der Stadt Dortmund und bei Johanna Neuling für die Tagungsorganisation.

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Antonio Diaz (BIFF e.V.)

BegrüSSung Sehr geehrter Minister Schneider, sehr geehrter Oberbürgermeister Sierau, sehr geehrte Damen und Herren,

eine gute Schulbildung mitbringen. Gleichzeitig sollte es eine Schule sein, die es ihnen ermöglichte Spanisch zu lernen, damit sie weiterhin mit der Familie in der Heimat komgestatten Sie mir zu Beginn einige munizieren konnten. sehr persönliche Worte. Es bedeutet mir als Dortmunder mit Als meine Familie nach Dortmund spanischen Wurzeln sehr viel, Sie kam wurden wir von den Verheute im Namen des Dortmunder mieterinnen mit Rhabarber- und Vereins BIFF (Bildung Integration Pflaumenkuchen empfangen. UnFrauen Familie) zur Fachtagung sere Vermieterinnen waren vier „Migrantenorganisationen im Spie- ältere Schwestern, allein stehende gel der Generationen“ begrüßen zu Witwen, die ihre Ehemänner im dürfen. Dieser Titel hat mich dazu Krieg verloren hatten. Diese vier inspiriert, Ihnen die folgende Ge- „Dortmunder Mädels“, wie sie sich schichte zu erzählen. Als ich mit selbst bezeichneten, prägten unmeiner kleinen Schwester nach sere erste Zeit in Dortmund. Wir Deutschland „importiert oder ex- gingen bei ihnen ein und aus und portiert“ worden bin, kamen wir lernten so die deutsche Sprache, nach Dortmund, in ein Land und die Sütterlinschrift, aber auch die eine Stadt in der wir, die Familien Küche und die Kultur Westfalens der Gastarbeiter_innen aus Spani- kennen. Im ersten Stock war für en, Italien, Griechenland, gar nicht uns der Ort, an dem unsere „deutvorgesehen waren. Es gab für uns schen Omis“ wohnten. Unten im Kinder die sogenannten „Natio- Erdgeschoss waren unsere aktiven nalklassen“ und es existierte keine Eltern, die uns überallhin mitnahSchulpflicht für die Kinder der Aus- men. In Spanien, konkret in Cadiz, länder_innen oder Gastarbeiter_ in Alcala de los Gazules, waren uninnen. Wir Kinder waren zunächst sere anderen Omas und Opas, die nur erstaunt und wunderten uns, uns vorlebten sich einzumischen. warum die Schulferien hier solan- Das Resultat war in unserem Fall: ge dauerten. Unsere Eltern tra- Dortmunder Andalusier oder anfen sich in Bars, Gemeindesälen dalusische Dortmunder, für die und ähnlichen Räumlichkeiten mit Dortmund zur Heimat wurde und anderen Eltern. Sie diskutierten die sich lernten einzumischen. So und planten, wie ihre Kinder in oder so ähnlich wie uns erging es Deutschland eine gute Schule be- vielen Kindern spanischer Gastarsuchen könnten, damit sie, wenn beiter_innen. Wir wunderten uns sie nach Spanien zurückkehren, über viele Dinge, die anders waren

als in Spanien so z. B. darüber, wie unterschiedlich sich die Lehrer_innen gegenüber ihren Schülern verhielten und dass nachmittags so viele Kinder mit einem Schlüssel an einem Band um den Hals nach Hause gingen. Bei unserem ersten Weihnachtsfest waren wir erstaunt, wie „traurig und still“ in Deutschland Weihnachten in der eigenen Wohnung gefeiert wird, ganz im Gegensatz zu den „freudigen und lauten“ Feiern auf der Straße bei uns in Andalusien. Unsere Eltern machten ganz ähnliche Erfahrungen. Sie waren nach Deutschland gekommen, damit es ihren Kindern besser geht und stellten sehr schnell fest, dass das in Deutschland zwar „materiell“ gut zu verwirklichen war, aber nicht, wenn es um eine gute Schulbildung für ihre Kinder ging. Es gab anfangs keine allgemeine Schulpflicht für die Kinder der Gastarbeiter_innen und in den eingerichteten Nationalklassen lernten die Kinder vor allem Deutsch und die Basisfächer. Unterricht in der Muttersprache wurde als störend für das Erlernen der deutschen Sprache angesehen. Ältere Kinder kamen automatisch in Hauptschulen, ihnen wurde allerhöchstens in Aussicht gestellt, eine gute Handwerkerin oder ein guter Handwerker zu werden. Unter diesen Umständen begann die erste Generation der sogenannten Gastarbeiter_innen sich zu orga-

Dokumentation | Migrantenorganisationen im Spiegel der Generationen | 11

Diaz | Begrüßung nisieren. Ihr Ziel war es, dass ihre Kinder die beste Bildung im deutschen Schulsystem erhalten, aber gleichzeitig die Sprache ihrer Eltern nicht verlieren, falls sie eines Tages nach „Hause“ zurückkehren würden oder zumindest damit der Kontakt in die Heimat sprachlich möglich blieb. In Dortmund entstand, nach vielen Treffen und Diskussionen Anfang der 1970er Jahre, der erste spanische Elternverein. Die Eltern stellten schnell fest, dass sie bei allen Unterschieden ob politischer, weltanschaulicher, religiöser Art ähnliche und gleiche Herausforderungen und Probleme zu meistern hatten. Für diese Treffen wurden natürlich Räumlichkeiten benötigt, am Anfang traf man sich in Cafés oder Hinterzimmern von Bars. Die sogenannte „Spanische Katholische Mission“ bot an, sich in ihren Räumen zu treffen. An dieser Stelle machten die Eltern eine grundlegende neue Erfahrung mit der Institution Kirche und ihren Priestern. In Spanien hatten viele die Erfahrung gemacht, dass die „Kirche“ mit dem Franco-Regime zusammenarbeitet, aber in Deutschland halfen Priester bei der Organisation des Spanischunterrichts, diskutierten mit Schulen und unterstützten Eltern. Diese Priester und aufgeschlossene engagierte Menschen der Aufnahmegesellschaft nahmen sich gemeinsam mit den Betroffenen den Herausforderungen der Migration an und machten sich auf den Weg. Während dieses gemeinsamen Weges wurden viele Erfahrungen gesammelt, es wurde unter anderem festgestellt, dass Engagement Strukturen braucht und Strukturen mit Inhalt und Engagement gefüllt sein müssen. Heute würde man sagen: Ehrenamt braucht Hauptamt und Hauptamt braucht Ehrenamt.

Die am Prozess beteiligen Gastarbeiter_innen, ihre Familien, die Priester und die Engagierten aus der Aufnahmegesellschaft suchten nach Hilfe und bekamen sie von der Deutschen Bischofskonferenz und von einigen Gewerkschaften. Die Spanischen Eltern lernten sehr schnell, organisierten und engagierten sich zunächst lokal, dann regional, national und später transnational, sodass Mitte/Ende der 1960er und in den 1970er Jahren zahlreiche spanische Elternvereine entstanden. 1973 wurde der „Bund der Spanischen Elternvereine in der Bundesrepublik Deutschland“ gegründet. Es geschah etwas, dass in der Aufnahmegesellschaft nicht vorgesehen war. Zum einen „holten“ Gastarbeiter_innen ihre Familien nach, zum anderen brauchten und forderten sie Schulen für ihre Kinder und zwar die gleichen, wie deutsche Kinder sie besuchten. Zusätzlich forderten sie eine bilinguale Erziehung ihrer Kinder. Darüber hinaus war es nicht vorgesehen, dass Gastarbeiter_innen oder ausländische Arbeitnehmer_ innen Vereine gründen. Zudem wurden ihnen – von Seiten der Ämter und Behörden – bei der Gründung der sogenannten „Ausländervereine“ viele Steine in den Weg gelegt.

tion der Einwanderer notwendig waren, weder in der Aufnahmegesellschaft noch in der Ursprungsgesellschaft vorhanden waren. Das benötigte Wissen und die Erfahrungen mussten miteinander entwickelt werden. Daher wurde 1984 die „Spanische Weiterbildungsakademie“ in Dortmund gegründet. Die Gründer und Gründerinnen der Elternvereine und der Spanischen Weiterbildungsakademie suchten nach geeigneten pädagogischen Werkzeugen und Inhalten. Sie wählten das Konzept des brasilianischen Pädagogen Paolo Freire aus. Es enthält das für diese Arbeit so wichtige grundlegende Prinzip, dass es kein Rezept für die Arbeit mit Menschen gibt, sondern dass jeder Betroffene, jede Gruppe, jede Community usw. Expert_innen für ihre eigenen Geschicke sind, dass jeder Mensch das Beste für seine Kinder/Familie erreichen möchte und dass jeder Mensch – unabhängig von seiner Herkunft, seiner Bildung und seinem sozialen Status – Ressourcen hat, die er einbringen kann. Bevor ich unseren heutigen Referenten Dr. José Sánchez Otero vorstelle, möchte ich noch kurz auf den BIFF e.V. zu sprechen kommen. Aus der Überzeugung heraus, dass lokale Arbeit vor Ort sehr wichtig ist, gründeten wir, engagierte Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, den Verein BIFF e.V. Die Räumlichkeiten des Vereins sind in Dortmund Dorstfeld, einem Ortsteil, in dem leider rechtsextreme Gruppierungen sehr aktiv sind, in dem aber auch der Widerstand der Zivilgesellschaft sehr stark ist. In diesem Stadtteil sind wir aktiv und machen Bildungs- und Kulturarbeit für und mit Frauen, Männern, Kindern und Jugendlichen. Trotz aller politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten versuchen wir eine gute Arbeit zu leisten.

Den Akteur_innen der damaligen Elternarbeit war bewusst, dass Bildungsarbeit alle Familienmitglieder involvieren muss. So wurde seit der Gründung nicht nur Frauenarbeit, sondern Kinder- und Jugendarbeit, einige Zeit später auch Väterarbeit und Seniorenarbeit geleistet. Thematisiert wurden alle Bereiche des täglichen Lebens. Das pädagogische Konzept war, dass alle Generationen und Familienmitglieder mitgenommen werden müssen. Sehr bald stellte diese Elterngeneration fest, dass das Wissen und die Bildung, Zu meinem Vergnügen habe ich die für eine erfolgreiche Partizipa- nun die Ehre, Ihnen Dr. José Sán-

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Diaz | Begrüßung chez Otero, Referent des nachfol- er fest, dass eine massive Einwangenden Einführungsvortrags, vor- derung von jungen Menschen aus Spanien, Italien oder Griechenland zustellen. stattfindet. Sie wenden sich an Er war der erste Vorsitzende der spanisch-arabisch sprachige Instispanischen Weiterbildungsakade- tutionen und benötigen Orientiemie, danach wechselte er zum neu rungshilfen sowie Unterstützung geschaffenen Landeszentrum für sich zu organisieren. Zuwanderung in Solingen. Nach der Auflösung des Landeszentrums Diese Tendenz können wir von BIFF für Zuwanderung wechselte Dr. e.V. bestätigen, wie sicher auch José Sánchez Otero zum Ministe- andere Migrantenorganisationen. rium für Integration. Seit seiner Damals wie heute ist die AufnahmePensionierung arbeitet er u.a. sehr gesellschaft auf dieses Phänomen aktiv im Jugendbereich im Bundes- nicht hinreichend vorbereitet. Heuverband spanischer sozialer und te und auch künftig müssen wir und kultureller Vereine e.V. Bei der Ar- u.a. folgenden Fragen stellen: Was beit mit jungen Menschen stellte müssen wir tun, um uns der neuen

Migration zu stellen? Was geschieht mit Senioren mit Migrationshintergrund, mit diesen Gästen, die geblieben sind und deren qualifizierte Kinder oft nicht mehr da sind? Diese Themen werfen sehr viele Fragen auf. Gleichzeitig ergibt sich aus ihnen auch die Chance, neue gemeinsame Antworten zu finden. In diesem Sinne hoffen und wissen wir, dass Dr. José Sánchez Otero vom Bundesverband spanischer sozialer und kultureller Vereine e.V. uns mit seinem Referat „Generationenfragen in der Einwanderungsgesellschaft“ ein großes Stück voranbringen wird.

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Dr. José Sánchez Otero (Bundesverband spanischer sozialer und kultureller Vereine e.V.)

Generationenfragen in der 1 Einwanderungsgesellschaft 1. Derzeitige Aufgaben hinsichtlich bürgerschaftlich tätig sind. Bei den der ersten Generation von Zuwan- älteren Migrant_innen (65 Jahre derern1 und älter) sind es 23,4 Prozent. Allerdings ist die Mitgliedschaft der Aktuellen Daten zufolge wird die Menschen mit Migrationshinterabsolute Zahl der Migrant_innen grund in Vereinen, Verbänden und die 65 Jahre oder älter sind, im Jahr sozialen Diensten mit 43,1 Prozent 2032 3,6 Mio. betragen (Bundes- höher als bei jenen ohne Migratiamt für Migration und Flüchtlinge onshintergrund; 41,8 Prozent (Die 2012). Aus der Sicht der Migran- Beauftragte der Bundesregierung tenorganisationen ergeben sich als für Migration, Flüchtlinge und Intebelastende Bedingungen in diesem gration 2011). Die Vermutung liegt Handlungsfeld insbesondere: Die nahe, dass es sich bei den Vereinen akute Gefahr der Isolierung, vor und Verbänden, in denen sich Miallem bei verwitweten Frauen; die grant_innen engagieren, um Mistationäre Unterbringung in der Re- grantenorganisationen handelt. gelversorgung; die professionelle Anleitung und Begleitung bei der Bei den älteren Migrant_innen ehrenamtlichen Arbeit; die Auf- werden neben den genannten prorechterhaltung der klassischen Aus- blematischen Lebenslagen auch länderzentren und der Aufbau dort vielfältige Potenziale erkannt: Bei von Angeboten der Seniorenarbeit. Modellprojekten wurde die Bereitschaft der MigrantenorganisaNur 26,2 Prozent der Bürger_in- tionen und der älteren Migranten nen mit Migrationshintergrund unter Beweis gestellt, ihre Potenziengagieren sich bürgerschaftlich, ale zu aktivieren (Deutsches Rotes während 37,9 Prozent der Per- Kreuz 1977). sonen ohne Migrationshintergrund 2. Bisher unzureichende Integrati1 In diesem Aufsatz werden die Aufgaon der zweiten und dritten Geneben genannt, die bei der ersten, zweiten ration von Zuwanderer_innen und dritten Zuwanderergeneration

strukturellen Integration hin (Zweiter Integrationsindikatorenbericht 2011). Seitdem neuere Studien zur Integration von Zuwander_innen differenzierter angelegt werden (Migranten-Milieus-Tanja Merkle), ist deutlich geworden, dass es bei der Migrantenpopulation nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner gibt. Besondere Integrationsanstrengungen sollten demzufolge im Sinne einer positiven Diskriminierung bei jenen Migrantengruppen unternommen werden, bei denen aufgrund ihrer sozialstrukturellen und kulturellen Spezifika die Integration gefährdet ist.

Der letzte Integrationsindikatorenbericht der Bundesbeauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration weist auf Differenzen zwischen den Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und denjenigen ohne diesen Hintergrund hinsichtlich der sozial-

3. Welchen Beitrag leisten die von Zugewanderten initiierten Vereine und Verbände für die in Deutschland nachwachsenden Generationen?

augenblicklich prioritär angegangen werden müssen. Die Neuzuwanderer stellen eine neue Zäsur in der deutschen Migrationsgeschichte dar. Aspekte der intergenerationellen Zusammenarbeit und der Beziehungen, sowohl in den Migrantenfamilien als auch in den Migrantenorganisationen sind in dem Bericht über die Themeninsel „Generationenwechsel in Migrantenorganisationen“ in dieser Tagungsdokumentation enthalten.

Empirische Untersuchungen haben ergeben, dass das „kulturelle Kapital“ der Eltern entscheidend für den schulischen Erfolg der Migrantenkinder (Cornelia Kristen 2004) ist. So kann erklärt werden, dass diejenigen Migrantenkinder, deren Eltern durch Mitwirkung zum Beispiel in Elternvereinen ihr „Kapital“ erweitern konnten, ähnliche Schulerfolge wie ihre deutschen Schulkameraden zeigen (José Sánchez Otero 2007/07).

Eine Studie des Ministeriums für Arbeit, Soziales und Stadtentwick-

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Otero | Generationenfragen in der Einwanderungsgesellschaft lung, Kultur und Sport in Nordrhein-Westfalen (1999) ergab unter anderen, dass Migrantenorganisationen drei grundsätzliche Leistungen erbringen: a) Sie helfen auf vielfältige Weise den Migrant_innen ihren Alltag zu bewältigen; b) Sie sorgen für die Vermittlung der Sprachen und Kulturen an die nachwachsende Migrantengeneration und c) Sie fungieren als Brücke zwischen den öffentlichen Verwaltungen, den Wohlfahrtsverbänden und den Migrantengruppen. Die seit Ende der 1990er Jahre erfolgte Aufwertung der Migrantenorganisationen führte dazu, dass bei der Neustrukturierung der Integrationspolitik der Bundesregierung Migrantenvertreter_innen in allen neuen Gremien zur Gestaltung der Integrationspolitik der Bundesregierung mitarbeiteten. Dadurch, dass die meisten Migrantenorganisationen ihre Arbeit auf ehrenamtlicher Basis durchführen, stellt die Aufwertung, die sie durch die häufigen Einladungen zu Gesprächen und Konferenzen seitens öffentlicher Stellen erfahren, in vielen Fällen eine zusätzliche zeitliche Belastung für die Vorstandsmitglieder_innen dar. Darüber hinaus werden Mitglieder_innen der Organisationen gebeten, Voten zu Themenkomplexen zu formulieren, ohne sich vorher untereinander verständigen zu können. Aber auch bei denjenigen Migrantenorganisationen, die über hauptamtliches Personal verfügen, handelt es sich um projektgebundene, zeitlich befristete Stellen. Durch zeitweise fehlendes und häufig wechselndes hauptamtliches Personal leidet die erforderliche Kontinuität erheblich. Diese Situation führte dazu, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge den Paritätischen Gesamtverband mit der Durchführung einer Studie über Modalitäten einer möglichen „strukturellen Förderung“ jener Migrantenorganisati-

onen beauftragte, die in mehreren beitslosenstatistik und die sozialen Bundesländern aktiv sind (Paritä- Abgaben der durch die Auswandetischer Gesamtverband 2011). rung betroffenen Länder entlastet werden. Die Geldtransfers der Ab Januar 2014 sollen elf Migran- Migrant_innen in ihre Herkunftstendachverbände für drei Jahre regionen nahmen seit Beginn der öffentliche Mittel als strukturelle Finanz- und Wirtschaftskrise ebenFörderung erhalten. Problematisch falls zu. bei dieser an sich zu begrüßenden Entwicklung ist, dass die Mittel, Die Migrantenorganisationen sind die nun als strukturelle Förderung die von den Neuzuwanderern beverwendet werden sollen, aus dem vorzugten Kontaktstellen unmittelbisherigen Etat für Integration vor bar nach ihrer Ankunft in DeutschOrt abgezogen werden. Gerade land. In vielen Fällen kontaktieren von diesen Mitteln profitierten bis- die Migrant_innen diese Organiher am meisten die eher kleinen sationen bereits vor der Abreise Migrantenorganisationen. aus dem Herkunftsland. Die oben genannten drei klassischen Grund4. Die „neue Zuwanderung“ als funktionen der Migrantenorganiaktuelle Herausforderung für sationen werden nunmehr auch für Deutschland und die Migranten- die Neuzuwanderer von entscheidender Bedeutung. organisationen Seit Beginn der europäischen Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008 strömen zahlreiche Menschen nach Deutschland, insbesondere aus den EU-Ländern Griechenland, Italien, Portugal und Spanien. Daten des Bundesamts für Statistik zufolge stieg die Zahl der Zuwanderer aus Spanien im Jahr 2012 um 45 Prozent (um 9.000 Personen). Aus Griechenland und Portugal kamen jeweils 10.000 bzw. 4.000 (eine Steigerung um 43 Prozent) mehr als im Jahr zuvor. Aus Italien kamen 12.000 Menschen mehr in die Bundesrepublik als im Jahr 2011 (eine Steigerung um 40 Prozent). Allerdings verbleibt nur ein Teil dieser neuen Zuwanderer dauerhaft in Deutschland. Die OECD fand heraus, dass im Jahr 2011 nur jeder dritte Spanier länger als 12 Monate in Deutschland blieb. Bei den Italienern, Griechen und Portugiesen blieben nur 40 Prozent (Zeit Online: OECD-Studie). Mittel- und längerfristig bedeutet diese neue Zuwanderung für die Abgabeländer einen erheblichen sozioökonomischen Verlust. Kurzfristig tragen allerdings diese neuen Auswanderungsformen dazu bei, dass die Ar-

An dieser Stelle seien – exemplarisch für die anderen Migrantenverbände – die ersten Erfahrungen des Bundesverbandes spanischer kultureller und sozialer Vereine mit den Neuzuwanderern in Deutschland aufgeführt2: Es handelt sich bei dieser Personengruppe in erster Linie um Männer. Sie sind in der Regel gut ausgebildet, bringen aber in den seltensten Fällen deutsche Sprachkenntnisse mit. Sie sind sehr anpassungsfähig und übernehmen umstandslos Jobs bei Zeitarbeitsfirmen und von Spaniern geführten Gastronomiebetrieben oder Ladenlokalen. Anders als die spanischen Migrant_innen der 1960er und 1970er Jahre bemühen sie sich – gleich nach der Ankunft in Deutschland – um gute Sprachkenntnisse. Vertreter_innen der Migrantenorganisationen empfangen die Neu2 Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat das Berliner Minor-Projektkontor für Bildung und Forschung mit der Bestandserhebung „Neue Arbeitsmigration“ beauftragt. Die ersten Ergebnisse sollen bereits zu Beginn des Jahres 2014 veröffentlicht werden.

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Otero | Generationenfragen in der Einwanderungsgesellschaft zuwanderer, sorgen für die Übersetzung ihrer Arbeitszeugnisse, begleiten sie zur Ausländerbehörde, zu Wohnungsanbietern und zu möglichen Arbeitsstellen. Selbstverständlich ist diese neue Herausforderung für die Migrantenorganisationen mit allerlei Problemen und Schwierigkeiten verbunden. Auf Dauer können sie dieses neue Betätigungsfeld nur angemessen lösen, wenn es zu einer Erweiterung des hauptamtlichen Personals und zu einer Erhöhung der finanziellen Mittel kommt. Inzwischen werden Fachkräften der pädagogischen und sozialen Arbeit in ihrer Ausbildung in der Regel interkulturelle Basiskompetenzen vermittelt. Im Umgang mit Neuzuwanderern sind diese unverzichtbar. Die Betreuung und Beratung der Neuzuwanderer bedeutet jedoch für das hauptamtliche Personal und die Vereinsvorstände erhebliche zusätzliche Belastungen, so dass Fortbildungen, Supervision und kollegiale Beratungen dringend erforderlich sind. 5. Rückblick und Ausblick In Hinblick auf die nachholende Integration hat sich Deutschland

inzwischen konzeptionell und orga- • Merkle, Tanja: Milieus von Familien mit Migrationshintergrund. nisatorisch gut aufgestellt. Auf die In: Fischer, Veronika/Springer, neuesten Zuwandererströme reaMonika (Hrsg.) (2011): Handgierte Deutschland bisher allerdings buch Migration und Familie. schwerfällig und unkoordiniert. Vor uns allen liegt die Herausforderung, • Ministerium für Arbeit, Soziales und Stadtentwicklung, Kultur die Startbedingungen der Neuzuund Sport NRW (1999): Selbwanderer zu verbessern und die Instorganisationen von Migrantegration derjenigen, die dauerhaft tinnen und Migranten in NRW. in Deutschland bleiben, effektiver Wissenschaftliche Bestandsaufund rascher zu gestalten, als dieses nahme. Düsseldorf. bisher mit den Zuwanderergenera• Paritätischer Gesamtverband tionen bis 2000 geschehen ist. (2011): Expertise – Stärken und Potentiale von bundesweit organisierten und tätigen MigrantenLiteraturverzeichnis dachorganisationen und Positionspapier – Vorschläge für eine • Beauftragte der BundesregieGrundausstattungsförderung von rung für Migration, Flüchtlinge Migrantendachorganisationen. und Integration (2011): Zweiter Der Paritätische GesamtverIntegrationsindikatorenbericht. band a.a.O. Expertise, S. 23. • Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2012) : Ältere Mi- • Sánchez Otero, José: Die spanische Einwanderung nach Deutschland: grantinnen und Migranten –Enteine Erfolgsgeschichte. In: Dietwicklungen, Lebenslagen, Perrich Thränhardt (Hrsg.): Entwickspektiven. lung und Migration. Jahrbuch Mi• Deutsches Rotes Kreuz (1977): gration 2006/2007. Adentro: spanischsprechende Seniorinnen und Senioren mi- • Zeit Online: OECD-Studie: Zuwanderer verlassen Deutschschen sich ein. land bald wieder (http:// • Kristen, Cornelia: Migranten www.zeit.de/politik/deutschim deutschen Schulsystem. Zu land/2013-06/OECD-zuwandeden Ursachen ethnischer Unrung-migranten-EU, Zugriff am: terschiede. In: Recht der Jugend 4.12.2013) und des Bildungswesens 1/2004.

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Reyhan Güntürk (Leiterin MIA-DO-Kommunales Integrationszentrum Dortmund)

Integrationsarbeit in Dortmund Der „Masterplan Migration/ Integration“ Die Stadt Dortmund ist weltoffen und ihre Bürgerschaft vielfältig. Diese Vielfalt gibt der Stadtgesellschaft ihre besondere Prägung. Vielfalt ist hier Normalität, Vielfalt ist hier Zukunft. Interkulturalität wird zum Prinzip, an dem sich das Handeln orientiert. Die Richtschnur dabei ist die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen unterschiedlicher Herkunft am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Leben in Dortmund. Städtische Politik, Stadtverwaltung, Verbände und Organisationen und eine große Zahl von Akteur_innen der Zivilgesellschaft arbeiten gemeinsam daran, in diesem Sinne die Integrationsarbeit in Dortmund weiter zu entwickeln, zu vertiefen und ihre Ergebnisse zu sichern.

Eine aktive und respektvolle Gestaltung des Zusammenlebens in Vielfalt und die Abwehr fremdenfeindlicher und rassistischer Störungen haben in Dortmund eine lange und gute bürgerschaftliche Tradition. Maßgeblichen Anteil daran hatten und haben die verschiedenen Kirchen und zahlreichen Verbände mit ihrer Dialogkultur. Die Stadt Dortmund hat diese Aktivitäten stets begrüßt und unterstützt. Die Grundlage für diese Struktur bildet das gesamtstädtische Integrationskonzept „Masterplan Migration/Integration“, der in einem starken dialogorientierten Prozess mit allen in der Stadt relevanten Integrationsakteur_innen umgesetzt wird. Die demografische Entwicklung in Dortmund zeigt mit den Jahren eine ansteigende Tendenz im Hin-

blick auf die Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, so dass sich die Ausgestaltung einer kulturell vielfältigen Stadtbevölkerung damit fortsetzt. Vor diesem demografischen Hintergrund sollen besonders vier integrationspolitische Handlungsfelder im Mittelpunkt der städtischen Integrationsarbeit stehen, die eine wesentliche Rolle für eine gelingende Integration, für das Alltags- und Zusammenleben von allen Menschen unabhängig ihrer Herkunft sowie für das Selbstverständnis der Stadtgesellschaft als eine internationale, interkulturelle und interreligiöse Stadtgesellschaft spielen. Zugleich wird der in der Vergangenheit oftmals dominierende Defizitansatz, also die unhinterfragte Gleichsetzung von Zuwanderungsgeschichte und Benachteiligung, verlassen, zugunsten eines Verständnisses, das an den Talenten, Potenzialen und

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Güntürk | Integrationsarbeit in Dortmund Kompetenzen der Menschen mit schaftlichen Teilhabe- und IntegraZuwanderungsgeschichte ansetzt. tion“ hat das Ziel, mehr soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit Verbunden mit den Schwerpunkt- für Menschen mit ausländischen setzungen sind jeweils entspre- Wurzeln zu schaffen. Das Gesetz soll das Engagement der vielen chende Leitvorstellungen: in der Integrationsarbeit vor Ort • Bildung: Sicherung der Zukunft- aktiven Menschen bündeln und schancen von Kindern und Ju- die Arbeit – insbesondere die der gendlichen, Verbesserung der Kommunen – qualitativ weiterentÜbergangsquoten, Nutzung von wickeln. U.a. ermöglicht das Gesetz (interkulturellen) Potenzialen und für Kommunen die Einrichtung von Kompetenzen, Anerkennung von „Kommunalen Integrationszentren“, Interkulturalität als Qualitäts- in denen die Schwerpunkte „Integration als Querschnitt“ und „Intemerkmal • Arbeit und Unternehmen: Siche- gration durch Bildung“ im Vorderrung von Fachkräften, Hochschul- grund der Arbeit stehen. absolventinnen und -absolventen und Unterstützung interkulturel- Die wichtigsten Eckpunkte des Geler Unternehmen unter Berück- setzes sind: sichtigung der Aspekte: Technik, • Stärkung der Integrationskraft der Talente und Toleranz Kommunen • Soziale Balance in den Stadtbezirken: Sicherung von Chancen- • Kommunale Integrationszentren gerechtigkeit, Bildung von Nach- • Unterstützung und Förderung für Integrationsmaßnahmen zivilbarschaften, Unterstützung des gesellschaftlicher Akteur_innen sozialen Arbeitsmarktes sowie (u.a. Wohlfahrtsverbände und die Zusammenarbeit mit MiMigrantenorganisationen) grantenorganisationen und Integrationsakteur_innen in den • Interkulturelle Öffnung der Landesverwaltung und mehr MiStadtbezirken grantinnen und Migranten in • Weltoffene/ Internationale Stadt: den Öffentlichen Dienst (inkl.: Förderung einer Anerkennungsinterkulturelle Ausrichtung von kultur, Ermöglichung einer umzahlreichen Landesgesetzen) fangreichen gesellschaftlichen Teilhabe aller Menschen, Stärkung des Zugehörigkeitsgefühls Wesentlicher Bestandteil wiederum aller Bürgerinnen und Bürger mit sind die Kommunalen IntegratiZuwanderungsgeschichte, För- onszentren. Diese verstehen Intederung der Partizipation und grationspolitik als QuerschnittsAntidiskriminierung zur Unter- aufgabe. Sie bündeln das mehr als stützung einer global denkenden 30-jährige Know-How der „Regiound lokal handelnden Stadtge- nalen Arbeitsstellen zur Förderung sellschaft, in der interkulturelle von Kindern und Jugendlichen aus Vielfalt als Chance und positive Zuwandererfamilien (RAA)“ und Herausforderung begriffen wird das fundierte Erfahrungswissen aus den Projekten des Programms Das „Gesetz zur Förderung der KOMM-IN NRW bzw. die bisherige gesellschaftlichen Teilhabe- und Querschnittsarbeit Integration (Migrations- und IntegrationsagenIntegration“ des Landes NRW tur Dortmund (MIA-DO)). Und sie Als erstes Flächenland hat Nordr- führen die Strategien „Integration hein-Westfalen 2012 ein Integra- durch Bildung“ und „Integration als tionsgesetz verabschiedet. Das Querschnittsaufgabe“ zusammen. „Gesetz zur Förderung der gesell- Voraussetzungen für den Betrieb

sind ein durch den Rat der Stadt verabschiedetes Integrationskonzept (in Dortmund: auf Grundlage des Masterplans Migration/Integration). Dieses Integrationskonzept soll eine Darstellung der Arbeit zu den beiden Schwerpunktthemen „Integration durch Bildung“ und „Integration als Querschnitt“ beinhalten. Es soll außerdem die organisatorische Anbindung und Ausgestaltung des Kommunalen Integrationszentrums als erkennbare eigenständige Organisationseinheit beschrieben werden (in Dortmund: im Amt des Oberbürgermeisters und des Rates). Aufgabenschwerpunkte eines Kommunalen Integrationszentrums sind: • Das Kommunale Integrationszentrum unterstützt und berät städtische Ämter und Dienststellen, z. B. Wirtschaftsförderung, Jugendamt, Stadtentwicklung, Ausländerbehörde, Schulen, andere Bildungseinrichtungen, Kindertageseinrichtungen, Träger der Kinder- und Jugendhilfe sowie weitere regionale Einrichtungen und Organisationen (= Integration als Querschnitt in Verwaltung etablieren) • Das Kommunale Integrationszentrum hat Koordinierungs-, Beratungs- und Unterstützungsfunktionen und ist gemeinsam mit Einrichtungen des Regelsystems in der Kommune für die Entwicklung und Erprobung von Angeboten und Dienstleistungen zuständig (= Zusammenarbeit/Vernetzung mit Trägern, Migrantenorganisationen, etc.) • Handlungsfelder der Kommunalen Integrationszentren sind Bildung (insbesondere sprachliche und interkulturelle), Erziehung und Betreuung, und darüber hinaus z. B. Beschäftigung, Kultur, Sport, politische Partizipation, bürgerschaftliches Engagement, soziale Arbeit im Flücht-

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Güntürk | Integrationsarbeit in Dortmund lingsbereich, Gesundheit sowie die Pflege älterer Menschen (= Fokus Bildung und MasterplanHandlungsfelder) • Die Kommunalen Integrationszentren arbeiten entlang der gesamten Bildungskette: von der frühen Bildung bis zum Übergang in das duale Ausbildungssystem/Studium, auch in dem sie Schulen und außerschulischen Einrichtungen bei der Erfüllung ihres Bildungs- und Erziehungsauftrags unterstützen (= Fokus Bildung)

nur der eigenen Charakterisierung als „Stadt der Vielfalt“ gerecht. Deshalb hat sich auch die Stadt Dortmund zur Einrichtung dieses Integrationszentrums entschieden, welches am 1.8.2013 in Dortmund eingerichtet wurde.

rende Schule – Übergang Schule/ Beruf) organisiert. Sprachenlernen findet immer statt: in Familien, im Freizeitbereich und in Institutionen, innerhalb der Schule muss es in allen Unterrichtsfächern stattfinden.

Beim Arbeitsschwerpunkt „Integration als Querschnitt“ dagegen geht es um die Systematisierung/ Weiterentwicklung der bisherigen Arbeitsvorhaben und Ergebnisse in den Handlungsfeldern „Arbeit und Unternehmen“, „Soziale Balance in den Stadtbezirken“ und „Weltoffene/Internationale Stadt“ unter besonderer Berücksichtigung der Kooperation, Einbindung, Kompetenzen/Potenziale und ProfesBeim Arbeitsschwerpunkt „Inte- sionalisierung der Strukturen von gration durch Bildung“ steht die Migrantenorganisationen in DortOptimierung der durchgängigen mund. Sprachbildung durch Ausweitung und Vernetzung von sprachbil- Wie bereits Anfangs skizziert, sind denden Maßnahmen, Angeboten die Strukturen von Migrantenorgaund Programmen im Vordergrund. nisationen unerlässlich für eine geGesellschaftliche Teilhabe, soziale lingende Integrationsarbeit vor Ort, Integration und berufliche Per- insbesondere in den Stadtteilen spektiven resultieren in unserer und Quartieren. Rund 130 MigranGesellschaft besonders aus der tenorganisationen existieren im Bildung des jeweiligen Menschen. Raum Dortmund und widmen sich Eine Schlüsselrolle für eine langfri- ihrerseits einer ganzen Reihe von stige, gelingende Integration über- Themen, von Bildung und Politik bis nehmen sprachliche Kompetenz hin zu Freizeit und Sport. Viele dieund die Beherrschung der deut- ser Organisationen blicken auf eine längere Tradition zurück, die zum schen Bildungssprache. Teil bis in die Zeit der Anwerbung Dabei gehört zu den Gelingensfak- von Gastarbeiter_innen durch die toren einer erfolgreichen Integrati- im Aufbau begriffene junge Bunon eine möglichst früh einsetzende desrepublik zurückreicht. Sprachbildung, um bei Schulbeginn allen Kindern einen guten Start und Bereits mit dem KOMM-IN-Proannähernd Chancengleichheit zu jekt „Migrantenorganisationen – gewähren. Ebenso kann Sprachbil- Starke Partner für die Kommune“ dung nur in enger Zusammenarbeit wurden 2008 die Grundlagen für mit den Eltern gut gelingen und eine starke Partnerschaft zwischen bedarf dazu einer kultursensiblen kommunalen Einrichtungen, freiGrundlage, die geprägt ist von der en Trägern und den Strukturen Wertschätzung der Mehrsprachig- der Migrantenorganisationen gekeit. Entlang der Lebens- und Bil- schaffen. Ziel dieses Projektes war dungsbiografie wird sprachliche es, die wertvolle Arbeit der vielen Bildung über die Schnittstellen der ehrenamtlich tätigen MigrantenorBildungskette (Elementarbereich ganisationen in der Stadt stärker zu – Kita-Grundschule – weiterfüh- unterstützen.

Zwei wesentliche Aufgabenschwerpunkte stehen bei der zukünftigen Arbeit des Zentrums im Vordergrund: „Integration durch Bildung“ und „Integration als Querschnitt“. Wichtig ist es, dass diese zwei Arbeitsschwerpunkte immer auf der Grundlage der bisherigen Integrationsarbeit in den Bereichen QuerMIA-DO-Kommunales Integrations- schnitt und Bildung umgesetzt werden. zentrum Dortmund Der Plan des Landes NRW, die Errichtung und den Betrieb kommunaler Integrationszentren zu fördern, trifft in Dortmund auf außerordentlich günstige Voraussetzungen. Mit der klaren kommunalen Verantwortungsübernahme für Integration/Migration seit 2005, der systematischen Entwicklung von Handlungsfeldern und der Fülle von Aktivitäten wird die Stadt nicht

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Antonio Diaz (BIFF e.V.)

Themeninsel: Väterarbeit

Antonio Diaz stellte kurz die Väterarbeit des BIFF e.V. vor. Die Teilnehmer_innen der Themeninsel schilderten zunächst ihre Schwierigkeiten, Väter und Männer für ein Engagement in der Bildungsarbeit zu gewinnen. Als weitere Schwierigkeiten wurden die fehlende Bereitschaft und das Unverständnis gegenüber der interkulturellen Väterarbeit benannt. Während der Diskussion in der Themeninsel wurden Termine und Orte festgelegt, um den Austausch zum Thema „Väterarbeit“ voranzutreiben. Warum ist die Arbeit von und mit Vätern so wichtig? Zum einen haben junge Väter längst erkannt, dass sie mit der ihnen vorgelebten Rolle als Mann und Vater in dieser Gesellschaft nicht zurechtkommen, bzw. dass diese Rolle, wenn sie dann übernommen wird, in der Gesellschaft nicht mehr gut „ankommt“. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern häufig auch für das Herkunftsland der Eltern. Zum anderen fordern Frauen vieler Länder in ihrer Heimat, aber vor allem Migrantinnen verschiedenster Herkunft hier in Deutschland: „Ihr habt euch um uns gekümmert, uns fortgebildet, geschult, gefördert, gestärkt, in Projekte gesteckt, emanzipiert usw., aber unsere Männer sind auf der Strecke geblieben, sie sind nicht mitgenommen worden und verstehen oft nicht, was los ist und wovon wir sprechen, deshalb

haben wir Probleme umzusetzen, • „Vätergruppen“ sollen in „gewas wir verändern wollen.“ schützten“, d.h. neutralen Räumlichkeiten stattfinden, Bei der notwendigen und von nicht in der Moschee oder im Männern und Frauen geforderten Verein; Arbeit mit „Vätergruppen“ ist eine • Die Gruppen sollten sich zubesonders sorgfältige und sensible nächst über neutrale Themen Schulung und Stärkung der Multifinden, z. B. Kochkurs, Sport, plikator_innen notwendig, denn: Vater-Kind-Gruppen; • Die Multiplikatoren müssen be• Besonders in dem oben angesonders gut geschult werden sprochenen Kulturkreis sind (Methodik, Inhalte). solche Gruppen kaum bekannt, man trifft sich zum Tee trinken, Im Rahmen unsere Projektarbeit zum Fußball gucken (im Café), wurde sehr deutlich, dass umfaszum Beten (in der Moschee), zu sende, koordinierte und strukSitzungen (im Verein); turierte „Väterarbeit“ geleistet • Geleitete Gruppen sind, außer im werden muss. Zum einen, um Mänreligiösen Kontext, nicht etabliert nern, die zu den oben genannten und den Frauen vorbehalten; Communities gehören, zu ermög• In diesen Kulturkreisen reden lichen, ihr traditionelles Rollenbild Frauen untereinander über fast zu hinterfragen und gegebenenfalls alles, es gibt kaum Tabuthemen, zu ändern, ohne dabei in Konflikt Männer untereinander reden mit Herkunftskultur und Religion zu so gut wie nie über ihre Frauen, geraten. Zum anderen, um Frauen, schon gar nicht über Probleme die diesen Weg ebenfalls gehen, zu innerhalb der Familie und Ge- unterstützen und ihre „Emanzipafühle; tion“ zu ermöglichen. Letztendlich • Männer, die andere moderne kann nur das gemeinsame Handeln Wege gehen, d.h. die ihre tra- von Müttern und Vätern die eigene ditionelle Rolle als Mann und sowie die Integration ihrer Kinder Vater in Frage stellen oder gar in die Gesellschaft ermöglichen. ändern wollen, gelten als „verwestlicht“, häufig werden sie Zusammenfassend sind folgende belächelt und ihr Respekt ge- Kriterien festzuhalten: genüber den Älteren wird in Frage gestellt. • Gemeinsame Ausgangslage und Themen verbinden; Daraus ergeben sich folgende An- • Multiplikator_innen sind die Exsätze: pert_innen ihrer Community;

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Themeninsel | Väterarbeit • Methoden müssen geschult werden; • Die Gruppen bestimmen die Themen; • Geschützte Räumlichkeiten sind unbedingt erforderlich; • Nichts ist unmöglich, d.h. es gibt keine „Tabuthemen“, wenn die Gruppe es bestimmt; • Jeder ist erwünscht und hat Potenziale. Entwicklung der Projekte BIFF e.V. plant einen Film zu drehen, in denen die jungen Väter und ihre Kinder das Leben ihrer Vorfahren als Biografie dokumentieren, um so den Kindern und Enkeln von Migrant_innen ihre „Geschichte“

zu geben. Diese Geschichte wird zurzeit weder im Aufnahmeland noch im Herkunftsland dokumentiert. An diesem Projekt sollen sich auch einige Schulen aus Dortmund beteiligen. Des Weiteren soll ein Kochbuch mit internationalen Gerichten erscheinen.

Die Arbeit von BiFF hat sich weiterentwickelt. Zurzeit führt der Verein Verhandlungen mit verschiedenen Trägern in Dortmund mit dem Ziel Vätergruppen in Kitas einzurichten.

Die Väterarbeit ist auf einem guten Weg, weil sich in unserem Sinne „mutige“ Männer auf den Weg gemacht haben, belächelt, manchmal verspottet, aber zuletzt endlich beachtet und anerkannt. In einem sind sie sich übrigens alle einig. „Es hat sich gelohnt, unsere Familien sind zufrieden und wir bekommen mehr zurück, als wir gegeben haben.“

• N  otwendigkeit der Emanzipation der Väter • Räume schaffen • Schulungen ermöglichen • Türöffner zu den Communities • Väterarbeit im interkulturellen Kontext nur von Vätern • Rollenverständnis entwickeln • Fortlaufender Prozess • Ressourcen • Bereitschaft der Gesellschaft

These, die in der Themeninsel erarbeitet wurde:

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Dr. José Sánchez Otero (Bundesverband spanischer sozialer und kultureller Vereine e.V.) und Ansgar Drücker (Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e.V.)

Themeninsel: Generationenwechsel in Migrantenorganisationen Aufgrund des Ausfalls des Referenten und des Wunsches aus dem Teilnehmendenkreis hat sich José Sánchez Otero spontan zu einem Input für die Themeninsel bereit erklärt und Ansgar Drücker hat die Moderation übernommen. Der Generationenwechsel in den Migrantenorganisationen, die sich zum Teil bereits in den 1960er, -70er und -80er Jahre gegründet hatten, vollzog sich in der Regel reibungslos. Dies gelang insbesondere jenen Vereinen, die sich bei anstehenden Vorstandswahlen aktiv um jüngere Mitglieder_innen bemühten. Viele Migrantenorganisationen gründeten im Laufe der Jahre in den Vorständen verschiedene Arbeitsgruppen, um spezifische Bedürfnisse der Jugendlichen, der Frauen und – ab den 1990er Jahre – der älteren Migrant_innen zu berücksichtigen. Diese Differenzierung hat dazu beigetragen, dass die Vereine ein Mindestmaß an Flexibilität und Anpassungsfähigkeit bewahrten. Die in den Migrantencommunities gegründeten Vereine und Verbände litten somit nicht unter der Gründung autonomer Jugend- und Frauengruppen, denn daraus rekrutierten sie ihre Nachwuchskräfte für die Erneuerung und Verjüngung ihrer Organisationen. Dennoch gab und gibt es immer wieder Befürchtungen, dass mit dem Generationswechsel nicht nur in den Familien, sondern auch in den Migrantenor-

ganisationen die enge Bindung zum Herkunftsland, zu seiner Sprache und Kultur geschwächt werden könnte. Diese Verlustängste der älteren Generation sind ebenso Teil des Generationswechsels wie die von der jüngeren Generation gelegentlich benannten Modernisierungsdefizite, die sie zum Teil als Rückwärtsgewandtheit der Migrantenorganisationen wahrnehmen, was zu einer Hinwendung zu anderen Organisationen auch der Mehrheitsgesellschaft oder zu einer abnehmenden Identifizierung mit den Migrantenorganisationen führen kann. Der effiziente Einsatz der „klassischen“ Migrantenorganisation für die Integration der in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Generationen hatte in den vergangenen Jahrzehnten auch den Effekt, dass die meisten Mitglieder_innen der in Deutschland nachwachsenden Generationen sich – im positiven Sinne des Wortes – in Deutschland integrierten, d. h. die ethnische Zugehörigkeit spielt bei ihnen nicht die gleiche zentrale und identitätsstiftende Funktion, die sie bei ihren Eltern bzw. Großeltern hatte. Demzufolge engagieren sie sich eher selten in den klassischen Migrantenorganisationen. Dadurch werden die Mitgliedszahlen der Migrantenorganisationen tendenziell nach unten gedrückt.

Angehörige der zweiten und dritten Generation engagieren sich in den „klassischen“ Migrantenorganisationen eher anlassbezogen, beispielsweise wenn ihre Kinder eingeschult werden und sich die Migrantenorganisationen in der Eltern- und Familienarbeit betätigen bzw. Unterstützung bei den Schulaufgaben anbieten. Es handelt sich also um temporäre Mitwirkungsformen, die nicht weniger wichtig sind als ständige Mitgliedschaft oder Engagement. Es gibt aber auch zunehmend Fälle, in denen Angehörige der zweiten und dritten Generation den Zugang zu den „klassischen“ Migrantenorganisationen finden, weil sie dort Praktika ableisten können oder sogar Beschäftigungsmöglichkeiten finden. Das Verhältnis der Generationen spielte bei der Bildungsarbeit der Migrantenorganisationen immer eine zentrale Rolle. Derzeit erhält dieses Verhältnis allerdings angesichts der zunehmend älter werdenden Migrant_innen eine neue Wendung. Die wachsende Zahl pflegebedürftiger älterer Migrant_ innen und die Prognosen hinsichtlich des hohen Bedarfs nach Pflegekräften beschäftigen heute viele Migrant_innen der zweiten und dritten Generation. Auch wenn die Migrantenorganisationen für Zugewanderte offensichtlich sehr attraktiv sind (etwa 40 Prozent der Zugewanderten be-

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Themeninsel | Generationenwechsel in Migrantenorganisationen müssen. Die bestehenden Migrantenorganisationen stellen dabei ein wertvolles soziales Kapital der in Deutschland lebenden Zuwanderergruppen dar. Neuzuwanderer können von diesem Kapital – vor allem zu Beginn des Aufenthaltes in Deutschland – profitieren; offen ist jedoch die Frage, ob die „klassischen“ Migrantenorganisationen sich mit dem erforderlichem Tempo auf Die Neuzuwanderung aus Südeu- die anders gearteten Bedürfnisse ropa seit 2008 im Zusammenhang dieser neuen Zuwanderergruppen mit der Wirtschafts- und Finanz- ein- und umstellen können. bzw. der Eurokrise stellt für viele Migrantenorganisationen eine große Aus verschiedenen Gründen haben Herausforderung dar. Einerseits die Regierungen der Herkunftskönnen sie ihre drei klassischen länder in der bisherigen MigratiGrundleistungen (Hilfe bei der Be- onsgeschichte nach dem Zweiten wältigung des Alltags, Pflege von Weltkrieg ihre Migrant_innen nicht Sprache und Kulturen der Her- vergessen. Hierfür waren in erkunftsländer und Regionen sowie ster Linie ökonomische Gründe Brücke zwischen der jeweiligen (beispielsweise die sogenannten Kolonie und den für die Integra- Heimatüberweisungen bzw. retionsarbeit relevanten Instanzen) mitances der spanischen Migrant_ auch für diese neue Zuwanderer- innen) verantwortlich. Auch bei der gruppe aktivieren, andererseits Neuzuwanderung wird die aktuelle sind diese Angebote oft nicht pas- Entwicklung in den Abgabeländern send, so dass es daneben bei vielen verfolgt. So beteiligt sich beispielsGruppen der Neuzuwanderer_in- weise die spanische Botschaft an nen Überlegungen gibt, eigene einer vom Bundesamt für MigraVereine zu gründen. Fakt ist, dass tion und Flüchtlinge in Auftrag gesie sich soziokulturell von ihren in gebenen „Bestandserhebung Neue Deutschland ansässigen „Lands- Arbeitsmigration“. Die Regierung leuten“ unterscheiden und eigene der Autonomen Region Madrid hat Wege beispielsweise zur Arbeits- bereits in den vergangenen Jahren und Wohnungsbeschaffung finden zwei gemeinsame Tagungen mit teiligen sich daran), haben die Migrantenorganisationen allerdings zu den häufig als „problematisch“ bezeichneten Migrantenmilieus und den in diesen Sozialräumen aufwachsenden Kindern und Jugendlichen ebenfalls nur wenig Zugänge, obwohl sie am stärksten auf Unterstützung in ihrem Sozialisationsprozess angewiesen wären.

dem Bundesverband spanischer sozialer und kultureller Vereine in Deutschland durchgeführt, um die ersten Schritte jünger Spanier e.V. auf der Suche nach einer beruflichen Perspektive in Deutschland zu verfolgen.

Fazit Nur in Einzelfällen verläuft der Generationenwechsel in Migrantenorganisationen krisenhaft, dennoch ist es wichtig ihn bewusst zu gestalten und zu moderieren. Generationenwechsel braucht gute Rahmenbedingungen (Professionalisierung, Qualifizierung, strukturelle Absicherung), gegenseitige Wertschätzung der Generationen sowie Offenheit und Loslassen können. These, die in der Themeninsel erarbeitet wurde: Der Generationenwechsel braucht: a.) Rahmenbedingungen wie Struktur, Personal, Qualifizierung und Professionalisierung; b.) Wertschätzung, Offenheit und Loslassenkönnen; c.) Sicherheit und verbessert das soziale Kapital der Migrantenorganisationen.

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Abdullah Celik (Hêvî e.V.)

Themeninsel: Migrantenorganisationen jüngerer Menschen Die Diskussionspartner_innen dieser Themeninsel setzten sich sowohl aus Personen zusammen die bereits auf Erfahrungen im Bereich „Migrantenorganisationen jüngerer Menschen“ zurückblicken können, als auch aus Teilnehmer_innen, die bisher keine Berührungspunkte mit diesem Thema hatten und die Diskussionsrunde daher zum Einstieg in ein neues Themengebiet nutzen. Eingeleitet wurde die Thematik durch einen Vortrag von Abdullah Celik über den Verein „Hêvî“. Abdullah Celik ist Gründungsmitglied des von Schüler_innen und Student_innen initiierten Bildungsund Integrationsvereins Hêvî e.V. Die Chancen und die Probleme, vor denen Migrantenorganisationen junger Menschen stehen, sind in dem Input besonders herausgearbeitet worden. Anschließend wurden sie in einem Gruppengespräch diskutiert. Einen besonderen Schwerpunkt der Diskussion bildete dabei die Frage, wie man junge Menschen stärker an Migrantenorganisationen binden kann. Es wurde festgestellt, dass derzeit viele Migrantenorganisationen sehr starr und zentralisiert organisiert sind. Auch wurde berichtet, dass vermehrt die Erfahrung gemacht wird, dass oft ältere und etablierte Vereinsmitglieder jungen Menschen wenige

Möglichkeiten lassen, um zum Beispiel im Vorstand aktiv mitzuarbeiten. In der Diskussion stellte sich heraus, dass Migrantenorganisationen langfristig ihre Strukturen ändern müssen, um junge Menschen wieder vermehrt anzusprechen. Junge Menschen, die aufgrund des Studiums kaum konstante Arbeitszeiten haben, müssen durch eine flexible und dezentrale Vereinsstruktur abgeholt und an die Vereinsarbeit gebunden werden. Als eine weitere große Chance der Migrantenorganisationen jüngerer Menschen wurde angesehen, dass junge Menschen oft einen besseren Draht zwischen den unterschiedlichen sozialen Milieus und Kulturen in Deutschland haben und somit als Vermittler_innen zwischen den Zugewanderten und den bereits hier lebenden Menschen fungieren können. Dabei können sie diese Vermittlerrolle durch ihre innovative und mutige Art oft leichter einnehmen, als Menschen, die bereits seit längerem sich in diesem Bereich engagieren und eventuell stark vorgeprägt sind. Es wurde auch dargelegt, dass Migrantenorganisationen jüngerer Menschen Probleme mit sich bringen können. Viele junge Menschen wechseln im Laufe ihrer schulischen und beruflichen Ausbildung mehrfach den Wohnort und so fällt es den Migrantenorganisationen schwer eine feste Mitgliederstruk-

tur im Verein zu etablieren. Daher ist es von großem Vorteil, wenn auch ältere Menschen in den Vereinen jüngerer Menschen mitwirken, da sie so als Anhaltspunkte für die fluktuierenden Mitglieder_innen dienen können. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass junge Menschen im Integrationsprozess eine wichtige Rolle einnehmen und stärker in diesen einbezogen werden müssen. Jedoch können die Jüngeren diese starke Rolle nur einnehmen, wenn sie dabei von den erfahrenen Älteren bei ihrer Arbeit unterstützt werden. Erst durch ein gemeinsames Wirken kann diese gesellschaftliche Herausforderung angegangen und bewältigt werden. These, die in der Themeninsel erarbeitet wurde: Migrantenselbstorganisationen junger Menschen können – mit ihrer frischen, mutigen und innovativen Art Problemstellungen zu bewältigen – einen wichtigen Beitrag als Vermittler im Integrationsprozess einnehmen. Sie müssen jedoch, um ihr volles Potenzial entfalten zu können, durch etablierte Mitglieder_innen des Integrationsprozesses unterstützt werden.

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Ute Cüceoglu (Elternbriefe – Altersgerecht & Digital)

Themeninsel: Neue Eltern – Neue Medien Als Input zu Beginn der Themeninsel wurde ein Beispiel zum Thema „Neue Medien“ beschrieben: Die Elternbriefe, die seit den 1960er Jahren in Papierform erschienen sind, sind seit ca. zwei Jahren in Form von CDs, USB-Sticks und auf den entsprechenden Internetplattformen zu finden. Damit wird der Entwicklung Rechnung getragen, dass moderne Eltern, „Eltern von heute“, eher heutige Medien und weniger die klassischen Informationsmaterialien wie Broschüren, Briefe, Bücher etc. nutzen. Selbstverständlich bilden Eltern mit Migrationshintergrund dabei keine Ausnahme. Auf dieser Basis entstand im Rahmen der Themeninsel eine Diskussion zum Thema „Neue Medien“. Folgende Schwerpunkte wurden herausgearbeitet: Allgemeine Vorteile/Chancen des Internets für Eltern (und Kinder) mit und ohne Migrationshintergrund:

• Alle Informationen in der jewei- • Eltern können nicht genau ligen Muttersprache, bzw. in der überprüfen, welchen Inhalt die jeweils gewünschten Sprache deutschsprachigen Internet• Grenzenloser“ Austausch mit plattformen haben, auf denen Verwandten/Freunden aus der sich ihre Kinder surfen jeweiligen Heimat vor allem für Neuzuwanderer Es wurde festgehalten, dass Vorteile und Gefahren für Eltern mit Allgemeine Gefahren/Probleme und ohne Migrationshintergrund des Internets für Eltern (und Kin- bezüglich ihres eigenen, aber auch der) mit und ohne Migrationshin- bezüglich des Umgangs ihrer Kintergrund: der mit dem Internet gleich sind. Der Umgang mit dem Internet • Technisch Probleme → Anwen- (für Eltern und damit auch für ihre dung/ Einstellungen/ Möglich- Kinder) hängt ab von der Medikeiten enkompetenz der jeweiligen Nut• Unkritischer Umgang mit den zer_innen, die wiederum auch von Möglichkeiten des Internets → der Sprachkompetenz und dem BilInternet = Wahrheit; Internet dungsgrad abhängig ist. macht „alles“ möglich! • Gefahr der Verharmlosung von Thesen, die in der Themeninsel erInhalten, z. B. Gewalt arbeitet wurden: • Gefahr des Missbrauchs und Missverständnisse aus Unerfah- • Es gibt eine „neue“ Elterngenerenheit/Unwissenheit ration, dazu gehören auch die • Eltern wissen oft nicht, auf welneu zugewanderten Eltern chen Internetplattformen sich • „Neue Medien“ bieten Chancen ihre Kinder bewegen (Wissenstransfer) und Gefahren (unkritischer Umgang, MissBesondere Gefahren/ Probleme für brauch usw.) Eltern mit Migrationshintergrund:

• G  ezielte Informationen über alle Themen • V  erfügbarkeit rund um die Uhr • Auf Grund mangelnder Sprach• E igene themengerechte Informakenntnisse können bestimmte tionen → vor allem für Frauen Informationsangebote nicht • Kommunikation in sozialen Netzgenutzt werden oder werden werken missverstanden → allgemeine Informationen, BehördeninforBesondere Vorteile für Eltern mit mationen, Informationen über Migrationshintergrund: das Schulsystem usw.

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Veye Tatah (Africa Positive e.V.)

Themeninsel: Mütterarbeit Die Arbeitsbereiche des Vereines Africa Positive wurden den Teilnehmer_innen vorgestellt. Africa Positive e.V. ist ein eingetragener, gemeinnütziger Verein, der 1998 von Afrikanern und Deutschen in Dortmund gegründet wurde. Seitdem beschäftigt sich der Verein besonders mit der wirksamen Integration afrikanischer Migrantinnen und Migranten in die deutsche Gesellschaft. Im Mittelpunkt steht dabei die aktive politische und soziale Partizipation. Zweck des Vereins war – bei der Gründung vor 15 Jahren – die Veränderung des Bildes von Afrika in den Medien. Diese Aufgabe haben wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln hervorragend gemeistert. Das vollständig ehrenamtlich erstellte Magazin „Africa Positive“ ist inhaltlich und gestalterisch professionell und hat bundesweit und darüber hinaus in den deutschsprachigen Ländern Europas eine treue und sehr interessierte Leserschaft. Der Africa Positive e.V. arbeitet seit Jahren mit Familien zusammen. Hierbei ging es zunächst um Beratung und Information in Integrationsfragen. Sehr bald entwickelte der Verein eigene Projekte. Nicht nur Erwachsenen sollte die Notwendigkeit und Nützlichkeit zu einem eigenen gesellschaftlichen Beitrag aufgezeigt werden, son-

dern auch Kindern und Jugendlichen. Sobald Menschen mit afrikanischem Migrationsintergrund die gleiche Chance haben, sich zu engagieren und auszudrücken, gelingt ihre Integration und die Entwicklung zu einer gleichberechtigten Gesellschaft. Der Verein hat Deutsche und Afrikaner_innen als Mitglieder, ist also ein „richtiger“ deutschafrikanischer Verein mit dem Ziel, den interkulturellen Dialog zu fördern und eine Brücke zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den hier lebenden Afrikaner_innen zu schlagen. Diese Zusammenarbeit funktioniert hervorragend, was sich sehr positiv auf die Aktivitäten des Vereins niedergeschlagen hat. Unsere Bildungs- und Integrationsprojekte, wie auch die Begleitung der Familien im Kontakt mit Schulen oder Behörden sowie im alltäglichen Leben, beruhen ausschließlich auf ehrenamtlicher Arbeit. Der Verein bietet eine Plattform für Begegnungen von Menschen, die sich bürgerschaftlich engagieren und dabei mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen in Kontakt kommen möchten. Deutsche, Afrikaner, Asiaten und in zunehmendem Maße auch Menschen von anderen Kontinenten suchen bei uns – ohne jede kulturelle oder religiöse Hemmschwelle – Unterstützung.

Africa Positive e.V. versteht sich als eine Informationsstelle für Ratsuchende und Afrika-Interessierte. Schwerpunkte der Vereinsarbeit sind die Stärkung der afrikanischen Familien in schulischen und außerschulischen Bildungsangelegenheiten und die gemeinsame Suche nach Lösungen bei diversen Alltagsproblemen oder besonderen Herausforderungen. Aus vielen historischen und kulturellen Gründen spielen die afrikanischen Frauen dabei eine besondere Rolle und stehen neben den Kindern und Jugendlichen im Fokus der Arbeit. Seit einigen Jahren existiert das Afrikanische Frauen-Netzwerk. Die Frauen treffen sich regelmäßig, um sich untereinander auszutauschen und Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Während dieser Treffen, werden Themen wie die Stärkung der Erziehungskompetenzen, Gesundheitsund Bildungsfragen sowie Probleme des alltäglichen Lebens besprochen. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Frauen wirkt sich auf die Entwicklung der Kinder positiv aus. Besonderes, weil der Verein viele der Frauen dazu motivieren konnte, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Wieder andere Frauen fanden Kraft, Zeit und Interesse zum Nachholen der notwendigen Schulabschlüsse. Ausgehend von der Tatsache, dass viele dieser Frauen von Sozialleistungen leben müssen, ist es sehr wichtig, dass sie in die Lage

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Themeninsel | Mütterarbeit versetzt werden, zukünftig eine Ausbildung und Beruf auszuüben, um ihre Lebensperspektive und die ihrer Familien zu verbessern. Nach der Präsentation gab es interessante Diskussionen mit den Teilnehmer_innen. Viele waren darüber erstaunt, dass ein Verein solch professionelle Angebote seit Jahren allein durch freiwillige Arbeit leisten kann.

Der entscheidende Punkt ist, dass es erstens in vielen Migrantenvereinen viele Potenziale und Kompetenzen gibt, die mangels Sprachkenntnissen oder Selbstvertrauen nicht erkannt werden und somit für die Vereinsarbeit nicht ausgeschöpft werden. Zweitens kann man anhand der erfolgreichen Tätigkeit von Africa Positive e.V. erkennen, dass eine gut funktionierende Zusammenarbeit auf Au-

genhöhe von Migrant_innen und Deutschen zu erlebter Integration und beiderseitiger Wertschätzung führt. These, die in der Themeninsel erarbeitet wurde: Migrantenvereine können Kompetenzen von Vereinsmitgliedern und Freiwilligen erkennen und für die Ziele des Vereins nutzbar machen.

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Victor Ostrowski (Phönix e.V.)

Themeninsel: Offenes Forum Generationen Es ist heute kaum mehr vorstellbar, dass es am Anfang des vergangenen Jahrhunderts noch ganz normal war, dass drei Generationen unter einem Dach gelebt haben. Durch zahlreiche kulturelle und soziale Veränderungen wurde das „Zusammenleben von Jung und Alt“ im Laufe der Zeit zu einer Seltenheit. Sollte dies heute überhaupt noch vorkommen, dann am ehesten auf dem Land. Es ist aber durchaus in vielen Fällen ganz praktisch, wenn die Eltern in der Nähe der Kinder wohnen, auch wenn dadurch vielleicht eher Generationskonflikte entstehen können.   Über dieses zugleich spannende wie heikle Thema unterhielten sich sowohl Vertreter_innen der MO, der Organisationen der Einheimischen, als auch Vertreter_innen der verschiedenen Generationen. In einem beispielhaften Dialog haben die Teilnehmer_innen gemeinsam versucht, Lösungsansätze für die Problematik zu finden. Im Fokus stand dabei der Generationenkonflikt.   Eines der Themen war die Problematik der Gewinnung von Jugendlichen für den Bereich des bürgerschaftlichen Engagements. Viele der Teilnehmer_innen berichteten von erfolgreichen Beispielen von jugendlichem Engagement. Auch die Zusammenarbeit von altersgemischten Teams in Unternehmen

kann – nach Erfahrung der Diskussionsteilnehmer_innen – die Produktivität steigern. So interpretierten jüngere Mitarbeiter_innen die Kooperation mit älteren in aller Regel als Gewinn. Insbesondere die Stärken älterer Arbeitnehmer_innen, wie Teamfähigkeit und Erfahrungswissen, kamen in solchen Teams eher zum Tragen.   Alle Diskussionsteilehmer_innen waren sich einig, dass gemeinsame Veranstaltungen zu diversen Themen helfen würden, die Barrieren zwischen Jung und Alt zu überwinden. Möglichkeiten wären zum Beispiel Ausstellungen zum Thema Migrationsgeschichte. Die Beschäftigung mit der Geschichte und den

historischen Aspekten scheint im Allgemeinen eine Möglichkeit zu sein, den Generationskonflikt zu überwinden. Jugendliche könnten so u.a. von dem Wissen der älteren Generationen profitieren. In gemeinsamen Veranstaltungen könnte über verschiedene historische Themen diskutiert und debattiert werden. Solche Veranstaltungen müssten in jedem Fall von engagierten und kompetenten Referent_innen durchgeführt werden.   These, die in der Themeninsel erarbeitet wurde: Die Förderung von intergenerationellen Begegnungen ist dringend erforderlich.

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Antonio Diaz (BIFF e.V.) im Gespräch mit Iris Escherle (BAMF)

Talkrunde Antonio Diaz: Sehr geehrte Tagungsteilnehmer_innen, im Folgenden gilt es nun gemeinsam mit Frau Iris Escherle, Referatsleiterin Grundsatzangelegenheiten der Integrationsförderung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, u.a. darüber zu diskutieren, welche Aspekte in den vorangegangenen sechs Themeninseln besonders angesprochen worden sind. Ein Stichwort, das immer fällt: Wir brauchen das Ehrenamt und auch das Hauptamt. Wir, die die Menschen qualifizieren. Ich bin hier im Ruhrgebiet aufgewachsen und wir sind hier sehr direkt. „Butter bei die Fische“, welche Ressourcen, welche Möglichkeiten haben Migrantenorganisationen, um an öffentliche Gelder heranzukommen und wie kann dabei Ihre Rolle als Vertreterin des BAMF aussehen? Iris Escherle: Aktuell ist es so, das ist heute schon angesprochen worden, dass wir im Moment Dachorganisationen fördern. Das heißt, wir sehen uns da schon in der Pflicht, auch Strukturen zu unterstützten. Ich denke, wir werden dafür auch kritisiert, dass wir von oben nach unten fördern. Also jetzt erstmal wieder den „Großen“ das Geld geben und die „Kleinen“ auf der Strecke lassen. Ganz so sehe ich es nicht, denn diese Dachorganisationen haben einen Aufbau und eine Struktur. Aber es

kann auch nicht so sein, dass oben im „Dach“ alles hängen bleibt und nichts unten ankommt. Wir erhoffen uns schon, durch diese Strukturförderung zum einen natürlich für uns starke Ansprechpartner_innen zu bekommen. Aber auch, dass diese Dachverbände ihre Strukturen auch selbst stärken. Also da erhoffen wir uns schon – über diese Förderung der Dachverbände – eine positive Entwicklung. Darüber hinaus ist es natürlich schwierig im Moment. Wir hatten gerade Wahlen und der neue Haushalt steht noch nicht fest. Wir werden sehen müssen, welche Fördergelder für uns im nächsten Jahr zur Verfügung stehen. Unsere Hoffnungen gehen immer dahin, möglichst viele Multiplikatorenschulungen machen zu können. Das heißt, vielen Migrantenorganisationen auf diese Weise die Möglichkeit zu geben, sich über finanziell getragene Schulungen zu professionalisieren. Und wir hoffen auch, dass wir möglichst viele Projekte bekommen. Wir sehen aber auch, dass es zum Beispiel durch diesen AMF, den internationalen Fonds, Möglichkeiten gibt, eventuell an Gelder auf europäischer Ebene zu kommen. Wir sehen uns – auch im kommenden Jahr – sehr als Berater_innen. Selbst für den Fall, dass wir keine Mittel flüssig haben, versuchen wir zumindest die Drittmittelakquise voranzutreiben und

auch Organisationen dabei zu helfen, möglicherweise anderweitig an Gelder zu kommen. Also wir sehen uns da schon mit im Boot. Antonio Diaz: Kommen wir doch noch einmal zurück zum Thema Hauptamt/ Ehrenamt. Iris Escherle: Natürlich kann man nicht die ganze Arbeit auf die Ehrenamtler_innen abwälzen. Sondern genauso wichtig ist es, bei den Rahmenbedingungen eben auch die Professionalisierung von Personen voranzutreiben und möglicherweise auch Strukturen zu fördern. Damit eine professionelle Arbeit eben nicht nur für drei Jahre oder dergleichen besteht, sondern Vereine wirklich über längere Zeit Strukturen aufbauen können, die ihnen eine professionelle Arbeit ermöglichen. Bei den Jugendverbänden sehe ich immer mit großer Freude, dass Energie ein Stichwort ist und das ist auch eines der wichtigen Punkte. Ich war dieses Jahr selbst – moralisch unterstützend – bei dem Projekt „Jugend 2014“, das ist ein Zusammenschluss mehrerer Jungendorganisationen, die eine strukturelle Förderung bekommen, dabei. Und ich war total begeistert, wie viele wirklich schlaue Köpfe an diesem Projekt beteiligt sind und wieviel Zukunft in diesen Migrantenorganisationen und in diesen Jungendorganisationen steckt. Ich hoffe, dass die alle irgendwann mal

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Talkrunde in die Politik gehen und dann viele sprochen, alles Männer. Wir haben Dinge voranbringen und auch ver- dann festgestellt, es gibt keine geregelte Förderung. Und dann komändern werden. men wir zum Thema Väterarbeit. Antonio Diaz: Sie haben eben ein Eine Frage, die ich als aktiver Vätergutes Stichwort gegeben: Europa. arbeiter immer wieder bekomme: Die Neueinwanderungen kommen Es gibt niederschwellige Frauenaus Europa und fallen nicht unter kurse, alles Mögliche, aber für spediese Drittstaatenregelung. Wie ziell Väter gibt es nichts. Wie sehen sehen europäische Migrant_innen Sie da die Hoffnung, dass sich ihr aus, können sie alle Deutsch? Sind Amt oder die Institutionen da öffsie integriert wenn sie herkom- nen und sich ändern? men? Haben sie keine Probleme? Das sind Fragen, die sich Migran- Iris Escherle: Also ich denke, die tenorganisationen an der Basis Öffnung ist da nicht so das ganz stellen. Wie sehen Sie vor Ort die große Problem. Die Väterarbeit Chance, dass sich die Politik des sehen wir als sehr positiv an. Ich weiß auch von einem Projekt in BAMF in dem Punkt ändert? Berlin, in dem Kiezväter ganz konIris Escherle: Also die Politik des kret gefördert werden. In der FläBAMFs hängt natürlich sehr stark che haben wir nicht die Möglichvon der Politik ab, die die Bundes- keit sämtliche Projekte mit Vätern republik Deutschland vorgibt. Wir zu fördern, denke ich. Das Thema sind da nicht frei in dem was wir auf das Sie wahrscheinlich anspietun, sondern wir bekommen Vor- len, niederschwellige Männerkurse gaben sowohl aus der EU selbst, anzubieten; ja, das muss man mal als auch aus Berlin. Ich denke, das probieren und ich nehme das gern Problem Zuwanderer aus der EU als Anregung mit. Was wir dann in ist bei uns und in der Politik ange- der nächsten Legislatur umsetzen kommen. Wir versuchen – gerade können, muss man sehen. Gucken über die Strukturförderung – ent- wir doch mal. Ich denke aber, es sprechende Dachverbände zu un- ist viel schwerer mit 500€ Väter zu terstützen, in deren Bereich mit organisieren, als Mütter. Aber es Zuwanderern gerechnet werden wäre einen Versuch wert. kann. Also die Dachverbände zu unterstützen, die dann tätig wer- Antonio Diaz: Darüber könnten den sollten, könnten, dürften. Wir wir stundenlang debattieren. Die sehen aber auch die Notwendig- Väter und aktiven Kollegen, die keit, die Personen in Sprachkurse ich kenne, würden das anders sezu nehmen. Wie weit das alles hen, oder Ihnen möglicherweise von den Mitteln her funktionieren Recht geben. Das wäre eine andewird, das werden wir sehen. Die re Debatte, der wir uns aber gern Zahlen steigen im Asylbereich, die stellen. Was unterscheidet uns steigen im Zuwanderungsbereich, und was muss bei der Väterarbeit wir müssen einfach schauen, was besonders gefördert werden? Die das nächsten Jahre bringen und Stadt Dortmund hat das schon seit wie viele Personen wir tatsächlich Jahren im Blick, fördert uns aktiv, lädt uns auch zu Frauenthemen ein in die Kurse bringen können. und so weiter. Wir diskutieren mit Antonio Diaz: Ein anderes Thema, den Kolleg_innen. Wie gesagt, eine das auch die Veränderungen in Ih- Anregung aus Dortmund. Noch rem Haus betrifft. Es gibt sehr viele einen Punkt hier zur Themeninsel Förderungen, die notwendig sind drei, Vermittlerrolle. Sie hatten das für Frauen. Ich habe mit einigen schon eingehend bei den JugendKollegen von Ihnen darüber ge- lichen gesagt: Energie. Ich lese da

aber auch noch mehr, Innovation, Motivation, Vorbilder. Vorbilder ist ein wichtiges Stichwort, wenn der Dialog der Generationen gilt. Was brauchen Vorbilder? Oder was braucht man für Rahmenbedingungen, damit Vorbilder gedeihen und entstehen können? Iris Escherle: Ich würde jetzt erstmal kurz auf die Jugendorganisationen eingehen, die für uns wahnsinnig gute Bindeglieder sind. Denn einerseits haben sie sozusagen den Fuß in der Generation ihrer Eltern, andererseits haben sie eben auch schon den Fuß in der deutschen Gesellschaft und können daher nach allen Seiten hin offen sein und auch als Vermittler auftreten. Für Vorbilder bedarf es zunächst einmal den Raum, um Vorbilder als solche wahrnehmen zu können. Zum anderen bedarf es eben Personen, die die Rollen als Vorbilder einnehmen. Aber da gibt es gerade im Bereich der Jugendorganisationen kaum Probleme, glaube ich. In den Organisationen gibt es viele Personen, die ich persönlich als Vorbilder betrachten würde, die vielleicht noch ein bisschen bekannter werden müssten. Ich denke, dass es mit der Öffentlichkeitsarbeit manchmal noch ein bisschen hakt. Man müsste die Vorbilder manchmal einfach noch ein bisschen mehr nach vorne schieben, denke ich. Antonio Diaz: Wir sehen ja, wir haben sehr viele Themen und die Zeit drängt. Ein Beispiel Förderung der Qualifizierung von Eltern im Umgang mit neuen Medien. Es geht immer um das Gleiche, Förderung und Qualifizierung, in dem Fall der Medienkompetenz. Wie entwickelt man neue Medien oder das Thema der Mütterarbeit. Setzen die freiwilligen Mitglieder die Ziele des Vereins nutzbar um? Wie lassen sich Ressourcen akquirieren? Wie gehe ich mit Ehrenamt und Hauptamt um? Das sind Ideen, verschie-

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Talkrunde dene Facetten, die sich immer wiederholen. Ich danke Ihnen, bis hier hin. Wenn kurze Klärungsfragen da sind, ganz kurz. Publikum: Eine ganz kurze Frage zum BAMF. Bei den Projektbeschreibungen soll man immer die Indikatoren und Nachhaltigkeit angeben, das ist ja klar. Gibt es beim BAMF eine Art Erfahrungsbericht oder eine jährliche Broschüre, in der positive, vorbildliche Projekte kurz beschrieben oder vorgestellt werden? Das ist immer so eine Welt für sich, große Verbände und Vereine kriegen Gelder, kleine Migrantenorganisationen auch. Aber welche Arbeit die großen und kleinen Verbände machen, das würde ich gern mal sehen. Gibt es sowas? Iris Escherle: Also wir geben jedes Jahr ein Projektjahrbuch heraus, in dem die geförderten Projekte dargestellt werden. Darin ist auch so ein Best-Practice-Teil enthalten, in dem aus unserer Sicht besonders gelungene Projekte, noch einmal gesondert dargestellt werden. Das Projektjahrbuch ist frei beim BAMF erhältlich, das ist kein Problem.

Iris Escherle: Wir wünschen uns natürlich immer jede Menge an Projekten von Migrantenorganisationen. Es ist aber so, dass wir in den letzten Jahren einen sehr starken Anstieg hatten und sehr viele Migrantenorganisationen bei uns Projekte beantragt haben und wir konnten auch sehr viele davon bewilligen. Inzwischen sollten so ein Drittel aller beantragten Projekte auf jeden Fall von Migrantenorganisationen sein. Publikum: Erlauben sie mir bitte noch eine Nachfrage: Wie hoch ist der prozentuale Anteil der bewilligten Anträge von Migrantenorganisationen? Iris Escherle: Ja, etwa ein Drittel. Also Sie meinen jetzt von allen… Es kommt auch immer auf die Bereiche an. Wir haben ja sowohl Multiplikatorenschulungen, als auch Projekte und Modellprojekte. Das sind ja ganz unterschiedliche Bereiche über die wir sprechen. Bei den, ich sag jetzt mal, gemeinswesenorientierten Projekten sind etwa ein Drittel von Migrantenorganisationen, denke ich. Bei den Multiplikatorenschulungen ist der Anteil viel höher.

Antonio Diaz: Wie kann man es bekommen, über die Regionalkoordinator_innen oder direkt bei der Antonio Diaz: Ok, noch eine letzte Runde. Hier vorne, die Dame. Zentrale? Iris Escherle: Genau, einfach bei den Regionalkoordinator_innen nachfragen, oder in der Zentrale. Das ist keine geheime Auflage, sondern wir freuen uns, wenn Interesse besteht und wir das Jahrbuch unter die Menschen bringen können.

Publikum: Ab 2014 ändern sich die Strukturen in den europäischen Integrationsfonds, da hat das BAMF ein ganz schönes Stückchen mitzusprechen. Haben Sie da Maß-

nahmen ergriffen, um diesem Vorbzw. Zwischenfinanzierungszwang zu begegnen? Für viele Migrantenorganisationen stellt das eine finanzielle Unmöglichkeit dar, dass man nach der ersten Hälfte auf die zweite und dritte Rate manchmal monatelang warten muss. Iris Escherle: Ich sag Ihnen mal ganz ehrlich, wir sind gerade dabei dieses Konstrukt aufzubauen und versuchen es gerade mit Leben zu füllen. Wir sind aber noch nicht bei den Rahmenbedingungen angekommen, Soweit sind wir noch nicht, da kann ich Ihnen dazu leider gar nichts zu sagen. Wir kennen die Problematik und wir werden vielleicht auch Möglichkeiten sehen, da Verbesserungen zu bekommen. Aber ich will hier keine Hoffnungen schüren, so weit sind wir nicht. Und das Bundesamt ist da sicherlich auch nicht die einzige Organisation, die da gefragt ist. Das muss man auch sagen. Antonio Diaz: So, wenn keine weiteren Fragen sind, dann bedanke ich mich bei Frau Escherle für Ihre Offenheit. So wie ich Frau Escherle kenne, steht Sie Ihnen im Rahmen der Tagung jederzeit für weitere Fragen zur Verfügung. Sie ist sehr offen, sehr ehrlich, das lieben wir alle, aber vor allem mögen wir es hier in Westfalen besonders, wenn man ehrlich und direkt sagt: „Dat geht, dat geht nicht“. In diesem Sinne übergebe ich das Wort an Frau Neuling. Ich wünsche heute Abend noch viel Spaß bei dem Empfang und wir sehen uns morgen.

Antonio Diaz: Weitere Fragen an Frau Escherle? Publikum: Halten Sie die Nachfrage an Projektförderungen von Migrantenorganisationen für ausreichend oder werden die Projekte überwiegend von Institutionen durchgeführt? Dokumentation | Migrantenorganisationen im Spiegel der Generationen | 31

Zukunftsforum „Kulturarbeit“ Moderation: Torsten Groß (Institut Welche Zielsetzungen/ Visionen keit einzubringen. Man möchte für Soziale und Kulturelle Arbeit) verfolgen wir mit unserer Kulturin breiten Bevölkerungskreiarbeit? sen Interesse wecken für die Input/ Diskussionspartnerin: Nina kulturelle Bereicherung durch Vishnevska (Kulturzentrum Gorod) • „Herkunftskultur“ selbstbewusst Migration und die existierende pflegen und lebendig halten kulturelle Vielfalt sichtbarer und Nach dem einführenden Input von Migrantenvereine tragen dazu erfahrbarer machen (Vielfalt als Nina Vishnevska diskutierte die bei, dass kulturelle Traditionen Zukunftsressource). Kulturarbeit Gruppe folgende Leitfragen und aus den Herkunftsländern nicht der Migrantenvereine ist somit entwickelte daraus eine These für als Asche bewahrt sondern als auch ein Medium der Kommudas Podiumsgespräch: Glut lebendig gehalten und weinikation, die dazu beitragen tergegeben werden. kann, Stereotype aufzubrechen • W  elch Zielsetzungen verfolgen und gegenseitigen Respekt zu wir mit unsrer Kulturarbeit? • Neue – interkulturelle/ hybride fördern. Oft werden von MiWelche Zukunftschancen sehen – kulturelle Entwicklungen förgrantenvereinen allerdings eher wir speziell im Bereich Kulturardern folkloristische Darbietungen / beit von Migrantenvereinen für Wollen Migrantenvereine alle Aktivitäten erwartet – Stereodie Gesellschaft/ für die Vereine? Generationen erreichen (auch typen kann nur begegnet wer• W  as brauchen wir, um unseren als Voraussetzung für ihre Zuden, wenn diese Erwartungen Zielen und Visionen näher zu kunftsfähigkeit), so müssen nicht erfüllt werden. kommen? sie sich neuen kulturellen Entwicklungen öffnen und diese • (Bewusstsein für) Gemeinsame Vorbemerkungen fördern. Jugendliche mit MigraKultur entwickeln tionshintergrund aus der zweiKulturarbeit in MigrantenvereiDie Zusammenfassung der Ergebten/dritten Generation suchen nen beschränkt sich meist nicht nisse des Zukunftsforums konihre eigenen kulturellen Ausdarauf, Veranstaltungen zu orzentriert sich auf Aspekte, die für drucksformen. Migrantenverganisieren, die vom Publikum Migrantenvereine von spezifischer eine müssen den Jugendlichen konsumiert werden. In Kursen, Bedeutung sind. Allgemeine Asdazu Freiräume bieten und sie Workshops oder Projekten wird pekte der Kulturarbeit (z. B. Fördeunterstützen und gleichzeitig „Kultur selber gemacht“. Hier rung der Kreativität und der Perden (kulturellen) Dialog der Gewünschen sich viele Migransönlichkeitsentwicklung) sind für nerationen befördern. tenvereine eine intensivere inMigrantenvereine natürlich ebenterkulturelle Beteiligung bzw. so wichtig wie für alle anderen • Kultur in die Öffentlichkeit brinZusammenarbeit mit anderen und wurden auch diskutiert, wergen Migrantenvereinen und mit Einden aber hier nicht berücksichtigt. Eine wichtige Motivation ist es, richtungen/ Projekten der MehrKulturarbeit von Migrantenvereisich dem eigenen kulturellen heitsgesellschaft. In der Zusamnen hat einen Selbstwert und darf Hintergrund nicht nur „im stilmenarbeit von Menschen mit nicht nur aus der Perspektive der len Kämmerchen“ zu widmen, unterschiedlichen kulturellen Integration gesehen werden. sondern ihn in die ÖffentlichHintergründen und Traditionen 32 | Dokumentation | Migrantenorganisationen im Spiegel der Generationen

Zukunftsforum | Kulturarbeit können gemeinsame kulturelle Interessen „entdeckt“ und ausgebaut entwickelt werden. • K  ulturelle Teilhabe/ Partizipation und Vernetzung Migrantenvereine wollen sich mit ihrer Kulturarbeit in die Gesellschaft einbringen, sie mitgestalten und auch als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft (satt als Parallelgesellschaft) wahr- und ernst genommen werden. Vernetzung • und Kooperation mit etablierten Einrichtungen wollen viele Vereine intensivieren, stoßen durch ihre mangelnden Ressourcen aber schnell an Grenzen. • Was brauchen wir, um unseren Vi• sionen näher zu kommen? • Kreativität K  ulturarbeit lebt von der Kreativität der Akteure. • Q  ualifizierungsangebote M  igrantenvereine müssen sich professionalisieren, wenn sie eine aktive Rolle in der Gesellschaft spielen wollen. Dazu ist eine Unterstützung durch Qualifizierungsangebote unbedingt nötig. Ein anschauliches Beispiel dafür, wie aus einem solchen Ange- • bot vielfältige Impulse für ihre Arbeit entstanden, zeigte Nina Vishnevska in ihrem Input auf: Durch kontinuierliche Teilnahme an einer von LBE und AGABY initiierten Qualifizierungsreihe für Migrantenvereine und aktive Mitarbeit im Trägerkreis

für diese Reihe, erarbeitet sie • Engagement/ Zeit/ Lust/ Motivation sich nicht nur ein Know-how Migrantenvereine agieren in der für die weitere ProfessionaliRegel ohne nennenswerte (öfsierung und Erleichterung des fentliche) finanzielle Förderung. Arbeitsalltags, sie baute auch Engagierte Menschen, die „für persönliche Kontakte auf zu andie Sache brennen“, sind ihre deren Migrantenvereinen und größte Ressource zu beteiligten Einrichtungen der Mehrheitsgesellschaft auf, woraus inzwischen neue Koopera- • Anerkennung/ Wertschätzung/ Unterstützung tionen entstanden sind. Trotz positiver Entwicklungen in den letzten Jahren fühlen sich (Finanzielle) Unterstützung Migrantenvereine mit ihrer ArFinanzielle Mittel sind eine beit noch nicht ausreichend anernotwendige, aber nicht hinreikannt und wertgeschätzt. Wenn chende Voraussetzung für wiretablierte Institutionen und Komkungsvolle Kulturarbeit. munen auf Migrantenvereine zugehen, dann allzu oft aus einem Räume Eigeninteresse heraus und weniger aus Interesse an der Arbeit Netzwerke/ Kontakte der Vereine. Anerkennungskultur (Informelle) Netzwerke haben als ein neuer Begriff in der Inteeine zentrale Bedeutung u.a. grationspolitik müsste zu einer für den Zugang zu InformatiGrundhaltung im Umgang mit Mionen, Ressourcen und zu Entgrantenvereinen werden. scheidungsträgern sowie für den Erfahrungsaustausch und „kollegiale Beratung“. Zudem These, die im Zukunftsforum erarist es wichtig eigene Netzwerke beitet wurde: aufzubauen, d.h. externe Expert_innen und Künstler_innen „Kulturarbeit der Migrantenvereine anzusprechen und einzubinden, kann zu einer toleranten, demokratischen und vielfältigen Gesellschaft um die Arbeit zu bereichern. beitragen, wenn Migrantenvereine (Zielgruppenorientierte) Öffent- nicht nur kulturelle Tradition belichkeitsarbeit um neue Ziel- wahren, sondern Kultur kreativ weiterentwickeln und sich stark an der gruppen anzusprechen Für eine Öffentlichkeitsarbeit, Jugend orientieren und wenn die die Zielgruppen außerhalb der Mehrheitsgesellschaft, damit ist naeigenen Communities und Mili- türlich auch die Politik gemeint, die eus erreicht, brauchen Migran- Kulturarbeit der Migrantenvereine tenvereine Unterstützung durch mehr anerkennt, wertschätzt und unterstützt“. Qualifizierungsangebote.

Dokumentation | Migrantenorganisationen im Spiegel der Generationen | 33

Zukunftsforum | Kulturarbeit Hintergrund

Wie viele andere Migrantenselbstorganisationen in Deutschland genießt die GIK e.V. kaum Förderung und Unterstützung des Staates. Der Verein muss daher umgehend ein Veränderungskonzept ausarbeiten, um wettbewerbsfähig, marktfähig und grundsätzlich zukunftsfähig sein zu können

ligen Jugoslawien. Zuletzt schloss sich 1999 der Verein GOROD der GIK an, der von russischsprachigen Einwanderern gegründet wurde. Der Verein hatte eine lange Vorgeschichte und existierte vor der formellen Gründung bereits seit ca. vier Jahren als informelle Gruppe von Migrant_innen der sogenannten vierten Welle, die nach dem Zusammenbruch der ehemaligen UdSSR nach Deutschland ausgewandert waren. Hochqualifizierte hatten sich vereinigt, um sich selbst und anderen Einwanderern die Integration in die deutsche Gesellschaft zu erleichtern, und um die Verbindung zur russischen Kultur zu bewahren, vor allem für die eigenen Kinder.

Geschichte des Vereins GIK e.V.

Der Verein heute

Die Gesellschaft für Integration und Kultur in Europa entstand im Jahr 1995 als Pendant zum Jugendverband DJO – Deutsche Jugend in Europa e.V. für Erwachsene. Die DJO e.V. wurde 1951 als Deutsche Jugend des Ostens von und für Kinder und Jugendliche aus den ehemaligen deutschen Ost- und Siedlungsgebieten gegründet. Im Laufe der Verbandsgeschichte hat sich diese Arbeit weiterentwickelt und erweitert. Neben der Kulturarbeit sind heute die Arbeit mit Aussiedler_innen, die internationale Jugendarbeit und verstärkt auch die Migrationsarbeit in den Vordergrund getreten, die inzwischen zu den Grundsäulen des Verbandes gehören. Ebenso wie DJO, fördert der Verein GIK kulturelle Aktivitäten von Zuwanderern als Mittel der Identitätsbewahrung und Hilfe zur Integration.

Nachdem sich der Verein „Hilfe von Mensch zu Mensch“ im Jahr 2004 von der GIK abgetrennt hat und die anderen Mitgliederorganisationen aus dem ehemaligen Jugoslawien sich wegen der Rückkehr der Mitglieder_innen nach Bosnien und Kosovo aufgelöst haben, versteht sich die GIK e.V. nunmehr als Vereinigung der russischsprachigen MSOs und wächst in dieser Funktion weiter.

Im Folgenden stellt Nina Vishnevska die Gründung und den Werdegang der „Gesellschaft für Integration und Kultur in Europa“ (GIK e.V.) vor. Input von Nina Vishnevska Präambel

sich alle Gruppen jährlich beim Viktor-Schneider-Kulturfestival, der durch die GIK organisiert wird. Das musisch-literarisch-theatralische Festival zieht jährlich circa 170 aktive Multiplikator_innen der Kultur- und Jugendarbeit an und wird von Mitglieder_innen aller Gruppen gemeinsam veranstaltet. Der Verein mietet im Stadtteil Harras großzügige Räumlichkeiten für die eigene Einrichtung - das Kulturzentrum GOROD. Die Angebote des Kulturzentrums, unter anderem mutter­sprachlicher Ergänzungsunterricht, Tanzunterricht und Theaterproben, werden regelmäßig von ca. 350 Kindern und Jugendlichen wahrgenommen. Computerkurse, Sprachförderungskurse für Kleinkinder und Mütter und die unterschiedlichen Interessensvereinigungen (Lieder-Club, Kino-Club, Quiz-Club, Wanderer-Club) ziehen monatlich weitere 250 Teilnehmer_innen an.

Das Mitarbeiter_innenteam des Vereins besteht aus 34 Ehrenamtlichen und Honorarkräften. Aufgrund der fehlenden strukturellen Förderung von Migrantenorganisationen hatte die Organisation bis November 2013 keine hauptamtlichen Mitarbeiter_innen. Seit Die GIK e.V. betrachtet mehrere einem Jahr leistet sich der Verein formelle und informelle Migran- sechs teilzeitbeschäftigte haupttenorganisationen in den alten amtliche Mitarbeiter_innen. Bundesländern als eigene Mitgliedsorganisationen, das Haupt- Der Verein existierte über 13 Jahre quartier des Vereins ist jedoch in lang nur von seiner satzungsmäMünchen. Seit 13 Jahren treffen ßigen wirtschaftlichen Tätigkeit

Nach der Satzung wurde die GIK als ein Dachverband gegründet und hatte im Jahr 1998 vier Mitgliederorganisationen, unter anderem den Verein „Hilfe von Mensch zu Mensch“ und andere Vereine von Kriegsflüchtlingen aus dem ehema34 | Dokumentation | Migrantenorganisationen im Spiegel der Generationen

Zukunftsforum | Kulturarbeit – von den monatlichen Elternbeiträgen in allen Aktivitäten der Kinder- und Jugendarbeit. Die Vorsitzende des Vereins führte ehrenamtlich das Büro, die Buchhaltung und erledigte alle weiteren Aufgaben der Verwaltungskraft. Strukturaufbau und Personalbeschaffung waren uns lebenswichtig. Erst nach einer Reihe von den Qualifizierungsseminaren, die von Herrn Torsten Groß organisiert wurden, ist es uns mit dem Projekt „Raumbörse“ gelungen, die nötige

finanzielle und organisatorische Unterstützung zu bekommen. Menschen Mehrere im Verein tätige Ehrenamtler_innen sind höchst motiviert und verstehen die Ausübung ihrer ehrenamtlichen Tätigkeiten im Verein nicht nur als Beruf, sondern auch als Berufung. Darum sind wir sicher, dass unser Kulturzentrum noch Jahre lang erfolgreich sein und sich weiter entwickeln wird.

Aus dem Flyer des Kulturzentrums GOROD (Jahr 2012)

Dokumentation | Migrantenorganisationen im Spiegel der Generationen | 35

Zukunftsforum „Neue Migrantenorganisation“

Moderation: Susanne Huth (INBAS- Damit diese erste Idee auch zur Sozialforschung GmbH) Gründung einer neuen Migrantenorganisation führt, kommt hinzu, Input/ Diskussionspartner: Merfin dass die Gründungsmitglieder_inDemir (Terno Drom) nen spezifische Probleme erkennen, Angebotslücken entdecken Im Mittelpunkt des Zukunftsforums und zur Verbesserung dieser Situ„Neue Migrantenorganisation“ ation einen Beitrag leisten wollen standen die Motive, die zu einer und auch können. Sie haben oftmals Neugründung von Migrantenorga- einen guten Blick auf die Zielgruppe, nisationen führen und die damit die sie aufgrund eigener Erlebnisse verbundenen Herausforderungen, und Erfahrungen dort abholen köndie auf die Mitglieder_innen dabei nen, wo sie sich befindet. zukommen. Anhand des Beispiels von Terno Drom, einer noch jungen Alternativ zur Neugründung könnten interkulturellen Selbstorganisation natürlich auch Modernisierungsvon jungen Roma und Nicht-Roma, prozesse in bestehenden Migranwurden Visionen und Wünsche, tenorganisationen angegangen werProzesse und Herausforderungen den, dies erfordert jedoch oftmals sowie Thesen und Praxistipps für viel mehr Zeit, um alle Mitglieder_ neue Migrantenorganisationen zu- innen der Migrantenorganisation sammengetragen und diskutiert. im Entwicklungsprozess mitzunehmen. Visionen und Wünsche Prozesse und Herausforderungen Oftmals steht der Wunsch nach gleichberechtigter Anerkennung Neben der obligatorischen Satder eigenen Community oder der zung einer neuen MigrantenorgaMenschen mit Migrationshinter- nisation sind die Formulierung von grund im Allgemeinen am Anfang Kern- und Mittlerzielen sowie die einer Idee. Es geht dabei um den Ausarbeitung eines StrategiepaAbbau von Vorurteilen und die piers von besonderer Bedeutung. gleichberechtigte gesellschaft- Beides sollte von vornhinein daliche Teilhabe, die Steigerung des rauf angelegt sein, in regelmäßigen Selbstwertgefühls, die Festigung Abständen angepasst (Ziele) und der Identität sowie die Förderung überprüft (Strategie) zu werden. von Selbstvertretung und Empo- Gleichzeitig muss anfänglich eine werment. Nicht selten dreht es sich grundsätzliche Entscheidung gedabei auch um neue Zuwanderer troffen werden: Soll sich die neue bzw. Zuwandergruppen. Migrantenorganisation zunächst

auf bestimmte Aufgaben konzentrieren oder im Sinne eines „Gemischtwarenhandels“ vielfältige Aufgaben wahrnehmen? Um von der Theorie in die Praxis überzugehen, stellen die Entwicklung und Sicherung finanzieller, personeller und struktureller Rahmenbedingungen eine große Herausforderung dar. Dazu empfiehlt es sich, • Beobachtungen und Bestandsaufnahmen durchzuführen, • Kontakte und Kooperationsverhältnisse zu etablierten Vereinen und Verbänden aufzubauen, • Dächer und Netze zu finden und zu nutzen, • Konflikte als Anstoß für neue Entwicklungen zu nutzen, • politische Arbeit nach außen sowie Vermittlungsarbeit nach innen zu betreiben. Im weiteren Prozess der Etablierung gilt es zudem, neue Anforderungen, die in der Gruppe formuliert oder von außen herangetragen werden, zu prüfen und nach Abwägung anzunehmen oder eben auch abzulehnen. Thesen und Praxistipps Eine wichtige Empfehlung der Teilnehmenden lautet: Das Engagement sollte Spaß machen!

36 | Dokumentation | Migrantenorganisationen im Spiegel der Generationen

Zukunftsforum | Neue Migrantenorganisation Denkbar ist zunächst auch eine niedrigschwelligere Form der Selbstorganisation in Form einer informellen Gruppe, Initiative oder Stammtisch, um die Mitglieder_innen durch einen Vereinsgründungsprozess und die damit verbundenen formalen Anforderungen nicht zu überfordern. Um sich als neue Migrantenorganisation zu etablieren und den Herausforderungen, die damit verbunden sind, zu begegnen, sollte man sich vergegenwärtigen, dass man das Rad nicht neu erfinden muss. Dem Austausch von Erfahrungen und der Nutzung von Qualifizierungsmöglichkeiten und -angeboten sollten daher eine hohe Priorität eingeräumt werden. Dies kann bspw. auch durch die Nutzung von Strukturen einer Dachorganisation erleichtert werden. Grundsätzlich sind Ressourcenorientierung, eine aufgabenorientierte Arbeitsteilung sowie Kompetenzorientierung ratsam: • Ein lokaler Bezug hilft, sich nicht im Globalen zu verlieren. • Beauftragungen einzelner Personen und die Trennung der Vorstandsfunktionen von der inhaltlichen Arbeit und den Entscheidungsprozessen innerhalb der Migrantenorganisation entlasten den Vorstand und binden die Mitglieder_innen entsprechend ihrer Kompetenzen auf breiter Linie ein. • Die gezielte Ansprache und Einbindung von einzelnen Personen als Identifikationsfiguren oder Schlüsselpersonen binden Kompetenzen in der Organisation. Als Praxistipp sei beispielhaft auf den Strategie-Kompass für nichtstaatliche und gemeinnützige Organisationen der Bertelsmann Stiftung verwiesen, der im Internet bezogen werden kann: http:// www.bertelsmann-stiftung.de/ cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/publikati-

onen_101010.htm (abgerufen am die Suche nach Freundschaften, Identitätsfindung etc. 09.12.2013). These, die im Zukunftsforum erar- Das Umfeld der Jugendlichen, die wir im Rahmen der Jugendverbeitet wurde: bandsarbeit erreichen, hat eine Voraussetzungen für neue Migran- spezielle Gemeinsamkeit. Sie stamtenorganisationen sind neue Be- men alle aus einer stabilen Romadarfe, neue Personen, die richtige Community, welche weitestgehend Gelegenheit und alte Erfahrungen! nach dem Prinzip der Selbstorganisation funktioniert. Dies betrifft insbesondere die Stadt Düsseldorf, in der Roma aus dem ehemaligen Hintergrund Jugoslawien über eigene MoscheeIm Folgenden stellt Merfin Demir gemeinden verfügen. Hinzu kommt das Profil und die Arbeit von „Ter- eine wirtschaftliche Infrastruktur wie Lebensmittelgeschäfte, Druno Drom“ vor. ckereien, Cafés, Autohändler etc.. Input von Merfin Demir Antiziganismus und Subjektivierung Profil von Terno Drom Identitätsstiftendes Merkmal der Terno Drom ist Romanes und be- jungen Roma ist – neben dem fadeutet „der Junge Weg‘‘. Wir sind miliären Umfeld – vor allem die eine neue interkulturelle Jugend- eigene Sprache. Dennoch haben organisation von Roma und Nicht- sie Schwierigkeiten mit ihrer IdenRoma. Die Aktivitäten zielen auf titätsfindung, weil u. a. der gesellinterkulturelle Verständigung und schaftliche und mediale Antizigadie Stärkung der jungen Roma zur nismus eine alles überlagernde selbstbestimmten Teilhabe am ge- Präsenz hat. Das „Zigeunerbild“ sellschaftlichen Leben. Sie erhalten in den Medien und auch im Alltag die Möglichkeit eigene Projekti- zieht nicht spurlos an ihnen vorbei. deen auszuarbeiten und zu reali- In den meisten Fällen führt es zur sieren, sich mit ihrer Geschichte, Verleugnung der eigenen Herkunft, Sprache und Herkunft zu befassen wobei insbesondere Jugendliche sowie ein europäisches Bewusst- mit einem niedrigen Bildungsgrad sein zu entwickeln. Hierbei steht den „Zigeunerbegriff“ als normal die Aktivierung der Heranwach- annehmen, das Bild des nomadensenden und ihre Aus- und Weiter- haften Lebenswandels internalisiebildung als Multiplikatorinnen und ren und dieses zusätzlich vervielfältigen. Sowohl die Verdrängung Multiplikatoren im Vordergrund. der eigenen Herkunft als auch die Internalisierung von diskriminieJugendspezifische Angebote renden Meinungsbildern belastet Eine Besonderheit unserer Arbeit die Jugendlichen enorm. ist es, an der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen anzuknüpfen. Die Arbeit von Terno Drom Wichtig ist hierbei zu verstehen, dass die jungen Roma zunächst Ju- Die Aufgabe von Terno Drom begendliche sind, die „zufällig“ einen steht darin, für diese Jugendlichen Roma-Hintergrund haben. Sie ha- – im Rahmen von Jugendbegegben die gleichen Bedürfnisse wie nungen – einen geschützten „soalle anderen Jugendlichen auch. zialen Reflexionsraum“ zu bieten. Hierzu gehören der Wunsch nach Die Vermittlung von GrundlagenAnerkennung, beruflichem Erfolg, wissen ist Teil dieses Prozesses.

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Zukunftsforum | Neue Migrantenorganisation Planungsworkshops eingeladen. Auch der Besuch von politischen Institutionen ist von sehr großer Bedeutung, wenn die Jugendlichen als Roma empfangen werden und ihnen somit offiziell Wertschätzung aufgrund ihres Roma-HinterNeben der Förderung der Reflexion grundes entgegengebracht wird. über die eigene Identität werden von Terno Drom auch interkultu- Das Projekt „be young & roma“ relle Begegnungen durchgeführt, an denen in der Vergangenheit ne- Das vom Bundesamt für Migration ben den jungen Roma auch junge und Flüchtlinge (BAMF) geförderte Kurd_innen, Marokkaner_innen, Projekt „be young & roma“ ist ein Assyrer_innen, afghanische Hazara Mentoringprojekt der djo – Deutund Spätaussiedler_innen teilge- sche Jugend in Europa, Landesvernommen haben. Die Jugendlichen band NRW gemeinsam mit Terno erhalten auf diese Weise auch Per- Drom e.V. und der städtischen Juspektiven anderer Minderheiten- gendfreizeiteinrichtung „V24“. Es richtet sich vorrangig an jugendliund Migrantengruppen. che Roma aus Düsseldorf und UmDas Entgegenbringen von Wert- gebung. Oft ist der öffentliche Blick schätzung gegenüber den Jugend- auf diese Zielgruppe stark an Delichen ist ein tragendes Element fiziten orientiert. Dem gegenüber unserer Arbeit. Wir versuchen, sind niedrigschwellige Angebote zur unsere Projekte und Begegnungen Gewaltprävention ebenso Teil des ausgehend von den Bedürfnissen Projektes, wie Bildungsveranstalder Jugendlichen zu planen. So tungen und Kulturangebote. Unsere werden die Jugendlichen beispiels- Zielgruppe sind auch Multiplikaweise zu interaktiven Ideen- und tor_innen aus NRW, die mit jungen Das betrifft einfache Fragen wie beispielsweise: Woher stammen Roma? Zu welcher Sprachfamilie gehört das Romanes? Was bedeutet der 8. April als internationaler Tag der Sinti und Roma?

Roma arbeiten. Hier steht deren Weiterbildung, Qualifizierung und Vernetzung im Vordergrund. Eine Besonderheit des Projekts ist die Form der Zusammenarbeit zwischen der djo als tradiertem Jugendverband, Terno Drom als Migrantenjugendselbstorganisation und der Jugendfreizeiteinrichtung „V24“. Durch den eigenen RomaHintergrund der Mitglieder_innen von Terno Drom können bei der Identitätsfindung, Vorbildfunktion sowie Eltern- und Familienarbeit neue Ziele erreicht werden. Hinzu kommen die jahrzehntelangen Kenntnisse der djo in den Bereichen Jugendverbandsarbeit mit interkulturellem Klientel (als Fachverband der Vertriebenen und Migrant_innen), gepaart mit dem pädagogischen Fachwissen und dem Kontakt zur Zielgruppe der Jugendfreizeiteinrichtung „V24“. Hier ist eine Konstellation geschaffen worden, die eine bedarfsgerechte Jugendarbeit mit jungen Roma garantieren kann, die bis dato im Bundesgebiet so nicht gegeben ist.

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Zukunftsforum „Flüchtlingsarbeit“ Moderation: Marissa B. Turaç (BBE len und Lebensperspektiven zu AG 5 „Migration und Teilhabe“), Inbieten terkulturelle Trainerin • Flüchtlingsarbeit, Flüchtlingspolitik in Deutschland und Europa Input/ Diskussionspartner: Nelli unter integrativen Aspekten beFoumba Soumaoro (Jugendliche arbeiten – Flüchtlingspolitik auf ohne Grenzen NRW) EU-Ebene neu denken (Zuwanderung offener gestalten, weg Marissa B. Turaç und Nelli Foumba mit der Abschottungspolitik) Soumaoro werden im Folgenden • Interkulturelle Öffnung der Ausdie wesentlichen Ergebnisse der länderbehörden, Interkulturelle Arbeitsgruppe festhalten. Sensibilisierung der Mitarbeiter_ innen, Etablierung einer WillBevor die einzelnen Aspekte und kommenskultur in der Behörde Forderungen benannt werden, • Finanzielle Ressourcen für die kann resümierend festgehalten Unterbringung von Flüchtlingen werden, dass die Flüchtlingspolitik effizienter gestalten, um eine und –arbeit neu gedacht werden menschenwürdige, dezentrale sollte und zwar hin zu einer resUnterbringung zu gewährleisourcenorientierten und integrasten und die Menschen sozial tiven Flüchtlingsarbeit auf deutzu integrieren, mit dem Ziel scher und europäischer Ebene. Transferleistungen künftig zu verhindern; Abschaffung teurer Folgende Aspekte wurden von den zentraler AsylbewerberunterTeilnehmer_innen für eine künftige künfte Fortführung der Flüchtlingsthema- • JoG Zugänge zu politischen Gretik formuliert: mien und politischen Akteur_innen offener gestalten und stär• E in Perspektivwechsel von einer ker verfolgen (z. B. Einladung in defizit- hin zu einer ressourcenpolitischen Gremien auf Landesorientierten und integrativen ebene, um Politiker_innen für Flüchtlingsarbeit die Bedarfe aber auch Potenzi• E rkennen und Förderung der Poale von jungen Flüchtlingen zu tenziale junger Flüchtlinge und sensibilisieren; Zugänge zu komFlüchtlingsinitiativen, wie bei munalen Politikern) Jugendliche ohne Grenzen (JoG) • Mitwirkung von JoG in politi• F reier Zugang zum Bildungs-, Arschen Gremien beits- und Wohnungsmarkt, um • Bessere und intensivere VerKinder und Jugendliche aus der netzung von FlüchtlingsinitiatiPerspektivlosigkeit herauszuhoven und zivilgesellschaftlichen





• •









Akteur_innen (z. B. mit Jugendverbänden, Engagement Global etc. für Kooperationen) Ausbau der Öffentlichkeitsarbeit von JoG, Darstellung der Lebensrealität von Flüchtlingen in Deutschland Abbau von Sprachbarrieren bei Neuzugewanderten: kommunale Vernetzung von Migrantenorganisationen auf regionaler Ebene, Aufbau eines Sprachkundigenpools initiiert durch z. B. Freiwilligenagenturen, Beratungsstellen oder kommunalen Integrationszentren. Als bundesweites Beispiel siehe SprIntpool Transfer (Träger Diakonie Wuppertal) Ehrenamtliches Engagement von jungen Flüchtlingen zeigt Erfolge Resettlement-Programm auf kommunaler Ebene in Kooperation mit Sozialverbänden und Kommunen Migrantenorganisationen sollen sich stärker mit der Flüchtlinsthematik beschäftigen EU-Austausch über Flüchtlingsprojekte und -initiativen auf Ebene zivilgesellschaftlicher Einrichtungen Die volle Anwendung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes auf unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) Eine Anpassung der deutschen Rechtslage an die UN –Kinderrechtskonvention, d.h. im Einzelnen:

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Zukunftsforum | Flüchtlingsarbeit • V  erstärkter Fokus auf das Kindeswohl • Handlungsfähigkeit der UMF auf 18 Jahre heraufsetzen • Inobhutnahme von UMF durch das Jugendamt auch im Flughafenverfahren • Keine Überstellungen im Dublin II Verfahren bei UMF • Keine Anwendung des Asylbewerberleistungsgesetzes auf UMF • Keine Abschiebehaft und keine Abschiebung von UMF • B  undesweite Zuständigkeit von Integrationsbeauftragten auch für Flüchtlinge (insbesondere für Kinder und Jugendliche) • UMF verstärkt in integrationspolitischen Entscheidungen und Maßnahmen berücksichtigen • Bundesweite Aufhebung der Residenzpflicht • Bewegungsfreiheit auf europäischer Ebene • Soziales Engagement und Integrationswillen junger Flüchtlinge in aufenthaltsrechtlichen Fragen einbeziehen. Im Zukunftsforum „Flüchtlingsarbeit“ haben sich folgende mögliche Projektideen ergeben: • Vernetzungstagung zwischen Jugendringen und Flüchtlingsinitiativen (kommunal/ Landesebene) mit dem Ziel, Flüchtlingsinitiativen Zugängen zu Teilhabe und Mitwirkung in den bestehenden Strukturen zu eröffnen, eine Plattform für Austausch und Zusammenarbeit herzustellen. • Partizipation von JoG an Projektausgestaltung z. B. JoG und Engagement Global (Kontakt über Tagung hergestellt). • BBE europaweites Projekt unter Beteiligung der Zivilgesellschaft, Initiativen und Vereine von Flüchtlingen mit dem Ziel, den Perspektivwechsel in der Flüchtlinsarbeit voranzubringen

und politische Impulse für eine • Teilnahme an Fachtagungen und Seminaren integrative Flüchtlingsarbeit zu • Forderungen an Politiker_innen setzen. herantragen These, die im Zukunftsforum erar- • Organisation von Demos, Veranstaltungen, Kundgebungen, Mahnbeitet wurde: wachen, Jugendkonferenzen Die Flüchtlingspolitik und die Flüchtlingsarbeit müssen neu gedacht Forderungen von JoG werden. Die Art und Weise wie sie Mitgestalbisher laufen, ist sehr stigmatisie- • Gesellschaftliches tungsrecht von Flüchtlingen rend und starr und wir möchten, dass die Flüchtlingsarbeit mehr un- • Gleiche politische, soziale und kulturelle Rechte ter integrativen Gesichtspunkten • Gleichberechtigte Mitwirkung an behandelt wird. allen gesellschaftlichen Angelegenheiten Wir möchten, dass die Ressourcen und Potenziale von jungen Flücht- • Teilhabe ≠ „Integration“ lingen gesehen und anerkannt werden und stärker in den Blick der Aktionsformen Öffentlichkeit genommen werden. Wir haben Ideen entwickelt, wie • Besichtigung von Asylunterkünften. man diesen Perspektivenwechsel oder dieses Umdenken auf die EU- • Missstände in Heimen (z. B. mangelnde Hygiene und fehlende Ebene verlagern und auch in die Rückzugmöglichkeiten) in der Bundesländer hineintragen kann, Presse aufzeigen z. B. durch entsprechende Vernetzungstreffen von zivilgesellschaft- • Verletzung von Menschenrechten in Asylbewerbersamlichen Akteur_innen. melunterkünften bei der Stadt beklagen, z. B: Die schädliche Auswirkung der Unterbringung Hintergrund von Familien mit Kindern in Sammelunterkünften auf die Im Folgenden stellt Nelli Foumba physische und psychische EntSoumaoro die Organisations- und wicklung Arbeitsstruktur von „Jugendliche • Verletzung der Menschenwürde ohne Grenzen“ (JoG) dar. von Flüchtlingen in die Öffentlichkeit tragen. Zum Beispiel: Input von Nelli Foumba Soumaoro Drei Menschen mit unterschiedlichen Nationalitäten, die in Gründung von JoG in NRW einem Raum untergebracht sind der gerade einmal 24 m² groß ist • Anfang 2012: Offizielle Gründung von Jugendliche ohne Grenzen • Entwicklung eines Konzeptes zur menschenwürdigen UnterbrinNRW in Bochum gung von Flüchtlingen in Hamm. • Februar 2013: Offizielle Gründung Durch eine Unterbringung in von Jugendliche ohne Grenzen privat vermieteten Wohnungsin Hamm einheiten würde die Stadt nicht nur enorme Gelder sparen, Maßnahmen von JoG sondern den Betroffenen eine Privatsphäre und Rückzugsmög• Gegenseitige Unterstützung lichkeiten gewährleisten • Organisation von interkulturellen •  Treffen und Austausch mit loTreffen kalen Politiker_innen und mit • Verhinderung von Abschiebungen

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Zukunftsforum | Flüchtlingsarbeit waren, die Kandidaten zu moMinisteriumsmitarbeiter_innen bilisieren, sich bei einer Regiedes Landes NRW und Landtagsrungsbildung für eine humane politiker_innen des Landtags und menschenwürdige FlüchtNRW. Als Beispiel, darf ich erlingspolitik einzusetzen wähnen, dass wir an zwei Terminen (mit Monika Düka, Grü- • Gemeinsame Aktionsformen mit den sozialen Wohlfahrtsverbänne Landesvorsitzende und der den, um Bleiberechtsprojekte Landesvorsitzenden der Piraten für Flüchtlinge zu entwickeln Partei) im Landtag NRW teilgenommen haben. Wir waren • Anerkennung von Flüchtlingszeugnissen unter dem Motto: auch bei Frau Heuvelmann im Mein Zeugnis für die Kanzlerin. Ministerium für Arbeit, IntegraWir sammelten die Zeugnisse tion und Soziales NRW, um die von geduldeten Asylbewerber_ Situation von Flüchtlingen darinnen und schickten diese ins zustellen Kanzleramt. Wir erhoffen uns • Teilgenommen haben wir an eidamit, ein Umdenken der Kanzner Sitzung mit Bundestagsablerin in der Flüchtlingspolitik geordneten: Unsere Anliegen

• Aufklärungsarbeit in den Schulen Ausgewählte Potenziale von JoG • Lebenserfahrungen weitergeben • Sprachkompetenzen vermitteln • Zum Abbau von Vorurteilen beitragen • Stärkung und Unterstützung von politischer Teilhabe und gesellschaftlichem Engagement • Positive Gruppenerfahrungen und Solidarität vermitteln • Aufzeigen und Anbieten von Beratungs- und Unterstützungsangeboten • Kontaktvermittlung

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Zukunftsforum „Elternarbeit“ Moderation: Antonio Diaz (BIFF e.V.) Shahriar Karim-Ghovanloo Rubio, die beide neu eingewandert sind, Input/Diskussionspartner : Ali Kar- angesprochen. Sie trafen sich eichi (Elternverein „Al Cantara“) und nige Male in Düsseldorf und Herr Shahriar Karim-Ghovanloo Rubio Diaz motivierte sie dazu sich nach (Diakonie Düsseldorf) dem Vorbild der spanischen Elternvereine zu organisieren und einen Verein zu gründen. Der Verein ist Der Moderator begrüßte die Teil- nun gegründet und trgt den Namen nehmer_innen des Zukunftsforums „Al Cantara“ (die Brücke, span. und und animierte sie dazu sich vor- arabisch). zustellen und ihre Erwartungen, Ideen und Erfahrungen im Zu- Ali Karchi und Shahriar Karimsammenhang mit der Elternarbeit Ghovanloo Rubio sind als Diskussimit Neu-Einwanderern aus Süd- onspartner für das Zukunftsforum westeuropa und Südosteuropa zu „Elternarbeit“ eingeladen worden, nennen. Die Vertreter_innen von um die Situation seitens der NeuBundeseinrichtungen, vom Lan- einwanderer darzustellen. desministerium sowie kommunale Vertreter und Migrantenorgani- Ali Karchi, in Marokko geboren, 48 sationen berichteten, dass sie auf Jahre alt, mit 14 Jahren Vollwaise diese Form der Zuwanderung nicht geworden, musste als ältestes Kind vorbereitet waren und erst Zahlen seine Geschwister großziehen. Im und Sachverhalte brauchen, um Alter von 19 Jahren wanderte er angemessen reagieren zu können. nach Spanien aus, siedelte sich in Die Vertreter_innen der Migran- Tarragona an, wurde spanischer tenorganisationen, die von den Staatsbürger. Er gründete eine Neuzuwanderern zunehmend stark Familie und arbeitete in verschiefrequentiert werden, bedauerten, denen Berufen. Nebenbei initiierte dass sie weder finanziell noch per- er zur Verbesserung der Situation sonell unterstützt werden und nur von Migrant_innen, eine Migranungenügend mit Informationen be- tenorganisation. Bis zur Krise bedacht werden. schäftigte diese Organisation 40 Festangestellte. Im Verlauf der Krise Antonio Diaz berichtete von der wanderte er nach Deutschland aus. Neuzuwanderung in Dortmund und wie häufig der Verein BIFF Shahriar Karim-Ghovanloo Rubio diesbezüglich angesprochen wird. ist 39 Jahre alt und ist in Teheran Aufgrund seiner Arbeit in Dort- als Sohn einer Spanierin und eines mund wurde er von Ali Karchi und Iraners geboren. Er flüchtete mit

seinen Eltern nach Barcelona, studierte dort und anschließend auch in den USA. In New York arbeitete er als Psychologe mit illegalen Einwanderern. Er kehrte nach Spanien zurück, um dort in einem Slum zu arbeiten. In Spanien lernte er seine deutsche Frau kennen, die dort als Architektin arbeitete. Bedingt durch die Krise wanderten sie nach Deutschland aus. Nach vielen Aushilfsjobs arbeitet er nun wieder in seinem Bereich, bei der Diakonie in Düsseldorf und betreut als Sozialarbeiter Migrant_innen und Neuzuwanderer. In diesem Zusammenhang lernte er auch Ali Karchi kennen. Herr Diaz, Herr Karchi und Herr Rubio berichteten über die Situation von Neuzuwanderern und erzählten von den zahlreichen Fällen, mit denen sie täglich konfrontiert werden: Übernachtungen auf der Straße und am Bahnhof, Übernachtungen in der eigenen Wohnung/ Vereinsräume. Sie berichteten weiterhin, dass die Missionen / Moscheen /Vereine (spanisch/italienisch/arabischsprachige) oft ihre Räume zur Verfügung stellen und Spenden sammeln. Viele Vereine/ Missionen/Moscheen kochen täglich eine warme Mahlzeit und versorgen damit die eingewanderten Menschen. Sie betonten, dass diese Organisationen ihre Grenzen erreicht hätten und kaum noch weiterhelfen könnten. Weiterhin

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Zukunftsforum | Elternarbeit berichteten sie, dass sich zahlreiche Betrüger_innen in der Szene tummeln, die diesen Menschen für die Vermittlung eines angeblichen Arbeitsplatzes oder eine Bleibe das letzte Geld aus der Tasche ziehen. Auch diese Menschen wenden sich dann in ihrer Not häufig an Missionen /Vereinen und Moscheen. Es wurde deutlich gemacht, was notwendig ist: Unterstützung der Organisationen und Vereine bei der Bewältigung der Aufgabe und

Bereitstellung kommunaler Mittel Ehrenamt braucht Hauptamt. und Beratung sowie Schutz vor kriDie vorhandenen Migrantenorgaminellen Übergriffen. nisationen oder Organisationen, Die Vertreterin des Ministeriums Verbände, spanische Elternverlud die Anwesenden zu einem in- eine, Elternnetzwerk etc., wollen, formellen Gespräch ins Ministeri- mitgestalten, mitorganisieren und tun es bereits. Aber dafür braucht um ein. es Ressourcen, politischen Willen, These, die im Zukunftsforum erar- Räume der Begegnung und etwas das sehr schwierig ist, aber von viebeitet wurde: len gewünscht wird: Zeit und GeHauptamt braucht Ehrenamt und duld, damit man zueinander findet.

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Zukunftsforum „Jugend(verbands-)arbeit“ Moderation: Ansgar Drücker (Infor- Hetav Tek erläutert die struktumations- und Dokumentationszen- rellen Rahmenbedingungen für trum für Antirassismusarbeit e.V.) Migrant_innenjugendselbstorganisationen auf Bundes- und auf LanInput/Diskussionspartner_in: He- desebene. Sie verweist auf positive tav Tek (Deutsche Jugend in Eu- Entwicklungen und Fortschritte ropa) und Mazlum Dogan (Bund der vergangenen Jahre, die jedoch der Alevitischen Jugendlichen in überwiegend über ProjektfördeDeutschland) rungen ermöglicht wurden und daher noch keine nachhaltige AbsiNach einer Vorstellungsrunde und cherung von MJSO gewährleisten. der Vorstellung der Referierenden Sie stellt das Projekt 2014 in Trägererläutert Ansgar Drücker, dass schaft der djo – Deutsche Jugend in die Interkulturelle Öffnung der Europa vor, in dessen Rahmen fünf Jugendverbandsarbeit einer Dop- MJSO an eine Regelförderung aus pelstrategie folgt: Es geht sowohl dem Kinder- und Jugendplan des um die interkulturelle Öffnung der Bundes herangeführt werden soletablierten Jugendverbände als len. Das Projekt ermöglicht eine auch um eine Förderung der Mi- Finanzierung für den Aufbau von grant_innenjugendselbstorganisa- fünf Geschäftsstellen und den Eintion (MJSO), wobei der letzte Punkt stieg in die Hauptamtlichkeit mit im Zentrum des Zukunftsforums je einer halben Stelle für die beteisteht. MJSO sind keine Parallelge- ligten Verbände. Weiterhin weist sellschaften, sondern Organisati- sie auf den zunehmenden Beitrag onsformen für junge Menschen von MJSO im Deutschen Bundesmit Migrationshintergrund, die ih- jugendring hin – zuletzt durch die nen Teilhabe und Zugänge in einer Aufnahme der DIDF-Jugend als Anvielfältigen Gesellschaft ermögli- schlussmitglied am vorherigen Wochen. Viele Doppelmitgliedschaf- chenende. ten von MJSO-Mitglieder_innen in etablierten Jugendverbänden, Mazlum Dogan stellt den Bund Gewerkschaften sowie Parteien der Alevitischen Jugendlichen in und ihren Jugendorganisationen Deutschland e.V. (BDAJ) vor, der unterstreichen, dass es nicht um die eigenständige Jugendorganieinen Rückzug in Organisationen sation der Alevitischen Gemeinde der Herkunftskultur, sondern um Deutschland e. V. (AABF) ist. Er ein über die MJO hinausreichendes ist auf Bundesebene, in den fünf Empowerment für gesellschaft- Regionalverbänden Baden-Württliche (und zum Teil auch berufliche) emberg, Bayern, Hessen, Norden Teilhabe geht. und Nordrhein-Westfalen sowie in

über 150 Mitgliedsjugenden vor Ort tätig und erreicht damit etwa 33.000 Kinder und Jugendliche unter 27 Jahren. Bundesweit sind derzeit neun hauptamtliche Mitarbeiter_innen beschäftigt. Der BDAJ behandelt jugend-, integrationsund umweltpolitische Themen, führt Projekte zum interkulturellen und interreligiösen Austausch durch und organisiert kulturelle Veranstaltungen sowie Bildungsseminare zur Qualifizierung von Ehrenamtlichen. Ein wichtiger Startpunkt in die Hauptamtlichkeit war das dreijährige vom BMFSFJ geförderte Projekt „Integration durch Qualifikation – Coaching zur Förderung der Selbstorganisation des BDAJ“ in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V. (aej). Im Herbst 2011 wurde der BDAJ als Vollmitglied in den Deutschen Bundesjugendring (DBJR) aufgenommen. Der BDAJ legt Wert darauf, im DBJR nicht auf einen integrationspolitischen Schwerpunkt festgelegt zu werden. Hingewiesen wurde im Zukunftsforum weiterhin auf das Netzwerk interkultureller Jugendverbandsarbeit und -forschung (NiJaf), das seit ca. zehn Jahren einen Dialog zwischen Forscher_innen und Praktiker_innen gewährleistet. Die zwei jährlichen Sitzungen werden geschäftsführend vom Informationsund Dokumentationszentrum für

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Zukunftsforum | Jugend(verbands-)arbeit Antirassismusarbeit e.V. (IDA) konzipiert und eingeladen, jeweils in Abstimmung mit dem Deutschen Bundesjugendring, der Deutschen Sportjugend sowie Vertreter_innen der Wissenschaft.

Hintergrund

Im Folgenden stellt Mazlum Dogan den Verband „Bund der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland“ (BDAJ) vor und geht auf dessen Bedeutung für junge AleErwähnt wird auch der Beschluss vit_innen ein. der Jugend- und Familienministerkonferenz (JFMK) vom 06./07. Juni Input von Mazlum Dogan 2013 in Fulda mit dem Titel „Stärkere Beteiligung junger Menschen Mazlum Dogan beginnt seinen Inmit Migrationshintergrund an den put mit einer Skizzierung der Verbandsstruktur des BDAJ und weist Angeboten der Jugendarbeit“. darauf hin, dass der Aufbau von VerbandsstrukEine zentrale Bedeutung messen professionellen die beiden Jugendverbandsvertre- turen im Vergleich zu anderen MJO ter_innen der Eigenständigkeit der sehr fortgeschritten ist. Dies verJugendverbände bei, für die auch deutliche zum einen die Ausdehinnerhalb der Migrantenorgani- nung in Deutschland mit rund 150 sation immer wieder geworben Ortsjugenden, die wiederum fünf werden muss. Jugendverbände Regionalverbänden unterstehen, sind nicht nur Anhängsel oder Teil deren Dachverband der BDAJ bileines Gesamtverbandes, sondern det. Eine Dezentralisierung durch haben ein Eigenleben, eigene eine Schaffung von RegionalverKompetenzen und zeichnen sich bänden ist für viele MJSO kaum durch Selbstorganisation aus. Zu zu stemmen, da es zumeist auch ihrer dauerhaften Stabilisierung an hauptamtlichen Kräften oder muss sich aus Projekten zur An- aber generell finanziellen Möglichschubfinanzierung eine Regelför- keiten mangelt, um bspw. regioderung entwickeln. MJSO sind ein nale Geschäftsstellen aufzubauen. zunehmend selbstverständlicherer Mit seinen neun hauptamtlichen Bestandteile der Kinder- und Ju- Mitarbeitern und insgesamt drei gendhilfe und der Jugendverbands- Geschäftsstellen in Dortmund, arbeit, sie sind Ausdruck gesell- Frankfurt und München besetzt schaftlicher Vielfalt und gelebter der BDAJ folglich eine Vorreiterrolle, an der sich andere MJSO orienDiversität. tieren können. These, die im Zukunftsforum erarNichtsdestotrotz wird darauf verbeitet wurde: wiesen, dass für einen Kinder- und Jugendverbandsarbeit als freiwilli- Jugendverband, der rund 33.000 ges, selbstbestimmtes Engagement Kinder und Jugendliche erreicht junger Menschen entscheidet mit und mithin die größte MJSO über die Zukunftsfähigkeit einer Deutschlands ist, selbst die derzeiGesellschaft. Ehrenamtliches Enga- tigen Fortschritte des Verbandes gement steht weiterhin im Mittel- beim Aufbau von professionellen punkt der Arbeit von Migrant_in- Strukturen noch nicht genügen. nenjugendselbstorganisationen, Mazlum Dogan trägt hierzu Erbraucht aber hauptamtliche Unter- fahrungsberichte aus seiner verstützung nicht nur über Projektför- gangen drei jährigen Amtszeit im derungen, sondern in Form einer Bundesvorstand vor und verweist dauerhaften Regelförderung für auf die immense zeitliche BelaMigrant_innenjugendselbstorgani- stung von jugendlichen Funktionsträgern. Diese habe nicht zuletzt sation.

auch dazu geführt, dass kompetente junge Erwachsene diesen zeitintensiven Arbeitsaufwand nicht länger als zwei bis drei Jahre standhalten konnten und entsprechend eine hohe Fluktuation in den Regionalvorständen sowie im Bundesvorstand zu beobachten ist. Es kam gerade deshalb auch die Frage auf, ob mit einer hohen Fluktuation nicht zugleich ein Verlust von wichtigem und bisher angesammeltem Know-How durch die Jugendlichen verloren ginge. Hierzu erklärt Mazlum Dogan, dass der BDAJ durch eine gezielte Ausbildung von Multiplikator_innen (Bildungsseminare, Workshops etc.) diesem Trend entgegensteuern wolle. Zudem werde wichtiges Wissen zur Kinder- und Jugendverbandsarbeit auch schriftlich dokumentiert und für die Basis des Verbandes zugänglich gemacht. So erstellte der BDAJ 2012 ein Handbuch unter dem Titel „Die ersten 90 Tage“, um Jugendlichen den Einstieg in diese Form der ehrenamtlichen Arbeit zu erleichtern. Im Rahmen der Ausbildung von Multiplikator_innen nimmt Mazlum Dogan auch Bezug auf die Arbeit vor Ort und nennt als funktionierendes Beispiel für eine erfolgreiche lokale Umsetzung von Ideen, die zuvor auf Regional- oder Bundesebene entwickelt worden sind, das interreligiöse Kooperationsprojekt mit der Katholischen Landjugendbewegung, das derzeit unter dem Titel „BirD – Brücke interreligiöser Dialog“ bereits ins zweite Jahr gegangen ist und vom BAMF gefördert wird. Jugendliche erhalten durch das Projekt die Möglichkeit vor Ort interreligiöse Begegnungen stattfinden zu lassen, die vom Projektbeirat, besetzt aus jeweils drei BDAJ und KLJB Mitgliedern, mit max. 300€ gefördert werden können. Dies hängt insofern mit der Ausbildung von Multiplikator_innen zusammen, als die Begegnungen zugleich einen ge-

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Zukunftsforum | Jugend(verbands-)arbeit Hierzu setzt er u.a. auch an der Migrationsgeschichte vieler Alevit_innen an und nennt bspw. die Verfolgung und Diskriminierung von religiösen Minderheiten in der Türkei. Entsprechend ist das Interesse, sich an politischen und gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen, besonders groß, denn – und interessanterweise auch bei den Abschließend erläutert Mazlum hier geborenen Alevit_innen – man Dogan die Bedeutung des BDAJ für ist sich bewusst, dass in einem freijunge Alevit_innen in Deutschland. heitlich-demokratischen Land wie genseitigen Know-How-Austausch ermöglichen, zumal es sich bei der KLJB als Verband innerhalb des BDKJ, um einen traditionsreichen Jugendverband handelt. Kooperationen mit bereits etablierten deutschen Jugendverbänden sind somit sinnvoll und äußerst begrüßenswert.

Deutschland politische Partizipationsmöglichkeiten vorhanden sind, die es in der Türkei nicht gab bzw. bis dato nicht gibt. Dieses Bewusstsein für Demokratie fördert der BDAJ zudem durch zahlreiche Bildungsseminare, Workshops oder aber auch Gedenkstättenfahrten (bspw. nach Ausschwitz). Der BDAJ kann insofern als wichtiger Integrations- und Inklusionsmotor für die hiesige alevitische Jugend verstanden werden.

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Zukunftsforum „Migration und Alter“ Moderation: Dr. Elke Olbermann Migrantinnen und Migranten die geben. Zudem wird angeregt, das (Institut für Gerontologie an der TU Migrantenorganisationen vor neue Thema „ältere Migrantinnen“ auf Dortmund) Herausforderungen? dem Arbeitsmarkt aufzugreifen, da es hierzu keine Erkenntnisse gibt. Input/ Diskussionspartner: Alfonso Die Forumsteilnehmer_innen be- Es wird von unterschiedlichen ErLópez García (Interkulturelles Seni- richten von folgenden Erfahrungen fahrungen bezüglich des Umgangs orennetzwerk Siegen) und Aktivitäten zum Thema „Alter mit Älteren in verschiedenen Miund Migration“: Ein Verein rus- grantengruppen berichtet. Dabei sischsprachiger Migrant_innen wird darauf hingewiesen, dass eine Im Fokus des Zukunftsforums stand führt derzeit ein neues Projekt professionelle Versorgung von äldie Generation der älteren Mi- „Senioren sein – Senioren werden“ teren Angehörigen nicht generell grantinnen und Migranten. Die durch. Es wurde eine Befragung abgelehnt wird, sondern eine VerZusammensetzung der Forumsteil- durchgeführt, aber für die Auswer- sorgung der Älteren im Heim von nehmer_innen (ältere und jüngere tung fehlt die notwendige profes- Jüngeren teilweise als realistische Engagierte in Migrantenorganisa- sionelle Unterstützung. Darüber Option gesehen wird. Eine in der tionen, Engagierte in kommunalen hinaus wird auf Projekte und Initi- kommunalen Seniorenvertretung Seniorenvertretungen bzw. -bei- ativen von verschiedenen Migran- engagierte Teilnehmerin berichräten, Fachkräfte und Wissen- tenorganisationen und anderen tet, dass sie die Themen Nachbarschaftler_innen) ermöglichte es, Trägern hingewiesen, die das Ziel schaftskontakte, Wohnen und Verdas Thema aus unterschiedlichen haben, das bürgerschaftliche Enga- sorgung älterer Migrantinnen und Perspektiven zu erörtern. Im Mit- gement älterer Migrantinnen und Migranten aufgreifen möchte, die telpunkt der Diskussion standen Migranten zu fördern oder die dazu Kontaktaufnahme aber schwierig folgende Themen und Fragestel- beitragen möchten, die Auseinan- sei. Schließlich wird darauf hingelungen: Welche Rolle spielen Äl- dersetzung mit Vorstellungen und wiesen, dass Migrantenorganisatitere in Migrantenorganisationen? Modellen des Alterns in Deutsch- onen zunehmend mit dem Thema Wie engagieren sich ältere Migran- land bei Migrantinnen und Mi- Altersarmut konfrontiert werden. tinnen und Migranten innerhalb granten zu fördern. Hierzu wird ein und außerhalb von Migrantenor- Austausch mit ähnlichen Projekten In der Diskussion zu Visionen und ganisationen? Inwiefern wird das angeregt. Außerdem wird von Er- Wünschen, Umsetzungsschritten Thema Alter und Altern in Migran- fahrungen berichtet, nach denen und der Verwertung für die eigene tenorganisationen aufgegriffen? es in den Migrationsausschüssen Praxis wurden folgende Aspekte Welche Möglichkeiten der Inte- der Gewerkschaften wenig Bereit- thematisiert: ressenvertretung und Selbstorga- schaft gibt, sich mit dem Thema nisation älterer Migrantinnen und Alter zu befassen. Nach Ansicht ei- Visionen und Wünsche der ForumsMigranten gibt es und wie werden ner dort engagierten Teilnehmerin teilnehmer_innen zum Thema „Misie genutzt? Welche Bedeutung wäre es aber wichtig, die Erfah- gration und Alter“ kommt hier den Migrantenorgani- rungen älterer Interessensvertresationen zu? Inwiefern stellen das tungsmitglieder_innen mit Migra- • Wie werde ich alt in DeutschÄlterwerden der Migrantenbevöl- tionshintergrund an nachfolgende land? Informationen dazu bekerung und die Lebenslagen älterer Interessensvertretungen weiterzureitstellen Dokumentation | Migrantenorganisationen im Spiegel der Generationen | 47

Zukunftsforum | Migration und Alter • Kulturspezifische Altenarbeit besser in den Fachbereich Soziales und Alter vermitteln • Arbeitsbedingungen in der Altenpflege verbessern • Möglichst langes, selbständiges Leben in der eigenen Wohnung • Vernetzung im Ort/in der Nachbarschaft fördern • Nachbarschaft als „zweite Familie“ • Fehlendes Problembewusstsein – Sensibilisierung • Niedrigschwellige, offene Angebote • Kulturell aktiv sein, weiterlernen • Ein wenig Glück • Hilfe im Alltag, gleichberechtigte Teilhabe • Interkultureller Dialog von Generationen • Migrantenorganisationen für Thema „ältere Migrantinnen“ gewinnen, Genderaspekte aufgreifen • Know-how älterer Migrant_innen schätzen und nutzen

Welche Schritte sind zu gehen? • • • • • • •

• • • • • • • •

Wohnprojekte anleiten Nachbarschaftsprojekte anbieten Multiplikatoren schulen Beratung von Engagierten Navigationsprojekte erforderlich Integrationsmonitoring, Situationsanalyse Anerkennung neuer Orte (Treffpunkte), offene Treffpunkte, Öffnung traditioneller Vereine/ Treffpunkte Partnerschaften bilden Beteiligung an Angebotsentwicklung Information, umfassende Informationsveranstaltungen Rahmenbedingungen für Engagement schaffen Öffentlichkeitsarbeit Interkulturelles Generationennetzwerk bilden Ressourcenakquise Interkulturelle Kompetenz von Einrichtungen und Personal

Was kann davon für die jeweils eigene Praxis mitgenommen werden? • Informationen weiterleiten, um Arbeit zu aktivieren • Sensibilisierung für Alter • Leitlinien für Gruppen entwickeln/Ideen weitergeben • Neue Erfahrungen und Kenntnisse • Stärkung der eigenen Arbeit durch Vernetzung mit anderen Migrantenorganisationen • Erfahrungen der Anderen Thesen, die im Zukunftsforum erarbeitet wurden: 1. Das Altern wird die Migrantenorganisationen radikal verändern! 2. Eine Sensibilisierung für das Altern in Migrantenorganisationen ist dringend erforderlich! 3. Interkulturelle Seniorennetzwerke fördern die Lebensqualität von älteren Migrant_innen und ihrer Angehörigen!

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Zukunftsforum | Migration und Alter Hintergrund

Fast 1,5 Millionen von ihnen sind 65 Jahre und älter. Aktuellen MoIm Folgenden stellt Alfonso López dellrechnungen zufolge wird ihre García das Pilotprojekt „Interkultu- Zahl bis 2032 auf rund 3,6 Millionen ansteigen. relles Seniorennetzwerk“ vor.



• Input von Alfonso López García Als Einstieg in die Diskussion stellte Herr Alfonso López García ein Pilotprojekt zur Förderung der Integration von zugewanderten älteren Menschen in Siegen vor, aus dem das interkulturelle Seniorennetzwerk Siegen entstanden ist. Herr Lopez García war bis zu seiner Verrentung als Sozialarbeiter in der Migrationsarbeit tätig und ist seit über vierzig Jahren in verschiedenen Funktionen ehrenamtlich engagiert (u.a. Spanisches Zentrum, spanische Gemeinde, Ausländerbeirat, Seniorenbeirat).

Der Gesundheitszustand dieser Gruppe wird – im Vergleich zur deutschen Bevölkerung – als erheblich schlechter beschrieben. Dies wird unter anderem auf die schlechteren Arbeits- und Lebensbedingungen der Migrantinnen und Migranten (schwere körperliche Arbeit, belastende Migrationserfahrungen etc.) zurückgeführt. Obwohl infolgedessen bei alten Menschen mit Migrationsgeschichte ein hoher Hilfe- und Unterstützungsbedarf besteht, der zukünftig weiter steigen wird, nehmen sie das derzeitige Altenhilfeangebot in Deutschland kaum in Anspruch.

1. Ausgangslage Thesen, die das begründen: Rund 15,7 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben • Die heute alten Migrant_innen haben sich nicht auf das Altwerderzeit in der Bundesrepublik den in Deutschland vorbereitet, Deutschland, darunter ca. 7,1 Millida sie in ihre alte Heimat zurückonen mit ausländischer und ca. 8,6 kehren wollten. Millionen mit deutscher Staatsangehörigkeit (Statistisches Bundes- • Es herrscht unter den älteren Migranten und Migrantinnen amt, Mikrozensus 2010).





eine hohe Unkenntnis über die bestehenden Angebote. Es besteht gerade im Alter eine Tendenz zum Rückzug in die eigene Ethnie. Die häufig negativen Erfahrungen mit den deutschen Institutionen werden oft auch auf die Altenhilfe übertragen. Ältere Migranten und Migrantinnen fürchten – bei Inanspruchnahme entsprechender Hilfen – ausländerrechtliche Konsequenzen. Die bestehenden Altenhilfeangebote sind derzeit nicht auf die Versorgung der älteren zugewanderten Menschen vorbereitet.

Schlussfolgerung • Die adäquate Versorgung älterer Menschen mit Migrationsgeschichte kann nur gelingen, wenn die bestehenden Informationsdefizite über die Angebote und Leistungen der Altenhilfe aufgearbeitet werden. Dazu ist eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit erforderlich. • Die partnerschaftliche Einbeziehung der Migrantenorganisationen ist hierfür unerlässlich. • Der Aufbau eines interkulturellen Seniorennetzwerkes kann ein wichtiger Schritt in der Strukturplanung zur Förderung der Teilhabe der zugewanderten älteren Menschen sein. 2. Pilotprojekt „Interkulturelles Seniorennetzwerk“ in Siegen Der Aufbau und die Etablierung des Interkulturellen Seniorennetzwerks in Siegen erfolgten im Rahmen eines Pilotprojektes, das vom Förderverein für die spanischsprachige katholische Gemeinde Siegen und Umgebung – Interkulturelle Gemeinschaft e.V. – getragen wurde. Grundlagen des Projekts in Siegen waren:

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Zukunftsforum | Migration und Alter • Dokumente: • Sozialraumanalyse von 2006 • Erster Integrationsplan von 2007 • Seniorenplan/ Bericht 2005/ 2006 • G  remien: • S eniorenbeirat • ntegrationsrat • Kooperationsverbund der Migrationsdienste und der Stadt Siegen • M  igratenorganisationen: • 5  8 Migrantenorganisationen

Umsetzung

staltung, Wissensvermittlung, interkultureller Austausch, Begegnung und Vernetzung der Das Projekt wurde von Juli 2009 bis Seniorengruppen. Dezember 2013 durchgeführt und • Aktivierung umfasste folgende Bausteine: Baustein 3

Baustein 1

• Situationsanalyse • Koordination und Vernetzung der Kooperationspartner: • Migrantenorganisationen • Kommunale Gremien • Integrationsrat • Seniorenbeirat • Kooperationsverbund der MiZielsetzung grationsdienste und der Stadt Siegen. • Information der älteren Menschen mit Migrationsgeschichte Baustein 2 • Aktivierung dieser Menschen • Gezielte Wissensvermittlung • Verbesserung ihrer Lebensqualität • Bildung von Seniorenkreisen gleicher Ethnie (z. B.: Türkei, Ita• Adäquate Versorgung lien, Marokko, Polen, Serbien, • Förderung des interkulturellen Russland, usw.) Austauschs • Interne und externe Vernetzung • Vermittlung von Informationen, fachliche Begleitung und Resvon Einrichtungen sourcenakquise • Förderung des Aufbaus einer kul• Förderung bei der Programmgetursensiblen Altenhilfe/ Pflege

• Fortbildung (Wissensvermittlung allgemein) • Förderung der Eigenständigkeit und der Organisation • Hinführung zur aktiven Beteiligung am kommunalen, sozialen und politischen Geschehen • Dokumentation Finanzierung • L andesförderung: Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Senioren des Landes Nordrhein-Westfalen • Kommunale Förderung: Stadt Siegen • Eigenleistung der Teilnehmer_ innen • Eigenleistung des Trägers • Sponsoring

Abbildung: Struktur und Vernetzung des Interkulturellen Seniorennetzwerks in Siegen

Seniorenrat

Regiestelle „Leben im Alter“

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Thesensammlung aus den Zukunftsforen Zukunftsforum „Kultur- Wir haben Ideen entwickelt, wie nenjugendselbstorganisationen, arbeit“ man diesen Perspektivenwechsel braucht aber hauptamtliche UnterKulturelle Vielfalt kann sich weiter entwickeln, wenn Migrantenvereine nicht nur Traditionen bewahren und weitergeben, sondern Kultur kreativ weiter entwickeln, sich an der jungen Generation orientieren (Freiraum bieten) und wenn die Mehrheitsgesellschaft die Kulturarbeit der Migrantenvereine wertschätzt und unterstützt.

Zukunftsforum „Neue Migrantenorganisation“ Voraussetzungen für neue Migrantenorganisationen sind neue Bedarfe, neue Personen, die richtige Gelegenheit und alte Erfahrungen!

Zukunftsforum „Flüchtlingsarbeit“ Die Flüchtlingspolitik und die Flüchtlingsarbeit müssen neu gedacht werden. Die Art und Weise wie sie bisher laufen, ist sehr stigmatisierend und starr und wir möchten, dass die Flüchtlingsarbeit mehr unter integrativen Gesichtspunkten behandelt wird. Wir möchten, dass die Ressourcen und Potenziale von jungen Flüchtlingen gesehen und anerkannt werden und stärker in den Blick der Öffentlichkeit genommen werden.

oder dieses Umdenken auf die EUEbene verlagern und auch in die Bundesländer hineintragen kann, z. B. durch entsprechende Vernetzungstreffen von zivilgesellschaftlichen Akteur_innen.

stützung nicht nur über Projektförderungen, sondern in Form einer dauerhaften Regelförderung für Migrant_innenjugendselbstorganisation.

Zukunftsforum „MigraZukunftsforum „Eltern- tion und Alter“ arbeit“ Hauptamt braucht Ehrenamt und Ehrenamt braucht Hauptamt. Die vorhandenen Migrantenorganisationen, oder Organisationen, Verbände, spanische Elternvereine, Elternnetzwerk etc., wollen, mitgestalten, mitorganisieren und tun es bereits. Aber dafür braucht es Ressourcen, politischen Willen, Räume der Begegnung und etwas das sehr schwierig ist, aber von vielen gewünscht wird: Zeit und Geduld, damit man zueinander findet. Ich weiß, das ist sehr schwierig und politisch ein Alltagsgeschäft.

1. Das Altern wird die Migrantenorganisationen radikal verändern! 2. Eine Sensibilisierung für das Altern in Migrantenorganisationen ist dringend erforderlich! 3. Interkulturelle Seniorennetzwerke fördern die Lebensqualität von älteren Migrant_innen und ihrer Angehörigen!

Zukunftsforum „Jugend (verbands-)arbeit“ Jugendverbandsarbeit als freiwilliges, selbstbestimmtes Engagement junger Menschen entscheidet mit über die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft. Ehrenamtliches Engagement steht weiterhin im Mittelpunkt der Arbeit von Migrant_in-

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AbschlieSSende Talkrunde PD Dr. Ansgar Klein (BBE) im Gespräch mit Katrin Hirseland (BAMF) und Dr. Karamba Diaby (MdB, Stadtrat Halle/Saale)

Vorstellung der Thesen aus den sechs Zukunftsforen: Torsten Groß (Institut für Soziale und Kulturelle Arbeit) Susanne Huth (INBAS-Sozialforschung GmbH) Marissa Turaç (BBE AG 5 „Migration und Teilhabe“) Antonio Diaz (BIFF e.V.) Ansgar Drücker (Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e.V.) Alfonso López García (Interkulturelles Seniorennetzwerk Siegen)

PD Dr. Ansgar Klein: Wir haben sechs Arbeitsgruppen, deren Thesen hier im Mittelpunkt der Diskussion stehen sollen. Ich möchte aber trotzdem kurz meinen Gesprächspartnern die Möglichkeit geben, sich in einem ersten Statement zu der Veranstaltung zu äußern, sie waren ja beide auch intensiv dabei. Fangen wir mit Katrin Hirseland an, die ja im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) jetzt eine sehr wichtige Rolle innehat. Das BAMF ist ja auch der Förderer dieser Veranstaltung und das nicht nur in diesem Jahr. Wir sind schon seit vielen Jahren enge Partner und das BAMF ist auch Mitglied im Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement. Das ist kein selbstverständlicher Vorgang, das

möchte ich noch einmal deutlich sagen. Wir sind ein Netzwerk von Zivilgesellschaft, Staat und Wirtschaft zur Förderung des Engagements. Das BAMF ist eine ganz große Bundesbehörde, mit der wir über viele Jahre gemeinsame positive Erfahrungen gesammelt haben und die als Partner des BBE bei uns eingetreten ist. Katrin Hirseland, eine Frage: Wir haben im Feld des BBE immer mal wieder Hinweise bekommen, das BAMF würde – aufgrund der steigenden Flüchtlingszahlen – seinen ja immer auch begrenzten Etat umwidmen müssen, sich also auch ein bisschen in den Schwerpunkten verschieden müssen. Dies hat im Feld ein bisschen Sorge ausgelöst. Heißt das, dass bestimmte Integrations-

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Abschließende Talkrunde und Migrantenorganisations-Pro- genau den gleichen Umfang wie im gramme darunter leiden müssen, vergangenen Jahr, also da kann ich eigentlich Entwarnung geben. Es wie sieht es aus? gibt eine Umschichtung, aber sie Katrin Hirseland: Ok, das als Ein- betrifft in erster Linie das Personal. stieg. Aber vielleicht vorab auch Vielleicht zur Tagung an sich. Ich noch einmal die Chance, etwas zur habe mich sehr gefreut, noch einTagung sagen zu können, weil du mal eingeladen worden zu sein. In das auch noch mit anmoderiert den letzten Jahren bin ich immer hattest. Aber ich steige gleich mal eingeladen worden, weil ich eimit der Frage ein. In der Tat ist gentlich aus dem Integrationsbees so, dass wir ja insbesondere in reich komme. Im vergangenen Jahr diesem Jahr, aber eigentlich schon habe ich dann in einen anderen seit 2008, steigende Asylzahlen Bereich gewechselt und leite jetzt haben. Bis dato rund 80 Prozent das Büro unseres Präsidenten und mehr Zugänge und wir rechnen habe mich sehr gefreut, noch einmit über 100.000 Anträgen in die- mal bei meinem Lieblingsthema, sem Jahr. Das ist so, das führt auch den Migrantenorganisationen, dazu Umschichtungen, aber nicht zu bei sein zu dürfen. Was mir wirklich Umschichtungen von denen Sie im ein ganz wichtiges Thema ist: Es engeren Sinne betroffen sein wer- ist schon mehrfach angesprochen den, denn es führt eigentlich nur worden, wir haben es nach langen zu Personalumschichtungen. Nur in Jahren und mit vereinten Kräften Anführungszeichen. Das heißt, wir vieler Akteure geschafft, das Thehaben relativ viel Personal in den ma Strukturförderung auf die bunBereich Asyl verlegt, das betrifft despolitische Agenda zu setzten. insofern ein bisschen den Bereich Und das ist, glaube ich, ein gutes Integration, weil darunter auch Re- Signal und ein erster Schritt in die gionalkoordinatorinnen und Regio- richtige Richtung. nalkoordinatoren sind. Wer unsere Arbeit kennt, der weiß, dass wir PD Dr. Ansgar Klein: Vielen Dank, 22 Außenstellen haben, in denen Katrin Hirseland. Karamba Diaby, unter anderem auch Menschen sit- du bist ja seit ein paar Wochen zen, die insbesondere die Integrati- Mitglied des Souveräns, sozusaonskurse vor Ort organisieren, aber gen, Mitglied des Deutschen Bunauch viel Netzwerkarbeit machen. destages und bist auch viel in der Aus diesem Bereich haben wir ei- Presse wahrgenommen worden. nige Kolleginnen und Kollegen vo- Meine Eingangsfrage an dich: Du rübergehend, das ist die Kernaus- begleitest diese Fachtagung seit sage, in den Asylbereich verlegt. langen Jahres intensiv mit und hast Aber es betrifft nicht, und da kann dich auch immer eingemischt. Was ich wirklich Entwarnung geben, die nimmst du für deine bundespolifinanziellen Mittel für den Integra- tische Arbeit als Abgeordneter an tionsbereich. Das sind völlig unter- wesentlichen Themen mit? schiedliche Fördertöpfe, der eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Dr. Karamba Diaby: Also für die, Das heißt, wir fördern unsere Pro- die es vielleicht noch nicht wissen. jekte weiter und den Schwerpunkt Ich bin seit 2008 kontinuierlich und Migrantenorganisationen genauso aktiv bei dieser Tagungsreihe daweiter. Klar müssen wir jetzt erst- bei. Nicht nur als Teilnehmer, sonmal abwarten, bis der Haushalt dern auch aktiv auf dem Podium, neu aufgestellt ist, da kann keiner aber auch als Arbeitsgruppenleiter. in eine Glaskugel gucken. Im ersten Ich erinnere mich da zum Beispiel Entwurf des Haushalts hatte der an das Podium mit Frau Bartels in Haushaltstitel für unsere Projekte Potsdam und viele andere. Ebenso

wie Frau Hirseland liegen mir die Tagungsreihe und das Thema der Migrantenorganisationen sehr am Herzen. Ich wurde rechtzeitig über den Termin informiert, habe das auch festgehalten, bin wieder dabei und hoffe auch in den nächsten Jahren wieder eingeladen zu werden. Ja, was nehme ich für meine Arbeit mit? Was ich wirklich mitnehme ist: Ich werde immer wieder darin bestätigt, wieviel Engagement dahintersteht, wenn wir von Menschen, Organisationen und Migrantenorganisationen sprechen. Aber auch allgemein im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements stecken so viel Engagement, Energie und Erfahrungen, die, aus meiner Sicht, von der Politik nicht ausreichend berücksichtigt werden. Das nehme ich mit, um es an den Stellen immer wieder zu betonen, an denen ich etwas zu sagen habe und dort wo ich mitreden darf und soll. Was ich außerdem mitnehme ist, dass im Vergleich zu den anderen Tagungen, in diesem Jahr vielleicht weniger Teilnehmerinnen und Teilnehmer vertreten sind. Da könnte man mir aber auch wiedersprechen, oder vielleicht täuscht der Saal, weiß ich nicht. Aber die Diversität der angesprochenen Themen ist mir wirklich positiv aufgefallen, das ist anders als in den letzten Jahren. Wir hatten auf den vergangenen Tagungen natürlich auch Arbeitsgruppen, wir hatten immer wieder Open-Space und viele andere Methoden. Aber trotzdem, diese Diversität der Themen zur Flüchtlingsproblematik, zur Jugend und Kulturarbeit, das fand ich sehr beeindruckend und das macht natürlich auch die Qualität der Tagungen aus. Diese beiden Dinge werde ich mitnehmen und auch auf das Themenfeld der Arbeitsgruppe 5 des BBE „Migration und Teilhabe“ hinweisen und den Bereich des bürgerschaftlichen Engagements und Migrantenorganisationen publik machen.

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Abschließende Talkrunde PD Dr. Ansgar Klein: Ja, ganz herzlichen Dank. Wir haben ja heute auch ein leidenschaftliches Plädoyer für die doppelte Staatsbürgerschaft des Landesministers Guntram Schneider aus NordrheinWestfalen hören können, um mal eines der großen politischen Themen anzusprechen. Ein anderes Thema, dass uns vielleicht im Laufe der Diskussion nochmal begegnet, sind die neuen Zuwanderungswellen, die man jetzt bei uns erlebt und die in weiten Teilen etwas mit Krieg und mit Armut zu tun haben. Wenn man Migration in Europa unter der Bedingung einer europäischen Freizügigkeit betrachtet, dann könnte man auch überlegen, ob diese Zuwanderungsbewegungen nicht auch durch zivilgesellschaftliche Formate wie Freiwilligendienste im stärkeren Maße gestützt werden könnten. Wenn der Arbeitsmarkt gerade solche Unterstützungsformate nicht zulässt, was bedauerlich wäre, dann müsste man sicherlich daran arbeiten. Es sollte auch nicht darum gehen, solche Formate gegeneinander auszuspielen, aber es wäre doch überlegenswert, einen europäischen Freiwilligendienst in einer solchen Phase stärker in das Problemfeld zu involvieren. Ich bin heute Abend und heute Nachmittag ein bisschen auf der Suche nach Anregungen und Ideen, die wir Karamba Diaby und Katrin Hirseland und anderen für ihre politische Arbeit mitgegeben können. Denn: Ohne ihren Einsatz werden sich die Rahmenbedingungen nicht wirklich bewegen können, wie wir aus vielen Jahren gemeinsamer Diskussionen wissen. Weil die Zeit knapp wird, gehe ich nun auf die sechs Zukunftsforen ein. Jede Gruppe war ja gebeten worden, eine zentrale Fragestellung für dieses Abschlusspodium zu präsentieren und wir beginnen mit dem Zukunftsforum 1 „Kulturarbeit“. Da weiß ich, dass Thorsten Groß den Zettel gerade hatte und ihn vortragen kann. Dafür gibt es auch ein Mikro.

Torsten Groß: Danke. Also wir haben keine Fragestellung, sondern mehr eine These formuliert, so haben wir das verstanden. Und wir haben auch keine Forderung an die Politik formuliert, weil das eigentlich auch so nicht der Auftrag war. Da hätten wir einige im Zukunftsforum gesammelt, die wir aber gern für die Dokumentation noch nachreichen können. Wir haben eine relativ allgemeine und deswegen auch so lange Satzthese formuliert: „Kulturarbeit der Migrantenvereine kann zu einer toleranten, demokratischen und vielfältigen Gesellschaft beitragen, wenn Migrantenvereine nicht nur kulturelle Tradition bewahren, sondern Kultur kreativ weiterentwickeln und sich stark an der Jugend orientieren und wenn die Mehrheitsgesellschaft, damit ist natürlich auch die Politik gemeint, die Kulturarbeit der Migrantenvereine mehr anerkennt, wertschätzt und unterstützt“. PD Dr. Ansgar Klein: Karamba Diaby, da fang ich gleich mal bei dir an. Dr. Karamba Diaby: Ja, also die These kann ich unterschrieben und finde das auch richtig. In meiner früheren Tätigkeit habe ich auch bei vielen Bildungsträgern und Vereinen gearbeitet. Kulturelle Bildung war eines der Themen, die für mich ganz, ganz wichtig waren. Ich denke, wenn wir von Migrantenorganisationen und kultureller Bildung reden, ist das ein ganz wesentlicher Aspekt. Ich fände es wichtig, wenn es uns gelingen würde, auch auf der Bundesebene die Forderung nach kultureller Bildung zu stärken und sich auch die Aufmerksamkeit ein Stück weit darauf richtet, dass es nicht nur um interkulturelle Bildung, sondern um kulturelle Bildung im Allgemeinen geht. Das finde ich einen wichtigen Aspekt und es ist auch nicht nur eine Aufforderung an die Politik, sondern auch an die Organisati-

onen, die in diesem Bereich arbeiteten und die dafür sorgen, dass sich die Vielfalt des kulturellen Lebens auch in der Arbeit widergespiegelt wird, die wir machen. Das wäre natürlich auch eine Voraussetzung, um an viele Töpfe und Fördermittel heranzukommen und Kooperationen mit anderen Einrichtungen zu erleichtern. Deshalb kann ich das nur unterstreichen, weil kulturelle Bildung eine der wesentlichen Säulen ist, wenn wir von Kulturarbeit reden. PD Dr. Ansgar Klein: Vielen Dank. Als nächstes ist Katrin Hirseland dran. Als ich mal in Bayern mit der damaligen Sozialministerin diskutiert habe, da hieß es dann: „Ja, wir fördern die Schützenvereine und unsere Traditionsvereine“; aber migrantische Kulturvereine kamen darin auf der Länderebene nicht vor. Deswegen meine Frage an dich Katrin Hirseland, da du dich ja mit der bundespolitischen Ebene und im Bundesamt sehr gut auskennst: Gibt es Kooperationen mit dem Bundeskulturbeauftragten, gibt es Förderprogramme für Migrantenorganisationen speziell im Bereich Kultur, wie ist da die Lage aus deiner Sicht? Katrin Hirseland: Also, spezielle Kulturförderprogramme für Migrantenorganisationen kenne ich keine, ehrlich gesagt. Ich schaue mal den Torsten Groß an, weil der sich bei dem Thema noch wesentlich besser auskennt. Er schüttelt mit dem Kopf. Also ich finde, das Thema Kultur und Migrantenorganisationen wird noch immer ein bisschen unterschätzt, wenn wir über gesellschaftlichen Zusammenhalt, über ein Miteinander, über „weg von dir und wir“, hin zu „lass und doch was zusammen machen“ reden wollen. Ich glaube, dass das Thema Kultur oft noch ein bisschen unterschätzt wird, weil es entweder in die schöngeistige Ecke oder in dieses „Jugendzentrumsthema“ ge-

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Abschließende Talkrunde drängt wird. Und ich glaube, dass man da eigentlich noch viel stärker daran arbeiten müsste. Was das Bundesamt betrifft, da muss ich gestehen, dass Kultur noch kein Förderschwerpunkt ist. Wir haben aber immer wieder Projekte im Förderprogramm, die auch Kulturaspekte beinhalten, seien es bspw. Theaterworkshops. Wir haben auch schon interkulturelle Opernprojekte gefördert. Aber es ist kein Förderschwerpunkt, kein Oberthema sozusagen, wobei wir insbesondere im Jugendbereich viele Projekte haben, die kulturelle Aspekte mitabdecken. Dr. Karamba Diaby: Ich wollte nur ergänzen, weil ich einen Satz gesagt habe, den ich nicht ausgeführt habe. Mein Appell ging dahin, dass auch Migrantenorganisationen verstärkt eine Mitgliedschaft in solchen Vereinigungen, wie beispielsweise der Landesvereinigung für kulturelle Kinder- und Jugendbildung, anstreben sollten. Ich weiß nicht, ob es in dem Bereich auch noch andere Zusammenschlüsse gibt. In Sachsen-Anhalt haben wir eine sehr engagierte Landesvereinigung kulturelle Bildung, dort gibt es auch eine Bundesebene die BKJ. Über solche Organisationen hätten wir die Möglichkeit, wirklich auch an andere Ressourcen heranzukommen. Also stelle sich vor beim Magistrat, bei der Stadtverwaltung oder wie auch immer die Strukturen heißen, zu sagen: „Wir sind ein Verein der Kurden und wir wollen ein kulturelles Projekt beantragen“. Es ist etwas anderes, wenn man sagen kann: „Ich bin Mitglied der Landesvereinigung kulturelle Bildung und wir wollen als Mitglied ein Projekt beantragen“. Also diesen Appell werde ich an vielen Stellen noch einmal vortragen, weil mir das am Herzen liegt. Wir müssen uns in Richtung der etablierten Strukturen öffnen, damit wir auch an andere Fördermittel kommen. Aber es geht nicht nur um För-

dermittel, sondern auch darum, den Erfahrungsaustausch und die Ressourcen gemeinsam nutzen zu können.

PD Dr. Ansgar Klein: So war es auch nicht gemeint. Es gibt eine soziologische Äußerung von Klaus Offe, der hat damals in unserer Enquete Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ auf drei niedrigschwellige Bereiche hingewiesen. Und einer ist, das hat Frau Hirseland gerade unterstrichen, Kultur, der andere ist Sport und der dritte ist interessanterweise Religion. Das ist folgendermaßen gemeint: Menschen engagieren sich, wenn sie z. B. religiös sind, in diesem Bereich selbstverständlich besonders, wenn sie davon überzeugt sind. Und wenn man das nutzt dann sind es, so war damals die Diskussion, allein diese drei Bereiche, in denen sich im Grunde Menschen engagieren, die sich sonst vielleicht nicht engagieren würden. Und natürlich, das ist völlig richtig, müssen auch alle Bereiche in den Förderprogrammen interkulturell geöffnet sein.

Katrin Hirseland: Wenn ich da noch ergänzen darf. Die Öffnung finde ich ganz wichtig und deswegen fand ich den Satzteil ‚Kultur kreativ weiterentwickeln‘ aus der These auch ganz wichtig. Wir würden jetzt sehr wahrscheinlich auch keinen Kulturverein, egal aus welchem Herkunftsland, fördern, der einfach nur seine kulturelle Tradition weiterleben möchte. Das wäre für uns und unsere Integrationsprojekte kein wirkliches Förderthema. Sondern da ist dann immer die Frage: Wie öffnen wir das? Wie kriegen wir andere Leute da mit rein? Wie machen wir was Neues daraus? Entscheidend ist das nichtum-sich-selber-drehen, das meine ich jetzt gar nicht negativ, denn das ist sicherlich auch ganz wichtig. Es ist aber einfach nicht das, was wir im Rahmen unserer Integrations- Publikum: Ich wollte nur vielleicht dazu ergänzen, weil ich aus Dortprojekte anstoßen würden. mund bin, die Stadt Dortmund hat PD Dr. Ansgar Klein: Ja, um es mal zum Beispiel auch im Rat beschlosetwas ironisch zu sagen: Die inter- sen, einen gewissen Teil von den kulturelle Öffnung der Kulturför- Kulturförderungsgeldern nur für derprogramme wäre ein echtes Migrantenorganisationen zur VerThema. Und, das wurde gerade fügung zu stellen. Und die haben gesagt, man muss dafür die beste- dabei auch den Schlüssel, dass die henden Strukturen in den fachpo- bestehenden staatlichen kulturellitischen Bereichen und Förder- len Institutionen, ihre Türen öffnen programmen sozusagen für die und ihre Veranstaltungen für MiMigrantenorganisationen öffnen. grantenorganisationen öffnen solDie Migrantenorganisationen müs- len. Und das ist eigentlich ein sehr sen sich selbstverständlich wie ein wichtiger Ansatz die Kultur der MiFisch im Wasser in diesen Kontex- granten in diesem Bereich ein bissten bewegen können und das min- chen hervorzuheben, weil wenn dert überhaupt nicht die Bedeu- man ins Schauspielhaus geht, ins tung der Programme, die etwa das Konzerthaus oder ins Dortmunder BAMF macht. Gibt es jetzt da eine U, dann ist da auch ein anderes Publikum. Nicht nur für die Migranten Wortmeldung, oder...? allein, auch der MehrheitsgesellDr. Karamba Diaby: Eine interkul- schaft ist es sehr, sehr wichtig, dass turelle Öffnung sollte nicht nur im sie diese Institutionen auch nutzen Rahmen der Kultur, sondern im können. ganzen Spektrum erfolgen. Sich auf die Kultur zu beschränken wäre, PD Dr. Ansgar Klein: Herzlichen Dank, das heißt kommunale Förnach meiner Meinung, verfehlt.

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Abschließende Talkrunde derprogramme, Förderpolitiken sind extrem bedeutend und wir haben ja hier in Dortmund gute Beispiele kennengelernt. Es ist ja eine Anregung für alle, um in ihren jeweiligen Kommunen zu schauen: Was ist da? Was kann man da bewegen? Soviel zum ersten Thema. Ich bitte um Verständnis, wir könnten jetzt hier noch lange diskutieren. Wir haben aber sechs Gruppen und wenig Zeit. Deswegen kommen wir zur zweiten Gruppe „Neue Migrantenorganisation“ und da hat Susanne Huth die Moderation gehabt, hat auch den Zettel und kann uns die Ergebnisse sozusagen kurz vortragen. Bitteschön. Susanne Huth: Ich habe extra ein Foto von unserer Pinnwand gemacht. Wir haben auch eine These, unser Thema war „Neue Migrantenorganisation“ und die Entwicklungen, Entstehungen neuer Migrantenorganisationen ist in einem Spannungsverhältnis zu sehen, von der Modernisierung alter Migrantenorganisationen, neuer Zuwanderung, neuen Themen, neuen Gruppen. Und unsere These lautet: „Voraussetzungen für neue Migrantenorganisationen sind neue Bedarfe, neue Personen, Gelegenheiten und alte Erfahrungen“. Das heißt, es müssen neue Bedarfe entdeckt werden, für die es im Moment noch keine Antworten oder Strukturen gibt, die sich darum kümmern. Und es müssen die Personen da sein, die sagen, ich nehme mich dieses Bedarfes an, suche mir Mitstreiterinnen und Mitstreiter und wir gehen das Thema an, weil wir hier was tun können, zum Beispiel eigene Erfahrungen weitergeben. Und es braucht natürlich diese Gelegenheiten, die Zeit muss passen, der Rahmen muss passen. Es muss vielleicht zufällig der richtige Ort da sein, oder jemand kennt jemanden, irgendwelche Gelegenheiten müssen dafür da sein. Und was ganz bedeutsam in unserer Diskussion herauskam: Man muss

das Rad nicht neu erfinden, sondern man kann auf die alten Erfahrungen zurückgreifen, man kann auf Dachstrukturen und -organisationen zurückgreifen. Es ist ganz wichtig, was Karamba Diaby gerade eben sagte. Es gibt auch in den Ländern solche Dachstrukturen. Man kann sich Coachings und Erfahrungen holen, den Austausch suchen und somit eben auf dem aufbauen, was bereits da ist.

die Möglichkeit geben, die erforderlichen Kompetenzen zu erwerben, wenn sie sie noch nicht haben. Also wir müssen sie in die Lage versetzen Strukturen aufzubauen. Was heißt das denn Pressearbeit, Öffentlichkeitsarbeit? All diese Dinge muss man lernen, dafür braucht es Angebote. Da kommen die Freiwilligenagenturen ins Spiel, die Freiwilligenakademien, natürlich auch Häuser wie unseres, die solche Geschichten fördern, aber auch andere. Ich glaube, deswegen muss es mehr als die Personen, die Ideen und die Gelegenheiten geben. Es braucht noch etwas, das sie flankiert.

PD Dr. Ansgar Klein: Ganz herzlichen Dank, Susanne Huth. Es wird also deutlich: Auch das Feld der Migrantenorganisationen als ein Ausschnitt, ein wichtiger Bereich der organisierten Zivilgesellschaft, ist einem Wandel unterlegen, der sich durch Themen und Problem- PD Dr. Ansgar Klein: Vielen Dank, stellungen eben ergibt. Vor diesem Karamba Diaby. Hintergrund zu der These der ArDr. Karamba Diaby: Ja, neue Mibeitsgruppe, Katrin Hirseland. grantenorganisationen. Ich kann Katrin Hirseland: Also ich war in mir sehr gut vorstellen, was an der gleichen Arbeitsgruppe, inso- Herausforderungen damit zusamfern kann ich die These erstmal mit menhängt, weil ich in den letzten einem großen „Ja“ unterschreiben. 27 Jahren selbst sehr viele OrganiAber ich würde noch ein kleines sationen mitbegründet habe. Ich Plus dazu machen. Was ich nicht verbinde das Thema mit Vernetganz so sehe ist das Thema der zung, denn ich bin der Meinung, neuen Leute, weil es auch alte wenn man sich neu gründet, dann Leute sein können, die eine neue hat man die Bedarfe vorher analyIdee aufgreifen. Also das würde ich siert. Bedarfe, Tätigkeiten, Felder, nochmal vielleicht ein bisschen ein- Inhalte, die man gern weiterbegleischränkend sagen. Aber dieser Mix ten will, indem man auch weitere von Faktoren, der ist schon ganz Mitstreiterinnen und Mitstreiter wichtig, aber damit das klappt, sucht. Also diese Vernetzung finde müssen die flankiert werden, glau- ich wichtig und damit meine ich be ich. Wir brauchen nicht nur das zugleich mehrere Säulen: VernetThema, die Leute und die Gelegen- zung sowohl mit anderen, bereits heit, sondern wir brauchen auch existierenden Organisationen im Strukturen und Angebote, die es Allgemeinen und Vernetzung mit ermöglichen, dass aus der Idee und den Strukturen der Mehrheitsgeder Gelegenheit tatsächlich, wenn sellschaft, die in der Mehrheitses erforderlich oder gewünscht ist, gesellschaft existieren. Ich denke eine Organisation wird. Wir haben an Institutionen, gesellschaftliche auch drüber gesprochen, dass es Gruppen, aber auch an Vereine, nicht immer ein Verein sein muss, Gesellschaften und Wohlfahrtses kann auch eine Ad-hoc Gruppe verbände. Diesen Vernetzungsgeoder Ähnliches sein, die sich über danken, meine ich auch in Richtung Jahre trifft. Aber ich glaube, damit der Politik, als Politiker werdet ihr das richtig gut klappt, muss man das auch verstehen. Wir schimpfen den Leuten, die sich engagieren, meistens über die Politik, aber die

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Abschließende Talkrunde Politik entscheidet ja auch Vieles. Wenn man also wirklich seine Themen dort platzieren will, dann muss man auch die Richtung, den Weg zur Politik, finden. Vernetzung meine ich auch mit den Parteien vor Ort, aber auch mit den gewählten Vertreterinnen und Vertretern. Ich bin Stadtrat in Halle, daher kenn ich es, dass viele Vereine auf mich zukommen und dann sagen: „Es gibt uns seit so und so…“ und da sag ich: „Toll, dass ihr das so macht. Wenn ihr nicht kommt, dann kann ich euch nicht wahrnehmen“. Also nochmal zusammengefasst: Vernetzung im Zusammenhang mit neuen Migrantenorganisationen, das finde ich wichtig. PD Dr. Ansgar Klein: Jetzt habe ich noch zwei Fragen. Wir können hier nicht immer in die ganze Tiefe gehen, aber gibt es Erfahrungen darüber, ob sich ältere, schon etablierte Migrantenorganisationen vielleicht für neuere Fragen und neue Generationen nicht hinreichend öffnen? Gibt es Generationenkonflikte in Migrantenorganisationen, wie in anderen Organisationen unserer Zivilgesellschaft auch? Oder ist da im Grunde die Bereitschaft sich zu öffnen, relativ hoch? Ich frage mal Frau Arkat an. Können Sie einfach mal für die Türkische Gemeinde sagen, wie es da bei Ihnen aussieht? Das ist eine spannende Frage für alle. Nalan Arkat (Publikum): Also was die Türkische Gemeinde in Deutschland angeht, ist die Bereitschaft sehr hoch. Wir haben schon vor einigen Jahren angefangen eine Jugendorganisation auf die Beine zu stellen. Das hat sich verselbständig, sodass sich die Organisation „Young Voice“, mittlerweile in sechs Bundesländern selbst organisiert und weiterentwickelt hat. Unser Ziel ist es natürlich „Young Voice“ auf den Weg zu einer bundesweiten Organisation zu unterstützen. Unsere Öffnungsstrukturen, unsere Erfahrung, unser Know-how ste-

hen dafür natürlich zur Verfügung. Und es ist selbstverständlich und ich finde auch sehr nützlich, dass es Meinungsverschiedenheiten, unterschiedliche Erwartungen und neue Ambitionen gibt. Dadurch können eine Plattform für Diskussionen entstehen, neue Ideen erarbeitet und so die demokratische Entwicklung gestärkt werden, sowohl für ältere etablierte Vorstandsmitglieder und freiwillig Engagierte, als auch für junge Leute. Es ist ein Entwicklungsprozess, es ist ein sehr nützlicher demokratischer Prozess und auch ein Stück, wenn sie so wollen, Partizipationsübung. PD Dr. Ansgar Klein: Ja, vielen Dank. Moment, eine Frage habe ich jetzt noch an Frau Hirseland. Wenn sich jetzt eine neue Jugendorganisation der Türkischen Gemeinde gegründet hat und schon in sechs Bundesländern präsent ist, kommt sie dann irgendwann in den Bundesjugendring? Also das sind die spannenden Fragen: Öffnung der großen Strukturen für Migrantenorganisationen und ihre Formate. Nalan Arkat (Publikum): Wir wären sofort dabei. Aber die Hürden sind für eine Migrantenorganisation so hoch, dass es so einfach gar nicht geht. Wenn es heute ginge, dann wären wir sofort dabei.

trifft auch die Hürden für Finanzierungen im Kinder- und Jugendplan. Es gibt nun einmal Richtlinien, die sind auch richtig und die muss es auch geben. Grundvoraussetzung ist für uns als Jugendverband, dass wir mit einer selbstorganisierten, selbstbestimmten und freiwilligen Jugendorganisation sprechen. Eines unserer wichtigsten Kriterien zum Beispiel, dass man ein anerkannter Träger der Jugendhilfe sein muss. Das sind auch Punkte, an die wir selbst gebunden sind. Wir müssen uns auch ein Stück weit den Richtlinien anpassen. Es geht ja nicht, dass wir da komplett andere Richtlinien anlegen. Wir haben zum Beispiel die alevitische Jugend als Vollmitglied bei uns, darüber sind wir auch sehr froh, weil es auch ein sehr wichtiger Verband für uns ist. Die DIDIF Jugend ist Anschlussmitglied bei uns geworden, innerhalb der deutschen Jugend in Europa haben wir einen kurdischen Verband, einen assyrischen Verband. Amaro Drom, der Verband der Roma und nicht Roma, hat eine Stimme, die im DBJR gehört wird. Wir haben auch gute Partnerschaften mit der muslimischen Jugend und mit der deutschen Jugend aus Russland. Es ist nicht so, dass wir uns dem verschließen, aber das eine darf man nicht vergessen: Die Anforderung für den Deutschen Bundesjugendring, aber auch für die Landesjugendringe, ist natürlich eine interkulturelle Öffnung, die können wir aber nicht zum Nulltarif bieten. Das heißt, wenn das Ministerium, die Gesellschaft eine Förderung von Migrantenjugendverbänden haben möchte und die Jugendverbände selbst auch, was ja auch legitim ist, dann muss es auch mehr Geld geben, damit die Jugendverbände, die Migrantenjugendverbände, diese Leistungen auch nicht mehr zum Nulltarif anbieten.

Katrin Hirseland: Ja, das hätten Sie auch eine Vertreterin des Deutschen Bundesjungendringes fragen können. Ich bin stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Bundesjungendringes, kein Problem. Es ist natürlich so, dass wir uns als Deutscher Bundesjugendring selbstverständlich die interkulturelle Öffnung der Jungendverbände auf die Fahnen geschrieben haben. Für uns sind Migrantenjugendverbände ein selbstverständlicher Teil der Jugendverbandslandschaft, das ist auch unumstritten. Was PD Dr. Ansgar Klein: Herzlichen die Hürden betrifft, da sind wir ja Dank. Das nimmt auch Karamba Diglaub ich nicht die Einzigen, das be- aby sicher in seinem großen Spei-

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Abschließende Talkrunde cher mit. Ich kann jetzt leider nicht mehr auf Details eingehen. Wir sind schon ein bisschen überzogen in der Proportionalität, da bitte ich um Verständnis. Ist das noch eine wichtige Meldung, dann selbstverständlich. Publikum: Ich möchte gern noch einen Gegensatz ins Gespräch bringen. Ich leite unseren Verein seit 1997 und meine Stellvertreterin und der Schriftführer gehören der zweiten Generation an, ich der ersten Generation. Wir versuchen seit Jahren den Vorstand an Jüngere weiterzugeben, bisher habe ich es nicht geschafft. Vielleicht bekomme ich Hilfe von jemandem, um das zu schaffen. Ich habe volles Verständnis für neue Organisationen von Jugendlichen. Ich meine: Man sollte versuchen, die bestehenden Strukturen auch entsprechend zu verändern, dass wir offen für einander sind, dass wir auch bereit sind als Ältere mit Jugendlichen, unter Wahrung der eigenen Bedürfnisse und Notwendigkeiten, zusammenzuarbeiten. Das ist nach meiner Überzeugung die beste Möglichkeit es auch gemeinsam zu schaffen. Dadurch kommen auch intergenerationelle Begegnungen zustande und ich glaube, das ist der richtige Weg, den wir für unsere Gesellschaft verfolgen sollten. PD Dr. Ansgar Klein: Ja, vielen Dank. Katrin Hirseland: Ganz kurz dazu. Deswegen hatten wir auch den Punkt alte Erfahrungen mit dabei und das haben wir sehr positiv gemeint. Im Sinne von: „Das kann nur klappen, wenn ‚alte Hasen und neue Hasen‘, zusammenarbeiten“. PD Dr. Ansgar Klein: Herzlichen Dank, wir kommen jetzt im Sauseschritt zu Marissa Turaç und dem Zukunftsforum „Flüchtlingsarbeit“. Marissa Turaç: Ja, wenn man eine These bei uns in der Arbeitsgrup-

pe nennen kann, dann ist es folgende: Die Flüchtlingspolitik und die Flüchtlingsarbeit müssen neu gedacht werden. Die Art und Weise wie sie bisher laufen, ist sehr stigmatisierend und starr und wir möchten, dass die Flüchtlingsarbeit mehr unter integrativen Gesichtspunkten behandelt wird. Wir haben in diesem Bereich eine sehr aktive Organisation „Jugendliche ohne Grenzen“, die sich eher als eine Initiative versteht. Sie beweist, dass ihre Arbeit sowohl im politischen Kontext, als auch in der konkreten Beratungsarbeit vor Ort, sehr erfolgreich sein kann. Wir möchten, dass die Ressourcen und Potentiale von jungen Flüchtlingen gesehen und anerkannt werden und stärker in den Blick der Öffentlichkeit genommen werden. Wir haben Ideen entwickelt, wie man diesen Perspektivenwechsel oder dieses Umdenken auf die EUEbene verlagern und auch in die Bundesländer hineintragen kann, z. B. durch entsprechende Vernetzungstreffen von zivilgesellschaftlichen Akteuren. „Jugendliche ohne Grenzen“ hat es geschafft, Zugänge zu politischen Gremien und politischen Akteuren herzustellen, um ihre Bedarfe entsprechend zu formulieren und im Prinzip kommunale Politik vor Ort, aber auch die Politik auf Landesebene zu erreichen. Publikum: Ja, wir haben es geschafft, unsere Meinung über kommunale Politiker und Landespolitiker in den Landesministerien auch im den Landtag zu bringen. Marissa Turaç: Ja, Dankeschön. Ein weiterer Aspekt ist die interkulturelle Sensibilisierung der Ausländerbehörden. Ich selbst war in der Flüchtlingsarbeit tätig und der Ton ist dort manchmal sehr barsch. Aber es gibt jetzt ein bundesweites Projekt, das auch vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit unterstützt wird und in dem es

um die Etablierung einer Willkommenskultur in den Behörden geht. Sicherlich wird dieses Projekt in erster Linie unter dem Blickwinkel der Neuzuwanderer betrachtet, ich denke, dass auch Flüchtlinge davon profitieren werden. Eine ganz konkrete Forderung ist es, jungen Flüchtlingen, aber auch den älteren Flüchtlingen, einen Zugang zum Bildungs-, Arbeits- und Wohnungsmarkt zu gewähren und die finanziellen Ressourcen, die bisher in der Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen ausgegeben wurden, effizienter zu gestalten. Weg von einer zentralen Unterbringung, hin zu einer dezentralen Unterbringung, die auch mehr Integration vor Ort schafft. Katrin Hirseland: Das gerade angesprochene Projekt beschäftigt sich mit dem Thema, interkulturelle Öffnung von Ausländerbehörden, um sie zu Willkommensbehörden oder Aufenthaltsbehörden zu entwickeln. Wir suchen noch nach einen guten Wort dafür. Zurzeit wird es in zehn Bundesländern und deren Ausländerbehörden ausprobiert, die sich dafür interessiert haben. Wir haben außerdem weitere andere Ausländerbehörden, die als Partner fungieren und gute Tipps geben können, weil sie einen solchen Prozess schon durchlaufen haben. Das ist ein sehr groß angelegtes Projekt, das wir als BAMF von einem externen Projektnehmer durchführen lassen. Da wird es ganz viel Beratung und ganz viel Vernetzung geben. Der Sinn dieser Maßnahme ist natürlich, dass mehr als nur diese zehn Ausländerbehörden davon profitieren. Wir werden die sehr unterschiedlichen Erfahrungen, die es in diesen Ausländerbehörden geben wird sammeln, denn es wird sicher keinen goldenen Weg geben, der dann irgendwie für alle umsetzbarbar ist. Das werden wir dokumentieren, um es weiteren Ausländerbehörden, aber auch der geneigten

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Abschließende Talkrunde Fachöffentlichkeit zur Verfügung stellen, damit man das ganz einfach nachmachen kann, ganz platt gesagt. Das Projekt ist auf zwei Jahre angelegt und wir investieren da relativ viel Gehirnschmalz und Geld rein, weil das für uns ein wirklich wichtiges Thema ist. Und ich finde es wirklich sehr bezeichnend, wir sind ein Projekt, in dem Bund, Länder und kommunale Stellen über die föderalen Grenzen hinweg in großem Einvernehmen zusammenarbeiten. Das ist glaube ich auch nicht immer selbstverständlich und das finde ich ganz toll. Zu dem Thema Förderung für Flüchtlinge, dazu kann ich nur sagen, letztlich ist es eine politische Entscheidung, wie Integrationsförderprogramme ausgelegt werden und diese politische Entscheidung trifft nicht das Bundesamt, wir setzen sie um. Insofern wäre ich fein raus, aber da sind natürlich viele Dinge dabei, wo man sagen kann: „Ja, da sind sinnvolle Geschichten dabei, aber solang die politischen Rahmenbedingungen so sind, wie sie sind, können mit unseren Integrationsmitteln, die wir haben, außer mit den europäischen Flüchtlingsfonds, keine Flüchtlingsintegrationsprojekte gefördert werden. PD Dr. Ansgar Klein: Vielen Dank, Katrin Hirseland. Wir haben den Karamba Diaby hier, das heißt, die Politik sitzt mit am Tisch. Und in der Tat, nur noch ein Stichwort, nächstes Jahr ist im Mai eine europäische Wahl und ich glaube schon, dass das Thema Migration in Europa, aber auch Flüchtlinge in Europa dabei relevant ist. Wir müssen nur an die Stellungnahme des katholischen Papstes zu Lampedusa denken, die vor dem Hintergrund von hunderten von Toten wirklich erschüttert erfolgte. Da ist eine Bewegung drin und insofern ist da auch die Politik gefordert, dieses sehr unschöne und zum Teil brutale Bild der Festung Europa zu revidieren und gute Antworten zu finden.

Dr. Karamba Diaby: Ja, ich denke, dass die Politik dieses Thema noch nicht richtig realisiert hat und dass es dort einen Handlungsbedarf gibt. Ich kann vielleicht an der Stelle nur unsere Position wiederholen und bekanntgeben, die gerade auch in den Koalitionsverhandlungen eine wichtige Rolle spielt. Wir als SPD treten für eine Liberalisierung der Flüchtlingspolitik an. Es wurde von Katrin Hirseland schon gesagt: Die Politik muss Entscheidungen treffen, weil diese – unserer Meinung nach – in den Verhandlungen eine wichtige Rolle spielen. Ich hatte von Liberalisierung gesprochen, aber es geht natürlich auch um die Solidarität zwischen den europäischen Ländern. Die Gesetzgebung sieht momentan so aus, dass die Verantwortlichkeiten so verteilt sind: „Wenn du an der Tür stehst, an der die Flüchtlinge ankommen, dann hast du die Verantwortung zu tragen.“ Ich spreche hier von Italien, von Griechenland usw. Wenn man so privilegiert liegt wie Deutschland, dann klopft keiner an deine Tür. Die Leute kommen trotzdem hierher, das ist richtig. Ich bin persönlich der Meinung, man muss die Dublin Verträge aktuell noch einmal überdenken und schauen, in wie weit man die Verantwortlichkeiten wirklich anders besprechen kann. Ich meine nicht, dass alle nach Deutschland kommen sollen, auf keinen Fall. Das ist auch nicht so gedacht, aber die Verantwortlichkeiten müssen nochmal überdacht werden, das nur als politische Forderung. Wir sind natürlich auch der Meinung, dass in diesem Bereich auch etwas an der Umsetzung geändert werden muss. Die Politik kann die Regelungen ändern und wenn sie geändert werden, dann kann das BAMF es entsprechend umsetzen. Wir reden hier zum Beispiel ganz allgemein von dem Stichtag für den unabhängigen Bleiberechtsregelungszugang zu Sprachkursen, von den Arbeitsmöglichkeiten, der

Arbeitserlaubnis und der Residenzpflicht. Das sind alles Forderungen, die im Bereich der Flüchtlingspolitik auf unserer Agenda stehen und ich denke, diese Forderungen werden auch eine Rolle in den Gesprächen spielen, die gerade laufen. Als letzter Satz, ich habe zur Kenntnis genommen, dass der Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge ein ganz interessanten Vorschlag gemacht hat. Er hat nämlich vorgeschlagen, dass Flüchtlinge, von denen man weiß, dass sie keine Chance auf Asyl haben, weil sie z. B. aus einem sicheren Drittstaat, wie dem Senegal kommen, im Interesse des eigenen Landes eine Möglichkeit für einen Zugang nach Deutschland erhalten. Wenn jemand beispielsweise hoch qualifiziert ist, da wissen wir, dass es Gesetzgebungen und Regelungen für die Zuwanderung von Hochqualifizierten gibt und das eröffnet Möglichkeiten für einen Asylantrag. Ich sage aber auch, die Gesetzgebung muss geändert werden und das kann das BAMF nicht allein machen. Sie können sicher sein, in der SPD-Fraktion gibt es genug Leute, die an dieser Stelle den Finger in die Wunde legen, dass möchte ich nur sagen. PD Dr. Ansgar Klein: Vielen Dank. Das stimmt und das wäre eigentlich ein abendfüllendes Thema. Ich habe jetzt hier eine Wortmeldung hier vorne und dann kann das Podium kurz reagieren. Wir müssen ein bisschen überziehen, ich kündige jetzt schon mal zehn Minuten Überziehung an. Wir müssen auch den anderen Gruppen eine gewisse Chance geben und ich möchte diese Wortmeldungen jetzt wirklich noch dran nehmen. Cecilia Ramirez (Publikum): Ich hatte nicht die Möglichkeit, mit allen Leuten zu sprechen, die als Behörden und Institutionenvertreter hier sind. Aber es ist mir sehr wich-

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Abschließende Talkrunde nen jetzt leider nicht tiefer gehen, zu fördern. Das heißt, dass der vielen Dank für die Stellungnahme. Bund Bundesmittel für die Förderung von integrativen Projekten für Noch eine können wir hören. Flüchtlinge oder für Asylbewerber Publikum: Noch ganz kurz zu dem, aktuell nicht zur Verfügung stellt. was Frau Hirseland gesagt hat. Das ist die politische Entscheidung, Meiner Meinung nach ist das Pro- bis sich die nicht ändert, können blem, dass wir nicht alle Aufgaben wir mit den Mitteln, die wir zur in die Politik verschieben müssen. Verfügung haben, Ihre Arbeit nicht Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass fördern, um Sie jetzt als Beispiel zu alle ihren eigenen Beitrag dazu lei- nehmen. Das sind aber einfach die sten sollten. Insbesondere die Be- Rahmenbedingungen, ob ich das troffenen versuchen sich zu orga- persönlich gut oder schlecht finde, nisieren, wie z. B. die Organisation das ist eine andere Frage. Ich wür„Jugendliche ohne Grenzen“. Man de das selbst auch so sehen, es gibt sollte auch die Menschen nicht nur ganz viel Engagement im Flüchtnach ihrem Status beurteilen, son- lingsbereich, das man unterstützen dern man sollte die Inhalte und ihre muss. Aber das geht nur, wenn die Forderungen sehen. Ganz wichtig politischen Vorgaben so sind, dass ist auch, man merkt den Mut oder ich sie unterstützen kann. den Willen, aber das reicht nicht aus, irgendwann muss man auch die PD Dr. Ansgar Klein: Ok, herzlichen finanzielle Seite klären. Für selbstor- Dank. Wir wissen, diese Debatte ganisierte Initiativen sollten Mög- bräuchte Stunden, weiterer Rat lichkeiten geschaffen werden, dass ist von Nöten, es ist auch viel Bediese Menschen einen Verein grün- troffenheit im Spiel und da gibt es den können. Wie sollen sie mit so noch viel zu lösen. Wir haben die vielen Baustellen einen Verein grün- Toten im Mittelmeer vor Augen, den und eine Satzung verabschie- das muss man auch sagen. Aber den? Es wäre einfach schön, wenn das sind flüchtlingspolitische FraMenschen, die eine spontane Idee gen von großer Bedeutung, wie haben, diese Ideen auch umsetzen gesagt, nächstes Jahr ist auch ein können und man ihnen die Möglich- Jahr der Europawahl und alle Orgakeit einräumt ihr Ziel zu erreichen. nisationen, die hier mit im Raume So können wir den Betroffenen ein sind, haben die Möglichkeit in diepositives Bild vermitteln und den sem Zusammenhang ihre Stimme Kritikern zeigen, dass unsere Politik zu erheben. Wir kommen zum Zuetwas bewegt und wir auf einem kunftsforum „Elternarbeit“ und da guten Weg sind. Das kann die Politik hat Antonio Diaz die Ergebnisse, nicht alleine, wir leben in einer De- die er kurz vorstellen wird. mokratie. Antonio Diaz: So, ich mache es ganz Katrin Hirseland: Also ich glaube, kurz. Wir haben folgende Punkte, da haben Sie mich ein bisschen viele davon haben wir gemeinsam falsch verstanden, denn da sind mit dem Zukunftsforum „Neue Miwir, glaube ich, gar nicht so weit grantenorganisation“. Hauptamt auseinander. Mein Hinweis hatte braucht Ehrenamt und Ehrenamt sich einfach darauf bezogen, dass braucht Hauptamt, das Übliche. im Moment die Vorgaben der Po- Die neuen „Elternvereine“ in dem litik für die Förderrichtlinien in der Fall aus Spanien, genannt „AlcanIntegrationsförderung dergestalt tara“, wollten sich organisieren. sind, dass der Bund entschieden Die vorhandenen Migrantenorgahat, Integrationsmaßnahmen nur nisationen, oder Organisationen, PD Dr. Ansgar Klein: Hier gab es aus seiner Perspektive für Men- Verbände, spanische Elternvernoch eine Wortmeldung. Wir kön- schen mit dauerhaftem Aufenthalt eine, Elternnetzwerk etc., wollen, tig zu erwähnen, weshalb ich hier bin. Ich bin von der Gewerkschaft Verdi und ich finde die Thematik der Flüchtlingspolitik, das ist eine Sache, da muss sich wirklich jeder von uns schämen. So geht das nicht mit Menschen. Für die Politik, die Mitte der Gesellschaft und auch für die Gewerkschaften ist das ein Versagen. Ich gebe nur ein kleines Beispiel: In Oldenburg wurde die Versorgung der Flüchtlingswohnungen zentralisiert. Niemand wollte die Flüchtlinge haben, niemand wollte den Flüchtlingen eine Wohnung zur Verfügung stellen. Jeder von uns muss ein bisschen solidarischer damit umgehen und ich denke, dass hat die Politik noch nicht begriffen. Nach dieser Katastrophe in Lampedusa, bei der viele Menschen gestorben sind, dass passiert nicht nur einmal sondern seit Jahren in Italien, in Griechenland. Es sterben viele Menschen und wir gehen nur dorthin um zu baden und Urlaub zu machen. Das ist sehr tragisch, sehr zynisch und ich finde, dass muss anders verhandelt werden. Solange nicht jeder von uns in dieser Sache etwas tut und uns die Politik den Rücken stärkt, wird meiner Meinung nach keine Veränderung der Situation von Flüchtlingen stattfinden. In der Gewerkschaft der Jugend wurde diese Thematik angesprochen und ich finde es schade, dass diese institutionelle Diskriminierung immer noch bei den Flüchtlingen vorhanden ist. Man spricht von Ämtern, von Ausländerbehörden, vom BAMF, viele der Mitarbeiter in diesen Einrichtungen sollten vielleicht mehr interkulturelle Kompetenzen entwickeln und mehr AntiDiskriminierungsübungen machen, damit sie die Menschen anders behandeln lernen. Das ist meine Botschaft von der ich hoffe, dass nicht nur Jugendliche, sondern alle Generationen da etwas tun. Danke.

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Abschließende Talkrunde mitgestalten, mitorganisieren und tun es bereits. Aber dafür braucht es Ressourcen, politischen Willen, Räume der Begegnung und etwas das sehr schwierig ist, aber von vielen gewünscht wird: Zeit und Geduld, damit man zueinander findet. Ich weiß, das ist sehr schwierig und politisch ein Alltagsgeschäft. Dann kam noch eine interessante Anregung, die Schaffung von One-StopShops oder Welcome-Centern in den jeweiligen Kommunen. Das ganz kurz. PD Dr. Ansgar Klein: Herzlichen Dank. Auch hier machen wir jetzt eine ganz kurze Runde und fangen an mit Katrin Hirseland. Es gab ja hier Vorschläge, wie One-StopStrategien in den Kommunen zu verfolgen.

wir wissen, in vielen Belangen vor allem eine Länderzuständigkeit. Der Bund kann trotzdem ein bisschen was machen. Vielleicht muss man ja gerade im Bildungsbereich das Verhältnis zwischen Bund und Ländern überdenken. Das ist ja eine Debatte, die im Angesicht der Bedarfe neu entbrannt ist. PISA hat uns ja allen doch deutlich und dramatisch vor Augen geführt, dass gerade die Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, diejenigen sind, die als erste aus den Bildungsgängen ausscheiden. Das heißt, im Bildungsbereich ist doch eine soziale Selektion erkennbar. Deswegen auch die Frage: Wir wissen, die Bundespolitik kann an dieser Stelle nicht allein handeln und braucht zwingend die Länder, was wäre da eine mögliche gute Antwort?

flächendeckende Ganztagsschule eintreten. Das heißt, langes gemeinsames Lernen auch in Ganztagsschulen, damit Kinder aus bestimmten sozialen Schichten, aber auch alle Schülerinnen und Schüler mehr voneinander profitieren können. Das ist eine politische Forderung, die ich nochmal wiederholen möchte, denn ohne diese werden wir die Defizite, die PISA aufgezeigt hat, nicht angehen können und darüber werden wir reden müssen. An dieser Stelle gibt es viele Handlungsbedarfe. PD Dr. Ansgar Klein: Vielen Dank. Noch zwei Anmerkungen: Die Aufhebung des Kooperationsverbotes ist auch im Bereich der Engagementförderung von Gewicht, weil die Engagementförderung in den Kommunen eine freiwillige Aufgabe ist. Ist die Kommune pleite, kann sie das nicht mehr leisten. Deswegen sind viele, gerade Infrastruktureinrichtungen, die kommunal Engagement fördern, immer prekär. Daher ist das ein ganz wichtiger Punkt. Der zweite Punkt, ich erinnere daran, das BBE ist in ganz enger Zusammenarbeit mit Susanne Huth und ihrem Institut dabei ein Netzwerk der Elternorganisationen der Migrantenorganisationen auf Bundesebene zu erstellen, um den Erfahrungsaustausch und die Durchschlagskraft für unsere Themen zu verbessern. Da sind wir auch schon mit dem BAMF in Gesprächen, dass wir das – sobald es möglich ist – realisieren können. Wir haben ja in Halle den Gründungsimpuls für diese Idee gehabt, da wir sind noch dran. Das wollte ich nur noch einmal sagen, aber es dauert noch ein bisschen. Soweit zu diesem Punkt und jetzt kommen wir zum Zukunftsforum „Jugend(verbands-)arbeit“. Mein Namensvetter Ansgar Drücker wird jetzt kurz die Ergebnisse vortragen.

Dr. Karamba Diaby: Also eine der politischen Forderungen, die wir immer wieder gestellt haben und die auch heute noch aktuell in den Koalitionsverhandlungen ist, weil wir in Verantwortung gehen wollen und Dinge angehen und ändern wollen, dafür sind wir auch im Wahlkampf angetreten. Wir treten zum Beispiel für die Aufhebung des Kooperationsverbotes ein. Du sagtest ja, der Bund kann etwas machen, darf aber nicht alles machen und setzt sich stark im Bereich Hochschulen ein. Für diejenigen, die es nicht wissen, es gibt ein Verbot, dass der Bund nicht direkt mit den Ländern kooperieren darf, wie z. B. im Bereich Bildung, die Sache der Länder ist. Nicht nur die armen Länder, auch reichere wie Nordrhein-Westfalen, bleiben dabei auf der Strecke. Wir plädieren dafür, dass dieses Verbot aufgehoben wird, damit sich der Bund stärker im Bereich Bildung engagieren kann. Leider sind wir wirklich weit davon entfernt, weil die Meinungsunterschiede zwischen den KoalitiPD Dr. Ansgar Klein: Ja, vielen onspartnern wirklich groß sind. Das Dank. Eine Frage an Karamba Di- andere, was ich erwähnen möchte Ansgar Drücker: Ja, Ansgar dankt aby: Die Bildungspolitik ist ja, wie ist auch, dass wir natürlich für eine Ansgar. Wir haben uns zunächst Katrin Hirseland: Also zum ersten kann man einfach sagen: Ja, genau. Das Thema One-Stop-Shop in Kommunen, da gibt es schon Beispiele. Ich glaube, dass sich das im Moment noch stark auf das Thema Fachkräfte fokussiert und davon muss es weg. Ich weiß nicht, wie die Erfahrungen in Essen sind, da ist das im Moment auch im Schwange, da habe ich mich aber nicht mehr auf den aktuellen Stand gebracht. Also ich halte das für eine sehr gute Idee, ich glaube, dass das allerdings einiges an Umorganisation auf kommunaler Ebene braucht und das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Und ich glaube, dass man es dann auch wirklich nicht nur auf das Thema der neu-zugewanderten Fachkräfte beschränken sollte, sondern es wirklich zu einer grundsätzlichen Vorgehensweise kommunalen Handelns erklären sollte. Aber da mag ich jetzt nicht den Kommunen irgendwie „reinreden“. Ich finde das eine sehr einleuchtende Idee.

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Abschließende Talkrunde mit der Frage beschäftigt, die eben schon kurz angeklungen ist: „Ist es eine selbstverständliche Grundbedingung der Jugendverbandsarbeit, dass wir eigenständige Jugendverbände haben, die von Jugendlichen mit finanzieller, personeller und inhaltlicher Selbstverantwortung in die Hand genommen werden?“ Das als Grundvoraussetzung. Wir haben darüber diskutiert, wie lange es denn noch Migrantenjugendverbände geben könnte und die allgemeine Einschätzung war: Noch ganz schön lange, weil die Mitgliedschaft in einem Migrantenjugendverband eben auch in der zweiten und dritten Generation nicht die einzige sein muss, sondern es möglicherweise noch weitere Mitgliedschaften in vielen anderen Organisationen der Mehrheitsgesellschaft geben kann. Auch braucht es weiter eine Orientierung auf die Herkunftskultur der Eltern und der Großeltern, die weiterhin eine wichtige Bedeutung hat. Insofern sind Migrantenjugendverbände keine Übergangsmodelle, keine Auslaufmodelle, sondern – zumindest aus unserer Einschätzung – noch für lange Zeit Teil der Gesellschaft und damit natürlich auch der Jugendverbandsarbeit. Und daraus leitet sich unsere Forderung oder zunächst unsere Einschätzung ab: Jugendverbandsarbeit als freiwilliges, selbstbestimmtes Engagement junger Menschen entscheidet mit über die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft. Angesichts des demografischen Wandels ist eben die Stimme der Jugend, die Rolle der Jugend eine wichtige und dabei steht ehrenamtliches Engagement weiter im Mittelpunkt. Die Jugend ist weiterhin der Kern der Jugendverbandsarbeit, sie braucht aber hauptamtliche Unterstützung, durchaus eher in einer unterstützenden, in einer ermöglichenden Rolle. Wer schreibt da die Anträge, wer macht die Abrechnungen für die ehrenamtliche Arbeit und ermöglicht die ehrenamtliche Be-

teiligung? Das ist natürlich nicht nur über eine Projektförderung, sondern in Form einer dauerhaften Regelförderung auch für Migrantenjugendselbstorganisationen zu sehen. Dankeschön. PD Dr. Ansgar Klein: Vielen Dank, auch hier eine kurze Antwort. Katrin Hirseland: Ich stehe hier immer wieder vor dem Problem, dass ich eigentlich nur sagen will: Ja, sehe ich auch so. Da müssen wir das nächste Mal irgendwie einen kontroversen Menschen mit auf das Podium setzen. Ich finde das auch ein ganz wichtiges Thema und deswegen haben wir das vor einigen Jahren auch aufgegriffen. Als Förderschwerpunkt können wir das nicht aufnehmen, weil wir für eine Strukturförderung von Migrantenjugendorganisationen im großen Stil nicht genug Geld haben. Die eine oder andere Migrantenjugendorganisation können wir bei ihrem Weg begleiten und das finde ich auch ganz wichtig, aber da sind eigentlich auch andere in erster Linie mit im Boot. Nämlich das Jugendministerium für die das aber auch ein Thema ist, wobei ich auch glaube, dass das ein längerer Prozess ist, der aber aus meiner Perspektive zumindest angestoßen wurde. PD Dr. Ansgar Klein: Ja, vielen Dank. Auch hier merken wir, die interkulturelle Öffnung der Förder- und Organisationsstrukturen ist in der Breite angesprochen, nicht nur im eigenen Bereich. In der Tat ein ganz wichtiger Punkt. Dr. Karamba Diaby: Ja, in diesem Bereich plädiere ich wirklich dafür, dass wir das Thema nicht nur unter dem Integrationsaspekt betrachten dürfen, sondern auch unter dem Bereich der Jugendförderung. Das ist einer der Bereiche, der in allen Bundesländern gesetzlich festgehalten ist und in dem das Geld

nicht fehlt. Es gibt ja genug Geld in der Jugendförderung, deshalb meine ich, dass es gerade in diesem Bereich Organisationen gelingen sollte, auf die existierenden, gesetzlich verankerten Fördermittel zuzugreifen und sich nicht in den Bereich Integration abdrängen zu lassen. Das erlebe ich natürlich immer wieder: „Ja, wir sind eine Jugendorganisation von Menschen aus (…).“ Dann sage ich: „Ja, du weißt, es gibt ein Gesetz für Jugendförderung, versucht doch einmal eure Statuten so aufzustellen, dass ihr auf diese existierenden gesetzlichen Fördermittel zugreifen könnt und die auch zu den Pflichtaufgaben gehören.“ Das finde ich sehr wichtig. PD Dr. Ansgar Klein: Vielen Dank. Jetzt gab es noch eine Wortmeldung, ich würde auch die Kollegen vom Bundesjungendring fragen, ob sie dazu noch etwas sagen möchten. Publikum: Ein Hinweis noch an Frau Hirseland. Den längeren Prozess, das kann ich sehr gut verstehen. Die Jugendorganisationen stehen aber vor der Problematik, wie ich es jetzt z. B. bei der alevitischen Jugend in Hessen mitbekomme, die haben eine hauptamtliche Kraft, die im Moment abzubrechen droht, weil die Weiterfinanzierung nicht gesichert werden kann. Ich selbst bin jetzt in dem Öffnungsprozess des hessischen Jugendringes involviert und begleite diesen Prozess. Der hessische Jugendring hat ein Projekt, das sich „Zusammen wachsen“ nennt und aus drei Modulen besteht. Die alevitische Jugend, als eine der Mitgliedsorganisationen im hessischen Jugendring, ist ein Ansprechpartner für die etablierten Verbände, die sich öffnen möchten und die Begegnungen mit der alevitischen Jugend möchten und die auch gemeinsame Projekte umsetzen möchten. Und das droht jetzt alles wegzufallen, weil

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Abschließende Talkrunde die hauptamtliche Kraft nicht dauerhaft gewährleistet werden kann. Also, ich möchte das nur zu bedenken geben, dass gute und gewachsene Strukturen relativ schnell wieder zusammenbrechen können, wenn man es zu sehr auf die lange Bahn schiebt. PD Dr. Ansgar Klein: Ja, vielen Dank für diesen wichtigen Nachtrag, den wir mitnehmen. Wir kommen zum letzten Zukunftsforum „Migration und Alter“. Alfonso López García: Wir hatten das Thema Migration und Alter, dem wir uns mit der Präsentation zum Pilotprojekt „Interkulturelles Seniorennetzwerk Siegen“ genähert haben. Danach haben wir uns die Fragen gestellt: Visionen und Wünsche, praktische Umsetzung, was nehme ich mit? Unter diesen Gesichtspunkten haben wir drei Thesen aufgestellt. Wir behaupten erstens: „Das Alter von Migranten wird die Landschaft der Migrantenorganisationen radikal verändern.“ Das ist bestimmt eine gute Nachricht für die Jugendlichen. Zweitens: „Eine Sensibilisierung des Alterns in Migrantenorganisationen ist dringend erforderlich.“ Und für diese Sensibilisierung würde ich auch auf beide Seiten schauen, von Alt bis Jung. Drittens: „Die interkulturellen Seniorennetzwerke fördern Lebensqualität Älterer und ihrer Angehörigen.“ PD Dr. Ansgar Klein: Ja, vielen Dank. Dr. Karamba Diaby: Einen Aspekt finde ich wichtig, das Thema Pflege, das auch gerade sehr heiß diskutiert wird. Nur als Kommentar: Ich würde mir wünschen, dass sich im Bereich der Pflege mehr Organisationen von Menschen mit Migrationshintergrund stärker engagieren. Meiner Meinung nach ist das ein Markt, der uns in den nächsten zehn Jahren total beschäftigen wird. Wir werden älter, Gott sei

bald auf die Füße fallen, wenn wir zu dem Thema nicht aktiver werden. Ich glaube, das wird uns ein bisschen überrollen, wenn wir da nicht bald in die Pötte kommen. Das ist auf jeden Fall ein Zukunftsthema, aber auch ein Thema, dass nicht nur den Integrationsbereich betrifft, der Aspekt der interkulturellen Öffnung schon. Aber eigentlich gibt es da ein Politikfeld für, das sich einfach dieser Fragestellung noch einmal stärker annehmen müsste. Bei der Jugendpolitik ebenso wie bei der Seniorenpolitik, das sehe ich eigentlich ganz stark PD Dr. Ansgar Klein: Vielen Dank. originär in diesem Politikbereich. Ich adressiere das mal an unsere Arbeitsgruppe fünf im Netzwerk PD Dr. Ansgar Klein: Eine Senioren„Migration und Teilhabe“. Wir politik, aber in dem Fall auch Gesollten das Thema demografischer sundheits- und Pflegepolitik. Die Wandel, Migrantenorganisationen, BAGSO ist ja der Dachverband der Menschen mit Migrationshinter- Seniorenorganisationen, auch hier grund vielleicht auch mal im BBE wäre es glaube ich sinnvoll einmal als einen gemeinsamen Diskurs zu prüfen, inwieweit die BAGSO führen. Es gibt ja eine arbeits- diese Diskurse schon in ihren Orgagruppenübergreifende Tagung im nisationszusammenhängen führt, Frühjahr, zu der wir das Thema mit- das wäre ein wichtiger Punkt. Sonehmen können. Also wir als BBE weit dazu. Wir wissen, diese ganz nehmen die Impulse auf jeden Fall großen Themen können immer nur mit und nehmen diese sehr ernst. angesprochen werden, aber ich Dann gab es von Herrn Garcia noch glaube, es war sehr anregend. einmal den Hinweis, draußen liegt noch ein Flyer interkulturelles Se- Ok, wie gesagt, die Diskussionen niorennetzwerk in Siegen, den sie können weitergehen, wir haben sich mitnehmen können. Katrin eine Viertelstunde überzogen, das Hirseland hat dann heute das bei- ist sehr akademisch. Jetzt haben wir noch ein Schlusswort und dazu nahe letzte Wort. bitte ich Siglinde Naumann und Katrin Hirseland: Also ich glaube, Antonio Diaz hier nach vorne. Kadas sind eigentlich zwei Themen. ramba Diaby muss schon den Zug Das ist einmal das Thema des bekommen. Die Politik hat es eilig Generationenwechsels, was ver- und wird auch gebraucht, aber so mutlich ganz viele Vereine haben. ist es eben. Vielen Dank, tschüss. Das ist vielleicht gar nicht so sehr Ja, wir sind jetzt am Ende dieser ein Migrantenorganisationspro- Tagung und auf die Auswertungsblem, aber es ist auf jeden Fall ein bögen hatte ich schon hingewieProblem, für das es eine Lösung sen. Wir können sagen, wir werden braucht, wenn diese Organisati- in jedem Falle unsere wunderbare onen weiter bestehen sollen. Das Tagungsreihe fortsetzen. Das haist ganz klar und das werdet ihr ben wir fest vor, wir sind mit unaus eurer Arbeit sicherlich besser serem Partner dem BAMF da längst wissen. Und der zweite Aspekt, das in Gesprächen. Aber jetzt übergeThema Pflege, das Thema Altern. be ich Siglinde Naumann das Wort. Das wird uns, glaube ich, ziemlich Dank, und auch bei Menschen mit Migrationshintergrund nimmt die Zahl der Älteren zu. Das war auch gestern in dem Vortrag zu hören. Und da denke ich, auch im Bereich der Pflege müsste es mehr Organisationen mit gewissen interkulturellen Kompetenzen geben, die auch als Träger in dieser Richtung auftreten und arbeiten können, damit auch die Politik das Thema wahrnimmt und die Qualität der Pflege in diesem Bereich mitbeeinflusst. Ja, Geld soll es auch geben, natürlich.

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Abschließende Talkrunde Prof. Dr. Siglinde Naumann: Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer, so habe ich Sie im Rahmen dieser Tagung heute und gestern mehrfach begrüßt, mehrfach aus dem Kaffeeraum getrieben, mehrfach in den Silbersaal gebeten. Ich bitte diese Vorgehensweise zu entschuldigen, aber die knappe Zeit ist natürlich auch immer eine Ressource, die darauf verweist, dass intensiv diskutiert wird. Deshalb wird die Zeit an manchen Stellen immer zu knapp sein. Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich für Ihre engagierte Mitarbeit und für Ihre engagierte Beteiligung bedanken. Vor jeder MO-Tagung hat man ein bisschen die Sorge: Wie wird es diesmal? Wir haben diesmal mit dem breit aufgestellten Thema eine Entscheidung gefällt, wirklich unterschiedlichste Facetten gleichzeitig zu thematisieren. Ich bin sehr froh, dass es gelungen ist, wirklich ein Stück weit einen Generationendialog auf den Weg zu bringen. Und ich glaube, das ist etwas ganz Entscheidendes. Ich habe gerade ein Partizipationsprojekt bei einem großen Sozialträger in Thüringen gecoacht und da ging es einfach auch um Fragen von jüngeren und älteren Menschen, aber auch darum, deren Perspektiven und Visionen miteinander auszuloten. Ich hoffe, dass wir das auch als Querschnittsthema in weitere MO-Tagungen mitnehmen werden.

Meryem Cüceoglu, bei Johanna Neuling, bei Reyhan Güntürk und bei vielen, vielen anderen, die hier geholfen haben. Mir bleibt nur zu sagen, vielen Dank, wir sehen uns wieder und wenn Sie möchten, sind Sie immer wieder herzlich ein-

geladen nach Dortmund zu kommen und viele Themen zu debattieren. Hier haben Sie eine Bühne. Ich bedanke mich noch einmal und sage nicht „hasta luego“. Ich hoffe, wir sehen uns wieder. Glück auf und vielen Dank.

Antonio Diaz: Mir bleibt zunächst nur zu sagen: Vielen Dank an die Stadt Dortmund, dem Land Nordrhein-Westfalen, dem BAMF. Aber vor allem vielen Dank an die vielen Helferinnen und Helfer hier vor Ort, die die Tagung möglich gemacht haben und wir uns so gut aufgehoben gefühlt haben. Ich hoffe, Sie haben sich gut gefühlt? Wir haben versucht, gute Gastgeber zu sein. Ich hoffe, sie nehmen etwas mit von uns und haben nicht nur etwas mitgebracht. Bedanken möchte ich mich bei Sabrina Biewendt, bei 64 | Dokumentation | Migrantenorganisationen im Spiegel der Generationen

Arbeitsgruppe 5 „Migration und Teilhabe“ des BBE Zum freiwilligen bzw. bürgerschaftlichen Engagement von Menschen mit Migrationshintergrund liegen bisher nur wenige empirisch gesicherte Erkenntnisse vor. Dieses Engagement ist jedoch zweifellos vorhanden und stellt einen besonders wichtigen Zugang zu sozialer und politischer Partizipation und Integration dar. Vor diesem Hintergrund sind der Abbau von Zugangsbarrieren in traditionellen Engagementbereichen und -strukturen wünschenswert, um eine höhere Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund zu ermöglichen. Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass Migrantenorganisationen große Teile der Zielgruppe direkt ansprechen und daher als Träger des Engagements zu stärken und zu fördern sind. Die Arbeitsgruppe ist stellt ein relevantes Forum für den intensiven Erfahrungsaustausch zu neuen Projekt- und Forschungsvorhaben rund um das Engagement von Menschen mit Migrationshin-

tergrund dar. Sie ist zudem der zugangsoffene Ort auch für Migrantenorganisationen, um sich jenseits der Fachtagungen im BBE zu vernetzen – dieses Angebot wird im Gefolge der Fachtagungen, die seit 2006 nahezu jährlich stattfinden, zunehmend genutzt. Im Rahmen der Arbeitsgruppe wurde ferner die interkulturelle Öffnung von bestehenden Vereinsstrukturen sowie Förderbedarfe von Migrantenorganisationen anhand zweier Expertisen der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration diskutiert. Vertreter_innen der Arbeitsgruppe haben sich zudem intensiv an den Diskussionen des Nationalen Integrations- und Aktionsplans sowie an der Beratung eines neuen Förderprogramms des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) beteiligt. Darüber hinaus war die Arbeitsgruppe Beirat im europäischen Projekt INVOLVE (www.involve-europe.eu) und im nationalen Projekte EMPA (www.projekt-empa.de).

Themen der Arbeitsgruppe sind: • Strukturentwicklung und Stärkung von Migrantenorganisationen als Träger bürgerschaftlichen Engagements • Interkulturelle Öffnung von Organisationen und Einrichtungen • Engagement von und für Flüchtlinge • Vernetzung von Migrantenorganisationen

Sprecher_innen der Arbeitsgruppe 5: Sprecherin: Susanne Huth (INBAS Sozialforschung GmbH) Stellvertretende Sprecherin: Prof. Dr. Siglinde Naumann (Hochschule RheinMain) Stellvertretender Sprecher: Sebastian Beck (vhw-Bundesverband für Wohn- und Stadtentwicklung e.V. )

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Materialien BBE-Dokumentationen aus der Tagungsreihe zu Migrant_innenorganisationen

Qualifizierungs- und Weiterbildungsbedarfe von Migrantenselbstorganisationen (Erschienen 2007). Dokumentation eines Fachworkshops am 2. Dezember 2006 in Oberhausen

Migrant_innenorganisationen als Akteure der Zivilgesellschaft: Integrationsförderung durch Weiterbildung (Erschienen 2008). Dokumentation einer Fachtagung am 14. und 15. Dezember 2007 in Nürnberg

Wie können die Weiterbildungsbedarfe von Migrant_innenorganisationen (MO) gelöst werden, um ihre Rolle als Trägerstrukturen für das bürgerschaftliche Engagement von Migrant_innen zu stärken? Die Dokumentation der BBE-Fachveranstaltung führt in die Diskussion ein und gibt Handlungsempfehlungen. (nur als Download erhältlich)

Für das bürgerschaftliche Engagement von Migrant_innen sind Migrant_innenorganisationen (MO) von erheblicher Bedeutung. Wie können MO besser in die Lage versetzt werden, dieses Engagement zu entwickeln und zu fördern? Die Dokumentation einer Fachtagung des BBE zusammen mit Partnerorganisationen gibt Auskünfte. (nur als Download erhältlich)

Integrationsförderung durch Migrant_innenorganisationen: Kompetenzen – Ressourcen – Potentiale und Förderkonzepte in Ost und West (Erschienen 2009). Dokumentation einer Fachtagung am 11. und 12. Oktober 2008 in Potsdam Die dritte Fachtagung des BBE behandelte die unterschiedlichen Arbeitsbedingungen und Ausgangslagen von MO in West- und Ostdeutschland und die sich daran anschließenden Bereiche für die Förderung.

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Materialien

Integrationsförderung durch Migrant_innenorganisationen. Zur Vernetzung von Kompetenzen, Ressourcen und Potentialen (Erschienen 2010). Dokumentation einer Fachtagung am 28. und 29. November in Mainz 2009

Integrationsförderung durch Elternvereine und Elternnetzwerke. Ein Beitrag von Migrant_innenorganisationen in Ost- und Westdeutschland (Erschienen 2011). Dokumentation einer Fachtagung am 07. und 08. Mai 2011 in Halle

Für die gesellschaftliche Integration von Migrant_innen ist die Netzwerkbildung besonders bedeutsam. Mit Vernetzung verbinden sich jedoch unterschiedliche Perspektiven und Anforderungen. Die Dokumentation informiert über Vernetzungsmodelle, -strategien und -potentiale.

In der Dokumentation werden unterschiedliche Dimensionen und Konzepte von Elternarbeit und Erfahrungen in der interkulturellen Zusammenarbeit von Elternvereinen vorgestellt sowie Chancen von Elternnetzwerken und deren Bedeutung für Bildungserfolg und Integration thematisiert.

Inklusion durch Partizipation. Ein Beitrag von Migrant_Innenorganisationen (Erschienen 2013). Dokumentation einer Fachtagung am 16. und 17. Juni 2012 in Berlin Die bundesweite Fachtagung „Inklusion durch Partizipation“ des BBE beschäftigte sich mit Möglichkeiten zur Förderung der politischen Beteiligung von Migrant_innen. Die Dokumentation stellt gelungene Beispiele der Partizipationsförderung vor und lotet aus, wie durch geeignete Konzepte die Vertretung von Migrant_innen stärker gefördert werden kann.

Die Publikationen stehen auf der Internetplattform des BBE als Download bereit. Soweit vorrätig sind sie auch als Printversionen in der Geschäftsstelle des BBE erhältlich. Bestellung unter: Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement Michaelkirchstr. 17/18 10179 Berlin E-Mail: [email protected] Internetplattform: http://www.b-b-e.de

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Impressum Herausgeber: Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) Michaelkirchstr. 17/18 10179 Berlin Tel: Fax: Web:

+49 (0)30 - 629 80-110 +49 (0)30 - 629 80-151 http://www.b-b-e.de

V.i.S.d.P: Redaktion: Transkription:

PD Dr. Ansgar Klein (BBE) Prof. Dr. Siglinde Naumann (Hochschule RheinMain), Johanna Neuling (BBE) Ronald Langner

Layout & Satz: Fotos: Druck:

Regina Vierkant (sevenminds) Regina Vierkant (sevenminds) eye-solution GmbH

Arbeitsgruppe 5 Migration und Teilhabe des BBE Sprecherin: Susanne Huth (INBAS-Sozialforschung GmbH) E-Mail: [email protected] Stellv. Sprecherin: Prof. Dr. Siglinde Naumann (Hochschule RheinMain) E-Mail: [email protected] Stellv. Sprecher:  Sebastian Beck (vhw-Bundesverband für Wohn- und Stadtentwicklung e. V. ) E-Mail: [email protected]

Erscheinungsdatum: April 2014 ISBN: 978-3-9814731-5-5

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ISBN: 978-3-9814731-5-5