Mit Ritalin® leben - Buch.de

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Rolf Haubl / Katharina Liebsch (Hg.) Mit Ritalin® leben ADHS-Kindern eine Stimme geben Vandenhoeck & Ruprecht © 2010, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH ...

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Rolf Haubl / Katharina Liebsch (Hg.)

Mit Ritalin® leben ADHS-Kindern eine Stimme geben

Vandenhoeck & Ruprecht

© 2010, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-45186-1 — ISBN E-Book: 978-3-647-45186-2

Schriften des Sigmund-Freud-Instituts

Herausgegeben von Marianne Leuzinger-Bohleber und Rolf Haubl Reihe 2 Psychoanalyse im interdisziplinären Dialog Herausgegeben von Marianne Leuzinger-Bohleber, Rolf Haubl und Stephan Hau Band 13 Rolf Haubl / Katharina Liebsch (Hg.) Mit Ritalin leben ADHS-Kindern eine Stimme geben

© 2010, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-45186-1 — ISBN E-Book: 978-3-647-45186-2

Rolf Haubl / Katharina Liebsch (Hg.)

Mit Ritalin leben ADHS-Kindern eine Stimme geben

Mit 11 Abbildungen

Vandenhoeck & Ruprecht © 2010, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-45186-1 — ISBN E-Book: 978-3-647-45186-2

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-525- 45186-1 eISBN 978-3-647-45186-2

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Inhalt

Rolf Haubl und Katharina Liebsch Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Rolf Haubl Psychodynamik medikalisierter Beziehungen . . . . . . . . . . . . .

16

Tanja Brand »Ha, jetzt stell ich die Fragen!« Beziehungsdynamik in der Interviewführung mit Kindern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

36

Elke Salmen Gegenübertragungen als Hilfe des Verstehens. Eine Falldarstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

61

Eva Sänger »Dann arbeiten die Männchen da drin, dass ich dann weiß, dass ich nicht sofort hinschlagen soll«. Vorstellungen medikamentierter Jungen über die biomedizinische Wirkungsweise von Medikamenten gegen AD(H)S . . . . . . . .

80

Sebastian Jentsch Beziehungsgestaltung unter Medikation . . . . . . . . . . . . . . . . .

96

Erica Augello »Schule« in den Aussagen medikamentierter Jungen . . . . . . . . 107 Sarah Kirsch und Maria Wischnewski Medikation als Aufgabe geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung

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Inhalt

Eva Sänger Biomedizinisches Wissen zur AD(H)S in Kinderzeichnungen

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Daniela Otto Vom Zappelphilipp zum Normalo? AD(H)S-Symptomatik, Diagnose und Medikation als Stigma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 Inge Schubert »Und nachts, da arbeiten die Männchen im Kopf«. Affektkontrolle und Männlichkeitsvorstellungen bei ADHS-medikamentierten Jungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 Katharina Liebsch Passung und Anpassung. Zur Herstellung von Zugehörigkeit und Teilhabe durch AD(H)S-Medikation . . . . . . . . . . . . . . . . 185 Rolf Haubl und Katharina Liebsch Medikament und Medikation: Eine Typologie positiver und negativer Repräsentanzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204 Die Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210

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Rolf Haubl und Katharina Liebsch

Einführung

Schätzungen zufolge zeigen 3 – 5 % der Kinder und Jugendlichen eines jeden Jahrgangs eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung mit oder ohne Hyperaktivität (AD[H]S) mit den Leitsymptomen einer Unkonzentriertheit, Impulsivität und motorischen Unruhe (Biederman, 2005). Über keine Diagnose der Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie und -psychotherapie ist in den letzten Jahren weltweit so viel, so heftig und so kontrovers diskutiert worden wie über die AD(H)S – und das gleichermaßen in der fachlichen und außerfachlichen Öffentlichkeit. Obgleich die AD(H)S inzwischen als eine genetisch bedingte chronische hirnorganische Krankheit gilt, verstummen die kritischen Stimmen nicht, die diese biomedizinisch-psychiatrische Deutung in Zweifel ziehen (Timimi, 2002, 2005). In der Kritik steht nicht zuletzt die Behandlung der Kinder mit Psychopharmaka, am häufigsten mit dem Wirkstoff Methylphenidat, den Präparate wie Ritalin, Medikinet oder Concerta enthalten (Pelz, Banaschewski u. Becker, 2008). Ein Großteil der Kinder mit einer AD(H)S-Diagnose bekommen solche Präparate – als Bestandteil einer multimodalen Therapie, wie sie heute Standard sein sollte (Remschmidt, 2005), oder aber ohne anderweitige Förderung. Bezogen auf den Lebenslauf erfolgen die meisten Verordnungen für das Alter zwischen neun und zwölf Jahren. Insgesamt liegt die Zahl der medikamentös behandelten Kinder und Jugendlichen weltweit bei über zehn Millionen. Während die Medikamente 1993 lediglich in 13 Ländern eingesetzt wurden, sind es inzwischen weit mehr als fünfzig Länder. Gleich, wo man sich in dieser leidenschaftlich, oft sogar feindselig geführten Kontroverse auch positioniert, eines verbindet die Kon© 2010, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-45186-1 — ISBN E-Book: 978-3-647-45186-2

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trahenten: Sie versäumen oder vermeiden es, den betroffenen Kindern und Jugendlichen eine eigene Stimme zu geben. Anders als es die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen fordert (Liebel, 2007), erhalten sie kein oder nur ein begrenztes Mitspracherecht, obgleich ihr Leben von den Entscheidungen der Erwachsenen gravierend und dauerhaft beeinflusst wird. Deshalb haben wir vom Frühjahr 2007 bis Herbst 2008 als Kooperation des Sigmund-Freud-Instituts mit dem Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main und finanziell unterstützt von der Lotte-KöhlerStiftung ein empirisches Forschungsprojekt durchgeführt, das in einer interdisziplinär zusammengesetzten Forschungsgruppen untersucht, was Jungen im Alter von sieben bis 14 Jahren selbst über ihre Diagnose und ihrer Medikation denken.

Forschungsgruppe Das Projekt ist als Lehrforschung konzipiert gewesen. In diesem Typus von Forschung sind in die Forschungsgruppe neben den in Forschung erfahrenen Projektleiter/-innen und den Nachwuchswissenschaftler/-innen auch Studierende integriert.1 Studierenden bietet dieser Forschungstypus eine intensive Lehrbeziehung in einer Kleingruppensituation, wie sie in sonstigen Seminaren in der Regel nicht entstehen kann. Die Leiter/-innen stellt Lehrforschung vor besondere Herausforderungen, da sie bei den Studierenden nicht auf erprobte Qualifikationen zurückgreifen können, vielmehr müssen sie nicht selten dafür sorgen, dass im Verlauf des Projekts erst die notwendigen Qualifikationen erworben werden. Genau darin liegt aber auch eine Chance, denn der erhöhte Reflexionsbedarf beugt blinden Flecken vor, die bei allzu großer Routine leicht entstehen. Das vorliegende Buch, das die bisherigen Publikationen (Haubl, 2007, 2008, 2009; Haubl u. Liebsch, 2008a, b, 2009a, b) flankiert, ist Ausdruck dieser Philosophie. Deshalb enthält es neben professionell 1

An der Arbeitsgruppe waren Erica Augello, Simon Dechert, Sebastian Jentsch, Sarah Kirsch, Armin Nikodemus, Daniela Otto, Dr. Eva Sänger, Elke Salmen, Dr. Inge Schubert, Benjamin Vogt und Maria Wischnewski beteiligt. © 2010, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-45186-1 — ISBN E-Book: 978-3-647-45186-2

Einführung

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geschriebenen Beiträgen auch Beiträge von Studierenden, die sich mit einer Darstellung der Ergebnisse ihrer Teilprojekte erstmals einer interessierten Öffentlichkeit publizistisch präsentieren. Wir hoffen, dass alle Beiträge zusammengenommen beredtes Zeugnis für den fruchtbaren und befriedigenden Forschungsprozess ablegen, der er gewesen ist.

Stichproben Im Verlauf des Projektes sind sechzig Interviews durchgeführt worden. Die Kontakte mit den Jungen kamen über verschiedene Aufrufe und über Hörensagen zustande, wobei geregelt war, dass sich die Eltern bei uns melden mussten, wenn sie an der Untersuchung teilnehmen wollten. Wir sind nicht offensiv an sie herangetreten, um so viel Freiwilligkeit wie möglich zu gewährleisten. Die teilnehmenden Eltern, bis auf wenige Ausnahmen die Mütter, haben wir gebeten, uns nur zuzusagen, wenn sie das Einverständnis ihrer Kinder erhalten, sich interviewen zu lassen. Vor Ort ist das Einverständnis der Jungen dann noch einmal eingeholt worden. Hätten sie es nicht gegeben, wären die Interviewer/-innen wieder gegangen. Um die Kinder nicht unnötig zu verunsichern, haben alle Interviews in vertrauten Umgebungen stattgefunden: die meisten im Elternhaus, etliche in der Schule. Als erkennbare Motivation der Mütter, uns zu unterstützen, ergab sich: mehr wissenschaftliches Wissen über die AD(H)S und deren medikamentöse Behandlung zu erlangen, nicht selten verbunden mit der Hoffnung, Wege für zukünftige Generationen zu finden, um auf Psychopharmaka verzichten zu können. Und spezieller: Die einen wollten sich bestätigen lassen, dass sie richtig handeln, wenn sie ihren Kindern Tabletten geben, oder dass sie gar keine andere Wahl haben, wenn sie den Familienfrieden und die Zukunftschancen ihres Nachwuchses retten wollen; die anderen suchten eine Gelegenheit, um ihre Ambivalenzen darzustellen. In allen Fällen war es den Müttern sehr wichtig, das sichere Gefühl zu haben, dass wir sie wegen der Medikation ihrer Jungen nicht vorverurteilen. Eine Bedingung für das Interview war, mit den Kindern alleine zu sprechen und auch nachher die Eltern nicht darüber zu informieren, was gesprochen worden ist. Manche Eltern haben damit Schwierig© 2010, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-45186-1 — ISBN E-Book: 978-3-647-45186-2

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keiten gehabt. Lieber wäre es ihnen gewesen, bei dem Interview dabei zu sein, einige aus der Befürchtung heraus, ihre Kinder könnten etwas Falsches sagen, wobei »falsch« gelegentlich »kritisch gegenüber den Eltern« meinte. Auch gab es Eltern, die sich sorgten, ob nicht während des Interviews die Wirkung des Medikaments nachlassen könnte und dann kein Gespräch mehr möglich sei. In einem Fall bot die Mutter sogar eine Nachdosierung an.

Interviewführung Die Interviews sind als themenzentrierte Interviews konzipiert worden. Themenzentriert heißt: Es wird vorab eine Liste von Themen entwickelt, die der Interviewer alle abarbeiten soll, aber in einer Reihenfolge, die sich nach der Relevanzstruktur des jeweils interviewten Jungen richtet: – Wie erlebt er selbst sein symptomatisches Verhalten? – Hält er sich für krank? – Auf welche Ursachen führt er selbst sein symptomatisches Verhalten zurück? – Von wem hat er welche Informationen über seine AD(H)S und das Medikament, das er einnimmt, erhalten? – Wie verarbeitet er diese Informationen? – Was verspricht er sich selbst von der Einnahme des Medikaments? – Wie erlebt er dessen Wirkung und Nebenwirkungen? – Wie integriert er seine Medikation in seinen familiären und schulischen Alltag? – Was bedeutet es für sein Selbstverständnis, auf das Medikament angewiesen zu sein? Die Interviewdauer ist sehr unterschiedlich gewesen: von zwanzig Minuten bis über eine Stunde. Viele der Jungen haben sich viel länger konzentrieren können als erwartet. Bei wenigen haben wir im Nachhinein den Eindruck, dass sie überfordert gewesen sind. Die Meisten haben das Interview nicht nur pflichtschuldig absolviert, sondern es erkennbar genossen, so viel Aufmerksamkeit von einem Erwachsenen für ihre Gedanken und Gefühle zu erhalten. Auf das Vorhaben, qualitative Interviews mit Kindern zu führen, © 2010, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-45186-1 — ISBN E-Book: 978-3-647-45186-2

Einführung

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haben wir uns in der Forschungsgruppe vorbereitet: zum einen durch eine Aufarbeitung der Forschungsergebnisse über die kognitive Entwicklung von Kindern, insbesondere was ihre Krankheitskonzepte betrifft (Johnson u. Wellman, 1982; Lohaus, 1993; Dreher u. Dreher, 1999); zum anderen durch den Einsatz von Interviewer/-innen, die im Umgang mit Kindern geübt sind. Aufgrund der großen Variationsbreite des kognitiven Entwicklungsstands bei gleichaltrigen Kindern ist das Wissen um eine altersgemäße Kompetenz nur annäherungsweise hilfreich. Als sehr viel wichtiger hat sich die Feinfühligkeit der Interviewer/-innen erwiesen, ihre Interviewführung flexibel den aktuellen Verständigungsmöglichkeiten anzuschmiegen. Die Erwachsenen haben eine freundliche und bestätigende Haltung gegenüber den Kindern eingenommen: Die befragten Jungen werden als Experten ihrer selbst und ihrer Lebenswelt angesprochen. Deshalb erklären ihnen die Interviewer/-innen, dass die Erwachsenen noch viel zu wenig wissen, was betroffene Kinder über die AD(H)S und deren medikamentöse Behandlung denken. Sie, die Erwachsenen, müssen deshalb dumme Fragen stellen und die Kinder bekommen Gelegenheit, ihnen alles zu sagen, was sie ihnen sagen möchten. Da es für Kinder generell nicht leicht ist, handlungsentlastet zu sprechen, bedarf es auf Seiten der Interviewer/-innen einer großen Toleranz für assoziierte körperliche Bewegungen. Sie dürfen sie nicht als störend markieren, sondern müssen sie als notwendige Bedingung des Gesprächsverhaltens der Kinder akzeptieren. Hilfreich ist eine Interviewführung, die spielerische Ablenkungen und Pausen erlaubt. Auch der Einsatz von Zeichnungen, deren Anfertigung die Kinder durch lautes Denken begleiten, hat sich bewährt. Alles in allem haben die Interviewer/-innen viel Haltearbeit zu leisten gehabt. Forschungen, in denen qualitative Interviews mit Kindern durchgeführt werden, gestalten sich schwieriger als bei Jugendlichen und Erwachsenen, weil die Kompetenz, einem Fremden eigene Erfahrungen zu berichten, noch nicht voll entwickelt ist (Heinzel, 1997; Fuhs, 2000). Deshalb ist die Bereitschaft des erwachsenen Interviewers, sich auf eine Statusumkehr einzulassen, eine wichtige Voraussetzung für ein erfolgreiches Interview: Während es üblicherweise die Erwachsenen sind, die Kindern die Welt erklären, verlangt es die besondere Interviewsituation, eine Atmosphäre herzustellen, welche die Kinder davon überzeugt, dass sie die Wissenden sind. Es ist kei© 2010, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-45186-1 — ISBN E-Book: 978-3-647-45186-2

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neswegs selbstverständlich, dass dies gelingt (Fuhs, 1999). So sollen sich die Fragen der Interviewer/-innen an die Sprache und den Kommunikationsstil der Kinder anpassen, ohne Kindlichkeit zu imitieren. Vor allem sind sie knapp und präzise zu stellen. Hinzu kommt, sich als Erwachsener klar zu machen, dass Kinder, je jünger sie sind, umso kürzere und stärker kontextgebundene Antworten geben, als es Jugendliche und Erwachsene tun, auch dann, wenn die Kinder gebeten werden, ihre Erfahrungen frei zu erzählen. Mit zunehmendem Alter und zunehmender narrativer Kompetenz ändert sich das, so dass die Interviewer/-innen weniger zu strukturieren brauchen (Bouke, Schülein, Büscher, Terhorst u. Wolf, 1995).

Auswertung Die Auswertung der Interviews erfolgt fallrekonstruktiv. Sie werden transkribiert und anschließend sowohl vertikal als auch horizontal interpretiert. Während sich die vertikale Interpretation jedes einzelne Interviewtranskript unter zusätzlicher Berücksichtigung der szenischen Beobachtungen, die eine Interviewerin oder ein Interviewer vor, während und nach der Durchführung des Interviews gemacht und protokolliert hat, sinnverstehend vornimmt, vergleicht die horizontale Interpretation die verschiedenen Interviewtranskripte. Dabei werden die Äußerungen der Jungen über die Interviews hinweg zu folgenden hermeneutischen Feldern gebündelt: – Vorstellungen über die eigene Person (Selbstbild), – Vorstellungen über die eigene Familie und die familiären Beziehungen (Familienbild), – Vorstellungen über die Schule (Schulbild), – Geschlechtsrollenvorstellungen (Männer- und Frauenbild), – Normalität und Devianz (Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen), – Emotionsregulation, – (phantasmatische) Bedeutung des Medikaments, – zentrale Kategorien des jeweiligen individuellen Denksystems (Leit- und Verdichtungsbegriffe), © 2010, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-45186-1 — ISBN E-Book: 978-3-647-45186-2

Einführung

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– Erzählmuster (lebensgeschichtliche Transformation: vor der Medikation, seit der Medikation und in Zukunft). Nachdem die ersten Interviews von der ganzen Forschungsgruppe durchgearbeitet worden sind, um ein Verständnis der einzelnen hermeneutischen Felder zu entwickeln, das alle teilen, wird für alle weiteren Interviews ein sparsameres Verfahren angewendet: Jedes Mitglied der Forschungsgruppe arbeitet alleine eine Reihe der Interviews durch, die es selbst nicht geführt hat, und erstellt eine Gesamtinterpretation, rubriziert nach den verschiedenen hermeneutischen Feldern. Jede dieser Gesamtinterpretationen wird von einem anderen Mitglied der Forschungsgruppe, das das Interview ebenfalls nicht geführt hat und auch das Interviewtranskript nicht kennt, auf interpretatorische Evidenz hin gegengelesen. Interpretationspassagen, die nicht als evident erscheinen, werden markiert und mit Verständnisfragen versehen. Diese Verständnisfragen versucht der Interpret dann in einem zweiten Durchgang durch das Interviewtranskript zu beantworten, was dazu führt, dass er seine Interpretation überarbeitet. Nur noch diejenigen Fälle, bei denen Interpret und Gegenleser den Eindruck gewinnen, eine Verständigung sei nicht möglich, werden der ganzen Forschungsgruppe übergeben, die in besonderen Sitzungen versucht, die kontroversen Lesarten zu klären. Auf diese Weise entsteht im Laufe der Zeit ein Korpus von sechzig als gültig anerkannten Einzelinterpretationen, die dann vergleichend weiter interpretiert werden können. Eines der Ziele ist eine typologische Reduzierung des Korpus. Im Unterschied zu pädagogischen oder psychotherapeutischen Forschungsansätzen geht es uns nicht darum, Empfehlungen zu erarbeiten, wie die AD(H)S effektiver zu behandeln ist. Vielmehr steht im Mittelpunkt unseres Interesses, welchen subjektiven Sinn die Jungen ihren Erfahrungen mit ihrer »Störung« mehr oder weniger bewusst geben. Dabei gehen wir in unserer Rekonstruktion von der Vorannahme aus, dass dieser Sinn überwiegend keine idiosynkratische Schöpfung ist, sondern aus sozialen Repräsentationen (Moscovici, 1981) hervorgeht: Die betroffenen Kinder und Jugendlichen erhalten ihre Informationen von Erwachsenen, seien es medizinische Laien oder Experten. Sie müssen sich deren Deutungen aneignen, wobei manche von ihnen sie gehorsam zu übernehmen versuchen, © 2010, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-45186-1 — ISBN E-Book: 978-3-647-45186-2

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andere sie eigensinnig umarbeiten, nach Maßgabe dessen, was sie verstehen, aber auch danach, was sie nicht akzeptieren wollen. Dass uns die sechzig interviewten Jungen ihr Vertrauen geschenkt und Einblick in ihre Innenwelt gewährt haben, dafür danken wir ihnen sehr.

Literatur Biederman, J. (2005). Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: A selective overview. Biological Psychiatry, 57, 1215 – 1220. Bouke, D., Schülein, F., Büscher, H., Terhorst, E., Wolf, D. (1995). Wie Kinder erzählen. Untersuchungen zur Erzähltheorie und zur Entwicklung narrativer Fähigkeiten. München: Fink. Dreher, E., Dreher, M. (1999). Konzepte von Krankheit und Gesundheit in Kindheit, Jugend und Alter. In R. Oerter, C. von Hagen, G. Röper, G. Noam (Hrsg.), Klinische Entwicklungspsychologie (S. 623 – 653). Weinheim: PVU. Fuhs, B. (1999). Die Generationenproblematik in der Kindheitsforschung. Zur methodischen Relevanz von Erwachsenen-Kind-Verhältnissen. In: M.-S. Honig, A. Lange, H. R. Leu (Hrsg.), Aus der Perspektive von Kindern? Zur Methodologie der Kindheitsforschung (S. 153 – 161). Weinheim: Juventa. Fuhs, B. (2000). Qualitative Interviews mit Kindern. Überlegungen zu einer schwierigen Methode. In F. Heinzel (Hrsg.), Methoden der Kindheitsforschung. Ein Überblick über Forschungszugänge zur kindlichen Perspektive (S. 87 – 103). Weinheim: Juventa. Haubl, R. (2007). Krankheiten, die Karriere machen: Medizinalisierung und Medikalisierung sozialer Probleme. In C. Warrlich, E. Reinke (Hrsg.), Auf der Suche. Psychoanalytische Betrachtungen zum AD(H)S (S. 159 – 187). Gießen: Psychosozial-Verlag. Haubl, R. (2008). Die Aufmerksamkeits- und/oder Hyperaktivitätsstörung als kulturgeschichtliches Phänomen. Psychotherapie Forum, 16, 85 – 91. Haubl, R. (2009). Medikamentierte Wut. Wie Jungen mit einer AD(H)S um Selbstkontrolle ringen. Forum der Psychoanalyse, 25: 255 – 268. Haubl, R., Liebsch, K. (2008a). Mit Ritalin leben. Zur Bedeutung der ADHSMedikation für die betroffenen Kinder. Psyche – Z Psychoanal., 62 (7), 673 – 693. Haubl, R., Liebsch, K. (2008b). Psychopharmakologisches Enhancement: Der Gebrauch von Ritalin in der Leistungsgesellschaft. sozialer sinn, 9 (2), 173 – 195. Haubl, R., Liebsch, K. (2009a). »Wenn man teufelig und wild ist.« Funktion und © 2010, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-45186-1 — ISBN E-Book: 978-3-647-45186-2