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Inhalt Glöckchen Essen mit Paul Theroux oder Florenzspaziergang Wettergott Teil 1 Wettergott Teil 2 Mein erster Tag als Berlinizer Weihnachten bin ich ein besonders schlechter Mensch Hochherbst Spätherbst

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Glöckchen Ich halte mich für ein überaus lebendiges Wesen, bin aber tagsüber eher träge. Erst wenn die Nacht aus dem Himmel fällt, beginnt mich meine Umwelt zu interessieren. Nach der unmissverständlichen Deutlichkeit des Tages, verschwinden die Konturen mit dem fliehenden Licht und langweiliges verwandelt sich in zwielichtiges und interessantes. Allmählich verkriecht sich der Mensch in die vermeintliche Sicherheit der Häuser, verriegelt die Haustüren. Zweimal dreht sich der Schlüssel. Der Mensch im Kiez ist vorsichtig, denn auf den Straßen lauert der Halunke. Der Halunke ist gemein, Ausländer und rechtsradikal. Meistens betrunken grölt er umher und klaut Fahrräder, erledigt all jene gemeinen Dinge, die noch am selben Abend im Kurier stehen. Ich habe selten einen Halunken bei der Arbeit gesehen. Dabei sehe ich viel. Ich sehe den Fuchs, wie er unterm Briefkasten sitzt und mit seiner Anwesenheit eine verschreckte Ärztin verscheucht, deren Post nun uneingeworfen bleibt. Auf dem Parkplatz frisst sich ein Marder satt. Mein Kumpel Merlin glotzt durchs geschlossene Fenster den eckigen Mond an. Merlin, der alte Rotschopf, besitzt das verstockte Naturell eines Stubenhockers. Er weiß nichts von beleuchteten Kranauslegern. Nebenan erschießen sich Menschen im Fernsehegerät. Der Vogelspinnenmann fläzt davor und streichelt sich zufrieden über den Kopf. Im Café Mirbach wird gequalmt und gelacht. Dahin flieht das Weißenseer Erwachsenenvolk, denn dort kann es, unbehelligt von Kindern, Dinge trinken, Zeug rauchen und Sachen sagen. In lauen Sommernächten ist auf der Straßeninsel, hinter der alten Kirchenruine mehr Verkehr als drumherum. Zwei Radfahrer kreuzen sich krachend. Keiner hatte Licht. Beide schleppen sich schimpfend zur Rettungsstelle. Der Park leert sich und wird unheimlicher. Eine einsame Lampe, die das Grünflächenamt in ihren leidenschaftlichen Bemühungen, kostensenkend zu arbeiten, vergessen hat zu demolieren, leuchtet spärlich gegen die Schatten an, die sie selbst wirft. Über den schmalen Gehweg klappern betrunkene Absätze. Geräusche erscheinen lauter, näher und geheimnisvoller. Selbst der Trinkergilde wird es unheimlich. Sie erhebt sich von ihrer angestammten Parkbank, schifft noch einmal kollektiv ins Gebüsch und zieht sich zurück in die Sicherheit ihrer Krankenstation. Die Parkklinik befindet sich in Parknähe, eingeschlossen von mehreren alten und gut frequentierten Friedhöfen. Im Gegensatz zum Tag, an dem sich Witwen und Witwer die Gießkannen in die Hand drücken und der kleine Gemeindetrompeter manch stilles Begräbnis hörbar macht, herrscht nachts auf den Friedhöfen eine lauernde Stille. Manchmal hockt ein Rabe auf einem Grabstein und singt. Er trägt die Seele eines Verstorbenen in sich, in Tiergestalt wiedergekehrt, um zu ergründen, wie lang “unvergessen― währt. Flinke Mäuse rascheln unter Blättern. Schon lange habe ich kein Käuzchen mehr gehört. Kurz vor dem Morgengrauen begebe ich mich wieder in den Park. Langsam beginnen die Enten auf dem See ihre Köpfe unter dem Gefieder hervorzuziehen. Ein Angler zerdrückt eine Mücke am Hals und am Ufer hechelt mit schmerzverzerrtem Gesicht der erste Jogger durch den Matsch. Die Nachtigall verstummt, als sie mich bemerkt. Kurz Zeit später beginnen die Vögel zu singen. Zu schade, dass ich nie einen erwischen werde. Das dämliche Glöckchen, das mir mein Frauchen um den Hals gehängt hat, vertreibt sie, sobald sie es hören.

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Essen mit Paul Theroux oder Florenzspaziergang Durch die historische Altstadt von Florenz zu spazieren, ist etwa so, als würde man sich in einem sehr kleinen Wald verlaufen. Wenige Stunden benötige ich, bis mich der Eindruck befällt, überall schon mal gewesen zu sein. Die Altstadt beschränkt sich auf ein überschaubares Areal, in dem es von Gassen nur so wimmelt, die sich schmal und dunkel verwinkeln, hohen Palastwände von hinten, fensterlos gemauert. Wo zum Geier bin ich, frage ich mich, um aus einer Gasse zu treten und den Dom vor mir zu sehen, den ich eben hinter mir gelassen hatte. Drei Gassen rechts, wieder eine links, den Blumenhändler kenne ich schon, den schicken Schreibwarenladen habe ich auch schon besucht, wieder eine Gasse zur Seite und ich finde mich vor der Kirche St.Croce, vor der ein Stadion aufgebaut wurde, mit Sandbelag. Heute nachmittag spielen hier die "Grünen" gegen die "Roten" eine Art Renaissance-Rugby. Nachdem ich wieder ein paar Gassen durchstreift habe, finde ich die Markthalle vor mir, innen, wie außen geschäftiges Treiben. Innen das Obst, der Wein, Hühner mit und ohne Beine, manchmal die Beine auch alleine, außen der ganz normale Schleuderschnickschnack, den der Weltreisende auf seiner Reise so braucht: Briefpapier, Stifte, Dosen, Michelangeloschürzen mit nacktem David vorn drauf, Papierkörbe aus Leder, Fußballhandtücher. Egal, auf welche Weise ich mich in die Gassen stürze, um mich mutwillig zu verirren und an irgend einem Ort wieder aufzutauchen, an dem ich noch nicht war, immer lande ich auf der Piazza della Republica, vor dem Dom oder an den Ufficien. Irgendwann habe ich Hunger und suche das Restaurant, dass ich auf meinen Streifzügen bereits zweimal als besuchenswert eingestuft habe. Seltsamerweise muss ich nun doch ziemlich intensiv suchen, um es wiederzufinden. Ich weiß nicht, warum sich Bauwerke und Restaurants ausgerechnet dann verstecken, wenn man sie gezielt aufsuchen will. Ich gebe die Suche auf und will mich mit einem Sandwich zufrieden geben, als sich mein Blick aus dem Augenwinkel in einer Gasse verliert, in dem sich das Restaurant versteckt hält. Im Restaurant Giovanni di San Lorenzo in der Via di San Lorenzo bietet der Besitzer auf minimalstem Raum einer maximalen Schar an Lebensmittelenthusiasten Platz. Ein Kellner weißt mir einen Platz zu. Um mich auf den eng an den Tisch geschobenen Stuhl zu setzen, muss ich den Gast am nebenstehenden Tisch bitten, sich ganz eng an seinen Tisch heranzudrücken. Er meint, er könne auch aufstehen, damit ich mich setzen könne, doch dann müsse ich anschließend wieder aufstehen, damit er sich setzen kann. Nach einigen risikofreudigen Versuchen gelingt es uns so am Tisch zu sitzen, dass jedem der Bauch an der Tischplatte klemmt. So kann zumindest nichts runterfallen. In der gut gefüllten Gastwirtschaft wird temporeich geschwafelt und getafelt. Für den Wirt wäre eine höhere Verkehrsdichte gewinnbringender, deshalb lässt er nicht lange auf sich warten und steht auch schon mal zum Abräumen bereit, wenn der Teller noch nicht ganz leer ist. Seine Lieblingsgäste, um die er besonders umherschleimt, sind die, die möglichst viel in kürzester Zeit essen. Besonders Menschen, die offensichtlich einer Reisegruppe angehören liebt er, weil diese noch ein gewisses Programm vor sich haben und damit terminlich bedingt schnell wieder verschwunden sind. Entsprechend umgibt mich ein Durchschnitt der reisefähigen Welt. Ich verschwinde hinter einer großen Karte, die ich auf dem engen Raum kaum handhaben kann. Ich stelle sie vor mir auf, doch dann nimmt sie mir das Licht und ich sehe nur noch wenig. Neben mir sitzt ein hungriger Amerikaner, erkennbar an der für Amerikaner typischen Esshaltung. Eine Hand liegt unter dem Tisch, während er mit der anderen unermüdlich die Nudeln in sich hineinschaufelt. Dabei senkt er bei jedem Bissen sein Gesicht gefährlich nahe auf den Teller herab. Wir Europäer halten viel auf unsere Esskultur. Gesittet am Tisch sitzen zeigt eine gute Erziehung. "Sitz gerade", "Hand vom Kopf", "Iss mit Messer und Gabel", "Schlurf nicht". Knigge muss viel Zeit gehabt haben, um all dieses Dinge aufzuschreiben, die einem von frühester Kindheit die Lust am familiären Mittagstisch vergällten. Aber es sitzt tief und wir belächeln den Amerikaner, der diese Erziehung offenbar nicht genoss, als manierenlosen Tropf. Dabei ist das nicht richtig. Diese Esshaltung wird dem Amerikaner genauso in mühseliger Erziehungsarbeit eingehämmert, wie uns

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das Gegenteil. Wenn man bei uns die Nudeln auf dem Löffel um die Gabel dreht, lässt der Amerikaner die Hand unterm Tisch verschwinden. Für ihn gehört sich das einfach so. Das was für uns wie schlechte Manieren aussieht, ist für ihn Ausdruck von Esskultur. Vielleicht passt das ja irgendwie in ein Land, dass den Burger erfunden hat und das über mehr übergewichtige Menschen verfügt, als jedes andere Land der Erde. Einerseits halten wir die chinesische Methode, Reis aus einem zum Munde geführten Schälchen mittels Stäbchen in den Mund zu kicken, für einen Ausdruck jahrtausende alter Hochkultur, während wir andererseits die amerikanische Methode, die nicht viel anders aussieht, mitleidig belächeln. Seine Essmethode findet allerdings die Gunst des Wirtes, denn sie ist effektiv und der Teller schnell leer. Er strahlt vor sich hin. "Nice" sagte er und meint den Wein. Er gießt sich einen hiesigen Roten in sein großes Glas und trinkt ihn, wie ich es mit Wasser tue, wenn der Tag heiß ist. Seine Flasche ist schneller alle, als mein Glas. Mit glücklichen Augen betrachtet er mein Schweinefilet und bestellt sich noch ein Dessert. Cantucci - komische trockene Kekse, die er in Vino Santo eintaucht und geräuschvoll in den Mund saugt. Er lässt sich Zeit, bis mein Teller abgeräumt ist und bietet mir ein paar von den Keksen an. Ich weiß nicht, wie viel er vor meinem Erscheinen zu sich genommen hat, aber sein Aufnahmepotenzial scheint sich der Phase völligen Ausgefülltseins zu nähern. Er ist klein, aber drahtig, wie jemand der viel wandert. Längeres graues Haar wellt sich über seine Ohren, länger also, als für einen anständigen Amerikaner üblich. Sein Gesicht wirkt, als habe es bereits alle Klimazonen dieser Welt über sich ergehen lassen müssen. Ein Reisender, der es sich zum Hobby oder zur Berufung gemacht hat. Jemand der es sich leisten kann, es sich gutgehen zu lassen. Er spricht nicht mehr ganz deutlich, aber ich bekomme mit, dass er sich zu Klöstern hingezogen füllt, die eigenen Wein anbauen. Er habe sich südlich von Siena für ein paar Tage in eine Klosterzelle eingemietet. Könne dort an Verkostung und Klosterleben teilnehmen. Wäre er nicht Amerikaner, die ihr Land deshalb lieben, weil es ihnen die Möglichkeit gibt, es immer wieder zu verlassen und wiederzukommen, wenn es ihnen passt, er könnte sich vorstellen, auf das Privileg Amerikaner zu sein zu verzichten um in einem Weinkloster in der Toscana sein Leben als armer, aber glücklicher Weinbruder beschließen. Seine Art zu Reden und seine Sichtweise darzulegen erinnert mich stark an den Reiseschriftsteller Paul Theroux, der zu meinen Lieblingsautoren zählt. Eine gewisse Skepsis an allem klingt mit, aber immer mit genug Neugier, die die Möglichkeit birgt, Vorurteilen eine überraschende Abfuhr zu erteilen. Dabei spielt die amerikanische Sichtweise eine wichtige, aber nicht unkritisch betrachtete Rolle. Das Alter würde stimmen, knapp 60 und auch das Gesicht weißt eine gewisse Ähnlichkeit auf, aber ich bin zu höflich, um ihn danach zu fragen. Es ist das Privileg des reisenden Autoren unerkannt zu bleiben, wie Mr. Nobody seine Erfahrungen zu sammeln, zuzuhören ohne im Mittelpunkt zu stehen und still zu betrachten, was es zu betrachten gibt. Um ehrlich zu sein, ist es dass, was den meisten Menschen auf Reisen passiert und nur wenige müssen sich anstrengen, unerkannt zu bleiben. Was dann genau die jenigen sind, auf die der große Rest der schreibenden Reisenden mit einem gewissen Neid blicken. Trotz der verwunderlichen Tischmanieren vom mutmaßlichen Paul Theroux, sieht sein Platz nicht bekleckerte aus, als meiner. Ich mag diesen glücklich vor sich hin grinsenden Kerl vor mir. Nur das erstaunlich angewachsene Ensemble geleerter Flaschen, deren Inhalt ein wenig Unordnung in den sonst kontrollierbaren Geist gebracht hat, verhindert, dass wir am Ende unsere Adressen austauschen oder uns gemeinsam auf den Weg ins Kloster begeben. Normalerweise achte ich in Restaurants sehr auf das Essen, gibt es mir doch immer wieder genug Grund, ein Restaurant zu loben oder darüber zu meckern. Manchmal besuche ich ein Restaurant auch gerade deshalb, weil ich mir nichts besseres vorstellen kann, als das sprichwörtliche Haar in der Suppe zu finden. Doch erwies sich das Restaurant, als eines, über dessen Produkte man nicht viel Worte verlieren muss. Es diente lediglich dem Zweck der anständigen Nahrungsaufnahme. Nicht mit lauter "Ohs" und "Ahs" auf der Zunge angesichts lukullischer Artistik, verließ ich den Laden, sondern im Eindruck eine angenehme Mittagszeit verbracht zu haben, wenn auch etwas beengt. Doch diese Enge scheint für Florenz typisch zu sein. Ich trete auf die Straße, den gut gefüllten Bauch vor den vorbeiknatternden Motorrollern einziehend und verirre mich wieder in der Florentiner Innenstadt, wie

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in einem besonders kleinen Wald.

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Wettergott Teil 1 "Wie warm wirds'n heute", fragt mich meine Tochter laut aus dem Bad. Ich lehne müde an der Küchenplatte und schrecke hoch. Das fragt sie jeden Morgen um fünf vor sieben. Es ist wichtig. Sie benötigt diese Information für die Kleidungsauswahl. Schließlich möchte sie wissen, wie viel das Teil oberhalb des freien Bauchnabels abdecken muss. Aus der Hitparade sinnloser Kleidungsstücke besitzt sie ein paar Toptitel. Z.Bsp. den ärmellosen nierenfreien Rollkragenpullover und den Tarnfarben-Tanga. Ein Bauteil das soviel abdeckt, wie ein Faden Zahnseide. Modetrends läuft sie eher voraus, statt hinterher. Hochhackiges Schuhwerk mag sie nicht. Auch nicht, wenn ich ihr Überschwemmungen von Gehwegen voraussage. Uncool findet sie. Stattdessen stopft sie sich Reclambüchlein in die Strümpfe und gilt damit in ihren Kreisen als die Begründerin der Plateausocke. "Woher soll ich wissen, wie das Wetter wird?" antworte ich barsch. Ich arbeite zur Zeit aushilfsweise in der Nachrichtenredaktion eines kleinen, geldlosen Radiosenders. Ich bin dafür verantwortlich die Daten vom Meteorologischen Institut in einen Wetterbericht umzuarbeiten. Die Meteorologen haben in den letzten Jahren den Konjunktiv zur Kunstform erhoben und sich damit zum kreativsten Block der Wissenschaft gemausert. Ich versuche soviel wie möglich zu lernen. "Du bist doch hier der Wettergott. Sagt'n der Wetterbericht?" "Kommt erst in ein paar Minuten!" Ich brühe einen Tee auf. Im Bad geht das Radio an. In der Küche auch. Ich konzentriere mich auf die Nachrichten. Auch so ein kreativer Haufen mit viel Freude am Konjunktiv, diese Nachrichtenredakteure. Die Worte mutmaßlich und angeblich haben einen hohen Anteil in der Liste wiederkehrenden Vokabeln. Beim Wetterbericht bricht meine Konzentration zusammen. In dem Moment, in dem der Nachrichtensprecher die Temperatur ansagt, fällt mir ein, dass ich den Teebeutel rausnehmen muss. Also entgeht mir die Ansage. "Sollen heute fünfundzwanzig Grad werden," sagt meine Tochter und klemmt den Rand des Pullover unterm BH fest. "So?" "Warum sagt die im Radio, dass es heiter und sonnig ist?" "Ist es das nicht?" "Nein. Es regnet!" Ich schaue aus dem Fenster. Stimmt. "Warum sagt die im Radio heiter und wolkenlos?" "Sie liest vom Blatt!" "Aber es stimmt nicht!" "Nachrichten stimmen nun mal nicht!"

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"Statt Blödsinn vorzulesen, sollte sie lieber mal ans Studiofenster gehen, diese doofe Nuss." Wo hat sie bloß den Wortschatz her, denke ich und gebe ihr recht. Das Wetter treffend zu beschreiben, fällt vielen Menschen schwer. Besonders den Meteorologen. Kachelmann, der wabbelige Fernsehwettergott, redete mal davon, es wäre so kalt, dass man sich die Hände nur beim Taschenbillard warmhalten könne. Diese Umschreibung lieferte mir das Bild von hochgezogenen Schultern und Köpfen, die in steifen Rollkragenpullovern versinken. Also bereits eine sehr nachvollziehbare Form der Wetterbeschreibung, auch wenn ich mich bei Kachelmanns Anblick ganz bestimmt nicht zum Taschenbillard hingezogen fühle. Manchmal reicht ein Blick aus dem Fenster aus, um von miesem Wetter zu reden. Davon, dass man doch keinen Hund auf die Strasse jagt, oder dass es eben jene Hunde, in ihrer jüngeren Fom regnet. Stellen sie sich das vor, statt der allgegenwärtigen Hundekacke auch noch verendente Dackel und Pekinesen auf der Strassen zu finden, die den Sturz nicht überlebt haben. Letztens fiel der Begriff vom schuftigen Wetter. Ein Schuft, so beschreibt es Knaurs Herkunftswörterbuch ist ein niederträchtiger Mensch, ein Halunke gar oder ein lichtscheuer Spitzbube. Er ist also der Einzige, der bei trüben Wetter draussen herumschleicht, um seinem üblen Tagewerk nachzugehen, dass aus Schuftigkeiten besteht. Es handelt sich bei seiner Tätigkeit also um das legendäre Schuften. Ein Schuft, der Arges plant oder verkündet, was mich wieder zu Kachelmann und dem Wetterbericht bringt. So ein Wetterbericht ist wie ein Horoskop. Erst die Summe verschiedenster Medien ergibt eine halbwegs anschauliche Datenmenge, aus der man sich alles herausnehmen kann, was man braucht. Keiner gibt zu an Horoskope zu glauben, aber alle glauben Kachelmann. Die Radiomoderatorin in meiner Küche gratuliert dem Zuhörer zum schwülwarmen Tag. Meine Tochter geht mit knappem Top aus dem Haus. Ich starre missmutig in den Regen und verkrieche mich unter meinem Strickpullover. Danach hänge ich ein bisschen herum, in der Hoffnung, irgendwann munter zu werden. Das Telefon klingelt und vermasselt mir das eigene vorgelegte Tempo. Mein Redaktionskollege teilt mir mit, dass ein Computer abgekackt hat und ich mich um die Wetterdaten für den Abendwetterbericht selber kümmern muss. Das hat mir noch gefehlt. Stress leuchtet in roten Buchstaben über meinem morgendlichen Dämmerdenken. Ich muss mich erst einmal dringend Entspannen, beschließe ich, greife meinen Kulturbeutel und schleiche in die Sauna. Schwülwarme Luft hängt in den Räumen. Später, unter der Dusche platzt ein kalter Schauer auf mich nieder. In den Umkleidekabinen jagt ein Fön einen warmen Tornado durch das Haar eines Mitbürgers. Eine Gluthitze erdrückt mich unter dem Röster des Solariums. Es erwischt mich das Donnergrollen der Masseuse Angela, da ich beim letzen Mal vergessen habe zu bezahlen. Ihre Hände zaubern Blitze durch meinen Körper. Angela? Haben die Tiefdruckgebiete in diesem Jahr nicht weibliche Namen? Ich sitze im erholsamen Whirlpool. Die Blubberblasen sehen aus, wie die Einschläge von Hagelkörnern auf einen See. Mein Caribic-Cocktail in der Hand lässt mich von Sommersonne träumen. Das Wasser läuft über, als ein dickes Pärchen dazusteigt. Ich kann nicht schon wieder ein Hochwasser vorhersagen, denke ich. Ein kalter Luftzug trifft mich, als ein Gast die Tür zum Außenbereich länger als nötig auflässt. Ich bestelle mir ein großes kaltes Eis an der Saunabar und braue den Wetterbericht für den nächsten Tag. Meine Hörer sollten sich schon mal warm anziehen. "So das Tief Angela über uns käme, vertriebe es unsere gute Sommerlaune durch seinen kräftigen Griff, mit dem es uns unterwürfe. Den schwülwarmen Einflüssen vergangener Tage zum Trotze plätzen eiskalte Schauer auf uns herab, kräftige Sturmwinde peitschten uns und hüben Dächer ab. Niederschlagsmengen ergössen sich, die manchen das Wasser bis zum Halse steigen ließe. Hagel

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beglitte das mutmaßliche Angebot des Tiefdruckgebietes, so dass man von der Sommersonne nur noch träumte. Kühle Luftmassen trüfen ein aus nördlichen Gefilden und bröchten eisiges Erwachen. Man hieße Sommer nicht mehr Sommer, sondern schölte ihn Winter. Die Temperaturen, die eben noch Rekordwerte erklömmen, schwänden, sie söffen förmlich ab und kröchen auf niedrigsten Thermometerniveau. Ach, das Tief Angela. Verschonte es uns doch." Mein Redakteur ist zufrieden. Endlich habe ich es geschafft, meint er, einen Wetterbericht zu schreiben, der ausgewogen genug ist und der sich jeglicher Haftbarmachung entzieht. Nur am Konjunktiv müsse ich noch feilen, krittelt er rum und reicht mir meinen Wetterbericht zurück. "Könnstest du wohl nächste Woche in der Bibelredaktion mitarbeiten? Es geht um die Umarbeitung der Apokalypse. Schönes Wochenende dann. Unter uns, wie wird denn das Wetter?" Ich zucke mit den Schultern. "Woher soll ich das wissen? Ich bin nur der Wettergott. Ich weiß überhaupt nichts."

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Wettergott Teil 2 Mein kleiner, privater, schlecht zahlender Radiosender plant eine Expansion ins Fernsehgeschäft. Neben den üblichen untadeligen Medienauftritten, wie Serien, schreienden Trickfilmfiguren und nächtlichen Auszieh- und Abschleckvideos liegt ein weiteres wichtiges Anliegen des neuen Senders in der Präsentation von Verkaufsangeboten, Telefonquiz, Astrologischer Lebensberatung sowie ähnlich seriösen Nachrichten und Wetterberichten. Als Meteorologen ohne glaubhaften Abschluss liegt mir dieser Bereich näher, als beispielsweise die Astrologie, obwohl die Vorhersagen häufig genauso wage sind. "Informier dich mal gründlich, wie die das in anderen Sendern machen, mit der Wettervorhersage im Fernsehen" sagt mein Chef und schickt mich auf Recherche. Mein Auftrag für die nächsten Wochen lautet: Wetter gucken! Ich beginne mit meiner neuen Spionagetätigkeit, in dem ich das Fenster putze und rausschaue. Es regnet mal wieder. So sieht also Wetter aus, wenn es funktioniert. Da das nicht sehr abwechslungsreich ist und für eine große Fernsehshow ungeeignet, begebe ich mich mit einer Tüte Chips und einem Sixpack auf die Couch und beginne mich durch das Programm zu zappen, aufmerksam auf der Suche nach Wetterinformation und Erkenntnis. Ich lande zunächst auf dem Satellitenbild des Kultursenders Arte. Eine freundliche Frauenstimme mit französischem Akzent begleitet das Hin-und-Her-Gehopse zwischen der Landkarte Deutschlands und Frankreichs. Dabei sehe ich, wie es in Südfrankreich nur so dampft vor lauter Sonne während den Berlinern gerade der Himmel auf den Kopf fällt. "In Toulouse lässt es sisch gans priima braunbrönnän, während in den Vogesen die Demperatür weitauus angenämör iist. In Doitschlande hiiingägän, ist es eine Jacke kältärrr." Ein deutlicher Hinweis darauf, was der Zuschauer anzuziehen hat. Das gefällt mir. Es klingt seriös ohne überheblich zu wirken, wie der gutmeinende Rat der Lieblingstante. Die öffentlich-rechtlichen Sender wollen locker klingen, Spaß verbreiten. Ein Wetterbericht wird von einem hässlichen gelben Styroporfrosch angekündigt, der entweder im Regen plantscht oder sich beim Grillen selbst anzündet. Ein blödes Vieh, dessen Erfinder an der Universität ernsthaft Witz und Comedy studiert hat und zur deutschen Narrengilde gehören möchte, einer todtraurigen, aggressiven, durch und durch mafiösen Vereinigung, die selbst keinen Spaß versteht. Es ist, als würde man über einen Witz von Mike Krüger lachen. Ertragen wir also weiter den gelben Werbewetterfrosch und murren vorsichtshalber nicht. Vor der bunten Wetterkarte des ZDF tanzt ein Männchen mit Fliege vor dem Hals herum. Der hat noch nicht begriffen, das Frösche sowas lecker finden. Mit seiner Hand sticht er in die Luft und weist somit auf die aktuellen Wetterwerte die er freudlos abruft. Manchmal stolpert auch ein dünnes kleines diplomiertes Mädchen herum. In der ARD tritt ein gut informierter aber grau und schlabbrig uninteressanter Sven Plöger auf. Einen morgenerrötenden Hoffnungsschimmer hat die ARD aber, die leckerste Wetterwaffe aller Zeiten Claudia Kleinert. Beim Anblick dieser hochgeschossenen Blondine wird mir jedes Wetter egal. Manchmal sieht man sie im langen zippeligen Rock, dann wieder im luftigen Kleid oder in attraktivem Kostüm. Vor einiger Zeit, als vor lauter Sommer ohnehin sämtliche Zungen lang raushingen, kam Frau Kleinert in einer engen Lederhose vor die völlig uninteressante Wetterkarte gestelzt. Ihr Oberkörper, auch sonst immer ein sicherer Blickfang, wurde von einem absichtlich zu engen ärmellosen dunklen Trikot hervorgehoben. Sie wirkte wie die Ikone eines Latexcomics. Ich schwöre, sie war in Uniform und alle anderen Bediensteten der meteorologischen Institute sind nur die Fußsoldaten von Generalissima Kleinert. Wenn mir jemand mit dem Satz kommt, das Wetter macht mich schwach, weiß ich, was er meint. Einen Tag später trug sie leider ein geschlossenes Kostüm. Da muss Reichswetterführer Kachelmann wohl Bedenken angemeldet haben. Auf das regionale Fernsehwettergeschehen kann man sich verlassen. Vor dem Bild des aktuellen

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Livewetters steht ein Moderator in der Landschaft. Meist ein ahnungslos aufgegriffener Meteorologiestudent, der das Ende der Vorlesung verschlafen hat. Mal stehen diese Meteorologieopfer vor einem völlig verregneten Inselstrand oder in den schattenlosen Einöden des Ruhrgebiets, dann wieder in einem sonnigen Feld im Allgäu, während eine Kuh neben ihm in die Kamera lacht. Das Fell des als Windschutz über das Mikrophon gestülpte Kaninchens weht im Wind und Fliegen summen um die Brille des verschwitzten oder tropfenden Ansagers. Bei Wind und Wetter müssen sie draußen stehen und zeigen, dass man friert, wenn man sich ohne Mütze in den Frost wagt. Manch rote Nase sah ich schon, ohne zu wissen, ob es der Frost war, der sie färbte oder das Frostschutzmittel. Da steht mir ja einiges bevor, denke ich und schalte weiter. Die privaten Sender, die sonst aus allem eine Seifenoper machen, geben sich als Wetterpräsentatoren noch seriöser als die ARD. Gestylte Mittelklassemoderatoren eiern über den Bildschirm, im Hochsommer darf der Knopf unter der Krawatte leicht gelüftet werden. Bis auf ganz wenige Ausnahmen sehen die meisten Wettermoderatoren aus, wie die Besten ihrer Studienjahrgänge. Leute, die wirklich Bescheid wissen, was es mit dem Wetter auf sich hat, solange es sich um Messwerte handelt, die jemand liefert, der draußen war. Da, wo Wetter stattfindet. Selbst haben sie im Studium die Erkenntnis gewonnen, dass Wetter eine für den Menschen gefährliche Situation darstellt, der sie sich selbst nicht so gern aussetzen möchten. Der Sender Euronews macht das ganz geschickt. Da fliegt der Zuschauer virtuell über eine computeranimierte Landkarte und kann sich die aktuellen Temperaturen in Sarajevo, Helsinki und Dublin durchlesen. Kommentiert wird das nicht. Spätabends, als ich noch einmal durchzappe sehe ich noch eine Wetterkarte von Deutschland. Die Moderatorin, die die Karte verdeckt versucht die wichtigsten Kleidungsstücke vorzustellen, die man bei den verschiedenen Wetterangeboten tragen sollte. Einen Regenschirm, z. Bsp. oder einen Sonnenschirm. Da der Rest bei diesem Wetter immer nur nass wird oder anderweitig stört, ist die Moderatorin bald nackt. Außerdem betont sie, dass ich sie unbedingt anrufen soll. Warum verrät sie nicht. Ich halte diese Form der Wetterpräsentation für nicht sehr seriös und schalte weg. Genug Wetter geguckt, denke ich und schaue mir zur Entspannung noch den Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" an. In diesem Film, den ich mir immer wieder gern anschaue, wird im kleinen Städtchen Punxsutawney irgendwo in den U.S.A. jedes Jahr an einem bestimmten Tag im Februar ein verschlafenes Murmeltier aus seinem Bau gezerrt und gefragt, wie denn das Wetter in den nächsten Wochen wird. Der Starfernsehwetterfrosch eines größeren Fernsehsenders (wunderbar von Bill Murray gespielt) findet das zum Kotzen. Er benimmt sich ohnehin ziemlich rotzig und bleibt zur Strafe in einer Zeitblase gefangen, die ihn jeden Tag erneut in diesem Kaff aufwachen lässt und zwar immer am Murmeltiertag. Eine Horrorvorstellung. Aber wenigsten kann er nun genau vorhersagen, was an diesem Tag passieren wird und das betrifft nicht nur das Wetter. Auf eine langwierige Weise gelingt es ihm sogar sich einer Kollegin zu nähern, sich in sie zu verlieben und dabei selbst ein besserer Mensch zu werden. Schöner Film, denke ich rülpsend, verkippe das letzte Bier auf dem Fußboden und schlafe ein. Ich werde von einem Klingeln geweckt. Das Telefon. Mein Chef bestellt mich ins neue Fernsehstudio. Ich schaue auf die Uhr. "Ach du Scheiße" rufe ich, greif nach den ersten Wäschestücken die ich finden kann und renne aus der Tür. "Und. Hast du ordentlich Wetter geguckt" begrüßt er mich, die frühe Morgenstunde ignorierend. "Jo." Gebe ich müde zurück. "Da gibt es so viel zu bedenken. Das muss gut vorbereitet..." "Ja" sagt er. Vorbereiten kannst du hinterher. Guck auf den Monitor zur Rechten und immer mal in die Kamera und leg los." Er schiebt mich vor eine blaue Wand und ruft den plötzlich auftauchenden Studioarbeitern zu: "Achtung, Kamera läuft!" Eine Hand reibt mir noch rasch mit einem Wattebausch das Gesicht ab. Dann gucke ich ahnungslos und sicher ziemlich blöd in eine Kamera, über der eine rote Lampe aufleuchtet. "Ähm. Guten Morgen." sage ich und schaue auf dem Bildschirm. Dort sollte die Wetterkarte von Deutschland vorbereitet sein, doch noch läuft tonlos der Abspann von "Das Leben des Brian". Ich stülpe die Lippen. Eine Fernbedienung erhebt sich vor meiner Nase und auf dem Bildschirm schiebt sich eine völlig bekleidungslose Dame einen Finger in den Mund und stöhnt eine Telefonnummer.

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Ein Techniker tritt gegen den Monitor und eine Wetterkarte erscheint die schön gleichmäßig verstreut mit Sonnenflecken und sich abregnenden Wattewolken überdeckt ist. Ein paar Blitze zucken. Jemand hüstelt und ich zucke auch kurz zusammen. "Is live" höre ich es flüstern. "Äh. Ja. Wetter. Meine verarmten äh verdammten, also Damen und ... Sie wissen schon." Ich gehe noch einmal kurz in mich, um mich mit dieser etwas überraschenden Situation abzufinden. Völlig konzeptlos stochere ich in der Leere meines Gehirns herum und finde nichts Brauchbareres als einen Werbeslogan für Sinalco. "Also, ja. Wetter findet statt, wie sie sehen. Im Norden, im Westen, im Süden und Überraschung, diesmal wird auch im Osten nicht gespart." Ich strecke die Hand aus, damit Bluescreen, Wetterkarte und ich eine Symbiose bilden, schaffe es aber den Zeigefinger statt ihn auf den Osten der Republik zu richten mitten in das Herz von Belgien zu stecken. Hilfe suchend schaue ich auf die Assistentin des Chefs, eine eher moppelige, aber angenehme Blondine, die verlegen grinst. "Ach Claudia Kleinert, denke ich, "die wüsste jetzt, was zu machen ist." Aber die Fee lässt sich nicht beschwören und ich bin immer noch am stottern, orientiere mich nun innerlich aber am graumäusigen Leitbild des Wettermännchens Sven Plöger. "Regen für alle heißt die Devise und wer nicht nass wird, der ist selber Schuld." Mein Chef verdeht die Augen, die Assistentin kiekst hinter vorgehaltener Hand und zwinkert mir mutmachend zu. "Wenn sie sich diese schönen prallen, runden Regenwolken ansehen, die da schweben, vor allem hier so", ich wedele mit der Hand in Bauchhöhe herum, und treffe auf die Mitte Deutschlands - allmählich bekomme ich den Trick raus, mit den Händen genau dahin zu stechen, worauf ich auf der Wetterkarte hinweisen will. " Da sag ich mal, da iss noch, da wird noch, da geht noch was, aber hallo. Ziehen sie sich also trocken an, nass werden sie von ganz alleine. Abgesehen von den Stellen an denen es regnet, ist es allerdings, äh ... trocken. Die da unten im Breisgau leben sowie so in einer anderen Klimazone und dürfen sich wieder schön braun brutzeln lassen, während wir hier in der Hauptstadt bis zu den Knien... Naja, dafür haben se Geld. Nachts vor allem draußen kühler. Vollmond gibts auch. Wer also unter starken Bartwuchs leidet, Vorsicht." Die Assistentin wedelt mit einem Zettel und mein Chef zieht seinen Handrücken an seiner Kehle vorbei. Ich glaub ich soll zum Ende kommen. "Den Rest der Woche wird's ähnlich. Vielleicht wird es etwas stürmischer" höre ich mich sagen, als ich in die Augen meines Chefs blicke. "Der Sommer ist vorbei meine Lieben. So weit vom Wetter. Und Tschüß." Die rote Lampe erlischt und ich hole Luft. Irgendjemand klatscht verhalten. Ich versuche feige zu fliehen. "Sag mal. Willst du mich verarschen," brüllt mich mein Chef munter an. Jetzt reichts, denke ich. "Weißt du wie spät es ist", maule ich zurück. Unverständnis trifft mich. "Nee? Dann schau mal in den Fernseher. Da rekeln sich noch immer die Nackten. Und ich soll hier unvorbereitet Livewetter machen." "Ja, Is gut. Reg dich ab. So schlimm war es ja auch nicht" lenkt er ein. "Na, das bekommen wir schon hin. So. Gleich Sechs, da machen wir Nachrichten. Vermutlich hat um die Zeit ohnehin noch kein Schwein hingeguckt." "Nein," sage ich. "Die sitzen entspannt auf der Couch und gucken Nackte. Nackte." "Hm. Ja. Wir lassen das jetzt alle zwei Stunden vor den Nachrichten laufen. Morgen früh bitte etwas weniger stottern." "Heißt das jetzt jeden Morgen ..." "Äh, ja. Bedaure. Jeden Morgen die Aufzeichnung für den Tag und ab nächste Woche nochmal Live am frühen Abend." Da kann ich, da muss ich, da brauch ich ..." "Wasss?" "Einen zweiten Mann?" "Pah."

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"Eine Assistentin." "Hm?" "Einen ordentlichen Anzug?" "In den Lederhosen brauchst du morgen nicht nochmal zu erscheinen. Ich kümmere mich drum. So, muss los. Nachrichten. Bis Morgen früh." Es ist noch nicht mal sieben Uhr Morgens und ich fühle mich träge genug, um mich zu betrinken. Bill Murray hatte es gut, denke ich, in seiner Zeitblase. Da konnte er am nächsten Tag, der ja wieder der selbe Tag, also heute war, das alles besser machen, was er gestern, also heute falsch gemacht hatte. Warum kann mein Leben nicht manchmal auch ein bisschen komplizierter sein? Deprimiert schleiche ich nach Hause, trinke den Rest des Bieres vom Vorabend aus, schaue mir einen Herrn Ben Wettervogel im Wetterbericht des Frühstücksfernsehens an, der ein komplett anderes Wetter ankündigt als ich es vorgeschlagen habe. Dann schlafe ich ein. Ein Klingeln weckt mich. Telefon. Mein Chef möchte, das ich ins neue Fernsehstudio komme. Ich schaue auf die Uhr. "Ach, du Scheiße" rufe ich, greife nach den ersten Wäschestücken die ich finden kann und renne aus der Tür.

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Mein erster Tag als Berlinizer Im heißen Sommer 2006 hieß es im Fußballwunderland Deutschland: "Liebe Gäste. Her mit der Welt". Deshalb startete die Stadt Berlin eine neue Kampagne, die die Welt einlud, den Berliner als das zu sehen, was er ist: freundlich, weltoffen, zugänglich und kompetent. Zugegeben, nicht jeder kann das so zeigen und eigentlich ist das auch nicht der Ruf, den der Berliner im Rest der Republik oder den Reiseführern der Welt besitzt. Vielleicht war deshalb diese Kampagne nötig, die eigentlich nichts anderes sagen will, als: "Ick werd dich nich anquatschen, Alta, aber wenn de wat wissen willst, frach mich doch mal." Wer so denkt, darf Berlinizer werden. Bisher hatte ich eine Berlinizer-Plakette nicht nötig. Ich war schon immer einer, denn egal wo, wenn ein Tourist oder ein anderer Weltenwanderer in meiner Nähe nicht Bescheid wusste, dann kam er zu mir. Das liegt sicher auch daran, dass ich als Einheimischer gut zu erkennen bin, weil ich meist mit dem Rad fahre. In Berlin überlebt man auf dem Rad nur, wenn man sich im zähen Kampf über Jahre hinweg kontinuierlich durchsetzt, Verkehrsregeln gelegentlich genauso außer Kraft setzt, wie physikalische Gesetzmäßigkeiten, sich einen Schädelknochen wachsen lässt, der Helme überflüssig macht und ein Selbstbewusstsein entwickelt, welches den übelsten Schmähungen sich behindert fühlender Autofahrer trotzt. Daran erkennt man den Einheimischen. Er fährt Rad und er lebt trotzdem noch. Also, frag einen Radfahrer, das ist sicher ein Berlinizer. Wer ein offizieller Berlinizer sein will, muss vier Fragen richtig beantworten können, die mit Berlin zu tun haben. Dann kann er sich ein gelbes Plakettchen abholen und darf offiziell angequatscht werden. Doch reicht es nicht zu wissen, das Berlin an der Spree liegt. Die Realität ist, dass fremde Menschen nicht wissen, wo sie hin wollen und fragen, warum bestimmte Dinge in Berlin so aussehen, wie sie aussehen. Angequatscht zu werden, das geschieht mir regelmäßig. Halte ich am Brandenburger Tor, um Fußgänger passieren zu lassen, fragt man mich ganz selbstverständlich auf Englisch, wo den hier die Mauer lang ging. Letztens hielt ich kurz vor dem Potsdamer Platz auf dem Gehweg, weil mein Schuh offen war. Ich wollte mich gerade bücken, da kam auch schon die erste Frage, wie denn das große rote Gebäude hieße und wo den hier der Abflugplatz für den Heißluftballon sei. Nach der Erklärung bückte ich mich erneut und jemand wollte wissen, ob die U2 nach Ruhleben fahren würde. Als ich erneut begann, den offenen Schuh zu verarzten, hielt mir eine junge Frau mir einen Zettel unter die Nase. Darauf war die Frage formuliert, wo es zum Checkpoint Charly ginge. Sie unterstrich dass mit einer Geste, dass sie nicht reden konnte. Ich malte ihr den Weg auf und wies ihr den richtigen Weg. Dann endlich durfte ich mich wieder dem Schuh widmen. Vielleicht war das der Grund, warum Trinity im dritten Matrix-Film den zitatschweren Satz aufsagte: "Ich habe zehn Minuten gebraucht, um mir die Schuhe zuzubinden". Die wurde ständig nach dem richtigen Weg gefragt. Ich bin ein frisch ernannter Berlinizer. Die Pakette liegt noch im Kampagnenbüro. Ich mache mich auf den Weg, sie zu holen, verbinde das aber mit einem kleinen Spaziergang, durchs Nikolaiviertel, wo mich sofort die harte Realität erwischt, der sich der Berlinizer tagtäglich aussetzt. Ich stehe auf der Mühlendammbrücke. Ich weiß, dass hier einst eine schmale Furt war, durch die man die Spree bequem durchwaten konnte. Das war vor ca. 800 Jahren. Damals bauten ein paar Kaufleute eine Handelsstation an dieser Stelle. Auch eine Kirche musste her, denn der siedelnde Mensch benötigte göttlichen Beistand. So wurde ein Gotteshaus gebaut, deren Fundamente heute noch im Bereich der Nikolaikirche zu bewundern sind. Hier steht die Wiege Berlins. Dieses Wissen im Gepäck laufe ich durchs Viertel. Vor dem kleinen Laden mit den iberischen Spezialitäten bleibe ich ein bisschen sitzen, kaufe mir ein kaltes portugiesisches Bier und betrachte das gemütliche, schlendernde Treiben der Touristen, denen ich bald den richtigen Weg weisen darf. Hier laufen einige der Menschen durch, die vom roten Rathaus kommend auf die Türme der Nikolaikirche zusteuern. Eiskleckernde Amerikaner, elegant betuchte Württemberger, Japaner, die die Welt durch ihr Display betrachten, sportliche Spanier mit Kinderwagen und WM-Ball und weltreisende Senioren,

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die, woher sie auch kommen, immer gleich entspannt aussehen. Ich folge ihnen zur Kirche. Vor der Nikolaikirche begrabbeln ein paar Amerikaner einen fast lebensgroßen Braunbären der Marke Steiff, den der Laden, der sich selbst "Teddys" nennt auf der Straße ausgestellt hat. Er ist umgeben, von zwei Puppenwagen, auf die er aufpassen soll, sieht bereits etwas ausgeblichen und zerzaust aus. Einer der Besucher blättert in seinem Reiseführer und versucht den anderen zu erklären, was das mit dem Bären auf sich hat, kommt aber zu keinem Ergebnis. Er schaut von seiner Lektüre auf, sieht mich und fragt. Ich bin gern bereit eine plausible Erklärung zu geben, auch wenn gerade ein professioneller Nikolaiviertelführer samt Reisegruppe um die Ecke biegt. Etwas misslaunig bemerkt er, wie sich seine Gruppe der meinen hinzugesellt und lauscht. "Zur Zeit der Besiedlung vor knapp tausend Jahren, befand sich hier sehr viel Wald und in diesem Wald tollten auch etliche Bären herum. Als dann der Ort hier gegründet wurde, und man so ordentlich am Wälder roden war, wussten die Bären nicht wohin. Aber eine Siedlung beinhaltete ja viel leckeres. Die Siedler versuchten die Bären zu verjagen und zu töten. Es wurde schwer. Die Bären waren mächtig und es wurde sogar erwogen die Siedlung wieder aufzugeben. Doch schließlich gelang es die meisten Bären davon zu überzeugen, dass mit den Menschen nicht gut Kirschen essen sei. Sie verschwanden oder wurden erlegt. Nur einer der Bären begriff das nicht und entzog sich regelmäßig dem Zugriff der Jäger. Immer wieder schlich er sich in die Vorratskammern, klaute Obst und Gemüse oder auch mal eine Ziege und stellte gelegentlich auch kleinen Mädchen nach. Der Bär wurde zu einem echten Problem. Erst ein eingewanderter bayrischer Jäger namens Edmund der Barbarische konnte das Tier zur Strecke bringen. Seit dieser Zeit nannte man den Ort Bärlin und trägt das Tier im Wappen. Zur Erinnerung daran, dass die Siedlung nur deshalb entstanden und geblieben ist, weil es gelang die Bären zu verjagen." "And what was the name of that bear" fragt einer der Anwesenden. "That Bear called Bruno" sage ich und freue mich über den aufbrausenden Applaus der Zuhörer. Nur der offizielle Reiseleiter guckt finster. Jetzt habe ich mir ein gutes deftiges berlinizer Essen verdient, denke ich und nehme im nächsten Biergarten Platz. Die Gaststätte zum Nussbaum liegt im Schatten der Kirche und die Tische im Hof im Schatten eines noch nicht sehr alten Nussbaumes. Der wurde gepflanzt, als man das ganze Viertel in den Achtziger Jahren renovierte, umgestaltete und zum kulturhistorischen Flecken erklärte. Die Gaststätte selbst gilt als eine der ältesten in Berlin, doch da wo sie steht, stand sie nicht immer. Sie ist nachgebaut und sie stellt die Idee des historischen Nussbaums dar, ohne es zu sein. Die Bedienung scheint jedoch recht original zu sein, zumindest ist sie authentisch. "Wat soll's denn sein, junger Mann." Wenn ich mit vierzig von einer an vielen Stellen nachgebesserten Wirtshausmatrone als junger Mann bezeichnet werde, frage ich mich unwillkürlich, wie alt diese ist. Das ist nicht ganz unwichtig, denn wenn ich schlecht behandelt werde, verlange ich gern das Gästebuch, um bei der zu beanstanden Person in der Beschreibung der selben noch zehn Jahre draufzuschlagen. Als Pendant zum Trinkgeld. Man will ja schließlich auch seinen Spaß haben. "N Bier. Jroß und dunkel. Und dann...nen Strammem Max." "Jet klaa Meester." Sie zischt ab. Ein Strammer Max ist ein recht simples Gericht aus Brot, Schinken und Spiegelei. Das Brot wird mit Butter bestrichen oder in Butter angeröstet. Darauf kommt Schinkenspeck und ein Spiegelei. Fertig. Der Berliner mag seinen Schinken gern angebraten und das ausgelassene Fett sollte für die Spiegeleier verwendet werden. Es ist kein original Berliner Gericht, denn auch in Sachsen findet man diese einfache Kost. Dort kommt übrigens auch der Name her, denn man war der Meinung, dass dieses Gericht eine besonders kräftigende Wirkung auf den "Strammen Maxen" hätte, mit dem der Pabba der Muddi ne Freude macht. Der Stramme Max, den mir die Matrone vor die Brust setzt, besitzt die Eigenschaften nicht. Das Brot

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ist trocken, der Schinkenspeck kalt und das Spiegelei labbrig. Es ist eine deftige Enttäuschung. Das Spiegelei verzehre ich unwillig, der Schinkenspeck darunter ist maschinell vorgewürfelt und kommt direkt aus der Verpackung, wie ich sie noch am Vormittag bei Plus im Regal gesehen habe. Folie auf und rauf aus Brot. Ich schiebe den Teller angewidert weg. Am Zaun vor dem Restaurant diskutieren zwei Fremdenführer den Tag durch und landen empört bei meiner Performance. Ich sitze geschützt hinter dem Nussbaum und höre sie lamentieren. "Wahrscheinlich so ein Berlinizer. Selbsternannter Stadtauskenner ohne IHK-Zertifikat." "Der trug aber keine Plakette." "Egal, die Eingeboren denken doch alle, die wüssten was über die Stadtgeschichte. Die halten sich doch jetzt alle für Berlinizer. Und dafür habe ich nun Kunstgeschichte studiert." "Trotzdem, der hatte keine Plakette." "Da hat uns der Wowereit ja wieder was Tolles eingebrockt." Was hat denn unser Wowibärchen damit zu tun, frage ich mich. Der hat doch diese Kampagne gar nicht ausgeheckt sondern Beschirmherrt sie doch nur. Und überhaupt,warum muss ich eine Plakette tragen, um Auskunft geben zu dürfen. Naja. Typisch. Da will man mal nett sein und seinen Gästen was Gutes tun und schon fühlen sich die Berufsauskenner auf den Schlips getreten. "Hat jeschmeckt" fragt die Kellnerin und greift sich meinen verabscheuten Teller. "Na Weltmeister werden se damit nich," antworte ich. "Wieso denn. Iss doch allet wie et sein soll. Brot vom Bäcker, Schinken frisch aufjemacht. Und det Ei ist och noch nich soo alt." "Ich hab schon Strammen Max jejessen. Der hier war allet andere als stramm." "Se komm wohl nich von hier, wa. Det ist Berliner Küche." "Det is weder Berlin, noch Küche. Det is nur eklichst zusammen jeschludert." "Sie wolln zahl'n, nich wa?" "Muss ick wohl, auch wenn ick nich weiß warum." Ich schiebe ihr die exakte Summe rüber, fliehe aus diesem Etablissement und begebe mich auf den Weg, meine Berlinizer-Plakette zu holen. Dann sehe ich etwas offizieller aus und werde auch an den wichtigen Stellen als Einheimischer erkannt.

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Weihnachten bin ich ein besonders schlechter Mensch Eine gewöhnliche Pause zwischen zwei weihnachtlichen Theateraufführungen auf der Berliner Friedrichstraße. Früher Abend ausgefüllt mit der Suche nach kulinarischer Erbauung, die sich vom faden, unfreundlichen und häufig zu Magenunruhen veranlassenden Kantinenessen in Europas größtem Revuetheater unterscheidet. Die Straße ist voll von Menschen, die nach Kultur lechzen, aus schicken Läden stolzieren, Tüten schleppen, Taxis rufen oder aus diesen aussteigen. Hotelgäste, Theaterbesucher, vorweihnachtliche Schlenderer, Lafayettepilgerer. Ein Gemisch aus europäischen Sprachen durchölt die Luft. Reisegruppen aus Fernost quaken an mir vorbei. Mir ist nach etwas leichtem leckeren auf Fleischbasis. Rostbratwurst für einen Euro vom Grillwalker hatte ich die Woche schon. Die kleine Bar mit den Supersuppen und der Cola mit dem dreifachen Koffeeingehalt ist leider schon in den Feierabend gegangen. Vor dem Dönerstand muss ich noch ein kleiner Zeitungshändler überwinden, der den Kurier in der Auslage hat. Der neueste Gammelfleischskandal wird annonciert. "Razzia auf dem Weihnachtsmarkt - Alle Wurst schlecht." Ich denke Krakauer wird mit Glühwein gerade so durchgehen. Vielleicht sollte ich der Welt etwas Gutes tun und sie von einer weiteren gammeligen Wurst befreien. Die Friedrichstraße ist zu einer Prachtmeile geworden. Weihnachtslichter leuchten. Die Baustellen sind bis auf die an der Ecke Unter den Linden überschaubar. Das Angebot an Essen und Trinken nicht. Vom billigsten Schnellimbis zum teuersten Restaurant kann man hier alles zu sich nehmen. An hinter Fenstern aufgebauten Tischen sitzen Businessmenschen, digitale Bohemians und Touristen. Manche schauen heraus, wenn ich hineinschaue und zwinkern oder schauen durch mich hindurch. Herangewachsene krakelen vor McDonalds. Beim Thai-Imbiss tagt eine Weihnachtsfeier und aus der kleinen arabischen Falafelbude dröselt viel zu laut schmusiges Jazzradio. Ein zwei Meter großer Mann mit einer Plastetüte fragt mich nach Geld. Ich ignoriere ihn und er brüllt mir hinterher, was für ein Arschloch ich doch wäre. "Nur arrogante reiche Schweine", brüllt er. Ein Motzverkäufer hält mir eine Zeitung vor die Nase, die ich dankend ablehne. Er wünscht mir trotzdem noch einen schönen Abend und frohe Weihnachten. Neben dem Eingang zum Bahnhof fleht mich ein Zeitungsverkäufer an, ihm ein Abonnement für die Süddeutsche Zeitung abzunehmen. Ich würde wahlweise auch noch eine Uhr oder ein Buch dazu bekommen. Im Moment fehlt mir die Zeit für lange Lektüre. Ich bin schon mit dem Berliner Satireblatt "Kurier" überfordert. Der Punkpulk am Tränenpalast möchte gern eine Unterstützung, wahlweise für den Hund oder für das dringend benötigte Bier. Ich schaue in die teure Straßenbeleuchtung der Vorweihnachtszeit und wünsche mir was zu Essen und eine Möglichkeit einfach nur still die Straße lang zu schlendern ohne im Zickzack Bittstellern ausweichen zu müssen. Ein südländischer Jungmann will mir ein Zettel in die Hand drücken. "Lass mich in Ruhe" sag ich. Aus dem Augenwinkel erkenne ich die Speisekarte eines kleinen serboitalienische Griechtürken mit Billigangeboten. Eine große verwöhnte Frau guckt von einem Werbeplakat eines großen Schmuckdesigners auf mich herab und bettelt auf sehr sinnliche Weise darum noch mehr verwöhnt zu werden. Meine Laune befindet sich auf Tauchgang. "Fick dich selber" telepatiere ich ihr zu. Ich habe noch Kleingeld in der Jacke, trotzdem gehen ich an den Geldautomat. Ich bemerke, wie eine Gruppe Pupertisten auf meine Finger glotzt. Sie sehen nicht so aus, als könnten sie sich vier aufeinanderfolgende Zahlen merken, trotzdem breche ich den Geschäftsvorgang lieber ab. "Hab sowie so nichts auf dem Konto" teile ich den enttäuschten Kindern mit. "Ey was Alter" rülpst einer, als ich mich an ihnen vorbeidrängele. Aus dem Seifenfachmarkt "Lush" duftet es nach frisch gewaschen. Seife in allen Farben und Duftformen, mit Rosen-, Lavendel- und anderen Blütenblätter gefüllte Badekugeln, die blubbern, wie ein Whirlpool, wenn man sie mit in die Badewanne nimmt. Luxuriöser Badespaß. Nicht gerade die Hygieneartikel für den Hartz-IV-Empfänger vor der Jobsuche. Die beratungsaktiven

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Verkäuferin tragen Engelsflügel auf den nackten Schultern. Es ist eng im Laden und ständig bekommt man die Federn in die Nase. Zwischen Bahnhof und Kulturkaufhaus Dussmann liegt das Paradies der Klemmbrettträger. Direkt vor Opel, das seine schönsten und teuersten Autos ausstellt, der Aussicht bei Dussmann gleich viel Geld für Kultur auszugeben und unter dem sich in den beleuchteten Abendhimmel streckenden Hochhaus des internationalen Handelszentrums winken die ausgebildeten Finger der internationalen Betroffenheitsvereinigungen. Weltrettung bei Unterschrift, Apokalypse bei Ignoranz. "Lieben Sie Tiere?", "Sie wollen doch auch nicht, dass es Kindern schlecht geht, oder" sowie die Chance mit seiner Unterschrift und einer gewissen Spende die sofortige Abschaffung der Todesstrafe in den USA herbeizuführen, gehören nur zu den gängigsten Straßenbarrieren. Am Tierversuchsgegner kann ich vorbei gehen und auf seine Frage, wie es denn mit meiner Tierliebe steht, empört "Perversling" rufen. Dass ich nur ein weiteres blödes Berliner Arschloch bin, stört mich in diesem Fall nicht. Die Kinderliebhaber sind auch keine Hürde mehr. Ich hatte mich mal zu einer Spende beknien lassen für die Aktion "Kinder in Not". Auf dem Alex erweckten sie mein Mitleid. Als ich nach einem halben Jahr versuchte mit der Organisation, die auf der Quittung ausgewiesen war, Kontakt aufzunehmen, liefen alle Versuche ins Leere. Mir fiel ein, dass die Person, die mir für ein nicht unerhebliches Handgeld den Titel "Guter Mensch" verkaufte, auch noch nicht sehr alt war. Ob ich dem Kind dabei aus der Not half, weiß ich nicht. "Sie wollen doch auch nicht, dass es Kindern schlecht geht, weil sie keine Bildungschancen haben und das man sie von der Straße holt," heult mich ein betroffen glotzendes Mädchen an. Ihre Augen erinnern mich an den Gestiefelten Kater im zweiten Teil des Zeichentrickfilms "Shrek". "Wir sammeln für ein Projekt, das auf die schiefe Bahn geratene Jugendliche unterstützt..." Ich nehme sie kurz in den Arm und drehe sie zum Bahnhof, mit direktem Blick zum Geldautomaten. "Sehen Sie die Jungs da? Auch noch Kinder. Wahrscheinlich auch irgendwie in Not. Die besorgen sich ihr Geld schon selbst. Außerdem sehen die so aus, als hätten sie keine Bildungschancen, selbst wenn sie es versuchen würden. Die einzigen, die die von der Straße holen können, tragen Uniform." Ihre erlernte Argumentationskette hat einen Knoten. Ich nutze die Agitationspause zur Flucht. Meine Laune ist nicht besser geworden und Hunger habe ich immer noch. Doch jetzt stolpere ich fast über eine kleine Frau mit schwarzem Kopftuch und Agitationsmappe im Arm, die mich auf englisch anspricht. Sie erzählt mir anschaulich von den Steinigungen im Iran, ihre Augen sehen traurig aus. Es fängt jetzt auch noch an zu regnen. Amnestie International kann im Iran nicht arbeiten. Die Angehörigen von Verurteilten müssen sich im Ausland organisieren um mit Spendengeldern juristischen Beistand für die in Haft sitzenden Iranis zu finanzieren. Spendenquittungen werden gezeigt, Fotos von halb eingegrabenen Frauen, um die herum Menschen mit Steinen stehen, das Bild von Ahmadine Dingsbums, dem Iranischen Staatsoberhaupt. Ein unsympathischer kleiner Geiferer, dem der Kurier aufdringlich, aber erfolglos den Titel "Mullahhitler" anhängt. Ein Titel, der mehr Urteil als Fachwissen aufweist und der Situation im Moment noch nicht unbedingt gerecht wird, aber der Kurier will diesmal vorsorgen, da die dortigen Fachjournalisten das Anhängen des Hiltlerprädikats bei Sadam Hussein irgendwie verpasst hatten. Das im Iran mehr als nur das juristische Denken im Mittelalter geblieben ist, wird weltweit zurecht angeprangert. Die kleine Iranerin zeigt mir eine Finanzaufstellung, nach der ich mit einer nur 1200 Euro teuren Spende in der Lage wäre, eine vom Tode bedrohte Person zu retten. Sie kann es mir allerdings nicht garantieren. Das Geld geht, so wie ich es verstehe in die juristische Betreuung der Todeskanditaten, also in die Hälse der Anwälte, die sie rausboxen sollen. Ich kann mir nicht vorstellen, das man in einer fundamentalistischen Umwelt mit 1200 Euro einen Deal über Leben und Tod eines Menschen aushandeln kann. Dann wäre Korruption ja doch irgendwie sinnvoll. Die Frau scheint das zu glauben und es klingt nicht so, als wolle sie mir einen Bären aufbinden. Eine zweite Frau tritt dazu und argumentiert mit. Eine halbe Stunde höre ich mir die Leidensgeschichte des iranischen Volkes an. Meine schlechte Laune schlägt zusehends in Traurigkeit um. Fünf Meter weiter packt ein Bettler seine Bettelutensilien ein, streckt sich und schließt seine Kasse. Eine Mutter zerrt ein ningelndes Kind über die Ampel, bei Opel dreht sich eine teure Karosse, ein

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Krankenwagen lalüt und ein Weihnachtsmann trottet den U-Bahnschacht hinab. Ich stehe im Schein der Weihnachtszeit und schaue in die erwartungsvollen Augen der beiden Muslime. Langsam schüttle ich den Kopf. "I'm so sorry" sage ich und trotte den Weg zurück, den ich gekommen bin. Die weihnachtliche Vorfreude und Besinnlichkeit, die sich irgendwo unter der Hektik der durch die Einkaufspassagen hetzenden Großeinkäufer versteckt, wird zunehmend eingeengt durch die Vermarktung des schlechten Gewissens. Der Satz "Spenden Sie und Sie retten einen Menschen" souffliert im Subtext "Spenden Sie nicht, dann Morden Sie". Wie viele Leben habe ich also täglich auf dem Gewissen, wenn ich an Spendenbittende vorbei gehe, die Unicef-Weihnachtskarten wegen ihrer kitschigen Motive nicht kaufe, die Zeitungsbeipackspendenaufrufe mit der sonstigen Werbung in den Papiermüll schmeiße? An einem einzigen Abend gelingt es mir mühelos an der Hinrichtung ganzer Familien in der Dritten Welt meinen Anteil zu haben, weil ich nicht jedem Spendenaufruf folge, nicht alles unterschreibe, was ich auf der Straße vor die Nase gehalten bekomme und nicht meinen Dispokredit auslote, damit ein fundamentalistischer Rechtsanwalt im Iran überlegt, ob er wegen der nach erwiesenem Ehebruch zum Tode verurteilten Frau seine guten Beziehungen zum Ortsmullah auf Spiel setzen soll oder nicht. Zu Weihnachten also, wenn ich unter der leuchtenden Dekoration der Friedrichstraße spazieren gehe und zwischen Glühweinständen und Auslagen erzgebirgische Laubsägearbeiten herumtolle, "Oh du fröhliche" ins Ohr gesäuselt bekomme und die Frohe Botschaft von der Erlösung der Welt durch den Sohn Gottes eine gigantische weltumspannende Geburtstagsparty rechtfertigt, laufe ich als schlechtes Beispiel an Not und Elend in der Welt vorbei, ohne die Welt zu retten. Ich trotte zurück in's Theater um ein paar Menschen mit Glanz und Glamour zu illusionieren, während auf dem Weihnachtsmarkt sich ein einfacher Mitmensch den Magen ruiniert, weil ich es nicht geschafft habe da zu sein und die Gammelfleischwurst vor seiner Nase wegessen konnte. Meine Opferbereitschaft lässt sehr zu wünschen übrig. Weihnachten bin ich immer ein besonders schlechter Mensch.

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Hochherbst Des Herbstes deutlichstes Herannahen ist das laute Herannahen seiner Bekämpfer. Der Herbstbekämpfer läuft mit Benzin und pustet Laub. Sein Knecht, der ihn benutzt trägt wahlweise orange oder grün, heißt Stadtreinigung oder Grünflächenamt und tritt bevorzugt morgens um sieben Uhr in Erscheinung. Schon im lauen Sommer übt er Motorenstarts und pustet schon mal in launigen Trainingsrunden die Igel aus dem Unterholz. Im Herbst, wenn Blätterdächer sich auf Autodächer senken, Friedhöfe feucht und friedhöflich duften und die Wegplatten in Krankenhausparks gefährlich rutschig werden, zieht der Herbstbekämpfer laut brummend mit dem Laubpuster heran, wirbelt die Blätter unter den Autos und Sträuchern vor, bläst sie an den Straßenrand und lässt sie erstmal liegen. Die Laubsammler kommen später. Für diesen Tag haben sie einen Auftrag in einem anderen Stadtteil. Abends frischt der Wind auf. Morgen früh um Sieben beginnt der Dienst des Laubpusters erneut. Der Rentner, Nachtschichtler und Spätdienstler, der Genesende im Krankhaus, der Leichnam auf dem nahen Friedhof, sie alle sparen sich Weckmeldodie und Uhr, denn das Grünflächeamt ist zuverlässig laut. Es ist also Hochherbst, Indian Summer, Rheumawetter. Das Bananengelb der Kastanienblätter hat man hier schon lange nicht mehr gesehen, da die Miniermotte, der Kastanie schon im Juli den Garaus macht. Vor dem Küchenfester glitzert ein Spinnennetz. Eine Kreuzspinne wohnt dort, fett und gefährlich. Die Mischung aus natürlichem Ekel, biologischem Bewusstsein und häuslicher Schlamperei findet damit eine Kollektion an Ausreden, dieses Fenster vorerst nicht zu putzen. Im Park ist der Herbst ein Ort der Begegnung. Man begegnet dem Frischluftfan, der sich von reduzierter Ausgangstemperatur nicht entmutigen lässt und seine eigenen Temperatur sportlich in die Höhe schraubt. Bei einem ruhigen Spaziergang um den See, sieht man Bäume, Wasservögel und andere Seeumrunder in freier Wildbahn. Dabei ist besonders die Klientel der Sportlichkeit zu bewundern. Jeder Jogger und Walker hat eine andere, selbstentwickelte Haltung. Der erste, den ich beobachte, ist ein sich selbst kasteiender Mann, der kurz vor der Erreichung des Zustandes vor Sauerstoffzelt angelangt ist. Er schleppt sich schnaufend über den Parkboden, seine Arme hängen kraftlos herab und seine Füße schaffen es kaum noch sich über das schurrende Geräusch schleifender Schlappen zu erheben. Vorbeieilende zum Dienst zischende Krankenschwester gucken vorsorglich weg. Danach brosselt die hektische Omi über die Rennbahn, ein kleines dürres Weibchen unbestimmbaren Alters jenseits der Siebzig. In enge Sportseide getaucht, die Brille stur aufs Geradeaus gerichtet und mit Zornesfalten über der Stirn hirscht sie voraus. Ich möchte nicht der Handtaschendieb sein, den sie verfolgt. Eine Sportlerin um die Fünfzig walkt in weißem Sportornat locker wippend vorbei, wo bei alles an ihr am wippen ist, was man sich nicht vorstellen mag. Schön dass sie sich dem Sport widmet. Besser spät, als nie. Die Arme winkelt sie etwas tuckig an. Mit dieser an Kaninchenläufe erinnernden Armhaltung schrubbelt sie zaghaft voran, das Lächeln des Ausdauersportlers im Gesicht. Unter Läufern finden sich einige bemerkenswerte Techniken. Manche Jogger sind mit hochgedrücktem Rücken unterwegs, gerade zu beängstigend aufrecht, andere laufen leicht vornüber gebeugt, voranstürmend. Einige mit weit ausholenden Schritten, andere mit kurzen Trippelfüßen. Attraktiv schwitzen sich junge Frauen um den See, kerllich machorieren sich sportliche Jungs an den Mädchen vorbei. Kinder, Hunde und Rentner springen im Zickzack den Athleten aus dem Weg. Die hasenarmige Masse wippt eine zweite Runde an mir vorbei, nun bereits deutlich hörbar, die sportlichen Kerle grinsen den sie nun doch wieder überholenden Mädchen hinterher und der schnaufende Schleppsportler scheint irgendwo zusammengebrochen zu sein. Indes bewerfen Kinder die Seeenten mit Brot oder lassen sich von den Schwänen anfauchen. Ein

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Bleßhuhn quiekt, eine Ente quakt und ein Haubentaucher versteckt sich unter Wasser. Gelb schweben die Blätter von den Bäumen herab, um auf dem See zu schwimmen. Hunde verrichten ihr Geschäft und Kinder greifen beim Blättersammeln beherzt ins Gras. Ein idyllischer Sonntagmorgen in Park.

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Spätherbst Eines Nachts kommt der erste Frost, noch nicht alles einschläfernd, aber ausreichend um den Nussbaum auf dem Hof, der Tags noch mit seinen gelben Blättern angab, bis zum Morgen vollkommen nackt dastehen zu lassen. Alles ist kahl und der goldene Herbst weicht all zu schnell dem nebligen Grau, dem feuchten, verfaulenden Laubgeruch, dem morschen Holz. Die Laubpuster müssen ihre Maschinen auf volle Kraft drehen, die stärkste und lauteste Stufe, denn das feuchte Laub lässt sich nur schlecht hochwirbeln. Vereinzelt greifen die Rekruten der Laubbefreiungsarmee sogar zur Laubharke, mit der sie missmutig auf dem Steinpflaster herumkratzen, zumindest so lange sie sich sicher sein können, dass sich noch irgendwo jemand im Bett umdreht. Besonders gut erkennbar sind jetzt die Eichhörnchen, die sich mit den Krähen und Eichelhähern um das Beseitigen herumliegender Nüsse und Kastanien verdient machen. Wenn sie rot leuchtend durch die Äste schießen, von Baum zu Baum fliegen oder mit ihrem gut trainierten Hinterteil an der Baumrinde kleben, die Ohren schön nach oben, erfüllen sie alle Anforderungen, die man an den Begriff possierlich stellen möchte. Die kleinen süßen Nager gehören in dieselbe Familie wie die Ratten. Halt, das stimmt nicht. Die Familie ist die des Hörnchens, die Ordnung ist die der Nagetiere. Eichhörnchen gehören also in dieselbe Ordnung, wie die Ratten, nur letztere finden nicht alle Menschen possierlich. Auch Meerschweinchen gehören dazu. Das Verhältnis des Menschen zu den einzelnen Tieren scheint da nicht ganz klar orientiert zu sein. Während man als Erziehungsberechtigter eines mittelkleinen Kindes gern gewillt ist ein Meerschweinchen, und wenn man könnte auch ein Eichhörnchen ins Kinderzimmer zu stellen, möchte man das mit einer Ratte ungern tun. Vielleicht hat man Angst davor, dass die Ratte zu intelligent ist und einen irgendwie hintergeht. Doch selbst bei größerer Distanz ist es verwunderlich wie süß man es findet, wenn ein Eichhörnchen eine Nuss von der Terrasse stiehlt und wie entsetzt, wenn eine Ratte das gleiche tut. Im Spätherbst klopfen die Meisen an mein Futterhaus. "Würmer sind alle und Miniermotten auch," scheinen sie zu sagen. "Her mit dem Winterfutter, aber ein bisschen plötzlich." Beim Frühstück genieße ich die Gesellschaft der Vögel am Küchenfenster. Die kleine Blaumeise mit der Tonsur, der adrette Kohlmeiserich mit dem Backenbart, der grüne Grünfink, der Kleiber, der Spatz, das Rotkehlchen und der rotgesichtige Stieglitz, alle treffen sich beim Picknick vor meinem Fenster. Gegenüber auf der Regenrinne sitzt eine Horde Tauben, grau und verhärmt, wie eine Traube Kopftuch tragender Hausfrauen nach erfolglosem Winterschlussverkauf. Neidisch blicken sie auf das viel zu kleine Futterhaus. Der Herbstvogel Nummer eins ist die Nebelkrähe, die auf dem nahen Friedhof auf dem Grabstein hockt und ein Lied von Tod und Vergeblichkeit zwitschert. Für viele Menschen ist kaum ein Monat so trostlos wie der Spätherbstmonat November. Feucht und finster sorgt dieser sonnenferne Monat für düstere Gedanken. Die Hände versinken in den Manteltaschen, die Schultern werden nach oben gezogen. Radsportler in buntem Dress gibt es nur noch wenige und die müssen es schon verdammt ernst meinen. Sonne holt man sich im Sonnenstudio oder im Reisebüro. Die ideale musikalische Begleitung für den November ist Elvis Costellos CD "North", alles von Leonard Cohen oder Mozarts Requiem. Im spätherbstlichen November bedeckt man die Gräber seiner Verblichenen. Man macht sich Gedanken über sein eigenes Ende, das sich Tag für Tag um einen Tag nähert. Vielleicht sollte man auch im Winter Sport treiben, denke ich sich, während ich gleichzeitig an die seelenaufhellende Wirkung einer Tafel Schokolade glaubt. Sportstudios verzeichnen Gewinnzuwächse. Wie machen die das bloß, wenn der Normalbürger genauso so faul ist, wie ich selbst. Beim Parkspaziergang muss ich nicht mehr so häufig den Joggern ausweichen. Wer will schon freiwillig bei diesem feuchten Mistwetter in Sportklamotten rumrennen. Die tun einem ja so Leid die

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Jogger, fast wie die Hundebesitzer, die auch bei jedem Wetter raus müssen. Nordic Walker hingegen nehmen wieder zu. An Zahl, ob an Gewicht kann ich nicht sagen. Sie bedrohen ihre Umwelt mit den Stöcken in ihren Händen. Ich bin ganz froh darüber immer noch ohne Krücken laufen zu können. Abends tauchen die Nebel unvermittelt aus den Gullys wie Halloweengeister. Halloween, ein echter Feiertag für Nebelwetter, hat sich auch in Deutschland ausgebreitet. Während Brandenburg den Reformationstag als Feiertag in Berliner Kaufhäusern verbringt, rasseln die eingeborenen Kinder mit Ketten aus Plaste und Masken aus Pappmaché vor den Wohnungstüren herum und machen ein lautes Angebot: "Süße oder Saures". Da schrecke ich jedes Mal aus dem Genuss einer friedvollen Halloweenfolge der Simpsons hoch. In den letzten Jahren scheint der Brauch aber wieder abzuflauen, zumindest klingelt kaum noch einer bei mir, seit ich mir angewöhnt habe, die Frage nach "Süßem oder Saurem" dahingehend zu beantworten, dass die Fragenden in eine Schüssel mit sauren Gurken greifen dürfen. Wenn am Martinstag die letzten Gespenster ihre Lampions verkokelnd ins Gebüsch geschmissen haben und die beiden Trauersonntage auf die menschliche Stimmung drücken, wird es allmählich Zeit sich wieder ins Licht zu begeben. Der Advent macht mit seinen Weihnachtsmärkten und Süßwarenbombardements alle Hoffnungen auf eine angenehme Figur im neuen Jahr zunichte, die bunten Lampen werden aufgehängt und die nervöse Weihnachtsdiskobeleuchtung verblitzt einem die an trüberes Licht gewohnten Augen. Endlich darf man auf freundlichen Frost hoffen und auf die Illusion einer fröhlicheren, gnadenbringenden Zeit.

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