Nazis in Teupitz

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Lothar Tyb’l Nazis und Entnazifizierung in Teupitz – die Schatten des Adolf-Hitler-Platzes Inhaltsverzeichnis Seite I. Tag der Befreiung und die Ent...

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Lothar Tyb’l Nazis und Entnazifizierung in Teupitz – die Schatten des Adolf-Hitler-Platzes Inhaltsverzeichnis

Seite

I. Tag der Befreiung und die Entnazifizierung

1

II. Zerschlagung der NSDAP Wiedergeburt antifaschistischer Parteien

3

III. NS- Bürgermeister

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IV. Sowjetischen Kommandantur

9

V. NS-Gewerbe im Schloss und die Enteignungen

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VI. Landesanstalt und Ärzteschaft – Rassismus oder Humanismus

17

VII. Zeitung, Schule und Kirche auf dem Prüfstand

20

VIII. Kein Schlussstrich

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Quellen/Literatur (Auswahl)

24-26

© Alle Rechte vorbehalten Lothar Tyb’l 2005/2011 Die Schrift ist einschließlich aller ihrer Teile urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen jeder Art oder Einspeicherungen in elektronische Systeme sind ohne Zustimmung des Autors unzulässig. I. Tag der Befreiung und die Entnazifizierung In der märkischen Kleinstadt Teupitz waren während der Weimarer Republik mehrheitlich deutsch-nationale, konservative Kreise dominant; Kommunisten hatten nur kurzfristig einen Stadtverordneten, die Sozialdemokraten waren einflussreicher, aber nicht stark genug, die Kommunalpolitik zu bestimmen. Die Ortsgruppe der NSDAP bildete sich verhältnismäßig spät, erst im Frühjahr 1931 in der Gaststätte „Zur goldenen Sonne“ am Markt, dem ‚Partei- und Sturmlokal’ des frühen NSDAP-Mitglieds Eugen Krüger.1 Doch 1933 kamen die Nazis auch hier an die Macht. Am 09. März 1933, mittags 13.00 Uhr, hissten die hiesigen SA- und SS-Stürme feierlich die Hakenkreuzfahne am Rathaus in Teupitz, holten die schwarz-rot-goldene Fahne aus dem Amt und verbrannten sie auf der Straße. Gleichzeitig hissten die Deutschnationalen die schwarz-weiß-rote Flagge, noch immer der Illusion ergeben, mit an der Macht bleiben zu können, eine Illusion, die schon nach drei Monaten wie eine Seifenblase platzte. Ein Jahr später, anlässlich des 1. Mai 1934, dem so genannten ‚Tag 1

KWZ 18.3.1931; Der Märker 25.11.1931, 18.7.1933

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der nationalen Arbeit’, versammelten sich nach einem pompösen Festumzug die Einwohner der Stadt auf dem alten Markt und bejubelten dessen Umbenennung in ‚Adolf-Hitler-Platz’.2 Die Schatten des umbenannten Platzes legten sich auf die Stadt; das dunkelste Kapitel der Stadtgeschichte nahm seinen Lauf. Am 27. April 1945 wurde dieses Kapitel mit der Besetzung der Stadt durch die Rote Armee beendet und dem Platz sein alter, bescheidener Namen ‚Markt’ zurückgegeben. Die Stadt wurde von der NS-Herrschaft befreit, wenn auch nicht wenige Einwohner die Befreiung von außen eher als Niederlage und Tragödie empfanden und das alltägliche Leben fast unerträglich schien. Die Tausenden Toten in den Wäldern um Halbe, das Chaos in allen kommunalen Bereichen, der nicht zu stillende Hunger, das Leid und die Wohnungsnot der Umsiedler, Flüchtlinge und Vertriebenen, Vergewaltigungen und Plünderungen russischer Besatzer, die kaum zu versorgenden Kranken, Patienten und Verwundeten in den Gebäuden der ‚Landesirrenanstalt’ ließen damals Gefühle und Denken kaum zwischen Zusammenbruch und Befreiung unterscheiden. Befreit wurden alle Bürger von der Kriegsangst: Endlich, endlich schwiegen die Waffen. Befreit wurden politisch und weltanschaulich Andersdenkende, die 12 Jahre verboten und mundtot gemacht worden waren und nun schon in den ersten Nachkriegswochen die starken Ortsgruppen der CDU, SPD und KPD von Teupitz bildeten. Befreit wurden die serbischen Kriegsgefangenen des ‚Arbeitskommandos 1129 Teupitz’ des Stalag III A Luckenwalde und die ‚Fremdarbeiter’, die auf den Höfen der Umgegend seit 1941 als billige Arbeitskräfte dienten. Befreit wurden die Insassen der Landesirrenanstalt von der drohenden Gefahr, als ‚unwertes Leben’ vernichtet zu werden. Befreit wurden die Einwohner von der geistigen Herrschaft eines unerträglichen Rassenwahns und Antisemitismus, die das geistige Leben der Stadt vergiftet hatten. Die nach der Besetzung folgende Entnazifizierung basierte in Teupitz, wie überall in Deutschland, auf einem Programm, das während der Konferenz von Jalta im Februar 1945 von den Alliierten beschlossen und nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 in das Potsdamer Abkommen übernommen worden war. Auf dessen Grundlage wurden die NSDAP aufgelöst, jede nationalsozialistische Politik und Propaganda verboten, alle NS-Gesetze aufgehoben, die Festnahme und Bestrafung der NS-Funktionäre angeordnet und ihre Entlassung aus Führungspositionen in Wirtschaft, Politik und Erziehungswesen verfügt.3 Seine Realisierung wurde jedoch in allen vier Besatzungszonen sehr bald vom ‚kalten Krieg’ der Siegermächte überlagert. In der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und in der DDR, so auch in Teupitz, wurde dieses Programm ausgehend von der Gesetzgebung des Alliierten Kontrollrats, insbesondere von dessen Gesetz Nr. 10, den Direktiven Nr. 24 und Nr. 38, mit Befehlen der Sowjetischen Militäradministration (SMAD), dem höchsten legislativen, exekutiven und judikativen Organ in der SBZ4 am radikalsten realisiert, mitunter auch unter Verletzung rechtsstaatlichen Herangehens. Von den Entnazifizierungs-Kommissionen in der SBZ wurden 1945-1947 über 800.000 ehemalige NSDAP-Mitglieder überprüft und über ½ Million mit verschiedensten Zwangsmaßnahmen wie Internierung, Enteignung und Entlassung belegt.5 17.000 2

BLHA Rep.8, Teupitz Nr.117 Amtsblatt des Alliierten Kontrollrats, S. 13-20 4 Foitzik, S.7-8 5 Behnen, S. 185 3

2

Personen wurden zwischen 1945 und 1990 wegen NS-Tötungsverbrechen angeklagt.6 Mit Zuspitzung des kalten Krieges geriet die Entnazifizierung zunehmend in den Hintergrund. Offiziell und für viele überraschend wurde sie am 26. Februar 1948 mit dem SMAD- Befehl Nr. 35 beendet, weil ihre Ziele als erfüllt galten und eine unbedenklichere und umfassendere Heranziehung der ehemaligen Mitglieder der Nazipartei und deren Gliederungen zum demokratischen und wirtschaftlichen Aufbau möglich schien.7 Mit dem Mythos, zu den Siegern in der Geschichte zu gehören, wurden die neu entstehende Gesellschaft, nicht wenige Bürger, kleine Nazis, Vereine und Kommunen von mehr oder weniger entbunden. In den westlichen Besatzungszonen und in der alten BRD wurde der ‚große Frieden’ mit den Nazis gemacht. Der ‚ersten Schuld’ der Deutschen unter Hitler folgte ihre ‚zweite Schuld’, die Verdrängung und Verleugnung der ersten nach 1945.8 Die Zahlen erhellen, wie gering im Verhältnis zur SBZ die Wirkung der Entnazifizierung auf die gesellschaftlichen Verhältnisse im Westen blieb. Insgesamt wurden hier 6,08 Millionen Entnazifizierungsverfahren durchgeführt, vier Millionen fielen in die Kategorie der Entlasteten, eine Million in die Kategorie der Mitläufer, etwa 150.000 in die Kategorie der Minderbelasteten, nur 23.000 galten als Belastete und gerade einmal 1700 als Hauptschuldige.9 Nachdem viele hohe, belastete Funktionsträger aus der Nazizeit in Wirtschaft und Politik, Justiz und Geheimdienst, Polizei und Bundeswehr wieder zu Rang und Namen kamen, erschien es zumindest bis 1968 als unangemessen und ungerecht, über das Mittun, Dulden und Applaudieren vieler Bürger während der Nazizeit in den Gemeinden und Dörfern noch Worte zu verlieren10 Nach der Herstellung der deutschen Einheit 1990 gibt es einerseits verstärkte Bestrebungen, die politisch bedingten Einseitigkeiten im Umgang mit der Nazizeit zu überwinden und andererseits Tendenzen, die ‚zweite Schuld’ in der BRD zu vertuschen und die Schwächen des Antifaschismus in der DDR so zu verzerren und zu vergrößern, dass die alte Bundesrepublik als das bessere Deutschland erscheint. Auch wegen dieser letztgenannten Geisteshaltung erhielten Neonazismus und Rechtsextremismus im vereinigten Deutschland ein zunehmendes Gewicht, ohne die entscheidenden sozialökonomischen Gründe für dessen gewachsenen Einfluss zu unterschätzen. Seit der Wende 1989/90 tauchten im Widerspruch zum Potsdamer Abkommen hier im Schenkenländchen, besonders auf dem größten deutschen Soldatenfriedhof in Halbe, wieder Nachfolgeorganisationen der Nazis und deren Anhänger auf, von Gerichten zugelassen und Ämtern geduldet. Faschistisch motivierte Gewalttätigkeiten nahmen zu im Land. In den Brandenburger Landtag zog 2004 sogar eine rechtsextreme Partei ein, auf ihrem Konto die Stimmen von 51 Teupitzer Bürgern. Inzwischen ist hier der Widerstand gewachsen und die Nazis in die Defensive gedrängt. II. Zerschlagung der NSDAP Wiedergeburt antifaschistischer Parteien Als Ortsgruppenleiter (Ogl) der NSDAP fungierte von 1933-1939 Hans Grunzke, ein eher unscheinbarer Mann, der vorher kaum eine Rolle in der Kleinstadt gespielt hatte. 1896 geboren, wohnhaft in der Kirch- bzw. Poststraße, arbeitete er in den 20er und 30er 6

DDR-Justiz und NS-Verbrechen, Dokumentenband, S.4 Befehl Nr. 35 der SMAD in: R.-K. Rößler, S.29 8 Giordano, S. 17 f. 9 Bedürftig, S. 130-131 10 Vgl. Völklein, S. 187 f. 7

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Jahren als Buchhalter bei dem Sägemühlenbesitzer Gottlieb in Halbe und als Kassierer in der Sparkasse Königs Wusterhausen. Er war ein überzeugter Nationalsozialist, Träger des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP und glaubte, dass die Ideen der ‚Volksgemeinschaft’ und sozialen Gleichstellung von den Nazis realisiert werden würden. Die schnell anwachsende Ortsgruppe der NSDAP gliederte er 1933 in vier Zellen, West, Ost, Anstalt und Pflegerdorf, um den NS-Einfluss in der Stadt zu erhöhen.11 Mit den Kommunalwahlen am 12. März 1933 wurde Hans Grunzke Stadtverordneter und nahm in den Interimszeiten beim Wechsel der Bürgermeister deren Geschäfte wahr. Führend war er tätig, erst die Sozialdemokraten Arthur Beyer, Paul Koch und Otto Hofmann und dann die national-bürgerliche Arbeitsgemeinschaft aus dem Stadtparlament zu entfernen12, sowie dessen ausschließliche Zusammensetzung durch NSDAP-Mitglieder zu sichern. Nachdem der 1. April 1933 zum „Tag des Judenboykotts“ deklariert worden war, notierte er eifrig das ‚unnationale Handeln’ jener Einwohner, die zum Einkauf zu Wertheim und Karstadt nach Berlin fuhren oder deren Verkaufswagen in Teupitz aufsuchten.13 1939 wurde Hans Grunzke zur Wehrmacht einberufen und fiel als Oberfeldwebel der Luftwaffe Ende April/Anfang Mai 1945 während der Kämpfe um Berlin. Viele Jahre galt er als vermisst, was in Teupitz lange Zeit das Gerücht schürte, er sei von den Russen verschleppt worden.14 Zunächst stellvertretender und während des II. Weltkrieges amtierender Ortsgruppenleiter der NSDAP war Hermann Boche. 1894 geboren, hatte er in der Weimarer Zeit in Teupitz als Mitbegründer und Vorsitzender des Anglerclubs ‚Früh auf’ eine gewisse Popularität erworben, die er am 18. März 1933 für dessen sofortige ‚Gleichschaltung’ mit dem Naziregime nutzte.15 Im I. Weltkrieg diente er als Kriegsfreiwilliger bei den ‚Lübbener Jägern’; in die Wehrmacht wurde er als Invalide nicht mehr eingezogen. Seinen Unterhalt verdiente Hermann Boche über viele Jahre als gelernter Schriftsetzer in Berlin und im hiesigen Franz-Spielmann-Verlag. Als konsequenter Hitleranhänger und Ortsgruppenleiter unterschrieb er schon einen Tag nach dem Attentat Stauffenbergs auf Hitler, am 21. Juli 1944, mit dem Bürgermeister ein Telegramm: „An den Führer des Großdeutschen Reiches. Die Ortsgruppe der NSDAP und die Stadt Teupitz, Kreis Teltow danken der Vorsehung für das Misslingen der ruchlosen Tat gewissenloser Vaterlandsverräter. Glücklich darüber, dass uns der Führer erhalten blieb, versichern Partei- und Volksgenossen aus Teupitz dem Führer erst recht unwandelbare Treue.“16 Dass er mit dem Bürgermeister Schroeter von der SS noch kurzzeitig im Forsthaus Hammer, dem Führungspunkt der im Halber Kessel kämpfenden Wehrmachts- und SSEinheiten, inhaftiert wurde, weil beide zwischen dem 20. und 24. April 1945 mit den aus Egsdorf heranrückenden Russen die kampflose Übergabe verhandelte hätten und weiße Fahnen in der Stadt gehisst worden wären, ist in Teupitz kaum noch bekannt und wird auch bestritten. Gleich nach der Besetzung der Stadt wurde Hermann Boche von den sowjetischen Organen festgenommen, sollte in ein Lager überführt werden, wurde aber wegen seines schlechten Gesundheitszustandes zurückgeschickt und starb nach nochmaliger Verhaftung im September 1945 in Teupitz. Sein Bruder, Paul Boche

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Der Märker 20.5.1933 KWZ 13.5.1933 13 Der Märker 4.4.1933; KWZ 11.2.1938 14 Interview mit der Tochter Helga Berndt 15 Tyb’l, Anglerclub, S.15 16 Kopie im Teupitzarchiv d. A. 12

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(1896-1968), war dagegen Anfang der 20er Jahren Begründer der Ortsgruppe der KPD und kurzzeitig deren Stadtverordneter.17 Ein Mitbegründer der Ortsgruppe der NSDAP war der Chauffeur Felix Winter, der, wie die anderen hier genannten Nazis, 1945 auf der Liste jener Teupitzer Nationalsozialisten erschien, die unter die Verordnung über die Anmeldung ihres Vermögens fielen. Sein Haus in der Poststraße wurde darin mit dem Einheitswert von 9.900,00 Mark angegeben.18 Aber wegen geringer Belastung wurde er offensichtlich nicht belangt und konnte in seiner Heimatstadt weiter arbeiten und leben. So erging es der überwiegenden Mehrheit der geschätzt ca. 125 Teupitzer NSDAP-Mitglieder, die auch aus Gründen der Absicherung ihres Beamtenstatus oder ihres Gewerbes Mitläufer der Nazipartei geworden waren. 19 Zu erheblichem Einfluss gelangte nach der Machtergreifung der NSDAP in Teupitz die SA, eine ihrer militanten Gliederungen. Der etwa 30-köpfige, territorial organisierte SA-Sturm 4/205, dessen Führer ein Albert Briesenick war und zu dessen Mitgliedern u. a. Redakteur Franz Spielmann, Eigentümer und Berufssoldat Bruno Dahm, der Müller und Scharführer Ewald Schumann, Chauffeur Felix Winter, Stadtsekretär Hanns Kaiser, Drogerist Rudolf Holzhüter, Bauführer Erich Gabriel zählten, wurden mit Polizeihauptwachmeister Franzke besonders aktiv, als in den Monaten nach der Machtergreifung im Frühjahr 1933 Denunziationen, Hausdurchsuchungen und Festnahmen bei kommunistisch und sozialdemokratisch Verdächtigten auf der Tagesordnung standen. Am 19. März 1933 wurde von Franzke das Sommerhaus des Bundes proletarischer Heimatfreunde an der Buchholzer Straße nach Waffen und Agitationsmaterial durchsucht und später das Anwesen beschlagnahmt.20 Ewald Schumann meldete am 3. März 1933, dass er den Schneidermeister und Funktionär der SPD Arthur Beyer beim Verteilen von Flugblättern getroffen hätte und veranlasste dessen zeitweilige Festnahme und Hausdurchsuchungen bei den Teupitzer Sozialdemokraten. Auf Hinweise Rudolf Holzhüters wurde das Lokal „Deutsches Haus“ in der Poststraße, Gastwirt Willy Schaudt, wegen vermuteter linker Umtriebe überwacht und bei dessen Sohn Hausdurchsuchungen durchgeführt. Albert Briesenick drängte am 9. und 10. Juli 1933 erneut auf Hausdurchsuchungen bei den ehemaligen Sozialdemokraten Arthur Beyer, Otto Hofmann, Paul Koch, jun., sowie bei Carl Präker, Valerie Lahrmann und den Pflegern Josef Holzki, Emil Wehland und Paul Dannenberg.21 Paul Koch war sich in jenen Monaten seines Lebens nicht sicher.22 In der zweiten Hälfte der 30er Jahre veranstaltete die SA eine ‚Judenaktion’ in Teupitz.23 Ziel der Aktion war nach Aussage des Teupitzer Bürgers Heinz Boche24 die Beschädigung des Kurhauses Teupitz im Kohlgarten Nr. 3, das nach einem internen Bericht von 1934 ein jüdisches Unternehmen mit vorrangig jüdischen Gästen war.25 Es wurde geleitet von Moise Naimann, einem 1897 in Rußland geborenen Juden und seiner Frau Gerta Naimann, 1910 in Berlin geborene Fürst.26 Im November 1937 wurde Moise Naimann vom Schöffengericht Berlin wegen Vergehens gegen das ‚Blutschuldgesetz’ 17 18

Interview dem Sohn Heinz Boche

BLHA, Rep. 250, Teltow Nr. 157 19 Interview Heinz Boche 20 BLHA, ZA Reg. Potsdam I, Pol. Nr. 1090 21 BLHA, Rep. 8, Teupitz Nr. 88; Adreßbuch des Kreises Teltow 1927 22 Interview mit der Tochter Anneliese Gunder 23 Kreisarchiv, Teupitz, Akte 164 24 Interview Heinz Boche 25 BLHA Rep. 31 A, Teupitz Nr. 5192 26 BLHA, Rep. 8, Teupitz Nr.442

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zu 7 Monaten Haft verurteilt. Die Akten dieses Schandprozesses sind leider vernichtet bzw. nicht mehr auffindbar. Das „Teltower Kreisblatt“ berichtete zynisch, dass Naimann die „unglaubliche Frechheit“ gehabt hätte, in seinem inzwischen geschlossenen Kurhaus zwei ‚arische’ Mädchen zu beschäftigen und sie zudem neben Schlafräumen männlicher Juden unterzubringen.27 Mit einem denunzierenden Schild um den Hals wurde er durch die Straßen von Teupitz geführt.28 Teilnehmer an dieser SA-Aktion wurden nach 1945 u. a. dadurch zur Rechenschaft gezogen, dass ihnen vom Wahlausschuss für die ersten Gemeindewahlen im September 1946 das aktive und passive Wahlrecht aberkannt wurde. Ein Schlaglicht auf diese Auseinandersetzungen wirft der Antrag von Herbert Sagner vom 7. Oktober 1946 an den Bürgermeister, ihm das Wahlrecht wieder zuzuerkennen. Der Wahlausschuss hatte es auch ihm mit der Begründung aberkannt, dass er als Oberscharführer der SA an dieser ‚Judenaktion’ teilgenommen hätte. Nun legte er mehrere schriftliche Zeugenaussagen vor, nach welchen er daran nicht beteiligt gewesen war, um sein Wahlrecht wahrnehmen zu können.29 Mit großem Engagement für die NS- Frauenschaft, eine der massenwirksamsten Gliederungen der NSDAP, setzte sich die Parteigenossin (Pgn.) der NSDAP Frau Nafz ein. Ihr Ehemann, der Charlottenburger Kaufmann Nafz, hatte 1929 ein 7 Morgen großes Grundstück aus dem Gutzmann’schen Anwesen erworben und sich hier einen Zeitwohnsitz errichtet.30 Seine Gattin wurde die erste Vorsitzende der NS- Frauenschaft der Stadt und rührige Propagandistin des Hitlerkultes. Vor allem ihrem Einsatz war es zu danken, dass die Frauenschaft von Teupitz schnell eine der größten Ortsgruppen im Kreise Teltow wurde.31 Auf einer Mitgliederversammlung im Schlosshotel bekannte sie: „Das stolze Bewusstsein, Nationalsozialistin der Tat zu sein und so an dem großen Aufbauwerk Adolf Hitlers mitzuwirken, soll uns ... freudig stimmen...; so werden wir am besten die Frauen, die heute noch abseits stehen, überzeugen, dass es für jede deutsche Frau nicht nur eine Pflicht, sondern eine Ehre bedeutet, der NS-Frauenschaft angehören zu dürfen.“32 Während des Krieges, in den Jahren 1943-1945, wurde die Funktion der NSFrauenschaftsführerin kommissarisch von der Schlossherrin Karla Drabsch (19021994) übernommen. Auf Grund ihrer Bildung und der unternehmerischen Erfolge mit dem kunsthandwerklichen Betrieb auf dem Schloss Teupitz hatte sie eine beträchtliche Autorität in der Stadt erlangt. Als NSDAP-Mitglied mit guten Beziehungen zur Reichsführerin der NS- Frauenschaft, Gertrud Scholtz-Klink,33 und als Mitglied in der NS-Reichskulturkammer seit 1941 warf sie ihre Autorität auch für die Ortsgruppe der NS-Bewegung in die Waagschale.34 Das weitere Schicksal der Frau Nafz ist auch in Teupitz nicht bekannt. Frau Drabsch setzte sich am Morgen des 21. April 1945 kurz vor dem Schließen des Halber Kessels mit flüchtenden Feldgendarmerie-Einheiten in Richtung Westen ab und kehrte, auch wegen der 1946 erfolgten Sequestrierung des Schlosses durch die Sowjetische Militäradministration, nicht mehr nach Teupitz zurück. Von der zuständigen Spruchkammer35 in Regensburg wurde sie als ‚Mitläuferin’ eingestuft und erhielt später einen Lasten-

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TKB 10.11. 1937 Sußmann, Teil II, S.63 29 Kreisarchiv LDS, Akte 164 30 Der Märker 16.6.1929 31 Der Märker 22.2.1933 32 KWZ 23.2.1934 33 Scholtz-Klink, Gertrud, Die Frau im Dritten Reich, Tübingen 1998, S. 27 f. 34 BLHA Rep. 203, AzS ESA 4112; KWZ 12.4.1944 35 Zur Rolle der Spruchkammern vgl. Völklein, S. 188 f. 28

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ausgleich für Verluste durch Vertreibung.36 Nach der Wende 1989/90 stellten sie und ihre Erben den Antrag zur Rückübertragung des Teupitzer Schlosses, der abgelehnt wurde, da die Enteignung vor 1949 nach alliiertem Recht erfolgt war. Die Ortsgruppe der NSDAP und die ihr angeschlossenen Gliederungen der SA und NSFrauenschaft wurden nach der Besetzung der Stadt am 27. April 1945 gemäß der alliierten Abkommen verboten. Deren politischer Grundsatz lautete: „Die Nationalsozialistische Partei mit ihren angeschlossen Gliederungen und Unterorganisationen ist zu vernichten; alle nationalsozialistischen Ämter sind aufzulösen; es sind Sicherheiten dafür zu schaffen, dass sie in keiner Form wieder auferstehen können; jeder nazistischen und militaristischen Betätigung und Propaganda ist vorzubeugen.“37 Dieser Grundsatz wurde in dem Kontrollratsgesetz Nr. 10 vom 20. Dezember 1945 über die Bestrafung von Personen, die sich Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen den Frieden oder gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht haben38 und der Direktive des alliierten Kontrollrats Nr. 24 vom 12. Januar 1946 – „Entfernung von Nationalsozialisten und Personen, die den Bestrebungen der Alliierten feindlich gegenüberstehen, aus Ämtern und verantwortlichen Stellungen“ – sehr genau präzisiert39 und durch Befehle der SMAD umgesetzt. Dementsprechend wurde in Teupitz eine Liste der aktiven Nazis zusammengestellt, deren erste Fassung der Oberpfleger Scholz, selbst aktives NSDAP-Mitglied, im Rathaus vorlegen musste. Davon ausgehend wurden alle Nazis von einflussreichen Posten verdrängt und einige der aktivsten nach und nach verhaftet.40 Die von der NSDAP gleichgeschalteten Organisationen wie der militante Kriegerverein und die Schützengilde, die Ortsgruppe des Reichsbunds der Deutschen Beamten, aber zunächst auch der Anglerclub und Sportverein wurden verboten. Das politische Leben der Stadt prägten auf der Grundlage der Befehlsgewalt des sowjetischen Kommandanten relativ schnell die Ortsgruppen der KPD (10 Mitglieder bei der Neugründung), der SPD (73 Mitglieder bei der Neugründung) und der CDU.41 Diese hatten sich noch im Jahre 1945 in Teupitz gebildet, nachdem in der Sowjetischen Besatzungszone von der SMAD die Tätigkeit antifaschistischer Parteien am 10. Juni 1945 zugelassen worden war, die KPD am 11. Juni 1945, die SPD am 15. Juni 1945 und die CDU am 26. Juni 1945.42 Der Teupitzer Malermeister Rudolf Conrad und der Uhrmachermeister Hermann Faller von der CDU, der Schneidermeister Arthur Beyer und der Landwirt Paul Koch von der SPD sowie der Angestellte Hans Sußmann von der KPD erwarben sich dabei besondere Verdienste. Sie wirkten eng zusammen im entscheidenden und wichtigen Antifa- Ausschuss der Stadt.43 Auf dessen Anregung wurde im Herbst 1945 in der Stadt eine der ersten brandenburgischen Ortsgruppen der „Märkischen Volkssolidarität“ ins Leben gerufen, die gemeinsam mit den Einwohnern und sowjetischen Soldaten die erste Friedensweihnachtsfeier für die Kinder im „Sängerheim“, dem späteren Kulturhaus, organisierte.

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BLHA, Rep. 203, AzS, ESA Nr. 4112 Potsdamer Abkommen, S.80 38 Hilger, S. 158 f 39 Direktive Nr. 24 des Kontrollrats, in: Rößler, S. 64 f. 40 Interview Heinz Boche 41 Sußmann Teil II, S. 64/65 42 Chronik der Deutschen, S. 931 43 Sußmann, Teil II, S. 64/65; Teil III, S.15 37

7

III. Die NS-Bürgermeister Bürgermeister der Stadt blieb nach der Machtübertragung an Hitler bis 1935 der bereits 1922 erstmals gewählte, verdienstvolle, national-konservativen Auffassungen zuneigende Johannes Schäfer. Die NSDAP konnte ihn nicht so einfach ersetzen und beiseite schieben, obwohl er anfangs auch öffentlich die kommunale Selbstverwaltung als ein Grundrecht der Bürger gegen die absolute Dominanz des Staatsrechts und den Führerkult verteidigte.44 Dann scheint er als lang gedienter und älterer Beamter mit den Nazis ‚seinen Frieden’ gemacht zu haben. Als er 1934 vom zuständigen Ausschuss in Potsdam noch einmal zum kommissarischen Bürgermeister verpflichtet worden war, erklärte er vor der Stadtverordnetenversammlung: „Adolf Hitler ist unser Führer und wird als Führer des Volkes auch von denen anerkannt, die noch nicht zu seiner Bewegung gehören“.45 Am 1. Mai 1934 taufte er nach vorhergehender und bestätigter Bitte an den ‚Führer’ den alten Teupitzer Markt auf den Namen „Adolf-Hitler-Platz“.46 1949 starb er, fast schon vergessen, als Rentner in seiner geliebten Heimatstadt Teupitz. Nach ihm amtierten als Bürgermeister kurzzeitig zwei altbewährte, aber nicht aus Teupitz stammende NS-Veteranen, der Gutsinspekteur a. D. Paul Bauen und der NSDAP-Kreisgeschäftsführer Paul Bettin. Bauen erwies sich als unfähig, Bettin verstarb nach kurzer Amtszeit. An seine Stelle trat der 1894 geborene Potsdamer Kaufmann, Leutnant der Reserve aus dem I. Weltkrieg und SS-Obersturmführer Walter Schroeter.47 Zu dessen feierliche Amtseinführung am 10. Februar 1938 lobte der Landrat: „Er erfülle alle Voraussetzungen, die man heute an einen Bürgermeister stelle. Einmal sei er seit 1931 in die SS eingetreten und habe sich als Kämpfer des Führers bewährt. ...Er besitze auch die nötigen Sachkenntnisse und Fähigkeiten für einen solchen Posten.“48 Die starke Anteilnahme der SS-Kameraden, der politischen Leitung der NSDAP und der Stadtgemeinde an der Amtseinführung wurde vom Kreisleiter der NSDAP als Beweis der Sympathien für Schroeter gewertet. Auf sein Ersuchen wurde in der einstigen Teupitzer Gasanstalt in der Lindenstraße von 1941-1945 das Kriegsgefangenen- Arbeitskommando Nr. 1129 Teupitz des Luckenwalder Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlagers (Stalag) IIIA49 eingerichtet und dessen 12 serbische Kriegsgefangene als billige Arbeitskräfte auf den hiesigen Bauernhöfen eingesetzt.50 Bis zur Besetzung der Stadt durch die Rote Armee hat Walter Schroeter sein Amt linientreu ausgeführt. Sofort verhaftet, blieb sein weiteres Schicksal bisher unbekannt. Nach Auskunft des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes vom 8. März 2005 ist er 1947 im Internierungslager Buchenwald verstorben.51 Diese, heute meist nur als ‚sowjetische Speziallager’ bezeichneten Haftanstalten, waren nach den politischen Grundsätzen des Potsdamer Abkommens eingerichtet worden, um, wie es dort wörtlich heißt, „nazistische Parteiführer, einflussreiche Nazianhänger und die Leiter der nazistischen Ämter und Organisationen und alle anderen Personen, die für die Besetzung und ihre Ziele gefährlich sind, zu verhaften und zu internieren.“52 Die Errichtung der Lager erhielt mit der Direktive des alliierten Kontrollrats Nr. 38 vom 12. Oktober 1946 – „Verhaftung und Bestrafung von Kriegsverbrechern, National44

Der Märker 27.1.33, 14.6.1933 KWZ 16.4.1934 46 KWZ 5.5.1934; BLHA, Rep. 81, Teupitz Nr. 117 47 Bundesarchiv, BDC/RS Nr. 1085 48 Zitiert nach: KWZ 11.2.1938 49 Mai, S. 7 f 50 BLHA,Rep.8, Teupitz Nr. 479; Tyb’l, MAZ, 10. u.11.10. 2000 51 Auskunft DRK ,8.3.2005, Teupitzarchiv d. A. 52 Potsdamer Abkommen, S.80 45

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sozialisten und Militaristen und Internierung, Kontrolle und Überwachung von möglicherweise gefährlichen Deutschen“ – eine besondere Rechtsgrundlage.53 In diesen, bis 1949/50 bestehenden Lagern, in der SBZ 10 bis 12 an der Zahl, waren etwa 150.000-190.000, hauptsächlich mehr oder minder belastete Nazis und Personen, die für die Besatzungsmacht aus politischer Sicht einen Gefährdungsfaktor darstellten, mit oder ohne Urteil sowjetischer Militärtribunale (SMT- Tribunale) interniert bzw. inhaftiert.54 Die Summe der bis 1947 SMT- Verurteilten wegen tatsächlicher oder angeblicher NS-Verbrechen wird auf etwa 17.000 beziffert, die Gesamtzahl bis 1955, als diese Tribunale zu bestehen aufhörten, etwa 40.000.55 Bei ihren Urteilen griffen die sowjetische Tribunale auf Strafgesetze des Alliierten Kontrollrats sowie auf Bestimmungen des sowjetische Strafrechts zurück.56 Eine umfassende Beurteilung der SMT- Tribunale und der Internierungslager im Prozess der Entnazifizierung steht offensichtlich erst am Anfang.57 In der DDR wurden sie nahezu verschwiegen; nach der Wende wurden die in den Lagern bedrückenden Lebensumstände und Menschenrechtsverletzungen publiziert. So kommt es, dass in der Stadt nicht bekannt ist, ob und welche Teupitzer Bürger durch SMT- Urteile in Internierungslager eingewiesen wurden und was ihnen geschah. Im Rahmen der begrenzten Recherchemöglichkeiten zur vorliegenden Broschüre konnte diesen Fragen erstmals, wenn auch nur zum Teil aufgeklärt werden. Als fanatischer Nazi und SA- Mann trat der Stadtsekretär Hanns Kaiser auf, die rechte Hand des Bürgermeisters, ein schwergewichtiger Mann, der von den Einwohnern „Kaiser Rotbart“ gerufen wurde. Als am 5. Februar 1943 der von einer Firma in Frankfurter/O. entlaufene ‚Ostarbeiter’ Wladimir Karatum in Teupitz festgenommen wurde, wies Kaiser dessen sofortige Überführung zur Gestapo in Potsdam durch Wachtmeister Grapenthin an.58 Hanns Kaiser wurde im Frühjahr 1945 unter dem Druck der sich abzeichnenden Niederlage des NS-Regimes scheinbar psychisch krank, ließ sich in das hiesige Krankenhaus einweisen und hat sich selbst und seine Lebensgefährtin nach Aussagen Teupitzer Bürger und Notizen im städtischen Sterberegister kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee erschossen.59 IV. Unter der sowjetischen Kommandantur Mit dem 22. Mai 1945, knapp einen Monat nach der Besetzung durch die Rote Armee, ging die gesamte Befehlsgewalt über die Stadt auf den sowjetischen Kommandanten Major Dobredejew über. Zur Leitung der Kommandantur gehörten: Major Bechtjereff, Politoffizier; Hauptmann Kanontschik, Offizier für Industrie und Wirtschaftsfragen; Hauptmann Winogradow, Landwirtschaftsoffizier und Oberleutnant Petrow, Offizier für Versorgung. Ihrer schwierigen, der Bevölkerung der Stadt dienenden Tätigkeit ist in der Sußmann’schen Stadtchronik ein besonderer Abschnitt gewidmet.60 Die schwer auf der Bevölkerung lastenden Erscheinungen von Vergewaltigungen und Plünderungen durch russische Soldaten während der Besetzung und unmittelbar danach61 wurden nach Beginn der Tätigkeit der Kommandantur hart bestraft; der 53

Direktive Nr. 38 des Kontrollrats, in: Rößler, S. 97 f. Behnen, S.559 55 DDR-Justiz und NS-Verbrechen, S.15 56 Hilger, S. 155 57 Vgl. Mironenko, Sowjetische Speziallager...; Hilger, Sowjetische Militärtribunale... 58 BLHA, Rep. 8, Teupitz Nr. 442 59 Vgl. Sußmann, Teil II, S. 64; Interview Heinz Boche u. a. 60 Sußmann, Teil I, S. 39 61 Interviews Margarete Freudenstein, Elisabeth Buchholz 54

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Kommandant erhielt von der Bevölkerung wegen seiner Härte bei Übergriffen seiner Soldaten sogar den Beinamen ‚Knüppelkommandant’.62 Die 1974 erschienene Stadtchronik erwähnte diese Erscheinungen, wie es in der DDR-Literatur vorherrschend war, nicht. Seit der Wende scheint es umgekehrt zu sein. Jetzt werden das Leid und die Opfer der deutschen Bevölkerung während und nach dem Krieg stärker ins Auge gefasst, aber deren Ursachen oft unbeachtet gelassen. Die Rolle der Roten Armee bei der Entnazifizierung und dem demokratischen Neubeginn wird mitunter verschwiegen oder dem Vergessen anheim gestellt. In den Kontext dieser politisch bedingten Einseitigkeiten nach der Wende zählt auch die Abnahme der Gedenktafel am Teupitzer Markt für die deutschen Patrioten Harro und Libertas Schulze-Boysen, deren antifaschistischer Widerstand in der Nazizeit Informationen an die Sowjetunion und die USA einschloss.63 Beiden Patrioten wird im vereinigten Deutschland zwar mehr und mehr Aufmerksamkeit beigemessen, aber eine offizielle Würdigung bleibt ihrer Widerstandsgruppe noch immer mehr oder weniger versagt.64 An die russische Besatzung des kleinen brandenburgischen Städtchens erinnern eindrucksvolle Schwarz-Weiß Fotos von Josef Donderer, einem versierten Berliner Varité- Fotografen, der in jenen Jahren in Teupitz Zuflucht gefunden hatte. Dessen Teupitzfilme sind von dem Bürger Heinrich Krause aufgefunden und dem Filmarchiv Preußischer Kulturbesitz übergeben worden. Sie wurden jedoch der Teupitzer Öffentlichkeit trotz mehrerer Vorschläge noch nie in einer Ausstellung oder in anderer Weise zugänglich gemacht.65 Das Handeln des sowjetischen Kommandanten beruhte auf der Gesetzgebung der SMAD. Major Dobredejew, im zivilen Leben ein Moskauer Künstler, verfügte zum Erstaunen des Pfarrers als erstes, den Gottesdienst wieder aufzunehmen66 und setzte sofort einen deutschen Bürgermeister ein. Dieser Posten wurde Hans Sußmann übertragen, einem Berliner Altkommunisten, der sich seit dem Herbst 1944 wegen seiner politischen Arbeit und halbjüdischen Herkunft in einem Teupitzer Wochenendhaus des befreundeten Wehrmachtsarztes Dr. Hans Gollwitzer halbillegal aufgehalten hatte.67 Er stellte sich den von ihm lange ersehnten Befreiern zur Verfügung und konnte durch seine Vergangenheit ihr Vertrauen gewinnen. Unter seiner kommissarischen Leitung erfolgte der schwierige und widerspruchsvolle Prozess der Neuformierung der städtischen Organe auf der Grundlage von Befehlen des Kommandanten und im engen Zusammenwirken zwischen sowjetischer Kommandantur und deutscher Verwaltung. Der Kommandant verfügte am 23. Mai 1945 den Einsatz von 14 neuen Hilfspolizisten unter Leitung des Bürgers Otto Woitkowiak als ordnungsmäßige Polizeibehörde, um „gegen alle Übergriffe deutscher Zivilpersonen und russischer Soldaten einzuschreiten“. Am 16. Juni 1945 erfolgte die Konstituierung eines ‚Volksgerichts’68 mit dem als Staatsanwalt fungierenden Georg Kroll an der Spitze. Dieser soll der jüdische Verwandte zweier Teupitzer Schwestern gewesen sein und kurzzeitig nach der

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Interview Karl Schwietzke Tyb’l, Heimatspiegel 10- 11/2004, S.8 64 Vgl. Roth/ Ebbinghaus, S. 206 f. 65 Siehe in: Pietsch u.a., S. 171-187f. 66 Sußmann, Teil II, S. 39 67 Tyb’l, Das Geheimnis der Hütte, MAZ 8.3.2002; Briefe der Tochter Hatta Gollwitzer 68 Vgl. DDR-Justiz und NS-Verbrechen, S.16 63

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Befreiung hier im Ortsteil Kohlgarten gelebt haben.69 Dieses Gericht wurde vor allem zum Kampf gegen Spekulanten, Schieber und Saboteure der Versorgung wirksam eingesetzt, weniger, um zur Entnazifizierung beizutragen. ______________________________________________________________________ Beispiele von Befehlen des sowjetischen Stadtkommandanten von Teupitz, Major Dobredejew (Auszüge nach Sußmann: Teil I, S. 39/40 ;Teil III, S. 16) Befehl Nr. 1 „Mit dem 22. Mai 1945 geht die gesamte Befehlsgewalt auf den sowjetischen Kommandanten der Stadt Teupitz über. Seinen Anordnungen, zu denen auch die Bekanntmachungen der Stadt- und Gemeindeverwaltungen des Bezirkes gehören, ist unbedingt Folge zu leisten. Die Büroräume des Bezirkskommandanten befinden sich im Rathaus. Die Amtszimmer der Stadtverwaltung werden nach der Poststrasse 28 verlegt.“ Befehl Nr. 2 „Ab heute, dem 23. Mai 1945, wird eine deutsche Ordnungspolizei eingesetzt. Polizeichef ist der Bürger Otto Woitkowiak. Er untersteht dem Bezirksbürgermeister des Bezirks Teupitz. Diese Polizei hat die Obliegenheiten einer ordnungsgemäßen Behörde zu erfüllen und hat gegen alle Übergriffe deutscher Zivilpersonen und russischer Soldaten einzuschreiten.“ Befehl Nr. 3 „Es ist der sowjetischen Kommandantur bekannt geworden, dass noch immer größere Lager an Lebensmitteln, Rauchwaren, Weinen und Spirituosen versteckt oder vergraben gehalten werden. Die vor dem Einmarsch der Roten Armee ausgesprochene Zwangswirtschaftung solcher Verbrauchsgüter ist nicht aufgehoben. Um empfindliche Strafen zu vermeiden, werden die Einwohner angewiesen, solche Lager, ob sie ihnen selber gehören oder ihre Existenz bekannt sind, bis zum 26.5. 1945 zu melden. Ausgenommen hiervon sind alle selbst eingeweckten Konserven, alle Bestände an Lebens- Nahrungsmitteln unter 5kg, Wein bis 10, Spirituosen bis 3 Flaschen pro und Familie.“ Teupitz, den 23. Mai 1945 Befehl Nr. 16 „Ich gestatte, aller deutschen Bevölkerung, für den eigenen Bedarf wie leichte Autos, Motorräder, Fahrräder usw. und Motorboote zu reparieren.“ Teupitz, den 5. August 1945 Befehl Nr. 17 „Ich befehle der deutschen Bevölkerung in 5-tägiger Fristzeit alle faschistischen Bücher bei der Militärkommandantur abzugeben.“ Teupitz, den 5. August 1945 Befehl Nr. 18 „Ich gestatte, folgende Handwerke aufzunehmen: Schuhmacher, Schneider, Tischler, Glaser usw. und freien Verkauf von aller Art Produkte und Waren.“ Teupitz, den 5. August 1945 Befehl Nr. 19 „Ich gestatte aufzumachen aller Art Heilungsanstalten für allgemeine Nutzung der Einwohner.“ Teupitz, den 5. August 1945 ____________________________________________________________________________________

Entscheidende Bedeutung erlangte der neu gebildete ‚Umsiedlerausschuss’, um die kriegsbedingt zahlreichen Umsiedler, Vertriebene und Flüchtlinge in der beengten kleinen Stadt unterzubringen und zu versorgen.70 Bei der Zusammensetzung der Verwaltung, der Polizei, des Gerichts und der verschiedenen Kommissionen ließen sich der Kommandant und der Bürgermeister von dem im Potsdamer Abkommen fixierten Grundsatz leiten: „Alle Mitglieder der nazistischen Partei, welche mehr als nominell an ihrer Tätigkeit teilgenommen haben, und alle Personen, die den alliierten Zielen feindlich gegenüberstehen, sind aus den öffentlichen oder halböffentlichen Ämtern zu entfernen. Diese Personen müssen durch Personen ersetzt werden, welche nach ihren politischen und moralischen Eigenschaften fähig erscheinen, an der Entwicklung wahrhaft demokratischer Einrichtungen in Deutschland mitzuwirken.“71 69

Interview William Ludwig Sußmann, Teil I, S.39-43 71 Potsdamer Abkommen, S. 81 70

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Dass es dabei auch zu Fehlentscheidungen und Missgriffen kam, hat Hans Sußmann als späterer Chronist der Stadt öffentlich dargestellt. Er erinnerte an Ernst Knoll (oder Tölken), einen ehemaliger Berufsverbrecher mit richtigem Namen Koschnitzki, an Erwin Seeberger, einen früheren SS-Mann und an einen Herrn Riesenfeld, Leiter eines Lagers für Juden in Polen, die getarnt unter fremden Namen oder mit gefälschter Biografie zeitweilig erheblichen Einfluss auf die neue Teupitzer Verwaltung erlangten.72 Auch willkürliche Übergriffe einiger neu ernannter Polizisten erschwerten die Normalisierung des kommunalen Lebens.73 In Teupitz war wie in vielen Orten der SBZ charakteristisch, dass die Entnazifizierung ohne Verzögerung sofort mit dem Einmarsch der Roten Armee begann und in besonderer Verantwortung der entsprechenden Organe des NKWD (damalige Kurzbezeichnung des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes) stand. Über die Tätigkeit dieser Organe gibt es bis heute nur wenige Aussagen und Literatur. Für Teupitz kann auf einen Erinnerungsbericht von Hans Sußmann zurückgegriffen werden, den dieser im Zusammenhang mit seiner Teupitzchronik anfertigte. In diesem Bericht heißt es: „Im Bezirk Teupitz versahen die Offiziere und Soldaten dieser Dienststelle völlig unabhängig von den Angehörigen der Bezirkskommandantur (Teupitz gehörte damals zum Bezirk VI des Kreises Teltow, eine Struktur, die auf sowjetische Weisung von 1945-1948/49 gebildet worden war, d. A.) ihre Arbeit in einer großen Villa des so genannten ‚Kinokönigs von Berlin’, des Millionärs Hugo Lemke (im Ortsteil Kohlgarten Nr. 3, d. A.). Sie begannen sofort mit einer großen Überprüfung des Mitgliederbestandes aller in den Orten des Bezirks wohnenden Angehörigen der NSDAP und ihrer Gliederungen und der sich dort aufhaltenden Offiziere der faschistischen Wehrmacht. Zu diesem Zwecke fand in den einzelnen Orten eine durch die Bürgermeister vorgenommene Registrierung aller dieser Personen statt. Die Einladungen der Registrierten zu den Vernehmungen, die notwendigen Falls auch gleich zu Verhaftungen zum Zwecke der Internierung im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen führten, nahmen die Mitarbeiter des NKWD selbst vor. Man belastete damit weder die sowjetische Militärkommandantur noch die neuen deutschen Dienststellen. Es wurden besonders scharfe Maßstäbe bei solchen Personen angelegt, die kurz vor oder nach der Beendigung des Krieges in den einzelnen Orten Zuflucht suchten, da die Gefahr des Untertauchens von Naziverbrechern auf dem flachen Lande sehr akut war. Die Tätigkeit dieser sowjetischen Dienststellen bestand auch in der Überprüfung der von den Militärkommandanturen eingesetzten Bürgermeister der Städte und Dörfer. Diese Kaderüberprüfung war besonders intensiv, wenn sich solche Personen als ehemalige Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands, von ihnen damals vorzugsweise ‚Thälmann-Partei’ bezeichnet, ausgaben. Letzten Endes waren es für sie zuerst einmal die einzigen Menschen in einem fremden, feindlichen Land, auf deren Wort und Tat sie sich verlassen wollten. So wurde z.B. ich selbst bei meiner Einsetzung in die Funktion als Bezirksbürgermeister von mehreren höheren Offizieren aus der damaligen brandenburgischen Provinzialhauptstadt Potsdam über drei Stunden – nachdem man meine Frau und Tochter aus der Wohnung entfernt hatte – überprüft, und zwar nicht nur über meine Person, sondern vielmehr über mein politisches Wissen über die KPD, einige ihrer wichtigsten führenden Genossen und die Geschichte der deutschen Arbeiterklasse. Ich musste ihnen meine Kenntnisse über die Sowjetunion und ihre Führer Lenin und Stalin darlegen. 72 73

Sußmann, MV 15.3.1961 Sußmann, Teil I, S.40

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Nachdem ich dann meine Tätigkeit als Bezirksbürgermeister (Hans Sußmann war Bürgermeister der Stadt Teupitz und des Bezirks VI des Kreises Teltow, d. A.) aufgenommen hatte, kam ich mit der Teupitzer Gruppe der NKWD nur über einen Verbindungsmann, der sich nur als ‚Pjotr’ vorstellte, in Berührung. Nach Abschluss der Tätigkeit der Gruppe der NKWD und Verlassen ihres Wirkungsbereichs im Bezirk Teupitz/ Groß Köris verblieb dieser Genosse bei der Bezirkskommandantur Teupitz/Groß Köris, um hier, mit seinem vorgesetzten Kommando in Mahlow in ständiger Verbindung stehend, weiter zu arbeiten.“74 Auch die Entlarvung und Festnahme der oben (S.12) genannten Knoll, Seeberger und Riesenfeld sowie von Prof. Kondeyne (siehe Seite 18) war nach den Erinnerungen von Hans Sußmann vor allem ein Ergebnis der Tätigkeit dieser Organe. Durch nachprüfbare Quellen gesicherte Kenntnisse über die Rolle des NKWD bei der Entnazifizierung in Teupitz werden erst nach Recherchen in entsprechenden russischen Aktenbeständen vorgelegt werden können. Dann wird sich vielleicht auch das heute noch immer unbekannte Schicksal damals berechtigt oder unberechtigt Verhafteter nachvollziehen lassen. Solche umfangreicheren Recherchen waren im Rahmen einer Hobby-Beschäftigung ohne Unterstützung der Stadt nicht zu bewältigen. Ein besonderer Vorgang im Rahmen der Entnazifizierung, der in der Stadt für sehr viel Unruhe sorgte, war der Einsatz einer speziellen Untersuchungskommission höherer sowjetischer Offiziere nur wenige Wochen nach der Besetzung der Stadt. Einwohner der Stadt wurden beschuldigt, gefangene Rotarmisten unmittelbar vor der Besetzung ermordet zu haben. Nach einer 1974 angefertigten Darstellung von Hans Sußmann ergab die Untersuchung, dass bei einer Erkundungsoperation sowjetischer Streitkräfte von Egsdorf her 8 bis 10 Rotarmisten von einer SS-Einheit gefangen genommen worden waren, die dann beim Abzug dieser Einheit aus Teupitz im Garten des Lokals ‚Schenk von Landsberg’ hinterrücks und kaltblütig erschossen wurden.75 In einer genaueren Gedächtnisniederschrift des damaligen Teupitzer Schülers, William Ludwig, der in der Post wohnte und die schrecklichen Ereignisse der Zerschlagung der im Halber Kessel eingeschlossenen Einheiten selbst miterleben musste, heißt es, dass es sich um Erschießungen von russischen Gefangenen durch eine versprengte, kurzzeitig im Teupitzer Postgebäude einquartierte und im Umfeld der Stadt in grünen Uniformen agierende litauische Polizeieinheit handelte.76 Aus der umfangreichen Literatur zur ‚Halber Kesselschlacht’ ist bekannt, dass auch Reste von Polizeieinheiten zu den Eingeschlossenen zählten.77 Der Landwirt Paul Koch und andere beherzte Bürger hatten die ermordeten Rotarmisten in unmittelbarer Nähe der Exekutionsstelle bestattet und waren dadurch selbst in Verdacht geraten. Sie wurden jedoch von der russischen Untersuchungskommission völlig entlastet.78 Mit den ersten Gemeindewahlen nach dem Krieg im September 1946 endete die erste Etappe der Entnazifizierung. Nunmehr ging die kommunale Entscheidungsgewalt voll auf die neu gewählten städtischen Organe über.79 Für das demokratisch gewählte Stadtparlament stellte die CDU 10 und die SED 6 Abgeordnete, nachdem bei den Wahlen 538 gültige Stimmen auf die CDU und 362 gültige Stimmen auf die SED entfielen. Die 10 Abgeordneten der CDU, die ‚Aktivisten der ersten Stunde’, wie ein in 74

Sußmann, 1981, Kopie Teupitzarchiv d. A. Sußmann, Teil I, S. 42 76 Niederschrift Ludwig, 21.10.2003, Teupitzarchiv d. A. 77 Lakowski, Stich, S. 195/196 78 Sußmann, Teil I, S. 42 79 Sußmann, Teil I, S. 43 75

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der DDR viel gebrauchter Begriff lautete, waren: Rudolf Conrad, Malermeister; Richard Nicolas, Schriftsteller; Hilde Großmann, Hausfrau; Bruno Reske(?), Tischler; Emil Marquardt, Pfleger; Richard Johne, Kaufmann; Hermann Faller, Uhrmacher; Herbert Rau, Fuhrunternehmer; Richard Rau, Vertreter; Martin Schwietzke, Tischler. Die Abgeordneten der im April 1946 aus der Vereinigung der Ortsgruppen der KPD und SPD entstandenen Ortsgruppe der SED waren: Paul Koch, Landwirt; Hans Sußmann, Bürgermeister; Max Glaser, Direktor der Landesklinik; Paul Schultze, Fahrbereitschaft; Arthur Beyer, Schneidermeister; Helene Gropp, Hausfrau.80 Mit der Mehrheit der CDU übernahm auch deren Kandidat, Richard Johne, den Posten des Bürgermeisters der Stadt. V. NS-Gewerbe im Schloss und die Enteignungen nach 1945 Die Herren auf Schloss Teupitz in den Jahren 1933-45 und damit einflussreiche Bürger und Arbeitgeber der Stadt waren gleichfalls aktive Nationalsozialisten. Im Oktober 1930 erwarb der Berliner Brauer Georg Ziebarth das Schloss, in welchem sein Vorgänger, der jüdische Kohlengroßhändler Paul Hamburger am 15. Juni 1930 das Hotel-Restaurant „Schloß am Teupitzsee“ eröffnet hatte. Georg Ziebarth trat der NSDAP bei, avancierte zum stellvertretenden Ortsgruppenleiter und stellvertretenden Schriftführer in der neuen NS-Stadtverordnetenversammlung.81 Zugleich wurde er in den von den Nazis initiierten Untersuchungsausschuss delegiert, der die Geschäfte des langjährigen Bürgermeisters Johannes Schäfer und des Stadtverordnetenvorstehers Dr. Albert Gutzmann analysieren sollte, denen widerrechtlich unlauteres Handeln in der Weimarer Zeit vorgeworfen wurde.82 Unter seiner Leitung wurde das Hotel zu einem Treffpunkt der NSDAP-Gruppen der Stadt Teupitz und des Kreises Teltow. Hier in der alten Schenkenburg wurde der 44. Geburtstag des ‚Volkskanzlers Adolf Hitler’ von den Teupitzern gefeiert83 und dem Gauleiter der NSDAP und Oberpräsidenten der Kurmark (Brandenburg), Wilhelm Kube, ein rauschender Empfang geboten.84 Aber offenbar half dies alles nicht viel, denn im November 1934 erfolgte überraschend der Konkurs und die Zwangsversteigerung des Schlosshotels und Georg Ziebarth pachtete infolgedessen die Gaststätte „Zum weißen Schwan“ in Zossen.85 Über sein weiteres Schicksal ist hier nichts bekannt. Im Herbst 1936 erwarben die Schwiegereltern des Ehepaares Karla und Gerhart Drabsch das herrlich gelegene Schloss von den Gläubigern Efrem & Bicknase. Es passte genau zu den künstlerischen und kommerziellen Neigungen des Ehepaares, das hier nach eigenem Bekenntnis einen ‚national-sozialistischen Werkstattbetrieb’ unter dem kombinierten ‚deutschen Sinnzeichen’ vom ‚Rad der Arbeit’ und ‚Baum des Lebens’ errichtete.86 Zugleich entsprachen Besitz und Ausbau der über 600-jährigen märkischen Burg der NS-Ideologie und dem NS-Germanenmythos. Ihnen hatte sich Gerhart Drabsch im November 1933 mit seinem freiwilligen Eintritt in die Allgemeine SS, der Eliteorganisation der NSDAP, und erst recht mit seiner Offizierslaufbahn im Rasse- und Siedlungshauptamt, einer Schlüsselinstitution des SS-Imperiums, freiwillig verschrieben.87 Gerhart Drabschs direkter Einfluss auf das politische Leben in Teupitz blieb ab 1939 sehr begrenzt, da er während des Krieges als Mitarbeiter des Rasse- und 80

Kreisarchiv, Akte Rat der Stadt Teupitz, Nr. 164 Der Märker 20.5.1933 82 Der Märker 13.5.33 83 KWZ 23.4.1934 84 KWZ 25.2.1934 85 BLHA, Rep. 8, Teupitz, Nr.66 86 Teltower Kreiskalender 1940, S.116-121 87 Bundesarchiv BDC,SSO, 6400007894, Gerhart Drabsch; vgl. Heinemann, S.12 f. 81

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Siedlungshauptamtes der SS für die Durchsetzung der faschistischen Germanisierungsund Siedlungspolitik in Polen und Tschechien tätig war. Als SS-Sturmmann in den Reihen der Waffen-SS fiel Gerhart Drabsch im April/Mai 1945 während der Kampfhandlungen um den Halber Kessel und fand auf dem Halber Soldatenfriedhof seine letzte Ruhestätte. Das Teupitzer Schloss wurde auf Grund des Befehls 124 des Obersten Chefs der SMAD in Deutschland ‚Über die Beschlagnahme und provisorische Übernahme einiger Eigentumskategorien in Deutschland’ vom 30. Oktober 1945 sequestriert, d. h., auf Anordnung einstweilen unter behördliche Verwaltung gestellt. Die Überführung in Volkseigentum ist durch die Deutsche Wirtschaftskommission am 30. November 1948 gemäß Befehl 64 des Obersten Chefs der SMAD bestätigt und rechtskräftig geworden und mit einer Enteignungsurkunde dokumentiert.88 Dabei wurden offensichtlich die erst 1940 bei einer Zwangsversteigerung von Grundstücken des jüdischen Eigentümers Paul Hamburger dazu erworbenen und in einem zweiten Grundbuch stehenden Grundstücke links und rechts der Zufahrt zum Schloss vergessen. Letzteres gereichte den in den alten Bundesländern ansässigen Erben nach der Wende 1989/90 zum unerwarteten Vorteil, da diese Grundstücke rückübertragen wurde.89 Enteignet wurden auf Grund von Befehlen der SMAD neben Karla Drabsch auch führende Nazis, die in Teupitz wohnten oder sich hier erholten, aber in der Stadt selbst keine besondere gesellschaftliche oder politische Rolle gespielt hatten. Die ‚Sequestration’ erfolgte auf der Grundlage eines Vermögensverzeichnisses gemäß der „Verordnung über die Anmeldung und die Beschlagnahme des Vermögens der aktiven Nationalsozialisten nach dem Stand vom 1.1.1933 und vom 1.1.1945.“ Die in Teupitz am 15. Oktober 1945 angefertigte Liste über Grundstücke, Gebäude, Ausstattungen u. a. Vermögenswerte enthielt zunächst 15 aktive Nationalsozialisten.90 Ihre Bearbeitung erfolgte, was oft nicht erwähnt oder unterschlagen wird, mit Mehrheitsbeschluss einer beim Landratsamt des Kreises Teltow gebildeten Sequestrierungskommission.91 Dieser gehörten Vertreter der CDU, SED, LDP, FDGB, FDJ, des Frauenauschusses und der Unternehmer- Vereinigung an.92 Die Kontrolle über die strikte Durchführung dieses Befehls in Teupitz erfolgte durch Major Bechtjereff, den für politische Fragen zuständigen Offizier der Stadtkommandantur.93 Unter die Sequestrierung fielen u. a. das Eigentum des Rechtsanwalts Parrisius und seiner Frau Gerda. Ihr Haus an der Gutzmannstraße wurde der Rechtsträgerschaft der Gemeinde unterstellt, da Parrisius eine Tätigkeit am berüchtigten NS-Volksgerichtshof zur Last gelegt wurde.94 Arno Breker, einer der Lieblingsbildhauer Hitlers und Nutznießer des Nazi-Systems, verlor sein Grundstück auf dem Egsdorfer Horst, einer Insel im Teupitzer See, das er 1939 erworben, aber kaum genutzt hatte.95 Die Spruchkammer von Donauwörth (Bayern) hatte ihn etwa zeitgleich als ‚Mitläufer’ eingestuft.96 Dr. phil. Walter Klein aus Berlin, Mitarbeiter des Goebbels- Ministeriums97, der 1950 in Waldheim (Sachsen) als ein ‚Hauptschuldiger’ wegen Verbrechens nach Direktive Nr. 38 des 88

BLHA, Rep.203. AzS, Nr. 4112 Tyb’l, Der Burgherr und der Bürgermeister von Teupitz, S. 9-12 90 BLHA Rep. 250, Nr. 157, Bl. 311 91 Sußmann, Teil III, S. 15 92 Vgl. BLHA Rep. 203 AzV, ESA 4561 93 Sußmann, Teil I, S. 39 94 BLHA, Rep. 203, AzV, ESA 4561 95 Breker, Arno, Im Strahlungsfeld der Ereignisse, Oldendorf 1972, S. 145-147 96 BLHA, Rep. 203/264, FB 1348 97 Sußmann, Teil I, S. 39 89

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Interalliierten Kontrollrates verurteilt worden war98, wurde enteignet und sein 1943 erworbenes Grundstück auf dem Egsdorfer Horst der Gemeinde zugeordnet. Das Schützenhaus der „Schützengilde 1857 e.V.“ an der Buchholzer Strasse wurde der Stadtgemeinde unterstellt und dort der städtische Kindergarten eingerichtet. 1954 schlug eine Kommission der Stadtverordneten unter Leitung des CDU-Abgeordneten Rudolf Conrad und des SED-Abgeordneten Hans Sußmann vor, das Haus als Kindergarten grundlegend auszubauen99 und seit jenem Zeitpunkt dient es diesem wichtigen humanistischen Anliegen. Seine Rückübertragung an die Gilde, die sich nach der Wende 1993 wieder gründete, war ausgeschlossen, da die Enteignung auf besatzungsrechtlichen Grundlagen erfolgte und wäre gewiss auch auf politisch-moralischen Widerstand in der Stadt gestoßen. Ab 2. September 1945 begann in der SBZ eine Bodenreform unter der Losung „Junkerland in Bauernhand“. Rund 7000 Großgrundbesitzer mit mehr als 100 Hektar wurden entschädigungslos enteignet und ihr Besitz von rund 3 Millionen Hektar an ca. ½ Million Landarbeiter, Umsiedler und Flüchtlinge verteilt.100 Dieser Rechtsakt ging weit über die aus dem Potsdamer Abkommen resultierenden Eingriffe in das Vermögen aktiver Nazis hinaus. Er entsprach weitgehend dem Ziel, vor allem die materiellen Grundlagen des Junkertums zu beseitigen, dass sich zu großen Teilen auf die Seite der Nationalsozialisten gestellt hatte. In Teupitz/Schwerin fielen Wald und Boden des Gutes Spielhagen unter diese Regelung, allein deshalb, weil es über 100 ha Wald und Boden sein eigen nannte. Das vorrangig auf ‚Bullrichs Höhe’ gelegene Gut der Eigentümerin Clara Spielhagen aus Berlin-Schöneberg wurde nach Vorschlägen und demokratischen Beschlüssen der Bodenreform-Kommission der Stadt, der Willi Möbis, Auguste Kaatsch, Lina Hofmann, Hoffmann, Paul Grabert und Sietmann (?) angehörten, aufgeteilt. Im November 1945 erhielten die Stadt 28,72 ha und 13 Bauern und Bürger im Durchschnitt je 2 ha des Waldes.101 In der Schulchronik heißt es dazu: „Am 15.11.1945 konnten wir zur Freude der Kinder bereits mit eigenen Darbietungen an der ‘Waldverteilung an die Bauern’ teilnehmen.”102 Der Teupitzer Bürgermeister Hans Sußmann stellte noch im gleichen Monat an die Kreisbehörden den Antrag, die nunmehr städtische Fläche am Löptener Weg umzuwidmen und einen Bebauungsplan zur Errichtung von 40 dringend benötigten Umsiedler- und Heimkehrer- Wohnheimen zu bestätigen, was aber offensichtlich an den damaligen wirtschaftlichen Engpässen scheiterte.103 Ein Aufteilungsprotokoll vom 18. Januar 1949 gibt genaue Auskunft über die in Teupitz begrüßte Verteilung von ca. 40 ha Grund und Boden aus dem Gut Spielhagen. Es weist aus, dass immerhin 18 einfache Teupitzer Bauern und Bürger im Durchschnitt je 2 ha Land zur eigenen Bewirtschaftung erhielten.104 Im Zuge der Bodenreform erfolgte 1948 auch die Enteignung der Teupitzsee-Genossenschaft; auch hierbei sollte die Bewältigung der NS-Zeit eine Rolle spielen. Diese Enteignung war heiß umstritten, der Vorstand der ca. 135 Mitglieder umfassenden

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BLHA, Rep. 203/249, FB 2393 Kreisarchiv, Akte 168, Rat der Stadt Teupitz, 1953-54 100 Chronik der Deutschen, S. 932 101 BLHA, Rep.250, Nr. 452 102 Schulchronik, S.94/ 95 103 BLHA Rep. 208/1901 104 BLHA Rep. 250, Nr. 452 99

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Teupitzsee-Genossenschaft setzte sich vehement zur Wehr.105 Die zur Enteignung vorgebrachten, umstrittenen Argumente lauteten: Erstens wäre es ein vorrangig gewerbliches Unternehmen gewesen, dass mit der Genehmigung von Steganlagen, Bootshäusern, Bollwerken und Grundstückseinschnitten sowie durch Veräußerung von Anschwemmland Gewinne gemacht hätte, nicht aber mit der notwendigen Fischerei. Zweitens handelte es sich hier um ein ‚unter NS-Führung stehendes Gebilde’, dessen Mitglieder kaum einfache Siedler, Angler und Fischer gewesen wären. Der Teupitzer See wurde in Volkseigentum überführt und der Fischwirtschaftsgenossenschaft in Potsdam als Rechtsträger übergeben. Die durch Anlandung entstandenen Flächen konnten von der Bodenkommission der Gemeinde vergeben werden.106 VI. Landesanstalt und Ärzteschaft, Rassismus oder Humanismus Die Leiter und Ärzte des wichtigsten und größten Arbeitgebers der Stadt, der Landesanstalt Teupitz, gehörten bei Kriegsende alle der NSDAP an107 und vertraten offensichtlich deren rassistische und rassenhygienische Vorstellungen im Gesundheitswesen. Von keinem der Anstaltsleiter, 1934-38 Dr. Noack, 1938-39 Dr. Heinrich Ehlers, 1939-1945 Dr. Felix Großmann, ist bekannt, dass sie sich gegen die nationalsozialistische Erb- und Rassenpolitik gewandt und versucht hätten, die ihnen anvertrauten Patienten vor den schwerwiegenden Eingriffen und schließlich vor der Vernichtung in der Euthanasie- Mordaktion ‚T4’ 1940/41 zu bewahren. 1439 Sterilisationen in den Jahren 1935-39 und 1884 während der genannten Aktion von hier verbrachte und dann ermordete Patienten wurden ermittelt.108 Bekannt ist lediglich, dass Dr. Karl Großmann, im Teupitzer Volksmund ‚Knochenkarl’ gerufen109 und der 1885 geborene Oberarzt Dr. med. Kurt Hellwig, Obersturmführer der SS110, seit 1924 in Teupitz ansässig111, sofort 1945 verhaftet wurden und wahrscheinlich in sowjetischer Haft oder Internierung verstarben. Nur zum Schicksal des gleichfalls verhafteten Kassenleiters Gustav Natebus, Jahrgang 1888 und Mitglied der NSDAP seit 1940112 konnte ermittelt werden, dass er 1947 im Lager Sachsenhausen verstarb.113 Der nach dem Umbruch 1945 verbliebene Anstaltsarzt, Dr. Karl Sitzler, der zwar ebenfalls der NSDAP angehört hatte und an Sterilisationen beteiligt war, galt zunächst nur als ‚Mitläufer’ und wurde kurzzeitig als Anstaltsleiter eingesetzt.114 Er soll sich später in die BRD abgesetzt haben.115 Im Januar 1946 trat ein Nichtmediziner, der Antifaschist Max Glaser als neuer Anstaltsleiter seinen Dienst an. Von den 155 für das Jahr 1945 gemeldeten Dienst- und Pflegekräften gehörten 108 der NSDAP und ihren Gliederungen an; das war mit 70% der höchste Organisationsgrad im Vergleich mit allen anderen brandenburgischen Anstalten während der Nazizeit116, weshalb in der Anstalt und im Pflegerdorf auch separate Zellen der Ortsgruppe der

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Tyb’l, Anglerclub, S. 9-12 BLHA Rep. 208 Nr. 1901 107 Hübener, Fußnote 42 S.105 108 Hübener, S. 58-62; MAZ 11.5.2000 109 Interview Alfred Schultze 110 Sußmann, Teil II, S. 60 111 Teupitzer Schulchronik, S.29 112 BLHA, Rep. 250, Teltow Nr. 157 113 Auskunft DRK, 8. März 2005, Teupitzarchiv d. A. 114 Hübener, Fußnote 37, S.104 115 Sußmann, Teil II, S. 60 116 Hübener, S. 89 106

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NSDAP gebildet worden waren.117 Im Rahmen der Entnazifizierung wurden 71 als belastet eingestuft und 10 von ihnen entlassen.118 Der unmittelbar nach der Besetzung der Anstalt am 27./28. April 1945 als ‚Sanitätskommandant’ für alle dort noch stationierten Krankeneinrichtungen eingesetzte Prof. Dr. Kondeyne wurde kurze Zeit später von der operativen Gruppe der Sowjetarmee als bei Kriegsende in der Anstalt untergetauchter SS-Führer entlarvt und verhaftet und mit ihm weitere 16 Sanitätsfeldwebel.119 Die Landesklinik hat zu ihrer NS-Vergangenheit schon mehrfach Stellung bezogen. Der frühere ärztliche Direktor MR Dr. D. Häußer und der langjährige Verwaltungsleiter Hans Sußmann machten in der Stadtgeschichte (1974) und Klinikchronik (1987) die Verstrickung der Anstalt in die Euthanasieverbrechen öffentlich. In Verantwortung der Chefärzte Dr. J. Faiss und Dr. M. Heinze wurde, gestützt auf Forschungsergebnisse einer Gruppe um die Potsdamer Historikerin Dr. Kristina Hübener, am 10. Mai 2000 im Park der Klinik ein schlichter, kollektiver Gedenkstein mit der Inschrift eingeweiht: „Im Nationalsozialismus lieferte die damalige Landesanstalt 1884 der ihr anvertrauten Patienten als lebensunwert dem Tode aus. Auf je eigene Weise wurden viele Menschen dabei schuldig. 60 Jahre später gedenken wir voller Scham der Opfer und rufen das Schicksal der Toten in Erinnerung.“120 Drei ‚Stolpersteine’ aus Messing mit eingravierten Namen erinnern seit dem 19. Oktober 2005 vor dem Eingang zur Klinik an die Euthanasieopfer der Nazizeit.121 Bei Recherchen im Kreisarchiv konnte der Autor 2006 weitere Namen von jüdischen Bürgern ermitteln, die im März 1939 in der Anstalt gemeldet waren, über deren weiteres Schicksal jedoch bisher keine zweifelsfreien Auskünfte vorgelegt werden konnten. 122 Die zwei praktischen Ärzte der Stadt, der Sanitätsrat Dr. med. Albert Gutzmann (18681949) und dessen Schwiegersohn Dr. med. Kurt Sachse (1893-1957) traten beide der NSDAP bei. Dr. Albert Gutzmann hatte seine Tätigkeit in der Stadt 1897 begonnen und genoss nicht nur als Arzt allergrößtes Ansehen, sondern auch stadtweite Wertschätzung wegen seines jahrzehntelangen ehrenamtlichen Wirkens als Mitglied und Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung sowie vertretungsweise amtierender Bürgermeister, als Initiator der ersten Stadtapotheke und der ersten Volksbibliothek sowie Vorstandsmitglied des überaus aktiven Obst- und Gartenbauvereins. Im Gespann mit Johannes Schäfer erlebte er in der Weimarer Republik seine kommunalpolitisch produktivsten Jahre. Als die Nazis die Macht an sich rissen, verdrängten sie ihn aus diesen Ämtern. Den Platz des Stadtverordnetenvorstehers nahm ab 13. Mai 1933 der aktive Nazi, Vorsitzende des Kriegervereins und Kaufmann Hermann Graupner ein, der in der Teupitzer Poststraße ein gut gehendes Textilkaufhaus sein eigen nannte.123 Dr. med. Gutzmann wehrte sich öffentlich, als von den Nazis Gerüchte und Verleumdungen über angebliche Schluderwirtschaft des Bürgermeisters Schäfer und der Stadtverwaltung verbreitet werden.124 Zum 65. Geburtstag Albert Gutzmanns am 27. April 1933 kam selbst der NS-freundliche „Der Märker“ nicht umhin, den 1922 zum Ehrenbürger der Stadt ernannten Jubilar wie folgt zu würdigen: „Es ist nichts in den letzten 117

Der Märker 20.5.33 Hübener, Fußnote 48, S.105 119 Sußmann, MV 14.3.1961; Hübener, S. 82 u. Fußnote 10 S. 104 120 Tyb’l, MAZ 24.7.2001 121 Drei Stolpersteine, MAZ 20.10. 2004 122 Vgl. Lothar Tyb’l, Teupitz am See. Historischer Stadtführer, S. 203 123 Interviews Heinz Boche, Alfred Schultze 124 Der Märker, 10.3. 1933 118

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drei Jahrzehnten zum Besten der Stadt geschehen, wozu er nicht mit seinem erheblichen Wissen und Können beigetragen hat.“125 Dass er, 65-jährig, 1933 Mitglied der Nazipartei wurde, hatte mit der Anpassung an die neuen Machtverhältnisse zu tun, wird bei seinem Ansehen in Teupitz aber nicht wirkungslos geblieben sein. Trotzdem wurde ihm 1945 von der Teupitzer Entnazifizierungs-Kommission eine ‚nur einfache Mitgliedschaft’ bestätigt. Der erste amtierende Nachkriegsbürgermeister und Altkommunist Hans Sußmann sprach von einer ‚Tragik’ des um die Stadt verdienten Arztes und bemühte sich um dessen aktive Mitarbeit beim Neuaufbau von Teupitz.126 Hermann Graupner wurde übrigens 1945 nach ganz kurzer Inhaftierung durch die Rote Armee auf Intervention seiner Tochter wieder frei gelassen und stellte sein Geschäft in der Poststraße als ‚Russenmagazin’ zur Verfügung.127 Dr. med. Kurt Sachse, u. a. anerkannt als Leiter der Mütterberatungsstelle, trat ab 1933 in seiner Funktion als Kulturwart der Ortsgruppe der NSDAP aktiv mit Reden zur NSIdeologie und Rassentheorie hervor. Auf einem öffentlichen Vortragsabend der NSDAP am 7. Mai 1934 erläuterte er ‚Grundzüge des Nationalsozialismus’: „Das Volk kehrt heute zu der wirklichen, wahren Naturgrundlage zurück. Der Nationalsozialismus muss uns eine Religion sein. Wir müssen den Geist der alten Germanen wieder in uns fühlen; unsere wichtigste Aufgabe muss wie die der Germanen lauten: Bedarfsdeckung und Volksgemeinschaft. Nur dann werden wir Freiheit und Brot finden. Und um dieses Ziel zu erreichen, muss jeder, aber auch jeder Volksgenosse am Aufbau unseres neuen Reiches tatkräftig mithelfen.“128 Zur Reichsgründungsfeier des Vereins ehemaliger Waffengefährten, dessen Ortsgruppe von Teupitz und Umgebung hier seit Jahrzehnten einen großen Einfluss ausübte, propagierte Dr. Sachse die „deutsche Revolution des Jahres 1933 unter der Führung Adolf Hitlers“ als Vollendung der durch Bismarck 1871 herbeigeführten Reichsgründung: „Wenn Bismarck dem deutschen Volke die staatliche Einheit gebracht hatte, so hat Adolf Hitler dem deutschen Volke die Volksgemeinschaft, die völkische Einheit gebracht...Er entriss einen nach dem anderen der verführten deutschen Volksgenossen den Klauen des Klassenkampfes und des Marxismus…Deutschland ist Adolf Hitler oder es ist nicht.“129 Im Hotel „Schloß am Teupitzsee“ plädierte er vor großem Publikum, so, wie das viele Mediziner in jenen Jahren taten, für die NS- Rassen- und Erbkunde. „Die nordische Rasse, die mit 55-60% im deutschen Volke vertreten sei, müsse als die Grundrasse des Deutschen angesehen werden und es müsse nach und nach einer so genannten Aufnormung des deutschen Volkes zugestrebt werden…Sehr wichtig sei die Tatsache, dass die Zahl der geborenen erbkranken Kinder weitaus höher ist als die der Erbgesunden. Leider hat die Politik des Wahnsinns der vergangenen 14 Jahre diesen Zustand noch gefördert.“ 130 Möglicherweise war es auch diese Haltung, die zu Auseinandersetzungen mit seinem Schwiegervater führte. 1938 verzog Dr. Sachse von Teupitz und ging als Arzt nach Frankfurt/Oder. Er wurde 1939 zur Wehrmacht eingezogen, geriet 1945 im ‚Halber Kessel’ in russische Gefangenschaft und wurde kurzzeitig im ehemaligen Kriegsgefangenenlager Luckenwalde interniert. Dr. Sachse verstarb 1957 als praktischer Arzt in Biesenthal.131 125

Der Märker 28.4.1933 BLHA, Rep. 250, Teltow, Nr. 157 127 Interviews Heinz Boche, Alfred Schultze 128 KWZ 13.5.1934 129 KWZ 1.2.1934 130 KWZ 13.1.1934 131 Interview mit dem Sohn Gerhard Sachse 126

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Hohes Ansehen erwarb sich in den Kriegsjahren der Medizinalrat Dr. Wilhelm Oberländer als unermüdlich für seine Patienten tätiger Chefarzt der Teupitzer Zweigstelle des Königs Wusterhausener Achenbach-Krankenhauses. Dieses war 1940 mit etwa 300 Betten in vier Gebäuden der hiesigen Landesanstalt untergebracht worden.132 Von der SS wäre Dr. Oberländer im April 1945 fast erschossen worden, weil er gegen die militärischen Maßnahmen zur Verteidigung des Anstaltskomplexes auftrat, die zur Folge hatten, dass bei einem Fliegerangriff eines der voll belegten Krankenhausgebäude einen Volltreffer erhielt.133 Nach der Besetzung von Teupitz setzte ihn der sowjetische Kommandant auf Vorschlag des Bezirksbürgermeisters Hans Sußmann als Bezirksarzt des Bezirkes VI im Kreis Teltow ein. Er leistete unter schwierigsten Bedingungen Entscheidendes bei der gesundheitlichen Betreuung aller in der Landesanstalt untergebrachten Patienten, verwundeten Soldaten und kranken Zivilisten sowie zur Beseitigung der akuten Seuchengefahr im Gebiet der Halber Kesselschlacht.134 Auch in seiner späteren Funktion als langjähriger Chef des Zossener Kreiskrankenhauses genoss er die höchste Wertschätzung seitens der Patienten.135 VII. Zeitung, Schule und Kirche auf dem Prüfstand Der Herausgeber und verantwortliche Schriftleiter der täglich erscheinenden Heimatzeitung und des Amtsblatts für das Schenkenländchen, „Der Märker“, Leiter der Druckerei und des Kunstverlages in der Poststraße, Franz Spielmann, machte seine Zeitung nach eigenen Worten ‚zur Trompete’ der Nazi-Bewegung.136 Die einflussreiche Zeitung Spielmanns, welcher die Teupitzer viele wichtige Informationen aus Geschichte und Gegenwart ihrer Heimat und beeindruckende Schilderungen deren Schönheit verdanken, erschien unter verschiedenen Titeln mit Unterbrechungen seit 1906 und durchgängig von 1925 bis August 1933. Als die Nazis bei den Wahlen zum 8. deutschen Reichstag am 5. März 1933 mit 43,9% die Mehrheit im Parlament erzielten und auch die Teupitzer mehrheitlich die NSDAP gewählt hatten, jubelte Spielmann: „Die rote Mehrheit ist hier wie in allen Orten der Umgebung gebrochen“ und veröffentlichte in Versform sein Credo: „Jetzt wird Deutschland wirklich frei. Und das Heimatblatt ‚Der Märker’ bleibt der deutschen Sache treu.“137 Selbst als sein Lokalblatt der Zentralisierung und Gleichschaltung der Presse zum Opfer fiel, schrieb er in der letzten Nummer des „Der Märker“ am 5. August 1933: „Der ‚Märker’ wird sein Erscheinen einstellen. Die Bezieher erhalten dafür im Monat August das amtliche Gauorgan der NSDAP, das ‚Märkische Tageblatt’, ohne Nachzahlung des Preisunterschieds …Wir bitten unsere getreuen Leser…das weit umfangreichere nationalsozialistische Blatt mit ebensolcher Liebe wie das alte Heimatblatt in ihrem Hause aufzunehmen.“ Doch selbst diese devote Haltung sollte dem in der Ortsgruppe der NSDAP aktiven Pg. kein Glück bringen. Der 1871 in Ungarn geborene staatenlose Franz Spielmann138 geriet irgendwie in die Schusslinie der Nazis, gerüchteweise wegen Homosexualität oder Geldfälschung, vielleicht auch wegen seiner Staatenlosigkeit. Er verschwand jedenfalls 132

Wietstruk, S.25 Sußmann, Teil II, S. 60, Wietstruk, S.25 134 Sußmann Teil I, S. 41 135 Wietstruk, S.25-26 136 Der Märker 19.3.1933 137 Der Märker 5.3. 1933 , 7.3.1933 138 BLHA, Rep. 8, Teupitz Nr. 442 133

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schon in den 30er Jahren von der politischen Bühne. Am 17. August 1937 regte Ratsherr Baronski in der Stadtverordnetenversammlung an, „den ehemaligen Einwohner Spielmann, der seit einigen Tagen wieder in Teupitz weilt, im Auge zu behalten, damit der Stadt später kein Schaden entstünde“.139 Bis jetzt gelang es nicht, den Hintergrund dieser Bemerkung und den weiteren Lebenslauf Spielmanns zu erhellen. Für die Heimatforschung bedauerlich bleibt, dass seit Verschwinden des „ Der Märker“ in Teupitz bzw. im Schenkenländchen nie wieder eine einflussreiche Regionalzeitung herausgegeben wurde. Das seit 1990 etwa dreimonatig erscheinende Mitteilungsblatt des Bürgermeisters, die „Teupitzer Nachrichten“, kann diesen Mangel bisher nicht beheben. Die Teupitzer Schule galt 1933-45 als feste Bastion der Nazis.140 Der von 1932-1938 eingesetzte Schulleiter Hermann Figula, geboren 1876 in Forst, ein erfahrener Lehrer, dem vom zuständigen Konsistorium der evangelischen Kirche in Schulzendorf bei Berlin auch der Titel Kantor verliehen worden war, tat sich besonders hervor. Bei seinem Amtsantritt 1932 in der 3-klassigen Schule (je Klasse zwei bis drei Schuljahre) wünschte er inbrünstig, dass endlich eine neue Zeit beginne, „eine Zeit der Treue, des Glaubens, des vaterländischen Stolzes, welcher der heutigen Zeit leider vollständig abgeht. Möge Gott uns bald diese neue Zeit geben.“141 Zum Jahresabschluss 1932 notierte er: „Neue Kräfte ringen in unserem Vaterland. Aus tiefer Nacht zeigt sich ein neues Licht. Es knüpft sich an einen Mann, der mit großer Energie ans Werk geht. ....Sein Anfang ist schon groß, alle Tage hört man seinen Namen, vielen ist er zur einzigen Hoffnung geworden: Adolf Hitler.“142 Am 30. Januar 1933 schreibt er, sichtlich erlöst, wenn auch kurz und bündig: „Nun ist es geschehen. Reichspräsident Hindenburg ernennt Adolf Hitler zum Reichskanzler“. 143 Mit fast religiösem Eifer begleitet und propagiert er die NS-Politik während seiner Amtszeit. Aus Anlass seiner Verabschiedung in den Ruhestand am 31. März 1938 heißt es: „Und nun lege ich die Feder aus der Hand und beschließe meinen Bericht über Schule und Gemeinde. Der allmächtige, gütige Gott hat mir Kraft zu meinem Schaffen gegeben, ihm sei Lob, Ehre und Dank. Möchte er geben, dass unser geliebtes deutsches Volk weiter aufwärts steigt unter Leitung unseres geliebten Führers Adolf Hitler.“144 Trotz des akuten Lehrermangels wurde er 1945 nicht wieder in den Schuldienst berufen, hat aber als Rentner und Kantor weiter in Teupitz gelebt.145 Der Schulleiter von 1938-45 und Hauptlehrer Erich Beske, Jahrgang 1894, war seit Mai 1933 Mitglied der NSDAP und führend tätig, um die gesamte Teupitzer Beamtenschaft auf Grund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 im Reichsbund der Beamten neu zu organisieren. Auf dessen Gründungsversammlung am 20. Januar 1934 im Teupitzer Hotel und Restaurant „Zum goldnen Stern“ wurde von einem NS-Referenten verkündet: „Adolf Hitler hat die Beamtenschaft wieder zu Idealen verholfen, zu wirklichen Repräsentanten des Staates...Die Verantwortung, die heute auf jedem Beamten ruht, macht ihn zum Pflichtträger für das große Ganze. Die Grundlage im nationalsozialistischen Staat ist die Rassenfrage. Erbkranker Nachwuchs ist eine große Last für den Staat, die uns Millionen kostet. Wir werden die

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BLHA, Rep. 8, Teupitz Nr. 166 Sußmann, Teil II, S. 52 141 Schulchronik, S. 74 142 Schulchronik, S. 77 143 Schulchronik, S. 78 144 Schulchronik, S. 88 145 Interviews Heinz Boche, Alfred Schultze 140

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Segnungen des Gesetzes zur Verminderung erbkranken Nachwuchses erst in Jahren ermessen können. Nationalsozialist sein, heißt Opfer bringen.“146 Schon im April zählte Obmann und Pg. Beske über 100 Mitglieder in der hiesigen Ortsgruppe des NS-Beamten- Bundes.147 Als 1938 SS-Obersturmführer Pg. Walter Schroeter vom Landrat als Bürgermeister der Stadt eingeführt wurde, zählte Erich Beske neben Carl Arndt, Walter Baronski (Besitzer des „Schenk von Landsberg“), Karl Fock (Lebensmittel-Kaufmann, Jahrgang 1891, Zellenwart der NSDAP, 1945 verhaftet, 1946 im Lager Jamlitz verstorben148), Max Lehmann (Seereederei, 1943 verstorben) und Walter Pegelow (Kaufmann) zu den Ratsherren, welche die NS- Politik in der Stadt bestimmten.149 Erich Beske wurde 1945 zunächst in einer der beiden städtischen Gefängniszellen im Hinterhaus des Rathauses inhaftiert und dann in ein Lager überführt.150 Hans Sußmann, amtierender Bürgermeister nach der Besetzung, schrieb zwar in einem Brief an den Landrat am 17.12. 1945, dass er Erich Beske für nicht belastet hält, doch da hatten sowjetische Militärbehörden ihn schon abgeholt.151 Er verstarb 1946 im Lager Ketschendorf.152 Über das Schicksal des Lehrers Braun konnte nichts ermittelt werden. Dessen Frau hatte sich und ihr Kind im April 1945 vergiftet153, wenige Tage bevor Braun, der nach seiner Verwundung in der Wehrmacht als NS-Offizier in Berlin gedient hatte, nach Teupitz zurückgekehrt war.154 Im Potsdamer Abkommen hieß es: „Das Erziehungswesen in Deutschland muss so überwacht werden, dass die nazistischen und militaristischen Lehren völlig entfernt werden und eine erfolgreiche Entwicklung der demokratischen Ideen möglich gemacht wird.“155 In Teupitz haben alle Lehrer, die der NSDAP angehört hatten, ausscheiden müssen.156 Mit Wiederaufnahme des Schulbetriebs im Frühsommer 1945 wurde ein völlig neues Kollegium unter Leitung des vom Bürgermeister vorgeschlagenen und Stadtkommandanten geprüften ersten antifaschistischen Schulleiters Hans Opitz unter erheblichen Schwierigkeiten tätig. Zugleich mussten auf Weisung des sowjetischen Stadtkommandanten die ca. 852 alten Schulbücher und die ca. 300 ausgesonderten Bände der Teupitzer Volksbibliothek im August 1945 auf der Militärkommandantur abgeliefert werden157, um dem nazistischen Ungeist auch auf diese Weise seine Grundlagen zu entziehen. Mit diesen Maßnahmen wurde in Teupitz wie in der gesamten SBZ eine Schulreform eingeleitet, die das Erziehungs- und Bildungswesen in den folgenden Jahren grundlegend umgestaltete. Dieser Verpflichtung folgend, erhielt die Teupitzer Schule, die sich erst zur Zentralschule für die umliegenden Orte (1946) und später zur 10-klassigen Polytechnischen Oberschule (1979) entwickelte, im Jahre 1973 auf eigenen Antrag den Namen des proletarisch- antifaschistischen Schriftstellers Willi Bredel. Dieser hatte bis zu seinem Tode im Jahre 1964 in seinem Teupitzer Sommerhaus Erholung gesucht und gefunden. Dass die nach der Wende 1989/90 gebildete hiesige Grundschule sich nicht nur dieses 146

KWZ 28.1.1934 KWZ 11.4.1934 148 Auskunft DRK, 8. März 2005, Teupitzarchiv d. A. 149 BLHA, Rep. 8, Teupitz Nr. 166 150 Interview Alfred Schultze; Schulchronik, S. 91/92 151 BLHA, Rep. 250, Teltow Nr. 157 152 Auskunft DRK, 8. März 2005, Teupitzarchiv d. A. 153 Schulchronik, S. 92 154 Interview Heinz Boche 155 Potsdamer Abkommen, S.81 156 Schulchronik, S. 92 157 Schulchronik, S. 93/94; Sußmann, Teil III, S. 16 147

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Namens entledigte, sondern einfach den Gedenkstein beseitigen ließ, stieß vielerorts auf Unverständnis und Kritik; doch ist der Stein bis heute noch nicht wieder aufgestellt worden. Hohe Achtung genoss in Teupitz der evangelische Pfarrer Rothe. Er stand der starken evangelischen Kirchengemeinde um die Heilig-Geist-Kirche vor, wohnte im Pfarrhaus neben der Kirche und amtierte im Ort von 1907 bis 1936. Ab 1933 trat Pfarrer Rothe als einer der eifrigen Befürworter der NS-Bewegung in Teupitz hervor, was in der Geschichte der christlichen Kirchen in Deutschland nicht zufällig und schon gleich gar nicht ein Einzel- oder Ausnahmefall war oder nur für die NS-Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ zutraf. Diese Haltung hatte sich schon angedeutet in der Unterstützung der kaiserlichen Kriegspolitik im I. Weltkrieg. Als z. B. im August 1917 die beiden kleinen Kirchenglocken der Heilig-Geist-Kirche, die 736,50 kg Bronze auf die Waage brachten, bei der Militärbehörde abgeliefert werden mussten, regte sich nicht nur kein Widerstand, dieses Opfer wurde mit nahezu christlicher Freude und einem extra verfassten Gedicht dargebracht.158 Im Vorraum der Empore der Heilig-Geist- Kirche lagern, der Öffentlichkeit mehr oder weniger schamhaft entzogen, noch heute jene großen Gedenktafeln, nach deren Aufschriften Mitglieder der Gemeinde in den vielen deutschen Kriegen ‚Für Gott und Vaterland’ gefallen wären. Gern lud Pfarrer Rothe während des I. Weltkrieges zu Familienabenden den Pfarrer Röhl aus Münchehofe ein, der als Divisionspfarrer Fronterfahrungen vermitteln konnte, um Trost für die Kriegsopfer und zugleich Motivation zum Weiterkämpfen zu vermitteln.159 Auf der riesigen Stadtfeier zur Reichstagseröffnung am 22. März 1933 ergriff auf dem Turnplatz vor ca. 600 Einwohnern Pfarrer Rothe das Wort. „Der Märker“ schrieb am folgenden Tag: „Solche Worte nationalen Erhebens voller Kraft und Innigkeit wurden in Teupitz noch nicht gesprochen. Pfarrer Rothe sah es als eine Gottesschickung an, dass der greise Reichspräsident vereinigt mit dem jungen Reichskanzler die deutsche Nation gerettet hat vor Untergang und Glaubenszerstörung.“ Er meinte: „Unser Kampf gegen die Gottlosigkeit muss weitergeführt werden bis zu ihrer Niederringung! …Es gilt heute wie damals das Wort des großen Preußenkönigs: Es ist nicht nötig, dass ich lebe, aber es ist nötig, dass ich meine Pflicht tue!“160 Auch zum 1. Mai 1933, der von den Nazis sofort zum ‚Tag der nationalen Arbeit’ umfunktioniert wurde, hielt Pfarrer Rothe nach dem Festumzug vor ca. 1000 Personen die Festrede: „Dieser schöne Feiertag ...schließe alle schaffenden Stände, die Arbeiter der Hand und des Geistes zusammen zu einer Volksgemeinschaft, in der jeder den anderen achtet und ehrt... An diesem nationalen Feiertag solle jeder erkennen, dass er einer großen heiligen Sache diene...“161 Im gleichen Geiste setzte sich sein Kantor Hermann Figula für das Hitlerregime ein. 1937 wurde Pfarrer Rothe aus Altersgründen von Pfarrer Gottlieb Großmann abgelöst, der offenbar Distanz zu den Nazis hielt, wobei dies noch genauer zu recherchieren wäre. Ob Pfarrer Rothe das Ende des Hitlerregimes erlebte und wie er es nach dem Kriege beurteilt hätte, konnte leider nicht ermittelt werden. 158

AAT 26.8.1917 und Gedicht im Teupitzarchiv d. A. AAT 9.11.1917 160 Der Märker, 23.3.1933 161 Der Märker 5.5.1933 159

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Das „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom 19. Oktober 1945 hätte gewiss auch er unterschrieben. In diesem bekennt sich die EKD öffentlich zur Mitschuld der evangelischen Christen an den Vorgängen im so genannten Dritten Reich. „Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregime seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat, aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“162 Denn Pfarrer Rothe hatte mehr getan, er war in seinen Reden zu Beginn der Nazi-Zeit aktiv für die NS-Bewegung eingetreten. VIII. Kein Schlussstrich In Teupitz war es nicht einfach ein ‚rechter deklassierter Rand’, es waren die Spitzen des kleinstädtischen Lebens, Bürgermeister und Beamte, Ärzte und Lehrer, Pfarrer und Kantor, Journalisten sowie Schlossherrn, die sich den Ideen und der Praxis des NaziFaschismus aktiv verschrieben hatten. Sie vertraten keine ‚Vermengung nationalistischer und sozialistischer Ideologie’, wie das Gedankengut der Nazis mitunter fälschlicherweise charakterisiert wird, sondern nationalistische, antisozialistische, rassistische und antisemitische Positionen, drapiert mit einigen scheinsozialistischen Phrasen. Dieser Blick auf die Teupitzgeschichte verdeutlicht, dass sich der deutsche Faschismus auf die zustimmende Beteiligung breiter Kreise der Bevölkerung, das aktive Mittun vieler, oft gut gebildeter Kräfte aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft und der Kommunen stützen konnte. Ohne die entscheidende Rolle der herrschenden Kreise in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu leugnen oder abzuschwächen, unterstreichen die vorliegenden Fakten zu den Nazis und zur Entnazifizierung in Teupitz die politische Eigenverantwortung der Bürger und ihrer Kommunen. Das gilt auch in der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit dem Neonazismus und Rechtsradikalismus. Zugleich verdeutlicht die vorliegende erste Bestandsaufnahme, dass hier in Teupitz wie in der ganzen sowjetischen Besatzungszone mit dem im Potsdamer Abkommen festgelegten Programm zur Entnazifizierung tatsächlich ernst gemacht wurde. Die Nazis wurden aus der städtischen Verwaltung, den entscheidenden Positionen in Schloss und Landesanstalt, aus der Schule, dem Gesundheitswesen und der Kirchengemeinde sowie dem gesellschaftlichen Leben verdrängt und für die Stadt eine echte Chance demokratischen Neubeginns eröffnet. Bei der Durchsetzung des von den Alliierten ‚verordneten’ und vielen demokratischen Kräften angestrebten Antifaschismus, einschließlich der mit ihm verknüpften Eingriffe zur Veränderung von Eigentumsstrukturen, gab es zweifellos Ungerechtigkeiten und Rechtsverstöße, in Teupitz und in der sowjetischen Besatzungszone völlig andere als in den Westzonen. Tatsache aber bleibt, dass die umfassende Entnazifizierung in Ostdeutschland, nicht nur einem politischen Kalkül, sondern Normen des Besatzungsrechts und einem echten, ehrlichen Bedürfnis folgte.163 Dieser Tradition bleibt die Stadt verbunden und verpflichtet.

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Chronik der Deutschen, S. 932 vgl. DDR-Justiz und NS-Verbrechen, Sammlung ostdeutscher Strafurteile wegen NS-Tötungsverbrechen

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Quellen/Literatur (Auswahl), Archive, Interviews 1.Literatur Amtsblatt des Kontrollrats in Deutschland, Ergänzungsblatt Nr. 1, Berlin Bedürftig, Friedemann, Taschenlexikon Deutschland nach 1945, Hamburg 1996 Behnen, Michael, Lexikon der deutschen Geschichte von 1945-1990, Stuttgart 2002 Boveri, Margret, Tage des Überlebens Berlin 1945, München 1968 Chronik der Deutschen, Augsburg 1995 Coppi, Hans, u.a Hg., ‘Dieser Tod paßt zu mir’, Harro Schulze-Boysen-..., Berlin 1999 Das Potsdamer Abkommen, Berlin, 1949, Hg. Prof. Dr. Bittel, Karl DDR-Justiz und NS-Verbrechen, Dokumentenband, Hg. C.F. Rüter, München 2002 Foitzik, Jan, Inventar der Befehle des Obersten Chefs der SMAD 1945-1949, München 1995 Giordano, Ralph, Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein, Hamburg 1998 Goldhagen, Jonah, Hitlers willige Vollstrecker, Berlin 1996 Heinemann, Isabel, Das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS..., Göttingen 2003 Hilger, Andreas u.a. Hg., Sowjetische Militärtribunale, Band 2, Köln 2003 Hübener, Kristina/Wolfgang Rose u.a., Landesklinik Teupitz, Berlin 2003 Mai, Uwe, Kriegsgefangen in Brandenburg, Stalag III A 1939-1945, Berlin 1999 Mironenko, S., Sowjetische Speziallager in Deutschland, Bd. 1-2, Berlin 1998 Müller, Wolfgang, Eichwalde unterm Hakenkreuz, Heimathefte Heft III, 2004 Pietsch, Herbert u.a.(Hg.), Halbe, ein Friedhof und seine Toten, Berlin 1995 Rößler, Ruth-Kristin, Die Entnazifizierungspolitik der KPD/SED, Goldhagen 1994 Roth, K.H. u.a., Rote Kapellen- Kreisauer Kreise- Schwarze Kapellen, Hamburg 2004 Sußmann, Hans, Teupitz und das Schenkenländchen, Teil I, II, III, Teupitz 1974, 1981 Tyb’l , Lothar, Der Burgherr und der Bürgermeister von Teupitz, Selbstverlag, 2003 Anglerclub „Früh Auf Teupitz“ e. V.1923-2003, Selbstverlag, 2003 Das Geheimnis der Hütte, MAZ, Dahme- Kurier, 08. März 2002 Ein Haus mit Geschichte, ebenda, 10. Oktober 2000 Die Volksgenossen haben Abstand zu halten, ebenda, 11.10. 2000 Fahrt ins Blaue, ebenda, 24. Juli 2001 Im Gedenken an ihren Opfertod..., Heimatspiegel 10-11/2004 Teupitz am See. Historischer Stadtführer, 2006 Völklein, Ulrich, Der Judenacker, München 2004 Wietstruk, Siegfried, Die Vereinigung der KPD und SPD im Kreis Teltow, Zossen 1964 2. Archive 2.1 Staatsbibliothek zu Berlin, Zeitungsarchiv Sign. Ztg. 724g Teltower Kreisblatt (TKB) Sign. Ztg. 1300 Königswusterhausener Zeitung (KWZ) Sign. Ztg. 1441 Der Märker Sign. Ztg. 5444 Allgemeiner Anzeiger für Teupitz und Umgegend (AAT) 2.2 Brandenburgisches Landeshauptarchiv in Potsdam (BLHA) Rep. 8, Teupitz, Nr. 66 Schankkonzessionen Teupitzer Gaststätten Rep. 8, Teupitz, Nr. 88 Nationale Erhebung Rep. 8, Teupitz, Nr. 117 Stadtchronik Teupitz Rep. 8, Teupitz, Nr. 166 Protokollbuch des Magistrats Rep. 8, Teupitz, Nr. 442 Spezialakten der Polizeiverwaltung Teupitz Rep. 8, Teupitz, Nr. 479 Spezialakten Kriegsgefangene in Teupitz Rep. 31 A, Teupitz , Nr. 5192 Verwaltungsstreitverfahren Else Fürst Rep. 203/ AzS 264, FB 1348 Enteignung Arno Breker

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Rep. 203/ AzS 249, FB 2393 Enteignung Walter Klein Rep. 203/ AzS, ESA, Nr. 4112 Sequestrierung des Teupitzer Schlosses Rep. 203/ AzV, ESA 4561/4212 Sequestrierung Haus Parrisius Rep. 208 Nr.1901 Enteignung Teupitzseegenossenschaft Rep. 211 Nr. 659 Karl Sitzler, Bericht zur Landesanstalt Teupitz Rep. 238 Nr. 368 Enteignung Teupitzseegenossenschaft Rep. 250, Landratsamt Teltow, Nr. 157 Liste über Nazivermögen Rep. 250, Landratsamt Teltow, Nr. 452 Bodenreform Teupitz Rep. ZA Reg. Potsdam I Pol. Nr. 1090 Bund proletarischer Heimatfreude 2.3 Bundesarchiv in Berlin BDC/RS Nr. 1085; SS-Personalakte Walter Schröter BDC/SSO, 6400007894; SS-Personalakte Gerhart Drabsch 2.4 Archiv des Landkreises Dahme-Spreewald (ehemals in Königs Wusterhausen) Rat der Stadt Teupitz, Akte 164, Akte 168 3. Interviews des Autors mit Teupitzer Bürgern Berndt, Helga, 08. Juni 1999 Boche, Heinz, 15. Februar 2002 Bohr, Gerda, 10. Januar 2005 Buchholz, Elisabeth, 29.Oktober 2004 Drabsch, Manfred (Pleystein), 26. April , Briefwechsel 2002/2003 Freudenberg, Margarete (Vellmar), 20. September 1996 Gunder Anneliese, 18. März 1998 Jabzcynski, Hans, 09.Juli 2000 Lorenz, Herr, 06. August 2003 Ludwig, William, 14. Mai 2001, 16. Januar 2005 Manthey, Maria, 16. Januar 1996 Reich, Herta, 16. Januar 1996 Reichardt, Willi, 23. September 1996 Sachse, Gerhard (Berlin) 09. April 2002 und 22. Februar 2005 Schultze, Alfred, 07. Januar 2005 Schwietzke, Karl, 10. Juni 1997 4. Teupitzarchiv des Autors Adreßbuch des Kreises Teltow 1927 Adreßbuch für Königswusterhausen, Teupitz ...1931 Auskunft Suchdienst DRK, 8. März 2005 Gollwitzer, Hatta, München, Briefwechsel, Frühjahr 2002 Ludwig, William, Niederschrift zu Ereignissen im April 1945, 21. 10. 2003 (Kopie) Märkische Volksstimme (MV), Jahrgang 1961 Märkische Allgemeine Zeitung, Dahme Kurier (MAZ), Jg. 2000 - 2004 Schulchronik Teupitz, Teil III 1921-1946 (Kopie, Auszüge) Sußmann, Hans, Die Liquidierung der Führungsgremien der NSDAP, der SS und SA, Teupitz 1981, unveröffentlicht, Kopie d. A.

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