Nutzen und Perspektiven interprofessioneller Kooperation

Nutzen und Perspektiven interprofessioneller Kooperation

Interprofessionelle Kooperation 7. 2 Nutzen und Perspektiven interprofessioneller Kooperation 7. 2.1 Notwendigkeit interprofessioneller Kooperatio...

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Interprofessionelle Kooperation

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Nutzen und Perspektiven interprofessioneller Kooperation

7. 2.1

Notwendigkeit interprofessioneller Kooperation Die oben skizzierte Problematik macht eine interprofessionelle Kooperation der Gesundheitsberufe zwingend erforderlich. Dies wird zunehmend erkannt und als Voraussetzung für eine qualitativ hochwertige und effiziente Gesundheitsversorgung gesehen. So haben sich die Physiotherapeuten in ihrer |Berufsordnung dazu verpflichtet, im interprofessionellen Team mitzuarbeiten, und der ZVK (1999) nennt als berufliche Aufgaben, „den Stellenwert der physiotherapeutischen Behandlung im gesamten Therapieplan zu bestimmen und zu vertreten, Informationen einzuholen und zu geben sowie mit anderen Teammitgliedern … loyal und konstruktiv zusammenzuarbeiten“ (S. 2). Auch andere Berufsgruppen teilen die Auffassung, dass interprofessionelle Kooperation ein wichtiger Aspekt des beruflichen Handelns ist. So formuliert der Deutsche Pflegerat (2004) in seiner Rahmenberufsordnung für professionell Pflegende: „Professionell Pflegende arbeiten interprofessionell mit anderen Berufsgruppen zusammen. Sie entwickeln multidisziplinäre und berufsübergreifende Lösungen von Gesundheitsproblemen“ (S. 5). Der |SVR benennt in seinen Gutachten zwei zentrale Probleme hinsichtlich der aktuellen und zukünftigen Anforderungen an die Gesundheitsfachberufe: π eine unzureichende sektorübergreifende Versorgung π einen Mangel an interprofessionellen und flexiblen Versorgungsstrukturen

Berufsordnung | 81 SVR | 13

Die gesundheitsberuflichen Ausbildungen werden ebenfalls kritisch betrachtet. So ziele die Ausbildung der Gesundheitsfachberufe durch mangelnde gegenseitige ­Abstimmung unzureichend auf eine spätere Kooperation ab. Als zukünftig denkbare erste Schritte werden im Gutachten u. a. genannt: π Delegation ärztlicher Aufgaben an nicht-ärztliche Gesundheitsfachberufe π Durchführung und Evaluation regionaler Modellprojekte zur Veränderung des Professionenmixes und zur größeren Eigenständigkeit nicht ärztlicher Gesundheitsfachberufe (SVR 2007, S. 22)

[1] Neben intraprofessionellen Besprechungen, wie z. B. innerhalb des Physiotherapieteams, besteht die Notwendigkeit der interprofessionellen Kooperation.

In regelmäßigen Abständen wird die unzureichende Qualität der interprofessionellen Kooperation beklagt und eine Verbesserung der Zusammenarbeit eingefordert. In diesem Chor mischen sich Stimmen aus Gesundheitspolitik, Wissenschaft, Berufsverbänden, Krankenkassen, Patientenorganisationen und anderen Akteuren. Bei näherer Betrachtung wird allerdings deutlich, dass hinter der gleichen Forderung sehr unterschiedliche Interessen liegen können. Ein kranker Mensch erwartet von allen Beteiligten, dass sie ihre therapeutischen, pflegerischen, medizinischen und sonstigen Interventionen zu seinem Nutzen optimal aufeinander abstimmen. Für einen Physiotherapeuten kann gute Zusammenarbeit u. a. bedeuten, dass die anderen Berufsgruppen seine spezielle fachliche Kompetenz anerkennen und bei Bedarf zu Rate ziehen. Betrachtet man die Zusammenarbeit der einzelnen Berufsgruppen aus der Perspektive eines Krankenhausträgers, so ist damit in erster Linie die Hoffnung auf Kosteneinsparungen verbunden.

  Wenn von der Notwendigkeit interprofessioneller Zusammenarbeit die Rede ist, muss zunächst geklärt werden, worin deren Nutzen liegt und wer sich welche Vorteile davon verspricht. 138

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Nutzen für die Patienten

7.2.2

Im Mittelpunkt professionellen Handelns steht der Patient. Angehörige der Gesundheitsfachberufe sind daher verpflichtet, durch geeignete Maßnahmen interprofessioneller Kooperation eine hohe Versorgungsqualität für den Patienten zu gewährleisten. Dies entspricht dem professionellen Selbstverständnis aller Berufsgruppen. Beispiel  Herr Carus hat einen Schlaganfall erlitten und wurde nach der Akutbehandlung in eine Rehabilitationsklinik verlegt. Dort müssen seine übergeordneten Betreuungs- und Behandlungsziele mit allen beteiligten Berufsgruppen gemeinsam festgelegt werden oder zumindest allen bekannt sein. Unter Berücksichtigung der Prognose sollte frühzeitig zusammen überlegt werden, ob er z. B. nach der stationären Rehabilitation voraussichtlich in seine Wohnung zurückkehren und sich dort selbstständig versorgen kann und welche ambulanten Therapien, pflegerische Unterstützung oder Hilfen im Haushalt möglicherweise erforderlich werden. Auch die einzelnen Maßnahmen und Interventionen während des Klinikaufenthaltes werden aufeinander abgestimmt und regelmäßig einer gemeinsamen Überprüfung unterzogen. So sollte die Physiotherapeutin Simone beispielsweise die Pflegenden von den bewegungsbezogenen Fortschritten in Kenntnis setzen. Diese können dann während der Unterstützung bei der Körperpflege entsprechende Techniken aufgreifen und mit Herrn Carus weiter üben. Auf diese Weise kann der Patient erste Therapieerfolge ausbauen und festigen. Ein durchdachtes, interprofessionelles Entlassungsmanagement sichert die weitere Versorgung ab und hilft Herrn Carus, die erzielten Fortschritte zu stabilisieren. In diesem Sinne zielt interprofessionelle Kooperation auf eine möglichst hohe und [2] Herr Carus wird zur Lagerung der stärker betroffenen Seite lang anhaltende Wirksamkeit therapeutischer, pflegerischer, ärztlicher und weiterer nach dem Bobath-Konzept im Maßnahmen zum Wohle der Patienten. Dabei kommen auch die Angehörigen und das Sitzen angeleitet. gesamte soziale Umfeld der Betroffenen in den Blick, die gleichfalls von den positiven Effekten berufsgruppenübergreifender Zusammenarbeit profitieren. Der Nutzen interprofessioneller Kooperation liegt also in einer höheren |Effektivität. Effektivität | 13

Wirtschaftlicher Nutzen

7.2.3

Die gesundheitspolitische Entwicklung ist derzeit überwiegend von wirtschaftlichen Überlegungen geprägt. Vergangene und aktuelle Gesundheitsreformen zielen darauf ab, die wachsenden Gesundheits- bzw. Krankheitskosten im Zaum zu halten. Zum Zweck der Kosteneinsparung wird auch eine bessere Kooperation der einzelnen Berufsgruppen gefordert. So sollen Reibungsverluste vermieden und Synergieeffekte erzielt werden. Unter ökonomischen Aspekten kommt der Zusammenarbeit der Gesundheitsfachberufe im Rahmen der |Primär-, |Sekundär- und |Tertiärprävention eine besondere Bedeutung zu. Wenn z. B. Gesundheits- und Krankenpfleger oder Therapeuten beobachten, dass bei einem Patienten weitere gesundheitliche Probleme oder neue Symptome auftreten, müssen sie die Möglichkeiten und Grenzen ihrer eigenen beruflichen Expertise genau einschätzen. Im Bedarfsfall sollten sie möglichst schnell Kontakt zu anderen Berufsgruppen aufnehmen, sodass die notwendigen Maßnahmen umgehend eingeleitet, Komplikationen vermieden und dadurch Zusatzkosten gering gehalten werden können.

Primärprävention die Förderung der Gesundheit durch Vermeidung von gesundheitsschädlichen Faktoren bzw. Förderung von Ressourcen zum Erhalten der Gesundheit Sekundärprävention Prävention auf Grund von Krankheitsfrüherkennung durch frühestmögliche Diagnose Tertiärprävention die Vermeidung erneuter Krankheitsepisoden und Begrenzung von Krankheitsfolgen

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Interprofessionelle Kooperation

Aus der Forschung

Das Deutsche Ärzteblatt berichtet 2001 von dem Berliner Modell­ projekt „Ärztliche, pflegerische und therapeutische Betreuung Schwerstkranker in stationären Pflegeeinrichtungen“. Dabei wurde untersucht, ob sich die Versorgungs­ kosten in Pflegeeinrichtungen mit Hilfe einer besseren interprofessionellen Koopera­ tion verringern lassen. Die wichtigsten Erprobungsmaßnahmen bestanden in der per­ manenten Erreichbarkeit der Ärzte, mindestens einer Visite pro Woche sowie gemeinsamen Fallbesprechungen von therapeutischem, ärztlichem und Pflegeperso­ nal. Im Ergebnis wurden die Zahl der Krankenhauseinweisungen um die Hälfte und die Gesamtkosten in den teilnehmenden Einrichtungen um ein Drittel gesenkt.

  Im Sinne der Kostendämpfung zielt interprofessionelle Zusammenarbeit darauf ab, den Aufwand an Gesundheitsleistungen zur Zielerreichung möglichst niedrig zu halten. Der angestrebte Nutzen liegt in einer höheren |Effizienz.

Effizienz | 13

Nutzen für die Berufsangehörigen

7. 2. 4

Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass eine gute Zusammenarbeit mit Angehörigen anderer Berufsgruppen auch für die Arbeitszufriedenheit sehr wichtig ist. Eine hohe Arbeitszufriedenheit steigert nicht nur die berufliche Leistungsfähigkeit, sondern wirkt sich auch positiv auf das Wohlbefinden der Beschäftigten und damit die Lebensqualität aus. Arbeitszufriedenheit stellt also einen Wert an sich dar. Nicht zuletzt zeigen Ergebnisse aus der Arbeitspsychologie und den Gesundheits­ wissenschaften, dass die vollständige und selbst regulierte Bearbeitung beruflicher Aufgaben sowie der Austausch mit anderen am Arbeitsprozess Beteiligten sich positiv auf die Gesundheit der Beschäftigten auswirkt – das gilt natürlich auch für Physio­ therapeuten. So kann eine gelungene interprofessionelle Zusammenarbeit ein Beitrag zur Gesundheitsförderung und zur Humanisierung der Arbeitsbedingungen sein. Eine solche Betrachtungsweise ist in jüngerer Zeit zunehmend vernachlässigt worden und scheint derzeit kaum politisches Gehör zu finden. Wie in anderen Branchen stehen im Gesundheitssystem Rationalisierungsbestrebungen und Profitorientierung im Vor­ dergrund, die in vielen Fällen zur Verschlechterung von Arbeitsbedingungen führen. Aus der Forschung

In einer Untersuchung von Lützenkirchen (2005) zur interprofes­ sionellen Kooperation im Gesundheitswesen wurden Angehörige verschiedener Be­ rufsgruppen zu ihrer Auffassung von Interdisziplinarität interviewt. Darin machten die befragten Mediziner deutlich, dass sie sich von einer guten Zusammenarbeit nicht nur eine bessere Patientenversorgung erhoffen, sondern auch mehr Zufriedenheit in ihrer Arbeit. Auch die Pflegenden betonten, dass ein Teil ihrer beruflichen Unzufrie­ denheit auf mangelnde interprofessionelle Kooperation zurückzuführen wäre. Mariolakou und Muthny (2002) führten eine Studie zur Arbeitszu­ friedenheit und zum Fortbildungsbedarf von Physiotherapeuten im Berufsfeld Reha­ bilitation durch. Mit Hilfe eines Fragebogens untersuchten sie u. a. Zufriedenheit und Erwartungen in Bezug auf die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen. Hier zeigte sich, dass nur 47 % der Befragten zufrieden oder sehr zufrieden mit dem Ver­ hältnis zu den Pflegekräften waren und nur 56 % mit dem Verhältnis zu den Ärzten. Dementsprechend erhofften sich die Physiotherapeuten von psychosozial orientierten Fortbildungen nicht nur positive Effekte für sich selbst, sondern auch für die Weiter­ entwicklung des interprofessionellen Teams und wünschten sich u. a. auch berufs­ gruppenübergreifende Fortbildungsveranstaltungen. 140

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Grundbegriffe interprofessioneller Kooperation

Grundbegriffe interprofessioneller Kooperation

7.3

Interprofessionelle Kooperation bedeutet ganz allgemein, das eigene Arbeitsverhalten mit dem Arbeitsverhalten und den Arbeitsabläufen anderer Berufsgruppen auf ein gemeinsames Ziel hin abzustimmen. Sowohl im alltäglichen als auch im wissenschaftlichen Sprachgebrauch finden sich weitere Bezeichnungen mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung. Oft ist die Rede von interdisziplinärer Kooperation, von multiprofessioneller oder transdisziplinärer Zusammenarbeit oder vom interdisziplinären Team. Allerdings gibt es hierzu jeweils unterschiedliche Interpretationen und Definitionen. Die Grenzen sind fließend und viele Begriffe werden synonym verwendet. Aus der bestehenden Vielfalt sollen an dieser Stelle die Begriffe, die im Hinblick auf die Zusammenarbeit von Gesundheitsfachberufen besonders bedeutsam sind, herausgegriffen und erläutert werden.

Inter-, multi- oder transdiszipliär bzw. -professionell

7.3.1

Interprofessionelle/interdisziplinäre Kooperation Bei der Sichtung einschlägiger Literatur fällt auf, dass die Bezeichnung |interdisziplinär oder interprofessionell vielfach als Sammel- oder Oberbegriff für alle möglichen Formen berufsgruppenübergreifender Kooperation benutzt wird. Es besteht aber ein gewisser Grundkonsens darüber, dass sich bei dieser Form der Kooperation alle Beteiligten auf ein gemeinsames Ziel einigen und ihre Arbeit unter dieser gemeinsamen Perspektive koordinieren.

inter lat. = zwischen, unter multi lat. = viele, vielfach additiv auf einer Addition beruhend, aneinanderreihend

  Interprofessionelle Kooperation erfordert einen regelmäßigen und direkten Informationsaustausch zwischen allen Beteiligten, z. B. in Form von Fallbesprechungen im interprofessionellen Team.

Die im Abschnitt 7.2.2 geschilderten Aspekte der Versorgung von Herrn Carus sind ein Beispiel für interprofessionelle Kooperation (Beispiel S. 139).

Multiprofessionelle/multidisziplinäre Kooperation |Multidisziplinäre Kooperation wird von Körner (2006) als eine schwächere und weniger verbindliche Form der Zusammenarbeit bezeichnet. Zwar sind auch hier mehrere Berufsgruppen an der Versorgung eines Patienten beteiligt, sie erbringen ihre Leistungen aber eher |additiv, arbeiten also mehr oder weniger „nebeneinander her“.   Auch multiprofessionelle Zusammenarbeit erfordert eine gewisse Kommunikation zwischen den einzelnen Mitgliedern der Berufsgruppen. Die direkten Kontakte sind jedoch deutlich seltener als bei interprofessionellen Formen der Kooperation.

Die Zusammenarbeit wird nicht gezielt gefördert, sondern bleibt eher dem Zufall oder dem besonderen Engagement von Einzelnen überlassen. So können beispielsweise berufsgruppenübergreifende Fallbesprechungen stattfinden, sie stellen aber die Ausnahme dar und werden nur sporadisch für „Problempatienten“ angesetzt.

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Interprofessionelle Kooperation

trans lat. = hinüber, über etwas hinaus

Transprofessionelle/transdisziplinäre Kooperation |Transprofessionelle Kooperation kann als komplexeste Stufe berufsgruppenübergreifender Zusammenarbeit bezeichnet werden. Die einzelnen Berufsgruppen integrieren ihre speziellen Kompetenzen so weit, dass daraus ein neues System mit einer gemeinsamen Perspektive entsteht. Dies bedeutet natürlich nicht, dass alle genau dasselbe tun; dennoch werden zuvor bestehende Berufsgrenzen stellenweise überschritten. Beispiel Das |Bobath-Konzept in seiner „Reinform“ ist eigentlich ein transdisziplinärer Ansatz. Konsequent angewandt müssten tatsächlich alle Berufsgruppen, die in einen direkten Kontakt mit dem Patienten kommen, die Grundprinzipien nicht nur kennen und verstehen, sondern auch praktisch anwenden. Elemente, die nicht nur im therapeutischen oder pflegerischen |Setting zum Tragen kommen, sondern auch von Ärzten, Sozialarbeitern etc. konsequent praktisch umgesetzt werden sollten, sind z. B. das spezielle Handling sowie bestimmte Kommunikationsstrategien.

Bobath-Konzept | 33 Setting | 92

Professionell oder disziplinär? Disziplin Einzelwissenschaft, Teilbereich des Wissens disciplina, lat. = Ordnung Gesundheitswissenschaften erforschen die physischen, psychischen und sozialen Bedingungen von Gesundheit und Krankheit in der Gesellschaft

Evidenzbasierte Physiotherapie; evidenzbasierte Medizin Band „Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens“

Die Bezeichnung disziplinär bezieht sich streng genommen auf eine wissenschaftliche |Disziplin. Wissenschaften oder Disziplinen, die für die Physiotherapie besonders relevant sind, sind beispielsweise die |Gesundheitswissenschaften, die Medizin und die Sozialwissenschaften, wie Soziologie oder Psychologie. Die Frage, ob es auch eine eigenständige Physiotherapiewissenschaft gibt bzw. überhaupt geben kann, hängt vom jeweiligen Disziplinbegri¤ ab und lässt sich kontrovers diskutieren. So kann man einerseits die Position vertreten, dass eine eigene Physiotherapiewissenschaft etabliert werden muss, um die Wirkungen physiotherapeutischer Interventionen besser verstehen und überprüfen zu können und neue Behandlungsansätze zu entwickeln. Da sich bisher keine andere wissenschaftliche Disziplin ausreichend um solche physiotherapeutischen Probleme gekümmert hat, muss eine eigene physiotherapeutische Disziplin entstehen, die sich von verwandten Gebieten, wie z. B. der Medizin, abgrenzt. Andererseits lässt sich dagegenhalten, dass physiotherapeutische Forschung in ihren Grundsätzen so weit mit anderen Disziplinen übereinstimmt, dass man streng genommen nicht von einer eigenständigen Disziplin sprechen kann. So unterscheidet sich der wissenschaftliche Kerngedanke evidenzbasierter Physiotherapie nicht von dem der evidenzbasierten Medizin und es kommen dieselben Forschungsmethoden zum Einsatz. Aus diesem Grund könnte man die Physiotherapie auch als Teildisziplin einer übergeordneten Gesundheitswissenschaft au¤assen oder als „Interdisziplin“ bezeichnen, da sie von vornherein Aspekte aus verschiedensten Wissenschaften in sich vereint. Interdisziplinäre Kooperation bedeutet also eigentlich, dass Wissenschaftler aus unterschiedlichen Bereichen gemeinsamen forschen. Nichtsdestotrotz hat sich der Begri¤ der interdisziplinären Kooperation längst auch zur Bezeichnung berufsgruppenübergreifender Zusammenarbeit außerhalb des Wissenschaftsbereichs etabliert. Wir folgen an dieser Stelle der „strengeren“ Betrachtungsweise und bezeichnen die Zusammenarbeit von Berufsgruppen, die therapeutisch, pflegerisch oder ärztlich tätig sind, als interprofessionell. Der Begri¤ der interprofessionellen Kooperation bezieht sich also auf die Zusammenarbeit verschiedener Gesundheitsfachberufe. Zur Frage, was das „Professionelle“ dieser Berufe ausmacht, sei auf Kapitel 5.3.2 verwiesen (Physiotherapeutische Professionalität | 103 ).

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Grundbegriffe interprofessioneller Kooperation

Das interprofessionelle Team

7.3.2

Die Teamarbeit ist ein weiterer Begriff, der eng mit Fragen berufsgruppenübergreifen- team der Kooperation verknüpft ist. Ein |Team besteht jedoch nicht zwangsläufig aus Mit- engl. = Arbeitsgruppe, Manngliedern unterschiedlicher Berufsgruppen, es ist in seiner Arbeitsweise also nicht not- schaft wendigerweise interprofessionell ausgerichtet. So können beispielsweise auch die in intra einer Praxis zusammenarbeitenden Physiotherapeuten als Team bezeichnet werden. lat. = innerhalb In diesem Fall handelt es sich um ein |intra- oder |monoprofessionelles Team. mono Teamarbeit ist nach Kälble (2004) eine spezielle Form der Zusammenarbeit. Sie ist griech. = einzig, allein dadurch gekennzeichnet, dass die einzelnen Teammitglieder sehr intensiv miteinan- Äquivalenz der in Beziehung treten. Die Zusammenarbeit ist vergleichsweise zeitaufwendig und Gleichwertigkeit dauerhaft. Ein echtes Team verträgt keine hohe Fluktuation des Personals, sondern aequus, lat. = gleich braucht zumindest einen stabilen Kern von langjährigen Mitgliedern. Weitere Merk- valere, lat. = wert sein male sind Partnerschaftlichkeit und Vertrauen. Die Zusammenarbeit wird von gegenseitiger Wertschätzung und Akzeptanz getragen. Bezüglich der Leistungsbewertung herrscht das |Äquivalenzprinzip, das heißt, dass die Beiträge jeder Berufsgruppe gleich viel wert sind. Voraussetzung für Teamarbeit ist also eine Arbeitsatmosphäre, in der Gleichberechtigung herrscht. Die strukturellen Bedingungen im Gesundheitssystem sind auf Grund des hierarchischen Charakters für Teamarbeit nicht immer förderlich. Vor allem die ärztliche Vormachtstellung gegenüber den anderen Gesundheitsfachberufen kann eine gleichberechtigte Kooperation erschweren. Dennoch ist im Gesundheitssystem eine echte interprofessionelle Teamarbeit grundsätzlich möglich.

Definition interprofessioneller Zusammenarbeit

7.3.3

Interprofessionelle Zusammenarbeit kann also mit verschiedenen Begriffen belegt und von unterschiedlichen Erwartungen geprägt sein. Nach der hier vertretenen Definition von Kälble (2004) bedeutet interprofessionelle Kooperation im Gesundheitswesen, „dass Angehörige unterschiedlicher Berufs­ gruppen mit unterschiedlichen Spezialisierungen, beruflichen Selbst- und Fremdbildern, Kompetenzbereichen, Tätigkeitsfeldern und unterschiedlichem Status im Sinne einer sich ergänzenden, qualitativ

hochwertigen, patientenorientierten Versorgung unmittelbar zusammenarbeiten, damit die spezifischen Kompetenzen jedes einzelnen Berufes für den Patienten nutzbar gemacht werden“ (S. 40).

Aus der Forschung

Kohlwes (2010) beschreibt die Teamarbeit in der Loreley-Klinik in St. Goar. Hier arbeiten Ärzte, Therapeuten, Pfleger, Psychologen und andere Berufsgruppen auf Augenhöhe zusammen. Es besteht eine flache Hierarchie, in der alle Beteiligten nicht nur zusammenarbeiten, sondern auch zu sozialen Gelegenheiten, z. B. dem Mittagessen, zusammenkommen. Die fachliche Qualifikation und Meinung der Physio­ therapeuten hat Gewicht: So können sie in Fällen, bei denen eine längere Behandlung notwendig erscheint, die Therapiestunden eigenständig verlängern oder sie werden bei schwierigen Fällen von den Ärzten als Berater hinzugezogen. Allen Beteiligten ist klar, dass gute Behandlungserfolge nur bei gegenseitigem Respekt erzielt werden können.

  Aus der Definition geht hervor, dass interprofessionelle Zusammenarbeit in erster Linie auf eine qualitativ hochwertige Versorgung zum Nutzen der Patienten abzielen sollte und nicht vorrangig auf Kosteneinsparung. Die Betonung der Selbst- und Fremdbilder sowie der Statusunterschiede weist darauf hin, dass diesen beruflichen Merkmalen eine wichtige Bedeutung zukommt.

Wie |Selbst- und Fremdbilder, beruflicher Status und andere Faktoren die Zusammen- Selbst- und Fremdbild | 146 arbeit der Berufsgruppen beeinflussen, wird im Folgenden geklärt. 143

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