Paulus und Israel

Paulus und Israel

Katholikentag Regensburg, 28. Mai bis 1. Juni 2014 Biblisch-Geistliches Zentrum Podium: Paulus evangelisch – katholisch – orthodox? Interkonfessionel...

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Katholikentag Regensburg, 28. Mai bis 1. Juni 2014 Biblisch-Geistliches Zentrum

Podium: Paulus evangelisch – katholisch – orthodox? Interkonfessionelles Bibelgespräch zu Röm 9–11 Freitag 14.00 bis 15.30, St. Marien-Schulen, Sporthalle, Helenenstr. 2 Sr. Prof. Dr. M. Margareta Gruber OSF, kath. Neutestamentlerin, Vallendar Prof. Dr. Christos Karakolis, orth. Neutestamentler, Athen/Griechenland Prof. Dr. Karl-Wilhelm Niebuhr, ev. Neutestamentler, Jena Moderation: Prof. Dr. Tobias Nicklas, Regensburg Karl-Wilhelm Niebuhr Paulus und Israel für Katholiken – und andere Christenmenschen Bei Paulus haben die Protestanten normalerweise gute Karten. Wer redet heute nicht gern von Gottes Güte und Gnade, von der Freiheit eines Christenmenschen und vom Hohelied der Liebe? Was Rechtfertigung ist, hat sich auch in katholischen Kreisen herumgesprochen, nach dem Paulus-Jahr, das immerhin Papst Benedikt ausgerufen hatte, und nach der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“. Und nun kommt auch noch das Lutherjahr auf uns zu, ob wir es nun „feiern“ oder nur seiner „gedenken“ wollen. Ganz drum herum kommen dürfte wohl keiner in Deutschland, nicht einmal in Bayern. Aber vielleicht ist das ja mit dem Heimvorteil bei Paulus für die Protestanten doch nur ein Scheinvorteil. Es könnte ja sein, dass Katholiken, wenn sie nur etwas genauer bei Paulus nachschauen, auch manches Kompromittierende bei ihm entdecken, was die Protestanten bisher ganz gern haben unter den Tisch fallen lassen. Zum Beispiel was Paulus über die Juden gesagt hat: dass sie „den Herrn Jesus getötet haben“, dass sie Gott nicht gefallen und allem Menschen feind sind, ja, dass Gott seinen Zorn schon über sie hat kommen lassen auf ewig (1Thess 2,14–16). Und wenn Katholiken, so auf Paulus aufmerksam geworden, auch noch bei Luther nachlesen, was der so über die Juden seiner Zeit hat fallen lassen, oder gar bei den „Deutschen Christen“ vor 75 Jahren, die ja eben auch maßgeblich von den Protestanten bestimmt waren, dann mögen sie vielleicht denken: Bloß gut, dass wir nicht auch noch den Paulus am Hals haben! Wir haben doch schon genug zu tun mit Protz und Zölibat. Paulus, der Lieblingsapostel der Protestanten, der Stoßstürmer des Evangeliums von der Freiheit, Paulus hat ja vielleicht auch seine Schattenseiten, und Petrus, der katholische Fels in der Brandung, der Mittelfeldstratege der Kirche, schneidet ihm gegenüber plötzlich gar nicht

mehr so schlecht ab. Er steht für die Kirche, gibt ihr Halt und Richtung durch die Zeiten, auch in schweren Wassern, er ist und bleibt ein Orientierungspunkt, als Führer und Sprecher der Zwölf Jünger Jesu, der mit ihnen gemeinsam das endzeitliche Gottesvolk repräsentiert. Darum könnte man als Protestant die Katholiken heute fast ein wenig beneiden. Und dann gibt es auch noch Johannes. Ist er nicht im Neuen Testament der Lieblingsjünger? Stand er nicht Jesus besonders nahe, bis zum letzten Mahl mit seinen Jüngern? Und ist er es nicht, den schon die Kirchenväter ehrfurchtsvoll „den Alten“ genannt haben, weil er die Anfänge der Kirche repräsentiert, ganz nah bei Jesus von Anfang an. Er könnte heute für die Orthodoxen stehen, diejenigen Kirchen, die in ungebrochener Tradition bis heute bewahrt haben, was das Leben und Wesen der Kirche von innen her ausmacht: Jesus Christus, der Sohn Gottes, wie er in den Gottesdiensten bis heute lebendig erfahren wird, sozusagen die Innenverteidigung des Glaubens. Dafür steht der Apostel Johannes. Die großen biblischen Apostel, Paulus, Petrus, Johannes, haben also in den christlichen Konfessionen zwar jeweils ihre besonders ausgeprägten Anhängerschaften. Aber wenn wir sie nebeneinander stellen, dann zeigt sich doch auch: Bloß gut, dass unsere Kirchen sich nicht nur auf einen von ihnen stützen. Im Team können die Apostel am besten für alle Konfessionen und für die ganze Kirche Hilfe und Orientierung bieten. Das Zusammenspiel der Apostel, ihre Gemeinschaft untereinander, die letztlich in ihrer Gemeinschaft mit Jesus verwurzelt ist, das scheint mir ein brauchbares ökumenisches Modell auch für uns heute zu sein. Das schließt Streit und Auseinandersetzungen nicht aus. Geradezu klassisch geworden ist der Streit zwischen Petrus und Paulus in Antiochia, wie Paulus ihn im Galaterbrief beschreibt (Gal 2,11–14), sicher etwas einseitig und nur aus seiner Sicht: Ins Angesicht widerstanden habe er Petrus damals, weil der nicht richtig gehandelt hatte nach dem Maßstab des Evangeliums. Petrus selbst wird das vermutlich etwas anders gesehen haben, und die übrigen Beteiligten vielleicht auch. Jedenfalls haben wir nicht den Eindruck, dass Paulus in diesem Streit am Ende der große Sieger war. Vielmehr räumt er in Antiochia das Feld und sucht sich woanders neue Aufgaben. Worum ging es in diesem Streit zwischen den Aposteln? Es ging um Israel, und damit sind wir beim Thema dieses Podiums. Welche Bedeutung soll Israel für die Kirche haben? Das ist eine Frage, die wir Christen erst seit ein paar Jahrzehnten wiederentdeckt haben, hier in Deutschland eigentlich erst nach den furchtbaren Judenverfolgungen der Nazizeit. Das muss man heute offen und in aller Scham bekennen: Was Israel für die Kirche bedeutet, war für die Kirche in weiten Teilen über Jahrhunderte keine Frage. Darin haben sich Katholiken, Protestanten und Orthodoxe kaum voneinander unterschieden. Dabei haben sich doch offensichtlich schon die Apostel im Neuen Testament, auf die wir uns gemeinsam berufen, genau darum gestritten! Sie waren also der Überzeugung, dass Israel keine Nebensächlichkeit für die Kirche ist – um Nebensächlichkeiten braucht man sich ja nicht zu streiten. Petrus in Antiochia war der Meinung, auch wenn für alle Gemeinden Jesus in der Mitte stehen muss, so sollen doch Juden, die an Jesus glauben, sich bei der Gestaltung ihres Gemeindelebens und in ihrem Alltag weiterhin nach der Tora richten dürfen, denn sie waren, sind und bleiben ja Glieder des Volkes Israel, auch wenn sie an Jesus glauben. Das soll ihnen 2

auch nicht verwehrt werden, wenn Nichtjuden, „Heiden“, zum Glauben an Jesus kommen. Darin sah Petrus sich einig mit Jakobus, dem „Herrenbruder“, der, wenn auch spät, nämlich erst nach Ostern, zum Glauben an seinen Bruder Jesus gekommen war. Da haben wir also noch einen aus dem neutestamentlichen Apostelteam vor uns. Er kann wohl am besten die an Jesus glaubenden Juden repräsentieren, einer, der geradezu leibhaftig für die Verbindung der Kirche mit dem Volk Israel steht, eben wie sein großer Bruder Jesu selbst. In Antiochia jedenfalls hat sich nicht nur Jakobus der Position des Petrus angeschlossen, sondern sogar Barnabas, der bisher mit Paulus gemeinsam als Missionar unterwegs war, was Paulus natürlich besonders schmerzte – Heuchelei nennt er das. Paulus steht also plötzlich ziemlich allein da mit seiner Sicht der Dinge: Für ihn darf es, wenn es um Jesus Christus geht und um das Verhältnis zu Gott, nur den Glauben geben, nichts sonst. Wenn das Halten von Geboten zur Bedingung gemacht wird für den Glauben, wenn sich das Gesetz zwischen Gott und die Menschen drängt, dann muss Paulus einschreiten. Das nennt er Rechtfertigung allein aus Glauben ohne Werke des Gesetzes, zum ersten Mal genau an dieser Stelle im Galaterbrief. Paulus hängt also sein ganzes Evangelium sozusagen an der Rechtfertigung aus Glauben auf. Eine ziemlich konsequente, aber auch eine ziemlich radikale Position. Aber dabei ist es auch für Paulus nicht geblieben. Israel hat ihn nicht losgelassen, auch nicht als Heidenapostel. Das hatte für ihn eine persönliche Seite, als geborener Jude, aber auch eine pragmatische, die mit seiner Missionsarbeit zu tun hatte, und letztlich vor allem eine theologische Seite, also eine, die mit seinem Glauben an Gott und Jesus Christus zusammenhing. Diese drei Aspekte verbindet Paulus im Römerbrief miteinander, und das möchte ich abschließend hier kurz nachzeichnen. Die persönliche Seite seiner Beziehung zu Israel kann Paulus im Römerbrief nicht stark genug betonen. Da wird er auch richtig emotional. Offenbar will er diese Seite seiner Existenz als Apostel gerade den Briefadressaten in Rom mit allem Nachdruck vermitteln, die wohl zur Mehrheit aus Nichtjuden bestanden. Besonders eindrücklich wird das am Anfang von Kapitel 9. Hatte Paulus gerade vorher noch in höchsten Tönen seine unzerstörbare Gemeinschaft mit Christus gepriesen – „nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes in Jesus Christus“ (Röm 8,39), so bekennt er unmittelbar anschließend: „Ich bin voll Trauer und leide unermesslich“ –, ja, ich möchte am liebsten verflucht sein, weg von Christus – für meine Stammverwandten, die Israeliten, die doch alle Verheißungen Gottes für sich haben und dennoch nicht an Jesus glauben (Röm 9,1–5). Wie kommt Paulus dazu, seine eigene Heilsgewissheit aufs Spiel zu setzen zugunsten von Leuten, die doch offenbar aus freien Stücken Jesus ablehnen? In den drei Kapiteln, die hier im Römerbrief folgen, ringt Paulus mit dieser Frage, und immer wieder bringt er dabei sich persönlich ins Spiel: Er betet zu Gott, dass die Israeliten gerettet werden, und bezeugt ihnen ihren Eifer für Gott (10,1f). Er weist die Behauptung zurück, dass Gott sein Volk verworfen haben könnte, und sieht sich selbst als lebendiges Beispiel dafür, wie Gott Israel zum Glauben bringen kann (11,1). Er preist seinen Dienst als Apostel der Heiden, der darin sein letztes Ziel hat, dass die Angehörigen seines Volkes „eifersüchtig werden“ und sich doch noch bekehren lassen (11,13f). Offenbar kann Paulus sich nicht zufrieden geben, wenn auch nur einer aus Israel nicht seinen Glauben teilt, und hofft darauf, dass am Ende ganz Israel gerettet wird (11,26). 3

Neben dieser persönlichen Seite gibt es die pragmatische: Sein ganzes Leben hat Paulus dafür eingesetzt, den ‚Völkern’, den Nichtjuden die Botschaft von Gottes Liebe in Jesus Christus nahe zu bringen, und zwar seiner bedingungslosen Liebe, ohne Voraussetzungen aufseiten der Empfänger. Und doch gab es immer auch Leute, die das anders gesehen haben, auch unter seinen Missionarskollegen. Irgendwie war das ja auch verständlich. Wenn die Heiden zum Glauben an den Gott Israels kommen sollen, wie es Paulus gelehrt hat, warum sollten sie dann nicht gleich den direkten Weg gehen, also Juden werden? Jesus war doch auch Jude, und seine Jünger Petrus und Johannes und Jakobus und wie sie alle hießen, ebenso, und Paulus selbst konnte und wollte das ja auch für sich nicht bestreiten. Jude zu werden musste ja nicht als Vorbedingung angesehen werden, sondern eher als Konsequenz, als letzter Schritt auf dem Weg in Gottes Volk. Da war Paulus sozusagen in einer argumentativen Zwickmühle. Einerseits wollte er daran festhalten, dass Jesus aus dem Volk Israel stammte und dass er von dem Gott Israels in die Welt gesandt war. Andererseits verstand er sich aber von Anfang an als Apostel der Völker. Das war seine ganz spezielle Aufgabe: dafür zu sorgen, dass auch die Nichtjuden das Evangelium von Jesus Christus kennen lernen und annehmen können. Und hier kommt nun die theologische Seite in den Blick, und das ist wohl die Seite, die uns heute mit Blick auf Paulus und Israel vielleicht am meisten zu denken gibt. Für Paulus war es keine Frage: Der Gott, an den er von Kind auf geglaubt hatte, der Gott, von dem er in seiner Bibel gehört hatte, der Gott, den er als Schriftgelehrter versucht hatte zu begreifen und dem er als Pharisäer versucht hatte in seinem persönlichen Leben nachzufolgen, dieser Gott war der Gott Israels. Aber gerade dieser Gott Israels war es auch, der ihm als erwachsenem Mann in einer wahrhaft umstürzenden Weise völlig neu und anders begegnet war. Es war der Gott Israels, der ihn Jesus Christus hatte sehen lassen, und zwar nicht bloß Jesus wie irgendeinen anderen frommen Mann aus Israel, sondern Jesus Christus „vom Himmel her“, in einem ganz neuem Licht, als einen, der von den Toten auferstanden ist, als „Sohn Gottes“ (Gal 1,15f). Wenn ein Mann oder eine Frau einen Sohn bekommen, dann werden sie etwas anderes als was sie vorher waren, nämlich Vater oder Mutter. Und doch bleiben sie dieselben Menschen. Wenn Gott einen „Sohn“ hat, dann wird auch Gott anders, er wird „der Vater Jesu Christi“. Und doch bleibt er der Gott Israels. So einfach ist das, aber doch so schwer zu begreifen und so schwer auf Dauer zu behalten. Jedenfalls ist es der Kirche offenbar sehr schwer gefallen, auf Dauer zu begreifen und daran festzuhalten, dass sie an keinen andern Gott glaubt als an den Gott Israels. Und noch schwerer ist es der Kirche gefallen zu akzeptieren, dass Gott sein Volk Israel nicht in dem Moment verlassen hat, wo er sich in der Einheit mit seinem Sohn den Völkern der Welt zum Heil gezeigt hat. Und das, obwohl doch Paulus von Anfang an genau das ausgeschlossen hatte: „Ich frage also“, schreibt er: „Hat Gott denn sein Volk verworfen?“, und antwortet ganz eindeutig: „Gott hat sein Volk nicht verworfen, das er sich erwählt hat“ (Röm 1,1f). Das ist das „Testament“ des Paulus, sein Vermächtnis, das er als Heidenapostel und Israelit seiner Kirche mit auf den Weg gegeben hat, so eindeutig wie kein anderer aus dem apostolischen Team des Neuen Testaments. Ich sehe in dieser Frage als evangelischer Neutestamentler überhaupt keine konfessionellen Unterschiede. 4