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BERICHTE COMPTES RENDUS RAPPORTI REPORTS Alles mit allen zoom in, 10. Festival für improvisierte Musik (Berner Münster, 25.–27. Oktober 2013) John B...

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Alles mit allen zoom in, 10. Festival für improvisierte Musik (Berner Münster, 25.–27. Oktober 2013)

John Butcher und Andy Moor im Berner Münster. Foto: Natalia Boltneva

«Sexy», raunt eine Stimme in die kurze Stille zwischen dem letzten Ton und dem Applaus. Und ja – beinahe zugestimmt! Denn was der Gitarrist Andy Moor, Mitglied der legendären Post-Punk-Gruppe The Ex, und der englische Saxophonist John Butcher, ein Wegbereiter der improvisierten Musik, gerade hingelegt hatten, war eine intensive, risikofreudige Performance mit der ganzen Körperlichkeit, die Instrumentalspiel mit sich bringen kann. Dieses Konzert war das zweitletzte von sieben Konzerten des Festivals zoom in, und es brachte einen Aspekt ein, auf den insgeheim wohl viele gewartet hatten: ein selbstverständliches Zusammengehen von Musik, Gestus und Körper, intelligent in der musikalischen Entwicklung und einfach mitreissend. Eben: sexy. Das zoom in-Festival für improvisierte Musik feierte seine zehnte Ausgabe mit nationalen und internationalen Künstlern, die an drei Abenden die verschiedensten Ausprägungen improvisierter Musik präsentierten. Dabei wurde dem Publikum gleich zu Beginn viel abverlangt: Aufmerksamkeit, Stille, genaues Hinhören. Das Konzept der Schweizer

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Stimmkünstlerin Dorothea Schürch, das sie mit dem jungen Berner Vokalensemble Suppléments musicaux erarbeitet hatte, kreiste um die Frage: Muss ein Chor singen? Die Aufführenden antworteten darauf mit einer breiten Skala an Zwischentönen, die entstehen, bevor die menschliche Stimme zu klingen beginnt: Rauschen, Flüstern, Pfeifen und nicht zuletzt das Ein- und Ausatmen. Der Chor agierte dabei wie mit einer Lunge, entspannt und ohne Anstrengung, in ständiger Bewegung, durchpulst und erregt, und so wurde das gemeinsame Atmen zur eindrücklichen musikalischen Erfahrung. Das Konzept allerdings bot wenig Risiko, das meiste war einstudiert – Improvisation nach einer virtuellen Partitur sozusagen. Warum nicht der Stimme freien Lauf lassen, fragte man sich, und wurde gleich mit einem noch viel rigideren Konzept konfrontiert. Der deutsche Komponist, Sänger und Performer Christian Kesten (Maulwerker) experimentierte ebenfalls mit der Stimme «vor dem Klang». Im Gegensatz zur vorherigen Aufführung zeigte Kesten hier aber

keinen natürlichen Atemfluss, sondern etwas, das eigentlich unmöglich ist: nämlich eine Non-Stop-Atmung, bei der man im Permanentrauschen den Zyklus von Ein- und Ausatmen nicht mehr wahrnehmen kann. Christian Kesten schien mit seiner physisch fast regungslosen Aufführung sagen zu wollen: ich brauche keinen Körper, denn es atmet mich. Die Stimme, Kommunikationsorgan par excellence, wurde hier zur Kommunikationsverweigerung eingesetzt. Beim Japaner Takuro Mizuta Lippit alias DJ Sniff und seinen Turntables hingegen kommunizierte alles mit allem. Als ehemaliger Leiter des Studio for Electro-Instrumental Music in Amsterdam war und ist er an den neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der elektronischen Musik beteiligt. Und er wusste mit seinem Material virtuos umzugehen, zog alle Register, um ein Feuerwerk an Klängen und Assoziationen zu entfachen – so als hätte die grosse Münsterorgel ein elektronisches Partnerinstrument bekommen. Zwischen strengem Konzept und anything goes liegt wohl (auch im Vergleich zur notierten komponierten Musik) das Potenzial der improvisierten Musik: nämlich im kalkulierten Spiel mit dem Risiko. Miterlebbar war dies auch am zweiten Abend des Festivals. Mit Zsolt Sőrés und Franz Hautzinger trafen sich ein ungarischer Klangtüfftler und Publizist, der seine elektronischen Sounds mit den Klängen der Bratsche vermischt, und ein österreichischer Trompeter, der vor allem mit dem Stilmittel der Reduktion arbeitet. Die beiden hervorragenden Musiker blieben bei ihrem Auftritt konsequent in ihrer je eigenen Ästhetik, den Einklang schienen sie bewusst zu vermeiden. Das führte zu Spannungen, Reibungen, Interferenzen, zu einem Spiel, das nicht wirklich stimmig war und das bis zuletzt nicht ganz zueinander fand.

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Anti-Ekstasen

Aber genau diese risikofreudige Gradwanderung ins Ungewisse machte das Zuhören zu einem aufregenden und anspruchsvollen Erlebnis. Antoine Chessex’ Solo-Arbeit war da leichter zu durchschauen, was dem Raffinement seiner Klänge keinen Abbruch tat: Mit elektronischen Loops baute er sich überlagernde Klangschichten und kreierte damit eine Musik, die im abgedunkelten Münster einen starken Sog entwickelte – mindestens für jene, die sich auf diese suggestive musikalische Formung einlassen mochten. Nach diesem Abheben in andere Sphären wirkte das folgende und eingangs erwähnte Duo Moor/Butcher tatsächlich wie eine musikalische Inkarnation. Kein Wunder freute sich das Publikum an der Unmittelbarkeit seines Auftritts, an seiner Frische und Spiellust. Das Festival endete am Sonntag mit dem Auftritt eines Urgesteins der Szene: dem deutschen Jazzmusiker Peter Brötzmann. Er tat seinem Ruf alle Ehre und «brötzte» sich mit seinem Saxophon die Seele aus dem Leib: gekonnt und bei aller Vehemenz differenziert. Ein fulminanter Schlusspunkt der Jubiläums–Ausgabe des Festivals zoom in. Cécile Olshausen

Neue Musik-Projekte mit der Basel Sinfonietta, dem Mondrian Ensemble Basel und der «Budapest Basel Connection» der Hochschule für Musik Basel (Dezember 2013) Wale zählen zu den grössten Lebewesen, die je auf der Erde gelebt haben. Sie sind kraftvolle Räuber. Doch wenn sich Roland Moser mit ihnen beschäftigt, geht es nicht nur um ihre Grösse oder ihre Kraft. Es geht um ihr Verschwinden, um ihre Ausrottung. Die Basel Sinfonietta hatte den Komponisten aus Anlass seines 70. Geburtstags eingeladen, ein Programm mit eigenen und fremden Werken zu gestalten und ein neues Werk für Orchester zu komponieren. An den Anfang des Konzertabends stellte Moser seine Komposition WAL für schweres Orchester mit fünf Saxophonen aus den frühen 1980er Jahren. WAL beginnt suggestiv: Im allmählichen Anschwellen des Klangs und den unheilvollen Rhythmen überträgt sich eine unterschwellig bedrohliche Spannung, die sich erst mit dem Einsatz des Saxophonquintetts (XASAX) energievoll entlädt. Zum Ende entweicht die Klangfülle aus der Musik und die verschwindende Geste überwiegt. Phänomene des klanglichen Auflösens und Erlöschens finden sich auch in Roland Mosers Uraufführung Première étude pour les disparitions, die das erste von vier Stücken einer Werkreihe sein soll. Die allmähliche Reduktion steht dabei im Mittelpunkt. Und so beginnt die Etüde mit brutal geschlagenen grossen Trommeln, die sich trotzig dem Verschwinden entgegenzustellen scheinen. Danach baut die Musik immer mehr ab. Eine Anti-Ekstase, könnte man meinen. Doch das Stück verliert ob der schwindenden Klangdichte, wenn nach und nach ganze Instrumentengruppen aussetzen, nicht an Intensität, und im Solo-Epilog lässt der wunderbar konsequent spielende Anton Kernjak den Klang des bühnentechnisch leider etwas in die Ecke gedrängten Klaviers sich voll entfalten.

Unter der Leitung von Mario Venzago präsentierte sich die Basel Sinfonietta in sehr guter Form und interpretierte nach der Pause zwei weitere Stücke, die sich mit dem Verschwinden beschäftigen: Maurice Ravels Geisterballett La valse, das auf eine schaurig-groteske Art einen Abgesang auf die Walzerseligkeit darstellt, sowie Stele op. 33 von György Kurtág. Im Gegensatz zum wuchtig ketten-rasselnden und sehr rhythmischen La valse bildet Stele mit abwechselnd schwebend-irisierenden und dann wieder nervös-schmetternden Klangereignissen das Vergessen und Erinnern ab. Ganz gegen das Vergessen oder Verschwinden war das Konzert des Mondrian Ensembles in der Gare du Nord gerichtet. Unter dem Titel «Russische Avantgarde II» erlebte der Zuhörer hier eine tour d’horizon russischer Komponisten des beginnenden 20. Jahrhunderts, von denen die meisten politische Repressalien erleben mussten und heute in Westeuropa kaum bekannt sind. Mit viel Emphase und Inbrunst musizierten die Geigerin Daniela Müller, die Bratschistin Petra Ackermann und der Gast-Cellist David Pia die innige Zwölftondauermusik für Streichtrio von Jefim Golyscheff aus dem Jahr 1914, das einzige noch erhaltene Werk dieses Komponisten. Auch Stücke anderer damals junger Komponisten aus dem Dunstkreis von Alexander Skrjabin standen auf dem Programm. Besonders eindrücklich wirkten die Pleurs de la Vierge Marie für Alt und Streichtrio (1915) von Arthur Lourié, der – zunächst noch stark von Skrjabin inspiriert – sich zu einem der frühesten Futuristen entwickelte. Bei dem dargebotenen Stück handelt es sich allerdings eher um ein impressionistisch geprägtes Werk mit einigen spirituellfolkloristischen Einflüssen. Zart und zerbrechlich dagegen wirkte Sergei Protopopovs Des Lebens Frühling für mittlere Stimme und Klaviertrio op. 3 (1917), dessen ersten und dritten Satz Michel

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