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227 ThPQ 155 (2007) 227–234 Karl-Heinrich Bette Grenzgänge Sinnmotive im Abenteuer- und Risikosport ◆ „Die wahren Abenteuer sind im Kopf … und sin...

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ThPQ 155 (2007) 227–234

Karl-Heinrich Bette

Grenzgänge Sinnmotive im Abenteuer- und Risikosport

◆ „Die wahren Abenteuer sind im Kopf … und sind sie nicht in meinem Kopf, dann sind sie nirgendwo“, heißt es im Chanson von André Heller, das wohl nie zur Hymne von Extremsportlern und -sportlerinnen erkoren wird. Wer keinen Abenteuer- und Risikosport betreibt, kann kaum verstehen, warum Menschen bewusst ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel setzen, warum sie ihren Körpern Belastungen zumuten, die weit über das übliche Maß sportlicher Einsatz- und Aufopferungsbereitschaft hinausgehen. Karl-Heinrich Bette, Professor für Sportsoziologie an der TU Darmstadt, beleuchtet die Motive dieser Abenteuersucher im Kontext der Gesellschaft, zeigt auf, welche Handlungslogik und welches Askeseverständnis hinter ihrem Tun steht, und legt dar, warum gerade die unmittelbare Realität, das Hier und Jetzt, für ihre Suche nach außergewöhnlichen Erfahrungen so zentral ist. (Redaktion) Der Abenteuer- und Risikosport hat in den letzten Jahren eine erstaunliche öffentliche Resonanz erzeugen können. Höhenbergsteiger, Ultratriathleten, Extremlangläufer, Einhandsegler, Freikletterer, Großwellensurfer, Höhlentaucher, Gleitschirmflieger oder Mountainbiker opponieren gegen die dominante, auf körperliches Wohlbefinden und Gesundheit ausgerichtete Biopolitik der Gesellschaft und setzen statt dessen ihr Leben in spektakulären Aktionen aufs Spiel. In einer ansonsten weitgehend zivilisierten, auf Erwartungssicherheit und Risikoreduzierung ausgerichteten Gesellschaft stehen die Abenteuerakteure für ein wildes und intensives Leben jenseits der Routine des Alltags.1 Die hohe Verletzungs- und Todesrate in ihren Reihen deutet allerdings auf den Preis hin, den diejenigen zu 1

zahlen haben, welche die Sicherheitszonen der Gesellschaft freiwillig verlassen, um ihre Abenteuer- und Risikobedürfnisse im Kontext des Fremden und Gefährlichen auszuleben. Die Suche nach außeralltäglichen Erlebnissen hat inzwischen auch den Freizeit- und Breitensport erreicht. Nicht wenige Zeitgenossen unternehmen Kanufahrten oder Trekkingtouren durch zivilisationsferne Regionen, folgen den Spuren mittelalterlicher Pilgerwege oder bereiten sich in einem bereits fortgeschrittenen Lebensalter zeitintensiv auf Stadtmarathonläufe oder Triathlonwettbewerbe vor und legitimieren all dies mit dem Ziel, sich selbst zu erfahren und die eigenen Grenzen neu auszuloten. Doch was steckt eigentlich hinter dieser weit verbreiteten Legitimationsrhetorik? Aufschlussreiches

Vgl. Karl-Heinrich Bette, X-treme. Zur Soziologie des Abenteuer- und Risikosports, Bielefeld 2004.

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über die diversen Formen der Abenteuer-, Erlebnis- und Verausgabungspassion lässt sich finden, wenn man mit Hilfe der Soziologie auf Distanz geht und die Motive für die freiwillige Suche nach Risiko und Wagnis nicht etwa linear auf Instinkte, Triebe, Gene, hormonal gesteuerte Bedürfnisse oder anthropologische Konstanten zurückführt, sondern hierfür vielmehr die moderne Gesellschaft mit ihren Möglichkeiten, Wirkungen und Verdrängungen in Rechnung stellt.

Wasser, Luft und Erde als Fluchtpunkte Der Abenteuer- und Risikosport ist ein gesellschaftliches Unternehmen, das seine Sinnofferte primär aus der Bearbeitung und Nutzung naturaler Elemente und Gesetzmäßigkeiten ableitet. Es entspricht dieser Ausrichtung auf die Umwelt der Gesellschaft, wenn Abenteuersportler ihr Risikohandeln im Kontext von Flüssen, Wüsten, Bergen und Meeren durchführen oder auf die Artefakte der modernen Zivilisation in Gestalt von Straßen, Hochhäusern, Staudämmen, Türmen und Sendemasten zurückgreifen, um diese für ihre Abenteuerzwecke alternativ zu nutzen. An diesen Orten kämpfen sie dann mit ihren Körpern gegen die oft übermächtigen Gesetze der physikalischen Welt. Hier sammeln sie Brems-, Fall-, Geh-, Gleit- und Beschleunigungserfahrungen; hier müssen sie oft hungern, frieren oder schwitzen, um eigene Steuerungsfähigkeiten zu beweisen. Sie folgen dabei dem Rhythmus der Wellen, den Konsistenzbedingungen der Erde, dem Wechsel von Hell und Dunkel, Höhe und Tiefe, von Wind und Flaute oder von Wärme und Kälte. In dieser Welt der sensorisch erfahrbaren Differenzen verschaffen sich die Risikosucher Gefühle

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der Machbarkeit, Selbstwirksamkeit und Lebendigkeit, die im modernen Alltag offensichtlich in vergleichbarer Weise nicht mehr zu bekommen sind. In einer überhängenden Bergwand, auf einer vereisten Piste oder in einer Riesenwelle messen sie sich mit den Kräften der Natur und nicht mit jenen gesellschaftlich-symbolischen Wirkungszusammenhängen, die ihre Steuerungskraft hinter dem Rücken der Akteure und jenseits des Individualwillens entfalten und im Alltag oft Gefühle der Fremdsteuerung, Nichtigkeit und Übermächtigung hervorrufen. Abenteuersportler treffen im Moment ihres Handelns nicht auf die Kompliziertheit von Wirtschaft, Politik, Wissenschaft oder Recht. Es geht auch nicht um die Erzeugung virtuoser sprachlicher oder schriftlicher Kommunikation. Vielmehr zählen im Moment der Aufgabenbewältigung andere Qualitäten: Mut, Geschicklichkeit, Ausdauer, Schmerztoleranz, Askesebereitschaft sowie die Fähigkeit, die Eigendynamiken der Natur zu dechiffrieren und in dieser Welt der prinzipiellen Andersartigkeit situationsangemessen zu reagieren. Der Sinn der Grenzgänge besteht damit offensichtlich darin, nicht auf den Sinn von Kommunikation zu bauen, sondern vielmehr die Intensitäten des Körpers und die Eigenheiten und Restriktionen der Natur ins Spiel zu bringen, um daraus Sinnhaftigkeit für das eigene Dasein zu errechnen. Die Natur eignet sich paradoxerweise gerade deshalb als ein Fluchtpunkt der Sinnsuche, weil sie selbst nicht sinnhaft-kommunikativen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. So kann man die Sonne nicht durch Geldzahlungen dazu bringen, intensiver zu strahlen. Und auch eine Zehn-Meter-Welle kann nicht durch demokratische Abstimmungsverfahren daran gehindert werden, sich am Strand mit lautem Getöse zu brechen. Wenn also Menschen in der

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Welt abstrakter und personenfern ablaufender gesellschaftlicher Kommunikation keine Sicherheit zu finden meinen, sich gehandelt, missverstanden und fremdgesteuert fühlen, wenn sie Lebenskrisen zu bewältigen haben oder Dankbarkeit für deren Bewältigung abstatten wollen, dann stehen ihnen wenigstens noch die Feinmotorik ihrer Muskeln sowie psychische Eigenschaften zur Verfügung, um sich selbst und anderen Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Schnee, Wasser, Berge, Steine, aber auch Wanderwege, Klettersteige und Straßen als materielle Objektivationen der Zivilisation stellen nämlich eine konkrete, greifbare und spürbare Wirklichkeit dar, die dem menschlichen Beobachter und Nutzer in einer sehr plausiblen Weise als „objektiv“, „autonom“ und „real“ erscheint. Dass Menschen sie insbesondere in Phasen der Umorientierung und in der Bewältigung von Lebenskrisen für Zwecke der Selbstverortung und Selbstermächtigung oder als Quellen für die Erzeugung von Verlässlichkeits- und Machbarkeitsgefühlen in Anspruch nehmen, ist deshalb nachvollziehbar.

Die Wiederentdeckung des Körpers Abenteuer- und Risikosportler setzen gegen die Intellektualisierung und Kopflastigkeit des Alltags ein körperorientiertes Handeln. Menschen, die sich den Kräften der Elemente aussetzen, wenn sie beispielsweise mehrwöchige Abenteuerprojekte verwirklichen, nutzen ihre Körper in einer demonstrativen und alternativen Weise – und sie tun dies in einer Gesellschaft, die Körperlichkeit in vielerlei Hinsicht verzichtbar gemacht hat.2 Da die Bewältigung 2

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räumlicher Distanzen im Zeitalter von Autos, Flugzeugen und Raketen keine eigene körperliche Fortbewegung mehr erfordert, hat der Körper mit seinen Gliedmaßen als Fortbewegungsmittel generell an Bedeutung verloren. Menschen werden bewegt, ohne sich selbst bewegen zu müssen. Auch der Arbeitsalltag der Moderne marginalisiert den Körper und richtet ihn entsprechend zu. Organisatorische Regeln unterwerfen den Körper einer Vielzahl sozialer Kontrollen und Reglementierungen. Der gesellschaftliche Modernisierungsprozess hat physisch-organische Grenzzustände in der Berufswelt nahezu vollständig eliminiert. Schwere körperliche Arbeit findet heute nur noch dort statt, wo Roboterkörper und anderweitige Maschinen den menschlichen Muskeleinsatz noch nicht ersetzen konnten. Innovationen im Bereich der Massenkommunikation haben zudem die Hierarchie der Sinne spätestens seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zugunsten der Augen umgestellt. Nase, Ohren, Hände und Füße sind zwar nach wie vor wichtig. Taktile und olfaktorische Wahrnehmungen mussten aber in einer medienorientierten Gesellschaft gegenüber dem Visuellen Bedeutungsverluste hinnehmen. Der Abenteuer- und Risikosport kontert die Körperferne der Moderne und stellt ihr ein radikales Kontrastprogramm entgegen. Der Körper ist jetzt kein Instrument mehr, das stumm für andere Arbeitsvorgänge verwendet wird; er ist vielmehr als Handlungsbasis und -träger unmittelbar bedeutsam. Gerade in den ausdauerorientierten Praktiken kommt es zu einer Rehabilitierung der durch den Modernisierungsprozess deprivilegierten Füße. Die unteren Extremitäten werden beim Wan-

Vgl. Karl-Heinrich Bette, Körperspuren. Zur Semantik und Paradoxie moderner Körperlichkeit. Berlin–New York 1989, Bielefeld 22005.

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dern und Klettern, bei Trekkingtouren und auch beim Extremradfahren bewusst zum Einsatz gebracht, um Distanzen in einer „unzeitgemäßen“ Weise zu überbrücken. In den abenteuer- und wagnisorientierten Praktiken wird der Körper insgesamt nicht protektiv oder rehabilitativ thematisiert; er wird vielmehr bewusst aufs Spiel gesetzt und mit bisweilen lebensgefährlichen Herausforderungen und Torturen konfrontiert. Es geht insofern nicht um die behutsame Wiederherstellung von Gesundheit, die Beseitigung einer physisch-organischen Störung, sondern um Abenteuer, Selbstauslieferung und Risiko. Wo Menschen ihren Willen zur Selbstermächtigung durch Selbstgefährdung erkaufen, wird die dem Körper beigemessene Bedeutung, „die ehrfürchtige Angst, mit der wir ihn umgeben, die Sorgfalt, mit der wir uns um seine Erkenntnis bemühen“3, ins Gegenteil verkehrt. Der Körper soll – so der Anspruch – durch die Transformation in einen riskierten, gefährdeten und häufig auch extrem drangsalierten Körper aus den Zwängen und Zurichtungen der Zivilisation befreit werden und zu sich selbst finden. Bergsteiger, Langstreckenschwimmerinnen oder Extremwanderer wollen keine virtuosen Leistungen des Geistes erbringen, beispielsweise in der Bewältigung hochstehender intellektueller Aufgaben. In ihren Herausforderungen suchen sie vielmehr körperliche Primärerfahrungen und außeralltägliche Sinneseindrücke – und zwar in einer Zeit, in der Sekundärund Tertiärerfahrungen immer mehr den Erfahrungshorizont des Einzelnen domestizieren. Damit deutet sich an, was ein jenseits von Sprache, Schrift und Bild angesiedeltes körper- und wahrnehmungsorientiertes Handeln zu leisten vermag. 3

Es ermöglicht einen Zutritt in jene „reale“ Realität, die zwar durch Wörter und Bilder bezeichnet wird, aber durch sie nie in toto erreicht werden kann. Die Akteure des Abenteuer- und Risikosports opponieren gegen die Dominanz des Abstrakten, indem sie sich bewusst auf Praktiken einlassen, die ein spezifisches Bewusstseins- und Körpererleben hervorrufen und nur über konkrete sinnliche Wahrnehmungsprozesse ansteuerbar sind. Sprache und Bilder können die Komplexität dieser Erfahrungen nur unzureichend einholen: die Gefühle des Gleitens im Wasser, der rasanten Abfahrt auf Schnee oder Eis, des Schwebens in einem Drachen oder des freien Falls während eines Fallschirmabsprungs, und die Sensationen, die sich nur im Vollzug körperorientierter Tätigkeiten wie Wandern, Schwimmen, Tauchen, Fliegen, Laufen oder Fahren einstellen. Gegen den Verlust selbstgemachter Erfahrungen in der Organisations- und Mediengesellschaft stellt der Abenteuer- und Wagnissport eine Welt der Eigenerfahrungen dar, die viele Menschen verzaubert und in ihren Bann schlägt. Der moderne Abenteuer- und Risikosport gewinnt sein spezifisches Profil durch eine radikale Abwendung vom allgemein Üblichen: Der Alltagskörper wird in den Sondersituationen eines solchen Sportmodells aus dem Kontext seiner lebensweltlichen Normalverwendung und -vertaktung herausgenommen, seiner bisherigen Stabilität beraubt und in einen Sonderkörper umgewandelt. Ermüdung, Schweiß und völlige Verausgabungen sind vormoderne Körperzustände, die erst hier wieder mit Sinn ausgestattet werden. Körperenergie soll nicht eingespart, sondern demonstrativ vergeudet werden. Die

Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt/M. 1983, 186.

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Verausgabungsimperative des Abenteuersports konterkarieren die in der Gesellschaft gültigen Maßstäbe für ein möglichst effektives Handeln. Bergsteiger, Langläufer, Distanzschwimmer oder Langstreckenwanderer sind Sozialfiguren, die im Rahmen einer Ökonomie der Verausgabung eine Vermeidung der körperlichen Arbeitsvermeidung durchzusetzen trachten. Sie verfolgen bewusst nur jene Ziele, die sich mit einem hohen physischen und psychischen Aufwand erreichen lassen. Eine verausgabungsfreie Zielerreichung wäre für sie langweilig und unproduktiv. Erst die Energieverschwendung adelt ihr Handeln. Die Akteure sprechen das Gebot aus, die durch Technik erzielbaren Entlastungseffekte explizit nicht nutzen zu wollen. So verzichten Bergsteiger im Rahmen ihrer alternativen Handlungswahl auf vorhandene technische Gerätschaften, etwa eine Bahn oder Gondel, um einen Gipfel zu erreichen. Vielmehr setzten sie ihre Extremitäten ein, um die Höhe in einem langwierigen, gefährlichen und äußerst anstrengenden Verfahren zu erklimmen. Positive Erlebnisse kommen für sie nur dann zustande, wenn dem Erfolgserleben ein körperintensives Handeln vorgeschaltet wurde und am Gipfel nur diejenigen auftauchen, die einer ähnlichen Aufwandsökonomie Folge geleistet haben. Anstrengungen und Entbehrungen sind in dieser Handlungslogik positiv besetzt, weil sie in einer Zeit der körperlichen Anstrengungsminimierung und Leidensvermeidung knappe und außeralltägliche Erlebnishorizonte zu eröffnen versprechen. Den Körper demonstrativ als Fortbewegungsvehikel zu benutzen heißt auch, ein Fanal gegen die fortschreitenden Pro4

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zesse der Körperdistanzierung, Personenverdrängung und Technisierung zu setzen. Abenteuer- und Risikosportler profitieren damit von der im Alltag vollzogenen Körpermodellierung und -kontrolle. Sie prägen körperorientierte Handlungsformen in einer Gesellschaft aus, die den Rationalitätsbegriff im Bereich der Arbeit, des Lernens, des Kommunizierens und der Fortbewegung körperfern festgelegt hat. Menschen bringen sich bewusst in Situationen hinein, in denen sie sich selbst und anderen demonstrieren können, dass der Zugriff auf den eigenen Körper über allgemein übliche Zugriffsgrenzen weit hinausgeschoben werden kann. Sie wenden sich damit auch gegen die Genuss-, Spaßund Wohlfühlverwendung des Körpers im Breiten- und Fitnesssport. Der Wille zur Verausgabung hat nicht nur mit dem Versuch zu tun, sich in Grenzsituationen alternativ zu beobachten und über die Erschöpfung zu sich selbst zu kommen. Askese verweist vielmehr auch auf Distinktionsinteressen, den Willen, sich von anderen abzugrenzen und Einzigartigkeit zu demonstrieren. In der Askese, der Kunst des Sich-Übens, geht es in der Tat, wie Christoph Türcke mit Blick auf religiöse Askesevirtuosen bemerkte, nur „vordergründig um Verzicht, hintergründig um Macht und Naturbeherrschung“4. Triebe und Begierden werden dem eigenen Willen nicht nur deshalb unterworfen, um sich selbst zu disziplinieren, sondern auch, um andere durch gezeigte Selbstdisziplinierung zu beeindrucken. In einer Gesellschaft, in der viele Menschen an dem Überangebot der Warenwelt teilhaben können und konsumatorische Lebensstile weit verbreitet sind, wird Askese zu einer

Christoph Türcke, Askese und Performance. Franziskus als Regisseur und Hauptdarsteller seiner selbst, in: Neue Rundschau 111 (4/2000), 35–43, 36.

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scharfen Waffe im Reich der sozialen Distinktion. Abenteuer- und Risikosportler erscheinen in diesem Lichte als Übererfüller sozialer Verzichtserwartungen. Ihre Askese hat insbesondere dann, wenn sie mit Hilfe der Medien in der Öffentlichkeit zelebriert wird, theatralische und performative Qualitäten. Dies zeigt sich auch im Umgang mit den physischen Konsequenzen riskanten Handelns. Der verletzte Körper – etwa in Gestalt abgefrorener Finger und amputierter Zehen – verleiht dem Abenteurer eine Aura des Authentischen, Ehrlichen und Hingebungsbereiten. In einer Gesellschaft, in der ansonsten viele Menschen mit Hilfe der Schönheitsindustrie eine glatte, straffe und unverletzte Haut, also ein makelloses Äußeres anstreben, kommt Verletzungen und Blessuren als den sichtbaren Folgen der Risikoübernahme ein hoher Distinktionswert zu. Und wenn bereits leichte Schmerzen zu einem Arztbesuch führen, kann derjenige, der Schmerzen infolge von Verletzungen und Abenteuerschäden standhaft erträgt, ja sogar die Situationen, in denen sie verursacht wurden, freiwillig aufsuchte, als etwas Besonderes erscheinen. Wenn das Abenteuer sich gewissermaßen in die Haut und in das Körperge-

Weiterführende Literatur: Karl-Heinrich Bette, Systemtheorie und Sport, Frankfurt/M. 1999. Ders., X-treme. Zur Soziologie des Abenteuer- und Risikosports, Bielefeld 2004. Ders./Uwe Schimank, Die Dopingfalle. Soziologische Betrachtungen, Bielefeld 22006. Bernd Guggenberger, Das digitale Nirwana, Hamburg 1997.

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bäude eintätowiert hat, werden die Träger dieser Zeichen hierfür entsprechend bestaunt und verehrt.

Die Wiederentdeckung der Zwischenräume Der Raum hat im Verlauf des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses einen radikalen Bedeutungswandel erfahren. Waren die Mitglieder vormoderner Gesellschaften noch sehr eng an die Räumlichkeit eines bestimmten Territoriums gebunden, um miteinander in Kontakt zu treten und zu kommunizieren, so basiert Kommunikation in der modernen Weltgesellschaft auf dem Prinzip der Entterritorialisierung. Der moderne Mensch ist – räumlich gesehen – ein „aus seiner Dimension gefallenes Wesen“5. Auch für die Funktionsweise von Wirtschaft und Politik hat der Raum an Bedeutung verloren. Die Mobilität des Kapitals ist im Computerzeitalter nicht mehr an das Vorhandensein einer Straße und die Schnelligkeit eines Autos gebunden. Und eine politische Macht exekutiert nicht mehr derjenige, der an einem bestimmten Ort auf dem Berg sitzt und bestimmte Straßen und Kreuzungen kontrolliert, sondern der seine Legitimation durch ein spezifisches Wahlverfahren erhalten hat und durch öffentliche Verwaltungen an den Mann bzw. die Frau bringt. Abenteuer- und Risikosportler erscheinen vor diesem Hintergrund als Spezialisten für die Wiedereroberung des verdrängten und marginalisierten Raumes. In ihren diversen Praktiken lassen sie die Aura des Raumes wieder auferstehen und die dort vorhandenen Eigenheiten zu sinnhaft erfahrbaren Größen werden. Der

Bernd Guggenberger, Das digitale Nirwana, Hamburg 1997, 23.

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Raum, in dem der Abenteuersport stattfindet, ist konkret und nicht imaginiert, wie beispielsweise der Raum im Fernsehen oder im Kino, der als reine Illusion auf die Leinwand oder den Bildschirm projiziert wird und der sofort verschwindet, wenn das Licht angeht oder der Fernsehapparat ausgeschaltet wird. Der moderne Risikosport reduziert die Teilhabe an der Welt nicht auf die Zweidimensionalität einer Buchseite oder einer Leinwand. Gleitschirmflieger, Mountainbiker und auch Bergsteiger gewinnen die dritte Dimension des Raumes bewusst zurück. Hier können sie neu erleben, hier können sie allerdings auch final scheitern.

Ausblick Der Abenteuer- und Risikosport ist damit – im Sinne von Michel Serres6 – ein Parasit des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses. Um es in einer bildhaften Sprache auszudrücken: Abenteuer- und Risikoakteure sitzen an einer Tafel, an der sie nicht sitzen möchten, weil das dortige Verweilen in ihrer Weltsicht nur Langeweile, Routine, Masse, Wohlfahrtsorientierung, Sicherheitsfixierung und körperliche Bewegungslosigkeit verspricht, aber sie profitieren in einer subtilen Weise von der Existenz dieser Tafel. Wenn nämlich alle riskant und „wild“ lebten und sich dem Routinehandeln verweigerten, wäre das Verhalten der Abenteuerorientierten nicht mehr außeralltäglich und distinktionsfähig. Außerdem entfiele jene Sphäre der Sicherheit, die sich strukturell aus dem „Lob der Routine“7 ergibt und das Streben nach Unsicherheit und Risiko erst hervorruft. 6 7

Der Abenteuer- und Risikosport gewinnt insofern seine Sinnhaftigkeit aus dem Vergleich mit dem Nichtabenteuer. Er benötigt eine mitlaufende Beobachtung dessen, was er nicht ist. Risikosportler transportieren in ihren spektakulären Praktiken Bilder und Geschichten jener dominanten Welt, von der sie sich durch ihre Daseinsform abzugrenzen trachten. Sie etablieren sich gleichsam als die andere Seite einer Differenz, nämlich als Gegenpol zu dem durch Modernisierung ausdifferenzierten Alltag und der dort ablaufenden Zurichtung von Person, Körper und Handeln. Ultratriathleten, Höhenkletterer, Extremradfahrer und Langstreckenwanderer fallen auf, weil sie in ihrer Freizeit gegen die üblichen Funktionserwartungen des Alltags opponieren, Differenzen setzen und in einer abgegrenzten gesellschaftlichen Enklave einen neuen Bezug zu sich selbst und ihrem Körper herzustellen versuchen. In einer alternativen Weise beschreiben sie damit eine Gesellschaft, welche die Einbeziehung der einzelnen Person hauptsächlich von Körperdistanzierung, Rollenparzellierung, kommunikativer Kompetenz, Abstraktionsfähigkeit, Kopfarbeit, Risikovermeidung und Affektkontrolle abhängig sein lässt. Abenteuersportler machen auf das Abwesende im Anwesenden ihres Handelns aufmerksam. Folgt man dieser Argumentationsfigur, dann stellt der Abenteuer- und Risikosport eine gesellschaftlich protegierte Nische dar, die dem modernen Subjekt die Möglichkeit eröffnet, außeralltägliche Erfahrungen zu sammeln, die Üblichkeiten der bisherigen Existenz hinter sich zu lassen und sich vom Alltagskörper und Alltags-Ich loszureißen, um anschließend ein neues Verhältnis zu

Vgl. Michel Serres, Der Parasit, Frankfurt/M. 1981. Niklas Luhmann, Funktion und Folgen formaler Organisationen, Berlin 1964.

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sich selbst und seinen Alltagserfahrungen einzunehmen. Wenn das Subjekt im Abenteuer nicht mehr auf die Sicherheiten der gesellschaftlichen Großinstitutionen zurückgreifen kann, vielmehr „auf sich selbst geworfen“ wird, werden Situationen und Handlungsformen resonanzfähig, in denen sich die eigene Identität im wahrsten Sinne des Wortes alternativ und neu erarbeiten lässt. Damit findet im Abenteuersport insgesamt eine bemerkenswerte Umkehr statt: Die Normalität des Alltags und die dort stattfindende gesellschaftliche Zurichtung des Subjekts werden als künstlich beschrieben, um vor diesem Hintergrund das Risikomilieu als natürlich und erstrebenswert zu markieren. Hier – so zumindest die Hoffnung – könne das Subjekt „jenseits von Gesellschaft“ noch Erlösung finden, sich selbst ein Tauglichkeitsattest durch freiwillige Verausgabung ausstellen. Da individuelle Wünsche nach Selbststeuerung, Freiheit, Neuanfang und Einzigartigkeit die Funktionsweise der modernen Organisationsgesellschaft nicht etwa aufheben und außer Kraft setzen können, bleibt den Mitgliedern der modernen Gesellschaft oft nur der Freizeitsektor, um

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ihre Individualitäts-, Steuerungs- und Veränderungsabsichten zumindest kurzfristig und episodenhaft auszuleben. So kommt es für die zeitgenössischen Grenzgänger zu einer sukzessiv gestaffelten Abfolge von Normalexistenz und Wagnisorientierung, von Fremdsteuerung und Selbstermächtigung, von Körperverdrängung und Körperthematisierung.

Der Autor: Karl-Heinrich Bette, geb. 1952 in Dortmund, studierte Soziologie, Philosophie und Sportwissenschaft in Köln, Aachen und Urbana-Champaign/USA, Promotion 1982, Habilitation 1988, von 1992–2002 Professor für Sportwissenschaft an der Universität Heidelberg, seit 2002 Professor für Sportsoziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Forschungsschwerpunkte: Sportsoziologie, Soziologie des Körpers, neuere soziologische Systemtheorie. Wichtigste Buchveröffentlichungen: Körperspuren. Zur Semantik und Paradoxie moderner Körperlichkeit, Berlin–New York 1989, Bielefeld 22005; ders./Uwe Schimank, Doping im Hochleistungssport. Anpassung durch Abweichung, Frankfurt/M. 1995, 22006.