pdf-Datei 1945 Kriegsende - Stadtarchiv Coesfeld - Stadt Coesfeld

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Hendrik M. Lange 1945 – 2015: 70 JAHRE ENDE DES ZWEITEN WELTKRIEGES Quellen aus dem Stadtarchiv Coesfeld. Informationen und Unterrichtsanregungen für...

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Hendrik M. Lange 1945 – 2015: 70 JAHRE ENDE DES ZWEITEN WELTKRIEGES

Quellen aus dem Stadtarchiv Coesfeld. Informationen und Unterrichtsanregungen für einen kompetenzorientierten Geschichtsunterricht

Coesfeld i.W., 2015

Inhaltsverzeichnis I.

Vorwort

II.

Didaktische Hinweise

III.

Bausteine für den Unterricht: Baustein 1: Das Ende des Weltkrieges für Coesfeld – der Einmarsch der Alliierten Baustein 2: Erinnerungen an die Unglückstage – eine Schülerin erinnert sich (1947) Baustein 3: Die Besetzung – Generalfeldmarschall Montgomery in Coesfeld Baustein 4: Trümmerfotografie – nur Dokumentation der Kriegsfolgen? Baustein 5: Der Phönix – Auferstanden aus Ruinen

Impressum ©Stadtarchiv Coesfeld 2015 Ausschließlich freigegeben zur Nutzung in Bildungseinrichtungen. Alle anderen Nutzungen durch Fernsehen, Rundfunk, digitale Medien bleibt vorbehalten und genehmigungspflichtig. Die Broschüre ist mit den Materialien auf der Internetseite des Stadtarchivs Coesfeld http://stadtarchiv.coesfeld.de/unterrichtsmaterialien/II.Weltkrieg abrufbar. Autor: Hendrik Martin Lange, Coesfeld/Duisburg Druck: Stadtverwaltung Coesfeld, Markt 8, 48653 Coesfeld Vertrieb: Stadtarchiv Coesfeld, Walkenbrückenstraße 25,48653 Coesfeld

I. Vorwort 1945 – 2015. Zum siebzigsten Mal jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges. Die damaligen Ereignisse sind zwar schon fast ein komplettes Menschenleben vergangen, dennoch sind sie auf erschreckende Weise aktuell. Es sind nicht nur die asylsuchenden Flüchtlinge, die uns daran erinnern, dass in vielen Ländern dieser Welt Krieg herrscht. Europa ist selbst wieder Schauplatz von Krieg und Gewalt: Ist der Ukrainekonflikt schon gefährlich nahe, so ist der islamistische Terrorismus bei unseren Nachbarn und bei uns selbst angekommen. Erschwerend kommt hinzu, dass es momentan eine Anzahl Menschen gibt, die scheinbare „Alternativen“ suchen und anbieten. Nicht wenige dieser Menschen sind leider nicht frei von rechtem und undemokratischem Gedankengut. Wohin aber Antisemitismus und Rassismus Deutschland geführt haben, sollte bekannt sein. Unsere Vergangenheit mag unbequem sein, dennoch müssen wir uns mit ihr auseinandersetzen. Alle Menschen, die hier leben, sollten die Geschichte dieses Landes kennen. Und auch wenn es 1945 keine „Stunde Null“ gab, so prägen die Ereignisse dieses Jahres unser Land, Europa und die Welt bis heute. Die fünf Bausteine dieser Handreichung sind Schlaglichter und geben einen guten Einblick in das Thema. Mögen neben Geschichtslehrerinnen und -lehrer viele andere Interessierte Gefallen an dieser Publikation finden. Ich bin mir bewusst, dass dies ein sehr sensibeles Thema ist, und möchte an den ehemaligen Stadtarchivar Ludwig Frohne erinnern. Er und sein Vater hatten unter dem NS-Regime zu leiden und nach 1945 stieß er bei seinen Nachforschungen über das „Dritte Reich“ in Coesfeld „nicht selten auf Ablehnung und eine Mauer des Schweigens. Er erlebte, wie ´alte Nazis` wieder angesehen waren und so manche Akte verschwand. ´Jede Familie hatte in jener Zeit ihre dunklen Seiten`, sagte er. Er habe gelernt, ´dass Menschen sich die Fehler für der Vergangenheit leider zu wenige zu Herzen nehmen.“1 Wenn die noch lebenden Zeitzeugen, die nachgeborenen Generationen und die heutigen Schüler angeregt werden, über „1945“ gemeinsam ins Gespräch kommen, dann hat dieses Projekt sein Ziel mehr als erfüllt. Für die gute Zusammenarbeit und tatkräftige Unterstützung möchte ich mich v.a. bei Stadtarchivar Norbert Damberg und seinem Team bedanken. Dank gebührt aber auch meinen Kolleginnen und Kollegen, sowie meiner Familie, besonders meinen Großeltern, für die vielen Anregungen. Hendrik M. Lange Coesfeld, im März 2015 1 Vgl. Ausstellungstafel im Stadtmuseum „Das Tor“, Raum 2. Der Text der Tafel wurde 2012 verfasst.

II. Didaktische Hinweise Die zentrale Aufgabe des schulischen Geschichtsunterrichts ist die Förderung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins. Hierzu heißt es im kompetenzorientierten Kernlehrplan des Landes Nordrhein-Westfalen: „Geschichtsbewusstsein meint die Verschränkung der Wahrnehmungen und Deutungen von Vergangenheit mit Gegenwartserfahrungen und Zukunftserwartungen. Das angestrebte Geschichtsbewusstsein wird als reflektiert gekennzeichnet, um zu betonen, dass es sich des

Konstruktionscharakters

von

Geschichte,

seiner

eigenen

Standortgebundenheit

und

Perspektivität bewusst sein soll. Die Beherrschung der Fähigkeiten zur sinnbildenden Darstellung von Geschichte sowie zur Analyse und Beurteilung historischer Narrationen charakterisieren ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein.“2 Neben schriftlichen Quellen eignen sich vor allem visuelle, wie Fotografien, um den Konstruktionscharakter von Geschichte zu erkennen: „Fotografie dokumentiert nicht einfach das, was vor der Kamera ist. Bilder schaffen zugleich auch Erinnerung, sie schreiben Geschichte, treten in Konkurrenz mit dem tatsächlich Erlebten und können schließlich zum Substitut der eigenen Erinnerung werden.“3 Diese Handreichung fühlt sich diesem Anliegen verpflichtet und daher verstehen sich die Impulse und möglichen Aufgabenstellungen ausdrücklich als Vorschläge für einen kompetenzorientierten Unterricht mit Bezug zur Lebenswelt. Die Anmerkungen wurden auf ein Mindestmaß reduziert, dem interessierten Leser dürfte es aber nicht schwer fallen, mithilfe der ausgewiesenen Literatur weitere Details nachzulesen und sich weiterführende Literatur zu erschließen. Die bereitgestellten Materialien können Ihre Schülerinnen und Schülern auch bei der Vorbereitung für mögliche Referate, Facharbeiten und Projekte nutzen. Für die Lokalgeschichte sind die Aufsätze im dritten Band der Stadtgeschichte (DAMBERG) die erste Adresse, ergänzt durch die Beiträge zu den umliegenden Bauernschaften (HEIMATVEREIN). Mit Blick auf die Region Westfalen ist der Internet-Aufsatz von BLANK sehr hilfreich. Zu den Fotografien von 1945 ist der Ausstellungskatalog von ARNHOLD und die didaktische Handreichung von GOEBEL und KÖSTER zu nennen. Ganz interessant ist zudem der Unterrichtsentwurf von BALKE, die Quellen aus Appelhülsen heranzieht. Empfehlenswert ist auch ein Besuch der Dauerausstellung im Stadtmuseum „Das Tor“.4

2 MINISTERIUM FÜR SCHULE UND WEITERBILDUNG DES LANDES NORDRHEIN-WESTFALEN (Hg.): Kernlehrplan für die Sekundarstufe II Gymnasium/Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen, Geschichte, Düsseldorf 2014, S. 12. 3 GOEBEL, Ruth: 1945 – Die fotografische Überlieferung in den westfälischen Archiven, in: DIES. / KÖSTER, Markus: 1945. Fotografien aus Westfalen (Westfalen im Bild 1), Münster 2005, S. 19-24, hier S. 19. 4 Vgl. http://stadtmuseum.coesfeld.de/, und besonders dort: http://stadtmuseum.coesfeld.de/das-tor/raumii/bildergalerie.html (abgerufen am 15. März 2015).

Literatur: •

ARNHOLD, Hermann (Hg.): 1945 – Im Blick der Fotografie. Kriegsende und Neuanfanng, Münster 2005 (Katalog zur Ausstellung im Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte).



BALKE, Kirsten, KREISHEIMATVEREIN COESFELD e.V. (Hg.): Geschichte Hier, Senden 2000.



BLANK, Ralf: "Heimatfront" Westfalen - zwischen Bombenkrieg und "Endkampf", unter: http://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/input_felder/langDatensatz_ ebene4.php?urlID=41&url_tabelle=tab_websegmente (abgerufen am 20.9.2014) [Stand des Haupttextes: 2004].



DAMBERG, Norbert (Hg.): Coesfeld 1197-1997. Beiträge zu 800 Jahren städtischer Geschichte, Bd. 3, Coesfeld 2004.



GOEBEL, Ruth; KÖSTER, Markus: 1945. Fotografien aus Westfalen (Westfalen im Bild 1), Münster 2005.



HEIMATVEREIN COESFELD

E.V.

(Hg.): Zur Geschichte der elf Coesfelder Landschulen

(Beiträge zur Coesfelder Geschichte und Volkskunde Band 11), Stadtlohn 2013. •

STELBRINK, Wolfgang: Die Kreisleiter der NSDAP in Westfalen und Lippe. Versuch einer Kollektivbiographie mit biographischem Anhang (Veröffentlichungen der staatlichen Archive des Landes Nordrhein-Westfalen. Reihe C: Quellen und Forschungen, Band 48), Münster

2003

(abrufbar

unter:

http://www.archive.nrw.de/lav/abteilungen/westfalen/BilderKartenLogosDateien/die_kreisle iter_der_nsdap.pdf).

Leitfaden für die Analyse von Bildern und Fotografien: 1. Formale Aspekte • Was ist das Thema des Bildes? • Wer ist der Künstler? • Wann entstand das Bild? • Welche Wirkung/welchen Eindruck erzielt es? 2. Inhaltliche Aspekte Beschreibung • Mit welcher Technik wurde das Bild gemalt? • Welche Gestaltungsmittel (Farben, Symbole) sind verwendet worden? • Wie ist das Bild in seine Umgebung integriert? Deutung • Was bedeuten die einzelnen Gestaltungsmittel? • Welche Fragen bleiben bei der Deutung offen? 3. Historischer Kontext • Aus welchen Motiven entstand das Bild? • Wer waren die Initiatoren/Auftraggeber? 4. Bewertung • Welche Funktion sollte das Bild ursprünglich erfüllen? An wen richtete es sich? • Wie wird es heute wahrgenommen und beurteilt?

III. Bausteine für den Unterricht Baustein 1: Das Ende des Weltkrieges für Coesfeld – der Einmarsch der Alliierten5 Ein Ende mit Schrecken – die Flächenbombardements Anfang 1945 hatten die Bewohner Coesfelds die Hoffnung auf einen deutschen Sieg endgültig verloren und warteten auf das Ende des Krieges. Im März 1945 griffen Jagdbomber vermehrt die deutschen Versorgungs- und Nachschublinien im Fronthinterland an. Zugleich setzten die Bomberverbände ihre Flächenbombardements fort. Im Zuge dieser Angriffe war der Coesfelder Güterbahnhof wiederholt das Ziel feindlicher Bomber und Tiefflieger. Am 18. und 19. März flogen englische und amerikanische Jagdbomber zwei größere Angriffe auf die dort stehenden Truppen- und Munitionszüge. Nach dem zweiten Bombardement waren die gesamten Gleisanlagen des Bahnhofs unbrauchbar. 25 Lokomotiven und über 8000 Waggons brannten aus. Zahlreiche Soldaten waren tot oder verwundet. Man schätzte die Anzahl der Toten auf über 50 und die Bevölkerung floh aus dem Stadtgebiet auf Bauernhöfe und in die Wälder. Vom 21. bis 24. März fielen Tausende von Spreng- und Brandbomben auf die bereits weitgehend zerstörte und menschenleere Stadt. Neben Deutschen kamen während der Bombenangriffe auch ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene ums Leben. Im Stadtmuseum wird aus einer Bilanz des Stadtdirektors Joseph Bosten von 1947 zitiert, danach betrug die Einwohnerzahl 13.271 (1944) und weiter: „412 Gefallene (dazu Kirchspiel: 110), 400 Luftkriegsopfer, 131 Vermißte (dazu Kirchspiel: 23), 78% Zerstörung der Innenstadt“. Auf der Infotafel steht zurecht noch der Hinweis: „Nicht aufgeführt sind die ermordeten Juden, Zwangsarbeiter und die weiteren Opfer der NS-Herrschaft. Körperliche und seelische Leiden im Gefolge dieser Jahre sind ebenfalls nicht mit erfasst.“ NS-Terror gegen die eigene Bevölkerung Obwohl alliierte Panzertruppen am 29. März 1945 in Flamschen die letzten zersprengten Wehrmachtseinheiten vor der Berkelstadt aufzureiben begannen, ließ der örtliche Kommandant des Volkssturmes, Kreisleiter Friedrich Schürmeyer6, unbeirrt den festungsgleichen Ausbau militärischer Stellungen in Coesfeld fortsetzen. Der zur ideologischen Elite der Partei gehörende 5 Zusammenfassung aus: DAMBERG, Norbert: (Hg.): Coesfeld 1197-1997, Bd. 3, Coesfeld 2004. Darin: GRIEGER, Manfred: Die neue Macht in Coesfeld. Nationalsozialismus in einer katholischen Stadt, 1933-1945, S. 1593-1790 und DAMBERG, Norbert: Gemeinwohl als demokratische Verpflichtung. Politik und Verwaltung zwischen 1945-1990, S. 2277-2426. 6 Zu seiner Biografie: STELBRINK, Wolfgang: Die Kreisleiter der NSDAP in Westfalen und Lippe. Versuch einer Kollektivbiographie mit biographischem Anhang (Veröffentlichungen der staatlichen Archive des Landes Nordrhein-Westfalen. Reihe C: Quellen und Forschungen, Band 48), Münster 2003, S. 189 (abrufbar unter: http://www.archive.nrw.de/lav/abteilungen/westfalen/BilderKartenLogosDateien/die_kreisleiter_der_nsdap.pdf). Schürmeyer tauchte nach der Kapitulation unter und wurde erst am 28.7.1949 verhaftet. Am 16.12.1949 zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt, und schon am 8.2.1950 wurde die Gefängnisstrafe auf Bewährung erlassen.

Schürmeyer bewaffnete auch die jüngsten, noch nicht wehrdienstfähigen Hitler-Jungen mit Karabinern und Panzerfäusten und befahl ihnen, die Stadt zu verteidigen. Daneben tat sich namentlich der für den Volkssturm eingesetzte Kampfkommandant von Coesfeld, NSDAP-Kreisstabsamtsleiter Theodor Droll (Droll war erst Anfang Januar 1945 als Adjutant des Gauleiters Alfred Meyer in Münster zur Kreisleitung nach Coesfeld versetzt worden), hervor, indem er – beseelt von einem geradezu pathologischen Durchhaltewillen – mit entsicherter Waffe von Stadttor zu Stadttor patrouillierte, um Volkssturmmänner in die behelfsmäßigen Stellungen einzuweisen. Wegen seines Kommandotones ohnehin in Coesfeld wenig geschätzt, traf Droll gegen 17.30 Uhr bei einem seiner Kontrollgänge auf der Wertchenstraße in der Nähe der Loburger Straße zwei Eisenbahner. Er forderte beide ultimativ auf, unverzüglich den Dienst im Volkssturm anzutreten, woraufhin sich einer von beiden bereit fand, die Befehlsstelle auf dem Coesfelder Berg aufzusuchen. Demgegenüber erklärte Eisenbahnsekretär Bernhard Nagel, dass er zur Eisenbahn befohlen sei und deshalb keinen Dienst beim Volkssturm machen könne. Zur Bekräftigung seiner Angaben wollte Nagel eine entsprechende Bescheinigung aus der Brusttasche ziehen. Währenddessen hatte aber Kreisstabsamtsleiter Droll seine Pistole gezogen und drei Schüsse auf Eisenbahnsekretär Nagel abgefeuert. Auf den durch einen Treffer zu Boden geworfenen Eisenbahner gab der NSDAP-Funktionär aus unmittelbarer Nähe zwei weitere Schüsse ab. Schwer an der Lunge verletzt, starb Nagel alsbald an inneren Blutungen. Droll verhinderte durch seine Haltung, dass herbeigeeilte Anwohner Hilfe leisten konnten. Nur eine Stunde später drohte der Kampfkommandant auch den Volkssturmkommandeuren an, sie zu erschießen, falls sei seine Befehle nicht strikt ausführten. Im Gegensatz zum Eisenbahner Nagle waren die Männer ihrerseits mit Maschinenpistolen bewaffnet, so dass Droll den Rückzug antrat. Der Einmarsch der alliierten Truppe wurde durch Tötung des Eisenbahners Nagel wohl um keine Minute verzögert. Es war aber ganz bezeichnend für die letzten Stunden der NS-Herrschaft in Coesfeld, dass einer der rücksichtslosen NS-Funktionäre – mit dem Ende des NS-Regimes den eigenen Machtverlust vor Augen und seiner eigenen Zukunftshoffnungen entledigt – mit Gewalt die NS-Herrschaft zu verlängern suchte. Die absolute Macht, die der Kampfkommandant für sich beanspruchte, führte unter den NS-Bedingungen zum Terror gegen die eigene Bevölkerung.7 Karfreitag – Einmarsch und Befreiung Am Karfreitag, den 30. März 1945, war der Krieg in Coesfeld endgültig zu Ende. Während die Bevölkerung auf dem Lande Zuflucht gesucht hatte, näherten sich alliierte Verbände rasch und ohne 7 Zwar behauptete Droll, er habe den Getöteten vor dem Waffengebrauch gewarnt und sei ohnehin berechtigt gewesen, wegen „Befehlsverweigerung“ von der Schußwaffe Gebrauch zu machen. Jedoch kam die Strafkammer Münster zu einer anderen Bewertung des Geschehens und verurteilte Droll im Juli 1947 wegen „schuldhafter, vorsätzlicher Tötung eines harmlosen Bürgers“ zu 8 Jahren Zuchthaus.

größeren Widerstand von Westen der Stadt. Der 6. Britischen Luftlande-Division und den anderen mit ihr im 18. US Luftlande-Korps operierenden kanadischen und amerikanischen Truppenteilen stellte sich kein nennenswerter Widerstand entgegen. Einige der Hitlerjungen fielen beim aussichtslosen Versuch den Einmarsch am Großen Kreuzweg aufzuhalten.8 Weiße Fahnen signalisierten, dass endlich Schluss sein sollte. Am Donnerstagmittag trafen die ersten Panzerspitzen am Stadtrand ein. Bis zum Mittag des 30. März 1945 besetzten Panzer und Spähwagen die gesamte Stadt. Noch am gleichen Tag setzte die alliierte Militärregierung den bisherigen Bahnhofsvorsteher Karl Rumpel als vorläufigen Bürgermeister ein. Die Truppen planierten sofort die Durchfahrtswege und beseitigten Blindgänger, damit auch der weitere Vormarsch ungehindert seinen Weg finden konnte. Eine amerikanische Sanitätseinheit übernahm das in Kloster Gerleve9 vorhandene Luftwaffenlazarett und richtete sich dort ein. Kaplan Josef Wigger schildert seinen Augenzeugenbericht in der Pfarrchronik von St. Lamberti10 Die Besetzung Coesfelds durch die Allierten Während die Bevölkerung auf dem Lande Zuflucht fanden (sic!) näherten sich die englischamerikanischen Truppen aus dem bei Wesel-Rees gebildeten Brückkopf rasch und ohne größeren Widerstand Dorsten-Haltern-Dülmen … Über Groß-Reken und Stevede trafen am Gründonnerstag (29.III.) dann auch von Borken her die ersten Panzerspitzen bis Coesfeld vor. Vor der Stadt gab es noch etwas Widerstand bei Mey-Bülten, wo etwa 2 Kompanien, die aus Stockum dorthin zurück gezogen waren sich bis zum Karfreitag morgen verteidigten. Ein deutscher Soldat fiel, 4 Engländer sollen gefallen sein. Auch zwischen Loburg und Kreuzweg kam es zu Kämpfen. 2 deutsche Soldaten fielen dort und wurden auf dem Ehrenfriedhof an der Großen Kapelle begraben! Größere Kämpfe gab es an der Großen Kapelle (Arbeitsdienstlager) und vor allem westlich Holtwick, wo noch mehrere Höfe in Feuer aufgingen. Auf dem Brink brannten die Kotten Roters und Ebbing aus. Am Karfreitag wurde auch kurz der Hof Schulze Gaupel mit Artillerie von Coesfeld aus beschlossen, als die Panzerspähwagen dort am Hof eine kleine Soldatengruppe entdeckten, die den Widerstand bald aufgaben (sic!). Gegen 11/12 Uhr war das (sic!) gesammte Stadt und Kirchspiel von Panzern und Spähwagen durchzogen und besetzt. Überall erschienen die weißen Fahnen! Neuer Schaden für die Bewohner war nicht entstanden! 8 Vgl. Infotafel am „Weißen Kreuz“, Borkener Straße, seit 2010. 9 Die Mönche mußten auf Druck der Nazis 1941 ihr Kloster räumen. Vgl. http://www.abteigerleve.de/kloster/klostergeschichte/ (abgerufen am 15. März 2015): „Die Nationalsozialisten nutzten das Haus Ludgerirast für die Hitlerjugend. Schwangere Frauen aus dem vom Luftkrieg betroffenen Ruhrgebiet und aus Münster sollten sich im leerstehenden Kloster auf die Entbindung ihrer Kinder vorbereiten und gebären können. Damals wurden in Gerleve mehr als 800 Kinder geboren. Im Februar 1945 richtete die Wehrmacht im Kloster ein Lazarett ein, das die Amerikaner nach der Befreiung übernahmen. Aufgenommen wurden nun auch zwangsverschleppte Russen (Displaced Persons). Viele von ihnen starben und sind auf dem Klosterfriedhof begraben.“ 10 StA Coe, Chronik der St. Lamberti-Pfarrgemeinde zu Coesfeld 1940-1949, S. 210f..

An verschiedenen Stellen wurden Privatwohnungen am Stadtrand beschlagnahmt! Raubend und plündernd zogen viele Ausländer (Russen und Polen pp) durch die Gehöfte u. ausgebrannten Keller, um die wenigen noch unverbrannten Keller und einige leerstehende Häuser auszubeuten. Leider haben sich auch manche Einwohner an den Plünderungen beteiligt.

Zugang/Methoden: Erschließung von Grundinformationen Aufgaben: 1. Lesen Sie den Grundlagentext und klären Sie offene Fragen. 2. Analysieren Sie den Auszug aus der Pfarrchronik. 3. Vertiefend: Vergleichen Sie die Coesfelder Ereignisse mit den Nachbarorten. (Es bietet sich an, Referate zu verteilen. Vielleicht können Schülerinnen und Schüler aus ihren Heimatgemeinden berichten. Hinweise gibt es im Literaturverzeichnis.)

Baustein 2: Erinnerungen an die Unglückstage – eine Schülerin erinnert sich (1947)

Aufsatz der Schülerin G

(14 Jahre), vom 21. März 1947.

Stadtarchiv Coesfeld, Signatur: StadtA Coe Misc. 61,93 1 - 99

Zugang/Methoden: Auseinandersetzung mit einem Schüleraufsatz von 1947 Aufgaben: 1. Analysieren Sie die Quelle und beschreiben Sie, wie die Zivilbevölkerung das Ende des Krieges erlebte. 2. Erläuteren Sie, welche kurz- und langfristigen Folgen das Kriegserlebnis für das Mädchen und ihre Familie hatte. 3. Diskutieren Sie, warum die Beschäftigung mit diesem Thema in Deutschland viele Jahre tabuisiert war und wie man heute in Schule, Familie und Gesellschaft damit umgehen sollte. Zusatzinformationen: Wettbewerb der Schülerinnen und Schüler zu den letzten Kriegstagen in Coesfeld (1947) Der Heimatverein veranstaltete anlässlich des Stadtjubiläums 1947 einen Aufsatzwettbewerb, der sich vornehmlich an Schülerinnen und Schüler der Volksschulen in Coesfeld richtete. Gymnasiasten sind unter den Teilnehmern nicht nachweisbar. Die Prämiierung erfolgte im November des Jahres mit einem Bildpräsent, wohl einem Holzschnitt des Coesfelder Grafikers Heinrich Everz, der zeitgleich Vorsitzender des veranstaltenden Heimatvereins war. Organisatorisch wickelte der Leiter der Jakobivolksschule, Kern, den Wettbewerb ab. Die Schulen hatten die eingereichten Beiträge wohl vorab zensiert bzw. korrigiert, da Rechtschreibfehler und sprachliche Ungenauigkeiten, die eigentlich zu erwarten wären, nicht auftreten. Insgesamt haben sich 99 zwei bis vierseitige Beiträge erhalten; 15 wurden prämiert, 21 weitere sollten darüber hinaus ursprünglich aufbewahrt werden. Von den prämiierten Beiträgen haben acht Mädchen und sieben Jungen den Preis erhalten.

Baustein 3: Die Besetzung – Generalfeldmarschall Montgomery in Coesfeld

Britischer Militärfotograf. Generalfeldmarschall Montgomery im zerstörten Coesfeld, 30. März 1945. Quelle: Stadtarchiv Coesfeld, Imperial War Museum London

Britischer Militärfotograf. Generalfeldmarschall Montgomery fährt durch das zerstörte Coesfeld, 30. März 1945. Silbergelantineabzug, 14 x 9 cm, Stadtarchiv Coesfeld, Sig. 4388 neg. 70/6/1, Prov.: London, Imperial War Museum; Coesfeld, Sammlung Bernd Borgert.

Zugang/Methoden: •

Bildinterpretation



Verfassen eines Zeitungsartikels / eines Flugblatts



zur Vertiefung: Fotoprojekt

Aufgaben: 1. Interpretieren Sie das Bild und verfassen Sie eine Schlagzeile zu jedem Foto (ruhig in deutscher und englischer Sprache). 2. Verfassen Sie einen Artikel für eine englische Zeitung (auf deutsch). Alternative: Entwerfen Sie ein Propaganda-Flugblatt, das die Alliierten über den noch nicht besetzten Gebieten des Deutschen Reiches abwerfen wollen. 3. Zur Vertiefung: Durchführen eines Fotoprojektes. Gehen Sie in die Innenstadt und suchen den ungefähren Standort des Fotografen, im Hintergrund sollte der Turm der LambertiKirche zu sehen sein. Überlegen Sie sich eine „Inszenierung“ für heute. Halten Sie diese fotografisch fest und kontrastieren Sie sie mit der „ikonischen“ Vorlage (Anregungen: 70 Jahre Frieden / geeintes Europa / vergessene Geschichte).

Zusatzinformationen: Generalfeldmarschall Montgomery in Coesfeld – ein Bild geht um die Welt Bernhard Law Montgomery (1887-1976) war der populärste britische Heerführer des Zweiten Weltkrieges. Er besiegte nicht nur den „Wüstenfuchs“ Erwin Rommel in der Schlacht von El Alamein, sondern er war entscheidend an der alliierten Landung in der Normandie (D-Day) und der Besetzung Nazi-Deutschlands beteiligt.11 Montgomery trug das Oberkommando über die britischen und amerikansichen Invasionstruppen, die am 23. und 24. März 1945 bei Wesel den Rhein überquerten und von dort aus in wenigen Wochen ganz Nord-Westfalen besetzten. Das Vordringen der Alliierten und ihrer Heerführer ist fotografisch sehr gut dokumentiert. 12 Schon im Zweiten Weltkrieg zählte nicht nur militärische Gewinn auf dem Schlachtfeld, es galt auch den Krieg der Bilder zu gewinnen. So dienten diese Aufnahmen der politischen Propaganda: „Feldmarschall Bernard Montgomery, verantwortlich für die 21. Armeegruppe in der zweiten Britischen Armee, machte sich am 30. März persönlich ein Bild vom Vormarsch und inspizierte im Kübelwagen das Ergebnis des Bombenkrieges. Die mitreisenden britischen Presseoffiziere photographierten seine Lagebesprechung auf dem zerstörten Marktplatz und versorgten mit diesem Material die englischsprachige Presse in der gesamten Welt.“13 Sofort mit Beendigung der Kampfhandlungen, begannen die Alliierten damit, die Durchfahrtswege zu planieren, Brücken notdürftig zu reparieren und Blindgänger zu beseitigen. Der weitere Vormarsch durfte nicht stecken bleiben. Zudem übernahm eine amerikanische Sanitätseinheit das im Kloster Gerleve angelegte Lazarett.

11 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Bernard_Montgomery (abgerufen am 11. Januar 2015). 12 Vgl. allein hierzu die Fotos mit Kampfpanzern unter: http://www.iwm.org.uk/collections/search?query=Coesfeld (abgerufen am 11. Januar 2015). 13 Damberg, S. 2281.

Baustein 4: Trümmerfotografie – nur Dokumentation der Kriegsfolgen?

Trümmerhaufen auf dem Marktplatz mit Blick auf die St. Lamberti-Kirche. Anton Walterbusch (1945), Stadtarchiv Coesfeld. Zugang/Methoden: Bildinterpretation / Diskussion Aufgaben: 1. Betrachten Sie das Foto nur kurz und notieren sich ihren ersten (gefühlmäßigen) Eindruck. (Alternative: Am rechten Bildrand sieht man zwei Menschen. Lassen Sie mit ihrem Partner diese Personen zu „Wort kommen“.) 2. Lesen Sie die Zusatzinformationen und fassen Sie zusammen, in welchem Kontext dieses Foto entstand. 3. Setzen Sie sich im Plenum unter Berücksichtigung ihrer ersten Eindrücken mit der These „Fotos sind mehr als ein Abbild der Realität“ auseinander.

Zusatzinformationen: Anton Walterbusch: Coesfelder Fotograph der NS-Zeit und der Trümmerfotografie „Anton Walterbusch (1899-1971) war ein sehr stark formalästhetisch arbeitender Fotograf. Seine Ausbildung erhielt Walterbusch im Atelier des münsterschen Fotopioniers Friedrich Hundt, das der zuvor in Coesfeld ansässige Fotograf Roth unter altem Namen weiterführte. Auch für Walterbusch ist nachweisbar, dass er behördlicherseits damit beauftragt war, den Abtransport der Juden aus seiner Heimatstadt zu dokumentieren. Der Nachweis nationalsozialistischer Gesinnung ist damit noch nicht erbracht, doch stellt sich letztendlich für viele der lokalen Fotografen die Frage der Mitwisserschaft und in Konsequenz auch die der Mitschuld.“14 Wie schon im Laufe des Krieges, fotografierte Walterbusch schon kurz nach dem Einmarsch – auch im offiziellen Auftrag der Stadt – die Trümmerlandschaft. Diese Fotos waren wichtig für den Wiederaufbauplan, den die Stadt schon im Mai 1945 in Auftrag gegeben hatte.15 Walterbusch hat seine systematische Trümmerdokumentation vermutlich im Auftrag des Planungsbüros Wolters durchgeführt, denn es gibt andere Fotos aus seinem Bestand, die weniger ästhetisierend sind. Norbert DAMBERG stellt die These auf: Walterbusch sollte mit seinen Fotos die weitgehenden Umgestaltungspläne des Planungsbüros Wolters und Partner argumentativ unterstützen (Straßenverbreiterung, neue Fluchtlinien, Hinterlandzuwegung [die sogenannten Hofwege]; Traufenständigkeit anstatt Giebelständigkeit; Neuparzellierung ganzer Stadtviertel). Der Zerstörungsgrad sollte so weitgehende Neubaupläne zulassen. Trümmerfotografie: die ästhetisierende Sicht auf die Folgen des Krieges „Der quantitativ weitaus größte Teil der Aufnahmen, die Eingang in westfälische Kommunalarchive gefunden haben, lässt sich der Trümmerfotografie zurechnen. (...) Wenn es anfänglich noch die Faszination der Zerstörung und die Aura des Verbotenen, die dazu reizten, die Auswirkungen der Bomben im Bild festzuhalten, so trat am Ende des Krieges die Schadensbilanzierung hinzu, der Hinweis auf das erlittene eigene Unrecht. Zerstörte historische Bauten schienen dabei besonders geeignet, den erlittenen Schaden anzuklagen und die letztendlich von den Deutschen selbst verursachte Katastrophe bildmäßig inszeniert zu überhöhen.“16 Ruth GOEBEL und Markus KÖSTER haben herausgestellt, dass Walterbusch sich an den „Mustern der klassischen Ruinenmalerei“17 orientiert. Sie liefern hierfür auch eine Erklärung: „Diese 14 GOEBEL, Ruth: 1945 – Die fotografische Überlieferung in den westfälischen Archiven, in: DIES.; KÖSTER, Markus: 1945. Fotografien aus Westfalen (Westfalen im Bild 1), Münster 2005, S. 19-24, hier: S. 22. 15 Vgl. LAMMERS, Joseph: Zukunftsplanung und Krisenbewältigung. Stadtplanung und städtebauliche Entwicklung von 1900 bis um 1970, mit einem Ausblick ans Ende des Jahrhunderts, in: DAMBERG, Norbert (Hg.): Coesfeld 11971997. Beiträge zu 800 Jahren städtischer Geschichte, Bd. 3, Coesfeld 2004, S. 1811-2008, hier: S. 1840-1843. Eine Auswahl seiner umfangreichen Dokumentation: „Das Zerstörte Coesfeld 1945“, in: DAMBERG: Coesfeld 1197-1997, S. 1791-1809. 16 GOEBEL: 1945 – Die fotografische Überlieferung in den westfälischen Archiven, S. 19. 17 GOEBEL; KÖSTER: 1945, S. 56.

ästhetisierende Sicht auf die Folgen des Krieges ist für viele nach Kriegsende arbeitenden Fotografen charakteristisch. Sie schufen mit historisierenden Ruinenbildern eine Distanz, die den Krieg als etwas längst Vergangenes erscheinen ließ.“ Die Deutschen – auch Mitwisser und Mittäter – verdrängten so die Gräuel der NS-Zeit und stilisierten sich selbst als Opfer des Krieges. Eine Stadt in Trümmern – die Bilanz des Bombenkrieges Joseph LAMMERS fasst zusammen: „In der letzten Phase des Krieges versank Coesfeld unter den Bomben der alliierten Streitkräfte in Schutt und Asche. Die schreckliche Bilanz waren über 400 Tote und ein nie vollständig erfasster materieller Schaden. Von den 3.400 Wohnungen im Stadtgebiet existierten 1.920 nicht mehr, 710 waren schwer oder mittelschwer, 620 leicht beschädigt, nur 145 intakt. Rathaus und Jakobikirche waren total, das Krankenhaus nahezu völlig zerstört, die Jesuitenkirche und das Schloss schwer getroffen, ebenso die Schulen und andere öffentliche Gebäude. Neben wenigen Privathäusern ragten in der Innenstadt nur die wie durch ein Wunder relativ glimpflich davongekommene Lambertikirche, der Turm der Jesuitenkirche und die Silhouette des Schlosses aus den Trümmern hervor. Die Wälle und Umfluten waren ebenfalls schwer beschädigt, das Bett der Berkel nicht mehr vorhanden. (…) In den Außenbezirken hatte die Bombardierung nicht ganz so verheerende Folgen gehbat, doch waren nahezu alle Industriebetriebe zerstört oder so schwer beschädigt, dass an eine Produktion zunächst nicht zu denken war.“18 Durch die Kategorisierung der Schäden in die drei Stufen, haben die Bürger selber ein Interesse an einer möglichst weitgehenden Zerstörungseinstufung ihrer Häuser gehabt, weil sie dadurch öffentliche Hilfen erhalten konnten (z.B. schnellere Wiederaufbaugenehmigungen).

18 LAMMERS : Zukunftsplanung und Krisenbewältigung, S. 1830. In dem Aufsatz finden sich noch weitere Trümmerfotos und auf S. 1860 eine Aufnahme, die den Marktplatz um 1900 zeigt.

Baustein 5: Der Phönix – Auferstanden aus Ruinen

Phönix. Sgraffito von Richard Schreiber (Düsseldorf) im Treppenhaus des Rathauses (1955). Foto: Hendrik Lange (2014)

Zugang/Methoden: Bildinterpretation / Recherche zum Symbol „Phönix“

Aufgaben: 1. Beschreiben und analysieren Sie das Bild. 2. Recherieren Sie im Internet die mythologische/religiöse Bedeutung des Phönixs und erläutern dessen Verwendung in der populären Kultur (z.B. Harry Potter, Conchita Wurst). [Denkbar: Kurzreferate zu verschiedenen Aspekten.] 3. Lesen Sie die Zusatzinformationen. Diskutieren Sie das Verhältnis von Text und Bild unter der Fragestellung: „Wie verändert das Lesen des Textes die Sichtweise auf das Foto?“

Zusatzinformationen: Was bedeutet Sgraffito? „Der Begriff Sgraffito (Plural: Sgraffiti) ist vom italienischen Verb sgraffiare, deutsch kratzen, abgeleitet. Es handelt sich um eine Technik zur Bearbeitung von Wandflächen durch Auflage verschiedenfarbiger Putzschichten, die besonders im Italien und Böhmen des 16. Jahrhunderts benutzt wurde, aber bis in die heutige Zeit Verwendung findet. Sgraffito wird zu den Stucktechniken gezählt.“19 Richard Schreiber – ein „braun angesengter“ Kunstmaler Der Kunstmaler (1904 Hindenburg/Oberschlesien – 1963 Düsseldorf) ist heute aufgrund seiner NSVergangenheit vollständig in Vergessenheit geraten. Warum dies so ist, macht das „Rheinische Archiv für Künstlernachlässe“ auf seiner Homepage deutlich. 20 So war am 2009 im „Handelsblatt“ zu lesen, dass die Familie des Künstlers „so gut wie keine Dokumente verwahrt hat“, aber man jetzt im Nachlass des Malers und Dichers Valentin Talaga (1894-1941) Fotos von seinen Werken gefunden hat: „Es sind die einzigen Zeugnisse vom Frühwerk Schreibers, der Ausstellungen des Jungen Rheinlands mitbestritt und von dem Kunsthändler und Verleger Alfred Flechtheim gefördert wurde. Später wurde er aufgrund seiner Propagandamalerei für die Nazis zur Persona non grata. Sein Gesamtwerk geriet aus dem Blick.“21 Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtete schon im Sommer 1948 über die Skandale an der Kunstakademie Düsseldorf.22 Diese Hochschule war damals wie heute sehr bedeutsam, denn viele renommierte Künstler lehrten dort. Auch wenn sich der Artikel sowohl über ehemalige Nationalsozialisten als auch ausgewiesene Kommunisten lustig macht, so spricht er ziemlich klar vom „bräunlich angesengten Schreiber“. Nicht nur Studenten wollten ihn loswerden, sondern auch sein bekannter Kollege Otto Pankok, dessen Werke in der NS-Zeit als „entartet“ galten: „Professor Pankok aber, der Schreiber-Opponent, verübelt Schreiber weniger seine 39er Parteigenossenschaft (sein Vater habe ihn damals in der Partei angemeldet, sagt Schreiber), er verurteilt den MatisseSchüler, weil er gegen seine innere Ueberzeugung den Stil aufgab und à la München malte. Schreibers Bilder bezeichnet Pankok als ´akademische Schinken`.“23 Der Bericht führt weiter aus, dass Schreiber im Zweiten Weltkrieg für die U-Boot-Waffe als

19 http://de.wikipedia.org/wiki/Sgraffito (abgerufen am 10. Januar 2015). 20 FRICKE, Christiane: Rekonstruktion von Erinnerung. An vielen Orten in Deutschland werden Sammlungen von Künstlernachlässen aufgebaut, Handelsblatt 9./10./11. Oktober 2009, online: http://www.rakbonn.de/text/presse/bericht10.htm (abgerufen am 10. Januar 2015). 21 Ebd. 22 Akademische Schinken. Rheinischer U-Boot-Krieg, in: Der Spiegel, 17. Juli 1948, S. 6f.. Der vollstänige Artikel findet sich unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44417748.html. Eine PDF-Datei der Originalausgabe gibt es auch: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/44417748 (beide abgerufen am 10. Januar 2015). 23 Ebd.

Kriegsmaler in Frankreich tätig war.24 Er beruft sich zwar darauf, nur auf Befehl gemalt zu haben, doch gefielen seine Bilder den Nazis so gut, dass sie sein Werk „Gegen Engeland“ 1942 im Münchener „Haus der Kunst“ ausstellten. Ganz klar: Schreiber ging nicht – wie Pankok – in die innere Emigration, sondern er unterstützte die NS-Propaganda. Auch wenn er nicht von der NSIdeologie überzeugt gewesen sein sollte, so sicherte er sich durch seine Zusammenarbeit persönliche Vorteile. Sieben Jahre nach dem Spiegelartikel erteilte ihm die Stadt Coesfeld am 27. Mai 1955 den Auftrag zum Phönix. Der damalige Baurat Gertz, der auch braune Flecken auf seiner Weste hatte 25, und der Architekt des Rathauses, stammten beide wie Schreiber aus Gladbeck. Mit großer Wahrscheinlichkeit kann man annehmen, dass die beiden von der Vergangenheit Schreibers wußten, aber die weitverbreitete Einstellung teilten, dass die Vergangenheit ruhen sollte und nun etwas Neues entstand. Als günstig erachtete man damals die Kosten von 1.400,-- DM und das Bild war zur Rathauseröffnung am 8. Juli 1955 fertiggestellt.26 Beobachtungen zum Foto Die Uhr gehört nicht zum Kunstwerk. Man erkennt das Walkenbrückentor (links) und die Jesuitenkirche (heute ev. Kirche am Markt), ein Vergleich mit den Trümmerfotos dieser Gebäude bietet sich an.

24 Neben ihm gab es nur noch Lothar Günther Bucheim, der nach dem Krieg als Autor beim Suhrkamp-Verlag arbeitete und die Buchvorlage für den Film „Das Boot“ schrieb. 25 DAMBERG, Norbert: Gemeinwohl als demokratische Verpflichtung. Politik und Verwaltung zwischen 1945-1990, in: DERS. (Hg.): Coesfeld 1197-1997, Bd. 3, Coesfeld 2004, S. 2277-2426, hier: S. 2308f. 26 Vgl. Allgemeine Zeitung Coesfeld (AZ), 19. September 1958.