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„Ref or mat i onal sUmbr uch“und„Konf essi onal i si er ung“ Zwei Paradigmen zur Kirchengeschichtsschreibung des 16./17. Jahrhunderts –ein Literaturbe...

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„Ref or mat i onal sUmbr uch“und„Konf essi onal i si er ung“ Zwei Paradigmen zur Kirchengeschichtsschreibung des 16./17. Jahrhunderts –ein Literaturbericht Werner Klän Der Beitrag von Professor Dr. Werner Klän wurde veröffentlicht in: Lutherische Theologische Hochschule Oberursel 1948 –1998. Festschrift zum 50jährigen Jubiläum (= Oberurseler Hefte. Ergänzungsband 3), Oberursel 1998, Seiten 160-187.

Die Anfänge der Reformationsgeschichte sind seit je gründlicher Aufmerksamkeit der kirchlich, aber auch historisch Interessierten sicher gewesen; dies galt lange Zeit weniger für die Zeit zwischen dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 und dem Westfälischen Frieden von 1648. Inzwischen haben drei voluminöse Tagungsbände für diesen letzten Zeitraum methodisch weiterführende Einsichten erbracht und inhaltlich wesentliche Lücken geschlossen1. In einer umsichtigen Sammelrezension hat ThomasKauf mann di e Lei st ungen desPar adi gmas„ Konf essi onal i si er ung“gewürdigt2.Erhatdar aufauf mer ksam gemacht ,daß „ di eKonf essi onal i si er ungsdebat t e“ derKi r chengeschi cht swi ssenschaf tden „ Anst oß“geben könnt e,„ For schungen z u fördern, die den Zusammenhang zwischen der ersten und der zweiten Hälfte des 16. 3 Jahr hunder t sber ücksi cht i gen“ . Diese Aufgabenstellung löst der jüngste in der Reihe derTagungsber i cht eüber„ Di ef r üheRef or mat i oni nDeut schl andal sUmbr uch“noch nicht ein4; hier wird freilich nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten im Umfeld der beginnenden Reformation gefragt, nach Verbindungslinien ins späte Mittelalter, nach Transformationen herkömmlicher Einstellungen, nach Brüchen in der Entwicklung. Sof r agtHei nzSchi l l i ngdanach,obRef or mat i onal s„ Umbr uchoderGi pf el punktei5 nesTempsdesRéf or mes“z usehensei. Tatsächlich ist festzustellen, daß in der 6 jüngeren Histori ogr aphi edi e„ Ref or mat i onabhandengekommen“ zu sein scheint, da si e,z . T.auchf or schungsgeschi cht l i ch bedi ngt ,„ z wi schen‚ gest al t et erVer di cht ung’ des späten Mittelalters und eigentlicher frühneuzeitlicher Formierung im Zeichen des 7 Konfessionalismus sei tdem ausgehenden16.Jahr hunder t “ steht. Angesichts des Sachv er hal t s,daß ei ner sei t s ei ne z umalaufDeut schl and z ugespi t z t e„ Umbr uchTheor i e“„ dengesamt eur opäi schenPr oz eßki r chl i ch-religiöser Erneuerung und deren Verkoppelung mit dem gesellschaftlichen und politischen Wandel unsachgemäß zert r ennt “unddi eni cht - oder gegenreformatorischen Kräfte automatisch ins historische 1

Schilling, Heinz (Hg.): Die reformierte Konfessionalisierung in Deutschland –DasPr obl em der„ Zweiten Ref or mat i on“ .Wi ssenschaf t l i ches Sy mposi on des Ver ei ns f ürRef or mat i onsgeschi cht e( SVRG 195), Gütersloh 1986; Rublack, Hans-Christoph (Hg.): Die lutherische Konfessionalisierung in Deutschland. Wissenschaftliches Symposion des Vereins für Reformationsgeschichte (SVRG 197), Gütersloh 1992; Reinhard, Wolfgang/Schilling, Heinz (Hg.): Die katholische Konfessionalisierung. Wissenschaftliches Symposion der Gesellschaft zur Herausgabe des Corpus Catholicorum und des Vereins für Reformationsgeschichte (SVRG 198), Gütersloh 1995. 2 Kaufmann, Thomas: Die Konfessionalisierung von Kirche und Gesellschaft. Sammelbericht über eine Forschungsdebatte (Teil 1), ThLZ 121 (1996), Nr. 11, Sp. 1008-1025, und (Teil 2) Nr. 12, Sp. 11121121. 3 Ebd., Sp. 1121. 4 Moeller, Bernd (Hg.): Die frühe Reformation in Deutschland als Umbruch. Wissenschaftliches Symposion des Vereins für Reformationsgeschichte (SVRG 199), Gütersloh 1998. 5 Schilling, Heinz: Reformation –Umbruch oder Gipfelpunkt eines Temps des Réformes?, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 13-34. 6 Ebd., S. 13. 7 Ebd., S. 24.

2 Absei t sst el l t ,ander er sei t sei neLangz ei t per spekt i v eGef ahrl äuf t ,„ di eLei st ungLuthers und der anderen Reformatoren zwangsläufig“z uni v el l i er en8, ist es Schilling dar um z ut un,bei dePer spekt i v eni nder„ not wendi genVer bi ndungv onLangz ei t per9 spekt i v eundDur chbr uchchar akt erderRef or mat i on“ zu integrieren und so die Ref or mat i oni nei ner„ bedeut ungsgeschi cht l i chenPer spekt i v e“neuzu gewinnen10. Anhand desBez ugesv on„ Ref or mat i on und Fr ei hei t “unt er suchtPet erBl i ckl e di e Fr age,i nwi ef er ndi eRededav onz ul ässi gi st ,daßdi el ut her i scheRef or mat i on„ di e 11 Fr ei hei tbef ör der t “habe . Er geht von der These aus, daß zu Beginn der Reformat i onz weiunt er schi edl i cheFr ei hei t s begr i f f ei nUml aufgewesensei en:„ ei nt heol ogischerundei nl ai kal er “ ,derei nei nLut her sFassungder„ chr i st l i chenFr ei hei t “ ,der 12 ander ei npol i t i scherDi mensi onei ner„ per sonal enFr ei hei t “ . Ausgehend von einer Analyse der Leibeigenschaft erhebt er, daß von den Laien mit dem Freiheitsbegriff „ auchFr ei z ügi gkei t ,Ehef r ei hei tundEr br echtderKi nderei ngekl agt “wur den13. Zudem er hobensi eAnspr uchaufi hr en„ Ant ei landerDef i ni t i ondesGeset z es“i nsei ner 14 zweckrationalen Ausgestaltung . Die Laien, so schließt Blickle, verknüpften die erlösungstheologische Dimension des Freiheitsbegriffs mit einer schöpfungstheologischen im Bezug auf die Rechtsordnung und einer ekklesiologischen im Horizont der Nächstenliebe, die zusammen in politischer Ordnung zur Gestaltung drängten, allerdings in Deutschland nicht zur Ausgestaltung gelangten15. Nach der nationalen Dimension des Auftretens Luthers und der frühen Reformation fragt Georg Schmidt16. Tatsächlich kann er zeigen, daß Luther und die von ihm wesentlich beeinflußten reformatorischen Aufbrüche zeitgenössisch in nationaler Perspektive gesehen wurden, die freilich nicht zu verwechseln sind mit den nationalistischen Legitimationsstrategien der Geschichtsschreibung vor allem des 19. Jahrhunderts17. Doch kamen humanistische Traditionslinien, die zur nationalen Bewußtwerdung beitrugen18,außer dem „ nat i onal eSt i mmungen“ ,wi esi eaufdem Augsbur ger Rei chst ag 1518 dur ch di e neuer l i che Gel t endmachung der„ Gr av ami na derdeutschen Nation gegen denSt uhlz uRom“z um Ausdr uckkamen,unddi eBemühungen um die Behauptung des Reichs als eigenständiger Größe, die die Kurfürsten in der Wahl kapi t ul at i onKar l sV.al sBegr enz ungder„ kai ser l i chenRegi er ungsgewal t “dur chsetzen konnten19, und schließlich die Ausgrenzung Luthers aus der Papstkirche durch die Bannandrohungsbulle vom 15. 6. 1520 zu einer neuen Bündelung so zusammen, daß Luther seine in erster Linie kirchlichen Reformanliegen seit der Adelsschrift mit den nationalen Gravamina verband und so zum Sprecher der deutschen Nation wurde20. So erklärt sich der seinerzeit unerhörte Vorgang, daß der vom Papst gebannte Reformator nicht alsbald in die Acht getan wurde, sondern als Gebannter 8

Ebd., S. 27. Ebd., S. 28. 10 Ebd., S. 31. 11 Blickle, Peter: Reformation und Freiheit, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 35-53, hier S. 37. 12 Ebd., S. 38-43. 13 Ebd., S. 44. 14 Ebd., S. 51. 15 Ebd., S. 51f. 16 Schmidt, Georg: Luther und die frühe Reformation –ein nationales Ereignis?, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 54-75. 17 Ebd., S. 54-56. 18 Ebd., S. 62. 19 Ebd., S. 64f. 20 Ebd., S. 68, unter Berufung auf Martin Brecht. 9

3 auf dem Reichstag zu Worms 1521 auftreten konnte. Freilich löste die Verweigerung des Widerrufs durch Luther den Zusammenhang seines Falls mit den politischen Reformanliegen der deutschen Stände; dies hinderte jedoch nicht, daß er –trotz oder wegen der inzwischen verhängten Acht –in der Sicht der meisten seiner Zeitgenos21 sen al s„ Kämpf ergegenRom undf ürei nst ar kesDeut schl and“ erschien, so daß er „ kur z f r i st i gz urnat i onal enSy mbol gest al t “wur de22. Zugleich ist jedoch festzuhalten, daßdi et heol ogi schenI nt ent i onenLut her sv onden„ ei nf l ußr ei chst enMi t st r ei t er n“i n dieser Phase nicht zur Kenntnis genommen wurden23. Ei nenganzander enZugangwähl tBer ndMoel l er ,wennerdi e„ f r üheRef or mat i oni n 24 Deut schl andal sneuesMöncht um“deut et . Dieser angesichts der Tatsache, daß die reformatorischen Kirchen mit dem überkommenen Mönchtum gebrochen haben, überraschende Zugriff erweist sich jedoch als durchaus erhellend, kann Moeller doch z ei gen,wi eaufdem Hi nt er gr undei nerl änger enRef or mbewegung„ dasMöncht um am Ende des Mittelalters zumindest in Deutschland zu den anerkannten kirchlichen 25 I nst i t ut i onengehör t e“ . Überdies weist er darauf hin, daß Luther, obwohl dieser spät est ens1521mi t„ dert heol ogi schenTheor i eundderr el i gi ösenEv i denzdesMönc hsst andes“gebr ochenunddi esenBr uchmi tdem Abl egendesMönchsgewandesund schließlich seiner Heirat mit Katharina von Bora öffentlich gemacht hatte26, eigentlich er stv er häl t ni smäßi g spätsei ne „ r adi kal e Posi t i on“gegenüberdem Möncht um erreicht habe. Die Folgen waren erheblich: In den reformatorischen Territorien brach bald und mit zunehmender Beschleunigung das Klosterwesen zusammen. Doch gerade aus diesem Zusammenbruch wuchsen der Reformation tragende Schichten, nicht selten Protagonisten der neuen Bewegung zu27, die nicht zuletzt nach Moeller Ausdruck in der Konzeptualisierung der Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden „ unddaheral sGemei nde“f and28, in der trotz aller Absage an die Flucht aus der Welt der„ Er nst “mönchi scherDasei nsf or m Auf nahmef and29. Daß von der Reformation Einflüsse auf Reformbewegungen innerhalb des italienischen Mönchtums ausgingen, kann Klaus Ganzer belegen30. So ist reformatorisches Gedankengut, wie die Rettung des Menschen durch die Gnade und Christus, wenn auch verklausuliert, bei dem mehrfachen Generaldefinitor des jungen Kapuzinerordens, Bernadino Ochino, der schließlich ganz ins reformatorische Lager wechselte, nachzuweisen31. Auch der heftige Kampf des Gründers des Theatiner-Ordens, Gian Pietro Carafa, gegen alle der lutherischen Häresie Verdächtigen, den er trotz anfänglicher Reformwilligkeit ab 1542 als Großinquisitor und erst recht in seinem Pontifikat 1555-1559 wirkungsvoll durchzusetzen vermochte, spricht für eine weite Verbreitung kirchenreformerischen Gedankenguts32. Überdies läßt sich erweisen, daß auf die „ Fr agenachdem per sönl i chenHei l swegdesMenschen“sel bsti nI t al i enAnt wor t en 21

Ebd., S. 72. Ebd., S. 75. 23 Ebd. 24 Moeller, Bernd: Die frühe Reformation in Deutschland als neues Mönchtum, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 76-91. 25 Ebd., S. 78. 26 Ebd., S. 80. 27 Ebd., S. 86-88. 28 Ebd., S. 89. 29 Ebd., S. 91. 30 Ganzer, Klaus: Einflüsse der Reformation auf Reformbewegungen innerhalb des italienischen Mönchtums, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 92-102. 31 Ebd., S. 94-99. 32 Ebd., S. 99f. 22

4 Gehör fanden, die sich eng mit Luthers Antwort berührten33, so bei dem späteren tridentinischen Konzilsvater Gasparo Contarini. Vom Gl aubenal s„ Zent r al begr i f fdeschr i st l i chenLebens“beiLut herhandel tderBei34 trag Berndt Hamms . Er erklärt die –aus der Perspektive des Mittelalters –„ f r appi e35 r ende( n)Gewi cht sv er l ager ungaufdi eSei t edesGl aubens“ mi tei ner„ Er f ahr ungder Unwahr hei t “ ,derdi emi t t el al t er l i chgef ül l t enBegr i f f edesgei st l i chenLebensi nder Anfechtungssituation des Mönches Martin Luther unterlagen36,wardoch„ Gl aube“ z uv or„ derunt er st eGr adi m st uf enwei sez um Par adi esempor st ei gendenLebendes 37 Chr i st en“ , der gänzlich überboten wurde von Rang und Bedeutung der Liebe, erst recht in deren Verbindung mit Demut und Hoffnung. Auf Dauer aber vermochte sel bstder„ dur ch di e Li ebe gef or mt e“Gl aube dasAusei nander t r et en der„ bei den AussageebenendesChr i st sei ns“ni chtwi r kl i chz uv er hi nder n38. Luther nun vollzieht einen Perspektivenwechsel, indem er herausarbeitet, daß alles darauf ankomme, „ wi eGot tmi chbeur t ei l tundwi ei chmi chsel bstv orGot tbeur t ei l e“ ;aufdi eserr el at i onalen Ebene –nach Hamm bereits in der Psalmenvorlesung von 1513-1515 –erhält der Glaube nun sein volles theologisches Gewicht, da er sich nunmehr völlig auf das biblische Gotteswort bezieht39.Di esesi staber„ al sGer i cht s- undHei l swor t “v er anker t in Gottes Treue, mit der er den Sünder aus Erbarmen begnadigt40. Dabei wird der Gl aube „ z um chr i st oz ent r i schen Bez i ehungsbegr i f f der Ant ei l habe an Chr i stus schl echt hi n“ ;Demut ,Hof f nungundLi ebewer dendem neugef aßt enGl aubensbegr i f f 41 anv er wandel t ,dernundi e„ sot er i ol ogi scheZent r al st el l ung“ei nni mmt . Die Transformation des Glaubensbegriffs durch Luther läßt also erkennen, wie in der Reformation Bruch und Neueinsatz, aber auch Fortführung und Weiterentwicklung von Überkommenem zueinandergehören. Von einem ähnlichen Transformationsvorgang bei Luther, freilich anhand des Begriffs der Gottesliebe, berichtet Reinhard Schwarz42. Es gehört zu den Grundeinsicht eni ndi eTheol ogi eLut her s,daßbeidi esem sei t1520„ Gl aubeundLi ebe“St r ukt urelemente seiner Sicht des Christseins sind; diese Zuordnung hat unmittelbare Auswirkung auf die sozialen Ordnungen in reformatorischen Territorien gehabt43. Ausge44 hendv on„ Augustins Rangordnung von Gottes-, Selbst- undNächst enl i ebe“ und 45 ihrer mittelalterlichen Rezeption , stellt Schwarz fest, daß nach mittelalterlicher Anschauungnochi nderBef ol gungderGebot eki r chl i cherFr ömmi gkei tder„ Wi l l ensakt derGot t es l i ebe“dokumentiert werde46. In einer vergleichenden Analyse des Trakt akt s„ Despi r i t ual i busascensi oni bus“desGer har dZer bol tv onZüt phenunddesFr ei33

Ebd., S. 101. Hamm, Berndt: Warum wurde für Luther der Glaube zum Zentralbegriff des christlichen Lebens, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), 103-127. 35 Ebd., S. 103. 36 Ebd., S. 115. 37 Ebd., S. 107. 38 Ebd., S. 112. 39 Ebd., S. 116f. 40 Ebd., S. 119-121. 41 Ebd., S. 122f. 42 Schwarz, Reinhard: Die Umformung des religiösen Prinzips der Gottesliebe in der frühen Reformat i on.Ei nBei t r agz um Ver st ändni sv onLut her sSchr i f t„ VonderFr ei hei tei nesChr i st enmenschen“ ,i n: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 128-148. 43 Ebd., S. 129f. 44 Ebd., S. 130-132. 45 Ebd., S. 132-141. 46 Ebd., S. 141. 34

5 Freiheitstraktats Luthers von 1520 erhebt er eine auffällige Strukturanalogie47, die die Grunddifferenz zwischen der mittelalterlichen Verpflichtung auf den ordo caritatis und dessen Neubestimmung in der Theologie Luthers um so klarer hervortreten läßt. DennSchwar zbest ät i gtMoel l eri nsof er n,al serf est st el l t ,daß„ derGl aubebeiLut her ei neneueFunkt i on“gewi nnt :„ Erwi r d zum tragenden Prinzip der Religiosität (...), zu einem affektiv bestimmten Gottvertrauen, das durch den Christusglauben vermittelt 48 undgepr ägtwi r d“ . Der so gefaßte Glaubensbegriff schließt Gottvertrauen und Gottesliebe ein49. Auch Schwarz plädiert in diesem Zusammenhang für die Annahme eines Miteinander von Kontinuität und Bruch in der Entwicklung der Reformation; 50 dochl i egtderAkz entaufdem „ Umbr uchi m Pr i nz i pderchr i st l i chenRel i gi osi t ät “ . Kurt-Viktor Selge unterstützt die referierten Ergebnisse mit seinem Beitrag, indem er exemplarisch aufweist, wie Luther in seiner frühen Theologie mittelalterliche Traditionsbezüge, vor allem aus den Bereichen des Kirchenrechts und der Bibelauslegung, verwandt und verarbeitet hat51. So finden sich Momente spätmittelalterlicher Kirchenkritik und in seiner Schriftauslegung hermeneutische Grundentscheidungen, di e ni chterer stent wi ckel that ,sonder n di e si ch aufei n„ ur al t es,al t ki r chl i chmi t t el al t er l i chesAusl egungspr i nz i p“–näml i chdi e„ Her meneut i kAugust i ns“–zurückführen lassen, nicht zuletzt in der Betonung der Schrifttheologie in christologischer Konzentration52. Einer anderen Bezugsgröße wendet sich die Untersuchung Gustav Adolf Benraths überdi e„ sogenannt enVor r ef or mat or eni ni hr erBedeut ungf ürdi ef r üheReformation“ zu53.Beial l erEi nschr änkungdesBegr i f f s,derj aei neposi t i onel l„ r ef or mat or ische“ Perspektive nach rückwärts einschließt, und des Stellenwertes dieser Theologen54 kommt Benrath doch zu dem Ergebnis, daß sie nicht zuletzt von Luther als Bestätigung der neuentdeckten evangelischen Lehre verstanden und herangezogen wurden, daß die Gegner Luthers im Abendmahlsstreit sich gern auf deren spiritualistische Abendmahlsauffassung beriefen, daß in der Legitimationsstrategie des reformatorischen Lagers di e„ Vor r ef or mat or en“Best andt ei lei nerZeugent heor i ewur den,di e ei ner sei t sal sGegenst ück,wennauchger i nger enGewi cht s,z uei ner„ Ver f al l st heor i e“ der Christentumsgeschichte, andererseits, wenn auch in nachgeordnetem Rang, als Ergänzung des Schriftprinzips fungierte55. Ein ganzer Block des Berichtsbandes behandelt Flugschriften der Reformation unter verschiedenen Gesichtspunkten. So zeigt Stephen E. Buckwalter, daß eine der auffälligsten Reformen in der Reformation, die Einführung der Priesterehe, durchaus auf Kritik am Zölibat der Priester oder, wo dieser mit Hilfe des Konkubinats umgangen wurde, auf Kritik an der Unsittlichkeit

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Ebd., S. 142f. Ebd., S. 144. 49 Ebd., S. 147. 50 Ebd., S. 148. 51 Selge, Kurt-Viktor: Mittelalterliche Traditionsbezüge in Luthers früher Theologie, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 149-156. 52 Ebd., S. 153, 156. 53 Benrath, Gustav Adolf: Die sogenannten Vorreformatoren in ihrer Bedeutung für die frühe Reformation, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 157-166. 54 Ebd., S. 157f. 55 Ebd., S. 165f. 48

6 solcher Zustände zurückgreifen konnte56. So konnte die Pfarrerehe als unerhörte Neuerung empfunden werden57, andererseits Bestandteil einer Einforderung der Vorbildfunktion des Pfarrers sein58. Auch die Umwandlung eines Konkubinats in eine Ehe konnte in der Frühzeit der Reformation wegen des offenkundigen Bekenntnisses zur evangelischen Sache durchaus Kritik auslösen59, und schließlich hatte der bewußte Schritt in die Ehe bei solchen Priestern, die nicht im Konkubinat gelebt hatten, durchaus demonstrative, wenn nicht gar provokative Funktion60.Mi tder„ Begr ündung ei nerneuenkl er i kal enLebensf or m“i stdi ePf ar r er ehesomi tal sI ndi zf ür den Umbruchcharakter der Reformation anzusehen61. Leif Granes Skizze über Flugschriften des Jahres 152062 läßt erkennen, daß sich z. T. auch diffuse Reformbestrebungen an die mit Luthers Namen verbundene Bewegung anschließen konnten und nach Grane durch eben diesen Anschluß eine gewisse „ r ef or mat or i sche“Qual i t äter l angt en;ei ne sol che Wer t ung i st ,da z ugl ei ch i n Rechnunggest el l twer denmuß,daß der ar t i geBest r ebungen„ kei nVer st ändni sf ür 63 di eTheol ogi eLut her si m enger enSi nneent hül l en“ , nur plausibel, wenn sie wirkungsgeschichtlich, z. B. in ihrer antirömischen Ausrichtung, gelesen werden64. Hier ist jedoch daran zu erinnern, daß viele Parteigänger Luthers aus dem humanistischen Lager bald nicht mehr an der Seite des Reformators standen. Breit angelegt ist die Untersuchung von Thomas Kaufmann über anonyme Flugschriften der frühen Reformation65.Erkennz ei chnetsi eal sei n„ Massenphänomen, das mit der Ausbildung der sog. reformatorischen Öffentlichkeit in einem genuinen 66 Zusammenhangst eht “ . Die Anonymität verfolgt dabei schon seit Beginn dieser Art 67 Publ i z i st i kgez i el tden„ Anspr uchaufRepr äsent at i v i t ätundAl l gemei nhei t “ . Umgekehr tspi egel tei nev onal t gl äubi gerSei t eunt er nommene„ publ i z i st i sche( n)Gr oßoff ensi v e“ausderFederThomasMur ner si nSt r aßburg68 aber den geringen Erfolg dieses Unternehmens, der nicht zuletzt darin begründet war, daß Murner in der Volkssprache das Recht des Diskurses auf dieser Ebene bestritt69, sich als Vertreter des gei st l i chenSt andesz ugl ei chal sderder„ gemei ne( n)chr i st enhei t “undderbür ger l ichen Allgemeinheit begreift70, die er zumindest im reichsstädtischen Kontext längst nicht darstellte71. In der Polemik gegen Murner erscheint erstmals in dieser Literaturgattung der volkssprachliche Dialog, der dann für die weitere Flugschriftenliteratur 56

Buckwalter, Stephen E.: Konkubinat und Pfarrerehe in Flugschriften der frühen Reformation, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 167-180. 57 Ebd., S. 174. 58 Ebd., S. 175. 59 Ebd., S. 178f. 60 Ebd., S. 179f. 61 Ebd., S. 180. 62 Grane, Leif: Die Reform der Kirche in einigen Flugschriften des Jahres 1520, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 181-190. 63 Ebd., S. 182. 64 Ebd. ,S.188f ;di ev onGr aneer hobeneAkt i v i er ungv on„ l angegehegt enHof f nungenaufei neRef or m derKi r chedur chLut herunddasmi ti hm Geschehene“( ebd. ,S.190)r ei chtm.E.ni chthi n,di ese Ansätze berei t sal s„ r ef or mat or i sch“z ukennz ei chnen. 65 Kaufmann, Thomas: Anonyme Flugschriften der frühen Reformation, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 191-267. 66 Ebd., S. 182. 67 Ebd., S. 202; vgl. S. 207f. 68 Ebd., S. 208-230, bes. S. 208-221 (Zitat S. 210). 69 Ebd., S. 212. 70 Ebd., S. 215; vgl. S. 218. 71 Ebd., S. 220.

7 bestimmend wurde72. Andere Flugschriftenserien73 aus dem Jahr 1521 lassen erkennen, wie über das Anmahnen von Reformen hinaus nun zur Verteidigung der Sache Luthers und zum Angriff auf die altgläubigen Gegner fortgeschritten wurde74 und damit zugleich eine breite Öffentlichkeit für Luther gewonnen werden sollte75. Festzuhal t eni stal sEr gebni sauchi m Bl i ckaufdi eFl ugschr i f t enl i t er at urdi e„ Meinungsführerschaft von Klerikern, Theologen und ehemaligen Mönchen“ ,z ugl ei ch di e„ pr ogrammatische literarische Umsetzung des reformatorischen Priestertums aller Gläubigen“undt heol ogi sch-i nhal t l i ch„ di eSchrift als alleinige Autorität“sowi e„ di eTeilha76 be von Laien am Diskurs über die Wahrheit des Glaubens“ . Auch Kaufmann entdeckt also einen (kommunikat i onsgeschi cht l i chen)„ Umbr uchpr oz eß“i n derf r ühen Reformation77. In diesen Zusammenhang gehört auch die Fallstudie von Gottfried Seebaß über die Rezeption des kanonischen Rechts in der Flugschriftenliteratur der frühen Reformation78. Grundsätzlich geht er vom Umbruchcharakter der Reformation aus79. Unbestreitbar ist, daß Luthers Verbrennung des Kanonischen Rechts im Herbst 1520 den elementaren Bruch mit der mittelalterlichen Kirchenrechtstradition manifestierte, der si chdur chdi e„ Abl ehnungdespäpst l i chenPr i mat s“nochv er st är kt eundei neAbl ehnung des überkommenen Kirchenbegriffs einschloß80. Diese fundamentale Kritik am herkömmlichen Kirchenrecht wurde ergänzt durch den Aufweis seiner inneren Wider spr üchl i chkei tbz w.dur chden„ Wi der spr uchz wi schenr echtlicher Norm und kirch81 l i cherPr ax i s“ . Überdies aber waren die Reformatoren in der Lage, vom traditionellen Kirchenrecht apologetischen Gebrauch zu machen, wenn auch nicht immer linear ableitbar82. So schließt Seebaß in der Reformation auf eine Rezeption und gleichzeitige Verschärfung von humanistischen Ansätzen im Umgang mit dem kanonischen Recht83. Hilfreich für die Herstellung einer Bezugnahme von Theorien über die frühe Reformation in Deutschland als Umbruch zur Thematik der Konfessionalisierung in der zweiten Hälfte bzw. dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts ist wenigstens zu Teilen der Hinweis bei Seebaß, daß in einer von ihm zunächst angenommenen dritt enPhase„ dasKanoni scheRechtni chtmehrnurpol emi schabgewi esen,auchni cht apologetisch ins Feld geführt, sondern tatsächlich zum Auf- und Ausbau eines eigenen Kirchenrechtes oder sogar zu Erweiterungen des weltlichen Rechtes herangez ogenwi r d. “Ei nent ot al enBr uchmi tdem her kömml i chenKi r chenr echtni mmtSee84 baß somit nicht an . Ein weiterer Block befaßt sich mit der veränderten Frömmigkeits- und Gottesdienstpraxis in der frühen Reformation. 72

Ebd., S. 225-230. Kaufmann behandelt ebd., S. 231-251,schwer punkt mäßi gdi e„ 15Bundesgenossen“undebd. ,S. 251-265, einen anonymen Augsburger Flugschriftenzyklus. 74 Ebd., S. 250. 75 Ebd., S. 265. 76 Ebd., S. 266f.; Hervorhebungen von Kaufmann. 77 Ebd., S. 267. 78 Seebaß, Gottfried: Historie und Historisierung des Rechts im Dienste evangelischer Freiheit. Zu Kritik und Aufnahme des kanonischen Rechtes in den frühen Flugschriften der Reformationszeit, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 462-475. 79 Ebd., S. 462. 80 Ebd., S. 464f. 81 Ebd., S. 466-468. 82 Ebd., S. 468-472. 83 Ebd., S. 473. 84 Ebd., S. 474. 73

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Martin Brechts Studie über das Gebet bei Luther85 stellt, wie bereits andere Studien, di eVer bi ndungz um Möncht um her ,da„ dasgei st l i cheGebetal sst ändi geÜbung des Gl aubensnebenal l em ander nTunhergef or der t “wer de86. Das Gebet in eigener Not und das gottesdienstliche Gebet für die Christenheit und alle Menschen werden als Anliegen Luthers herausgestellt, wie denn beim späten Luther das Gebet zu den Kennzeichen der Kirche gehört87. Daß dabei das Vaterunser Leitbildfunktion hat, kann nicht überraschen88. Sein Betbüchlein ist denn auch eine seiner auflagenstärksten Veröffentlichungen gewesen89. So sehr Luther bemüht ist, Verheißung, Trost und Segen des Gebets, nicht zuletzt in den Katechismen, hervorzuheben, so sehr kennt er auch den Bußruf mit der Anweisung zum Gebet90. Daß Luther im Sinn einer „ Veri nner l i chung“desBet ensauf„ Ver ei nf achungundKür z e“Wer tgel egthat ,st el l t si chal s„ ei nhei t l i che( n)Konz ept i on“heraus91. So verbindet sich hier die Fortführung schlichter Gebetsfrömmigkeit mit einem theologischen Neuanfang. Anhand der Gottesdienstreform Luthers erörtert Dorothea Wendebourg die Frage nach Bruch und Kontinuität92. So gibt es nicht wenige Stimmen, die gerade Luthers Reform der Messe für einen verpaßten Bruch mit der Tradition halten93, andere, die den Verlust des eucharistischen Charakters der Deutschen Messe monieren94. Wendebour gst el l tnunher aus,wi esehrdi eEi nset z ungswor t edenChar akt erv on„ Verkündigung,Hei l sz usage“annehmen95, Lob und Dank im Ausbau mittelalterlicher Traditionslinien weiter zurücktreten, ohne doch in Fortfall zu kommen96, wie in der Betonung der Realpräsenz von Leib und Blut Christi mittelalterliches Erbe lebendig bleibt, ja durch die Abwehr des Meßopfergedankens eher noch deutlicher hervortritt97 undderEmpf angschar akt erderMessederGemei ndeei nenurschei nbar„ passi v e“ Rol l ez uwei st ,di ei nWahr hei t„ derGr undst r ukt urdesGl aubensv er häl t ni ssesz uGot t 98 über haupt “ent spr eche . Auch Frau Wendebourg markiert also in der Lutherschen Got t esdi enst r ef or m denBr uch,derf r ei l i ch„ ohnedi eAnknüpf ungandasv or gegebe99 net heol ogi scheundl i t ur gi scheEr begarni chtdenkbarwär e“ . Die folgenden Beiträge gehören fast vollständig in den Zusammenhang sozialgeschichtlicher, z.T. territorialgeschichtlich eingeschränkter Betrachtungen.

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Br echt ,Mar t i n:„ undwi l l stdasBet env onunshan“ .Zum Gebetundsei nerPr axi sbeiMar t i n Luther, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 268-288. 86 Ebd., S. 269. 87 Ebd. 270f. 88 Ebd., S. 273. 276. 89 Ebd., S. 275-278. 90 Ebd., S. 285. 91 Ebd., S. 288. 92 Wendebourg, Dorothea: Luthers Reform der Messe –Bruch oder Kontinuität?, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 289-306. 93 Ebd., S. 291. 94 Ebd., S. 292. 95 Ebd., S. 295-297 (Zitat S. 297). 96 Ebd., S. 297-300. 97 Ebd., S. 301-303. 98 Ebd., S. 303-305. 99 Ebd., S. 306.

9 Um di e Ver häl t ni sbest i mmung v on „ Recht f er t i gung“und „ Recht schaf f enhei t “müht sich die Studie von Heide Wunder100.Si ekl är tdenBegr i f f„ f r omkey t “al sWi eder gabe des lat ei ni schen„ i ust i t i a“–gemei nhi nmi t„ Ger echt i gkei t “über set z t–dahingehend, daß er im Horizont der städtischen Gesellschaft eine doppelte Bedeutung annehme, einmal im Sinn von nützlich, vorteilhaft, dann auch im Sinn von rechtschaffen, unbescholten, dabei z. T. auch Wandlungen durchlaufend101. Dieser letzte Sinn findet sich in Stadtchroniken der Reformationszeit zur Bezeichnung von Tugendhaftigkeit als „ Sel bst v er s t ändni sv onBür ger n“ ,dasal s„ Wer tderBür ger gesel l schaf tdes15.Jahr102 hunder t s“i nHumani st enkr ei senr ez ept i onsf ähi gwar “ und einen zentralen Wert für das Bürgertum des 15. und 16. Jahrhunderts darstellte; erst im Pietismus gewann der Begriff einen religiös dominierten Gehalt103. In Luthers Neubestimmung des Verhältnisses von Reich Christi und Weltgestaltung erwies sich dieser Begriff als höchst geeignet, Werkgerechtigkeit auszuschließen104. Gleichwohl sind hier Motive der Kont i nui t ät ,i nsof er nsi chi nder„ Lebenspr ax i sderLai en“kei nv er gl ei chbar erBr uchder Lebensverhältnisse wie etwa bei Klerikern, Nonnen und Mönchen feststellen läßt105. Gravierender waren die Folgen für das alltägliche und persönliche Leben der Bürgerschaft durch die Kirchenzuchtsbestimmungen der nach und nach eingeführten Kirchenor dnungen;dadur chnahmen„ Nor mi er ungundKont r ol l edesLebens“i nderTat in nicht geringem Umfang zu106. Dem Bereich der Ethik von Laien wendet sich die Untersuchung von Heinrich Richard Schmidt des näheren zu107. Er erhebt aus der Analyse von neun Autoren, daß beiden Lai en di e„ ‚ kl assi schen’Aussagenz urEr l ösung“ohnemenschl i chesVerdienst allein aus Gnaden durchaus präsent sind108. Allerdings komme es bei ihnen wei t hi nz uei nerVer schi ebungi nRi cht ungaufei n„ j ur i di sche( s)Ver st ändni sdesE109 v angel i ums“ . Das Evangelium bzw. die Schrift sind grundlegend für„ Hei l sl ehr e 110 111 undEt hi k“ . Nächstenliebe wird zum Maßstab der Individualethik . Im Bereich der politischen Ethik geht es um eine christliche Durchdringung der Gesellschaft, sei es i m Si nnei nerr ef or mat or i schen„ ci v i t aschr i st i ana“ ,sei esmi t t el sst r enger er Durchführung der Sittenzucht, sei es durch obrigkeitliche Maßnahmen zur Reform der gesellschaftlichen Übelstände112. Bekräftigt werden diese Ansätze und Forderungen durch Einschärfung einer Vergeltungslehre113; als möglich gedacht von den Laien aufgrund einer„ Wandl ungsi dee“ ,d. h.f akt i schenAuswi r kungenderEr l ösungi m Leben114. Unterstützend wird für Luther auf die Annahme eines Miteinander von forensischer und

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Wunder ,Hei de:„ i ust i ci a,Teut oni cef r omkey t “ .Theol ogi scheRecht f er t i gungund bürgerliche Rechtschaffenheit. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte eines theologischen Konzepts, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 307-332. 101 Ebd., S. 314-317. 102 Ebd., S. 317-322 (Zitate S. 318. 319). 103 Ebd., S. 322-326. 104 Ebd., S. 327-329. 105 Ebd., S. 329f. 106 Ebd., S. 330-332 (Zitat S. 332). 107 Schmidt, Heinrich Richard: Die Ethik der Laien in der Reformation, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 333-370. 108 Ebd., S. 344-347 (Zitat S. 345). 109 Ebd., S. 347. 110 Ebd., S. 349. 111 Ebd., S. 349-352. 112 Ebd., S. 352-355. 113 Ebd., S. 355-358. 114 Ebd., S. 359-361.

10 effektiver Rechtfertigungslehre in der neueren Forschung verwiesen115, die Schmidt al s„ sanat i v e Recht f er t i gungsv or st el l ung“deut et ,an di e –angeblich ohne Widerspruch zur forensischen Sicht der Rechtfertigung –„ ei nechr i st l i cher i gor i st i scheEt hi k“anschl i eßenkonnt e116. Die folgenden Beiträge befassen sich vor allem mit der politischen Geschichte der Reformation. Den Umgang mit kirchlichen Einkünften und Kirchenbesitz in Spätmittelalter und Reformation untersucht Hartmut Boockmann am Beispiel Nürnbergs117. Weithin kam es im Zuge der Einführung der Reformation zu einer Kommunalisierung der kirchlichen Einkünfte, die weithin aber den bisherigen Zwecken zugewendet wurden118; problematisch war die Regelung der Einkünfte bei den Inhabern von Altarpfründen, die von „ Wi nkel messen“l ebt en;si ewur deni nNür nber gsei t ensdesRat es,derv er t r agst r eu agierte und radikalen theologischen Uminterpretationen der Rechtsverhältnisse nicht nachgab,j edenf al l s„ pf l egl i chbehandel t “ .Dashat t ez urFol ge,daß beiEr l edi gung von Pfründen das Kapital den Stiftern rückübertragen und von diesen wiederum altgläubig gebliebenen Kirchen im Umland der Reichsstadt zugewendet wurde119. Gleichfalls dem reformatorischen Umbruch in Nürnberg ist eine Studie Günter Voglers gewidmet, durchaus in dem Bewußtsein, daß deren Ergebnisse nicht generalisierbar sind120. An Vorbedingungen für die Aufnahme der Reformation in Nürnberg sind das Interesse des Rates der Stadt am Gewinn der Kirchenhoheit und das spätmittelalterliche Heilsverlangen in der Bürgerschaft, dazu Luthers persönliche Beziehungen zu Bürgern und theologischer Einfluß auf dieselben in der Meinungsführerschaft der Reichsstadt sowie das dichte Gegenüber von Reichsstadt und Reichstag in den Jahren 1522-1524 zu nennen121. Religiöses, d.h. jetzt reformatori122 schesI nt er esseder„ Funkt i onst r ägerderSt adt gemei nde“ und die Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl stellten die Rahmenbedingungen der Stadtpolitik. Eine br ei t e„ humani st i schgepr ägt eBi l dungsschi cht “warResonanz bodenr ef or mat or i scher Denkansätze123; hinzu kamen antiklerikale Tendenzen bei Handwerkern und Gesellen, der zahlenmäßig größten gesellschaftlichen Gruppe, die freilich aus der reformatorischen Verkündigung soziale Forderungen abzuleiten geneigt war124; in den Landgebieten führte dies 1524 zu Konflikten, die einem Vorspiel zum Bauernkrieg glichen125. In drei Phasen vollzog sich schließlich die Durchsetzung der Reformation in Nürnberg: durch Berufung reformwilliger Geistlicher (seit 1520), durch Gottesdienstund Seelsorgereform (1524) und durch ein Religionsgespräch (1525), das dem Rat schließlich die Durchführung der Reformation ermöglichte. Doch brachte das Ergeb115

So auf Albrecht Peters, Otto Hermann Pesch, Bernhard Lohse, Thomas Hohenberger und die finnische Forschung mit ihrer Verwendung des Begriffs der –wenn auch zugegebenermaßen in diesem Leben unvollständigen –„ Ver got t ung“f ürdi eNeuschöpf ungdesMenschenunt erderGnade. 116 Schmidt (wie Anm. 107), S. 369. 117 Boockmann, Hartmut: Obrigkeitliche Bindungen von Pfründen und Kirchenvermögen im spätmittelalterlichen und reformatorischen Nürnberg, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 371-380. 118 Ebd., S. 376-378. 119 Ebd., S. 379f. 120 Vogler, Günter: Erwartung – Enttäuschung – Befriedigung. Reformatorischer Umbruch in der Reichsstadt Nürnberg, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 381-406, hier S. 382. 121 Ebd., S. 383-386. 122 Ebd., S. 387. 123 Ebd., S. 388-390 (Zitat S. 388). 124 Ebd., S. 390f. 125 Ebd., S. 391f.

11 nis auch Enttäuschungserfahrungen mit sich, vor allem wenn soziale Forderungen unerfüllt blieben126. Auch wenn festzustellen ist, daß sich die Einbürgerung der Reformation in Nürnberg trotz vielfältiger Konfliktpotentiale eher evolutionär und nicht zuletzt durch eine geschickte Bündnispolitik vollzog127, kann im Blick auf den Charakter und die Tragweite der reformatorischen Neuerungen durchaus von einem Umbruch in den Lebensverhältnissen der Reichsstadt an der Pegnitz gesprochen werden128. Ebenfalls territorialgeschichtlich, wenn auch in etwas breiterer Streuung, ist der Beitrag von Eike Wolgast angelegt129. Er geht von dem Grunddatum fürstlichen Selbst130 v er st ändni sses,näml i ch„ Macht behaupt ungundmögl i chstMacht er wei t er ung“ aus. Die Reformation bedeutete aber in diesem Horizont eine neue Problemstellung, wiewohl Konzentrationsprozesse bereits seit dem 15. Jahrhundert zu Kompetenzverschiebungen auf die Landesherren hin geführt hatten, ohne daß der kirchliche Binnenbereich tangiert worden wäre131. Auffällig ist, daß bis zur Bannandrohungsbulle gegen Luther im Herbst 1520 keine Maßnahmen gegen frühreformatorische Entwicklungen seitens der Landesherren erfolgten; erst der Reichstag zu Worms fand zu einer Verurteilung der Reformation132; Sanktionen des Reichsregiments ergingen auf dem Hintergrund der Wittenberger Unruhen im Winter 1521/22133. Seit 1523 schließl i chwur deüberdi eMaßgabedes„ Di ssi mul i er ens“di eFi kt i onderRei chs- und Kircheneinheit bei faktischem Auseinandergehen der Wege aufrechterhalten134. Die deut schenFür st enwar eni ni hr enReakt i onenaufdasPhänomen„ Ref or mat i on“gespalt en:Nebenst r i ktAl t gl äubi gen( wohlgenaueral s„ st r engal t ki r chl i ch“ ,wenndenn „ Al t eKi r che“al sEpochenbez ei chnungf ürdi eZei tbi sz uBegi nndes5.Jahr hunder t s gelten kann) fanden sich entschiedene Anhänger Luthers und seiner Anliegen (viell ei chtweni gerpl akat i val s„ Pr ol ut her aner “ )undUnent schi edene ( di esenAusdr uck 135 z i ehei chdem Begr i f f„ neut r al “v or ) . Wichtig ist festzuhalten, daß antireformatorische Positionen, wie etwa bei Herzog Georg von Sachsen, nicht prinzipiell reformfeindlich waren136. Daß der Bauernkrieg hingegen gerade auf altgläubiger Seite das vorhandene Beharrungsvermögen und aktivierte Abwehrpotential gegenüber der Reformation bestärkte, ist einsichtig137. Hilfreich für die Stabilisierung der Reformation in den von ihr erreichten Territorien war der Abschied des ersten Reichstags zu Speyer (1526), der im Sinn der Reformation legitimatorisch gedeutet werden konnte138, wenn auch die Durchsetzungsprozesse und juristischen Abgleiche z. T. nur zögerlich vorankamen139.Al s„ Er gebni sderi nhal t l i chenundor gani sat or i schenNeugest al t ungdes 140 Ki r chenwesens“konst at i er tWol gastj edenf al l sei nen„ Br uch“ .

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Ebd., S. 395-397. Ebd., S. 397-404. 128 Ebd., S. 404-406. 129 Wolgast, Eike: Die deutschen Territorialfürsten und die frühe Reformation, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 407-434. 130 Ebd., S. 408. 131 Ebd., S. 409f. 132 Ebd., S. 413f. 133 Ebd., S. 415. 134 Ebd. 135 Ebd., S. 416-427. 136 Ebd., S. 420f. 137 Ebd., S. 427. 138 Ebd., S. 428f. 139 Ebd., S. 428-433. 140 Ebd., S. 433. 127

12 Ein wenig ins Grundsätzliche führen die sozialethischen Beobachtungen von Luise Schorn-Schütte in ihrer Studie zur Drei-Stände-Lehre141. Die Frage nach Kontinuität und Diskontinuität im Paradigma ist auch hier leitend142. Sie nimmt entschieden Abschied von der systematisierenden Deutung Johannes Heckels143 und plädiert für eine Korrelation der –nach Bernhard Lohse –„ t r adi t i onsgeschi cht l i chenVer anker ung“v onLut her sSt ändel ehr eundsei nerRei che- bzw. Regimentenlehre144. Dabei erhebt sie eine aristotelische Präfiguration der Konstellation von Ständelehre und 4. Gebot in staatstheoretischer Absicht neben einer katechetischen Tradition des Spätmittelalters145. Luther konnte folglich mit der Ständelehre ein soziales Deutungsmuster einsetzen, das geläufig war146, wenngleich es erst gegen Ende der zwanziger Jahre des Reformationsjahrhunderts voll zum Tragen kam147. Entschei148 dendwur dedi e„ Vor bi l df unkt i ondesHausv at er s“ ,undz war„ f üral l edr eiSt ände“ . So kam esz ur„ Ex i st enzei nespr ot est ant i schen gei st l i chen Sel bst v er st ändni ss es“ zumindest im Kontext der städtischen Reformation149. Die den territorialen Obrigkeiten zuwachsenden Kompetenzen verlangten nach Klärung der Zuständigkeiten; dementsprechend sind die frühen Kirchenordnungen zu befragen hinsichtlich der operationalen Dreiteilung der Ständelehre, etwa in bezug auf das Pfarrwahlrecht150. Die Akzentuierung der Drei-Stände-Lehre bei Luther trägt nach Schorn-Schütte den Charakter einer Erneuerung wie eines Umbruchs, des Rückgriffs auf traditionelle Elemente samt ihrer Re- bz w.Neui nt er pr et at i on,di ei nv er änder t enVer häl t ni ssen„ Orient i er ungsf unkt i on“hat t en,wobeidi epol i t i aal sI nbegr i f fderst aat l i chenOr dnungsverhältnisse am wenigsten transformiert wurde151. In den Diskussionen der Tagung152 warv oral l em Schi l l i ngs„ Langz ei t per spekt i v edes 153 Wandel s“sehrumst r i t t en , zumal durchgehende Linien und Umbrüche bei epochalen Ereignissen immer ineinanderliegen; vor allem aber leiste sein Entwurf nicht, die abendl ändi scheKi r chenspal t ungal s„ dauer haf t eFol gederRef or mat i on“z ui nt egr i eren154. Blickles Entwurf wurde zum Vorwurf gemacht, daß zwischen dem von ihm skizzierten laikalen Freiheitsbegriff und dem republikanischen historisch eine zu große Lücke klaffe155. Hingegen fand die Akzentuierung der nationalen Komponente im reformatorischen Aufbruch, wie Georg Schmidt sie herausgearbeitet hatte, weithin Zustimmung156. Gegen Moellers These wurde eingewandt, daß in der Reformation eben eine Fortführung des Mönchtums nicht stattgehabt habe, insofern also eine universale Ableitung nicht gut möglich sei157. Die –komplementären –Beiträge von Hamm und Schwarz wurden weithin zustimmend zur Kenntnis genommen; fragwür141

Schorn-Schütte, Luise: Die Drei-Stände-Lehre im reformatorischen Umbruch, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 435-462. 142 Ebd., S. 435. 143 Ebd., S. 437. 144 Ebd., S. 438. 145 Ebd., S. 440. 146 Ebd., S. 441f. 147 Ebd., S. 442. 148 Ebd., S. 444-447 (Zitat S. 446). 149 Ebd., S. 448. 150 Ebd., S. 450-452. 452-457. 151 Ebd., S. 459. 152 Moeller, Bernd: Diskussionsbericht, in: Die frühe Reformation (wie Anm. 4), S. 476-489. 153 Ebd., S. 476. 154 Ebd., S. 477. 155 Ebd. 156 Ebd., S. 477f. 157 Ebd., S. 478.

13 dig muß freilich das Urteil genannt werden, die lutherischen Bekenntnisschriften ließenbeiderZuor dnungf or ensi scherundsanat i v erMoment ederRecht f er t i gung„ di e 158 Tiefendimension dieses religiösenUmbr uchsni chtdeut l i cher kennen“ ; CA VI, gerade in seinen Varianten zwischen deutschem und lateinischem Text, und AC IV liegen vielmehr genau auf der intendierten Linie. Die Frage nach der Legitimationsstrat egi eüberdi eAnnahmev on„ Vor r ef or mat or en“ ,wie Benrath sie vorgetragen hatte, wur dei nt ensi vdebat t i er tundni chtz ul et z taufdi e„ my t hi sche“Di mensi ondi eserTheorie verwiesen159. Für den Bereich der Flugschriften wurde bezogen auf die Pfarrerehe (Buckwalter) der Umbruchcharakter stärker betont160, im Bereich der frühen Lutherrezeption (Grane) das Ineinander von Umbruch und Kontinuität161, während Kaufmanns These über die Absicht der Anonymität vielfach Widerspruch erfuhr162. Keine Klärung konnte über das Neue an Luthers Gebetsauffassung und -praxis (Brecht) herbeigeführt werden163. Unterstrichen wurden bei der Diskussion um die Gottesdienstreform (Wendebourg) die deutlich erkennbaren Neuerungen wie Volkssprache und Vernehmlichkeit der Einsetzungsworte164. Meist zustimmend wurde die Anal y se desBegr i f f s„ f r omkey t “( H.Wunder )z urKennt ni s genommen165. Widerspruch fand jedoch die Sicht Schmidts, daß die Laienethik eine zutreffende Lutherrezeption darstelle; dagegen und damit gegen die finnische Vergottungstheorie wurde zu Recht das Bewußtsein Luthers vom bleibenden Sündersein des Gerechtfertigten ins Feld geführt166. Sehr kontrovers wurde der Beitrag von Wolgast diskutiert: Währ endei ner sei t s„ di eI nbesi t z nahmederKul t ur - undKi r chenhohei t “dur chdi eLandesherrn betont wurde167, dazwischen differenzierende Urteile gefällt wurden, wurde andererseits herausgestrichen, das landesherrliche Kirchenregiment im Spätmittelalter sei weit mehr als eine Vorform der reformatorischen Ausprägung gewesen168. An Schorn-Schüttes Beitrag wurde die unterstellte Allgemeingültigkeit der Drei-StändeLehre bezweifelt169, an das Referat von Seebaß schlossen sich Ergänzungen zum Ineinander von Ablehnung und Rezeption des kanonischen Rechts in der Reformation an170. Die Schlußdiskussion171 erbrachte zwar eine Annäherung der Standpunkte, aber keinen Konsens;sowur dedi eDeut ungskat egor i eder„ Moder ni si er ung“al s„ Pat ent model l “i nFr agegest el l t ,derGl ei chset z ungv onRef or mat i onundBegi nnderNeuz ei t ganz der Abschied gegeben, jedoch angenommen, daß Luther und die frühe Reformat i on„ Kat al y sat orundBr ennpunkt “z ur„ Beschl euni gung“schonl ängerl auf ender historischer Prozesse gewesen seien. Daß in diesem Bereich der frühen Reformation weitere Forschung, nicht zuletzt bezogen auf die Frage nach den Verbindungslinien ins Mittelalter, unabdingbar ist, kann nicht verborgen bleiben. Mindestens ebenso wichtig ist aber die Frage nach 158

Ebd., S. 479 (Schwarz). Ebd., S. 480f. 160 Ebd., S. 481f. 161 Ebd., S. 482. 162 Ebd. 163 Ebd., S. 483. 164 Ebd., S. 483f. 165 Ebd., S. 484. 166 Ebd. 167 Ebd., S. 485 (Moeller). 168 Ebd., S. 486. 169 Ebd., S. 487. 170 Ebd. 171 Ebd., S. 487-489, eingeleitet mit vier Thesen von Moeller. 159

14 Kontinuitäten und Diskontinuitäten im Fortgang der Reformation selbst, und zwar ni chter stbez ogenaufdasZei t al t erder„ Konf essi onal i si er ung“ .Hi ersi ndnebenden obenerwähnten Berichtsbänden als wichtige, weiterführende Forschungsbeiträge drei neuere Habilitationen zu nennen, die das Feld der Zeit zwischen Augsburger Religionsfrieden und dem Frieden von Münster und Osnabrück, der sich in diesem Jahr zum 450. Male jährt, z. T. sogar darüber hinaus, genauer ausleuchten, sowie eine vierte Habilitationsschrift, die sich der Apologie des Augsburgischen Bekenntnisses von Melanchthon gewidmet hat. Di e Unt er s uchung v on I nge Magerüber„ Di e Konkor di enf or meli m Für st ent um 172 Braunschweig-Wol f enbüt t el “ zeichnet die Vor- und Entstehungsgeschichte der Konkor di enf or melsei t1568nach,bel eucht etdi eBemühungenHer z ogJul i us’v on Braunschweig-Wolfenbüttel um das Konkordienwerk, aber auch spätere Distanzierungen, und schließt mit einer Schilderung der rechtlichen Geltung der Konkordienformel im Herzogtum. Die Arbeit trägt also einen deutlich territorialkirchengeschichtlichen Akzent, leistet aber durch die Einbeziehung der gesamtlutherischen Einigungsbemühungen und der damit verbundenen Auseinandersetzungen einen wichtigen Bei t r agz um Thema„ Konf essi onal i si er ung“ .Fürdi eBeur t ei l ungt heol ogi scherEntwicklungen, auch auf dem Weg zur FC, ist die Beachtung der Zusammenhänge wirtschaftlicher Expansion, der Zentralisierung der Verwaltung und kirchlicher Konsolidierung im Zusammenhang der frühneuzeitlichen Staatenbildung, aber auch reichsrechtlicher und -pol i t i scherI mpl i kat i onen,wi eder„ Rel ut her al i si er ung“Kur sachsens, er hel l end.Obdi ei nner l ut her i schenEi ni gungsbemühungent at sächl i chei ner„ unpol itischen Abz weckung“ent spr angen,di el edi gl i ch di e„ Recht spar t i z i pat i on“am Rel i 173 gionsfrieden von 1555 sichern sollte , bleibt m. E. fraglich, weil eben dies ja ein Politikum ersten Ranges war. Bei den Protagonisten des Konkordienwerks ist eine große Vielschichtigkeit der Motive, Handlungsprärogativen und Zielvorstellungen zu unterstellen; sie waren jedenfalls bereit, für ihre Überzeugungen radikale Eingriffe in ihre Lebensverhältnisse hinzunehmen174. Theologische Einsichten, theologie- und konfessionspolitische Absichten, auch berufliche Aussichten waren bei ihnen in je unterschiedlicher Mischung prägend für den jeweiligen Einsatz im Konkordienprozeß. So gehören die Bedingungsfaktoren theologischer Theoriebildung, kirchenpolitischer Intentionen, persönlicher Verpflichtungen und damit verbundener personalpolitischer Konflikte zusammen: Die Auseinandersetzungen zwischen Martin Chemnitz als Generalsuperintendenten von Braunschweig/Stadt und Herzog Julius als Landesherrn von Braunschweig-Wolfenbüttel, nicht zuletzt wegen der in erster Linie politisch motivierten Entscheidung des Fürsten für die Weihe und Einführung seines Sohnes Heinrich Julius zum Bischof von Halberstadt, mitten in der frühen Rezeptionsphase der FC, werden klar herausgearbeitet. Im Ergebnis kommt es zu einem stärker landesherrlich bestimmten Kirchenregiment175. Hierher gehören auch die personal-, hochschul- und kirchenpolitischen Querelen im Zusammenhang des Streits zwischen den Helmstedter und den kurfürstlich-sächsischen Theologen um die Allenthalbenheit der Menschheit Christi nach seiner Erhöhung176, der nicht zuletzt zur Erschütterung der Autorität der FC im Territorium beitrug177. Gleichwohl kam es in BraunschweigWol f enbüt t el ,ni chtz ul et z tdur ch di e„ Ni eder schl agung cal v i ni st i scherTendenzen 172

Mager, Inge: Die Konkordienformel im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel. Entstehungsbeitrag - Rezeption –Geltung (SKGNS 33), Göttingen 1993, 548 S. 173 Ebd., S. 430. 174 Vgl. z. B. ebd., S. 360. 175 Ebd., S. 325ff, 340-366. 176 Ebd., S. 433-470. 177 Ebd., S. 467.

15 178 1581-1587“ ,z uei nerl ut her i schenKonsol i di er ung,„ di esowohldem St aat sausbau 179 al sauchdergesamt gesel l schaf t l i c henFor mi er ungdi ent e“ . Nur zu unterstreichen i st ,daßv onei nem „ neuer di ngsbehaupt et enDesi nt er essederFr ühorthodoxie an den Bekennt ni sschr i f t en“z umindest für die Theologen in Helmstedt keine Rede sein kann180.

Di eUnt er suchungv onI r eneDi ngelüber„ Di eöf f ent l i chenDi skussi onenum dasl u181 t her i sche Konkor di enwer kam Ende des16.Jahr hunder t s“ schließt in gewisser Hinsicht an die Darstellung von I. Mager an und nimmt dabei über den Kontext des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel hinaus öffentliche Auseinandersetzungen um die Rezeption des Konkordienprojekts, vor allem aber auch offenbare Invektiven gegen es in den Blick. So schildert sie nach der Einleitung182 die Stellung der Stadt Straßburg zur Konkordienformel183, die Pfälzer Aktivitäten gegen die Konkordie184, die ablehnende Haltung des westeuropäischen Protestantismus185, die Unternehmungen von Christoph Herdesianus in Nürnberg186, die konfessionellen Konflikte im Fürstentum Anhalt187 und die Auseinandersetzungen in Bremen188, die Instrumentalisierung von Helmstedter Kritik für konkordienfeindliche Stellungnahmen189, den flacianischen Einspruch190 und die katholische Stellungnahme191;i nder„ Schl ußbet r ach192 t ung“ wendet sich Dingel der Autoritätenfrage193, dem Problem des Wegs der Konkordie194 und dem dogmatischen Zwiespalt195 z u,um mi t„ Rückbl i ckundFaz i t “z u schließen196. Der Anhang enthält das Quellen- und Literaturverzeichnis, die benutzten Bibliotheken, Abkürzungsverzeichnis, Namen- und Sachregister197. Pr ogr ammat i schst el l tDi ngeldasPr ogr amm derConcor di aal s„ Konsensdokument 198 derMi t t e“gegendi eBehaupt ung„ konf essi onel l erPl ur al i t ät “ . Der behandelte Zeitraum ist also die Hauptphase der lutherischen Konfessionalisierung zwischen dem Abschluß der Konkordienformel bzw. der Veröffentlichung des Konkordienbuchs (1577/80) und dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges (1618). Verdienstvoll ist an diesem Ansatz, daß ein lange vernachlässigter Zeitraum der Kirchengeschichtsschreibung neu gewichtet und gewürdigt wird. Methodisch von Bedeutung ist die Zuwendung zu den oft komplexen Entwicklungen in den Territorien, die eine große Vielfalt des Umgangs mit dem Konkordienunternehmen nachzeichnen läßt; methodisch 178

Ebd., S. 476-483. Ebd., S. 483. 180 Ebd., S. 495. 181 Dingel, Irene: Concordia controversa: Die öffentlichen Diskussionen um das lutherische Konkordienwerk am Ende des 16. Jahrhunderts (QFRG 63), Gütersloh 1996, 776 S. 182 Ebd., S. 15-35. 183 Ebd., S. 39-100. 184 Ebd., S. 101-160. 185 Ebd., S. 161-206. 186 Ebd., S. 207-279. 187 Ebd., S. 280-351. 188 Ebd., S. 352-412. 189 Ebd., S. 423-466. 190 Ebd., S. 467-541. 191 Ebd., S. 542-600. 192 Ebd., S. 603-685. 193 Ebd., S. 607ff. 194 Ebd., S. 619ff. 195 Ebd., S. 637ff. 196 Ebd., S. 686f. 197 Ebd., S. 691-776. 198 Ebd., S. 15-20. 179

16 abgesichert ist auch die Hinwendung zu den öffentlichen Kontroversen, wenn auch in Rechnung zu stellen ist, daß eine publizierte Opposition gegen das Projekt eher die Ausnahme darstellte199. Dieser Zugang selektiert Gegenstand und Fragestellung in nicht unerheblichem Maße; der Maßstab für die entsprechende Quellenauswahl und -beur t ei l ungi stdann„ di eOr i ent i er ungdergewechsel t enSt r ei t schr i f t enanderi nden Territorien bzw. Städten ... unmittelbar nach der Publizierung des Konkordienbuchs zu treffenden oder soeben getroffenen Entscheidung für oder gegen die Konkordien200 f or mel “ . Die einzelnen Ergebnisse lassen die territorialen Differenzierungen im Rezeptionsbzw. Ablehnungsprozeß gut erkennen: So ist die Kontroverse in Straßburg bestimmt von der Frage der Weitergeltung der Confessio Tetrapolitana201, von alten Kompetenzstreitigkeiten zwischen Kirche und Schule und einer Konfliktlage zwischen dem Konkordientheologen Pappus und dem humanistisch geprägten Juristen Sturm, d.h. auch zwischen zweiter und erster Generation der Reformation202. Die Pfälzer Aktivitäten hingegen sind bestimmt von der vorgängigen Option des Pfalzgrafen für den Calvinismus, tragen im Ansatz also das Gepräge einer festliegenden antilutherischen Grundentscheidung, deren Verfechter zugleich Multiplikator ender„ Konkor di enopposi t i on“wur den,ni chtz ul et z tauspol i t i schenMot i v en203. Dies erweist die vom Pfalzgrafen maßgeblich beeinflußte Opposition des westeuropäischen, weithin calvinistisch geprägten Protestantismus gegen das Konkordienunternehmen, die auf ein konfessionsübergreifendes, politisches Unionsprojekt aus war; dar auser gebensi chaufdi eserundderkonkor di enl ut her i schenSei t ei nderTat„ z wei gr undv er schi edeneBekennt ni shal t ungen“ .Dochschei ntdi eZei chnung,daßesden Cal v i ni st enum „ ei npol i t i schi nt egr at i vwi r kendesBekennt ni s“ ,hi ngegendenKonkordi enl ut her aner n„ ausschl i eßl i ch( um)di eNor mi er ungder‚ r ei nen’Lehr e“z ut ungewesen sei, etwas schematisch204. Eine bisher nahezu unbeachtete Figur in den Konkordienkontroversen stellt Christoph Herdesianusz uNür nber gdar ;erv er sucht e,„ di eKonkor di enf or melal sFehlent wi ckl ungi nderGeschi cht ederAugsbur gi schenKonf essi onz udi squal i f i z i er en“ , die durch Rückgriff auf Luthers frühe Abendmahlstheologie und eine in diesem Sinn interpretierte Deutung der Wittenberger Konkordie von 1536 zu korrigieren sei; nicht z uUnr echthatNi kol ausSel neckeri hndar um al s„ Rädel sf ühr er “derant i konkor di st i205 schen Opposition gesehen . Im Fürstentum Anhalt ist nachweisbar, daß der Protest gegen die Vorrede zur Konkordienformelausdem „ Bemühenum ‚ konf essi onel l eUnabhängi gkei t ’ “kam,sei ne Theologen jedoch zu Unrecht dem Verdacht des Calvinismus aussetzte; freilich war die anhaltinische Option eine Versöhnung von Lutherscher und Melanchthonscher

199

Ebd., S. 32. 34. Ebd., S. 34. 201 Die Confessio Tetrapolitana war das Bekenntnis, das die vier oberdeutschen Städte Straßburg, Konstanz, Memmingen und Lindau 1530 neben der Confessio Augustana dem Augsburger Reichstag vorgelegt hatten. 202 Dingel (wie Anm. 180), S. 98-100. 203 Ebd., S. 159f. 204 Ebd., S. 204-206 (Zitat S. 205). 205 Ebd., S. 278f. 200

17 Theol ogi e,j edoch „ l i nks“derKonkordienformel, weist demnach auf eine Pluralität konfessioneller Positionen hin206. In Bremen wurden Positionen markiert, die auf der Linie sonst üblicher Konkordienkritik lagen –ohne jedoch die Konkordienformel direkt anzugreifen –, um im eigenen Bereich Entwicklungen zu beschleunigen, die auf eine reformierte Konfessionalisierung zielten; die Konkordienformel und die Auseinandersetzungen um sie leisteten dabei zumindest indirekt Hilfestellung207. Konkordienkritische Positionen aus den Reihen Helmstedter Theologen, die im übrigen am Konkordienwerk festhielten, wurden andernorts eingesetzt, um, wie etwa in Anhalt, eigene, weitaus weiterreichende Kritik zu legitimieren; in Einzelfällen scheute man sogar vor Fälschungen nicht zurück208. Der flacianische Einspruch ist in sich ein geschlossener Widerspruch gegen die Erbsündenl ehr ederKonkor di enf or mel ,bl ei btaberl et z t l i ch„ Pr ot estei nerkont i nui er l i ch schr umpf endenSonder gr uppe“ ,di ef r ei l i chmi tdenGnesi ol ut her aner ndi eFor der ung namentlicher Verwerfungen teilt209. Die katholische Stellungnahme schließlich, in sich durchaus nicht homogen, ist gleichwohl getragen vom Bewußtsein der eigenen „ Kat hol i z i t ät “ ,di edem Konkor di enwer kz umalal sei nem geogr aphi schbeschr änkt en Unternehmen abgesprochen wird; hier spricht sich die Selbstgewißheit eines gegenreformatorisch erstarkten Katholizismus aus210. Im Ergebnis sind v.a. folgende Punkte festzuhalten: 1. Während einerseits die Autorität Luthers von konkordienkritischer Seite relativiert bzw. abgelehnt wurde, versuchte ander er sei t sdi ekonkor di enl ut her i s chePosi t i onMel ancht honi ndi el ut her i sch„ domi211 ni er t eTheol ogi ederKonkor di enf or melz ui nt egr i er en“ . 2. Das theologisch motiviert eI nt er essez udem ei nenundei ni genden„ Bekennt ni sz urWahr hei t “ ,wi eesdi e Konkordienlutheraner verstanden, wurde kritisiert vom Standpunkt der Relativierung des Bekennt ni sses „ i m Hor i z ontei nerv on Bekennt ni spl ur al i t ätgekennz ei chnet en 212 pol i t i schen Wi r kl i chkei t “ . 3. Bei Kritikern des Verfahrens der Konkordienformel wurde die Legitimität von Verwerfungen, nicht zuletzt im politisch-pragmatischen Erfahrungshorizont jahrelanger Verfolgungen des westlichen Protestantismus, bestritten213, hingegen auf seiten der Konkordisten als neutestamentlich begründete Praxis festgehalten214. 4. Auf calvinistischer Seite vor allem wurde das Projekt einer allgemeinen Synode zur Behebung der Kontroversen favorisiert; die Konkordientheologen waren dem nicht prinzipiell abgeneigt, hielten es aber aus pragmatischen Gründen für nicht ratsam, zumal sie von der Lehrübereinstimmung der Konkordienformel mit der Confessio Augustana überzeugt waren und das Konkordienunternehmen gar nicht gesamteuropäische Intentionen verfolgte wie die Calvinisten215.5.„ Derdogmat i scheZwi espal t “bet r afv oral l em „ dasVer st ändni sv onHi mmel f ahrt und Erhöhung

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Ebd., S. 350f. Ebd., S. 411f. 208 Ebd., S. 465f. 209 Ebd., S. 540f. 210 Ebd., S. 559f. 211 Ebd., S. 618. 212 Ebd., S. 629. 213 Ebd., S. 632f. 214 Ebd., S. 636. 215 Ebd., S. 641-644. 207

18 216 z urRecht enGot t es“ ; den Verfassern der Apologie des Konkordienbuchs ging es um „ ei nFor t wi r kenger adedesmenschl i chenEr l öser si ndi eZei thi nei n“ ,näml i ch 217 konz ent r i er taufsei ne„ Gegenwar t sz usagei nsei nerKi r cheundi m Abendmahl “ . Bemerkenswert und der Beachtung wert ist Dingels Urteil über die Apologeten des Konkor di enbuchs:„ I ni hr em uner schüt t er l i chenRekur saufdi esi chsel bstausl egende Heilige Schrift erwiesen sich die Autoren der Apologie als treue Nachfolger Martin 218 Lut her s“ . 6.„ Derdogmat i scheZwi espal t “bet r afüber di esdi eAbendmahl st heol ogi e der Konkordienformel. Hier ist mit Dingel festzuhalten, daß die Konkordienformel wie i hr eApol ogi e„ beii hr em bewußt enVer z i chtaufei nechr i st ol ogi scheBegr ündung“der Gegenwart von Christi Leib und Blut im Altarsakrament blieben, vielmehr strikt von den Einsetzungsworten ihren Ausgangspunkt für die Begründung der Realpräsenz nahmen219.

So stellt die Apologie der Konkordienformel einen, freilich nicht mehr gelingenden, Versuch dar, über die Integration eines Teils der Lutheraner und der Philippisten hinaus, wie sie die Konkordienformel unter Ausschluß der flacianischen Erbsündenlehre unddercal v i ni st i schenAbendmahl sl ehr ev ol l z ogenhat t e,„ di eGnesi ol ut her anerund die Philippisten insgesamt –soweit ihre Abendmahlslehre nicht schon calvinismusverdächtig war –z ui nt egr i er en“ .Sowur denbei deDokument e„ Ausl öserundBestandteil eines Ringens um konfessionelle Pluralität und bekenntnismäßige Ein220 hei t “ . Die Studie von Luise Schorn-Schütte über„ Ev angel i scheGei st l i chei nderFr ühneu221 z ei t “ untersucht vor allem mit sozialgeschichtlichem Instrumentarium in Verbindung mit Individualbiographien die gesellschaftliche und staatliche Einbindung der evangelischen Geistlichkeit, die ja als neue soziale Gruppe in der Reformation erst entstand, für die Zeit von 1525 bis ins 18. Jahrhundert; freilich sind die Befunde für die bearbeiteten Territorien je unterschiedlich; jedenfalls gehörten die Geistlichen alsbald –in Hessen allerdings ausgeprägter als in Braunschweig-Wolfenbüttel –z uei ner„ anBe222 deut ung gewi nnende( n)Gr uppe bür ger l i cherAmt st r äger “ ,f ürdi e auch „ soz i al e Mobi l i t ät “k ennz ei chnendi st .Eskam i m Ber ei chder„ t er r i t or i al enVer wal t ungsst r ukt ur en“z uei ner„ I nt egr at i onsl ei st ung“i ndi ej ewei l i ge Sozialordnung im Bereich der soz i al enGr uppe„ gel ehr t erBeamt er “ .I nner hal bderGei st l i chkei tf r ei l i ch„ v er f est i gt esi ch di ei nt er nesoz i al eDi f f er enz i er ung“i m LaufderZei thi nz uei ner„ hi erarchische(n) 223 Per sonal st r ukt ur “ . Für ihre Bildungsgänge ist charakteristisch, daß auf Initiative der j ewei l i genObr i gkei tsi ch„ f or mal e( r )St andar ds“ent wi ckel t en,di ef ürei ne„ gei st l i c he Lauf bahn“best i mmendwur den;dabeif i ndetei ne„ al l mähl i cheSt ei ger ungderf achl ichenKennt ni sse“st at t ,sei tdem Endedes17.Jahrhunderts in aller Regel durch Studium an einer theologischen Fakultät erworben224. Wirtschaftlich waren die Geistlichen wei t hi n ei ngebunden i n di e„ domi ni er end agr ar i schen Wi r t schaf t sst r ukt ur en“ . 216

Ebd., S. 645. 665. Ebd., S. 668. 218 Ebd. 219 Ebd., S. 685. 220 Ebd., S. 686f. 221 Schorn-Schütte, Luise: Evangelische Geistliche in der Frühneuzeit. Deren Anteil an der Entfaltung frühmoderner Staatlichkeit und Gesellschaft. Dargestellt am Beispiel des Fürstentums BraunschweigWolfenbüttel, der Landgrafschaft Hessen-Kassel und der Stadt Braunschweig, (QFRG 62), Gütersloh 1996, 635 S. 222 Ebd., S. 97f. 223 Ebd., S. 150f. 224 Ebd., S. 226. 217

19 Damit zugleich waren Abhängigkeiten gegeben; die Gemeinden vor allem auf dem Lande erwarteten Vorbildlichkeit der Pfarrer, die sich in wirtschaftlicher Bescheidenheit ausdrückte; hier lag ein nicht unerhebliches Konfliktpotential. Die hierarchische Struktur innerhalb der Geistlichkeit hatte eine materielle Entsprechung; so war das Einkommen der Landgeistlichkeit eher karg225. Das familiäre Dasein der Geistlichkeit unterschied sich deutlich von dem anderer bürgerlicher Berufe, da Arbeitsplatz und Wohnor ti m Pf ar r hausni chtdi f f er enz i er twar en,di ePf ar r f r aual s„ Gef ähr t i n“desPf arrers galt und in ihrer Vorbildfunktion in Anspruch genommen wurde; dabei war der Bi nnenr aum derFami l i e„ weni gerher r schaf t l i chst r ukt ur i er t “al sbi shermei stv er meint wurde226. In der Entwicklung des Berufsbildes ist eine zunehmende Professionalisierung zu beobachten; in einer ersten Phase war die Beteiligung der Gemeinden an Vokation und Introduktion noch stark ausgeprägt, im reformierten Bereich weitaus stärker. Bildung und Vorbildlichkeit galten als Eingangsvoraussetzungen, die freilich erst in einer zweiten Phase in größerer Breite und Tiefe erreicht wurden. Damit wuchs jedoch der Abstand zur Gemeinde, zumal die Geistlichkeit im Bereich der Kirchenzucht in denSog„ her r schaf t l i cherZent r al i sat i on“ger i et .I nei nerdr i t t enPhasekam esüber t heol ogi scheRef or mansät z ez uei ner„ di enendenRol l edesgei st l i chenBer uf es“ ,der auf dem Hintergrund der Trennung von Kirche und Welt auf einen Bereich des gesellschaftlichen Lebens beschränkt wurde227. Damit ist für die Zeit seit Beginn der Reformation bi sz um Anf angdes18.Jahr hunder t sj edochei n„ gei st l i chesSonder bewußt sei n“ger adeni chtausgeschl ossen:I nei nerer st enPhase( bi s1630)waresl egitimiert im Horizont der Drei-Stände-Lehr e;eskam z uei ner„ Pol ar i si er ung“v ongei stlichem Amt und obrigkeitlicher Gewalt mit entsprechenden Konflikten, nicht zuletzt in sozialpolitischen Auseinandersetzungen; diese Entwicklung kam in Hessen-Kassel durch den Konfessionswechsel des Landgrafen Moritz an ihr Ende. In einer zweiten Phase traten Kirche und Welt auseinander, das Einheitsband bildete nunmehr der Landesherr, die Ständelehre wurde auf den Binnenraum der Kirche reduziert; doch kam es bei Wahrnehmung des kirchlichen Wächteramts gegenüber dem Landesherrn als Glied der Kirche durchaus weiterhin zu Konflikten. Im Pietismus schließlich, dermi tei ner„ neuer l i chenVer t i ef ungdesgei st l i chenSonder bewußt sei n“ei nher gi ng, intensivierten sich die Gegensätze228. Zusammenfassend charakterisiert SchornSchüt t edi eev angel i schePf ar r er schaf ti nderFr ühneuz ei tal s„ gei st l i cheBür ger “und „ pol i t i scheGei st l i che“z ugl ei ch229.Das„ gei st l i cheSonder bewußt sei n“st andEnt konf essi onal i si er ungst endenz en ent gegen,di ent e aberauch der„ Bewahrung sozialer 230 Her r schaf t skont r ol l e“ , sowenig die evangelische Geistlichkeit selbst nach Ablösung der Drei-Stände-Lehre auf Obrigkeitskritik verzichtete. Ihre Teilhabe am sozialen Wandelbedeut et eni chtal sbal d„ di ef r agl oseI dent i f i kat i onmi tdem Her rschaftsethos 231 derl andesher r l i chenObr i gkei t en“ . Das Werk von Christian Peters über die Textgeschichte der Apologie des Augsburgischen Bekenntnisses232 zeichnet zunächst die Augsburger Fassung der Apologie 225

Ebd., S. 285f. Ebd., S. 329f. 227 Ebd., S. 387-389. 228 Ebd., S. 449-452. 229 Ebd., S. 453-456. 230 Ebd., S. 455. 231 Ebd., S. 456. 232 Peters, Christian: Apologia Confessionis Augustanae. Untersuchungen zur Textgeschichte einer lutherischen Bekenntnisschrift (1530-1584) (CThM, Reihe B, Bd. 15), Stuttgart 1997, 664 S. 226

20 nach dem Zeugnis der äußeren Quellen nach und erhebt den Befund der Handschriften233, geht den gedruckten Texten, zunächst den lateinischen, dann den deutschen, nach234, nimmt dann die textgeschichtliche Entwicklung der Artikel 4-6 (und 20) in den Blick235, um sich schließlich Luthers Stellung zur Apologie zuzuwenden236. Diese stark text- und theologiegeschichtlich angelegte Arbeit stellt fest, daß in Augsburg ein 237 „ Apol ogi egr emi um“mi tderAbf assungdesTex t esbef aßtwar . Deren Ergebnisse 238 wurden einer frühen Wittenberger Redaktion unterzogen , die auf Landgraf Philipp von Hessen Bezug nahm. Maßgeblich wurde nach 1584 die Quartausgabe von Ende April/Anfang Mai 1531239, obwohl die Oktavausgabe vom September von 1531 bis 240 1580al sder„ maßgebl i cheTex tderl at ei ni schenAC“gal t . Bei der Drucklegung desKonk or di enbucheswur dej edochdi eQuar t ausgabe,womögl i chwegen„ phi l i p241 pistischer “Tendenz eni m Okt av t ex t ,v or gezogen . Ähnliches gilt für den deutschen Text der AC; nach 1584 wird der Quarttext nachgedruckt242. Zwischen 1531 und 1580 aberhat t endi eserwi ederOkt av t ex ti hr ej eei gene„ Bl üt ez ei t “ ,sodaß„ ni cht von einer für die gesamte Reformationszeit maßgeblichen Tex t f or m“gespr ochen werden kann243. In einer detailreichen Einzelanalyse nimmt sich Peters der die Rechtfertigungslehre betreffenden Passagen der AC an; zusammenfassend stellt er fest, daß eine höchst komplexe Textentwicklung stattgefunden hat, die darauf zurückzuführen ist, daß Mel ancht hons ei neSt el l ungz urConf ut at i owandel t e:Anf angsgal tsi ei hm al s„ schwacherGegenent wur fz urCA“ ,dannal s„ DokumentderVer acht ungdessol af i de“ ,aber ein[ig]e Jahr später bereits als vernachlässigenswerte Größe, dem entspricht ein Wandeli nderEi nschät z ungderAC:Zunächsti stsi e„ Not behel f “ ,dann„ Dokument desSchei t er nsderAugsbur gerAusschußv er handl ungen“ ,danach„ Er wi der ungauf denRei chst agsabschi edv om 19.Sept ember1530“undz ul et z t„ maßgebl i cherLehrt ex t “ ;i mmer ist es Melanchthon um die Begründung und Entfaltung der Rechtfertigung allein aus Glauben zu tun244. Lut herhatof f enbar ,daser gebensei ne„ Not i z en De iustificatione“ ,di eeraufder Vest e Cobur g angel egthat ,ei ne Ar t„ Par al l el unt er nehmen z u Mel ancht honsAC“ vorgehabt; die unausgeführte Arbeit hat gleichwohl Melanchthon beeinflußt245, und Luther ist auch in den kommenden Monaten mit Melanchthon in ständigem Diskurs 247 geblieben246,dernachPet er s„ ei necht erLer n- undAust auschpr oz eß“war . Spuren dessen lassen sich auch in Luthers Predigten248 und Vorlesungen249 der Jahre 233

Ebd., S. 1-117. Ebd., S. 118-297. 235 Ebd., S. 298-389. 236 Ebd., S. 390-497. 237 Ebd., S. 46. 238 Ebd., S. 49-53, 115-117. 239 Ebd., S. 125f, 133. 179f. 240 Ebd., S. 187; dementsprechend fordert Peters für eine Neuausgabe der BSLK die Aufnahme des Oktavtextes. 241 Ebd., S. 188. 242 Ebd., S. 286. 243 Ebd., S. 296; daher hat Peters keine Einwände gegen die Verwendung des Quarttextes in einer Neuausgabe der BSLK, ebd., S. 297. 244 Ebd., S. 388. 245 Ebd., S. 420f. 246 Ebd., S. 421-460. 247 Ebd., S. 461. 248 Ebd., S. 461-483. 249 Ebd., S. 483-497. 234

21 1530/31, vor allem der Galaterbriefvorlesung, genau nachweisen, so daß der aus di eserer wachseneKomment ar„ andi eSt el l ev onLut her s–wohl nie vollendeter – 250 apol ogi a mea get r et en“i st . So läßtsi ch „ das‚ Funkt i oni er en’derWi t t enber ger 251 Lehr-, Glaubens- undLebensgemei nschaf t “ erkennen –und damit hat Peters einen wichtigen Beitrag zur Formierung lutherischer Theologie zwischen der Frühphase der Reformation und dem Zeitalter der Konfessionalisierung geliefert. Hier gilt es ebendarum noch mehr zu erkunden, um die Linien zwischen dem reformatorischen Aufbruch und der Epoche von 1555-1648 genauer zeichnen zu können. Damit sind auch dem Fach Kirchengeschichte an der Lutherischen Theologischen Hochschule wichtige Aufgaben gestellt.

 Di e„ Ober ur sel erHef t e.St udi enundBei t r ägef ürTheol ogi eundGemei nde“si nd eine Schriftenreihe, in Verbindung mit dem Kreis der Freunde und Förderer der Lutherischen Theologischen Hochschule herausgegeben von der Fakultät der Lutherischen Theologischen Hochschule der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oberursel (bei Frankfurt am Main). Weitere Informationen: http://www.lthhoberursel.de

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Ebd., S. 496. Ebd., S. 506.