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Kultur- und Sozialanthropologie Lateinamerikas Eine Einführung 1 Große Theorien (1940-1970) Wichtige theoretische Werke in bezug auf die Kultur-und Sozialanthropologie Lateinamerikas entstanden zwischen 1935 und 1970. Dazu zählen folgende Forschungsrichtungen und Forschungsfelder: Die untersuchung der Verbreitung von Kulturen und Kulturmerkmalen und das Erstellen von Kulturregionen (culture areas) in der Tradition der US-amerikanischen cultural anthropology: Diese Theorien stehen auch in Zusammenhang mit Fragen nach der sozialen, ökonomischen und politischen Entwicklung der indianischen Kulturen sowie mit • Thesen zum Verhältnis von gesellschaftlicher Organisation und natürlicher Umwelt etwa im Rahmen der Kulturökologie, wie sie von Julian Steward entwickelt wurde (Steward 1948, 1955). In dieser Tradition stehen z.B. auch einige wichtige Arbeiten von John Murra, die sich teils aus kulturökologischer, teils aus substantivistischer Perspektive mit Ökonomie und Gesellschaft des Inkareichs beschäftigen (Murra 1956/1980). • Die strukturale Anthropologie von Claude Lévi-Strauss setzte wichtige theoretische und methodische Impulse zur Analyse von Mythen und Weltbildern (Lévi-Strauss 1964/1976, 1966/1972, 1968/1973, 1971/1975) sowie zur Untersuchung von Verwandtschaft und sozialen Strukturen (Lévi-Strauss 1958/1967). Sie hat nachhaltigen Einfluß auf Modelle und Theorien zur Analyse von sozialen und symbolischen Beziehungen (in Lateinamerika). • In dieser Tradition stehen u.a. viele ForscherInnen, die sich mit Weltbild, Natur und Gesellschaft im Amazonasgebiet beschäftigen, z.B. Peter Riviere 1969, 1993, Steve Hugh Jones ( 1979), Philippe Descola (1992, 1994, 1996) oder Eduardo Viveiros de Castro (1998, 2001). • Ein wichtiges Forschungsfeld beschäftigt sich mit Fragen der sozialen, politischen und ökonomischen Organisation lateinamerikanischer Gesellschaften. Im Mittelpunkt des Interesses und der Theorienbildung stehen hier verschiedene Formen von Macht und Herrschaft. • Diese werden in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen untersucht: Zum einen im Kontext von tendenziell egalitären Gesellschaftformen, zum anderen im Rahmen von komplexen und stratifiziert (sozial geschichteten) sozialen Gefügen (vgl. z.B. Lowie 1948). Wichtige Impulse in diesem Forschungsfeld kamen von Eric Wolf, dessen Modell zur Analyse komplexer Gesellschaften die Basis für viele Studien zur lateinamerikanischen Gesellschaft bildete (Wolf 1956, 1967). 1

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• Fragen nach Macht und Herrschaft sowie die Analyse von ökonomischen Prozessen wurden wesentlich von substantivistischen und (neo-) marxistischen Modellen in der Kultur - und Sozialanthropologie inspiriert. Sie wurden sowohl von Anthropologen des Nordens (Europa, USA) zur Analyse der sozialen und ökonomischen Verhältnisse in Lateinamerika herangezogen und dabei modifiziert, als auch von Wissenschaftern in Lateinamerika stark rezipiert. • Andere Ansätze vertreten etwa die Arbeiten von Oscar Lewis zur „Kultur der Armut". Sie bildeten auch eine Grundlage für viele Studien der Stadt-Anthropologie (urban anthropology) (Lewis 1961, 1965/1999). •

Theorien und Modelle zu interkulturellen Prozessen wurden besonders intensiv zwischen 1970 und 1990 bearbeitet. Interkulturalität war schon vor der Conquista ein wichtiges Charakteristikum der gesellschaftlichen Gefüge in Mittel- und Südamerika. Seit 500 Jahren prägt die spezifische Dynamik der kolonialen und quasi- kolonialen Gesellschaft viele Aspekte von interkulturellen Beziehungen, die im Rahmen der komplexen lateinamerikanischen Gesellschaft einen besonderen Stellenwert einnehmen. Diese stehen auch in Zusammenhang mit der

• verstärkten Vernetzung von ökonomischen und sozialen Prozessen im transnationalen Raum, die sich heute auch in Form der Globalisierung manifestiert. Wichtige Arbeiten und theoretische Ansätze in diesem Forschungsfeld lieferten u.a. Michael Taussig (1980, 1987), Norman Whitten (1981, 1985), Eric Wolf (1982/86), Sidney Mintz (1985) oder Guillermo Bonfil Batalla (1987, 1990). Aus der Vielfalt der theoretischen Ansätze und Forschungsfelder sollen hier beispielhaft einige wenige zentrale Ansätze genauer behandelt werden. Sie bilden die Basis für viele neuere Forschungen und üben bis heute wesentlichen Einfluß auf die Gestaltung der Forschungslandschaft der Kultur- und Sozialanthropologie in Lateinamerika aus.

1.1 Kulturen und Kulturregionen Ein wichtiges Forschungsfeld der Anthropologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Klassifikation von Gesellschaften und Kulturen. • Einige Theorien entwickelten Ordnungsschemata, die primär auf der Periodisierung von kultureller Entwicklung basierten, und standen in enger Beziehung zum Evolutionismus. Diese Theorien klassifizierten verschiedenen Gesellschaftsformen an Hand ihrer Stellung im Rahmen einer Entwicklungsskala, die von primitiven Kulturen (Naturvölker) bis zu Hochkulturen und schließlich zur gegenwärtigen westlichen Gesellschaft reicht. Die historische Abfolge von sozialen und politischen Organisationsformen wurde dabei oft als ein generelles Schema zur Einteilung und Zuordnung verschiedener Kulturen der Gegenwart verwendet.

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• Andere Wissenschafter entwickelten verschiedene (globale) Theorien zur Verbreitung von Kulturen und zu den Bewegungen bzw. Strömen von Kulturelementen (Diffusionismus). Kritiker dieser Forschungsrichtungen suchten nach anderen Kriterien und Modellen, um die Vielfalt von Kulturen zu ordnen und eine Grundlage für kulturvergleichende Forschungen zu schaffen. Die Kulturanthropologie in den USA beschäftigte sich (auf der Basis älterer Modelle aus dem deutschsprachigen Raum) zu Beginn des 20. Jahrhundert mehrere Jahrzehnte lang mit diesen Fragen, insbesondere in Bezug auf die indianischen Kulturen. Dies entsprach auch den praktischen Anforderungen der ForscherInnen, ging es doch auch darum, eine Fülle von Informationen über einzelne indianische Gesellschaften zu ordnen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom mapping der indianischen Kulturen, also dem Erstellen von Verbreitungskarten und der Einteilung von Gesellschaften und ihren Merkmalen in verschiedene Kategorien.

1.1.1 Der „culture area approach" Der „culture area approach", die Kategorisierung von Kulturen in einem geographischen Kontext, also das Erstellen von Kulturregionen, kann als ein Gemeinschaftsprodukt verschiedener Wissenschafter betrachtet werden. Sie stellten unterschiedliche Aspekte der Problematik in den Vordergrund ihrer Analysen - unter ihnen waren Franz Boas, Alfred Kroeber, Otis Mason, Julian Steward und Clark Wissler (vgl. Harris 1968: 374ff ). Besondere Bedeutung kommt dabei Franz Boas zu: Er lenkte er die Aufmerksamkeit auf die spezifischen historischen und kulturellen Gegebenheiten einer Region, betonte die Vielfalt von lokalen Historien und kulturellen Gefügen und forderte eine detaillierte ethnographische und historische Untersuchung einzelner Regionen. Solche Studien können dann auch die Basis für größere vergleichende Analysen darstellen (vgl. Harris 1968: 250-289). Sie können in Bezug auf verschiedenen Forschungsfelder angewandt werden, u.a. im Bereich der Mythenanalyse. Einige Vertreter des „culture area approach" beschäftigten sich besonders intensiv mit indianischen Kulturen in Mittel- und Südamerika. Einen wichtigen Beitrag leistete dabei Alfred Kroeber: Er verwies auf den Zusammenhang von Subsistenzformen sowie Bevölkerungsdichte mit bestimmten Formen des ökologischen Habitats. Er erstellte u.a. eine Systematik von "ökologischen Provinzen" und verglich sie mit der Verbreitung bestimmter Kulturpflanzen und verschiedener Subsistenzformen (Harris 1968: 339-340). Er definierte auch verschiedene Subsistenzregionen für Südamerika an Hand der geographischen Großräume. Weitere wichtige Forschungsfragen in diesem Kontext waren: • Welcher Zusammenhang besteht zwischen Gesellschaftsformen und der geographischen Region, in der sie angesiedelt sind, insbesondere mit den jeweiligen ökologischen Bedingungen, in denen sie leben? • Inwieweit können solche geographische Gruppierungen (Kulturregionen) Verständnis von kulturellen Unterschieden und Gemeinsamkeiten beitragen?

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Franz Boas im WWW: http://www.mnsu.edu/emuseum/information/biography/abcde/boas_franz.html http://en.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/franz_boas.html http://emuseum.mnsu.edu/information/biography/abcde/boas_franz.html Website zu Franz Boas - Biographie und Artikel Alfred Kroeber im WWW: http://www.mnsu.edu/emuseum/information/biography/klmno/kroeber_alfred.html http://sunsite.berkeley.edu/Anthro/kroeber/pub/

1.1.1.1 Karte Kulturregionen

Kulturregionen in der Neuen Welt. Steward und Faron 1959:12

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1.1.1.2 Karte Subsistenzregionen

Subsistenzregionen nach Kroeber, Steward und Faron 1959:45

1.1.2 Julian Steward und das „Handbook of South American Indians" Kroebers Arbeiten waren wesentliche Anregungen für Julian Steward und das „Handbook of South American Indians" (1948). In diesem 7-bändigen Werk, das mehrere tausend Seiten umfaßt, versuchte Steward zum einen den Wissensstand seiner Zeit über die verschiedenen Kulturen und Kulturregionen zusammenzufassen. Die einzelnen Abschnitte wurden von namhaften Spezialisten für die einzelnen Regionen verfasst, sie behandeln verschiedene Aspekte von Kultur und Gesellschaft (materielle Kultur, Subsistenz, soziale und politische Organisation, Mythologie, Religion und Ritual). In diesem Sinne war und ist das Handbook das wichtigeste Nachschlagewerk, eine Art Datenbank über die Ethnographie und den Stand der Forschung in Südamerikas in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Während in einigen Fällen die ethnographischen Angaben weiterhin Gültigkeit haben, sind sie in anderen Fällen obsolet. So liegt heute für viele indianische Kulturen, die in den 50erJahren nur sehr fragmentarisch erforscht waren, eine Reihe von Arbeiten vor, die sich mit verschiedene Dimensionen dieser Gesellschaften genau auseinander setzen. Das heißt jedoch keineswegs, dass das ethnographische Projekt in Lateinamerika als abgeschlossen zu betrachten ist. So bringen Veränderungsprozesse wie Synkretismus und 5

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Hybridisierung immer wieder neue kulturelle Formen hervor. Ferner existiert weiterhin eine Vielzahl von indianischen Kulturen (z.B. im Amazonasgebiet), die bislang nicht oder nur unzureichend dokumentiert und analysiert wurde. Das Handbook präsentiert auch die zentralen Thesen Steward zu den Kulturregionen Südamerikas, vor allem in Zusammenhang mit den Beziehungen zwischen Gesellschaft und natürlicher Umwelt - Kulturökologie, die in seinen späteren Werken noch ausbaute (Steward 1955,1977). Eine Kurzfassung des Handbook wurde von Julian Steward und Louis Faron im Jahr 1959 unter dem Titel „Native Peoples of South America" publiziert. Ähnliche Überblickswerke wurden im den folgenden Jahrzehnten auch für andere Regionen Lateinamerikas erstellt: Die 12 Bände des „Handbook of Middle American Indians" folgen in ihrem Aufbau dem Werk von Steward. Ihre ethnographischen Daten sind etwas neuer als jene von Südamerika und können teilweise weiterhin als Basis-Information für die Ethnographie indianischer Gemeinschaften in diesem Raumverwendet werden. Ein weiteres ethnographisches Überblickswerk (wenn auch von geringerem Umfang) entstand in Deutschland in den 70er Jahren des 20.Jahrhunderts: „Die Indianer. Kulturen und Geschichte der Indianer Nord-, Mittel- und Südamerikas." (Lindig und Münzel 1978). Julian Steward im WWW: http://www.anthro.uiuc.edu/StewardJournal/about.htm http://dir.yahoo.com/Social_Science/Anthropology_and_Archaeology/Cultural_Anthropology / http://emuseum.mnsu.edu/information/biography/pqrst/steward_julian.html Handbook: http://www.nmnh.si.edu/naa/guide/_h1.htm

1.1.3 Kultur und Sprache - eine komplizierte Beziehung Die indianischen Kulturen Lateinamerikas zeichnen sich durch die weltweit größte Sprachenvielfalt aus, so gibt es etwa in Südamerika an die 700 Einzelsprachen und etwa 100 Sprachfamilien. Die Sprachenvielfalt wird von Linguisten und Archäologen mit der Besiedlungsgeschichte des Kontinents - vor allem mit der Existenz von kleinen, über längere Zeiträume isolierten Gruppen - in Verbindung gebracht. Wenngleich die indianischen Gemeinschaften ebenfalls ein große Bandbreite von kulturellen und sozialen Gefügen umfassen, so ist diese jedoch nicht direkt mit der sprachlichen Vielfalt verbunden.

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Die Sprache bildet ein wichtiges Kriterium der Klassifikation von Gruppen, sie ist jedoch nur teilweise mit deren spezifischer Kultur verbunden. So gibt es keine Übereinstimmung zwischen der Zugehörigkeit zu einer Sprachfamilie und zu einer Kulturregion. Gruppen, die derselben Sprachfamilie angehören, können extrem unterschiedliche soziale und politische Organisationsformen aufweisen und verschiedenen Ebenen sozio-politischer Integration angehören (Steward und Faron 1959) In Südamerika existieren etliche Gefüge von indianischen Gemeinschaften, die sich durch weitreichende kulturelle Gemeinsamkeiten auszeichnen, wobei jedoch einzelne Gruppen deutlich unterschiedliche Sprachen sprechen. Ein gutes Beispiel bildet ein Gefüge von neun sozio-linguistischen Gruppen in der Montaña in Ecuador und Peru. Unterschiede und Gemeinsamkeiten in bezug auf Sprache und andere Merkmale von Kultur und Gesellschaft sind keineswegs kongruent sondern folgenden anderen Prinzipien bzw. wirken zufällig (Gippelhauser 1993). Solche Gefüge aus unterschiedlichen sozio-linguistischen Gruppen sind oft durch Tauschund Heiratsbeziehungen aufs engste miteinander vernetzt. Sie stellen oft miteinander stärker eine soziale und kulturelle Einheit dar, als jede einzelne Gruppe für sich genommen - etwa in 7

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der Region des oberen Rio Negro in Brasilien und Kolumbien. Die meisten Menschen in diesem Gefüge (wie auch in vielen andere indianischen Gemeinschaften) sind mehrsprachig. Heiraten finden präferentiell zwischen Angehörigen verschiedener sozio-linguistischer Gruppen statt (Exogamie). Dies bedeutet nicht, dass keine Beziehung zwischen Kultur und Sprache besteht, diese kommt deutlich in bezug auf Symbole, Konzepte und Bedeutungen zum Ausdruck (vgl. u.a. Gugenberger 1999 für das Quechua ).

1.2 Umwelt und Gesellschaft: Die Kulturökologie von Julian Steward Ausgehend von der Dokumentation, dem Kategorisieren und „mapping" von indianischen Kulturen interessierte sich eine Gruppe von AnthropologInnen besonders für Fragestellungen in Bezug auf das Verhältnis von natürlicher Umwelt und Gesellschaftsform. Im Laufe von ca 20.000 Jahren, seit dem Überschreiten der Beringstraße durch verschiedene Gruppen von „Paleoindianern" bis zur Zeit der spanischen Eroberung entstand in Amerika eine große Bandbreite von Gesellschaften und Kulturen. Zur Zeit der Conquista bestand in Lateinamerika (vor allem in Südamerika) ein große Vielfalt von verschiedenen Subsistenzund Gesellschaftsformen (von Jägern und Sammlern in unterschiedlichsten Arten von Habitat bis zu stratifizierten staatlichen Gesellschaften), die sehr gut an ihr spezifisches ökologischen Umfeld angepasst waren (vgl. Wilson 1999). Diese Situation veränderte sich zwar im Zuge von Kolonialisierung und Globalisierung, blieb aber fragmentarisch bis heute bestehen. Julian Steward ging von der Beobachtung aus, dass „in Südamerika weitreichende Verflechtungen zwischen Umwelt und kulturellen Typen" bestehen (Steward und Faron 1959:45). Aufbauend auf Ansätzen des „cuture area approach" sowie unter dem Einfluß von Theorien der Ökonomen Carl Wittvogel und Karl Polyani entwickelte er verschiedene Modelle, um die Gesellschaftsformen in Südamerika und ihre Beziehungen zur natürlichen Umwelt zu ordnen und zu analysieren. Damit begründet er die Forschungsrichtung der Kulturökologie (cultural ecology), die zwischen 1960 und 1980 (u.a. im Rahmen des Kulturmaterialismus von Marvin Harris) besonderes bedeutend war und bis heute von vielen WissenschafterInnen betrieben wird (vgl. Wilson 1999). Sie stellt einen interdisziplinären Ansatz dar, der Methoden und Modelle der Archäologie, der Kultur-und Sozialanthropologie und der Biologie integriert. Sie setze auch wichtige Impulse für die Entwicklung der Ethnobotanik und der Ethnozoologie sowie für das Verhältnis von indianischen Kulturen und Naturschutz (z.B. im Rahmen der Fragen um Natur und Landrechte ). Ein stärker von der Biologie beeinflusster Zweig dieser Forschungsrichtung ist die Evolutionsökologie (evolutionary ecology). Sie untersucht den Menschen, seine Kultur und seine Beziehungen zur natürlichen Umwelt in erster Linie im Kontext der biologischen Evolution mit den entsprechenden theoretischen Modellen. Sie beschäftigt sich in diesem Sinne in Lateinamerika hauptsächlich mit Gemeinschaften von Jägern und Sammlern und tropischen Wald-Gartenbauern (vgl. Kelly 1995). Kulturökologie im WWW: http://www.indiana.edu/~wanthro/eco.htm http://www.revision-notes.co.uk/revision/593.html 8

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http://emuseum.mnsu.edu/information/biography/pqrst/steward_julian.html

1.2.1 Geographische Regionen, Umwelttypen und Ebenen sozio-politischer Integration Im Mittelpunkt des Modells von Julian Steward steht das Konzept der „levels of sociopolitical integration" (Ebenen sozio-politischer Integration). Es unterschiedet vier große Typen von Gesellschaften entsprechend ihren Merkmalen wie • Bevölkerungsdichte, • Subsistenz und Produktivität, • Siedlungsform und Siedlungsgröße und • politische Organisationsform. Diese Merkmale bilden in seinem Modell den Kern einer Kultur (cultural core), alle anderen Faktoren sind Variable des „Kulturkerns" und werden von ihm bestimmt. Steward ordnete die indianischen Kulturen Südamerikas vier großen Typen sozio-politischer Integration zu • Staaten, • Häuptlingstümer, • dörfliche Gemeinschaften, • nomadische Jäger und Sammler bzw. „Marginale". Er untersuchte in der Folge ihre Verbreitung im Verhältnis zu größeren Umwelttypen bzw. geographischen Zonen. Zur Zeit des ersten Kontakts mit den Europäern waren Gesellschaften mit einem bestimmten sozio-politischem Integrationsniveau sehr klar auf einzelne geographische Regionen verteilt: • Die großen Staaten, die auf Bewässerungswirtschaft aufbauten, waren alle im zentralen Andenraum und an der angrenzenden Pazifikküste angesiedelt; • Häuptlingsgesellschaften fanden sich vor allem in den andinen Randzonen (z.B. Mojos) und im Nordwesten des Kontinents; • dörfliche Gesellschaften von Brandrodungsbauern ohne ausgeprägte zentrale politische Organisation siedelten in erster Linie im Regenwald des Amazonasbeckens; • nomadische Jäger und Sammler (sogenannte „Marginale") bewohnten die wenig produktiven, marginalen Zonen des Kontinents im Süden, z.B. Gran Chaco, Patagonien oder Feuerland. Das Konzept der Ebenen sozio-politischer Integration bezieht sich also auf verschiedene Aspekte einer Gesellschaft und setzt sie in Beziehung zu den jeweiligen Umweltbedingungen, wobei verschiedene Faktoren zusammenwirken und einander bedingen. In Stewards Modell stellen die Umweltbedingung den ausschlaggebenden Faktor dar, auf den alle weiteren aufbauen. Zu diesem Abschnitt vgl. Steward 1948, 1950, 1955, Steward und Faron 1959, Harris 1968, Wilson 1999: 11-14

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1.2.2 Zentrale Fragestellungen zur Kulturökologie Die zentrale These Stewards - die Umwelt (Natur) bedingt die Gesellschaft (Kultur) - wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von vielen WissenschafterInnen aufgegriffen, kritisiert, überprüft, verfeinert und auf verschiedene regionale Kulturen angewandt. Wichtige Forschungsfragen in diesem Kontext waren u.a.: • Inwieweit vernachlässigt Stewards Modell die ideelle Dimension von Kultur (Denken, Weltbild, Religion etc.) und hängt einem übertriebenen Materialismus und Umweltdeterminismus an? • Liegt dem Modell Stewards ein statisches Kulturkonzept zugrunde, dass Bewegung und Veränderung zu wenig Rechnung trägt? • Wie gestaltet sich das Verhältnis von Umwelt und Gesellschaft in bestimmten Regionen (z.B. Amazonasgebiet ) und bei spezifischen sozio-linguistischen Gruppen? • Genau welche Faktoren in bezug auf die Beziehung zwischen Umwelt und Subsistenz sind ausschlaggebend für eine bestimmte Ebene der sozio-politischen Integration? • Wie kann eine bestimmte Gesellschaftsform bzw. Lebensweise zum Erhalt spezifischer Ökosysteme (z.B. Regenwald) beitragen?

1.3 Strukturale Anthropologie in Traurigen Tropen: Claude Lévi-Strauss in Lateinamerika

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Claude Lévi-Strauss ist aufs engste mit der Forschungsrichtung der strukturalen Anthropologie verbunden, der er sich sein ganzes Leben gewidmet hat. Generell forscht Lévi-Strauss nach Regelsystemen für die sozio-kulturelle Praxis, die in allen Handlungsweisen und in allen kognitiven Produkten der untersuchten Gesellschaften oder Kulturen wiederkehren. Ein zentraler Teil seines Schaffens beschäftigt sich mit • Weltbild und Mythologie indianischer Kulturen. Er leistet auch wesentliche theoretische Beiträge zu anderen Forschungsfeldern - wie etwa zur • Verwandtschaftsethnologie. Claude Lévi-Strauss führte 1935-1939 Feldstudien in Brasilien durch. Die Eindrücke, Reflexionen und wissenschaftlichen Ergebnisse von diesen Forschungsreisen fließen auf mehreren Ebenen in sein Werk ein. Dazu zählt die Bearbeitung seiner Erlebnisse im Rahmen des wissenschaftlich-literarischen Werkes „Traurige Tropen", das eines der bekanntesten Werke der "Reiselitertur" in der Anthropologie darstellt (Lévi-Strauss 1989/1955). Claude Lévi-Strauss im WWW: http://www.press.jhu.edu/books/hopkins_guide_to_literary_theory/claude_levi-strauss.html http://www.mnsu.edu/emuseum/information/biography/klmno/levi-strauss_claude.html http://www.marxists.org/reference/subject/philosophy/works/fr/levistra.htm http://dannyreviews.com/h/The_Raw_and_the_Cooked.html http://mural.uv.es/madelro/myth.html http://www.stern.de/wissenschaft/natur/?id=513286 http://varenne.tc.columbia.edu/bib/auth/levstcld0.html http://www.adpf.asso.fr/adpf-publi/folio/levi/ Eine Website der ADPF (Association pour la Diffusion de la Pensée Française) zu Claude Lévi-Strauss in Französisch

1.3.1 Strukturale Anthropologie Lévi-Strauss analysiert Regelsysteme für die sozio-kulturelle Praxis mittels von Methoden, die stark von jenen der Sprachwissenschaft beeinflusst sind. Lévi-Strauss übernimmt und adaptiert dabei primär Theorien von Ferdinand de Saussure und Roman Jakobson. „Die wichtigste Grundvoraussetzung, auf der die gesamte strukturale Anthropologie von Lévi-Strauss aufbaut, ist die Bestimmung des „sozialen" Zeichens als ein solches, dessen Bedeutung der Effekt differenzieller und oppositioneller Relationen zu anderen Zeichen ist. Unter diesem Gesichtspunkt kann man davon ausgehen, dass den in menschlichen Kulturen vorkommenden Bedeutungs- und Sinnsystemen, jene allgemeinen und universellen „semiologischen" Merkmale eingeschrieben sind, die Ferdinand de Saussure am System der Sprache diskutierte." (Katschnig 2000:5) Lévi-Strauss wendet die Strukturale Anthropologie auf verschiedene Forschungsfelder an. Erschäftigt sich zunächst mit der Untersuchung von Verwandtschaftsystemen und betont ihre formale Analogie zu phonetischen Systemen (vgl. u.a. Lévi-Strauss 1958/1967). Im Mittelpunkt seiner Analyse steht die Bedeutung des „Frauentausches" im Zusammenhang mit der Eheschließung. Dieses Tauschsystem impliziert ein Inzestverbot und bildet so die

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Grundlage für Familie und Verwandtschaft: „Verwandtschaft gestaltet sich durch spezifische Formen der Heirat und setzt sich durch diese fort." Verwandtschaft bildet die Basis von Kultur, durch sie grenzt sich die menschliche Gesellschaft von jener der Tiere ab: „Das Inzestverbot ist gleichzeitig an der Schwelle der Kultur, in der Kultur, und, in gewissem Sinne ... die Kultur selbst ... Es ist der grundlegende Schritt, nach dem, durch den und vor allem in dem sich der Übergang von der Natur zur Kultur vollzieht." (Lévi-Strauss 1981:73) Verwandtschaft wird hier nicht als eine biologische Kategorie verstanden, sondern vielmehr als ein soziales, vor allem aber (in Anlehnung an die Linguistik) als ein symbolisches System. Verwandtschaftliche Beziehungen bauen demnach auf Tauschbeziehungen auf, die für LéviStrauss im Zentrum des sozialen Systems stehen. Hier steht er in der wissenschaftlichen Tradition seines Onkels Marcel Mauss, der in seinem Buch „Die Gabe", Tauschbeziehungen als „fait social total", als grundlegende und ganzheitliche soziale Gegebenheit bezeichnete (Mauss 1924/1990). In diesem Sinn beschäftigt sich Lévi-Strauss u.a. mit Fragen der politischen Struktur, z.B. mit dem Häuptlingstum bei den Nambikwara in Brasilien (LéviStrauss 1967).

1.3.2 Mythologica

Lévi-Strauss widmet sich mehrere Jahrzehnte Fragen der Struktur des menschlichen Denkens und damit in Zusammenhang der Struktur von Weltbildern und Mythen. "Begibt man sich auf die Suche nach den Strukturen, die den Mythen zugrunde liegen, so forscht man nach den logischen Strukturen des Denkens. Die Grundlagen der Methode der strukturalen Mythenanalyse legte Lévi-Strauss in dem Artikel „Die Struktur der Mythen" dar (Lévi-Strauss 1958/1967:226-253). Mythen sind zuallererst linguistische Gebilde: 12

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„Sie sind, wie im Falle einer mündlichen Überlieferung, selbst aus Sprache gemacht. Aber auch die visuellen Mythen, die in unserer Gesellschaft zunehmend die anderen verdrängen, sprechen eine Sprache: sie enthalten einen Code, in dem sie abgefaßt sind und sie enthalten eine Botschaft, die sie übermitteln wollen. Sie stellen für sich Systeme von Mitteilungen dar." (Oppitz 1993: 205-206) Das größte Projekt von Lévi-Strauss sind die Mythologiques (Mythologica), eine vergleichende Untersuchung zur Mythologie des amerikanischen Kontinents. Der Mythenvergleich wird darin zur zentralen Analyse- und Darstellungsmethode. Auf rund 2500 Seiten und an Hand von 813 Mythen versucht er die Einheitlichkeit der Mythologie Amerikas nachzuweisen. Hand in Hand mit der räumlichen Ausdehnung des Rahmens seiner Arbeit entwickelt sich bei Lévi-Strauss die Auffassung vom Mythos als einem Netz von Transformationen. Er geht davon aus, dass auch ein großes mythisches System, bestehend aus einer Anzahl sich gegenseitig transformierender Mythen, nicht geschlossen ist. Jedes mythische System verweist wiederum auf andere mythische Systeme, die es mitbestimmen und die ihrerseits von ihm mitbestimmt werden.

1.3.3 Traurige Tropen: Lévi-Strauss auf Feldforschung „Soll ich, der ergraute Vorläufer all derer, die sich heute im Busch herumtreiben, denn der einzige bleiben, der nur Asche in seinen Händen mitgebracht hat? Ist meine Stimme die einzige, die vom Scheitern der Flucht Zeugnis gibt?" (Lévi-Strauss 1989/1955: 35) Der wissenschaftliche Reisebericht von Claude Lévi-Strauss stellt einen der Bestseller ethnologischen Schreibens dar. Dieser Umstand soll nicht zur Annahme verleiten, hier werden Erfahrungen von besonders gut gelungenen Feldforschungen berichtet: Im Gegenteil, das Buch ist voll von Lamentationen verschiedener Art und erzählt eine Geschichte voll von Zweifeln, Enttäuschungen und Scheitern. Das Buch entstand zu einer Zeit, als Lévi-Strauss in keiner akademischen Position verankert war und sich für einige Zeit enttäuscht von der universitären Welt abwandte. „Enttäuschung" - so schreibt Michael Kraus - ist zugleich eine der zentralen Kategorien dieses berühmt gewordenen Reiseberichts. Liest man Traurige Tropen hinsichtlich der darin vorgetragenen Felderfahrungen und impliziten Forschungserwartungen, so fällt eines permanent ins Auge: Was auch immer in dem Buch passiert, Lévi-Strauss ist enttäuscht (Kraus 2000:66). Diese Enttäuschung kommt auf mehreren Ebenen zum Ausdruck: Zu Beginn seiner Reise ist Lévi-Strauss von der Philosophie enttäuscht, die er nach eigenem Bekunden ohnehin nur aus Abneigung gegen andere Fächer studiert hat, deswegen wendet er sich der Ethnologie und der Feldforschung zu. Am Ende wendet er sich auch davon wieder ab, und zwar mit den Worten: „Lebt wohl Wilde! Lebt wohl, Reisen!" Enttäuscht ist er von seinen Feldforschungen, vor allem von den indianischen Gemeinschaften, die sich seiner Ansicht nach in einem Zustand kulturellen Verfalls befinden („... zu meiner großen Enttäuschung [sind es] keine `wirklichen Indianer´ und noch viel weniger `Wilde´ ...") (Lévi-Strauss 1989/1955: 144, Kraus 2000: 66). Das wundert wenig, wenn man in Betracht zieht, dass seine „Feldlektüre" oft die Reiseberichte von Jean de Léry aus dem 16.Jahrhundert waren, auf die er immer wieder bezug nimmt und mit denen er das Vorgefundene vergleicht. Nur zu leicht kommt er zu dem enttäuschten Schluß, dass „... das wesentliche für immer verloren ist". 13

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Permanent auf der Suche nach unberührten, ursprünglichen Kulturen reist er unter großen Strapazen mehrmals in den Mato Grosso und in das Amazonasgebiet. Dabei sammelt er durchaus interessante empirische Daten von verschiedenen indianischen Gruppen, die später immer wieder in sein Werk einfließen. Seine Enttäuschung bleibt jedoch immer latent vorhanden oder tritt schnell nach einer freudigen Phase wieder ein: Auf einer seiner Forschungreisen hört Lévi-Strauss von einer Indianergruppe, die bislang noch nicht kontaktiert worden war. Es handelt sich dabei um die Tupi-Kawahib, Nachfahren jener Tupi-Gruppen, welche von den französischen Handelsreisenden und Chronisten (und von Hans Staden) im 16.Jahrhundert beschrieben worden waren. Doch auch diese potentielle Begegnung wird zur Enttäuschung: „Während der Ethnologe durch den dichten Urwald zu den Indianern irrt, sind die Indianer auf dem Weg zu Posten von Pimenta Bueno - sie hatten beschlossen, ihr Dorf zu verlassen und sich endgültig der Zivilisation der Weißen anzuschließen." (Kraus 2000:72)

1.3.4 „Melancholische Beobachtung" Auf der Suche nach „Wahren Wilden" und wahrscheinlich auch auf der Flucht vor der eigenen Zeit und Zivilisation irrt Lévi-Strauss deprimiert durch Urwald und Steppe. Seine Beobachtungen sind nicht immer, aber oft von einer melancholischen Stimmung überschattet, die sowohl die Befindlichkeit der anderen Kultur als auch jene des Forschers betrifft. Der Leser der Traurigen Tropen gewinnt den Eindruck, das Lévi-Strauss häufig der Fremde bleibt, das seine Begegnungen mit den indianischen Gemeinschaften wenig von der intensiven und auch humorvollen sowie freudigen Interaktion und Kommunikation eines Theodor Koch Grünberg aufweisen - der selbst durchaus schwierige und auch deprimierte Phasen auf seinen Reisen durchlebt, doch bleiben sie im Schnitt in der Minderzahl (vgl. Kraus 2000). „Die Zeit verrinnt, gleichmäßig, eintönig. Wir sitzen hier wie in einem Gefängnis, abgeschlossen von der ganzen Welt. Diese lange Regenzeit mit ihrer trostlosen Einförmigkeit, diese naßkalten, trüben Regentage, an denen man die Sonne nicht sieht, wirken ermattend, niederdrückend auf das Gemüt. Es gibt Augenblicke, wo man verzagt, wo man meint, es könnte nie wieder anders werden. -- Wann werden wir endlich weiter kommen?" (KochGrünberg 1917:303) Lévi-Strauss schildert in den Traurigen Tropen u.a. einen wichtigen Aspekt der Feldforschungserfahrung, nämlich das Unvermögen des Forschers, die Situation der kulturellen und menschlichen Begegnung mit dem Anderen für alle Beteiligte positiv zu gestalten und zu erleben. Einerseits sehnt er sich nach dem Fremden - so sind für Lévi-Strauss die Indianer, denen er begegnet, oft nicht fremd, nicht „wild" genug - , andererseits gelingt es ihm nicht, in die Lebenwelt der Fremden wirklich (emotional) einzusteigen (Kraus 2000).

1.4 Komplexe Gesellschaft, Verflechtungen und Macht bei Eric Wolf Eric Wolf (1923-1999) leistete wesentliche Beiträge zu vielen Forschungsfeldern der Kultur- und Sozialanthropologie Lateinamerikas. Der regionale Schwerpunkt seiner Arbeiten liegt in Mittelamerika: Er beschäftigt sich dabei u.a. mit der • sozialen und ideologischen Organisation der präkolonialen Kulturen - in erster Linie mit den den Azteken - (Wolf 1959, 1994) sowie mit 14

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• interkulturellen Verflechtungen (Wolf 1986) oder • sozialen und ökonomischen Verhältnissen (Wolf 1955, 1956, 1986, 1990). • In seinem gemeinsam mit E.C. Hansen verfaßten Werk "The Human Condition in Latin America" (Wolf und Hansen 1972) zeigt er u.a. die Verbindung von ökonomischen, sozialen und historischen Faktoren, welche die spezifischen gesellschaftlichen Verhältnisse der lateinamerikanischen Gesellschaft prägen. Diese Fragestellungen kennzeichnen auch seine Auseinandersetzung mit • Bauern in Mittelamerika (Wolf 1955), die er primär in Bezug auf ihre Beziehungen zu anderen Sektoren der Gesellschaft untersucht. • Im Mittelpunkt seiner Analysen steht immer wieder die Frage nach den Machtverhältnissen und ihren Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Personen und Gruppen (Wolf 1990, 1999) • Die Arbeiten von Eric Wolf hatten und haben nachhaltigen Einfluß auf verschiedene Forschungsfelder der Kultur- und Sozialanthropologie sowie auf WissenschafterInnen anderer Disziplinen (Geschichte, Politikwissenschaft etc.). • Im Rahmen der allgemeine Theorienbildung in der Kultur- und Sozialanthropologie bildet(e) sein Werk eine wichtige Grundlage für eine Reihe von theoretischen Ansätzen in bezug auf transkulturelle bzw. transnationale Beziehungen und Globalisierung (z.B. Appadurai 1996, Gupta und Ferguson 1997, Hannerz 1992, Hastrup und Fog Olwig 1997). • Im Rahmen der Kultur- und Sozialanthropologie Lateinamerikas bildete sein Modell zur Analyse von komplexen gesellschaftlichen Gefügen u.a. eine Basis für die Analyse des Verhältnisses von indianischen oder afroamerikanischen Gesellschaften und der kolonialen, nationalen oder globalen Gesellschaft (z.B. Archetti 1997, Bonfil Batailla 1987, 1990, Mintz 1985, Salomon 1983, Whitten 1981, 1985). Eric Wolf im WWW: http://www.mnsu.edu/emuseum/information/biography/uvwxyz/wolf_eric.html http://www.indiana.edu/~wanthro/wolf.htm

1.4.1 Gruppenbeziehungen in einer komplexen Gesellschaft In einem Artikel aus dem Jahr 1956 entwickelt Eric Wolf ein Modell zur Analyse sozialer, ökonomischer und kultureller Prozesse in Lateinamerika. Im Mittelpunkt dieses Modells stehen die Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen in einem komplexen gesellschaftlichen Gefüge. (Lokale) Gemeinschaften (community) stellen keine geschlossenen Einheiten dar, sondern sind in eine größere soziale und politische Matrix eingebettet und müssen demnach in diesen Zusammenhängen untersucht werden (Wolf 1956). Dieser theoretische und methodische Grundsatz baut auf Arbeiten von Julian Steward auf: Steward betont, dass man einen Teil eines größeren gesellschaftlichen Gefüges nicht so behandeln könne, als sei er per se eine unabhängige (und geschlossene) Ganzheit. Vielmehr sind einzelne Gemeinschaften auf verschiedenen Ebenen mit größeren sozialen Gefügen verflochten. Solche großräumigen Strukturen, Institutionen und Prozesse vergleicht Steward mit den Knochen und Nerven im menschlichen Körper, welche die einzelnen Körperteile miteinander verbinden und ständig auf sie einwirken (Steward 1950:107-115). 15

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Eric Wolf beschäftigt sich in diesen Zusammenhang primär mit den Beziehungen zwischen lokalen Gemeinschaften und dem Nationalstaat in Lateinamerika. Seiner Ansicht zu Folge ist nicht legitim, die Wechselwirkungen von Gemeinschaft (community) und Nation auf „äußere Faktoren" (outside factors) zu reduzieren, durch welche die größere gesellschaftliche Struktur punktuell eine lokale Gemeinschaft beeinflusst. Vielmehr ist es notwendig, die beweglichen Beziehungen zwischen verschiedene Gruppen zu untersuchen, die auch kulturelle Formen bzw. Muster darstellen. Gruppenbeziehungen (group relations) verfügen über äußerst komplexe Formen: Sie verbinden Gruppen in vielfältigen Prozessen von Konflikt und Anpassung (accomodation), welche komplexe Gesellschaften charakterisieren. Komplexe Gesellschaften bestehen demnach aus Netzwerken von Beziehungen zwischen Gruppen auf lokaler, nationaler und (heute auch globaler) Ebene. Will man die Dynamik einer komplexen Gesellschaft erfassen, so genügt es nicht, einzelne Gemeinschaften zu untersuchen. Vielmehr geht es darum, Gruppen von Menschen und ihre miteinander verflochtenen und veränderbaren Beziehungen zu analysieren.

1.4.2 Macht und Geschichte Für die Analyse von komplexen gesellschaftlichen Gefügen und ihren Gruppenbeziehungen sind für Eric Wolf zwei Faktoren von besonderer Bedeutung (Wolf 1956): • Die Ausübung von Macht: Gruppenbeziehungen in komplexen Gesellschaften sind eng mit der Ausübung von Macht bzw. Herrschaft einer oder mehrerer Gruppen über andere verbunden. Diese Machtverhältnisse können verschiedene kulturelle Formen aufweisen, sie stellen Aspekte von Gruppenbeziehungen dar und werden oft durch politische und ökonomische Institutionen vermittelt. • Der historische Prozess: Gruppenbeziehungen sind nicht statisch, sondern gestalten sich in größeren Zeiträumen. Sie haben eine synchrone Dimension (das Netzwerk von Gruppenbeziehungen, das zu einem bestimmten Zeitpunkt existiert) und einen diachrone Dimension (die Geschichte der einzelnen Gruppen und ihrer Beziehungen). Diese beiden Schwerpunkte wurden von Eric Wolf in seinen verschiedenen Forschungsfeldern immer wieder aufgegriffen, wobei die Untersuchung der lateinamerikanischen Gesellschaft oft im Mittelpunkt seiner Analysen stand.

1.4.3 Ökonomische und kulturelle Verflechtungen "Die zentrale Aussage dieses Buches lautet: Unsere Menschenwelt stellt eine vielfältige Totalität miteinander verbundener Prozesse dar, und Untersuchungen, die diese Totalität zerstückeln, ohne sie wieder zusammenzusetzen, verfälschen die Realität. Begriffe wie Nation, Gesellschaft oder Kultur sind lediglich Bezeichnungen für einzelne Bruchstücke und laufen Gefahr, für die Sache selbst genommen zu werden. Nur wenn wir diese als Bündel von Beziehungen auffassen und nur indem wir sie auf die Zusammenhänge zurückbeziehen, aus denen wir sie ursprünglich entwendet haben, können wir - hoffentlich - Trugschlüsse vermeiden und unseren Erkenntnishorizont erweitern. " (Wolf 1986:17) In seinem bekanntesten Buch "Die Völker ohne Geschichte. Europa und die andere Welt seit 1400" (Wolf 1986) beschäftigt sich Eric Wolf mit dem Berührungsflächen und 16

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wechselseitigen Beziehungen zwischen Gesellschaften. Nicht die kulturelle Eigenständigkeit und gegenseitige Abschottung sind das "allgemeine Merkmal der menschlichen Gattung", sie ist vielmehr durch vielschichtige Prozesse von Verflechtungen gekennzeichnet. Diesen Zusammenhängen geht Wolf auf verschiedenen Ebene nach, einen wesentlichen Aspekt bilden dabei ökonomische Beziehungen und Machtbeziehungen, die wiederum auf das Engste miteinander verbunden sind. So analysiert er u.a. die Warenströme, welche lange vor der Globalisierung - ein weltweites Netz von Tauschbeziehungen und Abhängigkeiten darstellten. In dem Kapitel "Die Iberer in Amerika" (Wolf 1986: 192-227) untersucht er die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse im kolonialen Lateinamerika und zeigt die komplexen Verflechtungen von ökonomischem Handeln und Kolonialherrschaft.

1.5 Bibliographie • Appadurai, Arjun 1996: Modernity at Large. The Cultural Dimensions of Globalization. Minneapolis & London, University of Minnesota Press. • Archetti, Eduardo 1997: Guinea-Pigs. Food, Symbol and Conflict of Knowledge in Ecuador. Oxford/New York, Berg • Bonfil Batalla, Guillermo 1987: La teoría del control cultural en el estudio de procesos étnicos. Revista Papeles de la Casa Chata (Mexico) Ano 2, Núm.3: 23-43. • Bonfil Batalla, Guillermo 1990: Mexico profundo. Una Civilización negada. Mexico D.F., SEP & Grijalbo. • Descola, Philippe 1992: Societies of nature and the nature of society. In: Kuper, Adam (Hrsg.), Conceptualizing society. London & New York, Routledge:107-126. • Descola, Philippe 1994: In the Society of Nature. A Native Ecology in Amazonia. Cambridge, Cambridge University Press. • Descola, Philippe 1996: Constructing natures: symbolic ecology and social practice. In: Descola, Philippe und Pálsson, Gisli (Hrsg.), Nature and Society: Anthropological Perspectives. London & New York, Routledge • Gippelhauser, Richard 1993: SHAHASHMICSH? Interethnische Verflechtung und kulturelle Identität am peruanischen und ekuatorianischen Amazonas. In: Fillitz, Thomas e.a. (Hrsg.), Kultur, Identität und Macht. Ethnologische Beiträge zu einem Dialog der Kulturen. Frankfurt/Main, IKO: 91-106. • Gugenberger, Eva 1999: „Mia san mia und ihr sads ihr: Sprache als Merkmal ethnischer Identität und Vermittlerin von Weltbildern". In: Mader, Elke und Maria Dabringer (Hrsg.), Von der realen Magie zum Magischen Realismus. Weltbild und Gesellschaft in Lateinamerika. Frankfurt/Main & Wien, Brandes & Apsel/Südwind: 25-44. • Gupta, Akil und Ferguson, James (Hrsg.) 1997: Culture, Power, Place: Explorations in Critical Anthroplogy. Duke University Press. • Hannerz, Ulf 1992: Cultural Complexity. New York, Columbia University Press. • Harris, Marvin 1968: The Rise of Anthropological Theory. A History of Theories of Culture. New York, Th.Y. Crowell Company. • Hastrup und Fog Olwig (Hrsg.)1997: Siting Culture: The Shifting Anthropological Object. London & New York, Routledge. 17

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• Hugh-Jones, Stephen 1979: The Palm and the Pleiades - Initiation and Cosmology in Northwest Amazonia. Cambridge, Cambridge University Press. • Katschnig, Julia 2000: Integrale Anthropologie. Die Verknüpfung von strukturaler Analyse und Semiotik im Werk von Claude Lévi-Strauss. Diplomarbeit, Universität Wien. • Kelly, Robert 1995: The Foraging Spectrum. Diversity in Hunter-Gatherer Lifeways. Washington, Smithonian Institution Press • Kraus, Michael 2000: Zwischen fröhlicher Teilnahme und melancholischer Beobachtung. Erwartung und Enttäuschung in wissenschaftlichen Reiseberichten aus dem östlichen Südamerika. In: Münzel, M., B. Schmidt und H. Thote (Hrsg.), Zwischen Poesie und Wissenschaft. Essays in und neben der Ethnologie. Marburg, Curupira: 63-87. • Lévi-Strauss, Claude 1958/1967: Strukturale Anthropologie. Frankfurt/Main, Suhrkamp: 226-253. • Lévi-Strauss, Claude1964/1976: Das Rohe und das Gekochte. Mythologica I. Frankfurt/Main, Suhrkamp. • Lévi-Strauss, Claude 1966/1972: Vom Honig zur Asche. Mythologica II. Frankfurt/Main: Suhrkamp. • Lévi-Strauss, Claude1967: The Social and Psychological Aspects of Chieftainship in a Primitive Tribe: The Nambikuara of Northwestern Mato Grosso. In: Cohen, Ronald und John Middleton (Hrsg.), Comparative Political Systems. Studies in the Politics of Pre-Industrial Societies. Garden City & New York, The Natural History Press: 45-62. • Lévi-Strauss, Claude1968/1973: Der Ursprung der Tischsitten. Mythologica III.Frankfurt/Main, Suhrkamp. • Lévi-Strauss, Claude 1971/1975: Der Nackte Mensch, Mythologica IV. Frankfurt/Main, Suhrkamp. • Lévi-Strauss, Claude 1981/1949: Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft. Frankfurt/Main, Suhrkamp. • Lévi-Strauss, Claude 1989/1955: Traurige Tropen. Frankfurt/Main, Suhrkamp. • Lewis Oscar 1961; The Children of Sanchez. New York, Random House. • Lewis, Oscar 1965/2002: The Culture of Poverty. In: Heath, Dwight (Hrsg.), Contemporary Cultures and Societies of Latin America. A Reader in the Social Anthropology of Middle and South America.Prospect Heights, Waveland Press: 408417. • Lindig, Wolfgang und Münzel, Mark 1978: Die Indianer. Kulturen und Geschichte der Indianer Nord-, Mittel- und Südamerikas. München, dtv. • Lowie, R.H. 1948: Some Aspects of Political Organisation among the American Aborigenes. The Journal of the Royal Anthropological Institute, Vol.78: 11-24. • Mauss, Marcel 1924/1990: The Gift. The Form and Reason for Exchange in Archaic Societies. New York/London. • Mintz, Sidney 1985: Die süße Macht. Eine Kulturgeschichte des Zuckers. Frankfurt/Main, Campus • Murra, John 1956/1980: The Economic Organization of the Inka State. Research in Economic Anthropology (Supplement 1) Greenwich, JAI-Press.

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• Oppitz, Michael 1993: Notwendige Beziehungen. Abriß der strukturalen Anthroplogie. Frankfurt/Main: Suhrkamp • Riviere, Peter 1969: Marriage among the Trio. Oxford, Clarendon. • Riviere, Peter 1993: The Ameriandianization of decent and affinity. In Decola,Ph. und A.Ch. Taylor (Hrsg.) La Remontée de L`Amazone. Anthropologie et Histoire des Sociétés Amazoniennes, (Spec. Ed. L`Homme 126-127), Paris, Èc. Hautes Etud.Sci.Soc., 507-516. • Salomon Frank, 1983: Shamanism and Politics in Late-Colonial Ecuador. American Ethnologist 10:413-428. • Steward, Julian (Hrsg.) 1948: Handbook of South American Indians; 7 Vols, Washington, Bureau of American Ethnology. • Steward, Julian 1950: Area research: theory and practise. Social Science Research Counsil Bulletin 63, New York. • Steward, Julian 1955: Theory of Culture Change: The Methodology of Multilinear Evolution. Urbana, University of Illinois Press. • Steward, Julian 1977: Evolution and Ecology: Essays on Social Transformation. Herausgegeben von Jane Steward und Robert Murphy. Urbana, University of Illinois Press. • Steward, Julian und Faron, Luis 1959: Native Peoples of South America. New York, MacGraw-Hill. • Taussig, Michael 1980: The Devil and Commodity Fetishism in South America. Chapel Hill: The University of North Carolina Press. • Taussig, Michael 1987: Shamanism, Colonialism, and the Wild Man. A Study in Terror and Healing. Chicago/London, The University of Chicago Press. • Viveiros de Castro, Eduardo 1998: Cosmological Deixis and Amerindian Perspektivism. Journal of the Royal Anthropological Institute (N.S.) 4: 469-488. • Viveiros de Castro, Eduardo 2001: GUT Feelings about Amazonia: Potential Affinity and the Construction of Sociality. In: Rival, Laura und Neil Whitehead (Hrsg.), Beyond the Visible and the Material. The Amerindianization of Society in the Work of Peter Riviere. Oxford, Oxford Univeristy Press: 19-43. • Whitten, Norman (Hrsg.) 1981: Cultural Transformations and Ethnicity in Modern Ecuador. Chicago, University of Illinois Press. • Whitten, Norman E. 1985: Sicuanga Runa. The Other Side of Developement in Amazonian Ecuador. Urbana/Chicago, University of Illinois Press. • Wilson, David 1999: Indigenous South Americans of the Past and Present. An Ecological Perspective. Boulder, Westview Press. • Wolf Eric 1955: Types of Latin American peasantry. A preliminary Discussion. American Anthropologist 57:452-71. • Wolf Eric 1956: Aspects of Group Relations in a Complex Society: Mexico. American Anthropologist, Vol 58: 1065-1078. • Wolf, Eric 1959: Sons of the Shaking Earth. The University of Chicago Press. • Wolf, Eric 1986: Die Völker ohne Geschichte. Europa und die andere Welt seit 1400. Frankfurt/Main & New York, Campus. • Wolf, Eric 1990: Facing Power - Old Insights, New Questions. American Anthropologist 92: 586-596. 19

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