Pius und der Zweite Weltkrieg - Katholische Akademie in Bayern

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Tatsachen - Deutungen - Fragen. Eine Zwischenbilanz der zeitgenössischen Katholizismusforschung Welche Ergebnisse kann die zeitgenössische Katholizism...

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Tatsachen - Deutungen - Fragen. Eine Zwischenbilanz der zeitgenössischen Katholizismusforschung Welche Ergebnisse kann die zeitgenössische Katholizismusforschung vorweisen? Welche Fragestellungen wurden bisher vernachlässigt? Und: Welche Impulse etwa durch internationalen und konfessionellen Vergleich oder durch methodische Anregungen führen weiter? Im kritisch-argumentativen Gespräch wurden an der Tagung am 22./23. Mai 2003 die Brennpunkte "Katholizismus und Antisemitismus", "Katholische Kirche und Drittes Reich" sowie "Kirche und Gesellschaft nach 1945" diskutiert. Die Tagung entstand aus einer Zusammenarbeit zwischen der Kommission für Zeitgeschichte und der Katholischen Akademie in Bayern.

Thomas Brechenmacher Pius XII. und der Zweite Weltkrieg. Plädoyer für eine erweiterte Perspektive Über die Politik des Heiligen Stuhls und das Verhalten Papst Pius’ XII. im Zweiten Weltkrieg wissen wir heute sehr viel. Wir wissen so viel, dass eine differenzierte, wissenschaftlich gültige Antwort auf die These vom schuldhaften Schweigen des Papstes gegenüber den Verbrechen des Nationalsozialismus und insbesondere dem nationalsozialistischen Völkermord an den europäischen Juden möglich ist, ja dass diese These sogar überzeugend zurückgewiesen werden kann. Trotzdem geht die 1963 durch das Theaterstück „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth angestoßene Debatte über das Schweigen des Papstes in unverminderter, seit etwa fünf Jahren vielleicht sogar noch zunehmender Schärfe weiter. Publiziertes archivalisches Material Den Ausgangspunkt jeder quellenbezogenen Auseinandersetzung mit der Politik des Heiligen Stuhls während des Zweiten Weltkriegs bildet unverändert die elfbändige, zwischen 1965 und 1981 von den Jesuiten Angelo Martini, Burkhart Schneider, Pierre Blet und Robert A. Graham im wesentlichen aus den Archiven des vatikanischen Staatssekretariats herausgegebene

Edition „Actes et Documents du Saint Siege relatifs a la seconde Guerre mondiale“. Dass Papst Paul VI. in Reaktion auf die von Rolf Hochhuth erhobenen Vorwürfe diese großangelegte Aktenpublikation in Auftrag gab, ist bekannt, ebenso, dass ihr Wert vor allem von solchen Autoren angezweifelt wird, die der These vom schuldhaften Schweigen Pius’ XII. anhängen. Zweifellos können die elf Bände nicht alle Einzelaspekte gleichermaßen abdecken. Lücken bestehen etwa, um nur zwei Beispiele zu nennen, in der Frage der Reaktion des Heiligen Stuhls auf das sogenannte Riegner-Memorandum vom März 1942 oder in der Haltung zur Frage eines jüdischen Staates in Palästina; diese Lücken betreffen aber doch nicht die zentralen Gesichtspunkte der Thematik, und niemals wurde denn auch bisher von seriöser Seite die Zuverlässigkeit der Arbeit jener vier Editoren ernsthaft in Zweifel gezogen. Walter Brandmüller wird demnächst eine ausführliche Studie über den Vatikan und die Judenverfolgung in der Slowakei vorlegen, die jene Zuverlässigkeit der Materialauswahl durch die Herausgeber der „Actes et Documents“ ein weiteres Mal bestätigen wird. Insgesamt stellen die „Actes et Documents“ ein noch längst nicht ausgeschöpftes Quellenfundament bereit, das bei weitem die Materialbasis übertrifft, aufgrund deren etwa Saul Friedländer oder Guenter Lewy – von Hochhuth ganz zu schweigen – starke Verdikte über Vatikan und Papst während des Zweiten Weltkrieges gefällt haben. Darüber hinaus befinden wir uns in der glücklichen Lage, die „Actes et Documents“ durch vielfältige weitere Quellenpublikationen ergänzen zu können. Einen wesentlichen Beitrag zu diesem Glück leistete die zeitgeschichtliche deutsche Katholizismusforschung. Vom Beginn seiner Institutionalisierung an stellte dieser Zweig der deutschen Geschichtswissenschaft die editorische Aufbereitung von Quellenmaterial in den Vordergrund seiner Arbeit.

Dr. Thomas Brechenmacher, Wissenschaftlicher Assistent am Historischen Institut der Universität der Bundeswehr München Diese von Konrad Repgen im Vorwort zum ersten Band des „Notenwechsels zwischen dem Heiligen Stuhl und der deutschen Reichsregierung“ 1965 programmatisch formulierte Aufgabe hat die Kommission für Zeitgeschichte seither höchst produktiv erfüllt. Die entsprechenden Bände der blauen „Reihe A“ muß ich nicht erst nennen: jeder Teilnehmer dieser Tagung kann sie leicht dem ihm vorliegenden Verzeichnis entnehmen. Die wissenschaftshistorische Bedeutung der Editionstätigkeit der Kommission für Zeitgeschichte liegt darin, dass die Entscheidung zu einer dokumentarischen Aufarbeitung der kirchlichen Zeitgeschichte bereits erfolgte, bevor die Hochhuth-Debatte losbrach, nämlich im Jahr 1962, sie also aus rein wissenschaftlichen Erwägungen heraus, nicht aus einem Zwang zur Verteidigung oder Apologie getroffen wurde. Neben den „Actes et Documents“, neben den großen Editionen einzelner Nationen zur jeweiligen Auswärtigen Politik, wie etwa den amerikanischen FRUS-Akten, bilden die Editionen der Kommission für Zeitgeschichte die wesentliche Grundlage der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Verhältnis von Heiligem Stuhl, deutschem Episkopat und Nationalsozialismus während der Jahre des Zweiten Weltkrieges. Nur mit Bestürzung kann man freilich feststellen, wie wenig diese gewichtigen Aktenbände sogar von Wissenschaftlern rezipiert werden, die als Spezialisten für die Thematik

gelten oder gelten wollen. Kaum zu glauben etwa, dass sie sogar einzelnen Mitgliedern jener vor einigen Jahren eingesetzten und dann unter skandalösen Umständen auseinandergebrochenen jüdisch-christlichen Expertenkommission zur Untersuchung des „Schweigens Pius’ XII.“ nicht einmal dem Titel nach bekannt gewesen sein sollen. Ein für diese gesamte Debatte freilich symptomatischer Befund: das notwendige Material zu einer adäquaten Urteilsbildung ist bereitgestellt, aber die Existenz der Editionen wird zu wenig wahrgenommen. Sekundärliteratur Nichts anderes gilt für die Fülle an ernstzunehmender Sekundärliteratur, die seit Jahrzehnten zu fast jedem Aspekt unseres Themas vorliegt. Erlauben Sie mir, an erster Stelle wieder nur einige ausgewählte Beiträge aus dem Kreis der deutschen Katholizismusforschung zu nennen: die konzisen, quellengesättigten und keineswegs überholten Abrisse von Josef Becker (1972) und Konrad Repgen (1979) über den Vatikan und den Zweiten Weltkrieg, stellvertretend für unzählige Arbeiten der bereits von meinem Vorredner namentlich genannten Historiker, zu denen ich hier noch Bernhard Stasiewski, Heinz Hürten und Georg Denzler fügen möchte. Aus dem Bereich der angelsächsichen Katholizismusforschung trugen vor allem John Conway, Owen Chadwick, John F. Morley, aus dem frankophonen Bereich Victor Conzemius zur Vertiefung unseres Wissens bei; einzelne Bände zu nennen, muß ich mir aus Zeitgründen ersparen. Nahezu alle wichtigen Aspekte sind auch in Publikationen jüngeren Datums – der späten 80er und der 90er Jahre – behandelt worden, wenn freilich oftmals in italienischer Sprache, die in Deutschland traditionell wenig gelesen wird. Neben Arbeiten von Italo Garzia, Alessandro Duce und Giorgio Angelozzi Gariboldi über Pius XII., Italien, Polen und den Zweiten Weltkrieg, ist hier in erster Linie die umfassende Studie von Giovanni Miccoli, „I dilemmi ei silenzi di Pio XII“ (2000), hervorzuheben. Man muß keineswegs mit allen von den genannten und weiteren Autoren vertretenen Thesen einverstanden sein; ob man etwa, wie jüngst in direkter Reaktion auf John Cornwells „Hitler’s Pope“ geschehen, Pacelli zum „Papst der Juden“ – il Papa degli Ebrei“ – erklären kann, muß doch sehr fraglich bleiben. Vieles hingegen ist jedoch mindestens diskutabel und sollte auch von der deutschen Katholizismusforschung aufgegriffen oder, sofern dies nicht bereits geschehen ist, wie etwa in den Forschungen zum deutschen Episkopat oder zu den „Priestern unter Hitlers Terror“, vertieft werden. Ich meine: 1. die Weiterung der Perspektive: weg von der Fixierung auf die Person des Papstes und weg von der Vorstellung, der Papst hätte jederzeit und in jeder Sachfrage unbedingte Kontrolle

über alle Glieder der Weltkirche ausüben können, hin zu einer auch theologisch fundierten Würdigung des Verhaltens der Kirche und ihrer Vertreter auf allen Ebenen, vom Papst, über Kardinäle und Bischöfe bis hinab zu einzelnen Priestern und Ordensleuten. Die Papstkritik steigerte sich seit John Cornwell und Daniel Goldhagen zu einer unerhörten Klimax, die zuletzt jedes von wissenschaftlicher Arbeit zu fordernde Maß vermissen ließ. 2. Ein diskutierenswerter Trend besteht darin, Pius XII. in seinen Dilemmata, seinen Zwangslagen, zu zeigen, um seine tatsächlichen Handlungsspielräume zu verstehen. War er in erster Linie oberster Schutzherr der Kirche und musste er für deren Wohl sorgen, – eine Sorge, die eine andere Politik erforderte, als die Forderung, christusgleich das Leid der Welt auf sich zu nehmen und das Leid aller Menschen anzuprangern? War er Weltgewissen, oder nur oberstes Kirchengewissen oder einfach nur Politiker mit spezifischen Interessen? Sollte er durch konkrete, aber stille Diplomatie so vielen Verfolgten, wie eben möglich Hilfe bieten, oder alles auf die eine Karte eines großen moralischen Appells setzen, dessen Wirkung aller Erfahrung nach mindestens zweifelhaft, möglicherweise sogar kontraproduktiv sein musste? In diesen Zusammenhang gehört die von David Alvarez gestellte Frage, inwieweit der Heilige Stuhl nicht durch die „Unzulänglichkeit seiner Mittel“ sehr stark daran gehindert war, eine sowohl selbstgestellte als auch von außen an ihn herangetragene „Vielfalt der Ziele“, zum Teil widersprüchlicher Ziele, zu verwirklichen, und 3. das Nachdenken über die These von Giovanni Miccoli, von der veralteten Diplomatie, die den völlig neuen durch den Krieg gestellten Anforderungen nicht mehr gerecht werden konnte. Schließlich könnten empirische Zugriffsweisen noch stärker kultiviert werden, um beispielsweise systematisch zu klären, welche und wie viele Personen in welchen Ländern durch kirchliche Aktivitäten vor Verfolgung und Tod gerettet wurden. Für die römischen Juden hat dies in ersten Ansätzen und nicht frei von apologetischen Anflügen Margherita Marchione versucht. In einschlägigen jüdischen Gemeindearchiven dürfte sich dazu noch reiches Quellenmaterial finden lassen. Solches Forschen und Nachdenken in Ruhe wird jedoch immer wieder gestört von den Anforderungen der nichtwissenschaftlichen öffentlichen Debatte um „Pius XII. im Zweiten Weltkrieg“. John Cornwells Buch über „Hitler’s Pope“ hat diese Debatte 1999 in eine neue erbitterte Runde getrieben, die sich mittlerweile jedoch – und das ist meine These zum gegenwärtigen Stand – festgefahren hat. Die Papstkritik, vorgetragen in erster Linie durch nichtprofessionelle oder nur begrenzt sachkundige Historiker, steigerte sich seit Cornwell über die

Arbeiten von James Carroll, Susan Zuccotti und Daniel Goldhagen zu einer unerhörten Klimax, die zuletzt jedes von wissenschaftlicher Arbeit zu fordernde Maß vermissen ließ. Mit großer Detailkenntnis sind im Gegenzug – unter anderem – aufgetreten: Pierre Blet mit einer überarbeiteten Zusammenfassung der Einleitungen zu den einzelnen Bänden der „Actes et Documents“, Ronald Rychlak und Michael Feldkamp mit einem Buch über „Pius XII. und Deutschland.“ Zunehmend, so erhält man den Eindruck, verlagert sich der Schwerpunkt weg vom eigentlichen Thema auf Reflexionen über die Debatte. Das Anfang dieses Jahres erschienene, verdienstvolle Buch von Jose M. Sanchez, „Pius XII. und der Holocaust“, trägt den programmatischen Untertitel „Anatomie einer Debatte“; der gleichen Tendenz folgt, auf dem italienischen Buchmarkt, der Band von Luigi Matteo Napolitano, „Pio XII tra guerra e pace“ (2003), im französischsprachigen Bereich das Buch von Marc Andre Chargueraud, „Les papes, Hitler et la Shoah“ (2002). Die Autoren bescheiden sich darauf, „nur“ einen Überblick über die Debatte zu geben, einzelne ausgewählte Probleme ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erörtern und im übrigen den mündigen Leser selbst entscheiden zu lassen. Sicher, sowohl bei Sanchez als auch bei Napolitano fällt das Urteil zwischen den Zeilen keineswegs gegen Pius XII. aus; gleichwohl tritt aus beiden Bänden doch eine gewisse Resignation entgegen. Perspektiven der Forschung Was kann die historische Forschung angesichts dieser etwas deprimierenden Aussichten tun? Was kann insbesondere die katholische Zeitgeschichtsforschung tun? Meine These hier: sie kann und muß natürlich in weiteren Aktenpublikationen und Darstellungen den „terrible simplificateurs“ entgegentreten, indem sie beharrlich auf die komplexen historisch-politischen Kontexte des päpstlichen Handelns hinweist und der Vorstellung entgegenarbeitet, die Situation des Papstes ließe sich von einem naiven gesinnungsethischen Standpunkt absoluter Moral aus adäquat beurteilen. Dazu sollte sie aber von den immer und immer wieder auf die bekannten Themen der Jahre 1939 bis 1945 zentrierten Scharmützeln abgehen und zu einer globaleren Sichtweise kommen, die versucht, das Thema „Pius XII. und der Zweite Weltkrieg“ im größeren universalhistorischen Zusammenhang einer Geschichte des Papsttums im Zeitalter der totalitären Ideologien zu betrachten, einer Geschichte, die den Bogen vom Ersten Weltkrieg bis 1945, ja wahrscheinlich viel weiter, bis zum Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks zu ziehen hätte. Noch ist diese Geschichte aufgrund der Quellensituation für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts kaum zu schreiben; was freilich den wichtigen Zeitraum von 1922 bis 1939 betrifft, haben wir seit kurzem eine Situation, die es uns erlaubt, diese Per-

spektive zumindest strategisch bereits zu beziehen. Zunächst möchte ich den Blick auf den engeren Zeitraum der Jahre des Zweiten Weltkriegs und seiner unmittelbaren Vorgeschichte richten. Trotz der in Editionen reich dokumentierten Quellen bleibt auch hier im Detail noch genügend aufzuarbeiten. Es ist keineswegs so, dass weitere Erkenntnisse nur und ausschließlich aus den nach wie vor verschlossenen Vatikanischen Archiven zu gewinnen wären, wie vor allem solche Historiker gerne behaupten, die hinter der Archivpolitik des Vatikans finsteres Vertuschungsstreben am Werke sehen. Warum hätte sich die bezeugte judenfreundliche Disposition Pacellis ändern sollen, nachdem er zum Papst aufgestiegen war und der Krieg begonnen hatte? Im Gegenteil: aus britischen und amerikanischen Archiven, etwa aus dem geheimdienstlichen Material des „Office of Strategic Services“ wäre sicherlich noch Einiges zutage zu fördern; desgleichen aus Archiven der ehe- maligen Ostblockländer und des europäischen Südostens: die Vorgänge in Kroatien, der Slowakei, Rumänien und Ungarn sind bei weitem noch nicht restlos geklärt. Auch jüdische und israelische Archive bergen einiges aufschlussreiche Material über die Beurteilung Pius’ XII. durch zionistische und jüdische Politiker während und nach dem Zweiten Weltkrieg, so etwa das Archiv des American Jewish Committee in New York, das Israelische Staatsarchiv und das Zionistische Zentralarchiv in Jerusalem. Die gesamte Überlieferung des Zionistischen Zentralarchivs zu den Jahren 1925 bis 1945 ist noch nicht annähernd wissenschaftlich gesichtet, geschweige denn bearbeitet. Unter dessen Dokumenten findet sich – um hier nur ein Beispiel auszuführen – etwa der Bericht des zionistischen Delegierten Moshe Waldmann über ein Gespräch mit dem Oberrabbiner von Rom, Prato, vom Mai 1938. Waldmann schrieb nicht nur über die erstaunlich guten Kontakte des Staatssekretärs zum Oberrabbiner nach Jerusalem, sondern auch über Pacellis überaus wohlgesonnene Haltung „jüdischen Themen“ gegenüber. So habe Pacelli Prato unter anderem versprochen, sowohl in Polen als auch in Ungarn gegen antisemitische Maßnahmen und Gesetze seinen Einfluss geltend zu machen. „Die Bereitwilligkeit Pacellis, d.h., der Kurie, ... für die Juden einzutreten“, so Waldmann, sei nicht zu übersehen und ergebe sich, „psychologisch eigentümlich“, aus der „fundamentalen Gegnerschaft des Vatikans gegen das Neuheidentum des Nationalsozialismus.“ Ja, der zionistische Politiker schätzte die positive Gesinnung des leitenden Staatsmannes des Heiligen Stuhls sogar so groß ein, dass er erwog, ihr auch konkretere Zusagen über eine zustimmende vatikanische Haltung zum Projekt eines jüdischen Staates in Palästina zu entlocken. Warum hätte sich diese derart bezeugte judenfreundliche Dispo-

sition des Kardinalstaatssekretärs ändern sollen, nachdem dieser zum Papst aufgestiegen war und nachdem der Krieg begonnen hatte? Dieser Blick auf ein bisher ganz unbekannt gebliebenes Dokument von „unverdächtiger Seite“, zeigt, was allenfalls auch in nichtvatikanischen Archiven noch zu entdecken wäre, und erhärtet den Eindruck, daß derartige Funde das Zerrbild vom schuldhaft untätigen oder gar „eingefleischt antisemitischen“ Papst nicht unbedingt stützen dürften.

Die Historiker erhoffen sich mehr Informationen über die Rolle Papst Pius XII. (Eugenio Pacelli, 1876–1958) während des Zweiten Weltkriegs Die künftigen Aufgaben der katholischen Zeitgeschichtsforschung können jedoch nur am Rande darin liegen, amerikanische, britische, französische oder israelische Quellen aufzuarbeiten. Die wichtigen Tätigkeitsfelder liegen näher: seit etwa einem Jahr steht der Nachlass von Kardinal Faulhaber der wissenschaftlichen Bearbeitung offen; wir hoffen auf wichtige, über das bisher Bekannte hinausgehende Einsichten in die Beziehungen zwischen Papst und Erzbischof auch während des Krieges. Ebenso werden aus den neu zugänglichen Nachlässen der Bischöfe Preysing (Berlin), Bertram (Breslau) und Frings (Köln) weitere wertvolle Aufschlüsse über das Verhältnis von deutschem Episkopat und römischer Kurie zu gewinnen sein. So erfreulich und ergiebig die Vielfalt der Nebenüberlieferungen aber auch sein mag: Jeder

zum Thema „Pius XII. und der Zweite Weltkrieg“ arbeitende Historiker hofft sehnsüchtig auf die endliche Freigabe des eigentlich primären archivalischen Überlieferungsstranges – der vatikanischen Akten zum Pontifikat Pacellis. Je nach Couleur der einzelnen Forscher stehen unterschiedliche Erwartungshaltungen hinter dieser Hoffnung. Die in einem Fiasko endende Arbeit der „katholisch-jüdischen Expertenkommission“ hat als einziges und eher unbeabsichtigtes Ergebnis immerhin gezeigt, daß die Quelleneditoren der „Actes et Documents“ nicht so selektiv gearbeitet haben, wie ihnen mitunter vorgeworfen wird. Jene 47, in dem Kommissionsbericht vom Oktober 2000 aufgeworfenen Fragen beziehen sich nicht selten nur auf marginale Aspekte, offenbaren Unkenntnis der wissenschaftlichen Literatur oder laufen auf Spekulationen über vermeintliche Inhalte der bisher verschlossenen Archive hinaus. Schon um derartigen Spekulationen ein Ende zu setzen, wäre die Freigabe der vatikanischen Akten für die Jahre nach 1939 natürlich überaus wünschenswert; wann immer sie allerdings erfolgen wird – ob mittelfristig, vielleicht innerhalb der kommenden zehn Jahre, oder doch eher erst langfristig, ist zur Zeit nicht zu beantworten – wann immer sie also erfolgen wird, dürfte eines schon jetzt klar sein: „Sensationen“ im Sinne der Interessen des Enthüllungsjournalismus oder einer marktschreierischen Populärhistorie, kurz: Funde, die Hochhuths, Cornwells oder Goldhagens Thesen stützen könnten, sind nicht zu erwarten. Um die These vom schuldhaften Schweigen des Papstes zurückzuweisen, ist – dank der zeitgeschichtlichen Katholizismusforschung – längst keine Forschung mehr notwendig. Hingegen darf mit einer Fülle von Einsichten im Detail gerechnet werden, die eine wirklich neue Gesamtdarstellung der Thematik „Pius XII. und der Zweite Weltkrieg“ erst ermöglichen werden. Wie komme ich zu dieser Einschätzung? Seit dem 15. Februar diesen Jahres liegt ein Präzedenzfall vor, aus dem sich recht zuverlässige Schlüsse auf die Art des vatikanischen Quellenmaterials auch für die Jahre nach 1939 ziehen lassen. Seit jenem Februarsamstag stehen der wissenschaftlichen Öffentlichkeit Akten aus dem vatikanischen Staatssekretariat, Nuntiaturakten aus München und Berlin sowie Akten aus dem Archiv der Kongregation für die Glaubenslehre zur Verfügung, die die Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Deutschland während des Pontifikats Pius’ XI., also während der Jahre 1922 bis 1939, betreffen. Aus der Arbeit mit diesen Quellen haben wir bisher vor allem eines gelernt: eine Teilfreigabe der Akten macht nur begrenzt Sinn, weil sich aus ihr einzelne Vorgänge in ihren komplexen Gesamtzusammenhängen nicht wirklich rekonstruieren und verstehen lassen (Beispiel: Rassensyllabus). Der Rest der Akten zum Pontifikat Pius’ XI. soll 2006 freigegeben werden; eine

Forderung beziehungsweise ein Rat der Wissenschaft an den Heiligen Stuhl muss nach den bisherigen Erfahrungen jedoch lauten: die vollständige Öffnung der einschlägigen Archive, auch wenn deren Vorbereitung noch einige Jahre länger dauern sollte, ist einer hauptsächlich politisch motivierten partiellen Öffnung in jedem Fall vorzuziehen. Trotz des unbestreitbaren Mankos der Teilfreigabe kann die historische Forschung auch zum Thema „Pius XII. und der Zweite Weltkrieg“ aus den jetzt zugänglichen Akten aber einigen Nutzen ziehen: Zunächst erhalten wir Einblick in die Arbeitsweisen und die Art des Schriftverkehrs der politischen Leitungsbehörden des Vatikans während der zwanziger und dreißiger Jahre. Dieser Einblick enttäuscht uns auf den ersten Blick, stellen wir doch fest, dass über die internen „Entscheidungsprozesse“ wenig, teils gar keine Aufzeichnungen vorliegen. Das gilt vor allem auch für die Zeit des Staatssekretärs Pacelli (ab 1930). Dessen Anweisungen an die Nuntien sind in den meisten Fällen äußerst knapp, wenn sich seine Briefe nicht ohnehin nur auf kurze Eingangsbestätigungen der Nuntiaturberichte beschränken. Wann und auf welche Weise er Initiative ergriff, lässt sich aber trotzdem erkennen, so etwa, als er am 4. April 1933 Nuntius Orsenigo auftrug, in Berlin zu sondieren, welche Maßnahmen gegen die „antisemitischen Exzesse“ ergriffen werden könnten. Mehr über interne Diskussionen wird sicherlich auch zu erfahren sein, wenn die Sitzungsprotokolle der Kongregation für die außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten, des außenpolitischen Entscheidungsgremiums der Kurie, freigegeben sind, was auch für die Jahre 1922 bis 1939 bisher noch aussteht. Doch sollten die Erwartungen an diese Akten ebenfalls nicht allzu hoch geschraubt werden. Wie Pater Peter Gumpel, einer der besten Kenner der Materie versichert, wurden keineswegs alle Sitzungen protokolliert, ja, wurde nicht einmal immer über alle wichtigen politischen Fragen beraten. Besonders für Phasen, in denen sich die Ereignisse überschlugen (also etwa um den Tag der Deportation der römischen Juden im Oktober 1943), muß von sehr schnellen Entscheidungen ausgegangen werden, über deren Genese ausführliche Aufzeichnungen kaum zu finden sein dürften. Das ist aber beim Stand der Dinge reine Spekulation. Gleichwohl: auch knappe Quellen sind Quellen, und die vielfältigen Einzelteile werden sich am Ende doch zu einem Bild zusammensetzen. Die deutsche zeitgeschichtliche Katholizismusforschung sollte sich in den kommenden Jahren sehr intensiv mit den jetzt zugänglichen Quellencorpora der Jahre 1922 bis 1939 auseinandersetzen, und zwar eben nicht nur als Verlegenheitslösung, als Vorgeschichte der „eigentlich wichtigen Jahre 1939–1945“, sondern als unverzichtbarer Teil einer Geschichte des Papsttums im Zeitalter der totalitären Ideologien.

Das Verhalten des Papstes, die Politik der Kurie während des Zweiten Weltkriegs – wozu beispielsweise auch der gesamte Komplex der Haltung zur nationalsozialistischen Judenverfolgung sowie der „katholische Antijudaismus“ gehören –, lässt sich nicht wirklich verstehen, wenn man sich nur auf die Jahre des Krieges, auf die Aktionen oder vermeintlichen NichtAktionen des Papstes in jener Zeit selbst konzentriert. Das Selbstverständnis des Heiligen Stuhls, seine spezifische Art der Diplomatie, wie sie sich seit dem Ersten Weltkrieg entwickelte, seine völkerrechtliche Definition im Lateranvertrag, kurzum die Leitprinzipien seiner Politik während des Zweiten Weltkriegs, die – und hier zitiere ich Victor Conzemius – „passion de la neutralite“ und die „obsession de la paix“ lassen sich aus diesen Quellen noch viel deutlicher herleiten und verstehen, als dies bisher möglich war. Durch die Teilfreigabe der auf Deutschland bezüglichen Akten haben wir darüber hinaus jetzt auch die Möglichkeit, die Auseinandersetzung wichtiger kurialer Behörden mit dem Nationalsozialismus seit dessen Anfangen zu studieren. Hier werden vor allem die im Archiv des Heiligen Offiziums aufbewahrten Gutachten über Rassismus, Faschismus und Bolschewismus von Bedeutung sein. Hubert Wolf hat über diese höchst interessante Quelle bereits Wichtiges gesagt; ich glaube, man wird, wenn die vier einschlägigen Faszikel des Heiligen Offiziums ausführlich studiert, kommentiert und eventuell ediert sein werden, die Geschichte der Enzykliken „Mit brennender Sorge“, „Divini Redemptoris“ und auch der sogenannten „unterschlagenen Enzyklika“ gegen den Rassismus in Teilen neu, vielleicht ganz neu schreiben können. Die vom kirchlichen Lehramt und von der Dogmatik her geleitete Analyse der totalitäratheistischen Ideologien wird nach der politischen Seite hin ergänzt durch die Berichte der Nuntien aus München und Berlin. Vor allem den bisher in ihrer Masse unbekannten Nuntiaturberichten aus Deutschland können wir entnehmen, ab wann und wie über die erstarkende nationalsozialistische Bewegung nach Rom berichtet wurde, und wie sie, vor allem in ihrem prägnant heidnischen und antikirchlichen Wesen von Anfang an, gerade auch von Pacelli richtig eingeschätzt wurde (Beispiel: Pacelli an Gasparri, 14. 11. 1923). Die jetzt erstmals zugänglichen Nuntiaturberichte bilden in ihrer teils überwältigenden Ausführlichkeit ein außergewöhnliches Quellencorpus, dessen dokumentarische Aufbereitung in den ureigensten Aufgabenbereich der Kommission für Zeitgeschichte fällt. Gerade auch dem Bild Eugenio Pacellis, der bis zum Ende der zwanziger Jahre Nuntius in Deutschland und ein teils exzessiver Berichterstatter war, werden diese Quellen reichhaltige Farben und Kontraste hinzufügen und unsere Kenntnis der Persönlichkeit jenes Mannes, der am Vorabend des

Zweiten Weltkriegs den Papstthron bestieg, entscheidend erweitern. Gleiches gilt für die beiden anderen Nuntien, Alberto Vassallo di Torregrossa, bis 1934 in München, sowie vor allem Cesare Orsenigo in Berlin, dessen Nuntiaturberichte sich als ein Corpus präziser, intelligent verarbeiteter Informationen erweisen und, ganz nebenbei die Ehre dieses landläufig als überfordert und unglücklich geltenden Nuntius in Deutschland retten. Godhagensche Zumutungen können in gleicher Münze zurückgezahlt werden, in dem sie als das bezeichnet werden, was sie sind: Verleumdungen. Die Frage nach der Orientierung des Heiligen Stuhls im Zeitalter der totalitären Ideologien wird die wissenschaftliche Leitperspektive der Katholizismusforschung bestimmen. Denn tatsächlich unterschied sich die Situation der Kirche in ihrer Konfrontation mit Faschismus, Bolschewismus und Nationalsozialismus fundamental von ihrer Situation gegenüber den liberalen Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts, und zwar durch die existentielle Bedrohung durch atheistische Ideologien. Je mehr Distanz wir zum 20. Jahrhundert gewinnen, umso mehr scheint mir dies die gebotene sozusagen universalhistorische Perspektive zu sein, in die sich das Teilthema „Pius XII. und der Zweite Weltkrieg“ einzufügen hat. Der jetzt eröffnete vatikanische Quellenbestand der Jahre 1922 bis 1939 gibt uns reichstes Material an die Hand, diese Perspektive strategisch zu befestigen und den Bogen vom Ersten bis zum Vorabend des Zweiten Weltkrieges zu ziehen, also über jene Jahre hinweg, in der sich die totalitären Ideologien erst vollständig formierten und etablierten. Was schließlich das öffentliche Auftreten von Vertretern der deutschen zeitgeschichtlichen Katholizismusforschung in der massenmedial geprägten Debatte um das „Schweigen Pius’ XII.“ betrifft, sei äußerstes Selbstbewusstsein angeraten. Denn hier geht es um Politik, nicht um Wissenschaft, geht es um Wirkung und Einfluss, nicht um Erkenntnis. Goldhagensche Zumutungen können in gleicher Münze zurückgezahlt werden, indem sie als das bezeichnet werden, was sie sind: Verleumdungen. Eine wissenschaftliche Antwort lässt sich auf solche Zumutungen nicht geben, sondern nur eine öffentlichkeitswirksame, möglichst zugespitzte, auf keinen Fall länger als dreißig Sekunden dauernde. Um die These vom schuldhaften Schweigen des Papstes zurückzuweisen, ist längst keine Forschung mehr notwendig, dank nicht zuletzt auch der Bemühungen der zeitgeschichtlichen Katholizismusforschung.