Plötzlich füllt der Song den Raum - roccosound.ch

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Kultur Der Landbote Freitag, 14. Juli 2017 | 19 «Plötzlich füllt der Song den Raum» Die Welt im Dorf KAUFLEUTEN Mit 78 Jahren ist Mavis Staples ...

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Kultur

Der Landbote Freitag, 14. Juli 2017

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«Plötzlich füllt der Song den Raum»

Die Welt im Dorf

KAUFLEUTEN Mit 78 Jahren ist Mavis Staples immer noch in der ganzen Welt unterwegs, singt Tracks für die Gorillaz ein oder singt Songs von Nick Cave. Heute tritt die Sängerin aus Chicago im Kaufleuten auf.

PALÉO Sie sind die grossen Headliner des 42. Paléo Festivals in Nyon: die Red Hot Chili Peppers. Grosse Namen kommen aber auch aus Frankreich: die Künstlerin Camille und der Sänger Renaud.

Mavis Staples, Sie singen auf Ihrem jüngsten Album Songs anderer Künstler, etwa von Nick Cave. Wie kam das? Mavis Staples: Ich bat diverse Songwriter um Beiträge für mein neues Album. So auch Nick Cave. Sehr vieles kam rein, aber ich konnte mich nicht mit allen identifizieren. Mit Nick Caves «Jesus Lay Down Beside Me» aber schon. Als ich den Song hörte, hielt ich inne. Und dann wusste ich sofort, wie ich ihn singen müsste. Grossartig. Wie kamen Sie dazu, für die Gorillaz einen Song aufzunehmen? Das war Damon Albarn von der Band. Er muss meine Stimme im Kopf gehabt haben, als er den Song schrieb. Er schrieb mich an, teilte mir mit, ich solle eine alte, weise Stimme für einen jungen Charakter singen. Er sandte mir eine Demo, auf der er die Melodie summte. Dann nahm er den Zug zu mir, um den Song aufzunehmen. Eine wunderbare Session. Sie scheinen das Unerwartbare zu mögen in der Musik. Wie kommt das? Musik ist Gefühl. Sie ist organisch. Mein Vater sagte immer: Was vom Herzen kommt, erreicht das Herz. In der Musik weiss man nicht, wann das Gefühl, der Geist eines Songs über dich kommt. Und dann füllt er plötzlich den Raum und man sieht Menschen lachen oder weinen. Das ist letztlich das Unerwartbare an der Musik. Dieses Gefühl erhält man, wenn man Ihren Auftritt von 1976 mit The Band zum Song «The Weight» sieht. Was verbinden Sie mit dem Auftritt? Wissen Sie was? Das war gar kein

Livekonzert. Ich hoffe, ich ruiniere damit kein Geheimnis. Martin Scorsese zeichnete das Konzert auf einer Bühne auf, ohne Publikum. Wir spielten den Song dreioder viermal. Die Version im Film zeigt, wie speziell dieser Tag für mich und meine Familie war. Damit schafften wir den Sprung zu einem neuen Publikum. Einem, das mir bis heute treu geblieben ist. «The Weight» hat Sie nicht mehr losgelassen. Es gibt diverse Versionen, in denen Sie den Song interpretieren. Was macht ihn so speziell? Er ist ein Klassiker, jeder kennt ihn. Dabei weiss ich bis heute nicht, worum es geht. Papa fragte sogar mal Robbie Robertson von The Band, erhielt aber keine Antwort. In meinem Kopf löst er ein Kino mit verschiedenen Figuren aus. Da ist Chester, da ist der biblische Moses. Menschen reisen, suchen einen Raum. Nazareth ist auch aus der Bibel. Mein Bruder glaubt, es gehe darin um Drogen. Zu «The Weight»-Zeiten wollte Bob Dylan Sie heiraten. Weshalb sagten Sie Nein? Manchmal frage ich mich, wies gewesen wäre, wenn ich Ja gesagt hätte. Aber viel wichtiger für mich ist, dass Bobby immer noch mit mir Zeit verbringen will. Wir hatten riesigen Spass auf Tournee letztes Jahr. Wir hatten auch Zeit füreinander. Vielleicht gehen wir nochmals auf Tournee. Ach, ich würde gerne nochmals auf Tournee gehen mit ihm. Interview: David Kilchör

Mavis Staples spielt heute Abend im Kaufleuten Zürich.

«Musik ist Gefühl. Sie ist organisch», sagt die amerikanische Sängerin und Bürgerrechtlerin Mavis Staples.

zvg

Die Red Hot Chili Peppers eröffnen am Dienstag das Paléo Festival in Nyon, das Konzert war innert Minuten ausverkauft. Abgesehen von Restkarten, die die Festivalorganisatoren für jeden Tag bereithalten, ist das Paléo selber auch ausverkauft. Zu den weiteren Höhepunkten des grössten Musikfestivals der Schweiz neben den Kaliforniern Red Hot Chili Peppers gehören die kanadischen Indie-Rocker Arcade Fire (19. 7.), Paradiesvogel Jamiroquai (20. 7.) oder das erfolgreiche US-Hip-Hop-Duo Macklemore & Ryan Lewis (21. 7.). Auch die französische Musik ist wie immer stark vertreten: Der Sänger Renaud und die Künstlerin Camille mit ihren fantastischen Auftritten sind zwei grosse Namen, Julien Doré, Christophe Maé oder die Newcomerin Fishbach kommen ebenfalls. Das Village du Monde widmet sich dieses Jahr Zentralamerika. Aus Mexiko wird Celso Piña Cumbia-Rhythmen nach Nyon bringen, auch Systema Solar und Cero39 stehen auf dem Programm. Zudem stehen die im Projekt Inna de Yard vereinigten Reggae-Legenden aus Jamaika auf der Bühne. Das Festival, das jeweils von ungefähr 250 000 Musikbegeisterten besucht wird, hat in diesem Jahr sein Übernachtungsangebot ausgebaut. Zusätzlich zum kostenlosen Camping steht den Besuchern eine luxuriösere Variante zur Verfügung: Sie können in kleinen Hütten übernachten. sda

Katzensprünge und Katzenjammer THUNERSEESPIELE Vor dem Panorama von Eiger, Mönch und Jungfrau gibt es das vielleicht schönste musikalische Event dieses Sommers: Andrew Lloyd Webbers «Cats», so vertraut wie neu, besticht mit Luftsprüngen und Tiefgang. Über dreissig Jahre lang haben die Jellicle-Katzen die Müllhalde als Treffpunkt für ihren Ball gewählt, und immer war klar, dass der Schrottplatz das ideale Tummelfeld für die streunende Gesellschaft ist. Wie aber hätte sich ein solcher Ort auf der über vierzig Meter breiten Bühne im Thunersee vor dem Alpenpanorama für das Publikum gemacht? Die Frage bleibt offen, denn statt Littering im grossen Stil zu betreiben, verfolgt das Kreativteam der Thunerseespiele eine pittoreske Idee anderer Art. Entgegengekommen ist ihnen die Tatsache, dass die Autoren die 1981 uraufgeführte Katzenrevue vor zwei Jahren für neue Ideen freigegeben haben. Die Regisseurin und Choregrafin Kim Duddy und ihr Team nützen die Freitheit prächtig und lassen dabei «Cats» doch «Cats» sein. Nun treffen sich die JellicleCats, die für Thun Deutsch gelernt haben (Michael Kunzes Übersetzung), in einem alten, menschenverlassenen Freizeitpark – ein wunderbarer Spielplatz mit Karussell, Trampolins, Autoscooter, aber auch grossen Flächen für den unbändigen Bewegungsdrang der Katzen, die

sich in schmissigen Choreografien produzieren.

Cats im Zirkus Mit Christina Zauner als Victoria, Dmytro Karpenkot als Mr. Mistoffelees und Lucas Fischer als Tumbelbrutus gibt es auch professionelle Zirkusakrobaten und Spitzensportler im Katzenrudel. Die Choreografin hat ihre Acts so organisch wie selbstverständlich

in Musik und Szene integriert, und viele weitere Musicaldarsteller sind ja ohnehin Alleskönner und verblüffen ebenfalls mit präziser Koordination von Tanz, Bewegung und Gesang auch in Extremlagen: Das Wirbelpärchen Mungojerrie & Rumpelteazer (Andrew Chawick und Tanja Schön) schlägt sogar Rad und hält gleichzeitig Ton und Rhythmus im Lot.

Das Bühnenbild mit seinen Podesten und dem offenen Mund des Clowns als Blickfang und zentralem Bühnentor von Walter Vogelweider betont die Zirkusatmosphäre. Aber zu Luftakrobatik und turnerischen Einlagen, zum Kampf der Pollicels und Pekinesen und zur aufgeblähten Piratengeschichte, die karnevalesk aufgezogen sind, gibt es auch besinnliche und berührende Momente.

Den Thuner Seespielen ist das Kunststück gelungen, «Cats» neu zu machen, ohne es zu zerzausen.

zvg

Da ist Gus, der Theaterkater, der sich an bessere Zeiten erinnert. Für ihn hat Yngwe GasoyRomdal den feinen, sentimentalen, aber nicht kitschigen Ton. Un da ist vor allem Grizabella, die Glamourkatze, die in der Gosse gelandet ist. Von Kerstin Ibald berührend gestaltet, steht ihr «Memory» nicht nur im Zentrum des Abends, sondern grundiert es in Reminiszenzen bis hin zur melancholischen Trompete mit der Kontrastfarbe der fröhlichen Katzensprünge, um nicht zu sagen mit Katzenjammer.

Neun oder das eine Leben Wenn sich in «Cats» Menschen als Tiere ausgeben, so ist es doch vor allem umgekehrt, und die Katzen, die sieben oder neun Leben haben, repräsentieren den Menschen mit seinem einzigen, je nachdem verrückten oder stillen und dem Problem, damit fertig zu werden. Als durchkomponierte Nummernrevue gibt «Cats» ein Panorama, das vom prächtigen Draufgänger Rum Tum Tugger (Chadi Yakoub) bis zum altersweisen Deuteronimus (Frank Logemann) reicht. Die Zirkusatmosphäre, das Fehlen von Bühnenelementen, deren Grösse die Darsteller zum Kleinsäuger schrumpfen liesse, die Kostüme mit aufgesetzten Kleidungsstücken – all dies betont in der Thuner Inszenierung den menschlichen Aspekt stärker als die katzenpoetisch stimmigere Originalversion, aber ein Nachteil ist das nicht. Der finale

Hymnus, der ein Plädoyer für die Würde der Katze ist, kann so oder so verstanden werden.

Könner am Werk Um so mehr erlebt man trotz Maske und kätzischem Benehmen hier auch die Darsteller als Darsteller, ihr Können, ihre musikalische Präzision und die klare Verständlichkeit in den balladesken Erzählungen, ihre Energie, ihre Spiellust und hervorragende sängerische Präsenz wie die von Diana Böge Mercoli (Jellylorum) oder Philipp Hägeli (Munkustrap). «Cats» neu zu machen, ohne es zu zerzausen, ist ein Kunststück für sich, und es ist in Thun auch deswegen gelungen, weil die musikalische Umsetzung der Inszenierung den unverrückbaren Rahmen gibt. Iwan Wasslievski, der das musikalische Niveau der Seebühne seit den Anfängen 2003 hochhält, sorgt auch in der 15. Produktion für beste Koordination von Bühne und Orchester und der Soundmix verbindet das fünfzigköpfige Ensemble tadellos mit den sechzehn Instrumentalisten. Diese stehen mit Klangeffekten, harmonischem Kolorit und stimmungsvollen Soli für Lloyd Webbers phänomenales Bühnenflair ein, und sie bewahrheiten eine Aussage im Stück: Auch Katzenmusik kann romantisch sein. Herbert Büttiker Weitere Aufführungen bis 24. August. Infos: www.thunerseespiele.ch.