Prekarisierung und die Rolle der Sozialen Arbeit

Prekarisierung und die Rolle der Sozialen Arbeit

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B ACHELORARBEIT

Prekarisierung und die Rolle der Sozialen Arbeit Eine Darstellung von prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen und möglicher Handlungsaufträge für die Soziale Arbeit

vorgelegt von

Sarah Fischer Matrikelnummer.: 732512

Esslingen a. N., 17. November 2009

B ETREUERIN :

Prof. Dr. phil. Dipl.-Soz. Angelika Diezinger Z WEITPRÜFERIN :

Prof. Dr. phil. Dipl.-Päd. Katja Maar

Inhaltsverzeichnis Abkürzungsverzeichnis

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Abbildungsverzeichnis

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1 Einleitung

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2 Entwicklung der Prekarisierungs- und Prekaritätsdebatte 2.1 Ursprung der Prekarisierungs- und Prekaritätsdebatte in Frankreich . . . . 2.2 Weiterentwicklung der Debatte in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3 Prekarität - die Zone der Verwundbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.1 Gegenstandsbereich von Prekarität in der vorliegenden Ausarbeitung 2.3.2 Was ist neu an dieser Prekarität? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.3 Prekarität - soziale Lage oder jenseits von Stand und Klasse? . . . .

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9 9 12 15 15 15 16

3 Ursachen für die „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“ 3.1 Von der traditionellen zur flexiblen Arbeitsgesellschaft . . . . . . . . . . . . . 3.2 Vom aktiven zum aktivierenden Sozialstaat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3 Egalisierungstendenzen im Geschlechterverhältnis und veränderte Familienformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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4 Beschäftigungsverhältnisse mit prekärem Potenzial 4.1 Zwischen atypischer und prekärer Beschäftigung . 4.2 Beschäftigungsformen . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.1 Teilzeitbeschäftigung . . . . . . . . . . . . . 4.2.2 Geringfügige Beschäftigung . . . . . . . . . 4.2.3 Befristete Beschäftigung . . . . . . . . . . . 4.2.4 Leiharbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.5 Ein-Euro-Jobs . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.6 Niedriglohnsektor . . . . . . . . . . . . . . . 4.3 Ausmaß von Beschäftigung mit prekärem Potenzial 4.4 Prekäre Grenzgänger - ein Klassifizierungsmodell .

27 27 28 28 29 29 30 31 31 33 34

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5 Prekäre Beschäftigung im Kontext von Haushalt, Lebenslage und Gesellschaft 5.1 Fallbeispiele von Familien in prekären Lebenslagen . . . . . . . . . . . . . . . 5.2 Working Poor - Armut trotz Vollzeiterwerbstätigkeit . . . . . . . . . . . . . . 5.3 Soziale Beziehungsnetzwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.4 Entwicklungen im Geschlechterverhältnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.5 Subjektive Wahrnehmung der Lebenssituation . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.6 Politische Verarbeitungsformen und soziale Stabilität der Gesellschaft . . . .

2

24

37 37 38 41 43 44 46

6 Die Rolle der Sozialen Arbeit im Prekarisierungsprozess 6.1 Die Soziale Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.1.1 Die Rolle der Sozialen Arbeit in der traditionellen und Arbeitsgesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.1.2 Definition und Auftrag von Sozialer Arbeit . . . . . . . 6.2 Prekarität als Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit . . . . . . . . . . 6.2.1 Subjektbezogener Handlungsauftrag . . . . . . . . . . . 6.2.2 Systembezogener Handlungsauftrag . . . . . . . . . . . .

. . . . . . . . der flexiblen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

49 49 49 51 52 53 57

7 Schlussteil

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Literatur

66

A Anhang

74

3

Abkürzungsverzeichnis ASD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . BA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . DBSH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . DJI . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . IAB . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . IFSW . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ILO . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . NASW . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . NGO . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . OECD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . PSA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . SGB . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . SOEP . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Allgemeiner Sozialer Dienst Bundesagentur für Arbeit Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. Deutsches Jugendinstitut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung International Federation of Social Workers International Labour Organization National Association of Social Workers Non-Governmental Organization Organization for Economic Co-operation and Development Personal-Service-Agenturen Sozialgesetzbuch Sozioökonomisches Panel

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Abbildungsverzeichnis 5.1

(Des-)Integrationspotenziale von Erwerbsarbeit - eine Typologie . . . . . . . .

46

A.1 A.2 A.3 A.4

Entwicklung der Leiharbeit in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Niedriglohnanteil in EU-Ländern 1995 und 2000 . . . . . . . . . . . . . . . . . Aufstiegsmobilität aus dem Niedriglohnbereich zwischen 1998 und 2003 . . . Empirische Zusammenhänge zwischen den Stufen der Einkommensverteilung in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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1 Einleitung „Immer weniger Bürger können von ihrer Arbeit leben“ betitelt die Süddeutsche Zeitung am 20.08.2009 einen Artikel über die Zunahme von atypischer Beschäftigung (vgl. Einecke u. Haas 2009, 7). In dem Bericht „Ins Herz der Mitte“ zur Zeit des Bundestagswahlkampfes im September diesen Jahres beschreibt „Die Zeit“ eine wachsende Angst, vor allem in der Mittelschicht, vor neuen Formen von Arbeit. „In den vergangenen Jahren sind viele neue Stellen entstanden, aber sie bieten weniger Prestige, weniger Geld und weniger Sicherheit als gewohnt. Viele neue Jobs gelten als ’prekär’, also wackelig: Zeitarbeit, befristete Arbeitsverträge, Mini- und Teilzeitjobs haben enorm zugenommen“ (Fischermann u. a. 2009, 26). Meldungen über Arbeit, die nicht mehr ausreicht, um den Lebensunterhalt eigenständig sicherzustellen und über die Ausbreitung von atypischer Beschäftigung nehmen in den letzten Jahren eindeutig zu (durch das Einsetzen der Wirtschaftskrise sicher noch verstärkt). Unter den Stichworten prekäre Beschäftigung oder Prekarisierung sind sie Bestandteil der öffentlichen Diskussion. In der Fachdiskussion sind diese Veränderungstendenzen schon länger Thema und schlagen sich in sozialwissenschaftlichen und soziologischen Theorien nieder. Während meines Studiums war die Prekarisierung von Arbeits- und somit auch Lebensverhältnissen immer wieder Gegenstand von Diskussionen in Seminaren, was in Verbindung mit der Diskussion in der Presse mein Interesse weckte. Eine Familie aus meinem Bekanntenkreis, die trotz Erwerbstätigkeit ergänzende Leistungen von der Bundesagentur für Arbeit bezieht, sowie die Arbeit mit Familien in prekären Lebenssituationen während meines Praxissemesters beim Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) haben zu meinem Interesse an der Thematik ebenfalls beigetragen. Der Anlass für eine Beratung beim ASD war zwar nie die prekäre Beschäftigung der Eltern an sich, aber ich habe häufig eine prekäre Arbeitssituation und die damit verbundene Unsicherheit und Überforderung als Grundlage für weitere soziale Probleme, z.B. Probleme in der Kindererziehung beobachtet. Die vorliegende Arbeit hat das Ziel, prekäre Beschäftigung und die Prekarisierung von Lebensverhältnissen auf empirischer Grundlage zu untersuchen und die Frage zu beantworten, welche Rolle Soziale Arbeit in der Prekarisierungsentwicklung spielt. Anhand des Selbstverständnisses von Sozialer Arbeit wird ihre Relevanz in der Prekaritätsentwicklung untersucht und unter subjekt- und gesellschaftsbezogener Perspektive werden Handlungsaufträge für die

1 Einleitung Soziale Arbeit in der Prekarisierung beleuchtet. Prekarierinnen und Prekarier sind eine sehr heterogene Gruppe, die nicht ein bestimmtes Beratungsangebot Sozialer Arbeit zum Anlaufpunkt haben oder unter klar festgelegten Kriterien zu fassen sind. In vielen Fällen sind sie nur sekundär Klientel Sozialer Arbeit, sofern über andere Institutionen (z.B. den ASD) ein Kontakt zustande kommt. Es wird daher auch analysiert, wie die Handlungsmöglichkeiten von Sozialer Arbeit überhaupt aussehen und wo sie Berührungspunkte mit dem Thema der zunehmenden Prekarisierung hat. Der Fokus der Arbeit liegt auf einer fundierten Analyse von prekärer Beschäftigung, Prekarität und Prekarisierung1 in Form von Definition und Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes, der Analyse von Ursachen für die wachsende Prekarisierung, der Untersuchung der Ausweitung von prekärer Beschäftigung und deren diversen Auswirkungen auf die Lebenslage und die Gesellschaft; die Auswirkungen auf die Lebenslage und die Gesellschaft müssen dabei als Auswahl und nicht als erschöpfend verstanden werden. Nur am Rande thematisiert werden konkrete politischen Reaktionsmöglichkeiten auf die zunehmende Prekarisierung, wie z.B. in Form des Mindestlohnes oder der negativen Einkommenssteuer. Die Politik ist in der Bekämpfung und Abfederung von Risiken, die durch die Prekarisierung entstehen, mit Sicherheit zentrale Handlungsfigur, um aber die Frage zu beantworten, welche Rolle Soziale Arbeit in den aktuellen Entwicklungen spielt, reicht es, die politischen Interventionsmöglichkeiten lediglich zu umreißen. Neben der Prekarisierungs- und Prekaritätsdebatte gibt es in der Fachwelt weitere Diskussionsstränge, die eine ähnliche Thematik zum Inhalt haben, was teilweise auch zu Überschneidungen führt. So hat beispielsweise Ulrich Beck unter der Überschrift der Risikogesellschaft eine Gesellschaftstheorie aufgestellt, die verschiedene Risiken und Unsicherheiten analysiert und das Unkalkulierbare als zentrales Merkmal der Zweiten Moderne herausstellt (vgl. Beck 1986). Auch die Diskussion unter der Überschrift Exklusion, wie sie seit den 1980er Jahren in Frankreich und später von der Europäischen Kommission geführt wird, hat eine Schnittmenge mit der Prekarisierungsdebatte - mit Robert Castel sogar in einem ihrer bedeutendsten Protagonisten. (In Kapitel 2 wird auf diese Überschneidung eingegangen.) Die Nähe zu diesen Diskussionen wird beim Lesen hin und wieder erkennbar sein, die Ausarbeitung beschränkt sich aber auf die relevanten Themen und Personen der Prekarisierungsdebatte, um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu überschreiten. An das Kapitel 1 der Einleitung schließt sich in Kapitel 2 die Darstellung der Entwicklung der Prekarisierungs- und Prekaritätsdebatte an. Unterschieden wird in den Ursprung der Debatte in Frankreich und ihre Weiterentwicklung in Deutschland. Anhand dieser Darstellung wird der Gegenstandsbereich dieser Ausarbeitung eingegrenzt und das Spezifische an der aktuellen Prekaritätsdebatte aufgezeigt. Kapitel 3 hat die Gründe für die zunehmende 1

Die Begriffe Prekarität und Prekarisierung werden anfangs synonym verwendet, eine inhaltliche Unterscheidung erfolgt in Kapitel 2.2.

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1 Einleitung Prekarisierung zum Inhalt und untersucht die Wurzeln der wachsenden Unsicherheit in der Arbeitsgesellschaft, dem Sozialstaat und den veränderten Familienformen. Die Untersuchung des Ausmaßes der Zunahme von atypischer bzw. prekärer Beschäftigung ist Gegenstand des vierten Kapitels. Die Auswirkungen von prekärer Beschäftigung auf die Lebenslage und die Gesellschaft werden in Kapitel 5 untersucht. Diese ausgiebige Analyse der Thematik von prekärer Beschäftigung und Prekarität bilden die Grundlage, um im sechsten Kapitel eine Antwort auf die Fragestellung der Ausarbeitung zu geben: Welche Rolle spielt Soziale Arbeit in der Prekarität?

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2 Entwicklung der Prekarisierungs- und Prekaritätsdebatte Begriffsbestimmungen zu den für die Prekarisierungsdebatte relevanten Begriffe vorzunehmen, bedeutet zugleich einen direkten Einstieg in die Debatte selbst, da die Definitionen eng mit der Entwicklung der Prekarisierungs- und Prekaritätsdebatte zusammenhängen. Es wird die Entstehung der Prekarisierungs- und Prekaritätsdebatte in Frankreich vorgestellt und anhand der deutschen Kontroverse weitergeführt. Mittels dieser chronologischen Entwicklung werden verschiedene Begriffsklärungen vorgenommen. Definiert, inhaltlich ausdifferenziert und gegeneinander abgegrenzt werden die Begriffe prekär, prekäre Beschäftigung, Prekarität und Prekarisierung. Die Verwendung der Begriffe variiert zwischen verschiedenen Soziologinnen und Soziologen zum Teil erheblich und die Grenzen zu anderen Begifflichkeiten sind häufig unpräzise oder werden von verschiedenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sehr unterschiedlich gezogen. Das Wort „prekär“ kann jedoch erst einmal präzise bestimmt werden: ableitbar sowohl vom lateinischen „precarius“ als auch vom französischen „précaire“ bedeutet es „unsicher“, „widerruflich“, „heikel“ oder „auf Bitten erlangt“ (vgl. Duden 2007).

2.1 Ursprung der Prekarisierungs- und Prekaritätsdebatte in Frankreich Die Ursprünge der Prekarisierungsdebatte lassen sich in Frankreich verorten und auf die Mitte der 1990er Jahre datieren. Die beiden Soziologen Pierre Bourdieu und Robert Castel haben die Debatte ins Leben gerufen - Castel ist noch heute in den aktuellen Diskussionen Wort führend. Die Annäherungen der beiden Wissenschaftler an die Prekarisierungsthese, wie auch deren inhaltliche Bestimmung, sind allerdings verschieden. Bourdieu thematisiert Prekarität bereits in seinem Buch „Das Elend der Welt“ (1993, dt.: 1997), auch wenn dort der Begriff Prekarität noch nicht auftaucht. Es beschreibt Lebenslagen von verschiedenen Personengruppen, die in unsicheren, zum Teil auch gesellschaftlich marginalen Verhältnissen leben. Der Begriff selbst findet bei Bourdieu erst in einigen seiner Essays in den späten 1990er Jahren Einzug, am bekanntesten ist der Text „Prekarität ist überall“ aus dem Jahr 1997 (vgl.

2 Entwicklung der Prekarisierungs- und Prekaritätsdebatte Candeias 2008, 125). Darin beschreibt Bourdieu die Ausbreitung von Prekarität im Sinne einer wachsenden Unsicherheit, die sich unter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ausbreitet, die sich in befristeten Beschäftigungsverhältnissen befinden oder einer Teilzeitarbeit nachgehen. Diese Unsicherheit sieht Bourdieu nicht auf einzelne Gesellschaftsschichten begrenzt, sondern sie kann z.B. sowohl Industriearbeiter, Angestellte im Bildungswesen und Journalisten treffen. Gemein haben diese Arbeitenden eine unsichere Zukunft ohne ausreichend Hoffnung auf eine Handlungsfähigkeit, die zu einer kollektiven Auflehnung gegen die gegenwärtigen Verhältnisse führen könnte (vgl. Bourdieu 2004, 108). Konkret definiert wird Prekarität von Bourdieu als „Teil einer neuen Herrschaftsform, die auf der Einrichtung einer zum allgemeinen Dauerzustand gewordenen Unsicherheit fußt und das Ziel hat, die Arbeitnehmer zur Unterwerfung, zur Hinnahme ihrer Ausbeutung zu zwingen“ (Bourdieu 2004, 111, Herv. im Original). Diese Definition weist auf die Wurzeln der Prekaritätsdebatte in veränderten Beschäftigungsverhältnissen hin und es ist eine politische Aufladung des Begriffs deutlich zu erkennen (vgl. Candeias 2008, 125). In ihrer inhaltlichen Dimension bleibt diese Definition allerdings unpräzise und ist für empirische Zwecke nur bedingt nutzbar. Fragen wie „Was ist die neue Herrschaftsform?“ oder „Durch was zeichnet sich die Ausbeutung konkret aus?“ werden nicht beantwortet. Auch Castel sieht Prekarisierung in ökonomischen Zusammenhängen verwurzelt, denn er beschreibt sie als einen „zentralen Prozess, der von den neuartigen technologisch-ökonomischen Erfordernissen der Entwicklung des modernen Kapitalismus in Gang gehalten wird“ (Castel 2000, 357). Eine inhaltliche Ausgestaltung, was Prekarisierung bedeutet und wer davon betroffen ist, nimmt Castel in Form von drei Kristallisationskernen vor: „Destabilisierung des Stabilen“ Mit der „Destabilisierung des Stabilen“ spricht Castel von einem Teil der Mittelklasse - integrierte Arbeiterinnen und Arbeiter und abhängig Beschäftigte - die von einem sozialen Absturz bedroht sind. Im Gegensatz zur Blütezeit der Lohnarbeit in den 1950-1970er Jahren, die durch gesicherte Beschäftigungsverhältnisse einen sozialen Aufstieg für viele ermöglichte, ist nun eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten. Teile der Mittelschicht haben durch eine blockierte Aufwärtsmobilität kaum mehr etwas zu erwarten, aber einiges zu verlieren (vgl. Castel 2000, 357). „Sich-Einrichten in der Prekarität“ Zum Zweiten beschreibt Castel Personen, die sich schon über längere Zeiträume in unsicheren, niedrig entlohnten und gesellschaftlich gering angesehenen Arbeitsverhältnissen befinden - immer wieder auch unterbrochen von kurzfristiger Arbeitslosigkeit. Er spricht hier vom „ständigen Zeitarbeiter“ und sieht die Strategie Von-der-Hand-in-den-Mund-leben wieder aufkommen, die seither als überwunden geglaubt wurde. Besonders betroffen davon sind

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2 Entwicklung der Prekarisierungs- und Prekaritätsdebatte benachteiligte Jugendliche, Einwandererkinder und Vorstadtbewohner. Für diese Gruppen von Menschen bedeutet Unsicherheit ein Alltag in diskontinuierlichen Beschäftigungsformen, der keine ausreichende Basis für einen gelingenden und planbaren Zukunftsentwurf bietet (vgl. Castel 2000, 357-358). „Die Überzähligen“ Als höchst beunruhigendes Phänomen beschreibt Castel als Drittes den, durch prekär werden von Beschäftigung und steigender Arbeitslosigkeit entstehenden „Platzmangel in der Sozialstruktur“. Es bleiben nicht genug Positionen, die gesellschaftliche Nützlichkeit und Anerkennung gewährleisten. Das betrifft z.B. Langzeitarbeitslose, ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die keine Arbeit mehr finden oder gering qualifizierte Jugendliche, die auf dem Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen können. Sie werden zu „Überzähligen“, die durch gesellschaftliche Nutzlosigkeit gekennzeichnet sind und kaum Einfluss auf ihre Situation nehmen können. Dieser Zustand ist nach Castel etwas Neues, den es so noch nie gegeben hat. Zu Zeiten der Industriegesellschaft hat es zwar auch ausgebeutete untergeordnete Gesellschaftsgruppen gegeben, aber diese waren nicht verzichtbar, da sie für die Produktion gebraucht wurden (vgl. Castel 2000, 359). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass für diese hier beschriebenen Personen die Identität durch Arbeit verloren gegangen ist bzw. zunehmend verloren geht und ihre Lebenssituation in irgendeiner Form unsicher geworden ist. Castel beschreibt diese Veränderungen mit der „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“ und damit verbunden mit dem Aufkommen einer „neuen sozialen Frage des 21. Jahrhunderts“, der er dieselbe Tragweite und Zentralität beimisst, wie zu Zeiten des Pauperismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts (vgl. Castel 2000, 357). Er sieht die Gesellschaft vor die Frage ihrer sozialen Kohäsion gestellt und prognostiziert eine Fraktur der Gesamtstruktur, wenn die wechselseitigen gesellschaftlichen Abhängigkeitsbeziehungen nicht neu verhandelt werden (vgl. Castel 2000, 17). Castel erweitert die Prekarisierungsdebatte neben der unterschiedlichen Intensität von „Integration durch Arbeit“ um die „Integration in Beziehungsnetzwerke“. Er legt dar, dass die beiden Achsen, je nachdem in welchem Zusammenhang sie stehen, Personen in unterschiedlichen Zonen der Integration in der Gesellschaft verorten. Er benutzt das Bild eines Koordinatensystems, das auf der Achse der „Integration durch Arbeit“ in stabile Beschäftigung, prekäre Beschäftigung und Ausschluss aus Arbeit differenziert und auf der Achse der „Integration in Beziehungsnetzwerke“ in solide Verankerung, brüchig werden der Beziehungen und soziale Isolation. Daraus resultieren Zonen mit unterschiedlicher Dichte von sozialen Verhältnissen: die Zone der Integration, die Zone der Verwundbarkeit, die Zone der Fürsorge und die Zone der Entkoppelung (vgl. Castel 2000, 360-361). Seine Aufmerksamkeit gilt vor allem der immer größer werdenden Zone der Verwundbarkeit, worin die Prekarität verortet werden

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2 Entwicklung der Prekarisierungs- und Prekaritätsdebatte kann. Castel spricht bereits von „massenhafter sozialer Verwundbarkeit“ (vgl. Castel 2009, 357). Dieses Zonenmodell wird in der deutschen Literatur häufig aufgegriffen und fungiert als Grundlage der Prekaritätsdebatte. Hingegen Castels ursprünglicher Unterscheidung in vier Zonen wird allerdings in der deutschen Literatur ein vereinfachtes Modell von drei Zonen gewählt - die Zone der Integration, die Zone der Prekarität/Verwundbarkeit und die Zone der Entkoppelung - allerdings mit dem Verweis auf Castel als Urheber (vgl. Candeias 2008, 128 und Dörre u. a. 2006, 15). Dieser Arbeit liegt die Einteilung der Zonen, wie sie in Deutschland gebraucht wird, zu Grunde.1 Was lässt sich nun den Ursprüngen der Prekaritäts- und Prekarisierungsdebatte entnehmen? Für Bourdieu ist Prekarität überall, ein Querschnittsproblem durch alle Schichten, das eine zunehmende Bedrohung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und deren Zukunftspläne darstellt und durch Bourdieu eine starke politische Aufladung erfährt. Castel verortet die Prekarierinnen und Prekarier in einer Zwischenzone zwischen Integration und Entkoppelung mit teilweise Wirkungen in die Mittelschicht („Destabilisierung des Stabilen“) und die unteren Schichten („Entstehender Platzmangel“) hinein. Er sieht Ursachen in der Beschäftigungsentwicklung, stellt aber auch einen Zusammenhang zu Beziehungsnetzwerken her, den es noch näher zu erläutern gilt.2 Für eine empirische Lesart von Prekarität bietet das Zonenmodell eine wichtige Orientierung, wenn auch die Ausdifferenzierung der Betroffenen noch unscharf bleibt. Anhand der deutschen Fortführung der Debatte lässt sich eine weitere Konkretisierung vornehmen.

2.2 Weiterentwicklung der Debatte in Deutschland In Deutschland wird der Begriff Prekarität sehr unterschiedlich und zum Teil widersprüchlich verwendet. So spricht beispielsweise die Friedrich-Ebert-Stiftung in ihrer 2006 veröffentlichten

1

In der Literatur wird Prekarisierung zum Teil auch unter dem Begriff Exklusion diskutiert, der seine Wurzeln in den 1980er Jahren ebenfalls in Frankreich hat. Castel gilt auch in dieser Diskussion als einer der Protagonisten und sieht Exklusion als Prozess des Ausschlusses am Arbeitsmarkt und der Auflösung von sozialen Bindungen (vgl. Kronauer 2002, 43-44), wie es auch das dargestellte Zonenmodell beschreibt. Nachdem sich Exklusion in Frankreich in den 1990er Jahren allerdings zum politischen und medialen Allzweckswort entwickelt hat, ist Castel vor allem Kritiker dessen Verwendung geworden und plädiert für eine reflektierte, in den meisten Fällen für den Verzicht seiner Verwendung. Er begründet dies u.a. mit der Heterogenität der Verwendungsweise des Begriffs Exklusion, der Konzentration auf die Ausgegliederten, statt auf die ausgliedernde Gesellschaft und der potenziellen Folge, dass z.B. die Sozialarbeit ihre Interventionen auf die Betroffenen fixiert und sozialpolitische Prävention ausbleibt (vgl. Castel 2008, 69-76). Die vorliegende Arbeit orientiert sich an der Argumentation von Castel und konzentriert sich auf eine Prekarisierungsdiskussion ohne die Verwendung des Begriffs der Exklusion, wodurch begriffliche Verwirrungen und stigmatisierende Zuschreibungen weitestgehend vermieden werden können. 2 s. dazu Kapitel 5.3

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2 Entwicklung der Prekarisierungs- und Prekaritätsdebatte Studie „Gesellschaft im Reformprozess“ vom „abgehängten Prekariat“ (Friedrich-EbertStiftung 2006, 2), worunter sie die Ausgeschlossenen und Abgehängten unserer Gesellschaft versteht - also die Gruppe von Menschen, die seit 2004 auch unter dem Begriff der Neuen Unterschicht in der deutschen Diskussion ist. Gemeint sind Arbeitslose und Modernisierungsverlierer - solche, die in keinen gefestigten Sozialbeziehungen verankert sind und sozialstaatlicher Unterstützung bedürfen.3 Die völlige gesellschaftliche Abkopplung kann die Folge sein (vgl. Vogel 2008, 14). Zieht man eine Verbindung zu Castel kann diese Definition eher mit der Zone der Entkoppelung als mit dessen Zone der Prekarität gleichgesetzt werden. Meistens steht Prekarisierung jedoch, wie bei Bourdieu und Castel ebenfalls, mit prekärer Beschäftigung in enger Verbindung. Die von Prekarität Betroffenen haben noch eine Arbeit, wenn auch eine unsichere oder schlecht bezahlte. Laut der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), an die sich die deutsche Fachliteratur meist anlehnt, sind diejenigen prekär beschäftigt, „die aufgrund ihres Erwerbsstatuses nur geringe Arbeitsplatzsicherheit genießen, die wenig Einfluss auf die konkrete Ausgestaltung ihrer Arbeitssituation haben, die nur partiell im arbeitsrechtlichen Schutzkreis stehen und deren Chancen auf materielle Existenzsicherung durch Arbeit in der Regel schlecht sind“ (Vogel 2008, 13). Von Dörre u.a. werden diese Aspekte folgendermaßen ergänzt: „Und prekär ist Erwerbsarbeit auch, sofern sie subjektiv mit Sinnverlusten, Anerkennungsdefiziten und Planungsunsicherheiten in einem Ausmaß verbunden ist, das gesellschaftliche Standards deutlich zuungunsten der Beschäftigten korrigiert“ (Dörre u. a. 2006, 17).4 Danach ist Prekarität nicht identisch mit vollständiger Ausgrenzung aus dem Erwerbssystem, keinerlei sozialen Beziehungen und absoluter Armut. Vielmehr wird Prekarität als relationaler Begriff verstanden, der als Bezugspunkt die Definition eines gesellschaftlichen Normalitätszustandes braucht, um richtig verstanden zu werden und der dadurch auch immer wieder einer Veränderung unterliegt (vgl. Dörre u. a. 2006, 16). Von Prekarität kann laut Dörre u.a. also dann gesprochen werden, wenn „unsichere Arbeit zum Dauerzustand wird und die Verrichtung solcher Tätigkeiten eine soziale Lage für gesellschaftliche Gruppen konstatiert...“ (Dörre u. a. 2006, 17) und Prekarisierung wird bezeichnet als „sozialen Prozess.., über den die Erosion von Normalitätsstandards auf die Integrierten zurückwirkt“ (Dörre u. a. 2006, 17). An dieser Stelle lässt sich die Differenzierung von Prekarität und Prekarisierung vornehmen. Prekarität beschreibt einen Zustand - einen von den Normalitätsstandards abweichenden Zustand. Prekarisierung hingegen meint den Prozess, der zwischen den beiden Zuständen abläuft. Für Dörre u.a verläuft der Prozess einseitig, er wirkt von der Prekarität auf den

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Der Begriff Neue Unterschicht taucht in der Reformschrift „Generation Reform“ von Paul Nolte 2004 zum ersten Mal auf und wurde danach von verschiedenen Personen immer wieder aufgegriffen. Wer oder was sich genau dahinter verbirgt und ob der Begriff sinnvoll ist, ist umstritten (vgl. Kessl u. a. 2007b, 8-9). 4 Vertiefung zu prekärer Beschäftigung s. Kapitel 4

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2 Entwicklung der Prekarisierungs- und Prekaritätsdebatte Normalzustand zurück. Prekarisierung beschreibt aber genauso umgekehrt einen Prozess vom Normalzustand in einen Zustand der Prekarität. Eine sehr umfassende Darstellung, welche Prozesse ablaufen, wenn man von Prekarisierung spricht, gibt Candeias in seiner Prekarisierungsdefinition. Danach kann Prekarisierung gefasst werden als Prozesse, die a) Arbeitsverhältnisse oder Formen der abhängigen Selbstständigkeit ohne existenzsicherndes Einkommen hervorbringen, b) mit Tätigkeiten verbunden sind, denen bestimmte Kriterien qualifizierter Arbeit abgesprochen werden, mit entsprechend geringer oder mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung, c) die zur tendenziellen Ausgliederung aus betrieblichen bzw. kooperativen Strukturen, zu raum-zeitlicher Isolierung und Zerstörung von Sozialkontakten führen, d) mit einem tendenziell geringeren (arbeits- und staatsbürgerschaftlichen) rechtlichen Status verbunden sind, und e) geringe oder keine Ansprüche auf Sozialleistungen zur Folge haben (Lohnersatzleistungen, Krankenversicherung oder Rente) f) ... mit der Erosion öffentlicher Dienstleistungen als allgemeine Bedingungen sozialer und individueller Reproduktion verbunden sind durch Privatisierung, Verteuerung des Zugangs (bspw. im Nahverkehr), Streichung von Weiterbildungsmöglichkeiten bei Arbeitslosigkeit etc. (...) g) längerfristige Planungssicherheit für den eigenen Lebensentwurf ausschließen, und schließlich h) eine massive Verunsicherung oder Schwächung der individuellen und damit auch kollektiven Handlungsfähigkeit bewirken (Candeias 2008, 127-128, Herv. im Original). Diese Definition vereint die Dimensionen der verschiedenen Definitionen, die bereits beschrieben wurden. Die Verankerung der Thematik in der Arbeitswelt kommt bezüglich des oft nicht existenzsichernden Einkommens (a) und der tendenziellen Ausgliederung aus betrieblichen Strukturen (c) zum Ausdruck. Damit eng verbunden ist die rechtliche und (sozial-)staatliche Komponente: ein niedrigerer (arbeits-)rechtlicher Status (d), geringere Ansprüche auf sozialstaatliche Leistungen (e), sowie öffentliche Dienstleistungen im Allgemeinen (f). Zudem werden gesellschaftliche Auswirkungen - Reduktion der Sozialkontakte (c) und geringere gesellschaftliche Anerkennung (b), sowie Auswirkungen auf die individuelle Lebensführung weniger Planungssicherheit (g) und Schwächung der individuellen Handlungsfähigkeit (h) -

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2 Entwicklung der Prekarisierungs- und Prekaritätsdebatte benannt. Diese verschiedenen Dimensionen gelten als Prozesse, die vom Normalzustand abweichen und Prekarisierung in Gang setzen.

2.3 Prekarität - die Zone der Verwundbarkeit 2.3.1 Gegenstandsbereich von Prekarität in der vorliegenden Ausarbeitung Wo ist Prekarität also zu verorten - in der Neuen Unterschicht, wie es die Friedrich-EbertStiftung in ihrer Studie macht, in der gesellschaftlichen Mitte in Form von Abstiegsängsten und sozialem Statusverlust, wie es von Bourdieu und zum Teil von Castel gesehen wird oder in einer Art Zwischenzone, wie es in den Definitionen von Dörre u.a. und bei Castel in der von ihm diagnostizierten Zone der Verwundbarkeit beschrieben wird? In dieser Arbeit wird Prekarität als die Zone der Verwundbarkeit verstanden, die geprägt ist durch die Verstetigung unsicherer und uneindeutiger Beschäftigungs- und Lebensformen. Diese Verstetigung wird hauptsächlich durch aktuelle Veränderungen in der Arbeitswelt mit Konsequenzen für die rechtliche und sozialstaatliche Ausgestaltung der Gesellschaft, wie Candeias es aufzeigt, hervorgerufen. Hinzu kommen Veränderungen in Beziehungsformen, wie Castel es andeutet und im Weiteren noch vertieft werden wird. In dieser Zone der Verwundbarkeit ist die Angst vor dem Absturz genauso präsent wie die Hoffnung auf Stabilität und Aufstieg (vgl. Vogel 2008, 15). Gerade die soziale Unentschiedenheit macht die Prekarität als soziale Lage aus, die sowohl zu Wohlstand als auch zu Armut noch einen sozialen Abstand wahrt (vgl. Kraemer 2009, 250), aber eine Dynamik und Durchlässigkeit in sich trägt, die den Wechsel in die Zone der Integration und die Zone der Entkoppelung möglich machen (vgl. Castel 2009, 30). Es ist eine Art Schwebezustand, mit der Möglichkeit den Sprung nach oben noch zu schaffen, aber gleichzeitig mit permanenten Anstrengungen verbunden, den sozialen Abstieg zu vermeiden (vgl. Dörre 2006, 12). Prekarierinnen und Prekarier haben „keine Reserven, kein Ruhekissen“ (Dörre 2006, 12). Für den weiteren Verlauf der Argumentation und für die Frage nach der Rolle der Sozialen Arbeit in der Prekarisierungsdebatte sind noch zwei Fragen relevant, auf die im Folgenden Bezug genommen wird.

2.3.2 Was ist neu an dieser Prekarität? Es stellt sich die Frage, was neu ist an dieser Prekarität, wenn Castel von der „neuen sozialen Frage“ und der „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“ spricht. Prekäre Grenzgängerinnen und Grenzgänger in der Arbeitswelt sind an sich nichts Neues. Einfache Hilfsarbeiterjobs in Industrie und Handwerk gab es schon immer, genauso wie die typischen ungesicherten Frauenjobs im Gaststätten- und Reinigungsgewerbe, im Supermarkt oder bei Pflegediensten.

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2 Entwicklung der Prekarisierungs- und Prekaritätsdebatte Diese Arbeiten sind schon immer schlecht bezahlt, wenig gesichert und mit fehlender Anerkennung behaftet. Neu ist, dass Grenzgängerinnen und Grenzgänger der veränderten Arbeitswelt hinzukommen. Rechtliche Deregulierung und geringe Entlohnung erreicht nun auch ehemals gesicherte Arbeitsverhältnisse, wie die von qualifizierten Facharbeiterinnen und Facharbeitern oder Fachangestellten. Kernbereiche der Arbeitsgesellschaft, wie die Autoindustrie, der Maschinenbau, Banken oder zum Teil auch der öffentliche Dienst sind von der Ausweitung prekärer Beschäftigung betroffen (vgl. Vogel 2009, 202). Der Zone der Prekarität gehört nicht mehr nur die unterbezahlte Verkäuferin in einer Bäckereikette und der ungelernte Hilfsarbeiter in der Metallverarbeitung an, sondern auch die befristet angestellte Zustellerin bei der Deutschen Post und der gut ausgebildete Leiharbeiter aus Leipzig, der bei einer Automobilfirma in Süddeutschland arbeitet. Prekarität ist längst nicht überall und wenn in dieser Arbeit von Prekarisierung gesprochen wird, steht auch nicht in erster Linie die gut gesicherte Mittelschicht im Blickfeld. Aber Teile der Arbeiterschaft, also der unteren Mittelschicht, stehen durchaus in der Gefahr von Prekarisierung erfasst zu werden und einen Teil ihrer bisherigen Normalität einzubüßen. Diese sich vergrößernde Gruppe von prekär Beschäftigten kämpft sich durch das Dickicht von meist atypischen Arbeitsverhältnissen (zu atypischer Beschäftigung wird Teilzeitarbeit, geringfügige Beschäftigung in Form von Mini- und Midijobs, befristete Arbeitsverhältnisse, Leiharbeit und Ein-Euro-Jobs/Praktika gezählt (vgl. Bellmann u. a. 2009, 379)) und pendelt immer häufiger zwischen Arbeitslosigkeit und Beschäftigung. Es können vom Staat geförderte und nicht geförderte Tätigkeiten darunter fallen, die Erwerbstätigkeit kann teilweise den Lebensunterhalt sicherstellen, teilweise reicht es nur zu Armut trotz Erwerbstätigkeit (vgl. Vogel 2008, 15). Die Erwerbsverläufe der Prekarierinnen und Prekarier sind diskontinuierlich und vielfältig, es gibt keine eindeutigen Spaltungslinien, vielmehr vervielfältigen sich die Arbeitswirklichkeiten (vgl. Vogel 2009, 205). In dieser Vielfältigkeit und Diskontinuität liegt die Gemeinsamkeit der Betroffenen.

2.3.3 Prekarität - soziale Lage oder jenseits von Stand und Klasse? Eine letzte begriffliche Frage muss noch geklärt werden: Handelt es sich bei Prekarität um eine soziale Lage, um eine neue gesellschaftliche Zwischenschicht oder um eine Entwicklung quer zur Gesellschaftstruktur? Eine Frage, die in der Literatur verschiedene Antworten hervorbringt. Bei Schultheis handelt es sich um vereinzelte individuelle Lagen (vgl. Schultheis 2005, 576), Castel und Candeias sprechen von kollektiven Lagen. Castel schreibt von prekären Wirkungen als „kollektives Schicksal“ gesellschaftlicher Gruppen, das aber selbst innerhalb dieser sozialen Gruppen stark variieren kann (vgl. Castel 2009, 30). Candeias geht einen Schritt weiter und prognostiziert eine „Klassenfraktion im Werden“ (Candeias 2008, 133), wovon Castel hingegen nicht sprechen will. Denn um den Begriff der Klasse nicht um seine

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2 Entwicklung der Prekarisierungs- und Prekaritätsdebatte bisherige Bedeutung zu bringen, müsse er eine recht homogene Gruppe von Gesellschaftsmitgliedern beschreiben, was die Prekarierinnen und Prekarier aber ganz und gar nicht seien (vgl. Castel 2009, 33). Übereinstimmend kommunizieren die beiden Wissenschaftler jedoch Prekarisierung als das Entstehen eines dauerhaften Zustands (vgl. Candeias 2008, 133), bei Castel begründet mit der fortschreitenden Auflösung des normalen Beschäftigungsverhältnisses, das zwangsläufig zu Fragmentierungen im Erwerbsverlauf führen muss und so Prekarität begünstigt (vgl. Castel 2009, 32). Einig sind sich Candeias und Castel auch in der Ansicht, dass das Prekariat neben der Tendenz zu einer kollektiven Lage eine „universelle Tendenz“ (Candeias 2008, 133) oder eine „transversale Qualität“ (Castel 2009, 30) hat. Trotz dem, dass die unteren Schichten in einem stärkeren Ausmaß betroffen sind, reicht Prekarisierung doch in die gesellschaftliche Mitte hinein und kann auch den leitenden Angestellten oder den Hochschulabsolventen betreffen. Prekarität muss somit in ihrer doppelten Bedeutung gefasst werden - als allgemeines Phänomen quer zur Gesellschaftsschichtung und als verstärktes Phänomen in der Zone der Verwundbarkeit (vgl. Castel 2009, 30 und Candeias 2008, 133). In dieser Arbeit wird es nicht möglich sein Prekarität in beide Blickrichtungen detailliert zu betrachten. Es wird daher hauptsächlich auf die Prekarierinnen und Prekarier eingegangen, die sich in der Zone der Verwundbarkeit befinden bzw. es werden die Prozesse untersucht, die sie dorthin bringen. Prekarität im Sinne eines Querschnittsphänomens durch alle Zonen wird nur in eingeschränktem Maße behandelt.

Zwischenfazit Die Untersuchung des Gegenstandsbereichs von Prekarität und prekärer Beschäftigung hat den Ursprung der Prekaritätsdebatte in Frankreich mit Bourdieu und Castel als Urheber ausgemacht. Bourdieu lädt den Begriff stark politisch auf und sieht die Entwicklung von Prekarität quer zu den Gesellschaftsschichten. Castel hingegen verortet Prekarität in einer Zone der Verwundbarkeit mit Wirkung in die Zone der Entkoppelung und der Zone der Integration hinein. Die französischen und deutschen Wissenschaftler sind sich über den Ursprung der Prekarisierung in der veränderten Arbeitswelt einig, Castel hat dabei noch ein besonderes Augenmerk auf die (Aus-)Wirkungen veränderter Familienformen. Richtig verstanden wird Prekarität nur, wenn sie relational, in Abhängigkeit von einem definierten Normalzustand, verstanden wird. Die Aufmerksamkeit muss dabei vor allem auf die Prozesse gerichtet werden, die vom seitherigen Normalzustand wegführen. Neu an der Prekarität ist die sich ausweitende Betroffenheit, die auch bisher sicher geglaubte Jobs unsicher werden lässt und die Lebensführung so zu einem ständigen Bangen um den sozialen Statuserhalt wird. Prekarität als Zone der Verwundbarkeit und die Prozesse, die in diese Zone führen, sind Gegenstand der weiteren Untersuchung.

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3 Ursachen für die „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“ Dieses Kapitel widmet sich der Rekonstruktion von Ursachen für die zunehmende Prekarisierung, oder um in den Worten von Castel zu sprechen, der „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“. Der Begriff Wiederkehr impliziert die Annahme, dass Unsicherheit schon einmal gesellschaftlicher Zustand war, durch einen Zustand der sozialen Sicherheit abgelöst wurde und nun wieder neu in Erscheinung tritt. Prekarität ist also an sich nichts Neues. In der Zeit der frühen Industrialisierung herrschte beispielsweise massenhafte Prekarität vor. Erst über Jahrzehnte hinweg wurde eine kollektive soziale Sicherung erkämpft, z.B. durch kollektive Garantien des Arbeitsrechts, durch Tarifverträge oder durch das soziale Sicherungssystem. Mit Zunahme dieser kollektiven Rechte kann von der Entstehung des Sozialstaates gesprochen werden, der in der Zeit zwischen 1950 und 1975 seine Blütezeit erreichte. Seither kam der Ausbau der sozialen Sicherungssysteme ins Stocken und eine gegenläufige Entwicklung hat eingesetzt. Die Tendenz geht in Richtung Entkollektivierung und Re-Individualisierung von sozialen Rechten und Risiken (vgl. Castel 2009, 23-25). Die Darstellung der Ursachen für den aktuellen Prekarisierungsprozess beschränkt sich auf einen Umriss der wirtschaftlichen und sozialstaatlichen Blütezeit der 1950er bis 1970er Jahre und zeigt daraus die aktuellen Änderungstendenzen auf. Die Veränderungen vollziehen sich vorwiegend in drei Bereichen: in der Arbeitswelt, im Sozialstaat und in der Familie bzw. im Geschlechterverhältnis.

3.1 Von der traditionellen zur flexiblen Arbeitsgesellschaft In der Nachkriegszeit bis in die Mitte der 1970er Jahre war die traditionelle Arbeitsgesellschaft u.a. gekennzeichnet durch drei wichtige Merkmale: eine fordistische Arbeitsweise1 ,

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Der Fordismus geht auf den amerikanischen Automobilhersteller Henry Ford zurück, der als Erfinder der fließbandgestützten Massenproduktion gilt und gleichzeitig den Massenkonsum als Mittel der Integration der Arbeiterschaft bezeichnet. Die traditionelle Arbeitsgesellschaft wird daher in der Zeit zwischen der Weimarer Republik bis in die 1970er Jahre hinein auch als Fordismus bezeichnet (vgl. Galuske 2002, 65).

3 Ursachen für die „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“ Vollbeschäftigung und das Normalarbeitsverhältnis. Die fordistische Arbeitsweise in Kombination mit dem Taylorismus2 führte dazu, dass sich das Lohnniveau spürbar erhöhte und ein großer Teil der Arbeiterschaft zu Konsumentinnen und Konsumenten der erzeugten Massenprodukte (Autos, Kühlschränke, Rundfunkgeräte usw.) werden konnte. Die Lohnarbeit3 wurde vorherrschend und ersetzte nach und nach die subsistenzwirtschaftlichen Produktionsformen (vgl. Hirsch u. Roth 1986, 50-51). Die Massenproduktion und der Massenkonsum brachten männliche Vollbeschäftigung mit sich, was zur Herausbildung des Normalarbeitsverhältnisses führte, „das sich durch einen festen Arbeitsvertrag, eine unbefristete Vollzeitbeschäftigung, Lohnarbeit in Organisationen..., und Sozialleistungen der verschiedensten Art, die meist an eine feste Betriebszugehörigkeit gekoppelt sind“ (z.B. Mückenberger 1985 in Hirsch-Kreinsen 2008, 45) auszeichnete. Die Sättigung der Nachfrage, daraus entstehende Überkapazitäten in vielen Wirtschaftsbranchen, wachsende internationale Konkurrenz im Zuge der Globalisierung und ein rasanter technologischer Wandel erschütterten die Wirtschaft in der Mitte der 1970er Jahre und führen seither einen tiefgreifenden Wandel der Arbeitsgesellschaft herbei (vgl. Hirsch-Kreinsen 2008, 43-44). Technologische Innovationen erzielen auf drei Ebenen nachhaltige Wirkungen in ungeahntem Ausmaß: • Die Mikroelektronik eröffnet neue Wege zur Effektivierung der menschlichen Arbeitskraft und dadurch zu neuen Rationalisierungspotenzialen. • Neue Fertigungs- und Produktionsmethoden eröffnen die Möglichkeit zu neuen Management- und Organisationskonzepten. • Die neuen Informationstechnologien, sowie schnellere und kostengünstigere Transportsysteme ermöglichen eine Vernetzung von internationalen Märkten (vgl. Rifkin 1997 in Galuske 2002, 142). Der Trend geht weg vom System der Massenproduktion hin zu weniger Arbeitsteilung, weniger, aber dafür hoch qualifiziertem Personal, flexiblen und dezentralen Unternehmensstrukturen, einem breiten kundenspezifischen Spektrum an Produkten mit besonderer Qualität und hoher Innovativität (vgl. Hirsch-Kreinsen 2008, 44). Technologische Möglichkeiten allein führen aber noch keine tiefgreifende Veränderung einer Gesellschaft herbei. Maßgeblich beteiligt sind daran politische Entscheidungen, in diesem Fall

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Der Taylorismus geht auf Frederik W. Taylor zurück und beinhaltet im wesentlichen drei Prinzipien einer wissenschaftlichen Betriebsführung: 1. Banalisierung von Handlungsvolltzügen, 2. klare Funktionstrennung von Planung (Management) und Produktion (Arbeitende), 3. bis in den letzten Handgriff hinein geplantes und kontrolliertes Arbeitshandeln der Arbeitenden (vgl. Mikl-Horke 1997 in Galuske 2002, 66). 3 Lohnarbeit ist durch vier Merkmale gekennzeichnet: 1. für einen Dritten ausgeführt, 2. als Gegenwert entlohnt, 3. Zeit, Ort und Umstände bestimmt der Lohnzahlende, 4. der Zweck ist durch den Arbeitenden nicht beeinflussbar (vgl. Gorz 1988 in Galuske 2002, 31).

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3 Ursachen für die „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“ hin zu einer Neoliberalisierung4 , welche gekennzeichnet ist durch Privatisierung und Deregulierung von ökonomischen Beziehungen (vgl. Luttwak 1999 in Galuske 2002, 144-145)5 . Diese Kombination aus globaler Öffnung, technologischen Innovationen und politischem Willen führen dazu, dass sich die traditionelle Arbeitsgesellschaft nach und nach auflöst und zu einer postfordistischen oder flexiblen Arbeitsgesellschaft wird. Drei wichtige Merkmale zeichnen diese flexible Arbeitsgesellschaft aus: Flexibilisierung der Lohnarbeit und Ablösung des Normalarbeitsverhältnisses durch marktförmige Beschäftigung Der wachsende Kosten- und Konkurrenzdruck hat eine verschärfte Rationalisierung der Arbeitsprozesse zur Folge (Interne Flexibilisierung). Es werden z.B. Flexibilisierung der Arbeitszeiten oder sinkende Einkommen in Form von unbezahlten Überstunden vereinbart, um beispielsweise den Standort zu sichern oder auf konjunkturelle Engpässe zu reagieren. Die Risiken der Marktprozesse werden zunehmend nicht mehr von Unternehmen abgefedert, sondern auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer übertragen. Für diese kann das an manchen Stellen mehr Handlungsfreiheit bedeuten, oft geht die Flexibilisierung aber auch mit verstärkten ökonomischen Risiken und Unsicherheiten einher (vgl. Hirsch-Kreinsen 2008, 44-45 und Galuske 2002, 161). Auch der Staat trägt zu solch einer Entwicklung bei, indem er Arbeitnehmerschutzrechte beschneidet (z.B. die stufenweise Verlängerung der Überlassdauer von Leiharbeiterinnen und Leiharbeitern von 1985 bis 1997 oder die Ausweitung der Befristungsmöglichkeit von Arbeitsverhältnissen ohne sachliche Begründung von seither einer Höchstdauer von 18 Monaten auf 24 Monate im Jahr 1996) (vgl. Galuske 2002, 158). Folgen dieser Flexibilisierung sind ein verminderter Stellenwert des Normalarbeitsverhältnisses und die zunehmende Bedeutung von atypischer oder prekärer Beschäftigung6 (Externe Flexibilisierung). Diese Beschäftigungsformen weisen weniger Bindung des Unternehmens an die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf und können daher leichter am Bedarf des Marktes orientiert werden (vgl. Hirsch-Kreinsen 2008, 44-45 und Galuske 2002, 159160). Entstehung von struktureller Arbeitslosigkeit Seit spätestens Anfang der 1980er Jahre kann von einer kontinuierlich steigenden Arbeitslosigkeit gesprochen werden, die in konjunkturellen Aufschwüngen zwar abnahm, aber bei Abschwüngen nicht mehr an ihr früheres Ausgangsniveau zurückkehrte (vgl. Galuske 2002, 151-152). Zwei wichtige Trends sind bezüglich der strukturellen Arbeitslosigkeit wichtig: Zum

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Neoliberalisierung zielt auf eine Verschiebung der Kräfte- und Machtverhältnisse von Markt, Staat und privaten Haushalten zugunsten des Marktes (vgl. Galuske 2002, 144). 5 Vertiefung s. Kapitel 3.2 6 Differenzierung zwischen atypischer und prekärer Beschäftigung s. Kapitel 4.1.

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3 Ursachen für die „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“ einen erarbeiten immer weniger Menschen immer mehr, was zu einer immensen Produktivitätssteigerung führt. Nimmt man das Jahr 1970 mit 100% als Ausgangspunkt, dann ist das Bruttoinlandsprodukt bis zum Jahr 2000 auf 187% gestiegen, die Produktivität je Erwerbstätigenstunde auf 223% und auch die Zahl der Erwerbstätigen hat insgesamt leicht auf 105% zugenommen (vgl. Bäcker u. a. 2000, 263). Gleichzeitig sind aber immer mehr Menschen erwerbstätig und teilen sich die schwindende Arbeit. Mitte der 1990er Jahre sind knapp 2,5 Mio. Menschen mehr erwerbstätig als zu Beginn der 1960er Jahre und die individuelle Arbeitszeit ist um mehr als ein Drittel zurückgegangen (sowohl auf Grund von reduzierter Wochenarbeitszeit als auch auf Grund von mehr Teilzeitbeschäftigung). Die Arbeit schwindet und doch ist sie für immer mehr Menschen der Weg zur ökonomischen und sozialen Integration (vgl. Galuske 2002, 156). Erosion von Teilarbeitsmärkten In den verschiedenen Teilarbeitsmärkten - man unterscheidet in unstrukturierten, fachlichen und betriebsinternen Teilarbeitsmarkt - ergeben sich ebenfalls einschneidende Veränderungen. Manche betriebsinternen Teilarbeitsmärkte sind infolge veränderter Unternehmensstategien und steigendem Effizienzdruck von Dezentralisierung, Outsourcing und Abflachung der Hierarchien, sowie von einer größeren Marktöffnung und damit auch einer größeren Marktangreifbarkeit betroffen. Vor allem Industriezweige, die seither nach der Massenproduktionsweise gearbeitet haben, wie z.B. die Automobilindustrie müssen sich mit diesen Herausforderungen auseinandersetzen. Hinzu kommt ein allgemeiner Rückgang des berufsfachlichen Teilarbeitsmarktes im industriellen Sektor und die Ausdehnung des Dienstleistungssektors, der andere Ausbildungen und Fähigkeiten erfordert als bisher das duale Ausbildungssystem für die betriebliche Ausbildung bietet (vgl. Hirsch-Kreinsen 2008, 46). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die traditionelle Arbeitsgesellschaft in ihrer bisherigen Form tiefgreifenden Veränderungen unterliegt, die in ihrer Tragweite noch gar nicht vollständig abgeschätzt werden können. Erkennbar sind eine klare Tendenz zu Flexibilisierung und Verlagerung von Risiken auf den Einzelnen in alle drei Zonen der Gesellschaft. Die Arbeitsmarktchancen verschlechtern sich für bestimmte Bevölkerungs- und Berufsgruppen deutlich und bei bestehenden Arbeitsverhältnissen nimmt der Anpassungsdruck zu, was zu einer Vergrößerung der Zone der Verwundbarkeit führt. Die flexible Arbeitsgesellschaft kommt manchen Beschäftigten zugute, für eine große Zahl an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern wird sie aber auch zu einer Gesellschaft mit prekärem Potenzial, die die Sorge um den Arbeitsplatz und eine sichere Zukunft beinhaltet.

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3 Ursachen für die „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“

3.2 Vom aktiven zum aktivierenden Sozialstaat Unter dem Motto „Wohlstand für alle“ (Ludwig Erhard, 1957) florierte die deutsche Wirtschaft in den späten 1950er Jahren und füllte somit auch die Staatskasse. Die Bürger genossen ihren Wohlstand und der Sozialstaat brachte zahlreiche Reformen auf den Weg. Wichtige Gesetze waren z.B. das Bundessozialhilfegesetz 1961 oder das Arbeitsförderungsgesetz 1969 als Mittel zur aktiven Arbeitsmarktpolitik (vgl. Frevel u. Dietz 2004, 35-37). Schätzungsweise profitierten 15 Mio. Menschen von den verschiedenen Reformen (vgl. Schmidt 1998 in Frevel u. Dietz 2004, 37). Doch mit der Rezession 1973/74 war die große Spendierfreudigkeit des Staates erstmal zu Ende und das Haushaltsstrukturgesetz von 1975 stoppte die expansive Sozialpolitik der aktuellen und folgenden Regierungen (vgl. Frevel u. Dietz 2004, 37). Aber von nachhaltigem Umbau des Sozialstaates - vor allem der Sozialversicherung - war in den 1980er Jahren noch nicht viel zu sehen. Vielmehr wurde noch das Gesetz zur Frühverrentung auf den Weg gebracht, das den Sozialstaat viel Geld kostete, um Unternehmen zu entlasten. Erst in den 1990er Jahren wurden Versuche der Reformierung unternommen, die dann aber nur noch Abbau und nicht mehr Umbau der sozialen Sicherung bedeuten konnten (vgl. Frevel u. Dietz 2004, 38-39). Schlüsselargument für den Um- bzw. Abbau des Sozialstaates war die internationale Wettbewerbsfähigkeit, die durch die vielen staatlichen Regelungen, vor allem im Arbeitsrecht und bei den Lohnkosten, nicht eingeschränkt werden durfte. Hinzu kam das finanziell hohe Leistungsniveau der sozialen Sicherung, das nicht länger als tragbar galt, weil dadurch die Motivation, sich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen, gemindert würde und zudem die Leistungseliten zugunsten der Leistungsschwächeren zu stark belastet würden (vgl. Bäcker u. a. 2000, 40). Wie im vorhergehenden Kapitel bereits beschrieben, wurden die Rufe nach einer Neoliberalisierung der Wirtschaft und auch des Sozialstaates laut, um in der globalen Wirtschaft mithalten zu können. Drei große Veränderungstendenzen kristallisierten sich Verlauf der dann beginnenden Reformen und Umstrukturierungen des Sozialstaates heraus: • Deregulierung: Das bedeutet, dass der Reformtrend hin zu einer verstärkten Marktorientierung geht und eine zunehmende Kommodifizierung passiert, d.h. die Subjekte wieder mehr vom Markt abhängig werden. Diese Deregulierung führt u.a. dazu, dass Beschäftigung prekärer wird und Arbeitsverhältnisse zu weniger geschützten Bedingungen eingegangen werden müssen, was im vorangegangenen Kapitel bereits erläutern wurde. • Privatisierung: Diese passiert zum einen auf der Ebene von Privatpersonen, wo die Eigenverantwortung z.B. bei der Altersvorsorge oder bei der Zumutbarkeit von Erwerbsarbeit zunimmt und zum anderen auf der Seite der Anbieter von sozialen Dienstleistungen, die häufiger von staatlicher in privatgewerbliche und damit gewinnorientierte Hand gegeben werden.

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3 Ursachen für die „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“ • Ökonomisierung: Durch die Privatisierung der Dienstleistungen wird eine Ökonomisierung der Angebote erreicht, die somit Effizienzkriterien des Marktes unterliegen (vgl. Galuske 2002, 194-198). Mit diesen Veränderungen hat sich ein Paradigmenwechsel vom aktiven zum aktivierenden Sozialstaat vollzogen, der als „Konzept einer ’neuen Verantwortungsteilung zwischen Staat und Gesellschaft’“ verstanden werden kann und „der Selbstregulierung Vorrang vor staatlicher oder hierarchischer Aufgabenübernahme oder Steuerung einräumt“ (Verwaltungslexikon 2009). Speziell für das Thema dieser Arbeit ist die Neuausrichtung der Arbeitsmarktpolitik in Form der vier Hartz-Gesetze von besonderer Relevanz, die schrittweise von 2003 bis 2005 in Kraft getreten sind. Daher werden im Folgenden Teile dieser Gesetze und deren Auswirkungen skizziert, allerdings beschränkt auf die für die Prekarisierungsdebatte relevanten Aspekte.

Die Hartz-Reformen Die Hartz-Gesetze stehen für eine umfassende Reformierung der Arbeitsmarktpolitik und symbolisieren die Reformfähigkeit des Staates. Für die einen sind sie eine längst überfällige Entscheidung, für die anderen der Beginn vom Ende des Sozialstaates. Selten war eine Reform so stark in der Diskussion und in der Kritik wie diese (vgl. Seifert 2005, 17). Ziel der Hartz-Reformen ist der Abbau des Arbeitslosenbestands durch einen schnelleren Ausgleich von Angebot und Nachfrage, sowie durch die Erhöhung der Konzessionsbereitschaft der Arbeitssuchenden, d.h. durch die Erhöhung deren Bereitschaft Zugeständnisse zu machen (vgl. Bäcker u. a. 2008b, 541). Die Zumutbarkeitsregeln eine Beschäftigung aufzunehmen, wurden verschärft und es liegt eine stärkere Betonung auf der Eigenverantwortung der Betroffenen. Die neuen Regelungen unter der Überschrift „Jede Arbeit ist besser als keine Arbeit“ haben zur Folge, dass atypische Beschäftigung gefördert wird und somit auch prekäre Beschäftigung zunimmt. Gefördert und vermittelt werden von den Jobcentern z.B. die Mini- und Midijobs, Leiharbeit, die Ich-AG7 und als Arbeitsgelegenheit der Ein-Euro-Job. Mit diesen atypischen Beschäftigungsformen wird auf einen „Klebeeffekt“ spekuliert, der dadurch erreicht werden soll, dass Arbeitssuchende z.B. zuerst bei einem temporären Arbeitgeber oder für ein Entleihunternehmen arbeiten, woraus langfristig aber eine Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt bzw. in ein festes Arbeitsverhältnis erfolgen soll (vgl. Seifert 2005, 18-19, 23). Dass diese Inklusion oft eine sehr prekäre Inklusion ist, wird außer Acht gelassen. Der MiniJob z.B. erreicht auf Grund der geringen Beiträge zur Sozialversicherung kein existenzsicherndes Rentenniveau. Das Risiko von Armut und sozialer Unsicherheit steigt für viele schon 7

Seit 01.08.2006 sind die Ich-AG (Existenzgründungszuschuss) und das Überbrückungsgeld zum sog. Gründungszuschuss zusammengefasst (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2009).

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3 Ursachen für die „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“ während des Erwerbsalters, aber besonders im Rentenalter wird es deutlich zunehmen. Die proklamierte Eigenverantwortung und die damit verbundene private Altersvorsorge kann bei Minijobs keinenfalls erreicht werden, was nach Ausscheiden aus dem Erwerbsleben bei vielen zu Altersarmut führen wird. Die neuen flexiblen Beschäftigungsformen vermitteln zwar teilweise schneller in Arbeit, aber die Flexibilisierung und dadurch entstehende Unsicherheit werden nicht durch eine adäquate soziale Absicherung abgefangen (vgl. Seifert 2005, 21-24). Für die noch sicher Beschäftigten haben die Hartz-Gesetze ebenfalls Auswirkungen. Zum einen eine sinkende Beschäftigungssicherheit, die mit der Zunahme von atypischen Beschäftigungen einhergeht und zum anderen eine Verringerung der Statussicherheit, da die sozialstaatliche Absicherung im Falle von Arbeitslosigkeit deutlich beschnitten wurde (vgl. Giesecke u. Groß 2005, 27). Die Statussicherheit, wie sie vom konservativen Sozialstaatsmodell lange hochgehalten wurde, muss deutliche Einschnitte hinnehmen (vgl. Galuske 2002, 88). Kritisch betrachtet liegt der Aktivierungsidee von Hartz strukturell ein Paradoxon zu Grunde: das Problem eines generellen Arbeitsplatzmangels soll durch verschärfte Sanktionen und strengere Zumutbarkeitsregeln gelöst werden. Es findet eine Individualisierung der Arbeitsmarktproblematik statt, indem Arbeitslosigkeit vorrangig als Problem mangelnder Arbeitsmotivation dargestellt wird, die es mit geeigneten Maßnahmen zu beheben gilt. Zudem wird der Ausbau des Niedriglohnbereichs und teilweise ein Substitutionseffekt mit Verdrängung von Normalarbeitsverhältnissen zugunsten von flexiblen Beschäftigungen bewirkt (vgl. Seifert 2005, 20).

3.3 Egalisierungstendenzen im Geschlechterverhältnis und veränderte Familienformen Die vorwiegenden Ursachen von Prekarisierung sind in den Veränderungen der Arbeitswelt und dem damit zusammenhängenden Sozialstaat zu verorten. Doch fasst man Prekarisierung als „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“ rückt ein weiterer relevanter Aspekt für die Zunahme von Prekarität in den Blick, der vor allem bei den Auswirkungen von Prekarisierung auf die Lebenslage in Kapitel 5 eine wichtige Rolle spielt: die Veränderung von Geschlechterund Familienverhältnissen. Bis in die 1970er Jahre hinein war die Familie durch klare gesellschaftliche Normen strukturiert: Die Frau übernimmt die Rolle der Hausfrau und Mutter, somit die Aufgaben der Hausund Erziehungsarbeit und dem Mann kommt die Rolle des Alleinernährers zu, der durch Erwerbsarbeit für den Familienunterhalt sorgt. Auch die sozialstaatliche Absicherung war an diesem Familienmodell ausgerichtet (vgl. Bäcker u. a. 2008a, 252). Nur so konnte die Trias aus Normalarbeitsverhältnis, Kleinfamilie und Sozialstaat bestehen. Wenn das Einkommen

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3 Ursachen für die „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“ des Mannes nicht ausreichte, ergänzte auch schon zu dieser Zeit die Ehefrau das Einkommen durch eine „zuverdienende“ (z.B. Teilzeit- oder schlecht bezahlte) Beschäftigung (vgl. Aulenbacher 2009, 74-75). Ab den 1970er Jahren begann ein sozialer Wandel einzusetzen, der die Vormachtstellung der Ehe auflöste und zu einer Pluralisierung der Lebensformen führte, sowie Egalisierungstendenzen im Geschlechterverhältnis hervorbrachte (vgl. Bäcker u. a. 2008a, 253-254). Die höhere Bildungs- und Erwerbsneigung von Frauen führte zu neuen Herausforderungen in der Organisation des Familienalltags und zu einer oft „doppelten Lebensführung“ von Frauen - Kindererziehung und Beruf. Zu betonen ist, dass die Mehrheit der Frauen in diesen Entwicklungen eine Befreiung aus bisher engen traditionellen Vorstellungen sieht und die erweiterten Handlungsspielräume in der eigenen Erwerbsbiographie positiv bewertet (vgl. Geissler u. Oechsle 1994, 145-147). Je nach Familienkonstellation und Lebenssituation birgt die Pluralisierung aber auch prekäre Anteile in sich, die im Hinblick auf die Fragestellung dieser Arbeit von Bedeutung sind und im Folgenden skizziert werden. Die Gefahr in eine prekäre Lebenslage zu kommen, ist beispielsweise bei einer Scheidung höher als in der herkömmlichen Familienkonstellation (vgl. Bäcker u. a. 2008a, 266, 291). Die Prekarität der Lebenssituation hängt dann davon ab, ob der kindererziehende Elternteil bisher gearbeitet hat, nach der Scheidung eine Arbeit aufnehmen kann bzw. von welcher Art diese Arbeitsstelle ist und ob Unterhaltszahlungen geleistet werden. Nach einer Scheidung keinen existenzsicherenden Lebensunterhalt zu haben, was lange als unerwartetes Schicksal gesehen wurde und viele Frauen von der Scheidung abhielt, muss nun als Risiko miteinkalkuliert werden, da Ehen schneller, sowohl vom Ehemann als auch von der Ehefrau, gelöst werden. Die Herauslösung aus der Absicherung der Ehe und die Einbindung in den Arbeitsmarkt hat für Frauen daher ambivalente Folgen: Befreiung und Zwang zugleich (vgl. Geissler u. Oechsle 1994, 148). Im Sozialrecht wurde die Pluralisierung der Lebensformen und das veränderte Geschlechterverhältnis bereits aufgegriffen. Das neue Unterhaltsrecht beispielsweise, das seit 2008 Gültigkeit hat, sieht einen Betreuungsunterhalt für den geschiedenen betreuenden Elternteil nur noch für die ersten drei Lebensjahre des Kindes vor und nicht mehr wie bisher für die ersten acht Jahre. Die nacheheliche Eigenverantwortung wird dadurch deutlich verstärkt (vgl. o.A. 2007) und der Druck, dass die geschiedene Frau eine Arbeit aufnimmt, vergrößert. Ähnlich wie bei geschiedenen Elternteilen ist das Risiko bei Alleinerziehenden, die nicht verheiratet waren und verschärft noch bei denen, die (noch) nicht in einer Ausbildung oder im Erwerbsleben stehen. Insgesamt sind alleinerziehende (meist) Frauen deutlich häufiger erwerbstätig als verheiratete und auch die Vollzeiterwerbstätigkeit ist unter ihnen stärker ausgeprägt. Diese Erwerbstätigkeit ist mit zusätzlichen Schwierigkeiten verbunden, wie den unzureichenden Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder und die durchschnittlich schlechteren Vermittlungschancen von Alleinerziehenden nach einer Unterbrechung zur Kindererziehung. In vielen Fällen muss eine ausbildungsinadäquate unterwertige Beschäftigung angenommen

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3 Ursachen für die „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“ werden (vgl. Bäcker u. a. 2008a, 292-193), was die Wahrscheinlichkeit einer prekären Beschäftigung nachgehen zu müssen, erhöht. Die Pluralität von Lebensformen bedeutet ein großes Stück mehr Freiheit für Frauen, was besonders Frauen- und Geschlechterforscherinnen hervorheben. So warnt z.B. Susanne Völker vor einer Debatte über Prekarisierungsprozesse, die „den Blick auf die sozialen Transformationen einengt und so Ambivalenzen abschneidet und prekäre Handlungsräume und Potenzialitäten tendenziell unsichtbar macht“ (Völker 2009, 219). Sie meint, die Debatte laufe sonst Gefahr „praktische Akteurspotenziale zu unterschätzen“. Gleichzeitig sind die Folgen des sozialen Wandels nicht ausreichend vor prekarisierenden Wirkungen geschützt, was sich an den Lebenssituationen von Alleinerziehenden besonders deutlich zeigt.

Zwischenfazit Dieses Kapitel zeigt, dass sich die Ursachen von Prekarisierungsprozessen in der Gesellschaft schwerpunktmäßig auf drei Ebenen abspielen. Die Flexibilisierung der Arbeitsgesellschaft ist die Reaktion auf die veränderten globalen und ökonomischen Bedingungen. Folgen davon sind die Zunahme marktförmiger Beschäftigung, der Kampf mit der strukturellen Arbeitslosigkeit und die Herausforderung, auf den sich verändernden Arbeitsmarkt zu reagieren. Eng damit verknüpft ist der Paradigmenwechsel des aktiven zum aktivierenden Sozialstaat. Durch die Ökonomisierung und Privatisierung sozialer Dienstleistungen erhält auch hier die Marktförmigkeit Einzug. Der Druck sich den Gegebenheiten des Marktes anzupassen ist sehr deutlich an der Reform der Arbeitsmarktpolitik in Form der Hartzgesetzgebung zu sehen Zumutbarkeitsregeln werden verschärft und die Beschäftigungsformen sind auf die Anforderungen des Marktes zugeschnitten. Parallel zu diesen Veränderungen findet im Geschlechterverhältnis und der Familie eine zunehmende Herauslösung aus gesellschaftlichen Formen und Normen statt, hin zu vielfältigen und selbstbstimmten Lebensformen. Alle drei dieser Veränderungsstränge bergen eine Ambivalenz in sich - zum einen eine wachsende Flexibilität und Herauslösung aus starren Vorgaben und zum anderen die Gefahr mit der Eigenverantwortung und Flexibilität überfordert zu sein, was dann zur Prekarität von Beschäftigung und Lebenslage führen kann. Für Menschen in der Zone der Integration mit einem hohen Potenzial an Ressourcen können die Veränderungen in der Arbeitswelt durchaus positiv sein, weil sie die Möglichkeit haben, eigenständiger und innovativer zu arbeiten. Aus der Zone der Entkoppelung heraus in der flexiblen Arbeitsgesellschaft Fuß zu fassen erfordert hingegen enorme Anstrengung bzw. ist zum Teil schlicht nicht mehr möglich, da Arbeitsplätze, vor allem Arbeitsplätze für Geringqualifizierte, fehlen. Die Entkoppelten schaffen es meist höchstens in die Zone der Prekarität, die somit von unten, und neuerdings auch von oben, zunimmt, was die Konkurrenz und Heterogenität innerhalb der Zone der Prekarität wachsen lässt.

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4 Beschäftigungsverhältnisse mit prekärem Potenzial Dieses Kapitel knüpft an die Definition von prekärer Beschäftigung aus Kapitel 2 an. Prekär beschäftigt sind diejenigen, „die aufgrund ihres Erwerbsstatuses nur geringe Arbeitsplatzsicherheit genießen, die wenig Einfluss auf die konkrete Ausgestaltung ihrer Arbeitssituation haben, die nur partiell im arbeitsrechtlichen Schutzkreis stehen und deren Chancen auf materielle Existenzsicherung durch Arbeit in der Regel schlecht sind“ (Vogel 2008, 13). Im Folgenden wird eine Abgrenzung prekärer gegenüber atypischer Beschäftigung vorgenommen, eine Untersuchung verschiedener Beschäftigungsformen auf ihr prekäres Potenzial hin durchgeführt und eine Klassifizierungsmöglichkeit von prekär Beschäftigten vorgestellt. Die subjektive Dimension von prekärer Beschäftigung, wie sie in Kapitel 2 ebenfalls schon definiert wurde, bei der es vor allem um den Umgang mit der fehlenden Anerkennung durch den Beruf und die ständige Planungsunsicherheit geht (vgl. Dörre u. a. 2006, 17), wird in Kapitel 5 unter dem Blickwinkel der Lebenslage vertiefend thematisiert.

4.1 Zwischen atypischer und prekärer Beschäftigung Atypische wie auch prekäre Beschäftigung ist eine relationale Beschreibung von Beschäftigung in Abhängigkeit von der Definition des Normalarbeitsverhältnisses1 . Erfüllt ein Beschäftigungsverhältnis ein oder mehrere Kriterien des Normalarbeitsverhältnisses nicht, wird von atypischer Beschäftigung gesprochen. Darunter fallen Teilzeitarbeit, geringfügige Beschäftigung in Form von Mini- und Midijobs, befristete Beschäftigung, Leiharbeit und Ein-EuroJobs/Praktika (vgl. Bellmann u. a. 2009, 379). Der Anteil von Beschäftigten mit einem Normalarbeitsverhältnis ist von 1970, wo 83% aller abhängig Beschäftigten in einem Normalarbeitsverhältnis beschäftigt waren, auf 63% im Jahr 1995 gesunken (vgl. Bayrischsächsische Zukunftskommission 1996 in Dörre u. a. 2006, 19). Schätzungen zufolge finden zwei Drittel der jährlichen Einstellungen in atypische Beschäftigungen statt (vgl. Paugam 2009, 181). Die Mehrzahl der Beschäftigten ist also immer noch in einem Normalarbeitsverhältnis beschäftigt, aber ein Trend zu atypischer Beschäftigung ist deutlich zu erkennen. 1

Die Definition des Normalarbeitsverhältnisses wurde in Kapitel 3.1, S. 19 bereits vorgenommen.

4 Beschäftigungsverhältnisse mit prekärem Potenzial Häufig werden atypische und prekäre Beschäftigung gleichgesetzt, aber nicht jede atypische Beschäftigung ist prekär oder wird als prekär empfunden; oft ist die Abweichung von der Norm auch gewollt. Ein Ehefrau, die z.B. durch eine Teilzeitstelle zum Gehalt ihres Mannes aus einer Vollzeiterwerbstätigkeit noch etwas dazuverdient, wird ihre Arbeit nicht als prekär bezeichnen. Ebenso viele befristet Beschäftigte beispielsweise in der IT-Branche. Dort kann ein häufiger Arbeitsplatzwechsel sogar förderlich für die Karriere sein (vgl. Kraemer 2008, 141). Mayer-Ahuja spricht daher von Beschäftigungen mit „prekärem Potenzial“ (vgl. Mayer-Ahuja 2003 in Dörre u. a. 2006, 19), die dann prekär werden, wenn die bisherige Absicherung, wie z.B. das Einkommen des Ehemannes wegfällt oder der Informatiker nicht rechtzeitig einen neuen Arbeitsplatz findet.

4.2 Beschäftigungsformen Im Folgenden wird atypische Beschäftigung näher untersucht und das jeweilige prekäre Potenzial herausgearbeitet. Aytpische Beschäftigung wird als ein Indikator für prekäre Beschäftigung und daraus folgende Prekarität der Lebensumstände verstanden, aber nicht als den einzigen. Weiteres Gefährdungspotenziale kann in einer Beschäftigung im Niedriglohnsektor liegen.

4.2.1 Teilzeitbeschäftigung Die Teilzeitbeschäftigung stellt die wichtigste Form atypischer Beschäftigung dar und hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Von 1991 bis 2004 stieg die Quote von 14% auf 22,8%, wobei die Gesamtzahl der Beschäftigten leicht zurückging (vgl. Keller u. Seifert 2007, 134). 82% der Teilzeitarbeitnehmerinnen und -arbeitnehmer in Westdeutschland und 79% in Ostdeutschland sind Frauen, was u.a. auf die fehlenden bedarfsgerechten Kinderbetreuungsangebote, besonders im Westen Deutschlands, hinweist. Im Dienstleistungsbereich ist Teilzeitarbeit überdurchschnittlich vertreten (vgl. Dörre u. a. 2006, 33). Vorteile hat Teilzeitarbeit dann, wenn sie den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt fördert oder als Alternative zur vollständigen Unterbrechung (z.B. während der Familienphase) dient. Studien zeigen, dass Teilzeitarbeit diese „Scharnierfunktion“ gut erfüllt, aber selten zu Vollzeiterwerbsarbeit führt (vgl. Bothfeld/O´Reilly 2000 in Keller u. Seifert 2007, 134). Das ist problematisch, wenn das Einkommen und die Versorgungsansprüche keine ausreichende Existenzsicherung ermöglichen. Im Mai 2003 lebten 66% der Teilzeiterwerbstätigen überwiegend vom Einkommen aus dieser Arbeit. Nur bei 23% stellte das Einkommen eines Familienangehörigen die Haupteinnahmequelle dar (vgl. Dörre u. a. 2006, 33-34). Insgesamt lässt sich sagen, je länger Teilzeitarbeit ausgeübt wird und je niedriger das Einkommen und damit verbunden die Sozialabgaben sind, desto höher ist die Gefahr, dass Teilzeitarbeit zu prekärer Beschäftigung

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4 Beschäftigungsverhältnisse mit prekärem Potenzial wird (vgl. Keller u. Seifert 2007, 134) bzw. spätestens im Rentenalter nicht zur Sicherung des Lebensunterhalts ausreicht.

4.2.2 Geringfügige Beschäftigung Die geringfügige Beschäftigung wurde mit dem Hartz II-Gesetz, das 2003 in Kraft trat, umund ausgebaut. Die bisherige geringfügige Beschäftigung wurde in Minijobs (bis 400 Euro) und Midijobs (zwischen 400 und 800 Euro) umgestaltet. Vor allem die geringfügig Nebenerwerbstätigen, die für den Minijob keine Sozialversicherung bezahlen müssen, haben im Folgenden deutlich zugenommen. Wie auch Teilzeitarbeit ist der Minijob eine Domäne der Frauen (64,2%) (vgl. Keller u. Seifert 2007, 136) und schwerpunktmäßig im Dienstleistungsbereich zu finden (vgl. Dörre u. a. 2006, 30). Für den Arbeitgeber ist die geringfügige Beschäftigung deshalb von Vorteil, weil die Lohnkosten geringer ausfallen, die Beschäftigten flexibel eingesetzt werden können und tarifliche und arbeitsvertragliche Standards oft unterlaufen werden können (Entgeltfortzahlung bei Krankheit, Elterngeld, Kündigungsschutz u.a.) (vgl. Bellmann u. a. 2009, 37). Ende 2003 hatten 5,4% (1,44 Mio.) der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zusätzlichen einen Minijob, 4,54 Mio. Personen gehen ausschließlich einem Minijob nach (vgl. Dörre u. a. 2006, 30). Eine hohe Konzentration von Minijobberinnen und Minijobbern gibt es bei den unter 25-Jährigen (18,2%) und bei den über 60-Jährigen (19%). Für viele Rentnerinnen und Rentner, Schülerinnen und Schüler, sowie Studierende stellt diese Art der Beschäftigung einen geeigneten Zuverdienst dar. Das prekäre Potenzial von Mini- und Midijobs bezieht sich vor allem auf den Personenkreis, der ausschließlich dieser Art von Erwerbstätigkeit nachgeht und nicht anderweitig abgesichert ist bzw. für den die Tätigkeit keinen vorübergehenden Zuverdienst darstellt. Über den Minijob wird keine Arbeitslosenversicherung erworben, diese setzt erst bei den Midijobs ein, die Rentenansprüche beider Formen geringfügiger Beschäftigung haben kein Niveau, um davon ohne zusätzliche Transferleistungen leben zu können (vgl. Keller u. Seifert 2007, 136-137) und die Sozialund Schutzrechte dieser Beschäftigungsform sind nur gering ausgebaut.

4.2.3 Befristete Beschäftigung Befristete Beschäftigung hat zum Ziel den Kündigungsschutz zu umgehen und die Eignung der eingestellten Person zu prüfen. Vertretungen von Stammpersonal, Projektarbeit oder wirtschaftliche Unsicherheit des Unternehmens sind häufige Gründe für befristete Stellen. Auch Befristungen sind im Dienstleistungsbereich am häufigsten vertreten, besonders soziale Dienstleistungen werden häufig von befristet Beschäftigten ausgeführt (vgl. Bellmann u. a. 2009, 380, 384). Insgesamt ist der Anteil von befristet Beschäftigten von 1991 bis 2004 aber

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4 Beschäftigungsverhältnisse mit prekärem Potenzial nur gering von 7,2% auf 8,1% angestiegen (vgl. Keller u. Seifert 2007, 137), das Handbuch Arbeitsmarkt des IAB weist von 2001 bis 2006 lediglich einen Anstieg von 5% auf 6% aus (vgl. Bellmann u. a. 2009, 384). Der Anteil von befristeten Neueinstellungen an allen Neueinstellungen ist allerdings von 2001 bis 2006 deutlich von 32% auf 43% gestiegen (vgl. Bellmann u. a. 2009, 385), was auch durch die Tatsache, dass jüngere Beschäftigte häufiger befristet beschäftigt sind, verdeutlicht wird. 2003 waren 35% der unter 20-Jährigen befristet beschäftigt, 24% der 20 bis 24-Jährigen und 15% der 25 bis 29-Jährigen (vgl. Dörre u. a. 2006, 26). Übergangsanalysen haben ergeben, dass etwa 40% der befristet Beschäftigten nach einem Jahr beim selben oder bei einem anderen Arbeitgeber unbefristet eingestellt sind (vgl. Bockelmann/Hagen 2005 in Bellmann u. a. 2009, 383) und etwa zwei Drittel der befristet Beschäftigten nach drei Jahren feste Stellen haben (vgl. Giesecke 2006 in Bellmann u. a. 2009, 383). Für bis zu einem Drittel der befristet Beschäftigten können also befristete Verträge zur Prekarisierung ihrer Erwerbsbiographie beitragen (vgl. Bellmann u. a. 2009, 383). Prekär sind dabei die arbeitslosen Zwischenphasen mit längeren Suchphasen nach einer neuen Stelle (vgl. Bielenski u.a. 2003 in Keller u. Seifert 2007, 138), in denen Einbußen im Einkommen und in den Rentenansprüchen entstehen (vgl. Keller u. Seifert 2007, 138).

4.2.4 Leiharbeit Leiharbeit ist gekennzeichnet durch ein Dreiecksverhältnis zwischen Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer, dem Entleih- und dem Verleihbetrieb. Der Arbeitsplatz und das Direktionsrecht liegen beim Entleihbetrieb, die Anstellung und Bezahlung beim Verleihbetrieb. Insgesamt spielt Leiharbeit eher eine untergeordnete Rolle: nur 3% aller Unternehmen greifen auf Leiharbeit zurück und nur 2,4% der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten waren 2007 als Leiharbeiterin oder Leiharbeiter angestellt (s. A.1, S. 75). Vorwiegend arbeiten gering qualifizierte Männer (die Leiharbeiterinnenquote liegt unter einem Viertel) im verarbeitenden Gewerbe in der Leiharbeit, die Mehrheit von ihnen war zuvor bis zu einem Jahr arbeitslos. Allerdings ist die Leiharbeit in den letzten Jahren verhältnismäßig stark angestiegen: 2000 lag ihr Anteil noch bei 1,2%, bis 2007 hatte er sich auf 2,4% verdoppelt. Besonders im konjunkturellen Aufschwung nimmt die Leiharbeit zu (vgl. Bellmann u. a. 2009, 389-292). Auch die Hartz-Gesetze haben zu dieser Entwicklung mit der Schaffung von Personal-ServiceAgenturen (PSA) im Jahr 2003 beigetragen. Diese sollen Arbeitslosen zu einer temporären Arbeitsstelle verhelfen und langfristig so einen Zugang zum Arbeitsmarkt eröffnen („Klebeeffekt“). Bisher sind die Erfolge mit knapp einem Drittel von langfristig vermittelten Arbeitslosen eher dürftig. Mit der Einführung der PSA wurde auch das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz geändert, was nun eine rechtliche Gleichstellung in wesentlichen Arbeitsbedingungen mit der Stammbelegschaft vorschreibt. Auch die soziale Sicherung ist mit der des Normalarbeitsverhältnisses vergleichbar. Das prekäre Potenzial liegt in der oft deutlich schlechteren

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4 Beschäftigungsverhältnisse mit prekärem Potenzial Entlohnung und den damit verbundenen Risiken (vgl. Keller u. Seifert 2007, 139-141). Der Zweig der Leiharbeit beschäftigt somit den höchsten Anteil an Aufstockern, wenngleich die Leiharbeit an sich einen kleinen Wirtschaftszweig darstellt (vgl. Bellmann u. a. 2009, 394). Dörre u.a. sehen darüber hinaus noch die gesplittete Zuständigkeit, unsichere Rechtspositionen der Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter und fehlende soziale Einbindung im Entleihbetrieb als problematisch an (vgl. Dörre u. a. 2006, 23).

4.2.5 Ein-Euro-Jobs Ein-Euro-Jobs gelten als Einstiegshilfen in den Arbeitsmarkt, bei denen nicht in erster Linie die Arbeitsleistung, sondern die Integration im Vordergrund steht. Für Arbeitgeber haben Ein-Euro-Jobs meist eine Screeningfunktion (vgl. Bellmann u. a. 2009, 380) und die Beschäftigungsfähigkeit der Jobber soll erhalten werden (vgl. Dörre u. a. 2006, 35). Selbst Institutionen, die den Ein-Euro-Jobs eigentlich kritisch gegenüber stehen, sehen sich gezwungen, gemeinnützige Arbeit an Ein-Euro-Jobber zu vergeben. Expertinnen und Experten befürchten im Bezug auf die Ein-Euro-Jobber die Entstehung einer neuen sozialen Schicht, die punktuell in solche Fördermaßnahmen kommt, aber nicht mehr längerfristig auf dem Arbeitmarkt Fuß fasst (vgl. Dörre u. a. 2006, 36). Das prekäre Potenzial liegt hier in der weiteren Abhängigkeit von Transferleistungen und in der fehlenden rechtlichen und sozialen Gleichstellung mit regulär Beschäftigten. Ein langfristiges Verbleiben in Ein-Euro-Jobs bzw. im permanenten Wechsel zur Arbeitslosigkeit birgt eine hohe Durchlässigkeit in die Zone der Entkoppelung in sich.

4.2.6 Niedriglohnsektor Neben den atypischen Beschäftigungsformen spielt der Niedriglohnsektor eine bedeutende Rolle für prekäre Beschäftigungs- und Lebensverhältnisse. Nach der Definition der OECD liegt die Niedriglohnschwelle bei zwei Dritteln des nationalen Medianlohnes2 , was im Jahr 2006 für Ostdeutschland einen Stundenlohn von 7,18 Euro bedeutete und für Westdeutschland 9,62 Euro (vgl. Kalina u. Weinkopf 2009, 2-4). Seit Mitte der 1990er Jahre breitet sich der Niedriglohnsektor in Deutschland deutlich aus: 1995 lag der Anteil von Niedriglohnbeschäftigten noch bei 15%, 2000 waren es schon 17,5% und 2006 22,2%.3 In absoluten Zahlen entspricht dies 6,47 Mio. Niedriglohnbeschäftigen in Deutschland (vgl. Kalina u. 2

„Der Medianlohn ist ein Durchschnittslohn, allerdings nicht im Sinne eines arithmetischen Durchschnitts: Die Hälfte aller Beschäftigten verdient mehr, die andere Hälfte weniger als den Medianlohn“ (IAB 2008). 3 Datengrundlage dieser Zahlen ist das SOEP, das die Möglichkeit bietet neben Vollzeitbeschäftigten auch Teilzeitbeschäftigte und Minijobs zu berücksichtigen. Aus der Analyse ausgeklammert wurden Selbstständige, mithelfende Familienangehörige, Auszubildende, Praktikanten, Personen in Umschulung, Rehabilitation, ABMs, Behindertenwerkstätten, Wehr- und Zivildienstleistende, sowie Beschäftigte in Altersteilzeit. Ebenfalls ausgeschlossen sind Schüler, Studenten und Rentner, da es sich hier üblicherweise um eine Nebenbeschäftigung handelt (vgl. Kalina u. Weinkopf 2008, 2).

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4 Beschäftigungsverhältnisse mit prekärem Potenzial Weinkopf 2008, 2-4). Im EU-Vergleich hat sich der Niedriglohnbereich in den vergangenen Jahren nur in Deutschland so stark ausgeweitet (vgl. Kalina u. Weinkopf 2008, 9); nach einer Darstellung der Europäischen Kommission ist er in allen EU-Ländern bis auf die Niederlande und Deutschland im Zeitraum von 1995 bis 2000 sogar zurückgegangen (s. A.2, S. 75). Nimmt man die Entwicklung der Stundenlöhne in den Blick, sind von rund 30 Mio. abhängig Beschäftigten etwa 1,2 Mio. (4%) für weniger als fünf Euro in der Stunde beschäftigt, knapp 3,7 Mio. (12,1%) liegen unterhalb von sieben Euro und gut fünf Mio. (16,7%) arbeiten für weniger als acht Euro in der Stunde. Besonders im Bereich der Minijobs sind Stundenlöhne unterhalb von fünf Euro verbreitet, 66% aller Beschäftigungsverhältnisse mit einem Stundenlohn unterhalb von fünf Euro sind Minijobs. Immerhin fast ein Viertel aller Vollzeiterwerbstätigen im Niedriglohnbereich sind für weniger als fünf Euro beschäftigt, die die weniger als sieben Euro verdienen, liegen bei mehr als 45% (vgl. Kalina u. Weinkopf 2009, 7-9). Bei einer Analyse des Niedriglohnbereichs nach Beschäftigungverhältnissen ist festzustellen, dass zwischen 1995 und 2006 sowohl Vollzeit-, Teilzeit- als auch geringfügige Beschäftigung im Niedriglohnsektor zugenommen haben. Jeder siebte der Vollzeiterwerbstätigen, fast jeder vierte der Teilzeiterwerbstätigen und 92% aller Minijobberinnen und Minijobber arbeiten zu einem Stundenlohn unterhalb der Niedriglohnschwelle (vgl. Kalina u. Weinkopf 2008, 6). Niedriglohneinkommen ist nicht gleich bedeutend mit Armut, aber trotz Vollzeitbeschäftigung sind immer noch ca. 1,5 Mio. Erwerbstätige gleichzeitig arm. Überdurchschnittlich betroffene Personengruppen von Niedriglohnarbeit sind nach Auswertungen der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Jahr 2003 Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung (30,2%), Frauen (30,8%), unter 25-Jährige (42,8%) sowie ausländische Beschäftigte (27%) (vgl. Bosch u. Kalina 2007, 32-34). Untersucht man die Verteilung des Niedriglohnsektors auf einzelne Branchen wird deutlich, dass vor allem in der Landwirtschaft und in manchen Dienstleistungsbereichen (haushalts- und personenbezogene sowie unternehmensnahe Dienstleistungen) Niedriglöhne bezahlt werden (vgl. Bosch u. Kalina 2007, 39-42). Niedriglöhne wären weniger ein Problem, wenn es sich dabei um Einstiegslöhne handeln würde und eine Aufwärtsmobilität zu besser bezahlten Beschäftigungen möglich wäre. Nach einer Studie der Europäischen Kommission lag die Aufwärtsmobilität in Deutschland von 1995 bis 2001 allerdings unterhalb des EU-Durchschnitts (vgl. Europäische Kommission 2004 in Bosch u. Kalina 2007, 43). Einer Analyse zufolge gelang im Zeitraum von 1998 bis 2003 nur 34,4% der sozialversicherungspflichtigen Vollzeiterwerbstätigen der Aufstieg aus dem Niedriglohnbereich, Männern zu etwas mehr als 50%, Frauen hingegen zu nicht einmal 30% (s. A.3, S. 76). Das prekäre Potenzial von Niedriglohnbeschäftigung liegt in der Gefahr kein existenzsicherndes Einkommen und somit oft auch keine Rente zu haben, die den Lebensunterhalt im Alter sichert. Besonders für Frauen wird die Beschäftigung und die Lebens-

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4 Beschäftigungsverhältnisse mit prekärem Potenzial situation dann prekär, wenn soziale Voraussetzungen, wie z.B. eine Partnerschaft plötzlich wegfallen.

4.3 Ausmaß von Beschäftigung mit prekärem Potenzial Die detaillierte Untersuchung von Beschäftigungsformen nach ihrem prekären Potenzial zeigt Unterschiedliches: Zunehmend mehr Menschen arbeiten in atypischen Arbeitsformen mit abnehmender sozialer Sicherung - die Entwicklung ist mittlerweile zu einem Massenphänomen geworden (vgl. Dörre u. a. 2006, 41). Untersuchungen belegen, dass einzelne Branchen in konzentrierter Form von dieser Entwicklung betroffen sind. Im Einzelhandel, der Bauwirtschaft, dem Transportwesen oder dem Reinigungsgewerbe gibt es kaum noch Beschäftigung, die nicht durch hohes prekäres Potenzial gekennzeichnet ist. Andererseits ist zwar eine kontinuierliche, aber keine dramatische Expansion atypischer Beschäftigung zu beobachten und die Mehrzahl geht nach wie vor einer gesicherten Beschäftigung nach (vgl. Dörre u. a. 2006, 40-41). Berechnungen haben ergeben, dass die Ausweitung der Zone der Verwundbarkeit in Deutschland noch weitaus geringer ist als in vergleichbaren europäischen Ländern (vgl. Bartelheimer 2005 in Dörre u. a. 2006, 40-41). Wie man das Ausmaß berechnet ist aber stark definitionsabhängig. Nimmt man nur die Fakten über atypische Beschäftigung in den Blick, lässt sich die Sorge um die wachsende Prekarisierung weiter Teile der Gesellschaft vorerst relativieren. Aber es müssen weitere Aspekte in die Diskussion einbezogen werden, um nicht vorschnell zu falschen Schlüssen zu kommen. Zum Ersten zeigt die deutliche Expansion des Niedriglohnsektors eine weitere Erschütterung des Arbeitsmarktes auf, die gegenläufig ist zum europäischen Trend, sowohl in ihrem wachsenden Ausmaß als auch in der abnehmenden Aufstiegsmobilität. Bedeutend ist in Deutschland die breite Streuung der Löhne nach unten, die teilweise nur vier oder fünf Euro pro Stunde betragen. Viele andere europäische Länder haben dies mit der Einführung eines Mindestlohns begrenzt (vgl. Bosch u. Kalina 2007, 47). Des Weiteren wird bisher unterschätzt, dass die kurzfristige Förderung von Beschäftigungsformen langfristig zu einer erheblichen Lücke in der Rentenkasse führt und zudem Beschäftigte nicht mehr genügend Ansprüche auf eine existenzsichernde Rente erwerben. Die vorgesehene Eigenvorsorge ist für viele atypisch Beschäftigte nicht möglich (vgl. Keller u. Seifert 2007, 144), das Risiko von Altersarmut steigt an. Dörre u.a. weisen außerdem auf Veränderungen der Betriebe durch interne Flexibilisierung hin. Erschütterung von tariflichen Normen, schlechtere Arbeitsbedingungen, niedrigere Löhne oder weniger Arbeitsplatzwechsel aus Angst vor einem höheren Arbeitsplatzrisiko sind schwer messbar, weil sich vieles informell abspielt, aber die Indizien dafür sind erkennbar (vgl. Dörre u. a. 2006, 40-41).

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4 Beschäftigungsverhältnisse mit prekärem Potenzial Insgesamt lässt sich damit belegen, dass die Zone der Verwundbarkeit existiert und zunehmend expandiert, wenn auch in einem moderaten Tempo. Langfristig muss über neue Konzepte der sozialen Sicherung nachgedacht werden, die sich auf die wachsende Flexibilität des Arbeitsmarktes einstellen. Sie müssen Flexibilität ermöglichen ohne soziale Sicherung immer weiter auszuhöhlen. Eine „normale Erwerbsbiographie“ oder eine „Normalbiographie“ wird es immer weniger geben. Späterer Berufseintritt, häufigere und längere Zeiten von Arbeitslosigkeit, Beschäftigung unterhalb der Vollzeit und ungewollter verfrühter Ruhestand werden zunehmen. Nach dem jetzigen System werden dann aber zunehmend mehr Menschen im Alter oder in Phasen längerer Arbeitslosigkeit am Existenzminimum leben. Es wird ein System gebraucht, das Anreize zu flexiblen Arbeitsformen schafft, aber auch Zeiten außerhalb der Erwerbsarbeit honoriert, wie z.B. Weiterbildung, Familienphase oder gesellschaftliches Engagement (vgl. Rudolph 2007, 122). Risiken müssen abgefedert werden, auch wenn es utopisch ist zu glauben, dass durch einen enormen Wirtschaftsaufschwung in den kommenden Jahren das bisherige Niveau gehalten werden kann. Die beschriebenen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt deuten eher darauf hin, dass das über Jahrzehnte gestiegene Niveau an Lebensstandard sinken wird.

4.4 Prekäre Grenzgänger - ein Klassifizierungsmodell Berthold Vogel hat anhand zweier qualitativer Studien (2002/03 und 2007/08) zu prekären Beschäftigungsformen in unterschiedlichen Branchen drei Typen von „prekären Grenzgängern“ identifiziert und voneinander abgegrenzt, die für „Verfestigung der Randlagen der Arbeitswelt, für die Dynamik sozialen Abstiegs und beruflicher Entwertung und für neue Strategien des Überlebens und der Selbstbehauptung stehen“ (Vogel 2009, 202). Sicherlich sind die Lebens- und Erwerbsbiographien dieser Grenzgängerinnen und Grenzgänger vielschichtiger als dieses Modell es zeigt, aber die Klassifikation ermöglicht doch eine Vorstellung vom Arbeits- und Lebensalltag der Betroffenen und zeigt spezifische Kompetenzen und Herausforderungen der einzelnen Typen auf. „Die Jobnomaden“ Die „Jobnomaden“ kennen sich gut aus in den Randlagen des Arbeitsmarktes und haben hilfreiche Strategien entwickelt, um sich in ihrer Lage zu behaupten. Von ihren sozialen Kontakten erhalten sie immer wieder Hinweise auf Jobangebote und springen so von Job zu Job. Sie sind sozial sehr beweglich und zeigen hohe Kompetenzen im Umgang mit dem komplizierten Arbeitsmarkt. Diese Fertigkeiten erleichtern ihnen, sich in ihrer Lage zurecht zu finden, aber dennoch stehen sie ständig unter Druck und sind in dauerhafter finanziell angespannter Lage. Häufig müssen sie staatliche Hilfe annehmen, um über die Runden zu kommen. Beschäftigungspolitisch sind „Jobnomaden“ ein schwieriger Fall, weil sie sich lieber selbst kümmern

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4 Beschäftigungsverhältnisse mit prekärem Potenzial als amtliche Beschäftigungsangebote anzunehmen und sich therapeutisch und pädagogisch „bearbeiten“ zu lassen. Sie klagen darüber, dass sie auf sich selbst gestellt sind, kommen aber oft alleine am besten klar. Das Spektrum der Betroffenen reicht vom Hilfsarbeiter bis zur Akademikerin. Das Bild der öffentlichen Ressentiments von Ausruhen in der sozialen Hängematte passt hier ganz und gar nicht. „Die Arbeitsmarktdrifter“ Zum Zweiten trifft man in der Grenzzone des Arbeitsmarktes auf die „Arbeitsmarktdrifter“, die von der Vielzahl der uneindeutigen Erwerbswege zunehmend verwirrt sind und Schwierigkeiten haben, Stabilität in den beruflichen und sozialen Abstieg zu bekommen. Die neuen vielfältigen Beschäftigungs- und Statusformen bieten keine positiven Orientierungspunkte für „Arbeitsmarktdrifter“. Sie haben in den Veränderungen der Arbeitswelt neben ihrer beruflichen und betrieblichen Position vor allem ihr Selbstwertgefühl verloren. Sie sind am Arbeitsmarkt noch nicht abgehängt, aber fehlende materielle Sicherheit, Statuszerfall und Abstiegserfahrungen markieren eine Lücke zwischen ihrer aktuellen Lage und der Vorstellung einer gelungenen Laufbahn, was eine soziale Beschämung hervorruft. Diese Gruppe von Grenzgängerinnen und Grenzgängern braucht arbeitspolitische Unterstützung, um Orientierung und Stabilität (wieder) aufbauen zu können. „Die Pfadfinder“ Dritter Typ der prekären Grenzgängerinnen und Grenzgängern sind die „Pfadfinder“, die die neue Unübersichtlichkeit für sich zu nutzen wissen und auf überraschenden Wegen zum Ziel kommen. Dazu zählen die „Generation Praktikum“, Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter, die sich ihre Leihbetriebe gezielt auswählen oder auch „kreative Kombinierer“, die die staatlichen Leistungen für sich zu nutzen wissen, um berufliche Ziele zu erreichen. Die arbeitspolitischen Interventionen wirken bei den „Pfadfindern“, aber oft anderes als von der Politik gedacht. Eigenschaften wie Rücksichtslosigkeit oder Durchsetzungsfähigkeit und Konkurrenzdenken zeichnen diese Grenzgängerinnen und Grenzgänger aus. Arbeitsmarktindividualisten oder wie Voß schreibt - Arbeitskraftunternehmer (vgl. Voß 2001) sind unter den „Pfadfindern“ anzutreffen. Sie sind auch die Gruppe, in der sich kollektive Strukturen und Standardisierung zunehmend auflösen. Diese drei Typen zeigen, wie sich die Teilhabe am Arbeitsmarkt ausdifferenziert und Lebenssituationen von prekären Grenzgängerinnen und Grenzgängern sehr unterschiedlich aussehen können. Gemeinsam haben sie eine anhaltende biographische Spannung und eine berufliche und soziale Belastung der Unsicherheit und Nicht-Planbarkeit (vgl. Vogel 2009, 203204).

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4 Beschäftigungsverhältnisse mit prekärem Potenzial

Zwischenfazit Dieses Kapitel hat eine objektive Analyse von atypischer Beschäftigung und deren prekärem Potenzial geliefert. Es muss zwischen atypischer und prekärer Beschäftigung unterschieden und die Lebensumstände müssen mit einbezogen werden, um fundierte Schlüsse zur Prekarität der Beschäftigung ziehen zu können. Da die persönlichen Lebensumstände aber nicht immer eindeutig erkennbar sind, bleiben Fakten über das prekäre Ausmaß einer atypisches Beschäftigung zu einem gewissen Grad ungenau. Die Betrachtung der verschiedenen atypischen Beschäftigungsformen zeigt, dass diese auf jeden Fall zunehmen, wenn auch in einem moderaten Maße und im europäischen Vergleich nicht überdurchschnittlich. Der Niedriglohnsektor hingegen erfährt in Deutschland eine erschreckend starke Ausdehnung, besonders in Form von niedrigen Löhnen und blockierter Aufstiegsmobilität. Im Hinblick auf die Alterssicherung und oft auch im Hinblick auf die verminderten Schutzrechte haben sich die Beschäftigungsformen für die Betroffenen in eine erkennbar negative Richtung verändert.

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5 Prekäre Beschäftigung im Kontext von Haushalt, Lebenslage und Gesellschaft Wie das vorangegangene Kapitel zeigt, macht eine Beschäftigung mit prekärem Potenzial die Lebenslage einer Person nicht zwangsläufig prekär. Ziel dieses Kapitels ist es nun aufzuzeigen, welche Umstände dazu beitragen, dass aus prekärem Potenzial einer Beschäftigung Prekarität wird, welche Folgewirkungen sich für die Lebenslage daraus ergeben können und mit welchen Konsequenzen sich Gesellschaft und Politik möglicherweise langfristig auseinander setzen müssen. Im Kapitel 5.5 soll besonders, wie in Kapitel 4 bereits angekündigt, der subjektiven Dimension von prekärer Beschäftigung Rechnung getragen werden. Prekäre Lebenslage wird im diesem Zusammenhang als „armutsnahe Lebenslage“ verstanden, die aber keine aktuelle Notlage beschreibt, „sondern eine Situation, die eventuell eine Vorstufe von (Einkommens-)Armut darstellen kann, aber nicht für alle in dieser Situation Befindlichen sein muss“ (vgl. Bien u. Weidacher 2004, 8). Es geht um die Beleuchtung des Zwischenbereichs zwischen Armut und relativem Wohlstand, wie es auch die verwendete Definition von Prekarität in dieser Arbeit impliziert. Vorangestellt sind den verschiedenen Dimensionen einer prekären Lebenslage zwei Fallbeispiele, die im Verlauf des Kapitels immer wieder zur Erläuterung der jeweiligen Auswirkungen von Prekarität auf die Lebenslage herangezogen werden.

5.1 Fallbeispiele von Familien in prekären Lebenslagen Fallbeispiel 1: Familie E. Frau E. lebt mit ihren drei Kindern alleine. Nach der Scheidung sind sie in eine kleinere und billigere Wohnung umgezogen. Frau E. bewohnt ein Zimmer, die Tochter hat ein Zimmer und die beiden Söhne teilen sich ein Kinderzimmer. Gegessen wird in der Küche, ein Wohnzimmer gibt es nicht. Frau E., gelernte Bürokauffrau, ist halbtags als Schreibkraft tätig. Bis vor kurzem hat sie bei einer Zeitung gearbeitet, wo sie besser verdiente, was aber nicht mit ihrer Familiensituation vereinbar war. Der Haushalt verfügt über ein monatliches Nettogesamteinkommen von 2.882 DM (1.473,54 Euro)1 . Vom Sozialamt bekäme die Familie noch 68 DM 1

Wechselkurs: 1,95583

5 Prekäre Beschäftigung im Kontext von Haushalt, Lebenslage und Gesellschaft (34,76 Euro), worauf Frau E. aber wegen der ständigen Nachweise und Sozialamtsbesuche mittlerweile verzichtet. Über ihre finanzielle Situation sagt sie: „Man bleibt immer auf dem gleichen Stand, es lohnt sich einfach nicht. Zumindest nicht, dass es ein Ansporn sein kann. Das ärgert mich. Auch der ganze Aufwand.“ Der Vater der Kinder zahlt keinen Unterhalt, der Unterhaltsvorschuss ist ausgelaufen. Frau E. ist erschöpft von ihrem beschwerlichen Alltag und hat kaum noch Kontakte zu früheren Freunden und Bekannten. Sie wünscht sich eine Anlaufstelle in ihrem Alltag, die ihr zur Seite steht: „(...) einfach mal nur jemand, wenn man keine Nerven mehr hat, dass man mal jemand fragen kann... Da ist niemand da, den man mal fragen könnte.“2

Fallbeispiel 2: Ehepaar G Herr und Frau G. sind Mitte 50, entstammen dem katholischen Arbeitermilieu und leben in einem Dorf in Brandenburg. Frau G. ist seit 30 Jahren in ihrem erlernten Beruf als Textilverkäuferin tätig, 20 Jahre lang in Vollzeit und seit zehn Jahren unfreiwillig als Teilzeitkraft. Sie ist alleinige Familienernährerin, da ihr Mann, gelernter Handwerker, seit einigen Jahren erwerbslos ist. Nach der Wiedervereinigung hat für ihn ein beruflicher Abstieg begonnen, von mehreren befristeten und instabilen Jobs hin zur Arbeitslosigkeit. Das monatliche Nettoeinkommen beläuft sich auf 1.100 Euro, 960 Euro durch Frau G.s Erwerbstätigkeit und 140 Euro Hartz IV-Zuschuss für den arbeitslosen Ehemann. Frau G. fährt jeden Tag zur Arbeit, während der „überflüssig“ gewordene Ehemann zuhause bleibt und seine erfahrene Abwertung kaum kompensieren kann. Herr G. ist für seine Frau da, hört ihr abends zu, wenn sie von ihrem Arbeitstag berichtet. Frau G. versucht ihren Ehemann ebenfalls aufzubauen und die soziale Abwertung abzuschwächen. Über ihr Beziehungsverhältnis sagt sie: „Er is nicht der Unterlegene, ich bin auch nicht dominant, also ich steh da auch mal zurück.“3

5.2 Working Poor - Armut trotz Vollzeiterwerbstätigkeit Atypische Beschäftigung bzw. Niedriglohnbeschäftigung, wie im vorhergehenden Kapitel aufgezeigt, kann für einzelne Personen zu finanziellen Engpässen führen. Die Thematik wird aber erst dann vollständig erfasst, wenn der Haushaltskontext dieser Erwerbstätigen mit einbezogen wird. Über die Hälfte der Erwerbstätigen mit einem Armutslohn4 sind im Kontext des 2

Nach einer Fallgeschichte aus Meier u.a., 2003, 188-191. Nach einer Fallgeschichte von Völker, 2006, 145-147. 4 In Anlehnung an Strengmann-Kuhn beziehe ich mich auf die Armutsdefinition nach der Personen bzw. Haushalte, die weniger als 50% des Äquivalenzeinkommens zur Verfügung haben, als arm gelten (vgl. Strengmann-Kuhn 2004, 1). „Das Äquivalenzeinkommen [wiederum] ist ein bedarfsgewichtetes ProKopf-Einkommen je Haushaltsmitglied, das ermittelt wird, indem das Haushaltsnettoeinkommen durch die Summe der Bedarfsgewichte der im Haushalt lebenden Personen geteilt wird. Nach EU-Standard wird zur Bedarfsgewichtung die neue OECD-Skala verwendet. Danach wird der ersten erwachsenen Person im 3

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5 Prekäre Beschäftigung im Kontext von Haushalt, Lebenslage und Gesellschaft Haushaltsarbeitseinkommens nicht mehr arm. Im Jahr 1998 hatten 18,3% aller Erwerbstätigen einen individuellen Nettolohn unterhalb der Armutsgrenze, im Haushaltskontext waren es 57% weniger, d.h. 10,5% aller Erwerbstätigen waren im Haushaltskontext nicht mehr arm. Deren Armut wurde durch höhere Einkommen von anderen Haushaltsmitgliedern verhindert. Umgekehrt gibt es aber genauso viele Erwerbstätige, die erst durch den Haushaltskontext arm werden. Deren Anteil betrug 1998 10,3% aller Erwerbstätigen, also fast so viele wie die, die durch den Haushaltskontext nicht mehr arm sind. Insgesamt lebten 1998 18,2% aller Erwerbstätigen in einem Haushalt, in dem das Nettoarbeitseinkommen nicht ausreichte, um Armut zu verhindern. Bei zwei Dritteln dieser armen Haushalte trotz Erwerbstätigkeit konnte die Armut schließlich durch staatliche Transferleistungen verhindert werden, sodass letztlich 5,8% aller Erwerbstätigen blieben, die als erwerbstätige Arme im Haushaltskontext gelten (s. A.4, S. 76). Auffallend ist, dass 70% der erwerbstätigen Armen mit einem Lohn über der Armutsgrenze männlich sind und fast 80% von ihnen in einem Normalarbeitsverhältnis beschäftigt sind (vgl. Strengmann-Kuhn 2004). Rechnet man den Anteil der working poor 5 in absolute Zahlen um, waren das auf der Basis des SOEP 1998 3 Mio. Menschen (3,7% der Gesamtbevölkerung), auf Basis des Mikrozensus von 1996 3,5 Mio. (4,3% der Gesamtbevölkerung) (vgl. Strengmann-Kuhn 2003, 42). (Vollzeit-)Erwerbstätige ohne Armutslohn werden vor allem deshalb arm, weil sie mit nicht erwerbstätigen Haushaltsmitgliedern zusammen leben. Arbeitslosigkeit eines Haushaltsmitglieds kann u.a. zu Armut trotz Erwerbstätigkeit führen, 27,9% der armen Erwerbstätigen ohne Armutslohn leben mit Arbeitslosen zusammen. Weitaus mehr, 43,3% der erwerbstätigen Armen ohne Armutslohn, leben jedoch mit Nichterwerbspersonen im erwerbsfähigen Alter zusammen (d.h. mit Personen, die weder erwerbstätig noch arbeitslos sind). Häufigster Grund für Nichterwerbstätigkeit sind Kinder, denn 80% der erwerbstätigen Armen ohne Armutslohn haben Kinder. Kinderarmut und Armut trotz Erwerbstätigkeit hängen also stark zusammen (vgl. Strengmann-Kuhn 2004).

Aufstocker Viele der erwerbstätigen Armen werden zu Aufstockern. Aufstocker sind erwerbstätige Leistungsempfänger von Leistungen nach dem SGB II, weil ihr Einkommen unter dem soziokul-

Haushalt das Bedarfsgewicht 1 zugeordnet, für die weiteren Haushaltsmitglieder werden Gewichte von < 1 eingesetzt (0,5 für weitere Personen im Alter von 14 und mehr Jahren und 0,3 für jedes Kind im Alter von unter 14 Jahren), weil angenommen wird, dass sich durch gemeinsames Wirtschaften Einsparungen erreichen lassen (Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2009)". 5 Die Personengruppe der working poor wird in der Literatur unterschiedlich definiert: erwerbstätige Arme insgesamt, Vollzeit erwerbstätig Arme, Arme in Erwerbstätigenhaushalten, Arme in Vollerwerbshaushalten (vgl. Strengmann-Kuhn 2003, 42); ich beziehe mich im Folgenden auf working poor im Sinne von Arme in Vollerwerbshaushalten.

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5 Prekäre Beschäftigung im Kontext von Haushalt, Lebenslage und Gesellschaft turellen Existenzminumum6 liegt. Davon betroffen können Vollzeiterwerbstätige mit einem Lohn unter dem Existenzminimum oder welche mit höheren Verdiensten, aber dafür in einem Haushaltskontext, der zur Unterschreitung des Existenzminimums führt, sein. Hinzu kommen Teilzeitbeschäftigte und geringfügig Beschäftigte, deren Einkommen nicht ausreicht, um ihre Existenz zu sichern (vgl. Bruckmeier u. a. 2007, 1). Die Zahl der aufstockenden Bedarfsgemeinschaften lag 2005 monatlich durchschnittlich bei ca. 880.000, im Januar 2007 bei 1,28 Mio. und im August 2008 bei 1,3 Mio. Die Single-Haushalte stellen im Zeitraum zwischen Dezember 2006 und Juli 2007 mit 295.000 die größte Gruppe dar, gefolgt von Paaren mit Kindern mit 275.000 Bedarfshaushalten (vgl. Dietz u. a. 2009, 2). Insgesamt lässt sich sagen, dass Vollzeiterwerbstätige ihr Einkommen für einen kürzeren Zeitraum aufstocken als Teilzeit- oder geringfügig Beschäftigte. 2005 waren es nur 127.000 Vollzeiterwerbstätige, die länger als neun Monate Leistungen bezogen, 80% davon in einem Paarhaushalt, 51% mit Kindern. Der erhöhte Bedarf durch die Partnerin oder den Partner, Kinder oder eine größere Unterkunft macht die Überwindung der Bedürftigkeit schwerer. Kurzfristige Bezieherinnen und Bezieher von Leistungen mit einer Vollzeiterwerbstätigkeit, darunter 23% Zeitarbeiterinnen und Zeitarbeiter, sind in der Mehrheit alleinstehend (55%) und überwinden die Bedürftigkeit schneller (vgl. Bruckmeier u. a. 2007, 5-6). Bei 197.000 Bedarfshaushalten handelt es sich um Alleinerziehende, nahezu ausschließlich Frauen, mit Kindern. 157.000 von ihnen haben mindestens ein Kind unter 18 Jahren und arbeiten unter 35 Stunden in der Woche. Mehr als 50% dieser Frauen haben in den letzten vier Wochen vor dem Befragungszeitraum Arbeit gesucht, 40,2% eine Vollzeitstelle, 55,9% eine Halbtagsstelle. Das Defizit an Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder, besonders am Nachmittag, macht die Aufnahme einer Erwerbsarbeit für viele Mütter jedoch unmöglich. Wäre eine Betreuungsmöglichkeit gegeben, gäbe es in dieser Gruppe von Aufstockerinnen ein hohes Potenzial zur Überwindung der Bedürftigkeit. Von den 275.000 Bedarfshaushalten der Paare mit Kindern suchen nur 40,8% der nicht erwerbstätigen Partnerinnen oder Partnern eine Erwerbsarbeit. Gründe dafür sind bei 72% die Betreuung der Kinder, hinzu kommen häufig geringe Qualifikation und gesundheitliche Beeinträchtigungen (vgl. Dietz u. a. 2009, 7-8). Dieser Einblick in die Datenlage von Aufstockern zeigt, dass hier auffallend viele Personen mit atypischer Beschäftigung - Zeitarbeit, Teilzeitarbeit und geringfügiger Beschäftigung vertreten sind, die prekär geworden ist. Bei den Haushalten mit Kindern wird deutlich, wie die Erwerbslage für den betreuenden Elternteil sehr schnell prekär wird (geringe/veraltete Qualifikation oder fehlende Kinderbetreuung) und so aus einer prekären Beschäftigung eine prekäre Lebenslage für die erwerbstätige Person, die Partnerin oder den Partner, aber auch für die Kinder wird. 6

„Als Existenzminimum versteht man...das Einkommen, welches ein Steuerpflichtiger zur Bestreitung seines notwendigen Lebensunterhalts benötigt. Das Existenzminimum bleibt in Deutschland steuerfrei. Über die Höhe des Existenzminimums berichtet die Bundesregierung, regelmäßig, alle zwei Jahre, in dem so genannten Existenzminimumsbericht“ (Bundesfinanzministerium 2009).

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5 Prekäre Beschäftigung im Kontext von Haushalt, Lebenslage und Gesellschaft Im Fallbeispiel 1 liegt eine solche Situation vor. Frau E. ist es auf Grund der Betreuung ihrer Kinder nicht möglich eine Vollzeitstelle anzunehmen, die es ihr eventuell ermöglichen würde, nicht mehr am Existenzminimum leben zu müssen. Sie ist durch ihre Erziehungsaufgaben gezwungen, einer atypischen Beschäftigung nachzugehen, die für sie und ihre Kinder zur Prekarität wird, da keine weiteren Einkommen zur Verfügung stehen. Verstärkt wird die prekäre Lebenslage von dem Zwang in eine beengende Wohnung zu ziehen, die kaum Raum für gemeinsame Aktivitäten bietet und die Lebensqualität der Familie beeinträchtigt. Auch das Ehepaar G. lebt in einer prekären Lebenslage. Frau G will, kann aber nicht mehr arbeiten, da der Arbeitgeber ihr eine Vollzeitstelle untersagt. Ihr Ehemann wurde durch die Wiedervereinigung, sein Alter und zu geringer Qualifikation vom Arbeitsmarkt abgehängt. Hätte er eine Arbeitsstelle, wäre Frau G.s Arbeit nicht prekär, aber durch den Haushaltskontext kommt sie in eine prekäre Lebenslage und das Ehepaar wird zu Aufstockern. Frau G. gehört somit zu den 27,9% der armen Erwerbstätigen ohne Armutslohn, die mit einem arbeitslosen Haushaltsmitglied zusammenleben.

5.3 Soziale Beziehungsnetzwerke Bereits Castels Zonenmodell deutet Zusammenhänge zwischen dem Grad und der Art der wirtschaftlichen Lage und der Reichweite von sozialen Beziehungen an, vertieft sie allerdings nicht mit einer empirischen Untersuchung. Amerikanische und englische Studien belegen diesen Zusammenhang allerdings schon in späten 1980er und frühen 1990er Jahren. Fernandez und Harris belegen für Beziehungsgeflechte in Chicago signifikante Unterschiede je nach Erwerbsstatus. Unterschieden wird der Erwerbsstatus in „nonworking poor“, „working poor“ und „nonpoor“. Für die „working poor“ ergab sich dabei eine Mittelposition, die sich klar von den „nonpoor“ und von den „nonworking poor“ abgrenzen ließ (vgl. Fernandez u. Harris 1992 in Kronauer 2002, 169-170). Eine weitere amerikanische Studie fand heraus, dass Netzwerke von arbeitenden Armen zwar zu Beschäftigungswechseln innerhalb des Niedriglohnsektors führen, aber nicht in bessere Positionen verhelfen (vgl. Newman 1995 in Kronauer 2002, 170). Auch eine englische Studie, die soziale Kontakte von Paaren in einer wirtschaftlich absteigenden Industriestadt untersuchte, platzierte die instabil Beschäftigten (vergleichbar mit den „working poor“ der amerikanischen Studie) eindeutig in einer Zwischenstufe zwischen Langzeitarbeitslosen und stabil Beschäftigten. Zudem wurden Homogenisierungseffekte beobachtet: die von unsicherer Erwerbsarbeit Betroffenen umgeben sich eher mit Menschen des gleichen Schicksals (vgl. Morris 1995 in Kronauer 2002, 171).

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5 Prekäre Beschäftigung im Kontext von Haushalt, Lebenslage und Gesellschaft Eine deutsche Studie aus dem Jahr 2004 untersucht ebenfalls den Zusammenhang von Art und Umfang sozialer Netzwerke und der wirtschaftlichen Lage von Familien.7 Unterteilt wurden die verschiedenen Lebenslagen dafür in Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger, unmittelbar prekäre Lebenslage, annähernd prekäre Lebenslage, durchschnittliche Lebenslage und überdurchschnittliche Lebenslage. Diese Untersuchung ergibt, dass sich das soziale Netz mit zunehmend besserer wirtschaftlicher Lage vergrößert. Je geringer die wirtschaftliche Lage ist, desto geringer ist die Zahl der Unterstützungspersonen aus dem Netzwerk der Verwandtenund Außenkontakte (vgl. Spegel 2004, 109-111). Nimmt man die Mulitplexität8 der Beziehungen in den Blick, ergibt sich eine zunehmende Multiplexität, je schlechter die wirtschaftliche Situation sich darstellt. Das heißt, Netzwerkpersonen von Familien im Sozialhilfebezug oder in einer prekären Lage erfüllen oft mehrere Funktionen in einer Beziehung. Deren Beziehungen sind meist enger und vertrauensvoller, oft sind sich die Personen ähnlich und die Beziehungen zeitintensiv. Problematisch an dieser Art von Beziehungen sind allerdings die geringe Außenorientierung und somit die geringe Kommunikation über die vertrauten Grenzen hinweg, was Homogenisierungseffekte hervorbringt. Zudem ist der stabile Kern von Beziehungen klein. Wenn eine Beziehung wegbricht, bedeutet dies einen tiefen Einschnitt in das Beziehungsnetzwerk der betroffenen Person (vgl. Spegel 2004, 111-112). In einer weiteren Untersuchung zu prekären Lebenslagen geht Weidacher der Frage nach, wie intensiv welche Informations- und Beratungsangebote von welchen Personengruppen in Anspruch genommen werden. Bedeutende Unterschiede für die Prekären ergeben sich vor allem in der Inanspruchnahme der Schuldnerberatung und des ASD. Der ASD wird von den unmittelbar Prekären beispielsweise von 9% in Anspruch genommen, von wirtschaftlich besser Gestellten nur von 2%. Die Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger machen aber mit 28% dennoch deutlich häufiger Gebrauch von diesem Angebot (vgl. Weidacher 2004b, 214). Ersichtlich wird auch hier wieder die oben schon beschriebene klare Abgrenzung der Prekären, sowohl von den Sozialhilfempfängerinnen und -empfängern als auch von den (Über-)Durchschnittlichen als eigenständige Zwischenkategorie. Bei der Frage, in welchen wirtschaftlichen Belangen sich die Befragten bessere Informationen wünschen, äußern die Prekären und die Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger einen eindeutigen Bedarf an Informationen zu Fortbildungs-, Weiterbildungs- und Nebenverdienstmöglichkeiten (vgl. Weidacher 2004b, 215).

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Datengrundlage sind der DJI-Familiensurvey im Jahr 2000 mit einer Fülle an Informationen zu beruflichen, partnerschaftlichen, familiären und wirtschaftlichen Verhältnissen von 3328 Eltern mit minderjährigen Kindern im Haushalt; zudem eine Zusatzbefragung des DJI im Jahr 2001, die die Zahl der befragten Haushalte weiter erhöhte (vgl. Weidacher 2004a, 27). 8 Multiplexität, auch Multidimensionalität genannt, bedeutet, dass eine Relation zwischen zwei Akteuren nicht nur in einer, sondern in mehreren Beziehungsdimensionen vorliegt. Abgefragte Beziehungsdimensionen in der Studie sind: enge gefühlsmäßige Bindung, Gespräche über persönlich wichtige Dinge, gemeinsame Freizeitaktivitäten, erbrachte oder erhaltene finanzielle Unterstützung (vgl. Spegel 2004, 108, 111).

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5 Prekäre Beschäftigung im Kontext von Haushalt, Lebenslage und Gesellschaft Übertragen auf den Fall von Familie E. sind fehlende Netzwerke identifizierbar, was die Alltagsgestaltung erschwert. Eine Betreuung der Kinder aus dem Verwandtschaftsnetz scheint es nicht zu geben, eine außerfamiliäre Betreuung kann Frau E. höchstwahrscheinlich nicht finanzieren. Dadurch bleibt eine Vollzeiterwerbstätigkeit unmöglich. Auch zur psychischen Unterstützung im Alltag fehlt es Frau E. an Netzwerkpersonen. Sie erkennt ihre Überforderung, aber weiß niemanden, an den sie sich wenden könnte. Durch Arbeit und Familientätigkeit bleibt ihr für eine stärkere Außenorientierung, z.B. ein Hobby oder ein Treffpunkt für Alleinerziehende wohl kaum Zeit und Kraft. Ob sie vor der Scheidung, als die finanzielle Situation noch sicher gestellt war, mehr Kontakte hatte, ist aus der Fallbeschreibung nicht erkenntlich.

5.4 Entwicklungen im Geschlechterverhältnis Die (feministische) Literatur ist sich nicht einig darüber, welche Auswirkungen die zunehmende Prekarisierung von Beschäftigung auf das Geschlechterverhältnis hat. Es ist vom „Aufbrechen der Geschlechteranordnungen“ (Völker 2006, 251), vom „Gegenteil der Emanzipation“ (Dörre 2007, 298) und von „rhetorischer Modernisierung durch Gender Mainstreaming bei gleichzeitiger Reproduktion von geschlechtsspezifischen Ungleichheiten“ (Steinrücke 2006, 158) die Rede. Zu beobachten sind unterschiedliche Tendenzen im Geschlechterverhältnis, abhängig von Komponenten wie z.B. dem Habitus, dem Bildungsniveau oder der Wohnregion. Empirisch belegt ist die Tatsache, dass Frauen, die seit jeher im Bereich der prekären Beschäftigung dominieren, verstärkt männliche Konkurrenz bekommen. Daraus ergeben sich u.a. zwei Veränderungen in der Verarbeitung von Geschlechterrollen, die aber nicht als die einzigen verstanden werden dürfen. Im Bereich von Frauen in der Zuverdienerrolle ist ein Muster der „Entweiblichung“ zu erkennen (vgl. Dörre 2007, 296). Diese Frauen identifizieren sich nicht in erster Linie mit ihrem prekären Job, sondern mit ihrer Alternativrolle als Hausfrau oder Mutter, die sie als sinnstiftend erleben. Entweiblicht fühlen sie sich dann, wenn ihre Verfügbarkeit in der Alternativrolle z.B. durch die vorgegebenen Arbeitszeiten negativ beeinflusst oder eingeschränkt wird. Frauen im Einzelhandel beispielsweise erfahren ihre Arbeitszeiten oft sehr kurzfristig und können dadurch Erwerbs- und Familienarbeit erschwert miteinander kombinieren. Als umgekehrtes Phänomen wird die „Zwangsfeminisierung“ von Männern beschrieben, die z.B. als Leiharbeiter beschäftigt sind, was ihnen ihre traditionelle Rolle als Familienernährer unmöglich macht. Sie sagen, sie fühlten sich nicht als „richtigen Mann“ und sehnten sich nach etwas Größerem, weil sie ihre Tätigkeit als Frauenarbeit empfinden (vgl. Dörre 2007, 296-297). Diese beiden Verarbeitungsbeispiele deuten auf die unveränderte Bedeutung des geschlechtlichen Habitus hin. Männer fungieren als vollzeiterwerbstätige Familienernährer und Frauen als Zuverdienerinnen. Die zuverdienenden Frauen sind dabei (unbewusste) Komplizinnen der

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5 Prekäre Beschäftigung im Kontext von Haushalt, Lebenslage und Gesellschaft männlichen Vorherrschaft im Vollzeiterwerbsbereich und setzen auf einen männlichen Versorger, der ihre Alternativrollenstrategie ermöglicht. Damit würde Prekarisierung das Gegenteil von Emanzipation und Geschlechtergleichstellung bewirken (vgl. Dörre 2007, 297-298). Gleichzeitig macht dieses Beispiel deutlich, dass ein Festhalten an diesen Geschlechterrollen nicht mehr immer möglich ist. Geschlechterarrangements werden durch Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt erschüttert, Verunsicherungen entstehen und es müssen zwangsweise neue Geschlechtshierarchien entwickelt werden, die aber keine gewollte Veränderung des Habitus bedeuten, sondern eine unabwendbare Reaktion auf die Realität. Das Fallbeispiel von Ehepaar G. illustriert genau diese Situation. Frau G. hat die Rolle der Ernährerin übernommen, Herr G. hält sich vorwiegend im häuslichen Bereich auf. Diese Entwicklung ergab sich nicht, weil das Ehepaar diese Rollenverteilung so vorgesehen hatte, sondern weil die Arbeitsmarktsituation es nicht anders zuließ. Aus dem katholischen Arbeitermilieu entstammend sieht das Ehepaar Frau G. für die Haushaltsführung zuständig, ihre DDR-Vergangenheit wiederum bringt die gleichzeitige Erwerbstätigkeit beider Ehepartner mit sich. Frau G.s Aussage, sie sei nicht dominant und ihr Mann nicht der Unterlegene, unterstreicht ihr traditionelles Rollenverhältnis, was auch am Leiden Herrn G.s an seiner „Zwangsfeminisierung“ ersichtlich wird. Die Auswirkungen von zunehmender prekärer Beschäftigung auf das Geschlechterverhältnis sind noch nicht ausreichend empirisch untersucht, um definitive Aussagen machen zu können, wie die Verarbeitung der neuen Herausforderungen verläuft. Völker plädiert dafür, in der neuen sozialen Unbestimmtheit, neben Krisen und Spannungen, auch Suchbewegungen zu sehen, die das Bisherige um neue Möglichkeiten und Vorstellungen erweitern könnten. Sie betont vor allem die subjektiven Verarbeitungsformen der verschiedenen betroffenen Personengruppen, die sehr vielfältig sind und individuelle Arrangements sichtbar machen (vgl. Völker 2009, 223-227). Steinrücke hingegen warnt davor, die objektiven Gegebenheiten des Arbeitsmarktes zu übersehen. Anhaltende Massenarbeitlosigkeit und somit die verschärfte Konkurrenz um die bleibenden Arbeitsplätze, die Lohnabstände von Männer und Frauen, die oft überlangen Arbeitszeiten in Vollzeitarbeit und die gleichzeitige Zwangsteilzeit und Minijobs von Frauen führen nach wie vor zu Verdrängungseffekten von Frauen aus der Erwerbsarbeit (vgl. Steinrücke 2006, 158), was nicht in einem traditionellen Geschlechterverständnis begründet liegt, sondern als strukturelles arbeits- und sozialpolitisches Problem verstanden werden muss.

5.5 Subjektive Wahrnehmung der Lebenssituation „Und prekär ist Erwerbsarbeit auch, sofern sie subjektiv mit Sinnverlusten, Anerkennungsdefiziten und Planungsunsicherheiten in einem Ausmaß verbunden ist, das gesellschaftliche

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5 Prekäre Beschäftigung im Kontext von Haushalt, Lebenslage und Gesellschaft Standards deutlich zuungunsten der Beschäftigten korrigiert“ (Dörre u. a. 2006, 17). Dörre hat in einer empirischen Studie die subjektive Wirkung und Verarbeitung von prekärer Beschäftigung untersucht und dazu ein Modell, angelehnt an Castels Zonenmodell, entwickelt, das die verschiedenen (Des-)Integrationspotenziale von Erwerbsarbeit typologisiert. Er unterscheidet dabei 9 Formen von (Des-)Integration und deren subjektive Wirkung auf die Betroffenen (s. A. 5.1, S. 46). Der Zone der Integration (Typ 1, 3, 4) sind die Erwerbstätigen zugeordnet, die einer Normbeschäftigung nachgehen und formal gut abgesichert sind. Der Typ 2 der Selbstmanager geht zwar einer atypischen Beschäftigung nach, aber hat ein positives Arbeitserleben mit großen Gestaltungsspielräumen. In der Zone der Prekarität sind die unsicheren, atypischen Beschäftigungen angesiedelt, in der Zone der Entkoppelung die Erwerbs- und Langzeitarbeitslosen (vgl. Dörre 2006, 8). Ein subjektives Unsicherheitempfinden ist vor allem bei Typ 4 anzutreffen, obwohl die eigentlichen Prekarierinnen und Prekarier die Typen 5-7 und teilweise der Typ 8, der noch auf das Erreichen der Zone der Prekarität hofft, darstellen. Der Typ 4 der Abstiegsbedrohten geht zwar bisher einer gesicherten Arbeit nach, aber deren Verlust und ein sozialer Abstieg scheinen schon fast Gewissheit zu sein. Die Angst der Abstiegsbedrohten ist groß, da diese Gruppe noch etwas zu verlieren und seither in eine gesicherten Existenz gelebt hat (vgl. Dörre 2006, 8-9). Eine Berechnung anhand des SOEP besagt, dass der Anteil der Personen, der sich große Sorgen „um die eigene wirtschaftliche Situation“ macht von 1991 bis 2005 von ca. 12% auf 25% gestiegen ist (vgl. Struck 2009, 270) und gerade in mittleren Einkommenspositionen ein signifikanter Anstieg der Sorge um die eigene wirtschaftliche Entwicklung nachgewiesen werden kann (vgl. Grabka u. Frick 2008, 107). Genährt wird diese gefühlte Prekarisierung zum einen aus Erfahrungen in der Arbeitswelt, aber auch aus dem sozialen Umfeld und durch sozialstaatliche Transformationen mit negativen Auswirkungen für die Beschäftigten (vgl. Kraemer 2008, 145). Gemeinsam haben die Prekarierinnen und Prekarier ein aufkommendes Anerkennungsdefizit, da sie über die unsichere und häufig wechselnde Beschäftigung keine Anerkennung im ursprünglichen Maße mehr beziehen können bzw. diese immer wieder neu erarbeiten müssen. Hinzu kommt die weitreichende Erfahrung, dass ihre Erwerbsarbeit keine Möglichkeit mehr bietet, eine längerfristige Lebensplanung zu entwickeln (vgl. Dörre 2006, 9). Besonders für die Typen 5 und 6 werden Familiengründung, Elternschaft oder Wohneigentum zu einem unkalkulierbaren Risiko, Typ 7 hat sich bereits in der Rolle der Prekarierin oder des Prekariers eingerichtet und übernimmt z.B. eine Erwerbstätigkeit als Zuverdienst innerhalb einer stabilen Partnerschaft (vgl. Dörre 2007, 61). Hinzu kommt neben der Planungsunsicherheit der zunehmende Abstand zur angestrebten Normalität. Es entstehen gemischte Gefühle aus Scham, Wut und Resignation, weil am Normalzustand nicht mehr festgehalten werden kann

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5 Prekäre Beschäftigung im Kontext von Haushalt, Lebenslage und Gesellschaft

Abbildung 5.1: (Des-)Integrationspotenziale von Erwerbsarbeit - eine Typologie Quelle: Dörre u. a. 2006, 67 und Teilhabechancen an der Gesellschaft und auch am Konsum eingeschränkt bleiben (vgl. Dörre 2006, 9). Schiek zeigt einen interessanten Zusammenhang zwischen der subjektiven Bewertung der aktuellen Prekarität und der bisherigen Lebensgeschichte und Herkunft auf. Das Ankommen in einer prekären Lebenssituation führt zu Bilanzierung, Evaluation und Neukonstruktion der bisherigen Lebensgeschichte. Die Interpretation des bisher Erlebten bestimmt den weiteren Umgang mit den neuen Herausforderungen und die subjektive Bewertung der eigenen Handlungsmöglichkeiten (vgl. Schiek 2008, 98-99). Die Deutungsmuster der Herkunftsmilieus und das Ausmaß des Gefühls der Selbstwirksamkeit bestimmen somit die subjektive Bewertung und den Umgang mit der prekären Lebenslage maßgeblich mit.

5.6 Politische Verarbeitungsformen und soziale Stabilität der Gesellschaft Die gefühlte Prekarisierung von Lebenslagen sucht an verschiedenen Stellen nach einem Ventil, um dem Druck von Unsicherheit, Angst und Abstiegserlebnissen Platz zu schaffen. Wenn neue Problemlagen auftreten oder Ressourcen knapper werden und die regierende Politik darauf keine politischen Angebote zur Problemlösung gibt, eröffnen sich Spielräume für Ak-

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5 Prekäre Beschäftigung im Kontext von Haushalt, Lebenslage und Gesellschaft teure, die diese Lücken für ihre Ziele zu nutzen wissen. Zu beobachten sind z.B. Ressentiments der (noch) Integrierten gegenüber den Prekarierinnen und Prekariern oder den Entkoppelten, die sich im Absprechen von Wohlfahrtansprüchen dieser Personen zeigen. Es wird eine „imaginäre Integration“ hergestellt, die auf Kosten von Outsidern, wie z.B. sozial Schwächeren oder Ausländerinnen und Ausländern gehen kann (vgl. Dörre 2006, 13). Bezogen auf Dörres (Des-)Integrationsmodell lassen sich solche Ressentiments vor allem beim Typ 4 vermuten, der um seinen eigenen sozialen Status bangt und eine Projektionsfläche für seine Ängste und sein wachsendes Ungerechtigkeitsgefühl sucht. Diese ausgrenzenden Integrationsvorstellungen weisen eine beunruhigende Nähe zu rechtspopulistischen Gedanken auf, welche in einer Umfrage von Dörre bei mehr als einem Drittel der Befragten quer zu den Zonen der Arbeitsgesellschaft zu finden sind. Er stellt die These auf, dass die Wirkungen von Prekarisierungsprozessen Auslöser für die zunehmende Überanpassung und Autoritätshörigkeit sind. Wer rechtspopulistisches Gedankengut mit sich trägt, ist aber noch keine Rechstextremistin bzw. kein Rechtsextremist, in politischen Parteien und Gewerkschaften gehört Rechtspopulismus z.T. zu den „dominanten Ideologieangeboten der Mehrheitsgesellschaft“ (Dörre u. a. 2006, 84).9 Wenn Rechtspopulismus aber mit fehlender Repräsentation von Problemlagen der Betroffenen in der Politik einhergeht, kann er zu einer gefährlichen politischen Verarbeitungsform von gefühlter sozialer Unsicherheit werden (vgl. Dörre u. a. 2006, 84 und Flecker u. Krenn 2009, 330). Eine ernsthafte Gefährdung der Demokratie oder der sozialen Kohäsion sieht Dörre nicht, hält aber die Sozialintegration für alles andere als intakt (vgl. Dörre 2006, 13-14). Eine Untersuchung im Auftrag der Europäischen Kommission geht der Frage nach, wie unzufrieden die EU-Länder mit ihrer Gesellschaft sind: Dänemark ist mit ca. 15% wenig unzufrieden mit seiner Gesellschaft, die größte Unzufriedenheit weisen Italien (ca. 73%), Frankreich (ca. 65%) und Ost-Deutschland (ca. 65%) auf, West-Deutschland liegt bei einer Quote von ca. 45%. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass das Maß der Unzufriedenheit mit der Gesellschaft als Indikator für das Maß der sozialen Integration verstanden werden kann. Die Frage nach der Unzufriedenheit mit der Demokratie ergibt ähnliche Zahlen, in Ost-Deutschland sind knapp 70% mit der Demokratie unzufrieden, in West-Deutschland knapp 50% (vgl. Gallie u. Paugam 2002, 112-115). In der Literatur noch nicht verarbeitet, aber für die Diskussion der politischen Verarbeitungsformen genauso relevant ist die Entstehung einer linkspopulistischen Lücke. Im Vergleich zur rechtspopulistischen Lücke wurde diese in der diesjährigen Bundestagswahl deutlich sichtbar. Die Linke erhält 11,9% der Wählerstimmen, die SPD 23%, mit einem Verlust von 10% verglichen mit der vorigen Bundestagswahl. Die SPD scheint demnach ihrer Wählerschaft, zu 9

Aussagen, die eine Nähe zu rechtspopulistischen Orientierungen aufweisen können, sind in Dörres Untersuchung z.B. Zustimmung bei Statements wie „Zuwanderung zerstört die deutsche Kultur und muss gestoppt werden“, „Ein bisschen weniger Demokratie kann nicht schaden“ oder „Rechte Parteien sind zu extrem, aber sprechen die richtigen Themen an“ (vgl. Dörre u. a. 2006, 67ff).

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5 Prekäre Beschäftigung im Kontext von Haushalt, Lebenslage und Gesellschaft der traditionsgemäß die sozial Schwächeren oder Verunsicherten gehören, keine befriedigende Antwort auf ihre Anliegen und Probleme zu geben. Eine Umfrage von Infratest hat ergeben, dass 42% der SPD-Abwanderinnen und Abwanderer die SPD nicht mehr gewählt haben, weil sie von ihrer Politk zur sozialen Gerechtigheit enttäuscht waren (vgl. Tagesschau.deWahlmonitor 2009). Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder vor Kürzungen von Sozialleistungen scheint die Linke besser abzufangen als die SPD. Auch die Rente mit 67 und die Agenda 2010 der SPD haben bei den verunsicherten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern oder bei den Arbeitslosen zu einem Linksruck geführt. Das Wahlergebnis zeigt, dass die Akteure der „Mainstream-Politik“ die sozialen Ängste und die Unsicherheit nicht so aufgreifen, dass sich die Betroffenen in der Politik verstanden und repräsentiert fühlen. Auch das Wahlergebnis stellt noch nicht die soziale Kohäsion in Frage, zeigt aber Tendenzen auf, die in der Politik nicht unbeachtet bleiben dürfen.

Zwischenfazit Dieses Kapitel hat aufgezeigt, wie vielfältig und weitreichend die Zusammenhänge von prekärer Beschäftigung mit der Lebenslage und der Gesellschaft sind. Prekäre Beschäftigung birgt die Gefahr nicht nur einzelne, sondern Familien in eine armutsnahe Lebenslage zu bringen, in inakzeptablem Maße sind davon Kinder betroffen. Zudem leiden Beziehungsnetzwerke unter unsicheren Arbeits- und Lebensbedingungen. Zeit und Kraft in Beziehungen zu investieren nimmt mit zunehmender Prekarität ab. Untersuchungen zur subjektiven Wahrnehmung der eigenen Lebenssituation zeigen, dass auch Scham und Resignation dazukommen, die das Investieren in Beziehungen ebenfalls verringern. Daraus folgt ein schrumpfendes soziales Netz, das die nötige Unterstützung bei Jobvermittlung und psychischer Unterstützung geben könnte. Prekäre Lebenslagen sind dabei eine klar identifizierbare Zwischenlage zwischen Menschen in einer sicheren Lebenslage und Menschen im Sozialhilfe- bzw. Hartz IV-Bezug. Auch das Geschlechterverhältnis wird von prekärer Beschäftigung beeinflusst. Oft haben die Betroffenen keine Wahl, wie sie die Erwerbsarbeit und Hausarbeit aufteilen wollen, sondern der Arbeitsmarkt diktiert die Rahmenbedingungen, die in den betroffenen Milieus oft nicht deren Verständnis von Rollenverteilung entsprechen. Werden die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und somit in den Lebensbezügen der Gesellschaftsmitglieder ignoriert oder finden kein adäquates Sprachrohr, besteht die Gefahr, dass populistische Lücken ein greifbareres Angebot zur politischen Verarbeitung bieten und ein Großteil der Bevölkerung ihrer mangelnden sozialen Integration, ihrem Unmut und ihrer Ohnmacht auf diese Weise Ausdruck verleiht.

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6 Die Rolle der Sozialen Arbeit im Prekarisierungsprozess Das letzte Kapitel geht nun der Zielfrage der Arbeit auf den Grund: Welche Rolle spielt Soziale Arbeit in der zunehmenden Prekarisierung? Mit der Definition von Prekarität, dem Umriss ihrer Ursachen, der Charakterisierung der Betroffenen und der Darstellung ihrer prekären Lebenslagen ist nun die Grundlage geschaffen, um diese Frage zu beantworten. Eine kurze Darstellung der Entwicklung Sozialer Arbeit in der traditionellen und in der flexiblen Arbeitsgesellschaft charakterisiert ihre momentane Rolle in der Gesellschaft. Anhand der Definition und der Darstellung des Berufsbildes von Sozialer Arbeit wird ihr Handlungsauftrag in der Prekarität begründet. Im zweiten Teil des Kapitels wird schließlich ihr Handlungsauftrag näher untersucht, in einen subjekt- und systembezogenen Auftrag differenziert und dessen Spielräume und Grenzen beleuchtet.

6.1 Die Soziale Arbeit 6.1.1 Die Rolle der Sozialen Arbeit in der traditionellen und der flexiblen Arbeitsgesellschaft Mit der Einführung der Sozialversicherung und der Fürsorge Ende des 19. Jahrhunderts war die materielle Grundversorgung an der Wende zum 20. Jahrhundert einigermaßen unter Kontrolle. Der Blick richtete sich im Folgenden mehr auf die „innere Not“ der Menschen, was nach Münchmeier zur Entstehung eines eigenständigen Handlungssystems innerhalb der Sozialpolitik - der Sozialen Arbeit - führte. Es entwickelte sich eine neue Form der Problemwahrnehmung, die Münchmeier als „Pädagogisierung“ bezeichnet. Die Soziale Arbeit machte sich die Aufgabe zu eigen, Hilfen anzubieten, die auf die Anforderungen der traditionellen Arbeitsgesellschaft zugeschnitten und nicht materiell, also von der Sozialpolitik, zu lösen waren. Sie hatte die soziale Integration des Einzelnen durch Vorgabe von Normalitätsmustern und Normen zum Ziel. Das bedeutet, sie unterstützte bei Erziehungsarbeit in der Familie, aber auch bei Krisen und Folgen, die aus der Arbeitsgesellschaft hervorgegangen sind (z.B. Arbeitslosigkeit, Kriminalität) (vgl. Münchmeier 1981 in Galuske 2002, 133-134).

6 Die Rolle der Sozialen Arbeit im Prekarisierungsprozess Auch Rauschenbach kennzeichnet Soziale Arbeit als ein Kind der traditionellen Arbeitsgesellschaft. Er versteht die Gesellschaft grundsätzlich als eine Konstruktion aus System und Lebenswelt, dem System werden dabei u.a. Ökonomie, Politik und Geld zugeordnet, der Lebenswelt soziale Netzwerke und gemeinsame Werte und Normen. Da diese beiden Komponenten von Gesellschaft in der traditionellen Arbeitsgesellschaft immer weiter auseinanderklaffen, entsteht die Soziale Arbeit als Vermittlerin zwischen den beiden Teilsystemen (vgl. Rauschenbach 1999, 131).1 Ihre Entstehung ist dabei systemisch veranlasst, da sie auf sozialpolitische Bestimmungen angewiesen ist, aber ihre Wirkung entfaltet sie in der Lebenswelt der Betroffenen, da sie sich an deren Bedarfe und Problemlagen ausrichtet und zu deren Entschärfung beiträgt (vgl. Rauschenbach 1999, 105, 118). An dieser Darstellung wird der Zusammenhang von Sozialer Arbeit und dem ihr anhaftenden „doppelten Mandat“ deutlich. Sie zeigt, dass Soziale Arbeit nie nur Hilfe ist, sondern immer auch eine Form von gesellschaftlicher Kontrolle und gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen transportiert. „Sie soll zwar in erster Linie Lebenswelten schützen, gleichzeitig dadurch aber den Staat von konflikthaften und politisch riskanten Auswirkungen aus diesen Lebenswelten abschirmen, entlasten“ (Galuske 2002, 137). Mit den Veränderungen in der Arbeitsgesellschaft und im Sozialstaat ändert sich auch die Rolle der Sozialen Arbeit bzw. sie befindet sich in Mitten eines Veränderungsprozesses mit noch unklarem Ausgang. Immer weniger kann Soziale Arbeit die Integration in Lohnarbeit und Normalitätsvorstellungen als ihr Ziel begreifen. Einer zunehmenden Zahl an Erwerbsfähigen bleibt der Zugang zu Lohnarbeit verwehrt und die Individualisierung und Flexibilisierung der (Arbeits-)Gesellschaft geben kaum noch Normen vor, die erreicht werden müssen. Vielmehr hat Soziale Arbeit die Aufgabe, die Pluralisierung der Lebenswelten mit ihren Klientinnen und Klienten zu bewältigen (vgl. Galuske 2002, 302) und sich einer sich spaltenden Gesellschaft gegenüber zu verhalten, die reguliert und bearbeitet werden muss (vgl. Schaarschuch 1990, 159). Auch ihr Verhältnis zum Sozialstaat muss neu definiert werden. Bleibt sie ausschließlich dessen ausführende Hand und trägt somit zur Individualisierung von Arbeitsmarktproblemen bei, wie es bei Hartz IV im Moment geschieht oder emanzipiert sie sich aus dessen Vorgaben und macht die Lebenslagen ihrer Klientinnen und Klienten zum zentralen Ausgangspunkt ihres Handelns? Überschattet von der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit und knapper sozialstaatlicher Ressourcen müssen diese Fragen für sie neu geklärt werden.

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Die Ausführungen von Thomas Rauschenbach bauen an vielen Stellen auf die von Jürgen Habermas aufgestellte „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) auf. Ich verweise lediglich auf die Interpretationen Rauschenbachs, da diese in der Fachdiskussion nicht angezweifelt und hier lediglich zur Erläuterung des Zusammenhangs von traditioneller Arbeitsgesellschaft und Sozialer Arbeit herangezogen werden.

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6 Die Rolle der Sozialen Arbeit im Prekarisierungsprozess

6.1.2 Definition und Auftrag von Sozialer Arbeit Von der International Federation of Social Workers (IFSW), an die sich auch der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (DBSH) mit seiner Definition anlehnt, wird Soziale Arbeit folgendermaßen definiert: Soziale Arbeit als Beruf fördert den sozialen Wandel und die Lösung von Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen, und sie befähigt die Menschen, in freier Entscheidung ihr Leben besser zu gestalten. Gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse über menschliches Verhalten und soziale Systeme greift soziale Arbeit dort ein, wo Menschen mit ihrer Umwelt in Interaktion treten. Grundlagen der Sozialen Arbeit sind die Prinzipien der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit (IFSW 2000, 2). In seiner Beschreibung des Berufsbildes Sozialer Arbeit beschreibt der DBSH darüber hinaus als Ziel professionellen Handelns „die Vermeidung, Aufdeckung und Bewältigung sozialer Probleme auch durch präventive Maßnahmen“ (DBSH 2009a, 2). Das Sozialarbeitsnetz, ein Portal für Fachleute der Sozialen Arbeit, legt seiner Arbeit folgende Definition zu Grunde: Soziale Arbeit versteht sich als Handlungswissenschaft und damit als Profession, Disziplin, Lehrfeld und Forschungsfeld. Ziel der Sozialen Arbeit ist in der akuten Situation die Abwendung bestehender Notlagen (wirtschaftliche, soziale, kulturelle) und vorbeugend die Reduktion oder die Verhinderung sozialer Probleme und die Förderung von gesellschaftlicher Teilhabe. Sie ist damit eine Form praktizierter Sozialpolitik, die sowohl die eigenen Interessen der Fachlichkeit vertritt, wie auch zu vorderst eine Mandatsfunktion ihrer Klientel beinhaltet (Sozialarbeitsnetz 2009). In diesen beiden Definitionen werden zwei wichtige Aufgaben von Sozialer Arbeit benannt. Das Erste ist die Förderung der Lösung von sozialen Problemen und Notlagen. Die Soziale Arbeit greift reaktiv in soziale Probleme ein und versucht gemeinsam mit den Betroffenen die Abwendung oder Linderung einer aktuellen Problemlage zu erreichen. Die zweite Aufgabe wird vom Sozialarbeitsnetz sehr deutlich benannt, beim DBSH wird sie erst in einer seiner detallierteren Bestimmungen erkennbar. Soziale Arbeit hat, neben dem reaktiven, auch einen präventiven Auftrag. Wenn sie aufkommende Problemlagen und daraus resultierende Gefährdungen der Lebenslage von Klientinnen und Klienten erkennt, hat sie den Auftrag, diese zu vermeiden oder zu reduzieren. Wenn sie das Aufkommen einer Problemlage erkennt, ist es ihre Aufgabe, Alarm zu schlagen und andere Institutionen (wie z.B. die Politik) zum Handeln zu animieren. Der präventive Charakter erfährt in der Fachdiskussion unterschiedlich starke

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6 Die Rolle der Sozialen Arbeit im Prekarisierungsprozess Aufmerksamkeit, was von einer „praktizierten Sozialpolitik“ oder einem „politischen Mandat“ bis zu kaum Beachtung von gesellschafts- und politikbeeinflussenden Aktivitäten führt. Dieser Arbeit liegt ein Verständnis von Sozialen Arbeit zu Grunde, das beide Aufgaben beinhaltet und ernst nimmt. Soziale Arbeit arbeitet direkt an der Schnittstelle der Lebenswelt einzelner Menschen, also am Ort einer aktuellen Problemlage, und der des gesellschaftlichen Systems, das die Rahmenbedingungen für die Bekämpfung einer Notlage schafft. Es ist daher ihre Pflicht, aufkommende und vorherrschende Problemlagen zu artikulieren und ihre Mandatsfunktion ihren Klientinnen und Klienten gegenüber ernst zu nehmen, die oft selbst wenig Möglichkeiten haben ihre Anliegen zu formulieren. Im Bezug auf die Prekarierinnen und Prekarier ergeben sich für die Soziale Arbeit ebenfalls ein reaktiver und ein präventiver Handlungsauftrag oder, im Modell von Rauschenbach gesprochen, ein Auftrag im Hinblick auf die Lebenswelt der Betroffenen und einer im Hinblick auf das System. Der lebensweltorientierte bzw. subjektbezogene Handlungsauftrag resultiert aus einer wachsenden Problemlage in der Arbeitswelt, die aber an vielen Stellen in den Bereich der Lebensgestaltung hineinreicht. Soziale Arbeit ist somit mit der Aufgabe konfrontiert, zu einer gelingenden Gestaltung einer prekären Lebenswelt beizutragen, dort wo sie Berührungspunkte mit Lebenssituationen von Prekarierinnen und Prekariern hat. Für die Problematik der Prekarität ist aber auch der präventive bzw. der systembezogene Auftrag Sozialer Arbeit und dessen mögliche Ausgestaltung relevant. Es handelt sich bei Prekarierinnen und Prekariern um ein Klientel, das die reaktiven Arbeitsfelder von Sozialer Arbeit bisher nur teilweise tangiert (Jobvermittlung, ASD, Kinderbetreuung u.a.) und sich überwiegend noch außerhalb des reaktiven Spektrums von Sozialer Arbeit befindet. Die Ausweitung der Prekarität lässt sich jedoch belegen, wie auch diese Arbeit zeigt, und somit auch die Ausweitung der Gruppe von Menschen, die mit ihrer Lebensgestaltung überfordert sind und zum Klientel Sozialer Arbeit werden können. Es liegt daher an der Sozialen Arbeit Alarm zu schlagen, diese gesellschaftliche Entwicklung zu thematisieren und an bestimmten Stellen auf Veränderungen zu drängen.

6.2 Prekarität als Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit Bevor der subjekt- und systembezogene Auftrag und seine Gestaltungsmöglichkeiten näher erläutert werden, werden die zentralen Bedarfe von Menschen in prekären Beschäftigungsund Lebenslagen nochmals zusammengefasst: Neben dem finanziellen Bedarf, der bei fast allen Prekarierinnen und Prekariern vorhanden ist (mit einer besonderen Brisanz im Hinblick auf die Alterssicherung), sind es vor allem Unsicherheit und Überforderung, die sich stark auf das subjektive Empfinden der Lebenslage auswirken, Handlungsfähigkeit einschränken und Unkalkulierbares zu einer Gefahr für einen Absturz in Arbeitslosigkeit oder Armut werden

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6 Die Rolle der Sozialen Arbeit im Prekarisierungsprozess lassen. Lebensvorstellungen decken sich nicht mit Lebensrealitäten (z.B. im Geschlechterverhältnis, beim Lebensstandard) und Normen und Werte, die seither Orientierung gegeben und Identität gestützt haben, verschwimmen zunehmend. Einschnitte im sozialen Netz sind ein erster Schritt in Richtung soziale Desintegration, die durch begrenzte Teilhabechancen auf Grund finanzieller Engpässe, sowie Scham oder eintretende Arbeitslosigkeit verstärkt werden kann. Wie kann also von Seiten der Sozialen Arbeit auf diese Bedarfe von Prekarierinnen und Prekariern reagiert werden?

6.2.1 Subjektbezogener Handlungsauftrag Soziale Arbeit hat in Zeiten der traditionellen Arbeitsgesellschaft als „Normalisierungsagentur“ auf deren Anforderungen reagiert, was sie nun in Form von Lebensweltorientierung und Flexibilisierung als Reaktion auf die flexible Arbeitsgesellschaft tut. Sie öffnet sich in ihren Denk- und Handlungsmustern, sowie in ihrem institutionellen Rahmen den sich individualisierenden und subjektivierenden Lebenslagen ihrer Adressatinnen und Adressaten. Sie sieht es z.B. als ihre Aufgabe bei der Herstellung und Sicherung von persönlichen Ressourcen, sogenannten Basiskompetenzen, zu unterstützen, die notwendig sind, um in der Bewältigung von „individuell zugemuteten sozialen Risiken der eigenen Lebensführung und der eigenen permanenten Entscheidung unter Ungewißheitsbedingungen“ (Rauschenbach 1992, 51) handlungsfähig zu bleiben. Ein soziales Risiko kann für Prekarierinnen und Prekarier z.B. ein häufiger Wechsel zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit sein. Entscheidungen unter Ungewissheitsbedingungen müssen ständig getroffen werden, z.B. wenn das Geld kaum ausreicht oder die Arbeitsstelle auf nur ein paar Monate befristet ist. Weiter beschreibt Rauschenbach die Aufgabe der Sozialen Arbeit als Befähigung ihrer Adressatinnen und Adressaten zu einem „Planungsbüro in eigener Sache“ mit der Funktion der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter als „soziale RisikoexpertInnen“ im Bezug auf soziale Fragen der Lebensführung (vgl. Rauschenbach 1992, 51-52). Soziale Arbeit fungiert somit beispielsweise als Vermittlerin von Basiskompetenzen in der Jugendberufshilfe oder im Aus- und Weiterbildungssektor und hat in der Beratungs- und Betreuungsarbeit mit Familien die Aufgabe, durch z.B. Vernetzung im Sozialraum oder durch Alltagsbegleitung soziale Risiken abzufedern und Eigenkompetenz der Beteiligten zu fördern. Bevor einige Beispiele für mögliche subjektbezogene Handlungsspielräume und Angebote für Prekarierinnen und Prekarier beschrieben werden, ist es notwendig, die Reichweite von subjektbezogener Sozialer Arbeit in der Prekarität abzustecken. Bisher ist es so, dass Prekarierinnen und Prekarier erst bei einer Institution Sozialer Arbeit (wie z.B. dem ASD oder der Schuldnerberatung) Hilfe in Anspruch nehmen müssen, damit das eigentliche Problem der Prekarität und die damit verbundene Überforderung bekannt werden. Prekarität ist ein Zustand, der viele Lebensbereiche beeinflusst, aber für den es kein eigenständiges Beratungs-

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6 Die Rolle der Sozialen Arbeit im Prekarisierungsprozess angebot gibt. Die Gruppe der Prekarierinnen und Prekarier ist so heterogen, dass es schwierig ist deren Bedarf zu bündeln. Vielmehr muss die Soziale Arbeit an den Stellen, wo sie Berührungspunkte mit Prekarierinnen und Prekariern hat, wachsam sein für die Problematik und in ihren Fallanalysen und -interpretationen die unsicheren Beschäftigungs- und Lebensumstände mitdenken. Das Konzept der Lebensweltorientierung Thierschs Konzept der Lebensweltorientierung aus den 1970er Jahren, das gegenwärtig bekannteste und meist angewandte Konzept der Sozialen Arbeit, nimmt die gesellschaftlichen Brüche und Unsicherheiten, die auch für die zunehmende Prekarisierung verantwortlich sind, zum Ausgangspunkt seiner Interventionen. Es erkennt die Pluralisierung und Individualisierung der Lebenswelten an und verfolgt das Ziel, einen gelingenden Alltag zu ermöglichen. Alltag wird darin verstanden als Schnittstelle von gesellschaftlichen Gegebenheiten (z.B. Alltag als Niedriglohnbeschäftigte oder Alltag als prekäre Lebenslage) und den praktischen Bewältigungs- und Deutungsversuchen der Beteiligten (vgl. Thiersch u. a. 2005, 164-165). Er reagiert damit auf die Gegebenheit, dass gerade der Alltag in seiner Form nicht mehr selbstverständlich ist und versteht sein Konzept als „ein Votum gegen die Abstraktion und Generalisierung von Lebensverhältnissen, (...) weil die lebensweltlichen Verhältnisse in der Krise stecken und einen besonderen Aufwand verlangen“ (Thiersch u. a. 2005, 166). Lebensweltorientierung nimmt die individuellen Ressourcen und Probleme der Betroffenen als Ansatzpunkt für professionelles Handeln, mit dem Ziel einer gelingenderen Reorganisation. Im Respekt vor dem Gegebenen setzt sie Vertrauen in Veränderung und Entwicklungsmöglichkeiten, die durch Zutrauen, Vorschläge von Alternativen und Konfrontationen erreicht werden sollen (vgl. Thiersch u. a. 2005, 164-165). Diese Lebensweltorientierung spiegelt sich als Trend in Umgestaltungen von Hilfen und zahlreichen Methoden der Sozialen Arbeit wider. Dazu wird exemplarisch auf zwei lebensweltorientierte Veränderungen eingegangen, die für die Fragestellung relevant sind: die Umgestaltung der erzieherischen Hilfen zu Flexiblen Erziehungshilfen und die Methode des Casemanagements. Flexible Erziehungshilfen Anfang der 1990er Jahre wurde damit begonnen, die Erziehungshilfen zu flexiblen bzw. integrierten Erziehungshilfen umzugestalten, mit dem Ziel einer besseren sozialräumlichen Vernetzung und einem passgenaueren Zuschnitt auf die Bedürfnisse der Betroffenen. Das Hilfearrangement soll sich nicht mehr an nach Paragraphen getrennten Hilfeangeboten orientieren, sondern am Bedarf und Potenzial der Adressatinnen und Adressaten ausgerichtet sein. Lebenswelt- und Sozialraumorientierung sollen zur Erreichung dieses Ziels beitragen (vgl. Galuske 2002, 311) und in der Individualisierung und der daraus entstehenden Vielfalt von Problemlagen liegt die Umgestaltung begründet (vgl. Klatetzki u. Winter 1990

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6 Die Rolle der Sozialen Arbeit im Prekarisierungsprozess in Galuske 2002, 137). Kinder und Jugendliche bekommen also durch diese Form der Hilfe bereits die Maximen der Gegenwart - Individualität und Flexibilität - vermittelt. Die momentan prekär Beschäftigten sind von dieser Entwicklung nicht direkt betroffen, aber sie zeigt, wie ein Umdenken in der Sozialen Arbeit und ein Einstellen auf die neue Herausforderungen passiert. Kinder, nicht nur solche, die bereits in prekären und unsicheren Lebenslagen aufwachsen, sollen so auf die Herausforderungen der Gesellschaft, in der sie leben, vorbereitet werden. Der Umbau der Hilfen findet nicht nur Zustimmung. Kritische Stimmen fragen, ob es denn Sinn macht, auf das brüchig werden von Lebensläufen mit Flexibilisierung zu reagieren und ob nicht ein besserer Ansatz darin läge „neue Formen ’inszenierter Gemeinschaften’ zu stiften“, wie es z.B. Rauschenbach vorschlägt (vgl. Rauschenbach 1999 in Hirt 2008, 38). Auch Winkler bezweifelt den Wunsch der Klientinnen und Klienten nach mehr flexiblen Erziehungsangeboten und hinterfragt, ob es Sinn macht, Individualisierung mit Individualisierung zu entschärfen (vgl. Winkler 2001, 264-265). Für manche Kinder und Jugendliche wären eine stärkere Kollektivierung und klare Orientierungslinien bei Angeboten möglicherweise sinnvoller.2 Casemanagement Ein zweites Beispiel der flexiblen Ausrichtung von Sozialer Arbeit an den Bedürfnissen ihrer Klientinnen und Klienten ist die aus den USA stammende Methode des Casemanagements. Sie wird folgendermaßen definiert: „Casemanagement...hat die Kernfunktion, den KlientenSystemen (einzelnen Menschen, Familien und ihren Angehörigen, Kleingruppen, Nachbarn Freunden usw.) in koordinierter Weise Dienstleistungen zugänglich zu machen, die von ihnen zur Lösung von Problemen und zur Verringerung von Spannungen und Stress benötigt werden“ (Lowy 1988 in Galuske 2005, 202). Es handelt sich also um eine Hilfe, die über die klassische Einzelfallhilfe hinausgeht und um eine Versorgungssteuerung (Vermittlung von passenden Hilfeangeboten im Sozialraum) und eine Vernetzung von Hilfen erweitert ist (vgl. Galuske 2005, 203). In der deutschen Sozialen Arbeit findet diese Methode seit den HartzReformen bei den Jobcentern Anwendung, besonders im Bezug auf die Vermittlung von Jugendlichen in Arbeit. Es wird eine Vernetzung der beteiligten Schulen, Ämtern, Trägern usw. angestrebt, um möglichst passgenau auf den Bedarf der Jugendlichen reagieren zu können. Die Methode nimmt per Definition für sich in Anspruch „zur Verringerung von Spannungen und Stress“ beizutragen, was ein zentraler Bedarf von Menschen in prekären Lebens- und Beschäftigungssituationen ist. Wenn also Casemanagement konsequent umgesetzt wird, können der Arbeitsvermittler bei der Agentur für Arbeit oder die Beraterin bei einer gemeinnützigen

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Die Tagesgruppe nach § 32 SGB VIII war z.B. mit einer geregelten und verlässlichen Alltagsstrukturierung und einer festen Gruppenzusammensetzung eine solches Angebot. Dieses Angebot wird in vielen Landkreisen abgeschafft und durch Flexible Hilfen ersetzt.

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6 Die Rolle der Sozialen Arbeit im Prekarisierungsprozess Beschäftigungsinitiative tatsächlich als „soziale RisikoexpertInnen“ fungieren und „ressourcengebundenes und risikoverringerndes Entscheidungsverhalten“ (Rauschenbach 1999, 264) fördern. Kritisch angemerkt wird bei Casemanagement, es sei lediglich ein soziotechnologisches Mittel, das zur Effizienz und Kostenverringerung in der Sozialen Arbeit beitragen soll und letztlich der Annäherung der Sozialen Arbeit an ein neoliberales Denken dient. Das Fallmanagement in der Arbeitsvermittlung beispielsweise sei mit einer erheblichen Sanktionsmacht ausgestattet, was mit Zieloffenheit und Klientenorienterung oft nur wenig gemein habe. Vielmehr sei es ein Instrument der Aktivierungspädagogik und Verlagerung von Verantwortung und Druck auf die Klientin bzw. den Klienten (vgl. Galuske 2005, 206-208). Für die Soziale Arbeit ergibt sich aus der Anforderung von Subjektorientierung, wie sie die Gesellschafts- und Arbeitsmarktentwicklung, zum Teil auch die Gesetzgebung (z.B. Hartz IV-Gesetze) an sie stellt, und der gleichzeitigen Überforderung vieler ihrer Klientinnen und Klienten mit den „neuen“ Maximen ein Dilemma. Soll sie auf diese Entwicklungen aufspringen und mit flexiblen und aktivierenden Angeboten die Kompetenzen ihres Klientels stärken und ausbauen, auch wenn viele mit der abverlangten Eigenverantwortung überfordert sind? In der Konsequenz bedeute dies, dass sie dadurch nicht nur Produkt der arbeitsgesellschaftlichen Veränderungen wäre, sondern auch als Produzentin von Flexibilisierung und Unsicherheit fungiere (vgl. Rauschenbach 1992, 56). Oder soll sie sich bewusst gegen diese Entwicklung stellen, Strukturen in ihren Angeboten wahren und Gemeinschaften „inszenieren“, wo es möglich ist? Das ist eine Frage, die sie bis ins Letzte selbst noch nicht gelöst hat und beide Wege Ansprüche beinhalten, die die Soziale Arbeit sich zu eigen gemacht hat. Zum einen die Orientierung am Bedarf des Einzelfalls, die Orientierung an dem, was Menschen dazu befähigt „in freier Entscheidung ihr Leben besser zu gestalten“ (IFSW 2000, 2). Und zum anderen die Aufgabe, die „eine Mandatsfunktion ihrer Klientel beinhaltet“ (Sozialarbeitsnetz 2009), die dann erfüllt wird, wenn sie das Wort für die Benachteiligten und Überforderten der Gesellschaft ergreift und ihre Überforderung für sie und mit ihnen artikuliert. Es muss Ziel der Sozialen Arbeit sein, ihr Klientel auf die aktuellen Bewältigungsanforderungen vorzubereiten, sie also mit Kompetenzen ausstatten, die in der unsicherer werdenden Gesellschaft gebraucht werden, wie es beispielsweise die Lebensweltorientierung tut. In der Jugendberufshilfe das Ziel zu haben, Schlüsselkompetenzen zu vermitteln und in der Familienhilfe Eigenverantwortung zu fördern, ist wichtig und verantwortungsbewusst, denn das Ziel Sozialer Arbeit ist es, Lebensbewältigung zu ermöglichen. Die Flexibilisierung der Struktur erzieherischer Hilfen muss genau auf ihre Intention hin geprüft werden. Oft ist sie weniger als ein Versuch der besseren Passung von individuellen Angeboten anzusehen, sondern vielmehr als eine Reaktion auf den Druck Kosten zu senken und effizienter zu arbeiten. Für viele Kinder aus unsicheren Lebenslagen sind verlässliche Strukturen und Regeln wertvoller für

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6 Die Rolle der Sozialen Arbeit im Prekarisierungsprozess einen gelingenden Alltag als möglichst flexible Abstimmung des Angebots auf ihren Bedarf. Aus persönlicher Erfahrung aus dem Praxissemester beim ASD ist mir bekannt, dass die Umstellung von der Tagesgruppe und der Sozialen Gruppenarbeit auf Flexible Hilfen dort mit längeren Bearbeitungszeiten und weniger Plätzen verbunden war, was für viele Kinder das Ende einer Hilfe bedeutete. Flexibilisierung im Sinne von individueller Hilfe zur Lebensbewältigung ist unerlässlich, Flexibilisierung von Strukturen steht häufig in Verbindung mit Kostenreduktion. Die Methode des Casemanagements wiederum ist sinnvoll, wenn sie gewissenhaft und konsequent umgesetzt wird - also tatsächlich nach einer passgenauen Unterstützung sucht und mit dem Ziel der Hilfe zur Selbsthilfe ausgeführt wird. Auch auch hier muss immer wieder überprüft werden, ob die passgenaue Hilfevermittlung oder lediglich die Effizienz im Vordergrund steht. Die bisherigen Ausführungen haben gezeigt, dass Soziale Arbeit da, wo sie Berührungspunkte mit Menschen in prekären Beschäftigungs- und Lebenslagen hat, subjektorientiert arbeitet und in ihren Ansätzen die zunehmende Prekarisierung durchaus vorkommt. Sie ist sich dem Dilemma ihrer Arbeitsweise bezogen auf die Prekarität bewusst. Im folgenden Kapitel wird die systembezogene Funktion Sozialer Arbeit näher erläutert und gezeigt, dass die Artikulation von Überforderung nicht im Gegensatz zu subjektorientierter Sozialer Arbeit stehen muss.

6.2.2 Systembezogener Handlungsauftrag Wirkungsgrenzen systembezogener Sozialer Arbeit Bevor auf den systembezogenen Handlungsspielraum Sozialer Arbeit im Bezug auf die zunehmende Prekarisierung eingegangen wird, werden ihre systembezogenen Grenzen thematisiert. Ein Großteil der Probleme von prekär Beschäftigten und Menschen in prekärer Lebenslage ist ökonomischer und politischer Natur. Soziale Arbeit kann globale Wirtschaftsentwicklungen und Entscheidungen von Unternehmen nicht beeinflussen und hat kein gesetzgebendes Mandat, um politische Entscheidungen umzusetzen. Das bedeutet, sie bleibt als Berufsfeld erstmal Ausführende von gesetzlichen Regelungen und Bearbeiterin von sozialen Problemlagen, die sich u.a. aus veränderten wirtschaftlichen Bedingungen und darauf abgestimmten Sozialgesetzen ergeben. Daher trifft die Bezeichnung von Sozialer Arbeit als „Handlungssystem innerhalb der Sozialpolitik“ (Münchmeier 1981 in Galuske 2002, 133-134) zu. Die finanzielle Lage von Menschen in prekären Lebenslagen kann die Soziale Arbeit beispielsweise nicht verändern, sie kann lediglich Handlungsstrategien aufzeigen, um mit der wirtschaftlichen Situation besser zurecht zu kommen. Auch kann sie die Arbeitsgesetze und Arbeitsbedingungen (Befristungen, versicherungsrechtlicher Status, Lohnhöhe usw.) nicht beeinflussen und so z.B. die wachsende Altersarmut nicht begrenzen. Es ist Aufgabe der Politik Entscheidungen beim

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6 Die Rolle der Sozialen Arbeit im Prekarisierungsprozess Mindestlohn, bei einer negativen Einkommenssteuer, einer Arbeitszeitverkürzung oder einer Umgestaltung der Versicherungssysteme zu treffen. Die aktuelle Politik zeichnet sich aber an vielen Stellen als eine nicht-handelnde Politik mit dem permanenten Verweis auf leere Staatskassen aus. Die Kassen sind leer (besonders in und nach der Zeit der Wirtschaftskrise), aber das Problem entpuppt sich bei „einer empirisch und gesellschaftstheoretisch rückgebundenen Lesart als Ergebnis verteilungspolitischer (Nicht-)Entscheidungen“ (Galuske 2002, 353) und nicht als Ergebnis einer ärmer werdenden Gesellschaft. Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht bestätigt, dass sich die Einkommensungleichheit zwischen 2002 und 2005 verstärkt hat - höhere Einkommen sind gestiegen, niedrige Einkommen sind in ihrer Höhe zurückgegangen (vgl. Bundesregierung 2008, 6). Die Darstellung der Beschäftigungsentwicklung im Niedriglohnbereich in Kapitel 4.2.6 ergänzt diese Ergebnisse und lässt die Frage nach gerechter Verteilung von Einkommen für eine wachsende Zahl an Beschäftigten wieder zum politischen Thema werden. Das Aushandeln von sozialer Gerechtigkeit wird nach einer Zeit des relativen Wohlstands wieder zentrale Aufgabe des Sozialstaats und - der Definition Sozialer Arbeit zufolge - auch eine ihrer Aufgaben: „Grundlagen der Sozialen Arbeit sind die Prinzipien der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit“ (IFSW 2000, 2). Wenn Soziale Arbeit sich in diese Aushandlung begibt, ist das die wirksamste Weise, wie sie der Problematik von wachsender Prekarität begegnen kann. Doch wie kann für die Soziale Arbeit dieses Aushandeln von sozialer Gerechtigkeit aussehen und gibt es Alternativen zur bisherigen politischen Antwort auf diese Frage?

Das politische Mandat der Sozialen Arbeit Der Frage nach sozialer Gerechtigkeit und der Rolle der Sozialen Arbeit darin wird anhand des Verhältnisses von Sozialpolitik und Sozialer Arbeit nachgegangen. Daran lassen sich die Situation der Sozialen Arbeit und ihr Emanzipationsbedarf anschaulich darstellen. Bommes und Scherr sprechen von Sozialer Arbeit (und Sozialhilfe) als „Zweitsicherung“ im Wohlfahrtsstaat, wenn die allgemeine Absicherung von Exklusionsrisiken durch Versicherungssysteme, Familienlastenausgleich, Ausbildungsbeihilfen usw. nicht greift. Dann fällt Sozialer Arbeit stellvertretend Inklusionsvermittlung, Exklusionsvermeidung und Exlusionsverwaltung in Form ihrer diversen Angebote und Aufgaben, wie sie sie bisher wahrnimmt, zu (vgl. Bommes u. Scherr 1996, 114). Die abnehmende Nachfrage an Arbeitskraft und der damit einhergehende Abbau sozialstaatlicher Leistungen legen allerdings die Vermutung nahe, dass der Sozialstaat und die Soziale Arbeit einen Programmwechsel von Inklusionsbestreben hin zu wachsender Exklusionsverwaltung vollziehen. Das passiert dann, wenn Exklusionsfaktoren und -risiken sich verdichten und diese lediglich noch verwaltet, aber nicht mehr bewältigt werden können (vgl. Scherr 1999, 52). Schaarschuch spricht von einer wachsenden Spaltung der Gesellschaft, die vom Sozialstaat nicht kompensiert, sondern lediglich gemanagt werden

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6 Die Rolle der Sozialen Arbeit im Prekarisierungsprozess kann. Die zunehmende Ausdifferenzierung von Erwerbsarbeit macht es dem Sozialstaat unmöglich, darauf mit adäquaten Regelungen zu antworten, weil nicht zuletzt das komplette Sozialversicherungsmodell noch am Normalarbeitsverhältnis ausgerichtet ist (vgl. Schaarschuch 1990, 157). Castel beschreibt für die französische Gesellschaft einen Übergang von einer Integrations- zu einer Eingliederungsgesellschaft. Die Sozialpolitik einer Integrationsgesellschaft bemüht sich um eine Gesellschaft der Vereinheitlichung von der Mitte her. Die Politik der Eingliederungsgesellschaft dagegen nimmt mittels positiver Diskriminierung bestimmte Bevölkerungsgruppen in den Blick und macht Angebote, die auf deren Bedarf abgestimmt sind (vgl. Castel 2000, 364), aber oft nicht zu einer letztlichen Integration führen. Castel fragt: „Was ist ein dauernd Einzugliedernder? Jemand, den man nicht völlig fallen lässt, den man in seiner augenblicklichen Situation ’begleitet’, indem man um ihn herum ein Netz aus Aktivitäten, Initiativen und Projekten spinnt“ (Castel 2000, 376). Alle drei dieser wissenschaftlichen Prognosen zeichnen ein Bild von Sozialstaat, das durch Einbußen in der sozialen Versorgung gekennzeichnet ist und einer Sozialen Arbeit, die bei Bommes und Scherr als Exklusionsverwalterin fungieren soll und bei Castel die Anbieterin von „Aktivitäten, Initiativen und Projekten“ wird, aber eigentlich um deren Aussichtslosigkeit und Funktion als Vertröstung und Ruhigstellung weiß. Einer realistischen Jugendberufshelferin ist bewusst, dass sie viele ihrer Klientinnen und Klienten nur verwalten und nicht mehr integrieren können wird, weil schlicht die Arbeitsplätze dazu fehlen. Genauso ein informierter Vermittler beim Jobcenter - er weiß, dass die strukturellen Gegebenheiten es nicht zulassen, allen einen Job, geschweige denn einen existenzsichernden Job zu vermitteln. Um so lächerlicher erscheint dann die Aktivierungspädagogik wie sie mit Hartz IV betrieben wird, die gerade dieses Denken erhalten will: Wer sich nur genug bemüht, findet eine Arbeit (vgl. z.B. Seifert 2005, 20). Diese oben beschriebenen Theoretiker u.a. kommen zu dem Schluss, dass Soziale Arbeit wieder politischer werden muss und ein neues Verständnis ihrer gesellschaftlichen Funktion braucht. Schaarschuch fordert die Soziale Arbeit auf „selbst eine (sozial-)politische Strategie zu entwickeln“ (Schaarschuch 1990, 188) und sich mit Teilen ihrer Adressatinnen und Adressaten und anderen politisch relevanten Gruppen zusammen zu schließen, um Zusammenhänge von Ursachen für soziale Probleme aufzudecken und politisch relevant zu machen. Diese Strategie würde der Sozialen Arbeit helfen, sich ein Stück weit aus der Funktionalisierung des Sozialstaates zu emanzipieren, ihr eine offensive Dimension zu verleihen und ein aktives Einsetzen für ihr Klientel zu erreichen. Ziel von Schaarschuch ist eine „reproduktionsorientierte Soziale Arbeit“, die den Zusammenhang von bezahlter und unbezahlter Arbeit neu zur Disposition stellt und auch jenseits von Arbeit die Möglichkeiten von materieller Grundsicherung und (sozialen) Bürgerrechten gewährleistet (vgl. Schaarschuch 1990, 166, 188-187). Scherr rät der Sozialen Arbeit die gesellschaftlichen Gegebenheiten in ihren jeweiligen Arbeitsfeldern sorgfältig zu analysieren und sich in die betreffenden politischen und

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6 Die Rolle der Sozialen Arbeit im Prekarisierungsprozess rechtlichen Auseinandersetzungen einzumischen. Er fordert sie auf „das politische Mandat tatsächlich zu ergreifen, das kritische Sozialarbeit für sich reklamiert“ (Scherr 2008, 98) und dazu beizutragen, dass Alternativen zu dem bisherigen neoliberalen Umbau der Gesellschaft denkbar gemacht werden (vgl. Scherr 2008, 98). Mit einem Zitat von Winkler wird ein letzter wichtiger Verfechter von politischer Sozialer Arbeit vorgestellt, der die Notwendigkeit treffend auf den Punkt bringt: Sozialpädagogik muss wieder politisch werden. Dabei geht es nicht bloß um Einmischungsstrategien, sondern vielmehr darum, dass sie selbst ein Verständnis von ihrer gesellschaftlichen Funktion wiedergewinnt, sich selbst als eine Instanz des Politischen in modernen Gesellschaften begreift. ...- was auch bedeutet, die Forderung nach Pragmatismus zurückzuweisen und jener Ideologie Einhalt zu gebieten, nach welcher die Macher den Denkern vorzuziehen sind. Denn sie kann sich nicht mehr der Notwendigkeit entziehen, selbst die Themen dieser Gesellschaft zu bestimmen (Winkler 1995, 183). Politisch zu werden kann demnach verschiedenes heißen. Es bedeutet zuerst einmal ein Bewusstsein für die gesellschaftliche Funktion von Sozialer Arbeit zu entwickeln (als Arbeitende an der Schnittstelle von System und Lebenswelt - wo gesellschaftliche Bedingungen und subjektive Bewältigung aufeinander treffen - hat sie wie kaum eine andere Einblick in die Wirkungszusammenhänge von Politik und Alltag). In Form von Analysen und Theorien muss dieses Bewusstsein und Wissen den eigenen Berufsgenossinnen und -genossen, aber auch anderen Arbeitsfeldern und der Politik zugänglich gemacht werden. Es muss Zugang zu einem Denken geschaffen werden, dass nicht nur Messbares Qualität hat, sondern soziale Unterstützung, Begleitung im Alltag und Beziehungsgestaltung ebenfalls eine Relevanz für unsere Gesellschaft haben. Die Arbeit als Sozialwissenschaftlerin oder als Sozialforscher ist daher eine Art politische Arbeit. Das erarbeitete Wissen muss aber auch in Arbeitskreisen, Gremien, NGOs, politischen Parteien u.a. artikuliert und relevant gemacht werden. Was aktive politische Lobbyarbeit betrifft, kann die deutsche Soziale Arbeit von anderen europäischen Ländern oder den USA lernen. In der amerikanischen National Association of Social Workers (NASW) sind beispielsweise 140.000 Mitglieder registriert, die dort moralisch-ethnische Fragestellungen in die Politik bringen (vgl. Opielka 2008, 127). Das deutsche Pendant, der DBSH, hat hingegen lediglich 6.000 Mitglieder (vgl. DBSH 2009b), was für eine effektive Lobbyarbeit eindeutig zu wenig ist. Also auch das Beitreten eines Verbandes, der sich für sozialarbeiterische Belange einsetzt, bedeutet das politische Mandat zu ergreifen. Im Rahmen der ausführenden Sozialen Arbeit, in der keine aktive politische Arbeit betrieben wird, ist das Bewusstsein für die politischen Zusammenhänge wichtig, um nicht in anhand fehlgeleiteter Deutungsmuster und Interpretation zu verkürzten Fallanalysen zu gelangen.

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6 Die Rolle der Sozialen Arbeit im Prekarisierungsprozess

Zwischenfazit Zusammenfassend bedeutet das für die Soziale Arbeit, einen Spagat zu schaffen zwischen subjektbezogener Hilfe zur Lebensbewältigung und einer systembezogenen kritischen Analyse und Deutung der sozialstaatlich gewählten Bearbeitungsstrategie von wachsender sozialer Spaltung und Ausgrenzung. Sozialarbeiterisch gelingendes Handeln erweist sich zuerst einmal darin, ob es gelingt, den Adressatinnen und Adressaten in ihrer jeweiligen Lebenssituation Förderung und Unterstützung zuteil werden zu lassen, um ihre Lebenssituation zu bewältigen und ihre Kompetenzen dafür auszubauen. Denn politische Lobbyarbeit und ein Diskurs über „reproduktionsorientierte Soziale Arbeit“ helfen einem arbeits- und somit meist perspektivlosen Jugendlichen in der Gegenwart nicht weiter. Und doch braucht die Gesellschaft eine Soziale Arbeit, die über neoliberalen Kapitalismus redet, „der sich unter dem Deckmantel des ökonomischen Sachzwangarguments der politischen Auseinandersetzung entzieht“ (Galuske 2002, 352) und eine Diskussion von Gerechtigkeit und Demokratie wieder zulässt. Es muss darüber geredet werden, welche Löhne gerecht sind, wieviel Planungssicherheit einer Mutter oder einem Vater für ihre Familie zustehen muss und wie langfristige soziale Sicherung aussehen kann, die Erwerbstätige brauchen, um als flexible Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zumindest risikogemindert leben zu können.

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7 Schlussteil Die vorliegende Arbeit hat sich auf eine vielschichtige und zukunftsoffene Debatte über eine sich verändernde (Arbeits-)Gesellschaft und daraus entstehende Folgen für die Lebensgestaltung der Individuen und der Rolle von Sozialer Arbeit eingelassen. Unter dem Blickwinkel des Zonenmodells von Robert Castel, mit besonderem Augenmerk auf die Ausweitung der Zone der Verwundbarkeit, ließen sich Veränderungen in der Intensität von „Integration durch Arbeit“ und „Integration in Beziehungsnetzwerke“ als die großen Indikatoren der Prekarisierung identifizieren. Nach einer Zeit des gesellschaftlichen Wohlstands tragen ökonomische und globale Veränderungen zu einer wachsenden Flexibilisierung der Arbeitsgesellschaft und damit zur „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“ bei. Eine detaillierte Analyse von atypischen Beschäftigungsformen und deren Untersuchung im Hinblick auf prekäres Potenzial haben ergeben, dass eine atypische Beschäftigung erst im Kontext der Lebensumstände als prekär oder nicht prekär identifiziert werden kann. Prekaritätsrisiken sind dabei die unzureichende Existenzsicherung vieler atypischer Beschäftigungsformen, das ständige Pendeln zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit und im Hinblick auf das Alter eine nicht existenzsichernde Rente. Dauerhafte prekäre Beschäftigung hat meist ein schrumpfendes soziales Netzwerk zur Folge und die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung unterliegt oft dem Arbeitsmarkt und nicht der eigentlichen Vorstellung des Paares. Der subjektiven Wahrnehmung der eigenen Lebenssituation kommt zudem eine entscheidende Rolle zu. Je nach Herkunft und bisheriger Lebensgeschichte geht eine prekäre Lebenslage mit Anerkennungsdefiziten, Scham und Handlungsunsicherheit einher. Ein fehlendes politisches Sprachrohr für die Belange von Prekarierinnen und Prekariern birgt die Gefahr von populistischen Lücken. Die Debatte zu Prekarität ist sehr vielfältig und in vollem Gange. Über die Definition und das Ausmaß von Prekarität wird in der Fachliteratur bereits ausgiebig und kontrovers diskutiert. Was hingegen empirische Untersuchungen von Auswirkungen prekärer Beschäftigung auf die Lebenslage und die Frage nach der Rolle der Sozialen Arbeit betrifft, gibt es bisher kaum fundierte Ergebnisse. Das wachsende Ausmaß an aktueller Literatur zum Thema Prekarität lässt jedoch darauf schließen, dass diese im Interesse der Forschung steht und in den kommenden Jahren die Lücken mit Sicherheit gefüllt und Studien aus den 1980er und 1990er Jahren, auf die ich mich zum Teil beziehe, durch aktuellere ersetzt werden können. Mit meiner Arbeit habe ich einen Einblick in den gegenwärtigen Stand der Debatte gegeben, wichtige bisherige Erkenntnisse aus der empirischen Forschung dargestellt und die Rolle der Sozialen

7 Schlussteil Arbeit in der Prekaritätsdebatte anhand vorliegender Literatur, sowie eigenen Überlegungen charakterisiert. Auf die Frage, ob Soziale Arbeit in der Prekarisierung einen Handlungsauftrag hat, haben sich ein subjektbezogener und ein systembezogener Auftrag herauskristallisiert. Erste Aufgabe von Sozialer Arbeit ist es, mit den Betroffenen von Prekarität zu arbeiten und in der konkreten Lebenssituation Ressourcen und Kompetenzen zu stärken, um die prekäre Lebenssituation bewältigen zu können und in einer lohnarbeitszentrierten Gesellschaft zurecht zu kommen. Zu diskutieren gilt es die Frage, wie Soziale Arbeit die Thematik wachsender Prekarisierung noch besser in ihre Beratungs- und Betreuungsangebote integrieren kann, um die Lebenssituationen ihres Klientels richtig zu analysieren und Zusammenhänge zwischen Beschäftigungssituation und Lebenslage ihres Klientels richtig zu deuten. In Einrichtungen wie der Jugendberufshilfe, der Arbeitsvermittlung oder des ASD, wo viele Prekarierinnen und Prekarier Berührungspunkte mit der Sozialen Arbeit haben, muss ein Bewusstsein über Prekarität und ihre Auswirkungen geschaffen werden. Fragen, die sich stellen, sind: Haben Mitarbeitende in den genannten Einrichtungen bereits ein Verständnis für diese Entwicklung? Reicht es aus, einige für die Thematik zu sensibilisieren, z.B. in Form von Fortbildungen, und sie dann als Expertinnen und Experten heranzuziehen oder ist die Thematik für jede Sozialarbeiterin und jeden Sozialarbeiter erforderliche Grundlage? In welcher Weise beeinflusst das Wissen über Prekarität das Verhalten in bzw. die Deutung einer Beratungs- oder Betreuungssituation? Diese Fragen können im Rahmen dieser Arbeit nicht umfassend diskutiert werden und bleiben als weitere Forschungsfragen offen. Befragungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den verschiedenen Einrichtungen könnten ein möglicher Weg sein, um ein Bild über das Ausmaß des Bewusstseins der Thematik zu bekommen. Als Expertin von Lebenswelten ergab sich aus der vorliegenden Analyse für die Soziale Arbeit zweitens die Aufgabe, die Schwierigkeiten von prekären Lebenswelten zu artikulieren und in einen politischen Diskurs zu bringen. Soziale Arbeit hat kein gesetzgebendes Mandat und in der aktiven Gestaltung von rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind ihr die Hände gebunden. Aber sie kann sich ein politisches Mandat zu eigen machen, indem sich sich in der Aushandlung von sozialer Gerechtigkeit und Verteilung von knapper werdenden Gütern einmischt und ihre Vorstellungen, sowie die ihres Klientels artikuliert. Das Verständnis für diesen Auftrag muss in der Fachliteratur, in Ausbildungsstätten und in Fort- und Weiterbildungseinrichtungen Sozialer Arbeit weiter gefördert werden, um die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter zunehmend für diesen Auftrag ihres Berufes zu sensibilisieren. Die intensive Auseinandersetzung mit den Thema dieser Arbeit hat meinen Blick für den politischen Auftrag geschärft und mich motiviert nach persönlichen Artikulationsmöglichkeiten zu suchen. Mit ihren beiden Handlungsaufträgen befindet sich die Soziale Arbeit genau in der Spannung, in der sich die Lohnarbeitsgesellschaft selbst befindet. Auf die Krise der Lohnarbeit

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7 Schlussteil reagiert die Gesellschaft zum einen mit der Verschärfung der Lohnarbeitsmoral und einer umfassenden Fixierung auf Anerkennung durch Erwerbsarbeit. Zum anderen haben Ansätze, die die Vorherrschaft von Lohnarbeit in Frage stellen, wie der Ansatz einer stärkeren Reproduktionsorientierung (Schaarschuch 1990) oder der Tätigkeitsdiskurs, bei denen es darum geht, neben Arbeit noch andere Tätigkeiten als sinn- und identitätsstiftend anzuerkennen, Hochkonjunktur. Der Wert solcher Überlegungen liegt im Entlarven des Irrglaubens, dass Arbeit und Lohnarbeit historisch schon immer gleichzusetzen waren (vgl. Galuske 2002, 349). Soziale Arbeit reagiert mit ihren arbeitsfördernden Maßnahmen, Qualifizierung in Basiskompetenzen und der Fixierung ihrer Maßnahmen auf Vermittlung in Erwerbstätigkeit auf die Verstärkung der Lohnarbeitsmoral. Nicht zuletzt sind ihre Vorgaben maßgeblich durch den Sozialstaat bestimmt und notwendig, um das Klientel in der Gesellschaft handlungsfähig zu machen. Aber die alleinige Konzentration auf die Unterstützung bei der Lebensbewältigung führt zu einer Verkürzung des sozialarbeiterischen Handelns, zu Alltagspragmatismus. Die Auseinandersetzung mit der Umgestaltung der sozialen Sicherung, einer „reproduktionsorientierten Sozialen Arbeit“ oder dem Tätigkeitsdiskurs hingegen decken die eigenen Verkürzungen auf und entlarven eine Soziale Arbeit, die zur Komplizin einer verschärfen Arbeitsmoral geworden ist, zum Teil ohne dass sie sich dessen bewusst war. Soziale Arbeit braucht ein Verständnis davon, dass die Lohnarbeitsgesellschaft und ihre neoliberale Ausgestaltung, wie sie in den letzten Jahren passiert, langfristig soziale Zumutungen für ihre Adressatinnen und Adressaten und einen wachsenden Teil der Gesellschaft in sich trägt. Sie braucht eine soziale Phantasie, die den Mut hat, über die bisherigen Strukturen und die für möglich erachtete Veränderungen in der Arbeitswelt und im Sozialstaat hinaus zu denken (vgl. Galuske 2002, 351-352). Ich stimme Castel zu, wenn er die Lohnarbeitsgesellschaft noch nicht an ihrem Ende sieht: „Den Todesanzeigen der Lohnarbeitsgesellschaft ist also mit sehr viel Zurückhaltung zu begegnen, einerlei ob sie nun aus Freude oder Trauer darüber geäußert werden“ (Castel 2000, 402). Castel warnt auch davor, sich zu schnell von der Lohnarbeitsgesellschaft verabschieden zu wollen, die neben ihren Zwängen auch Urbanisierung, Säkularisierung und Demokratie mit sich gebracht hat. Er plädiert dafür „die Voraussetzungen einer Metamorphose der Lohnarbeitsgesellschaft zu denken“ (Castel 2000, 402), die in einer sozialen Sicherung bestehen könnte, die innerhalb der unabwendbaren Individualisierung der Gesellschaft greift. Es ist das Bild eines strategischen Staates, der seine Interventionen neu ausrichtet, um den Individualisierungsprozess zu begleiten, seine Spannungen zu reduzieren und seine Bruchstellen zu umgehen (vgl. Castel 2000, 413). Wie diese Neuausrichtung aussehen soll macht Castel nicht konkret, aber es gibt durchaus Ideen zu einer Weiterentwicklung der sozialen Sicherung. Eine weitreichende Idee, ist z.B. die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Es sieht für jede Bürgerin und jeden Bürger ein Grundeinkommen in einer bestimmten Höhe vor (dis-

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7 Schlussteil kutiert wird meist ein Betrag etwas über dem momentanen Satz des Existenzminimums), unabhängig von Erwerbstätigkeit und Bedürftigkeitssprüfung. Die Möglichkeit das Grundeinkommen durch Erwerbstätigkeit zu erweitern steht den Bürgerinnen und Bürgern frei, der Lebensunterhalt ist aber davon nicht mehr abhängig. Diese radikale Veränderung würde der Tatsache Rechnung tragen, dass die Arbeit von immer weniger Menschen getan werden kann und den Menschen, die somit keiner Arbeit nachgehen können oder wollen eine gesellschaftlich anerkanntere Position zukommen lässt. Eine Arbeitszeitverkürzung oder eine Familiengründung wären zudem mit deutlich weniger Risiken behaftet (vgl. Unternimm-die-Zukunft.de 2008). Dieses Grundeinkommen böte die Möglichkeit eines gesellschaftlichen Richtungswechsels in Richtung Tätigkeitsgesellschaft, die das Ziel verfolgt, die Überbewertung der Erwerbsarbeit zu reduzieren und die Anerkennung anderer menschlicher Tätigkeiten zu erweitern, wie z.B. Reproduktionsarbeit oder gemeinwesenorientierte Arbeit. Sie hat nicht das Ziel die Erwerbsarbeit abzuschaffen, sie erkennt diese vielmehr als wichtige menschliche Tätigkeit an, aber andere Tätigkeiten sollen z.B. in der sozialen Sicherung ebenfalls honoriert werden (vgl. Schäfers o.J.). Ich gebe zu, diese Idee muss als Idee, als Inspiration und teilweise vielleicht als Utopie verstanden werden und nicht als etwas, das Morgen seine Umsetzung finden könnte. Aber es muss angefangen werden in Alternativen zu denken und Grundsteine für Veränderungen in der Zukunft müssen gelegt werden. Castel sagt im Schlussteil seines Buches zur Metamorphose der Lohnarbeit, „Frankreich hat Jahrhunderte dazu gebraucht, die Moderne zu akzeptieren“ (vgl. Castel 2000, 402), so wird auch diese Gesellschaft Zeit und Auseinandersetzung brauchen, um sich weiter zu entwickeln und ihre neuen Gegebenheiten zu analysieren und zu diskutieren. Aber es muss möglich sein weiter zu denken und sich jetzt schon anhand der beobachtbaren prekären Veränderungen mit Zukunftsentwürfen auseinander zu setzen. Scherr fasst diese Intention prägnant zusammen: „Denn nur wenn Alternativen zu einem neoliberalen Umbau der Gesellschaft als denkmöglich betrachtet werden, macht es Sinn, sich für die Entwicklung und Durchsetzung solcher Alternativen, also für eine Programmatik der Hilfe anstelle einer Programmatik der Prävention und Repression einzusetzen“ (Scherr 2008, 98). Diese Denkmöglichkeit einer anderen Zukunft kann Anreiz für motivierte alltägliche Arbeit mit den einzelnen Subjekten der Sozialen Arbeit sein, weil die Aussichten in die Zukunft nicht zu Resignation führen müssen. Genauso sind diese Denkmöglichkeiten Basis und Motivation für eine Auseinandersetzung mit politischen Akteuren, weil sie zeigen, dass ein Weiter-wiebisher nicht der einzige Weg sein muss. Soziale Arbeit steht also vor der Frage, ob sie mit ihrer Hauptaufgabe als Exklusionsverwalterin ausschließlich der verlängerte Arm eines aktivierenden Sozialstaates sein will oder ob sie sich gerechte Teilhabechancen für alle zum Ziel setzt und dazu auch den Mut aufbringt, groß zu denken und den offenen Diskurs zu suchen.

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A Anhang

A Anhang

Abbildung A.1: Entwicklung der Leiharbeit in Deutschland - Anteil an sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung Quelle: Bellmann u. a. 2009, 389

Abbildung A.2: Niedriglohnanteil (2/3 des nationalen Medianlohns) in EU-Ländern (in%), 1995 und 2000 (Beschäftigte mit mehr als 15 Stunden Wochenarbeitszeit) Quelle: Bosch u. Kalina 2007, 27

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A Anhang

Abbildung A.3: Aufstiegsmobilität aus dem Niedriglohnbereich zwischen 1998 und 2003 (Deutschland, sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigte) Quelle: Bosch u. Kalina 2007, 45

Abbildung A.4: Empirische Zusammenhänge zwischen den Stufen der Einkommensverteilung in Deutschland (Anteile in % an allen Erwerbstätigen) Quelle: Strengmann-Kuhn 2004, 9

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Erklärung Hiermit versichere ich gemäß § 28 der Studien- und Prüfungsordnung der Hochschule Esslingen – Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege, dass ich diese Bachelorarbeit selbständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt habe.

Esslingen a. N., 17. November 2009

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