Prekarität als Konzept kritischer Gesellschafts - Ethik und Gesellschaft

Prekarität als Konzept kritischer Gesellschafts - Ethik und Gesellschaft

 Klaus Dörre Prekarität als Konzept kritischer Gesellschaftsanalyse – Zwischenbilanz und Ausblick Prekär bedeutet laut Duden »widerruflich«, »unsich...

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 Klaus Dörre Prekarität als Konzept kritischer Gesellschaftsanalyse – Zwischenbilanz und Ausblick

Prekär bedeutet laut Duden »widerruflich«, »unsicher« oder »heikel«. Der Wortstamm lässt sich allerdings bis zum lateinischen precarium (der Bittleihe, KD), zurückverfolgen. Gemeint ist das Verleihen einer Sache, deren Nutzung vom Geber jederzeit widerrufen werden kann. Prekarität bezeichnet demnach ein unsicheres, instabiles, auf Widerruf gewährtes Verhältnis, Prof. Dr. Klaus Dörre, geb. 31.07.1957 in Volkmarsendas den Nehmer eines Gutes Külte; 1976-1982 Studium der Politikwissenschaft, Soziovom Geber abhängig macht. Der logie, Wirtschafts-und Sozialgeschichte und Volkswirtschaftslehre an der Philipps-Universität Marburg/Lahn; Gegenbegriff ist eine stabile, 1982 Diplom am Fachbereich Gesellschaftswissensichere, durch Rechtsgleichheit schaften der Philipps-Universität; 1992 Promotion zum Dr. konstituierte Beziehung. In der phil. am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der soziologischen Diskussion bePhilipps-Universität Marburg/Lahn; 1996 Wissenschaftlizeichnet Prekarität unsichere, cher Mitarbeiter am Soziologischen Forschungsinstitut instabile Beschäftigungs- und Göttingen (SOFI). 2001-2005 Geschäftsführender Direktor Lebensverhältnisse. Die neuzeitdes Forschungsinstituts Arbeit, Bildung, Partizipatiliche Geschichte prekärer Aron/Institut. 2002 Habilitation an der Sozialwissenschaftlibeits- und Lebensformen lässt chen Fakultät der Universität Göttingen zum Thema sich mindestens bis in das 14. »Kampf um Beteiligung. Arbeit, Partizipation und industrielle Beziehungen im flexiblen Kapitalismus«. Seit SoSe Jahrhundert n. Chr. zurückver2005 Professor für Arbeits-, Industrie-und Wirtschaftssozifolgen (Castel 2000; Schultheis/ ologie an der Friedrich-Schiller Universität Jena. VeröffentHerold 2010). Konstitutiv für die lichungen der jüngeren Zeit: „Dörre, Klaus/Jürgens, Kersneuere sozialwissenschaftliche tin/Matuschek, Ingo (Hrsg) (2014): Arbeit in Europa. MarktPrekarisierungsdiskussion war fundamentalismus als Zerreissprobe. Frankfurt am ursprünglich die Entstehung Main/New York: Campus.“ Dörre, Klaus; Scherschel, Kaniedrig entlohnter, zeitlich befrisrin; Booth, Melanie; Haubner, Tine; Marquardsen, Kai; teter, ungeschützter BeschäftiSchierhorn, Karen (2013): Bewährungsproben für die Ungungsverhältnisse, in denen sich terschicht? Soziale Folgen aktivierender Arbeitsmarktpolizunehmend auch akademisch tik, Frankfurt a.M./New York: Campus. Schmalz, Stefan; Dörre, Klaus (2013) (Hg.): Comeback der Gewerkschaften. qualifizierte Arbeitskräfte wiederMachtressourcen, innovative Praktiken, internationale fanden. Diese Gruppen wurden Perspektiven, Frankfurt a.M./New York: Campus; in Italien als precariato (Bologna GND: 130533807 1977, zit. n. Roth 2010, 155)

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 1 Die neue Prekarisierungsdiskussion

bezeichnet. In Frankreich machte die Einführung einer Wiedereingliederungsbeihilfe (Revenue minimum d’insertion; Schultheis/Herold 2010, 244), von der ca. 2,5 Mio. Menschen betroffen waren, die precarité zum Gegenstand öffentlicher Debatten. Vor allem französische Soziologen nutzten Prekarität als Sammelkategorie, um höchst unterschiedliche soziale Phänomene zu bündeln. André Gorz münzte den Begriff auf »Randarbeitnehmer« und externe Arbeitskräfte (Gorz 1989, 100-102), aber auch auf die neuen Dienstbotentätigkeiten (ebd. 200), die im Zuge der Flexibilisierung von Arbeit und Beschäftigung entstanden waren. In den Arbeiten der Gruppe um Pierre Bourdieu (1997) thematisierte der Begriff u. a. die Entkollektivierung der Industriearbeiterschaft und die soziale Ausgrenzung in den französischen Vorstädten. In Deutschland blieb Prekarität als sozialwissenschaftliches Konzept zunächst unbedeutend. Seitens der konventionellquantitativen Arbeitsmarktforschung wurde die Prekarisierungsdiskussion allenfalls als randständiger Diskurs wahrgenommen. Sofern von Prekarität überhaupt die Rede war, rubrizierte man sie unter Begriffe wie atypische Beschäftigung oder Armut. Das hat sich erst in der jüngeren Vergangenheit geändert. Prekarität, Prekarisierung und Prekariat sind zu Kategorien avanciert, die zunehmend Eingang nicht nur in die Soziologie, sondern auch in die Alltagssprache finden. Großen Einfluss auf die deutsche Soziologie hatte eine Arbeitshypothese Robert Castels (2000, 360-361), der zufolge sich die nachfordistischen Arbeitsgesellschaften des globalen Nordens in Zonen unterschiedlicher Sicherheitsniveaus spalten: Zwar befinde sich die Mehrzahl der Beschäftigten in den fortgeschrittenen Kapitalismen noch immer in einer »Zone der Integration« mit Normarbeitsverhältnissen und halbwegs intakten sozialen Netzen. Darunter expandiere jedoch eine »Zone der Prekarität«, die sich sowohl durch unsichere Beschäftigung, als auch durch erodierende soziale Netze auszeichne. Am unteren Ende der Hierarchie entstehe eine »Zone der Entkoppelung«, in der sich Gruppen ohne reale Chance auf eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt befänden. Bei diesen »Überzähligen« (Marx 1973, 660) der Arbeitsgesellschaft paare sich Ausschluss von regulärer Erwerbsarbeit mit relativer sozialer Isolation. Castels Hypothese lässt einen historisch neuen Typus von Prekarität erahnen, der sich ausschließlich in wohlfahrtsstaatlich regulierten Kapitalismen herausgebildet hat. Ein spezifisches Merkmal dieses Typus ist, dass es sich um eine Rückkehr sozialer Unsicherheit in die nach wie vor reichen und historisch betrachtet noch immer überaus sicheren Gesellschaften des globalen Nordens handelt (Castel 2005). Mit dieser Charakterisierung grenzt sich Castel sowohl von Katastro-

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phenszenarien als auch von eng gefassten Exklusionskonzepten (kritisch: Kronauer 2006) ab, welche die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts auf das Phänomen der Entkoppelung von regulärer Erwerbsarbeit reduzieren. In Anlehnung an Serge Paugam (2008) kann die Herausbildung unsicherer Arbeits- und Lebensverhältnisse in entwickelten Wohlfahrtsstaaten als Übergang von marginaler zu diskriminierender Prekarität bezeichnet werden (Dörre 2009). Für diese postsozialstaatliche Ausprägung von Prekarität ist charakteristisch, dass sie sukzessive auch solche Gruppen erfasst, die zuvor zu den gesellschaftlich gesicherten zählten und sozial zu den Mittelschichten aufgeschlossen hatten. Das castelsche Zonenmodell hat inzwischen zahlreichen Autoren/innen als heuristische Folie für eigene empirische Forschungen gedient. Die Relevanz dieses Analyserasters für Deutschland und andere europäische Gesellschaften wird inzwischen durch zahlreiche empirische Forschungen belegt (Baethge u. a. 2005; Brinkmann u. a. 2006; Bude/Willisch 2006; Busch u. a. 2010; Castel/Dörre 2009; Schultheis/Schulz 2005; Holst u. a. 2009; Paugam 2008; Pelizzari 2009; Manske/Pühl 2010; Scherschel u. a. 2012; Sander 2012). Mittlerweile beeinflusst eine ausdifferenzierte empirische Prekarisierungsforschung über die Arbeits- und Arbeitsmarktsoziologie hinaus auch die Ungleichheitsforschung und die theoretische Soziologie. Diese Forschungen zeichnen sich allerdings durch eine große Bandbreite an Begriffsdefinitionen und empirischen Operationalisierungen aus. Angesichts dieser Vielfalt fällt es gegenwärtig schwer, einen Grundkonsens soziologischer Prekarisierungsforschung zu bestimmen.

 2 Zwei Verwendungsweisen des Prekaritätskonzepts Kategorial müssen zunächst zwei Verwendungsweisen des Prekaritätsbegriffs unterschieden werden. Als zeitdiagnostisches Konzept thematisiert Prekarität Veränderungen an der Schnittstelle von Erwerbsarbeit, Wohlfahrtsstaat und Demokratie. Diese Verwendung hat etwas Unscharfes. So haben nur wenige französische Soziologen versucht, den Begriff präzise zu definieren (Barbier 2005). Prekarität in zeitdiagnostischer Verwendung bezeichnet »eine allgemeine Erschütterung der Gesellschaft« (Ehrenberg 2011, 366). Sie ist ein »kollektives Gefühl, eine Einstellung, ein Geisteszustand, der die Gesamtheit von Argumenten gegen einen Gegner vereinigt, der das ›Böse‹ verkörpert: der Neoliberalismus« (ebd.). Gerade diese Unschärfe, die indessen mit einem eindeutigen Gegnerbezug operiert,

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macht offenbar einen Teil des diskursiven Erfolgs des Prekaritätskonzepts aus. Allerdings kann der Prekaritätsbegriff in einer zeitdiagnostischen Verwendung auch so geschärft werden, dass seine analytischen Stärken zum Tragen kommen. Als zeitdiagnostische Kategorie zielt das Prekaritätskonzept dann darauf, Zusammenhänge zwischen Einzelphänomenen herzustellen (Dörre 2009). Dies ist – wie noch zu zeigen sein wird – möglich, wenn Prekarität als ein Macht-, Kontroll- und Disziplinarregime begriffen wird, das Gesellschaften als Ganze beeinflusst und verändert. Von eher zeitdiagnostischen und gesellschaftsanalytischen Verwendungen heben sich enger gefasste, empirisch ausgerichtete Kategorisierungen ab, die Prekarität z. B. als eine Spezialform atypischer Beschäftigung (Keller/Seifert 2007), als eine soziale Lage zwischen Armut und Normalität (Kraemer 2009), als Externalisierung am Arbeitsmarkt (Bartelheimer 2011; Krause/Köhler 2012) oder als eine Form sozialer Verwundbarkeit definieren, die im Zentrum der Arbeitsgesellschaft entsteht und gegenüber Phänomenen wie Armut, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung begrifflich abgegrenzt werden muss (Vogel 2009). Eine begriffliche Präzisierung und Operationalisierbarkeit ist zwingend nötig, sobald es um empirische Forschungen geht, die dem Neutralitätsgebot verpflichtet sind. Nach einer Jenaer Arbeitsdefinition gilt ein Erwerbsverhältnis dann als prekär, wenn es nicht dauerhaft oberhalb eines von der Gesellschaft definierten kulturellen Minimums existenzsichernd ist und deshalb bei der Entfaltung in der Arbeitstätigkeit, gesellschaftlicher Wertschätzung und Anerkennung, der Integration in soziale Netzwerke, den politischen Partizipationschancen und der Möglichkeit zu längerfristiger Lebensplanung dauerhaft diskriminiert. Aufgrund ihrer Tätigkeit und deren sozialer Verfasstheit sinken prekär Beschäftigte deutlich unter das Schutz- und Integrationsniveau, das in wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismen als Standard definiert wird. Das Beschäftigungsverhältnis und/oder die Arbeitstätigkeit sind daher auch subjektiv mit Sinnverlusten, Partizipations- und Anerkennungsdefiziten sowie Planungsunsicherheit verbunden (Castel/Dörre 2009, 17). Was genau der Maßstab für Prekarität ist, kann nicht konzeptuell vorausgesetzt werden; es handelt sich um eine Frage, die empirisch geklärt werden muss. Aus diesem Grund kann auch das sogenannte Normalarbeitsverhältnis, eine geschützte Vollzeitbeschäftigung, nicht a priori als Maßstab für prekäre Beschäftigung dienen. Wenn dieser Maßstab jedoch seitens der Beschäftigten, Prekarisierten und Ausgegrenzten selbst benannt wird,

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kann und darf eine empirisch orientierte Prekarisierungsforschung dies nicht verschweigen. Grundlegend für eine empirisch operationalisierbare Begriffsdefinition ist die Unterscheidung zwischen einer Prekarität der Beschäftigung und der Prekarität von Arbeit (Paugam 2009). Castels Zonenmodell war ursprünglich primär auf die reproduktive Dimension von Arbeitsansprüchen und hier besonders auf die Stabilität eines Beschäftigungsverhältnisses hin ausgerichtet. Über die Beschäftigungssicherheit hinaus spielt jedoch z. B. die Lohnhöhe bei der Bemessung reproduktiver Prekaritätsrisiken eine wichtige Rolle. Ein formal unbefristetes und tarifiertes Beschäftigungsverhältnis, das mit einem Niedriglohn (wenig als zwei Drittel des Medianlohns, eines gewichteten Durchschnittslohns) entgolten wird, kann als prekär bezeichnet werden. Bei weniger als 50% des Medians handelt es sich um Armutslöhne (Bosch u. a. 2007). Auch die qualitative Dimension von Erwerbsarbeit kann bei der Definition von Prekarität als eigenständige Quelle der Destabilisierung begriffen werden. Etwa dann, wenn der Anspruch, die eigene Arbeit möglichst gut und professionell machen zu wollen, in Überausbeutung mündet und zu psychischen Erkrankungen führt. Die qualitative Dimension von Arbeitsansprüchen liefert zudem Kriterien für eine Differenzierung innerhalb der »Zone der Integration« (Kronauer 2002, 210). Schon rein logisch bedeutet dies, dass höchst unterschiedliche Formen von Prekarität denkbar sind. Eine prekäre Beschäftigung kann mit kreativer Arbeit verbunden sein; umgekehrt kann eine sichere Beschäftigung auch mit überaus prekären Tätigkeitsformen einhergehen. Eine Kombination und wechselseitige Verstärkung beider Dimensionen von Prekarität ist ebenfalls möglich. Neben den strukturellen Kriterien können auch die subjektiven Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigung und prekärer Arbeit in die Begriffsdefinition einbezogen werden (Dörre 2005, 2012; Sander 2012). Eine Erwerbstätigkeit, die strukturell als prekär zu bezeichnen ist, muss subjektiv keineswegs als heikel eingestuft werden. Strukturelle Prekaritätsrisiken können auch dann vorhanden sein, wenn es sich im Bewusstsein der Betreffenden um eine erwünschte Form der Erwerbstätigkeit handelt. Insofern bildet die Kategorie prekäre Beschäftigung eine besondere Beziehung von Erwerbstätigen zu ihrer Erwerbsbiographie ab. Ein nach strukturellen Merkmalen prekäres Beschäftigungsverhältnis konstituiert eine erwerbsbiographische Problemlage, die aktiv bearbeitet wird. Dabei beeinflussen der Neigungswinkel der Erwerbsbiographie, individuelle Qualifikationen und Kompetenzen, Konstruktionen von Geschlecht, Nationalität und Eth-

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nie sowie das Lebensalter die Art der Auseinandersetzung mit und die Bewertung von prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen. Bezieht man die Fremd- und Selbstwahrnehmungen ein, so ist Prekarität weder mit vollständiger Ausgrenzung aus dem Erwerbssystem und absoluter Armut, noch mit totaler sozialer Isolation und erzwungener politischer Apathie identisch, wenngleich der Begriff solche Phänomene einschließen kann. Vielmehr handelt es sich um eine relationale Kategorie, deren Aussagekraft wesentlich von der Definition gesellschaftlicher Normalitätsstandards abhängt. Wo unsichere Arbeit zum Dauerzustand wird und die Verrichtung solcher Tätigkeiten soziale Lagen für gesellschaftliche Gruppen konstituiert, kann im Anschluss an Castel (2000, 15) von der Herausbildung einer »Zone der Verwundbarkeit« gesprochen werden. Mit Prekarisierung werden indessen soziale Prozesse bezeichnet, die über die Erosion von Normalitätsstandards auch auf die sozial Integrierten zurückwirken können. Der Begriff Prekariat ist ein Neologismus, der sich aus den Wörtern Prekarität und Proletariat zusammensetzt. Ursprünglich stammt er aus der politischen Soziologie und der Wahlforschung. Dort bezeichnet er sozialmoralische Milieus, in welchen sozialstrukturelle Merkmale mit spezifischen Präferenzen, etwa der Affinität zu populistischen Bewegungen, verschmelzen (Neugebauer 2007). Allerdings sind die Beziehungen zwischen prekären Arbeits- und Lebensformen einerseits und der gesellschaftlichen Sozialstruktur andererseits noch einigermaßen ungeklärt. Einiges spricht für einen engen Zusammenhang zwischen sozialer Klassenlage und der Verteilung von Prekaritätsrisiken (Pellizari 2009). Doch das sogenannte Prekariat ist keine homogene Klasse; auch ist es nicht mit einer gesellschaftlichen Unterschicht identisch (Scherschel/Booth 2012). Prekarisierungsprozesse durchziehen »die Gesellschaftsstruktur auf breiter Front« und entfalten ihre Wirkung »im Inneren der verschiedenen sozialen Gruppen« (Castel 2009, 30). Dennoch gibt es Anzeichen für eine »Institutionalisierung des Prekariats« (Castel 2011) bzw. für eine politische Konstruktion neuer »Unterklassen« oder »Unterschichten« (Scherschel/Booth. 2012). Andere Autoren hingegen bezweifeln die Herausbildung prekärer Soziallagen und verorten das Phänomen eher auf der Ebene instabiler Biographien und Erwerbsverläufe (Vogel 2006, 346). Ebenfalls strittig ist die Beziehung zwischen Prekariat und Sozialkonfliktlinien. Sehen die einen im Prekariat eine neue »Lazarusschicht«, die zu politischer Apathie neigt und Abstiegskonkurrenzen über die Mobilisierung von Ressentiments austrägt (Castel 2005, 67-73), verweisen andere auf

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7 das besondere, eigensinnige Partizipationspotential dieser Gruppen (Tait 2005) oder auf deren Fähigkeit zu kollektiver (gewerkschaftlicher) Selbsttätigkeit (Choi 2011). Standing (2011) wiederum betrachtet »The Precariat« als zeitgenössische Ausprägung der »gefährlichen Klassen«, denen durchaus ein Potential wenn schon nicht zu kollektiver Handlungsfähigkeit, so doch zu regelverletzenden Aktivitäten, Protesten und Revolten eigen ist.

Ungeachtet solcher Kontroversen kann die, noch junge, empirische Prekarisierungsforschung inzwischen eine Reihe von gesicherten Ergebnissen präsentieren. Zusätzlich zu den bereits genannten Erkenntnissen haben sich vier Befunde als besonders bedeutsam erwiesen. (1) Ausmaß: Prekäre Beschäftigung breitet sich in den meisten europäischen Staaten aus. Eine gewisse Ausnahme stellen die skandinavischen Länder dar (Paugam 2009). Tatsächlich basierte das Job-Wachstum in den EU-Staaten während der zurückliegenden Dekaden in erheblichem Maße auf einem Zuwachs an flexiblen, überwiegend prekären Arbeitsverhältnissen. Auch in Deutschland ist die Zunahme atypischer Erwerbsverhältnisse (Zeitarbeit, befristete Beschäftigung, Teilzeitarbeit, geringfügige Beschäftigung) um 46,2% (1998-2008) ein – allerdings äußerst unzuverlässiger – Indikator für den anhaltenden Prekarisierungstrend. Wenngleich nicht jedes atypische Beschäftigungsverhältnis prekär sein muss, sind nichtstandardisierte Beschäftigungsverhältnisse im Regelfall doch mit deutlich niedrigeren Einkommen sowie höheren Arbeitslosigkeits- und Armutsrisiken verbunden (Statistisches Bundesamt 2009). 2008 befanden sich 7,7 Mio. Erwerbstätige in einem atypischen Beschäftigungsverhältnis (gegenüber 22,9 Mio. in Normalbeschäftigung). Hinzu kamen 2008 2,1 Mio. Soloselbstständige (ebd.) sowie eine rasche Ausdehnung niedrig entlohnter Beschäftigung (Bosch/Weinkopf 2007). Studierende und Rentner eingeschlossen, arbeiteten 2009 ca. 23% der Beschäftigten im Niedriglohnsektor (Kalina/Weinkopf 2012). Im prekären Sektor finden sich überdurchschnittlich viele Frauen, Migranten und Geringqualifizierte. Zunehmend sehen sich aber auch qualifizierte Arbeitskräfte mit Prekaritätsrisiken konfrontiert. Drei Viertel der Niedriglohnbezieher haben eine abgeschlossene Berufsausbildung, sieben Prozent einen akademischen Abschluss (Weinkopf 2010). Solche Daten gelten für die Bundesrepublik, die sich von einer erodierenden Lohnarbeits- zu einer prekären Vollerwerbsgesellschaft

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3 Ausgewählte Forschungsergebnisse

entwickelt hat (Dörre/Haubner 2012). Vor allem in der südlichen Peripherie Europas – in Griechen-land, Spanien und Portugal – ist Prekarität indessen wieder zu einem Massenphänomen geworden, bei dem unklar ist, dass es sich überhaupt noch dem Typus einer diskriminierenden Prekarität zurechnen lässt. (2) Strukturelle Ausprägungen: Neben dem dauerhaften Ausschluss von Erwerbsarbeit als unterem Bezugspunkt eines relationalen Prekaritätsbegriffs sowie der Expansion unsicherer Beschäftigung und Arbeit stellen die kollektiven Statusängste von Stammbeschäftigten eine wichtige Ausprägung von Prekarität dar. Das betrifft vor allem die Großgruppe der Arbeiter. Ging der sozialbürokratische Kapitalismus mit dem kollektiven Aufstieg der Industriearbeiterschaft einher, sorgen Ausweitung des Weltmarktes für Produktionsstandorte, sozialstruktureller Wandel und die Erosion des Sozialbürgerstatus nun für einen kollektiven Abstieg dieser Großgruppe. Rationalisierungseffekte und Arbeitsmarktrisiken treffen zunehmend qualifizierte Arbeitergruppen und auch Angestellte, die sich und ihren Beitrag zur gesellschaftlichen Produktivität lange Zeit für unverzichtbar gehalten hatten. Von den 64% der Bevölkerung, die sich zur leistungsorientierten Mitte zählen, leben inzwischen ca. 20% in »prekärem Wohlstand«. Ein Fünftel derjenigen, die sich zur »arbeitnehmerischen Mitte« zählen, war zu Anfang des Jahrzehnts bereits ein- oder zweimal arbeitslos. Der Glaube, dass sich die eigene Situation und die der nachfolgenden Generation langsam, aber kontinuierlich verbessert, dass Wohlstand und Sicherheit beständig zunehmen, ist grundlegend erschüttert (Vogel 2009). Dass die Organisation überindividueller Interessen und die gemeinsame Aktion Bedingungen eines kollektiven Aufstiegs sein können, ist als Erfahrung mehr und mehr verloren gegangen. Ein Aufstieg scheint nur noch individuell, als Selbstbehauptung in der Konkurrenz, möglich. Daraus erwachsen subjektive Orientierungen, die Klassifikationskämpfe innerhalb der Arbeiterschaft provozieren und zugleich Abgrenzungen gegenüber vermeintlich unproduktiven, »parasitären« Teilen der Gesellschaft auslösen (Dörre u. a. 2011, 21-50). Zwar gibt es noch immer Indizien für eine erhebliche Stabilität der sozialen Mitte; angesichts einer Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse »gerade am Rand der gesellschaftlichen Mitte«, sinkender Einkommensvorsprünge und wachsender Arbeitsmarktrisiken sind Existenzängste jedoch selbst im abgegrenzten »Kern der gesellschaftlichen Mitte« zu beobachten (Werding/Müller 2007, 157; Grabka/Frick 2008). (3) Kontrolle: Prekarität wirkt als Herrschafts- und Kontrollsystem, das auch formal integrierte Gruppen diszipliniert (Bourdieu 1998; Dörre 2012; Holst u. a. 2009). Durch Konfrontation mit unsicher Be-

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schäftigten forciert die Prekarisierung auch innerhalb der Stammbelegschaften einen Trend zur Produktion »gefügiger Arbeitskräfte« (Boltanski/Chiapello 2003, 262). Dieser Disziplinierungsmechanismus kann rechtspopulistische und fremdenfeindliche Tendenzen fördern (Dörre u. a. 2006; Heitmeyer 2008, 2010); er kann aber auch zum Auslöser neuer Protest- und Arbeiterbewegungen werden (Silver 2005). In Portugal war es z. B. eine kleine, lediglich informell organisierte Gruppe prekär Lebender, die im Sommer 2012 Hunderttausende zu Protesten gegen die Austeritätspolitik der Regierung mobilisierte, und der damit etwas gelang, worum sich die Gewerkschaften zunächst vergeblich bemüht hatten. Insofern ist Prekarität als politisches Phänomen tatsächlich »überall« (Bourdieu 1998, 96102), d. h. ihre sozialen und politischen Wirkungen finden sich in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen und Segmenten des Arbeitsmarktes und der Gesellschaft. Aber sie betrifft nicht jede und jeden unmittelbar und sie wirkt nicht immer gleich. Nicht zu bestreiten ist jedoch ihre disziplinierende Kraft: Wenn die Existenz unsicher geworden ist, »dominiert die Sorge um den Erhalt ihres Arbeitsplatzes, so widerwärtig er auch sein mag« (Bourdieu 2000, 72), alles andere. Auf längere Sicht wird diese Form der Disziplinierung jedoch selbst für die Kapitalverwertung zu einem Problem. Die sozialen Voraussetzungen für erfolgreiche Prozess- und Produktinnovationen erodieren. Die Loyalität der Beschäftigten gegenüber den Unternehmen und die Arbeitsmotivation leiden; das kann sich in Qualitätsmängeln ebenso niederschlagen wie in sozialen Pathologien (die Selbstmordserie von Angestellten bei France Telekom als extremes Beispiel). (4) (Des-)Integrationsparadox: Trotz ihrer diskriminierenden Wirkung mündet Prekarität jedoch nicht linear in gesellschaftlichen Zerfall und Desintegration; vielmehr kann sie zu einer eigentümlichen Stabilisierung instabiler gesellschaftlicher Verhältnisse beitragen (Dörre 2012, 36). Dabei wird die sozialintegrative Wirkung sozial geschützter Lohnarbeit durch sekundäre Integrationsmechanismen ersetzt. Im Grunde handelt es sich um schwache, kompensatorische Formen gesellschaftlicher Integration, die entweder auf »Normalisierungshoffnungen« oder auf einer Aufwertung partikularer Zugehörigkeiten und der Nutzung geborgter oder angesparter Ressourcen beruhen. Sofern dies in Handlungsstrategien mündet, die ein Überleben in prekären Verhältnissen sicherstellen sollen, ist gesellschaftliche Integration über prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse kein »Erfolgsbegriff« (Peters 193, 92), sondern Indiz für die Herausbildung eines neuen Kontrollmodus, der soziale Teilhabe sukzessive durch eine

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10 Disziplinierung mittels permanenter Bewährungsproben (Boltanski/ Chiapello 2005) ersetzt.

Keines der, hier nur exemplarisch vorgestellten, Forschungsergebnisse ist in der sozialwissenschaftlichen und politischen Debatte unumstritten. Als wichtige Kontroversen innerhalb der Prekarisierungsforschung lassen sich zusätzlich zu den genannten Themen vier weitere Forschungsfelder benennen: (1) Gender und Prekarität: Die feministische und Genderforschung hat den männerzentrierten Blick der Prekarisierungsdebatte kritisiert (Nickel 2009; Aulenbacher 2009; Scherschel/Booth 2012). Sie verweist auf den engen Zusammenhang von Normalarbeitsverhältnis und männlicher Dominanz. Der Prekarisierungsforschung hält sie vor, diese Verkoppelung wegen ihrer »traditionalistischen« Orientierung am Normalarbeitsverhältnis zu verfehlen. Diese Kritik ist auch deshalb bedeutsam, weil sie gravierende Verschiebungen bei den Maßstäben arbeitsweltlicher Integration signalisiert. Integration ist inzwischen auch über flexible Beschäftigungsformen möglich. Konventionelle Einbindung über halbwegs gut entlohnte, unbefristete Vollzeitbeschäftigung und darauf gegründete Arbeitsansprüche ist die eine Variante der Einbindung; unkonventionelle Integration in flexibler Beschäftigung bei hoher Identifikation mit den Inhalten der Tätigkeit und starker Integration in soziale Netze am Arbeitsplatz stellt eine andere Form arbeitsweltlicher Integration dar. Kontrovers diskutiert wird indessen, ob es sinnvoll ist, die »Prekaritätskategorie« auf Phänomene eines unsicheren Lebens (Jürgens 2011) auszudehnen. Sehen feministische Forschungen darin eine unverzichtbare Erweiterung, fürchten Kritiker, dass eine solche Ausweitung die analytischen Unschärfen des Konzepts bis zur Unkenntlichkeit verstärkt und zu dem Verlust von Diagnosefähigkeit beiträgt. (2) Care Work und Prekarität: Ungeachtet dieser Kontroverse ist ein Zusammenhang von flexiblen Produktionsweisen einerseits und Pflege-/Sorgearbeit bzw. reproduktiven Tätigkeiten (Aus- und Weiterbildung etc.) andererseits nicht zu übersehen. Eine Besonderheit dieser reproduktiven Tätigkeiten, die sie mit bezahlten Humandienstleistungen teilen, ist ihre Sperrigkeit gegenüber Rationalisierungsbemühungen. Aufgrund dieser Rationalisierungsresistenz müsste die Abhängigkeit nicht nur der Klienten, sondern des gesamten Produktionssektors von den Care-Tätigkeiten eigentlich wachsen; die gesellschaftliche Wertschätzung der Sorge- und Pflegearbeit müsste

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4 Offene Fragen, Kontroversen, Forschungsperspektiven

zunehmen und im Falle professioneller Dienstleistungen müssten die Löhne steigen. Empirisch lässt sich dergleichen aber nicht nachweisen. Eher ist das Gegenteil der Fall. Statt einer Aufwertung von care work zeichnet sich eine gesellschaftliche Abwertung und Prekarisierung dieser Tätigkeiten ab, die sich nicht allein auf ökonomischen Zwang, sondern wesentlich auf politische Disziplinierung zurückführen lässt. Reproduktive Tätigkeiten werden okkupiert, jedoch qua politisch-kultureller Disziplinierung als minder bezahlte oder Gratisressourcen angeeignet und prekarisiert (Madörin 2007; Dörre/Haubner 2012). Die Wirkungsmechanismen im Bereich von Care Work sind insgesamt aber noch kaum erforscht. Es handelt sich um ein Feld, bei dessen Erschließung an frühe Konzepte von »Subsistenzarbeit« (Mies 1983), einem feministischen Vorläufer der Prekarisierungsforschung, angeknüpft werden kann. (3) Inter- und transnationale Perspektive: Weitere Fragen stellen sich, sobald der »nationale Container« als Analyserahmen verlassen wird. Verengt man Prekarität auf ihre postsozialstaatlichen Ausprägungen in fortgeschrittenen Kapitalismen (so der Vorschlag von Vogel 2009), wäre dieses Phänomen in den Gesellschaften des globalen Südens gar nicht existent. Damit bliebe jedoch eine soziologische Debatte unberücksichtigt, die – u. a. in Schwellenländern wie Südafrika und China – nicht nur prekäre Arbeit untersucht, sondern mit Blick auf die Erosion sozialer Regeln von »prekären Gesellschaften« spricht (von Holdt 2012). Prekarität in Gesellschaften ohne Wohlfahrtsstaat ist soziologisch betrachtet von elementarer Bedeutung, weil sie für viele Länder des globalen Südens und neuerdings auch für einige Krisenländer der europäischen Peripherie eine Mehrheitsperspektive darstellt (Jütting/Laiglesia 2009; ILO 2013). Aus diesem Grund wird eine international vergleichende Forschung künftig verschiedene Prekaritäts-Typen unterscheiden müssen, die jedoch nicht parallel existieren, sondern häufig über transnationale Wertschöpfungsketten verknüpft und integriert werden. In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass Pierre Bourdieu elementare Mechanismen der Prekarisierung nicht in fortgeschrittenen Kapitalismen, sondern am Beispiel der algerischen Übergangsgesellschaft analysiert hat (Bourdieu 2000), um sie dann mit Blick auf den zeitgenössischen Kapitalismus zu aktualisieren. (4) Kollektive Handlungsfähigkeit: Eine solche Aktualisierung ist auch hinsichtlich der Frage nach der kollektiven Handlungsfähigkeit des Prekariats sinnvoll und notwendig. Vielen Autoren gilt die neue Prekarisierung als Treiber postdemokratischer Tendenzen, weil sie es für unsicher Beschäftigte schwieriger macht, »sich selbst als klar definierte soziale Gruppe wahrzunehmen« (Crouch 2008, 71). Die entsolida-

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risierende Wirkung der Prekarität haben Beaud/Pialaux (2004) anhand des Zerfalls einer militanten Arbeiterkultur in einem französischen Automobilwerk eindrucksvoll beschrieben. Die postsozialstaatliche Konfliktlinie, die Prekarisierungsprozesse erzeugen, ist zumindest für Westeuropa etwas Neues. Sie bewirkt, dass der soziale Konflikt nur noch für immer weiter schrumpfende Bevölkerungsgruppen innerhalb der nationalen Systeme organisierter Arbeitsbeziehungen und kollektiver Tarifvertragssysteme ausgetragen wird. Jenseits der organisierten Arbeitsbeziehungen und der erodierenden Sicherungssysteme vollzieht sich der Übergang zu nichtnormierten Konflikten, geprägt durch Labor Unrest (Silver 2005), spontane Empörungen und klassenspezifische »Brotkonflikte« (nicht nur) in abgehängten Stadtteilen und Quartieren. Auf die Herausforderungen dieser neuartigen Konfliktformation haben bislang weder Gewerkschaften noch politische Parteien eine angemessene Antwort gefunden. Die Frage nach Chancen und Grenzen einer Selbstorganisation der Unorganisierbaren thematisiert daher das demokratische Selbstverständnis europäischer Gesellschaften. Sie bezieht sich mittlerweile aber auf mehr als auf hypothetische Möglichkeiten. Politische Repräsentation von prekarisierten Gruppen kann sich über Formen eines inklusiven Organizing, wie es italienische und auch deutsche Gewerkschaften erproben (Leonardi 2008; Choi 2011), ebenso herstellen wie in sozialen Bewegungen, Protesten, Revolten und Aufständen von Ausgeschlossenen (Boltanski 2010; Standing 2011; Waddington u. a. 2009), denen nicht zwangsläufig eine antizivilisatorische Tendenz innewohnen muss. Es ist dringend nötig, diese nicht normierten Konflikte auch aus der Forscherperspektive genauer in den Blick zu nehmen.

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Integrative Analyse: Prekarität als System permanenter Be-

währungsproben Um den oben skizzierten unterschiedlichen Ansprüchen und Erwartungen an eine soziologisch aussagekräftige Prekarisierungsforschung Rechnung tragen zu können, wird es künftig nötig sein, integrative Analysekonzepte zu entwickeln. Dabei wird es auch darum gehen müssen, metatheoretische Überlegungen und Zeitdiagnostik mit feldspezifischen empirischen Forschungen zu verbinden. Eine solchermaßen integrative Perspektive kann an die pragmatische Soziologie Luc Boltanskis anknüpfen. Deren Grundgedanke lautet, dass sich die Akzeptanz sozialer Ungleichheit und Unsicherheit durch eigensinniges Handeln von Akteuren in obligatorischen Auswahlprüfun-

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gen erklären lässt. Für diese Prüfungen müssen sich Menschen qualifizieren, um Zugang zu bestimmten sozialen Positionen zu erhalten. Die Kategorie der Bewährungsprobe – oder synonym: die des Wettkampfs oder der Auswahlprüfung – ist erklärungsbedürftig. Im Kontext der Prekarisierungsforschung dient das Wettkampfkonzept vor allem dazu, die spannungsreiche Durchsetzung von Kommodifizierungspolitiken auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen aus der Akteursperspektive zu beleuchten. Elementar für den Ansatz sind die Begriffe Bewährungsprobe, oder synonym Wettkampf bzw. Auswahlprüfung. Eine Gesellschaft kann »durch die Natur der von ihr begründeten Bewährungsproben definiert werden« (Boltanski/Chiapello 2003, 74). Bewährungsproben umfassen dabei stets beides: die machtgeleitete Auseinandersetzung (Kraftprobe) einerseits und die in Gerechtigkeitskonzepte eingebettete Wertigkeitsprüfung andererseits (Boltanski/Chiapello 2003, 526-566; Boltanski 2010). Individuen oder Klassen von Individuen müssen sich für Prüfungen qualifizieren, um Zugang zu bestimmten sozialen Positionen zu erlangen. Gesellschaften konfrontieren Individuen (Mikroperspektive), aber auch Klassen von Individuen (Makroperspektive) daher immer wieder mit Situationen, in denen sie ihre Kräfte messen. Als bloße Kraftproben münden Wettkämpfe in eine Feststellung und gegebenenfalls in eine Fixierung gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse. Moralische Urteile spielen dabei keine Rolle; es geht allein um den Einsatz von Machtressourcen, um Sachverhalte ohne Werturteil. Anders verhält es sich in der Dimension sozialer Ordnungen, wo das Kräftemessen einem Rechtfertigungszwang unterliegt. In legitimen Bewährungsproben wird über die Wertigkeit von Personen und Personengruppen im sozialen Gefüge geurteilt. Legitime Bewährungsproben kommen daher nicht ohne Gerechtigkeitsvorstellungen aus. Der Übergang von der Kraftprobe zur legitimen Bewährungsprobe beinhaltet »soziale Identifizierungs- und Qualifizierungsbemühungen« (Boltanski/Chiapello 2003, 73), in welchen die sozialen Akteure ihre Ressourcen offenlegen und unterscheidbar machen. Denn um von einem Gerechtigkeitsstandpunkt aus überhaupt bewertbar zu sein, benötigen Bewährungsproben ein eindeutig bestimmbares Format. Es muss sich um besondere Situationen mit Prüfungscharakter handeln – sei es nun ein Wettrennen, eine Lateinklausur oder auch die Qualifizierung für eine Festanstellung. Zur Anwendung kommen nur jene Ressourcen, die dem Charakter der Auswahlprüfung entsprechen. Es obliegt den Institutionen, Bewährungsproben »eine Form zu geben, ihren Ablauf zu kontrollieren und so dem illegitimen Einsatz externer Ressourcen vorzubeugen«, um Gerechtigkeit zu wahren (ebd., 73). In

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Gesellschaften, in denen viele Bewährungsproben Rechtfertigungszwängen unterliegen, »wird die Stärke der Starken gemindert« (ebd.). Dennoch handelt es sich bei Kraftproben und Wertigkeitsprüfungen auch im Falle legitimer Bewährungsproben nicht um einander ausschließende Mechanismen. In Auswahlprüfungen sind stets beide Dimensionen aufeinander bezogen. Wie lässt sich diese abstrakte Überlegung auf Prekarisierungsphänomene beziehen? Der hier exemplarisch unterbreitete Vorschlag lautet, die Kategorie des Wettkampfsystems bzw. der Auswahlprüfung/Bewährungsprobe analytisch zu nutzen, ohne Boltanskis Überlegungen in Gänze zu übernehmen. Zeitgenössische Formen von Prekarität resultieren wesentlich aus dem Bemühen, widersprüchlichen Interessen und Handlungsanforderungen von Unternehmen zu entsprechen. Angesichts der Anforderungen volatiler Märkte laufen solche Bemühungen im Grunde auf eine Quadratur des Kreises hinaus. Einerseits gibt es ein Interesse exportorientierter Unternehmen, loyale, qualifizierte Stammbeschäftigte zu binden, andererseits sollen Renditen stabil gehalten, Anforderung von Analysten und Eigentümern bedient und gegebenenfalls auch Entlassungskosten vermieden werden. Solche Widersprüchlichkeit sucht das Management seit jeher mittels Konstruktion von Sondergruppen zu meistern. Ethnische und Geschlechterkonstruktionen werden genutzt, um Frauen oder Migranten als Zuverdienerinnen oder auch als Arbeitskräfte mit »Gaststatus« in die weniger attraktiven Segmente betrieblicher Arbeitsmärkte zu lenken und ihnen zugleich besondere Flexibilisierungsleistungen abzuverlangen (Balibar/Wallerstein 1988). Prägend für das zeitgenössische Disziplinarregime ist jedoch nicht die Instrumentalisierung von Ethnie und Genus, neu ist vielmehr, eine Quasi-Institutionalisierung von Auswahlprüfungen, die auf unterschiedlichen Stufen der sozialen Hierarchie Zugänge nicht nur zu auskömmlichen Löhnen, halbwegs sicherer Beschäftigung und akzeptablen Lebensbedingungen, sondern auch zur Verfügung über Sozialeigentum 1 und zu sozialen Netzen regulieren und so Definitionsmacht über einen gesellschaftlichen »Sonderstatus« erlangen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die Verteilung von knappem Sozialeigentum nunmehr über – häufig geschlechterdiskriminierende – Prüfungsformate verläuft, die sich in und neben den regulären beruflichen Integrationsformen etabliert haben. Flexibilisierungsleistungen, die prekär Beschäftigte und Ausgegrenzte in diesen Bewäh-

(1) »Das soziale Eigentum ließe sich als Produktion äquivalenter sozialer Sicherungsleistungen bezeichnen, wie sie zuvor allein das Privateigentum lieferte« (Castel 2005, 42-43).

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rungsproben erbringen müssen, werden in der Regel nicht zertifiziert. In jedem sozialem Feld sind es je besondere und teilweise implizite Interessenkoalitionen, die die Prüfungsformate definieren. Angeregt durch empirische Forschungen lassen sich drei Ebenen des neuen Wettkampfsystems unterscheiden: die betrieblichen Auswahlprüfungen an der Schnittstelle von Stammbelegschaft und flexibel Beschäftigten, die Auswahlprüfungen des Lebenslaufregimes an der Schnittstelle von Erwerbsarbeit und Reproduktionstätigkeit sowie die überwiegend staatlichen Auswahlprüfungen an der Schnittstelle von Beschäftigungssystem und Erwerbslosigkeit. An dieser Stelle ist es nicht möglich, die Prüfungsformate und die mit ihnen verbunden Kraftproben und Wertigkeitsprüfungen auch nur skizzenhaft darzustellen (vgl. Dörre/Haubner 2012). Gemeinsam ist betrieblichen, staatlich initiierten und privaten Bewährungsproben jedoch, dass sie als Medium eines historisch neuen Disziplinarregimes diskriminierender Prekarität wirken. Diese Form der Prekarität korrespondiert mit Machtasymmetrien, die deutlich über das hinausgehen, was in den 1980er Jahren als »sekundäres Machtgefälle« am Arbeitsmarkt bezeichnet wurde (Offe/Hinrichs 1984, 44-86). Es geht nicht mehr »nur« um Problemgruppen, die ihre »›gebrochene Normalität‹ als Arbeitnehmer« mittels Ausübung von Alternativrollen zumindest subjektiv entschärfen und so zu überdurchschnittlich geduldigen und belastbaren Arbeitnehmerinnen werden (ebd. 79). Der Typus einer diskriminierenden Prekarität erzeugt ein Machtgefälle, das mit den diversen Segmenten der Erwerbsarbeitsgesellschaft zugleich die Reproduktionsverhältnisse durchdringt. Er erzeugt einen gesellschaftlichen Sonderstatus, der sowohl aus der Perspektive noch gesicherter Gruppen als auch in der Selbstwahrnehmung der Prekarisierten als Minderheitenproblematik erscheint. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung existiert eine soziale Hierarchie, in der diejenigen, die in den schwierigsten Verhältnissen leben müssen und die zugleich über die geringsten Machtressourcen verfügen, sich als Angehörige minoritärer Gruppen erleben, deren alltägliche Lebenspraxis von den Standards der »Mehrheitsgesellschaft« abweicht. Dieser Sonderstatus wird auch über Genus, Nationalität und Ethnie konstruiert; er stellt jedoch etwas Eigenes dar. Prekär zu leben bedeutet, bei der Verfügung über Machtressourcen schwach zu sein. Im Erwerbssystem ist die kollektive Organisations- und institutionelle Macht prekarisierter Gruppen unterdurchschnittlich entwickelt. Im Reproduktionsbereich wird die relative Ohnmacht durch fehlende Zeitsouveränität und selektive Zugänge zu sozialen Netzen zusätzlich verstärkt. Wenngleich die schwachen Positionen der Prekarisierten im

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Produktions- und Reproduktionssektor jeweils besondere Ursachen besitzen, erzeugen sie einen gleichgerichteten Effekt. Immer scheint es, als lasse sich die nächste Stufe in der sozialen Hierarchie, die ein wenig Mehr an »Normalität« verspricht, durch eigene Anstrengung erklimmen. Für die Sozialhilfeempfängerin, die niemals längerfristig erwerbstätig war, wird die Familiengründung zur letzten Chance, Anschluss an die gesellschaftliche »Normalität« zu erreichen. Die »niedrigschwellige Maßnahme« gilt ihr als Zugang zu einer bislang unbekannten Welt der Erwerbsarbeit und der Ein-Euro-Job als lebensgeschichtliche Herausforderung. Der Ein-Euro-Jobber empfindet die ABM-Maßnahme als »Glücklos in der Lotterie«. Für die ABM’lerin verheißt die Leiharbeit in der Automobilindustrie eine attraktive Perspektive; der Leiharbeiter wiederum beneidet die befristet Beschäftigte, weil diese immerhin auf Zeit der Stammbelegschaft angehört. Stets entscheidet die Verfügung über Zeitressourcen und soziale Kontakte im Lebenszusammenhang mit darüber, ob man die nächste Sprosse auf der Leiter, die nach oben führt, erreicht. Was aus der gesellschaftlichen Makroperspektive als Blockierung von Lebenschancen interpretiert werden kann, erscheint in der Mikroperspektive als Bewährungschance für kleine, aber subjektiv eminent bedeutsame Positionsverbesserungen. Mehrheitlich fühlen sich die Prekarisierten dabei als Angehörige von Minderheiten, die selbst alles dafür tun müssen, um Anschluss an das »normale Leben« zu gewinnen. Festangestellte wiederum fürchten nichts mehr, als in der Hierarchie auf einen solchen Minderheitenstatus zurückzufallen. Auf diese Weise erzeugen die Bewährungsproben diskriminierender Prekarität ein feingliedriges System der (De-)Privilegierung, das auch jene diszipliniert, die nicht oder noch nicht in prekären Verhältnissen leben müssen. Das Wechselspiel von Disziplinierung und Selbstdisziplinierung, das den gesamten Lebenszusammenhang durchdringt, maskiert indessen den Herrschaftscharakter von Prekarisierungsprozessen. Das skizzierte Disziplinarregime ist Bestandteil eines Kontrollmodus, der die eigentlich Herrschenden unsichtbar macht. In ihrem Bemühen, die Bewährungsproben diskriminierender Prekarität erfolgreich zu absolvieren oder sie nach Möglichkeit zu vermeiden, geraten die eigentlichen »Verantwortungsträger«, die die Prüfungsformate festlegen, aus dem Blick. Stattdessen nimmt auch unter den Subalternen die Neigung zu exklusiven, ausschließenden Gruppensolidaritäten zu. Ändern lässt sich dies nur, wenn es gelingt, die Prüfungsformate und die mit ihnen verwobenen Rechtfertigungsordnungen durch eine erneuerte Sozialkritik nachhaltig zu beeinflussen. Gegenwärtig stoßen

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drei Formen der Prekarisierungskritik auf gesellschaftliche Resonanz. Die immanente Kritik greift die alltägliche Perspektive eines (Über-) Lebens in prekären Verhältnissen auf und drängt dazu, »nach dem kreativen Umgang der Subjekte mit gesellschaftlichen Verunsicherungsprozessen« zu forschen (Manske/Pühl 2010, 10). Obwohl sie z. B. mit den neuen Dienstbotenverhältnissen zugleich den Herrschaftscharakter diskriminierender Prekarität im Reproduktionssektor aufdeckt, fällt es dieser Kritikvariante schwer, Übergänge vom individuellen zu kollektivem Handeln zu bestimmen. Es geht ihr vor allem um eine gerechte Verteilung von Ressourcen, die eine erfolgreiche Bewältigung von Bewährungsproben ermöglichen. Die pragmatische Kritik zielt hingegen auf die – kollektive – Eindämmung von Prekarität. Mit gesetzlichen Mindestlöhnen, Equal-Pay-Regelungen u. ä. beabsichtigt sie, uneindeutige in legitime Bewährungsproben zu verwandeln. Weil sie im Reproduktionssektor, aber auch in Branchen wie dem Pflege- und Gesundheitssektor noch kaum verankert ist, muss sie häufig an die »Starken« appellieren, um den »schwachen«, prekarisierten Gruppen helfen zu können. Unklar bleibt bislang, ob diese Variante der Sozialkritik zu einer Sprache findet, die es ihr erlaubt, die Schranken einer kompetitiven Solidarität noch halbwegs geschützter Beschäftigtengruppen zu überschreiten. Von beiden Ausprägungen unterscheidet sich eine radikale Sozialkritik, deren Programm bislang nur in Andeutungen vorliegt. So schlägt z. B. Luc Boltanski vor, die Großgruppen der prekarisierten »Verantwortungslosen«, ihre Bewegungen und Revolten, die häufig nihilistisch erscheinen und die »Form unüberlegten Ausrastens« annahmen (Boltanski 2010, 226ff.), als Träger einer praktischen und zugleich erneuerten Sozialkritik ernst zu nehmen. Der antiinstitutionalistische Gestus, mit dem diese Kritikvariante operiert, mag befremden. Die diskursive Leistung dieser Kritikvariante besteht jedoch darin, dass sie den vermeintlichen Minderheitenstatus prekarisierter Gruppen attackiert. Jede der genannten Kritikvarianten besitzt ihre eigene Legitimität. Charakteristisch für die Gegenwart ist jedoch, dass es weder praktisch-politisch noch wissenschaftlich gelingt, die unterschiedlichen Kritikperspektiven bei Wahrung ihrer Eigenständigkeit zu einer produktiven Synthese zusammen zu fügen. Erst ein realistisches Bewusstsein um die transnationale Vielfalt unsicherer Arbeits- und Lebensverhältnisse, wie auch um die Pluralität widerständiger Bewegungen bietet die Chance, den Herrschaftsmodus diskriminierender Prekarität in Frage zu stellen. Auch deshalb ist es für eine sozialwissenschaftlich fundierte Sozialkritik zwingend nötig, keine der genannten kritischen Perspektiven aus ihren Überlegungen auszublenden.

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Die potentielle Leistungsfähigkeit des – hier nur grob skizzierten und noch in Entwicklung befindlichen – integrativen Ansatzes, lässt sich abschließend in fünf Punkten zusammenfassen: Erstens ist ein solcher Ansatz in der Lage, die empirische Analyse feldspezifischer Bewährungsproben auf ein heuristisches und metatheoretisches Modell von Gesellschaft und gesellschaftlicher Entwicklung zu beziehen. Die »finanzkapitalistische Landnahme« (Dörre 2012) ist ein solches Modell, das einerseits hilft, disparate empirische Phänomene zu ordnen, das andererseits aber auch durch empirische Forschungen korrigiert, modifiziert oder letztendlich gar verworfen und durch ein anderes Modell ersetzt werden kann. Zweitens lässt es dieser Ansatz zu, die sozialen Akteure der Prekarisierung als solche wahrzunehmen und ihr Agieren in Kraftproben und Wertigkeitsprüfungen zu analysieren. Drittens ist mit der Alltagskritik dieser Akteure an Prekarisierungsprozessen zugleich ein Resonanzboden bestimmt, auf den sich wissenschaftliche Sozialkritik mit gebotener analytischer Distanz und Eigenständigkeit beziehen kann, denn ohne solche Bezugspunkte in konkreten Alltagsphilosophien bliebe sie bedeutungslos. Viertens eignet sich das Wettkampfkonzept, um der Transnationalität von Prekarisierungsprozessen angemessen Rechnung zu tragen, weil es – statt ausschließlich unterschiedliche Institutionensysteme zu beleuchten – die Handlungsbedingungen und -strategien sozialer Akteure zum Gegenstand des Vergleichs macht. Leiharbeit z. B. ist ein Phänomen, das sowohl in Ländern des globalen Nordens, als auch in den sich entwickelnden Gesellschaften des globalen Südens eine wesentliche Facette von Prekarisierungsprozessen ausmacht. Nicht in erster Linie die Institutionalisierung dieser Beschäftigungsform, sondern die Art und Weise, in der sie als Bewährungsprobe initiiert wird, gibt Aufschluss über nationale Besonderheiten und transnationale Gemeinsamkeiten von Prekarität. Methodologisch bedeutet dies fünftens, dass sich eine so verstandene Prekarisierungsforschung als Spielart einer Public Sociology (Michael Burawoy) betreiben lässt. Gegen den herrschenden Mainstream erfolgreich betriebener Flexibilisierung kann sie das Unsichtbare sichtbar machen und den Prekarisierten zu einer eigenen Stimme im Konzert der öffentlichen Meinungen verhelfen. Und sie kann diese Stimme – im optimalen Fall – gemeinsam mit den Prekarisierten bzw. mit deren authentischen Repräsentanten konstituieren, ohne dabei selbst als politische Partei zu agieren. Exakt

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Fazit: Prekarisierungsforschung als Public Sociology

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dies ist es, was eine analytisch prägnante und zugleich gesellschaftskritische Prekarisierungsforschung zu leisten hätte.

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