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Beiträge zur Alten Geschichte, Papyrologie und Epigraphik TYCHE Beiträge zur Alten Geschichte Papyrologie und Epigraphik Band 4 1989 Verlag Adol...

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Beiträge zur Alten Geschichte, Papyrologie und Epigraphik

TYCHE Beiträge zur Alten Geschichte Papyrologie und Epigraphik

Band 4

1989

Verlag Adolf Holzhausens Nfg., Wien

Herausgegeben von:

Gerhard Dobesch, Hermann Harrauer, Peter Siewert und Ekkehard Weber In Zusammenarbeit mit:

Reinhold Bichler, Herbert Graßl, Sigrid Jalkotzy und Ingomar Weiler Redaktion:

Johann Diethart, Bernhard Palme, Hans Taeuber Zuschriften und Manuskripte erbeten an:

Redaktion TYCHE, c/o Institut für Alte Geschichte, Universität Wien, Dr.-Karl-Lueger-Ring 1, A-IOlO Wien. Beiträge in deutscher, englischer, französischer, italienischer und lateinischer Sprache werden angenommen. Eingesandte Manuskripte können nicht zurückgesendet werden. Bei der Redaktion einlangende wissenschaftliche Werke werden besprochen. Auslieferung:

Verlag A. Holzhausens Nfg., Kandlgasse 19-21, A-1070 Wien Gedruckt auf holz- und säurefreiem Papier. Umschlag: IG n 2127 (Ausschnitt) mit freundlicher Genehmigung des Epigraphischen Museums in Athen, Inv.-Nr. 8490 und P. Vindob. Barbara 8. 2

© 1989 by Verlag A. Holzhausens Nfg., Wien

Eigentümer und Verleger: Verlag A. Holzhausens Nfg., Kandlgasse 19-21, A-1070 Wien. Herausgeber: Gerhard Dobesch, Hermann Harrauer, Peter Sie wert und Ekkehard Weber, c/o Institut für Alte Geschichte, Universität Wien, Dr.-Karl-Lueger-Ring I, A-IOIO Wien . Hersteller: Druckerei A. Holzhausens Nfg. , Kandlgasse 19-21, A-I070 Wien. Verlagsort: Wien. - Herstellungsort: Wien. - Printed in Austria.

ISBN 3-900518-03-3 Alle Rechte vorbehalten.

INHALT Guido Bastianini (Milano) e Claudio Gallazzi (Milano), Ancora sull'epigrafe di Tebtynis (Tafel 1, 2) ........................................................... . Gheorghe Ceausescu (Bukarest), Vespasianus, princeps in melius mutatus ... .... 3 Francesca Cenerini (Bologna), Veleia -la dedica pubblica Nymphis et Viribus 17 Augustis (Tafel 3) ............................................................... Angelos Chaniotis (Heidelberg), Eine spätantike Inschrift aus dem kretischen Lyttos (Tafel 4) ................................................................. 25 Thomas Corsten (Köln), Zur Gründung von Prusa ad Olympum ............... 33 Gerhard Dobesch (Wien), Zur Einwanderung der Kelten in Oberitalien. Aus der Geschichte der keltischen Wanderungen im 6. und 5. Jh. v. Chr. ............. 35 Jean-Luc Fournet (Strasbourg), Un rer;:u d'impöt hermopolite (Tafel 5) ......... 87 Claudio Gallazzi (Milano) e Guido Bastianini (Milano), Ancora sull'epigrafe di Tebtynis (Tafel 1, 2) ............................................................ 1 91 Lindsay G. H. Hall (Oxford), Remarks on the Law of Ostracism ................ Ulrike Horak (Wien), I1tvotl1:irov IlOUcrtKOt; und BiK'rrop Tapa~ (Tafel 6) ....... 101 Julian Krüger (Berlin), Die Badeanlagen von Oxyrhynchos - eine historischterminologische Untersuchung. . . . . . . .. . .. . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . .. .. . . . . . . . . . . . 109 Bernhard Palme (Wien), Eine Quittung für annona militaris aus dem Hermonthites (Tafel 7) ......................................................................... 119 Bernhard P al m e (Wien), Zu den Unterabteilungen des Quartiers' Ayopai in Theben 125 Renate Pillinger (Wien), Ein Bischofsgrab mit Psalmzitat in Stara Zagora (Bulgarien)? (Tafel 8, 9) ............................................................. 131 Walter Scheide! (Wien), Zur Lohnarbeit bei Columella .......................... 139 Heikki Solin (Helsinki), Urnen und Inschriften. Erwägungen zu einem neuen Corpus römischer Urnen (Tafel 10-12) ........................................... 147 Gerd Stumpf (München) und Gerhard Thür (München), Sechs Todesurteile und zwei plattierte Hemidrachmen aus Dyme (Tafel 13) ........................... 171 Gerhard Thür (München) und Gerd Stumpf (München), Sechs Todesurteile und zwei plattierte Hemidrachmen aus Dyme (Tafel 13) ........................... 171 John Whitehorne (University of Queensland), Papyri from the Michigan Collection (Tafel 14 -16) .......................................................... 185 Gerhard Wirth (Bonn), Alexander, Kassander und andere Zeitgenossen. Erwägungen zum Problem ihrer Selbstdarstellung................................... 193 Jozef Wolski (Krakau), Die gesellschaftliche und politische Stellung der großen parthischen Familien..... . ........ .......... ...... ..... ......... ................ 221

Inhaltsverzeichnis

Klaas A. Worp (Santpoort), Kaisertitulaturen in Papyri aus dem Zeitalter Diokletians . . .. . ..... .. . ....... . .... ... .. . . .. . ........... ........... ....... . . . . ... ... Bemerkungen zu Papyri II (Korr. Tyche 21- 27) .. .... . .... .. . . ............... . .. .

229 233

Buchbesprechungen Luciana Aigner Foresti: P. Liverani, Municipium Augustum Veiens, Roma 1987 Luciana Aigner Foresti: A. Bosio, A. Pugnetti, Le tombe di Cerveteri, Modena

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1986 .............. .. .. . . . . .. . .. . . .. . .............................................

240

Luciana Aigner Foresti: M. Bonghi Jovino, Gli Etruschi di Tarquinia, Modena 1986 ... . ... . ..................... .. ........... .. ... . ... .. . .. . .... . . .... . ...... . ..

Luciana Aigner Foresti: Tarquinia. scavi e prospettive, Milano 1987 . ..... .. ... Luciana Aigner Foresti: F . Buranelli, La tomba Fran fois di Vulci, Roma 1987 Gerhard Dobesch: Michael Wörrle, Stadt und Fest im kaiserzeitlichen Kleinasien , München 1988 ...... . ... ... . . . . ...................... . .... . ..................... Gerhard Dobesch: Nadia Berti, La guerra di Cesare contro Pompeo, Milano 1988 ................... .. . ... . . ....................... . .. . ........................

240 243 244 245 246

Gerhard Do besch: Raphaela Drexhage, Untersuchungen zum römischen Osthandel, Bonn 1988 ......... . .... .... ...... . ........... . ..... . .. . ... .. . . . . ... . ......... .. . Gerhard Do besch: Pierre Cabanes, Les illyriens de Bardylis a Genthios (IV" - Ir siecles a. J .-C.), Paris 1988 .. ....... .. . . .. . .. . ... . ...... . . . .. ... ............. .. . Gerhard Do besch: Ursula Ortmann, Cicero. Brutus und Octavian - Republikaner und Caesarianer, Bonn 1988 .................................. . ...... .. .. . . .. ... Gerhard Do besch: Bernhard Goldmann, Einheitlichkeit und Eigenständigkeit der Historia Romana des Appian, Hildesheim, Zürich, New York 1988 ........... Gerhard Dobesch: Jochen Bleicken, Geschichte der römischen Republik, 3., überarb. Aufl., München 1988 ... .. .. .................. . .. ... . ..... ................. Gerhard Dobesch: Werner Dahlheim, Geschichte der römischen Kaiserzeit, 2., überarb. Aufl., München 1989 . .. . . . .. .. ..... . . . ... . . . .. . . . . .. . .... ........... . . Gerhard Do besch: Karl Dietrich Bracher, Verfall und Fortschritt im Denken der frühen römischen Kaiserzeit, Wien, Köln, Graz 1987 ..... . .. .. ... ..... .. .. . . . . Gerhard Do besch: Studien zur römischen Wirtschaftsgesetzgebung. Die Lebensmittelversorgung, Stuttgart 1988 . ............ . .. . ... ...... . .. ... . .............. . Gerhard D 0 besch: Dorit Schön. Orientalische Kulte im römischen Österreich, Wien, Köln, Graz 1988 .... .. . . . .. . . ................................................... Gerhard Dobesch: Csanad Balint, Die Archäologie der Steppe, Wien, Köln 1989 Gerhard Do besch: I Cristiani e l'Impero nel IV secolo. Colloquio sul Cristianesimo nel mondo antico, Macerata 1988 .................... . ....... . ................ . Johannes Kramer: E. Trapp, J. Diethart, G. Fatouros, A. Steiner, W. Hörandner, Studien zur byzantinischen Lexikographie, Wien 1988 ......... .. ..... . ... . .. . ..

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Indices: Johannes Diethart

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Tafel 1- 16

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GERHARD THÜR, GERD STUMPF

Sechs Todesurteile und zwei plattierte Hemidrachmen aus Dyme zu Syll.3 530, Münzkabinette Athen Nr. 4046 und München, Dyme 12 (Tafel 13)

I Die Inschrift Mit den Beiträgen von Aalders und Burelli Bergese schien die Diskussion um eine Inschrift aus Dyme, die über sechs Todesurteile wegen Münzvergehens berichtet, zu einem gewissen Abschluß gelangt'. Frau Burelli Bergese (23) sieht allenfalls in der Klärung der Terminologie des Münzwesens noch einen Weg, offen gebliebene Fragen zu lösen. Auf einem von V. Mitsopoulos-Leon, M. Sakellariou und A. Rizakis im Juni 1989 in Athen veranstalteten Symposion über Achaia und Elis hatte ich (Th.) Gelegenheit, über juristische Aspekte dieser Inschrift zu sprechen. Dem regen Interesse der dort versammelten Numismatiker, vor allem den Hinweisen von Frau J. Cargill Thompson (London) ist es zu _ danken, daß der Beitrag nun über das rein Rechtliche hinausgehe: Eine Münze, die mit den Todesurteilen in Verbindung zu bringen ist, sagt mehr aus als alle theoretischen Überlegungen. Im folgenden will ich zunächst den Text der Inschrift wiedergeben (nach Auskunft von Herrn M. Sakellariou wurde der Stein kürzlich zwar wiedergefunden, doch seien die Lesungen praktisch nicht mehr zu verifizieren 3). Die Interpretation kann sich auf vier Punkte beschränken: 1) Anhand der aus Dyme stammenden plattierten Münzen wird sich der Tatbestand des todeswürdigen Verbrechens relativ leicht ermitteln lassen. 2) Vor einem Blick auf das konkrete Geschehen ist eine Bestandsaufnahme der übrigen griechischen Quellen nötig, welche von der Todesstrafe für Münzfälscher sprechen. 1 G. J. D. Aalders, The City of Dyme Punishes Monetary Fraud, Talanta 10/11 (1978/79) 7 - 10; L. Burelli Bergese, L'epigrafe di Dyme, SylJ.1 530, 5, ASNp J 16, I (1986) 15 - 23. Zu Aalders nehmen Stellung P. R. Franke, Hamb. Beitr. z. Num. 30/32 (1976/78 [1985]) 312 f. und M. Oeconomides, A Survey of Num. Research 1978- 1984 I, hrsg. v. M. Price u. a., London 1986, 147. 2 Auf dem Umweg, verdächtige Bronzemünzen aus Dyme zu suchen (zu danken habe ich [Th.] dabei auch Herrn M. Price, Landon), gelangte Herr G . Stumpf schließlich zu der plattierten Hemidrachme im Münchener Münzkabinett. Auf das plattierte Stück aus Athen wies mich freundlicherweise Frau Cargill Thompson hin. Für Ratschläge danke ich in alter Verbundenheit auch Herrn P. R. Franke (Saarbrücken) und Herrn P. Siewert (Wien) sowie Herrn H. Nottmeyer (München). J So bereits J. Bingen, BCH 78 (1954) 87.

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Sechs Todesurteile und zwei plattierte Hemidrachmen aus Dyme

3) Auf diesen Grundlagen werden sich die an dem Vorfall in Dyme beteiligten Personen genauer bestimmen lassen, woraus wiederum Schlüsse auf den Ablauf der Prozesse gezogen werden können. 4) Schließlich wird die Inschrift nach dem Befund der Münzen genauer zu datieren sein. J . Martha, BCH 2 (1878) 98f.; R. Weil, ZfN 9 (1882) 235 nach Autopsie (SGDI 1613; Rec. Inser. jur. 11 Nr. 38, S. 371 f.); Syll.J 530 (H. W. Pleket, Epigraphica I 11). Zur Buchstabenform merkt Weil an: "Die Buchstaben zeigen schwache Apices; das Omikron und Omega etwas kleiner als die übrigen Buchstaben; Alpha in Z. 11 und 12 dreimal mit gebrochenem Mittelstrieh, Sigma durchgängig (schräg)" . Hiller (SylJ.l) hält A, ~, r im 3. Jh . für möglich. Die Inschrift wird Ende 3./ Anfang 2. Jh. (Rec.; Bingen, o. Anm. 3) bzw. Ende 3. Jh. (? SylJ.l) datiert.

1 2 3

4 5 6 7 8 9

10 11 12 13

14 15 16

[' E1tt geo ]KOAOU cI>tAOKAEO~ [YPUIl]IlUttcrtU L1UlloKpi[tOU, ßOUA]a.pXOU KAEroVO~' [toucröe] a. 1tOAt~ KU'tEKpt v[e 9uva.]'tou, ön iI;popUtKirovu et'te 'Avn[. . . .] ÖVOIlU uuton Ecrn, [ .. . l~tv tOV xpucroxoov, [ . .. . ]uvwv ij ei I1UV'tUAE[rov] ij Ei: tt lino ÖVOIlU, [Mo]crxoAuov MocrxoA.6.ou. [E1tt Eu]]tAEU' [ . ... . ]w~ 'OAUIl1tixou.

Dittenberger ergänzt in Diskussion älterer Vorschläge die Namen folgendermaßen : 7/ 8 'Avtil[oxo<;] 9 [Kpuhtv 10 [KIlA.A.]uvtoV 14 ['AmcA.a]mul)a<; 16 ['OA.IlI-I]~ia<; (im App. auf Vorschlag Hillers, nach der Zeichnung Weils gut möglich). Ab Z. 13 zweite Hand; zu beachten ist auch der Kasuswechsel bei den Verurteilten ab Z. 14. " Unter dem Theokolos Philokles, dem Schreiber Damokritos, dem Boularchos Kleon: Folgende hat die Polis zum Tode verurteilt, weil sie Hierosylie4 begangen und Bronzemünzen geschlagen haben: Thrakion, oder Pantaleon oder sonst einen führen ; Moscholaos, den Sohn des Moscholaos. Unter dem Boularchos Euphanes: Pantaleon oder sonst einen führen; Moscholaos, den Sohn des Moscholaos. Unter dem Boularchos Euphanes: [Askla]piadas, der Sohn des Dromas. Unter dem Boularchos Phileas: [Olym]pias, der Sohn des Olympichos."

1. Zum strafbaren Tatbestand Die Inschrift gebraucht im Tatvorwurf zwei Verben: ön tepo
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Bronzegegenstände aus einem Tempel entwendet und daraus Bronzemünzen geschlagen; beides sei todeswürdig gewesen. Doch referiert er auch einen Vorschlag G. Hirschfelds, bereits die Falschmünzerei habe als Sakrileg gegolten. Dem letzten tritt Aalders (9 f.) entgegen. Das wenig lukrative Schlagen von Bronzemünzen sei gewiß nicht das todeswürdige Verbrechen gewesen, zumal der Achäische Bund sich offenbar um die eigene Bronzeprägung der Städte - auch Dymes - nicht weiter gekümmert habe 5 . Also sei trotz eines vielleicht geringfügigen Betrages der Diebstahl von Bronze aus dem Tempel so hart bestraft worden. Eine als Fälschung auffällige Bronzemünze ist aus Dyme nicht überliefert. Das sagt zwar angesichts der wenigen Stücke nicht viel aus, doch gewinnt dieser negative Befund dadurch an Bedeutung, daß aus dieser Polis zwei mit Bronzekern gefütterte Sibermünzen bekannt sind. Wenn sich eines der bei den im Anhang publizierten Stücke mit der Inschrift in Beziehung setzen läßt, ist die bereits im Rec. (375) geäußerte und von Burelli Bergese (22) näher ausgeführte Vermutung bestätigt: Die Fälscher prägten Bronze statt Silber. Beide Stücke sind, wie unten (11) dargelegt wird, wohl mit regulären Stempeln der Polis geprägt, haben reguläres Gewicht, aber wegen des unedlen Kerns wesentlich geringeren Metallwert. Für jeden Zeitgenossen, der den Sachverhalt kannte, besagten also die Worte vo~tcr~a EK01t'tOV XUAKWV dasselbe wie I'J1tOxaAKov 6 . Bereits eine schlichte Überlegung hätte schon in diese Richtung weisen können: Welchen Gewinn hätten Bronzediebe, wenn sie die Mühe auf sich nähmen, das Material mühsam zu Kleingeld zu verarbeiten? Damit kann l€PO
5 Franke 313 weist dieses wenig schlüssige Argument zurück: Auf Münzverbrechen seien in der Antike stets die schwersten Strafen gestanden. 6 S. dazu u. II Anm. 33. Burelli Bergese 16 folgt völlig konsequent der terminologischen Untersuchung von J. R. Melville Jones, Epigraphical Notes on Hellenistic Bronze Coinage, Num. Chron. 12 (1972) 42f. Freilich schränkt sie S. 22 ihr Ergebnis wieder ein, wenn sie auch eine private Prägung von Bronzemünzen für möglich hält, welche die Polis mit einem über dem Metallwert liegenden Zwangskurs versehen hat (vgl. Syll.3 525 = IC IV 162, Gortyn, 2. H. 3. Jh. v. Chr.). 7 Diese Interpretation schlägt Oeconomides 147 vor (zu Unrecht schreibt sie sie allerdings Aalders zu). Zum Diebstahl von Prägestempeln s. R. Göbl, Antike Numismatik I, München 1978, 55; J. R. Melville Jones, A Dictionary oJ Ancient Greek Coins, London 1986, 59, jedoch seien sie üblicherweise nach Gebrauch zerstört worden. 8 Zu den drei im Rec. zitierten Belegen fügt K. Latte, Heiliges Recht, Tübingen 1920, 83 ff., noch elf weitere hinzu. Dabei schließt er auch die Inschrift aus Dyme mit ein; er hält hier freilich auch einen speziellen Fall des Tempelfrevels für möglich. Eigenartigerweise werden auch eindeutig sakrale Vergehen durch ,Verweisung' auf Hierosylie geregelt, hingegen politische unmittelbar unter sakrale Sanktion gestellt, s. u. Anm. 9. D.Cohen, TheJt in Athenian Law, München 1983, 10Sff., diskutiert insgesamt 18 Belege.

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verhängen 9 . Denkbar wäre also auch für Achaia eine ähnliche sakrale Verschärfung politischer Vergehen. Ob in unserem Fall Diebstahl der in einem Tempel verwahrten Stempel, ein sonstiger Fall von Hierosylie oder lediglich eine ,Verweisung' auf deren Rechtsfolgen wahrscheinlicher ist, wird später noch zu überlegen sein. 2. Todesstrafe für Münzfälschung Einen Schritt weiter führt vielleicht die Untersuchung der Quellen, welche die Münzfälschung als todeswürdiges Verbrechen bezeichnen. Wer sind die Personen, die von der Todesstrafe bedroht sind? a) Unglaubwürdig ist die Bemerkung in Dem. 24, 212, bereits Solon habe 1"0 VOlltO"IlU ÖtUcp8f:iP8tV mit dem Tode bestraft. Spekulieren könnte man allenfalls über eine AtimieVorschrift im Zusammenhang mit Solons Münzreform; doch fehlt jeder Hinweis darauf1o • b) Todesstrafe sieht das Münzgesetz Athens aus dem I. Attischen Seebund vor, allerdings ausdrücklich nur für Personen, die es außer Kraft zu setzen suchen (§ 8)". Die Bestrafung von Münzvergehen regelt ein Zusatz zum Bouleuteneid: Jeder athenische Ratsherr hat fortan zu schwören, denjenigen, welcher in den verbündeten Poleis (weiterhin) Münzen schlägt (Mv n<; K07t1"TJt VOlltO"IlU) und nicht die athenischen Münzen, Gewichte und Maße gebraucht, gemäß einem "Psephisma des Klearchos" zu behandeln (§ 12). Über den Inhalt dieses Psephisma ist uns nichts bekannt. Möglicherweise ist hiemit auf das Verfahren der Eisangelie Bezug genommen; damit wäre die Todesstrafe eine immerhin mögliche Sanktion\2. Aber auch wenn dem so ist, wendet sich die Vorschrift nicht schlicht gegen Falschmünzerei, sondern verbietet den Bundesgenossen das Prägen eigener Münzen. Adressaten der Strafbestimmung sind also die in jeder einzelnen Polis für die Münzprägung zuständigen Beamten, vielleicht auch die in der Münze Tätigen. c) In gleicher Weise ist im Vertrag zwischen Mytilene und Phokaia nur eine Person von der Todesstrafe bedroht, der Münzmeister. Beide Poleis hatten sich geeinigt, zur Herstellung ihrer Elektronmünzen nur einen einzigen (hochbezahlten) Spezialisten einzustellen und dessen Dienste abwechselnd zu gebrauchen I 3. Beide Städte waren auf dessen Ehrlichkeit angewiesen. Deshalb lautet die Strafbestimmung (Z. 13 - 15): ui ö~ K8 Ka-

9 Vgl. P. Siewert, Tyche 2 (1987) 275, Z. 3 - 8: ai OE 'tlp cruA,aia TUjl 1toA,ITEiav ... , am:ßl]'tID 1tOT Tap 'A9uvap (Bürgerrechts verleihung der Triphylier, A. 4. Jh. v. Chr.) und Buck, Dialects (1973) 65, 3-5: al OE np
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tay[p ]sS111 't0 XpuO"WV l(splvav uOapSO"'tE[p ]o[V] SEA,COV SaVel'tC01 sal-ulroO"Sco ("Stellt es sich heraus, daß er das Gold absichtlich verfälscht hat, soll er mit dem Tode bestraft werden"). Auch unabsichtlich begangene Fehler werden bestraft (Z. 15 - 17). d) Der Philosoph Diogenes von Sinope (404 - 323 v. ehr.), dessen Vater dort eine 011l.1OO"iu 'tpam;sa betrieben haben soll, lebte als Flüchtling in Athen; in seiner Jugend soll er nämlich napaxapat'tE1v tO vOlllO"l-la (oder tO l(EPl-la 1(1ß0l1A,EuEtv) begangen haben. Sein in die Sache verwickelter Vater sei hingerichtet worden. Einer der in sich widersprüchlichen Schilderungen kann man entnehmen, Diogenes habe als E1tlI-lEA,l1'ti}<; der Münze mit den tEXVtta1 gemeinsame Sache gemacht und sei - wiederum nach einem Teil der Überlieferung - rechtzeitig aus seiner Heimatstadt geflohen l4 • Der Wert dieser Angaben ist für die Biographie des Philosophen nicht allzu hoch anzusetzen, doch stecken sie einen gewissen Rahmen ab: Die Fälscher sind alle im einschlägigen Milieu angesiedelt; Tod und Verbannung werden als mögliche Konsequenzen genannt, der drohenden Hinrichtung trachtete man sich jedoch durch Flucht zu entziehen. Nicht zulässig scheint mir hieraus jedenfalls der Schluß auf eine allgemeine Vorschrift, die Todesstrafe für Münzvergehen vorsieht. e) Ein solches Gesetz scheint es nach dem letzten Satz der Rede gegen Leptines in Athen in der Mitte des 4. Jh. gegeben zu haben (Dem. 20, 167; 355 v. ehr.): "Ich wundere mich, wenn zwar für die Leute, welche die Münze verderben (to V01-l10"1-la Ola
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f) Zu erwähnen sind schließlich auch noch zwei Münzgesetze, in welchen Sanktionen gegen Fälscher auffälligerweise fehlen. Das athenische aus dem 4. Jh. v. Chr. (nach 378/377 16) legt die Pflichten des staatlichen Münzprüfers (Dokimastes) fest: Ausländische Nachprägungen athenischer Münzen sind dem Vorlegenden zurückzugeben, wenn sie athenischem Gepräge entsprechen und von gutem Silber sind l?, solche mit Bronze- oder Bleikern oder von zu geringem Silbergehalt sind zu entwerten und einzuziehen (Z. 8 - 13). Wer gefälschtes Geld in Verkehr brachte, hatte also keine weitere Strafe zu befürchten. Es war eben Sache des Empfängers, die nötige Vorsicht walten zu lassen. Wie das Gesetz zeigt, war auch Münzfälschung durch Private nicht weiter regelungsbedürftig. Abgesehen von dem bei der Prägung anfallenden ,Schlagschatz' , der aber größere Emissionen voraussetzt, hatten geprägtes und ungeprägtes Metall etwa denselben Wert. Stempel nachzuschneiden und gutes Metall auszuprägen lohnte sich also nicht. Die aus jener Zeit bekannten ,Fälschungen'l8 sind alle als Produkte staatlicher Münzstätten zu betrachten, also am ehesten als ,Notgeld', wie das auch in Dem. 24, 214 ausgesprochen ist. So wenig wie das athenische enthält auch das Münzgesetz aus Olbia (4. Jh. v. Chr.)l9 Sanktionen gegen Fälscher, obwohl auch dort die Echtheit der Münze (snicrrH.lOv) als Voraussetzung für den vorgeschriebenen Umtausch genannt ist (Z. 4 - 10; vgl. a. Z. 26 - 29). Hätte private Münzfälschung die staatliche Geldpolitik irgendwie beeinträchtigt, hätte das gewiß in einem dieser Gesetze seinen Niederschlag gefunden.

3. Die Vorfälle in Dyme Die Inschrift dokumentiert sechs Todesurteile. Drei der Verurteilten waren Bürger; Moscholaos, [Askla]piadas und [Olym]pias werden mit Patronymikon ohne weiteren Zusatz angeführt. Dem gegenüber weist die Berufsbezeichnung "Goldschmied" statt des Patronymikons [Kra]tis als Nichtbürger aus 20 • Mit Sicherheit zählen auch Thrakion und [Kyll]anios nicht zu den Bürgern Dymes. Zu Unrecht vertritt Weil (236) darüber hinaus die Meinung, die bei den letzten seien nicht einmal genau bekannt gewesen. Wieder weist der Rec. (376 f.) auf die richtige Spur: Es handelt sich darum, Verurteilte, die Doppelnamen führten, völlig zweifelsfrei zu bezeichnen21 • Aus den bisherigen Überlegungen läßt sich die Tat der sechs Beteiligten also am ehesten folgendermaßen rekonstruieren: Die Polis Dyme hatte eine Emission von Silber-

16 R. S. Stroud, Hesperia 43 (1974) 157 -188; R. Bogaert, Epigraphica III 21; s. neuerdings dazu G. Stumpf, JNG 36 (1986 [1988]) 23 - 40, zur Datierung S. 35. 17 Sie wurden mit einem ,Prüfhieb' versehen, s. Stumpf 39 f. 18 S. U. 11 Anm. 33 - 37. Herrn Franke danke ich für die Mitteilung, daß aus der klassischen Zeit keine einzige ,private Fälschung' nachzuweisen sei. 19 R. Merkelbach, IK 20 (Kalchedon) 16; Pleket, Epigraphica I 7. 20 So schon Rec. 375 gegen Weil 236; Aalders 10 erwägt, ihn als Sklaven einzuordnen. 21 Doppelnamen sind aus den Papyri der ptolemäischen und römischen Zeit reich überliefert, s. R. Calderini, Aegyptus 21 (1941) 221 ff.; 22 (1942) 3 ff.; W. Schubart, Einführung in die Papyruskunde, Berlin 1918, 333 f.; O. Montevecchi, La papirologia, Torino 1973, 100 (mit weiterer Literatur). In der ptolemäischen Zeit weist ein griechisch-ägyptischer Doppe1name den Träger höheren Gesellschaftsschichten zu, erst in römischer Zeit kann man auch aus zwei griechischen Namen diesen Schluß ziehen. Ansätze zu Doppelnamen, gerade in den unteren Schichten, finden sich auch schon in Athen (vgl. Isai. 6, 14. 19; Dem. 59, 50. 121). Insoferne ist also Aalders 10 zuzustimmen.

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münzen beschlossen. Die mit der Durchführung betrauten Amtsträger, vielleicht speziell eingesetzte Epimeleten, hatten die nötige Menge Silber und die Prägestempel übernommen, von auswärts herbeigerufene Handwerker führten die Arbeit entweder in Dyme selbst oder an einer anderen Prägestätte aus 22 • Nach Ablieferung der Münzen entdeckte man, daß die Emission von plattierten Stücken durchsetzt war. Gegen alle Beteiligten wurde die Anklage erhoben "ö'"ct lcpo
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lichen Quellen belegen den schwachen Punkt direkt in der Emission, nicht aber im Diebstahl von Stempeln zu sehen. Dieses Ergebnis kann man auch vom wahrscheinlichsten Ablauf des Prozesses her stützen. Die neueren Bearbeiter der Inschrift haben den Umstand aus den Augen verloren, daß die ersten vier Urteile aller Wahrscheinlichkeit nach gegen Abwesende ergangen waren 26 . Dem verdanken wir die Publikation auf Stein. Wären die vier Verurteilten nämlich zur Stelle gewesen und sofort hingerichtet worden, wäre der Fall damit abgeschlossen gewesen. Da sie aber (wie Diogenes, s. o. 2 d) vermutlich rechtzeitig das Weite gesucht hatten, war es nötig, die Todesurteile zu publizieren. Sollte einer von ihnen Dyme jemals wieder betreten, riskierte er die Vollstreckung - deshalb sind die Namen so genau angeführt. Aus dem verkürzten Verfahren gegen Abwesende ist es zu erklären, daß die ersten vier Prozesse in der Amtszeit eines einzigen Boularchen27 zum Abschluß kamen. Erst die später nachgetragenen Urteile gegen zwei weitere Beteiligte (Z. 13 -16), die zwar noch im sei ben Jahr, aber unter späteren Boularchen gefällt wurden, ergingen wohl in Anwesenheit der Angeklagten 28 . Vermutlich waren sie auch vollstreckt worden. Warum auch sie publiziert wurden, wird später noch zu erörtern sein. Nun fällt auf, daß die drei fremden, als Handwerker zu deutenden Personen zuerst, zwei Bürger aber später verurteilt wurden. Techniten, die für die Münzprägung angestellt waren, kannte man namentlich. Wenn eine Fälschung entdeckt wurde, konnte man also gegen die Fälscher sofort rechtliche Schritte ergreifen, selbst wenn sie rechtzeitig geflohen waren. Ihnen hatte sich auch ein Bürger angeschlossen, entweder ebenfalls ein Handwerker oder ein Epimelet, der sein Schäfchen ins Trockene gebracht hatte. Die beiden später verurteilten Bürger könnten Epimeleten gewesen sein, die - vergebens - versucht hatten, sich vor Gericht zu rechtfertigen. Die Abfolge der Prozesse entspricht damit zwanglos dem vermuteten Ablauf der Ereignisse. Nimmt man hingegen an, Handwerker ohne Bürgerrecht hätten in Dyme mit gestohlenen Stempeln Münzen gefälscht, wäre die umgekehrte Abfolge der Prozesse zu erwarten. Sobald man die Münzen als Fälschung erkannt hatte, wären zunächst die für die Stempel verantwortlichen Bürger angeklagt worden. Erst im Rahmen dieser Prozesse wäre man auf die Handwerker gestoßen, die ihre Fälschungen gewiß nicht vor aller Öffentlichkeit angefertigt haben dürften. Dagegen, daß die Handwerker auf frischer Tat ergriffen und sogleich vor Gericht gestellt wurden, sprechen aber die ersten vier höchstwahrscheinlich gegen Abwesende ergangenen Urteile. Man müßte sich den Fall also folgendermaßen zurechtlegen: Die ersten vier Personen seien beim Prägen mit gestohlenen Stempeln ertappt worden, hätten aber entkommen können, wobei die Beweise für eine sofortige Verurteilung in Abwesenheit ausgereicht hätten. Dieser weit hergeholten Konstellation gegenüber ist jedoch die einfache Deutung vorzuziehen, eine der in Umlauf gesetzten gefälschten Münzen habe den Stein ins Rollen gebracht und nicht die Entdeckung des Fälschungsvorganges selbst. Dann schließt aber der Prozeßablauf eine private Fälschung aus. Die in Dyme verhängten Todesurteile richteten sich also gegen Techniten und EpiRec. 375 Anm. 5; Thür (0. Anm. 23) 480 f. mit weiteren Beispielen. Das nach dem Theokolos benannte Jahr zerfällt in mehrere, nach den Ratsvorsitzenden benannte Abschnitte, s. Syll.3 529. 28 Der Zeitablauf deutet eher auf das normale Verfahren als (so Aalders 10) auf Prozeßverschleppung. 26 27

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meleten, die im Rahmen einer staatlichen Emission plattierte Silbermünzen hergestellt und das so ersparte Silber eingestrichen hatten, oder es zumindest an der nötigen Aufsicht hatten fehlen lassen.

4. Datierung Der von den Herausgebern der Inschrift aus epigraphischen Gründen ziemlich übereinstimmend gefundene zeitliche Ansatz Ende 3./ Anfang 2. Jh. v. Chr. trifft sich teilweise mit dem der in München verwahrten plattierten Silbermünze. Doch auch sachliche Erwägungen passen zur Situation Dymes als Mitglied des Achaiischen Bundes und schließen eine Datierung der Inschrift nach dem Exemplar in Athen in die erste Hälfte des 4. Jh. v. Chr. aus. Auffällig sind in dem Bericht über die Urteile die Worte 1tOAt~ KalEKptVS (Z. 4/5). Kein anderes der (nicht sehr zahlreich) publizierten ,Urteile' nennt die Polis als Instanz 29 • Fehl geht hier die Deutung im Rec. (373), damit sei ein 1tOAt1tKOV OtKacrl1'lPtOV gemeint. Sicher saßen in Dyme Bürger über die Münzfälscher zu Gericht, doch es fehlt in diesem Zusammenhang jeder Anlaß, auf die innere Organisation der Rechtsprechung einzugehen, etwa ein ,Bürgergericht' von einem ,Fremdengericht' abzugrenzen 3o . Der Hinweis auf die Polis ist vielmehr nach außen gerichtet. In Dyme hatten, wie ich meine, Funktionäre der Polis Münzen geprägt, die das Monogramm des Achaiischen Bundes und das Ethnikon der Polis trugen. Mit ihrem Ethnikon verbürgte sich die Stadt gegenüber dem Bund für die Qualität der ausgegebenen Münze. Durch die Todesurteile erfüllte Dyme, wie schon Burelli Bergese (20) gesehen hat, seine Verpflichtung gegenüber den Bundesgenossen, die Sache wieder in Ordnung zu bringen. In gleicher Weise sollte nach dem Vertrag zwischen Mytilene und Phokaia (s. o. 2 c) die betroffene Polis von jeder Verantwortung frei sein, nachdem der ungetreue Münzmeister bestraft war (0. OE 1tOAtC; availlWC; Kai a1;;al-ltoC; [Ecr]1pdv unserer Inschrift zu deuten: Bundesabmachungen könnten die einzelnen Mitglieder verpflichtet haben, gegen Münzfälscher nach diesem Tatbestand einzuschreiten. Doch bleibt das vorläufig noch unbewiesene Vermutung. Mit einiger Wahrscheinlichkeit kann man jedoch aus dem Verhalten Dymes als Mitglied des Bundes den Schluß ziehen, daß die Münzfälschung eher im Rahmen einer staatlichen Emission stattgefunden hatte, als daß sie das Werk privater Fälscher gewesen wäre: Die nachträgliche Publikation der beiden später, im ordentlichen Verfahren ergangenen und vermutlich auch vollstreckten Todesurteile (Z. 13 -16) wäre unnötig, wenn die Polis damit nicht dem Bund das rigorose Einschreiten gegen ungetreue Amtsträger hätte dokumentieren wollen. Da die späteste Datierung der Inschrift nach dem epigraphischen Befund mit dem terminus post quem der Münze übereinstimmt, sind die Vorfälle in Dyme am wahrschein-

a

29 S. dazu die Sammlung von Urteilen, Thür (0. Anm. 23) 469 - 472. 30 S. das 1l0A.lTtKOV OIKUO"tT]PWV in Samos, Syll.3 976, 9 f. und ,Krämerinschrift' SEG 27, 595, 34.

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Gerd Stumpf und Gerhard Thür

lichsten in die Jahre bald nach 190 v. Chr. zu datieren. Von der rechtlichen Situation her ist die Aufhebung des Achaiischen Bundes im Jahre 146 v. Chr. und die Ausübung der Kapitalgerichtsbarkeit durch Rom 3l ein sehr wahrscheinllicher terminus ante quem.

11 Die Münzen 1. Athen Nr. 4046 In Monnaies grecques (Paris, Leipzig 1883) S. 163 publizierte Fr. Imhoof-Blumer unter der Nr. 27 folgende Münze aus Dyme, die sich im Münzkabinett Athen befindet32 : Vs.: Weiblicher Kopf n. r., 1. hinter dem Kopf 1\; das Ganze in inkusem Quadrat. Rs.: Breiter Fisch n. r. Gew.: 2.24g Dm.: l5mm Münzkabinett Athen, Inv.-Nr. 4046 (Tafel 13, I) Auffällig an dem Stück ist auf der Vorderseite der tiefe Einhieb, der quer von links unten nach rechts oben in dem Kopf angebracht ist. Der Einhieb zeigt, daß es sich bei der Münze nicht um ein Stück aus Voll silber handelt, sondern um ein plattiertes bzw. gefüttertes Exemplar. Plattierte oder gefütterte Münzen, auch Subaerati 33 genannt, begegnen schon seit archaischer Zeit 34 . Mit der Frage, wie die gefütterten Münzen in der Antike hergestellt wurden und insbesondere, wie es gelang, den unedlen Münzkern mit hauchdünnen Silberoder Goldplättchen zu umschließen und den Schrötling dann auszuprägen, hat man sich in neuerer Zeit verschiedentlich beschäftigt. E. Darmstaedter35 kam aufgrund von Versuchen zu dem Ergebnis, daß um einen gewölbten, linsenförmigen Schrötling Kappen gelegt wurden, die man mit positiven Stöcken, die der Form des Schrötlings genau entsprachen, aus dünnem Silberblech geschlagen hatte; sodann wurde stark erhitzt und möglicherweise Hartlot verwendet. Die so hergestellten Stücke ließen sich danach gut prägen36 . Die von Darmstaedter erzielten Ergebnisse wurden später im wesentlichen bestätigt3? Rechts neben dem Einhieb sind zwei scharfe Einritzungen zu erkennen, die vielleicht )1 S. den Brief des Q. Fabius Maximus an Dyme, Syll.) 684 (115/114 v. ehr.; Todesurteil durch den Statthalter von Makedonia) und dazu A. D. Manklaras, H EN LlYMH ETA EIE YflO TOY EQEOY TAYPOMENEOE, Achaios, Patras 1966, 1-16 (Sonderdr.). Allerdings weist D. Nörr, Imperium und Polis, München 21969, 32 auf das Fortbestehen der kapitalen Strafgewalt in den Städten bis in die Prinzipatszeit hin. )2 Dr. J. Touratsoglou vom Münzkabinett Athen danke ich (St.) für den Gipsabguß und nähere Angaben zu der Münze. )) Der griechische Begriff für "subaeratus" (s. Pers., Sat. 5, 106) lautet (moXUA.KO~, s. PoIl. 3, 86; zur Pollux-Stelle M. Caccamo Caltabiano, P. Radici Colace, APrYPION iJOKIMON ... TO iJ' ENANTION flAPAEHMON (Pollux 3,86), ASNP) 10 (1983) 421-427. Zu (m[oXUA.KOV] s. auch R. S. Stroud, An Athenian Law on Silver Coinage, Hesperia 43 (1974) 171 f. (Z. 10 der Inschrift). )4 J. Graf, Münzverfälschungen im Altertum, NZ 35 (1903) 46-66; RegIing, RE VII 2 (1931) 472 s. v. Subaeratus. S. auch die Literaturzusammenstellung von M. R. Alföldi, Antike Numismatik, Mainz 1978,226. )5 Subaerate Münzen und ihre Herstellung, MBNG 48 (1929) 27 - 38. )6 Den ganzen Vorgang beschreibt Darmstaedter 32 - 35 sehr anschaulich. 37 O. Dahl, Die Arbeitsmethoden der antiken Münzteclmik, insbesondere der Falschmünzerei, Metallwirtschaft 10 (1931) 659-663 - Herstellung auch ohne Hartlot möglich. U. Zwickler, D. Hedrich, E. Kalsch, B. Stahl, Untersuchungen über Plattierungen antiker Münzen mit Hilfe der Metallographie. der Spektral- und Mikroröntgenfluoreszenzanalyse, Berichte Kricheldorf-Verlag 43 (1968) 371 -380 bestätigen die Ergebnisse und stellen fest, daß Hartlot erst ab dem 1. Jh. n. Chr. verwendet wurde.

Sechs Todesurteile und zwei plattierte Hemidrachmen aus Dyme

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bei einer ersten ,Vorprüfung' des Stückes angebracht wurden. Der tiefe Einhieb danach ließ dann den unedlen Kern deutlich sichtbar werden. Der Münztyp ist als Silberprägung von Dyme sonst nicht bezeugt, überhaupt sind Silbermünzen der Stadt äußerst se\ten 38 . Die Zuweisung des Stückes an Dyme ergab sich für Imhoof-Blumer aufgrund der Rückseitendarstellung 39 , da der Fisch auf Münzen das Symbol für Dyme war40 . Eine stilistisch ähnliche Darstellung des Fisches findet sich auf Bronzeprägungen4 1, die in die Zeit um 350 v. Chr. datieren; auch der Stil der Vorderseite der vorgelegten plattierten Silbermünze, die dem dreifachen Wert der Obolen aus Dyme entspricht (Anm. 38), legt den zeitlichen Ansatz in die Mitte oder erste Hälfte des 4. Jh. v. Chr. nahe 42 . 2. München, Dyme 12 In der Staatlichen Münzsammlung in München sind unter der Polis Dyme als Mitglied der Achaiischen Liga zwölf Hemidrachmen eingeordnet. Auf der Vorderseite ist auf allen Stücken der Kopf des Zeus Amarios 43 dargestellt; auf der Rückseite haben sie das Monogramm X als Symbol der Achaiischen Liga, einen Fisch sowie verschiedene Monogramme bzw. Buchstaben und einen Lorbeerkranz, der das Ganze umschließt. Bei den Stücken handelt es sich bis auf eines um Typen, die bereits publiziert sind, sodaß hier eine Auflistung44 genügen kann. Näher betrachtet werden soll die 12. Münze: )8 Der Befund in den SNG-Bänden ist durchwegs negativ. Ein Obol Vs.: weib!. Kopf n. r., I1Y, Rs.: Amphora; Gew. 0.74 g, Dm.: 10 mm - befindet sich im Berliner Münzkabinett, s. R. Weil, Nordpeloponnesische Münzen, ZfN 7 (1880) 366. Ein weiteres Stück - Typ wie zuvor; Gew.: 0.78 g, Dm.: 11 mm - ist publiziert von Imhoof-Blumer 162, Nr. 26; vg!. auch B. V. Head, Historia Numorum, Oxford 21911, 414. 39 Das von mir auf der Vorderseite gelesene Lambda könnte auch ein Alpha, jedoch kein Delta sein; wahrscheinlich stand daneben noch wenigstens ein weiterer Buchstabe, und man wird dabei am ehesten an die Abkürzung eines Beamtennamens zu denken haben. 40 Vg!. BMC I; SNG Cop. 143. 144. 41 BMC I (Tafel 13. 2); SNG Cop. 143. 144. 42 Vg!. etwa SNG Cop. 146 (AE) aus der Mitte des 4. Jh.; der Frauenkopf (Demeter) dort ist vom Stil her sicherlich jünger als der auf dem Athener Stück. 43 Der Beiname bezieht sich auf einen heiligen Hain auf dem Gebiet von Helike in der Nähe von Aigion; Zeus Amarios bzw. Hamarios war der Schutzgott des Achaiischen Bundes, s. dazu H. Schwabi, RE X A 1972, 270 f. s. v. Zeus 'AllaplOC;; M. P. Nilsson, Geschichte der griechischen Religion I, München 31967, 391 mit Anm. 3; Lexikon der griechischen Mythologie, hrsg. v. W. H. Roscher, Leipzig, Berlin 1924-1937 (Nd. 1965) VI 597 - 599 s. v. 'AIlUPIOC;; A. B. Cook, Zeus. A Study in Ancient Religion I, New York 1925 (Nd. 1964) 14 - 18. 44 Dr. D. Klose und der Staatlichen Münzsammlung München danke ich für Auskünfte und die Arbeitsmöglichkeiten. Nachfolgend werden die Münzen in der Reihenfolge aufgeführt, in der sie in München eingeordnet sind. Vorder- und Rückseitendarstellung wie oben beschrieben: a) Rs.: im Monogr. oben A Y, im Monogr. links A, rechts P; 2.35g, Dm.: 16mm, Stempel3h; SNG Cop. (Achaean League) 244. b)wie a; 2.34g, 15mm, lIh. - P. Gardner, BMC Peloponnesus (1887) p. 10 Nr. 110. 111 dachte bei diesen Typen an "Lycoa or Lyrceia?" als Prägestätte, M. G. Clerk, The Coins 0/ the Achaean League, London 1895, p. 20 Nr. 329 führte sie unter "Uncertain" an und zog "Lycoa or Lycoea?" in Erwägung. M. Thompson, A Hoard 0/ Greek Federal Si/ver, Hesperia 8 (1939) 144-146, wies die Stücke Dyme zu; dies., The Agrinion Hoard, NNM 159 (1968) 27 kam dann aufgrund der Beobachtung von E. Grace, NNM 74 (1936) 28, daß es sich bei dem Fisch um einen Delphin handle, zu der Auffassung, daß die Stücke Patras zuzuordnen seien, das auf späteren Bundesprägungen den Delphin als Symbol - allerdings neben dem Ethnikon ITA - verwandte. Im Rahmen dieser Untersuchung ist auf die Frage jedoch nicht näher einzugehen. c) oben X, links ,f-, rechts <1>; 1.89 g, 15 mm, 11 h; SNG Cop. 239; Clerk 53. d) wie c; 2.33 g, 16 mm, 7 h. e) oben li, links ~, rechts A; 2.51 g, 15 mm, 8 h: Clerk 61. f) oben ME, rechts X; 2.08 g, 15 mm, 11 h; SNG Cop. 224. g) oben 11 Y, links I/f; 2.32 g, 14 mm, 6 h; BMC 29; Clerk 55.

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Gerd Stumpf .und Gerhard Thür

Vs.: Kopf des Zeus Amarios im Lorbeerkranz n. r.; am rechten und unteren Rand Perllinie. Rs.: Monogramm X, im Monogramm 1. ,1, r. Y, unten Fisch n. r., das Ganze in unten gebundenem Lorbeerkranz. Gew.: 1.86 g Dm.: 14mm St.: 12 h Münzsamml. München (Tafel l3, 4. 5). Wie die zuvor besprochene Münze ist auch dieses Stück plattiert. Ganz deutlich ist auf der Vorderseite der bronzene Kern erkennbar, oben und am rechten Rand sind die Reste eines silbernen Überzuges zu sehen; auf der Rückseite ist vom Überzug mehr erhalten. Die Münze hat heute ein Gewicht von 1.86 g. Das Durchschnittsgewicht der in München vorhandenen Hemidrachmen der Achaiischen Liga aus Dyme beträgt 2.26 g bei einer Bandbreite von 1.89 g bis 2,51 g45; für die Stücke, die in SNG Cop. publiziert sind, errechnet sich ein Durchschnittsgewicht von 2.34 g46. Berücksichtigt man, daß ein Großteil des Silberüberzuges nicht mehr vorhanden ist, kann man davon ausgehen, daß die Münze im Originalzustand im üblichen Gewichtsbereich lag. Die Rückseite des Stückes ist in dieser Form bisher nicht bekannt. Mit den Prägungen der Achaiischen Liga hat sie das Monogramm X gemeinsam sowie den unten gebundenen Lorbeerkranz. Der Fisch n. r. unter dem Monogramm ist - wie schon oben gesagt als Hinweis auf Dyme aufzufassen, auch wenn er stilistisch etwas anders ausgearbeitet ist als auf den sonst bekannten Stücken47 der Liga aus Dyme. Eindeutig auf Dyme als Münzstätte oder für die Prägung verantwortliche Polis 48 weisen die Buchstaben ,1 links und Y rechts vom Monogramm (für ,1 YMAIQN). Üblicherweise kommen diese beiden Buchstaben als Monogramm oder nebeneinander geschrieben vor49 ; dies muß jedoch nicht gegen eine Zuweisung an Dyme sprechen, da z. B. auf den Münzen aus Elis, die während der Zugehörigkeit zur Achaiischen Liga geprägt wurden, die Buchstaben Fund A (für FAAEIQN) ebenfalls links bzw. rechts des Monogramms angebracht sind 50 . Die jüngere Prägung der Achaiischen Liga, zu der die Münze gehört, wurde in der Forschung verschieden datiert, und zwar in die Zeit nach 280 v. Chr. 51, als der Bund erneuert wurde, oder nach 195 v. Chr. 52 , als weitere Städte dem Bund beitraten (u. a. z. B. 194 Korinth, 192 Sparta und erneut Megara). Aufgrund von Schatzfunden und einer Analyse von Polyb. 2, 37, 10 f., wo es u. a. heißt, daß die Mitglieder der Achaiischen Liga h) oben X, links T, rechts !(; 2.23 g, 16 mm, 6 h; SNG Cop. 240; Clerk 54. i) wie h; 2.32g, 15 mm, 12 h. j) oben 8; 2.41 g, 17 mm, 12 h; BMC 32 var.; Clerk 60 var. k) wie h; 2.14 g, 12 h; (Tafel 13). 45 S. o. Anm. 44 Münze c (1.89 g) und e (2.51 g). 46 SNG Cop. 239 - 244. Für alle Hemidrachmen der Achaiischen Liga in Kopenhagen 2.30 g (SNG Cop. 230-324; 251 hat l.64g, ist aber nicht ganz erhalten; 301: l.75g; 313: 1.95g; 253: 2.81g). 47 Der Fisch ist normalerweise ,breiter', s. z. B. SNG Cop. 239 - 242; 244. Vgl. aber 243, wo er ebenfalls sehr ,schmal' ist. 4R Möglicherweise prägten nicht die Mitglieder der Liga selbst, sondern der Bund, s. Thompson, Agrinion Hoard (0. Anm. 44) 101 aufgrund von Stempelkoppelungen. 49 S. die Anm. 44 angeführten Stücke aus München; BMC 29 - 34; Clerk (0 . Anm. 44) 52 - 62. so S. etwa Clerk (0. Anm. 44) 230 - 235; SNG Cop. 296. 297; Thompson, Agrinion Hoard (0. Anm. 44) NI'. 475-495. SI R. Weil, Das Münzwesen des Achäischen Bundes, ZfN 9 (1882) 207. 52 Thompson, Agrinion Hoard (0. Anm. 44) 89 f. - Einen Überblick über die Datierungsvorschläge gibt H. Chantraine (u. Anm. 53) 176-179.

n, links

Sechs Todesurteile und zwei plattierte Hemidrachmen aus Dyme

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die gleichen Maße, Gewichte und Münzen gebrauchen, hat Chantraine 53 aufgezeigt, daß die jüngere Bundesprägung nicht vor 190 v. Chr. zu datieren ist. Nach Thompson 54 hat Dyme in der jüngeren Prägung zuerst eine Serie mit Athenakopf als Beizeichen emittiert und dann diesen durch den Fisch ersetzt, der, wie oben gezeigt, schon früher auf den autonomen Prägungen von Dyme vorkam. Demzufolge steht der Zeitpunkt "bald nach 190 v. Chr." als terminus post quem für die plattierte Hemidrachme mit dem Fisch als Symbol fest; als terminus ante quem ist wohl das Jahr 146 v. Chr. anzunehmen, als der Achaiische Bund aufgehoben wurde 55 . Leopold Wenger-Institut Prof. Huber-Platz 2 D-8000 München 22

Gerhard Thür (Teil I) Gerd Stumpf (Teil 11)

54

Der Beginn der jüngeren achäischen Bundesprägung, Chiron 2 (1972) 175 -190. Agrinion Hoard (0. Anm. 44) 62 f. Münzen Nr. 564 - 567 mit Taf. XLIX .

55

An seine Stelle setzte Rom nach 146 v. Chr. einen neu organisierten Bund, s. dazu Th. Schwertfeger,

53

Der Achaiische Bund von 146 bis 27 v. ehr., München 1974, 19-26.

Tafel 13

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Stumpf, Thür

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