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Beiträge zur Alten Geschichte, Papyrologie und Epigraphik TYCHE Beiträge zur Alten Geschichte Papyrologie und Epigraphik Band 1 1986 Verlag Adol...

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Beiträge zur Alten Geschichte, Papyrologie und Epigraphik

TYCHE Beiträge zur Alten Geschichte Papyrologie und Epigraphik

Band 1

1986

Verlag Adolf Holzhausens Nfg., Wien

Herausgegeben von:

Gerhard Dobesch, Hermann Harrauer, Peter Siewert und Ekkehard Weber In Zusammenarbeit mit:

Reinhold Bichler, Herbert Graßl, Sigrid Jalkotzy und Ingomar Weiler Redaktion:

Johann Diethart, Bernhard Palme, Brigitte Rom, Hans Taeuber Zuschriften und Manuskripte erbeten an:

Redaktion TYCHE, c/o Institut für Alte Geschichte, Universität Wien, Dr.-Karl-Lueger-Ring 1, A-I010 Wien. Beiträge in deutscher, englischer, französischer, italienischer und lateinischer Sprache werden angenommen. Eingesandte Manuskripte können nicht zurückgesendet werden. Bei der Redaktion einlangende wissenschaftliche Werke werden besprochen. Auslieferung:

Verlag A. Holzhausens Nfg., Kandlgasse 19-21, A-1070 Wien Gedruckt auf holz- und säurefreiem Papier. Umschlag: IG n 2 2127 (Ausschnitt) mit freundlicher Genehmigung des Epigraphischen Museums in Athen, Inv.-Nr. 8490 und P. Vindob. Barbara 8.

© 1986 by Verlag A. Holzhausens Nfg., Wien

Eigentümer und Verleger: Verlag A. Holzhausens Nfg., Kandlgasse 19-21, A-1070 Wien. Herausgeber: Gerhard Dobesch, Hermann Harrauer, Peter Siewert und Ekkehard Weber, c/o Institut für Alte Geschichte, Universität Wien, Dr.-Karl-Lueger-Ring I, A-IOIO Wien. Hersteller: Druckerei A. Holzhausens Nfg., Kandlgasse 19-21, A-1070 Wien. Verlags ort: Wien. - Herstellungsort: Wien. - Printed in Austria.

ISBN 3-900518-03-3 Alle Rechte vorbehalten.

INHAL TSVERZEICHNIS Anton E. Rau bit s c h e k (Stanford), Tyche zum Geleit . . . Hermann Ha r rau e r, t KAKH TYXH . Ein un:o,pon:uwv .

3

* ** Guido Ba s ti a n i ni (Milano), La corrente deI Nilo (P. Lond. 934, Irr p. XLVII) Reinhold Bi chi e r (Innsbruck), Die Hellenisten im 9. Kapitel der Apostelgeschichte. Eine Studie zur antiken Begriffsgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . " Edmund F. BIo e d 0 w (Ottawa), Schliemann on his Accusers . . . . . . . . . . . . " Michel C h r ist 0 1 (Paris) et Thomas Drew-Bear (Lyon), Documents latins de Phrygie (Tafel 1-12) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Johannes Die t h a rt (Wien), Drei Listen aus byzantinischer Zeit auf Papyrus (Tafel 13) Marie Drew-Bear (Lyon), Sur deux documents d'Hermoupolis . . . . . . . . . . .. Thomas D re w - B e a r (Lyon) et Michel Christol (Paris), Documents latins de Phrygie (Tafel 1- 12) . . . . . .. .. . . . . . . . . . . . . .. . .. . . . . . . . . . . . " Jean Gas c 0 u (Paris), Comptabi1ites fiscales hermopolites du debut du 7e siede (Tafel 14- 25) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. Herbert G r a ß I (K1agenfurt), Behinderte in der Antike. Bemerkungen zur sozialen Stellung und Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . " Bernhard Heb e r t (Graz), Attische Gelehrsamkeit in einem alexandrinischen Papyrus 7 Bemerkungen und Vorschläge zu den Künstlerkanones der Laterculi Alexandrini .. Herbert H u n ger (Wien), Die Bauinschrift am Aquädukt von Elaiussa-Sebaste. Eine Rekapitulation (Tafel 26). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. Erich Kettenhofen (Trier), Zur Siegestitulatur Kaiser Aurelians. . . . . . . . . . . . Wilhelm K i erd 0 r f (Bochum), Apotheose und postumer Triumph Trajans (Tafel 26). Wolfgang Lu pp e (Halle/ Saale), Poseidons Geliebte. Philodern, fIept eU()'eßcia<; P. Herc. 1602 VI . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. Rosario Pi n tau d i (Firenze/ Messina) e J. David Thomas (Durham), Una lettera al banchiere Agapetos (Tafel 27, 28). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anton E. R a u bit s ehe k (Stanford), Aristoteles über den Ostrakismos . . . . . Georgina R 0 bin so n (Lolldon), 0Mr and KMr for XMr . . . . . . . . . . . Pieter J. S ij pes t e ij n (Amsterdam), Six Papyri from the Michigan Collection . Pieter J. Sijpesteijn (Amsterdam) und Klaas A. Worp (Amsterdam), Bittschrift an einen praepositus pagi (7) (Tafel 29) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. W. F. G. J. S to e tzer (Leiden) und Klaas A. Worp (Amsterdam), Zwei Steuerquittungen aus London und Wien (Tafel 30) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. Kar! S t r 0 bel (Augsburg), Der Aufstand des L. Antonius Saturninus und der sogenannte zweite Chatten krieg Domitians . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. Hans Ta e u be r (Wien), Ehreninschrift aus MegalopoJis für Aristopamon, Sohn des Lydiadas (Tafel 31). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..

5 12 30 41 88 91 41 97 118 J 27

132 138 147 157 162 169 175 178 189 195 203 221

VI

Inhaltsverzeichnis

J. David Thomas (Durham) e Rosario Pintaudi (FirenzejMessina), Una lettera al banchiere Agapetos (Tafel 27, 28). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Emmanuel V 0 u t ir a s (Thessaloniki), Bemerkungen zu zwei makedonischen Freilassungsurkunden (Tafel 32) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. Klaas A. Wo r p (Amsterdam) und Pieter J. Sijpesteijn (Amsterdam), Bittschrift an einen praepositus pagi (?) (Tafel 29) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. Klaas A. Wo r p (Amsterdam) und W. F. G. J. Stoetzer (Leiden), Zwei Steuerquittungen aus London und Wien (Tafel 30) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

162 227 189 195

*** Literaturberichte und Buchbesprechung Peter Sie wer t, Peloponnesiaka . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. Ekkehard Web e r: A. Demand, M.-Th. Raepsaet-Charlier, Les inscriptions fatines de Belgique (ILB), Brüssel 1985 Indices: Johannes Diethart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..

Tafeln 1-32

235 238 240

HERBER T GRASSL

Behinderte in der Antike Bemerkungen zur sozialen Stellung und Integration Die folgenden Ausführungen beschränken sich ausschließlich auf die körperlich Behinderten und die Zeit der nichtchristlichen Antike. Die Einschränkung ist, abgesehen von äußeren Erfordernissen, auch sachlich sinnvoll. Wenngleich eine klare Scheidung von körperlich und geistig Behinderten weder für die Gegenwart noch die Antike getroffen werden kann, ist nur die Phänomenologie des körperlich Behinderten eindeutig quellenmäßig zu fassen; zum anderen verdient die christliche Antike schon allein wegen ihrer andersartigen geistigen Wurzeln und erst recht wegen ihrer neuen Wege im sozialen Engagement eine eigene Behandlung, die allerdings nur im Rückblick auf das hier Gesagte sinnvoll unternommen werden kann. Es braucht wohl nicht eigens betont zu werden, daß die Aufmerksamkeit, die soziale Randgruppen in jüngster Zeit auch seitens der Althistorie erfahren haben, das Interesse gerade für diesen Themenbereich provoziert hat. Sieht man sich folglich nach gängigen Auffassungen über die soziale Stellung von Behinderten in der Antike um, findet man in einschlägigen Werken, die meist nicht aus der Feder von Althistorikern stammen, aber zum Verständnis rezenter Phänomene dankenswerterweise auch eine zum Teil weit zurückliegende Vergangenheit in den Blick nehmen, ein recht pauschales Bild gezeichnet: I Neben der Vorstellung von der Vernichtung allen "unwerten" Lebens werden Hoffnungslosigkeit und allgemeines Elend beteuert. Seitens der Altertumswissenschaft (und besonders der hier geforderten Althistorie) wurde bislang nicht viel dazu beigetragen, um ein genaueres, differenziertes Bild entstehen zu lassen, vor allem die Fragen nach Motiven für die Stigmatisierung von Behinderten, deren Selbsteinschätzung, Integration und soziale A bsicherung zu klären 2 . Will man die Lebenswirklichkeit von Behinderten, also eine "anthropologische Dimension der Geschichte" ausloten, so gilt es zunächst jene Bereiche zu durchleuchten, die nach unserer Auffassung die größten Integrationsbarrieren darstellten, nämlich Religion, Medizin und Recht. Die Stigmatisierung Behinderter gehört zum formalen und inhaltlichen Bestand aller antiker Religionen, sowohl der Hochreligionen wie auch des Volksglaubens 3. Ablehnung des unvollkommenen (=unreinen) Menschen (wie auch Opfertieres!) und Scheu vor dem Träger I Vgl. den literaturwissenschaftlichen Ansatz bei H.-J. Uther, Behinderte in populären Erzählungen, Berlin, New York 1981 , mit reichlicher Einbeziehung auch der Antike; dort auch die neuere Literatur. Herausragend und rur den gewählten speziellen Aspekt unverzichtbar ist die 1961 in zweiter Auflage erschienene Abhandlung des Augenarztes A. A. M. Esser, Das Antlitz der Blindheit in der Antike, Leiden 21961. 2 Zur Stellung von Behinderten in Griechenland vgl. die knappen Ausführungen des Medizinhistorikers M. Michler, Die Krüppelleiden in "De morbo sacro" und "De articulis", Sudhoffs Archiv 45 (1961) 306ff. und des Philologen P. G. Maxwell-Stuart, Interpretations 0/ the Name Oidipus, Maia 27 (1975) 37ff. 3 Dazu E. Stemplinger, Antiker Aberglaube in modernen Ausstrahlungen, Leipzig 1922, 45.

Behinderte in der Antike

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magischer Kräfte und der Inkarnation des Bösen4 liegen ungezählten kultischen Reinheitsvorschriften für Gläubige und in ganz besonderem Maße für PriesterS zugrunde. Bei der bekannt engen Verflochtenheit von Religion und Politik hatten diese auch auf den letztgenannten Bereich entscheidende Auswirkungen 6. Auch das Ideal der Kalokagathia, dem keineswegs nur die archaische griechische Adelswelt verpflichtet war, ordnete sich trefflich in dieses Wertesystem ein. Freilich: es hatte auch seine Risse, wußte man doch, daß selbst die Olympier einen BehindertenHephaistos 7 - zu den Ihren zählten; doch er, ein Werktätiger, war Zielscheibe des Spotts, trägt schwer an seinem Leiden, was sich vor allem in Situationen der Zurücksetzung deutlich äußert (Hom., Od. 8, 306ff.): ZeU TCetlep 1']0' UAAOt ll<1xapeC; 8eal aiEv MVteC;, oeu8', tva l:PY' &'ysAacrta Kai OOK ETCtetK'ra tOTjcr8e, ffic; eilE XmMv e6vta ~tOC; 8uYUtTjp 'Aeppool'tTj aiEv &'nIlUset, eptASet 0' &.iOTjAOV "ApTja, OÜVeX' Ö IlEV KaMc; te Kai &.ptiTCOC;, aotap eycü ye 1']TCeoavoc; yeVOIlTjV' &.'tap oi) ti 1l0t atttOC; UAAOC;, &.Ua tOKfjE oum, too 1lY] Yclvacr8at ÖepeUOV. "Vater Zeus, und ihr andern, unsterbliche selige Götter! Kommt und schaut den abscheulichen, unausstehlichen Frevel: Wie mich lahmen Mann die Tochter Zeus' Aphrodite Jetzo auf immer beschimpft und Ares, den Bösewicht, herzet; Darum, weil jener schön ist und grade von Beinen, ich aber Solche Krüppelgestalt! Doch keiner ist schuld an der Lähmung, Als die Eltern allein! Oh, hätten sie nimmer gezeuget!" (Übersetzung von J. H. Voß.) Weniger bekannt sind einige Priester, die trotz ihrer Körperfehler ihre Funktion wahrgenommen haben: der elische Opferpriester Hegesistratos, der sich in verzweifelter Lage selbst verstümmelte (Herod. 9, 37) oder der pontifex maximus L. Caecilius Metellus Delmaticus (Plin., n. h. 11,174)8. Welche Vorbehalte hier zu überwinden waren, kann uns etwa das Beispiel des M. Sergius Silus lehren (Plin., n. h. 7, 104ff.):9 Nach seinen vielen Feldzügen schwer geschädigt und deshalb mit einer eisernen rechten Hand, wäre er als Prätor von den Opfern ausgeschlossen worden, hätte er nicht mit unbeugsamer Willenskraft seine Causa durchgekämpft. Nicht 4 Zur Austreibung eines verkrüppelten Sündenbocks (pharmakos) in griechischen Städten: R. Parker, Miasma . Pollution and Purification in Early Greek Religion, Oxford 1983, 260f.; J. Bremmer, Scapegoat Rituals in Ancient Greece, HSCPh 87 (1983) 301ff. 5 Zum Ausschluß vom Priester amt wegen Körperfehler: L. Sabourin S. J., Priesthood, Leiden 1973, 38ff.; W. Otto, Priester und Tempel im hellenistischen ifgypten, Leipzig, Berlin 1905 I 221; RE 8, 2 (1913) 1417 s. v. Hiereis (G. Plaumann); RE 1 A 2 (1920) 1643 s. v. sacerdotes (P. Riewald). 6 Vgl.U. Kahrstedt, Griechisches Staatsrecht, Göttingen 1922 I 133ff.; Th. Mommsen, Römisches Staatsrecht, Leipzig 1877 13 494. 7 M. De1court, HephaisloS ou la legende du magicien, Paris 1957, 40ff.; F. Brommer, Hephaistos, Mainz 1978; RE s. v. Hephaistos 333ff. 8 Dazu Th. Köves-Zulauf, Reden und Schweigen, München 1972, 75f. 9 Dazu G. Winkler, Ein antiker Götz von Berlichingen, lAU 3 (1981) 2lff.; K. Sudhoff, Die eiserne Hand des Marcus Sergius aus dem Ende des 3. Jahrhunderts vor Christo, Mitt. Gesch. Med. Naturwiss. 15 (1916) Iff.; J. Pavlu, Ein Götz von Berlichingen im Altertum, Wiener Blätter f. d. Freunde d. Antike 6 (1929) 10f.

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Herbert Graßl

übersehen werden darf die gar nicht so geringe Anzahl behinderter Könige: neben den sagenhaften Medon von Athen (Paus. 7, 2, 1)10 reihen sich Battos IH. von Kyrene (Herod. 4, 161f.), der Spartanerkönig Agesilaos (Xen., Hell. 3, 3, 3; Plut., Ages. 3, 7; Lys. 22,10; Mor. 399 B; Paus. 3, 8, 9; Nep., Ages. 8, 1; lust. 6, 2, 5f.), Philipp Ir. von Makedonien (Dem., de cor. 67 =Aul. Gell. 2, 27, 1; Plut., Mor. 739 B)II - ein Faktum, das ja durch jüngste Grabungen in Vergina aktualisiert wurde! - und andere (vgl. Arist., fr. 611, 23). In späterer Zeit treten mehrere römische Kaiser hinzu: Claudius (Suet., Claud. 2, 1; Sen., apocol. 5), Septimius Severus (SHA Sept. Sev. 18, 9 ff.), Maxentius (Paneg. 9, 4, 3), Constans (Epit. de Caes. 41, 24), alle schwer gehbehindert.Auch Frauen finden sich darunter: Labda aus der korinthischen Adelsfamilie der Bacchiaden, wegen eines körperlichen Defektes zurückgesetzt, wurde aus einer exogamen Verbindung Mutter des Begründers der Tyrannis in Korinth, Kypselos (Herod. 5,92). Sie alle hatten in verschiedener Weise an ihrem Schicksal zu leiden, sei es, daß man sie darob erst gar nicht zur Herrschaft gelangen lassen wollte oder darin ein billiges Angriffsziel fand; sie alle haben aber durch ihr Beispiel mit dazu beigetragen, überkommene Tabuvorstellungen und gesellschaftliche Schranken zu überwinden. Dies war auch die Stoßrichtung jener ethischer Positionen, die durch Kritik am Ideal der Kalokagathia (vom Homerischen Thersites 12 über Archilochos bis hin zu den Kynikern) oder auch der so griffigen Gleichung von körperlicher und mentaler Behinderung 13 einer rationalen Bewältigung des Problems den Weg bereiteten. Die antike Medizin, wiewohl selbst nicht mehr von der dämonischen Natur des Behinderten überzeugt, hat diesen gleichwohl abseits belassen. Die Scheu vor Behandlungen chronischer Krankheiten 14 (d. h. "Schicksalsschläge"!), die als göttliche Strafe gedeutet werden konnten, überließ den Hilfesuchenden dem Wunderglauben 15 und seinen Heilgöttern Asklepios (der einzige, der sich auch von defekten Menschen verehren ließ!) oder Isis (vgl. Plut., de Iside 62), also wiederum der irrationalen Sphäre. Ein grundsätzlicher Wandel in der Einstellung der Medizin zum Behindertenproblem wurde erst mit dem Hervortreten der Methodiker in der römischen Kaiserzeit vollzogen. Auch die Strafrechtspraxis l6 , die verbreiteten Körperstrafen mit ihrer sichtbaren, irreversiblen, stigmatisierenden Wirkung müssen hier angeführt werden. Wenn wir schon die antike Rechtskultur streifen, so soll hier auch dem weitverbreiteten Glauben entgegengetreten werden, daß im Altertum durch die Aussetzung behinderter Kinder die Zahl der Problemfälle auf ein Minimum reduziert worden wäre. Nun soll keineswegs geleugnet werden, daß aus religiösen oder eugenischen Gründen verkrüppelte Neugeborene ausgesetzt wurden10 Zu diesem L. PicciriIli, Gli arbitrati interstatali greci, Pisa 1973,1 300ff.; J. Bremmer, Medon, the case of the bodily blemished king, in: Perennitas. Studi in onore di A. BreIich, Rom 1980, 67ff. 1 j RE s. v. Philipp H. 2292. 12 Zur Krüppe1eigenschaft des Thersites: 0 . Andersen, Thersites und Thoas vor Troia, SO 57 (1982) 19ff.; J. Ebert, Die Gestalt des Thersiles in der !lias, Philologus 113 (1969) 162ff.; E. R. Lowry, Je., Thersites: A Study in Comic-Shame, HSCPh 85 (1981) 309ff. 13 Vgl. dazu E. Müller-Graupa, Primitiae, Glatta 19 (1931) 50ff.; W. Kugler, Des Persius Wille zu sprachlicher Gestaltung in seiner Wirkung auf Ausdruck und Komposition, Diss. Beriin 1940, 19. 14 F. Kudlien, Der Beginn des medizinischen Denkens bei den Griechen, Zürich, Stuttgart 1967, 106ff. 15 O. Weinreich, Antike Heilungswunder, Gießen 1909; R. Herzog, Die Wunderheilungen von Epidauros, Leipzig 1931; 1. Maisch, Die Heilung des Gelähmten, Stuttgart 1971, 57ff. 16 Zum ältesten Strafrecht der Kulturvölker, Leipzig 1905 passim; K. Latte, Beilräge zum griechischen Strafrecht, in: E. Berneker (Hrsg.), Zur griechischen Rechtsgeschichte, Darmstadt 1968, 295; 304f.; M. Mühl, Untersuchungen zur altorientalischen und althellenischen Gesetzgebung, Klio Beiheft 29 (1933) 53f.; W. Knach, Die Strajbestimmungen in Platons Nomoi, Wiesbaden 1960, 140ff.

Behinderte in der Antike

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ein Verfahren, dem Philosophen und Mediziner ihre ausdrückliche Zustimmung gaben -, trotzdem gab es im Altertum zu allen Orten und Zeiten genügend von Geburt an behinderte Personen, was sicherlich nicht nur in den zweifellos unzulänglichen Testverfahren zur Bestimmung der Lebenstüchtigkeit eines Kindes (Bad in Wein, kaltem Wasser und dergleichen) begründet sein konnte. Die Entscheidung über Annahme oder Aussetzung war eben zu einem Zeitpunkt zu treffen, zu dem sich nur eine verschwindend geringe Anzahl von Mißbildungen (monströse Geburten, 'tEpa'ta) klar erkennen ließ. Da die Normvorstellungen der jeweiligen Gesellschaft mitbestimmen, wer behindert ist, sieht die Behindertenpolitik unserer Tage ihre Aufgabe auch darin, die diesbezüglichen Mentalitäten aufzuhellen und zum Ausgangspunkt eines kritisch reflektierten Verhaltens zu machen. Was nun die Einstellungen der Menschen des Altertums betrifft, kann die Analyse des Namensmaterials wertvolle Hinweise erteilen. In Griechenland l7 treffen wir vor dem 4. Jh. v. Chr. nur in Ausnahmefällen auf sogenannte Behindertennamen: So einer ist z. B. Myskelos, nach der Überlieferung Oikist von Kroton im 7. Jh. v. Chr. 18 (was deshalb auch von einigen für ausgeschlossen gehalten wird), auch Rhoikos von Samos, der Erzgießer. Jedenfalls sind darunter so gut wie keine Adeligen zu finden, auch kaum Sklaven. Doch in städtischen Mittel- und Unterschichten, wie sie uns Aristophanes vorstellt, und nach Ausweis inschriftlichen Materials in bestimmten Randzonen der griechischen Welt (Thessalien, Boiotien, Euboia), treten sie häufiger in Erscheinung. Seit dem 3. Jh. v. Chr. nehmen Behindertennamen stetig zu, jetzt auch in Form von Spitznamen 19 (z. B. Dionysios "der Bucklige", Alexion "der Lahme" usw.). Anders dagegen die Verhältnisse in Rom: Hier sind Behinderten-Beinamen in republikanischer Zeit geradezu die populärste Gruppe bei der Nobilität, wohingegen sie bei Sklaven und Freigelassenen wieder nur unterdurchschnittlich vertreten sind 20 . Was die Sklaven (griechische 21 wie römische) angeht, wird man wohl darin die Erklärung zu suchen haben, daß eben ihre Brauchbarkeit vorrangiger Gesichtspunkt auch der Nomenklatur war22 , wie ja auch die Entwicklung der entsprechenden lateinischen Begriffssprache mit dem scharfen Unterschied von morbus und vitium (Gell., NA 4, 2) über das römische Sklavenrecht seinen Ausgang genommen hat23 . Durch die Verwendung von Behindertennamen im Kreise der politischen Führungsschicht Roms ist schon klargestellt, daß sich darin keine Diskriminierung der Namensträger ausdrücken kann 24 . Dies bestätigt auch Horaz (Sat. 1,3,43), der in dieser Art der Namengebung eine besondere Zuneigung der Eltern zu ihrem behinderten Kind erblickt. Plutarch spürt offensichtlich die unterschiedliche Vorgangsweise bei Griechen und Römern (Plut., Cor. 11, 6): 't&V öt (JrollanK&v ou 1l0VOV ~uA.A.ac; oMt NiypouC; oMt 'PouOUC;, a'J...:J...u Kai KaiKOll<; Kai

Dazu F. Bechtel, Die historischen Personennamen des Griechischen bis zur Kaiserzeit, Halle 1917, 491ff. Vgl. dazu M. Giangiulio, Delormita eroiche e tradizioni dilondazione. Balto, Miscelfo e l'oracofo delfico, ANSP 11, 1 (1981) 2ff. \9 RE 3 A 2 (1929) 1821-1840 s. v. Spitznamen (A. Hug). 20 I. Kajanto, The Latin Cognomina, Helsinki 1965, 63f.; 132ff. 2\ Dazu M. Lambertz, Die griechischen Skfavennamen, Wien 1907, 55ff. 22 Vgl. Sen., epist. mol'. 80, 9. 23 Zur Rückgabemöglichkeit eines defekten Sklaven im griechischen Recht: F. Pringsheim, The Greek Law 01 Safe, Weimar 1950, 473ff.; 488f.; zum besseren Schutz des Unfreien (im Interesse des dominus) vor Körperverletzungen mit Invaliditätsfolgen: R. Wittmann, Die Körperverletzung an Freien im klassischen römischen Recht, München 1972,67. 24 Es sei auch eindeutig festgehalten, daß nicht jeder Träger eines Behindertennamens auch selbst behindert war; für die psychologische Seite des Problems ist dies aber irrelevant. \7

\8

122

Herbert Graßl

KA,cooiou<; €1rcovulliu<; 'ti8EV'tat, KUA,ro<; E8isoV'tE<; 1lT]'tE 'tU
25 Vgl. auch das Zurücktreten der Merkmale der Behinderung in der Darstellung des Hephaistos: F. Brommer, Die Rückführung des Hephaislos, JDAI 52 (1937) 198ff. 26 Vgl. Lukian, adv. ind. 6, 105. 27 Vgl. J. Bompaire, Luden ecrivain, Paris 1958, 64lff. zur Autorschaft des Werkes; eine philologische Bearbeitung wäre ein Desiderat.

Behinderte in der Antike

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230

235

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Natürlich mußten sich viele Behinderte in persönlicher Bedienung unzählige Handgriffe richten lassen, doch diese körperlichen Verrichtungen waren im Altertum mit keinem Makel beladen, wollten doch auch viele nicht behinderte Reiche auf solche Hilfen nicht verzichten (vgl. Diog. Laert. 6,44). Einem Gott wie Hephaistos war es natürlich möglich, sich zwei automatische Helferinnen zu konstruieren (Horn., Il. 18,417). An künstlichen Hilfen hat es bei den Griechen, Römern, aber auch antiken Randvölkern wie den Kelten 28 nicht gefehlt: Stützschienen29 , 28 W. Krause, Die Kelten, Tübingen 1929,42; W. Meid, Ungleichheit als Rechtsprinzip. Zur Struktur der al/keltischen Gesellschaft, in: Die Geisteswissenschaften stellen sich vor, Innsbruck 1983, 160. 29 K. Sudhoff, Römische Stützschienefiir einen kranken Unterschenkel, gefunden an der Mosel, Sudhoffs Archiv 24 (1931) 27lff.

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Prothesen 30 und ähnliches waren bekannt, aber nicht als Gegenstand der Medizin, sondern des Handwerks, und auch hier tat sich die finanzielle Frage auf, etwa in der Wahl des Materials (Holz oder Bronze). Die realen Möglichkeiten der Integration waren somit von den ökonomischen Ressourcen des einzelnen abhängig; es erhebt sich deshalb die Frage, ob und inwieweit der Staat hier als Regulativ eingestiegen ist. Nun zeigt es sich, daß wie ja auch heute noch für die Gesellschaft die Behinderungsursache als Voraussetzung für eine entsprechende Anerkennung relevant ist. In der Antike galten Krankheit und Unfall als eher disqualifizierend, wozu natürlich gesagt werden muß, daß Arbeitsunfälle kaum eine Rolle spielten, wie überhaupt die Einstellung zur Arbeit, auch ihre Anforderungen, andere waren und ein daher rührendes Defektbewußtsein nicht so prägend war wie heutzutage. Durchgehende Anerkennung fanden im Altertum Kriegsinvalide 31 , eine psychologisch eminent wichtige Tatsache, und hier ist auch der Ausgangspunkt staatlicher Unterstützung gelegen. Genaueres erfahren wir für die griechische Welt nur aus Athen 32 , wo nach einem Einzelvorstoß für einen Kriegsinvaliden durch Solon (Plut., Solon 31, 3) eine staatliche Versorgung (OTJl.LOO'ig tp{;q>E0'8ut)33 von Peisistratos (Herakl. Pont., fr. 149 W.) überliefert ist. Nun paßt sich dies sehr gut in die sozialpolitische und ökonomische Entwicklung der attischen Tyrannis ein (Aufkommen der Münzprägung, dadurch neue staatliche Einnahmen und Ausgaben, Förderung der wirtschaftlich Schwachen wie z. B. des attischen Bauernstandes), doch muß man auch die Frage aufwerfen, wie sich eine solche Maßnahme mit der Wehrpolitik der Tyrannis und ihrer Reserve gegenüber einem Bürgerheer verträgt 34 . Wann gab es kriegerische Anlässe für die Stärkung des Wehrwillens, der Risikobereitschaft, der Solidarität der Bürgermiliz und wie war ein solches Vorgehen auf das Klassenwehrsystem abgestimmt? Auch über die frühe Organisationsform bestehen Unklarheiten: Gab es anfanglich tatsächlich eine Speisung (O'ttllO'tC;) im Prytaneion, für die, wiewohl vielfach behauptet35 , keine Zeugnisse beigebracht werden können 36 , ganz abgesehen davon, daß man sich ein tägliches Zusammenströmen aller Krüppel im Speisehaus der Gesandten, geehrten Bürger (z. B. der Athleten) und Fremden praktisch kaum vorstellen kann. Eine entscheidende Wandlung und ihre erst eigentliche Begründung hat die 30 W. v. Brunn, Der Stelz/uß von Capua und die antiken Prothesen, Arch. Gesch. Medizin 18 (1926) 35lff.; L. J. Bliquez, Classical Prosthetics, Archaeology 36/5 (1983) 25ff. 31 Plin., n. h. 7, 141; Älian, V. H. 5, 19 zu Ameinias, dem jüngeren Bruder des Aischylos (?); Cic., de oral. 2, 249. 32 A. A. M. Esser, Invaliden- und Hinterbliebenenfürsorge in der Antike, Gymnasium 52 (1941) 25ff.; H. Bolkestein, Wohltätigkeit und Armenpjlege im vorchristlichen Altertum, Utrecht 1939, 273f.; F. S. Borowski, Dokimasia. A Study in Athenian Constitutional Law, Diss. Cincinnati 1976,18ff.; J. J. Buchanan,Theorika, Diss. Princeton 1954, 2ff.; A. R. Hands, Charities and Social Aid in Greece and Rome, London 1968, 138; M. E. Pfeffer, Einrichtungen der sozialen Sicherung in der griechischen und römischen Antike, Berlin 1969, 61ff. 33 Vgl. auch die mit demselben Ausdruck umschriebene Versorgung eines Maulesels unter Perikles: Plut., soll. animo 970b; diese wird von der O'itllO't~ der Athleten deutlich abgehoben. 34 Zur attischen Militärorganisation unter der Tyrannis s. zuletzt F. J. Frost, The Athenian Military be/ore Cleisthenes, Historia 33 (1984) 283ff. 35 Borowski a. O. 26; P. J. Rhodes, The Athenian Boule, Oxford 1972, 176; ders., A Commentary on the Aristotelian Athenaion Politeia, Oxford 1981, 570. 36 Zum Prytaneion als sozialer Wohlfahrtsinstitution in Athen: S. G. Mi1ler, The Prytaneion, Berkeley, Los Angeles, London 1978, 19f.; in den Zeugnissen, die ab dem 5. Jh. diese Funktion belegen, scheinen allerdings keine Behinderten auf. Wenngleich das Prytaneion für Minderbemittelte viel mehr Sozialkasse denn Ausspeisungslokal war, muß man sich für die Ursprungsphase (und erst recht den Zeitraum vor Einsetzen einer intensiven Münzprägung) die Verhältnisse doch viel einfacher vorstellen.

Behinderte in der Antike

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Behindertenfürsorge im Verlauf des 5. Jh. v. ehr. genommen, die jetzt auf folgenden Eckdaten ruhte: Ein Anspruch ist unabhängig von der Behinderungsursache gegeben (umfaßt also Kriegsund Zivilinvalide) und an eine Vermögensgrenze von drei Minen gebunden. Die ausgezahlte Unterstützung von einem Obol pro Tag (im Laufe des 4. Jh. v. ehr. zwei Obolen) kann nur rund die Hälfte des benötigten Lebensunterhaltes abdecken. Ob diese neue Form als Paket eingeführt wurde oder sich sukzessive entwickelt hat, ist nicht klar. Die Erfassung auch der Zivilinvaliden hat man ansprechend mit den Auswirkungen der verheerenden Pest zu Beginn des Peloponnesischen Krieges erklärt37 . Trifft dies zu, so wären die Zivilinvaliden auch in ursächlichem Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen in diesen Genuß gelangt, wohl um die psychologischen Folgen des Kriegsschocks aufzufangen. In diesem einzigartigen attischen Modell wurde der Gedanke der Solidargemeinschaft der Bürger auch auf dieses Feld ausgeweitet, der Bürger hatte durch Verankerung im Nomos (Athen. pol. 49, 4) einen Rechtsanspruch auf die staatliche Unterstützung und war nicht der Gnade überantwortet. All dies läßt sich auch aus der Rede des Lysias für einen Invaliden (ar. 24) entnehmen. Haben sich andere Poleis dem Beispiel Athens angeschlossen? Auch darüber ist so gut wie nichts bekannt. In diesem Zusammenhang sei aber auf die Armee Alexanders des Großen verwiesen. Die Meuterei von Opis wurde bekanntlich durch die geplante Entlassung der makedonischen Kriegsinvaliden ausgelöst (Plut. Alex. 71; Arr., anab. 7, 8, lff. ); diese waren ungehalten darüber, daß sie der König, wie sie sagten, "ihren Vaterstädten und Eltern anhängen" wollte (npoO'pinn:tv TUt<; nUTpiO't Kui Tot<; YOVEUO'tV): ist nun dies Rhetorik Plutarchs (Alex. 71,2) oder ihr tatsächliches soziales Auffangnetz? Schließlich wurden die Invaliden wie auch altgedienten Veteranen, gegen 10.000 Mann, in Ehren entlassen und mit je einem Talent "belohnt" und "beschenkt" (Arr., anab. 7, 12, Uf.; vgl. 7, 8, 1); dazu sollte nach Anweisung Alexanders durch besondere Ehren (Prohedrie bei Agonen und im Theater) ihre Wiedereingliederung gesichert werden (Plut., Alex. 71, 8; vgl. Arr., anab. 7, 10, 5). Für uns sind dabei folgende Gesichtspunkte interessant: 1. Die Invaliden hatten keinen verbrieften Anspruch auf Sicherung ihrer sozialen Existenz, diese war vielmehr in die Gnade des Königs gelegt und aus dem Gedanken von "Leistung" und "Lohn", also gegenseitiger Verpflichtungen, heraus gewährt. 2. Die Invaliden wurden bei ihrer (vorzeitigen) Entlassung den altgedienten Soldaten gleichgestellt. 3. Dem Monarchen schienen zusätzliche Maßnahmen auf bewußtseinsförderndem Gebiet angebracht, um die Wiedereingliederung in die angestammte Umgebung zu sichern, etwa durch äußerliche Statusanhebung. Diese drei Punkte werden für das Studium der entsprechenden römischen Verhältnisse ebenfalls von Bedeutung sein. Eine derartige Vorgangsweise in der Behandlung invalider Heeresangehöriger hatte eben auch die Stärkung der Risikobereitschaft und Solidarität unter den Soldaten im Auge (vgl. Arr., anab. 7, 8, 1). Im römischen Staat 38 ist in der Zeit des Milizheeres eine Sonderbehandlung der Kriegsinvaliden nicht bezeugt. Erst mit den allgemein geänderten Verhältnissen im Heerwesen der späteren Republik, dem Auftreten des Berufssoldatentums bekam die Frage der Altersversorgung auch der Invaliden neues Gewicht. In der frühen Kaiserzeit waren die vorzeitig entlassenen Invaliden (causarii) den Veteranen mit missio honesta gleichgestellt. Im Laufe des 3. Jh. n. ehr.

E. Ruschenbusch, Athenische Innenpolitik im 5. Jahrhundert v. ehr., Bamberg 1979, 81. H.-Chr. Schneider, Das Problem der Veteranenversorgung in der späteren römischen Republik, Diss. Bonn 1977,6; zur missio causaria s. Verf., Missio causaria, in: Römische Geschichte. Altertumskunde und Epigraphik, Festschrift A. Beiz, Wien 1985, 28lff. 37 38

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wurde zwar der Kreis derer, die von der missio causaria erfaßt wurden, ausgeweitet, doch diese zählte jetzt zu einer eigenen Kategorie (neben der missio honesta und missio ignominiosa) und auch wegen des finanz- und steuerpolitischen Kurses verschlechterte sich die Position der causarii zusehends, jede Gratifikation war Gnadenakt des Kaisers. Bei Zivilinvaliden hat man erst in der Kaiserzeit für deren erleichterten Zugang zum Recht (durch den curator debilium)39 gesorgt, eine direkte finanzielle Unterstützung ist nicht bezeugt. Doch darf deswegen nicht schon auf mangelndes soziales Gewissen geschlossen werden, worauf ja das vielfach belegte Bettelwesen abzielt. Die Lebenschancen Behinderter differierten im Imperium auch geographisch, in gewissen Räumen waren sie günstiger gelagert, so in Ägypten, ob in der Tradition nationalen Erbes oder aus der dort charakteristischen Arbeitsmarktsituation heraus - oder beidem - , sei dahingestellt. Dieses vorhin angesprochene nur teilweise Eingreifen des antiken Staates bedeutet aber nicht, daß man das Problem einfach nicht sehen wollte, glattweg verdrängt hat. Hierin kann sich auch eine andere Form von sozialen Bindungen ausdrücken, die in ihrer Eigenart ebenso "intakt" und angemessen waren: otKOC:;, Freundschaft, familia, Klientel usw., alles strukturell eigene Größen im Altertum. Freilich stellt ein staatliches System die höchstorganisierte, weil alle Betroffenen erfassende und gleichbehandelnde Form der Sozialmaßnahmen dar, doch hat der antike Staat mit geringen Ausnahmen solche Organisationsmodelle wie auf vielen anderen Gebieten auch nicht entwickelt. Selbst in Athen, das einen umfassenden Begriff für die anspruchsberechtigten Behinderten entwickelte ("UöUVIl'r01"), war nur der engere staatsbürgerliche Kreis erfaßt. In dieser Situation lag auch die Chance (und Aufgabe!) für die christliche Kirche, die sieja auch wahrzunehmen wußte und dadurch für Jahrhunderte staatliche Bemühungen überflüssig werden ließ. Universität für Bildungswissenschaft Klagenfurt Institut für Geschichte, Abt. Alte Geschichte Universitätsstraße 65-67 9022 Klagenfurt

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39 Dazu S. Brassloff, Sozialpolitische Motive in der römischen Rechtsentwicklung, Wien 1933. 83; L. Wenger, Zu den neuen Oxyrhynchus-Papyri, Wiener Eranos (Wien 1909) 273ff.