ROB HEFT 18 - HIE-RO

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ISSN 0947-6016 Rostocker Beiträge zur Regional- und Strukturforschung, Heft 18 Netzwerke und Cluster – Neue Chancen für Regionen Hans Pohle (Hrsg.)...

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ISSN 0947-6016

Rostocker Beiträge zur Regional- und Strukturforschung, Heft 18

Netzwerke und Cluster – Neue Chancen für Regionen

Hans Pohle (Hrsg.)

Universität Rostock

9

Rostocker Beiträge zur Regional- und Strukturforschung, Heft 18

Netzwerke und Cluster – Neue Chancen für Regionen

Hans Pohle (Hrsg.)

Universität Rostock 10

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät 2006 HERAUSGEBER – ISSN-Reihe:

Prof. Dr. Gerald Braun Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik International Baltic Entrepreneurship Center

REDAKTION:

Dr. Hans Pohle

LEKTORAT:

Monika Diekmeyer

HERSTELLUNG DER DRUCKVORLAGE:

Monika Diekmeyer

ZITAT KURZTITEL:

Netzwerke und Cluster – Neue Chancen für Regionen / Hans Pohle (Hrsg.) – Rostock: Univ., Wirtschafts- und Sozialwiss. Fakultät, 2006. – 228 S. – (Rostocker Beiträge zur Regional- und Strukturforschung; 18)

ISSN 09407-6016

© Universität Rostock, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, 18051 Rostock Jede Form der Weitergabe oder Vervielfältigung bedarf der Genehmigung des Herausgebers. BEZUGSMÖGLICHKEITEN:

Universität Rostock Universitätsbibliothek, Schriftentausch, 18051 Rostock Universität Rostock Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik / International Baltic Entrepreneurship Center Johann-Heinrich-von-Thünen-Haus Ulmenstraße 69 18051 Rostock Tel.: ++49(0)381 498 4561; Fax: ++49(0)381 498 4562 E-Mail: [email protected]

DRUCK:

printmix 24, Bad Doberan 11

INHALT

Vorwort des Herausgebers

Netzwerke, Cluster, lernende Regionen – Bloße Modeworte oder reale entwicklungspolitische Hoffnungen auch für MecklenburgVorpommern? ..................................................

5

Regionalentwicklung durch Vernetzung – Chancen für Mecklenburg-Vorpommern ..........

9

Gerhard Heimpold, Wie steht es in Mecklenburg-Vorpommern um Martin T. W. Rosenfeld die Ballung wirtschaftlicher Aktivitäten? Eine Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung der Städte des Landes ............................

43

Gerald Braun

Dieter Rehfeld

Matthias Gutgesell, Jörg Maier

Wilhelm Steingrube

Wolfgang Blank

Autorenverzeichnis

Innovative Cluster – Zufall oder Ergebnis gezielter regionaler Entwicklungspolitik?..............

97

Industrielle Cluster in ländlichen Räumen? Analyse und Bewertung von Clusterstrukturen unter Einbeziehung der Idee des Clustermanagements ..................................................

137

Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern – Ein schwieriges Feld für die Clusterpolitik?

163

From BioCon Valley to ScanBalt – a model case for transnational cooperation in the field of biotechnology and life sciences....................

193

...........................................................................

221

12

Vorwort Netzwerke, Cluster, lernende Regionen – Bloße Modeworte oder reale entwicklungspolitische Hoffnungen auch für Mecklenburg-Vorpommern? Innovationsförderung durch Netzwerke, Cluster und lernende Regionen sind die aktuellen Kernbegriffe der regionalwissenschaftlichen und regionalpolitischen Diskussionen. Obwohl ihre theoretische Basis und darauf aufbauend die Begründung für regionalpolitisches Handeln des Staates in diesem Bereich noch unzureichend sind, bilden sie eine der zentralen Hoffnungen für die wirtschaftliche Entwicklung von Regionen im globalen Wettbewerb. Dies gilt ebenso für die Regionen in Ostdeutschland wie insbesondere auch für Mecklenburg-Vorpommern. Dort wird im Jahreswirtschaftsbericht 2004 an prominenter Stelle betont: „Erforderlich bleiben weiterhin innovationsfördernde Maßnahmen wie die Unterstützung marktorientierter Forschung und Entwicklung sowie von Innovationsnetzwerken.“ oder ebenda in den Leitsätzen der Wirtschaftsförderung, wo ausgeführt wird: „... durch Etablierung leistungsfähiger Strukturen und Netzwerke der Kooperation und des Technologietransfers ... (werden) ...die Wettbewerbsfähigkeit und die Wachstumschancen der 1

gesamten Region ...“ gestärkt. Damit erfolgte nicht nur eine Abkehr von der bisherigen Strategie einer wirtschaftspolitischen Ausgleichspolitik hin zu einer Stärkung wachstumspolitischer Zielsetzung. Zu fragen bleibt, ob die geradezu „inflatorisch“ verwendeten Begriffe bloße Modewörter der Regionalwissenschaft sind oder ob sie auch reale Entwicklungschancen für die Regionen MecklenburgVorpommerns abbilden. Allen diesen Begriffen ist gemeinsam, dass sie sich von der herkömmlichen Sicht der Regionalentwicklung mit ihrer Betonung der Kapitalausstattung abwenden und sich der besonderen Rolle und Bedeutung von Wissen, Information und Innovation 2

für die wirtschaftliche Entwicklung von Städten und Regionen zuwenden. Zugleich ist ihnen gemeinsam, dass sie ordnungspolitisch sowohl auf den Wettbewerb als auch auf die Kooperation der an Wirtschaftsentwicklung beteiligten Akteure setzen. Zu diesen Akteuren gehören nicht nur die privatwirtschaftlichen Unternehmen, sondern auch insbesondere die in der Region angesiedelten For13

schungsinstitutionen und die öffentlichen, wirtschaftspolitisch bedeutsamen Akteure. Diese in die Konzepte der regionalen Wirtschaftspolitik einzubinden und sie nicht nur zu unterstützen, sondern auch für die regionale Entwicklung instrumentell zu nutzen, ist daher eine der zentralen Kennzeichen einer solchen neuen Strategie. Diesen Fragen widmet sich die vorliegende Publikation sowohl aus einer theoriebezogenen Perspektive, als auch aus empirischer, d. h. politikbezogener Sicht und der Praxis vorhandener Netzwerke und Cluster. Sie analysiert die grundlegenden Zusammenhänge, die notwendigen Voraussetzungen und empirischen und realen Probleme und Chancen von Netzwerken und Clustern insbesondere auch für Mecklenburg-Vorpommern. Wachstum durch Vernetzung und Kooperation unter Wettbewerbsbedingungen – diese Strategie verspricht insbesondere für kleinere und mittlere Unternehmen neue Wachstumschancen, die über die eigenen endogenen Potenziale hinaus3

weisen. Spezialisierung mit neuer Arbeitsteilung im Netzwerk und damit die Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Unternehmen werden dadurch verbessert und neue Marktchancen entwickelt. Der intensive Austausch von Informationen zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen ist konstituierend für derartige innovative Netzwerke. Dadurch sind Wettbewerbsvorteile für alle beteiligten Unternehmen zu erzielen (Win-win-Situation). Cluster setzen neben der Vernetzung der Akteure auf spezifische Vorteile und Begabungen der Region und sind daher gegenüber informationellen Netzwerken besonders durch ihre räumliche Nähe und Dichte, d. h. den engen Raumbezug, gekennzeichnet. Sie nutzen daher zusätzlich mögliche Agglomerationsvorteile. Damit gerät die Größe und die Verdichtung einer Region oder Stadt als Basis 4

einer Clusterbildung und der besondere regionale Bezug in den Vordergrund. Für Mecklenburg-Vorpommern sind diese räumlichen Voraussetzungen mit seiner eher ländlich geprägten Struktur und nur wenigen größeren Städten eher ungünstig. Da sich Cluster in der Regel in eigendynamischen, sich selbst verstärkenden Prozessen bilden, kann dieses allerdings nicht ohne weiteres für regionalpolitische 14

5

Strategien genutzt werden. Wirtschaftsförderung im herkömmlichen Sinn ist dabei wenig hilfreich. Dennoch kann und sollte, wenn sich ein solches Cluster herausbildet, öffentliche Förderung für die Konsolidierung und das Management den nachhaltigen Erfolg eines „jungen“ Clusters sichern. Am Beispiel von Clustern aus 6

Oberösterreich und Bayern wird diese regionalpolitische Strategie analysiert. Es wird aufgezeigt, dass ein solches Vorgehen auch im ländlichen Raum zum Erfolg führen kann, wenn entsprechend professionelle Organisationsformen aufgebaut und unterstützt werden. Auch für das Land Mecklenburg-Vorpommern sind unter diesen Voraussetzungen Netzwerke und Cluster für die regionale Wirtschaftspolitik von großem Interesse. 3

7

Sowohl im Bereich der Gesundheitswirtschaft , des Tourismus und der Biotech8

nologie und Life-Science-Produkte bestehen im Land Netzwerke und Cluster, deren Unterstützung durch die Wirtschaftspolitik des Landes sinnvoll ist. Der Herausgeber dankt den Autoren für die Bereitstellung der Manuskripte und die sehr gute und kollegiale Zusammenarbeit sowie Frau Monika Diekmeyer für das sorgfältige Korrekturlesen und das Lay-out der Manuskripte. Hans Pohle 1

Wirtschaftsministerium Schwerin.

2

Pohle, Hans (2004): Wissen, Information und Innovation in der Landes- und Regionalentwicklung – Das Beispiel Mecklenburg-Vorpommern. In: Eich-Born, M. (Hrsg.): Innovationen für Mecklenburg-Vorpommern – Strategien für einen Wachstumspfad. Rostocker Beiträge zur Regional- und Strukturforschung Heft 17, Rostock.

3

Braun, Gerald (2006): Regionalentwicklung durch Vernetzung – Chancen für Mecklenburg-Vorpommern. I. d. Band.

4

Heimpold, Gerhard / Rosenfeld, Martin T. W. (2006): Wie steht es in MecklenburgVorpommern um die Ballung wirtschaftlicher Aktivitäten? Eine Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung der Städte des Landes. I. d. Band.

5

Rehfeld, Dieter (2006): Innovative Cluster – Zufall oder Ergebnis gezielter, regionaler Entwicklungspolitik. I. d. Band.

6

Gutgesell, Matthias / Maier, Jörg (2006): Industrielle Cluster in ländlichen Räumen? Analyse und Bewertung von Clusterstrukturen unter Einbeziehung der Idee des Clustermanagements. I. d. Band.

7

Steingrube, Wilhelm (2006): Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern – Ein schwieriges Feld für die Clusterpolitik? I. d. Band.

8

Blank, Wolfgang (2006): From BioCon Valley to ScanBalt – a model case for transnational cooperation in the field of biotechnology and life sciences. I. d. Band.

Mecklenburg-Vorpommern

15

(2006):

Wirtschaftsbericht

2004,

Gerald Braun

Regionalentwicklung durch Vernetzung – Chancen für Mecklenburg-Vorpommern

„Wenn wir nicht groß an Kraft und Zahl sind, müssen wir es an Geist und Kultur sein.“ (Baltischer Leitsatz)

Inhalt 1

Auf dem Weg in die Wissensgesellschaft.................................................. 17

2

Mecklenburg-Vorpommern: Stärken und Schwächen des Standorts ........ 19

3.

Wachstum durch Vernetzung .................................................................... 26

3.1

Das Netzwerk „Lernende Region Mittleres Mecklenburg-Küste“............... 27

3.2

Das Netzwerk „Gesundheitswirtschaft“ ..................................................... 30

4

Netzwerke: Erfolgsfaktoren und Probleme ................................................ 34

5

Eine Aufholstrategie für M-V: Investitionen in unternehmerisches Humankapital ............................................................................................ 39

6

Elemente einer „weichen“ Netzwerkpolitik................................................. 42

Literaturverzeichnis .............................................................................................. 44 Abbildungsverzeichnis.......................................................................................... 45 Übersichtsverzeichnis........................................................................................... 45

16

1

Auf dem Weg in die Wissensgesellschaft

Wenn nicht alles täuscht, verabschiedet sich gegenwärtig die klassische Industriegesellschaft, etwa nach dem Motto: „Societies never die, they fade away.“. Ihre drei Merkmale – Dominanz der materiellen Produktion, Industriearbeit und hierarchische Organisation – verlieren unwiederbringlich an gesamtwirtschaftlicher Bedeutung, auch in Mecklenburg-Vorpommern. Wissen, definiert als immaterielle Produktion, wird zur wichtigsten Quelle gesellschaftlicher Wertschöpfung. Und die Anwendung von Wissen auf Wissen wird zum „axialen Prinzip“ (D. Bell) nachindustrieller Gesellschaften. Wissen ist mehr als Information, es ist stets personengebunden, das Ergebnis schöpferischen menschlichen Geistes oder – wie auch formuliert wird – des Humankapitals. Bildungsökonomische Studien kommen zu dem Ergebnis, dass bis zu 70 Prozent des Wirtschaftswachstums auf die Verbesserung des Humankapitals zurückzuführen sind. Dreierlei ist im vorliegenden Zusammenhang bedeutsam: 1.

Der Wettbewerb um Märkte wandelt sich zum weltweiten Wettbewerb um „kreative Köpfe“, um Wissensarbeiter, Forscher, Entwickler, Marketingstrategen und Netzwerkdesigner. Unternehmen sind angesichts verkürzter Produktund Profitzyklen gezwungen, ständig neue Produkte, neue Verfahren und Technologien am Markt durchzusetzen. Ihre Fähigkeit, bessere und schnellere Leistungen zu erbringen als die Konkurrenz, basiert wesentlich auf Kompetenz- und Wissensvorsprüngen ihrer Fach- und Führungskräfte. Im Kern werden alle Unternehmen zu wissensbasierten Organisationen. Wissensmanagement wird so zur strategischen Ressource, ist doch das kontinuierliche Schaffen neuen kollektiven betrieblichen Wissens essenziell für die Konkurrenzfähigkeit eines Unternehmens- und auch einer Region.

2.

(Inter-)national entsteht eine ausgeprägte Hierarchie von Wachstums- und Wissensräumen. An ihrer Spitze stehen „scientific cities“ mit hochverdichteten Forschungs- und Technologieclustern um Universitäten, attraktiven Kulturund Freizeiteinrichtungen; in Deutschland etwa um München, Stuttgart, Ham17

burg, Dresden und Jena (um nur einige zu nennen). Und am Ende der internationalen Wissenshierarchie versammeln sich agrarische und altindustrielle Abstiegsregionen (Kohle, Stahl, Textil) mit wenig und geringer qualifiziertem Humankapital, schlichten Bildungseinrichtungen, Massenarbeitslosigkeit und anhaltender Abwanderung kreativer Köpfe, etwa in Ostfriesland, im Bayrischen Wald, sowie in strukturschwachen Räumen Brandenburgs, SachsenAnhalts und Mecklenburg-Vorpommerns. 3.

Paradoxerweise führt die globale Wirtschafts- und Wissensökonomie zu einer Aufwertung der Regionen. Regionen verfügen neben kodifiziertem Wissen auch über implizites Wissen („tacit knowledge“) (vgl. zum Folgenden POHLE 2004, S. 81 ff.). Dieses Wissen – in Mecklenburg-Vorpommern (M-V) etwa maritimes Know-how, touristisches und ökologisches Wissen – ist räumlich gebunden und nur schwer in andere Regionen transferierbar.

Dabei hängt die internationale Wettbewerbsfähigkeit lokaler Unternehmen wesentlich von ihrer Einbettung in wissensbasierte räumliche Netzwerke ab, die impliziertes Wissen speichern und weitergeben. Diese Cluster bestehen aus geographisch konzentrierten Produktionsnetzen von Zuliefer- und Abnehmerbetrieben, Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen, kombiniert mit effizienten Förderinstitutionen, Venture Capital Fonds und schlagkräftigen Interessenverbänden (Beispiele sind etwa Silicon Valley, München-Martinsried und Berlin-Adlershorst). Die Netzwerke kreieren im besten Falle ein innovatives Milieu, das die beteiligten Unternehmen der Region dazu befähigt, gemeinsame Projekte zu initiieren und Neuerungen am Markt durchzusetzen. Die Wettbewerbsvorteile derartiger Cluster liegen auf der Hand: Sie erleichtern durch Kooperation und Spezialisierung den Zugang zu externem Wissen („Erweiterung des Wissens- und Erfahrungshorizonts“), Synergieeffekte entstehen, betriebliche Lern- und Transaktionskosten werden gesenkt, gemeinsame Kompetenzzentren werden aufgebaut, überregionale Markteintrittsschranken können überwunden, Arbeitsgemeinschaften bei öffentlichen Ausschreibungen gebildet werden.

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Kurz: Die Wettbewerbsfähigkeit der beteiligten Unternehmen wird substanziell verbessert – weit über die betrieblichen Potenziale hinaus. Die Bedeutung regionaler Produktionsnetze für das Wachstum vor allem kleinerer und mittlerer Unternehmen kann nicht genug betont werden. „It seems as though the real question is not one of small size but of 'loneliness'. Herein lies the importance of networks, organizations and institutions that not only integrate small suppliers but also allow them to reap their full competitive potential.“ (POON 1990, S. 118).

2

Mecklenburg-Vorpommern: Stärken und Schwächen des Standorts

Jede Wachstumsstrategie, die mehr sein will als kurzatmiges Krisenmanagement, setzt eine tabulose Potenzialanalyse des Standorts Mecklenburg-Vorpommern (M-V) im Vergleich zu seinen Hauptkonkurrenten – etwa Schleswig-Holstein, Südschweden oder Westpolen voraus. Meck-Pomm (so der studentische Jargon) ist im internationalen Wettbewerb mehrfach benachteiligt: Randlage und industrielle Strukturschwächen Historisch gesehen zählt M-V zu den strukturschwächsten Regionen nicht nur Deutschlands, sondern der gesamten EU (Rang 229 unter 275 EU-Regionen im Jahr 2003); ein dünn besiedeltes, agrarisch geprägtes Flächenland mit niedrigem Industriebesatz (dominierend: Nahrungsmittelindustrie und maritime Wirtschaft), das fortgesetzt unter der Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte litt und leidet. Geographische Randlage, dünne Besiedlung und überkommene Strukturschwächen konnten – weder durch die DDR-Territorialplanung noch durch westdeutsche Fördermittel – nachhaltig überwunden werden. Fehlen einer dynamischen Unternehmerschicht Die „eigentliche“ Ursache der wirtschaftlichen Rückständigkeit M-Vs ist das historisch bedingte Fehlen einer dynamischen Unternehmerklasse (anders als etwa in 19

Thüringen und Sachsen), von innovativen Netzwerken und einer breiten Schicht schöpferischer Fach- und Führungskräfte. Verglichen mit Schleswig-Holstein, das eine ähnliche Wirtschaftsstruktur aufweist – Landwirtschaft, Werften, Tourismus – fehlen dem Land M-V etwa 20.000 mittelständische Unternehmer. Mehr noch: In den nächsten Jahren werden weitere 5.000 Selbstständige ausscheiden – ohne dass bislang das Nachfolgerproblem gelöst wäre. Die Gründe liegen teilweise weit zurück, prägen aber immer noch das Land oder mit den Ergebnissen der Netzwerkforschung ausgedrückt – „history matters“: •

Der Agrarfeudalismus verhinderte in M-V – von wenigen Modernisierungsinseln um die Hansestädte abgesehen – das Entstehen einer dynamischen Industriellenklasse. Und das wichtigste gesellschaftliche Projekt der SEDDiktatur war die Vernichtung einer bürgerlichen Unternehmerschicht durch zwangsweise Enteignung und – freiwillige oder erzwungene – Vertreibung.



Bestehende (inter-)nationale Netzwerke zerrissen unter der DDR-Planwirtschaft durch Abkoppelung vom kapitalistischen Weltmarkt.



Nach der Wende wurden aus der DDR-Zeit resultierende Kombinatsnetze und RGW-Kooperationen zerstört oder von westdeutschen Konzernzentralen übernommen.

Eine nahezu vollständig ausgelöschte Unternehmerkultur lässt sich nicht im Schnellverfahren hochzüchten, sondern erfordert eine Politik des langen Atems. Bevölkerungsrückgang und Abwanderung Für die Zukunft des Landes besonders dramatisch ist der anhaltende Bevölkerungsrückgang (bildungsökonomisch formuliert: der Abbau des Humankapitals), hängt doch in Wissensgesellschaften wirtschaftliches Wachstum wesentlich vom Humankapital, von Menge und Qualifikation der Erwerbsbevölkerung ab. Historische Studien zeigen, dass Wirtschaftswachstum mit Bevölkerungszunahme positiv korreliert. Umgekehrt formuliert: Es lässt sich kein Fall finden, in dem demographischer Niedergang langfristig zu wirtschaftlichem Aufstieg führt (Rückgang der Konsumentenzahlen, der Investitions- und Innovationstätigkeit, sinkende Produktivität, depressive Stimmung, verbreitete Motivationsverluste etc.). Mit einem prog20

nostizierten Bevölkerungsschwund von 1,8 Mio. (2001) auf 1,4 Mio. (2025) zählt M-V – hinter der italienischen Provinz Ligurien – zu den Regionen in der EU mit der stärksten Bevölkerungsabnahme. Niedrige Geburtenzahlen, eine alternde Bevölkerung und die anhaltende Abwanderung jüngerer und besser qualifizierter (Hochschul-)Absolventen – in Vorpommern vor allem junge Frauen – verringern fortlaufend das Potenzial des Landes an kreativen Köpfen, Wissensarbeitern und Unternehmerpersönlichkeiten. Im Zeitraum 1990 bis 2004 verlor M-V über 530.000 Menschen durch Abwanderung, darunter Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure und Anwälte. In Zukunft ist daher mit stark sinkenden Studentenzahlen, einem Abbau der Universitäten und Forschungseinrichtungen, rückläufigen Patentanmeldungen und einer verringerten Innovationstätigkeit zu rechnen. Aber – wo Schatten ist, da ist auch Licht. Tatsächlich verfügt Mecklenburg-Vorpommern im internationalen Wettbewerb über einige Standortvorteile, deren konsequente Nutzung erhebliche Wachstumsund Beschäftigungseffekte erwarten lässt: Lagegunst zu metropolitanen Wachstumszentren im Ostseeraum M-V ist seit der Nord- (Skandinavien) und Osterweiterung (Polen, Baltische Staaten, Tschechische Republik) der Europäischen Union vom Rand stärker ins Zentrum Europas gerückt. Damit ist ein entscheidender Standortnachteil des strukturschwachen Landes beseitigt, die „geography matters“. Mehr noch: Das Land an der Küste liegt nunmehr im direkten Einzugsbereich von vier Wachstumspolen des Ostseeraumes (Hamburg, Berlin, Kopenhagen/Malmö und Stettin). Die wirtschaftspolitische Konsequenz des neu geschaffenen Standortvorteils liegt auf der Hand: Aufgrund seiner begrenzten endogenen Entwicklungspotenziale muss sich Mecklenburg-Vorpommern mit den umliegenden Wachstumsräumen vernetzen, dort als eine Art „free rider“ andocken und Spezialmärkte erschließen. Mit anderen Worten: Die beste Regionalpolitik für M-V ist eine Netzwerkpolitik, die außerhalb M-Vs überregional ansetzt (BRAUN 2004, S. 51 ff.)

21

Abb. 1: Strategien einer „Andockung“ Mecklenburg-Vorpommerns an (inter)nationale Wachstumsräume

Quelle: nach Bandelin, J. / Braun, G./ Heinrichs, B. et al.: Regionalentwicklung benachteiligter Räume in Mecklenburg-Vorpommern unter besonderer Berücksichtigung von Vorpommern und Ostmecklenburg. In: Rostocker Beiträge zur Regional- und Strukturforschung, Heft 16, Rostock 2001, S. 27

Dies gilt zum einen für dauerhafte Wohn- und Gewerbeaussiedlungen aus den städtischen Agglomerationen – von Seniorenwohnheimen bis zu High-TechSchmieden –, zum anderen für profitable Produkte aus M-V, etwa Bau-, Logistikund Transportleistungen, Bio-Agrarprodukte und Erzeugnisse der Nahrungsmittelindustrie, für spezifische Marktsegmente (Marinas, Golf, Radwanderungen, Tagungen, Kongresse etc.) des Fremdenverkehrs. Besonders attraktiv für gestresste Großstädter dürfte ein integrierter Gesundheits-, Erholungs- und Event-Tourismus (vgl. HEINZE / POHLE 2007) sein, der die notwendige Erholungsqualität bietet. Dass die angestrebte Vernetzung im Ostseeraum auch eine „Andockung“ bestehender lokaler und regionaler Netze an internationale Cluster – von Städten, 22

Kammern, Universitäten und Forschungseinrichtungen – notwendig macht und dass dazu ein entsprechender Kompetenzaufbau von Fach- und Führungskräften notwendige Voraussetzung ist, sei bereits hier erwähnt. Naturräumliches Potenzial und materielle Kultur Mecklenburg-Vorpommern verfügt als großes und dünn besiedeltes Flächenland mit langen Küstenstränden, Naturreservaten, Urlaubsinseln und der Mecklenburgischen Seenplatte über ein einzigartiges touristisches Potenzial. Hinzu kommen die gotischen Hansestädte (Wismar und Stralsund als UNESCO-Weltkulturerbe), zahlreiche Schlossanlagen und Gutshöfe sowie die eindrucksvolle Bäderarchitektur. Tatsächlich ist es M-V – trotz mancher Service-Defizite – gelungen, die höchste Fremdenverkehrsintensität (Übernachtungen pro 1.000 Einwohner) unter allen Bundesländern zu erzielen. Mit vielfältigen Kunst- und Kulturangeboten und der Förderung des Gesundheitstourismus wurden weitere Wachstumsmärkte erschlossen. Allerdings ist eine notwendige Internationalisierung der touristischen Infrastruktur, von Produkten, Informationen und Dienstleistungen erst in Ansätzen entwickelt. Dass trotz teilweise spektakulärer Erfolge „die Bäume nicht in den Himmel wachsen“, zeigen folgende Entwicklungen: •

Bislang ist es kaum gelungen, höhere Marktsegmente (Golf, Schönheitsfarmen, internationaler Luxustourismus) zu erschließen. Zurückzuführen ist dies u. a. auf den immer noch geringen Bekanntheitsgrad des Landes bei einkommensstarken europäischen Zielgruppen, auf hohen Konkurrenzdruck und anhaltende Qualitätsprobleme. Die Folge: Der Anteil des Fremdenverkehrs an Wertschöpfung und Beschäftigung beträgt je nach Definition und Abgrenzung etwa 10 bis 13 Prozent – und stagniert (zu einer detaillierten Analyse vgl. SLAWINSKI 2003, S. 152 ff).



Wichtige Märkte des Tourismusaufkommens sind extrem wetter- und konjunkturabhängig. Verregnete Sommer, sinkende Realeinkommen führen relativ schnell zu Buchungseinbrüchen wie etwa im Urlaubsjahr 2005. Wetterunab-

23

hängige Angebote und ein günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis können hier Abhilfe schaffen. •

Selbst in klassischen Urlaubsregionen (Schwarzwald, Tirol, Toskana, dänische Küsten) erzielt die Tourismusbranche maximal einen Anteil von 15 Prozent am Sozialprodukt und an den Voll-Arbeitsplätzen. Der Löwenanteil der Wertschöpfung von 85 Prozent muss in anderen Sektoren erwirtschaftet werden. Und es gibt keinen Grund, warum dies nicht auch für M-V gelten sollte.

Gesundheitswirtschaft Wird der Gesundheitssektor im Zuge des sechsten Kondratieff zum Wachstumsmotor nachindustrieller Freizeit- und Wellness-Gesellschaften werden, wird Gesundheit zunehmend als „Lebenssinn“ (M. Horx) begriffen, die im ganzheitlichen Sinne neben dem körperlichen auch das seelisch-geistige und emotionale Wohlbefinden umfasst. Zwei zeitlich parallele Entwicklungen spielen eine strategische Rolle: Zum einen wird angesichts der historisch präzedenzlosen demographischen Entwicklung – Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung – die Nachfrage nach altersgemäßen Gesundheitsdiensten (Pflege und Rehabilitation) steigen. Zum anderen manifestiert sich das gewachsene Körper- und Gesundheitsbewusstsein der jüngeren Bevölkerung im Wachstum von Wellness-Reisen, Beauty-Farmen und Anti-AgingKuren. Tatsächlich hat sich der Gesundheitsmarkt in Deutschland mit seinen heterogenen Teilmärkten Medizin und Pharma, Pflege und Soziales, Sport, Wellness und Physiotherapie, Gesundheitstourismus, Ernährung und Hauswirtschaft in Deutschland zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. In ihm sind über 12 Prozent (= 4,1 Mio.) aller Erwerbstätigen beschäftigt – und in einigen Bereichen wird bereits jetzt nach qualifiziertem Fach- und Führungspersonal gesucht (ein Trend der vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung weiter anhalten dürfte). Die konsequente Spezialisierung des Landes auf den Ausbau der Gesundheitswirtschaft (Health Care) bietet – gestützt auf intakte Umwelt und wettbewerbsfähi-

24

ge Einrichtungen – überdurchschnittliche Wachstums- und Beschäftigungschancen (Slogan des Landes: „M-V tut gut.“). Als Zwischenergebnis bleibt festzuhalten: •

Mecklenburg-Vorpommern ist gesamtwirtschaftlich als agrarisch-altindustrielle Abstiegsregion zu klassifizieren.



Ein nur dünner unternehmerischer Mittelstand, wenige innovative Netzwerke und sinkende Bevölkerungszahlen begrenzen die Wachstumsperspektiven des Landes.



Nach allem was wir wissen, wird das endogene Entwicklungspotenzial M-Vs, sein Humankapital, in den nächsten Jahrzehnten weiter schrumpfen.



Allerdings: Stagnation oder gar Abstieg sind kein Schicksal, das fatalistisch hinzunehmen ist, wie erfolgreiche Beispiele – etwa von Wales, des Piemont, Irlands, Teilen Bayerns, Sachsens und Thüringens – demonstrieren.



M-V hat im internationalen Wettbewerb eine doppelt privilegierte Position: a)

Die erfolgreiche Erweiterung der Europäischen Union hat M-V geopolitisch vom europäischen Rand weiter in das Zentrum gerückt – ein Zentrum, das zu den dynamischsten Wachstumsregionen der Weltwirtschaft zählt.

b)

Die naturräumliche Grundausstattung und sein Erholungspotenzial schaffen in Wohlstandsgesellschaften komparative Wachstums- und Wettbewerbsvorteile.

Eine innovationsfördernde Regionalpolitik müsste dementsprechend primär, aber nicht ausschließlich, auf drei Säulen basieren: Ihr müsste gelingen, 1.

M-V an die benachbarten Wachstumsregionen „anzudocken“ – und sich mit ihnen zu verflechten,

2.

externes Wissen und unternehmerische Talente ins Land zu holen bzw. im Land zu halten, 25

3.

mit einer „weichen“ Netzwerkpolitik Wissen, Innovationen und zukunftsfähige Regionen und Sektoren zu dynamischen Wachstumspolen zu vernetzen.

Eine Aufholstrategie muss primär bei Investitionen in das individuelle und regionale Humankapital ansetzen. Unternehmerische Talente, kreative Köpfe oder – neudeutsch – „high potentials“ sind im Land zu halten oder in das Land zu holen. Dies bedeutet insbesondere Pflege und Ausbau „weicher“ Standortfaktoren, die die Arbeits- und Freizeitwelt angenehmer gestalten: intakte Umwelt, exzellente Schulund Hochschuleinrichtungen, Erlebniswelten, Kultur, Kunst und Kommunikation. Der Auf- und Ausbau regionaler Wissensnetzwerke und überbetrieblicher Produktionssysteme erweitert das vorhandene Wissen und verbessert die internationale Wettbewerbsfähigkeit auch der kleinen und mittelständischen Unternehmen des Landes. Die Gestaltung innovationsfreundlicher Rahmenbedingungen. Deregulierung, Entbürokratisierung, eine schlanke staatliche Leistungsverwaltung und eine „sanfte“ Netzwerkpolitik sind notwendige Bedingungen der Aktivierung endogener Netzwerkpotenziale. Die Abkehr vom „Gießkannenprinzip“ und die Konzentration der Förderpolitik auf regionale und sektorale Wachstumskerne („Oasenstrategie“) verringert Sickereffekte und lässt überdurchschnittliche Entwicklungs- und Beschäftigungseffekte erwarten.

3.

Wachstum durch Vernetzung

Nicht Kleinheit, sondern Einsamkeit sind für Unternehmen im internationalen Wettbewerb tödlich. Vernetzung kleiner Einzelbetriebe zu innovativen Clustern senkt durch Kooperation und Spezialisierung innerbetriebliche Kosten, erleichtert regionalen Kompetenzaufbau und gemeinsame Netzwerkprojekte auch für den internationalen Markt. Im besten Falle wird aus der Summe „lernender Organisationen“ eine „lernende Region“. Quantität schlägt um in Qualität, da sich die Wettbewerbsfähigkeit aller beteiligten Unternehmen – und damit auch die der Region – substanziell erhöht. Mit anderen Worten: Es entsteht eine „win-win“-Situation. Im vorliegenden Zusammenhang ist es weder möglich noch notwendig, alle denkbaren Netzwerke und Wachstumskerne M-Vs aufzulisten. Statt dessen sollen 26

– wesentlich bescheidener – 4.

anhand eines bestehenden Netzwerkes „Lernende Region“ Möglichkeiten und Grenzen regionalen Kompetenzaufbaus durch Netzwerkarbeit analysiert und

5.

das Konzept eines zukünftigen Netzwerkes „Gesundheitswirtschaft in M-V“ skizziert werden.

3.1

Das Netzwerk „Lernende Region Mittleres Mecklenburg-Küste“

Das regionale Einzugsgebiet des o. a. Netzwerkes „Lernende Region“ bilden die Landkreise Güstrow, Bad Doberan, Nordvorpommern und Rügen sowie die Hansestädte Rostock und Stralsund. Das Netzwerk besteht aus derzeit etwa 55 Partnern, unter ihnen Schulen, Kulturorganisationen, Unternehmen der regionalen Wirtschaft, Bildungseinrichtungen, Verbände und Vereine. Ziel ist der Aufbau einer wettbewerbsfähigen Bildungsinfrastruktur für die Region. Durch die Installation des Netzwerkes „Lernende Region Mittleres MecklenburgKüste“ sollen die bereits vorhandenen Einzelaktivitäten und Teilnetzwerke der Akteure der Region in der Bildung, Beschäftigungs- und Wirtschaftsförderung miteinander verknüpft werden. Durch die Verzahnung der Bildung mit der Wirtschaft wird in einer effektiveren Weise zur Förderung des lebenslangen Lernens beigetragen. Unterziele sind u. a.: •

Entwicklung einer Lernkultur im ländlichen Raum (alternative und generationsübergreifende Lernformen)



Zugang benachteiligter Gruppen zu Bildung und Lernen



Förderung des regionalen Humankapitals in innovativen Wirtschaftsbereichen

27

Abb. 2: Ziele und Maßnahmen der Lernenden Region Mittleres MecklenburgKüste

Quelle: BAHR, J. (2004): Das Konzept der Lernenden Region – Möglichkeiten und Grenzen zur Weiterentwicklung regionaler Wettbewerbsfähigkeit Mecklenburg-Vorpommerns, Rostock (Diplomarbeit)

Ausgangspunkt der Netzwerkbildung war die Erkenntnis, dass die bestehenden (Einzel-)Konzepte entweder mit den vorhandenen Ressourcen nicht zu realisieren waren oder nach Einschätzung der Projektpartner eine zu geringe Reichweite aufwiesen, um eine nachhaltige regionale Entwicklung zu stimulieren. Kooperationsfelder des Netzwerkes „Lernende Region“ sind u. a.: •

Aufbau und Implementierung von Modellen des Qualitätsmanagements



Förderung von Begabten für Innovationsfelder der regionalen Wirtschaft



Bildungs-Coaching für KMU



Stärkung von Schlüsselqualifikationen bei Arbeitssuchenden



Entwicklung spezieller Bildungsangebote für das Lernen auf dem Lande 28

„Die verschiedenen Teilprojekte sind organisatorisch, aber vor allem inhaltlich (miteinander) vernetzt. Dadurch partizipieren die Teilprojekte untereinander an den jeweiligen Ergebnissen der anderen und schaffen Voraussetzungen für die Vernetzung und vertiefende Arbeit.“ (BAHR 2004, S. 38). Vorläufige Bewertung der Netzwerkarbeit: Da der Förderzeitraum des Netzwerkprojektes „Lernende Region“ insgesamt vier Jahre beträgt und erst am 30. Juni 2006 endete, ist eine abschließende Bewertung der Ergebnisse des Projektes – sein Output, Outcome und Impact – gegenwärtig nicht möglich. Erste Eindrücke aus Befragungen der Beteiligten erlauben folgende – vorläufige – Erkenntnisse (vgl. BAHR 2004): 6.

Die Ressourcen, welche die Akteure in das Netzwerk einbringen, sind überwiegend immaterieller Natur (Kompetenzen und Erfahrungen).

7.

Private Betriebe nehmen an der Netzwerkarbeit – nach anfänglichen zahlreichen Interessebekundungen – nur zögerlich teil, nachdem sie erkannten, dass für sie kurzfristig kein materieller Nutzen aus dem Netzwerk entsteht. Mit anderen Worten: Langfristiger und immaterieller Mehrwert führt aus Perspektive der meisten Privatbetriebe zu keiner „win-win“-Situation.

8.

Die Anlage des Netzwerkes – innerhalb Kooperation, außerhalb Konkurrenz – kann bei konkurrierenden Akteuren zur Destabilisierung des Netzwerkes führen.

9.

Der hohe Anteil materieller Eigenmittel (30 %) an der Grundfinanzierung führt dazu, dass finanzschwache, aber möglicherweise hochinnovative Teilnehmer ausgeschlossen werden.

10. Netzwerke entwickeln nach relativ kurzer Zeit ein institutionelles Eigenleben, das „late comern“ den Einstieg in ein Netzwerk erschwert, teilweise sogar unmöglich macht. 11. Voraussetzungen für erfolgreiche Netzwerkarbeit, die zur Profilbildung und Entwicklung der jeweiligen regionalen Bildungslandschaft beiträgt, sind: 29

(a) regelmäßige Bildungsbedarfsanalysen, (b) exakte Zieldefinitionen, (c) klare Qualitätskriterien, (d) institutionalisierter Erfahrungsaustausch, (e) transparentes und nachvollziehbares Finanzmanagement und Controlling, (f) Monitoring/Qualitätssicherung und Evaluation durch externe wissenschaftliche Begleitung, (g) obligatorische Berichtspflicht an den Projektträger.

3.2

Das Netzwerk „Gesundheitswirtschaft“

In jüngerer Zeit hat sich der Gesundheitsmarkt mit seinen heterogenen Teilmärkten – von Kurbetrieben bis zu Reformhäusern – zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. Dies gilt auch – und gerade – für Mecklenburg-Vorpommern, das nach Lage und ökologischer Grundausstattung nahezu ideale Voraussetzungen für die (Weiter-)Entwicklung der Gesundheitswirtschaft besitzt. Gegenwärtig durchläuft der Gesundheitssektor einen erheblichen Strukturwandel. Mit neuen Aufgaben konfrontiert, geht die Entwicklung des deutschen Gesundheitswesens (das zurzeit eher ein Krankheitswesen ist) in folgende Richtungen: •

von der kurativen zur präventiven Medizin,



von der sozialpolitischen (= Gesundheitswesen) zur wirtschafts- und beschäftigungspolitischen (= Gesundheitswirtschaft) Betrachtungsweise,



von einer staatlich dominierten zu einer eher privatwirtschaftlichen Perspektive (Privatisierung, Kostenreduktion, Outsourcing),



von einer engen und isolierten zu einer weiteren und vernetzten Definition und Sicht der Gesundheitswirtschaft.

Zusätzlich zu den klassischen Feldern der Gesundheitswirtschaft entstehen neue Märkte und Produkte mit überdurchschnittlichen Wachstumschancen, die häufig auch integrierte, „systemische“ Leistungen in Nachbarbranchen umfassen wie Fitness, Wellness, gesunde Ernährung, ökologisches Bauen und Wohnen. Neue Aufgabenfelder reichen von der Aquagymnastik für Senioren über WellnessReisen für Singles bis zu Anti-Aging-Kuren (vgl. auch Abb. 3).

30

Abb. 3: Die vier Felder der Gesundheitswirtschaft

Quelle: Zukunftsbranche Gesundheitswirtschaft in M-V, Schwerin 2003, S. 13.

Durch eine Konzentration und weitere Innovationen, die den gesellschaftlichen Megatrend zur ganzheitlichen Gesundheit aufgreifen, können in einem überschaubaren Zeitraum folgende Ergebnisse erzielt werden: •

neue, sichere und qualifizierte Ganzjahresarbeitsplätze,



eine wesentliche Erhöhung der Wertschöpfung,



eine positive Ausstrahlung auf viele andere Branchen,



eine erhebliche Verbesserung des Gesamtimages des Landes,



die Schaffung weiterer, auch „weicher“ Standortfaktoren, die talentierte Köpfe im Land halten, Ansiedlungen und Existenzgründungen im Gesundheitssektor günstig beeinflussen.

Gegenwärtig arbeiten allein in den 60 Kliniken und 255 Sterne-Hotels etwa 70.000 Beschäftigte. Und das Land verfügt über 54 staatlich anerkannte Kur- und Erholungsorte. Durch den Trend zur medizinischen Prävention, zur privaten Gesund31

heitsvorsorge, zur Rehabilitation (Kuren, Bäder, Kliniken) und – nicht zuletzt – zum Gesundheitstourismus erwartet M-V im Gesundheitssektor ein weiteres Wachstum der Wertschöpfung von 10 bis 15 Prozent in den kommenden Jahren. Voraussetzung dafür sind: a)

eine weitere Spezialisierung auf unterschiedliche Zielgruppen und Wachstumsmärkte,

b)

eine ständige Qualitätsverbesserung der Gesundheitsdienste und –produkte,

c)

die Orientierung an „best-practice“-Beispielen und die Einführung von Benchmark-Controlling-Systemen,

d)

die internationale Vernetzung der einzelnen Akteure und Segmente, um durch Clusterbildung externe Lern- und Spareffekte nutzen zu können, die zur weiteren Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit des Landes in der Gesundheitswirtschaft führen,

e)

die Förderung erfolgsdotierter „Health Care Network Broker“,

Eine verkürzte Übersicht über Teilnetzwerke enthält Abb. 4. Begreift man Gesundheitswirtschaft als eine ganzheitliche Querschnittskompetenz des Landes, so könnte eine weitere Fokussierung und Vernetzung etwa folgende Komponenten umfassen: Land- und Ernährungswirtschaft: Im Zusammenhang mit der Gesundheitswirtschaft und dem Tourismus kommt der Agrar- und Ernährungswirtschaft eine besondere Bedeutung bei. Eine der Hauptursachen von Krankheiten ist falsche Ernährung. M-V hat bereits jetzt eine breite Basis (Öko-Betriebe), um aus der eigenen Landwirtschaft zertifizierte Markenartikel für eine gesunde Ernährung zu entwickeln. Nahrungsmittelforschung, Ernährungsberatung, Gastronomie und Wellness-Hotels mit entsprechender Zertifizierung sind hier wichtige Netzwerkpartner. Konterkariert werden diese Ansätze allerdings durch die laufenden Versuche, die „grüne“ Genforschung und den Anbau genmanipulierter Agrarprodukte voranzutreiben.

32

Abb. 4: Zukunftsbranche Gesundheitswirtschaft

Quelle: Zukunftsbranche Gesundheitswirtschaft in M-V, Schwerin 2003, S. 6.

Biotechnologie/Biomedizin: Eine entsprechende Gesundheitsforschung im Bereich der Life Sciences kann die psychischen und physischen Grundlagen ganzheitlicher Gesundheit vertieft ergründen, um entsprechende Programme für Kurbetriebe, Kliniken, Rehabilitationszentren auszuarbeiten. Gesundheitstourismus: Spezielle Produkte, etwa für ältere und behinderte Menschen, aber auch Rekreationsangebote für gestresste Großstädter, die Leib, Seele und ökologisches Wohlbefinden kombinieren oder Spezialmärkte avisieren (Anti-Aging, Beauty-Farmen), können im Netzwerk den Gesundheitstourismus auf ein qualitativ höheres Niveau bringen.

33

Gesundheitswirtschaft: Eine jährliche internationale Präventiv-Medizinkonferenz (für die M-V im Jahr 2005 erstmals den Zuschlag unter sämtlichen Konkurrenten erhielt), eine Qualitätsoffensive der führenden Anbieter, die Internationalisierung der Zielgruppen und die Schaffung eines gemeinsamen Labels könnten weitere Komponenten der Netzwerkarbeit sein. Kulturangebote: Zu einem ganzheitlichen Gesundheitsverständnis zählen kulturelle Angebote, die auf die spezifischen Befindlichkeiten und Bedürfnisse der Zielgruppen eingehen, von den erfolgreich etablierten Musikfestspielen MecklenburgVorpommern über Theater-Festivals bis hin zu Kurkonzerten und Multiplex-Kinos. Kompetenzaufbau: Erstaunlicherweise gibt es unter dem vielfältigen Angebot der Fach- und Hochschulen nur relativ wenige Ausbildungsgänge, die sich spezifisch mit Fragen der Gesundheitswirtschaft (Ernährungswirtschaft, Naturheilkunde, Gesundheitstourismus, Pflegeforschung, Umweltökonomie, Bioethik etc.) beschäftigen. Der Aufbau einer Health Care Academy und die Internationalisierung der Ausbildung von Fach- und Führungskräften – etwa durch Ausbau des ScanBaltCampus-Netzwerkes im Ostseeraum – könnten externes Wissen mobilisieren und zu einer überregionalen Clusterbildung beitragen.

4

Netzwerke: Erfolgsfaktoren und Probleme

Die Entwicklung von Netzwerken – ihre Gründung, ihr Wachstum und ihr „Tod“ – ist ein komplizierter und konfliktreicher Prozess. Nachhaltige Erfolge sind die Ausnahme, nicht die Regel (und daher der theoretisch erklärungsbedürftige Fall). Zunächst: Die Fähigkeit, geeignete Partner zu suchen und externes Wissen zu nutzen, hängt wesentlich von den Netzwerkkompetenzen des jeweiligen Akteurs ab und von seiner Absorptionskapazität, d. h. von seiner Fähigkeit, Ressourcen zu einem gegebenen Zeitraum als Input in das Netzwerk zu investieren. „The higher the absorptive capacity, the more firms are able to seek out cooperative partners and to co-operate within network relations, not only within their regional environment, but on an international scale.“ (KOSCHATZKY 2001, S. 5). Notwendige Bedingungen nachhaltig erfolgreicher Netzwerkarbeit sind:

34



Es muss ein konkreter Anlass bestehen, d. h. verschiedene Akteure haben das gleiche Problem, welches keiner von ihnen allein zufrieden stellend lösen kann.



Die Netzwerkpartner müssen eine „win-win“-Situation wahrnehmen. Die Teilnahme am Netzwerk muss mittelfristig mehr Nutzen als Kosten produzieren.



Zwischen den Beteiligten muss Vertrauen – als Basis partizipativer Zusammenarbeit – herrschen, was Autonomie der Akteure und Abwesenheit von Hierarchien voraussetzt.



Das Netzwerk muss sich durch Offenheit für neue Partner, Dynamik und Flexibilität auszeichnen.



Unabhängigkeit und auf Freiwilligkeit beruhende Kooperation sind weitere Voraussetzungen erfolgreicher Netzwerkarbeit.



Schließlich muss die Zusammenarbeit durch wechselseitige Kommunikation, Transparenz und gemeinsames Entwickeln von Zielen und Lösungswegen gekennzeichnet sein.

Kurz: „Funktionsfähige Netzwerke zeichnen sich demnach durch eine Kooperation unter Wettbewerbsbedingungen, einen intensiven Wissensaustausch, durch die Preisgabe erfolgskritischer Informationen zwischen den Partnern, durch die Orientierung an der Reziprozitätsnorm bezüglich Austausch, Vertrauen und Kontrolle, durch geeignete Organisationsstrukturen sowie durch die Stabilität und Langfristigkeit der Beziehungen aus.“ (BAITSCH 2001, S. 20).

Netzwerke sind aufgrund ihrer Komplexität, ihrer Bindung an regionale Wertsysteme, Institutionen und Menschen international relativ immobil – wie insgesamt der Produktionsfaktor Arbeit. Der „Export“ nur eines oder weniger Teile des Netzwerksystems als Modellvorhaben – etwa einer Bildungseinrichtung oder einer Industrie- und Handelskammer – bleibt in der Regel folgenlos, kann in anderen Systemzusammenhängen sogar kontraproduktiv wirken. Dabei ist die Fähigkeit zur autonomen Selbstorganisation erfolgreicher Netzwerke wesentlich von indivi35

dueller Initiative, Interessenkonkurrenz wie -kooperation und der Existenz einer offenen Zivilgesellschaft abhängig. Insgesamt ist die Entwicklung von Netzwerken ein langfristiger historischer Prozess, der wesentlich von gemeinsamen Wertsystemen und Weltbildern der Partner begünstigt und überwiegend von innen gespeist wird. Es braucht nicht besonders betont zu werden, dass die skizzierten Erfolgsfaktoren nur selten erfüllt sind. Sie sind weniger Voraussetzung als vielmehr Ergebnis eines dialogischen Lernprozesses im Netzwerk. Drei grundsätzliche Probleme tauchen immer wieder in Netzwerken auf (zu den Einzelheiten vgl. Übersicht 1: 12. Fremdfinanzierung und externe Abhängigkeiten Netzwerke, die von außen „angestoßen“ und alimentiert werden (etwa durch das BMBFT, EU-INTERREG-Programme etc.) leiden häufig darunter, dass das Motiv, am Netzwerk teilzunehmen, die Akquise zusätzlicher Mittel ist, nicht die gemeinsame Problemlösung; m. a. W.: Ziele und Mittel der Netzwerkpartner drohen sich umzukehren: Ziel der Akteure ist dann die externe Finanzierung ihrer Planstellen, Mittel ist ein – irgendwie geartetes – Netzwerkprodukt (das den Förderrichtlinien, nicht hingegen den Problemen der Partner entspricht). Die Folgen: (a) eine interne Fehlallokation der Ziele und Mittel der Netzwerkpartner, (b) wenig innovative Netzwerklösungen, (c) Zusammenbruch des Netzwerkes bei Einstellen der externen Förderung. 13. Macht und Herrschaft im Netzwerk Ungleiche Ressourcenpotenziale der Akteure und klientelistische Beziehungen (untereinander oder zur Förderinstitution) schaffen Hierarchien im Netzwerk. Insbesondere das Projektmanagement neigt häufig dazu, sich den Löwenanteil der Netzwerkressourcen „unter den Nagel zu reißen“ – und die Netzwerkpartner über Höhe und Verteilung der Gelder im Unklaren zu lassen. Da die Mittel im Netzwerk nur selten nach den erfolgreichen Beiträgen der einzelnen Akteure verteilt werden, und objektive Leistungskennziffern fehlen, entsteht eine Art Gewohnheitsrecht bei der Mittelverteilung, das auf Macht, 36

nicht auf Leistung basiert. Die fatale Folge: Im Netzwerk entwickelt sich eine Kultur des Misstrauens statt des Vertrauens. 14. Institutionelle Verfestigung und Innovationsresistenz Die institutionelle Konsolidierung des Netzwerkes, eine strukturierte Aufbauund Ablauforganisation, etablierte Kommunikationswege und Routinehandeln sind notwendige Voraussetzungen für effektives Arbeiten im Netzwerk. Da mit wachsender Zahl von Akteuren der bürokratische Aufwand steigt und die etablierten Netzwerkpartner wenig Neigung zeigen, gegebene Ressourcen auf immer mehr Akteure aufzuteilen, entwickelt sich ungewollt eine „closedshop“-Mentalität. Neue Partner werden immer seltener aufgenommen, die Offenheit und Dynamik des Netzwerkes sinkt. Neue Ideen und Innovationen können nicht mehr in das Netzwerk hineingetragen werden. Statt funktionalstruktureller Arbeitsweise (die gemeinsamen Problemlösungen determinieren die Organisationsstrukturen) beginnen umgekehrt die etablierten Strukturen die Problemlösungen zu definieren („function follows form“), was im besten Falle zu suboptimalen Lösungen führt und im schlimmsten Falle zu kompletter Neuerungsresistenz.

37

Übersicht 1:

Die fünf Kernprobleme der Netzwerksteuerung Kernprobleme

Problemdimensionen, in denen Kernprobleme entstehen

(1) Entscheidungsblockade durch Aufbau von Veto-Positionen

(1)

-

(2) Strukturkonservative Handlungsorientierung, Trend zur Einigung auf den „kleinsten gemeinsamen Nenner“, funktionale und kognitive Blockierung, kollektiver Konservatismus

(2)

-

(3) Netzwerke agieren stets im Spannungsfeld von Desintegration (zu „weak ties“) und zu dichten Beziehungen, welche die Innovationskraft reduzieren (s. Punkt (2))

(3)

-

(4) Gefahr der Blockierung von Verhandlungen bei der Bestimmung von Lösungsvarianten; Problem, Verteilungskriterien zu bestimmen

(4)

-

(5) Doppelte Externalisierungsproblematik: gezielte Externalisierung von Kosten auf die Umwelt des Netzwerkes nichtintendierte Effekte aufgrund überzogener Binnenorientierung der Netzwerkakteure

(5)

-

38

Problem der großen Zahl Macht in Netzwerkbeziehungen

Zeitdimension von Entscheidungen institutionelle Konsolidierung von Netzwerken Macht in Netzwerkbeziehungen Spannungsverhältnis von Konflikt und Kooperation Zeitdimension von Entscheidungen institutionelle Konsolidierung von Netzwerken Macht in Netzwerkbeziehungen Spannungsverhältnis von Konflikt und Kooperation Koordinationsproblem

Zeitdimension von Entscheidungen institutionelle Konsolidierung von Netzwerken Macht in Netzwerkbeziehungen

5

Eine Aufholstrategie für M-V: Investitionen in unternehmerisches Humankapital

Entwicklungsrückstände sind nicht schicksalhaft, die fatalistisch hinzunehmen sind – wie der Aufstieg ehemals strukturschwacher Räume in Bayern, Sachsen und Thüringen demonstriert. Sie können durch unternehmerische Initiative und kluge Politik wettgemacht werden. Der Übergang des strukturschwachen M-V in einen selbst tragenden Wachstumsprozess wird wesentlich davon abhängen, ob es gelingt, einen effizienten „Mix“ aus unternehmerischen Innovationen, Humankapitalentwicklung und regionaler Netzwerkpolitik durchzusetzen. Eine Wirtschaftspolitik, die mehr sein will als kurzatmiges Krisen- und Subventionsmanagement, hat von einigen einfachen Wahrheiten auszugehen: 15. Der Aufstieg von Regionen wird von den Produkt- und Verfahrensinnovationen der Unternehmen vor Ort vorangetrieben, von dynamischen Unternehmern und ihrem „entrepreneurial spirit“. Nicht der Staat und nicht die wohlmeinende Weisheit seiner Förderbeamten entscheiden in Marktwirtschaften über die Durchsetzung neuer, wettbewerbsfähiger Produkte, sondern risikofreudige private Unternehmer. Verkürzt formuliert: „Wer Wohlstand für alle will, muss unser Land für Unternehmer attraktiver machen.“ (BERTHOLD 2005, S. 26). Der Aufstieg Mecklenburg-Vorpommerns ist daher primär abhängig von der Existenz einer breiten Schicht mittelständischer Unternehmer, einer Kultur der Selbständigkeit und von innovationsfreundlichen Rahmenbedingungen. Die Möglichkeiten des Staates, eine breite Unternehmerschicht zu entwickeln, sind erfahrungsgemäss begrenzt. Eine dynamische Unternehmerklasse kann nicht im Schnellverfahren hochgezüchtet werden. Der Aufbau einer risikofreudigen Schicht von selbständigen Mittelständlern bedarf einer beharrlichen Politik des langen Atems. Sie umfasst etwa: a)

Die Schaffung innovationsfreundlicher Bedingungen für unternehmerische Entscheidungen, Deregulierung, Privatisierung, Abbau von Doppelbürokratien, Beschleunigung von Genehmigungsverfahren, Abschaffung von Aus39

nahmetatbeständen, Subventionsabbau, Reform des Steuersystems, Flexibilisierung der Arbeitsmärkte, Senkung der Lohnnebenkosten sind hier die Stichworte. b)

Reform der staatlichen Hoheitsverwaltung zu einer schlanken Entwicklungsverwaltung („lean administration“), die nach Leistung bezahlt wird, Karriere nach Kompetenz (nicht nach Alter) ermöglicht, und die Entlassung unfähiger Mitarbeiter vorsieht.

c)

Erleichterung nachhaltiger Existenzgründungen und Unternehmensnachfolge (Mikrokredite, Coaching, Sponsoring, Patenschaften) sowie die Entwicklung von Re-Integrationsprogrammen, die abgewanderten Unternehmertalenten und hochqualifizierten Arbeitskräften die Rückkehr nach M-V schmackhaft machen.

d)

Die Orientierung des Schul- und Hochschulwesens auf die Entwicklung unternehmerischer Kompetenzen und Verhaltensweisen. (Das gegenwärtige Bildungssystem orientiert sich vorwiegend an abhängiger Beschäftigung in der Verwaltung oder in Großunternehmen – und seine Pädagogen vermitteln nicht selten das Bild vom Unternehmer als ausbeuterischem Großkapitalisten.) Schülerfirmen, Gründerlehre und Gründungsmanagement in den Unis, Erleichterung von Ausgründungen aus Forschungsinstituten, unternehmerischer Know-how-Transfer wären hier Ansätze.

16. Der Wettbewerb der Zukunft geht um Köpfe, weniger um Märkte. Und in ihm werden jene Regionen bestehen, denen es gelingt, Attraktivität für Unternehmertalente und hochqualifizierte Arbeitskräfte zu entwickeln. Eine Aufholstrategie muss daher bei Investitionen in das individuelle und regionale Humankapital ansetzen. Für ein strukturschwaches Land wie M-V bedeutet dies: „Die besten Schulen und Hochschulen sind gerade gut genug.“ Unternehmerische Persönlichkeiten, kreative Köpfe oder – neudeutsch – „high potentials“ sind im Lande zu halten und in das Land zu holen. Dies setzt Pflege und Ausbau „weicher“ Standortfaktoren voraus, die die Arbeits- und Lebenswelt angenehmer gestalten: intakte Umwelt, exzellente Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, Shopping-Kulturen, Freizeit-, Kultur- und Erlebnisangebote. 40

17. Der Auf- und Ausbau regionaler Netzwerke und überbetrieblicher Produktionssysteme erweitert das vorhandene Wissen in der Region. Spezialisierung und Zusammenarbeit der lokalen Akteure senken Transaktionskosten, ermöglichen Synergien und erleichtern regionalen Kompetenzaufbau. Innovationen im Netzwerk verbessern die internationale Wettbewerbsfähigkeit gerade kleiner und mittelständischer Betriebe – wie sie für die Unternehmensstruktur Mecklenburg-Vorpommerns nach dem Zusammenbruch der Großkombinate typisch sind. Komplexität und Dynamik regionaler Netzwerke und Cluster hängen wesentlich von nichtökonomischen, soziokulturellen und historischen Faktoren ab. Da die „new competition“ im Cluster gerade auf der Koexistenz von Konkurrenz und Kooperation basiert, wächst die Bedeutung von Werten wie Berechenbarkeit, Vertrauen und Loyalität. Die Entwicklung gemeinsamer Werte wird durch geographische Nähe begünstigt. Sie erleichtert Kommunikation und Zusammenarbeit, begründet eine ähnliche Weltsicht der Partner im Netzwerk und führt zu vergleichbaren Lebens- und Problemlagen. Gemeinsame Werte und Überzeugungen produzieren i. d. R. ein spezifisches Milieu für gemeinsame Initiativen, Innovationen und Investitionen. Die Gestaltung eines leistungsfähigen Institutionenrahmens und die Schaffung eines innovativen Milieus, das Foren der Kommunikation und des Dialogs begründet, sind notwendige Bedingungen der Aktivierung endogener Netzwerkpotenziale. 18. Die Abkehr vom „Gießkannenprinzip“ und die Konzentration der Förderpolitik auf regionale und sektorale Wachstumskerne („Oasenstrategie“) verringert Sickereffekte und lässt überdurchschnittliche Entwicklungs- und Beschäftigungseffekte erwarten. Jedoch sind derartige Reformschritte leichter gesagt als getan. Politisch stoßen sie in den kleinteiligen Verwaltungsstrukturen Mecklenburg-Vorpommerns auf hinhaltenden Widerstand der potenziellen Verlierer („Landräte- und Bürgermeisterkonkurrenz“) und theoretisch sind sie umstritten. Die ex-ante-Identifizierung möglicher Wachstumskerne oder -cluster erweist sich als unmöglich, stellt sie doch „die Anmaßung des Wissens“ (F. A. von Hayek) dar (vgl. REHFELD in diesem Band). Als gesichert kann lediglich gelten, dass in Wissensgesellschaften Hochschulen mit ihren Forschungseinrichtungen nachhaltige Wachstums- und Innovati41

onspotenziale begründen – und dass sich hochwertiges Humankapital in (Groß-)Städten konzentriert. Eine Fokussierung der Förderpolitik auf städtische Wachstumskerne – etwa nach dem Motto: „Wenn die Städte sterben, sterben die Dörfer.“ – könnte aber für M-V mit seinen räumlich dezentralen, eher ländlichen Entwicklungssektoren Tourismus, Fremdenverkehr und Gesundheitswirtschaft bedeuten, dass ausgerechnet die wenigen endogenen Wachstumsbranchen von der Förderung ausgespart würden, da sie größtenteils in peripheren Gebieten liegen.

6

Elemente einer „weichen“ Netzwerkpolitik

Mit der skizzierten Aufholstrategie wird die konventionelle Förderpolitik praktisch vom Kopf auf die Füße gestellt. Nicht dem undifferenzierten Ausbau des materiellen Kapitals (Regionalflughäfen, Straßen, Gewerbegebiete, Spaßbäder), sondern der Investition in das immaterielle, in das Humankapital, ist absolute Priorität einzuräumen (Übersicht 2). Dies bedeutet mehr und bessere Schulen, Ausbildungszentren, Unternehmerschmieden, Universitäten, Forschungseinrichtungen (und nicht weniger). Dass auch in diesem Bereich Kundenorientierung, Leistungsbesoldung und Wettbewerb durchgesetzt werden müssen, braucht nicht besonders betont zu werden. Entwicklungstheoretisch begründet ist die Forderung nach Konzentration der Förderung auf das Humankapital durch die simple Erkenntnis: „Der schöpferische Geist mobilisiert Kapital, Arbeit, Rohstoffe – und nicht umgekehrt.“ (RÖPKE 1982, S. 36). Ein Weiteres kommt hinzu: Nachholbedarf in der Infrastrukturausstattung ist in Ostdeutschland kaum mehr vorhanden. Im Gegenteil: Die materielle Infrastruktur ist in den Neuen Bundesländern auf weiten Strecken inzwischen moderner und leistungsfähiger als im Westen Deutschlands (ohne dass sich daraus überdurchschnittliche Wachstumseffekte ergeben hätten).

42

Übersicht 2:

Ansatzpunkte städtischer Wettbewerbsfähigkeit und Clusterpolitik

Dimension

Strukturelle Dominanz

Strategische Dominanz

Kognitive Dominanz

Allgemeine Ziele der regiona- Spezielle Ziele der Clusterlen Wirtschaftspolitik Politik „Kritische Masse“ und Qualität wirtschaftlicher, politischer und kultureller Einrichtungen zur Erzielung dauerhafter „externer Erträge“ und Proximity-Vorteile

Aufbau einer clusterbezogenen Dienstleistungsinfrastruktur inkl. Einrichtungen des Technologietransfers und Kommerzialisierungsagenten – Clusterdichte

Fähigkeit zur Bündelung der Ressourcen öffentlicher und privater Akteure, Bildung realer bzw. „quasi-realer“ Kommandozentralen und Ausbau von Knotenfunktionen

Schaffung von kooperativen Netzwerken – Clusterdialog Ausgleich von Schwachstellen im Cluster und Akquisition von Investoren zur Besetzung von Leerstellen und Nischen – Clusterevolution

Kapazität zur Erzeugung von Innovationen und Konsumtrends, Sicherung medialer Bedeutung und Kompetenz zur Imagebildung

Differenzierung des Standortmarketings durch Betonung wirtschaftlicher Spezialisierungsfelder – Clusterbranding

Quelle:Ossenbrügge, J.: Wirtschaftsgeographie und Governance. In: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie, Jg. 47, H. 3-4, 2003, S.171

Für eine staatliche Netzwerkpolitik, die spezifische Wachstumskerne und Cluster fördert, bleibt wenig Raum. In Marktwirtschaften entscheidet bekanntlich der unternehmerische „Wettbewerb als Entdeckungsverfahren“ (F. A. von Hayek) über Richtung und Tempo des Innovationsprozesses, nicht die wohlmeinende Weisheit von Förderbeamten oder Professoren (wenn diese bissige Bemerkung erlaubt ist). Hieraus folgt zugleich, dass die Einteilung in Nicht-Cluster und Cluster vom grünen Tisch aus – und innerhalb der Cluster in innovative und nichtinnovative Cluster – weder möglich noch notwendig ist. Tatsächlich ist die staatliche Förderung so genannter innovativer Cluster mit – teilweise flächendeckenden – Zusammenbrüchen von Unternehmen und ihren Netzwerken gepflastert wie der Niedergang des Neuen Marktes, der Internetökonomie, der Medienbranche (KirchGruppe), der Luft- und Raumfahrt (Dornier), der Biotechnologie zeigen. Nach 43

teilweise kometenhaftem Aufstieg heißen die neuen Vokabeln der neuen Netzwerkökonomie nunmehr: Shakeout (Kehraus), Exits (Pleiten) und Downsizing (Abspecken). Auch in M-V haben sich mögliche Wachstumskerne um Regionalflughäfen, Autobahnkreuze, Technologiezentren und Gewerbegebiete im Nachhinein nicht selten als Fehlinvestitionen erwiesen und von der Förderpolitik vernachlässigte Altstadtgebiete und Naturreservate als Wachstumspole. Eine „weiche“ Netzwerkpolitik, die in weiser Selbstbeschränkung darauf verzichtet, am grünen Tisch zwischen innovativen und nichtinnovativen Netzwerken zu unterscheiden, kann daher lediglich versuchen, ein innovationsfreundliches Milieu zu schaffen, den Humankapitalaufbau zu fördern – und die Selbstorganisation der regionalen Akteure zu unterstützen (vgl. BRAUN 2006). Die Entwicklung von Produkten, Verfahren aber auch von Netzwerken ist vornehmste Aufgabe der Unternehmer selbst. Hierzu zählt auch die Organisation der Außenbeziehungen in überregionalen Unternehmensnetzwerken, Allianzen oder Kooperationen. Damit steigen die Anforderungen an die kommunikative und organisatorische Kompetenz der Netzwerkpartner. Nur lernende Netzwerke werden auf Dauer im Wettbewerb mithalten können. Wissensmilieus sind – nach allem, was wir wissen – (groß-)städtische Milieus und sie werden ganz wesentlich von Universitäten, Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen geprägt (zu den Einzelheiten vgl. EICH-BORN 2004, S. 209 ff.). Das Innovationspotenzial von Hochschulen ergibt sich aus ihrer Konzentration kreativer Köpfe von Forschern, Tüftlern und Entwicklern – in M-V etwa in der Medizinund Umwelttechnik, der Biotechnologie, der Lebensmitteltechnologie, der maritimen Technik etc. Dass sich aus den Universitäten die künftige Elite in Kultur, Wirtschaft, Verwaltung und Politik des Landes rekrutiert, ist eine Selbstverständlichkeit, die allerdings übersehen wird, wenn Hochschulen eher als Kosten-, denn als Innovationsfaktor betrachtet werden.

44

Abb. 5: Potenzialfelder für eine Netzwerkpolitik Mecklenburg-Vorpommerns

Bildung und Humankapitalaufbau

38

Wissensmilieus und Forschungsentwicklung

Gesundheitswirtschaft

Quelle: Entwurf G. Braun

Unternehmertum und Innovationsbereitschaft

Netzwerk

attraktive Arbeits- und Lebenswelt

Tourismus und Fremdenverkehr

Die Unterstützung regionaler Cluster kann durch Aufbau eines leistungsfähigen Institutionenrahmens erleichtert werden – und durch Schaffung von Kommunikationsforen, Regionalkonferenzen und Standort-Arbeitskreisen für Netzwerke im Bereich Bildung und Gesundheit. Netzwerke, die dem allgemeinen Kompetenzaufbau (etwa in Gestalt „lernender Regionen“) oder der Verbesserung der Volksgesundheit dienen („Gesundheitswirtschaft“), sind eine Basisinvestition, deren „pay-off“ im Aufbau weiterer wissensbasierter (Teil-)Netzwerke bestehen kann (vgl. Kapitel 3). Spezielle Ziele der Clusterpolitik ergeben sich – analytisch betrachtet – in den Bereichen der Clusterverdichtung, des Clusterdialogs und der Clusterevolution sowie im Branding. Auch hier sind zunächst Eigeninitiative und Selbstorganisation der regionalen Akteure gefragt, etwa durch enge Zusammenarbeit der Unternehmen und ihrer Netzwerke, durch Aufbau spezialisierter Selbsthilfeorganisationen, die sich als überbetriebliche Dienstleistungsagenturen sehen (Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern, Marketing-, Informations- und Service-Stellen), durch Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft, Vernetzung von Hochschulen mit Clustern – nicht nur aus Betrieben, sondern auch aus Non-Profit-Einrichtungen, gesellschaftlichen und kulturellen Initiativen. Dass auch hier „Konkurrenz das Geschäft belebt“, sei abschließend noch einmal erwähnt.

43

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Wirtschaftsministerium Zukunftsbranche Gesundheitswirtschaft – Neue wirtschaftliche Mecklenburg-Vorpommern Perspektiven für Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin, Juni (Hrsg.) (2004) 2003, Kurzfassung Januar 2004.

Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Strategien einer „Andockung“ Mecklenburg-Vorpommerns an (inter)nationale Wachstumsräume..........................................................15 Abb. 2: Ziele und Maßnahmen der Lernenden Region Mittleres Mecklenburg-Küste.................................................................................21 Abb. 3: Die vier Felder der Gesundheitswirtschaft ..............................................24 Abb. 4: Zukunftsbranche Gesundheitswirtschaft.................................................26 Abb. 5: Potenzialfelder für eine Netzwerkpolitik Mecklenburg-Vorpommerns.....38

Übersichtsverzeichnis Übersicht 1: Übersicht 2:

Die fünf Kernprobleme der Netzwerksteuerung...........................31 Ansatzpunkte städtischer Wettbewerbsfähigkeit und Clusterpolitik .........................................................................36

45

Gerhard Heimpold, Martin T. W. Rosenfeld

Wie steht es in Mecklenburg-Vorpommern um die Ballung wirtschaftlicher Aktivitäten? – Eine Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung der Städte des Landes Inhalt 1

Problemstellung ........................................................................................ 44

2

Die Bedeutung räumlich konzentrierter Wirtschaftsaktivitäten für die Stadt- und Regionalentwicklung..................................................... 46

3

Empirische Ergebnisse zur Ballung von Wirtschaftsaktivitäten in Mecklenburg-Vorpommern........................................................................ 48

3.1

Die städtischen Ballungen des Landes und ihre allgemeine Standortqualität....................................................................... 49

3.2

Räumliche Branchenschwerpunkte........................................................... 62

3.3

Unternehmensnetzwerke .......................................................................... 71

3.4

Zusammenfassung der empirischen Befunde ........................................... 78

4

Schlussfolgerungen................................................................................... 80

Literaturverzeichnis .............................................................................................. 83 Tabellenverzeichnis.............................................................................................. 84 Verzeichnis der genutzten Internet-Adressen....................................................... 85 A)

Verzeichnis der Internet-Adressen der erfassten Netzwerke bzw. anderer Informationsquellen über die entsprechenden Netzwerke ........... 85

B)

Verzeichnis weiterer genutzter Internet-Adressen (sofern nicht im Literaturverzeichnis enthalten)......................................... 87

Tabellenanhang.................................................................................................... 87 46

1

Problemstellung

In der stadt- und regionalwissenschaftlichen Diskussion ebenso wie in der öffentlichen und politischen Debatte über die Entwicklungschancen von Regionen gelten vielfach jene Regionen als besonders attraktive und zukunftsfähige Wirtschaftsstandorte, die sich durch ein hohes Maß an Ballung von wirtschaftlichen Aktivitäten auszeichnen. Die (erwartete) Relevanz von Ballungen zeigt sich nicht zuletzt auch in den aktuellen Versuchen der jeweils zuständigen Akteure in zahlreichen Städten und Regionen, die Wirtschaftsförderung zunehmend zu einer „Clusterförderung“ umzuwandeln. „Cluster“ sind nichts anderes als Ballungen von wirtschaft1

lich relevanten Objekten. Allerdings gibt es bislang keine empirisch gesicherten Erkenntnisse über das wachstumsoptimale Maß einer Ballung und ihre wachstumsoptimale Struktur. Allein eine räumliche Ballung von Einwohnern bewirkt für die wirtschaftliche Entwicklung in einer Region nur geringe positive Effekte; Ballungen von Firmen und von Innovationsaktivitäten wirken sich vermutlich günstig aus. Auch kleinräumige Ballungen können positive Auswirkungen auf das wirtschaftliche Wachstum haben und sollten deshalb nicht vernachlässigt oder sogar schlechtgeredet werden. Gerade in neu entstandenen und derzeit erst kleinen Entwicklungskernen können große Chancen für die Zukunft einer Stadt oder Region liegen. In Bezug auf den in einzelnen Regionen derzeit realiter vorhandenen Umfang von größeren oder kleineren Ballungen wird in der politischen und öffentlichen Diskussion leider zumeist ohne wirklich verlässliche empirische Grundlage argumentiert. Eine solche Grundlage ergibt sich erst, wenn Klarheit über die relevanten Objekte von Ballungen und ihre Operationalisierung besteht und wenn geeignete empirische Daten zur Messung des Ballungsgrades herangezogen werden können. Das Land Mecklenburg-Vorpommern (MV) weist insgesamt gesehen eine sehr niedrige Einwohnerdichte sowie nur wenige größere Städte auf. Aus dieser Beobachtung ließe sich vor dem Hintergrund der eingangs erwähnten Erwartungen hinsichtlich der Vorteile von Ballungen die Vermutung einer ungünstigen Ausgangssi-

1

Vgl. hierzu die Ausführungen in Kap. 2 dieses Beitrags. 47

tuation des Landes für wirtschaftliches Wachstum ableiten. Mit dieser Vermutung zu korrespondieren scheint die seit der politischen Wende und dem Übergang zu einer Marktwirtschaft im Osten Deutschlands tatsächlich noch immer vergleichsweise ungünstige wirtschaftliche Entwicklung in MV; die Arbeitslosenquote im Land ist unverändert auf einem hohen Stand und wies im Juni 2006 den höchsten Wert aller Bundesländer auf.

2

Der vorliegende Beitrag hat vor dem dargestellten Hintergrund das Anliegen, mit empirischen Daten mehr Licht in das Ausmaß und die Struktur von Ballungen im Land MV zu bringen. Dabei erfolgt eine Konzentration der Untersuchung auf die kreisfreien Städte des Landes, in welchen grundsätzlich eher als in den ländlich strukturierten Teilräumen wirtschaftlich relevante Ballungen zu erwarten sind. Nach einem kurzen Abschnitt (Kap. 2) über die im Rahmen von stadt- und regionalwissenschaftlichen Theorien erwarteten Auswirkungen von Ballungen auf die wirtschaftliche Raumentwicklung werden im Kapitel 3 die kreisfreien Städte des Landes MV zunächst daraufhin untersucht, wie es um ihre Ausstattung mit wichtigen Wachstumsfaktoren bestellt ist (Kap. 3.1). Es folgen Untersuchungen zur Ballung von wirtschaftlichen Aktivitäten im Sinne von Branchenschwerpunkten (Kap. 3.2) sowie von Unternehmensnetzwerken (Kap. 3.3). Danach erfolgt eine Gesamtbetrachtung der verschiedenen Aspekte von Ballung (Kap. 3.4). In einem abschließenden Abschnitt (Kap. 4) wird sodann versucht, auf der Basis des zuvor dargestellten empirischen Befundes einige mögliche Konsequenzen für die Wirtschaftspolitik von Land und Kommunen in MV sowie für zukünftige empirische Untersuchungen abzuleiten. Der vorliegende Beitrag folgt weitgehend einer Untersuchungsmethodik, die bereits in der im Oktober 2004 abgeschlossenen IWH-Studie „Innovative Kompetenzfelder, Produktionsnetzwerke und Branchenschwerpunkte der ostdeutschen Wirtschaft“ zur Anwendung kam, die im Auftrag des Bundesamtes für Bauwesen 3

und Raumordnung (BBR) angefertigt wurde . Der vorliegende Beitrag beruht hin2

Vgl.: BUNDESAGENTUR FÜR ARBEIT 2006.

3

Eine Printversion dieser Studie (Autorenteam: Martin T. W. Rosenfeld, Peter Franz, Jutta Günther, Gerhard Heimpold und Franz Kronthaler) ist im Jahr 2006 in der Reihe „IWHSonderhefte“ unter dem Titel „Ökonomische Entwicklungskerne in ostdeutschen Regionen“ erschienen. 48

sichtlich der in MV gegebenen Branchenschwerpunkte und Netzwerke auf neueren Daten und stellt demgemäß auch eine Aktualisierung der erwähnten Studie dar.

2

Die Bedeutung räumlich konzentrierter Wirtschaftsaktivitäten für die Stadt- und Regionalentwicklung

Die Erwartung ballungsbedingter Vorteile für private Haushalte und Unternehmen lässt sich zunächst bereits mit der Tatsache untermauern, dass die Wirtschaftssubjekte überall auf der Welt bei der Entscheidung über ihren Wohnort bzw. Standort die räumliche Nähe zu anderen Menschen bzw. Firmen suchen. Die entsprechenden Vorteile haben aus ökonomischer Sicht den Charakter von positiven externen Effekten und lassen sich als „Ballungsvorteile“, „Agglomerationsvorteile“ oder „Vorteile der Nähe“ bezeichnen. Diese externen Effekte werden in der Stadt- und Regionalökonomik hinsichtlich ihrer Ausprägung und Bedeutung seit langem diskutiert. So hat bereits Alfred Marshall in seinem bekannten Werk „Principles of Economics“ (erstmals erschienen 1890) drei Kategorien von Ballungsvorteilen erwähnt: Vorteile aufgrund der Nähe zwischen Zulieferern und Abnehmern, Vorteile aufgrund des Vorhandenseins eines spezialisierten Arbeits4

kräfteangebots sowie Vorteile durch Wissensspillovers. Aus einer modernen Sicht, bei der auf die Mechanismen des Zustandekommens von Ballungsvorteilen abgestellt wird, lässt sich unterscheiden zwischen Effekten infolge (1.) der Möglichkeit des „sharing“, der Aufteilung von Fixkosten der Produktion von verschiedenen Gütern auf eine große Anzahl von Marktteilnehmern, (2.) des verbesserten „matching“, d. h. der besseren Übereinstimmung von Angebot und Nachfrage auf verschiedensten Märkten aufgrund der großen Anzahl von Marktteilnehmern innerhalb einer Ballung, sowie (3.) der Möglichkeit des „learning“, speziell im Sinne der Nutzung von „face-to-face“-Kommunikation zum Transport von „tacit knowledge“; dabei nimmt die Wissensvielfalt und das Wissensvolumen mit der Größe einer Ballung zu.

5

4

Vgl. MARSHALL 1962, S. 222 ff.

5

Vgl. BRÖCKER 2005, S. 1083. 49

In der Literatur werden Agglomerationsvorteile vielfach in Lokalisations- und Ur6

banisationseffekte unterschieden, zwei Kategorien, die allerdings nicht immer eindeutig voneinander zu separieren sind. Unter Lokalisationseffekten werden die Vorteile aus dem geballten Vorhandensein von Firmen aus ein- und derselben Branche verstanden, unter Urbanisationseffekten die Vorteile aus einem geballt vorhandenen breiten Mix von Firmen aus ganz unterschiedlichen Branchen. Teilweise werden die Lokalisationseffekte mit den Vorteilen aufgrund der Spezialisierung einer Region auf eine oder einzelne Branche(n) gleichgesetzt und als die wesentlichen Triebkräfte von Ballungen angesehen. Urbanisationseffekte treten demgegenüber als Vorteile einer eher diversifizierten Branchenstruktur auf. So können z. B. technische Neuerungen, die in einer Branche erfolgen, dazu führen, dass auch in anderen Branchen neue Anwendungsgebiete erschlossen werden. Die bereits in Kap. 1 erwähnten Ballungen i. S. von Clustern zeichnen sich in Anlehnung an Michael Porter durch eine räumliche Konzentration von Unternehmen aus, durch die es innerhalb einer Region zu einer Wertschöpfungskette kommt und/oder die mit den gleichen Technologien und mit gleichartigen Anforde7

rungen an das Humankapital arbeiten. Demgemäß sind intensive Lieferbeziehungen zwischen den Unternehmen einer Branche und vor- oder nachgelagerten Produktionseinheiten ein wesentliches Merkmal von „regionalen Clustern“; ein zweites Merkmal ist die produktionstechnische Verwandtschaft zwischen den Unternehmen. Damit sind zentrale Aspekte der Urbanisationsvorteile (Vorteile aufgrund des Vorhandenseins von Vorlieferanten und Abnehmern von Produkten) sowie der Lokalisationsvorteile (Vorteile aufgrund des Vorhandenseins von Unternehmen, die mit der gleichen Technologie oder vergleichbaren Anforderungen an das Humankapital arbeiten) angesprochen. Eine zusätzliche Qualifizierung solcher Cluster ist dann gegeben, wenn die betreffenden Firmen miteinander verwoben sind. Dies ist dann der Fall, wenn die Firmen Unternehmensnetzwerke bilden, die formeller oder informeller Art sein können. Netzwerke sind (kostensenkende und/ oder umsatzsteigernde) Kooperationsbeziehungen zwischen (miteinander konkur-

6

Vgl. z. B. MAIER / TÖDTLING 1995, S. 111-114.

7

„A cluster is a group of industries connected by specialized buyer-supplier relationships or related by technologies or skills“ (PORTER 1996, S. 85). 50

rierenden) Firmen und sonstigen Organisationen, z. B. bei Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten, beim Marketing, bei gemeinsamen Verkaufsaktivitäten, bei der Nutzung von Größenvorteilen bei gemeinsamer Bewerbung um Großaufträge, bei gemeinsamen Einkaufsaktivitäten zur Nutzung von Rabattmöglichkeiten oder auch nur zum Austausch von Informationen über (neue) Technologien oder über (potenzielle) Lieferanten und Abnehmer.

3

Empirische Ergebnisse zur Ballung von Wirtschaftsaktivitäten in Mecklenburg-Vorpommern

In Kap. 1 wurde bereits darauf hingewiesen, dass es in der Diskussion über Cluster- und Ballungsvorteile vielfach an empirisch gesicherten Erkenntnissen über das in einer Region tatsächlich gegebene Ausmaß an Ballung fehlt. Zur Messung von Ballung wird im Allgemeinen vor allem die Zahl der Einwohner je Stadt oder je Flächeneinheit herangezogen. Aus ökonomischer Sicht wichtiger ist die Ballung von Faktoren, von denen die Wirtschaftsentwicklung positiv beeinflusst werden kann, sowie die Ballung von Unternehmen und von unternehmerischen Aktivitäten. Das Vorhandensein einer besonders ausgeprägten Ballung von Firmen aus einer Branche an einem Ort lässt sich als ein „regionaler Branchenschwerpunkt“ interpretieren, von welchem man erwarten könnte, dass von ihm die oben bereits angeführten Vorteile aufgrund der produktionstechnischen Verwandtschaft zwischen Firmen (z. B. Nutzung eines gemeinsamen Pools von Arbeitskräften, gemeinsame Nutzung von Zulieferern oder Abnehmern) ausgehen. Bevor im Folgenden die Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zu den Branchenschwerpunkten sowie den Unternehmensnetzwerken (als qualifizierende Merkmale von Branchenschwerpunkten) in den Städten des Landes MV dargestellt werden, wird zunächst anhand von ausgewählten Indikatoren untersucht, wie es in den mecklenburg-vorpommerschen Städten um die Ausstattung mit wichtigen Faktoren der wirtschaftlichen Entwicklung bestellt ist.

8

8

Für wesentliche Aufgaben der Datenbeschaffung und -bearbeitung im Rahmen der den folgenden Unterkapiteln zugrunde liegenden Arbeitsschritte danken die Autoren Herrn Diplom-Ökonom Michael Barkholz (Arbeitsbereich Formale Methoden und Datenbanken des IWH). 51

3.1

Die städtischen Ballungen des Landes und ihre allgemeine Standortqualität

Das Land MV insgesamt verfügt über eine Reihe von natürlichen Standortfaktoren, die sich deutlich auf die sektorale Struktur der Wirtschaft des Landes auswirken: Die hohe Qualität der Ackerböden führt zu günstigen Bedingungen für die Landwirtschaft und die Ernährungswirtschaft. Die Küstenlage begünstigt die Entwicklung der maritimen Wirtschaft (Schiffbau, Schifffahrt sowie Fischwirtschaft) und der Tourismuswirtschaft, wobei letztere auch von der landschaftlich attraktiven Seenlandschaft im Hinterland profitieren kann. Die Prägung des Landes als Urlaubsland kann auch als ein wichtiger „weicher“ Standortfaktor von MV gelten, wie dies in einer Internetpräsentation auf die prägnante Formel gebracht wird: „Wir 9

leben, wo andere Urlaub machen.“ Entsprechend der Vorteile der Küstenlage sind die meisten der größeren Städte des Landes (Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald) in unmittelbarer Nähe zur Ostsee entstanden und hatten ihre erste Blütezeit im Mittelalter, als der Handel über die Ostsee einen der Schwerpunkte des innereuropäischen Handels (und der Hanse) bildete. Die genannten vier Städte sowie die weiter im Binnenland (und zwar jeweils an größeren Binnenseen) gelegenen Städte Neubrandenburg und Schwerin sind die – der Einwohnerzahl nach – größten Städte des Landes MV und bilden bislang gleichzeitig die Gruppe der kreisfreien Städte. Aus der Sicht der empirischen Wirtschaftsforschung hat dieser Status der Kreisfreiheit den besonderen Vorteil, dass wichtige Daten der amtlichen Statistik, die üblicherweise nicht für kreisangehörige Städte und Gemeinden, wohl aber für die Ebene der Kreise und kreisfreien Städte verfügbar sind, für die Betrachtung der genannten Städte herangezogen werden können. Wenn im Folgenden zur Vereinfachung der Darstellung pauschal vom „nichtstädtischen Raum“ die Rede ist, so sind damit sämtliche Kreise des Landes gemeint, wohl wissend, dass auch in den Kreisen kleinere Städte oder suburbane Siedlungen im Umfeld der kreisfreien Städte vorhanden sind.

9

Vgl. die Internetseiten der Hansestadt Rostock, www.rostock.de/Internet/stadtverwaltung/ wirtschaft/standort.jsp, gelesen am 8. Juli 2006. 52

Alle kreisfreien Städte in MV sind verkehrlich über die Ostsee-Autobahn miteinander verbunden, die auch für ihren Anschluss an das gesamtdeutsche Autobahnnetz sorgt und Chancen für die Anbindung an die Metropolen Hamburg und Szczecin bietet. Hinsichtlich weiterer überregionaler Verkehrsanbindungen ist insbesondere die streckenweise über Fährlinien laufende Verkehrsachse Skandinavien – Rostock – Berlin anzuführen. Hinsichtlich der Ballung von Einwohnern verfügt gegenwärtig keine der untersuchten Städte über mehr als 200.000 Einwohner (vgl. Tab. 3); Rostock liegt mit 199.392 Einwohnern leicht unterhalb dieser Schwelle, die Landeshauptstadt Schwerin als nächstgrößere Stadt hat lediglich 96.643 Einwohner. In allen Städten sind die Einwohnerzahlen im Verlauf der letzten Jahre gesunken, und zwar deutlicher als im Durchschnitt aller Kreise des Landes MV. Hierin kommt der „urban sprawl“ im Sinne der Suburbanisierung von Wohnstandorten aus den Städten über ihre administrativen Grenzen hinaus zum Ausdruck. Um die Standortqualität sowie die Wachstumschancen von Städten zu beschreiben, lassen sich solche Faktoren heranziehen, die in modernen stadt- und regionalökonomischen Theorien als wesentliche erklärende Größen von Wachstumsprozessen angeführt werden. Zu diesen Faktoren gehören insbesondere die Sachkapitalausstattung, die Humankapitalausstattung sowie der Stand von Forschung und Entwicklung (welche mit dem Faktor Humankapital eng verbunden sind). Darüber hinaus sind weitere Faktoren zu berücksichtigen, durch welche die genannten drei Faktoren beeinflusst werden. Hierzu zählen u. a. der Unternehmensbesatz sowie die Modernität der Produktionsstruktur.

53

Tab. 3: Die Einwohner der kreisfreien Städte in Mecklenburg-Vorpommern – Stand und Entwicklung

31.12.1995

30.11.2005

Werte von 2005 in % von 1995

Rostock

227.535

199.392

87,63

Schwerin

114.688

96.643

84,27

Neubrandenburg

80.483

68.264

84,82

Stralsund

65.977

58.722

89,00

Greifswald

60.772

53.209

87,56

Wismar

50.368

45.440

90,22

1.823.084

1.707.872

93,68

Mecklenburg-Vorpommern insgesamt

Quellen: Statistisches Landesamt Mecklenburg-Vorpommern; Berechnungen des IWH.

Hinsichtlich der Höhe der Sachkapitalausstattung wird im Folgenden ausschließlich das unternehmerische Sachkapital betrachtet. Zur Annäherung an diese Größe werden die betrieblichen Investitionen im Bergbau und Verarbeitenden Gewerbe herangezogen, die verkürzt als „Industrieinvestitionen“ bezeichnet werden. Der Faktor Humankapital bezieht sich auf die Fähigkeiten und Kenntnisse der Menschen in einer Region. Zu deren Abbildung werden drei Größen herangezogen. Zum einen wird die Zahl der (sozialversicherungspflichtig) Beschäftigten mit Fachhochschul- oder Hochschulabschluss je 1.000 Einwohner („Hochschulabsolventenbesatz“) ausgewiesen. Zum anderen werden zwei Indikatoren verwendet, mit deren Hilfe die Ausstattung von Beschäftigten mit wichtigen Schlüsselqualifikationen abgebildet werden kann. Es handelt sich um den „Besatz mit Datenverarbeitungsfachleuten“ sowie um den „Ingenieursbesatz“. Mit dem Faktor Humankapital eng verbunden und besonders wichtig für die Wertschöpfung in einer Region sind Aktivitäten im Bereich von Forschung und Entwicklung. Dieser Faktor wird mittels des Indikators „Patentintensität“ (Zahl der Patent54

anmeldungen in der räumlichen Zuordnung nach dem Sitz des Erfinders je 100.000 Einwohner) abgebildet, wobei allerdings bereits hier einschränkend darauf hingewiesen werden muss, dass aufgrund der unzureichenden Aktualität der vorliegenden Daten die diesbezüglichen Ergebnisse mit großer Vorsicht zu bewerten sind. Ergänzend werden qualitative Informationen zur regionalen Ausstattung mit öffentlichen Wissenschaftseinrichtungen herangezogen. Für den Grad der Modernität der Produktionsstruktur wird im Folgenden der Indikator „Industriebesatz“ (Zahl der Industriebeschäftigten je 1.000 Einwohner) herangezogen. Die Dominanz der Industrie innerhalb einer Region wird vielfach als Merkmal dafür angesehen, dass die betreffende Region den Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft noch nicht vollzogen hat. Allerdings wird auch in Zukunft ein Mindestmaß an industrieller Produktion in jeder Region erforderlich sein, um Wohlstand und Wachstum zu sichern, zumal der Dienstleistungssektor zum großen Teil nur dann existieren kann, wenn er sich auf eine entsprechende industrielle Basis bezieht. Für die wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten einer Region ist es von großer Bedeutung, wie viele Unternehmer bzw. Unternehmen es dort gibt. Von Regionen, welche einen hohen Unternehmensbesatz aufweisen, kann tendenziell erwartet werden, dass dort günstigere Bedingungen für das Hervorbringen von Innovationen, Wachstum und Beschäftigung gegeben sind als in Regionen mit einem niedrigen Unternehmensbesatz. Genau genommen ist der Unternehmensbesatz sogar der wichtigste Faktor der Wirtschaftsentwicklung, denn ohne Unternehmen kann unter marktwirtschaftlichen Bedingungen keinerlei Wertschöpfung erfolgen. Ein hoher Unternehmensbesatz hat aber auch noch aus einem anderen Grund große Bedeutung für die regionale Wirtschaftsentwicklung. Eine große Unternehmensdichte bietet günstige Möglichkeiten dafür, dass zwischen den Unternehmen wirtschaftliche Interaktionen im Sinne von Kooperationen und Wissenstransfer stattfinden. Gerade in solchen Interaktionen, die aus der räumlichen Nähe zu anderen Unternehmen herrühren, wird in der modernen Regionalökonomik eine wichtige Wachstumsdeterminante gesehen. Der Unternehmensbesatz wird mit Hilfe des Indikators „Besatz mit umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen“ abgebildet.

55

In der folgenden Tab. 4 ist dargestellt, welche Werte die soeben dargestellten Indikatoren für die Städte des Landes MV aufweisen. Für Aussagen über die Ausstattung der Städte mit Wachstumsfaktoren ist die Heranziehung von Vergleichsregionen zweckmäßig. Hierfür wurden (1.) der nichtstädtische Raum in MV, (2.) Ostdeutschland insgesamt und (3.) zwei ausgewählte Vergleichsstädte, nämlich Dresden und Jena, herangezogen. Die Erwartung, dass sich in den Städten eines Landes in besonderem Maße auch unternehmerische Aktivitäten ballen, lässt sich für MV hinsichtlich der in der Tab. 4 dargestellten Zahl der Unternehmen je Einwohner nicht belegen. Der (auf die Zahl der Einwohner bezogene) Besatz mit Unternehmen ist vielmehr, wie Tab. 4 zeigt, im nichtstädtischen Raum des Landes (mit einem Wert von 306,84 Unternehmen je 10.000 Einwohner) deutlich höher als in den kreisfreien Städten, wie dies auch in anderen Ländern im Allgemeinen der Fall ist. Von den kreisfreien Städten erreicht Schwerin den höchsten Wert (291,73), Greifswald den niedrigsten (235,05). Die den Einwohnern nach größte Stadt des Landes, Rostock, liegt erst auf dem dritten Rang, noch hinter Neubrandenburg. Der höhere Unternehmensbesatz im nichtstädtischen Raum ist vermutlich nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass dort zahlreiche kleinere Firmen im Bereich der Tourismuswirtschaft vorhanden sind. Natürlich würde sich ein deutlich anderes Bild ergeben, wenn die Zahl der Unternehmen pro kommunaler Verwaltungseinheit oder pro Quadratkilometer betrachtet werden würde; die räumliche Distanz zwischen den Unternehmen im städtischen Raum ist üblicherweise deutlich geringer als im nichtstädtischen Raum. Bei einem überregionalen Vergleich mit ausgewählten anderen ostdeutschen Städten ergibt sich Folgendes: Im Vergleich zu Dresden ist der Unternehmensbesatz in den Städten des Landes MV deutlich niedriger, aber Schwerin, Rostock und Neubrandenburg haben einen höheren Unternehmensbesatz als die Stadt Jena; Wismar erreicht einen nahezu ebenso hohen Wert wie Jena.

56

Tab. 4: Indikatoren für die Ausstattung der Städte in Mecklenburg-Vorpommern mit ausgewählten Wachstumsfaktoren Patentintensität (Zahl der Patentanmeldungen nach dem Sitz des Erfinders je 100.000 Einwohner)

1995-2003

2003

2004

Rostock

266,14

2.488,67

31,93

48,50

41,66

101,96

110,11

Wismar

254,61

11.494,38

85,97

35,56

27,73

84,06

40,71

Schwerin Neubrandenburg Stralsund

291,73

1.690,70

27,27

56,73

69,30

112,45

70,01

269,24

1.871,70

44,36

50,37

68,95

101,39

54,88

240,62

3.002,78

30,57

33,12

31,27

65,93

27,17

235,05

858,31

31,89

55,44

30,00

120,75

131,28

306,84

2.103,52

25,56

16,74

12,61

27,05

28,75

327,40

14.688,70

51,36

83,93

100,47

190,74

301,94

Unternehmensbesatz (Zahl der Umsatzsteuerpflichtigen je 10.000 Einwohner)a

2004

54

Greifswald nichtstädtischer Raum in Mecklenburg-Vorpommernc Dresden

Höhe des unternehmerischen Sachkapitals in der Industrie (Industrieinvestitionen in Euro je Einwohner)b

Industriebesatz (Industriebeschäftigte je 1.000 Einwohner)

Ingenieursbesatz (Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ingenieure je 10.000 Einwohner) 2004

Besatz mit Datenverarbeitungsfachleuten (Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Datenverarbeitungsfachleute je 10.000 Einwohner) 2004

(kreisfreie) Stadt/Region

Hochschulabsolventenbesatz (Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit einem Hochschulabschluss je 1.000 Einwohner)

1995-2000

Jena 255,75 5.015,45 67,39 96,45 101,13 176,69 665,34 Ostdeutschland insgesamt 306,58 4.239,41 41,59 33,39 36,65 65,21 108,04 (einschl. Berlin) a Dabei mussten für Brandenburg die Werte für das Jahr 2003 herangezogen werden. – b Wismar: ohne Werte in 1995 und 1996; Stralsund: keine Werte in 1996. – c Mecklenburg-Vorpommern ohne die kreisfreien Städte. Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Bundesamt, GREIF / SCHMIEDL 2002, IWH-Regionaldatenbank, Statistische Landesämter; Berechnungen des IWH. Zur Erläuterung der Indikatoren vgl. die Darstellung im Text.

Ein weiterer Indikator für die Ballung von unternehmerischen Aktivitäten ist die Höhe des unternehmerischen Sachkapitals je Einwohner. Als Näherungswert hierfür wird in der Tab. 4 die Höhe der Industrieinvestitionen für die Jahre 1995 bis 2003 herangezogen. Bei diesem Indikator zeigt sich für die mecklenburgvorpommerschen Städte, wie auch für die betrachteten Vergleichsstädte, ein sehr heterogenes Bild. Zunächst ist hinsichtlich der Städte in MV festzustellen, dass lediglich an den drei Schiffbaustandorten Wismar, Stralsund und Rostock mehr Investitionen als im nichtstädtischen Raum getätigt wurden. Also auch hinsichtlich dieses Aspekts der Ballung von unternehmerischen Aktivitäten ist nicht grundsätzlich der städtische Raum des Landes im Vorteil. Hierbei ist zu bedenken, dass der nichtstädtische Raum auch das unmittelbare Stadtumland beinhaltet, das aufgrund des hohen Flächenanspruchs moderner Industriefirmen in vielen Stadtregionen ein bevorzugter Firmenstandort ist; die entsprechende suburbane Industrie müsste aus stadtökonomischer Sicht den jeweiligen Städten zugerechnet werden, was aber aufgrund einer fehlenden statistischen Aufgliederung der verfügbaren Daten nicht möglich ist. Vergleicht man die sechs Städte bezüglich der Industrieinvestitionen untereinander, so gab es in Wismar im betrachteten Zeitraum die höchsten Industrieinvestitionen je Einwohner. Mit deutlichem Abstand folgen dann Stralsund und Rostock. In allen drei Hafenstädten dürften große Investitionen im Bereich der maritimen Wirtschaft zu diesem Ergebnis beigetragen haben; im Falle Wismars spielten vermut10

lich auch Großansiedlungen im Bereich der Holzwirtschaft eine Rolle . Nur der Wert für Wismar liegt oberhalb des Vergleichswertes der Industrieinvestitionen für Ostdeutschland insgesamt. Insgesamt ist die Höhe der Industrieinvestitionen in MV und in den Städten des Landes mithin als relativ ungünstig für die weitere industrielle Entwicklung einzustufen. In Bezug auf Wismar ist aber festzuhalten, dass immerhin der vielfach als Beispiel für eine besonders erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung angeführte Standort Jena hinsichtlich der Industrieinvestitionen in den Schatten gestellt wird; hierbei dürfte allerdings die relativ geringe Einwohnerzahl Wismars eine wesentliche Rolle spielen.

10

Vgl. Wirtschaftsministerium MV 2006b.

Die Stadt Wismar führt innerhalb der Gruppe der betrachteten Städte auch eindeutig beim Indikator Industriebesatz, der ebenfalls einen wichtigen Aspekt der unternehmerischen Aktivitäten in einer Stadt zum Ausdruck bringt. In Wismar gibt es nahezu doppelt so viele Industriebeschäftigte je 1.000 Einwohner wie in Neubrandenburg, der Stadt mit dem zweithöchsten Wert; auf dem dritten Platz rangieren fast gleichauf die Hansestädte Rostock und Greifswald. Die Stadt Stralsund, die bei den Industrieinvestitionen einen höheren Wert als Rostock realisiert hat, weist im Städtevergleich nur einen niedrigen Industriebesatz auf; dies kann als ein Indiz für eine besonders kapitalintensive Industrie gewertet werden. Schwerin, die Stadt der (Landes-)Verwaltung, erreicht bei diesem Indikator im Vergleich zu allen anderen Städten des Landes MV den niedrigsten Wert, allerdings liegt selbst dieser noch über dem Durchschnittswert für den nichtstädtischen Raum des Landes. Hieraus lässt sich ableiten, dass hinsichtlich der Industriebeschäftigung durchaus eine Ballung auf die Städte des Landes gegeben ist. In Wismar liegt der Wert für den Industriebesatz oberhalb der Vergleichswerte für Dresden und Jena. Nur Wismar und Neubrandenburg weisen einen Industriebesatz auf, der oberhalb des Wertes für Ostdeutschland insgesamt liegt; hier kommt ebenso wie bei den Industrieinvestitionen die grundsätzliche Prägung des Landes durch den Agrarsektor sowie den Tourismus zum Ausdruck. Für das wirtschaftliche Wachstum von Städten und Regionen sind neben der Ausstattung mit Sachkapital sowie der Sektoralstruktur der Wirtschaft auch das verfügbare Humankapital sowie die jeweiligen Aktivitäten im Bereich von Forschung und Entwicklung von Bedeutung. Für diese Faktoren werden der Hochschulabsolventenbesatz, der Besatz mit Datenverarbeitungsfachleuten, der Besatz mit Ingenieuren sowie die Patentanmeldungen je Einwohner als Indikatoren herangezogen. Der Hochschulabsolventenbesatz sowie der Besatz mit Datenverarbeitungsfachleuten sind bei einem Vergleich der sechs Städte in Schwerin am höchsten. Dies ist vermutlich auf die bereits erwähnte Präsenz der Landesverwaltung sowie sonstiger Behörden und Organisationen, welche stets die Nähe zur Landesregierung suchen, zurückzuführen. Allerdings sind die Werte für Schwerin deutlich niedriger als für die sächsische Landeshauptstadt Dresden, was sich in Anbetracht der

vermutlich eher geringen Unterschiede zwischen den Funktionen der Landesregierungen in MV und in Sachsen wohl dahingehend interpretieren lässt, dass die entsprechenden Berufsgruppen in Schwerin primär Tätigkeiten ausführen, die mit der Landesverwaltung in Verbindung stehen, während in Dresden eine wesentlich höhere Anzahl von Hochschulabsolventen bzw. Datenverarbeitungsfachleuten auch im privaten Sektor ohne Bezug zur Landesverwaltung oder im Bereich der öffentlichen Wissenschaftseinrichtungen, die in Schwerin fehlen,

11

beschäftigt

wird. Der Abstand aller sechs Städte zur Stadt Jena ist noch größer als jener gegenüber Dresden; da in Jena keine Landesregierung ansässig ist, kommt hierin fast ausschließlich der Einsatz von hochwertigem Humankapital im Bereich der privaten Unternehmen und der öffentlichen Wissenschaftseinrichtungen zum Ausdruck. Bei beiden betrachteten Indikatoren zeigt sich ein sehr großer Vorsprung der Städte des Landes MV gegenüber dem nichtstädtischen Raum. Hochqualifizierte Beschäftigte und Unternehmen sowie Wissenschaftseinrichtungen sind auf die Städte konzentriert. Die Stadt Wismar, für welche hinsichtlich des industriellen Sektors oben äußerst positive Indikatorwerte dargestellt werden konnten, zeigt im Vergleich der Städte in MV hinsichtlich der Hochschulabsolventen und der Datenverarbeitungsfachleute trotz des Vorhandenseins der Hochschule Wismar eher niedrige Werte. Hieraus lässt sich eine deutliche Spezialisierung Wismars in Richtung auf den industriellen Sektor ablesen, fast spiegelbildlich zur Spezialisierung Schwerins auf den (von der Landesverwaltung abhängigen) Dienstleistungsbereich. Scheinbar überraschend hoch sind im mecklenburg-vorpommerschen Städtevergleich der Hochschulabsolventenbesatz sowie der Besatz mit Datenverarbeitungsfachleuten in der Stadt Neubrandenburg. Der Grund hierfür kann u. a. darin gese12

hen werden, dass die Stadt Sitz einer Reihe von Landesbehörden ist . Greifswald liegt hinsichtlich des Hochschulabsolventenbesatzes auf dem zweiten Rang innerhalb der Gruppe der betrachteten mecklenburg-vorpommerschen Städte, was auf 11

Vgl. hierzu weiter unten.

12

Vgl. die Internetseiten der Stadt Neubrandenburg, www.neubrandenburg.de/de/portraittext.html, gelesen am 7. Juli 2006.

die in der Stadt Greifswald vorhandenen öffentlichen Wissenschaftseinrichtungen zurückzuführen sein dürfte. Hinsichtlich der für die „new economy“ wichtigen Datenverarbeitungsfachleute ist der Besatz in Greifswald allerdings kaum höher als in Wismar. Unterstellt man, dass die Wissenschaftseinrichtungen ihren Bedarf an Datenverarbeitungsfachleuten hinreichend decken können, so ließe sich der Befund dahingehend interpretieren, dass in Greifswald nur eine geringe Substanz an privaten Unternehmen vorhanden ist, die Arbeitskräfte mit den entsprechenden Qualifikationen nachfragen. Diese Interpretation korrespondiert mit dem bereits oben dargestellten geringen Unternehmensbesatz in der Stadt. Stralsund, die Stadt des Landes mit dem niedrigsten Hochschulabsolventenbesatz, erreicht bei diesem Indikator zwar einen deutlich höheren Wert als der nichtstädtische Raum – allerdings weist die Stadt mit einem Indikatorwert von 33,12 nur in etwa den Durchschnittswert für Ostdeutschland insgesamt (33,39) auf. Verglichen mit den durchschnittlichen Verhältnissen in Ostdeutschland zeigt sich bei der Ausstattung mit Datenverarbeitungsfachleuten für drei Städte ein unterdurchschnittlicher Besatz: Neben Stralsund sind dies Wismar und Greifswald. Für alle drei Städte, vor allem für Wismar, verstärkt sich durch diesen Befund das Bild einer wenig wissensbasierten Ökonomie (außerhalb des Wissenschaftssektors). Für Stralsund und Wismar passt in dieses Bild einer wenig wissensbasierten Ökonomie auch der Besatz mit Ingenieuren, der ebenfalls als ein Indikator für den Einsatz modernen Humankapitals in der Wirtschaft gelten kann, wobei Ingenieure allerdings in allen Sektoren zum Einsatz kommen können. Auch bei diesem Indikator zeigt sich ein deutlicher Abstand zwischen fast sämtlichen kreisfreien Städten des Landes MV und dem nichtstädtischen Raum, der einen nur sehr niedrigen Besatz mit Ingenieuren aufweist. Die Städte Greifswald und Schwerin erreichen bei diesem Indikator die höchsten Werte innerhalb der Gruppe der betrachteten Städte des Lande MV. Die Werte für Stralsund und Wismar fallen gegenüber den anderen Städten deutlich ab. Der Ingenieursbesatz in den Städten Greifswald (Rang 1), Schwerin (Rang 2), Rostock (Rang 3) sowie Neubrandenburg (Rang 4) liegt zwar deutlich über dem ostdeutschen Durchschnittswert, aber ebenso deutlich unterhalb der Werte für Dresden und Jena. Hier liegt die Vermutung nahe, dass es den Unternehmen in den Städten von MV im Vergleich zu Firmen an

anderen Standorten an dispositiven Funktionen mangelt, für welche nicht zuletzt Ingenieure benötigt werden. Die Patentintensität (Zahl der Patentanmeldungen je 100.000 Einwohner) kann als ein Indikator für die innovativen Kompetenzen in einer Region dienen, wobei zu berücksichtigen ist, dass nur ein Teil der Innovationen im Bereich der Wirtschaft mit der Anmeldung oder der Nutzung von Patenten verbunden ist. Bei diesem Indikator zeigt sich für die meisten Städte im Vergleich zum nichtstädtischen Raum eine höhere Patentintensität. Greifswald und Rostock haben zudem Patentintensitäten, die über dem ostdeutschen Durchschnittswert liegen. Allerdings sind die Werte für beide Städte deutlich niedriger als jene für Dresden und Jena. Das vergleichsweise gute Abschneiden von Greifswald und Rostock dürfte auf die dortigen öffentlichen Wissenschaftseinrichtungen und ihr unmittelbares Umfeld sowie auf den dortigen vergleichsweise hohen Ingenieursbesatz zurückzuführen sein. In der Stadt Stralsund ist die Patentintensität mit 27,17 nicht nur niedriger als im ostdeutschen Durchschnitt (108,04), sondern auch niedriger als im nichtstädtischen Raum des Landes MV (28,75). Auch die drei anderen Städte liegen bei der Patentintensität unterhalb des ostdeutschen Durchschnittswertes. Im überregionalen Vergleich ließe sich die Ballung von innovativen Kompetenzen in den Städten von MV also eher als gering einstufen; allerdings ist noch einmal auf die beschränkte Aussagekraft des herangezogenen Indikators und auf das Alter der verfügbaren Daten hinzuweisen, so dass sich zu weitreichende Interpretationen verbieten. Zusätzlich zu den betrachteten quantitativen Indikatoren werden speziell hinsichtlich der innovativen Kompetenzen der Städte des Landes MV im Folgenden noch qualitative Aspekte herangezogen. Dabei stellt sich nicht zuletzt die Frage nach dem Profil der in den Städten des Landes vorhandenen öffentlichen Wissenschaftseinrichtungen, die für die Entwicklung von wissensbasierten privaten Firmen im Allgemeinen von Bedeutung sind. Hier zeigt sich das folgende Bild: In Rostock befinden sich neben der Universität und der Hochschule für Musik und Theater diverse Forschungsinstitute, die sich auf die moderne Biotechnologie und die Landwirtschafts- sowie Fischereiforschung konzentrieren. Auch im Rahmen der Rostocker Technologie- und Gründerzentren spielen Firmen aus dem Bereich

der Biotechnologie (Biomedizin, Biomaterialien) sowie aus dem maritimen Bereich eine besondere Rolle.

13

Die Universität verfügt über ein Institut für Biowissen-

schaften mit derzeit 14 Lehrstühlen und kann auf eine lange Tradition im Bereich der biowissenschaftlichen Forschung zurückblicken; 1812 wurde der erste Lehrstuhl für Zoologie und Botanik besetzt.

14

Auch eine Fakultät für Agrar- und Um-

weltwissenschaften ist an der Rostocker Universität vorhanden, ebenso wie eine Fakultät für Maschinenbau und Schiffstechnik. Demgemäß ist grundsätzlich davon auszugehen, dass die wichtigsten Branchen der Rostocker Wirtschaft und die im Umfeld der Universität etablierten Forschungseinrichtungen durch entsprechende Einrichtungen an der Universität unterstützt werden können. In Greifswald gibt es ähnlich wie in Rostock im Umfeld der Universität eine Reihe von biotechnologieorientierten Forschungseinrichtungen. Auch an der Universität Greifswald selbst sind die Biowissenschaften stark vertreten (fünf Institute und Abteilungen, zudem gibt es ein Institut für Chemie und Biochemie).

15

In Bezug auf die außeruniversitäre Forschung in MV lässt sich zusammenfassend eine Spezialisierung auf den Bereich der Biotechnologie konstatieren. Im Vergleich zu Rostock und Greifswald verfügen die drei anderen Städte über eine deutlich geringere Zahl an Wissenschaftseinrichtungen. In Stralsund ist allein die Fachhochschule Stralsund vorhanden, die über drei Fachbereiche (Elektronik 16

und Informatik, Maschinenbau und Wirtschaft) verfügt . Für Neubrandenburg lässt sich festhalten, dass hier neben der Fachhochschule immerhin ein wichtiges Forschungsinstitut vorhanden ist, allerdings in der vergleichsweise entfernt zur Stadt liegenden kleineren Stadt Neustrelitz; es handelt sich um eine Teileinrichtung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt mit etwa 60 Wissenschaft-

13

Vgl. www.rostock.de/Internet/stadtverwaltung/wirtschaft/standort.jsp, gelesen am 8. Juli 2006.

14

Vgl. Internetseiten des Rostocker Instituts für Biowissenschaften, www.biologie.unirostock.de, gelesen am 15. Juli 2006.

15

Vgl. Internetseiten der Universität Greifswald, www.microbio1.biologie.uni-greifswald.de/ biologie/biologie.htm sowiewww.chemie.uni-greifswald.de, jeweils gelesen am 24. Oktober 2006.

16

Vgl. www.fh-stralsund.de, gelesen am 15. Juli 2006.

17

lern, das vormalige Institut für Kosmosforschung der DDR . Die Fachhochschule Neubrandenburg gliedert sich in die Fachbereiche Agrarwirtschaft und Landschaftsarchitektur, Bauingenieur- und Vermessungswesen, Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung, Gesundheit und Pflege, Technologie (einschließlich Bioproduct Technology); hinzu kommt das Kompetenzzentrum Lebensmitteltechnologie. Die Stadt Wismar verfügt neben der Fachhochschule über zwei Einrichtungen im Bereich der Polymer- und Kunststoffforschung. Die Fachhochschule hat Fachbereiche für Wirtschaft, Elektrotechnik und Informatik, Seefahrt, Maschinenbau, Verfahrens- und Umwelttechnik, Bauingenieurwesen, Architektur sowie Design und Innenarchitektur. Es ließe sich vermuten, dass aufgrund der Unterschiedlichkeit in der fachlichen Ausrichtung die Synergieeffekte aufgrund der Ko-Lokation von Hochschule und Forschungseinrichtungen eher gering sind. Allerdings gibt es zwei Einrichtungen innerhalb der Hochschule Wismar, die unmittelbar auf die Polymer- und Kunststoffforschung bezogen sind. In zusammenfassender Betrachtung ergeben sich für alle Städte des Landes MV gegenüber dem nichtstädtischen Raum Defizite beim Unternehmensbesatz und teilweise beim industriellen Sachkapital. Demgegenüber sind die Arbeitsplätze in der Industrie eher in den Städten als im nichtstädtischen Raum vorhanden, aber insgesamt gesehen entsteht doch der Eindruck einer eher gering entwickelten Industrielandschaft. Ballungen in den Städten (im Vergleich zum nichtstädtischen Raum) ergeben sich auch bei den Faktoren Humankapital (Indikatoren: Besatze mit Hochschulabsolventen, Datenverarbeitungsfachleuten, Ingenieuren) und Innovationstätigkeit (Indikator: Patentintensität), allerdings deutet sich an, dass die wissensbasierte Ökonomie in den Städten Wismar und Stralsund nicht sehr ausgeprägt ist.

18

17

Vgl. die Internetseiten der Außenstelle Neustrelitz des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), www.nz.dlr.de/main/nz-home-html, gelesen am 15. Juli 2006.

18

Im Vergleich zu Jena und Dresden gilt diese Feststellung auch für die anderen Städte in MV.

3.2

Räumliche Branchenschwerpunkte

Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, ob sich in den Städten in MV räumliche Ballungen von einzelnen Branchen zeigen. Solche Ballungen werden im Weiteren als räumliche Branchenschwerpunkte bezeichnet. Sind solche Branchenschwerpunkte gegeben, lassen sich dort besonders positive Entwicklungsbedingungen für ansässige und für ansiedlungswillige Unternehmen in Form von Agglomerationsvorteilen vermuten. Zur Operationalisierung räumlicher Branchenschwerpunkte im Rahmen der empirischen Untersuchung wird auf statistische Konzentrationsmaße zurückgegriffen.

19

Die hier präsentierten Befunde zu räumlichen Branchenschwerpunkten im Bundesland MV fußen auf der Berechnung der so genannten absoluten Konzentration von Wirtschaftsaktivitäten der betreffenden Branche.

20

Zur Ermittlung der absolu-

ten räumlichen Konzentration wird der Anteil ermittelt, den die Wirtschaftsaktivitäten in einer bestimmten Branche in einem Teilraum dieser Branche im übergeordneten Gesamtraum

22

21

an den Wirtschaftsaktivitäten

haben. Die Beschäftigtenantei-

le der Branchen werden nach der Höhe geordnet. Für die hier vorgenommene Untersuchung wurde ein Branchenschwerpunkt in MV als gegeben angesehen, wenn er zu den sieben wichtigsten Standorten der betreffenden Branche innerhalb Ostdeutschlands gehört. Wenn im Folgenden von Branchenschwerpunkten die Rede ist, handelt es sich um solche, die gemäß der soeben dargestellten Operationalisierung identifiziert wurden. Zur Messung der wirtschaftlichen Aktivitäten in einer Branche kommen grundsätzlich verschiedene Messgrößen in Frage, etwa die Wertschöpfung, die Umsätze, die Zahl der Unternehmen oder die Zahl der Beschäftigten. Für die hier vorge19

Für einen Überblick über Möglichkeiten zur Konzentrationsmessung vgl. z. B. BLEYMÜLLER et al. 2000, S. 191 ff.

20

Die hier vorgestellte Operationalisierung von Branchenschwerpunkten in MV entspricht weitgehend dem Herangehen, das vom IWH im Rahmen des Forschungsprojektes „Innovative Kompetenzfelder, Produktionsnetzwerke und Branchenschwerpunkte der ostdeutschen Wirtschaft“ praktiziert wurde. Vgl. ROSENFELD et al. 2006, hier speziell Kap. B 1.4.

21

In dieser Untersuchung wird unter einem Teilraum eine kreisfreie Stadt oder ein Kreis verstanden.

22

Als Gesamtraum wird Ostdeutschland betrachtet.

nommene Untersuchung werden Daten der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (Daten der Bundesagentur für Arbeit) herangezogen, weil sie sowohl sektoral als auch regional in – für die Zwecke der Untersuchung – hinreichend disaggregierter Form verfügbar waren. Verwendet wurden Beschäftigtendaten mit dem Stand vom 30. Juni 2004, die sektoral nach 2-Stellern der Klassifikation der Wirtschaftszweige, Ausgabe 2003 (WZ 2003), und regional nach kreisfreien Städten und Kreisen gegliedert sind. Einschränkend zur gewählten Operationalisierung von Branchenschwerpunkten mit Hilfe von Beschäftigtendaten ist anzumerken, dass ein Branchenschwerpunkt im Einzelfall aus einem einzigen größeren Unternehmen bestehen kann. In diesem Fall würde es die unterstellten positiven Effekte infolge einer räumlichen Nähe von mehreren Unternehmen derselben Branche nicht geben.

23

Für die hier

vorgestellte Untersuchung standen keine Unternehmensdaten in sektoral und regional disaggregierter Form zur Verfügung. Um dennoch eine näherungsweise Vorstellung darüber zu erhalten, ob hinter einem Branchenschwerpunkt eine oder mehrere wirtschaftliche Einheiten stehen, wurde auf der Grundlage von Daten der Betriebsdatei der Bundesagentur für Arbeit die Zahl der zum jeweiligen Branchenschwerpunkt gehörenden Betriebe ermittelt. Das soeben dargestellte Herangehen zur Ermittlung von Branchenschwerpunkten stößt an Grenzen, wenn es sich um so genannte Querschnittsbranchen handelt, die häufig auch mit der Anwendung fortgeschrittener Technologien einhergehen. Dies betrifft beispielsweise die Biotechnologie (Life Sciences), die Zulieferindustrien für den Automobilbau und für die Luft- und Raumfahrt sowie die Informationsund Kommunikations(IuK)-Branche, die allesamt „quer“ zur traditionellen Branchengliederung liegen und wirtschaftliche Aktivitäten in verschiedenen Branchen umfassen. Auf Aussagen zu diesen Querschnittsbranchen soll dennoch nicht verzichtet werden. Hierzu wurden – zusätzlich zu den eigenen Analysen auf der Grundlage von Beschäftigtendaten – weitere quantitative und qualitative Informa-

23

Gleichwohl können – wenn das betreffende Unternehmen durch zuliefer- oder abnehmerseitige Beziehungen in der Region verankert ist – die positiven Effekte für die Region ebenso hoch oder sogar höher sein als wenn der Branchenschwerpunkt aus mehreren oder vielen Unternehmen bestehen würde.

tionen, insbesondere aus den amtlichen Veröffentlichungen des Landes MV, herangezogen.

24

Unter Zugrundelegung der dargestellten Operationalisierung konnten in MV 32 räumliche Branchenschwerpunkte identifiziert werden, von denen knapp zwei Drittel (20) in den kreisfreien Städten und ein reichliches Drittel (12) in den Kreisen lokalisiert sind. Von den 20 Branchenschwerpunkten in den Städten entfallen mehr als die Hälfte (12) auf Rostock, je zwei auf Schwerin, Wismar und Stralsund und je einer auf Greifswald und Neubrandenburg (eine Übersicht über die räumliche Lokalisierung der einzelnen Branchenschwerpunkte ist in der Anhangstabelle A 3.2-2 enthalten). Im Folgenden werden wichtige Merkmale dieser Branchenschwerpunkte untersucht, um deren ökonomische Bedeutung besser einschätzen zu können. Zu diesen Merkmalen zählen: •

25

die Zugehörigkeit zur Landwirtschaft/Forstwirtschaft/Fischerei , zum produzierenden Gewerbe oder zum Dienstleistungssektor,



die Art der Bindung der Branchenschwerpunkte an den Standort,



die Bedeutung der Branchen, die Branchenschwerpunkte bilden, für die Gesamtbeschäftigung in der Raumordnungsregion und



die Zahl der Betriebe, die zum Branchenschwerpunkt gehören.

26

Die Typisierung nach Branchenschwerpunkten im produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor gibt Hinweise auf die „Modernität“ der Branchenstrukturen in einer Region. Bekanntlich hat sich in den hochentwickelten Volkswirtschaften die Wertschöpfung vom produzierenden Gewerbe hin zum Dienstleistungssektor verschoben und speziell unternehmensorientierte Dienstleistungen gelten als wachstumsträchtige Branchen. Gleichwohl gibt es eine enge Verbindung zwischen der Industrie und den Dienstleistungsbranchen, die in ihren Entwicklungs-

24

Vgl. z. B. Wirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommern 2006a.

25

Auf diese Bereiche wird im Folgenden nicht weiter eingegangen, weil sie typischerweise außerhalb der Städte angesiedelt sind.

26

Diese Merkmale sind teilweise an die Darstellung in ROSENFELD / HEIMPOLD 2005, S. 25-55, hier insbesondere S. 46-48, angelehnt.

möglichkeiten voneinander abhängen. Eine wettbewerbsfähige Industrie ist ohne komplementäre Dienstleistungen nicht denkbar und umgekehrt. Mit Blick auf die in den Städten existierenden Branchenschwerpunkte lässt sich vermuten, dass dort besonders häufig Branchenschwerpunkte im Dienstleistungssektor anzutreffen sind. In der Tat betreffen in Rostock, der größten Stadt, 10 von 12 Branchenschwerpunkten den Dienstleistungssektor. Auch in Greifswald und Neubrandenburg ist es jeweils eine Dienstleistungsbranche, die einen Branchenschwerpunkt bildet. In den übrigen Städten zeigt sich ein anderes Bild: Wismar beherbergt ausschließlich industrielle Branchenschwerpunkte, Schwerin jeweils einen in der Industrie und in der Fischwirtschaft. In Stralsund existiert je ein Branchenschwerpunkt in der Industrie und im Dienstleistungsbereich. Mithin verfügt insbesondere Rostock über ein breites Spektrum von Branchenschwerpunkten im Dienstleistungsbereich. Nimmt man eine Typisierung der Branchenschwerpunkte hinsichtlich der Art der Standortbindung vor, so lassen sich zwei Gruppen bilden: Eine Gruppe von Branchenschwerpunkten ist eng mit den natürlichen Bedingungen, insbesondere mit der Küstenlage, verbunden. Eine zweite große Gruppe von Branchenschwerpunkten steht mit der zentralörtlichen Funktion der jeweiligen Städte im Zusammenhang.

27

Grundsätzlich kann vermutet werden, dass eine hohe Standortbindung

einen Branchenschwerpunkt besonders „qualifiziert“. Dies dürfte im Falle der Bindung an natürliche Faktoren gegeben sein. Im Falle der Bindung an die zentralörtlichen Funktionen kann zwar ebenfalls von einer Standortbindung ausgegangen werden. Gravierende Bevölkerungsverluste können aber auch zu Veränderungen in der Bedeutung dieser Branchen führen (vgl. dazu weiter unten). Im Folgenden werden die Branchenschwerpunkte, die zu diesen beiden Gruppen zugeordnet wurden, näher erläutert und bewertet. •

Zur erstgenannten Gruppe, d. h. zu den mit natürlichen Standortbedingungen verbundenen Branchenschwerpunkten, können in den Städten des Landes

27

Auf den Branchenschwerpunkt Tabakverarbeitung am Standort Schwerin, der weder den Branchen, die an natürliche Standortbedingungen noch den Zentrale-Orte-Branchen zuordenbar ist, wird im Folgenden nicht eingegangen. Das Statistische Landesamt weist für das Jahr 2004 ein Unternehmen in der Branche Tabakverarbeitung aus (vgl. STATISTISCHES LANDESAMT MECKLENBURG-VORPOMMERN 2005, S. 5).

insbesondere der Schiffbau

28

(Rostock, Wismar und Stralsund), die Schifffahrt

(Rostock und Stralsund), die Logistik (Rostock) sowie das Gastgewerbe (Rostock) gezählt werden. Die zwei erstgenannten Branchenschwerpunkte werden häufig auch unter dem Begriff der „Maritimen Wirtschaft“ zusammengefasst. Grundsätzlich könnte erwartet werden, dass Branchen, die an bestimmte natürliche Standortbedingungen anknüpfen, eine stärkere Bindung an den Standort aufweisen als dies bei anderen Branchen der Fall ist. Für eine starke Standortbindung spricht auch, dass der Schiffbau in den Küstenstädten Mecklenburg-Vorpommerns im Verlaufe der planwirtschaftlichen Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer der wichtigsten Branchen entwickelt wurde.

29

Gleichwohl kann aus dieser vermuteten engeren Standortbindung nicht per se auf besonders günstige Wachstumsperspektiven geschlossen werden. Gerade im Schiffbau haben sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder deutliche Veränderungen der Wettbewerbssituation ergeben.

30

In jüngster Zeit deutet

sich eine zumindest mittelfristig günstige Situation an. Zu den Branchenschwerpunkten, die zumindest indirekt mit den gegebenen natürlichen Bedingungen zusammenhängen, zählt auch das Holzgewerbe in Wismar. Es handelt sich um einen „jungen“ Branchenschwerpunkt, dessen Entstehen unter anderem mit der Verfügbarkeit eines Hafens mit entsprechenden Umschlagmöglichkeiten von Stammholz zusammenhängt.

31

Nach

Angaben der zuständigen Industrie- und Handelskammer handelt es sich um das größte Holzverarbeitungszentrum in Europa.

32

Das Wirtschaftsministeri-

um beziffert die Zahl der direkt in der Holzwirtschaft in Wismar existierenden Arbeitsplätze auf 1.315.

33

Neben einem Sägewerk für Nadelholz (Klausner)

am Standort Wismar existieren zwei Unternehmen zur Herstellung von Holz28

Weil für die hier vorgenommene Untersuchung Branchendaten auf der 2-Steller-Ebene verwendet wurden, umfasst die Branche, die hier verkürzt als Schiffbau firmiert, auch den Flugzeug- und Eisenbahnbau.

29

Vgl. dazu EICH-BORN 2005, S. 13-23.

30

Vgl. ebd., S. 132-133.

31

WIRTSCHAFTSMINISTERIUM MECKLENBURG-VORPOMMERN 2005, S. 9.

32

Vgl. IHK INDUSTRIE- UND HANDELSKAMMER ZU SCHWERIN o. J.

33

Vgl. WIRTSCHAFTSMINISTERIUM MECKLENBURG-VORPOMMERN 2006b, Folie Holzwirtschaft, ohne Seitenzahlen. Die genannte Beschäftigtenzahl schließt auch das Möbelwerk Hellmonds mit ein.

werkstoffen (Hüttemann, Egger Holzwerkstoffe) sowie ein Unternehmen, das Holzpellets herstellt (German Pellets).

34

Im Jahreswirtschaftsbericht des Lan-

des wird auf Synergieeffekte aus der Ko-Lokation verschiedener Unternehmen der Holzbranche verwiesen.

35

Gewisse Indizien existieren auch dafür,

dass die lokalen Akteure unter Nutzung öffentlicher Fördermittel versuchen, die Forschung und Entwicklung im Bereich Holzindustrie im Verbund voranzubringen (vgl. dazu die Ausführungen in Kap. 3.3 zum Forschungsverbund HolzClusterNord [HCN]). •

Zu den Branchenschwerpunkten, die mit den zentralörtlichen Funktionen der Städte zusammenhängen, gehören die Wasserversorgung, das Kredit- und Versicherungshilfsgewerbe, die Kfz- und Maschinenvermietung, die Sonstigen Dienstleistungen, die Branche Kultur, Sport und Unterhaltung, das Grundstücks- und Wohnungswesen, das Gesundheits- und Sozialwesen sowie die Exterritorialen Organisationen.

36

Die Standortbindung jener Branchenschwer-

punkte, die mit den zentralörtlichen Funktionen der Städte verbunden sind, ist vermutlich nicht weniger stark im Vergleich zu jener von Branchenschwerpunkten, die mit den natürlichen Bedingungen am Standort zusammenhängen. Allerdings sind diese Zentrale-Orte-Branchen typischerweise vor allem auf den lokalen und regionalen Markt, d. h. auf so genannte nichthandelbare Güter ausgerichtet, wenn man von möglichen Ausnahmen in den Bereichen Kultur, Sport und Unterhaltung sowie Gesundheitswesen absieht. Die größeren Wachstumschancen können bei Branchen vermutet werden, die so ge-

34

Vgl. WIRTSCHAFTSMINISTERIUM MECKLENBURG-VORPOMMERN 2006a, S. 17.

35

Vgl. ebd.

36

Im Grunde kann auch die Rolle Greifswalds als Standort der Forschungs- und Entwicklungsbranche mit unter diese Rubrik der Zentrale-Orte-Branchen subsumiert werden. Die Forschungs- und Entwicklungsbranche in Greifswald hat ihre Existenz vermutlich insbesondere den Entscheidungen der bundesweit tätigen Forschungsgesellschaften sowie des Bundes zur Errichtung bzw. zum Betrieb von Instituten am Standort Greifswald zu verdanken: Zu diesen Instituten gehören das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik – Teilinstitut Greifswald (IIP), das zur Leibniz-Gesellschaft gehörende Greifswald Institut für Niedertemperaturplasmaphysik e. V. Greifswald (INP) und die Institute für Molekularbiologie, Virusdiagnostik und für Infektionsmedizin der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere (BFAV-FLIe) auf der Insel Riems (Friedrich-Loeffler-Institute).

nannte handelbare Güter herstellen.

37

Ferner ist angesichts demographischer

Veränderungen die Situation der Zentrale-Orte-Branchen nichts Unveränderliches: Der Bevölkerungsrückgang in den kreisfreien Städten MVs, der stärker als jener in den Kreisen ausfällt (vgl. dazu auch Kapitel 3.1), stellt diese Branchen, und zwar speziell jene, die in starkem Maße haushaltsnahe Dienstleistungen erbringen (insbesondere Wasserversorgung, Grundstücks- und Wohnungswesen, Gesundheits- und Sozialwesen), vor große Anpassungserfordernisse. Wie bereits eingangs in diesem Kapitel angedeutet, lassen sich speziell so genannte Querschnittsbranchen, die typischerweise mit modernen Technologien einhergehen, mit dem hier praktizierten Verfahren zur Ermittlung von Branchenschwerpunkten nicht identifizieren. Dies betrifft beispielsweise die Biotechnologie, die sozusagen „quer“ zur traditionellen Branchengliederung liegt und wirtschaftliche Aktivitäten aus verschiedenen Branchen, darunter aus dem Gesundheits- und Sozialwesen, der Forschung und Entwicklung, dem Bildungswesen, der Landwirtschaft und dem Ernährungsgewerbe umfasst.

38

Im Wirtschaftsbericht 2006 des

Landes MV wird darauf verwiesen, dass im Land 88 Unternehmen mit ca. 2.100 Mitarbeitern im Bereich der Biotechnologie tätig sind.

39

Ferner wird die Zahl der

Wissenschaftler, die an Hochschulen oder Forschungseinrichtungen im Bereich der Biotechnologie tätig sind, auf rund 700 beziffert, zuzüglich rund 10.000 Studenten im Bereich Biotechnologie/Life Sciences. Der Querschnittscharakter der Biotechnologie und der Umstand, dass es sich bei den Biotechnologie-Unter-

37

Hinter dieser Vermutung stehen die Vorstellungen der so genannten Exportbasistheorie, wonach von den Sektoren, die exportieren, d. h. überregionalen Absatz erbringen, Multiplikatorwirkungen für die Region ausgehen, die über den Einkommenszuwachs durch die exportierenden Sektoren hinausgehen (eine zusammenfassende Darstellung der Aussagen der Exportbasis-Theorie ist z. B. enthalten in: Maier / Tödtling 2002, S. 37-45). Allerdings ist die vorgenommene Trennung in Sektoren, die exportieren, und in Sektoren, die für lokale Märkte produzieren, relativ, weil sich die Wettbewerbsfähigkeit einer Region häufig erst aus dem Zusammenspiel der Sektoren, die die Exportbasis verkörpern, und den nicht exportierenden Sektoren ergibt.

38

Diese und die nachfolgenden qualitativen und quantitativen Informationen beziehen sich im Wesentlichen auf das Land MV insgesamt. Eine separate Betrachtung zur Lokalisierung dieser Querschnittsbranchen in den Städten (im Vergleich zu den nichtstädtischen Räumen) ist daher nicht möglich.

39

Vgl. zu diesen und den nachfolgenden Angaben WIRTSCHAFTSMINISTERIUM MECKLENBURG-VORPOMMERN 2006a, Kapitel II, S. 20.

nehmen tendenziell um kleine Unternehmen handelt,

40

führt dazu, dass diese

Branche bei einer Analyse auf der Grundlage der Beschäftigtendaten in der klassischen Branchengliederung nicht als Branchenschwerpunkt identifizierbar ist.

41

Ähnlich wie bei der Biotechnologie verhält es sich mit der Zulieferindustrie für den Automobil- und den Flugzeugbau, die im Land zusammen mit der gesamten Metall- und Elektroindustrie und dem Maschinenbau als „Wachstumsbereiche“

42

angesehen werden. Speziell die Zulieferungen für den Automobil- und Flugzeugbau kommen typischerweise aus verschiedensten Subbranchen der Metall- und Elektroindustrie und des Fahrzeugbaus. Daher lassen sie sich mit der in dieser Studie praktizierten Vorgehensweise bei der Ermittlung von Branchenschwerpunkten nicht identifizieren. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums von MV sind dem Zulieferbereich für den Automobilbau sowie für die Luft- und Raumfahrt ca. 100 Betriebe mit 8.000 Beschäftigten zuzuordnen. Insgesamt umfasst die Metallund Elektrobranche 179 Betriebe mit ca. 10.400 Beschäftigten.

43

Die Zahl der

Betriebe im Maschinenbau wird auf 71 beziffert, mit 3.600 Beschäftigten, wobei der so genannte Spezialmaschinenbau im Vordergrund steht.

44

Obwohl sich der

genannte Branchenkomplex Metall-Elektro-Maschinenbau nicht in Branchenschwerpunkten gemäß der hier praktizierten Operationalisierung niederschlägt, deuten die vorhandenen Vernetzungen auf wirtschaftliche Kompetenzen in diesen Branchen hin (vgl. Kap. 3.3). Ferner werden im Land die Kunststofftechnik, die Chemie und die Druck- und Medienindustrie als Wachstumsbereiche aufgelistet.

45

Speziell im Bereich Kunststofftechnik weist ebenfalls ein entsprechendes Unternehmensnetzwerk auf besondere Qualitäten dieser Branche hin.

40

Vgl. ebd.

41

Im Bereich der Biotechnologie gibt es auch eine Reihe von Netzwerkaktivitäten – vgl. Kapitel 3.3.

42

WIRTSCHAFTSMINISTERIUM MECKLENBURG-VORPOMMERN 2006a, S. 14, zu den Brancheninformationen vgl. ebd., S. 18, 19.

43

Vgl. zu diesen Angaben: ebd., S. 18. Die genannten Zahlen umfassen nach Angaben des Wirtschaftsministeriums die Branchen „Herstellung von Metallerzeugnissen“, „Metallerzeugung und Metallbearbeitung“ und „Elektrotechnik“.

44

Vgl. ebd., S. 19.

45

Vgl. ebd., S. 20.

Wenn man die Branchenschwerpunkte hinsichtlich ihres Beitrags zur Beschäftigung untersucht, handelt es sich zumeist nicht um jene Branchen, die die größten Anteile an der Gesamtbeschäftigung haben. Lediglich das Gesundheits- und Sozialwesen (Raumordnungsregion Mittleres Mecklenburg-Rostock), und das Gastgewerbe (Raumordnungsregion Vorpommern) und die Land- und Gartenwirtschaft (Raumordnungsregion Mecklenburgische Seenplatte) weisen Anteile an der Gesamtbeschäftigung in der jeweiligen Raumordnungsregion auf, die über 5 % liegen (vgl. Anhangstabelle A 3.2-2, dritte Spalte von rechts).

46

Die übrigen Branchen, die

Beschäftigungsanteile von mehr als 5 % an der Gesamtbeschäftigung aufweisen (öffentliche Leistungen, Baugewerbe, Unternehmensdienstleistungen, Bildungswesen, Einzelhandel) bilden – im ostdeutschlandweiten Vergleich – keine Branchenschwerpunkte, und sie sind, abgesehen von den Unternehmensdienstleistungen, gleichmäßiger im Raum verteilt (vgl. als Näherungsgröße für das Ausmaß der räumlichen Konzentration die Angaben in der Anhangstabelle A 3.2-2, vorletzte Spalte). Die Branche Land- und Gartenwirtschaft liegt, außerhalb der ROR Mecklenburgische Seenplatte, bezüglich der Beschäftigtenanteile zwischen 2,6 % und 4,1 %. Das Ernährungsgewerbe hat in der Raumordnungsregion Westmecklenburg einen Anteil von 4,0 % an der Gesamtbeschäftigung. Die Logistikbranche trägt im Mittleren Mecklenburg-Rostock mit 2,9 % zur Beschäftigung bei. Die Branchenschwerpunkte Sonstige Dienstleistungen; Grundstücks- und Wohnungswesen; Kultur, Sport und Unterhaltung sowie Schifffahrt weisen in der Raumordnungsregion Mittleres Mecklenburg-Rostock jeweils Beschäftigtenanteile auf, die zwischen ein und zwei Prozent liegen. Der Schiff-, Flugzeug- und Eisenbahnbau, der hauptsächlich durch den Schiffbau repräsentiert wird, trägt in Westmecklenburg mit 1,0 %, im Mittleren Mecklenburg-Rostock mit 1,1 % und in Vorpommern mit 1,8 % zur Gesamtbeschäftigung bei. Berücksichtigt man die Zulieferindustrie für den Schiffbau, so würden die Beschäftigtenanteile vermutlich größer ausfallen.

47

Das Holzgewerbe hat in Westmecklenburg einen Anteil von 1,2 % an der

46

Gemessen wurde der Anteil, den die betreffende Branche in der Raumordnungsregion an der Gesamtbeschäftigung in der Raumordnungsregion hat.

47

Im Wirtschaftsbericht 2006 des Landes MV wird darauf verwiesen, dass in den vier Werften zum Bau von Seeschiffen und in der Neptun Werft GmbH, die Binnenschiffe baut und Schiffsreparaturen durchführt, direkt ca. 4.500 Beschäftigte tätig sind. Berücksichtigt man die „... maritime Zulieferproduktion und ingenieurtechnischen Dienstleistungen ...“ sowie

Gesamtbeschäftigung. Die übrigen Branchenschwerpunkte weisen jeweils Beschäftigtenanteile von weniger als 1 % auf. Sieben identifizierte Branchenschwerpunkte, davon vier in den Städten, umfassen jeweils weniger als drei Betriebe (vgl. Anhangstabelle A 3.2-2, letzte Spalte). Bei diesen Branchenschwerpunkten dürften sich die Lokalisationseffekte in Grenzen halten.

3.3

Unternehmensnetzwerke

Nachfolgend sollen die identifizierten Branchenschwerpunkte bezüglich ihrer Qualitätsmerkmale weiter untersucht werden. Zu diesem Zweck wird der Frage nachgegangen, ob die Branchenschwerpunkte in den Städten zusätzlich auch Unternehmensnetzwerke aufweisen. Die Erwartung, dass Branchenschwerpunkte, die zugleich solche Netzwerkbeziehungen aufweisen, dadurch besonders „qualifiziert“ werden, liegt in der Natur von Netzwerkbeziehungen begründet. Sie stellen eine besondere Form von Interaktionen zwischen Unternehmen dar, die über rein marktliche

Beziehungen

hinausgehen

und

auf

die

Verbesserung

der

Wettbewerbsfähigkeit abzielen. Durch Netzwerkbeziehungen ist es insbesondere möglich, die Kosten wirtschaftlicher Transaktionen zu senken und/oder die Innovationsfähigkeit zu verbessern. Speziell der letztgenannte Aspekt geht aus der besonderen Qualität der Interaktionen in Netzwerken hervor, wie sie in einschlägigen netzwerk-theoretischen Arbeiten häufig betont werden.

48

Vor allem

Lernprozesse in Netzwerken und intensive Informationsflüsse werden für das Zustandekommen von Innovationen als wichtig angesehen. Für die hier vorgestellte IWH-Untersuchung wurden als Unternehmensnetzwerke nur Formen der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen (bzw. zwischen Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen) erfasst, die sich nach außen als solche Beziehungen zu Zulieferern in anderen Branchen, wird die direkte und indirekte Beschäftigung durch die maritime Industrie auf 13.000 Personen in 320 Betrieben, d. h. auf beinahe das Dreifache der unmittelbaren Beschäftigung in den Werften, beziffert (vgl. WIRTSCHAFTSMINISTERIUM MECKLENBURG-VORPOMMERN 2006a, Kapitel II, S. 16). 48

Vgl. zum Begriff Unternehmensnetzwerke z. B. die Definition von SYDOW 1992, S. 79, sowie bezüglich der Qualitätsmerkmale von Netzwerken den Beitrag von GRABHER 1993, S. 1-31, hier speziell S. 8-12.

zu erkennen geben, etwa durch eine Internetseite, durch Benennung eines Netzwerkmanagers, Ansprechpartners, Koordinators o. ä. Ein Netzwerk muss, gemäß der vom IWH vorgenommenen Operationalisierung, mindestens drei NetzwerkMitglieder haben, davon mindestens ein Unternehmen. Die Erfassung der Unternehmensnetzwerke in MV basierte auf der Grundlage von Internet-Recherchen.

49

Die räumliche Zuordnung der Netzwerke erfolgte nach dem Sitz des Ansprechpartners des Netzwerkes.

50

Um die Frage zu beantworten, ob Kongruenzen von

Netzwerken mit den identifizierten Branchenschwerpunkten existieren, wurde anhand der verfügbaren Informationen versucht, jedes Netzwerk bezüglich der wichtigsten involvierten Branchen zu charakterisieren.

51

Zur Ermittlung von Kon-

gruenzen mit Branchenschwerpunkten erschien es zweckmäßig, die Netzwerke ebenfalls auf der Grundlage der Klassifikation WZ 2003 einzustufen. Dies erwies 49

Die Operationalisierung und Erhebung von Unternehmensnetzwerken im Rahmen dieser Untersuchung lehnt sich – ähnlich wie die Ermittlung von Branchenschwerpunkten – an das im Rahmen der ostdeutschlandweit angelegten Studie von ROSENFELD et al. 2006 praktizierte Herangehen an. Im Unterschied zum Herangehen in der letztgenannten Untersuchung konnte allerdings – aus Aufwandsgründen – keine schriftliche Erhebung von Unternehmensnetzwerken bei Landesbehörden, Wirtschaftskammern und regionalen Wirtschaftsfördergesellschaften durchgeführt werden. Genutzt wurde insbesondere die Übersicht über Unternehmensnetzwerke und Forschungsverbünde, die in der Website der Industrie- und Handelskammer (IHK) Rostock enthalten ist (vgl. www.Rostock.ihk24.de/ HROIHK24/HROIHK24/produktmarken/standortpolitik/kooperationen/regnetzwerk_koop/S pezielle_Branchennetzwerke.jsp, gelesen am 12. Juli 2006). Zwar erhebt diese Liste nach Angaben der IHK keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Gleichwohl darf vermutet werden, dass aufgrund der Vor-Ort-Kenntnisse in dieser Auflistung wichtige Netzwerke und andere Verbünde enthalten sind. Für die aufgelisteten Netzwerke wurden deren Websites ausgewertet. Allerdings wurden nicht sämtliche in der genannten Quelle aufgelisteten Netzwerke auch als solche eingestuft. Dies betrifft insbesondere rein universitäre Forschungsverbünde. Zusätzlich wurden, sofern nicht bereits in der Übersicht der IHK Rostock erfasst, Netzwerke und netzwerkartige Verbünde in die Bestandsaufnahme aufgenommen, die in der 4. und 5. Ausschreibungsrunde des Bundesförderprogramms Netzwerkmanagement Ost (Abkürzung NEMO) ausgezeichnet oder im Rahmen des Programms Innovative Regionale Wachstumskerne (Förderzeitraum 2005-2008 und 2006-2009) gefördert wurden. Ferner wurden das Automobilzuliefernetzwerk automotive mv, der Forschungsverbund HolzClusterNord (HCN) sowie das OFFSHORE ENERGIES Competence Network Rostock mit erfasst.

50

Die räumliche Zuordnung der Netzwerke nach dem Sitz des Ansprechpartners kann allerdings nur eine grobe Näherung zur Charakterisierung der räumlichen Verteilung von Unternehmensnetzwerken sein. Viele Netzwerke in Mecklenburg-Vorpommern zeichnen sich dadurch aus, dass deren Mitglieder aus verschiedenen Landesteilen kommen.

51

Sofern es sich um Netzwerke handelte, die sowohl in der o. g. IHK-Auflistung als auch in der IWH-Datenbank über Innovative Kompetenzfelder, Produktionsnetzwerke und Branchenschwerpunkte (vgl. www.iwh-halle.de/projects/bbr/zugang.asp, gelesen am 11. Juli 2006) enthalten sind, wurde die Branchenzuordnung aus der letztgenannten Datenbank übernommen.

sich jedoch in einer Reihe von Fällen als schwierig, insbesondere bei Netzwerken, die in Querschnittstechnologien, etwa in der Biotechnologie, Wasserstofftechnologie und Mikrosystemtechnik tätig sind. Dort kann die Zuordnung zu den „traditionellen“ Branchen nur eine – zugegebenermaßen – sehr grobe Näherung darstellen. Insgesamt wurden in MV 29 Unternehmensnetzwerke erfasst. Bei 25 der 29 Netzwerke ist der Sitz des Ansprechpartners in einer kreisfreien Stadt, oder es ist zumindest einer der Sitze in einer kreisfreien Stadt gelegen. Bei drei Netzwerken befinden sich die Sitze der Ansprechpartner außerhalb der kreisfreien Städte und in einem Fall außerhalb des Landes – in Berlin (vgl. dazu die Übersicht über die erfassten Unternehmensnetzwerke in der Anhangstabelle A 3.3-1). Der Umstand, dass die Koordinierungsstellen/Ansprechpartner von Netzwerken ganz überwiegend in den Städten ansässig sind, ergibt sich daraus, dass dort entsprechende Management-Infrastrukturen gegeben sind, die solche Aufgaben übernehmen können. Dies sind teils kommunale Wirtschaftsfördereinrichtungen, Technologiezentren oder Wissenschaftseinrichtungen. Die übrigen Netzwerkmitglieder sind sehr häufig über verschiedene Städte und Kreise „verteilt“. 10 Netzwerke wiesen Übereinstimmungen mit vorhandenen Branchenschwerpunkten auf.

52

Die 10 Fälle, bei denen ein Netzwerk mit einem Branchenschwer-

punkt übereinstimmt, betreffen allesamt Netzwerke, die einen Sitz in Rostock (9) oder in Wismar (1) haben (diese Angaben fußen auf der Anhangstabelle A 3.3-1, dritte und vierte Spalte von links). In weiteren sieben Fällen ist zwar keine räumliche Kongruenz zwischen der Stadt oder dem Kreis, in der/dem das Netzwerk seinen Sitz hat, und der Lokalisation des Branchenschwerpunktes gegeben. Jedoch existiert für das betreffende Netzwerk in einer anderen Stadt oder in einem

52

Die Übereinstimmung wird als gegeben angesehen, wenn in einer kreisfreien Stadt oder in einem Kreis ein Unternehmensnetzwerk gegeben ist (Kriterium der Zuordnung ist der Sitz des Ansprechpartners/Koordinators des Netzwerks) und wenn zumindest eine der Branchen, die in das Netzwerk involviert sind, deckungsgleich ist mit einem Branchenschwerpunkt in derselben kreisfreien Stadt oder in demselben Kreis (es kann auch Fälle geben, wo zusätzlich Kongruenzen mit Branchenschwerpunkten in anderen Städten oder Kreisen gegeben sind).

anderen Kreis im Land ein Branchenschwerpunkt.

53

einstimmung mit Branchenschwerpunkten gegeben.

In 12 Fällen war keine Über-

54

Betrachtet man die Netzwerkaktivitäten, die mit Branchenschwerpunkten einhergehen, ragen die Netzwerke der Maritimen Wirtschaft heraus. Acht erfasste Netzwerke können ganz oder teilweise dem Komplex der Maritimen Wirtschaft zugeordnet werden. Zu dieser Gruppe gehören auch Zuliefernetzwerke für die Maritime Industrie. Eine Art Basisnetzwerk stellt die Maritime Allianz Ostseeregion dar, die im Rahmen des Wettbewerbs InnoRegio durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt wird. Das Netzwerk umfasst rund 70 Mitglieder, die der Maritimen Wirtschaft zuzuordnen sind.

55

Es handelt sich sowohl um Finalisten als

auch um mittelständische Zulieferer und um Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen. Von 66 namentlich genannten Vereinsmitgliedern konnten 35 als in Rostock ansässig identifiziert werden.

56

Weitere Netzwerke der Maritimen Wirt-

schaft sind: Maritime Safety Assistance, MariCoNet Maritime Cooperation Network, Maritime Zuliefer-Allianz Mecklenburg-Vorpommern sowie OFFSHORE ENERGIES Competence Network Rostock. Teilweise mit der Maritimen Wirtschaft verbunden sind das Netzwerk Innovativer Laser-Anwender – NILA und das McLog Kompetenzzentrum für Logistik. Die Ansprechpartner der soeben genannten Netzwerke haben alle ihren Sitz in Rostock. Die Netzwerkmitglieder sind in verschiedenen Landesteilen angesiedelt. Auch bei dem mit Bundesmitteln geförderten Netzwerk zur Modifizierung von Kunststoffen und von polymeren Werkstoffverbünden durch Plasmen (Kurzbezeichnung: NEMO MOPLAS), das Plasma53

Bei den Netzwerken NEMO-MOPLAS (mit einer Kongruenz mit dem außerhalb Greifswalds gelegenen Branchenschwerpunkt Schiffbau) und NEOMO PlasmaPlusBio mit einer Kongruenz zu dem außerhalb Greifswalds gelegenen Branchenschwerpunkt Gesundheits- und Sozialwesen) ist zusätzlich eine Kongruenz auch mit dem Branchenschwerpunkt „Forschung und Entwicklung“ in Greifswald gegeben.

54

Bei diesen 12 Netzwerken handelt es sich zum Teil um solche, die mit Branchen korrespondieren, die aus der Sicht des Landeswirtschaftsministeriums als „Wachstumsbereiche“ angesehen werden (z. B. Automobilzulieferbranche, IT-Branche, Kunststofftechnik). Vgl. zu diesen und den nachfolgenden Angaben: Maritime Allianz Ostseeregion: Die

55

Maritime Allianz ist ein offener Verbund von Unternehmen der maritimen Wirtschaft. In: www.mao-ev.de/home.htm, gelesen am 10.07.2006. 56

Diese Angaben wurden auf der Grundlage der Mitgliederliste des Vereins Maritime Allianz Ostseeregion und den dort enthaltenen Links zu den Internet-Seiten der Mitglieder sowie anhand weiterer Internet-Recherchen ermittelt. Für drei Netzwerkmitglieder konnten mangels Informationen die Sitze nicht ermittelt werden.

technik mit Kunststoffproduktion, -be- und -verarbeitung verknüpft, gibt es eine Involvierung der Schiffbaubranche.

57

Der Ansprechpartner des letztgenannten

Netzwerkes ist in Greifswald ansässig. Indirekt mit der maritimen Wirtschaft verbunden ist am Standort Wismar (aufgrund der Bedeutung des Hafens) der Forschungsverbund HolzClusterNord (HCN). Er hat im Oktober 2005 seine Arbeit aufgenommen. Dem Verbund gehören eines der vier Unternehmen der Holzverarbeitungsbranche, die Hochschule Wismar, unternehmensorientierte Dienstleistungsunternehmen (u. a. der Seehafen Wismar) sowie die Forstverwaltung an.

58

Eine zweite Gruppe von Unternehmensnetzwerken korrespondiert mit Branchenschwerpunkten, die vor allem mit der Rolle des Landes als Standort von Agrarund Lebensmittelproduktion sowie mit der Fischwirtschaft zusammenhängen. Es handelt sich um das Netzwerk Agrarmarketing Mecklenburg-Vorpommern e. V. und den Verein zur Förderung Innovativer und Nachhaltiger AgroBiotechnologie FINAB e. V. sowie das Netzwerk AquaTech. Auch ein Teil des BiotechnologieNetzwerkes BioCon Valley hat einen Bezug zur Landwirtschaft und zur Lebensmittelproduktion. Die Netzwerke BioCon Valley und Verein zur Förderung Innovativer und Nachhaltiger Agrobiotechnologie M-V e. V. können als Versuche angesehen werden, die Landwirtschaft und die Ernährungsgüterbranche (die im Land die – gemessen an der Beschäftigung – größte Industriebranche ist) mit neuen Technologien zu verknüpfen. Zu dieser Art von Netzwerken gehört auch BioOK – Zulassungs- und Überwachungsverfahren für agrobiotechnologische Produkte und Verfahren – Rostock, mit dem die Wirtschaft des Landes ihre Kompetenzen in diesem Bereich bündeln will.

59

Die Ansprechpartner der im Bereich der Landwirt-

schaft, Fischwirtschaft und der grünen Biotechnologie tätigen Netzwerke haben ihren Sitz überwiegend nicht in jenen Kreisen, in denen Branchenschwerpunkte im Bereich der Landwirtschaft und des Ernährungsgewerbes gegeben sind. So hat der Ansprechpartner des Netzwerkes Verein zur Förderung Innovativer und Nach57

Vgl. TZV Technologiezentrum Fördergesellschaft mbH Vorpommern: TVZ-Projekt NEMO – Netzwerkmanagement Ost. „Netzwerk zur Modifizierung von Kunststoffen und von polymeren Werkstoffverbünden durch Plasmen“. In: www.technologiezentrum.de/consult/ emo-moplas.html, gelesen am 13.07.2006.

58

Vgl. HolzClusterNord Forschungsverbund 2005, S. 1-2.

59

Vgl. BioOK GmbH – Analysis & Assessment of Genetically Modified Plants and Derived Food & Feed: Mission Statement. In: www.bio-ok.com/index.hat, gelesen am 19.07.2006.

haltiger Agrobiotechnologie M-V e. V. seinen Sitz in Groß Lüsewitz, das im Kreis Bad Doberan ist (und ein Büro in Rostock). Das Biotechnologie-Netzwerk BioCon Valley (vgl. Blank i. d. Band) ist allerdings bezüglich seiner Aktivitäten nicht nur auf die so genannte grüne Biotechnologie fokussiert, sondern es ist deutlich breiter ausgerichtet und umfasst in starkem Maße Aktivitäten auch in anderen Segmenten der Biotechnologie. Das Netzwerk ist im Rahmen eines gleichnamigen Vereins organisiert und umfasst mehr als 115 Mitglieder, darunter Unternehmen, Dienstleistungs- und Wissenschaftseinrichtungen sowie Kommunen.

60

Der Verein hat das Ziel, FuE-Prozesse zum Beispiel in

den Bereichen Biotechnologie, Biomedizin, Medizintechnik

61

zu unterstützen. Zum

Zweck der internationalen Vernetzung ist das Netzwerk BioCon Valley zugleich Mitglied des internationalen Biotechnologie-Netzwerkes ScanBalt, das für Biotechnologie- und Life-Science-Einrichtungen und Netzwerke in mittel- und nordeuropäischen und in den baltischen Ländern als eine Art Infrastruktur für Kommunikation und Wissenstransfer fungiert.

62

Dem Bereich Life Science kann auch das

Netzwerk DISCO Diabetes Informations- und Service System zugerechnet werden, das sich mit der Entwicklung telemedizinischer Dienstleistungen befasst.

63

Die Geschäftsstelle des Netzwerks, das aus Mitteln des InnoRegio-Programmes des Bundes gefördert wird, ist in Greifswald angesiedelt. Eine Verknüpfung von Forschungspotenzialen, im Bereich der Plasma-Physik (in Greifswald ist das Institut für Niedertemperatur-Plasmaphysik e. V. ansässig) mit den Life Sciences ist Gegenstand des Netzwerkprojektes NEMO-PlasmaPlusBio.

64

Eine ganze Reihe von weiteren Unternehmensnetzwerken, bei denen der Sitz des Ansprechpartners in den kreisfreien Städten gelegen ist, weist keine Kongruenzen 60

Vgl. BioCon Valley Mecklenburg-Vorpommern e. V.: Impulse für Mecklenburg-Vorpommern. In: www.bcv.org/hosting/bcv/website.nsf/urlnames/members_DE?OpenDocument& nu=members, gelesen am 10.07.2006.

61

Ebd.

62

Vgl. Network of Networks Scanbalt: Scanbalt Incubator. In: www.scanbalt.org/sw6308. asp, gelesen am 11.07.2006, s. auch BLANK 2006 i. d. Band.

63

Vgl. Vision. Innovative telemedizinische Dienstleistungen in der Region Nord- und Ostvorpommern. In: www.innoregio-disco.de/htm/vision.htm, gelesen am 11.07.2006.

64

Vgl. TZV Technologiezentrum Fördergesellschaft mbH Vorpommern – Projekt NEMO PlasmaPluBio: TZV Projekt NEMO-PlasmaPlusBio. In: www.technologiezentrum.de/ consult/plasmaplusbio.html, gelesen am 13.07.2006.

zu den Branchenschwerpunkten auf, wie sie im Kapitel 3.2 gemäß der von den Autoren praktizierten Herangehensweise dargestellt wurden. Es handelt sich zum Teil um Netzwerke in Branchen, die vom Land als wichtige Wachstumsbereiche angesehen werden, etwa im Maschinenbau und in der Metallverarbeitung oder im Bereich der Kunststofftechnik. Zu den Netzwerken, die diesen Branchen zugeordnet werden können, können insbesondere gezählt werden: Kompetenzzentrum Kunststofftechnik Mecklenburg-Vorpommern, KOMETAN Netzwerk für den konstruktiven Metall- und Anlagenbau, SOMANET Netzwerk für den Sondermaschi65

nenbau, NUKLEUS Netzwerk Präzisionsmaschinenbau . Für die Automobilzulieferbranche existiert das Netzwerk automotive mv, das zugleich zum ostdeutschlandweiten Verbund Automotive Cluster Ostdeutschland gehört.

66

Ausdruck des

Bestrebens, traditionelle Branchen mit neuen Technologien zu verknüpfen, ist auch das KBauMV Kompetenzzentrum Bau Mecklenburg-Vorpommern (Sitz an der Fachhochschule in Wismar), dem hauptsächlich Wissenschaftseinrichtungen, aber auch einige wenige Unternehmen, hauptsächlich Ingenieurbüros sowie Kommunen angehören.

67

Ebenfalls nicht kongruent mit Branchenschwerpunkten sind Netzwerkaktivitäten im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien. In diesem Bereich kommt es auf die stärkere Diffusion moderner IuK-Technologien in möglichst vielen Branchen an, zu der die IuK-Netzwerke im Land beitragen können. Zu den ITNetzwerken sind zu zählen: IT-Initiative Mecklenburg-Vorpommern e. V., Fachar-

65

Das NUKLEUS Netzwerk Präzisionsmaschinenbau verfügt über Ansprechpartner in Projektbüros in Parchim und in Rostock. Vgl. www.nukleus.org/kontakt.php, gelesen am 11. Juli 2006.

66

Für den Bereich der Zulieferindustrie für die Luft- und Raumfahrt wurde in MV eine „Koordinierungsstelle Luft- und Raumfahrt“ eingerichtet. Es handelt sich um eine Einrichtung, die als Mittler zwischen den Unternehmen der Luft- und Raumfahrtindustrie und den Zulieferfirmen aus MV fungieren soll. Vgl. MVregio – ILA Berlin Schönefeld Ebnet: MV ist gut vertreten: 17.05.2006: Schwerin/MVr Mecklenburg-Vorpommern präsentiert sich zum ersten Mal mit einem Gemeinschaftsstand „Luft- und Raumfahrt Mecklenburg-Vorpommern“ auf der ILA in Berlin, in: www.mvregio.de/nachrichten_region/11314. html, gelesen am 19. Juli 2006. Wegen der Funktion als Koordinierungsstelle wurde diese Einrichtung nicht als Netzwerk erfasst.

67

Vgl. 212.201.37.34/Home/home.php, www.212.201.37.34/Netzwerke/Netz_info.php?ID= 4, www.212.201.37.34/Netzwerke/Netz_info.php?ID=1, www.212.201.37.34/Netzwerke/ Netz_info.php?ID=9, jeweils gelesen am 18. Juli 2006, www.212.201.37.34/Netzwerke/ Netz_info. php?ID=5, gelesen am 20. Juli 2006.

beitskreis Informations- und Kommunikationstechnologie, ZGDV Forum KOMMMV. Der IT-Branche kann auch das Netzwerk SIMUNET – Simulation komplexer Systeme zugeordnet werden. Das bereits weiter oben erwähnte Netzwerk DISCO – Disease Informations- und Service Center wendet moderne IuK-Technologien in der Gesundheitswirtschaft an. Diese unabhängig von den Branchenschwerpunkten existierenden Netzwerke können als Versuch von Unternehmen und Wirtschaftspolitik angesehen werden, bestimmte Branchen zu stärken und/oder dort vorhandene innovative Potenziale zum Tragen zu bringen. Die künftige Entwicklung wird zeigen, ob diese Netzwerkaktivitäten in nachhaltige Strukturen münden.

3.4

Zusammenfassung der empirischen Befunde

Zusammenfassend betrachtet zeigt sich für die Städte des Landes MV folgendes Bild: Erwartungsgemäß ist ihre Ausstattung mit Wachstumsfaktoren sowie mit Branchenschwerpunkten günstiger als im ländlichen Raum des Landes; aber gegenüber anderen Teilen Ostdeutschlands sind die Städte im Rückstand. Es zeigt sich, dass die Branchen, die Branchenschwerpunkte bilden, mit Ausnahme der Gesundheitswirtschaft relativ kleine Anteile zur Gesamtbeschäftigung in den betreffenden Raumordnungsregionen aufweisen. Daraus sollte jedoch nicht die Schlussfolgerung gezogen werden, dass diese Branchenschwerpunkte unwichtig wären. Die Ballung von Unternehmen derselben Branche bietet Chancen für Wissenstransfer und Synergien für die ansässigen Unternehmen und bietet möglicherweise ein interessantes Terrain für Existenzgründungen und Neuansiedlungen auswärtiger Investoren. Und noch eine andere Schlussfolgerung kann gezogen werden: Neben der Förderung der Vernetzung wird es darauf ankommen, dass sich die vorhandenen Unternehmen weiter wirtschaftlich stabilisieren, und dass seitens der Politik versucht wird, Existenzgründungen und Neuansiedlungen anzuregen. Für die Stadt Rostock ist anzunehmen, dass die Firmen aufgrund der hohen Industrieinvestitionen mit einer hohen Produktivität arbeiten können. Die Stadt kann von ihrer Lage im Schnittpunkt wichtiger Verkehrsverbindungen profitieren und ist auch bei der Innovationstätigkeit vergleichsweise gut positioniert. Rostock zeich-

net sich zudem im Städtevergleich durch eine besonders große Zahl von Branchenschwerpunkten aus und es ist zugleich Sitz vieler Unternehmensnetzwerke (die allerdings ihre Mitglieder zumeist nicht nur in Rostock, sondern auch in anderen Teilen des Landes haben). Branchenschwerpunkte, die durch Netzwerke „unterfüttert“ sind, sind hauptsächlich jene, die sich um den Komplex der maritimen Wirtschaft (Schiffbau, Schifffahrt) einschließlich der Logistik ranken. In diesem Bereich ist auch die Zahl der Betriebe in Rostock recht hoch, so dass ein Potenzial für Kooperationen und Vernetzungen real existieren dürfte. Die hohe Zahl von überregional aktiven Netzwerken, die von Rostock aus koordiniert werden, ist ein deutliches Zeichen für die im Landesvergleich hohe Zentralität der Hansestadt. Schwerin weist zwar einen sehr hohen Unternehmensbesatz auf, wird aber im Dienstleistungssektor vermutlich von der Landesverwaltung dominiert. Der hohe Besatz mit Hochschulabsolventen (in der Landesverwaltung und ihrer Umgebung) kann sich möglicherweise aber langfristig positiv auf die Wirtschaftsentwicklung der Stadt auswirken, wenn der Hochschulabsolventenbesatz sich in einer erhöhten Gründungsneigung niederschlägt. Die Stadt verfügt über keine wirtschaftlich gewichtigen Branchenschwerpunkte und ist nur Sitz eines einzigen Unternehmensnetzwerks. In Neubrandenburg ist die Wirtschaftsstruktur ausgeglichener als in Schwerin, weil hier neben der Landesverwaltung auch ein vergleichsweise hoher Industriebesatz gegeben ist; die wissensbasierte Ökonomie hat hier eine Entwicklungsbasis. Das Profil der Fachhochschule, mit Schwerpunkten unter anderen in den Bereichen Agrarwirtschaft und Landschaftsarchitektur sowie Gesundheit und Pflege sowie mit dem Kompetenzzentrum für Lebensmitteltechnologie, korrespondiert mit Branchenschwerpunkten in anderen Landesteilen, so dass sich Ansatzpunkte für überregionale Kooperationen im Rahmen der Life-Sciences-Netzwerke bieten (die auch bereits praktiziert werden). Die Stralsunder Wirtschaft ist offenbar von einer eher kapitalintensiv produzierenden Industrie geprägt und bislang wenig wissensbasiert. Hieran hat offenbar bislang auch die Fachhochschule nichts ändern können, weitere Forschungseinrichtungen fehlen in der Hansestadt. Stralsund hat zwar zwei Branchenschwerpunkte

im Bereich des Schiffbaus und der Schifffahrt, verfügt aber über keinen Sitz von Unternehmensnetzwerken (bezogen auf die in der Untersuchung erfassten Netzwerke). Die an der Fachhochschule Stralsund existierenden Fachbereiche Elektrotechnik, Informatik und Maschinenbau bieten allerdings durchaus eine Chance, um im Rahmen von Ausbildung und Forschung die entsprechenden Kompetenzen des Landes MV insgesamt zu stärken. Während in Stralsund eine kapitalintensive Industrie vorhanden ist, weist Greifswald eher eine hohe Humankapitalqualität auf. Es ist durch weiterführende Studien zu überprüfen, inwieweit die hohe Innovationstätigkeit auch im privaten Sektor der Wirtschaft gegeben ist. Aufgrund der ausgeprägten Forschungstätigkeit (vor allem im Bereich der Life Sciences) ist in Greifswald für den Bereich Forschung und Entwicklung sogar ein Branchenschwerpunkt vorhanden. Wismar schließlich lässt sich am ehesten noch überwiegend als Stadt der Industrie charakterisieren; dies trifft sowohl in Bezug auf den Indikator Industriekapital als auch auf den Indikator Industriebesatz zu. Zwar gibt es eine Fachhochschule und einzelne Forschungseinrichtungen, aber beide Elemente überlappen sich nur partiell. Der Branchenschwerpunkt Holzindustrie ist in den vergangenen Jahren neu geschaffen worden und noch wenig mit anderen Bereichen in der Stadt vernetzt. Synergien mit der Holzindustrie könnten sich u. a. aus dem Kompetenzzentrum Bau Mecklenburg-Vorpommern (koordiniert von der Hochschule Wismar) ergeben, das unter anderem ein Netzwerk Holzkonstruktionen und Holzwerkstoffe beinhaltet. Die am Ort ansässigen Unternehmen der Holzindustrie waren bis zum Sommer 2006 nicht Mitglieder dieses Teilnetzwerkes.

4

Schlussfolgerungen

Die Ausführungen im vorangegangenen Kapitel liefern zwar erste Antworten auf die Frage, wie es um die Ballung wirtschaftlicher Aktivitäten und die „Cluster“ in MV bestellt ist – diese Antworten führen aber ihrerseits zu einer Vielzahl von neuen Forschungsfragen. So wäre es wünschenswert, wenn im Rahmen von weiterführenden Studien zusätzliche Indikatoren für die wirtschaftlichen Kompetenzen der mecklenburg-vorpommerschen Städte genutzt werden könnten, mit denen sich die relevanten Faktoren der Stadtentwicklung besser operationalisieren lie-

ßen. Dies gilt nicht zuletzt für die Innovationsaktivitäten. Hinsichtlich der Branchenschwerpunkte wäre es von Vorteil, wenn es gelingen könnte, über die Netzwerke hinaus als weitere qualifizierende Elemente auch die intraregionalen Wertschöpfungsketten zu berücksichtigen. Eine weitere Forschungsfrage betrifft jene Netzwerke, bei denen die Partner räumlich weit voneinander entfernt angesiedelt sind: Kann durch intensive Netzwerkbeziehungen über größere Distanzen räumliche Nähe ersetzt werden? Schließlich, aber nicht zuletzt, stellt sich die Frage, ob die ermittelten Ballungserscheinungen tatsächlich positive Effekte für die wirtschaftliche Entwicklung bewirken. Hinsichtlich möglicher Schlussfolgerungen aus der vorliegenden Untersuchung für die Wirtschaftspolitik – im Sinne einer „Clusterförderung“ – der betrachteten Städte und der Landesregierung von MV gilt es auch in diesem Fall, die vorhandenen Schwächen zu beseitigen und die Stärken der (jeweiligen) Wirtschaft weiter auszubauen. Eine Schaffung ganz neuer Branchenschwerpunkte kann nicht empfohlen werden, soweit deren Verankerung in den betrachteten Städten nicht zu erwarten ist. Das Beispiel des Holzgewerbes in Wismar zeigt zwar, dass ein Branchenschwerpunkt in historisch kurzer Zeit neu entstehen kann. Bereits vorhandene Synergien könnten noch weiter gestärkt werden. Der Forschungsverbund HolzClusterNord umfasst bislang nur eines der am Ort ansässigen holzverarbeitenden Unternehmen, kann aber zumindest als ein erster Versuch der Verknüpfung eines Branchenschwerpunktes mit entsprechenden Netzwerkaktivitäten angesehen werden. Auch für weitere Branchenschwerpunkte, für die eine Qualifizierung durch Netzwerke noch nicht gegeben ist, könnte der Aufbau von Netzwerken überlegt werden. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass im Rahmen dieser Studie nur die formellen Netzwerke ermittelt werden konnten; es kann erwartet werden, dass es in verschiedenen Branchen und Städten gut funktionierende informelle Netzwerke gibt. Demgemäß sollten sich die Städte und der Staat bei der „Netzwerkstrategie“ zurückhalten und nur dort aktiv werden, wo offenkundig aufgrund von Tatbeständen des Marktversagens ein Netzwerk durch freiwillige Aktivitäten der potenziellen Nutznießer nicht zustande kommt. Städte wie z. B. Stralsund, in denen es keine „eigenen“ Unternehmensnetzwerke gibt, könnten versuchen, die in ihren Grenzen

ansässigen Firmen verstärkt in Netzwerke mit Sitz in anderen Städten einzubringen. Die moderne Biotechnologie und die auf sie bezogenen Netzwerke sind nicht nur in Greifswald, sondern auch in Rostock und an anderen Standorten in MV zu Hause. Für die Landespolitik stellt sich daher die Aufgabe, entweder einzelne Standorte zu favorisieren oder aber für eine noch stärkere Vernetzung unter den Standorten zu sorgen. Aber nicht nur im Rahmen von Unternehmensnetzwerken, sondern auch allgemein könnte eine stärkere Vernetzung zwischen einzelnen der betrachteten Städte von Vorteil für sie sein. Wismar und Rostock könnten sich möglicherweise ebenso ergänzen wie dies für Stralsund und Greifswald zu erwarten ist. Soweit die Ausrichtung der öffentlichen Wissenschaftseinrichtungen in einer Stadt die dort jeweils vorhandenen Branchenschwerpunkte nicht oder nur am Rande widerspiegelt, wäre über eine Neufokussierung der Wissenschaftslandschaft nachzudenken. In Anbetracht der noch vorhandenen Schwächen der Städte in MV sollte auch von Seiten der Landesregierung versucht werden, die Städte nachhaltig zu stärken. Dies bedeutet nicht, dass finanzielle Mittel zukünftig ausschließlich den Städten zugute kommen sollten. Aber grundsätzlich spricht vieles dafür, den Mitteleinsatz überwiegend dorthin zu lenken, wo jeweils die höchsten Wachstumsbeiträge zu erwarten sind. Soweit dies der städtische Raum ist, würde von seiner Stärkung mittelfristig auch der nichtstädtische Raum profitieren. Bei all dem ist zu beachten, dass alle mecklenburg-vorpommerschen Städte auch über große touristische Potenziale verfügen, und dass deshalb neben der Ballung von produzierenden Kompetenzen in den „Clustern“ des Landes MV auch diesem (über das ganze Land gestreut vorhandenen) Bereich eine große wirtschaftliche Zukunft zukommen dürfte. Exemplarisch erwähnt sei der Versuch Rostocks, sich als „... seeseitiges ‚Naherholungsgebiet’ für die Bundeshauptstadt Berlin ...“ zu 68

profilieren .

68

Vgl. Hansestadt Rostock o. J.

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Wirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommern (2006b)

Industrie- und Technologiepolitik, Schwerin. In: www.wm.mvregierung.de/doku/wachstumspole_mv.pdf, gelesen am 19. Juli 2006.

Tabellenverzeichnis Tab. 1: Die Einwohner der kreisfreien Städte in Mecklenburg-Vorpommern – Stand und Entwicklung ........................................................................46 Tab. 2: Indikatoren für die Ausstattung der Städte in MecklenburgVorpommern mit ausgewählten Wachstumsfaktoren .............................46

Verzeichnis der genutzten Internet-Adressen A) Verzeichnis der Internet-Adressen der erfassten Netzwerke bzw. anderer Informationsquellen über die entsprechenden Netzwerke∗ Netzwerkname Agrarmarketing Mecklenburg-Vorpommern e. V. AquaTech

Internetadresse

gelesen am

www.mv-ernaehrung.de

10. Juli 2006

www.nemo-aquatech.de

automotive mv e. V.

www.automotive-mv.de/

11. Juli 2006 14. Juli 2006, 18. Juli 2006

BioCon Valley BioOK – Zulassungs- und Überwachungsverfahren für agrobiotechnologische Produkte und Verfahren – Rostock DISCO – Disease Informations- und Service Center Facharbeitskreis Informations- und Kommunikationstechnologie Forschungsverbund HolzClusterNord IT-Initiative MecklenburgVorpommern e. V.

www.bcv.org www.bio-ok.com/index.hat, gelesen am 19/07/2006.

19. Juli 2006

www.innoregio-disco.de

11. Juli 2006

www.fak-iuk.rostock.igd.fhg.de

11. Juli 2006

www.scheller.de/files/pdf/011105_hcn_pres se.pdf

04. Juli 2006

www.iti-mv.de

11. Juli 2006, 12. Juli 2006

http://www.kbaumv.de/; http://212.201.37.34/Home/home.php, http://212.201.37.34/Netzwerke/Netz_info.p hp?ID=4; KBauMV Kompetenzzentrum http://212.201.37.34/Netzwerke/Netz_info.p Bau Mecklenburghp?ID=1; Vorpommern http://212.201.37.34/Netzwerke/Netz_info.p hp?ID=9; , http://212.201.37.34/Netzwerke/Netz_info.p hp?ID=5 KOMETAN Netzwerk für den konstruktiven Metall- und www.kometan.de Anlagenbau Kompetenzzentrum Kunststofftechnik Mecklenburgwww.kkmv.de Vorpommern



18. Juli 2006, 20. Juli 2006

11. Juli 2007

11. Juli 2006

Andere Informationsquellen wurden nur in Fällen herangezogen, in denen keine InternetSeiten der betreffenden Netzwerke verfügbar waren.

Netzwerkname MANO Netzwerk Ausbildung Mikrosystemtechnik NordOstdeutschland MariCoNet Maritime Cooperation Network Maritime Allianz Ostseeregion Maritime Safety Assistance Maritime Zuliefer-Allianz Mecklenburg-Vorpommern McLog Kompetenzzentrum für Logistik NEMO – MOPLAS (Modifizierung von Kunststoffen und polymeren Werkstoffverbünden durch Plasmen) NEMO PlasmaPlusBio Netzwerk Innovativer LaserAnwender – NILA Neue Produkte aus Hochleistungsadsorbentien (Netzwerk Hochleistungsadsorbentien Teterow) NUKLEUS Netzwerk Präzisionsmaschinenbau OFFSHORE ENERGIES Competence Network Rostock SIMUNET – Simulation komplexer Systeme SOMANET Netzwerk für den Sondermaschinenbau Verein zur Förderung Innovativer und Nachhaltiger AgroBiotechnologie FINAB e.V. WTI WasserstofftechnologieInitiative MecklenburgVorpommern e.V. ZGDV Forum KOMM-MV

Internetadresse

gelesen am

mano.chilltimes.de

11. Juli 2006

153.96.78.132/intranet/

11. Juli 2006

www.maritime-safety.de

10. Juli 2006, 18. Juli 2006, 19. Juli 2006 11. Juli 2006

www.maza-mv.de

11. Juli 2006

www.mclog.lpl-rostock.de

11. Juli 2006

www.mao-ev.de

www.technologiezentrum.de/consult/ nemo13. Juli 2006 moplas.html www.technologiezentrum.de/consult/ plasmaplusbio.html

13. Juli 2006

www.lttz.de

11. Juli 2006

www.uni-rostock.de/forschun/transfer /lta/ vor_2005/LTA_04_4/LTA_04_4.pd f

18. Juli 2006

www.nukleus.de

11. Juli 2006

www.offshore-energies.de/_cmsdata/ _cache/index.html

19. Juli 2006

//www.simunet.de/

13. Juli 2006

www.somanet.de

11. Juli 2006

www.finab.de

06. Juli 2006

www.tangram-server.de

11. Juli 2006

www.komm-mv.de/

11. Juli 2006

B) Verzeichnis weiterer genutzter Internet-Adressen (sofern nicht im Literaturverzeichnis enthalten) Name der Einrichtung, deren Internet-Seite genutzt wurde Außenstelle Neustrelitz des Deutschen Zentrums für Luftund Raumfahrt (DLR) Fachhochschule Stralsund Hansestadt Rostock Industrie- und Handelskammer zu Rostock

Rostocker Institut für Biowissenschaften Stadt Neubrandenburg Universität Greifswald

Internetadresse

gelesen am

www.nz.dlr.de/main/nz-home-html

15. Juli 2006

www.fh-stralsund.de www.rostock.de/Internet/stadtverwaltung/wi rtschaft/standort.jsp www.rostock.ihk24.de/HROIHK24/HROIHK 24/produktmarken/standortpolitik/kooperatio nen/regnetzwerk_koop/Spezielle_Branchen netzwerke.jsp www.biologie.uni-rostock.de

15. Juli 2006 08. Juli 2006

www.neubrandenburg.de/de/portraittext .html www.microbio1.biologie.unigreifswald.de/biologie/biologie.htm sowie www.chemie.uni-greifswald.de

07. Juli 2006

12. Juli 2006

15. Juli 2006

24. Oktober 2006

Tabellenanhang Tab. A 3.2-1

Auflistung der amtlichen Bezeichnungen und der vom IWH gewählten Kurzbezeichnungen für die Wirtschaftszweige der WZ 2003

WZ-Nummer Amtliche Bezeichnung

IWH-Kurzbezeichnung

01

Landwirtschaft, gewerbliche Jagd

Land- und Gartenwirtschaft

02

Forstwirtschaft

Forstwirtschaft

05

Fischerei und Fischzucht

Fischwirtschaft

10

Kohlenbergbau, Torfgewinnung

Kohlenbergbau

11

Gewinnung von Erdöl und Erdgas, Erbringung damit verbundener Dienst- Erdöl- und Erdgasgewinnung leistungen

13

Erzbergbau

Erzbergbau

14

Gewinnung von Steinen und Erden, sonstiger Bergbau

Gewinnung von Steinen und Erden

15

Ernährungsgewerbe

Ernährungsgewerbe

16

Tabakverarbeitung

Tabakverarbeitung

17

Textilgewerbe

Textilgewerbe

18

Bekleidungsgewerbe

Bekleidungsgewerbe

Fortsetzung Tabelle A 3.2-1 WZ-Nummer Amtliche Bezeichnung

IWH-Kurzbezeichnung

19

Ledergewerbe

Leder- und Schuhgewerbe

20

Holzgewerbe (ohne Herstellung von Möbeln)

Holzgewerbe

21

Papiergewerbe

Papiergewerbe

22

23 24 25 26

Verlagsgewerbe, Druckgewerbe, Vervielfältigung von bespielten Ton-, Bild- und Datenträgern Kokerei, Mineralölverarbeitung, Herstellung und Verarbeitung von Spaltund Brutstoffen Herstellung von chemischen Erzeugnissen Herstellung von Gummi- und Kunststoffwaren Glasgewerbe, Keramik, Verarbeitung von Steinen und Erden

Druck- und Verlagsgewerbe

Mineralölverarbeitung Chemische Industrie Herstellung von Gummi- und Kunststoffwaren Glas-, Keramik- und Baustoffherstellung

27

Metallerzeugung und -bearbeitung

Metallerzeugung und -bearbeitung

28

Herstellung von Metallerzeugnissen

Herstellung von Metallerzeugnissen

29

Maschinenbau

Maschinenbau

30 31 32 33 34

Herstellung von Büromaschinen, Datenverarbeitungsgeräten und -einrichtungen Herstellung von Geräten der Elektrizitätserzeugung, -verteilung u. ä. Rundfunk-, Fernseh- und Nachrichtentechnik Medizin-, Mess-, Steuer- und Regelungstechnik, Optik Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen

Datenverarbeitungstechnik Elektrotechnik Elektronik Medizin-, Messtechnik, Optik Automobilindustrie

35

Sonstiger Fahrzeugbau

Schiff-, Flugzeug- und Eisenbahnbau

36

Herstellung von Möbeln, Schmuck, Musikinstrumenten, Sportgeräten, Spielwaren u. sonst. Erzeugnissen

Möbel-, Spielwaren- und Musikinstrumentenbau

37

Recycling

Recycling

40

Energieversorgung

Energieversorgung

41

Wasserversorgung

Wasserversorgung

45

Baugewerbe

Baugewerbe

50 51

Kraftfahrzeughandel, Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen, Kfz-Handel Tankstellen Handelsvermittlung und Großhandel Großhandel (ohne Handel mit Kraftfahrzeugen)

Fortsetzung Tabelle A 3.2-1 WZ-Nummer Amtliche Bezeichnung

IWH-Kurzbezeichnung

52

Einzelhandel (ohne Handel mit Kraftfahrzeugen und ohne Tankstellen); Einzelhandel Reparatur von Gebrauchsgütern

55

Gastgewerbe

60

Landverkehr; Transport in RohrfernleiLandverkehr tungen

61

Schifffahrt

Schifffahrt

62

Luftfahrt

Luftfahrt

63

Hilfs- und Nebentätigkeiten für den Verkehr, Verkehrsvermittlung

Logistik

64

Nachrichtenübermittlung

Nachrichtenübermittlung

66

Versicherungsgewerbe

Versicherungsgewerbe

67

Mit dem Kredit- und Versicherungsgewerbe verbundene Tätigkeiten

Kredit- und Versicherungshilfsgewerbe

70

Grundstücks- und Wohnungswesen

Grundstücks- und Wohnungswesen

71

Vermietung beweglicher Sachen ohne Kfz- und Maschinenvermietung Bedienungspersonal

72

Datenverarbeitung und Datenbanken Datenverarbeitung

73

Forschung und Entwicklung

74 75 80 85 90

91

Gastgewerbe

Forschung und Entwicklung

Erbringung von wirtschaftlichen Unternehmensdienstleistungen Dienstleistungen anderweitig nicht genannt Öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Öffentliche Leistungen Sozialversicherung Erziehung und Unterricht

Bildungswesen

Gesundheits-, Veterinär- und SozialGesundheits- und Sozialwesen wesen Abwasser- und Abfallbeseitigung und Entsorgungsgewerbe sonstige Entsorgung Interessenvertretungen sowie kirchliche und sonstige religiöse VereiniVerbände und Kirchen gungen (ohne Sozialwesen und Sport)

92

Kultur, Sport und Unterhaltung

Kultur, Sport und Unterhaltung

93

Erbringung von sonstigen Dienstleistungen

Sonstige Dienstleistungen

95

Private Haushalte

Private Haushalte

99

Exterritoriale Organisationen und Körperschaften

Exterritoriale Organisationen

XX

Keine Zuordnung möglich

Keine Zuordnung möglich

Quelle:

Bundesagentur für Arbeit; Darstellung des IWH.

Tab. A 3.2-2: Branchenschwerpunkte und ihre Merkmale in den kreisfreien Städten und Landkreisen in MecklenburgVorpommern Raumordnungsregion (ROR)

Kreisfreie Stadt/ Gruppe der Kreise in der betreffenden ROR

Wismar

90

Schwerin Westmecklenburg

Kreise

Mittleres MecklenburgRostock

Rostock

Bezeichnung der Branchen (IWH-Kurzbezeichnung*), die zu den sieben wichtigsten Produktionsstandorten innerhalb Ostdeutschlands gehören (in Klammern: Rangplatz)

Holzgewerbe (2) Schiff-, Flugzeug- und Eisenbahnbau (5) Fischwirtschaft (6) Tabakverarbeitung (7) Ludwigslust: Ernährungsgewerbe (2) Ludwigslust: Land- und Gartenwirtschaft (5) Ludwigslust: Datenverarbeitungstechnik (7) Parchim: Land- und Gartenwirtschaft (7) Schifffahrt (1) Schiff-, Flugzeug- und Eisenbahnbau (3) Wasserversorgung (3) Kredit- und Versicherungshilfsgewerbe (4)

Typisierung nach dem Anteil der Branche an der Gesamtbeschäftigung in der Raumordnungsregion***

Typisierung nach der Zugehörigkeit zu Landund Forstwirtschaft/Fischerei (L), Produzierendem Gewerbe (P) und Dienstleistungssektor (D) P

Typisierung nach der Art der Standortbindung**

a)

II

32,6

B

P

a)

II

51,1

A

L P

a) c)

I I

52,2 100,0

B A

P

a)

II

22,7

D

L

a)

II

15,3

D

P

c)

I

71,6

A

L

a)

II

15,3

D

D

a)

II

77,4

D

P

a)

II

51,1

D

P

b)

I

42,7

A

D

b)

I

48,9

D

Anteil der sieben wichtigsten Standorte an der Gesamtbeschäftigung der Branche in Ostdeutschland (Konzentrationsrate n = 7), %

Typisierung nach der Zahl der Betriebe, die zum Branchenschwerpunkt gehören****

Fortsetzung Tabelle A 3.2-2: Raumordnungsregion (ROR)

91

Fortsetzung Mittleres MecklenburgRostock

Kreisfreie Stadt/ Gruppe der Kreise in der betreffenden ROR

Fortsetzung Rostock

Kreise Greifswald Vorpommern

Stralsund

Bezeichnung der Branchen (IWH-Kurzbezeichnung*), die zu den sieben wichtigsten Produktionsstandorten innerhalb Ostdeutschlands gehören (in Klammern: Rangplatz)

Kfz- und Maschinenvermietung (4) Sonstige Dienstleistungen (4) Logistik (5) Gastgewerbe (6) Kultur, Sport und Unterhaltung (6) Grundstücks- und Wohnungswesen (7) Gesundheits- und Sozialwesen (7) Exterritoriale Organisationen (7) keine Branchenschwerpunkte identifiziert Forschung und Entwicklung (7) Schiff-, Flugzeug- und Eisenbahnbau (6) Schifffahrt (6)

Typisierung nach der Zugehörigkeit zu Landund Forstwirtschaft/Fischerei (L), Produzierendem Gewerbe (P) und Dienstleistungssektor (D)

Typisierung nach der Art der Standortbindung**

Typisierung nach dem Anteil der Branche an der Gesamtbeschäftigung in der Raumordnungsregion***

Anteil der sieben wichtigsten Standorte an der Gesamtbeschäftigung der Branche in Ostdeutschland (Konzentrationsr ate n = 7), %

Typisierung nach der Zahl der Betriebe, die zum Branchenschwerpunkt gehören****

D

b)

I

44,5

D

D D D

b) a), b) a), b)

II II II

34,4 28,6 43,2

D D D

D

b)

II

63,4

D

D

b)

II

57,2

D

D

b)

III

37,4

D

D

b)

I

99,8

A

D

b)

I

70,2

D

P

a)

II

51,1

B

D

a)

I

77,4

B

Fortsetzung Tabelle A 3.2-2: Raumordnungsregion (ROR)

Fortsetzung Vorpommern 92 Mecklenburgische Seenplatte

Kreisfreie Stadt/ Gruppe der Kreise in der betreffenden ROR

Bezeichnung der Branchen (IWH-Kurzbezeichnung*), die zu den sieben wichtigsten Produktionsstandorten innerhalb Ostdeutschlands gehören (in Klammern: Rangplatz)

Kreise

Rügen: Fischwirtschaft (1) Gastgewerbe (4) Schifffahrt (5) Nordvorpommern: Erdöl- und Erdgasgewinnung (5) Ostvorpommern: Gastgewerbe (5)

Neubrandenburg

Versicherungsgewerbe (6)

Kreise

Demmin: Tabakverarbeitung (5) Demmin: Land- und Gartenwirtschaft (6) Müritz: Fischwirtschaft (3)

Typisierung nach der Zugehörigkeit zu Landund Forstwirtschaft/Fischerei (L), Produzierendem Gewerbe (P) und Dienstleistungssektor (D) L D D

Typisierung nach der Art der Standortbindung**

Typisierung nach dem Anteil der Branche an der Gesamtbeschäftigung in der Raumordnungsregion***

Anteil der sieben wichtigsten Standorte an der Gesamtbeschäftigung der Branche in Ostdeutschland (Konzentrationsrate n = 7), %

Typisierung nach der Zahl der Betriebe, die zum Branchenschwerpunkt gehören****

a) a) a)

I III I

52,2 43,2 77,4

D D C

P

a)

I

100,0

A

D

a)

III

43,2

D

D

b)

I

78,9

C

P

c)

I

100,0

A

L

a)

III

15,3

D

L

a)

I

52,2

B

* Eine komplette Liste der amtlichen Branchenbezeichnungen laut WZ 2003 und der vom IWH verwendeten Kurzbezeichnungen ist in der Anhangstabelle A 3.2-1 enthalten. ** Erläuterung der Typisierung nach der Standortbindung: a) Branchenschwerpunkte mit Bindung an natürliche Standortbedingungen (Rohstoffe, Boden, Lage an Küsten- und Binnengewässern), b) Branchen im Kontext mit Zentrale-Orte-Funktionen, c) Andere Branchen. – *** Die Typisierung fußt auf den Anteilen der Beschäftigten der betreffenden Branche in der Raumordnungsregion an der Gesamtbeschäftigung in der Raumordnungsregion. Erläuterung der Typisierung: Branche hat in der Raumordnungsregion einen Anteil an der Gesamtbeschäftigung in der ROR von I: 0 bis <1,0%, II: 1 bis <5,0%, III: >= 5,0%. – **** Erläuterung zur Typisierung nach der Zahl der Betriebe, die zum Branchenschwerpunkt gehören: A = < 3 Betriebe, B = 3 bis 9 Betriebe, C = 10-19 Betriebe, D = 20 und mehr Betriebe. Quelle: Darstellung und Berechnungen des IWH auf der Grundlage von Daten der Bundesagentur für Arbeit (per 30.06.2004).

Tab. A 3.3-1:

Unternehmensnetzwerke in Mecklenburg-Vorpommern und deren Kongruenzen mit Branchenschwerpunkten

Stadt/Kreis, in dem der Sitz des Ansprechpartners des Netzwerks gelegen ist

93

Wismar

Wismar Wismar Wismar Wismar Schwerin Parchim/Rostock Rostock

Netzwerkname

Kompetenzzentrum Kunststofftechnik MecklenburgVorpommern KOMETAN Netzwerk für den konstruktiven Metall- und Anlagenbau SOMANET Netzwerk für den Sondermaschinenbau Forschungsverbund HolzClusterNord (HCN) KBauMV Kompetenzzentrum Bau Mecklenburg-Vorpommern SIMUNET – Simulation komplexer Systeme NUKLEUS Netzwerk Präzisionsmaschinenbau Maritime Allianz Ostseeregion;

Keine Kongruenz mit Kongruenz mit Branchenschwerpunkt ... ... der außerhalb einen Branchen... der in der Stadt/im ... der in der Stadt/im schwerpunkt Kreis gelegen ist, in Kreis gelegen ist, in dem der Stadt/des dem der Ansprechder Ansprechpartner des Kreises gelegen ist, in dem der Netzwerkes seinen Sitz partner des NetzAnsprechpartner hat und mit Branchenwerkes seinen Sitz schwerpunkt außerhalb des Netzwerkes hat der Stadt/des Kreises, in seinen Sitz hat dem der Ansprechpartner des Netzwerkes seinen Sitz hat X

X X X X X X X

Fortsetzung Tabelle A 3.3-1: Stadt/Kreis, in dem der Sitz des Ansprechpartners des Netzwerks gelegen ist

Netzwerkname

Rostock

Maritime Safety Assistance MariCoNet Maritime Cooperation Network Maritime Zuliefer-Allianz Mecklenburg-Vorpommern McLog Kompetenzzentrum für Logistik OFFSHORE ENERGIES Competence Network Rostock Netzwerk Innovativer LaserAnwender– NILA

Rostock 94

Rostock Rostock Rostock Rostock Rostock/Greifswald/ Groß-Lüsewitz (Kreis BadDoberan) Rostock Rostock

BioCon Valley AquaTech BioOK – Zulassungs- u.Überwachungsverfahren für agrobiotechnologische Produkte und Verfahren, Rostock

Keine Kongruenz mit Kongruenz mit Branchenschwerpunkt ... ... der außerhalb einen Branchen... der in der Stadt/im ... der in der Stadt/im schwerpunkt Kreis gelegen ist, in Kreis gelegen ist, in dem der Stadt/des dem der Ansprechder Ansprechpartner des Kreises gelegen ist, in dem der Netzwerkes seinen Sitz partner des NetzAnsprechpartner hat und mit Branchenwerkes seinen Sitz des Netzwerkes hat schwerpunkt außerhalb der Stadt/des Kreises, in seinen Sitz hat dem der Ansprechpartner des Netzwerkes seinen Sitz hat X X X X X X

X X X

Fortsetzung Tabelle A 3.3-1: Stadt/Kreis, in dem der Sitz des Ansprechpartners des Netzwerks gelegen ist

Rostock 95

Rostock Rostock Rostock Roggentin (Kreis Bad-Doberan) Bentwisch (Kreis Bad-Doberan) Groß Lüsewitz (Kreis BadDoberan)/ Rostock Teterow (Kreis Güstrow)

Netzwerkname

WTI WasserstofftechnologieInitiative MecklenburgVorpommern e. V. automotive mv Facharbeitskreis Informations- und Kommunikationstechnologie ZGDV Forum KOMM-MV IT-Initiative MecklenburgVorpommern e. V. Agrarmarketing Mecklenburg-Vorpommern e. V. Verein zur Förderung Innovativer und Nachhaltiger AgroBiotechnologie FINAB e. V. Neue Produkte aus Hochleistungsadsorbentien Netzwerk Hochleistungsadsorbentien Teterow)

Keine Kongruenz mit Kongruenz mit Branchenschwerpunkt ... ... der in der Stadt/im ... der in der Stadt/im ... der außerhalb der einen Branchenschwerpunkt Stadt/des Kreises Kreis gelegen ist, in Kreis gelegen ist, in gelegen ist, in dem dem der Ansprechdem der Ansprechpartner des Netzwer- der Ansprechpartpartner des Netzner des Netzwerkes kes seinen Sitz hat werkes seinen Sitz seinen Sitz hat hat und mit Branchenschwerpunkt außerhalb der Stadt/des Kreises, in dem der Ansprechpartner des Netzwerkes seinen Sitz hat X X X X X X X

X

Fortsetzung Tabelle A 3.3-1: Stadt/Kreis, in dem der Sitz des Ansprechpartners des Netzwerks gelegen ist

Greifswald 96

Greifswald

Greifswald Berlin

Netzwerkname

DISCO – Diabetes Informations- und Service Center NEMO – MOPLAS (Modifizierung von Kunststoffen und polymeren Werkstoffverbünden durch Plasmen) NEMO PlasmaPlusBio MANO Netzwerk Ausbildung Mikrosystemtechnik NordOstdeutschland

Kongruenz mit Branchenschwerpunkt ... ... der in der Stadt/im ... der in der Stadt/im ... der außerhalb der Stadt/des Kreises Kreis gelegen ist, in Kreis gelegen ist, in dem der Ansprechdem der Ansprechgelegen ist, in dem partner des Netzwer- partner des Netzwer- der Ansprechpartner des Netzwerkes kes seinen Sitz hat kes seinen Sitz hat und mit Branchenseinen Sitz hat schwerpunkt außerhalb der Stadt/des Kreises, in dem der Ansprechpartner des Netzwerkes seinen Sitz hat

Keine Kongruenz mit einen Branchenschwerpunkt

X

(X)

X

(X)

X X

Quelle: Zusammenstellung des IWH auf der Grundlage von Angaben aus den Internet-Seiten der betreffenden Netzwerke sowie weiteren Informationsquellen (vgl. das im Anschluss an das Literaturverzeichnis dieses Beitrages enthaltene „Verzeichnis der Internet-Adressen der erfassten Netzwerke bzw. anderer Informationsquellen über die entsprechenden Netzwerke“. Die Branchenzuordnung wurde vom IWH vorgenommen und ist teilweise aus der IWH-Datenbank über Innovative Kompetenzfelder, Produktionsnetzwerke und Branchenschwerpunkte übernommen worden (vgl. www.iwh-halle.de/projects/bbr/zugang.asp, gelesen am 11.07.2006).

Dieter Rehfeld

Innovative Cluster – Zufall oder Ergebnis gezielter regionaler Entwicklungspolitik?

Inhalt 1

Vorbemerkung .........................................................................................138

2

Hintergründe und Rahmenbedingungen..................................................140

3

Grundgedanken des Clusteransatzes .....................................................144

4

Voraussetzungen für und Erwartungen an ein Clustermanagement .......152

5

Erfahrungen in der Praxis ........................................................................156

5.1

Der Clustergedanke in der Wirtschaftsförderung.....................................156

5.2

Internationale Erfahrungen – Clustermanagement ..................................159

5.3

Der institutionelle Kontext ........................................................................165

6

Anforderungen an ein effektives Clustermanagement.............................170

Literaturverzeichnis.............................................................................................175 Übersichtsverzeichnis .........................................................................................177

137

1

Vorbemerkung

Strukturpolitik bezieht sich auf die Zusammensetzung der Wirtschaftsstruktur, wobei immer ein mehr oder weniger ideales Bild im Hinterkopf zu finden ist: Eine regional ausgeglichene Wirtschaftsstruktur als Bild ist vor allem sozialstaatlich begründet oder ein angemessenes Verhältnis zwischen Dienstleistungsbranchen und industriellen Branchen bezieht sich auf die wirtschaftliche Entwicklung und deren Perspektive. Strukturwandel ist aber immer auch ein dauerhafter Prozess. Die für immer optimale und anpassungsfähige Wirtschaftsstruktur gibt es nicht: Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit sind immer wieder herzustellen und zu sichern. Und weil sich eben die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändern, gibt es hier nicht ein Rezept, sondern die Voraussetzungen und Anforderungen an Unternehmen und damit auch an Strukturpolitik verändern sich im Laufe der Zeit und stellen sich auch von Region zu Region unterschiedlich dar. In den vergangenen Jahren hat sich der Clusteransatz als ein wesentlicher Bezugspunkt der Strukturpolitik durchgesetzt. Wirtschaftlich steht dieser Ansatz für eine veränderte globale raumwirtschaftliche Arbeitsteilung, die gerade für industrielle Länder von qualitativen Wettbewerbsfaktoren bzw. regional verankerten Kompetenzen geprägt wird. Politisch steht dieser Ansatz in der Tradition einer Ausrichtung an regionalen Potenzialen. Er geht aber über diese Tradition hinaus, weil Cluster per Definition eben nicht flächendeckend sein können und Clusterpolitik daher zwangsläufig räumlich selektiv sein muss. Dieser selektive Aspekt wird durch die zunehmende Notwendigkeit unterstützt, die immer knapper werdenden finanziellen Ressourcen gezielter und wirksamer als bisher einzusetzen und auf Erfolg versprechende, innovative Cluster zu konzentrieren. Gleichzeitig steht der Clusteransatz damit für eine stärkere Wachstumsorientierung der Strukturpolitik und gerät damit in Konflikt zu deren ausgleichspolitischem Charakter. Es ist in einer politischen Logik fast zwangsläufig, dass der Clusteransatz damit Gefahr läuft, inflationär zu werden. Zugespitzt: Wenn strukturpolitisch nur noch oder auch nur bevorzugt Cluster unterstützt werden, dann sind tendenziell alle Regionen bemüht Cluster zu „entdecken“, zu „vereinbaren“ oder für sich zu „reklamieren“ und damit – sofern dies (auch angesichts der unscharfen Definition von 138

Clustern in der Wissenschaft) Erfolg hat – einen auf innovative Regionen setzenden Clusteransatz zu konterkarieren. Von daher konzentrieren sich die folgenden Überlegungen auf einen engen Clusteransatz. Bei einem Cluster handelt es sich in diesem Verständnis um die geographische Konzentration von Funktionen einer Produktionskette (oder auch Wertschöpfungskette). Den Kern bilden konkurrierende oder komplementäre Unternehmen, die einen gemeinsamen Markt- oder Technologiebezug aufweisen. Zu den Funktionen innerhalb eines Clusters gehören Produktion, Zulieferung, Marketing, Forschung- und Entwicklung, spezialisierte Dienstleistungen usw. Cluster zeichnen sich dadurch aus, dass sie besonders günstige Voraussetzungen für Innovationen bieten (vgl. REHFELD 1999). Um diese Voraussetzungen wirksam werden zu lassen, sind Interaktionen zwischen den Akteuren notwendig. Bei diesen Interaktionen handelt es sich auch um Kooperationen, wesentlich häufiger aber um informelle Kontakte und um Innovationskonkurrenz.69 Clusterpolitik und Clustermanagement zielen darauf ab, Clusterentwicklung zu unterstützen. Von Clusterpolitik ist dann die Rede, wenn eine zentrale politische Ebene (in diesem Fall vor allem das Land, aber auch der Bund und zunehmend die EU) Rahmenbedingungen für die Förderung von Clusterentwicklung setzt oder auch festlegt, welche Cluster in welchen Regionen gefördert werden sollen. Von Clustermanagement ist dann die Rede, wenn vor Ort institutionalisierte Aktivitäten stattfinden, um das jeweilige Cluster in seiner Entwicklung zu unterstützen. Die folgenden Überlegungen haben nicht den Anspruch, einen Überblick über die mittlerweile nicht nur umfangreiche, sondern auch zunehmend heterogene Clusterdiskussion zu geben (vgl. hierzu z. B. DYBE 2003, KOSCHATZKY 2001, KRÄTKE / SCHEUPLIN 2001, MOULART / SEKIA 2003). Sie zielen vielmehr darauf ab, theoretische Reflexion und anwendungsorientierte Umsetzung mitein-

69

Der Clusterbegriff weist Bezüge zur Agglomerationsdiskussion auf. Mit dem Fokus auf dem gemeinsamen Markt- oder Technologiebezug ähnelt er dem Begriff der „location economies“ (Konzentration mehrerer Betriebe derselben Branche) und grenzt sich genau dadurch von den „urbanisation economies“ ab, da bei der Konzentration von Betrieben unterschiedlicher Branchen die Bezugspunkte für Interaktionen gering sind. Weiterhin wird in der Clusterdiskussion wesentlich größerer Wert auf die Bedeutung informeller Beziehungen gelegt als in der früheren Agglomerationsdiskussion (vgl. Kilper / Rehfeld 1991). 139

ander zu verbinden, um die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen des Clustermanagements einer Antwort näher zu bringen (vgl. zum Selbstverständnis und zum anwendungsorientierten Hintergrund REHFELD 2004, GROTE WESTRICK / MÜLLER / REHFELD 2004). Zu diesem Zweck wird zunächst der Clusteransatz in die Entwicklung der Strukturpolitik eingeordnet (Kap. 2). Hieran anschließend werden unabhängig von den Differenzen zwischen den einzelnen Disziplinen und Ansätzen die Grundgedanken des Clusteransatzes zusammengefasst (Kap. 3) und die Voraussetzungen für Clusterpolitik und -management wie auch für die sich daraus ergebenden Erwartungen konkretisiert (Kap. 4). Im Mittelpunkt stehen dann die praktischen Erfahrungen: die Interpretation des Clusteransatzes in der Strukturpolitik bzw. in der Wirtschaftsförderung, wobei die Breite der Interpretationen auf der Ebene der Clusterpolitik anhand verschiedener Beispiele aus Europa veranschaulicht wird, die Frage des Clustermanagements dann auf der institutionellen Ebene erörtert wird (Kap. 5). Abschließend werden die sich aus den Beispielen ergebenden Anforderungen zusammengefasst, die für ein effektives Clustermanagement zentral sind (Kap. 6).

2

Hintergründe und Rahmenbedingungen

Clusterpolitik bezieht sich auf die Meso-Ebene (vgl. MEYER-STAMER 2001), d. h. es geht um das Zusammenwirken von Unternehmen an einem Standort und/oder innerhalb einer Produktions- oder Wertschöpfungskette. Der Bezug zur Wertschöpfungskette ist entscheidend, um die Bedeutung von Clustern und die Möglichkeiten von Clusterpolitik zu konkretisieren. Cluster sind ein Ausdruck makroökonomischer Entwicklungen, sie konkretisieren und ergänzen makroökonomische Veränderungen, können durchaus auch deren Triebkräfte sein. Cluster können sich damit nicht makroökonomischen Trends entziehen. Von daher kann Clusterpolitik auch nur im Rahmen der makroökonomischen Rahmenbedingungen erfolgreich sein: Clusterpolitik kann Trends aufgreifen, nutzen, unterstützen und aus regionaler Perspektive optimieren, sie kann aber nicht gegen diese Trends dauerhaft erfolgreich sein. Um dies deutlich zu machen, soll zunächst ein Rückblick auf die Strukturpolitik der vergangenen Jahre geworfen werden, wobei drei Phasen unterschieden werden. 140

Die erste Phase beginnt in den 1960er Jahren und reicht bis in die 1970er hinein. Strukturpolitisch ging es in dieser Zeit darum, zu einer Verlagerung des wirtschaftlichen Wachstums vom (städtisch-industriellen) Zentrum in die (ländliche) Peripherie beizutragen: Investitionsanreize sollten dazu beitragen, das Wachstum zu verlagern und wirtschaftsnahe Infrastruktur sollte die hierfür notwendigen Rahmenbedingungen in den peripheren Regionen sichern, so der Grundgedanke der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur (vgl. BECHER / REHFELD 1986). In einer Phase wachsender Wirtschaft war eine derartige Strategie sinnvoll und Bundesländer wie Bayern und Baden-Württemberg haben in den 1950er und 1960er Jahren umfangreich von dieser Umverteilung profitiert. Es handelt sich auch keineswegs um „flüchtige“ Investitionen, die umverteilt wurden, wie in den 1980er Jahren vermutet wurde: Erst in die bundesdeutsche Peripherie, dann an die europäischen Ränder, schließlich in die freien Wirtschaftszonen Südostasiens oder Südamerikas, so der Trickle-down-Effekt, den etwa Läpple (1985) seinerzeit befürchtete. Regionen wie das Emsland oder das Münsterland waren durchaus in der Lage, die seinerzeitigen Investitionen an den Standort zu binden und stellen sich heute unter Arbeitsmarktaspekten überdurchschnittlich günstig dar. Zentral war, dass Investitionen zum Umverteilen vorhanden waren und dass diese Investitionen auch in den peripheren Gebieten die notwendigen Bedingungen wie qualifizierte Arbeitskräfte, kostengünstige Gewerbeflächen und eine gute Verkehrsanbindung fanden. Wesentliche dieser Voraussetzungen sind heute nicht mehr gegeben. Erstens gibt es zwar auch heute Erweiterungsinvestitionen, aber diese sind erstens nicht mehr so zahlreich wie in den 1960er und 1970er Jahren. Zweitens konkurrieren heute wesentlich mehr Standorte weltweit um diese Investitionen und drittens hat sich das Standortverhalten der Unternehmen geändert: Marktnähe (und das heißt in der Regel Präsenz in den drei Weltregionen Europa, Nordamerika und Südostasien) ist das dominierende Kriterium, danach folgen – je nach Investition und Unternehmensstrategie – die Nähe zu innovativen Standorten oder niedrige Arbeits- und Infrastrukturkosten (REHFELD 2001). Mit diesen Veränderungen wird das Standortverhalten der Unternehmen zunehmend selektiver und immer weniger Regionen konnten seit den 1980er Jahren realistisch auf 141

durch externe Impulse induzierte Entwicklungsimpulse hoffen und auch die Strukturpolitik brauchte eine Neuorientierung. Die zweite hier unterschiedene Phase beginnt Ende der 1970er Jahre und reicht bis weit in die 1990er Jahre hinein. Die weltwirtschaftlichen Wandlungen seit Mitte der 1970er Jahre entzogen der bis dahin akzeptierten strukturpolitischen Strategie den Boden, auch dies konnte durch Wirkungsanalysen begründet bzw. nachvollzogen werden. Noch einmal zusammengefasst: Wenn das gesamtwirtschaftliche Investitionsvolumen deutlich zurückgeht und gleichzeitig wirtschaftsnahe Infrastruktur flächendeckend vorhanden ist, dann greift eine auf die Umverteilung von Investitionen und auf den Ausbau wirtschaftsnaher Infrastruktur ausgerichtete Strukturpolitik zwangsläufig ins Leere, weil es eben kaum noch etwas umzuverteilen gibt. Die strukturpolitische Reaktion war konsequent und strategisch handelte es sich durchaus um einen radikalen Bruch: Wenn Wachstumsimpulse von außen nicht mehr erwartet werden können, dann muss sich die strukturpolitische Aufmerksamkeit auf die endogenen Potenziale in den Regionen richten, so das Grundsatzpapier des wissenschaftlichen Beirats für Raumordnung von 1984. Impulse für diese Neuausrichtung waren durchaus in der wissenschaftlichen Diskussion zu finden. Konzeptionell kamen diese vor allem aus der Entwicklungsländerforschung und der in diesen Jahren aufkommenden Nachhaltigkeitsdebatte, thematisch aus der Diskussion um regionale Technologiepolitik und Beschäftigungspolitik (vgl. BENZ u. a. 1999, 59 ff.). In der Praxis war diese konzeptionelle Neuausrichtung nicht von einem Tag auf den anderen durchzusetzen. Die Strukturpolitik der ersten Phase war in ein umfangreiches konzeptionelles und institutionelles Geflecht eingebunden, wobei vor allem die Länder mit immer neuen Programmen den Subventionswettlauf vorangetrieben haben (BÖHRET u. a.1982). Entscheidend für die Neuorientierung war die Europäische Union, die mehr und mehr die (reformunfähige) nationale Strukturpolitik verdrängt hat (vgl. VOELZKOW / HOPPE 1996). Die Europäische Kommission selbst hat sich diese Führerschaft durch eine systematische Nutzung wissenschaftlicher Expertise als (ansonsten fehlende) Legitimationsquelle erarbeitet: über europäische Tagungen, Gutachten und systematische empirische Be142

standsaufnahmen. Durch diese europäischen Impulse sind strukturpolitische Programme heute in einen umfassenden Evaluierungskontext eingebettet: Ex-ante-, Mid-term- und Ex-post-Evaluierungen auf Ebene der operationellen Programme wie auch vergleichend auf der europäischen Ebene, unterstützt von Leitfäden, Handbüchern und Erfahrungsaustausch bilden den Kern, der durch ambitionierte Monitoringverfahren und Instrumente wie Kosten-Nutzen-Analysen ergänzt werden. Auf der regionalen Ebene mussten die entsprechenden Strukturen erst aufgebaut werden: Regionalanalysen bildeten die Grundlage, Runde Tische und Regionalkonferenzen banden private Akteure mit ihrer Kenntnis der Probleme vor Ort immer stärker in die konsensorientierte Leitbildformulierung und Programmentwicklung ein, das Programmmanagement und die Umsetzung wurde immer häufiger außerhalb der traditionellen kommunalen Wirtschaftsförderung in regionalen Entwicklungsagenturen und Einrichtungen der Technologieförderung durchgeführt (REHFELD / WEIBLER 1998). Die dritte Phase setzt im Verlauf der 1990er Jahre ein und ist bisher nicht abgeschlossen. In diesen Jahren wird deutlich, dass die endogenen Potenziale als strategischer Bezugspunkt der Strukturpolitik nur eine begrenzte Reichweite aufweisen. Endogene Potenziale als zentraler strategischer Bezugspunkt können kaum mehr den Zusammenhang mit der zunehmenden Globalisierung(sdebatte) vermitteln, wenn etwa erlebt wird, dass die Entscheidung eines Unternehmens größeren Einfluss auf die Regionalentwicklung haben kann als all die im Konsens vereinbarten Projekte. Regionales Engagement und das Gefühl, gesamtwirtschaftlichen Trends ohnmächtig ausgesetzt zu sein, klafften in vielen Regionen immer stärker auseinander. Der Clusteransatz bietet eine Möglichkeit, dieses Spannungsverhältnis zwischen regionalen und globalen Beziehungen aufzugreifen und für strukturpolitische Strategien nutzbar zu machen. Bevor auf diese strategische Ebene eingegangen wird, sollen die Grundgedanken des Clusteransatzes aus wissenschaftlicher Perspektive zusammengefasst werden.

143

3

Grundgedanken des Clusteransatzes

Das Clusterkonzept hat sich in der wissenschaftlichen Diskussion seit Ende der 1980er Jahre nach und nach entwickelt. Einen Ausgangspunkt bildeten regionalökonomische Studien über Regionen, die den Strukturwandel erfolgreich bewältigt haben: Silicon Valley, das „Dritte Italien“ oder in Deutschland Baden-Württemberg waren die ersten Referenzregionen, wobei die Bedeutung kleiner und mittlerer Unternehmen eine starke Rolle spielte (vgl. z. B. CAMAGNI (Hrsg.) 1991, KRUMBEIN (Hrsg.) 1994, BRACZYK / SCHIENSTOCK (Hrsg.) 1996). Mit zunehmender Durchsetzung dieser neuen Forschungsrichtung wurde deutlich, dass diese Regionen keine Ausnahmen darstellen, sondern dass Clusterbildung ein weltweit zu findendes Phänomen des wirtschaftlichen Strukturwandels darstellt (vgl. KILPER / REHFELD 1992). Einen zweiten Ausgangspunkt bildeten industriesoziologische Studien, die sich mit der Veränderung von Branchen befassten. Vor allem Untersuchungen über die Verbreitung der Just-in-Time-Produktion in der Automobilindustrie und über die daraus folgenden Verlagerungen von Zulieferstandorten (vgl. DEIß / DÖHL (Hrsg.) 1992) gaben der Forschung wesentliche Impulse. Derartige Zulieferstandorte unterscheiden sich von den klein- und mittelbetrieblich geprägten Unternehmen dadurch, dass ein Unternehmen im Zentrum steht, auf das eine größere Zahl von Zulieferern sternförmig ausgerichtet ist. Wesentlich für die Integration der verschiedenen Ansätze waren Anfang der 1990er Jahre Porters Arbeiten über die „Wettbewerbsfähigkeit von nationalen Volkswirtschaften“ (PORTER 1993, 2003). Drei Aspekte, die für die weitere Diskussion prägend waren, sind aus Porters Grundgedanken hervorzuheben: Erstens: Nationale Wettbewerbsvorteile finden sich nicht räumlich breit gestreut, sondern an einzelnen Standorten konzentriert. Die Leitbranchen einer Volkswirtschaft entwickeln sich räumlich konzentriert, ziehen aus dieser räumlichen Nähe ihre besonderen Wettbewerbsvorteile. Zweitens: Cluster sind zwar räumlich konzentriert, sie können aber nicht allein aus einer lokalen oder regionalen Perspektive verstanden werden, da sie immer in

144

überregionale bzw. globale Produktions- oder Wertschöpfungsketten eingebunden sind. Drittens: Die Einflussfaktoren sind sehr komplex und keinesfalls auf einzelne Aspekte wie technologische Kompetenz zu reduzieren (siehe Übersicht 1). •

Faktorbedingungen sind notwendig, die sich auf qualitativ hochwertige und spezialisierte Ressourcen beziehen.



Verwandte und unterstützende Branchen, also vor allem lokale Zulieferer und Dienstleister sind für die Wettbewerbsvorteile entscheidend.



Ein lokaler Kontext (oder in anderen Ansätzen: ein innovatives Milieu) ist entscheidend, um einen Wettbewerb und eine innovative Eigendynamik hervorzubringen und am Leben zu halten.



Eine anspruchsvolle regionale Nachfrage (Leitnachfrage) spielt für die Entstehung und Erhaltung der Wettbewerbsvorteile eine wesentliche Rolle, wenn es gelingt, diese lokalen Impulse auch auf dem Weltmarkt zu nutzen.

Eine theoretische Fundierung des Clusteransatzes ist bis heute nur in Ansätzen vorhanden. Auf der Modellebene haben Krugman u. a. (KRUGMAN 1991, FUJITA / KRUGMAN / VENEABLES 1999) gezeigt, dass wirtschaftliche Prozesse nicht zwangsläufig zum regionalen Ausgleich, sondern zu Konzentrationsprozessen bzw. zur Agglomerationsbildung führen. Die wissenschaftliche Basis der Clusterforschung bilden neben diesen und anderen, weiter unten aufzugreifenden theoretischen Überlegungen, bis heute überwiegend Fallstudien. Eine systematische empirische Fundierung über die Bedeutung von Clustern für die Beschäftigtenentwicklung gegenüber breit diversifizierten regionalen Strukturen gibt es nicht. Alle entsprechenden Versuche endeten in einem abgewogenen „sowohl als auch“. Dies liegt vor allem an der Datenproblematik: Die Abgrenzungen der verschiedenen Statistiken entsprechen in keiner Weise mehr den realen wirtschaftlichen Verflechtungen. Theoretisch wünschenswerte Input-Output-Analysen sind kostspielig und zeitaufwendig (bei den vorliegenden Versuchen beträgt der „time-lag“ zwischen Datenerhebung und verfügbarer Auswertung mindestens fünf Jahre).

145

Übersicht 6:

Regionale Clusterentwicklung Kontext für Firmen Strategie/ Wettbew erb



Faktorbedingungen 



Verfügbarkeit qualitativ hochwertiger und spezialisierter Ressourcen:  Personalressourcen  Kapitalressourcen  Physische und administrative Infrastruktur  Informationsinfrastruktur  Wissenschaftliche und technologische Infrastruktur  Naturressourcen

Ein lokaler Kontext, der Investitionen und nachhaltiges Wachstum anregt Offener und lebendiger Wettbewerb unter lokalen Konkurrenten

Nachfragebedingungen  

Verw andte und unterstützende Branchen  

Verfügbarkeit geeigneter lokalen Lieferanten und Firmen in den verwandten Bereichen Vorhandensein von Clustern anstelle von isolierten Industrien



Kern anspruchsvoller lokaler Abnehmer Befriedigung der außergewöhnlichen lokalen Nachfrage in spezialisierten Segmenten über nationale und globale Märkte Erwartete Kundenbedürfnisse woanders

Quelle: nach PORTER 1993

Nicht zuletzt liegt dies aber auch in der Natur der Sache: Cluster, auch in der gleichen Wertschöpfungskette, sind von Standort zu Standort jeweils unterschiedlich zusammengesetzt, damit nur sehr schwer vergleichbar. Das heißt nicht, dass wir lediglich auf Vermutungen angewiesen sind. Empirisch lassen sich neben den bereits genannten Fallstudien über erfolgreiche Regionen weitere Argumente finden, die auf eine zunehmende Bedeutung von Clusterbildung hinweisen (vgl. REHFELD 2001): •

Die Analyse von Standortstrategien von Unternehmen. Unternehmen bevorzugen bei der Gründung von neuen Standorten die Marktnähe. In diesem Rahmen werden dann häufig Standorte bevorzugt, an denen bereits Unternehmen der Wertschöpfungskette und ein entsprechendes Umfeld (also Cluster) vorhanden sind.

146



Dies wird durch Untersuchungen über ausländische Direktinvestitionen in Deutschland gestützt: Diese finden sich vor allem dort, wo auch die regionalen Schwerpunkte der entsprechenden Branche sind.



Ein weiteres Beispiel bilden Untersuchungen über Erfolgsfaktoren von Technologieparks: In den 1980er und 1990er Jahren waren vor allem solche Technologieparks erfolgreich, die ein spezifisches Profil als Voraussetzung für Clusterbildung entwickelt haben, während die „Gemischtwarenläden“ keine vergleichbare Dynamik entwickeln konnten.

Diese empirischen Ergebnisse werden durch innovationstheoretische Überlegungen fundiert. Grundlegend sind Untersuchungen der Innovationsforschung (für die Regionalökonomie vor allem CAMAGNI 1991, 2003), die zeigen, dass Innovationen immer mit Unsicherheit verbunden sind. Die Nähe zu Wettbewerbern, zu Leitkunden und spezialisierten Zulieferern, die Verfügbarkeit von Fachkräften und von technischer Expertise (nicht unbedingt Spitzenforschung) bilden ein Umfeld, dass erheblich dazu beiträgt, dass diese Unsicherheit reduziert werden kann und ein innovatives Milieu entstehen kann. Diese Überlegungen werden ergänzt durch wissenssoziologische Untersuchungen, die zwischen implizitem Wissen (tacit knowledge) und explizitem Wissen unterscheiden. Explizites Wissen ist kodifiziert und weltweit verfügbar. Implizites Wissen lässt sich nicht kodifizieren, ist an direkte Kontakte bzw. Interaktion gebunden, kann also nur vor Ort zwischen den Beteiligten weitergegeben werden. Genau hier liegt die Stärke und heutige Bedeutung von Clustern als räumlicher Konzentration von Unternehmen (vgl. z. B. BRACZYK / COOKE / HEIDENREICH 1998). Neben der räumlichen Konzentration geraten damit immer stärker die Interaktionen innerhalb der Cluster in den Mittelpunkt der theoretischen Diskussion, wobei heute vor allem Untersuchungen über regionale Lernprozesse eine Rolle spielen. Hervorzuheben ist, dass Interaktionen keineswegs nur oder auch in erster Linie Kooperationen sind, sondern dass informelle Beziehungen und Innovationswettbewerb von zentraler Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit von Clustern sind

147

(vgl. z. B. COOKE 2005, GRABHER 2004, NONAKA / REINMÖLLER 1998, STRAMBACH 2002). Cluster entwickeln sich also heute weniger aufgrund stofflicher oder materieller Standortvorteile, sondern aufgrund „weicher Faktoren“. Sicher gibt es Ausnahmen wie etwa Chemiecluster, die auch heute noch auf unmittelbaren stofflichen Verflechtungen beruhen. In den meisten Clustern kann aber heute und künftig die Fähigkeit zur Generierung, Bewertung, Verarbeitung und Nutzung von Wissen – und hier vor allem von implizitem Wissen – als zentraler Standortfaktor gesehen werden. Für Clusterpolitik und Clustermanagement bleibt die Kluft zwischen überwiegend experimenteller Praxis und erklärender Wissenschaft zentral und hier zeigen sich die momentanen Grenzen der Clusterforschung: Auch wenn bekannt ist, wie Cluster funktionieren, ist noch lange nicht bekannt, ob und wie sie gestaltet werden können. Dies wird dadurch nicht einfacher, dass sich Cluster sehr langfristig entwickeln. Die Ursprünge des Erfolgs von Silicon Valley etwa liegen in den 1920er Jahren, die Dynamik setzte aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Mit dieser langfristigen Entwicklung hängt zusammen, dass die Wurzeln oft erst rückblickend erkannt werden. In der Regionalwissenschaft ist (in Anlehnung an die Chaostheorie) von „kleinen Ereignissen mit großen Wirkungen“ die Rede: •

Oft sind es einzelne Ereignisse, Personen oder Unternehmen, die am Anfang eines Clusters stehen, Beispiele sind etwa Nixdorf in Paderborn als Wurzel des heutigen IT-Clusters dort oder der WDR in Köln als Ursprung des heutigen Medienclusters dort;



dann sind es spezifische Unternehmenskulturen oder Milieus, die weit zurückreichende historische Wurzeln haben, etwa in Baden-Württemberg (Werkzeug- und Maschinenbau) oder im Dritten Italien (Textil- und Bekleidungsindustrie).



In anderen Fällen sind es zunächst nachgeordnete Kompetenzen, die die Grundlage für Clusterbildung stellen: Im Montansektor des Ruhrgebiets waren es Kompetenzen bei Wassermanagement von komplexen Anlagen, in der

148

Schredderwirtschaft oder in der Sicherheit unter Tage (Luftreinheit), die wesentlichen Wurzeln der sich später dort entwickelten Umweltwirtschaft bilden. Diese einzelnen teilweise zufälligen Faktoren sind theoretisch nicht zu fassen und als Grundlage für eine systematische Clusterpolitik nicht geeignet. Offensichtlich ist damit auch, dass Cluster nicht aus dem Nichts heraus systematisch entwickelt werden können. Entscheidend für die weitere Standortentwicklung ist, inwiefern es einzelnen Regionen gelingt, einen Innovations- und Wettbewerbsvorsprung zu erzielen und diesen dann kontinuierlich auszubauen. In der Regel erfolgt dies über eine eigendynamische, sich selbst verstärkende wirtschaftliche Entwicklung. Wesentliche Aspekte sind hierbei: •

Es erfolgt eine Konzentration auf erfolgreiche Standorte, hier wird das Produktions- und Innovationspotenzial konzentriert.



Mit dieser Konzentration erweitern sich die Möglichkeiten der Arbeits- und Wissensteilung. Zulieferer spezialisieren sich, bauen ihre eigenen Kompetenzen auf, werden gelegentlich zur treibenden innovativen Kraft.



Ist eine bestimmte Anzahl an Unternehmen und Zulieferern erreicht, erfolgt ein Ausbau der clusterspezifischen Infrastruktur. Facharbeiter- und Ingenieurausbildung,

Forschungs-

und

Entwicklungseinrichtungen,

spezialisierte

Dienstleister usw. bilden sich heraus und bilden einen qualitativen Wettbewerbsvorteil, der an anderen Standorten nicht vorhanden ist. •

Diese Standortqualitäten ziehen andere Unternehmen an, die sich dort ansiedeln und zur weiteren Expansion und Spezialisierung beitragen.

Umstritten ist, wann der Punkt erreicht ist, an dem eine derartige eigendynamische Entwicklung einsetzt. In der Regionalwissenschaft findet sich hierfür der Begriff „Kritische Masse“ (vgl. ausführlich zu diesem Begriff BALL 2004, zusammenfassend zur regionalökonomischen Diskussion z. B. BOSCHMA / FRENKEN 2005: 16), der aber kaum empirisch zu fixieren ist. Gelegentlich ist in Gesprächen mit Clustermanagern von mindestens 30 bis 50 Unternehmen die Rede. Erfahrungsgemäß variiert diese Zahl aber von Cluster zu Cluster, dürfte eher deutlich höher liegen. Ein anderer kaum zu quantifizierender Begriff ist „Dichte“. 149

Hier ist gemeint, dass die einzelnen Aktivitäten nicht zu breit gestreut sein dürfen, wenn ein hohes Maß an Interaktionen zwischen ihnen möglich sein soll.

70

Auch

die Dichte kann sehr unterschiedlich aussehen. Bei technologisch orientierten Clustern wie der Biotechnologie handelt es sich eher um einen spezifischen Ort innerhalb einer Stadt, in der Regel ein der Hochschule benachbartes Technologieoder Innovationszentrum. In eher produktionsorientierten Clustern abseits der städtischen Zentren wird von den Unternehmen eine Erreichbarkeit von einer Autostunde häufig als Nähe verstanden. Aussagekräftiger als Dichte und Kritische Masse sind allerdings die Interaktionen, die sich innerhalb eines Clusters abspielen: Nur wenn es zu Beziehungen zwischen den zum Cluster gehörenden Unternehmen und Einrichtungen kommt, kann die genannte Eigendynamik zur Geltung kommen. Es handelt sich bei diesen Interaktionen um direkte Kontakte zwischen den Beteiligten, die gerade auch in Zeiten von Globalisierung und elektronischer Medien an Bedeutung gewinnen. Dies liegt daran, dass formalisierte Informationen mittlerweile zeitnah weltweit verfügbar sind, gerade deren Unübersichtlichkeit erheblich zur ohnehin bei Innovationen großen Unsicherheit beiträgt. Direkte Kontakte zu kompetenten Ansprechpartnern tragen dazu bei, dass diese Unsicherheiten verringert werden können. Gerade weil ein Unternehmer problemlos mit einem kompetenten Zulieferer oder einer spezialisierten Ingenieurin reden kann, werden die Kosten bei der Beurteilung der Information und beim Aufbau neuer Geschäftsfelder (Transaktionskosten) deutlich gesenkt. CAMAGNI (1991) führt in diesem Zusammenhang fünf Arten von Unsicherheit an, mit denen sich Betriebe bei Innovationen konfrontiert sehen: •

Unsicherheit, die sich aus der Komplexität, dem Umfang und den Kosten der Informationsbeschaffung ergibt



Unsicherheit als Folge der Schwierigkeit, Faktoren wie Inputs, Komponenten, technische Ausstattung usw. angemessen einzuschätzen bzw. zu bewerten

70

„Dichte“ im Sinne einer räumlichen Konzentration sollte nicht verwechselt werden mit „Dichte“ im Sinne von sozialer oder kultureller Nähe. Letzteres verweist auf eine gemeinsame Orientierung, die nicht zwangsläufig innovativ ist, sondern zu Pfadabhängigkeit oder Lock-in-Effekten führen kann (vgl. GRANOVETTER 1992, GRABHER 1990) 150



Unsicherheit als Resultat unzureichender Informationsverarbeitungskompetenz



Unsicherheit über die angesichts unklarer Rahmenbedingungen richtige Entscheidung



Unsicherheit, die daraus resultiert, dass die Rahmenbedingungen allenfalls sehr begrenzt kontrolliert werden können

Die Chance, auf eigentlich nicht standardisierte und nicht zugängliche Informationen (tacit knowledge) in Verbindung mit einem breiten Spektrum an spezialisierten Kompetenzen zugreifen zu können, bildet – unabhängig von den spezifischen Ausprägungen der Art der Beziehungen – eine Möglichkeit, diese Unsicherheit zu reduzieren und aus regionaler Perspektive den nicht zu imitierenden, damit räumlich gebundenen Vorteil der Produktionscluster. Diese Interaktionen zur Verringerung von Unsicherheit bei Innovationen sind nur ein allerdings zunehmend wichtiges Beispiel für die Interaktionen innerhalb eines Clusters. Hervorzuheben ist, dass die Interaktionen überwiegend informell sind, auf Vertrauen (nicht auf Freundschaft, sondern auf Vertrauen in die Kompetenz des oder der Anderen) beruht. Dies ist deshalb hervorzuheben, weil die Dynamik eines Clusters immer auch stark von Konkurrenz getrieben wird: •

Konkurrenz um die Vorreiterrolle bei Innovationen, wobei die Unternehmen sich gegenseitig vorantreiben



Konkurrenz um hervorragende Fachkräfte, die immer auch ein spezifisches Wissen bei einem Unternehmenswechsel mit sich bringen



Konkurrenz um einen Zulieferauftrag bei einem innovativen Leitprojekt

Sicher finden auch Kooperationen statt; die treibende Kraft der Clusterentwicklung besteht allerdings in der Innovationskonkurrenz und in den informellen Kontakten. Kooperationen sind vor allem dann interessant, wenn das Interaktionspotenzial vor Ort nicht ausgenutzt wird. Das damit verbundene Innovations- und Beschäftigungspotenzial unterscheidet sich allerdings von Cluster zu Cluster stark, wie im Folgenden gezeigt werden soll.

151

4

Voraussetzungen für und Erwartungen an ein Clustermanagement

Eine stärkere Orientierung der Strukturpolitik an Clustern hat sowohl die je nach Cluster unterschiedlichen Möglichkeiten wie auch die Grenzen zu berücksichtigen. Um die Möglichkeiten und Grenzen von Clusterpolitik zu verdeutlichen, erscheint es zunächst sinnvoll, sich den Lebenszyklus bzw. die Dynamik wie auch die Struktur von Wertschöpfungsketten vor Augen zu halten. Hierbei sollen zwei Aspekte unterscheiden werden: Struktur: Hierbei geht es um die Verteilung der Funktionen einer Produktionskette im Raum. Ob die Funktionen einer Produktionskette einigermaßen gleich verteilt oder konzentriert sind, hängt von den Möglichkeiten der Arbeitsteilung ab. Eine starke Dienstleistungsorientierung mit unmittelbarer Kundennähe führt zu einer weitgehend flächendeckenden Versorgung, beinhaltet also wenig Möglichkeiten einer Clusterbildung. Umgekehrt geht eine hohe Arbeitsteilung mit einer höheren räumlichen Konzentration einher. Prozess: Hierbei geht es um die Dynamik einer Produktionskette. Es liegt auf der Hand, dass dynamische Produktionsketten deutlich bessere Möglichkeiten einer Clusterpolitik beinhalten als relativ stabile. Dabei hängt die Dynamik keineswegs vom Alter einer Produktionskette ab, wie die folgenden Beispiele zeigen werden. In Übersicht 2 sind die Dimensionen Struktur (regionale Konzentration) und Prozess (Veränderungspotenzial) eingetragen und ausgewählte Wertschöpfungsketten, bezogen auf diese beiden Dimensionen, verortet. Hierbei handelt es sich um qualitative Verortungen, die die Argumente eher illustrieren als exakt erfassen sollen (vgl. zum Folgenden REHFELD 2003). Die Gesundheitswirtschaft – in vielen Städten und Regionen mittlerweile Bezugspunkt von Clusterpolitik – weist auf beiden Dimensionen die geringsten Werte auf. Angesichts der Notwendigkeit einer flächendeckenden Grundversorgung ist sie räumlich breit gestreut, und die Regulierungen der staatlichen Gesundheitspolitik lassen noch immer wenig Spielraum für Veränderungen. Von daher ist die Gesundheitswirtschaft nicht für eine Clusterpolitik zugänglich. 152

Dies schließt nicht aus, dass einzelne Teilbereiche der Gesundheitswirtschaft durchaus Cluster aufweisen können. Dies gilt vor allem für die Medizintechnik, die Pharmazie und die Biotechnologie, begrenzt auch für Standorte von Sanatorien oder Kur- oder Heilbädern. Inwieweit künftig auch Teilbereiche der allgemeinen Gesundheitsversorgung überregional Patienten anziehen werden, ist umstritten. Vermutlich wird dies lediglich für Spezialkliniken etwa der Herz-, Transplantationsoder Sportmedizin gelten, also für Teile der Spitzenmedizin. Übersicht 7:

Einflussfaktoren für Clusterbildung und -politik

Veränderungspotenzial dynamisch

Biotechnologie Software

Logistik Grundstoffchemie

neu ordnend

Kunststoff Gesundheit

Automotive

stabil

gering

mittel

hoch

regionale Konzentration

Quelle: eigene Darstellung

Die Softwareentwicklung und -anwendung war in den 1970er und 1980er Jahren noch mit einigen prominenten Standorten wie München oder Darmstadt vertreten, mittlerweile ist die räumliche Konzentration aber durchaus rückläufig. Dies liegt zum einen daran, dass die Markteintrittsbarrieren relativ gering sind und keine spezifischen Standortanforderungen aufweisen. Zum anderen sind mittlerweile die meisten Beschäftigten dieser Produktionskette mit der Anwendung, Wartung und Pflege beschäftigt, was eine starke Kundennähe erfordert. Konsequenterweise haben die großen Softwareunternehmen auch ein räumlich breit gestreutes Netz an Niederlassungen aufgebaut. Wie bei der Gesundheitswirtschaft sind es auch hier einzelne Funktionen, die räumlich konzentriert aufzufinden sind. Hierzu gehört die Softwareentwicklung selbst, die Erfüllung von speziel153

len Funktionen wie etwa die Logistiksoftware in Dortmund oder die Software für den Finanzsektor in Frankfurt. Die Logistik ist mittlerweile auf einer mittleren Ebene konzentriert, wobei unterschiedliche Standortbedingungen eine Rolle spielen. Zum einen sind es die klassischen Verkehrsknotenpunkte, vor allem die Flughäfen und Häfen, die eine große Zahl mit dem reinen Transport und Umschlag verbundener Aktivitäten aufweisen. Zum anderen sind es Standorte in der Nähe zu wesentlichen Absatzmärkten, die sich in der Nachbarschaft der großen Ballungszentren herausgebildet haben. Die Automobilindustrie ist eine räumlich stark konzentrierte Produktionskette. Die Standorte der Hersteller und auch der Zulieferer haben sich in den 1930er Jahren herausgebildet und sind bis heute weitgehend stabil geblieben. Selbst eine Neugründung wie Volkswagen hat insgesamt keinen wesentlichen Einfluss auf die Standortstrukturen der Automobilzulieferer ausgeübt. Lediglich neue Komponenten und Technologien wie Kunststoffteile und Kfz-Elektrik haben Verschiebungen ausgelöst. Zwar ist mit der – immer seltener werdenden – Gründung neuer Herstellerstandorte auch ein Nachzug einzelner Zulieferer verbunden, grundlegende Veränderungen der Standortstrukturen ergeben sich daraus nicht. Die Automobilindustrie hat in der 1990er Jahren eine starke Veränderungsdynamik gehabt. Dies lag vor allem an der Neuausrichtung der Beziehungen zwischen Herstellern und Zulieferern, in deren Folge teilweise jahrzehntelang stabile Beziehungen zerbrochen wurden. In dieser Zeit der Veränderungen, vor allem Anfang der 1990er Jahre, war eine starke Verunsicherung der Zulieferer und eine Suche nach neuen Orientierungen zu beobachten. Hierbei wurden die regionalen Kooperations- und Vernetzungsmöglichkeiten wesentlich stärker als zuvor ins Auge gefasst und fast alle heute erfolgreichen Clusterprojekte in der Automobilzulieferindustrie haben ihre Wurzeln in der ersten Hälfte der 1990er Jahre. Die Chemische Industrie gehört seit Ende des 19. Jahrhunderts zu den Schlüsselbranchen der deutschen Wirtschaft und ist ähnlich stark konzentriert wie die Automobilindustrie. Für die Clusterbildung ist sie insofern interessant, weil es sich bei ihr um die am frühesten und am intensivsten globalisierte Branche in Deutschland handelt. Angesichts der intensiven internen Verflechtungen war die Chemische Industrie bis in die 1990er Jahre hinein von hoch integrierten, auf differenzierten Märkten aktiven Chemieunternehmen geprägt. In jüngster Zeit sind 154

zierten Märkten aktiven Chemieunternehmen geprägt. In jüngster Zeit sind die Konzernstrukturen allerdings in einem tiefgreifenden Umbruch. Die Chemieunternehmen definieren ihre Kernfunktionen neu. Die wesentliche Konsequenz dieser Konzentration auf Kernfunktionen ist ein Trend zur Spezialisierung auf bestimmte Produkte bzw. Produktgruppen sowie zur strategischen Zusammenarbeit von Unternehmen, insbesondere durch die Gründung von Gemeinschaftsunternehmen (Joint Ventures). Unter Clusteraspekten ist wichtig, dass sich innerhalb dieser Neuordnung die regionalen Kerne neu positionieren. Die für die Chemische Industrie charakteristische lokale bzw. regionale Verbundproduktion verliert keineswegs an Bedeutung, sie wird nur in völlig neuer Weise integriert. Die Verflechtungen, die früher innerhalb eines Konzernstandorts zu finden waren, finden sich nun zwischen den Unternehmen verschiedener Konzerne innerhalb eines Standorts. Die Kunststoffverarbeitung gehört zu den jüngsten industriellen Produktionsketten in Deutschland. Sie wurde in den 1950er Jahren aufgebaut und expandierte seit den 1960er Jahren. Die räumliche Streuung ist geringer als bei anderen industriellen Branchen, da die Wurzeln der Kunststoffverarbeitung in breit gestreuten kleinen und mittleren Betrieben sehr unterschiedlicher Branchen lagen und diese Betriebe häufig Zulieferer für andere Branchen sind. Dennoch haben sich einzelne Cluster in der Kunststoffverarbeitung gebildet, auch wenn diese nicht ganz so klar erkennbar sind wie in anderen Produktionsketten. Vor allem die Verbindung mit dem Werkzeug- und Formenbau hat sich als ein Standortfaktor erwiesen. Die Biotechnologie ist die jüngste der hier betrachteten Beispiele. Sie weist ein sehr breites Anwendungsspektrum auf, wobei die pharmazeutische Industrie, die Medizin, die Landwirtschaft, die Ernährungsindustrie und die Umweltbiotechnologie die Kernanwendungsbereiche sind. Das in Deutschland im Vergleich zu den USA relativ spät einsetzende Interesse an der Biotechnologie hat sich seit dem 1996 durchgeführten BioRegio-Wettbewerb stark weiterentwickelt. Das Wachstum der ELISCOs – Entrepreneurial Life Science Companies (Unternehmen, deren Hauptzweck die Produkt- und Technologieentwicklung auf dem Life-ScienceSektor ist) – zeigt seit 1997 eine starke Dynamik. Der Reifegrad der Branche ist in Deutschland noch vergleichsweise niedrig, vermarktbare Produkte sind noch die 155

Ausnahme. Die Konzentration in dieser Produktionskette ist in Deutschland nicht so hoch wie etwa in den angelsächsischen Ländern. Dies hängt wesentlich mit der föderalen Struktur Deutschlands zusammen, also mit der breiten Streuung der Hochschulen und auch der Förderpolitik der Bundesländer.

5

Erfahrungen in der Praxis

5.1

Der Clustergedanke in der Wirtschaftsförderung

Die theoretischen Überlegungen haben gezeigt, dass die Entwicklung von Clustern bzw. Kompetenzfeldern auf eigendynamischen, sich selbst verstärkenden Prozessen beruhen. Derartige Prozesse sind von Selbststeuerung geprägt und damit einer Steuerung von außen, also auch einer politischen Steuerung, nur schwer zugänglich. Angesichts der hohen wirtschaftlichen Bedeutung hat trotz der Steuerungsprobleme eine verstärkte Orientierung der Wirtschafts- und Strukturpolitik in Richtung Cluster- bzw. Kompetenzfeldsteuerung stattgefunden. Diese politisch strategische Ausrichtung bezieht sich nicht auf ein konsistentes theoretisches Clusterkonzept, sondern nimmt Grundgedanken auf, die den unterschiedlichen theoretischen Ansätzen gemeinsam sind. Diese Grundgedanken lassen sich wie folgt zusammenfassen: •

Es geht darum, ein regionales Profil (möglichst als überregionales, wenn nicht international ausstrahlendes Alleinstellungsmerkmal) herauszuarbeiten und in seiner Entwicklung zu unterstützen.



Es geht in diesem Rahmen dann darum, verschiedenartige regionale (also nicht von einem Betrieb oder Akteur allein abhängige) Kompetenzen von neuen Technologien über strategisches Wissen bis hin zu Facharbeiterqualifikationen gezielt in Richtung Weiterentwicklung der Kompetenzen auszubauen. Die Ausrichtung auf Cluster zielt dabei auch darauf ab, die immer knapper werdenden strukturpolitischen Mittel strategisch zu bündeln.



Regionale Akteure aus Unternehmen, Politik und Verwaltung, Gewerkschaften und Verbänden sollen so miteinander vernetzt werden, dass ihren Aktivitäten eine gemeinsame Orientierung zugrunde liegt und damit eine strategische 156

Bündelung (auf Basis eines gemeinsamen Leitbilds) möglich wird. Dies soll weiterhin dazu beitragen, die verschiedenen Politikfelder zu vernetzen und strategisch auszurichten. •

Der erhoffte Vorteil besteht darin, dass aus dem Zusammenwirken der verschiedenen Ressourcen eine Dynamik entsteht, die dazu beiträgt, dass Innovationen in dieser Region häufiger stattfinden als in anderen Regionen. Zudem wird davon ausgegangen, dass innerhalb einer derartigen Konstellation vielfältige informelle Prozesse, vor allem auch in Form des Austauschs informellen Wissens, ablaufen, die regional einmalig und daher auch nur schwer zu imitieren und zu transferieren sind.

In der politischen Praxis ist es allerdings häufig der Fall, dass Cluster vor allem aus der Binnenperspektive betrachtet werden, der Anspruch an einen theoretisch fundierten Clusterbegriff zurückgenommen wird. Hier geht es für Kommunen oder Regionen zunächst darum, durch Kooperationen die Unternehmen an den Standort zu binden, das Umfeld für die Unternehmen zu optimieren und vorausschauend die notwendigen Kompetenzen zu entwickeln. Inwieweit dies mittel- und langfristig dazu führen kann, sich selbst tragende eigendynamische Prozesse anzustoßen, ist unsicher, zumal die Konkurrenz zwischen den Standorten mit der Verbreitung der Clusterpolitik immer größer wird. Unabhängig von diesen unsicheren langfristigen Perspektiven ist ein derartiges lokal basiertes Clustermanagement durchaus auch dann sinnvoll, wenn es darum geht, die vor Ort präsenten Unternehmen zu unterstützen und an den Standort zu binden, nicht zuletzt auch, um die zunehmend knappen Mittel gezielt einzusetzen. Die weiter oben angeführten Beispiele sollen verdeutlichen, dass die Voraussetzungen und Möglichkeiten für Clusterpolitik von Produktionskette zu Produktionskette sehr unterschiedlich sind. Vor allem sollten keine voreiligen Schlussfolgerungen gezogen werden: Das Alter der Produktionskette sagt nicht zwangsläufig etwas über das Veränderungspotenzial aus und die räumliche Konzentration lässt nicht unbedingt Rückschlüsse auf die regional zu erwartenden Beschäftigungseffekte zu.

157

Allerdings lassen sich einige Orientierungen für Ansatzpunkte festhalten: •

Clustermanagement kann dort ansetzen, wo neue und grundlegend veränderte Wertschöpfungsketten im Entstehen sind. Dies ist etwa bei der Biotechnologie der Fall. Hier geht es vor allem darum, ein günstiges Umfeld für die Clusterentwicklung zu schaffen und eine sich selbst tragende Eigendynamik anzustoßen.



Clustermanagement kann weiterhin dort ansetzen, wo die aus der Konzentration der Unternehmen und Einrichtungen gegebenen Interaktionspotenziale nicht genutzt werden. Dies ist etwa bei der Automobilindustrie oder der Kunststoffindustrie der Fall. Hier geht es darum, die Kostensenkungsmöglichkeiten zu optimieren, die qualitativen Standortfaktoren zu verbessern und die Unternehmen an den Standort zu binden. Eigendynamische Prozesse sind hier nicht unbedingt zu erwarten, aber das Cluster kann in seiner Wettbewerbsfähigkeit unterstützt bzw. stabilisiert werden.



Clustermanagement kann weiterhin dort ansetzen, wo sich Wertschöpfungsketten im Umbruch befinden. Dies ist etwa bei der Logistik oder der Chemischen Industrie der Fall. Die Zielsetzungen sind hier sehr unterschiedlich. Auf der einen Seite kann es darum gehen, Beschäftigungsverluste in einer schrumpfenden Branche in Grenzen zu halten. Auf der anderen Seite kann es aber auch Ziel sein, aus den vorhandenen Potenzialen heraus neue innovative Impulse entstehen zu lassen, die im günstigsten Fall wiederum zu einem neuen oder völlig veränderten Cluster mit einer entsprechenden Eigendynamik führen.

In der Praxis erfolgen die einzelnen Ansatzpunkte sehr unterschiedlich. Hierbei ist wesentlich, dass Clustermanagement als Strukturpolitik stark von den Rahmenbedingungen geprägt ist, die übergeordnete Fördereinrichtungen bzw. -programme setzen, also von der Clusterpolitik zentraler politischer Ebenen. Bevor vertieft auf das Clustermanagement eingegangen wird, sollen daher diese übergreifenden Rahmenbedingungen anhand internationaler Erfahrungen dargestellt werden.

158

5.2

Internationale Erfahrungen – Clustermanagement

Im Folgenden werden ausgewählte Clusteraktivitäten aus sechs europäischen Ländern skizziert (vgl. zum Folgenden MUTH / REHFELD 2004). Um eine Einordnung zu ermöglichen, werden zwei Dimensionen unterschieden (vgl. Übersicht 3): Die erste Dimension betrifft den Bezugspunkt. Clusterpolitik kann eher an Branchen oder eher an Technologiefeldern orientiert sein. Die zweite Dimension betrifft die Reichweite: Clusterpolitik kann eng oder breit ausgerichtet sein. Bei einer engen Ausrichtung erfolgt die Orientierung an bereits vorhandenen, etablierten Clustern. Bei einer breiten Ausrichtung ist die Orientierung eher an Potenzialen, nicht immer ist bereits ein Cluster vorhanden. Übersicht 8:

Varianten von Clusterpolitik im europäischen Vergleich

Clusteransatz NRW breit

Westfinnland Oberösterreich Baskenland Süd-Yorkshire

Limburg eng

Südost-Schweden

branchenbezogen strategischer Fokus Quelle: eigene Darstellung

159

technologiebezogen

In Schweden findet sich ein enger an Branchen orientierter Clusteransatz. Die Umsetzung des Clusteransatzes erfolgt im Rahmen des nationalen Programms „Visanu“, einem Kooperationsprojekt, dem neben NUTEK die Organisationen „Invest in Sweden Agency“ (ISA) sowie die „Swedish Agency for Innovation Systems“ (VINNOVA) angehören. Zu den Aktivitäten, die mit Visanu umgesetzt werden, zählen Prozessmanagement, Wissenstransfer sowie internationales Marketing. Voraussetzungen für die Unterstützung von Clustern sind dort: •

deren Verankerung im Rahmen eines regionalen Entwicklungsprogramms,



deren internationale Wettbewerbsfähigkeit bzw. das Vorhandensein des entsprechenden Potenzials,



das Vorhandensein eines von Unternehmen gestellten Clustermanagements sowie



die Offenheit der Verantwortlichen für einen Informationsaustausch mit anderen Clustervertretern.

Ein Beispiel für Clusteraktivitäten in der Region Südostschweden ist das kommerzielle Kunststoff- und Polymerzentrum PUCK in der Stadt Västervik. Das Hauptziel von PUCK besteht darin, die wirtschaftliche Entwicklung der Mitgliedsunternehmen zu fördern und auf diesem Wege einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Region Kalmar in der Provinz Småland zu leisten. Dies geschieht durch Netzwerkarbeit, durch die Entwicklung von entsprechenden Trainingsprogrammen sowie durch die Implementierung von Maßnahmen zur Qualitätssicherung in den Mitgliedsunternehmen. Die Clusterpolitik in Belgien ist ebenfalls stark an Branchen orientiert, aber breiter angelegt als in Schweden. Die Entwicklung der Clusterförderung in Flandern, dem nördlichen Teil Belgiens, hat ihren Ursprung Anfang der 1990er Jahre mit der Implementierung des so genannten flämischen „Innovations-Systems“ (FIS) und der Gründung des Instituts zur Förderung von Innovationen durch Wissenschaft und Technologie (IWT-Flandern), einer Einrichtung der flämischen Regierung. Das IWT ist das zentrale Instrument zur Förderung von Forschung und Entwicklung in Flandern, in dem auch die Region Limburg liegt. Parallel zur Gründung des IWT 160

wurden in diesem Zeitraum weitere Institutionen ins Leben gerufen und neue Instrumente zur Unterstützung der regionalen Entwicklung geschaffen. Hierzu zählen verschiedene Technologieinstitute, einige Impulsprogramme sowie auch die Förderung von Clustern. Die Entwicklung des belgischen Clusteransatzes war hierbei von den Porterschen Arbeiten sowie von den praktischen Erfahrungen der autonomen Regionalpolitik im kanadischen Québec sowie in der spanischen Region Katalonien inspiriert. Die Clusterpolitik in Flandern hat dabei in zweifacher Hinsicht eine Pionierrolle im Land eingenommen: Sie stand erstens im Zentrum der Suche nach einem Grundprinzip für eine neue regionale Wirtschaftspolitik und sie war zweitens grundlegend für eine Umorientierung von der traditionellen Topdown-Politik hin zu Bottom-up-Ansätzen in der Innovationspolitik. Als Folge entstanden Cluster sowohl in hochtechnologischen Bereichen als auch in traditionellen Wirtschaftsbranchen. Als ein Nachteil des Bottom-up-Ansatzes stellte sich später heraus, dass ein Teil der Clusteraktivitäten nur eine geringe Dynamik entfaltete, nicht die erhofften Netzwerkeffekte erbrachte und eher Ausfluss der bestehenden Branchenorganisationen war. Aufgrund dieser Erfahrungen und wegen geänderter fördertechnischer Rahmenbedingungen erfolgte in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre in Belgien eine Neuausrichtung der Clusterförderung hin zu einer Orientierung an Technologiestandorten mit internationaler Ausstrahlung nach dem Vorbild des Silicon Valley in den USA. In jüngster Zeit hat die flämische Regierung eine Konsolidierung und Überprüfung der bisherigen Clusteraktivitäten eingeleitet und neue Rahmenbedingungen geschaffen, die in einem im Jahre 1999 verabschiedeten „Innovationen-Erlass“ verankert wurden. In England ist die Förderung von wirtschaftlichen Clustern integraler Bestandteil eines breit angelegten regionalen Entwicklungskonzeptes. Eine starke Branchenorientierung wird durch Technologiebezüge ergänzt, damit wird der Ansatz breiter als in den beiden ersten Beispielen. So wird in der gesamten Region Yorkshire and the Humber der Clusteransatz praktiziert. Die Federführung liegt hier bei der regionalen Entwicklungsagentur „Yorkshire Forward“ – einer von insgesamt neun Regionalagenturen (RDAs) in England – und ist Teil der Strategie zur wirtschaftlichen Entwicklung der Region. Die RDAs sind so genannte „non-departmental public bodies“. Ein Großteil der Fördermittel des Ziel-1-Programms werden für die 161

Förderung von Clustern aufgewendet. Für die einzelnen Clusterbereiche werden Handlungspläne erstellt, die die geplanten Aktivitäten für einen Zeitraum von drei Jahren beinhalten. Mit der Umsetzung des Clusteransatzes in der Region South Yorkshire wurde die von der Ziel 1-Verwaltungsbehörde im Jahre 2003 gegründete Organisation „Renaissance South Yorkshire“ beauftragt. Sie ist auch dafür zuständig, die Nachhaltigkeit der Projekte nach dem Jahre 2006 sicherzustellen. Ein zentrales Ziel des Clusteransatzes besteht darin, Unternehmen der Privatwirtschaft zu einer finanziellen und personellen Beteiligung an den Clustern zu bewegen. Für den Zeitraum Ende 2004, Anfang 2005 ist eine umfangreiche Untersuchung zu den Wirkungen der Clusterförderung geplant, die Evaluierung und Benchmarking mit anderen Regionen beinhaltet. Die Clusterförderung in Oberösterreich ist ein Kernelement des strategischen Programms „Oberösterreich 2000+“, das durch den Zukunftsfonds der oberösterreichischen Landesregierung finanziert wird. Rund ein Viertel der für dieses Programm zur Verfügung stehenden 80,8 Mio. € wurden für an Clustern orientierte Maßnahmen bereitgestellt. Der Clusteransatz in Oberösterreich zielt auf den Ausbau von wirtschaftlichen Stärkefeldern, auf die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft von insbesondere kleinen und mittelgroßen Unternehmen sowie auf die Schaffung von Innovationen durch unternehmerische Kooperationen in Netzwerken. Er ist damit sehr breit angelegt, Branchenbezüge werden wie in England durch technologische Bezüge ergänzt. Zusätzlich zur öffentlichen Förderung werden die Clusteraktivitäten durch Leistungsbeiträge so genannter „Clusterpartner“ sowie durch Sponsoren finanziert. Während der Selbstfinanzierungsgrad in den Clustern im Jahre 2003 noch zwischen etwa 5 % im Mechatronikcluster und 40 % im Automobilcluster lag, wird bis zum Jahre 2008 eine Selbstfinanzierungsquote von 50 % angestrebt. In der Region ist die Oberösterreichische Technologie und Marketinggesellschaft m. b. H. (TMG) – die Standortentwicklungsagentur des Landes Oberösterreich mit Sitz in Linz – für die Umsetzung der Clusterförderung zuständig. Die Steuerung und Umsetzung der Clusteraktivitäten erfolgt in drei Gremien:

162



Ein aus zehn bis zwölf Unternehmern bestehender „Clusterbeirat“ unterstützt die Trägerorganisation in der strategischen Ausrichtung und Bewertung von Aktivitäten,



ein aus vier bis sieben Personen bestehendes „Clusterteam“ ist für die Planung und Umsetzung der Aktivitäten zuständig und



im Rahmen eines „jour fixe“ mit Vertretern der Sozialpartner, insbesondere der Wirtschaftskammer Oberösterreich, erfolgt die politische Abstimmung zu den Aktivitäten.

Zu den Clusteraktivitäten der TMG zählen Information und Kommunikation, Qualifizierung, Initiierung von Kooperationsprojekten, Marketing und Public Relations sowie Internationalisierung. Die TMG betreibt im Rahmen ihres Clustermanagements umfangreich Monitoring, Controlling und Benchmarking. Auf der Basis von Zielvorgaben werden in den Clustern Indikatoren, wie z. B. Kundenkontakte, Teilnahme an Innovationsprogrammen, Berufsausbildung, Marketing oder Verbesserung der Innovationskultur kontinuierlich abgefragt und offen gelegt. Die Clusterförderung wird in Oberösterreich durch externe Gutachter evaluiert, die den bisherigen Aktivitäten einen hohen Zielerreichungsgrad bescheinigt haben. Perspektivisch sollten u. a. Qualitätskriterien entwickelt und Maßnahmen zur Personalentwicklung im Bereich des Clustermanagements eingeführt werden. Darüber hinaus stehen die Themen „Erhöhung der Selbstfinanzierungsquote“ sowie Weiterentwicklung der Clustermethodik auf der Agenda. In der spanischen Region Baskenland ist der Clusteransatz stärker auf technologische Felder ausgerichtet, er ist nicht so breit angelegt wie in Oberösterreich. Eine wesentliche Grundlage bilden die so genannten „Vorschauprojekte“, die von der baskischen Regierung gefördert werden und Bestandteil des regionalen Wissenschafts- und Technologieplans sind. Dieser Plan umfasst acht Industriecluster, wozu Luftfahrttechnik, Kraftfahrzeugtechnik, Energie, Umwelt, Telekommunikation, Elektrogeräte, Wissenstools und Werkzeugmaschinen zählen. Die Cluster werden als maßgeblich für die zukünftigen Trends in der technologischen Entwicklung erachtet.

163

In Nordrhein-Westfalen finden sich sowohl Elemente eines Clusteransatzes, der durch die Integration in das Ziel-2-Programm Merkmale einer Top-down-Strategie aufweist, als auch Elemente einer Bottom-up-Strategie, indem Clusteraktivitäten, die sich relativ autonom in einzelnen Gebieten – zum Teil mit starker Unternehmensbeteiligung – entwickelt haben, unterstützt werden. Im Ruhrgebiet werden in einem breiten Ansatz 12 überwiegend technologisch ausgerichtete Kompetenzfelder entwickelt. Die Bedeutung der Clusterförderung wurde darüber hinaus durch einen politisch initiierten „Wachstums- und Beschäftigungspakt Ruhr“ flankiert. Dieser Pakt wurde im Oktober 2001 ins Leben gerufen und an ein konkretes Beschäftigungsziel – 200.000 zusätzliche Arbeitsplätze bis zum Jahre 2005 – gekoppelt. Der Pakt bezieht sich ausdrücklich auf die Kompetenzfelder. Die Förderung von regionalen Clustern muss in Finnland im Zusammenhang mit dem von der Regierung im Jahre 1994 gegründeten „Centre of Expertise Program“ betrachtet werden, dass zusammen mit dem so genannten „Regional Development Act“ lokale, regionale und nationale Ressourcen zur Anwendung von Know-how bündelt. Gegenwärtig existieren in Finnland 22 Centres of Expertise, in denen insgesamt 45 verschiedene Cluster definiert wurden, wobei die Breite des Ansatzes und die starke Technologieorientierung kennzeichnend sind. Basis für die Definition eines Clusters ist das Zusammenwirken von Forschung, Ausbildung und Unternehmensaktivitäten sowie ein funktionsfähiges Management mit Unterstützung der öffentlichen Akteure in der Region. Die regionalen Centres of Expertise werden u. a. mit Mitteln aus dem Ziel-2-Programm gefördert. Ein Beispiel für die finnische Clusterförderung ist das „Center für Open Source Software“ (COSS Finland). Coss wurde Anfang des Jahres 2004 in der Region Tampere, Westfinnland, auf den Weg gebracht. COSS verfolgt das Ziel, die Nutzbarkeit von OpenSource-Software zu verbessern und seinen Einsatz in Unternehmen zu befördern. Die Dienstleistungen, die COSS Interessenten bietet, beinhalten die Vernetzung von Software-Entwicklern und -Anwendern, die Organisation von gemeinsamen Entwicklungsprojekten, das Anbieten von Seminaren sowie die Beratung von Mitgliedern des Netzwerkes, z. B. in Bezug auf Urheberrechte und Lizenzen.

164

5.3

Der institutionelle Kontext

Die voranstehenden Überlegungen haben gezeigt, dass das Fenster für Clusterpolitik je nach Produktionskette und Zeitpunkt unterschiedlich offen ist und seitens der Clusterpolitik sehr unterschiedlich strategisch genutzt wird. Inwieweit derartige Fenster durch regionales Clustermanagement genutzt werden können, hängt von der regionalen Strategiefähigkeit ab. Hier zeigen die bisherigen Erfahrungen, dass diese Strategiefähigkeit von Region zu Region sehr unterschiedlich ist, da ein genereller Zusammenhang zwischen regionaler Strategiefähigkeit und Clustermanagement bisher nicht vorhanden ist. Erfolgreiches Clustermanagement hängt bisher in den meisten Fällen von einzelnen Personen, Unternehmen oder Institutionen ab, regionale Lernprozesse bilden aber die Ausnahme. Allerdings ist festzuhalten, dass erfolgreiches Clustermanagement von günstigen Rahmenbedingungen profitieren kann: Die strukturpolitische Philosophie misst der Clusterbildung einen hohen Stellenwert bei, es gibt mittlerweile zahlreiche „Best-practice“-Beispiele und öffentliche Programme unterstützen Clustermanagement in vielfältiger Form (siehe Übersicht 4). Für die Wirksamkeit der generellen Rahmenbedingungen spricht auch, dass die Themen erfolgreicher Clusterprojekte ähnlich sind. Im Mittelpunkt stehen in der Regel folgende Arbeitsfelder: •

Kommunikation (Branchenatlas, Internetauftritt, Präsentation auf Messen, informelle und formelle Treffen)



Qualifizierung/Kompetenzentwicklung (Aus- und Weiterbildung, Gestaltung von Schnittstellen entlang der Wertschöpfungskette, Zusammenarbeit bei Zertifizierung)



Kooperation (innerhalb des Cluster wie auch etwa zwischen den Unternehmen des Clusters und möglichen Anwenderbranchen/Kunden)



Internationalisierung (gemeinsame Messeauftritte, gemeinsame Abgabe von Angeboten, Zusammenarbeit mit ähnlich strukturierten Regionen)

165



Infrastruktur (physische Infrastruktur, Forschungs- und Entwicklungsinfrastruktur, innovative Milieus)



Ansiedlung (Ergänzung der Produktionskette, Kernunternehmen der gleichen Wertschöpfungskette)



Technologiefelder

(gemeinsame

Entwicklungsprojekte,

komplementäre

Schwerpunkte von Hochschulen, Anwendungszentren) •

Marktfelder (gemeinsame Leitprojekte, gemeinsame Hausmessen, Durchsetzung von Qualitätsstandards)



Existenzgründung (spezielle Flächen, spezifische Gründerfonds, unterstützendes Umfeld)



Unterstützendes Lobbying (Vertretung in nationalen oder internationalen Ausschüssen, Steuerpolitik)

Übersicht 9:

Strategien – von individuellen Aktivitäten zu dauerhaften Struktu-

ren Regionale Aspekte (wie und wo) Institutioneller Rahmen

Lernkapazität

Individuelle Faktoren Sektorale Aspekte (wann and warum) Dynamik

Generelle Aspekte

Struktur

Öffentliche ‚Philosophie‘

Alter

Best Practice

Öffentliche Programme

‚Fenster‘ für Kompetenzfeldförderung

4 Stufen: Erste Erfolge – Professionalisierung – Nachhaltigkeit – Rückkopplung

Quelle: eigene Darstellung

Das Verfolgen ähnlicher Zielsetzungen heißt aber nicht zwangsläufig, dass vergleichbare Resultate zu erwarten sind. Der institutionelle Kontext ist in den einzel166

nen Ländern, wie bereits oben angedeutet, sehr unterschiedlich. Für Deutschland ist z. B. wesentlich, dass die Kommunen traditionell eine sehr starke Position bei der Wirtschaftsförderung haben und regionales Clustermanagement es immer mit Kompetenz- und Koordinationsproblemen zu tun hat. Hinzu kommt, dass Clustermanagement als Förderpolitik eine Umsetzung strukturpolitischer Ziele bedeutet. Der hierfür notwendige institutionelle Kontext ist allerdings (bisher?) nicht spezifisch auf eine an Clustern orientierte Politik zugeschnitten, sondern noch wesentlich von der oben dargestellten zweiten an den endogenen Potenzialen ansetzenden Phase der Strukturpolitik geprägt. Übersicht 10 stellt die bisherige und die an Clustern orientierte Strukturpolitik gegenüber. Eine an endogenen Potenzialen orientierte Strukturpolitik konzentriert die Mittel auf strukturschwache Regionen, die zu diesem Zweck umfassende Handlungskonzepte im Konsens entwickelt haben. Der Clusteransatz konzentriert sich auf Regionen mit zumindest national, wenn nicht international herausragenden sektoralen Konzentrationen und Kompetenzen. Da es immer nur wenige herausragende Standorte in einem Sektor (bzw. innerhalb einer Wertschöpfungskette) geben kann, ist dieser Ansatz per se nur für ausgewählte Regionen, nicht als flächendeckendes Konzept, geeignet. Weiterhin lassen sich Cluster nicht im Konsens „vereinbaren“ oder seitens des Landes oder des Bundes „verteilen“ (etwa in Form von Masterplänen). Cluster können in etablierten Wertschöpfungsketten vorhanden sein oder nicht. Dies ist eine empirische Frage und keine Frage des politischen Willens. Oder das Potenzial für Cluster kann vorhanden und entwicklungsfähig sein; auch dies lässt sich erkennen, wenn auch nicht immer sicher prognostizieren. Cluster können nicht aus dem Nichts heraus aufgebaut werden, zumindest nicht in marktwirtschaftlichen Gesellschaften, sondern werden von den Aktivitäten der Unternehmen getragen. Cluster orientieren sich nicht an administrativen Grenzen, sondern an wirtschaftlichen Räumen. Diese können Teile einer Stadt (etwa ein Technologiepark) sein, es kann eine Stadt sein, in der Regel handelt es sich aber um eine Region. Clustermanagement muss sich daher von den traditionellen Grenzen der Wirtschaftsförderung lösen und ist, wie unsere Untersuchungen zeigen, nicht zufällig internatio167

nal dort besonders erfolgreich, wo es durch eigens hierfür zuständige Organisationen erfolgt. Weiterhin haben sich Cluster international innerhalb einer Wertschöpfungskette zu verorten; entsprechend weltweit offen hat auch Clustermanagement ausgerichtet zu sein, während die Entwicklung endogener Potenziale eher binnenorientiert war. Nicht zuletzt resultiert die Dynamik von Clustern nicht in erster Linie aus Kooperationen, sondern aus Innovationskonkurrenz und informellen Kontakten, also von Interaktionen, die politisch kaum zu gestalten sind. Übersicht 10:

Strukturpolitische Ansätze im Vergleich

Leitziel

Bezugspunkt

Endogene

Clusterpolitik

Regionalentwicklung

(Stärken stärken)

Nachhaltige

Regionale Wachstums-

Regionalentwicklung

und Innovationskerne

Geographisch (auf Ba-

Funktional: wirtschaftliche

sis von Indikatoren

Verflechtungsräume

abgegrenzte Fördergebiete) Reichweite

Flächendeckend

Clusterregionen

Steuerungsebene

Regionaler Konsens

Professionelles Clustermanagement

Strategische

Umfassende Entwick-

Unterstützung von überre-

Ausrichtung

lung regionaler Potenzi-

gional herausragenden

ale

regionalen Kernen

Stark binnenorientiert

Knoten in einem

Überregionale Einbindung Interaktion

globalen Netz Kooperation

Kooperation und Konkurrenz

Quelle: eigene Darstellung

168

Diese Unterschiede zwischen den beiden Konzepten haben weitreichende Konsequenzen für deren Umsetzung, gerade weil Clustermanagement in Deutschland häufig im genannten Rahmen öffentlich unterstützter Projekte stattfindet. Egal welche Aktivitäten im Mittelpunkt stehen, grundlegend ist zunächst das Erreichen erster kurzfristiger Erfolge, um den (potenziell) interessierten Unternehmen die Nützlichkeit dieser Aktivitäten deutlich zu machen. Eine große Zahl an Clusterprojekten scheitern bereits an dieser ersten Herausforderung, schafft nicht den Schritt in ein dauerhaftes professionelles Clustermanagement. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass Unternehmen die Schlüsselakteure eines Clustermanagements bilden. Die Beteiligung der Unternehmen ist aber keineswegs selbstverständlich. Unternehmen bewegen sich in verschiedenen Bezügen (Funktionsräumen). Das regionale Umfeld stellt für Unternehmen keinen Wert an sich dar, sondern es ist immer nur dann interessant, wenn es eine Bedeutung für die Unternehmensfunktionen hat. Um diese unterschiedlichen Interessen der Unternehmen mit ihren spezifischen Funktionsräumen einbeziehen zu können, ist es für die Wirtschaftsförderung wichtig, nicht nur theoretisch eine integrierende und koordinierende Funktion auszuüben, sondern auch aktiv mitzuwirken. Dies kann sie aber nur dann, wenn sie über das notwendige Wissen und die notwendigen Kompetenzen verfügt. Für eine strategische Ausrichtung relevantes Grundlagen-, Fakten-, Akteurs- und Erfahrungswissen liegt aber meist bei den Akteuren (d. h. v. a. den Unternehmen). Durch gemeinsame Projekte und intensiven Diskurs mit den Akteuren muss daher versucht werden, ein strategisch ausgerichtetes, professionelles Clustermanagement zu etablieren, um das Wissen auch für die Aktivitäten der Wirtschaftsförderung nachhaltig verfügbar und nutzbar zu machen. Dies heißt, dass die Anforderungen an vorhandenes Wissen und die für eine Anwendung dieses Wissens notwendigen Kompetenzen neu hinzu kommen bzw. sich ausweiten müssen, insbesondere moderierende und koordinierende Kompetenzen. Die folgende Aufstellung von STEMBER (1997) macht die Anforderungen zusammenfassend deutlich. Er stellt fest, dass neben den „Grundfunktionen“ der Wirtschaftsförderung – Kunden-, Projekt- und Prozessorientierung sowie Evaluation – neue, extern ausgerichtete Funktionen hinzukommen, die er wie folgt zusammenfasst: 169



Impuls- und Initiierungsfunktion: Wirtschaftsförderung als Innovationszentrum, das neue Themen aufgreift und umsetzt



Moderations- und Koordinationsfunktion: Wirtschaftsförderung als Moderator/Koordinator regionaler Entwicklungsprozesse und Leistungsangebote



Kooperations- und Netzwerkfunktion: Herstellung und Weiterführung interund intraregionaler Zusammenarbeit



Transfer- und Brückenfunktion: Wirtschaftsförderung sowohl als Transfer- und Schnittstelle im inter- und intraregionalen Entwicklungsprozess wie auch zwischen den verschiedenen politischen Ebenen und den Kunden



Organisations- und Dienstleistungsfunktion: Optimierung und Organisation unternehmensrelevanter Dienstleistungen

Nur wenige Aktivitäten haben bisher diese Phase der Professionalisierung erreicht. Bestenfalls einzelne Projekte (etwa bei einzelnen Chemieparks) betreiben heute ein nachhaltiges, das heißt hier von den Unternehmen selbst getragenes Clustermanagement, von der Frage nach einer Reflexion der Zielsetzungen etwa vor dem Hintergrund veränderter sektoraler oder gesamtwirtschaftlicher Rahmenbedingungen (Rückkopplung) ganz zu schweigen. Von daher werden abschließend wesentliche Anforderungen an ein effektives Clustermanagement diskutiert.

6

Anforderungen an ein effektives Clustermanagement

Deutlich sollte geworden sein, dass Clustermanagement eine langfristige, nur professionell und keineswegs nebenbei zu bewältigende Aufgabe darstellt. Weiterhin zeigt sich, dass es sehr unterschiedliche Ansätze gibt, wobei momentan keine empirische Basis vorhanden ist, um den ein oder anderen Ansatz als überlegen zu bezeichnen. Immerhin lassen sich einzelne Fixpunkte festhalten: •

Clustermanagement kann nicht bei Null anfangen, kann nur an vorhandenen Kompetenzen aufbauen.



Es geht darum, erfolgreiche Trends zu unterstützen.



Clustermanagement kann nur langfristig wirken. 170



Interne Vernetzungen (Interaktionen) und externe Verbindungen sollten ausbalanciert sein, um sowohl Lock-in-Effekte als auch externe Abhängigkeiten so weit wie möglich zu vermeiden.



Clustermanagement steht und fällt mit der Beteiligung der Unternehmen.

Dennoch verbleiben Unsicherheiten über wirtschaftliche und technologische Trends vor allem in der Anfangsphase einer Produktionskette bzw. der entsprechenden Cluster. Von daher erscheint es zentral, sich mit der Qualität des Clustermanagements auseinander zu setzen und die hierfür notwendigen Kompetenzen und Instrumente („institution building“) auszubauen. Ein erster Zugang könnte darin bestehen, sich mit typischen Spannungsfeldern auseinander zu setzen und dafür auch Zielvorgaben zu entwickeln. Derartige Spannungsfelder lassen sich als Fragen formulieren: •

Wie umfangreich und wie lange soll öffentliche Finanzierung als (in der Regel) notwendige Vorleistung erfolgen und welcher Beitrag der Unternehmen wird bis wann angestrebt?



Soll das Clustermanagement möglichst eng gehalten werden (bessere Strategie- und Handlungsfähigkeit) oder soll es breit gehalten und für alle interessierten Akteure offen sein?



Ist es sinnvoll, ein eigenständiges Management für jedes Cluster zu entwickeln (Bezug zu den jeweiligen Besonderheiten, stärkere Professionalisierung) oder soll eine Einbindung in einen gemeinsamen Rahmen erfolgen (Möglichkeit von Lernprozessen)?



Soll ein Cluster als loses Netzwerk organisiert sein (Selbstorganisation, breite Räume für Innovationskonkurrenz), soll es eine steuernde Kerngruppe geben (etwa in Form eines Beirats) oder soll es sich über Projekte definieren (etwa weil eine gemeinsame übergreifende Strategie nicht möglich ist)?



Wie ist die Beziehung zwischen öffentlichen Interessen (gerade bei längerfristiger öffentlicher Finanzierung) und Interessen der beteiligten Unternehmen)?

171

Diese Fragen sind nur exemplarisch und sie lassen sich auch nicht eindeutig beantworten. Wichtig ist vielmehr, sich vorher mit diesen Fragen auseinander zu setzen und zwischen allen Beteiligten entsprechende Spielregeln zu vereinbaren. Darüber hinaus lassen sich organisatorisch einige Erfolgsfaktoren formulieren, die die Chancen für ein erfolgreiches Clustermanagement erhöhen. Eine Gruppe von Erfolgsfaktoren bezieht sich auf die Fähigkeit zur Entwicklung und Umsetzung einer Strategie. Hierzu gehört zunächst, sich der momentanen Position des Standorts und der Dynamik der entsprechenden Produktionskette bewusst zu sein, etwa in Form einer SWOT-Analyse. Nur so lassen sich realistische Zielsetzungen und Erwartungen formulieren. In manchen Clustern ist es ein ambitioniertes Ziel, den Beschäftigungsstand zu halten, in anderen Clustern wäre es angemessen, einen überdurchschnittlichen Anteil an der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in der Region zu realisieren. Dabei sollte auch deutlich sein, wie die Ziele erreicht werden: Über eine Expansion der bestehenden Unternehmen, über Neu- und Ausgründungen oder über Ansiedlungen. Ohne Zweifel lassen sich viele Clusteraktivitäten (etwa im Bereich der Infrastruktur) nicht eindeutig in ihren Wirkungen beurteilen, aber ein Abgleich der Clusterentwicklung mit vergleichbaren Entwicklungen sollte immer erfolgen und hierfür sind klare Zielvorstellungen notwendige Voraussetzungen. Auf die Bedeutung eines professionellen Clustermanagements wurde bereits hingewiesen. Clustermanagement lässt sich nicht „nebenbei“ erledigen. Erfolgreiche Clusterprojekte verfügen in der Regel über mehrere hauptamtlich Beschäftigte in einer speziellen institutionellen Struktur. Damit sind auch klare Verantwortlichkeiten und Anreizstrukturen gegeben. Dies heißt, dass Clustermanagement langfristig umfangreiche Ressourcen bündelt. Umso wichtiger sind Instrumente des Controlling und des Monitoring, die zwar den langfristigen Zielsetzungen des Clustermanagements gerecht werden, gleichzeitig aber immer die Frage beantworten, ob es Sinn macht, Ressourcen weiterhin hierfür einzusetzen. Derartige Instrumente des Controlling und des Monitoring sind in Deutschland noch sehr unüblich, in vielen Clusterprojekten in anderen Ländern sind sie mittlerweile Standard. Dabei dürfte es unumgänglich sein, dass derartige Instrumente 172

sowohl auf der Ebene des Clustermanagements insgesamt als auch auf der Ebene der einzelnen im Rahmen des Clustermanagements durchgeführten Projekte anzusiedeln sind. Im Folgenden werden nur vier grundlegende Instrumente auf der Ebene des Clustermanagements insgesamt skizziert. Erstens: Ein kontinuierlicher Abgleich mit überregionalen Daten (Monitoring) kann Hinweise auf die Veränderungen in der Wettbewerbsfähigkeit des Clusters geben. Je nach Zielsetzung kann der Bezugsraum das Bundesland, der Bund oder Europa sein. Dabei sollten verschiedene Indikatoren wie Beschäftigung, Umsatz, Gründungsdaten, aber auch etwa Ausbildungsquoten einbezogen werden. Zweitens: Ein Vergleich mit anderen Regionen erscheint angebracht. Bei derartigen Benchmarks sind nicht nur quantitative Daten, sondern auch qualitative Fragen einzubeziehen (Hinwiese hierfür bei MEYER-STAMER 2001). Drittens: Es sollten Zielsetzungen für die Entwicklung der organisatorischen Entwicklung festgelegt und kontinuierlich überprüft werden. Nachvollziehbare bzw. überprüfbare Zielsetzungen können sich auf die beteiligten Unternehmen (Mitgliedschaft, Anteil an der Finanzierung) beziehen, sie können die Organisationsentwicklung selbst betreffen (Internetauftritt, Wissensmanagement, Aufbau von Datenbanken usw.), sie können auch etwa Lobbyaktivitäten zum Gegenstand haben. Viertens: Gerade angesichts der Langfristigkeit einer Clusterentwicklung dürfte es sinnvoll sein, regelmäßig (etwa jährlich) reflexive Phasen fest zu verankern. Ein Instrument bildet etwa die Nutzwertanalyse, in deren Rahmen die für das Clustermanagement wichtigen Akteure (dies sollten auch ausgewählte Unternehmen sein) eine Bestandsaufnahme der Zielerreichung, Gründe für mögliche Zielabweichungen und eine gegebenenfalls notwendige Modifikation der Ziele vereinbaren. Dies schließt auch die Frage an, wann ein Clusterprojekt noch aussichtsreich ist und wann es abgebrochen werden sollte. Die genannten Anforderungen erscheinen möglicherweise übertrieben, weil gerade in Deutschland noch selten üblich. Gerade weil Clustermanagement aber langfristig angelegt sein muss und gerade deshalb immer die Frage der Sinnhaftigkeit

173

der eingesetzten Ressourcen beantwortet werden muss, kann ein konsequentes Monitoring und Controlling auch einen verpflichtenden Rahmen setzen.

174

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Übersichtsverzeichnis Übersicht 1:

Regionale Clusterentwicklung ...................................................146

Übersicht 2:

Einflussfaktoren für Clusterbildung und -politik..........................153

Übersicht 3:

Varianten von Clusterpolitik im europäischen Vergleich............159

Übersicht 4:

Strategien – von individuellen Aktivitäten zu dauerhaften Strukturen..................................................................................166

Übersicht 5:

Strukturpolitische Ansätze im Vergleich ....................................168

177

Matthias Gutgesell, Jörg Maier

Industrielle Cluster in ländlichen Räumen? Analyse und Bewertung von Clusterstrukturen unter Einbeziehung der Idee des Clustermanagements

Inhalt 1

Problemstellung.................................................................................... 138

1.1

Die aktual-politische Diskussion ........................................................... 138

1.2

Der wissenschaftliche Hintergrund ....................................................... 141

1.3

Porter: Ansatz, Kriterien und Kritik ....................................................... 142

1.4

Fragen an die Empirie .......................................................................... 145

2

Cluster-Konzepte in ländlichen Räumen .............................................. 146

2.1

Das „Kunststoff-Cluster Oberösterreich“ als Beispiel für ein erfolgreiches Clustermanagement ....................................................... 146

2.2

Bestehende und potenziell entstehende Cluster in Oberfranken.......... 148

2.2.1

Das Wissens- und Tätigkeitsfeld „Textil“ .............................................. 149

2.2.2

Das Wissens- und Tätigkeitsfeld „Automobilzulieferindustrie“ .............. 151

2.2.3

Das Wissens- und Tätigkeitsfeld „Informationstechnologie“ ................. 153

2.2.4

Das Wissens- und Tätigkeitsfeld „Kunststoff“ ....................................... 153

2.3

Ansatzpunkte eines Clustermanagements in Oberfranken................... 155

3

Kurzes Fazit ......................................................................................... 158

Literaturverzeichnis ............................................................................................ 160 Abbildungsverzeichnis........................................................................................ 161 Kartenverzeichnis ............................................................................................... 161 178

1

Problemstellung

1.1

Die aktual-politische Diskussion

Angesichts der anhaltenden dynamischen Globalisierung und Internationalisierung mit ihren Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft müssen sich wirtschaftliche Akteure sowie Städte und Regionen neuen Rahmenbedingungen anpassen. Zeitgleich findet jedoch auch eine zunehmende Regionalisierung statt, die verstärkt zu einem „Wettbewerb der Regionen“ (vgl. GOPPEL 2005, S. 7) führt und eine Veränderung der räumlichen Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft nach sich zieht. Immer häufiger treten nicht mehr ganze Länder, sondern einzelne Teilregionen miteinander in einen Standortwettbewerb. Auch die Unternehmen müssen sich zunehmend an einem für sie bestgeeigneten Standort platzieren. Dieser muss es ihnen ermöglichen, aufgrund veränderter Rahmenbedingungen oder der Auswirkungen des Strukturwandels wettbewerbs- und konkurrenzfähig zu sein und dies künftig auch zu bleiben. Im Zusammenhang mit Globalisierung und Internationalisierung wird zunehmend deutlich, dass trotz des Leitziels der wertgleichen Lebens- und Arbeitsbedingungen regionale Disparitäten bestehen und ein anhaltender Trend zu einer weiteren Konzentration auf große Agglomerationen und Entwicklungsachsen zu erkennen ist. Auch im Bereich der Raumordnungs- und Strukturpolitik zeigte sich in den vergangenen Jahren – wenn auch heftig diskutiert – bereits eine Akzentverschiebung weg von ausgleichspolitischen Zielsetzungen hin zu einer stärkeren Wachstumsorientierung. Aktuell finden sich hierfür eine Reihe von Konzepten auf Bundes- und Landesebene, wie etwa der neue raumordnungspolitische Orientierungsrahmen, der verstärkt auf Metropolregionen und auf den Beitrag der einzelnen Regionen zum gesamtwirtschaftlichen Wachstum setzt, die in den neuen Bundesländern weit verbreitete Förderung von Wachstumskernen oder die Festlegung auf Branchenschwerpunkte z. B. im Bundesland Brandenburg, die mit regionalen Förderschwerpunkten verbunden ist (vgl. REHFELD 2005a, S. 2). Immer häufiger werden dabei – nach der ausführlichen und wissenschaftlich sehr solide geführten Diskussion um die „industrial districts“, ausgehend von Marshall 179

(vgl.

ASHEIM 2000, S. 253 ff.) bis zu Markusen (vgl. MARKUSEN 1994, S.

293 ff.) (in Oberfranken u. a. durch

Pruschwitz (vgl. PRUSCHWITZ 1995)

anhand der Textilregion Helmbrechts-Münchberg untersucht) – in den letzten Jahren Cluster als Motor der Entwicklung von Regionen und der Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen propagiert. Häufig ist hierbei eine Orientierung am Diamant-Modell von Porter (vgl. PORTER 1999) zu erkennen. Dies gilt mittlerweile für ländliche Räume in gleichem Maße wie für Agglomerationen oder Entwicklungsachsen. Die Entwicklung, Bildung und Förderung von Clustern hat auf verschiedenen politischen Ebenen national und international an Bedeutung gewonnen, mehr oder weniger klar und systematisch geführt. Auch im Freistaat Bayern existiert eine aktuelle wirtschaftspolitische Diskussion, in der der Clusteransatz im Mittelpunkt der Betrachtungen steht. Die Medizintechnik in Erlangen-Nürnberg, die Materialtechnik in Garching oder die Biotechnologie im Raum Martinsried und Penzberg sind laut Bayerischer Staatsregierung heute schon erfolgreiche Beispiele für eine gelungene Unterstützung der Clusterbildung in Bayern (vgl.

BAYERISCHE STAATSKANZLEI 2004, S. 3). Dabei geht

es nach der Ansicht der Bayerischen Staatsregierung nicht um einen grundlegenden Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik, sondern lediglich um die Ergänzung und Fortentwicklung der bewährten wirtschaftspolitischen Instrumentarien (vgl.

BAYERISCHE STAATSKANZLEI 2004, S. 3 ff.). Diese Betonung der lediglichen Ergänzung und Fortentwicklung der bewährten Instrumente ist wohl auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass eine clusterorientierte Wirtschaftspolitik (im Sinne wissenschaftlicher Überlegungen zum Clusteransatz) durchaus eine Kontroverse zum Grundsatz einer ausgleichsorientierten regionalen Strukturpolitik – also zum Ausgleich regionaler Disparitäten – darstellt (vgl. hierzu auch

REH-

FELD 2005a, S. 24). Mit der „Offensive Zukunft Bayern“ und der „High-Tech-Offensive Bayern“ wurden Projekte ins Leben gerufen, die durchaus die Grundlagen für eine Clusterpolitik darstellen (vgl. BAYERISCHE STAATSKANZLEI 2004, S. 4). Auf diesen soll die clusterorientierte Wirtschaftspolitik bzw. die „Cluster-Offensive Bayern“ aufbauen.

180

Von der Bayerischen Regierung wurden dabei drei Arten von Clustern in insgesamt 19 Branchen und Technologiefeldern ermittelt: Produktionsorientierte Cluster (Automotive, Bahntechnik, Chemie, Energietechnik, Ernährung, Finanzdienstleistungen, Forst und Holz, Logistik, Medien, Sensorik und Leistungselektronik), HighTech-Cluster (Biotechnologie, Informations- und Kommunikationstechnik, Luftund Raumfahrt, Medizintechnik, Satellitennavigation, Umwelttechnologie) und Querschnittstechnologien in den Bereichen Nanotechnologie, Neue Werkstoffe, Mechatronik.

71

Der Startschuss für die „Cluster-Offensive Bayern“ ist mit der Auf-

taktveranstaltung am 2. Februar 2006 gefallen. Die daran anschließende Umsetzung des Clusterkonzeptes ist für einen Zeithorizont von zunächst fünf Jahren geplant.

72

Da die bayerische Clusterpolitik auf landesweite Cluster ausgerichtet ist und derzeit aufgrund des jungen Konzeptes der Staatesregierung keine Evaluierung vorgenommen werden kann, bleibt es fraglich, inwieweit diese Politik eine Umsetzung auf der Ebene von Regionen erfährt oder lediglich eine übergeordnete Koordinierung durch das Staatsministerium durchgeführt wird. Für die Laufzeit wurde ein Budget von 50 Mio. Euro veranschlagt.

73

Eine Schaffung neuer Förderstrukturen

ist in diesem Zusammenhang nicht geplant. Die „Cluster-Offensive Bayern“ der Bayerischen Staatsregierung ist daher vornehmlich als Versuch zu verstehen, eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit „anzuschieben“. Die Politik setzt auf eine aktive Mitarbeit von wirtschaftlichen Akteuren, wobei diese in Zukunft auch einen Teil von entstehenden Projektkosten mittragen sollen.

74

Inwieweit diese

Vorstellungen auch regionalpolitische Ziele verfolgen, soll derzeit noch diskutiert werden. Zwar wurde betont, dass diese Strategie gleichermaßen auf Verdich-

71

Vgl. Rede des ehem. Bayerischen Staatsministers für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie Dr. Wiesheu anlässlich der METREX-Frühjahrstagung am 16.05.2005 in Nürnberg.

72

Vgl. ebd.

73

Rede des Bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Edmund Stoiber anlässlich der Auftaktveranstaltung zur „Cluster-Offensive Bayern“ am 02.02.2006 in München.

74

Rede des Bayerischen Staatsministers für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie Dr. Erwin Huber anlässlich der Auftaktveranstaltung zur „Cluster-Offensive Bayern“ am 02.02.2006 in München. 181

tungsräume und ländliche Räume übertragbar ist, eine zielgerichtete Vorgehensweise ist bisher jedoch für ländliche Räume erst in Vorbereitung.

1.2

Der wissenschaftliche Hintergrund

Um im „Wettbewerb der Regionen“ zu bestehen und zukunftsfähig zu sein, werden für Regionen wie auch für Unternehmen Faktoren mit Relevanz zu Innovationsfähigkeit und -schnelligkeit sowie zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit immer wichtiger. Besondere Bedeutung erfahren in diesem Zusammenhang räumliche Nähe von ähnlichen wirtschaftlichen Akteuren und Verflechtungen zwischen diesen Akteuren. Obwohl also der Wettbewerb und die ökonomischen Aktivitäten immer globaler werden, sind die entscheidenden Wettbewerbsvorteile oft standortbezogen und in der Region zu suchen. Spätestens seit Mitte der 1990er Jahre wurden Cluster auch zum Modebegriff in der Praxis und fanden vermehrt Anwendung in der regionalen Wirtschaftsförderung und in regionalpolitischen Überlegungen. Mittlerweile ist in Deutschland eine Vielzahl von Clusterstrategien vorzufinden, was von einer sehr raschen Übernahme theoretischer Ausführungen in die Praxis zeugt. Dies bestätigt auch Sternberg (vgl. STERNBERG et al. 2004, S. 164): „Cluster sind [zugleich] eines der wenigen Beispiele der jüngeren Vergangenheit dafür, dass neue Erkenntnisse der angewandten Forschung [in den genannten Disziplinen] sehr rasch Eingang in die wirtschaftspolitische Praxis gefunden haben.“ Allerdings ist damit auch die Kritik von Ann Markusen (vgl. S. 869 ff. sowie

MARKUSEN 1999,

REHFELD 2005b, S. 24 ff.) zu sehen, die aufgrund der ersten

Euphorie dieser Ansätze mit der Gefahr einer „fuzzy logic“-Konzeption verbunden sieht. Aufgrund der Vielzahl clusterorientierter Ansätze in Praxis und Wissenschaft ist nämlich weder ein einheitliches theoretisches Konzept noch eine einheitliche Vorgehensweise bei der Identifizierung von Clustern sowie bei der Umsetzung des „Konzeptes“ als Strategie für die Wirtschaftsförderung zu erkennen. Versucht man trotzdem eine definitorische Abgrenzung zu finden, so könnte man unter einem Cluster eine Organisationsform von Unternehmen verstehen, die eine höhere Produktivität und mehr Innovationen erzeugt als räumlich weiter aufgefä182

cherte Strukturen. Die Merkmale eines Clusters wären dann zum einen die räumliche Konzentration (räumliche Dimension), zum anderen die Verflechtungen der verschiedenen Akteure innerhalb eines Clusters (funktionale Dimension). Als Clusterakteure fungieren Unternehmen und Institutionen wie beispielsweise Hersteller, Zulieferer, Dienstleistungsanbieter, Universitäten und andere Ausbildungsstätten aber auch kommunale und regionale Institutionen. Die Innovationen, die durch Clusterstrukturen erzeugt werden, sind dabei nicht nur auf Hochtechnologiebereiche zu beschränken. In gleicher Art und Weise können Aktivitäten im LowTech-Bereich als innovativ betrachtet werden, wenn die Nutzung von Wissen und Lernprozessen zu neuen und besseren Produkten, Dienstleistungen, Produktionsprozessen, Organisationsformen oder Innovationen in Design, Marketing und Logistik führt. Für die Wirkungsweise und Intensivierung der funktionalen Dimension gilt es, informelle Beziehungen und soziale Prozesse zu berücksichtigen, da diese häufig eine bedeutende Wirkung auf das „Milieu“ innerhalb eines Clusters haben.

1.3

Porter: Ansatz, Kriterien und Kritik

Da es kein allgemeines und umfassendes Clusterkonzept gibt, können auch keine allgemein gültigen Einflussfaktoren für das Wachstum und die Entstehung von Clustern definiert werden. In der Literatur lassen sich jedoch einige Rahmenbedingungen finden, die die Entstehung und das Wachstum von Clustern beeinflussen können. Näher beschrieben wird hier der Portersche Diamant, der auch in der Praxis häufig Anwendung erfährt. Dazu werden Ausführungen aus Porters Buch „The Competitive Advantage of Nations“ erläutert, welche u. a. Impulse für eine geographische Diskussion einer clusterorientierten Regionalpolitik lieferten (vgl.

BRUCH-KRUMBEIN /

HOCHMUTH 2000, S. 24). Er hat dabei den Gedanken der Industrial-DistrictForschung wieder aufgegriffen und sieht Cluster als eine moderne Ausprägung eines uralten Phänomens. Neu sind seiner Meinung nach die Gründe für ihre Entstehung, ihr Charakter und die Art und Weise, wie diese in internationalen Wirtschaftssystemen verwurzelt sind (vgl. PORTER 2002, S. 21).

183

Abb. 11: Der Portersche Diamant

Unternehmensstrategie und -struktur, Inlandswettbewerb

Faktorbedingungen

Nachfragebedingungen

Verwandte und unterstützende Branchen

Quelle: eigene Bearbeitung, Bayreuth 2005, nach: PORTER (1999), S. 95

Wettbewerbsvorteile entstehen dabei durch das wechselseitige Zusammenwirken von vier Faktorbündeln (vgl. Abb. 1). Die Faktorbündel werden in Form eines „Diamanten“ miteinander verbunden dargestellt. Der „Diamant“ steht also dafür, die Bestimmungsfaktoren als ein System zu bezeichnen. Zu den Erklärungsfaktoren des

Porterschen „Diamanten“ gehören die Faktorbedingungen, die Nachfra-

gebedingungen, verwandte und unterstützende Branchen sowie Unternehmensstrategie, -struktur und Inlandswettbewerb. Diese Faktorbündel können den Ausgangspunkt für industrielle Clusterprozesse bilden und das Wachstum eines Clusters beeinflussen (vgl.

BATHELT / GLÜCKLER 2003, S. 148 f.). Porter

bringt diese Wettbewerbsvorteile in einen territorialen, räumlichen Zusammenhang und erklärt diese aus dem komplexen Zusammenwirken unterschiedlicher Faktor184

bündel. Dadurch erlaubt das Konzept eine dynamische Sicht auf die Entstehung von Wettbewerbsvorteilen. Nach

Bathelt und Glückler hebt Porter in seinem

Clusterkonzept hervor, „dass ein Teil der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen außerhalb ihres eigenen individuellen Einflussbereiches liegt. Industrielle Clusterprozesse beeinflussen die Wettbewerbssituation auf drei Arten: Sie führen zu einer Erhöhung der Produktivität, bestimmen die Richtung, erhöhen das Tempo von Innovationen und bilden Anreize für die Gründung neuer Unternehmen.“ (vgl.

BATHELT / GLÜCKLER 2003, S. 150). Dabei bleibt die Analyse eher deskriptiv und konzentriert sich auf erkennbare Strukturfaktoren. Auffällig ist auch die Vermischung unterschiedlicher räumlicher und nichträumlicher Perspektiven, die dazu führt, dass keine einheitliche nationalstaatliche Ebene definiert wird. Porter reagierte auf die von verschiedenen Seiten hervorgebrachten Kritikpunkte und öffnete sein Konzept der regionalen Ebene (vgl.

PORTER 2000, S. 253).

Schwierig nachzuvollziehen ist jedoch, warum dieselbe Kombination von Faktorbündeln in einem Fall einen nationalen und in einem anderen einen regionalen/lokalen Produktionscluster begründet. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Unterbelichtung institutioneller Aspekte. Aufgrund der steigenden Verwendung clusterorientierter Ansätze in wirtschaftpolitischen Überlegungen werden instutionelle Aspekte in Zukunft eine größere Rolle spielen. So müssen Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen, Technologie- und Gründerzentren oder bestehende Regionalmanagement-Initiativen eine steigende Berücksichtigung erfahren. Dies zeigt sich auch im Hinblick auf die Organisation eines Clustermanagements. Die Rolle des Staates wird zwar von Porter im Anschluss an die Beschreibung der vier Faktorbündel dargestellt, jedoch sind Institutionen und ihr Zusammenwirken mit dem Unternehmenssektor nicht ausreichend konzeptionalisiert. Bathelt und Glückler gehen sogar so weit, dass sie die Entstehung von Wettbewerbsvorteilen davon ableiten, wie Bedingungen und Strukturen auf staatlicher Ebene definiert und geregelt sind

GLÜCKLER 2003, S. 151).

185

(vgl. BATHELT /

Neben ökonomischen Erklärungsansätzen zur Entwicklung von Clustern gilt es auch die soziokulturelle Dimension zu berücksichtigen, insbesondere bei einer Anwendung des Konzeptes in ländlichen Räumen. Eine reine Betrachtung des Konzeptes von Porter reicht deshalb nicht aus und muss durch die Faktoren der räumlichen Bindung (nichtmarktliche Beziehungen, Vertrauen, kulturelle Strukturen oder „tacit knowledge“) erweitert werden. Diese „institutionelle Dichte“

75

beein-

flusst die Unternehmen in ihrer Kommunikations- und Innovationsfähigkeit und dadurch auch deren Wettbewerbsfähigkeit.

1.4

Fragen an die Empirie

Was nun die Übertragung auf konkrete regionale Situationen angeht, so führen etwa Krätke und Scheuplein an, dass neuere Studien, die sich auf den ClusterBegriff berufen und sich an einer Identifizierung solcher Strukturen versuchen, häufig die amtliche Klassifikation der Wirtschaftszweige für die Untersuchungen heranziehen (vgl.

KRÄTKE / SCHEUPLEIN 2001a, S. 38 ff.). Auf Grundlage

der Wirtschaftszweigsystematik ist es möglich, durch statistische Daten Konzentrationsmaße herauszuarbeiten, die den Besatz von Merkmalen in einer Raumkategorie darstellen. Sie können erste Hinweise für potenzielle Clusterformationen im jeweiligen Untersuchungsraum sein. Die Identifizierung von Clusterstrukturen anhand von Konzentrationsmaßen ist jedoch kritisch zu hinterfragen. Eine Vielzahl von Autoren hält die Wirtschaftszweigsystematik für wenig geeignet um Clusterstrukturen zu identifizieren, da die funktionale Dimension eines Clusters nicht analysiert wird. So werden mögliche identifizierte Cluster größtenteils auf Branchen begrenzt und es besteht die Gefahr, dass wichtige Akteure oder intersektorelle Beziehungen vernachlässigt werden (vgl.

SCHRICKE 2003, S. 10). Cluster, deren thematische Schwerpunkte

auf verschiedene Wirtschaftsbereiche verteilt sind, können somit nicht erkannt werden. 75

Schamp bezeichnet die institutionelle Dichte als „distanzabhängige, die sozialen Interaktionen lenkende Dimension, die erheblichen Einfluss auf die Lernfähigkeit von Unternehmen hat, mithin auf deren Innovationsfähigkeit und letztlich Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten,“ vgl. SCHAMP 2000, S. 134, sowie auch MAIER, J. / SCHLÄGER-ZIRLIK, P. (2005). 186

Deshalb schlagen Bergmann / Feser die Befragung von Experten, sowohl als ergänzende, als auch als eigenständige Methode vor, inzwischen eine der am weitesten verbreiteten Methoden bei der Identifizierung von Clusterstrukturen (vgl.

SCHRICKE 2003, S. 38). Eine gezielte Auswahl von Experten ermöglicht eine ganzheitliche Analyse von Clusterstrukturen und stellt – im Gegensatz zu einigen anderen Methoden der Identifizierung – auch eine finanziell leistbare Erhebung in Aussicht. Eine detaillierte Analyse von Clusterstrukturen, die einer clusterorientierten Entwicklung vorangestellt werden muss, ermöglicht auch eine Erfolg versprechende Übertragung des Clusteransatzes in wirtschaftspolitische Strategien. Durch eine mangelhafte Identifizierung von Clusterstrukturen vor Ort besteht andererseits die Gefahr, politische Wunschcluster zu fördern. Ebenso ist die Möglichkeit gegeben, dass Regionen aufgrund einer zu einseitigen Entwicklung längerfristig nicht konkurrenz- und wettbewerbsfähig sind.

2

Clusterkonzepte in ländlichen Räumen

2.1

Das „Kunststoff-Cluster Oberösterreich“ als Beispiel für ein erfolgreiches Clustermanagement

Beginnt man im Sinne des Benchmarking mit der Suche nach einem erfolgreichen Clusterkonzept, so bietet sich hierfür das „Kunststoff-Cluster in Oberösterreich“ an. Seit 1998 wird dort auf der Basis des „Strategischen Programms OÖ 2000+“ eine clusterorientierte Wirtschafts- und Technologiepolitik betrieben. Ihr Ziel ist die Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität des Standortes nachhaltig zu stärken. Insgesamt acht verschiedene Clusterinitiativen haben das Ziel, die Innovationsfähigkeit der Unternehmen insbesondere durch kooperative Zusammenarbeit im Netzwerk zu fördern. Das Clustermanagement des Kunststoff-Clusters (KC) wurde im April 1999 eingerichtet. Die Trägerorganisation aller acht Initiativen ist die Technologie- und Marketinggesellschaft mbH Oberösterreich (TMG). Gesellschafter der TMG sind das Land Oberösterreich, die Wirtschaftskammer Oberösterreich, die Kammer für 187

Arbeiter und Angestellte für Oberösterreich, die Vereinigung der österreichischen Industrie/Landesgruppe Oberösterreich, die Stadt Linz, die Stadt Steyr, die Wirtschaftsberatungs- und Ansiedlungsgesellschaft mbH in Wels und die EHG Ennshafen GmbH (vgl. HOLZBERGER

/ SCHNEIDER 2003, S. 8) .

Das „Kunststoff-Cluster Oberösterreich“ ist derzeit das größte branchenübergreifende Kunststoffnetzwerk in Europa (vgl.

TMG 2005, S. 6). Durch 366 Partner-

unternehmen mit über 46.000 Beschäftigten und einem Umsatz von 9,4 Mio. Euro hat sich das Netzwerk in jüngster Zeit über die Grenzen Oberösterreichs hinaus ausgedehnt. Anfang 2005 wurden die Clusteraktivitäten mit der Eröffnung eines Servicebüros in Wien auf Niederösterreich ausgedehnt. Mittlerweile werden auch 29 deutsche und ein schweizer Unternehmen als Mitglieder aufgeführt. Der Großteil der Clusterakteure stammt jedoch aus Oberösterreich (vgl.

TMG 2005, S. 6).

Die große Anzahl an Mitgliedsunternehmen verschiedener Branchensegmente ermöglicht das Vorhandensein einer kritischen Masse im Wissens- und Tätigkeitsfeld Kunststoff. Durch das Vorhandensein einer ebenso hohen Zahl an Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen besteht ein großes Potenzial zur Generierung von kooperativen Innovationsprojekten zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Seit dem Jahr 2002 tragen die Unternehmen zur Finanzierung des Clustermanagements durch die Zahlung von Mitgliedsbeiträgen bei. Die Beiträge richten sich nach Größe und Umsatz der Unternehmen und sind in drei Stufen unterteilt. Kleinstunternehmen (Unternehmen mit 1 bis 9 Mitarbeitern, max. 7 Mio. Euro Jahresumsatz sowie max. 25 Prozent im Besitz eines Großunternehmens) leisten einen Mitgliedsbeitrag von 258 Euro im Jahr, KMU (Unternehmen bis 250 Mitarbeitern, max. 50 Mio. Euro Jahresumsatz oder 43 Mio. Euro Jahresbilanzsumme) zahlen 515 Euro jährlich und große Unternehmen (über 250 Mitarbeiter) entrichten 1.032 Euro im Jahr. Neben den Mitgliedsbeiträgen finanziert sich das Clustermanagement auch über Einnahmen von Veranstaltungen, Sponsorengelder und aus dem Verkauf von Dienstleistungen. (vgl.

TMG 2005,

S. 21 f.) Die Förderung und Betreuung von Kooperationsprojekten ist eines der Haupthandlungsfelder mit dem Ziel, die Innovationsfähigkeit der Unternehmen zu erhö188

hen und eine nachhaltige Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und Profitabilität der Clusterpartner zu erreichen. Bereits abgeschlossene Kooperationsprojekte sind Beleg für die Funktionsfähigkeit des Clustermanagements des „KunststoffClusters Oberösterreich“ (Beispiele hierfür sind die Technologie- und Produktentwicklung von Karosserieaußenteilen aus Kunststoff oder Forschungen und Bemühungen zur Verhinderung des Legionellenwachstums in Trinkwasserleitungen) (vgl.

TMG 2005, S. 6). Die Entwicklung der Mitglieder der Clusterinitiative

„Kunststoff-Cluster Oberösterreich“ zeigt ein rasches Wachstum der Mitgliederzahl, was u. a. durch die steigende Attraktivität und die erfolgreiche Tätigkeit des Clustermanagements zu begründen ist. Der kurzzeitige Knick ist durch die Einführung eines „promotion fee“ zustande gekommen. Das erneute Wachstum nach der Einführung der finanziellen Beteiligung (2002) der Unternehmen am Clustermanagement bestätigt die Bereitschaft der Unternehmen, das Clustermanagement auch finanziell mitzutragen. Im Zeitraum 1998 bis 2001 ist ein kontinuierlicher Anstieg von wichtigen ökonomischen Kennzahlen zu verzeichnen. So stieg die Mitarbeiterzahl der im Cluster vertretenen Unternehmen um 3 Prozent, die Umsatzzahlen um 6 Prozent, die Produktivität (Umsatz pro Mitarbeiter) um 3 Prozent, die Exportquote um 0,5 Prozent und die Forschungs- und Entwicklungsquote um 2 Prozent (vgl.

HOLZBERGER / SCHNEIDER 2003, S. 47). In der Startphase wurde

die Initiative des Clustermanagements vom Land Oberösterreich durch eine 100prozentige Anschubfinanzierung unterstützt. Im Jahr 2005 betrug der Selbstfinanzierungsanteil der Clusterinitiative bereits über 60 Prozent (vgl. BLEIER

/ PAM-

MINGER 2005, S. 37). Das Beispiel des „Kunststoff-Clusters Oberösterreich“ zeigt jedoch auch, dass für ein erfolgreiches Clustermanagement ein hoher finanzieller Aufwand betrieben werden muss, der durch die beiden Länder Oberösterreich und Niederösterreich in großzügiger Art und Weise unterstützt wird. Weiterhin wird ersichtlich, dass der Managementaufwand der Clusterinitiative nicht von einer Institution erledigt werden kann, der diese Aufgabe zusätzlich zu verschiedenen anderen Tätigkeiten zugewiesen wird. Dies wird auch von der Bereichsleiterin des oberösterreichischen Clustermanagements

Pöchhacker bestätigt (vgl. MITTELBAYERI189

SCHE ZEITUNG, 13.04.2005): „Man macht das [Clustermanagement] entweder gescheit oder gar nicht. Es geht jedenfalls nicht mit einer Halbtagskraft.“

2.2

Bestehende und potenziell entstehende Cluster in Oberfranken

Überträgt man diese Fragestellungen auf die ländlichen Räume in Bayern, so konnte Gutgesell durch eine qualitative Befragung Ende 2005 und durch ergänzende Analysen der oberfränkischen Wirtschaft sowie der bereits bestehenden Kooperations- und Netzwerkstrukturen im Wirtschaftsraum Oberfranken Clusterstrukturen von unterschiedlicher räumlicher Ausprägung (regionale Cluster, die sich auf den gesamten Wirtschaftsraum beziehen und lokale Cluster, die sich nur über einen Teilraum Oberfrankens erstrecken) und Intensität (bestehende und potenziell entstehende Cluster) in den Wissens- und Tätigkeitsfeldern „Automobilzulieferindustrie“, „Informationstechnologie“, „Textil“ und „Kunststoff“ identifizieren (vgl. Karte 1: Die Karte dient hierbei lediglich als Orientierungshilfe und Übersicht über oberfränkische Wirtschaftsstrukturen) (vgl.

GUTGESELL 2006, S. 82 ff.).

Im Folgenden sollen auswahlweise vier Beispiele vorgestellt werden:

2.2.1 Das Wissens- und Tätigkeitsfeld „Textil“ Das Wissens- und Tätigkeitsfeld „Textil“ wurde anhand der Expertenbefragungen als

bestehender lokaler Cluster identifiziert. Die räumliche Dimension des

Clusters liegt im Landkreis Hof mit einem Schwerpunkt im Raum MünchbergHelmbrechts (vgl.

GUTGESELL 2006, S. 90 ff.). Im Textilcluster sind sowohl

die räumliche als auch die funktionale Clusterdimension ausgeprägt vorhanden. Die vollständige Produktionskette wird durch Forschung und Entwicklung, Beratung und Planung sowie Designkomponenten ergänzt (u. a. durch die Universität Bayreuth und durch die IHK Oberfranken Bayreuth). Für die zukünftige Entwicklung des Clusters gilt es jedoch, den Bereich der gemeinsamen Forschung und Entwicklung noch stärker in Vorhaben und Planungen der Unternehmen zu integrieren. Die vorhandenen Clusterstrukturen im Wissens- und Tätigkeitsfeld „Textil“ können zur Standortsicherung eines traditionellen Industriebereiches in Oberfranken beitragen, aber auch Wettbewerbs- und Konkurrenzfähigkeit der Unterneh190

men im Sinne einer zukunftsfähigen und innovativen Industrie weiter erhöhen. Die zukünftige Entwicklung hängt von durch den Strukturwandel bedingten Entwicklungen (auch im Hinblick auf die zukünftige Stellung des Bereiches der technischen Textilien im Untersuchungsraum) sowie von der Unterstützung und Koordinierung der bestehenden Clusterstrukturen ab.

191

Karte 5: Branchen und Anzahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe in Oberfranken

150 Quelle: Tiedemann, M., eigene Bearbeitung, Bayreuth 2005, unveröffentlicht

Einen Ansatzpunkt, um bestehende Clusterstrukturen zu intensivieren, stellt der auf dem Industrial-district-Ansatz aufbauende Zusammenschluss von Unternehmen (10 Unternehmen mit einem Schwerpunkt in der Herstellung von Damenoberbekleidung) dar. Das Bündnis, das aus zwei eigenständigen Unternehmenszusammenschlüssen (Textilforum Helmbrechts und Initiativkreis Textil Münchberg) im Jahr 2004 neu formiert wurde, wird derzeit von einer wissenschaftlichen Halbtagskraft im Auftrag der Unternehmen betreut und koordiniert.

76

Das Bündnis

besteht jedoch bisher lediglich aus verschiedenen Unternehmen – mit einem Schwerpunkt im Bereich Damenoberbekleidung –, so dass hier nicht von einem Clustermanagement gesprochen werden kann, sondern diese Zusammenarbeit lediglich Chancen zur Weiterentwicklung bietet.

2.2.2 Das Wissens- und Tätigkeitsfeld „Automobilzulieferindustrie“ Das Wissens- und Tätigkeitsfeld „Automobilzulieferindustrie“ wurde als

poten-

ziell entstehender regionaler Cluster bewertet. Bei vielen Zulieferern existiert ein sehr hoher Wettbewerbsdruck aufgrund der einseitigen Abhängigkeit von der Automobilindustrie sowie der Marktmacht großer Automobilhersteller. Dies führt dazu, dass eine Generierung von Wettbewerbsvorteilen durch Clusterstrukturen bei vielen kleinen und mittleren Unternehmen skeptisch gesehen wird. So dominiert daher der Faktor der Konkurrenz gegenüber Überlegungen zu zwischenbetrieblichen Kooperationsstrukturen. Aufgrund einer positiven Entwicklung von automobilrelevanten und praxisorientierten Forschungs- und Entwicklungssowie Bildungseinrichtungen im Untersuchungsraum sowie verstärkter Bemühungen zur Initiierung von Netzwerkstrukturen seitens der Industrie- und Handelskammer für Oberfranken in Bayreuth (auf der Basis des Portals zur Vernetzung der oberfränkischen Automobilzulieferindustrie „OfraCar“) besteht die Möglichkeit, dass Netzwerkstrukturen sich zukünftig weiter intensivieren bzw. weiter intensiviert werden.

76

Die Informationen basieren auf einem Gespräch mit dem Geschäftsführer des Zusammenschlusses aus dem Initiativkreis Münchberg und dem Textilforum Helmbrechts Herrn Stephan Jarmer am 01.12.2005. 193

Karte 6:

Standorte der Zulieferer in Oberfranken

152

Hinzu kommt eine steigende Bedeutung von gemeinsamen Entwicklungen zwischen Unternehmen verschiedener Branchen (z. B. Maschinenbauunternehmen in Zusammenarbeit mit Unternehmen der Kunststofftechnik zur Entwicklung neuer Formenteile). Dies scheitert in vielen Fällen in Oberfranken häufig nur daran, dass den wirtschaftlichen Akteuren das vorhandene Know-how oder die Kernkompetenzen anderer Unternehmen kaum bekannt sind und daher eine Zusammenarbeit mit räumlich weiter entfernten Partnern angestrebt wird.

77

Im Bereich der Automo-

bilzulieferindustrie ist grundsätzlich ein Potenzial für eine weitere Entwicklung von Clusterstrukturen vorhanden. Aufgrund der wirtschaftlichen Situation und Besonderheit der Branche ist dies jedoch nur in beschränktem Maße gegeben.

2.2.3 Das Wissens- und Tätigkeitsfeld „Informationstechnologie“ Das Wissens- und Tätigkeitsfeld „Informationstechnologie“ wurde in der Untersuchung ebenfalls

als potenziell entstehender regionaler Cluster identifi-

ziert. Gründe hierfür liegen in einer guten Infrastrukturausstattung des Untersuchungsraumes (sowohl im Bereich der Bildungs- als auch der Glasfasernetzinfrastruktur), der Existenz zweier IT-Messen in Coburg und Bamberg sowie des Netzwerkes „[email protected]“ zur Förderung von informellen Kontakten zwischen den wirtschaftlichen Akteuren des Wissens- und Tätigkeitsfeldes. Zusätzlich existieren politische Bemühungen zur Etablierung und Gestaltung eines „IT-Clusters Bamberg“. In diesem Zusammenhang wurde auch eine koordinierende Stelle für Netzwerkaktivitäten geschaffen. Eine zukunftsfähige Entwicklung eines Clusters im Wissens- und Tätigkeitsfeld „Informationstechnologie“ kann nur mit einem möglichen Schwerpunkt in Bamberg, aber einer oberfrankenweiten Ausrichtung des Clusters realisiert werden.

2.2.4 Das Wissens- und Tätigkeitsfeld „Kunststoff“ Das Wissens- und Tätigkeitsfeld „Kunststoff“ wurde als

potenziell entstehen-

der regionaler Cluster identifiziert. Im Untersuchungsraum existiert eine Viel77

Vgl. hierzu auch die Ergebnisse eines studentischen Geländepraktikums am Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie und Regionalplanung an der Universität Bayreuth unter der Leitung von Dipl.-Geogr. M. Breitenfelder im WS 2005/2006. 97

zahl von kunststoffverarbeitenden Industrieunternehmen und kunststoffverwandten Firmen (Werkzeugbau, Rohstoffhersteller etc.). National und internationale Leitunternehmen sowie eine Vielzahl von Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen mit einer Kernkompetenz im Themenbereich Kunststoffe oder Kunststoffverarbeitung belegen die Relevanz des Wissens- und Tätigkeitsfeldes im Untersuchungsraum. Es existieren ausgeprägte Interaktions- bzw. Kooperationsbemühungen zwischen Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette (z. B. in Form einer Zusammenarbeit bei Rohstoffengpässen). Aufgrund der mangelnden Kooperationen zwischen bestehenden Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen und wirtschaftlichen Akteuren und der in manchen Bereichen noch steigerungsbedürftigen Kooperationsverhältnisse zwischen Unternehmen untereinander, wird von einem potenziell entstehenden regionalen Cluster gesprochen. Die prognostizierte dynamische Entwicklung der Kunststoffindustrie (in den nächsten zehn Jahren ist mit einem 60-prozentigen Wachstum im weltweiten Verbrauch von Kunststoffen auszugehen. Der derzeitige Verbrauch von ca. 18.700 kT wird demnach auf ca. 287.000 kT im Jahr 2010 ansteigen) (vgl.

BLEIER / PAMMINGER 2005, S.

35) und die Einrichtung des Kunststoffnetzwerkes Franken e. V. (hier haben sich kunststoffverarbeitende Unternehmen, Werkzeugbauunternehmen für die Kunststoffbranche sowie technologie- und werkstofforientierte Zulieferbetriebe der Kunststoffindustrie zusammengefunden) (vgl.

KUNSTSTOFFNETZWERK

FRANKEN 2005, S. 1 f.) lassen eine zukünftige Intensivierung von Clusterstrukturen vermuten. Im Zusammenhang damit ist auch die Entwicklung von Clusterstrukturen im Bereich der Automobilzulieferindustrie zu beachten. Der Automobilzulieferindustrie kommt im Bereich der kunststoffverarbeitenden Unternehmen häufig eine bedeutende Rolle zu, wodurch eine vollständig isolierte Betrachtung der beiden Wissens- und Tätigkeitsfelder nicht sinnvoll erscheint. Diese Auflistung muss nicht zwingend eine endgültige Darstellung von Clustern im Wirtschaftsraum Oberfranken sein, denkt man nur an das Lebensmittelzentrum Kulmbacher Raum, den Maschinenbau, die Möbelindustrie oder die Spielwarenindustrie im Coburger Raum oder auch an das von Porter erwähnte Porzellancluster im Raum Selb-Tirschenreuth. Weiterhin könnten aktuelle wirtschaftspolitische Überlegungen des Freistaates (Cluster-Offensive Bayern) zu einer verstärk98

ten Berücksichtigung von Clusterstrukturen führen, was mit einer stärkeren lokalen und regionalen Fokussierung auf Cluster einhergeht. Es besteht die Möglichkeit, dass politisch initiierte Clusterstrukturen oder Schwerpunktbranchen in verschiedenen Städten zukünftig häufiger in Wirtschafträumen bzw. in der Ausrichtung der regionalen Wirtschaftsförderung auftreten als dies bisher der Fall ist. Wichtig erscheint jedoch, dass der Großteil der andiskutierten Cluster meist nicht auf einen Landkreis beschränkt ist, ja in einer Reihe von Fällen sogar Regierungsbezirksgrenzen überschreitet und daher wohl die Bezeichnung regionale Cluster gerechtfertigt ist.

2.3

Ansatzpunkte eines Clustermanagements in Oberfranken

Versucht man nun, im Sinne der notwendigen Strategien der Umsetzung Ansatzpunkte eines Clustermanagements im Wirtschaftsraum Oberfranken zu formulieren, so kann dies anhand der beiden Wissens- und Tätigkeitsfelder „Textil“ und „Kunststoff“ geschehen. Hierzu wurden wiederum Experteninterviews mit Vertretern von Wissenschaft, Wirtschaft sowie von lokalen und regionalen Institutionen geführt. Die unterschiedlichen Ausprägungen der funktionalen Dimension der Cluster geben die Potenziale und Möglichkeiten eines Clustermanagements in den beiden ausgewählten Wissens- und Tätigkeitsfeldern wieder. Daraus wird ersichtlich, in welchen Bereichen der funktionalen Dimension bereits funktionierende Clusterstrukturen existieren und in welchen Bereichen solche Strukturen intensiviert oder durch ein Clustermanagement angestoßen werden könnten. In diesem Zusammenhang sollen auch bereits existierende Netzwerkansätze und Unternehmenskooperationen berücksichtigt werden. Aufgrund der räumlichen Nähe und der regionalen bzw. lokalen Konzentration bei den Akteuren ist in beiden Wissens- und Tätigkeitsfeldern ein Bewusstsein vorhanden, durch Clusterstrukturen Wettbewerbsvorteile zu generieren. Weiterhin existieren bereits verschiedene Ansätze und Projekte (initiiert durch Institutionen oder durch privatwirtschaftliche Initiativen) mit der Intention Netzwerk- und Clusterstrukturen aufzubauen und zu nutzen. In verschiedenen Bereichen des Clusters bzw. des potenziell entstehenden Clusters wurde durch die Aussagen der befragten Experten ersichtlich, dass zwar Verflechtungen zwischen den wirtschaft99

lichen Akteuren existieren, diese jedoch weiter intensiviert werden können. In manchen Bereichen funktioniert dies aus reiner Eigeninitiative der Clusterakteure (z. B. im Bereich der Ausbildung), in vielen Bereichen bedarf es eines externen Anstoßes oder einer Koordination durch eine übergeordnete Stelle. Es scheint nicht sinnvoll, im Wirtschaftsraum Oberfranken ein übergeordnetes Koordinierungsinstrument zu schaffen, um alle be- und entstehenden Clusteransätze zu „managen“. Eine derartige Form eines Clustermanagements (ähnlich organisiert wie in Form der Technologie- und Marketinggesellschaft in Oberösterreich) würde einen sehr großen finanziellen Aufwand mit sich bringen. Weiterhin würden durch eine reine Fokussierung auf Clusterstrukturen zahlreiche wichtige und anteilsmäßig bedeutende Wirtschaftsbereiche im Untersuchungsraum nicht oder nur am Rande davon berührt. Eine reine clusterorientierte Wirtschaftsentwicklung ist aufgrund der Heterogenität und Beschaffenheit der Wirtschaftsstruktur Oberfrankens nicht als sinnvoll zu bezeichnen. Ein jeweils auf ein einzelnes Wissens- und Tätigkeitsfeld beschränktes Clustermanagement erscheint deshalb sinnvoll. Durch eine Unterstützung bzw. Verstärkung von Netzwerk- und Clustereffekten könnte somit auch eine Steigerung der Wettbewerbs- und Konkurrenzfähigkeit der wirtschaftlichen Akteure erreicht werden. In den beiden Wissens- und Tätigkeitsfeldern „Textil“ und „Kunststoff“ erscheint eine Koordinierung von Clusterstrukturen durch ein Clustermanagement durchaus gegeben, jedoch existieren in den beiden Wissens- und Tätigkeitsfeldern unterschiedliche Entwicklungsperspektiven. Wirtschaftliche Akteure, deren sämtliche Ressourcen aufgrund der wirtschaftlichen Situation gebunden sind, bringen sich nicht in dem erforderlichen Maße selbständig in einen Cluster ein, da sie finanziell und personell nur wenige Möglichkeiten dazu haben. Im Wissens- und Tätigkeitsfeld „Kunststoff“ ist von einer positiven zukünftigen Entwicklung auszugehen. Beispielhaft ist diesbezüglich die auch künftig anhaltende Substitution von Metall durch Kunststoffe zu nennen. Für die kunststoffverarbeitenden Unternehmen der Automobilzulieferindustrie existiert in diesem Zusammenhang noch ein großes Wachstumspotenzial. Dadurch, dass die Clusterakteure im Wissens- und Tätigkeitsfeld „Kunststoff“ über eine relativ gute wirtschaftliche Stellung verfügen, kann es einfacher sein, die Unternehmen zu einer aktiven Teilnahme (finanziell und/oder personell) an Clus100

teraktivitäten zu bewegen, als dies beispielsweise im Wissens- und Tätigkeitsfeld „Textil“ der Fall sein könnte. Hier sind die Unternehmen durch eine andere wirtschaftliche Gesamtsituation geprägt als im Wissens- und Tätigkeitsfeld „Kunststoff“. Allerdings besteht aufgrund der engen und langen Zusammenarbeit einiger Unternehmen (als Beispiel ist hier der Zusammenschluss in Münchberg und Helmbrechts zu nennen) eine sehr gute Möglichkeit zur Intensivierung der Ansatzpunkte eines Clustermanagements. Größtenteils betrifft eine Koordinierung von Clusteraktivitäten die funktionale Dimension eines Clusters. So muss ein Clustermanagement in den untersuchten Wissens- und Tätigkeitsfeldern versuchen, informelle Beziehungen und „tacit knowledge“ zwischen den wirtschaftlichen Akteuren zu intensivieren. Eine wichtige Rolle spielt auch die Intensivierung des Wissenstransfers zwischen Forschungs-, Entwicklungs- und Ausbildungsstätten und den Unternehmen des Clusters. In fast allen Bereichen wird deutlich, dass eine Kernaufgabe des Clustermanagements auf dem „Sichtbarmachen von Kompetenzen“ aufbauen muss. Somit können Verflechtungen zwischen Unternehmen untereinander aber auch zwischen Unternehmen sowie Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen angestoßen und intensiviert werden. Ein weiterer wichtiger Bestandteil eines Clustermanagements ist eine einheitliche Außendarstellung des Clusters. Neben Effekten zur Steigerung der Bekanntheit von Produkten oder Unternehmen nach außen, kann dadurch auch eine Wirkung nach innen erzielt werden. Durch die Vermarktung von gemeinsamen Entwicklungen kann die Neuerung auf Akzeptanz in vor- oder nachgelagerten Unternehmen stoßen und schneller eingebunden und übertragen werden. Einer besonderen Bedeutung bei allen Ansatzpunkten eines Clustermanagements kommt dem Aufgreifen von bestehenden Netzwerkansätzen oder bereits durchgeführten Projekten zu. Dadurch können Kosten in Zeiten knapper finanzieller Mittel gespart werden sowie Hemmnisse oder Vorteile aus bestehenden Kooperationen oder Projekten angegangen bzw. genutzt werden. Weiterhin stellt das intensive Einbeziehen der wirtschaftlichen Akteure in alle Überlegungen, die ein Clustermanagement betreffen, die Grundlage zur Zielerreichung, nämlich zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen dar.

101

Bezüglich der Finanzierung eines Clustermanagements wurde seitens der Experten die Notwendigkeit angesprochen, das Management sowohl durch öffentliche als auch durch Mittel der beteiligten Akteure zu finanzieren. Die finanzielle Beteiligung der wirtschaftlichen Akteure trägt nach Meinung der Experten in erheblichen Maße dazu bei, ein Clustermanagement zielgerichtet und ergebnisorientiert zu betreiben und nicht an den Bedürfnissen der wirtschaftlichen Akteure vorbei zu planen und zu koordinieren. In fast allen Gesprächen wurde erläutert, dass eine staatliche Unterstützung (z. B. in Form einer Anschubfinanzierung) als wichtig und notwendig erachtet wird, um ein Clustermanagement zu initiieren. Die Ausführungen über die Clusterstrukturen und über die Potenziale und Möglichkeiten eines Clustermanagements in den Wissens- und Tätigkeitsfeldern „Kunststoff“ und „Textil“ zeigen, dass die Cluster sich in unterschiedlichen Phasen des Lebenszyklus befinden. Daraus ergeben sich auch unterschiedliche Aufgaben für ein Clustermanagement. Die gesamtwirtschaftliche Situation und die Entwicklungsaussichten der wirtschaftlichen Akteure erfordern von einem Clustermanagement Beiträge zu einer

Intensivierung der Entwicklungsmöglichkeiten

eines potenziell entstehenden Clusters im Wissens- und Tätigkeitsfeld „Kunststoff“. Die gesamtwirtschaftliche Situation und die Entwicklungsaussichten der wirtschaftlichen Akteure im Wissens- und Tätigkeitsfeld „Textil“ erfordern von einem Clustermanagement eher Beiträge zur

Stabilisierung und Weiterent-

wicklung der vorhandenen Strukturen. 3

Kurzes Fazit

Betrachtet man die Vielzahl wissenschaftlicher Publikationen zum Clusterbegriff oder zu ähnlichen Konzepten, so mag die Anwendung clusterorientierter Konzepte in Überlegungen der Regional- und Strukturpolitik bzw. der Wirtschaftsförderung durchaus gerechtfertigt sein. Bei der Übertragung des Konzeptes in derartige Überlegungen sind jedoch zwei Argumente von Bedeutung, die die Probleme der Umsetzung des Konzeptes belegen. Zum einen ist – wohl auch aufgrund fehlender Genauigkeit und Übereinstimmung von wissenschaftlichen Ausführungen – die Übertragung von wissenschaftlichen Ausführungen zum Clusterbegriff in Stra102

tegien zur Umsetzung häufig mit gravierenden Mängeln verbunden. Markusen spricht in diesem Zusammenhang von „fuzzy concepts“ und versteht darunter Konzepte, die sich aufgrund ihrer Unschärfe bei der Anwendung verflüchtigen (vgl.

REHFELD 2005, S. 24). So werden vielerorts Cluster definiert und ausgerufen, ohne eine vorher notwendige Analyse und Identifizierung von Clusterstrukturen durchgeführt zu haben. Dies darf nicht lediglich anhand von Erfahrungswerten geschehen, sondern erfordert eine genaue Analyse, vor allem der funktionalen Dimension eines Clusters. Erst im Anschluss daran kann ein Clusteransatz erwünschte Wirkungen erbringen, indem an den richtigen Wissens- und Tätigkeitsfeldern angesetzt wird und die Bemühungen eines Clustermanagements an den Punkten ansetzen, die es im Cluster gilt zu entwickeln bzw. zu intensivieren.

103

Literaturverzeichnis Asheim, B. (2000)

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Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Der Portersche Diamant .......................................................................143

Kartenverzeichnis Karte 1: Branchen und Anzahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe in Oberfranken ...........................................................150 Karte 2: Standorte der Zulieferer in Oberfranken ...............................................152

105

Wilhelm Steingrube

Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern – Ein schwieriges Feld für die Clusterpolitik?

Inhalt 1

Einführung............................................................................................... 107

2

Begrifflichkeit........................................................................................... 107

2.1

Der Clusterbegriff .................................................................................... 107

2.2

Tourismus ............................................................................................... 109

3

Eigenheiten der Tourismusbranche ........................................................ 111

4

Clusterformen im Tourismus ................................................................... 113

4.1

Räumliche Cluster (Orts- und Regionalcluster) ....................................... 113

4.2

(Teil-)Produktcluster ................................................................................ 116

4.3

Branchencluster ...................................................................................... 118

4.4

Laterale Cluster....................................................................................... 119

5

Tourismuscluster in MV........................................................................... 121

5.1

Orts- und Regionalcluster in MV ............................................................. 121

5.2

Thematische Cluster in MV ..................................................................... 125

6

Mögliche Strategien................................................................................. 130

7

Fazit ........................................................................................................ 132

Literaturverzeichnis ............................................................................................ 133 Abbildungsverzeichnis........................................................................................ 134

106

1

Einführung

Clusterpolitik liegt im „Trend“ – es ist ein seit etlichen Jahren verwendeter Modebegriff, der zunächst von den vermeintlich innovativen, zukunftsfähigen und technologieaffinen Wirtschaftssektoren aufgegriffen wurde, der mittlerweile aber fast alle Branchen und wissenschaftlichen Disziplinen ereilt. Der Tourismus ist zweifellos nicht jener Wirtschaftszweig, der sich in der Diskussion um Clusterbildung bislang besonders hervorgetan hat. Im Gegenteil: Einer internationalen Studie zufolge, die Clusterinitiativen nach Technologiebereichen ausgewertet hat, landet der Tourismus mit nur 4,2 % der erfassten Initiativen auf dem 22. Rang (ausgezählt nach SÖLVELL / LINDQUIST / KETELS 2003, S. 34). Dieser letzte Rangplatz entspricht weder dem Stellenwert, den der Tourismus international einnimmt, noch seiner typischen Arbeitsweise, denn der Tourismus lebt von Interaktion und Kommunikation. Die Erklärung ist vermutlich einfach darin zu sehen, dass sich der Tourismus bislang als eher technologieferne Branche noch wenig der neuen Clusterterminologie bedient. Um diese Lücke zu füllen, soll und muss hier der allgemeine einführende Teil einen vergleichsweise breiten Raum einnehmen.

2

Begrifflichkeit

Wegen der mittlerweile doch schon großen Beliebigkeit des Kernbegriffes dieses Beitrages „Cluster“ und wegen der vielfach oberflächlichen und teilweise fahrlässigen Verwendung des Terminus „Tourismus“ müssen beide Begriffe hier noch einmal präzisiert werden.

2.1

Der Clusterbegriff

Cluster ist ein einfacher und auch griffiger Ausdruck, der im „normalen“ Fremdwortgebrauch etwas umschreibt, das aus mehreren Teilen besteht und zu einem Ganzen zusammengehört oder -gefügt (gruppiert) werden soll. Auf dieses schlichte begriffliche Verständnis aufbauend ist es nachvollziehbar, dass es Clusteransätze und -konzepte in zahlreichen Disziplinen und Anwendungsbereichen gibt, 107

vom quantitativen Verfahren (Clusteranalyse) über Ansätze in der Forschung, Clustertheorien zu entwickeln, bis hin zur Politik, die hofft, mittels einer Clusterpolitik wirtschaftliche Prozesse positiv beeinflussen zu können. Als zentrale Referenzquellen dienen in aller Regel die Arbeiten von PORTER (1990, 1998, 2003). Die Stärken seines Konzeptes liegen im breiten Erklärungsrahmen für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, Branchen und Regionen. Dabei weist er Bildung und Forschung sowie auch dem regionalen Wettbewerb Schlüsselpositionen zu. Porters Konzept zeichnet sich allerdings auch durch einige Unschärfen und Ungenauigkeiten aus, die es schwierig machen, die Anwendbarkeit empirisch zu überprüfen, und damit u. a. eine Ableitung konkreter politischer Maßnahmen erschweren. Da Porter selbst – in seinem Aufsatzband „On Competition“ (1998) – vier Definitionen für Cluster anbietet, verwundert es nicht, dass die Fülle der Verwendungen diese Begriffes kaum noch überschaubar ist. In der (Regional-)Ökonomie, der Raumordnung sowie auch im politischen Raum versteht man in aller Regel unter einem Cluster geographische Konzentrationen von •

miteinander verbundenen Unternehmen,



spezialisierten Zulieferern,



Dienstleistern,



Unternehmen in verwandten Wirtschaftszweigen und



unterstützenden Organisationen (z. B. Universitäten, Verbände)

in bestimmten Branchen, die im Wettbewerb stehen und gleichzeitig kooperieren (PORTER 1998, S. 197 f., zitiert nach KIESE 2004, S. 4). Der räumliche Kontext, die geographische Komponente wird zwar in aller Regel deutlich herausgehoben, doch in der Vielzahl an Beispielen zeigt sich, dass die räumliche Bezugsebene sehr variabel zu sehen ist, sie reicht von der lokalen Ebene über die nationale teilweise bis hin zur internationalen Ebene. Insofern ist nicht die absolute räumliche Distanz maßgebend, sondern es ist die räumliche 108

Nähe, die „Dichte der beteiligten Akteure“, die sich – je nach Aufgaben- oder Themenstellung – auf unterschiedlichen Ebenen etablieren kann. Damit geht der Clusteransatz über die Netzwerkkonzepte hinaus, die raumbezogene Merkmale weitestgehend ignorieren, und greift auf „traditionelle“ standorttheoretische Argumentationsgedanken über Agglomerationsvorteile zurück: Standortvorteile treten auf, wenn sich mehrere Betriebe derselben Branche (localization economies) oder verschiedener Branchen (urbanization economies) an einem Ort oder in einer Region konzentrieren. Doch im Unterschied zu dieser „alten“ Diskussion ist der Clusteransatz wiederum stärker akteursbezogen ausgelegt. Somit kommt man bei der Analyse der derzeitigen Literaturlage letztendlich zu dem Schluss, dass der Clusteransatz bzw. die Clustertheorie (derzeit noch) als ein eklektisches Konzept zu verstehen ist (KIESE 2004, S. 7). Diese Feststellung mag für die Wissenschaft ein Problem bzw. eine Herausforderung sein, für die Praxis – und auch für den hier vorliegenden Beitrag – erweist es sich weniger als ein Handicap. Im Gegenteil, es eröffnet die Möglichkeit, ohne aufwendige Grundsatzdiskussionen die für die Tourismuspolitik sinnvolle und anwendbare Begrifflichkeit herausarbeiten zu können.

2.2

Tourismus

Die Verwendung des Begriffes Tourismus leidet – wie so viele andere Termini auch – unter der Tatsache, dass es ein Wort aus der Alltagswelt ist. Demzufolge wird es in einer großen Breite und Beliebigkeit verwendet und nahezu jeder maßt sich an, mitreden zu können, denn fast jeder ist zeitweise ein Tourist, da er ja auch mal „Urlaub“ macht und damit auch weiß, worum es beim Tourismus geht. Das gleiche Schicksal haben u. a. auch die Themenbereiche Bildung/Erziehung und Gesundheit. Große Überschneidungsbereiche ergeben sich beim Tourismus mit dem Freizeitsektor, denn der vermeintliche Kernbereich des Tourismus ist der klassische Urlaub und der zählt eindeutig zur individuellen Freizeit.

109



Freizeit findet auch in der Wohnung und im unmittelbaren Wohnumfeld statt – beispielsweise mit den Aktivitäten Lesen, Fernsehen oder Gartenarbeit. Diese Freizeitaktivitäten würde man natürlich nicht unter Tourismus subsumieren.



Andererseits gibt es Tourismusformen, die keinesfalls als Freizeit eingestuft werden sollten, wie beispielsweise die Geschäfts- oder Tagungsreisen.

Somit gibt es zwar unbestritten sehr große Überschneidungsbereiche zwischen beiden Begriffen, aber jeder weist dennoch seine eigene Berechtigung auf. Abb. 12 soll diese begriffliche Überschneidung bzw. Spezifik beider Begriffe verdeutlichen. Abb. 12: Zur Begrifflichkeit von Freizeit und Tourismus

Quelle: eigene Darstellung

Zur Vermeidung unnötiger Diskussionen sollte man Tourismus definitorisch sehr weit fassen. Allgemein anerkannt ist deshalb die Formulierung von KASPAR (1982, S. 18), die auch hier zu Grunde gelegt wird: Tourismus ist „die Gesamtheit der Beziehungen und Erscheinungen, die sich aus der Ortsveränderung und dem Aufenthalt von Personen ergeben, für die der Aufenthaltsort weder hauptsächlich noch dauernder Wohn- und Arbeitsort ist.“ 110

Mit dieser Definition werden etliche Personengruppen vom Tourismus ausgeklammert, die sich – eigentlich meldepflichtig – über einen längeren Zeitraum nicht an ihrem Hauptwohnsitz, sondern an einem anderen Ort aufhalten (Au-Pair-Hilfen, Austauschschüler, Flüchtlinge usw.). Demgegenüber werden aber Personen einbezogen, die nur kurzfristig andere Orte aufsuchen (Messebesucher, -aussteller, Tagungsteilnehmer u. ä. Gruppen) und damit spezifische Tourismusformen bilden, wie beispielsweise den Messe- und Kongresstourismus. Der Ausdruck „Touristik“ wird oftmals synonym zum Begriff „Tourismus“ verwendet. Doch der Touristiksektor umfasst nur die Bereiche der Reiseveranstalter, -mittler und Verkehrsträger, es fehlen insbesondere das gesamte Beherbergungswesen und die Gastronomie. Wegen dieser Einschränkungen sollte der Begriff Touristik möglichst vermieden werden.

3

Eigenheiten der Tourismusbranche

Der Tourismus wird zwar gerne als Branche bezeichnet und seine wirtschaftliche und politische Bedeutung vielfach herausgehoben, doch die Wirtschaftsstatistik behandelt den Tourismus in seiner Gesamtheit nicht als eigenständige Branche. Lediglich Teilbereiche – wie z. B. die Gastronomie und das Beherbergungswesen – werden wirtschaftsstatistisch als Einheit erfasst. Demzufolge können wegen der fehlenden Datengrundlagen etliche hilfreiche und informative quantitative Analysen – wie sie für andere Branchen üblich sind – für den Tourismus insgesamt nicht in der wünschenswerten Qualität und Regelmäßigkeit durchgeführt werden. Die Ursache hierfür liegt in der starken Querschnittsorientierung zu den traditionellen Wirtschaftsbranchen. Um es positiv zu formulieren: Der Tourismus ist der Prototyp eines querschnittsorientiert arbeitenden Wirtschaftszweiges, woraus sich ggf. aber auch Vorteile (s. u.) ziehen lassen. Viele Eigenheiten des Tourismus resultieren auch daraus, dass keine Waren produziert werden, sondern dass es sich um Dienstleistungen handelt. Somit gilt das alle Dienstleistungen kennzeichnende Uno-actu-Prinzip. Das bedeutet, das eigentliche „Produkt“ wird zum Zeitpunkt seiner Erstellung unmittelbar verbraucht und damit können die Leistungen weder gelagert noch transportiert werden. 111

Das eigentliche Produkt im Tourismus ist die Reise, die ihrerseits aus einer Vielzahl von sehr unterschiedlichen Teilleistungen besteht (vgl. Abb. 13). Diese Dienstleistungskette reicht von den Werbemaßnahmen für die Urlaubregionen, die Beratung und den Verkauf der Reise über den Transport zur/von der Destination bis hin zu den vor Ort zu erbringenden Leistungen, wie Beherbergung, gastronomische Versorgung und Unterhaltung. Abb. 13: Die touristische Dienstleistungskette

Reise- Reise-

Transport

Verpflegung

Be-

Sonst. DL

Transport

Nachbetreuung

(in Anlehnung an FREYER 2004, S. 82 ff.)

Da diese zahlreichen Dienstleistungen von jeweils einzelnen, meist eigenständigen Unternehmen erbracht werden, ist es nachvollziehbar, dass eine solche Leistungskette entsprechend anfällig ist für Fehler und Probleme und darüber hinaus statistisch kaum zu beschreiben ist. Eine weitere, lästige Besonderheit des Tourismus liegt – insbesondere in Deutschland – in seinen wenig transparenten Organisationsstrukturen. Es gibt eine Vielzahl von Akteuren aus ganz unterschiedlichen Bereichen, Institutionen (z. B. privatwirtschaftlich arbeitende Reisebüros, kommunale Tourismus-Informationsstellen oder Landestourismusverbände, branchenbezogene Interessenverbände wie die DeHoGa sowie auch Nichtregierungsorganisationen wie der WWF, NABU oder BUND), die jeweils sektoral und auf unterschiedlicher räumlicher Ebene ihre eigenen Interessen vertreten. Auch innerhalb einzelner, vermeintlich klar strukturierter Bereiche gibt es oftmals keine eindeutigen Hierarchien. Nicht einmal die öffentlichrechtlichen Organisationen, die sich an Verwaltungsgrenzen orientieren, sind eindeutig hierarchisch, flächendeckend oder überschneidungsfrei gegliedert. Der Tourismus ist schon seit langem ein Nachfragemarkt – mit teilweise sehr rasch wechselnden räumlichen Schwerpunktbildungen. Für die Gäste verliert der konkrete Raumbezug mehr und mehr an Bedeutung. Vor dem Hintergrund eines 112

zunehmend und offensiv globalisierten Marktes sind Kriterien wie z. B. die Möglichkeiten, bestimmte Aktivitäten ausüben zu können („Radurlaub“, „Golfreise“, „Palmenstrand“ usw.) sowie auch die „politische Verfügbarkeit“ von Destinationen und letztendlich auch der Preis die bestimmenden Faktoren für eine Reise entscheidung. Die meisten Elemente der touristischen Dienstleistungskette (Beherbergung, Gastronomie, Freizeitinfrastruktur u. ä. Einrichtungen) aber sind räumlich fixiert und deshalb ist die Angebotssteuerung – und nicht die notwendige Nachfrageorientierung – in den Köpfen touristischer Akteure noch tief verankert.

4

Clusterformen im Tourismus

Clusterbildung bzw. das entsprechende Potenzial kann man im Tourismus in ganz unterschiedlichen Formen identifizieren. Die beiden stark strukturierenden Faktoren sind dabei zum einen die räumliche Arbeits- und Bezugsebene und zum anderen die Branchenorientierung.

4.1

Räumliche Cluster (Orts- und Regionalcluster)

Die „räumliche Nähe“ gilt vielfach sowohl als Vorbedingung jeglicher Clusterbildung als auch als Erfolgsbedingung bestehender Cluster, denn sie erleichtert Interaktionen. PORTER (2000, S. 25) stuft die räumliche Nähe deshalb als „machtvolle Variable“ ein. Ob und inwieweit diese Wertung einfach nur plausibel oder doch theoretisch begründet oder auch empirisch nachgewiesen ist, soll hier nicht hinterfragt werden (vgl. dazu JONAS 2005). Das räumliche Kriterium kommt der traditionellen Denk-, Arbeits- und Verhaltensweise von vielen Akteuren im Tourismus sehr entgegen, denn sie sind „zuständig“ für •

einen bestimmten Ort (z. B. die Kurdirektoren),



eine Region (beispielsweise die Verbandsmitarbeiter von Tourismusregionen) oder auch



ein ganzes Land (z. B. die Interessengruppenvertreter, wie z. B. die der DeHoGa) sowie auch

113



für großräumige Urlaubsgebiete (z. B. Reiseunternehmen, die sich auf bestimmte Reisegebiete spezialisiert haben.)

Abb. 14 skizziert die vertikale Schichtung der räumlichen Arbeitsebenen. Der Erfolg dieser Akteure ist direkt abhängig von der Fähigkeit, in „ihrem Gebiet“ erfolgreich zu sein – und das können sie in aller Regel nur durch Zusammenarbeit erreichen. Abb. 14: Räumliche Differenzierung im Tourismus (Beispiele)

Quelle: eigene Darstellung

Insofern sind im Tourismus für diese Art der Clusterbildung gute Voraussetzungen gegeben. Doch die Erfolgsaussichten sind auf den einzelnen Bezugsebenen unterschiedlich: •

Auf lokaler Ebene trifft Porters Einschätzung weitgehend zu. Hier sind die Chancen ziemlich hoch, dass sich verschiedene Akteure zusammenfinden, um Aufgaben mit vereinten Kräften anzugehen. Auf dieser Ebene ist der persönliche Kontakt gegeben und die gemeinsamen Ziele sind noch vergleichsweise augenfällig.

114



Kooperationen finden in aller Regel zwischen den Anbietern verschiedener Elemente der Dienstleistungskette statt, Anbieter gleicher Teilleistungen (Beherbergung, Gastronomie, Transport etc.) betrachten sich auch auf lokaler Ebene als Konkurrenten.



Wenn bereits gemeinsame formale Organisationsstrukturen bestehen, wie z. B. in den Kurorten, dann stehen die Chancen besonders gut, funktionierende Netzwerke etablieren zu können.



Mit höherer räumlicher Aggregatstufe sinkt die Kooperationsbereitschaft, statt dessen steigt das Konkurrenzdenken.

Schon auf regionaler Ebene sehen sich die einzelnen Orte als unmittelbare Konkurrenten, da sie vielfach eine ähnlich gelagerte Angebotsstruktur aufweisen. Diese Einschätzung ist offenkundig schädlich, da die Attraktionskraft einzelner Orte vergleichsweise gering ist. Bekanntermaßen ist die Wahrnehmung von Destinationen distanzabhängig: Je weiter entfernt potenzielle Gäste von möglichen Urlaubsorten leben, desto größer müssen die Destinationen sein, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Durch einen erhöhten Werbeaufwand lässt sich dieses Handikap zwar bis zu einem gewissen Grad kompensieren, aber zum einen sind die finanziellen Möglichkeiten kommunaler Destinationen in aller Regel sehr begrenzt, zum anderen stehen Aufwand und Ertrag dabei in einem ungünstigen Verhältnis. Insofern sollten sie verstärkt zusammenarbeiten – zumindest im Bereich der Marktbearbeitung entfernt liegender potenzieller touristischer Quellgebiete. Auf höherer räumlicher Aggregatstufe kooperieren in aller Regel nur noch wenige Akteursgruppen, nämlich überwiegend jene, deren Hauptaufgabe die Interessenvertretung eben dieser Ebene ist, wie z. B. Mitarbeiter eines Landestourismusverbandes oder Funktionäre berufsständischer Interessenverbände. Zwischen den einzelnen Ebenen bestehen fast keine „Verbindungen“, als Ausnahme sind die formalisierten Strukturen der Raumordnung und in geringerem Umfang der Verwaltung allgemein zu nennen. Doch für diese spielt der Tourismus eine sehr nachrangige Rolle.

115

4.2

(Teil-)Produktcluster

Neben der räumlichen (geographischen) Klammer greift in der Wirtschaft auch die Branche als Selektionskriterium sehr stark. Aufgrund ihrer großen Heterogenität gibt es innerhalb des Tourismus verschiedene Möglichkeiten, um durch die Bildung von Teilbereichen und -gruppen die Transparenz zu erhöhen. Die wichtigste und „griffigste“ Differenzierungsmöglichkeit bieten die sogenannten Tourismusformen. Diese werden durch – teilweise sehr aufwendige – Marktsegmentierungstechniken ermittelt und entweder über Merkmale der Gäste (wie z. B. Seniorentourismus oder 5-Sterne-Single-Reisen) oder anhand der prägenden Angebotsmerkmale definiert (wie beispielsweise Mittelgebirgs-, Golf- oder Gesundheitstourismus). Tourismusformen (vgl. Abb. 15) suggerieren, dass sich eine Zusammenarbeit auch über unterschiedliche räumliche Bezugsebenen erstrecken kann. In einigen Angebotssegmenten haben sich auch tatsächlich Fach- und Interessenverbände etabliert, die räumlich hierarchisch agieren. So gehören beispielsweise in aller Regel die lokal verankerten Golfvereine einem Landesverband an und dieser wiederum ist Mitglied des Bundesdeutschen Golfverbandes. Der Umstand, dass es oftmals Probleme gibt, bestimmte Tourismusformen eindeutig zu definieren, weist darauf hin, dass es Überschneidungsbereiche zwischen ihnen gibt. So kann beispielsweise der Sporttourismus durchaus als eigenständige Tourismusform dargestellt werden. Doch aufgrund der starken Betonung von Bewegung bei zahlreichen Aktivitäten im Sporttourismus firmieren etliche Angebote auch unter dem Etikett „Gesundheitstourismus“. Viele sporttouristische Angebote werden in der freien Natur realisiert, so dass es auch Überschneidungen mit dem Naturtourismus gibt (zur Integrations- bzw. Kooperationskraft des Sporttourismus vgl. HINSCHING / STEINGRUBE 2004). Tourismusformen bieten somit vielfältige Ansatzpunkte für Clusterbildungen: Sie weisen „horizontal“ bereits Überschneidungen auf und agieren darüber hinaus oftmals „vertikal“ auf unterschiedlichen räumlichen Bezugsebenen.

116

Abb. 15: Clusterbildung an Tourismusformen orientiert

Quelle: eigene Darstellung

Das eigentliche Produkt im Tourismus, die Reise, setzt sich aus einer Vielzahl von Teilleistungen zusammen, die meistens von unterschiedlichen Unternehmen erbracht werden. Die Erbringer solcher (Teil-)Dienstleistungen agieren zwar auf allen Ebenen, aber je nach Zielgruppen und Marktgebiete sind sie auf regionale oder internationale Einzugsbereiche orientiert und arbeiten dementsprechend unkoordiniert „nebeneinander“, d. h. Verbindungen zwischen den Ebenen sind – abgesehen vom Transportwesen und einigen Unternehmen aus dem Beherbergungswesen – eher die Ausnahme (vgl. Abb. 5). Als verbindende Akteure zwischen den isoliert agierenden (Teil-)Anbietern treten hier die Reiseanbieter in Erscheinung; sie verknüpfen die einzelnen Teilleistungen aus unterschiedlichen Ebenen zu einem Gesamtpaket, das als (Pauschal-)Reise vom Touristen gekauft wird.

117

Abb. 16: Einzeldienstleistungen als potenzielle Cluster

Quelle: eigene Darstellung

4.3

Branchencluster

Eine Überlagerung der räumlichen, tourismusformen- und der teilleistungsbezogenen Betrachtungsweisen ergibt einen vollständigen Branchencluster, der im Idealfall alle Akteure einzubinden vermag (vgl. Abb. 17). Ein einfaches Beispiel für eine derartige Verknüpfung der (horizontalen) Tourismusstrukturen mit den (vertikalen) Raumstrukturen wäre die gemeinsame Vermarktung von gleichartigen lokalen Angeboten (homogene Attraktionen). Solche Kooperationen decken ein deutlich größeres Gebiet ab, sie erreichen mindestens die regionale Ebene. Die einzelnen Anbieter können damit aus ihrem eingeschränkten lokalen Einzugsbereich ausbrechen und gemeinsam ein sehr viel größeres potenzielles Quellgebiet ihrer Gäste erschließen. Die Distanzen zwischen den einzelnen Attraktionen sind dabei beliebig und es ist zunächst auch unerheblich, ob dieses Vorgehen flächendeckend alle gleichartigen Angebote einbezieht oder ggf. auch nur punktuell einige Attraktionen herausgreift.

118

Abb. 17: Tourismus als Branchencluster

Quelle: eigene Darstellungt

Die Initiatoren solcher kooperierender Angebote können sowohl Destinationen sein, die ihre ähnlichen Attraktionen in einem Netzwerk gemeinsam vermarkten – wie z. B. im Fall der „Route der Backsteingotik“, als auch Reiseveranstalter, die sich für ein Rundreiseangebot in mehreren Orten ähnlich gelagerte Angebote zusammensuchen – beispielsweise eine Hansestädte-Tour. Die Realisierung bzw. Initiierung solcher Netzwerke war das Anliegen bereits etlicher Projekte in den letzten Jahren. Doch dieses Ziel ist bei weitem nicht erreicht worden. Aber es ist zumindest in Ansätzen erkennbar, dass Verknüpfungen der horizontalen und vertikalen Ebene möglich sind.

4.4

Laterale Cluster

Branchencluster wären zweifellos schon ein großer Erfolg – diese entsprechen allerdings im Wesentlichen immer noch der herkömmlichen Vorstellung von Netzwerken. Dem Anspruch einer clusterorientierten Politik würden eigentlich nur laterale Cluster gerecht werden, denn laterale Cluster brechen aus dem engen Branchenkorsett aus, es sind branchenübergreifende Kooperationen. Diese lateralen

119

Cluster haben somit Netzwerke im Visier, die Wachstumsimpulse für die gesamte Wirtschaft einer Region auslösen sollen. Die branchenübergreifenden Verknüpfungen ergeben sich über die involvierten Unternehmen, die sich mit ihren Produkten gleichzeitig in mehreren Branchen betätigen (können). Der Tourismus bietet als querschnittsorientierter Wirtschaftsbereich eigentlich gute Voraussetzungen, um als Nukleus, als Initialcluster zu wirken, denn in diesem Kontext erweist es sich als Vorteil, dass sich das touristische Produkt aus einer Kette zahlreicher Einzeldienstleistungen und Tourismusformen zusammensetzt. Generell scheinen hier als Ausgangscluster für eine laterale Clusterbildung die Tourismusformen geeignet zu sein, da sie in aller Regel bereits mehrere Glieder der Dienstleistungskette umfassen. Als Beispiel soll hier auf den Gesundheitstourismus verwiesen werden, wo u. a. im Vorfeld spezialisierte Reisebüros, sodann ein spezialisiertes Beherbergungswesen, eine teilweise sehr differenzierte Gastronomie sowie ärztliche und physiotherapeutische Dienstleistungen und letztendlich auch angepasste Formen des Transportwesens (Krankentransport, …) zusammenarbeiten. Doch auch von einzelnen touristischen Teilleistungsbereichen können starke Initialimpulse ausgehen: Die Gastronomie scheint ideale Ansatzpunkte zu bieten. Sie kann mit ihrer Nachfrage nach Lebensmitteln – über die Art der Produkte, die Menge und auch ihre Qualität – unmittelbar in das Produktionsspektrum der Landwirtschaft (sowie auch der Fischerei) eingreifen. Darüber hinaus bestehen auch zahlreiche Anknüpfungspunkte zur Gesundheitswirtschaft. Dass bei derartigen Verknüpfungen und Kooperationen (zunächst) gleichartige, ähnliche oder sich ergänzende Akteure zusammenfinden, ist kein Spezifikum des Tourismus, sondern genuines Merkmal der Netzwerk- oder Clusterbildung. Als Handicap des Tourismus ist allerdings zu sehen, dass diese Branche gewisse „Empfindlichkeiten“ oder „Unverträglichkeiten“ aufweist: Der Tourismus reagiert vergleichsweise sensibel auf (sichtbare) Störfaktoren. Vordergründig scheiden damit etliche Branchen als potenzielle Partner aus (z. B. Metallbauindustrie, chemische Industrie) und zum anderen werden es zahlreiche Orte bzw. Regionen, 120

deren Landschaftsbild durch infrastrukturelle Großanlagen geprägt wird, schwer haben, den Tourismus in ein Entwicklungscluster als tragende Branche einzubeziehen. Allerdings muss diese Aussage relativiert werden, denn auch hier gibt es Gegenbeispiele, wenn nämlich gerade das vermeintlich Störende selbst zur Attraktion wird (Industrietourismus).

5

Tourismuscluster in MV

Nachfolgend werden nur vermeintliche Best-Practise-Beispiele vorgestellt, da Negativprojekte nicht nachahmenswert sind und die Fehler- oder Problemanalyse in aller Regel lediglich offenbart, dass entweder die Grundidee schon wenig Erfolg versprechend war, dass die Akteure die falschen waren oder dass die notwendige ökonomische Untersetzung nicht ausreichte. Des Weiteren werden diese Beispiele nicht alle o. g. Clusterformen abdecken, weil bislang nicht hinreichend viele erfolgreiche Beispiele vorhanden sind, etliche Ansätze stecken noch in der konzeptionellen „Papierphase“, sind also noch nicht belegbar erfolgreich.

5.1

Orts- und Regionalcluster in MV

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es eine große Anzahl von Orten und Regionen, die im Tourismus überaus erfolgreich sind. Ihr Erfolg beruht allerdings vielfach darauf, dass sie •

schon lange als Erholungs- oder Rekreationsorte agierten, es somit touristische „Traditions-Destinationen“ sind (z. B. Binz, Kaiserbäder, Kühlungsborn),



naturräumlich (z. B. Usedom, Rügen) oder wirtschaftsstrukturell (z. B. Rostock wegen seiner Ortsgröße und wirtschaftlichen Funktion als „Tor zum Norden“, was „automatisch“ einen hohen Anteil an Städte- und Geschäftstourismus generiert) gegenüber Mitbewerbern derart stark begünstigt sind, dass vermutlich ein touristischer Erfolg sich sogar bei ungenügender Leistung einstellen würde.

121

Da der Clusteransatz ein akteursbezogener ist, werden hier zwei Beispiele präsentiert, deren Erfolg auf die Leistung der Akteure „vor Ort“ zurückzuführen ist.

Beispiel 1 – Die Kurorte Eine positive touristische Entwicklung haben die Kurorte in Mecklenburg-Vorpommern genommen. Da diese Orte jeweils in Landesverbänden organisiert sind, werden hier alle Kurorte Mecklenburg-Vorpommerns als ein Cluster verstanden. Vor dem Hintergrund der deutschen Wiedervereinigung entwickelten sie sich nach einer langen Phase des Neubeginns und der Reorganisation insgesamt gut. Sie litten (und leiden) zwar wie alle deutschen Kurorte unter den Auswirkungen der staatlich verordneten Einschnitte im Gesundheitssystem, doch mittlerweile sind sie wieder auf einem guten Wege (vgl. Abb. 18) Abb. 18: Entwicklung der Übernachtungszahlen in Kurorten

150 140 130

Mecklenburg-Vorpommern

120 Deutschland insgesamt

110 100 90 80 1999 1

2000 2

2001 3

2002 4

2003 5

2004 6

2005 7

Quelle: Stat. Jahrbuch MV, versch. Jahrgänge

Eine Erklärung für diese Entwicklung ist zweifellos darin zu sehen, dass Kurorte sich einem Zertifizierungsverfahren zu unterwerfen haben. Dieses hat automatisch zur Folge, dass nicht nur etliche Akteure eines Ortes zusammenarbeiten, sondern dass auch einige öffentlich zugängliche Gemeinschaftseinrichtungen geschaffen werden müssen („Haus des Gastes“, Toiletten u. ä.). Zur Koordination werden meistens spezielle Personalstellen eingerichtet (z. B. die einer Kurdirektion), die 122

sich hauptamtlich um den Fortgang der touristischen Entwicklung des Ortes kümmern sollen. Genau damit sind einige jener Grundlagen geschaffen (Gruppe von aktiven Beteiligten, Organisationsstrukturen, Verantwortlichkeiten), die in empirischen Studien als Merkmale erfolgreicher Initiativen identifiziert werden. Wenn nun im Einzelfall ein Kurort dennoch vergleichsweise wenig erfolgreich agiert, so ist das nicht als Gegenbeweis, sondern lediglich als Beleg dafür zu werten, dass es auch innerhalb von Clustern unterschiedliche Entwicklungen gibt, dass die Bewertung eines Clusters immer nur einen „Gesamtwert“ als Summe oder Mittelwert der einzelnen Entwicklungen der beteiligten Partner wiedergibt. Deren „individueller Erfolg“ hängt weiterhin vom Geschick der einzelnen Akteure vor Ort ab.

Beispiel 2 – Die MÜRITZCARD Eine ganz andere Art eines erfolgreichen „Inputs“ ist in der Region Müritz zu beobachten: Dort ist 2004 die sog. MÜRITZCARD (siehe www.mueritzcard.de) eingeführt worden. Dabei handelt es sich um ein Erlebnis- und Bonusprogramm für Touristen, das den Gästen Rabatte und zusätzliche Leistungen bei mittlerweile über 100 Tourismuseinrichtungen, Verkehrsunternehmen und kulturellen Einrichtungen gewährt. Die Produktidee der MÜRITZCARD ist im Unternehmen müritz online, das bereits das Regionalportal www.mueritz.de betreute, entwickelt worden, um so die Wirksamkeit des kooperativen Marketings der einzelnen Leistungsträger „unter dem Dach des Regionalportals“ zu erhöhen. Die virtuellen Besucher der OnlineAngebote sollten damit auch beim realen Besuch der Destination „zielgerichtet“ zu den Unternehmen geführt werden, die sich im Regionalen Online-Marketing präsentieren. Von Anbeginn war klar, dass der Prozess der Markteinführung mit einer kontinuierlichen Qualifizierung der beteiligten Unternehmen einhergehen musste. Daher haben das Unternehmen müritz online und die Müritz-Akademie (Waren) ein Qualifizierungsprojekt zur Einführung der MÜRITZCARD erarbeitet, das im Jahre 2003 123

im Rahmen eines ASP-Projektes für 50 beteiligte Unternehmen angeschoben wurde. Durch die parallele Akquisition weiterer Partnerunternehmen ist es gelungen, die MÜRITZCARD auch auf kommerzieller Ebene weiter zu etablieren. Der Erfolg des Einführungsjahres (8.500 ausgegebene Karten; 2005 schon 18.500 Karten) und das Bestreben des Initialunternehmens, sich als Online-Dienstleister für die Gesamtdestination „Mecklenburgische Seenplatte“ etablieren zu wollen, machte ein entsprechend erweitertes Produktkonzept im Sinne eines Leistungsangebotes für die Gesamtregion notwendig. Gleichzeitig musste im Sinne einer Identifizierung mit dem Produkt sowie eines zu beobachtenden Wettbewerbs um Alleinstellungsmerkmale in den lokalen Aktionsräumen (Müritzregion, Strelitzer Kleinseenplatte, Neubrandenburg & Tollensesee usw.) eine Möglichkeit gefunden werden, die Vermarktungsakzeptanz vor Ort aus der Identifikation der Anbieter heraus zu sichern. Daraus entstand der Ansatz, lokale „Gesichter“ eines die gesamte Destination umfassenden Card-Angebotes weiterzuentwickeln. Bereits in 2005 wurde das Konzept in der Nachbarregion übernommen, dort wird dasselbe Angebot mit identischer Leistung – nur unter eigenem Namen („STRELITZCARD“) – angeboten. Dieser erweiterte Ansatz der MÜRITZCARD und STRELITZCARD wird ebenfalls in einem ASP-Folgeprojekt (2005 bis 2007), wiederum in Kooperation der MüritzAkademie vom Institut für Geographie der Universität Greifswald begleitet. Hier werden nunmehr die Potenziale und Erfahrungen der Jahre 2002 bis 2003 (Produktentwicklung) und 2003 bis 2005 (Produkteinführung) in benachbarte Aktionsräume (Neustrelitz/Feldberger Seenlandschaft/Strelitzer Kleinseenplatte/Neubrandenburg & Tollensesee) modifiziert und entsprechend den lokalen Spezifikationen übertragen. Das Konzept einer Bonus- oder Rabatt-Karte ist auch im Tourismus nicht wirklich neu, sondern wird seit fast 20 Jahren in anderen Orten und Regionen – allerdings mit sehr unterschiedlichem Erfolg – eingesetzt. Mit dem generellen Trend zur steigenden „all-inclusive“-Nachfrage und der offensiven Propaganda-Maschinerie

124

der Kreditkarten-Lobby erhielt im Tourismus das Bonus-Karten-Konzept einen starken Unterstützungsschub. Für MV ist diese Markteinführung in der Müritz-Region nicht nur deshalb grundsätzlich positiv einzustufen, weil hier verschiedene Leistungsträger in einer Region an einem gemeinsamen Produkt zusammenarbeiten, sondern auch, weil die MÜRITZCARD sich offensichtlich erfolgreich in der Region etablieren konnte. Dies ist gelungen, weil •

das Produkt der touristischen Service-Card an das komplexe Basisprodukt des Regionalmarketings im Regionalportal gekoppelt ist,



die Produktentwicklung und Produkteinführung konsequent an wirtschaftlichen Grundsätzen ausgerichtet wurde,



die Kooperation des Produktanbieters mit der Müritz-Akademie (Waren), die selbst nicht als Leistungsanbieter auftritt, die Etablierung der Card durch ein strategisches Qualifizierungsprogramm im Sinne der Qualitätssicherung begleitet und



die Vermarktung der Service-Card durch verschiedene Distributionskanäle (online/offline) unter Einbeziehung aller am Gesamtkonzept Beteiligten erfolgt.

5.2

Thematische Cluster in MV

Weitere positive Beispiele sind im thematischen Bereich bei der Entwicklung bestimmter Tourismusformen zu finden. Das herausragende touristische Kapital Mecklenburg-Vorpommerns liegt zweifellos in der naturräumlichen Ausstattung. Ein solches Naturpotenzial vermag die Grundlage für viele Formen des Natur- und des Aktiv-Tourismus zu bilden. Die aktuelle Landestourismuskonzeption (vgl. WM 2004, S. 37) legt demzufolge als strategische Hauptmärkte u. a. die Bereiche „Wasser“, „Gesundheit“ sowie „Rad fahren“ fest und im operativen Themenmarketing (vgl. TMV 2005, S. 8) konzentrieren sich die Aktivitäten folglich auf den Maritimen Tourismus, den Radtourismus und auf Wellness als Segment des Gesundheitstourismus.

125

Wassertourismus (Maritimer Tourismus) Die naturräumlichen Gegebenheiten (extrem lange Küste, unterschiedliche Küstenformen, geschützte Buchten, sauberes Wasser, zahlreiche Seen bzw. eine „Seenlandschaft“) mit einer Vielzahl von schiffbaren Gewässern bieten beste Voraussetzungen für wasserorientierte Tourismusformen. Die Palette der möglichen Aktivitätsfelder ist breit und reicht von passivregenerativen Aktivitäten am Strand (Badeurlaub) und Wassersportarten (Segeln, Surfen, Tauchen, Angeln usw.) über thematisch mit dem maritimen Erbe verbundene Inhalte (Museen, Industrietourismus) bis hin zur Schifffahrt (z. B. touristische Kutterfahrten, Kreuzfahrten und Events wie die Hanse Sail). Nach 1990 entwickelte sich – bei einem grundsätzlich hohen Niveau der touristischen Erschließung – der bis dato reglementierte Wassertourismus zu einem der wichtigsten Standbeine der Tourismuswirtschaft. War es für die ersten Nachwendejahre noch typisch, dass sich der Markt der zahlreichen Kleinanbieter selbst regelte, so entdeckten die Tourismusfachverbände nach wenigen Jahren den Wassertourismus als wichtigen Entwicklungsschwerpunkt und schufen mit Grundlagenuntersuchungen und -planungen die Basis für eine naturverträgliche, auch in unternehmerischem Sinne nachhaltige Entwicklung. In den ersten Jahren ist mit einem hohen Maß an öffentlicher Subvention vorrangig die wassertouristische Infrastruktur geschaffen worden (derzeit gibt es rund 14.600 Liegeplätzen in 215 Hafenanlagen allein an der Küste). Diese Strategie erwies sich als richtig, denn zahlreiche Bootseigner verlagerten ihre Dauerliegeplätze zum Leidwesen der direkten Konkurrenten in Schleswig-Holstein nach Mecklenburg-Vorpommern. Ob dieser Trend weiter anhalten wird, bleibt abzuwarten, da bereits neue Konkurrenz an Polens Ostseeküste wegen der (noch) günstigeren Preise und wegen der deutlich entschärften bürokratischen Hemmnisse erwachsen ist. Mittlerweile liegen die Schwerpunkte der wassertouristischen Weiterentwicklung in einem verbesserten Marketing, der Steigerung der Servicequalität sowie der Einführung eines Maritimen Qualitätsmanagements (MQM).

126

Der große Vorzug dieser Tourismusform liegt zum einen in einer ohnehin großen Angebotsvielfalt an Wassersportmöglichkeiten oder Aktivitäten „rund um den Strand“ und zum anderen im guten Kooperationspotenzial mit anderen Branchen. So ist der wassergebundene Tourismus ohne Verbindung zur thematisch eng benachbarten maritimen Wirtschaft undenkbar: •

Die traditionelle maritime Wirtschaft – wie der historische Bootsbau und anderes Handwerk sowie die museal in Wert gesetzte, regionalspezifische Küstenschifffahrt – erweist sich nicht nur bei Events als überaus erfolgreicher Anziehungspunkt.



Dieses Potenzial ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft; so ist beispielsweise eine tauchtouristische Erschließung von Wracks denkbar.



Die moderne, zukunftsorientierte maritime Industrie mit Kompaktwerften und leistungsfähigen Häfen bildet in der touristischen Angebotspalette der Küstenstädte ein weiteres Standbein, denn diese Einrichtungen wecken mit Besichtigungsangeboten nicht nur die Neugierde, sondern sie vermögen das Interesse, ein Schiff auch mal während einer Kreuzfahrt „live“ zu erleben, durchaus zu befriedigen.



Weiterhin sind Inhalte der maritim orientierten Forschung gut in Wert zu setzende Bestandteile touristischer Konzepte (Bsp. Deutsches Meeresmuseum Stralsund). Die weitere Verlinkung über den darin enthaltenen Umweltbildungsansatz zum Natur- bzw. Ökotourismus ist offensichtlich.



Eine gezielte Vermarktung von Fischspezialitäten weckt auch das Interesse der Touristen an der Binnen- und Seefischerei und modernen Formen der Fischzucht. In einem Atemzug wäre hier auch die Zucht von Algen mit pharmazeutisch wichtigen Inhaltsstoffen zu nennen, die eine direkte Verbindung zum Gesundheitstourismus darstellen, aber genau so interessant für Tauchsportler ist.

Mittlerweile sind etwa 10 % der Übernachtungen in gewerblichen Beherbergungsstätten dem Maritimen Tourismus zuzurechnen. Mit einer Stärkung der Verbindung zur maritimen Wirtschaft dürfte das Potenzial noch besser zu nutzen sein, 127

weil damit auch neue, bislang nur „potenziell maritim interessierte“ Besucher ohne Ambitionen zu aktiver Beteiligung am Wassersport (und damit Gäste ohne eigene Boote und der darauf vorhandenen Übernachtungskapazität) in die Region gebracht werden können. Der Wassertourismus wird weiterhin als wichtiger Wachstumspol angesehen und dürfte sich trotz der sozioökonomischen Veränderungen gut behaupten. Dieses liegt nicht zuletzt daran, dass Konsumenten des Segments Wassertourismus in der Regel ein breit gefächertes Interesse auch an anderen Tourismusformen haben und sekundär somit auch Nachfrage nach Angeboten des Gesundheitstourismus, Aktivitäten an Land sowie im kulturellen Sektor generieren.

Radtourismus Der zweite strategische Themenmarkt liegt für Mecklenburg-Vorpommern derzeit beim Radfahren. Die naturräumlichen Rahmenbedingungen sind für die Entwicklung radtouristischer Angebote gut und die Nachfrage steigt stetig an: In 2003 führten 330.000 Radreisen (in weiterer Definition sogar 740.000) nach Mecklenburg-Vorpommern (WM 2004, S. 39). Zwar gilt generell der Radtourismus auch weiterhin als Wachstumssegment, doch zum einen ist die technische Infrastruktur im Land nicht wirklich so gut, wie das Landesmarketing es den Gästen suggeriert, und zum anderen bedarf dieses Wegenetz ständiger Wartung. Zwei spezielle Gutachten liegen im Wirtschaftsministerium vor (Marketinganalyse und Radwanderroutenkonzept) – sie belegen einen immer noch hohen Investitionsaufwand (von deutlich über 100 Mio. €) für die Erlangung eines vermarktungsfähigen Radwegenetzzustandes. Der Radtourismus bietet sich vordergründig ebenso wie schon der Maritime Tourismus als Kern für die Entwicklung eines wirkungsvollen Clusters an. Zahlreiche Branchen sind in die Verwirklichung eines guten radtouristischen Reisepaketes eingebunden: Angefangen von der Beherbergung und gastronomischen Versorgung über die zahlreichen Zwischenstopp-Angebote für die Radler (einfache Freizeitangebote, kulturelle Einrichtungen, hochpreisiges Entertainment) bis hin zu Serviceleistungen (Reparatur, Gepäcktransport).

128

Aber die gegenwärtig angebotenen Radtouren zeigen, dass das eigentliche touristische Geschäft der Reisemittler und Veranstalter in aller Regel von außerhalb geleistet wird. Damit ergibt sich nicht nur eine starke Abhängigkeit der hiesigen Akteure, sondern die überaus kostenintensive Vorleistung in die technische Infrastruktur (Radwegenetz) liegt bei der Öffentlichen Hand.

Gesundheitstourismus Der Bereich Gesundheit wird vielfach als sog. Megatrend der nächsten Jahre apostrophiert und als Wachstumsmarkt prognostiziert (so z. B. auf der „Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft 2005“; siehe KLINKMANN 2005, S.17, 3. und 6. Folie). In Mecklenburg-Vorpommern nimmt die Gesundheitswirtschaft mittlerweile eine maßgebliche Stellung im Wirtschaftsleben ein und wird als zentrale Stütze der künftigen Entwicklung entsprechend hofiert. Innerhalb dieser Megabranche bindet der Tourismus die meisten Arbeitskräfte (vgl. KLINKMANN 2005, S. 22, Folie 1). Die gezielte Förderung dieser Tourismusform hat mittlerweile ein „innovatives, breit gefächertes Angebot“ (WM 2004, S. 26) geschaffen, das „in den Konkurrenzregionen in diesem Umfang noch nicht erreicht wurde“ (S. 15). Damit gilt der Gesundheitstourismus als „Stärke“ (S. 26) im Zuge der weiteren touristischen Entwicklung des Landes. Wie stark der Gesundheitstourismus in der gesamten Gesundheitswirtschaft verankert ist, deutet Abb. 19 an, denn darin sind seine Teilbereiche an verschiedenen Stellen ausgewiesen. Damit sind natürlich ideale Voraussetzungen gegeben, um als Nukleus eine weitverzweigte Vernetzung mit anderen Branchen zu erreichen.

129

Abb. 19: Gesundheitstourismus im Kontext der Gesundheitswirtschaft

Quelle: KLINKMANN 2005, S. 17

6

Mögliche Strategien

Da erfolgreiche Clusterpolitik das Vorhandensein einer „kritischen Masse“ voraussetzt (SCHERER 2005, S. 12), es somit auch keinen Sinn macht, vollkommen neue Ideen künstlich in Regionen implementieren zu wollen, kommt die „typische“ Entwicklungsstrategie – von einem funktionierenden lokalen Erfolgscluster ausstrahlend, sukzessive die nähere Umgebung einzubeziehen und intern die Vernetzung mit anderen Branchen zu verstärken – in Mecklenburg-Vorpommern eher nicht zum Tragen. Zum einen sind die Orte viel zu klein – die Anzahl der Akteure kann in aller Regel an einer Hand abgezählt werden – und zum anderen ist das Konkurrenzdenken auf lokaler Ebene immer noch stark ausgeprägt. Insofern sollte sich das Vorgehen primär an Tourismusformen orientieren. Diese bringen sowohl interne vertikale Strukturen mit, die über unterschiedliche räumliche Ebenen verlaufen, als auch vielfältige horizontale Kooperationsmöglichkeiten mit anderen Tourismusformen. 130

Als Leitsegment erscheint der Maritime Tourismus Erfolg versprechend, und zwar weil er vielfältige Überschneidungen mit anderen touristischen Marktbereichen aufweist – u. a. mit den beiden anderen schon gut etablierten Segmenten Gesundheitstourismus und Naturtourismus – und weil die maritime Wirtschaft selbst bereits sowohl räumlich als auch lateral zu anderen Branchen zahlreiche Andockmöglichkeiten bietet. Eine zweite ganz anders ausgerichtete Strategie sollte von Beginn an nicht nur eine tourismusinterne, sondern eine branchenübergreifende Dimension anstreben. Das Vehikel dafür wäre die Einführung einer landesweit gültigen touristischen Bonus-Karte, die ohnehin schon überfällig ist. Ein derartiger lateraler Cluster bietet die Möglichkeit, eine wirklich große Anzahl von Akteuren nicht nur der Tourismuswirtschaft zusammenzubringen. Die technische Realisierung ebenso wie auch der notwendige finanzielle Rahmen werden sich zwar deutlich vom Entwicklungsweg der MÜRITZCARD unterscheiden müssen, doch dort hat sich im Kleinen gezeigt, dass Bonus-Karten von den Touristen angenommen werden. Die bisherigen Erfahrungen belegen darüber hinaus auch die zentrale Bedeutung der Akteure in den Regionen. Qualifizierungskonzepte werden somit künftig einen (noch) höheren Stellenwert einnehmen (müssen). Doch auch gut ausgebildete und motivierte Akteure benötigen Führungspersönlichkeiten. Diesen sollte eigentlich das ganz besondere Interesse der Politik gelten, denn mit dem Engagement dieser Personen stehen und fallen nahezu alle Entwicklungskonzepte. Insofern besteht die dritte Strategie schlicht und einfach darin, einer überschaubaren Anzahl von (bereits erfolgreich agierenden) Leistungsträgern den Rücken zu stärken, sie nicht durch Projekte mit kurzen Laufzeiten zu verschleißen, sondern ihnen langfristige Perspektiven (und Absicherungen) zu bieten, und sie dann eigenverantwortlich handeln zu lassen.

131

7

Fazit

Die Clusterpolitik bietet zwar nicht wirklich einen genialen, neuen Ansatz zur Regionalentwicklung, aber „neue Besen wirken manchmal Wunder“. Gegenüber der seit vielen Jahren favorisierten Netzwerkbildung rückt der Clusteransatz zum einen den räumlichen Bezug wieder stärker in den Mittelpunkt, zum anderen ist er unmittelbar darauf ausgerichtet, branchenübergreifende Kooperationen zu fördern. Dem Netzwerkansatz haftet – eigentlich unberechtigterweise – mittlerweile der Makel an, zwar konzeptionell eine gute Idee zu beinhalten, sich aber oftmals zu unproduktiv zu entwickeln und sich dabei teilweise als Selbstzweck im Kreise zu drehen. Vor diesem Hintergrund sollte der Clusteransatz schleunigst aufgegriffen und von der politischen Ebene offensiv vorangetrieben werden. Dabei gilt es, klare Strukturen zu schaffen und die Möglichkeiten der Förderkulisse zu bündeln. Die für eine auf Dauer erfolgreiche Clusterbildung notwendige „kritische Masse“ wird in Mecklenburg-Vorpommern eigentlich kaum erreicht werden können, insofern wird hier eine eigene, angepasste Form der Clusterpolitik betrieben werden müssen. Der Tourismus ist in diesem Bundesland eine der wenigen erfolgreichen und gleichzeitig auch noch zukunftsfähigen Branchen. Somit sollte hier jede Form der Clusterpolitik bemüht sein, diesen Wirtschaftszweig in seine Entwicklungsstrategien einzubeziehen. Dieses sollte offensiv geschehen, denn der Tourismus bietet als bereits querschnittsorientierte Branche gute Voraussetzungen. Wenn schon dominierende Tourismusformen bestehen, so sollten diese unbedingt genutzt werden. Konkret bedeutet das: Der Maritime Tourismus muss das Leitsegment einer clusterorientierten Tourismuspolitik werden, da diese Tourismusform unmittelbar an die andere Leitbranche des Landes, die Gesundheitswirtschaft, anknüpfen kann und darüber hinaus als Teilmenge des Naturtourismus weitere vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet.

132

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WM (Wirtschaftsminis- Landestourismuskonzeption Mecklenburg-Vorpommern terium Mecklenburg2010. Schwerin. Vorpommern) 2004

Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Zur Begrifflichkeit von Freizeit und Tourismus...................................... 110 Abb. 2: Die touristische Dienstleistungskette.................................................... 112 Abb. 3: Räumliche Differenzierung im Tourismus (Beispiele)........................... 114 Abb. 4: Clusterbildung an Tourismusformen orientiert...................................... 117 Abb. 5: Einzeldienstleistungen als potenzielle Cluster...................................... 118 Abb. 6: Tourismus als Branchencluster ............................................................ 119 Abb. 7: Entwicklung der Übernachtungszahlen in Kurorten.............................. 122 Abb. 8: Gesundheitstourismus im Kontext der Gesundheitswirtschaft.............. 130

134

Wolfgang Blank

From BioCon Valley to ScanBalt – a model case for transnational cooperation in the field of biotechnology and life sciences78

Contents 1

Life sciences and biotechnology – challenges and perspectives for economical development......................................................................194

2

BioCon Valley – Life sciences and health economy in MecklenburgVorpommern.........................................................................................196

2.1

Trends in life sciences and health economy .........................................196

2.2

The formation of BioCon Valley ............................................................198

2.3

The Bioregion .......................................................................................199

2.4

Mission and tasks of BioCon Valley......................................................203

3

ScanBalt – A new growth pole in Northern Europe...............................205

3.1

ScanBalt – Europe’s first metaregion in life sciences and biotechnology .......................................................................................205

3.1.1

ScanBalt BioRegion – a network of networks .......................................205

3.1.2

History and values ................................................................................208

3.1.3

Perspectives and advantages...............................................................210

78

Acknowledgments: The author thanks his colleagues Careen Krüger and Heinrich Cuypers from BioCon Valley GmbH as well as Bo Samuelsson and Peter Frank from ScanBalt fmba for their intensive support in preparing this publication. The described mapping of ScanBalt Bioregion was done by Oxford Research, Copenhagen, in the frame of the EU funded project “ScanBalt CompetenceRegion”. The work was supported by funds of the federal state Mecklenburg-Vorpommern and the European Commission (EFRE, FP6). 135

3.2

ScanBalt – a model case for transnational cooperation........................ 212

3.2.1

ScanBalt CompetenceRegion – creation of transparency and visibility.......................................................................................... 212

3.2.2

The interaction between bioclusters – ScanBalt Campus as a model case ................................................................................... 215

4

Outlook ................................................................................................. 217

References ......................................................................................................... 218 Figures ............................................................................................................... 219 Tables................................................................................................................. 219

1

Life sciences and biotechnology – challenges and perspectives for economical development

Europe takes part in a global competition within the biotech and life science sector. The outcome will be of major importance to the future societal and economical growth of the continent. Estimates are cited by the European Commission

79

sug-

gesting that by the end of the decade, global markets, including sectors where life sciences and biotechnology constitute a major portion, could amount to over 2.000 billion €. Within Europe, the greater Nordic-Baltic region – including the Nordic countries, the Baltic countries, North Germany, Poland, the St. Petersburg area and Kaliningrad – comprise a metaregion with a great pool of knowledge, capital and resources in the life science area. The Baltic Sea Region comprises eleven nations, more than 100 million inhabitants, consumers equivalent to more than one third of the US market and growth rates higher than most major economies in Europe. Similarly the Baltic Sea Region takes a prominent role also in the field of life sciences and biotechnology. Sweden, Finland and Denmark are listed among the top 12 biotech locations on a global level.

79

From: Life Sciences and biotechnology – a strategy for Europe, European Commission, 2002. 136

In recognition of these potentials, the Nordic-Baltic region has marked itself as one of the world’s most proactive in terms of building cross-sector and pan-regional 80

networks and co-operations at local, regional and meta-regional levels . As a consequence the ScanBalt BioRegion

81

has been established as a “network of

networks” to facilitate and co-ordinate the work of these initiatives and promote internal collaboration, co-operation and development within the Nordic-Baltic region enabling it to compete with other global biotech and life science clusters, sharpen the region’s competitive edge towards global markets, and fulfill the region’s great potentials as one of Europe’s leading biotech “mega-clusters”. The ScanBalt network had been initiated in the heart of Mecklenburg-Vorpommern with BioCon Valley as one of its major drivers. BioCon Valley bundles the interests of all committed people in the region and offers a platform for the network. Its basic mission is to foster and to shape research and development in the field of life sciences in Mecklenburg-Vorpommern, such as biotechnology, bio-medicine and medical technology, to develop and support the cooperation with other regions, especially the Baltic Sea Region and thus to promote of the commercialization of modern biotechnology and life sciences in Mecklenburg-Vorpommern. However, in pursuing these goals BioCon Valley Mecklenburg-Vorpommern as well as the Nordic-Baltic ScanBalt bioregion as a whole face several crucial challenges, including: •

strengthening the integration among key actors from the scientific, health care and business community within the meta-region and developing their capabilities and competencies – not least among the new EU countries – to benefit fully from the integration,



identifying, mapping and assessing the resources and competencies of the region in the biotech and life science area and increasing mutual awareness and visibility of activities and conditions, strengths and weaknesses among the key actors,

80

From: State of the Region Report 2005, Baltic Development Forum, 2005.

81

W. Blank, B. Diderichsen, A. Podhajska and B. Samuelsson, Borderless Biotech – Europe´s first Meta-Region taking shape, Euro Biotech News, 3, 2003. 137



enhancing the attractiveness of the region for any kind of human resources (e.g. students or employees) to avoid any kind of brain drain (internal from East to West or to other regions), and last but not least



developing joint objectives and strategies to ensure maximum exploitation of the competencies and resources among all actors and institutions in the field.

This publication describes which efforts are taken in BioCon Valley and ScanBalt bioregion to promote regional cooperation on a truly European level with the final goal to overcome those challenges. The Baltic Sea Region has reached an exiting point in its development. With the recent enlargement of the European Union, the ScanBalt region has become increasingly important as an engine for European growth. A major industrial impetus for growth in the region is the biotech and life science industries for global health.

BioCon Valley82 – Life sciences and health economy in

2

Mecklenburg-Vorpommern 2.1

Trends in life sciences and health economy

Life sciences and biotechnology have long time been regarded as a separate and clearly defined science as well as sector of economy dealing with recombinant genetic engineering and using biological processes to develop products and technologies. However, in the last years, this definition has changed dramatically. Nowadays definition

83

comprises the use of life sciences, biotechnology, biology or

chemical technology affecting discovery & development of products for a variety of sectors like human healthcare (therapeutics, diagnostics, drug delivery, cell and gene therapy devices and drug/device combinations), wellness ... not just sickness, agriculture, environment, bio-based industrial processes and efficiency or bio-based energy. This offers not only new potentials for life sciences and bio-

82

BioCon Valley is the initiative for life science and health economy of MecklenburgVorpommern, one of the bioregions in Germany.

83

G. Steven Burrill, Burrill & Co., Presentation at BioJapan 2004, Tokyo, 2004. 138

technology but also for other related sectors like medical technology or, even more 84

appealing, the whole field of health care and health economy . In Germany, the health economy has a market volume of over 44.8 billion € within the wellness industry, as well as approximately 223.6 billion € in conventional health care (as of 2003). Health economy contributes more and more to the economic revenue and has a positive effect on the job market. This development is due to the steadily ageing population and the rising awareness of the population towards health and fitness. It is closely connected to research and development in the field of life sciences and biotechnology gaining more and more importance in this sector. Based on the considerable change in people’s health-consciousness and the increasing life expectancy, the end user expects a rapid implementation of scientific discoveries in medicine. Figure 1 shows the employment structure with the core area of traditional health care (~ 70 %), the secondary sector of administration, pharmacies and health and spa resorts with 17 % and the third sector (subcontractors and R&D) with a total of 13 % of the employees. The recreational value of landscape and climate in Mecklenburg-Vorpommern offers a natural advantage in the region. In 1793 the first seaside resort was established in Heiligendamm, and in 1882 the „Strandkorb“ (roofed wicker beach chair) was invented in Rostock-Warnemünde. Already, Mecklenburg-Vorpommern is one of Germany’s leading providers of state-of-the-art clinics and rehabilitation facili85

ties. According to another study

even 17.6 % of all employed in Mecklenburg-

Vorpommern are working within the health care sector (2003). MecklenburgVorpommern is consistently expanding this potential and is distinguishing itself as Germany’s No. 1 health region – „MV is good for you“.

84

The term “health economy” as used in this publication encompasses all commercial services in terms of prophylaxis and the maintenance and rehabilitation of health. The definition was given by Horst Klinkmann at the 1st Federal Conference on Health Economy, Rostock, 2005.

85

From: „Gesundheitsmarkt Norddeutschland bietet gute Wachstumschancen", report from Vereins- und Westbank, Hamburg, 2003. 139

Figure 1:

Employment structure in the field of health economy in Mecklen-

burg-Vorpommern

From: „Masterplan Gesundheitswirtschaft Mecklenburg-Vorpommern 2010“, Rostock, 2006

2.2

The formation of BioCon Valley

BioCon Valley is the model case for public private partnership in the federal state of Mecklenburg-Vorpommern and has developed five years after its foundation to one of its outstanding “premium” brands. BioCon Valley is acting both as an interdisciplinary and inter-institutional network – Universities, R&D institutions, companies as well as representatives of financial institutions or the government are belonging to its partners. BioCon Valley’s basic mission is to foster and to shape research and development in the field of life sciences in MecklenburgVorpommern, such as biotechnology, bio-medicine and medical technology, to develop and support the cooperation with other regions, especially the Baltic Sea Region and thus to promote of the commercialization of modern biotechnology and life sciences in Mecklenburg-Vorpommern. Due to its specific resources in health care and surrounding areas commercialisation of “health economy” in a broader sense has become a second main focus of BioCon Valley. In April 2001, BioCon Valley Mecklenburg-Vorpommern e. V. (registered non-profit association) was launched as a joint initiative by 19 founding members in Teschow, near Teterow – approximately 50 km south of Rostock. This was a fundamental milestone for the continuous development of Mecklenburg-Vorpommern as a prime location for life sciences and biotechnology. Meanwhile all major ac140

tors, e. g. universities, research institutions, companies, local authorities and services providers are among BioCon Valley’s over 125 members. During the preceding pilot phase, which had been ambitiously initiated in 1996 with the concept “BioRegio Greifswald Rostock” in the course of a national competition by the Germany ministry of research and education (BMBF), Mecklenburg-Vorpommern could successfully compete with other first league German bioregions and unfold 86

its potentials . The establishment of the coordination office for health economy as a new and additional field of BioCon Valley’s responsibilities demonstrates the realistic perspective to tie future technologies of the life sciences together with the broad fields of health care, resulting in mutual benefit. Under the lead-management of BioCon Valley, a master plan was realized containing strategic recommendations for the further development of health economy in Mecklenburg-Vorpommern. With a variety of proposals, the master plan indicates how to raise mutual benefit in the diverse sectors such as classical health care, modern life sciences, food industry and tourism – as a unique chance for Mecklenburg-Vorpommern not only to participate in the health economy but also to design it.

2.3

The Bioregion

Focusing on the field of life sciences and biotechnology in MecklenburgVorpommern the main economical activities are closely linked to the universities. With two of the oldest universities in Central and Northern Europe and a yearly increasing number of students and researchers, Rostock and Greifswald have developed to “cities of knowledge”. Together with the Universities of Applied Sciences in Wismar, Stralsund and Neubrandenburg, more than 32.000 students are studying in Mecklenburg-Vorpommern, with approx. 6.500 students in the field of life sciences and biotechnology and related areas. At the universities and research institutions (see table 1), nearly 2,550 employees are engaged in this field. A majority of 1,500 employees work at the universities, where research emphasis is placed mainly on modern life sciences or fields con86

K. Molitor, Presentation of the results of the BMBF launched “BioRegio”-competition, Bonn, 1996. 141

nected to it. Whereas the numbers sound small for the individual universities their total number can more than compete with big German or even European universities. In relation to the inhabitants as well as the regional and economical structure in Mecklenburg-Vorpommern, this number is more than remarkable and can undoubtedly be regarded as one of the main assets of the region. Furthermore the region hosts four non university research institutions focusing on R&D in life sciences and biotechnology. Another two non university research institutions have related activities. Their activities focus on R&D in agro biotechnology, Baltic sea research, plasma physics and organic chemistry (see table 2). Their scientific staff number amounts to over 460

87

with a total number of more than

1,030 employees. Further fifteen other research institutions in biotechnology and bio-sciences employ about 150 people. Since 1990 innovative businesses have developed around the universities where they are successfully engaged in various fields of the application of modern biotechnologies and medical technologies. Their activities closely correlate to the R&D activities of the universities and non university research institutions and thus cover the most important biotech fields, such as „red” (medical), “green” (agricultural), “blue” (marine) and “white” (industrial) biotechnology. Basic and applied research in these technology fields create the economic potential for the development of knowledge-based biotech companies. Alltogether there are 87 companies with approximately 2,100 employees engaged in biotechnology in MecklenburgVorpommern. The number of companies has doubled since the start of the “Bioregio” competition and the number of employees has tripled (figure 2).

87

From: Machbarkeitsstudie “Entwicklung eines Netzwerkes Zellzucht und Bioprozesstechnik in Mecklenburg-Vorpommern”, BioCon Valley, 2003 142

Table 1: Universities and universities of applied science with biotech-related activities in Mecklenburg-Vorpommern Universities / universities of applied science University Greifswald

Faculties / departments Research focus in the field with activities in life sciences & of life sciences and biotechnology biotechnology Sensorics • Faculty of Mathematics and • Natural Sciences (7 instiBiodiversity tutes) • Molecular Medicine • Medical Faculty (University Community Medicine hospital with 21 institutes Neurosciences and 23 clinics / centres)

University Rostock



Faculty of Agriculture and Environment



Faculty of Mathematics and Natural Sciences



Medical Faculty (University hospital with 13 institutes and 25 clinics / centres

University of applied science Neubrandenburg University of applied science Stralsund University of applied science Wismar



Pancreatic diseases



Transplantation Medicine, artificial organs and biomaterials



Osteoporosis and degenerative diseases of the bone



Complex and cellular sensor systems



Bioproducts and resources

Department for Food Technology, Food technology, food microbiolBioproduct Technology ogy and chemistry Department for Electronics and Information Sciences Department for Construction and Mechanical Engineering

143

Medical technology, quality management, medical informatics, image processing Biotechnology/biochemistry/ecotoxicology, process technology of biogenous resources

Table 2: Non university research institutions with biotech related activities in Mecklenburg-Vorpommern Non university research institution

Research focus in the field of life sciences and biotechnology

Federal Centre for Breeding Research on Cultivated Plants (BAZ), research site Groß Lüsewitz

Research in the breeding of healthy, high-quality plants for food and non-food applications

Friedrich-Loeffler-Institute – Federal Research Institute for Animal Health, Insel Riems

Research in the field of infectious animal diseases of farmed animals and related sciences.

Research Institute for the Biology of Farm Animals, Dummerstorf

Research on functional biodiversity of farm animals because of its crucial basis for sustainable agriculture, as an important potential for a lasting security of global food and as an essential fundament of life.

Baltic Sea Research Institute, Warnemünde

Interdisciplinary marine research in coastal and marginal seas with a special emphasis on the Baltic Sea ecosystem

State Research Institute for Agriculture and Fisheries, Güstrow-Gülzow

• Institute for farming and plant production • Institute for animal production • Institute for fisheries • Institute for business administration Research and application on low temperature plasmas (e. g. in the field of biomedical technologies for surface coating or sterilisation)

Institute of Low Temperature Plasma Physics, Greifswald Catalysis – Leibniz-Institut für Katalyse e.V., research site Rostock

Development and provision of breeding methods

Research and development of homogenous and heterogenous catalysts for catalytic processes and technologies (e. g. in pharma and chemical research)

144

Figure 2:

Development of companies in the field of life sciences and bio-

technology in BioCon Valley Mecklenburg-Vorpommern since 1996

From: Annual Report 2005, BioCon Valley, 2006

2.4

Mission and tasks of BioCon Valley

The activities of the BioCon Valley initiative are financially and strategically supported by the Federal State Government of Mecklenburg-Vorpommern under auspices of the Ministry of Economics. The BioCon Valley Initiative was established with the goal to facilitate the commercialization of research results in the field of life sciences and biotechnology, to increase competitiveness and the formation and settlement of knowledge-based companies in these fields and to thus promote the sustainable development of Mecklenburg-Vorpommern to a prime location for life sciences and biotechnology. Furthermore health economy in general has developed in the recent years to one of the central pillars of BioCon Valley’s activities (see also chapter 2.3.) BioCon Valley’s offices are located in Greifswald, Groß Lüsewitz and Rostock in the technology centers in direct neighborhood to the companies. Its activities focus on following four fields:

145



Management of the BioCon Valley Network BioCon Valley is the central contact point for life sciences and health economy management in Mecklenburg-Vorpommern where companies as well as research institutions and universities receive quick and competent consultation. The monthly newsletter (“BioLOG-Nachrichten”, in German only) and BioCon Valley – seminars (“BioCon Valley – Treff”) keep the actors informed on current developments.



Operation of Sector-Specific Technology Centers BioCon Valley is the operator of the “BioTechnikum Greifswald” and the “AgroBioTechnikum Gross Lüsewitz”. The specialized centers (so called “bioincubators”) offer young technologically oriented companies offices and laboratories for settlement. Tenants benefit from the centers’ state-of-the-art infrastructure, including access to the common laboratories and to the competent support on sight.



Realization and Management of Projects BioCon Valley supports its partners in specific fields with own projects. These are geared towards particular demands, and range from specific topics such as aquaculture, agro biotechnology or health economy management, to multidisciplinary issues such as questions concerning education and further training or – more and more important – international collaboration.



Public Relations and Marketing BioCon Valley renders public relations for the region and for its universities, research institutions and businesses. BioCon Valley’s services comprise current press releases keeping in touch with regional and national media and promoting the region at sector specific exhibitions and conferences. BioCon Valley is a member of idw-online, the German information system for sciences. With this membership, regional news from Mecklenburg-Vorpommern attract national and international attention. An important tool is the website http://www.bcv.org which is available in German and English language being continuously updated.

146

3

ScanBalt – A new growth pole in Northern Europe

3.1

ScanBalt – Europe’s first metaregion in life sciences and biotechnology

The Baltic Sea Region has reached an exiting point in its development. 15 years ago a process was started to integrate business, knowledge production and the creation of wealth in the countries around the Baltic Sea. The process was essentially politically driven, the region was a vision rather than realities. During the past 15 years, a number of initiatives have been taken to improve communication and develop synergies around the region. This period was characterised by the rise of a number of organisations dealing with cooperation in the Baltic Sea area in a variety of fields and by a variety of actors, e. g. Baltic Development Forum, Pro Baltica, Union of Baltic Sea Cities, … With the formulation of the Lissabon agenda it became obvious that Europe takes part in the global competition for scientists, capital and knowledge, major factors of importance for social growth. With the recent enlargement of the European Union, the ScanBalt BioRegion has become increasingly important as an engine for European knowledge based growth. A major industrial impetus for growth in the region is seen in the biotech and life science industries for global health.

3.1.1 ScanBalt BioRegion – a network of networks It is doubtful however whether any single country in the region is able to gain an internationally competitive edge on its own within biotechnology and related disciplines. The individual European bioregions are relatively too small to be competitive in a global perspective. Therefore the experts in the Nordic countries and the Baltic Sea states have created the first meta-bioregion ScanBalt BioRegion encompassing Denmark, Estonia, Finland, Iceland, Latvia, Lithuania, Norway, Poland, Sweden, northern part of Germany and north-western part of Russia. ScanBalt BioRegion comprises 11 countries and 85 million people with more than 60 universities and 870 life sciences/biotech companies.

147

“The term bioregion or –cluster is used as a generic term for government institutions, universities, research institutions, hospitals, venture capital funds, the biotech industry and various service providers collaborating with a focus on the growth of a geographically confined area. The term biotech-industry include companies whose business focus lies within the areas of therapeutics, diagnostics, genomics, proteomic, bioinformatics, life science supply, biotechnology platforms or biotech-related services of various kinds.”

88

The Scandinavian-Baltic region is experiencing a significant increase in activities within life sciences in general and biotechnology in particular – the formation of ScanBalt as Europe’s first and most successful meta-region

89

as a common plat-

form for research, education and innovation seems to be a logic result. Several major publicly financed research centres have been set up and a number of new biotech companies are supported by considerable inflow of venture capital. To continue this development and the region’s striving for high-tech and high-valuecreating jobs to ensure growth and prosperity in the future, it is necessary to establish a strong recruitment base of highly-educated people as well as coordinated public investments in relevant infrastructures. “The fruitful interaction between and among firms, academia and the public sector is critical for transforming new knowledge and ideas into commercially viable products, economic growth and improved living standards.”

90

88

From Bioscience to new jobs in Medicon Valley. A Medicon Valley Academy strategic report, Medicon Valley Academy, Copenhagen/Lund 2004.

89

Macro-region is an evolving social level between the nation and the international, global level. The European Union is a macro-region. Micro-region is one or several adjacent transnational or subnational region(s) which within the framework of the macro-region seeks for a niche or expresses a common interest. [B.Hettne: Den europeiska paradoxen. Nerenius & Santérus Förlag, 1997]. Macro- and micro-regionalisation can therefore be seen as two sides of the same process. We define meta-region as a region of regions (between already formed micro-regions) within the framework of the European Union macroregion. Meta-regionalism, of which we believe Scanbalt is an example, is thus the process of clustering micro-regions into bigger social entities, meta-regions.

90

Schwaag Serger, S. / Wise Hansen, E.: Innovation in the Nordic-Baltic Sea Region – A Case for Regional Cooperation. Baltic Development Forum, 2004. 148

There are many cultural, historical and political ties between the countries in the Scandinavian-Baltic region. The region therefore constitutes an excellent foundation for closer interregional cooperation. A joint effort in development and application of biotechnology and related fields is an initiative that may have significant consequences for the region’s economic and social development in an ”Europe of Regions”. ScanBalt is considered to be the first network of its kind. Within the defined region there are already a number of life science networks like Medicon Valley, Biocon Valley, MedCoast Scandinavia or BioTurku. All have the purpose to promote biotech/life sciences in their European micro-region. All these 24 Euro life science networks are extremely important and essential in themselves, but all are too small to be competitive on the global scene or even within Europe. ScanBalt is thus a coordinating meta-network with the purpose of promoting biotech/life sciences from this European meta-region on the global scene. ScanBalt’s purpose is to create new opportunities, fill gaps and remove hurdles and should be seen as a process or movement initiating and facilitating activities together with being a voice for ScanBalt BioRegion. ScanBalt is not an administrative body, the input comes from the individual regional networks and actors. All organizational work related to the association is performed by the ScanBalt office in Copenhagen. ScanBalt will set value at the bottom-up approach and at the triple helix model. Life sciences activities from universities, industry and even politics shall be included and combined. The board of ScanBalt consists of a chairman and four vice-chairmen. The decision-making body is represented by the Executive Committee, consisting of founding members of ScanBalt.

149

Figure 3:

ScanBalt founding members

Founding members 

Networks           



         

BioCon Valley Bioforum Oulu/Technopolis BioMedico Forum BioTeam South Biotop Berlin BioTurku Estonian Biotechn.Ass. Norgenta/Bay to Bio MedCoast Scandinavia Medicon Valley Academy Øresund Science Region



 

Industry/Tech Transfer      

Universities and Res.Inst. Center for Intell.Prop.Studies Inst.for Experimental Medicine

Sahlgrenska Univ. Hospital University of Gdansk University of Göteborg University of Helsinki University of Kalmar University of Latvia University of Linköping University of Lund University of Rostock Agricultural University of Norway

Centre of Tech.Transfer, Gdansk Hedmark Innovation Center/BioInn Helsinki Business and Science Park Innovation Norway Novo Nordisk Steinbeis Transfer Center

From: ScanBalt standard presentation, ScanBalt fmba, 2005.

3.1.2 History and values ScanBalt’s aim is to keep the common heritage and to use the situation and the structural conditions as efficiently as possible by including all Baltic Sea Regions and putting the common interests in the field of life sciences and biotechnology together. Because of many common historical similarities of the Baltic Sea Region, a close collaboration between the northern and Baltic regions had already started in the Middle Ages when most of the cities around the Baltic Sea were members of the Hanseatic League. The Thirty Years’ War from 1618 to 1648 sealed the demise of the hanseatic league which disappeared around 1650. The last Hanseatic Day took place in Lübeck in 1669. The Treaty of Westphalia in 1648 that ended the Thirty Years’ War set the borders, with some exceptions, of most present nation states. The formation of the European Union in 1950 and onwards restarted a process of European regionalisation. Additionally, geographical and sociodemographical preconditions are obvious. Collaborations between the regions around the Baltic Sea especially arose after the fall of the “iron curtain”. 150

st

The ScanBalt initiative was officially endorsed in November 2001 at the “1 Baltic st

Biotech Forum” in Mecklenburg-Vorpommern (to be considered as 1 ScanBalt Forum). Starting point was the already existing close collaboration between the bio-networks Medicon Valley Academy in the Øresund region, BioTurku from Southwest Finland and BioCon Valley in Mecklenburg-Vorpommern. Following the Nordic Industrial Fund’s decision to fund a pilot project on ScanBalt, a steering committee was established in January 2002 in Copenhagen. It was decided to set up the ScanBalt Forum as a regular event. The 2nd ScanBalt Forum took place in May 2003 with the aim to promote a unique regional forum for borderless biotech networking and collaboration for mutual benefit. In August 2004, the 3rd ScanBalt Forum took place in Turku, Finland. At this event, ScanBalt was constituted as association under Danish law (ScanBalt fmba). The modern concept of ScanBalt is to create a meta-region within which to develop existing and future clusters, networks, co-operations and co-ordinations between countries with regard to research, education, public services, innovation and to initiate a public dialogue in life sciences and biotechnology. All ScanBalt actors agree that if the main purpose is regional growth and prosperity certain values have to prevail in the region. The problem of trust ought to be addressed. In spite of historical and cultural similarities, the different countries in the ScanBalt BioRegion have very different prerequisites. GDP per capita ranges between $7,200 and $27,700. Brain drain is already a significant problem. Talented students go abroad to join PhD programmes in Europe and the United States, mainly to the latter, and never return due to lack of proper job opportunities. Exchanges of students and expertise are positive phenomena, but a net export of significant magnitude will ruin a country or a region. “Brain drain” has to be converted to “brain circulation” or “brain exchange”. Also, the building of ScanBalt BioRegion has to be founded on a common trust in the goal of being beneficial to all ScanBalt inhabitants. The young generation of students have through recent years tended to abandon biotech and science, although in some countries the negative trend seems to have stopped. Fear for pollution, global warming, nuclear radiation, all generated by science and biotech, are some of the reasons. The concepts of sustainable development and sustain151

able society have to be a basic framework for all ScanBalt activities to reclaim or maintain the trust of the younger generation of students. Ethical issues are more or less self evident nowadays but still have to be spelt out. To be a member of ScanBalt one should conform to the values agreed upon. ScanBalt promotes the development of ScanBalt BioRegion as a globally competitive metaregion. The three priorities in order to support the formation and development of new ideas, networks and projects and ensure output in terms of concrete results are: Table 3: Priorities of ScanBalt Identity and Infrastructures •

promote a corporate identity for ScanBalt BioRegion



facilitate meta-regional infrastructures for education, research, tech transfer, innovation.



promote the integration between regions based on mutual benefits.



strengthen interaction between knowledgeproduction, -transfer and -utilization.



promote large scale financing of meta-regional infrastructures.

Communication and Transparency

Coordination and Consolidation



be a voice for ScanBalt BioRegion.



assist ScanBalt networks to concrete goals.



promote the triple helix model in line with EU strategies.



facilitate dialogue and promote coordination and synergy.



strengthen communication between life science actors in ScanBalt BioRegion



strengthen dialogue with our members and adjust to needs.





strengthen international promotion of regional capacities and build bridges to regions outside the EU

strengthen coordination and partnerships with relevant organisations



attract human and financial resources.



promote transparency of metaregional activities.

From: ScanBalt strategy paper, ScanBalt fmba, 2004

3.1.3 Perspectives and Advantages The principles of ScanBalt are something all members firmly believe in. The European Union has to destil from its more than 200 microregions to less than ten to be able to compete on the global arena. Biotech and life sciences are perhaps the best areas for such an integrative venture and ScanBalt may be the first of the new enlarged metaregions within the European Union. 152

The Scandinavian and Baltic sea countries are facing two major opportunities: •

to use biotechnology to increase wealth and health in the century of life sciences,



to build an economic powerhouse of global prominence based on regional cooperation.

ScanBalt is intended to help countries in the region in meeting these opportunities including the following potential perspectives and advantages: •

establishment of a new growth and knowledge region in Europe as a vantage point for global competition,



implementation of plans to meet shortages of well-qualified personnel within biotechnology and related areas, including health services and medical technology,



creation of new trans-regional clusters of expertise and partnerships between public and private institutions,



focus on cross-disciplinary innovation combining biotechnology, information technology, communication technology, medical technology, microelectronics and nanotechnology,



promote the application of biotechnology for the benefit of the general public within health services, drug development, food quality and environmental protection,



facilitate public dialogue on the opportunities and dilemmas of the applications of biotechnology,



international prominence to attract capital and bright people from all over the world.



Consortia of countries from ScanBalt will be strong applicants for EU funds since EU 6th Framework Programme encourages inter-regional cooperation.

153



Expansion of ScanBalt networks will tie the region’s eastern parts closer to well-established European co-operations, thus adding to the prospects of lasting peace and prosperity.



ScanBalt may become a pioneer example of a new type of inter-regional cooperation in Europe with potential perspectives for political and popular developments.

3.2

ScanBalt – a model case for transnational cooperation

ScanBalt encompasses 12 regional networks and clusters, which have in general only few interregional linkages. While companies, universities, hospitals and public institutions on the local scale have developed cluster characteristics and sustained economic growth, there is a Pan-European potential yet to be explored – and exploited. Thus there is a need to combine local competencies and create a common position of strengths within the field of life sciences and biotechnology in the Baltic Sea Region. In the following two ongoing projects are described which can be regarded as models for promoting transnational cooperation in the ScanBalt bioregion: “ScanBalt Campus” dealing with the cooperation of universities and companies and “ScanBalt CompetenceRegion” aiming at mapping the relevant competencies in life sciences and biotechnology in the ScanBalt bioregion and developing recommendations for the future strategy within ScanBalt bioregion.

3.2.1 ScanBalt CompetenceRegion – creation of transparency and visibility In July 2004, the ScanBalt CompetenceRegion project was started as a “model case to enhance European competitiveness in life sciences, genomics and bio91

technology for health” . The core activities of the project are the collection and analysis of data to provide it in a comprehensive and structured mapping and a scorecard process based on the collected data and a cluster analysis. Partners from all Baltic Sea countries are involved in the project in both established biore91

Funded by EU, FP6 priority 1, SSA (Scientific Support Action), duration: 30 months. 154

gions (Medicon Valley Academy, Bioturku, BioCon Valley etc.), the ambitious new member states Poland, Estonia, Latvia and Lithuania and the North-Western part of Russia. The results give a picture of the competencies and capacities in life sciences and biotechnology in the individual bioregions and countries; from individual actors, university units, research institutions and companies. The collected data will serve as a basis for a Scorecard analysis and subsequent cluster analysis. In addition a ScanBalt CompetenceRegion mapping was prepared, which aims to provide a tool for the integration of competences and strengths of local clusters in the Baltic region and to develop these into a common Baltic position of strength within the field of life sciences and biotechnology. One key element in this process is obtaining an overview of the present competencies and resources in the region by conducting a competence mapping. This mapping identifies drivers such as R&D input, risk capital, human capital, Biotech workforce and current impact as well as enablers such as R&D Programmes, University policies related to patents, tax incentives etc. Despite the premature nature of this first mapping it is, however, a valuable contribution to create a foundation for cooperation and knowledge sharing between networks, organisations and other stakeholders in the ScanBalt meta-region. Furthermore, it can serve as a tool and motivation to reinforce dialogue between the meta-network’s sub-regional parties on challenges and objectives, ultimately creating a platform for generating trans-national clusters. The mapping exercise itself also contributes to enhance the mutual understandings and objectives of the ScanBalt network by establishing a common point of reference through extensive knowledge sharing in the process. It is likely to increase awareness of both potential new activities and partnerships and of their own comparative strengths and weaknesses during the process. The first results of the mapping indicate that the development of clusters occurs in life cycles along a development curve. Based on the idea of the “product-lifecycle”, the ScanBalt networks are characterized by different parameters, they show different status of development:

155



1st stage: Technologically oriented clusters develop in regions with high and outstanding scientific expertise. The scientists and their institutions (often public funded) can be regarded as “scientific fountains” developing and producing excellent and commercially attractive results laying the foundation for the spin off of start up companies as well as for the attraction of financial resources.



2nd stage: Characterized by the “co-location” of science and industry. A significant number of companies can already be found in this cluster type. These companies start to attract private capital to finance their further growth and development. As a result of the mapping, e. g. BioTurku but also BioCon Valley were characterized as co-location clusters.



3rd stage (or “mode 3”): This cluster type attracts foreign expertise, companies and capital to the region. This stage can be described as the cluster type with the maximum commercial impact by “in sourcing” based upon the attractiveness of the cluster for outside resources. The clusters of Medicon Valley and MedCoast Scandinavia were characterized as such “mode 3” type clusters.

Figure 4:

The life cycle of competence clusters

Mode 3 Current Impact

Biotech Workforce

Human Capital

Co-locat ion

Risk Capital

R&D Input

Scient ific Fount ain

From: ScanBalt CompetenceRegion: final mapping report phase 1, Oxford Research, 2006

156

As a further workpackage a competence analysis is presently being developed which will be finished end of year 2006. The aim is to state which regions show which competencies on which fields and how the concerted regional integration of strengths initiate further potentials. Competence profiles of researchers and the respective institutions as well as existing networks will be created and analysed, which allows a visualization of complementary competencies. As one of the results out of the ScanBalt CompetenceRegion project recommendations to the actors will be given to bring the researchers within one field of competencies together and to strengthen the collaboration within ScanBalt BioRegion.

3.2.2 The interaction between bioclusters – ScanBalt Campus as a model case Universities are key players in the building of a bioregion. Education and research, closely linked together in the concept of knowledge formation are instrumental for the development. The European university system needs however to improve on flexibility, in cluster formation ability and in openness towards industry and society in a new way without jeopardizing their important role as an actor of free and critical thinking. The ScanBalt Campus framework project has been set up as a model project to approach these challenge, e. g. for undergraduate to postgraduate education in biotech/life sciences. According to the first results the ScanBalt Campus is thought to be both physical and virtual and based on exchange of both students and teachers. Political stakeholders in several countries within ScanBalt as well as officials at the European Commission have expressed a substantial interest and also indicated possible financial support. One of several important issues is the formation of new curricula. Trans-disciplinarity, flexibility, formative evaluation and dialogue between researchers, teachers, students and societal actors must be the guiding principles. Another important issue is the governing of such a new academic structure. Classical academic hierarchy should be avoided and societal actors given insight and influence on appropriate levels. There is no need for another traditional university.

157

Concrete action within the project in this direction was started in spring 2005.

92

31

institutional partners from the Baltic Sea Region were joining to create a concept for a sustainable ScanBalt Campus. The Campus project aims to bring universities and research institutions as well as researchers and students in the region closely together. A first step is to build up transnational knowledge centres with education, research and technology transfer. Additionally, an internet based one-stop-entry system is established which will serve as communication platform for students, lectures, academic institutions etc. ScanBalt Campus has founded an advisory board, ScanBalt Academy. Among other things it acts as strategic advisor to ensure academic excellence, promote use of shared curricula and evaluate ScanBalt Campus activities. The first concrete results with regard to a virtual ScanBalt university has been the establishment of Knowledge Networks which aim to intensifying the transnational collaboration in education and research. Upon defined guidelines, following Knowledge Networks were accepted until now: Environmental Biotechnology, Informational Biotechnology, Molecular Diagnostics, Regenerative Medicine, Entrepreneurship and Innovation. The first activities like partner search and organizing of summer-schools are already started; in the near future, shared curricula with respect to master programs and PhD courses will be developed. A specific ScanBalt Campus website (http://www.scanbaltcampus.eu) was established in June 2006 and provides relevant information about the project, serves as a student’s room and contains various databases with regard to research and education. Together with the ScanBalt website (http://www.scanbalt.org) it shows a picture of ScanBalt to the outside world and promotes the BioRegion as a competitive metaregion in life sciences and biotechnology with huge strengths and opportunities.

92

Funded by EU, Interreg IIIB, duration: 21 months. 158

4

Outlook

Whether or not ScanBalt will be a success story for others to judge. The history of ScanBalt has shown that the concept of networking has to be anchored in the regions based upon a “bottom up” approach with BioCon Valley as one typical example. The mapping of competence clusters in ScanBalt CompetenceRegion is the first of its kind and is leading to interesting results. It forms a good and necessary platform for further work in transforming ScanBalt together with other projects like ScanBalt Campus to an actual string of clusters. It is reasonable that taken together the clusters in Scanbalt matches the global front running clusters in the US. It can even also be indicated that local strength of one cluster can match the comparative weakness of others opening a window of opportunity for increased collaboration. So far, the “ScanBalt” process and movement has released considerable enthusiasm and energy and the speed of action will remain high. ScanBalt possesses the potential to be a pan-European role model for cluster development in this extremely important field of life science and biotechnology, health economy and beyond.

159

References BioCon Valley (2006)

Annual Report 2005.

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Machbarkeitsstudie “Entwicklung eines Netzwerkes Zellzucht und Bioprozesstechnik in Mecklenburg-Vorpommern”.

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Innovation in the Nordic-Baltic Sea Region – A Case for Regional Cooperation. Baltic Development Forum.

Vereins- und Westbank (2003)

Gesundheitsmarkt Norddeutschland bietet gute Wachstumschancen. Report, Hamburg.

160

Figures Figure 1:

Employment structure in the field of health economy in Mecklenburg-Vorpommern................................................................198

Figure 2:

Development of companies in the field of life sciences and biotechnology in BioCon Valley Mecklenburg-Vorpommern since 1996.........................................................................................203

Figure 3:

ScanBalt founding members .............................................................208

Figure 4:

The life cycle of competence clusters ...............................................214

Tables Table 1:

Universities and universities of applied science with biotech-related activities in Mecklenburg-Vorpommern ....................201

Table 2:

Non university research institutions with biotech related activities in Mecklenburg-Vorpommern .............................................202

Table 3:

Priorities of ScanBalt.........................................................................210

161

Autorenverzeichnis Dr. Wolfgang Blank, Geschäftsführer der BioCon Valley GmbH, Greifswald und Rostock Prof. Dr. Gerald Braun, Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik an der Universität Rostock, Geschäftsführender Direktor des International Baltic Entrepreneurship Center (IBEC), Rostock Dr. Gerhard Heimpold, Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abt. „Stadtökonomik“ des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Halle/Saale Dipl.Geogr. Matthias Gutgesell, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Geographie der Universität Bayreuth, Bayreuth Prof. Dr. Jörg Maier, Institut für Geographie der Universität Bayreuth, Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie und Regionalplanung, Bayreuth Dr. Hans Pohle, Referatsleiter a. D „Wirtschaft und Verkehr“ im Sekretariat der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL), Hannover PD Dr. Dieter Rehfeld, Direktor des Forschungsschwerpunktes „Innovative Räume“ des Institut Arbeit und Technik (IAT) im Wissenschaftszentrum NRW, Gelsenkirchen Prof. Dr. Martin T. W. Rosenfeld, Leiter der Abt. „Stadtökonomik“ des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Halle/Saale Prof. Dr. Wilhelm Steingrube, Direktor des Instituts für Geographie und Geologie der Universität Greifswald, Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeographie, Greifswald

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