Sackgasse Wall Street - Spiegel

Sackgasse Wall Street - Spiegel

Wirtschaft Randfiguren in Amerika BÖRSEN An US-Börsen notierte deutsche Unternehmen Sackgasse Wall Street DURCHSCHNITTLICHES TÄGLICHES HANDELSVOLU...

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Wirtschaft

Randfiguren in Amerika BÖRSEN

An US-Börsen notierte deutsche Unternehmen

Sackgasse Wall Street

DURCHSCHNITTLICHES TÄGLICHES HANDELSVOLUMEN . . . ... IN DEUTSCHLAND . . . IN NEW YORK in tausend Aktien

Für viele deutsche Konzerne hat sich der prestigeträchtige Gang aufs New Yorker Parkett nicht gelohnt. Doch der Rückzug ist schwierig. Jetzt will Finanzminister Eichel helfen.

W

sie sich eingestehen, hat sich nicht gelohnt. „Die meisten würden lieber heute als morgen wieder gehen“, sagt Peter Wiesner, Chefjustiziar des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Weder hat ihnen der Gang nach New York dabei geholfen, ihr Unternehmen bekannter zu machen – bei rund 2700 Unternehmen an der NYSE fallen sie kaum auf. Noch bekamen sie allzu oft Gelegenheit, ihre neuen Aktien als Akquisitionswährung einzusetzen. Auch die Hoffnung, dass sich US-Investoren nun eher für die Neulinge aus Germany interessieren, wurde enttäuscht: Wenn ausländische Anleger deutsche Papiere kaufen, gehen sie lieber direkt an die Frankfurter Börse. Mit Ausnahme von SAP erzielen die 18 an NYSE und Nasdaq gelisteten Unternehmen Umsätze, die nur einen Bruchteil des deutschen Handelsvolumens ausmachen (siehe Grafik). Von der Bayer-Aktie zum Beispiel wurden im August täglich im

ABRAMS / DPA

HENNY RAY ABRAMS / AFP

enn am Abend des 3. Oktober die Herbsttagung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds in Washington zu Ende geht, wird die deutsche Delegation ohne den Finanzminister nach Berlin zurückfliegen. Hans Eichel will noch einen Abstecher nach New York unternehmen. Dort hat der Minister etwas Wichtiges zu erledigen. In der Finanzmetropole besucht er John Thain, den Chef der New Yorker Börse. Mit ihm will Eichel über ein heikles Thema reden: die strengen Regularien der Wall Street, die es dort gelisteten deutschen Unternehmen nahezu unmöglich machen, sich von der Börse zu verabschieden. Ein Abgang vom US-Parkett? Vor drei Jahren noch eine völlig abwegige Vorstellung: Damals galt eine Notierung an der New York Stock Exchange (NYSE) oder der Technologiebörse Nasdaq quasi als Zugangsberechtigung in die Welt global operierender Unternehmen. Wer auf der Em-

Deutsche Telekom 16 179

540

Infineon

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Siemens

4189

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DaimlerChrysler

3892

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Deutsche Bank

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Bayer

3303

80

E.on

2751

35

BASF

2542

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Allianz

2321

239

SAP

1549

1399

Schering

707

22

Epcos

699

5

Altana

546

21

Fresenius M. C.

193

23

SGL Carbon

188

8

GPC Biotech

137

13*

Lion Bioscience

46

3*

Pfeiffer Vacuum

17

1

August 2004, Quelle: Thomson Financial Datastream

*Nasdaq

US-Börsenneulinge Schulte-Noelle, Schumacher (2. v. l.)*: Die Macht der Eitelkeit zerstreute alle Zweifel

pore im Handelssaal den Börsentag einläuten durfte, der gehörte zum Club – und das sollte jeder wissen. Unvergessen die Szene, wie der frühere Infineon-Chef Ulrich Schumacher anlässlich der Erstnotiz im Rennfahrer-Outfit im silbernen Porsche vor das Börsengebäude fuhr. Die Macht der Eitelkeit zerstreute in jenen Tagen alle vernünftigen Zweifel. Mittlerweile ist Schumacher als InfineonChef Geschichte – und die einstige Euphorie deutscher Firmen über ihre New Yorker Notierung längst in Frust umgeschlagen. Das Unternehmen Wall Street, so müssen 84

Schnitt 80 000 Aktien gehandelt, das entspricht gerade mal 2,4 Prozent des Umsatzes an der Frankfurter Börse: Dort wechseln jeden Tag rund 3,3 Millionen Aktien des Leverkusener Konzerns den Besitzer. Kleinere Unternehmen wie die Heidelberger Biotech-Firma Lion Bioscience werden in New York praktisch ignoriert. Der US-Umsatz sei „völlig bedeutungslos ge* Links: beim Börsenstart in New York am 3. November 2000; rechts: anlässlich der Erstnotiz mit Börsenpräsident William Johnston, Ex-Formel-1-Rennfahrer Mario Andretti und Börsenchef Richard Grasso in New York am 14. März 2000. d e r

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genüber dem Heimatmarkt“, klagt Finanzvorstand Martin Hollenhorst. Das schmerzt umso mehr, weil die Firmen viel Mühe und Geld investiert haben. Der damalige Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle machte allein zum Debüt auf dem New Yorker Parkett im November 2000 einen hohen zweistelligen Millionenbetrag für Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer und Marketingexperten locker. Und damit war es nicht getan: Jedes Jahr gibt der Versicherer etwa zehn Millionen Euro aus für Dienste, die rund um das Listing anfallen – von Bilanzexperten, die das Zahlen-

werk nach US-Richtlinien anfertigen, bis zu Dolmetschern, die jede Verlautbarung rechtlich wasserdicht übersetzen müssen. Dabei kommen Großkonzerne noch vergleichsweise billig weg. Für eine kleine Firma wie Lion Bioscience dagegen seien die Kosten „substanziell“, sagt Finanzmann Hollenhorst. Rund eine Million Euro kostet der Luxus der US-Notierung – bei einem Umsatz von knapp 20 Millionen Euro. Nun werde geprüft, so der Manager, ob man sich von der Nasdaq zurückzieht. So offen wie Hollenhorst bekennt sich keines der großen Unternehmen zu Fluchtphantasien. Allenfalls wird hinter vorgehaltener Hand gejammert, man habe den Aufwand unterschätzt. Der Wiesbadener Grafithersteller SGL Carbon räumt immerhin ein, derzeit Kosten und Nutzen der US-Notierung abzuwägen. Ansonsten aber herrscht nervöses Schweigen: Zu groß ist die Furcht, die Kapitalmärkte könnten ein solches Signal missverstehen. Was freilich bei der Entscheidung noch schwerer wiegt: Wer einmal in den USA gelistet ist, dem lassen die strengen Börsenregeln kaum eine Chance, das US-Engagement rückgängig zu machen. Die Wall Street entpuppt sich als Sackgasse. Dabei ist das so genannte Delisting, also der Abschied von der Kurstafel, noch der einfachste Teil des Verfahrens. „Viel komplizierter ist die Deregistrierung“, erklärt Joseph Marx von der internationalen Wirtschaftskanzlei White & Case in London. So verlangt die US-Börsenaufsicht SEC, dass die Unternehmen die Berichtspflichten erfüllen, selbst wenn sie nicht mehr notiert sind – es sei denn, sie können nachweisen, dass weniger als 300 Personen mit Wohnsitz in den USA ihre Aktien halten. Genau diesen Nachweis zu führen fällt jedoch schwer. Auch wenn deutsche Unternehmen an der Wall Street kaum auffallen, mehr als 300 Aktionäre zählen sie allemal: Bei der Allianz zum Beispiel sind von 555 300 registrierten Aktionären immerhin 1760 US-Halter. Um die Schwelle zu unterschreiten, müsste ein Unternehmen versuchen, über Banken und Fondsgesellschaften seine US-Aktionäre ausfindig zu machen, sie anschreiben, ihnen ein Kaufangebot unterbreiten – und hoffen, dass genügend mitziehen. Intershop ist diesen mühsamen Weg gegangen und hat sich von der Nasdaq verabschiedet. Das Jenaer Software-Haus bot den US-Aktionären an, ihre Anteile gegen deutsche Aktien zu tauschen oder ihnen den Gegenwert auszuzahlen. Zuletzt wurden 133 Aktionäre gezählt. Nun spart Intershop jährlich rund 300 000 Euro, bei einem Umsatz von 23 Millionen Euro eine durchaus spürbare Entlastung. Künftig wären nach Firmenangaben noch weitere 500000 Euro an Kosten entstanden, weil von kommendem Jahr an der so genannte Sarbanes-Oxley-Act auch für ausländische Unternehmen gilt. d e r

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Dieses Gesetz, Reaktion auf die Betrugsaffären um Mauschelkonzerne wie Enron und WorldCom, verschärft die Buchführungs- und Kontrollvorgaben an das Management erheblich. „Da kommt eine noch nicht quantifizierbare Menge Arbeit auf uns zu“, ahnt Manfred Bender, Finanzvorstand des Aßlarer Maschinenbauers Pfeiffer Vacuum. Kaum noch etwas geschieht dann, ohne dass Vorschriften der US-Börsenaufsicht zu beachten sind. Die Manager fühlen sich bevormundet und eingeengt. In manchen Konzernen ist bereits die Rede von einer Spielart des Wirtschaftsimperialismus, die sich hier manifestiere: Amerika bestimmt die Regeln, die Welt hat zu folgen. Die neuen Auflagen bedeuten im Schnitt einen Mehraufwand von bis zu acht Millionen Dollar im ersten Jahr und 1,2 Millionen Dollar in jedem Folgejahr, schätzen Finanzexperten. Schon heute beschäftigt die Deutsche Telekom allein 60 Mitarbeiter, die nur darauf achten, dass die SEC-Regeln eingehalten werden. Wo aber viele Auflagen zu erfüllen sind, steigt die Gefahr von Auseinandersetzungen, die vor Gericht enden. Die Haftpflichtprämien von Vorständen, deren Unternehmen in den USA notiert ist, haben sich teilweise versechsfacht. „Die Panik vor den neuen Haftungsregeln ist groß“, sagt Ralf Fischer zu Cramburg vom Deutschen Aktieninstitut (DAI). Bei Verstößen gegen die Berichtspflichten drohen Geldstrafen bis zu fünf Millionen Dollar. Sogar Gefängnisstrafen sind möglich. Es ist eine vertrackte Situation, in der sich die deutschen Konzerne befinden: Die Notierung an der Wall Street bringt ihnen herzlich wenig – doch starten sie jetzt den Rückzug, würde sofort der Eindruck entstehen, sie hätten etwas zu verbergen. Also haben sie Funktionäre vorausgeschickt. Im Februar beschwerten sich elf europäische Wirtschaftsverbände, darunter BDI und DAI, bei SEC-Chef William Donaldson, dass die Entscheidung für eine US-Notierung „praktisch irreversibel“ sei. Ihr Vorschlag: Der Rückzug könnte künftig an die Höhe des Handelsvolumens gekoppelt werden. Fällt der US-Umsatz unter fünf Prozent des weltweiten Handels, soll ein Delisting möglich sein. Schützenhilfe haben die Konzerne aus Brüssel bekommen. EU-Binnenmarktkommissar Frits Bolkestein forderte Anfang August den SEC-Chef auf, die Regeln zu überarbeiten. Nun also will der Finanzminister vor Ort Druck machen. Eines seiner Argumente: Werden Unternehmen derart ans Parkett genagelt, erwägen andere Firmen den Börsengang künftig gar nicht erst – was nicht im Sinne der Amerikaner sein kann. Die Statistik belegt die abschreckende Wirkung: Im Jahr 2000 verzeichnete die NYSE 60 Neuzugänge aus dem Ausland, 2004 waren es bisher nur 16. Alexander Jung, Wolfgang Reuter

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