Salafismus in Deutschland - Religionen im Gespräch

Salafismus in Deutschland - Religionen im Gespräch

DER GEISTLICHE VIZEPRÄSIDENT Information der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers zum Thema Salafismus in Deutschland In den vergangenen ...

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DER GEISTLICHE VIZEPRÄSIDENT

Information der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers zum Thema

Salafismus in Deutschland

In den vergangenen Wochen waren die Meldungen in allen Medien zu vernehmen: „25 Millionen Exemplare des Korans sollen in Deutschland kostenlos verteilt werden“. Viele Menschen haben in diesem Zusammenhang wohl zum ersten Mal von den Salafisten als einer Strömung im Islam gehört, die auch in Deutschland aktiv ist. Medienvertreter, aber auch Kirchenmitglieder fragten, wie wir als Evangelische Kirche dazu stehen und wie wir reagieren wollen. Vertreterinnen und Vertreter der evangelischen Kirchen haben sich kritisch zu dieser Verteilaktion geäußert, aber dabei deutlich differenziert. Drei Grundaussagen sind für uns wichtig:

1

Wir haben keine Einwände gegen die kostenlose Verteilung des Korans. Der Koran ist die Heilige Schrift einer großen Weltreligion. Muslime sind unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger. Und wir sind als evangelische Kirche vielfach im Gespräch mit den Moscheegemeinden und den islamischen Verbänden.

2

Wir haben auch deshalb keine Einwände gegen eine kostenlose Verteilung des Korans, weil in unserem Staat Religionsfreiheit herrscht und wir als Kirche darauf achten, dass Religionsfreiheit immer auch die Freiheit der Anders-Glaubenden ist. Dieser Grundsatz ist Voraussetzung für einen Dialog der Religionen.

3

Wenn eine Strömung in einer Religionsgemeinschaft diesen Grundsatz mit Füßen tritt oder verächtlich macht, dann widersprechen wir, um des Gemeinwohls und der Religionsfreiheit willen. Wir reagieren nicht mit den gleichen Methoden, sondern setzen auf Aufklärung und Information.

Die Salafisten, die die kostenlose Koranverteilung organisieren und durchführen, akzeptieren weder die Religionsfreiheit noch stellen sie sich einem gleichberechtigten Dialog der Religionen. Mit ihren Grundüberzeugungen bilden sie eine radikale Sekte, die auch von den islamischen Verbänden in Deutschland abgelehnt wird. Wer sich für eine salafistische Gruppe werben lässt oder ihr beitritt, wird in der Regel erleben, dass die Kontakte zur Familie und zum Freundeskreis abgebrochen werden müssen und dass die Ausübung des bisherigen Berufes sehr schwer wird.

DER GEISTLICHE VIZEPRÄSIDENT

Zugleich aber bieten Salafisten mit ihren Ideen für Jugendliche und junge Erwachsene durchaus eine verlockende Weltsicht: die klare Trennung von Gut und Böse und eine klare Unterscheidung von denen, die dazugehören und allen anderen, die es zu missionieren oder zu bekämpfen gilt. Zudem findet man Beachtung, wenn man sich zu einer Gruppe bekennt, die quer steht zu allem, was in unserer Gesellschaft gängig ist. Wer zu den Salafisten gehört, dem sind viele Entscheidungen abgenommen, die in einer pluralistischen Welt zur Auseinandersetzung nötigen. Das hat durchaus eine Attraktivität für Jugendliche, zumal die Salafisten im Internet sehr präsent sind und ihre Botschaft viele junge Menschen erreicht. Wenn wir als Kirche junge Menschen davor bewahren wollen, sich in solchen sektenhaften Gruppen zu verlieren, dann braucht es Aufklärung und Bildung, Information und Begleitung, in der Schule, in der Jugendarbeit, in den Kirchengemeinden. Deshalb übersenden wir Ihnen einige Grundinformationen, die der Beauftragte für Kirche und Islam im Haus kirchlicher Dienste zusammengestellt hat.

Arend de Vries Geistlicher Vizepräsident im Landeskirchenamt

Salafismus Unter Salafismus versteht man eine Richtung innerhalb des Islam, die es sich zum Ziel gesetzt hat, den frommen „Altvorderen“ (arab. salaf ) nachzufolgen, das heißt den Genossen des Propheten Muhammad und den Muslimen der ersten Jahrzehnte nach seinem Tod im Jahr 632 n.Chr. Ziel des im 19. Jahrhundert entstandenen Salafismus ist eine Reform des Islam durch die Besinnung auf die Quellen des Islam, insbesondere auf den Koran und die Überlieferung über das Leben des Propheten. Diese Rückbesinnung kann zwei Formen annehmen. Sie kann entweder eine moderne Auslegung des Islam hervorbringen, wie sie z.B. für den ägyptischen Großmufti Muhammad Abduh (1849–1905) typisch ist, der der Überzeugung war, dass der Islam und die Moderne aufs beste zueinander passen. Oder sie kann einen rückwärtsgewandten, fundamentalistischen Islam hervorbringen. Mit dieser zweiten Form haben wir es heute in Deutschland in der Regel zu tun.

Salafisten in Deutschland Drei Formen des Salafismus lassen sich unterscheiden, eine puristische, eine politische und eine djihadistische. Puristischen Salafisten geht es in erster Linie darum, den rechten Islam zu leben. Politische Salafisten sind bestrebt, ihn zur Grundlage des Staates zu machen. Djihadistische Salafisten wie die sogenannte „Sauerland-Gruppe“ und der Frankfurter Attentäter Arid Uka sind bereit, zur Durchsetzung des rechten Islam Menschen zu erschießen oder Bomben zu legen. Die Übergänge zwischen den drei Typen sind fließend. Insbesondere für den zweiten und dritten Typ sind Meinungen wie die folgenden typisch: Es gibt nur eine wahre Religion, den Islam. Die anderen Religionen, insbesondere die Juden und die Christen, die einst die Offenbarung erhalten haben, sind Ungläubige (kuffar) und zu meiden. Auch Muslime, die einen anderen Islam lehren, sind Ungläubige. Es ist die Aufgabe des wahren, d.h. salafistischen Muslims, die Ungläubigen zum Islam „einzuladen“ (da’wa). Religionsfreiheit ist inakzeptabel, der Abfall vom Islam ist mit dem Tode zu bestrafen. „Einer Person, die den Islamischen Glauben ablehnt, sollte eine Gelegenheit von drei aufeinanderfolgenden Tagen gegeben werden, um zur Gemeinschaft des Islam zurückzukehren. […] Wenn diese Person zur Gemeinschaft des Islam zurückkehrt, wird sie freigelassen; wenn nicht, wird die Strafe vollzogen. Die Tötung eines Abtrünnigen ist in Wirklichkeit eine Erlösung für die restlichen Mitglieder der Gesellschaft“ (www.islamhouse.com, betrieben vom saudi-arabischen Ministerium für die Verkündung des Islams).

Ein wahrer Muslim darf die Demokratie niemals akzeptieren. Ein Staat, in dem Alkohol erlaubt ist, Zinsen gezahlt werden und Musik aufgeführt wird, ist unislamisch und muss ignoriert oder bekämpft werden. „Ich bin gegen demokratische Wahlen, weil sie gegen den Geist des Tauhid (der Einheit Gottes) sind. […] Die Gesetze dieses Landes interessieren mich nicht, weil sie von den Kuffar gemacht worden sind“ (Senol B. im Gespräch mit Rauf Ceylan, Die Prediger des Islam, 2010, 164).

Der Westen bekämpft den Islam, der Djihad, verstanden als „heiliger Krieg“, ist Pflicht eines jeden Muslims. Die Attentate vom 11. September haben die Amerikaner selbst verübt, um sie den Muslimen in die Schuhe schieben zu können. „Wissen den[n] die Schrumpfköpfe nicht das[s] wir […] alle Osama (bin Laden) sein können wenn wir nur wollen mit Allahs Barmherzigkeit? […] Allah hat uns den Sieg versprochen […] Euch glaubt sowieso keiner mehr“ (Abou Maleeq, www.facebook.de).

Die muslimische Frau sollte sich verschleiern. Wenn sie ihrem Mann nicht gehorcht, darf sie geschlagen werden. „Damit die muslimische Frau keine Fitna (Zwietracht) in der Gesellschaft auslöst, sollte sie sich ganz verschleiern. Das sollte zwar jede muslimische Frau für sich entscheiden, ob sie einen Gesichtsschleier tragen möchte, aber sie muss dann auch die Konsequenzen tragen, wenn sie z.B. belästigt wird“ (Taner H. bei Ceylan, 2010, 157).

Dialog mit anderen Religionen ist abzulehnen, denn er verfolgt nur scheinbar einen guten Zweck. Tatsächlich ist „Dialog“ eine Strategie des Westens, die Muslime von ihrem Glauben und der da’wa abzubringen. „Da’wa bedeutet andere Menschen zum Islam aufrufen und sie einzuladen. Es ist ein einseitiger Prozess, der nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Da’wa [… geht] vom Schema Wahr-Falsch aus […], wie es in der qur’anischen Offenbarung gelehrt wird. […] Dialog ist nicht Da’wa“ (und daher zu meiden; www.salaf.de).

Experten gehen davon aus, dass sich 4.000-5.000 Menschen der salafistischen Lehre verbunden fühlen, das heißt etwa einer von Tausend in Deutschland lebenden Muslimen. Ungleich größer als ihre Zahl ist ihr Einfluss auf junge Muslime. Das Internet wimmelt von salafistischen Seiten und Veröffentlichungen. Informationen über den Islam, Islamseminare, Korankommentare, Ratschläge zum rechten Leben und Anleitungen zur Konversion, all das ist schnell und kostenlos zu haben. Wer sich im Internet über Islam informieren will, kommt an salafistischen Seiten nicht vorbei. Attraktiv ist der Salafismus für manche Jugendliche, weil er ihnen eine klare Orientierung bietet. Der Unübersichtlichkeit der modernen Welt und der Zumutung, sich ein eigenes Urteil bilden zu müssen, wird eine Schwarz-Weiß-Sicht entgegengesetzt: das musst du tun, das musst du lassen, so tust du, was dein Schöpfer von dir verlangt. Darüber hinaus bietet die Gruppe eine Form von „Nestwärme“, wie sie für Sekten typisch ist.

Die Mitglieder halten sich fern von ihren normalen sozialen Bezügen, brechen mit den Eltern, den Freunden und oft auch mit den Lebensgefährten, und sie erhalten dafür den Zusammenhalt einer Gruppe, die davon überzeugt ist, auf dem direkten Weg ins Paradies zu sein. Hinzu kommt, dass es für einige Jugendliche cool ist, Salafi zu sein. Ein Salafi protestiert gegen den Mainstream, er wendet sich gegen die Welt der Erwachsenen, auch gegen die Welt der erwachsenen Muslime.

Die Verteilung von Koranen im Rahmen der Aktion „Lies!“ Urheber der Aktion, die im letzten Herbst gestartet wurde, ist der Kölner Salafist Ibrahim AbouNagie. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt gegen ihn und seine Internetseite „Die wahre Religion“ wegen des Verdachts der Volksverhetzung und des öffentlichen Aufrufs zu Straftaten. Verteilt wird eine Neubearbeitung einer unter deutschen Muslimen beliebten Übersetzung des Kölner Autodidakten Muhammad Rassoul. Nach einer ersten Durchsicht scheint sich die Ausgabe auf wenige Änderungen und Ergänzungen zu beschränken, so dass von der Lektüre des Buches nicht prinzipiell abgeraten werden kann. Besser ist es allerdings, eine der seriösen wissenschaftlichen Übersetzungen des Korans ins Deutsche zu lesen (etwa Hartmut Bobzin, Der Koran, München 2010).

Was tun? Wer mit puristischen oder politischen Salafisten zu tun hat (Djihadisten sind ein Fall für die Polizei), steht vor der schwierigen Aufgabe, die rechte Balance zwischen Anerkennung und Abgrenzung zu finden. Inakzeptablen Thesen sollte deutlich widersprochen werden. Aber wie? Folgende Regeln haben sich bewährt:

1

Die Bedeutung der Religion anerkennen. Nicht „der Islam“ ist das Problem, sondern die salafistische Auslegung dessen, was „Islam“ in Deutschland heute bedeutet. Es geht nicht darum, den Jugendlichen die Religion auszureden (was zu heftigen Gegenreaktionen führen würde), sondern ihnen zu einem anderen Verständnis der Religion zu verhelfen. An geeigneten Hilfsmitteln dafür mangelt es nicht. C. Dantschke u.a., „Ich lebe nur für Allah“. Argumente und Anziehungskraft des Salafismus. Eine Handreichung für Pädagogik, Jugend- und Sozialarbeit, Familien und Politik, Berlin 2011.

2

Teilhabe ermöglichen, Dialog fördern. Der Salafismus ist für manche Jugendliche auch deshalb attraktiv, weil sie das Gefühl haben, als Muslime und Kinder von Migranten nicht recht dazuzugehören. Je weniger sich junge Muslime ausgegrenzt fühlen, je selbstverständlicher der interreligiöse Dialog ist, desto geringer ist die Neigung, sich extremistischen Gruppen zuzuwenden.

3 Identitätsfallen meiden, Vielfalt betonen.

So wenig wie es „die Christen“ gibt, gibt es „die Muslime“. So wenig wie der Koran per se ein verfassungsfeindliches Buch ist, ist die Bibel per se die Mutter des Grundgesetzes. Sowohl Christentum als auch Islam lassen sich auf vielfältige Arten und Weisen auslegen und leben – und missbrauchen.

4 Das Selbstbestimmungsrecht ernst nehmen.

Die große Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime ist der Auffassung, dass Grundgesetz und Islam gut zueinander passen. Dieser Haltung zu widersprechen, weil der Koran inakzeptable Sätze und Regeln enthält, führt in die Irre. Es ist Sache der Muslime, zu klären, was „Islam“ für sie bedeutet und was nicht.

5 Auf Sachfragen konzentrieren.

Salafistische Thesen sind oft so lange cool, wie es nicht konkret wird. Ein Prediger, der den Jugendlichen erklären muss, warum sie keine Musik hören dürfen oder warum Jeans verboten sind, stößt in der Regel schnell auf Widerspruch.

Weitere Informationen Prof. Dr. Wolfgang Reinbold Beauftragter für Kirche und Islam Haus kirchlicher Dienste der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers Archivstraße 3 30169 Hannover 0511 – 1241-972 [email protected] www.kirchliche-dienste.de/islam