schöne welt - Die Welt

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JUNI 2016 ICON ICON JUNI 2016 SCHÖNE WELT DER CHANEL MOMENT www.chanel.com CHANEL-Kundenservice - Tel. 01801-24 26 35 (3,9 Ct/Min. aus dem Fes...

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JUNI 2016

ICON

ICON JUNI 2016

SCHÖNE WELT

DER CHANEL MOMENT

www.chanel.com

CHANEL-Kundenservice - Tel. 01801-24 26 35 (3,9 Ct/Min. aus dem Festnetz, max. 42 Ct/Min. aus Mobilfunknetzen).

W W W.C E L I N E .C O M

MARC COMBER/ALLPIX/LAIF

Das Sommer-Gate boarded jetzt!

K

arl Lagerfeld hat einen Traum für uns. Einen Flughafen nur mit gut gekleideten, kultivierten Menschen. Selbst der Rollkoffer ist auf den Stoff des Kleides abgestimmt. Erinnerung an eine Zeit, als Flugbegleiter noch Stewardessen waren, wurden wach, als Chanel zur Schau der Sommerkollektion 2016 im Grand Palais bat. Ich hatte mich auf den letzten Drücker aus der rappelvollen, verspäteten Maschine gekämpft und das Motorrad-Taxi genommen: die einzige Möglichkeit, sich durch den morgendlichen Pariser Stau zu schlängeln – und so saß ich optisch leicht derangiert im Publikum. Doch schon beim Betreten der Halle fiel der Stress ab. „Wow!“ schlägt „Menno!“. Natürlich nervt das Gezerre an Flughäfen, der Mangel an Intimität wie absurde Diskussionen über Duschgel-Größen im Handgepäck. Aber hey, ist das wichtig? Der Weg führt zum Ziel – und wir haben die Wahl, welchen wir nehmen. In diesem Sinne haben wir diese Ausgabe gestaltet und wünschen Ihnen und uns einen glücklichen Sommer.

LEYLA PIEDAYESH

Die temperamentvolle Unternehmerin ist mit ihrem Label Lala Berlin (benannt nach ihrem Spitznamen) eine der erfolgreichsten deutschen Modedesignerinnen. Ihre Geschichte beginnt jedoch weit entfernt von Berlin-Mitte. Sie wurde in Persien geboren und verbrachte dort einen Teil ihrer Kindheit. 1979 floh ihre Familie nach Deutschland – und Leyla Piedayesh kehrte niemals mehr zurück. Jetzt hat sie sich aufgemacht. Beladen mit Fragen, Erinnerungen, Ängsten und Sehnsüchten flog die Mittvierzigerin in den heutigen Iran und kehrte mit sehr persönlichen Eindrücken zurück: Für ICON führte sie exklusiv eine Art Tagebuch, in dem sie den äußeren und inneren Weg ihrer Reise nachzeichnet. Unbeabsichtigt liest sich der Bericht dieser erfolgreichen Unternehmerin auch wie ein Kommentar zum Zeitgeschehen: Wer seine eigenen Wurzeln kennt und dem Fremden aufgeschlossen begegnet, kann sein Glück auch an ungeahnten Orten finden. Seite 42

SAM BISSO

„Ich freue mich jedes Mal, wenn ich nach nach Kalifornien reisen kann. Die Landschaft ist faszinierend, vor allem entlang der Küste am Highway Number One. Während des Shootings hielten wir an einigen Stellen mit spektakulärem Ausblick. Der Abschnitt zwischen der Bixby Bridge und Big Sur ist mir besonders in Erinnerung geblieben: eine atemberaubende Sicht vom Strand auf die Klippen auf der einen Seite und mächtige Berge auf der anderen. Schon das allein wirkt inspirierend. Mode und Fotografie zu kombinieren und damit Geld zu verdienen, war immer mein Traum. Nun ist er seit vielen Jahren Realität. Zurzeit pendle ich zwischen Melbourne und Europa. Die Modefotografie-Szene in meiner Heimat Australien ist noch nicht so ausgeprägt, daher muss ich viel reisen. Wenn ich mal frei habe, und das ist als Freelancer selten, dann reise ich oder treibe Sport. Immer die Art, die dir einen Adrenalinstoß gibt.“ Sam Bisso hat die Mode ab Seite 24 fotografiert. AUF DEM COVER: Alena trägt, leider nur knapp sichtbar, ein Kleid mit Federkragen von Valentino. Darunter ein Kleid mit Pailletten und Spitze von Miu Miu Gleich am ersten Tag in Saudi-Arabien lernte Silke Bender, dass westliche Höflichkeitsgesten in einem muslimisch geprägten Land zu Verwirrungen führen können. Oder zu Karambolagen. Etwa vor der Drehtür des „Park Hyatt“ in Dschidda: „Ein ganz in Weiß gekleideter Scheich, seine Frau voll verschleiert dahinter, steuerte neben mir auf den Eingang zu. Flink überholte er mich auf den letzten Metern, um als Erster durch die Tür zu gehen“, erinnert sie sich. Kurz danach wollte sie durch den schönen Garten des Hotels bis zur Balustrade laufen, um einen Blick aufs Rote Meer zu werfen. „Ein aufgeregter Hotelangestellter rannte hinter mir her und sagte, der Bereich sei nur für Männer erlaubt.“ Nach dem ernüchternden Anfang hat sie dafür der weibliche Teil der Bevölkerung positiv überrascht. „Noch wahren die Frauen nach außen hin den Gehorsam, aber unterm Schleier verstecken sich starke, kluge und vor allem humorvolle Persönlichkeiten.“ Ab Seite 40 TITEL: SAM BISSO; MARIO TESTINO; PRIVAT(3)

SILKE BENDER

IMPRESSUM ICON Chefredakteurin: Inga Griese (verantwortlich) Textchef: Dr. Philip Cassier Special Editor: Adriano Sack Redaktion: Caroline Börger (Managing Editor) , Heike Blümner, Nicola Erdmann, Anna Eube, Julia Hackober, Jennifer Hinz, Silvia Ihring, Mira Wiesinger. Korrespondentin in USA: Huberta von Voss. Korrespondentin in Paris: Silke Bender. Style-Editor in NY: Nadia Rath Autoren: Susanne Opalka, Esther Sterath, Andreas Tölke Redaktionsassistenz: Ursula Vogt-Duyver, Rebecca Bülow Artdirektorin: Barbara Krämer Gestaltung: Maria Christina Agerkop, Katja Schroedter, Adrian Staude Fotoredaktion: Julia Sörgel, Elias Gröb, Emina Hodzic Bildbearbeitung: Thomas Gröschke, Liane Kühne-Kootz, Felix Steinert Postproduction: Luna Simic Lektorat: Matthias Sommer Verlagsgeschäftsführung: Dr. Stephanie Caspar, Dr. Torsten Rossmann Gesamtanzeigenleitung: Silvana Kara; Anzeigen ICON: Roseline Nizet ([email protected]), Leonie Lepenos Objektleitung: Carola Curio ([email protected]) Verlag: WeltN24 GmbH Druck: Prinovis Ltd. & Co KG, Nürnberg Herstellung: Olaf Hopf ICON ist ein Supplement der „Welt am Sonntag“, die nächste Ausgabe erscheint am 11. September 2016. Sie erreichen uns unter [email protected] Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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ICON JUNI 2016

AUSGEWÄHLT AUF UND DAVON Unsere Stilexperten berichten von Sehnsuchtsorten und Herzensangelegenheiten

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FRE U(N) D E DES SOM M ERS Icona und ihre Familie sind von Kopf bis Fuß auf Sonne eingestellt

MODE 20

AUS Z E H ENSCHUH WIRD SZ ENESCHUH Von der einfachen Gummisandale zum globalen Erfolgsprodukt – die Geschichte der Havaianas aus Brasilien

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KURZ UN D GUT Wie man als Mann würdevoll badet – Silke Bender ging dieser Frage nach

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DIE KUNST, NACH KUNST AUSZUS EHEN Die amerikanische Designerin Tory Burch präsentiert ihren sommerlichen BohemeLook an internationalen Society-Frauen

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IN FARBE UND BUN T Accessoires für unbeschwerte Stunden – 20 fröhliche Lieblingsteile

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RE INE SCHÖNHEIT Das trifft auf Model, Mode wie Natur gleichermaßen zu – ein Shooting in Kalifornien

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VO RWÄ RTS IN DIE VERGANGENHEIT Designerin Leyla Piedayesh besuchte 27 Jahre nach ihrer Flucht den Iran – und entdeckte dort auch die Zukunft

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PARA DIES PO NZA Eine Frau, eine Insel, viele Erinnerungen: Ein Besuch bei Anna Fendi vor Italiens Küste

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LITERARISCHES DUETT Wenn zwei Reporter aufeinandertreffen, kann es kompliziert werden. Oder unglaublich spannend. Ein Porträt des großen Gay Talese – beste Freizeitlektüre

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A BGEFÜLLTE BEGIERDE Winzer Roman Roth macht Weine, für die ein Mann seine Frau sitzen lassen würde

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DER JÄGER UND SAMMLER Ein Porträt des Galeristen David Zwirner. Oder: Ein Deutscher in New York

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GLO BAL DIARY Diesmal bekamen wir Postkarten aus Phuket, Mailand und San Pancrazio

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O H, BOY! Wir sahen dabei zu, wie die Tasche „Boy Chanel“ entsteht – der Bauplan

KOSMETIK 54

CHRISTIANS HAUS Nur in „La Colle Noire“ fühlte sich Dior frei. Inga Griese hat sich dort umgeschaut

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GEPFLEGTES INSIDERWISSEN Unsere Kosmetikexperten wissen, was sie und er jetzt brauchen. Plus: Neue Produkte

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PSSSST! DIE NEULINGE Internationale Frischmacher

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WHAT A FEELING Wer das St-Barth-Gefühl hautnah erleben möchte, muss nicht mehr zwingend eine weite Reise antreten. Caroline Börger hat es dennoch getan

GESCHICHTEN 36

IRMA IST I MM ER AM ( ERD) BALL Unsere Kolumnistin verrät Tipps und Tricks für die Reise rund um den Globus

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WE NN W ELTEN BUMM LER ZU HAUSE SESSHAF T WERDEN Auch unsere Möbelauswahl stammt diesmal von Designern aus der ganzen Welt

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GOLD MI T GUTEM GEWISSEN Das Haus Chopard verwendet ethisch korrekte Rohmaterialien für Teile seiner Kollektion – Julianne Moore ist überzeugt

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DRUNT E R S TATT DRÜBER In Saudi-Arabien verbirgt die traditionelle Abaja eine eigene Modewelt – wir schauten unter dem Schleier nach

mbyner d ie C o e b ü n a nm z li c h o o k s k a n c h k a u fe n . Z u s ä t d e s L s a n o Ic na t f it z le ic h t h ih r O u A p p g a n u n t ä g li c h a u c ! hr ie n p o s t e t s t u n g : S u c h t g e fa h c A . s Ta g e

SAM BISSO(4)

08

Road Trip: Model Alena Blohm hat für uns luftige Sommermode entlang Kaliforniens Highway No. 1 in Szene gesetzt. Von oben: Mit Cabriolet: Kleid: Dolce & Gabbana. Lederjacke: Gucci. Schuhe: Altuzarra An der Bixby Creek Bridge: Kleid und Armreif: Céline. Leder-Fransenrock: Polo Ralph Lauren. Weste: Marni. Pretty in Pink: Gestreiftes Kleid: Christian Dior. Ohrringe und Kleid in Pink und Schwarz darüber: Marni. Lederjacke: Longchamp. Nächster Halt Hollywood? Im Kleid von Fendi. Bluse mit Spitze: Rochas. Jacke: Saint Laurent. Stiefel: Emanuel Ungaro. Hut: Gucci

STILISTEN

AP/ANTONIO CALANNI

DIE WELT IST EIN DORF. UNSERE LIFESTYLEWEISEN BEGABEN SICH FÜR UNS AUF DIE REISE

Schirmherrin

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MEHR UNTER ORLEBARBROWN.DE

Schöner entschleunigen im Wohlfühlschuh: Kaschmir-Sneaker von Iris von Arnim und Fritz Unützer. In vier Farben.

WN ICON/ORLEBAR BRO WIEBKE BOSSE FÜR

Elefantastisch! Wir testeten mit einem ICON-Shooting-Motiv die neue „SnapShorts“-App von Orlebar Brown, mit der jeder zum Badehosen-Designer wird.

Seit einiger Zeit bezeichne ich mich nicht mehr als Nomadin, sondern habe die Wortschöpfung „Gypsetter“ für mich entdeckt. Die Symbiose aus „gypsy“ (Englisch für Gipsy) und „Jetsetter“ trifft auf den Punkt zu, auch wenn 95 Prozent meiner Reisen um den Globus einen beruflichen Hintergrund haben. Der bescherte mir kürzlich einen Kurztrip auf die Seychellen, von dem ich mir trotz eines straffen Terminpensums ein wenig Erholung erhoffte. 22 Stunden Anreise brachten meinen adrenalingepeitschten und zugleich tiefenerschöpften Leib nicht gerade nach vorn. Im nagelneuen „The H Resort“ auf Mahé buchte ich mir also ein AntiStress-Treatment. Der SpaDirektor selbst nahm sich Zeit und verkündete mir Ala Zander nach einem Erstanalyse-GeInhaberin der spräch schonungslos, dass PR-Agentur „Stilart“ in München mein Energiezentrum völlig aus den Fugen sei. Steve ist nicht einfach nur ein Masseur, Steve ist Heiler. Er behandelt Demi Moore und versuchte es auch bei Donna Karan, deren „Vata-Pitta-Balance“ ähnlich aus dem Gleichgewicht sei wie meine, wie er mir verriet. Zu viel Energie, zu wenig bis gar kein Schlaf, die perfekte Langzeit-Selbstzerstörung. Steve wurde mein Meister der Selbsterkenntnis. Nach fünf Sitzungen erkannte ich immerhin mein Problem. Leider konnte ich ihn nicht abwerben, sich ab sofort ständig um meine Balance zu kümmern – aber sobald ich es wieder einrichten kann, plane ich eine Reise zurück in meine (H)heile(r-) Welt.

PRIVAT

HEILE WELT

Wer den Hut aufhat, hat das Sagen. Zumindest sticht er aus der Menge hervor. Und das ist ja schließlich das Wichtigste beim alljährlichen Traditionspferderennen im englischen Ascot. Vom 14. bis 18. Juni greifen die Damen wieder zu Riesenhut, etwa diesem von Armani, Fernglas und Champagner-Flöte. Delighting!

TRENDBAROMETER VON WOLFGANG JOOP

Herr Haka

Frau Dob Ignorieren ist das Stichwort. Ich mag verhüllte Gesichter nicht, aber die Hotpants ohne Rückenspiegel, die jetzt wieder auf die Straßen niederkommen, sind auch gewöhnungsbedürftig. Zumal besonders gern freigelegt wird, was doch schon etwas welkt. Aber ich stimme dir zu, wir sollten Tradition Tradition sein lassen und Mode nicht zu sehr idealisieren. Lieber bunt als eintönig. Unsere Freiheit ist ja gerade, sich so oder so zu kleiden.

Game. Set. Match. Klassiker zeichnen sich häufig durch Reduktion aus. Aber nicht alles Minimalistische ist auch ein Klassiker. Für die Zalando-Iconics-Kollektion stellte sich Designer Rafael Nespeirera der Aufgabe, zeitloses Design und Qualität in einem Schuh zu vereinen. Die Produktion übernehmen die Lederexperten aus dem spanischen Elche, etwa für diesen Low Sneaker, angelehnt an den klassischen Tennisschuh.

SABINE REITMAIER

STADT UND KUNSTWELT

Das New Yorker DIS-Kollektiv mit Solomon Chase, Marco Roso, David Toro und Lauren Boyle kuratiert die aktuelle Berlin Biennale (die Spiegelung ist Absicht), die am 4. Juni eröffnet

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Am liebsten hätten wir uns Berlin wie Touristen genähert: Befallen von einer Art kulturellen Dysmorphophobie, also eingebildeter Hässlichkeit, stellen wir uns vor, wie wir mit einem Selfie-Stick in der Hand von Berlinern in skandinavischer Designermode bestaunt werden. In Wirklichkeit bewegen wir uns in einem verzweigten Netzwerk und fühlten uns hier von Anfang an wie zu Hause. Weil wir selbst ein Online-Magazin betreiben, stellt sich „die Kunstszene“ für uns sowieso als durch und durch vernetzt dar. Oft wissen wir überhaupt nicht, wo genau sich bestimmte Leute auf der Welt gerade befinden: Berlin, Johannesburg, Hongkong oder Ohio – es macht für uns keinen großen Unterschied. In Berlin stellte sich heraus, wie wichtig der echte Kontakt ist. Wir treffen unglaublich viele Künstler und Kreative, mit denen wir Ideen austauschen, zusammenarbeiten. In manchen Fällen verfolgen wir sie wie besessen. Das soziale Element der Nähe, Freundschaft und kollektive Kreativität gehören einfach dazu. Genauso wie der fast schon surreale Kontakt zu Macht und Politik, der sich einstellt, wenn man eine staatlich geförderte kulturelle Veranstaltung organisiert. Und manchmal hatten wir das Gefühl, dass wir weniger von expliziten Kunstorten als von aufgeladenem politischen Terrain angezogen wurden: Ausstellungen im Paul-Löbe-Haus, der nicht eröffnete Flughafen Berlin-Brandenburg, riesige öffentliche Fußball-Screenings am Brandenburger Tor oder die Inszenierungen zur Flüchtlingsthematik am Maxim Gorki Theater. Mit der Biennale erfahren und verkörpern wir den Kontrast zwischen der manchmal abstrusen Kunstwelt und der ureigenen Energie der Stadt. Genau diese Schnittstelle finden wir interessant. Hier möchten wir sein.

ZALANDO

Ich versteh’ die Aufregung um orientalische Mode gar nicht. Was hat das mit Emanzipation zu tun? Ich habe schon in den 70erJahren einen grünen Samtanzug mit Pluderhose und Goldtressen getragen, den ich im „Mamounia“ in Marrakesch geschenkt bekommen hatte. Damals kauften auch alle bei Djamtorki in Hamburg Originale aus Marokko als Alternative zur Haute Couture. Lass uns in der Mode doch einfach bei Mode bleiben und den Zwang und Politik ignorieren.

Durch jahrelange Yogapraxis habe ich gelernt, was sich hinter dem hochtrabenden Wort „Ganzheitlichkeit“ verbergen könnte. Im Yoga ist es ein Zusammenspiel aus Atemübungen und körperlicher An- und Entspannung. Wenn alle Facetten im Einklang sind, erlebt der Praktizierende eine umfassende Wahrnehmung von sich selbst und seiner Umwelt. Man muss das nicht Erleuchtung nennen. Aber man kann. In der Mode, der ich als Model und Markenberater ebenfalls seit Jahren verbunden bin, ist die Lage ungleich komplizierter. Insgesamt ist der Mode- und Luxusmarkt übersättigt. Brauchen wir wirklich noch mehr „Birkin Bag“-Kopien, Perfecto-Lederjacken und Skinny Jeans? Wie lebt der moderne, verwöhnte Konsument von Welt heute wirklich? Inspiriert ihn die Kombination aus DiptyqueDuftkerzen, APC-Jeans, und CoffeetableBooks über Hausschlachtungen, skandinavisches Möbeldesign oder AvantgardearchitekMax Vallot tur genug, um ihm das Gefühl von einem erFashion Consulfüllten Leben zu vermitteln? tant und Gründer des Ich glaube, dass sich unser Konsumverhalten Fitnessnetworks momentan stark verändert. In der Modewelt „District Vision“ gibt es Spielraum, was Authentizität, Nachhalin New York tigkeit und eine holistische Denkweise betrifft. Wir suchen nach Brands, die externe mit internen Werten verbinden können. Uns interessieren die Produktionsstandards mindestens sehr so wie die Models in der Kampagne. Die Generation der Millennials, zu denen ich mich zähle, ist wählerischer, bohrt nach, sucht nach einzigartigen Erlebnissen und ist dennoch markenloyal. Wir investieren in lang anhaltende Qualität statt in kurzfristigen Spaß. Es geht nicht mehr um neuer und schneller, sondern um intelligenter und bewusster. Darauf reagieren die großen Marken. Das Vermarkten von saisonalen Trends, einer neuen It-Bag, einem neuen Instagram-Star, einer neuen bestickten Bomberjacke, reicht nicht mehr. Wir möchten nicht mehr als Konsumenten gesehen werden, sondern als Menschen mit einer bestimmten Lebensweise und Idealen. Auch wenn das idealistisch klingen mag. Redet uns nicht ein, dass es angesagt sei, als Kokainleiche mit Lederjacke in der Ecke zu liegen. Wir wollen die Abenteuerlust der, sagen wir, Outdoor-Marke Patagonia kombiniert mit dem Coolness-Level von Céline. Im Idealfall unterstützen uns Brands auf dem Weg zu einem gesünderen Leben. Dieses Bewusstsein ist der neue Rock ’n’ Roll.

UND SONST NOCH KANN LOSGEHEN: Pünktlich zur Sommersaison öffnet Chanel seinen Pop-up-Store in Saint-Tropez —— DIE LIEBEN KOLLEGEN I: Wie eine Handvoll Frauen und Männer von 1945 bis 2015 „Acht deutsche Sommer“ erleben, erzählt das Autoren-Trio Christine Kensche, Uwe Schmitt und Wolfgang Büscher (Rowohlt) —— DIE LIEBEN KOLLEGEN II: Frank Schmiechen ist der „Mann mit dem gelben Hemd“. Unbedingt anhören. Ab 17. Juni —— SEHNSUCHTSORT: Dass Marlon Brando Polynesien verfiel, versteht man beim Aufenthalt in dem von ihm gegründeten Hotel „The Brando“ (thebrando.com) —— AUF ZACK: Es geht um mehr als bunt in der „Missoni Art Colour“-Ausstellung im Londoner Fashion & Textile Museum —— RADTOUR: Der Designer liebt Räder. Nun gibt es das Buch dazu. „Paul Smith’s Cycling Scrapbook“, (Thames & Hudson)

OLIVIER SAILLANT

DIE HERBST/ WINTERK O L L E K T I O N 16 /17 IST BEREITS AB S O M M E R E R H Ä LT L I C H

Weiß steht für Reinheit, Ordnung, Leichtigkeit, Vollkommenheit. Klar, dass Bräute diese Farbe tragen, die streng genommen gar keine ist, sondern vielmehr die Summe aller Farben des Lichts. Eine Erhellung, ein Neuanfang, eine Carte Blanche eben. Nicht weniger will die Nuance „White Spazzolato“ der „Classic Bag“ von Céline vermitteln. Sie ist der Kalbsleder gewordene Sommer für die Garderobe.

STEFANO TROVATI/SGP

Filmreif und zeitlos elegant: Eine neue Kollektion von Santoni ist von Marlene Dietrich inspiriert

Traum in Weiß

CÉLINE

ERLEUCHTUNG DURCH KONSUM

SITZSYSTEM YANG

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DESIGN RODOLFO DORDONI

B E R L I N BY HERRENDORF, LIETZENBURGER STR. 99 - T. 030 755 4204 56 M Ü N C H E N BY EGETEMEIER, OSKAR VON MILLER RING 1 - T. 089 59 55 12 AUCH BEI ANDEREN AUTORISIERTEN HÄNDLERN UND IN ANDEREN STÄDTEN. PLZ 0/1/2/3/4/5 HANDELSAGENTUR STOLLENWERK - T. 0221 2828259 - [email protected] PLZ 6/7/8/9 HANDELSAGENTUR RIEXINGER - T. 07121 325953 - [email protected]

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Summ, summ!

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Sie schwirrt auf Taschen, Kleidern, Schuhen: Ganz klar, die Biene zählt zu den Lieblingsmotiven von Gucci-Kreativdirektor Alessandro Michele. Und so ziert sie auch zahlreiche Schmuckstücke aus der Fine-Jewellery-Kollektion des Hauses, deren Botschafterin, die Sängerin Florence Welch, kürzlich in London vorgeflogen, äh, -gestellt wurde. Der Ring rechts besteht aus 18-karätigem Gelbgold – und sticht garantiert nur ins Auge.

HOW TO ART – TEIL XI:

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GAME OF URLAUB Wenn man Braun nur als Farbe der Gemütlichkeit kennt, dann führt dies unweigerlich zu Schwarz-WeißDenken. Da kann es nur eine Lösung geben: Verschickung. Vielleicht sollte man nicht nur Künstlern ihre Reisen sponsern, sondern vor allem jenen Menschen, die sich ängstlich in ihre braune Ackerscholle verbeißen und diese nicht teilen wollen. Indien ist ein hervorragendes Ziel, denn schon so mancher deutsche Bildungsbürger, Hippie, oder Abiturient kam mit offenem Herzen und Geist und einem ziemlich zurechtgestutzten Anspruch aus diesem Mekka der Farben und der Spiritualität zurück, um sich, zurück in der Heimat, vor einem Wasserhahn zu verneigen, aus dem tatsächlich Trinkwasser sprudelt. Ein weiterer Künstler trat unlängst seine letzte Reise an, ein kleiner Prinz, der hier auf Erden von der Farbe Purpur sang und von Liebe, die aus Musik zu bestehen schien. Wahrscheinlich hatte er noch ein paar Vulkane zu fegen. Den Körper kann man auf dieser Art von Reise nicht gebrauchen, zu schwer und zu träge hängt er an einem. Besitz belastet eben! Am Ende sehen wir zum Nachthimmel empor und denken an Sternschnuppen, dabei schießen über das Nachtblau Satelliten, um uns mit der Welt zu verbinden und uns vorzugaukeln, dass wir ruhig an einem Ort bleiben können, denn die Welt, sie ist doch schon im Wohnzimmer. Man sollte sich nicht täuschen lassen.

Man kann auf Island nicht wirklich etwas falsch machen. Die Natur ist per se spektakulär. Aber wenn die Touristen vollkommen aus dem Häuschen vor den bekanntesten sprudelnden Geysiren stehen, kann man als Einheimischer die Begeisterung nur ansatzweise nachvollziehen. Wie überall auf der Welt lohnt es sich nämlich, die ausgetretenen Pfade zu verlassen. Auf Island kann das jedoch bedeuten, dass es irgendwann überhaupt keine Straßen mehr gibt und man sich durch eine LandVictoria schaft schlägt, die an Eliasdóttir die Kulisse von „GaChefköchin im me of Thrones“ oder Restaurant „Dóttir“ in Berlin „Herr der Ringe“ erinnert. Überhaupt die Erinnerungen: Die schönsten Orte, die ich auf Island kenne, existieren jetzt, wo ich in Berlin lebe, vor allem in traumhaften Sequenzen. Früher sind meine Familie und ich in den Ferien viel über die Insel gereist. Einer meiner Lieblingsorte ist bis heute Landmannalaugar. In dieser Hochlandgegend fließen verschiedenfarbige Erdschichten ineinander wie auf einem Gemälde. Man kann dort reiten, wandern und natürlich in heißen Quellen baden. Ich kenne kaum einen anderen Ort, der einen im positiven Sinne so sehr auf sich selbst zurückwirft.

FRANZISKA SINN

„Reisen bildet!“, sagte einst schon meine Großmutter, mit der ihr eigenen, unnachahmlichen Art, komplexe Zusammenhänge auf ein Minimum zu reduzieren. „Besitz belastet“, war ein anderes Kürzel für ihre Weltordnung. Der Kunst und dem Künstler ist dies natürlich nichts Neues. Künstler reisen, um sich zu bilden, ihre Werke zu verbreiten oder Auftraggebern zu folgen. Die Kunst selbst reist an die verschiedensten Orte dieser Welt, wohin dann die ganze Welt reist, um diese Kunst betrachten zu können. Besonders hervorzuheben sind unsere documenta in Kassel natürlich und diverse Biennalen und Art Fairs überall auf dem Globus. Kunst animiert, sich zu bewegen und dies nicht nur im Geiste, sondern ganz profan, zum Beispiel mit dem Zug. Eine Gemeinsamkeit von Kunst und Religion, denn wo der eine nach Hessen pilgert, wandert der andere nach Lourdes oder Mekka, mit einem ähnlichen Ziel, nämlich irgendwie erleuchtet zu werden. Mancher Künstler beschloss, einmal am Ziel angekommen, dort zu bleiben und sich dem Neuen, Exotischen hinzugeben und das Gesehene zu verarbeiten. Sich neu zu erfinden, aus der alten Haut zu fahren, neue Farben zu sehen, neue Bewunderer zu generieren. Da gab es dann derart faszinierende Sinneseindrücke, dass die Rückkehr ins Altbekannte unmöglich erschien. Max Ernst verschlug es die Sprache, als er in den felsigen Wüsten Amerikas seine Gebilde wiedererkannte, die er immer wieder in seinen Bildern dargestellt hatte. Florentine Joop Gleichzeitig war er erschüttert, dass er sie nicht erfunden hatte. Gauguin llustratorin und Autorin blieb gleich bei den Farben der Südin Berlin see, andere gingen ans Mittelmeer, etwa nach Mallorca. Viel zu viele bleiben auf Sylt. Reisen verändert den Blickwinkel auf das eigene Ich und die uns bekannte Welt. Es öffnet uns, macht uns einerseits weltoffener, und gleichzeitig fühlt man sich nie europäischer als in einem amerikanischen Supermarkt.

FLORENTINE JOOP

GETTY IMAGES

Holunder, Holunder, die Welt wird immer runder

Hier ist man doch gern mal Kofferträger: Im Innern verbirgt sich eine Flasche Champagner. LIMITIERTE „JOURNEY“-EDITION VON VEUVE CLICQUOT

AUF INS EXIL Auf Gran Canaria ist Urlauben wundervoll. Der Blick schweift, und alles scheint entdeckt: Vulkanische Berge formen eine sonderbare Mondlandschaft. Umso lebhafter braust das Meer vom Atlantik heran, wie man es auf Sylt nur selten erlebt. Früher setzte man hier politisch bedenkliche Individuen aus. Francisco Franco zum Beispiel – ohne Erfolg, wie die spätere Geschichte Spaniens zeigen sollte. Damit ist das Aufregendste der drittgrößten kanarischen Insel schon zusammengefasst. Ich bin trotzdem, oder gerade deswegen, gern hier. Das Klima tut meinen Knochen gut. Außerdem ist die Familie beisammen. Wir erkunden die Gegend, indem wir jeden Abend in eine der kleinen Tapas-Bars einkehren. Wein gibt es auch. Und da wird es wieder spannend. Glücklicherweise hat die ExilInsel einen guten Draht zum Festland. Anstelle von Schurken sendet man nun ausreichende Mengen Wein, etwa vom Gut Vega Sicilia, auf die Insel. Mein Favorit: der Unico. Im Holzfass gereift, fällt das Aroma üppig und herb aus. Perfekt zu den würzigen Köstlichkeiten der Spanier. ¡Salud!

AKHTAR

Ich umrundete die Welt mit 27: mit Seesack, UN-Presseausweis, Telex Card, elektrischer Schreibmaschine (Brother), den Briefen Hemingways – und erster selbst verdienter Rolex (805 Franken, beschwipst verschenkt im Bordell von Chiang Mai) – ohne Handy, Fotoapparat und Kondome. Es war der neugierige Orgasmus David Blieswood des unbekümmerten Lebens – 30 Jahre vorm Internet. Connaisseur aus Hamburg Jeder Mensch muss unsere Welt umrunden, sonst glaubt er gar nicht, wie wahnsinnig schön sie ist. Ich habe keine Fotos, nur meine verschwommenen Erinnerungen. Ich kann sie nicht angucken, aber ich kann sie wachrufen. Sie sind wie Blumen, die ewig blühen. New York – ewiges Schneegestöber zu Silvester. Hongkong – Davidoff-Zigarre Nr. 2 mit dem größten Spion Asiens. Taipeh – ein Milliardär schält mir eine Orange; ein Mönch liest in meiner Hand, dass ich nie reich werde. Hawaii – das erste Surfen. Wien – die ersten Maßschuhe von Materna. Die Welt zu entdecken ist der Schlüssel zu dir selbst. Wenn meine Frau und ich träumen, dann davon, unseren Kindern die Welt zu zeigen, Israel, Hawaii, Washington – aber meist sind sie immer anderswo. Nichts öffnet die Seele mehr als Augen, die Neues sehen, und bequeme Herzen, die neu pochen. Das geht auch im Fremden bei uns – im Heim der Asylsuchenden. Es geht auch im Internet. Aber das Glück des Kolumbus liegt im Verlassen der Komfortzone. Du musst weggehen, um dich zu finden. Draußen ist innen. Das tippe ich im Regen von Cannes auf der Terrasse des „Carlton“ beim Heineken-Bier (13 Euro).

Nur das Eindruckvollste wird in die Welt getragen und nimmt neue Formen an – das ist Kunst. Als Kenneth Noland 1958 bunte Kreise auf Canvas malte, verwandelten sie sich kurze Zeit später in den „Tirassegno“-Pump aus dem Hause Ferragamo. Die Hingabe zur künstlerischen Verschmelzung zeigt das Haus bis April 2017 auch in der Ausstellung „Across Art and Fashion“ im Museum Salvatore Ferragamo, Florenz.

Herbert Seckler Kultwirt vom Sylter „Sansibar“

SALVATORE FERRAGAMO MUSEUM

MIT DEM HERZEN REISEN

Auf den Punkt

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Urlaubs(arm)reif: Der Bangle „Possession“ aus Roségold ist von Piaget

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Gut betucht: Kleid von Isabel Marant über net-a-porter.com

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Kettenreaktion: Icona musste sie einfach auch haben, die Chloé-Tasche von matchesfashion.com

Frantastisch! Die Sandalen sind von Tod’s

Hut tut gut: Fedora aus Stroh von Mango Kids

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Schummel-Teint: „Body Glow“Körperöl von narscosmetics.eu

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LITTLE MISS SUNSHINE

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Eis. Eis, Baby! Kette von Vivienne Westwood für Cadenzza

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Einfach goldig: Sandalen mit Strass-Besatz von Zara

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Hingucker: Die Sonnenbrille ist von Dolce & Gabbana

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399 €

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SUNNY BOY

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Abgefahren! Das KaschmirAuto ist von Loro Piana

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Ferien für die Füße Flip-Flops von Havaianas vermitteln das Lebensgefühl Brasiliens. Die Europäer, sieht Silvia Ihring, können kaum

HAVAIANAS

genug davon bekommen

Sehnsucht nach Ferien! Links: Modell aus der Kooperation mit Charlotte Olympia

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ur zehn Euro, und schon purzelt das brasilianische Lebensgefühl aus dem Automaten. Na ja, zumindest einen kleinen Teil davon kann man über den FlipFlop-Automaten erwerben, der in der Europa-Zentrale der SchuhFirma Havaianas in Madrid steht. Flip-Flops, die so selbstverständlich verfügbar sind, als handele es sich um Kaugummi – für Südamerikaner klingt das nicht ungewöhnlich. „In Brasilien gehören sie zum Alltag wie Coca-Cola. Man trägt sie zu jeder Gelegenheit, zumal es das gesamte Jahr über heiß ist“, sagt Eno Polo, der Europa-Präsident in seinem Büro. Polo, halb Franzose, halb Italiener, wuchs quasi barfuß in Kenia auf. Den trägen Büromenschen verkörpert der 49-Jährige, der in seiner Jugend professionell Tennis spielte, bis heute nicht: gebräunter Teint, volles Haar, das Hemd aufgeknöpft, Ärmel hochgekrempelt. Viele Jahre arbeitete er als Manager bei Nike, unter anderem baute er für das Unternehmen das Lizenzgeschäft des Fußballklubs Juventus Turin auf. „Das war eine der schönsten Erfahrungen bei Nike: Zu merken, dass ich etwas von Grund auf entwickeln konnte“, sagt er. Das Angebot von Havaianas, einer Marke, die in Europa praktisch bei null anfing, weckte 2008 erneut seinen Unternehmergeist. Seine Aufgabe ist es, in den Europäern die Sehnsucht nach Ferien zu wecken. „Viele von ihnen verbinden mit Brasilien ein positives Gefühl. Klar, nicht mit der Politik oder der Wirtschaft des Landes. Aber für die meisten ist Brasilien ein Ferienort, der für Strände, für Musik und schöne Menschen steht.“ Ein schönes Bild, das sich gut verkauft. 218 Millionen Zehensandalen von Havaianas gingen 2014 weltweit über die Ladentische, in Europa ist das Modell mit der kleinen brasilianischen

Flagge am Riemen der Bestseller. Längst bieten zahlreiche Hersteller Flip-Flops an, doch keiner ist so eng mit dem Ursprungsland dieser Schlappen und ihrer Geschichte verbunden. 1962 kamen die zwei Chefs des Mutterkonzerns Alpargatas auf die Idee, ein Modell zu lancieren, das von der japanischen ZoriSandale inspiriert sein sollte. Die Zori besteht aus einer Sohle aus Reisstroh und zwei Riemen, die an einem Steg zwischen den Zehen zusammenlaufen. An dieses Vorbild erinnert bis heute die reiskornartige Struktur der Gummisohle der Havaianas. Zwei Jahre später ließ sich das Unternehmen die selbst erfundenen Flip-Flops patentieren. Zu dem Zeitpunkt hatten sie sich bei den Brasilianern längst als multifunktionaler Alltagsschuh etabliert. Billig, rutschfest, stabil und bei Hitze angenehm zu tragen. 1980 stellte die brasilianische Regierung Havaianas gar auf eine Stufe mit Grundnahrungsmitteln, als sie diese auf eine Liste mit Produkten setzte, deren Preise zur Inflationsbekämpfung staatlich kontrolliert sein sollen. Doch wie Bohnen und Reis galten auch die Latschen nicht als besonders fancy. „Viele Jahre lang wurden sie nur von der ärmeren Bevölkerung getragen“, sagt Eno Polo. In der Mittelschicht war die Gummischlappe als Arbeiter-Schuhwerk verpönt. Heute, da strikte Dresscodes weder für Luxuskunden noch für weniger vermögende Konsumenten eine Rolle spielen, zählen Flip-Flops zur sommerlichen Standardgarderobe. Man trägt sie in der Großstadt zu Jeans und leichten Baumwollkleidern. Man kann ein nüchternes Basic-Modell für 17,99 Euro bei der Sportartikel-Kette Decathlon kaufen. Oder ein Paar mit vielen kleinen, von Hand auf die Riemen angebrachten Swarovski-Kristallen für 160 Euro. Sie bestehen aus fast nichts, geben den Füßen von kältegeplagten Nordeuropäern das Gefühl, nackt und frei zu sein. Vielleicht schätzen diese sie gerade deswegen so

sehr, weil sie sie nur selten tragen können. Der wetterbedingt eingeschränkte Nutzen in Europa sei durchaus ein Problem, sagt Polo. Seit einigen Jahren führt man daher auch Gummistiefel. Diese dienten vor allem, um Kunden im Herbst und Winter in die Stores zu locken. „In den meisten Fällen kommen sie mit einem Paar Flip-Flops wieder heraus.“ In den vergangenen Jahren haben Modelabels für das Unternehmen eigene Designs kreiert, darunter Missoni, Valentino oder aktuell die britische Schuhdesignerin Charlotte Olympia. Dass die einstige Arbeiterpantoffel zum Everybody’s Darling aufgestiegen ist, dabei hat das Unternehmen selbst nachgeholfen. In den 90er-Jahren fiel den Verantwortlichen auf, dass Havaianas durchaus von der Hautevolee Brasiliens getragen wurden – Models, Fußballer – aber nur zu Hause. „Man dachte sich also einen Werbespot mit diesen Leuten aus. Ein Video-Team interviewte sie zu Hause, die Kamera zeigte auf die Füße – sie trugen Havaianas. Das hat die Mittelschicht Brasiliens überzeugt“, sagt Polo. Zum Accessoire wurden Flip-Flops jedoch erst in Europa, als Reisende sie mitnahmen, selbst trugen, verschenkten oder auch verkauften. „Plötzlich genossen Havaianas den Ruf, ganz besondere Schuhe aus Brasilien zu sein, die nur in kleinen Mengen in feinen High-End-Boutiquen verkauft wurden.“ Inzwischen wurden Millionen europäischer Füße erobert. In Brasilien ist es oft üblich, Hochzeitsgäste mit den Schlappen zu beschenken. Als Souvenir und damit die Damen später am Abend unbekümmert am Strand tanzen können. Seit 2015 kann man auch in Europa größere Mengen personalisierter, weißer Flip-Flops bestellen. Polo erzählt von seiner Schwägerin, die im vergangenen Sommer auf Korsika am Strand heirate. Logisch, dass noch vor der Vorspeise jedem Gast ein Paar Havaianas serviert wurde.

MR BADEHOSE

Eleganz und Spieltrieb Vilebrequin heißt wörtlich übersetzt Kurbelwelle und ist dennoch ein französisches Synonym für Badehose. Silke Bender erfuhr von CEO

BIANCA CHANIAL

Roland Herlory, wie es dazu kam

Ausnahmsweise angezogen und in Paris: Roland Herlory von Vilebrequin

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r ist vermutlich der einzige CEO, der mehr Badeshorts als Anzüge besitzt: Roland Herlory, seit 2012 Chef von Vilebrequin aus Saint-Tropez, lebt selbst auf SaintBarthélemy, dem anderen französischen Jetset-Spot in der Karibik. Der 52-Jährige trägt einen tropischen Teint, ein legeres Sakko und Hemd. Lederschmuck um Hals und Handgelenk sowie ein sonniges Lächeln fehlen nicht, als er zum Interview im Pariser Designstudio empfängt. Viele Jahre war er als Sondergesandter in Sachen Spezialanfertigung für Hermès unterwegs – und irgendwann reif für die Insel. Er ließ sich freiwillig zum Shopmanager des Luxushauses auf Saint-Barthélemy herunterstufen. Seit 15 Jahren lebt und arbeitet er nun dort. Irgendwann wollte Morris Goldfarb von der G-III Apparel Group wissen, wer seiner Frau im Urlaub so viele Hermès-Sachen verkaufte. Als Goldfarbs Gruppe die Marke Vilebrequin übernahm, wollte er nur Herlory zum Chef. Der sagte nur unter der Bedingung zu, dass er auch als CEO auf Saint-Barthélemy bleiben dürfe. Man kann ihn also getrost als Experten für endlosen Sommer und die passende Bekleidung befragen.

Herr Herlory, kann Bademode, also die Verpackung, etwas rausreißen, was der Körper, also der Inhalt, nicht hergibt? Nein (lacht), aber man kann seine Würde bewahren. Das ist die Stärke der Marke Vilebrequin. Elegant zu bleiben, wenn man als Mann nichts außer Badeshorts am Körper trägt. Das ist für mich eine Frage des Wohlfühlens. Vilebrequin-Shorts sind bequem, und unsere Polyamid-Stoffe sind einzigartig. Sie fühlen sich an wie Baumwolle, trocknen schnell, und selbst wenn Sie aus dem Wasser steigen, kleben sie nicht an den Beinen.

Sie sind auch mal mit niedlichen Motiven wie Schildkröten bedruckt – dem Symbol der Marke. Wie passt das zu Würde und Männlichkeit? Besonders die bunten, fantasievollen Designs sind unsere Bestseller! Unsere Kunden arbeiten das ganze Jahr, oft in dunklen Anzügen. In den Ferien erlauben sie sich Humor und Leichtigkeit. Was Vilebrequin versteht, ist diese delikate Gratwanderung zwischen Eleganz und Spieltrieb. Das Geheimnis bei Männern ist, dass sie dann Virilität ausstrahlen, wenn sie sich wohlfühlen. Dann tragen sie auch grüne Elefanten oder rosa Krabben mit der richtigen Haltung, einer männlichen Allure. Besonders wenn sein Sohnemann ihn in den gleichen Shorts begleitet. Für mich ist das der Esprit der 70er-Jahre von Saint-Tropez, für den Vilebrequin noch heute steht. Das müssen Sie genauer erklären ... Es war eine Phase der Unbekümmertheit, der Freiheit und der Emanzipation. Der Mann trug lange Haare und leistete es sich, seine Männlichkeit auch mal humorvoll zu brechen. Sich die Lust am Leben zu erlauben, wurde wichtiger, als tradierten Rollenklischees zu entsprechen. Fred Prysquel, der Motorsportjournalist und Markengründer, verliebte sich in eine Frau in Saint-Tropez und wollte sie mit besonderen Badeshorts aus afrikanischen Stoffen beeindrucken, die er nähen ließ. Er erfand so den Shortie, die Badehose der Neuzeit, eine verkürzte Version der amerikanischen Surfer-Shorts. Vorher trugen alle Männer nur Speedo-Slips. Schließlich wollten alle Freunde am Strand genau dieselben. In meiner Jugend wollte jeder J.-M.-Weston-Schuhe und Vilebrequin-Shorts. Wer trägt heute eigentlich noch Badeslips? Sie haben wenige in der Kollektion ... Schwule, die zeigen wollen, was drinsteckt, ältere Männer, die ihre Gewohnheiten nicht än-

dern möchten, und Männer, die in französische Freibäder schwimmen gehen. Da sind Shorts ja verboten. Heute steht Saint-Tropez mehr für Bling-Bling als für den Ort, wo hippieske Lebenslust zelebriert wird. Dazu passen Ihre Sondereditionen von Badeshorts für über 8000 Euro. Zum Wesen des Luxus gehört es, die Latte immer etwas höher zu legen. Schließlich kam unsere Stickereifirma in Italien auf die Idee, es doch einmal mit echten Goldfäden zu versuchen. Und so sind in diesen Badeshorts tatsächlich 15 Gramm pures Gold verarbeitet, und die Kordelenden sind mit zwei Saphiren versetzt. Ich war selbst erstaunt: Die Hälfte der rund 80 Stücke hat sich ruckzuck verkauft. An Russen oder Rapper? Mexikaner, Brasilianer, Amerikaner, Engländer, Franzosen ... Auch an deutsche Männer? Noch nicht, glaube ich. Wie können Sie deutsche Männer überzeugen, überhaupt 200 Euro hinzulegen, das ist ja der durchschnittliche Preis für Ihre Badeshorts? Überall ist der Strand ein Ort der Zurschaustellung. Wenn ich dort nur ein Kleidungsstück habe, mit dem ich mich präsentieren kann, warum dann nicht etwas mehr investieren, um sich maximal wohlzufühlen und maximal gut auszusehen? Außerdem hält eine Badehose bei uns quasi ein ganzes Leben – inklusive der Gummibänder. Und falls der Innenslip aus Baumwolle mal kaputtgehen sollte, nähen wir ihn nach. Ein stilistisches No-Go für Männer am Strand: der String? Für Vilebrequin würde ich dem zustimmen. Aber sage niemals nie in der Mode.

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GANZ LOCKER

Nonkonforme Hülle Diesen Sommer zieht man sich das Leben der Boheme vor allem an. Tory Burch zeigt, welche Frauen diesen Look ideal verkörpern

Mode verhilft nicht nur Menschen, sondern auch Begriffen zu einer völlig neuen Identität. Die Boheme zum Beispiel war einst „eine Subkultur von intellektuellen Randgruppen mit vorwiegend schriftstellerischer, bildkünstlerischer und musikalischer Aktivität ... mit betont un- oder gegenbürgerlichen Einstellungen und Verhaltensweisen ... Töchter und Söhne verweigerten sich oft den Normen und Gepflogenheiten ihres Elternhauses und ihrer Klasse und lebten das Leben eines Bohemiens“. So will es wenigstens Wikipedia. Wem dieser Lebensentwurf zu anstrengend erscheint, kann heute trotzdem danach aussehen. Die amerikanische Designerin Tory Burch hat unter dem Titel „Bohemian Traveller“ eine Gruppe von Frauen porträtiert, die den „freigeistigen, weltoffenen und eklektischen Stil der Marke verkörpern“. Die Unternehmerinnen, Prinzessinnen, Models und Künstlerinnen sind allesamt aus bestem Hause und rasend erfolgreich, sehen aber trotzdem so aus, als wären sie in die hippiesken Tunika-Kleider und Espadrilles hineingeboren. Die Zeiten, in denen man sich mit seinen Eltern überwerfen musste, um so auszusehen, sind spähblue testens jetzt nachweislich beendet. Oben links: Zita d’Hauteville ist Model und studiert Information Management an der UCL in London. Sie wird als aufstrebendes JetsetMädchen gehandelt und wurde für Tory Burch in der Pariser Wohnung ihrer Eltern im 16. Arrondissement fotografiert.

Oben rechts: Die Italienerin Marie-Louise Sciò ist die Kreativdirektorin der Pelican Group, die im Besitz ihrer Familie ist und zu der unter anderem das berühmte „Il Pellicano Hotel“ in der Toskana gehört. Hier sieht man sie am Pool der Luxusresidenz „La Posta Vecchia“ in Capalbio.

TORY BURCH

Unten links: Sabine Getty ist Schmuckdesignerin für ihr Label „Sabine G.“. Dort vereint die Tochter eines Libanesen und einer Ägypterin orientalische und westliche Einflüsse. Vor gut einem Jahr heiratete sie den Milliarden-Erben Joseph Getty in Rom. Das Bild entstand in ihrer Londoner Residenz.

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Unten rechts: Laure de Clermont-Tonnerre ist Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin. Sie entstammt einer aristokratischen französischen Familie. Ihre Eltern sind bekannte Filmproduzenten. Tochter Laure wird in diesem Jahr ihr Spielfilmdebüt als Regisseurin geben. Das Foto wurde im Pariser Haus ihrer Eltern aufgenommen.

Vitamine für die Garderobe: ZitronenTasche von Hermès Weißes Gold: KeramikOhrringe „Capri“ von Pomellato

Süß, wie Torta della nonna: Tasche von Dolce & Gabbana

Porzellanschuhe: Sneaker „Mountain Cut“ von Filling Pieces x Bodega

Nur nicht Rot sehen! Die Brille ist von Alexander McQueen

Für die blaue Stunde: Tasche „Pénélope Fantaisie“ von Longchamp

Gelb ist das neue Weiß: Das T-Shirt ist von Ganni

Flugbegleiter: Schlüsselanhänger von Loro Piana

SOMMER-FRISCHE

Mach mal blau und treib es bunt! „Sommer ist die Zeit, in der es zu heiß ist, um das zu

Gute Aussichten: Sonnenbrille mit austauschbarer Front von Swatch

Gibt Rückenwind: Der Rucksack ist von Aigner

Smile! Schlüsselanhänger-Etui von Anya Hindmarch über matchesfashion.com

tun, wozu es im Winter zu kalt war“, schrieb einst Mark Twain. Und er hatte natürlich recht. Der Sommer Schön gemütlich: Sandalen von Boss

Gut getarnt unter der Markise: Tasche von Prada

ist zum Nichtstun da. Also, auf, treiben Sie es bunt! Im schönsten Doppelsinn

Kurz und gut: Shorts aus der „Circus“-Kollektion von M Missoni

Musterhaft: Tasche von Giorgio Armani

Meeresbrise: Duftkerze „Kosi Bay“ von Baobab

ZUSAMMENGESTELLT VON MIRA WIESINGER

Schlafzimmerblick? Im Urlaub ein Muss! iPhone-Hülle von Iphoria

Statt Eis, Schuh am Stiel. Pumps von Dior

Für die leichte Schulter: Tasche von Chanel

Fußschmeichler: Die Sandalen sind von Max Mara

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THE LONG ROAD

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Wie eine lebenswichtige Arterie zieht sich der Highway Number One im Westen der USA an der Küste entlang. Leitet Autos, darin sitzende Einheimische und Touristen 650 Kilometer quer durch Kalifornien. Besser als ihn entlangzufahren ist nur, wenn man mal aussteigt. Man startet am besten in Monterey, der ehemaligen spanischen Kolonialhauptstadt, setzt dann seinen Weg gen Süden fort, vorbei an den Golfplätzen und Luxusvillen in Carmel-by-the-Sea über die Bögen der Bixby Creek Bridge nach Big Sur, dessen Landschaft so spektakulär ist, dass man eigentlich gar nicht mehr weiterfahren möchte. Unser Team hat sich auf diese Reise gemacht. Mit dabei: sommerlich leichte Mode und Model Alena Blohm. Die junge Frau aus dem niedersächsischen Weyhe hat große Ambitionen. Noch ist Toni Garrn Deutschlands erfolgreichstes Topmodel. Aber das könnte sich bald ändern, denn die Karriere von Alena Blohm hat erst begonnen und nimmt gerade international Fahrt auf. Mittlerweile wohnt die 22Jährige in Manhattan, dort gehört sie zu den gefragtesten deutschen Models. Manchmal fliegt sie in einer Woche von New York nach Los Angeles, von dort nach Kapstadt und gleich weiter nach Europa. Mal trägt sie Bikini, mal Haute Couture – und ist dennoch immer unverwechselbar sie selbst. Mit 16 wurde sie bei einem Kaufhausbesuch entdeckt. Dabei ist sie nur 1,75 Meter groß und ganz und gar nicht mager. Zudem hat sie eine Zahnlücke. Dazu gesellen sich klassische Modelqualitäten: „Sie hat für eine Blondine sehr anständige Haare, sie hat eine Haut wie Porzellan, einen Wäsche-Body mit atemberaubenden Kurven, und sie hat Persönlichkeit“, fasst ihr Manager zusammen. Bemerkt haben das Gesamtkunstwerk in der Branche zu-

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FOTOGRAF: SAM BISSO STYLING: NADIA RATH HAARE & MAKE-UP: SABRINA ZIOMI MIT PRODUKTEN VON CHANEL MODEL: ALENA BLOHM C/O MODEL MANAGEMENT PRODUKTION: ISABEL SCHARENBERG C/O CREATIVE MANAGEMENT STYLING-ASSISTENZ: JANELLE OLSEN FOTO-ASSISTENT: DAVID HERSCHORN PRODUKTION AM SET: MADELINE BREED nächst aber nur wenige. Kwok Kan Chan, einem der Top-Vermittler von Models in New York bei „The Society Management“, einem Ableger der Agentur Elite Models, gefiel Alenas Modelbuch. Er hält immer Ausschau nach Mädchen mit Wiedererkennungswert und wollte die neue deutsche Sehenswürdigkeit persönlich kennenlernen. Zwischen Kwok und Alena passte es sofort. Wie seine Kollegen in Hamburg liebte auch er ihre natürliche, unbeschwerte Art – und ihre Zahnlücke. Ihre unkomplizierte Persönlichkeit hat ihr auch über erste Anlaufschwierigkeiten in New York hinweggeholfen: Keine Eltern, keine Freundinnen, keine Gemütlichkeit, nur eine Fernbeziehung – „ich war zunächst ziemlich einsam. Wenn es mir mal nicht so gut ging, war da niemand, der mir bei einer Tasse Tee zuhörte.“ Alena musste erkennen: „Ohne Freunde kann man sich nirgendwo zu Hause fühlen.“ Umso ehrgeiziger stürzte sie sich in die Arbeit. Fitnessstudio, Termine, essen, schlafen. In der extremsten Phase hetzte die überzeugte Veganerin auf bis zu zehn Castings pro Tag. Jetzt, nach zwei Jahren, ist alles anders. Da ist eine frische Liebe, über die sie aber noch nicht sprechen möchte, da ist eine Fahrrad-Clique, in der sie sich auspowern kann, und da sind andere Freunde, mit denen sie in die Hamptons fährt oder in die Sonne Mexikos fliegt. Mittlerweile reicht auch ein Anruf und sie steht als VIP auf jeder Gästeliste. „Das ist verrückt, aber auch irgendwie cool“, findet sie. In diesem Jahr erhält ihre Karriere einen weiteren Schub. Alena widmet sich dem Produktdesign, und sie liebäugelt mit der Schauspielerei. In Kalifornien ist sie dafür bekanntlich genau am richtigen Ort. Patrick Kiefer

Top: Hugo Boss. Kleid: Ashish. Goldene Gürteltasche: Jimmy Choo. Armreife: Chanel

Monastery Beach, Carmel-by-the-Sea: Kleid: Hermès. Netzjacke mit Stickereien: Moncler. Stricktop: Prada. Stiefel in Lila, Schwarz und Grün: Miu Miu. Tiara mit schwarzen Steinen: Miu Miu

Point Lobos State Reserve: Bluse aus Spitze: Michael Kors Collection. Netz-Cape: Dries Van Noten. Rock: Tom Ford. Schuhe: Prada. Tasche: Céline

Alena am mit Fetter Henne bewachsenen Strand: Kleid mit Rüschen und Spitze: Roberto Cavalli. Leder-Shorts: Bottega Veneta. Sandalen: Santoni. Kopftuch: Hermès. Krone: Saint Laurent

Monterey: Häkel-Poloshirt: Tommy Hilfiger. Paillettenweste in Rot: Giorgio Armani. Rock, der eigentlich ein Top ist: Ashish. Peep Toes: Christian Louboutin. Ohrringe: Céline

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Kleid: Stella McCartney. Geblümte Jacke: Alice and Olivia. Ohrringe: Wouters & Hendrix

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Carmel-by-the-Sea: Total Look: Louis Vuitton

Kleid und BH: Calvin Klein. Jacke: Brunello Cucinelli. Ohrringe: Loewe. Creepers mit weißer Spitze: Steiger for Akris

Klippenklettern: BH-Top und Schuhe: Dries Van Noten. Kleid, das aussieht wie ein Mantel: Proenza Schouler. Lederrock: Tod’s. Kreolen: Céline

IRMAS WORLD

Nun aber mal los IRMA, UNSERE RASTLOSE KOLUMNISTIN, VERRÄT TIPPS UND TRICKS FÜR GLOBETROTTER

1. Fly worldwide Wer im „Four Seasons Jet“ durch die Welt reist, braucht sich erst gar nicht an ein Hotel zu gewöhnen, denn die umgebaute Boeing 757 ist komplett im Stil der Hotels ausgestattet. Im Herbst 2016 findet die Reise „Extraordinary Adventures: An Around the World Journey“ statt. Innerhalb von 28 Tagen werden acht Destinationen mit dem Privatjet bereist. Vom texanischen Austin über Costa Rica und Hawaii geht es nach Australien und weiter nach Mauritius. Die Serengeti und Marrakesch sind die nächsten Ziele und die Reise endet in Lissabon. Wer eine andere Route wünscht, fliegt die „Cultural Escape“, die im November in London beginnt und endet. Ziele sind Moskau, Dubai, Seychellen, Serengeti und Florenz, bevor es zurück nach London geht. Übergepäck ist bei diesem Angebot kein Problem und Koffer können an den verschiedenen Orten wie bei einer Kreuzfahrt an Bord bleiben.

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Four Seasons Jet fourseasons.com/aroundtheworld/ Wer sich seine Route lieber selbst zusammenstellt, fliegt mit Star Alliance um die Welt. Es gibt nur zwei Spielregeln: Man fliegt mit bis zu 15 Stopps ausschließlich in eine Richtung und das Ganze innerhalb eines Jahres. Zeit genug, um sich jeden Aufenthalt nach Bedarf selbst zu gestalten. „Round the World“-Ticket von Star Alliance, staralliance.com/de/round-the-world

2. Eat worldwide An einen neuen Geschmack muss man sich auf Reisen nicht mehr gewöhnen. Zuma, Mr. Chow, Nobu, La Petite Maison und Co. sind in allen Megametropolen mit eigenen Restaurants vertreten und verwöhnen die Gäste mit ihren gleich schmeckenden „signature dishes“. Für zwischendurch findet man mittlerweile in 27 Ländern Filialen von Maison Ladurée. Deren berühmte Macarons werden zum Teil noch frisch aus Paris eingeflogen. Selbstverständlich überall mit gleichen Inhaltsstoffen, nach demselben Rezept und in gewohnter Verpackung. 3. Beauty worldwide Wer mit ANA nach Japan fliegt, bekommt auf Anfrage eine Feuchtigkeitsmaske während des Fluges, die Firma Babor berät Fluggäste im exklusiven Airport Spa der Emirates Gruppe, zum Beispiel in Dubai mit Produkten, die die Haut vor Jetlag-Erscheinungen schützen und auf neue Klimazonen vorbereiten. Der deutsche Kosmetikhersteller QMS Medicosmetics hat extra eine In-flightGröße der „Activator Mask“ im Sortiment, die problemlos die Security passiert und während des Fluges angewendet werden kann. 4. Düfte worldwide Wie riecht Afrika, und wonach duftet Capri? Bestimmte Ingredienzien verbindet man mit besonderen Orten. Das „Scentarium“ in New York bietet verschiedene Duft-Module an, aus denen man sich sein persönliches Parfüm zusammenstellen kann. Düfte gegen Fernweh. scenterprises.com Die Unternehmerin, Journalistin und Filmemacherin Danielle Ryan hat die exklusive Duftmarke Roads gegründet, da Düfte für sie eine Art der Kommunikation sind. Wenn sie einen Duft kreiert, geht sie imaginär auf Reisen. roads.co 5. Apps worldwide Das Smartphone reist immer mit und

hilft, die Reise optimal zu gestalten. Eine App für den Weltreisenden wäre: Seat Guru. Von jedem Flug weiß sie, welches Flugzeug eingesetzt wird und wo in jedem Flugzeug die besten Sitze sind. seatguru.com

Wer nach der Landung nicht um ein Taxi anstehen will, nimmt Uber. In den USA quasi überall und in Europa zunehmend. Das Bezahlen per App erspart einem das Geldwechseln am Flughafen. uber.com Eine Währungs-App ist absolut notwendig, damit man später zu Hause nicht feststellt, dass man den Wechselkurs falsch in Erinnerung hatte. Es gibt einige, aber Currency ist besonders nutzerfreundlich und aktualisiert sich automatisch auf den Tageskurs. currencyapp.com

Sprachen öffnen Herzen. Und sei es auch nur einige kleinere Phrasen bei der Bestellung im Restaurant. Bravolo liefert die nötigen Kenntnisse. bravolo.com 6. Tech worldwide: Eine Smartwatch von Apple oder, für alle mit Android, von Samsung oder Sony, kann praktisch sein, wenn man auf einen Blick wissen will, ob man eine Nachricht bekommen hat, wie das Wetter wird und natürlich auch wie spät es ist. Rimowa hat nun einen Koffer entwickelt, bei dem der Gepäck-Tag elektronisch in einem eingebauten Display angezeigt wird. Man checkt zuerst mit dem Smartphone ein und schickt dann die digitalen Gepäckdaten direkt an seinen Koffer. Kein Papier mehr. rimowa.com/de-de/electronictag

Der Bose-Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung filtert Hintergrundgeräusche wie Maschinenlärm und laute Nachbarn. bose.de

Die schönsten Bilder lassen sich immer noch mit einer Leica machen. Das Design der „M7“ ist zeitlos, die Bedienung simpel, das Objektiv das beste der Welt. Eine Investition fürs Leben, für Reisen und für zu Hause. de.leica-camera.com

IRMASWORLD

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enn ich zu Hause bin, habe ich Fernweh, und auf Reisen habe ich plötzlich Heimweh. Weltenbummlerin IRMA ist sich sicher – man wünscht sich immer das, was man gerade nicht hat, und aus diesem Grund empfiehlt sie Heimisches für unterwegs und etwas für die Reiselust, wenn daheim.

Irma hat ständig Fernweh, und der Koffer von Rimowa, den man neuerdings mit einer App verfolgen kann, ist ihr treuer Begleiter

INTERIOR

BOTSUANA „Saddle Table“ von Peter Mabeo BRASILIEN Sessel „Kaos“ von A Lot of Brasil

SENEGAL Sessel „Senegal-O Chair“ von Studio Tord Boontje für Moroso

Woanders wohnen

NEUSEELAND Sideboard von Well-Groomed-Fox

LIBANON Beistelltisch „Scudo“ von David/Nicolas

Die Welt nach Hause holen? Dafür stehen nicht nur die üblichen Schweden. INDIEN Stuhl „Rapture“ von Scarlet Splendour

THAILAND Dusch-Bank von Studio 246

CHINA „Bold Armchair“ von Studio Frank Chou

RUSSLAND Schminktisch „Alien 3.0” von Studio Elizarova

FINNLAND Stuhl „Umi“ von Elisa Honkanen

Esther Strerath begab sich auf Möbelreise

Slowenien, Polen, Tschechien oder doch lieber Botsuana oder Indien? Der Radar für zeitgenössisches Möbeldesign zeigt immer häufiger Orte an, die überraschen. Die Liste der Länder, die heute auf internationalen Messen spannende Produkte ausstellen, wächst. Ein Beispiel ist die Tschechische Republik, der erste geerdete Blitzableiter wurde hier erfunden. Traditionelle Handwerkskunst ist in der Kultur verankert, nur wurde sie in der Vergangenheit zumeist von auswärtigen Firmen genutzt. Inzwischen haben Fabriken und Manufakturen ihre eigenen Design-Abteilungen, ein Trend, der weltweit aufpoppt. Der Grund: Handwerk erlebt ein Revival. Und eine junge Generation von Designern beamt mit neuen Ideen das vorhandene Know-how in einen zeitgenössischen Kontext. Das Designerlabel „Jan and Henry“ aus Prag sorgte schon 2013 mit seinen glasklaren Chandeliers für Furore – so modern hatte man zuvor tschechische Glasbläserkunst noch nicht gesehen. 2016 stellte das Duo eine kleine Kollektion aus grazilen Spiegeln (mit Betonfüßen) und Leuchten in Mailand vor. „Wir waren die erste Welle“, so Jan Plecháč, der mit Henry Wielgus 2012 sein Studio gründete. Das polnische Label „Lorens & Lorens“ nutzte traditionelles Tischlerhandwerk für seine fantastische Konsole „Cloud“. Die Firma „Moroso“, deren Inhaberin Patrizia Moroso mit dem senegalesischen Künstler Abdou Salam Gaye verheiratet ist, lädt seit fünf Jahren internationale Designer ein, die jeweiligen Web-Techniken für MorosoMöbel zu nutzen. Jüngstes Beispiel ist der „Senegal-O Chair“ des Niederländers Tord Boontje: „Die Idee entstand, als meine Tochter Evie mir zum Geburtstag einen selbst gebastelten Traumfänger schenkte.“ Zeitgenössischer kann Design nicht sein: Eine amerikanische Idee (der Traumfänger) wird durch einen Niederländer, der in London lebt, in Westafrika für eine italienische Firma zu einem Möbelstück. Moderne Zeiten auch in Dubai: Das dortige Architekturbüro „Loci Architects“ entwarf einen schlicht-eleganten stummen Diener. Das man so etwas dort benötigt, ist auch neu. POLEN „Cloud“ von Lorens & Lorens

LETTLAND Lampe „The wise one“ von Mammalampa

VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE Stummer Diener „Khatt“ von Loci

TSCHECHIEN Tisch und Spiegel von Jan Plecháč und Henry Wielgus

ISRAEL Hocker „Donuts“ von Magenta Workshop

KROATIEN Sessel „Polygon“ von Prostoria

SLOWENIEN Sitz- und Aufbewahrungsmöbel „Roundabout“, Lina Furniture

NIEDERLANDE Spiegel „Shaping Colour“ von Studio Germans Ermičs

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Das innere Leuchten Der Schweizer Juwelier Chopard setzt auf nachhaltige Rohmaterialien und die Allure von Juliane Moore. Huberta von Voss bewunderte beides in New York

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ie definiert sich eigentlich echter Luxus bei Schmuck und Uhren? Über die Karatzahl? Die Adresse des Juweliers? Die Anzahl der Edelsteine? Oder sind es doch die Persönlichkeiten, die den Schmuck tragen, die einem Stück den letzten Schliff geben? In einer bewachten Hotelsuite an der Park Avenue gibt Chopard darauf seine eigene Antwort. Neben Caroline Scheufele, der Miteigentümerin des Schweizer Unternehmens hat die Oscar-Preisträgerin Julianne Moore Platz genommen. Sie gilt als Schauspielerin, die am liebsten Frauen spielt, die die Facetten des Lebens unter ihrer polierten Oberfläche ausleben. Sie leuchtet aus sich selbst heraus, und der schmale, schwarze Rock und das dunkle Oberteil betonen in ihrer Schlichtheit noch die Außergewöhnlichkeit ihrer Erscheinung. An Moores Fingern funkeln zahlreiche Chopard-Ringe mit ihrer Ausstrahlung um die Wette. Vor ihr, auf einem Tablett, liegen haselnussgroße Smaragde. Die Stücke der „Green Carpet Collection“ wird sie zur Eröffnung der Filmfestspiele in Cannes auf dem roten Teppich getragen haben. Dass Stars auffällige Klunker von berühmten Juwelieren auf Gala-

Events zur Schau tragen, ist an sich nicht neu. Dass es heute mehr und mehr darum geht, dass die Steine auch eine Art innere Schönheit haben, schon. Stichwortgeberin für diese Entwicklung war vor vier Jahren Livia Firth, Gründerin der Unternehmensberatung Eco-Age und Ehefrau von Schauspieler Colin Firth. Eco-Age unterstützt die Modebranche im Hinblick auf ethische Produktionsbedingungen. Bei einem Dinner saß Livia Firth neben Caroline Scheufele, deutete auf die Chopard-Uhr ihres Mannes und fragte sie nach der Herkunft der Rohstoffe. „Ich wusste sofort, worauf sie hinauswollte“, erinnert sich Scheufele. Natürlich waren der Tochter aus einer Pforzheimer Uhrmacherfamilie die Probleme bei der Gold- und Diamantengewinnung bewusst. Wer wie sie und ihr Bruder Karl-Friedrich ein globales Unternehmen mit 2000 Mitarbeitern und mehr als 160 Boutiquen führt, muss sich grundlegende Gedanken machen: „Moderne Kunden wollen Transparenz.“ Einfach sei das nicht, aber für ein Familienunternehmen wie Chopard sei es immerhin leichter, neue Ideen einzuführen, als für Häuser, die unter dem Dach eines großen Konzerns agierten. Inzwischen arbeitet das Unternehmen mit zwei Minen in Kolumbien und Bolivien zusammen, die das Siegel „Fairmined“ tragen. Vier Tonnen Gold zur Uhren- und Schmuck-

produktion benötigt Chopard im Jahr. Zunächst kamen 100 Kilo aus nachhaltiger Produktion. Das heißt, dass weder grundwasserverseuchende Chemikalien zum Abbau eingesetzt werden noch unvertretbare Arbeitsbedingungen herrschen. Chopard musste eigene Werkstätten schaffen, damit das gute Gold nicht mit dem konventionellen vermischt wird. Heute landen bereits 300 Kilo des zertifizierten Edelmetalls in der Fertigung. Seit Kurzem gibt es auch eine Kooperation mit der Londoner Firma Gemfields, die zu den wenigen Minenbetreibern gehört, die Rubine und Smaragde nach hohen ethischen Standards abbauen und verkaufen. Scheufele, die auch die Kreativdirektorin des Hauses ist, hat große Pläne. Auf der nächsten Uhrenmesse in Basel wird ihr Bruder KarlFriedrich die auf 20 Exemplare limitierte „L.U.C. Perpetual Chrono“ aus 18 Karat nachhaltigem Gold vorstellen. In Zukunft sollen alle Stücke aus der High Jewellery Collection aus nachhaltigen Quellen gefertigt sein. Gold mit gutem Gewissen ist der Star: „Wenn es bei uns ankommt, ist das so, als ob ein VIP die Fabrik besucht.“ Julianne Moore, die ein solches Star-Treatment gewohnt ist, muss lachen. Vermutlich kommt es nicht so oft vor, dass sie überstrahlt wird. Mal sehen, was passiert, wenn sie demnächst eine der Minen besucht. Es könnte zur Patt-Situation kommen.

CONTOUR BY GETTY IMAGES/ALLISON NECKMAN; CHOPARD/JEAN DANIEL MEYER

Wer stiehlt hier wem die Show? Die Schauspielerin Juliane Moore trägt nachhaltigen Schmuck aus der „Green Carpet Collection“ von Chopard

Eine Reise durch die Sofitel Kollektion PARIS, ROM, WARSCHAU, CASABLANCA… ENTDECKEN SIE UNSERE MAGNIFIQUE ADRESSEN AUF DER GANZEN WELT UNTER WWW.SOFITEL.COM

HINTERM SCHLEIER

Modisches Kettenrasseln „Vogue Italia“ ermöglicht einen Modewettbewerb in Saudi-Arabien. Am Ende des kulturellen Parcours hat auch Silke Bender viel mehr gesehen als die neueste Mode

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Mode made in SaudiArabien: Ein Look aus der aktuellen „Dare“-Kollektion der Designerin Haifa Fahad

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ie erste persönliche Begegnung mit einem dieser unbekannten Wesen hinter dem schwarzen Schleier verläuft etwas anders als erwartet. Im Restaurant „Bellevue“ in Dschidda will ich mir eine Zigarette gönnen, der Manager weist in Richtung einer diskreten Ecke nahe der Toilette. Dort sitzt bereits Haifa und raucht. „Welcome, smoking buddy“, sagt sie. Unter der Abaja trägt sie zerrissene Jeans, die kurzen Haare sind unverschleiert, eine Seite rasiert – und im rechten Ohr trägt sie mehr Piercings als Sven Marquardt vom Berliner Club „Berghain“ im gesamten Gesicht. Haifa Fahad ist eine der zehn Finalistinnen der „Vogue Fashion Experience Jeddah“. Sie kommt aus Riad, studierte dort und in Paris Mode und gründete 2011 ihre zwei Labels: Die nach ihr benannte Demi-Couture-Marke und ihre Streetwear-Linie „Dare“. Während „Haifa Fahad“ mit prachtvollen Stickereien und Seidenstoffen den islamischen Modekanon für Frauen um ungewöhnliche Schnitte und Formen vorsichtig erweitert, traut sie sich bei Dare was: Nieten, Leder, Jeans-Shorts und bauchfreie Bikerjacken – ein modisches Kettenrasseln in einem Land, in dem sich Frauen in der Öffentlichkeit unter der Abaja, dem traditionellen Gewand und Schleier, verstecken müssen. Auf den Kampagnenfotos ihrer Männerlinie zeigt Haifa tätowierte Typen mit lackierten Fingernägeln in typisch saudischer Thobe, allerdings in sehr untypischem Denim – nie kamen sich der Hipster- und der religiös motivierte Mullah-Vollbart ästhetisch so nah. Aber wo bitte kann man das in diesem Land tragen? „Im privaten Kreis geht alles“, sagt Haifa, „und unter der Abaja sowieso.“ Die 32-Jährige hat die halbe Welt bereist, sie kommt aus einer einflussreichen saudischen Familie. Nur aus welcher, das darf niemand schreiben. Haifa erzählt, dass ihre Verwandtschaft mit ihrer Arbeit und ihrem Look eigentlich kein Problem habe, solange sie nicht öffentlich mit ihr in Verbindung gebracht werde. Das würde den Clan brüskieren und ihn für die konservative Mehrheit im Land angreifbar machen. Es wird in den folgenden Tagen noch sehr häufig passieren, dass sehr vieles erstaunlich offen gesagt wird, aber nicht geschrieben werden darf – auch Fotos sind kaum ein Problem, solange sie nicht öffentlich erscheinen. Nach außen hin wird der Schleier der gehorsamen Anpassung gewahrt. Als Ausländer fällt es schwer, da durchzublicken. Als unsere Gruppe durch die Altstadt von Dschidda, 2014 von der Unesco zum Weltkulturerbe geadelt, geführt wird und einige mit ihren Handys eine Gruppe von voll verschleierten Frauen fotografieren, heben diese die Hand. Die Westler rätseln. Heißt das

abwehrend „Nein, bitte nicht“? Falsch geraten. Es bedeutet schlicht „Hallo“, erklärt der Guide. Glaubhaft wird das erst, als wir der Gruppe später noch einmal begegnen. Diesmal fangen alle an, wie wild zu winken. Die Mode ist längst zu einer globalen Veranstaltung geworden – kaum ein Ort, der nicht irgendwann zum Schauplatz einer Cruise Collection wird. Allenfalls Iran, Nordkorea und Saudi-Arabien gelten noch als No-goLänder. Für umso mehr Erstaunen sorgte die Einladung der „Vogue Italia“ und der Rubaiyat-Gruppe, eines der saudischen Marktführer im Luxus-Mode-Segment. Mehr als 60 europäische Marken vertreiben sie exklusiv im Königreich, in Kaufhäusern, Boutiquen und Shoppingmalls. Nun geht es um einen Nachwuchs-Wettbewerb unter saudischen Modedesignerinnen. Ach, die gibt es da? Nichts, was man für möglich gehalten hätte. Schon die Vorbereitung der Reise ist abenteuerlich: Als Erstes wird man nach der Größe gefragt – damit die maßgefertigte Abaja, die im Hotel gereicht wird, auch bloß bis über die Knöchel reicht. Im Visumantrag werden „religiöse Praktiken“ abgefragt. Vor dem Abflug mit Saudia wird – nach den Sicherheitseinweisungen und vor dem Start – ein Gebetsvideo auf den Monitoren übertragen, das Allah um den Schutz der Reisenden bittet. Das Bordprogramm hat einen islamischen Teil, Alkohol wird nicht ausgeschenkt. Statt Easy Listening gibt es hier so eine Art Hitparade der beliebtesten Imame, die die TarawihGebete aus Mekka, Episode 1 bis 28, beten. Da es leider keine englische Übersetzung gibt, bin ich nach der dritten eingeschlafen und erwache erst wieder, als der Flieger sanft in Dschidda aufsetzt. Wenn man nie dort war, kann man diese Destination leicht als Herz der Finsternis begreifen: Öffentliche Hinrichtungen im Namen der Scharia, die hier in ihrer strengsten wahhabitischen Form ausgelegt wird; tausend Peitschenhiebe für kritische Blogger; kein Individualtourismus, es sei denn, man pilgert nach Mekka. Den Frauen verbietet man das Autofahren. Rechtsgeschäfte, Berufstätigkeit, Reisen außer Landes – für alles brauchen sie die Erlaubnis ihres männlichen Vormunds. Unter Abaja und Hidschab werden Frauen jeglicher Individualität beraubt – ein Dasein als schwarzer Schatten im öffentlichen Leben. Das ist wirklich alles, was der westlichen Idee von Emanzipation und Freiheit widerspricht. Einen Trip wie den unseren können also nur Leute ermöglichen, bei denen sich Vision und pragmatische Tatkraft vereinen. Jemand wie Franca Sozzani: Die Chefredakteurin von „Vogue Italia“ hat es schon immer verstanden, Mode und politische Zeitgeschichte zu verquicken, man denke nur an Steven Meisels kontrovers diskutierte „State of Emergency“-

Fotostrecke, in der 2006 High Fashion auf USamerikanische Sicherheitsparanoia am Flughafen traf. Wenn sie es also mit ihrem saudischen Partner schafft, erstmalig in der Geschichte des Landes zwölf internationale Journalistinnen ohne männlichen Vormund in ein Land reisen zu lassen, das nicht einmal ein Pressevisum vorsieht, so kann die politische Dimension dieser Veranstaltung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden – auch wenn es die Initiatoren vor Ort weit von sich weisen, dass das hier etwas mit Politik zu tun hat. „Es geht darum, jungen Designerinnen den Weg zu einer internationalen Karriere zu öffnen und andere Frauen im Land zu inspirieren, es ihnen gleichzutun“, sagen Scheich Abdullah Binzagr und seine Frau Waafa Abbar, die CEO und Präsidentin der RubaiyatGruppe. Schon ihr Vater ermutigte sie zu Studium und Berufstätigkeit, ein Hausfrauenleben wäre für sie undenkbar gewesen. Und ihr Mann hat ihre Bedingungen akzeptiert. Sie gründeten gemeinsam ihre Firma. Etwas schwieriger macht die Sache, dass Modenschauen in Saudi-Arabien verboten sind. So präsentieren die zehn Finalistinnen ihre Kollektionen ohne Models und Catwalk im Rubaiyat Ladies Department Store, den nur Frauen offiziell betreten dürfen. Heute befinden sich aber trotzdem einige Männer unter den Gästen. Die Geschlechtertrennung wird offenbar nicht immer so rigide gehandhabt, wie sie die Schilder allerorts vorschreiben. Noch dazu hat die „Vogue Italia“ Fotostudios aufgebaut, in denen sich die Besucherinnen als Covermodel verewigen dürfen. Besonderes Interesse zieht die amerikanische Kollegin Chandia Brennen auf sich, sie hat sich im goldglitzernden Diva-Stil hierher aufgemacht, nun umringt sie eine ganze Horde schwarz verschleierter Frauen, die alle ein Selfie mit ihr wollen. Das fröhliche Blitzlichtgewitter und Posieren verwundert, weil das Fotografieren von vielen als „haram“, unheilig, angesehen wird. Im dichten Gedränge warten alle auf Naomi Campbell, die als Topstar des Events angekündigt ist. Diese tritt aber erst einen Tag später auf, bei der offiziellen Preisverleihung in der Residenz der Prinzessin Adila bint Abdullah bin Abd al-Aziz. Die Tochter des 2015 verstorbenen Königs Abdullah gilt als eine der wichtigsten Stimmen für Frauen-, Bildungs- und Gesundheitsbelange im Land. Ihrer Fürsprache ist es zu verdanken, dass das Event und die Presse-Visa letztlich vom Außenministerium genehmigt wurden. „Saudi-Arabien öffnet sich langsam auch für den Tourismus“, sagt sie im Vorfeld des Hauptereignisses bei einem informellen Gespräch. Sie sei froh, durch das Event einen Aspekt des Landes zeigen zu können, den man vielleicht nicht erwarte: „Wer weiß schon, dass heute fast 60 Prozent unserer Studenten weiblich sind.

THE BLOND GIRL 2003 COURTESY BRIGITTE NIEDERMAIR

Diese Aufnahme machte Brigitte Niedermair 2003 und nannte sie „Das blonde Mädchen“. Grad gab es in Saudi-Arabien den ersten Modewettbewerb. Noch immer im Verborgenen

Dass wir Modeschulen im Land haben und dass die Zahl der berufstätigen Frauen sprunghaft in die Höhe geschnellt ist, auch in Führungspositionen.“ Laut saudischem Arbeitsministerium sind inzwischen mehr als 400.000 Frauen erwerbstätig, 2009 waren es noch weniger als 55.000. Bei einer Bevölkerung von 31 Millionen ist das immer noch nicht viel, es geht aber in Richtung Trendwende. Vielleicht sei das Tempo ein bisschen langsamer, als es erwartet wird, sagt die Prinzessin und lächelt dazu: „Aber am Ende des Weges sollen sich alle in der Gesellschaft mit dem Fortschritt wohlfühlen.“ Eine ausgezeichnete diplomatische Formulierung. Beim Hauptereignis stehen auf der Gästeliste einige der saudischen Unternehmerinnen und Führungspersönlichkeiten. Diesmal gilt das strikte „women only“ – und so versammelt sich eine kleine Avantgarde von 350 Frauen zum Galadinner im Garten der Prinzessin, alle unverschleiert diesmal und in großer Abendrobe. An den Turntables steht die blauhaarige DJane Sita Abellan, die zum alkoholfreien Abend softe Electronic-Klänge

über das Rote Meer wehen lässt. Donnernder Applaus für die Gewinnerinnen: Chador und Haal Inc. Beide Marken werden ihre Kollektionen nun auf der nächsten Fashion Week in Mailand präsentieren können. Nora Aldamer von Chador hat Tränen in den Augen, aber offizielle Gewinnerfotos – nein, bitte nicht. „Ich möchte mein Design in den Vordergrund stellen und nicht mich“, sagt die Absolventin der Parsons School in New York. Schon als Kind habe sie ihre Mutter in SaudiArabien zu Shoppingtouren begleitet, so sei ihre Liebe zur Mode – von Chanel bis Rick Owens – entstanden. „Mein Design ist ein Hybrid zwischen Orient und Okzident“, sagt sie. Hochwertige Materialien, aufwendige Stoffbehandlungen wie gelaserter Samt, dazu weich fallende und weite Silhouetten, die mehr bedecken als enthüllen; das verbindet sie auch mit den zwei Designerinnen hinter Haal Inc., die sich wiederum auf die modische Erneuerung der traditionellen Abaja spezialisiert haben. Mariam Bin Mahfouz ist sich sicher: „So, wie wir die Abaja gestalten, kann ich mir durchaus vorstellen, dass sie auch bei

westlichen Frauen ankommt. Als zweite Schicht über einem Sommer- oder Abendkleid zum Beispiel.“ Die Designerin findet, jede Frau solle einmal im Leben das Abaja-Gefühl kennenlernen: „Es ist ein schönes und elegantes Kleidungsstück, wenn es mit Stolz getragen wird.“ Als ich am Tisch der Designerinnen frage, was sie von der ersten Dolce-&Gabbana-Abaja-Kollektion halten, rümpfen sie die Nase. Niemand unter ihnen würde die Teile kaufen. Das moderne Abaja-Gefühl möge man doch bitte den Fachfrauen aus SaudiArabien überlassen. Den Praxistest hat meine Haal-Inc.-Abaja bereits bestanden. Als ich am Abend wieder einmal zum Rauchen vor die Tür gehe, sprechen mich zwei Frauen an, wo man so ein außergewöhnliches Stück kaufen könne. Da ich es nicht weiß, schlage ich vor, dass sie die Designerinnen drinnen im Restaurant persönlich fragen und noch einen Blick auf Naomi Campbell werfen. „Wenn ihr gucken geht, wollen wir auch gucken dürfen“, scherzen ihre Ehemänner – alle lachen. Mal sehen, wann es so weit sein wird.

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ORNAMENTALE ERINNERUNGEN

Sehnsucht nach Vollkommenheit Designerin Leyla Piedayesh von Lala Berlin floh als Kind mit ihrer Familie aus

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as mich antreibt, ist das, was man landläufig als die Suche nach den eigenen Wurzeln beschreibt. Ein Versuch, der schwer in Worte zu fassen ist, denn es geht um das Gemisch aus Gerüchen und Geräuschen, um das Essen und die Sprache. Es geht um vage Eindrücke aus einer Zeit, in der das Leben noch scheinbar unbeschwert und leicht war: Nach 27 Jahren kehre ich zurück in meine alte Heimat und bin aufgeregt. Meine Kindheitserinnerungen handeln von Kaugummis, sauer eingelegtem Gemüse, Roter Bete am Straßenrand, Kürbiskernen, geschnittenem Obst, und von der omnipräsenten Melancholie: Ich war als Kind auf ungewöhnlich vielen Trauerfeiern. Bei einem Todesfall trauerte man in Persien mehr als 40 Tage lang in Etappen: erst am Tag des traurigen Ereignisses selbst, dann die Woche über, dann am 40. Tag, und dann, nach einem Jahr, geht wieder alles von vorn los. Wenn man selbst in die Masse der Trauernden eintauchte, mit dieser alles durchdringenden, bewegenden Musik, hatte es etwas Beruhigendes. Doch jetzt lockt die Gegenwart: 0.20 Uhr, willkommen in Teheran! Mit Kopftuch und einem vagen Plan sitze ich in der Wartehalle des Flughafens. Das letzte Mal, als ich hier war, wurde ich unfreundlich verabschiedet. Damals trug ich die Kette meiner Oma – und es war verboten, Wertgegenstände aus dem Iran zu befördern. Es wurde als Schmuggel ausgelegt, die Flughafenpolizei hielt mich fest. Zwei Nächte schlief ich bei Fremden und tat so, als würde ich kein Wort verstehen. Die Gefühle, die ich damit verbinde, haben mich bisher daran gehindert, das Land wieder zu besuchen. Jetzt schaffe ich es endlich wieder zurück in meine Vergangenheit! Ganz anders als in meinen Erinnerungen sind die Menschen schon am Flughafen alle sehr freundlich: keine Maschinengewehre, keine bösen Mienen, es gibt Essen und Getränke. Die Frauen sind nur locker verhüllt, eigentlich bin ich von allen am meisten bedeckt. Manche haben kurze Jacken an, die gerade so den Hintern umspielen, andere haben ihr Kopftuch auf das äußerste Ende des Kopfes gelegt. Endlich werde ich gerufen und darf meinen Pass abholen. Die Bilder vom letzten Abschied rau-

schen wieder durch meinen Kopf. Ich bekomme Herzklopfen. Ich stehe vor dem Zollbeamten, und mit jeder Frage bin ich innerlich aufgewühlter, nervöser und bekomme einen hochroten Kopf. Mein persischer Wortschatz ist auf dem Niveau einer Zweitklässlerin stehen geblieben, es dauert, bis ich seinen letzten Satz verstehe. Er lautet: „Bleiben Sie auf keinen Fall länger als ein Jahr!“ In Teheran wandere ich als Touristin meinen eigenen Erinnerungen hinterher: Da, wo früher prächtige Villen mit Schwimmbädern standen, die herrlichsten Gärten mit Walnuss-, Feigen- oder Maulbeerbäumen, stehen jetzt, kreuz und quer und ohne jede Ordnung in die Höhe gestreckt, Apartment-Buildings. Überall sind Baustellen, und die letzten alten Häuser werden gerade abgerissen. Eine wachsende Stadt braucht Wohnraum, da muss die Ästhetik oftmals zurückstecken. Die Stadt erstreckt sich bis in die Wüste. Mein Großvater war ein erfolgreicher Teppichhändler – und früher hatten die reichen Unternehmer ihre Wochenenddomizile mit den blühenden Gärten in dieser Gegend. Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Auch die Backstuben, aus denen zu jeder Tageszeit der Geruch von frisch gebackenem Brot herauswehte, sind leider ebenfalls verschwunden. Das Essen ist jedoch überall im Land abwechslungsreich und köstlich. Die Auswahl an Obst und Gemüse ist paradiesisch. Ich kann es kaum fassen, wie reich dieses Land von der Natur beschenkt ist. Viel Muße, darüber nachzudenken, bleibt im Alltag kaum: Teheran hat acht Millionen Einwohner. Man spürt es an dem Treiben auf den Straßen. Die Leute sind energiegeladen. Es scheint, als würden alle nach der Aufhebung des Embargos nur darauf warten, dass die Geschäfte endlich wieder blühen. Es ist voll, überall Autos und Hupen, Staub und noch mehr Menschen. Ich liebe es, durch die Straßen zu laufen – es gleicht einem Abenteuer. 200 Kilometer nordöstlich vom hektischen Treiben Teherans liegt die vergleichsweise kleine Stadt Kaschan am Rande des KuhrudGebirges. Hier schaue ich mir die Häuser der ehemaligen Händler an, die sich einst unweit des Basars ihre herrschaftlichen Wohnhäuser mit großen Höfen und Brunnen errichtet haben. Alles ist so schön, alle Menschen sind freundlich und nett, das Essen schmeckt so gut, und es ist so gemütlich – man will sich am liebsten gleich niederlassen und genau so ein Haus besitzen, um sich in den prächtigen Räumen hinzusetzen und zu lesen. Die Schönheit der Altstadt in Kaschan ist unMit dem Handy in der Heimat: Designerin Leyla Piedayesh hat Impressionen aus Teheran festgehalten

glaublich. Unfassbar ist auch, wie hier vor Hunderten von Jahren gebaut wurde – mit einem eigenen Heizsystem. Wie hier mit Gips alle Fassaden geschmückt werden. Schmücken – das lieben die Perser! Ob es der dekorierte Tisch ist oder die Wände sind, die mit einem Spiegelmosaik verziert sind, oder auch die Gipsmalereien: Es kann nicht ornamental genug sein. Der Basar quillt über vor Waren, und in den Gängen kann man sich wunderbar verlieren. Die Perser neigen zur Übertreibung und lieben den Überfluss. Für mich, die ich so sehr im Jetzt lebe und mich gleichzeitig nach der Vergangenheit sehne, ist es beruhigend, von derart gut gepflegter Historie und Tradition umgeben zu sein. Es entfesselt in mir eine tiefe Sehnsucht nach Vollkommenheit. Auch die Natur scheint diesem Motto zu folgen: Wenn man durch die Berge von Schemschak fährt, ist der Eindruck überwältigend. Man möchte am liebsten alles stehen und liegen lassen, und ab sofort nur noch für die Erhaltung der Umwelt kämpfen. Das Land ist so reich an allem, es gibt nichts, was es hier nicht gibt. Am letzten Tag sitze ich wieder am Flughafen – diesmal mit Tränen in den Augen: Ich freue mich auf meine Familie in Deutschland und bin traurig, die andere Familie und die Heimat zurückzulassen. Woher diese Trauer immer wieder herrührt, wenn ich an den Iran denke, kann ich mir schwer erklären. Daran hat sich auch nach dieser Reise nichts geändert. Es ist wie ein unerklärlicher Schmerz, es ist wie ein Riss, den man versucht zu flicken und der dann doch immer wieder aufbricht. Doch vielleicht gehört es zum Ritual der Trauer, wie ich es in meiner Kindheit gelernt habe, einfach dazu: die bewusste Begegnung mit dem Schmerz, die einem ermöglicht, im Anschluss wieder nach vorn zu schauen. Endlich habe ich neue Bilder im Kopf, die ich jetzt zu meinen alten Erinnerungen hinzufügen kann. Und ich weiß: Ich möchte nicht noch mal 27 Jahre warten, bis ich zurückkehre.

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Persien. Nun kehrte sie zum ersten Mal zurück und war überwältigt

GUT AUFGEHOBEN

Im Kreis der Familie Sie ist eine der berühmten Schwestern: Anna Fendi Venturini. Auf der Insel Ponza hat sie immer schon Ferien gemacht. Dann ist Angekommen: Anna Fendi Venturini hat ihr Paradies gefunden. Einsame Strände und kubistische Häuser prägen Ponza ANDREAS LASZLO KONRATH/TRUNK ARCHIVE

daraus mehr als ein Hobby geworden. Inge Ahrens besuchte sie

nna Fendi Venturini steht auf der Terrasse der „Villa Laetitia“ hoch über dem Hafen von Ponza. Die Sonne scheint durch die Weintraubenblätter auf der Veranda ihres Bed and Breakfast und legt sich wie ein Spitzengeflecht über die zierliche blonde Person, die lange die stilprägende Frau an der Spitze des römischen Modehauses Fendi war. Auch nach vielen Jahrzehnten Ferien am selben Ort erliegt sie immer wieder dem Charme der kleinen Mittelmeerinsel, deren felsige, geschützte Bucht sich unter ihr ausbreitet. „Schon wenn ich an Ponza denke, bin ich entspannt. Hier verbrachte ich so viele glückliche Sommer. Ich liebe den Duft von Meer und Macchie-Pflanzen, die Farben der braun getönten Felsen und die pastellig getünchten Würfelhäuser.“ Ponza ist die Hauptinsel im Pontinischen Archipel im Tyrrhenischen Meer, westlich von Neapel gelegen. Sie ist ein gezacktes, schmal geschwungenes Vulkan-Eiland mit nur einer Straße, dramatischer Felsenküste, oft nur mit dem Boot erreichbaren Stränden und einer Landschaft, die im Frühling von wildem Ginster überzogen ist. Anna Fendi war noch jung, als sie vor mehr als 40 Jahren mit ihrem Mann und den drei kleinen Töchtern Therese, Silvia und Ilaria Ponza für sich entdeckte. „Wir hatten ein winziges Motorboot. ,La Primula Rossa‘ hieß es. Dort schliefen wir, denn auf Ponza gab es ja damals noch keine richtigen Unterkünfte für Feriengäste.“ Heute feiern die Italiener hier den Sommer. Zu den 3000 Ponzesi kommen dann zehnmal so viele Feriengäste. Yachten von Geld- und echtem Adel ankern im Hafenbecken. „Man lässt sich zufrieden“, erzählt Anna Fendi. Statt protziger Hotels und Verkehrsstaus ballen sich die historischen kubistischen Häuser rostrot, zitronengelb, eisblau und knallrosa um Ponza Porto. Das Autofahren ist zur Hochsaison eingeschränkt. Wer verweilen will, hat

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ein eigenes Boot, ein Haus auf der Isola oder mietet sich ein. Als Anna Fendi ihren Posten im Modehaus an ihre Tochter Maria Silvia übergab, erwarb sie das erste Refugium. Das „Il Balconcino“ liegt am Hafen und hat eine Dachterrasse mit Blick über die schaukelnden Boote und die eintreffenden Segler. Drinnen trägt das mehrstöckige Gebäude die Handschrift der Designerin: Die Stoffe, die Möbel, die Küche mit den vielen antiken Fliesen aus Vietri und die in Murano gefertigten Gläser sind ihr Entwurf. Ihr erstes B & B, das „La Limonaia a Mare“, erwarb sie zusammen mit einem Freund. Wenig später kaufte die Römerin die bald 100 Jahre alte „Villa Laetitia“. Auch die richtete sie ein wie ein Privathaus. Die Zimmer mit Meerblick in den Farben von Gewürzen sind bis ins kleinste Detail das Werk der 83-Jährigen. Als sie und ihre Schwestern die Firma verkaufte – die Marke gehört heute zu 51 Prozent dem französischen Luxusgüterkonzern LVMH – habe sie eine eine neue Aufgabe gebraucht: „Seitdem richte ich für meine Töchter Häuser auf Ponza ein.“ Häuser mit Seele nennt Anna Fendi ihre Behausungen und empfiehlt, eine Bootstour rundherum zu machen. So könne man ihre Lieblingsstrände am besten sehen: die Cala Felci mit den schneeweißen Felsen, die Cala d’Inferno oder Punta Bianca. Wir sind vor der Hochsaison gekommen, und Ponza schläft noch vor sich hin. Hinter der „Villa Laetitia“ führt ein Weg zwischen Weinbergen und Gemüseäckern bergan, denn das B & B liegt am Hang des Monte Guardia, von dem aus noch in den 50er-Jahren nach Feinden Ausschau gehalten wurde. Bis hoch zum Leuchtturm bahnen wir uns den Weg durch Oleander, Orchideen und alle möglichen Kräuter der mediterranen Macchie. Wer so früh im Jahr Ponza besucht, sieht im Inselinneren rechts und links der schmalen Straße die „Gozzi“, die Holzboote der Ponzesi, kopfüber wie Wale liegen. Am Hafen lassen wir uns mit einem Schlauchboot zu Enzo übersetzen, der wohl das roman-

tischste Fleckchen der Insel besitzt. Er ist ein attraktiver Neapolitaner und zerlegt gerade die am Morgen gefangenen kleinen Thunfische, kocht und füllt sie filetiert mit grünem Olivenöl in Gläser. Enzos Strandbar liegt hinter einer Felsnase an der „Cala Frontone“. Man sitzt im Schatten unterm Strohdach oder liegt, von Kissen gestützt, in ausgedienten Booten und genießt: Enzo serviert Sardellen, Gamberoni, Scampi, eingelegten Thunfisch, Inseltomaten und ein Glas Wein. Am Nachmittag schauen wir im Lebensmittelladen bei Lina vorbei, die Platt- und Kichererbsen, Linsen und Gemüse von der Insel verkauft und uns ihre aus Feigen- und Traubensaft zubereitete Nachspeise probieren lässt. Wenn Anna Fendi im Sommer nicht mit ihrer Familie gemeinsam das Essen macht, dann geht sie gern ins Sternerestaurant „Acqua Pazza“ oder in die „Casa di Assunta“ – hier kommt deftige Inselküche auf den Teller. Ponza selbst ist schnell erobert. Nach ein paar Tagen kennt man sich. „Ciao! Bon giorno! Tutto bene?“ Wenn die Einheimischen sich treffen, hören sich ihre Küsschen rechts, Küsschen links an wie Schwalbengezwitscher. Der Tourist schlendert durch die einzige kleine, weiß geschlämmte Einkaufsstraße. Nein, eine FendiBoutique gibt es hier nicht. Man ist bodenständig und trägt bequeme Schuhe, denn der Ort ist ein einziges treppauf, treppab. Bevor der Jetset von heute kam, hatte Kaiser Augustus schon eine Ferienvilla. Wie auch auf Capri. Zur Geschichte gehört auch, dass Benito Mussolini 1943 kurzzeitig hierher verbannt wurde. Es klingt nach einer ironischen Entscheidung. Denn Ponza gilt seit jeher als Insel der Verführung und Versuchung. Hier soll Odysseus der Göttin Circe widerstanden haben, während seine Kameraden in Schweine verwandelt wurden. Als Anna Fendi vor vielen Jahren das erste Mal mit ihrer großen Liebe und den Kindern auf die Insel kam, war es gleich um sie geschehen. Ihr Mann starb mit nur 42 Jahren an einem Herzinfarkt. Bis heute trifft sich hier im August jedes Jahr die komplette Familie. „Meine drei starken Töchter, ihre Kinder, deren Partner und Freunde. Am Morgen fahren wir dann alle mit dem Boot an einen der Strände. Und am Abend wird gemeinsam gekocht. Pino, mein Partner, kann das hervorragend.“ Die Chefin deckt dann den Tisch. Und ist zufrieden. „Heute singe ich italienische und neapolitanische Lieder mit meinen Enkelkindern. Ponza ist mein ganzes Leben“, sagt sie. „Bin ich da, bin ich schon im Paradies.“

LESELUST

Der Maßschreiber Vor 50 Jahren verfasste Gay Talese mit einer Reportage über Frank Sinatra das endgültige Celebrity-Porträt. Noch heute schreibt er einzigartige Prosa. Philip Cassier besuchte den Autor in New York – und lernte, wie man durch Verlierer zum Gewinner wird FOTO: JÜRGEN FRANK

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er amerikanische Traum hat Falten bekommen. Er sitzt in dieser Art Ledersofa, das seit je dafür gemacht ist, dass die angelsächsische Oberschicht auf ihr sanft wegdämmert. Schlaff liegt die Haut auf den Jochbeinen, das V zwischen Nase und Mund ist wie mit dem Rasiermesser gezeichnet; doch all das darf mit 84 Jahren so sein. Der Blick ist es, der das Arrangement sprengt: Die Augen betrachten das Gegenüber, als sähen sie zum allerersten Mal einen Menschen. Manchmal fixieren sie ihr Objekt, dann schließen sie sich halb, zwinkern, forschen schon wieder. Diese Augen spähen aus. Es ist unmöglich, sich in ihrer Gegenwart nicht erkannt zu fühlen. Doch sie werten nie. Wertungen hält der Mann im Flanelldreiteiler auf dem Sofa für gefährlich. Wahrscheinlich spricht er deswegen mit so viel Bedacht. Und weist immer wieder darauf hin, dass heute, mitten in New York City, wo es per Definition keine Zeit gibt, viel Zeit sei. Wenn zwei Reporter sich treffen, wird es kompliziert. Das gehört zu den ältesten Gesetzen der Branche. Sie leben von den Geschichten anderer und sind deswegen im Idealfall eher mit Sehen und Hören als mit Reden beschäftigt. Dieser Berufsstand, so hat es der Reporter Alexander Osang einmal formuliert, hat anders als Kritiker, Korrespondenten oder Leitartikler keine Meinungen, an die er sich klammern könnte. Reporter haben Zweifel – oder: Angst. Sie werden irgendwo hingeschickt, in der Hoffnung irgendetwas zu entdecken; mal gelingt das, häufig nicht. Nur selten kommt einer wie Gay Talese, der Mann auf dem Sofa, und sieht Dinge, die den Leser anders auf die Welt blicken lassen. So geschehen vor exakt 50 Jahren, als er, nachdem Frank Sinatra ihm ein Interview für das Magazin „Esquire“ verweigert hatte, das wohl endgültige Celebrity-Porträt des 20. Jahrhunderts schrieb: „Frank Sinatra ist erkältet“ – eine Reise ins Innerste von Psyche und Umfeld des Sängers, die den ganzen Menschen hinter dem Star zeigt; einen Mafia-Don und Rabauken, einen Tyrann, einen Gönner und Schwächling, eine Karikatur seiner selbst und einen Charismatiker, der am Ende doch gewinnen wird. Eine Geschichte, so lakonisch erzählt, dass sie ihren Autor in den Olymp des sogenannten „New Journalism“ aufsteigen ließ. Gemeinsam mit Männern wie Tom Wolfe oder Truman Capote sorgte Talese in den 60er-Jahren dafür, dass sich Journalisten Erzähltechniken von Kurzgeschichten zu eigen machten. Capote als das Wunderkind mit dem

Wodka in den Frühstücksflocken, Wolfe als der ziselierte Dandy und Talese als der Handwerker im Maßanzug, der nie zur Fiktion wechselte. Er nannte F. Scott Fitzgerald als sein Vorbild und behauptete, nur den Beruf des Reporters ernst zu nehmen. So lief er jahrelang Mafiabossen hinterher, brach in „Honor Thy Father“ das Schweigegebot des Mobs, die Omertà; eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, Verstöße werden dem Kodex zufolge mit dem Tod bestraft, doch Talese kam davon. Danach verfasste er mit „Thy Neighbour’s Wife“ eine Bestandsaufnahme des amerikanischen Sexuallebens in der Ära vor HIV – selbst bei diesem Thema blieb er Beobachter. Das Wunderkind starb recht früh, der Handwerker dagegen ist noch sehr gefragt. Egal, wer sich über ihn äußert – Kollegen, Agenten, Rezensenten –, beinahe alle sagen, was für ein guter Typ doch Gay Talese sei. Eine Seltenheit in einem Beruf voller Neid und Lästerei. Wie sehr er noch immer im Fokus der Öffentlichkeit steht, beweist seine letzte Arbeit: „The Voyeur’s Motel“ ist eine amerikanische Sozialgeschichte über einen Mann, der über Jahrzehnte in Colorado ein Haus betrieb, in dem er seine Gäste systematisch ausspähte. Ein Vorabdruck stand im „New Yorker“ – und fast jedes Medienhaus weltweit griff die Geschichte auf. Dass diese Bekanntheit ihre Schattenseiten hat, musste Talese jüngst wieder erfahren, als über ihn, der nicht einmal ein Handy besitzt, ein Twitter-Gewitter hereinbrach: Bei einem Autorentreffen in Boston hatte er die Frage gestellt bekommen, welche weiblichen „role models“ er in seinen frühen Jahren gehabt habe. Er antwortete, da sei niemand, weil Frauen damals eher Fiktion geschrieben hätten. Da ging’s dann los – Talese, der alternde Macho, war noch das Netteste, was zu lesen war. Einiges, so gab er zu verstehen, habe ihn getroffen. Aus dem Konzept hat es ihn nicht gebracht. Heute hat Gay Talese in sein Townhouse an New Yorks Upper Eastside eingeladen. Er lebt dort seit Jahrzehnten mit seiner Frau Nan, einer Lektorin, die Tochter ist schon lange ausgezogen. Um vier Uhr nachmittags steht er einfach so in der Tür und ergreift die Hand des Gastes. Mit dessen Bemühen um Objektivität ist es damit vorbei. „Schön, dass Sie gekommen sind. Sie können alles sehen, alles fragen.“ – „Danke. Mr Talese, es hilft ja nichts: Sie sind mein Idol.“ – „Hahaha, erzählen Sie keinen Quatsch! Wie wär’s mit einem Whisky?“ Es ist nicht zu erkennen, ob Talese so große Worte gewohnt ist. Für Alkohol ist es dem Besucher noch zu früh, so kommt Wasser auf den Tisch. Das ganze Umfeld ist eine einzige ästhetische Dokumentation des Aufstiegs im

Amerika der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Das Sofa legt davon genauso Zeugnis ab wie das Silberkaffeeservice auf der Anrichte, die übervollen Bücherregale mit viel Talese darin, die Gemälde von Frank Stella und die Fotos von sich selbst an den hohen Wänden oder das Mädchen, das gerade die beiden Terrier ausgeführt hat. Gay Talese, der Sohn eines italienischen Einwandererpaares, das in Ocean City eine Schneiderei betrieb, liebt es, alles herzuzeigen, was er besitzt. Er hat auch kein Problem damit, von seinem Weihnachtsempfang zu erzählen, zu dem Bürgermeister Michael Bloomberg kam, oder seine eigenen Geschichten als „great“ zu bezeichnen. Auf dem Sofa angekommen, ist da ein lauernder Ausdruck in seinen Augen. „Wollen Sie Ihren Rekorder anstellen?“ Nein, sagt der Interviewer. Talese verzichtete schließlich prinzipiell darauf, weil er meinte, das mache ihn beim Zuhören nachlässiger und zerstöre die Situation. Ein Nicken. Und das Bekenntnis, dass der Text über Sinatra nicht seine eigene Idee war. Weshalb? Gay Talese holt Luft, er muss unter dem Schwarz-Weiß-Foto vom Central Park der 80er-Jahre ziemlich weit zurückgehen. An Berühmtheiten habe er nie Interesse gehabt, sagt er. Schon in der Schule habe er, der stets in maßgeschneiderte Jacketts seines Vaters gekleidet war, nie dazugehört. Die Brüder seines Vaters kämpften in Mussolinis Armee – und bis weit in die 50erJahre hinein spielten Italiener in der amerikanischen Öffentlichkeit vor allem als Gangster oder Schnulzen-Schmierlappen eine Rolle. Universitäten wie Harvard waren für Talese unerreichbar; er studierte in Alabama, aus Sicht des Establishments nirgendwo. Zurück an der Ostküste, verdingte er sich 1952 bei der „New York Times“ als Botenjunge – und spätestens das macht die Geschichte so amerikanisch: Vom Botenjungen zum Bestsellerautor, da ist das ganze Klischee erfüllt. Solange es hier einer schafft, ist alles nicht so schlimm – und wenn es Leute gibt, die das für pervers halten, dann ist das nicht Gay Taleses Problem. Zum Reporter stieg er auf, weil er wirklich hinschaute und zuhörte. Er lebte Wochen mit den Stadtkatzen oder schrieb Geschichten über vergessene Broadwaystars, für die er 80 Hotels abtelefonierte, um sie zu finden. Seine Sportreportagen spielen zumeist in den Kabinen der Verlierer: Dieser Mann verdankt seinen amerikanischen Traum denjenigen, die ihn nie leben konnten. Weil er in der Stadt, die ein einziger Superlativ aus Stein, Licht und Lärm ist, in der Triumph und Katastrophe Nachbarn sind, in der alles so sehr auf Größe aufbaut, dass man als Fußgänger innerhalb 3

Vielen Dank für das Gespräch: Gay Talese zeichnet Interviews nie auf – er macht lieber diskret Stichworte auf selbst gebastelten Karteikarten

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„ „Ich bin ein Verkäufer. Ich verkaufe mich selbst. Ich will alles wissen“

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3 einer halben Stunde in Midtown Manhattan zu Brei wird, weil also Gay Talese nie der Versuchung erlag, an diesem Ort selbst zum Superlativ zu greifen – er, der Patron aller, die in diesem Irrsinn nie gefragt werden. Und er erinnert alles. Gay Talese ist jemand, der schon mehr vergessen haben könnte, als andere je erleben werden – man fragt sich, wie er das aushält, all die Bilder, Zitate, Eindrücke. Er irrt sich auch nicht; jede Anekdote, die er zum Besten gibt, kann man nachlesen. „Ich sitz’ da Mitte der Sechziger mit dem ehemaligen Schwergewichtschamp Floyd Patterson nach seinem zweiten K. o. gegen Liston, ich sag: ,Floyd, erzähl mir, wie es sich anfühlt, ausgeknockt zu werden.‘ Also fängt er an, aber ich sage ihm: ,Floyd, das geht besser, versuch’s noch mal.‘ Also versucht er’s wieder. Ich sag ihm: ,Komm, Floyd, noch mal!‘“ So gelangte Talese für sein Porträt „The Loser“ an ein Zitat über sechs Absätze, in dem ein Boxer schildert, wie nach einer kurzen Phase traumhaften Glücks das Grauen im Ring mit jedem kleinen Stück wiedererlangten Bewusstseins höher und höher steigt, bis es unerträglich ist. Gay Talese sagt: „Ich bin ein Verkäufer. Ich verkaufe mich selbst. Ich will den Leuten eine Stimme geben, die sonst keine haben. Sie sollen mir vertrauen. Ich will alles wissen.“ Der Hausherr führt nun in sein Arbeitszimmer unterm Dach. Ein Raum mit Schräge, noch mehr Büchern und Fotos, einem Laptop, das er kaum benutzt, Sofa, Schreibtisch. Dort sitzt man sich gegenüber – und er legt die Füße auf den Tisch, sie stecken in schwarzen Brogues, rahmengenäht und top gepflegt. Das Tastentelefon klingelt, wie bestellt ruft Don DeLillo an, der Autor von „Unterwelt“. „Don, ich hab hier ... ja, alles klar ... Don ... hör mal ... lass uns nächsten Donnerstag essen gehen. Da ist Zeit. Freu mich.“ Der Hörer liegt auf der Gabel: „Ist ja nicht der kontaktfreudigste, der Don“, sagt Talese, aber man schätze sich eben. Vermutlich verbindet die beiden das Gefühl, allein vor einem leeren Blatt Papier zu sitzen. Doch die Minuten verrinnen – es wird Zeit, über „Frank Sinatra has a cold“ zu reden, die „Mona Lisa“ dieses Autors; ein Zauberding, dem der Taschen Verlag nach einem halben Jahrhundert noch einen üppigen Band mit Fotos von Phil Stern widmet, auf 5000 Stück limitiert und handsigniert. Damals war es eine Auftragsarbeit, nachdem Talese bei der „New York Times“ gegangen war. Die Kunstfigur Frank Sinatra stand 1965 auf der Kippe. Exfrauen wie Ava Gardner tratschten, die Verbindungen zum Mob waren offenkundig, künstlerisch wirkte „Frankie Boy“ gegenüber den Beatles wie ein Relikt aus der Bronzezeit; in diesem Setting kam eine große TV-Doku-

mentation über ihn heraus, und eine eigene Show stand vor der Tür. Talese willigte in das „Esquire“-Porträt ein, weil er Sinatra anrechnete, viel gegen das schlechte Bild der Italiener getan zu haben, holte sich in Sachen Interview in L.A. seine Abfuhr – der Sänger sei erkältet – und fing an zu arbeiten. Tage und Wochen sprach er mit allen aus Sinatras Umfeld, vom dritten Trompeter über den Barmann bis zur Tochter Nancy, der Entertainer fand kein Mittel, ihn abzuschütteln. Das belegt schon die erste Szene, in der Sinatra versucht, sich in Gesellschaft von zwei „verblassenden, aber noch immer attraktiven Blondinen“ in der dunklen Ecke einer Bar zu verstecken. Talese beobachtete den Entertainer auf der Bühne, am Spieltisch und am Boxring in Las Vegas, am Set in Hollywood, einfach überall; und er sammelte all die Anekdoten aus seinem Umfeld ein. Hatte er mehr als eine Quelle, hielt er sie für glaubwürdig. Mehr als 40 Buchseiten umfasst das Stück, das virtuos damit spielt, wie sehr Sinatra auf seine Stimme angewiesen ist und wie grausam er werden kann, wenn sie wegen eines Schnupfens versagt: „Sinatra ohne Stimme ist wie Picasso ohne Farbe, wie ein Ferrari ohne Benzin – nur schlimmer.“ Alle Facetten dieses ersten globalen Megastars treten zutage, ohne dass ein persönliches Gespräch stattgefunden hätte. Entsprechend war der Hype. Nur Sinatra selbst hat Talese nie zu verstehen gegeben, ob er das Porträt je gelesen hat. So steht sie denn im Raum, die Frage: Wäre so etwas heute noch möglich? Wo jedes C-Sternchen einen eigenen Auftritt in den sozialen Netzwerken hat und die wahren Stars einen ganzen Stab von PR-Leuten? Gay Talese hebt Kopf und Stimme. Sicher gehe das, sagt er laut. Es koste nur Mühe: „Ganz nah musst du an die Leute ran, es wieder und wieder probieren. Ich meine: Diese Nation steht im Krieg mit Islamisten, die sich bei Attentaten selbst in die Luft sprengen.“ Ein Handstreich durch die Luft – es steckt noch viel Wut in ihm –, gefolgt von Fragen: „Niemand weiß, wie das geht. Menschen haben doch Angst vor dem Tod, oder? Was macht ein Taliban? Wann steht er auf? Was isst er? Hat der Arbeit? Wenn ja, welche? Fährt er mit dem Fahrrad hin? Verstehen Sie? Wir wissen nicht mal, wer der f***ing Feind überhaupt ist. Wir sitzen vorm Bildschirm und lesen, was andere uns vorsetzen.“ Es war ein kurzer Weg von Sinatra zum Krieg. Gay Talese zieht eine „New York Times“ aus dem Jahr 2015 hervor und liest den Anfang seiner Reportage über den 50. Jahrestag der Selma-nach-Montgomery-Märsche vor, des „Bloody Sunday“, Höhepunkt der amerikani-

JÜRGEN FRANK

G AY T E L E S E

schen Bürgerrechtsbewegung. Präsident Obama hatte sich angekündigt – Taleses Text aber beginnt mit einem Mann, der, die Schaufel in der Hand, acht Tage lang Zeit hat, die Stadt herauszuputzen: „Darauf ist außer mir keiner gekommen. Warum nicht?“ Der Hausherr bemerkt, dass er sich in Rage geredet hat, stellt seinem Besucher in schneller Abfolge einige Fragen zu seiner Person und schlägt vor, noch in sein Archiv in den Keller zu gehen. Dort hat jede Story einen Karton, jede Notiz auf selbst gebastelten Karteikarten seit seinen ersten Stücken in der „Times“ ist an ihrem Platz, dazu Skizzen, Fotos und Kladden – ein Griff genügt, und Talese ist mittendrin. Er hat einmal gesagt, eine Geschichte zu verfassen, das sei, wie einen Maßanzug herzustellen: Immer müsse man nachmessen, korrigieren, auftrennen und zusammenfügen. Wer in diesem Keller war, der weiß, wie sich dieser Autor schindet, damit etwas entsteht, das den Tag überdauert. Doch selbst Talese scheitert von Zeit zu Zeit. In den 80er-Jahren begleitete er über Monate den Chrysler-Chef Lee Iacocca. Aber er schrieb die Geschichte nie auf: „Iacocca erzählte mir unter vier Augen ganz andere Dinge, als er sie seinen Angestellten sagte.“ Die Gelegenheit, aus dem Projekt auszusteigen, ergab sich, als Iacocca mit einem Ghostwriter seine Autobiografie verfassen wollte. „Eine amerikanische Karriere“ wurde zum Bestseller, Talese sagt, das jucke ihn nicht. Beim Posieren für die Fotos erzählt er von der Arbeit an „The Voyeur’s Motel“: 30 Jahre lang ist er dem Betreiber hinterhergelaufen. Für die Boulevardpresse war das natürlich ein Knüller, Talese sieht es als Einblick in unbekannte Regionen: „Wann geben Menschen mehr von sich preis als in Momenten, in denen sie sich unbeobachtet fühlen?“ Er will nun ins „Carlyle“. „Fine dining“ hatte stets einen festen Platz im Leben. „Take care“, sagt er, seine Augen forschen noch einmal und verleihen diesem banalsten aller amerikanischen Grüße so Bedeutung. Persönlich, so hatte er es über den Einwanderersohn Frank Sinatra geschrieben, persönlich habe er sich aller Dinge angenommen, ganz ohne angelsächsische Hintertür – und persönlich hat der Einwanderersohn Gay Talese heute seinen Besucher aus Deutschland umsorgt. Der steht nun vor der Tür inmitten der Gigantomanie aus Stein, Licht und Lärm. Der erste Atemzug ist hektisch, der erste Gedanke kein klarer. Er geht ungefähr so: Natürlich ist New York größer als der Autor Gay Talese. Aber sollte diese Welthauptstadt je glauben, auf Typen wie ihn verzichten zu können, dann umso schlimmer für sie.

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Seit die „New York Times“ seinen 1997erMerlot als „abgefüllte Pornographie“ bezeichnete, brummt der Laden: Roman Roths Winzer-Karriere auf den Hamptons darf man einmalig nennen

PORTRÄT

Der Winzer Vor 25 Jahren traf der schwäbische Jungwinzer Roman Roth auf Christian Wölffler. Gemeinsam machten sie Wein von der Ostküste populär. Huberta von Voss schaute auf ein Glas bei ihm vorbei FOTO: RALPH GIBSON

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anhattan, sagte er stets, sei von den Hamptons nur eine halbe Stunde weit entfernt. Manche Menschen reden sich die Dinge schön, bei anderen, wie Christian Wölffer, schien sich die Realität seiner Wahrnehmung zu beugen. 1989 startete er mit einem für damalige Zeiten wahnwitzigen Plan: In den Hamptons Wein anzubauen und einen jungen deutschen Winzer zu finden, der bereit war, mit ihm an dem Ziel zu arbeiten „den besten Wein an der Ostküste zu machen“, erinnert sich sein Partner Roman Roth. Wölffer flog damals nach Stuttgart, wo ihn ein junger Mann mit seiner frisch angetrauten australischen Frau am Flughafen abholte. Ernsthaft interessiert war Winzer Roman Roth jedoch nicht: „Ich dachte, das ist eine tolle Gelegenheit, mal ein englisches Job-Interview zu üben“, sagt er vergnügt. „Wir fuhren in eine Gartenwirtschaft, wischten den Morgentau von den Tischen und tranken den Wein, den ich für meine Hochzeit gemacht hatte.“ Wölffers ansteckender Enthusiasmus, seine Begabung, Visionen in Realität zu verwandeln, und der Glaube, New York sei quasi um die Ecke von den Hamptons, überzeugten ihn schlussendlich. Ein Vierteljahrhundert später sitzt er an einem Eichentisch im schicken Lokal der Kellerei und hat als Partner die Winzerei Wölffler Estate Vineyard zu nationalem Ruhm geführt. Nur Manhattan ist von Sagaponack immer noch drei Stunden entfernt. Die Gegend zwischen South Hampton und East Hampton an der Südküste der Halbinsel, auf der sich in den Sommermonaten die Superreichen New Yorks tummeln, ist komplettes Flachland. Bis auf die leichten Hügel der

wölfferschen Weinberge, die sich über gigantische 223.000 Quadratmeter hin erstrecken. „Christian hatte eine gute Nase fürs Geschäft“, erinnert sich Roth an den Gründer, der 2009 bei einem tragischen Schwimmunfall in Brasilien ums Leben kam. Anfangs war es schwer, den Wein zu verkaufen. 36.000 Flaschen wurden in den ersten Jahren produziert, aber die Amerikaner waren noch nicht so weit: „Die wollten entweder kalifornischen Hustensaft-Wein, der komplett süß ist und ohne Säure, oder bekannte französische Weine. Heute ist das anders.“ Nach zahlreichen Auszeichnungen für ihre Weine reißen sich in Manhattan die Händler und Restaurants um die Produkte. Das Großhandelskontingent für den besonders beliebten Rosé ist seit Jahren innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Die mittlerweile 960.000 Flaschen mit dem Pferdekopf-Etikett bleiben nicht im Lager liegen. Spätestens seit Howard G. Goldberg, der Weinkritiker der „New York Times“, den 1997er-Merlot als „abgefüllte Pornografie“ bezeichnete, brummt es. „Das Bouquet ist so verführerisch voll mit süßen Glückversprechen, dass ein Mann in der Midlife-Krise für diesen Wein seine Frau sitzen lassen könnte.“ Aha! Roth ist jedenfalls auch nach mehr als 25 Jahren noch mit seiner Frau Dushy, einer Ärztin, verheiratet. Kurz nach der Jahrtausendwende brachte die Kellerei einen Merlot Premier Cru raus, der mit stolzen 100 Dollar Verkaufspreis bis heute als teuerster Wein in der Geschichte des Weinbaugebiets gilt. Dass die anderen Winzer auf Long Island mittlerweile ebenfalls Aufmerksamkeit bekommen, liegt nicht zuletzt an dem Engagement Roths. Als Präsident der Organisation Long Island Wine Council tritt er dafür ein, dass nachhaltige und organische Produktionskriterien zum Markenzeichen werden.

Dass sich dieser Ansatz auszeichnet, hat der erfolgreiche Winzer mehrfach bewiesen. Gleich zwei seiner Weine erreichten im vergangenen Jahr 94 Punkte in Robert Parkers Weinbibel „The Wine Advocate“. So hoch war zuvor noch nie ein Wein aus der Region eingestuft worden, die auf dem Breitengrad Neapels liegt und klimatische Bedingungen wie das Bordeaux-Gebiet hat. „Beim nächsten Mal wollen wir 100 Punkte erreichen“, sagt Roth zuversichtlich, als er durch die überschaubare Kellerei führt, in der der junge Rotwein ausschließlich in Eichenfässern lagert. Vor wenigen Monaten wurde sein Grapes of Roth Merlot 2010 unter die 100 weltweit besten Weine des „Wine Spectator“ gewählt: „Wir sind und bleiben eine kleine Winzerei. Aber wir wollen die beste sein.“ So hatte es Christian Wölffer gewollt. Zwei seiner vier Kinder, Marc und Joey Wölffer, sorgen als gemeinsame Besitzer mit Roth dafür, dass Qualität in Produktion und Markenauftritt oberstes Kriterium ist. Das gilt auch für die Veranstaltungen, die in den Weinbergen stattfinden. Hochzeiten inmitten der bukolischen Landschaft oder Feste im toskanisch anmutenden Haupthaus gehören zu den Hamptons wie die rauen leeren Strände, an denen es nach wie vor keinen Massentourismus gibt. Über mangelnde Prominenz kann sich Roth nicht beklagen. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel 2015 von Präsident Obama im Weißen Haus zum Lunch gebeten wurde, stand sein Weißwein auf dem festlich geschmückten Tisch. Thomas Gottschalk feierte seinen 60. Geburtstag im Keller des Weinguts. Und wer am Straßenrand auf der Wiese am beliebten Wine Stand bei gutem Jazz ein Glässchen nippen will, bevor es im Megastau nach Manhattan zurückgeht, trifft vielleicht Jimmy Fallon mit seiner Familie an.

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Früher Neue Deutsche Welle, heute die ganz große Erfolgswelle in den USA – der gebürtige Kölner David Zwirner ist nach Sammler- und Kritikermeinung weltweit die Nummer Eins unter den Galeristen

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PORTRÄT

Der Galerist Während seine Freunde in den 60er-Jahren in Köln Lurchi-Comics lasen, war David Zwirner mit seinen Eltern auf Kunstmessen unterwegs. Heute gibt er dort und in seiner New Yorker Galerie selbst den Ton an FOTO: RALPH GIBSON

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ls David Zwirner 1993 seine erste Galerie in der Greene Street in SoHo eröffnete, machten seit Monaten jede Woche vier Galerien in Manhattan zu. Amerika kroch gerade im Schneckentempo aus der Rezession. Im World Trade Center riss eine Autobombe hundert Menschen in den Tod, und der studierte Musiker hatte bislang in Hamburg beim neuen Plattenlabel von Siggi Loch und Annette Humpe nur seine Gabe unter Beweis gestellt, Talente der Neuen Deutschen Welle zu entdecken. Kunst verkauft, kuratiert oder auch nur entdeckt hatte er bislang nicht. „Die Lage war katastrophal. Aber darin lag auch eine Chance. Die Leute waren neugierig, was ich wohl vorhatte“, erinnert er sich. Die erste Ausstellung mit Werken des österreichischen Provokateurs Franz West war ein kompletter Flop. Er verkaufte kein einziges Stück. Doch bereits die zweite Ausstellung mit Arbeiten des Kanadiers Stan Douglas war ausverkauft. Knapp 25 Jahre später ist Zwirner die unbestrittene Nummer eins unter den globalen Galeristen, was die Gunst der Kritiker angeht. Wer im Mai New York besucht, sollte mit langen Warteschlangen rechnen. Die Werkschau Sigmar Polkes wird einen neuen Blick auf den Künstler eröffnen. Dafür ist Zwirner bekannt. Schon lange sieht es so aus, als hätte der Deutschamerikaner mit seiner Mischung aus intellektueller Rigorosität, Zugänglichkeit und geschicktem Geschäftssinn den GalerieGiganten Larry Gagosian vom Thron gestoßen. Wer an einem seiner drei Standorte in New York oder London ein Werk kauft, bekommt garantiert ein hochklassiges Kunstwerk und zugleich ein „billet d’entrée“ in einen erlauchten Kreis von Eingeweihten, die rund um den Globus in der Kunstwelt unterwegs sind. Nicht jedem gelingt das. Zwirner verkauft nicht nur Kunst. Er steuert auch die Karrieren und Nachlässe seiner 51 Spitzenkünstler. Und sie sind es, die im Zentrum seiner Geschäftsphilosophie stehen. Das gefällt nicht jedem potenziellem Käufer. „Geld allein reicht nicht aus, um ein interessanter Sammler zu sein. Käufer, die einfach nur ein bisschen Farbe an der Wand oder sich mit angesagten Künstlern schmücken wollen, interessieren mich nicht. Mich begeistern Menschen, die eine gewisse Obsession haben“, meint Zwirner und schwärmt von den jungen Asiaten. „Viele von ihnen sind bestens informiert.“ In welche Sammlungen welche Werke gehen, wo ein Interessent auf der Warteliste

landet oder ob er den Zuschlag bekommt, darüber wacht der gebürtige Kölner mit absoluter Sorgfalt. Beobachten ließ sich das zuletzt bei der Art Basel in Miami Beach. Elegante Italiener, Versace liebende Araber, exzentrische Briten, am bequemen Schuhwerk erkennbare Deutsche, lässige New Yorker und modemuffelige Westküsten-Sammler strömen schon vor der Eröffnung aus dem tropischen Nieselregen in die Hallen des Kongresszentrums. In der langen Schlange werden leise Gespräche geführt. Die Sammler nickten einander zu, man kennt sich. Bis zum Mittag würden die mehr als 250 Galerien bereits mehrstellige Millionengeschäfte abgeschlossen haben. Der Rest der 70.000 internationalen Besucher darf erst später kommen. Wer wichtig ist, hat bereits vorab von den Kunsthändlern Bilder der ausgestellten Kunstwerke erhalten, gekauft oder zumindest reserviert. Die anderen müssen hoffen, zum Zuge zu kommen. Zwirners Galerie hat einen hervorragenden Platz in der Haupthalle. Dem hochgewachsenen Händler ist die Anspannung anzusehen. Konzentriert screenen seine Augen den Raum. „How are you?“, Umarmung, flüchtiges Küsschen, Stühlerücken, Verhandeln, Handschlag. Die Kollegen übernehmen, und schon geht es weiter zum Nächsten. Zeit für Small Talk ist da nicht. Wenige Stunden später haben die Werke seiner Stars Neo Rauch, Oscar Murillo, Luc Tuymans, Marlene Dumas und Isa Genzken neue Besitzer. Der Stand ist ausverkauft, es wird nachgehängt. Mitte April zeigte Zwirner bei der Art Cologne Arbeiten von Bridget Riley, Yayoi Kusama und Wolfgang Tillmans – und auch das war eine herausragende Veranstaltung, weil die Art Cologne eine Messe ist, die nach Jahren der Krise wieder richtig brummt. Gerade kommt er von der Art Basel aus Hongkong, wo er bis spätestens 2020 eine Galerie eröffnen will. Auch hier war der Stand ausverkauft. Mit angereist war der belgische Maler Michaël Borremans. Auch das gehört zum Konzept. Kunstsammler kaufen einen Lifestyle aus internationalen Messen und Previews, exklusiven Partys, Studiobesuchen und Künstler-Kontakten. Zwirner war Ende 20, als er den Sprung ins oft eiskalte Wasser des Kunstmarkts wagte. Der Gedanke, sein Glück im hippen NachwendeBerlin zu suchen, sei ihm noch nicht mal im Traum gekommen, meint er lachend. Nach New York zu gehen war ein Stück Heimkehr. Hier hatte er auf der Upper West Side als Schüler seine spätere Frau Monica kennengelernt. Hierhin war er zurückkehrt, um an der

New York University Jazz-Schlagzeug und Komposition zu studieren und hier sollte Lucas, der erste Sohn des Paares, geboren werden. Das Risiko sah er nicht. Zwirner hatte etwas, was andere im Kunstmarkt nicht unbedingt besaßen: Stallgeruch und Intuition. Der vertraut er noch heute, wenn er Künstler entdeckt oder die Produktionen seiner Vertrauten kuratiert. „Ich habe gelernt, mit meinen Urteilen vorsichtig zu sein. Wenn mich etwas stört oder aufregt, ist das erst mal nichts Schlechtes. Ich mag Kunst, die mir Fragen stellt.“ Diese Offenheit dem Neuen gegenüber hat er bereits in der Kindheit erfahren. In seiner Heimatstadt Köln wurden noch Kriegsschäden beseitigt, als der 1961 geborene Sohn des Kölner Kunsthändlers Rudolf Zwirner zu Hause zwischen Kunstwerken Andy Warhols and Dan Flavins spielte. Seine Altersgenossen lasen mit Begeisterung die LurchiComics, die es bei Salamander in der Fußgängerzone am Dom gab. Das Auge des musisch begabten Davids hingegen wurde an der Seite der Eltern auf Kunstmessen wie der documenta und dem vom Vater neu gegründeten Kunstmarkt Köln (heute Art Cologne) geschult, auf dem zeitgenössische internationale Kunst erstmals einem breiten Publikum in Deutschland zugänglich gemacht wurde. Avantgarde-Künstler wie Joseph Beuys, Sammler wie Peter und Irene Ludwig, Kunstkritiker und Kunstliebhaber prägten seine Welt. Das mag der Grund sein, warum Zwirner über Kunst so selbstverständlich spricht. Seine Frau sorgt dafür, dass die beiden am Montag Zeit für Yoga-Stunden in ihrem Haus im East Village finden. Gebaut hat es Annabelle Selldorf, die auch seine spektakuläre Galerie in Chelsea entworfen hat. Auch Monica Zwirner hat als Eigentümerin und Designerin des Labels MZ Wallace einen beachtlichen Weg zurückgelegt. Gerade hat ihr gemeinsamer Sohn nach dem Philosophie-Studium in Yale den Verlag der Galerie übernommen. Tochter Marlene studiert Kunstgeschichte und Studio Art. Die jüngste Tochter Johanna studiert am Barnard College, das Talente wie Laurie Anderson und Jhumpa Lahiri hervorgebracht hat. In den Eisentöpfen köchelt eine Soße mit frischen Kräutern. An den Wänden hängen die Werke seiner Künstler. „Das ist so, als ob man seine Freunde um sich herumhat,“ meint David Zwirner und betont, dass er Huberta von Voss selbst kein Sammler sei. Aktuelle Ausstellung in der Galerie David Zwirner: Sigmar Polke – Eine Winterreise. Noch bis zum 25. Juni 2016; New York, 537 West 20th Street

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LEGENDE

Das erfüllte Heimweh Christian Dior war gefeierter Modeschöpfer, gab nach dem Krieg den Frauen ihr Recht auf Schönheit zurück, ersann Parfüms für die Ewigkeit. Aber am liebsten war er Christian vom Land, staunt Inga Griese

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ie viel Schmerz liegt in dem Satz? „Hier kann ich Christian sein“, hat Dior von seinem Anwesen „La Colle Noir“ geschwärmt. 40 Kilometer von Cannes, nicht weit entfernt von seinem Elternhaus in Granville, wo er die ersten glücklichen Lebensjahre mit Geschwistern und als Sohn eines erfolgreichen Unternehmers und einer zauberhaften Mutter verbrachte, und auch nicht weit entfernt von Callien, wo er mit Vater und Schwester zu Kriegszeiten lebte, entdeckte er 1951 ein altes Herrenhaus, das seinen Namen der angrenzenden, von Bäumen dicht bewachsenen Anhöhe verdankt. Doch für Monsieur Dior war es das Licht, ein Ort des Friedens, den er über Jahre renovierte und kultivierte. An dem Sekretär in seinem Schlafzimmer mit Blick ins weite Grün schrieb er 1956: „In diesem Haus will ich wirklich zu Hause sein. Ein Haus, in dem ich endlich in Frieden leben kann und Christian Dior vergessen darf, um einfach nur wieder Christian zu werden.“ Derart war die Karriere des Modeschöpfers seit seiner ersten Show 1947 explodiert, dass die Sonne wohl manchmal Schatten auf ihn warf. Er hatte das Château in einen heimeligen Ort verwandelt, gemütlich, mit Blumentapeten und Blumenstoffen, jedes Zimmer anders, für Freundschaften, Poesie, Spieleabende (Canasta bevorzugt) und lange Dinner, die er selbst mit zubereitete. Der 40 Meter lange „Wasserspiegel“ war auch Teich, den er sich mit Fröschen teilte. Das 50 Hektar große Areal war zudem ein landwirtschaftlicher Betrieb, wo er Duftrosen, Jasmin und Wein anbaute und von seiner Schwester Catherine vertreiben ließ. Nicht weit entfernt lag Grasse, das Zentrum der französischen Duftproduktion. Ein Paradies für den Parfümeur, der er ja auch war. Schon 1947, im Jahr, als er mit seinem üppigen „New Look“ die Welt betörte, hatte er auch „Miss Dior“ herausgebracht. An diesem überraschend kalten Abend Anfang Mai besichtigen wir Zimmer, die er so nie gesehen hat. Er war noch nicht fertig mit seinem „Paradies auf Erden“, als er im Oktober 1957 unerwartet bei einer Kur in Italien starb. Die Ursache ist unklar, es wird vermutet, dass er eine Tuberkulose, die ihn in jungen Jahren heimsuchte, nie richtig auskuriert hatte. Das Anwesen ging an seine Schwester und eine enge Mitarbeiterin, sie verkauften es 1958 an ein Ehepaar. Doch im Hinterland abgelegen vom Riviera-Glamour war es bald verlassen –

und geplündert. Mit einem neuen Eigentümer wurde es 1976 zu einem Veranstaltungsort. 2013 konnte Christian Dior Parfums schließlich das Château zurückkaufen. Wie CEO Claude Martinez sagt: „Uns war es wichtig, das Haus wieder zurückzugewinnen – um so auch einen Teil der Geschichte wiederzufinden.“ Eine emotionale wie strategische Entscheidung: „Das Château und seine Umgebung sind Teil der Dior-Parfümerie. Wir haben vor neun Jahren beschlossen, uns nicht mehr von Fremden beliefern zu lassen, sondern wieder selbst zu lernen, wie man Düfte herstellt. Damals haben wir François Demachy angestellt. Wir wollten möglichst unabhängig bleiben.“ Das hat geklappt. Der neue Duft der „Collection Priveé Christian Dior“ basiert auf der Mairose, ist würzig, verführerisch und und heißt, klar, „La Colle Noir“. Fast drei Jahre und Umbaukosten in Höhe der Anschaffungssumme später lädt Bernard Arnault, der Präsident des LVMH-Konzerns, zu dem Dior gehört, zur Eröffnung. Charlize Theron ist gekommen, Freunde und Mitarbeiter des Hauses und einige Journalisten aus aller Welt. Die Gäste sitzen an einer sehr langen Tafel auf der Veranda, so wie Dior es gern tat, allerdings ist für diesen Abend die Pergola unmerklich über die gesamte Breite des Hauses verlängert worden. Das Essen ist köstlich, gekocht nach dem privaten Rezepten Diors, darunter schwarze Trüffel, seine Lieblinge, die nun auch wieder im Wäldchen wachsen sollen. Die Natur ist launisch, Regenmassen kippen herab, der Live-Akt muss ausfallen, dem Feuerwerk kann das Wetter nichts anhaben. Dem Staunen auch nicht. Dior war fünf, als die Familie nach Paris zog, die letzten Jahre der Belle Époque in vollen Zügen genoss, die auch das Gefühl für Lebensart des kleinen Christian prägte. 1930 sah der abergläubische Dior das Menetekel, das ihn mehr erschütterte als die Bankenkrise in den USA. Amerika war damals in der Wahrnehmung noch sehr weit weg – fast so weit, wie es 1930 das Jahr 1928 war. Dior verband mit der Zeit den „Frühling der Freundschaften, reich an Blüten, ohne Wolken.“ Alles schien möglich. Doch die Wolken waren längst aufgezogen, als sich 1930 im Haus der Familie in Paris ein Spiegel von der Wand löste und in tausend Teile sprang. Dior sah förmlich das Unglück einziehen – und tatsächlich wurde der Bruder unheilbar krank, starb die Mutter vor Kummer und der Vater ging in der Weltwirtschaftskrise bankrott. Dior reagiert auf seine Weise, kratzte das letzte Geld zusammen und begleitete eine Gruppe Architekten auf Studienreise nach Russland. Er war entsetzt über

die Verhältnisse, bewunderte die Menschen für ihre Zuversicht und kehrte gewappneter für alle Sorgen und Nöte zurück. Bei der Ankunft in Marseille erhielt er die Nachricht, dass auch sein Galerie-Partner bankrott war. Dabei hatte es gut angefangen. Er war frei gewesen und hatte das Verrückteste getan, was seine Eltern sich vorstellen konnten: Er eröffnete eine Galerie. Sie hatten ihm schließlich das Startkapital von mehreren hunderttausend Francs gegeben – unter der Bedingung, dass sein Name nicht im Firmenschild auftauchen würde. Also tat er sich mit dem Freund Jacques Bonjean zusammen, sie träumten von Ausstellungen mit Picasso, Braque, Matisse, Duffy und hatten bereits Freunde wie Salvador Dalí, Max Jacob, Christian Bérard im Portfolio. Später notierte Dior: „Hätte ich doch nur einige der Werke behalten können, die heute von unschätzbarem Wert sind und die meine Familie für so wertlos hielten.“ Die neu gestalteten Zimmer in „La Colle Noire“ nehmen die Geschichte auf. Die PicassoSuite, das surreale Zimmer mit dem Mae West Lippen-Sofa von Dali´, das Schlafzimmer, das dem Illustrator Christian Bérard gewidmet ist. Es gibt auch eine restaurierte Suite, die Dior seiner Begeisterung für Geschichte der Archäologie gewidmet hatte. Als er 17 Jahre alt war, wurde Tutenchamons Grab entdeckt. Die Tapete zeigt ein Motiv aus der ägyptischen Geschichte. Die Catherine Dior-Suite war für die kleine Schwester, die Frau seines Lebens, die wegen ihrer Mitgliedschaft in der Resistance ins KZ Ravensbrück kam. Nach ihrer Rückkehr wurde sie Blumengroßhändlerin und kultivierte die berühmte Grasse-Rose. Nie den Hass. Auch der Bruder reichte gleich nach dem Krieg den Deutschen die Hand, ließ Strümpfe in Lippstadt, Schmuck in Pforzheim produzieren. „Hier in Montauroux schreibe ich diese letzten Zeilen. Die Nacht bricht herein und bringt einen unendlichen Frieden mit sich.“ Das notierte er in seinen Memoiren „Christian Dior et Moi“ – im Jahr, bevor er starb. „Mir geht es immer besser, wenn ich mich in der Nähe von Jasmin und Wein aufhalten kann.“ 1951 kaufte Christian Dior das Château „La Colle Noire“ als Heimat seines Herzens und auch als Rückzugsort mit seinem Lebensgefährten (links am Tisch in einem Café in St. Tropez). Vor drei Jahren kaufte Dior Parfums es zurück und renovierte. Das Mosaik im Entrée erinnert an die Windrose seiner Kindheit und an den Kupferstern, den der abergläubische Dior in Paris auf der Straße fand und als Zeichen nahm, als er noch zögerte, mit Finanzier Marcel Boussac ein Couture-Haus zu eröffnen.

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AUCH FÜR IHN! In Kosmetikdingen ist uns Japan um einiges voraus – allen voran, wenn es um die Reinigungsrituale geht. Bei Sensai etwa schwört man seit Jahrzehnten auf die Doppel-Reinigung, -Befeuchtung, -Pflege. Ein Tipp der Japaner für einen ebenmäßigen Teint? Der altbewährte Helfer: „Silky Purifying Silk Peeling Powder“. Kein Schrubbel-Peeling, sondern aus feinem Puderstaub wird – mit Wasser vermischt – ein milder Reinigungsschaum, den übrigens auch Männer (idealerweise vor der Rasur, auch auf empfindlicher Haut) anwenden können. Und wonach sollte „Mann“ am besten jeden Tag duften? „Terre d’Hermès“. Ausdrucksstark, doch niemals aufdringlich.

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In den 70ern dachte man nicht an UV-Schutz und SPF. Auch dieses Bild von Daniel Lorieux von 1972 ist daher keine Kampagne für Sonnenschutz, sondern das Cover eines italienischen Magazins. Wer Lust auf richtige „Sommer, Sonne, Strand“-Bilder mit hübschen Modellen hat, sollte noch schnell bis zum 11. Juni nach Berlin reisen. Dort zeigt Production Berlin eine Einzelausstellung des französischen Fotografen.

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DÄNEMARK

Einmal so schönes, dickes Haar zu haben wie die Ureinwohner eines Stammes im Amazonasgebiet. Das wär’s. Natürlich können auch die Produkte von Rahua, die dort von Einheimischen produziert werden, keine Wunder vollbringen, doch zumindest das Haar ansatzweise verdichten. Probieren Sie mal den „Voluminous Conditioner“ – er soll pflegen und für Sprungkraft sorgen. Für Veganer ist er auch geeignet. Über net-a-porter.com

Wir sind wisch und weg. Und zugegebenermaßen haben’s mal wieder die Schweizer erfunden. Ein Tuch, eingepackt in ein kleines Sachet, weiß, geruchsneutral, unscheinbar, platzsparend. Doch kommt das Mikro-Fibrillentuch von Filabé mit Wasser in Berührung, werden die für uns unsichtbaren Wirkstoffe aktiviert (angeblich sollen hundert mal mehr als in einer Creme drinstecken). Somit wird erst die Haut von Make-up befreit und gleichzeitig gepflegt. Warum diese Einmaltücher so gute Reisebegleiter sind? Weil im Handgepäck jedes Gramm zählt. Vier Varianten für unterschiedliche Hauttypen, als 4-Wochen-Set (4 x 7 Tücher). Über filabe.de

Clean, pur, simpel. So sind die Produkte (wie etwa das „Perfecting Facial Oil“) von Nuori, einer dänischen Nischenmarke, die ihre Produkte alle zwölf Wochen ganz frisch in winzigen Chargen herstellt und mit zwei Daten versieht: dem Mindesthaltbarkeitsdatum und jenem Datum, bis zu dem man es spätestens benutzen sollte. Etwa über lodenfrey.com

BRASILIEN USA Vielleicht waren die beiden Gründer Julia Wills und Alexander Kummerow schlaflos in Seattle, als sie 2011 dort im Nordwesten der USA ihre kleine Kosmetikmarke Herbivore Botanicals gründeten. Angeblich am Küchentisch ... Sicher ist jedoch, dass die klärende Maske „Blue Tansy“ (aus blauem Gänsefingerkraut und weißer Weidenrinde) für reinere Haut sorgen kann. Flugkosten können wir uns sparen, gibt’s auch über niche-beauty.de

PSS

Nein, dieses Eau de Cologne ist nicht aus Brasilien. Das Kreieren von Parfüms überlässt man einfach besser den Franzosen. Dennoch hat das französische Dufthaus Berdoues versucht, in „Selva do Brasil“ den brasilianischen Wald (Selva) in Flaschen abzufüllen. Geschafft. Wer also in Einstimmung auf die Olympischen Spiele schon jetzt etwas (idealistische) Brasilien-Luft schnuppern mag, schaut mal bei ausliebezumduft.de

Ne u SS t ! alle es au rW s elt

FRANKREICH

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AUSTRALIEN

JAPAN Was wir von den Japanerinnen lernen können? Niemals ohne Sonnenschutz am Morgen das Haus zu verlassen – egal wie stressig es auch sein mag. So bewahrt man sich möglichst lange ein ebenmäßiges, zartes Hautbild. Vorbildlich soll auch die „Day Cream“ aus der Cellular-Performance-Linie der japanischen Marke Sensai sein. Mit integriertem SPF 25.

Menschen in Down Under kennen sich bestens mit heißen Temperaturen und deren nicht so duften Folgen aus. Daher kann man auf das neue „Herbal Deodorant“ von Aesop vertrauen, eine Marke, die bereits 1987 in Melbourne gegründet wurde und mittlerweile mit acht Geschäften auch bei uns vertreten ist (neu: Hannover und Berlin-Kreuzberg). Neben einem Mix aus ätherischen Ölen (Rosmarin, Salbei und Eukalyptus) enthält das aluminiumfreie Deo Zinksalz. Und keine Ausrede, das 50 ml kleine Pumpspray wirkt unisex und passt überall rein.

ZUSAMMENGESTELLT VON CAROLINE BÖRGER

Woran merkt man, dass der Sommer und die langen Ferien nahen? Nicht unbedingt am Wetter. Aber zumindest daran, dass viele Kosmetikmarken nun wieder Produkte in Mini-Größen herausbringen. Reisefreundlich eben. So auch die französische Marke Diptyque, die alle ihre Produkte vom Reinigungsgel, Peeling und Düften und sogar die herrlichen Duftkerzen als Minis herausgebracht hat. Allesamt übrigens inspiriert von Reisen der drei Gründer. Ihre Lieblingsorte? Frankreich, der Mittelmeerraum und Asien. Anhand der Kartons der „Les voyages“-Minis lässt sich daher auch gleich der Inspirationsort erkennen. Im Falle des Trockenöls „Voile Satin“ ist es Rhodos. Auf auf!

der geheime Parfum-Garten des Monsieur Li hermes.com

ANGERÜHRT

Öliges Vergnügen Auf Saint-Barthélemy kooperiert das erste Haus am Strand, das „Eden Rock“, mit Ligne St Barth. Einer Marke, die Sehnsucht exportiert. Wie die entsteht, hat Caroline Börger sich angeschaut

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s begann weniger dramatisch als erwartet. Hatte man sich im Vorfeld doch bereits mental angeschnallt, denn es hieß, dass die kleine Propellermaschine auf SaintBarthélemy im Sturzflug über eine Bergkuppe Richtung Meer landen würde. Nun gleitet sie entspannt auf ihr Ziel zu, und als Dreingabe gibt es einen Panoramablick auf das Quartier der nächsten Tage. Hoch oben auf einem Felsen thront in der Bucht von St. Jean, eingebettet im weißen Karibikstrand, das Hotel „Eden Rock“, das von dem britischen Milliardär David Matthews Mitte der 90er-Jahre als ein Ferienhaus für Familie und Freunde gekauft wurde. Inzwischen gehört es zur Oetker Collection, die das Haus seit April 2014 betreibt, doch David ist weiterhin der Inhaber und urlaubt hier regelmäßig mit Frau und den inzwischen erwachsenen Kindern. Das Hotel hat 32 Zimmer, außerdem gehören zwei stattliche Villen für Großfamilien samt Rund-umdie-Uhr-Butlerservice und eigenem Strandzugang dazu. Eine der beiden – die „Villa Rockstar“ – verfügt sogar über ein eigenes Tonstudio und einen Kinosaal. Seit diesem Jahr kooperiert nun das Hotel mit einer weiteren Inselinstitution, der Kosmetikmarke Ligne St Barth. Letztere residiert in einem vergleichsweise unscheinbaren Haus aus braunen, handgefertigten Schieferplatten, das wie fast alles auf dieser Insel nur wenige Autominuten vom Hotel entfernt liegt. Hier also sollen die herrlichen Öle hergestellt werden, die auch jenseits der Karibik in jedes Badezimmer ein Gefühl von Sommer, Sonne,

Strandurlaub bringen? Kaum vorstellbar. Durch eine Mini-Boutique erhascht man einen Blick auf die Produktion. Weiter geht’s jedoch nicht. Zumindest nicht ohne OP-Kittel, Schuhüberzieher und Haube. Und ohnehin ausnahmsweise nur, weil Peter Grein, Geschäftsführer von Ligne St Barth, dabei ist. „Hier sind wir mitten im Herzstück“, erklärt der Bayer, der gemeinsam mit seinem Schwager Hervé Brin, Gründer und Insulaner, die Kosmetikmarke seit mehr als 30 Jahren betreibt. Er von München aus, Hervé vor Ort. Drei chromfarbene Maschinen und große Kessel, in denen die Rohstoffe vermischt werden, glänzen wie in der Meister-Proper-Werbung. Klinisch sieht es aus – aber das muss es auch. Schließlich wird hier alles hergestellt, was Ligne St Barth in Containern in mehr als 30 Länder verschifft. Zwei der insgesamt 20 Mitarbeiter sind gerade damit beschäftigt, in einem großen Kessel Avocado-Öl anzurühren. Bis heute einer der Topseller. Jede Flasche, egal ob sie später in Singapur, Tokio, New York oder auf Sylt verkauft wird, kommt aus diesen Kesseln. Was eine Besonderheit ist, zumal nichts sonst von der Insel exportiert wird. Bis zu 2000 Flaschen schaffen sie am Tag. Mehr als 30 unterschiedliche Produkte gibt es, aber sie können sich immer nur um eines kümmern. Nie läuft die Herstellung parallel. „2000 Stück schaffen Großkonzerne wohlmöglich sogar innerhalb einer Stunde“, sagt Grein und erklärt, dass man auch auf der Karibikinsel, die offiziell zu Frankreich gehört, „denselben Richtlinien unterliegt wie in Europa“. ISO-zertifiziert sind alle ihre Öle. Einmal im Jahr kommen drei französische Inspektoren und kontrollieren jedes Spülmittel,

jede Tür, jeden Warnhinweis – die ganze Firma steht für zwei Wochen still. Aber auch das sieht man hier auf der Sonneninsel gelassen, in der zwischen Dezember und April die touristische Hauptsaison herrscht. Da auf Saint-Barthélemy oder St. Barth, wie es englisch heißt, kein Platz für Felder ist, muss vom Frühstücksei bis zu den Rohstoffen für die Kosmetik alles eingeschifft werden. „Alles kommt von benachbarten Inseln“, erzählt Hervé, der lässig in einem weißen Leinenhemd und Shorts im Büro oberhalb der Abfüllung sitzt. „Unsere Kriterien sind hart, wir nehmen nur Obst von Plantagen, die auch Essmaßstab haben.“ Die Avocados etwa, aus denen das Öl gemacht wird, seien groß wie Fußbälle, erläutert sein Schwager und bekommt ein Leuchten in den Augen. Sie stammen – und das ist beiden wichtig – von Mixkulturplantagen. „Pro 200-Milliliter-Flasche verwenden wir 20 Kilogramm Fruchtfleisch. Es ist wie ein Extrakt. Nehmen Sie es mal auf die Fingerspitzen und tupfen Sie es um die Augen – andere würden es als Serum verkaufen und dafür dann dreimal so viel Geld verlangen.“ Bei St Barth firmiert der edle Stoff schlicht unter Mehrzwecköl. Abgefüllt in Fässern, warten die fertigen Produkte dann auf die Freigabe durch das Labor. Erst wenn drei verschiedene Institute ihr Okay gegeben haben, dürfen im wenige Meter entfernten Abfüllraum die Flaschen bestückt werden. Alles ist unter einem Dach untergebracht: Zentrallager, Verwaltung, Abfüllung. Ebenso die Entwicklung, für die Hervé zuständig ist. Peter Grein und sein Team in Deutschland sagen dann, ob und was funktionieren könnte oder auch nicht. Vorgaben, dass

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mal etwas Neues in der Linie gebraucht werde? Gibt es keine. Innovationen entstehen familienbedingt. Tatiana, die 24-jährige Tochter von Hervé, testete das Papaya-Gesichtspeeling am Körper – ein kostspieliges Vergnügen, erzählt der Onkel. „Aber daraufhin entwickelten wir ein Dusch-Peeling. Als Familie sitzen wir oft zusammen und sprechen darüber, was wir brauchen. Und dann kann es Jahre dauern, bis etwas fertig ist“. Hervé ist qualitätssensibel, hat das letzte Wort. Aber es funktioniert. Keines der Familienmitglieder kommt ursprünglich aus der Kosmetikbranche: Peter und seine Schwester Birgit stammen aus der Hotellerie, auch Hervé studierte Hotelmanagement. „Wir kreieren die Produkte und finden dann die besten Leute, die mit uns zusammenarbeiten“, sagt Peter Grein. Es gibt Menschen wie Fatima Diagana, die sich nur um das Design der Spas kümmert, Massagen entwickelt und dafür sorgt, dass die Therapeuten gut ausgebildet sind. Am wichtigsten allerdings ist die Art, wie die Produkte präsentiert werden: Jede Therapeutin kommt mit nur einem Tablett in die Kabine, auf dem das steht, was für die Anwendung wirklich gebraucht wird. Frisches Papaya- oder Gurkenmousse, feiner Sand und die Öle von Ligne St Barth. Und ein kleiner hölzerner Matcha-Schneebesen zum Verrühren. Im „Eden Rock“ hat man deshalb auch den Spa-Butler-Service eingeführt: Da wird zur gewünschten Uhrzeit ein Entspannungsbad eingelassen, oder man bucht gleich die Massage auf der eigenen Terrasse mit Blick aufs Meer. Es soll wie „Front cooking“ funktionieren. Bei Ligne St Barth muss es individuell sein, „Tailormade Spa“ nennt das Peter Grein. Die Produkte zu Hause haben kann jeder. Das persönliche Entspannungserlebnis ist kaum selbst zu inszenieren. Ein Grund mehr, weshalb die Autorin jetzt von weiteren Abstechern nach St. Barth träumt. Damit der Abschied schwererfällt, fliegt die kleine Propellermaschine eine letzte Kurve am Hotel vorbei. Bevor sie zehn Minuten später in der Wirklichkeit des wuseligen Flughafens auf St. Maarten landet.

#gutimbett

Beauty on the Rock: Eigentlich kommt nichts als Mythos von dieser Insel. Bis auf die Kosmetik von Ligne St Barth, die hier produziert und dann von Hand abgefüllt wird. Die Flasche erinnert nicht nur in der Form an eine Rum-Flasche, sie ist auch eine

Wir versprechen nicht viel. Nur 2 ml. Aber die haben es in sich: flüssiges Lifting im Schlaf. babor.de

SONNTAG, 29. MAI 2016

Global Diary PHUKET

ERINNERN SIE SICH? AN DIE ZEIT, ALS MAN STATT WHATSAPP UND E-MAIL NOCH KARTEN VON FREMDEN ORTEN SCHRIEB? WIR TUN ES NOCH IMMER. ILLUSTRIERT VON TIM DINTER

MAILAND

Morgens, gleich nach dem Aufwachen, gehe ich als Erstes auf meine Terrasse, lege mich noch ein wenig aufs Daybed und schaue auf die Schiffe unter der aufgehenden Sonne in der Andamasee. Der Strand am Fuße des Hotels ist zu dieser frühen Stunde noch menschenleer, es heißt, es handele sich um den schönsten Thailands. Zugegebenermaßen dürfte es schwierig werden, diese These in einem Land zu verifizieren, das von vielen Touristen als ein einziger endloser Traumstrand wahrgenommen wird, doch der Nai Harn Beach spielt unbestreitbar in einer eigenen Liga. Er ist auch der Namensgeber für das „Nai Harn“, das Fünfsternehaus im Süden von Phuket, das früher einmal als „Royal Phuket Yacht Club“ bekannt war. Inzwischen hat es den Besitzer gewechselt, wurde 18 Monate lang von Grund auf renoviert, vom folkloristischem Dekor weitgehend befreit und soeben wiedereröffnet. In weißen Quadern schmiegt es sich an einen üppig bewachsenen Hügel, sodass jedes Zimmer über einen fast schon absurd malerischen Meerblick verfügt. Von den angenehm zeitlos gestalteten Zimmern messen selbst die kleinsten noch über 40 Quadratmeter und sind mit den gemütlichsten Betten ausgestattet, in denen ich je schlafen durfte. Mein „Grand Ocean View Room“ ist sogar doppelt so groß und hat eine Terrasse, die derart viel Platz bietet, dass es ein mobiles Minigolfset gibt, das man zur Freizeitgestaltung aufstellen kann. Man könnte dort auch problemlos eine Grillparty veranstalten, zu der vermutlich niemand erscheinen würde, da das Essensangebot in den zwei Restaurants des Hauses einfach fantastisch ist. Frank Grassmann, der deutsche General Manager des „Nai Harn“, hat zuvor das „Soneva Kiri“ auf Koh Kut geführt, eines der luxuriösesten Häuser Thailands, und von dort seinen Chefkoch mitgebracht – ein ausgesprochen freundlicher Mann, der Grüße aus der Küche schickt, die man andernorts als Vorspeisen betrachten würde. Seinen jungen britischen Patissier hat Grassmann in Bangkok aufgespürt, er bereitet die tollsten Süßspeisen zu und lässt jeden Nachmittag ungefragt Pralinen und Küchlein aufs Zimmer liefern. So dehnt sich die Zeit auf angenehmste Weise, und man selbst dehnt sich mit ihr. Harald Peters würde sich jederzeit für die Wissenschaft opfern, um den schönsten Strand Thailands objektiv zu bestimmen

Den Bezirk Tortona kannte ich nur als Partymeile während der Designmesse, wenn die Straßen mit Menschenmassen verstopft sind. Jetzt aber werden wir rasant bis vor das Portal des „Magna Pars“ chauffiert, eines Hotels, das nur über Suiten verfügt. Über einen roten Teppich gelangt man in den Innenhof, weiße Kartell-Sofas unter weißen Sonnensegeln bilden das Foyer. Ich erhalte die Schlüssel zur „Osmanto“-Suite: Jede in dieser ehemaligen Parfümfabrik ist einem Duft gewidmet, in diesem Fall ist er angenehm herb. Über eine Stahltreppe geht es in den ersten Stock, dann summt die Zimmertür wie eine Haustür und öffnet sich mit einem kurzen Klacken. Drinnen treffen die Hamptons auf Italien, es gibt reichlich Platz, und auch zu zweit können sich beide auf einem der beiden riesigen Poltrona-Frau-Ledersofas bequem räkeln. Die Tür zum Kleiderschrank entpuppt sich als Zugang zu einem überaus großzügigen Badezimmer. Ich verwerfe den Impuls, meine Freude mit dem Ruinart im Kühlschrank zu teilen, kann aber den Biscotti im Glas nicht widerstehen und freue mich an der sensationellen Bodylotion. Später erfahre ich: Die Bad-Artikel sind so chic, weil der Besitzer des Hotels, Roberto Martone, aus der pharmazeutischen und dermatologischen Fabrik seines Vaters in den 70er-Jahren die Parfümschmiede Italiens machte. In den 80ern ließen Versace, Trussardi und Co. hier anmischen. Die Firma wuchs und benötigte mehr Platz, weswegen Martone seine Flakons nach Lodi umsiedelte. Doch er behielt die Gebäude in der Stadt und eröffnete 2013 das Hotel mit der Philosophie „tutto made in Italy“. Im Innenhof wachsen Ahorn-, Oliven- und Amberbäume, ein kleiner Shop im Labor-Look bietet Duftkerzen und Raumdüfte aus der hauseigenen Fabrikation an. Der Eindruck, ein bisschen zu weit entfernt vom aufregenden Trubel der Großstadt gelandet zu sein, schwindet nach ein paar Minuten Fußweg. Die Navigli, die Kanäle, sind schnell über eine Brücke zu erreichen, die Sonne scheint, Osterien und Eiscafés reihen sich auf beiden Kanalseiten aneinander. Zurück in den ruhigen Straßen Tortonas, erinnern an einer Hausfront in unmittelbarer Nähe des Hotels Namensschilder – Balenciaga, Stella McCartney, McQueen – daran, dass wir in einer Mode-Metropole sind. Der Outlet-Store gleich gegenüber ist ebenfalls recht gut sortiert. Später schenkt man mir eine Duftkerze, und ich trage zumindest ein wenig olfaktorische Aura des Hauses mit nach Hause. Esther Strerath lässt sich als Designexpertin gern alle Sinne kitzeln

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Die zwei Isole di Brissago liegen im Lago Maggiore und gehören zum Schweizer Tessin. Nur eine davon, San Pancrazio, ist frei zugänglich. Der blitzweiße Ausflugsdampfer benötigt ab Ascona lediglich 15 Minuten und legt in einem romantischen Miniaturhafen an. Schön überschaubar ist hier alles: eine Orangerie, ein Gewächshaus, der Palazzo auf einer Anhöhe. Betört von Farbenpracht und Blütenduft, folge ich dem einzigen Pfad. Die Isole sind der botanische Garten der italienischen Schweiz. 1700 verschiedene Pflanzen und Bäume aus allen Kontinenten gedeihen hier urwaldartig: Buddhafingerpflanzen, ein Bambuswald neben giftigen Trompetenblüten und Kamelien. Hanf und Baumwolle. Roter Pfeffer aus China, Zimtbäume aus dem Himalaja, Gladiolen aus Madagaskar. Zitronen- und Orangen-, Pistazienund Avocado- sowie Tomatenbäume, ja Bäume! Zwischen all dem Grün versteckt sich der Palazzo,

die „Villa Emden“, die einst einem der Mitbegründer des KaDeWe gehörte. Heute ist sie ein Hotel mit zehn Zimmern, alle mit Seeblick, versteht sich. Doch man muss nicht dort wohnen, um am Inselidyll teilzuhaben. In der „Trattoria Contempora-

nea“ kocht Peter Gijs Drost gern mit Insel-Ingredienzien. Feiner Limonenrisotto, reine Ticinoweine, Kräuter aus dem Garten am römischen Bad nebenan. Die Cavedane (Döbel) aus dem See lieber nicht – zu viele Gräten. Zum Terrassen-Frühstück kommt ein Produkt der summenden Nachbarn auf den Tisch. Sie nisten unterhalb am Hang in einem Röhrenkonstrukt. Lustwandeln ist hier die sinnvollste Aktivität: In der festungsartigen Begrenzungsmauer entdecke ich ein Treppchen für ein kurzes Bad im glasklaren Lago. Seeufer und Alpen rundherum scheinen zum Greifen nah. Eine Art Äolsharfe, Windgitarre und Bambusflöten erklingen, sobald eine leichte Brise geht. Am liebsten würde ich hier bleiben bis die mexikanischen Agaven blühen, etwa einmal in 40 Jahren. Jedoch: Um 18 Uhr geht das letzte Schiff. Uta Petersen sucht und findet immer wieder ... beglückende Natur

ILLUSTRATIONEN: TIM DINTER

SAN PANCRAZIO

www.engadin.stmoritz.ch www.stmoritz.ch

BAUPLAN

DIE „BOY CHANEL“ In den Ateliers und Manufakturen dieser Welt werden weiterhin Handwerkskünste gepflegt, und wir schauen zu

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Die Liebe von Coco Chanel und Boy Chapel durfte im echten Leben nicht ewig währen. Er starb früh. Der Mythos um die innige Verbindung zwischen der Designerin und dem sportlichen Lebemann, der auch als ihre Muse galt, bleibt bis heute lebendig und inspirierend. 2012 setzten Chanel und Karl Lagerfeld ihm ein besonderes Andenken und schufen die „Boy Chanel“-Tasche. Gefertigt wird sie nördlich von Paris. Pünktlich zum Sommer kommt eine Variante aus Lammleder in Korallenfarbe, kombiniert mit Chanels berühmtem Lesage-Tweed. Die Fertigung in sieben Schritten: 1. Den größten und wichtigsten Teil der Tasche bildet der Körper, der „fond du sac“. Den Anfang bildet ein Rechteck mit drei reliefartigen Einkerbungen, einer Art Rahmen. Nähte ziehen die Einkerbungen noch einmal nach. 2. Die letzte Naht fixiert auch die Einlage, den Tweed-Stoff, in der Mitte. 3. Nun wird der fertige Körper auf links gedreht, damit der Innenteil eingenäht werden kann. Wieder auf rechts gedreht, fixieren weitere Nähte von außen das Innenfutter. Der Körper ist nun dreidimensional und fertig. 4. Die „Schlaufennaht“ an den oberen beiden Ecken vollendet den Produktionsprozess und verbindet Innen- und Außenteil. 5. Mit einem Hammer flacht eine Handwerkerin vorsichtig die Ecken ab. 6. Letzte Nähte halten das Futter des Umschlags in Position. 7. An beiden Seiten werden kleine Metallhalterungen aufgesteckt und anschließend durchstochen. Hier werden später die beiden Ringe durchgezogen, an denen die Kette zum Tragen der Tasche befestigt ist. Fehlt nur noch der rechteckige Metallverschluss an der Vorderseite. Fin! Übrigens: Die Boy Chanel gibt es zu jeder Saison in neuen Farb- und Materialvarianten.

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