schneckenburger soulfood - Icompendium

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Soulfood Manfred Schneckenburger zur Eröffnung am 16.3.2003 Meine Damen und Herren, zum ersten Mal begegnete ich Skulpturen von Heather Sheehan auf einer Ausstellung im Duisburger Lehmbruck Museum. Die Ausstellung hieß ‘Unter der Haut: Transformationen des Biologischen in der zeitgenössischen Kunst’. Von Heather Sheehan: eine Reihe steril gekachelter weisser Kojen, wie Abteile einer Säuglingsstation mit Brutkästen. Unter durchsichtigen Plastikzelten schwer definierbare, schleimige Kreaturen zwischen Objekt und Organ. Verletzliche, manipulierbare und manipulierte Wesen mit stumpfen, unentwickelten Auswüchsen. Nadeln und Klammern hielten sie zusammen. Schläuche leiteten irgendeine Nährflüssigkeit zu. Handelt es sich, wie Prof. Dr. Nurse - Heather Sheehan - auf einem Videoband erklärt, um Exemplare einer grotesk deformierten Lebensform, die mit allen Mitteln der Apparatemedizin am Leben gehalten werden soll? Wird für die hilflosen, entstellten Wesen ohne Kopf und artikulierte Gliedmaßen wie auf einer Brutstation gesorgt? Sie appellieren an unsere Hilfsbereitschaft, lösen durch ihre Vaseline-glänzenden Leibstumpen aber auch Abwehr, ja Ekel aus. Warum der Hinweis auf eine ältere Ausstellung, zwei Jahre zurück? Was haben die klumpigen Kreaturen und ihre Schläuche mit der kargen und doch opulenten

Installation in der Fuhrwerkswaage zu tun? Kann es einen größeren Gegensatz geben als die schleimigen kleinen Monster und das monumentale Stilleben aus Zutaten für eine beliebtes (manchmal auch: verhasstes) Kinderessen? Wenn wir die Antwort auf diese Frage, nein, nicht herausfinden, sondern nachempfinden, stehen wir im Zentrum von Heather Sheehans Denken, Fühlen und künstlerischer Arbeit. Dann erläutern die pflegebedürftigen Klumpen, vor denen mir in Duisburg unbehaglich bis zur Beklemmung wurde, sich wie von selbst. Dann stehen die Minimonster am Gegenpol einer Herausforderung. Ihre Abhängigkeit von Apparaten kontrastiert mit der Fürsorge, die liebevoll ‘Soulfood’ Seelennahrung - zubereitet. Denn Sie haben natürlich längst gemerkt, was ‘Seelennahrung’ meint: den vertrauten Milchreis unserer Kindheit, für den alle Ingredienzen in der Fuhrwerkswaage versammelt sind. Sie verstehen, warum Heather Sheehan ihre ganze künstlerische Arbeit unter Begriffe wie Bedürfnis und Fürsorge stellt. Sie verstehen, dass in Heather Sheehan ich kann das nur so kitschig sagen - ein großes Herz schlägt, das dem Appell der kleinen Monster ebenso folgt wie dem der Kinder. Mit den christlichen Kardinaltugenden Caritas hat das ebensowenig zu tun wie mit vager Gefühlsseligkeit. Ihre starke Emotion ist elementar und ergiesst sich in gezielte künstlerische Strategien. Wie kam sie zu ihrer Kölner Installation? Ich erinnere mich an das Staunen, als die Amerikanerin das alte deutsche Kindergericht für sich entdeckte. Ich hatte das Gefühl: Wäre sie nicht auf das Kinderessen gestoßen - sie hätte es förmlich erfinden müssen. So perfekt passt es mit seinen

sinnlichen Assoziationen in ihre fürsorgliche Welt weich genug für Gaumen, die noch ohne Zähne sind und obendrein von verführerischem Duft. Doch gewiss enthält die Süßspeise auch herbe Irritationen. Gewiss lässt ‘Soulfood’ auch andere, härtere Reflektionen und Querverbindungen zu. Gewiss schwingt im Staunen von Heather Sheehan über den süßen Brei auch eine soziale, politische Dimension mit. Ein Grundnahrungsmittel, von dem ganze Völker abhängen (oder abhingen) als Dessert für Kinder? Was für ein Luxus, der nur deshalb nicht an Verwöhnung grenzt, weil er den Kindern wie auf den Leib geschrieben scheint. In der Fuhrwerkswaage gewinnen Reis, Zucker, Zimt aber nicht Kilo für Kilo, Gewicht. Sie werden förmlich und feierlich zelebriert. Zwei einsehbare Quader, rhythmisch exakt plaziert und zusammen mit dem herabhängenden Sack in eine Dreiecksformation gebracht. Erinnern die Quader nicht Kuben von Donald Judd, der Sack nicht von Robert Morris? Die Hauptmeister der Minimal Art als Gewährsleute für präzise Setzungen im Raum? Eine Dreiheit, in der die Zweizahl klar geschieden ist und das Ganze mit der Zwei- und Dreizahl der Fenster korrespondiert. Kein überflüssiges Wort. Keines zuviel, keines zu wenig. Epigrammatische Prägnanz. Die Inszenierung ‘sitzt’ und betont mit ihren gehäuften Körnern und Kristallen die lichte Strahlkraft des Raumes, der einmal die schönste Trafostation Deutschlands genannt wurde. Heather Sheehan muss diesen Anklang an ein sakrales Ambiente bemerkt und ergriffen haben, denn sie verbindet den

Purismus des ausgeräumten Nutzraumes mit dem Minimalismus moderner Positionen zur Aura eines Stillebens mütterlicher Fürsorge. Gehe ich zu weit mit meiner Anmutung, wenn ich in der ganz vagen, nirgends verdichteten Trinität Kirche, Kind, Mutter von Ferne das Bild einer säkularisierten Madonna auftauchen sehe? Oder ruft das Ensemble viel profanere Erinnerungen wach? An überdimensionale Care-Pakete aus Amerika z. B., in denen nach 1945 meine erste Wühlarbeit in Reis, Milchpulver und Zucker stattfand? Nobilitiert die Installation eine verwandte Dreiheit, packt sie in Container und gibt dem durch eine Atmosphäre zwischen Kunstraum uns Kapelle rituelle Gemessenheit? Unmengen Reis, Zucker, Zimt, eingebette in einen kargen Kokon umsorgender Hinneigung. Wir müssen das emphatisch nachvollziehen, um den Bogenschlag von den kleinen Monstern im Labor zu den kindlichen Konsumenten des süßen Breis zu schaffen. Um das Spannungsfeld zwischen klebrig süßem Genuss und dem Grundnahrungsmittel für Millionen zu überbrücken. Jochen heufelder betont in einem Text den Gegensatz zwischen der Luxusversion für Kinder und der täglichen Mahlzeit für weite Teile der Welt - und öffnet damit einen weiten Horizont, vor dem ‘Soulfood’ steht. Die Furhwerkswaage beugt solchen Spannungen nobel vor: Nach Ende der Ausstellung fließen die ganzen Zutaten der karitativen Einrichtung ‘Kölner Tafel’ zu - mit guten Wünschen fürs seelische und leibliche Wohl.