Schriften des Historischen Kollegs 20 - Historisches Kolleg

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Schriften des Historischen Kollegs Herausgegeben von der Stiftung Historisches Kolleg Vorträge 20 Klaus Schreiner Mönchsein in der Adelsgesellscha...

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Klaus Schreiner

Mönchsein in der Adelsgesellschaft des hohen und späten Mittelalters Klösterliche Gemeinschaftsbildung zwischen spiritueller Selbstbehauptung und sozialer Anpassung

München 1989

Schriften des H istorischen K ollegs im A uftrag der S tiftung H istorisches K olleg im S tifterv erb an d für die D eutsche W issenschaft herausgegeben von H orst F u h rm a n n in V e rbindung m it K n u t B o rch ard t, L o th ar G ail, A lfred H e rrh au sen , K arl Leyser, C h ristian M eier, H orst N iem eyer, A rn u lf Schlüter, R u d o lf Sm end, R u d o lf V ierhaus u n d E b erh a rd W eis G e sc h äftsfü h ru n g : G eorg K alm er R e d ak tio n : E lisabeth M üller-L u ck n er O rg a n isa tio n sa u ssc h u ß : G eorg K alm er, F ranz Letzelter, E lisabeth M üller-L uckner, H einz-R udi Spiegel D ie Stiftung H istorisches K olleg hat sich fü r den B ereich d e r historisch o ri­ e n tierten W issenschaften die F ö rd e ru n g von G e leh rten , die sich d u rc h h e r­ au srag en d e L eistungen in F o rschung u n d Lehre ausgew iesen h a b en , zur A uf­ gabe gesetzt. Sie vergibt zu diesem Z w eck jä h rlic h F o rsch u n g sstip e n d ien u n d alle drei Ja h re den „P reis des H istorischen K ollegs“ . D ie F o rsch u n g sstip e n d ien , deren V erleihung zugleich eine A uszeichnung für die bisherigen L eistungen darstellt, sollen den b e ru fe n e n W issenschaftlern w äh ren d eines K olleg jah res die M öglichkeit b ieten, frei von a n d ere n V er­ pflich tu n g en eine g rö ß e re A rbeit abzuschließen. P rofessor Dr. K laus Schrei­ n er (B ielefeld) w ar - zu sam m en m it P rofessor D r. R oger D ufraisse (Paris) u n d P rofessor D r. G e rh a rd A. R itter (M ü n ch en ) - S tip en d ia t des H isto ri­ schen K ollegs im K olleg jah r 1987/88. D en O bliegenheiten der S tip en d iaten gem äß h at K laus S ch rein er aus seinem A rbeitsbereich einen öffen tlich en V ortrag zu dem T h em a ,,M önchsein in d e r A delsgesellschaft des hoh en und sp äten M itte lalters“ am 25. J a n u a r 1988 in der B ayerischen A kadem ie der W issenschaften gehalten, d e r zuerst in d e r „ H isto risch e n Z eitsc h rift“ (B and 248, H eft 3, 1989, S. 557-620) verö ffen tlich t w urde. D ie S tiftung H istorisches K olleg w ird vom S tiftu n g sfo n d s D eutsche Bank zur F ö rd e ru n g d e r W issenschaft in F o rschung u n d L ehre u n d vom S tifterver­ b a n d fü r die D eutsche W issenschaft getragen.

© 1989. S tiftung H istorisches K olleg, K a u lb ac h straß e 15, 8000 M ü n ch en 22.

J E D E R „Bauern-, ja jeder Häuslers- oder Tagewerkerssohn“ , ver­ sicherte Abt K locker aus Benediktbeuern in einer Denkschrift, die er im Februar 1802 an K urfürst Max Josef von Bayern richtete, „kann sich im K loster durch den Adel des Geistes zum Landstand und zum R epräsentanten des ersten Standes aufschwingen, die Ab­ teien sind Einrichtungen einer erhöhten G eistesbildung, ohne die kein Aufschwung inm itten der Gesellschaft geschehen kann. Es kann hundertfach bewiesen werden, wie Söhne aus Tagwerkershütten als Äbte im Range von Fürsten und G rafen sich auf der Land­ schaft ihrem allergnädigsten Landesherrn mitgetheilt haben.“ 1) Der * E rw eiterte u n d m it A n m e rk u n g en versehene F assung eines öffentlichen V ortrags, den ich als S tip en d ia t des H istorischen K ollegs am 25. Ja n u a r 1988 im H aus d e r B ayerischen A kadem ie d e r W issenschaften g ehalten habe. F ü r kritische L ektüre des M an u sk rip ts bin ich F rau Dr. Beate H entschel und H e rrn A n d reas K olle zu D a n k verpflichtet. ') Zit. nach D ietm ar Stutzer, K lö ster als A rb eitg eb er um 1800. D ie b a y eri­ schen K löster als U n te rn eh m en sein h e iten u n d ihre Sozialsystem e zur Zeit der S ä k u larisa tio n 1803. G ö ttin g e n 1986, 58. - Vgl. dazu auch E dgar K rau­ sen, A ufstiegsm öglichkeiten fü r soziale U nterschichten. Beispiele aus k a th o ­ lischen P rä laten k lö ste rn , in: E rich M a sc h k e /Jü rg e n Sydow (H rsg.), G esell­ schaftliche U n tersch ich ten in den sü dw estdeutschen S tädten. (V eröffentli­ chungen d e r K o m m ission für geschichtliche L an d e sk u n d e in B aden-W ürt­ tem berg, Rh. B, 41.) S tu ttg art 1967, 161-166. Z u r sozialen S chichtung der bay erisch en M ä n n e r- u n d F ra u e n k lö ste r in der frü h en N euzeit vgl. ders., Die H e rk u n ft der bayerisch en P rä laten des 17. u n d 18. Ja h rh u n d e rts, in: Z B LG 27, 1964, 259-285; ders., D er A del in den bayerisch en Z isterzien serk o n v en ­ ten des 17. u n d 18. Ja h rh u n d e rts, in: A n alecta Sacri o rd in is C isterciensis 20,

6 Prälat aus Benediktbeuern gab sich erdenkliche Mühe, dem Herrn des Landes Bayern bewußt zu m achen, daß Klöster wichtige gesell­ schaftliche Funktionen erfüllen: Sie unterhalten Schulen, treiben W issenschaft und fördern als w irtschaftliche G roßunternehm en die Ökonom ie des Landes. Den Sohn des Tagwerkers, dem als O rdens­ m ann der Aufstieg in den landtagsfähigen H errenstand offensteht, beschwor er als Prototyp des von K löstern ausgehenden sozialen Fortschritts.2) Die gesellschaftliche Ausgleichsfunktion der bayeri­ schen Benediktinerabteien drohe der K urfürst allerdings zu zerstö­ ren, wenn er, die geltenden V erfassungsgrundsätze und den wahren Nutzen der Gesellschaft m ißachtend, die Klöster seines Landes auf­ hebe.

1964, 7 6 -8 4 ; ders., D ie soziale S tru k tu r der altb ay erisch en B en ediktinerinn e n k o n v en te im 17. u n d 18. Ja h rh u n d e rt, in: StM ittO SB 76, 1965/66, 135-157; ders., B eiträge zur sozialen S chichtung d e r altb ay erisch en P rä la te n ­ k lö ster des 17. u n d 18. Ja h rh u n d e rts, in: Z B L G 30, 1967, 361-374; H erm ann Hörger, D ie o b erb ay erisch en B ened ik tin erab teien in der H errschaftsw elt, G esellschaft u n d geistig-religiösen Bew egung des 17. Ja h rh u n d e rts, in: S tM ittO SB 82, 1971, 105-148 („ D ie gesellschaftliche S tru k tu r d e r K lö ster“ ). 2) Ein T agw erkerssohn, den A bt K lo ck er zum P ro to ty p b en ed ik tin isc h er F o rtsch rittlich k eit hätte m ach en k ö n n e n , w ar H o n o ra t K olb aus M ünchen, von 1634 bis 1670 A bt in Seeon. D ieser w urde n ich t aus fam iliären R ück­ sichten zum A bt von Seeon gew ählt, so n d e rn deshalb, weil er in M ünchen das Jesu iten g y m n asiu m b esucht, in In g o lstad t stu d iert u n d in Salzburg eine P rofessur fü r Logik in n eg e h ab t hatte. In der von ihm selbst v erfaß ten Kloste r-C h ro n ik gibt er als B eruf seines V aters „ o p e ra riu s“ an (M ü n ch en BSB, clm. 1459, f. 2r). Im T au freg ister d e r M ü n c h e n er F ra u e n k irc h e w ird dieser als „ ta g W erch er“ bezeich n et; Veneranda Wiest, H o n o ra t K olb A bt von Seon 1603-1670. M ü n ch en 1937, 3. M it seinem B ekenntnis, „ v o n arm en ab er eh rb are n E lte rn “ (ex p a u p e rib u s sed honestis p a ren tib u s, clm. f. 2r) a b ­ zustam m en, v erb an d A bt K olb das B ew ußtsein, A m t u n d W ürde sein er eige­ nen L eistung zu verd an k en . D er A bt von Seeon zögerte deshalb auch nicht, seine g länzenden Schul- u n d S tudienzeugnisse in die C h ro n ik seines K lo ­ sters einzufügen - im U ntersch ied zu seinen m ittelalterlich en V orgängern, die der rechtlichen u n d ö k o n o m isch e n K o n tin u itä tssich e ru n g w egen U rk u n ­ den u n d S chenkungsnotizen in ihre G eschichtsw erke in seriert h atten. A bt K olb d o k u m en tierte m it sichtlicher G e n u g tu u n g G ru n d la g en u n d S tationen seines im p o san ten A ufstiegs. W as sich im R ückblick als b ildungsgeschichtli­ cher G lücksfall ausnim m t, ist im K o n tex t des 17. Ja h rh u n d e rts als V ersuch zu begreifen, ererbtes H erk u n ftsp restig e du rch e rw orbenes B ildungsprestige zu ersetzen. A ußergew öhnliches Selbstbew ußtsein sp rich t au ß erd e m aus der T atsache, daß A bt K olb sich b a ld nach seinem A m tsa n tritt (1636/37) von M artin u n d M ichael Z ü rn ein G ra b m al in Form eines K reu zaltars anfertigen ließ, das ihn in L ebensgröße k n ien d vor dem G ekreuzigten darstellte. Vgl.

7 Der Einspruch Abt Klockers scheiterte an den G rundsätzen ei­ ner Staatsraison, die das M onopol öffentlicher Gewalt bean­ spruchte, den G rundbesitz der ,toten H an d ‘ als Störfaktor des allge­ m einen G üterverkehrs betrachtete und nicht zuletzt Schule und Wis­ senschaft staatlicher Hoheit und K ontrolle unterwerfen wollte. Die Säkularisation, die den Gegensatz zwischen den Verzichtidealen der M önche und den Zwecken eines vernunftgem äß organisierten Staa­ tes aufhob, m achte Klöster zum Fluchtpunkt w idersprüchlicher Er­ innerungen und Interessen. „ In der klösterlichen Stille“ , schrieb Johann Adam Möhler (1796-1838), „wo der Sohn des Königs, des Herzogs und des G ra­ fen mit dem Sohne des Knechtes im Bewusstseyn Einer höheren Ab­ stam m ung, Einer neuen G eburt in Christo alle Freuden und Leiden des Lebens brüderlich theilte, hier drang das befreite und geschärfte Auge des Geistes durch alle Decken und Hüllen, die den ursprüngli­ chen wahren Adel des M enschen dem M enschen verbargen.“ 3) Der in Tübingen und M ünchen lehrende K irchenhistoriker plädierte nicht für eine W iederherstellung der aufgehobenen Klöster4), son­ dern erinnerte an sozial-kulturelle Errungenschaften des mittelalter­ lichen M önchtum s. M önchsein, das, wie die Geschichte lehrt, den wahren geistigen Adel des M enschen zum Bewußtsein und zur Gel­ tung brachte, hob Standesdifferenzen auf und leistete einen ge­ schichtlich folgenreichen Beitrag zur Verwirklichung der Gleichheit aller Menschen. d a zu : Die B ildhauerfam ilie Z ü rn 1585-1724.’ Linz 1979, 250, N r. 93, 323, Abb. 33. 3) Johann A d a m M öhler, B ruchstücke aus der Sklaverei du rch das C h risten ­ tum in den ersten XV J a h rh u n d e rte n , in: T heologische Q uartalsch rift 16, 1834, 114 f. Vgl. R einhold Rieger, B egriff u n d B ew ertung des M önchtum s bei Jo h a n n A dam M ö h ler (1796-1838), in: R o tte n b u rg e r Jb. f. K iG 6, 1987, 9-3 0 , hier 21. 4) Z eitgenössische V ersuche, die In stitu tio n des M ön ch tu m s von neuem zu beleben, b eu rteilte M öhler als „ b lo ß e m atte, k raftlose E rin n e ru n g an das A lte“ , d e n en kein „ in n e res B e d ü rfn iß “ z u g ru n d e liege u n d die auch nicht von einem „leb en d ig e n T rie b “ g etragen seien. Bei der G rü n d u n g der K löster h ä tte n sich die M ö n c h so rd e n von g ro ß e n , z eitgem äßen Id een insp irieren las­ sen. „ A b e r jetzt regt sich keine gro ß e Idee, keine w a h rh afte E ig e n tü m lic h ­ keit m it einer in n ern U n e n d lic h k eit zeigt sich, ein bloßes N a ch a h m en , N a ch ­ äffen von F o rm en e n td eck en w ir: die Form a b er o hne G eist ist n ich ts“ ; ders., E inige G e d a n k e n ü b er die zu u n se rer Z eit erfolgte V erm inderung der Priester, u n d d a m it in V erb in d u n g ste h en d e r P unkte, in: T heologische Q u a r­ talsc h rift 8, 1826, 434. Vgl. Rieger, M ö n ch tu m (wie A nm . 3), 25-27 („ A n a ­ ch ro n ism u s des M ö n ch tu m s als In stitu tio n in der G e g en w art“ ).

Georg W ilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) charakterisierte Keuschheit, Arm ut und G ehorsam , die geistlichen G rundlagen klö­ sterlicher Lebensführung und Gem einschaftsbildung, als Denk- und Verhaltensform en, welche die „V ersöhnung der Religion mit der W irklichkeit“ untergraben.5) Durch die klösterlichen G elübde, sagte er, sei „alle Sittlichkeit degradirt w orden“ . Ehelosigkeit w iderspre­ che der Sittlichkeit der Liebe; freiwillige Armut, deren moralischer Wert höher eingeschätzt werde als die Verdienstlichkeit tätigen Selbsterwerbs, sei mit der W ürde m enschlicher Arbeit nicht zu ver­ einbaren; blinder G ehorsam , „der nicht weiß was er th u t“ , perver­ tiere den „w ahren G ehorsam der Freiheit“ .6) Das von Rotteck und W elcker herausgegebene ,Staatslexikon‘, in dem das liberale Bürgertum des Vormärz seine gesellschaftlichen Ansichten und politischen Ü berzeugungen zur Sprache brachte, hielt Klöster für „wesentliche U nterstützer und Beförderer der Dum m heit und des A berglaubens“ . Der Staat dürfe nicht dulden, daß das bürgerliche Gemeinwesen durch klösterliche Lebensprinzi­ pien Schaden nehme. Das Ideal m onastischer Arm ut däm pfe und zerstöre den Erwerbstrieb, jene „m ächtige Triebfeder zur Förderung des besonderen wie des allgemeinen W ohlstandes“ . Die M önchen auferlegte Ehelosigkeit ruiniere das kontinuierliche W achstum des Staatsvolkes. Ihr G ehorsam sideal, das nur blinde Unterwürfigkeit zulasse, widerspreche der freiheitlichen Bestimmung des M en­ schen.7) ’) Georg Wilhelm Friedrich Hegel, V orlesungen ü b er die P hilgsophie d e r R eli­ gion. Bd. 2. Hrsg. v. H e rm an n G löckner. (Säm tliche W erke, 16.) S tuttgart 1928, 344. 6) Ders., V orlesungen ü b e r die P hilosophie der G eschichte. Hrsg. v. H e r­ m an n G löckner. (S äm tliche W erke, 11.) S tuttgart 1928, 483 f. In d e r E inlei­ tu n g zu seinen ,G ru n d lin ie n d e r P hilosophie des R ech ts1 v ertritt H egel die A uffassung, d aß in d e r G eg en w art K löster „ ih re n S inn u n d ih r R e ch t“ ver­ loren hab en , m ögen auch die U m stän d e ih rer E n tsteh u n g d u rc h au s „zw eck­ m äßig und n o th w e n d ig “ gew esen sein. W enn m an „ fü r A u fre ch te rh altu n g de r K löster ihr V erdienst um U rb a rm a c h u n g u n d B evölkerung von W üste­ neien, um E rh altu n g d e r G eleh rsam k eit du rch U n te rric h t u n d A bschreiben u. s. f. geltend m ach t u n d d ieß V erdienst als G ru n d u n d B estim m ung für ihr F ortb esteh en angesehen w orden ist, so folgt aus dem selben vielm ehr, d aß sie u n te r d en ganz v e rän d e rte n U m stä n d en , in so w eit w enigstens, überflüssig u n d unzw eckm äßig gew orden sin d “ (Säm tliche W erke, Bd. 7, 44 f.). 7) G. Friedr. Kolb, Art. „ K lö ste r“ , in; D as Staats-L exikon. E n cy c lo p ä d ie der säm m tlichen S taatsw issenschaften. Hrsg. v. C arl von R otteck u. C arl W elcker. Bd. 8. 2. Aufl. A lto n a 1847, 240-264, hier 253, 260.

9 Abt K locker verwies auf die gesellschaftliche Offenheit des bayerischen Prälatenstandes. M öhler rühm te die „wohlthätigen Ein­ wirkungen der M önche au f die Gesellschaft“ .8) W ortführer des Li­ beralismus beharrten auf der U nverträglichkeit zwischen asketi­ schem M önchsideal und freiheitlichem Staatszweck. D erart gegensätzliche Auffassungen über die Gegenwarts- und V ergangenheitsbedeutung einer geistlichen Institution erhellen nicht, wie es eigentlich war, sondern beleuchten Standortbindungen historisch-politischer Urteilsbildung. Was aber Apologeten und Kri­ tiker des M önchtum s m iteinander verbindet, ist die Gemeinsamkeit ihrer herm eneutischen Prämissen. Beide begriffen Klöster als von der G esellschaft abgetrennte K orporationen, die ihre gesellschaftli­ che Umwelt wirksam beeinflussen, ohne jedoch selbst von dieser er­ faßt und geprägt zu werden. Die bürgerliche M önchskritik be­ schränkte sich auf die Feststellung schädlicher Außenwirkungen auf die Gesellschaft. K locker und M öhler verstanden Klöster als reli­ giös geschlossene Sonderwelten, deren überzeitliche W ertordnung zwar durch sündhafte Verweltlichung verkehrt werden konnte, zeit­ gebundene soziale K onstitutionsbedingungen jedoch ausschloß. Aus beiden Sichtweisen blieb ausgeblendet, was Gegenstand der folgenden Überlegungen ist: Wechselbezüge zwischen Klöstern und ihrer sozialen, insbesondere vom Adel bestimmten und be­ herrschten Umwelt. Klösterliche Gem einschaften des Mittelalters haben nicht nur kulturelle W erte hervorgebracht und zivilisierend gewirkt, sozialen Aufstieg ermöglicht und Nachfolge Christi geübt; als Teilbereiche einer ungeistlichen Gesellschaft, in die sie - unge­ achtet aller W eltdistanz - rechtlich, wirtschaftlich und sozial einge­ bunden waren, erlagen sie auch im mer wieder dem Anpassungs­ druck sich w andelnder sozialer Umwelten. Im Alltag klösterlichen Gem einschaftslebens wurden sie mit Interessen und Leitbildern ge­ sellschaftlicher G ruppen konfrontiert, deren Erwartungen Mönche w idersprechen, standhalten oder nachgeben konnten. An ausgewählten Problem- und H andlungsfeldern soll deshalb gezeigt werden, wie W echselwirkungen zwischen klösterlichen G e­ meinschaften und adliger Umwelt zu einem Faktor klösterlicher 8) Johann A d a m M öhler, G eschichte des M ön ch tu m s in d e r Zeit seiner E n t­ stehung u n d ersten A u sb ild u n g (1836/37), in: ders., G esam m elte Schriften u n d A ufsätze. Hrsg. v. Jo h a n n Jo sep h Ignaz D öllinger. Bd. 2. R egensburg 1840, 210 f.

10 Norm - und Strukturbildung geworden sind. Meine diesbezüglichen Überlegungen orientieren sich an den Begriffen Kloster, monastische Spiritualität, Adelsgesellschaft und soziale Anpassung. Kloster begreife ich als regelgebundenen Lebens- und H and­ lungszusam m enhang, dessen Existenz in dem Verlangen wurzelt, bi­ blische G rundw erte - wie Armut, G ehorsam , Keuschheit - in der Gem einschaft G leichgesinnter zu verwirklichen. Spiritualität dient als Sam m elbegriff für liturgische Rituale, meditative und asketische Ü bungen, die M önche pflegen, um sich ihres künftigen Heils gewiß zu sein.9) Adelsgesellschaft bezieht sich au f Formen des Zusam m enle­ bens, die von Herrschaftsm echanism en, Interessen und W ertvorstel­ lungen einer ständisch qualifizierten H errenschicht geprägt sind. So­ ziale A npassung meint norm- und strukturbildende Vorgänge des Austausches zwischen dem Sozialgebilde Kloster und einer vor­ nehm lich durch Herrschafts- und Statusinteressen des Adels gestal­ teten Umwelt. Als M önch nach einer Regel zu leben, erfüllte sich im „Stu­ dium der geistlichen W eisheit“ (Studium sapientiae spiritucilis). Der Adel fühlte sich zur Herrschaft berufen, um Recht und G erechtig­ keit zu w ahren, Schutz und Schirm zu gewähren. Gegensätze, K om ­ prom isse und unum gängliche Sachzwänge bestimmten das beider­ seitige Verhältnis. Interessen und Gegeninteressen hatten in rechtli­ cher Hinsicht ein Gefüge urkundlich verbriefter Beziehungen entste­ hen lassen, aus denen Adel und Kloster gleicherm aßen Nutzen zo­ gen. K ontroversen und K onflikte entstanden, wenn die D urchset­ zung adliger Standesinteressen mit geistlichen W ertorientierungen und ethischen Prinzipien klösterlicher Vergemeinschaftung kolli­ dierten. Die klösterliche ,lex f r a te r n ita tis das Gesetz der Bruderschaft, stand in schroffem W iderspruch zum K onstitutionsprinzip des Adels - dem Gesetz des Standes, des Vorrechts, der sozialen U n­ gleichheit. Der m onastischen Regel der Demut (regula humilitatis) widersprach das adlige Verlangen nach Herrschaft, nach Unterw er­ fung und ehrfurchtgebietender R epräsentation. Adelsgeschlechter, die Klöster gründeten, beschützten und bevogteten, dachten nicht nur an ihr Seelenheil; sie waren auch daran interessiert, H err­ 9) Z u r G eschichte des Begriffs vgl. Jean Leclercq, ,S p iritu a lita s‘, in: StM ser. 3, 3, 1962, 279-296.

11 schaftsrechte, Liegenschaften und Lebenschancen monastischer G e­ m einschaften ihren ökonom ischen, politischen und sozialen Interes­ sen nutz- und dienstbar zu machen. Das Zusam m enw irken zwischen M önchen, die des Schutzes be­ durften, und A delsherren, die auf den Ausbau ihrer Herrschaften bedacht waren, erwies sich als notwendige, doch äußerst konflikt­ trächtige Form gem einsam en Handelns. Das Verhältnis der beiden ungleichen Partner, ein mit vielfältigen Konfliktm öglichkeiten und heterogenen Interessen angereichertes Zw eckbündnis, wirft Fragen auf: Wie haben Klöster des M ittelalters das Spannungsverhältnis zwischen spiritueller Selbstbehauptung und adligem Erwartungs­ druck praktisch und theoretisch bewältigt? Wie haben M önche in ei­ ner von aristokratischen W erten und H andlungsinteressen struktu­ rierten Welt ihre eigentlichen W erthaltungen zur Geltung gebracht, ohne ihre Identität einzubüßen? In welchen N orm en und Einstel­ lungen der M önche spiegeln sich Denk- und Verhaltensweisen des zeitgenössischen Adels? An drei K apiteln benediktinischer und zisterziensischer Ordensgeschichte beabsichtige ich zu zeigen, welche Vorgänge und N orm enkonflikte die von mir gestellten Fragen in den Blick bringen. Es geht erstens um reform fördernde und reform hem m ende W irkungen, die vom Adel auf die K losterreform des 11. und 12. Jahrhunderts ausgingen (I). Ich erläutere zweitens den W andel klösterlicher Verhaltensweisen sowie die Entstehung standesspezifi­ scher N orm en als Anpassungsleistungen an die Erw artungshaltung des Adels (II). D rittens werden klösterliche Reform bestrebungen des 15. Jahrhunderts als Prozesse sozialer Um schichtung untersucht. Das Erkenntnisinteresse richtet sich dabei auf Erneuerungsvor­ gänge, die gegen explizite Interessen des ritterschaftlichen Adels durchgesetzt wurden, oftm als aber an dessen W iderstand scheiterten (III). Abschließende Erwägungen befassen sich mit Wechselbezügen zwischen Adel und M önchtum in der frühen Neuzeit. Sowohl die K ontinuität sozialstrukturell bedingter Reform problem e als auch die Fortdauer adliger Interessenw ahrung sollen exemplarisch nach­ gezeichnet werden (IV). I.

Theologen des 11. und 12. Jahrhunderts, die das gem einschaftli­ che Leben im Kloster in Bilder und Begriffe zu fassen versuchten, rühm ten das Kloster als zweites Paradies, von dem, gleich den vier

12 Paradiesflüssen, in alle vier Him m elsrichtungen Ströme des Heils ausgehen. Im Kloster sahen sie einen sicheren Hafen des Heils, eine zweite Arche N oah, der die Fluten der Sünde nichts anhaben konn­ ten. M önche lebten nach der „Regel der A postel“ , führten ein „en ­ gelgleiches Leben“ und trugen das Gew and der Engel. Ihre Tracht erinnerte an die sechs Flügel der himmlischen C herubine.10) Eine derartige Auffassung, die M önchtum nur in seinen geistlichen D i­ m ensionen zu erfassen und zu begreifen vermochte, rechnete nicht mit sozialen Faktoren klösterlicher G em einschaftsbildung. H ält m an sich an das Selbstverständnis derer, die um kehrten, ins Kloster gingen und ihre klösterlichen Lebenserfahrungen aufzeichneten, dann besaß der M önchsberuf weder einen unm ittelbaren gesell­ schaftlichen Nutzwert, noch war er in seinem konkreten Vollzug von sozialen Gegebenheiten abhängig. Als radikalste Form christli­ cher W eltentsagung stellte M önchsein eine vielvermögende M acht dar, Gottes G nade durch Gebet und Gottesdienst auf die Welt her­ abzuziehen. Als vertrauensw ürdige Fürsprecher bei G ott trugen wahre M önche dazu bei, das Zusam m enleben der mit W eltgeschäf­ ten befaßten Laien christlicher, hum aner und glückseliger zu m a­ chen. M ittelalterlichen M önchstheologen ist der funktionale W ech­ selbezug zwischen m onastischer Lebensform und adliger Umwelt nicht zum Problem geworden. Die Einsicht, daß auch Kloster- und O rdensgründungen, m ön­ chische Verhaltensweisen und religiöse Bewußtseinsformen gesell­ schaftlichen Einflüssen und Strukturveränderungen unterworfen sind, lag außerhalb ihrer Denk- und Erkenntnism öglichkeiten. K ir­ che und Welt sahen sie durch eine unüberbrückbare qualitative Differenz voneinander getrennt. Die strikte Trennung zwischen Geistlichem und W eltlichem verstellte den Blick auf die norm bil­ dende K raft sozialer Tatsachen. Ihre Art zu leben führten M önche des Mittelalters auf einen unm ittelbaren Auftrag Gottes zurück, der weltliche Bedingungs- und Begründungszusam m enhänge ausschloß. Faktisch hingen aber K losterreform und Adel aufs engste m iteinan­ der zusammen.

10) K assius Hallinger, Z u r geistigen W elt der A nfänge K lunys, in: D A 10, 1953/54, 417-445; K laus Schreiner, M ö n ch tu m zw ischen asketischem A n ­ sp ru ch u n d g esellschaftlicher W irklichkeit. S p iritu alität, S ozialverhalten und S ozialverfassung schw äbischer R e fo rm m ö n ch e im Spiegel ih rer G eschichts­ schreibung, in : ZW LG 41, 1982, 250-307.

13 Klösterliche Reform , zu deren Zielsetzungen es auch gehörte, die klösterliche Lebensordnung von Herrschafts- und Fam ilieninter­ essen des Adels freizum achen, beruht auf der geschichtlichen Kraft religiöser Ideen. Ideen, die aufgegriffen, verwirklicht und verbreitet werden, m achen G eschichte, indem sie sich mit anderen Antrieben, Kräften und Tendenzen geschichtlich-gesellschaftlichen Wandels verbinden. Politisch-soziale Rahm enbedingungen beeinflußten die Inhalte klösterlichen Reform strebens und steuerten Richtung und Reichweite der von Reform idealen ausgehenden W irkungen. Geist­ liche, soziale und politisch-rechtliche Interessen m achten im 11. und 12. Jahrhundert den hohen Adel zum W egbereiter und Träger klö­ sterlicher Erneuerung. Die großen klösterlichen Reform zentren Cluny in Burgund, Fruttuaria in O beritalien, Siegburg im R hein­ land, Hirsau, St. Blasien und St. G eorgen im Schwarzwald - konn­ ten im 11. und 12. Jahrhundert nur deshalb zu überregionaler W irk­ samkeit gelangen, weil sie mit der ideellen und m ateriellen U nter­ stützung führender Hochadelsgeschlechter rechnen konnten.11) D e­ ren weitgespannte verw andtschaftliche Beziehungen bahnten Wege der Reform. Die Stiftungswilligkeit des Adels sicherte die erforderli­ chen ökonom ischen G rundlagen. K onversionsbereitschaft ließ zahl­ reiche Söhne des Adels den Entschluß fassen, das Schwert mit dem M önchsgewand zu vertauschen. Für die Sache der Reform aufge­ schlossene Adlige, die sich von reform eifrigen M önchen den Blick für die verheerenden Folgen des Eigenklosterwesens hatten öffnen lassen, waren der Überzeugung, daß nur intakte, wirtschaftlich gut fundierte Klöster für das gegenwärtige und künftige Heil ihrer adli­ gen Stiftersippen wirksam zu beten vermochten. N ur solche Klöster, die ihren überweltlichen Stiftungszweck erfüllten, gaben das Ge­ fühl, des eigenen Heils sicher sein zu können. N ur in solchen M önchsgem einschaften, deren Lebenswandel den Glauben an die “ ) H erm ann Jakobs, D ie H irsau er. Ihre A usb reitu n g u n d R echtsstellung im Z eitalte r des Investiturstreites. (K ö ln e r H istorische A b h a n d lu n g en , 4.) K ö ln /G ra z 1961; H a n s-Jo sef Wollasch, D ie A nfänge des K losters St. G e­ orgen im Schw arzw ald. Z u r A usb ild u n g d e r geschichtlichen E igenart eines K losters in n erh a lb d e r H irsa u er R eform . (F o rsch u n g en z u r o berrheinischen L andesgeschichte, 14.) F reib u rg i.B r. 1964; H erm ann Jakobs, D er A del in d e r K lo ste rrefo rm von St. B lasien. (K ö ln e r H istorische A b h an d lu n g en , 16.) K ö ln /G r a z 1968; Joachim Wollasch, R eform u n d A del in B urgund, in: In ­ vestiturstreit u n d R eichsverfassung. Hrsg. v. Jo s e f Fleckenstein. (V orträge u n d F o rsch u n g en , 17.) S igm aringen 1973, 277-293; K arl Schm id, A del u n d R eform in Schw aben, in: ebd. 295-319.

14 K raft helfender Fürbitte nicht zuschanden werden ließ, lohnte es sich, in der Todesstunde den M önchshabit zu nehm en (professio in extrem is/2), sich begraben zu lassen13) und im m erwährendes Ge­ betsgedenken zu suchen.14) K losterchroniken, die breit und farben­ reich H erkunft und Geschichte adliger Stifterfamilien nacherzäh­ len 15), nährten das Bewußtsein einer generationenübergreifenden Zusam m engehörigkeit und stärkten so den Zusam m enhalt adliger Geschlechter. Mit den geistlichen Interessen verbanden sich politische. Heils­ suche und Interessenw ahrung schlossen sich nicht aus. Aufstre­ bende Adelsgeschlechter machten Burg und Herrschaft zu Zentren ihrer vom König unabhängigen H errschaftsbildung. K lostergrün­ dende Adlige organisierten ihre Stiftungen nach Rechtsgrundsätzen, die sowohl ihren eigenen Interessen entsprachen als auch den Klö12) Jeart Leclercq, La ven tu re ,ad su c c u re n d u m ‘ d ’ap res le m oine R aoul, in: A n alecta m o n astic a Ser. 3, 1955, 158-168; W olfgang Brückner, S terben im M önchsgew an d. Z um F u n k tio n sw a n d e l einer T o ten k leid sitte, in: K o n ta k te u n d G renzen. P ro b lem e d e r V olks-, K u ltu r- u n d Sozialforschung. Festschrift fü r G e rh a rd H eilfu rth zum 60. G eburtstag. G ö ttin g e n 1969, 259-277. - H ans Patze b ezeichnete den häufig feststellbaren E in tritt ad lig er Stifter in ihre H a u sk lö ster am A b en d ihres L ebens als ,,eine A rt ,M o d e “ ‘ ; H ans Patze, C h risten v o lk u n d ,T e rrito rie n 1, in : La cristian itä dei secoli X I e X II in occidente: C oscienza e stru ttu re di u n a societä. (M iscellan ea del centro di studi m edioevali, 10.) M ilano 1983, 155. u ) Dietrich Poeck, L aien b eg räb n isse in C lu n y , in : FM S t 15, 1981, 68-179; vgl. ebd. 175: „ B ee rd ig u n g in n erh a lb des K lo sterg eb iets“ v erb an d sich m it dem G la u b en , sich eine „ T eilh ab e an den G eb eten , A lm osen u n d M essen der C lu n ia c en ser zu sichern u n d in eine d a u e rn d e societas und frate rn ita s m it ihnen zu treten , die no ch du rch G ebete bei je d e r B eerdigung fü r alle a u f dem F rie d h o f R u h e n d en und seit A bt H ugo am M o n tag nach d e r Pfingstoktav fü r alle a u f cluniacensischen F rie d h ö fen B estatteten intensiviert w u rd e “ . D as „ S terb e n u n d das B egräbnis a n einem heiligen O rt“ bedeu tete „ein en sicheren W eg zum H eil“ ; ebd. 179. 14) Z um V e rbrüderungsw esen u n d T o te n g ed ä c h tn is im m ittelalterlich en R e­ fo rm m ö n ch tu m vgl. K a rl S c h m id /J o a ch im Wollasch, D ie G em ein sch aft der L ebenden u n d V ersto rb en en in Z eugnissen des M ittelalters, in: FM St 1, 1967, 365-405; dies., Societas et F ratern itas. B eg rü n d u n g eines k o m m e n tie r­ ten Q uellenw erkes z u r E rfo rsch u n g d e r P ersonen u n d P erso n e n g ru p p en des M ittelalters, in: F M S t 9, 1975, 1-48; Joachim Wollasch, G e m ein sc h aftsb e ­ w ußtsein u n d soziale L eistung im M ittelalter, in: ebd. 268-286; K arl S chm id, D as liturgische G e b etsg ed e n k en in seiner h istorischen R elevanz, in: F re ib u r­ ger D iözesan-A rchiv 99, 1979, 20-44. 15) Vgl. dazu H ans Patze, A del u n d S tifterch ro n ik , in: B lldtL G 100, 1964, 8 -8 1 ; 101, 1965, 67-128.

15 stern selbst ein hohes M aß an geistlicher und weltlicher Selbstbe­ stim m ung einräum ten. Die Vogtei des vom Reich em anzipierten Re­ form klosters bildete einen wichtigen Baustein adliger H errschafts­ bildung. Die Vogtei, die den gesamten Klosterbesitz in den H err­ schaftsbereich des jeweiligen adligen Vogtherren eingliederte und jede Teilung des Klosters verhinderte, gab der eigenen Herrschaft Rückhalt und Dauer. Hinzu kamen Verflechtungen sozialer Art. Eine neue Sensibili­ tät für das eigentliche Christsein verursachte W ertkonflikte zwi­ schen weltlichem Beruf und geistlicher Berufung. M anche Adlige, welche die U nvereinbarkeit von gewalttätigem K riegshandwerk und christlicher Bruderschaft produktiv zu lösen suchten, brachen mit der Pflichtenethik ihres Standes und gingen ins K loster.16) Von Bernhard, einem 22jährigen burgundischen Adligen, dem späteren Abt von Clairvaux, wird überliefert, er habe sich im Jahre 1112 gemeinsam mit 30 adligen G efährten aus seiner engeren Ver­ w andtschaft und aus seinem Freundeskreis den Zisterziensern von Citeaux angeschlossen.17) B ernhard war kein Einzelfall. Die adlige Jugend fühlte sich vom einfachen Leben der Zisterzienser angezo­ gen, von der W eltabgeschiedenheit der K artäuser, von den seelsor­ gerischen Aktivitäten der Präm onstratenser und Kanoniker. Petrus D am iani rühm te den Entschluß der oberitalienischen G räfin Bianca, die, dem Feuerbrand des Hl. Geistes folgend, die Welt verließ und in ein M ailänder Kloster eintrat. Dort, beteuerte der gedankenreiche Reform er und einflußreiche K ardinal, werde die hohe Frau Gelegenheit finden, in den U m arm ungen ihres wah­ ren, himmlischen Bräutigams auszuruhen und selig zu werden.18)

lf>) H erbert G rundm ann, A delsb ek eh ru n g en im M ittelalter. C onversi u n d nutriti im K loster, in : D ers., A usgew ähite A ufsätze. T. 1. (Schriften d e r M G H , 2 5 /1 .) S tu ttg art 1976, 125-149; Joachim Wollasch, P aren te noble et m onachism e refo rm ateu r. O b serv atio n s sur les ,c o n v ersio n s1 ä la vie m o nastique aux X Ie et X i r siecles, in: R H 264, 1980, 3-24. 17) E x o rd iu m C isterciensis coenobii c. 17. Hrsg. v. Joseph Turk, in: A nalecta Sacri o rd in is C isterciensis 4, 1948, 34: N am tot clericos litteratos et nobiles laicos etiam in seculo potentes et eque nobiles uno tem pore a d illam Dei gratia transm isit ecclesiam, ut triginata insim ul in cellam noviciorum alacriter intrarent. Vgl. au ch E x o rd iu m m agnum C isterciense, Dist. I, c. 21. Hrsg. v. Bruno Griesser. R o m ae 1961, 79. IS) D ie Briefe des Petrus D am ian i. Hrsg. v. K urt Reindel. (M G H , D ie Briefe d e r D eutschen K aiserzeit, IV /2 .) M ü nchen 1988, N r. 66, 247-279, hier 254.

16 Das Hohe Lied enthielt einen unerschöpflichen Vorrat an Bildern, um der Bekehrung adliger Frauen einen tiefen theologischen Sinn zu geben. Adlige, die im Ringen um sinnstiftende Lebensmöglichkeiten gelernt hatten, vornehm es Geblüt, Reichtum und Ehre zu verachten, waren bestrebt, im Kloster nackt dem nackten Christus zu folgen. Einige von ihnen verwandelten ihre Stam m burgen in Klöster; an ­ dere haben sich als dienende L aienbrüder in K löstern verdingt. M anches renom m ierte Adelsgeschlecht des späten M ittelalters - wie die G rafen von Poitiers, die M arkgrafen von Baden und die Grafen von Berg z. B. - war stolz darauf, einen Laienbruder zu seinen Vor­ fahren zählen zu können, der selbstlos und unerkannt den Benedik­ tinern von Cluny oder auf dem K losterhof einer burgundischen Zisterze Schweine gehütet, den Acker bebaut und Kühe gemolken hatte, bis er schließlich von Landsleuten, die nach Südfrankreich oder ins nördliche Spanien pilgerten, erkannt worden w ar.19) D erar­ tige Geschichten, in denen from m er G laube oftmals die Sicherheit des Tatsächlichen ersetzte, vergrößerten den Ruhm und stützten das Ansehen einer Familie. Der in erbaulicher Absicht herausgestellte Gegensatz zwischen hochadliger H erkunft und niedrigem K nechts­ dienst sollte zum Bewußtsein bringen, daß christliche Demut wahr­ haft frei m acht, indem sie Vorrechte des H errenstandes durch ein Ethos christlichen Dienens ersetzt, vornehm e G eburt und ererbtes Prestige gering achtet. In Konventen, in denen M enschen aus verschiedenen Schich­ ten (homines varie conditionis) zusam m enlebten, Adlige und N icht­ adlige (nobiles et ignobiles), glaubten zeitgenössische Chronisten l9) G rundm ann, A delsb ek eh ru n g en (wie A nm . 16), 145f.; K laus Schreiner, A bt Jo h a n n e s T rith em iu s (1462-1516) als G esch ich tssch reib er des K losters H irsau. Ü b e rlieferungsgeschichtliche u n d quellen k ritisch e B em erkungen zu den ,A nnales H irsau g ien ses4, in: R hV jbll 31, 1966/67, 124f . ; ders., Zisterziensisches M ö n ch tu m u n d soziale U m w elt. W irtsch aftlich er u n d sozialer S tru k tu rw a n d el in hoch- u n d sp ä tm itte lalterlic h e n Z isterzien serk o n v en ten , in: D ie Z isterzienser. O rd en sleb en zw ischen Ideal u n d W irklichkeit. E rg än ­ z u n g sb an d . Hrsg. v. K a sp a r Elm u n te r M itarb. v. Peter Jo e riß en . K öln 1982, 127 A nm . 126; ders., E rn eu e ru n g d u rc h E rin n eru n g . R efo rm streb en , G e ­ schichtsbew ußtsein u n d G e schichtsschreibung im b e n ed ik tin isc h en M ö n c h ­ tum S ü d w estd eu tsch lan d s an der W ende vom 15. zum 16. Ja h rh u n d e rt, in: H isto rio g rap h ie am O b errh ein im sp äten M ittelalter u n d in der frühen N e u ­ zeit. Hrsg. v. K u rt A n d e rm an n . (O berrheinische S tudien, 7.) Sigm aringen 1988, 81 f.

17 Spuren und Schatten des von Jesaias verheißenen Friedensreiches zu finden, in dem Lamm und Löwe friedlich nebeneinander wei­ den.20) Die ,vita com m unis4 im Kloster hob Geburtsprivilegien auf und unterw arf Hoch- und Niedriggeborene einer einheitlichen Regel, die au f Stand und H erkunft des einzelnen keine Rücksicht nahm. Wie schwierig es m itunter jedoch sein konnte, anerzogene und mi­ lieubedingte Wert- und Lebenshaltungen aufzugeben, beweist der Heisterbacher Zisterziensernovize Theobald, der w ährend seines Noviziats als „W erk der D em ut“ Lumpen waschen sollte und sich dabei, einer Eingebung des Teufels folgend, die Frage stellte: „Was tust Du, o Tor? Wie kom m t es Dir zu, die Unreinigkeiten dieser M enschen zu waschen, die vielleicht von geringerer Herkunft sind als D u?“ 21) Als der M önch Thomas aus H im m erod im Klostergar­ ten gemeinsam mit seinen M itbrüdern Kohl pflanzen sollte, kam ihm der G edanke: „W ärst Du jetzt in Deines Vaters Hause, so würde Deine M agd sich schäm en, so niedrige Arbeiten zu verrich­ ten.“ 22) Reform schleifte ständische Barrieren und Bastionen, w enn­ gleich nur in der Lebenswelt des Klosters. Eingeebnete Standesgren­ zen m achten offenkundig, daß im Kloster nicht der rein nominelle Adelstitel weltlichen Geblüts zählt, sondern der wahre Adel geistli­ chen Lebens.23) 20) So H e rm an n u s q u o n d a m Ju d aeu s, De conv ersio n e sua, c. 6. Hrsg. v. Gerlinde Niem eyer. (M G H , Q uellen zur G eistesgeschichte des M ittelalters, 4.) W eim ar 1963, 88 f., ü b e r die A nfänge des P räm o n straten serk lo sters C a p p e n ­ berg. Vgl. dazu Joachim Ehlers, A dlige Stiftung u n d p e rsönliche K onversion. Z u r S ozialgeschichte frü h er P rä m o n straten serk o n v e n te, in: Festgabe für W alter Schlesinger. (F ra n k fu rte r H istorische A b h a n d lu n g en , 5.) W iesbaden 1973, 38: „ H ie r w urde eine neu artig w eitgehende apo sto lisch e N achfolge ge­ sucht, die in d e r Ü b e rw in d u n g sozialer S ch ran k en ebenso k onsequent sein w ollte wie im p ersö n lic h en D em utsgestus. N icht m ehr n u r S tiftung u n d A us­ sta ttu n g genügten zur E rfü llu n g der S tan d esp flich ten , verlangt u n d ange­ strebt w urde die A ufgabe des S tandes selbst.“ 21) C aesariu s H eisterbacensis M o n ach u s, D ialogus m iracu lo ru m . Hrsg. v. Jo­ seph Strange. K ö ln /B o n n /B rü s s e l 1851, 177. ” ) Ebd. 335. D er M önch T h o m as erlag der V ersuchung u n d verließ das K lo­ ster. D er H och m u tsteu fel führte ihn in einen W ald, wo er ihn in G estalt ei­ n e r F rau no ch u n e rb ittlich e r b edrängte. 23) K laus Schreiner, Sozial- u n d sta ndesgeschichtliche U ntersuchungen zu den B e n ed ik tin e rk o n v en te n im östlichen Schw arzw ald. (V eröffentlichungen der K om m ission für geschichtliche L an d esk u n d e in B aden-W ürttem berg, Rh. B, 31.) S tu ttg art 1964, 46 ff.

18 Reform erische Aufbrüche versöhnten Regel und Leben. Was durch Reform neu und anders wurde, entzog sich dauerhafter Insti­ tutionalisierung. Reform blieb eine zeitlich begrenzte Errungen­ schaft - auch in Cluny. Erschlaffender Reformwille förderte Ten­ denzen sozialer Abgrenzung. N achlassende Askese nährte die Be­ reitschaft, sich Lebensgewohnheiten adliger Führungsschichten zu öffnen. G eringer w erdende W eltdistanz m achte geneigt, au f das soziale Milieu, aus dem M önche kam en, stärker Rücksicht zu neh­ men. Den humilis Christus durch den rex Christus abzulösen24), ent­ sprach Bedürfnissen einer Adelsgesellschaft, die daran interessiert war, zwischen Frömmigkeits- und Lebensstil identitätsstiftende W ahlverw andtschaften kenntlich zu machen. In den „bis ins Unge­ messene gehenden Prunk- und Festliturgien“ Clunys wollten geistli­ che und weltliche Adelsherren ihrem Lebensgefühl religiösen Aus­ druck geben. Die „einsam en Steigerungen“ des in Cluny gepflegten Psalmengebets „sind großer Adelsstil, sind unverkennbare Selbst­ darstellung jener Adelsherren, die höher hinauswollten als alle än ­ dern“ .25) Der cluniazensische G roßabt Petrus Venerabilis versuchte in den dreißiger Jahren des 12. Jahrhunderts in Cluny und in den von Cluny abhängigen Prioraten die H andarbeit wieder einzuführen. Er tat dies, weil offenkundig nur sehr wenige M önche gewillt waren, in der freien Zeit zwischen den liturgischen Diensten im Chor zu lesen oder zu schreiben. Die H andarbeit der adligen M önche sollte aber den Blicken der Öffentlichkeit entzogen bleiben. Die cluniazensischen Adelsherren wollten bei ihrer Arbeit nicht von Weltleuten ge­ sehen werden.26) Sie em pfanden es als Strafe, den Armen Öffentlich (publice) Almosen reichen zu m üssen.27) Die M ahlzeiten im Refekto­ rium von Cluny ließen an fürstliche Gelage denken. Petrus Venera­ bilis kritisierte denn auch unnachsichtig die Eß- und Geschmacksge­ w ohnheiten seiner M itbrüder. Bohnen, Käse, Eier, ja sogar Fische würden ihnen zum Ekel gereichen. Nicht einmal das Fleisch von 24) Johannes Fechter, C luny, A del u n d Volk. Studien ü b e r das V erhältnis des K losters zu den S tän d en (910-1156). S tu ttg art 1966, 85. 25) K assius Hallinger, C o n su e tu d o . Begriff, F o rm en , Forschungsgeschichte, In h a lt, in: U n te rsu ch u n g e n zu K loster u n d Stift. Hrsg. v. M ax -P lan ck -ln stitut fü r G eschichte. (V eröffentlichungen des M a x -P la n ck -In stitu ts fü r G e ­ schichte, 68; Studien zur G e rm an ia Sacra, 14.) G ö ttin g e n 1980, 161 f. 26) Ebd. 160 f. 27) E bd. 161.

19 vier- und zweifüßigen Haustieren sei ihnen gut genug. Um ihr Ver­ langen nach standesgem äßer Kost zu befriedigen, würden sie nach W ildbret lechzen, das durch Jäger erst herbeigeschafft werden müsse.28) In diesem Anspruchsniveau spiegeln sich Lebensart und Lebensgefühl des Adels wider. D aß spätm ittelalterliche Cluniazenser m itunter selber auf die Jagd gingen, ist daran abzulesen, daß ihnen das Halten von Jagdfal­ ken und Jagdhunden ausdrücklich verboten werden mußte. Hunde würden die Klosteranlagen verschm utzen, durch ihr Gebell den G ottesdienst stören und - wenn sie sich in K irchenräum en und Mönchszellen herum treiben - sogar Bücher zerreißen.29) Deutlich erkennbar ist überdies eine Verengung des sozialen Rekrutierungsfeldes. In Altcluny waren neben Adligen ,,auch m itt­ lere und kleinere G rundbesitzer“ vertreten.30) U nter Abt Odilo (994-1048) „w aren die Stände im K onvent noch etwa gleichmäßig verteilt“ .31) U nter Abt Hugo (1049-1109) verwandelte sich Cluny zu einem Adelskonvent. Die aus seiner Amtszeit erhaltenen Konver­ sionsnotizen geben zu erkennen, „daß die überw ältigende Mehrheit der M önche ritterlichen Standes w ar“ .32) Ein durch den Adel ge­ prägtes Sozialprofil besaß überdies das unter Abt Hugo gegründete C luniazenserinnenpriorat M arcigny-sur-Loire.33) Der starke Zu­ strom des Adels, der Clunys Sozialverfassung in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts nachhaltig veränderte, setzte sich im 12. Jahr­ hundert fort. „A uch im 12. Jahrhundert blieb der Adel in Cluny das beherrschende Elem ent.“ 34) Den K onventen cluniazensischer Priorate m ußte eingeschärft werden, M önche nicht „ihrer adligen A bstam m ung wegen“ (nobili28) T he L etters o f Peter the V enerable. Ed. by Giles Constable. Vol. 1. C a m ­ b ridge, M ass. 1967, 389; Schreiner, Z isterziensisches M önchtum (wie A nm . 19), 107. 29) G. Charvin (E d.), Statuts, c h ap itre s g eneraux et visites de l’o rd re de C luny. Tom . 1. Paris 1965, 157, Nr. 77. ,0) Fechter, C luny, A del u n d V olk (wie A nm . 24), 6. 31) Ebd. ,2) E bd. 7 f.; vgl. ebd. 14: W äh re n d der „A m tszeit des A btes H ugos I. b egann de r A del u n v e rk en n b a r in den V o rd e rg ru n d zu treten , um u n ter den N a c h ­ folgern H ugos d a n n vollends das Feld zu b e h errsc h e n “ . ” ) Ebd. 11; vgl. dazu auch Else M aria W ischermann, M arcigny-sur-L oire. G rü n d u n g s- u n d F rühgeschichte des ersten C lu n ia c en serin n en p rio rate s (1055-1150). (M ünstersche M ittelalter-S ch riften , 42.) M ü n c h e n 1986, 131 ff. 34) Fechter, C luny, A del u n d Volk (wie A nm . 24), 12.

20 tatis gratia) zu Prioren zu w ählen.35) Abt Petrus Venerabilis wandte sich in seinen Statuten „entschieden gegen die A ufnahm e von K on­ versionswilligen bäuerlicher H erkunft in den K onvent der M ön­ che“ .36) Die von Abt Hugo V. im Jahre 1200 erlassenen Statuten ver­ boten generell, Novizen aus bäuerlichen Verhältnissen (rustici) als M önche in den K onvent aufzunehm en. Bauernsöhne, die aufgrund ihrer körperlichen Statur in der Lage waren, „nützliche A rbeit“ in der Landw irtschaft zu verrichten, sollten nur noch als Laienbrüder im Kloster A ufnahm e finden.37) Ausschlaggebendes Kriterium der A ufnahm e war der Nutzen, die utilitas, nicht m ehr der Versuch, in der Gegenwelt des Klosters ein Gegenmodell zur weltlichen Stände­ gesellschaft aufzubauen. Sym ptom atisch für den veränderten Zeitgeist ist die Antwort, die H ildegard von Bingen (1098-1179) gab, als ihr Tenxwind, die Vorsteherin eines bei A ndernach gelegenen Frauenstifts, die Frage stellte, weshalb sie - im W iderspruch zu den Sozialprinzipien der Heiligen Schrift - in ihren K onvent nur hoch- und freigeborene Jungfrauen (genere tantum spectabiles et ingenuae) aufnehme, uned­ len und wenig begüterten Bewerberinnen (ignobiles et minus ditati) hingegen den Zutritt zur Gem einschaft der Bräute Christi verwei­ gere. „W elcher M ensch“ , entgegnete H ildegard mit dem Selbstbe­ wußtsein einer standesstolzen A ristokratin, „pferche seine ganze Herde unterschiedslos in einem Stall zusam m en, Ochsen, Esel, Schafe, Böcke.“ 38) Friedliches Zusam m enleben in der Welt und im Kloster setzte ihrer A uffassung nach ein nach Ständen gegliedertes Volk (diversus populus) voraus. 35) Charvin (E d.), S tatuts de C luny (wie A nm . 29), 47, Nr. 39. 36) W olfgang Teske, L aien, L aienm önche u n d L aien b rü d e r in der A btei C luny. Ein B eitrag zum ,K o n v e rse n -P ro b le m ‘, in: FM St 10, 1976, 248-322, h ier 316. 3:) Charvin (E d.), S tatuts de C luny (wie A nm . 29), 42, N r. 5; vgl. Teske, L aien (wie A nm . 36), 293 f. u. 3 1 4 ff. 3S) A lfred H averkam p, T en x w in d von A n d e rn ac h u n d H ild eg ard von Bingen. Zwei ,W eltan sc h a u u n g en 1 in d e r M itte des 12. Ja h rh u n d e rts, in: In stitu tio ­ n en, K u ltu r u n d G esellschaft im M ittelalter. Festschrift fü r Jo s e f F lecken­ stein zu seinem 65. G eburtstag. Hrsg. v. L utz F enske u. a. S igm aringen 1984, 544 u. 547. - Z u r In te rp re ta tio n d e r k ritischen A nfrage T enxw inds u n d der A ntw o rt H ildegards vgl. Schreiner, U n te rsu ch u n g e n (wie A nm . 23), 122f.; ders., Z u r biblischen L egitim ation des A dels. A uslegungsgeschichtliche S tu­ dien zu 1. K or. 1, 26-29, in: Z K iG 85, 1974, 3 3 8 f.; H averkam p, T enxw ind, 533-539.

21 Ständische D ifferenzierung (discretio), die trennt und aus­ grenzt, nicht das Ideal christlicher Bruderschaft, das gesellschaftsbe­ dingte G egensätze entschärft und einebnet, m achte deshalb die hochadlige Visionärin vom R upertsberg zum sozialen O rdnungs­ prinzip ihrer Gem einschaft. Soziale Trennlinien zu ziehen, gebot, wie sie als Quintessenz ihres N achdenkens form ulierte, die H ierar­ chie des him m lischen Hofstaates, die das Kloster auf seine Weise ab- und nachbilden sollte. Hildegards theologisch begründete Vor­ stellungen über die ideale Zusam m ensetzung eines Frauenkonvents atm en nichts m ehr vom Geist reform erischer D ynamik, sondern rechtfertigen die bestehende Sozialverfassung, deren ständische Strukturiertheit den Interessen ihrer adligen Standesgenossen entge­ genkam. H ildegard rechtfertigte die privilegierte Stellung des Adels im Kloster, die, wenn sie vornehm lich und ausschließlich für Zwecke m aterieller D aseinssicherung genutzt wurde, Kritik hervorrief. Zisterziensische Reform er des 12. Jahrhunderts w arnten vor verarmten Edelleuten, die nur deshalb ins Kloster gehen, um dort wiederum standesgem äß leben zu können. „W ird ein Ritter M önch“ (fit monachus miles), sagten sie mit kritischem U nterton, „wird aus einem arm en M ann ein reicher“ (fit de paupere dives).39) Der einfache, un­ gebildete M ann (rusticus idiota), wurde um 1130 polemisch bemerkt, der nach der weißen Kutte greife, werde im Kloster „gleichsam zu einem Fürsten und H errn“ (quasiprinceps et dominator). Wer vorher nur den Rücken eines elenden Esels gedrückt habe, werde im Klo­ ster zu einem „R eiter großartiger Pferde“ (sessor magnanimorum equorum).40) Caesar von Heisterbach (um 1180-1240) nennt mit der ihm ei­ genen U nbeküm m ertheit handfeste Interessen, die den M önchsbe­ ruf vielen seiner Zeitgenossen als erstrebenswert erscheinen lassen. Viele (multi), schreibt er, ziehe die H offnung, von ihren physischen Gebrechen geheilt zu werden (medicina infirmitatis), in den O rden; sehr viele (plurimi) treibe nackte Arm ut (caminus paupertatis). Täg­ lich könne m an beobachten, wie ehedem reiche und ehrbare, nun­ m ehr aber verarm te R itter und Bürger aus schierer Not (cogente inopia) den M önchsberuf anstreben. Lieber wollten sie ex necessitate dem reichen G ott dienen, als unter Verwandten und Bekannten die 39) Schreiner, Z isterziensisches M ö n c h tu m (wie A nm . 19), 94. 40) Ebd. 123 A nm . 100.

22 Scham der Armut (egestatis confusio) ertragen. Er kenne auch ei­ nige, die, nachdem sie ihr Vermögen verpraßt hätten, ins Kloster ge­ kom men seien, um ihre N ot unter dem Schleier der Frömmigkeit zu verbergen (necessitatem pallio devotionis palliantes) oder aus der Not eine Tugend zu m achen (de ipsa necessitate virtutem facientes).41) G ilbert von T ournai kritisierte 1274 den zerrütteten Zustand der N onnen (status monialium corruptus) folgenderm aßen: Die zisterziensischen Frauenklöster würden „unter dem Deckmantel von Geld oder vornehm er A bstam m ung“ (obtentu pecuniae vel generis) Schwestern aufnehm en, die vornehm lich an zeitlichen Reichtümern (divitiae temporales) interessiert seien. Adlige würden ihre Töchter, die körperlich gebrechlich seien oder keinen M ann finden, des Le­ bensunterhaltes und der eigenen Entlastung wegen (propter sustentationem corporis vel exemptionem sollicitudinis) in die Klöster d rän ­ gen.42) Klosterreform er und klösterliche Reformbewegungen des 11. und beginnenden 12. Jahrhunderts hatten mit Energie und Leiden­ schaft für die „Freiheit des K losters“ (libertas monasterii) gekämpft, für eine Rechtsverfassung, die klösterliche G em einschaften vor laikaler Bevorm undung schützen sollte. Keiner hat jedoch schärfer er­ kannt als Bernhard von Clairvaux, daß Klosterfreiheit auch eine so­ ziale Dimension hat. Dem hl. Bernhard, der mit seiner asketischen Energie, dem Reichtum und der Tiefe seines theologischen D en­ kens, der Bildkraft seiner eindringlichen Sprache die Anfänge des Ordens maßgeblich prägte, komm t nicht zuletzt das Verdienst zu, den sozialen G ehalt m ittelalterlicher M önchsfreiheit auf klare Be­ griffe gebracht zu haben. Bernhard von Clairvaux hatte ein waches G espür für den sozialen Symbolwert von Verhaltensweisen, in de­ nen M önche öffentlich zeigen, was sie denken (aperte indicant, quid cogitent).43) Die M önche von Cluny pflegten öffentlich einen aristo­ kratischen Lebensstil, der unm ißverständlich zu erkennen gab, wie sie ihren Platz in der G esellschaft selber verstanden und von ande­ 41) C aesarius H eisterbacensis, D ialogus m ira cu lo ru m (wie A nm . 21), Vol. 1, 34. 42) C ollectio de scan d alis ecclesiae, in: A rchivum F ran ciscan u m H istoricum 24, 1931, 57. 43) S. B ernardi, E p isto la 42 (O pera. Ed. J. L eclercq et H. R ochais, Vol. V I I / 1.) R om ae 1974, 130. Vgl. auch ders., A pologia X. 26 (O pera, Vol. III.) Rom ae 1963, 102: exterior superfluitas interioris vanitcitis indicium est. M ollia in­ dum enta a nim i m ollitiem indicant.

23 ren verstanden wissen wollten. G esinnung und Verhalten, Innenund Außenwelt bildeten für Bernhard eine untrennbare Einheit. M önche, die Arm ut geloben, aber wie adlige Herren leben, verfehl­ ten seiner Ansicht nach ihren Beruf. Deshalb äußerte sich Bernhard kritisch über die in Cluny ge­ pflegte K ochkunst, deren delikate Produkte nicht nur den Gaumen (gustus), sondern auch den Anblick (aspectus) erfreuen. Deshalb w andte er sich gegen den in Cluny betriebenen Pferdeluxus, den fa stus equitandi. Reite der Abt von Cluny über Land, bemerkte Bern­ hard bissig, lasse er sich von über 60 Reitern begleiten. Ein solcher Troß erwecke den Eindruck, der Abt von Cluny und seine Mönche seien nicht Väter von Klöstern (patres monasteriorum) und Lenker von Seelen (rectores animarum), sondern Herren von Burgen und Provinzen (domini castellorum; principes provinciarum).44) Die kost­ spielige K losterarchitektur kom me einem Verrat an Armen und N otleidenden gleich.45) Pelze zu tragen, sei ein Indiz für Verweichli­ chung und abhanden gekom m ene W eltdistanz - ein Vorwurf, den Abt Petrus Venerabilis durch biblische Gegenbeispiele und unter Berufung auf den hl. Benedikt zu widerlegen suchte.46) Bernhard begründete eine kritische Tradition. Seine Einwände gegen den Lebensstil der Benediktiner sind im 13. Jahrhundert von neuem aufgegriffen und zur Geltung gebracht worden. In seiner 1274 abgefaßten Collectio de scandalis Ecclesiae m achte Gilbert von Tournai den schwarzen M önchen zum Vorwurf, daß sie sich an H ö­ fen herum treiben und als causidici weltliche Rechtsgeschäfte betrei­ ben. Er kritisierte, daß sie sich exquisit ernähren und kostbar klei­ den. Benediktineräbte w ürden sich ihren U ntertanen gegenüber wie Tyrannen gebärden. In ihrem Pferdeluxus (pompa equorum) sowie in ihren Dienst- und G ehorsam sforderungen ihren Dienern gegen­ über (in obsequiis fam ulorum ) würden sie weltlichen Fürsten nach­ eifern, „um nicht als Lenker von Seelen, sondern als Herren von Provinzen zu erscheinen“ .47) Guillelmus Peraldus (Peyraut) (f 1271), der gelehrte D om ini­ kanerprior von Lyon, hat in seiner Expositioprofessionis que est in re­

44) Ders., A pologia X I. 27 (O p era, Vol. III.) [wie A nm . 43], 103 f. 45) E bd. X II. 28, 104-106. 46) Vgl. Constable (E d.), T he L etters o f Peter the V enerable (wie A nm . 28), Vol. 1, 62-65. 47) C ollectio de scan d alis (wie A nm . 42), 51.

24 gula beati Benedicti (1259/60) von neuem auf Bernhard zurückge­ griffen, um deutlich zu m achen, daß dessen Kritik am A delsm önch­ tum seiner Zeit nichts an A ktualität eingebüßt habe.48) Er schrieb ein eigenes Kapitel, um darzulegen, wie in Klöstern „schlechte A d­ lige“ (mali nobiles) gegenüber „guten N ichtadligen“ (boni ignobiles), die sich durch Bildung und Tugendhaftigkeit auszeichnen, bevor­ zugt werden.49) Viele Äbte würden diejenigen, die durch eigene, selbsterworbene Tugend (propria virtus) etwas sind, verachten und jene verehren, die sich mit der Rechtschaffenheit anderer (aliena probitas) großtun. Guillelm us ist sich bewußt, daß G eblütsadel (nobilitas generis) und weltliche M acht (potencia secularis) gleicherm a­ ßen instrumenta boni et mali sein können. Ein Werkzeug zum G uten seien Adel und M acht aber nur dann, wenn sie sich mit Wissen und G üte verbinden. Für sich allein seien sie keine sufficiens racio, um Edelgeborene im Kloster zu bevorzugen. Erfahrung habe viele Äbte gelehrt, daß sich edelgeborene M önche der Züchtigungs- und Strafgewalt ihrer Oberen widersetzen. Die Privilegierung adliger A bstam ­ m ung habe Demut und G ehorsam aus den Klöstern vertrieben.50)

48) Staats- u n d S e m in a rb ib lio th ek E ichstätt, Hs. 364, f. 51r. G uillelm us Peraldus zitiert aus B ernhards A pologie X II. 28 (De picturis et sculpturis, auro et argento in m onasteriis) [O pera, Vol. III.] (wie A nm . 43), 105-106, lange Pas­ sagen. Seine K ritik am B auluxus u n d feu d alen L ebensstil der Ä bte b e g in n t P eraldus m it B ern h ard s b e rü h m ten Sätzen: O vanitas vanitatum , sed non vanior quam insaniorl Fulget ecclesia parietibus, et in pauperibus eget. Su o s lapides induit auro, et suos filio s nudos deserit. D e sum ptibus egenorum servitur oculis divitum . In seinen E rw ägungen De discrecione abbatis circa se et alios kritisiert er u n ter B erufung a u f Bernhard, A pologia X I. 27 (O pera, Vol. III.) [wie A nm . 43], 103, den R eit- u n d P ferdeluxus d e r Ä bte (f. 70v—7 1r). - Z u r Ü berlieferungsgeschichte des T rak tats vgl. Thom as Kaeppeli, S criptores O rdinis P ra e d ic ato ru m , Vd. II. R om ae 1975, 147-149, u. Volker H onem ann, E in B ücherverzeichnis aus d e r Z eit d e r K losterreform . D er T afelk atalo g von St. E gidien in N ü rn b e rg , in: M Jb 21, 1986, 250, N r. 37. 49) Staats- u n d S e m in a rb ib lio th ek E ich stätt, Hs. 364, f. 55v- 5 7 v. 50) E bd. f. 57v. - P eraldus b ra ch te ein G ru n d ü b e l k lösterlichen Z u sa m m e n le ­ bens zur S prache, das im m er w ieder a u f K ritik stieß. N ik o lau s V ener, der rechtsgelehrte M önch aus dem ehem aligen staufischen H a u sk lo ster L orch, hielt es zu A n fan g des 15. Ja h rh u n d e rts fü r einen re fo rm b e d ü rftig e n M iß ­ sta n d , d a ß die adlige A b stam m u n g von M ö nchen g em einhin die S trafgew alt von Ä bten beschränke. Ein M önch ad lig er A b k u n ft, d e r sich eines V erge­ hens schuldig gem acht u n d öffentliches Ä rgernis erregt habe, erw eise sich „w egen des vorgeschützten A dels“ (propter pretensam nobilitatem ) als u n v e r­ besserlich u n d u n stra fb a r (non est corrigibilis). M it R ücksicht a u f seine Ver-

25 Das m ittelalterliche M önchtum war ständig der Gefahr ausge­ setzt, durch Interessen, Erw artungen und W ertm aßstäbe des Adels vereinnahm t und instrum entalisiert zu werden. Erneuerung bedeu­ tete R ückgriff auf W erte, die aus der Um klam m erung des Adels be­ freiten. B ernhard von Clairvaux hatte Arbeit, Einsamkeit und frei­ willige Arm ut als die w ahren Ehrenzeichen der M önche bezeichnet, die das Leben im K loster adeln.51) M önche, die der Verführbarkeit adliger Lebensform en w iderstanden, brauchten sich von K ranken und H ungrigen nicht fragen zu lassen, ob denn das Gold am Zaum ­ zeug ihrer Pferde den H unger und D urst derer stille, die nackt und arm sind.52) M önche, die selber arbeiteten, konnten auf Herrschaft über andere verzichten. Bernhard und seine frühen W eggefährten waren der Überzeu­ gung, daß die A usübung von H errschaft (dominatio) adligen Laien zukom me, nicht M önchen, die beanspruchen, ein apostelgleiches Leben (vita apostolica) zu führen. H errschaftsausübung diskreditiere den Anspruch, arm denken und leben zu wollen. M önche sollten vom Ertrag ihrer eigenen H ände leben, wirtschaftlich autark sein und sich nicht mit Hilfe weltlicher H errschaftsrechte die Arbeit an­ derer (labor alienus) aneignen. U nter „eigener A rbeit“ (labor proprius, exercitium manuum proprium) verstanden Zisterziensermönche der G ründerzeit die Summe jener Arbeitsleistungen, die Mönche und Laienbrüder auf G rund ihrer Profession (professio), Lohnarbei­ ter (mercennarii) hingegen auf G rund einer vertraglichen Abma­ chung (pactum) in den klösterlichen W irtschaftsorganism us ein­ brachten. Als „frem de A rbeit“ wurden jene Leistungen charakteri­ siert, in denen sich die grund- und leibherrliche G ebundenheit ab­ hängiger Leute realisierte. Die Aneignung „frem der A rbeit“ vollzog sich im Rahm en von Herrschaft. Arbeit kraft eigener Anstrengung ermöglichte den Verzicht auf die W ahrnehm ung feudaler H erren­ rechte, verbürgte wirtschaftliche U nabhängigkeit und begründete eine bis in apostolische Zeit zurückreichende K ontinuität. Arbeit w an d tsc h aft k ö n n e d e r A bt, o hne fü r sich u n d sein K loster S chaden b e ­ fürch ten zu m üssen, n ich t die rechtlich geb o ten e B estrafung vornehm en. Vgl. dazu H erm ann Heim pel, D ie V ener von G m ü n d u n d S tra ß b u rg 1162-1447. G ö ttin g e n 1982, Bd. 2, 9 2 7 f.; Bd. 3, 1220-1222. 5I) B ernardi E pistola 42 (O p era, Vol. V II/1 .) [wie A nm . 43], 130: Labor et latebrae et voluntaria paupertas, haec su n t m onachorum insignia, haec vitam solent nobilitare m onasticam . 32) Ebd. 106.

26 wurde im zeitgeschichtlichen K ontext des 12. Jahrhunderts zum K ennzeichen und Prüfstein wahrer A postolizität.53) Labor proprius und labor alienus bildeten Trennungslinien zwischen H errschafts­ ständen, die das „B rot arbeitsfreien M üßigganges“ (panis otiosus) aßen, und m achtlosen religiösen G em einschaften, die in der N ach­ folge der Apostel für ihren Lebensunterhalt selbst aufkam en und deshalb auf die Aneignung frem der Arbeit verzichten konnten. H andarbeit war für die frühe Zisterziensergeneration nicht nur eine Frage größerer oder geringerer Verzichtbereitschaft. Arbeit bildete das Strukturprinzip von G em einschaften, die leben wollten, ohne sich andere zu unterwerfen. N ur M önchsgem einschaften, die durch ihren labor proprius ihren Lebensunterhalt selbst sicherten, konnten d arau f verzichten, sich mit Hilfe feudaler Herrschaftsm echanism en „frem de A rbeit“ (labor alienus) anzueignen. Bernhards U topie einer herrschaftsfreien Klosterverfassung scheiterte - sowohl am W iderstand der Laien als auch an der nach­ lassenden Fähigkeit seiner O rdensbrüder, asketische Bedarfsdekkung zum Prinzip ihres wirtschaftlichen H andelns zu machen. Die Art und Weise, wie die Zisterzienser ihr Laienbrüderw esen organi­ sierten, trug die aristokratische G liederung der weltlichen Ständege­ sellschaft in das Kloster selbst hinein. Der C hordienst blieb M ön­ chen Vorbehalten, die sich aus verm ögenden Oberschichten rekru­ tierten. H andarbeit wurde zur Sache der K onversen, die gemeinhin aus handw erklichen oder bäuerlichen Unterschichten kam en.54) In­ nerklösterliche Arbeitsteilung und außerklösterliche Ständetren­ nung überlagerten sich. Kult (opus Dei) und Arbeit (opus manuum) wurden von zwei Personengruppen verrichtet, die innerhalb des Klosters räumlich voneinander getrennt lebten, aus unterschiedli­ chen sozialen Schichten stam m ten und einen verschiedenartigen geistlichen Status besaßen. U nter den K onversen der Zisterzienser ist zwar m ancher Sohn eines Ritters oder m inisterialischen Edelm annes bezeugt, der als Meister einer G rangie den Tausch, K auf und Verkauf von Liegen­ schaften beurkundete, über laikale Diener und Lohnarbeiter gebot, au f dem städtischen M arkt Handels-, Kredit- und Exportgeschäfte tätigte. Einzelfälle widerlegen jedoch nicht generelle Tatsachen und Tendenzen, die in Ä ußerungen und Stellungnahm en von Zeitgenos­ sen immer wieder aufscheinen. 33) Schreiner, Z isterziensiches M ö n ch tu m (wie A nm . 19), 84 f. 54) Ebd. 98.

27 Einen homo rusticus, der in Clairvaux als Konverse eingetreten war, erinnerte Bernhard in seiner Todesstunde an die „W ohltaten G ottes“ , die ihm durch die A ufnahm e ins Kloster zuteil geworden seien. Ohne M antel und Schuhe, arm und halbnackt, von Kälte und Hunger geschlagen, sei er ins Kloster geflüchtet, wo er aufgrund sei­ ner inständigen Bitte schließlich aufgenom m en worden sei. In der Gem einschaft der M önche sei er sowohl im Essen als auch in der Gew andung den übrigen M itbrüdern und dam it auch „gebildeten und hochgeborenen M ännern“ (sapientibus atque magnatis veris) gleichgeachtet und gleichgestellt w orden.55) Das 1188 abgehaltene zisterziensische G eneralkapitel ordnete an, daß Adlige (nobiles laid), die sich entschließen, dem O rden bei­ zutreten, nur noch M önche, nicht m ehr Konversen werden sollen.56) Generell dürfte zutreffen, was H um bert de Romans (um 1200-1277) über die Zisterzienserkonversen schreibt: Conversi Cisterciensium frequenter veniunt de statu paupertatis ad hunc statum ut habeant sustentationem vite. H um bert beschreibt sie als Personen, die in ihren Familien „Schw arzbrot“ (panis niger) essen und ins Klo­ ster gehen, um dort „W eißbrot“ (panis albus) zu bekommen. Er be­ richtet von einem K onversen, der, als er am Tage seiner Aufnahme ins Kloster vom Abt gefragt wurde, was er im Kloster suche, zur Antw ort gab: „W eißbrot und das oft“ (Panem album et hoc frequen­ ter). Angesichts der Tatsache, daß viele Laienbrüder der Zisterzien­ ser vom Kloster „gutes Brot“ (panis bonus) erhoffen und erstreben, sollen sie unterwiesen werden, an erster Stelle (primo) das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit zu suchen. G ott dem Schöpfer soll­ ten sie danken, daß er ihnen in dem heiligen O rden nicht nur das

35) E x o rd iu m m agnum c. X IX (wie A nm . 17), 244. 56) Canivez, S tatuta I, 108. - E ine im Ja h re 1202 angefertigte Z u sam m en stel­ lung zisterziensischer S tatu ten w ied erh o lt diese B estim m ung: „P e rso n en a d ­ liger A b k u n ft“ (personae generosae) sollen n icht u n te r die K onversen, so n ­ d ern u n ter 'ie M önche au fg en o m m en w erden. D as w ird m it dem H inw eis b e g rü n d et, d a ß sich A dlige „im D ienst d e r M ö n c h e “ (in officio m onachorum ) dem K lo ster nü tzlich er erw eisen als „ b ei d e r A rbeit d e r K o n v e rse n “ (in labore conversorum). Vgl. B ernard Lucet, La c o d ifica tio n cistercienne 1202 et son ev olution ulterieure. (B ib lio th eca C isterciensis, 2.) R om 1964, 117. - Z ur K o n k re tisie ru n g dieses G ru n d satze s in d e r sp ätm ittelalterlich en Exem pelu n d E rb au u n g slitera tu r vgl. D ie F rag m en te d e r Libri V III M iracu lo ru m des C aesariu s von H eisterbach. Hrsg. v. A loys M eister. R om 1901, 195f.; Schrei­ ner, U n te rsu ch u n g e n (wie A nm . 23), 50 f. A nm . 238.

28 zum Leben N otw endige (necessaria vitae) gebe, sondern auch auf das Heil ihrer Seelen (salus animae) bedacht sei.57) Der zisterziensische rigor laboris sollte H errschaft über Land und Leute abbauen und entbehrlich machen. Der Preis hierfür war eine innerklösterliche Funktions- und Standestrennung von unver­ söhnlicher Härte. Eine O rdnung, die ab- und ausgrenzte, um ge­ meinsames Leben zu verhindern, erzeugte mit kaum aufzuhaltender Zwangsläufigkeit Konflikte. Aufstände arbeitender Konversen ge­ gen betende H errenm önche lähm ten das K räftepotential des kom ­ plexen Sozialgebildes Kloster. Zerm ürbende Zwietracht, die aus Klöstern Stätten des U nfriedens machte, erhöhte auf seiten der M önche die Bereitschaft, mit Hilfe grundherrschaftlich organisierter Erwerbs- und Besitzformen den klösterlichen N ahrungsbedarf zu si­ chern. Zisterzienseräbte des 12. Jahrhunderts geboten über Vasallen und abgabepflichtige Bauern, verfügten über zinsbringende M üh­ len, Kirchen und Altäre, weswegen ihnen Papst Alexander III. zum Vorwurf machte, sie seien ihren ursprünglichen Idealen untreu ge­ worden und hätten eine W andlung von rechts nach links, vom G u­ ten zum Schlechten, durchgem acht.58) Seit dem späten 12. Jahrhundert gingen mehr und m ehr Zister­ zienserklöster dazu über, von den Erw erbschancen des städtischen M arktes extensiven G ebrauch zu machen. Der M arkt gab Gelegen­ heit, Überschüsse aus der landw irtschaftlichen Produktion zu ver­ kaufen. M arkthandel schuf überdies Voraussetzungen dafür, sich in größerem Stil mit gewerblicher M anufaktur befassen zu können: dem Abbau und der Verhüttung von Erzen, der G ew innung von Salz, dem Betrieb von G lashütten und B ierbrauereien.59) Der M arkt 37) H um bertus [de R om anis], S erm ones a d diversos status. H a g en au 1508, f. b 3r-v. Z u r sozialen H e rk u n ft d e r Z isterzien ser-K o n v ersen vgl. au ch M ichael Toepfer, D ie K onversen d e r Z isterzienser. (B erliner H istorische S tudien, 10; O rd e n sstu d ie n , IV.) B erlin 1983, 37 f. D er Vf. sp rich t von „ M e n sch e n höchst un tersch ied lich en sozialen S ta n d e s“ , aus d e n en sich die Z iste rzie n se r-K o n ­ versen rekrutierten. E r rech n et dazu „M e n sch e n aus B auern- u n d H a n d ­ w erk erk reisen “ (S. 37), d e n en im K loster eine „ V erbesserung ih rer sozialen un d rechtlichen S tellung“ zuteil w urde, „ a b e r auch A ngehörige des A d els“ (S. 38). 5S) Jean Leclercq, Passage su p p rim e d a n s un e epitre d ’A lex an d re III., in: R B ened 62, 1952, 151. i9) W infried Schich, Z u r R olle des H a n d els in d e r W irtsch aft d e r Z isterzien ­ serklöster im n o rd ö stlic h e n M itte leu ro p a w ä h ren d d e r zw eiten H älfte des 12. u n d d e r ersten H älfte des 13. Ja h rh u n d e rts, in: Z isterzienser-S tudien IV. Ber-

29 verm ittelte disponibles Geld, das auf dem Weg der Pfandleihe ge­ w innbringend angelegt oder für den Erwerb ökonom isch nutzbarer H errenrechte auf dem Land verwendet werden konnte. Indiz für die wachsende M arktverflechtung einer Klosterwirtschaft, die nicht mehr der eigenen Bedarfsdeckung diente, sondern Überschüsse pro­ duzierte, ist der zisterziensische Stadthof. Kurzsichtig wäre es allerdings, wirtschaftliche Strukturverände­ rungen allein auf moralische Ursachen zurückführen zu wollen. Zu bedenken ist auch dies: Die ursprüngliche W irtschaftsverfassung der Zisterzienser lag ausgesprochen quer zu grundherrschaftlichen Nutzungs- und Erwerbsform en der m ittelalterlichen Agrargesell­ schaft. Insofern dokum entiert sich in der langfristigen Anpassung der Zisterzienser an weltliche Besitz- und H errschaftsform en nicht nur ein Verlust an W eltdistanz, sondern auch Einsicht in die Grenzen wirtschaftlicher M achbarkeit. An einer Agrarverfassung, für welche die V erbindung von Besitz und H errschaft grundlegend war, bra­ chen sich die von religiösen Im pulsen geprägten W irtschaftsprinzi­ pien der frühen Zisterzienser, die ihren Landbesitz selber bewirt­ schaften wollten, um nicht von der Arbeit anderer leben zu müssen. W irtschaftliche Existenzsicherung kraft eigener Arbeit, welche die Ausübung von H errschaft überflüssig gemacht hätte, ließ sich in einer terra inculta verwirklichen, in bevölkerungsarm en, w irtschaft­ lich noch unerschlossenen Randgebieten, nicht aber in altbesiedel­ ten K ulturlandschaften, die der wirtschaftlichen Gestaltungsfreiheit Grenzen zogen. In altbesiedelten Regionen m ußte Rücksicht ge­ nom m en werden auf vorgegebene Rechts- und H errschaftsverhält­ nisse, die sich gegen die K onstruktion einer herrschaftsfreien zisterziensischen Idealwelt sperrten. G üterzersplitterung in dichtbesiedel­ ten Landschaften erschwerte die Bildung zisterziensischer G roßhöfe mit zusam m enhängenden A nbauflächen. Den Zisterziensern geschenkter G rundbesitz war mit Herr­ schaftsberechtigungen, mit Abgaben und Fronpflichten abhängiger Bauern verbunden. Versuche, derartige G üterschenkungen in m obi­ les G rundeigentum zu verw andeln, das in einem Verbund geschlos­ sener Klosterhöfe von klostereigenen Laienbrüdern (conversi) und bezahlten Lohnarbeitern (mercennarii) bewirtschaftet werden lin 1979, 133-168; ders., D ie W irtsch aftstätig k eit der Z isterzienser im M ittel­ alter: H an d el u n d G ew erbe, in: Die Z isterzienser. O rd en sleb en zw ischen Id eal u n d W irklichkeit. Hrsg. v. K a sp a r Elm u. a. K öln 1980, 217-236.

30 konnte, scheiterte am W iderstand der Betroffenen. Die dem Geist der Regel w iderstreitenden Rechtstatsachen weckten die Bereit­ schaft zum K om prom iß, der als zunehm ende Feudalisierung zisterziensischer Lebens- und Erwerbsformen geschichtlich in Erschei­ nung trat. Der zunehm ende Abstand von Lebensprinzipien, wie sie die „U rkunde der Liebe“ (charta caritatis) festgeschrieben hatte, folgte nicht schicksalhaften Sachzwängen, die H andlungsalternativen aus­ schlossen. Das Bemühen, zwischen norm gerechtem Ideal und alltäg­ licher H andlungspragm atik einen Weg des Ausgleichs zu finden, hatte jedoch faktisch zur Folge, daß Zisterzienser in langfristigen Prozessen der A npassung Erwerbs- und H errschaftsform en der zeit­ genössischen Adelswelt übernahm en. Prozesse des Austausches und der Angleichung verm inderten, was die Eigenart der klösterlichen Sozialform eigentlich ausm achte: den A bstand zur Welt als Aus­ druck expliziter Christlichkeit. II. Existenzsicherung unter den Bedingungen der G rundherrschaft begünstigte die A usbildung von N orm en und Verhaltensweisen, die der standesspezifischen Bedürfnisstruktur des Adels Rechnung tru­ gen. An folgenden Sachverhalten möchte ich das Gemeinte verdeut­ lichen: am Fleischkonsum (1), am G ästedienst (2), am G ebrauch von Pferden (3) sowie an statuarisch und kirchenrechtlich verbrief­ ten Privilegien, von denen nur der Adel G ebrauch machen durfte (4). 1. Fleischverzehr diente in Klöstern des M ittelalters nicht allein der Stärkung der K ranken und der physischen Selbsterhaltung der Gesunden. N ahrungsm ittel besaßen einen sozialen Symbolwert. Was, wie und wieviel M önche aßen, zeigte gleicherm aßen soziale Orientierungen und geistig-sittliche Einstellungen. Mit Standesge­ nossen M ahl zu halten, war A usdruck sozialer Zusam m engehörig­ keit. D em onstrativer Konsum veranschaulichte Reichtum und Rang. Adels- und Fürstenspiegel des späten M ittelalters forderten adlige und mächtige Leute dazu auf, beim Essen und Trinken „ein H errlichkeit“ zu m achen „über andere Leute“ , au f daß „ihre W ür­ digkeit und E hre“ gelobt und gemehrt werde.60) 60) D o c to r keyserspergs [Johannes G eiler von K aysersberg] P ater noster. D es h ochgelerten w ürdigen p re d ic an te n d e r löblichen statt S traßburg. U ßlegung

31 Aber nicht alle Speisen steigerten adlige Ehre und Würde. Sich von Bohnen, dem Fleischersatz des armen M annes, zu ernähren, ziemte sich nicht für adlige Herren. In der Ecbasis cuius captivi, ei­ ner allegorischen Tierdichtung aus der ersten Hälfte des 11. Jahr­ hunderts, kann deshalb der hofhaltende W olf lauthals verkünden, daß es einem vornehm en M anne keine Ehre bereite, wenn er wie die arm en Leute Bohnen esse.61) „W ildbret und Fisch gehören auf der H erren Tisch“ , lautete ein spätm ittelalterliches Rechtssprichwort. Der hl. Benedikt hatte M önchen strikt verboten, Fleisch von vierbeinigen Tieren zu essen (Reg. 39,11). Fleischaskese charakteri­ sierte den Frieden des paradiesischen Urzustandes. Fleischgenuß hingegen galt als Indiz einer gestörten W eltordnung. Denn erst nach der Sintflut hatte G ott den N achfahren N oahs das Recht einge­ räum t, aus N ahrungsm angel Tiere töten zu dürfen. Fleischkonsum wurde als Zugeständnis an die sündige N atur des Menschen gedeu­ tet. Fleischverzicht entsprach dem ursprünglichen Schöpfungsplan Gottes. Wer kein Fleisch aß, durfte sicher sein, seinen Teil zur Wie­ derherstellung der paradiesischen O rdnung beizutragen. K losterreform er des 11. und 12. Jahrhunderts, die diesen Ge­ danken aufgriffen, machten Fleischverzicht und Fleischkonsum zu Gradm essern für Regeltreue und Regelvergessenheit. Entsprechend deutete die monastische K ontroversliteratur des 12. Jahrhunderts den Gegensatz zwischen kluniazensischen und zisterziensischen Re­ form benediktinern auch als Gegensatz zwischen unterschiedlichen Eßkulturen.62) Im Refektorium von Cluny wurde Fleisch aufge­ tischt, in Citeaux nicht. Bohnen ließen auf asketische Strenge schlie­ ßen. Fleisch, insbesondere das von gejagtem Wild und gefangenen

ü b er das gebette des h erren so w ir täglich sprechen. S traß b u rg 1515, f. J VIv : .. so geh ö rt es zü den o b e rn regenten / edlen vnd gew altigen / d a n n solche leut / m ögen wol ein herrlich eit m achen ü b er a n d e r leut in essen vnnd trin c k en o d er k leydern / a u ff das inen ire W ürdigkeit v n n d ere / gelobt vnd g em eret w erde / v n n d das d e r gew alt nitt veracht / verletzt o d er verschm ä­ het w erde / vnd das m an inen pflichtige reuerentz vnd ere e rb ü te “ . Vielsa­ g ende Beispiele für die K o n k re tisie ru n g dieses G ru n d satze s in der fürstli­ chen T afe lk u ltu r b rin g t F erdinand Siehert, D er M ensch um D reizeh n h u n d ert im Spiegel deu tsch er Q uellen. S tudien ü b er G eisteshaltung u n d G eistesent­ w icklung. Berlin 1931, 42 f. M) E cbasis cuius captivi p e r tro p o lo g ia m . Hrsg. v. K arl Strecker. (SS rer. germ , in us. schol., 24.) H a n n o v e r 1935, 9—11, V. 251—292. 62) Schreiner, Z isterziensisches M ön ch tu m (wie A nm . 19), 105-109.

32 Fischen, war Symbol der A npassung an Konsum gewohnheiten der weltlichen Herrenschicht. Die literarische K ontroverse brachte bemerkenswerte Blüten hervor. Gott, beteuerte allen Ernstes der französische Kanoniker, K reuzprediger und K ardinal Jakob von Vitry (1160/70-1240), werde am Ende der Zeit die wahren N achfolger des hl. Benedikt an ihrem M ageninhalt erkennen. Bei den Zisterziensern werde er näm ­ lich grossa et vilia cibaria, Bohnen und Gemüse, finden, bei den Be­ nediktinern hingegen delicata cibaria, insbesondere riesige Hechte und Salme.63) Benediktiner, die sich an der W ende vom 15. zum 16. Jahrhun­ dert über die m angelnde A ttraktivität ihres Ordens G edanken m ach­ ten, wiesen d arau f hin, daß gebildete und studierte M änner (viri docti et litterati) nur dann für den O rden zu gewinnen seien, wenn m an das M aß der ihnen abverlangten Askese nicht übertreibe und ihnen auch den G enuß von Fleisch gestatte.64) In Fragen der Askese gebe es G renzen der Zum utbarkeit, die der Orden beachten müsse, falls er an einem gebildeten, geistig aufgeschlossenen Nachwuchs interessiert sei. Vitale Lebensbedürfnisse und medizinische Auffas­ sungen mögen eine derartige Auffassung gefördert haben. Zeitge­ nössische Gesundheitsspiegel versicherten: grobe Speisen wie Boh­ nen und Erbsen würden „grobes und m elancholisches Blut“ hervor­ bringen und die Ruhe des Geistes und Gemütes (tranquillitas animi) stören. D elikate Speisen hingegen, wie z.B. Fleisch von Kälbern und Schafen, würden „gmeynlich ein besser, edler blut“ erzeugen als die groben und deshalb die „K om plexion“ , die M ischung der K örpersäfte, nicht durcheinander bringen.65) Menschen mit einer 63) D ie E xem pla aus den serm ones feriales et com m unes des Ja k o b von Vi­ try. Hrsg. v. Johannes Greven. H eidelberg 1914, 26 f. 64) Paulus Volk, D as A b stin e n zin d u lt von 1523 für die B en ed ik tin erk lö ster de r M ainz-B am berger Provinz, in: R B ened 40, 1928, 333-363, u. 41, 1929, 46-49, hier 3 5 4 f. 6:>) Geiler, Pater no ster (wie A nm . 60), f. J V Iv (u n ter B erufung a u f M arsilius Ficinus): „Z ü m ä n d e rn m al ist es k u n d tlic h v n d öffen tlich von den gelerten / o d e r d en en die a n d er leren v n n d obersten fürw eser seind geistlichen / das sy besser vnd köstlichen spysen vnd tra c h te n hab en m ö g en t / w eder sunst schlecht gm eyn volck. D a n n die bessern spyß v n n d trä n c k / geberen gm eyn­ lich ein besser edler b lü t d a n n die gro b en / d a r von auch d a n n k om m en / vil m er subtyler geist des lebens vnd d e r sinne / die vast d ien en zü scherpffe der vern u n fft /' v n d clügheit des Verstands / v n d güter vrteil der v e rstän tlic h eit / dartzü zü le b h a fftig k e y t/v n d erk ü ck u n g d e r sin n e “ .- Z u m Z u sa m m e n h an g zw ischen E rn äh ru n g u n d K o m p lex io n vgl. M eister S te p h an s S chachbuch.

33 gestörten Kom plexion seien zu geistiger A nstrengung und einem integren sittlichen Verhalten kaum in der Lage. Die Schlüssigkeit ei­ ner derartigen Logik leuchtete ein: Delikate Speisen machen feines Blut und feines Blut bürgt für Intelligenz. Fleischesser taten etwas für ihren Verstand, verstießen aber zugleich gegen eine klösterliche Norm. Angesichts veränderter Lebens- und K onsum ansprüche er­ wies sich genereller Fleischverzicht, wie ihn die Regel Benedikts forderte, als nicht m ehr annehm bar. Ein veränderter G esundheits­ begriff und vitale Überlebensinteressen des O rdens erforderten Zu­ geständnisse. 2. N orm bildend im Interesse ständischer Erw artungen wirkte überdies der G ästedienst. Gäste zu em pfangen, zu bewirten und zu beherbergen, verstand sich in dem Sozialgebilde Kloster, das Welt­ entsagung und W eltdistanz verlangte, nicht von selbst. Gäste vermit­ telten K ontakte zur Welt, störten den genau festgelegten Zeitrhyth­ mus und brachten in Bezirke geistlicher Stille Lärm und Unruhe. Andererseits entsprach G astfreundschaft einem biblischen Auftrag. Gäste freundlich aufzunehm en, gebot das Beispiel Abrahams. Nur wer Frem de und Pilger beherbergt, hatte Jesus gesagt, könne im Endgericht G nade und Rettung finden. Nach der Regel des hl. Benedikt sollte jedem ankom m enden Gast congruus honor (Reg. 53,2), angemessene Ehre, oder - wie spät­ mittelalterliche Übersetzer sagten - „ziemlich er“ erwiesen werden. Angemessene Ehrerweisung im Sinne Benedikts bestimmte sich aus theologischen W erthaltungen, nicht aus Rücksichten auf Erw artun­ gen der weltlichen Ständegesellschaft. Entsprechend sollte dem Ar­ men, der in seiner erniedrigten Existenz Christus näherkom m t als der Reiche und M ächtige, auch ein höheres M aß an Zuwendung, Hilfe und Aufm erksam keit zuteil w erden.66) Ein m itteln ied erd eu tsch es G e d ich t des vierzehnten Ja h rh u n d e rts. N o rd e n / Leipzig 1889, 90: „W il he [ackerm an] stan in d e r h eren loue / So schal he suluen eten d at groue / D a r van sin lif w ert wol g h e d ru ck e t / T o ho p e : vnde vil dicke ghestucket / D at he m oghe desto b a t / A rbeyt d riu en su n d e r h a t / Sinem heren schal he g heuen / D e leckeren richte, d a r se by leuen / M oghen. also em w ol to b o rt / D a t ere com plexee nich t w erde v o rsto rt / T o sere in d e r grouen spyse / W ente e iu m m e r in re ch ter wise / D en ck en m oten alle daghe / D at se des a ck e rm a n s claghe / R ichte vn d e bescherm en m ede / A lso is d e r eddelen lude se d e “ . Vgl. dazu R en a te M aria R a d b ru ch /G u sta v R adbruch, D er d eutsche B a u ern sta n d zw ischen M ittelalter u n d N euzeit. 2. Aufl. G ö ttin g en 1961, 42-44. 66) Vgl. dazu u n d zum F o lg e n d en Schreiner, U n te rsu ch u n g e n (wie A nm . 23), 28; ders., Z isterziensisches M ö n ch tu m (wie A nm . 19), 109-111; Thom as

34 Früh-, hoch- und spätm ittelalterliche Regelkom m entatoren m achten aus der „angem essenen E hre“ Benedikts einen ständischen H andlungsim perativ. Liebe, betonten sie, gebühre grundsätzlich al­ len M enschen, doch im Erweis äußerer Ehren sollen U nterschiede gem acht werden. Bei der A ufnahm e, Beherbergung und Bewirtung der Gäste solle auf deren ständische qualitas, ihre sozialen conditiones Rücksicht genom m en werden. Der Theorie entsprach die Praxis. In den hochm ittelalterlichen Reform zentren Cluny und Hirsau bestim mte nicht der christliche G leichheitsgedanke die Gestaltung des Gäste- und Hospitalwesens, sondern die Wert- und Sozialord­ nung der weltlichen Ständegesellschaft. Berittene Adlige sollten im Hospiz der Vornehm en U nterkunft finden, arme Leute hingegen, die zu Fuß oder mit einem Esel an der K losterpforte erschienen, im Hospiz der A rm en.67) Den Armen sollten beim Em pfang die Füße gewaschen werden. Standespersonen hatten Anspruch auf eine feierliche Prozession, weil sich ihr Selbstgefühl gegen den Ritus der Fußwaschung sträubte. Es widerspreche der Vernunft, argum entier­ ten M önche aus Cluny und Hirsau, einem Armen, der beim Essen nicht M aß halten kann, Gerichte aufzutischen, die nur für vor­ nehm e Leute passen, angesehene Gäste hingegen mit einem einfa­ chen Bohnengericht abzuspeisen. Die Zisterzienser haben die ständischen Konzessionen, die man in Cluny und Hirsau zu machen bereit war, erheblich zurückge­ schnitten. Ihre Statuten unterschieden nicht „zwischen zu Fuß und zu Pferd reisenden G ästen“ . Zwischen Prozessionslänge und Stan­ desqualität des zu em pfangenden Gastes haben die Zisterzienser keine Beziehungen hergestellt. Die Zisterzienser-Statuten machen auch keine Angaben darüber, ob und inwieweit die arm en und vor-

Schuler, U ngleiche G astlichkeit. D as karo lin g isch e B en ed ik tin erk lo ster, seine G äste u n d die c hristlich-m onastische N orm . Diss. B ielefeld 1979; clers., G astlich k eit in karo lin g isch en B en ed ik tin erk lö stern , in: G a stfreu n d sch a ft, T av ern e u n d G asth au s im M ittelalter. Hrsg. v. H a n s C o n ra d Peyer unt. M itarb. v. E lisabeth M üller-L uckner. (S chriften des H isto risch en K ollegs, 3.) M ü nchen 1983, 21-36. 6/) Z um G ästew esen früh- u n d h o c h m itte lalte rlic h er K löster, die deu tlich er­ k e n n b a r „zw ischen dem h o sp itale h o sp itu m o d e r n o b iliu m für vorn eh m e, beritten e G äste u n d dem hosp itale p a u p eru m fü r die A rm en u n d G äste zu F u ß “ un tersch ied en , vgl. dazu e ingehend n eu erd in g s H ans C onrad Peyer, Von der G a stfreu n d sch a ft zum G asthaus. Studien zur G a stlic h k eit im M ittel­ alter. (M G H Schriften, 31.) H a n n o v e r 1987, 119-132, hier 121.

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nehm en Gästen zu gew ährende Kost nach sozialen W ertm aßstäben zu differenzieren sei.68) Dennoch ist es auch den Zisterziensern langfristig nicht gelun­ gen, sich in der Praxis ihres Gästedienstes von Leitbildern und Er­ wartungen vornehm er und verm ögender Gäste freizuhalten. Das W ort „G ast“ (hospes) hatte auch bei ihnen einen besseren sozialen Klang als die Bezeichnung „A rm er“ (pauper)?9) Auch bei ihnen blieb der sog. Gast vom Armen sozial abgehoben. Armen wurde Barmherzigkeit zuteil, nicht Ehre erwiesen. Spätm ittelalterliche Z i­ sterzienserklöster haben - in deutlicher Angleichung an das benediktinische sowie an das kirchliche und stadtbürgerliche Spitalwe­ sen - in der Regel zwei Spitäler eingerichtet, eines für die Armen und eines für die Vornehmen und Vermögenden. Auffallend bleibt jedoch, daß die ständische Zweiteilung des zisterziensischen H ospi­ talwesens nie durch entsprechende O rdensstatuten bewilligt und ge­ rechtfertigt worden ist. Die Zweiteilung bestand faktisch, wohinge­ gen in offiziellen Zisterzienserstatuten nur von einem Hospital, dem hospitium pauperum, die Rede ist.70) Bereits im ausgehenden 12. Jahrhundert nahm en studierte M a­ gister daran A nstoß, daß sie als Gäste der Zisterzienser mit Linsen und viertrangigem Brot (panis quartus) abgefertigt worden seien, in­ des einem verm ögenden Edelm ann der Abt höchstpersönlich Käse und Fische gereicht habe. Das sogenannte „vierte Brot“ (panis quar­ tus), das hier zum K riterium gem inderter W ertschätzung gemacht wird, bezieht sich auf die niedrigste von vier Brotsorten, die in engli­ schen Zisterzienserklöstern gebacken wurden. Es wurde auch „K nechtsbrot“ (panis fam iliae) genannt und bestand aus einer Mi­ schung von Roggen, Gerste, Bohnen, Erbsen und W icken, w ährend

68) Schreiner, Z isterziensisches M ö n c h tu m (w ie A nm . 19), 110. 69) E bd. - So auch no ch in d e r klösterlich en G ä ste p ra x is des sp äten M ittelal­ ters. Z u den „ G ä s te n “ (hospites) z äh lten - e n tsp rec h en d den von A bt K a sp a r A y n d o rffe r (1426-1461) in T egernsee ein g efü h rten G e w o h n h e ite n - Fürsten (principes), A dlige (nobiles), R itte r (milites), B ischöfe (episcopi), Ä bte (abbates) u n d K a n o n ik e r von K a th e d ra lk irc h e n (canonici ecclesiarum cathedralium). Im R efek to riu m sollte ih n en der A bt einen Platz zuw eisen secundum condicionespersonarum et munera eorum et decentiam congruentem; Joachim Angerer, D ie B räuche d e r A btei T egernsee u n te r A bt K a sp a r A y n dorffer (1426-1461), v e rb u n d en m it ein er tex tk ritisc h en E d itio n d e r C o n su etu d in es T egernseenses, in: StM ittO S B E rgbd. 18, 1968, 302. 70) Schreiner, Z isterziensisches M ö n ch tu m (wie A nm . 19), 110 f.

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das erstklassige ,,K onventsbrot“ (panis conventualis) aus reinem Weizenmehl hergestellt und deshalb „W eißbrot“ (panis albus) ge­ nannt wurde.71) Gilbert von Tournai m achte 1274 den Zisterziensern zum Vor­ wurf, sie würden Armen (pauperes), denen sie G astfreundschaft ge­ w ährten, „verdorbene Speisen“ (corrupta cibaria) vorsetzen, die in sehr vielen Fällen nachweislich zum Tod geführt hätten. Daß vergif­ tete N ahrungsm ittel tödlich wirken, brauche nicht zu verwundern. Insofern sei es angemessener, die hospitalitas der Zisterzienser als hostilitas zu bezeichnen. N ur reichen Leuten (divites) würden die Zi­ sterzienser „K östlichkeiten aus dem Schatz des G ekreuzigten“ (deliciae de patrim onio Crucifixi) auftischen.72) Was den klösterlichen Fleischkonsum überdies förderte und le­ gitimierte, war der Gästedienst. Zisterzienser haben sich - wie auch die Benediktiner - im spaten M ittelalter durch päpstliche Privile­ gien das Recht verbriefen lassen, „ehrbaren, gelehrten, adligen und fürstlichen G ästen“ , die dem Kloster zum Nutzen und dem Orden zur Ehre gereichten, am Tisch des Abtes Fleisch reichen zu dürfen. Derartige Privilegien steigerten nicht die Askesebereitschaft der M önche, sondern trugen dazu bei, auch dem K onvent in legaler Form Fleischgenuß zu ermöglichen. Durfte Gästen Fleisch gereicht werden, fühlten sich Äbte berechtigt, auch M itglieder ihrer K on­ vente als Gäste an ihren Tisch zu laden und sie mit Fleisch zu verkö­ stigen. Asketische Lasten konnten mit Hilfe gesetzeskonformer Ka­ suistik erleichtert werden. In englischen Zisterzienserklöstern wurde der Raum , in dem Zisterzienserm önche als Gäste des Abtes Fleisch essen durften, misericordia, „Speisesaal der Barm herzigkeit“ , ge­ nannt.73) 71) Ebd. 111. 72) C ollectio de sc a n d alis (wie A nm . 42), 54 f. 73) M it misericordia k o n n te sow ohl das Fleischgericht selbst als auch d e r R aum , in dem die F leischspeise ein g en o m m en w urde, b ezeichnet w erden. Zu misericordia als B ezeichnung fü r das Fleischgericht vgl. Dom D avid Knowles, T he M onastic O rd e r in E n g lan d . A H istory o f Its D ev elo p m en t from th e T im es o f St D u n sta n to the F o u rth L ateran C ouncil 940-1216. 2nd Ed. C am b rid g e 1963, 461 A nm . 6, 464. Z u r m isericordia als eigener R aum vgl. Edm und Bishop, T he M e th o d a n d D egree o f F asting a n d A b stin en ce o f the B lack M onks in E n g lan d b e fo re the R e fo rm a tio n , in: D ow nside Rev. 43, 1925, 194 (“ m iserico rd ia n e a r the re fe c to ry ” ); R. H. Snape, E nglish M o n a s­ tic F in an ces in the L ater M id d le Ages. C a m b rid g e 1926, 156f.: “ W illiam de C o lern e, A b b o t o f M alm esbury, ... allow ed [1293] a certain n u m b er to dine,

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Jakob von Vitry berichtete von M önchen, die vorgaben, nur das Fleisch gejagter Tiere essen zu dürfen. M önche, die sich an eine derartige G ew ohnheit gebunden fühlten, hätten deshalb ihre Schweine mit Jagdhunden durch den K losterhof gejagt, um sie dann ,,in Jägerm anier“ (in modum venationis) wie erlegtes Wild abzuste­ chen.74) Historisch beweisbar ist die Geschichte nicht. Kurzweilig und belehrend ist sie allemal. Buchstaben- und Gesetzestreue, wollte Jakob von Vitry sagen, ist kein Ersatz für asketische Gesinnung. Auch durch buchstabengerechten Gesetzeskonformismus kann ge­ gen N orm en der Regel verstoßen werden. 3. Den sozialen Symbolwert praktischer Verhaltensweisen be­ weist darüber hinaus der G ebrauch von Pferden. Reformmönche des hohen M ittelalters wollten arm dem arm en, nackt dem nackten Christus nachfolgen. Sich eines Esels zu bedienen, entsprach der humilitas, der Demut und N iedrigkeit Christi. Fußgänger folgten dem Vorbild der Apostel. Das Pferd hingegen strahlte dignitas, ehrfurcht­ gebietende W ürde aus. M ittelalterliche Sozialtheoretiker teilten die Gesellschaft in Reiter und Fußgänger ein, um bildhaft und wirklich­ keitsnah gehobene und niedrige soziale Positionen gegeneinander abzugrenzen. Zisterzienserstatuten des 13. Jahrhunderts konzedierten den G ebrauch von Pferden nur in dringenden Not- und A usnahm esitua­ tionen. Um vom O rden den „A bglanz weltlicher G ew ohnheiten“ fernzuhalten, faßte 1233 das G eneralkapitel den Beschluß, daß rei­ tende M önche und Äbte „keinesfalls aufsehenerregende Sättel, mit bunten Blechblättchen verziertes oder mit Eisenblech beschlagenes Zaumzeug, eiserne Steigbügel oder außergew öhnlichen Brust­ schmuck für die R eitpferde“ verwenden durften. Kostbare Pferde­ decken, Sättel und Sporen werteten reform bew ußte Zisterzienser als „Zeichen des Prunkes und der N ichtigkeit“ (signa pom positatis et vanitatis), nicht als „Zeichen der Arm ut und D em ut“ (signa paupertatis et humilitatis).15) Was sich für ritterliche „K nappen und Jun-

n o t in the refectory, but in a special ch am b er called the ,m iseric o rd ’ w here m eat w as a llo w e d ” . Z um dom us misericordiarum vgl. Bishop, M ethod and D egree, 206, 234. 74) T he E x em pla o r Illu strativ e Stories from the serm ones vulgares o f Ja c ­ ques de Vitry. Ed. by Thomas Frederick Crane. L o n d o n 1890, 116; F reu n d li­ c h er H inw eis von H errn K ollegen D ietrich K urze, Berlin. 75) Schreiner, Z isterziensisches M ön ch tu m (wie A nm . 19), 112f.

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ker“ (tyrones aut domicelli) zieme, passe nicht zum O rdensideal der Zisterzienser. D eutlicher konnte der soziale Symbolwert, der sich mit dem Reiten au f Pferden verband, nicht beschrieben, schärfer nicht kritisiert werden. Ein zisterziensischer Anonymus (um 1200) m achte das Reiten seiner M itbürger zu einem Indiz für den im Orden ständig wachsen­ den carnalis effectus sowie den sichtlich nachlassenden fervor spiritus. Jeden Tag, an dem Zisterzienser nicht arbeiten, sondern reiten, würden sie als Gewinn erachten.76) H erm ann von Tournai (um 1090-um 1147) hatte Präm onstratenserm önche kritisiert, die vor ih­ rem Eintritt ins Kloster nur arm e Bauern gewesen waren, im O r­ densgewand aber mit stolzem, geschwellten N acken (fastuose) übers Land ritten.77) Äbte und M önche, die sich in den Sattel eines Pferdes hoben, hielten es mit den R epräsentationsform en der weltlichen A ristokra­ tie: Sie folgten nicht biblischen Vorbildern, sondern m achten sich G epflogenheiten des zeitgenössischen H errenstandes zu eigen. Äbte des hohen und späten M ittelalters, die auf Pferden ritten, dachten nicht m ehr an den Esel des Propheten Bileam, der zuerst das Antlitz Jahwes erblickt hatte, nicht m ehr an den Esel, der im Stall von Bethlehem das Jesuskind mit seinem Atem gewärmt, M aria nach Ägypten und Jesus nach Jerusalem getragen hatte. Die Frommen Is­ raels haben Pferde als K am pftiere ihrer Gegner und U nterdrücker wahrgenom men. Sie waren Symbole für Gewalt, Unfreiheit und Überheblichkeit. Der Psalmist konnte deshalb sagen: Der Herr, der die G ebeugten aufrichtet und die Frevler erniedrigt, „hat keine Freude an der K raft des Pferdes“ (Ps. 147, 10). Jesaias verfluchte jene, die ihre H offnung auf Pferde und Kriegswagen setzten (Jes. 31, 3). Das von dem Propheten ersehnte und von Jahwe verheißene Friedensreich zeichnet sich nicht zuletzt dadurch aus, daß in ihm das Volk Gottes Rinder und Esel frei laufen lassen kann (Jes. 32, 20). Der Esel war keine abschätzige Sozialm etapher: Er galt als Zei­ chen des Friedens. Von dem kom m enden Friedenskönig, der ge­ recht ist und hilft, wurde geweissagt: „er ist demütig und reitet auf 76) Brian Patrick McGuire, T he C istercians a n d the Rise o f the E xem plum in E arly T h irte en th C en tu ry F ra n c e: A R e ev alu atio n o f Paris B N MS lat 15912, in : C M 33, 1981/82, 249: pro lucro sibipon en s diem in qua non lab o ra t[o rd o ] sed equitcit. ” ) H e rim a n n u s T ornacensis, D e m iraculis S. M ariae L audunensis. (M G H SS, 12.) 659.

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einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin“ (Zach. 9, 9 f.). Das Pferd des Abtes entbehrte biblischer Rechtfertigung. Es stellte gleichfalls einen A ntipoden zum Esel des volksfrommen „Eselsfestes“ am Tag der „U nschuldigen K inder“ dar, bei dem der Esel als Symbol der Demütigen, Schwachen und Einfältigen zu li­ turgischen Ehren kam. In spätm ittelalterlichen K löstern, deren ökonomische, rechtli­ che und sittliche Verfaßtheit gemeinsames Leben erschwerte, bilde­ ten Pferdeluxus und Fleischkonsum Erscheinungsformen innerklö­ sterlicher Entfrem dung. Zisterzienserm önche aus Heilsbronn, die sich mit ihrem Abt überw orfen hatten, nannten als Ursache des Zwi­ stes: Die M önche müssen Bohnen essen, der Abt ißt Fleisch. M ön­ che gehen zu Fuß, der Abt reitet au f einem prachtvollen Pferd.'8) Das spielte sich in einem K onvent ab, in dem Abt und Mönche bür­ gerlichen Schichten entstam m ten. Trotz ihrer gemeinsamen bürgerli­ chen H erkunft bedienten sie sich adliger Verhaltensformen und Konsum gew ohnheiten, um auszudrücken, welchen sozialen Rang sie beanspruchten. Pferdeluxus und der G enuß von Wild, Geflügel und delikatem , mit exquisiten Gewürzen zubereitetem Fleisch wa­ ren in w irtschaftlich florierenden Benediktiner- und Zisterzienser­ konventen des späten M ittelalters nicht mehr eine Frage sozialer Zugehörigkeit, sondern Ausdruck einer Lebensform, in die aristo­ kratische Lebensm uster Eingang gefunden hatten, um einen dem ei­ genen sozialen A nspruchsniveau gem äßen Lebensstil zu pflegen. 4. Davon abzuheben sind ausdrücklich verbriefte Vorrechte, die nur M önchen adliger A bkunft zugedacht waren und auf ihre Weise die norm bildende Kraft adliger Interessen veranschaulichen. Der hl. Benedikt hatte in seiner Regel unter Berufung auf die A po­ stelgeschichte und die Regel Augustins angeordnet, daß auf die ver­ schiedenartigen Bedürfnisse der M önche Rücksicht genommen wer­ den solle (Reg. 34). Spätm ittelalterliche Regelausleger, die diese Stelle unter Verwendung der Expositio regulae beati Augustini des Hum bertus de Rom anis deuteten, kam en zu dem Schluß, daß einem M önch, der in der Welt reich (dives) und adlig (nobilis) war oder dem Kloster große Schenkungen gemacht hatte, auch mehr zu sei­ nem Lebensunterhalt gegeben werden durfte. Dies m ußte allerdings mit M aßen geschehen und einem konkreten persönlichen Bedürfnis entsprechen (quando f it cum moderamine, f it secundum indigentiam 78) Schreiner, Z isterziensisches M ö n ch tu m (w ie A nm . 19), 114.

40 non naturae se d personae); es durfte auch nicht erfolgen mit Rück­ sicht auf die Ehre, die aus Schenkungen herrührt, und wegen des Ansehens der Person.79) W urde der bestehende Auslegungs- und Anw endungsspielraum im Interesse des Adels genutzt, konnte es ge­ rechtfertigt erscheinen, M önchen adliger H erkunft ausdrücklich das Recht zu verbriefen, Fleisch zu essen, an Stelle von W ollhemden Leinenhem den zu tragen und nicht auf Stroh schlafen zu müssen, sondern in Federbetten nächtigen zu dürfen.80) Noch genauer ist die norm bildende Kraft adliger Interessen an der kirchlichen D ispenstheorie des späten M ittelalters abzulesen. Sym ptom atisch hierfür ist der von dem berühm ten italienischen Rechtslehrer Baldus de Ubaldis (1327-1400) verfochtene G rundsatz über die zeitlich befristete Auflösbarkeit des mönchischen Keusch­ heitsgelübdes. Der Papst, behauptete er, könne, wenn ein adliges Geschlecht auszusterben drohe, kraft seiner Gewaltenfülle einem adligen M önch erlauben, eine Frau auf Zeit (mulier a d tempus) zu nehm en, und zwar bis zur Zeugung eines Nachkom m ens (usque a d procreationem sobolis j.81) M önchen bürgerlicher H erkunft wurde dieses Recht nicht eingeräum t. Der Fortbestand ihrer Familien war nicht von derselben Dringlichkeit. Wie kam Baldus au f diesen G edanken, den Klosterreform er des 11. und 12. Jahrhunderts als platte Irrlehre verworfen hatten? Er hätte sich auf den M önch Niccolö (f nach 1179) aus dem veneziani­ schen Stadtadelsgeschlecht der G iustiniani berufen können, der zur „H eilung der N achkom m enschaft seiner Fam ilie“ (ad reparandam sobolem suae gentis) eine Ehe auf Zeit geführt hatte.82) Er hätte Kon-

79) So Jo h a n n e s von K astl in seinem R e g elk o m m e n ta r (M ü n c h en BSB, Clm. 18153, f. 108r) u n te r a u sd rü ck lich e r B erufung a u f den K o m m en ta r des H u m ­ b e rto s de R o m an is zur A ugustinusregel. Vgl. Hum bertus de Rom anis, Expositio R egulae beati A ugustini. (O pera, Vol. I.) M arietti 1956, 99 f. 80) Joseph Klapper, D er E rfu rte r K a rtäu se r Jo h a n n e s H agen. Bd. 2. Leipzig 1961, 55. 81) Baldus Perusinus, T om us p rim us in digestum vetus. L ugduni 1549, f. 40r : Papa de eius potestate p o test facere quod m atrim onium duret a d tem pus ... Item nota quod papa de plenitudine potestatis potest facere quod matrimonium duret a d tempus. Puta quod monachus possit habere uxorem usque a d procrea­ tionem sobolis ne fo rte stirps nobilis deficiat sine herede. s2) De B. L au ren tio Iu stin ia n o , p rim o p a tria rc h o V eneto, au cto re B ernardo lu stin ia n o , in: A cta S an cto ru m , Jan . Tom . I. Parisiis 1863, 552. Papst A lex­ a n d e r III. soll ihn vom vinculum religionis disp en siert h a b en , d a seine drei B rüder bei einem Feldzug gegen K o n sta n tin o p e l das L eben verloren hatten.

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stanze, die Tochter Rogers II. von Sizilien anführen können, die, ehe sie mit H einrich VI., dem Sohn Friedrich Barbarossas, vermählt wurde, „N o n n e in der Stadt Palerm o“ (monacha in civitate Panorm itana) gewesen sein soll.83) Baldus zitierte keine historischen Bei­ spiele, sondern knüpfte an eine breite kirchenrechtliche Diskussion an 84), um sein ungewöhnliches Votum juristisch abzusichern. Wenn kirchliche Rechtslehrer des späten M ittelalters über die Dispensierbarkeit des von M önchen abgelegten Keuschheitsgelüb­ des diskutierten, verwiesen sie gemeinhin auf einen König von K a­ stilien (rex castelle), von dem sie annahm en, er sei durch den Papst vom G elübde der Keuschheit befreit worden, um die dynastische K ontinuität des kastilisch-aragonesischen Königshauses zu retten.85) G em eint war der aragonesische M önchskönig Ram iro II., der von 1134 bis 1137 das Königreich Aragon regierte und wieder ins Kloster zurückkehrte, nachdem er eine N achfahrin gezeugt hatte, die, noch nicht einmal zwei Jahre alt, mit einem G rafen von Barce­ lona verm ählt w urde.86) Ob der Wahl Ram iros zum König von A ra­ gon eine förmliche E ntbindung von seinem Keuschheitsgelübde

N a ch d e m er neu n N a ch k o m m en gezeugt h atte, sei er, G o tt D a n k sagend u n d ein g ed en k seines M önchsgelübdes, w ieder ins K loster zurückgekehrt. A n n a, seine ehem alige F rau, habe sich d a n a c h gleichfalls für die klösterliche L ebensform en tsch ied en u n d sei N o n n e gew orden. Die b eid en n u n m e h r im O rd e n ssta n d leb e n d en E h eleute h ä tte n zahlreiche W u n d er gew irkt. N och heute k ö n n e m an „zum Z eugnis ih rer H eiligkeit“ (in testimonium sanctitatis) ihre B ilder im K lo ster St. N ik o lau s betrach ten . A us ih rer E h ev erb in d u n g sei eine sanctitatis propago h e rvorgegangen, w elcher auch L aurentius Iustinianus (1381-1456), d e r erste P a tria rch von V enedig, entstam m te. D er A utor d e r Vita, B ern ard o Ju stin ian i, verw eist zur G la u b w ü rd ig k eit des V organgs a u f die m onacha Constantia, eine T o ch ter K önig W ilhelm s von Sizilien, der P apst A lex an d er gleichfalls die Ehe gestattet habe, d a m it sie sich m it H ein ­ rich VI., ein S ohn F ried rich B arb aro ssas, verehelichen konnte. 83) Thomas Curtis van Cleve, T he E m p e ro r F rederick II o f H ohenstaufen. Im ­ m u ta to r m undi. O x ford 1972, 15. 84) Vgl. dazu R u d o lf Weigand, Z u r Lehre von d e r D ispensm öglichkeit des G elü b d es in den P ö n iten tialsu m m en , in : A rchiv für katholisches K irch en ­ recht 147, 1978, 7-34. 85) Ebd. 23. 86) Vgl. Johannes Fried, D er pä p stlic h e Schutz für L aienfürsten. D ie p o liti­ sche G eschichte des p ä p stlic h en S chutzprivilegs für Laien (11.-13. Jh.). H ei­ d elberg 1980, 186-189. - Ü b er die histo risch en U m stä n d e u n d die k irch e n ­ rechtliche P roblem atik des Falles R am iro bereite ich eine eigene Studie vor.

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durch den Papst vorausging, bleibt historisch ungewiß. Tatsache ist jedoch, daß spätm ittelalterliche K anonisten von der Existenz einer vom Papst erteilten Dispens überzeugt waren. Folgerichtig machten sie Ram iro zum historisch beweiskräftigen Exempel dafür, daß der Papst selbst von feierlich gelobter Ehelosigkeit entbinden könne. Keuschheit sei zwar ein substantiate des M önchsstandes und gehöre wesensmäßig (essentialiter) zu einem Mönch. Der Papst könne aber kraft seiner Gewaltenfülle (plenitudo potestatis) von der Verpflich­ tung der Keuschheit befreien, wenn ein höheres G ut der Allgemein­ heit das erforderlich m ache - die Sicherung des Friedens, die Bekeh­ rung eines Volkes zum wahren G lauben, Schutz und Schirm für die Christenheit, der Fortbestand einer Königsdynastie. „W enn z.B. jen e“ , hatte Papst Innozenz IV. gesagt, „welche ein Königreich ver­ geben können, sagen, daß ein M önch dieses nur dann erhalten könne, wenn er die Königin zur Frau nehmen würde, andernfalls würde sie einem ungläubigen Tyrannen angetraut - wer könnte Gott für so unbarm herzig halten, daß er nicht wollte, daß durch seinen Vicarius für die C hristenheit Sorge getragen w erde?“ 87) Gehe es um die „E rhaltung geistlicher und weltlicher G üter der Allgemeinheit“ , müsse ein M önch „a u f die Vollendung seines Ich durch eigene As­ kese verzichten“ und die communis utilitas seiner utilitas privata vor­ ziehen.88) Daß ein M önch königlicher A bstam m ung König werden und N achkom m enschaft zeugen kann, darüber bestand weitestgehend Einhelligkeit. Langfristig fand auch das Argum ent landesfürstlicher Dynastiesicherung Zustimmung. Baldus veränderte eine nicht unum strittene kirchenrechtliche N orm zugunsten des Adels. Die durch einen erbfähigen N achkom ­ men gesicherte Fortdauer adliger H errschaft wurzelte seiner A uffas­ sung nach in allgem einen Interessen. Das G elübde der Keuschheit betrachtete er als Sache des Individuum s. Im W iderstreit zwischen privaten Verpflichtungen und öffentlichen Interessen sollte so ent­ schieden werden, daß den Bedürfnissen und Belangen der Allge­ meinheit Rechnung getragen würde. Aus diesen Erwägungen zog 87) Ludwig Buisson, Potestas u n d C aritas. D ie p äp stlich e G ew alt im S p ä tm it­ telalter. K ö ln /G ra z 1958, 79 f. 8S) E bd. 80 - Vgl. dazu auch Baldus, In digestum vetus (wie A nm . 81), f. 36v : N ota argumentum quod m agis est studendum generationi quam ingressui religionis. Et ideo si filius regis unicus ingreditur monasterium peccat et non meretur, sed papa potest dispensare ne regnum pereat.

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Baldus K onsequenzen im Interesse des Adels: Die salus publica ge­ biete nicht nur die K ontinuität einer Königsdynastie, sondern auch den Fortbestand adliger Familien. Baldus, der selbst einem begüter­ ten, adligen Geschlecht aus Perugia entstam m te, war der erste, der auch die Fortpflanzung einer vom Aussterben bedrohten Adelsfami­ lie für ein wichtigeres G ut hielt als feierlich gelobte Keuschheit.89) Klösterliche N orm bildung im Interesse des Adels läßt Klöster des M ittelalters nicht als gesellschaftsunabhängige, weltentrückte Heiligtüm er des reinen Geistes, als sacraria mentis, erscheinen, son­ dern als Teilbereiche einer Gesellschaft, von deren Führungsschich­ ten O rientierungen, Erw artungen und Zwänge ausgehen. Was M önchtum im M ittelalter eigentlich war, bestim mte sich nicht zu­ letzt aus der Art und Weise, wie M önchsgem einschaften auf die von adligen G ruppen ausgehenden H erausforderungen reagierten. Am Beispiel des Verhältnisses zwischen Adel und Klosterreform im 15. Jahrhundert sollen daher Reichweite und Grenzen von H andlungs­ m öglichkeiten ins Blickfeld gerückt werden, die Reformer und reform erische Bewegungen im Interesse der Reform ergreifen und nutzen konnten. III. Benediktinische Reform theologen des 15. Jahrhunderts unter­ nahm en erhebliche A nstrengungen, das kom plexe Beziehungsver­ hältnis zwischen K loster und adliger Umwelt so zu gestalten, daß der Abstand zwischen Norm und Praxis verringert, im Idealfall vollständig abgebaut wurde. Sie beharrten auf der Unvereinbarkeit von geistlicher Berufung und sozialem Privileg. Ihr Adelsbegriff, der Ehrbarkeit (honorabilitas) nicht von ererbten G eburtsqualitäten, sondern ausschließlich von geistigen Fähigkeiten und sittlichen Ei­ genschaften abhängig m achte, sperrte sich gegen die Um wandlung geistlicher G em einschaften in K örperschaften des Adels. Benedikti­ nerklöster, die sich zu „H ospitälern des Adels“ (xenodochia nobilitatis) entwickelt hatten, hielten sie für regelwidrige Institutionen. Zwi­ schen Geistes- und Geblütsadel Zusam m enhänge wechselseitiger Bedingtheit herzustellen, lehnten sie kategorisch ab. Urkundlich ver­ briefte Stiftungszwecke, die es adligen M önchen angeblich erlaub-

89) A ndreas Tiraquellus, C o m m e n tarii de n o bilitate. Parisiis 1559, 178, N r. 1860.

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ten, sich gegen nichtadlige Bewerber abzugrenzen, wollten sie nicht gelten lassen. Adlige Ausschließlichkeit verwarfen sie als schlechte, verderbliche Gewohnheit. Der B enediktinerprior Johannes von Kastl ( t nach 1426) erin­ nerte an rechtlich-soziale N otw endigkeiten, um plausibel zu m a­ chen, wie die Entstehung von ausschließlich dem Adel vorbehalte­ nen Klöstern zu erklären sei. Verlangen nach dem „Schutz zeitlicher G üter“ (temporalium bonorum defensio), schrieb er in seinem um 1400 abgefaßten K om m entar zur Benediktregel, habe M önchsge­ m einschaften veranlaßt und verführt, Bewerbern adliger Abkunft (nobiles) den Vorzug vor anderen zu geben. D urch Erfahrung klug geworden, hätten M önche gelernt, wie trügerisch und unrealistisch eine solche H offnung sei. Nicht Schutz, sondern widerrechtliche Aneignung kennzeichnet das Verhalten, das Adlige gegenüber K lö­ stern gemeinhin an den Tag legen. Die Sippschaft adliger M önche würde Klöster nicht weniger belästigen, als das wirkliche Feinde zu tun vermögen. „Ihre V erw andten“ , bem erkte Johannes von Kastl mit polemischem Sarkasmus, „verhalten sich näm lich wie M äuse­ fänger, die vorgeben, den Käse vor den M äusen in Schutz nehmen zu wollen. Biete sich ihnen aber Gelegenheit, dann fressen sie noch mehr als die M äuse.“ 90) A utoren, die nach biblischen Beweisgrün­ den für die Pflichtvergessenheit des Adels suchten, brachten in Erin­ nerung, daß bereits die Ritter am G rab Christi schlechte W ächter gewesen seien.91) 90) Jo h a n n e s von K astl, C o m m e n tariu s in R egulam S. B enedicti, M ünchen BSB, C lm 18152, f. 71v. Vgl. dazu Schreiner, U n tersu ch u n g en (wie A nm . 23), 127 f. Z u r P ersö n lich k eit des Jo h a n n e s von K astl u n d zu seinen th eo lo g i­ schen S chriften vgl. Jo se f Sudbrack, D ie geistliche T heologie des Jo h a n n e s von K astl. S tudien z u r F röm m igkeitsgeschichte des S pätm ittelalters. Bd. 1-2. M ü n ster 1967. - D e r V ergleich von A dligen m it unzuverlässigen M ä u se fän ­ gern (murilegi) geht a u f den D o m in ik a n e r G uillelm us P erald u s zurück. Vgl. dessen E xpositio pro fessio n is qui est in regula beati B enedicti, Staats- und S e m in arb ib lio th ek E ichstätt, Hs. 364, f. 57v. E bd. f. 57r fin d et sich auch der H inw eis, d a ß es die temporalium bonorum defensio gew esen zu sein scheint, die in K löstern dazu fü h rte, A dligen v or an d ere n den V orzug zu geben. D er „S chutz d e r zeitlichen G ü te r“ (tem poralium bonorum defensio) als R ech tfer­ tig u n g sg ru n d für das klösterliche A delsp rin zip w urde im S p ä tm itte lalter zu einem T opos. Vgl. Hellmut Zschoch, K losterreform u n d m on astisch e S p iri­ tu a litä t im 15. Ja h rh u n d e rt. C o n ra d von Z enn O E SA ( t 1460) u n d sein Liber de vita m o n astica. T üb in g en 1988, 72 A nm . 130. 91) So G uillelm us P erald u s; vgl. Schreiner, U n tersu ch u n g en (wie A nm . 23), 65.

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Im Erfahrungshorizont des Johannes von Kastl verdankten Klöster ihren Schutz nicht dem W ohlwollen und der Vertragstreue eines adligen Vogtes, sondern ihrer Eingliederung in die Rechtsord­ nung des Landes. Die zunehm ende Integration der Klöster in den werdenden T erritorialstaat hatte das Schutzargument zu einem wirklichkeitsfrem den Topos gemacht. A uf die Frage, ob es einem K onvent zum Vorteil gereiche, wenn er sich aus Söhnen des Adels rekrutiere, m einte Johannes von Kastl: Erfahrung lehre Skepsis. Ad­ lige Eltern würden ihre K inder dem Kloster nur deshalb übergeben, weil sie unehelich geboren oder mit körperlichen und geistigen Ge­ brechen behaftet seien. Die zwangsweise Verm önchung nachgebore­ ner Söhne entbinde von Versorgungslasten und verkleinere den Kreis der Erbberechtigten.92) Kein W under, wenn es die Verfasser spätm ittelalterlicher K ate­ chismustafeln zu den großen „torhaiten auff dem ertrich“ rechne­ ten, wenn „einer sein kinde gibt in ein closter und em pfrem det ym sein erbtail unnd zu der ee gibt er reychlich“ .93) Kein W under, wenn es die Lebensgewohnheiten des Klosters Tegernsee (um 1450) zur Pflicht machten, jeden Novizen einem Skrutinium zu unterwerfen, um herauszubekom m en, ob er „der N otdurft oder Arm ut wegen“ (propter necessitatem aut paupertaiem ) den M önchsstand zu wählen beabsichtige oder ob er aus kleinm ütiger Furcht, in der Welt an dem für die körperliche Existenzerhaltung Notw endigen (necessaria cor­ poris) M angel zu leiden, sich einer klösterlichen Gem einschaft anzu­ schließen gedenke.94) Der Versorgungsdruck, der vom Adel auf Klöster ausging, war beträchtlich. „H at ein Edelm ann ein K ind, das da schilt, hinckt, kroepffig, lam oder ein K rueppel ist“ , klagte ein bayerischer An­ onymus des ausgehenden 15. Jahrhunderts, „so gibt es ein guoten

92) E bd. 128. Die K lage des Jo h a n n e s von K astl ist alt. Sie ist bereits im aus­ g eh en d e n 11. J a h rh u n d e rt von R efo rm ern e rh o b en w orden, w elche die O bla­ tio n ab sch affen u n d den M ö n c h sb e ru f z u r Sache einer p e rsö n lic h en , freien L eb en sen tsch eid u n g m achen w ollten. Vgl. Klaus Schreiner, H irsau, U r­ ban II. u n d Jo h a n n e s T rithem ius. E in gefälschtes P apstprivileg als Q uelle für das G eschichts-, R eform - u n d R echtsbew ußtsein des K losters H irsau im 12. J a h rh u n d e rt, in: D A 43, 1987, 4 8 9 ff. 93) Egino Weidenhiller, U n tersu ch u n g en zur deutsch sp rach ig en katechetischen L iteratu r des sp äten M ittelalters. M ü n ch en 1965, 89. 94) Angerer, B räuche d e r A btei T egernsee (wie A nm . 69), 243.

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Pfaffen oder ein N unnen, ein guoten M uench.“ 95) An Deutlichkeit lassen derartige Äußerungen nichts zu wünschen übrig. Da em piri­ sche Untersuchungen den kritisierten Tatbestand vielfach bestäti­ gen, hat sich in der M ediävistik die G ew ohnheit eingebürgert, spät­ m ittelalterliche Klöster als „Versorgungsanstalten des Adels“ zu be­ zeichnen. Die W ortverbindung „V ersorgungsanstalt“ verdrängt m it­ unter die Tatsache, daß materielle Existenzsicherung ein G rundbe­ dürfnis des M enschen darstellt. M ittelalterliche M önchstheologen differenzierten: Sie unterschieden zwischen einer „V ersorgung“ (sustentatio), die im K loster beiläufig, gleichsam als unabdingbare Vor­ aussetzung geistig-asketischer A nstrengung gewährt wird, und einer solchen, die ins Kloster Eintretende „hauptsächlich“ (principaliter) und als einziges Ziel im Auge haben.96) Die Zw eckentfrem dung der Klöster durch den Adel wurde im späten M ittelalter häufig und heftig kritisiert. Das Adelsprinzip grundsätzlich in Frage zu stellen, w idersprach jedoch der konserva­ tiven G rundeinstellung spätm ittelalterlicher Benediktiner. Die Be­ nediktineräbte der K irchenprovinz M ainz-Bamberg, die am Rande des K onstanzer Konzils 1417 im Kloster Petershausen zu ihrem er­ sten Provinzialkapitel zusam m entraten, verurteilten die ausschließli­ che Zulassung von Adligen zum M önchsberuf als ein G rundübel benediktinischer Lebenspraxis. Ihrer Einsicht folgte ein halbherziger 95) So d e r F ra n z isk a n e rg u a rd ia n Jo h a n n e s Pauli (um 1450-1519). Vgl. S c h im p f u n d E rnst. Hrsg. v. Johannes Bolte. Bd. 1. Berlin 1924, 53, N r. 73. E in A nonym us k ritisierte in d e r M itte des 15. Ja h rh u n d e rts, „ d a s die rei­ chen, die m ächtigen u n d die edlen geben ire k ind u n d ire geschw ister u n d ir freu n t zu geistlichem sta n d t u n d in die kloster u n d tü o n d das nit in rechter m ain u n g , aber von des zeitlichen gütes w egen, das in der erbtail peleib, o d er aus posem villen, die sie h ab en zu iren k in d en , o d e r das sie zu p relaten w ernn u n d in d a r n a ch auch helffen u n d reich m achen. U n d das ist g a r ein grosse sunde v or g o t.“ (M ü n ch en BSB, Cgm 858, f. 178v). - D as V ersor­ gungsm otiv ü b e rd a u e rte auch die R efo rm atio n . L a n d g ra f P hilipp von H es­ sen hat „zü e rh altu n g des A dels“ im Ja h re 1528 bestim m t, in seinem „ o b e r v nd n id er F ü rste n th u m e n / zwei C lS ster zu o rd n e n / d a rin n die lan d tsässen von der R ittersch aft jre k in d er / so n d erlich a n eym o rt ffinfftzig p erso n en aufferziehen vnd erh alten so llen “ (W as d e r D u rc h leu c h tig h o ch g ep o rn F ürst v n n d H e rr / H e rr P hilips L an d tg raffe zü H essen ... als eyn C h ristlich er Fürst m it d en C lo sterp e rso n e n / P fa rrh errn / vnd A b göttischen bild n u ssen / in seyner g n a d en F ürsten th u m b e / au ß G ö ttlic h er geschrifft fürg en u m m en hat, 1528, f. B Iv). %) H umbertus de Rom anis, E xpositio R egulae beati A ugustini (wie A nm . 79), 109.

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Beschluß: N u r wenn an adligen Bewerbern M angel bestehe, sollten auch Novizen nichtadliger H erkunft in die K onvente aufgenommen werden. Habe ein Abt die W ahl zwischen adligen und nichtadligen Bewerbern, verstoße er nicht gegen Geist und Satzung der Regel, wenn er bei gleichen Voraussetzungen einem adligen Postulanten den Vorzug gebe. N ur dann sei das A delsprinzip ein verderbenstif­ tender Brauch (corruptela), wenn er die Zahl der Konventualen un­ ter das der wirtschaftlichen A usstattung eines Klosters angemessene M aß hinabdrücke.97) Der K om prom ißcharakter der Petershausener Bestimmung ließ Spielräume für unterschiedliche Deutungs- und Anwendungsmög­ lichkeiten. Es bleibt deshalb zu prüfen, wie Benediktiner des 15. Jahrhunderts den Text rezipierten und das m odifizierte Adelsm ono­ pol zur Anw endung brachten. Die wichtigsten Textzeugen sprechen für wortgetreue W ieder­ und W eitergabe. Visitationsrezesse dokum entieren korrekte Anwen­ dung. Abt Leonhard von Melk, der 1431 die Abtei St. Peter in Salz­ burg visitierte, stellte in seinem abschließenden Visitationsbericht fest: Die G ew ohnheit, gegen die Vorschrift der Regel in den K on­ vent „lauter Edelleute aufzunehm en“ , sei weder für die „Erhaltung der D isziplin“ noch für die „Pflege der W issenschaften“ ein G e­ winn gewesen. In seiner Eigenschaft als Visitator von St. Peter ord­ nete Abt Leonhard deshalb an, „dass künftig in Erm angelung taug­ licher C andidaten von Adel, die übrigens den Vorzug hätten, auch anderen von gem einer G eburt der Eintritt in das Capitel geöffnet werden sollte“ .98) Im Klartext bedeutete das: soziale Öffnung bei Fortdauer der Privilegierung des Adels. Der Melker Abt schärfte ein, was seine Kollegen in Petershausen beschlossen hatten. Desinteresse an einer V eränderung des seitherigen Rekrutie­ rungsm odus4 bewiesen die B enediktineräbte der Provinz Trier-

97) Joseph Zeller, D as P rovin zialk ap itel im Stifte P etershausen im Ja h re 1417. Ein B eitrag z u r G eschichte d e r R efo rm en im B e n ed ik tin e ro rd en zur Z eit des K o n sta n z er K onzils, in: StM ittO SB 41, 1922, 1-73, hier 61; vgl. dazu Heimpel, V ener (wie A nm . 50), Bd. 2, 9 2 9 f.; Klaus Schreiner, B enediktinische K lo­ sterreform als zeitg eb u n d en e A uslegung d e r Regel. G eistige, religiöse u n d soziale E rn eu e ru n g in sp ä tm itte lalterlic h e n K löstern S üdw estdeutschlands im Z eichen d e r K astler, M elker u n d B ursfelder R eform , in : B lätter für württem bergische K irchengeschichte 86, 1986, 168 f. 9S) Ignaz Franz Keiblinger, G eschichte des B enedictiner-S tiftes M elk in N ie­ d e rö sterre ic h , seiner B esitzungen u n d U m gebungen. Bd. I. W ien 1851, 511.

Köln, die sich 1422 in St. M aximin in Trier zu einem Kapitel ver­ sammelten. Sie billigten ausnahm slos alle in Petershausen beschlos­ senen Reform artikel bis auf den entscheidenden Passus über die m odifizierte H andhabung des Adelsprivilegs, den sie nicht in den abschließenden Rezeß aufnahm en. Diesen Text auszusparen, trug dem sozialen Profil des Tagungsortes Rechnung. In den Statuten, die sich die M önche von St. M aximin im Jahre 1414 gegeben hatten, wurde A bstam m ung von ,,guten Rittern und K nechten“ als beste Vorausetzung dafür erachtet, „guter Leute K in d “ in den O rden zu bekom m en.99) D er Petershausener Adelsartikel - eine Norm , die dem eigenen Leben seine beruhigende Fraglosigkeit nahm , blieb auf der Strecke. Regelbewußte Schreiber, die das religiös-soziale Selbstver­ ständnis ihres K onvents mit dem Beschluß von Petershausen nicht in Einklang bringen konnten, griffen verändernd in den Textbe­ stand ein. Sie beharrten darauf, daß in reform ierten Benediktiner-

" ) Petrus Becker, D ie stän d isch e Z u sam m en setzu n g d e r A bteien St. M atthias u n d M axim in in T rier zu Beginn d e r R eform des A btes Jo h a n n e s R ode ( f 1439), in: A rc h M rh K iG 18, 1966, 320. - D ie in T rier - u n g e ac h te t aller R e­ form b estreb u n g en - w eiter fo rtb este h en d e „ V e rk n ü p fu n g m it den großen A delsg esch lech tern “ zeigte sich au ch in dem R e fo rm p ro g ra m m des T rierer A btes Jo h a n n e s R o d e; Petrus Becker, D as m o n astisch e R e fo rm p ro g ra m m des Jo h a n n e s R ode, A btes von St. M atth ias in T rier. M ü n ste r 1970, 114. In seinen R efo rm statu ten defin ierte A bt Jo h a n n e s R ode u n eh elich e G e b u rt als H in d e rn is für die A u fn ah m e ins K loster. Von v o rn h e re in dav o n disp en siert w aren uneheliche S öhne von F ürsten (spurii principum). W ertschätzung u n i­ v ersitärer B ildung bew eist die T atsache, d a ß auch bei D o k to re n u n d Licentia ten aus den drei ob eren F a k u ltä ten d e r T heologie, Ju risp ru d e n z u n d M e­ dizin uneheliche G e b u rt ebenfalls kein H in d e rn is fü r die A u fn ah m e ins K lo ­ ster d a rstellte ; C o n su e tu d in e s et o b se rv an tiae m o n aste rio ru m S. M atthiae et S. M axim ini T reverensium ab Io h a n n e R ode ab b ate conscriptae. Ed. Petrus Becker. (C o rp u s C o n su e tu d in u m M o n asticaru m , V.) Siegburg 1968, 185 u. 189. - B em erkensw ert bleiben die D ifferen zieru n g en allem al. S p ä tm itte lal­ terliche K irc h en re ch tler w aren d e r A uffassung, d a ß illegitime nati, w enn sie ins K loster eintreten w ollten, kein er b eso n d e re n D ispens b e d u rfte n , weil der O rd e n sb e ru f jed w ed e n M akel u n eh elich er G e b u rt tilgte. Vgl. S. R a im u n d u s de P en n afo rte, S um m a de iure canonico. T om us A. C u ra n tib u s Xaverio Ochoa et Aloisio Diez. R o m a 1975, Sp. 128: monachatus omnem maculam abstergit. D ie B ursfelder hingegen leh n ten es g ru n d sä tzlich ab, unehelich G e b o ren e , sie m o ch ten adliger o d er n ich ta d lig er A b sta m m u n g sein (sive no­ biles sint sive ignobiles), in ihre K onvente a u fzu n e h m e n ; vgl. D ie G en eralk apitels-R ezesse der B ursfelder K o ngregation. Bd. 2. Siegburg 1957, 100.

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klöstern indifferenter, ohne jedes Ansehen der Person, M önche aufgenom m en werden sollten.100) Sie konnten und wollten sich nicht mit dem G edanken abfinden, daß M önche bürgerlicher Abkunft nur als Lückenbüßer im O rden eine Chance haben sollten. Reform, die angenom m en wurde, veränderte. Die Geschichte des südlich von M ünchen gelegenen Klosters Tegernsee im 15. Jahr­ hundert beweist dies eindrucksvoll. Rückkehr zu regeltreuem Le­ ben, Beschäftigung mit theologischer W issenschaft und soziale Um ­ gestaltung bedingten und förderten sich wechselseitig. Bis ins begin­ nende 15. Jahrhundert waren die Tegernseer K losterpfründen ein Reservat für M önche aus dem Adel. Im Jahre 1426 wurde das Klo­ ster von dem Freisinger G eneralvikar Johann G rünw alder gemein­ sam mit Peter von Rosenheim und Johann von O chsenhausen, zwei M önchen aus dem niederösterreichischen Reform kloster Melk, und Johannes Rothuet, dem D ekan des A ugustinerchorherrenstifts In­ dersdorf, visitiert.101) In der abschließenden ,C arta reform ationis‘ vom 6. X II. 1426102) schärften die Visitatoren dem Abt von Tegern­ see ein, er möge d arau f achten, daß in seinem Kloster die seit alters festgesetzte Zahl der M önche erhalten bleibe, wie es die Regel und der Reform rezeß von Petershausen gebieten. Der in Petershausen gefaßte Beschluß über die A ufnahm e von Adligen wurde wörtlich wiederholt. Falls sich keine Bewerber aus dem Adel fänden, sollten - unabhängig von Stand und H erkunft - alle, die in Tegernsee eintreten wollten, nach der von der Regel vorgesehenen Probezeit von einem Jahr aufgenom m en w erden.103)

I0°) So ein S ch reib erm ö n ch aus dem K loster B lau b e u ren ; vgl. Schreiner, Ben ed ik tin isch e K losterrefo rm (wie A nm . 97), 170 f. D ie T ex tv erä n d e ru n g re ­ flektiert das S elb stv erstän d n is eines K on v en ts von b ü rgerlichem u n d b ä u er­ lichem Z uschnitt. 101) Vgl. dazu A ugust Königer, Jo h a n n III. G rü n w ald er, B ischof von F rei­ sing. M ü n ch en 1914, 17-19; H elm ut Rankl, D as v o rrefo rm ato risch e lan d es­ h errlich e K irc h en re g im e n t in B ayern (1378-1526). (M iscellanea Bavarica M o n a c en sia , 34.) M ü n c h e n 1971, 179-181; Angerer, B räuche der A btei T e­ gernsee (wie A nm . 69), 24-27. Zu Jo h a n n e s von O chsenhausen vgl. M eta Bruck, P ro feß b u ch des K losters M elk (1. Teil 1418-1452). Stift M elk 1985, 118 f. Z u Petrus v o n R osenheim vgl. Franz X aver Wioma, Petrus von R o sen ­ heim . E in B eitrag zur M elker R eform bew egung, in: StM ittO SB 45, 1927, 9 4 222; Bruck, P ro fe ß b u ch M elk, 86-91. Im N ek ro lo g von T egernsee w ird er als ,R efo rm ato r huius m o n a ste rii“ b ezeich n et; ebd. 90 A nm . 23. 102) M ü n ch en BSB, C lm 1008, f. 23r- 2 8 r. 103) E bd. f. 26v.

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Die Visitatoren ordneten außerdem an, daß in Tegernsee die Regel so beachtet werden sollte, wie das im Kloster Melk und im W iener Schottenkloster der Fall und Brauch war. Beide Abteien hät­ ten die G ew ohnheit von Subiaco und Sacro Specu übernom m en von Klöstern, in denen sich die K ontinuität „regeltreuen Lebens“ von den Tagen Benedikts bis zur Gegenwart erhalten habe. Soziale Privilegierung war den G ew ohnheiten von Subiaco und Melk fremd. Aufgeschlossenheit für den M elker Reformgeist inspirierte. Er trug langfristig dazu bei, verhärtete soziale Strukturen aufzubre­ chen und zu verflüssigen. Die Visitatoren nötigten den bisherigen Abt H ildebrand Kas­ p ar zur Resignation und konnten erreichen, daß der erst vierund­ zwanzig Jahre alte, aus einem M ünchener Patriziergeschlecht stam ­ m ende K aspar A indorffer durch einen K om prom iß zum Abt von Tegernsee gewählt w urde.104) Abt K aspars A m tsübernahm e bildete einen W endepunkt in der Geschichte Tegernsees. Der unter Abt K aspar gelungene Neubeginn hatte langfristig zur Folge, daß die Quirinusabtei ein R eform m ittelpunkt und ein kulturelles Zentrum für den gesamten süddeutschen Raum w urde.105) Das Chronicon Monasterii Tegernseensis rühm te den neuen Abt als „zweiten Kloster­ gründer“ , der sich gleicherm aßen um die observantia regularis und den temporalium status verdient gem acht habe. Als Abt K aspar be­ fürchtete, daß die Beobachtung der Regel (observantia regularis) an zunehm endem Personalm angel scheitern könnte, sei er bestrebt ge­ wesen, seinen K onvent gegen den W iderstand adelsstolzer K on­ ventsherren zu vergrößern. Das sei ihm konflikt- und gewaltfrei ge­ lungen und zwar insofern, als sich die weltlichen Adligen durch die Strenge regeltreuen Lebens „betrogen“ gefühlt und deshalb gezögert hätten, ihre K inder wie bisher dem Kloster zu übergeben. Ohne A n­ sehen der Person habe Abt K aspar M önche in seinen K onvent auf­ genom m en.106) 104) Rankl, K irc h en re g im e n t (wie A nm . 101), 180; Angerer, B räuche der A b­ tei T egernsee (wie A nm . 69), 27-29. 105) E bd. 28. !06) C h ro n ico n m o n asterii T egernseensis O rd. S. B enedicti in B avaria, auctoribus anonym is T egernseens. q u o ru m prim u s saeculo C hristi X II, alte XIV, p o strem u s XV vixit. A ccessit ejusdem C h ro n ici c o n tin u a tio usque ad n o stra tem p o ra 1720 ab A d o lp h o H u eb er B enedictino T egernseensi c o n cin n ata , in: Bernhard Pez, T h esau ru s a n ec d o to ru m novissim us. T om . I l l , Pars III. A ugustae V indelicorum 1721, 538-539. Vgl. dazu A. Wessinger, K a sp a r A indorf-

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Unter den idonei hebt der Chronist insbesondere Johannes Keck hervor, den M agister und D oktor der Theologie, der 1442 als erster M önch bürgerlicher H erkunft in das bis dahin freiherrliche Stift Tegernsee eintrat. Johannes Keck war der älteste Sohn eines W agners aus Giengen an der Brenz. Mit dem Selbstbewußtsein ei­ nes Aufsteigers hob er in seiner D ankrede aus Anlaß seiner Prom o­ tion zum D oktor der Theologie an der Basler Konzilsuniversität hervor, von seinem Vater, einem lignifaber seu carpentarius, einem H olzhandw erker oder Stellmacher, neben der W ohltat seiner Zeu­ gung insbesondere das G eschenk einer ausnehm end einfühlsamen, verständnisvollen und from men Erziehung em pfangen zu haben.'07) Adel ist für Keck eine ausschließlich geistig-sittliche Qualität. In seinem K om m entar zur Regel Benedikts, der deutliche Spuren seines bürgerlichen H erkunftsbew ußtseins trägt, legte er das aus­ führlich dar. Der „Ü berfluß an G ütern“ , schrieb Keck unter Beru­ fung auf Aristoteles, mache Adlige gem einhin überheblich, zuchtlos, ehrgeizig und herrschsüchtig. N ur persönlich erworbenen Adel, nobilitas personalis, der auf hartem Bemühen um Tugend und Tüchtig­ keit beruhe, ließ Keck als sittlichen Wert gelten. Der ,M önchsberuf (monachatus) tilgte seiner Ansicht nach alle Sonderrechte und Pre­ stigeansprüche, die adlige Abstam m ung gemeinhin begründeten.108) Was bei Keck unausgesprochen zwischen den Zeilen steht, hat sein M itbruder Christian Tesenpacher in seinem um 1480 abgefaß­ ten K om m entar zur Benedikt-Regel au f klare Begriffe gebracht. Te­ senpacher, Prior in Tegernsee, zog die Politik des Aristoteles heran, um einsichtig zu m achen, daß nur in jenen Klöstern regeltreues Zu­ sam m enleben zu erw arten sei, in denen sich die M önche aus dem bürgerlichen M ittelstand, aus dem Kreis der medii, rekrutierten. Ein „M ischkonvent“ aus Adligen und N ichtadligen, Reichen und Ar­ men sei eine Quelle dauernder Querelen. Die einen wollten befeh­ len, die anderen nicht gehorchen. N ur in einem M ittelstandskon­ vent bestünde Friede und Eintracht; nur Bürger, die den Stand der medii, der ß s a o i bilden, seien gewohnt, vernünftig zu leben (ratiofer, A bt in T egernsee 1426-1461, in: O berbayerisches A rchiv für v a te rlä n d i­ sche G eschichte 42, 1885, 200. 107) Virgil Redlich, E ine U niv ersität a u f dem K onzil in Basel, in: H Jb 49, 1929, 100. 108) So in seinem von O stern 1446 bis zum 17. J a n u a r 1448 a bgefaßten K om ­ m e n ta r zur B enediktregel, M ü n ch en BSB, C lm 18 150, f. 193r—194v (quid sit nobilitas).

52 nabiliter vivere) und sich gegenseitig zu lieben. Selbstherrliche Re­ präsentanten des Adels oder ungebildete Bauernsöhne seien zu ei­ nem solchen Verhalten weder willens noch fähig.109) Für eine zwischenzeitlich erfolgte soziale Umschichtung des K onvents suchte Tesenpacher eine Theorie, die diesen W andel rechtfertigte und erklärte. Er fand sie, indem er die Summe seiner Erfahrungen mit der Begrifflichkeit des griechischen Philosophen zum A usdruck brachte. Ehe Tesenpacher in Tegernsee Mönch wurde, hatte er an der U niversität Wien studiert und dort den G rad eines Baccalaureus erworben. Mit Hilfe der dort erworbenen K ennt­ nisse der aristotelischen Verfassungs- und Sozialtheorie entw arf er ein Erklärungs- und Legitim ationsm uster für die Sozialverfassung seines Profeßklosters. Für das Selbstverständnis der Tegernseer Reform er des 15. Jahrhunderts gehörten Bürgerlichkeit, intellektuelle Anstrengung und Reform streben zusammen. Das blieb nicht immer so: Tegern­ seer Äbte des 17. Jahrhunderts waren stärker an Adelsdiplomen und höfischer R epräsentation interessiert als an bürgerlicher R ationali­ tät, die höfisches G ehabe als unnütze Zeitvergeudung brandm arkte, oder an mystischer Theologie, die in der Verknüpfung von Wille und G em üt eine innige Verbindung mit G ott anstrebte. Tegernsee ist ein im posantes Beispiel für gelungene, im Einver­ nehm en mit Landesherr, Bischof und Orden ins Werk gesetzte Re­ form. Den A nstoß zur Erneuerung Tegernsees hatten die bayeri­ schen Herzöge Ernst und Wilhelm gegeben, die den Freisinger Ge­ neralvikar Johann G rünw alder, ihren „rat und liebn getrewen“ , be­ auftragten, „ze visitieren und ze reform iern dy klöster in unsern lan­ d en “ . G rünw alder tat dies mit hartnäckigem , ungebrochenen Re­ formeifer. Seine Entscheidungen, die er, gestützt auf bischöfliche und päpstliche Vollmachten, traf, sollten als „will und m aynung“ der Herzoge gelten.110) Herzog Wilhelm von Bayern schrieb sich rückblickend das Verdienst zu, gemeinsam mit seinem Bruder Ernst 1M) E xpositio su p e r R egulam S. B enedicti, M ü nchen BSB, Clm 18 149, f. in c 59 k. Vgl. Schreiner, U n te rsu ch u n g e n (wie A nm . 23), 130f. - Die A uffassung, d a ß in einer G e m ein sch aft von M enschen gleiche stän d isch e Q u a lifik atio ­ nen w eniger Z w ietrach t verursachen (pares condiciones minorem discordiam habent), w ar ein G em ein p latz d e r sp ä tm itte lalterlic h e n Sozialethik. Vgl. K on­ rad von Megenberg, W erke. Ö k onom ik (Buch I). Hrsg. v. Sabine K rüger. S tuttgart 1973, 35. n0) Rankl, K irch en reg im en t (wie A nm . 101), 179.

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das K loster Tegernsee zu einem gottgefälligen, „ordenlichen leben gebracht“ zu haben. Intaktes K losterleben gebe Gewähr, daß das Land Bayern „darum b dester mer glucks und sälikait haben und gewynnen von dem Almachtigen got und seiner lieben muter M a­ ria“ .111) Erfolgreiche cura religionis durfte mit himmlischer Beloh­ nung rechnen. In Klöstern, die im Einflußbereich der Reichsritterschaft lagen, mußte Erneuerung dem massiven W iderstand ritterschaftlicher A delsgruppen abgetrotzt werden. A uf dem Michelsberg in Bamberg bedurfte es langwieriger und hartnäckiger Anstrengungen, um den Reform w iderstand adlig-ritterlicher M önche, die bei ihren weltli­ chen Verwandten und zeitweilig auch bei den mit ihnen versippten M itgliedern des D om kapitels starken R ückhalt fanden, zu brechen. N ur unter erheblichem bischöflichem Druck gelang es schließlich 1463, im M ichaelskloster bei Bamberg der Reform Eingang und Geltung zu verschaffen.112) Ein Jahr später w andten sich Sechsund­ sechzig Adlige an das in W ürzburg tagende Provinzialkapitel der Benediktiner, um gegen die zwischenzeitlich erfolgte Reform von St. M ichael Beschwerde einzulegen. Das Kloster sei „allein fur dye vom adel und Schilde geboren“ gestiftet worden. W enn der neue Abt E berhard von Venlo nunm ehr auch Brüder in das Kloster auf­ nehme, „dye nicht vom schildt geboren sindt“ , gereiche das nicht nur dem Kloster, sondern auch „dem gemeynen adel“ zur „unstatung und Verachtung“ .113) Der fränkische Adel ließ nichts unver­ sucht, die auf dem M ichelsberg eingeführte Reform wieder rückgän­ gig zu machen. Beim Bam berger Bischof H einrich G roß von Trokkau (1487-1501) führte er Klage, daß in den Klöstern des H och­ stifts, die der Adel für seine N achfahren gegründet habe, nunm ehr hergelaufene Schusters- und Schneiderskinder das Regiment führen - dem Adel zur Schmach und seinen K indern zum N achteil.114) Die mit gleichbleibender H artnäckigkeit erhobenen Forderungen zeim ) M ü n ch en H StA , T egernsee Uk. 414, 1427 Febr. 2. I12) Vgl. dazu Johannes Linneborn, Ein 50jähriger K a m p f (1417-ca. 1467) um die R eform u n d ih r Sieg im K loster a d sanctum M ichaelem bei B am berg, in: StM ittO SB 25, 1904, 252-266, 579-599, 718-730; 26, 1905, 55-68, 247-254, 534-546; Ludwig Unger, D ie R eform des B e nediktinerklosters St. M ichael bei B am berg in d e r 2. H älfte des 15. Ja h rh u n d e rts. (H isto risch er V erein B am ­ berg, 20. Beih.) B am berg 1987. m ) Linneborn, R eform (wie A nm . 112), 65 A nm . 2. u4) Sigm und Freiherr von Pölnitz, Stiftsfähigkeit u n d A h n e n p ro b e im Bistum W ürzburg, in: W ürzb u rg er D iÖ zesangeschichtsblätter 14/15, 1952/53, 3 4 9 f.

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gen, wie die fränkische Ritterschaft die im Bamberger Bistum gele­ genen Klöster für ihre Interessen nutzbar zu m achen versuchte. Be­ wegt und bewirkt haben die Proteste nichts. Selbst der au f dem Bamberger Landtag von 1503 gestellte Antrag, das Kloster Michels­ berg in ein adliges Ritterstift mit vierzehn Pfründen um zuwandeln, erwies sich als wirkungsloses U nterfangen.115) Soziale Offenheit galt als Errungenschaft erfolgreich praktizierter Reform. Im N am en ei­ nes vermeintlichen oder tatsächlichen Stiftungszweckes abzuschaf­ fen, was sich bew ährt hatte, w idersprach der Logik reform erischer Vernunft. Was dem fränkischen Adel in Bamberg mißglückte, konnte er anderw ärts durchsetzen: in Ellwangen, in St. Burkard in Würzburg, auf der K om burg bei Schwäbisch Hall, in Odenheim im Kraichgau. In diesen Abteien traten an die Stelle von M önchen, die sich zu ge­ m einsam er Lebensführung verpflichtet fühlten, dem ritterlichen Niederadel entstam m ende C horherren mit eigenem Pfründenein­ kommen und eigenem H aushalt. Die K onventsherren der Reichsab­ tei Ellwangen versicherten 1460: Das Kloster sei kraft seines Stif­ tungszweckes dazu bestim m t, „das m an kain munch daryn nim pt, er sey dann edel und vom adel geporen“ . Wolle m an in Ellwangen eine „reform acion“ einführen, würden die edelgeborenen M önche das Kloster verlassen, die von ihren Vorfahren gestifteten Pfründen aber als Eigengut beanspruchen. Die zwangsläufige Folge würde sein, daß das G otteshaus durch die flüchtigen M önche und deren Verwandte „in unrat und verderpnusz“ kom m e.116) Fränkische G rafen, Herren und Ritter richteten 1467 einen be­ schwörenden Appell an das W ürzburger D om kapitel, den M önchen von St. Burkard, ihrer „m itsipschaft und freuntschaft“ , gegen deren „w iderparthey“ , die eine V eränderung des A ufnahm everfahrens an ­ strebe, tatkräftig beizustehen. Das Kloster sei ursprünglich „ u f den adel geordent und gestift“ worden. Es gelte deshalb zu verhindern, daß die Abtei als eine „Stiftung des adels“ an „auswertig und ungefreunte person“ käm e, welche die angestam m ten adligen Insassen nicht mehr gelten lassen und verdrängen w ürden.117) I1;>) Unger, R eform (wie A nm . 112), 37. 116) Joseph Zeller, D ie U m w a n d lu n g des B e nediktinerklosters E llw angen in ein w eltliches C h o rh e rre n stift (1460) u n d die kirch lich e V erfassung des Stifts. (W ürttem bergische G eschichtsquellen, 10.) S tu ttg art 1910, 8 f. U7) Alfred Wendehorst, D er A del u n d die B en ed ik tin erk lö ster im sp äten M it­ telalter, in: C o n su e tu d in e s M onasticae. E ine F estgabe fü r K assius H allinger

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Die Benediktiner von K om burg rechtfertigten 1484 die Reform unwilligkeit des früheren K onvents mit dem Hinweis, „daß das Kloster dem Adel Vorbehalten sei und daß die Reform er die Auf­ nahm e nichtadliger M önche verlangt hätten“ .*iS) Die angestrebte Reform habe nach Ansicht des Konvents nur das Ziel verfolgt, „das Kloster ,unter den gemeynen m an4 und dam it an die Stadt (Schwä­ bisch Hall) zu bringen, weil dann auch H aller Bürger, die nicht zum Patriziat gehörten, Zutritt zum K onvent gehabt hätten“ .119) Fränki­ sche Adlige bangten um ihren sozialen Besitzstand, wenn durch eine Reform des Klosters K om burg „ ,d e r Bauersm ann in das Spital des Adels gelangen w ürde“ 4.120) In Odenheim konnte der R itteradel aus dem Kraichgau durch­ setzen, daß die 1491 eingeführte Bursfelder Observanz wieder zu­ rückgenom m en werden mußte. Weil im Zuge der Reform „etlich edel brueder“ , die im Kloster bepfründet waren, das Stift hatten verlassen müssen und an ihrer Stelle „ander unedel“ aufgenommen worden waren, befürchtete die Ritterschaft, „das zu jungst der Adels daselbs gantz abgestelt und entsetzt werden mocht, das nit H erkom m en, sunder si ir kinder haben darin versehen mögen, das sie noch nit begeben w ollen“ .121) In Chorherrenstifte um gew andelte Benediktinerklöster verdeut­ lichen Grenzen benediktinischen Reformstrebens. Dem W iderstand geistlicher und weltlicher Gewalten konnten reform strenge Benedik­ tinerm önche nur ihre gute Absicht entgegensetzen. Päpste, denen vorgehalten wurde, daß sie a d reform ationes monasteriorum nicht sonderlich geneigt seien, sicherten durch kostenpflichtige Um wand­ lungsdekrete den sozialen Besitzstand des niederen Adels. Landes­ herren, die der Überzeugung waren, Interessen des ihnen dienstund gehorsam spflichtigen ansässigen Adels schützen zu müssen, tru­ gen gleichfalls dazu bei, K losterreform en zu verhindern. Die Räte, die Herzog Wilhelm von Cleve auf Bitten des K ölner Erzbischofs 1491 nach Deutz schickte, um das dortige Kloster zu „reform eren“ , aus A n laß seines 70. G eburtstages. Hrsg. v. Jo ach im F. A ngerer u. Jo se f Lenzenw eger. (S tudia A n selm ian a, 85.) R om 1982, 350-352. ns) Rainer Jooß, K loster K o m b u rg im M ittelalter. Studien zur V erfassungs-, Besitz- u n d S ozialgeschichte ein er frän k isch en B enedik tinerabtei. (F o rsch u n ­ gen aus W ü rttem bergisch F ra n k e n , 4.) S igm aringen 1987, 91. 119) E bd. 96. 120) E bd. 94. 121) Schreiner, U n te rsu ch u n g e n (wie A nm . 23), llO f.

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hatten den ausdrücklichen Auftrag, das Reform geschäft in der Weise zum Abschluß zu bringen, daß - wie es in dem D ekret heißt ,,dat cloister vortan bi dem adel ind ritterschaften verblift“ . Der H erzog hätte es „ungerne“ , daß das „cloister van den ritterschaften gestalt sulde w aren“ .122) Die U m w andlung von Klöstern in Chorherrenstifte folgte ele­ m entaren Lebens- und Versorgungsinteressen des niederen Adels.123) Versuche, Klöster aus adligen Lebenszusam m enhängen herauszulösen, verursachten Konflikte, deren Ausgang vom jeweili­ gen politischen K räfteverhältnis abhing, nicht von der besseren M o­ ral. Adlige M önche, die an m aterieller Existenzsicherung stärker in­ teressiert waren als an klösterlicher Observanz, blockierten Refor­ men. W iderstand leisteten klösterliche Edelherren nicht nur als Ein­ zelpersonen, sondern auch als Vertreter einer sozialen Schicht, de­ ren elementares Versorgungsinteresse Klöster in Stätten ungebunde­ nen und regellosen Lebens verwandelte. Das gilt vor allem für benediktinische und zisterziensische Frauenklöster. Ob in St. W alburg in Eichstätt124), im altwürttem bergischen R echentshofen125), in U r­ 122) O tto R. Redlich, Jülich-B ergisehe K irc h en p o litik am A usgange des M it­ telalters u n d in d e r R eform ationszeit. Bd. 1: U rk u n d e n u n d A kten 1400-1553. (P u b lik atio n en d e r G esellschaft für R heinische G eschichtskunde, 28.) B onn 1907, N r. 88. Vgl. dazu Wilhelm Janssen, L an d e sh e rrsc h aft u n d K irche am N ie d errh e in im sp äten M ittelalter, in ; D e r N ie d errh e in zw ischen M ittelalter u n d N euzeit. Hrsg. v. J. F. G. G oeters u. J. Prieur. W esel 1986, 34. 123) Zu erw äh n en sind au ß erd e m noch folgende B ened ik tin erk lö ster, die sich w äh ren d des 15. Ja h rh u n d e rts du rch U m w an d lu n g in C h o rh e rre n stifte der R eform entzogen, um ihre adlige E x klusivität zu b e h a u p te n : St. A lban in M ainz (1419/22), St. L eodegar in L uzern (1450/56), B leid en stad t in H essen (1495) u n d W ülzburg bei W eiß en b u rg in F ra n k e n (1523/24). - Ü ber den S ta n d esd ü n k el d e r C h o rh e rre n von St. A lban w u rd e um 1500 kritisch ver­ m erkt: „Sie schließen d o rt solche M ä n n e r aus, die in das K ollegium der K a rd in a le aufg en o m m en w erden k ö n n ten . Ja, um scherzhaft zu red en , w enn heute der H err u n d E rlöser a u f E rd en w andelte, so w ü rd e er do ch von der G e m ein sch aft von St. A lban zurückgew iesen w erden, d a er ja , von beiden Seiten n icht ritte rlich e r A bkunft, d e r E hre u n d dem A nsehen des Stiftes ge­ fährlich w äre.“ Zit. nach A loys Schulte, D er A del u n d die d eutsche K irche im M ittelalter. S tudien z u r Sozial-, R echts- u n d K irchengeschichte. S tuttgart 1910, 248. 124) D e r um die R eform von St. W alburg bem ühte E ic h stä tter B ischof Jo h a n n von Eich schrieb 1457: Concurrebant [m oniales dissolutae ac m agis resisten­ tes] et his parentum , cognatorum affinium quepraesidia dicentium, quia nobilibus ortae parentibus religionis asperitatem ferre non valerent. Hinc adversus renitentium contum atiam ecclesiastica censura processum est, resque a d summi

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spring am' R and der Schwäbischen A lb126) oder in Sterkrade im Her­ zogtum Cleve127) - es sind stets dieselben Argum entationsm uster, mit denen edelgeborene K losterfrauen eine Reform, die zur Einhal­ tung der K lausur verpflichtete, als rechts- und sittenwidrigen T radi­ tionsbruch ablehnten. Als sie ins Kloster eingetreten seien, beteuer­ ten sie mit gleichbleibender H artnäckigkeit, um Reform forderungen als geschichts- und standeswidrige Zum utungen zurückzuweisen, hätten sie ein „gem äßigtes Joch“ (jugum m oderatum ) auf sich ge­ nom m en. N unm ehr wolle m an sie zu einer strengeren Lebensform, einer arctior vita zwingen, ihnen neues G epäck aufladen, das zu tra­ gen sie keinesfalls gewillt seien. Ihre adligen Vorfahren, machten sie geltend, hätten Klöster gegründet, um ihren N achfahren standesge­ mäße Lebens- und Versorgungsmöglichkeiten zu verschaffen. Streng nach der Regel zu leben, sei für bäuerliche, niedriggebo­ rene K losterfrauen angemessen, nicht aber für Frauen von Stand. Adliges Selbstgefühl gebot m aßvolle Askese und sperrte sich gegen reform erischen Rigorismus - gegen die K lausur, gegen das Verbot geselliger K ontakte mit Freunden und Verwandten und gegen ge­ meinsam es Leben, das ein Recht auf eigene Einkünfte nicht zuließ. Reform er, wie der Abt von M aulbronn, hielten sich an das K irchen­ recht, insbesonders an eine auf Papst Bonifaz zurückgehende und von diesem 1298 im ,Liber sextus‘ prom ulgierte Dekretale (VI 3.16), die perpetua clausura zu einem W esensm om ent fraulicher O rdens­ existenz gem acht hatte. V orkäm pfer der Erneuerung definierten Re­ form als reductio, als Rückkehr zu den reinen unverfälschten Ur-

Pontificis audientiam deduct a . Nec defuere minae, quod causa perniciosa malique exempli armis defen deretur;vg\. R eform des K losters W alburg, in: Pastora l-B latt des B isthum s E ich stätt 33, 1886, 104f. 125) Vgl. dazu die ein g eh en d e, a u f eine breite Q uellenbasis gestützte U n tersu ­ chu n g d e r R e ch e n tsh o fen e r K lo sterrefo rm durch Eberhard Gohl, Studien u n d T exte zur G eistesgeschichte d e r Z isterzienserabtei M a u lb ro n n im späten M ittelalter. Diss. T ü b in g en (m asch.) 1977, Bd. 1, 109 ff., u. Bd. 2, 43-111. E inen Ü berblick ü b er die V orgänge in R ech en tsh o fen gibt Bruno Griesser, Die R eform des K losters R ech en tsh o fen in der alten Speyerer D iözese durch A bt Jo h a n n von M a u lb ro n n 1431-33, in: A rc h M rh K iG 8, 1956, 270-284. 126) Klaus Schreiner, M ö n c h tu m im G eist d e r B enediktregel. E rn eu e ru n g s­ w ille u n d R efo rm streb en im K loster B laubeuren w ä h ren d des hoh en u n d sp äten M ittelalters, in: B laubeuren. D ie E n tw icklung ein er Siedlung in S ü d ­ w estdeutschland. Hrsg. v. H a n sm a rtin D e ck e r-H a u ff u. Im m o E berl. Sigm a­ rin g en 1986, 125. ,27) Janssen, L an d e sh e rrsc h aft u n d K irche (wie A nm . 122), 34.

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Sprüngen, zu einem Leben im Geist kom prom ißloser Regeltreue. Adlige N onnen plädierten für die G eltungskraft eingespielter T radi­ tionen. Die Tatsachen zugeschriebene norm ative K raft rechtfertige, was ihren Erwartungen entsprach. Für ihre unbeugsam e Ablehnung jedw eder Observanz suchten und fanden sie Rückhalt bei ihren Ver­ wandten. Reform , die von den Betroffenen und ihren Familien als traditionsw idrige Zw angsveranstaltung betrachtet wurde, ließ heftig geführte K ontroversen und handgreiflich ausgetragene Konflikte entstehen. Traditionsgestützter Gruppenegoism us adliger Familien artiku­ lierte sich in Interventionen, G rundsatzerklärungen und handfesten D rohgebärden. Die 1598 in W eißenhorn versammelte schwäbische Reichsritterschaft machte dem Abt von Salem zum Vorwurf, „er wolle die auf den Adel gestifteten Abteien dem Adel in Schwaben entziehen und den geringen Ständen öffnen“ .’28) Falls der Abt nicht m ehr am gottgewollten Unterschied der Stände festhalte, würden vermögende Fam ilien des schwäbischen Adels ihre Töchter künftig in andere Klöster geben, was eine spürbare Verarmung der schwäbi­ schen Zisterzienserinnenabteien nach sich ziehen würde. D erart massive Interessenw ahrung erzeugte Legitim ationsbe­ darf. K irchenm änner des späten M ittelalters zeigten sich denn auch gewillt, Adligen und A delskorporationen durch interessenkonform e A rgum entationsm uster zu helfen. Theologie, Recht und Sozialethik erwiesen sich wieder einmal als „w ächserne N ase“ , deren G estalt mit der eigenen Interessenlage in Ü bereinstim m ung gebracht wer­ den konnte. Zur V erknüpfung des klösterlichen Stiftungszwecks mit Interessen von Familie und G eschlecht hatte sich Johannes Gerson, der berühm te K onstanzer Konzilstheologe und Pariser U niversitäts­ kanzler, folgendes Argument einfallen lassen: Die von Jesus gefor­ derte N ächstenliebe nehme in der Selbstliebe, im am or sui ipsius, ih­ ren Anfang. Da aber Söhne und Töchter mit ihren Eltern „ein Fleisch und ein Blut“ bilden, seien sie eo ipso G egenstand der von Christus geforderten Selbstliebe. Es könne deshalb nicht der gering­ ste Zweifel daran bestehen, daß Adlige in Übereinstim m ung mit dem „Gesetz G ottes“ handeln w ürden, wenn sie die von ihnen ge-

l2S) M aren Kuhn-Rehfus, D ie soziale Z u sam m en setzu n g d e r K on v en te in den oberschw äbischen F rau en zisterzen , in: Z W L G 41, 1982, 7-31, h ier 2 2 f. G e ­ m eint w aren die d e r Z isterzienserabtei Salem u n terste llten F ra u e n k lö ste r G utenzell, B aindt, H eiligkreuztal u n d W ald.

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gründeten Klöster ausschließlich Angehörigen und N achfahren ih­ rer eigenen Sippe vorbehielten.129) Im W iderstreit zwischen partikularer Fam ilienethik und univer­ seller Brüderlichkeitsethik ergriff G erson Partei für die Rechte der Familie. Der G edanke universeller Brüderlichkeit befreite von der Pflicht, sich in seinem D enken und H andeln vornehmlich von Fa­ milieninteressen leiten zu lassen. Familiale Ethik machte es zur Pflicht, vornehm lich auf das Wohl der eigenen Haus- und Fam ilien­ genossen bedacht zu sein; hatte doch bereits der Apostel Paulus an seinen Schüler Tim otheus geschrieben, daß der seinen Glauben ver­ leugne, wer für seine Angehörigen und Hausgenossen keine Sorge trage (1 Tim. 5,8). Fam iliensorge nährte Reform w iderstand. Da der menschliche A ffekthaushalt nicht einem wohldisziplinierten Gemüt gleichkam, konnten soziale Gegensätze lebensgefährliche Formen annehm en auch im Kloster. D ieter von Kuntich, der Abt von Amorbach, wird gewußt haben, weshalb er die Messe im Panzerhem d zelebrierte und sich w ährend des G ottesdienstes von bewaffneten Reisigen bewa­ chen ließ. Gegen die Interessen des fränkischen Adels hatte er 1420 in seinem Kloster „gem einsam es Leben“ (vita communis) wiederher­ gestellt, w odurch fränkischen Edelleuten die Möglichkeit genom ­ men war, ihre N achfahren mit einträglichen Einzelpfründen zu ver­ sorgen. Der A m orbacher K losterprior Heinrich von Stettenberg, der die Reform des Abtes unterstützt hatte, wurde zwischen 1422 und 1425 von seinen adligen W idersachern erschlagen. Es war ein hoher Preis, der entrichtet werden m ußte, um nach einem erbitterten R in­ gen schließlich auch „arm er luthe kinde und person in das closter“ aufnehm en zu können.130) Nackte G ewalt als ultim a ratio gegen Reform, die den eigenen Interessen zuwiderlief, war ein Grenzfall. Doch beleuchtet er grell

129) Jean Gerson, T ra c ta tu s de nobilitate. Pars II: De no b ilitate ecclesiastica, in: CEuvres com pletes. Ed. G lo rieu x , Vol. 9. Paris 1973, 4 8 7 f. Vgl. Klaus Schreiner, ,V e rsip p u n g 1 als soziale K ategorie m ittelalterlich er K irchenu n d K lostergeschichte, in: M edieval Lives a n d th e H istorian. S tudies in M edieval P ro so p o g rap h y . Ed. by N e ith a rd Bulst a n d Je an -P h ilip p e G enet. M ichigan 1986, 173. u0) Richard Krebs, D as K loster A m o rb ach im 14. u n d 15. Ja h rh u n d e rt, in: A rchH essG 7, 1910, 186f.; Alfred Wendehorst, D as bened ik tin isch e M ö n ch ­ tu m im m ittela lterlich e n F ra n k e n , in: U ntersu ch u n g en zu K loster und Stift (wie A nm . 25), 57 f.

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die soziale K onfliktträchtigkeit klösterlicher Reform, deren Träger und Initiatoren d arau f bedacht waren, die A utonom ie des Religi­ ösen gegen ständische Instrum entalisierung zu behaupten. G eschei­ terte Reform en sicherten Besitzstände des Adels. Reformen, die an ­ genom m en und verwirklicht wurden, führten zum Abbau sozialer Exklusivitäten. G elungen sind K losterreform ationen gemeinhin nur dann, wenn sich R eform er in ihrem Ringen um Erneuerung auf die A uto­ rität eines Bischofs oder die M acht eines Landesherrn stützen konn­ ten. Ideen allein verm ochten gegen die geballte M acht handfester Interessen wenig auszurichten. Durchgesetzt hat sich im Streit um die stricta observancia in Rechentshofen nicht das stärkere theologi­ sche und kirchenrechtliche Argument, sondern die landesherrliche A utorität des württem bergischen G rafen Ludwig und seiner G em ah­ lin Henriette, die für den Reform abt aus M aulbronn Partei ergrif­ fen. Reform m önche des späten M ittelalters geizten nicht mit Kritik, wenn Landesherren Klöster besteuerten, sie als Versammlungsstät­ ten für landständische Sitzungen gebrauchten, von ihrem Gastungsrecht gegenüber klösterlichen Gem einschaften extensiven G ebrauch m achten und diese insbesondere mit dem U nterhalt von Jägern, Jagdhunden, Jagdfalken und Pferden beschwerten. A nerkennung hingegen fand im Reform schrifttum und in der C hronistik des spä­ ten M ittelalters die engagierte cura religionis fürstlicher Herren. Der niedere Adel w urde gem einhin nur als reform hem m ende Kraft ge­ schildert. N ikolaus von Siegen, der 1470 im Peterskloster in Erfurt Profeß ablegte, und um 1494/95 eine Kloster- und O rdenschronik ver­ faßte, berichtet aus eigener Erfahrung, wie M önche aus Fulda, adlig dem Geschlecht, aber nicht den Sitten nach (nobiles genere sed non moribus), m it Hilfe ihrer adligen V erw andtschaft „die heilige Er­ neuerung verhindert haben“ (sanctam reformacionem impediverunt).n i) Den ganzen Zerfall der klösterlichen Disziplin (omnis dissolucio atque destitucio) in M änner- und Frauenklöstern, den völli­ gen N iedergang des Klosterwesens in geistlichen und weltlichen

m ) Nicolai de Siegen, C h ro n ic o n E cclesiasticum . Hrsg. v. F ran z X. W egele. (T hüringische G esch ich tsq u ellen , 2.) Je n a 1855, 452. Vgl. ebd. 453: m ali et perversi monachi cum suis nobilibus id [reform acio prepositurae beate M arie virginis] impedierunt.

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Dingen (totalis in spiritualibus et temporalibus ruina) führte er auf die unselige Sitte zurück, nur Adlige (nobiles persone et ingenue) zum M önchtum zuzulassen.132) R eform w iderstand war nur ein G ravam en, das spätm ittelalter­ liche M önche anführten, wenn sie sich zum gew andelten Verhältnis zwischen Kloster und Adel äußerten. Benediktinerklöster, schrieb der reform eifrige und rechtskundige N ikolaus Vener aus dem Klo­ ster Lorch ( t nach 1414), in die m an gemeinhin nur Söhne von G ra­ fen und Freiherren aufnehm e, würden das Vagantentum abgefalle­ ner M önche begünstigen. Für Bettelmönche und Zisterzienser, die den O rden wechseln, um der Strenge ihrer Observanz oder der Be­ strafung für ein Vergehen zu entkom m en, sei es nicht schwierig, in benediktinischen A delsklöstern als K apläne oder Vikare ,unterzu­ tauchen4.,33) Der K artäuser Jakob von Jüterbog (1381-1465) beklagte, daß Klöster vielfach zu „Sachw altern von A dligen“ (procuratores nobilium) geworden seien.134) Adlige würden in Klöstern widerrechtliche G astungsprivilegien beanspruchen, sich in die klösterliche G üter­ verwaltung einm ischen und klösterliche Liegenschaften - gleich den Besitzungen weltlicher H errschaftsuntertanen - mit Abgaben bele­ gen. Häufig würden nobilium improbitates - Fehde, Raub, Brand­ schatzung - die Existenz von Klöstern ernsthaft gefährden.133) Die Adligen von ehedem, schrieb ein Anonymus, um Fürsten und H erren zur Fröm migkeit zu erm ahnen, waren gottesfürchtig. „D as sicht m an woll an dem, das sy vill stifft und kloster gestifft und die selben gesichert und gefreitt haben. Aber zu unnsern zeitten ist das alles laider erlosschen, w ann ettlich fürstenn vnd ander edel

132) Ebd. 444. 133) Heimpel, V ener (wie A nm . 50), Bd. 2, 924-926, 929, 931 f., u. Bd. 3, 1210. 134) T rac ta tu s de m alis huius m u n d i p e r om nes status seculi c. 19, Berlin SB PK , C od. theol. lat. fol. 326, f. 40r. - Z u r Ü berlieferungsgeschichte dieses T rak tats vgl. Ludger Meier, D ie W erke des E rfu rte r K artäu sers Ja k o b von Jü te rb o g in ihrer h a n d sc h riftlic h en Ü berlieferung. (B eiträge zur G eschichte de r P hilosophie u n d T heologie im M ittelalter, 37 /5 .) 1955, 5 0 f.; Dieter M er­ tens, Iacobus C arthusiensis. U n te rsu ch u n g e n zur R ezeption d e r W erke des K a rtäu se rs Ja k o b van P arad ies (1381-1465). (V eröffentlichungen des M axP la n ck -In stitu ts fü r G eschichte, 50; S tudien zur G e rm an ia Sacra, 13.) G ö t­ tin g en 1976, 281, N r. 56. 135) T rac ta tu s (wie A nm . 134), c. 18, f. 38v.

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leutt m ochten sy das alles wider nemen, das jr vorfordern gestifft vnd geordent haben, das tetten sy gernn.“ 136) N icht frommes Verlangen nach Bürgschaften für ewige Selig­ keit, sondern kaltes Nutz- und Zweckdenken bestimmte dem nach das Verhältnis des Adels zum M önchtum in der Welt des späten M ittelalters. D er kritisierte Adel sah das anders und reagierte ent­ sprechend. Adlige fühlten sich ihrerseits durch die Klöster geschä­ digt. Es ist gewiß, schrieb der anonym e Verfasser der ,Reformatio Sigism undi4, „das der adel in vil steten abgenom en hat“ , weil ihre Vorfahren durch die Stiftung von Klöstern ihre eigenen Herr­ schafts- und Existenzgrundlagen untergraben haben. Das Reich solle deshalb den Benediktinern und Zisterziensern ihre „zwing und penn, vesten und stett“ nehmen und Rittern, Knechten und Städten, die dem Reich nutzbringende Dienste leisten, zu Lehen geben.137) Der bayerische Landeshistoriker Johannes Aventinus (1477-1534) bem erkte in sarkastischer Kürze: Die ungebildeten Mönche haben „edeln und unedeln, fürsten und herren, witib und waisen“ ihre Be­ sitztümer abgejagt, indem sie ihnen „ir andechtig pet verkauft ha­ ben, d arau f si doch selbs gar nichts halten“ .138) Johannes Gastius aus Breisach berichtet in seinen 1543 abge­ faßten Sermones convivales von einem G espräch zwischen einem Edelm ann und einem M önch, das er angeblich in Tübingen mitver­ folgt habe. Der Junker meinte, solange die O rdensleute noch fromm und züchtig waren, hätten auch die Adligen selbstlos Klöster gestif­ tet und diese reich mit G ütern ausgestattet. Da aber in der Gegen­ wart das m onastische Leben gänzlich zerrüttet sei, dürfe es die M ön­ che nicht w undernehm en, „das jhnen der Adel nunm ehr so auffsetzig, das sie auch bedacht, die grossen Gueter, die sie legst jhnen zu-

l3t>) Z w ö lf R atschläge für einen F ürsten u n d H e rrn , W ien Ö N B , C od. Vindob. 2877, f. 48v. I37) R efo rm atio n K aiser Siegm unds. Hrsg. v. Heinrich Koller. (M G H S taats­ schriften, 6.) S tuttgart 1964, 201 (V). Vgl. auch ebd. 160: Um in einem K lo ­ ster begraben zu w erden, hätten die „ reich e n u n d gew altigen h e rre n “ die K löster m it ,,zinß u n d groß gult, zw ing und b e n n “ ausgestattet, die n u n m eh r den „ rec h te n erb en n u n d e r dem a d e l“ fehlen u n d zu großem S chaden gerei­ chen. 13S) Jo h a n n e s T u rm a ir’s g e n a n n t A ventinus B ayerische C h ro n ik . Hrsg. v. M atthias Lexer. Bd. 1. M ü n ch en 1883, 225.

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geschlagen, nu wider an sich zu bringen und deren auch zu gemes­ sen“ .139) In einer Zeit, die der Adel als krisenhafte Erschütterung seiner wirtschaftlichen und politischen Lebensgrundlagen erfuhr, verän­ derte sich dessen Einstellung zu den Klöstern. Adelsgeschlechter, denen Klöster ihre Existenz verdankten, werteten diese nicht mehr als Quellen des Heils, sondern betrachteten sie als Ursachen der Verarmung und des Niedergangs. Der Stimmungs- und Interessen­ wandel ist evident. Reform en zu blockieren, war offenkundig ein Weg, für die schädlichen Langzeitwirkungen einer unbedachten Stiftungs- und Schenkungseuphorie Ausgleich und Ersatz zu su­ chen. IV. Jene Reform, die in der Vorstellungswelt neuerer Historiker als ,R eform ation6 schlechthin gilt, liquidierte mit der Aufhebung poli­ tisch und ökonom isch nutzbringender Klöster auch deren gelöste und ungelöste soziale Probleme. N ur die benediktinischen Adels­ stifte Kem pten und Fulda blieben, was sie immer waren: Geistliche Institutionen zur Erhaltung des Adels. Als der Fuldaer Fürstabt Johann Bernhard Schenk von Schweinsberg (1623-1632) auch nichtadlige junge M änner in seinen K onvent aufnahm , zeigte sich wieder einmal, wie sehr die „Adels­ frage“ (punctum nobilitatis) zu einem „großen H indernis für die Re­ form “ (magnum reform ationis impedimentum) werden konnte.140) D er auf O bservanz bedachte Reform abt plädierte für „benediktinische Indifferenz“ (indifferentia benedictina), die adlige Ausschließ­ lichkeit als regelwidrige Norm erscheinen ließ, auch adligen und nichtadligen M önchen gleiche Rechte im K apitel einräumte. Die freie Reichsritterschaft am Rheinstrom und in der W etterau behaup­ tete: Abt Bernhard, der „ander unadelichen standts religiösen“ in den K onvent aufgenom m en habe, verstoße gegen ihr „hergebrach­ tes ju s“ .141) Die sozial indifferente Aufnahm e von Bewerbern in den K onvent habe zur Folge, daß der Adel, der im Stift Fulda bislang al­ 139) Johannes Gastius, S erm ones convivales. Tom . 1. B asileae 1561, 103-105. - Die Ü bersetzung w u rd e ü b e rn o m m en aus Cyriacus Spangenberg, AdelsSpiegel. Bd. 2. S c h m alk ald en 1594, 449. 140) G. Richter, Z u r R eform d e r A btei F ulda u n ter dem Fürstabte Johann B e rn h ard S chenk von S chw einsberg (1623-1632). F ulda 1915, 19. m ) E bd. 76.

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lein (seclusis ignobilibus et plebeis) pfründfähig gewesen sei, ,,zue ungebuer entsetzt und vertrungen w irt“ .142) Die mit viel Idealism us ins Werk gesetzte Reform verursachte K ontroversen und Konflikte. Die W iderständigkeit des Adels zwang zum Kom prom iß. Letztlich durchgesetzt hat sich der Wille zur T rennung: Gem einsam zu leben, wie es die angestrebte „regula­ rische observants“ geboten hätte, erwies sich als Utopie. „Praktisch bestanden in Fulda im 17. und 18. Jahrhundert zwei K onvente: Ein­ mal die adligen K apitulare, mit eigenem Einkom m en und eigenen H äusern, neben dem Abt allein berechtigt, über die Geschicke des Klosters zu bestimmen. A uf der ändern Seite stand ein bürgerlicher K onvent niederen Rechts. Seine M itglieder wurden in der Seelsorge und an der Hochschule eingesetzt.“ 143) Der sozialen Trennung ent­ sprach eine räum liche: Der Fürstabt residierte in der sogenannten A btsburg; die Stiftsherren wohnten in eigenen Propsteien in der Stadt und deren Um gebung; der bürgerliche K onvent war im alten Klostergebäude hinter der Kirche untergebracht. „H ier w ohnten die Benediktiner zweiter Klasse unter der Leitung eines Superiors. W ollten die M önche mit dem Fürstabt, ihrem Abbas, reden, mußten sie zeitig und in aller Form um eine Audienz bitten.“ 144) Höfische Etikette löste die Regel auf. Die benediktinischen Edelherren von Kem pten hatten im aus­ gehenden 15. Jahrhundert ihre als Heilige verehrte Stifterin H ilde­ gard, die zweite G em ahlin Karls d. G roßen, zu einer G arantin der klösterlichen Rechts- und Sozialverfassung gem acht.145) H ildegard verbürgte die vom Kloster beanspruchte H errschaft über die Stadt Kempten. Sie legitimierte außerdem den adligen Zuschnitt des

142) Ebd. 84. - In der T at: D ie F u ld a er R eform gegner k o n n ten sich a u f die T rad itio n stützen. D as „seit Ja h rh u n d e rte n “ in F u ld a p ra k tizie rte A delsm o­ nopol hab en die dortig en M ön ch e im Ja h re 1521 in ihren S tatu ten v erankert. E n tsp rec h en d legten sie fest, „ d a s kein er a u f den stifft inn o rd e n a n g en o m ­ m en w urde, der habe d an sein vier a n c h e n “ (d .h . seine vier ritterm äß ig en A hnen). 1532 m achten sie g eltend, d a ß „ d iß e r Stifft u ff den A del fundiert, desßelbigen S p ital“ sei; J o se f Leinweber, D as H ochstift F u ld a v or d e r R e fo r­ m ation. F u ld a 1972, 271. 143) R u d o lf Reinhardt, D ie k irchliche B a ro ck lan d sch a ft O berschw abens. V or­ aussetzungen u n d G ru n d la g e n , in: R o tte n b u rg e r Jb. f. K iG 1, 1982, 42. ,44) E bd. 145) K laus Schreiner, ,H ild e g ard is re g in a 1. W irklichkeit u n d L egende einer karo lin g isch en H errsch erin , in: A K G 57, 1975, 1-70.

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Stifts. Als im Jahre 1594 der römische K ardinal Porta eine Visitation des Klosters K em pten ankündigte, erinnerte die schwäbische Reichsritterschaft mit Vehemenz daran, daß Kem pten ein dem Adel ,,anbefohlenes“ und nur für diesen gestiftetes G otteshaus sei. „N euerung“ , „Ä nderung“ , eine andere Lebensform (alia vivendi ra­ tio), die bewirke, daß Leute aus dem Volk (plebei) in Kem pten Auf­ nahm e finden, würde die Schwäbische Reichsritterschaft keinesfalls dulden.146) Kaiser R udolf II. intervenierte beim Papst. Er versuchte ihn davon zu überzeugen, daß die von K ardinal Porta angestrebte „In n o v atio n “ für den schwäbischen Adel eine „nachteilige Newerung “ darstellte, die der „Teutschen und Schwaben G ew ohnheit“ widersprechen würde. Als Schutz- und Schirm herr des Klosters könnte er nicht zulassen, daß das Stift Kem pten „w ider alt H erkom ­ m en“ bedrängt und beschwert werde. Die von der Reform betroffenen adligen K onventsherren recht­ fertigten ihre m angelnde R eform bereitschaft durch folgende G ründe: Ihre adligen Eltern und Verwandten hätten sie nur unter der Voraussetzung dem Kloster übergeben und für dieses bestimmt (non aliter nos tradiderunt et mancipaverunt), daß sie dort nach alter G ew ohnheit aufgenom m en und behandelt würden. Beugten sie sich der beabsichtigten Reform , würde ihnen das bei ihren Eltern und Verwandten zur Schande (ad dedecus) gereichen. Auch würde die Ehre des Ritterstandes eine solche N euerung nicht zulassen, weil das Kloster nur für edelgeborene M önche (religiosi nobili genere nati) gestiftet w orden sei. Geistliche Argum ente verm ochten die schwäbische Reichsritterschaft nicht zu erschüttern. Sorge um den Bestand adliger Le­ bens- und Versorgungsmöglichkeiten zählte m ehr als der Hinweis auf die G ottessohnschaft aller Christen, die U nterschiede der Ab­ stam m ung nicht kenne, au f die Erlösungstat Christi, die den U nter­ schied zwischen Sklaven und Freien aufgehoben habe, au f die Beru­ fung der N icht-Edlen und N icht-M ächtigen zu Aposteln Jesu (1 Kor. 1, 26-28), die ständische A bschottung zu einem theologischen Ärgernis mache. Den K onflikt bereinigte eine Regula equestrorum benedictina, die, weil sie dreim al in der W oche den G enuß von 146) B H StA M ü n c h e n , F ü rststift K em p ten , A kten N e u b u rg er A bgabe 1886. D iesem A ktenfaszikel sin d auch die folgenden A ngaben entnom m en. - Ü ber die W id e rstän d e d e r schw äbischen R eich srittersch aft gegen die R eform K em p ten s b eabsichtige ich in a n d ere m Z u sa m m e n h an g ausführlich zu be­ richten.

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Fleisch gestattete, regelm äßig Wein zuteilte, eine nicht zu harte Q ua­ lität von Kleidern und Betten vorsah, M önchen adliger H erkunft gerade noch zugemutet werden konnte.147) Der kirchliche H and­ lungsgrundsatz, wonach nicht „G ew ohnheit“ (consuetudo), sondern „W ahrheit“ (veritas) das christliche Leben zu form en habe, w ider­ sprach der M entalität und dem Interesse der schwäbischen Reichs­ ritter. Einer von ihnen kom m entierte als Stiftsherr von Kem pten zu A nfang des 18. Jahrhunderts die Regel Benedikts. In dem 59. K api­ tel, das Anweisungen gibt, wie „Söhne der Adligen und A rm en“ dem Kloster dargebracht werden sollen, ließ er die „Söhne der Ar­ m en“ (filii pauperum) einfach unerw ähnt.148) Benedikts Wille und Vermächtnis, auch Söhne arm er Leute ins Kloster aufzunehm en, war für ihn nicht existent. Er sah nur das, was er im Herzen trug seine Vorlieben und Vorurteile. Als im Mai 1777 das adlige Benediktinerstift Kem pten seine „Tausendjährige Jubelfeier“ beging, geizten Festprediger nicht mit Eloquenz und Phantasie, um den zeitgenössischen From m en klarzu­ m achen, daß die aristokratische Rechts- und Sozialverfassung Kemptens im W illen H ildegards verankert sei. „H ildegard war es“ , behaupteten die barocken Prädikanten, „H ildegard, jene gottesfürchtige Fürstin, jene Gesegnete, aus dem schwäbisch herzoglichen G eblüte abstam m ende Prinzessin“ , die heute als „große H imm elsfürstin auf den A ltären“ verehrt wird und ehedem „den großm ütigen E ntschluß“ faßte, „in Kem pten zu der Ehre des Allerhöchsten eine dauerhafte Pflanz-Schule für adlige M änner zu errichten“ , die „den Schild eines geistlichen Heldenmuthes auf ihrer christlichen Adler-Brust tragen“ .149) Bereits Karl d. G roße habe dem „adeligen B enediktinerkloster“ den Rang einer Fürstabtei zuerkannt. Angesichts dessen könne einer auf den G e­ danken kom m en und sich träum en lassen: „O wie hat sich die alte römische Kirche geändert? W enn wir unsre Augen auf solche zu­

l47) Werner K un dert, R eichsritterschaft u n d R eichskirche v ornehm lich in Schw aben 1555-1803, in: Z w ischen Schw arzw ald u n d S chw äbischer Alb. D as L and am o b e ren N eckar. Hrsg. v. F ranz Q u arth ai. Sigm aringen 1984, 306. H8) b j-fStA M ün ch en , F ürststift K em p ten , M ü n c h e n er B estand 342 b. 149) B eschreibung d e r T au sen d jäh rig e n Ju b e l-F e y er des F ürstlichen H ochStifts K em pten. K em pten 1777, 98 f.

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rückwerfen, sehen wir nichts als Arm uth, den U rheber derselben arm, die Apostel arm, die Bischöfe arm , alles ohne Reichtum, alles ohne H errschaften, alles ohne Adel.“ Jetzt aber sehen wir bei dem N achfolger des hl. Petrus eine „dreyfache K rone auf dem H aupt, an den K ardinälen den Purpur, an den deutschen Fürsten und Bischö­ fen die H erzogs-H auben; die Klöster stehen da, wie die Paläste, die hohen Stifte prangen mit dem fürnehm sten Adel, alle durchgehends versehen mit den fettesten Einkünften, o wie hat sich die Kirche ver­ ändert?“ 150) Dieser W andel, antw ortete der Prediger prom pt und prägnant, sei nicht als Teufelswerk zu betrachten, sondern entspreche dem Willen Gottes. G ott habe es gewollt, „d aß seine Kirche auf Erden sollte helleuchtend sein, adelig, und in allen Dingen fürtrefflich wer­ d en“ . D urch die sichtliche Bevorzugung des Adels bei der Besetzung kirchlicher Ämter habe G ott „der ganzen Welt zu verstehen“ gege­ ben, daß es „sein Wille sei, die Kirche auf Erden durch kaiserliches, königliches, herzogliches, fürstliches, gräfliches G eblüt scheinbar und ansehnlich zu m achen“ .i3i) Die Abtei Kem pten, die als uneinnehm bare Fluchtburg des Adels sämtliche Reform en und R eform ationen überdauert hatte, wurde 1803 aufgehoben. Die Säkularisation befreite von der N ot­ wendigkeit, aus Predigten Veranstaltungen im Interesse des Adels zu machen. Sie gab Chancen, M önchtum als M acht des Geistes von neuem zu entdecken. M önchtum im M ittelalter lebt aus risikobereitem Sicheinlassen auf die E rprobung neuer christlicher Lebensmöglichkeiten. Klöster­ liche G em einschaftsbildung beinhaltet - historisch betrachtet - spi­ rituelle Dynam ik und selbstgenügsame Erstarrung. Geschichte mit­ telalterlichen M önchseins ist in ihrer Entwicklung geprägt durch die D ialektik von retardierenden und reform erischen Kräften. Aus deren jeweiliger D urchsetzungskraft bedingten sich unterschiedliche G rade gesellschaftlicher Verstrickung. W iderstand gegen Zuge­ ständnisse an Leitbilder und Interessen des Adels sicherte monastische Identität. Anpassung, die nicht mehr der Sicherung elementa­ rer Lebensgrundlagen diente, sondern in korrupten Konformismus umschlug, drosselte den Willen zur U nabhängigkeit, ermöglichte

,50) E bd. 130 f. 151) E bd. 131 f.

die Verschmelzung von klösterlichen Lebensregeln mit sozialen G ruppeninteressen und verhinderte nicht zuletzt jene Spontaneität und Freiheit des Geistes, die M önche brauchen, um ihrem Beruf und ihrer Berufung gerecht zu werden.