Schriften des Historischen Kollegs - Historisches Kolleg

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Schriften des Historischen Kollegs Kolloquien 58 Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert R. Oldenbourg Verlag München 2003 Genera...

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Schriften des Historischen Kollegs

Kolloquien 58 Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert

R. Oldenbourg Verlag München 2003

Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert

Herausgegeben von Jürgen Reulecke unter M itarbeit von Elisabeth M üller-Luckner

R. O ldenbourg Verlag München 2003

Schriften des H istorischen Kollegs herausgegeben von Lothar Gail in V erbindung mit Etienne Frangois, Johannes Fried, Klaus H ildebrand, M anfred H ilderm eier, C lau d ia M ärtl, Jochen M artin, H einrich N öth, U rsula Peters, W olfgang Q uint und D ietm ar W illow eit G eschäftsführung: G eorg Kalmer Redaktion: Elisabeth M üller- Luckner Das H istorische K olleg fördert im Bereich der historisch orientierten W issenschaften G e­ lehrte, die sich durch herausragende Leistungen in Forschung und Lehre ausgew iesen haben. Es vergibt zu diesem Z w eck jährlich bis zu drei Forschungsstipendien und ein Förderstipen­ dium sow ie alle drei Jahre den „Preis des H istorischen K ollegs“. Die Forschungsstipendien, deren Verleihung zugleich eine A uszeichnung für die bisherigen L eistungen darstellt, sollen den berufenen W issenschaftlern w ährend eines K ollegjahres die M öglichkeit bieten, frei von anderen Verpflichtungen eine größere A rbeit abzuschließen. Professor Dr. Jürgen R eulecke (Siegen) w ar - zusam m en m it Dr. Peter Burschel (Freiburg i.Br.), Professor Dr. W olfgang H ard tw ig (B erlin) und Prof. Dr. D iethelm Klippe! (B ayreuth) - Stipendiat des H istorischen Kollegs im K ollegjahr 2000/01. Den O bliegenheiten der Stipendiaten gem äß hat Jü rgen R eulecke aus seinem A rbeitsbereich ein K olloquium zum Them a „G enerationalität und Lebensgeschichte im 20. Jah rh un d ert“ vom 18. bis 21. Ju li 2001 im H istorischen K olleg gehalten. Die Ergebnisse des K olloquium s w erden in diesem Band veröffentlicht. Das H istorische Kolleg, früher vom Stiftungsfonds Deutsche Bank zur Förderung der W is­ senschaft in Forschung und Lehre und vom Stifterverband für die Deutsche W issenschaft ge­ tragen, w ird seit dem K ollegjahr 2000/2001 in seiner G rundausstattung vom Freistaat Bayern finanziert; seine Stipendien w erden aus M itteln des D aim lerC hrysler-Fonds, der Fritz T h y s­ sen Stiftung, des Stifterverbandes und eines ihm verbundenen Förderunternehm ens dotiert. Träger des Kollegs ist nunm ehr die „Stiftung zu r Förderung der H istorischen Kommission bei der Bayerischen A kadem ie der W issenschaften und des H istorischen K ollegs“.

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© 2003 O ldenbourg W issenschaftsverlag G m bH , M ünchen Rosenheim er Straße 145, D-81671 München Internet: http://www.oldenbourg-verlag.de Das W erk einschließlich aller A bbildungen ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des U rheberrechtsgesetzes ist ohne Zustim m ung des Verlages un zu­ lässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Ü bersetzungen, M ikro ver­ film ungen und die Einspeicherung und Bearbeitung in elektronischen System en. G edruckt auf säurefreiem , alterungsbeständigem Papier (chlorfrei gebleicht) G esam therstellung: R. O ldenbourg Graphische Betriebe D ruckerei Gm bH , M ünchen ISBN 3-486-56747-0

Inhalt J ü r g e n R eu leck e Einführung: Lebensgeschichten des 20, Jahrhunderts im „Generationencontainer“ ? ..................................................................................

VII

Verzeichnis der Tagungsteilnehm er........................................................................

XVII

A n n ä h eru n g en an das Them a „ G e n eratio n alitä t“

Lutz N i et h a m m e r Sind Generationen identisch? ..................................................................................

1

P e t e r S ch u lz -H a geleit Zur Problematik des „Durcharbeitens“ lebensgeschichtlicher Erfahrungen.....................................................................................................................

17

J ü r g e n Z in n eck er „Das Problem der Generationen“. Überlegungen zu Karl Mannheims kanonischem T e x t.........................................................................................................

33

B er n h a rd G iesen Generation und T rau m a.............................................................................................

59

G erd H a rd ach Der Generationenvertrag im 20. Jahrhundert ...................................................

73

G en erationen folge in der deutschen G eschichte des 20. Ja h rh u n d e rts

Ulrich H e r b e r t Drei politische Generationen im 20. Ja h rh u n d e rt............................................

95

H ans M o m m se n Generationenkonflikt und politische Entwicklung in der Weimarer Republik .........................................................................................................................

115

VI

Inhalt

B e r n d A. R usinek Krieg als Sehnsucht. M ilitärischer Stil und „junge Generation“ in der Weimarer R e p u b lik .......................................................................................................

127

H ein z B u d e Die 50er Jahre im Spiegel der Flakhelfer- und der 68er-Generation .........

145

Ulrich H e rr m a n n „ungenau in dieser Welt“ - kein Krawall, kein Protest: Der unaufhaltsame Aufstieg um 1940 Geborener in einer „Generationen“-Liicke ...................

159

B ernd IJn d n er „Bau auf, Freie Deutsche Jugend“ - und was dann? Kriterien für ein Modell der Jugendgenerationen der D D R ..........................

187

D o r o t h e e W ierling Wie (er)findet man eine Generation? Das Beispiel des Geburtsjahrgangs 1949 in der D D R ...........................................................................................................

217

Axel Schildt Nachwuchs für die Rebellion - die Schülerbewegung der späten 60er J a h r e ...................................................................................................................................

229

E xem plarische R ek on stru k tion en : B efragung zw eier G en eratio n s­ einheiten aus der „ Ja h rh u n d e rtg en e ra tio n “ (geb. 1900 bis ca. 1912)

T hom a s A. K o h u t History, Loss, and the Generation of 1914: The Case of the „Freideutsche Kreis“ .................................................................................................................................

253

Ursula A. J. B e c h e r Zwischen Autonomie und Anpassung - Frauen, Jahrgang 1900/1910 eine Generation? .........................................................................................................

279

Personenregister

295

Jürgen Reulecke Einführung: Lebensgeschichten des 20. Jahrhunderts im „Generationencontainer“ ? „Wir sind die Geschichten, die w ir von uns erzählen können“ - dieses Bonmot, es stammt von dem Heidelberger Theologen und Psychoanalytiker Dietrich Ritschl (geb. 1929), begleitete in mehrfacher Weise das im folgenden dokumentierte Kol­ loquium, welches - ausgehend von exemplarischen Beiträgen - das Verhältnis von Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert sowohl als Gegen­ stand abständiger historisch-sozialwissenschaftlicher Analyse als auch aus dem Blickwinkel eigener biographischer Erfahrung diskutieren sollte. Die wohl in den meisten der inzwischen rund sechzig Kolloquien des Münchner Historischen Kollegs gerade nicht thematisierte, wohl auch bewußt ausgeschlossene Subjektivi­ tät des forschenden Wissenschaftlers bei seinem Tun w ar also bei diesem Kollo­ quium ausdrücklich mit gedacht und Gegenstand der Reflexion. Dabei ging es nicht um eine von modischen Strömungen angestoßene Überbetonung des sog. „subjektiven Faktors“ in der Geschichte, aber doch um jene häufig ausgeblendete Tatsache, die bereits im Jahre 1800 Friedrich Schlegel in seinen „Gespräche(n) über Poesie“ folgendermaßen in die Form eines Appells an einen Gesprächspart­ ner gekleidet hat: „ ... und Sie werden sich - wenn Sie darüber reflektieren - leicht erinnern und überzeugen, dass das beste in den besten Romanen nichts anders ist als ein mehr oder minder verhülltes Selbstbekenntnis des Verfassers, der Ertrag seiner Erfah­ rung, die Quintessenz seiner Eigentümlichkeit.“1 Zwar spricht Schlegel hier nur von Romanen und deren Verfassern, aber die Annahme liegt nahe, daß dieser Sachverhalt cum grano salis auch auf unsere w is­ senschaftlichen Produkte zutrifft - insbesondere, wenn w ir uns mit kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Themen und in diesem Kontext wiederum vor allem mit Generationenstrukturen und Lebensgeschichten beschäftigen: Es läßt sich letztlich kaum unterschlagen, auch wenn w ir uns dessen nicht ständig bewußt sind, daß w ir selbstverständlich immer a u ch vor dem Hintergrund unserer eige­ 1 F ried r ic h S c h l e g e l , Gespräch über Poesie, in: K ritische F riedrich-Schlegel-A usgabe, hrsg. v. Ernst B eh ler, 1. A bteilung, Bd. 2 (M ünchen u .a. 1958) 336f.

V III

Jürgen R eulecke

nen kumulierten Lebenserfahrungen und der Addition von aus vielerlei Geschich­ ten erfahrenen Facetten gelebten Lebens anderer Menschen ~ Menschen der Ver­ gangenheit ebenso wie unserer heutigen Zeit-, Alters- und Geschlechtsgenossen und -genossinnen - argumentieren. Lfm diesen eigentlich recht trivialen Sachver­ halt in ein (zugegeben etwas überzogenes) Wortspiel zu kleiden: Indem w ir in unserer Geschichtsschreibung, also in den von uns verfaßten „Geschichten“, die Verknüpfungen in vergangenen „Menschengeweben“ (Norbert Elias) aufzudekken, zu verstehen und in „Text“ zu bringen versuchen, basteln w ir gewissermaßen an einem bedeutungsstiftenden Dach (lat. tectum) mit allerlei argumentativen Dachziegeln (lat. tegula), die dann zusammen eine sinnvoll und vertretbar erschei­ nende Sinnstruktur, eine A rt Gewebe, ein „Textil“ ergeben, einen Text also, den w ir unseren Lesern oder Zuhörern als Kommunikationsangebot vorlegen und mit dem w ir uns in aktuelle Diskurse einmischen wollen. „Generationalität“ ist ein solches Dach, das in hohem Maße ein von unseren eigenen Erfahrungen mitbe­ stimmtes Kommunikationsangebot ist. Der in der Diskussion über Generationenverhältnisse eher ungebräuchliche Be­ griff „Generationalität“ geht - wie alle Begriffe mit der Endsilbe ,,-tät“ wie Iden­ tität, Urbanität, N ationalität usw. - auf einen genitivus qualitatis (ähnlich wie z. B. auctoritas, auctoritatis) zurück und bezeichnet eine einer Sache oder einem Wesen zugeschriebene oder erst unter bestimmten Umständen hervortretende „Q uali­ tät“. „Generationalität“ meint also eine einem Menschen anhaftende oder auch bloß zugeschriebene Eigenart, die etwas mit seinem altersspezifischen Herkom­ men, seiner „Generationslagerung“ (Karl Mannheim) also, zu tun hat. Das „Ge­ nerationelle“, falls es sich als Konstrukt historisch einigermaßen klar fassen läßt, wird auf diese Weise mit der Subjektivität von Personen oder Personengruppen als ein Spezifikum ihrer „Identität“ oder mentalen Beschaffenheit in Verbindung gebracht. „Generationalität“ zielt demnach nicht auf eine (rückblickende oder ak­ tuelle) mehr oder weniger idealtypische Konstruktion von quasi „objektiv“ faß­ baren Generationenstrukturen ganzer Kohorten, sondern auf eine Annäherung an die subjektive Selbst- oder Fremdverortung von Menschen in ihrer Zeit und deren damit verbundenen Sinnstiftungen - dies mit Blick auf die von ihnen erlebte Ge­ schichte und die Kontexte, die sie umgeben, die sie wahrnehmen und in denen sie ihre Erfahrungen machen. Das oft zu hörende Argument gegen den Generatio­ nenansatz, er zerlege das historische Kontinuum in willkürliche, d.h. von außen aufgesetzte und nur von biologischen Daten, also Geburtsjahren abhängige Zeit­ segmente2, trifft also mit Blick auf die hier favorisierte Definition nicht zu, denn es geht ja gerade nicht um „objektiv“ vorfindbare Zeitsegmente oder Menschenclu­ ster. Angesprochen ist mit „Generationalität“ aber zugleich auch die Tatsache, daß in bestimmten Zeiten des 20. Jahrhunderts der Generationenbegriff, das A rgu­ mentieren mit Generationenstrukturen und die Selbst- und Fremddefinition von 2 S. dazu z.B . A n d re a s S c h u l z , Individuum und G eneration - Identitätsbildung im 19. und 20. Jahrhundert, in: G eschichte in W issenschaft und U nterricht 52 (2001) H . 7/8, 406-414, bes. 407.

Lebensgeschichten des 20. Jahrhunderts - im „G enerationencontainer“ ?

IX

Angehörigen bestimmter Altersgruppen (= „Generationseinheiten“) als identifi­ zierbare Generationszugehörige Konjunktur gehabt haben. Generationenkon­ struktionen sind in solchen Zeiten oft auch massenmedial „breitgetreten“ worden - im Extremfall mit massiven politisch-demagogischen Absichten. Wenn auch „Generation“ und „Generationalität“ zunächst einmal immer nur subjektive Deutungskonstrukte sind, können sie in manchen historischen Zusammenhängen eine erhebliche W irkungskraft entfalten, werden also zu realen, vor allem menta­ litätsgeschichtlichen Faktoren mit u.U. erheblichen individuellen wie kollektiven Langzeitfolgen. Da unser Kolloquium wegen der gewünschten Einbeziehung eigener Subjekti­ vität ein etwas ausgefallenes Experiment sein sollte, w ar es in besonderer Weise von Bedeutung, die entsprechende „Versuchsanordnung“ und Auswahl der daran M itwirkenden intensiver zu überlegen, als es vielleicht sonst der Fall ist. Bei der Festlegung von Themenblöcken bot sich an, sich nach einem kritisch-nachfragenden Einleitungsbeitrag, der den schillernden Begriff der „Identität“ mit ins Spiel bringen sollte (L. Niethammer), zunächst unterschiedliche Konzepte und U m ­ gangsweisen mit dem Generationenbegriff vorführen zu lassen, um dann anschlie­ ßend - ebenfalls wieder nach einem umfassenderen Überblick (U. Herbert) einzelne profilierte Altersgruppen des 20. Jahrhunderts (s. etwa die Beiträge von H. Mommsen und H. Bude) oder Konstellationen, in denen z.B. die Beschwö­ rung der „jungen Generation“ in besonderer Weise aktuell war (s. den Beitrag von B. Rusinek), exemplarisch zu diskutieren. Den Abschluß bildete die Vorstellung der Ergebnisse von zwei Studien, in denen versucht worden war, konkreten „Menschengeweben“, sprich: abgrenzbaren „Generationseinheiten“ auf die Spur zu kommen (Th. Kohut, U. A. J. Becher). Dies wäre noch ein relativ konventionelles Programm gewesen, wenn nicht ausgehend von der Ausgangsüberlegung, nach dem Motto „tua res agitur“ auch eigene generationelle Erfahrungen mit reflektieren lassen zu wollen - die Teilneh­ mer nicht nur wegen ihrer Sachkompetenz, sondern auch (bis auf wenige Ausnah­ men) im H inblick auf ihre Zugehörigkeit zu bestimmten Altersgruppen eingela­ den worden wären: die Zugehörigkeit zu zwei - wenn man so will - „Zwischen­ generationen“, nämlich zu den Geburtsjahrgängen um 1939/40 und um 1950/52. Auf diese Weise bestand die Teilnehmergruppe des Kolloquiums aus zwei fast gleichgroßen Altersgruppen. Zwar haben die meisten der Referenten/innen über die Altersgruppengrenzen hinweg seit Jahren miteinander wissenschaftlich in engem Kontakt gestanden, so daß sie streckenweise eine gemeinsame Geschichte besitzen, doch liegt es auf der Hand, daß die Angehörigen der beiden Gruppen in ihrer Jugendphase und anschließend auf ihrer „Karriereleiter“ von höchst unter­ schiedlichen Konstellationen herausgefordert und geprägt worden sind: Wie w irkt es sich aus, wenn man sich als Generationenverhältnisse analysierender Wis­ senschaftler und gleichzeitig als generationell geprägter Zeitzeuge selbst ins Visier nimmt - und dies zudem noch im Austausch mit gleichaltrigen oder mit gleich­ interessierten, aber aus einer anderen Altersgruppe stammenden Kollegen und Kolleginnen?

X

Jürgen R eulecke

Die Kontroverse über den oft zu hörenden, eher wohl ironisch gemeinten Satz, der Zeitzeuge sei der natürliche Feind des H istorikers3, mußte bei einer solchen Tagungsstruktur - so w ar zu erwarten - mindestens zum Teil gewissermaßen in je­ dem einzelnen Beteiligten und zugleich auch in der gemeinsamen Diskussion aus­ getragen werden. Ein weiterer wichtiger Grund für die Hinzuziehung von Fach­ leuten aus eben diesen beiden Altersgruppen hing jedoch mit einer Beobachtung zusammen, die sich auf eine Konstellation bezieht, die ebenfalls danach zu befra­ gen war, ob sie mehr als nur zufällig ist. Gemeint ist die Tatsache, daß mit nur w e­ lligen Ausnahmen wie z.B. Hans Mommsen (geb. 1930)4 und Flans Jaeger (1935 1996)5 alle H istoriker und die Vertreter benachbarter Fächer, die sich in den letz­ ten gut eineinhalb Jahrzehnten in ihren Forschungen mit Generationenstrukturen beschäftigt oder solche bei ihren Analysen zur Deutung in maßgeblicher Weise herangezogen haben, aus den genannten Altersgruppen stammen. Beide Kohorten stehen offenbar zwischen oder neben jenen viel deutlicher fixierbaren „Generatio­ nen“ (s. die Beiträge von U. Herrmann und A. Schildt), für deren herausragende Generationsstile sich seit längerem klare Zuschreibungen eingebürgert haben („Skeptische Generation“, „68er-Protestgeneration“ u.ä.). Dagegen sind für die bei unserem Kolloquium vertretenen Kohorten nur die saloppen Ex-NegativoCharakterisierungen „als ,Skeptische“ zu jung und als ,68er‘ zu alt“ bzw. „als ,68er‘ zu jung, als ,Punk‘ (und erst recht als ,Generation Golf‘, J.R .) zu alt“ erfunden worden. Nachdem den Angehörigen der älteren Gruppe bereits in den 1960er Jah ­ ren attestiert worden war, sie gehörten zu einer „Generation der Unbefangenen“ und ständen „ungenau“ in der Generationenlandschaft6, hat das Generationen­ selbstbild der jüngeren der beiden Altersgruppen der Autor Peter Roos (geb. 1950) z.B . 1980 auf den Nenner gebracht, sie sei „eine Generation zwischen be­ setzten Stühlen“, und Reinhard Mohr (geb. 1955) verfiel 1992 auf die Zuschrei­ bung: „Zaungäste. Die Generation, die nach der Revolte kam “7. Zugespitzt ge­ fragt: Sind Angehörige solcher „Zwischengenerationen“ vielleicht deshalb, weil 3 S. z.B . den Schlagabtausch über diesen Satz zw ischen W o l f g a n g K r a u s h a a r und Axel S ch ild t in der Zeitschrift „M ittelw eg 36“, H eft 6, 8. Jg. (1999) 69f., und H eft 1, 9. Jg. (2000) 62-64. 4 Vgl. etw a seinen Beitrag „G enerationskonflikt und Jugendrevolte in der W eim arer R epu­ b lik “, zuerst abgedruckt in: T h o m a s K o e b n e r , R o l f - P e t e r J a n z , F rank T r o m m l e r (H rsg.), „M it uns zieht die neue Z eit“. D er M ythos Jugend (F rankfurt a.M . 1985) 50-67. H a n s M o m m s e n w ar auch 1984 einer der A nreger der ersten Sektion auf einem deutschen H isto ri­ kertag, die sich m it der G enerationenthem atik beschäftigt hat, s. den Sektionsbericht in: Be­ richt über die 35. Versam m lung deutscher H isto riker in Berlin (Stuttgart 1985) 211—219. 5 S. seinen im pulsgebenden B eitrag „G enerationen in der Geschichte. Ü berlegungen zu einer um strittenen K onzeption“, in: Geschichte und G esellschaft 3 (1977) 429-453. 6 S. neben dem unten abgedruckten Beitrag von U lrich H e r n n a n n auch J ü r g e n R e u le c k e , W aren w ir so? Z w anzigjährige um 1960: ein Beitrag zu r „Ich-A rchäologie“, in: ders. „Ich möchte einer werden so w ie d ie . . M ännerbünde im 20. Jah rh un dert (Frankfurt a. M ., N ew York 2000) 249-266. 7 S. P e t e r R o o s (H rsg.), Trau keinem über dreißig - Eine G eneration zw ischen besetzten Stühlen. 25 W ortm eldungen (Köln 1980); R e i n h a r d M oh r, Zaungäste. Die G eneration, die nach der Revolte kam (Frankfurt a.M . 1992).

Lebensgeschichten des 20. Jahrhunderts - im „G enerationencontainer“ ?

XI

sie sich zum Teil noch an der ihnen vorausgegangenen Generation orientiert ha­ ben, zum Teil aber auch bereits als Wegbereiter der nachfolgenden Generation fühlen und insofern „zwischen den Stühlen sitzen“, besonders hellsichtig und sen­ sibel für Fragen der „Generationalität“ ? Welche altersgruppenspezifischen Beur­ teilungskategorien, welche Wahrnehmungsfilter, Erkenntnisgrenzen, Sprach- und Denkformen, Objekte der (wissenschaftlichen) N eugier usw. sind beiden gleich oder ähnlich; wo unterscheiden sie sich aber auch deutlich? Wie steht es mit dem, was man Generationengedächtnis nennt, und mit der davon bestimmten Fähig­ keit, sich in die Erfahrungen vergangener Menschen mit deren vergangenen Ge­ genwarten und für sie offenen Zukünften, die w ir als Nachlebende ja kennen, hin­ einzudenken? Auf den seit einiger Zeit zu beobachtenden (neuerlichen) Boom der Generatio­ nenrhetorik in der Öffentlichkeit und vor allen in den Medien wie auch auf die vielfältigen jüngeren wissenschaftlichen Umgangsweisen mit dem Generationen­ konzept hier eingehen zu wollen, würde zu weit führen8: Einige der folgenden Beiträge greifen dieses Thema ausführlicher auf. Jedenfalls scheint es nicht nur wieder einmal eine verbreitete Mode zu sein, bei der Gesellschaftsdeutung mit Generationenzuschreibungen zu hantieren oder sich bzw. andere bevorzugt gene­ rationell zu verorten, sondern infolge einer immer differenzierter werdenden Wei­ terführung, aber auch kritischen Prüfung und Neufassung der 1928 von Karl Mannheim (und vorher schon von Wilhelm Dilthey) gelieferten Anregungen9 (s. dazu die Beiträge von J. Zinnecker und U. Herrmann) beginnt sich offenbar ein bemerkenswerter wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt abzuzeichnen, wenn man neben den einschlägigen Impulsen aus einer neueren Kulturgeschichte10 auch Ergebnisse der Traumaforschung (s. den Beitrag von B. Giesen), der Psychohistorie (s. die Beiträge von P. Schulz-H ageleit und Th. Kohut), der Gerontologie, aber auch z.B. der Wirtschaftsgeschichte (s. den Beitrag von G. Hardach) mit berück­ sichtigt. Um auch ästhetisch-literarische Formen der Verarbeitung bzw. Bewältigung von Generationserfahrungen in die Erörterungen mit einzubeziehen, wurden während des Kolloquiums zwei entsprechende - zwar höchst unterschiedliche, aber je auf ihre Weise eindrucksvolle - Beispiele vorgestellt und diskutiert. Zum einen handelte es sich um die Vorführung des öffentlich nicht leicht zugänglichen 8 Vgl. etw a K u r t Lüscher, G enerationenbeziehungen - N eue Zugänge zu einem alten Thema, in: d e rs ., F. S c h u l t h e is (H rsg.), G enerationenbeziehungen in postm odernen Gesellschaften (K onstanz 1993) 17-47; A n d re a s L a n g e , „G enerationenrhetorik“ und mehr: Versuche über ein Schlüsselkonzept, in: Soziahvissenschaftliche L iteraturrundschau (1999) H. 2, 71-89; M i c h a e l C o r s t e n , Biographie, Lebenslauf und das „Problem der G enerationen“, in: BIO S 14 (2001) H . 2, 32-59, sow ie den in Anm. 2 zitierten A ufsatz von Andreas Schulz. 9 Daß sich nahezu jeder der folgenden Beiträge in irgendeiner Weise auf Karl M annheims vielzitierten Text von 1928 bezieht, ist kein Zufall: Trotz einer Reihe kritischer E inwände ge­ gen Teile seiner A rgum entation besitzt er offenbar - nicht zuletzt w egen seiner einleuchten­ den B egrifflichkeit - im m er noch hohen A nregungsw ert. 10 S. etw a das K apitel „G enerationengeschichte“ in: U te D a n i e l , K om pendium K ulturge­ schichte. Theorien, Praxis, Schlüsselw örter (Frankfurt a.M . 32002) 330-345.

X II

Jü rgen R eulecke

NS-Jugendfilms „Junge A dler“, uraufgeführt am 26. Mai 1944, in dem der Opfer­ geist des in den 1940er Jahren Heranwachsenden männlichen Nachwuchses, näm­ lich der um 1927 bis ca. 1930 Geborenen - aus der Rückschau heute „Flakhelfergeneration“ genannt11 - beschworen wird. Die jugendlichen Hauptdarsteller, damals 16 bzw. 14 Jahre alt, waren u.a. Dietmar Schönherr (geb. 1926) und H ardy Krüger (geb. 1928). Nach einer Textvorlage des knapp 30jährigen Oberbannführers in der Reichsjugendfiihrung Herbert Reinecker (geb. 1914) und unter der Regie von Alfred Weidenmann (geb. 1916, also damals 28 Jahre alt), einem begei­ sterten H itlerjugendführer und Protege des Leiters der NS-Filmakademie Wolf­ gang Liebeneiner, hat die Reichsjugendfiihrung mit diesem Jugendfilm noch ein Jahr vor dem Untergang des Dritten Reiches einen höchst professionell gemach­ ten - durchaus originellen, z.T. sogar humorvollen - Versuch unternommen, „für den entwickelten Nationalsozialismus die künftigen Jahrgänge der Hitlerjugend ideologisch aufzurüsten“ - dies interessanterweise „frei von direkter und prim iti­ ver Lobhudelei auf das Hitler-Regim e“12. Auf diese Weise propagierte der Film ein von Kameradschaftsgeist, jungenhafter Abenteuerlust und Einsatzbereit­ schaft, von Wagemut und Technikbegeisterung geprägtes Jungm ännerbild, das in der Nachkriegszeit unter Abzug aller direkten Anklänge an die NS-Ideologie auch noch die bis w eit in die 1950er Jahre hinein „jugendbewegt-bündisch“ aus­ gerichtete Jugendgruppenarbeit der großen Jugendverbände auszeichnen sollte und damit die entsprechenden Vorstellungen vom Mannsein bei einer beträchtli­ chen Zahl der um 1940 Geborenen einfärbte, insbesondere bei vielen der damals vaterlos aufwachsenden männlichen H albwaisen13 (s. zur Flakhelfergeneration in den 1950er Jahren auch den Beitrag von LI. Bude). Das zweite Beispiel, mit dem versucht werden sollte, über die im engeren Sinn wissenschaftliche Beschäftigung mit „Generationalität“ mit Hilfe einer literari­ schen Bearbeitung hinauszukommen, w ar eine Autorenlesung von Peter Roos (geb. 1950) aus seinem neuesten, zum Zeitpunkt des Kolloquiums gerade im Druck befindlichen Buch, einem „Männerbriefroman“, in dem in fiktiven Briefen eines in Deutschland gebliebenen Schreibers an seinen nach Amerika ausgewan­ 11 Den Reigen einer Reihe von Studien und autobiographischen Berichten über diese A lters­ gruppe eröffnete 1984 R o l f S c h ö r k e n , Luftw affenhelfer und D rittes Reich. Die Entstehung eines politischen Bew usstseins (Stuttgart 1984); s. zu den prägenden Erfahrungen der damals 12- bis 16-Jährigen auch K u r t A bels, Kadetten. Preußenfilm , Jugendbuch und K riegslied im „D ritten R eich“ (Bielefeld 2002); grundsätzlich zur E rziehung der heranw achsenden neuen Jungenkohorte w ährend des Krieges s. jetzt M i c h a e l B itd d ru s , Totale E rziehung für den to ­ talen Krieg. H itlerjugend und nationalsozialistische Ju gen d p o litik (M ünchen 2003). 12 R o l f S e u b e r t , Junge Adler. R etrospektive auf einen nationalsozialistischen Jugendfilm (mit einem Interview m it H erbert R einecker), in: M edium 18 (1988) H . 3, 31-42, hier 31 und 34. D ietm ar Schönhcrr hat übrigens damals seine Erfahrungen m it dem Film und den D reharbei­ ten in einem Jugendbuch geschildert, das zw ar ausgedruckt w urde, aber wegen des K riegs­ endes nicht m ehr zu r A uslieferung kam: D i e t m a r S c h ö n h e r r , A chtung - Aufnahm e! Ein Blick hinter die Kulissen beim D rehen des U fa-Spielfilm s „Junge A d ler“ (Stuttgart 1945). 13 S. dazu H a r t m u t R a d e b o l d , A bw esende Väter. Folgen der K riegskindheit in P sycho an aly­ sen (G öttingen 2000).

Lebensgeschichten ties 20. Jahrhunderts - im „G enerationencontainer“ ?

X II I

derten Klassenkameraden, beide jetz t fünfzig Jahre alt, einerseits aus heutigem Blickwinkel die Erinnerung an die als Schüler in W ürzburg gemeinsam verlebte Pubertätszeit in den „wilden 60ern“ beschworen (s. zu diesem Thema auch den Beitrag von A. Schildt), andererseits nach dem Sinn der heutigen Existenz nicht zuletzt als männliches Wesen gefragt und eine (auch für den Leser) ebenso „stra­ paziöse (wie) lustvolle Suche nach dem anderen Ich“ unternommen w ird14. Peter Roos hat wie kaum ein anderer Autor seine Schritte über die Hürden des dreißig­ sten, vierzigsten und fünfzigsten Geburtstags in Publikationen kommentiert, die sich auch und nicht zuletzt als höchst subjektive, manchmal geradezu drastische Antworten auf die mit jedem Übergang in ein neues Lebensjahrzehnt verbunde­ nen lebensgeschichtlichen Provokationen lesen lassen15. Zeigte der Film „Junge A dler“ jenes Männerbild, mit dem als sog. „Hitlerjugendgeneration“ die Väter der um 1950 Geborenen traktiert worden sind und das auch angesichts ihrer Sozia­ lisation in den 1950er Jahren den um 1940 Geborenen nicht fremd w ar (s. den Bei­ trag von U. Herrmann), so kreiste Roos in immer wieder neuen Anläufen um die Frage danach, was für seine von den Konvulsionen der 68er-Zeit, von der Männer­ und Frauenbewegung berührten Altersgruppe denn noch überzeugende M änn­ lichkeit sein konnte, welche auf keinen Fall die der Väter sein durfte, denn so Roos - : „Haben w ir nicht wie die Schweine gelitten unter unseren Vätern?“ Aber welches M ännerbild bot sich sonst an? Bei allen kraftstrotzenden verba­ len Klimmzügen und Ausfällen drastischer Männersprache durchziehen im Roos’schen Männerbriefroman die brieflichen Entäußerungen des inzwischen fünfzigjährigen Schreibers immer wieder Melancholie, ja sogar Verzweiflung und das ständig bewußter werdende Gefühl von Endlichkeit: „Jahre. Es sind Jahre. Jahre. Rost. M ännlichkeit liegt darnieder. Schmerzt. Diffus. Das macht es so schwer! Lokalisierbares Weh ist leichter zu ertragen, einfacher zu therapieren. Das derzeit beschissene Geschlecht. Eigentlich haben w ir nichts zu lachen, wir wissen es nur immer noch nicht , . . “ 16 Beide ästhetischen Exkurse unseres Kolloquiums, der Film „Junge Adler" und die Roos’sche Autorenlesung, stellten ohne Zweifel eine Provokation dar - dies insbesondere durch die krasse Gegensätzlichkeit der Männlichkeitswahrnehmun­ gen bzw. -deutungen, die aber wiederum durch eine generationenspezifische Vater-Sohn-Konstellation eng miteinander verknüpft waren. Sind nicht überhaupt vielleicht die generationellen Sinnstiftungsversuche des 20. Jahrhunderts im wesentlichen männliche Konstrukte bzw. Antworten auf im wesentlichen von 14 P e t e r R o o s , Du p inkelst ja im Sitzen! Ein M ännerbriefrom an (L eipzig 2001), Zitat aus dem Klappentext. 15 N eben diesem „M ännerbriefrom an“ und der in Anm . 7 genannten Edition „Trau keinem über dreißig“ aus dem Jah re 1980 s. auch seinen „soziologischen R om an“: „Die w ilden 40er. Porträt einer pubertären G eneration“ (D üsseldorf u .a . 1992, als Taschenbuch 1995). H in zu ­ w eisen ist u .a. auch auf seine Bücher „Kaputte Gespräche. Wem nützt der Jugend-D ialog? Eine literarisch-dokum entarische Streit-Schrift“ (W einheim , Basel 1982) und „H itler Lieben. Rom an einer K rankheit“ (Tübingen 1998, als Taschenbuch L eipzig 2000), letzteres gerichtet u.a. „an alle Söhne, die Väter haben, die schw eigen“. 16 R o o s , M ännerbriefrom an 319.

X IV

Jürgen R eulecke

(bürgerlichen?) Männern erlebte und mit ihrer Sozialisation zusammenhängende Herausforderungen? Drei bestehende Defizite der bisherigen Generationenfor­ schung wurden - von dieser Frage ausgehend - zum Ende des Kolloquiums hin immer deutlicher, auch wenn einige Referenten sich zumindest knapp dazu bereits geäußert hatten: ersten s die weitgehende Unkenntnis über die - von den Teilneh­ mern mehrfach angesprochene - Geschlechtsspezifik von „Generationalität“17 (s. die eher zurückhaltenden Ausführungen von U. A. J. Becher zu weiblichen Gene­ rationsmustern), z w e i te n s der über oberflächliche Feststellungen hinausgehende, weitgehend noch fehlende Vergleich mit Generationenverhältnissen in ähnlichen Gesellschaften mit anderen Umbrucherfahrungen bzw. -deutungen18 (ein Schritt in dieser Richtung war die Thematisierung von „Generationalität“ in der Ge­ schichte der DDR, s. die Beiträge von B. Lindner und D. Wierling) und drittens das bisher nur geringe Wissen über schichtenspezifische Ausdrucksformen und die u.U. ausschlaggebende M ilieugebundenheit von „Generationalität“ (s. einige Hinweise dazu im Beitrag von J. Zinnecker). Insofern konnte und sollte unser Kolloquium nur eine A rt Zwischenfazit liefern19. Zwischenfazit heißt aber auch, daß für die meisten Referenten und übrigen Teil­ nehmer des Kolloquiums die Beschäftigung mit „Generationalität und Lebensge­ schichte" in eine z.T. schon vor Jahren begonnene Kontinuitätslinie gehört, die auch weiterhin verfolgt wird. Eine A rt Startschuß dazu hatte auf dem H istoriker­ tag 1984 in Berlin die bereits erwähnte Sektion zum Thema „Generationenkon­ stellationen und Jugendprotest in Deutschland 1890 bis 1933“ geliefert; von den damaligen Referenten waren in München neben dem Verfasser U lrich Herrmann, Ulrich Linse und Hans Mommsen anwesend20. In den folgenden Jahren hat ein langsam anwachsender Kreis von Historikern in engem Kontakt mit Nachbarwis­ senschaften wie z.B . der Historischen Bildungsforschung und den Sozial- und Politikwissenschaften, aber auch der Psychohistorie den Generationenansatz w ei­ ter ausgebaut, ohne aber diesen Zugriff verabsolutieren zu wollen. Arbeitskreise wie der 1990 gegründete Arbeitskreis für Historische Jugendforschung21, ein­ 17 Eine der w enigen Frauen, die sich im 20. Jahrhundert dezidierter zu r eigenen w ie zu der auf ihre A ltersgruppe bezogenen „G enerationalität“ geäußert haben, scheint H annah A rendt gewesen zu sein; s. dazu C la u d i a A lthaus, Erfahrung denken. H annah A rendts W eg von der Zeitgeschichte zu r politischen Theorie (Form en der E rinnerung 6, G öttingen 2000) bes. 140 ff. 18 Eher eine N ebeneinanderstellung unterschiedlicher G enerationenerfahrungen als einen Vergleich liefert der ansonsten verdienstvolle, von D i e t e r D o w e hrsg. Sam m elband: Ju gen d ­ protest und G enerationenkonflikt in Europa im 20. Jahrhundert. D eutschland, England, Frankreich und Italien im Vergleich (Bonn 1986); s. auch den E inleitungsbeitrag des H eraus­ gebers in: M ark R o s e m a n (Ed.), G enerations in conflict: you th revolt and generation form a­ tion in G erm any, 1770-1968 (C am bridge 1995) 1—46. 19 S. auch den ausführlichen Bericht über das K olloquium in der Frankfurter R undschau Nr. 175 vom 31. Ju li 2001 von C la u d ia A lthaus, Im Identitätscontainer. Lagerung und Bew usst­ sein: Eine Tagung zur Geschichte der G enerationen im zw anzigsten Jahrhundert, 20. 20 S. oben Anm . 4. 21 Vgl. die über diese Tagungen von U lrich H e r r m a n n hrsg. Reihe „M aterialien zu r H isto ri­ schen Jugendforschung“ (W einheim , M ünchen seit 1993).

Lebensgeschichten des 20. Jahrhunderts - im „G enerationencontainer“ ?

XV

schlägige Tagungen, die z.B. alljährlich vom Archiv der deutschen Jugendbewe­ gung auf Burg Ludwigstein durchgeführt wurden22, ein von der Fritz Thyssen Stiftung Anfang 1999 gefördertes Kolloquium zum Thema „Generationenlage­ rung, Lebenslauf und Erinnerung im 20. Jahrhundert“ in der Werner-ReimersStiftung zu Bad Homburg, eine wachsende Zahl von beachteten Einzelstudien, in denen der Generationenansatz eine wichtige Rolle spielte23 - alles dies sind Bei­ spiele dafür, wie sich der Generationenansatz als anregendes Konzept neben ande­ ren kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Zugriffsweisen etablieren konnte, so daß im Jahre 2000, also sechzehn Jahre nach der erwähnten Berliner Sektion, er­ neut bei einem Flistorikertag eine generationsgeschichtliche Sektion, geleitet von Andreas Schulz (geb. 1959), stattfinden konnte (Thema: „Generationswechsel und historischer W andel“)24. Zu hoffen ist also, daß die im vorliegenden Band präsentierten Mosaiksteine in diese munter im Fluß befindliche Debatte weitere Impulse einzuspeisen vermö­ gen. Für ihre Beteiligung und die später in Druckform gebrachten Vorträge, für ihre freimütigen Diskussionsbeiträge und das große Bündel an Anregungen, das sie und einige Gäste geliefert haben, bedanke ich mich herzlich bei den Kollo­ quiumsteilnehmern. Mein ausdrücklicher Dank gilt aber auch den Mitarbeiter/ -innen des Historischen Kollegs, allen voran Frau Dr. Elisabeth M üller-Luckner (die darüber hinaus in bewährter und äußerst hilfreicher Weise die Drucklegung dieses Bandes betreut hat), für die umsichtige Vorbereitung bzw. Ausrichtung des Kolloquiums sowie der Unterstützung und Ermutigung, die ich während meiner Zeit als Kollegiat im Historischen Kolleg von meinen drei M itkollegiaten Peter Burschel, Wolfgang H ardtw ig und Diethelm Klippel erfahren habe. In diesen Dank schließe ich meine damalige Siegener M itarbeiterin Dr. Claudia Althaus, jetzt München, für ihre umsichtige Tagungsbegleitung und vielfältigen Hilfen bzw. Anregungen nachdrücklich mit ein.

22 Z eitgleich mit unserem K olloquium in M ünchen kam die langjährige M itarbeiterin dieses A rchivs, M onika N euenroth, auf tragische Weise ums Leben. An ihre verdienstvollen L ei­ stungen für das ungew öhnliche und für die Erforschung der deutschen Jugend- und M enta­ litätsgeschichte des 20. Jahrhunderts höchst bedeutsam e A rchiv sei an dieser Stelle erinnert. 23 S. z.B . die vorbildliche Studie von U lrich H e r b e n , Best. Biographische Studien über R a­ dikalism us, W eltanschauung und Vernunft (Bonn 1996); jüngstes Beispiel ist die U n tersu­ chung von M i c h a e l Wildt, G eneration des U nbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptam tes (H am burg 2002). D aß ein solcher A nsatz auch vehemente K ritik auslösen kann, hat z.B . eine D iskussion anläßlich einer Tagung in Berlin im M ai 2000 über die Beziehungen zw ischen den W issenschaften und der W issenschaftspolitik gezeigt: vgl. den Tagungsband von R ü d i g e r v o m B r u ch , B r i g i t t e K a d e r as (H rsg.), W issenschaften und W issen­ schaftspolitik. Bestandsaufnahm en zu Form ationen, Brüchen und K ontinuitäten im D eutschland des 20. Jahrhunderts (Stuttgart 2002), darin bes. M i c h a e l G riittner, M achter­ greifung als G enerationskonflikt. Die Krise der Flochschulen und der A ufstieg des N ation al­ sozialism us, 339-353, sow ie J ü r g e n R e u l e c k e , G enerationalität und die W est-/O stforschung im „Dritten R eich“ - ein Interpretationsversuch, 354-360, und den D iskussionsbeitrag von J ü r g e n P e i f f e r 361. 24 S. oben Anm. 2.

Verzeichnis der Tagungsteilnehmer Dr. Claudia Althaus, Siegen Prof. Dr. Ursula A. J. Becher, Braunschweig Prof. Dr. Heinz Bude, Berlin Prof. Dr. Josef Ehmer, Salzburg Prof. Dr. Bernd Giesen, Konstanz Prof. Dr. Gerd Hardach, Marburg Prof. Dr. Ulrich Herbert, Freiburg i.Br. Prof. Dr. Ulrich Herrmann, Ulm PD Dr. Sibylle Hübner-Funk, München Prof. Dr. Thomas Kohut, W illiamstown, MA., USA PD Dr. Bernd Lindner, Leipzig Prof. Dr. Hans Mommsen, Feldafing Prof. Dr. Lutz Niethammer, Jena Prof. Dr. Jürgen Reulecke, Siegen (Stipendiat des Historischen Kollegs 2000/01) Peter Roos, Marktheidenfeld Prof. Dr. Bernd A. Rusinek, Siegen Prof. Dr. Axel Schildt, Hamburg Prof. Dr. Peter Schulz-Hageleit, Berlin Dr. Dorothee W ierling, Berlin Prof. Dr. Jürgen Zinnecker, Siegen

Annäherungen an das Thema „Generationalität“

Lutz Niethammer Sind Generationen identisch? Jürgen Reulecke hat eine von mir aufgeworfene Frage an den Anfang dieser Ta­ gung gerückt, nämlich ob Generationen identisch seien1. Ich möchte diese Frage verneinen. Insofern könnten w ir es damit auch bewenden lassen und uns ohne weitere Umstände dem uns versprochenen Begrüßungsempfang zuwenden. Wenn ich nun hier den Gang der Dinge durch meine Diatriben aufhalte, so aus zwei Gründen. Einmal will ja auch eine klare Antwort begründet sein und erweist sich dann meist als weniger eindeutig und insofern diskussionsfördernd. Vor allem aber muß wohl die Bedeutung der aufgeworfenen Frage erst einmal näher erläu­ tert werden. Und dies hat wieder zwei Seiten: nämlich erstens, ob die Frage über­ haupt erwägenswert ist und zweitens, was die in ihr verknüpften vieldeutigen Worte „Generation“ und „Identität" bedeuten sollen, um der Verständigung in einem kultur- und sozialwissenschaftlichen Zusammenhang zu dienen. Und auch darin stecken wieder zwei Fragen: Was gewinnt und was verliert man, wenn man sich eine Generation als eine kollektive oder - wie Heinz Bude sagt - als eine horizontale Identität vorstellt? Kann man zum anderen - und das ist eine ganz andere Frage - auch nur für die kurze Zeit des 20. Jahrhunderts ein- und denselben Generationsbegriff als heuristisch fruchtbares Instrumentarium an­ wenden? Jürgen Reulecke hat einmal die Zyklen des Jugendprotests im deutschen 20. Jahrhundert mit der Unwucht eines Rades verglichen und relativiert - aber in diesem Bild bleiben das Rad und sein Defekt bei jeder Umdrehung identisch. U n­ wuchten kann man nicht in voller Fahrt beheben, im Gegenteil, sie werden schlimmer. Können w ir am Ende des Jahrhunderts den Herbst der DDR oder die Loveparade mit identischen Begriffen erschließen wie - sagen w ir - die NS-Bewegung, die Zuwendung junger mitteleuropäischer Juden in der Zwischenkriegszeit

1 Bei der Bearbeitung dieses B eitrags für den D ruck habe ich seinen C harakter als eine Ein­ gangsrede beibehalten und außer im Falle des Bezugs auf Karl M annheim , der alle G enera­ tionenforscher zu verbinden scheint, auf N achw eise und Komm entare in Fußnoten verzich­ tet. Ich füge aber am Ende eine kleine Liste von L iteratur bei, auf die ich mich bezogen habe und/oder die m ir für die D iskussion w'eiterführend erscheint.

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zum Kommunismus oder den Wandervogel am Anfang dieses Jahrhunderts, und ist derselbe Defekt nur schlimmer geworden? Inmitten der außerordentlichen Konjunktur, der sich die Semantik kollektiver Identität seit etwa zwei Jahrzehnten in der Politik, in den Medien und in den Sozial- und Kulturwissenschaften erfreut und mit normativem Überschwang auf­ geladen wird, erscheint es kaum noch auffällig, daß in letzter Zeit auch immer häufiger von einer Identität von Generationen gesprochen wird. Sie sind dabei nur ein Spezialfall unter allen möglichen sozialen Gruppen, denen eine Identität zuge­ schrieben und damit eine besondere Bedeutung angetragen und zugleich verbor­ gen wird, worin sie bestehen soll. Der einzige Unterschied besteht, soweit ich sehe, darin, daß im Falle von Generationen wie z.B. der „68er“, der „Generation X “ oder der Generation Golf seltener als in den sehr viel häufigeren Fällen natio­ naler und ethnischer Identität zugleich eine besondere Festigkeit und Stabilität einer solchen Identität angemahnt oder beansprucht wird. Offenbar ist genera­ tionelle Identität ein weicher Punkt zeitgemäßer ,identity politics'. In Buchtiteln werden denn auch die Codewords Generation und Identität am häufigsten nicht für die großen Generationen des 20. Jahrhunderts zusammengespannt, sondern für die Oszillation zwischen Assimilation und kultureller Resistenz bei den Kin­ dern ethnischer Immigranten.

I. Identifikation von G enerationen im 20. Jahrhundert Generation als Zeitgenossenschaft einer Alterskohorte in ihrer Eingebundenheit in die Geschlechterfolge und in ihrer oft spannungsvollen Beziehung einer jünge­ ren auf ältere Generationen und (im Zuge ihres Alterns) auf nachgeborene ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Avant la lettre handelt es sich hierbei vielmehr um anthropologische Urbefunde, die bis in die ältesten Quellen der Menschheitsge­ schichte zurückreichen. Vor allem belegen sie, daß die Alten damit unzufrieden waren, wenn die Jungen an althergebrachten Traditionen etwas ändern oder sich gegen den von Gerontokraten ihnen auferlegten Etablierungsstau auflehnen w oll­ ten. In der Neuzeit kam die Vorstellung hinzu, eine Generation könne im Zuge der Verzeitlichung des Bewußtseins einen Riß mit der Vergangenheit vollziehen und die Geschichte neu beginnen lassen, und auch die Ausprägung von innovativen Generationsstilen - z. B. in der Romantik - , die aber auf kleine intellektuelle Füh­ rungsgruppen beschränkt blieben und im 19. Jahrhundert aufs Ganze gesehen von der Dominanz von Klassenkulturen mehr als relativiert wurden. Um die Wende zum 20. Jahrhundert trat ein neues Phänomen auf, nämlich daß in der Kunst und in breiteren Schichten des Bildungsbürgertums, dann auch der Arbeiterbewegung, Stile und Lebensformen der Jugend ausgebildet wurden, die sich vom Herkommen grundsätzlich abgrenzten, auf die Autonomie ihrer Selbstgestaltung pochten und sich dabei zunächst auf nichts als auf ihre Jugend beriefen. Seither ist Jugend als Argument zukunftsgewisser Selbstgestaltung zu­ nehmend wichtiger geworden, und Jugendgenerationen haben als solche Ge­

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schichte gemacht, eigene Kulturstile in Abfolge ausgebildet und Protestbewe­ gungen von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung hervorgebracht. Während die zunehmende Anerkennung jugendlicher Eigenbereiche und der Berechtigung von Generationskonflikten zu den durchlaufenden Charakteristika des vergan­ genen Jahrhunderts gehört, heben sich im historischen Rückblick wenige A lters­ kohorten heraus, die als Jugendbewegungen eine besondere politische und kul­ turelle Bedeutung erlangten und auch im Zuge ihres Älterwerdens das Signum einer besonders erkennbaren Generation behielten. Prominent wurden hier vor allem die Generationen junger Kriegsteilnehmer der beiden Weltkriege und viel­ leicht noch mehr die Generationen der Kriegskinder, die sich im Abstand von ein bis zwei Jahrzehnten nach den Kriegen in systemsprengender Weise zur Gel­ tung zu bringen versuchten, die sog. Kriegsfolgegenerationen. Dieser Befund politischer Jugendgenerationen hat unverkennbar einen Bezug zur Ausbildung des kurzen 20. Jahrhunderts als „Zeitalter der Extreme“, zunächst weil sowohl die faschistischen als auch die kommunistischen Bewegungen von einer Doppel­ generation von Kriegsteilnehmern und - seit der Weltwirtschaftskrise - von Kriegskindern getragen wurden. Anders als in der Sowjetunion, wo die letztere Generation auch nach dem Zweiten W eltkrieg über Jahrzehnte beherrschend blieb, trat damals in Deutsch­ land diese kompromittierte Generation politisch zurück zugunsten eines anfäng­ lichen Rückgriffs auf im Kaiserreich geprägte und bereits in der Weimarer Repu­ blik tragende Ältere, die in der Folge ein Bündnis mit ihren Enkeln als neuen S y­ stemträgern in Ost und dann auch in West eingingen: der FDJ-Aufbaugeneration im Osten, der Flakhelfer- oder skeptischen Generation im Westen. Beide waren wegen ihrer Prägung im und Enttäuschung vom Nationalsozialismus in besonde­ rer Weise prädisponiert, die Verwestlichung bzw. Sowjetisierung in den deutschen Teilstaaten zu verinnerlichen und weiterzutragen. Dieses Bündnis hatte im Osten langfristige Bedeutung, weil es angesichts von Abwanderung und Kadermangel die FDJ-Generation frühzeitig zur funktionalen Führungsschicht machte, deren nur kurzzeitige Ausbildung und lange Verweildauer an der Macht alle folgenden Altersgruppen frustrierte. Im Westen hatte die skeptische Generation angesichts der gesellschaftlichen Reintegration der NS-Generationen einen wesentlich lang­ sameren Start, was das Bündnis mit den Patriarchen verzögerte und spannungs­ voller gestaltete. Gegen diese Bündnisse regte sich seit den 50er Jahren in Jugendkulturen der Kriegskinder in mehreren Schüben Protest, erst bei den FJalbstarken des Westens, dann bei den Beatniks des Ostens, und fand schließlich in der westlichen Studen­ tenbewegung von 1968 seinen wirksamsten Ausdruck. An sich waren diese Stu­ dentenunruhen ein internationales Phänomen; aber in Mitteleuropa verdichtete es sich zu einem Doppelereignis, das hier - im Vergleich mit anderen Ländern wie England, Frankreich, Japan oder USA - besonders lange Schatten warf, die viel­ leicht nur noch mit Italien als dem anderen Land, das faschistische Vergangenheit mit einer erheblichen, wenn auch nicht staatlichen kommunistischen Gegenwart teilte, einen Vergleich erlaubt. Gewiß, auch in Deutschland rezipierte man die A k­

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tionsformen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die Beatles, den Sex und die Jeans und grub Erinnerungen an die vorstalinistische und antifaschistische Linke aus; aber hier machten die bürgerlichen „Kinder von Marx und C oca-C ola“ in der Nachglut von Auschwitz Front gegen ihre Eltern, identifizierten sich mit den Opfern des NS und verwandelten eine Kultur quietistischer Scham und Ver­ drängung durch eine Woge lauter Schuldvorwürfe, und hier kamen die Einflüsse des Prager Frühling und des Pariser Mai zusammen. Nachfolgende Intellektuelle haben die ’68er um den Rausch dieses sich kontingent aufschichtenden Ereignis­ ses beneidet und die dünne Soße ihres in der Folge zu M arkte getragenen M oralis­ mus gehaßt, als hätten sie selbst nicht in Brokdorf das Abenteuer gesucht und in der Friedensbewegung Händchen gehalten. Sie haben sich an den angepaßten und den kaputten Typen geweidet, die 20 Jahre danach noch immer die Szene bevöl­ kern wollten und als Frühetablierte einen Stau auf die nachfolgenden auslösten. Aber sie haben den Grundcharakter des Ereignisses zu eng gefaßt. Ihr Mäkeln ist angesichts der phantastischen Überraschung und Überhebung der ’68er nur zu berechtigt und deshalb verführerisch, den Rahmen und die längerfristige Bedeu­ tung von ’68 in Mitteleuropa zu verkennen.

II. z. B. '68 Als einer der Links- oder wie man damals sagte: ,Scheiß‘-Liberalen, der das Thea­ ter von ’68 aus der distanzierten Nähe des Ruhrgebietes mitverfolgt hat und sich von seiner Öffnung der Verhältnisse auch mitreißen ließ, ohne sein Lebensgefühl und seine Identifikationen zu teilen, sehe ich diese Bedeutung in vier Punkten. Ich verharre nicht nur aus dem für diese und die folgenden Generationen typischen Narzismus noch etwas dabei, sondern auch, weil man aus der Konstellation etwas über emphatische Generationen lernen kann: 1. ’68 war in Westdeutschland die Politisierung eines Generationskonflikts in einer vaterlosen Gesellschaft, vielleicht kann er sich ja erst in einem solchen Va­ kuum so anhaltend ausleben. Weder in England noch in den USA hat es diese Art von Konflikt gegeben, und in Frankreich war De Gaulle ein antifaschistischer Gegner von Rang, den zu besiegen Entbehrungen auslöste. Aber in der Bundesre­ publik regierte das Renegatenkartell, „Plisch und Plum “ managten die Krise, und Kiesinger konnte mit einer antifaschistischen Ohrfeige bloßgestellt werden. Der rote Großvater wurde mit aufgestauter Referenz bestaunt, und die wirklichen Väter wichen zurück und ließen sich in der Folge die Öffentlichkeit und einen Teil der Institutionen aus der Hand nehmen. Dieser Sieg hatte keinen langen Marsch gekostet, er fiel spätpubertierenden Akademikern im schönsten Rausch phantasti­ scher Identifikationen zu. 2. Die phantastischen Ausbrüche des Frühjahrs 1968 agierten sich lokal aus, aber ihre negativen und positiven Identifikationen hatten einen globalen Rahmen. Es handelte sich um ein „glokales“ Ereignis. Die eigentlich bestimmenden Ersatz­

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väter, von denen sich die vermeintlich Vaterlosen befreien wollten, saßen im Pentagon und im Kreml, und die Wahlverwandten kämpften in antikolonialen Be­ freiungsbewegungen, revolutionierten in China die älteste und verarmteste Kultur der Welt oder erhofften - von Prag aus gesehen - in kleinen Zirkeln (eher als in der Arbeiterbewegung) im Westen einen Dritten Weg, In die verfestigten Identifika­ tionen mit der Peripherie und den trotzigen Terrorismus degenerierten Kerngrup­ pen der Bewegung in Westdeutschland und Italien erst, als der Warschauer Pakt den Prager Frühling erstickt und damit der Bewegung ihren europäischen Rah­ men genommen hatte. 3. In ihren ideologischen Traditionsbezügen war die Studentenrebellion weniger unvorbereitet als in ihren situationistischen und spontaneistischen Ausdrucksfor­ men. Die über die Ära Adenauer hinaus in Nischen gestauten Flakhelfer des Gei­ stes aller Couleur hatten ihrer Wiederentdeckung der ideologischen Erbschaften der Zwischenkriegszeit und der Emigration ebenso vorgearbeitet wie im Osten die vom Poststalinismus zensierten Remigranten, die der jüngeren (ebenfalls gestau­ ten) Intelligenz aus der langen FDJ-Generation unzulässige Alternativen eröffneten. Die langfristigen Wirkungen waren allerdings in West und Ost gegensätzlich. Die vermehrte Repression hatte im Osten einen Tunneleffekt, an dessen Ende kein Licht aufblitzte, sondern der äußere Disziplin mit einer verinnerlichenden Verdichtung, einem romantisch-tragischen Lebensgefühl in der Nische verband. Die Emigration vieler Störenfriede und die ungekonnte Wende des Staatssozialis­ mus zum kleinen Wohlstand privatisierten die Impulse der Kriegskinder, aber verallgemeinerten sie in unentwickelter Form auch für die Masse der jüngeren Hälfte der Gesellschaft. Nach ersten Selbstorganisationsversuchen in der Frie­ densbewegung und an den Rändern der Kirche baute sich deshalb, besonders als die Schutzmacht ihre Hand von den W andlitzer Gerontokraten zurückzog, auf unspektakuläre Weise ein breites Potential der jüngeren Generationen auf, das als systemverdrossene Ausreißer und reformorientierte Dableiber wahrlich ge­ trennt marschierend - gemeinsam die Implosion des Regimes bewirkte. Ganz anders im Westen. H ier öffneten sich die Kultur und viele ihrer Institu­ tionen dem reformbereiten Teil der ’68er und ermöglichten ihnen das verfla­ chende Ausleben ihrer Identifikationen, während die in immer entwirklichenderen politischen Organisationen der K-Gruppen und der RAF-Formierten für ein Jahrzehnt ausgeschlossen blieben und dann - oft im Anschluß an alternative Sze­ nen - Wege einer resozialisierenden Opposition suchten. ’68 im Westen konnte sich (durchaus nicht folgenlos für die Liberalisierung der Lebensformen und die Wahrnehmung der NS-Vergangenheit) verausgaben, aber seine identifikatorischen Inhalte und sein selbstgerechter Moralismus sind teils verpufft, teils abgear­ beitet. Der Stau, der von ihrer frühen Etablierung auf nachfolgende Jugendgene­ rationen ausging und die Diffusion ihrer Ziele haben bisher keinen wirklichen Furor hervorgebracht; man traf sich eher in einer ironisch flexiblen Systeminte­ gration, deren Minimalkonsens sich als Alternativlosigkeit ausweist und sich 1989/90 in der Fremdheit gegenüber der Jugendbewegung im Osten als unverführbarer Strukturkonservativismus erwies.

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4. Von der auf Vätersünden fixierten Öffentlichkeit verkannt, bewirkte die Neue Linke im Westen die Polarisierung einer Neuen Rechten aus derselben Ge­ neration, die nicht aus einfach abzufertigenden „Alten N azis“ bestand und sich „biologisch erledigen“ würde. Vielmehr ging die Neue Rechte bei Gramsci und Mao in die Schule, um die konservative Revolution mit Soziobiologie, mit Elitismus und Territorialität und den Nationalismus mit neuer „Identität“ aufzupolie­ ren, die Kulturrevolution von rechts zu probieren und eine rechte kulturelle Hegemonie in der Hohlheit der Linken zu errichten. In der Depressionsphase der Neuen Linken in den 80er und erst recht in den 90er Jahren waren sie damit kei­ neswegs erfolglos, zumal einige gealterte linke Wortführer von einst aus den Zen­ suren des systemverketteten Konsenses noch einmal auszubrechen versuchten und - von Enzensberger bis Strauß, von Bahro über Sloterdijk und Walser bis Mahler - ihr Vorfeld apart beackerten und in den letzteren Fällen sogar mehr als das. Neuerdings scheint ihr Samen vor allem auf postsowjetischem Boden aufzu­ gehen, wie man an der Verdichtung der rechten Jugendszene in Ostdeutschland oder etwa an einem Treffen von Alain de Benoist, dem ’68er Kopf der Nouvelle Droite, mit Sjuganow, dem Führer der russischen Postkommunisten in Moskau ablesen kann, bei dem über einen neuen .Nationalbolschewismus* und eine Er­ neuerung des Eurasien-Programms gesprochen wurde. Das Titelblatt der Theo­ riezeitschrift der russischen Nationalbolschewisten zierte vor einiger Zeit ein de­ koratives Signet, das die Symbole der auffälligsten politischen Jugendbewegungen des Jahrhunderts zusammenführte: ein großes Flakenkreuz, aus dessen vier Enden jeweils kleine Hämmer und Sicheln hervorsproßten. Aber was daraus w irklich sprießen wird, bleibt abzuwarten. Ich fasse diese erste Exploration zusammen. Durch politische Ereignisse for­ mierte (und solche hervorbringende) Jugendgenerationen haben im 20. Jahrhun­ dert inmitten Europas (und ein ausgreifender Blick würde lehren: nicht nur hier) eine bedeutsame Rolle gespielt. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, daß dabei ge­ sellschaftliche Kontinuitätsbrüche und Akzelerationsschübe eine gewisse gemein­ same Formierung kindlicher Frühprägungen und insbesondere von Adoleszenz­ konstellationen begünstigt haben, die mit einem Zeitversatz neue, sprengende Selbst- und Weltverständnisse zur Geltung bringen, die um so prägnanter ausfallen, als ihre Identifikationen sich in polarisierter Eskalation steigerten und ihnen durch verdrängte oder in ihrer Entfaltung gestaute Minderheiten der vormaligen Generation vorgearbeitet worden w ar oder daraus sogar eine Generationensym­ biose entstand. Für die wirkungsvolle Äußerung und erst recht Aufrechterhaltung solcher Impulse einer Generation sind weniger ihr Profil als gesamtgesellschaft­ liche und institutionelle Rahmenbedingungen entscheidend, insbesondere syste­ mische Legitimationskrisen und Stau- bzw. besondere Sogverhältnisse in der Absorption Jugendlicher in mittlere Führungspositionen des Berufssystems und in die M itw irkung an den öffentlichen Deutungssystemen. Werden sie frühzeitig, d.h. bei noch ungebrochenen Identifikationen absorbiert, kann das zur Extremisierung und Dogmatisierung ihrer ideologischen Grundhaltung, zu einem Stau bei der nachfolgenden Generation und dadurch insgesamt zu einer Verhärtung ihres

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Generationsprofils werden, also dazu, was heute viele eine kollektive Identität nennen. Das kann zu einer Verweigerung der Wahrnehmung ihres Alterns führen, das sonst in der Regel ungeachtet ihrer spezifischen Erzähl- und Erinnerungs­ gemeinschaften mit einer weitgehenden Diffusion und Differenzierung der ju ­ gendlichen Prägungen zugunsten der typischen Ausprägungen einer jeweiligen Alterskohorte einhergeht. Diese vorläufigen Beobachtungen der inneren Differenzierung und Polarität emphatischer generationeller ,Identität“, der Sonderbedingungen ihrer Entste­ hung, ihrer Abgrenzung gegenüber schwachen Eltern und ihrer Angewiesenheit auf Ersatzeltern in den Vorgängergenerationen und die gesellschaftliche Kontext­ abhängigkeit der Schärfe und der Dauerhaftigkeit ihres Profils möchte ich mit drei Fragen abschließen: 1. Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen den jugendlichen Identifikationen einer Generation und ihrer Identität? 2. Lehren uns die politischen Jugendgenerationen des 20. Jahrhunderts, daß Generation ein männliches Phänomen ist? 3. Gehört dieses emphatische Verständnis von Generationen dem kurzen 20. Jahrhundert der Extreme an? Haben w ir also keine mehr zu erwarten? Und wie erklären w ir uns dann die Jugendbewegung, die vor dieser Zeit lag und dem Ganzen den Namen gab?

III. Identifikation, Identität und Generation Machen w ir nun einen Versuch zur Verständigung über die verwendeten Begriffe. Das ist beim semantischen Feld .Identität“schwer, weil es sich im Prinzip um leere Operationsbegriffe handelt, die in sehr unterschiedlichen Bedeutungen und Be­ wertungen changieren; aber ich denke, man kann doch einige Unterscheidungen treffen. Im Bereich von ,Generation“ ist die Problematik empirischer Definition und Zurechnung wegen der Konkurrenz objektiver und subjektiver Zurech­ nungssysteme nicht viel geringer, aber hier gibt es seit Karl Mannheim einsichts­ volle Vorarbeiten, mit denen die Wahrnehmung eines komplexen Phänomens wie der Zeitgenossenschaft strukturiert und spezifiziert werden kann. Wenn etwas identisch ist, so ist es ganz es selbst. Wenn jemand mit etwas anderem oder jem an­ dem anderen identifiziert ist, so ist er oder sie zumindest teilweise außer sich. Wenn ich vorhin von der Identifikation von Generationen im 20. Jahrhundert gesprochen habe, so wurden in einem großen und unüberschaubaren Ganzen spe­ zifische Objekte gesucht, die unter einem Gesichtspunkt - dem der Generations­ abhängigkeit - auffallen und im weitesten Sinne vergleichbar sind. Dieser Sprach­ gebrauch einer Isolierung des Besonderen ist vor allem in der Personenstands­ verwaltung und im Polizeijargon geläufig: Eine ganz bestimmte Person oder Personengruppe soll aus vielen Ähnlichen herausgefischt werden. In der Sprache der Sozialpsychologie verhält es sich umgekehrt: Hier ist der Ausgangspunkt das

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Subjekt, das sich mit äußeren Objekten gleichsetzt, sich mit ihnen verwechselt und das Objekt probeweise in sich aufnimmt, die Unterscheidung zwischen sich und dem Objekt aufhebt. Dieses Verwirr- und Wechselspiel ist im Zuge der Ein­ gewöhnung und Aneignung der Welt unvermeidlich und fruchtbar, insofern das Subjekt das verinnerlichte Objekt zugleich als Möglichkeit und doch als etwas an­ deres erfährt und insofern es sie - um ihre M öglichkeit bereichert und gewachsen - wieder freigibt. Geschieht das nicht, bleibt also die Identifikation introjeziert, gerät das Subjekt - je nach dem Belang des Objekts mehr oder minder - außer sich und zeigt entsprechende Realitätsverfehlungen. Identifikationen sind produktive Projekte und, wenn sie nicht abgearbeitet werden, eine Krankheit, mindestens eine Störung im Selbstverständnis und im Verhältnis zur Welt. Als Krankheit ist ursprünglich auch der Befund ,K ollektividentität“ in die so­ ziale Welt gekommen, nämlich im Ersten Weltkrieg, als C. G. Jung 1916 einen A b­ schnitt seines Entwurfs der Analytischen Psychologie, der von der Gefahr zweier ultim ativer R e g r e s s i o n e n im Z u g e e i n e r freudianischen bzw. einer jungianischen Analyse handelt, mit „Prinzipielle Gesichtspunkte zur Behandlung der K ollektiv­ identität“ überschrieb. Gemeint war die Gefahr, daß der Klient im Regreß der Analyse sein Unterscheidungsvermögen zwischen sich und der Masse, der er sich assimiliert, oder zwischen sich und der gesamten Außenwelt im Sinne eines Selbstverlustes in einem Animismus verliert. In den folgenden fünfzehn Jahren wird das Code-Wort Identität von europäischen Spitzenintellektuellen unter­ schiedlichster Couleur (von Carl Schmitt bis Georg Lukäcs, von Freud bis jung, von Halbwachs bis H uxley) in den sozialen Raum herein gezogen, wenn sie einen unschlüssigen Gedanken, der ihnen besonders wichtig war und in der Regel mit der Vermischung eines postreligiösen Absoluten mit Gesellschaftlichem (und meist mit der Beziehung zu Jüdischem) zu tun hatte, zugleich exponieren und tabuisieren wollten. Ich habe deshalb die im Ursprung ablesbare Funktion des .Plastikw ortes“ oder ,konnotativen Stereotyps“ (Uwe Pörksen) „kollektive Identität“ eine „emphati­ sche Verbergung“ genannt. Vielleicht könnte man das besser ausdrücken. Wichtig ist mir vor allem, daß diese Identität ein beliebig füllbarer Container ist, dessen In­ halt ein Wesenskonstrukt ist, das sich allein nach seiner Differenz von einem oder mehreren ändern bestimmt. Es ist in den jüngeren Identitätsdebatten viel vom Unterschied zwischen „Essentialismus“ und „Konstruktivismus“ die Rede gewe­ sen, was in meinen Augen eine fiktive Unterscheidung ist, weil jede Wesens­ bestimmung ein Konstrukt ist und jede soziale Konstruktion in der Praxis auf Wesensaussagen hinausläuft. Nach dem Zweiten W eltkrieg erhielt der soziale Identitätsbegriff zuerst Kon­ junktur durch seine Ausarbeitung im symbolischen Interaktionismus Amerikas und im jungianischen Freudianismus Erik H. Eriksons als eine Vorstellung von der - und dann zunehmend als eine Normierung der - Lebensgeschichte des ver­ gesellschafteten Individuums. Die Kontinuität seines Selbstbewußtseins sollte durch die Aneignung der Fremdbestimmung gerettet und in der Balance zwischen Eigenem und Fremdem eine neue Form relativistischer Selbstbestimmung gewon­

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nen werden. In diesem Lob selbstbestimmter Anpassung steckt sicher viel prakti­ sche Vernunft für die Flexibilisierung des einzelnen in Migranten- und M oderni­ sierungsgesellschaften und für ein realistisches Konzept der Massenindividualisie­ rung, mögen auch Eriksons manichäische Tugendkataloge der Aufrechterhaltung der Selbstidentität durch sieben standardmäßige Lebenskrisen hindurch zuweilen nicht der katechetischen Komik entbehren und in W irklichkeit ein überfordern­ der Standard sein. Einer größeren Öffentlichkeit ist ein sozialer Begriff von Identität zuerst als eine Norm selbstbewußter Anpassung, als Kontinuierung der Individualität durch anthropologische Krisen und durch fortgesetzte Einbeziehung des Ande­ ren begegnet. Seit den 70er Jahren ist diese Semantik aber von „kollektiver Identi­ tät“ weit überholt worden, die - ihrer Vorgeschichte unbewußt und ausgestattet mit derselben positiven Normierung w ie Eriksons individuelle Identität - nun das Gegenteil betonte: die Homogenisierung von Kollektiven durch den Ausschluß des Anderen. Anfangs nahm dies die Form der Sezession scheinbar homogener Gruppen aus größeren Zusammenhängen zur Einklagung kultureller Autonomie an; im Gegenzug gegen solche „identity politics“ wurde dann die Identität von Nationen, ja ganzer Kontinente postuliert. M ittlerweile ist eine semantische Ge­ fechtslage erreicht, in der Identität vor allem für unterschiedliche Formen des symbolischen Nationalismus und ethnischer Volkstumspolitik steht, mit Abstand gefolgt von mehr oder minder prekären und selbstkonstruierten Vorstellungen über das eigene Geschlecht, während die Normierung individueller Identität se­ mantisch weit abgeschlagen ist und sich in die Bricolage „alltäglicher Identitätsar­ beit“, in mehrfach kodierte H ybridität generationeller, geschlechtlicher, ethni­ scher, nationaler, beruflicher und Statuszugehörigkeiten, wenn nicht geradeheraus in die ,Neuerfindung des Menschen' auflöst, damit er sich durch „Heteromie pur unter Vorspiegelung von Autonom ie“ fit und paßförmig hält. Subjektivität sucht heute vor allem in kollektiven Containern Schutz, die durch die Aufschrift dieser oder jener Identität zugleich Geltung beanspruchen und eine öffentliche Verständigung über ihren meist eher hybriden und hochdifferenzier­ ten als homogenen Inhalt verweigern. Dadurch können ihre Inhalte, die in Kon­ fliktfällen notwendig Ausschlußkriterien objektivieren müssen, aber konventionalisiert und auch von außen als Zuschreibung normiert werden. Der Schutz besteht (wenigstens anfangs und unter liberalen Bedingungen) darin, daß die Identitätscontainer öffentlich gleich gültig und insofern gleichgültig sind, egal ob sie angepaßte Normalität in irgendwelchen Partikularitäten oder auch die abstru­ sesten Programme oder die ergreifendsten Schicksale enthalten. Die Aufschrift Identität macht sie gleich-gültig. Die Identität von Generationen - also ein Wesenskonstrukt über eine A ltersko­ horte - teilt zunächst einmal diesen Relativierungseffekt. Alle Generationen sind gleich-gültig (wenn auch schwer abgrenzbar) und deshalb geeignet, den Rückver­ sicherungsvertrag der gesellschaftlichen Kontinuierung zu schließen. Der Genera­ tionenvertrag ist heute der alltäglich erfahrbarste Gesellschaftsvertrag und die im­ manente Transzendenz des Sozialstaats. Bekanntlich beruht er auf nicht mehr zu­

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treffenden demografischen und ökonomischen Normalitätsannahmen, weshalb die Zukunft der nationalen Identität nicht mehr durch den Ausschluß des Ande­ ren, sondern durch seine selektive Einbeziehung gewährleistet werden soll. Of­ fenbar sind die Generationen doch keine identischen Größen und auch schon auf den ersten Blick nur in abnehmender Weise als Erfahrungsgemeinschaften anzu­ sprechen. Wenn der trotz seines Wachstums tabuisierte Berg erwerbsloser Alter erhalten werden soll, müssen die jüngeren Generationen aus auswärtigen Erfah­ rungsgemeinschaften so aufgefüllt werden, daß dies materiell möglich wird, ob­ wohl die neu Hinzugekommenen die Grundlage des Vertrags zwischen den Wan­ derdünen der Generationen - das human investment der Alten in die Jungen - gar nicht mitbekommen haben. W ir stehen also zunächst vor einer zunehmenden Differenz und inneren Pluralisierung von Generationen, bei denen kulturelle Traditionalität und gesellschaftlicher Bedarf in einem krassen Gegensatz stehen. Darüber hinaus vereint der Begriff einer Generationsidentität die vorhin genann­ ten Charakteristika kollektiver und individueller Identität, nämlich die Ausschlie­ ßung des Anderen aus einem als homogen unterstellten Erfahrungsraum und seine Einbeziehung in der Kontinuierung des Alterns.

IV. Karl M annheim oder die Prägnanz polarisierter Generationen Angesichts solcher Widersprüche sucht man am besten Rat bei theoretischen Klassikern, die es im Falle des Generationsbegriffs - im Gegensatz zum Identi­ tätsbegriff - auch bereits in den 20er Jahren gibt. Hier hat vor allem Karl Mann­ heim den Generationsbegriff differenziert dimensioniert und schon 1928 (in Aus­ einandersetzung mit dem Germanisten Petersen und dem Kunsthistoriker Pinder) unmittelbare Identifizierungen anthropologischer Typen mit Zeitgeistdominan­ zen als unzulässige Kurzschlüsse abgewiesen. Vielmehr unterscheidet er (in An­ schluß an die „Klassenlage")2 die objektive „Generationenlagerung“ einer A lters­ 2 In der soziologischen Rezeption M annheim s trifft man häufig seine E inschätzung als ein differenzierender M arxist. M. E. w ird er dadurch verkannt. Die A usarbeitung seiner W is­ senssoziologie mag eine der vielen Leerstellen des M arxism us in den Feldern von K ultur und P o litik zu füllen versuchen, aber er hat sich 1918/19 nicht um sonst in Budapest von Georg Lukacs nach dessen leninistischer K onversion verabschiedet und den für beide konstitutiven Einfluß M arx’ (und in seinem Falle auch A lfred W ebers) fruchtbar ausgearbeitet, und anders als Lukacs hat er hernach den Einfluß N ietzsches auf seine Prägung nicht zu tilgen versucht. Die Problem stellung M annheim s in seiner w issenssoziologischen Periode läßt sich eher als eine Soziologisierung des Voluntarism us begreifen, also als eine w eberianische Synthetisierung aus M arx und N ietzsche. In seiner D im ensionierung des G enerationsbegriffs ging es ihm um eine soziologische K onkretisierung und E rübrigung des in den 20er Jahren in den K ulturwissenschaften w abernden Z eitgeist-Begriffs. Zur intellectual h isto ry Karl M ann­ heims (K .M .) vgl. E va K a rä d i, E r z s eb e t Vezer (H rsg.), Georg Lukacs, K.M . und der Sonn­ tagskreis (Frankfurt a.M . 1985); H e n k E. S. W old rin g, K.M . - The D evelopm ent of his Thought. Philosophy, Sociology, and Social Ethics, w ith a D etailed B iography (N ew York

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kohorte vom „Generationenzusammenhang“ als geschichtsverstrickter Schick­ salsgemeinschaft, die er aber sogleich wieder nach soziologischen und erfahrungs­ geschichtlichen Kriterien m mehrere „Generationseinheiten“ mit unterschiedli­ chen geschichtlichen Betroffenheiten und differenzierbaren Handlungs- und Deutungsmöglichkeiten auseinander nimmt. Mindestens bis dahin haben wir es mit einem ganz normalen soziologischen Analyseinstrumentarium zu tun, dessen Differenziertheit von vornherein das Wesenskonstrukt einer Generationsidentität höchst unwahrscheinlich macht. Mannheim argumentiert inmitten der für alle Zeitgenossen faszinierenden ge­ sellschaftlichen Akzeleration der 20er Jahre und nach dem Kontinuitätsbruch des Ersten Weltkriegs (er hatte mit intimen Einblicken die Räteherrschaft in Ungarn erlebt), aber er argumentiert mit distanzierenden Beispielen aus dem frühen 19. Jahrhundert und führt nun die Kategorie der gesellschaftlichen Dynamik ein, deren Geschwindigkeit zuweilen ein neues Selbst- und Weltverständnis einer neuen Generation herausfordere und begünstige, bei allzu großer Beschleunigung aber auch verhindern könne. Für die Ausformung eines solchen „Generations­ stils“, der keineswegs von allen Alterskohorten ausgebildet werde, sondern mal alle dreißig und mal alle hundert Jahre sich ausbilden könne, weist er nun vor al­ lem auf zwei Konstitutionsbedingungen hin, die erneut die innere Differenz des Generationsbegriffs betonen. Er erwägt in diesem Zusammenhang die von Julius Petersen eingeführte Unterscheidung zwischen „führenden, umgelenkten und unterdrückten Generationstypen“, wobei die letzteren für die Vorbereitung des nächsten Generationsstils wichtige Orientierungen abgeben können. Für ihre Programmatik und ihre Formkraft - Mannheim (vom Voluntarismus Nietzsches beeinflußt) spricht von „Entelechien“ - ist eine Generationseinheit also auf die verdrängte Vorarbeit in der vormaligen Generation verwiesen und produziert, wenn sie sich Geltung verschaffen kann, neue verdrängte Potentiale in ihrer eige­ nen Kohorte. Aber nicht nur das: Zu ihrer Prägnanzbildung ist sie auf Wider­ sacher in dieser eigenen Kohorte angewiesen, und erst in der Auseinandersetzung mit ihnen entsteht ein in sich inhaltlich differenter Generationsstil mit gegensätz­ lichen Gravitationspunkten. N ur darin kann Mannheim eine Einheit - oder wie die meisten heute sagen würden: eine Identität - der Generation erkennen, oder in seinen eigenen Worten: „Die dynamisch-antinomische Einheit besteht aber darin, daß innerhalb einer Epoche die vorhandenen Polaritäten sich stets aneinan­ der orientieren und die verschiedenen Standorte w irklich erst verstehbar sind, wenn man sie als verschiedengeartete Versuche der Bewältigung desselben 1987); D a v i d K e t t ler , Die R ationalisierung des Irrationalen. K.M. über die Sünde der deut­ schen Intelligenz (Siegen 1989); ders. (H rsg.), K.M. and the C risis of Liberalism . The Secret of these N ew Times (N ew B runsw ick 1995); D irk H o e g e s , Kontroverse am A bgrund: Ernst Robert C urtius und K.M. Intellektuelle und ,freischw ebende Intelligenz' in der W eimarer Republik (Frankfurt a.M . 1994); W ilh e lm H o f m a n n , K.M . zur Einführung (H am burg 1996); R e in h a r d B l o m e r t , Intellektuelle im Aufbruch. K.M., Alfred Weber, N o rb ert Elias und die H eidelberger Sozial W issenschaften der Z w ischenkriegszeit (M ünchen 1999); C o lin L oader, K.M .’s Sociology as P o litica l Education (N ew B runsw ick 2002).

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Schicksals und der dazugehörigen sozialen und geistigen Problematik zu erfassen imstande ist.“3 Als H istoriker würde ich mit Droysen verdeutlichend hinzusetzen: also erst hinterher. Nur im Stil, nicht aber in den inhaltlichen kulturellen oder politischen Orientierungen und schon gar nicht in den ausdifferenzierten lebensweltlichen Erfahrungsräumen ist das Gemeinsame einer so verstandenen Generation zu grei­ fen, und es bedarf einer tiefenhermeneutischen Lektüre der Gemeinsamkeiten zwischen den polarisierten Positionen, die in einer Alterskohorte prägnant w ur­ den, um das Besondere einer Generation, wenn sie denn eines hervorbrachte, fassen zu können. Jedenfalls liegt es nicht im kleinsten gemeinsamen Nenner der Erfahrungen und Äußerungen einer Alterskohorte oder in den in der Öffentlich­ keit am meisten Geltung erzielenden Sprechern, sondern im spezifischen, aus den Eigenerfahrungen entwickelten und von unterdrückten Vorgängern vorformu­ lierten Paradigma ihres Denkens. Mannheim, in der Stabilisierungsperiode Wei­ mars schreibend, hielt sich dafür offen, daß solche paradigmatischen Generatio­ nen auch nur einmal in einem Jahrhundert auftreten. Natürlich hat diese hellsichtige Analyse, Ausdifferenzierung und Spezifizie­ rung des Generationsbegriffs auch ihre Schwachstellen. Sie liegen - zumindest im 20. Jahrhundert - in der Hoffnung, daß paradigmatisch interessante Generationen eine Seltenheit blieben, insofern sie durch die Beschleunigung des gesellschaft­ lichen Prozesses über alle M ilieu- und Klassenschranken hinweg zu neuen polari­ sierten Prägnanzbildungen herausgefordert würden. Das legt mir nahe, daß sein Analyseinstrumentarium ausreichen müßte, ein Bild der Jugendbewegungen vor dem Ersten W eltkrieg vom Wandervogel bis zu den Futuristen zu zeichnen und den Einbruch des Voluntarismus von Nietzsche über Sorel bis Lenin als beherr­ schendes Paradigma zu würdigen. Für das kurze 20. Jahrhundert mit seinen Extremisierungen müßte das Instrumentarium ergänzt werden, um den Zeitversatz der Kontinuitätsbrüche durch Kriege, Krisen und Systemwechsel und die Bezüge der Jungen auf die Verdrängungen der älteren Generationen und ihre Identifizie­ rungen in einem ungleich schnelleren Wechsel herauszuarbeiten.

V. Agenda Wenn man sich diesen ergänzten Ansprüchen Mannheims stellt, bleibt noch viel zu tun, obwohl in den letzten Jahrzehnten zahllose Studien, wichtige Materialien und Interpretationen zu einzelnen „Generationseinheiten“ oder - wie man um Verständigung bemüht, vielleicht besser sagen sollte - zu milieugebundenen Teil­ generationen entstanden sind und noch mehr Lebensgeschichten vorliegen. Sie könnten das Material zu systematischeren Vergleichen von Generationsstilen ab­ geben, die sich den Polarisierungen der Kriegsfolgegenerationen in den politi3 K a r l M a n n h e i m , Das Problem der G enerationen (zuerst 1928), in: d ers., W issensoziologie, hrsg. v. K u r t H. W o l f f (Berlin, N euw ied 1964) 558.

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sehen Lagern der Zwischenkriegszeit (nicht nur in Deutschland) und in der Nach­ kriegszeit in Ost und West widmen. Wo bleibt - um nur zwei Beispiele zu nennen - aber die Studie, die uns die verborgenen Gemeinsamkeiten zwischen der frühen FDJ-Generation des Ostens und der skeptischen Generation im Westen jenseits ihrer Polarisierung und ihren differenten Kontexten aufzeigte? Wo der Vergleich der ’68er in Paris und Prag oder der Neuen Linken und der Neuen Rechten? Meine eingangs aufgeworfene Frage nach der Identität von Generationen möchte ich angesichts der vielen kurzschlüssigen Antworten, die höchst partielle Befunde vorschnell generalisiert haben, noch immer verneinen. Aber ich möchte einräumen, daß mir historische Wesenskonstrukte, problematisch wie sie in sich sein mögen, von inhaltlich polarisierten Generationsstilen im 20. Jahrhundert als ein Fortschritt der Forschung erschienen, wenn sie denn als hypothetischer Ver­ ständigungsvorschuß gehandhabt werden. Die Identifikationen solcher Identitä­ ten werden w ir im kritischen Raum der Wissenschaft schon abarbeiten. Die zweite aufgeworfene Frage, die ich noch nicht beantwortet habe, nämlich nach dem Geschlechtscharakter der Generationen des 20. Jahrhundert muß der­ zeit noch immer dahin beantwortet werden, daß es sich um ganz vorwiegend männlich beherrschte Gruppen, mithin um Repräsentanten von Minderheiten handelt, obwohl w ir über eine Fülle von Studien über die Erfahrungen und Ä uße­ rungsformen von generationsgebundenen Frauen verfügen. Der Zyklus der poli­ tischen Jugendbewegungen des 20. Jahrhundert und der auf ihnen aufbauenden Generationsgeschichten ist noch immer männerdominiert, obwohl z.B. der W i­ derspruch zwischen der Passivität der Kriegserfahrungen geschlagener deutscher Männer und der Aktivierung vieler Frauen im Krieg kein Geheimnis ist. Aber, so­ weit ich sehe, ist es noch nicht zu einem wirklichen Gespräch darüber gekommen, die Anregungen Mannheims über den polarisierten Charakter von Generations­ stilen auch auf das Geschlechterverhältnis zu übertragen und dort nach tiefer ver­ borgenen Paradigmen gemeinsamer Generationserfahrungen zu fragen. Dazu müßte man noch eine zweite produktive Komplikation hinzunehmen, die in der Erforschung der L an gZ eitverarbeitung der kompakteren Faschismus- und Kriegserfahrung (bisher weniger der schon durch ihre längere Dauer differenzier­ teren Kommunismuserfahrung) in letzter Zeit eine besondere Rolle spielt, näm­ lich der intergenerationelle Erfahrungstransfer. Er ist bedeutsam insbesondere in den Familien als überwiegend harmonisierenden, aber teilweise auch zusätzlich individualisierenden Kleinzellen der Sozialisation, aber vor allem auch innerhalb von kollektiven Traditionsbildungen, die erst aus den politischen Erlebnis- und Uberlebensgemeinschaften von partizipativer Diktatur, Terror, Krieg und Mas­ senvernichtung als intergenerationelle „Opfer“- und „Täter“-Kollektive konstru­ iert worden sind. Dabei handelt es sich teilweise um Identifikationen und teil­ weise um angenommene oder abgewehrte Zuschreibungen, die im letzteren Fall enorme existentielle, emotionale und moralische Bindekräfte und Herausforde­ rungen darstellen und im Falle ihrer familialen Tradierung durch die häufige ge­ schlechtliche Überkreuz-Identifikation von Kindern im Verhältnis zu den Eltern und Großeltern geschlechtstypische Normalitätsannahmen verwirren. In Mann-

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heimschen Begriffen müßte dies zu einer weiteren Ausdifferenzierung von „Ge­ nerationseinheiten“ (die im Extremfall der Traditionsverweigerung bis hin zu ihrer A t o m is ie r u n g reichen kann) führen, welche die idealtypische Ausbildung emphatisch polarisierter Generationen in einem angenommenen gemeinsamen Referenzhorizont auch unter den Bedingungen gesellschaftlicher Akzeleration und von Systemumbrüchen durchkreuzen kann. Jedenfalls stehen w ir vor dem ge­ genwärtigen Befund, daß immer häufiger signifikative Generationen proklamiert oder diagnostiziert werden, die sich aber im Rückblick schon nach kurzen Zeit­ distanzen nicht als w irklich tragende bewähren. Damit bin ich bei meiner abschließenden Frage nach der Gegenwart angelangt. Ist die Ära paradigmatischer Generationen des 20. Jahrhunderts zu Ende? Die ge­ rade in Berlin laufende Loveparade ist schwerlich als ihre Fortsetzung zu interpre­ tieren. Aber die Logik des 20. Jahrhunderts suggeriert, daß der Umbruch im Osten mit einem Zeitversatz von zehn bis zwanzig Jahren noch einmal Ansätze zu einem eigenen Generationsstil protestierender und die Welt neu deutender Jugend hervorbringt. Aber dabei bleibt die Anschlußfähigkeit solcher Ansätze im diffuse­ ren Westen völlig offen, nicht zuletzt weil dort die Jugend kaum Ansätze zur Kristallisation einer eigenen (emphatisch polarisierten oder sonstwie gesteigert di­ stinktiven) Antwort auf den akzelerierten sozialen Wandel unserer Jahre, keinen Einbruch der Geschichte auf ihre Sozialisation oder sonst eine w irklich spezifisch vergemeinschaftende Herausforderung zur Neuinterpretation der Welt und der eigenen Erfahrung erkennen läßt, sondern sich mit schnell wechselnden Surroga­ ten der Selbstauszeichnung behelfen muß. Ist also die Erklärungskraft des Gene­ rationenparadigmas im Westen erschöpft? Aber ist vielleicht der Osten mit seinen tiefen Verunsicherungen, neuen Traditionsbildungen und Ressentiments ein M ist­ beet neuer jugendgenerationeller Ansätze, die hier sich steigern und kristallisieren könnten, um danach auch zur Identifikation für jene einzuladen, bei denen solche Kristallisationsbedingungen sich übermäßig ausdifferenziert haben oder im R au­ schen der M edialität diffundiert sind? Für Polarisierung ist in der Verdichtung der rechten Jugend-Szene samt ihrer zunehmenden gymnasialen Intellektualisierung und in der lebensweltlichen Ostalgie und dem verletzten Stolz vieler „Ossis“ ge­ sorgt. Aber was w irklich geschehen wird, wissen w ir nicht. Das hängt auch von den sehr viel dramatischeren Orientierungsherausforderungen in Osteuropa ab. Dar­ auf bin ich gespannt, und w ir werden es in Jena im Rahmen eines Sonderforschungsbereichs über die zweite Stufe der Transformation verfolgen. Unser zeit­ geschichtlicher Beitrag zu diesem (überwiegend soziologischen und weniger pro­ gnostisch angelegten) Unternehmen ist dabei projektiv angelegt. Denn aus der Verlaufslogik des kurzen 20. Jahrhunderts, das im Osten länger existentiell nach­ w irkt, und den Strukturbedingungen des Umbruchs von 1989/90 wäre noch ein­ mal ein regionalspezifischer Ausdruck einer polarisierten politischen Jugendgene­ ration zu erwarten. Aber unsere Erwartungen sind offen, denn w ir haben weder Mannheims Nebenbemerkung vergessen, wonach eine zu starke Beschleunigung des sozialen Wandels die Kristallisationsbedingungen eines empatischen Genera­

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tionsausdrucks auch wieder ruinieren kann, noch die Schwächen und Leerstellen seiner Theorie: die Unterstellung eines abgeschlossenen Referenzhorizonts, die Ausblendung der Geschlechterfrage und die Unterbewertung des intergenerationellen Erfahrungstransfers in Familien und in traumatisierten oder stigmatisierten kleineren Kollektiven. Wir müssen also induktiv vorgehen, und das wird uns eine ganze Weile beschäftigen.

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Peter Schulz-Hageleit Zur Problem atik des „Durcharbeitens“ lebensgeschichtlicher Erfahrungen .. E r fa h r u n g , d i e D a u e r z w i s c h e n h e i l s a m e m V ergessen u n d h e i l s a m e m E r in n er n .“ (A dorno, M inim a m oralia, Reflexionen aus dem beschädigten Leben, E rster Teil, 33. Text)

I. A nsatz Im Allgemeinen wird für das, was ich hier vortragen möchte, nicht der Begriff „Durcharbeiten“ verwandt, sondern der Begriff „Aufarbeitung“, der sich seit Adornos bekanntem Aufsatz aus dem Jahre 19591 durchgesetzt und andere Begriffe wie Vergangenheitsbewältigung ersetzt hat. Ich ziehe es trotzdem vor, mit Sigmund Freud von Durcharbeiten zu sprechen, weil dieses Wort, so wie es ur­ sprünglich gemeint war, von vornherein verhindert, daß w ir uns mit den schuld­ haften Verstrickungen anderer Menschen beschäftigen, anstatt auf die eigene Geschichte zu schauen. Geschichte a u fa r b eite n , das ist, überspitzt zusammenge­ faßt, Vergangenheitsaufklärung ohne M itarbeit der eigentlichen Akteure. D u r c h ­ a r b eite n von Geschichte setzt dagegen in der eigenen Erfahrung an. Es geht vom eigenen Tun aus. Es sucht sich der lebensgeschichtlichen Komponenten im ge­ schichtlichen Thema bewußt zu werden und enthält sich des Vorwurfs an andere.

II. R ückgriff Wie eben schon kurz angedeutet, entstammt der Begriff des Durcharbeitens nicht der Geschichtswissenschaft oder einer anderen der Historie zugewandten D iszi­ plin, sondern der Psychoanalyse. 1914 formulierte Freud „Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse“ mit der inhaltlichen Spezifizierung E rinnern, Wie1 T h e o d o r W. A d o r n o , Was bedeutet: A ufarbeitung der Vergangenheit (1959), in: d ers., E rzie­ hung zur M ündigkeit. Vorträge und G espräche mit H ellm ut Becker 1959-1968, hrsg. v. G e r t K a d e l b a c h (Frankfurt a.M . 1972).

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d e r h o len , D u r c h a r b e it e n 2. Dieser begriffliche Dreiklang hat sich im folgenden durchgesetzt und findet wegen seiner aufklärerischen Programmatik zunehmend auch außerhalb des psychoanalytischen Geltungsbereiches Gehör. Durchzuarbeiten seien nach Freud vor allem die sogenannten „Widerstände“ des Patienten, der unerledigte Lebenskonflikte wiederholend agiert (wichtig ist dabei vor allem die „Übertragung" auf den Arzt), die vollständige Erinnerung der ursprünglichen Konstellationen einschließlich der damit verbundenen „Trieb­ regungen“ aber zurückhäJt, weil sie in der einen oder anderen Weise Unlust erzeu­ gen würden. Der Arzt solle, so rät Freud seinen psychoanalytisch arbeitenden Kollegen, den für ihn deutlich sichtbaren Widerstand benennen, sich aber nicht der Illusion hingegeben, daß damit auch der Widerstand selbst schon überwunden sei. Mit dem Diagnostizieren und D u r c h a r b eiten d e r W iderstände beginne viel­ mehr ein besonders hartes Stück Arbeit, das allerdings auf den Patienten „die größte verändernde Einwirkung“ ausübe.

III. Problem stellung Für uns stellt sich sofort und geradezu gebieterisch die Frage, inw ieweit ein der­ artiges Therapie-Instrumentarium, das für die eigentümliche psychoanalytische Gesprächssituation entwickelt wurde, aber sogar hier keine unumschränkte Gel­ tung mehr beanspruchen kann, auf historisch-politische Konstellationen im A ll­ gemeinen und lebensgeschichtliche Erfahrungen im Besonderen übertragen w er­ den kann. Wer wäre beim Durcharbeiten der geschichtlich-lebensgeschichtlichen Vergangenheit der Arzt und wer der Patient? Kann man überhaupt etwas „durch­ arbeiten“, wenn es den konstitutiven Dialog zwischen A rzt und Patient gar nicht gibt und damit auch die treibende Kraft der Übertragung fehlt? Was wäre inhalt­ lich im öffentlichen Diskurs durchzuarbeiten? Ist der sogenannte W iderstand des Patienten auf der Couch gegenüber „verdrängten Triebregungen“ dasselbe, und sei es nur ungefähr, wie etwa das Verschweigen oder Verharmlosen politisch inkriminierter Tatbestände, wie sie u.a. bei der Erforschung früherer Unrechtsysteme ans Tageslicht kommen? Oder ist vielleicht, summa summarum, eine Übertragung des psychoanalytischen Setting auf den öffentlichen Diskurs von vornherein ver­ fehlt? Ich werde im XI. Abschnitt meines Beitrags mit einigen Thesen auf diese Fra­ gen eingehen. Zuvor soll aber die Vielschichtigkeit der Thematik anhand einiger Inhaltsbeispiele bewußt gemacht werden. Im H inblick auf das Tagungsthema mache ich meine Überlegungen an einer bestimmten Generation und Bevölke­ rungsgruppe fest, nämlich an den Kindern der nationalsozialistischen Täter, gebo­

2 S i g m u n d F re u d , Studienausgabe des Fischer-Verlages in zehn Bänden und einem E rgän­ zungsband mit Schriften zu r Behandlungstechnik (Frankfurt a.M . 1975), w o auch der hier er­ w ähnte A ufsatz abgedruckt ist (E rgänzungsband 205-215).

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ren etwa zwischen 1935 und 1945. Das ist ein recht großer Personenkreis, wenn man nicht nur die politisch verantwortlichen Hauptakteure des N ationalsozialis­ mus in Betracht zieht, sondern darüber hinaus auch M itläufer und Profiteure des Geschehens, niedere Dienstgrade und Befehlsempfänger, Schreibtischtäter und Vordenker des Holocaust, die sich alle auf die eine oder andere Weise schuldig gemacht haben. Im weitesten Sinn sind wahrscheinlich die meisten der hier A n­ wesenden Kinder oder Kindeskinder von Tätern, wenn auch selbstverständlich in sehr verschiedenen Abstufungen, vom eher marginalen Involviertsein bis hin zur direkten Betroffenheit wie etwa bei mir, der ich Sohn eines SS-Mannes und einer NS-begeisterten Mutter bin. Welche Einsichten, aber auch welche Probleme ergeben sich, wenn man die Le­ bensgeschichten dieser Menschen durch die Brille des Durcharbeitens betrachtet und darüber hinaus fragt, welchen Gewinn diese Betrachtung für Geschichte und Geschichtsschreibung im allgemeinen haben könnte? Sehen w ir uns zuerst einen Inhalt, der genauer durchzuarbeiten wäre, etwas näher an.

IV. Sehnsucht nach dem abwesenden und gleichzeitig überm ächtigen Vater Es gibt inzwischen zahlreiche Publikationen, die eine Auseinandersetzung mit der familiären NS-Tradition in der Ich-Perspektive dokumentieren. Als Beispiel nenne ich Kurt Meyer: G e w e i n t w ird, w e n n d e r K o p f a b ist. A n n ä h e r u n g en an m e i n e n Water - „ P a n z e r m e y e r “ - G e n e r a lm a jo r d e r Waffen-SS. Das Buch zeigt eindrucksvoll, wie heftig die NS- und SS-Väter geliebt wurden und wie schwer es ist, mit dem psychologischen „Erbe“, das sie hinterlassen haben, fertig zu werden. Eine Besonderheit der Art und Weise, wie Kurt M eyer das Problem angepackt hat, besteht darin, daß er ein fingiertes Gespräch mit dem inzwischen längst ver­ storbenen Vater entwickelt, ihn also direkt anspricht und so zur Rechenschaft zieht, mithin nachzuholen sucht, was zu Lebzeiten nicht stattgefunden hat. Ein Textbeispiel: „Meine erste Begegnung mit dir, an die ich mich aber nicht erinnern kann, denn ich w ar erst ein Jahr alt, fällt noch in die Zeit des Prozesses, in dem du dich für die Verbrechen der dir untergebenen Soldaten verantworten mußtest. Ich soll nach deinen Schulterstücken gegriffen haben. Jahre später, 1952, kamst du w irklich ,auf H eim aturlaub1. Ich w ar sieben Jahre alt und ich wußte nicht, was das war, ein Vater.“ (S. 19) M it der Leitvorstellung des Durcharbeitens ist M eyer insofern verbunden, als er nicht über „die“ Deutschen, den Hang „des“ Menschen zur Gewalt oder ähnli­ che Unverbindlichkeiten schwadroniert, sondern bei den eigenen Ambivalenzen ansetzt und die Unnahbarkeit des Vaters als gefühlte Abwehr in sich selbst thema­ tisiert. Meilenweit entfernt vom Durcharbeiten ist M eyer jedoch insofern, als ein v ir tu elle r Dialog den re a len Dialog mit dem Therapeuten nicht ersetzen kann und früher oder später in Selbstreferenzen stecken bleiben muß.

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Der künstlich belebte Vater wirft mit seiner faktischen Stummheit den Fragen­ den immer wieder auf sich selbst zurück. Die Sehnsucht nach dem Vater wird erinnert und wiederholt, etwa so w ie Freud es beschrieben hat, aber eben nicht analytisch durchgearbeitet und in neuer Bewußtseinskonstellation integriert. Ein Symptom für das unaufgelöste Spannungsverhältnis des Sohns zum Vater ist m. E. schon der Buchtitel, dieser grausige Ausspruch des Vaters als tradiertes Lebens­ leitmotiv. Derartige Zitate unreflektierter Aussprüche sind zwar gegenwärtig gang und gäbe3, die publizistische Ü blichkeit hebt den Mangel an reflexiver Distanzie­ rung m. E. jedoch nicht auf, im Gegenteil: Sie dokumentiert nur, wie schwer die Erfahrungen früherer Generationen auf uns lasten und wie sie uns in Verhaltens­ richtungen drängen, die nicht dem eigenen Willen, sondern unbewußten Identifi­ zierungen entspringen. Das a c ti n g o u t als besonders starkes Hindernis für das Durcharbeiten hat viele Formen, wie auch die Abwehr im Allgemeinen nicht ein in sich geschlossener monolithischer Mechanismus ist, sondern in recht unterschiedlichen Reifegraden eingesetzt wird. Ich will nicht sagen, daß sich jeder, der dem W iederholungszwang entgehen w ill, zur Psychoanalyse auf die Couch legen müßte, sondern nur darauf hinweisen, daß w ir uns nicht wie Münchhausen selbst aus dem Sumpf ziehen können, sondern einen ebenso empathischen wie autonom-widerständigen Ge­ sprächspartner brauchen, oder ganz allgemein: eine Gesprächskultur, die das ver­ trauensvolle Sich-Offnen zuläßt und pflegt und nicht von vornherein angstvoll unterbindet. Diese kritische Perspektive gilt retrospektiv auch für viele meiner eigenen A r­ beiten, mit denen ich die Mauer der Geschichte introspektiv zu durchbrechen suchte. Was bei M eyer das erfundene Gespräch mit dem toten Vater ist, das ist bei mir, strukturell durchaus ähnlich, die Forderung nach „authentischen Gesprä­ chen“ im Geschichtsunterricht4 - ein für viele Didaktiker-Kollegen begreiflicher­ 3 Eine exzessive V erw endung dieses Stilm ittels, das A uthentizität dem onstriert und den D eutungsprozeß dam it aber eher blockiert als vorantreibt, findet sich beispielsw eise bei M a r g a r e t e D örr, „Wer die Zeit nicht m iterlebt h a t . . . “ Frauenerfahrungen im Zw eiten W elt­ krieg und in den Jahren danach, drei Bände (Frankfurt a.M . 1998). Jede Lebensgeschichte w ird unter ein selbstreferenzielles Z itat gestellt, z.B .: „Da m ußt du durch, das Leben geht w eiter“ (I, 223); „Es ist nicht nötig, daß ich lebe, w ohl aber, daß ich m eine Pflicht tue" (I, 270); „Ich w ollte im m er ganz echt sein “ (1 ,333) usw. D er Titel des G esam tw erkes, das eine erstaunliche Lebensleistung darstellt, w ird am Ende des 3. Bandes erläutert (469). Es handelt sich um einen Satz, „den fast alle Frauen so oder ähnlich form ulierten: ,W er die Z eit nicht m iterlebt hat, kann sich das gar nicht vorstellen, kann uns gar nicht verstehen.““ Beim üb er­ m äßigen Zitieren w ird E m p a t h ie als A usgangspunkt für aufklärende D eutung offenbar verw echselt m it reproduktiver, identifikatorischer E m p h a se , die nach der hier entw ickelten Perspektive auf A bw ehr beruht. 4 Zwei T U -interne Flefte unter dem Titel „Geschichte, Psychologie und Lebensgeschichte“ (Bd. I 1988, Bd. 2 1995) enthalten die diesbezüglich relevanten A ufsätze, u .a . den im Jo urnal für Geschichte 1 (1987) erstm als abgedruckten A ufsatz: D ie Bedeutung von historischen Inhalten für unser Leben. Von der „didaktischen A n alyse“ zum „authentischen G espräch“. A uch der Begriff „G eschichtsanalyse“ bzw. „geschichtsanalytisch“ findet hier, in der A uf­ satzsam m lung von 1995, seine erste Bestim m ung.

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weise recht befremdliches Ansinnen, dessen Interpretationsbedürftigkeit mir erst im Nachhinein deutlich wurde.

V.

Die persönliche Kraft des Standhaltens und die Erträglichkeit der Schuldlast: zw ei Faktoren, die für das G elingen des D urcharbeitens w ichtig sind Die Verdrängungswiderstände der Täter-Kinder wuchsen mit der juristisch-tatsächlichen und moralischen Schuld der Eltern. Je übler und krim ineller das war, was die Eltern auf dem Gewissen hatten (meistens handelte es sich um den Vater), um so schwieriger w ar es für die Täter-Kinder, - die Tatsachen voll konfrontativ anzuerkennen, - die Bedeutung dieser Tatsachen für das eigene Leben durchzuarbeiten, - Wut, Angst und Schuldgefühle, die dabei freigesetzt wurden, auszuhalten, - unumgängliche Trauerarbeit zu leisten, um so, schließlich und endlich, - die Fremdbestimmung durch die Eltern zu überwinden und eine eigene Identi­ tät zu entwickeln. Ich möchte diese Problemstufen mit dem Hinweis auf zwei Beispiele verdeut­ lichen, die recht gut dokumentiert sind und daher im Einzelnen überprüft werden könnten. Zunächst das Beispiel mit einem unbefriedigenden Ausgang. Es handelt sich um Herrn A., der wegen manifester Arbeitsstörungen ärztliche Hilfe nach­ suchte und sich in die Psychoanalyse begab5. Schon der Einstieg ist ein Signal; denn daß in der verbrecherischen Nazi-Vergangenheit des Vaters, die nur bruch­ stückhaft und zögernd ans Tageslicht kommt, ein wesentlicher Grund für die Arbeits- und Lebensstörungen liegen könnte, wird bis zum Ende nicht ihrer Bedeutung gemäß thematisiert, von einer Integration des Desintegrierten ganz zu schweigen. Es stellt sich heraus, daß der Vater von H errn A. als Lagerarzt in einem KZ an medizinischen Menschenversuchen beteiligt war. Einige Tatsachen kom­ men also ans Tageslicht, affektive Regungen lösen sie beim Patienten aber nicht aus. Er sagt; „Auf mich w irkt das alles so unwirklich, als erforsche ich die Ge­ schichte eines Nachbarn. Ich bringe das in mir nicht zusammen, daß das mein Vater sein soll, der das früher getan hat. Als gehe es dabei um zwei verschiedene Menschen."6 Auch Rückfragen bei der Mutter, die noch lebte, brachten ihn nicht weiter. Er schützte die M utter wie zuvor den Vater, verbuchte alle Schwierigkeiten als sein persönliches Versagen und opferte auf diese Weise seine eigene Selbstent­ wicklung.

J W er n er B o h l e b e r , Transgenerationelles Traum a, Identifizierung und G eschichtsbew ußt­ sein, in: J ö r n R iisen, J ü r g e n S tra u b (H rsg.), Die dunkle Spur der Vergangenheit. P sychoana­ lytische Zugänge zum G eschichtsbewußtsein. E rinnerung, Geschichte, Identität 2 (Frankfurt a.M . 1998) 256-274. 6 Ebd. 271.

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Ganz anders die bekannte Geschichte der Dörte von Westernhagen, die mit ihrem autobiographisch-reflexiven, aber auch sachlich-objektivierenden Buch D ie K i n d e r d e r T äter einen Meilenstein in der Gesellschaftsgeschichte des Durch­ arbeitens gesetzt hat. Westernhagens Vater war Offizier der Waffen-SS, an ge­ richtsnotorischen Verbrechen direkt aber nicht beteiligt; jedenfalls ergaben dies­ bezügliche Recherchen kein eindeutiges Ergebnis. Er starb in den letzten Kriegs­ tagen bei einem Tieffliegerangriff. Nachdem das Tor zur Geschichte der eigenen Familie als konstitutives Element der allgemeinen Geschichte einmal geöffnet war, gab es für Westernhagen offenbar kein H alt mehr: M it unerhörter Energie rannte sie förmlich gegen das bislang Verdrängte an, und zwar sowohl auf der O bjekt­ ebene der Geschichte als auch auf der Ebene des eigenen Subjekt-Involviertseins. Diese ebenso aggressive wie intelligente Entschlossenheit, den Dingen auf den Grund zu gehen, verbunden mit der Tatsachenkonstellation, daß das Maß der väterlichen Verfehlungen erträglich blieb, führten schließlich zum Erfolg insofern, als das unerledigt-quälerische Liebesverhältnis zum Vater aufgelöst und ein neuer, ganz eigener Weg eröffnet werden konnte. Bevor sich Westernhagen mit anderen Biographien von Täter-Kindern ausein­ andersetzt, nimmt sie sozusagen symbolisch Abschied von ihrem Vater und schreibt (S. 93): „Ich hatte eine bestimmte Zeitspanne mit dem Vater verbringen können, weil das ,Jenseitsbiiro‘ das ursprünglich vorgesehene, reguläre Zusam­ mentreffen mit ihm übersehen hatte. Ich hatte ihn, wie es sich für eine ordentliche Liebesgeschichte gehört ..., verehren, verachten, begehren und hassen dürfen. Jetzt w ar die Frist um; Zeit, vorn Vater, wie ich ihn kennengelernt hatte, Abschied zu nehmen.“ Es folgt zur Bekräftigung der Zäsur ein Gedicht von Keilson, das so beginnt: „In den tagen des november - wenn es kalt w ird - denke ich deines todes - vater

VI. D eutsche H istoriker Ich möchte jetzt von einzelnen Täter-Kindern und ihren leiblichen Eltern zur kol­ lektiven und metaphorischen Dimension der Thematik übergehen, die u.a. dann schlaglichtartig deutlich wird, wenn w ir an unsere Doktor-„Väter“ und - „M ütter“ denken. Eine Berufsgruppe, die den Verdrängungswiderstand besonders lange und hartnäckig aufrecht erhalten hat, ist die der Historiker. Erst 1998, auf dem Tlistorikertag in Leipzig, ist mit dem Eröffnungsreferat des Vorsitzenden Johannes Fried7 und der großen Sektion über deutsche H istoriker im Nationalsozialismus8 ein Durchbruch erzielt worden; dementsprechend stark w ar das allgemeine Publi­ 7 A ußer in den verbandsinternen D okum entationen ist Frieds E röffnungsrede zum 42. D eutschen Flistorikertag (Frankfurt a.M ) abgedruckt in: Zeitschrift für G eschichtsw issen­ schaft 10 (1998) 869-874. 8 Die Referate der Sektion w urden hrsg. v. W in fr i e d S ch u lz e , O t t o G e r h a r d O e x le , Deutsche H isto riker im N ationalsozialism us (Frankfurt a.M . 1999).

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kumsinteresse. Haben die H istoriker damit die Anstrengung des Durcharbeitens auf sich genommen und sich dabei als Zunft strukturell etwa so verändert, wie Freud es von seinen Analyse-Patienten erwartet hat? W ir dürfen und müssen da wohl aus mehreren Gründen skeptisch sein. Erstens läuft die kollektive Selbstreflexion nach anderen Gesetzen ab als die individuelle Psychoanalyse. Wenn hier schon, im Bereich des Individuell-Therapeutischen, kein schnell gelingendes Durcharbeiten garantiert ist, sondern meistens mehrere Wellen und Schübe erforderlich sind, um wenigstens Teilerfolge zu erzielen, dann ist beim geschichtsanalytischen Durcharbeiten, wo der eine den anderen eher zu­ rückhält als anspornt, mit um so mehr Erschwernissen zu rechnen9. Was in der individuellen Psychoanalyse Einzelstunden oder wenige Jahre sind, das muß in der Geschichtsanalyse nach Dezennien berechnet werden. Zweitens ist die Historiker-Zunft für ein individuelles oder gar kollektives Durcharbeiten ihrer eigenen Geschichte methodologisch schlicht und einfach schlecht ausgerüstet, von menschlichen Qualifikationen, die hierzu auch nötig sind, einmal ganz abgesehen. Die Folgen der Komplizenschaft des transgenerationellen Verschweigens werden stark unterschätzt; eine introspektive Deutung ihrer Bedeutung bleibt außen vor. Es ist schon erstaunlich, mit welchem naiven Selbst­ bewußtsein beispielsweise ein renommierter H istoriker wie Wehler sich daran erinnert, ein begeisterter Hitler-Junge gewesen zu sein10, ohne daß er dabei die Möglichkeit des Einflusses dieser Erfahrung auf eigene Lebens- und Forschungs­ richtungen überhaupt nur in Erwägung zieht. Die nach dem H istorikertag von 1998 publizierten Interviews brechen in der Regel genau da ab11, wo das Durch­ arbeiten und die Selbstveränderung beginnen m üßten12, was freilich weniger den Personen vorzuwerfen als vielmehr auf die vorab festgelegte Form des Interviews zurückzuführen ist. Interviews der üblichen A rt fördern und begleiten keinen R e­

9 Freud hat in anderen Texten, die sich m it dem V erdrängungsw iderstand beschäftigen, mit einem etwas provozierenden A usdruck auf die „K lebrigkeit der L ibido“ hingew iesen (a.a.O . 381, vgl. auch w eitere Textstellen zum W iderstand m it H ilfe des Index ), das heißt auf die psychische Trägheit vieler M enschen, die es nicht schaffen, bestim m te Besetzungen aufzu ge­ ben. Diese Trägheit w ird durch die meisten K ollektive, w enn sie einm al etabliert sind, m. E. eher verstärkt als verm indert. 10 R ü d i g e r H o h ls, K o n r a d H. j a r a m c b (H rsg.), Versäumte Fragen. Deutsche H isto rik er im Schatten des N ationalsozialism us (Stuttgart, M ünchen 2000) 240. 11 In ihrer Einleitung diagnostizieren die H erausgeber selbst verschiedene A usw eichm anö­ ver (Verflüchtigung der A ntw orten ins A llgem eine, kontrollierte Vorsicht bei schm erzhaften lo p o i usw.). Der W iderstand w ird dam it aber nicht problem atisiert, geschw eige denn über­ wunden. Wenn darüber hinaus festgestellt w erden konnte, daß die Interview partner „den Rückblick auf ihre eigene Jugend zu genießen schienen“ (29), w ird deutlich, w ie w eit die Zunft vor einem effektiven D urcharbeiten ihres früheren Tuns noch entfernt ist. 12 Voller A pologetik und Selbstrechtfertigungen sind beispielsw eise die E rklärungen M i­ chael Stürm ers (358-382). Für ihn gibt es nur Opfer, für deren Tun und Lassen man Ver­ ständnis haben muß. Seiner M einung nach regen die D ebatten über H isto riker im N ation al­ sozialism us „keinen vernünftigen M enschen m ehr auf“ (367). „Sie haben sich verführen las­ sen - so sind Menschen" (363)!

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flexionsprozeß13, sondern fragen den erreichten Erkenntnisstand ab. Sie regen keine S elbstziv e i fe i an, sondern fordern zur S elb std a r stellu n g auf. Selbstdarstel­ lungen aber sind unausweichlich selektiv und apologetisch54. Der größer werdende Abstand der Jahre wird, dessen bin ich ziemlich sicher, auch den Verdrängungswiderstand mindern. Mit dem Thema sind w ir längst noch nicht fertig.

VII. Was geschieht m it nicht-durchgearbeiteten Erfahrungen ? Etwas ganz anderes als Interviews mit standardisierten Fragen sind tiefenpsycho­ logische Gespräche, wie sie u.a. der israelische Psychologe Dan Bar-On mit Kin­ dern der Täter geführt hat15. Zur Einschätzung der in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit e r r e ic h t e n p s y c h i s c h e n Konstellation hat er eine Rating-Skala von fünf Stufen entwickelt, die - grob zusammengefaßt - folgende Bezeichnungen haben: - Anerkennen der Tatsachen, - Verstehen der moralischen Bedeutung dieser Tatsachen, - emotionale Beteiligung, - Konfliktverarbeitung sowie -ausgleich und schließlich - Integration von Wissen, Bedeutung und emotionalen Reaktionen16. N ur zwei von 46 Täter-Kindern, die sich auf die tiefenpsychologischen Gesprä­ che eingelassen hatten, waren bis zur Stufe fünf gekommen, die anderen waren auf der einen oder anderen Stufe gleichsam stehen geblieben. Das ist ein besorgniser­ regendes Ergebnis, das u.a. zu der geschichtsanalytisch komplexen Frage Anlaß gibt, was w eiter mit den nicht verarbeiteten Komplexen geschieht. Gehen sie im Laufe der nachfolgenden Generationen einfach unter oder generieren die kruden, unverdauten Gewaltbilder neue faktische Gewalt? 13 Daneben gibt es natürlich auch tiefenpsychologisch fundierte Interviews bzw. Gespräche, die auch die Position des Fragenden als w ichtigen E influßfaktor zu berücksichtigen suchen. Exem plarisch sei verw iesen auf: G a b r i e l e R o s e n t h a l (H rsg.), Der H olocaust im Leben von drei G enerationen. Fam ilien von Ü berlebenden der Shoah und von N azi-T ätern (G ießen 1997). 14 Die m ethodologisch reflektierte O ral-h isto ry-F o rsch un g berücksichtigt diese Sch w ierig­ keiten. M it H ilfe einer eigenen Z eitschrift (BIO S = Z eitschrift für Biographieforschung und O ral H istory, Verlag Leske und Budrich, Leverkusen) w erden die E rkenntnism öglichkeiten kontinuierlich diskutiert und w eiter entw ickelt. 15 Dan Bar-O n, L egacy of Silence. Encounters w ith C hildren oft the T hird R eich. H arvard U n iversity Press, C am bridge 1989 (deutsche Ü bersetzung im C am pus-V erlag: die Ver­ schw örung des Schweigens). 16 In dieser Zusam m enfassung übernom m en aus: W o l f g a n g N e u m a n n , Spurensuche als p sy ­ chologische E rinnerungsarbeit. Die Suche nach und die Verarbeitung von seelischen Spuren der deutschen Vergangenheit im psychologischen Beratungskontext an der H ochschule (T ü­ bingen 1999).

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W ir wissen es nicht genau. Wir können es nicht wissen, weil erstens die Ge­ schichte des Transfers spezifischer Erfahrungen bislang überhaupt noch nicht er­ forscht wurde (von psychoanalytischen Einzelfallstudien einmal abgesehen) und weil zweitens mit jeder Generation neue Erfahrungskomplexitäten entstehen, die ganz unerwartete Handlungsspielräume eröffnen und den linearen Transfer der Verdrängungen unterbrechen. Als Entlastung von der Pflicht, sich kritisch und selbstkritisch der eigenen Geschichte zu stellen, sollte diese Unsicherheit freilich nicht verstanden werden, im Gegenteil; denn die Gefahr, daß unbewältigte Erfah­ rungskomplexe kumulativ ineinandergreifen und verhängnisvolle Weichenstel­ lungen induzieren, ist m. E. doch offenkundig. Der Aufstieg des N ationalsozialis­ mus und der Weg in den Zweiten W eltkrieg sind ohne eine derartige Addition und Verschränkung nicht-durchgearbeiteter Erfahrungen in meiner Sicht nicht zu ver­ stehen, denken w ir an - die Schwierigkeit der Frontsoldaten, ihre Horrorerfahrungen schnell und w irk­ sam in den öffentlichen Diskurs einzubringen und diesen damit zu verändern; an - die Scham der unerwarteten Niederlage und deren Abwehr durch die Dolch­ stoß-Legende; an - die Unerträglichkeit der Schuldzuweisung durch die Alliierten, an den Haß auf Versailles und das Rachegeschrei in fast allen Lagern; an die - die Fortdauer der Kriegsstimmung (der W eltkrieg wurde 1918/19 unterbro­ chen, aber nicht w irklich beendet; der Frieden wurde nicht verinnerlicht); an - Fortdauer autoritärer Gesellschaftsstrukturen und an - das frustrierte Streben nach Sieg, Ruhm und Weltmacht. Der Akkum ulation unverarbeiteter Erfahrungen diskursiv begegnen - das müßte nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts zu den Inhalten und Zielen jeglicher Geschichtspolitik im 21. Jahrhundert gehören!

VIII. Erfahrungsverarbeitungen als transgenerationelle A ufgabe Theodor Adorno (1903-1969) schrieb in seinen Minima moralia, daß „eigentliche Erfahrung“ in den Materialschlachten des Ersten Weltkriegs nicht mehr möglich gewesen sei und daß sich diese Unm öglichkeit im Zweiten Weltkrieg wiederholt, bestätigt und verstärkt habe. Unter „eigentlicher Erfahrung“ verstand Adorno of­ fenbar die produktiv integrierte Erfahrung, die Erfahrung als Lebensbereicherung, die nicht zustande komme, wenn die auf den Menschen eindringenden Eindrücke zu heftig sind, so daß die inneren Verarbeitungskräfte überwältigt und paralysiert werden. Der Krieg aber habe überall, mit jeder Explosion, „den R eiz­ schutz durchbrochen, unter dem Erfahrung, die Dauer zwischen heilsamem Ver­ gessen und heilsamem Erinnern, sich bildet. Das Leben hat sich in eine zeitlose Folge von Schocks verwandelt, zwischen denen Löcher, paralysierte Zwischen­ räume klaffen. Nichts aber ist vielleicht verhängnisvoller für die Zukunft, als daß

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im wörtlichen Sinn bald keiner mehr daran wird denken können, denn jedes Trauma, jeder unbewältigte Schock der Zurückkehrenden ist ein Ferment kom­ mender Destruktion“17. Diese düstere Vision enthält wohl einen empirisch wahren Kern und eine Mah­ nung für die Zukunft, aber keine resignative Festschreibung der Geschichte, auch wenn der Hoffnungsvorbehalt nur als leises „vielleicht“ zum Ausdruck kommt. Daß ein Trauma sich nicht als „Ferment kommender D estruktion“ auswirke, er­ scheint nach den hier entwickelten Reflexionen immerhin im Horizont des M ög­ lichen. In der Erfahrung als Dauer zwischen heilsamem Vergessen und heilsamem Erinnern liegen ja nicht nur einige individuelle Lebensjahre, sondern darüber hinaus Aufgaben des Generationentransfers, für den fünfzig Jahre überhaupt kein Lim it sind. Die „Heilungschancen“ beim Generationentransfer wachsen in dem Maße, wie das Durcharbeiten je eigener Verdrängungswiderstände gelingt.

IX. Ein B lick auf die K inder der D D R Subjektive Erfahrungen und objektive Geschichte Wahrscheinlich wird beim Thema D u r c h a r b e it e n le b e n s g e s c h ic h tl i c h e r E rfahru n ­ g e n auch ein Wort über die N otwendigkeit des selbstkritischen Umgangs mit der DDR-Vergangenheit erwartet, doch genau das kann von meiner Seite aus nicht ge­ boten werden, jedenfalls nicht inhaltlich, weil ich mit der DDR-Geschichte direkt wenig zu tun habe. Meine Themen als „Wessi“ sind u.a. die Spaltung Deutsch­ lands und die hysterisierten Feindbildprojektionen des Kalten Krieges, aber nicht die DDR als Sackgasse deutscher Geschichte. Damit müßten sich jene beschäfti­ gen, die sich selbst in diese Sackgasse manövriert haben oder da hinein manövriert wurden, sowie deren Kinder und Kindeskinder. Eine Aufgabe und Schwierigkeit des Durcharbeitens bestünde darin, die subjektiven Erinnerungen und A lltagser­ fahrungen, über die kein Wessi verfügt, mit den objektiven Tatsachen zusammen zu bringen und den dabei aufbrechenden emotionalen Konflikt durchzustehen. Ein diesbezüglich illustratives Beispiel findet sich in den Publikationen von C hri­ sta Wolf, die ein kurzzeitiges Paktieren mit der Stasi glatt aus ihrem Gedächtnis gestrichen hatte und dieses „Vergessen“ später selbst nicht mehr fassen konnte. Um den Dingen auf den Grund gehen zu können, stellte sie ihren eigenen Fall dem bekannten Psychoanalytiker Paul Parin vor und fragte ihn, ob und wie „so etw as“ überhaupt möglich sei, nämlich etwas total zu vergessen bzw. zu „verdrän­ gen“, und ob das glaubhaft sei. Parin gab der illustren Fragestellerin bereitwillig Auskunft, soweit das außer­ halb des Sprechzimmers möglich war, und schrieb u.a.: „Verdrängung ist ein wichtiger, vielleicht der wichtigste psychische .Mechanismus“, d.h. sie geht auto­ 17 T h e o d o r W. A d o r n o , M inim a m oralia. R eflexionen aus dem beschädigten Leben (F rank­ furt a.M . 231997) 63.

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matisch vor sich, ohne daß man etwas von dem Vorgang bewußt wahrnimmt. W ill man während einer Analyse Verdrängungen rückgängig machen, sind .W ider­ stände' zu überwinden. Darum ist eine so lange ,A rbeit“ dazu nötig. Die Verdrän­ gungswiderstände leiten sich vom ursprünglichen Grund zur Verdrängung und von später - während der Analyse - konstellierten Gründen ab: Scham- und Fremdheitsgefühle gegen den verdrängten In h alt.... Ob man Ihnen glauben wird, daß Sie z.B . Ihren Decknamen vergessen hatten? Je nachdem wer und mit w el­ chen Motiven. Ganz allgemein ist ein Zweifel daran, auch unter intelligenten Per­ sonen, daß so etwas wie Verdrängung überhaupt vorkommt. Wenn so jemand sich einer Psychoanalyse zu unterziehen versucht - was immerhin vorkommt - , gerät der oder die aus dem Staunen nicht heraus, ,also doch, auch bei mir.“ . . . “ 18 Ganz in seiner Rolle als professioneller Psychoanalytiker empörte Parin sich nicht über diejenigen, die Christa Wolf das Vergessen bzw. Verdrängen nicht ab­ nehmen wollten, sondern wies vielmehr auf die weit verbreitete Skepsis gegenüber dem Phänomen der Verdrängung hin, mit der man eben zu rechnen habe, bei sich selbst und bei anderen. Was mich bei Christa Wolf, ähnlich schon wie bei Westernhagen beeindruckt, ist die zupackende, konfrontative Vergegenwärtigung der verdrängten Vergan­ genheit im Medium des Fragens, Denkens und Schreibens. Dabei werden den kommunikativen Ressourcen der Gesellschaft (Freundschaften, Sachverständige, öffentliche K ritik) Funktionen zugewiesen, die in der Langzeitanalyse der Arzt hinter der Couch wahrnimmt. Intensiv mit sich und in sich selbst arbeitende M en­ schen lassen sich gewissermaßen von den eher beiläufigen Einlassungen ihrer U m ­ gebung in ähnlicher Weise anregen wie von psychoanalytischen Interventionen. Das ist allgemein wichtig für die Aufarbeitung der Vergangenheit, die ja auch ohne Psychoanalysen voran kommen muß, und verweist auf die Bedeutung der intel­ lektuellen Eliten in dem Prozeß. (Nachdem zwei Frauen als Positivbeispiele für tendenziell gelingendes Durch­ arbeiten in eigener Regie genannt wurden, ist es nicht abwegig zu fragen, ob es Frauen möglicherweise leichter fällt als Männern, sich die in der eigenen Ge­ schichte liegenden Verdrängungen bewußt zu machen und, so weit das allein überhaupt möglich ist, durchzuarbeiten. Eine Antwort auf diese Frage können wir hier und jetzt jedoch nicht versuchen; dazu wäre eine gesonderte U nter­ suchung nötig.) Die wiederholten Hinweise auf die gesellschaftspolitisch-therapeutische Pro­ duktivität des Durcharbeitens „in eigener Regie“ sollen die Notwendigkeit einer juristischen und allgemein-historiographischen Aufarbeitung der DDR-Geschichte auch ohne Zustimmung der Akteure nicht in Frage stellen; diese A u far­ b e itu n g sowie die juristische Verfolgung des Unrechts sind jedoch etwas tenden­ ziell anderes als das hier thematisierte D u r c h a r b eiten , von Überschneidungen und wechselseitigen Ergänzungen, die es natürlich auch gibt, einmal abgesehen. 18 C hrista Wolf, A kteneinsicht. Zerrspiegel und D ialog. Eine D okum entation, hrsg. v. H e r ­ m a n n Vinke (H am burg 1993) 298-299.

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Eins wage ich freilich zu behaupten: Die eigentliche intellektuelle und emotio­ nale Arbeit am Erbe der DDR-Geschichte mit dem Ziel ihrer reflexiven Integra­ tion ist noch zu leisten. Damit wird noch die zweite und dritte Generation zu tun haben. Moralisierende Aburteilungen, wie sie leider gang und gäbe sind, tragen eher zur Verdrängung als zur Bildung eines emanzipatorischen Geschichts­ bewußtseins bei19, das den intentioneilen Hintergrund der hier entfalteten Ü ber­ legungen bildet.

X. Ö ffentliche Schuldbekenntnisse sind kein D urcharbeiten Die psychologisch begründete Forderung nach einem Durcharbeiten von W ider­ ständen, die der emotional-selbstkritischen Integration schwieriger Geschichts­ anteile entgegenstehen, kann u.a. als Nötigung zum öffentlichen Schuldbekennt­ nis mißverstanden werden. Schuldbekenntnisse und Entschuldigungen sind ja zur Zeit durchaus en vogue: Die A ustralier entschuldigen sich bei den A borigi­ nals, die Japaner bei der Koreanern, der Papst bei der ganzen Welt und so weiter ... Daß derartige Deklamationen nicht viel mit dem hier ins Auge gefaßten ge­ schichtsanalytischem Durcharbeiten zu tun haben, ist m. E. evident, sollte aber trotzdem betont werden, eben weil der Kurzschluß so nahe liegt. Die erwähnten Schuldbekenntnisse und Entschuldigungen geben einem öffentlichen Druck nach20. Sie erledigen eine eher lästige Pflicht, und mit dieser notgedrungenen Er­ ledigung w ird das Durcharbeiten abgebrochen, bevor es überhaupt richtig ange­ fangen hat. Ü berhaupt ist die Öffentlichkeit für das Durcharbeiten kein geeigneter Raum. Durcharbeiten ist ein intimer Prozeß des inneren Wandels und kein lauter Pau­ kenschlag, der ein pressewirksames Ergebnis ankündigt. Wer es mit dem Durch­ arbeiten ernst meint, muß den eigenen Narzißmus im Auge behalten. So wenig wie eine zur Schau gestellte Ergriffenheit etwas mit Trauera r b e i t zu tun hat, so wenig dienen deklamierte Selbstbezichtigungen dem Durch a r b e i te n le­ bensgeschichtlicher Erfahrungen. Ich betone bewußt den im Wort Durcharbeiten angezeigten Arbeitscharakter des Kampfes gegen Lebenslügen aller Art. Durch­ arbeiten ist psychisch anstrengende Arbeit, die öffentlich direkt nicht verwertbar 19 D ie V erbindung von E m anzipation und G eschichtsbewußtsein fordert der Verfasser in (zeitungem äßer) Fortsetzung einiger Leitideen der Studentenbew egung, vgl. im Einzelnen: P e t e r S c h u l z - H a g e l e i t , Em anzipation und G eschichtsbewußtsein. A nregungen für die W ie­ deraufnahm e und Fortsetzung einer D iskussion, in: Festschrift für A nnette Kuhn, Stationen eines H ochschullebens, hrsg. v. U d o A r n o l d u .a . (D ortm und 1999). 20 Eine gesonderte Studie verdient in diesem Z usam m enhang die E rklärung der PDS zum Bau der B erliner M auer (abgedruckt u. a. in F rankfurter R undschau, 4. Ju li 2001). Die SEDN achfolgepartei fand (in meinen A ugen) überzeugende W ort des Bedauerns und der D istan­ zierung, lehnte aber eine förm liche Entschuldigung m it der Begründung ab, daß man dam it nur dem taktischen K alkül der politischen G egner aufsitzen w ürde.

Zur P roblem atik des „D urcharbeitens“ lebensgeschichtlicher Erfahrungen

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ist und auch nicht honoriert wird. Wer dennoch öffentliche Belobigung erwartet, ist schon auf dem Holzweg. Hier liegt möglicherweise die größte Schwierigkeit für eine weitergehende Akzeptanz dieses bisher vernachlässigten Erkenntnis­ weges. Die Skepsis vor öffentlichen Entschuldigungen oder Schuldbekenntnissen än­ dert jedoch nichts an der Tatsache, daß Schuld sowie Schuldgefühle einen beson­ ders wichtigen und sensiblen Verdrängungsinhalt konstituieren, der Abwehr aus­ löst, wenn er angerührt wird. Geschichtsschuld reflexiv zu integrieren und nicht abzuspalten - das gehört m. E. zu den Aufgaben der Zukunft, die nicht eine ein­ zelne Wissenschaftsdisziplin, sondern die Gesellschaft insgesamt zu übernehmen hat. Leicht ist die Aufgabe gewiß nicht; vor allem die dem Durcharbeiten nicht oder nur sehr schwer zugänglichen E rfa h ru n gen (vgl. oben, III. Abschnitt) behin­ dern das transgenerationelle L ernen als einen möglichen Fortschritt.

XI. Zum Problem der Ü bertragung der psychoanalytischen D enk­ figur auf historisch-politische Konstellationen Ich möchte nun abschließend auf die eingangs formulierten Fragen zurückkom ­ men (vgl. oben III. Abschnitt) und dazu sieben Thesen formulieren. 1. „Abwehr“ und „Widerstand“ gegenüber beschwerlichen Einsichten und Ge­ fühlen entstehen und existieren selbstverständlich nicht nur in der individuellen Psychoanalyse, sondern allenthalben in der Gesellschaft, sowohl bei Einzelperso­ nen und Gruppen als auch umfassend, kollektiv. Je größer und unbestimmter der jeweilige ins Auge gefaßte Personenkreis ist (z.B. die Bevölkerung der ehemaligen DDR, die Deutschen, die Europäer, der Islam usw.), um so geringer ist jedoch die Chance, daß das Diagnostizieren von Verdrängungen sowie von Widerständen ge­ gen das volle Bewußtwerden des Verdrängten zum Ausgangspunkt eines länger­ fristigen Durcharbeitens w ird21, von den entsprechenden strukturellen Verände­ rungen ganz abgesehen. 2. Dagegen erscheint es aussichtsreicher, das Abwehrverhalten bestimmter Per­ sonenkreise (z.B . die Kinder der NS-Täter) oder auch Institutionen (z.B. einzelne Verbände) zu benennen und damit ein weitergehendes Durcharbeiten anzusto­

21 Die Psychoanalyse selbst scheint mit der Ü bertragung ihres D enkens auf die ganze G esell­ schaft nur w enige Problem e zu haben, vgl. etw a H eft 6 (1997) der Zeitschrift P s y c h e m it dem Rahmenthem a G o l d h a g e n u n d d i e D e u t s c h e n . Der L eitartikel von M a r g a r e t e M its c h e r li c h unter der Ü berschrift E rinn ern, 'W ied erh olen, D u r c h a r b e i t e n ist eine allgem eine G esell­ schaftsdiagnose, die alle anspricht und dam it niem anden w irklich erreicht. (M it „dem" Selbsthaß „der“ Deutschen, um das Problem an einem Beispiel zu konkretisieren, kann ich persönlich jedenfalls nicht viel anfangen.) Ein ähnlicher Vorbehalt ist M icha B rum lik gegen­ über anzum elden, w enn er etw a die Traum a-D iagnose auf die G esam tgesellschaft bezieht: Das ist durchaus anregend, bringt aber ein D urcharbeiten des Traumas im hier them atisierten Sinn nicht voran.

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ßen22. Daß ein Kollektiv-Subjekt sich dann etwa so verhält wie ein einzelner an Aufklärung interessierter, analytisch engagierter Patient, ist freilich eher ungewiß. Vor allem das F eh len d e s p s y c h o a n a l y t is c h e n A rbeitsbünd nisses verhindert eine Eng- und Weiterführung der Auseinandersetzungen und erleichtert an ihrer Stelle die Möglichkeiten des Ausweichens, Zurückweisens, Verdrehens, Ubergehens usw. 3. Um eine historiographische P ersp e k tiv er w e ite r u n g und -Vertiefung d er s k iz ­ zierten Art zu erreichen, muß d er H istoriker sich selbst recht gut kennen und W i­ derstände bei sich selbst zumindest für möglich halten. Mit dem Mangel an Selbst­ erkenntnis und der Abspaltung der Gefühlswelt im eigenen Innern, die in der Wissenschaft angeblich nichts zu suchen hat, wächst die Gefahr von Ü bertragun­ gen bzw . Gegenübertragungen. Es gibt in Deutschland bisher keine psychoanaly­ tisch aufgeklärte Geschichtsschreibung. Das ist ein eklatanter Mangel, den die nächsten Generationen hoffentlich üb e r w in d e n . 4. Inwieweit lebensgeschichtliche Erfahrungen und Retrospektiven dem kol­ lektiven Durcharbeiten, dienen, hängt einmal von der Person ab, die sich der eige­ nen Geschichte zuwendet, sowie vom öffentlich eingebrachten Ergebnis ihrer Recherchen, dann aber auch vom Publikum, das sich dem Produkt gegenüber interessiert-verständig oder aber desinteressiert-unverständig verhält, von Zwi­ schenstufen der Reaktion einmal abgesehen. Bezogen auf das Verhältnis A rztPatient, von dem w ir ausgegangen sind, wären Rezensenten, Leser, Publikum usw. sozusagen in der Rolle eines mitdenkenden Arztes23, auf dessen Interventionen es im Prozeß des Durcharbeitens ja wesentlich ankommt. 5. Im Unterschied zum psychoanalytischen Setting sind die Rollen in der gesell­ schaftlich-öffentlichen Beziehungsdynam ik nicht festgelegt, sondern im Gegen­ teil in ständiger Veränderung begriffen. Der H istoriker kann zwar phasenweise Geschichtsanalytiker und diagnostizierender „Arzt“ pathologischer Entwicklun­ gen sein, doch er würde den unproduktiven, leider weiter verbreiteten Belehrungs- und Rechthabestil der Geschichtswissenschaft nur verstärken und fortset­ zen, wenn er sich ausschließlich auf diese Rolle beschränkte. Phasenweise ist er eben unausweichlich sozusagen auch „Patient“, und so geht es laufend hin und her. W ir sind mal Lehrende und mal Lernende24, w ir sollten es zumindest sein, bis an unser Lebensende. Der einsinnige Verkündungsmodus (Stichwort „die Priester der K lio“), mit dem bislang von uns Männern Geschichte beansprucht wurde, 22 Zur A bw ehr von G ruppen, Institutionen u.a. vgl. S t a v r o s M en tz o s , Interpersonale und in ­ stitutionelle A bw ehr (Frankfurt a.M . 1998). 23 A uch die R eaktionen der Zuhörerschaft auf einen Vortrag kann in diesem Sinn gedeutet w erden, vgl. dazu XII. N achtrag. 24 Die Parallelität der Begriffspaare A rzt-P atient einerseits und Lehrender-Lernender ande­ rerseits scheint m ir herm eneutisch fruchtbar zu sein, u.a. wegen der w echselseitigen inh altli­ chen Ü berschneidungen. Das Lernen und Lehren in der Gesellschaft kann und soll durchaus kollektiv-therapeutische D im ensionen haben; das Voneinander-Lernen spielt andererseits auch in Therapie und Psychoanalyse eine nicht zu unterschätzende R olle. Das m üßte aus­ führlicher erörtert werden.

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setzt dem geschichtsanalytischen Durcharbeiten besonders harten Widerstand entgegen. 6. Ein Hauptthema geschichtsanalytischen Durcharbeitens sind Schuld und Schuldgefühle. „Generationalität“ läßt sich nach der hier entwickelten Perspek­ tive an Inhalt, Struktur und Verhaltensrelevanz kollektiver bzw. gruppenspezifi­ scher Schuldeinsicht festmachen. Die schmerzhafte Bedeutung der NS-Verbrechen tritt in der dritten und vierten Generation nach 1945 deutlich in den H inter­ grund25. Längst unterliegen, additiv oder alternativ, meistens vermischt, neue Themen der Verdrängung; ich erinnere hier nur an den Krieg gegen Serbien (24. März bis 10. Juni 1999), mit dessen Wahrheiten vor allem die Macher des Krieges nicht konfrontiert werden wollen. Doch auch bei diesem Thema gibt es schon mutige Einzelpersonen, die sich an das Durcharbeiten ihrer Rolle in dem Desaster machen. 7. Der m. E. aussichtsreichste Weg zum geschichtsanalytischen Durcharbeiten ist immer noch die individuelle Psychoanalyse, die als fundamentale Erfahrung der Selbstaufklärung („Subjektebene“) in objektivierende Geschichtsforschungen („O bjektebene“) eingeht. Von einer äußerlich aufgesetzten Kombination von Psychoanalyse und Geschichtswissenschaft halte ich persönlich nichts, bzw. nicht mehr viel, was interdisziplinäre Kooperationen jedoch - selbstverständlich - nicht ausschließt. Die Integration der verschiedenen Perspektiven ist in erster Linie von und in Einzelpersonen oder kleineren Arbeitsgruppen zu leisten.

XII. N achtrag (zum Tagungsverlauf und zur D iskussion des Vortrages) In den intensiven Auseinandersetzungen über die verschiedenen Vorträge war (in meiner Wahrnehmung) recht deutlich zu spüren, was in der 4. und 5. These des letzten Abschnitts im Unterschied zum festgelegten Setting der Psychoanalyse als permanenter Rollenwechsel in der Öffentlichkeit skizziert wurde. Manche Vor­ träge bzw. Vortragspassagen wurden mit Verständnis und Interesse aufgenommen (vgl. oben das Publikum in der Rolle des Arztes), andere dagegen eher kritisch zu­ rückgewiesen. Die Gesprächsatmosphäre - ein für den Erkenntnisfortschritt ganz wesentlicher Faktor! - war dabei keineswegs immer gleich. Bei öffentlichen A us­ einandersetzungen sowie beim Lehren und Lernen kommt es bekanntlich nicht nur auf die Inhalte an (Was wird vorgetragen? Was wird aufgegriffen?), sondern auch auf die Darbietungs- und Vermittlungsform: Wie wird vorgetragen? Wie wird reagiert? Die kommunikative Struktur zu meinem Vortrag w ar von Interesse und wech­ selseitiger Akzeptanz geprägt, so daß ich kritische Rückfragen nicht als Angriff 2- Die m ildernde W irkung der Zeit kom m t besonders anschaulich in der U ntersuchung von W o lfg a n g N e u m a n n (Anm . 16) zum A usdruck.

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erlebte und relativ leicht vom Lehren und Dozieren (vereinfachend zusammenge­ faßt) aufs Lernen und „Kapieren“ umschalten konnte, ohne dabei die eigene A r­ gumentation aus dem Auge zu verlieren. Der intelligent-flexiblen Tagungs- und Sektionsleitung sei an dieser Stelle ein herzlicher Dank ausgesprochen! Inhaltliche Kritik an meinen Ausführungen richtete sich u.a. auf die vor allem in der letzten These zum Ausdruck kommende individualisierte Arbeitsstrategie, mit der die historisch-politische Problematik der Geschichtsschuld überhaupt nicht tangiert werde. Individuelle Schuld habe doch etwas Paradigmatisches, wurde gesagt; sie verweise auf allgemeinere Zusammenhänge und müsse dement­ sprechend auch umfassender bearbeitet werden. Es gehe um die Öffnung des po­ litischen Bewußtseins in der Gesellschaft, um internationale Kontakte, politische Weichenstellungen und strukturelle Veränderungen im größeren Maßstab und nicht nur um individuelles „Durcharbeiten“. - Einverstanden! Diesen (exempla­ risch zitierten) Einwand kann ich mir gut zu eigen machen.

Jürgen Zinnecker „Das Problem der Generationen“ Überlegungen zu Karl Mannheims kanonischem Text I. Zur Einführung Für die sozialwissenschaftliche und historische Debatte im deutschsprachigen Raum ist kennzeichnend, daß sie sich ausdrücklich oder implizit auf ein Kon­ zept bezieht, das in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt worden ist und das sich mit der Person von Karl Mannheim verbindet. Sein grundlegender Aufsatz „Das Problem der Generationen“ von 1928 dient der einschlägigen deutschen und internationalen Fachliteratur während der ge­ samten zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis hinein in die Gegenwart als kanonischer Referenztext. Kanonische Referenz bedeutet, daß Mannheims Konzeption, oder Teile davon, in der Mehrzahl der Fälle als relativ oberfläch­ liche Legitimation für die eigenen Untersuchungen herhalten mußte. N ur in ganz wenigen Ausnahmefälle versuchten Autoren, den Ansatz von Mannheim kritisch aufzugreifen und w eiterzuentw ickeln1. Es erscheint daher dringend geraten, sich der kunstvoll gefügten Theorie-Architektur zuzuwenden, die dem klassisch gewordenen Referenztext zugrunde liegt. Das soll in Teil II dieses Aufsatzes geschehen. In Teil III wird dann auf die Frage nach der A ktualität des Textes hin fokussiert. In welchem Verhältnis steht die begriffliche Fassung, die Mannheim dem „Problem der Generationen" gegeben hat, stehen die Frage­ stellungen, die er vor fast einem Jahrhundert zu bearbeiten suchte, zu den heuti­ gen Fragestellungen und zum aktuellen theoretischen Bedarf? Aus dieser Be­ fragung werden abschließend einige Anregungen für eine künftige Revision der in dem klassischen Text vorgegebenen Rahmung des Generationskonzeptes ab­ geleitet.

' Vgl. hierzu den A bsatz „Zur w issenschaftlichen R ezeption in der zw eiten Jah rh un d ert­ hälfte“ w eiter unten.

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II. Karl M annheim historisch. Eine Interpretation des theoretischen Ankertextes Die A nalyse von (Jugend-)Generationen verankert sich bis heute an einem grund­ legenden Text, der aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts stammt. Er stammt aus der Feder von Karl Mannheim, dem Heidelberger, später Frankfurter Philo­ sophen und Soziologen. Er faßte 1928 „Das Problem der Generationen“ in ein­ drucksvoller Weise zusammen, so wie es sich ihm im ersten Quartal des Jahrhun­ derts darstellte. Zu Recht gilt diese Studie seither unter Sozialwissenschaftlern und Historikern als erste Referenz und als Basis für eigene Untersuchungen, wie gleich zu zeigen sein wird. Gleichwohl ist der grundlegende Aufsatz mittlerweile, ein Dreivierteljahrhundert nach seiner Erstpublikation, selbst Geschichte, und w ir können ihn und seinen Autoren als Zeitzeugen befragen. Welche Fragen w ur­ den im ersten Terzil des alten Jahrhunderts an das Deutungsmuster Generation gestellt, welche Antworten wurden versucht, und wie verhalten sich damalige Fra­ gen und Antworten zur Debatte um das Deutungsmuster Generation zu Beginn des neuen Jahrhunderts? Ich gebe einige knappe Hinweise zum historischen Kon­ text der Studie, ehe ich versuche, die Architektur dieser theoretischen Skizze zu interpretieren. D e r h isto risch e K on tex t Fachliche Diskurse der 1920er Jahre Vorab ist festzuhalten, daß Mannheim mit seiner Schrift nicht eine neue wissen­ schaftliche Debatte eröffnete, sondern daß er mit ihr ein Jahrzehnt intensiver De­ batte um die Frage der Generationen zusammenfaßte und abschloß. Leitend in diesem Diskurs waren, wenigstens in Deutschland, Kultur- oder Geisteswissen­ schaftler - Historiker, Philosophen, Kunst- und Literaturwissenschaftler. M ann­ heim sicherte der noch jungen Disziplin Soziologie eine Stimme in diesem wissen­ schaftlichen Dialog. Er verfaßte den Aufsatz aufgrund einer umfassenden Sich­ tung insbesondere der französischen und deutschen Literatur der davor liegenden Jahre. Bei der Rezeption der französischen Tradition und ihrer Geschichte konnte Mannheim sich auf ein einige Jahre zuvor erschienenes umfangreiches Stan­ dardwerk stützen (F. Mentre 1920). Was die deutsche historisch-qualitative Tradi­ tion anlangt, so verweist er wiederholt und nachdrücklich auf Wilhelm D ilthey (geb. 1833), den er als den Vater des historischen Generationenbegriffs ansah und dessen teilweise vergriffenen Publikationen seit Beginn der 1920er Jahre im Rah­ men einer Gesamtausgabe des Werkes wieder aufgelegt und neu zugänglich w ur­ den. Dazu zählen insbesondere 1922 das „Leben Schleiermachers“ (ursprünglich 1867) und 1924 „Über das Studium der Geschichte der Wissenschaften vom M en­ schen, der Gesellschaft und dem Staat“ (ursprünglich 1875)2. Für die bedeutungs­ 2 W. D i l t h e y (1927/2001, S. 217) bem erkt zu r Genese des Begriffs G eneration in seiner W erk-

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volle Verknüpfung von Generation und Jugendentwicklung beruft Mannheim sich auf den in der Nachfolge Diltheys stehenden Eduard Spranger (geb. 1882) und dessen in jenen Jahren aktuelles Standardwerk über die „Psychologie des Jugendalters“ (1925). Die Thematik der historischen Generationen w ar in den 1920er Jahren zu ­ nächst anhand der kulturellen Generationen am Beispiel von Schriftstellern und Künstlern entwickelt worden. Mannheim beruft sich hier vor allem auf den Lite­ raturwissenschaftler und Germanisten Julius Petersen (1926) und auf den Kunst­ historiker W ilhelm Pinder (1926). Eine philosophische Fundierung erhielt das Problem der Generationen durch M artin Heidegger (1927), dessen vieldiskutierte aktuelle Neuerscheinung über „Sein und Zeit“ Mannheim dazu anregte, histori­ sche Generationen unter der Perspektive von Schicksalsgemeinschaften zu sehen3. Wie man erkennen kann, verarbeitete Mannheim unterschiedliche geisteswissen­ schaftliche Studien, die gerade aktuell, d.h. in den 1920er Jahren erschienen waren und die seinerzeit (und z.T. auch noch heute) hohes Ansehen genossen, zu seiner politisch-gesellschaftlichen Konzeption von historischen (Jugend-)Generationen. Die Beschränkung der Literatur auf zwei kulturelle Räume, den französischen und den deutschsprachigen, spielt in der Geschichtsphilosophie und Wissensso­ ziologie des jungen Mannheim insgesamt eine bedeutsame Rolle (vgl. Mannheim 1925/1984). Er verband damit eine dichotome Typenlehre des rationalen, aufklä­ rerischen, und des konservativen, romantischen Weltbildes. Die rationale Seite ordnete er der französischen Geistesgeschichte zu, die romantische der deutschen. Innerhalb der Gesellschaftslehre sieht er die Empirie (Positivismus) in Frankreich, die geisteswissenschaftliche Flermeneutik in Deutschland verankert. Seine Theo­ rie der (Jugend-)Generationen soll eine Synthese dieser zwei entgegengesetzten Denk- und Analyserichtungen bilden (s.u.). Z ur g e n e r a t i o n a le n L a g e r u n g des Autors Wie sind der Autor und sein Aufsatz biographisch-generationell zu verorten (vgl. Wolff 1978)? „Käroly“ Mannheim, geboren 1893 im Budapest der österreichischungarischen Monarchie, kam 1919, nach der gescheiterten Revolution in Ungarn, als jüdischer Emigrant ins Deutsche Reich. In Budapest hatte er, als junger Privat­ gelehrter nach der Promotion, einem Kreis um Georg Lukacs angehört. Dirk Käsler (1984, S. 471 ff.) rechnet ihn in seiner Geschichte der frühen deutschen Sozio­ logie, neben Theodor Geiger oder Max Horkheimer, zur „Generation der U r­ enkel" des Faches, die durch das Großereignis des Ersten Weltkrieges maßgeblich geschichte: „Ich habe zuerst 1865 im A ufsatz über N ovalis den historischen Begriff der G e­ nerationen angegeben und benutzt, dann in größerem Um fang in Schleierm acher Bd. I ver­ wertet und dann 1875 in dem A ufsatz über das Studium der Geschichte der W issenschaften vom Staat usw. den historischen Begriff der G eneration und m it ihm zusam m engehörige Be­ griffe entw ickelt.“ «Das schicksalhafte G eschick des Daseins in und m it seiner „G eneration“ macht das volle, eigentliche Geschehen des Daseins aus“ (H e i d e g g e r 1927/1953, S. 384 f.).

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geprägt worden waren. Käsler hebt den Bruch mit der bildungsbürgerlichen Welt des 19. Jahrhunderts in dieser Soziologen-Generation und deren Suche nach „neuer Sachlichkeit“ hervor. Für den jungen Mannheim kamen zwei besondere biographische Motive hinzu. Er war auf der Suche nach einer nicht-jüdischen Identität, und er wollte die frühe Begegnung mit dem parteilichen theoretischen M arxismus4 intellektuell bearbeiten. Er fand bekanntlich eine Lösung in der Selbst-Identifikation mit der Idee des im sozialen Raum frei schwebenden, nicht durch soziale Gruppeninteressen gebundenen Wissenschaftlers. In Abgrenzung von der marxistischen Ideologienlehre entwickelte Mannheim in den 1920er Jah­ ren eine Wissenssoziologie, die die Seinsgebundenheit aller Ideen - nicht nur der interessengebundenen, ideologisch verzerrten - anerkannte, diese existentielle Bindung aber nicht nur auf die soziale Klassenlage beschränkt sehen wollte. In diesem Zusammenhang gewann für ihn die Bindung des Denkens an die Lagerung von historischen Generationen eine besondere strategische Bedeutung. M it einer wissenssoziologischen Arbeit über das deutsche konservative Denken habilitierte er sich 1926 in Heidelberg, nicht ohne juristische Anfechtung aufgrund seiner ungarischen Staatsangehörigkeit5. Für kurze Zeit hatte er einen Soziologie-Lehr­ stuhl an der neu gegründeten Frankfurter U niversität inne. Bereits 1933, nach sei­ ner Entlassung aus dem Beamtenverhältnis, mußte Mannheim zum zweiten Mal emigrieren. Seine dritte Biographie und akademische Laufbahn begann und been­ dete er in London. Z ur w is se n sc h a ftlic h en R ez e p tio n in d e r z w e i t e n J a h r h u n d e r t h ä l f t e Die Basisschrift von Mannheim erfuhr erst nach dem Zweiten W eltkrieg eine in­ ternationale Rezeption, insbesondere im angelsächsischen6 und im deutschen Raum. In Deutschland wurde „Das Problem der Generationen“ wiederholt an prominenter Stelle nachgedruckt. So wurde der Text in den verbreiteten Sammel­ band der Schriften zur Wissenssoziologie aufgenommen, der Mannheim in der westdeutschen Soziologie wieder bekannt machte (Mannheim 1964). Ludw ig von Friedeburg (1970) räumte dem Aufsatz einen prominenten Platz in seinem Sam­ melband zur Jugendsoziologie ein, mit dem die moderne, Nach-68er Tradition der Subdisziplin eröffnet wurde. M artin Kohli nahm ihn, in gekürzter Form, in seine Textsammlung zur „Soziologie des Lebenslaufs“ (1978) auf, mit der dieses Wissenschaftsfeld im deutschen Sprachraum abgesteckt wurde. In der internatio­ nalen Rezeption wird der Text von Mannheim in den letzten Jahren etwa zur Hälfte nach der - schwer zugänglichen - Erstfassung von 1928 zitiert, während die übrigen Autoren spätere W iederabdrucke des Textes als Referenz angeben, wie u.a. der Social Citation Index ausweist. In der Mehrheit der Fälle handelt es 4 Bedeutsam w urde für ihn die A useinandersetzung mit G eorg Lukäcs und insbesondere dessen W erk „G eschichte und K lassenbew ußtein“ (3923). 5 Die H abilitationsschrift von 1925 w urde erst 1984 vollständig veröffentlicht. Vgl. M a n n ­ h e i m (1984). 6 Z.B. S i m ir e n k o (1966); D e m a r t i n i (1985).

Ü b erleg u n g e n zu K arl M an n h eim s kan o n isch em Text

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sich bei den V erw eisen um eine konventionelle R eferenz gegenüber dem h isto ri­ schen A nkertext, ohne kritische, eigenständige Position gegenüber dem O riginal. Auf einige bem erkensw erte A usnahm en sei kurz hingew iesen. In der so zio lo gi­ schen R ezeption w urde insbesondere die M ö glich keit ausgelotet, M annheim s K onzept m it dem K ohortenansatz zu verknüpfen und dam it für die nach dem Zweiten W eltkrieg in D eutschland erstarkte em pirische Sozialforschung anw end­ bar zu m achen (z.B . Pfeil 1967; Buchhofer, Friedrich, L üdtke 1970; Breitsam er 1976; K reutz 1983; W ey mann 2000; vgl. für die anglo-am erikanische Seite N . B. R yder 1965). Eine M inderheitenposition vertrat hier Joachim M atthes (1985), der M annheim s T heorie stärker in R ichtung m oderner Z eit-Soziologie - w eg von einer gruppensoziologischen Perspektive - interpretieren w ollte. D iese und w eitere N euinterpretationen w aren durch die posthum e V eröffentlichung früher ku ltursoziologischer Schriften M annheim s (1980; 1984) inspiriert. H ier läßt sich auch die W iederbelebung des M annheim ischen Konzepts der „konjunktiven Erfahrung“ durch R alf Bohnsack (1998) einordnen. W ährend der 1980er Jahre rezipierte die historische Sozial- und Sozialisationsforschung das K onzept der G enerationen (z .B . U lrich H errm ann 1987). In der ostdeutschen Jugen d fo r­ schung w urde M annheim erst m it dem Ende der alten D D R w ieder rehabilitiert (Friedrich 1990). D ie A ttraktivität des w issenschaftlichen D eutungsm usters, das uns M annheim in seinem A ufsatz „Das Problem der G enerationen“ hinterlassen hat, beruht nicht zuletzt auf den vielen kunstvollen theoretischen Synthesen, die er dabei hergestellt hat. Ich w ill im w eiteren V erlauf einige w esentliche Syntheseleistungen von M annheim aufgreifen und daraufhin befragen, ob und in w elcher Interpretation sie sich A nfang des 21. Jahrhunderts w eiterhin als tragfähig erw eisen. Dabei werde ich auf folgende Punkte eingehen: die A uffassung vom gesellschaftlichen Wandel, die A nbindung an die Jugendforschung der Zeit, die Z ielgerichtetheit (Entelechie) von G enerationen, die V erschw eißung von Alter, G eburt und histo­ rischer Periode, die D reistufigkeit des G enerationenkonzeptes (L agerung, Z u­ sam menhang und Einheit der G eneration) und schließlich die Integrierung von qualitativer und quantifizierender G enerationenforschung. D ie D ynam ik des gesellschaftlichen Wandels

„Das G enerationsphänom en ist einer der grundlegenden Faktoren beim Z ustan­ dekommen der historischen D yn am ik .“ (M annheim 1964, S. 565) A ufgabe des D eutungsm usters G eneration ist es in den A ugen M annheim s, sozialen W andel in der G eschichte zu erklären und so eine „angew andte historische Soziologie“ (ebd., S. 523) m itzubegründen. In jeder neuen G eneration lagere eine „schlum ­ mernde P o tentialität“ (ebd., S. 550), die unter bestim m ten historischen B edingun­ gen aktiv w erden könne. A llerdings seien G enerationen nur einer der w irksam en Faktoren. M annheim w endet sich gegen den „M onism us“ vieler älterer G enerationentheorien, die versucht hätten, „aus diesem einen Faktor die G esam tdynam ik im historischen G eschehen zu erklären “ (ebd., S. 555), ebenso w ie er sich

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gegen den „M onism us“ m arxistischer Theorien ausspricht, in dem allein K lassen­ lage und K lassenbew ußtein (L ukacs) als historisch w irkm äch tig anerkannt w er­ den. Statt dessen p lädiert er für eine m ehrfaktorielle Theorie gesellschaftlichen W andels7. A nders als die französische A ufklärun g des 18. Jahrhunderts, in deren Theorien der G enerationsw echsel „als einer der w esentlichsten treibenden Faktoren im F ortschritt betrachtet w urd e“ (ebd., S. 515 f.), rechnet M annheim den W echsel von G enerationen nicht einem linearen F aktor F ortschritt zu. Er folgt hier eher der historisch-rom antischen L inie, die G enerationen m it einm aliger N euschöp­ fung oder m it einem Bruch der historischen K ontinuität verbindet (vgl. B ilstein 1996). Er hebt hervor, daß die jew eiligen „inhärierenden Tendenzen“ (M annheim 1964, S. 518 f.), denen eine sichtbare G enerationseinheit A usdruck verleiht, sich antithetisch, polar, zu vorangegangenen historischen Tendenzen entw ickelten. D as D eutungsm uster G eneration gibt ihm so die M öglichkeit, historischen W an­ del zu them atisieren, ohne ihn linear - zielgerichtet - denken zu müssen. Das schafft A nschlußstellen für postm oderne T heorien, die historische E ntw icklung in B rüchen und Paradoxien denken8. M annheim verknüpft die historische W irksam keit des Faktors G eneration auf anregende Weise m it der G eschw indigkeit bzw. der B eschleunigung des W andels in einer G esellschaft. Statische G esellschaften, in denen der historische W andel sich langsam und kontinuierlich vollziehe, seien G esellschaften ohne ausgew ie­ sene G enerationsgestalten. Je m ehr sich die D yn am ik des Wandels beschleunige, um so größer w erde die C hance, daß es zur A usbildung von distinkten G eneratio­ nen kom m e. Statt K ontinuität erzeugten neue G enerationen jetzt U m brüche, da „die G enerationslagerungen differenter“ w erden und „die A nschlußfähigkeit des sozialen W issens der G enerationen abnim m t“ - so interpretiert W eym ann (2000, S. 41) den G rundgedanken von M annheim . Paradox m ag es erscheinen, daß im heutigen D iskurs um das D eutungsm uster G eneration auch die gegenteilige A uffassung vertreten w ird. D er dauerhaft be­ schleunigte W andel Ende des 20. Jahrhunderts verhindere geradezu die N euaus­ bildung ausgew iesener G enerationen (so Steiner 1997, S. 18), da die hohe G e­ schw in digkeit der V eränderungen eine ständige Ü berlagerung und V erdeckung von G enerationszusam m enhängen erzeuge. L äßt sich das Paradox' auflösen? 7 V gl. ein e p aralle le A b g re n z u n g b eim V ater d e r a n g lo am e rik a n isch en K o h o rten fo rsch u n g. „T he n ew co h o rts p ro v id e the o p p o rtu n ity fo r so c ial ch an ge to occur. T h e y do n ot cau se ch an g e; th e y p e rm it it.“ (R y d e r 1965, p. 844) s V gl. z .B . H ö r i s c h 1997b, S. 13 zu m „ G en era tio n e n u m b ru ch “ zw isc h e n der 68 er u n d 89er G en eratio n . M an n h eim s K o nzept des g e n e ratio n ellen W an d els gerät d am it in ein gew isses S p an n u n g sfeld z u M o d ern isieru n g sth eo rie n , d ie d en h isto risch -g ese llsc h a ftlich en W andel im M o d ell la n g fristig e r W ellen b ew eg u n gen d en ken . H e i n z B u d e (1997) hat einen so lch en G e­ gen satz z u r Z iv ilisatio n sth eo rie von N o rb e rt E lias h erau sg e arb e itet, d em A ssisten ten von M an n h eim w äh ren d d er k u rz en F ra n k fu rter Ja h re . E ine m ö glich e U n v e re in b ark e it d e r M o ­ d elle d ü rfte, d as sei am R a n d e erw ä h n t, auch zu b estim m ten V o rstellu n gen eines lä n g e rfris ti­ gen W ertew an d els bestehen. Es ist jed en falls au ffallen d , d aß viele d ieser K o n zep te o hn e eine B ezu gn ah m e a u f G en eratio n en au sko m m en .

Ü b erleg u n g e n zu K arl M an n h eim s k an o n isch em Text

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D enkbar w äre, daß es sich um eine kurviüneare B eziehung zw ischen sozialem W andel und G enerationsbildung handelt: Bis zu einer gew issen G eschw indigkeit begünstigt die sich beschleunigende D yn am ik des historischen Wandels die H erausbildung erkennbarer G enerationsgestalten, um dann, ab einer bestim m ten G eschw indigkeit, eben dieses durch die G leich zeitigkeit sich zeitlich überlappen­ der G enerationsgestalten zu verhindern. D er Anschluß an die Jugendforschung

Die G enerationstheorie von M annheim , en tw ickelt zur Zeit der hündischen Jugend, steht unter dem E indruck der historischen Jugendbew egung in D eutsch­ land, der E rw artung einer Erneuerung durch die jüngere G eneration (der N eue M ensch), einer ersten H ochphase von akadem ischer Jugendtheorie und Ju gen d ­ forschung (vgl. den Sam m elband von Koebner, Jan z, Trom m ler 1985). U nter diesem Sternenhim m el erscheint die G enerationentheorie von M annheim , die die Jugendphase ins Z entrum stellt, m ehr als plausibel. Da die A useinandersetzung m it der Jugendphase im allgem einen nicht ganz unabhängig vom Lebensalter der W issenschaftler ausfällt, sei noch hinzugefügt, daß M annheim zum Z eitpunkt der Veröffentlichung des Textes zum Problem der G enerationen erst 35 Jahre alt ist9. Er steht in einer T radition von deutschen G enerationstheorien seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, „bei denen es sich fast ausschließlich um Jugendgenerationstheorien h an d elte“ (Sackm ann 1992, S. 211). Seine zentrale und praktisch einzige R eferenz aus dem G ebiet der sich etablierenden Jugendforschung ist, w ie schon erwähnt, die von Eduard Spranger (1925) im Sinne der geistesw issenschaftlichen Psychologie und der rom antisch-deutschen B ew egung seinerzeit gerade vorge­ legte „Psychologie des Jugen d alters“. M annheim argum entiert glaub w ürd ig und überzeugend: „Erste E indrücke“ seien entscheidend für die „Form ierung des B ew ußtseins“ (M annheim , S. 36). „Die ersten E indrücke haben die Tendenz, sich als natürliches W eltbild festzuset­ zen“ (ebd., S. 536). Sie bestim m en die B earbeitung der nachfolgenden Erlebnisse und E rfahrungsaufschichtungen. D ie Jugendphase ist besonders für die Erfahrun­ gen im gesellschaftlich-politischen Raum prägend, auf die es ihm ankom m t. Er w ill ja den vorangegangenen G enerationstheorien in D eutschland, die sich auf Kunst- und L iteraturgeschichte (Petersen 1926; Pinder 1926 u .a.) bezogen, eine Theorie der politisch-gesellschaftlichen G enerationsbildung an die Seite steilen. 9 M a n n h e i m (1951) hat sich noch ein m al, 1941, in ein em fach lich en A u fsatz zu m „P rob lem d er Ju g en d in d er m o d ern en G esellsch aft“ geäu ß ert. D ab ei geh t es ihm um d ie F rage, w ie es w estlich en D em o k ratien w ie d erjen ig e n G ro ß b ritan n ie n s gelin gen kö nn e, das in n o vativ e P o ten tial ih rer Ju g en d en zu m o b ilisiere n . Z w a r g eh t es ih m auch in d iesen K rie gsjah ren um Fragen des gesellsch aftlich en W an dels, ab er ohne B e zu g n ah m e auf eine T h eo rie d er G en era­ tionen. D ieser B e itra g w ird von H e l m u t S ch e ls k y (1957) in d er „S k ep tisch en G en eratio n “ referiert, w o b ei er den älteren A rtik e l zum P ro b lem d er G en eratio n en nich t erw äh n t, w a h r­ sch einlich n ich t ken n t - o b gleich sein eigen es ein leiten d es T h em a die A b fo lg e p o litisc h e r J u ­ gen dgen eratio n en im 20. Ja h rh u n d e rt in D eu tsch lan d ist.

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„Prim äre E rlebnisse“ in der Jugen d solle aber nicht heißen, daß danach die L ern ­ prozesse zu Ende seien. M annheim geht, hierin folgt er dem Vordenken W ilhelm Pinders (1926)10 und ist zugleich ganz m odern, von einem lebenslaufbegleitenden politischen Lernen aus. P rim är heißt nur, daß eine eigene „D ialektik“ des Lernens durch sie in G ang gesetzt w erde l l . Es ist also nicht ko rrekt, w enn M annheim gelegentlich vorgehalten w ird, er unterstelle eine lebenslange starre inhaltliche Prägung z. B. politischer O rientierungen seit der Jugen dzeit. „ ... die Prädom inanz der ersten Eindrücke bleibt auch dann lebendig und bestim m end, wenn der ganze darauffolgende A b lauf des Lebens nichts anderes sein sollte, als ein N egieren und A bbauen des in der Jugen d rezipierten .natürlichen W eltbildes““ (M annheim 1964, S. 537). In solchen und ähnlichen Form ulierungen erw eist sich die A n ­ schlußfähigkeit der Ü berlegungen von M annheim an die m oderneren Begriffe des biographischen Lernens bzw. der biographischen Sozialisation. G leichw ohl bleibt die grundsätzliche Frage: Ist die Jugendgenerationstheorie von M annheim als zeitgenössisches P ro dukt des in der deutschen G eschichte zu Anfang des Jahrhunderts besonders virulenten M yth o s Jugend zu verstehen? War sie vom Siegeszug einer akadem ischen Jugen d th eo rie in jenen Jah ren beeinflußt? M it dem Verblassen des M ythos im V erlauf des 20. Jahrhunderts sinkt auch die Ü berzeugungskraft einer G enerationstheorie, die sich stark auf die Jugendphase bezieht. M ittlerw eile ist die Jugendphase in m ehrfacher H insicht in eine kritische Schieflage geraten, was ihren Status, ihr A nsehen in der G esellschaft betrifft. W ir können von einer „E ntzauberung“ der jün geren G eneration sprechen. Das P ro ­ blem der gew andelten Jugendphase soll w eiter unten aufgegriffen werden. Die Entelechie von Generationen

Im A nschluß an Pinder (1926), der ein T heorem der m odernen K unstgeschichte der Zeit auf künstlerische G enerationen üb erträgt, nim m t M annheim auch für politisch-gesellschaftliche G enerationen ein „formendes P rinzip “, einen „einheit­ lichen, treibenden Im puls“ an, der m it dem philosophischen B egriff der „Ente­ lech ie“ belegt w ird 12. Entelechie einer G eneration ist nach ihm [W. Pinder] A u s­ druck der E inheit ihres „inneren Z ieles“, A usd ruck eingeborenen Lebens- und 10 P i n d e r (192 6, S. 5 4 f.) a rg u m e n tie rt m it dem „ L e b e n saltersstil g an zer G en era tio n e n “, d er z u r „ P o ly p h o n ie “ ein er Z eitep o ch e b eitragen kö n n e. 11 V gl. d ie A u sle g u n g b ei A. W e y m a n n 2000, S. 41: „ ... d ie erste Stufe ein er leb en slan gen E r­ fah ru n g sau fsc h ich tu n g . Sie b ild et den F ilte r fü r alle w eitere n E re ig n isw ah rn e h m u n g en un d E rleb n isg eh a lte.“ 12 D er p h ilo so p h isch e B e g riff „E n telech ie“ w u rd e m aß geb en d fü r d ie frü h e, an d er en d o g e­ nen E n tw ic k lu n g des O rg an ism u s o rien tierte E n tw ic k lu n g sp sy c h o lo g ie . E n telech ie b e z e ic h ­ net eine S u b stan z, ein e zie lstre b ig e K raft o d er ein e F äh ig k e it, w elch e d ie w eitere E n tw ic k ­ lu n g eines O rg a n ism u s b e w irk t bzw . re g u liert. M an k ö n n te das P ro b lem , das d am it an gesp ro ch en w ird , h eute v ielleich t in ein er B e g rifflich k e it fo rm u liere n , d ie d er fran zö sisch e S o zio lo g e u n d A n th ro p o lo g e P ierre B o u rd ieu v o rg e ­ sch lagen h at, n äm lich als „ H a b itu s “, d e r in d iesem F all aus e in e r gen e ratio n ellen L a g eru n g h ervo rgeh t.

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W eltgefühls (M annheim 1964, S. 518). D ie „inhärierende Tendenz“ geht aus der generationellen L agerung hervor, bezeichnet die zeitbezogenen G rundproblem e nicht die unterschiedlich ausfallenden Lösungen - , vor die sich eine G eneration in ihren prägenden Jah ren jew eils gestellt sieht. U nter w elchen B edingungen tritt die „inhärierende Tendenz“ hervor, w ird sie w irksam , und w ann bleibt sie latent? H ierzu finden w ir im Text viele ausgearbei­ tete Ü berlegungen von M annheim , die er im A nschluß an die zeitgenössischen G enerationstheorien präsentiert. So unterscheidet er beispielsw eise in A nlehnung an den französischen T heoretiker M entre (1920) „feste“ von eher flüchtigen („flüssigen“) Sozialform en. Ebenfalls in A nlehnung an M entre leitet er daraus die These ab: „ ... die G enerationsrhythm ik scheint eher in den „series“, also in der A bfolge freier G ruppierungen der M enschen (Salons, literarische G ruppen usw.) w ahrnehm bar zu sein, als etw a im Schoß der Institutionen, die H abitus, A ktio n s­ weise durch B estim m ungen oder durch gem einsam e W erkleistungen im voraus w eitgehend festlegen und dadurch das N eue der heranw achsenden G enerationen verdecken“ (M annheim 1964, S. 513). Ü bertragen w ir diesen G edanken auf die G egenw art, so sollte sich analog prognostizieren lassen, daß w ir heute die „rein­ ste“ A usdrucksform junger G enerationen und die A usb ildun g von polaren G ene­ rationseinheiten in M oden, M usikstilen , Szenen, also auf dem G ebiet der jugen d­ kulturellen A ktivitäten antreffen. W eniger stark sollten sich G enerationsgestalten dagegen im Feld des Schul- und A usbildungssystem s ausprägen. Die Ausdifferenzierung von Lage, Zusammenhang und Einheit in einer Generation

Zentral für das M odell der G enerationen bei M annheim ist die begriffliche Trias „G enerationslagerung, G enerationszusam m enhang, G enerationseinheit“ (ebd., S. 541 ff.). Er en tw ickelt diese D reieinheit in A nalogie zu r sozialen K lassenlage, wobei er G enerationen als einen „besonderen Typus der sozialen Lagerung“ (ebd., S. 528) verstanden w issen w ill. D urch den zeitlich um grenzten Z eitraum , in den alle eingebunden sind, erw ächst eine historische Potenz - die durchaus latent und unrealisiert bleiben kann - , näm lich „eine potentielle P artizipation an ge­ meinsam verbindenden Ereignissen und Lebensgehalten“ (ebd., S. 536). Erst wenn die Individuen, die sich in derselben G enerationslagerung befinden, tatsäch­ lich auch „am gem einsam en Sch icksal“ „partizip ieren “, w ill M annheim von einem Generationszusammenhang sprechen (ebd., S. 547). Wenn sich so ein historischer G enerationszusam m enhang hergestellt hat, kön­ nen sich auf dieser Basis noch kleinere Generationseinheiten herausbilden. Als Kriterium solcher Einheiten führt M annheim an, es handele sich um „ ... ein ein­ heitliches R eagieren, ein im verw andten Sinne geform tes M itschw ingen und G e­ stalten . . . “ (ebd., S. 547). Erst auf dieser dritten Stufe seien konkrete G ruppenbildungen von M enschen zu erw arten, die sich auch persönlich kennen und soziale N etzw erke bilden, insbesondere in der A nfangsphase der H erausbildung solcher Einheiten. G enerationelle Einheiten bilden oftm als ein system isches G eflecht, das

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von A blehnung und K onkurrenz m itbestim m t ist. H ier gelingt ihm eine w eitere theoretische Synthese, indem er, in guter system ischer M anier, „polar sich be­ käm pfende G enerationseinheiten“ in den M ittelp un kt seiner A n alyse stellt. „Sie w erden gerade dadurch, daß sie aufeinander, w enn auch käm pfend, abgestim m t sind, einen ,Z usam m enhang' b ild en ,“ (ebd., S. 547) A ls illustrierendes Beispiel aus der Zeit der Studentenbew egung von 1968 könnte man beispielsw eise die polaren G ruppen der „an tiauto ritären “ und der „autoritären“ (K ader) G enerations-E in­ heiten anführen. M öglich w äre zu einer gew issen Phase auch die politische Pola­ risierung der E inheiten in „SDS“ und „R C D S“ . M annheim seinerseits unterstellt als zentrale D im ension der Polarisierung in seinen historischen B eispielen auch hier w iederum einen „rationalistischen“ (A ufklärung) und einen „rom antischen“ (K onservativism us) Pol der G enerationseinheit. Die Konfigurierung von A lter ; G eburt und Periode

B ekannterm aßen, und das ist natürlich auch M annheim und seinem G ew ährs­ m ann Pinder bew ußt, ist das D eutungsm uster G eneration m ehrfach dim en­ sioniert, was im A lltagsd iskurs die M ö glich keit eröffnet, m it der Sem antik zu jonglieren und rhetorisch zu verblüffen (vgl. Lange 1999). Selbst w enn w ir die G e­ schlechterfolge in der Fam ilie, die generativen G enerationen , einm al ausklam ­ m ern, bleiben noch drei unterschiedliche, gebräuchliche Bedeutungen des Begriffs erhalten. Eine erste B edeutung kreist um die G eburtsjahre. Zur gleichen G eneration zählen die Personen, die im selben Jah r oder in einander benachbarten Jah ren ge­ boren sind. E m pirisch-technisch w ird von K ohorten gesprochen. W ir können sie G eburts-G enerationen (z.B . die 1939 G eborenen oder die nach dem W eltkrieg G eborenen) nennen. In einer zw eite Sem antik geht es um alle Personen(gruppen), die zu einem be­ stim m ten Z eitraum zeitgleich leben, unabhängig vom jew eiligen G eburtsjahr, und die an gleichen historischen Ereignissen teilnehm en. In diesem Sinn sprechen w ir von zeitgeschichtlichen Generationen (z.B . eine K riegsgeneration; die G eneration der 60er Jahre). D ie dritte B edeutung schließlich ergibt sich aus dem Lebenslauf und seiner E in­ teilung in distinkte A ltersgruppen. W ir vergleichen die G eneration der E rw achse­ nen m it der der Kinder, Jugendlichen, Senioren. O ftm als w ird das vereinfachend und in p o larisierender A bsicht als G egensatzpaar von jüngerer und älterer G ene­ ration in den B lick genom m en. W ir können diesen Sprachgebrauch m it Lebensalter-G enerationen um reißen. D ie heutige em pirische Forschung zu historischen G enerationen sieht in dieser V ielfalt des G enerationenbegriffs ein entscheidendes Forschungsproblem , da hier unterschiedliche B edeutungen und m ögliche W irkungen einer G enerationszuge­ h örigkeit un en tw irrbar m iteinander verm ischt w erden (konfundieren). Für Z w ecke der Em pirie w ird daher versucht, diese Faktoren in unabhängig vonein­ ander m eßbare Kom ponenten zu zerlegen: K ohorteneffekte (E influß des G e­

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burtsjahres), Periodeneffekte (E influß der Z eit-E reignisse) und A lterseffekte (E influß des Lebensalters) w erden so in ihrer B edeutung separat analysierbar. W ie ging M annheim m it diesem Problem um ? Er w ählte eine bestim m te theo­ retische K onstruktion, um dem Problem der V erm ischung verschiedener genera­ tioneller Kom ponenten zu entgehen. Er koppelte die drei Kom ponenten Lebens­ alter, G eburtsjahr und historisches Ereignis m ittels starker inhaltlich-theoretischer Vorannahm en aneinander. Zunächst reduzierte er die prägenden Erlebnisse, die M enschen im V erlauf ihres Lebens begegnen können, auf eine überschaubare Lebensphase, die Jugen d zeit, und begründete diese Einschränkung, die zunächst als w enig w ahrscheinlicher Sonderfall angesehen w erden könnte, m it plausiblen A nnahm en von E ntw icklungspsychologie und Jugendforschung seiner Zeit. M it der so generierten festen V erknüpfung von Lebensphase (z.B . Pubertät um das 14. Lebensjahr) und prägendem Ereignis (z.B . B eginn des W eltkrieges 1914) läßt sich der dritte Faktor, das G eburtsjahr, gleichfalls konstant halten bzw. errechnen (1900). Das von M annheim entw orfene Instrum entarium läßt sich in der R heto rik w is­ senschaftlichen A rgum entierens flexibel handhaben und w ird deshalb gern ge­ nutzt. B eispielsw eise kann man, m it einer gew issen W illkür, je nach B edarf die G eburtsjahre (K ohortenzugehörigkeit) oder die Teilnahm e am prägenden h isto ri­ schen Ereignis (Z eitzeugenschaft) in den V ordergrund der D arstellung rücken. Was jew eils T hem a, w as H intergrund der D eutung ist, kann wechseln. So läßt sich im Fall der Studentenbew egung das Faktum der Teilnahm e an einem zeitge­ schichtlichen Ereignis (1968 an der FU B erlin) them atisieren, w obei die Frage des Jahrgangs oder des Lebensalters der Teilnehm er an dieser B ew egung zum Zeitpunkt 1968 im H intergrund verbleibt. O der es w erden die G eburtsjahre der Studentenbewegten (Jahrgänge 1939 bis 1949) in den V ordergrund gestellt und die Jahre der prägenden Ereignisse (die Studentenjahre) bzw. das Lebensalter dabei auf diesem Weg zum variablen L ebenshorizont dieser G eburtskohorten ab­ gewertet 13. M annheim hat, so könnte man zusam m enfassen, ein flexibles Instrum ent der Interpretation geschaffen, das die Synergieeffekte dreier M odi der G enerationszu­ gehörigkeit - Alter, G eburtsjahrgang, E reignisjahr - zusam m enzuführen erlaubt, das aber auch für U nschärfen und M anipulationen aller A rt offen ist. Ich nenne stichw ortartig einige der m öglichen m ethodischen Zw eifel an seinem M odell. W ird das D rei-K om ponenten-M odell von M annheim nicht dadurch (unzulässig) vereinfacht, daß entw eder die G eburtskohorte oder die Teilnahm e an einem histo­ rischen Ereignis einseitig them atisiert und die anderen Kom ponenten zum unge­ klärten (unkontrollierten) H intergrund der D eutung gem acht w erden? O hnehin 13 Es laß t sich in den so zia lw issen sc h a ftlic h e n D isz ip lin en ein e ge w isse T endenz erken n en , eine A n n äh eru n g an den K o h o rten an satz zu versuch en u n d d ie G eb u rtsja h re in d er F o r­ schung v o ran zu stellen . D as gilt in jed em F all fü r d ie k o h o rten o rien tierte em p irisch e S o z ia l­ forschung. Im F all d er h isto risch -so z ialg esc h ich tlich en G en eratio n e n fo rsch u n g w ird d a­ gegen o ftm als d ie gem ein sam e T eiln ahm e am h isto risch en E reign is in den M itte lp u n k t der A n alyse g erü ck t ( z .B . „A ls d ie E le k triz itä t k am “ ; „D as Ja h r 1945“ b zw . „K riegsen d e“).

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läßt die Frage, welches die Lebensjahre seien, die als „Jugendphase“ zu kennzeich­ nen seien, erhebliche Spielräum e offen (Pubertät; Jugendphase; 12-14; 14-18, 19—29 Jahre usw.). D urch das Z usam m enw irken der drei verbundenen T eilfakto­ ren suggeriert das M odell der G enerationenanalyse bei M annheim einen - em pi­ risch erst nachzuw eisenden - Synergieeffekt der Kom ponenten, der sich an histo­ risch „erfolgreichen“ G enerationen-E inheiten ausrichtet. Das M odell läßt zudem m ethodisch-skeptische Fragen wie die ins Leere laufen, w elcher A spekt der gebündelten G enerationskom ponenten, Alter, G eburt oder Periodenereignis, denn m aßgeblich an der W irksam keit einer G eneration beteiligt sei. L äßt sich ferner das Jugen d alter generell als prägende Phase im Lebenslauf verstehen? In welchem generationellen Lebensbereich trifft die A nnahm e m öglicherw eise zu, in w elchem w eniger (z.B . in P o litik, Ö konom ie, K onsum usw .)? W elche R olle spielt ferner die Q ualität der periodischen Ereignisse (z.B . K riegsteilnahm e contra Jeans-Jugend) als konstitutives Elem ent für eine G eneration? Die Versöhnung „positivistischer“ und „rom antischer“ Tradition

A ls letzten G esichtspunkt der T h eo rie-A rch itektur m öchte ich den Versuch von M annheim anführen, m essende und interpretierende V erfahrensweisen in der Generationen-F orschung zu vereinen - um nicht zu sagen zu „versöhnen“. Er brachte in seinem A ufsatz die „positivistische“ (M annheim 1964, S. 509) Fassung des G enerationsproblem s, die er der französischen Tradition zurechnete, und die „rom antisch-historische“ (ebd., S. 514 ff.) Version, nach M annheim s A uffassung der deutsche W eg, in einen w echselseitigen D ialog m iteinander. W ährend sich die einen von der M eßbarkeit, der C hronologie des biologisch fundierten G enerati­ onsw echsels fasziniert zeigten, setzten die anderen auf die „innere E rlebniszeit“ der G eistesw issenschaftler D ilth ey (1922; 1927), der G erm anist Petersen (1926) und der K unsthistoriker Pinder (1926) sind ihm K ronzeugen für diese Q ualität. Statt L in earität in der A bfolge der G enerationen in der äußeren Zeit geht es hier um die E inm aligkeit des inneren, gleichförm ig gestim m ten Lebens- und E rlebnis­ raum es jed er G eneration. M annheim w o llte in seinem M odell von G enerationen beide Kom ponenten zu ihrem R echt kom m en lassen. Eine solche H altung ko rre­ spondierte m it seinem pragm atisch-ausgleichenden Interesse, die (bereits) in der frühen Soziologie auseinanderstrebenden R ichtungen, insbesondere die messende („positivistische“) und die geistesw issenschaftlich verstehende („rom antische“), m it ihren jew eiligen Stärken bzw. Schw ächen zum Tragen kom m en zu lassen. A lles in allem zeigten die Fachvertreter bis heute allerdings w enig N eigung, diesem Vorschlag zu folgen. D ie R ezeption des U rsprungstextes von M annheim belegt eher die Tendenz, sich entw eder auf die eine oder auf die andere F o r­ schungsseite - K ohortenansatz oder G enerationsansatz - zu schlagen und das synthetisierende Interesse des A utors zu ign o rieren 14. 14 Im le tzte n Ja h rz e h n t e ta b lie rte sich - z u m e ist u n te r d e r F lag g e ein er m eth o d isch en „T rian ­ g u la tio n “ - eine F o rsch u n g sb e w eg u n g in den S o zia lw issen sch aften , die m it d er A b sic h t von

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III. Karl M annheim aktuell. K ontinuität und notwendige Revision D er klassische Text von M annheim ist m ittlerw eile auch ein historischer Text ge­ w orden. R un d 75 Jah re G eschichte gesellschaftlicher M odernisierung und M o der­ nisierungskrisen trennen uns von ihm . Es ist daher geboten, darüber nachzuden­ ken, ob die leitenden Fragen, von denen er seinerzeit ausging, und die theoreti­ schen Synthesen, die er entw ickelte, für die gesellschaftliche Situation Anfang des 21. Jahrhunderts noch tragen. Thesen zu r notwendigen Erweiterung der Generationentheorie

Ich w ill im w eiteren einige G rundannahm en von M annheim heraussteilen, die sei­ nem theoretischen K onzept historischer G enerationen zugrunde liegen, die sich für bestim m te Problem stellungen nach w ie vor als sinnvoll erw eisen, die aber für m anche der Fragen, die sich heute stellen, insgesam t als zu eng und zeitgebunden anzusehen sind. T hesenartig form uliert, geht es um die folgenden Vorentschei­ dungen in M annheim s T heoriearchitektur, die sinnvollerw eise zu revidieren oder wenigstens zu befragen sind. 1. M annheim entw ickelte eine T heorie der G enerationen, die sich auf das Ganze der G esellschaft richtete, also m akrogesellschaftlich konzipiert war. G egenw är­ tig interessieren uns - parallel hierzu - auch G enerations-Problem e, die auf m ikround m esogesellschaftlicher Ebene angesiedelt sind. G egenw ärtige D iskurse handeln ebenso von fam ilialen und pädagogischen G enerationenbeziehungen (M ikroebene) w ie von G enerationenverhähnissen, die auf der Ebene von O rgan i­ sationen (z.B . B etrieb, K irchengem einde) oder von regional begrenzten M ilieus (z.B . Stadtteile, konfessionelle Subkulturen) angesiedelt sind. Das könnte für eine künftige W eiterentw icklung einer T heorie der G enerationen heißen, daß eine R ah ­ mung angestrebt w ird , die m ikro-, m eso- und gesam tgesellschaftliche Prozesse gleicherm aßen um schließt. M ehr noch: A uch die Prozesse der G lobalisierung von G enerationenverhältnissen w äre letzten Endes m it einzubeziehen. 2. M annheim sieht in G enerationen eine Treibkraft des gesellschaftlichen W an­ dels. Diese Frage ist zw ar aktuell geblieben, aber sie erscheint ergänzungsbedürf­ tig. Was die gegenw ärtigen w issenschaftlichen D iskurse in einer voranschreiten­ den M oderne, in der viele der tradierten sozialen B indem ittel ihre W irkkraft ver­ lieren, gleicherm aßen bew egt, ist die politische und soziale Integrationsfunktion. Kann G enerationen eine solche integrative R olle in der sich individualisierenden M oderne zufallen? 3. Die G enerationen-T heorie M annheim s bindet sich eng an das K onzept von Jugend-G enerationen, w obei eine feste B eziehung zum F aktor des historischen Wandels durch Jugen d unterstellt w ird . In einer Epoche des „lebenslangen LerM annheim k o n fo rm geh t, q u alitativ e un d q u a n tita tiv e V erfah ren zu F o rsch u n gsein h eiten zu verkn üp fen.

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nens“ stellt sich natürlicherw eise die Frage, ob es nicht auch für die anderen A ltersphasen lebensprägende E reignisse gibt, die als M otor für die B ildung von G enerationen fungieren können - jetzt aber als K inder-G enerationen oder Erw achsenen-G enerationen. Zudem ist uns H eutigen die ausschließliche und p rivi­ legierte V erknüpfung von Jugendphase und D yn am ik des gesellschaftlichen W an­ dels zw eifelhaft gew orden (Z innecker 2002). Sow ohl die Frage der prägenden Jahre als auch die nach den dynam ischen G enerationsgruppen wäre sonnt als eine em pirische Frage freigegeben, die die Forschung zu prüfen hätte. D ie kunstvollen und suggestiven Synthesen, die M annheim seinerzeit hergestellt hat, w ürden auf diese Weise allerdings zerstört. 4. In der G enerationentheorie von M annheim bleibt die Frage letztlich un en t­ schieden, ob es sich bei (Jugend)G enerationen um eine universale Erscheinung m enschlicher G eschichte handelt, die naturnotw endig (anthropologisch vorge­ geben) in jeder Epoche und in jeder G esellschaft anzutreffen sei - oder ob (Jugend)G enerationen als distinkte M erkm ale bestim m ter Epochen und K ulturen anzusehen seien. M annheim betonte - in der Tradition der positivistischen G ene­ rationentheorien - auf der einen Seite den universalistischen C h arak ter von G ene­ rationen in der m enschlichen G esellschaft. D er W echsel von G enerationen wäre danach ein soziobiologischer Tatbestand, überzeitlich gültig und nicht an beson­ dere historische Epochen und H ochphasen gebunden. A uf der anderen Seite folgte er einem qualitativ differenzierenden B egriff von G enerationen, w onach es nur gelegentlich zu H ochform en einer G eneration kom m t, w ährend es d azw i­ schen historische Epochen gibt, in denen dieses nicht gelingt. D am it folgt er einem substantiellen, w ertenden K onzept der G enerationen, das die A nerkennung von G enerationen an das Vorhandensein bestim m ter k u ltu reller Q ualitätsm erkm ale knüpft. Eine w eitere Spezifikation unterließ er. D ie doppelte B estim m ung des Problem s der G enerationen, als einem universalistisch gültigen und einem epo­ chenspezifischen, blieb in gew isser Weise nebeneinander stehen. Wenn w ir die F ierausbildung von G enerationen historisieren, also in bestim m te historische Epochen und K ulturen verlagern, ergibt sich eine interessante Folge­ frage: M acht es dann nicht Sinn, nach historischen Epochen und K ulturen zu suchen, in denen die Genese von (Jugend)G enerationen besonders begünstigt w urden? W ir könnten dann, analog zur D ebatte um historische H ochphasen der M ilieub ild un g, von H ochphasen in der B ildung von (Jugend)G enerationen spre­ chen (siehe dazu w eiter unten). 5. M annheim folgte stillschw eigend einem K onzept gesellschaftlicher Eliten. D ie politischen oder literarisch-künstlerischen G enerationen, die er als F akto r des W andels an alysierte, w aren zugleich junge E liten, zum indest w enn es um die k lei­ nen innovativen G ruppen der generationellen E inheiten ging. Im strengen Sinn generationsfähig w aren som it nur ausgew ählte B evölkerungskreise. D iese zeich­ neten sich insbesondere durch einen privilegierten Z ugang zur dom inanten K ul­ tur - sprich H o ch kultur - einer Zeit aus. Solche sozialen und kulturellen Voraus­ setzungen des G enerationenkonzeptes w aren M annheim so selbstverständlich, daß er sie nicht eigens them atisierte. M ittlerw eile hat die M oderne eine m achtvolle

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P o p ularkultur hervorgebracht, w elche die M ehrheit aller B evölkerungsgruppen einschließt und w elche das M onopol und die E xklusivität der H o ch kultur stark relativiert hat. Für die theoretische K onzeptionierung einer G enerationen-Theorie hat das zw eierlei K onsequenzen: Zum einen haben sich die sozialen G ruppen, die in der vorangeschrittenen M oderne generationsfähig sind, stark über die ursprünglichen Eliten hinaus erw eitert. Zum anderen dient nicht m ehr allein die H o ch kultur als K ristallisationskern einer B ildun g von historischen (E lite-) G ene­ rationen, sondern w ir m üssen auch die P o p ularkultur (beispielsw eise die m oder­ nen M assenm edien) als Kraft in R echnung stellen, die zum G enerator von G ene­ rationenbildung w erden kann. Eine R eform ulierung der M annheim schen T heorie in dem Sinne, w ie sie hier an­ gedeutet w urde, w ürd e die M öglichkeiten dieses B eitrages übersteigen. Ich m öchte daher im w eiteren Verlauf des Beitrages lediglich versuchen, einige em pirische Beispiele und theoretische H inw eise zu geben, um die angedeutete R ichtung einer erw eiterten und reform ulierten G enerationskonzeption zu plausibilisieren. Generationen und das Problem der gesellschaftlichen Integration in der M oderne

Sehen w ir historische (Jugend)G enerationen heute in erster Linie noch als d yn a­ m ische Faktoren im gesellschaftlichen, insbesondere kulturellen W andel, w ie M annheim dieses tat? O der interessiert uns m ittlerw eile mehr die integrierende Funktion von G enerationen, die diesen in einer enttraditionalisierten M oderne zufallen könnte: sym bolische H eim at für ind ivid ualisierte Einzelne zu sein, die ihre angestam m ten sozialen O rte - Stand, Klasse, N ation, stabile G roß-M ilieus, N achbarschaft - verloren haben? Es finden sich genügend F ingerzeige in der ak ­ tuellen Forschungslandschaft, die auf eine solche U m w ertun g hinw eisen. Wenn dem so ist, dann sollte das D eutungsm uster G eneration um das D eutungsm uster M ilieu ergänzt w erden. Im M ikro - und M esobereich der sozialen Welt finden Prozesse der sozialen E inbettung statt, die zugleich auch einer generationellen O rdnung unterliegen. Eine der Fragen in diesem w en ig bearbeiteten Feld w äre dann: Lösen im 21. Jah rh un dert m ilieuspezifisch begrenzte G enerationen die „H ochform “ gesam tgesellschaftlicher G enerationen ab? D aran könnte sich die Frage anschließen, ob im D iskurs um historische G enerationen nicht im m er schon Fragen von M ilieus versteckt w aren. Das gilt insbesondere für den B e­ zug auf generationelle K erngruppen (G enerationseinheiten), die bei einer m i­ lieuspezifischen A n alyse als G ruppen ku ltureller E lite-M ilieus zu identifizieren wären. Ein sozialer O rt f ü r die individualisierten Einzelnen ?

G esam tgesellschaftlich w irkende G enerationen eignen sich nur bedingt dazu, die sozial ortlos gew ordenen m odernen Subjekte sozial w ieder „einzubetten“. Das w ird sichtbar, w enn ein G enerationenforscher w ie Fleinz Bude die identitätsver­

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leihende Kraft einer außergew öhnlich gut sichtbaren G eneration w ie die 68er für die individuellen Teilhaber an dieser G eneration untersucht (Bude 1995; vgl. Bude 2000, S. 19). Sein skeptisches Resüm ee über die „biographische R elevanz“ einer „Selbstidentifikation“ m it einer solchen G eneration sei hier kurz angeführt (Bude 2000, S. 25): „Die Form el von der A chtundsechziger-G eneration stellt eine soziale K on­ struktio n m it vagem E reignisbezug und geringer B eteiligungsverpflichtung dar, die dem einzelnen eine O rientierung im Fluß der G eschichte erm öglicht ... So gesehen stiften generationelle Selbstidentifikationen keine dauernde, sondern nur eine gelegentliche O rientierung. Das M itschw ingen dient m ehr der m om en­ tanen Lebensgefühlsversicherung als der generellen H an dlun gsstru ktu rierun g.“ (ebd., S. 33) N un teilen nur w enige M enschen das G lück oder Schicksal, einer identitätsstif­ tenden „Jahrhundertgeneration“ w ie den 68ern anzugehören. W ie ist es dann m it all jenen Jah rgän gen bestellt, die dazw ischenfallen, die einer jener „stillen“, „schw eigenden“, „stum m en“ G enerationen angehören, deren G eneration zu den „Zaungästen“ der Z eitgeschichte erklärt w ird , deren Jahrgänge zu den „N achzüg­ lern “ rechnen - allesam t m it einer G eneration verbunden, die zu keinem tragfähi­ gen „Zusam m enhang“, zu keiner öffentlich profilierten „Einheit“ zusam m en­ fand? Fragen w ir m it den A ugen M annheim s zurück. Das D eutungsm uster G enera­ tion als eine K ategorie sozialer E inbettung für die vereinzelten Einzelnen, nach­ dem „N ation“ oder „K lasse“ nicht m ehr zur Verfügung stehen - dies w ar gew iß kein Problem , das M annheim in den 1920er Jahren sonderlich bewegte. Er w ollte m it dem K onzept der historischen G eneration einen W irkfakto r identifizieren, der - neben anderen Faktoren - W andlungsprozesse in der G eschichte deutbar m achte. Die D ebatten, die gegen Ende des 20. Jahrhunderts um die A uflösung von so ziokulturellen und soziom oralischen M ilieus geführt w erden (M ooser 1983; H rad il 1987), hätten ihn angesichts der politischen D urchschlagskraft von A rb ei­ ter-, katholischen oder konservativen M ilieus in der W eim arer Epoche w ah r­ scheinlich in Erstaunen versetzt. A uch die soziologische „Individualisierungs­ d eb atte“ der 1980er Jah re lag fü r M annheim in den 1920er Jah ren noch in einer d eutlichen historischen Ferne. Generationen und Milieus

Wenn es um die soziale V erortung von Individuen in der M oderne geht, w ird in den Sozialw issenschaften gew öhnlich ein anderes D eutungsm uster bem üht, das des „M ilieus“ . M ilieus haben den Vorzug einer vergleichsw eise eindeutigen O rts­ und G ruppenbestim m ung (vgl. M atthiesen 1998). In ihnen halten sich M enschen alltäglich und über längere Strecken ihrer Lebensgeschichte auf; hier sind sie als partizip ieren de A kteure gefragt, und hier sind vielfältige A nknüpfungspunkte für eine soziale und kulturelle V erortung der E inzelnen gegeben. F^in M ilieu verm ag ebenso als „ko n jun ktiver E rfahrungsraum “ (B ohnsack 1998, S. 119) im Sinne von

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M annheim zu fungieren w ie ein G enerationszusam m enhang. Das D eutungsm u­ ster M ilieu suggeriert allerdings traditionell eine gew isse Z eitlosigkeit, einen S till­ stand in der Zeit. Es ist vielleicht kein Z ufall, daß selbst historische U ntersuchun­ gen zu M ilieus oftm als als Q uerschnitte angelegt sind (in der A rt: das katholische M ilieu im W ilhelm inischen K aiserreich oder in der W eim arer R ep ub lik) und daß erst in jün gster Zeit historische Längsschnitte und E ntw icklungsprozesse von M ilieus in den B lick genom m en w erden (K öster; Liedhegener 1998). M ilieus ken­ nen ihrerseits oftm als keine G enerationen - jedenfalls in der wissenschaftlichen R ekonstruktion. V erknüpfen w ir das D eutungsm uster G eneration aber m it der M ilieuan alyse, so stellen w ir rasch fest, daß die G eschlossenheit der M ilieus sich unter dem D ruck der dort befindlichen G enerationen auflöst und die D ynam ik von W andlungsprozessen erkennbar w ird. Jedes M ilieu bildet ein eigenes System von G enerationsbeziehungen aus, autopoietisch gleichsam , das die am M ilieu be­ teiligten A kteure einbindet. Das milieugebundene generationelle System kann sich erheblich vom System der gesam tgesellschaftlichen G enerationen und deren Ja h r­ gangs- und E reignisdatierungen unterscheiden. M eines Erachtens öffnen sich auf­ schlußreiche neuartige Forschungsfelder, w enn w ir die D eutungsm uster G enera­ tion und M ilieu konsequenter und häufiger aufeinander beziehen (z.B . Steinrücke 1986 für den Fall betriebsbezogener M ilieus und G enerationen). W ie gestalten sich beispielsw eise A ltersverläufe und G enerationsabfolgen im M ilieu des L ei­ stungssports? W ie stellen sich G enerationen im M ilieu von Z uw anderungsgrup­ pen dar? W ie im M ilieu von Stadtteilen, Jugendverbänden oder P flegein stitutio ­ nen des A lters? M annheim läßt in seinem M odell der G enerationen nur an einer Steile aus­ drücklich einen M ilieub ezug zu - näm lich im m er dann, w enn es sich um ein gene­ rierendes M ilieu handelt, aus dem eine profilierte G enerationseinheit hervorgeht. N ur in dieser Phase der historischen Em ergenz denkt er sich „eine konkrete Gruppe" (M annheim 1964, S. 548), die in besonderer Weise dazu p rädestiniert sei, „jener neuartigen .E rlebnis-Schichtung' A usdruck zu verleihen“, so daß sie - w ie eine zündende Idee - auf andere G ruppen in gleicher oder benachbarter G enera­ tionslagerung überspringe. H einz Bude dem onstriert eindrucksvoll am B eispiel der 68er G eneration, w ie es zw eier Jahrzehnte, der 1970er und der 1980er Jahre, bedurfte, um eine kleine sozial vernetzte studentische B ew egung, die auf einzelne U niversitäten und Fachkulturen begrenzt war, Schritt für Schritt in eine G enera­ tion der „A chtundsechziger“ um zutaufen (Bude 2000, S. 25), m it der sich zuneh­ mend mehr A ngehörige verw andter Jahrgänge und Lebenslagen identifizierten. Dazu m ußte eine „historisierende D istan z“ eingeschaltet w erden, die im Verlauf der 80er Jahre und danach zunehm end anw uchs. „Die A chtundsechziger-G eneration erfuhr in den 80er Jah re eine erhebliche retrospektive Verm ehrung. Je mehr die Jahrgangsgem einschaft zum definierenden M erkm al erhoben w urde, um so m ehr A ngehörige m eldeten sich .“ - „Je m ehr Zeit vergeht, um so deutlicher treten gem einsam e Stim m ungen, G rundgefühle und Probleme hinter verschiedenen politischen und ideologischen O rientierungen hervor.“ (Bude 2000, S. 26, 2 7 f.)

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G ibt es historische Hochphasen der Generationenbildung?

D en historischen Begriffen des so ziokulturellen bzw. soziom oralischen M ilieus auf nationaler Ebene - w ie beispielsw eise dem politischen K atholizism us oder der A rbeiterbew egung zw ischen 1850 und 1950 - sind von der G eschichtsw issen­ schaft definierte, langfristige Epochen und Perioden zugew iesen worden. D ie fo r­ schenden H isto rik er sprechen ihnen eine Entstehungsphase, eine H ochphase und eine V erfallszeit im Kontext eines Jahrhunderts zu. A ls Schlüssel- oder A nkertext gilt in diesem Fall die frühe A rb eit von R ainer M . Lepsius (1966). Können w ir in ähnlicher W eise von einem historischen A nfang und von einem ebensolchen historischen Ende der gesellschaftlich begünstigten H erausbildung von G enera­ tionen sprechen? A m Ende des 20. Jahrhunderts w urde von Seiten postm odernen D enkens die Frage aufgew orfen bzw. es w urd e proklam iert, daß die historische H ochform von gesellschaftlichen G enerationen nun zu einem geschichtlichen Ende gekom m en sei. Ein solches Ende w urde seit den 1980er Jahren ja auch für andere In stitu tio ­ nen der M oderne - für K indheit, Jugend, soziale K lassen, lo kale M ilieus usw. - be­ reits behauptet. Insofern verw undert diese E rklärung von Endzeit nicht mehr. Im Fall der gesam tgesellschaftlich verankerten G enerationen w urde für ein w ah r­ scheinliches Ende vor allem der Verfall einer bürgerlichen Ö ffentlichkeit im K on­ text der E ntw icklung einer individualisierenden kom m erziellen M ed ien ku ltur geltend gem acht. G enerationen setzen entsprechend dieser em phatischen A uffas­ sung eine gesam tgesellschaftlich w irksam e Ö ffentlichkeit voraus. A ls eine solche letzte H ochform w urde die 68er-G eneration ausgerufen (vgl. H örisch 1997a). Eine A n alyse der historischen B edingungen, die zu bestim m ten epochalen G ene­ rations-G estalten führen können, w äre gew iß lohnensw ert, steht aber noch aus. Jugendgenerationen. Vom „ Mythos Ju g en d “ z u r Entzauberung der Jugend

M it diesen beiden E tiketten, M yth o s und E ntzauberung, könnte man die h isto ri­ sche Laufbahn der A ltersphase Jugend zw ischen B eginn und Ende des 20. Ja h r­ hunderts um schreiben. M annheim argum entierte noch vor dem H intergrund eines hochstilisierten Jugendbegriffs. Ein D reivierteljahrhundert später ist der „M ythos Ju g en d “ arg verblaßt. H istorische Jugendforscher attestieren der h euti­ gen Jugend, daß sie keinen sicheren Platz mehr im G efüge der A ltersgruppen ein ­ nehm e und in der jüngsten G eschichte noch nach einer sinnvollen und akzep tier­ baren A ufgabenbestim m ung in Frieden w ie im K rieg suche (vgl. G illis 1993; Zinn­ ecker 2000a; 2000b). D em ographisch befindet sich die Jugend auf dem Weg zu einer B evölkerungs-M inderheit, die im R ahm en von alternden W ahl-D em okra­ tien politisch durch ältere A ltersgruppen m ajorisiert zu w erden droht. A ngesichts der E ntzauberung von Jugend nim m t es nicht w under, daß sich die Stim m en m ehren, die eine Jugendgenerationstheorie w enig attraktiv finden. W er­ den, so w ird beispielsw eise eingew andt, entscheidende Lebenserfahrungen nicht le­ benslang, sozusagen gleichberechtigt in allen Lebensabschnitten gem acht? So w agt sich etw a die B iographieforscherin G abriele R osenthal w eit vor, w enn sie erklärt:

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„Die Lebensphase, in der für die B ildung eines G enerationszusam m enhangs konstitutive E rfahrungen gem acht w erden, kann von der frühen K indheit bis ins spätere E rw achsenenalter reichen.“ (R osenthal 2000, S. 165) Solche A uffassungen sind eine A rt Frontalangriff auf das kunstvolle A n alysege­ bilde, das M annheim uns als Erbe hinterlassen hat. Aber ist diese K onfrontation auch sachlich berechtigt? D er Besuch einiger Suchm aschinen des Internets belehrt uns über eine m assive sem antische Verschiebung. D er Suchbefehl „G eneration“ (deutsch) deckt eine erfreuliche Popularität des Begriffs auf - er generiert H underttausende von Ver­ weisen. D ie D urchsicht des auf diese W eise erzeugten Sprachm aterials, das üb er­ w iegend den D om änen A lltag, Ö konom ie und M edien entnom m en ist, deckt eine sem antische Strukturverschiebung auf, die im W issenschaftsdiskurs noch kein entsprechendes Echo gefunden hat. Das Begriffsfeld Generation hat sich m ittler­ weile von den lebenden, menschlichen Generationen a u f die technischen, medialen Generationen hin ausgedehnt bzw. verschoben. D ie „G enerationen“ der techni­

schen G eräte und m edialen A ngebote erscheinen zahlenm äßig viel präsenter, und sie spiegeln auch eine größere V ielfalt als die A ngebote der lebenden H um an-G enerationen. D ie überzeugendsten G enerationen sind heute offenkundig die G ene­ rationen technologischer, m edialer N euerungen, die in hoher G eschw indigkeit und - anders als die hum anen N euanköm m linge, die in relativ ko ntinuierlicher zeitlicher A bfolge geboren w erden - im G leichschritt die hum ane W elt erobern. Diese technologischen G enerationen sind noch - anders als die hum ane jüngere G eneration - w irk lich e H offnungsträger: W ir erw arten von ihnen Fortschritt. „Die nächste G eneration kom m t", das ist ein starkes W erbeargum ent geworden. Die Verbesserungen sind absehbar. „The next generation“ besitzt mehr Power, mehr K om fort, mehr Sicherheit, m ehr K om petenz (vgl. hierzu auch Sackm ann 1992, S. 210). Sprichw örtlich gew orden sind m ittlerw eile die „C h ip -G en eratio ­ nen“ der PC s, die der L iteratur- und M edienforscher Jochen H örisch in seiner A useinandersetzung m it dem sozialw issenschaftlichen K onzept der G enerationen nicht ohne G enugtuung gegen die hum anen G enerationen ausspielt: „88-, 286-, 386-, 486- und P entium -Prozessoren und nicht 68er oder 89er bestim m en die Lage und die L ager“ (H örisch 1997, S. 14f.). Angesichts dieser paradoxen U m kehrung nim m t es nicht wunder, w enn die jüngsten hum anen G enerationen sich an dieses W erbem edium anhängen und es zur K onstruktion einer generationalen Lage nutzen. So benennt ein jüngerer Autor, Florian lilies (2000), seine eigene G eneration in einem vielgelesenen Essay nach einem bekannten A utom odell „G eneration G olf“. In dieser kollektiven WirA utobiografie w ird die R ücküb ertragun g ironisch und literarisch nachvollzogen. Die eigene G eneration w ird vom A uto r nach dem populären Fahrzeug und den dazugehörenden W erbekam pagnen m odelliert. D ie Selbstidentifikation m it seiner Generation w ird zur Identifikation m it der A utom arke. Bereits im B uch-Titel wird die „G eneration G olf“ einer „Inspektion“ unterzogen. Es handelt sich um »die zwischen den B aujahren 1965 und 1975 G eborenen“. Am Ende faßt der A utor selbstironisch das M otto seiner „G eneration G olf“ m ittels eines der seiner­

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zeit bekannten G olf-W erbeslogans zusam m en, die die einzelnen K apitel seines und seiner G eneration Lebenslauf leitm otivisch begleiten: „Die Suche nach dem Ziel hat sich som it erledigt. Es gibt kaum einen Satz, der die Lebensphilosophie unserer G eneration p räziser auf den P unkt b rin gt“ (lilie s 2000, S. 189). Mögliche Träger generationeller Erfahrung: Welche Bevölkerung und welche K u ltu r?

M annheim geht, das w urd e oben bereits hervorgehoben, w ie die anderen G enera­ tionstheoretiker im ersten D rittel des 20. Jahrhunderts stillschw eigend von einem E litem odell aus. G enerationseinheiten w erden aus m iteinander konkurrierenden kulturellen und politischen Eliten der jüngeren G eneration konstituiert. Sind es in den älteren T heorien zunächst literarisch, künstlerisch, m usikalisch tätige G rup­ pen, erw eitert er diese Eliten um politische G ruppen. A uch hier hat sich m ittler­ w eile eine gravierende Ä nderung vollzogen, die das M odell der G enerationen zu berücksichtigen hat. D er Umkreis potentieller Trägergruppen hat sich erw eitert

Die E rw eiterung des potentiellen Personenkreises, der „generationenfähig“ im em phatischen Sinn w ird , geht H and in H and m it der A usw eitung der kulturellen G ebiete, die zum K ristallisationspunkt generationeller E rfahrung w erden kö n ­ nen. Zur H o ch kultur gesellten sich P opularkultur, A lltagskultur, M edien kultur u.ä. Zum zw eiten läßt sich ein Zusam m enhang m it der Inklusion w achsender G ruppen in die biographische und generationelle Ö ffentlichkeit hersteilen. E rin­ nerungen veralltäglichen sich, verkindlichen sich, vervielfältigen sich. Die E rw ei­ terung der beteiligten G ruppen läßt sich gut an der Popularisierung von E rinne­ rungen an prägende G enerationenerfahrungen im 20. Jah rh un dert ablesen. E rin­ nert sei an die historischen W ellen, die zu r A rbeiter-A utobiographie, zu r FrauenA utobiographie oder zu r ländlich-bäuerlichen A utob io grap h ik führten. M it der m ündlich überlieferten G eschichtsschreibung erhielten auch nicht-literaturfähige oder zuvor nicht öffentlichkeitsfähige G ruppen die M öglichkeit, generationale Erfahrungen zu veröffentlichen und zu r Identitätsfindung zu nutzen. D ie G e­ schichtsschreibung von prom inenten Jugend-G enerationen ist tradition ell b ür­ gerlich und m ännlich orientiert. Das w urd e und w ird m ittlerw eile in der F o r­ schungsliteratur nachhaltig ko rrigiert. Ein anderer N utzn ieß er des historischen Verfalls des M yth o s Jugen d ist die L e­ bensphase K indheit gew orden. Sie w ird Ende des 20. Jahrhunderts zunehm end als prägende ku lturelle Lebensphase gedeutet. D ie frühe generelle B eteiligun g der jüngeren G eneration an M edien- und W arenkonsum schafft ko llektive Identitä­ ten, die sich zu G enerationsgestalten verdichten können. Träger einer solchen ge­ nerationellen E rinnerungstätigkeit über K indheit sind m aßgeblich bereits junge Erw achsene und nicht mehr, w ie historisch überliefert, M enschen zu B eginn ihres R uhestandes.

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Kindergenerationen - die frü h en prägenden Konsum - und M edienjahre

„Playm obil ist sicherlich das Prägendste, was unserer G eneration passiert ist“ ( l i­ lies 2000, S. 19). M it dieser Form el w eist lilie s (Jahrgang 1971) auf die folgenreiche V erschiebung der prägenden Jah re von der Jugen d - auf die K indheitsphase hin. D ie Jugendphase droht durch K indheit in ihrer biographischen B edeutung für eine B ildung von generationellem B ew ußtsein entthront zu w erden. M öglich w ird das durch einen Them enw echsel. Was eine junge G eneration prägt, das sind nicht mehr notw endigerw eise historisch-politische G roßereignisse, sondern die kleinen D inge des K onsum entenalltags. In dem M aß, in dem auch K inder in die Welt des M assenkonsum s integriert w erden, was in den Jahrzehnten nach dem Z w eiten W eltkrieg einsetzt, historisiert sich K indheit potentiell. K indergenerationen lassen sich danach unterscheiden, durch w elche K onsum erlebnisse sie in Vor- und G rundschuljahren geprägt w orden sind. Ein beliebiges Beispiel unter vielen m ag den Sachverhalt erläutern. Susanne Pauser eröffnete im N ovem ber 1997 - sie w ar zu der Zeit dreißig Jah re alt - im öster­ reichischen Internet-Forum blackbox.net „für m eine G eneration eine O nlineN ew sgro up “ (Pauser, R itschel 2000, S. 10). D er A usschreibungstext lautete, in A uszügen: „L ieb e K in d er d er sie b z ig e r Ja h re ! B ist D u u m d ie 30 u n d k a n n st D u D ich noch an D in ge erin n ern , d ie 20 o d er m eh r Ja h re z u ­ rü c k lieg en ? D ann sei h erzlich w illk o m m e n in d ieser n euen O n lin e-K o n fere n z. U n d das ist das T hem a: Bin ich d ie ein z ig e, d ie sich an ein e k le b rig e S ü ß ig k e it nam ens L ec k e rsc h m e ck e r erin n ert? H at au ß er m ir noch jem an d alle verfü gb aren G ro sch erl in Sugu s u n d S to lb v e rk u m g e se tzt? K ann jem an d noch den F a sersch m eich ler-S o n g s in g e n ? . . . E rzäh lt m ir von E u ren E rin n eru n g en an u n sere K in d h eit in den S ie b zig ern , von P ro d u k ten , T V -S en dun gen , W erb esp ots un d L eb en sm itte ln , d ie Ih r g ek an n t h ab t u n d d ie es v ielleich t nicht m eh r gibt. Ich freue m ich a u f E ure G esch ich ten ! Eure S u san n e“

Eine Einladung einer jungen E rwachsenen also zu einer erinnernden E rzählrunde an die m ittlerw eile zw ei Jahrzehnte zurückliegende K onsum -, W erbe- und M e­ dienkindheit, w obei besonderes G ew icht auf die sinnliche E rfahrung von Süßig­ keiten und anderen Lebensm itteln für den K inderm arkt gelegt w ird ! Das Internet-Forum w urde ein großer E rfolg, Tausende von erwachsen gew ordenen K in­ dern der 1970er Jahre beteiligten sich. Junge Erwachsene stiften über das Internet eine G enerationseinbeit, w obei der Zusam m enhang nicht durch die Jugendphase hervorgebracht w ird, sondern durch die G em einsam keiten einer kom m erziellen K inderw elt, eines m edial (m it)geteilten M assenkonsum s. D iese V erjüngung der H erstellung von generationellem Be­ wußtsein sollte beachtet w erden, die m it einer generellen Tendenz zur V erjüngung biographischer E rinnerung und E rzählung einhergeht.15 D ie hier beobachtbare 15 A ls ein em p irisch er In d ik a to r sei an g efü h rt: D as A lter, in dem A u to b io g ra p h ie n erstm als auf dem B u ch m ark t verö ffen tlich t w erd e n , san k im V erlau f des 20. Ja h rh u n d e rts d eu tlich .

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H isto risierun g von K indheit, die unterscheidbare K indheits-G enerationen hervorbringt, w urde seit A nfang der 1980er Jahre auch w issenschaftlich geadelt, als sich in D eutschland eine pädagogisch-sozialw issenschaftliche K indheits­ forschung aufm achte, die G eschichte des 20. Jahrhunderts nach unterscheidbaren historischen K indheitsgenerationen zu m ustern. Eines der vielzitierten Ergeb­ nisse, in dem K indergenerationen nach 1945 iden tifiziert w erden, trägt beispiels­ w eise den bezeichnenden T itel „K riegskinder. K onsum kinder. K risenkinder“ (P reuß -L ausitz et. al. 1983). Die kulturellen Generatoren von Generationserfahrungen haben sich verm ehrt

Im G eist der klassischen G enerationstheorien konzentrierte sich M annheim auf Phänom ene der H o ch kultur und der offiziellen politischen Kultur. Im Vergleich zum ersten V iertel des Jahrhunderts treffen w ir heute auf eine V ielzahl von w eite­ ren m öglichen generationsbildenden kulturellen Institutionen. Folgende A ttrib uierungen von G enerationen aus dem Ende des Jahrhunderts verm ögen die E rw ei­ terung, die m ittlerw eile stattgefunden hat, anzudeuten: „Technikgenerationen“ (W eym ann 2000) - „M ediengenerationen“ (H örisch 1997a) - „W ohlfahrtsgenera­ tionen“ (L eisering 2000) - „K onsum generationen“ (K indheitsforschung) usw. E twas system atischer können w ir davon sprechen, daß sich im G ang durch das Jah rh un d ert der („b ürgerlich e") K ulturbegriff, der streng norm ativ und ho ch kul­ turell konnotiert w ar, deutlich erw eitert hat. W ir beziehen heute Popular- und A lltagsk u ltu r m it ein. D ie K ulturanthropologie, später die inländischen cultural studies, haben uns nahegebracht, jeder Form m enschlicher Praxis den R ang von K ultur zuzuerkennen. A uch technische B ereiche w erden nicht m ehr als Z ivilisa­ tion ausgegrenzt, w ie es deutscher Sem antik entsprach, sondern als K ultur einbe­ zogen. D am it sind w eite Kreise der B evölkerung in K ultur eingebunden und kö n ­ nen daraus prägende E rfahrungen gew innen. Das gilt auf der einen Seite für die Standard-M assenkultur (K onsum und M edien), die erst seit dem Z w eiten W elt­ krieg für die M ehrheit der B evölkerung zugänglich w urde. Das gilt auch für den neuartigen B ereich der Szenen und Subkulturen, die generationsprägende B edeu­ tung erhalten können. Das D eutungsm uster G eneration hat einen offeneren B lick für die A rt und W eise der ku lturellen Prägungen von G enerationen entw ickelt. M ediengenerationen

N eben Verweisen auf Konsum und A lltagstechn ik (W eym ann 2000) w erden jü n ­ gere G enerationen zunehm end m it M edienetiketten tituliert. So finden w ir Generationslabels w ie „W ir F ernsehkinder“ (W üllen w eb er 1994), „Die W indo w s-G e­ n eratio n “ (Schwab, Stegm ann 1998) oder „G eneration @“ (O paschow ski 1999). Solche E tikettierungen sind nicht nur als billige D iskursm ünzen zu belächeln, sie zeigen auch eine beachtensw erte Tendenz an. Ende des 20. Jahrhunderts treten M edien als prägende K indheits- und Jugenderfahrungen hervor. M it den Labels

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w erden jew eils Leitm edien eines Z eitabschnitts herausgestelh. „Fernseh-G eneratio n “ bezieht sich auf die Zeiten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, vor der Ö ffnung des privaten und W erbefernsehens um 1985. „P C -K ids“ oder „W ind­ ow s-G en eratio n “ verw eist auf die Phase der D om inanz häuslicher „Personal C o m p uters“, „Generation®)“ w iederum them atisiert die historische Phase der elektronischen V ernetzung dieser d igitalisierten W elt. M ittlerw eile hat sich ein Konsens herausgebildet, w onach die Zeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens als Trennlinie zw ischen den M ediengenerationen geeignet erscheint. Das k o llek ­ tive Fernseherleben einer ganzen G eneration konstituierte danach eine letzte ge­ sam tgesellschaftliche M ediengeneration, bevor die Individualisierung des M e­ diengebrauchs dem ein Ende setzte. In den W orten von T hom as M aurer (2000, S. 204): „K ollektive kindliche Fernseherlebnisse w erden für im m er ein Privileg unserer G eneration bleiben.“ A us der Perspektive von M edien- und K om m uni­ kationsw issenschaftlern bilden die unterschiedlichen M edienerfahrungen sogar die entscheidende D ifferenz ab, die die 68er und die 89er G enerationen trennt. W ährend die 68er noch in einer halbw egs intakten „G utenberg-G alaxis“, ge­ koppelt allerdings m it der öffentlich-rechtlichen Fernsehw elt lebten, lebten die 89er dagegen bereits in einer elaborierten M edienw elt am Ende jener G alaxis (vgl. Flörisch 1997; Steiner 1997).

IV. A bschließende Einschätzungen Eine bestim m te Stoßrichtung des Beitrages sollte deutlich gew orden sein: D ie konzeptionelle Fassung, die M annheim der A n alyse von G enerationen 1928 gab, hat sich als außerordentlich anregend erw iesen, und dieser A nregungsgehalt ist längst noch nicht ausgeschöpft. A u f der anderen Seite transportiert das K onzept auch einige gew ichtige historische E ngführungen aus der E ntstehungszeit m it sich. D iese könnten sich künftig als gedankliche B arriere für eine adäquate U n ter­ suchung der generationellen O rdnungen und V erflechtungen dieses Jahrhunderts erweisen. A uf eine problem atische E inengung stießen w ir im V erlauf des B eitrags wiederholt: M annheim s K onzept zielt ausdrücklich nur auf eine m akro so zio lo gi­ sche T heorie der G enerationen - und h ier w iederum nur auf den Typus der p o li­ tisch-gesellschaftlichen G eneration. Z usätzlich w urde das K onzept der G enera­ tion von ihm m ehr oder w eniger eng an die T hem atik jugendlicher G enerationen gebunden. Als generelle Strategie für die E ntw icklung einer künftigen T h eo rie-A rch itek­ tur bietet sich an, die B egrifflichkeit der G enerationen und die A n alyse von Generationen-D ynam ik konsequent auszudifferenzieren. D ie A bfolge von und das Wechselspiel zw ischen G enerationen sollte als ein Them a fokussiert w erden, das auf allen Ebenen des sozialen Lebens, auf der M akro- ebenso w ie auf der M esound M ikroebene, und in allen institutionellen H andlungsfeldern eine bedeutsam e Rolle spielt. Im G egenzug ist daran zu denken, neben regionalen und nationalen

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auch internationale und globale B ildungen von G enerationen zu analysieren. Die m ehr oder m inder stillschw eigende B indung des w issenschaftlichen G enerationen-D iskurses an ku lturelle Eliten und an B ereiche der H o ch kultur sollte aufge­ geben w erden. Statt dessen w ären alle generationsfähigen B evölkerungsgruppen und alle kulturellen Bereiche, auch die der M assen- und M edienkultur, die zu K ri­ stallisationskernen von G enerationen w erden können, zur A n alyse zuzulassen. Für Z w ecke einer H isto risierun g der G enerationen-A nalyse w äre daran zu den­ ken, solche Epochen und K ulturen zu identifizieren, die in besonderer Weise die Em ergenz von G enerationen fördern (H och-Z eiten der G enerationsbildung) und, auf der G egenseite, sozial- und kulturgeschichtliche B edingungen zu form ulieren, die der Entstehung von G enerationen eher hinderlich sind. Vieles spricht dafür, künftig das K onzept der G enerationen-A nalyse, das Karl M annheim entw ickelt hat, nicht lediglich unbefragt anzuw enden, zu tradieren oder zur Legitim ierung eigener Studien zu benutzen. Sinnvoller w äre es, die Em pirie w o im m er m öglich m it begrifflichen A nstrengungen z u r A daptation des G enerationen-K onzeptes an gegenw ärtige Fragestellungen und D iskurse zu verbinden.

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Bernhard Giesen

Generation und Trauma

1. Zum Begriff der Generation Der B egriff der G eneration scheint - verfolgt man seine V erw endung im an­ spruchsvollen F euilleton - zunehm end die Stelle einzunehm en, die w enige Jah r­ zehnte zuvor noch dem K lassenbegriff Vorbehalten w ar (R eulecke 2000). Er m arkiert die dynam ische A chse der Sozialstruktur, von der man sich sow ohl die A rtikulatio n von G eschichtlichkeit als auch die V erbindung zw ischen einer G ruppe innerhalb der G esellschaft und der G esellschaft als G anzes erw artet. Es verw undert daher kaum , w enn der B egriff der G eneration - ähnlich w ie der Ge­ sellsch aftsb egriff- als R ahm en für Z eitdiagnose und historische Sinnorientierung K arriere macht. In m erkw ürdigem G egensatz zu dieser intellektuellen Po p ularität des Begriffes steht sein M angel an K larheit (K ertzer 1983; Finch 1989). Er fällt allerdings erst dann auf, w enn „G eneration" nicht m ehr nur auf das - begrifflich unproblem ati­ sche - V erhältnis zw ischen Eltern und Kindern innerhalb einer F am ilie bezogen wird, sondern auf eine gesellschaftliche G roßgruppe, die nicht nur durch die bloße Z ugehörigkeit zu einer A lterskohorte, sondern durch ein B ew ußtsein einer gemeinsam en Lage, durch eine gem einsam e M en talität, durch einen gem einsam en H abitus definiert w ird (L iischer 1993). Im U nterschied zur F am ilie, in der sich die Generation der Eltern und die der K inder auf eindeutige Weise abgrenzen lassen, taucht hier für den Beobachter das Problem auf, im kontinuierlichen Fluß der na­ türlichen G eburtenabfolge die D isko n tin uität einer begrenzten A nzahl vonein­ ander abgrenzbarer G enerationen sichtbar zu m achen. D erartige G enerationen existieren nicht als natürlich abgegrenzte Einheiten, sondern sie sind das Ergebnis sozialer K onstruktion, bei der die Selbstbestim m ung einer G ruppe und die Per­ spektive von A ußen in B eziehung gesetzt w erden. Im folgenden geht es uns um diese K onstruktion der Einheit einer G eneration. Sie w ird als eine besondere k u l­ turelle E rzeugung von D iskontinuität begriffen und nim m t dam it A nregungen auf, die Joachim M atthes in einer A useinandersetzung m it Karl M annheim s be­ rühmtem Text zum „Problem der G enerationen“ en tw ickelt hat (M atthes 1985). Fragen der Fam ilien oder Jugen dso zio lo gie (dazu etw a Lüscher/Schultheis 1993), der Lebenslaufforschung (K ohli 1985), der historischen Fam ilienforschung (Schu-

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ler 1987) oder der G eschichte der Jugendbew egungen (Brand 1993) w erden dem ­ gegenüber ausgeblendet. In A nlehnung an M annheim lassen sich vor allem drei unterschiedliche Ele­ m ente des Begriffs unterscheiden (M annheim 1979). Um von einer G eneration innerhalb einer G esellschaft sprechen zu können, m üssen in dieser G esellschaft erstens Institutionen verfügbar sein, die den M itgliedern einer A lterskohorte w äh ­ rend einer sensiblen A doleszenzphase jenseits des Fam ilienverbandes gem einsam e Erfahrungen verm itteln und zw eitens diese M itglieder auch in enge Interaktions­ kontakte m iteinander bringen, so daß sie einander w echselseitig als M itglieder dieser G eneration im U nterschied zur Fam ilie w ahrnehm en können, und schließ­ lich drittens E rfahrungen verm itteln, die der vorhergegangenen G eneration nicht verfügbar w aren. In der ersten B edingung w ird die G eneration als eine soziale G ruppe jenseits der F am ilienzugehörigkeit aufgefaßt, in der zw eiten als eine K om m unikationsgem einschaft, in der dritten als eine über geschichtliche Erfah­ rung verm ittelte kollektive Identität. Institutionen w ie die allgem eine Schulpflicht oder die allgem eine W ehrpflicht erfüllen die B edingungen eins und zw ei: Sie bringen die M itglieder einer G enera­ tion w ährend der prägew irksam en Phase von A doleszenz und jungem E rw ach­ sensein ~ also im A lter zw ischen fünfzehn und fünfundzw anzig - in einem Inter­ aktionsraum jenseits der Fam ilie zusam m en. D am it entsteht grundsätzlich die M ö glich keit von G em einschaften, die zw ischen dem Fam ilienverband einerseits und den G em einschaften der Erw achsenen andererseits angesiedelt sind - die erste Erfahrung einer sozialen G leichartigkeit im U nterschied zu der sozialen H etero ­ genität innerhalb der Fam ilie (Tenbruck 1965; Eisenstadt 1966).

2. Erfahrungsentw ertung A llerdings ist diese G leich artigkeit noch unbegriffen, sie hat noch keinen N am en für ihre kollektive Identität (G iesen 1993 und 1999). Eine solche kollektive Iden­ tität und eine klare U nterscheidung zw ischen verschiedenen G enerationen, die auch für diese G enerationen überzeugend ist, w ird erst - so m eine erste These durch eine fundam entale gem einsam e E rfahrung geschaffen, m it der die Erfahrun­ gen der Ä lteren entw ertet und die E in zigartigkeit der neuen G eneration gestiftet w ird (K oselleck 2000). D erartige generationenstiftende E rfahrungen w erden in siegreichen oder verlorenen Kriegen, in M igrationen oder V ertreibungen, in der Teilnahm e an sozialen, politischen oder kulturellen B ew egungen gem acht. Erfah­ rungen - so meine zw eite These - w erden vor allem dann zum A nlaß der k o llek ­ tiven Identität einer G eneration genom m en, w enn sie mit leiblichen Erlebnissen verbunden sind und als solche erinnert w erden können (theoretisch nach w ie vor uniiberholt M erleau -P o n ty 1974; im A nschluß daran M eyer-D raw e 1984; vgl. fer­ ner R ittner et al. 1976). Ich w erde drittens zw ischen geschichtlichen G enerationen, die sich durch eine traum atische E rfahrung oder durch ein P ro jekt der G esell­

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schaftsveränderung bestim m en, und sub kulturellen G enerationen unterscheiden, die sich über besondere sym bolische R epräsentationen und R ituale abgrenzen. Entscheidend für die kollektive Identität der G eneration ist w en iger der U m ­ stand, daß diese Erfahrungen tatsächlich ohne B eispiel oder Vorläufer sind, son­ dern vielm ehr die Bereitschaft, sie so zu sehen. Diese B ereitschaft w ird durch die besondere Lage der Jugendlichen gefördert. Jenseits der N orm alität der H er­ kunftsfam ilie und vor der N orm alität des Erwachsenenlebens mit seinen über B e­ ruf, Fam ilie und W ohnsitz verm ittelten Z ugehörigkeiten erfahren Jugendliche ihre generationale Identität durch die Teilnahm e an A ußerordentlichem , durch die Begegnung m it U ngew ohntem und zunächst Frem dem , in einer Lage der E ntw ur­ zelung, des Ü bergangs und der sozialen O rtlo sigkeit, die häufig als Teilnahm e an einer „B ew egung“ im w örtlichen und übertragenen Sinne verstanden w ird (R eulecke 1995). M an ändert den W ohnort und w eiß , daß m an dort nicht endgültig bleiben w ird , man reist m it G leichaltrigen, man schließt sich einer B ew egung an, die die G esellschaft oder K ultur verändern m öchte, man lebt in einem G efühl des „nicht m ehr“ und „noch n ich t“. D iese soziale Lage des Ü bergangs und der B ew e­ gung spiegelt sich in der besonderen Bereitschaft, A ltes hinter sich zu lassen, N eues zu entdecken und bisher U nerhörtes auszurufen - auch w enn aus der Sicht des Beobachters dieses N eue nur als eine W iederholung längst bekannter M uster erscheinen m ag (m öglicherw eise steht diese Bereitschaft, das A ußerordentliche zu entdecken, auch in Zusam m enhang m it der C harism atisierun g der Jugen d insbe­ sondere in der M oderne). D ie transitorische Lage der G eneration begünstigt das Vergessen des G ewohnten und begründet eine Faszination durch die Zukunft als dem Feld des noch nicht verw irklichten Lebens. T raditionsentw ertung und N eu­ konstitution sind das R ückgrat generationaler Identität. Die U nterscheidung z w i­ schen verschiedenen G enerationen innerhalb einer G esellschaft w ird daher erst dann prom inent, wenn die G eschichte über den B ruch zw ischen Vergangenheit und Z ukunft begriffen w ird - d .h . nach der Sattelzeit K osellecks, also im 18. Jah r­ hundert (K oselleck 1979). Sie setzt sich in den anspruchsvollen D iskursen aller­ dings schon früher durch: die querelle des anciens et des modernes und - früher noch - die D istanz der M anieristen des frühen 16. Jahrhunderts zur M alerei der H ochrenaissance zeigen dies deutlich.

3. Leiblichkeitserfahrung Entscheidend für das Entstehen eines G enerationsbew ußtseins ist nicht die tat­ sächliche A ußero rd en tlichkeit einer gem einsam en Erfahrung, sondern ihre G laubw ürdigkeit oder A uthen tizität. D ie gem einsam e Erfahrung darf sich nicht in gängige Schablonen einfügen, sie muß als authentisch gelten (T rilling 1974). Eine solche A uthentisierung der generationsstiftenden Erfahrung w ird durch die Verankerung im persönlichen, insbesondere leiblichen Erlebnis hergestellt. D ie in den Leib eingeschriebene Erfahrung ist unleugbar, aber auch unentfrem dbar - die

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W unden bezeugen den Kam pf besser als W orte (Scarry 1987; H ahn 1986). Eine er­ ste und elem entare Form des leiblichen Erlebnisses w ird durch A nw esenheit am O rt des G eschehens hergestellt - die eigenen A ugen haben das A ußerordentliche gesehen, die eigenen O hren haben es gehört, die eigene H aut hat es gefühlt. Eine starke kollektive Identität einer G eneration, vor allem ihres m ännlichen Teils (dazu insbesondere R eulecke 2001), ruht daher nicht selten auf der tatsächlichen oder im aginierten A nw esenheit am O rt des außerordentlichen Geschehens auf m an w ar auf der B arrikade oder auf der Flucht, im K ugelhagel oder bei der Ö ff­ nung der M auer, man w ar in V erdun oder Berlin, W oodstock oder G orleben zum indest hätte man dabei sein können, w äre man nicht durch Zufall verhindert gew esen. (M annheim [1970] erw ähnt schon die „potentielle Teilnahm e“ an ge­ m einsam verbindenden Ereignissen und E rlebnisgehalten als G rundlage des Ge­ nerationsbew ußtseins.) Selbst die über Z eitung, R adio und Fernsehen verm ittelte ind irekte A nw esenheit kann in abgeschw ächter Form eine solche L eib lichkeits­ erfahrung erzeugen. M an erinnert sich dann, unter w elchen U m ständen man von der epochalen N achricht der N iederlage oder des A ngriffs auf das N ew Yorker W orld Trade C en ter erfahren hat und verbindet so die eigene leibliche A n w esen ­ heit m it dem geschichtlichen Ereignis. L eiblichkeitserfahrungen unter A nw esenden w erden häufig noch durch R ituale verstärkt (zum B egriff des R ituals B ell 1997; G iesen 1999; klassisch; Turner 1969; VanG ennep 1977). R ituale bilden einen nicht w eiter übersteigbaren H o rizo n t der sozialen W irklich keit. Sie haben für die Teilnehm er eine unbedingte G eltung w er nach B egründungen fragt oder E rklärungen sucht, m arkiert sich schon als A ußenseiter. R ituale äußern sich in gleichförm igen B ew egungen und lassen die U nterschiede zw ischen den teilnehm enden Personen zurücktreten. K ollektive Identität kann daher kaum ohne rituelle G rundlagen zustande kom m en. Im ge­ m einsam en Singen, M arschieren, Tanzen, Jub eln , Beten, Z uhören oder Schweigen w erden die B ew egungen der T eilnehm er gleichgeschaltet. So sehen sich die A n w e­ senden selbst im leiblichen Spiegel der anderen, sie erfahren eine leib lich -kö rp er­ liche Ä hnlichkeit untereinander. W eiter gesteigert w ird die Leiblichkeitserfahrung einer G eneration durch die A nw esenheit eines G egners, der die eigene körperliche U nversehrtheit und die der G enerationsgenossen m it G ew altm itteln bedroht. D ie A nw esenheit des Fein­ des - so könnte man C arl Schm itt (1963) abw andeln - erzeugt hier die G em ein­ sam keit der G eneration. D iese Erfahrung der B edrohung von Leib und (m anch­ mal auch) von Leben verm ittelt eine A uthen tizität des A ußerordentlichen, die schw er zu überbieten ist (B uford 1992; K atz 1988). Dies gilt in besonderer Weise für die Selbsterfahrung einer G eneration. In der A ußero rden tlichkeit der G ew alt­ erfahrung, im Erlebnis der äußersten B edrohung schw indet das Vertrauen in den Schutz durch die Eltern und die Ü berlegenheit der Ä lteren - ein N aturzustand öffnet sich, in dem die überkom m enen R egeln nicht m ehr gelten, eine G eneration entw ertet die Erfahrungen der V orgänger und kann sich nicht m ehr als deren bloße F ortsetzung begreifen. M an tritt aus dem Schatten und dem Schutz durch die Eltern heraus und ist auf sich selbst gestellt (B uford 1992). G leichzeitig begeg­

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nen die A ngehörigen einer G eneration im Erlebnis der gem einsam en außero r­ dentlichen B edrohung durch einen Feind in den m eisten Fällen zum ersten M ale der M öglichkeit ihres eigenen Todes - sie sind keine K inder mehr. Kinder können sich den Tod nur als Tod der anderen, nicht aber als unabw eisbare B egrenzung des eigenen Lebens vorstellen. D iese E rfahrung von Todesnähe stellt die stärkste Erfahrung von Leiblichkeit dar, sie ist im A ugenblick des Erlebens allerdings noch nicht sym bolisch verfügbar - nicht selten stellt sich ein B ew ußtsein der B edrohung erst im R ückb lick, in der E rinnerung, ein. Das Erlebnis der M ö glich keit des eigenen Todes versperrt sich zum eist der W ahrnehm ung, es w irk t w ie eine E rschütterung, die zunächst nicht erzählt, sondern nur beschwiegen w erden kann (C aruth 1996 a; 1996 b; Giesen 2002). In dieser H insicht zeigt die gem einsam erfahrene B edrohung des Lebens Züge eines kollektiven Traum as, das erst aus einigem A bstand erinnert und aus­ gesprochen w erden kann. D iese traum atische G run dstruktur der E rinnerung, das Erlebnis der außerordentlichen B edrohung, in dem der Schutz der A lteren ver­ sagte, stellt den äußersten H orizont, vor dem sich die kollektive Identität einer G eneration bildet. A ber die Erfahrung der M ö glich keit des eigenen Todes bildet nur den einen H orizont, vor dem sich eine starke kollektive Identität einer G eneration bildet. Sie hat ihr G egenstück in der E rfahrung eines unerw artbaren Sieges über die W id­ rigkeiten der W elt, in einem W agnis, das gegen den R at der Eltern unternom m en w urde und gelang, in der E rfahrung des G lücks und des Triumphes. H ier geht es nicht um die E rfahrung des m öglichen Todes, sondern um die ko llektive Selbst­ vergew isserung des G eborenseins. (W ir bedienen uns hier einer Figur, die in ande­ ren Zusam m enhängen vor allem von Sorel [Sorel 1969; Jennings 1999] und Fanon [1981] en tw ickelt w urde.) Eine G eneration erfährt dabei nicht ihre eigene kö rp er­ liche G eburt als Individuen, sondern erzeugt ih r eigenes G eburtserlebnis als K ol­ lektiv, indem sie die M ahnungen der A lteren zu r Vorsicht m ißachtet, das U nver­ nünftige, U ngew öhnliche und N eue riskiert und gew innt. D ie Teilnahm e an neuen sozialen Bew egungen, an R evolutionen und B efreiungskäm pfen verm ittelt, wenn sie denn erfolgreich ist, ein solches trium phales G efühl des W iedergeborenseins, der Selbstfindung und der Selbstständigkeit. Die kollektive Identität einer G eneration beruft sich dabei auf eine erfahrungs­ entwertende B edrohung oder auf einen Trium ph, die nicht selten n ur von einem kleinen Teil der A ngehörigen einer G eneration tatsächlich erlebt w orden sind, aber nach m ehrheitlicher E inschätzung von den m eisten hätten erlebt w erden können. D ie Identifikation aller derjenigen, die durch Zufall und G lück nicht in Todesgefahr geraten sind, m it denjenigen, die tatsächlich vor der äußersten L e­ bensbedrohung standen, aber auch m it denjenigen, die das N eue w agten und glücklich gew annen, verw eist auf die existentielle G rundfigur, m it der die k o llek ­ tive Identität einer G eneration konstruiert w ird: N ur über die Potentialität der Todesgefahr und die G ew issheit des Ü berlebens einerseits oder durch die sym b o ­ lische W iedergeburt im W agnis des N euen andererseits lassen sich die E rfahrun­ gen der Ä lteren entw erten und die D isko n tin uität der G enerationen begründen.

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B ern h ard G iesen

Wenn eigene traum atische oder trium phalistische E rinnerungen nicht verfügbar sein sollten, so übernim m t man die E rinnerungen von anderen, die die eigenen hätten sein können, je d e G eneration m it starkem geschichtlichen Selbstbew ußt­ sein m uß sich so ihre eigenen traum atischen oder trium phalistischen A nfänge er­ innern und suchen.

4. Sym bolische Repräsentationen Bei dieser E rinnerung und bei der Ü bernahm e der E rinnerungen anderer sind sym bolische R epräsentationen notw endig, die das Erlebte ausdrücken und es m it­ teilbar m achen. M ündliche E rzählungen gegenüber denjenigen, denen man ähn­ liche Erlebnisse unterstellen kann, sind ein überall verfügbares M edium zur sym ­ bolischen K onstruktion einer kollektiven Identität. M usik, L yrik und L iteratur kom m en fast im m er hinzu (e.g. R eulecke 1996). In jenen besonderen Fällen, in denen eine traum atische E rinnerung von w eiten Teilen einer G esellschaft üb er­ nom m en w urde, w erden die sym bolischen Repräsentationen eines G enerations­ erlebnisses auch in D enkm äler und G edenktage übersetzt. Ein solcher W echsel vom eigenen Erleben oder von der traum atischen E rinne­ rung, die sich der E rzählbarkeit versperrt, zu der sym bolischen R epräsentation, an der viele teilhaben können, riskiert einen Verlust an A uthentizität. Wenn auch diejenigen, die nicht dabei w aren, aber glauben, nur durch Zufall an einer Teil­ nahme gehindert w orden zu sein, sich der E rlebnisgem einschaft einer G eneration zurechnen dürfen, wenn alle m itsingen können, wenn alle die G eschichten vom M ai ’68, von den letzten K riegstagen, von der M aueröffnung und von G orleben erzählen können, dann gerät die G renze leicht in unklares G elände, und das in den Leib eingeschriebene Erlebnis w ird tendenziell zur O ption, das generationale G e­ dächtnis w ird zum kulturellen G edächtnis einer ganzen G esellschaft. (W aters [1990] hat A naloges für ethnische Z ugehörigkeiten gezeigt.) Die Ü bersetzung der angenom m enen E inheit des Erlebens in sym bolische R e­ präsentationen erm öglicht so einerseits den A nschluß derjenigen, die nicht selbst dabei w aren, andererseits aber auch die Spaltung der G eneration in m ehrere Lager. D ie gem einsam e Erfahrung ist grundsätzlich sym bolisch m ehrdeutig, sie läßt sich durch unterschiedliche R epräsentationen abbilden und in verschiedene und auch ganz gegensätzliche B ew egungen um setzen. Das generationsstiftende Erlebnis der Schützengräben des Ersten W eltkrieges konnte so in Jüngers „In Stah lgew ittern “ w ie auch in R em arques „Im W esten nichts N eues“ literarisch repräsentiert w er­ den, es konnte A nlaß zu pazifistischen w ie zu revanchistischen B ew egungen ge­ ben, die N iederlage 1945 konnte in eine rechtsradikale w ie in eine so zialdem o kra­ tische P o litik um gesetzt w erden oder aber zu r A blehnung jedes politischen E nga­ gements führen etc. Bei der sozialen K onstruktion einer G eneration ergeben sich so öffentliche Kämpfe um die angem essene sym bolische R epräsentation des ge­ m einsam en E rlebnishintergrundes.

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In diesen Kämpfen setzen sich einige Selbstdeutungen durch, andere treten z u ­ rück, können aber w ieder an R esonanz gew innen, w enn nach einiger Zeit die Ver­ hältnisse sich ändern. N im m t der zeitliche A bstand zu den generationsstiftenden Erlebnissen zu, erhalten auch die Frem ddeutungen nicht nur durch A ußenste­ hende, sondern auch durch nachfolgende G enerationen stärkeres G ew icht. Am Ende geraten die A ngehörigen einer G eneration, die längst erwachsen gew orden ist, in eine defensive Position gegenüber einer neuen G eneration, die ihrerseits die Erfahrungen der A lten entw ertet und als grundlegende Irrtüm er der A lteren brandm arkt, was diesen noch als identitätsstiftende geschichtliche B ew egung galt. N icht n ur die G eneration der D eutschen, die H itler an die M acht gebracht hatten, sondern auch die „68er G eneration", die die Erfahrungen der A ufbaugeneration verspottet hatte, erfuhren auf nachdrückliche W eise eine solche U m deutung ihrer generationsstiftenden Erlebnisse (B ude 1997; K raushaar 1999). N eue G eneratio­ nen betreten die Bühne und entw erten die E rfahrungen der Ä lteren, der E rw ach­ senen, derjenigen, die ihre Sensibilität für das N eue und A ußerordentliche verlo ­ ren haben und am Ende selbst nicht mehr an die N euigkeit ihres eigenen ge­ schichtlichen Projektes glauben.

5. G eschichtliche und subkulturelle Generationen A llerdings gew innen einige neue G enerationen ihre D istanz zur vorhergehenden G eneration gerade dadurch, daß sie im U nterschied zu den Ä lteren nicht m ehr auf ein außerordentliches Projekt der G esellschaftsveränderung setzen, sondern die A bkehr von hochfliegenden politischen B ew egungen und die A ufgabe des Ideo­ logischen zugunsten von sub kulturellen O rientierungen zum Kern ihrer eigenen generationalen Identität m achen (H ebdige 2001). Eine solche generationale Iden­ tität fällt w en iger stark aus und ist w eniger sichtbar als diejenige derer, die dram a­ tische E rfahrungsentw ertungen durch R evolution, K rieg und N iederlage erleben. Sie muß sich ihre leibliche E rlebnisgrundlage zum eist über die Teilnahm e an sym ­ bolischen R epräsentationen und sub kulturellen R itualen - etw a über M usik und Tanz, M ode und H aartracht - selbst schaffen (H all et al. 1996). Solche „sub kultu­ rellen G enerationen“ verschw inden nach dem E intritt ins E rw achsenenalter schneller als die „geschichtlichen G enerationen“ (W illis 1977), deren Erlebnisse und E rschütterungen auch im E rw achsenenalter w eiterw irken und die daher B e­ zugspunkt besonderer A nstrengungen zur E rfahrungsentw ertung durch die nachfolgende G eneration werden. D ie M ode und die M usik von gestern erledigen sich selbst, die K riegserlebnisse nicht. Vor dem Flintergrund dieser U nterscheidungen ergibt sich eine neue Perspek­ tive auf die A bfolge der G enerationen im D eutschland des vergangenen Jah rh u n ­ derts. K onstitutiv für „geschichtliche G enerationen“ sind die großen erfahrungs­ entwertenden Traum ata, die auf die erfahrungssensitiven Jugendlichen zw ischen 15 und 25 in E rlebnisräum en jenseits der Fam ilie treffen. (M entre [1920] unter

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R ückgriff auf A ugust Com te setzt die D auer einer G eneration noch m it dreißig Jahren an [vgl. M annheim 1970], Jaid e [1988] spaltet sie in Jugendliche und junge Erw achsene auf, begrenzt diese aber ebenfalls auf jew eils zehn Jah re.) D ie k o llek­ tive E rfahrung der Schützengräben des Ersten W eltkriegs schuf eine „G eneration V erdun“ oder eine „G eneration L an gem arck“, die ihre Fronterlebnisse nur zö ­ gernd denjenigen m itteilen konnte, die nicht dabei gewesen waren; aus der Erfah­ rung der A rbeitslosigkeit und der A ussichtslosigkeit nach der W eltw irtschafts­ krise 1929 entstand die G eneration der „H itlerw äh ler“, die von dem „System “ der W eim arer R ep ub lik enttäuscht w aren und ihre B itterkeit in die B egeisterung für N azideutschland um setzten. D ie E rfahrung der K riegsteilnahm e und der N ied er­ lage 1945 w iederum schockierte und desillusionierte die G eneration der „Flakhel­ fer“ und „H itlerjun gen “, aber auch der „Trüm m erfrauen“, die nach dem Kriege den „W iederaufbau" D eutschlands schafften; die radikale O pposition der Studen­ tenbew egung gegen Sachzw änge, Establishm ent oder ganz allgem ein gegen „die H errschenden“ verm ittelte das kollektive O ppositionsbew ußtsein der „68er Ge­ n eratio n “, die den K onflikt auf der Straße suchte; der Zusam m enbruch des so w je­ tischen Reiches und der L in ks-R echtskoordinaten der politischen W eltdeutung führte m öglicherw eise zu einer „G eneration B erlin “ (Bude 2001), die politische B ew egungen nicht m ehr für besonders aufregend hält und sich in B örsenspekula­ tionen versuchte - ein Engagem ent, das der „68er G eneration“ noch als zutiefst unm oralisch galt. In all diesen Fällen w erden G enerationen nicht nur durch be­ sondere E ntw ertungen der bisherigen E rfahrungshorizonte, sondern auch durch G renzen des Verstehens m arkiert. Den A lteren, aber auch den N achgeborenen, lassen sich die grundlegenden E rlebnisse und Erfahrungen nicht m ehr m itteilen „Ihr seid dam als nicht dabei gew esen, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, w as es b e d e u te t..." und „ Ihr versteht das nicht mehr, lasst uns nur m achen“ verw eisen auf diese G renzen des Verstehens, die auch G renzen des Bem ühens um V erständi­ gung sind. A uch w enn diese generationsstiftenden Erfahrungen jew eils nur in einem Z eitraum von w enigen Jah ren m öglich w aren, so erfaßten sie doch eine größere A lterskohorte. D ie Schützengrabenerfahrung des Ersten W eltkriegs z .B . betraf w ährend vier Jahren die jungen M änner zw ischen 18 und 25, also insgesam t eine A lterskohorte von etw a zehn Jah ren . Erst die im Jahre 1918 Siebzehnjährigen können sich nicht m ehr zur „V erdun-G eneration“ zählen. Ä hnliches gilt für die anderen geschichtlichen G enerationen. A uch sie um fassen in der R egel eine A l­ terskohorte von etw a zehn Jahren. Im U nterschied zu geschichtlichen G enerationen verfügen sub kulturelle G ene­ rationen nicht über eine starke extern verm ittelte E rlebnisgrundlage, sondern m üssen diese über besondere sym bolische R epräsentationen und R ituale selbst erzeugen. D ie G eneration des Sturm und D rang vor der Französischen R evo lu­ tion, das „Junge D eutschland“ im „V orm ärz“ vor 1848, die W andervogelbew e­ gung nach 1871 (vgl. Giesen 1993; 1999), die skeptische G eneration (Schelsky 1957) oder die B eatnikgeneration der N achkriegszeit zw ischen 1950 und 1960, die G eneration der A ussteiger, der Punks und der Yuppies zw ischen 1975 und

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1985 betonten M usik, M ode und Lebensstil als gem einschaftsstiftende und ab­ grenzende Erfahrungen. In einer Lage der „geschichtlichen K adenz“ (Jaide 1988) zw ischen geschichtlichen U m brüchen w ird die Teilnahm e an bestim m ten sub kul­ turellen Jugendbew egungen zur G rundlage der Identität der sogenannten Z w i­ schengenerationen (M annheim 1970). D ie starken U nterschiede in der B ew älti­ gung der gleichen A lterslage verw eisen auf die relative A utonom ie von su b ku ltu ­ reller K om m unikation. Wenn G em einschaftlichkeit stärker auf die E rzeugung von D istinktion als auf die B ew ältigung traum atischer E rinnerungen bezogen ist, dann rücken stilistische A bgrenzungen in den M ittelp un kt und spalten die Ein­ heit der G eneration. D ie D ifferenzen zw ischen unterschiedlichen Subkulturen innerhalb einer G eneration können dam it tendenziell größer sein als die U n ter­ schiede zur vorangehenden G eneration (H ebdige 2001). G leichzeitig w ird die B analisierungsdynam ik von Stilen zum R hythm usgeber der G eneration. Was ge­ stern noch D istinktion sicherte, w ird heute kom m erzialisiert und kann m orgen schon für alle verfügbar sein. G erade die Sym bole der subkulturellen G eneration w erden in einer G esellschaft, die Ju gen d lich keit präm iert, gerne übernom m en (Tenbruck 1965). N ur die sprödesten und - nach M einung der Ä lteren - häßlich ­ sten Stilform en haben eine C hance, sich gegen diese N eigung zum K opieren des N euen zu behaupten. D ie kollektive Identität sub kultureller G enerationen neigt folglich zu einer grundsätzlichen Verachtung der ästhetischen Ideale der Ä lteren: Was diesen als D eform ation erscheint, w ird zum N achw eis des A ußero rden tli­ chen und N euen. A uch hier geht es w iederum vor allem um L eiblichkeit, um H aartracht, um durchbohrte H aut, um Tatoos, um D rogen und D reck. G elegent­ lich w irk t allein schon der D rang auch der Ä lteren, sich ihrerseits von der M ode ihrer Eltern abzusetzen, als K opierschutz. D ie Jüngeren können so ohne R isiko die M ode, die H aartracht, die W ohnstile der G roßeltern w ieder aufnehm en - ih­ ren Eltern erscheint dies als ein ästhetisches D esaster, das man längst überw unden glaubte.

6. D ie soziale K onstruktion der G eneration N icht jede sym bolische R epräsentation ist freilich eine genuine Erfindung der jew eiligen G eneration. N ich t selten greift sie auch auf Form eln und Sym bole z u ­ rück, die ih r ganz absichtsvoll von außen angeboten w erden. An der Schw elle zwischen dem 18. und 19. Jah rh un d ert orientierten sich die G enerationen des Sturm und D rang und der R om antik an literarischen Vorbildern, für das fin de siecle an der Schw elle zum 20. Jah rh un d ert gilt ähnliches (z.B . Langbehn, N ietz­ sche, W ilde), und heute übernehm en Jugen d lich e gerne die Etiketten, die zeit­ diagnostisch am bitionierte Sozialw issenschaftler ihnen (auf unterschiedlichem N iveau) verleihen: von der „skeptischen G eneration“ (Schelsky 1957) über die »kritische G eneration der 68er“ und die „A ussteigergeneration“ zur „no fu tu reG eneration“, zur „G eneration X “, die 89er (L eggew ie 1995), den „C om puter

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K ids“, der „G eneration G olf“ (lilie s 2000) oder schließlich der „G eneration Ber­ lin" (Bude 2001). In jedem Falle aber vollzieht sich das Entstehen einer subkulturellen G eneration nicht als einfache Selbstbestim m ung eines vorgängig existierenden kollektiven A k ­ teurs, sondern als ein kom plexer Prozeß, an dem m ehrere strukturelle Positionen innerhalb und außerhalb einer A lterskohorte beteiligt sind. Zwei U nterscheidun­ gen verdienen in diesem Zusam m enhang erw ähnt zu w erden. D ie erste bezieht sich auf die bekannte W eber’sche U nterscheidung zw ischen Virtuosen und Laien; sie trennt diejenigen, die die G em einsam keit einer G eneration in Literatur, M usik und Lebensentw ürfen sym bolisch artikulieren und exem plarisch repräsentieren, von denjenigen, die diese sym bolischen R epräsentationen übernehm en und kopieren. Besonders überzeugend w irk t dabei, w enn der A utor selbst auch die lebende V erkörperung der sym bolischen R epräsentation ist, die von einer G eneration übernom m en w ird. A ber auch in den Fällen, in denen die sym bolischen R epräsen­ tationen reine E rfindungen sind und ihr E rfinder im H intergrund bleibt, können sich starke Identifikationen einstellen. W eiterhin m üssen die R epräsentanten der G eneration keinesw egs charism atische H eroen, Führer einer B ew egung, Kriegshelden, Genies aus Kunst und L iteratur oder Poprebellen sein - auch Goethes Werther und die gescheiterten und gebrochenen A ntihelden des Existentialism us der N ach kriegszeit repräsentieren eine generationale E rfahrung und luden zu r Iden ti­ fikation ein. Entscheidend für die Identifikation m it einer sym bolischen R epräsen­ tation ist einerseits die M ö glichkeit, durch die sym bolische F igur eigene - wenn auch noch so diffuse - Erlebnisse und Erfahrungen auszudrücken, darstellen und repräsentieren zu können, und andererseits die m ediale V erbreitung dieser sym ­ bolischen D arstellung unter den A ngehörigen einer A ltersgruppe. Sym bolische Repräsentationen treffen nicht auf eine völlig un strukturierte R ezeptionslandschaft, sondern sie verhelfen einem vorhandenen E rlebnishinter­ grund zum A usd ruck und geben diffusen E rfahrungen K ontur (Strauss 1969). G erade aus der Spannung zw ischen dem vorsprachlichen, nach A rtiku latio n d rän ­ genden inneren Erlebnis und der von außen angebotenen sym bolischen Form beziehen sie ihre Chance (C assirer 1972). O b jedoch diese oder eine andere sym ­ bolische R epräsentation einer G eneration einleuchtet und ih r zu r Selbstdarstel­ lung verhilft, entscheidet sich vor allem durch ihre m ediale Z irkulation innerhalb der A ltersgruppe. Sym bolische A ngebote, die nicht verfügbar sind, können nicht angenom m en w erden. A ber die Z irkulatio n der sym bolischen D arstellungen in ­ nerhalb einer A ltersgruppe hat auch noch eine B edeutung, die über die schiere V erfügbarkeit hinausgeht. D ie sym bolische D eutung des eigenen E rlebnishinter­ grundes ist im m er unsicher und am bivalent. In solchen Lagen nicht oder nicht schnell auflösbarer U nsicherheit neigt man dazu, sich an den anderen auszurich ­ ten, die sich in einer ähnlichen Lage befinden. Was zunächst eine eher zufällige K orrespondenz war, kann sich so schnell verbreiten und zu einer allgem ein geteil­ ten sym bolischen D eutung innerhalb einer G eneration führen. D ie zw eite so zialstrukturelle U nterscheidung ergibt sich aus dem V erhält­ nis zw ischen E rfahrung und B eobachtung; sie trennt diejenigen, die Träger einer

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gem einsam en E rfahrung sind, aber sich noch nicht notw endig als G eneration begreifen, von denjenigen, die aus der D istanz, im R ückb lick oder als A ußen ­ stehende diese G em einsam keit als „G eneration“ bezeichnen. N icht selten näm lich w ird eine G eneration nur aus der zeitlichen D istanz, w enn das generations­ stiftende Erlebnis schon längst vergangen und der Ü bergang in die Welt der Er­ wachsenen vollzogen ist, als „G eneration“ beschreibbar. Wer der G em einschaft zugehört, erlebt den neuen H orizont, der durch L eiblichkeitserfahrung, V erände­ rungshoffnung und V ertrauensverlust, aber auch durch Stilbew ußtsein aufgeris­ sen w ird , nicht als eine Variante der W elterfahrung unter vielen anderen, gleich­ falls m öglichen, sondern als einzigartig und unvergleichbar. Im G egensatz dazu erhält die ausdrückliche B ezeichnung einer E rfahrungsgem einschaft als „G enera­ tio n “ einen Zug zur R elativierung und H isto risierun g, der den A ngehörigen der G eneration - im A ugenblick der Form ierung zum indest - frem d ist: M an begreift sich nicht bloß als eine G eneration in einer A bfolge, gegründet in überholbaren und übersteigbaren Erfahrungen, sondern man behauptet für sich eine W eltper­ spektive, die unüberbietbar und unentfrem dbar ist. U m gekehrt läßt die Ü b er­ nahme des E tiketts „G eneration“ durch ihre A ngehörigen auf eine gew isse Schw ächung dieser Selbstcharism atisierung schließen (W interhager-Schm id 2000). In dem G espräch m it den A ngehörigen anderer G enerationen läßt es sich kaum verm eiden, die eigenen Ü berlegenheitsansprüche zurückzunehm en und andere Perspektiven zuzulassen. D am it erw eist sich „G eneration“ schließlich als ein B egriff des intergcnerationalen D ialogs, in dem unentfrem dbare L eib lichkeits­ erfahrungen durch verm ittelbare und verständigungsfähige U nterschiede der P er­ spektiven ersetzt w erden. Die K arriere des Begriffs beginnt, wenn das Erlebnis verblaßt.

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Gerd Hardach

Der Generationenvertrag im 20. Jahrhundert I. G rundlagen des G enerationenvertrags D er B egriff des G enerationenvertrags geht auf den W irtschaftsw issenschaftler W ilfrid Schreiber zurück, der 1955 in der D iskussion über die Reform der öffent­ lichen R entenversicherung einen „Solidar-V ertrag“ zw ischen den G enerationen vorschlug. N ach Schreibers A uffassung hatte die Industrialisierung seit dem 19. Jah rh un d ert zw ar zu einem erheblichen A nstieg des Lebensstandards geführt, aber sie hatte andererseits durch die In dividualisierun g der A rbeit das So lid ari­ tätspotential der Fam ilien verringert. D er V erlust an fam ilialer Solidarität sollte durch einen A usbau der öffentlichen So zialp o litik kom pensiert werden. Fam ilien­ förderung und A lterssicherung standen nach Schreibers These in einem L egitim a­ tionszusam m enhang. M it der F am ilienförderung unterstützt die erw erbstätige G eneration die heranw achsende G eneration, die den G enerationenvertrag fo rt­ setzt, und m it den B eiträgen zur öffentlichen R entenversicherung sorgt sie für die A lten 1. Schreibers „Solidar-V ertrag“ bezog sich auf die intergenerative U m verteilung durch den Sozialstaat. In der aktuellen D iskussion w ird der Begriff des G eneratio­ nenvertrags jedoch w eiter gefaßt und m eint die G esam theit der intergenerativen U m verteilung. D ie N o tw en digkeit des G enerationenvertrags ist zeitlos. Jeder Mensch braucht ein Einkom m en von der G eburt bis zum Tode. A ber nur in der m ittleren Lebensphase ist der M ensch in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Am Anfang und am Ende des Lebens ist er auf frem de H ilfe angew iesen. D er in divi­ duelle Lebenslauf fügt sich daher in die K ontinuität der G enerationen ein. Die mittlere G eneration sorgt m it ihrer E rw erbstätigkeit und ihrer Fam ilientätigkeit für die heranw achsende G eneration, und sie erw artet, im A lter von der erwachsen gewordenen jüngeren G eneration versorgt zu w erden. Die konkrete A usgestal­ tung des G enerationenvertrages unterlag jedoch einem historischen W andel. Der

1 W ilfrid S ch r e ib er , E x isten zsich eru n g in d er in d u strie lle n G esellsch aft. V orsch läge des B u n ­ des K ath o lisch er U n tern eh m e r zu r S o zialre fo rm (K ö ln o. J. [195 5]). A n n e D o h le , D ie S o z ia l­ p o litik leh re W ilfrid S ch reib ers zu r G esetzlich en K ran k en v e rsich eru n g un d zu m F am ilien lasten ausgleich (K öln 1991). E lm a r L ö c k e n h o f f , D ie S o z ia lp o litik le h re W ilfrie d Sch reib ers zu r G esetzlich en R en ten v ersich eru n g un d z u r V erm ö gen sb ild u n g (K ö ln 1990).

G erd H ard ach

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G enerationenvertrag ist kein Vertrag im rechtlichen Sinne, sondern vielm ehr ein A rrangem ent von Rechten und Pflichten, von E rw artungen und Leistungen, mit unterschiedlicher V erbindlichkeit2.

II. Jugend Den K indern, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in D eutschland geboren w urden, pro gn o stizierte m a n 2902 —J 910 eine durchschnittliche Lebenserw artung von 45 Jahren. In diese Prognose gingen nicht die R isiken ein, die durch zw ei Kriege und die staatliche Verfolgung unter der nationalsozialistischen D iktatur entstehen so ll­ ten. In der M itte des Jahrhunderts w ar die durchschnittliche Lebenserw artung in der B undesrepublik D eutschland 1949-1951 auf 67 Jah re gestiegen, in der D eut­ schen D em okratischen R ep ub lik 1952 auf 66 Jahre. Am Ende des 20. Jahrhunderts schätzte man 1997-99 im vereinten D eutschland die durchschnittliche Lebenser­ w artun g bei der G eburt auf 78 Jah re3. D ie w ichtigste U rsache für den A nstieg der L ebenserw artung w ar der R ückgang der K indersterblichkeit. A ber auch in den späteren Jahren w urde ein vorzeitiger Tod seltener. Am Ende des 20. Jahrhunderts erlebten fast alle neugeborenen K inder ihren ersten G eburtstag, und 85% aller N eugeborenen w erden w ahrscheinlich ihren 65. G eburtstag erleben4.

T ab elle 1: Ü b erleb e n sw a h rsc h e in lic h k e it 18 71 -1 9 9 7 (in P ro zen t eines G eb u rten jah rg a n g s)

1871-80 1 9 01-10 1932-34 1949-51 (B R D ) 1952-53 (D D R ) 1 9 97-99

1 Ja h r

15 Jah re

65 Ja h re

77 81 92 94 95 99,5

62 73 89 93 93 99,3

27 40 61 69 71

85

Q u e lle : S tatistisch es B u n d esam t (H rsg .), B e v ö lk e ru n g un d W irtsch aft 1 8 72-19 72 (S tu ttg a rt 1972) 109. S tatistisch es Jah rb u ch fü r d ie B u n d e sre p u b lik D eu tsch lan d 2001, 74. - D ie Ü b e r­ le b e n sw ah rsc h e in lic h k e it g ib t an, w ie v iel P ro ze n t d er N eu geb o ren en v o ra u ssic h tlic h ein A lte r vo n einem Jah r, 15 Jah ren o d er 65 Ja h ren erreich en .

- R u d o l f R i c h t e r , Eirik F u r u b o t n , N eu e In stitu tio n en ö k o n o m ik . E ine E in fü h ru n g un d k r it i­ sche W ü rd ig u n g (T ü b in gen 1999) 1 5 5-160 . 3 S tatistisch es B u n d esam t, B e v ö lk e ru n g u n d W irtsch a ft 18 72-19 72 (S tu ttg a rt 1972) 110. S ta­ tistisch es Ja h rb u c h d er D eu tschen D em o k ratisc h e n R e p u b lik 1990, 428. S tatistisch es J a h r ­ b uch fü r d ie B u n d e sre p u b lik D eu tsch lan d 2001, 74. 4 S tatistisch es Ja h rb u ch B R D 2001, 74.

D er G en eratio n en v ertrag im 20. Ja h rh u n d e rt

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Der A nstieg der Lebenserw artung ließ die Sterberate zurückgehen. Zu Beginn des 20. Jah rh un d erts betrug 1900 die Sterberate noch 2,2% . In der Endphase der W ei­ m arer R ep u b lik hatte sie sich 1930 auf 1,1% halbiert. Seit den 1930er Jahren sta­ gnierte die Sterberate im Trend, unterbrochen durch den Zweiten W eltkrieg m it seinen K onsequenzen und die staatliche Verfolgung. D er A nstieg der Lebens­ erw artun g w urde in seiner W irkung auf die Sterberate durch das A ltern der G esellschaft kom pensiert. Im vereinten D eutschland w ar die Sterberate 1999 m it 1,0% nur w en ig niedriger als am A usgang der W eim arer R ep ub lik5. D ie Jugen d als A usbildungsphase teilte sich zu B eginn des 20. Jahrhunderts für die m eisten K inder und Jugendlichen in eine fam iliale K indheitsphase von un ge­ fähr sechs Jahren D auer und eine kom pakte Schulphase von acht Jahren Dauer. Für die m eisten Jugendlichen begann m it 14 bis 15 Jah ren das A rbeitsleben. N ur w enige Jugendliche schlugen längere A usbildungsw ege in w eiterführenden Schu­ len oder H ochschulen ein. D iese A usb ild un gsstru ktu r galt auch in den A nfangs­ jahren der beiden deutschen Staaten noch als ausreichend für die A nforderungen einer m odernen Industriegesellschaft. In der D eutschen D em okratischen R ep u­ b lik führte die Schulreform von 1965 zu einer V erlängerung der A usb ildun gs­ phase. D ie zehnjährige polytechnische O berschule w urde seitdem zur R egel­ schule. D ie Jugen d lich en traten nach der Schulzeit m it 16 bis 17 Jah ren in die A r­ beitsw elt ein6. D ie vorsichtige ostdeutsche Reform konnte einige Jahre als m odern gelten, w urde dann aber w eit überholt durch die w estdeutsche B ildungsreform der 1970er Jahre. Ein zunehm ender A nteil der Jugendlichen entschied sich seit­ dem für den 13jährigen Schulw eg bis zum A bitur, an den sich oft ein Studium an Fachhochschulen, H ochschulen oder U niversitäten anschloß7. In den 1990er Jahren w ar das traditionelle A lter von 15 Jahren als Zäsur z w i­ schen der Jugendphase und der E rw erbsphase nur noch eine historische R em inis­ zenz. 1995 verließen Jugendliche das allgem einbildende Schulsystem im D urch ­ schnitt in W estdeutschland m it 18 Jah ren , in O stdeutschland m it 17 Jahren. Eine U niversitätsausbildung w urde im D urchschnitt in W estdeutschland m it 29 Jah ren , in O stdeutschland m it 27 Jah ren abgeschlossen8.

3 Statistisches B u n d esam t, B e v ö lk e ru n g u n d W irtsch aft, 10 2-103 . S tatistisch es Jah rb u ch BRD 2001, 68. 6 K a r l- H e i n z G ü n th e r , F ranz H o f m a n n , G e r d F l o b e n d o r f , F le l m u t K ö n i g , H e i n z S c h u f f e n h a u e r (H rsg .), G esch ich te d er E rz ieh u n g (B erlin 1971) 6 2 6 -6 3 8 . 7 P e t e r L u n d g r e n , S o zialg e sc h ich te d er deu tsch en S ch u le im Ü b e rb lic k , 2 B de. (G ö ttin gen 1980-1981). W alter S ch u lz e , C h r i s t o p h Führ, D as S ch u lw esen in d er B u n d e sre p u b lik D eu tsc h ­ land (W ein heim 1973). 8 A lex a n d er R e i n b e r g , M a rk u s H u m m e l , B ild u n g u n d B esch äftigu n g im v e rein ig te n D eu tsc h ­ land, in : B eiträge z u r A rb e itsm a rk t- und B e ru fsfo rsch u n g 22 6 (N ü rn b e rg 1999) 38, 68.

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III. Beruf D ie in stitutio nelle Trennung von B eruf und Fam ilie verschärfte in der k ap italisti­ schen G esellschaft die geschlechtsspezifische D ifferenzierung der Lebenswege, D er m ännliche Standardlcbenslauf setzte sich aus der Jugend als A usb ildun gs­ phase, einer kontinuierlichen E rw erbsphase, die vom Ende der Schulzeit bis in das hohe A lter dauerte, und dem Ruhestand zusam m en. M ädchen und junge Frauen w urden dagegen auf ein Leben vorbereitet, in dem nicht der Beruf, sondern die Fam ilie im V ordergrund stehen sollte. Im A lltag w urde von Frauen nicht u n ­ bedingt erw artet, daß sie nach der H eirat oder nach der G eburt der K inder auf eine E rw erbstätigkeit verzichteten, w ohl aber, daß sie die E rw erbstätigkeit der Fam ilie unterordneten. Wenn M ädchen und Frauen sich für eine E rw erbstätigkeit entschieden, stießen sie auf einen segm entierten A rbeitsm arkt, auf dem ihnen nutw enige B erufe offenstanden. N ach der B erufszählung von 1907, der ersten des 20. Jahrhunderts, stellten Frauen 36% der Beschäftigten. D iese Q uote blieb unter dem Einfluß des b ürger­ lichen Fam ilienm odells bem erkensw ert stabil, sie betrug in der B undesrepublik D eutschland 1970 im m er noch 36% 9. Was sich änderte, w ar nicht der U m fang, sondern die Struktur der w eiblichen B erufstätigkeit. Es gab w eniger B äuerinnen, Landarbeiterinnen, T extilarbeiterinnen und H ausangestellte und mehr A nge­ stellte und B eam tinnen10. N achdem sich die B erufstätigkeit der Frauen als gesellschaftliches L eitb ild und zunehm end auch als L eb en sw irklich keit durchgesetzt hatte, änderte sich die Struktur des A rbeitsm arktes. In der D eutschen D em okratischen R ep ub lik betrug der A nteil der Frauen an den Beschäftigten 1950 bereits 40% und stieg bis 1989 auf 48% . In der B undesrepublik D eutschland stieg der A nteil der Frauen an den B eschäftigten bis 1989 auf 40 % n . N ach der W iedervereinigung nahm in den alten Bundesländern die E rw erbsorientierung der Frauen w eiter zu, w ährend in den neuen Bundesländern die Frauen noch stärker als die M änner von der Transfor­ m ationskrise getroffen w urden. Im M ai 2000 betrug der A nteil der Frauen an den B eschäftigten 4 4 % 12. D ie A ltersstru ktu r der G esellschaft, die D auer der A usbildungsphase, die un ­ terschiedliche E rw erbsbeteiligung von Frauen und M ännern und die E ntw icklung des R uhestandes bestim m ten die E rw erbsquote. Sie drückt den A n teil der E r­ w erbspersonen, zu denen auch die B eschäftigung suchenden A rbeitslosen gehören, an der B evölkerung aus. A m B eginn des 20. Jahrhunderts betrug 1907 die E rw erbsquote 46% der B evölkerung. In der Z w ischenkriegszeit w ar die Er­ w erbsquote w esentlich höher, da nunm ehr die geburtenstarken Jahrgänge aus der 9 S tatistisch es B u n d esam t, B e v ö lk e ru n g u n d W irtsch aft 140. 10 U te F r e v e r t , F rau en -G esch ich te. Z w isch en B ü rg e rlic h e r V erb esserun g un d N e u e r W e ib ­ lic h k e it (F ran k fu rt 1986). A n g elik a W il lm s - H e r g e t , F rau en arb e it. Z u r In te g ratio n von F rau en in den A rb e itsm a rk t (F ra n k fu rt 1985). 11 S tatistisch es Ja h rb u c h D D R 1990, 1, 17; S tatistisc h e s Ja h rb u c h B R D 1990, 96. 12 S tatistisch es Ja h rb u ch B R D 2001, 106.

D er G en eratio n en v ertrag im 20. Ja h rh u n d e rt

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Zeit der Jah rh un dertw en de in das E rw erbsalter gekom m en waren. 1925 betrug die E rw erbsquote 51% , und 1939 w ar sie sogar, bezogen auf das alte R eichsgebiet, auf 52% gestiegen 13. In den W iederaufbau)ahren w ar die E rw erbsquote in allen vier B esatzungszo­ nen erstaunlich gering. Das lag zum einen an der D esorganisation der W irtschaft, zum anderen an einer geringen E rw erbsneigung der Bevölkerung. Das populäre B ild der „Trüm m erfrauen“ täuscht. M it den „Trüm m erfrauen“ w aren die Frauen gem eint, die in den zerstörten Städten, vor allem in B erlin, den K riegssehutt w eg­ räum ten. T raditionell beschäftigte die B auw irtschaft w enig Frauen, deshalb fielen die neuen B auarbeiterinnen um so mehr auf. A ber ihre Zahl fiel statistisch im Ver­ hältnis zur G esam tzahl der Beschäftigten nicht ins G ew icht14. A uch nach der doppelten Staatsgründung w ar die E rw erbsbeteiligung zunächst noch gering. 1950 betrug die E rw erbsquote in W estdeutschland 46% , in O stdeutschland sogar nur 4 1 % 15. Seitdem teilte sich die E ntw icklung. In W estdeutschland ging die E rw erbs­ quote bis 1970 durch die dem ographischen Veränderungen und den R ückgang der A ltersarb eit auf 44% zurück. D anach stieg sie aufgrund der stärkeren E r­ w erbsbeteiligung der Frauen bis 1989 auf 49% an. In O stdeutschland ließ die z u ­ nehmende E rw erbsbeteiligung der Frauen die E rw erbsquote bis 1989 auf 53% steigen16. Im vereinten D eutschland nahm in den alten Bundesländern die E r­ w erbsorientierung w eiter zu, w ährend in den neuen Bundesländern die A rbeitsm arktkrise zu einem deutlichen R ückgang der E rw erbsorientierung führte. Ins­ gesamt schlugen sich die unterschiedlichen E ntw icklungen 2000 in einer E r­ w erbsquote von 49% n ied er17. W ichtig w ar nicht nur die H öhe der E rw erbsquote, sondern mehr noch der B e­ schäftigungsgrad. In der Zeit der W eim arer R ep ub lik, in der alten B undesrepublik D eutschland seit der Krise von 1974-75 und in der neuen B undesrepublik D eutschland w urd e die hohe E rw erbsquote durch die persistente A rb eitslo sigkeit kom pensiert. Das Produktionspotential, das sich in W estdeutschland seit den 1970er Jahren aus der zunehm enden E rw erbsorientierung der Frauen ergab und das im vereinten D eutschland in den 1990er Jahren bestand, w urde aufgrund des restriktiven A rbeitsm arktes nur un zulän glich genutzt. In der aktuellen Situation wäre für die Stabilität des G enerationenvertrages viel gew onnen, w enn die A r­ beitslosigkeit reduziert und die B erufstätigkeit von Frauen gefördert w ü rd e18.

13 S tatistisch es B u n d esam t, B e v ö lk e ru n g und W irtsch aft 140. 14 C h a r l o t t e A rn o ld , D er A rb e itsm a rk t in den B esatzu n g szo n e n , in: D eutsches In stitu t fü r W irtsch aftsfo rsc h u n g (H rs g .), W irtsch aftsp ro b le m e d e r B e satzu n g szo n e n (B erlin 1948). 15 S tatistisch es B u n d esam t, B ev ö lk eru n g u n d W irtsch aft, 140. S tatistisch es Ja h rb u c h d er D D R 1990, 1, 17. 16 S tatistisch es Ja h rb u c h B R D 1990, 43, 96. S tatistisch es Ja h rb u ch d er D D R 1990, 1 ,1 7 . 17 S tatistisch es Ja h rb u ch B R D 2001, 102. 18 G e r d H a r d a c h , D er G en eratio n en v ertrag in d er A rb e itsm a rk tk rise , in: K a i E icker-W olf, R alf K ä p e n ik , T orsten N iec h o y , S a b in e R e in er , J e n s W eiß (H rs g .), D ie arb eitslo se G esellsch aft und ih r S o z ia lstaa t (M a rb u rg 1998).

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G erd H ard ach

D er Ü bergang von der extensiven z u r intensiven A rb eit hat die Stabilität des G enerationenvertrages im 20. Jah rh un d ert w esentlich verbessert. D ie Friedens­ jahre des K aiserreichs w aren eine lange w irtschaftliche Expansionsphase. Das reale N etto so zialpro dukt je E inw ohner nahm von 1872 bis 1913 m it einer d urch ­ schnittlichen jährlichen W achstum srate von 1,3% z u 19. In den A nfangsjahren der W eim arer R ep ub lik stand die W irtschaft im Schatten der Inflation, die m it der K riegsfinanzierung begonnen hatte und sich in der N ach kriegszeit rasch beschleunigte, und ihren Folgen. 1924 trat die deutsche W irtschaft in die Phase der relativen Stabilisierung ein. 1927 üb ertraf das reale N etto so zialpro d ukt je Einw ohner erstm als das V orkriegsniveau von 1913. Bald d arauf w urd e die Expansion durch die W eltw irtschaftskrise von 1929-33 un ter­ brochen. Von 1929 bis 1932 ging das reale N etto so zialpro dukt je Einw ohner um 20% zurück20. D ie nationalsozialistische D iktatu r w arb 1933-34 m it einer aktiven K onjunk­ tu rp o litik um die U nterstützun g der B evölkerung. N ach den großen K onjunktur­ program m en der A nfangsjahre prägte seit 1935 die A ufrüstung die w irtschaftliche E ntw icklung. D urch den m assiven R üstungsboom lag das reale N etto so zialpro ­ d ukt je E inw ohner 1938 um 46% über dem N iveau von 192921. W enn m an die A ugen vor der G ew alt, vor der V erfolgung der Juden und anderer M inderheiten und vor der K riegsvorbereitung verschloß, konnte man an einen w irtschaftlichen A ufschw ung glauben22. D er W iederaufbau im geteilten D eutschland kam zunächst nur langsam voran. In W estdeutschland beschleunigten die R eform en des Jahres 1948, die W äh ru ngs­ reform , die W irtschaftsreform und das E uropäische W iederaufbauprogram m , den W iederaufbau. In der B undesrepublik D eutschland übertraf 1953 das reale N etto ­ so zialp ro d ukt pro Kopf der B evölkerung erstm als das V orkriegsniveau von 193823. Seitdem ging der W iederaufbau ohne Bruch in eine beispiellose W achs­ tum sphase über. D ie Jahre von 1950 bis 1973 gelten im R ückb lick in der B undes­ rep ub lik D eutschland, aber auch in anderen en tw ickelten kapitalistischen L än ­ dern, als das „goldene Z eitalter“ des w irtschaftlichen W achstum s24. Das reale B rutto in lan d spro d ukt je E inw ohner nahm in W estdeutschland von 1950 bis 1973 im D urchschnitt um 4,9% im Jah r zu25. 19 W a lth e r G. H o f f m a n n , F ranz G r u m b a c h , H e l m u t F lesse, D as W ach stu m d er d eu tsch en W irtsch a ft seit d er M itte des 19. Ja h rh u n d e rts (B erlin 1965) 172-174, 82 7-828 . 20 H o f f m a n n , G r u m b a c h , F lesse, D as W ach stu m d e r deu tsch en W irtsch aft 1 7 2-174 , 82 7 -8 2 8 . 21 H o f f m a n n , G r u m b a c h , H e s se , D as W ach stu m d er deu tsch en W irtsch aft 172-174, 82 7 -8 2 8 . 22 C h r i s to p h B u c h h e i m , D ie W irtsc h a ftse n tw ic k lu n g im D ritte n R eich - m eh r D esaster als W u n d er, in: V ierte ljah rsh e fte fü r Z e itgesch ich te 49 (2001). 23 H o f f m a n n , G r u m b a c h , H esse, D as W ach stu m d er d eu tsch en W irtsch aft 17 2-174 , 82 7 -8 2 8 . 24 W e n d y C arlin, W est G erm an g ro w th and in stitu tio n s, 1945-90, in: N ich o la s C ra fts, G i a n n i T o n io lo (H rsg .), E con o m ic g ro w th in E u ro p e sin ce 1945 (C a m b rid g e 1996). N. F. R. C ra fts, T h e go ld en age of econ o m ic g ro w th in W estern E u ro p e, 1950-19 73, in : E con o m ic H is to r y R e v ie w 48 (1995). L u d g e r Lin dla r, D as m iß v erstan d en e W irtsch aftsw u n d er. W est­ d eu tsc h lan d u n d d ie w esteu ro p äisch e N a c h k rie g sp ro sp e ritä t (T ü b in gen 1997). 25 S tatistisch es Jah rb u ch B R D 2001, 44, 655.

D er G en eratio n en v ertrag im 20. Ja h rh u n d e rt

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D ie K rise von 1974-75 w ar in der B undesrepublik D eutschland nicht nur ein z yk lisch er A bschw ung, sondern auch eine historische Zäsur. A uf die exzeptio­ nelle W achstum sphase folgte eine neue A ra mit deutlich schwächerem W irt­ schaftsw achstum . Die W achstum srate des realen B ruttoinlandsprodukts je Ein­ w ohner ging in der w estdeutschen W irtschaft in der Periode von 1973 bis 1989 im D urchschnitt auf 2,0% im Jah r zurück26. Die W achstum srate w ar im langfristigen historischen V ergleich im m er noch beachtlich. Das W achstum reichte aber nicht m ehr aus, um V ollbeschäftigung zu gew ährleisten. M it der A bschw ächung des w irtschaftlichen "Wachstums begann daher die bis heute anhaltende A rbeitsm arktkrise27. In der ostdeutschen W irtschaft hätten die hohe E rw erbsquote und die Vollbe­ schäftigung die Stabilität des G enerationenvertrages stärken sollen. Dem stand aber entgegen, daß das A rbeitspotential im V ergleich zur w estdeutschen W irt­ schaft w eniger effizient genutzt w urde. D ie quantitative D im ension der w irt­ schaftlichen E ntw icklung in der D eutschen D em okratischen R ep ub lik ist im m er noch um stritten, da die zeitgenössischen Statistiken unzulänglich sind. N ach einer Schätzung von A lbert Ritschl betrug die durchschnittliche W achstum srate des realen Pro-K opf-E inkom m ens in der ostdeutschen W irtschaft in der Zeit von 1950 bis 1973 ungefähr 3,2% . Seit den 1970er Jahren verlangsam te sich das W achstum stem po, und von 1973 bis 1989 betrug die durchschnittliche W achs­ tum srate des realen Pro-K opf-E inkom m ens nur noch ungefähr 1,3%. D ie P ro ­ duktivität der ostdeutschen W irtschaft erreichte am Vorabend der W iederver­ einigung, von Jan uar bis Septem ber 1990, ungefähr 40% des w estdeutschen N i­ veaus28. Die W iedervereinigung löste in der w estdeutschen W irtschaft durch die z u sätz­ liche N achfrage aus den neuen B undesländern einen ku rzfristigen A ufschw ung aus. B ereits 1993 endete dieser Boom jedoch. In den neuen Bundesländern führte unterdessen die Transform ationskrise zu einem dram atischen R ückgang von B e­ schäftigung und Produktion. Insgesam t schw ächte sich im vereinten D eutschland das w irtschaftliche W achstum im V ergleich zur alten B undesrepublik deutlich ab. Von 1991 bis 1999 nahm das reale B ruttoinlandsprodukt je Einw ohner im D urch­ schnitt nur um 1,0% im Jah r zu29. D eutschland w ar auch am Ende des 20. Jahrhunderts kein arm es Land. Das reale N etto so zialpro dukt je Einw ohner w ar in der B undesrepublik D eutschland 1950 um 47% höher als 1900 im D eutschen R eich30. A m Ende der alten B undes­ 26 S tatistisch es Jah rb u ch B R D 1992, 50, 655. 27 J a n P r i e m e , P ersisten te A rb e itslo sig k e it in D eu tsch lan d - n eo k lassisch e versus k e y n e sia n isehe E rk lä ru n g e n un d P o litik o p tio n e n , in: K a i E ick er-W olf, R a lf K ä p e rn ick , T orsten N iee h o j, S a b in e R e in er, J e n s W eiß (H rsg .), D ie arb eitslo se G esellsch aft u n d ih r S o z ialstaa t (M a rb u rg 1998). 28 A lbert R itschl, A u fstie g und N ied e rg a n g d er W irtsch a ft d er D D R : E in Z ah len b ild 1945— 1989, in: Ja h rb u c h fü r W irtsch aftsg esch ich te (1995/11.). 29 S tatistisch es Ja h rb u ch B R D 2001, 44, 655. 30 H o f f m a n n , G r u m b a c h , Eiesse, D as W ach stu m d er d eu tsch en W irtsch aft 172—174, 8 2 7-828 .

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G erd I ia r d a c h

rep ub lik D eutschland erreichte 1989 das reale B ruttoinlandsprodukt je E inw oh­ ner 450% des N iveaus von 1950, im vereinten D eutschland lag es 1999 um 9% über dem N iveau von 199131. D ie A bschw ächung des W irtschaftsw achstum s führte im späten 20. Jah rh un dert jedoch zu einer persistenten A rb eitslo sigkeit und engte den V erteilungsspielraum des G enerationenvertrages ein.

IV. Fam ilie D er G enerationenvertrag beruhte seit jeher auf der K ontinuität der Fam ilien. A uch zu B eginn des 20. Jahrhunderts w ar die Fam ilie noch eine selbstverständ­ liche Lebensform . D ie meisten M enschen heirateten, und eine Ehe führte im all­ gem einen auch zur Fam iliengründung. Seit dem späten 19. Jahrhundert ging die Zahl der K inder in den Fam ilien jedoch zurück. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten die Fam ilien im D urchschnitt vier bis fünf Kinder, in der W eim arer R ep u­ blik w aren es zw ei bis drei Kinder. D er Trend zu r K leinfam ilie zeigte regionale und schichtspezifische U nterschiede. Städtische F am ilien hatten w en iger K inder als ländliche Fam ilien, bürgerlicher F am ilien hatten w en iger K inder als A rb eiter­ fam ilien, und innerhalb der A rbeiterklasse hatten Facharbeiterfam ilien w eniger K inder als die Fam ilien der ungelernten A rb eiter32. Da die Fam ilien w en iger K in­ der hatten, ging die G eburtenrate zurück. 1876 w ar die G eburtenrate m it 4,1% noch sehr hoch, 1900 w ar sie auf 3,6% zurückgegangen, und im letzten Friedens­ jahr 1913 betrug sie 2,8% 33. U m 1910 setzte in D eutschland eine öffentliche D is­ kussion über den R ückgang der G eburtenrate ein. Für die K onservativen w ar die V erstädterung die U rsache des G eburtenrückgangs, für das Zentrum w ar die ab­ nehm ende R eligio sität der entscheidende G rund, w ährend aus der Sicht der So zi­ aldem okratie die w irtschaftliche N ot die w ichtigste U rsache w ar34. In den 1920er Jahren setzte sich der G eburtenrückgang fort. 1929 w ar die G e­ burtenrate auf 1,8% zurückgegangen. Seit den 1930er Jahren stabilisierte sich die G eburtenrate m it kurzfristigen Fluktuationen. 1965 betrug die G eburtenrate in der B undesrepublik 1,8% , in der D eutschen D em okratischen R epublik 1,4% . D er Trend zur K leinfam ilie w ird oft als eine R eaktion auf die Stabilisierung der Lebenszeit interpretiert. Da die K indersterblichkeit zurückgin g, reichten w eniger G eburten, um die K ontinuität der F am ilie zu gew ährleisten. H in zu kam en aber auch G ründe w ie die zunehm ende In dividualisierun g der G esellschaft und die w irtschaftliche B elastung der Fam ilien35. Joseph Schum peter hat auf den W erte­ w andel und seine K onsequenzen für die Institution der Fam ilie hingew iesen. Sobald M änner und Frauen die „utilitaristische L ektio n “ gelernt hatten, m einte 31 S tatistisch es Ja h rb u ch B R D 2001, 44, 655. 32 J o h n K n o d e l , T h e d eclin e of f e r tility in G erm an y, 18 71-19 93 (P rin ceto n 1979). 33 S tatistisch es B u n d esam t, B e v ö lk e ru n g u n d W irtsch aft 101. 34 C h r i s t i a n e D ie n e l, K in d erzah l un d S taatsräso n . E m p fän gn isv erh ü tu n g un d B e v ö lk e ru n g s­ p o litik in D eu tsch lan d un d F ran k re ic h b is 1918 (M ü n ste r 1995). 35 R e i n h a r d S ied er, S o zialgesch ich te d er F a m ilie (F ra n k fu rt 1987).

D er G en eratio n en v ertrag im 20. Ja h rh u n d e rt

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Schum peter, und sobald sie anfingen, die individuellen Vorteile und N achteile ihres H andelns abzuw ägen, m ußte ihnen deutlich w erden, daß der A ufw and für die K indererziehung sich im w irtschaftlichen Sinne nicht lohnte36. Seit der M itte der 1960er Jahre ging in beiden deutschen G esellschaften die B e­ deutung der Fam ilie als Lebensm odell zurück. Von einer Krise der Fam ilie zu sprechen, w ie es seitdem oft geschieht, ist übertrieben. A ber die Fam ilie trat z u ­ nehm end in K onkurrenz m it anderen Lebensform en. Im m er m ehr Frauen und M änner entschieden sich für ein Leben ohne K inder37. D er Fünfte F am ilienbe­ richt konstatierte 1994 eine „größere V ielfalt der Lebensform en und Lebens­ stile“38. D ie G ründe für die A bw endung von der Fam ilie w erden inzw ischen intensiv diskutiert. A n erster Stelle steht das V ereinbarkeitsproblem . E rw erbstätigkeit und Fam ilien tätigkeit w aren und sind schw er zu vereinbaren. In der D eutschen D e­ m okratischen R ep ub lik versuchte die P o litik seit den 1970er Jahren, durch den A usbau der öffentlichen K inderbetreuung, F lexib ilisierun g der A rbeit und andere Instrum ente die V ereinbarkeit von B eruf und Fam ilie zu verbessern. Das hat w ahrscheinlich, zusam m en m it der Fam ilienförderung, zur Stabilisierung der G e­ burtenrate beigetragen. D ie B undesrepublik D eutschland folgte seit den 1980er Jahren m it Instrum enten w ie E rziehungsurlaub und E rziehungsgeld, A usbau der K inderbetreuung und R eintegrationshilfen zum W iedereinstieg in den B eruf nach einer Fam ilienphase. A llm ählich entstand im Schnittpunkt von F am ilien po litik und A rb eitsm arktp o litik eine neue V ereinbarkeitspolitik, aber der Erfolg ist bis­ her eher bescheiden39. Der zw eite G rund für die sinkende A ttraktivität der Fam ilie ist die finanzielle B elastung der Fam ilien. Sie besteht nicht nur in dem A ufw and für Kinder, sondern auch in den O pportunitätskosten, die aus der E inschränkung der E rw erbstätigkeit resultieren40. D ie F inanzierung der Z ukunftsinvestitionen blieb im 20. Jah rh u n ­ dert überw iegend den Fam ilien überlassen. D er Staat beteiligte sich an den Kosten für die heranw achsende G eneration vor allem durch die F inanzierung des B il­ dungswesens. In Preußen und einigen anderen B undesstaaten w urden Fam ilien 36 J o s e p h A. S c h u m p e t e r , K ap italism u s, S o zialism u s un d D em o k ratie (1952) (M ü n ch en 1975) 25 4-255 . 37 F r a n z - X a v e r K a u f m a n n , Z u k u n ft d e r F am ilie im verein ten D eu tsch lan d . G esellsch aftli­ che und p o litisch e B e d in g u n g en (M ü n ch en 1995). 38 B u n d e sm in isteriu m fü r F am ilie un d S en io ren (H rsg .), F am ilien u n d F a m ilie n p o litik im geeinten D eu tsch lan d - Z u k u n ft des H u m an v erm ö gen s. F ü n fter F a m ilien b eric h t (B onn 1994) 18. 39 C h ristin e A m e n d - W e g m a n n , V ere in b ark e itsp o litik in D eu tsch lan d (H a m b u rg 2003). 40 G a r y S. B e ck e r, F am ilie, G esellsch aft u n d P o litik - D ie ö k o n o m isch e P ersp ek tiv e (T ü b in ­ gen 1996). N o t b u r g a O tt, D er fa m ilie n ö k o n o m isc h e A n sa tz von G a ry S. Becker, in : I n g o Pies, M artin L e s c h k e (H rsg .), G a ry B eckers ö k o n o m isc h e r Im p erialism u s (T ü b in gen 1998). Dies., Z um R atio n a lv e rh a lte n fa m ilia le r E n tsch eid u n gen , in: C la u d ia B o rn , H e l g a K r ü g e r (H rsg.), E rw erb sv erläu fe vo n E h ep artnern u n d die M o d ern isie ru n g w e ib lic h e r L eb en släu fe (W einheim 1993). M a r i e - L o r e S chilp, „ Ö k o n o m ik d er F a m ilie “ - R eich w eite u n d B egren ­ zungen des ö k o n o m isch en A n satzes zu r E rk lä ru n g fa m ilia le n V erh alten s (K refeld 1984).

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G erd H ard ach

bei der E inkom m ensteuer begünstigt. A uch bei der E inführung der R eichsein­ kom m ensteuer im Jah re 1920 gab es eine Steuerbegünstigung für Fam ilien. D er U m fang dieser indirekten Förderung w ar jedoch gering41. Ein K indergeld als staatliche Subvention für kinderreiche Fam ilien w urde unter der nationalsozialistischen D iktatur 1935 als Instrum ent der rassistischen B evöl­ keru ngspo litik eingeführt. Das K indergeld w urde zunächst nur zur Entlastung großer Fam ilien für das fünfte und alle w eiteren K inder gezahlt, später w urde es auf das vierte Kind und dann auf das d ritte Kind ausgedehnt42. Seit der Zeit der deutschen T eilung entstanden in W estdeutschland und O st­ deutschland unterschiedliche System e der Fam ilienförderung. In W estdeutsch­ land w urd e 1954 w ied er ein K indergeld für kinderreiche Fam ilien eingeführt. D a­ m it kehrte man zum dualen System der F am ilienförderung durch Steuerbegünsti­ gungen und direkte Subventionen zu rü ck43. D ie sozialdem okratische R egierung führte 1974 eine R eform der F am ilienförderung durch. D ie duale F am ilienförde­ rung w urd e durch ein einheitliches K indergeld ersetzt, das für jedes Kind gezahlt w urde, nicht nur an kinderreiche F am ilien44. Das neue System baute zw ar die schichtspezifischen U nterschiede ab, die sich aus der Steuerbegünstigung ergaben, aber die E rhöhung des K indergeldes glich insgesam t den A usfall der indirekten Förderung nicht aus. D ie Kosten für die heranw achsende G eneration w urden w ied er stärker auf die Fam ilien überw älzt. U nter der konservativen R egierung kehrte man 1985 zu dem dualen System der F am ilienförderung zurück. In der D eutschen D em okratischen R ep ub lik w urde 1958 ein K inderzuschlag zum E inkom m en eingeführt. 1975 w urden der K inderzuschlag und andere fam i­ lienpolitische Leistungen zu einem staatlichen K indergeld zusam m engefaßt. Das K indergeld w urd e 1987 deutlich erhöht. Seit 1990 galt das w estdeutsche System der dualen F am ilienförderung für das gesam te D eutschland45. M it der R eform von 1996 w urde den Fam ilien eine W ahlm öglichkeit zw ischen K indergeld und Steuerbegünstigung eingeräum t. F ür die m eisten Fam ilien w ar das K indergeld günstiger, erst bei relativ hohen Einkom m en w urde die Steuerbe­ günstigung vorteilhaft. Der F am ilienleistungsausgleich sollte künftig an die Ent­ w icklun g der L ebenshaltungskosten angepaßt w erden46. Trotz des A usbaus der F am ilienförderung w urden die Aufwendungen für die heranw achsende G eneration auch im ausgehenden 20. Jah rh un dert vor allem von den Fam ilien getragen. D er U nterh alt der K inder und Jugendlichen w urde 1992 in einem durchschnittlichen A rbeitnehm erhaushalt m it zw ei K indern in W est­ 41 E in k o m m en steu erg esetz, 20. M ä rz 1920. R G B l. 1920 I, 35 9 -3 7 8 . 42 J o h a n n e s F re rich , M a rtin Frey, H an d b u ch d er G esch ich te d er S o z ia lp o litik in D eu tsch lan d B d. 1 (M ü n ch en 1996) 31 5 -3 2 0 . 43 K l a u s - J ö r g R u b i , V ero rd n cte U n te ro rd n u n g . B e ru fstä tig e F rau en zw isch en W irtsch a fts­ w ach stu m un d k o n se rv ativ e r Id eo lo gie in d e r N a c h k rie g sz e it 1945-1963 (M ü n ch en 1994). 44 G esetz zu r R efo rm d e r E in k o m m en steu er, des F am ilien lasten au sg le ic h s un d d er S p a rfö r­ d eru n g (E S tR G ) 5. A u g u st 1974. B u n d e sg esetzb la tt (B G B l.) 1974 I, 1769-1855. 45 J o h a n n e s F rerich , M a rtin Frey, H an d b u ch d er G esch ich te d er S o z ia lp o litik in D eu tsc h ­ lan d , B d. 2 (M ü n ch en 1996) 405—422. 46 M ax W in ge n , F a m ilie n p o litik . G ru n d lag e n u n d a k tu e lle P ro b lem e (B o n n 1997).

D er G en eratio n en v ertrag im 20. Ja h rh u n d e rt

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deutschland zu 62% durch fam iliale Transferleistungen finanziert. In O stdeutsch­ land betrug aufgrund der niedrigen Einkom m en und der relativ hohen öffentli­ chen T ransferleistungen der B eitrag der Fam ilien 48 % 47. W enn man den Z eitauf­ wand für die B etreuung der K inder berücksichtigt, w urde im gesam tdeutschen D urchschnitt der A ufw and für die heranw achsende G eneration zu ungefähr 75% von den Fam ilien getragen48. Ein Indikator für die finanzielle Belastung der Fam i­ lien ist auch, daß in den 1990er Jahren Fam ilien m it heranw achsenden K indern im V ergleich zu kinderlosen H aushalten im D urchschnitt pro Person eine W ohl­ standseinbuße von ungefähr 50% hinzunehm en hatten49. Ein d ritter G rund für die A bw endung von der F am ilie liegt darin, daß die So­ z ialp o litik selbst zur D iskrim inierung der Fam ilien beiträgt. Eltern, die m it der Sorge für die heranw achsende G eneration die K ontinuität des G enerationenver­ trages gew ährleisten, w erden in der A ltersversorgung benachteiligt, da die So zial­ versicherungsrenten aus der E rw erbstätigkeit abgeleitet w erden. N ach einer Ent­ scheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jah r 1992 bew egte sich die A usgestaltung des G enerationenvertrages dam als am R ande der L egalität. Der G esetzgeber sei zw ar nicht verpflichtet, die generativen Leistungen der Fam ilien in vollem U m fang den m onetären Leistungen der B eitragszahler gleichzusetzen. Er m üsse jedoch „in w eiterem U m fang als bish er“ den M angel des R enten­ system s, der in der B enachteiligung der Fam ilien liege, ausgleichen50. 1996 betonte das B undesverfassungsgericht erneut, daß die So zialpo litik m ehr als bisher die „G arantiefunktion“ der K indererziehung für den G enerationenvertrag berück­ sichtigen m üsse51. D ie P lu ralisierun g der Lebensform en hatte zu r Folge, daß nach einer Stabilität von ungefähr 30 Jahren in der M itte der 1960er Jah re in beiden deutschen G esell­ schaften ein neuer G eburtenrückgang einsetzte. In W estdeutschland ging die G eburtenrate bis 1989 auf 1,0% zurück. Da die Sterbeziffer mit leichten F lu ktu a­ tionen stagnierte, schlug der G eburtenüberschuß seit den 1970er Jahren in ein G eburtendefizit um 52. In der ostdeutschen G esellschaft stabilisierte die G ebur­ tenrate sich in den 1980er Jahren. 1989 betrug die G eburtenrate 1,2% 53. In den 1990er Jah ren verlangsam te sich in W estdeutschland der G eburtenrück­ gang. In O stdeutschland dagegen führte die w irtschaftliche U nsicherheit zu einer starken A bnahm e der G eburten. Im gesam tdeutschen D urchschnitt betrug 1999 die G eburtenrate nur noch 0,9% 54. A ngesichts des G eburtendefizits erinnerte der Fünfte F am ilienbericht 1994 an die B edeutung der sozialen K ontinuität: „Jede 47 J u l i a n e R o l o f f , F am ilien e in k o m m en , K in d erk o sten u n d d eren E in flu ß au f g e n erativ e Verlialten sen tsch eid u n gen (M ate ria lien z u r B e v ö lk e ru n g sw isse n sc h aft 82 d, W iesb aden 1996). 48 'Wingert, F a m ilie n p o litik 186. 49 K a u f m a n n , Z u k u n ft d er F a m ilie 115. -'HJ E n tsch eid u n gen des B u n d esv erfassu n gsgerich ts (B V erfG E ) 87, 1-48. BV erfG E 94, 2 4 1 -2 6 7 . 1,2 S tatistisch es B u n d esam t, B e v ö lk e ru n g u n d W irtsch aft 103. S tatistisch es la h rb u c h BR D 1992, 74. 33 S tatistisch es Ja h rb u c h D D R 1990, 4 0 4 -4 0 5 . 34 S tatistisch es Ja h rb u c h B R D 2001, 68.

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G esellschaft ist d arauf angew iesen, daß neue G enerationen nachwachsen und ihre w esentlichen ku lturellen , technischen und ökonom ischen Errungenschaften übernehm en und w eiteren tw ickeln .“55 D urch den R ückgang der G eburtenrate schw ächte sich das B evölkerungs­ w achstum langfristig ab. In der Zeit des K aiserreichs stieg von 1871 bis 1913 die B evölkerung von 41 M illionen auf 67 M illionen. D ie W eim arer R epublik hatte 1919 nach den vielen Toten des W eltkriegs und den G ebietsabtretungen 63 M illio ­ nen Einwohner. In den 1930er Jah ren w uchs die B evölkerung über den V orkriegs­ stand hinaus, und 1938 hatte D eutschland in den alten G renzen 69 M illionen Ein­ wohner. 1950 entsprach die B evölkerung in beiden Teilstaaten zusam m en trotz des erheblich reduzierten G ebiets dem Stand von 1913. D ie B undesrepublik D eutschland hatte 50 M illionen Einwohner, die D eutsche D em okratische R ep u­ b lik 17 M illionen. D ie w estdeutsche B evölkerung stieg bis 1972 auf 62 M illionen und blieb seitdem konstant. D ie ostdeutsche B evölkerung blieb bis 1989 unverän­ dert bei 17 M illionen. Das vereinte D eutschland hatte 1991 eine B evölkerung von 80 M illionen. Das G eburtendefizit h ielt im vereinten D eutschland an, es w urde aber durch die E inw anderung kom pensiert. Bis 1999 stieg die E inw ohnerzahl auf 82 M illio n en 56. W enn die gegenw ärtigen dem ographischen Strukturen und Trends sich in D eutschland in der Z ukunft fortsetzen, könnte nach neueren Prognosen die B evölkerung bis 2030 auf 77 M illionen E inw ohner zurückgehen57. In einem dicht besiedelten Land w ie D eutschland kann man der dem ographi­ schen Stagnation durchaus positive A spekte abgew innen. 1900 lebten im D eut­ schen R eich 104 Personen je Q uadratkilom eter, 1999 w ar die B evölkerungsdichte im vereinten D eutschland auf 230 Personen je Q uadratkilom eter gestiegen58. Das dem ographische Problem w ar und ist nicht die B evölkerungszahl, sondern die A ltersstru ktu r der B evölkerung59. Zu B eginn des 20. Jahrhunderts w ar die d eu t­ sche G esellschaft aufgrund der noch relativ hohen G eburtenrate und niedrigen Lebenserw artung ausgesprochen jugendlich. Seitdem ließen der R ückgang der G eburtenrate und die Stabilisierung der L ebenszeit die deutsche G esellschaft altern. Von 1900 bis 1999 ging der A nteil der Jugendgeneration unter 15 Jahren an der B evölkerung von 35% auf 15% zurück, w ährend der A nteil der R uh e­ standsgeneration ab 65 Jahren von 5% auf 16% anstieg. Schon in den 80er Jahren w urde gew arnt, die B undesrepublik D eutschland w erde eine „ergraute G esell­ schaft“60.

55 B u n d e sm in isteriu m fü r F am ilie u n d S en io ren , F ü n fter F am ilien b eric h t 34. 56 S tatistisch es Ja h rb u ch B R D 2001, 44. 57 K i m r a d E ck erle, T h o m a s O cz ip k a , A u sw irk u n g e n v e rän d e rter ö k o n o m isc h e r u n d re c h tli­ ch er R ah m en b e d in g u n g e n au f d ie g e se tzlic h e R en te n v ersic h e ru n g in D eu tsch lan d . P ro gn o sG u tach ten 1998 (F ra n k fu rt 1998) 35. 5S S tatistisch es B u n d esam t, B e v ö lk e ru n g u n d W irtsch aft 90. S tatistisch es fah rb u ch B R D 2 0 0 1 ,4 4 . 59 H e r w i g B i r g , D ie d em o grap h isch e Z eiten w en d e. D er B e v ö lk e ru n g srü c k g a n g in D eu tsc h ­ lan d u n d E u ro p a (M ü n ch en 2001). 60 D eu tsches Z en tru m fü r A ltern sfrag en (H rsg .), D ie erg rau te G esellsch aft (B erlin 1987).

D er G en eratio n en v o rtrag im 20. Ja h rh u n d e rt

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T ab elle 2: D ie A lte rs s tru k tu r d er deu tsch en G esellsch aft 19 00-19 99 (P ro zen t)

1900 1925 1970 (B R D ) 1970 (D D R ) 1999

bis 14 Jah re

15-64 Jah re

ab 65 Jah re

35 26 23 23 15

60 68 64 61 69

5 6 13 16 16

Q u e lle : S tatistisc h e s B u n d esam t, B e v ö lk e ru n g u n d W irtsch aft 18 72-19 72 (S tu ttg a rt 1972) 95. S tatistisch es Ja h rb u ch d er D eu tsch en D em o k ratisc h e n R e p u b lik 1990, 392. S tatistisch es Jah rb u ch fü r d ie B u n d e sre p u b lik D eu tsch lan d 2001, 58.

Bereits in der Zeit der W eim arer R ep ub lik w urden die A usw irkungen der de­ m ographischen Veränderungen auf die intergenerative U m verteilung diskutiert. W enn w en iger K inder geboren w urd en und gleichzeitig die Lebenserw artung stieg, m ußte die erw erbstätige G eneration auf die D auer eine wachsende Zahl von R entnern und R entnerinnen unterstützen61. A ngesichts der Stabilisierung der Ge­ burtenrate ließen die Befürchtungen über ein A ltern der G esellschaft in den 1950er Jahren nach. N achdem die G eburtenrate erneut zurück ging, w urde die Ö ffentlichkeit in der B undesrepublik D eutschland aber in den 1980er Jahren durch eine w achsende Zahl von „H orrorprognosen" über die dem ographische B edrohung des G enerationenvertrages alarm iert62. Das A ltern der G esellschaft w ird sich nach aktuellen Prognosen bis in das Ja h r 2030 fortsetzen. D iese E nt­ w icklun g ist nicht auf D eutschland beschränkt. Seit den 1990er Jahren w ird in al­ len entw ickelten G esellschaften das A ltern der B evölkerung m it seinen Konse­ quenzen für den G enerationenvertrag d iskutiert63. T ab elle 3: P ro gn o se d er A lte rs s tru k tu r d er d eu tsch en G esellsch aft 2030 (P ro zen t)

K o n tin u itätsm o d ell Im m ig ratio n sm o d ell

b is 14 Jah re

15 -64 Ja h re

ab 65 Ja h re

13 14

61 61

26 25

Q u elle: K o n r a d E ck erle, M i c h a e l S ch le s i n g e r , G u d r u n B la h a , P ro g n o s-G u tach te n 1995. P e r­ spektiven d er gese tzlic h e n R en te n v ersic h e ru n g fü r G esam td eu tsch lan d vo r dem H in te r­ grund v e rä n d e rter p o litisc h e r u n d ö k o n o m isch er R ah m en b e d in gu n ge n , h rsg. v. V erband D eu tscher R e n te n v ersic h e ru n g sträg er (F ran k fu rt 1995) T ab ellen b an d , T ab elle 0 - 6 u n d U -6 .

61 W. D o b b e r n a c k , D ie E in w irk u n g e n d er S tru k tu rw a n d lu n g e n des d eu tsch en V olkes un d der so zialv e rsich erte n B e v ö lk e ru n g au f K ran k en stan d , In v a lid itätsz iffe r un d S terb lic h k eit, in: D ie R eich sv ersic h e ru n g 3 (1929). 62 H a n s - J ü r g e n K r u p p , K o n tro v ersen u m den S o z ia lstaat, in: B. G a h le n , H. H e s se , H. J. R am ser, G. B o m b a c h (H rsg .), T h eo rie und P rax is d e r S o zialv e rsic h e ru n g (T ü b in gen 1990) 6. 63 W orld B an k (H rs g .), A v ertin g the o ld age crisis (N e w Y o rk 1994).

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G erd H ard ach

Das A ltern der G esellschaft bedeutet, das ein w achsender Teil des Sozialprodukts d irekt durch M arkteinkom m en, insbesondere Verm ögenseinkom m en, oder in d i­ rekt durch fam iliale oder öffentliche T ransferleistungen der älteren G eneration zufließen m uß, w enn man einen R ückfall in die A ltersarm ut verm eiden möchte. D ie verbreitete Befürchtung, daß die m ittlere G eneration in absehbarer Zeit durch die T ransferleistungen des G enerationenvertrages überfordert sein w ird , findet in den dem ographischen Prognosen jedoch keine B estätigung. D er Zunahm e der R uhestandsgeneration steht eine A bnahm e der Jugendgeneration gegenüber. Der A nteil der m ittleren G eneration von 15 bis 65 Jah ren an der B evölkerung w ird in den nächsten Jah ren zw ar deutlich zurückgehen, aber er w ird 2030 nicht geringer sein als zu B eginn des 20. Jah rh un d erts64.

V. A lter D ie traditionelle A lterssicherung durch die Fam ilie hatte zu Beginn des 20. Jah r­ hunderts an B edeutung verloren. W ichtig w ar sie noch im ländlichen M ilieu, w eil sich die ältere G eneration nach der ITofübergabe auf das A ltenteil zurückzog. O hne die Substanz eines Fam ilienbetriebes galt die fam iliale So lidarität aber als w en ig verläßlich. Im Laufe des 19. Jahrhunderts hatten sich verschiedene berufs­ bezogene M odelle der A ltersvorsorge en tw ickelt oder aus älteren Vorläufern w ei­ terentw ickelt, w ie die staatlichen Pensionssystem e, die K nappschaftsversicherung der B ergleute und B etriebsrenten65. Am bedeutendsten aber w urde die Invaliditäts- und A ltersversicherung, die 1889 als P flichtversicherung für alle A rb eiter und gering verdienende A ngestellte eingeführt w urde und 1891 in Kraft trat. D ie öffentliche R entenversicherung sah Invalidenrenten vor, die nach einer in ­ dividuellen Prüfung gew ährt w urden, und A ltersrenten, auf die jeder versicherte A rbeiter vom 70. Lebensjahr an A nspruch hatte. 1916 w urde das R entenalter auf 65 Jahre gesenkt. Die F inanzierung der R enten beruhte auf M itgliedsbeiträgen und einem erheblichen Staatszuschuß. Eine Invalidenrente w urde schon nach ei­ ner relativ ku rzen W artezeit von fünf Jahren berücksichtigt. Für die A ltersrente w ar eine W artezeit von 30 Jahren vorgesehen. D anach hätten die ersten A ltersren ­ ten 1921 ausgezahlt w erden können. U m alten A rbeitern von Anfang an eine R ente zu gew ähren und dam it die A ttraktivität der öffentlichen R entenversiche­ rung zu erhöhen, w urden den A rbeitern, die zum Z eitpunkt der G esetzgebung bereits älter als 40 Jah re w aren, die B erufsjahre, die sie nach dem 40. Lebensjahr 64 K o n r a d E ck erle, M i c h a e l S ch le s i n g e r , G u d r u n B la h a , P ersp ek tiv en d er gesetzlich en R e n ­ ten v e rsich eru n g fü r G esam td eu tsch lan d vo r dem H in te rg ru n d v e rän d erter p o litisc h e r u n d ö k o n o m isc h e r R ah m en b e d in gu n ge n . P ro g n o s-G u tach te n 1995, hrsg. v. V erband D eu tsch er R en te n v ersic h e ru n g sträg er (D R V -Sch riften , B d. 4) 2 Bde. (F ra n k fu rt 1995) B d. 2, T ab elle O 6 un d U -6 . 65 J o s e f E h m er, S o zialg e sc h ich te des A lters (F ra n k fu rt 1990); G e r d H a r d a c h , O p tio n en d e r A ltersv o rso rg e im 19, u n d 20. Ja h rh u n d e rt, in: Z e itsch rift fü r U n tern eh m en sgesch ich te 48 (2003).

D er G en eratio n en v ertrag im 20. Ja h rh u n d e rt

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geleistet hatten, ohne eigene B eitragsleistung als V ersicherungsjahre anerkannt66. Um die B eiträge und den Staatszuschuß niedrig zu halten, w urden die Leistlingen der R entenversicherung bew ußt sehr bescheiden angesetzt. D ie R ente sollte kein existenzsicherndes Sozialeinkom m en sein, sondern galt, w ie es bei der Vorberei­ tung des G esetzes hieß, als „Zuschuß zum Lebensunterhalt, m it dessen H ülfe man an billigen O rten und unter Zuhülfenahm e etw aiger sonstiger H ilfsq u ellen oder des verbliebenen Restes von E rw erbsfähigkeit das Leben fristen kann“67. Auch eine H interbliebenenunterstützung für W itw en und W aisen, die zunächst vorge­ sehen war, fiel der Sparsam keit zum O pfer68. Sie w urde erst zw ei Jahrzehnte spä­ ter 1911 eingeführt69. D ie E ntw icklung der deutschen G esellschaft zu einer A rbeitnehm ergesellschaft führte dazu, daß die B edeutung der öffentlichen R entenversicherung stetig z u ­ nahm. 1913 hatte die R entenversicherung 16 M illionen M itglieder und zahlte 1,1 M illionen H auptrenten. Die meisten A rb eiter erhielten eine Invalidenrente, nur w enige V ersicherte m ußten bis zum 70. Lebensjahr auf ihre Rente w arten70. Das Rentenalter w ar daher relativ niedrig, es betrug 1895 im D urchschnitt nur 61 Jah re71. D ie R enten w aren in der Tat nur ein Zuschuß zum Lebensunterhalt. 1892 betrug die durchschnittliche R ente 10 M ark m onatlich; das entsprach 23% des durchschnittlichen Lohns der A rbeiter. R entenerhöhungen w aren nicht vorgese­ hen, das G efüge von B eitragsklassen und Renten w ar statisch. D urch die steigen­ den Löhne w anderten die A rbeiter aber in höhere B eitragsklassen und hatten ent­ sprechend höhere Leistungen zu erw arten. Bis 1913 stieg die M onatsrente auf 16 M ark und entsprach dam it w eiterhin 23% des D urchschnittslohns72. Die R entenversicherung sam m elte allm ählich ein V ersicherungskapital an und bezog daraus steigende Erträge. Zum überw iegenden Teil w urden die Renten aber aus den M itgliedsbeiträgen und aus Steuerm itteln finanziert. Die öffentliche R en­ tenversicherung ist entgegen einer verbreiteten M einung nie eine kapitalgedeckte V ersicherung gew esen. Sie beruhte im w esentlichen auf einer direkten U m vertei­ lung von den E rw erbstätigen und den Steuerzahlern an die A ltersgeneration73. 66 G esetz, b etreffend d ie In v a lid itä ts- u n d A ltersv e rsic h e ru n g , 22. J u n i 1889. R eich sg e setz­ b latt (R G B L ) (1889) 9 7 -1 4 4 . 67 M em o ran d u m z u r A lte rs- u n d In v alid en v ersich eru n g, M ai 1886. B u n d esarch iv B e rlin R 1501/100017. 68 M a r le n e E lle r k a m p , D ie F rage d er W itw en u n d W aisen . V o rläu figer A u ssc h lu ß aus dem R en ten system u n d g ra d u elle In k lu sio n (1 8 8 9 -1 9 1 1 ), in: S t e f a n Fisch, Ulrike H a e r e n d e l (H rsg.), G esch ichte u n d G eg e n w art d er R en te n v ersic h e ru n g in D eu tsch lan d . B eiträge zu r E ntstehung, E n tw ic k lu n g un d v ergleich en d en E in o rd n u n g d er A lterssich eru n g im S o z ia l­ staat (B erlin 20 00). 69 R eich sv ersic h e ru n g so rd n u n g , 19. J u li 1911. R G B L 191 1, 50 9 -8 3 8 . 7u A m tlich e N a ch rich ten des R eich sv ersich eru n gsam tes 31 (1915) 299. 71 C h risto p h C o n r a d , D ie E n tsteh u n g des m odernen R u h estan d es. D eu tsch lan d im in te r­ n ationalen V ergleich , in: G esch ich te un d G esellsch aft 14 (1988) 433. 72 Statistisches Ja h rb u c h fü r das D eu tsch e R eich 1893, 189. S tatistisch es Ja h rb u ch D t. R eich 1915, 38 0 -3 8 4 . R ü d i g e r F lohls, A rb e it un d V erdienst (D iss. F re ie U n iv e rsitä t B erlin 1991) 88. 73 P a ul Z s c h i m m e r , D er W ied erau fb au der d eu tsch en In v a lid en v ersic h e ru n g 1924/26, in: D ie R eich sv ersich eru n g 1 (1927).

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A uch nach der E inführung der öffentlichen R entenversicherung w ar die A lters­ not nicht gebannt. D ie neuen Renten w aren niedrig. Viele A rb eiter setzten daher trotz des relativ frühen R entenalters ihre E rw erb stätigkeit bis ins hohe A lter fort. 1907 gehörten noch 39% der M änner in der A ltersgruppe ab 70 Jahren zu den E r­ w erbspersonen74. Die A ltersversorgung beruhte je nach der individuellen Situa­ tion auf einer K om bination von Renten, fortgesetzter E rw erbstätigkeit, U n ter­ stützung durch die A rbeitgeber, fam ilialen Transferleistungen oder letztlich auch der A rm enfürsorge. Zu B eginn des 20, Jahrhunderts w urde das A lter im m er noch m it großer Sorge gesehen, auch unter den Industriearbeitern, denen doch die neue öffentliche R entenversicherung nutzen sollte. F ritz Schum ann befragte 1910 in ei­ ner frühen betriebssoziologischen U ntersuchung A rb eiter der D aim ler-M otorenG esellschaft in Stuttgart-U n tertürkh eim , wovon sie zu leben gedächten, wenn sie nicht mehr arbeiten konnten. D ie m eisten B efragten, 44% , hielten ihre Situation im A lter für ganz ungew iß. A uf die R entenversicherung vertrauten 18% . Im m er­ hin 7% befürchteten, sich im A lter durch H ausieren oder Betteln ernähren zu m üssen. D rei w eitere M öglichkeiten, die U nterstützun g durch die Ehefrau oder die Kinder, leichte A rbeiten oder Ersparnisse, w urden von jew eils 4% der B efrag­ ten angegeben. D ie Furcht vor der A ltersarm ut, nicht die E rw artung eines gesi­ cherten R uhestandes, w ird auch durch einzelne A n tw orten bestätigt. So schrieb ein A rbeiter in den Fragebogen: „Bin auf m eine K inder angew iesen, für w elche ich auch gesorgt h ab e.“ Ein anderen „Wenn ich bei meinen Kindern nicht bleiben kann, m uß m ich die Stadt haben.“ A ndere A rbeiter bem erkten ku rz: „Rente und A lm osen“, oder „Rente und eventueller N eb enerw erb “. Sozialpolitische Zuver­ sicht sprach aus der A ntw ort: „H offnung, daß die R ente höher wird durch G e­ setz.“ M anche A rb eiter hofften auf eine K om bination verschiedener A ltersein ­ künfte. So hieß es in einer A ntw ort: „Von V ervollkom m nung der A lters- und In­ validenversicherung, etwas ererbtem Vermögen und durch eventuelle spätere U n ­ terstützung m einer K inder“75. O bw ohl die A rbeiterversicherung nicht m ehr als eine G rundsicherung leistete, w urden ihre Vorteile auch in anderen sozialen Klassen erkannt. 1911 wurde eine A ngestelltenversicherung eingeführt76. D am it w ar der Weg zu einer allgem einen V olksversicherung eingeschlagen. D ie öffentliche R entenversicherung galt nicht m ehr als klassenspezifische U m verteilung zu G unsten der Arbeiter, sondern als generationsspezifische U m verteilung zu G unsten der älteren G eneration77.

74 B erufs- u n d B e trieb sz ä h lu n g vom 12. J u n i 1907. D ie b eru flich e u n d so ziale G lie d eru n g des deu tsch en V olkes (S ta tis tik des D eu tsch en R eich s 211, B e rlin 1913) 41. 75 Fritz S c h u m a n n , D ie A rb e ite r d er D aim ler-M o to re n -G esellsch a ft S tu ttg a rt-U n te rtü rk ­ h eim , in: A u sle se u n d A n p assu n g d er A rb e itersch a ft in d er A u to m o b ilin d u strie u n d ein er W ien er M asch in en fa b rik (S ch riften des V ereins fü r S o c ia lp o litik 135/1, 1911) 11 7-120 . - D ie „ S ta d t“ m ein t d ie k o m m u n a le A rm en fü rso rg e. 76 V ersic h e ru n g sg esetz fü r A n g e ste llte , 20. D ezem b er 1911. R G B l. 1911, 98 9 -1 0 6 1 . 77 C h r i s to p h C o n r a d , V om G reis zu m R en tn er. D er S tru k tu rw a n d e l des A lters in D eu tsc h ­ land zw isc h e n 1830 und 1930 (G ö ttin gen 1994).

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Seit der Zeit der W eim arer R epublik setzte sich der G rundsatz durch, daß die R enten aus der öffentlichen R entenversicherung nicht nur ein Zuschuß zu den Le­ benshaltungskosten, sondern ein existenzsicherndes Sozialeinkom m en sein so ll­ ten78. Das bedeutete, daß die laufenden und die neu zugeteilten Renten regelm ä­ ßig angehoben w erden m ußten, um der P reisen tw icklun g und dem w irtsch aftli­ chen W achstum zu folgen. 1930 erreichte die durchschnittliche R ente der A rb ei­ terversicherung 39 R M ; das entsprach 32% des durchschnittlichen N ettolohns in der Industrie79. Seitdem w urden die R enten unter dem D ruck der W eltw irt­ schaftskrise gekürzt. Viele R entner und R entnerinnen m ußten bei der Fürsorge Z uflucht suchen80. Das nationalsozialistische Regim e setzte die soziale Sparpoli­ tik der P räsidialkabinette fort81. 1933 w urden die R enten w eiter gekürzt82. Erst 1937 w urden, um den gestiegenen sozialen E rw artungen entgegenzukom m en, die Renten etwas verbessert83. D ie V erbesserungen glichen aber die R entenkürzungen aus den K risenjahren nicht aus. Im letzten Friedensjahr 1938 betrugen die Renten der A rbeiterversicherung im D urchschnitt 32 RM. Das entsprach n ur noch 27% des durchschnittlichen N ettolohns84. U m den Sozialabbau propagandistisch zu kom pensieren, w urden 1938 die selbständigen H an d w erker in die Pflichtversiche­ rung einbezogen85. Im K rieg w urden die R enten 1941 w ieder ungefähr auf das N iveau angehoben, das vor den K risenkürzungen bestand86. Inzw ischen hatte das nom inale Rentenniveau aber seine B edeutung verloren, da der Krieg und die R ationierung die Lebenssituation aller G enerationen bestim m ten. In W estdeutschland kehrte man zu dem R entenm odell der W eim arer R epublik zurück. D ie R enten w urden von Zeit zu Zeit der w irtschaftlichen E ntw icklung angepaßt. In der B undesrepublik D eutschland betrug 1955 die R ente im D urch­ schnitt aller V ersicherungszw eige 117 D M im M onat. Das entsprach 38% des durchschnittlichen A rbeitnehm ereinkom m ens87. Wenn die R enten ein zuverlässiges Sozialeinkom m en sein sollten, m ußten sie im G runde ähnlich w ie die Beam tenpensionen in stitutio nell m it der E ntw ick­ lung der Erw erbseinkom m en verknüpft w erden 88. In der B undesrepublik 78 A n n e t te P e n k e r t , A rb e it o d er R en te ? D ie altern d e B e v ö lk e ru n g als so z ia lp o litisch e H e r­ au sfo rd e ru n g fü r d ie W eim arer R e p u b lik (G ö ttin gen 1998). 79 S tatistisch es J a h rb u c h D t. R eich 1932, 3 8 7 -3 9 0 . H o h ls, A rb e it un d V erdienst 90. 80 P e n k e rt, A rb e it o d e r R en te 250. 81 K a rl Teppe, Z u r S o z ia lp o litik des D ritten R eich s am B e isp iel d er S o zialv e rsich eru n g , in: A rch iv fü r S o zialg e sc h ich te 17 (1977). 8- G esetz zu r E rh altu n g d er L eistu n g sfä h ig k eit d er In v alid en -, d er A n g e ste llte n - u n d der k n ap p sch aftlich en V ersich eru n g, 7. D ezem b er 1933. R G B l. 1933 1, 1039-1044. 83 G esetz ü b e r d en A u sb au d er R en te n v ersic h e ru n g , 21. D ezem b er 1937. R G B l. 1937 I, 1393-1408. 84 S tatistisch es Ja h rb u c h D t. R eich 1939/40, 3 8 3 -3 8 7 -3 9 0 . H o h ls, A rb e it u n d V erd ien st 90. 85 G esetz ü b er d ie A ltersv e rso rg u n g fü r das D eu tsch e H a n d w e rk , 21. D ezem b er 1938. R G B l. 1938 I, 19 00-1901. 86 G esetz ü b er d ie V erb esseru n g d er L eistu n gen in d er R en te n v ersic h e ru n g , 24. Tuli 1941. R G B l. 1941 1 ,44 3. 87 A rb eits- un d S o z ia ls ta tistik 1 (1976) 72. S tatistisch es Ja h rb u c h B R D 1957, 558. S8 L il-C h ristin e S c h l e g e l , G e r d H a r d a c h , D ie d yn a m isch e R en te. Ein M o d ell d er A lterssich e-

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D eutschland w urd e nach diesem G rundsatz 1957 ein neues M odell der öffentli­ chen R entenversicherung eingeführt, das seitdem als die „dynam ische R ente“ bekannt w urde. D ie R enten orientierten sich regelm äßig an der E ntw icklung der Löhne. E rw erbstätige mit einem durchschnittlichen Einkom m en konnten nach 40 B eitragsjahren die „Standardrente" in H öhe von 60% des aktuellen D urch­ schnittslohns erw arten. D ie H interbliebenenrenten w urden in R elation zu den H auptrenten festgesetzt. Die R enten w urden im w esentlichen nach dem U m la­ geverfahren aus den B eiträgen finanziert, ein Staatszuschuß w ar nur als Kom­ pensation für politisch gew ollte besondere L eistungen der R entenversicherung vorgesehen89. D er B eitrag, der zu gleichen Teilen von A rbeitgebern und A rb eit­ nehmern getragen w urde, betrug anfangs 14% des Lohns oder G ehalts. Bald nach der R entenreform w urd e im Ju li 1957 als w eiterer Schritt zur Volksversicherung für die selbständigen L andw irte eine G rundsicherung eingeführt, die das traditionelle A ltenteil ergänzen so llte90. D ie m aterielle U nabhängigkeit der älteren G eneration hat die B eziehungen zw ischen den G enerationen w esentlich verbessert. R udo lf Tartler charakterisierte in den 1960er Jah ren die Beziehungen zw ischen den A lten und ihren erwachsen gew ordenen K indern als „innere N ähe durch äußere D istan z“91. Das neue R entenm odell bildete seitdem m it einigen M odifikationen die G rundlage der öffentlichen R entenversicherung. D ie Rentenreform 1972 erw ei­ terte die O ptionen für einen frühen R uhestand, außerdem w urde eine R ente nach M indesteinkom m en eingeführt92. Seit der M itte der 1970er Jahre geriet die R en­ tenversicherung durch den A nstieg der B eiträge und die A bschw ächung des w irt­ schaftlichen W achstum s unter D ruck. M it der R entenreform von 1989 w urde die B ruttoanpassung durch die N ettoanpassung ersetzt, um den B eitragsanstieg zu däm pfen. D ie Standardrente sollte nunm ehr 70% des N ettoeinkom m ens er­ reichen93. In der Sow jetischen Zone w urd e 1947 eine Einheitsversicherung für alle Er­ w erbstätigen eingeführt. 1956 w urd e die Sozialversicherung in stitutio nell ge­ trennt. D ie A rbeiter- und A ngestelltenversicherung w urde vom Freien D eutschen G ew erkschaftsbund verw altet, w ährend die Sozialversicherung der G enossen­ schaftsm itglieder und der w enigen Selbständigen auf die D eutsche V ersicherungs­ anstalt ausgelagert w urde. Das Prinzip einer um fassenden V olksversicherung

ru n g im h isto risch en W an d el, in: V ierte lja h rssc h rift fü r S o z ia l- u n d W irtsch aftsg esch ich te (im D ru ck). S9 G esetz zu r N e u re g e lu n g des R ech ts d er R en te n v ersic h e ru n g d er A rb e iter (A rV N G ), 23. F eb ru ar 1957. B G B l. 1957 I, 4 5 -8 7 . G esetz z u r N e u re g e lu n g des R ech ts d er R en te n v ersi­ ch eru n g d er A n g e ste llte n (A n V N G ), 23. F eb ru ar 1957. B G B l 1957 I, 88 -131. 90 J o h a n n e s F re rich , M a rtin Frei, H an d b u ch d er G esch ich te d er S o z ia lp o litik in D eu tsch lan d 3 (M ü n ch en 1996) 5 5 -5 8 . 91 R u d o l f Tartler, D as A lte r in d er m o d ern en G esellsch aft (S tu ttg a rt 1 9 6 !) 79. 92 R en te n refo rm g esetz 1973 (R R G ), 16. O k to b e r 1972. B G B l. 1972 I, 19 65-1997. 93 G esetz zu r R efo rm d er gesetzlich en R en te n v ersic h e ru n g , 18. D ezem b er 1989. B G B l. 1989 I, 2 2 6 1-22 95.

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w urde aber beibehalten94. 1989 erreichten die A lters- und Invalidenrenten im D urchschnitt 451 M ark; das entsprach 40% des durchschnittlichen N ettolohns. Wenn die F reiw illige Z usatzversicherung hinzukam , erhöhte die R ente sich im D urchschnitt auf 568 M ark oder 50% des N ettolohns95. W ährend des E inigungs­ prozesses w urde im Ju n i 1990 das w estdeutsche R entenm odell auf die Deutsche D em okratische R epublik übertragen96. Im vereinten D eutschland ist die öffentliche R entenversicherung ein W irt­ schaftssektor von enorm er B edeutung gew orden. Sie hatte 2000 in ihren verschie­ denen Z w eigen insgesam t 33 M illionen M itglieder. 17 M illio n en R entner und R entnerinnen bezogen eine H auptrente, außerdem erhielten 6 M illionen W itwen, W itw er und W aisen eine H interbliebenenrente. Das R entenalter lag im D urch­ schnitt bei 61 Jahren, es w ar also nicht viel anders als im K aiserreich. A llerdings setzte der D urchschnitt sich anders zusam m en, es w urden mehr A ltersrenten und w eniger Invalidenrenten gezahlt97. Die R ente betrug 1999 im D urchschnitt 1355 D M im M onat; das entsprach 50% des durchschnittlichen N ettoerw erbseinkom m ens der A rbeitnehm er und A rbeitnehm erinnen von 2708 D M 9S. D ie Verän­ derung der A ltersstruktur, die V erlängerung des R uhestandes, die A rbeitsm arktkrise, nicht zuletzt aber auch die B elastung der öffentlichen Rentenversicherung mit sozialpolitischen Leistungen ließen den R entenbeitrag steigen. D ie R enten­ reform von 1989 brachte nur kurzfristig eine E ntlastung. D er B eitrag stieg 1998 knapp über die politisch sensible 2 0 % -G renze hinaus auf 20,3% 99. A ngesichts der steigenden B eitragsquote verschärfte sich in den 1990er Jahren die D iskussion über eine R entenreform . Wenn das R entenm odell beibehalten w ürde, m üßte der R entenbeitrag bis 2030, w enn die letzten geburtenstarken Jah r­ gänge das R entenalter erreichen, erheblich steigen. N ach der Prognos-Studie von 1998 m üßte der R entenbeitrag bei einer F ortschreibung der dam aligen Situation bis 2030 auf 26% bis 27% erhöht w erd en 100. D ie R entenreform von 1997 sah vor, den R entenanstieg zu däm pfen, w enn das R uhestandsalter stieg. D iese Reform w urde aber ein Jah r später ausgesetzt. N ach der 2001 eingeführten R eform soll das relative N iveau der Standardrente bis 2030 auf 67% bis 68% des N ettolohns ab­ gesenkt w erden. D am it hofft man zu erreichen, daß der R entenbeitrag bis 2030

94 D ierk H o f f m a n n , S o z ia lp o litisc h e N eu o rd n u n g in d er SBZ /D D R . D er U m b au d er S o z i­ alv ersich eru n g 19 45-19 56 (M ü n ch en 1996). 93 S tatistisch es Ja h rb u c h D D R 1990, 144, 384. - E ine R en te au s d e r F re iw illig e n Z u satzv er­ sich erun g w u rd e vo n 42% a lle r R en tn er b ezo gen . 96 p r e r ic fj^ l'rei, H a n d b u ch d er G esch ichte d e r S o z ia lp o litik , B d. 3, 5 2 2-531 . 97 V erband D eu tsch er R e n te n v ersic h e ru n g sträg er (H rs g .), R en te n v ersic h e ru n g in Z eitreih en (F ran kfu rt a.M . 2002) 17, 111, 14 3-145 . 98 S tatistisch es Ja h rb u c h B R D 2000, 4 5 3 -4 5 4 , 635, 651, 99 B u n d e sm in isteriu m fü r A rb e it un d S o z ia lo rd n u n g (H rsg .), L eb en slagen in D eu tsch lan d . D er erste A rm u ts- u n d R eich tu m sb erich t d er B u n d e sre g ie ru n g , 2 B de. (B on n 2001) B d. 1, 2 21.

ICv E ck erle, O cz ip k a , P ro g n o s-G u tach te n 1998, 117.

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nicht über 22% steigt. U m den größeren A bstand zw ischen Löhnen und Renten zu kom pensieren, soll die private A ltersvorsorge gefördert w erden105. Im ausgehenden 20. Jah rh un dert hat sich der Ruhestand als erw erbsfreie A l­ tersphase allgem ein durchgesetzt. 1998 w aren in D eutschland in der älteren G ene­ ration ab 65 Jahren nur noch 4,4% der M änner und 1,5% der Frauen erw erb stä­ tig 102. D er G rund für die fortgesetzte E rw erb stätigkeit w ar m eist nicht m ehr die A ltersnot, sondern die Sinnstiftung durch die A rbeit. Im B erliner A lters-Survey w urde unter den M otiven, im R entenalter w eiterhin erw erbstätig zu sein, am häu­ figsten die M ö glich keit genannt, noch etwas Sinnvolles tun zu können. An zw eiter Stelle stand der K ontakt zu anderen M enschen, an d ritter Stelle der W unsch, K enntnisse und Fähigkeiten einzusetzen. Das Interesse an einem Z usatzeinkom ­ men zu r R ente folgte erst an vierter S telle103. So w ie im M ärchen von den Brem er Stadtm usikanten der Esel, der H und, die K atze und der Flahn sich verbünden, um gem einsam die A ltersarm ut zu üb er­ w inden, setzten sich die Einkom m en der älteren G eneration in der B undesrepu­ b lik D eutschland aus verschiedenen K om ponenten zusam m en104. A n erster Stelle standen die Sozialversicherungsrenten, danach folgten berufsbezogene Renten w ie die B etriebsrenten, die B eam tenpensionen und die Z usatzversorgung des öffentlichen D ienstes, dann K apitaleinkom m en, seltener E rw erbseinkom ­ men. Das Problem der A lterssicherung lag darin, daß die verschiedenen Ein­ kom m ensquellen der älteren G eneration im allgem einen nicht ausgleichend w irk ten , sondern sich eher nach oben oder nach unten kum ulierten. Wer durch niedrige Einkom m en und eine kurze E rw erbstätigkeit nur geringe R entenan­ sprüche erw erben konnte, hatte m eistens auch von der betrieblichen A lterssich e­ rung nicht viel zu erw arten und auch w enig G elegenheit zu r privaten Verm ö­ gensbildung. Trotz des w irtschaftlichen W achstum s und A usbaus der Sozialver­ sicherung blieben m anche ältere M enschen daher auf die Sozialhilfe als A lters­ einkom m en an gew iesen 105.

101 B undesm inisterium für A rbeit und Sozialordnung, Lebenslagen in D eutschland, Bd. 1, 223-226. 102 Statistisches Jah rb uch BRD 2001, 102. 103 H arald K ü n e m m i d , „Produktive“ T ätigkeiten, in: M artin K o h li , H arald K ü n e m u n d (H rsg.), D ie zw eite Lebenshälfte. G esellschaftliche Lage und P artizipation im Spiegel des A l­ ters-Survey (O pladen 2000). 104 J a c o b G r im m , W ilhelm G rim m , Kinder- und H ausm ärchen (1812) 3 Bde. (Frankfurt 1974) Bd. 1, 180-184. 105 B undesm inisterium für A rbeit und Sozialordnung, A lterssicherung in D eutschland 1992, 2 Bde. (M ünchen 1994). G ertru d Backes, Lebenslagen und A lter(n)sform en von Frauen und M ännern in den neuen und alten Bundesländern, in: D eutsches Zentrum für A ltersfragen (H rsg.), Lebenslagen, soziale Ressourcen und gesellschaftliche Integration im Alter. Experti­ sen zum D ritten Ä ltenbericht der Bundesregierung, Bd. 3 (O pladen 2001).

D e r G en eratio nenv ertrag im 20. J a h r h u n d e r t

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VI. Markt, Solidarität und Staat G enerationen haben als soziale G ruppen, anders als Schichten, Klassen oder Ver­ bände, keine feste M itgliedschaft. D ie G enerationszugehörigkeit ist nur das A ttri­ but eines Lebensalters. Im Kontext des individuellen Lebenslaufs w andern die M enschen, sozialen N om aden gleich, von einer G eneration zur nächsten. In den einzelnen Lebensw egen m ischten sich daher im 20. Jah rh un dert Stabilitätsphasen und Krisen. D ie G estaltung des G enerationenvertrages w urde m aßgeblich durch die Ent­ w icklun g der Beschäftigung und der Produktivität bestim m t. Im Vertrauen auf die anhaltende w irtschaftliche Stabilität w urd e im K aiserreich m it der E inführung der öffentlichen R entenversicherung ein Program m geschaffen, das auf lange Sicht die Ü berw indung der A ltersarm ut versprach. Das nicht w en iger dringende Problem der K inderarm ut blieb ungelöst; die K inderarm ut w ar im sozialpolitischen D iskurs in der A rm ut der Fam ilien verborgen. D ie W eim arer R epublik versprach einen A usbau der So zialpo litik, der m it dem Ü bergang zur diskretionären R en­ tenanpassung insbesondere auch der A lterssicherung zugute kam. Die W eltw irt­ schaftskrise unterbrach die M odernisierung des G enerationenvertrages. In der zw eiten H älfte des 20. Jahrhunderts förderte das w irtschaftliche W achs­ tum durch steigende E rw erbseinkom m en und eine institutionalisierte intergene­ rative U m verteilung die Stabilität des G enerationenvertrages. D ie E rw erbsein­ kom m en stiegen nachhaltig an, und dam it erw eiterte sich auch der V erteilungs­ spielraum für fam iliale Transferleistungen. A ußerdem w urden der M arkt und die fam iliale Solidarität in zunehm endem U m fang durch die staatliche So zialpo litik ergänzt. Die Expansion der So zialpo litik hat nicht nur in D eutschland zu einer D iskus­ sion über die V erteilungsgerechtigkeit zw ischen den G enerationen geführt106. Die staatliche U m verteilung begünstigte traditionell die A ltersgeneration. Seit den 1950er Jahren w urde die Fam ilienförderung zw ar ausgebaut, sie blieb aber im U m fang im m er noch hinter der A lterssicherung zurück. Das B undesverfassungs­ gericht verw ies 1992 kritisch auf diese A sym m etrie: „Im Kern bleibt es auf diese Weise trotz der staatlichen Bem ühungen um einen Fam ilienlastenausgleich dabei, daß die K indererziehung als Privatsache, die A lterssicherung dagegen als gesell­ schaftliche A ufgabe g ilt.“ 107 U nter dem Einfluß des schw ächeren W irtschafts­ wachstum s und der steigenden A rb eitslo sigkeit verschärften sich die U n ter­ schiede in den generationsspezifischen A rm utsrisiken. 1998 w aren in D eutschland im D urchschnitt 3,5% der B evölkerung zu ihrem Lebensunterhalt auf die So­ zialhilfe angew iesen. In der A ltersgruppe der K inder unter sieben Jahren lag die

106 A nne-M arie G uillem ard, E quity between generations in aging societies: The problem of assessing public policies, in: Tamara H a r e v e n (H rsg.), A ging and generational relations over the life course (Berlin 1996) 212. 107 BVerfGE 87, 38.

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Sozialhilfequote m it 8,6% w eit über dem D urchschnitt, in der R uhestandsgenera­ tion ab 65 Jahren w ar sie dagegen m it 1,3% relativ n ied rig 108. D er G enerationenvertrag gehört zu den G rundlagen, auf denen die „Zukunfts­ fäh igkeit“ unserer G esellschaft b eruh t109. D ie langfristige Stabilisierung der A l­ tersvorsorge, die gegenw ärtig im M ittelp un kt des Interesses steht, ist nur einer von m ehreren A spekten. Die Stabilisierung des G enerationenvertrages verlangt auch eine aktive P o litik zur Ü berw indung der A rb eitsm arktkrise, eine bessere V ereinbarkeit von Fam ilie und B eruf und einen A usbau der Fam ilienförderung.

108 Bundesm inisterium für A rbeit und Sozialordnung, Lebenslagen in D eutschland, Bd. 2, 130. 109 A delh eid Biesecker, A rbeitsgesellschaft - Tätigkeitsgesellschaft - M itgestaltungsgesellschaft. U m risse eines zukunftsfähigen A rbeitskonzepts, in: B erliner Debatte. Zeitschrift für sozialw issenschaftlichen D iskurs 11 (2000) 63.

G en eratio nen fo lge in der deutschen G eschichte des 20. Jah rh u n d e rts

Ulrich Herbert

Drei politische Generationen im 20. Jahrhundert A ls universales D eutungskonzept ist die K ategorie der G eneration offenbar nicht tragfähig. Denn w eder ist es gelungen, einigerm aßen exakt zu definieren, was eine G eneration jew eils ausm acht und definiert, noch konnten die A usw irkungen einer kollektiven G enerationserfahrung einigerm aßen präzise herausgestellt und als solche von anderen E inflüssen getrennt betrachtet w erden. Schon die A bgrenzung der einzelnen A ltersgruppen voneinander ist w illk ü rlich , die Lebensw ege und O rientierungen der je einzelnen sind so außerordentlich diversifiziert, daß sich in der R egel keine direkten Beziehungen zw ischen generationeller Prägung und w eiterem Lebensw eg erm itteln lassen, und sei es auch nur für signifikante M in ­ derheiten. U nd auch das quantitative V erhältnis zw ischen öffentlich auftretenden A ktivisten und schw eigender M ehrheit ist unbestim m bar Karl M annheim hat diese Problem e durch die U nterscheidung zw ischen G ene­ rationszusam m enhang und G enerationseinheit zu lösen versucht: „D ieselbe J u ­ gend, die an derselben historisch-aktuellen Problem atik orientiert ist, lebt in ei­ nem ,G enerationszusam m enhang', diejenigen G ruppen, die innerhalb desselben G enerationszusam m enhanges in jew eils verschiedener Weise diese Erlebnisse ver­ arbeiten, bilden jew eils verschiedene ,G enerationseinheiten“ im Rahm en dessel­ ben G enerationszusam m enhanges.“ D abei sei es sogar m öglich, daß sich inner­ halb desselben G enerationszusam m enhanges „m ehrere, polar sich bekäm pfende G enerationseinheiten b ilden “ könnten; zw ischen „G enerationseinheit“ und p o li­ tischen Jugendbew egungen besteht ein offenbar fließender Ü bergang2. M ann­ heims B ezugsobjekte sind hier, obw ohl er vorw iegend B eispiele aus dem 19. Jah r­ hundert w ählt, vor allem die Jugendbew egung und die m it ihr einhergehende A uf­ 1 Zum Folgenden v.a. K a rl M a n n h eim , Das Problem der G enerationen, zuerst 1928, w iederabgedr. in: ders., W issenssoziologie. A usw ahl aus dem W erk (N euw ied, Berlin) 509-565; Andreas Schulz, Individuum und Generation - Identitätsbildung im 19. und 20. Jahrhundert, in: G W U 52 (2001) 406-414; Alan B. Spitzer, The H istorical Problem s of G enerations, in: A H R 78 (1973) 1353-1384; Hans J a e g e r , G eneration in der Geschichte. Ü berlegungen zu einem um strittenen K onzept, in: GuG 3 (1977) 429-452. 2 M an nh eim , Das Problem der G enerationen 544.

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w ertung von T heorien über altersspezifische K ollektiverscheinungen, die sich in eien 20er Jah ren in den beiden großen radikalen Parteien der Jugend - der N SD A P und der KPD - aktualisierten. A n M annheim anschließend hat H elm ut Fogt 1982 eine Theorie der „po liti­ schen G enerationen“ im 20. Jah rh un dert entw ickelt, die er als „politische G enera­ tionszusam m enhänge“ definiert. Er erfaßt dam it „diejenigen M itglieder einer A l­ tersgruppe oder K ohorte, die ~ m it bestim m ten Schlüsselereignissen konfrontiert - zu einer gleichgesinnten bew ußten A useinandersetzung mit den Leitideen und W erten der politischen O rdnung gelangten, in der sie aufwuchsen. Diese A usein ­ andersetzung pflegt in einer politisch form ativen Lebensphase der politischen ,N orm albiografie‘ der G enerationszugehörigen stattzufinden und diese zu einer langfristig stabilen N euorientierung ihrer politischen G rundhaltungen zu bew e­ gen. Politische G enerationen w eisen einen G rundbestand gem einsam er E instel­ lungen, V erhaltensdispositionen und H andlungspotentiale auf, von N orm en und W erten, die politisch von Relevanz und Einfluß sin d.“3 Fogt nennt dann im fol­ genden elf „politische G enerationen“ in D eutschland w ährend des 20. Jah rh un ­ derts, w obei er den nach politikgeschichtlichen Einschnitten definierten Phasen jew eils die A ltersgruppe der in dieser Zeit H eranw achsenden zuordnet. Jede Zeit, so die Schlußfolgerung daraus, hat also ihre politische G eneration, selbst dann, w enn sich die jew eiligen A lterskohorten nicht als solche em pfanden, und auch dann, wenn von diesen „politischen G enerationszusam m enhängen“ w enig sp ezi­ fische W irkun g ausging. D em gegenüber w erden im allgem einen Sprachgebrauch unter Politischen G e­ nerationen in der R egel eher diejenigen A lterskoh o rten verstanden, die auf sign i­ fikante W eise auch als solche auftraten; die also die ausgeprägte Selbstw ahrneh­ m ung als durch altersspezifische Erfahrungen geprägte und von anderen abge­ grenzte G ruppe m it politischem E ngagem ent und nachhaltiger W irksam keit ver­ banden. D araus ergeben sich zw ei unterschiedliche V erw endungsw eisen des Begriffs. Zum einen bezieht er sich auf solche G ruppen, die durch jew eils spezifische E r­ fahrungen in der H eranw achsendenphase geprägt w urden und auf diese Weise ein m ehr oder m inder großes Set an gem einsam en E instellungen oder V erhaltensdis­ positionen erw orben haben. In der R egel allerdings w erden diese Prägungen bald von anderen E rfahrungen überlagert oder gar aufgehoben, so daß der w eitere L e­ bensw eg von dieser generationellen K ennzeichnung nicht oder nur durch nachgeordnete Erscheinungsform en - ku lturelle V orlieben, M ode, Sprachform en etc. bestim m t w ird. In einigen Fällen allerdings erw eisen sich die generationellen Erfahrungen als w ichtige, w enn nicht gar als zentrale politische P rägung, die sich auf das ganze L e­ ben ausw irkt. Das tritt aber offenbar nur dann auf, wenn besonders bedeutsam e und langfristig folgenreiche Ereignisse und E ntw icklungen die Erlebnisse einer zu 3 H e lm u t Fogt, Politische G enerationen. Em pirische Bedeutung und theoretisches M odell (O pladen 1982) 20 f.

D rei p olitische G en eratio nen im 20. J a h rh u n d e rt

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dieser Zeit heranw achsenden A ltersgruppe geprägt und dadurch scharf von denen anderer A ltersgruppen unterschieden haben. B etrachtet man das 20. Jah rh un dert unter diesem G esichtspunkt, so fallen drei generationelle G ruppen ins A uge, für die das E tikett „politische G eneration“ im engeren Sinne zutrifft: erstens die in dem Jah rzeh n t nach der Jahrhundertw ende G eborenen, zw eitens die 20er Jahrgänge und drittens die 40er Jahrgänge - oder in der Sprache der Protagonisten: die K riegsjugendgeneration, die skeptische G ene­ ration und che 68er G eneration.

I. Wenn eine politische G eneration dadurch definiert w ird , daß bedeutsam e und langfristig folgenreiche E reignisse und E ntw icklungen die Erlebnisse einer zu die­ ser Zeit heranw achsenden A ltersgruppe geprägt und dadurch scharf von denen anderer A ltersgruppen unterschieden haben, dann traf dies auf den alle bisherigen E rfahrungsdim ensionen sprengenden Ersten W eltkrieg und die durch B ürger­ krieg und Inflation gekennzeichneten N achkriegsjahre in besonderer W eise zu. Das w urde auch bereits zeitgenössisch so form uliert, so daß der jew eils in dividu­ elle Lebensw eg und die dabei gem achten Erfahrungen vor allem der m ännlichen bürgerlichen Jugen d nach dem Kriege auf ein stringentes A ngebot der Sinndeu­ tung stießen, w elches die Erlebnisse des Einzelnen einband in die K ategorien und W ertem uster seiner „politischen G eneration“. In bezug auf den Ersten W eltkrieg w urd e dabei zeitgenössisch in D eutschland zw ischen drei G ruppen unterschieden: der „jungen F rontgeneration“, der „K riegsjugendgeneration“ und der „N achkriegsgeneration“ - in Begriffen des für die politische G enerationenlehre der 30er Jah re besonders einflußreichen G ünther G ründel, einem M itglied des „Tat“-K reises, der in seiner 1932 erschienenen „Sen­ dung der Jungen G eneration“ den „Versuch einer um fassenden revolutionären Sinndeutung der K rise“ unternom m en hatte4. A ls w ichtigste, von der G eburtenzahl auch quan titativ größte G ruppe hob G ründel die m ittlere, die Kriegsjugendgeneration der zw ischen 1900 und 1910 G eborenen heraus. Ihnen fehle zw ar „das Fronterlebnis, durch das viele ihrer älteren B rüder tiefer, härter und rad ikaler gew orden“ seien - „was jene selbst erle­ ben, können diese sich nur erlesen“ - , dennoch sei ihnen der K rieg „zu einem ganz ungew öhnlich starken und einzigartigen Ju gen d erleb nis“ gew orden. Statt von sorglosen Freuden sei die K indheit dieser G eneration, der G ründel selber auch angehörte, ganz von den A usw irkungen des K rieges geprägt worden. D urch die 4 G ü n th er E. G run del, Die Sendung der Jungen G eneration. Versuch einer um fassenden re­ volutionären Sinndeutung der Krise (M ünchen 1932) 23; vgl. dazu allg. H e lm u t L ethen, Ver­ haltenslehren der Kälte. Lebensversuche zw ischen den Kriegen (Frankfurt a.M . 1994); zu diesem Phänomen ausführlicher Ulrich H erbert, Best. Biographische Studien über R ad ikalis­ mus, W eltanschauung und Vernunft, 1903-1989 (Bonn 1996) 42-87 („G eneration der Sach­ lichkeit“).

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V erarm ung und den Verlust der privilegierten B erufsaussichten seien jedoch für die bürgerliche Jugend die K ontakte zur A rb eiterjugen d eröffnet und dam it die sozialen B arrieren der G eneration überw unden w orden. Entsprechend kenn­ zeichnete G ründel die hervorstechenden Eigenschaften dieser G eneration: „W ahrheitsliebe und Schlichtheit“, „Ernst, w o rtkarge Verschlossenheit und Z urückhaltung, ja m anchm al schroffe K älte“ . Das w ichtigste aber sei die „Sach­ lich keit“: die Sache über das Persönliche zu stellen, die A blehnung des „Zurschautragens von G efühlen“ und des „V erbalaltruism us, V erbalm oralism us, V erbal­ patriotism us", denn „wo w ir ehrliches M itleid em pfinden, scheuen w ir uns, es nach altem Stil kitschig zu äußern und w ollen lieber in den Verdacht der ,G efühl­ lo sigkeit“ kom m en“; zudem „ein ausgesprochener Sinn für rationelle M ethoden unci für das O konom ieprinzip überhaupt“5. Eine solche C h arakterisierung der „K riegsjugendgeneration“, w ie sie sich m it geringen A bw eichungen in zahlreichen B eiträgen zur „G enerationenfrage“ seit M itte der 20er Jahre fand6, beruhte trotz aller Stilisierungen gew iß in vielen P un k­ ten auf zutreffenden Beobachtungen des Em pfindens und Verhaltens dieser G ruppe der bürgerlichen Jugend in D eutschland. Vor allem aber handelte es sich hierbei um die Beschreibung und H erleitun g eines generationellen Lebensstils, dessen vorherrschende K ennzeichen K ühle, H ärte und „Sachlichkeit“ w aren - als A bgrenzungsm erkm ale zu der G ruppe der A lteren, die als gefühiig und zu sehr auf Personen statt auf „die Sache“ bezogen kritisiert w urd e7. Den Vorsprung, den die A lteren durch ihre K riegsteilnahm e und „Fronterfahrung“ hatten, versuchten die Jüngeren durch die Ü bernahm e des Frontkäm pferideals für den Kampf im Innern, durch die Stilisierung des kalten, entschlossenen Kämpfers und durch das Trachten nach „reinem “, von K om prom issen freiem und radikalem , dabei aber organisiertem , unspontanem , langfristig angelegtem H andeln zu kom pensieren. D urch diese Interpretation der G enerationserfahrung und die Propagierung des daraus en tw ickelten Lebensstils w urd e es zudem m öglich, die ja sehr diffusen, w idersprüchlichen und gar nicht in allgem einerer Form form ulierbaren E rfahrun­ gen der einzelnen in eine einzige Perspektive einzubinden, die auch Leid, Verlust und Z ukunftsangst als positive und geradezu avantgardistische Prädispositionen interpretiert und den - tatsächlichen oder befürchteten - sozialen A bstieg der b ür­ gerlichen Jugendlichen als A usdruck der Ü berw indung der K lassengegensätze he­ 5 G ründel, D ie Sendung der Jungen G eneration 31-35, 81-83. 6 Vgl. etwa Frank M atzke, Jugend bekennt: So sind w ir! (L eipzig 1930); L eop old D in g r ä ve, Wo steht die junge G eneration? (Jena 1931); F riedrich Franz Unruh, N ationalistische Jugend, in: N eue Rundschau 43 (1932) 577-592; E du ard Wechssler, Die G eneration der Ju gen d ­ gem einschaft, in: Geist und Gesellschaft I (Festschrift Kurt B reysig) (Breslau 1927); Ernst Glaeser, Jah rgan g 1902. Rom an (Berlin 1928); Wilhelm E. SUskind, Jugend. Rom an (Stuttgart 1930); H ans T h om as (i.e. Hans Zehrer), A bsage an den Jah rgan g 1902, in: Die Tat 21 (1929/ 30, FI. 10, Jan u ar 1930) 740-748. 7 Als Stichw orte des Kults der „Sachlichkeit“ zählt Lethen auf: das „Verbot des R ituals der Klage, die D isziplinierung der Affekte, die Kunstgriffe der M anipulation, die List der A npas­ sung, die Verfahren des physiognom ischen U rteils und die Reflexion in einem P arallelo­ gram m der K räfte.“ L ethen, Verhaltenslehren der Kälte 57.

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roisierte. Zudem w urde dieses Selbstbild w en iger über politische A n alyse als über die A kzen tuierun g eines Lebensgefühls w irksam , das zuverlässiger die K onturen der eigenen G eneration m arkierte und zudem einfacher adaptierbar und dam it w irksam er w ar als ein w eltanschauliches G ebäude oder ein politisches Program m . D ie langfristige B edeutung der sich vor allem in dieser G eneration ausbreiten­ den völkisch -radikalen Jugendbew egung der frühen W eim arer Jahre lag insbeson­ dere darin, daß sie die politische W ahrnehm ung der E ntw icklung im D eutschland der N achkriegsjahre in ein ideologisch fixiertes W eltbild einband und zugleich zum exklusiven Erlebnis einer G eneration stilisierte. D er völkische R adikalism us, die A bsage an R epublik und D em okratie sow ie vor allem der rassebiologisch m o­ tivierte A ntisem itism us erschienen auf diese Weise nicht als eine politische M ei­ nung unter anderen, sondern w urden zugleich als Elem ente eines Lebensgefühls, eines generationellen Stils em pfunden, der den Einzelnen die G ew ißheit verm it­ telte, sich von der liberalen oder dem okratischen U m w elt durch die „W eltan­ schauung“, von den älteren, „national“ oder konservativ D enkenden aber durch R adikalität, H ärte, Sachlichkeit, Kühle - und vor allem H andlungsbereitschaft zu unterscheiden. W ie sich dieses K onglom erat aus historischer L egitim ation und generationel­ lem „Stil“ in der A ttitüde dieser G eneration in den 20er Jah ren niederschlug, w urde oft beschrieben. Ernst N iekisch kennzeichnete die H altung der N achkriegsjugend als „V oraussetzungslosigkeit und B in d un gslo sigkeit“: „Insgeheim verachtet sie bereits die Sache der Z ivilisation, des Fortschritts, der H um anität; sie zw eifelt an der V ertrauensw ürdigkeit der V ernunft und erschaudert nicht vor einer B arbarisierung des Lebens.“8 D ie fröstelnde B ew underung, die in solchen W orten zum A usdruck kam , fin­ den w ir auch in Peter Suhrkam ps E ssay „Söhne ohne V äter und L eh rer“ von 1932, in dem er die zu dieser Zeit knapp D reißigjährigen als die „U nruhigsten, die U n ­ klarsten und die A benteuerlichsten“ in der bürgerlichen W elt dieser Jah re kenn­ zeichnete: „Das B ezeichnendste an ihnen ist ih r M angel an H um anität, ihre A cht­ losigkeit gegen das M enschliche. Sie haben zw ischen zw anzig und dreißig viel hinter sich gebracht, so viel w ie die m eisten M enschen sonst in ihrem ganzen L e­ ben nicht erw ischen; die N ach kriegszeit bot alle M öglichkeiten dazu ... Im üb ri­ gen w aren die V äter zum größten Teil im Kriege. D ie Kinder dieser Eltern gerie­ ten, da sie sich selber überlassen oder auch davongelaufen w aren, nach dem Krieg in alle K risenhysterien und K risenlaster, ohne dabei großen Schaden zu nehmen. Sie reagierten auf die Zeit, gaben ih r nach, nutzten sie aus; jederzeit gerissen, fix und tüchtig. D ie D reißigjährigen sind sicher die begabteste G eneration unter den Jungen ... U nd m it ihrer bekannten F ixigkeit und T üch tigkeit und m it einer über­ raschenden Selbstdisziplin stabilisieren sie heute in allen Lagern und Positionen für sich eine fixe Lebensform und fixe Lebensgew ohnheiten. Sie sind die schärf­ sten G egner des L ib e ra lism u s... Ihre In tellektualität ist skeptisch und nicht selten ** Ernst Niekisch, Die Tragödie deutscher Jugend, in: ders., Politische Schriften (Köln 1965) 41-46.

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sogar destruktiv ... D er H öhepunkt des intellektuellen D aseins ist eine P hiloso­ phie der D estruktion, w elche die endgültige V ernichtung der bürgerlichen Welt herbei führen so ll.“9 D iese G eneration ist als vornehm liche T rägergruppe der N S-D iktatur iden tifi­ zierbar, und zw ar vor allem auf der Ebene des Führungspersonals. Zwei D rittel der A ngehörigen der Führungsgruppen von G estapo, E insatzgruppen und SD entstam m en den Jahrgängen zw ischen 1900 und 1915. Ein gleiches B ild ergibt sich bei der A n alyse des V erw altungsapparats in den besetzten Ländern O steuro p as10. Jedoch geht die W irkungsm ächtigkeit des generationellen Zusam m enhalts w eit über die K erngruppe des G enozids hinaus. In dieser A ltersgruppe hatte sich be­ reits früh ein D enken in nationalistischen und darüber hinaus in völkischen K ate­ gorien durchgesetzt, w ie sich vor allem an den U niversitäten zeigte. U nd selbst bei jenen, die den N ationalsozialisten aus bestim m ten politischen G ründen fernstan­ den, ja sie verabscheuten, finden w ir häufig oder sogar in der R egel Elem ente d ie­ ser hegem onialen Ü berzeugungen: daß D eutschland w ährend des Krieges und vor allem danach vom Westen betrogen w orden sei, daß es eine Verbindung zw ischen inneren und äußeren Feinden im G eiste des U niversalism us gebe, daß die D em o­ kratie etw as den D eutschen Frem des und U nangem essenes sei, daß V ö lker eigen­ ständige historische Einheiten oder gar Subjekte seien, daß ein erheblicher Teil der kulturellen und sozialen K risenerscheinungen - von der K rim inalität bis zur A so ­ zialität - biologisch erklärb ar sei; daß die Jud en in D eutschland einen schädlichen F rem dkörper darstellten: D er rad ikale N ationalism us, w ie er sich nach 1918 in D eutschland entw ickelte, speiste sich auch und in zunehm endem M aße aus der V erbindung m it einem generationellen Lebensgefühl, aus der M entalität einer p o ­ litischen G eneration. D abei fungierte die stilisierte Erfahrung der K riegsjugend­ generation als B estätigung und L egitim ation dieser Ü berzeugungen. D ie A ngehörigen dieser G eneration w aren am Ende des Zweiten W eltkrieges etw a zw ischen 30 und 45 Jah ren alt. Sie vor allem w aren G egenstand der p o liti­ schen Säuberungsaktionen der A lliierten , w obei w ir uns hierbei auf W estdeutsch­ land beschränken. Ein erheblicher Teil von ihnen durch lief außer der K riegsgefan­ genschaft auch A utom atical A rrest, Internierungen, Verhöre, E ntnazifizierung, Berufsverbote. Z w ar ging für die m eisten N S-A nhänger und F unktionäre das G anze vom Ende her gesehen eher glim pflich aus. A ber die politische O rien tie­ rung w ar w eitgehend gebrochen. V erbitterung, Enttäuschung und Trotz, die an ­ fangs vorgeherrscht hatten, w ichen einem von den Verhältnissen erzw ungenen und bald in ternalisierten A npassungsdruck, der den einzelnen eine R ückkeh r in ein bürgerliches Leben (sofern sie ein solches zuvor jem als gelebt hatten) erm ög­ lichte, allerdings m it dem Verlust der politischen Identität und auch der persön li­ 9 P e te r Suhrkamp, Söhne ohne V äter und Lehrer. Die Situation der bürgerlichen Jugend, in: N eue Rundschau 43 (1932) 681-696. 10 Vgl. H erbert, Best 180ff.; jetzt ausführlich M ich a el Wilclt, G eneration des U nbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptam ts (H am burg 2002); J e n s Banach, H eydrichs Elite. Das Führerkorps der Sicherheitspolizei und des SD (936-1945 (Paderborn 1998).

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chen G eschichte verbunden war. D abei verlor sich auch der N im bus der einheits­ stiftenden politischen G enerattonsidentität; denn dieser w ar zu offenkundig mit dem untergegangenen N S-R egim e verbunden. D ie B edeutung der prägenden Erfahrungen der N achkriegszeit des Ersten W eltkrieges in D eutschland hingegen verlor sich keinesw egs, w enngleich sie ihrer zugespitzten politischen Schlußfolgerungen entkleidet w urden. Der B egriff des­ sen, w as unter „N ationalsozialism us“ zu verstehen war, w urde auf einen R estbe­ stand des V erbrecherisch-A bnorm en reduziert, so daß w esentliche 'Feile der p o li­ tischen Ü berzeugungsgehalte des nationalen Lagers der W eim arer Jahre und der P o litik des N S-R egim es als w eiterhin tradierbar galten. Dies schlug sich in den frühen 50er Jahren in jenen politischen R oll-back-V ersuchen nieder, die in dem W iedererstarken der nationalistischen R echten etw a in der FD P einige B edeutung gewannen. Erst in den späten 50er und frühen 60er Jahren w urden diese N eu­ orientierungen allm ählich üb erw un d en 11. Da aber die politische Stabilität und die w irtschaftliche A ufw ärtsen tw icklung in W estdeutschland den einzelnen auch persönlich die M ö glich keit zum sozialen A ufstieg respektive W iederaufstieg zu bieten schienen, w urde das Interesse an er­ neuter politischer B etätigung, insbesondere in rechtsradikalem Sinne, vor allem bei der K riegsjugendgeneration, die um 1960 in die Führungspositionen der w est­ deutschen G esellschaft einrückte, zunehm end geringer, zum al die juristische Ver­ folgung von N S-V erbrechen seit 1953 praktisch zum Stillstand gekom m en war. Je länger aber diese E ntw icklung dauerte und je besser die eigene soziale Lage war, desto stärker verlor die politische Prim ärorientierung an B edeutung. Bei vielen w urde die politisch-generationelle Prägung nun überform t von kulturellen und politischen N euorientierungen, deren zunächst opportunistischer C h arakter nicht selten in politische K onversion überging, w ie besonders eindringlich die B eispiele Schneider-Schw erte, Schieder oder C onze zeigen 1-. Bei anderen ver­ lagerte sie sich in den vorpolitischen Raum und regredierte zu r gew öhnlichen Jugenderinnerung, w obei die trotzige B eharrung auf ihrer N orm alität noch etwas von ihrer politischen Prägekraft ahnen ließ. Von allgem einerer B edeutung ist dabei das Verhältnis von generationeller Zuschreibung und com m on sense. D er E indruck, daß D eutschland den Krieg 1914/18 auf unerklärliche, jedenfalls nicht hinnehm bare Weise verloren habe, be­ gann sich seit Ende des Krieges ebensosehr zu verbreiten w ie nach dem Versailler Vertrag die Ü berzeugung, daß noch nie ein Land in der G eschichte so schrecklich 11 Vgl. H e r b e n , Best 477 ff.; Wildt, G eneration 731 ff.; N orbert Frei, Karrieren im Z w ielicht. H itlers Eliten nach 1945 (Frankfurt a.M . 2001). 12 Vgl. L u d w ig J ä g er , Seitenwechsel. D er Fall Schneider/Schwerte und die D iskretion der G erm anistik (M ünchen 1998); Claus Leggexvie, Von Schneider zu Schwerte. Das ungew öhn­ liche Leben eines M annes, der aus der Geschichte lernen w ollte (M ünchen 1998); Wilfried Loth, B e r n d A. Rusinek (H rsg.), V erw andlungspolitik. N S-Eliten in der w estdeutschen N achkriegsgesellschaft (F rankfurt a.M . 1998); Götz Aly, M acht, Geist, Wahn. K ontinuitäten deutschen D enkens (Berlin 1997); T h om as E tzem üller, Sozialgeschichte als politische Ge­ schichte. W erner C onze und die N euorientierung der westdeutschen G eschichtswissenschaft nach 1945 (M ünchen 2001).

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bestraft und betrogen w orden sei w ie D eutschland. D ie G eneration der Kriegsjugend des Ersten W eltkrieges w urde von dieser allgem einen Erfahrung des U ntergangs der tradierten W elt und der O rientierung auf Rache geprägt. Diese Prägung der am Ende des Krieges H eranw achsenden w ar so eindrücklich und stark, daß sie diese sich herausbildende allgem eine Ü berzeugung als generationell spezifische Erfahrung ansahen und radikalisierten. Die W ahrnehm ung der H eran­ w achsenden, so die allgem eine V erm utung, spürt w erdende ku lturelle H ege­ m onien, besetzt sie, sp itzt sie zu und verhilft ihnen zum D urchbruch - zum al in K risenzeiten, denn nur dann gew innen solche generationellen D istinktionen p o li­ tische B risanz, w eil die Z eitzeugenschaft des herausragenden Ereignisses, der Z ei­ tenw ende m ehr als soziale und politische T raditionen zum handlungsleitenden M erkm al zu w erden scheint.

II. D ie zw eite A lterskohorte, die hier näher vorzustellen ist, hat im Laufe der Zeit viele T itel erhalten, die allesam t bestim m te Interessen ausdrückten: die G enera­ tion der H itler-Jugend, die Flakhelfer-G eneration, die skeptische, die betrogene G eneration. So w ie die K riegsjugendgeneration die Krise des Ersten W eltkrieges und der N achkriegszeit als H eranw achsende erlebte, w ar diese G eneration am Ende des Zweiten W eltkrieges zw ischen 10 und 20 Jah re alt und um faßte m ithin grob die Jahrgänge zw ischen 1925 und 1935. Joachim Kaiser und D irk M oses fo l­ gend sollen sie im folgenden als „45er“ bezeichnet w erden, w eil sie ihre entschei­ dende Prägung durch den Zusam m enbruch und die Jah re der N euorientierung nach 1945 erh ielten 13. Von den später G eborenen unterschieden sie sich, w eil sie die N S-Z eit bereits als H eranw achsende erlebt hatten. Von den A lteren un ter­ schieden sie sich, w eil sie aufgrund ihres A lters noch zu grundlegenden N euo rien ­ tierungen in der Lage w aren, w ährend sich die m eisten der A lteren von den w äh ­ rend der N S-Z eit em pfangenen Prägungen und insbesondere von der D enkw elt des völkischen N ationalism us nur m ehr schw er lösen konnten. C h ristian G raf 13 Vgl. A. Dirk Moses, Die 45er. Eine G eneration zw ischen Faschism us und D em okratie, in: Die N eue Sam m lung 40 (2000) 211-232; J o a c h i m Kaiser, „Phasenverschiebungen und Ein­ schnitte in der K ulturellen E ntw icklung“, in: M artin B roszat (H rsg.), Zäsuren nach 1945: E ssays zur P eriodisierung der deutschen N achkriegsgeschichte (M ünchen 1990) 69-74; H einz B ude, Deutsche K arrieren. L ebenskonstruktionen sozialer A ufsteiger aus der Flakhelfer-G eneration (Frankfurt a.M . 1987); H e lm u t Schelsky, Die skeptische G eneration: eine Soziologie der deutschen Jugend (D üsseldorf, Köln 1957); R olf Schörken, Luftw affenhelfer und D rittes Reich, Die Entstehung eines politischen Bew usstseins (Stuttgart 1984); ders., J u ­ gend 1945. Politisches D enken und Lebensgeschichte (F rankfurt a.M . 1990); Arno K lön n e, J u g e n d im D ritten Reich. D ie H itler-Jugend und ihre G egner (M ünchen 1995); Sibylle H ü b ­ ner-Funk, L oyalität und Verblendung. H itlers Garanten der Z ukunft als Träger der zw eiten deutschen D em okratie (Potsdam 1998);/öVg Lau, A uf der Suche nach der verlorenen N o r­ m alität. H elm ut Kohl und H ans M agnus Enzensberger als G enerationsgenossen, in: Klaus N au m ann (H rsg.), N achkrieg in D eutschland (H am burg 2001) 521-551.

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von K roekow hat das auf die prägnante Form el gebracht: „Ich gehöre - Jah rgan g 1927 - zur sogenannten Flakhelfergeneration. Sie w ar alt genug, um eien Krieg, die M acht und den Fall des D ritten Reiches bew ußt m itzuerleben; sie w ar jun g genug, um neu anzufangen.“ 14 N un ist dies offenkundig ebenfalls ein Elem ent der gene­ rationellen Selbststilisierung - aber eben diese und nicht die em pirischen E rleb­ nisse der einzelnen kennzeichnet den Typus der Politischen G eneration. Wenn das an dem vorher U ntersuchten festgestellte Zw ischenergebnis zutrifft, so m üßten w ir auch hier danach suchen, auf w elche als grundstürzend em pfun­ dene E ntw icklung diese G eneration sich als H eranw achsende konstituierend stützte, auf w elche A rt der „w erdenden kulturellen H egem onie“ sie reagierte und in w elcher Weise sie diese aufnahm und durchsetzte. D ie Jugen d zeit der 45er w ar zunächst vom A ufw achsen in der D iktatur ge­ kennzeichnet, insbesondere in der H itlerjugen d und im BD M , am Ende des K rie­ ges auch in der W ehrm acht. B etrachtet man die hierzu reich vorhandene E rinne­ run gsliteratur und - dam it zum Teil verknüpft, w ie bei K lönne oder Schörken historischen U ntersuchungen, so sind vier A spekte hervorzuheben: Erstens: die Betonung der anfänglich positiven Erfahrungen in der H itlerju ­ gend. Der idealistische Im petus der H J, die Z usam m enführung der verschiedenen R ichtungen der Jugendbew egung, der egalitäre, volksgem einschaftliche C h arak ­ ter in der H J haben einen offenbar tiefen E indruck hinterlassen; nicht als einzige, aber doch als H auptrichtung der kollektiven E rinnerung. Zweitens: die H eraushebung der deprim ierenden Erfahrung des zunehm enden D rills, der M ilitarisierung und Indoktrination w ährend der K riegsjahre, die be­ reits eine gew isse D istanz zu den idealistischen A nfangsjahren und zum N S insge­ sam t andeutete - aber verbunden w ar m it der starken B etonung der frühen Selb­ ständigkeit durch allerlei D ienste und Pflichtjahre. Dies trifft offenbar vor allem bei Frauen zu, die besonders eindrucksvoll von ihrer Ü berschreitung der tradier­ ten G renzen des Elternhauses und des so zialku lturellen M ilieus durch BD M , Landjahr, D ienstverpflichtung und das Chaos der letzten K riegsjahre w ährend ihrer H eranw achsendenzeit berichten. Bei den M ännern, vor allem bei jenen, die den Krieg noch als Soldaten erlebt hatten, sind die E rinnerungen hingegen von der totalen K atastrophe bestim m t; insbesondere w ährend der letzten K riegsphase, in der ein erheblicher Teil der m ännlichen A ngehörigen dieser G eneration ums Leben kam. D rittens: die fast einhellige Betonung des tiefen Sturzes, der vollständigen Ü berraschung, der U m w ertun g aller W erte am Ende des Krieges. Besonders auf­ fällig tritt dabei hervor, daß insbesondere jene, die sich bis zum Ende als „hitler­ treu" verstanden, zur radikalen U m kehr neigten und dam it auch zur rhetorischen Figur der „m ißbrauchten G eneration“. Ein Beispiel hierfür ist der E rziehungsw is­ senschaftler W olfgang K lafki, der über sich berichtete: „Als m ir nach dem 9. M ai 14 Christian Graf v o n K roek ow , Das M ißverhältnis der Erfahrungen - Versuch zu einem Dialog, in: Claus R ich ter (H rsg.), Die überflüssige G eneration. Jugend zw ischen A pathie und A ggression (Königstein/Ts. 1979) 205.

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1945 in kurzer Frist Inform ationen und glaubw ürdige Belege über die w ahren Ziele des N ationalsozialism us und H itlers als seines führenden R epräsentanten zugänglich w urden, und als ich von dem grausigen A usm aß der verübten Verbre­ chen erfuhr, brach der ,Ü berb au“ des idealistischen H itlerbildes zusam m en.“ 1'’ V iertens: D ie daraus gezogenen Schlußfolgerungen bestanden zunächst in einer deutlich hervortretenden P olitikferne, einer m ißtrauischen D istanz gegenüber idealistischen A ngeboten aller A rt, die ihre positive K ennzeichnung in Schelskys D iktum von der „skeptischen G eneration“ fand. Schelsky verteidigte darin die N achkriegsjugend gegen die K ritik älterer E rziehungsw issenschaftler w ie Eduard Spränget', die ihr einen M angel an Idealism us, m issionarischem Eifer und Pionier­ geist vorw arfen, aber auch gegenüber jenen, w elche die deutsche Jugen d als dem o­ kratiefern und der neuen w estdeutschen R ep ub lik gegenüber als indif ferent erach­ teten. D ie N achkriegsjugend, so Schelsky, verw eigere die utopischen Ideale der Jugen dbew egun g w ie G em einschaft und G anzheit, w elche die A kzeptanz der m o­ dernen Industriegesellschaft verhindert hätten. Sie sei vielm ehr nüchtern, pragm a­ tisch, ideologiefern o rien tiert16. Daß dies von einem W issenschaftler form uliert w urde, der schon in den 30er Jahren als glühender N ation also zialist an den U niversitäten gegen R epublikaner und Juden Sturm gelaufen w ar und der nun seine Perspektive im Pathos der N üchternheit erblickte, in der postideologischen B undesrepublik, in deren D ienst er sich nun stellte, gibt H inw eise darauf, auf welchen latenten Konsens das so apo­ strophierte Verhalten der N achkriegsjugend offenbar reagierte: Die R ede vom m ißbrauchten Idealism us der Jugend w ar in W ahrheit eines der kennzeichnenden Elem ente der A lltagsphilosophie der deutschen N achkriegsgesellschaft insgesam t. D ie skeptische G rundhaltung entsprang einer m elancholischen N euorientierung im Posthistoire des nachideologischen Z eitalters. Besonders ausgeprägt finden w ir diese F igur bei intellektuellen Protagonisten der N S-D iktatur, w ie etw a bei C arl S ch m itt17 oder - noch zugesp itzter - bei W erner Best: D er verfaßte in den frühen 50er Jah ren B etrachtungen über die „Philosophie des D ennoch“, in w elchen er ausführte, daß nur diejenigen, die tatsächlich versucht hätten, ihr Leben und ihre W eltanschauung an absoluten W ertbindungen zu orientieren, w ie die C hristen, die B olschew isten, die w estlichen D em okraten oder eben N ationalsozialisten w ie er selbst, an sich selbst hätten erfahren können, daß solche teleologischen P hiloso­ phien die W elt in den U ntergang gestürzt hätten. Sie seien daher gegenüber allen 15 W olfgan g Klafki, Politische Identitätsbildung und frühe pädagogische Berufsorientierung in Kindheit und Jugend unter dem N ationalsozialism us - autobiographische R ekon struk­ tion, in: ders. (H rsg.), Verführung, D istanzierung, Ernüchterung. K indheit und Jugend im N ationalsozialism us. A utobiographisches aus erziehungsw issenschaftlicher Sicht (W einheim 1988) 118 f. 16 Schelsky, Die skeptische G eneration; vgl. dazu Franz W erner K ersting, H elm ut Schelskys „Skeptische G eneration“ von 1957. Zur P ublikations- und W irkungsgeschichte eines Stan­ dardw erks, in: VfZ 50 (2002) 465-495. 17 Vgl. C arl Schmitt, Ex C aptavitate Salus. Erfahrungen der Zeit 1945/47 (Köln 1950); dazu Dirk v a n Laak, Gespräche in der Sicherheit des Schweigens. C arl Schmitt in der politischen G eistesgeschichte der B undesrepublik (Berlin 1993) 8 6 ff.

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H eilslehren, auch den neuen des W estens, skeptisch und versuchten vielm ehr, „U nduldsam keit und Fanatism us auszurotten, Sachlichkeit der A useinanderset­ zungen über die jew eiligen B edürfnisse (,Interessen') durchzusetzen und jede M ö glich keit von G laubenskäm pfen und W eltanschauungskriegen zu verhin­ dern “ 18. Trat die Skepsis hier als Legitim ationsstrategie der vorm aligen N S-T äter auf, die so die m oralische G leichw ertigkeit aller utopischen Konzepte aus durchsich­ tigen M otiven propagierten, so w aren die Elem ente von Ideologieferne, Pragm a­ tism us, N üchternheit und kritischer G rundhaltung als generationelle Leitbilder der N achkriegsjugend funktional offen und p o lyvalent, w ie vor allem im Ver­ gleich zu den Perspektiven der Rache und des sich verengenden R adikalnatio n a­ lism us der K riegsjugendgeneration des Ersten W eltkrieges zutage tritt. D ie Jahre nach dem Zw eiten W eltkrieg sind vielfach mit dem Begriff der O rien ­ tierungskrise bezeichnet w orden, und auf die Jugend der N achkriegszeit trifft er offenbar in besonderem M aße zu. Von einer einheitlichen politischen A nschauung der N achkriegsjugend kann ganz offenkundig keine R ede sein, sieht man von dem offenbar früh durchgesetzten und auf die beschriebenen Erfahrungen gründenden A n ti-N atio n also zialism us ab. U nter den jungen Intellektuellen finden sich ko n ­ servativ-abendländische R ichtungen ebenso w ie sozialistische, christliche und am französischen Existentialism us orientierte. Vier Tendenzen aber begannen sich of­ fenbar früh durchzusetzen - auch diese in Spiegelung und V erstärkung kräftiger E ntw icklungen in der G esam tbevölkerung: zum einen die strikte O rientierung am eigenen Fortkom m en, an beruflichem A ufstieg und sozialer K onsolidierung. Zum zw eiten eine frühe Faszination durch die angelsächsische Welt. D arin w ar einer­ seits eine N ähe vor allem zur am erikanischen K ultur sichtbar, die in der K onsum ­ faszination der deutschen G esellschaft insgesam t ihren nur zu begreifbaren A us­ druck fand; andererseits - drittens - der H ang zum Praktischen, Reform erischen, N ichtideologischen. Viertens schließlich finden w ir bei zahlreichen Vertretern der jungen N achkriegsgeneration der „45er“ auch eine ausgesprochen positive H al­ tung gegenüber dem Projekt eines sich vereinigenden Europa; und hier treten auch A nsätze eines gew issen politischen Idealism us zutage, w enngleich dieses Vorhaben sozusagen generationstypisch in die Flure der B rüsseler B ürokratie m ündete19. Von einer K onfrontation m it den Ä lteren hingegen, m it den T rägergeneratio­ nen des N ationalsozialism us, finden w ir fast nichts. Z w ar spielte die A useinander­ setzung m it den Verbrechen des N S-R egim es in den unm ittelbaren N achkriegsjahren durchaus eine R olle; in den 50er Jahren aber ist davon nur w enig zu ver­ spüren. D irekte personelle K onfrontationen w ird man gar vollständig verm issen. H ier spielten offenbar verschiedene A spekte eine R olle. Zum einen w ar diese 18 W erner B est, Die „Philosophie des D ennoch“. G rundzüge einer zeitgem äßen Philosophie, unveröff. M S., o. D. (ca. 1953). 19 Dazu Moses, Die 45er; B ude, D eutsche K arrieren; Schörk en, Luftw affenhelfer; K lön n e, Jugend; Klafki, Verführung.

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G eneration auto ritär und auf das G ehorsam sprinzip verpflichtet erzogen worden. D ie fordernde, beschuldigende A useinandersetzung m it älteren R espektsperso­ nen w ar ihre Sache nicht; und w enn man bedenkt, w elcher A ufschrei der Ent­ rüstung und des Entzückens die harm losen antiautoritären Späße eines Fritz Teufel zu Finde der 60er Jah re begleitete, so w ird man die Entfernungen erm essen können, die hier von den 45ern zurückzulegen w aren. Zum anderen blieb der ödipale K onflikt zw ischen den 45ern und der G enera­ tion ihrer V äter aus, w eil die D iskreditierun g der „V äter“ durch die von ihnen getragene N S-D iktatur zu offensichtlich schien. K arl M arkus M ichel, Jahrgang 1929, bem erkte dazu: „N ach 1945... fanden die jungen M änner in D eutschland nur Trüm m er vor. Was die V äter geschafft hatten, w ar so ungeheuerlich, daß es je ­ der A nprangerung spottete.“20 Daß es allzu b illig sei, auf die ohnehin am Boden Liegenden auch noch einzuschlagen, w ar hier oft zu hören; und in eine ähnliche R ichtung zeigte das von G ünter G aus geprägte und später vielfach von anderen verw endete W ort von der „Gnade der späten G eburt“, das insofern für die 45er eine besondere B edeutung gehabt haben m ochte, als viele von ihnen die fanatische Z ustim m ung zur D iktatur und deren Taten ja noch an sich selbst erlebt hatten. In­ w iew eit das im einzelnen glaubhaft w ar oder ist, spielt in unserem Zusam m enhang keine R olle; w ich tig ist hier nur, daß es als Elem ent einer verbreiteten generatio­ nellen H altung angesehen und so auch tradiert w urde. In dem M aße aber, wie sich die westdeutsche Gesellschaft während der 50er Jah re zu verändern begann, fand auch die G eneration der 45er ihre R olle. N ach dem Kriege hatte die außerordentliche V eränderungsdynam ik in allen Lebensbe­ reichen - zu m arkieren durch Stichw orte w ie B om benkrieg, Z w angsm igrationen, B esatzung und W ährungsreform - das B edürfnis nach sozialem W iederaufstieg und kom pensierender Stabilität in den L ebensgew ohnheiten über mehr als an­ derthalb Jahrzehnte geradezu überm ächtig w erden lassen. N ach einer m ehr als d reißigjährigen E rfahrung der äußeren E rschütterungen, die n ur von wenigen kurzen Phasen der B eruhigung unterbrochen w orden war, bildeten die Integra­ tion und innere P azifizierung der w estdeutschen G esellschaft, ihre E ntpolitisie­ rung im Sinne der E rrichtung eines passiven antitotalitären G rundkonsensus und die R ekonsolidierung des Privaten die G rundlagen für die politische A ufw ertung von Fam ilie, R eligion und kleinem G lück. Solange die Verhältnisse in der neuen politischen U m gebung des provisorischen W eststaats noch nicht eindeutig stabil w aren und eine gesicherte und langfristige Perspektive auch für das eigene Leben eröffneten, bot die O rientierung an den tradierten N orm en und Lebensweisen zugleich auch einen Schutzraum vor den zw ar begrüßten, aber doch auch verun­ sichernden und beängstigenden V eränderungen der Lebensbedingungen infolge von „W irtschaftsw under“ und „W ohlstandsexplosion“. A uf diese W eise hatte sich inm itten einer Phase außerordentlich dynam ischer w irtschaftlicher E ntw icklung ein G esellschaftstypus erhalten - oder w urde restabilisiert - , der sich in vielem an den W eltm aßstäben und L eitbildern der W ilhelm inischen G esellschaft orien­ 20 K arl Markus M ichel, Die sprachlose Intelligenz (Frankturt a.M . 1968) 71.

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tierte21. Erst als die politische Stabilität und der w irtschaftliche W iederaufstieg in W estdeutschland abgeschlossen schienen, bedurfte es der Stützung der w estdeut­ schen G esellschaft durch dieses Korsett der O rientierung an den L eitbildern der Jah rh un dertw en de nicht mehr, und die Suche nach neuen, zeitgem äßen P erspekti­ ven und R ollenm ustern begann. In dieser Situation trat die G eneration der „45er“ ins R am penlicht - H elm ut Kohl und H ans-Jochen Vogel, G ünther Grass und H ans M agnus Enzensberger, R alf D ahrendorf und Jürgen H aberm as, Joachim Fest und R udo lf A ugstein, H an s-U lrich W ehler und die B rüder H ans und W olfgang J. M om m sen - um nuteinige N am en als Beispiele zu erw ähnen. Gegen die als „verkrustet“ und unm o­ dern em pfundenen politischen und auch kulturellen V erhältnisse in der B undesre­ p ub lik entw ickelten sie ein eher an Erfolg und M odernität ausgerichtetes A m erika zu ihrem Leitbild. U nter den U niversitätsabsolventen unter ihnen w ar nicht mehr der deutsche A kadem iker, sondern der w estlich geprägte In tellektuelle das L eit­ bild; und nicht w enige von ihnen hatten einen Teil ihres Studium s in den U SA oder G roßbritannien verbracht. D er von ihnen favorisierte P o litik ertyp us w ar nicht mehr ein M ann w ie Konrad A denauer, sondern John F. K ennedy oder der diesen in vielem im itierende W illy Brandt. Das M odell der w estlichen D em okratie setzte sich in dieser G eneration erstm als als L eitbild durch. Das bedeutet nicht, daß tatsächlich eine große M ehrheit nun als D em okraten zu apostrophieren w a­ ren; aber der prägende Stil der 1960 gut 30jährigen w ar eher w estlich, prodem o­ kratisch und modern als nationalkonservativ, ku lturkritisch oder gar n atio nali­ stisch. D ie nun im m er stärker sichtbar w erdenden obrigkeitsstaatlichen S tru ktu ­ ren, die M odernitätsdefizite in K ultur und G esellschaft sollten durch R eform en verändert w erden. Dies geschah w eiterhin auf allm ähliche und zivile W eise; die bürgerlichen U m gangsform en w urden nicht verletzt. A ls Vertreter dieser G eneration kann besonders ausgeprägt und für den nun stattfindenden W andlungsprozeß außerordentlich einflußreich R alf D ahrendorf gelten, dessen Buch „G esellschaft und D em okratie“ die jüngere deutsche Ge­ schichte als G eschichte eines strukturellen D em okratie- und M odernitätsdefizits aufw ies. D ie deutsche P o litik m üsse daher auf die B eseitigung dieser D efizite, auf Reform und D em okratisierung setzen, um das Ende des Sonderw egs und die E inpassung in den E ntw icklungspfad des Westens nicht nur institutionell und außenpolitisch, sondern auch k u ltu rell und gesellschaftlich ins W erk zu setzen22. H ier w urde ein kühl gezeichnetes B ild der jüngsten deutschen G eschichte ent­ worfen, ohne die apologetischen Tendenzen der nationalstaatlichen G eschichts­ schreibung. N ach der institutioneilen D em okratisierung und der außen p o liti­ schen W estorientierung nun in einem zw eiten G ründungsakt die innere L ib erali­ 21 Zum folgenden s. Ulrich H erb ert, L iberalisierung als Lernprozeß. Die B undesrepublik in der deutschen Geschichte - eine Skizze, in: ders. (H rsg.), W andlungsprozesse in W est­ deutschland. Belastung, Integration, L iberalisierung 1945-1980 (G öttingen 2002). 22 R a l f D a h re n d o rf, G esellschaft und D em okratie in D eutschland (M ünchen 1965); vgl. dazu jetzt D ahrendorfs autobiographische A ufzeichnungen: Ü ber Grenzen. Lebenserinnerungen (M ünchen 2002).

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sierung und D em okratisierung der G esellschaft nachzuholen, w ar das hier ver­ tretene Postulat. D ahrendorfs Buch über G esellschaft und D em okratie in D eutschland w ird im A bstand erkennbar als das G rundbuch des w estdeutschen Identitätsw andels, der nun, schw erfällig genug und m it m annigfaltigen A bw eichungen, in dem M om ent begann, als die Kluft zw ischen einer entfalteten Industnegesellschaft und den dam it im m er w eniger zu vereinbarenden traditionellen gesellschaftlichen N o r­ men und Lebensw eisen, w elche die B undesrepublik in der Ä ra A denauer prägten, seit dem Ende der 50er Jahre in den V ordergrund der W ahrnehm ung trat und eine an B edeutung rasch zunehm ende öffentliche D iskussion über die N o tw en digkeit von V eränderungen und R eform en evozierte. Das galt zum einen für die illu so ­ risch gew ordene W iedervereinigungsoption, die nun allm ählich einer D iskussion über M öglichkeiten einer friedlichen K oexistenz m it den osteuropäischen Staaten zu w eichen begann. D ie Jaspers-D ebatte und Fischer-K ontroverse sow ie dann vor allem die Spiegel-A ffäre m arkieren w eitere w ichtige Etappen bei der nun an­ hebenden öffentlichen A useinandersetzung um die G rundlagen und das Selbst­ verständnis der G esellschaft der B undesrepublik, in der nun die 45er den Ton angaben. Sie konzentrierten sich zunächst auf den offenkundigen R ückstand W estdeutschlands im B ildungs- und A usbildungsbereich, auf die D efizite in der Infrastruktur, der V erw altung und im Rechtsw esen. D ie daraus resultierende F o r­ derung nach einem A usgleich dieser D ifferenzen zog D ebatten insbesondere über die gesellschaftlichen, schließlich auch die ziv il- und strafrechtlichen N orm en der w estdeutschen G esellschaft nach sich - hier standen Bereiche w ie die B e­ deutung von R eligion und K irchlichkeit im V ordergrund, aber auch und zuneh­ m end Them en w ie die Ziele und Form en der Erziehung in den K indergärten, Schulen und H ochschulen; schließlich die L iberalitätsdefizite in der G esellschaft generell. N eben Reform en, w estlicher D em okratie und M odernität gew ann hierbei die A useinandersetzung m it der N S-V ergangenheit zunehm end an B edeutung. D azu trugen nicht zuletzt die seit B eginn der 60er Jah re einsetzenden Strafverfahren gegen N S-T äter bei. D ennoch blieben etw a die H isto riker dieser G eneration bei ihrer Scheu, ja A blehnung einer auch personell geführten A useinandersetzung um die Schuld an den Verbrechen der N S-V ergangenheit. V ielm ehr w urden die stru k­ turellen, im politischen System liegenden Faktoren herausgestellt, was der an ge­ sellschaftlichen Strukturen und ihrer R eform ierung interessierten G eneration auch viel m ehr entsprach als eine Suche nach in dividueller V erantw ortung und zu ­ dem eine direkte K onfrontation m it der V ätergeneration m it sich gebracht hätte23. Insgesam t ist die G eneration der 45er die, sieht man von den N azis ab, verm ut­ lich einflußreichste politische G eneration des 20. Jahrhunderts, denn sie legte den G rund für die innere R eform und L iberalisierung der westdeutschen G esellschaft, w elche dadurch w iederum so viel A n zieh un gskraft zu entfalten im stande war, daß 23 Vgl. W infried S c h u h e (H rsg.), D eutsche H isto riker im N ationalsozialism us (Frankfurt a.M . 2000); Aly, M acht, Geist, Wahn; Etzemiiller, Sozialgeschichte.

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das östliche M odell dadurch an A ttraktivität bald entscheidend verlor. Innerhalb der Eliten kam en die A ngehörigen dieser G eneration früh zu Einfluß und M acht und behielten sie dort über viele Jahrzehnte hinw eg. D ie von ihnen angestoßene R eform politik schuf die Positionen, auf die sie schon in ihren D reißigern ein rück­ ten und dort bis zum Ende des Jahrhunderts auch blieben. Insgesam t ist das Selbstbew ußtsein der 45er als politische G eneration nicht ganz so ausgeprägt w ie das der K riegsjugendgeneration von 1918. G leichw ohl w ird deutlich, daß die Erlebnisse der K riegs- und N achkriegsjahre schon früh zur E rfahrungsinterpretation und zur generationellen Stilisierung führten. Das von hier ausgehende Leitbild der in ihrem Idealism us betrogenen und deshalb gegenüber idealistischer V erausgabung skeptischen, pragm atischen G eneration drückte in zugespitzter Weise das W unschbild der w estdeutschen G esellschaft insgesam t aus und verschob sich m it der w irtschaftlichen und politischen Stab ilisierun g der B undesrepublik in eine an M odernität, W estlichkeit und R eform orientierte R ich ­ tung, die seit den 50er Jahren dazu beitrug, die B undesrepublik aus ihrer postw ilhelm inischen V erkrustung zu befreien.

III. Die 68er unterscheiden sich von den beiden anderen genannten G ruppen schon dadurch, daß sie keine K riegsjugend w aren. Ihr zentrales E rlebnisfeld w ährend der H eranw achsendenzeit ist auch nicht so leicht zu bestim m en w ie das der beiden anderen. Wenn w ir als „68er“ die in der H ochphase der N euen Linken aktive Studentengeneration der m ittleren 60er bis zu den m ittleren 70er Jahren verstehen, also ziem lich genau die 40er Jahrgänge, dann fällt deren Zeit als H eran­ w achsende, die von bedeutsam en und langfristig folgenreichen E reignissen und E ntw icklungen geprägt war, in die späten 50er und frühen 60er Jah re. W enn aber hier die prägenden und die spezifische G enerationserfahrung konstituierenden Phasen zu verorten sind - w as m acht deren eigentüm liche B edeutung aus, daß sie ein derart zugespitztes G enerationsgefühl p ro duzierte24? W ir haben im Zusam m enhang m it dem zuvor Behandelten die späten 50er und frühen 60er Jah re als Phase des beginnenden U m bruchs und W andels beschrieben, in der die W idersprüche zw ischen politischer W estorientierung und an tiw est­ licher K ulturk ritik, zw ischen in stitutio neller D em okratisierung und gesellschaft­ lichem D em okratiepostulat, zw ischen w irtschaftlich-technischer M oderne und kulturellem tim e-lag aufzubrechen begannen, in der auch die N S-V ergangenheit them atisiert und ein um fängliches R eform program m in Gang gebracht wurde. 24 Zu den 68ern vgl. einführend H einz B ude, Das A ltern einer G eneration. Die Jahrgänge 1938 bis 1948 (Frankfurt a.M . 1995); R a in er Bieling, Die Tränen der R evolution. D ie 68er zw anzig Jahre danach (Berlin 1988); Gerd Koenen, Das rote Jahrzehnt. U nsere kleine deut­ sche K ulturevolution 1967- 1977 (Köln 2001); I n g r id G ilcher-H oltey , Die 68er Bewegung. Deutschland, W esteuropa, U SA (M ünchen 2001); dies. (H rsg.), 1968. Vom E reignis zum Gegenstand der G eschichtswissenschaft (G öttingen 1998).

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U lr ic h H e rb e rt

D ies w urde im wesentlichen von den jungen Eliten aus der G eneration der 45er und in ausgesprochen m odernisierungsbegeisterter, pragm atischer und an tiid eali­ stischer, zugleich aber konsequent system treuer M anier ins W erk gesetzt. Be­ trachtet man nun die autobiographischen Schriften der 68er und ihre zeitgenössi­ schen Schriften, so w ird schnell deutlich, daß in dieser Phase m ehr zu Ende ging als nur eine postdiktatoriale A npassungsperiode25. D enn neben den K onfrontationspunkten m it P o litik und K ultur der A denauerA ra, w elche die G eneration der in den 40er Jah ren G eborenen späteren 68er mit den 10 bis 15 Jah re Ä lteren zunächst teilten, erw iesen sich die tradierten Form en der in W estdeutschland gepflegten Lebensw eisen als zunehm end inkom patibel m it der sich rapide verändernden W elt. Das betraf vor allem B ereiche w ie Sexuali­ tät und Sittlichkeitsvorstellungen, fam iliäre und geschlechtliche Leitbilder, Erziehungs- und G esittungsform en und der gesam te an solchen Elem enten verbundene Ü berbau aus N orm en, G esetzen und Vorschriften. D abei handelte es sich allerdings nicht um ein deutsches, sondern um ein in ter­ nationales Phänom en, w enngleich m it charakteristischen Z eitverschiebungen. Tatsächlich w aren die verschiedenen sich herausbildenden O ppositionsbew egun­ gen in den einzelnen Ländern des Westens überaus heterogen, w urden aber zeit­ genössisch durchw eg als A usdruck einer gem einsam en G rundkonstellation w ah r­ genom m en, die sich gegen O brigkeitsstaat und autoritäre, illiberale Strukturen w endete. So erw eisen sich die 60er Jah re jenseits der national spezifischen F akto ­ ren als D ezennium des U m bruchs, in w elchem in den am m eisten en tw ickelten w estlichen Ländern der W iderspruch zw ischen den enorm en w irtschaftlichen, technischen und sozialen W andlungsprozessen einerseits und den - durch den Zweiten W eltkrieg und die R ekonstruktionsphasen w om öglich verzögerten Prozessen der A npassung der N orm en und Lebensw eisen an diese V eränderun­ gen andererseits sichtbar w urde. Je schärfer diese W idersprüche auftraten, desto schärfer w aren auch die A useinandersetzungen im Zuge der sich herausbildenden K onfrontation zw ischen „E stablishm ent“ und neuen O ppositionsbew egungen. Z ugleich aber w urden die Form en und T hem en dieser K onfrontation durch die jew eiligen nationalen Spezifika der historischen E ntw icklung bestim m t, durch das 25 N icht repräsentative A usw ahl: Tariq Ali, Street Fighting Years - A utobiographie eines 68ers (Köln 1998); H orst B aier (H rsg.), Studenten in O pposition (M ünchen 1968); M ich ael B a u m a n n , W ie alles anfing (F rankfurt a.M ., M ünchen 1975); G erh a r d Bauß, Die Studenten­ bew egung der sechziger Jahre in der B undesrepublik und W estberlin (Köln 1977); KlausU w e B e n n e t e r (H rsg.), Februar 1968. Tage, die Berlin erschütterten (Frankfurt a.M . 1968); U w e B e r g m a n n u .a., R ebellion der Studenten oder Die neue O pposition (R einbek 1968); P e te r Brückner, Staatsfeinde. Innerstaatliche F einderklärung in der BRD (Berlin 1972); D an iel C ob n -B e n d it, W ir haben sie so geliebt, die R evolution (Frankfurt a.M . 1987); R u di D utschke, M ein langer M arsch (R einbek 1980); ders., Geschichte ist machbar. Texte über das herrschende Falsche und die R ad ikalität des Friedens, hrsg. von J ü r g e n M ier m e is ter (Berlin 1980); D ieter K u n z elm a n n , Leisten Sie keinen W iderstand! B ilder aus meinem Leben (Berlin 1998); J ü r g e n M ierm eister, J o c h e n Staadt (H rsg.), Provokationen, Die Studenten- und J u ­ gendrevolte in ihren F lugblättern 1965-1971 (D arm stadt 1980); Christian Z ölln er (H rsg.), 68 in Flrinnerungen (Kiel 1998).

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jew eilige Erbe der V äter - vorn Stalinism us über den G aullism us bis hin zum A m erika der R assendiskrim inierung - als dessen A usdruck die erstarrten gesell­ schaftlichen und politischen O rdnungen angesehen w urden26. D abei spielte der F aktor „Jugend“ eine zunehm ende R olle. D ie oppositionelle H altung von Jugendlichen gegen überkom m ene Leitbilder hatte sich schon seit der Jah rh un dertw en de in spezifischen Form en der Jugen d ku ltu r geäußert. D er in den 60er Jah ren stattfindende gesellschaftliche und ku lturelle Paradigm enw echsel in den w estlichen Ländern fand in dem durchgängigen Bezug auf die populäre Jugen d - und P ro testkultur ein gem einsam es Signet, das ein generationelles Zu­ sam m engehörigkeitsgefühl zum indest suggerierte, und in dieser V erbindung von p o litisch -ku ltu reller O ppositionsbew egung und Jugen d ku ltu r liegt verm utlich eines der stärksten M om ente der hier zu untersuchenden E ntw icklung27. Kenn­ zeichnend ist hierbei, w ie die sich herausbildende Ju gen d ku ltu r die p o litisch ­ kulturellen Ü berzeugungen und Im plikationen der Em anzipationsbew egungen der 60er Jah re ausdrückte und zu einer H altun g, einer M entalität verdichtete, die es den Einzelnen erlaubte, sich den Zielen und W erthaltungen der politischen R eform - und Liberalisierungsbew egung anzuschließen, ohne sich dam it je näher beschäftigt zu haben. D ie dadurch verm ittelte Ü berzeugung, einen einzigartigen M om ent der G eschichte zu erleben und selbst A usdruck dieses stattfindenden W andels zu sein, dürfte als eines der stärksten A ntriebsm om ente der sich daraus entw ickelnden generationellen D yn am ik verstanden w erden. Zugleich erlebte die sich konstituierende 68er G eneration die zunehm end aufbrechenden W idersprüche in der G esellschaft, das begrenzte Tempo der R e­ form en und die in den tradierten zivilen Verkehrsform en befangenen 45er als A genten der V eränderung. D er U nterschied zw ischen den oft ja nur durch w enige Jahre unterschiedenen A ngehörigen der einen und der anderen politischen G ene­ ration bestand daher zunächst auch nicht so sehr in der A n alyse der politischen und sozialen Problem e der G egenw art oder den daraus abgeleiteten Z ielsetzun­ gen, sondern in der idealistischen A ttitüd e der 68er, die sich von dem an tiid ealisti­ schen und antitotalitären E rfahrungspotential der 45er nicht m ehr beeindrucken 26 Vgl. C a role Fink u .a. (H rsg.), 1968: The W orld Transform ed (N ew York 1998); Etienne Francois u .a. (H rsg.), 1968 - ein europäisches Jah r? (L eipzig 1997); R on a ld Fraser, 1968. A Student G eneration in Revolt. An international O ral H isto ry (London 1988); GilcherH oltey, 68er Bew egung; A rthur M arwick, The sixties. C ultu ral revolution in Britain, France, Italy, and the U nited States, 1958-1974 (O xford 1998). 27 D etle f S iegfried, Vom Teenager zur Pop-R evolution. Politisierungstendenzen in der w est­ deutschen Ju gen d ku ltu r 1959 bis 1968, in: A xelSchildt u.a. (H rsg.), D ynam ische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen G esellschaften (H am burg 2000) 582-623; Thom as Grotum, Die H albstarken. G eschichte einer Ju gen d ku ltu r der 50er Jahre (Frankfurt a.M . 1994); Kaspar Maase, Bravo A m erika. E rkundungen zur Ju gen d kultu r der B undesrepublik in den fünfziger Jahren (H am burg 1992); Uta G. Poiger, Ja z z, rock, and rebels. C old w ar politics and A m erican culture in a divided G erm any (Berkeley, C alif. 2000); J a c o b Tanner, „The Times T hey A re A -C h an g in g “. Zur subkulturellen D ynam ik der 68er Bew egungen, in: G ilch er-H oltey 1968,207-223 ; J a m e s ]. Farrell, The Spirit of the Sixties. The M aking of Post­ war R adicalism (N ew York 1997).

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U lrich H e r b e r t

ließen, sowie in dem Bezug auf die sich ausbreitende Ju gen d ku ltu r und in dem B ruch der traditionellen K om m unikations- und V erkehrsform en. Das berühm te G espräch zw ischen G ünter Gaus und R udi D utschke bietet hierzu vielfache A n ­ schauungsbeispiele. Politisch w aren die U nterschiede zw ischen dem p ointiert for­ m ulierenden Gaus und dem in sem inarm arxistischem Stil w ortreich argum entie­ renden D utschke gar nicht genau feststellbar. A ber Gaus w ar schon äußerlich der typische V ertreter der 45er: m it A nzug und K raw atte, ostentativ kühl und rational - dem gegenüber D utschke im A nzug, m it w ild er M ähne und noch w ilderem B lick in der Tradition des antibürgerlichen A ufrührers. D ie pragm atische Konsequenz der gem achten Erfahrungen der 45er m it Idealism us und revolutionärem G ehabe jedoch teilte sich dem Jüngeren nicht mehr mit. A m Ende des G esprächs stellte Gaus denn auch treffend fest: „Der U nterschied zw ischen Ihrer G eneration und der G eneration der V ierzig- bis Fünfzigjährigen scheint m ir darin zu bestehen, daß Sie, die Jün geren, die aus den vergangenen Jahrzehnten gew onnene Einsicht in die V erbrauchbarkeit der Ideologien nicht b esitzen .“28 Die K oalition von R eform ern und oppositioneller Jugendbew egung, zw ischen 45ern und 68ern, begann dann auch in dem M om ent zu zerfallen, als die Jüngeren seit M itte der 60er Jahre die tradierten G renzen der O pposition - R ationalität, System treue, G ew altm onopol des Staates - zu überw inden begannen. D er nun beginnende R adikalisierungsprozeß setzte zunächst die politischen Bestrebungen d er 45er fort, w enngleich nun in neuen Form en: nicht m ehr als geistreicher A rti­ kel oder als G esetzentw urf, sondern in Form von D em onstrationen und aus den U SA übernom m enen neuen Protestform en. Das aber traf bald auf einen davon überraschten und überforderten Staat und eine G esellschaft, die w en iger den Zielen als den Form en des Protests m it schrof­ fer A blehnung und U nverständnis gegenübertrat, w as sich in nachgerade pan i­ schen A bw ehrgesten gegenüber dem - zunächst ja ausgesprochen braven - Protest etw a der W est-B erliner Studenten m anifestierte. D iese R eaktionen w iederum schienen nicht nur die B erechtigung der K ritik zu bestätigen, sondern auch bis dahin gar nicht recht w ahrgenom m ene, viel w eiter reichende autoritäre und an ti­ dem okratische T raditionen und Strukturen offenzulegen und zugleich die L eg iti­ m ation für die R ad ikalisierun g des Protestes zu liefern. Seit der E rschießung des Studenten Benno O hnesorg durch einen Polizisten im Ju n i 1967 und dem A nschlag auf R ud i D utschke ein Jah r später begann sich diese E ntw icklung erheblich zu beschleunigen und eine E igendynam ik zu gew innen, die innerhalb w eniger Jahre dazu führte, daß sich Teile der Protestbew egung von ihrem ursprünglichen A usgangspunkt entfernten und schließlich am G egenpol der em anzipatorischen Z ielsetzungen ihrer Vorläufer und A nfänge anlangten. D ie dabei zutage tretenden, heute bisw eilen absurd anm utenden R ad ikalisie­ rungen sind gesellschaftlich w ohl zutreffend als überschießende R eaktionen auf die tatsächlich bestehenden L ib eralitäts- und M odernitätsdefizite zu begreifen, als 28 Zu Protokoll: Günter Gaus im Gespräch mit R udi D utschke. Interview (Baden-Baden 1967).

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Ü berdehnungen ins gegenteilige Extrem . A llerdings spielte die A useinanderset­ zung m it dem historischen N ationalsozialism us, die bei den m eisten 68ern in den 50er und frühen 60er Jahren eine zum Teil enorm e, teils in innerfam iliäre Kon­ frontationen m ündende Bedeutung gehabt hatte, nun kaum noch eine R olle oder nur noch als Legitim ations- und R adikalisierun gsin strum en t zur Infragestellung der bürgerlichen G esellschaft insgesam t. In w iew eit aber befanden sich die 68er bei dieser E ntw icklung im Einklang mit einem „latenten K onsens“, der sich in der G esellschaft herauszubilden begann und den w ir als konstitutiv für politische G enerationen verm utet hatten? In dem bald eskalierenden R adikalisierungsprozeß eines Teils der 68er w aren Elem ente eines latenten Konsensus bald nicht m ehr zu finden. Insofern sie das vorw iegend technokratische R eform program m der 45er aber auf die lebensw eltliche U m o ri­ entierung ausw eiteten, befanden sie sich doch im E inklang m it einer G rundw elle der w estdeutschen G esellschaft. Das erw ies sich vor allem in den 70er und 80er Jahren, als sich viele Initiativen der 60er Jahre in B ereichen von Fam ilie, Sexualität und lebensw eltlicher Liberalisierung auf breiter Front durchzusetzen begannen. Kehren w ir am Ende zur A usgangsfrage nach der R eichw eite und A ussagekraft der K ategorie der Politischen G eneration zurück. Wenn man bedenkt, daß etwa die 68er-B ew egung in W estdeutschland in einem w eiten Sinne nicht mehr als 5000 A ktivisten und etw a 30000 E nthusiasm ierte um faßte, und selbst w enn man davon ausgeht, daß diese von einer vielleicht zehnm al so großen G ruppe von Sym p ath i­ santen um geben w aren, so sind dam it nicht m ehr als 5 bis 10% der dem ographi­ schen A ltersgruppe benannt. A uch unter den Studenten w urden zu den politisch A ktiven im Jah re 1970 nur etw a 15 bis 20% gerechnet. Und doch drückte diese relativ kleine G ruppe der Zeit ihren Stem pel auf. D arin kam zum A usdruck, daß sie einen von einer großen G ruppe der G esellschaft erspürten gesellschaftlichen Trend explizit m achte, zuspitzte und radikalisierte - ein Trend, den w ir als laten­ ten, w erdenden Konsens bezeichnet haben. F ür die K riegsjugendgeneration w ar dies die E rfahrung von Krieg und N iederlage, aus der sich ein Trend zu r R evan ­ che, zu nationalistischer Emphase, zur A blehnung von w estlicher D em okratie, zu einem D enken in sozialbiologischen K ategorien herausbildete, der von der jungen G eneration ins Extrem e zugespitzt w urde. Im Falle der 45er w ar es die Erfahrung des U ntergangs einer barbarischen D iktatur, aus der sich eine skeptische D istanz gegenüber idealistischer Emphase und ein Trend zu Pragm atism us, antitotalitärer Ideologieferne und p ro-w estlicher O rientierung herausbildete, der von dieser jungen G eneration seit den späten 50er Jah ren zum D urchbruch gebracht w urde. Für die 68er w ar es die Erfahrung eben dieses Bruchs der späten 50er und frü­ hen 60er Jah re, der ihre E rfahrung als Jugen dlich e prägte, ein Verlangen nach einer E rw eiterung der institutionellen D em okratie, nach L iberalisierung von gesell­ schaftlichen N orm en und Lebensw eisen, aber auch das B edürfnis nach strikter D istanzierung von der durch K rieg und N S-D iktatur geprägten G eneration der Väter, zu denen sie auch persönlich auf K onfrontationskurs gingen. G esellschaft­ liche D em okratisierung, L iberalisierung der das A lltagsleben und die So zialbezie­ hungen regelnden N orm en, ku lturelle V erw estlichung und scharfe A blehnung

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U lric h H e rb e rt

von N ationalism us und N ationalsozialism us m arkieren dabei jenen in den 60er Jahren noch latenten Trend, der sich in den 70er Jahren dann auf breiter Front durchzusetzen begann. Politische G enerationen erw eisen sich so als idealtypische K onstruktionen. Die V erbindung zw ischen frühem Erlebnis und späterer E ntw icklung des In dividu­ ums w ird nicht durch die Z ugehörigkeit zu einer G enerationskohorte als quasi­ m aterialistischem B estim m ungsfaktor bestim m t, sondern durch die V erw andlung des individuellen Erlebnisses in ko llektive Erfahrung - durch politische Inter­ pretation und biographische Sinnstiftung. In der W ahrnehm ung der H eran ­ w achsenden w erden w erdende ku lturelle H egem onien aufgespürt, zugespitzt und gesellschaftlich durchgesetzt. A ls P rädestinationskategorie, vergleichbar ethnischer H erkunft, sozialer Schicht oder G eschlecht, ist die K ategorie der Politischen G eneration nicht hilf­ reich. Politische G enerationen w erden vielm ehr als Sinnbild, als A usdruck w er­ denden politischen und kulturellen H egem oniew andels erkennbar. A ls solche sind sie geschichtsm ächtig und analysierbar.

Hans Mommsen

Generationenkonflikt und politische Entwicklung in der Weimarer Republik Die Forschung der letzten zw an zig Jah re bew eist, daß die A nw endung des G e­ nerationsbegriffs zur E rklärung p olitischer Prozesse und w echselnder id eo lo gi­ scher G esam tlagen inzw ischen zum gew ohnten Instrum entarium des Z eithisto­ rikers gehört, w enngleich die begriffliche P räzisierung nicht im m er zufrieden stellt, und die analytische Tiefenschärfe dieses A nsatzes begrenzt ist. Versuche, Fragestellungen ähnlicher A rt auf frühere G eschichtsepochen zu übertragen, scheitern in der R egel daran, daß serielles biographisches M aterial nicht zu r Ver­ fügung steht, doch ist dies im H in b lick auf die lin kslib erale B ew egung seit der R evolution von 1848/49 w iederholt versucht w o rd en 1. Daß sich eine starre Ein­ teilung des historischen Prozesses in aufeinander abfolgende G enerationen als bloßer Schem atism us verbietet, liegt auf der H and. H ingegen sind kollektive V erhaltensdispositionen innerhalb einzelner A lterskohorten und die A usbildung eines „eigenen G enerationsgedächtnisses“ und einer gleichartigen M entalität, w o rauf Jürgen R eulecke unlängst w ieder hingew iesen hat2, festzum achen. Sie tragen dazu bei, die Entstehung und den V erlauf bestim m ter K onfliktlagen zu erklären; sie sind den politischen A kteuren präsent und w erden zugleich p o li­ tisch instrum entalisiert. Es besteht K larheit darüber, daß sich der B egriff der G eneration einer schem a­ tischen A nw endung entzieht und statistisch in der R egel nicht faßbar ist. Interge­ nerative Spannungen sind beides: Indikator für vollzogene geschichtliche Brüche sowohl in p o litisch -so zialer w ie ku ltu reller H insicht. A usgangspunkt ist die Annahm e, daß sich einzelne A lterskohorten nicht zuletzt durch unterschiedliche Sozialisation unterscheiden, die w iederum abw eichende W erthorizonte und ver­ ändertes Sozialverhalten begründen. U m die A usw irkun gen intergenerativer Spannungen auf den politischen Prozeß zu beschreiben, bietet sich eine nähere Betrachtung der inneren E ntw icklung der W eim arer R ep ub lik an. 1 S. Mark R os e m a n (H rsg.), G enerations in C onflict. Youth Revolt and G eneration Form a­ tion in G erm any 1770-1968 (C am bridge 1995). ‘ S. J ü r g e n R e u leck e in diesem Bande sow ie ders., Z ornige junge Männer. Jugendprotest als Kennzeichen des 20. Jahrhunderts, in: ders. „Ich möchte einer w erden so wie die.“ M änner­ bünde im 20. Jahrhundert (F rankfurt a.M . 2001) 22 ff.

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H a n s M o m m s en

F ür die W eim arer R epublik gilt die G rundannahm e, daß sich die politische Ein­ stellung von A ngehörigen der G eneration, die noch in der V orkriegszeit aufge­ wachsen sind und von deren politischen und sozialen V erhaltensm ustern geprägt w urden, sich von denjenigen der A lterskohorten unterscheiden, die w ährend des Ersten W eltkrieges und danach heranreiften. So spricht man in der R egel von einer Frontkäm pfer- und einer N achkriegsgeneration. D iese U nterscheidung w äre w enig relevant, w ürde sie nicht zeitgenössisch eingehend reflektiert und zur Selbstbezeichnung der betreffenden A ltersgruppen verw andt w orden sein. Inso­ fern haben w ir es nicht m it einem w illkü rlich en historischen K onstrukt zu tun. D etlev Peukert hat darüber hinaus die sogenannte H J-G eneration von der K riegs­ und frühen N achkriegsgeneration unterschieden3. In der N achfolge Karl M annheim s hat insbesondere Ronald Inglehard den Ein­ fluß des G enerationsw echsels auf politische Partizipations- und O ppositionsein­ stellungen untersucht4: R obert W ohls klassische U ntersuchung über „The G ene­ ration of 1914“5 w andte diese K ategorien vergleichend auf D eutschland, England, Frankreich und Italien an und stellte in allen diesen Ländern deutliche Spannun­ gen zw ischen den jüngeren A ltersgruppen und den etablierten Eliten fest. Dieses Phänom en w ar allerdings auf A ngehörige der gebildeten Schichten beschränkt. In D eutschland bestand bereits in den Jah ren vor dem Ersten W eltkrieg ein spürbarer G egensatz zw ischen der älteren und der nachwachsenden G eneration, und er beschränkte sich keineswegs auf die bürgerliche Jugendbew egung. D ie E r­ fahrung des W eltkrieges verstärkte ein neues Lebensgefühl, das sich in der Form el des „A ufbruchs“ der jungen G eneration in eine neue G esellschaft niederschlug. Was zunächst auf die bürgerlichen B ildungsschichten begrenzt war, teilte sich nach dem Ende des Ersten W eltkrieges den unterschiedlichsten G ruppierungen der Jugend m it und führte allenthalben zu Bestrebungen zu radikalem gesell­ schaftlichem U m bau, der sich in der Siedlungsbew egung und den L andkom m u­ nen niederschlug und Jugen dgrup p en aller politischen R ichtungen erfaßte. M ax H ild eb ert Boehm brachte dieses neue Lebensgefühl in seiner 1919 erschienenen Schrift „Der R uf der Ju n gen “ beredt zum A usd ruck6. D ie verschiedenen R ichtungen der W eim arer Jugendbew egung stim m ten in der grundsätzlichen A blehnung des bürgerlichen 19. Jahrhunderts und dessen als m a­ terialistisch denunzierten Lebensform en überein. So form ulierte T heodor Geiger, der sich m it als erster m it den Problem en des G enerationenkonflikts auseinander­ gesetzt hat: „Die Jugend aller B evölkerungsteile hat G efühl und B egriff der B ü r­ 3 Vgl. D e t le v J. K. Peukert, A lltagsleben und G enerationserfahrungen von Jugendlichen in der Z w ischenkriegszeit, in: D ieter D o w e (H rsg.), Jugendprotest und G enerationskonflikt in Europa im 20. Jah rh un dert (Bonn 1986) 140ff. 4 R o n a ld In glek art, The Silent R evolution: C hanging Values and C hanging Political Styles A m ong W estern Publics (Princeton); ders., The Silent R evolution in Europe: Intergenerational C hange in P ost-Industrial Societies, in: The A m erican P olitical Science Review, vol. 65 (1971) 991 ff.; K a rl M a n n h eim , Das Problem der G enerationen, in: Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie 7 (1928) 157-180, 309-350. 5 R o b e r t Wohl, The G eneration of 1914 (C am bridge M ass. 1979). 6 Max H ild e b er t B oeh m , Der R uf der Jungen (L eip zig 1920).

G e n e r a tio n e n k o n flik t un d politische E n t w ic k lu n g in der W eim a re r R e p u b lik

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gerlich keit schlechthin verloren. Für uns ältere G eneration w ar B ürgerlichkeit noch eine Lebensform , von der w ir die A nschauung hatten, auf w enn w ir sie für uns ab leh n ten ... Für die jüngste G eneration liegt die B ürgerlichkeit außer aller E rörterungsbedürfnisse, jenseits jedes O ppositionsinteresses, ja außerhalb der bloßen K enntnisnahm e.“ W ährend die Jugend des Jahrhundertbeginns noch ge­ gen die G eneration ihrer Eltern und deren Lebensform revoltiert habe, scheine „sich die Jugend des zw eiten Jahrhundertviertels darauf zu beschränken, daß sie das A bsterben des vorangehenden G eschlechts un b eteiligt ab w artet“7. D ie W endung gegen die bürgerliche W elt verband sich m it einem verbreiteten Irrationalism us und der A blehnung lib eraler Traditionen. D ie M asse der jüngeren G eneration w anderte nach rechts aus der R ep ub lik. O bw ohl sie republikanischen Z ielsetzungen folgte, lehnte sie gleichw ohl das bestehende Parteiensystem ab und forderte neue Form en politischer O rganisation nach dem Vorbild des hündischen P rin zip s8. D ahinter verbarg sich ein neues Lebensgefühl, das die liberale Vereins­ dem okratie als erstarrt empfand. D iese E instellung fand sich auch bei Ju g en d ­ lichen, die der politischen Linken zuneigten. Selbst die KPD hatte beträchtliche M ühe, den K om m unistischen Jugendverband, der sich im R evolutionsjahr ge­ gründet hatte, auf die Linie der Partei zu bringen. G enerell w andte sich der politisch engagierte Teil der jüngeren G eneration ge­ gen jede Form der Interessenpolitik und verw arf den Parlam entarism us als System eines „politischen K uhhandels“. D och w andte sich nur eine M inderheit den Jugendorganisationen der Parteien zu, denen es schw er fiel zu begreifen, daß die Phase bloßer Jugendpflege vorbei w ar und daß die Jüngeren beanspruchten, ver­ antw ortlich an der Parteiarbeit beteiligt zu w erden. D ie in viele E inzelverbände zersplitterte hündische B ew egung lehnte hingegen ein parteipolitisches E ngage­ ment ausdrücklich ab und suchte neue O rganisationsform en, die an die Stelle des bürgerlichen Vereins traten und vielfach das F ührerprinzip propagierten9. Es fehlte nicht an A nstrengungen, die junge G eneration für die W eim arer D em okratie zu gew innen. N am entlich im Lager der DD P gab es bem erkensw erte A nfangserfolge bei der politischen A ktivierun g der jüngeren G eneration. A ber auch hier zeigte sich die D istanz der jüngeren G eneration gegenüber dem parla­ m entarischen Betrieb. So löste sich ein Teil der Jungdem okraten un ter dem Einfluß des freideutschen Flügels von der engen Bindung der Partei, w as nach 1923 zu einer Spaltung und schließlich zunehm enden Schw ächung der B ew egung füh rte10. 7 T h e o d o r G eiger, Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Soziographischer Versuch auf statistischer G rundlage (Stuttgart 19672) 131. 8 S. L u d g e r G r ev elh ö rster, O rganisatorische E ntw icklung und Fliigelkäm pfe in der D em o­ kratischen Jugend von 1919 bis zu ihrem A useinanderbrechen 1930, in: W olfgang K. K ra b b e (H rsg.), Politische Jugend in der W eim arer R epublik (Bochum 1993) 93 ff., 99. 9 Vgl. L arry E. J o n e s , G enerational C onflict and the Problem of Political M obilization in the W eim ar R epublic, in: Larry E. J o n e s , J a m e s Retallack (H rsg.), Elections. Mass Politics and Social Chance in M odern Germ any. N ew Perspectives (C am bridge M ass. 1992) 355 f. 10 S. Larry E. J o n e s , Germ an Liberalism and the A lienation of the Younger G eneration in the W eimar R epublic, in: K o n r a d H. J arau sch, L arry E. J o n e s (H rsg.), In Search for a Liberal

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N ich t w en iger schw er tat sich die DVP bei dem Versuch, eine eigene Ju g en d ­ organisation aufzubauen. Die Jugendorganisation der DVP blieb in den H änden volksp arteilicher H onoratioren und w ar auch nach der U m benennung in H indenburgjugend politisch w enig eigenständig und inaktiv. Es w ar bezeichnend, daß der stellvertretende V orsitzende des R eichsjugendausschusses der DVP, F rank G latzel, der zugleich eine prom inente Position im D H V einnahm , in ihm keine P latt­ form erblickte, um seine R eform vorstellungen in die Praxis um zusetzen. So grün ­ dete er im M ai 1929 die R eichsgem einschaft junger Volksparteiler, von der w ich ­ tige Im pulse zu einer N eugruppierung der liberalen M ittelparteien ausgin gen 11. A uch die deutschnationale Jugendorganisation, die sich seit 1919 B ism arckJugen d nannte, beeinflußte trotz der von ih r eingenom m enen F unktion eines W ächters über die E inhaltung der ideologischen Prinzipien der D N VP deren p raktische P o litik n ur ausnahm sw eise und entw ickelte sich in R ichtung auf einen param ilitärischen Verband. Im m erhin verfügte die B ism arck-Jugend 1928 nach ei­ genen A ngaben über 42 000 M itglieder, doch führte die Spaltung der D N V P 1930 zu einem fühlbaren R ückgan g12. F ü r das bürgerliche Lager galt generell, daß die Jugendverbände, bei un ter­ schiedlichem M aß der G ängelung durch die Parteiapparate, in gew isser Spannung zu den älteren Führungsgruppen standen. Initiativen gingen jedoch in der R egel von Zusam m enschlüssen jugen dlich er A nhänger außerhalb der offiziellen J u ­ gendorganisationen aus, w as auch bei der Sozialdem okratie zu beobachten war, die m it der K ritik der Jungsozialisten konfrontiert war, w ährend die Sozialistische A rbeiterjugend sich der B evorm undung der Partei nicht w idersetzte. D ie große M ehrheit der bürgerlichen Jugen d w ar nachhaltig von der h ün di­ schen B ew egung beeinflußt, die ein parteipolitisches Engagem ent ablehnte und überw iegend zur rechten M itte tendierte. Das galt für die Jungdeutsche Jugend, die von der D N VP ins Leben gerufen w orden war, und noch ausgeprägter für den Jungstahlhelm und die Jugendorganisation des Jungdeutschen O rdens, die p aram ilitärische Züge annahm en13. F ür sie w ie für die anderen R epräsentanten der Jugendverbände der bürgerlichen Parteien w ar der M yth o s von der E rneuerung der N ation aus der N iederlage heraus, som it die Illusion eines um fassenden natio­ nalen A ufbruchs, prägende politische E rw artungshaltung. Sie tendierten daher überw iegend zu neokonservativen Ideengängen, die durch die A bw endung vom Prinzip der liberalen Ö ffentlichkeit und den ih r entsprechenden Form en p o liti­ scher O rganisation gekennzeichnet w aren 14. G erm any. Studies in the H isto ry of Germ an Liberalism from 1789 to the Present (N ew York 1990) 291 ff. 11 S. W olfgan g K ra b b e, Die gescheiterte Z ukunft der Ersten R epublik. Jugendorganisationen b ürgerlicher Parteien im W eim arer Staat (1918-1933) (O pladen 1995) 156 ff. 12 Ebd. 184, 189 f. » Ebd. 177 ff. 14 Vgl . J o a c h i m P etz old, W egbereiter des deutschen Faschism us. Die Jungkonservativen in der W eim arer R epublik (Köln 1978) 96 f.; Stefan B reuer, A natom ie der konservativen R evo­ lution (D annstadt 1993) 33.

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Es gehörte zu den G rundschw ächen des W eim arer politischen System s, daß es ihm nicht gelang, die V ertreter der jüngeren G eneration zu integrieren. Dies schlug sich auch in der O ssifikationstendenz bei den politischen Eliten nieder, die Jo sef G oebbels zu dem verächtlichen Epitheton der „R epublik der G reise“ in ­ sp irierte15. Für die ja nach der R evolution nur w enig gew andelten Parteien der K aiserzeit w ar es charakteristisch, daß sie sich entschieden für die O rganisation der P arteijugend einsetzten, ihr aber alle politische M ün digkeit absprachen und eine aktive B eteiligung an der innerparteilichen W illensbildung verw eh rten 16. D iese aus der w ilhelm inischen Zeit nachw irkende altväterliche M entalität stand in unüberbrückbarem W iderspruch zu dem A nspruch der jungen G eneration, die in den Schützengräben des Ersten W eltkrieges gelochten hatte, angemessenes G ehör zu finden. D ie bittere K ritik Theodor H aubachs, daß in der R ep ub lik „eine A b sperrungs­ kette zw ischen den politischen Körperschaften und der Ju gen d “ gezogen sei17, schloß die Sozialdem okratie ein, die sich schw er tat, die Jungsozialisten als ernst­ haften Partner anzusehen, und sie m it größtem M ißtrauen betrachtete. D er Ver­ such, die Jun gso zialisten wegen ihrer O ppositionshaltung zu entpolitisieren, um schließlich den Verband der Jun gso zialisten förm lich aufzulösen, führte dazu, daß sich der größte Teil von ihnen nach dem L eip ziger Parteitag von 1931, der doch der G ew innung der Jugend hatte dienen sollen, der SAPD anschloß18. A uch der eher zum rechten Flügel tendierende H ofgeism arkreis, der starke Im pulse von der Jugen dbew egun g aufgenom m en hatte, blieb in der SPD weitgehend isoliert. Die schw achen V ersuche von 1932, die Jugend für die Partei zurückzugew innen, für die nicht zuletzt C arlo M ierendorff und T heodor H aubach standen, konnten die langfristige V ernachlässigung der jungen G eneration nicht w ettm achen19. Das galt auch für die bürgerlichen M ittelparteien, denen es kaum gelang, die sich form ierenden Zusam m enschlüsse von Jüngeren in die politische A rb eit ein ­ zubinden. So sprach der Führer des Jungnationalen Bundes H einz D ähnhardt, der später zu den V olkskonservativen ging, vom „G efühl des Z urückgesetztseins auf allen G ebieten des gesellschaftlichen Lebens“ und kritisierte m it gutem G rund die C hancenlosigkeit, in die repräsentativen K örperschaften gew ählt zu w erden; eine ganze G eneration w erde dadurch „von ihren V ätern politisch enterbt“. 1928 15 J o s e p h G o eb b els, Die zw eite R evolution. Briefe an Z eitgenossen (Z wickau 1926) 5 ff. 16 C harakteristisch w ar die H altung der SPD zur Parteijugend; vgl. Hans M om m sen , Die So­ zialdem okratie in der Defensive: Der Im m obilism us der SPD und der A ufstieg des N atio n al­ sozialism us, in: ders., Sozialdem okratie zw ischen K lassenbew egung und Volkspartei (F ran k­ furt a.M . 1974) 125 ff. 17 T h e o d o r H a u bach , in: N eue Blätter für den Sozialism us I (1930) 301; vgl. ders., Die Gene­ rationenfrage und der Sozialism us. Soziologische Studien zu r Politik, W irtschaft und K ultur der G egenw art, A lfred W eber gew idm et (Berlin 1930). 18 Vgl. M o m m se n , Sozialdem okratie in der Defensive 126f. 19 M artin Martiny, Sozialdem okratie und Ju nge G eneration am Ende der W eim arer R epu­ blik, in: W olfgan g L uthardt (H rsg.), Sozialdem okratische A rbeiterbew egung und W eim arer Republik. M aterialien zur gesellschaftlichen E ntw icklung, Bd. 2 (Frankfurt a. M. 1974) 123 ff.

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schrieb er in der für die Freideutsche Jugen d repräsentativen Z eitschrift „Der Z w iesp ruch “, daß „nicht nur die Jugendbew egung, sondern die junge G eneration überhaupt im politischen Leben unseres Volkes heute so gut w ie ein flußlo s“ sei20. D aß das w eithin zutraf, spiegelte sich nicht zuletzt in der geringen Zahl p arla­ m entarischer M andate, die den V ertretern der P arteijugend eingeräum t w urden. Erst als die Krise des W eim arer P arteiensystem s unabw eisbar war, gab es allen t­ halben B estrebungen, jüngere Funktionäre in die Parteiführungsgrem ien zu dele­ gieren und in die parlam entarischen V ertretungskörperschaften aufzunehm en21. Das verm ochte den verhängnisvollen Trend zugunsten der N SD A P in den Sep­ tem berw ahlen von 1930 nicht aufzuhalten, der nicht zuletzt dem hohen A nteil von Jun gw äh lern zuzuschreiben w ar, die für die extrem en Parteien stim m ten22. In den gleichen Zusam m enhang m uß die Spannung zw ischen der jüngeren A n ­ hängerschaft und den angestam m ten K adern der Z entrum spartei eingeordnet w erden. 1926 entstand eine erste innerparteiliche K rise, als sich herausstellte, daß die W indhorstbünde trotz der V erm ittlungsbem ühungen H einrich Krones nicht b ereit w aren, auf die offizielle Parole der Partei einzuschw enken, die den von der SPD und KPD initiierten Volksentscheid für die Fürstenenteignung von 1926 als das W erk gottloser Bolschew isten hinstellte und nichts dagegen unternahm , die antisem itischen Schlagw orte, die nam entlich seitens des bayerischen Episkopats in die D ebatte gew orfen w urden, zu unterbinden (w enn man von der isolierten H altu n g Konrad A denauers einmal absieht)23. D er in B erlin spontan gebildete „Reichsausschuß der katholischen Jugen d zum Schutze des 7. G ebotes gegen die F ürsten “, der sich für den Volksentscheid aussprach und gegen dessen A blehnung durch die katholische Bischofskonferenz w an dte, fand breite Resonanz un ter der Z entrum sjugend24. D er in den R eichstagsw ahlen seit 1928 hervortretende W ahl­ b o yko tt durch die Jun gw äh ler bzw. deren A bw anderung zu r Vitus H eller-B ew e­ gung (C h ristlich -So ziale R eichspartei) konnte durch die V erstärkung der konfes­ sionellen A usrichtung der Zentrum spartei unter P rälat Kaas in gewissem U m fang überw unden w erden, aber es w ar nach allem nicht verw underlich, daß viele der jüngeren Z entrum sanhänger das A lternativan geb o t der radikalen Vitus H eller-B e­ w egung, das sich gegen den politischen K atholizism us richtete, positiv aufnahm en25. Indessen kam der jüngere Z entrum sflügel, der sich zugleich für die Inter­ essen der A rbeiterschaft einsetzte, angesichts der W ahl von Prälat L u d w ig Kaas nicht zum Zuge.

20 D er Zw iespruch 10 (1928) 193; zit. nach K r a b b e , P arteijugend in der W eim arer R epublik 60. 21 K ra b b e, G escheiterte Z ukunft 308 ff. 22 Vgl. J ü r g e n Falter, H itlers W ähler (M ünchen 1991) 69 f. 23 S. K ra b b e, Parteijugend in der W eim arer R epublik 51 f. 24 Ebd. 52; ausführlich K ra b b e, Die gescheiterte Z ukunft der Ersten R epublik 261 f., 265 f.; vgl. Ulrich S ch ü ren , Der Volksentscheid zu r Fürstenenteignung 1926 (D üsseldorf 1978) 210, 220 .

25 S. auch Franz Focke, Sozialism us aus christlicher V erantwortung: Die Idee eines christ­ lichen Sozialism us in der katholischen Bew egung (W uppertal 1978) 133.

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Von besonderem Interesse sind die Bestrebungen jüngerer Partei- und Ver­ bandsfunktionäre im bürgerlichen Lager, den ausgeprägten reaktionären, p ro -w il­ helm inischen Kurs der D N VP unter A lfred H ugenberg zu beenden. In der Tat w ar der größere Teil der W ähler schw erlich m it Lobeshym nen auf die w ilh el­ m inische Zeit politisch zu gew innen, und es m utet grotesk an, daß die D N VP bei den R eichstagsw ahlen vom M ai 1928 den greisen G roßadm iral A lfred von T irpitz als W ahlkam pfzugpferd aufstellte, obw ohl sich nur ein geringer Teil der deutschen B evölkerung an dessen R olle bei der F lo tten p o litik des K aiserreiches erinnern konnte. D er V ersuch W alter Lam bachs und einer G ruppe jün gerer D eutschnationaler, eine M odern isierun g der D N V P -Program m atik durchzusetzen und dem auto ritä­ ren F ührungsstil A lfred H ugenbergs, der selbst ein R epräsentant der K aiserzeit war, entgegenzutreten, löste die A bspaltung des gem äßigten Flügels aus und be­ w irk te die G ründung der V olkskonservativen V ereinigung unter G raf W estarp26. Der H in tergrun d der sogenannten Lam bach-R evolte bestand in der Einsicht, daß m it der bloß rückw ärts gerichteten P o litik H ugenbergs die Entfrem dung der nachw achsenden G enerationen schw erlich überw unden w erden konnte. Lam ­ bach m achte dies ausdrücklich an der Frage des M onarchism us fest, gerade w eil sie keine unm ittelbare A ktualität besaß, um an dieser das E inschw enken auf eine A nerkennung der R ep ub lik zu dokum entieren. In seinem berühm t gew orde­ nen M o n arch ism us-A rtikel27 begründete er seinen Standpunkt m it dem A rg u ­ m ent, die Jugen d w olle handeln und lasse sich nicht m it derartigen U topien ver­ trösten. Von kaum geringerem Interesse sind die von den jüngeren Kadern getragenen B estrebungen im Lager von DVP und DDP, zu einer Erneuerung der liberalen Be­ w egung zu gelangen und die jüngere G eneration politisch zu integrieren. B em ü­ hungen in diese R ichtung gingen zunächst von dem Stresem ann-Flügel der DVP aus und besaßen die ausdrückliche B illigun g des R eichsaußenm inisters, dessen jä ­ her Tod dann auch einen em pfindlichen R ückschlag für die R eform bem ühungen bedeutete28. Stellvertretend sei der von Theodor E schenburg ins Leben gerufene Bund der „ Q u in ten “ genannt, der sich, w ie er an H erm ann D ietrich schrieb, zum Ziel setzte, „eine Fühlungnahm e zw ischen der gegenw ärtig führenden G eneration und der ju n g en “ ins Leben zu rufen, „um die bestehende K luft zu überbrücken und so zu einem bescheidenen Teil an der Schaffung einer politischen G esellschaft D eutschlands“, dam it einer republikanischen politischen K ultur beizutragen29. Ä hnliche Tendenzen verfochten der Bund der Jun gakadem iker unter der Führung

26 S. H eid ru n H olz bach , Das „System H ugenberg“. D ie O rganisation bürgerlicher Sam m el­ politik vor dem A ufstieg der N SD AP (Stuttgart 1981) 220 ff. 27 S. Walter L am bach, M onarchism us, in: Politische W ochenschrift 4 (1928) 4 95 ff. 28 S. Larry E. J o n e s , Liberalism and the C hallenge of the Younger G eneration. The Young Libral Struggle for a Reform of the W eim ar P arty System , in: K ra b b e, Politische Jugend 110. 29 Ebd. 111.

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A lfred W ebers, die von R ochus von R heinbaben gegründete „Front 1929“ in B er­ lin oder der „Bund zur E rneuerung des politischen Lebens“30. Von der Seite des liberalen D V P-Fliigels suchte F rank G latzel m it der Schaf­ fung der „Reichsgem einschaft jun ger V olksparteiler“ den Bestrebungen zur Schaffung einer breiten Partei der nationalen E rneuerung, deren N ukleus in der „V olksnationalen R eichsvereinigung“ bestehen sollte, zu H ilfe zu kom m en31. Die Initiative Frank G latzels, des Führers der Reichsgem einschaft, eine neue M ittel­ partei, die Teile der D N VP einschloß, ins Leben zu rufen, scheiterte schon vor den Septem berw ahlen 1930 auf der ganzen Linie und führte schließlich nur zu r Zes­ sion der V olkskonservativen von der D N V P unter A lfred H ugenberg. A ngesichts der R ückw ärtsgew andtheit der D N V P -P o litik zielte die A ktion des TreviranusFlügels nicht zuletzt darauf ab, die jüngere G eneration für die neue Partei zu ge­ w innen. D ie D eutsche Staatspartei hatte sich dem gleichen Ziel verschrieben32. A uch das „Jungdeutsche M anifest“ A rtu r M ahrauns zielte auf einen „Zusam m en­ schluß der jungnationalen Kräfte zur R ettung der R ep u b lik“33. D och scheiterten diese Bem ühungen nicht zu letzt am W iderstand der nach Stresem anns Tod unter dem Einfluß von Ernst Scholz stehenden DVP, die ein Zu­ sam m engehen m it der DDP ablehnte. D ie Z ersplitterung der linksbürgerlichen Parteien und die fortschreitende Erosion des L iberalism us schwächten notw endig auch die politischen Jugendverbände, die zahlenm äßig im m er mehr zusam m en­ schrum pften, w ährend sie m it Sorge den Z ulauf betrachteten, den vor allem die NSD AP, in geringerem M aße die KPD, von A ngehörigen der jungen G eneration verzeichnen konnten34. B ekanntlich sind diese von der jungen G eneration vorangetragenen A nsätze zu r B ildung einer breiten nationalen M ittelp artei, die m it der G ründung der D eutschen Staatspartei intendiert war, auf der ganzen Linie gescheitert. G ewiß spielten dabei innere G egensätze im liberalen Lager und dessen notorische Schw ä­ che infolge der eskalierenden interessenpolitischen Z ersplitterung eine w esent­ liche Rolle. D ie B estrebungen, m it einer V erjüngung des politischen Personals zugleich zu einer M odernisierung des politischen System s zu gelangen, hätten, w ären sie erfolgreich gew esen, das A b sinken der W eim arer R epublik in die H err­ schaft eines hem m ungslosen politischen Irrationalism us verhindern und zu einer Stabilisierung des politischen System s führen können, w enngleich unter konser­ vativem Vorzeichen. Es liegt vielleicht ein M om ent der Tragik darin, daß die C hance zur V erjüngung der politischen Klasse trotz m ancher Initiativen letztlich ungenützt blieb. D ie V erschärfung der innenpolitischen Lage unter dem D ruck 30 S. K ra b b e, Parteijugend in der W eim arer R epublik, ebd. 56 und 6 4 ff. 31 Ebd. 59 f. sow ie Larry E. Jo n es , Germ an L iberalism and the A lienation of the Younger G e­ neration in the W eim ar R epublic, in: K o n r a d H. Ja ra u sch , ders. (H rsg.), In Search of a Liberal G erm any (N ew York 1990) 287-321. 32 S. J o n e s , G enerational C onflict 362 ff. 33 Artur M abraun, Das Jungdeutsche M anifest (Berlin 1927) 87. 34 S. M ich a el Kater, G enerationskonflikt als E ntw icklungsfaktor in der N S-B ew egung vor 1933, in: Geschichte und Gesellschaft 11 (1985) 217 ff.

G e n e r a tio n e n k o n flik t u nd p olitische E n t w ic k lu n g in der W e im a re r R e p u b lik

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der sich ankündigenden ökonom ischen K rise blockierte einen konstruktiven und im R ahm en der V erfassung bleibenden System um bau. D azu trug der Sachverhalt bei, daß der Z eitraum für einen G enerationsw echsel in der politischen Klasse zu kurz bem essen war, um das innenpolitische R evirem ent, das sich 1927/28 innerhalb des bürgerlichen Parteienspektrum s ankündigte, erfolgreich durch zu­ führen. Statt dessen kam es zum A bdriften der jüngeren aktiven Kräfte entw eder zur KPD und ihren abgesplitterten O rganisationen oder zur NSDAP, die von der Erosion des bürgerlich -liberalen Lagers, die sich in diesen Jahren vollzog, ent­ scheidend profitierte. D ie N SD A P instrum entalisierte den seit den frühen 20er Jahren p o litisierten Jugendbegriff und attackierte die politische Klasse der R ep u ­ blik als überholt. G regor Strasser betonte, „dass diese Köpfe die alten sind, die sie w aren, vor K rieg und R evolution, vor E rschütterung und neuem A ufbruch“35; die Propaganda der Partei m obilisierte unter der m aßgeblichen M itw irkun g von Josef Goebbels den M ythos der nationalen E rneuerung für die N S-B ew egung. Die N SD A P konnte dabei insofern eine gew isse G laub w ürdigkeit beanspruchen, als sie, im U nterschied zur SPD und den Parteien der bürgerlichen M itte, sow ohl was die W äh ler w ie die M itgliedschaft anging, eine ungew öhnlich junge Partei d ar­ stellte, in w elcher die A ltersgruppe zw ischen 22 und 24 Jahren den bei w eitem stärksten A n teil an der M itgliedschaft besaß36. Ä hnliches galt im übrigen auch für die KPD, der es in den letzten Jahren der R ep ub lik gelang, eine große Zahl der arbeitslosen Jugen dlich en und Jun garb eiter für sich zu m obilisieren. A ndererseits blieb die H J unter der Führung B aldur von Schirachs, verglichen m it der Stärke der freien Jugendverbände, zahlenm äßig zunächst unbedeutend, was erst durch den Ü bergang zu r Staatsjugend verdeckt w erden konnte37. D ie Jungdeutschen ebenso w ie die Jugen d bew egun g hatte dieser A bw endung vom parlam entarischen System vorgearbeitet und den M ythos genährt, daß an die Stelle des bestehenden Staates eine von der jungen G eneration getragene politischbündische S truktur treten w ürde, m ittels derer die verhaßte Parteienherrschaft, aber auch das A bsinken in m aterialistische Interessenpolitik unterbunden w erden sollten38. Das 1921 von dem Freideutschen H arald Schultz-H encke ausgegebene Stichw ort von der „Ü berw indung der Parteien durch die Ju g en d “ w ar G em eingut der politisch sensibilisierten jüngeren G eneration im bürgerlichen Lager. „Die Partei der Z ukunft“, hieß es in Schultz-H enckes Pam phlet, w erde „alle diejenigen

35 G r e g o r Strasser , M acht Platz, ihr A lten !, in: ders., Kam pf um D eutschland. Reden und Aufsätze eines N ationalsozialisten (M ünchen 1932) 171. 36 M ich a el H. K a ter, The N azi Party. A Social Profile of M em bers and Leaders 1919-1945 (O xford 1983) 141 ff. 37 Arno K lö n n e, Jugend im D ritten Reich. D ie H itlerjugend und ihre G egner (M ünchen 1990). 38 Vgl .J o n e s , G enerational C onflict 369.

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Hans M om m sen

verbinden, die schon heute eines Fühlens sind, die das Ganze, nicht sich selb st“ w o llen 39. D ie Idee einer R egenerierung der N ation durch den Zusam m enschluß der ju n ­ gen G eneration w urde seit 1928 insbesondere von Flans Zehrer, dem H erausgeber der einflußreichen M onatsschrift „Die Tat“, nachdrücklich vertreten. U nter der Parole „A chtung junge Front! D raußen b leib en !“ w o llte er 1929 den Z usam m en­ bruch des Parteiensystem s - die Erosion der bürgerlichen M ittelparteien schien eine solche Perspektive zu erlauben - abw arten, um dann unter der Führung der N achkriegsgeneration eine „Dritte F ro n t“ zu bilden40. Eine Zeitlang konnten Intellektuelle w ie Zehrer oder Ernst G ünter G ründel41 der Illusion «'lie g e n , die N SD A P sei der Vorbote dieser U m strukturierun g. A uch der Ideologe Franz von Papens, W alter Schotte, propagierte V orstellungen dieser A rt und prognostizierte in seiner einflußreichen B roschüre „Der neue Staat“, die N SD A P w erde sich, w enn der Kampf gegen die L inksparteien geschlagen sei, zu einem der Führerauslese dienenden O rden zurückentw ickeln 42, und die E rw ar­ tung einer allgem einen „Parteiendäm m erung“ w ar für das Personal der späten Präsidialkabinette charakteristisch43. Z ehrer erblickte in der N SD A P nur eine U bergangsstufe bis zur Z erschlagung der L inksparteien und erw artete die H eraufkunft einer „D ritten Front“ der jungen G eneration für die 40er Jahre44. A uch E dgar Jun g verschrieb sich diesen Illusionen, bis es zu spät w ar und er den Ver­ such, das R uder herum zuw erfen, mit seinem Tode am 30. Juni 1934 bezahlte45. Trotz klarer U nterschiede zum N ation also zialism us haben die neokonservati­ ven Intellektuellen, aber auch Teile der freideutschen B ew egung, dem N atio n al­ sozialism us vorgearbeitet, indem sie den Sinn für rationale Politik, die stets mit Interessenw ahrnehm ung verknüpft ist, verdunkelten und dem M ythos des natio­ nalen A ufbruchs N achdruck verschafften, den dann G oebbels so erfolgreich für die propagandistische Ü berhöhung der nationalsozialistischen M achtergreifung ausnützen konnte. D ie K ulturrevolution, die etw a das von der „D eutschen Ju n ­ genschaft vom 1.11.1929“ herkom m ende „G raue K orps“ propagierte46, und die

39 H a rald S chu ltz-H en ck e, Die Ü berw indung der Parteien durch die Jugend, in: W erner K in d t (H rsg.), G rundschriften der deutschen Ju gendbew egung (D üsseldorf 1963) 354. 40 Die Tat, Bd. 21 (1929) 925 ff. Vgl. Klaus Fritzsche, Politische R om antik und G egenrevolu­ tion. Fluchtw ege in der Krise der bürgerlichen G esellschaft: Das Beispiel des „Tat“-Kreises (Frankfurt a.M . 1976). 41 S. Ernst G ü n ter G r ü n d e l, Die Sendung der jungen G eneration (M ünchen 1932) 70 ff. 42 Walter S chotte, Der N eue Staat (Berlin 1928) 146 f. 43 Sym ptom atisch w ar die von C u n o G r a f Westarp verfaßte Broschüre: Am Grabe der P ar­ teiherrschaft. B ilanz des deutschen Parlam entarism us von 1918-1932 (Berlin o.I. (1932)) vor allem 127ff. 44 Vgl. H ans M o m m se n , R egierung ohne Parteien. Konservative Pläne zum Verfassungsum ­ bau am Ende der W eim arer R epublik, in: H einrich August Winkler (H rsg.), Die deutsche Staatskrise 1930-1933. H andlungsspielräum e und A lternativen (M ünchen 1992) 6 ff. 45 Vgl. B er n h a rd Jen s ch k e , Zur K ritik der konservativ-revolutionären Ideologie in der W ei­ m arer R epublik. W eltanschauung und P o litik bei E dgar Ju liu s Ju n g (M ünchen 1971) 167. 46 A lfred S chm idt, E rfüllte Zeit. Schriften zur Ju gendbew egung (A ltdorf, U ri 1978); vgl.

G e n e r a tio n e n k o n flik t un d p olitische E n t w ic k lu n g in der W eim arer R e p u b lik

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Vision der Ü berw ind u ng des G egensatzes von G eist und M acht sind extrem e, aber auch w ied er typische Beispiele für die sich hier abzeichnende „Zerstörung der V ernunft“47. M an kann einw enden, daß die Z uordnung dieser Vorgänge im Parteienfeld der W eim arer R ep ub lik zum G enerationenkonflikt nicht frei von arbiträren Elem en­ ten ist, und es w äre sicher verfehlt, in jedem einzelnen Fall unm ittelbare K orre­ lationen zw ischen Lebensalter und p olitischer E instellung annehmen zu w o l­ len. A ber es ist unverkennbar, daß die nicht m ehr in den w ilhelm inischen T radi­ tionen w urzeln den A lterskohorten zu grundlegenden konzeptionellen N euerun ­ gen neigten und daß die 1918 aufbrechende antib iirgerlich e und an tim aterialisti­ sche W erthaltung der jü n geren in nahezu allen politischen Lagern anzutreffen war. D ie Ü bernahm e der Begriffe „jung“ und „Jugend“ in die politische Term inolo­ gie der W eim arer Jahre ist ein Indikator dafür, daß dieser „G enerationslagerung“ (K arl M annheim ) ein B ew ußtsein entsprach, sich aus den überkom m enen W ertund H an d lun gskriterien zu lösen und die Zeit vor 1914 nicht länger zum generel­ len W ertm aßstab zu m achen, w ie dies für die traditionelle politische F üh run gs­ schicht galt. Dies fand ebenfalls A nw endung auf w irtschafts- und sozialpolitische Fragen, indem die T arifparteien sich jew eils an den D aten der V orkriegszeit o rien ­ tierten, ob es sich um die E xportziffern oder die Lohnhöhe handelte. Z ugleich bedarf die generell festzustellende O ssifikationstendenz in der W ei­ m arer R ep ub lik einer E rklärung. Im ku lturellen und künstlerischen Bereich galt das nicht, vielm ehr stellten die „goldenen 20er Jah re“ eine extrem e Innovationsphase dar, die von A ngehörigen der jungen G eneration getragen war. D ie aus­ geprägte V ersäulung von Parteien, Interessengruppen und öffentlicher V erw al­ tung hatte unter dem Burgfrieden eingesetzt und verstärkte die A bschließung der Funktionselite von der jüngeren G eneration. A uch die relative w irtsch aftli­ che Stagnation, die dadurch verschärft w urde, daß sich die neuen Industrien gegen die m it der G roßlandw irtschaft verbundene Schw erindustrie nicht durch ­ setzen konnten und die überfällige U m o rien tierun g von den herköm m lichen G rundstoffindustrien zur V erbrauchsgüterindustrie unterblieb, hatte dam it zu tun. D ie ökonom ische Stagnation und die m it ihr verbundene strukturelle A rb eits­ losigkeit verhinderten einen harm onischen Ü bergang zw ischen den A lterskoh o r­ ten, zum al die dem ographische E ntw icklung seit der Jahrhundertw ende den A n ­ teil der jün geren Jahrgänge deutlich anschw ellen ließ48. D abei muß berücksichtigt w erden, daß die erst 1921 erreichte relative Stabilität der R epublik schon am A n ­ fang er 30er Jah re einer neuerlichen D auerkrise Platz machte. Erst nach 1933 setzte sich der vom N S-R egim e eingeleitete E litenw echsel eindeutig zugunsten Armin M obler, Die konservative Revolution in D eutschland 1918-1932 (D arm stadt 1972) 155 ff. 47 U ngew öhnlich visionär w ar G eo r gs Lukdcs, Die Z erstörung der Vernunft. N euauflage, 3 Bde. (N euw ied 1974). 48 S. Kater, The N azi Party 141 f.

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Hans M om m sen

der jungen G eneration durch, was die Z ustim m ung w achsender A nteile der B e­ völkerung zum N S-R egim e erklären hilft. Sicherlich gab es auch pro -rep ub likan isch e Im pulse, die von der jüngeren G e­ neration vorangetragen w aren und, w ie die K inderrepubliken zeigen, in der k u r­ zen prosperierenden Phase der R ep ub lik seit dem D aw es-Plan P opularität erlan g­ ten. B ekanntlich gelang es der N SD A P nur sehr schwer, die V ertreter der Ju g en d ­ bew egung in die HJ zu integrieren. E inzelne H J-G auorgam sationen w urden schließlich aufgelöst, da sie von ehem aligen W andervögeln unterw andert w aren49. D esgleichen bestanden V erbindungslinien zum W iderstand, w ie die A ktio n der „W eißen R ose“ eindrücklich zeigt-“’0. A uch bei der sozialistischen Linken w aren es nachgerade die jugendlichen Kader, die nach 1933 den Weg zum aktiven W ider­ stand fanden. G leichw ohl ist der Tatbestand, daß die jun ge G eneration aus der W eim arer R ep ub lik ausgew andert war, der N SD A P direkt und indirekt zugute gekom m en5*.

49 Vgl. R e u leck e , M ännerbünde 141 ff. 50 Vgl. Hans M o m m se n , D er deutsche W iderstand gegen H itler und die W iderherstellung der G rundlagen der Politik, in: Die W eiße Rose und das Erbe des deutschen W iderstandes (M ünchen 1993) 189 215. 51 J ü r g e n R eu leck e, H at die Jugendbew egung den N ationalsozialism us vorbereitet?, in: ders., M ännerbünde 161 ff.

Bernd A. Rusinek

Krieg als Sehnsucht" Militärischer Stil und „junge Generation“ in der Weimarer Republik A uf dem L eip ziger SPD -Parteitag 1931, dem letzten vor der n atio nalso zialisti­ schen „M achtergreifung“, w urde intensiv über die Jugend und ihre politische Ein­ stellung debattiert. Ein R edner rief voller R esignation: „Nie w ieder K rieg! Das macht auf die Jugend nur einen geringen E in druck.“ 1 D ie SPD hatte vor dem K riegskult und der K riegssehnsucht der Jugen d kapituliert. Das Eingeständnis, daß die Ju g e n d ' Krieg w olle und der SPD in Scharen davonlief, w ar für die So zi­ aldem okratie um so deprim ierender, als die Partei ja im Kampf gegen den M ilitär­ dienst in der W ilhelm inischen Ä ra politisch gew achsen war. A ugust Bebels an ti­ m ilitaristischer Im puls, auch lebensgeschichtlich bedingt, w ar stets ebenso stark gewesen w ie sein antikapitalistischer. D arin, daß die m ännliche junge G eneration in der W eim arer R ep ub lik zum in ­ dest seit 1928 von einem rückw ärts- und vorw ärtsgew andten, der R epublik aber nie zugew andten B ellizism us geprägt war, stim m ten fast alle zeitgenössischen Ju ­ gendbeobachter im Sinne eines unbezw eifelten generationellen G esam tdatum s überein. G egen Ende der R epublik m arschierte nach diesen Zeugnissen m ännliche Jugend aller politischen, w eltanschaulichen und religiösen R ichtungen, un ifo r­ m ierte sich, richtete Lager ein und em pfand das „Stehen und M arschieren in Reih und G lied als A usd ruck ihres stärksten L ebensgefühls“, w ie ein Beobachter 1932 festhielt2. In der Tat stellte der rechtsradikale Teil der m arschierenden Jugend dem N ationalsozialism us der „K am pfzeit“ die stärksten B ataillone und trug als kriege­ rische Jugendgeneration unter dem E tikett des G enerationskonflikts zu r „M acht­ ergreifung“ bei. Solches rechtsradikales A gieren w ar vom D auerbezug auf den E r­ sten W eltkrieg geprägt. Dieses kriegsfixierte Jugendgeschehen w ird im folgenden in drei Schritten untersucht: Erstens w erden grundsätzliche Ü berlegungen zu „G eneration“ und Es w urde versucht, den Vortragscharakter der A usführungen beizubehalten. Das gilt auch für die bei dieser Präsentationsform vertretbaren Pointierungen. 1 Aus der A ussprache nach Erich O llen h a u ers Referat „Partei und Ju gen d “ auf dem SPDParteitag 1931 in L eipzig (Protokoll, Berlin 1931) 216. 2 Zit. nach M ich a el M itterauer, Sozialgeschichte der Ju gen d (F rankfurt a.M . 1986) 226.

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Bernd A. R u s in e k

„G enerationskonflikt“ als heuristischen K ategorien der G eschichtswissenschaft angestellt; zweitens w ird für die B etrachtungszeit die Phänom en-Ebene in den B lick genom m en; drittens folgen einige an den ersten Teil anknüptende an alyti­ sche B em erkungen.

I. Die K ategorie „G eneration“ gehörte w eder zum Instrum entarium der p o litik o ri­ entierten noch zu dem der sie ablösenden sozialw issenschaftlich orientierten G e­ schichtsw issenschaft; für jene kam „G eneration“ und speziell „junge G eneration“ als K ategorie nicht in Frage, w eil zu sehr auf politische A kteure geblickt w urde, für diese nicht, w eil sie zu weich und m it ökonom ie-fixierten U ntersuchungen schw er greifbar scheint oder sozioökonom ische G rundannahm en im H in b lick auf deren m entale A usw irkun gen sogar w iderlegen kann. W er sich mit G enerationen als A kteursko llektiven befaßt, fragt nicht in erster Linie nach K nappheit und der A usdifferenzierung der G ew erkschaftsorganisation, sondern nach E instellungen und M entalitäten sowie - bei U ntersuchungen über das 20. Jah rh un dert - nach m edialen E influßgrößen, die auf G enerationen und dam it auf den G eschichtspro­ zeß ein gew irkt haben. A b er da die in einem Z eitalter vorw altenden „Ideen“ ein H auptthem a des H istorism us gewesen sind, w ar bereits diesen H isto rikern das Phänom en der G e­ nerationen selbstverständlich bew ußt. So antw ortete Leopold von R anke 1873 auf die Frage, ob es m öglich sei, „politische Stim m ungen generationenw eise zur A n ­ schauung zu bringen“, dieses sei eines der w ichtigsten Problem e; allem al herrsche „in einer G eneration eine Idee vo r“; es sei aber nicht im m er zu bestim m en, ob sol­ che „Ideen“ m ehr von einzelnen Individuen ausgegangen seien oder dieselben von außen kam en3. H ierm it ist ein w ichtiges, noch heute nicht befriedigend gelöstes Problem bezeichnet. .G eneration', so können w ir schließen, lag als K ategorie be­ reit, w urd e aber in der G eschichtsw issenschaft kaum verw endet, D abei w urde das Jugend-G enerationsthem a bereits im 18. Jah rh un dert von H erder aufgebracht, der von „V ergreisung“ sprach, w enn er herrschende Ström ungen geißelte4; es er­ hielt durch den „Sturm und D rang“ ebensolchen A uftrieb w ie - eine G eneration später - durch die F reiheitskriege und anschließend durch die 1848er R evo lutio ­ nen. In der G eistesgeschichte w ar es A uguste C om te, der 1849 im vierten Teil des „C ours de Philosophie Positive“ erstm als system atisch die G enerationen-A bfolge als M o to r des Fortschritts betrachtete - ohne sich der Gefahren bew ußt zu sein, die G enerationenkonflikte für G esellschaften bedeuten können. D iese G efahren 3 O ttok ar L oren z , Die G eschichtswissenschaft in H auptrichtungen und Aufgaben kritisch erörtert, zw eiter Teil: Leopold von R anke. Die G enerationenlehre und der G eschichtsunter­ richt (Berlin 1891). D arin, S. 137, Fn. 1, gibt der A u to r Passagen eines Gespräches m it Ranke im Jahre 1873 wieder. 4 T h e o d o r Litt, Das Verhältnis der G enerationen ehedem und heute (W iesbaden 1947) 23.

M ilitä r is ch er Stil und „junge G en eratio n" in der W e im a re r R e p u b lik

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schienen im 20. Jah rh un d ert durch die E rfahrung des „D ritten R eiches“ allzu deutlich gew orden. „N iem als“, so schrieb Joseph R oth 1930, „w ar das Schlagw ort von den .G enerationen' so häufig“ gew esen5. In den ersten Jahren der N S-H errschaft, so Theodor L itt 1947, „konnte es stellenw eise so aussehen, als müsse das V erhältnis der G enerationen in der Tat die Form eines perm anenten K riegszustan­ des annehm en“6. D urch drei deutsche Schlüssel-E reignisse seit den 1890er Jah ren w urde die öffentliche und w issenschaftliche A ufm erksam keit unabw eisbar auf JugendG enerationen als gesellschaftliche T riebkraft gelenkt: durch die deutsche Ju gen d ­ bew egung, die es m it sich brachte, daß „G eneration“ bald nur m ehr m it „Jugend­ generation“ assoziiert w urde, durch die K risenjahre der W eim arer R ep ub lik und durch die N S-B ew egung. W enn R oth für die 1920er Jahre vom „Schlagw ort“ der G enerationen sprach, so kom m t darin eine w eitere D im ension des G enerationsbegriffs in den B lick als nur die E tikettierung aufgrund gem einsam er K ohortenzugehörigkeit und E in­ stellungsm uster, näm lich die D im ension des politisch instrum entalisierten und öffentlichkeitsw irksam en Parolen-C harakters von „G eneration“. Das bedeutet für die U ntersuchung von G enerationen, zw ischen dem konkreten O bjekt der jew eiligen A ltersgruppe und dem Reden über sie durch verschiedene, oft selbst­ ernannte Sprecher zu unterscheiden. Dieses Reden über G eneration, das auch ein H erbeireden von G eneration sein kann, hat verschiedene U rsachen, darunter journalistische M ode, sprachliche Leichtfertigkeit oder m edial verm ittelte p o liti­ sche Interessen. W enn „G eneration“ in einem U ntersuchungszeitraum öffentlich­ keitsw irksam es „Schlagw ort“ gew orden ist, in dem die M assenpresse zur p o liti­ schen E influßgröße gew orden war, dann muß die m ögliche M edienverm ittlung des Phänom ens Teil der U ntersuchung sein. D ie inflationäre V erw endung von „G eneration“ als sozialer und politischer K a­ tegorie in der W eim arer R epublik legt im übrigen nahe, daß es sich um einen K on­ kurrenzbegriff handelte. In der Tat w ar „G eneration“ ein entökonom isierter K onterbegriff zu „K lasse“. Im G egensatz zu dieser ist der G enerationsbegriff nicht ökonom isch, sondern im Kern biologisch; die Z ugehörigkeit zu einer G ene­ ration erscheint als Schicksal, die ökonom ische Situation einer gesellschaftlichen Klasse dagegen kausal ableitbar. So ist es nicht erstaunlich, w enn Flerbert M arcuse in seinem A ufsatz über die totalitäre Staatsauffassung die R ede von der „G enera­ tion“7 gleich jener vom „R aum “8 dem vernebelnden rechten D enken zuordnete.

3 J o s e p h R oth , Schluss mit der „N euen Sachlichkeit“, in: ders., W erke, hrsg. v. H e rm a n n K esten , Bd. 4 (A m sterdam 1976, zuerst 1930) 246-258, 246 f. b Litt, Das Verhältnis der G enerationen 52. 7 U ber die im Gefolge der europäischen Faschismen auftretende, sich gegen den „Liberalis­ mus“ des 18. und 19. Jahrhunderts w endende ,existentialistische‘ Philosophie schrieb M ar­ cuse, sie habe es „aus guten G ründen verm ieden, sich die geschichtliche Situation des von ihm angesprochenen Subjekts auf ihre m aterielle F aktizität hin näher anzusehen. Flier hörte die K onkretion auf, hier begnügte sie sich m it der Rede von der „Schicksalsverbundenheit“

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D iese als Ideologie m arkierte Rede von „G eneration“ ist etwas anderes als die V erwendung des G enerationenbegriffs in der historischen Forschung, aber w ie es scheint, spielt bei der A blehnung der G enerationen-K ategorie durch linke H isto ­ riker derselbe G eneralverdacht eine R olle, der auch H erbert M arcuse bew egt hatte. A uch die V erfechter des Paradigm as Sozialgeschichte haben das heuristische K onzept der G eneration lange abgelehnt. „G eneration“ sei fluidal, so hieß es M itte der 1970er Jah re, sie entziehe sich der D efinition, und was herauskom m e, sei nicht selten tautologisch und banal, kurz: das K onzept „G eneration“ w ürde m aßlos überschätzt9. D em gegenüber w urde M itte der 1980er Jahre und w ohl auch unter dem E indruck einer neuerlichen G enerationenprotestw elle festgehalten, die G egenüberstellung von G enerationsprotest und sozialer K onfliktlage sei eine fal­ sche A lternative; man müsse von einem w echselseitigen B edingungsverhältnis von G enerationsprotest/G enerationskonflikt und sozialer K onfliktlage ausgehen10. Bevor diese Synthese durchgeführt w orden war, m ußte die Integration des Generationen-A nsatzes in das A rsenal geschichtsw issenschaftlicher M ethoden auf eine lin ke Instinktabw ehr stoßen; denn m it G enerationskonflikten, A uto- und H ete­ rostereotypien von G eneration zu operieren, läuft stets darauf hinaus, K ollektivIm aginäres als historisches movens ernst zu nehm en. D er zeithistorische R ückb lick auf die „1968er“-B ew egung hat aufs neue ge­ zeigt, daß der G enerationenkonflikt ein bestim m ender Faktor gesellschaftlicher V eränderungen sein kann. Gerd Koenens halbautobiographische U ntersuchung „Das rote Jah rzeh n t“ ist ganz auf G enerationenlagerung und G enerationen­ ko n flikt ab gestellt1*. Solchen A nalysen über 1968 und die Folgejahre ist für das U ntersuchungsfeld „G enerationalität und Lebensgeschichte“ eine w ich tige Ein­ sicht abzugew innen: O bjektiv bestim m bare K risenlagen w ie A rb eitslo sigkeit und M angelm ilieu allein erzeugen nicht gesellschaftliche K onflikte. Es m üssen In itial­ zünder hinzutreten, die selbst nicht ausschließlich über K nappheitsstatistiken zu erklären sind. D azu zählen konfligierende G enerationseinheiten, die für den

des Volkes, vom „Erbe", das jeder einzelne zu übernehm en hat, von der Gemeinschaft der „G eneration“ ( ...) “ H e r b e r t M arcuse, D er Kampf gegen den Liberalism us in der totalitären Staatsauffassung, in: Schriften, Bd. 3 (F rankfurt a.M . 1979) 7-44, 3 4 f. Georg Lukacs rechnete Karl M annheim , allerdings ohne dessen G enerationen-A ufsatz zu erw ähnen, den „A gnostizisten und R elativisten der im perialistischen Periode“ zu und w arf ihm „eine radikale E ntökonom isierung der Sozio logie“ vor ( G e o r g Lukacs, D ie Zerstörung der Vernunft, Bd. III, Irrationalism us und Soziologie [D arm stadt und N euw ied 1974, zuerst 1954] 82, 84). 8 S. H e r b e r t M arcuse, D er Kam pf gegen den L iberalism us 27, Fn. 36. 9 H ans J ä g e r , G enerationen in der Geschichte. Ü berlegungen zu einem um strittenen K on­ zept, in: GuG 3 (1977) 429-452, 431. 10 Hans M o m m se n , G enerationskonflikt und Jugendrevolte in der W eim arer R epublik, in: T hom as K o e b n e r, R o lf-P e te r Ja n z , Frank T ro m m le r (H rsg.), ,M it uns zieht die neue Zeit*. D er M ythos Jugend (Frankfurt a.M . 1985) 50-67, 62 f. 11 S. G e rd K o e n e n , Das rote Jahrzehnt. U nsere kleine deutsche K ulturrevolution 1967-1977 (K öln 2001).

M ilitä risch er Stil und „junge G e n era tio n “ in der W eim a re r R e p u b lik

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kritischen U m schlagspunkt sorgen und solche Krisen politisch ausm ünzen. Das bedeutet aber, gesellschaftliche K onfliktaustragungen sind nicht allein durch soziale und ökonom ische Fakten, sondern auch durch K ollektiv-Im aginäres zu erklären. D ieses ist nicht nur B edingung ihres A usbruchs, es kann, etw a im iden­ titätsstiftenden E rlebnis-Z usam m enhang einer G eneration, einen w eit größeren A nteil am K onfliktausbruch besitzen als die m it Statistiken m eßbare soziale und ökonom ische Lage. Die Probe liefert ein V ergleich zw ischen den Jah ren 1968 bis 1973 und heute 2003. G egenüber heutigen rechtsradikalen Subkulturen und Ü bergriffen auf A usländer bis hin zum M ord erscheint die N PD zur Zeit der G roßen K oalition als betulich; w ürde es heute einem W irtschaftspolitiker gelingen, die A rbeitslosen­ zahlen der ersten R ezessionskrise 1967/68 zu erreichen, er w äre der ew igen W ie­ derw ahl sicher; heute haben w ir im B ereich der kapitalistischen B iotechnologie verm utlich größere G efahrenpotentiale als M itte der 1970er Jah re auf dem Feld der friedlichen N utzun g der K ern-E nergie; heute befinden sich die deutschen U niversitäten zw eifellos in einer kritischeren Situation als M itte der 1960er Jahre, als alles von A uf- und A usbau sprach - es gibt aber keine nennensw erte P rotest­ bewegung. O ffenbar fehlt der generationsspezifische E rlebniszusam m enhang, der zu M assenprotesten führt. D agegen erscheint die reale Lage zw ischen 1968 und 1973 - m it R anke zu reden - als halkyonisch. Das K ollektiv-Im aginäre und teils K onstruierte der G enerationen als A kteure bedeutet, daß es solche G enerationen naturw üchsig nicht gibt. D er K onstrukti­ onsprozeß von Generation als A kteursko llektiv verw eist auf die m edienhistori­ sche Seite des Phänom ens. H in ter der gleichsam m edien-induzierten G eneration als A kteursko llek tiv kann - w ie in den 1920er Jahren - politisches Interesse ste­ hen. T otalitären B ew egungen bieten Z uspitzungen gesellschaftlicher K onflikte im M edium des G enerationenkonflikts eine Reihe von Vorteilen. D aher haben die Führer solcher B ew egungen m it unterschiedlichem Recht versucht, ihre A ktivitä­ ten als die einer „G eneration“ auszugeben und käm pferische G enerationen zu sich h in üb erzuzieh en 12, was an vier Punkten deutlich w ird: 1) In- und E xklusionskräfte sind größer als etw a bei Vereinen, Parteien oder re­ ligiösen G em einschaften, da die einen schicksalhaft zu einer G eneration gehören, die anderen aber ih r nicht beitreten können. 2) D ie K ohärenz der G ruppe muß nicht argum entativ abgestützt w erden, son­ dern scheint als natürlich gegeben. 3) D er A rgum entationsaufw and im R ahm en eines K onflikts ist geringer, da auf ein spezifisches generationelles Erleben abgestellt w erden kann, das den Exkludierten, etw a der älteren G eneration, nicht zugänglich sei. D ie B ehauptung einer spezifisch generationellen Erlebnis- und A uffassungsw eise bildet som it einen Schutzw all gegen A rgum ente von außen. 12 A uf die Jugend stützte sich Stalin in der U dSSR mit der G ruppe der „G enerationalisten“ ebenso w ie M ussolini in Italien auf die Jungfaschisten, und auch der N ationalsozialism us be­ saß Züge eines G enerationenprojekts.

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B e rn d A. R u s in e k

4) Da G enerationen im K onflikt überw iegend m it m ännlichen V ordergrundA kteuren in E rscheinung treten, hat der G enerationenkonflikt oft die B ei­ m ischung ju g en d lich -viriler G ew alt. D aher ist es für extrem istische B ew egungen von Vorteil, G enerationseinheiten zu kreieren oder für sich einzuspannen; es gelingt dadurch, K onflikten die gew ünschte Schärfe zu verleihen. H ier zeigt sich die heuristische R elevanz der Frage nach G enerationen, vor allem nach G enerationen im Kam pf w ie in der W eim arer Zeit.

II. A ls der berühm te M ediziner W alter Stoeckel (1871-1961) im Jahre 1926 erstm als seit 22 Jah ren B erlin w iedersah, notierte er: „Ein G enerationsw echsel hatte sich vollzogen. D ie M enschen sahen anders aus, dachten anders, handelten an ders.“13 G enerationen entstehen ständig, aber nicht jede G eneration m arkiert ein eigenes Terrain und kann sich durch eine adversativ gestim m te Identität aus der Kette her­ ausheben. G elingt das, so erfolgt die K ristallisierung von generationeller Identität über E reignis -impacts. Bei diesen kann es sich gleicherm aßen um in der G egen­ w art Erlebtes und dabei Interpretiertes oder im nachhinein K onstruiertes han­ deln. D ie identitätsbildenden Ereignisse sind G egenstand repetitiver generationel­ ler M eister-Erzählungen und w erden dabei häufig verw andelt. M eister-E rzählun­ gen w aren für die m ilitärfixierte Jugendgeneration der W eim arer Zeit Langemarck oder der junge Stoßtruppführer. D abei gew esen zu sein, bildete keine V oraus­ setzung für die m ythenbildende Kraft solcher E rzählungen; es genügte, Teil des ko llektiv inszenierten Erzählens zu sein. N iem and hat das besser auf den Begriff gebracht als Ernst von Salom on, geboren 1902, der zum Kern der rechtsextrem en käm pfenden Jugendgeneration der W eim arer R ep ub lik gehörte und am R athenauM ord b eteiligt w ar: „Die Studenten, m it denen ich m ich in jener K om panie zu ­ sam m enfand, w aren alle bei Langem arck dabei gewesen, w enn nicht tatsächlich, so doch sicherlich sozusagen sym b o lisch ."14 Es ist nun das Feld zu m arkieren, auf dem sich m entaler B ellizism us in der ju n ­ gen G eneration der W eim arer R ep ub lik entfaltete. D ie allbekannte Strasser’sche Parole „M acht Platz, Ihr A lte n !“ und G oebbels’ W ort von der „vergreisten“ R ep ub lik m arkieren die Stoßrichtung. Wer nach Im pressionen m entaler G ew altB ereitschaft sucht, w ird in V erlautbarungen der W eim arer Zeit schnell fündig. Thom as M ann bezeichnete G eorge Sorels R eflexionen „U ber die G ew alt“, in D eutschland erschienen 1928, als „Buch der Epoche“ 15. D arin legitimierte der Syn d ik alist, K ritiker der Sozialdem okratie und A nreger M ussolinis, die G ew alt 13 Walter Stoeckel, Erinnerungen eines Frauenarztes, hrsg. v. Hans B o rg e lt (M ünchen 1966) 294. 14 Ernst v o n Salom on, D er Fragebogen (H am burg 1951) 187. (Es handelte sich um eine Freikorpskom panie/B.-A. R.). 15 T h om as M ann, D oktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde (Frankfurt a.M . 1980, zuerst Stockholm 1947) 4 90 ff.

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und delegitimierte Parlam entarism us als B equem lichkeit, Schlappheit, Lüge und Betrug; er sprach abw echselnd von „hum anitären Plattheiten“ und abw egigem M oralism us und nannte A ntim ilitarism us schließlich D efätism us. U ber m arkige Z eitungsnam en in den 1920er Jahren w urde geschrieben, es sei kein neues Blatt herausgekom m en, „das nicht energisch andeutete, es sei zu irgendeinem K am pf entschlossen, die T itel dröhnten und trom m elten und gellten kriegerisch im deut­ schen B lätterw ald “ 16. In einer neueren sportgeschichtlichen U ntersuchung w ird festgehalten, daß das W ort „K am pf“ in den 20er Jah ren zu einem Schlüsselbegriff der Sportsprache gew orden sei. Perm anent sei von „K am pfspielen“, „Kam pfbah­ nen“ und „K am pfgem einschaften" die Rede gew esen17. D ie M ilitarisieru ng des Sports bildete eine gew olke, von Sportfunktionären bew ußt herbeigeführte Kom­ pensation der durch den V ersailler Vertrag fortgefallenen W ehrpflicht. In einem E rinnerungsrom an über seinen Vater präsentiert L u d w ig H arig m it einem N erother einen typischen „Bündischen“ der 1920er Jah re, der stets in einem langen M i­ litärm antel des Ersten W eltkrieges herum lief, den PX -W im pel über die Schulter18. D ie A ttraktivität des m ilitärischen Stils offenbart ein B lick in die V erkaufsannon­ cen von bündischen Zeitschriften. A us prom inenten zeitgenössischen Ä ußerungen, deren M erkm al allerdings die W echselw irkung m it dem beschriebenen Phänom en ist, so daß sie nicht nur W i e ­ dergaben, sondern auch einw irkten, w ird der P rotestcharakter des m ilitärischen Stils der Jugend deutlich. In Ernst Jüngers 1932 erstm als erschienenem „A rbeiter“ schrieb der dam alige Jugendheros, M uster des jungen Stoßtruppführers, über das neue kom m ende Leben und die R olle der Jugend bei dessen H erbeiführung: „Ei­ nes der M ittel zu r V orbereitung eines neuen und kühneren Lebens besteht in der V ernichtung der W ertungen des losgelösten und selbstherrlich gew ordenen G ei­ stes, in der Z erstörung der E rziehungsarbeit, die das bürgerliche Z eitalter am M enschen geleistet hat“; viele A nzeichen ließen erkennen, „dass w ir vor den Pfor­ ten eines Zeitalters stehen, in dem w ied er von w irk lich er H errschaft, von O rd­ nung und U nterordnung, von Befehl und G ehorsam die R ede sein kann. Keines dieser A nzeichen spricht deutlicher als die freiw illige Zucht, der die Jugend sich zu unterw erfen beginnt, ihre V erachtung der G enüsse, ihr kriegerischer Sinn, ihr erwachendes G efühl für m ännliche und unbedingte W ertungen“; die entscheiden­ den M obilm achungsbefehle erfolgten dabei nicht von oben nach unten, sondern, „weit w irksam er, als revolutionäres Z iel“ 19. D er Protest m arschierender Jugend gegen die bürgerliche B ildungsw elt der V äter und G roßväter - gegen das 19. Jah r­ hundert - w urd e von Thom as M ann verschiedentlich hervorgehoben. H atte der eingangs zitierte sozialdem okratische R edner 1931 feststellen m üssen: „Nie wie­ 16 Ernst v o n S alom on , Der Fragebogen 268. 17 C hristiane E isenberg, English Sports und deutsche Bürger. Eine Gesellschaftsgeschichte 1800-1939 (Paderborn 1999) 325. 18 L u d w ig Harig, O rdnung ist das ganze Leben. Rom an meines Vaters (M ünchen, Wien 1986) 113. 19 Ernst Jlin ger, D er Arbeiter. H errschaft und Gestalt, in: Säm tliche W erke, Bd. VIII (Stutt­ gart 1981, zuerst 1932) 1-317, 46, 250.

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B ernd A. R u sin ek

der K rieg! Das m acht auf die Jugend nur einen geringen E indruck“, so notierte Thom as M ann über die Jahre nach dem Ersten W eltkrieg: „Bildung! Das H ohnge­ lächter einer ganzen G eneration antw ortet dem W o rt.“ Die B ildung des 19. Jah r­ hunderts gelte als „abgeschm ackter Plunder aus G roßvaters la g e n , w orüber lebensgerechte Jugend die A chseln zu ck t“; was das „kollektivistische G eschlecht“ der N achkriegsgeneration sich w ünsche, gönne und bew illige, seien „im m erw äh­ rende Ferien vom Ich“, was es ferner w olle, sei der Rausch20. „Ferien vom Ich“, „kollektivistisches G eschlecht“, „Zerstörung der E rzie­ hungsarbeit, die das bürgerliche Z eitalter am M enschen geleistet h at“ - bei diesen zitierten C h arakterisierungen w erden Stilelem ente und Sehnsüchte deutlich, aber nicht deutlich w ird das Warum. Eine A n tw o rt darauf, die ein L icht auf die So zial­ geschichte der bürgerlichen Jugend gegen Ende der W eim arer R epublik w irft, gab G ottfried Benn in seiner Kam pfschrift „Der neue Staat und die In tellektuellen “ . D ie nationalsozialistische „M achtergreifung“ w ertete er als kraftvollen A ufbruch „einer Jugend ( ...) von verw andelter geschichtlicher A rt“. U nd er präzisierte: Einer Jugend, die aus dem D unkel kam wie kaum eine andere zuvor: das Land geschlagen, die Väter gefallen, der Besitz verpfändet, die Berufe überfüllt, nur Wissen verhältnism äßig billig: D am enfriseure verlangten f ü r ihre N ovizen abge­ schlossene Oberlyzealausbildung, Detailgeschäfte fü r die Volontäre das A b itu r zum Abmessen der Kattunstreifen21.

D iese B asis-F rustration hat auch Ernst von Salom on im R ückb lick festgehalten, als er über stellenlose A kadem iker und N S-B ew egung schrieb: Wer Glück hatte, der fa n d eine U nterkunft in dem schon so gewaltig übersetz­ ten Verwaltungsapparat, in der Bürokratie oder in den Redaktionen als rechte oder linke H ände unsagbar trotteliger Chefs, - und w e r kein Glück hatte, der w a r eben arbeitslos und w artete a u f die Chance. Sie kam mit dem Mann, der da sagte: „ G ebt m ir v ie r Jah re Zeit “ (.. .)22

Solche Im pressionen ergeben, daß die M arschier- und K riegssehnsucht der m ännlichen Jugend ein kom pensatorischer G estus der eigenen O hnm acht gew e­ sen ist; m it dem Tritt gegen bürgerliche E rziehungs- und B ildungsideale w urde nur kopiert, w as die W irtschaftskrise bereits viel effektiver erreicht hatte. Das 20 Zitate aus: T h om as Mann, An die gesittete W elt. Politische Schriften und Reden im Exil (Frankfurt a.M . 1986, Gesam melte W erke in E inzelbänden/Frankfurter Ausgabe) 128, 197, 129. Die Frage, w ie sich dieser „R ausch“ zu dem erhabenen Rausch verhalte, der pöbelnde Protest gegen das 19. Jahrhundert zu dem Protest des H ohen M eißner usw., beantwortete Thomas M ann mit dem H inw eis auf „Verhunzungen“ : „Ich sprach von europäischer Ver­ hunzung: Und w irklich, unserer Zeit gelang es, so vieles zu verhunzen: Das N ationale, den Sozialism us - den M ythos, die Lebensphilosophie, das Irrationale, den G lauben, die Jugen d, die Revolution und was nicht noch alles.“ (Ebd. 260). (In diesem Zusam m enhang habe ich den Begriff der „Verhunzung“ in dem genannten Band der Thom as-M ann-W erke 57-mal gezählt.) 21 G o ttfrie d B enn, Der neue Staat und die Intellektuellen, in: W erke, Bd. IV. 12-20, 19. 22 Der Fragebogen 481 f.

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graue H eer des W eltkrieges, so Friedrich H ielscher, Jah rgan g 1902, glaubte nicht „an die A llm acht der W irtschaft“; der G laube dieses grauen H eeres sei vielm ehr „G laube eines Seelentum s“ gew esen23. A ber es handelt sich um Im pressionen. Kommen w ir zu statistikfähigen A ussa­ gen über M ilitarisierungsgrade der jungen G eneration in der W eim arer Zeit. Z u­ nächst: D ie W eim arer Jah re w aren von einer bem erkensw erten dem ographischen E ntw icklung gekennzeichnet, die ungefähr dem G egenteil der heutigen entsprach. W ährend der M assenarbeitslosigkeit zu Beginn der 1930er Jah re gab es 600000 arbeits- und politisch kam pffähige junge M änner m ehr als in der H ochkonjunktur der letzten Jah re im K aiserreich. D etlev Peukert schloß, „die krisengeschüttelte W eim arer R ep ub lik besaß einfach zu viel Ju g en d “; deren Schicksal sei die „U ber­ flüssigkeit" gew esen24. Rechte oder linke H and eines unsagbar trotteligen, selbst­ verständlich der älteren G eneration angehörigen Chefs zu sein, stand vielen Zehn­ tausenden bevor. Einer der w ichtigsten Bereiche, in denen sich kriegerischer Jugendgeist äußerte und geform t w urde, w ar der Sport. Die Sportorganisationen der W eim arer Zeit hatten rd. 8.17 M illionen M itglied er erfaßt, darunter 1.18 M illionen in reinen Jugendverbänden. Zöge man von der G esam tzahl die „A rbeitersportverbände“ ab w ie A rbeiter-T urn- und Sportbund, A rbeiter-A thletenbund, A rbeiter-R adfahrerbund „Freiheit“, blieben 7.38 M illionen zum eist junge M enschen übrig25, aber es ist in sportideologischer H insicht nicht nötig, diese Subtraktion vorzunehm en. V aterländischer Sport w ar eine besondere E rziehungsaufgabe in der W eim arer Zeit. „Die neue V erfassung ist angenom m en“, hieß es 1919 in der „M onatsschrift für das Turnw esen", das „für uns W ichtigste ist, dass sie die allgem eine W ehrpflicht aufhebt“. Das sei ein fürchterlicher Schlag für das Volks w o h l26. U m diese Ent­ w icklun g zu steuern, führten zivile Vereinsm annschaften w ehrsportliches Training auf stillgelegten T ruppenübungsplätzen durch; „um gekehrt fanden sich Truppen­ verbände im T rikot eines Sportvereins auf den zivilen .K am pfbahnen“ ein“27. Diese E ntw icklung kulm in ierte in der B erliner O lym piade 1936, zu deren Eröffnung ein von C arl Diern verfaßtes Festspiel „O lym pische Ju g en d “ aufgeführt w urde. Im „vierten B ild “, „H eldenkam pf und T otenklage“, hieß es: „A llen Sp iel’s h eil’ger Sinn: / V aterlandes H ochgew inn. / Vaterlandes höchst G ebot / in der N ot: / O p­ ferto d !“ Es folgte ein m it dem Schw erttod endender „W affentanz“28.

23 Friedrich H ielscher, Das Reich (Berlin 1931) 51, 53. 24 D e t le v J. K. Peukert, Jugend zw ischen Krieg und Krise. Lebenswelten von A rbeiterjungen in der W eim arer R epublik (Köln 1987) 38. 23 G erundet nach: Statistisches Reichsam t (H rsg.), Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1930 (Berlin 1930) 437-439 (XIV. G esundheitspflege, F. Leibesübungen). 26 Zit. n.: H ajo B ernett, W ehrsport - ein Pseudosport. Stellungnahm e zu H erm ann Bach, in: Sportw issenschaft, 11. Jg. (1981)295-308. 27 E isenberg, English Sports 333. 28 P e te r D oh m s, G utachten zur N S-Vergangenheit von C arl Diem , Ms. (39 S.), Stand Septem ­ ber 1996. (Ich danke Staatsarchivdirektor Dr. Dohms für die G enehm igung, seine RechercheErgebnisse nutzen zu dürfen.)

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Be rn d A . R u s in e k

Wenn w ir die H erkünfte dieser m ilitanten Sportideologie zurückverfolgen, sto­ ßen w ir auf E rziehungsbem ühungen im späten K aiserreich, die schließlich zur G ründung des „Jungdeutschlandbundes“ unter dem M otto „W ehrkraft durch E rziehung“ führten. Das Preußische K riegsm inisterium hatte den „Jungdeutsch­ landbund“ gründen lassen, „um die zahlreichen, m ehr oder w eniger p aram ilitäri­ schen Jugendorganisationen zusam m enzufassen, die sich in den vergangenen Ja h ­ ren gebildet hatten“29, sowie um eine A n tw o rt auf den britischen Scoutism us zu finden. A nfang 1913 gehörten dem Jungdeutschlandbund rd. 500000, ein Jah r später 745 000 M itglied er an30. „Führer“ w aren O ffiziere. Flinzu traten die p ara­ m ilitärischen Bem ühungen der W andervogelbew egung, die unter dem „Ur-W andervogel“ Karl Fischer bereits vor 1914 m assenhafte K riegsspiele inszenierten. D ie M ilitarisieru n g der Jugend in der W eim arer Zeit erfolgte nicht parallel zum Sport, sondern im Sport. Vor diesem Flintergrund ist die Tatsache, daß die SA 1920 als „Turn- und Sportabteilung“ gegründet w urd e31, ebensow enig ein Zufall w ie die turnerische V ergangenheit der R ath en au-M ö rder32. D er M assensport m it M illionen Teilnehm ern w ar kein rechtsintellektuelles A n ­ gebot. Er setzte keine B ildung voraus, sondern w ar auf junge M enschen berech­ net, die schw erlich w ußten, daß es sich bei dem Schlüsseladjektiv „jungdeutsch“ in „Jungdeutschlandbund“ um eine Fichte’sche Prägung handelte. G ing der Vek­ tor im Sport von F unktionären und Politikern aus, die um die W ehrkraft besorgt w aren, so ist davon der kriegs- und gew altfixierte Jugen ddiskurs der G ym nasia­ sten und Studenten in zw eifacher H insicht zu unterscheiden: Erstens haben w ir Selbstverlautbarungen vor uns; zweitens handelt es sich um eine intellektuelle Va­ riante des Krieges als Sehnsucht und cies m ilitärischen Stils der Jugend. Vor allem die Studenten w aren in der W eim arer Zeit die radikalste Partei des um Tod, O pfer und Krieg arrangierten Jugen dkultes. D ie nationalsozialistische H ochschulbew egung w uchs schneller als alle anderen O rganisationen der „Partei“33. H auptherd dieser Ström ungen w ar die D eutsche Studentenschaft34. Sozialhistorische G ründe ließen sich leicht herzählen: Seit Ende des Ersten W eltkrieges lebten die Studenten in einem „chronischen Zustand ökonom ischer und sozialer E xistenzgefährdung“, der im V ergleich m it anderen deutschen B e­ rufs- und Sozialgruppen „beispiellos“ w ar und selbst in den besten Jahren der R e­ p ub lik ein Fünftel, oft die H älfte aller Studenten nicht an cias Existenzm inim um 29 E isen berg , English Sports 268. 30 Ebd. 270; H e r m a n n B ach , Struktur und Funktion der Leibesübungen in den Jugen d orga­ nisationen vor 1914 (Beiträge zur Lehre und Forschung der L eibeserziehung 54, Schorndorf 1974) 128. 31 E isen b erg , English Sports 329. 32 Hajo B ernett, V ölkische Turner als politische Terroristen, in: Sportw issenschaft, 22. Jg. (1992) 418-439, 4 2 Iff. 33 M ich a el H. K a ter , Studentenschaft und R echtsradikalism us in D eutschland 1918-1933. Eine sozialgeschichtliche Studie zur B ildungskrise in der W eim arer R epublik (H am burg 1975) 11. 34 K u n o W altemath, Die R epublik im G eschichtsunterricht, in: H ochland 7 (1929/30) 88-91,

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heranreichen ließ 35. D ie innere Parlam entarisierung der U niversitäten schlug nicht dem okratisch aus. Bereits in der ersten N ach kriegszeit nahm en die meisten Stu­ denten den vaterländischen oder völkischen Standpunkt ein und bildeten die ak ­ tivsten Elem ente in den Freikorps. In den W eim arer K risenjahren w urden die Stu­ denten zu O pfern einer Politik des ungenierten H aushaltsstandpunktes. Friedrich H ielscher, geboren 1902, schrieb 1931 über das Elend der Studenten, heute be­ m erke „die Ö ffentlichkeit noch w enig mehr als diesen oder jenen Selbstm ord und wem fällt das in unserer Zeit auf? - , diesen oder jenen kindlichen Ausbruch der W ut“36. An D rohungen und W arnungen hat es nicht gefehlt: D ie Zehntau­ sende von arbeitslosen „G eistesm enschen“ könnten „eine noch schw erere Gefahr für den W eltfrieden w erden als die A ufw endungen für m ilitärische R üstun gen “37. Prälat G eorg Schreiber, Zentrum sm ann und katholischer V olkskundler, stellte 1931 ein „geistiges P ro letariat“ fest, das von neuen radikalen G esinnungen erfüllt w erde. Es verteile sich „auf N ationalism us und Faschism us, w eil man darin den A ufbau einer neuen W elt zu verspüren glaubt, in der auch der G eistesarbeiter w ie­ der zu einer Existenz und seinem Recht kom m t“38. K onservative H ochschullehrer heizten die Stim m ung an. So predigte der Breslauer Landw irtschaftsprofessor Paul Ehrenberg in seiner am Verfassungstag 1930 gehaltenen R ektoratsrede an die Stu­ denten das kriegerische Ethos: „M an spricht zw ar viel von F reiheit und glaubt w ohl, dass man ihr näher w äre als einst. D azu gibt man den W ahlspruch ,N ie w ie­ der K rieg!' - Kom m t man dam it w irklich der F reiheit näher? - G efährlich ist es, wenn man sich daran gew öhnt, für Großes nicht m ehr auch große O pfer bringen zu w o llen .“39 Von nicht zu unterschätzender Bedeutung für das Them a Krieg als Sehnsucht.. M ilitärischer Stil und. junge Generatioyi in der 'Weimarer Republik sind nun zwei U m stände: 1) D ie m ehrheitlich rechts stehenden Studenten der W eim arer R epublik haben sich selbst als die junge G eneration angesehen, so daß sich das Problem der rad i­ kalen G eneration auf die akadem ische Jugend zu verschieben scheint. 2) Diese hat ihre vernagelte Z ukunft als Ergebnis des Ersten W eltkrieges gedeu­ tet und die A kadem ikern ot in W eim ar in die K riegskonstellation 1914-18 und in die Krisen der R ep ub lik hineingespiegelt. D ie riesenhaften R eparationszahlungen D eutschlands, so hieß es w ie zum Be­ leg, seien eine U rsache für die Einengung des „Lebensraum es“ der jungen Gene-

35 Kater, Studentenschaft und R echtsradikalism us 11, 44. 36 Hielscher, Das Reich 322. 37 Hans Sikorski, Schafft Lebensraum für geistige A rbeiter in der W elt, in: Vox Studentum Vol. VII (1930) 118-120, 120; siehe auch: R e in h o ld Schairer, Die akadem ische Berufsnot. Tat­ sachen und A usw ege (Jena 1932) 11. 38 G e o r g Schreiber, Einleitung, in: L u d w ig Niessen, Der Lebensraum für den geistigen A r­ beiter. Ein B eitrag zur akadem ischen Berufsnot und zur studentischen W eltsolidarität (D eutschtum im A usland, hrsg. v. G e o r g Schreiber, H . 45, M ünster 1931) XI. 39 P aul E h renberg, Freiheit. Rede zum G edenktag der Verfassung des Deutschen Reiches (Breslauer U niversitätsreden 5, Breslau 1930) 7.

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ration40. D iese gängige A uffassung w urde rad ik alisiert und dem agogisiert, indem ein 29-jähriger A utor die R epublik als Staat ohne Ethos hinstellte, der seinen B e­ trieb „für die w estlichen Siegerstaaten zu verw alten “ hätte. Zu den A ufgaben d ie­ ser Staatskreatur der Siegerm ächte zählten A bbau der G ehaltsem pfänger sowie „Verringerungen der B evölkerungszahl um m indestens ein D rittel“ . Dieses D rit­ tel aber seien „jene zw an zig M illionen, von denen schon Clem enceau behauptet hat, dass D eutschland sie zu viel habe“41. D ie N ot der jungen G eneration schien som it Sieger-Interesse, A usdruck französischer V olksvernichtungsabsichten, zu deren V ollstreckung die W eim arer R egierungen sich hergaben. Wenn das preußische Staatsm inisterium eine studentische T rauerkundgebung am 28. Ju n i 1929 verbot, dem Tag der zehnjährigen W iederkehr der V ersailler V ertrags­ unterzeichnung, und zw eitausend Studenten m it G um m iknüppeln auseinander treiben ließ, w urd e das von den Studenten nicht als A ngriff gegen Studenten, son­ dern gegen die junge Generation insgesam t aufgefaßt42. D er Kam pf w urde zum nachgeholten K riegserlebnis, w enn es in einer studentischen Broschüre hieß, diese N achkriegsgeneration kenne „das F ronterlebnis, das K am eradschaftserlebnis (...), als w äre sie im Kriege gewesen “43. Eine der Forderungen der Studenten in der W ei­ m arer Zeit w ar die E inführung eines einjährigen A rbeitsdienstes. A rbeitsdienst­ pflicht für die M ehrheit der akadem ischen Jugend stellte „das natürliche K orrelat zum aktiven W ehrsport“ dar44. D ie klassenübergreifende K onzeption der A rbeitsdienst-Idee sollte die ebenso klassenlibergreifenden Ideen des A ugust 1914 und der Schützengraben-G em einschaft als gesellschaftliches M odell fortführen, w obei sich die Schützengraben-E rinnerung zugleich auf den Kampf auf Leben und Tod bezog. Von w elchen R ezipientenzahlen für derartige Ideen m üssen w ir ausgehen? Bei den Studierenden handelte es sich um ein K ollektiv von 138000 jungen M enschen, von denen, w ie es auf dem eingangs genannten SPD -Parteitag 1931 hieß, rund die H älfte „nationalsozialistisch beeinflusst oder o rganisiert“ w aren45. H in zu kam der akadem ische N achw uchs bis hinauf zu den Privatdozenten. Die G ruppen der Bündischen Jugend - nach einer Erhebung des Jahres 1926 m it einer Stärke von 51 000 M itgliedern in 30 Verbänden46 - können nicht einfach dazugerechnet w er­ den, da die Schnittm enge zw ischen Jun gakad em ikern und B ündischen als sehr groß anzunehm en ist. 40 Sikorski, Schafft Lebensraum 120. 41 H ielsch er , Das Reich 321. 42 Die verbotene Kundgebung. Ein seltsames Bündnis gegen die studentische Selbstverw al­ tung, in: Der Zwiespruch. U nabhängige Zeitung der Jugendbew egung (17. H euerts (Juli) 1929) 3 14f. Dort auch die folgenden E inzelheiten und Zitate. 43 Andreas Feickert, Studenten greifen an. N ationalsozialistische H ochschulrevolution (H am burg 1934) 19 (H ervorhebung von mir/B.-A. R.). 44 K ater , Studentenschaft und R echtsradikalism us 170. 45 Aussprache nach O llenhauers Referat „Partei und Ju gen d “, in: Sozialdem okratischer P ar­ teitag in L eipzig 1931 210. 46 J ü r g e n R eu leck e, Jugend und junge G eneration in der Z w ischenkriegszeit, in: D ieter L an ge■wiesche, H einz -E lm ar Tenorth (H rsg.), H andbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Bd. V.: Die W eim arer R epublik und die nationalsozialistische D iktatur (M ünchen 1989) 87-110, 100.

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A ber w ar die H offnung auf eine Stelle im akadem ischen Betrieb der W eimarer R epublik oder als B eam ter nicht zutiefst bürgerlich und - im Jargon der Zeit wenig ,kriegsm äß ig“? W aren der Sehnsucht nach dem Krieg nicht noch zu viele Bestandteile des w ilhelm inischen Spießbürgertum s und des H onoratioren-N ationalism us beigem ischt? D er H aß eines Friedrich H ielscher galt nicht nur der R ep u­ blik, sondern auch den „.vaterlän disch en “ Pöbelgefühle(n) der w ilhelm inischen Z eit“47. W enn man nicht den .w ilhelm inischen K rieg“ verherrlichen w ollte, m ußte der K rieg 1914-1918 zu einer M eister-E rzählung und dam it einem Ereignis-wwpact verw andelt w erden, an das sich die generationelle Identität der jungen Intel­ ligenz an kristallisieren konnte. Eben dies geschah auf breiter Front etw a ab 192848. In dieser Zeit form ierte sich die nationalistische L iteratur in D eutschland neu, trat „quantitativ und qualitativ in neuer G estalt a u f “49. D ie A utoren des „sol­ datischen N ation alism us“, deren W erke so stark rezip iert w urden, daß auch von nichtliteraturw issenschaftlicher Seite ein Einfluß ihrer W erke auf die Gesellschaft anzunehm en ist, hatten säm tlich Ernst Jün ger und dessen „In Stahlgew ittern“ zum Vorbild. Jü n ger w ird als „M artin Luther der K riegsliteratur“ bezeichnet; durch ihn sei der H urrah -P atrio tism us w ilhelm inischer Prägung gründlicher in die Krise geraten als durch den Pazifism us50. Beides, Jüngers R ad ikalität und sein M edien-E cho als Sprachrohr der jungen G eneration des „N euen N ation alism us“, w urde im Jah re 1929 zum Ereignis, nachdem der A uto r von Leo Schw arzschild aufgefordert w orden war, seine Posi­ tionen im lin ksintellektuellen „Tagebuch“ darzulegen. Jü n ger schrieb den p ro ­ gram m atischen A ufsatz „.N atio n alism us“ und N ation alism us“51. A ls N ation alis­ mus bestim m te er den „reinen und unbedingten W illen zum E insatz für die als ei­ nen zentralen W ert gefühlte und erkannte N atio n “; als politische Erscheinung strebe der N ationalism us „den nationalen, sozialen, w ehrhaften und autoritativ gegliederten Staat“ an. Zur K ennzeichnung der von ihm vertretenen G eneration w ählte er die W orte: Weil w ir die echten, w ahren und unerbittlichen Feinde des Bürgers sind, macht uns seine Verwesung Spaß. W ir ab er sind keine Bürger, w ir sind Söhne von Kriegen und Bürgerkriegen.

47 Hielscher, Das Reich 59. 4S Zum Folgenden: W erner M itten z w ei, Der U ntergang einer A kadem ie oder Die M entalität des ew igen Deutschen. D er Einfluss nationalkonservativer D ichter an der Preußischen A k a­ demie der Künste 1918 bis 1947 (Berlin, W eim ar 1992) 185 f.; 201 ff. (dort auch die Zitate). 49 Zu nennen w ären: P au l A lverdes, Die Pfeiferstube (1929); W erner B e u m e lb u r g , Sperrfeuer um D eutschland (1929) u. G ruppe Bosem üller (1930); E dwin Erich D w in ger, Die Armee hinter Stacheldraht (1929) u. Zwischen Weiß und Rot (1930) u. W ir rufen Deutschland (1932); Ernst v o n S alom on, D ie G eächteten (1930) u. Die Stadt (1932); Franz Schau w eck er, A ufbruch der N ation (1930) u. Deutsche allein. Schnitt durch die Zeit (1931); Heinz S tegu w eit, D er Jü n glin g im Feuerofen (1932); J o s e f M agnu s Wehner, Sieben vor Verdun (1930). 50 M ittelzw ei, U ntergang der A kadem ie 203. M In: Das Tagebuch 39 (1929) 1552-1558. Dort die folgenden Zitate.

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Bernd A. R u s in e k

Jün ger schw ebte die W ucht des „E lem entaren“ vor. Dieses sei „im H ö llen ra­ chen des Krieges seit langen Zeiten zum ersten M ale w ieder sichtbar“ gew orden. Es aberm als zu m obilisieren, bedürfe der Stichflam m e und des Flam m enwerfers für die „große Säuberung durch das N ich ts“. D am it w ar auf der Basis der „ele­ m entaren“ K riegserfahrung im N am en der Jugend von einem Idol der rechten „jungen G eneration“ der radikalsten A ktion das W ort geredet, und w ir haben die äußerste Spitze des auf den W eltkrieg bezogenen R adikalism us der „jungen G ene­ ratio n “ vor uns. Ziel w ar die Vernichtung des B ürgers und der bürgerlichen O rd­ nung. Jüngers pro klam ierter N ihilism us der Flam m enw erfer-V ernichtung sollte die „krustige, schm utzige D ecke w egsprengen“, unter der „eine stolzere, kühnere und noblere Jugend steckt, eine A risto kratie von m orgen und überm orgen“. Jü n ­ gers A rtikel erzielte ein enormes Presse-Echo und w urde reichsw eit kontrovers d isku tiert52. Seine Ä ußerungen w urden dabei als die der „jungen G eneration“ ge­ nommen.

III. A usgangspunkt dieses B eitrags w ar die Feststellung eines sozialdem okratischen D elegierten auf dem Leipziger Parteitag 1931, die Parole „N ie w ieder K rieg !“ mache auf die Jugen d nur einen geringen E indruck. A uf die Größe der Ju gen d ­ kollektive in der W eim arer Zeit, für die diese Feststellung galt, w urde m it einigen F ingerzeigen hingew iesen. D ie Jugend lief der Sozialdem okratie und der R epublik davon und ließ sie buchstäblich alt aussehen. D am it w ar ein Prozeß verstärkt w o r­ den, der bereits 1917 m it der A bspaltung der U SPD von der SPD eingesetzt hatte; vor allem Jün gere verließen dam als die M ehrheits-Sozialdem okratie, um sich den radikaleren K räften zuzuw enden53. Thom as M anns Versuch, in „Von deutscher R ep u b lik“ unter dem E indruck des R athenau-M ordes das Steuer herum zureißen und die Jugend für die republikanische Staatsform zu gew innen, indem er auch dieser - m it B ezug auf den in der B iindischen Jugen d sehr geschätzten W alt W hit-

52 Eine ganze Reihe von Blättern nahm zu Jüngers Beitrag Stellung: Schw arzschild versuchte in der folgenden A usgabe des „Tagebuch“ eine R eplik; eine geistreiche A useinandersetzung schrieb Erik N ö ltin g in der „C.V .-Z eitung“ des C entral-V ereins deutscher Staatsbürger jüdischen G laubens; G oebbels’ „A ngriff“ reagierte ebenso wie die „N ationalsozialisti­ schen B riefe“ (diese zustim m end, jener schroff ablehnend) und w eite Teile der Tages­ presse, darunter die „Frankfurter“ sow ie die „Vossische“ Z eitung; Jü nger nahm zu der D is­ kussion schließlich in Ernst N iekischs „W iderstand“ Stellung. Die gesamte D iskussion ver­ diente es, rekonstruiert zu werden. Teile davon sind abgedruckt in: „Die Kommenden. Großdeutsche W ochenschrift aus dem Geiste volksbew usster Ju gen d “ (Nr. 41/1929 und v.a. Nr. 52/1929). 53 Siehe: T h e o d o r H au bach , Die G enerationenfrage und der Sozialism us (1930), abgedr. in: W olfgan g L uthardt (H rsg.), Sozialdem okratische A rbeiterbew egung und W eim arer R epu­ blik. M aterialien zu r gesellschaftlichen E ntw icklung 1927-1933, Bd. 2 (Frankfurt a.M . 1978) 81-93.

M ilitä risch er Stil un d „junge G e n era tio n “ in der W e im a re r R e p u b lik

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man - „athletische R assenfrische“ attestierte, verfing nicht. G egen den K ult der G ew alt und der K riegssehnsucht kam er nicht an. Für Jugendsehnsucht nach Krieg gab es eine R eihe von G ründen: 1) ein noch aus Kriegs- und V orkriegsjahren fo rtw irken der m ilitärischer E rzie­ hungsstil; in der R ep ub lik m ilitärische A usrichtung in Schulen und Sportvereinen zur K om pensation der aufgrund des Versailler V ertrages fortgefallenen W ehr­ pflicht; 2) das perm anente Zuviel an K riegserinnerung. Langem arck und Versailles, auch G edenktage w ie das F ried rich -L ud w ig-Jah n -Jah r 1928 schufen - m it dem Ehepaar A ssm ann zu reden - eine eigene, anstachelnde „M yth o m oto rik“; 3) zu den E rziehungsbem ühungen, die nicht unterschätzt w erden sollen, zählen die an die Jugend gerichteten A ppelle in den ab 1928 gleichfalls den B uchm arkt überschw em m enden K riegsm em oiren. Die Jugend sollte R ächer der A lten sein. G eneral von K luck ließ sein Buch m it dem A usruf enden: „Steigeisen an! Carpe diem deutsche Ju g e n d !“; G eneral L itzm ann hoffte auf die „gottlob noch begeiste­ rungsfähige deutsche Ju g en d “; H indenburg baute „fest auf D ich, Du deutsche Jugen d “; G eneral Stein w ünschte, „mancher junge K am erad“ möge seinem Buche „Lehre und A n regung entnehm en“; G eneral G allw itz, „dass m ancher deutsche Jün glin g A nregung, H ebung seines vaterländischen Em pfindens und A n reiz zur m annhaften E instellung finden m öge“54; 4) epigonales M in derw ertigkeitsgefüh l der zum K riege zu spät G ekom m enen. N ach Jak o b B urckhard ist der Bezugsrahm en für historische Größe das eigene K nirpstum . W ir können bei der ästhetischen und m entalen K riegsm äßigkeit großer Teile der Jugen d von einer U berkom pensation des schlechten Gewissens reden, im ,großen K riege“ nicht dabei gewesen zu sein; 5) das H ervorkehren eines m askulin-bellizistischen H abitus als A b w eh rhal­ tung einer N o-Future- G eneration. In der K riegssehnsucht ist ebenso w ie in der von Ernst Jü n ger so radikal form ulierten B ürgertum skritik eine K ritik am Ver­ w ahrlosungskapitalism us des „nur-w irtschaftlichen D enken(s)“55 erkennbar. A uf dem mehrfach erw ähnten SPD -Parteitag von 1931 stellte Erich O llenhauer die Zerstörungen des W eltkrieges gleichrangig neben W irtschaftskrise, A rb eitslo sig­ keit und „Rationalisierung “56; in der D ebatte hieß es, die größte G efahr für die Jugend sei das „D eutsche Institut für technische A rbeitsforschung“57 zu D ort­ mund. D am it w ar die ab 1926 einsetzende R atio n alisierungsw elle angesprochen. Eine als Terror erlebte Ö konom ie im Zeichen von R ationalisierung, T aylorism us und Fordism us, die bald junge A rbeitskräfte ausbeutete, „die außerdem leider auch M enschen w aren “58, bald sie in A rm eestärke auf die Straße w arf, bestärkte 54 Siehe zu den K riegsm em oiren ausführlicher: Bernd-A. Rusinek, „Das überall frech ein­ dringende m oderne Leben . . . “ H ohe O ffiziere des K aiserreiches als antidem okratische Den­ ker, in: Jahrbuch Extrem ism us & D em okratie (1992) 29-52 (dort auch die Zitate). ;’5 Niessen, Der Lebensraum für den geistigen A rbeiter 17. 36 S o z ia ld e m o k ratisch er P arte itag in L e ip z ig 1931 202 f.

57 Ebd. 223. 58 Hans Freyer, R evolution von rechts (Jena 1931) 28.

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Bernd A. R u sin ek

antikapitalistische H aßgefühle von rechts. „Schade, dass w ir keine M aschinen­ m enschen bauen können“, rief H ans F reyer 1931 zyn isch aus39. Dem arnerican dream des T aylorism us und Fordism us w urd e ein german dream der kriegeri­ schen K am eradschaft entgegenstellt. D ieser Z usam m enhang w urde früh erkannt. In der „Zeitschrift für deutsches V olkstum “ hieß es 1930: „Im Krieg entrannen die jungen M enschen der ihrer A ltersstufe unerträglichen M ittelb arkeit des kap i­ talistischen Z w eckdenkens, der bürgerlichen Vorsorge, in den prim itiven M ilitär­ kom m unism us."60 A m B eginn dieses B eitrages ist Leopold von R ankes A nsicht zitiert w orden, daß allem al in einer G eneration eine Idee vorherrsche, es aber nicht im m er zu be­ stim m en sei, ob solche Ideen m ehr von einzelnen Individuen ausgegangen seien oder dieselben von außen kamen. H ier zu unterscheiden, hatte R anke als eines der w ichtigsten Problem e bezeichnet. A uf die A ußenanstöße für die K riegssehnsucht innerhalb der W eim arer Jugend w urde bereits in den H inw eisen auf bellizistische E rziehungsbem ühungen eingegangen, die in der W eim arer R epublik fortw irkten. O ffenbar lebte in der akadem ischen Jugend eine K riegssehnsucht fort, die bereits am Ende der W ilhelm inischen A ra bestand und sich im A ugustjubel der b ürger­ lichen Jugen d entlud. D ieses ,A ugust-E rlebn is“ w urde bei allen U m -Interpretationen des Ersten W eltkrieges in den m ythischen E rzählungen der W eim arer Zeit konstant beschw oren. D er K riegsausbruch w urde bereits zur E reigniszeit in ähn­ licher Weise als antibürgerliche Chance erlebt w ie in Ernst Jüngers 1929 nieder­ geschriebenen K riegsphantasien von einer neuen A risto k ratie61. Im übrigen aber erfolgte die U m deutun g vom durch vaterländische Sinngebung eindeutig zu be­ stim m enden in ein eher sinnloses, am eisenhaftes G eschehen, das unter Verzicht auf Sinngebung oder M oralisierung im Sinne des 19. Jahrhunderts m it n atur­ w issenschaftlich geschultem B lick an alysiert w urde62. D am it koppelte sich die J u g e n d “ von den V aterlandsdiskursen der V äter ab, also - im Sinne R ankes - von den von außen kom m enden Ideen. A ber dieser G esichtspunkt ist noch einer w e i­ teren D ifferenzierung zugänglich: W ar es auch w irk lich Jugend, die sprach, wenn Jugend sprach? Kam en die Ideen von außen? Letzteres w ar häufig der Fall. D er große G enerationenkam pf der W eim arer Zeit, insbesondere die politischen Forderungen nam ens der Jugend, die an den s’ Ebd. 21. 60 A lbrecht Erich G ünther, Der Bürgerhass der jungen G eneration, in: Deutsches Volkstum (2/1930) 8 9 -9 5 ,9 2 . 61 In seiner R ektoratsrede „Krieg und W irtschaft“ nannte Eberhard Gothein 1914 das W eg­ fegen von „Erscheinungen der H yp e rk u ltu r“ w ie V erw eichlichung und m üßiges Ä sth eten ­ tum als eine der Folgen des Kriegsausbruchs, w obei er diesen positiven Kräften aber auch negative M öglichkeiten gegenüberstellte, die durch die E rregung der Gemüts - und die A n ­ spannung der intellektuellen Kräfte herbeigeführt w erden könnten. U nd G othein rief aus: „Kriege bilden M yth en “. (E berh ard G othein , Krieg und W irtschaft. Akadem ische Rede zur E rinnerung an den zw eiten G ründer der U niversität, Karl Friedrich, G roßherzog von Baden, am 21. N ovem ber 1914 bei dem Vortrag des Jahresberichts und der Verkündung der akade­ mischen Preisaufgaben gehalten [H eidelberg 1914] 3-109, 9, 21, 23). 62 M ittelzw ei, U ntergang der Akadem ie 202.

M ilitä ris ch er Stil u n d „junge G e n era tio n “ in der W eim a re r R e p u b lik

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kriegssehnsüchtigen H abitus geknüpft w urden, besitzen bei genauer Betrachtung Züge eines großen G enerationenschw indels. W ir betreten eine sem antische Kam pfzone. E ntw eder faßte man unter „Jugend“ die A ltersgruppe zw ischen 14 und 20 Jah ren , jene zw ischen 20 und 35 aber unter „junger G eneration“63, oder man zim m erte aus der soziobiologischen K ategorie „Jugend“ eine Jugendm eta­ p h ysik. U ber die beanspruchte R olle der Studenten und Jun gakadem iker als Ge­ sam tsprecher der jungen G eneration spotteten bereits Zeitgenossen, man rede heute von „junger G eneration“, und die Ö ffentlichkeit verstehe darunter „sehr leicht nur die junge akadem ische G eneration“; diese ganze junge G eneration scheine sich ja auf der U niversität zu befinden64. Im Ernst sei, was sich als „junge G eneration“ bezeichne, ein eng begrenzter Kreis aus der Jugend des gehobenen und (noch) besitzenden B ürgertum s, deren norm aler A ufstieg innerhalb der p o li­ tischen und w irtschaftlichen G ebilde, denen sie durch ihre H erkunft nahe stün ­ den, durch die verschiedensten U rsachen versperrt sei: Sie hoffen, indem sie steh selbst als die junge G eneration bezeichnen, mit H ilfe der Jugendideologie die ältere Generation zu zwingen, ihnen Plätze fre i zu gebenbi.

Jakob Baxa, Privatdozent und M itarb eiter O thm ar Spanns in W ien, gab den B egriff „Jugend“ fast der L ächerlichkeit preis, w enn er darunter die jüngere G ene­ ration „(unter 40 Jah ren )“ verstand66. Friedrich M einecke sah im Jahre 1932 „einen großen Teil der akadem ischen Ju gen d “ beim N ation also zialism us67 - über die nicht-akadem ische, gar die p ro le­ tarische Jugend äußerte er sich nicht. Leicht ließe sich die G egenrechnung aufm achen, und das w urd e bereits in der W eim arer Zeit getan. D er nationalistische H auptherd der Studierenden in Weimar, die „D eutsche Studentenschaft“, so schrieb das katholische „H ochland“, habe „nur 31 000 M itglieder, davon 20000 B ayern und W ü rttem berger - Z w angsm itglieder sin d“68. Bereits kurz nach Erscheinen hatte R em arques A ntikriegsrom an „Im W esten nichts N eues“ eine A uflage von 500000 und geschätzte 1000000 Leser69. Daß die junge m ännliche G eneration die W eim arer R epublik ablehnte, daß bereits ihr m ilitärischer Stil aus der R epublik hinausw ies, soll nicht bestritten w erden. Es gehört zum sicheren W issen der Z eitgeschichtsforschung. A ber w ir dürfen über Jugen d -Ä uß erun gen in der W eim arer Zeit nicht reden, w enn dabei 63 Sozialdem okratischer P arteitag in L eipzig 1931 194. 64 L eop old D in gr ä v e , Wo steht die junge G eneration? (Schriften der „Tat“, Jena 1931) 16 u. Fn. 65 Ebd. 9. 66 J a k o b Baxa, Berufsnot und Berufsaussichten der A kadem iker in Ö sterreich (Schriften der Fichte-V ereinigung für Ö sterreich, 1. Heft, W ien 1930) 11. 67 Zit. nach: M artin K rö ger, R o la n d T bim m e, Die G eschichtsbilder des H istorikers Karl Dietrich Erdm ann. Vom D ritten Reich zur B undesrepublik (M ünchen 1996) 17. 68 K u n o W altemath, Die R epublik im G eschichtsunterricht 89. 69 Friedrich Fuchs, 1 M illio n x Im W esten nichts N eues, in: H ochland, FL 8 (1928/29) 216-219,216.

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B e rn d A . R u s in e k

unberücksichtigt bleibt, w er unter A usn utzun g des generationen-politischen R ückenw indes seinen eigenen A cker bestellte und sich zum m ediengestützten Sprecher aufw arf. Zu fragen ist auch nach der exkulpierenden Funktion der Rede von der .ganzen G eneration“ in den Jahren nach 1945: Wenn der N atio n also zialis­ mus geradezu als .G enerationenprojekt“ erscheint, besteht die Gefahr, historisches G eschehen in N aturw üch sigkeit zu verw andeln. In diesen beiden B ereichen be­ steht noch Forschungs- und R eflexionsbedarf.

Heinz Bude

Die 50er Jahre im Spiegel der Flakhelferund der 68er-Generation M an kann D eutschland als das Land der G enerationen bezeichnen - jedenfalls im U nterschied zu G roßbritannien, das bis heute ein Land der Klassen ist, oder zu Frankreich, dessen Selbstverständnis auf der Idee der R ep ub lik gründet. Dabei geht es natürlich nicht um die Tatsachenfrage, ob es nicht auch in F rankreich Klas­ sen und in G roßbritannien G enerationen gibt oder ob D eutschland nicht auch eine R ep ub lik darstellt, sondern um den herrschenden O rientierungsbegriff für die politische K ultur eines Landes, auf den sich die kontroversen Vorstellungen der gesellschaftlichen Selbstthem atisierung beziehen. D arin liegt der U nterschied. So w erden bei uns gesam tgesellschaftliche Zäsuren ganz selbstverständlich m it G ene­ rationsw echseln in V erbindung gebracht („1914“ oder „1968“ zum B eisp iel)1 oder es w erden so ziokulturelle Staus m it der überlangen D om inanz einer nicht ab­ treten w ollenden G eneration erklärt (die „W ilhelm iner des K aiserreichs“ am A n ­ fang2 und die „Skeptiker der B un desrep ub lik“ am Ende des 20. Jah rh un derts3). Das Phänom en der G enerationen allerdings ist international und modern. Die am B eginn des 20. Jahrhunderts stehende „G eneration von 1914“4 gab es in G roß­ britannien und in F rankreich genauso w ie in Spanien, Italien und D eutschland. Si­ cher m it anderen A usdrucksform en - die B riten schrieben G edichte, Briefe und N ovellen, die Italiener politische Essays, die Spanier hörten auf die Vorlesungen eines O rtega, die Franzosen liebten das kollektive P ortrait einer jungen in tellektu­ ellen Pariser Elite, und die D eutschen schrieben groß angelegte soziale Theorien aber das Them a w ar im m er dasselbe: A bschied von einem langw eiligen, friedli­ chen, selbstzw eifelnden und glaubenslosen 19. Jah rh un dert und die H inw endung zu einer nationalistischen, futuristischen und m ilitanten M oderne. D er Krieg w ar für die „G eneration von 1914“ zu einer Frage des Lebens gew orden. In diesem säkularen Bruch setzte D eutschland allerdings einen spezifischen A kzent. U m die W ende vom 19. aufs 20. Jah rh un d ert taucht hier der Begriff der 1 Martin B roszat (H rsg.), Zäsuren nach 1945. Essays zu r P eriodisierung der deutschen N achkriegsgeschichte (M ünchen 1990). 2 Martin D oerry, U bergangsm enschen (W einheim 1989). 3 Heinz B ude, Die P o litik der G enerationen (G ew erkschaftliche M onatshefte 49, O pladen 1998)689-694. 4 R o b e rt Wohl, The G eneration of 1914 (C am bridge 1979).

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H e in z Bude

„Jugendgeneration“ auf, w om it zum A usd ruck gebracht w ird , w ie Jugend und G eneration zu austauschbaren Begriffen w erden. „Jugend“ bezeichnet das Recht zum absoluten N euanfang und „G eneration“ die G ew orfenheit in eine ganz und gar einm alige geschichtliche Situation. W eil niem and sonst die E inw irkungen und Forderungen der Jetz tz eit in dieser Frische und Entschiedenheit erleben kann, kann sich die „junge G eneration“ als Vorhut einer neuen Zeit fühlen5. D iese aus D eutschland kom m ende sem antische Innovation veranschaulicht die drei G ründe für die M odernität des Phänom ens der G eneration: Da ist zuerst ein ideeller Kom plex, der die Botschaft der Französischen R evo­ lution m it dem Program m der deutschen R om antik verbindet6. Wo das revolutio­ näre Prinzip besagt, daß Vergangenheit zugunsten von Z ukunft negierbar ist, behauptet die aus dem Zusam m enbruch der System philosophien stam m ende D enkbew egung den Prim at des Lebens und der Existenz gegenüber dem G eist und der G eschichte. Im G enerationenbegriff läßt sich die äußerste M obilisierung von Z ukunft m it dem „unendlichen M angel an Sein“ (Schelling) zusam m enden­ ken. D enn die Kraft zu r U nterbrechung der G eschichte kom m t aus der R ückkehr zum W irklichen und K onkreten7. D iese Ideen bedürfen allerdings bestim m ter Institutionen für ihre Form ierung und V erbreitung. So beruht der A uftritt von G enerationen als eigenständigen A k ­ teursfiktionen auf der institutionellen D urchsetzung von Schule und W ehrpflicht als A genturen für die H erstellung altershom ogener G ruppen m it einem eigenen Selbstverständnis8. D urch schulische U nterw eisun g und m ilitärische D isziplin entsteht die m ännliche G ruppe der G leichaltrigen, die als Jugend ihr eigenes R echt fordert. D eshalb ist für die klassische G enerationentheorie diese eigene fürs Ex­ perim entieren freigegebene Phase im Lebenslauf so w ich tig für die B ildung eines generationellen Selbstverständnisses. N eben diesen Ideen und Institutionen w aren bestim m te Interessen für die D urchsetzung des G enerationenbegriffs verantw ortlich. D ahinter stand die be­ sonders in D eutschland um die Jahrhundertw ende auftretende dem ographische R evolution, die den Jun gen das G efühl robuster A nspruchsberechtigung allein schon aufgrund zahlenm äßiger Stärke verm ittelte9. W eil sich die Idee des N euen nicht nur m it der Erfahrung gleichartiger E inw irkungen, sondern auch noch m it dem G efühl gem einsam er Interessen verband, konnte G eneration im 20. Jah rh u n ­ dert ein ebenso starker M obilisierungsbegriff w erden w ie Klasse und N ation im 19. Jahrhundert.

5 T hom as K o e b n e r, R o lf-P e te r Ja n z , Frank T rom m ler (H rsg.), „M it uns zieht die neue Z eit“. Der M ythos Jugend (Frankfurt a.M . 1985). 6 Pierre Nora, G eneration, in: ders. (ed.), Realm s of M em ory, V o ll: C onflicts and Divisions (N ew York 1996) 499-531. 7 M arvin Rintala, The C onstitution of Silence. Essays on G enerational Themes (W estport, London 1979). 8 F riedrich FI. Tenbruck, Jugend und G esellschaft (Freiburg 21965). 9 D e t le v Peukert, Die W eim arer R epublik (Frankfurt a. M . 31996).

Die 50er Ja h r e im Spiegel der Flakhelf er- u n d der 68er-G eneratio n

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Besondere E ntstehungskonstellationen ändern allerdings nichts an der G lobalität des Phänom ens. Sobald eine G eneration eine identifizierbare G estalt annim m t, findet sie sich im m er in m ehreren Ländern zugleich. Das ist nicht erst seit der w eltw eiten B ew egung von 1968 der Fall. Schon die erste nachrevolutionäre G ene­ ration der R om antik w ar zum indest ein europäisches Phänom en10. Das läßt sich genauso w ie für die „G eneration von 1914“, für die G eneration der politischen J u ­ gend aus der Z w ischenkriegszeit, für die skeptische G eneration der N ach kriegs­ zeit, selbst für die „H alb starken “ zeigen, die zw ischen 1956 und 1958 m it B ill H ai­ ley und Jam es D ean außer R and und Band gerieten. D ie hießen in G roßbritannien „T eddy-B o ys“, in D änem ark „Laeder-Jakken“, in Spanien „G aberros“, in Ö ster­ reich „P lattenbrüder“, in F rankreich „Blouson N o ir“ und in der Sow jetunion „H ooligans“ 11. Es geht jedesm al um die Erfahrung überraschender Ü bereinstim ­ m ungen zw ischen A usdrucksform en und Problem w ahrnehm ungen, die sich nicht auf gegenseitige A bhängigkeiten zurückführen lassen und die trotzdem die G ren­ zen der einzelnen G esellschaften überschreiten. Es ist die Bezugnahm e auf ein so­ zialisierendes E indrucks- und W irkungserlebnis, aus dem sich die Evidenz einer G em einsam keit der geschichtlichen Lage trotz erkennbarer U nterschiede in so­ zialer H erkunft und nationalem U rsprung ergibt. U nbeschadet der Tatsache, daß die E inarbeitung in die jew eilige G esellschaftsgeschichte in ganz unterschiedlicher Weise verläuft, stellen G enerationen die ersten G lobalisierungsvorgänge dar, die quer zu m ehreren G esellschaften und über sie hinw eg verlaufen. Es hängt sicher m it den bekannten „V erspätungen“ und „Sonderw egen“ unse­ rer G esellschaftsgeschichte zusam m en, daß in D eutschland Fragen des k o llek ti­ ven Selbstverständnisses m it Vorliebe an G enerationskonflikten festgem acht w er­ den. D er „verspäteten N atio n “ fehlt ein „goldenes Z eitalter“, das einen m yth i­ schen G rund und einen traditionsstiftenden B ezugspunkt ihres Selbstverständnis­ ses abgeben kö n n te12. W ir hatten keine große R evolution und kennen keine kon­ solidierte Periode in unserer G eschichte. Wo keine T radition lebendig ist, muß man sich auf die vergehende Zeit selbst beziehen. D eshalb sind die D eutschen zum Volk der G eschichte gew orden, das das „historische B ew ußtsein “ erfunden hat und deshalb seine G eschichte w eniger nach dem Stand der K lassenkäm pfe oder den Form en der R ep ub lik, sondern nach G enerationen und G enerationsver­ hältnissen periodisiert. D abei bilden G enerationen ein eigenartig „übertriebenes W ir" 13. Sie gründen zw ar in den biographischen Erfahrungen des Ichs, zeichnen aber von seinen varia­

10 Alan B. Spitzer, The French G eneration of 1820 (Princeton 1987). 11 T hom as G rotum , Die H albstarken. Zur G eschichte einer Sub kultur in den 50er Jahren (Frankfurt a. M ., N ew York 1994). 12 D arin sind sich zw ei prom inente Biographen der deutschen N ation einig: näm lich HeT m u th Plessner, D ie verspätete N ation (Stuttgart 21959) und N orbert Elias, Studien über die Deutschen. M achtkäm pfe und H abitusentw icklung im 19. und 20. Jahrhundert (Frankfurt a.M. 1989), 13 Ju lia K risteva, Eine E rinnerung (Schreibheft 26, Essen 1985) 134-143.

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bien Verlaufsform en nur ein schem atisches Bild. Sie appellieren ans E rlebnis, doch orientieren sich an generellen Vorgaben. D arauf beruht die eigentüm liche O rien ­ tierungsleistung von G enerationen: daß sie die G eschichte unterlaufen und die B iographie steigern. Das geschieht im A lltag dadurch, daß die K ontingenz der eigenen B iographie in den V ergleichshorizont der Lebensläufe von G leichaltrigen gestellt w ird, w oran m an sehen kann, w as man erreicht hat, w oran man gescheitert ist und w as bloßes G lück oder U nglück war. Im V ergleichshorizont der G eneration findet das K on­ tingenzerleben der B iographie einen A n ker im allgem einen G eschichtsverlauf. Fragen nach der G enerationszugehörigkeit haben m it G efühlen der M itgelebtheit, des persönlichen Einsatzes und des gem einsam en A lterns zu tun. A nders als der G esellschaftsbegriff, der eine A b straktion der Perspektive auf eine Sprache von Strukturen , Funktionen und V ariationen verlangt, bleibt der G enerationsbegriff bei den W irklich keiten der m enschlichen E rfahrung, die direkter K om m unikation und persönlicher Intuition zugänglich sind. In alltäglichen U nterhaltungen begründen E rgänzungsreaktionen und T hem enverschm elzungen plötzlich eine eigentüm liche N ähe zw ischen ansonsten sich frem d gegenüberstehenden Indivi­ duen. M an erkennt sich in einem G efühl der gleichartigen B etroffenheit durch eine ein zigartige gesellschaftliche und geschichtliche Situation. D abei m acht sich eine bestim m te P ragm atik generationeller Selbstattribuierungen geltend*4. D a ist einm al der Sachverhalt, daß sich G enerationen über D ifferen­ zen bestim m en. M an w eiß zuerst, zu w elcher G eneration man nicht gehört. D ie B estim m ung der eigenen G eneration läuft über A bgrenzungen gegenüber ande­ ren, vorhergehenden oder nachfolgenden G enerationen, denen man sich w eder stim m ungsm äßig, w as Vorlieben für M usik, K leidung oder G esten betrifft, noch sozialm oralisch, was A nsichten über gesellschaftliche Problem e und ko llektive E r­ rungenschaften angeht, zurechnen m ag. Bei der N am ensnennung für die eigene G eneration orientiert m an sich an öffentlich gehandelten Vorgaben, die daraufhin geprüft w erden, ob sie zu r A bgrenzung taugen und das Eigene zu erkennen geben. Sodann bilden, w o rauf K arl M an n h eim 15 eindrücklich hingew iesen hat, G ene­ rationen polare Einheiten. Es gehört zur E rfahrung von G enerationen, daß un ge­ fähr G leichaltrige zu verschiedenen Folgerungen aus gem einsam en Erfahrungen und E rinnerungen gelangt sind. In der R egel sind sich die D eutungssender einer G eneration nicht einig, w elche Schlüsse aus den gem einsam en Erfahrungen und E rinnerungen zu ziehen sind. Das kann den C h arakter eines politischen Streits über konservative und progressive Lesarten des G enerationsschicksals haben, aber es kann genauso den C h arakter von rein ästhetischen oder völlig stilistischen Kontroversen annehm en. Einig ist m an sich freilich im H inw eis auf M om ente „er­

14 H einz B ude, Q ualitative G enerationsforschung, in: U w e Flick, Ernst v o n K a rd o rff, In es Steinke (H rsg.), Q ualitative Forschung. Ein H andbuch (R einbek bei H am burg 2000) 187-194. 15 K arl M an n heim , Das Problem der G enerationen, in: K a rl M a n n h eim , W issenssoziologie (Berlin 1964) 509-565.

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habener R üh run g“, die einen bestim m ten Enthusiasm us des Beginnens oder A uf­ tretens m arkieren. A ußerdem berührt die generationenm äßige Selbstidentifikation das Verhältnis zw ischen avantgardistischen und rezeptiven G ruppen innerhalb eines G enerati­ onszusam m enhalts. D ie A rtikulatio n des G em einsam en vollzieht sich über Zeit, das heißt es gibt diejenigen, die die Stichw orte liefern und die Em blem e verkö r­ pern, und die M ehrheit derjenigen, die sich im N achhinein darin w iedererkennen und zusam m enfühlen. Dies erklärt auch das eigenartige Phänom en der retrospek­ tiven Verm ehrung einer G eneration. Was am A nfang das Spiel von einigen W eni­ gen, aber A uffälligen war, bietet im A bstand einen B ezugspunkt für das Selbstver­ ständnis vieler anderer. M an fühlt sich als A ngehöriger der Flakhelfer-G eneration, obw ohl man nie an einem F lak-G eschütz gestanden, oder als A ngehöriger der 68er-G eneration, obw ohl man nie an einer D em onstration teilgenom m en hat. Das Z usam m engehörigkeitsgefühl bem ißt sich nach der B edeutung, die bestim m te Er­ eignisse und Situationen haben, und nicht daran, ob man tatsächlich dabei oder w irk lich betroffen w a r16. Schließlich können sogar die typischen A usdrucksgestalten einer G eneration m it der Zeit w echseln. M annheim hat m it Ju liu s Petersen auf den W echsel z w i­ schen „führenden“, „um gelenkten“ und „unterdrückten“ G enerationstypen bei der Fierausarbeitung einer G enerationsgestalt hingew iesen. D er Typ der Stunde kann sich schnell als w irre A usnahm efigur erw eisen, der den dam als im H in ter­ grund oder D anebenstehenden nur die Schau gestohlen hat. So durchlaufen G ene­ rationen durchaus eine historische M etam orphose, die „um gelenkte“ A nsichten und „unterdrückte“ Strebungen an den Tag bringt. D eshalb m uß man sich im m er darüber im klaren sein, zu w elchem Z eitpunkt man eine G eneration charakteri­ siert, w elchen U m fang an G enerationsgenossen m an zulassen w ill, w ie die Einheit der G egensätze in einem G enerationszusam m enhang zu verstehen ist und w ie sich die A bgrenzungen zu anderen G enerationen m it der Zeit verschieben. Im B lick auf seine alltägliche V erw endungsw eise w ird deutlich, w ie der G ene­ rationsbegriff seine Stellung zw ischen dem G eschichts- und dem G esellschafts­ begriff findet: G egenüber der „R ealabstraktion“ der G esellschaft behauptet der G enerationsbegriff den E rlebnisbezug des B eteiligtseins; und gegenüber der Sin­ gularitätsunterstellung des G eschichtsbegriffs besteht der G enerationsbegriff auf der „G leichzeitigkeit des U ngleich zeitigen “ (W ilhelm Pinder). So m odalisieren G enerationen die O bligation der G esellschaft und vervielfältigen die K ontinuität der G eschichte. Was w ir als E inheit einer gesellschaftsgeschichtlichen Periode ansehen, un terliegt der perspektivischen V ariation im G enerationenverhältnis. Die geläufige Q uerschnittsperspektive verdunkelt nur die W idersprüche und Span­ nungen, die sich in der Längsschnittperspektive ergeben. Was den G eist einer Zeit oder den B egriff einer Epoche ausm acht, ist nur aus dem jew eils geltenden G ene­ rationenverhältnis zu klären. 16 H einz B ude, D ie biographische Relevanz der G eneration, in: M artin K ohli, M arc Szydlik (H rsg.), G enerationen in Fam ilie und Gesellschaft (O pladen 2000) 19-35.

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Das soll jetzt in bezug auf die 50er Jah re dargelegt w erden, die als das E rlebnis­ jahrzehnt „zw ischen der A bschaffung der L ebensm ittelkarten und dem ersten A uftritt der B eatles“ 17 bestim m t w erden: w ie hier K ontinuitäts- und D isko n tin ui­ tätsvorstellungen, Traditions- und M odernitätsbegriffe, R estaurations- und R e­ volutionsaspekte gleichzeitig existieren und sich als W idersprüche zw ischen u n ­ gleichzeitigen G enerationen reflektieren. Ich greife dazu auf m eine eigenen beiden U ntersuchungen über die FlakhelferG eneration und die 68er G eneration z u rü c k 18. D iese beiden G enerationen organi­ sieren näm lich in der R etrospektive ihre Lebensgeschichte aus zw ei ganz un ter­ schiedlichen Begriffen der 50er Jahre. Was sich für die 68er K riegskinder als dunkle und enge Zeit von politischer R estauration und persönlichem E rfahrungs­ hunger darstellt, ist für die Flakhelfer, die als „letzte H elden des F ührers“ das Ende des Z w eiten W eltkriegs erlebt haben, eine helle und offene Zeit der Geschichtsunterbrechung und des N euanfangs gew esen. In den Interview s knüpfte sich an den Topos der „50er Jah re“ eine nicht-stim ulierte U nterschiedsbestim ­ m ung, die den Kern des Lebensgefühls der beiden G enerationen trifft. Ich w ähle dazu Textausschnitte aus zw ei von m ir rekonstruierten Fällen: D er 68er Fall ist C arm illa Blisse, die 1940 geboren ist und heute eine der führenden in ­ tellektuellen Fem inistinnen der B undesrepublik darstellt. D em F lakhelferfall habe ich den N am en C hristoph W estm eyer gegeben, der 1928 geboren ist und zu r Zeit der Interview s Professor für Politische W issenschaften in A achen war. Beide kann m an durchaus als Stichw ortgeber ihrer G eneration bezeichnen, die schon von ihrem Selbstverständnis her ihrer B iographie einen exem plarischen A nspruch ver­ leihen. B eginnen w ir m it C am illa Blisse. Können Sie sagen, wann fü r Sie die 50er Jahre zu Ende waren ? Ich meine dieses Gefühl der Enge und der strikten Normalität. Wann das fü r Sie vorbei w arf Das ist bei mir etwas schwierig zu sagen, weil ich Ende der 50er Jahre angefan­ gen habe zu studieren, ’58 habe ich Abitur gemacht und mit dem Studium begon­ nen, und bin dann weggegangen aus Bethel, aus dieser Anstalt, wo ich zehn Jahre war, und dann fing sowieso ein völlig neues Leben an. Mhm. Außerdem, ich w ar so was von unpolitisch, und w ir waren damals alle, die ich kannte, vollkommen unpolitisch. Ja. Das ist unglaublich, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Über­ haupt keine Ahnung, nicht das geringste Interesse, sich damit zu beschäftigen, was diese Politik eigentlich bedeutet. Ich kann mich nur an die Aufrüstungsdebatte 17 G e o r g B ollenbeck , G erh ard K aiser (H rsg.), Die janusköpfigen 50er Jahre (W iesbaden 2000) 9. ,s H einz B ude, Deutsche Karrieren. Lebenskonstruktionen sozialer A ufsteiger aus der Flakhclfer-G eneration (F rankfurt a.M . 1987) und H einz B u d e, Das A ltern einer G eneration. Die Jahrgänge 1938-1948 (F rankfurt a.M . 1995).

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erinnern, also Franz-Josef Strauß und Kiesinger damals, das weiß ich noch sehr ge­ nau, da habe ich am Radio gehangen, ich wollte eine Position dazu haben, •was ich davon halten sollte, ob diese Bundeswehr nun bewaffnet werden soll und mit der atomaren Frage. Da habe ich angefangen, mich damit zu beschäftigen. Aber auch noch relativ unpolitisch. Das heißt moralisch? Ja, moralisch. Und sehr mit einem existentialistischen Lebensgefühl. So, diese Welt ist sowieso nicht mehr zu retten, und diese Menschen werden das nicht auf­ halten. Ob nun die Bundesrepublik Atomwaffen hat oder nicht, ist letztlich egal, das wird sowieso hier alles zu Bruch gehen. Also diese Vorstellung hatte ich ganz stark. Wenn diese Waffe erst mal erfunden ist, dann wird die auch in Aktion treten. Das entspricht sozusagen dem menschlichen Unvermögen und der menschlichen Unfähigkeit, überhaupt ein vernünftiges Leben hinzukriegen. Die moralische In­ kompetenz des Menschen w ar eigentlich so ein Grundgef ühl. W ir lesen, w ie C am illa Blisses Versuch, einen A nsatzpunkt zur Interpretation der Lage zu finden, scheitert. A n die A ufrüstungsdebatte im R adio kann sie sich noch genau erinnern: Sie hört und lauscht, aber versteht nichts. Von einem großen M ißtrauen ist die Rede: Die W elt ist rettungslos verloren und der M ensch m ora­ lisch inkom petent. C am illa B lisse reagiert m it einer schw er gezügelten Verachtung auf eine Situation, die ih r verschlossen ist. M an kann das „existentialistische L ebensgefühl“ als Sperre gegen die W ahrneh­ m ung der M odernitätsexplosion der 50er Ja h re 19 verstehen. Sam baschritte und ge­ löster florealer Schw ung, die E rsetzung des R echtw inkligen durch das Bewegte, B ibi, B ulli, Babs - all diese Zeichen eines ebenso dynam ischen w ie am üsanten A ufbruchs nach einem schrecklichen Krieg gelten für die Jun gakadem ikerin aus Bethel nichts, w eil „diese W elt sow ieso nicht m ehr zu retten “ ist. H ier tritt uns m it H ayd en W h ite20 gesprochen das tragische M uster von N ie­ dergang und Zerfall als Inversion des Kom ischen von V erw irrung und R ettung entgegen. Was heißt hier „sow ieso“ ? H andelt es sie hier nur um ein jugendliches oder doch um ein generationsspezifisches G rundgefühl? Zur B eantw ortung dieser Frage bietet sich der G enerationenvergleich an. Bei C hristoph W estm eyer stellen sich die D inge näm lich ganz anders dar. Und in all dieser Zeit w ar mein Verhältnis in den 50er Jahren zu Deutschland ein gespaltenes. Ich hatte einen akademischen Lehrer, der w ar ein arger Deutschen-Hasser, und das hat mich sicherlich bewegt, oft das Land zu verteidigen. Andererseits hatte ich ein ambivalentes Verhältnis zu Deutschland. Ich fand, das Beste, was Deutschland widerfahren war, w ar die Teilung. Dadurch w ar es ein westliches Land geworden und kein Land der Mitte mehr, das seine Identität im Abstand zu Frankreich und zu England suchte, sondern jetzt eben sich als Teil des 19 Die illustriert Paul M aenz, Die 50er Jahre (Köln 1984). 20 H a y d en White, Auch Klio dichtet oder Die Fiktion des Faktischen. Studien zur Tropologie des historischen D iskurses ( Stuttgart 1986).

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Westens empfand. Wir waren eine Menge Probleme los, die sich aus dem Osten er­ gaben, die ganzen Krautjunker, die ja in der DDR beseitigt waren, das ganze Ver­ ständnis des Germanentums, alle Alternativen zum Westen, all dies w ar doch kein Thema mehr. Mhm. Die Grenzen waren geöffnet, und ich fan d die Verwestlichung Deutschlands als etwas, wo das Land seine eigenen Talente erst konstruktiv entfalten würde. Und dann fan d ich die Zeit faszinierend als eine Zeit des Neubaus. Manche meiner welt­ anschaulich engagierteren Kollegen redeten von Restauration und meinten damit etwas anderes. Sie meinten damit eine Haltung, die man als Antifaschis­ mus bezeichnen könnte. Das w ar nicht einfach nur Antinationalsozialismus, das wäre ja einfach eine Zurückweisung gewesen, sondern auch eine positive Hal­ tung, die von einer bestimmten Theorie fü r die Entstehung des Nationalsozialismus ausging und die zu schaffende Gesellschaft dann als Alternative dazu verstand. Mhm. Diese Leuten haben kritisiert, daß Deutschland nach der Niederlage die A n­ sätze sozialistischer Art, die es in allen Parteien gab, zurückwies, den National­ sozialismus nur ausgeklammert und nicht beseitigt hat, in gewisser Weise ja einfach vergaß. Und die haben das kritisiert. Ich w ar da anderer Meinung. Ich fand, das Beste, was w ir tun können, also wenn einer Nazi war, zu sagen, komm, alle Sündi­ gen, die anders sein wollen, denen wird vergeben. Wenn das deutsche Volk nur aus Antinazis bestehen darf, dann reicht das auch nicht so ganz hin. Wir werden also wohl mit Menschen dieses Land bauen müssen, die weniger als unbedingt vor­ zeigbar sind, aber immerhin, die wirklich also, die Schnittgrenze, wo fü r mich die Gemeinsamkeit aufhört, lag wesentlich weiter. Mhm. Nämlich da eben, wo ich meine, das persönliche Engagement fü r das Regime bis hin zur Verfolgung anderer dazukam. A ber wenn einer einfach da mitgeschwom­ men ist, dachte ich, den muß man integrieren. Das w ar eine faszinierende Zeit des Neubaus, auch im wörtlichen Sinne. Ich sah diese Stadt entstehen. Ja. Vieles, was ich damals gut fand, finde ich heute schlecht. Wir haben damals die Stuckfassaden an den noch bestehenden Häusern kaputt geschlagen als Zeichen, als Geste, wie modern w ir sind, und ich fan d das großartig. Ich fan d also, daß diese Bundesrepublik in vieler Hinsicht ein attraktives Land sei, mit Ausnahme dessen, was ich als Adenauer-M ief verstand, nämlich Tradierung einer kleinbürgerlichen M oral Von daher w ar ich ein vehementer Kritiker der Adenauer-Regierungen, von denen ich meinte, die versuchen, Moralvorstellungen festzuschreiben, die die der zwanziger Jahre, ach, eigentlich beinah des Kaiserreichs sind. Und von daher w ar ich begeistert, als dann endlich die Regierung gezwungen war, zur Koalitions­ regierung zu werden, als die Mehrheit verloren ging. In diesem biographischen Text gibt nicht heroische Tragik, sondern ironische A m bivalenz den Ton an. D a ist zunächst der Kom plex von Teilung und N eubau,

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w as das D eutschland nach dem N ationalsozialism us betrifft. D ie Teilung erm ög­ lichte die E ntm ischung der in seinen A ugen gefährlichen deutschen M ischung aus w estlich er R atio n alität und östlicher M ystik , was zur Folge hatte, daß das Land „seine eigenen T alente“ überhaupt erst ko n struktiv entfalten konnte. T eilung be­ deutet für ihn nicht Strafe, sondern nim m t er als B edingung für einen anderen A nfang nach 1945. M an stößt hier auf das latente Strukturm uster von E ntw ertung und A npassung. E ntw ertet w ird alles, was war, dam it die A npassung an das gelingen kann, was ist. C hristoph W estm eyer w ill keinen Schlußstrich ziehen, um etwas zu bewahren, sondern er nim m t hin, daß der Faden gerissen ist, um etwas ganz anderes zu p ro ­ bieren. D ann haben w ir im Text den Kom plex von D estruktion und Fortschritt. Am B eginn dieser neuen Zeit stand eine Geste der D estruktion, die den unbedingten W illen zu r M odernität unter Bew eis stellen sollte. M an zerschlug die Stuckfassa­ den an den H äusern, die als O rnam ente des Vergangenen galten, und errichtete, so könnte man fortfahren, neue H äuser, deren O berfläche blank und glatt war. Das ist nicht nur der A usd ruck einer E rfahrung erhöhter M o b ilität und Verstädterung, der H erausb ildun g neuer Freizeitstile und K onsum erw artungen, sondern auch das B ekenntnis zu einer Ä sthetik des B ungalow s, der seriellen M usik (K arlheinz Stockhausen) und des „Ich ohne G ew ähr“ (Ingeborg Bachm ann). C hristoph W estm eyer fand das „großartig“ . D er N ih ilist m acht reinen Tisch m it der G e­ schichte, und der Positivist krem pelt die Ä rm el hoch. D ie radikale E ntw ertung der schlechten Vergangenheit und die vollkom m ene A npassung an die rasante Ge­ genw art gehören offenbar zusam m en. Schließlich ist da noch der Kom plex aus m oralischem Vergessen und fun ktio n a­ ler Einpassung. A lle, die m it anpacken w ollen, sollen dazugehören. Z ukunft ist w ichtiger als Vergangenheit. Das ist ein unaufgeregter N ietzscheianism us, der ein historisches A bbruchunternehm en ohne Beispiel begleitet. M an w ird dieses Land w ohl m it M enschen bauen m üssen, die w en iger als unbedingt vorzeigbar sind. Da helfen keine A nklage und keine A brechnung. D ie „G leichgültigen neuen Stils“ (D avid R iesm an) können sich auch für einen „negativen N ation alism us“ nicht be­ geistern. A ber w er ist „W ir“ ? W er spricht? Von w o aus w erden hier die 50er Jahre be­ trachtet? F ür C am illa B lisse gibt es dieses „W ir“ überhaupt nicht. Für sie ist „diese W elt sow ieso nicht m ehr zu retten“. Ein zw eites Paar von Textausschnitten fragt nun nach dem H erkunftskom plex dieser unterschiedlichen H altungen zu den „50er Jah ren “. Wie verstehen sie ihr LIerkom m en aus dem N ation also zialism us? W elche V ergangenheit sind sie bereit, für sich zu akzeptieren? B eginnen w ir w ied er m it C am illa Blisse. Wie stand Ihr Vater zum Faschismus? Mein Vater w ar überzeugter Nationalsozialist. Ja.

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Ein ganz überzeugter Christ mit der Waffe. Er ist als Pfarrer freiwillig eingezo­ gen, w ar schon bei der SA, was auch in zahlreichen Schriften und Briefen doku­ mentiert ist, seine Haltung zum Nationalsozialismus. War Ihre Mutter anders? Meine Mutter w ar in dieser Hinsicht halt eine typische Frau, das heißt, sie hat keine eigene Position entwickelt dazu, sie hat geglaubt, daß es so richtig sei, wie ihr Mann das gemacht hat, also sie hat gehofft und versucht, es so auch gut zu finden. Mhm. Nehme ich jedenfalls an. Aber sie hat darüber nicht ein einziges Mal gesprochen. Das w ar das absolute Tabuthema. Und in diesem geschützten Raum Bethel ist der Nationalsozialismus politisch niemals ein Thema gewesen, in meiner gesamten Schulzeit ist das nicht einmal überhaupt berührt worden. Es w ar nur atmosphä­ risch halt so, daß Bethel eine karitative Einstellung zu den ganzen Problemen hatte, so daß auch sehr viele Nazis in Bethel untergebracht waren, und die da auch rumliefen, und so eine gewisse Berührungsscheu den Menschen gegenüber bestand, aber ich nie genau wußte, warum. Ich w ar ja noch ziemlich klein und habe das erst hinterher eigentlich alles rausgefunden, was da los war. Mhm. Das w ar mir alles etwas unheimlich, aber ich habe als Kind viel weniger noch eine Ahnung gehabt, was nun Nationalsozialismus war, ich habe mehr so sinnliche Erfahrungen mit dem Krieg selbst gehabt. Mit Bombenangriffen und Zerstörung von Städten, das hat mich, glaube ich, sehr, sehr tief beeindruckt, überhaupt die Zerstörungsleistung eines Krieges, ohne damals zu fragen, wer eigentlich was hier zu verantworten hat. Erstmal überhaupt die Tatsache der Zerstörung, das w ar fü r mich eine solche Ungeheuerlichkeit, was ich nicht begreifen konnte, was das war, warum man das alles kaputt machen mußte. Das hatte nichts mit einer Angezogenheit von großer Zerstörung zu tun, die ja wohl auch etwas Faszinierendes haben kann? Nein, überhaupt nicht. Das w ar fü r mich wirklich die Hölle, wirklich die Hölle. Ich erinnere mich noch genau, als w ir aus Polen kamen, das w ar 1944, da w ar gerade ein großer A ngriff a u f Berlin gewesen, und w ir mußten da umsteigen von der Fried­ richstraße zu einem anderen Bahnhof und mußten durch diese kaputte Stadt laufen, und ich fand, das waren wirklich Höllenvorstellungen, so sieht die Hölle aus. Mhm. Das w ar nachts, das vergesse ich nie. Auch andere Sachen. Zum Beispiel Bom­ benangriffe aus der Ferne haben w ir mehrere erlebt, als w ir evakuiert waren au f einem Dorf, wo man dann aus der Ferne so richtig sah, wie diese Bomben bei schö­ nem Wetter 1945, diesem knallblauen Himmel, diese glitzernden Flugzeuge, und dann die Bomben da unten rausflogen, und da sah man von weitem richtig, wie die Kirchtürme umkippten. Das sind so Erinnerungen. Auch wenn meine Mutter weinte, wegen der Gebäude auch, also auch. Ich weiß noch, wie sie sagte, diese schönen Kirchen. Das heißt also, auch so eine Art, von meiner M utter ausgehend, Liebe zu der Kultur, die da zerstört wurde. Mhm.

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Zu den Menschen, zu den anonymen Menschen und zu allem, was so eine Stadt an Gewordenem beinhaltet. Glauben Sie, daß Ihre Mutter das ohne sie beide, die beiden Kinder ertragen hätte? Nein, das glaube ich nicht. Das w ar eine emotional sehr enge Beziehung, das ist kaum vergleichbar, ich denke, daß diese Konstellation, diese Dreierkonstellation gar nicht denkbar wäre unter anderen Bedingungen, unter Nicht-Kriegsbedingun­ gen. Zumal in meiner Familie fast alle Männer gefallen waren, es sind keine übrig geblieben, die sind wirklich ausgerottet, und da w ar halt die Bindung aneinander und die Fürsorge füreinander und die Toleranz sehr, sehr einmalig, denke ich. W ir w erden m it einem harten und scharfen B ild des Vaters konfrontiert. Ein „ganz üb erzeugter“ Täter, was in „zahlreichen“ Q uellen „dokum entiert“ ist. Also kein K arrierist oder M itläufer, sondern ein richtiger „C hrist m it der W affe“. C a­ m illa B lisse spricht aus der W elt des evangelischen Pfarrhauses, die zw ischen G laube und V aterland, W ille und G ehorsam , göttlicher Gnade und kriegerischer B ew ährung liegt. Es handelt sich um einen Kontext ihrer H erkunft, der von der M utter streng bew acht w ird: „ein geschützter R aum “ und ein absolutes Tabu. G leichw ohl ist die atm osphärische Präsenz von etwas U nheim lichem m it H änden zu greifen. D er Vater w äre einer dieser herum schleichenden N azis in Bethel gew e­ sen, die schw eigsam und geduckt sich dankbar für die karitative A ufnahm e zeigen m ußten. D a ist es schon besser, daß der Vater tot ist. Das doppelte Ü berzeugtsein, C h rist und N azi, m acht ihn zu einer eigentüm lich heroischen G estalt, als sei er ein richtiger H eld zur falschen Zeit gewesen. V ielleicht hätte aus ihm auch ein M artin N iem öller w erden können, der vom U -B oot-K om m andanten des Ersten W elt­ kriegs zum m ilitanten Pazifisten m utiert ist. Jedenfalls stellt sich die Frage, ob ein überzeugter T äter nicht letztlich besser als ein bloßer M itläufer ist. Das w ar eingerahm t von der „H ö lle“ des K rieges. C am illa B lisse rettet sich in eine anthropologische E m pörung angesichts einer „solchen U n geh euerlich keit“. Es ist ein apokalyptisches Szenarium , w ie sie als V ierjährige durch das zerstörte B erlin läuft. D ie E rinnerung ist noch ganz plastisch vorhanden. A ber das Ganze hat auch eine abendländische D im ension: der „knallblaue H im m el" m it den „glit­ zernden F lugzeugen “. D ie M utter w eist auf die „kippenden K irchtürm e“. Flat Gott die M enschen verlassen? M an fühlt sich an H ans Egon Flolthusens M etapher vom „unbehausten M enschen" erinnert. In die H ölle des Krieges ragt der Kom plex einer bestim m ten Bindung. Sie kom m t aus einem G eschlecht „ausgerotteter M änner“. Das hat einen alttestam en­ tarischen Ton, es klingen A ssoziationen von G roßartigkeit an. A ber ganz nah am Text stolpert man über diese Form ulierungen: „A usgerottet“ w erden sollte doch ein anderes Volk? C am illa B lisse schildert die D reierkonstellation ihrer H erkunft so, daß man sich fragt, w er da eigentlich das Kind war. D ie M utter hätte es jedenfalls ohne die beiden K inder nicht ertragen. U ber der durch „B indung“, „Fürsorge“ und „Toleranz“ zusam m engehaltenen

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R estfam ilie erhebt sich das B ild des Vaters m it seiner Ü berzeugung und seiner Waffe. D er harsche Ton und die stolze Geste der V erdam m ung, die unsere E rzäh­ lerin an den Tag legt, erinnern an die leere Stelle des Fam ilienoberhaupts. D er he­ roische Vater paßt durchaus ins tragische Schem a, und man muß sich fragen, wem sie die Treue hält und w essen G eschichte hier gelebt w ird. Bei C hristoph W estm eyer kom m t das Erbe des N ationalsozialism us ganz an­ ders ins Spiel. ln dem Zusammenhang noch eine Frage, wie standen Sie zu den Lehrern, die jetzt wieder Lehrer w aren? Konnten Sie sich von denen was sagen lassen? Ja, ich habe ja solche und solche gehabt. Ich hatte ja echte Antinazi-Lehrer. Das hat mich als Kind in der Volksschule tief beeindruckt, mein Klassenlehrer w ar je­ mand, der vor den Augen der Kinder den Rohrstock zerbrach und sagte, w ir kom­ men ohne aus. Also, das w ar nicht so, muß man auch wieder sagen. Von einem Nazi, Schmidtke, den haben w ir nie wieder gesehen. Der ist allerdings in einer an­ deren Ecke von Aachen dann wieder Lehrer geworden. Mhm. A u f den hat man natürlich, habe ich natürlich einen tiefbleibenden Haß gehabt, weil der uns damals verpfiffen hat. Nazi sein ist eine Sache und Leute verpfeifen eine andere. Das ist, wenn Sie so wollen, die doppelte Moral, die Moral fü r die Öffentlichkeit und die fü r das konkrete Leben. Ja, das gibt es ja schon, die Sache mit dem berühmten Edelnazi, das w ar ja wohl eine Lebensrealität. Ja, ja, der tut aber keinem was, nicht, während der andere den Leuten zum A n ­ fassen was tut und nicht nur irgendwas Abstraktes, nicht. Juden hatten w ir übri­ gens ab und zu mal zu Hause, solange es sowas noch gab, also bis ’39, das w ar kein Problem bei uns. Ich muß übrigens noch eines hinzufügen. Konzentrationslager habe ich, der ich nun, weiß Gott, aus einer Familie komme, die den Nazis alles Böse zutraute, immer als brutale Arbeitslager verstanden. Daß es Vernichtungslager gab, hab’ ich mich echt, ich hab’ gedacht, die arbeiten die Leute zu Tode, nichts zu essen, Schläge und so, und was natürlich ganz schlimm ist alles. Aber die Idee der Vernichtungslager im industriellen Stil, das w ar eine echte Überraschung, und das hat mich tief getroffen. Und als ich das dann glauben mußte, das es so etwas gab wie Vernichtungslager, so ungefähr ’46 hab ’ ich das dann akzeptiert, daß das die Wahrheit ist, hatt’ ich gedacht, Mensch als Deutscher wirst du nie wieder ein anständiges Leben führen dürfen. Mhm. Das wird der Rest der Menschheit dir nie verzeihen. Insofern hatte ich eigentlich mich damit abgefunden, soweit man das als junger Mensch tun kann, daß ich den Rest des Lebens als Mensch zweiter Klasse die Schulden meiner Väter abarbeiten muss. D ie Lakonie rettet C hristoph W estm eyer nicht vor der G eschichte. A n einigen Stellen kehrt die R ealität w ieder, der man nicht entkom m en kann: Im Text zeugen der L ehrer Schm idtke, die Jahreszahlen 1939 und 1946 und der Begriff der W ahr­

D ie 50er J a h re im Spiegel der Flakhelfer- un d der 6 8er-G en eratio n

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heit vom A lptraum der Geschichte. Es ist zu verfolgen, w ie ein Ironiker des N ach­ kriegs m it der R ealität des N ationalsozialism us ringt. Das G rundschem a von Ent­ w ertung und A npassung, das man nicht zu leicht und nicht zu schnell m it seeli­ scher D erealisierung gleichsetzen sollte, fun ktio n iert nicht vollständig. Da gibt es den „tiefbleibenden H aß “ auf den Lehrer, der den Leuten was zum Anfassen tut. D er U nterschied zw ischen diesem und dem Klassenlehrer, der vor den A ugen der K inder den R ohrstock zerbrach, m acht deutlich, daß es durchaus einen H and­ lungsspielraum gab. D ie Strategie der existentiellen H innahm e und der situativen R elativierung geht da nicht auf. A ußerdem läßt sich der Tatbestand des in dustriel­ len M assenm ordes nicht leugnen. D er Ironiker erhebt nach 1945 den A nspruch auf ein „anständiges L eben“. A ber die Ü berw ältigun g durch eine verbrecherische W irklich keit läßt das nicht zu. M an muß das Geschehene hinnehm en und über das U ngeheuerliche schweigen. D och die W irklich keit läßt sich nicht zum Schw eigen bringen: Da ist die Rede von der D ifferenz zw ischen den zw ei M oralen und der D ifferenz zw ischen der ei­ genen U nschuld und den „Schulden m einer V äter“ . A nders ausgedrückt: Es gibt eine E ntscheidungsm öglichkeit zw ischen ideologischer Parteinahm e und ko n kre­ tem V erbrechen; und es m acht sich trotz ironischer Im m unisierung eine tragische Schuld geltend. D er V ergleich zw ischen C am illa B lisse und C hristoph W estm eyer läßt zw ei Form en historischer B indung deutlich w erden: die ironische der Flakhelfer und Schülersoldaten und die tragische der K riegskinder des Zweiten W eltkriegs. Wo die eine sich satirisch verfängt, ist die andere noch in der A nklage dem A n gek lag­ ten verfallen. Im ersten Fall kann man angesichts einer heillosen G eschichte nur davonkom m en, im zw eiten m uß man sich einem fortgesetzten Schuldigw erden entgegenstellen. F ür die Flakhelfer-G eneration w aren die 50er Jahre eine Zeit des biographischen A ufbruchs m it einsetzendem W irtschaftsw under, beschw ingten Linien, beginnendem K onsum optim ism us und sich festigender politischer W est­ bindung. M an fühlte sich befreit zum Vergessen und disponiert zur Einpassung. A ber auch unfähig zur politischen Leidenschaft und zur m oralischen Em pörung. Für die G eneration der K riegskinder hingegen w aren die 50er Jahre eine Zeit b lei­ erner R estauration und autoritärer Sozialisation. Sie fühlten sich „in der G rube“ (R olf D ieter B rinkm ann) und belastet m it Eltern, die die Last ihrer eigenen Ge­ schichte nicht tragen konnten. Sie w aren noch zu jun g für die W ahrnehm ung des N euen und neigen deshalb im nachhinein dazu, nur die R estauration des A lten zu sehen. V ergleicht man von heute aus die W irkungsgeschichte der 45er- m it der der 68er-G eneration, dann sieht es so aus, als hätte das skeptische Schw eigen der Schülersoldaten über die hilflose E m pörung der K riegskinder den Sieg davonge­ tragen. So w ie man in der Z eitgeschichtsforschung jetzt die M odernität der 50er Jahre entdeckt21 und die 60er Jahre nicht allein von ihrem Ende her beurteilt22, 21 Axel Schildt, A rnold S yw ottek (H rsg.), M odernisierung im W iederaufbau. Die W estdeut­ sche Gesellschaft der 50er Jahre (Bonn 1993).

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H e in z B u de

w ird im kollektiven B ew ußtsein der B undesrepublik die A nschlußfähigkeit der F lakhelfer-G eneration unterdessen höher eingeschätzt als die P rotestfähigkeit der 68er-G eneration. Das gilt sogar für „Liebhaber der R evo lutio n “ selbst. A ls sich m it der B undestagsw ahl von 1998 für die 68er-G eneration in G estalt des „rotgrü­ nen B ündnisses“ eine zw eite C hance bot, w aren ihre R epräsentanten an der M acht sofort bereit, den H eroism us vergangener lä g e zu vergessen und sich zum Pragm atism us der B undesrepublik zu bekennen. N ach der Einigung des Landes scheint der R ückgriff auf die existentielle Skepsis verläßlicher als die D isposition eines m oralischen A larm ism us.

22 Axel Schildt, D e t l e f S iegfried, K a rl Christian h a m m e r s (H rsg.), D ynam ische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen G esellschaften (H am burg 2000).

Ulrich Herrmann

„ungenau in dieser W elt“ kein Krawall, kein Protest: Der unaufhaltsame Aufstieg um 1940 Geborener in einer „Generationen“-Lücke ... das Jahrhundert, als w elches sow ohl den W illigen als U n w illigen m it sich fortreißt, bestim m t und bildet, dergestalt, daß man w ohl sagen kann, ein jeder, nur zehn Jahre früher oder später geboren, dürfte, was seine eigene B ildung und die W irkung nach außen betrifft, ein ganz anderer gew orden sein. G o e t h e , D ichtung und W ahrheit, I. Teil, E inleitung A ndreas Flitner, geb. 1922, „K riegsgeneration“, zum 80. G eburtstag gew idm et

D er vorliegende B eitrag soll erstens zu r K lärung eines em pirisch gehaltvollen und an alytisch präzisierten Begriffs von „G eneration“ beitragen; zweitens den Ver­ such m achen, w ie man all jene Individuen und G ruppen sozial und geschichtlich einordnen könne, die sich selber gar keiner „G eneration“ zurechnen und auch von außen keiner zugeschrieben w erden; drittens diese näher zu charakterisieren und dabei auch autobiographische Züge nicht zu verm eiden. Schließlich soll die V erbindung zu den anderen K onferenz-B eiträgen hergestellt w erden. Dies erklärt die vorliegende Textgestalt. K ritisch gelesen und ausführlich kom m entiert w urde der Text von W olfgang K raushaar (H am burg). Seine K ritikpunkte, A nregungen und H inw eise sind im Text berücksichtigt w orden. Sie lassen auch eine V orbem erkung geraten erschei­ nen, ohne die dieser B eitrag leicht m ißverstanden w erden könnte: Es handelt sich nicht um den Versuch - w ie auch unten m ehrfach begründet und erklärt - , eine neue „G eneration“ konstruieren zu w ollen, sondern um den Versuch der C h arak­ terisierung einer G enerations-„L agerung“ (das w ird unten erklärt) von A n geh ö ri­ gen benachbarter Jahrgänge und ihrer A usgangslage in K indheit und Jugend in einem bestim m ten w estdeutschen N achkriegsm ilieu, die sich nicht in Form en ko l­ lektiven H andelns gesellschaftlich bem erkbar m achten oder plazierten. Sie lassen sich gut unterscheiden von anderen G enerations-„E inheiten“ m it ähnlicher A us­ gangslage in W estdeutschland, die später aber in ganz anderer Weise politisch ak ­ tiv w urden. K raushaar w ies darauf hin, daß sich der „harte K ern“ der 68er-Bewe-

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U lr ic h H e rr m a n n

gung ebenfalls aus den Jahrgängen um 1940 speist. U m diese D ifferenzierung sichtbar m achen zu können, m ußten die analytischen begrifflichen Instrum ente bereitgelegt w erden. D ie Frage w ar sodann: W ie läßt sich zw ischen den d isko n ti­ nuierlichen A ktivitäten von G enerations-„E inheiten“ - das ist mit „L ücke“ ge­ m eint - die zum eist unbem erkte, jedenfalls unspektakuläre „N o rm alität“ von L e­ bensw egen in einer G enerations-,,L agerun g“ verstehen, analysieren und in ihrer B edeutung bew erten? Lohnt sich das üb erh aup t1? W ir beginnen m it zw ei U n ter­ suchungen, die ähnlichen Phänom enen auf der Spur waren.

I. Die „G eneration der U nbefangenen“ Von V iggo G raf B lücher erschien 1966 die analytische D arstellung der Ergebnisse einer E m nid-U ntersuchung unter dem T itel „Die G eneration der U nbefan­ genen“2. Im gesam ten B undesgebiet w aren 2380 Interview s m it jungen Leuten im A lter von 15 bis unter 25 Jah ren durchgeführt w orden. Jugend und Beruf, die B eziehungen jun ger M enschen zu ihren Fam ilien, „G esellungsw eisen“ im Jugendalter, Freizeit und U rlaub , G eld, B esitz und Konsum und schließlich Ö ffentlichkeit, P o litik und G esellschaft w aren die Them en der B efragung und der A usw ertun g und bilden den H intergrund der allgem ein form ulierten Befunde. Das D urchschnittsalter der B efragungsgruppe betrug (im Jan uar 1964) knapp 20 Jah re3. B em erkensw ert war, daß durch die S truktur der Stichprobe eine R epräsen­ tation der Jahrgänge 1940-49 gelungen w ar und daß sich dem zufolge das B efra­ gungsergebnis verallgem einern ließ4. D ie B efragungsergebnisse und die interpretierenden Schlußfolgerungen der Forschergruppe hatten, wie nicht anders zu erw arten, ein anderes inhaltliches Profil als die Befunde und Schlußfolgerungen von H elm ut Schelsky in seinem B uch „Die skeptische G eneration“5, einem jugendpsychologischen und -so zio ­ logischen Bestseller- w eil er einer V ätergeneration den H abitus einer überlebt ha­ 1 H einz Bude (Berlin) fragte denn auch nicht ohne Grund in der D iskussion, ob solche L e­ benswege in solchen G ruppierungen für den Betrachter nicht eigentlich „lan gw eilig“ w ären? G ew iß, sie können nicht ohne w eiteres auf das Interesse des C hronisten oder der G egen­ wartsgeschichtsschreibung rechnen - aber das ist die Perspektive der n a c h g e b o r e n e n B e ­

trachter. 2 Viggo G r a f Blücher, Die G eneration der Unbefangenen. Zur Soziologie der jungen M en ­ schen heute. U nter M itarbeit von D e t l e f K a n to w sk y (D üsseldorf, Köln 1966) 20; im folgen­ den zitiert: Blücher, Generation. 3 Ebd., 15, 404. 4 Ebd., 15, die Daten 404 f. 5 H e lm u t Schelsky, Die skeptische G eneration. Eine Soziologie der deutschen Jugend (D üsseldorf 1957, zahlr. A ufl., F rankfurt 1984 m it einem N achw ort des Vf.). Schelsky un ter­ sucht die b e r u fst ä tig e Jugend zw ischen 14 und 25 im N achkriegsjahrzehnt 1945-1955. Zur Publikations- und W irkungsgeschichte dieses Buches vgl. jetzt die instruktive Studie von Franz-W erner K ersting, H elm ut Schelskys „Skeptische G eneration“ von 1957, in: V ierteljah­ reshefte für Zeitgeschichte 50 (2002) 465-495.

D er u n aufhaltsam e A u fstie g u m 1940 G eb ore ne r in einer „ G en era tio n e n “ ~Lücke

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benden Söhnegeneration (der 1930 und später G eborenen) erklärte ein Buch, dem Kenner der Jugendgeschichte w ie H elm ut Fend auch heute noch eine er­ staunliche D eutungskraft bescheinigen5. D ie „skeptische G eneration“ um faßt jene G eburtsjahrgänge, deren Erleben und B ew ußtseinsbildung in ihrer Ju g en d ­ zeit, zum Teil noch in der K indheit, durch K riegsereignisse, Luftangriffe und G efangenschaft, Flucht und V ertreibung und N achkriegselend geprägt w orden w aren, durch den Zerfall von Lebens- und W ertordnungen, durch die unm ittel­ bare Lebensnot und das Problem , irgendw o und irgendw ie die Schule zu beenden und eine A usb ildun g beginnen zu können. E nttäuschung durch die Erlebnisse der vergangenen Jah re, U nsicherheit in der G egenw art, Skepsis im H in b lick auf die Z ukunft - dies kennzeichnete das B ew ußtsein der A ngehörigen der „skeptischen G eneration“, häufig genug ihr Leben lang. D ie „skeptische G eneration“ konzen­ trierte sich auf das Fortkom m en im B eruf und die G estaltung des Privatlebens. Politik w ar bei den „gebrannten K indern“ nicht gefragt7. D agegen sah die M entalität der Jahrgänge 1939-1949, die Blücher und sein Team untersuchten, sehr anders aus8: „N ur in den ältesten Jahrgängen haben diese ju n ­ gen Leute noch ein w enig vom K rieg und der N ach kriegszeit bew ußt erlebt. In die B erufsentw icklung sind sie 1955 eingetreten, in einer Zeit also, in der es schon eine recht große Freiheit der B erufsw ahl gab. D ie persönlichkeitsbildende Zeit haben diese Jugendlichen zw ischen 1953 und 1960 erlebt, d .h . in einer W elt, die von Jah r zu Jah r ,normaler* w urde und in der sich der W ohlstand ständig ausbreitete. Diese Jugend kennt in ihrer ganzen Lebenserfahrung im m er nur eine Verbesserung ihrer Situatio n .“9 A us dieser Lebenserfahrung erw uchs ein Flabitus, den die Jugendsoziologen folgenderm aßen beschrieben haben: „Das Interesse ist w ach, die U n ter­ richtung geschieht aus den vielfältigsten Q uellen. Ein Engagem ent ist bei kleinen Teilgruppen stark ausgeprägt, die M asse verharrt in passiver Interessiertheit. Be­ tontes D esinteresse betrifft nur unbedeutende M indergruppen. ... und nach dem Skeptizism us der enttäuschten N achkriegsjugend findet sich hier erstm als w ieder eine G eneration, die als ,völlig norm al' zu bezeichnen man allen G rund hat.“ 10 U nd w arum können diese jungen Leute als „unbefangen“ bezeichnet w erden? „Es fehlen bei dieser [w estdeutschen] Jugend alle ideologischen Fixierungen und dem entsprechend auch - die grundsätzliche A blehnung der Ideologie (die ih rer­ seits Ideologie ist). Ebenso fehlen Fixierungen an starke w eltanschauliche B indun­ gen w ie R eligion, V aterland, Europa. W ohin w ir blicken: Pluralism us, V ielfalt, O f­ fenheit, partielles Engagem ent, W eltneugier, V orurteilslosigkeit - U nbefangenheit 6 H e lm u t Fend, Sozialgeschichte des A ufw achsens. Bedingungen des A ufw achsens und Jugendgestalten im 20. Jahrhundert (Frankfurt a.M . 1988) 11. 7 R ich ard K a u fm a n n , G ebrannte Kinder. Die Jugend in der N achkriegszeit (D üsseldorf 1961, T B -A usgabe M ünchen 1966). 8 Das w ußte auch H e lm u t Schelsky, der sein Buch für das Verständnis der G egenw artsjugend M itte der 1960er Jahre ausdrücklich zurückzog. Ders., Zur D iskussion der Jugendsoziologie, Stellungnahm e zu einem Buch und zu einer R ezension [von L eop old R osenm ayr, in: Kölner Zeitschrift f. Soziologie u. Sozialpsychologie 17 (1965) 182ff.], in: ebd. 17 (1965) 401 ff. 9 Blücher, G eneration, 12. 10 Ebd., 12 f.

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U lr ich H e r r m a n n

allem N euen g egen üb er.... D ie H altung ist - G elassenheit.“ 11 D ie „G eneration der U nbefangenen“ bilde eine „Jugend zun eh m en d er,N orm alisierun g' und neuer Sta­ bilisierung nach Jahrzehnten der E rschütterung.“ 12 D arin ähnele sie der Lebens­ w elt der Erwachsenen so sehr, daß B lücher für dieses G enerationsverhalten der „U nbefangenen“ eine eigene Ju g en d -„S u b ku ltu r“ glatt in A brede stellt: „Eine ju ­ gendliche Sub kultu r findet in D eutschland nicht statt.“ 13 Ein Satz, zw ei Jah re vor den E reignissen von 1967/68 geschrieben, Ereignisse, die allerdings die gesamte dam alige Jugendsoziologie in tiefe R atlo sigkeit versetzten. D ieser Sachverhalt mag aber auch als H inw eis darauf dienen, daß B lücher zum einen keine „G eneration“ (in einem unten noch zu explizierenden Sinne) beschrieben hat, sondern - w ie er selber sagt - M ehrheiten und M inderheiten, aktive G ruppen und passive Z eit­ genossen, und daß er zum anderen w ohl eher die O berflächenphänom ene einer Generations/(2g e r « « g registriert hat („Jugend in ihrer Z eit“) 14, die aber doch recht genau: die B indungen junger Leute an Kirche und Fam ilie seien ausgeprägt, aber eben pragm atisch; sie ließen sich nicht für w eltanschauliche und ideologische B in ­ dungen m ißbrauchen; sie achteten die D em okratie und akzeptierten den W ehr­ dienst, aber L o yalität sei nicht m ehr bedingungslos; das politische Interesse sei sehr ausgeprägt (die höchsten W erte aller N achkriegsuntersuchungen!), politisches Engagement hingegen nur begrenzt; sie nutzten ihre M öglichkeiten in einer rasch sich w andelnden G esellschaft. „Sie bleiben sich treu als die ,U nbefangenen'.“15 „Die W eltoffenheit, A ufgeschlossenheit, V ielseitigkeit, W achheit, Interessenver­ zw eigun g, Funktionsfähigkeit und H andlungsbereitschaft der G eneration der U nbefangenen lassen hoffen, daß sie dieser A ufgabe [der Entfaltung und V ervoll­ kom m nung des G esellschaftssystem s] gerecht w erden können.“16 Z eitgleich veröffentlichte Elisabeth Pfeil ihre Paralleluntersuchung „Die 23jährig e n " .17 E inleitend w ird das K onzept der „G eneration“ im A nschluß an D ilth ey und M annheim d isk u tie rt18, sodann seine Transform ation in den K ohortenA nsatz der em pirischen Sozialforschung im A nschluß an R yder und W h elp to n 19. 11 B lü ch e r , G eneration, 14. 12 Ebd., 392. 13 Ebd., 396. 14 So auch Elisabeth Pfeil, Die 23jährigen. Eine G enerationenuntersuchung am G eburten­ jahrgang 1941 (Tübingen 1968); im folgenden zitiert: Pfeil, Die 23jährigen. - Zur konzeptio­ nellen und begrifflichen D ifferenzierung von G enerations la g e r ung, -Zusam m enhang und - e i n b e it vgl. unten Abschn. II, 1. 15 Ebd., 402. 16 Ebd., 403. 17 Die U ntersuchung mit 800 standardisierten und 200 Intensivinterview s w urde 1964-1967 durchgeführt. S. 12 ff. über die Vorgehensweise, 15 ff. über die statistischen M erkm ale der G eburtenkohorte 1941. 18 Vgl. unten Abschn. II, 1. 19 N orm an B, Ryder, The C ohort as a C oncept in the Stud y of Social C hange, in: A m erican Sociological R eview 30 (1965) 843-861, m it der E m pfehlung, .„generation* should be used so lely in its original and unam biguous m eaning as the tem poral unit of kinship structure“ (853); im folgenden zitiert: R yder, C ohort, - Vgl. auch Elisabeth Pfeil, D er Kohortenansatz in der Soziologie. Ein Z ugang z u m G enerationsproblem ?, in: K ölner Z eitschrift f. Soziologie

D e r u n a u fh a lts a m e A ufstieg um 1940 G eb ore ne r in einer „ G e n era tio n e n “~Lücke

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Die A bsicht der U ntersuchung war, „G enerations-“ und Entwicklungsdaten m it­ einander zu verbinden, „um ihr jew eiliges G ew icht für das G enerationsprofil zu erm essen“-0. Den im Jahre 1964 23jährigen w ird ein „profiliertes G enerations­ schicksal“21 zugeschrieben: „in der K indheit B om benangriffe, E vakuierung, Ver­ treibung, A bw esenheit des Vaters in Krieg und G efangenschaft, Entnazifizierung des Vaters, U nterkun ft in N otquartieren, also eine vielfache B elastung des So zia­ lisierungsvorganges in der frühen Kindheit, dann aber ein H ineinw achsen in die B erufsw elt unter dem Zeichen w irtschaftlicher Expansion (m it V ollbeschäftigung, ja A rb eitskräftem an gel).“22 In der Zusam m enfassung der Befunde und der kon­ zeptionellen W eiterführung ihrer Studie schreiben Elisabeth Pfeil und Jürgen Friedrichs23 - ähnlich w ie Blücher - von einer entschiedenen „Lebenszuversicht“ trotz der m annigfachen Behinderungen und E ntbehrungen in der K indheit24 und von einer ausgeprägten A ufstiegs- und E rfolgsorientierung; das „G runderlebnis der fortschreitenden Stab ilisierun g“25 ist der analoge Befund zu dem von Blücher. A ber w ie steht es m it der „G eneration“ der „68er“, die in den Jah rgan gsko h o r­ ten dieser B efragungsgruppe ja auch enthalten sind26? D ie B eantw ortung dieser Frage führt auf die andere Frage, ob diese „U nbefangenen“ der G eburtsjahrgänge seit 1938/9 überhaupt eine „G eneration“ darstellen?

II. D ie Jahrgänge der „Unbefangenen“ 1939-1948: eine „G eneration“ ?27 Diese Frage ist schon zeitgenössisch aufgew orfen w orden. H ans-H einrich Mu~ chow, in der D enktradition von E duard Sprangers „Psychologie des Jugendu. Sozialpsychologie 17 (1967) 645-657. - D er A usdruck „K ohortenanalyse“ geht zurück auf: Pascal K. W belpton , C ohort A n alysis of F ertility, in: A m erican Sociological R eview 14 (1949) 735-749; ders., C ohort F ertility (Princeton 1954). 20 Pfeil, Die 23jährigen, 10. 21 Ebd., 8. 22 Ebd., 8. - Vgl. ähnlich unten Abschn. II, 3. - Pfeil, Die 23jährigen, charakterisiert, w ie un ­ ten gezeigt w ird , nicht „die“ „G eneration“ der 1941 G eborenen und zum Z eitpunkt der U n ­ tersuchung 23jährigen, sondern eine G m & vm o n s la ger u n g sow ie eine m ögliche G enerationseinheit, die durch bestim m te E reignisse und Erfahrungen geprägt w orden war. Das m uß sie aber nicht notw endigerw eise von den Befunden, die sich auf die Generations/<2ger«ftg bezie­ hen, unterscheiden (vgl. unten Abschn. II, 4). 23 Pfeil, D ie 23jährigen, dort: Pfeil, Das G enerationsprofil der 23jährigen. Ihr Lebensgefühl und ihre Vorstellung vom gereiften M enschen, 3 4 9ff.; F riedrichs , Theoretische K onsequen­ zen: G enerationsproblem und Subkultur-These, 367 ff. 24 Ebd., 350. 25 Ebd., 353. 26 In der E m nid-G esam tgruppe w aren nur 2% Studenten. Da w aren die w enigen entschie­ den Politisierten kaum auszum achen. 27 Die ausgedehnte L iteratur zu den Themen „G enerationskonzept“ und „G eneration und Jugend“ soll hier exem plarisch gesichtet w erden, um dam it zugleich die Beiträge und D is­ kussionen, die im vorliegenden Band dokum entiert w erden, in die bisherige Forschungs-

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U lrich H e r r m a n n

alters“28 an „G estalten“ des Jugendlebens interessiert, konstatierte schon 1959 eine gew isse „E nt-staltung“ des Jugendlebens29. D am it hatte er im Lichte der B e­ funde von B lücher gar keine so falsche Beobachtung gem acht. A ber was ist, w enn „die“ Jugen d keine um rissene G estalt als „G eneration“ mehr erkennen läßt? Dann steht sie - in der Form ulierung von M uchow und jedenfalls in seiner W ahrneh­ m ung - „ungenau in dieser W elt“30. In der L iteratu r herrscht E inigkeit darüber, daß es in einem „objektiven“ Sinne „die“ Jugend w eder als lebensgeschichtlich abgrenzbare A ltersgruppe noch als hom ogene Lebensform gibt, nicht geben kann, sondern lediglich differierende W ahrnehm ungs- und (Selbst-) D arstellungstorm en von G ruppen und anderen form ellen und inform ellen G ruppierungen, von unterschiedlichen Form en von Jugen d kulturen und Jugendleben, von Frem d- und Selbstzuschreibungen zu - in A bgrenzung von anderen - gem einsam en bzw. als gem einsam em pfundenen L e­ bensform en und Lebensstilen, Ü berzeugungen und H altungen, O ptionen, Praxen und Perspektiven. D ie jew eilige Fokussierung durch den B etrachter - A ltersgru p ­ pen und Lebenslagen, Frem dw ahrnehm ung und Selbstäußerung, Z ugehörigkeit zu G eschlecht, M ilieu und sozialer Schicht usw. - ergibt entsprechende „Bilder" von Jugend bzw. Jugendleben. Das heißt: D ie „G eneration“ der „U nbefangenen“ bei B lücher ist keine Selbstzuschreibung oder Selbstw ahrnehm ung, sondern die em pirisch m ehr oder w eniger gut begründete - Konstruktion von G em einsam ­ keiten der A ngehörigen m ehrerer, nicht beliebig zusam m engestellter Jahrgänge (einer K ohorte), ohne daß dam it behauptet w ürde, daß diese (oben zitierten) G em einsam keiten erstens auf alle A ngehörigen dieser A ltersgruppe zuträfen (obw ohl B lücher eine statistische Basis für V erallgem einerungen durchaus ins Feld fuhren kann31), zweitens von allen A ngehörigen in dieser W eise em pfunden oder geteilt oder bew ertet w ürden, drittens ausschließlich auf die A ngehörigen dieser Jahrgänge zuträfen.

diskussion einzubetten. Vgl. dazu auch die vorzüglichen A nalysen von P etersen , R adikale Jugend; dort die Kapitel II: G enerationentheorie und Jugendtheorie, 3 9 ff., und VIII: Ü b er­ prüfung und M odifikation der G enerationentheorie anhand der jugendlichen Schw eizer G e­ nerationsgestalten der Jahre 1900-1921, 515 ff. 28 E d u a rd S p r a n g er, P sychologie des Jugendalters (zuerst L eipzig 1924, zuletzt H eidelberg 2919 79). Zum U m feld dieses überaus einflußreichen und für das Verständnis „des“ Ju gen d ­ alters folgenreichen Buches vgl. J o h a n n e s- C h r ist o p h v o n Buhler, Die gesellschaftliche Kon­ struktion des Jugendalters. Zur Entstehung der Jugendforschung am Beginn des 20. Jah rh un ­ derts (W einheim 1990); P e te r D udek, Jugend als O bjekt der W issenschaften. Geschichte der Jugendforschung in D eutschland und Ö sterreich 1890-1933 (O pladen 1990). 29 H an s-H ein rich M u cho w , Sexualreife und Sozialstru ktu r der Jugend (H am burg 1959). M Ebd., 126, 146. 31 Die „soziologisch-w irtschaftliche S tru k tu r“ seiner Stichprobe gleicht fast genau der am t­ lichen Statistik hinsichtlich Geschlecht und L änderverteilung sow ie nach Bildungsklassen und A ltersgruppen der B evölkerungsstatistik des Jahres 1961; das Befragungsergebnis läßt sich m ithin auf diese G rundgesam theit „G esam tbevölkerung“ verallgem einern ( B lü ch e r, G e­ neration, 15, D aten 404 f.).

D er un a u fh a ltsa m e A u fs tie g um 1940 G eb ore ne r in einer „ G en eratio nen “ - L ü c k e

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Für die w eitere E rörterung ist es daher unabdingbar, einige sprachlich-begriff­ liche und konzeptionell-theoretische K lärungen vorzunehm en, um eine V erstän­ digung darüber vorzuschlagen, was unter „G eneration“ verstanden w erden soll: z .B . als kollektive Akteure in geschichtlichen //dw^/««gszusammenhängen (z.B . die jugendbew egten bzw. freideutschen K riegsfreiw illigen 191432, aktive G ruppen z.B . in einer Partei33 oder in einer Epoche34, die „45er-“ im V ergleich m it der „68er“-„G eneration“3:>, in der W issenschaftsgeschichte36), in geschichts- und so32 Vgl. als instruktives Beispiel Giidrun Fiedler, Jugend im Krieg. Bürgerliche Jugen dbew e­ gung, Erster W eltkrieg und Sozialer W andel 1914-1923 (Edition A rchiv der deutschen Jugendbew egung, Köln 1989); D ietm a r Schenk, Die Freideutsche Jugend 1913—1919/20. Eine Jugendbew egung in Krieg, R evolution und Krise (G eschichte der Jugend, 17, M ünster i.W. 2000). 33 D etle f L ehnert, Sozialdem okratie zw ischen Protestbew egung und R egierungspartei 1848— 1983 (Frankfurt a.M . 1983) 10: „Dem interessierten Leser soll im folgenden die A nregung verm ittelt w erden, die Geschichte der Sozialdem okratie als sozialen und politischen Lern­ prozeß, d .h . aus epochenspezifischen Erfahrungen ihrer F unktionsträger und M itglieder verstehen zu können. Da ein solches M odell program m atischer und praktischer Lernschritte die konkrete A useinandersetzung m it staatlichen und gesellschaftlichen H errschaftsverhält­ nissen im Bew ußtsein und H andeln von Sozialdem okraten unterstellt, w ird als Bezugspunkt der Verarbeitung von Erfahrungen jew eils eine ,P arteigeneration“ angenom men [s ic !].“ Them atisch einschlägig G ü n ter Bannas, Wen lassen die Enkel an die Fleischtöpfe? Der so zi­ aldem okratische G enerationenkonflikt, in: Frankfurter A llgem eine Zeitung Nr. 134 vom 13. 6. 2002, 3; die „K opfleiste“ der Süddeutschen Z eitung Nr. 168 vom 23. 7. 2002 lautete: „Bundestag: Die G eneration Kohl verabschiedet sich“ (Verzicht aus Altersgründen auf er­ neute Kandidaturen). 34 Martin D oerry, Übergangsm enschen. Die M entalität der W ilhelm iner und die Krise des K aiserreichs (W einheim , M ünchen 1986) 3 0 ff.: A uf der Suche nach einer G eneration; Christian Schneider, C ordelia Stillke, B er n d L ein ew eb er, Das Erbe der N apola. Versuch einer G enerationengeschichte des N ationalsozialism us (H am burg 21997); hier w ird übrigens nicht „G enerationen“-G eschichte beschrieben, sondern die Geschichte von Vätern und Söhnen. Von „G eneration“ ist m ithin gar nicht i.S. der Term inologie einer H isto rik die Rede, sondern - wie auch sonst öfters in neuerer L iteratur (vgl. Anm. 43 ff.) - in einem nicht-term inologi­ schen A lltagsverständnis der Um gangssprache. 35 Vgl. den anregenden Essay von G ü n ter Gaus, W er den M und zu voll nimmt. Die 45er und die 68er verbindet nur eins: Beide G enerationen beanspruchen das Recht auf eigene Irrtüm er, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 17 vom 9. 3. 2001, 17. 36 H ier handelt es sich häufig um „Schulen“ bzw. „A rbeitsgruppen“, die insbesondere durch N euentw icklungen („Paradigm enw echsel“) auf sich auf m erksam machen. Vgl. R ü d i g e r v o m Bruch, B rigitte K a d era s (H rsg.), W issenschaften und W issenschaftspolitik. Bestandaufnahme zu Form ationen [sic!], Brüchen und Kontinuitäten im D eutschland des 20. Jahrhunderts (Stuttgart 2002). D er Versuch einer „G enerationengeschichte der Kritischen T heorie“ - so der U ntertitel des Buches „Trauma und K ritik“ von Christian Schneider, C ordelia Stillke, B er n d L e in e w e b e r (M ünster 2000) - kann m it einem analytischen G enerationsbegriff nichts anfangen und verkennt daher (33 ff.) die L eistungsfähigkeit und die A nforderungen an eine G enerationsgeschichte. Die A usführungen dort über „K ritische Theorie im G enerationen­ verhältnis“ (131 ff.) handeln konventionell vom Lehrer-Schüler-V erhältnis anhand der Diffe­ renzen und D istanzierung von H aberm as und A dorno. - Diese Position w urde auch zusam ­ menfassend vorgetragen von Christian Schneider, N och einm al „G eschichte und P sycho lo ­ gie“. G enerationengeschichte am M odell psychohistorischer Forschung, in: M ittelw eg 36, Bd. 6 (1997) H. 2: 83-92; H . 3: 45-56. U nter P sychohistorie versteht Schneider übrigens eine psychologische bzw. psychoanalytische Interpretation von w issenschaftlichen Kontroversen

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U lric h H e r rm a n n

ziahvissenschaftlichen £r£/är«wg5zusammenhängen (z.B . die Genese der p o liti­ schen O ptionen und des politischen Potentials politischer B ew egungen37, von Protestbew egungen der Jugend, vor allem der „68er“38), in Deutungs7MS2.mm.cnhängen So zial-kulturellen W andels: etw a zur politischen K ultur sowie zu G enera­ tionenbeziehungen, -S p a n n u n g en , -kon flikten 39 und -Segregationen40, zur so zia­ len Dynamik in intergenerationellen A blösungsprozessen41 sowie inzw ischen sogar zum Them a „G lobalisierung“42. - U nberücksichtigt bleiben A bhandlungen und D ifferenzen und nicht, wie in der G eschichtswissenschaft üblich, entw eder die G e­ schichte von M entalitäten, Einstellungen usw. oder die H isto rizität der Strukturen und Be­ deutungen des Psychischen. 37 Zum Beispiel M ich a el LI. Kater, G enerationskonflikt als E ntw icklungsfaktor in der N S-B ew egung vor 1933, in: Geschichte und G esellschaft 11 (1985) 217-243 ;J iirg e n W. Falter, D ie Ju ngm itglieder der N SD A P zw ischen 1925 und 1933. Ein dem ographisches und soziales Profil, in: W olfgan g A. K r a b b e (H rsg.), Politische Jugend in der W eim arer R epublik (D ort­ m under H istorische Studien 7, Bochum 1993) 202-221; A ndreas P etersen , R adikale Jugend. Die sozialistische Jugendbew egung der Schw eiz 1900-1930. R adikalisierungsanalyse und G enerationentheorie (Zürich 2001); im folgenden zitiert: P etersen , R adikale Jugend. 38 Zur 68er-„G eneration“ ist die L iteratur inflationär. G rundlegend sind die M aterialsam m ­ lungen, die von W olfgan g K rau shaa r herausgegeben w urden: Die P rotest-C hronik 1949— 1959. Eine illustrierte Geschichte von Bew egung, W iderstand und U topie (4 Bde., H am burg 1996); F rankfurter Schule und Studentenbew egung. Von der Flaschenpost zum M olotow cocktail 1946-1996 (3 Bde., H am burg 1998). 39 T h e o d o r Litt, Das Verhältnis der G enerationen e h e d e m u n d heute (W iesbaden 1947); M a n fr e d R iedel, W andel des G enerationenproblem s in der modernen Gesellschaft (D üssel­ dorf, Köln 1969); der vorzügliche Band von D ieter D o w e (Hrsg.), Jugendprotest und G ene­ rationenkonflikt in Europa im 20. Jahrhundert. D eutschland, England, Frankreich und Ita­ lien im Vergleich (Bonn 1986). 40 Vgl. M. K e n t J en n in g s , Klaus Allerbeck, L e o p o ld R osen m ayr, G enerations and Fam ilies, in: S a m u e l H. B arnes et al. (H rsg.), P oliticial A ction. M ass P articipation in Five W estern D em ocracies (B everly H ills, London 1979) 449-522; Walter J a id e , Generationen eines Ja h r­ hunderts. W echsel der Jugendgenerationen im Jahrhunderttrend. Zur Sozialgeschichte der Jugend in D eutschland 1871-1985 (O pladen 1988); im folgenden zitiert: J a id e, G enerationen; F en d (wie Anm. 6). - Es gibt auch den Beschreibungsversuch von Heinz B ude, Das A ltern einer G eneration. Die Jahrgänge 1938-1948 (F rankfurt a.M . 1995), nur handelt es sich bei dem w illkürlich en Ensemble von einigen Repräsentanten dieser Jahrgänge, w ie unten zu zei­ gen sein w ird, um keine „G eneration“, und das K apitel „Das Entstehen einer G eneration“ (37ff.) handelt von allem m öglichen, aber nicht d a v o n . 41 D azu im m er noch als jugendsoziologischer K lassiker S h m u e l N. Eisenstadt, Von G enera­ tion zu G eneration. A ltersgruppen und Sozialstru ktu r (zuerst 1956, M ünchen 1966). Zu so zialstrukturellen Aspekten vgl. R o l f B eck er (H rsg.), G enerationen und so zialer W andel. G enerationsdynam ik, G enerationsbeziehungen und D ifferenzierung von G enerationen (O pladen 1997) 42 Zum Beispiel die 68er als einer „w eltw eiten G enerationselite“: B ea teF ietz e, 1968 als S ym ­ bol der ersten globalen G eneration, in: B erliner Jo urnal für Soziologie 7 (1997) 365-387. Der Epocheneinschnitt von 1989 in der (nicht nur) deutschen Geschichte w ird von Claus L e g g e w i e , Die 89er. Porträt einer G eneration (H am burg 1995) zum A usgangspunkt genom ­ men, um eine neue G eneration (der 13- bis 30jährigen) zu beschreiben, die die „Berliner R ep u b lik“ m aßgeblich bestim m en w ird. V gl. auch: ders., „Ihr kom m t nicht m it bei unseren Ä n derun gen !“ D ie 8 9 e r - Generation ohne Eigenschaften?, in: Transit. Europäische Revue 11 (1996) 3—17. Beide Texte von Leggew ie sind keine em pirischen soziologischen bzw. zeit­ geschichtlichen A nalysen, sondern anregende E ssays für das Verstehen zeitgeschichtlicher

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und U ntersuchungen, die von „G eneration“ lediglich im nicht-term inologischen und im nicht historisch-analytischen Sinn sprechen: als pädagogisches Verhältnis von Eltern und K indern i.S. des Erfahrungsabstandes der A lteren von und ihrer V erantw ortung für die Jüngeren43; unter dem A spekt des Zusam m enlebens von A lteren und Jün geren 44 und dabei auch unter sozialpsychologischen A spekten45; „junge G eneration“ als Lebensalter („Jugen d“) und als Sozialisationsphase („Jugen d alter“)46; das K onzept der G eneration als A ltersabstand und seine A u s­ differenzierung in der H istorischen Fam ilienforschung w ird hier ebenfalls ausge­ blendet47. 1) Das Konzept der „ Generation “ „G enerations“-Z ugehörigkeit w urde in der deutschen G eistes- und So zialge­ schichte von zw ei bedeutenden Forschern bei der B eschäftigung m it zw ei k o n ­ trären Phänom enen von „G enerations“-Z ugehörigkeit them atisiert: zuerst von W ilhelm D ilth ey bei der Beschäftigung m it der „D eutschen B ew egung“ - der auf­ fälligen Gleichzeitigkeit der D ichter der K lassik und R om antik - und dann von Karl M annheim bei der A n alyse der Differenzen von Ä lteren und „junger G ene­ ration“ in den 1920er Jahren. Prozesse und H erausforderungen, bevor die Eule der M inerva ihren Flug beginnen kann. Im übrigen können „die“ 13- bis 30jährigen keine „G eneration“ sein oder bilden. 43 Diese pädagogische D enkform geht auf Schleierm achers Pädagogik (1826) zurück. Vgl. J u tta Ecarius (H rsg.), Was w ill die jüngere m it der älteren G eneration? G enerationenbezie­ hungen in der Erziehungswissenschaft (O pladen 1998). D er H aupttitel dieses Buches ist eine U m kehrung der Schleierm acherschen Frage „Was w ill die ältere G eneration mit der jün ge­ ren?“ als der system atischen Ziel- und Zw eckfrage der Pädagogik. Diese U m kehrung findet sich bei B urk h ard K. M ü ller in: Eckart Liebau , Christoph W u lf (H rsg.), G enerationen. Ver­ suche über eine pädagogisch-anthropologische G rundbedingung (W einheim, M ünchen 1996) 304 ff.; in beiden Bänden auch A bhandlungen zu Schleierm acher. - Die pädagogische D iskussion resüm ierend, ansonsten ohne w eiterführenden Belang (w ie der U ntertitel schon andeutet) H a n s-R ü d ig e r M üller , Das G enerationenverhältnis. Ü berlegungen zu einem G rundbegriff der E rziehungsw issenschaft, in: Z eitschrift für Pädagogik 45 (1999) 787-805. 44 M icha Brumlik, G erechtigkeit zwischen den G enerationen (Berlin 1995); Eckart L iebau (H rsg.), Das G enerationenverhältnis. Ü ber das Z usam m enleben in Fam ilie und Gesellschaft (W einheim, M ünchen 1997). 45 H elga M a rga ra te M erker , G enerations-G egensätze. Eine em pirische E rkundungsstudie über die Einstellung Erwachsener zur Jugen d (D arm stadt 1973); Arne Stiksrud, Jugend im G enerationen-K ontext, Sozial- und entw icklungspsychologische Perspektiven (O pladen 1994), bes. 157ff. zu G enerations-K onflikten und -W ahrnehm ungen. 46 F riedh elm N eid h a r d t , Die junge G eneration. Jugend und G esellschaft in der Bundesrepu­ blik (O pladen 31970), zugleich in: Deutsche G esellschaft im W andel (Bd. 2, O pladen 1970) 85-186; vgl. auch Ulf Preuß-Lausitz u .a., K riegskinder, Konsum kinder, K risenkinder. Zur Sozialisationsgeschichte seit dem Zweiten W eltkrieg (W einheim , Basel 21989), w o eine „So­ zialisationsgeschichte in G enerationen“ (S. 11) vorgeschlagen, aber leider nicht w irklich ein ­ gelöst wird. 47 Vgl. die anregende Skizze von T hom as S chu ler , D er G enerationsbegriff und die H isto ri­ sche Fam ilienforschung, in: P eter-Jo h a n n es S ch ü ler (H rsg.), Die Fam ilie als sozialer und historischer Verband (Sigm aringen 1987) 23-41.

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U lr ic h H e r r m a n n

Den A usgangspunkt des m odernen „G enerationen“-K onzepts bilden Ü ber­ legungen W ilhelm D iltheys. Von seinem N ovalis-E ssay von 186548 über seine Basler A n trittsvo rlesun g im Jahre 1867 „Die dichterische und philosophische Be­ w egung in D eutschland 1 7 7 0 - 1 8 0 0 “49 und w eiter zu seiner für die Theorie der m odernen G eisteswissenschaften grundlegenden A bhandlung von 1875 „Ü ber das Studium der G eschichte der W issenschaften vom M enschen, der G esellschaft und dem Staat“50 - der frühesten K onzeption des Program m s einer „K ritik der historischen V ernunft“ in seiner „E inleitung in die G eistesw issenschaften“ von 1883 - bis zu zentralen Passagen in seinem Spätw erk „Der A ufbau der geschicht­ lichen W elt in den G eistesw issenschaften“51 findet sich im m er w ieder das K on­ zept der „G eneration“; denn D ilthey w ar auf der Suche nach analytischen B egrif­ fen und Konzepten für die Z ergliederung der „geistigen W elt“ in die Faktoren und Strukturen ihrer „W irkungszusam m enhänge“, um ein „G erüst des Verlaufs geisti­ ger B ew egungen“ zu gew innen (das m eint „K ritik der historischen V ernunft“): das einzelne M enschenleben, die Lebensalter, die G eneration und von dort w eiter zu einer Strukturgeschichte von „System en der K ultur“ und „System en der äuße­ ren O rgan isatio n “ der G esellschaft52. D ie A bhandlung von 1875 enthält die konzeptionell präzise F orm ulierung: „G eneration ist ... eine Bezeichnung für ein Verhältnis der Gleichzeitigkeit von Individuen', diejenigen, w elche gew isserm aßen nebeneinander em porw uchsen, das heißt ein gem einsam es K indesalter hatten, ein gem einsam es Jünglingsalter, deren Z eitraum m ännlicher Kraft teilw eise zusam m enfiel, bezeichnen w ir als dieselbe G eneration. H ieraus ergibt sich dann die V erknüpfung solcher Personen durch ein tieferes Verhältnis. D iejenigen, w elche in den Jah ren ihrer E m pfänglichkeit d iesel­ ben leitenden E inw irkungen erfahren, m achen zusam m en eine G eneration aus. So gefaßt, bildet eine G eneration einen engeren Kreis von Individuen, welche durch A b h än gigkeit von denselben großen Tatsachen und Veränderungen, w ie sie in dem Z eitalter ihrer E m pfänglichkeit auftraten, trotz der V erschiedenheit hin zutreten ­ der anderer Faktoren zu einem hom ogenen G anzen verbunden sin d.“53 48 N ovalis, zuerst 1865, wiederabgedr. in: ders., Das Erlebnis und die D ichtung (L eipzig 1906, zit. G öttingen 141965) 187-241. 49 Aus dem N achlaß zuerst in: ders., G esam m elte Schriften (Bd. V, L eipzig 1924, zit. S tu tt­ gart, G öttingen 41964) 12-27. 50 Zuerst 1875, w iederabgedr. in: ders., G esam m elte Schriften (Bd. V, L eipzig 1924, zit. Stutt­ gart, G öttingen 41964) 31-73. 31 B erliner A kadem ie-A bhandlungen der Jah re 1905 ff., jetzt in: ders., Gesam melte Schriften (Bd. VII, L eipzig 1927, zit. Stuttgart, G öttingen 21958 u.ö.). 52 Das w ird dann in der „Einleitung in die G eistesw issenschaften“ (zuerst 1883, jetzt in: ders., G esam m elte Schriften, Bd. I, zuerst L eipzig 1883, dann in der W erkausgabe L eipzig 1922, ab 4. A ufl. Stuttgart, G öttingen 1959 u.ö.) begründet und in den Studien zum „Aufbau der geschichtlichen W elt in den G eisteswissenschaften“ (w ie Anm . 51) w eiter differenziert. D ort verw eist D ilth ey in einem A bschnitt „Zeitalter und Epochen“ (S. 177 ff.) - w iederum mit Verweis auf seine N ovalis-A bhandlung - im H in b lick auf geschichtliche K ontinuität, B ew egung und E pochenspezifik auf die zentralen Begriffe „G eneration“, „Z eitalter“ und „Epoche“ (S. 177, Anm . 1). 53 W ie Anm. 50, 35, H ervorhebung von W D . U nm ittelbar anschließend zitiert D ilth ey dann

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D ilthey hat freilich selber auf die Grenzen des m ethodischen Kunstgriffs hinge­ w iesen, „G enerationen“ zu „konstruieren“, w enn sie selber nicht als solche offen­ kundig sind bzw. sich selber nicht als solche verstehen: „Die Form der h isto ri­ schen D arstellung täuscht so Seicht über dieselben [gem eint ist: die G renzen der O perationen zur B estim m ung von „G enerationen“]. Denn sie [die Form der historischen D arstellung] schreitet überall m it der Zeit selber vorw ärts, ableitend, aus U rsachen Folgen entw ickelnd ... Dies Verfahren ist nur ein schöner Schein (sic!) der K unst des G eschichtsschreibers.“54 In seiner N ovalis-A bhandlung hatte D ilth ey form uliert, daß mit einem solchen K onzept und seiner Vorgehensweise die m ethodologische G renze zu beachten sei: „Flierbei ist aber die wahre N atur (sic!) unseres Verfahrens m it den geschichtlichen B edingungen hervorzuheben. W ir lassen näm lich den allergrößten Teil derselben (i.e. der „intellektuellen K ul­ tu r“ und des „um gebenden Lebens“) ganz außer R echnung und behandeln eine begrenzte R eihe (sic!), die w ir aus ihnen aussondern, ohne w eiteres als Totalität (sic!) derselben. Wenn w ir also den A nspruch m achen, sie durch unsere A nalyse darzustellen, so kann schon aus diesem G runde der A nspruch nur auf eine sehr approxim ative (sic!) R ich tigkeit gehen. W ir erklären n ur aus den hervorragend­ sten B edingungen.“55 Von D ilth eys Ü berlegungen ist festzuhalten: (1) das Bedingungsverhältnis der geistigen A ktivitäten des „heranwachsenden G eschlechts“ und der strukturellen B edingungen der Lebensum stände; (2) „G eneration“ ist ein gemeinsam es lebensgeschichtliches „Verhältnis der Gleichzeitigkeit von Individuen“, w odurch sie sich von anderen Zeitgenossen unterscheiden (lassen); (3) eine solche „G eneration“, w enn sie nicht selber als solche in Erscheinung tritt, ist eine Konstruktion des Historikers: er blendet diese „G eneration“ als eine „begrenzte R eih e“ aus der G esam theit der Zeitgenossen bzw. ihrer Kohorten aus. D am it hat D ilth ey „G eneration“ als analytisches Instrum ent und als „D enk­ form “ einer intellectual history folgenreich bestim m t: Es dient ihm dazu, das zeit­ genössisch gleichzeitig Andere sichtbar zu m achen, was dann später (bei Karl M annheim ) Generaxionseinheit innerhalb einer G enerationslagerung und eines Generationszusammenhangs (innerhalb der Lagerung) genannt w urde. Was W il­ helm D ilth ey als system atisch orientierter T heoretiker der G eistes- und K ultur­ geschichte als analytisch-begriffliche Kategorie stringent zu entw ickeln und begründen suchte und andererseits zugleich als auf Differenzierung bedachter GeschichtsSchreiber als Erkenntnis/orw relativierte und überdies unter den Vorbe­ halt der P erspektivität der Geschichtlichkeit stellte - im Lichte der sich auf D ilthey beziehenden L iteratu r übrigens recht erfolgreich56 - , w urde von dem Soziologen die hier zuvor erw ähnte Passage aus der N ovalis-A bhandlung, auf die er selber anm erkungs­ weise hinw eist. 54 Ebd., 38. 55 W ie Anm . 48, 188. 56 Vor allem folgende Schriften w erden im m er w ieder aufgeführt: Ju lius P etersen , Die W esensbestim m ung der deutschen R om antik. Eine E inführung in die m oderne L iteraturw is-

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U lr ic h H e r rm a n n

Karl M annheim am Ende der 20er Jah re in einer ausufernden D ebatte über „G e­ nerationen“ nicht m inder erfolgreich als soziologisches Ordnungsinstrument ein ­ geführt57. M annheim unterscheidet die Genevu'ionslagerung im konkreten räum ­ lich-zeitgeschichtlichen Lebensraum , darin den G enerations Zusammenhang d er­ jenigen annähernd G leichaltrigen, die ein gem einsam er E rfahrungshorizont ver­ bindet, innerhalb dessen sich Generationsezw&ezte« als Erlebnisgem einschaften h erauskristallisieren, die sich historisch als politisch, ku lturell, gesellschaftlich ak ­ tive Gruppen - kollektive Akteure - bem erkbar m achen. Breitsam er hat eine in ter­ essante Studie vorgelegt, in der er M annheim s A n alyse durch quantitative und qualitative D aten unterlegt - hier: kategoriale Ereignisse 1918, 1933, 1945; W irtschaftskrisen; politische O ptionen bei W ahlen - und bestätigt58. Fogt nim m t dieses K onzept als A usgangspunkt für seinen w eiterführenden Versuch, die (Selbst-)K onstitution von politisch aktiven GenerationsezVz^e^ew w ie die „68er“ zu erklären 59. Petersen60 m eint, daß ihm das nicht ganz schlüssig gelungen sei, knüpft seinerseits ebenfalls an M annheim an und fügt dessen A nsatz bedenkens­ w erte D ifferenzierungen hinsichtlich der Formierungsprozesse von G enerations­ einheiten hin zu61. M it dem A ufstieg der em pirischen Sozialforschung m ußte die K ategorie „G e­ n eratio n “ einer „verstehenden (Jugen d -)So zio lo gie“ problem atisch w erden; denn sie eignet sich offensichtlich nicht als quantifizierendes O rdnungsinstrum ent im R ahm en einer em pirischen sozialw issenschaftlichen Jugendforschung, die sich für aktuelle E instellungen und V erhaltensw eisen von Jahrgängen bzw. Jah rgan gs-K o ­ horten interessierte, sei es im Bereich der W ahlforschung und (Jugend-)P olitikberatung, sei es im H in b lick auf größere Zusam m enhänge des Sozialen W andels. D ie D iskussion begann früh in den U SA 62 im Zusam m enhang m it der Erforschung des Verhältnisses von Altersgruppen zueinander. In diesem Zusam m enhang mache senschaft (L eipzig 1926, R eprint H eidelberg 1968), Kap. VI: G eneration, 132-170; ders., Die literarischen G enerationen (Berlin 1930); W ilhelm P in d er, K unstgeschichte nach G eneratio­ nen (L eipzig 1926); ders., Das Problem der G eneration in der Kunstgeschichte Europas (B er­ lin 21928); Eduard Wechssler, Die G eneration als Jugendreihe und ihr Kampf um die D enk­ form (L eipzig 1930). 57 K arl M a n n h e im , Das Problem der G enerationen, in: K ölner Zeitschrift für Soziologie 7 (1928) 157ff., 309ff., w iederabgedr. in: ders., W issenssoziologie, hrsg. von K. EL W olff (Soziol. Texte, Bd. 28, N euw ied, B e rlin 21970) 509-565. - Zu M annheim neuerdings J o a c h i m M atthes, Karl M annheim s „Das Problem der G enerationen“, neu gelesen. G enerationen„G ruppen“ oder „gesellschaftliche Regelung von Z eitlichkeit“ ?, in: Zeitschrift für Soziologie 14 (1985) 363-372; J a n e Pilcher , M annheim s sociology of generations: an undervalued legacy, in: The British Jo urnal of Sociology 45 (1994) 481-495; dies., Age and G eneration in M odern Britain (O xford 1995); vgl. den B eitrag von Jü rgen Z innecker (Siegen) in diesem Band. 58 J o a c h i m Breitsamer, Ein Versuch zum „Problem der G enerationen“, in: Kölner Z eitschrift f. Soziologie u. Sozialpsychologie 28 (1976) 451-478. 59 H e lm u t Fogt, Politische G enerationen. Em pirische Bedeutung und theoretisches M odell (Beiträge zu r sozialw iss. Forschung, 32, O pladen 1982). 60 P etersen , R adikale Jugend. 61 Ebd., 529 ff. 62 R yder, C ohort.

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die R ede von „G eneration“ keinen Sinn - w as ganz richtig beobachtet ist denn in G esellschaften m it zunehm ender D yn am ik des Sozialen W andels sei die Milieuund die /vo/wtewzugehörigkeit w ich tiger als die (w ie auch im m er definierte) G enerationenzugehörigkeit63. Ä hnlich w urd e auch 30 Jah re später im Zusam ­ m enhang der Transform ation der beschreibenden und verstehenden Jugen dso zio ­ logie (vom Schlage Schelskys oder B lüchers) in eine em pirische und erklärende Jugendforschung argum entiert64. E rfolgreiche K ohortenanalysen65 führten einer­ seits zu der Em pfehlung, den Begriff der G eneration im Sprachgebrauch der Soziologie zu m eiden66 - was nicht ohne W iderspruch blieb67 - , andererseits aber auch zu dem interessanten Vorschlag, das K ohortenkonzept zu nutzen, um das G enerationskonzept für die em pirische Sozialforschung operationalisiert nutzbar zu m achen68.

63 Ebd., 853; I r v i n g R osow , W hat is a C ohort and w h y?, in: H um an D evelopom ent 212 (1978) 65-75 zitiert S. 66 Peter B. Bakes (den späteren D irektor am MPI für B ildungsfor­ schung in Berlin) m it der A uffassung, daß aus der Sicht der Sozial- und E ntw icklungspsy­ chologie „available evidence on the role of cohort effects on behavioral developm ent is la r­ gely descriptive; efforts at theoretical-explanatory analysis are rare and at the best prototheoretical“, so daß K ohortenanalysen den H istorikern und Soziologen überlassen w urden. Rosow schlägt vor, daß eine Kohorte als im soziologischen Sinne „m eaningful e n tity“ „(1) con­ sists of people who share a given life experience; (2) this experience is so cially or historically structured, and (3) it occurs in a com mon generational fram ew ork; (4) its effects distinguish one generation from another; and (5) these effects are relatively stable over the life course.“ (67) D am it ist eine p r a g m a tis c h e D efinition gegeben, um nicht von vornherein vor dem ei­ gentlichen Problem der A bgrenzung und D ifferenzierung von Kohorten(-Effekten) zu kap i­ tulieren und die deshalb vor allem für K ohorten-Effekte sen sibilisieren soll; in der geschicht­ lichen und gesellschaftlichen R ealität indes „clear-cut cohort effects do not occur as often as we expect“. (74) 64 Walter H ornstein, Christian Liiders, Das Problem der G enerationen in der Jugen dfo r­ schung heute. A nm erkungen aus pädagogischer Sicht, in: B ildung und E rziehung 38 (1985) 213-230, m it der Em pfehlung, das K onzept der G eneration durch das der „Lebenslage“ bzw. „Problem lage“ zu ersetzen (226). (D ilthey hatte von „Lebenshorizont“ gesprochen.) Das „Lebenslagen“-K onzept w ird zuerst, sow eit ich sehe, in der jugendsoziologischen F o r­ schung von U lrich Planck benutzt (vgl. Anm. 92). D er E m pfehlung von H ornstein/Lüders ist die sozialw issenschaftliche und sozialpädagogische Jugendforschung sehr erfolgreich ge­ folgtVgl. W olfgan g P lum , K ohortenanalyse von U m fragedaten. Zur Identifizierung m öglicher Einflußfaktoren politischen Verhaltens und politischer E instellungen, in: Kölner Zeitschrift f. Soziologie u. Sozialpsychologie 34 (1982) 509-532. 66 G erh a rd S ch m ied , Der soziologische G enerationsbegriff. D arstellung, K ritik und „G ewis­ senserforschung“, in: N eue Sam m lung 24 (1984) 231-244. 67 Vom Vf.: Das Konzept der „G eneration“. Ein Forschungs- und E rklärungsansatz für die Erziehungs- und Bildungssoziologie und die H istorische Bildungsforschung, in: N eue Sammlung 27 (1987) 364-377, wiederabgedr. in: ders. (H rsg.), Ju gen d po litik in der N ach­ kriegszeit (W einheim , M ünchen 1993) 99—117; ders., N eue Wege der Sozialgeschichte. Zur Forschungspraxis der H istorischen Sozialisationsforschung und zur Bedeutung ihrer E rgeb­ nisse für pädagogische T heoriebildung, in: Pädagogische R undschau 38 (1984) 171-187. 68 B ern d B u ch h ofer, J ü r g e n Friedrichs, H artm u t Liidtke, Alter, G enerationsdynam ik und soziale D ifferenzierung. Zur R evision des G enerationsbegriffs als analytisches Konzept, in: Kölner Z eitschrift f. Soziologie u. Sozialpsychologie 22 (1970) 300-334.

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D iese D ebatte w urde von den zeitgeschichtlichen Ereignissen überholt: Seit M itte der 60er Jahre w ar eine internationale Studentenbew egung als eine „neue G eneration“ wahrnehm bar, so w ie D ilth ey es von den R om antikern gesagt hatte, und Lew is S. Feuer gab seiner aktuell-zeitgenössischen., international vergleichen­ den volum inösen Studie den zutreffenden Titel „The C onflict of G enerations. The C haracter and Significance of Student M ovem ents“69. D am it w ar das G enerationen-Them a w ieder auf der T agesordnung und ist es in der (Jugend-)Soziologie so­ w ie der G eschichtsw issenschaft70 auch geblieben. H elm uth Plessner, an den hier erinnert w erden m uß, sollte Recht behalten. Er hatte in seinem bis heute überaus lesensw erten E ssay zu unserem Them a geschrie­ ben71, daß bei der D ebatte über das K onzept der G eneration der D iltheysche A nsatz und dessen eigentliches E rkenntnisinteresse zu w enig beachtet w orden sei (übrigens auch von Karl M annheim ): D ilth ey habe sich für G enerationseinheiten interessiert, w eil es ihm um das E ingrenzen und Verstehen geistiger Bewegungen gegangen sei, und zw ar in der Weise, daß für ihn nicht die A bfolge, sondern die Gleichzeitigkeit dieser Bew egungen der erklärungsbedürftige Sachverhalt sei. U nd Plessner fuhr fort: „Die Einheit der G eneration ersch ein t... als G ruppe dank der A n zieh un gskraft auf M enschen gleichen A lters, die sich dadurch, das heißt durch das, was sie dam als geglaubt und m itgem acht, und w ie sie es m itgem acht ha­ ben, einander verw andt fühlen. ... Ein solcher G enerationsbegriff schließt enger an die soziale W irklich k eit an als der scheinbar unübertreffliche R ealism us der n aturalistischen T h eo retiker72. D er enge A nschluß an den soziokulturellen A spekt bedeutet jedoch, daß die biologische M arke des G eburtsjahrganges ihre B edeu­ tung verliert. Situation wird wichtiger als Generation. A ber auch die Situation ver­ liert an Schärfe der B egrenzung zugunsten der Bindekraft des zündenden Gedan­ kens. D ie Richtung w ird das Bindem ittel und erw eist sich als die eigentliche so zia­ lisierende Kraft. Das B ew ußtsein eines gem einschaftlichen Zieles verdrängt - im konkreten Fall - die G em einsam keit durch gleiches Alter. U nd in dem M aße, in w elchem das Lebensalter von der G em einsam keit der Lebenssituation und diese w iederum von der einer Ü berzeugung in den Schatten gestellt w ird , bildet sich in ­ nerhalb bestim m ter G ruppen eine ,G eneration' im geschichtlich faßbaren Sinn heraus. D ie dem gleichen Jahrgang angehörenden Führer einer Schule, einer B e­ w egung w erden sich ihrer G enerationslage nur bew ußt w erden, w enn sie ihr eine Bedeutung zuschreiben. O hne ein derartiges G enerationsbew ußtsein gibt es also

69 N ew Y ork, London 1969. 70 A ls frühe Beispiele: Alan B. Spitzer, The H istorical Problem of G enerations, in: A m erican H istorical R eview 78 (1973) 1353-1385; Hans J ä g e r , G enerationen in der Geschichte. Ü berlegungen zu einer um strittenen Konzeption, in: Geschichte und G esellschaft 3 (1977) 429-452; im folgenden zitiert: J ä g er , G enerationen. 71 N achw ort zum G enerationenproblem (1949/1966), in: ders., Gesammelte Schriften (Bd. X , F rankfurt a.M . 1985) 107-120. 72 G em eint ist offenbar die O rientierung am „naturalistischen“ Basisdatum „G eburtsjahr­ gang“.

Der u n a u fh a lts a m e A u fstie g um 1940 G eb o re n e r in einer „G en era tio n e n “ -L iic k c

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keine G enerationsbildung m it dem vitalen Akzent, keine G ruppenbildung im Zeichen naturgegebener M om ente.“73 N ach diesem kurzen D urchgang durch die G eschichte des G enerationen-K onzepts sei eine Zusam m enfassung versucht, was im U nterschied zu Jahrgang und Kohorte unter „G eneration“ verstanden w ird bzw. verstanden w erden soll, wenn dieser B egriff für geschichtstheoretische bzw. historiographische Zwecke einiger­ m aßen präzise handhabbar sein soll: (1) Ein Jahrgang ist eine eindeutige zeitliche Z uordnung im A blauf der Ge­ schichte, die Jah rgan gszugeh ö rigkeit ist für jederm ann durch sein G eburtsdatum eindeutig. A us der Jah rgan gszugeh ö rigkeit ergeben sich oft überraschende G e­ m einsam keiten, w ie sich z.B . an den Jah rgan gs-„Sp iegeln “ in der „Frankfurter A llgem einen Z eitung“ seit 1980 für die Jahrgänge seit 1920 ablesen läßt74. 1920-1923 K riegsjahrgänge, sehr dezim iert; guter Start in der N achkriegszeit: die Ü b er­ lebenden waren rechtzeitig zum W iederaufbau w ieder zur Stelle und wuchsen Schritt für Schritt in ihre Funktionen und Positionen hinein; hoher Z uzug aus der SBZ/DDR 1924 der erste „norm ale“ Jah rgan g in der Jahrgangsgeschichte der BRD 1925 auffallend viele A kadem iker in Führungspositionen der W irtschaft und Industrie 1926-1928 F lakhelfer-Jahrgänge75 1928 ein überaus erfolgreicher „Starjahrgang“ 1929 im L iteraturteil der FAZ bezeichnet Frank Schirrm acher die A utoren des Jah r­ gangs 1929 (H einer M üller, G ünter K unert, C hrista W olf, Peter Rühm korff, H ans M agnus Enzensberger, W alter K em pow ski, R einhard Lettau, M ichael Ende, Jü rgen H aberm as u.a.m .) als „die vorläufig letzte hom ogene G enerationsgem einschaft“(l); in w elchem Sinne „hom ogen“, w äre zu prüfen; vielleicht in dem Sinne, daß sie vor der deutsch-deutschen Teilung w enn auch in West und O st, doch noch gem einsam erwachsen w urden 73 Ebd., 116, H ervorhebungen von U H . - Plessner setzt hinzu, daß M annheim diesen M echanism us und diese Konsequenz nicht gesehen habe; und dies stim m t überein m it den w eiterführenden Ü berlegungen bei Petersen , R adikale Jugend. 74 J ü r g e n Eick (W irtschaftsjournalist, seit 1963 M itherausgeber der FAZ) beschrieb in der FAZ die Jahrgänge 1920 bis 1 9 3 0 . 1920: 21. 2. 1 9 8 0 , 1921 : 10. 2. 1 9 81 , 1922: 5. 3. 1982, 1923: 21. 2. 1983, 1924: 29. 2. 1984, 192h 6. 2. 1985, 1926: 6. 2. 1986, 1927: 13. 2. 1 9 8 7 , 1928: 12. 2. 1988, 1929: 31. 1 .1 9 8 9 , 1930: 6. 1. 1990. J ü r g e n J es k e (derzeit M itherausgeber der FAZ) setzte diese Reihe bis zum Jahrgang 1941 m it ausführlichen N am enslisten fort. 1931: 6 .2 . 1991, 1932: 7. 1. 1992, 1933: 16." 1. 1993, 1934: 11. 1. 1994, 193h. 23. 12. 1994, 1936: 23. 12. 1995, 1937: 27. 12. 1996, 1938: 31. 12. 1997, 1939: 30. 12. 1998, 1940: 29. 12. 1999, 1941: 23. 12. 2000. - Da es sich um Führungspersonal aus W irtschaft und Industrie handelt, dienen nur m än n lich e K arrieren zur C harakteristik der Jahrgänge. Erst in den späteren Jahren tauchen auch Frauen aus der Politik auf. Bei den Bem erkungen zu diesen Jahrgängen und den von ihnen gebildeten K ohorten muß dieser Um stand stets beachtet w erden, ebenso der H inw eis von Friederike Flassauer (W ien), daß w eibliche G enerationsbildungen durch die anderen zeitlichen Strukturen w eiblicher Lebensentw ürfe und - V o l l z ü g e (in Ehe, Fam ilie, Beruf, K ar­ riere usw.) zeitlich anders strukturiert sind. 75 R o l f Schörk en, Schülersoldaten - Prägung einer G eneration, in: R o l f D ieter Müller, ElansErich Volkmann (H rsg.), W ehrm acht. M ythos und R ealität (M ünchen 1999) 456-473; ders., Sozialisation inm itten des Zusam m enbruchs. Der K riegseinsatz von 15- und 16-jährigen Schülern bei der deutschen Luftabw ehr (1943-1945), in: D ittm a r D ah lm an n (H rsg.), Kinder und Jugendliche in Krieg und R evolution (K rieg in der G eschichte, Bd. 7, Paderborn 2000), 123-143.

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U lr ic h H e r rm a n n

1930 1931 1932 1933

als Jugendliche einer besonderen „A m erikanisierung“ ausgesetzt „Geboren im Jah r der deutschen B ankenkrise“ „Nach dem Krieg bekam en viele eine C hance“ „In einem Schicksalsjahr geboren: Jah rgan g 1933. M it Sechzig A bschied von der G eneration (!) der ,D om inierenden“1 1931-1933 H öhere Schule und A usbildung in den schlechten N achkriegsjahren und Anfang der 50er Jahre; A ugenzeugen des W irtschaftsw unders; in den 80er Jahren C h an ­ cen durch A blösung früherer Jahrgänge 1934 „Vor neuen H erausforderungen: Jah rgan g 1934. Schlankere U nternehm en b rau­ chen w eniger M anager“; A ufw achsen im geteilten D eutschland und im W irt­ schaftsw under; Rezessionen der 70er und 80er Jahre als berufliche Bedrohungen 1935 „Vor einem neuen Lebensabschnitt: D er Jahrgang 1935. Berufswege zw ischen W irtschaftsw under und Strukturw an d el“; erfolgreiche berufliche Einstiege in den 70er Jahren; in den 90er Jahren im O sten durch den Um bruch und im Westen durch die R ationalisierungsschübe berufliche Abbrüche 1936 „Fünf Lebensjahrzehnte Frieden: Der Jah rgan g 1936. R unde G eburtstage in ei­ ner Zeit neuer H erausforderungen“ 1937 „G eprägt durch die fünfziger Jah re: D er Jahrgang 1937. Lebenswege, die in einer Zeit beispiellosen W achstum s begonnen haben“ 1938 „Und läuft und läuft und läuft: Jah rgan g 1938. N ur in W estdeutschland eine Jugend in der B lütezeit des W irtschaftsw unders“ 1939 „Zeitzeugen eines zu Ende gehenden Jahrhunderts: Jahrgang 1939. Lebensläufe m it einer K indheit im Krieg und einem A lter im Frieden“ 1940 „Ein dritter Lebensabschnitt im 21. Jahrhundert: Der Jahrgang 1940. L ebens­ läufe mit m ehr als fünfzig Jahren F rieden“ 1941 „Zeitzeugen tiefgreifender U m w älzungen: der Jahrgang 1941. Lebensläufe z w i­ schen der Z erstörung und der friedlichen E inigung E uropas“

(2) Benachbarte Jahrgänge lassen sich zu Kohorten gruppieren. M ehr noch: Inner­ halb der benachbarten Jahrgänge lassen sich unterschiedliche Kohorten bilden: K ohorten der G eburtsjahrgänge, der Schulabschlüsse (in den verschiedenen Schulform en), der B erufsausbildungsw ege, des E intritts ins Berufsleben, der E rst­ w ähler, in ländlichen oder städtischen M ilieus, m ännlich/weiblich usw. D er A n ge­ hörige eines Jahrgangs kann also mehreren K ohorten angehören, jew eils bezogen auf die F ragestellung, zu deren B eantw ortung in der em pirischen Sozialforschung eine K ohorte gebildet w orden ist. (3) Eine Generation hingegen ist eine G ruppe oder „G em einschaft“, die sich durch gem einsam e Ü berzeugungen und „vitale A kzen te“ auszeichnet, verbunden vornehm lich nicht durch gem einsam e L ebenserfahrungen (die teilt sie m it un zäh ­ ligen anderen Zeitgenossen), sondern durch daraus gewonnene Lebensformen und Lebensstile (F labitus, „P rägnanzbildung“76), durch „Lebenshorizonte“ und ein bestim m tes „Verhältnis von G leich zeitigk eit“, das auch altersunabhängig sein kann (G leichzeitigkeit als solche ko n stituiert nur Jahrgänge oder K ohorten). Insofern ist die R edew eise z .B . von der F lakhelfer-„G eneration“ nicht ko rrekt, es sei denn, diese Jahrgänge zeigen als K ohorte Verhaltens- und Einstellungseffekte, die sie von anderen signifikant unterscheiden77, so daß man sie im Sinne von D iltheys „Prägungshypothese“ als G eneration bezeichnen kann. 76 H inw eis von L utz N ietham m er (Jena) im A nschluß an Karl M annheim . 77 In Schelskys „skeptischer G eneration“ finden sich natürlich viele Flakhelfer. Die klassi-

D er un a u fh a ltsa m e A u fstie g um 1940 G eb ore ne r in einer „G en era tio n e n “- L ü c k e

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M it anderen W orten: Eine „G eneration“ ist eine G ruppe von M enschen, die sich durch eine für sie spezifische kollektive Identität auszeichnet und sich durch diese m iteinander bedeutungsvoll verbunden w eiß 78. D iesen Sachverhalt bezeich­ net der B egriff „G enerationalität“. Eine „G eneration“ bildet also - in den W orten von Karl M annheim - aufgrund gem einsam er Generations/rtgerawg, in jedem Fall aber innerhalb eines GenentAomzusammenhangs eine G enerationseinheit. In der Regel benötigen solche G ruppen, Bew egungen, G enerationen „Führer“ (die in der R egel etw as älter sind) und machen sich so zial, politisch, kulturell bem erkbar als kollektive A kteure. „G eneration“ m eint also nicht im um gangssprachlichen Verständnis Kltersabstand, A ltersgruppen Zugehörigkeit oder Verhältnis von A ltersgruppen, sondern eine „G em einschaft“, verbunden durch spezifische gelebte W erte und Ziele. Dies macht darauf aufm erksam , daß - ähnlich w ie bei den Kohorten - die Form ierung von „G enerationen“ unterschiedliche A nlässe und K onkretisierungen und dam it unterschiedliche Funktionen haben kann. D eshalb können „G enerationen“ z.B . als „Schicksalsgem einschaften“ nur w enige Jah r­ gänge um fassen (die „Flakhelfer“-, die „skeptische G eneration“) oder als „Be­ w egun g“ M enschen ganz unterschiedlicher Lebensalter m iteinander verbinden (die „G rünen“), sie können in Zeiten von geschichtlicher K ontinuität nur ge­ legentlich hervortreten und für Zeiten von B eschleunigung und zunehm ender D ynam ik in V erbindung m it besonderen E reignissen für kurze Intervalle kon­ struiert w erden, w ie dies für die Jugen d-„G en eratio n en “ vor dem Ersten W elt­ krieg geschehen ist79. sehe Studie für die A n alyse der L angzeitw irkungen generationsspezifischer Erfahrungen ist G len FL Elder, C hildren of the G reat Depression. Social C hange in Life Experience (Chicago 1974, Boulder 251999). 7S Kirstin Platt, M ihran D a b a g (H rsg.), Generation und Gedächtnis. E rinnerungen und k o l­ lektive Identität (O pladen 1996). 79 Vgl. Wilhelm Flitner , Die junge G eneration im Volke (zuerst 1928), wiederabgedr. in: ders., R eform pädagogik und Jugendbew egung (G esam m elte Schriften, Bd. 4, hrsg. von Ulrich H errm ann , Paderborn 1987) 243-261. Flitner unterschied Jugend-„G enerationen“ nach ih ­ rer „inneren L age“ zu den prägenden Ereignissen ihrer form ativen Lebensphase: (1) die um 1890 Geborenen, die Träger der Jugendbew egung, geprägt vom Geiste N ietzsches und der N eu-R om antik; (2) die um 1895 G eborenen, deren „geistiges E rw achen“ in die K riegsjahre hei, mit entsprechenden O rientierungs- und E inm ündungsproblem en unm ittelbar nach dem Krieg; (3) die zw ischen 1896 und 1904 Geborenen, in deren Jugendzeit noch der Krieg und die dem oralisierende N achkriegszeit (bis um 1925) fiel; (4) die G ruppe der zw ischen 1905 und 1912 G eborenen, deren Jugend und form ative Lebensphase zusam m enfiel m it dem Untergang der R epu blik und dem A ufstieg des N ationalsozialism us. Flitner selber w ar 1889 geboren w orden und lag seiner H erkunft nach v o r diesen G enerationen (dazu ders., A uto­ biographie: E rinnerungen 1889-1945 [G esam m elte Schriften, Bd. 11, Paderborn 1986); er betrachtete die Abfolge seiner „G enerationen“ aus dem B lickw inkel ihrer „Lagerung“ in der N achkriegszeit. Eine andere geläufige Trennlinie ist auch der Jahrgang 1902, der letzte, der noch regulär zum K riegsdienst herangezogen w urde. Vgl. Ernst Glaeser, Jahrgang 1902 (Potsdam 1928). - Eine ähnliche A bgrenzung von G enerationen geht auf E duard Spranger zurück: „die“ V orkriegsgeneration, die um 1900 im A lter von 20 halbw egs erwachsen war; die Generation der Jugendbew egung; die hündische Jugen d; Jugend im N ationalsozialism us; Jugend nach 1945, in: Eduard Spranger, Fünf Jugendgenerationen 1900-1949, in: ders.,

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2) Typologie und Funktionen des „ G enerations“-Konzepts

D ilth ey sah die „G eneration“ der R om antiker in der A bhebung von Am gleichzei­ tig lebenden und w irkenden D ichtern und Philosophen der K lassik. Petersen ana­ lysiert ein bestim m tes politisch radikalisiertes Segment der sozialistischen Ju gen d ­ bew egung in der Schw eiz. Fogt rekonstruiert die GenerationsezV?/?e/f der „68er“. H ier sei - nicht zuletzt aufgrund der A nregungen bei der hier dokum entierten K onferenz - der Versuch gem acht, Typen und F unktionen in einer gew issen S y ­ stem atik vorzustellen. Typen von „G enerationen“ ergeben sich (a) aus der Perspektive ihrer Prägung oder ihrer Konstruktion: geprägt durch das K riegserlebnis, die N ähe des Todes, E ltern- und H eim atlosigkeit, allgem ei­ ner: durch existentielle unauslöschliche E rfahrungen80; als Selbstbeschreibung („D as junge D eutschland“), als Selbst- und F rem dzuschreibung („die 68er“), als retrospektive soziologische R eko n struktio n (die „skeptische G eneration“). D abei kann (b) durch die K onstruktion von Idealtypen („P rotestgeneration“) oder durch phänomenologische Deskription („B eat-G eneration“) oder durch „dichte Be­ schreibung“ von,, Gestalten“ („der W andervogel“) vorgegangen werden. Des w ei­ teren können (c) Lebensentwürfe und -erwartungen sow ie die A bfolge der A ltersgen eratio ­ nen im K ontext So zial-kulturellen W andels unterschiedliche G enerationen^ez/ehungen form ulieren: K ontinuität und D isko n tin uität, Innovation (D ynam ik) und T raditionalität (B eharrung), Spannungen und K onflikte81; das Problem der G enerationsvertrüge und der gegenseitigen Solidarleistungen82. D araus ergeben sich unterschiedliche Funktionen unterschiedlicher „G enerations“-K onzepte. „G enerationen" können G ruppen und G em einschaften sein fürspezifische

Pädagogische Perspektiven (H eidelberg 1951) 25 -5 6 ; Spranger beschreibt offensichtlich Gen e n t i o n s l a g e n i n g e n . - Jürgen Z innecker (Siegen) w ies auf die D ifferenzierung von Alters-, K o h o r t e n - und frag n w effek ten hin. 80 Bernd G iesen (K onstanz) hat darauf hingew iesen (vgl. seinen Beitrag in diesem Band), daß es sich dabei dann um Erfahrungen handelt, die in der Regel nicht m it den D eutungsm ustern der älteren oder einer anderen G eneration b ew ältigt w erden können. 81 W obei zu beachten ist, daß „G enerationsgenossen“ sich auch auf ein gem einsames in sich G e gen sä tz lich es beziehen können (Lutz N ietham m er m it H inw eis auf M annheim ): die Ju gendbew egung vor dem Ersten W eltkrieg w ar z .B . eine „rückw ärtsgew andte M o d ern isie­ rung". 82 Diesem Sachverhalt gelten die A rbeiten des K onstanzer Soziologen Kurt Lüscher (und seiner A rbeitsgruppe): G enerationenbeziehungen sind historisch zunächst und vor allem ju ristisch e Beziehungen (Erbrecht), in denen zugleich soziale und ökonom ische M achtposi­ tionen definiert und w eitergegeben oder vorenthalten w erden. K u rt Lüscher, Franz Schult­ heis (H rsg.), G enerationenbeziehungen in „postm odernen“ G esellschaften (Konstanzer B ei­ träge zu r sozialw iss. Forschung, Bd. 7, Konstanz 1993). - Vgl. dazu den Beitrag von Gerd H ardach (M arburg) in diesem Band.

D er u n a u fh a ltsa m e A ufstieg u m 1940 G eb ore ne r ln einer „ G en era tio n e n “- L ü c k e

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(a) Kommunikations- und Verständigungsprozesse-, die G ruppierungen der Ju ­ gendbew egung und der hündischen Zeit, K ünstlerkolonien und ihre Sezessionen, W issenschaftler-G ruppen bei Paradigm en-W echseln, nachrückende P o litikergruppen (die G eneration der „E nkel“ Konrad A denauers), die „G olf-G eneration“ der Yuppies, unterschiedliche „M edien-G enerationen“; (b) Deutungs- und Erinnerungsarbeit: V ereinigungen zur T raditionspflege, darin der insofern gar nicht kuriose Fall der nachträglichen Selbstzuschreibung zu den „68ern“; V ersuche, „Ptegem onial-Tendenzen“ und dam it sich selber als G ruppe bzw. G em einschaft durchzusetzen83; (c) Aktions- und Wirkungsiormen: die W eiße R ose, „die Studentenbew egung“ 1967ff.; diese G ruppen und G em einschaften bilden „Problem gem einschaften“ oder auch „Problem/öswwgsgemeinschaften“ (in der SBZ/DDR z.B . die FD J„A ufbaugeneration“). Für diese unterschiedlichen „G enerationen“ gibt es unterschiedliche „Binde­ kräfte“ und „B indem ittel“ (Plessner), und diese sind es, m it deren H ilfe w ir „G e­ sellschaft“ als ku lturellen , politischen, ökonom ischen, sozialpsychologischen „W irkungszusam m enhang“ von G ruppen und sozialen Form ationen entziffern und „lesen“. W enn w ir daher m it den entsprechenden inhaltlich „gefüllten“ G ene­ rationenbegriffen die „W irkungszusam m enhänge“ der geistigen und sozialen Welt entziffern (D ilth ey), erzeugen w ir geistes-, kultur- und sozialw issenschaftli­ ches D eutungsw issen und so zial-k ultu relle O rdnungsm uster für Vergangenheiten und G egenw arten. G eschichte in „G enerationen“ zu denken ist zw ar kein geeig­ netes M ittel der Periodisierung84, w ohl aber ein überaus ergiebiger A nsatz einer „erw eiterten Sozialgeschichte“85. 3) Die „ Generation der Unbefangenen“ - keine „ Generation“ Ein B lick auf die Jah rgan gsch arakteristika hat G ruppierungen von Kohorten ge­ zeigt, und von do rt haben w ir w eiter zu fragen, ob es sich dabei um Ü bergänge zu Generations Zusammenhängen oder gar Generationene/w^eife« (den „G eneratio­ nen“ i.e.S.) handeln könnte. A uffallend ist, daß über m anche Jahrgänge i.S. ihrer G enerationslagerung nichts besonderes zu sagen ist, sondern nur dies: A ngehö­ rige bestim m ter Jahrgänge hatten durch die G unst (oder U ngunst) der U m stände besondere C hancen oder V ersagungen. D er „leergeschossene“ Jah rgan g 1922 hatte optim ale universitäre Chancen, spätestens seit der V ervielfachung der L eh r­ stühle im G efolge des „Blauen G utachtens“ des W issenschaftsrats (1960), w o ­ durch seit der M itte der 80er Jahre ein „G enerationsw echsel“ in vielen akadem i­ schen D isziplinen eintreten mußte, m it den entsprechenden Chancen für den So die Form ulierung von U lrich H erbert (Freiburg). Dies ist die uns inzw ischen w ohlver­ traute Strategie, „Themen zu besetzen" und den „D iskurs“ zu instrum entieren und zu in ­ strum entalisieren. Diesem Them a w idm et sich der SFB „E rinnerungskultur“ der U niversität Gießen. 84 Jä ger, G enerationen, 451. 85 Ebd., 450.

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N achw uchs der übernächsten G eneration. O der: W er 1924/25 geboren w orden und 20 Jah re später durch A usb ildun g und Studium in gute Startpositionen g e­ kom m en w ar, fand sich 40 Jahre später in Spitzenpositionen. D er „Starjahrgang“ 1928 (FAZ) in der W irtschaft w uchs seit 1948 nach der W ährungsreform in das W irtschaftsw under hinein. D ie L agerung der K ohorte um 1939 (die „38/42er“86) läßt sich in folgender Weise skizzieren , w enn (w ie oben betont) ein Ausschnitt aus den G eburtsjahrgängen betrachtet w ird, der als männlich/westdeutsch/mittelständischer bzw. bildungs-iwirtschaftsbürgerlicher Herkunft, vorw iegend städtisch, w eiterführende Schulbildung beschrieben w erden kann. D ie B ildung einer K ohorte m it diesen M ilieum erkm alen als G enerations Zusammenhang ergibt sich aus folgenden Ü b er­ legungen: W er 1937 geboren w urde, gehörte bei der E inführung der W ehrpflicht zu den sog. „w eißen Jah rgän gen “ und w ar M itte/Ende der 50er Jahre m itten im „W irtschaftsw under“-A ufschw ung. W er 1943 geboren w urde, w ar bei der W äh ­ rungsreform erst 5 Jahre alt und kannte in seiner späteren K indheit und Jugend n ur das W irtschaftsw under und hat auch keine Ju gen darb eitslo sigkeit m ehr erlebt. A n den U niversitäten konnte er noch m itten im Studium von der Ereignissen 1966 ff. betroffen w erden. W enn hier die K ohorte 1938/42 als G enerationsz«.M wmenhang vorgeschlagen w ird, bedeutet das natürlich nicht, daß sich auch A n ge­ hörige w eiterer benachbarter Jahrgänge darin w iedererkennen können. Jürgen R eulecke hat sich m it diesen Jahrgängen der „unbefangenen G enera­ tio n “ schon einm al in durchaus autobiographischer A bsicht beschäftigt87 und ist dabei zu einem Ergebnis gekom m en, das er nochm als überprüft sehen w ollte: „Die um 1940 G eborenen stehen irgendw ie ,ungenau' zw ischen der profilierteren ,skeptischen G eneration1 und der noch profilierteren ,68er-G eneration‘; sie ver­ einigen verm utlich von beiden G enerationsprofilen etwas in sich, und deshalb m ögen sie vielleicht so etwas w ie eine B rückengeneration sein, deren Lebens­ them a w ed er das unkritische Erhalten und B ew ahren noch das radikale Ä ndernund V erbessernw oüen ist, sondern das nachdrückliche Reform ieren m it A ugen ­ m aß.“88 Ist diese Selbstzuschreibung zutreffend? 86 Eine K ohortenbildung 1939-1948 (Blücher) erscheint m ir problem atisch. Jene von Bude (1938-1948) (w ie Anm . 40) - und diese auch noch in t o to als „68er“ zu bezeichnen - ist auch dann n ich t begründet, w enn die Interview s einiger Protagonisten kom biniert w erden; und die Kohorten in schem atischen Dekaden ab 1945 J a i d e , G enerationen) liegen quer zu allen historisch w ichtigen Kontexten und Ereignissen. Sow ohl der m a in strea m der Kohorten in­ nerhalb der Generations/<;!ge? «n g und des G e n er sx io m z u sa m m e n h a n g s als auch die Generat io n s e in h e it e n von „68ern“ lassen sich (m it der Zustim m ung von W olfgang K raushaar) mit den entsprechenden R andstreifen zu jew eils 5 Jahrgängen gruppieren (1937/8-1941/2, 1939/ 40-1944/5, 1944/5-1950; letztere vor allem M itläufer). K raushaar bezeichnet die „68er“ de­ zidiert n i c h t als G eneration, was m.E. aber im L ichte der oben skizzierten F unktionstypen von „G enerationen“ durchaus möglich ist. 87 J ü r g e n R eu leck e, W aren w ir so? Z w anzigjährige um 1960: Ein B eitrag zur „Ich-A rchäologie“, in: Petra G ötte, W olfgang Gippert (H rsg.), H istorische Pädagogik am Beginn des 21. Jahrhunderts. Bilanzen und Perspektiven (Essen 2000) 169-180. 8S Ebd., 180.

D er un a ufh a ltsa m e A u fstie g u m 1940 G eb ore ne r in einer „G en era tio n e n “- L ü c k e

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Zunächst ist ein B lick auf Ereignisse und auf ko llektiv-biographisch m ilieubzw. zeitgeschichtsrelevante D aten angezeigt89. Eine Chronik fü r die Geburtsjahrgänge 1938, 1939, 1940 fü r das Segment „westdeutsch, männlich, Bildungsbürgertum/Mittelstand, weiterführende Schul­ bildung “90 9 bis 1945 Kriegszeit frühe K indheit, die vollständig in die K riegszeit fällt, in der R egel vaterlos aufge­ w achsen, starke M utterbindung, H alb- und V ollw aisen; Erfahrungen des Krieges gegen die Z ivilbevölkerung, Erlebnis des K riegsendes; Ende einer Fam ilien-K indheit unter A usnahm ebedingungen; der Jahrgang 1938 w ird zum Teil noch einge­ schult (Ende 1944 bis 1945/46 unterbrochen); für die nächsten Jah re unterschied­ liche A usgangsbedingungen: - ausgebom bt ja/nein (W ohnung, städtische Infrastruktur, im Westen 2,5 M io. W ohnungen zerstört) - um gezogen ja/nein - vertrieben ja/nein91 - G roß-/M ittel-/K leinstadt, D orf92 - soziale Schichtzugehörigkeit - m ännlich/w eiblich * 1945/46-1950 unmittelbare Nachkriegszeit, Wiederaufbau und Westintegration Einschulung m it überfüllten Klassen, A bsolvierung der G rundschul-K indheit, zum eist m angelhafte G rundversorgung; anspruchslose, aber relativ stabile L e­ bens- und Schulerfahrungen, große Spielräum e und un ko n trollierte „Spielräum e“ auf Straßen und (T rüm m er-)G rundstiicken93 D eutschland un ter 4-M ächte-V erw altung, E rrichtung der Länder, M arshall-Plan, Einbeziehung D eutschlands in den W iederaufbau Europas (von der SU für die SBZ abgelehnt), W ährungsreform , G rundgesetz und „Soziale M arktw irtsch aft“, 89 So auch J a i d e , G enerationen, 25-35, 245-249. Jaide beschreibt und vergleicht für die Zeit­ räume 1871-1914/18, 1919-1933, 1933-1945 und dann in D ekaden 1945-1955 keine „Gene­ rationen", sondern (w ie er selber sagt) die „Lagerungen“ von Kohorten (299). 90 M an kann auch innerhalb dieser Generations/<*ger«ng andere Segmente bilden. Es müssen im m er bestim m te G enerations Zusam m enhänge gebildet w erden, ohne die es keine G enerations einheiten und keine ,,-lü c k e n “ geben kann. 91 Flüchtling zu sein, machte in der unm ittelbaren N achkriegszeit eine enorm e Differenz. Vgl. Volker A ckermann, Deutsche F lüchtlingskinder nach 1945, in: D ittm a r D ahlm an n (H rsg.), Kinder und Jugendliche in Krieg und R evolution (K rieg in der Geschichte, Bd. 7, Paderborn 2000) 145-167; Klaus N a u m ann (H rsg.), N achkrieg in D eutschland (H am burg 2001).

92 Das ganz andere Profil der zeitgenössischen Landjugend zeigt Ulrich Planck, Landjugend im sozialen W andel. Ergebnisse einer Trenduntersuchung über die Lebenslage der w estdeut­ schen Landjugend (M ünchen 1970). 93 R o la n d G röschel, M ich a el Schm idt, Trüm m erkids und G ruppenstunde. Zwischen R om an­ tik und Politik: Jugend und Jugendverbandsarbeit in Berlin im ersten N achkriegsjahrzehnt, hrsg. vom L andesjugendring Berlin (Berlin 1990).

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A denauer 1. B undeskanzler, H euss 1. B undespräsident, 1950 Ende der Lebens­ m ittelrationierung 1949 von ca. 5,5 M io. deutschen Schulkindern sind 52% nicht bei beiden E ltern­ teilen (täglicher Suchdienst im R adio, 1950 noch 1,5 M io. Verm ißte) 1950 in W estdeutschland leben ca. 1 M io. W itw en und 1,3 M io. W aisen, davon 1,25 M io. vaterlos, 30000 V ollw aisen Ende der G rundschule, Ü bergang auf w eiterführende Schulen (nur ca. 5% dieser Jahrgänge kom m en zum A bitur) * 1950-1955/56 frühe Jugend: Beginn der Ara Adenauer, „ 'Wirtschaftswunder “ „W irtschaftsw under“ (Index BRD 1950 = 100) 1951 118 118 131 114 108 113 D M

In dustrie-P roduktio n insgesam t G rundstoff-Produktion Investitionsgüter-Produktion V erbrauchsgiiter-P roduktion Lebenshaltungskosten durchschnittl. Bruttoverdienst/W oche

1955 178 174 233 162 110 144 D M

Einkom m en P rivathaushalte BRD (in M rd. D M ) 1951 1950 1951

67,8

1954

88,6

1956

108,4

K rieg in Indochina und Korea, C hina besetzt Tibet (bis heute) w estliche A lliierte beenden K riegszustand m it der B RD , Verhandlungen über w estdeutsche W iederbew affnung, Suez-K rise 1952 M ontan -U n io n , Lastenausgleichs-G esetz, de-facto-B eendigung der Ver­ folgung von N S-V erbrechern, V erschärfung der deutschen Teilung, Flucht­ w ellen aus der D D R, deutsch-israelisches W iedergutm achungsabkom m en 1953 Londoner Schuldenabkom m en, 2. K abinett Adenauer, 17. Ju n i (F luch tw el­ len), Stalins Tod 1954 B erliner D eutschland-K onferenz der Siegerm ächte ohne Ergebnis, B eendi­ gung des B esatzungsregim es, Pariser Verträge (Saar-R egelung), Ende des Indochina-K riegs, B eginn des A lgerien-K riegs 1955 Souveränität der BRD , A denauer in M oskau, atom are A ufrüstung (H Bombe) 1956 W ehrpflicht, G ründung der B undesw ehr, X X . Parteitag der K PdSU, U n ­ garn-A ufstand, KPD -Verbot neues Sp ielzeug, L ieblingsautoren von M ädchen: Sp yri, D efoe, U ry, K ästner; von Jungen: K arl M ay, D efoe, Löns, Twain, K ästner; Schulfunk, erste Fernsehpro­ gram m e (1952 des N W D R ), neue K onsum güter, erste Ferienreisen die individuelle E ntw icklung vo llzieh t sich in Ü bereinstim m ung m it den w ah r­ nehm baren fam ilialen und sozialen Lebensform en („angepaßtes Verhalten“); z u ­ gleich eingestellt auf und gefördert hin zu Selbständigkeit; die eigenen Jah rgan gs­ gem einschaften der G ym nasiasten leben ohne eigene m arkante Codes oder er­ kennbare (Selbst-)Identifikationssystem e

D er un a u fh a ltsa m e A u fs tie g u m 1940 G eb ore ne r in einer „G en era tio n e n “ - L ü c k e

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die nächst ältere H albgeneration (G eschw ister) ist im A rbeitsleben verschw un­ den; die G eneration der Eltern und L ehrer bietet kaum A nlässe für (politische) K onfrontation oder D istanzierung; w enig w ahrnehm bare Indoktrination, gepaart m it P olitikferne; eine sich konsolidierende D em okratie m it heftigen Parlam ents­ debatten ist die einzige und dam it „norm ale“ Politikerfahrung 1955 (bis 1958) „H alb starke“: Jugen d kraw alle der ab 1940 geborenen A rb eiterju­ gendlichen94 (Z innecker: ein anderer G enerations Zusammenhang im Vergleich zu den Protagonisten der ’68er95) 9 1955/56-1960/61 Ende der (verlängerten) Jugend- und Schulzeit (Gymnasium, Abitur) Schul- und Jugen d zeit fällt kom plett in die Zeit des „W irtschaftsw unders“ und die konsolidierte Ä ra A denauer Stabilisierung der äußeren Verhältnisse durch die politische und w irtschaftliche K onsolidierung W esteuropas sowie durch die B erliner M auer nach O sten (K alter K rieg als Stabilisierung), „Kampf dem A to m to d“ und O sterm arsch-B ew egungen (der Jahrgänge um 1928) 1957 3. K abinett A denauer, „G öttinger A p p ell“ gegen die A tom rüstung der B undesw ehr 1958 B eginn der B erlin-K rise, De G aulle beendet die 4. R epublik, deutsch-fran­ zösische A ussöhnung 1959 G odesberger Program m der SPD, W illy B randt B ürgerm eister von Berlin, G em einsam er M arkt, Vollbeschäftigung (w eniger A rbeitslose als offene Stellen), K oexistenz-P olitik der G roßm ächte, Fidel C astro siegt auf C uba 1960 A lgerien-K rise, U lb rich t Staatsratsvorsitzender, 200000 F lüchtlinge aus der D D R (davon 49% unter 25 Jahre) 1961 im Ju n i 30000 D D R -F lüchtlinge, bis Septem ber 196000; am 13. 8. Bau der B erliner M auer, 4. K abinett A denauer A uslandsferienreisen, Führerschein; „Twen" erscheint 1958 (die A biturienten fühlten sich nicht als Twens, und die gleichaltrigen M ädchen trugen auch keine Petticoats m ehr); feste Partnerschaften (in der R egel durch das gem einsam e G ym ­ nasium oder in engen lokalen Freundes- und V ereinszirkeln); kaum politische B indungen oder Engagem ents, kirchliche bzw. religiöse B indungen; selbstbe­ w ußte pragm atisch-optim istische G rundeinstellungen ohne nennensw erte K on­ flikterfahrungen Beendigung der w eiterführenden Schulen, offene Studien- und A usbildungsm ög­ lichkeiten (F örderung nach dem „H onnefer M odell" seit 1957), offene A rbeits-

V4 G ü n th er Kaiser , R andalierende Jugend. Eine soziologische und krim inologische Studie über die sogenannten „H albstarken" (H eidelberg 1959). 93 So sein Beitrag: „H albstarke“ - die andere Seite der 68er-G eneration, in: Ulrich H errm a n n (H rsg.), Protestierende Jugend. Jugendopposition und politischer Protest in der deutschen N achkriegsgeschichte (W einheim, M ünchen 2002) 461-485.

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U lr ic h H e r rm a n n

m arkte, offene Lebenschancen; W ehrdienst, Studienbeginn (völlig überfüllte U ni­ versitäten in A ltbauten mit w enigen Professoren) • 1960/61-1968 Berufsausbildung und Studium, Eintritt ins Berufsleben, Ende der Ära Adenauer, Ende des „ Wirtschaftswunders“ 1962 1963 1964 1965

1966

„Spiegel“-A ffäre, 5. K abinett A denauer R ü cktritt A denauers, Erhard w ird B undeskanzler, A uschw itz-P rozeß in Frankfurt a.M . (bis 1965), K ennedy w ird erm ordet 1. W irtschaftskrise, V ietnam -K rieg, A nfänge der A P O 95 Georg Picht: „Die deutsche B ildungskatastrophe“; Beginn der B ildungs­ expansion und der G esam tschulversuche, D em onstrationen gegen den B il­ dungsnotstand, U niversität Bochum w ird eröffnet; 2. K abinett Erhard G roße K oalition (K iesinger/Brandt), V ietnam kongreß in Berlin, RassenU nruhen in den U SA , „K ulturrevolution“ in C h in a, (bildungs-)politische K onflikte an den U niversitäten, B eginn der U ntersuchungen zur „braunen U n iversität“; Eröffnung m ehrerer U niversitätsneugründungen

Von Friedeburg u .a .97 erm ittelten das politische Potential der Studierenden der FU Berlin: dem okratisch 26% (davon definitiv 13% , tendenziell 13% ) un p ro filiert 62% (dav on eh er demokratisch 13% , ganz unprofiliert 19% , disparat 10% , eher autoritär 20% ) auto ritär 12% (davon tendenziell 6% , definitiv 6% ) 1967 ff. B eginn Studenten- und Schülerbew egung, N ullw achstum des B rutto so ­ zialprodukts: Ende des „W irtschaftsw unders“ 1967 Tod A denauers, Benno O hnesorg w ird bei den A nti-Schah-D em onstrationen in B erlin erschossen 1968 N otstands Verfassung, A ttentat auf R udi D utschke, w eltw eit Studenten­ unruhen, B eginn der inneren H ochschulreform ; Intervention der U dSSR in der C SSR Ende des Studium s, E intritt ins Berufsleben; kaum Politisierung im Vorfeld von 1968, w enig direktes (partei-)politisches E ngagem ent nach 1968; O rientierung an den individuellen Lebensentw ürfen, frühe E heschließungen; beruflicher A ufstieg im K ontext der gesam t-gesellschaftlichen Liberalisierungstendenzen, Funktionen in m ittleren und Führungspositionen: pflichtbew ußt, pragm atisch, kreativ, w enig hierarchiebetont; Leben in F am ilien- und Freundeskreisen, Kinder- und Ju g en d ­

96 Zu den Protesten im Vorfeld der E reignisse von 1967/68 vgl. die D okum entationen von

K ra u shaa r (w ie Anm. 38) und H e r r m a n n , Protestierende Jugen d, dort die Beiträge der A b ­ teilung „Gegen die R em ilitarisierung und „Kampf dem A to m to d !“ 97 L u d w ig v o n F r ied e b u rg u.a., Freie U niversität und politisches Potential der Studenten. U ber die E ntw icklung des B erliner M odells und den A nfang der Studentenbew egung in D eutschland (Soziologische Texte 57, N euw ied, B erlin 1968).

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leben der eigenen Kinder, Sicherung des Lebensstandards auf W ohlstands-N i­ veau98. M it dem E intritt in ihr viertes Lebensjahrzehnt können w ir die zeitgeschichtli­ chen U m stände der „38/42er“ verlassen. 1969 hatte der A rbeitsm arkt 860000 of­ fene Stellen bei 1,5 M io. G astarbeitern. Die private berufliche E tablierung erfolgte ohne Schw ierigkeiten, trotz nachfolgender W irtschaftskrise. P o litik w ar und blieb N ebensache, in p räziser Differenz zu denen, bei denen die Ereignisse um 1968, die B ew egung der G rünen, die Friedensbew egung und die N achrüstungsdebatte eine Politisierung b ew irkt hatten. 4) Die „ Unbefangenen“ und die „unauffällig Integrierten“ in der Generationen-,, Lücke“ LIinsichtlich ihrer G enerationslagenmg befanden sich die „U nbefangenen“ (B lü­ cher) bzw. „unauffällig Integrierten“ (Pfeil/Friedrichs) zw ischen der „Flakhelfer-“ und der „skeptischen G eneration“ auf der einen und der G eneration der „68er“ auf der anderen Seite. D ie 1938/39 und später G eborenen w aren bei K riegsende Kinder. Von prägenden Ereignissen und E rlebnissen im K rieg und bei Kriegsende ist bei dem A usschnitt aus dieser K ohorte, der hier betrachtet w ird, vielfach zu berichten; aber sie blieben häufig unterschw ellig und nicht im m er ma­ nifest w irksam , w eil bei dem größeren Teil dieser Jahrgänge eine Erfolgsgeschichte sie überlagerte: D ie späte K indheit fiel zw ar in die unm ittelbare N achkriegszeit, diese zeichnete sich aber zunächst und vor allem durch die N o rm alität der jetzt beginnenden Schulzeit aus. D ie Jugen d zeit und zw ei D rittel der Schulzeit fielen in die Zeit des sich konsolidierenden politischen System s der B undesrepublik und des sich entfaltenden „W irtschaftsw unders“99. D ie Eltern (bzw. die einzelnen Er­ ziehungsverantw ortlichen) w aren durchw eg m it W iederaufbau beschäftigt. Die Lehrerschaft w ar in p olitischer H insicht durch innere V erwerfungen paralysiert: neben den w enigen aufrechten N S-R egim e-Fernen (der „gebildete“ „P hilologe“, der m it dem „braunen Pöbel“ nichts im Sinn gehabt hatte und eher unpolitisch war) gab es „M itläufer“ und „Belastete“ (letztere w aren zum Teil erst nach der R e­ vision der Beam tengesetze A nfang der 50er Jah re w ieder in den Schuldienst zu ­ rückgekom m en), und es gab junge Lehrer, die K rieg und zum Teil Gefangenschaft überlebt hatten und in die N orm alität einer bürgerlichen Existenz strebten. Alle diese G ruppen hatten m it den „38/42ern“ politisch nichts im Sinn: die erste G ruppe w ar nicht politisch; die zw eite hütete sich davor, es zu sein; und die dritte 98 Josef Ehmer (Salzburg) m ußte über soviel Selbstbekenntnis schm unzeln und fühlte sich lebhaft an gleichaltrige U niversitätskollegen erinnert. H einz Bude (Berlin) w ar regelrecht erschrocken über eine so „langw eilige G eneration“. Für L utz N ietham m er w ar dies Anlaß für den H inw eis, es w äre doch sicherlich aufschlußreich, einm al den lebensgeschichtlichen Daten und Erfahrungsbereichen des „Langw eiligen“ und „Spannenden“ nachzugehen und so über eine b io g r a p h ie in tim e noch ganz andere D im ensionen und C harakteristika von G enerationszugehörigkeiten zu entdecken. w Vgl. Preuß-L ausitz u.a., K riegskinder (w ie Anm. 46).

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U lrich H e rr m a n n

„hatte die Schnauze v o ll“. M it einigen w enigen G eschichtslehrern fand die Be­ schäftigung m it der N S-Z eit statt, denn es gab ja bereits die D okum entationen von H o fer100. D ie „H alb starken “-K raw alle in der M itte der 50er Jah re gingen an den G ym nasiasten vorbei, für die A nti-A to m - und die O sterm arsch-B ew egungen w a­ ren sie zu jun g und zu unpolitisch, für „68“ zu alt. Es gab keinen Numerus clausus, m ithin konnte der Tauschw ert der A biturnoten unberücksichtigt bleiben und führte zu durchw eg m äßigen Leistungsstandards; dafür gab es hoffnungslos über­ füllte H örsäle und Sem inare. D er A rbeitsm arkt erlaubte Ferienarbeit für die aus­ reichende Selbstfinanzierung des Studium s, nach den Exam ina standen praktisch alle beruflichen M öglichkeiten und K arrieren offen. D ie politische Sozialisation erfolgte unter den Bedingungen eines System s, das offensichtlich gut fun ktio ­ nierte, das kontroverse Standpunkte zuließ, keine L o yalitätskon flikte heraufbe­ schwor, als „Parteiendem okratie“ kein bürgerschaftliches Engagem ent herausfor­ derte, sich durch eine beruhigend w irkende G roßvater-G eneration repräsentierte (A denauer, H euss) und als W irtschaftssystem in eine unaufhörlich wachsende W ohlstandsgesellschaft m it V ollbeschäftigung führte, w ährend sich der „real exi­ stierende Sozialism us“ durch M assenflucht und M auerbau delegitim iert sah; m it dem G odesberger Program m und den B ildungsreform debatten w urde bereits in den frühen 60er Jahren R eform w illigkeit und -fäh igkeit signalisiert. A ls an den U niversitäten U nruhe ausbrach, hatten die Jahrgänge 1938/42 sie durchw eg bereits verlassen oder schrieben an ihren D oktorarbeiten. D ie „38/ 42er“ w aren keine aktiven „68er“, bis auf einige w enige „Führer“ in diesen Ja h r­ gängen, ohne die es allerdings keine „Bew egung" und „G efolgschaft“ der Jü n g e­ ren gegeben hätte: R abehl w urd e 1938 geboren, K unzelm ann 1939, D utschke 1940, Langhans 1941.

III. Zwischen „H albstarken“ und „68ern“: der unaufhaltsam e A ufstieg der „U nbefangen-U nauffälligen“ B lüchers „G eneration der U nbefangenen“ und Pfeils „23jährige“ beschreiben keine „G enerationen“, die im Jugen d alter in dem Sinne eine spezifische Prägung erhalten hätten, daß dies zu „P rägnanzbildung“ und zu „vitalen A kzen ten “ (Plessner) von G ruppen als Gcnerztlonseinheiten geführt hätte. V ielm ehr handelt es sich bei diesen benachbarten Jahrgängen um eine K ohorte, die auch „Z w ischen­ generation“ 101 genannt w urde. Geprägt w urde sie nicht durch herausragende E r­ 100 Walther H o fe r (H rsg.), D er N ationalsozialism us. D okum ente 1933-1945 (Frankfurt a.M . 1957, noch im E rscheinungsjahr im 100.-150. Tsd., 1994 im 1071.-1076. T sd .!!); ders. (H rsg.), D ie Entfesselung des Zw eiten W eltkrieges (Frankfurt, Flam burg 1960, u.ö.). 101 J a id e , G enerationen, 285: „Z wischengenerationen“, „die gleichsam in der W indstille der Geschichte mit stillen Spätlingen oder Vorläufern oder als Statthalter für die Folgenden w ir­ k en “. R ichtig ist, daß die „38/42er“ „gleichsam zw ischen profilierteren H auptgenerationen“ aufwuchsen. Es handelt sich auch nicht um eine „verschlissene“ Zw ischen- oder um eine „Epigonen“-G eneration (ebd.).

D e r un a u fh a ltsa m e A ufstieg u m 1940 G eb orener in einer „G en era tio n e n “ - L ü c k e

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eignisse und Erfahrungen in ihrer form ativen Phase zw ischen 14 und 24, sondern geformt durch die allgem einen Lebensverhältnisse, die - w ie oben angedeutet - in m ehrfacher H insicht begünstigend gewesen sind. A lle konnten bem erkensw erte berufliche Chancen w ahrnehm en und schließlich auch alle so zial-kultu rellen und politischen E m anzipationszuw ächse im G efolge der „68er-K ulturrevolution“ beerben: die „38/42er“ sind in m ehrfacher H insicht G ew inner gew esen! Ihre F o r­ m ung geschah als A npassung, F unktionieren, V orw ärtsstreben, w ie es bei Pfeil/ Friedrichs beschrieben ist, und diese Form ung geschah w irksam durch die Erfah­ rung ihrer positiven Effekte im Lebensalltag. D eshalb: W orüber hätten sich diese Jah rgän ger beklagen, w ovon sich distanzieren sollen, w ogegen sich politisch zur W ehr setzen m üssen? Es gab durchaus Ereignisse, m it denen man sich auseinan­ dersetzen m ußte: der 17. Ju n i 1953, der U ngarn-A ufstand und seine N iederschla­ gung 1956, die W iederbew affnung, der M auerbau 1961. A ber schlußendlich hatte der „freie W esten“ und seine E indäm m ungspolitik, d. h. hatte die Zem entierung der deutschen T eilung und des K alten Krieges für ungestörte Sicherheit und zu ­ nehmenden W ohlstand gesorgt. M an kann durchaus diese „G estalt“ und den H abitus der „38/42er“ beschrei­ ben, aber sie sind keine „G eneration“, es sei denn, m an w o llte sie die erste „W irtschaftsw under-G eneration“ nennen. Für diese K ohorte ist der A usdruck „Z w i­ schengeneration“ (Jaide) unglücklich, w eil dadurch die begriffliche K larheit des oben entw ickelten G enerationsbegriffs w ieder verschw im m t. U nd da „N icht“G eneration ein leerer U n-B egriff ist, liegt es nahe, w ieder auf die M annheim sche Bezeichnung Generauonszusammenhang zurückzukom m en. D ieser G enerationsZusammenhang ist charakterisiert durch die skizzierte G enerationslagerung am K riegsende und in der N achkriegszeit, dann aber vor allem für die Jugendzeit als der form ativen Phase im sich entfaltenden „W irtschaftsw under“ . Deshalb könnte m it einem gew issen R echt von der ersten „W irtschaftsw under-G enera­ tion“ gesprochen w erden, in der „L ücke“ zw ischen der „skeptischen G eneration“ und den „68ern“ und in dieser „L ücke“ neben der „G eneration“ der „H albstar­ ken“. Insofern kann man - m it Jürgen R eulecke - nicht von einer „B rückengene­ ration“ sprechen, denn w as w äre ihre B rückenfunktion gew esen? D a w äre schon „Ü bergangsgeneration“ richtiger. A ber noch einm al: die hier beschriebenen „38/42er“ sind keine „ Generational G leichw ohl ist im ganzen w ohl Jürgen R euleckes oben zitierte C h arakteristik der um 1939 G eborenen in dem hier betrachteten so zial-k ultu rellen und berufli­ chen Segm ent zutreffend, w eil die „38/42er“ habituelle Züge aus den Zeiten vor und nach der E pochenschw elle von „68“ zeigen: in K onventionen und In stitutio ­ nen denkend und zugleich experim entierfreudig, in der W issenschaft an her­ köm m lichen Standards o rien tiert und zugleich neue F ragestellungen generierend und auslotend, im persönlichen Leben eher trad ition elle Lebens- und F am ilien­ formen pflegend ohne Schwierigkeiten m it den anderen Lebensstilen der Kinder. (Verm utlich ein w eiterer G rund dafür, daß sich nachträglich viele A ngehörige die­ ser Kohorte den „68ern“ zuschreiben und m it einem gew issen Recht auch als einer „Erinnerungsgeneration“ zuschreiben dürfen.)

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U lr ic h H e r rm a n n

Die „38/42er“ haben seit der M itte bzw. seit Ende der 60er Jahre durch ihr strebsam -klagloses Funktionieren den K ultur- und Strukturw an del der alten B un­ desrepublik kreativ m itgetragen, beeinflußt und nachhaltig stabil bew ältigt und auf allen nur denkbaren G ebieten unter instabilen oder destabilisierten Verhält­ nissen für stabile Lebens- und A rbeitsum stände gesorgt. Sie taten dies, w ie B lü ­ cher, Pfeil und Friedrichs richtig feststellten, m it einer gew issen G elassenheit, die auf E rfolgserfahrung und -Zuversicht beruhte, und m it jener M ischung von K ri­ tikbereitschaft und Selbstsicherheit, die daraus resultierte, vor „68“ geform t w o r­ den zu sein und nach „68“ hinzugelernt und partielle R evisionen ihrer seitherigen E instellungen und V erhaltensw eisen vollzogen zu haben102. Das hat ihnen zu ih ­ ren Lebzeiten durch A daptivität und K reativität, gepaart m it Solidität, Flexib ilität und V erläßlichkeit, zu Erfolg, G eltung und A nsehen verholfen, nicht nur ihnen selber, sondern auch den Institutionen, in denen sie gestaltend w irkten - hier m it einem eigenen „vitalen A kzen t", auch ohne G ruppen- oder „G enerationen“-E ti­ kettierungen, nach denen sie übrigens auch selten gefragt w urden. N ach ihnen kam en „die 68er“, und darauf folgte die „neue U nübersich tlich keit" der Indivi­ dualisierung (H aberm as, Beck). N euerdings schlägt das Pendel w ieder in die andere R ichtung aus: die 14. S h ell­ Jugen dstudie (2002) hat die erfolgsorientierten jungen Leute „zwischen pragm ati­ schem Idealism us und robustem M aterialism us“ ausfindig gem acht103. So hätte man dam als auch ganz treffend den H abitus der „38/42er“ form ulieren können, denn genau so brauchte man sie in den Strukturreform en seit der M itte der 60er Jah re, und diese E instellung scheint die beste V oraussetzung für die G estaltung und B ew ältigung der absehbaren K risenszenarien zu sein. „G enerationalität“ ist ein aufschlußreiches historiographisches Instrum ent, vor allem zur M arkierun g von GenerMionszusammenhängen und von differenten G enerationseinheiten in ihnen. N eben den aktiven G enerationseinheiten m acht es vor allem die lebensgeschichtlich prägende K raft von Milieus deutlich, in denen „G esellschaft“ sich über sich selbst verständigt. U nd w enn im „M ilieu“ die „zün­ dende Idee“ w irksam w ird , der „vitale A k zen t“ (Plessner), dann form iert sich eine „G eneration". „G enerationen“ gestalten G eschichte, und der Gang der G e­ schichte gestaltet „G enerationen“.

102 Lutz N ietham m er machte darauf aufm erksam , daß es nach „68“ V erzweigungen gab be­ züglich der späteren so zial-kultu rellen und politischen E instellungen und O ptionen der „38/ 42er“. In den akadem ischen M ilieus bew egte sich die M ehrheit in R ichtung Enthierarchisierung und „m ultiku lturelle“ W issenschafts- und U m gangsform en, ohne jedoch die provokan­ ten R egelverletzungen, Einschüchterungen und alle A ktionen, dem Ansehen der U n iversitä­ ten zu schaden, gutzuheißen, geschw eige denn sich an ihnen zu beteiligen. A ls W illy Brandt dann „mehr D em okratie w agen“ zur R egierungsm axim e erhob, w ären viele vorher eben doch gern aktiv „dabeigew esen“, und so kam es zu den m assenhaften nachträglichen Selbst­ zuschreibungen zu „68“ in den Jahren 1970 ff. 103 D eu tsch e S h ell (H rsg.), Jugend 2002. Zwischen pragm atischem Idealism us und robustem M aterialism us (F rankfurt a.M . 2002).

Bernd Lindner

„Bau auf, Freie Deutsche Jugend“ - und was dann? Kriterien für ein M odell der Jugendgenerationen der DDR „G enerationen w erden heute“, so das Ergebnis einer Tagung über die neue W arenw elt und deren Folgen für das individuelle B ew ußtsein in der G egenw arts­ gesellschaft, „nicht m ehr nach historischen D aten, sondern nach einer A utom arke benannt. Leute definieren sich selbst w eniger über Konfessionen, politische Lager, soziale Klasse oder ethnische Z ugehörigkeit als über ihre persönliche M arken ­ ku ltur.“ 1 Für eine K lassifizierung der Jugendgenerationen der D D R kom m t diese Erkenntnis der „G eneration G olf“2 nicht nur zu spät, sie w äre zudem auch kaum glaubhaft zu verm itteln. In einer M angelgesellschaft w ie der D D R - und das w ar sie durchgängig bis zu ihrem Ende3 - w ar eine pro d uktin sp irierte G enerationen­ prägung undenkbar, zum al sich die W arenw ünsche vieler Jugen dlich er im O sten D eutschlands sehnsuchtsvoll (und oft unstillbar) an M arkenprodukten des We­ stens und nicht an den W aren der eigenen K onsum güterproduktion ausrichteten. Als U lrich Plenzdorf A nfang der 1970er Jah re den H elden seines Erfolgsstückes „Die neuen Leiden des jungen W.“, Edgar W ibeau, den Satz: „Ich m eine, Jeans sind eine E instellung und keine H osen“4 von den B ühnen der D D R verkünden ließ, dachte m it allergrö ß ter W ahrscheinlichkeit keiner der jungen Zuschauer im Saal an „B ison-“ oder „W isent-Jeans“ aus der volkseigenen Produktion. Statt der (neu)m odischen D efinition über M arkenp ro dukte bietet sich für die Jugendgenerationen der D D R eine K ennzeichnung ihrer unterschiedlichen G ene­ rationsgestalten durch jene zentralen A ktivitätsform en an, m it denen sie in ihrer

1 Zitiert nach Süddeutsche Z eitung vom 3. Mai 2000: Eva Marz, G lück kaufen. Die W ahrheit der W arenw elt (Bericht über eine Tagung an der Evangelischen A kadem ie Tutzing). - Florian lilies, G eneration Golf. Eine Inspektion (Berlin 2000). 3 Für die ostdeutsche E thnologin Ina M erk el lagen die G rundproblem e in der Versorgung der Bevölkerung in der „unzulängliche(n) Befriedigung der Bedürfnisse aufgrund von M än­ geln des Angebots hinsichtlich M enge, Sortim entsstruktur, N euheiten, Q ualität und Verpakkung. Diese M ängel äußerten sich nicht nur als Sortim entslücken und Engpässe, sondern auch als ihr G egenteil, Ü berangebot und Ladenhüter“. In: U topie und Bedürfnis. Die Ge­ schichte der K onsum kultur in der DD R (Köln, Weimar, W ien 1999) 89. 4 Ulrich P len zd orf, D ie neuen Leiden des jungen W. (R ostock 1973) 20.

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Bernd L in d n e r

Jugen dzeit die G esellschaft und sich selbst am nachhaltigsten geprägt haben. D em nach zeichnen sich für den Z eitraum von 1945 bis 19895 - im Sinne des M annheim ’schen G enerationenkonzeptes6 - im Osten Deutschlands meines Er­ achtens drei prägende Generationseinheiten ab, die in ihrer historischen A bfolge gekennzeichnet w aren durch - ihre aktive Beteiligung am Aufbau des ersten „sozialistischen Staates der A r­ beiter und B auern“ auf deutschem Boden7 in dev Jugendgeneration der unmittel­ baren Nachkriegszeit und in der G ründungsphase der D D R; - ihr anhaltendes Mitmachen bei der w eiteren „G estaltung der entw ickelten so­ zialistischen G esellschaft“8, trotz vieler W arnzeichen und punktuell w achsender Zw eifel an der selbstangem aßten L egitim ität der SED zur A lleinherrschaft in der zweiten ostdeutschen Jugendgenej'ation; sowie - ihre zuerst innere, in der Endphase der D D R dann auch massenhaft physisch vollzogene Distanzierung der dritten ostdeutschen Jugendgeneration vom „real existierenden So zialism us“9 statischen Zuschnitts der gerontokratischen SEDFührung. Im saloppen Idiom heutiger Jugendsprache ließe sich die A bfolge der Ju gen d ­ generationen im O sten D eutschlands etwas lax, aber dennoch treffend auf die Schlagw orte - Bau auf, Mach mit, Hau ab! - bringen. W issenschaftlich definiert, w äre sie als Ü bergang von der Aufbaugeneration zu einer Integrierten Generation hin zu einer m ehrheitlich Distanzierten Generation zu beschreiben. Diese d reigliedrige G enerationenfolge erfaßt selbstverständlich nur den M ain ­ stream der Jugen d en tw icklun g in den unterschiedlichen historischen Phasen der SBZ/DDR, deren jew eiliger politischer, ku ltureller und sozialer C h arakter den zentralen G enerationseinheiten des Landes seinen Stem pel aufgedrückt hat, w ie auch sie ihrerseits diese unterschiedlichen Phasen aktiv m it geprägt haben. Ihnen zur Seite bzw. p artiell auch konträr gegenüber standen in den selben G enerations­ zusam m enhängen jedoch stets w eitere G enerationseinheiten10, die es ebenfalls zu benennen gilt, w ill man ein um fassendes Bild von der E ntw icklung der Jugend in der D D R geben; auch w enn nicht jede von ihnen prägenden (und dam it auch nam ensgebendenen) C h arakter für „ihre“ G eneration zu erlangen verm ochte. D ennoch sind sie als W idersacher gegen den M ainstream für dessen „Prägnanzbil­

5 Die vier Jahre Sow jetische Besatzungszone (SBZ) von 1945 bis 1949 gehören unm ittel­ bar zu r Vorgeschichte der D D R und können daher bei der K onstruktion eines M odells der Jugendgenerationen des Landes nicht ausgeklam m ert werden. *>Vgl. K arl M a n n h eim , Das Problem der G enerationen, in: ders., W issenssoziologie. A us­ w ahl aus dem W erk, eingeleitet und hrsg. v. Kurt H. W olf (D arm stadt 1964) 509-565; im folgenden zitiert: M a n n h eim , G enerationen. 7 A rtikel 1 der Verfassung der D D R von 1949, N eufassung 1968. 8 Erich H on eck er, Bericht des Zentralkom itees der Sozialistischen Einheitspartei D eutsch­ lands an den VIII. Parteitag der SED (Berlin 1971) 9. 9 Erich H on eck er, Bericht des Zentralkom itees der Sozialistischen Einheitspartei D eutsch­ lands an den XI. P arteitag der SED (Berlin 1986) 7. 10 M a n n h e im , G enerationen 541-544.

Kriterien fü r ein M o d ell der Ju g e n d g e n e r a tio n e n d er D D R

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dun g“ (N ietham m er) un ab din gbar11. G leichzeitig ist zu betonen, daß es nicht im ­ mer die nom inell stärkste G enerationseinheit sein m uß, von der diese prägende Kraft ausgeht. Im G egenteil: Es sind - w ie H einz Bude zu Recht betont - m itunter nur w enige, „die dem G efühl und der G esinnung einer G eneration A usdruck ver­ leihen, aber die G enerationen unterscheiden sich danach, in w elchem U m fang das dom inierende D eutungsm uster die Jahrgangsgruppe insgesam t trifft“12. D ie A bfolge und der W andel der D D R -Jugendgenerationen sollen im vo rlie­ genden B eitrag für den Z eitraum von 1945 bis 1989 üb erb licksartig dargestelh w erden. Im V ordergrund steht dabei das „intragenerationelle, synchrone Verhält­ nis der Jüngeren untereinander“, w ährend die „intergenerationelle, diachrone K onfliktlage“ 13 zw ischen jüngeren und älteren K ohorten in der SBZ/DDR (aus P latzgründen) hier nur bedingt ausgeführt w erden kann, ohne dam it die B edeu­ tung von R everenzgenerationen für die A usprägung neuer G enerationsgestalten unterbew erten zu w ollen.

M odelle und M otivationen W er sich heute m it den generationellen Prägungen der Jugendgenerationen der DDR auseinandersetzen w ill, trifft auf eine beachtliche Zahl analoger Versuche. Das w ar nicht im m er so. In der D D R w urde das G enerationskonzept innerhalb der G esellschaftsw issenschaften nahezu vollständig ausgegrenzt. Weder in der (Sozial-)P sychologie noch in der Soziologie oder der Jugendforschung konnte es zum Tragen kom m en. Zu groß w ar die Furcht der Flerrschenden, daß m it d ie­ sem Them a zugleich auch die von ihnen verdrängten K onflikte zw ischen den G enerationen zu r Sprache kom m en w ü rd en 14. L ediglich in der L iteraturw issen ­ schaft gelang es (w enn auch spät), ansatzw eise dem Befund R echnung zu tragen, „daß G enerationsunterschiede eine gesetzm äßige Lebenstatsache sind“ 15 - eine 11 Mannheim verw eist ebenfalls darauf, daß sich „im Rahmen desselben G enerationszusam ­ menhanges . .. m ehrere, p olar sich bekäm pfende G enerationseinheiten bilden“, die gerade dadurch einen „Zusam m enhang“ bilden, „daß sie aufeinander, w enn auch kämpfend, abge­ stimmt sind“. ( M a n n h e im , G enerationen 547). 12 H einz B ude, Das A ltern einer G eneration. Die Jahrgänge 1938-1948 (Frankfurt a.M . 1997)47. 13 Thomas K öhler, Jugendgenerationen im Vergleich: K onjunkturen des (N on-)K onform ismus, in: APuZ B5 (1. Februar 2002) 7. 14 So w ird im „W örterbuch zu r Sozialistischen Ju gen d p o litik “, unter dem Stichw ort Gene­ ration, die „von antikom m unistischen Ideologen vertretene These eines allgem einen Genera­ tionenkonflikts ... als unw issenschaftlich“ abgelehnt. D er „Versuch, einen ,G enerationskoflikt' innerhalb der sozialistischen G esellschaft zu konstruieren, ist von dem Streben der im perialistischen P o litik getragen, die Jugend der sozialistischen Länder in W iderspruch zur älteren G eneration, besonders aber zu r Partei der A rbeiterklasse und ihrer bewährten Füh­ rung, zu bringen“, (Berlin 1975) 87; im folgenden zitiert: W örterbuch Jugendpolitik. 15 Hans R ich ter (H rsg.), in: G enerationen - Temperamente - Schreibw eisen. D D R -Literatur m neuer Sicht (H alle 1986) 7. Vgl. auch ders., Zum Them a G eneration(en), in: Tempera­ mente. Blätter für junge L iteratur 1 (1989) 2-15.

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B ernd L in d n e r

E rkenntnis, die bis dahin einzig in den K ünsten kontinuierlich reflektiert w o r­ den is t16. Seit der G esellschaftsw ende von 1989/90 w ird das Them a aus vielfältigen geistesund sozialw issenschaftlichen Perspektiven bearbeitet. Zeitgeschichtler bem ühen das G enerationenkonzept ebenso w ie Soziologen, Philosophen, E rziehungsw is­ senschaftler oder K unsthistoriker. Eine B egründung für diese neuerliche K onjunk­ tur findet sich bereits in der G rundlegung des A nsatzes bei M annheim , sah er doch in der generationsgeleiteten G esellschaftsanalyse einen „unerläßlichen F üh rer“ bei der Erkenntnis des Aufbaus sozialer und geistiger B ew egungen: „Seine praktische B edeutung w ird un m ittelb ar ersichtlich, sobald es sich um das genauere V erständ­ nis der beschleunigten U m w älzungserscheinungen der unm ittelbaren G egenwart h andelt.“ 17 U nd m it solchen „beschleunigten U m w älzungserscheinungen“ hatten w ir es in den letzten zw ö lf Jahren im O sten D eutschlands zw eifelsohne zu tun. Sie in ihrem C h arakter zu erfassen und zu deuten, ist auch m ein Anliegen. Es geht m ir bei der A nw endung des G enerationskonzepts auf die Jugen dentw icklun g in der D D R also nicht allein um rückw ärts gew andte E rklärungsversuche eines üb erw un ­ denen politischen System s und seines U nterganges, sondern auch um eine D eutung gegenw ärtiger B efindlichkeiten aus ihrer historischen und soziologischen Genese heraus. Z ugleich speist sich mein Engagem ent für diesen A nalyseansatz aus m ei­ nem eigenen w issenschaftlichen W erdegang als Jugendforscher und Z eithistoriker: Von 1978 bis 1992 w ar ich als K ultursoziologe in der Jugendforschung tätig: zuerst - bis zu dessen v ero rd n et«' A uflösung Ende 1990 - am Z entralinstitut für Ju gen d ­ forschung (ZIJ) in Leipzig; weitere zw ei Jah re dann an der A ußenstelle des D eutschen Jugen din stituts M ünchen (D JI) am selben O rt. Zugleich beschäftigte ich m ich seit 1990 als W issenschaftler w ie beteiligter Z eitzeuge m it der historischen A ufarbeitung der D D R -G esellschaft und ihres jähen E ndesls, ohne dabei jedoch den „soziologischen B lick “ vollkom m en ab zustreifen 19. Seit 1994 bin ich hauptberuflich am A ufbau des Zeitgeschichtlichen Forum L eipzig beim H aus der G eschichte der B undesrepublik D eutschland - also einem zeitgeschichtlichen M useum , das der G eschichte der D D R und der O pposition gegen sie, w ie auch der G eschichte des geteilten D eutschlands gew idm et ist20 - be­ 16 Vgl. B e r n d L indner, V äter - Söhne - M ütter - Töchter. D er G enerationskonflikt bei C h ri­ stoph H ein, Volker Braun, U w e Saeger und H einer M üller, in: D D R -L iteratur ’89 im G espräch, hrsg. v. S ie g fr ie d Höhnisch (Berlin, W eim ar 1999) 123-135. 17 Mannheim, G enerationen 522. 18 Vgl. dazu u .a.: B er n d L in dn er (H rsg.), Zum H erbst ’89. D em okratische Bew egung in der DD R (L eipzig 1994); ders., Die dem okratische R evolution in der DD R 1989/90 (Bonn 1998); im folgenden zitiert: Lindner, D em okratische Revolution. 19 Vgl. dazu u.a.: D em onteure. Biographien des L eipziger H erbst, hrsg. v. B er n d Lindner, Ralph G r ü n e b e r g e r (Bielefeld 1992); B er n d Lindner, Verstellter, offener Blick. Eine R ezepti­ onsgeschichte bildender Kunst im O sten D eutschlands 1945-1995 (K öln, Weimar, W ien 1998). 20 Vgl. dazu: Stiftung H aus der Geschichte der B undesrepublik D eutschland/Zeitgeschicht­ liches Forum L eipzig (H rsg.), Einsichten. D iktatur und W iderstand in der D D R (Leipzig 2001) 7 ff.; im folgenden zitiert: ZFL, Einsichten.

Kriterien fü r ein M o d e ll d er J u g en d g en era tio n e n d er D D R

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teiligt. A uf all diesen Ebenen w aren und sind ju gen d lich e und ihre generationellen Prägungen G egenstand m einer wissenschaftlichen A rbeit21. So fließen in m einer B erufsbiographie zw ei W issenschaftsstränge ineinander, die in den bisher vo rlie­ genden A n alysen der D D R-G esellschaft m eist w eitgehend getrennt voneinander behandelt w orden sind. W ährend Soziologen das überraschende Ende der D D R vor allem aus den V erlaufsreihen em pirischer D aten zu analysieren suchen, sind H isto riker w ie auch Politikw issenschaftler stärker auf die von ihr hinterlassenen A rchivalien und Z eitzeugnisse fixiert. Eine Z usam m enführung dieser un ter­ schiedlichen Q uellen ist bisher kaum versucht w orden. Zugleich ist bei den vorliegenden A nalysen der D D R-G esellschaft im m er w ie­ der eine gew isse Parzellierun g der B etrachtungsw eisen zu verzeichnen. Geht es Politikw issenschaftlern und Z eithistorikern verstärkt um die H errschaftsge­ schichte des SED -Staates22, stellen Soziologen und K ulturw issenschaftler prononciert die M entalitätsgeschichte der O stdeutschen23 in den M ittelp un kt ihrer B etrachtungen. O ft gelingt es im Ergebnis aber nicht, das Verhältnis von A lltag und H errschaft in dem nötigen M aße m iteinander zu verquicken24. D adurch er­ scheinen viele der D eutungsversuche entw eder eigenartig m enschenleer oder ver­ lieren durch eine überzogene Fokussierung auf die handelnden Individuen den notw endigen K ontakt zum politischen H errschaftsrahm en. D ie Geschichte der DDR m it all ihren Brüchen ist jedoch w eder durch die eine noch durch die andere B etrachtungsw eise allein hinlänglich zu fassen. M eines Erachtens m uß sie als ein Prozeß der zunehmenden Gewinnung von Handlungsspielräumen durch die Indi­ viduen gegenüber einem zentralistisch verfaßten Staatswesen gesehen werden, welches auf der einen Seite ohne die Einsatzbereitschaft und K reativität seiner B ürger nicht existieren konnte, auf der anderen Seite aber - aus einer totalitären Staaten eigenen B evorm undungshaltung heraus - die dafür nötigen Freiräum e nicht gew ähren w ollte. D ie D D R konnte als „Land der kleinen L eute“ - w ie sie

21 Z uletzt in der von m ir kurartierten A usstellung „Foto-A nschlag. Vier G enerationen ost­ deutscher Fotografen“, Zeitgeschichtliches Forum L eipzig (12. 7.-10. 10. 2001) und Flaus der Geschichte Bonn (15. 5.-28. 8. 2002). Das gleichnam ige Begleitbuch zur A usstellung hrsg. v. der Stiftung H aus der Geschichte der Bundesrepublik D eutschland - ist 2001 in Leip­ zig erschienen. 22 S. etwa die M aterialien der E nquete-K om m ission zur A ufarbeitung von G eschichte und Folgen der SE D -D iktatur in D eutschland (Baden-Baden 1995 und 1999; insgesam t 17 Bände) oder Klaus S c h r ö d e r in seiner M onographie: Der SED-Staat. G eschichte und Strukturen der DDR (M ünchen 1999). 23 S. W olfgang Engler, Die O stdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land (Berlin 1999); im folgenden zitiert: E ngler , Die O stdeutschen; Ina M erk el in ihrer Geschichte der K onsum ­ kultur in der D D R „U topie und Bedürfnis“ (Köln, W eimar, W ien 1999), der von Evamaria B adstiibner hrsg. Sam m elband „Befrem dlich anders. Leben in der D D R “ (Berlin 2000) oder das Buch über Punk, N ew W ave, HipFIop und die Independentszene in der D D R in den 1980er Jahren: „W ir w ollen im m er artig sein hrsg. v. R o la n d Galenza, H einz H a v em e ist er (Berlin 1999). 24 W ie es z. B. Stefan Wolle in „Die heile W elt der D iktatu r“ (Berlin 1998) für die 1970er und I980er Jahre der D D R gelungen ist; im folgenden zitiert: Wolle, H eile Welt.

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B e rn d Lin d n e r

G ünter G aus einm al id yllisieren d genannt hat25 - nicht bestehen, w eil sie ihre Leute auf D auer klein halten w ollte; zugleich w ar sie aber ohne deren Engagem ent für das Land nicht lebensfähig. D er Bruch m it der eigenen B evölkerung w ar von Beginn an im politischen System der D D R angelegt: ein Bruch, der sich in m ehre­ ren Phasen vollzog und der sich zugleich in besonderer Weise an der G eneratio­ nenfolge festm achen läßt. Dies ist auch der G rund, w arum generationsgeleitete A nsätze zunehm end in die soziologische w ie historische A n alyse der D D R Eingang finden. D eren M odelle basieren dabei auf z.T. divergierenden Q uellenlagen und sind von sehr unterschiedlicher R eichw eite. Vier davon seien hier ku rz erörtert und auf ihre D eutungsfähigkeit hinterfragt: Die G enerationsm odelle der W estberliner A utoren D ieter G eulen und A l­ brecht G öschei26 beruhen beide auf biographischen Interview s mit einer ü b er­ schaubaren A nzahl an G esprächspartnern27. D er E rziehungsw issenschaftler w ie der Soziologe entw erfen eine jew eils eigene C h arak teristik der D D R-G enerationen, w obei es sich bei beiden eher um eine E inteilung nach Jahrgangskohorten handelt: G eulen beschreibt in seinem M odell hauptsächlich drei K ohorten - die um 1940, 1950 und 1960 G eborenen. D ie (jüngste) K ohorte, die der um 1970 G e­ borenen, spielt bei ihm dagegen kaum eine R olle28. A uch G öschei un terteilt sein M odell, obw ohl er ausdrücklich nicht von K ohorten, sondern von „historischen G enerationen“29 spricht, lediglich nach G eburtsjahrgängen, w obei er der 40er-, 50er- und 60er-Jahre-G eneration als vierte noch die 30er-Jahre-G eneration voran­ stellt. Das m it dieser rein schem atischen E inteilung nach G eburtsjahrzehnten w e ­ sentliche gesellschaftliche Z äsuren in der G eschichte der D D R unberücksichtigt bleiben, ist offensichtlich30. W elche G eneration aber letztlich ihre Potenzen aus­ bilden und zu kollektiven Im pulsen form en kann, hängt m it der gesellschaftlichen 25 G ü n ter Gans , Wo D eutschland liegt. Eine O rtsbestim m ung (H am burg 1983) 45. 26 D ieter G en ien , Typische Sozialisationsverläufe in der D D R. Einige qualitative Befunde über vier G enerationen, in: APuZ 43 (1993) 26/27,37-44; ders., Politische Sozialisation in der DD R. A utobiographische G ruppengespräche m it A ngehörigen der Intelligenz (O pladen 1998); im folgenden zitiert: G eulen, SozialisationsVerläufe bzw. Politische Sozialisation. A lbrecht Göschei, K ontrast und Parallele - kulturelle und politische Identitätsbildung ost­ deutscher G enerationen (Stuttgart, Berlin, Köln 1999); im folgenden zitiert: G öschei, Kon­ trast und Parallele. 27 G eu len führte G ruppengespräche m it insgesam t 35 Vertretern der Intelligenz, darunter vielen ehem aligen SE D -M itgliedern. G ö sch ei sprach bei seinen Interview s in den N euen L än­ dern m it 22 Partnern, die allesam t den „K ulturm ilieus“ der DD R (Künstler, Sozialw issen­ schaftler, M itarbeiter des K ulturapparates etc.) entstam m ten. Er konstruiert seine ostdeut­ schen G enerationsprofile aus G esprächen m it zw ei bis acht Personen je „K ohorte“. 2S „Zu dieser ja noch sehr jungen G eneration ergibt sich . . . noch kein differenziertes B ild “, in: G eu len , Sozialisationsverläufe 44. 29 G öschei, Kontrast und Parallele 28. 30 Auch w enn w esentliche historische Zäsuren in der D D R -G eschichte zu fällig am Ende bzw. Beginn eines Jahrzehntes eintraten: w ie die G ründung der DD R - 1949, der Bau der M auer - 1961 oder der M achtw echsel von U lbricht zu H onecker - 1971. Selbst der Kollaps der D D R - 1989/90 - geschah am Ende bzw. A nfang eines Jahrzehnts.

K riterien fü r ein M o d e ll der Ju g e n d g e n e ra tio n e n der D D R

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D yn am ik zusam m en, in die sie hineingeboren w ird : D ie potentielle Energie einer G eneration bedarf stets „der auslösenden Kraft des gesellschaftlich-geistigen Pro­ zesses“31, um sich entfalten und auf den soziotären E ntw icklungsgang z u rü ck w ir­ ken zu können. D er L eip ziger H isto riker H artm ut Zw ahr und der O stberliner K ultursoziologe W olfgang E ngler32 beziehen in ihren M odellen die V orgängergenerationen der ei­ gentlichen D D R -Jugendgenerationen als grundlegende A usgangsposition m it ein. H artm ut Z w ahr beginnt m it den G eburtsjahrgängen 1880 bis 1909 und fährt dann in Z ehn-Jahres-Schritten kohortenm äßig bis 1949 fort. D ie nachfolgenden Jah r­ gänge 1950 bis 1988 - die „eigentlichen Kinder der R ep u b lik“33 - un terteilt er im G egensatz zu allen anderen A utoren jedoch nicht weiter. Seine C h arakterisierung der N achkriegsgeneration fällt äußerst knapp aus. U nterschiede zw ischen den „reinen“ D D R -Jahrgängen arbeitet Z w ahr nicht heraus. W olfgang Engler dagegen spricht ausdrücklich von drei „politischen“ G enerationen in der D D R. D ie G ren­ zen in seinem G enerationenm odell sind w eniger fließend. Er un terteilt in die z w i­ schen 1890 und 1910 geborenen „A lten“, die um 1930 geborenen „Jungen“ und in die zw ischen 1945 und 1950 geborenen, ostdeutschen A chtundsechziger. Zur B e­ w eisführung ihrer A nsätze bedienen sich Zw ahr w ie Engler sehr unterschiedlicher Belege: Sie reichen von historischen D okum enten über die schw ankenden Zahlen der Fluchtbew egung gen W esten bei Z w ahr bis zu O ral-history-Z eugnissen und der A n alyse kritisch er K unstw erke aus der D D R, auf die sich vor allem Engler im m er w ieder stützt. Zwischen den vier hier erörterten A nsätzen34 zeichnen sich trotz aller U nter­ schiedlichkeit in ihrer H erangehensw eise jedoch auch inhaltliche Parallelen ab: Sie 31 M a n n h e im , G enerationen 553. 32 H a rtm u t Zwahr, U m bruch durch Aufbruch: Die DD R auf dem H öhepunkt der Staats­ krise 1989. M it Exkursen zu A usreise und Flucht sow ie einer ostdeutschen G enerationen­ übersicht, in: H a rm u t K a elble, J ü r g e n Kocka, H a rtm u t Zwahr, Sozialgeschichte der DDR (Stuttgart 1994) 426-465; im folgenden zitiert: Zwahr, U m bruch; sow ie Engler, Die O stdeut­ schen. 33 Zwahr, U m bruch 451. 34 W eitere, z.T. jedoch nur punktuelle Beschreibungen finden sich bei dem K unsthistoriker G ü n ter Feist, in: O ption Gegenwehr. K orrektive zur K unstpolitik der D D R (Köln 1995) 41 f., bei dem L iteraturw issenschaftler W olfgan g E m m erich , in: Kleine Literaturgeschichte der DDR (L eipzig 1996), bei dem K ulturhistoriker D ietrich M ü h lb erg, in: W ann w ar 68 im Osten? Oder: W er w aren die 68er im O sten?, in: B erliner B lätter 18 (1999); im folgenden zi­ tiert: M ü h lb erg, 68 im O sten, (nach Internetpräsentation: http://user.berlin.sireco.net/ dpo.m uehlberg/680st.htm ) und vor allem im m er w ieder bei D o r o th e e Wierling (u .a. in: Die Jugend als innerer Feind. K onflikte in der E rziehungsdiktatur der sechziger Jahre, in: K a e l­ ble, Kocka, Zwahr, Sozialgeschichte der D D R (Stuttgart 1994) 4 0 4 ff.; dies., D ie G renzen der M obilisierung. M ädchen in der FDJ der sechziger Jah re, in: Christine B en nin ghaus, K erstin Kohtz, „Sag m ir wo die M ädchen s in d ...“ Beiträge zur G eschlechtergeschichte der Jugend (Köln 1999) 103 ff.; dies., O pposition und G eneration in N achkriegsdeutschland. D ie H er­ ausforderung der N achkriegsgeborenen in O st und West, in: G eteilte Vergangenheit - eine Geschichte? (Potsdam 1998, M anuskript); im folgenden zitiert: Wierling, O pposition und Generation. D o r o th e e W ierling setzt sich seit längerem dezidiert mit den Prägungen der „Ge­ neration der N ach kriegskin d er“ in der D D R auseinander.

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B ernd L in d n e r

eint die Feststellung, daß politisches B ew ußtsein und H andlungspotenzial in A b ­ h ängigkeit von den im Jugen d alter gegebenen Sozialisationsbedingungen steht. A uch führen alle A utoren das Scheitern der D D R auf einen engen Zusam m enhang von ökonom ischen und gesellschaftspolitischen K onflikten und D iskursen z u ­ rück. Von entscheidender B edeutung w ar dabei der ökonom ische Faktor „A r­ beit“. N ach dem Krieg habe er auf G rund des gem einsam en A ufbauerlebnisses bindende W irkun g entfaltet, später jedoch w egen m angelnder M odernisierung in der P roduktion zu V erdruß geführt35. Ebenso hätten staatliche R epression und innere Z errissenheit reform w illige und artikulationsfähige politische T eilsystem e (G öschei) handlungsunfähig gem acht. E ngler beschreibt diesbezüglich die spätere Spaltung der O st-68er in „P o litiker“ und „E thiker“. W ährend erstere Reform en innerhalb des System s durchsetzen w ollten, hatten die E thiker eher das Ziel, das SE D -System durch gezielte A ktionen „von außen“ zu verunsichern36. Im Z usam m enhang m it den K onfliktlinien zw ischen den G enerationen sind auch die unterschiedlichen ku lturellen B ezugspunkte der A utoren zu sehen. B e­ nennt G öschei z.B . D ifferenzen zw ischen der „W eim arer G eneration“ und den G eburtsjahrgängen vom Ende der 1920er bis A nfang der 1930er Jah re um die „Er­ stürm ung der Flöhen bürgerlicher K ultur“, beschreibt Engler, w ie „die Ju n g en “ insbesondere im Bereich der (Film )K unst von Funktionären reglem entiert w o r­ den sind. D ie A utoren erörtern auch Folgen der D D R -spezifischen So zialisati­ onsbedingungen für die W ende- und N achw endezeit: M assenflucht in die B un­ desrepublik, rechtsradikale Tendenzen, M ißtrauen in Institutionen, anhaltende V orurteile gegen den Westen. A lle aufgezeigten V erhaltensweisen der O stdeut­ schen w erden von den Verfassern sozialisatorisch begründet. Sie durchbrechen dam it, was ihnen als Verdienst anzurechnen ist, stereotype Vorstellungen vom Leben in der D D R. Problem atisch ist jedoch, daß die unterschiedlichen G enerati­ onsentw ürfe (insbesondere bei Z w ahr und Engler) kaum als durchlaufende M o ­ delle dargestellt w erden. So geht E ngler in seiner A n alyse der O stdeutschen im ­ m er w ied er auf deren generative Prägung ein, w en det seine B egrifflichkeiten aller­ dings bereits analysierend an, noch bevor er ein G esam tkonzept vorgestellt hat. A uch w erden durch ihn keine w eiteren Interpretationsm öglichkeiten seines A nsatzes erörtert, obw ohl dies dringend geboten erscheint, offenbaren sich dem Leser doch schnell D ifferenzen zw ischen Englers G enerationenm odell und sei­ nem G esellschaftsbild. W ährend er sein G enerationenm odell vo r allem über die Intelligenz definiert (w as soziologisch Sinn m acht, w eil überw iegend sie die gei­ stige Führerschaft in der G esellschaft übernim m t und som it die öffentliche W ahr­ nehm ung von G enerationen prägt), betont er in seinem G esellschaftsbild von der D D R die starke soziale und ku lturelle Stellung der A rbeiterschaft. In seinem G e­ nerationenm odell kom m t diese dagegen so gut w ie nicht vor. D ort w erden haupt­ sächlich die „K ulturschaffenden“ als gestaltende Kraft vorgeführt. D ie A rbeiter bleiben bei dieser B etrachtung stets außen vor. L ediglich bezogen auf 1968 kom m t 35 Zwahr, U m bruch 452 f. 36 Engler, Die O stdeutschen 330f.

Kriterien für ein M o d e ll der Ju g e n d g e n e r a tio n e n der D D R

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Engler kurz auf jene jungen A rb eiter zu sprechen, die das Gros der P rotestieren­ den gegen die blutige N iederw erfung des „Prager F rüh lin gs“ stellten. Er verm ei­ det also, sein G esellschaftsbild konkret m it dem G enerationenm odell zu verbin­ den. D ie „A rbeiterklasse“ scheint in Englers Sicht über G enerationen im m er d ie­ selbe geblieben zu sein. Bei ihr w erden kein W andel und keine G enerationenbrü­ che festgestellt. W arum es aber gerade diese G ruppe war, die 1989 m ehrheitlich auf die Straßen ging, bleibt bei E ngler letztlich ungeklärt. A uch die starke Bedeutung der A rbeitsbindung in der D D R -G esellschaft, w ie sie Zwahr in seinem A nsatz erläutert, w ird bei E ngler kaum erw ähnt. Dies ist erstaunlich, w eil er gleichzeitig von der D D R als von einer im Kern „arbeiterlichen G esellschaft“37 spricht. Diese D ifferenz m acht deutlich, daß Engler idealtypische G enerationsbilder aufbaut, in ­ dem er durchgängig von politisch aktiven, am Sozialism us orientierten Jahrgängen ausgeht. Selbst die antagonistischen Kräfte, die er in jeder G eneration ausm acht, haben alle das gleiche Ziel: eine bessere D D R. W irkliche System gegner (w ie etwa in den 50er Jah ren die W erdauer und A ltenb urger W iderstandsgruppen aus Schü­ lern, Lehrlingen, jungen A rbeitern und Lehrern oder der E isenberger Kreis u .a.)38 finden sich bei E ngler in keiner Phase seiner D D R-G eschichte. So w ird aber auch die zunehm ende D istanz Jugen dlich er zu diesem G esellschaftssystem in den 1970er und 1980er Jahren nicht erklärbar.

Politische Rahm enbedingungen generativer E ntw icklung in der SBZ/DDR D ie G eschichte der D D R aus der Perspektive ih rer Jugendgenerationen zu erzäh­ len, m acht schon deshalb Sinn, w eil die Jugend in diesem Staat durchgehend eine zentrale B ezugsgröße gesellschaftlicher Planung war. D ie SE D -Führung hat vom Beginn ihrer M achtübernahm e an auf die Jugen d als Träger des A ufbaus der „neuen G esellschaft“ gesetzt. D och was ihr am A nfang noch w eitgehend gelang, geriet ih r in den nachfolgenden Jahrzehnten im m er stärker zum D esaster: Die Jugend w ar die erste G eneration, w elche die SED für sich vereinnahm en konnte, und sie w ar zugleich auch die erste, die ihr aus dem R uder lief! Dies unter R ückgriff auf den G enerationenansatz zu beschreiben, verm ag Ent­ scheidendes zur E rhellung w ich tiger K ontinuitäten und D iskontinuitäten in der E ntw icklung der Jugend der D D R , aber auch des Landes selbst beizutragen. Es geht nicht darum , der in der W issenschaft w ie im F euilleton grassierenden „Generatio n setikettierungsw ut“39 neue E tiketten hinzuzufügen, diesm al eben nur für die Jugen d-O st, sondern m it H ilfe eines differenzierten G enerationenansatzes tie­ 37 Ebd. 197f. 38 Vgl. dazu Einsichten 71-74, sow ie Ehrhart N eu bert, Geschichte der O pposition in der DDR 1949-1989 (Bonn 1997) 128-131. 39 Martin K obli, M a rc Szydlik (H rsg.), G enerationen in Fam ilie und G esellschaft (O pladen 2000) 7.

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B e rn d L in d n e r

fer in den Zusam m enhang von gesellschaftlicher und individueller E ntw icklung in der D D R-G eschichte einzudringen: eine G eschichte, die, gemessen an ihrer D auer, durch erstaunlich viele Brüche gekennzeichnet war, selbst wenn die D D R den darin lebenden und handelnden M enschen eher als ein politisches System von besonders zäher K onsistenz erschienen ist. Doch w ar es auch hier im m er w ieder das Privileg der Jugen d , „die Verhältnisse zum Tanzen“ zu bringen. D ie Frage, ob und in w elchem U m fang dies den unterschiedlichen Jugendgenerationen der D D R gelungen ist, kann nur im K ontext jener entscheidenden Zäsuren in den 45 Jahren SBZ/DDR beantw ortet w erden, die „genau jene W eichenstellungen aus­ m achen, nach denen bestim m te E ntw icklungen nicht m ehr revidierb ar“40 waren. Das ist zugleich eng m it der Frage verbunden, ob die registrierten Einschnitte in die ostdeutsche N achkriegsgeschichte zugleich auch A uslöser von G enerations­ brüchen w aren. D ie M ehrzahl der vorliegenden Periodisierungsversuche der D D R-G eschichte entstam m en politikgeschichtlichen A nalysen. Doch muß die vordergründige H eraushebung politischer Eckdaten als Z äsuren der G eschichte nicht a priori zu einem G egensatz von „Flerrschaft“ und „G esellschaft“ führen, vor allem dann, w enn verdeutlicht w ird, daß den Individuen auch unter der H errschaft von D ik­ taturen stets abw eichende R eaktionen m öglich sind. Es ist zu konstatieren, „in w elchen K räftefeldern von wem (und w ie) Frem d- und Selbstkontrolle, Ü b er­ m ächtigung und D istanz angem eldet und eingefordert, versagt oder v erw irk lich t“ w urden. D am it w erden „die Form en des unverm ittelten N ebeneinanders w ie der Verflechtungen von R epression und ,L o ckerun g“, von M itm achen w ie von E igen­ sinn, w om öglich auch W id erstän d igkeit“41 zum Them a der A nalyse. Die G eschichte von SBZ und D D R w ar kein m onolithischer B lock, kein über 45 Jahre ungebrochen durchlaufendes Band. Für ihre P eriodisierung bieten sich unterschiedliche Z äsuren an. D ie Zahl der von Z eitgeschichtsforschern veran­ schlagten Etappen schw ankt zw ischen drei und zehn, w obei sie oft in dem M aße anzusteigen scheint, je spezieller das U ntersuchungsfeld gew ählt w ird . Ü b er­ blicksgeschichten, w ie die von H erm ann W eber oder U lrich M ählert, kom m en in der R egel m it ca. fünf Etappen aus42. In der R egel w ird - der Vorgeschichte vom Kriegsende im M ai 1945 bis zur G ründung der D D R am 7. O ktober 1949 ein erstes, abgeschlossenes Kapitel zugew iesen; - die 2. Etappe um faßt die E ntw icklung bis zum M auerbau 1961;

40 C hristoph K le ß m a n n , Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945-1955 (Bonn 1986) 11; im folgenden zitiert: K le ß m a n n , Doppelte Staatsgründung. 41 Alf Liidtke, D ie D D R als Geschichte. Zur G eschichtsschreibung über die DD R, in: APuZ B 36 (1998) 3. 42 H e rm a n n Weber, Die D D R 1945-1990 (M ünchen 1993), sow ie Ulrich M ählert, Kleine G eschichte der D D R (M ünchen 1998). W obei W eber an anderer Stelle: DDR. G rundriß der Geschichte 1845-1990 (H annover 1991) auch differenziertere G liederungen bis zu acht Etappen vornim m t.

K riterie n für ein M o d e ll der Ju g en d g en er a tio n e n der D D R

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- als 3. Etappe w ird die Phase der inneren Festigung der D D R bis zum M acht­ wechsel von U lb rich t zu H onecker im Jah r 1971 gew ertet; - die 70er Jah re, in ihrem A uf und Ab zw ischen Stabilität und w achsender w irt­ schaftlicher Krise, gelten als 4. Etappe-, w ährend - der in den 80ern, durch die Krise des sozialistischen W eltsystem s und der U n ­ fähigkeit der SED -Führung, produktiv darauf zu reagieren, eingeleitete N ieder­ gang der D D R deren 5. und letzte Etappe bildet. Sie gipfelt in der dem okratischen R evolution des H erbstes 1989 und der Selbstaufhebung des Staates durch seine Bürger. D ieser E inteilung folgend, m öchte ich dennoch - aus sozialpsychologischen und m entalitätsgeschichtlichen E rw ägungen heraus - partiell einige Zäsuren an­ ders setzen: Für die frühen Phasen der D D R-G eschichte ist augenfällig, daß sich Ü bergänge von einer Etappe zur nächsten auf den Tag genau festm achen lassen und dies nicht nur in der H istoriographie, sondern auch im B ew ußtsein der be­ teiligten M enschen: N ach dem 17. Ju n i 1953 oder dem 13. A ugust 1961 w ar für B ürger der D D R nichts m ehr so w ie zuvor. G enerationen(um )brüche sind am ehesten an solchen einschneidenden historischen Terminen festzum achen (vgl. A bbildung 1). G leiches dagegen gilt m.E. für den G ründungstag der D D R, den 7. O ktober 1949, weniger. H ier w urde per D ekret ein Prozeß zum A bschluß ge­ bracht, dessen politische G rundlegung (und die dam it verbundene generative Prägung) bereits in den vier Jah ren zuvor vollzogen w orden war. D aß die dam it sanktionierte E ntscheidung für eine Z w eistaatlichkeit D eutschlands auf lange Zeit m anifest sein w ürde, entschied sich jedoch nicht an diesem Tag, sondern erst m it dem Scheitern des V olksaufstandes am 17. Ju n i 1953 und vor allem mit dem Bau der M auer am 13. A ugust 1961. In den späten Perioden der D D R ver­ lief der Ü bergang von einer zur nächsten Etappe dagegen eher diffus, zeitlich zum Teil über m ehrere Jahre gestreckt. Selbstverständlich gab es in diesen Pha­ sen Ereignisse von nachhaltiger W irkun g w ie z.B . das 11. Plenum des ZK der SED zu Fragen der K ultur und Jugend vom D ezem ber 1965, den Einm arsch der sowjetischen Truppen am 21, A ugust 1968 in Prag oder die A usb ürgerun g W olf Bierm anns am 16. N ovem ber 1976. D och w aren diese Ereignisse nicht für alle (jungen) B ürger des Landes in gleicher Weise relevant. Ihre Folgen w urden erst schrittw eise erlebbar, ohne zugleich für alle M itglied er der jew eiligen Jugen d ge­ neration die gleiche einschneidende B edeutung zu erhalten, zum al sich die Spiel­ räume für ein unterschiedliches R eagieren solchen Ereignissen gegenüber in der zweiten H älfte der D D R deutlich differenzierten. M entalitätsgeschichtlich ent­ scheidend für die C h arakterisierung der jew eiligen G enerationseinheiten bleibt, wie sie diese R äum e in den unterschiedlichen Phasen der D D R-G esellschaft für sich ausgeschritten und gestaltet haben. Wie ist sonst, bei allem B eharren der SED -Führung auf ihrem unteilbaren M achtanspruch, das „Paradox von Stab ili­ tät und R evolution in der D D R “43 zu erklären? Ständig zw ischen D ogm atism us 45 So der U ntertitel der verdienstvollen A nalyse von Sigrid M euschel, Legitim ation und P ar­ teiherrschaft in der D D R (Frankfurt a.M . 1992).

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Bernd L in d n e r

1930

1933 1945 -

1935

1940

1945

1950

8. Mai 45

1945 1953 -

17. Juni 53

1955

1953 1961 -

1960 13. Aug. 61 1965.

1961

-

1970 diffuser Übergang

1970.

1975.

1971

-

1981

1980.

diffuser Übergang

1985.

1990,

Abb. ,

1982 1989 -

9. Okt. 89

Kriterien für ein M o d e ll der J u g en d g en era tio n e n d er D D R

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und (w irtschaftlich notw endigen) M odernisierungsversuchen schw ankend, ge­ lang es der SE D -Führung nie, a u f Dauer M ehrheiten der B evölkerung für ihre P o litik zu vereinnahm en. Im m er w ieder schlitterte sie in selbst herbeigeführte Krisen, die durch außenpolitische E ntw icklungen oft noch verstärkt w urden. Die politische Sozialisation aller Jugendgenerationen der DDR wurde also in starkem Maße durch Krisenerfahrungen geprägt: K risenerfahrungen, die partiell auch G enerationsbrüche ausgelöst, zum indest aber m it herbeigeführt haben! Schon M annheim verw ies darauf, daß es „von der auslösenden Kraft des gesell­ schaftlich-geistigen Prozesses“ abhängt, „welche G enerationslagerung in ihrer P otentialität aktiv w ird “44. Ein System von der politischen Stringenz der D D R prägte nachhaltig die Lebensform en der darin lebenden Jugendgenerationen, zum al deren ideologische B eeinflussung vordringlicher A uftrag aller staatlichen Instanzen und In stitu tio ­ nen - von den Schulen und U niversitäten über die K ultureinrichtungen und die M edien bis hin zu den Parteien und M assenorgansiationen - war. D ie A usprägung gem einsam er G enerationszusam m enhänge und m arkanter G enerationseinheiten, sei es in A kzep tanz oder in G egenw ehr zu den staatlichen V ereinnahm ungsversuchen, w urde dadurch zw eifelsohne noch forciert. Zugleich w aren Jugendliche in der D D R nie „allein“ m it diesem politischen System : D ie territoriale N achbarschaft zur B undesrepublik w ie das Verbunden­ sein m it ihr in einer gem einsam en deutschen G eschichte w aren als prägende Bezugsgrößen die gesam ten vierzig Jah re über im B ew ußtsein der Jugendlichen präsent - sei es aus eigenem E rleben w ie vor dem M auerbau oder über die „West­ m edien“ danach. D iese Einflußnahm e und D urchdringung gilt es stets m it im Blick zu behalten.

G enerationszusam m enhänge in der D D R Im folgenden sollen die eingangs benannten drei Jugendgenerationen der D D R näher charakterisiert und zu dem Z eitachsenm odell (A bb. 1) ins Verhältnis gesetzt werden. D abei ist zu beachten, daß sich diese G enerationsgestalten nicht parallel, sondern quer zu zentralen zeitgeschichtlichen Etappen entw ickelten (A bb. 2). Als mit dem Ende des Z w eiten W eltkriegs in der SBZ der „Weg zu r A ufrichtung eines antifaschistischen, dem okratischen R egim es, einer parlam entarisch-dem okrati­ schen R epublik m it allen R echten und Freiheiten für das V olk“45 offen schien, waren es die um 1930 G eborenen, die als erste K ohorte neu in das Jugen dalter46 eintraten. 44 M a n n h eim , G enerationen 553. "b Aufruf des ZK der KPD an das deutsche Volk zum Aufbau eines antifaschistisch-dem o­ kratischen D eutschlands vom 11. Juni 1945, zitiert nach K le ß m a n n , D oppelte Staatsgrün­ dung 413. 46 Das Jugendgesetz der DD R vom 28. 1. 1974 legt das Jugen dalter „auf die Zeit von 14 bis 25 Jahren“ fest. Da es sich bei dieser schem atischen „Festlegung“ um „eine gesellschaftliche

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Be rn d L in d n e r

Abb. 2

K riterien für ein M o d e ll der J u g en d g en era tio n e n d er D D R

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1. Die Aufbaugeneration D er Beginn der G enerationen(ab)folge der ostdeutschen Jugend ist also eindeutig m it dem M ai 1945 verbunden, ohne daß hier von einer „Stunde N u ll“ die Rede sein könnte. Jene H eranw achsenden, die um 1930 bis ca, 1940 geboren und dem ­ zufolge zwischen dem Kriegsende und Mitte der 50er Jahre ins Jugendalter hinein­ wuchsen, sind von zw ei G esellschaftssystem en w esentlich geprägt w orden: - In ihrer K indheit durch den N ationalsozialism us und seinen ideo lo gisch-to ­ talitären E rziehungsapparat47, einschließlich der (traum atischen) K riegserlebnisse an der „H eim atfront“, w ie partiell auch auf der Flucht oder bei der Vertreibung aus vertrauten Lebensw elten; - in ihrer Jugend durch die m aterielle und psychische N ot der N achkriegszeit w ie auch durch die (w eitgehend) von H offnungen begleitete A ufbauphase in SBZ und D D R.

Entscheidung“ der D D R-G esetzgebung (in: W örterbuch Jugen d po litik 103) handelt, die biologisch-akzelerative w ie soziale Veränderungen und E ntw icklungsbeschleunigungen im Jugendalter in der zw eiten H älfte des 20. Jahrhunderts nur bedingt berücksichtigte, soll im folgenden die zeitliche Festschreibung des Jugendalters nach unten und oben flexibler gehandhabt werden. So w urden z.B . im Jah r 1929 viele für die A ufbaugeneration der DD R w ichtige A kteure geboren, die in dieser Zeit und danach das Land im positiven w ie auch negativen Sinne mit geprägt haben; darunter FD J-/SED -Funktionäre und (spätere) M inister w ie H ans-Joachim Böhme, Johannes C hem nitzer, H ans-Joachim H offm ann, W olfgang Junker, H einz Kuhrig, W erner Lam berz, Paul M arkow ski, G ünter Schabow ski, Kurt Turba; erstaunlich viele lei­ tende Führungskader des M inisterium s für Staatssicherheit und der N ationalen Volksarmee wie H orst Felber, Joachim G oldbach, W erner G roßm ann, M anfred H um m itzsch, W erner Korth, G erhard N eiber, W erner Prosetzky, W erner Rothe, R olf W agenbreth; (spätere) Kom­ binatsdirektoren und W erkleiter wie W erner Frohn, W olfgang Gress, Klaus H enkes, Otto König, H erbert Kroker, Günter Pötschke - w ichtige W issenschaftler und (spätere) Instituts­ leiter wie G ünter Feist, W alter F riedrich, Florst H aase, K arlheinz Lohs, L utz M aier, Hansgünter M eyer, G erhart N euner, H einrich O pitz, H elm ut Seidel, H arald Thom asius, Hans Wagner, W olfgang W eichelt; bekannte und erfolgreiche Künstler w ie Kurt Böwe, H einer Carow, Karl-FIeinz Jakobs, G ünter K unert, H einer M üller, W erner Tübke, M anfred W ekwerth, C hrista Wolf. Vgl. H e lm u t M ü ller-E nsberg, J a n Wielgohs, D ieter H o ffm a n n (H rsg.), Wer w ar w er in der D D R? (Bonn 2000). Bei einer allzu m echanischen H andhabung der G enerationsgrenzen w ürden all die hier ge­ nannten und für den Verlauf der D D R -G eschichte bedeutenden Personen, die ihre w ich tig­ sten Prägungen in den ersten Jahren nach dem Zweiten W eltkrieg erhielten, fälschlicherw eise keine B erücksichtigung in der Beschreibung der A ufbaugeneration finden. 47 Erika M ann schrieb bereits 1938 im Exil: „Keine M enschengruppe ... w urde so sehr, so entscheidend erfaßt von den W andlungen, w elche die N azi-D iktatur im Leben ihrer U n ter­ tanen vornahm , w ie die Kinder. Denn w ährend der erw achsene Deutsche zw ar erstens N a­ tionalsozialist zu sein hat, zw eitens aber doch vorläufig noch Ladenbesitzer oder Fabrikant sein mag ..., ist das deutsche Kind schon heute ein N azi-K ind und nichts weiter. Die Schule, die es besucht, ist eine N azi-Schule, die Jugendorganisation, der es angehört, ist eine N aziO rganisation, die Film e, zu denen man es zuläßt, sind N azi-F ilm e, und sein Leben gehört ohne Vorbehalt dem N azistaat“; Erika Mann, Zehn M illionen Kinder. Die E rziehung der J u ­ gend im D ritten Reich ([O st-]B erlin 1988) 19.

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Zahlenm äßig verstärkt w urde die A ufbaugeneration durch jene zw ischen 1925 und 1929 geborenen Jahrgänge der sogenannten „Flakhelfer-G eneration“, deren m ännliche A ngehörige überw iegend gegen K riegsende noch in die K am pfhand­ lungen verstrickt w orden waren. O bw ohl dies den m eisten der nach 1930 gebore­ nen Jugendlichen erspart blieb, vereinte sie m it ihrer V orgängergeneration eine em otional vergleichbare A usgangslage. A us der m it dem Z usam m enbruch des D ritten R eiches desaströs endenden Vorgeschichte ihrer Jugen d heraus, gab es „viele G ründe, völlig neu zu beginnen oder doch den Versuch dazu zu w agen“48. In dieser G eneration m ischten sich, auf dem H intergrund der nun allen offenbar w erdenden Verbrechen des N ationalsozialism us, „übersteigertes Schuldgefühl“ und ein „kräftiger Schuß V erdrängungssehnsucht“49 zu einer neuen A ufbruchstim m ung. Dem kam die politische R ealität in der SBZ entgegen. Forderten die antifaschi­ stisch-dem okratischen Parteien anfangs noch individuelle Schuldbekenntnisse und die B ew ährung jedes E inzelnen, hieß es bereits w en ig später - dik tiert vom Bem ühen, die gesam te Jugend erneut politisch zu m obilisieren - , daß sich nun auch „ehem alige einfache M itglied er und untere unbesoldete F unktionäre in der H J und im BD M ( ...) in die Schar der aktiv am A ufbau B eteiligten “50 ohne Vor­ bedingungen einreihen könnten. A n der G laub w ürdigkeit dieser O fferte gab es anfangs bei den w enigsten J u ­ gendlichen Zweifel. Erst m it der im m er d eutlicher w erdenden Intoleranz der SED- w ie der FD J-F ührung gegenüber A ndersdenkenden und deren zunehm end direkter vorgetragenen A lleinvertretungsansprüchen kam en bei einer wachsenden Zahl von Jugendlichen Z weifel auf. Doch ko llidierte dieser stets m it dem eigenen schlechten G ewissen: „Denn die eifernde Schulleiterin hatte unter H itler im G efängnis gesessen, der dogm atische und gebildetste der D ozenten w ar ein E m igrant gewesen - man selbst aber hatte H itler gedient. M an w ar ... in m oralischer H in sich t der Schw ä­ chere ... D ie Versuchung w ar groß, der V ernunft abzuschw ören, um ehrlichen H erzens in der G laubensgem einschaft aufgehen zu können. Es w aren nicht die Schlechtesten, die diesen Weg w ählten, der alles andere w ar als bequem .“51 48 Zwakr, Um bruch 449. 49 Engler, Die Ostdeutschen 321 bzw. 17. D er Soziologe Hansgünter M eyer, zu Kriegsende sechzehn Jahre alt, brachte dieses Lebensgefühl vieler seiner Altersgenossen später in seinen Lebenserinnerungen auf den Punkt: „Ich fühlte mich im Nachhinein auf furchtbare Weise betrogen. In meinem K o p f bildete sich im mer wieder der gleiche Satz: Das zahlt Ihr mir heim !“, ders., Die Entdeckung der Soziologie. Eine intellektuelle kolumbianische Erfahrung, in: Christian Fleck (Hrsg.), Wege zur Soziologie nach 1945. Autobiographische N otizen (Opladen 1996) 269. 50 O ffene Tore fü r die Jugend, in: Deutsche Volkszeitung, Zentralorgan der K PD , vom 27. 9. 1945. Vgl. dazu auch Ulrich M ahlert, G e r d - R ü d i g e r Stephan, Blaue Hemden, rote Fahnen. Die Geschichte der Freien Deutschen Jugend (O pladen 1996) 2 5 -2 8 ; im folgenden zitiert: M ahlert, Stephan, Blaue Hemden. 51 W ie sich der werdende N eulehrer G ü n ter d e B ru yn (Jahrgang 1926) später erinnert, in: Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin (Frankfurt a.M. 1992) 374 f.

K riterie n für ein M o d e ll der J u g e n d g e n e r a tio n e n d er D D R

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D ies w ar ein W eg, der vielen von ihnen zugleich einen deutlichen sozialen A uf­ stieg bescherte. Sie profitierten von dem zur Z erschlagung des N atio n also zialis­ mus in den Köpfen notw endig gew ordenen E litenaustausch, Jun ge, überw iegend proletarische A ufsteiger w urden so zu einer tragenden Säule der neuen G esell­ schaft. „Sie w aren (A us-)G estalter eines gesellschaftlichen System s, für das es noch keinen erprobten B auplan gab.“52 Den Ton jedoch gaben andere an: die „A lte G arde“ der zw ischen 1880 und 1914 geborenen „G ründergeneration“ des SED -Staates53, die - zur Tragik aller Jugendgenerationen der D D R - die politische M acht bis zum selbst verschuldeten Ende nie m ehr aus den H änden geben sollte auch um den Preis, die Jugend schrittw eise zu verlieren! In den A nfangsjahren jedoch führte für die aufstiegsw illigen Jugendlichen im O sten noch kein Weg an den „politischen A lten “ vorbei: „H ier w ar der A ufbau ein A usstieg aus U n ter­ schichten durch Staatsdienst, w eil Staat und Partei die universellen A rbeitgeber w aren .“54 D ie ersten Jahrgänge der A ufbaugeneration haben als Jugen dlich e die E n tw ick­ lung der D D R zu r E inparteiendiktatur in vollem U m fang m iterlebt. Im Ju n i 1953 w aren sie dem Jugen d alter fast schon entw achsen, w ährend sich die M itglieder der jüngsten K ohorte dieser G eneration, die um 1940 G eborenen, zu diesem Z eit­ punkt gerade anschickten, in das Jugen d alter hineinzuw achsen. A m Ende ihrer Jugen dzeit stand die M auer bereits. Je nach den konkreten Lebensum ständen ih­ res A ufw achsens und deren unterschiedlicher in dividueller V erarbeitung führte das bei den beteiligten Jugendlichen - in ihrer M ehrheit - entw eder zu einer relativ stabilen V erankerung in dieser A ufbaugeneration oder - bei einer M in derh eit - zu einem frühen A usstieg aus der D D R -G esellschaft durch Flucht in den Westen oder den R ückzug in die innere E m igration. Von 1949 bis zum 13. A ugust 1961

52 D em zufolge erinnern heute die sozialen A ufsteiger jener Zeit die 50er als ihre besten Jahre. Vgl. T h om as Abbe, M ich a el H o fm a n n : „Eigentlich unsere beste Zeit.“ Erinnerungen an den D D R -A lltag in verschiedenen Milieus, in: A P uZ B 17 (2002) 20. 5i E ngler (Die Ostdeutschen 320) weist zu Recht daraufhin, daß ihre „Erfahrungen im K las­ senkampf der späten W eim arer Republik ... derart einschneidend und existentiell prägend (waren), daß sie die große altersmäßige Streuung“ dieser politischen Generation aufgewogen haben. 54 M ü h lb erg, 68 im O sten 8. Diese Entwicklung wurde in der zweiten H älfte der D D R par­ tiell dadurch unterlaufen, daß sich die Intelligenz in der D D R zunehmend aus sich selbst reproduzierte. K inder aus unteren Schichten fanden immer weniger Zugang zur akademi­ schen Bildung; der Elitentausch w ar historisch abgeschlossen. Vgl. G u stav-W ilhelm Bathke, Kurt Starke, Studentenforschung, in: Walter F riedrich u.a. (Hrsg.), Das Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig 19 6 6 -1 9 9 0 . Geschichte, M ethoden, Erkenntnisse (Berlin 1999); im folgenden zitiert: Friedrich, Das Zentralinstitut. Politisches W ohlverhalten gegenüber der „D iktatur der A lte n “ w ar aber auch später w eiter­ hin Voraussetzung, w enn man im engeren A pparat von Staat und Partei sowie den angelager­ ten ideologischen Dienstleistern (wie Medien, Schulen, U niversitäts- und Akadem ieleitun­ gen) und den „Chefetagen“ der W irtschaft aufsteigen w ollte, während in Technik, N atur­ wissenschaft und auch weiten Teilen der anderen Forschungsrichtungen immer stärker das Spezialistentum sich durchsetzen konnte.

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verließen ca. 2,7 M illionen M enschen die D D R 55, „in der zw eiten H älfte der fünf­ ziger Jahre vorzugsw eise aus der jungen G eneration, die sich einen N euanfang ,d rüben“ zu trau te“55. Zeitgenössische w estdeutsche Q uellen belegen zugleich, wie nachhaltig die den ostdeutschen Jugendlichen gew ährten B ildungschancen auf deren Verbleib in der D D R bzw. auf ihr ideologisches W ohlverhalten darin w irkten . Von den 400000 A bsolventen der D iplom jahrgänge 1952 bis 1963 sind nach Schätzungen von Ernst R ichert höchstens 3,8 Prozent in den W esten abgew andert. N ur 15 Prozent von ihnen w urden als G egner des System s verm utet. A ber als engagierte Parteigänger des SED -Staates - sei es als überzeugte A ktivisten (5 P rozent) oder als „opportunistische K arrieristen“ (10 Prozent) - konnte von ihm auch nur eine M inderheit ausgem acht w erden. U ber zw ei D rittel der A ufbaugeneration w ären dem zufolge lediglich als m it dem Sozialism us „A rrangierte“ einzustufen57, was sich m it den E rkenntnissen aller heute zugänglichen D okum ente zum schw in­ denden Einfluß von FDJ und SED auf die D D R -Jugendlichen der 50er Jahre deckt58. Ende oder A nfang? Gehen oder B leiben? D ie politischen und w irtschaftlichen Krisen jener Jah re w urden von den Jugendlichen der D D R noch als A lternativen zum W eiterbestehen des Staates bzw. einem individuellen Verbleiben darin er­ lebt. D aß im ersten Jahrzehnt der D D R dennoch die Aufbaugeneration und nicht der zum A usstieg aus dem sozialistischen System neigende Teil der H eran­ w achsenden die D eutungshoheit über die Jugend des Landes erringen konnte, hat gerade im V erw eigerungspotenzial der „A ussteiger“ seine U rsache. D urch ihren W eggang in den Westen bzw. ihren R ückzug in die innere E m igration ent­ hoben sie sich der M ö glich keit der direkten Einflußnahm e. Dies geschah nicht im m er freiw illig, gingen doch Partei, Staat und im m er stärker auch die FDJ in den frühen Jahren der D D R gegen politisch „nicht paßfähige“ Jugendliche, w ie etw a die M itglied er der evangelischen „Jungen G em einde“ oder die Ju gen d ­ w eihe-V erw eigerer, m it besonderer Schärfe vor. D em zufolge haben w ir es bei der G egengruppe zur Aufbaugeneration m it einer im doppelten Sinne ausge­ grenzten Generationseinheit zu tun. 55 Vgl. dazu: D er Fischer Weltalmanach. Sonderband D D R (Frankfurt a.M. 1990) 134, sowie Z w a h r, Um bruch 4 3 8-44 7. 56 Zwahr, Um bruch 443. D er A nteil der 16- bis 25jährigen unter den „Republikflüchtlingen“ schwankt zwischen 17,9 Prozent im I. Q uartal 1953 und 43,2 Prozent im IV. Q uartal 1956. D er A n teil der Jugendlichen an der G esam tbevölkerung betrug zum damaligen Zeitpunkt aber lediglich ca. 15,8 Prozent. Vgl. dazu auch P e te r Skyba, Vom H offnungsträger zum Si­ cherheitsrisiko. Jugend in der D D R und Jugendpolitik der SED 19 4 9 -19 6 1 (K öln, Weimar, Wien 2000) 304 f f . ; im folgenden zitiert: Skyba, Hoffnungsträger. 57 Ernst R ichert, Sozialistische U niversität ([W est-]Berlin 1967) 247. 58 „Zu keinem Zeitpunkt war es der SED -Führung gelungen, auch nur annähernd das ge­ wünschte Maß an Loyalität unter den Heranwachsenden der D D R zu erzeugen (...) Sie scheiterte ... daran, die Masse der Jugendlichen über die form ale M itgliedschaft hinaus an den (Jugend)Verband zu binden“, Skyba, H offnungsträger 419. Vgl. auch M ahlert, S teph an , Blaue Hemden 10 2 -13 6 .

Kriterien fü r ein M o d e ll d er Ju g e n d g e n e r a tio n e n der D D R

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2, Die Integrierte Generation D ie B ereitschaft zur Einpassung in das gesellschaftliche System der D D R, auch wenn es innerlich nur bedingt akzep tiert w urde, konnte vor 1961 individuell sehr unterschiedlich begründet und m otiviert sein: fam iliäre und lokale Bindungen, soziale A ufstiegschancen, Stolz auf das G eschaffene und Erreichte, geringe F lexi­ bilität, politisches D esinteresse oder auch Vorbehalte gegen die w estdeutsche G esellschaft, die sie nicht als eine persönliche A lternative zur D D R erscheinen ließen. N ach dem Bau der M auer w aren all diese G ründe irrelevant gew orden. Die SE D -Führung hatte den noch Zögernden die Entscheidung aus der H and ge­ nom m en; nun w ar der D D R auf lange Zeit nur noch unter R iskierun g des eigenen Lebens zu entkom m en. Doch das allein erklärt nicht, w arum jener Teil der Jugendlichen, der sich zur D D R als persönlichem Lebensentw urf bekannte, in der N achfolgegeneration w eiterhin tonangebend blieb. Keine Jugendgeneration im kurzen Leben des zw ei­ ten deutschen Staates w a r integrierter darin als die um 1945 und b isl96 0 G ebore­ nen, die zwischen dem M auerbau und M itte der 19 7 0e r Jah re ins Jugendalter hineinw uchsen^.

U nd dies galt nicht nur für die aufstiegsorientierten A biturienten und Studen­ ten, w ie erste soziologische Erhebungen belegten60. So herrschten „bereits Anfang der 60er Jah re bei der M ehrheit der 14- bis 18jährigen Schüler und L ehrlinge ... positive E instellungen zu den propagierten sozialistischen Zielen und Werten vor. C harakteristisch w ar eine hohe Identifikation m it der D D R .“ Dies w ar eine Ent­ w ick lu n g, die sich in allen G ruppen und Schichten der Jugend bis w eit in die 70er Jahre hinein konsolidieren sollte61. Am Beginn ihrer Jugend erlebten sie - trotz M auerbau und A bschottung gen Westen - auch viele produktive E ntw icklungen, ging doch gerade von der Ju g en d ­ p o litik zw ischen 1963 und 1965 „eine Tendenz zur D em okratisierung der G esell­ schaft aus, die nicht im B ereich des A ppells verblieb“62. Erste Jugendclubs ent­ standen, der „G itarrenbeat“ w urde von der FDJ offiziell gefördert, und m it DT 64 erhielten die Jugendlichen aus A nlaß des D eutschlandtreffens 1964 sogar ein 59 [|Jcr Jst unbedingt darauf zu verweisen, daß sich die Jahrgangsgrenze zwischen der A u f­ baugeneration und der Integrierten Generation - was das Ende der einen und den Beginn der anderen betrifft - entwicklungsbedingt leider nicht trennscharf bestimmten läßt. Beide Jugendgenerationen der SBZ/DDR gehen in den um 1945 geborenen K ohorten nahezu naht­ los ineinander über (vgl. Abb. 2). 60 In der D D R konnte sich die lange als „bürgerliche W issenschaft“ bekämpfte Soziologie erst ab Mitte der 1960er Jahre schrittweise etablieren. Für die Jugendforschung ist ihre G e­ schichte eng mit dem 1965 in Leipzig gegründeten und bis E^nde 1990 dort tätigen ZIJ ver­ bunden. Vgl. Friedrich, Das Zentralinstitut 13-69. 61 P e te r Förster, Die Entwicklung des politischen Bewußtseins der D D R -Jugend zwischen 1966 und 1989, in: F riedrich, Das Zentralinstitut 78; im folgenden zitiert: Förster, Politisches Bewußtsein. 62 L e on o re K r e m l i n , Vom Jugendkom m unique zur Dichterschelte, in: Kahlschlag. Das 11. Plenum des Z K der SED 1965. Studien und Dokum ente, hrsg. v. G ü n ter A d ge (Berlin 1991) 151.

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eigenes R adioprogram m . D ieser Faden w urd e nach Jahren der Stagnation infolge des 11. Plenum s des ZK der SED 1965, das insbesondere die Künste und die Jugendlichen erneut m it einschränkenden V erdikten belegte63, sow ie nach dem M achtw echsel von U lb rich t zu H onecker - auch und gerade unter dem D ruck der Jugendlichen - schrittw eise w ied er aufgenom m en. Trotz all der gegensätzlichen E ntw icklungen blieb die Bindung des Gros dieser Jugendgeneration an die D D R w ährend ihrer gesam ten Zeit w eitgehend stabil. H auptursache dafür war, daß ihre Jugend in die Phase des relativen W ohlstands und der zunehm enden A nerkennung der D D R fiel (3. und 4. Zeitetappe, vgl. oben). G leichzeitig w urd e ihnen durch eine R eihe konkreter A ngebote des Staates - vom Erlaß des w eitreichenden Jugendgesetzes 1964 bis zu den W eltfestspielen der Jugend und Studenten 1973 in O st-B erlin - ein G efühl des G ebraucht- und G efördertw erdens gegeben. Sie „w aren die ersten K inder der anderen R ep ub lik, die nichts als D D R erlebten“64. Fast alle von ihnen w aren ohne allzu starke, innere W idersprüche Jungpioniere, gingen nahtlos in die FDJ über und feierten ihre J u ­ gendw eihe. D ie älteren K ohorten unter ihnen legten in diesem Zeitraum bereits sogar das A b itu r oder die F acharbeiterprüfung ab, m anche beendeten schon ihr Studium . A ls G ründer einer jungen Fam ilie kam en sie nach 1971 bereits in den Genuß der großzügigen Förderung durch das unter Erich H onecker verkündete neue SE D -Program m der „Einheit von W irtschafts- und S o zialp o litik“ m it sei­ nem zinslosen E hekredit, dem B ab yjah r und der bevorzugten V ersorgung m it K inderkrippenplätzen und W ohnraum . A lles G ute kam „von oben“: In der D D R w ar daher „der Topos der D ankbarkeit politisch stark in strum en talisiert“65, w ie D orothee W ierlin g ihren lebensgeschichtlichen Interview s m it O stdeutschen der Jahrgänge 1949/50 entnim m t. Einer von ihnen erinnert sich: „W ir w urden doch als 49er in etwas hineingeboren, das w ir selbst nicht m it en tw ickelt hatten. (...) Es w ar nicht die Zeit Bedingungen zu stellen.“66 A us all diesen Erfahrungen heraus glaubten viele von ihnen - trotz durchaus w ahrgenom m ener K risensym ptom e (C SSR 1968, B ierm ann-A usbürgerung 1976) - lange an eine R eform ierbarkeit der D D R, hatten sie doch diese in der Phase ihrer tatsächlichen Prosperität erlebt. Diese G eneration hat „die politischen und insbesondere m oralischen A nsprüche des Sozialism us als Ideologie besonders stark verinn erlich t“; ihre „em otionale Be­ ziehung zur D D R als H eim at“ w ar sehr stark ausgeprägt67. Ich nenne sie daher die Integrierte Generation.

D am it steht sie in einem direktem W iderspruch zu der aufbegehrenden Gene­ ration der 68er in den w estlichen Industriestaaten. A ls eingepasste, w eitgehend system konform e G eneration steht sie aber auch im W iderspruch zu einer Theorie, 63 Vgl. dazu B e r n d Lindner, D enkt bloß nicht, w ir heulen. Das 11. Plenum des Z K der SED 1965, die D EFA und die Jugend, in: Deutschland A rch iv 6 (2000) 8 9 1-9 0 1. *’4 A ndreas Molitor, Die G ruppe 49, in: Die Zeit 21 (20. 5. 1999) 16; im folgenden zitiert: Molitor, Die G ruppe 49. 65 Wierling, O pposition und Generation. 66 Zitiert nach Molitor, Die G ruppe 49, 16. 67 G eu len , Sozialisationsverläufe 43.

Kriterien fü r ein M o d e ll der Ju g e n d g e n e ra tio n e n der D D R

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welche „die 68er-G eneration als erste globale G eneration“68 begreift, w eil „die Studentenunruhen .. . ebenfalls in Staaten des O stblocks und der D ritten Welt eine G enerationserfahrung darstellen, die bisher vernachlässigt“ w orden sind69. H at es „die 68er“ in der D D R also nicht gegeben? D ie M einungen hierüber ge­ hen w eit auseinander: D ietrich M ühlberg kom m t in seiner system vergleichenden O st-W est-A nalyse zu der A ussage, daß 1968 - w enn überhaupt - in der D D R eine (Z w ischen-)G eneration früher als im Westen aufgetreten ist hat: „Sie w äre als nachstalinistische A ufbaugeneration zu fassen, deren jugendliche O rientierungs­ phase m it einem enorm en M odernisierungsschub“ der End-50er und beginnen­ den 60er Jahre zusam m enfiel. Sie sahen „seine sozialistische B ew ältigun g“ als ihre A ufgabe. „Freilich: eine R evolte haben sie nicht veranstaltet“, ihre Ideale w aren eher die w issenschaftlich-technische R evolution und die N O S70. D och zeigte sich in der D D R bald eine zunehm ende D iskrepanz zw ischen „objektiver“ und „sub­ jektiver" M odernisierung der G esellschaft, die aber - anders als im W esten - nicht als K onflikt der G enerationen ausgetragen w urde. Für A lbrecht G öschei ver­ säum te „die 40er-Jahre-G eneration der D D R 71 die em anzipatorische D im ension des Statuskonfliktes der 60er Jahre und bleibt sow ohl den alten Eliten und P artei­ kadern untergeordnet als auch tradierten Pflicht- und A kzeptanzw erten verhaf­ tet“72. Eine den W est-68ern vergleichbare G enerationseinheit kann die altersglei­ che Kohorte im O sten, auch und vor allem unter dem repressiven D ruck der in Prag aufziehenden Panzer73, nicht ausprägen. Das sieht D orothee W ierlin g ähn­ lich, obw ohl sie m it dem politischen Scheitern des Prager Frühlings „eine gem ein­ same Lage in der G eschichte, einen Zusam m enhang gem einsam er E rfahrungen“ 6S B eate Fietze, 1968 als Sym bol der ersten globalen Generation, in: BJfS Band 7 (1997) 3, 367; im folgenden zitiert: Fietze, Globale Generation. 69 Fietze, Globale Generation 366. Ähnliche, wenn auch nicht so weitreichend ausform u­ lierte Ansätze finden sich dazu u.a. bei: J o h n R. Gilles, Geschichte der Jugend. Tradition und Wandel im Verhältnis der Altersgruppen und G enerationen (Weinheim und Basel 1980) 187-222; A lmuth und K la u s-Jü r gen Bruder, Jugend. Psychologie einer K ultur (München, Wien, Baltimore 1984); Claus L e g g e w i e , Die 89er. P ortrait einer Generation (H amburg 1995) 90 -97, im folgenden zitiert: L e g g e w i e , Die 89er. H einz B u d e (vgl. Beitrag im vorliegenden Band) hat dem zu Recht entgegengehalten, daß es sich bereits bei der Kriegsgeneration von 1914 um die erste globale Generation gehandelt hat und jede weitere ausgeprägte Generation des 20. Jahrhunderts zumindest europäisch war. 70 M ü hlb erg, 68 im Osten. N Ö S oder auch N Ö SPL - Neues Ö konom isches System der Planung und Leitung der Volksw irtschaft - , dessen E ntw urf und Niedergang eng mit dem Schicksal des Vorsitzenden der Staatlichen Plankomm ission Erich Apel (geb. 1913) zusam­ menhing, der sich am 3. 12. 1965 aus Protest gegen U lbrichts W irtschaftspolitik das Leben nahm. 71 Die aus der Sicht vieler westdeutscher Soziologen und Zeithistoriker in etwa den K ern der 68er-Generation der Bundesrepublik bildeten. Vgl. L e g g e w i e , Die 89er, 90, der die Jahrgänge 1940-1950 dazu zählt, während B u d e sie bereits im U ntertitel seines Generationsporträts {Bude, Altern) um zwei Jahre auf „die Jahrgänge 1 9 3 8 -1 9 4 8 “ vorverlegt. 72 Göschei, K ontrast und Parallele 158. 73 Nach der D D R 1953 sowie Ungarn und Polen 1956 stellten die sowjetischen K om m uni­ sten 1968 in der C SSR unter Einsatz von massiver W affengewalt binnen 15 Jahren zum 3. Mal klar, daß sie Abweichungen von ihrer politischen D oktrin im O stblock nicht dulden wollten.

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zu den West~68ern ausm acht. D ennoch gab es ihrer A nsicht nach in der D D R „nicht jene fröhliche Selbststiftung als G eneration w ie im W esten“, w eil die P ro ­ testierer dort isoliert und „ohne zusam m enhängende geistige O rien tieru ng“ b lie­ ben. „1968 w urd e in der D D R zur C hiffre für eine N iederlage, nicht aber ein ein ­ heitsstiftendes D atum “74. D em zufolge spricht W ierling für den O sten nicht von einer „G eneration der 68er“, was B ude durchaus tut, auch w enn er dieses D atum für die D D R (analog zu W ierling) als „eine G eschichte der verlorenen W ü rd e“ ansieht. D ie O st-68er hat­ ten „das große Problem , daß sie ihren Takt in der G esellschaft nicht durchsetzen konnten“75. A uch E ngler sieht die O st-68er in der G eschichte scheitern, und dies gleich zw eim al: 1968 selbst und dann noch einm al im H erbst 1989, w eil sie sich durch ihre in den 80er Jahren vollzogene Spaltung in sozialistische „R eform isten“ und „idealistische A ußenseiter“ (gem eint sind dam it die Keime der B ürgerb ew e­ gung) einander entfrem deten und sich so 1989/90 der M ö glich keit eines gem ein­ sam en H andelns beraubten. Das „w ar für beide Fraktionen ein U n g lü ck “76. A n ­ ders die O stberliner Psychologin A nnette Sim on: Z w ar sieht auch sie, daß die 68er in der D D R „keine kulturrevolutionären Veränderungen w ie ihre w estlichen Ge­ nerationsgenossinnen" auslösten; sie „w ollten R eform en und setzten letztendlich eine R evolution in Gang, in der es zu einem W echsel der gesellschaftlichen P ro ­ duktionsverhältnisse gekom m en ist“. A ber: „Eigentlich sollte eine G eneration auch daran gemessen w erden, in w iew eit sie der nächsten G eneration Z ukunft er­ öffnet oder verschließt.“77 Einm al abgesehen davon, daß man der Beschreibung einer m öglichen O st-68erG eneration nicht gerecht w erden kann, w enn man sie wie Engler allein als eine „B ew egung“ von Intellektuellen aus K ultur und P o litik oder w ie Sim on unter dem A spekt des G enerationenkonflikts zw ischen leitenden F unktionären des SED -Staates und ihren K indern schildert78, ist es meines Erachtens auch w enig sinnvoll, aus einer 21 Jah re später nachgeholten R evolution den prägenden C h a­ rakter einer G eneration für ihre A ltersgleichen in der D D R im Jah re 1968 ableiten zu w ollen. D ie W ahrheit ist, daß die O st-68er in ihrer G eneration m arginal b lie­ ben und bestenfalls als „ausgebrem ste G eneration“ (B ude) gelten können, w äh ­ rend die M ehrheit der Jugendlichen sich in das System integrierte: „ ... lange Jahre w ar selbst in intellektuellen Kreisen der P rager F rüh lin g kein Them a. D ie A ngst allein kann nicht der G rund dafür gewesen sein. Es w ar w ohl auf eine schw er zu 74 W ierling , O pposition und Generation (Manuskript). 75 Von Machern und Halbstarken. D ie Bundesrepublik und ihre Generationen. Interview mit dem Soziologen H einz B ude, in: Die Zeit 21 (20. 5. 1999) 14. 76 Engler, Die Ostdeutschen 32 8-338. 77 A n n ette Simon, Vor den Vätern sterben die Söhne? Die Achtundsechziger der D D R , in: A n n ette Simon, J a n Faktor, Fremd im eigenen Land? (Gießen 2000) 2 2 f. 78 Von den 506 von Staatssicherheit und D D R -Justiz 1968 eingeleiteten Erm ittlungsverfah­ ren gegen Jugendliche „wegen Verbreitung selbst gefertigter H etzschriften“ betrafen ledig­ lich 7,6 Prozent Studenten, aber 71,1 Prozent junge A rbeiter und Lehrlinge. Vgl. B ern d Lindner, Enttäuschte H offnungen, in: ZFL, Einsichten 1 1 8 -1 2 4 und Wierling, O pposition und Generation..

Kriterien fü r ein M o d ell d er Ju g e n d g e n e r a tio n e n d er D D R

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erklärende Weise degoutant, über den Käfig zu reden, in dem man hockte. Ein m iefiges G efühl des W ohlseins und der Ü bereinstim m ung m it dem System p räg­ ten die siebziger und frühen achtziger Jah re.“79 Das W iderspruchspotenzial dieser G eneration w ar nicht politisch, sondern vor allem ku lturell geprägt. 3. Die distanzierte Generation

D ie A usform ung prägender G enerationseinheiten w ar in der D D R lange Zeit also auch eine V erdrängungsleistung! D adurch ließen sich - so erstaunlich dies im N achhinein anm utet - auch tiefe gesellschaftliche Einschnitte w ie die N ied er­ schlagung des Prager Fühlings 1968 oder die w illkü rlich e A usbürgerung W olf Bierm anns aus der D D R 1976 von den Jugendlichen m ehrheitlich m ental „aus­ sitzen “. „Die biographische K ontinuitätsnotw endigkeit (auch in bezug auf die Elterngenerationen - B .L.) oder der Z w ang zu r K onsistenzsicherung kann es ver­ langen, daß dram atische V eränderungen in der U m w elt weggeschoben werden. Selbst politische K ollektivereignisse w erden gar nicht wahr- oder erst nach einer gew issen Zeit zu r K enntnis genom m en.“80 Erst eine neue Jugendgeneration - zwischen 19 6 1 und 1975 geboren, von Mitte der 19 7 0e r Ja h re bis zum Ende der D D R ins Jugendalter hineingewachsen - w ar dazu fähig, sich innerlich aus den alten Zwängen zu befreien: N achgeborene, für die der schm ale W ohlstand der D D R nicht mehr eine historische E rrungenschaft, sondern etw as Vorgefundenes und selbstverständlich in A nspruch G enommenes war. So verm ochten sie auch eher dessen zunehm ende B rüchigkeit zu erkennen und den dafür zu entrichtenden Preis an politischer A npassung - den ihre Elternund V orgängergeneration zu großen Teilen noch zu zahlen bereit w ar - in Frage zu stellen. Bei ihnen handelt es sich um die G eneration der N icht-M ehr-E ingestiegenen. Ihre G rundhaltung zur D D R w ar die des „Protestes durch V erw eige­ rung“81. Ihre Lust am direkten E ingreifen in den täglichen A b lauf der G esellschaft w ar sichtlich gebrem st. D iese G eneration trat den „R ückzug statt (der) O ffen­ sive“ an, w ie es der D ichter K urt D raw ert (geb. 1956) für sich und seine A lters­ gleichen treffend auf den Punkt brachte: „ ... im O sten und doch nicht im O sten, w ir wohnten, aber w ir lebten nicht d o rt“82 - eine A ussage, die nachhaltig von Ergebnissen der Jugendforschung gestützt w ird: A b Ende der 70er Jah re ist eine Stagnation in der B ew ußtseinsbildung Jugen d lich er in bezug auf alle w ichtigen

79 Stefan Wolle, Die „nachvollziehende R ebellion“ der D D R -Achtundsechziger, in: Leviat­ han 4 (Dezem ber 1998) 530. so LIeinz B u d e in einem Gespräch mit R u d o l f W oderich über Biographieforschung im neuen Osten und im alten Westen, Dynam ische Gelegenheitssucher und defensive Einfädler, in: Berliner Debatte IN IT IAL 2 (1966) 5. 81 G ü n th er L ange, H a n s-Jö rg Stiehler, Abschied von der U topie? Jugend in der D D R im so ­ zialen Wandel der achtziger Jahre, in: Sozialisation im Sozialismus, hrsg. v. G u n th e r Burkart (ZSE, Zeitschrift fü r Sozialisationsforschung und Erziehungssoziologie, 1. Beiheft [1990]) 55-69. 82 Kurt D)'aw ert, Rückzug statt O ffensive, in: Freitag 52 / 1(18 . D ezem ber 1998).

210

Be rn d L in d n e r

politischen W erte der G esellschaft (Identifikation m it dem M arxism us-L en inis­ mus und dem Staat D D R, E instellung zur SED, zur Sow jetunion und zur h isto ri­ schen Perspektive des Sozialism us, H altun g zur B undesrepublik) zu verzeich ­ nen83. N ur ku rz unterbrochen durch die N achrüstungsdebatte und den H off­ nungsschub auf eine R eform ierung des Sozialism us, der sich mit G orbatschows P o litik von G lasnost und Perestroika auch für viele Jugendliche verband, spiegelt sich in den D aten soziologischer U ntersuchungen ab 1987/88 pure Endzeitstim m ung w ider. „Die regressiven Tendenzen gingen geradezu in einen Verfall der Identifikation m it den sozialistischen W erten über . , . “84 Potenziert w urde diese E ntw icklung noch durch einen tiefgreifenden W andel der jugendlichen Lebens­ orientierungen, der - so W alter F riedrich - „eher als „M entalitätsum bruch“ oder „W erteaufbruch“ in der D D R charakterisiert w erden kann “85. Das Streben der Jugendlichen nach Selbstgestaltung und so zialer A nerkennung nahm seit 1975 stark zu. Sprunghaft stieg das E rlebnisstreben, die O rien tierung auf M ode, Luxus und G eselligkeit: alles R eaktionen auf D efizite des D D R -A lltags, aber auch W unschprojektionen eines G esellschaftsbildes, das sich ganz selbstverständlich der (m edienverm ittelten) Vorteile des W esten bediente. In dieser G eneration tritt „die system im m anente D enkw eise .. . zurück zugunsten einer m oralischen und in gew issem Sinne auch ästhetischen K ritik“ am SED -Staat86. D am it enthob sich diese Jugendgeneration lange selbst einer direkten politischen W irksam keit: „Sie forderten den Staat und seine Instanzen nicht heraus, sondern ignorierten ihn und traten den langen M arsch durch die Institutionen erst gar nicht an .“87 A uf ihrer A genda standen statt dessen das Streben nach individuellem W ohlstand, ku ltu rel­ ler (Szenen-)V ielfalt und geistigem Freiraum , w o auch im m er die schw ächelnde D D R ihn nicht m ehr verhindern konnte. Die dom inierende G enerationsgestalt der E nd-D D R nenne ich daher D istan­ zierte Generation. M it ihrer D om inanz vollzog sich ab 1975 in der A bfolge der Jugendgenerationen der D D R erstm als ein (folgenschw erer) Paradigm aw echsel. N icht m ehr die system freundlichen Ström ungen stellten die prägende G enerati­ onseinheit unter den Jugendlichen, sondern jene, die ih r kritisch -distanziert bis ablehnend gegenüberstanden. So m achte (auch und gerade) die Jugen d der D D R den Weg in die dem okratische R evolution vom H erbst 1989 frei. Z w ar mag es vom D urchschnittsalter der führenden Köpfe der B ürgerbew egung her Sinn m achen, von 1989 als einer „R evolution der V ierzigjäh rigen “88 zu sprechen. Der Kern der L eip ziger M ontagsdem onstranten lag m it 25 bis 55 Jahren ebenfalls jenseits des Jugen d alters89. Doch ändert sich das B ild schlagartig, w enn w ir die 83 Vgl. Walter Friedrich, M entalitätswandlung der Jugend in der D D R , in: SAPuZ B 16—17 (13. A p ril 1990) 2 5 -3 7 ; im folgenden zitiert: Friedrich , M entalitätswandlung. 84 Förster, Politisches Bewußtsein 79. 85 Friedrich, M entalitätswandlung 3 4 f. 86 G en ien , Politische Sozialisation 329. S7 Wolle, Heile W elt 232. 88 Wierling, O pposition und Generation. 89 Lindner, Dem okratische R evolution 114.

K riterien fü r ein M o d e ll der Ju g e n d g e n e ra tio n e n der D D R

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M assenflucht von D D R -B ürgern über U ngarn und die bundesrepublikanischen Botschaften in Prag, W arschau und Sofia in den W esten als w eiteren entscheiden­ den A uslöser für den K ollaps des SED -Staates einbeziehen. Das D urchschnitts­ alter der 225233 Flüchtlinge und U bersiedler, die vom 1. Jan uar bis 9. N ovem ber 1989 aus der D D R in B undesrepublik kam en, lag bei ca. 23,5 Jahren90. A ls sich diese erst nach dem M auerbau geborenen „K inder der geschlossenen G esell­ schaft“91 entschlossen, der D D R den R ücken zu kehren, w ar es kaum mehr ein A bschied von „ihrem L an d “, sondern einer von einem jew eils konkreten sozialen U m feld, von Fam ilie und Freundeskreis. D ie „G eneration ohne A lternative“92 schuf sich eine solche - durch ihren A usbruch aus dem D D R -System bzw. ihre Em anzipation davon. Parallel zu ih r existierte im gleichen Z eitraum aber w eiterhin auch eine G enera­ tionseinheit, die sich konform zum Staat verhielt. D ie L o yalität zur D D R und de­ ren Institutionen h ielt sich bei ihnen allerdings in G renzen - zur gegenseitigen Vorteilsnahm e. K ehrten viele von ihnen z.B . „spätestens nach dem Erreichen ihres beruflichen Ziels der FD J den R ücken “93, ließ sie der Jugendverband - wegen des schönen Scheins - dennoch w eitgehend in Ruhe. D ie Kraft, Einfluß auf das Gros der Jugend zu nehm en, hatte die FDJ längst verloren. A uch der Versuch, sich mit bis dato in der D D R nicht zugelassenen O pen-A ir-K onzerten w estlich er R o ck­ stars w ie Bob D ylan , Jo e C o cker oder Bruce Springsteen einen Prestigegew inn bei der Jugend zu „erkaufen“, fruchtete nur noch w en ig94. D ie Jugendlichen ström ten zw ar in Scharen zu den K onzerten, aber nicht m ehr in die FD J-V ersam m lungen.

Erstes Fazit und offene Felder Das Projekt der politischen V ereinnahm ung der Jugen d für den Sozialism us w ar in der D D R lange vor dessen Ende gescheitert. Zu fragen bleibt, ob dies auch an den hier dargestellten Jugendgenerationen gelegen hat. Z w ar konnten sie p rä­ gende G estalt für ihre jew eilige G eneration erreichen; politisch innovativ im Sinne des System s w urd e jedoch lediglich die Aufbaugeneration - sow eit dies die „Ge­

90 Lindner, Dem okratische R evolution 46. 90% der Flüchtlinge des Sommers 1989 waren unter 40 Jahre alt, was dafür spricht, daß sich in der Endzeit der D D R auch nennenswerte Teile der Integrierten Generation aus ihrer Bindung an diesen Staat zu lösen begann und/ oder vom Sog der M assenflucht erfaßt wurde. 91 Zwahr, Um bruch 443. 92 So nennt Bettina V ölter in ihrem gleichnamigen Aufsatz die nach dem Mauerbau geborene Jugendgeneration, weil sie „die deutsche Teilung ... bei ihrer G eburt vorfanden bzw. sie als alternativlose gesellschaftliche Realität erlebten." In: Berliner Debatte IN IT IAL 7 (1996) 6, 109. ’ 3 Wolle, Heile W elt 114. M Vgl. M ichael R auhut, M usik kennt keine G renzen. Politische H intergründe internationaler Rockkonzerte in der D D R der Endachtziger, in: H elg a G otschlich (Hrsg.), „Links und links und Schritt gehalten . . . “. Die FDJ: K onzepte - Abläufe - Grenzen (Berlin 1994) 3 0 4 -3 10 .

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Be rn d L in d n e r

neration der A lten “ zuließ. D ie Integrierte Generation dagegen konnte Innovatio­ nen im Sinne gesellschaftlicher V eränderungen w eder für noch gegen das D D RSystem dauerhaft ausprägen. Sie p aralysierte sich durch ihr Streben nach Ü berein ­ stim m ung w eitgehend selbst. A ber auch die D istanzierte Generation verm ochte lange keine eigenständigen politischen Zeichen zu setzen. Erst als sie - zu nicht unerheblichen Teilen - ihre Existenz in diesem System auch physisch in Frage stellte, nahm sie unübersehbar Einfluß auf das Ende der D D R. Zu lange w ar das politische Feld uneingeschränkt von jener G eneration besetzt, die diesen Staat bereits gegründet hatte. Z w eifelsohne ist M ühlberg zuzustim m en, dem zufolge „G enerationen dann w irksam e Verbände w erden, w enn die k u ltu rel­ len K onkurrenzen zw ischen sozialen B ew egungen und Ström ungen bedeutungs­ voller, die K lassenkonkurrenzen dagegen schw ächer w erden“95. Das hier vorge­ stellte M odell der politischen und sozialen Jugendgenerationen der D D R bedarf also unbedingt der E rgänzung um eine ku lturelle Perspektive. D ies ist andernorts bereits ansatzw eise geschehen96. A n dieser Stelle kann - aus P latzgründen - led ig­ lich darauf verw iesen w erden, daß im ku lturellen Feld die Parallelen zur E n tw ick­ lung der A ltersgleichen in der B undesrepublik deutlich größer sind als im p o liti­ schen R aum . D ie ku lturelle Identität Jugen d lich er in der D D R w ar im m er schon eine M ischidentität, von Elem enten des O stens ebenso geprägt w ie von denen des W estens, und zw ar m it w echselnden D om inanzen: ein U n ikat m it vielen A n ­ leihen! Sie bei w eiteren A n alysen der Jugendgenerationen stärker zu betonen, ist daher auch eine Forderung der G egenw art! B leibt die nicht unerhebliche Frage, w ie jene Jugendgeneration zu ch arakteri­ sieren ist, die zw ar noch in der D D R geboren w urde, deren E intritt in das Ju g en d ­ alter jedoch erst m it oder nach dem Ende der D D R erfolgte. Es entspricht der L o gik des dargestellten G enerationsm odells, daß die nach 1975 Geborenen, deren erste K ohorte genau 1989/90, an der Bruchstelle der Systeme, in die Jugend hineinwuchs, die W endezeit als einen deutlichen E inschnitt in ihre Sozialisation erlebten. A llerdings hatten sie gegenüber allen anderen beteiligten G enerationen den Vorteil, sich unbelasteter dem W endeprozeß stellen zu können. Zugleich befanden sie sich in einer Lebensphase, in der sie w ie jeder H eranw achsende (zu allen Zeiten) verstärkt auf die H ilfestellun g von E rziehungsautoritäten - Personen w ie Institutionen - angew iesen w aren. D och: O b Eltern oder V erwandte, Schulen, Jugendorganisationen oder M edien - sie alle fielen im O sten dafür w eitgehend aus! N ich t nur, w eil ihnen die Lebensum stände der B undesrepublik ebenfalls frem d w aren, sie also schon faktisch nicht in der Lage w aren, den H eranw achsen-

95 M ü h lb erg , 68 im Osten. 96 Vgl. B e r n d Lindner, Sozialisation und politsche K ultu r junger O stdeutscher vo r und nach der W ende - ein generationsspezifisches Analysem odell, in: Uta S ch legel, P e te r Förster (Hrsg.), O stdeutsche Jugendliche: Vom D D R - zum Bundesbürger (O pladen 1996) 3 1-3 4 . Ein Ü berblick über wichtige Entwicklungslinien der D D R -Jugend in ausgewählten kulturel­ len und künstlerischen Feldern findet sich bei: B er n d Lindner, D ieter W iedem an n, K ultur und M edienforschung, in: Friedrich, Das Zentralinstitut 3 0 1 -3 5 1 .

Kriterien fü r ein M o d e ll der Ju g e n d g e n e r a tio n e n der D D R

1930_

1935_

HJ - Generation “Jugend ohne Jugend"

1940 _

1945 “Jugend - Not - Kultur” (mit sozial. Einfluß) 1950 _

1955

1960 _

“Jugend - Schutz - Kultur’1 (vor westl. Einfluß)

1965 _

1970 _

1. Mediengeneration (schöpferische Anver­ wandlung westl. Kultur)

1975

1980-

1985 _

2. Mediengeneration (direktere Übernahme westl. Kultur)

1990 kommerzielle Jugendund Freizeitkultur

Abb. 3

213

214

B ernd L in d n e r

den R atschläge zu erteilen, sondern vor allem auch, w eil ihre G laubw ürdigkeit in den A ugen der Jugendlichen in hohem M aße d iskreditiert war. Das galt zw ar nicht in gleichem M aße für die Kirche97, doch w ar und ist deren W irkungsraum durch die hochgradige Säkularisierung des O stens unter Jugendlichen erheblich ein­ geschränkt98. A ber auch die eingeführten Institutionen und O rganisationen der Jugen d arb eit des Westens konnten hier nur bedingt als Ä quivalent w irksam w er­ den: Zu unbekannt w aren ihre Strukturen, zu frem d ihre Genese und nicht zuletzt zu ungeschickt ihre Versuche, im O sten Fuß zu fassen. D em entsprechend w aren (und sind) die H eranw achsenden im O sten w eit­ gehend auf sich selbst verw iesen. W ir haben es bei ihnen m it einer in hohem M aße Unberatenen Generation zu tun99. D ie Folgen dieses Sachverhaltes für diese Jugendgeneration, die heute noch anhalten, sind bereits allenthalben zu spüren: D istanzierung und soziale E ntw urzelung, Zuw achs an A ggressivität und G ew alt sow ie politisches D esinteresse auf der einen und politische Polarisierung an rech­ ten und linken R ändern auf der anderen Seite. Erschw erend kom m t h inzu, daß es sich bei ihnen w eitgehend um die K in d er der Integrierten Generation handelt, jener Jugendgeneration der D D R also, die es nach der „W ende“ m it A bstand am schw ersten hatte, in der bundesrepublikanischen G egenw art anzukom m en. M it den „guten Z eiten“ der D D R -E ntw icklung besonders eng verbunden, kom pen­ siert diese G eneration ihre sozialen und m entalen Problem e m it der G egenw art verstärkt durch (n)ostalgische R ückbezüge, die um so stärker auch auf ihre K inder

97 Sie hatte durch ihre Schlüsselfunktion im H erbst 1989 sogar einen erheblichen Imagege­ w inn in der Bevölkerung zu verzeichnen, den sie aber nicht dauerhaft für sich nutzen konnte. Vgl. Matthias H a rtm an n , Kirchen, in: W erner W eidenfeld, K a rl-R u d o lf K ö r te (Hrsg.), Handbuch zur deutschen Einheit (Bonn 1996) 4 1 9 -4 2 8 . 98 Vgl. Walter Friedrich, Weltanschauliche Positionen der Jugend, in: ders., Das Zentralinsti­ tut 184-205. 99 Ihre Charakterisierung in den Medien als „Verwahrloste G eneration“ („die ihre Prägung in einer gesellschaftlichen Zwischenzeit erfahren“ hat, als „alle bekannten W erte der D D R weggebrochen“ und die neuen „noch frem d“ waren, in: Freitag 19 [1998]), als „Generation N u ll“ („zu alt, um ihre Vergangenheit zu vergessen, und zu jung, um in ihr zu verharren“, in: Tagesspiegel v. 22. 10. 1998) oder Generation „auf dem Seil“ (die zwischen M itleid mit ihren Eltern und den eigenen, brüchigen Zukunftshoffnungen schwankt, in: Die Zeit 38 [1999]) spricht ebenso dafür wie umfangreiche soziologische Befunde aus dem ersten Jahrzehnt nach der W iedervereinigung. Vgl. dazu u.a.: I m b k e B eh n k cn , B e r n d Lindner, JArgen Z ’ inn eck er u.a., Schüler-Studie ’90. Jugendliche im Prozeß der Vereinigung (Weinheim, München 1990); P e te r Förster, Walter Friedrich, Wilfried Sch u barth, Jugend O st. Zwischen H offnung und G ew alt (O pladen 1993); Walter Bien, Ute K a rig u.a., C ool bleiben - erwachsen werden im O sten (W einheim, München 1994); H a n s-Jü rg en v o n Wensierski, M it uns zieht die alte Zeit. Biographie und Lebenswelt junger D D R -B ürger im Um bruch (Opladen 1993); R ain er Sil­ b ereisen , Laszlo A. Vaskovics, J ü r g e n Z inn eck er (Hrsg.), Jungsein in Deutschland. Jugendli­ che und junge Erwachsene 1991 und 1996 (O pladen 1993); Walter Friedrich, P e t e r Förster, Jugend im Osten. Politische M entalität im Wandel (Leipzig 1996); S ch legel, Förster, Vom D D R - zum Bundesbürger, insbesondere 2 1 -3 8 8 ; P e te r Förster, Die 25jährigen auf dem lan­ gen Weg in das vereinte Deutschland, in: AP uZ B 4 3 -4 4 (1999) 22. O ktober, 2 0 -3 1 sowie die Shell-Jugendstudien 1992, 1997 und 2000 (alle Opladen).

K riterien für ein M o d ell der Ju g e n d g e n e r a tio n e n der D D R

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und Enkel (ein )w irken, als diese selbst Problem e mit ihrer Verortung in der B un­ desrepublik des 21. Jahrhunderts haben97. D ie G eschichte der Jugendgenerationen der D D R setzt sich also bis in die unm ittelbare G egenw art fort, obw ohl der Staat, der sie hervor- und den sie m it zu Fall gebracht haben, schon über ein Jahrzehnt nicht mehr existiert. D ie U rsachen dafür und R eaktionsm uster darauf zu erhellen, ist eine M öglichkeit des hier vorgestellten G enerationenm odells und zugleich eine Leistung, die es noch zu erbringen hat.

97 Vgl. B e r n d Lindner, Die Generation der Unberatencn, in: Berliner Debatte Initial 14 (2003)2, 32 f.

Dorothee Wierling

Wie (er)findet man eine Generation? Das Beispiel des Geburtsjahrgangs 1949 in der DDR A nfang der 90er Jahre begann ich, mich für die E rfahrungen m einer eigenen A ltersgruppe in O stdeutschland zu interessieren. D araus ist eine Studie über den G eburtsjahrgang 1949 entstanden und eine These über die erste N achkriegsgeneration in der D D R 1. D er folgende Text versucht in knapper Form , diesen For­ schungsprozeß zu skizzieren. D er B egriff der Generation ist 1928 in bis heute anregender W eise von Karl M annheim p roblem atisiert w orden2. Folgt man M annheim 3, so muß zwischen G eburtskohorten, also den eher technisch und meist an m etrischen Zeitrhythm en orientierten A ltersgrup p en einerseits, und G enerationen andererseits unterschie­ den w erden. A nders als Kohorten, die lediglich quantitative G rößen sind, kon­ stituieren sich G enerationen qualitativ durch ihren besonderen O rt in der Ge­ schichte und eine besondere E rlebnisschichtung. Eine A ltersgruppe als G enera­ tion zu identifizieren, erfordert, sie als solche zu begründen. In einem Sam m elband zu G enerationen und G enerationskonflikten in D eutschland hat der britische H erausgeber beides zu auffälligen Phänom enen ge­ rade der deutschen G eschichte erklärt4. Zum Teil leitet er dies ab aus den extrem en und häufigen politischen und system ischen Brüchen vor allem der deutschen Z eit­ geschichte. A us seiner E inleitung in das Problem , aber auch aus anderen D ar­ stellungen zu G enerationen in D eutschland w ird dabei deutlich, daß G eneratio­ nen häufig nicht so sehr über eine bestim m te E rlebnisaufschichtung im M annheim ’schen Sinne, sondern über ein zentrales, dram atisches Ereignis oder ein­ schneidende E rfahrungen in der/«ge«t/phase in die G eschichte eingehen: die sog. G eneration von 1914, die Flakhelfergeneration, die 68er-G eneration. Jugen d und A doleszenz gelten insofern als die eigentliche Phase der G enerationsw erdung, als hier erstm als „die W elt“ betreten, kritisch erfahren und angeeignet w ird - in der 1 D o r o th e e Wierling, G eboren im Jahr Eins. D er Geburtsjahrgang 1949 in der D D R (Berlin 2002).

2 Karl M an n h eim , Das Problem der Generationen, in: ders., Wissenssoziologie, Ausw ahl aus dem Werk, hrsg. von K u rt H. W olff (N euwied, Berlin 1970) 50 8-565. 3 S. dazu den Beitrag von J. Zinnecker im vorliegenden Band! 4 Mark R osem a n (Hrsg.), Generations in Conflict. Youth R evolt and Generation Form ation in Germ any 17 7 0 -1 9 6 8 (Cam bridge 1995).

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D o ro th ee W ie r lin g

R egel in A bsetzung von bzw. im K onflikt m it der w ichtigsten R eferenzgenera­ tion, derjenigen der Eltern und Erzieher. Ein solcher B ezug auf M annheim verw eist nicht nur auf die Fruchtbarkeit sei­ nes A nsatzes für die historische Erforschung von G enerationalität, sondern auch auf die engen G renzen seines K onzepts; denn in der Tat geht es M annheim vor allem um Jugend als prägende Phase, w enn er von E rlebnisaufschichtung spricht, und im engeren Sinne um m ännliche Jugend, insbesondere um diejenige der bürgerlichen, vor allem bildungsbürgerlichen Schichten. H ier suchte er nach den G enerationseinheiten, die nicht nur als besondere gesellschaftlich geprägt waren, sondern auch ihrerseits in der Lage sein w ürden , prägend auf G esellschaft, d.h. auf G eschichte zu w irken. Es fehlt nicht an Versuchen, die deutsche Z eitgeschichte als A bfolge bestim m ter G enerationen in diesem oben skizzierten Sinne zu beschreiben5. In jeder dieser B estim m ungen von „G enerationsgestalten“ und G enerationsabfolgen aber han­ delt es sich um eine G enerationsstiftung, entw eder von innen, aus der entspre­ chenden A ltersgruppe selbst, w ie im Fall der sog. ’68er - oder von außen, d.h . durch Soziologen oder H istoriker. G enerationen ergeben sich nicht einfach aus der G eschichte, sondern bilden auch ein historisches K onstrukt. A llerdings lassen sie sich kaum w illk ü rlich konstruieren, bzw. können als solche zw ar einen k u rz­ lebigen D iskurs prägen, aber nicht w irk lich in die G eschichte eingehen6. Im Zentrum des Interesses an G enerationen (in) der D D R standen einerseits die jüngsten E rw achsenen, diejenigen also, die das Scheitern des System s h erbeige­ führt und die D D R aufgegeben hatten. Sie galten zugleich als diejenigen, die sich am ehesten in die gesam tdeutsche N ation integrieren w ollten und konnten7. Das historische Interesse an der D D R selbst konzentrierte sich dagegen auf die sog. A ufbaugeneration, d .h . einerseits diejenigen, die aus der W eim arer R epublik stam m ten und als antifaschistische W iderstandskäm pfer bzw. im Exil den N atio ­ nalsozialism us überlebt hatten. Sie hatten jene kleine Elite gebildet, die bis zuletzt die eigentlichen F ührungspositionen in der D D R innehatte8. A ndererseits um faßt der B egriff der A ufbaugeneration auch jene, die, in den 20er Jah ren geboren, das 5 Einflußreich wurden zwei solcher Versuche, die bei allen Unterschieden im Ansatz doch auf eine deutsche Generationsgeschichte des 20. Jahrhunderts abzielen. Walter J a id e, G ene­ rationen eines Jahrhunderts (Opladen 1988); und H e lm u t F en d , Sozialgeschichte des A u f­ wachsens. Bedingungen des Aufwachsens und fugendgestalten im zwanzigsten Jahrhundert (Frankfurt a.M . 1988). 6 A ls Beispiel fü r eine solche, kurzfristige und modische Prägung vgl. Florian Mies, G enera­ tion G o lf (Berlin 2000); oder in den U S A die Erfindung der sog. Generation X. N icht ver­ wunderlich ist es, daß solche Generationsstiftungen häufig an bestimmte Konsum m uster bzw. Konsum güter gebunden werden. 7 W erner H e n n ig , Walter Friedrich (Hrsg.), Jugend in der D D R . Daten und Ergebnisse der Jugendforschung vo r der Wende (Weinheim 1991); Walter Friedrich, H artm u t G riese (Hrsg.), Jugend und Jugendforschung in der D D R . Gesellschaftspolitische Situationen, Sozialisation und M entalitätsentwicklung in der D D R in den achtziger Jahren (Opladen 1991). 8 C a th erin e Epstein, The Production o f „O fficial M em o ry“ in East Germ any: O ld C om m u­ nists and the Dilemm a o f M em oir W riting, in: C entral European H istory 32 H. 2 (1999) 18 1-2 0 1.

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K riegsende als Jugen d lich e oder junge Erwachsene erlebten und in den A ufbau eines sich antifaschistisch-dem okratisch nennenden G em einwesens einbezogen w erden konnten - die sog. H J-G eneration9. Sie bildeten am Ende der D D R die M ehrheit der Z K -M itglieder; p otentielle N achfolger H oneckers gehörten dieser G eneration ebenso an w ie die ku lturelle Elite der D D R. A ls A ltersgruppe stellten sie die M asse des lokalen und betrieblichen Führungspersonals seit den 60er Ja h ­ ren. Zur biographischen K onstruktion dieser A ufsteigergeneration gehörten der Z usam m enbruch des N ationalsozialism us und der A ufbau des Sozialism us als B ekehrung, R ein igu ng und W iedergutm achung10. N eben der Identifikation solcher für die D D R paradigm atischen G enerationen hat es auch andere Versuche gegeben, die G eschichte der D D R im Lichte un ter­ schiedlicher G enerationslagen zu verstehen bzw. die B edeutung der D D R-Erfahrung für verschiedene G enerationen genauer zu bestim m en. H ierzu gehören Versuche, G eneration und D D R -B indung aufeinander zu beziehen11. H artm ut Zw ahr kom m t im R ahm en eines G eburtskohortensystem s, das sich auch hier in D ekaden unterteilt, zw ar zu einer qualitativen B estim m ung von G enerationen, führt dies aber eigentlich nur für zw ei solcher G ruppen aus: die G eburtsjahrgänge der 20er Jah re, also die H J- bzw. FD J-A ufbaugeneration; und die G eburtsjahr­ gänge der 30er Jah re, also die letzte Friedensgeneration. U b er die K inder des K rie­ ges und der unm ittelbaren N achkriegszeit sagt er fast gar nichts, und die G eburts­ jahrgänge 1950 bis 1988 (!) faßt er pauschal unter dem Begriff: „eigentliche Kinder der R ep u b lik“ 12 zusam m en. In diesem Kontext den M auerbau und den A ugust 1968 als zentrale M arksteine der politischen E rfahrung zu benennen reicht offen­ sichtlich nicht aus, um die Prägungen dieser Jahrgänge auch nur anzudeuten. D urch eine differenziertere Perspektive könnte der D D R ein Stück G eschicht­ lichkeit zurückgegeben w erden - und zw ar sowohl im H in b lick auf die innere D if­ ferenzierung ih rer eigenen G eschichte als auch im H in b lick auf ihre Integration in die deutsche Z eitgeschichte. D afür scheint ein A nsatz, der nach der Erfahrung ver­ 9 D o r o th e e Wierling, The H itler Youth Generation in the G D R . Insecurities, ambitions, and dilemmas, in: K o n r a d J a ra u s ch (ed.), Dictatorship as Experience. Towards a Socio-C ultural H istory o f the G D R (N ew York, O xford 1999) 307-324. 10 Siehe die entsprechenden Porträts in Lutz N ieth am m er, A lexander v o n Plato, D o r o th e e Wierling, Die volkseigene Erfahrung. Zur Archäologie des Lebens in der Industrieprovinz der D D R (Berlin 1991). System atischer zur sog. H J-G eneration in der D D R A lexander v o n Plato, The H itler Youth Generation and its Role in the Two Postw ar Germ an States, in: Mark R osem an , Generations in C onflict 2 1 0 -2 2 6 . D o r o th e e Wierling, The H itler Youth G enera­ tion (wie Anm . 9). 11 Vgl. vor allem den Text von Bernd Lindner in diesem Band. Kerstin H arnisch, Lebenswege und Lebenschancen. Biographien aus drei Generationen der D D R -G esellschaft, in: G erd M ey e r (Hrsg.), Lebensweise und gesellschaftlicher Um bruch in Ostdeutschland (Jena 1992) 102 - 127; D ietrich M ü h lb erg, Die ’68er und wir, oder: W er waren die ’68er im Osten, Vor­ trag H um boldt-U niversität 9. Juni 1998, unveröffentlichtes M anuskript; H a r tm u t 7.wahr, Umbruch durch Ausbruch und Aufbruch: Die D D R auf dem H öhepunkt der Staatskrise 1989. Mit Exkursen zu Ausreise und Flucht sowie einer ostdeutschen G enerationenüber­ sicht, in: Sozialgeschichte der D D R 4 2 6 -4 6 5 , bes. 4 4 7 ff. 12 Ebd. 451.

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schiedener A ltersgruppen im Vergleich fragt, p ro duktiv zu sein. Die bisher um fas­ sendste Studie zum K ohortenvergleich in der D D R liegt aus dem M ax-P lanck-In stitut für B ildungsforschung vo r13. In ihr w erden vier verschiedene G eburtskohor­ ten, die G eburtsjahrgänge 1929/31,1939/41,1951/53 und 1959/61 m iteinander ver­ glichen, und zw ar im H in b lick auf ihre „Lebensverläufe“, d.h. vor allem A u sb il­ dung, Berufsverläufe und Fam iliengründung. D ie A utor/innen sind in der Lage, die durchaus unterschiedlichen, kohortenspezifischen G rade und Weisen der Prägung durch in stitutio neile und strukturelle R ahm enbedingungen in der D D R aufzuzei­ gen. Im M ittelp un kt stehen dabei Fragen von R eglem entierung versus H andlungs­ spielräum en sow ie Problem e sozialer U ngleichheit. So interessant die Ergebnisse im E inzelnen sind, so begrenzt sind sie aber auch im H in b lick auf die Subjektivität und E rfahrungsaufschichtung der historischen Subjekte. Dies ist einerseits einer be­ w ußten E ntscheidung der A utoren im Flinblick auf M ethoden und Fragestellungen geschuldet, w as hier nicht w eiter kritisiert w erden soll, andererseits aber auch dem fehlenden Versuch, so etwas w ie ein G enerationenprofil herzustellen - durch s y ­ stem atische V erknüpfung der verschiedenen U ntersuchungsaspekte14. M it m einer Entscheidung, den G eburtsjahrgang 1949 zum A usgangspunkt m ei­ ner G eschichte zu nehmen, sollte im Vorab keine G eneration im em phatischen Sinne gestiftet w erden. V ielm ehr sollte die Frage nach einer solchen N ach kriegs­ generation einen neuen Zugang zur G eschichte der D D R eröffnen. Ob es diese G eneration w irk lich gegeben hat und w orin ihre „G estalt“ besteht, konnte also erst am Ende des Projekts beantw ortet w erden. D ie A ngehörigen des Jahrgangs 1949 in der D D R als V ertreter einer m öglichen G eneration zu untersuchen, hieß fragen: W orin bestand deren R eichw eite und ge­ m einsame Lage, w o rin ihre E rlebnisaufschichtung? W elcher m ögliche G enerati­ onszusam m enhang entstand hieraus, und w er w ar davon erfaßt? W elches w aren form ende E reignisse und Erlebnisse, und in w elcher biographischen Phase traten sie auf? W elches w ar die R eferenzgeneration der ’49er, und in welches Verhältnis setzten die N achkriegsgeborenen sich zu dieser E lterngeneration? Gab es zen ­ trale, besonders prägende Erfahrungen oder E inschnitte, also solche, die der G e­ neration ihren N am en geben könnten? Entstanden in diesem Rahm en G enerati­ onseinheiten, und w elche A n tw o rt gaben sie auf die H erausforderungen der h i­ storisch-gesellschaftlichen U m w elt? D ie w ich tigste Frage aber ist: Gab es in der D D R überhaupt eine N achkriegsgeneration im qualitativen Sinn? Inw iew eit lagen E lem ente von - innerer oder äußerer - Stiftung vor und w ie erfolgreich (historisch m ächtig) w aren diese K onstruktionen? D er Im puls dieser A rbeit w ar also nicht die Suche nach einer G eneration, und das Ergebnis der A rb eit besteht auch nicht in ih rer Stiftung. V ielm ehr ergaben sich 13 J o h a n n e s H uinink , K arl-U lrich M a y e r u. a. (Hrsg.), K ollektiv und Eigensinn. Lebensver­ läufe in der D D R und danach (Berlin 1995). 14 Ebd. bes. H eik e Solga, Die Etablierung einer Klassengesellschaft in der D D R : Anspruch und W irklichkeit des Postulats sozialer G leichheit 4 5 -8 8 ; und J o h a n n e s Huinink, Karl-U lrich M ayer, Fleike Trappe, Staatliche Lenkung und individuelle Karrierechancen: Bildungs- und Berufsverläufe, in: Huinink u.a., K ollektiv und Eigensinn 8 9 -143 .

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im Laufe des Forschungsprozesses Erfahrungs- und D eutungsm uster des unter­ suchten Jah rgan gs, die auf die M öglichkeit einer G eneration verw eisen, und ich m öchte im folgenden diese M uster einerseits darstellen, andererseits Vorschläge dafür m achen, in w elchem Sinne und m it w elcher R eichw eite hier von einer Ge­ neration gesprochen w erden kann. Die Wahl des Jahrgangs 1949 als U ntersuchungsgegenstand erklärt sich aus vier Zusam m enhängen: Zum einen suchte ich nach einer A ltersgruppe, die keinerlei gesellschaftliche und politische Erfahrungen vor und außerhalb der D D R-K ontextes gem acht hatte. D am it sollte ein Vergleich m öglich w erden zu den Erfahrun­ gen jener zw ischen 1900 und 1930 geborenen A ufbaugeneration der D D R, die w ir 1987 in der D D R lebensgeschichtlich interview t hatten. U m die biographischen Erfahrungen des N ach kriegs sinnvoll aufeinander beziehen zu können, w ar es notw endig, sich dabei auf einen einzigen Jah rgan g zu konzentrieren, w eil etw a die B edeutung des M auerbaus sich für ein Kind von sechs Jah ren sicher anders dar­ stellte als für einen Jugendlichen von sechzehn Jah ren . 1949 bot sich dabei als Stichjahr an, w eil es Versuche der politischen Führung gab, die 1949er zum sym ­ bolischen Jah rgan g zu m achen, zur P ersonifizierung der D D R selbst und zur vor­ läufigen K rönung ihrer E rziehungsanstrengungen. 1989 w ar der Jahrgang 1949 vierzig Jahre alt, also in der Lebensm itte, von der aus sich die Wende als besonders problem atisch bzw. am bivalent heraussteilen m ochte - und schließlich w ürde es sich beim Jah rgan g 1949 fast um m ir G leichaltrige handeln, ein Zusam m enhang, von dem ich m ir besondere E rkenntnisim pulse versprach. Das m ir zu r V erfügung stehende Q uellen -M aterial um faßte einm al A rchivbe­ stände derjenigen Institutionen, die m it der Versorgung, Verplanung, Erziehung, Beobachtung, K ontrolle und Sanktionierung des Jahrgangs befaßt w aren - von den zuständigen M inisterien über die verschiedenen O rganisationen bis zur SED als Zentrale der H errschaft. In diesem M aterial w ird besonders deutlich, w ie sich die Führung die E ntw icklung und H altung der 1949er vorstellte und m it welchen M itteln sie diese zu verw irklichen suchte - allerdings sprechen diese Q uellen auch von den H indernissen und W iderständen und schließlich von der Enttäuschung über das A usbleiben der entworfenen Figur des N euen M enschen der N ach­ kriegszeit. Zum anderen handelt es sich um lebensgeschichtliche Interview s m it 22 A ngehörigen des Jahrgangs, die sich über diese einzige G em einsam keit hinaus so weit w ie m öglich unterschieden und die m ir in G esprächen von durchschnittlich sechs Stunden M itte der 90er Jah re ihr Leben erzählten. A us diesen Texten gehen vor allem die D eutungen und Selbstdeutungen hervor, die im nachhinein, also nach dem Ende der D D R, den B lick auf die erlebte Vergangenheit bestim m en. Am Ende m einer A rbeit, die dem Jah rgan g 1949 bis in die G egenw art folgte, zeigten sich w ich tige G em einsam keiten in den B edingungen des A ufw achsens, im Aufbau von E rfahrungsschichten, also G em einsam keiten des Erlebens, der D eu­ tung und des Erzählens, allgem einer: der Subjektivität. Diese G em einsam keiten sollen im folgenden zusam m enfassend dargestellt w erden. Sie verw eisen auf den Kern dessen, was man die K ollektivbiographie der 1949er bezeichnen könnte, oder, in den Form ulierungen M annheim s, auf die G enerationslage und den G ene­

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rationszusam m enhang. D anach muß freilich auch nach den U nterschieden gefragt w erden und nach den Faktoren, die solche U nterschiede vor allem hersteilen. A ls A usgangspunkt der B iographien kann ich eine G eburtskonstellation be­ schreiben, die von der Präsenz der Vergangenheit, bestim m t ist: in m aterieller so­ w ohl als in m entaler H insicht. D ie 1949 G eborenen w aren virtuelle K riegskinder, die in einer G esellschaft aufw uchsen, in der vieles sie täglich an jenen Krieg erin ­ nerte, den sie zw ar selbst nicht mehr erlebt hatten, von dem aber alle und alles noch geprägt w aren. D ie Eltern w aren noch geschlagen und geschwächt. Bindung an die Eltern hieß B indung an die V ergangenheit - und A ufm erksam keit für die G eschichten, die über diese Vergangenheit erzählt w erden. In ihnen sind die Eltern O pfer, und ih r O pferstatus verbindet sich in zw eifacher H insicht m it der offiziellen P o litik: In der antifaschistischen E rzählung lassen sich die Eltern als O pfer unterbringen, auch w enn sie keine O pfer gebracht haben; und sie bleiben auch in der neuen Zeit, in der das Kind aufw ächst, die A ngestrengten, die Ü b er­ arbeiteten, die A bhängigen und U nterdrückten, selbst da, w o sie scheinbar an der M acht teilhaben. Vor allem dem Staat w aren die M ittel in die H and gegeben, das Versprechen einer besseren Zukunft einzuhalten. D iese Z ukunft w ar ein G e­ schenk an die Kinder, und zugleich sollten sie sich selbst zu einem G eschenk für das G anze entfalten - eine Last, die aber auch stolz m achte. Im B ildungspro­ gram m der frühen D D R w urden solche Z ukunftsentw ürfe scheinbar eingelöst oder doch in den Bereich des M öglichen gerückt. In den 60er Jah ren schien sich dieses w echselseitige V ertrauensverhältnis zu ­ nächst w eiter zu entfalten. W ährend die K inder den M auerbau noch nicht als eine persönliche E inschränkung em pfanden, sondern eher von der K riegsangst der Eltern und deren Zorn über den Einschluß geprägt w aren, begann die SED w enig später eine groß angelegte M odernisierungsoffensive, die sich schw erpunktm äßig auf die 14-18jährigen, also einerseits die nach dem K rieg G eborenen, andererseits an die A ltersgruppe, vor allem deren m ännlichen Teil richtete, die von jeher die A ufm erksam keit auto ritärer R egierungen auf sich zog. Was sich schon in infor­ m ellen K indergruppen angedeutet hatte, nahm nun bedrohlichere Form en an: die Lust an autonom er V ergem einschaftung und an öffentlicher Selbstdarstellung, überhaupt die provokative B esetzung der Straße als öffentlichen R aum , was eine bew ußte R egelverletzung darstellte. D azu gehörten der offensive Konsum w estli­ cher M usik und die Z urschaustellung w estlicher K leidungs- uncl Frisurenstile. Die aggressive P o litisierun g dieses Verhaltens von oben und das gefährliche, aber lustvolle Spiel m it der politischen D rohung von unten bestim m ten die w echselsei­ tige W ahrnehm ung im A lltag auch über die un m ittelb ar an solchen K onflikten B e­ teiligten hinaus. In der kurzen Phase aufgeklärterer Jugen d p o litik zw ischen 1963 und 1965 hatte man die A utonom iew ünsche der Jugend einerseits als natürliche biographische Phase anerkannt, andererseits aber für den sozialistischen A ufbau und die gesellschaftliche F o rtsch rittsdyn am ik n utzb ar m achen w ollen. A ber es w ar unm öglich, jugendliche Kräfte zugleich freizusetzen und zu disziplinieren oder den Freiheitsraum der Jugendlichen w irksam einzuschränken. Im Freizeitbe­ reich geriet die politische Führung am deutlichsten an ihre G renzen. Zugleich

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aber erfuhr die untersuchte Kohorte hier ihre B rechung, ihre Z ubereitung als ko n ­ trollierte, diszip lin ierte, gedem ütigte und ins Private abgedrängte Jugend. Im Be­ reich der B ildung, A usb ildun g und der B erufslenkung dagegen ging der Fort­ schrittsdiskurs w eiter. Flier w urden die Versprechen, die den K indern gemacht w orden w aren, scheinbar eingelöst. N och gab es kaum B eschränkungen bei der Z ulassung zur E rw eiterten O berschule, noch standen den Jugendlichen zw ar nicht alle, aber doch viele Wege offen in Berufe, die sich m it den scheinbar unend­ lichen technischen M öglichkeiten als zukunftsw eisend anboten. A nders als in den 50er Jahren, wo diese Z ukunft sich noch m ühselig „aus R uin en “ herausquälen m ußte, w aren die 60er Jah re, als der Jah rgan g 1949 seine Jugendphase durchlief, fast ganz „der Zukunft zugew an d t“. In einer A rt geheim er V erabredung einigten sich gegen Ende der 60er Jah re Jugend und Staat darauf, diese Z ukunft vo rw ie­ gend im Sinne technischer, m aterieller und sozialer „E rrungenschaften“ zu erhof­ fen bzw. zu versprechen. Von der E inhaltung solcher ökonom istischer und tech­ nokratischer Zukunftsversprechen w ürde die A npassungsbereitschaft der späte­ ren E rwachsenen abhängen. W ährend die 70er Jah re zunächst von der persönlichen E tablierung und dam it von A ufbruch und Z ukunft bestim m t w aren: Prüfungen w urden bestanden, Ehen geschlossen, K inder gezeugt, erste Stellen angetreten, erste W ohnungen bezogen stellten sich in der Sphäre der A rb eit zugleich die ersten Enttäuschungen ein: Das Leben, in das man so hoffnungsfroh eingetreten war, hatte w enig zu tun m it den gemachten Versprechungen. Wo die A rbeit als T ätigkeit enttäuschte, w urden die A rbeitsbeziehungen zum Ersatz. N ich t in der P ro duktivität oder R ationalität der A rbeit, sondern in der K o llegialität und Solidarität der A rbeitsgruppe w urden Sinn und B efriedigung gesucht und nicht selten gefunden. D ie höher Q u alifizier­ ten dagegen hatten m ehr erw artet: Sie sollten und w ollten ja nicht nur arbeiten, sondern leiten. D ie Leitungsebene w ar w eitgehend verschlossen, w eil der A u sb il­ dung kaum qualifizierte, besetzbare Stellen entsprachen, denn diese w aren m eist von A ngehörigen der aufgestiegenen H J-G eneration besetzt - die L eitun gstätig­ keit selbst stieß auf dieselben U nzulänglichkeiten der sozialistischen A rbeitsw elt, mit denen sich auch die A rbeiter herum zuschlagen hatten. Es ist diese D iskrepanz zw ischen in den 60er Jah ren aufgebauten E rw artungen einerseits und realen M ö g­ lichkeiten der 70er Jah re andererseits, die den Jah rgan g 1949 und die benachbarten Jahrgänge stärker trafen als die A lteren und die Jüngeren. A us dieser E nttäu­ schung erw uchs eine H altung der Indifferenz, m it der Zukunft vorw iegend p riva­ tisiert, d. h. auf den B ereich der Fam ilie und die persönlichen Lebensum stände be­ zogen w urde. Für einige w ird und bleibt die SED jedoch eine Instanz, der sie sich dankbar oder gehorsam zur Verfügung stellen, m it deren H ilfe sie an jenen Sinn­ erw artungen festhalten, die ihnen in der K indheit m itgegeben w orden sind. Andere w agen den A usstieg, bevor das Leiden an der E nttäuschung zu groß w ird. Es sind diejenigen, die, mehr noch als die SED -G enossen, das P rojekt nicht aufge­ ben, sondern in die H and nehmen w ollen. Ihr unbew ußter B ezugspunkt ist das Jugendkom m unique von 1963: H ausherren w o llen sie sein. A nsonsten bleiben noch Träume, von denen die m eisten in den W esten führen.

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In der B ilan z w ird das Leben von den m eisten dennoch als sinnvoll reflektiert, anders als in den veröffentlichten Schlagw orten von den Leben, die „um sonst“ ge­ lebt w orden seien. D er biographische Sinn stellt sich als übergreifendes M uster des Jahrgangs 1949 vor allem in Form des irgendw ie doch geglückten Lebens her: wie man versucht hat, die C hancen zu nutzen, die die D D R einem bot, und dennoch man selbst zu bleiben, d .h . die Zum utungen der P o litik zu verm eiden, oder aber sich mit ihnen zu identifizieren; w ie man es trotz aller m ateriellen B eschränkungen dennoch zu einem guten Leben gebracht hat; w ie es gelungen ist, privates G lück zu finden, oder doch hätte gelingen sollen; w ie m an den A uftrag, unter dem man aufw uchs, also doch irgendw ie erfüllt hat, w enn auch nicht im pathetischen Sinn, in dem er vom Staat aufgegeben w urde; w ie man schließlich im Leben vor 1989 genug Potential geschaffen hat, um einen bescheidenen neuen A nfang zu wagen. Solcher Lebenssinn w urde form uliert als G egenrede zum Scheitern eines System s, das zum A nlaß w urde für das E rzählen der eigenen G eschichte. Es ist also eine Weise der Selbst-B ehauptung gegen die Identifikation m it diesem Scheitern. Flinter solchen allgem einen biographischen B ehauptungsversuchen angesichts des Zusam m enbruchs der D D R zeichnen sich E rfahrungen ab, die über den G e­ burtsjahrgang 1949 hinaus für eine größere A ltersgruppe G eltung haben, so daß ich am Ende m einer A rb eit von einer ersten N achkriegsgeneration der D D R spre­ chen kann. A b er in w elchem Sinne trifft „G eneration“ zu, und welche Jahrgänge um faßt sie? E ntscheidend ist das Ende des Krieges. Dieses erlaubt erst die H off­ nung und Z uversicht, die in die neue G eneration, die w irk lich N achgeborenen, in­ vestiert w erden. Das K riegsende ist die eigentliche, notw endige Basis dessen, was ich den G lücksauftrag an die nachgeborene G eneration nennen m öchte. W ichtig ist aber auch die N ähe zum Krieg, seine Präsenz in der G esellschaft, in der das Kind aufw ächst, bestim m t durch die m ateriell sichtbaren Folgen des Krieges und diejenigen, die sich in die K örper und die Psyche der Erwachsenen eingeschrieben haben und aus ihnen abgelesen w erden können. A us dieser These ergibt sich eine B egrenzung nach hinten bis zu denjenigen, die in der M itte der 50er Jah re geboren w urden. Zweites K riterium ist das Erlebnis der Pubertät in den 60er Jahren. Es sind die besonderen B edingungen, unter denen die kindlichen A utoritätsbindungen gelöst w erden w ollen und jugendliche A utonom iebestrebungen in den V ordergrund tre­ ten. D am it verbunden sind in der R egel - d .h . im Idealverlauf der A doleszenz in der M oderne - eine A blösung vom Elternhaus und der aktive E intritt in die w ei­ tere G esellschaft. A nders als die 50er Jah re, in denen die R epression stark, aber nicht um fassend w ar und in der der W esten noch eine reale A lternative darstellte, und anders als die 70er Jahre, in denen eine pragm atischere Jugen d- und K ultur­ p o litik m ehr Freiräum e ließ, stellen die 60er Jah re im engeren Sinne die Phase der E rziehungsdiktatur der D D R dar; erst jetzt gelang es der Führung, ihre Institutio­ nen flächendeckend auszubreiten, erst jetzt gelang die vollständige A blösung der älteren durch die repolitisierte H J-G eneration in den Erziehungsinstitutionen. Zugleich blieb ein hoher E rziehungsanspruch bestehen, der nach seinem offen­ sichtlichen Scheitern M itte der 60er Jahre zunächst in M ißtrauen und Feindselig­

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keit gegenüber der Jugend um schlug. D ie Jahrgänge 1945 bis 1955 w aren in ähnli­ cher Weise von dieser P o litik betroffen. Sie w aren auch diejenige A ltersgruppe, die am ehesten in einen G enerationenkonflikt verw ickelt war, der w eniger fam iliär als öffentlich ausgetragen w urde: gegenüber jenen E rwachsenen, die ihren Status durch die N achgeborenen bedroht sahen, vor allem aber gegenüber den öffentli­ chen A utoritäten, die zw ar w eitgehend der G eneration der Eltern angehörten, aber gegenüber den Jugendlichen den autoritären Staat verkörperten bzw. in der latent unangepaßten Jugend eine Gefahr auch für ihre M acht w itterten. Schließlich sind es diese Jahrgänge, die in besondererW eise von der D iskrepanz zw ischen Z ukunftsversprechen und Z ukunftsblockaden betroffen sind. A ufge­ wachsen in der Selbstverständlichkeit unbegrenzter E ntw icklungsm öglichkeiten, erw arteten sie O ptionen, m it denen die A lteren noch nicht, die Jüngeren nicht mehr rechneten. D ie B lockaden der 70er Jahre sind aber nicht einfach Ergebnis der Schließung der A ufstiegskanäle, sondern ebenso der Selbstverschließung ge­ genüber dem A ufstieg. In der gelassenen E rw artung einer sicheren Z ukunft galt den K indern der A ufstieg in N achfolge der Eltern zw ar als ein Projekt, um das zu käm pfen sich lohnte. Sie w aren aber, nicht zuletzt geschult am Beispiel ihrer Eltern, aufm erksam er für die dam it verbundenen Kosten. D ennoch w äre es falsch, die Jahrgänge 1945 bis 1955 als die erste entpolitisierte, nur am pragm atischen Konsens orientierte G eneration zu bezeichnen. Vielm ehr geht die B indung an den pathetischen Anfang der D D R nie ganz verloren und wird durch deren dram atisches Ende noch einm al belebt. D azu gehört, daß es sich bei der ersten N achkriegsgeneration zugleich um die letzte D D R-G eneration handelt, die vom A ntifaschism us noch beeindruckt und innerlich berührt scheint. In ihrer K indheit w ird diese G ründungsgeschichte erst in ihre später geronnene Form gebracht. In ihrer Jugend w erden sie noch, anders als die Jüngeren, brutal mit den B ildern der Opfer, der Leiden und m it den Ü berlebenden w ie den Toten selbst konfrontiert. Es w äre dem nach genau die Spannung zw ischen Pathos und Pragm atism us, zw ischen präsenter Vergangenheit und sich verflüchtigender U to ­ pie, die das Leben der ersten N achkriegsgeneration stärker bestim m te als das der Jüngeren, für die diese V ergangenheit im m er schon G eschichte und die U topie immer schon abstrakt war. D ie w ichtigste R eferenzgeneration der ersten N ach­ kriegsgeneration aber sind die G eburtsjahrgänge der 20er Jah re, die nicht nur den G roßteil der E ltern, sondern auch die M ehrheit der öffentlichen E rzieher stellten. Deren historische Erfahrung ist die des schm erzhaften Bruchs von 1945. Die ge­ brochenen B iographien der H J-G eneration führten bei den K indern zu gespalte­ nen R eaktionen: G egenüber den E ltern praktizierten sie L o yalität und Em pathie; gegen die Lehrer, die sich oft in gew altsam er Selbsterziehung zu disziplinierten und autoritären Sozialisten gem acht hatten, setzten sie sich zum indest innerlich zur Wehr, w enn deren aggressives Potential sich gegen sie richtete. Gemeinsame E rfahrungsm uster festzustellen, die grob auf die Jahrgänge 1945 bis 1955 zutreffen, erlaubt freilich nicht, eine G eneration im em phatischen Sinne zu stiften, vor allem , w eil die ersten N achkriegsgeborenen zw ar im m er w ieder von seiten der P o litik, d .h . von oben, dafür in A nspruch genom m en w urden, sich

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aber als G eneration selbst nie em pfunden oder gar gestiftet haben. A uch meine In­ terview partner/innen sprechen kaum und w enn, dann nur beiläufig von sich als A ngehörigen einer G eneration. Das vorsichtige F azit m uß dem nach lauten: Der Jahrgang 1949 ist Teil einer G eneration, die über die G em einsam keit der G enera­ tionslagerung und eines rudim entären G enerationszusam m enhangs nicht hinaus­ gekom m en ist. D ieser Zusam m enhang selbst ist näm lich w eitgehend unbew ußt geblieben. Es handelt sich um eine G eneration an sich, aber nicht fü r sich. Das verw eist sow ohl auf den E rfolg der Propaganda als auch auf das Scheitern: Denn der Stiftungsversuch von oben ist zw ar vergeblich gewesen; aber zu einer k o llek ­ tiven V erständigung im W iderspruch zu diesem Stiftungsversuch ist es auch nicht gekom m en. G eht m an von einem, gem einsam en E rfahrungszusam m enhang als G rundlage für G eneration im M annheim ’schen Sinne aus, so stellt dieser sich nie in gleichem M aße und in gleicher W eise für alle A ngehörigen der entsprechenden A ltersgruppe dar. A uch im Jah rgan g 1949 zeigen sich, neben zahllosen individuellen Eigenarten, strukturelle U nterschiede, deren w ichtigste Elem ente sich auch bei den sozio­ logischen U ntersuchungen in der D D R herausstellten: Es sind dies Geschlecht, R egion, politische H erkun ft bzw. A ffiliation sow ie soziale H erkun ft bzw. Schicht­ zugehörigkeit. D och lassen sich m it H ilfe zusätzlicher Q uellen solche U n ter­ schiede genauer beschreiben bzw. in ihrem E rfahrungsgehalt besser erfassen. Das trifft allerdings auf die regionalen U nterschiede am w enigsten zu. D ie geschlechts­ spezifischen U nterschiede zeigen auf den ersten B lick w enig Ü berraschungen: M ädchen und junge Frauen scheinen im allgem einen stärker anpassungsbereit an die politischen und V erhaltensvorgaben von Staat und G esellschaft zu sein. A ller­ dings zeigt sich in der Jugendphase der geschlechtsspezifische U nterschied deshalb besonders kraß, w eil jetzt bestim m te m ännlich-proletarische Vergem einschaf­ tungsform en und R enitenzpraktiken, die sich später abschleifen, die A ufm erksam ­ keit der A utoritäten fesseln. A ls E hepartnerinnen haben Frauen anscheinend mit gew isser Selbstverständlichkeit die V erantw ortung für die F am ilienarbeit üb er­ nom m en, und ihre Fam ilienorientierung schlägt sich in entsprechenden E rzähl­ m ustern nieder. Dieses G esam tbild eines stärker dom estizierten, w eiblichen Typus gegenüber dem eher renitenten und im außerfam iliären R aum aktiven m ännlichen Typus zeigt aber nur einen Teil der geschlechtsspezifischen E instellungen und V erhaltensw eisen. Einerseits näm lich spielt der B eruf bzw. der A rbeitsplatz auch in den B iographien von Frauen eine bedeutsam e R olle, andererseits ist die em otio­ nale F am ilienorientierung auch bei M ännern m ehrfach belegt, w enn sich das auch nicht in entsprechend angeglichenen E rzählm ustern niederschlägt. Im H inblick auf die zentrale Stellung des A rbeitsplatzes findet dem nach eine A ngleichung von Frauen an M änner statt, w ährend im H in b lick auf die zentrale Bedeutung des Privaten eine A ngleichung der M änner an die Frauen stattfindet. G egenüber dieser tendenziellen A ngleichung der gesellschaftlichen R ollen und der W ertorientierungen von M ännern und Frauen scheint m ir die B edeutung der sozialen H erkun ft bzw. Z ugehörigkeit der bestim m endere Faktor zu sein, wenn es um die F eststellung struktureller U nterschiede in den Erfahrungen des Jahr-

W ie (er)findet m an eine G en eratio n?

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gangs 1949 in der D D R geht. So zeigt sich vor allem in den Jugendstudien der 60er Jah re, w ie in diesem Z eitraum bestim m te biographische Entscheidungen, die häu­ fig noch von den Eltern getroffen w urden, z.B . der E intritt in die E rw eiterte O berschule, zu W eichenstellungen w erden, die schichtspezifische U nterschiede im H in b lick auf den G rad der Teilnahm e an der sozialistischen Veranstaltung D D R bezeichnen. H eike Solga hat auf die w achsende Selbstrekrutierung der „so­ zialistischen D ienstklassen“ verw iesen, die allerdings für den Jah rgan g 1949 noch nicht voll g reift15. Es kom m t hier also noch zu A ufstiegsprozessen, vor allem im Zusam m enhang m it dem noch w eitgehend unbeschränkten Zugang zu höherer B ildung. Keine andere Kohorte w eist im Vergleich einen so hohen Prozentsatz von A biturienten und Personen m it H ochschulabschluß auf und einen so n iedri­ gen Prozentsatz von Personen ohne B erufsausbildung w ie diejenige der G eburts­ jahrgänge 1951-5316. Z ugleich w ar in den 60er Jahren, als solche Entscheidungen fielen, der dam it verbundene innere A npassungsdruck hoch. D ie Spaltung z w i­ schen denjenigen, die solche Kosten in Kauf zu nehmen bereit w aren, und denen, die sich verw eigerten, indem sie freiw illig und trotz aller Q ualifizierungsangebote auf der unteren Stufe von B ildung und Beruf verblieben, kom m t in den verglei­ chenden U ntersuchungen, die in dieser A rbeit zitiert w urden, im m er w ieder zum A usdruck und verbirgt sich dort in der K ategorie der Schulform en. Die genannten U nterschiede setzen die oben beschriebenen biographischen G em einsam keiten aber nicht außer Kraft, sondern verw eisen auf die differenzie­ renden E rfahrungen besonders nach G eschlecht und Schicht. Für die G ründer und Führer der D D R steht die A ltersgruppe der um 1949 G eborenen für eine ent­ täuschte H offnung: D er überzogene A nspruch, niem anden „zurückzulassen“, alle einzubinden und alle zu Sozialisten zu erziehen, w ar schon Ende der 60er Jahre gescheitert. D abei hat dieser Jah rgan g tatsächlich die günstigsten V oraussetzungen m itgebracht und die besten Chancen erhalten. A nders als die E rzieherkaste kann ich fragen, w oran denn das E rziehungsprojekt „Jahrgang 1949“ gescheitert ist. Gerade in seinem Scheitern scheint es die G eschichte der D D R auf subversive Weise abzubilden. D ie U nm ö glich keit der totalen E rziehung w ird an denen exem ­ plarisch deutlich, die als erste in einem scheinbar geschlossenen E rziehungsm ilieu aufwuchsen; die U nm ö glich keit der totalen D isziplinierung zeigt sich gerade auch an denen, die zunächst so bereit w aren, sich anzupassen; die U nm ö glich keit der totalen M obilisierung erw eist sich gerade dort, w o die Z ukunftsgew ißheit u r­ sprünglich so stark war. Der Jahrgang 1949 selbst bleibt, nachdem es die D D R nicht mehr gibt, in einem m erkw ürdigen Z w iespalt zurück. A ufgew achsen in den schw eren Zeiten und im Pathos des A ufbaus, können sie nicht jene Ironie und spielerische L eichtigkeit aufbringen, m it denen die Jüngeren das Ende der D D R, aber auch deren Ge­ schichte feiern. D ie E rziehungsdiktatur der 60er Jahre hat andere W unden hinterb Vgl. Heike Solga, A u f dem Weg in eine klassenlose Gesellschaft? Klassenlagen und M obi­ lität zwischen G enerationen in der D D R (Berlin 1995) Tabellen S. 2 3 4 f. 16 Ebd. T ab elle S. 145.

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lassen als die pragm atischen Zeiten unter H onecker. Ihnen ist so viel mehr ver­ sprochen w orden, als am Ende, das für viele schon M itte der 70er Jahre begann, eingelöst w urde. Zum nicht gehaltenen G lücksversprechen gehört, daß sie selbst den G lücksauftrag nur in A nsätzen erfüllen konnten und ihn deshalb teilw eise an die K inder w eitergeben m üssen. A ber ihre eigene G eschichte geht auch weiter. Für m anche ist sie sogar noch immer, oder w ieder, m it einem P rojekt verbunden, das mehr sein soll als das eigene gute Leben. A ls ich in der ersten H älfte der 90er Jahre m it A ngehörigen des Jahrgangs 1949 sprach, w aren die m eisten noch dabei, einige auch schon erfolgreich, ein solches Leben auch für sich selbst noch einm al zu planen, aufzubauen und einzurichten.

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Nachwuchs für die Rebellion die Schülerbewegung der späten 60er Jahre „D eutschlands Schüler spielen verrückt. Von Flensburg bis zum Bodensee. A uf­ stand gegen die falsche A utorität. R abatz. Revolution. M ao-Sprüche an der Schulmauer. Z eugnisverbrennungen. Flugblätter. D ie Pille für alle. B o yko tt des R eli­ gionsunterrichtes. D ie Lehrer schießen zurück. M it unzulänglicher M unition: N achsitzen, Strafarbeiten, schlechte Zensuren, blaue Briefe. Sitzenbleiben. D urchs-A bitur-fallen-lassen. D ie Schüler w ollen sich nicht mehr m it Selbstver­ w altungs-M ätzchen und etw as Sexual-K unde abspeisen lassen. Sie w ollen das Schulsystem nicht reparieren, sondern ändern. Schule kaputt. D am it eines Tages auf unseren Schulen m ündige M enschen ausgebildet w erden. Für eine m ündige G esellschaft. Eine M illio n Schüler stehen im A ufstand. Eine B ew egung, die viel stärker und breiter ist als die Studentenbew egung.“1 D iese reißerische E inleitung einer Titelgeschichte in der Ende der 60er Jahre vielgelesenen linken Z eitschrift „K onkret“ galt einem Teil der Protestbewegung, der zeitgenössisch einige, rückblickend hingegen nahezu überhaupt keine Beach­ tung gefunden hat. W ährend die Studentenrevolte der späten 60er Jahre m ittler­ weile in zahllosen sem i-professionellen und seriösen zeitgeschichtlichen Studien, autobiographischen R ückblicken und anderen literarischen Erzeugnissen auch und gerade hinsichtlich generationeller D im ensionen gew ürdigt w orden ist, b lie­ ben die jüngeren, m eist m ännlichen Teilnehm er jener Protestbew egung, G ym na­ siasten bzw. O berschüler der Jahrgänge von etwa 1948 bis 1953, abgesehen von einigen beiläufigen H inw eisen, in der Z eitgeschichtsschreibung bisher nahezu vollkom m en unbeachtet. Im U nterschied zur gelungenen K onstruktion einer „68er-G eneration“ der Ende der 30er und in der ersten H älfte der 40er Jah re Ge­ borenen haben die nachfolgenden A lterskohorten keine generationelle D ignität erlangen können. O ffenbar reicht es eben nicht aus, die K riterien der klassischen D efinition einer „G enerationseinheit“ ä la M annheim zu erfüllen2, die auf die 1 Schule der Angst, in: K onkret 14 (N ovem ber 1968) 11. “ Folgt man dem von K arl Mannheim in den 20er Jahren skizzierten Ansatz, so bedeutet die Zugehörigkeit zu einer Generation eine „verwandte Lagerung“ der „einander verwandten Geburtsjahrgängen“ angehörenden Individuen im „gesellschaftlich-historischen Lebens­ raume“, die sich in der Tendenz ähnlicher „Verhaltungs-, G efühls- und D enkweisen“ zeige. Allerdings genüge dafür noch nicht die chronologische Gleichzeitigkeit; der „Generations-

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Schülerbew egung ebenso zutreffen w ie auf die studentischen „68er“; hinzu kom m t als B edingung eine in die Ö ffentlichkeit w irkende Etablierung und Tradierung von E rinnerungs- und E rzählgem einschaften - Karl M annheim hat dies in seinem zentralen A ufsatz übrigens zum indest angedeutet, w enn er es als Phä­ nomen des 20. Jahrhunderts bezeichnet, daß der „bew ußtgew ordene G enerati­ onszusam m enhang“ selbst zur G rundlage von „G enerationseinheiten“ w erden könne; die retrospektive, m edial stilisierte Stiftung eines G enerationszusam m en­ hangs als ko m m unikativer Prozeß scheint im Falle der „68er“ derart weitgehend gelungen, daß sie sogar als letzte abgrenzbare G eneration fungieren. A lle seither konkurrierenden K onstrukte, etw a die „78er-“ oder „89er-'G eneration“, die von politisch interessierter Seite gegen die „68er“ ins Feld geführt w urden, entpuppten sich als publizistische Eintagsfliegen. W ährend aber in diesen Fällen im m erhin die

Zusam m enhang“ w e rd e erst d u rch die „Partizipation an den gem einsam en Sch ick salen “ der Generation gestiftet, wobei wiederum hinsichtlich der unterschiedlichen Verarbeitung zw i­ schen verschiedenen (bei Mannheim politisch konnotierten) „Generationseinheiten“ zu un­ terscheiden sei. (Karl Mannheim., Das Problem der Generationen, in: K ölner Vierteljahres­ hefte für Soziologie 7 [1928] 15 7 -18 5 , 30 9-33 0); der G enerations-A nsatz von Mannheim würde es also verbieten, eine bestimmte historische Phase einfach mit einer G enerations­ kennzeichnung zu verbinden; vgl. dazu auch Hans J a e g e r , Generationen in der Geschichte. Überlegungen zu einer umstrittenen K onzeption, in: G G 3 (1977) 4 2 9-45 2; diesem E ntw urf in etw a - selten explizit, sondern meist nur vage und unausgesprochen - folgend (vgl. die Rekonstruktion des Mannheimschen Ansatzes von H e lm u t Fogt, Politische Generationen. Empirische Bedeutung und theoretisches M odell [Opladen 1982; im folgenden zitiert: Fogt, Politische Generationen] 9 -2 5 ; Ulrich H errm a n n , Das K onzept der „G eneration“. Ein Forschungs- und Erklärungsansatz für die Erziehungs- und Bildungssoziologie und die H istori­ sche Sozialisationsforschung, in: Neue Sammlung 27 [1987] 3 6 4-37 7; Arne Stiksrud, Jugend im G enerationen-K ontext. Sozial- und entwicklungspsychologische Perspektiven [Opladen 1994]; Überlegungen zur zeitgeschichtlichen O perationalisierung bei Claus L e g g e w i e , Gene­ rationsschichten und Erinnerungskulturen - Zur H istorie der „alten“ Bundesrepublik, in: Tel A viver Jahrbuch 28 [1999] 2 1 1 -2 3 5 ) sind verschiedene Bezeichnungen fü r die Jugendge­ nerationen der N achkriegszeit gefunden worden, die jeweils bestimmte zentrale Erfahrungs­ räume privilegieren: D er den W iederaufbau „vielleicht faktisch“, wenn auch nicht „norma­ tiv“ prägend en „Flakhelfer-G eneration“ d er Jahrgänge 1 9 2 6 -1 9 2 9 (Heinz B ude, Deutsche Karrieren. Lebenskonstruktionen sozialer Aufsteiger aus der Flakhelfer-G eneration [Frank­ fu rt a.M. 1987] 182; vgl. R o l f Schörken, Luftw affenhelfer und D rittes Reich. Die Entstehung eines politischen Bewußtseins [Stuttgart 1984]; G abriele R osenthal, wenn alles in Scher­ ben fä llt ..." Von Leben und Sinnw elt der Kriegsgeneration [Opladen 1987]; Sibylle H ü b n erFunk, Loyalität und Verblendung. H itlers Garanten der Z ukunft als Träger der zweiten deut­ schen Dem okratie [Potsdam 1998]; fü r die vorhergehende G eneration der um 1920 G ebore­ nen vgl. H e n r y Ries, Abschied meiner Generation [Berlin 1992]) ob ihrer desillusionierten H altung zeitgenössisch als „schweigende“ (H elm u t Thielicke, Die geistige Situation unserer Studenten, in: Universitas 10 [1955] 14 7 -15 2 ; vgl. ders,, K ultu rkritik der studentischen Re­ bellion [Tübingen 1969] 1) oder „skeptische“ (H elm u t Schelsky, Die skeptische Generation. Eine Soziologie der deutschen Jugend [Düsseldorf, K öln 1957]; der Begriff geht im übrigen auf Schelskys Verleger Eugen Diederichs zurück, der sich mit dem ursprünglichen Titel „O hne-m ich-Generation" nicht anfreunden mochte; H einz B u d e, Bilanz der Nachfolge. Die Bundesrepublik und der N ationalsozialism us [Frankfurt a.M. 1982] 81) und später auch als „re-education-G eneration“ apostrophiert, folgte demnach die „unbefangene G eneration“ (Viggo G r a f B lücher, Die Generation der Unbefangenen. Z ur Soziologie der jungen Men-

N a c h w u c h s fü r die R eb ellio n - die S c h ü le rb e w e g u n g der späten 60er J a h re

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E rfindung einer G eneration als N egation von „1968“ einen - w enn auch nicht tragfähigen - A nsatzpunkt bot, verhält es sich m it den A lterskohorten der Schü­ lerbew egung anders. D ie Schüler w aren ein Teil der R evolte von „1968“, aber eben nicht der w ortführende, sondern ihr N achw uchs, der die studentische P o litik erst in den 70er Jahren bestim m te, als das linke jugendlich-akadem ische Zusam m en­ gehörigkeitsgefühl erbitterten fraktionellen A useinandersetzungen gew ichen w ar und die M assenm edien sich w eitgehend vom Protestgeschehen abgew andt hatten - schlechte Zeiten für die A usb ildun g einer „G enerationseinheit“. Insofern soll m it dem folgenden B eitrag an eine A ltersgruppe des bildungsbürgerlichen N ach­ wuchses erinnert w erden, für die der B egriff der „G eneration“ z w ar zu hoch ge­ griffen erscheint, die aber in den Jahren des antiautoritären Protests durchaus eine nicht unw esentliche R olle gespielt hat. Zeitgenössische F lugb lätter appellierten nicht zufällig in dieser oder anderer R eihung an „Studenten, Schüler, A rb eiter“, und der dam alige B undesinnenm ini­ ster Ernst Benda (C D U ) berichtete vor dem D eutschen B undestag am 30. A pril 1968, unter den w egen der „O sterunruhen“ B eschuldigten befanden sich 286 Studenten und 92 Schüler3. W ährend die linke Schülerbew egung schon früh zum B eobachtungsobjekt der politischen K om m issariate und des V erfassungsschut­ zes avancierte, nahm en die für die politische M einungsbildung des linksliberalen Spektrum s m aßgeblichen Taschenbuchverlage - R ow o h lt, Fischer, Suhrkam p 1968/69 m it hoher A uflage jew eils einen Titel zum „K in derkreuzzug“ in ihr

sehen heute [Düsseldorf, K öln 1966]), - die erste Generation, die nicht mehr vom NSRegime politisch sozialisiert w orden w ar und „deren Erinnerung nicht mehr durch die N a­ ziperiode und deren unm itttelbare Folgen bestimmt" w urde (Jü rgen H a b erm a s, Protest­ bewegung und H ochschulreform [Frankfurt a.M. 1969] 169; hier bezogen auf die studie­ rende Jugend der zweiten H älfte der 60er Jahre). Bisweilen werden dabei allerdings zwei G e­ nerationen unterschieden, die um 1940 geborenen Kriegskinder und die um 1950 Geborenen, deren Kindheit „durch den Glauben an die Fortschrittlichkeit wachsenden K onsum s“ ge­ prägt w orden sei (A rb eitsgru ppe „ Wandel d e r S oz ia lisa tion sb ed in gu n gen seit d e m Z w eiten W eltkrieg“, Was w ir unter Sozialisationsgeschichte verstehen, in: U lf Preuss-Lausitz u.a., Kriegskinder, Konsum kinder, Krisenkinder. Zur Sozialisationsgeschichte seit dem Zwei­ ten W eltkrieg [Weinheim, Basel 1983] 1 1 -2 5 , Zitat: 13; zu einer differierenden Einteilung gelangt Fogt, Politische Generationen 127; d ort werden die Geburtsjahrgänge 19 3 4 -19 4 5 als Jugend in der „etablierten Adenauerzeit und ihrer A blösung“, die nachfolgenden Jahrgänge 19 45-1954 als Jugend der „Studenten- und Protestbewegung“ angesehen - was im Blick auf die 60er Jahre Zuordnungsproblem e ergeben würde, die H einz Bude mit der K onzentration der Jahrgänge 19 3 8 -1 9 4 8 als „68er“-G eneration zu lösen versucht: ders., Vom A ltern einer Generation. Die Jahrgänge 19 3 8 -19 4 8 [Frankfurt a.M . 1995]; ders., D er einzelne und seine Generation. Kriegskindheit und Jugendrevolte bei der 68er-G eneration, in: Eine offene G e­ schichte. Zur kom m unikativen Tradierung der nationalsozialistischen Vergangenheit, hrsg. v. Elisabeth D omansky, H a ra ld Welzer [Tübingen 1999] 26-34). 3 P eter Mosler, Was w ir w ollten, was w ir wurden. Studentenrevolte - zehn Jahre danach (Reinbek 1977) 76; vgl. als allgemeinen H intergrund die - hinsichtlich der Schüler leider nicht spezifizierten - K onjunkturen von Jugendprotesten in der Bundesrepublik bei D ieter Rucht, R ola n d Roth, W eder Rebellion noch Anpassung: Jugendproteste in der Bundesrepu­ blik 19 50-1994 , in: Ju gendkulturen, Politik und Protest. Vom W iderstand zum Kom m erz?, hrsg. v. dens. (Opladen 2000) 28 3-30 4.

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Program m auf4. So m ager die A usbeute an R ückb licken auf die Schülerbew e­ gung bisher ist5, so hervorragend stellt sich die Q uellenlage dar. D ie staatlichen und privaten A rchivbestände zur „A ußerparlam entarischen O pposition“ bersten von F lugblättern, Broschüren und Schülerzeitungen, so daß aus arbeitspragm ati­ schen G ründen im folgenden innerhalb der überregional angelegten Skizze für Beispiele in starkem M aße auf H am burger Provenienzen zurückgegriffen w er­ den soll. D ort befindet sich z.B . der einzige bereits abgegebene und geordnete Bestand an Sachakten des V erfassungsschutzes zur linken Schülerbew egung. Für die M öglichkeit, die Q uellen ausführlich zu W ort kom m en zu lassen, muß aller­ dings eine K onzentration auf großstädtische Z usam m enhänge in Kauf genom ­ men w erden, w ährend U ngleichzeitigkeiten und die w ich tige R olle der Schüler­ bew egung für die A usw eitu ng der R evolte in der Provinz und in O rten ohne H ochschulen nicht system atisch berücksichtigt w erden können. H ingew iesen sei in diesem Z usam m enhang nur auf Peter Zadeks Film „Ich bin ein Elephant, M adam e“ (1968), in dem ein vorm aliger Pennäler, der nun in einer anderen Stadt studiert, m it einem Jeep, eine daran befestigte rote Fahne im F ahrtw ind wehend, nach Brem en zurückkeh rt und den G eist der R ebellion unter den Schülern ent­ zündet6. 4 K inderkreuzzug oder Beginnt die R evolution in den Schulen?, hrsg. v. G ü n ter Amendt, (rororo-aktuell 1153, Reinbek 1968); im folgenden zitiert: A m en d t (Hrsg.), Kinderkreuzzug; abgesehen vom Herausgeber (Jg. 1939) gehörten die sechs A u toren , die aus der Schülerbewe­ gung stammten, den Jahrgängen 19 4 8 -1 9 5 1 an; H a n s-Jü rgen H au g, H u b e r t M aessen, Was wollen die Schüler? Politik im Klassenzim mer (Fischer Bücherei Inform ationen zur Zeit, Frankfurt a.M . 1969); im folgenden zitiert: H aug, M aessen, Was wollen die Schüler?; dort, 51 f., auch H inweise zur polizeilichen Beobachtung; die beiden A utoren (Jg. 1946 und 1947) hatten der Schülerbewegung angehört; M a n fre d Liebei, Franz W e lle n d o r f Schiilerselbstbefreiung. Voraussetzungen und Chancen der Schülerrebellion (edition suhrkamp 336, Frank­ fu rt a.M . 1969); im folgenden zitiert: Liebei, W ellendorf, Schiilerselbstbefreiung; die Autoren (Jg. 1940 bzw. 1935) waren als Erziehungswissenschaftler am Pädagogischen Zentrum Berlin tätig; wie auch in den zu vor genannten Bänden finden sich hier programmatische D oku­ mente der Schülerbewegung; vgl. ferner K u n o Barth, Die Revolutionierung der Schüler H intergründe, Ziele, A b w eh r (Mannheim o. J. [Ende 1969]); im folgenden zitiert: Barth, Re­ volutionierung; wie der U ntertitel andeutet, huldigte diese durchaus inform ative Schrift eines M annheimer B etriebswirtschaftlers einer eher konservativen Tendenz. 5 Vgl. bisher lediglich Ulrike H eider, Schülerprotest in der Bundesrepublik Deutschland (Frankfurt a.M . 1984); im folgenden zitiert: H eider, Schülerprotest; hier w ird folgenderm a­ ßen periodisiert: Entstehung der Schülerbewegung vo r 1967; Schülerrevolte 1967 bis 1969/ 70; Dogmatisierungsphase 1969 bis 1973; partielles W iederaufleben einer antiautoritären Schülerbewegung im Zuge der Sponti-Bewegung (ebd. 8); H eider verzichtet auf die A u sw er­ tung von AU SS-M aterialien, da die Avantgarde nicht das Bewußtsein der Basis spiegele, und zieht lediglich einige Schülerzeitungen der nordhessischen Region heran. 6 In alltags- und lokalgeschichtlicher Perspektive sind hier interessante Entwicklungen zu entdecken, wie einige A rbeiten im Rahmen des Schülerw ettbewerbs der K örber-Stiftung um den Preis des Bundespräsidenten zum Rahmenthema „Protest“ (1999/2000) gezeigt haben; vgl. Axel Schildt, Knabbern am M ythos - das Thema 1968 im Blick der W ettbewerbsteilneh­ mer, in: Spuren suchen. Schülerw ettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundes­ präsidenten 13 (1999) 4 8 -5 3 ; nicht zuletzt eine intensive Ausw ertung von Schularchiven und der ca. 1200 bis 1400 Schüler- und Schulzeitungen Ende der 60er Jahre wäre interessant.

N a c h w u c h s für die R eb ellio n - die S ch ü le rb e w e g u n g d er späten 60er Ja h r e

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D ie archivalischen Q uellen legen es außerdem nahe, der D arstellung ein organi­ sationsgeschichtliches G erüst zu geben. Fokus ist das in Frankfurt gegründete A ktionszentrum unabhängiger und sozialistischer Schüler (A U SS), dessen lokale G ruppen unter dieser oder ähnlichen Bezeichnungen agitierten. M it diesem H er­ angehen w ird eine gew isse K orrektur der aktuell dom inierenden Tendenz einer „nachträglichen V erflüssigung des harten politischen K erns“ der R evolte in dif­ fuse ku lturelle „G enerationsstile“ angestrebt7. Ebenso w ie niem and die A n trieb s­ kräfte und M otive der jugendlichen R ebellion allein aus der Exegese von F lu gb lät­ tern und B roschüren entschlüsseln könnte, w äre es angesichts des engen Zusam ­ m enhangs von Privatem und Politischem in der W ahrnehm ung der aktivistischen Zeitgenossen defizitär, solche Zeugnisse als unw esentlich zu ignorieren. In den Ä ußerungen (und den nicht kom m unizierten Them en) der nur locker und „basis­ n ah “ organisierten Schülerbew egung - M itgliedsausw eise etw a gab es in den w e­ nigsten O rten - , in den A ntw orten schulischer Instanzen und in publizistischen Reaktionen w erden Zusam m enhänge von Ju g en d ku ltu r und P o litik durchaus deutlich.

1. Anfänge der linken Schülerbew egung D ie R evolte an den Schulen kam ebenso überraschend w ie an den U niversitäten, obw ohl einige B ildungsexperten schon lange zuvor hartnäckig darauf verwiesen hatten, daß ein erheblicher D em okratisierungsbedarf vorläge. D er H am burger Landesschulrat N eckel beklagte in einer Rede M itte 1965: „In der deutschen Schule m üssen am Ende der Stunde alle einer M einung, näm lich der des Lehrers, sein. ... Seit 1948 ist die D em okratisierung der B undesrepublik erstaunlich w eit gekom men - nur nicht in der Schule. Ihr System , ihre Inhalte, ihre A rbeitsw eisen sind autokratisch-patriarchalisch w ie 1913.“8 A uch der H am burger B ürgerm ei­ ster H erbert W eichm ann w arnte in einer Festrede zum 15jährigen Bestehen des H am burger Schülerparlam ents - ähnliche G rem ien gab es auch in anderen Bun­ desländern - , vor „U ntertanenm entalität“ und „U ntertanengesinnung“. A ller­ dings w ar bei ihm nicht von den Interessen der Schüler oder von K onfliktaustra­ gung die Rede; der „dem okratische G eist“, den es zu fördern gelte, sollte sich „zum Beispiel an der D urchführung von V eranstaltungen am ,Tag der deutschen Einheit““ oder in der „Betreuung von R entnern aus der O stzone“ bew ähren9. A ufrufe „von oben“ nach stärkerem politischen Engagem ent zielten m eist auf 7 Andreas Schulz , Individuum und G eneration - Identitätsbildung im 19. und 20. Jahrhun­ dert, in: G W U 52 (2001) 4 0 8 -4 1 4 , Zitate: 413. ** Landesschulrat W olfgang N eckel in der U niversität Hamburg, 14. 6. 1965, in: Staatsarchiv Hamburg (im folgenden abgekürzt: StA H H ), Sammlung U w e Schmidt, Schülerm itverant­ wortung (SMV) 19 5 0 -19 6 7 . 9 B ü r g erm eis te r P rofessor Dr. H e r b e r t W eichmann, Jugend und Dem okratie. Rede anläßlich des 15jähri gen Bestehens des H amburger Schülerparlaments am 13. Juni 1966 im Plenarsaal der Hamburger Bürgerschaft, hrsg. v. der Schulbehörde Hamburg (Hamburg 1966) 3, 4, 8.

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derartige staatsbürgerliche A ktivitäten und verursachten ein nur schwaches Echo. Eine schm ale Schicht von Schülerfunktionären, die zum Teil w iederum in den Jugendorganisationen der Parteien m itarbeiteten, bem ühte sich in der Schülerm it­ verantw ortung (S M V )10 oder der einzigen intakten überregionalen O rganisation, dem Politischen A rb eitskreis O berschulen (PA O ), um T hem en staatsbürgerlicher B ildung. A uf den Sem inaren des PAO referierten im m erhin schon in der ersten H älfte der 60er Jah re bisw eilen Vertreter lin ksso zialistisch er oder pazifistischer G ruppierungen. T ypisch für das dort vorherrschende B ew ußtsein dürfte aller­ dings eher ein B ericht über eine PA O -Studienfahrt in das w estliche A usland 1966 sein, der von B rigitte Seebacher verfaßt und bereits zw ei Jahre später nur noch in karikieren d er A bsicht zitiert w urde: „Die große B edeutung des Weines im Süd­ w esten Frankreichs lernten w ir im übrigen nicht nur auf den Em pfängen kennen, sondern vor allem auf einer Fahrt in eines der großen W einanbaugebiete von B or­ deaux. In der Tat steht und fällt die W irtschaftskraft und dam it die Lebensfähig­ keit der Stadt mit dem W einexport.“ 11 Eine D urchsicht der Schülerzeitungen be­ stätigt den Befund: Bis 1966 m ag es zw ar einige U nzufriedenheit über und an den Schulen gegeben haben, aber keine politisch m otivierte U nruhe. Im H erbst jenes Jahres ergriff dann in W est-Berlin erstm als ein Kreis von G ym ­ nasiasten die Initiative und lud G leichaltrige, die als A ktivisten bei den Falken, Jun gso zialisten oder vom O sterm arsch her bekannt w aren, zur G ründung einer Schülerorganisation ein. Von 100 Angeschriebenen kam en allerdings nur fünf. Am 2. Februar 1967 schließlich gelang m it organisatorischer H ilfe des Sozialistischen D eutschen Studentenbundes (SDS) und unter m aßgeblicher B eteiligung des B e­ rufsschülers M ichael L uk asik und des G ym nasiasten Peter B randt die G ründung einer U nabhängigen Schülergruppe, die m it einem vor etlichen Schulen verteilten F lugblatt für einige A ufm erksam keit in der städtischen Ö ffentlichkeit sorgte; darin w aren Lehrer beschuldigt w orden, „sie m ißbrauch(t)en ihre A u to rität“, und die SM V sei „ein Teil der Schulbiirokratie gew orden“ 12. Z ur gleichen Zeit startete der SD S-B undesvorstand eine Initiative, einzelne Schüler, die in den studentischen G ruppen m itarbeiteten, und einige Schüler­ arbeitskreise, die von M itglied ern des SDS unterstützt w urden , in einem D achver­ band zusam m enzufassen13. Zugrunde lag folgende Ü berlegung: „Die Schüler in unserer G esellschaft sind eine unverhältnism äßig rechtlose, unterdrückte und von 10 Vgl. einführend P e te r A. D öh rin g, Sibylle S ch n eid e r , D er Schüler als Staatsbürger - Eine Bibliographie zu SM V und Schülerpresse (Frankfurt a.M . 1967); eine Dokum entation der rechtlichen Rahmenbedingungen bietet D ied rich H inrichs, SM V im Um bruch. Schülerm it­ verantw ortung - Schülerm itverwaltung - Schülervertretung - Schülerm itbestimm ung (Han­ nover u.a. 1969); zur K ritik der SM V in der schulpädagogischen Literatur Antonius H o ltm a n n , Sibylle R einh ardt, Schülerm itverantw ortung (SMV). Geschichte und Ende einer Ideologie (Weinheim u.a. 1971) insbesondere 9 7 ff. 11 Zit. nach H au g, M aessen, Was w ollen die Schüler? 1 7 f. 12 Ebd. 18 ,2 1. 13 Zit. w ird im folgenden aus einem Papier des SDS-Bundesvorstandes „Zur Gründung einer sozialistischen Schülerorganisation“ vom 26. 2. 1967, in: StA H H , Sammlung U w e Schmidt, Politische Schülerbewegung 1968.

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undem okratischen Instanzen abhängige G ruppe.“ D ie E rziehungsinstitutionen bezögen „ihre Prinzipien und ihre L egitim ität aus vorkapitalistischen Epochen; auto ritär und feudalistisch sind sie heute noch“. Z w ar verfügten die Schüler m itt­ lerw eile über ein höheres M aß an Freiheit. „A ber w ie ihre gew achsene Freiheit in bestim m ter W eise nur der A usd ruck ihres ökonom ischen A vancierens zur selb­ ständigen K onsum entenschicht .Teenager“ ist, so ist analog auch die gesellschaft­ liche K ontrolle, in die sie einbezogen w erden, gew achsen. D iese gesellschaftliche K ontrolle w ird heute von den vielfältigen Sozialisationsagenten unm ittelbarer denn je als A npassung der Jugendlichen an den ökonom ischen und ideologischen Form ierungsprozeß in unserer G esellschaft ausgeübt.“ M it der im SDS dom inie­ renden kritischen Sicht auf die überm ächtige gesellschaftliche M anipulation k o r­ respondierte der bei T heoretikern w ie H erbert M arcuse entlehnte strategische A nsatz, dem zufolge nicht m ehr das Proletariat, sondern die noch nicht in das „System “ voll integrierten A ngehörigen der Intelligenz das revolutionäre Subjekt konstituierten, beginnend „bei den Schülern, bei denen objektive U nterdrückung und die Identifikation m it den unterdrückenden Instanzen noch nicht voll zur D eckung gekom m en sin d“. In diesem Sinne w urde von „politisch und in dividu­ ell-unpolitisch oppositionellen Schülern“ gesprochen, deren Zahl ständig wachse, eine F orm ulierung, die nahelegte, daß das im Schulalltag vielfach vorfindliche „U nbehagen“, das sich etw a im K reidew erfen oder „A nbrennen von T oilettenrol­ len etc.“ zeige, „lediglich einen F o rm w an del“ erfahren m üsse, um zu r „allgem ei­ nen K ritik am System - geäußert in der Schule“ - zu w erd en 14. In den ersten M onaten des Jahres 1967 w urden w eitere G ruppen sozialistischer Schüler gegründet, vor allem in H ochschulorten w ie G öttingen, D arm stadt, Köln oder Frankfurt a.M . A m 27. Februar kam en dort im W alter-K olp-Studentenheim ca. 40 Schüler aus 15 Städten zusam m en und gründeten das A ktionszentrum un ­ abhängiger und sozialistischer Schüler (A U SS)15, w ählten einen kom m issarischen Vorstand und riefen m it einem in den folgenden W ochen überregional verteilten Flugblatt (A uflage: 40000) zu einem Schülerkongreß und einer ersten D elegier­ tenkonferenz auf, die am 17. (dam als noch Feiertag) und 18. Ju n i 1967 w iederum in Frankfurt stattfinden sollte. Das F lugblatt - es trug die Ü berschrift „Es gibt Schüler, die m achen jetzt nicht m ehr m it!“ - w iederholte die in den internen SDSM aterialien bereits enthaltenen A nklagen gegen R echtlosigkeit und U nterdrükkung der Schüler durch Schule und E lternhaus und die Forderungen nach „M it­ bestim m ung in allen die Schüler betreffenden A ngelegenheiten, in Z eugnis- und V ersetzungskonferenzen - in der Fächerbew ertung, der L ehrplangestaltung und Lehrm ittelausw ahl (D eutsch- und G em einschaftskundeunterricht)“. D ie Schule habe „an erster Stelle D enkm ethoden zu verm itteln statt A bfragew issen ein zu­ pauken “: G efordert w urd e der „A usbau des K urs-U nterrichts und die Einschrän­ 14 Ezra G erhardt, Ü ber die Praxis der Schülerbewegung, in: A m en d t (Hrsg.), K inderkreuzzug 7 0 -89 (im folgenden zitiert: G erh ardt , Ü ber die Praxis), Zitat: 75. 15 Eine interne Liste vom M ärz 1967 nennt 20 organisierte oder im A ufbau befindliche Gruppen; StA H H , 13 6-3 (Landesamt fü r Verfassungsschutz) 455, Bl. 4 3 4 0 1 0 -4 3 4 0 1 1.

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kung der Pflichtfächer; Philosophie und Soziologie als vollbew ertete U nterrich ts­ fächer; Sexualkunde, die sich nicht auf biologische Fakten beschränkt (...), stän­ dige D iskussion tagespolitischer und gesellschaftspolitischer Problem e w ie N o t­ standsgesetzgebung, V ietnam krieg usw.; N icht-E inm ischung der Schule in die Privatangelegenheiten der Schüler! Freiheit der politischen O rganisierung der Schüler an den S ch u len !“ 16 Eine B egründung für die N am ensgebung enthielt dieses F lugblatt nicht. W äh ­ rend die K ennzeichnung „unabhängig“, die sich bei allen örtlichen G ruppen fand, die 1967 gegründet w urden, auf die D istanz zu allen schulischen und politischen Instanzen (abgesehen vom SDS als großem B ruder) hindeuten sollte, w ar man sich hinsichtlich der C h arakterisieru ng als „sozialistisch“ offenbar nicht einig. In einer knappen Skizze, die vor dem G ründungskongreß an interessierte Schüler ge­ schickt w urde, hieß es: „Viele von uns sind der A nsicht, daß sich unsere Forde­ rungen konsequent nur als sozialistische vertreten lassen. D enn man kann nicht in einer undem okratischen G esellschaft dem okratische Teilreform en erstreben, ohne diese Forderungen und Reform en m it einer w eiteren politischen Perspektive der V eränderung der gesam ten G esellschaft zu verbinden“; allerdings bestim m e jede örtliche G ruppe „ihren N am en selbst“ 17. Flinter dieser F lexib ilität bei der N a­ m ensgebung stand zum einen die Zuversicht, daß die lokalen G ruppen im Laufe antiautoritärer Lernprozesse zu sozialistischen E insichten gelangen w ürden, so daß es ausreiche, die große Perspektive bei der N am ensgebung des D achverban­ des anzuzeigen; zum anderen aber artikulierte sich unter den Schülern - w ie im SDS - eine kom m unistisch beeinflußte M inorität vor allem aus R uhrgebietsstädten, die fürchtete, m it einer solchen O ffenlegung den Erfolg einer Volksfront zu behindern und deshalb den N am en „U nabhängiger D em okratischer Schüler­ bund“ vo rsch lug18. A uch im „G rundsatzreferat über das A U S S“, das der G öttin­ ger Schüler R einhard Kahl auf dem G ründungskongreß hielt, kam der Sozialis­ mus nicht vor; es gipfelte vielm ehr in der Parole: „Für dem okratische Schulen einer dem okratischen G esellschaft“ 19. D er K ongreß, überw iegend vom SDS finanziert, w ar m it über 800 Schülern, die sich in einem H örsaal der Frankfurter U niversität einfanden, sehr gut besucht. Einleitende R eferate hielten die B erliner Pädagogen und Soziologen W olfgang C. M üller, E rw in R eichw ein und Sebastian H erkom m er; verlesen w urden danach 16 Ebd. Bl. 433992; auch abgedruckt in: A m en d t (Hrsg.), K inderkreuzzug 7 7 f.; H ang,

M aessen, Was w ollen die Schüler? 34 f. 17 Aktionszentrum unabhängiger und sozialistischer Schüler: Inform ationen über das AU SS (M ärz 1967), in: StA H H , 13 6 -3 , 455, Bl. 43 40 0 1-4 3 4 0 0 9 , hier Bl. 43 400 6f. 18 Wilfried Eick, Die organisierte Schülerrebellion - Ziele und M ethoden radikaler Schülerund Jugendorganisationen, in: ders. u.a., Radikalisierungs- und Dem okratisierungstenden­ zen in der Schule. Gemeinsam hrsg. v. der Politischen Akadem ie Eichholz der K onrad-A denauer-Stiftung für politische Bildung und Studienförderung und der K arl-A rnold-B ildungsstätte e.V. (o. O . 1971) 7 -1 3 (im folgenden zitiert: Eick u.a., Radikalisierungs- und D em okra­ tisierungstendenzen), in: A rch iv des H amburger Instituts für Sozialforschung (im folgenden abgekürzt: EIIS), SBe (Soziale Bewegungen) 635, Box 01, F:46. 19 Zit. nach H aug, M aessen, Was w ollen die Schüler? 48.

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G lückw unschtelegram m e der IG M etall, der Internationale der K riegsdienstgeg­ ner, der Kam pagne für A brüstung und von Ernst Bloch. D ieser hatte geschrieben: „Bin m it dem A U SS durchaus einverstanden. H abe noch zureichende E rinnerun­ gen an die furchtbare Schulzeit. So lange diese auch her ist, hier gibt es, w ie ihr erbittertes Vorhaben zeigt, eine W iederkehr des G leichen. Das endlich bestandene A b itu r w ar dam als die B efreiung aus dem Zuchthaus - . Ihrem A ufbegehren am 18. Ju n i m eine G rüße und BesenW ünsche kontra viel unausgestorbenen U n rat.“20 D er Kongreß fand in einer dram atisch gew andelten gesellschaftlichen A tm o­ sphäre statt. Zwei W ochen zuvor, am 2. Jun i 1967, w ar in W est-B erlin Benno O h­ nesorg erschossen w orden, und in zahlreichen Städten gingen auch Schüler auf die Straße, in D arm stadt 500, in G öttingen 1000; die Zeitungen schrieben erstm als von „Schüler- und Studentendem onstrationen“21. A ggressive A ttacken, w ie sie die Springer-Presse gegen die Studenten ritt, gab es allerdings gegen die Schüler noch nicht; eher schw ang eine A rt von R esignation angesichts der Zeiten mit, w enn es in der „W elt“ hieß: „Die Politisierung auch der Schule hat begonnen“22, oder im „H am burger A b en d blatt“ festgestellt w urde: „Die deutschen Schüler sind aufgewacht. Sie w o llen heraus aus dem subalternen Pennälerdasein, das durch ein jahrhundertealtes autoritäres Schulsystem bestim m t w u rd e.“23 Ein w ohlm einen­ der A rtikel in der „Zeit“ über die „rebellische Schülerschaft, etw a 35 Jungen und ein D utzend M ädchen“ des H am burger A U SS, verm ittelte folgenden Eindruck: „U nter den B ildern von M arx, Lenin, M ao, C he und angesichts w andfüllender Plakate m it paradierenden R otarm isten üben sich die Fünfzehn- bis N eunzehn­ jährigen in der D iskussion. Sie reden sich die Köpfe heiß; aber sie schw atzen nicht durcheinander. ... D och hier, in dieser G egen-Schulstunde, m acht sich w eder Fa­ natism us breit, noch kriecht gequälte V erbohrtheit in die A useinandersetzung. N ur das spürt man sofort: D ie A U SS-K inder lassen sich nichts gefallen, was auch nur den leisesten Verdacht von T äuschung in sich birgt. Sie kennen sich schon aus in den U ngereim theiten und Schwächen der anderen. Sie sind „lin ks“, und sie w ollen bew eisen, daß sie recht haben.“24 Aus den vielfältigen Forderungen, w ie sie im G ründungsflugblatt des A U SS genannt w orden w aren, kristallisierten sich vor allem zw ei zentrale T hem enkom ­ plexe heraus: D em okratisierung der Schule und M itbestim m ung der Schüler so­ wie Sexualaufklärung und diesbezügliche Freizügigkeit. Von diesen Punkten aus gelangte man jew eils zu einem N ebeneinander rad ikaler A nklage der G esellschaft, 20 Zit. nach ebd. 40; theoretische H ilfestellung erhielten Gruppen des A U SS an manchen Hochschulorten von Professoren, etwa von H artm ut von Hentig und Hans Paul Bahrdt in Göttingen (ebd. 53); vgl. zu den intellektuellen U nterstützern der linken Schülerbewegung auch Barth, R evolutionierung 1 2 7 ff. 21 Ebd. 35. 22 Die Welt vom 3. 7. 1967. 23 Auch Schüler fordern „D em okratisierung“, in: H amburger A bendblatt vom 17./ 18.2. 1968. 24 Gisela Stelly, Ihr Klassenfeind sind die Erwachsenen. A U SS, die anderen und die Lehrer, in: Die Zeit 17 vom 28. 4. 1968.

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vagen Sozialism usvorstellungen und mehr oder m inder konkreten Forderungen zur G estaltung der Schule. So schlug die U nabhängige Schülergruppe H am burg in einem zw eiseitigen R undschreiben an alle A U SS-G ruppen einen großen Bogen von der K ritik der SMV, die über die V eranstaltung von Schulfesten und Tanzver­ anstaltungen hinaus aktuelle politische D iskussionen organisieren m üsse, über die A ufgabenbestim m ung der Schule bis zu einer „D efinition über den Sozialism us" - die nicht m ehr enthielt als einige Sätze über die A uffassungen von M arx und Engels, w ie sie w enig später jedes Schulbuch für G eschichte auf der M ittelstufe enthalten sollte25. D ie K ritik der SM V w ar ein K ernpunkt der Strategie des A U SS, ließ sich doch an ihr vorzüglich ein Elem ent von scheinbarer M itbestim m ung als m anipulatives Scheinzugeständnis der H errschenden entlarven, und dies nicht einm al zu U n ­ recht, denn die B ild un gsp o litiker m aßen der SM V tatsächlich die Funktion einer E inübung form aler Spielregeln des Zusam m enlebens, nicht aber der Interessen­ vertretung der Schüler auch in K onfliktfällen zu. Im B eschluß der K ultusm inister­ konferenz von 1964, in der Begriffe w ie „D em okratie“ oder „M itbestim m ung“ nicht Vorkommen, w ird dies sehr deutlich: „Staatsbürgerliches B ew ußtsein w ird durch den U nterrich t und durch das Leben in einer gut gefügten G em einschaft geschaffen ... regt an, Pflichten für die G em einschaft zu übernehm en ... Die T ätigkeit in der Schülerm itverantw ortung ... übt die A nw endung kooperativer Spielregeln, gibt G elegenheit zum H andeln in einer gew issen schulischen Ö ffent­ lich k eit.“26 A uch politisches Engagem ent, etw a im Rahm en des „Kuratorium s U nteilbares D eutschland“, ließ sich dam it nicht nur verbinden, sondern w ar aus­ drücklich erw ünscht, w enn es der offiziösen antikom m unistischen Staatsideologie entsprach27. D ieses harm onistische SM V -M odell, das seit der G ründung der B un­ desrepublik bestanden hatte, w urde vom A U SS in einer R esolution auf dem G ründungskongreß radikal kritisiert: D ie SM V entspreche „in ihren Inhalten der Stellung des Jugen dlich en in unserer G esellschaft“, es w ürden dam it „Interessen­ konflikte negiert oder versch leiert“ und „die A bschaffung der Institution SMV w ürde die gegenw ärtige Sch ulw irklich keit nicht verändern, aber entlarven“28. Die von manchen E rziehungsw issenschaftlern geteilte vernichtende K ritik der SM V29 als „Sandkastenspiel“, als „Schülerm ilchtütenverteilung“ oder „Spielzeug der Schulbehörde“30 blieb nicht ohne W irkung. W ährend ältere SM V -Funktionäre beleidigt reagierten und das offiziöse SM V -O rgan „W ir m achen m it“ das A U SS 25 U SG H amburg an alle Gruppen des A U SS und an den Bundesvorstand des AU SS, 1. 10. 1967, in: StA H H , 13 6 -3 , 480, Bl. 4 4 0 98 1-44 098 3. 26 Beschluß der Kultusm inisterkonferenz über die SMV, in: M itteilungsblatt der Schulbe­ hörde der Freien und Hansestadt H amburg vom Februar 1964, in: StA H H , Sammlung U w e Schmidt, Schülerm itverantw ortung (SMV) 19 50-1967 . 27 Vgl. Beispiele in H an g, M aessen, Was w ollen die Schüler 127 ff. 28 A U SS: Beschlüsse der ersten D elegiertenkonferenz der unabhängigen und sozialistischen Schülergruppen am 17. Juni 1967 in Frankfurt a.M., in: StA H H , 13 6 -3 , 455, Bl. 434012. 29 Vgl. H inweise zur Literatur in Liebei, W ellendorf, Schülerselbstbefreiung 73 ff. 30 Flugblatt der U S G H amburg „Schüler aller Schulen, vereinigt E uch!“, Mai 1968, tn: StA H H , 13 6-3, 480, Bl. 440990.

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als linksextrem istische M inderheit zu stigm atisieren suchte, w urde die K ritik zu ­ nehm end auch innerhalb der Schülerparlam ente laut; das A U SS hatte nicht zum B o yk o tt der SM V -G rem ien aufgerufen, sondern zu deren U m funktionierung im K onflikt m it Schulleitungen und -Behörden. U nd da die engagiertesten Schüler sich allgem ein nach links w andten, w andelte sich nun die SM V selbst an vielen O rten zum organisierenden Zentrum der Forderungen nach M itbestim m ung. Dies klang bisw eilen noch sehr harm los. So verlangte etw a der H am burger L an­ desschulsprecher H ans N agel im A nschluß an eine bittere A n alyse der Erziehung zur „A uto ritätsab h än gigkeit“ die A ufhebung des A lkoholverbots auf Schulfesten, die G enehm igung zum R auchen für Schüler über 16 Jahren und den V erkauf von Fruchtsäften in den Pausen. „Die dem Parlam ent beigeordneten V erbindungsleh­ rer konnten sich aus V erfahrensgründen nicht an der D ebatte beteiligen. Sie saßen in der ersten Reihe, rangen die H ände und schüttelten den K opf.“31 A uch die Schulleiter m ußten nun im m er häufiger m it dem Kopf schütteln. A uf den Schw arzen B rettern m it SM V -N achrichten, die es in den Schulen gew öhnlich gab, fanden sie zunehm end K ritiken an U ngerechtigkeiten des Schulalltags, aber auch A ufrufe zu politischem Protest gegen den am erikanischen Krieg in Vietnam oder gegen die geplanten N otstandsgesetze, und viele Schülerzeitungen w an del­ ten sich in M onatsfrist von braven Blättchen m it launigen B erichten über Schul­ feste und Sportw ettkäm pfe zu politischen O rganen der linken Schülerbew e­ gung32, die im m er stärkeren Z ulauf erhielt. Die Zahl der A U SS-G ruppen - aller­ dings fast ausschließlich an G ym nasien - verdoppelte sich von Ju n i bis O ktober 1967 auf 46 m it ca. 2000 M itglied ern 33. 31 Schülerparlament: Radikaler sein!, in: H amburger Abendblatt vom 11. 12. 1967; in einigen sozialdemokratisch regierten Bundesländern stellten sich die Schulbehörden in dieser Situa­ tion mit neuen SMV-Erlassen oder Entwürfen dazu sogar auf die Seite der Schüler und riskierten den K onflikt mit Lehrerverbänden, Elterngremien und konservativer Presse; vgl. etwa den K on flik t um einen neuen SM V-Erlaß in H amburg Anfang 1968; vielfältiges Material in StA H H , Sammlung U w e Schmidt, Politische Schülerbewegung 1968. 32 Vgl. zu diesem Wandel die umfassende Erhebung über den Zeitraum 1967/68: Schüler und ihre Presse, hrsg. v. J a n - P e t e r Hintz, D e t l e f L an ge (Berlin 1969); 1 1 1 1 Schülerzeitungen w a­ ren angeschrieben, 689 A n tw o rten ausgewertet worden; bei der Frage „Welche würden Sie für die wichtigsten idealsten Ziele einer Schülerzeitschrift haken?“ w urde mit 76,7% (bei Möglichkeit von M ehrfachnennungen) am häufigsten die Aussage angekreuzt: „Politisches Denken anregen“ (ebd. 87); am häufigsten behandelt w urde dieser Erhebung zufolge das Thema „Forderungen der Studenten“ (in 39,1 % aller Schülerzeitungen), dahinter folgten A r ­ tikel zur N PD und zu r Bundeswehr (ebd. 92); vgl. H e rb e rt S ch m e lz , Soziologische Inhalts­ analyse von Schul- und Schülerzeitungen (Frankfurt a.M . 1968); W olfgan g S ch w erb rock , Schülerpresse heute und in der W eim arer Zeit (Düsseldorf, W ien 1969); Angaben zum Inhalt von Schülerzeitungen in den folgenden Jahren vgl. in Frithjof R en d tel, Politische Bildung durch die Schülerpresse. Wandlungen von 1969 auf 1976 (München 1979); J o a c h i m H ofm an n -G öttig, Politik und Schülerpresse (München 1982); A ndreas B eutin, Schülerprotest und Schülerzeitungen in der ,68er Bewegung', Staatsexamensarbeit im Fach Geschichte (Hamburg 1998). 33 Vgl. Rechenschaftsbericht des AU SS-Bundesvorstands auf der 2. Delegiertenkonferenz am 14./15. 10. 1967 in Frankfurt a.M., in: StA H H , 13 6 -3 , 455, Bl. 4 3 4 0 5 1-4 3 4 0 5 7 ; zur 2. D K vgl. Barth, Revolutionierung 48.

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M it dem W andel der Schülerzeitungen, die nun die Scheinw elt einer harm oni­ schen schulischen G em einschaft verließen, w ar den linken Schülergruppen ein entscheidendes Propagandam ittel zugew achsen. Dies galt nicht zuletzt für die Forderungen zur „Sexualerziehung“, die das A U SS auf seinem G ründungskon­ greß erhoben hatte. N eben der „E inrichtung eines Sexualkundeunterrichtes an den Schulen, der säm tliche Vorgänge einschließt, von denen die Sexualität in unse­ rer G esellschaft bestim m t ist“, um faßten diese auch spezielle A ufklärun g über V erhütungsm ittel, den „freien Z ugang zu oralen A ntikonzeptiva für M ädchen nach erreichter G eschlechtsreife“, den „Abbau der D iskrim in ierung der sexuellen B etätigung von Schülern durch die Schulautoritäten“ und die „sofortige Freiheit und U nterstützun g aller Schülerarbeitskreise über Problem e der Sexualität in clu­ sive des Rechtes auf D urchführung von Sexualum fragen und ähnlichem an der Schule selbst“34. Im H intergrund dieser Forderungen standen die zur gleichen Zeit in der Studentenbew egung diskutierten Zusam m enhänge von politischer und sexueller Repression, deren W urzeln in Fam ilie und Schule lägen35. D ieses Them a w ar anfangs bew ußt in den M ittelp un kt der A U SS-Propaganda gerückt w orden, w eil es den Schülern näher sei als allgem einpolitische Them en w ie der Krieg in V ietnam 36, und auch die Presseöffentlichkeit ließ sich dam it am leich­ testen herstellen. Schon das Echo auf die G ründung des A U SS enthielt fast im m er R eizw orte w ie „P ille“, „Sexualkunde“ und „V erhütungsm ittel“ - allerdings m eist als A usgangspunkt zu r Beschreibung der Schülerorganisation als Protestzentrum nicht gegen den Zustand von Schule und G esellschaft, sondern gegen Lehrer und Eltern37. D ie heftigen R eaktionen der Presse schienen die antiautoritären Theorien über den Zusam m enhang von sexueller R epression und p olitischer R eaktion nur zu bestätigen. Schon im Februar 1967 hatte eine U m frage der Frankfurter Schüler­ zeitung „B ienenkorb-G azette“ für Furore gesorgt. In der „Frankfurter A llgem ei­ nen Z eitung“ w urd e berichtet: „Eine K luft trennt den Versuch von Am ateuren, das Intim leben dreizehn-, vierzehn-, fünfzehnjähriger M ädchen in einer knappen V iertelstunde erforschen zu w ollen, von offener w ie taktvo ller A ufklärun g durch eine m ütterlich em pfindende Lehrerin. ... W ie kann eine D irektorin, der viele H underte von M ädchen anvertraut sind, das guth eißen ?"38 U nd die „BildZ eitung“ dram atisierte: „13jährige M ädchen m ußten Sex-Fragen beantw orten“39. G erade in kleineren Städten kam es w egen A rtikeln über Sexualität zu Zensur und Verboten von Schülerzeitungen, Schulverw eisen von R edakteuren usw.40, und der 34 D ok. u.a. in H an g, M aessen, Was w ollen die Schüler? 36 -3 8 . 35 Vgl. Arbeitsm aterial des A U SS, Nr. 3: Sexualtabus an der Schule - Zum Verhältnis von Sexualität und Politik (Ariane W ollrab, Sozialistischer Schülerbund Bonn), in: StA H H , 13 6-3, 455, Bl. 43 4032-434037. 36 Reimut Reiche (SDS) in einem Interview mit H an g, M aessen, Was w ollen die Schüler? 78 f. 37 Vgl. ebd. 48 f. 38 „W ünschst Du D ir Intim verkehr?“, in: FAZ v o m 2 1 .2 . 1967. 39 Bild-Zeitung vom 22. 2. 1967. 40 Vgl. H anjo B r e d d er m a n n , Ü ber Sexualaufklärung in der Schule. Eine Dokum entation, in: A m en d t (Hrsg.), K inderkreuzzug 12 7 -15 4 ; G ü n ter D egler, Ü ber die A rbeit in kleinen Städten, in: ebd. 15 5 -19 8 ; H an g, M aessen, Was w ollen die Schüler? 8 9 ff.; H eider, Schülerprotest 8 7 ff.

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voraussehbare V oyeurism us von Illustrierten, die sich des Them as annahm en, ver­ stärkte nur den B ekanntheitsgrad der Forderungen; auch der „Spiegel“ berichtete gern über K onflikte um die Sexualkunde41. D ie K ritik an der linken Schülerbew e­ gung kann in der häufig benutzten Form ulierung zusam m engefaßt w erden, das A U SS folge dem M otto „M it Sex fängt man M äuse“42. D ie A ktivitäten der Schülerbew egung steigerten sich vorn H erbst 1967 bis zum Frühjahr 1968 beträchtlich, w obei nun, der allgem einen E ntw icklung folgend, neben die innerschulischen K onfliktfelder im m er stärker die allgem einpolitischen T hem en in den V ordergrund rückten. D ie linke Schülerbew egung um das A U SS w urde zum selbstverständlichen Teil der A ußerparlam entarischen O pposition und nahm an deren D em onstrationen teil. In Brem en ergriffen Schüler sogar die Initiative zum „Sit-in “ auf den Straßenbahnschienen, um m it diesem M ittel eine geplante E rhöhung der Fahrpreise abzuw ehren; sie w aren vö llig überrascht über den positiven Z uspruch aus der B evölkerung. N achdem zunächst starke P o lizei­ kräfte eingesetzt w orden w aren, „beugte sich “, w ie „Der Spiegel“ form ulierte, „in Bremen die Staatsgew alt dem Schülerstreich“43. N ach einer dem oskopischen Er­ hebung des E M N ID -Instituts im A uftrag des gleichen M agazins begrüßten zw ei D rittel der w estdeutschen Jugendlichen zw ischen 15 und 25 Jahren (und drei V iertel der Studierenden) die D em onstrationen der linken G ruppen44.

2. R adikalisierung und Selbstkritik der antiautoritären Revolte In vielen Schulen w urd e im ersten H alb jah r 1968 vor allem üb er zw ei Them en dis­ kutiert: über den Springer-K onzern45 und seine „F letze“ gegen die Studentenbe­ w egung sow ie über die N otstandsgesetze. Schüler beteiligten sich in großer Zahl an den O steraktionen, w urden dort von den SD S-A ktivisten z.B . gern zum B ar­ rikadenbau eingesetzt, und im M ai 1968 w urde in m ehr als 50 Städten in Schulen mit z.T. phantasievollen Form en gegen die N otstandsgesetze gestreikt. In Köln, Frankfurt oder D arm stadt fand in O berstufenklassen generell kein U nterricht statt46. In der „W elt“ w urd e die A usw eitung der Schulrevolte m it einiger B esorg­ 41 Vgl. u.a. D er Spiegel 15, 16, 18, 43 (1968), weitere Pressebeispiele in B arth , R evolutionierung 65 ff. 42 Vgl. die A ntik ritik von Stefan Aust, Sex & Politik. Die R evolution der Schüler, in: K onkret 2 (1968); rückblickend G ü n te r A m en dt, Zur sexualpolitischen Entwicklung nach der anti­ autoritären Schüler- und Studentenbewegung, in: Bilanz der Sexualpädagogik. Elrsg. von H an s-Jochen G a m m , Friedrich K o ch (Frankfurt a.M., N ew York 1977) 17-38. 43 Der Spiegel 5 (1968) 34; vgl. H au g, M aessen, Was w ollen die Schüler? 5 8 ff.; Barth, Revolutionierung 78 ff. 44 Zwei D rittel zum Protest bereit, in: Der Spiegel 8 (1968). 45 Vgl. bereits die Resolution gegen den Springer-K onzern auf der 2. D elegiertenkonferenz des AU SS im O ktob er 1967, in: StAEIH, 13 6 -3 , 455, Bl. 434062. 46 Vgl. den A u fru f des Plam burger Schülerparlaments zum „Sternmarsch“ nach Bonn, un­ datiert (Mai 1968), in: StaPIFI, Sammlung U w e Schmidt, Politische Schülerbewegung 1968; das Verbot zur Teilnahme durch die Schulbehörde, 1 1 .5 . 1968, in: StAH FI, 3 6 1 -2 VI (O ber-

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nis konstatiert: „Seitdem die Studenten m it ihren Forderungen Schritt für Schritt an Boden gew innen, ist der Funke der U nruhe auf die G ym nasien übergesprun­ gen, ohne daß diese .E skalation1 bisher ins B ew ußtsein der breiten Ö ffentlichkeit gedrungen w äre.“47 O bw ohl sich die lin ke Schülerbew egung im m er w eiter verbreitet hatte, herrschte K atzenjam m er, w urd e von einer „K rise“48 des antiautoritären Lagers gesprochen; die quantitative E rw eiterung w urd e sogar selbst als Zeichen der Krise und des N iedergangs gesehen. In einem internen R ü ckb lick zur bisherigen Ge­ schichte des H am burger A U SS vom O ktober 1968 w urde konstatiert, dieser habe zw ar bei den O sterdem onstrationen ein „massives A ktio n skader“ gestellt, aber seither hätten sich „bestim m te G enossen in den V ordergrund geschoben und be­ stim m ten auto ritär das G eschehen im A U SS ..., die M asse der G enossen ist nur K onsum ent, d .h . sie lassen sich von der O ligarchie zu A ktionen treiben, die sie selbst nicht begründen können. So geschah es, daß eine bestim m te C lique auf G rund ihrer funktionalen A uto rität einen allgem einen A utoritätsanspruch ablei­ tete. Das A U SS w ar ein Sam m elbecken vieler Schüler, die es nur als M ode em pfan­ den, im A U SS-Z entrum zu sitzen “49. Die A n gst davor, daß der politische Kern sich in einem allgem einen Lebensstil auflösen könne, bei dem sich linke Ju g en d ­ liche zw ar an K leidung und Körpersprache erkennen w ürden50, die politischen Inhalte aber verloren gingen, grassierte allgem ein im A U SS. Schon in seinem G rundsatzreferat auf dem G ründungskongreß hatte R einhard Kahl gew arnt: „Für die Industrie ist die heute zufällig größere Freiheit der Schüler nur der A usdruck ihres ökonom ischen Avancem ents zur selbständigen K onsum gesellschaft der Teenager. Ein M usterbeispiel dafür ist die G eschichte des Beat. Er w ar in seinem Beginn in Liverpool so etw as w ie ein revolutionärer Protest, A n klage gegen die G esellschaft und E ntrückung von der G esellschaft zugleich. U nsere Industrie hat es verstanden, das so m usikalische w ie em inent politische Phänom en Beat zu inte­ grieren, zu entpolitisieren und zu einer K onsum sparte zu m achen.“51 Insofern w ar es kein Z ufall, daß ein Presseprodukt aus dem V erlagshaus B ärm eier & N ikel, das m it der satirischen Z eitschrift „Pardon“ einen großen Erfolg erzielt hatte, zum bevorzugten H aßo b jekt der linken Schülerbew egung w urde: die Zeitschrift „underground. Das deutsche Schülerm agazin“, die m it 68 Seiten auf H o ch glan z­ papier zum Preis von 1,80 D M und m it einer D ruckauflage von 120000 Exem­ plaren erstm als im N ovem ber 1968 erschien. A ufm acher der ersten N um m er w aren eine „Z entralkartei für Lehrerverbrechen“, ein A rtikel „W orüber M ädchen Schulbehörde VI), 2697; zentrales AU SS-Flugblatt zur 2. Lesung, undatiert (Mai 1968), in:

A m en dt (Hrsg.), K inderkreuzxug 53 f.; Beispiele von lokalen Aktionen in Barth, R evolutionierung 84 ff. 47 Schülerbünde bereiten K opfzerbrechen, in: Die Welt vom 29. 4. 1968. 48 H aug, M aessen, Was w ollen die Schüler? 70. 49 Geschichte des H am burger AU SS, undatiert (handschriftlicher Vermerk: 25. 10. 68), in: StA H H , 13 6 -3 , 455, Bl. 4 3 4 19 6 -4 3 4 19 9 . 50 Vgl. G e r d K o e n e n , Das rote Jahrzehnt. U nsere kleine deutsche K ulturrevolution 19 6 7 -19 7 7 (K öln 2001); im folgenden zitiert: K o e n e n , Das rote Jahrzehnt 133. 51 Zit. Nach H au g, M aessen, Was w ollen die Schüler? 46.

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lachen. Sexw itze bei T eenagern“ und „Der goldene Schlagring. U nderground prä­ m iert P rügelp auker“52. M it einer M ischung von m arktgerecht aufbereiteten T he­ m en über den Schulalltag, Schülerprotest und vor allem „Sex m it politischem R ou ge“53, verm ischt m it A nzeigen für Bücher aus dem eigenen Verlag, Popm usik (C B S) und R asierapparate (B raun-Sixtant), dienten sich die B lattm acher dem A U SS an, erhielten aber eine brüske Abfuhr. „Vom Profitinteresse bestim m te ,lin k e“ Zeitschriften w ie konkret, underground & co. fügen dem A U SS einen enorm en Schaden z u “, befand das A U SS Frankfurt in einem Papier zur 4. D ele­ giertenkonferenz in Köln A nfang Jan u ar 1969; hier w erde „schichtenspezifische K onsum m anipulation“ vervollkom m net; zudem bestehe „die G efahr der Korrum pierung von G enossen“, die in „underground“ gegen G eld schreiben, aber nicht m ehr in den Schulen agitieren w ürden54. A ls der Verleger N ikel auf der Köl­ ner K onferenz erschien, um dort für „underground“ zu w erben, w urde eine Tüte M ehl über seinem Kopf ausgeleert35. Versuche, ein K orrespondentennetz unter linken Schülern aufzubauen, schlugen angesichts des A U SS-B o yko tts fehl. Das Blatt ging in Jah resfrist ein und bescherte Bärm eier & N ikel erhebliche V erluste56. A ber „underground“ w ar in der W ahrnehm ung der linken Schülerbew egung nur die Spitze des Eisbergs konsum istischer G efahren. Insgesam t verschärfte sich nun, im ersten H alb jah r 1969, der Ton, der den A ngriffen gegen die „Pop-K ultur“ anhaftete. In einem ausführlichen A rtikel über „Perspektiven der H am burger Schülerbew egung“ w urde das Problem psychologisiert: „Die heute unter den G ym nasiasten vorherrschende P op-K ultur ist ein Versuch dieser Schüler, ihr nicht als befriedigend em pfundenes Lernen auszugleichen. D iese Spielart kann m it R echt als vo rp o litisch -an tiauto ritär bezeichnet w erden, um so mehr, als die heute schon politisierten Schüler dieser Pop-K ultur entsprun­ gen sind. ... Indem die Schüler m erken, daß eine von ihnen erw artete quasi n atür­ liche B elohnung nicht mehr sicher ist, hören sie nicht etw a m it dem Lernen in der Schule auf, denn eine A lternative w eniger m ühseliger A rt ist nicht sichtbar, viel­ mehr setzt zu diesem Z eitpunkt eine R egression von der analen Fixierung auf orale B etätigung ein. Ein C h arak ter e n ts te h t... der seine hauptsächliche A ufgabe

32 Zur K onzeption von „underground“ vgl. v o r allem Jg. 1, H eft 1 (N ovem ber 1968) und Jg. 2, Heft 1 (Januar 1969). 53 Schülerzeitung, bloßes Einmaleins, in: D er Spiegel 48 (1968); kritisiert w urde „under­ ground“ von komm unistischer (vgl. Underground, in: elan, 1 -2 (1970) 74) ebenso wie von rechtsextremer Seite (underground - Das Geschäft mit dem Blutstau unter den Bänken, in: Nation Europa 1 (1969) 25-28). 34 A U SS Frankfurt: Zur N otwendigkeit eigener Kom m unikationsm edien fü r die Schüler­ bewegung (1968), dok. in I J e b e l, W ellendorf, Schülerselbstbefreiung 1 7 9 -18 4 , Zitate: 180 (Kursivierung im Text); vgl. im selben Tenor: U nderground und die Schülerbewegung, in: APO -Press (Hamburg), Nr. 1 vorn 27. 1. 1969. 35 Das Foto von dieser A k tion in R e in h a r d Kahl, Schüler w ollen mehr arbeiten. Die D ele­ giertenkonferenz des „Aktionsrates (sic!) unabhängiger und sozialistischer Schüler" be­ schließt Lernkollektive, in: K onkret 3 (1969); vgl. eine Schilderung der A k tion von Barth, Revolutionierung 96, 103. 56 »Underground“. Zwischen A und U , in: D er Spiegel 47 (1969).

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darin sieht, zu konsum ieren um zu konsum ieren. Eine Tatsache, die von auf Jugen dlich e zugeschnittenen Produktionszw eigen w eidlich ausgenutzt w ird. D ie­ ser Jugendliche lernt in der Schule nur noch ,um den Schein zu m achen“, d.h . das A b itu r so reibungslos und bequem w ie m öglich, allen W iderständen ausw eichend, zu erhalten, um dann die K onsum rate enorm steigen lassen zu können. Da das E lternhaus nicht m ehr im Stande ist, dem Schüler Sicherheit zu bieten, ist seine B ereitschaft größer, gegen die Fam ilie zu revoltieren. Diese R evolte w ird durch die schichtenspezifischen M anipulationsm ittel (BRAVO , R A D IO LU X E M ­ B U R G , TW E N etc.) entpolitisiert und in die Pop-K ultur kan alisiert.“57 Es scheint sym ptom atisch, daß an die B eobachtung, daß der harte Kern der lin ­ ken Schülerbew egung selbst dieser Pop-K ultur entsprungen war, keine Ü b er­ legungen geknüpft w urd en , w ie auch künftig solche Lernprozesse organisiert w erden könnten, sondern eine erbitterte A b gren zun gsw ut gepflegt w urde. In den Thesen des A U SS-B undesvorstandes vom Som m er 1969 hieß es: „Schlim m ist, daß sich viele von uns dem Image anzupassen beginnen, das die alte K ultur von unseren revolutionären A nsätzen und Sym bolen zusam m enge­ setzt hat und m it dem sie sich nun verjüngt. H onoriert w erden heute in vielen Klassen und sub kulturellen G ruppen bereits diejenigen Schüler, die am besten von uns abgeschaut haben, ohne sich von uns berühren zu lassen, diejenigen Schüler, die am glattesten die revolutionäre Fassade zu r Schau stellen. M an findet sie selbst als lokale M atadore in einzelnen A U SS-G ruppen: Sie reden kritisch daher, aber nur im D eutsch-U nterricht, w o es nichts kostet; sie sind antiautoritär, aber nur, w enn es um die V erteilung von d reckiger A rb eit geht und es auf D isziplin an­ kom m t; sie protzen m it einem lässigen und freien Sexualleben, aber vielleicht sind sie zu ihrer Freundin nicht solidarischer als im täglichen G ruppenleben ... M it einem W ort: Sie sind die linke Variante des duften Typs ... dieser Typ vereinigt oft die A ttrib ute auf sich, m it denen sich die zurückgebliebenen, introvertierten, gehem m ten und un ter größtem antiautoritärem D ruck stehenden K lassenkam e­ raden leicht identifizieren: Er ist narzißtisch, sprachgew andt, kleidet sich extra­ vagant ... und hat eine gutaussehende Freundin. D ieser Typ, den w ir selbst pro­ duziert haben, repräsentiert bereits Elem ente des Klassenfeindes in G estalt des integrativen und abgebrühten ju n g m an agers.“58 D ie hier anklingende K ritik am G eschlechterverhältnis unter Jugendlichen w urd e im A U SS nur selten explizit them atisiert, aber der Frauenprotest im SDS die berühm ten Tom atenw ürfe - fand auch in der Schülerbew egung durchaus A n­ klang. „W ie w o llt ih r euch befreien, w enn ih r gleich zeitig U nterdrücker seid ?“, fragte ein „Em anzipationskreis der w eiblichen G enossen (!)“ und befand: „Bei genauem D urchdenken dieses Kom plexes sollte jedem die N o tw en digkeit des W eiberrates oder E m anzipationsrates einleuchten.“59 57 Perspektiven der Schülerbewegung in H amburg - 1. Teil, in: A P O -P ress. H amburger In­ form ationsdienst, Nr. 6 vom 7. 4. 1969, 1-4 , Zitate: 3. 58 Zit. nach Eick u.a., Radikalisierungs- und D em okratisierungstendenzen 34. 59 Zum Em anzipationskreis der weiblichen Genossen, in: A U S S -In fo 1 (Redaktion: Theonekader), undatiert (Juli 1969), in: StA H H , 136—3, 455, ohne Seitenzählung.

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Ein Zug von ostentativer D isziplin und Ernsthaftigkeit haftete der linken Schü­ lerbew egung zunehm end an, auch w enn das Verhalten der „Basis“ sicherlich nicht überall den neuen theoretischen Vorgaben der A vantgarde entsprach. Im m erhin gab es in den G ruppen die Tendenz, die typische Struktur der „antiautoritären“ G ründungsphase zu überw inden. N icht mehr charism atische Führer im K leinfor­ m at sollten die Entscheidungsprozesse vorgeben, sondern die M itglied er durch „Schulung“ qualifiziert w erden, um egalitär größere Schlagkraft zu entw ickeln. D ie „O rganisationsfrage“ beherrschte deshalb die 4. D elegiertenkonferenz in Köln A nfang 1969. In einem V orbereitungspapier der U nabhängigen So zialisti­ schen Schülergruppe (U SSG ) Stuttgart hieß es, die bisherige „faschistoide P raxis“ müsse durch eine „radikal andere A rb eit - kollektiv-solidarische A rb eit“ über­ w unden w erden. Das „bestehende Inform ationsgefälle“, das im m er w ieder „A u­ to ritäten “ produziere, sei durch eine „Lernkom m une" zu ersetzen, um die „in ko llektiver w issenschaftlicher A rb eit erarbeitete Inform ation in die Schule hinein­ zutragen “60. A ls entsprechende unterste organisatorische E inheit w urden dem ­ zufolge sogenannte „L ern ko llektive“ propagiert, in denen sich die linken Schüler einer Klasse zusam m enfinden sollten, um fachlich q ualifiziert die M itschüler überzeugen und gleichzeitig dem schulischen D ruck entgegenw irken zu können. Taktische A nw eisungen für „L ern ko llektive“ enthielt eine A usarb eitung des H am burger A U SS. Erster G rundsatz sollte sein, „im m er am konkreten D etail zu beginnen“; w enn im G eschichtsunterricht die Französische R evolution behandelt werde, sollten „keine großen R eferate über den .dialektischen Prozeß* der B efrei­ ung im Zusam m enhang m it der E ntw icklung des K apitalism us (w ahrscheinlich kann man das auch gar n ich t)“ gehalten w erden; es genüge vielm ehr, „ (...) ein oder zw ei Bücher darüber einm al zu lesen. U nd dann beginnt man im U nterrich t genau darauf zu achten, w as der Lehrer dort vorbringt. Es ist zw eckm äßig, zuerst refor­ m istisch oder radikaldem okratisch zu argum entieren, sich aber zu steigern und ständig w eiterzugehen. Dies hat den Vorteil, daß man nicht so z ia listisc h ' von vornherein argum entieren m uß ... Es ist im m er nur notw endig, m it M ißtrauen den U nterricht in Frage zu stellen, sich dann L iteratur zu beschaffen und m it M it­ schülern das Vorgehen zu diskutieren. (D urch diese T aktik) sei es m öglich, den Schülern die autoritären Strukturen erfahrbar zu m achen (sinnlich), wenn der Lehrer näm lich auto ritär reagiert. D ie im U nterricht verbreiteten Ideologien w er­ den zersetzt. In der aktiven A useinandersetzung m it ihrem Vertreter (L ehrer), in der konkreten E ntgegnung besteht dann die M ö glichkeit, selbständige, kritische D enkprozesse zu in itiieren .“61

60 U SSG Stuttgart: Z ur Emanzipationsfrage, dok. in Liebei, 'Wellendorf, Schülerselbstbefreiung 16 2-16 8, Zitate: 163, 164, 165. 61 AU SS Hamburg: Materialien zur K ritik der Schule (Mai 1969) 7 f., in: StA H H , Sammlung Uwe Schmidt, Politische Flugblätter und Publikationen 1 9 6 8 -1 9 7 6 (im folgenden zitiert: AU SS Hamburg, Materialien); diese Schrift w urde als „Inform ation über die A rb eit radika­ ler Schüle rgruppen“ von der Schulbehörde am 22. 9, 1969 an alle Schulen gesandt; StA H H , 3 6 1-2 VI, 3019.

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A uf der nächst höheren Stufe fungierten B asisgruppen an den jew eiligen Schulen. Die „B asisgruppe“ w ar fortan das Z auberw ort, eine „M assenbasis in der Schule“ zu erreichen; als Z usam m enschluß der „L ern ko llektive“ hatte sie die „prim äre A ufgabe ..., den scheinheiligen Schulfrieden“ zu stören und „Kon­ flikte zu organisieren“; dafür sei „jeder Z w ischenfall“ auszunutzen, „faschisti­ sche Ä ußerungen und autoritäre V erhaltensw eisen von L ehrern“ sollten ver­ öffentlicht, „Schulveranstaltungen, die den Schulfrieden erhalten sollen (Sch ul­ fest usw.), w erden um fun ktio n iert“62. W eniger feinsinnig w urde die strategische Linie auf Flugblättern ausgedrückt, die das H am burger AU SS als E inladung für ein „teach-in zur O rganisierung von B asisgruppen“ verteilte. Presserechtlich verantw ortet von „M artin H eid egger“ - der N am e versetzte den Sachbearbeiter des V erfassungsschutzes in V erw irrung - , gipfelte das F lugblatt im A ufruf: „Die U nruhe an den Schulen m uß perm anent w erden. Zieht die Lehrer an ihren ideo­ logischen Schwänzen. H aut die Lehrer auf die Z inken - A lle M acht den Schüler­ lin ken.“63 N ichts schien den antiautoritären Schülern in diesem Zusam m enhang gefähr­ licher zu sein als die „technokratische Schulreform “, die aus den verzopften A nstalten m oderne und leistungsfähige „L ernfabriken“64 im Sinne des Kapitals form en w ürde; w aren zw ei Jahre zuvor noch Versuche m it K urssystem und G e­ sam tschulen gefordert w orden, so w urden nun M itbestim m ungsm öglichkeiten etw a über Zensuren als „fatal“ bezeichnet: „die p raktizierte M itbestim m ung in einer , m odernen“, ,offenen“, in einer Schule von m orgen (reform iertes G ym na­ sium oder G esam tschule) ist ein Zeichen der nicht offen autoritären Strukturen, sondern der autoritären Fremdbestimmung des Unterrichts“hb. N ich t die M itbe­ stim m ung über Schülerleistungen, sondern die A bschaffung der Zensuren w urde nun - m it angeblich unw iderlegbaren A rgum enten der psych o lo gisch-p ädago gi­ schen Forschung - kom prom ißlos gefordert. Das H am burger A U SS konsta­ tierte: „L eistungsterror“ und „der autoritäre U nterricht fördert den Faschis­ m us“66. A ls A ktionsform gegen das herköm m liche, durch „L eistungsterror“ bestim m te Schulsystem w urde in vielen Städten eine „K ritische Schule“ propagiert, in der Form einer alternativen V olkshochschule, der jedoch nirgendw o eine längere D auer beschieden w ar; in H am burg w urde die „K ritische Schule“ vom Schüler­ 62 Ebd. 7, 10; vgl. U SSG Stuttgart/AUSS Mannheim: Zu Problem en der Strategie und O rga­ nisation (Dezem ber 1968), dok. in ebd. 16 8 -1 7 1 , Zitate: 171. 63 Tragt die U nruhe in die Schulen (Februar 1969), in: StAFIFI 13 6-3, 455, Bl, 678474; in einem anderen Fall - dem Flugblatt „Die ewig gestrigen sind unter uns!“, das im M ärz 1969 vo r dem Gym nasium Johanneum verteilt wurde, hatte als presserechtlich verantwortlich ein „Karl Fakt“ unterzeichnet. Nach gründlicher Recherche meldete der Sachbearbeiter des Verfassungsschutzes: „Vermutlich ist die Person nicht existent“; StAH FI 13 6-3, 520, Bl. 0689250. 64 R ein h a r d Kahl, M ich a el Lukasik, Schule der Angst, in: K onkret 14 (N ovem ber 1968). 65 A U S S Hamburg, Materialien 6 (Kursivierungen als Unterstreichungen im Text). 66 AU SS-H am burg, Materialien 5; über entsprechende Aktionen in H eilbronn berichtete R e in h a r d K ahl, Lustprinzip - ja!, in: K onkret 4 (Februar 1969).

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pariam ent und vom Politischen A rbeitskreis Schulen (PAS) getragen. In einer Broschüre, die neben dem G ründungsaufruf längere A rtikel über Schulstrafen und über Z ensurengebung enthielt, fand das politisch-didaktische Selbstverständ­ nis seinen A usdruck: „Die K ritische Schule (KS) w ird im selbstorganisierten U n ­ terricht die uns allen so überdrüssig gew ordenen Lernm ethoden und unsinnigen Lernziele abschaffen."67 G rößere A nziehungskraft hatte eine direkte politische Protestaktion, die von der H am burger A PO -Press angekündigt w urde: „Das H am burger Schülerparla­ ment veranstaltet in Z usam m enarbeit m it allen politischen Schülergruppen ... im A udim ax ein teach-in über die F unktion von Zeugnissen und Zensuren. Es steht zu erw arten, daß allein zu O stern ca. 3000 Schüler dem System des Sitzen blei­ bens zum O pfer fallen w erden .“68 Im A nschluß an dieses teach-in kam es zur sym bolischen V erbrennung von Z eugnissen69 und einer „spontanen“ D em on­ stration von einigen H undert Schülern, die zur Schulbehörde ziehen w ollten, daran aber von Polizeikräften gehindert w urden. D ie „W elt“ m eldete: „Ein M ädchen w urde von einem Schlagstock am Kopf getroffen, als eine Schüler­ g rupp e einen Polizeiw agen, in dem einer der Festgenom m enen saß, am A bfah­ ren hindern w o llte.“70 In einem Flugblatt des „A ktionsrates der revolutionären Schülerbew egung" (presserechtlich verantw ortlich: „H elm ut R ah n “) am eh r­ w ürdigen Johanneum , einem der traditionellen G ym nasien der H ansestadt, w urde die Infam ie der Zeugnisse „entlarvt“: „N atürlich w ird niem and direkt von der Schule verw iesen. Es w ird nur geraten, die Schule zu verlassen; denn die Leistungen des Schülers seien schw ach, er habe einen klassezersetzenden Geist, er passe sich nich t an, usw. u sw .“71 In einem w eiteren , nicht nam entlich U nter­ zeichneten Flugblatt dieser G ruppe w urde für den D irektor, der die Schülerbe­ w egung unterdrücke, sogar gefordert: „Ab in den K n ast!“72 In der A PO -Press w urde daraufhin kritisiert, daß am Johanneum „in Folge der fehlenden Strategie Form en des W iderstandes p raktiziert (w urden), die teilw eise zeitlich falsch lagen (individueller Terror, das Bem alen des H auses eines Lehrers) bzw. nicht von ei­ ner aufklärerischen A rbeit begleitet w urden und som it zum R itual degenerierten (das Bemalen der Schulw ände: zu B eginn politische M anifestation, zuletzt neu­ rotische P o lit-O n an ie)“73, M it einigem M ißtrauen begegnete die antiautoritäre Schülerbew egung selbst den O rganisationsversuchen lin ker Junglehrer, die bereits auf den U niversitäten politisiert w orden w aren. A ls „Träger der die O rdnung garantierenden A utori67 „Kritische Schule H am burg“ (A p ril 1969), in: StA H H 3 6 1 -2 VI, 345. f»8 APO -Press, Nr. 3 vom 24. 4. 1969, 19. 69 U ber diese A ktionsform am Beispiel von Hamburg, Berlin und H annover vgl. Barth, Revolutionierung 82 ff. 70 Protest gegen Zensuren endete mit neun Festnahmen, in: Die Welt vom 7. 3. 1969. 71 Flugblatt „Zum 15. M ärz 1969 - Zeugnisausgabe ... und wieder fliegen welche“, in: StAH H , Sammlung U w e Schmidt, Politische Schülerbewegung 1969. 72 „Die zehn Lügen des H errn Schütz“ (M ärz 1969), in: StA H H , 13 6-3, 520, Bl. 06892511. 73 Johanneum, in: A P O -P ress, Nr. 5 vom 24. 3. 1969, 7-9 , Zitat: 8.

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tat“74 w ar ihre R olle festgelegt, alles andere irritierte nur und schuf neue A ggres­ sionen, denen Ezra G erhardt in dem Row ohlt-T aschenbuch „K in derkreuzzug“ Ende 1968 freien Lauf ließ: „An die Lehrer. M it den Lehrern m eine ich natürlich nicht die üblichen Lehrer. Da g ib t’s nichts m ehr zu reden, da m acht man nur noch was. A ber da taucht p lö tz­ lich eine ganz neue Sorte auf. Sozialistisch nennen die sich. U nd üben Solidarität, m it den Schülern, natürlich. W ie w ir uns gefreut haben! M it den neuen Lehrern gab’s eine neue Kam pagne. D ie Kam pagne nannte sich: „Ihr m üßt verstehen . . . “ W ir verstanden. A ber plö tzlich durfte m an’s M aul nicht m ehr aufm achen. „Da steckt doch der Genosse Lehrer d rin !“ U nd dann w urde Solidarität geübt und ge­ meinsam um die gefährdete Lehrerexistenz gebangt. A ber Zensuren gab ’s tro tz­ dem. ... D afür gab ’s m al ’nen flotten Brecht. Wenn ihr ratlos dasteht und uns fragt, was ihr überhaupt m achen könnt als Lehrer, dann antw orten w ir: Im U nterricht nichts, bei K onflikten auch nichts. H altet Euch da raus. A ber sonst könnt ihr sehr viel machen. Zum Beispiel: U ns eure W ohnung zu r Verfügung stellen, dam it w ir’s mal ruhig treiben können. Zum B eispiel: Einen Spionagedienst einrichten, dam it w ir uns auf alles schön einrichten können (K lassenbücher klauen etc.). Zum B ei­ spiel: Euch in der Klasse für alles entschuldigen, w as ih r tut, vielleicht w ird dann den anderen Schülern auch mal klar, w as ihr für Scheiße baut, bauen m üßt. Jeden ­ falls von pädagogischen Experim enten haben w ir genug.“75 L inke Lehrer, die sich im Sozialistischen Lehrerbund (SLB) und in der A rb eits­ gem einschaft jun ger Lehrer und E rzieher (A jLE ) der B ildungsgew erkschaft GEW sam m elten, m ußten sich ihre E intrittskarte in die linke B ew egung erst durch be­ hördliche Repressionsm aßnahm en erw erben, m it denen sie an vielen O rten ko n ­ frontiert w aren 76. D ie A gitation in den Schulklassen und vor den Schultoren, darüber w aren sich die antiautoritären Schüler einig, m ußte in die A useinandersetzung m it dem staat­ lichen System in G estalt der K ultusm inisterien und Schulbehörden überführt w erden. Zum Kam pffeld w urden dabei häufig K onflikte um neue, nun nicht mehr SM V- sondern SV (Schiilervertretung)-E rlasse, die m itunter durchaus Zugeständ­ nisse enthielten, aber strik t zurückgew iesen w urden. In H am burg - parallel dazu auch in Schlesw ig-H olstein - eskalierte die A useinandersetzung im Frühjahr 1969. N achdem das H am burger Schülerparlam ent sich gegen einen neuen Erlaß gew andt hatte, der „M itsprache“, aber keine „M itbestim m ung“ vorsah, und die Schulbehörde daraufhin R äum e entzog und G elder sperrte, kam es zu Streiks und D em onstrationen. N ich t nur das V okabular der zw ei Jahre zuvor noch folgsam en SM V -Funktionäre klang dabei sehr rad ikal; die R ede w ar von „schärferen M itteln des Protests“ und „kollektivem W iderstand“ gegen eine Schulbehörde, die in A llian z m it Polizei und verhetzter E lternschaft „auf alle Fälle die Schüler unter 74 L ieb ei, Wellendorf., Schülerselbstbefreiung 65. 75 G erhardt, U ber die Praxis 70 f. 76 Vgl. D er Spiegel 16 (1968), 46 (1968), 3 (1969), 42 (1969); H aug, M aessen, Was w ollen die Schüler? 72 ff.

N a c h w u c h s fü r die R eb ellio n - die S c h ü le rb e w e g u n g d er späten 60er Ja h r e

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K ontrolle behalten“ w olle, nachdem dies bei den Studenten nicht gelungen sei. A uch die A ktionsform en radikalisierten sich. N ach einer K undgebung vor dem A udito rium M axim um der U niversität von 1 500 Schülern w aren 125 von ihnen in polizeilichen G ew ahrsam genom m en w orden, als sie in der Innenstadt den Ein­ kaufsbum m el stören w o llten 77.

3. Von der antiautoritären Revolte zum strengen Sozialism us Die rege B eteiligung von Schülern an den A ktionen des ersten H albjahres 1969, die in quantitativer H insicht w ohl diejenigen des legendären Vorjahres übertraf, w ar A usdruck einer „breiten ideologischen L in ksw en dun g“ in der „jüngeren In­ telligen z“ der O berschüler und Studenten - M itte 1969 veröffentlichte U m fragen besagten, daß von dieser 30 Prozent m it dem M arxism us oder Kom m unism us sym p ath isierte78. M ag es heute bisw eilen so erscheinen, als habe in jenem Jah r eine p lötzliche W endung von an tiauto ritärer T heorie und Praxis zu dogm atischem Sektierertum , kostüm iert m it den Sym bolen der historischen A rbeiterbew egung, stattgefunden, so em pfanden es zum indest die A nhänger der linken Schülerbew e­ gung anders. Von Anfang an w ar dort gefordert w orden, ein Fortschreiten von an­ tiautoritärem zu sozialistischem B ew ußtsein zu organisieren; eine libertäre K ritik des M arxism us w ar kaum anzutreffen gew esen, sondern dessen R ad ikalität schien in der K onsequenz eigener Lernprozesse zu liegen. 1968 standen sich dabei inner­ halb des A U SS zw ei Strategien gegenüber. D ie sogenannte „E ckernförder K on­ zeption“, benannt nach dem P roduktionsort für das Buch „K in derkreuzzug“, sah eine allm ähliche Transform ation der antiautoritären in eine sozialistische Schüler­ bew egung vor, w ährend eine B erliner G ruppe um die Z eitschrift „N euer R oter Turm “ A nschluß an die trotzkistische B ew egung suchte79. D ie besonders heftigen A useinandersetzungen an K ieler Schulen gegen autoritäre Lehrer im Som m er 1968, die m it etlichen Schulverw eisen und D isziplinarstrafen endeten, w oraufhin Schüler sogar in den H un gerstreik traten, w urden ausführlich im Z entralorgan der G ruppe Internationaler M arxisten (G IM ) gew ürd igt80.

77 Zitate aus zwei Flugblättern des Hamburger Schülerparlaments, überschrieben „Schüler und Schülerinnen“, die Anfang und M itte Mai 1969 verteilt wurden, in: StaH H , 3 6 1 - 2 VI, 345; in dieser A k te befindet sich umfangreiches Material zu diesem K onflikt; vgl. auch „Der K onflikt zwischen Schülerparlament und Schulbehörde oder Die autoritäre Politik der Schulbehörde“ (eine 16seitige Broschüre des H amburger Schülerparlaments, A p ril 1969), in: StAHFI, Sammlung U w e Schmidt, Politische Schülerbewegung 1969. 7S Koenen, Das rote Jahrzehnt 184. 79 Vgl. dazu die beiden konträren A rtik el von llan Reisin, Ü ber die Eigenständigkeit der Schülerbewegung, in: Amendt (Hrsg.), K inderkreuzzug 70 -89; Peter Brandt, Ü ber die Be­ deutung einer sozialistischen Schülerorganisation - Für eine revolutionäre O rganisation der Jugend, in: ebd. 9 0 -12 8 . 80 Gabriele Dolezahl, W ie schießt man einen Pauker ab?, in: was tun 1 (1968), Nr. 3 (August/ September) 7; AU SS-Basisgruppe K ieler Gelehrtenschule, Vorfälle an der K ieler Gelehrten-

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N eben die B etrachtung der Schule als auto ritärer Institution trat 1968/69 zu ­ nehm end deren C h arakterisierung als „K lassenschule“81, und es ging nun auch für Schüler um die E ntw icklung von „K lassenbew ußtsein“82. Das H am burger A U SS sprach im A ugust 1969 von „dialektischer N egation der anarchistisch-antiautoritären Phase“ und davon, daß man „nur über verbindliche A rb eit (den) Kampf ge­ gen das kapitalistische System bestehen könne“83; w ährend man aber zu diesem Z eitpunkt auch noch über eine „A utoritätskam pagne“ und über eine „Leistungs­ kam pagne“ nachdachte, w ar schon ein halbes Jah r später von solchen D ingen nicht mehr die Rede, w urde im G egenteil die Leistungsschraube in der O rganisa­ tion selbst angezogen. In ernstem Ton hieß es: „Es m uß nochm als darauf hinge­ w iesen w erden, daß das Studium des w issenschaftlichen Sozialism us, des M arxis­ m us-Leninism us, natürlich P riorität genießt.“84 Einem strengen V erdikt verfiel nun auch ein zentrales T hem a der linken Schülerbew egung: die Sexualaufklärung. In einem A rtikel des H am burger A U SS über „Unsere alten Fehler und unsere neue korrekte L in ie“ w urde der B ergedorfer G ruppe, die eine „Sexualkam pagne“ gestartet hatte, attestiert, sie befinde sich „noch w eitgehend in den archaischen G ründen antiautoritären W ohlbefindens“; die G eschichte des A U SS w urde dabei in düsteren Farben des Verfalls geschildert: „Die 350 G ruppen des A U SS sind m eistens durch Sexualkam pagnen gegründet w orden? W enn heute die H älfte die­ ser G ruppen besucht w ird , ist die erste Frage im m er: H abt ihr H asch dabei? - A n ­ statt des erhofften A ufstiegs zu gesellschaftlichen E rkenntnissen also der A bstieg in die individuelle Schlam perei. ... U nd genau das ist der P unkt bei der Sexual­ kam pagne: die A nsprechung sexueller N öte führt genau zum Verharren in diesen Problem en, bringt den Einzelnen und die O rganisation in keinerlei Weise w ei­ ter.“85 Es w undert nicht, daß nun sogar „D er Spiegel“ dafür kritisiert w urde, die D roge H aschisch - dessen Konsum 1967/68 zum Lebensstil vieler politisch enga­ gierter Schüler gehört hatte - , zu verharm losen, um „politische G ruppen“ zu „zersetzen“86. Ü ber N acht w urde aus m anchem langhaarigen Schülerrebell nun ein „ordent­ lich “ aussehender und m it revolutionärer Strenge argum entierender Revolutionär, der den „Kam pf im N ebenw iderspruch Schule gegen das K apital“ und zur „Ver-

schule, in: ebd. Nr. 4 (O ktober 1968) 6 f.; vgl. auch W olfgan g R öhl, A lle Lehrer sind Hempelmänner. K ieler Schüler traten in den H ungerstreik, in: K onkret 13 (O ktober 1968) 10. 81 H au g, M aessen, Was w ollen die Schüler? 119. 82 A U S S-U SB -In fo (Hamburg) Nr. 2 (August 1969) 9, in: StA H H , Sammlung U w e Schmidt, Politische Flugblätter und Publikationen 19 6 8 -19 7 6 . 83 Ebd. 7, 25. 84 A U SS-In fo (Hamburg), Nr. 4 (Januar 1970) 8, in: StA H H , Sammlung U w e Schmidt, Po­ litische Flugblätter und Publikationen 19 6 8 -1 9 7 6 ; der überregionale Politische Arbeitskreis O berschulen verbreitete 19 70 unter dem Titel „Formen und A lternativen des Kapitalismus“ marxistisches Schulungsmaterial in einer Auflage von 5 500 Exemplaren; E1IS, SBe 635, Box 01, unsign. 85 A U SS-In fo (Hamburg), Nr. 4 ,2 . 86 Hasehu Haschisch ..., in: ebd. 1 6 f.

N a c h w u c h s für die R eb ellio n - die S c h ü le rb e w e g u n g d er späten 60er Ja h r e

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nichtung der kleinbürgerlichen Ideologie“ organisierte87. 1970 zerfiel neben dem SDS auch das A U SS, dessen M itglied er sich z.T. in den fraktionell zersplitterten linken H ochschulgruppen der 70er Jah re w iederfanden, w ährend an den „techno­ kratisch reform ierten“ Schulen w ieder w eitgehend R uhe einkehrte88.

Resüm ee D ie P eriodisierung der linken Schülerbew egung erfolgte - w ie einleitend begrün­ det - aus der Perspektive der O rganisationsentw icklung, dem D reischritt von A usbreitung der antiautoritären R evolte, ihrer Selb stkritik und dogm atischen Ü berw ind u ng in nur drei Jahren, von A nfang 1967 bis Ende 1969 - , w obei regio­ nale und U ngleich zeitigkeiten im Stadt-L and-G efälle nicht berücksichtigt w erden konnten. D am it sollten A spekte einer jugendlichen G ruppe deutlich w erden, die im Gefolge der studentischen „68er“ „po litisiert“ w urde. Wie tief und w ie nach­ haltig die Prägungen durch die Schülerrevolte am Ende der 60er Jah re w irkten , ist durch eine solche B etrachtung nicht zu erm itteln; erst m ethodisch variation srei­ che gruppenbiographische Studien, die in die folgenden Jahrzehnte reichen w ü r­ den, könnten einige A n tw orten verm itteln, aber diese w iederum w ären an gew ie­ sen auf das Fortschreiten der Z eitgeschichte, w elche das N iem andsland jüngster Zeit zw ischen den 60er Jahren und der G egenw art noch kaum entdeckt hat. A uch w ären vielfältige w eitere Q uellen heranzuziehen, um „B ew ußtseinsveränderun­ gen“ an der „Basis“ nachzuvollziehen und den Zusam m enhang von Ju gen d ku ltu r und politischer B ew egung auszuleuchten. Was aber aus den antiautoritären Ä uße­ rungen der Schülerorganisation A U SS deutlich gew orden ist, ist die m oralische Ernsthaftigkeit einer Suche nach „w ahrhafter“ und nicht nur „form aler“ D em o­ kratie und die A ngst vor der A npassung an die Verhältnisse, die aus scheinbar k ri­ tischen Protagonisten, um eine bereits zitierte Stelle aus einem A rtikel des H am ­ burger A U SS zu w iederholen, „integrative und abgebrühte Jun gm anager“ form en könnten. Diese nicht unberechtigten Ä ngste, die sym pathisch anrühren, spielten als sozialpsychologischer H intergrund u.U . eine R olle bei der Transform ation der antiautoritären R evolte in dogm atische G ruppen linksextrem er R ichtungen, die dann in den 70er Jah ren dom inierten.

87 „Verbessertes Referat, das auf der A U S S -M V am 15. 11. 1969 gehalten wurde: K onzeption der Schülerbewegung in H amburg“, in: AP O -P ress. Inform ationsblatt der Studenten, Schü­ ler und Arbeiter in Hamburg, Nr. 22/23 vom 16. 12. 1969, 2 0 f. 88 Die Geschichte der politischen Fraktionierung der linken Schülerbewegung selbst entlang der all gemeinen Fraktionierung der Linken kann hier nicht entfaltet werden; vgl. überblicks­ haft Heid er , Schülerprotest 174 ff.

E xem plarische R ekonstruktionen: B efragung zw eier G enerationseinheiten aus der „Jahrhundertgeneration“ (geb. 1900 bis ca. 1912)

Thomas A. Kohut

History, Loss, and the Generation of 1914: The Case of the “Freideutsche Kreis” W hen I began tw en ty years ago to investigate the psychological dim ension of the past system atically, I, lik e other so-called “p sych o -h istorian s” of that tim e, ana­ lyzed the influence of the psyche on history. We studied the lives of h isto rically significant individuals in order to explain how their attitudes and actions could u l­ tim ately be understood as attem pts to solve psychological problem s that had been posed in childhood. We assum ed that the attitudes and actions of such individuals could o n ly be explained through a psychological an alysis of their early life. T hat is to say, I, like other p sycho-historians, investigated the influence of the individual psyche on history. O ver the course of the last tw en ty years, however, I have come to the con­ clusion that the influence of h isto ry on the psyche is as at least as significant as the influence of the psyche on history. Psychoanalysis has dem onstrated that we are p sych o lo gically constituted through our experience of the environm ent. That environm ent, in turn, is to significant extent constituted b y history. Therefore history constitutes our psyches. Today I am as interested in the im pact of histo ry on the psyche as in the reverse, and I investigate how the experience of a h isto ri­ cally-determ ined environm ent shapes the self. N evertheless, I rem ain a traditional psycho-historian in that I stud y people not o n ly as the psychological products of history but also as its psychological producers. Indeed, I see it as m y task to ana­ lyze how the psyche and h isto ry m u tu ally shape one another, or, put differently, how history flow s through hum an beings. In order to fulfill this task, the category of “generation” w ould seem to be p articu larly helpful. W riting histo ry from a generational perspective has a special advantage for the p sych o an alytically-o rien ted historian. O ne of the m ost difficult problem s facing psychohistory is how to move beyond the experience of the in dividual, w hich is

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T h o m a s A. Kohut

generally the p urview of psych o an alysis as a clinical discipline. O ne p o ssib ility has been to investigate individuals w ho seem representative p sych o lo gically or w ho can be understood to have been transference figures (that is, in dividuals onto w hom large num bers of people have projected their needs and w ishes, their hopes and fears). O ften in the past, p sych o an alytically-o rien ted investigators have treated groups sim p ly as if th ey w ere an in dividual person. A lthough this latter practice seems generally problem atic, it is less so w hen the group being investi­ gated com prises a generational unit. Since the psyche can be said to be constituted through the experience o f a histo rically-determ in ed environm ent, a generational group, w hich has experienced a sim ilar h istorically-determ ined environm ent, w ill be p sych o lo gically sim ilar. In other w ords, one can legitim ately treat people be­ longing to such a generational group as a psychological collective and can leg it­ im ately w rite a collective p sych o b io grap hy of them. And precisely such a collec­ tive psych o b io grap hy is w hat Jürgen R eulecke and I are curren tly w ritin g of sixty-tw o members' of the Freideutsche Kreis*. O ur generational stu d y explores how histo ry has flowed through the psyches of these 62 hum an beings. These G erm ans w ere all, as adolescents, active in the “hündische yo uth m ovem ent” durin g the 1920s. T h ey reached m atu rity in the 1930s and fu lly experienced the Second W orld W ar and the collapse of the T hird Reich. Sh o rtly after the w ar th ey cam e together consciously to form a generational com munity, the so-called Freideutsche Kreis, an organization of form er yo uth m ovem ent mem bers. These 62 people are all approxim ately the same age, born sh o rtly before 1914, come from the sam e social m ilieu, the educated m iddle class, and share the sam e religion, Protestantism . A s a result, th ey have had sim ilar his­ to rically-determ in ed experiences. Because those experiences w ere psych o lo gically constitutive, they are also p sych o lo gically sim ilar. In the interview s that w ere con­ ducted w ith these people, they told sim ilar life stories and told them in sim ilar w ays. B y presenting a part of those stories here, I shall an alyze both how history has shaped the psyches of these sixty-tw o people, as historical forces produced a series of losses for them during the 1920s in adolescence, and how the psyches of these sixty-tw o people have shaped the course of history, as the solutions they de­ veloped to deal w ith those losses led them first to the yo uth m ovem ent and event­ u a lly to N ational Socialism . To the extent th ey recall it, the overw helm ing m ajo rity of those interview ed re­ m em ber W orld W ar I not as a tim e of an xiety and hardship but as an id yllic period in their lives. A lm ost w ithout exception, th ey describe positive experiences associ­ ated w ith nature, the out-of-doors, and a rural environm ent. In fact, a su rp risin gly large num ber of the interview ees spent the latter portion of the w ar w ith grand­ parents or aunts and uncles in the countryside. A lthough m ost of the parents of

1 This collective biography grows out o f the project “Die Freideutschen: Seniorenkreise aus jugendbewegter W urzel - ein Modell für ein sinnerfülltes A lte r”, which was conducted from 1 9 9 3 -1 9 9 6 under the leadership o f Professor Dr. Jürgen Reulecke o f the U niversity of Siegen and funded b v the Bundesministerium fü r Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

H is to ry , Loss, and the G en eratio n of 1914: T h e C a s e of the “ Freid eutsch e K reis ”

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the interview ees lived in cities and belonged to the educated m iddle and upperm iddle classes, m any still had fam ily ties to rural G erm any - testifyin g to the relatively rapid and recent urbanization and in dustrializatio n of the co u n try in the second half of the nineteenth century. W hen the allied blockade of G erm any and A ustria-H un gary, coupled w ith an especially brutal w in ter in late-1916, produced w idespread hunger and suffering, fam ilies sent their children to relatives livin g in rural areas w here food was more plentiful2. M an y of the interview ees associate “ch ildh o o d” w ith the id yllic period they spent in the co un trysid e durin g the war. O ne w om an’s recollection is typ ical: “also, m eine K indheit, also die beiden Jah re, oder zw eieinhalb Jah re, im B ayerischen W ald, das w aren also beglückende Jah re, ja ”3. T h ey recall this period as a m agical tim e, and their m em ories evoke w hat th ey call “G eborgenheit” and “N estw ärm e”4. T hus their mem ories of w artim e convey im ages that are rustic and nurturin g5. They also associate this period w ith fairytales and folklore and w ith the artistic, p o etry and m usic, especially singing. Indeed, perhaps because of its association w ith a ro ­ m anticized childhood, singing has evoked a sense of security throughout the lives of m any of those interview ed6. O ne paradigm atic m em ory is of fam ily C hristm as celebrations in the countryside, w ith horse-draw n sleighs, peaceful w in ter lan d­ scapes, carols, presents, and food, at the house of grandparents7. The m em ories of the interview ees convey the feeling of belonging to and being em braced and protected b y an extended fam ily8. The grandparents and, occasionally, the aunts and uncles are presented as idealized figures, offering protection and security9. G enerally m em bers of the local gentry, w ealth y farm ers and professional people, doctors, teachers, and m inisters, th ey are cast litera lly in a “grand p atern al” light, venerated not o n ly b y the interview ee but also b y the local farm ers and villagers50. One w om an recalls her w onder and pride w hen she, as a little girl, accom panied her tall and stately grandfather, the local p h ysician, on his village ro un d s11. The mem ories of this rural id y ll often flow into or parallel m em ories of an id y l­ lic early life w ith the nuclear fam ily in urban areas. A lthough not associated w ith grandparents or life in the countryside, these urban m em ories convey the same w arm th, security, and artistic m agic as their rural co un terp arts12. O ne w om an I Several interviewees were sent to areas that w ere p urely Germ an in the immediate aftermath o f the w ar until territorial questions had been answered and food shortages overcom e. 3 Interviewee (B 115); also (S107). 4 (B107); (B 115). 5 (A I 17); (SI 16); (A 124); (SI 10); (B 114); (A 103); (A B 102-B 106); (A 120). 6 (A 103); (S I06); (B 104); (A 105). 7 (A 104). 8 (A 118). 9 (SI04); (S101); (A 104). 10 (A 117); (A 104); (S106); (S101). II (B 114). 12 ( S i ll) ; (S108); (A B 102-B 106); (B104); (B102); (A 114); (S120). Even the handful o f in ter­ viewees (SI 19), (B 115), and (SI 18), coming from a proletarian background appear to fit this pattern.

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T h o m a s A. K o hu t

rem em bers, as a little girl, lyin g under the piano w ith her teddy bears, enveloped by m usic perform ed by her m other and fam ily frien ds13. O thers describe, w ith a nostalgic glow, the games th ey played w ith neighborhood ch ildren 14, childhood puppet perform ances observed b y adm iring paren ts15, being told fairy stories and sung to before bedtim e, and the C h rist C h ild com ing on C hristm as Eve16. A nd, finally, a num ber of interview ees recall w alks or even h iking expeditions w ith p ar­ ents, especially w ith the fath er17. These are u n ifo rm ly positive m em ories, convey­ ing a sense of the parents as self-confident and loving, as protective and support­ ive, in itiatin g their children into a w o rld containing challenges that w ere exciting and could nevertheless be m astered, a w o rld that seem ed neither prosaic nor bor­ ing but still fundam entally secure18. The w ar is o n ly d im ly recalled b y the interview ees and is presented as having had little or no im pact on them. The one vivid im age of the w ar in the interview s its outbreak - is generally festive, w ith troops departing for the front, flow ers, and cheering cro w d s19. O ne w o m an ’s m em ory of her father’s departure seems more supportive than frightening, as he shortened his w alk in g stick for her to use in his absence20. G iven the birth date of m ost of the interview ees, relatively few close relatives fought in the war. D uring this period, m iddle-class, educated G erm an men generally m arried and had children o n ly after they had established them ­ selves professionally. As a result, the fathers of the interview ees w ere, for the most p art, too old for m ilitary service; their brothers, for the m ost part, too yo un g. O f the sixty-tw o interview ees, ap p aren tly only three lost fathers in the w ar21. The fact that the period of the First W orld W ar is rem em bered fondly b y the intervie­ w ees, that o n ly a handful of fathers w ere killed in the conflict, and that, indeed, m ost rem ained at hom e throughout the w ar fails to confirm the thesis, advanced first by the p sych o an alyst, M artin W angh, and later b y the historian and p sych o ­ an alyst, Peter L oew enberg, that the attraction of N ational Socialism generally and of A do lf H itler in particular to yo un ger G erm ans can be attributed p sych o lo gi­ cally to the absence during their early lives of the father at the front in W orld W ar I22. N evertheless, as w e shall see, this article does follow Wangh and Loew en13 (B S121); (A 116 ). 14 (A 105); (SI 08); (B i 15). 15 (B 104); (B l 13). 16 (B l 17). 17 (AB 101); (S108); (S104); (A I 18); (SI 12). 18 A lthough it is difficult to date these periods precisely, they appear fo r the m ost part to have been during the war. For interviewees born well before 1914, they doubtless refer to the years before the w ar; fo r those born after 19 14, they doubtless refer to the first years of the W eim ar Republic. 19 (S101); (B S121); (Si 16); (B104). 20 (B109). 21 (SI 13); (S123); (A !2 0 ). (B l 17) and ( A 1 14) report older brothers killed in the war. N o in­ terviewee describes seriously w ounded or disabled relatives. 22 Martin Wangh, N ational Socialism and the Genocide o f the Jew s, in: International Journal fo r Psychoanalysis 45 (1964) 3 8 6-39 4; P e t e r L o e w e n b e r g , The Psychohistorical Origins of the N azi Youth C oh ort, in: Am erican H istorical R eview 76 (1971) 14 5 7 -15 0 2 .

H isto ry , L oss, and the G en eratio n of 1914: T h e C ase of the "F re id e u tsch e K re is”

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berg in explaining the psychological suscep tib ility of this generational cohort to the blandishm ents of the N azis and H itler as em erging in part out of an effort to com pensate for the loss of the father - the physical loss of the father for m any of those interview ed, the loss of the father as an adm ired figure for more. It m erely assigns the m om ent of that loss not to the First W orld W ar but to the W eim ar R e­ public. W hereas the interview ees rem em ber the w ar as a tim e of tran q u ility and secur­ ity, th ey recall the W eim ar R epublic as a time of disorder. In contrast to the dim m er and even festive recollections of the war, their m em ories of defeat and the subsequent revolution in G erm any are vivid and disturbing23. Frightening, in ­ com prehensible street fighting, putsches on the R igh t or on the Left, bullets splatting into the livin g-ro om w all are often indelible “h isto rical” m em ories for those interview ed24. From the Kapp Putsch in F eb ruary 1920, through the “party chaos” in the R eichstag, to the street fighting of the early 1930s, their m em ories of the W eim ar R epublic are characterized b y im ages of conflict and chaos25. And w hereas the interview ees rem em ber the w ar as a tim e of p h ysical and em otional sustenance, th ey recall the W eim ar R epublic as a tim e of hardship. T heir m em ories of the im m ediate afterm ath of the w ar are of m alnutrition and disease (often in ­ fluenza), w hich in m any instances led to the d isab ility or even death of a fam ily m em ber26. A lthough the D epression w o uld affect the interview ees directly, they generally recall the econom ic hardship of the first years of the R epublic, culm inat­ ing in the hyp erin flatio n of 1923, as m ore devastating, because of its im pact on their parents and fam ily. T hat the interview ees appear to have been distressed more b y the econom ic crises affecting their parents than b y those affecting them d irectly reflects the fact that in general their experience of w artim e and m ost of the W eim ar period was m ediated and in significant w ays m agnified b y their parents and other adults. Thus the im portance one interview ee attaches to his “first historical m em o ry”, of the declaration of general m obilization in G erm any in 1914, derived from his m other’s frightened reaction to the event27. Ju st as the outbreak of the w ar was ex­ perienced through its im pact on the parents, so too was its loss28. In general, the interview ees’ negative attitudes tow ard the W eim ar R epublic appear to have been taken over from parents or older siblings29. A lthough the interview ees present themselves as distressed by the violence and disorder th ey w itnessed, it w as more the unease and even fear of the adults that m ost upset them as children30. Sim ilarly, the anxiety, discouragem ent, and sense of failure w ith w hich the parents reacted to 23 24 25 26 27 28 29 30

(SI 16); ( A l l 8); ( B i l l ) ; (B S121); (A 114 ). ( A l l 8); (B 110); (BS121); (S104); (S106); (S113). (S114); (AB 101); (S116); (S 111); (B105); (A 101); (A 116); (B116). (S122); (A 120); (A 116 ); (SI 15); (SI 18); (A 103); (A 104); (B S121); (SI 16); (A 101); (A 116 ). (B104). (B117); (A 114); (S107); (A 118). ( A 1 18); (B S121); (A 101). (BIOS); (B 110).

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econom ic hardship rendered it so disturbing to those interview ed31. The parents and, through them , the interview ees had a clear sense of “h isto ry” as an external force that affected the fam ily adversely and w hich the parents w ere unable to con­ trol32. T hus, the interview ees recall the W eim ar R epublic as a time of disorder and hardship, a tim e w hen "h isto ry ” had a pro fo un dly negative effect upon their fam ilies and, through its im pact on their parents, upon them selves. M ore specifi­ cally, th ey associate the W eim ar period w ith a series of historically-engendered losses. The first of these rem em bered losses w as of an id yllic childhood. For those w ho spent the latter half of the w ar w ith relatives in the countryside, this loss was abrupt, p hysical, and traum atic as th ey returned to the cities after the w ar to live w ith their parents. T h ey associate this loss w ith a sense of alienation in an unfam ­ iliar, im personal, urban landscape, captured in the fear experienced b y one in ter­ view ee w hen he was in itially unable to find, first, the apartm ent building where his fam ily lived and, then, the floor on w hich the apartm ent w as located33. In some in ­ stances the rural id y ll w as lost irretrievably, either because of the death of a grand­ parent or because the grandparents or parents had lived in a part of the Reich that had been separated from G erm any as a result of the Versailles T reaty34. A loss ac­ com panying that of an id yllic childhood was the loss of the war, experienced through the depression and disillusionm ent of parents and teachers35. This was fo llo w ed b y the loss of the fam ily as safe haven, a site of stab ility and security, as the revo lu tio n ary violence in the streets literally penetrated the homes of a strik ­ ing num ber of interview ees36. It seem ed that their parents w ere unable to protect the fam ily from the disorder of Weimar. In contrast to the im age of the child lis­ tening to m usic under the piano during the war, the recollections of W eim ar con­ tain im ages of a little girl cow ering from flying bullets, of a m other’s narrow es­ cape from death, of a piano covered w ith broken glass37. A m ore w id ely experi­ enced loss was econom ic, as the hyper-inflation of 1923 serio usly dam aged or even destroyed fam ily prosperity. The im pact of the inflation ranged from being unable to afford books and having to check them out of a public lib rary (for m em bers of the educated, upper-m iddle classes, losing one’s private lib rary and having to share these sym bols of cultural status w ith the general public represented a social shock38) to paternal unem ploym ent, accom panied b y the loss of the fam ily for­ tune and hom e and of the interview ees’ dream s for the future39. For some in ter­ 31 (B 102); (B S121); ( A 1 16). 32 (B 104); (A 118); (A 116 ). 33 (S106). The follow in g interviewees also describe a traumatic return to an urban setting at the end o f the war: (BS 121); (A 105); (S107); (SI 13); and (SI 12). 34 (S I01); (SI 17); (A 104); (SI 16); (A 109). 35 (S 106); ( A 1 0 1); (B 103); (A 104); (A 119 ). 36 (SI 13); (SI 14). 37 (B108). 38 (A 101). 39 (B 102); (S I07); (S123); (S122); (S109); (A 120); (B l 15); (SI 16); (A 112 ); (A t 18); (A 116); (A 119 ).

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view ees, econom ic hardship forced a fam ily move (in some instances the second such traum atic move w ith in a few years), w hich brought w ith it the loss of home and neighborhood as w ell as of p lay- and schoolm ates40. A nd yet the m ost p sy ­ ch o lo gically significant loss of the post-w ar period w as, I believe, the loss of the parents as adm irable figures, as a result of their loss of self-esteem and self-confi­ dence coupled w ith clear signs of physical deterioration. The parents apparently felt like failures, the victim s of forces and circum stances beyond their control. The title of the novel b y H ans Fallada “K leiner M ann, was n u n ?”, published in G er­ m any during the D epression, seems to sum up the paren ts’ experience of them ­ selves throughout m uch of the 1920s. U pstanding mem bers of the educated, upper-m iddle classes, the parents felt for the first tim e in their lives like “little peo p le”. Thus, for m any of the interview ees, the loss of childhood cam e too soon and too suddenly. In one w om an’s m em ory, the loss of the m agical w o rld of childhood is sym b o lized b y the stones her father had glued on the ceiling of the ch ildren ’s bedroom falling to the floor, one by one. She presents the falling stones as having enchanted her, but in the in terview she associates im m ediately to disturbing ch ild­ hood feelings of in ad equacy and an xiety in a home environm ent she experienced as dangerous41. Indeed, the fathers are often p o rtrayed as failures in the eyes of the interview ees and, on occasion, in those of the m other42. Given the fact that in patriarchal G erm an society, fathers w ere expected to be the more responsible, more pow erful, and hence more adm ired of the tw o parents, the loss of the father as an idealized figure w ould have been p articu larly frightening and p o ten tially traum atic. A num ber of interview ees appear eager to preserve an idealized im age of the father in the face of his m anifest inadequacies, w hile contrasting him to the m other w ho is regarded w ith more open contem pt43. The u n reliab ility of the era, then, m anifested itself in a fam ily that no longer felt secure, in parents who suddenly seemed un reliable, w ith a m oody m other or a gam bling father44. In fact some of the m em ories of “d iso rd er” during the W eim ar R epublic m ay represent externalizations of experiences w ith in the fam ily. The chaotic econom ic and social conditions durin g the 1920s created chaotic conditions, tension and conflict, w ith in the fam ilies of those interview ed. The interview ees w ere deeply disturbed b y those tensions and conflicts, including especially their ow n an gry feelings tow ard parents and siblings45. In an effort to preserve the fam ily as a place 40 (SI 08), (S101), (A 112 ), (B102). 41 (A 103). 42 ( A 1 16); (BIOS); (B S101); (B107); (B S121); (A 118). 43 (SI04); (B102); (SI 16). 44 (BS121); (A 116) and (S104); (SI 12). 45 (S i24); (B108); (BS 101); (S I04); (B 102); (S116). A ccording to the psychologist Babett Lobinger, w ho has studied these interviews, the families o f the interviewees appear never to have developed a “S treitku ltu r”, the w ays and means of handling tensions and disagreements within the family. In fact their ow n aversion tow ard conflict and the premium they place upon “tolerance” can be attributed in part to the fact that conflict within the fam ily in child­ hood seems to have been experienced as extrem ely threatening. The interviewees’ repression

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of safety and stab ility, a site of harm ony and tranquility, and to protect the parents from their disappointm ent and anger for failing to create a stable fam ily environ­ m ent, the interview ees m ay have projected their sense of in tra-fam ily disorder and tension out onto society at large46. Tensions w ith in the fam ily and their ow n bad feelings thus could be sim ultaneo usly denied and explained away. These d istu rb ­ ing experiences w ere not inside but outside the fam ily. These disturbing experi­ ences w ere not the resp on sib ility of the parents but of the W eimar R epublic or of im personal “historical fo rces” beyond hum an control. The loss of the parents as adm irable figures was exacerbated b y the fact that their health appears to have deteriorated over the course of the 1920s as a result of an xiety and discouragem ent, econom ic hardship, and the long-term effects of w artim e m alnutrition. B y contrast, the interview ees w ere com ing into their own. N ot o n ly w ere th ey p h ysically more robust, but th ey w ere better able to adapt to the unsettled conditions of W eimar, w hich actually created unprecedented oppor­ tunities for them . The interview ees’ success em phasized the failure of the parents and gave these adolescents the sense of having surpassed them47. A nd yet the in ­ terview ees did not hold their parents in open contem pt, despite the parents’ fail­ ure, dem oralization, and deterioration48. Three reasons suggest them selves for the interview ees’ reluctance to criticize their parents: there was doubtless much to ad ­ m ire about them; these adolescents needed their parents and sought to preserve and protect them as adm irable figures49; and, as w e shall see, society at large p ro ­ vided an explanation for the parents’ shortcom ings that w o rked to absolve them of blam e. B ut the psychological and p h ysical frailty of the parents robbed these adolescents of an y sense of trium ph, leaving them o n ly w ith the g u ilty obligation to execute their parents’ legacy. In response to the w eakness of the parents, the in­ terview ees m ade the developm ental step tow ard independence and auto no m y pre­ m aturely and precipitously, leaving them precocious and hardened, stippressing norm al adolescent feelings of un certain ty and dependence. This series of losses culm inated for n early fo rty percent of those interview ed in the death of a parent, typ ica lly the father, follow ing a period of illness and physical deterioration, g en erally durin g the m id-1920s, w hen the interview ees w ere in early adolescence, a loss experienced d irectly and through its im pact on the sur-

o f their ow n disappointm ent in and anger at their parents during the 1920s also explains their inability to tolerate the anger and frustration o f their ow n children during the late 1960s. T hey had suppressed criticism o f their parents and w ere hurt and angry when their children did not do the same fo r them. 46 ( A 1 16) associates from S.A. violence and street fighting outside her w in d ow to tensions in the fam ily involving her sister, tensions that reached a climax w ith the death of her father in 1930 when she w'as 16. 47 (B102); (SI 16); (S104); (S124); (B S101); ( A 1 16). 48 Their official characterization o f the parents is almost always positive, although specific memories o f the parents are often negative: (SI 16); (B l 13); (B 112); (BS 121); (B102); (SI 10); (SI 12); (S124); (A 124); (A 115 ); (A 105); (B l 14); (A 116 ); (S107); (S104); ( A 1 18). 49 (B S121); ( A l l 6); (SI 12); (S104).

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viving parent50. It is difficult to know p recisely how the death of a parent was experienced, for those interview ed frequen tly let this inform ation drop w ithout revealing how th ey felt about it51, but m y sense is that the loss was p sych o lo gi­ c ally devastating, fo llo w in g as it often did on the heels of the losses described above. Indeed, I w an t to argue that the loss was so distressing that the interviewees w ere unable to confront it em otionally, propelling them in the direction not of m ourning but of denial and activity, either in the yo uth m ovem ent or, in the case of tw o interview ees, in a life of adventure in A m erica52. For those w ho experi­ enced it, this greatest loss, then, rendered their break w ith childhood not m erely prem ature and precipitous but traum atically so. It encouraged the interview ees to suppress feelings, to escape painful reality in idealized fantasy, to substitute activ­ ity for introspection, and to value em otional hardness over vu ln erab ility in a cu l­ ture containing Prussian and Lutheran traditions of stoicism that discouraged the w o rkin g through of painful feelings and encouraged the denial of loss, disappoint­ ment, anger, and conflict53. The losses suffered b y the fam ily w ere inscribed in the losses suffered b y the nation. T hrough the public o utcry about the injustices of the Versailles Treaty, the continuing debate and negotiation about the schedule and nature of G erm an rep ­ arations paym ents, and the referenda in various eth n ically m ixed territories to de­ term ine their ultim ate national status, these adolescents, like G ermans generally, w ere co nstantly rem inded of G erm any’s territo rial, colonial, and econom ic losses54. The sense of national loss was underscored especially effectively in the schools, w hich sought to preserve tradition al, national-conservative, an ti-rep u b li­ can values by harping on the injustices of the Versailles T reaty and G erm an y’s losses and hum iliations at the hands of the w estern dem ocracies and, indeed, of the leaders of the R epublic itself55. The losses on the national and the personal level w ere thus interconnected and m utu ally reinforcing. T he lost childhood id y ll was 50 In many w ays (S I22) is a model fo r this generational cohort in his experience o f hardship and loss during the W eim ar Republic, w ith the you th m ovem ent playing a crucial role in compensating him fo r the hardships and losses he had experienced. Follow ing what he de­ scribes as “Die Kindheit. Gute Jahre, freie Jah re”, his father died in 1919, probably when the interviewee was twelve. The death o f the father coupled w ith the inflation brought a dramatic change in the fam ily fortunes. Previously the fam ily had had a large house in Frankfurt, with a cook, a housemaid, and a nursemaid. A ll that was lost in 1923. In 1924, he joined the you th movement. (SI 10); (A 10 1); (AB 101); ( S i l l ) ; (A 116); (B102); (A 114 ); (B 112); (S123); (S107); (SI 13); (SI01); (SI 15); (B 110); (B 117); (SI01); (SI08); (A 103); (SI 14); (A 124); ( A 1 12); (B l 11); (BIOS); (BS101); (A 114 ); (B 117); (A 103); (A 104). 31 (S 107) and (B102) stand out because they openly express their anguish about the loss of their fathers and describe their efforts to compensate fo r that loss. 52 (A 103) w orked as a maid; (S104) w orked as a migrant laborer. -13 Lerke G ravenhorst, NS-Vergangenheit und die Zweite Generation: Geschlechterperspek­ tiven, in: Eveline Kilian, Susanne Kom fort-H ein (Hrsg.), GeN arrationen: Variationen zum Verhältnis von Generation und Geschlecht (Tübingen 1999) 17 1-1 9 0 . 54 That these issues penetrated the consciousness o f the interviewees is revealed by (B 1 15); (SI 17); (S124);( S i 15). 55 (A 110 -A 1 2 1); (SI06); (A 119).

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linked to the lost national id y ll, G erm an y’s form er greatness was contrasted to its current hum iliation, and the Kaiserreich was presented in a nostalgic light as strong, stable, and secure56. The notion that the parents w ere the helpless victim s of circum stances found confirm ation in the o fficially prom oted version that the nation w as the helpless victim of an unjust, extern ally-dictated peace, perhaps even of a stab in the back. In contrast to the unacknow ledged losses w ith in the fam ily, however, G erm any’s national losses w ere a public preoccupation. In fact, the focus on loss at the national level m ay have enabled the interview ees to con­ front losses too threatening to be faced w ithin the fam ily. A t the sam e tim e, the parents w ere protected from the interview ees’ disappointm ent and anger at their shortcom ings and failures; for the parents’ travails w ere sim p ly a p art of the ordeal of the m artyred nation. Those interview ed dealt w ith these disappointm ents, disillusionm ents, and losses b y clinging to the m em ory of an idealized past and engaging in idealized collective activity in the present. V irtu ally all the interview ees contend that th ey had an id yllic childhood. Even the handful of interview ees w ho describe un ­ pleasant childhood experiences characterize their early life as "h ap p y”57. It is im ­ portant to em phasize that these are memories, w hich do not necessarily reflect the reality of their lives durin g the First W orld War. To be sure, people generally idealize childhood. Still, in the case of those interview ed, the idealization seems extrem e. These are not sim p ly happy but idyllic m em ories, w hich, w hen set in the context of w ar and w artim e hardship, become even m ore striking. I contend that the recollection of early life as id yllic represents an attem pt on the part of those interview ed to handle the losses th ey experienced outside and especially inside the fam ily durin g the 1920s w hen th ey w ere adolescents. It is m y view that the interview ees never fu lly confronted these losses and, instead, condensed them into a pair of acknow ledged losses, the loss of a rom anticized p re-w ar and w artim e childhood in the co un tryside on a personal level and of rom anticized Kaiserreich on a n ational-political level58. The conception of an id yllic childhood was a w ay to convince them selves that, although life w as troubled and disap­ pointing now, it had once been happier and more secure, a w a y to preserve in m em ory the im age of that more sustaining, tranquil tim e, and, finally, a w a y to express the hope that w h at had been lost could be recreated. Idealized collective activity in the G erm an yo uth m ovem ent represented, in part, an attem pt at that recreation59. In contrast to the mem bers of the p re-w ar yo u th m ovem ent, “the W andervo­ g el”, w ho w ere in conflict w ith the parental generation and critical of their society, and to their ow n children (the rebels of the so-called “ 1968 G eneration”), the in­ terview ees saw their participation in the yo u th m ovem ent as a w ay to carry on

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(Si 16); (SI 13). (B 112); (A 114 ); (B 115). (SI 01); (S106); (S I 18). (S122); (A 116 ); (A 101); (S106); (S107); (S113); (B102); (SI 15); (B 110).

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parental traditions60. T heir youth-m ovem ent activities built upon positive experi­ ences w hen their parents, especially the fathers, seemed secure and self-confi­ dent61. Indeed, the interview ees’ youth-m ovem ent activities w ere generally en­ couraged b y their parents, and a good m any w ere actu ally initiated into the yo uth m ovem ent by m em bers of the older generation62. The fact that so m any of those interview ed joined nationalistic youth-m ovem ent Bünde also helps to explain their parents’ approval. T hus, rather than rebelling against the older generation, the yo u th m ovem ent of the 1920s seemed a w ay for the interview ees to stay con­ nected to an adm irable aspect of their relationship w ith their parents and to live out dream s that their parents and other p sych o lo gically im portant adults had been unable to realize63. W ith its em phasis on nature and m usic, on folklore and the traditional, and w ith its rejection of the m odern, the m aterial, the technological, and the urban, the yo uth m ovem ent can be understood as a w ay those interview ed could live out the m em ory of an id yllic , often rural, childhood, a tim e rem em bered as nurturing and secure64. The recollection of Christm ases celebrated w ith grandparents in the bosom of an extended fam ily echoes in the descriptions of youth-m ovem ent group m eetings celebrated around the cam pfire. In fact, a num ber of interviewees use the sam e phrases to describe childhood experiences in the co un tryside durin g the w ar and adolescent experiences in the yo u th m ovem ent durin g the 1920s. The cen trality of m usic in the yo u th m ovem ent can be connected w ith interview ees’ positive m em ories of m usic and art from early life63. Even a grandfather figure was present in A dm iral von Trotha, the leader of the Großdeutsche Jugendbund , the nationalistic um brella organization that included the youth-m ovem ent groups to which m ost of those interview ed belonged66. For these adolescents, the yo uth m ovem ent seemed to recapture w hat had been lost in the fam ily d urin g the 1920s: “N estw ärm e” and “G eborgenheit”67. As a national m ovem ent, the yo uth m ovem ent restored a sense of agency and pow er in the face of the p assivity and helplessness experienced b y the fam ily68. It is difficult to over-em phasize the im portance of “b elonging” and “fitting in ” for those in ter­ view ed69. R esponding to the disruptions w ith in the fam ily and w ithout, the yo uth m ovement gave these adolescents a sense of place and purpose. In contrast to the disorder and conflict of the W eim ar R epublic, the youth-m ovem ent group p ro ­ 60 (Bl 13); ( S i l l ) ; (S120); (AB 103); (B104). 61 (A B 101); (SI 12); (SI 10); (SI 15); (S107); (S104); ( A l l 8); (B 102); (S120). 62 (SI 15); (A 118); (A 120); (S 102 -A 107); (A 106); (B l 14); (A 104); (BH 0); (A 116); (A 109); (A 119); (A 105); (B S121); (B 113); (B 114); ( A l l 7); (SI 12); (SI 15); (SI 16); (SI 12); (A 106); (SI 10); (SI 16). « (AB 103); (S104); (A 123); (S104), (A 120); (SI 17); (SI 19). 64 (S102-A 107); (SI 10). 65 (A l 16). 66 (SI 13); (S I06). 67 (Si 17). 68 (AB 101); (B 104); (SI 13); (SI 17). 69 (A 115); (SI 16); (B 104); ( B i l l ) ; (SI 10).

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vided a harm onious com m unal haven70. Thus, the function perform ed b y the yo uth m ovem ent for those interview ed appears to have been fundam entally con­ servative - and not o n ly in a political sense. It looked not forw ard but back to an idealized past. It sought to preserve the past and restore w hat had been lost, in them selves, in the fam ily, and in the nation as a w hole. Because it represented an effort to recapture an im agin ary childhood id y ll and because it served not m erely to overcom e but also to den y loss, the yo uth m ove­ ment had w hat m ight be characterized as a “fan tastical” dim ension for the inter­ view ees71. Indeed, the cen trality of singing in the yo u th m ovem ent, the activity m entioned again and again in interview after interview as having been its single most im portant and attractive aspect, can be attributed to the fact that these ado­ lescents sought to recover a lost and idealized feeling state72. The group-sing cre­ ated a “R ausch ,” a m agical high or heady experience, the feeling that one be­ longed, that one w as connected to supportive others like the self. The individual voice joined, w as lost in, sw elled the po w er of the group voice73. A nd yet singing was im practical and ephem eral, and w hen it w as over, there was o n ly silence and the w arm afterglow of com m unal h arm ony and grandeur. A lthough it accom ­ plished nothing beyond the m om entary experience, the singing sym bolized and strengthened the feeling of belonging in and to the group. As one interview ee puts it, singing “w as essen tially the foundation upon w hich our com m unity was b u ilt”74. A nd, m etaphorically, those w hose voices did not fit in, did not sw ell the harm ony, w ere excluded from the com m unity. O ther youth-m ovem ent activities, p articu larly the group discussions about politics or philosophy, had the sam e fan­ tastical character as the singing. These discussions had no practical consequences but existed so lely for their own sake, for the “R ausch ”, for the high th ey pro­ duced. T h ey allow ed the participants to feel sophisticated and im portant, to idea­ lize them selves as m em bers of an intellectual elite standing outside and above bourgeois so ciety75, but, because these discussions did not lead to action, they w ere essen tially risk-free. T h ey never confronted in dividuals w ith hard choices, never antagonized or alienated anyone w ith in or w ith o u t the group. As a result, it was possible to read radical political thinkers and to accom m odate different p o liti­ cal philosophies w ith out controversy76. H ad these discussions the potential to 70 Indeed, the principal difference between the youth m ovem ent before and after W orld W ar I is that the pre-w ar W andervögel were m ore individualistic whereas the youth m ovem ent of the Bünde was m ore collective. In part because o f the experience o f the War, the “lyric rom an­ ticism ” o f the W andervögel was replaced by an emphasis on discipline, hardness, and leader­ ship, all in the service o f the national cause. W alter Laqueur, Young G erm any: A history o f the Germ an Youth M ovem ent (London 1962) 30, 134, and 190. 71 (SI 07); (AB 103). 72 (BS 121); ( A l l 8); (S107); (A 117); (A 123); (S122); (S124); (B 103); (A 116 ); (B104); (SI 17); (SI 10 ). 73 (S10 2 -A 107); (A 115 ). 7-t (A 105). 75 (S I07). 76 (SI 18); (A 115 ); (A 118 ).

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lead to action, th ey w o uld have threatened the harm ony of the group and exposed it to the om inous outside w orld w hich the yo uth m ovem ent was designed to es­ cape. B y rem aining in the realm of fantasy, the youth-m ovem ent group could be a haven. P recisely because the group was to be preserved as an id yllic place where those interview ed could experience security and stab ility in the face of disorder and in stab ility in the fam ily and in G erm an society, conflicts that could disrupt group cohesion and harm ony w ere to be avoided at all cost77. G roup singing and discussions, then, served to create feelings of belonging and power, self-esteem and self-im portance, w ith out confronting the u n derlyin g losses that had produced the intense need for these experiences. Likew ise, a num ber of im portant developm ental issues w ere addressed in the yo u th m ove­ ment in a w a y that was sim ultaneously grandiose and elitist yet safe and unthreatening. T hus, the yo uth m ovem ent allow ed these adolescents to express and to avoid sex u ality78. O n the one hand, the yo uth m ovem ent enabled these young people to interact w ith m em bers of the opposite sex in “n atu ral”, tolerant, so­ cially acceptable and regulated w a y s79. A lthough m ost groups w ere single-sex, a significant num ber w ere not and even single-sex groups came together w ith the opposite sex at youth-m ovem ent conventions80. This interaction was significant since schools w ere generally not co-educational81. For a num ber of wom en in ­ terview ees, the contact w ith boys in the yo uth m ovem ent w as especially im port­ ant since th ey had little interaction w ith m ale figures at home (their fathers being dead or em o tio n ally un availab le)82. In addition, there was greater freedom about exhibiting the body, and even hom osexuality was acknow ledged and to some ex­ tent tolerated. A lthough girls w ere expected to assum e m ale m odels of behavior (girls w ere treated “just like the b o y s”), there seems to have been a blurring of traditional gender roles in the yo uth m ovem ent: it appealed to girls w ho m ight be called T om boys83; and a certain fem inization of the boys also appears to have occurred84. The increased sexual freedom of the yo u th m ovem ent reflected the general relaxation of sexual inhibitions and increased contact betw een the sexes in W eim ar G erm any. O n the other hand, as w ith the group political discussions, w hat w as not acceptable in the yo uth m ovem ent was sexual activity, either het­ erosexual or hom osexual. Sex and especially the b o dy w ere elevated to an aes­ thetic ideal, into a fantastical realm , but sexual feelings w ere never acknow ledged or expressed. A s far as sexual activity was concerned, p rud ery reigned. N ude bathing was encouraged, even celebrated, but w oe betide the yo un g person who 77 (A 109); (B il l). 78 (BS101). 79 (A 118). so (SI06). 81 ( A l l 7); (S I06). 82 (A 109); (A'101); (SI 13); (SI 16). 83 (A 103); (SI20). 84 I his is the hypothesis o f Irm gard Klönne, “Ich spring in diesem Ringe.” Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung (Pfaffenw eiler 1988).

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show ed sexual interest in the bodies of the nude bathers85. Boys and girls w ent on overnight excursions together, but th ey never touched one another86. Ju st as their politics w ere apolitical, so too their sexuality w as asexual87. Those who w ere sexually active - w hether hom osexual or heterosexual - w ere generally le­ vered out of the group, as threatening its harm ony and cohesion, as destructive to its pristine m agic, as transform ing a life lived in fantasy into prosaic or frightening re ality 88. The reaction against sexual activity needs to be understood w ithin the context of the general asceticism of the yo u th m ovem ent89. Sm oking and d rin kin g w ere frow ned upon as w ell90. This asceticism can be interpreted, perhaps, as a m anifestation of the fear of letting oneself go, w hich in turn m ight lead to the expression of feelings of frustration, pain, and anger better left sup ­ pressed91. The need to m aintain rigid self-control m ay also have been a response to the sense of those interview ed that th ey lived in a disordered w o rld that had escaped hum an control. A s aesthetes, th ey could at least im pose order on and exert control over them selves. A nd, finally, the yo u th m ovem ent’s attitude to ­ w ard sexuality and tow ard relationships w ith the opposite sex can be understood as an attem pt to deal w ith sexual developm ent outside the fam ily. C learly all adolescents need peers to help them w ith these developm ental issues, and sexual­ ity propels children aw ay from the fam ily and from feelings of dependency on the parents. H ere, the w o rkin g through of sexual feelings seems to have taken place w ith m uch less interaction w ith adm ired and em o tio n ally available adults than usual. C onsequently, m ature, active, adult sexu ality was rejected in favor of an adolescent sexu ality that was aestheticized and asceticized, kept safely and se­ cu rely in the realm of the ideal. This independent, adolescent sexuality was purer, better, freer than that of the parents; but it w as not in some w ays real, and it certain ly w as not enacted. In general, these adolescents found in the generational cohort of the yo uth m ovem ent w hat was m issing in the fam ily92. T aking on the very experience that had brought their parents low, these adolescents transform ed hardship into a vir­ tue93. T hrough their anti-m aterialism , th ey denied that the things their parents had lost or had failed to achieve w ere im portant in the first place. Indeed, the deprivations that had been forced upon their passive parents th ey chose to take on 85 (B102); (SI 12). 86 (B S121); (SI06); (SI 19); (A 103). 87 (BS 101) claims that the youth m ovem ent’s emphasis on gender equality led to a de-sexualization o f relationships; (A 118); (A 109); (B 110); (A 123); (SI 18); (A 106); (SI 19); (A 103); (B108); (S 102-A 107). 88 (A 109); (B104); (A 118); (SI 15); (B S101); (S I07); (AB 103)]. 89 (S I07); (A 106); (SI 19); (SI 17). 90 ( A l l 7); (S 102-A 107). 91 Ute D aniel, Zweierlei H eim atfronten: Weibliche Kriegserfahrungen 1 9 1 4 -1 9 1 8 und 19 3 9 -1 9 4 5 im K ontrast, in: Bruno Thoß, Hans-Erich Volkmann (Hrsg.), Erster W eltkrieg Zw eiter Weltkrieg. Ein Vergleich (Paderborn u.a. 2002) 3 9 1-4 0 9 . 92 ( S i l 0); ( S i l 3). 93 (B S121); (S117).

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actively94. W hat had rendered their parents w eak and disappointing w ould render them strong and adm irable95. H ere again these adolescents can be understood as attem pting both to surpass the parents, by adapting to the chaotic conditions of the 1920s better than their parents, and to carry on the p aren ts’ legacy, b y succeed­ ing where th ey had failed. As mem bers of the youth-m ovem ent group, th ey be­ came the idealized figures th ey wished their parents w o uld be, preserved the ideal in and for them selves, and dented and bridged over the loss of the ideal in the p ar­ ents. O f course, in separating from m other and father, all adolescents need to deidealize their parents and to idealize them selves to some extent. H ere, instead of com ing to a gradual and increm ental recognition of the norm al hum an frailties of their parents and gaining in com parison a gradual and increm ental confidence in their own strengths and abilities, the process of parental de-idealizatio n and self­ idealization tended to occur p recip itou sly rather than grad u ally and glo b ally rather than increm entally. Because th ey took over the ideal of adulthood more in an act of identification than through a gradual and increm ental process of in ternal­ ization, the ideal was never fu lly integrated into the self and rem ained exaggerated and fantastical, fixed, if you w ill, at an adolescent stage of developm ent. P articu­ larly for the b o ys, an extrem e form of group m achism o com pensated for the male virtues lost in the defeat of the nation and in the subsequent and related defeat of the father96. In the absence of an adm ired, adult, m ale figure and in the presence of an adm ired, adolescent, m ale cohort, braw ling betw een various youth-m ovem ent groups became a w a y to p lay out the lost m asculine and m ilitary virtues and to prove oneself a m an97. But the m odel of the man to be em ulated was based not upon an actual, adm irable, adult m ale but upon the exaggerated adolescent fan­ tasies of w hat a man w as supposed to be. For boys and for girls, the p rim ary op­ p o rtun ity to prove oneself the tough, resilient, pow erful grow n up that the actual parents had for the m ost part failed to be was provided b y the youth-m ovem ent excursion. The so-called “G roßfahrt” represented the highpoint of the year for most youth-m ovem ent groups, and considerable tim e and energy w as invested in planning these trips. In contrast to the chaotic conditions of Weimar, w hich had overw helm ed the parents, the excursion w as an exercise in m astery, som ething to organize and carry through, an o p p ortun ity to em brace hardship actively and meet unexpected challenges w ith initiative and im agination98. N evertheless, on the excursions, as generally in the yo u th m ovem ent, there was alw ays the risk of hum iliation, the p o ssib ility that one w o uld not m easure up, that one was not tough or hard or resourceful enough to m eet the challenge99. The various initiation rites in the yo uth m ovem ent both spoke to and regulated that

94 95 96 97 9S 99

(A 120). (B104). (A B 103); (A 123); (SI 17). (AB 103); (S 102 -A 107); (S i 17); (S123). (S102-A 107). (SI06); (SI 17); (B S121).

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an x ie ty 100. The self-idealization that those interview ed developed to com pensate for de-idealizatio n in the fam ily put pressure on them to live up to the high stan­ dards they had set for them selves. Indeed, in reading the interview s, one can at times detect an undercurrent of disappointm ent either that th ey have failed in d i­ v id u ally to live up to the greatness th ey had ascribed to them selves or that others have failed to appreciate their greatness. The idealizatio n of the self as a m em ber of an idealized group responded to that pressure. The individual did not need to achieve greatness on his or her ow n; greatness w as achieved w ith the help of and through others. The group was alw ays there to appreciate or m irror back the greatness of the individual member. A nd the group w as alw ays there to am plify the individual, to enhance his or her pow er through the pow er of the collective. A gain, all adolescents face these developm ental tasks and to some degree de­ pend upon peers to help them establish independence from the fam ily. W hat d is­ tinguished the interview ees from other adolescents was the degree of that depend­ ence. In the w ake of a concentrated series of traum atic losses in the fam ily, es­ p ecially the loss of the security of childhood and of adm ired parental figures, these yo un g people relied on the generational cohort of the youth-m ovem ent group to help them negotiate their w a y through the transition from childhood to ad u lt­ hood. B ut if the yo uth m ovem ent helped the interview ees to grow up and com ­ pensated them for w h at had been lost in the fam ily, som e m ourning for these p re­ m ature and precipitous losses was never done. T here is an un d erlyin g sadness in these people, an experience of loss and loneliness that w as and is not ackn o w l­ edged but covered over b y intense activity, m ilitant optim ism , and exaggerated independence. D espite the cam araderie of the yo u th m ovem ent, a dream rem em ­ bered b y a man from this period (the o n ly dream he can rem em ber in the w hole of his life) of being alone in a star-filled sk y conveys both self-idealization and iso­ latio n 101. Indeed, the dependence on collective experiences throughout the lives of the interview ees can be interpreted as an attem pt to counteract feelings of loss and loneliness. A ltho ugh th ey appear to be reasonably successful, th ey are less suc­ cessful than one m ight have expected given education and social background. M ore significantly, the interview ees seem em o tio n ally shallow. T h ey lack insight into them selves and access to their feelings. A strik in g num ber claim to have no dream life. T h eir relationships to friends and fam ily appear superficial, and a sig­ nificant num ber have problem atic or em pty relationships w ith their children, who often seem m anifestly disturbed. A lthough nearing the end of their lives at the tim e of the interview s, th ey have no significant thoughts on m o rtality or on the 100 (AB 103); (B104); (SI 17). 101 (SI 18): “A b er ich weiß einen einzigen Traum. Ich w ar aber schon jugendbewegt, den hab ich noch heute vo r mir. Blöde. Ich w ar im Sternenhimmel. Keine Person, waren nur Sterne, der Himmel w ar G old, die Sterne waren goldig, und ich w ar dazwischen, nicht als Stern. Nein. Ich habe diesen Traum allerdings nicht vergessen. Ich kann ihn heute erzählen, und ich kann mit gutem Gewissen auch. Ich habe diesen Traum nicht als Erwachsener gehabt. Weiß ich ganz genau. Das w ar nicht der Fall. Ich hatte dann keine Träume, glaub ich. Bin ich, keine Träume, die m ir bewußt w aren.”

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m eaning of the lives they have lived. A t their p sychic core, I believe, a great m any of the interview ees are depressed. The yo uth m ovem ent not o n ly com pensated for w hat had been lost w ith in the fam ily, it also sought to m ake up for the national losses in w hich these personal losses w ere em bedded. C onsequently, m ost of the youth-m ovem ent Bünde of the 1920s w ere d ecid ed ly nationalistic. As the yo uth m ovem ent sought on a personal level to recapture a lost childhood id yll associated w ith the countryside and grandparents for the interview ees, so on the political level it sought to restore the lost national id y ll b y preserving folk traditions that had been lost or w ere threatened by m odem , urban, industrial life102. The yo uth m ovem ent also sought to repair the losses suffered by the nation in the w a r103. E xaggeratedly “m ascu­ lin e ” activities in some all-m ale groups sought to com pensate not o n ly for the loss of the adm irable father but also for the loss of the adm irable nation. Various p ara­ m ilitary games p layed b y youth-m ovem ent groups served to enact and prepare for G erm an y’s w ar of revenge that w o uld restore the lost national territo ry and the lost national h o n o r104. A lthough less obviously m ilitaristic and m asculine, the excursions to ethnic G ermans living in territories “lo st” to the Reich as a result of the Versailles Treaty, although relatively risk free, w ere experienced as daring assertions of G erm an id en tity that denied and overcam e the hum iliation of the natio n 105. N onetheless, the yo u th m ovem ent was not w h o lly conservative. The intense need for collective experiences, the yearn in g for cohesion and the aversion to con­ flict, when translated into the national-social context, m ade traditional class divi­ sions seem problem atic to the interview ees durin g the 1920s and early 1930s. In­ stead of providing a sense of order and place, class lines had become divisive and confining to these educated, m iddle-class adolescents106. A lread y before joining the yo uth m ovem ent, m any of the interview ees had interacted w ith children from low er class fam ilies, and this interaction was furthered in the yo uth movem ent. There was a concerted effort to recruit a certain num ber of w orking-class boys and girls and to integrate them into the gro u p 107. The yo uth m ovem ent can thus be seen as a precursor of the N azi Volksgemein­ schaft about w hich so m any interview ees w o uld be enthusiastic. Viewed h isto ri­ cally, however, the yo u th movem ent sought to recreate the sense of com m unity that was present in the national enthusiasm and social u n ity in G erm any at the outbreak of the First W orld W ar and then that alleged ly prevailed in the trenches, 102 103 104 105

(SI 16); (A 101); (SI 19). (A 117); (AB 103); (SI 17). ( A l l 7); (SI 17). (BS121); (AB 103); (S124); (SI 16); (A B 101); (SI 17); (S123). (SI 14); (A 103); (B 112). 107 This attempt at making working-class children feel included is illustrated m ost vividly, perhaps, by the ritual o f everyone putting the food they had brought from hom e into a col­ lective pot so that the less fortunate w ould not feel their deprived status (B 104); (A B 103); (B104); (AB 103); (S I06); (A 109); (A 101); (SI 19).

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an ideal of co m m unity transm itted to those interview ed b y parents and the society at larg e 108. Sim ilarly, the “F ü h rerp rin zip ”, w hich w ould define H itler as the em ­ bodim ent of the popular w ill, also w as an ideal of the yo uth m ovem ent109, and yet that ideal looked not forw ard to the N azis but backw ard to the relationship that alleged ly existed betw een front-line officers and their men during the w a r110. A lthough the yo uth m ovem ent sought to overcom e class distinctions and to become more so cially inclusive than the p re-w ar “W andervogel” had been, the bourgeois character of the yo uth m ovem ent of the Bünde was never serio usly threatened b y the addition of a handful of w o rkin g-class m em bers11'. Indeed, one gets the sense that the presence of children from a proletarian background allow ed the m iddle-class m em bers to experience a sim ultaneous sense of social generosity and social superiority. In the yo uth m ovem ent of the W eim ar R epublic, m embers of the educated m iddle class set the tone. O ne of the prim e com plaints of the in­ terview ees about the N azi yo u th m ovem ent w o uld be that the dem olition of class barriers w as carried too far and that the H itle rju g e n d (H J) and the Bund D eut­ scher M ädel (B D M ) no longer w ere dom inated b y bourgeois children but had a decidedly proletarian or peasant character. A num ber of the wom en rem em ber ex­ periencing the contact w ith low er-class teenagers in the BD M as som ething of a sh o ck 112. Indeed, w h at troubled some of those interview ed about the N azi youth organizations was that, through their populist character, these organizations lost m uch of their bourgeois elitism . A nd, along w ith belonging, elitism w as at the heart of the yo u th m ovem ent’s appeal to those in terview ed 113. T h ey had the sense that th ey had proved them selves superior to the vast m ajo rity of their fellow G er­ mans in being able to transcend m aterialism and bourgeois com forts as w ell as the social snob b ery of their peers and p aren ts114. Indeed, b y em bracing hardship, they had proved them selves superior to their parents; and yet, because their aim was not to vanquish their parents but to preserve them as adm irable figures, ultim ately the yo uth m ovem ent was d eeply conservative and safely bo urgeo is115. C arryin g on m any of the social prejudices and political traditions of their class, the elitism of these adolescents took the form of a lifestyle. T h ey lived a critique of bourgeois society, if one takes them at their w o rd 116. A nd yet even in their rejection of the m odern and the urban and in their celebration of the tradition al and the natural th ey rem ained w ith in a w ell-estab lish ed bourgeois trad itio n 117.

108 (AB 103) (S I04). >09 (S 102 -A 107); (SI 17); (S I04). 1,0 Ute D aniel, Zweierlei H eim atfronten (s. note 91). !il (B 104) (SI 17). 112 (A 120). I'3 (S123) (A 120 ) (SI 17). l' 4 (A 115); (S I04); (B 104); (SI 12); (SI 16); (SI 19); (SI 17); (A 101); (A 106); (SI 10); (S 102-A 107). 115 (S107). " 6 (A 109); (SI 12); (A 115); (SI 10); (Si 19); (A 106). l >7 (A 120 ) provides a model o f the youth-m ovem ent’s rejection o f civilization in her descrip-

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G iven their association of politics w ith disorder and their fear of discord in the fam ily or in the group, it was im portant for the interview ees to m aintain that the yo u th m ovem ent was apolitical. O ne interview ee’s response to the question of w hether politics had ever been discussed in his youth-m ovem ent group is com ­ p letely typ ical: “Ich glaube, das kann ich m it einem hundertprozentigen N EIN bean tw o rten.”118 Because the nationalism and social openness advocated by the yo uth m ovem ent prom ised to increase harm ony in G erm any and because the anti-republican conservatism advocated b y their parents prom ised to end p artyp olitical conflict, neither seemed “p o litical” to the interview ees119. Instead, they equated “p o litics” w ith the W eim ar R epublic, and rejected the latter along w ith the fo rm er120. D efining politics as p arty politics, those interview ed could look favorably upon N ational Socialism as an apolitical m ovem ent of national regener­ ation and social unification that follow ed in the apolitical footsteps of the yo uth m ovem ent121. To the extent that theirs was a rebellion, it was a rebellion against the decidedly political W eim ar R epublic, w ith its urban character, its social dis­ order and political strife, its men in dark suits and top hats. A nd theirs was a com ­ p letely safe rebellion for it never took a more dangerous form than a song, a dis­ cussion, or a hike up a hill. T heirs w as also a co m pletely safe rebellion since it was not directed against parents and teachers but w as generally consistent w ith trad i­ tional conservatism and nationalism . The one rebellion against school authorities described in the interview s was an anti-Sem itic rebellion against a progressive school that sought to prom ote republican id eals122. There is no report of an y rebellion against the m ore typ ical W eim ar school that sought to turn its pupils against the R epublic and to in still traditional conservative and nationalistic values in them . For the m ost part, their rebellion was directed against abstractions, the R epublic or the Versailles Treaty, and not against people th ey knew or institutions th ey interacted w ith ; it w as directed against bourgeois p ro p riety and m aterialism , not against actual bourgeois G erm ans123. These ado­ lescents had no need to rebel, for, had th ey w anted to, th ey could easily have seen them selves as having defeated their parents - and th ey did not w ant to see their parents in a defeated light. O ne interview ee, w ho in his interview goes to great lengths to d en y his disappointm ent in his father and his sense of having surpassed him , puts it this w ay: Es ist öfter die Frage gestellt w orden, ob die Jugendbewegung eine O pposition, aus der O p ­ position zum Elternhaus entstanden war. Das kann ich also fü r mich nicht behaupten. Ich habe zum Elternhaus keine O pposition gehabt ... Es w ar natürlich ein bürgerliches Haus!

tion o f an excursion w here her group tramped independently throughout the country but sent their parents their d irty laundry. 118 (B 104); (B 111); (S117); (A 118); (A 116); (B 112); (AB 101). 119 (AI 15); (S I06); (S I04); (SI 17); (S107); ( B i l l ) ; (A 116 ); (B 110); (SI 13); (A 106). 120 (SI 13); (A 101); (B 110); (B 116). 121 (A 120). 122 (Si 13); (SI 10). 123 (SI 12); (A 109).

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T h o m as A. K ohut

Und ich w ollte aus dieser bürgerlichen Gesellschaft auch nicht aussteigen. Später, als ich dann der Jugendbewegung mich anschloß in der Studentenzeit, da war es mehr eine R evolu­ tion gegen die bürgerliche Gesellschaft als Struktur, aber nicht gegen das persönliche Eltern­ haus™.

Indeed, the interview ees’ contem pt for the W eim ar R epublic as adolescents can be understood as an effort to protect the parents from their ow n disappointm ent in them. The interview ees’ criticism of the leaders of W eim ar for being unconcerned w ith the lives of o rd in ary G ermans m ay have been a displacem ent of anger at the parents for having neglected them em otionally. M ost contem ptible about the R e­ p ub lic’s leaders, however, w as their w eakness and ineffectuality, their in ab ility to control the forces of histo ry and prevent disorder, and their failure to uphold G er­ man honor. These w ere precisely the charges th ey could have laid at their parents’ door. Instead, th ey projected the de-idealized aspects of the parents onto the leaders of W eimar, sim ultaneo usly expressing their contem pt and protecting their parents and them selves from it. In an y event, those interview ed generally adopted the parents’ conservative political opin io n s125, accepting their h o stility tow ard the W eim ar R ep u b lic126 and their anti-Sem itism as w ell as that of siblings, classm ates, teachers, and youth-m ovem ent com rades127. N evertheless, despite its conservatisin and fantastical idealism , the yo uth m ove­ m ent partook of the tw en tieth -cen tury breakdow n of sexual and social barriers, a breakdow n facilitated by the chaos of W eim ar w hich forced classes and sexes to­ gether in unprecedented and often liberating w ays. A lthough girls w ere often dis­ couraged and dism issed in school, th ey w ere accepted as equals in the yo uth m ovem ent, even if they had to adopt certain m ale standards to achieve equality. In general, the disorder of W eim ar had benefits for this generation, especially for the w om en, as it did for other fo rm erly disadvantaged groups (like Jew s) - although those benefits w o uld u ltim ately produce a b acklash 128. The contrast between yo un g and old in their ab ility to adapt to and even en jo y the conditions of W eimar G erm any (captured in Thom as M an n ’s short sto ry “U nordnung und frühes L e id ”) comes through the interview s, most poignantly, w hen the m uch-older sister of one of the interview ees com m itted suicide because, in the w ords of her suicide note, “die A lten m üssen Platz m achen für die Ju n g en ”129. D espite lost educational opportunities during the 1920s, the hardships com pelled and the breakdow n of established structures enabled w om en to take opportunities for w ork and for pleasure that had o n ly been a dream for their m others130. The lib ­ erating dim ension of the disorder of the 1920s is perhaps most vivid ly illustrated by the interview ee w ho, though devastated b y the death of her father and the sui­ 124 125 126 127 128 129 130

(S I04). (A 109); (Si 14); (A 106); (A 120); (A 109). (A 1 1 0 -A 121); (A 109); (S106). (A 109); ( A l l 1); (S113); (SI 17); (A 123); (SI 17); (A 103); (A 116 ). (A 115 ); (A 109); (B 115); (A 101). (A 103). (A 119); (A 104); (B 113).

H isto ry , L o ss, and the G en eratio n of 1914: T h e C a se of the “ F reid eu tsch e K re is”

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cide of her sister and forced to abandon her dream of un iversity study, was ener­ gized b y these tragic events into traveling to the U nited States where she took a job as a housem aid, learned to drive, and had a series of exhilarating experiences that w o uld have been p reviously unthinkable for som eone of her class and sex131. W om en became op en ly interested in politics, a dom ain p revio usly reserved for m ales132. A ccording to the interview ees, although m others and daughters tended to vote as their husbands or fathers did, the right to vote had a positive im pact on th em 133. Thus the w om en of this generation can be seen as occupying a transi­ tional position: the m others of the interview ees m ainly had dream s; the intervie­ wees realized m any of those dream s; their children carried those dream s much, much furth er134. The turbulence of the 1920s exacerbated class tensions and it is fitting that the interview ees’ m em ories of W eim ar open and close w ith street fighting. N onethe­ less, those clashes also reveal that during the 1920s the social classes came into greater contact w ith each o th er135. A s if a scene from the N azi film, “H itlerjunge Q u ex”, one interview ee’s m em ory of being a boy, dressed in a bourgeois coat, fighting for his life against C om m unist yo uth on a B erlin bridge testifies to the breakdow n of the social barriers that had kept the classes apart and preserved so­ cial o rd er136. A nd yet, in fighting each other, the social classes w ere interacting in unprecedented w ays. The chaotic conditions of W eim ar reduced the physical and psychological distance betw een the classes, encouraging the interview ees to view class divisions not as inevitable but as perm eable. Those conditions created oppor­ tunities for the yo u n g people of this generation, enabling them to cast off not o n ly traditional gender roles but traditional social roles as w ell. The econom ic hard­ ships com pelled them to them to be d o w n w ard ly m obile in w ays th ey experienced as liberating and exciting, like the m iddle-class boy w ho dropped out of school to became a lo cksm ith ’s apprentice and factory w orker, lik e the upper-m iddle-class boy who became a locom otive driver and then a m igrant laborer in the U nited States, and lik e the upper-m iddle-class girl w ho becam e a m aid servant in the U nited States137. A lthough these occupations w o uld have been a social h um ili­ ation for their parents, the interview ees recall these experiences as providing them w ith an o p p ortun ity to escape stu ltifyin g social conventions, prove them selves, and live a life of adventure138. Furtherm ore, the conditions of W eim ar aw akened a social conscience on the part of the interview ees and encouraged them to become so cially active139. Per­ 131 132 133 134 135 136 137 13S 139

(A 103). (B l 15). (B 109); (A B 101); (B l 12). (A 109); (B102); (A 108); (B l 13); (A 106); (A 115 ); (A 101); (B l 15); (A 109); (S108). (A 109); ( A l l 6). (S I07); (S124). (SI06). (S I07), (SI04), (A 103). (SI 12); ( A 1 16); (SI 14); (S124); (B S101); (S I06); (SI 17); (B l 12); (SI 18). (S123).

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haps the econom ic hardships experienced by their ow n fam ilies, the loss of secur­ ity and status, made the low er classes seem less alien, for those interview ed devel­ oped a certain em pathy for people low er on the social lad d er140. As in other areas, the social engagem ent of the interview ees during the 1920s and early 1930s marks a transition betw een the paternalistic ch arity of the parental and grandparental generations and the radical social-political activism of the generation of their children. T hus b y w o rkin g in a soup kitchen durin g the early 1930s, one young w om an carried the tradition of her adm ired grandfather, the stately country doc­ tor, forw ard into the urban social-w elfare setting of a D epression-era w o rk cam p141. This transitional position is reflected in the fact that the social engage­ ment of the interview ees on the one hand transcended class boundaries and on the other reaffirm ed them . B y m ixing w ith the low er classes, the interview ees appear to have experienced a sense of liberation and of superiority. A w hole new w o rld opened up to the upper-m iddle-class w ork-cam p cook as she learned about the lives of proletarian yo u n g people, and y et their stories allow ed her to feel, despite the social and econom ic deprivations she and her fam ily had suffered, a sense of social elevation. Still, despite the lingering social snobbery, the contact w ith the poor and unem ployed durin g the 1920s and early 1930s laid the foundation for the social activism of the interview ees during the T hird R eich and b eyo n d 142. Indeed, p art of the appeal of N azism to those interview ed w as that it prom ised to carry forw ard m any of the positive experiences of the yo uth m ovem ent, specifi­ cally, and of the 1920s, generally, w ith ou t the chaotic and dem eaning dim ensions of the W eim ar R ep u b lic143. Indeed, the wom en interview ees w ould continue to experience life as filled w ith liberating opportunities and exciting responsibilities through the end of the Second W orld War. The N azi Volksgemeinschaft w ould appeal to the intense need of both men and w om en for com m unity, their w ish to overcom e class boundaries, and their desire to experience an elitist yet collectivist em otional high. The com m unity lived out in the yo u th m ovem ent w o uld become a m odel for so ciety at large. The N azi appeal to nationalism resonated w ith those interview ed as w ell. N azism seem ed apolitical in the sam e w a y the yo u th m ove­ ment had been. Yet the N azis w o uld transform adolescent fantasy into nationalsocial reality b y putting the lived experience of the yo uth m ovem ent into practice on a grand scale. There w as also an age-specific aspect to this move toward N azism . B y 1933, m ost of the interview ees had left the G ym nasium and outgrow n the yo uth m ovem ent - indeed, a significant num ber had already become N ational So cialists144. In conclusion, the yo u th m ovem ent responded to the disorder and disin te­ gration that follow ed the G erm an defeat in W orld W ar I. It offered em otional se­ cu rity at a tim e w hen the fam ily and other institutions that n o rm ally w o uld have 140 141 142 143 144

( A l l 6); (S124); (S107); (B S121); (A 109). (B l 14). (B l 14); (A 116); (SI08); (A 120). (B S121); (A 120). (S104); (S107).

H isto ry , L oss, and the G en eratio n o f 1914: T h e C ase o f the “F reid eu tsch e K reis”

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supported these adolescents had been w eakened b y defeat, disorder, and hardship. The yo uth m ovem ent was a source of secu rity that tapped into a fantasy of pre­ w ar and w artim e rural stability, served as an alternative to the w eakened fam ily, and provided a set of com m unal ideals to restore and replace those that had been lost in the defeat and the events that came in its w ake. B ut b y the beginning of the 1930s, having been provided w ith a “N est”, those interview ed w ere in their tw en ­ ties and ready to move beyond the cam pfire. The Third R eich became for them the yo u th m ovem ent’s age-appropriate extension. Those interview ed greeted the N azi accession to po w er in Jan u ary 1933 w ith enthusiasm , p recisely because th ey thought that the T hird R eich w ould carry the positive experiences of the yo uth m ovem ent forw ard, w hile overcom ing some of its lim itations. Several interview ees use “A ufbruchsstim m ung” to describe the mood at the beginning of the T hird Reich, a w ord that captures the feeling at the outset of a youth-m ovem ent excursion 145. Sim ilarly, the N azi mass rallies created a collectivist high com parable to that experienced at youth-m ovem ent group m eetings and conventions. As one interview ee put it, she had the sense that “Da w ar was lo s! ”, and did not w ant to miss out on the ad ven ture146. Like the intervie­ w ees, the N azis w ere yo un g and dyn am ic, and the T hird R eich presented a gener­ ation read y to take action and assum e resp on sib ility w ith the o p p ortun ity to do so. A nd yet N azism also appealed to these yo un g adults p recisely because there was som ething adolescent about its fantastical idealism . Indeed, the first real con­ flict between the interview ees and their parents cam e in relation to the T hird Reich. The parents, w ith their social snobbery and p o litical conservatism , re­ garded the N azis w ith contem pt and the N azi plan to create a p opulist com m unity of the people w ith m isgiving. T heir children found these views old fashioned, so­ c ially narrow, and tim id. B y contrast, the N azis w ere in tune w ith the needs of yo uth , possessing the energy and w ill to restore w hat had been lost b y those inter­ view ed, by their parents, and by the nation at the end of W orld W ar I. The N azis, it seem ed, w o uld m ake adolescent fantasy a national-social reality by putting the lived experience of the yo u th m ovem ent into practice on a grand scale, The intense collectivism of the youth-m ovem ent group w o uld be carried forw ard and extended in the N azi com m unity of the people. D efining politics as self-in ter­ ested and divisive conflict, the interview ees saw the creation of a hom ogeneous and harm onious Volksgemeinschaft as apolitical in the same w a y that the yo uth m ove­ ment had been. The N azis offered not w ords but deeds, not just hikes, games, songs, and discussions but rearm am ent and the open violatio n of the Versailles Treaty. T h ey offered not excursions to G ermans living abroad but the physical in ­ corporation of them into the Reich. In contrast to the ineffectual speechm aking of the W eim ar politicians, the N azis offered visible achievem ent. M ost obviously they eradicated the d isturbing spectacle of the unem ployed, an accom plishm ent due not o n ly to the econom ic upsw ing that had already begun before 1933 and to 145 (A l l 1), fo r example. 146 (A B 102-B 106).

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T h o m as A . K o hut

the N azi program of rearm am ent but also to the fact that unem ployed people had been put in w o rk cam ps. The N azis also elim inated the v ery visible disorder of the W eim ar R epublic, to w hich th ey had contributed so much them selves. T h ey elim ­ inated the sense that one lived in an anarchic and arb itrary environm ent, and in sti­ tuted a regim e w here danger was placed under hum an agency, controlled and d i­ rected b y state, party, and security apparatus. U npredictable disorder was replaced b y N azi terror, w hich, if one obeyed and conform ed, was a danger that could be negotiated. O ne interview ee describes the N azis as having created a system where “unbedeutende M enschen” could flo urish 147. She clearly m eant that if one did not challenge but accom m odated oneself to the N azi regim e it was possible to live a com fortable life, relatively unaffected b y the system . A nd yet the N azis valorized “unbedeutende M enschen” not o n ly to insure obedience but to inspire enthusi­ asm. B y m aking o rd in ary people into p opulist heroes, th ey transform ed the sense of being a little man or w om an - w hich in W eim ar had been such a hum iliation for m iddle-class G erm ans - into a source of pride. A nother w om an recalls m eeting H itler, after having w on an occupational com petition, her picture being congratu­ lated b y the F ührer appearing in G erm an new spapers the next d a y 148. This “kleine F rau ” becam e for a few m om ents a national hero through her contact w ith H itler, him self a “kleiner M an n ”, w ho had become a dem i-god. L ike the youth-m ovem ent excursion, this sort of com petition, along w ith the proliferation of N azi projects, program s, and cam paigns, served to correct another flaw associated w ith W eimar b y enabling people to experience a sense of m astery. As one w om an put it, H itler “hat gefordert und A ufgaben gestellt” 149. A lthough the T hird R eich offered these yo u n g people unprecedented oppor­ tunities to take resp on sib ility and initiative, it exerted great pressure on them to conform , pressure to w hich m ost subm itted w ith alacrity. To be sure, fear, oppor­ tunism , and mass h ysteria, p layed a role in their conform ity, but it was also cru­ cially im portant for these G erm ans to subordinate them selves to the group. The need to belong had defined their experience in the yo u th m ovem ent and it con­ tinued to define their experience in the T hird Reich. The yo u th m ovem ent group had sim p ly been vastly enlarged and become m ore so cially inclusive, its elitism given a racial cast. O ne interview ee recalled her effort to explain her enthusiasm for the N azis to herself durin g the 1930s: Und dann kam ich auf die Idee, kam selbst auf die Idee, daß es doch etwas zu tun hatte mit dem Tode meines Vaters im Krieg, der so bedeutete, daß w ir den Krieg verloren hatten, soll umsonst gewesen sein. Es ging ja alles um unser Volk, die [die Nazis] kriegten es ja fertig, uns das G efühl zu geben, w ir sind ein kleines Rädchen, w ir werden endlich gebraucht, w ir kön­ nen irgendwo mit machen, w ir können unserem Volk helfen. Das haben die fertig gebracht. Das w ar auch eigentlich mein Elauptgedanke150. 147 (B l 16). (S108) 149 (B l 14). 150 (A 120).

H isto ry , Loss, and the G en eratio n o f 1914: T h e C ase of the “F reid eu tsch e K re is”

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T hus, despite the defeat in W orld W ar II, the division of G erm any, and the crim es against hum anity, those interview ed look back upon the T hird R eich as a “schöne Z eit” and on the 1930s as a “so rglo se” tim e151. The experience of the yo uth m ove­ ment w as p layed out on the national stage. The losses of the past, in the fam ily and in the nation, w ere overcom e. Like G erm any itself, this generation was in its prim e. It seemed to those interview ed that their tim e had come.

151 (A 104); (A 108); (A 109); (A 1 1 0 -A 1 2 1 ); ( A l l 1); (A 112 ); (A 115 ); (A 117 ); (A 118 ); (A 119 ); (A 124); (B103); (B104); (B 114); (B l 15); (SI 10); (SI 13); (S120); (S123).

Ursula A. J. Becher

Zwischen Autonomie und Anpassung Frauen, Jahrgang 1900/1910 - eine Generation? D er G enerationenbegriff als ein leitender G esichtspunkt in der G eschichtsw is­ senschaft hat in jün gerer Zeit viel Interesse gefunden1. O b und auf w elche Weise er eine neue w eittragende Perspektive auf die V ergangenheit erm öglicht und un ­ sere Erkenntnisse w esentlich erw eitert und vertieft, m uß sich in der Forschungs­ praxis erweisen. D er Versuch, das K onzept von G eneration und G enerationalität auf m eine Forschungen zur B ildungsgeschichte von Frauen im 20. Jah rh un dert zu übertragen und dabei an vorliegende A rbeiten anzuknüpfen, stößt freilich auf Problem e, ist doch in der bisherigen D iskussion eine geschlechtsspezifische D if­ ferenzierung ausgespart2. Schon die Benennungen der einzelnen G enerationen w ie „H itlerjugendgeneration“, „Flakhelfergeneration“ zeigen, daß dieses M odell prim är von m ännlichen Lebensform en abgelöst w orden ist, auch w enn es in die­ sen beiden G enerationen E rfahrungen gegeben hat, die junge M änner und Frauen geteilt haben. D asselbe gilt für das bekannte W erk von H elm ut Schelsky, der die w estdeutsche Jugen d des N achkriegsjahrzehnts von 1945 bis etw a 1955 als „skeptische G eneration“ charakterisierte. D ie durchgehende V erwendung des um fassenden Begriffs „Jugend“ in diesem W erk verdeckt - das zeigen die B ei­ spiele, die seine A ussagen begründen - , daß er allein von der m ännlichen Jugend spricht. So nennt er als Ergebnis seiner U ntersuchung, eine in England ge­ bräuchliche Form el aufnehm end, diese Jugend „die G eneration der vorsichtigen, aber erfolgreichen jungen M änner“3. D aß er, von einem K apitel „Die w eibliche Jugend im B eruf“ abgesehen, spezifisch w eibliche Lebenszusam m enhänge und Einstellungen nicht eigens them atisiert, begründet er m it der „m ännlich-w eibli­ chen K onform ität der jugen dlich en R o lle“, die sich in „gleichen V erhaltensfor­ men und -entw icklungen in A rb eit und B eruf“ bei jungen Frauen und M ännern ausdriicke. Wo diese G leichförm igkeit nicht besteht, spricht er von „A bw ei­

1 Ute Daniel, Kom pendium Kulturgeschichte (Frankfurt a.M. 2000) 330-345. 2 Ute Daniel erklärt diese Tatsache mit dem „M om ent öffentlicher W irksam keit“, das in den Erwartungen der jungen M änner an sich eine große Rolle spiele. Ute Daniel, Kom pendium Kulturgeschichte 333. 3 Helmut Schelsky, Die skeptische Generation. Eine Soziologie der deutschen Jugend (Düs­ seldorf, K öln 21958) 488.

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U rsu la A. J. B ech er

chungen, die auf diesem G ebiet noch bei den M ädchen vorhanden sin d“, und er­ k lärt sie als „R etardierungen einer A npassung an die industriegesellschaftlichen V erhaltensform en“4. Eine solche im p lizite E inbeziehung der jungen Frauen ist aus verschiedenen G ründen unbefriedigend: Ihre spezifischen E igentüm lichkeiten w erden lediglich als A bw eichungen von einer N orm erkennbar und in ein fragw ürdiges Fort­ schrittsm odell eingefügt, das U nterschiede lediglich als tem poräre E ntw ick­ lungsrückstände erfassen kann. Z ugleich w ird m it dieser D eutung die B rauch­ barkeit des G enerationenm odells in Frage gestellt. D enn die Fam ilienbezogenheit der jungen Frauen, ihre A npassung an vorgegebene Lebensform en, die gleichsam als Phänom ene langer D auer angesehen w erden können, stellen gerade nichts spezifisch N eues, kein von früheren G enerationen unterscheidendes M erkm al dar. N ach w ie vor galt für die w eiblichen A ngehörigen der „skepti­ schen G eneration" ein D asein als M utter, die sich in einer prim är häuslich-privaten Existenz der E rziehung ih rer K inder w idm et, nicht nur als erstrebenswertes Ziel, sondern als eigentliche N orm w eiblichen Lebens. Eine davon abweichende L ebensführung von Frauen, die aufgrund höherer B ildungsabschlüsse interes­ sante B erufstätigkeiten aufnahm en und K arrieren erreichten, stand - auch ande­ ren Frauen gegenüber - unter einem gew issen R echtfertigungszw ang. A nge­ sichts so lange fo rtw irken d er Lebensform en über viele G enerationen hinweg fragt es sich, ob m it H ilfe des G enerationenm odells ein bedeutender E rkenntnis­ zuw achs zu gew innen ist. A ndererseits gib t es allgem eine Z eiterfahrungen, die für M änner und Frauen gleicherm aßen von B edeutung gewesen sind, w eil sie tief in ih r Leben h in ein w irk­ ten: politische U m w älzun gen , Kriege, w irtschaftliche N ot, Form en und A u sw ir­ kungen sozialen W andels, die die eigene Existenz un m ittelb ar berühren. A uch die von der älteren G eneration an die jüngere verm ittelten ku lturellen Werte und D eutungsm uster prägen sehr oft die allgem eine W eitsicht. N ich t hierin liegt die geschlechtsspezifische D ifferenz. W enn man das G enerationenm odell sinnvoll auf Frauen und M änner anw enden w ill, m uß m an neben der Z ugehörigkeit zu be­ stim m ten A ltersjahrgängen auch die jew eilige L ebenssituation der Betroffenen in die Betrachtung einbeziehen. So hat - um ein B eispiel zu nennen - die Erfahrung der Studentenbew egung am Ende der 60er Jahre, m ehr als die Z ugehörigkeit zu bestim m ten A lterskohorten, generationsbildend gew irkt. Eine B efragung der in der ersten D ekade des 20. Jahrhunderts geborenen Frauen nach ihrer G enerati­ o nszugehörigkeit m uß solche Selbstbeschreibungen, die E instellungen und Le­ benspraxis einschließen, ernstnehm en. F reilich kann ich auf m eine Frage keine allgem eine A n tw o rt erw arten, die alle Frauen dieser A ltersjahrgän ge beträfe, um faßt m eine U ntersuchung doch ledig­ lich eine zahlenm äßig begrenzte G ruppe unter ihnen - A biturientinnen der U rsulinenschule in H aselünne (E m sland). D ennoch könnte ihre B efragung ertragreich sein. 4 Ebd. 319.

Z w isch en A u to n o m ie un d A n p assu n g - F rau en , Ja h rg a n g 1900/1910

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1. Was diese jungen A biturientinnen verband, w ar ih r Streben, alle B ildungs­ chancen zu nutzen, die ihnen die M ädchenschulreform in Preußen eröffnete - das bedeutet: D urch A b itu r und U niversitätsstudium konnten sie sich neue H and­ lungsm öglichkeiten erschließen und den von der traditionellen F rauenrolle vorge­ schriebenen engen R aum verlassen, um eine neue W elt zu gew innen. Eine solche Entscheidung verw eist m öglicherw eise auf veränderte E instellungen, die ein gene­ rationelles M erkm al begründen können. 2. Im allgem einen verbinden w ir m it einer von katholischen O rdensschw estern geführten Schule ein konservatives M ilieu und die V erm ittlung traditioneller W erte. A uf einem solchen konservativen H intergrund m üßten sich spezifische V eränderungen, die auf einen W andel der G enerationen hinw eisen, deutlich abhe­ ben und eine gew isse V erallgem einerungsfähigkeit beanspruchen können. D er preußische Erlaß zur M ädchenschulreform von 1908 stellte fest, es seien „Veranstaltungen nötig, um die V orbereitung der jungen M ädchen der höheren Stände auch für akadem ische Berufe, sow eit solche für Frauen in B etracht kom ­ m en, zw eckm äßig zu ordnen“5. D iese R eform , von der F rauenbew egung seit lan­ gem erstrebt, w ar - nicht zuletzt aufgrund des N iveaus m ancher M ädchenschulen - nicht leicht zu verw irklichen. In dieser Situation fand die E inrichtung von p ri­ vaten A b iturkursen an der Schule der U rsulinen in H aselünne, die „als höhere Lehranstalt für die w eib lich e Jugend nach den B estim m ungen vom 18. 8. 1908“ anerkannt w orden war, viel Interesse, denn sie bot - anders als die m eisten ande­ ren Schulen - eine V orbereitung auf das A b itu r in drei Jah ren an. D ie w echselvolle G eschichte von Kloster und Schule in H aselünne ist eng m it der allgem einen deutschen und europäischen G eschichte verw oben. Im m er w ie­ der prägten V ertreibungen und neuer B eginn die E ntw icklung vom 17. bis ins 20. Jah rh un dert hinein6. Im 17. Jah rh un dert übernahm en Schw estern des K laris­ senordens, die nach dem W estfälischen Frieden ihr bisheriges K loster hatten ver­ lassen müssen, auf B itten der Stadt H aselünne U nterrich t und E rziehung der ju n ­ gen M ädchen aus der R egion, bis sie ihr W irken im Jah re 1812 als Folge der Säku­ larisation einstellen m ußten. Erst im Jah re 1854 konnten U rsulinen w ieder an diese klösterliche T radition anknüpfen. A us m ühsam en A nfängen bauten sie Klo­ ster und Schule auf, doch setzte der K ulturkam pf ihrem W irken ein jähes Ende: K loster und T öchterschule w urden 1873 aufgehoben, die Schw estern nach H o l­ land verbannt. A us ihrem Exil in N ym w egen kehrten sie m it einigen Schülerinnen im Jahre 1888 zurück und begannen sogleich, ihre dort gew onnenen Erkenntnisse in H aselünne zu realisieren. M odelle, die sie in H olland kennengelernt und er­ probt hatten, versuchten sie nun auch hier zu verw irklich en , so den dreijährigen pädagogischen K ursus, der junge M ädchen auf das Lehrerinnenexam en vorberei­ tete. Er w ar das Vorbild für die A b itu rkurse, die die Schw estern als A n tw o rt auf

3 Bestimmungen über die N euordnung des höheren Mädchenschulwesens in Preußen (Ber­ lin 1908) 8. 6 Schwester Suitberta Veltman O SU , Das St. U rsula Gym nasium , in: 725 Jahre Stadt Hase­ lünne (1972/1997) 1 1 2 -1 1 6 .

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die M ädchenschulreform entw ickelten, nachdem der pädagogische Kurs durch die N euordnung der L ehrerinnenausbildung ausgelaufen war. D ie A b itu rkurse en tw ickelten sich zum w erbew irksam en Vorzug der Schule. M ädchen und junge Frauen aus anderen R egionen D eutschlands, die nicht selten in ihrer heim ischen U rsulinenschule auf diese M ö glich keit hingew iesen w orden w aren, entschlossen sich zu dem in H aselünne angebotenen B ildungsw eg. Z w i­ schen 1919 und 1927 legten 99 Schülerinnen die externe R eifeprüfung ab, dann w urden die A b itu rkurse in ein R ealgym nasium um gew andelt, das die A b itu rp rü ­ fung selbst vornahm . Z w ischen 1919 und 1932, dem Z eitraum , in dem die G e­ burtsjahrgänge von 1900 und 1910/11 ihre Schulzeit abschlossen, haben insgesam t 155 A biturientinnen die Schule verlassen7. M ag die A ussicht, in drei Jahren das A b itu r zu erreichen, auch ein wichtiges M otiv für diese Schulw ahl gew esen sein, so sind doch die Beschw ernisse nicht zu übersehen, die die M ädchen m it dieser Entscheidung auf sich nahm en. Sie bedeu­ tete eine Zeit kargen Lebens. H aselünne w ar im ersten D rittel des 20. Jah rh un ­ derts ein abgelegenes, ärm liches, vergessenes Städtchen im Em sland ohne ku ltu­ relle A ttraktionen; seine U m gebung m ußte für m anche E ntbehrung entschädigen. G elegentliche W anderungen „zu den W acholdern“ w urden von den Internats­ schülerinnen als bem erkensw erte Ereignisse berichtet. G roßstädterinnen fühlten sich nicht selten in der Verbannung. D ie Lebensführung im Internat w ar außerordentlich karg - sow ohl die U nter­ b ringung im H ause als auch die Ernährung. D ie allgem eine krisenhafte W irt­ schaftslage hatte das K loster nicht verschont. Eltern, die sich außerstande sahen, das Schulgeld aufzubringen und sich schweren H erzens zur A bm eldung ihrer T öchter gezw ungen sahen, w urd en von den Schw estern von dieser Entscheidung abgehalten. Ihr Vorschlag an die E ltern, nach eigenem Erm essen den B etrag fest­ zusetzen, w ar eine hum anitäre und pädagogische Geste im Interesse der Schüle­ rinnen, die freilich die N otlage des Klosters verschärfte. Von dem noblen A ngebot der Schule profitierten die Schülerinnen. Die m eisten von ihnen blieben in H ase­ lünne und bereiteten sich auf ihre A biturprüfung vor. Ihr Leben w ar bestim m t von einer völligen K onzentration auf das Lernen bei gänzlichem Verzicht auf alle F reizeitaktivitäten, für die - von den schulischen Zwängen abgesehen - auch keine räum lichen und m ateriellen V oraussetzungen vorhanden w aren. H inzu kamen E inschränkungen in ihrer persönlichen Freiheit, die diese jungen Frauen, nicht selten zw an zig Jah re und älter, offenbar klaglos auf sich nahm en, in ihren E rw ar­ tungen zusätzlich beschw ert durch die T ücken des E xternenabiturs. W arum nah­ men sie ein solches Leben auf sich? Es w ar eine E ntscheidung, die die meisten von ihnen selbst getroffen hatten. N ich t selten hatten sie ihren Eltern die Zustim m ung zu diesem Schulbesuch ab­ 7 Ich arbeite an einer Studie zur Geschichte von K loster und Schule in Haselünne, ihrer Leh­ rerinnen und Schülerinnen. U ber das Studium, die berufliche K arriere und die Lebensge­ schichten von 111 Abiturientinnen der Jahrgänge 1919 bis 1932 habe ich genauere Inform a­ tionen. M it etwa zw anzig von ihnen stand ich in einem näheren Austausch. Aus diesen Be­ gegnungen entstanden Freundschaften, für die ich dankbar bin.

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ringen müssen. Das A b itu r w ar ein Ziel, das ihnen aller M ühen w ert schien, eröffnete es ihnen doch die A ussicht auf ein Studium , das ihnen w ichtig war, und die Q ualifikatio n für einen B eruf, der ihnen ein neues Leben erm öglichen sollte. D er B ildun gsw ille dieser Frauen w ar sehr ausgeprägt. „W issen und E insicht“, so for­ m ulierte eine von ihnen im R ü ckb lick ihre E rw artungen an das Studium . Das trifft auch für andere zu: Sie entschieden sich für ein Studienfach, das ihnen sow ohl eine persönliche B ereicherung als auch eine sinnvolle T ätigkeit bieten konnte, ob als Lehrerin, Ä rztin, Juristin . Sie habe Ju ra studiert, w eil dieses Fach alle Bereiche des m enschlichen Lebens betreffe, so erläuterte eine H aselünnerin ihre W ahl8. Sie organisierten ihre Studien so, daß sie über die engen Fachgrenzen und das nötige Prüfungsw issen hinaus auch andere D enkw eisen kennenlernen und w eitere E r­ kenntnisse gew innen konnten. Im erinnernden R ü ckb lick konnten sie an dieser Lebensphase nichts Besonde­ res entdecken, keine hervorstechenden Problem e oder erw ähnensw erten E r­ schw ernisse. A b itur und Studium w aren für sie ein selbstverständlicher Teil ihres Lebens, der keine gesonderte Beachtung verdiente. Das lag w ohl daran, daß sie nicht die ersten Studentinnen w aren, die sich an den U niversitäten zurechtfinden m ußten, sondern ältere K om m ilitoninnen vorfanden, die sie in ihren Kreis aufnahm en9. Als „norm al“ und üblich bezeichneten sie freilich nicht allein ihr Stu­ dium , sondern ihren Lebenslauf generell. O bgleich m ehrere von ihnen eine be­ deutende berufliche K arriere vorw eisen konnten, neigten sie nicht dazu, diese als eine besondere herauszustreichen. In vielen Fällen hatte sich ih r Lebenslauf nicht w ie eine geordnete „N orm albiographie“ gestaltet; er w ar nicht das Ergebnis so rg­ fältiger Planung gew esen, w ar alles andere als system atisch aufgebaut und stru k­ turiert, so daß ihrem Leben in ihren A ugen viel Z ufälliges, den verrückten Z eit­ läuften G eschuldetes anhaftete, Z eitläufte zudem , die sie nicht selten aus vorge­ zeichneten Bahnen gew orfen hatten, von denen sie freilich in anderer H insicht profitierten. W ollte man diese Frauen einer G eneration zuordnen, so gehörten sie, ihren G e­ burtsjahren nach, der „Jahrhundertgeneration“ an 10. Das bedeutet: Sie w aren im Ersten W eltkrieg aufgew achsen und hatten die Krisen der N achkriegszeit, Infla­ tion, W eltw irtschaftskrise und M assenarbeitslosigkeit - einige w ährend ihrer Schulzeit in H aselünne - erlebt. N icht wenige von ihnen hatten in ihrer Fam ilie

8 Meine Materialien für eine R ekonstruktion von Schulzeit, Studien, beruflicher Karriere, Lebensgeschichte der Schülerinnen enthalten zeitgenössische Q uellen wie Tagebücher, Briefe, N otizen, Exzerpte, Aufsätze - und Erinnerungen, die m ir in Briefen, Gesprächen und Interviews anvertraut wurden. 9 Im W intersem ester 1925/26 betrug der A nteil der Studentinnen 11,5 % aller Studieren­ den, während er im Jahre 1921 noch 9,5% betragen hatte. Dazu: Claudia H uerkam p, B il­ dungsbürgerinnen. Frauen im Studium und in akademischen Berufen 19 0 0 -1 9 4 5 (Göttingen 1994) 7 7 .' 10 Jürgen Reulecke, Generationen und Biografien im 20. Jahrhundert, in: B ernhard Strauß, Michael G eyer (Hrsg.), Psychotherapie in Zeiten der Veränderung. H istorische, kulturelle und gesellschaftliche Flintergründe einer Profession (Wiesbaden 2000) 35.

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geliebte M enschen verloren, die B rüchigkeit der Existenz erfahren und m aterielle N ot erlebt. D er U ntergang der V orkriegsw eit w ar für sie alle eine gem einsam e Er­ fahrung. Viele H aselünnerinnen kam en als Töchter von Lehrern, kleinen K aufleu­ ten, Bauern aus bescheidenen sozialen V erhältnissen und w aren der Krise beson­ ders hart ausgesetzt. A ndere entstam m ten w ohlhabenden Fam ilien, die zusehends verarm ten. Eine W elt scheinbarer Sicherheit w ar im G rauen des Krieges un ter­ gegangen. Was aus den K risen der N ach kriegszeit hervorgehen w ürde, w ar kaum zu erkennen. D iese gem einsam en Erfahrungen verbanden diese jungen Frauen zu einer G eneration. D ie jungen M änner, unter denselben allgem einen B edingungen aufgewachsen w ie ihre Schw estern, m ochten ähnliche Erfahrungen durchlebt haben w ie diese. A ber im U nterschied zu den jungen Frauen fand ihr Schicksal Beachtung in der öffentlichen D iskussion. Einer aus dieser K riegsjugend, Ernst G ünther G ründel, Jah rgan g 1903, hat in einem viel beachteten B uch 11 seine A ltersgenossen als O pfer von „W eltkrieg, U m stu rz und K u lturkrise“ gesehen und sie als „Enterbte“ be­ zeichnet. M it dem B ankrott der alten G eneration, den er schonungslos zeichnete, w aren ihre Z ukunftsaussichten - die von ihnen erw arteten glänzenden Positionen in der bürgerlichen W elt - zunichte gew orden. „W ir sind als ganze, große Schicht enterbt und ausgesetzt w orden, um für die großen A ufgaben reif zu w erden, die unserer h arren ."12 A us dem A b sturz dieser G eneration folgerte G ründel eine be­ sondere A uszeichnung und die V oraussetzung ihres A ufstiegs. W ohin ihre Sen­ dung führte, w urde spätestens in den 30er Jahren offenbar. U nd die jungen Frauen? Traf G ründeis D iagnose auch auf sie zu? Zw eifellos w aren auch sie O pfer des Krieges. Sie hatten den Verlust b ürgerli­ cher Sicherheiten zu ertragen, w as nicht selten N ot und A rm ut bedeutete. Ihre Z ukunft - die A ussicht auf eine F leirat - w ar angesichts der vielen K riegstoten in Frage gestellt. N ich t nur die allgem eine O rdnung, die V orkriegsw eit, ging in der R evolution und den nachfolgenden Krisen zugrunde, auch die persönliche W elt­ ordnung der Jugendlichen löste sich auf. Flatten nicht auch sie allen A nlaß, sich als „Enterbte" zu fühlen? Ihre E ntw icklung schildert eine H aseltinnerin, Jg. 1902, aus einer w ohlhaben­ den B erliner Fam ilie stam m end: 1 9 1 8 w a r ein ganz großer Einbruch ... Mein Vater ist plötzlich gestorben mitten in der Revolution. D a ich meinen Vater sehr geliebt h a b e ,... bedeutete sein Tod ei­ nen solchen Einbruch, eine solche Trauer, die sich dann gemischt hat mit der R evo­ lution und der Inflation. D er Vater w a r weg, der E rnährer w a r weg, die A rm u t...

Sie fährt fort: A b er es w a r gleichzeitig etwas anderes da. D er Vater w a r weg, das A lte w a r weg, und es w a r gleichzeitig ein A ufbruch zu neuen Freiheiten, nicht nur in mei­ nem Leben, sondern überhaupt. 11 E. G ünther Gründel, Die Sendung der Jungen Generation. Versuch einer umfassenden revolutionären Sinndeutung der Krise (M ünchen 1932) 3 1 -4 2 . 12 Ebd. 41.

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Sie gibt m it diesen W orten eine Erfahrung wieder, die - über ihr persönliches Schicksal hinaus - auch von anderen H aselünnerinnen geteilt w urde und deren A m bivalenz sie erst m it der Zeit durchschaute. M it dem U ntergang der alten Welt ging vieles verloren, w as sie in ihrem bisherigen Leben gehalten hatte - eine O rd ­ nung, die ihnen H alt und O rientierung verm ittelt hatte; heim atliche Vertrautheit, die Sicherheit verbürgte und sie m enschlich angenom m en und beglückt hatte. Der V erlust dieser G eborgenheit erfüllte sie m it Trauer. Zugleich aber tat sich etwas N eues vor ihnen auf. M it dem A lten, V ertrauten w ar auch manch Erstarrtes, Ü berholtes dahingegan­ gen. Sie gew annen neue M öglichkeiten, ihr Leben zu gestalten, und eroberten H andlungsräum e, ciie ihren M üttern verschlossen gewesen waren. Berufe, die ihnen bisher verw ehrt w aren - etw a im Bereich der Ju stiz - w aren für sie nun erreichbar. A lte R ollen bilder schienen ins W anken zu geraten, und eigenständige Selbstdefinitionen w aren m öglich. Freilich lebten sie im U rsulin enklo ster von H aselünne in einer katholischen W elt m it dogm atisch definierten G laubenslehren und m oralischen Vorschriften, die der A uflösung der alten W elt gerade w id er­ stand. W ie kom m t es, daß für die m eisten Flaselünnerinnen der K atholizism us nicht zu der alten, abgelebten W elt gehörte, die zu R echt unterging? Eine E rklärung für diese Ü berzeugung dürfte die inferiore Stellung der K atho­ liken im K aiserreich gew esen sein, die nicht ohne A usw irkun g auf die V orstellun­ gen der Schülerinnen von sich selbst und ihre Identitätsbildung gewesen sein dürfte. Vieles spricht dafür, daß die Erinnerung an den K ulturkam pf, der die A uf­ lösung des H aselünner Klosters verfügt hatte, in der Schule präsent war. D ie lang­ jährige L eiterin der Schule, M . T heresia Brem e, hatte als Folge dieser Ereignisse ihre Schulzeit in der U rsulinenschule von N ym w egen verbracht, und sie gehörte zu den ersten Schw estern, die nach der R ückkeh r aus dem Exil ins H aselünner Kloster eingetreten w aren. D er E indruck, nicht als geachtetes M itglied zum deutschen K aiserreich gehört zu haben, könnte zu der V orstellung beigetragen haben, von seinem U ntergang nicht w irk lich betroffen gewesen zu sein, eine Ein­ schätzung, die sich in der W eim arer R ep ub lik bestätigte, als die K atholiken ihre A ußenseiterposition verloren 13. In den späteren G esprächen der H aselünnerin­ nen spielten solche politischen B ezüge keine hervorragende R olle; diese Erfahrun­ gen färbten ihre Stim m ung dem Staat gegenüber eher unterschw ellig ein. W esentlicher für ihre U rteilsb ild u ng w ar die G estalt des K atholizism us, der ihnen in H aselünne begegnete. Sicher kann man unterschiedliche Eindrücke ge­ w innen - Tendenzen in Schule und U nterricht, die Schülerinnen gegen die angeb­ lichen G efährdungen der M oderne zu im m unisieren, sind unverkennbar - , aber unter den H aselünner Schw estern w aren beeindruckende Persönlichkeiten, die den Anspruch einlösten, ihre Schülerinnen zu eigenständigen, verantw ortungsbe­ w ußten M enschen zu erziehen. So definierte eine H aselünnerin im R ü ckb lick das E rziehungsziel, auf das hin ih r Leben in der U rsulinenschule ausgerichtet gewesen lj Zur Stellung der K atholiken in Kaiserreich und W eim arer Republik vgl. H einz H üften, Deutsche Katholiken 19 18 -1 9 4 5 (Paderborn 1992) 13-74.

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war. D er R eligionsunterricht bei M ater Theresia Brem e , der überragenden Per­ sönlichkeit der Schule, w ar offenbar so überzeugend und in tellektuell anspruchs­ voll, daß eine ehem alige Schülerin später sagen konnte: „M ein D enken hat sich w eiter entw ickelt, aber die K onstanten, die ich in H aselünne erw arb, habe ich nicht verrücken m üssen.“ Viele Schülerinnen mögen sich in die traditionellen For­ men religiöser Praxis fraglos eingefügt haben. Den N achdenklichen und Z w ei­ felnden freilich, die ihren Zweifel aussprachen und die angebotenen Fröm m ig­ keitsform en für sich ablehnten, w urde ein w eiter R aum der Freiheit zu gestanden, ihren eigenen Weg zu finden. W ichtig in vielerlei H insicht und auch in dieser w ar der Einfluß der Jugen dbe­ w egung: M ehrere Flaselünnerinnen gehörten dem K atholischen Jugendbund Q uickborn an und blieben ihm über die Jah re hinaus verbunden. Er hat sie für ihr Leben geprägt. Bei den V eranstaltungen auf Burg R othenfels erlebten sie eine ka­ tholische E rneuerungsbew egung, die sie zur aktiven M itgestaltun g aufrief. Wie im politisch-gesellschaftlichen Leben ließ sich offenbar auch im K atholizism us A ltes, Ü berholtes trennen von N euem , Z ukunftsfähigem , und an diesem A ufbruch nahm en sie begeistert teil. D ie G em einschaft von Jungen und M ädchen im Leben des Q uickborn - neu und unerhört, von der Kirche kritisch beäugt - w ar für die Jugendlichen eine w ich tige Lebenserfahrung. Das Erlebnis der G em einschaft be­ deutete für die m eisten eine A usw eitung ihrer selbst und zugleich eine Stärkung ihrer In dividualität, w urd e die G em einschaft doch erst durch das aktive Tun eines jeden einzelnen und aller gestiftet. Sie äußerte sich in neuen Form en religiöser Praxis: von der liturgisch gestalteten M esse am M orgen bis zu r abendlichen G esprächsrunde m it Rom ano G uardini im R ittersaal um eine brennende Kerze geschart - von den m eisten Teilnehm ern und T eilnehm erinnen als H öhepunkt der Tage in Rothenfels em pfunden14. Solche E rfahrungen von E rneuerung und A u f­ bruch bestätigten den Jugendlichen, abgelebte, erstarrte Form en in religiöser P ra­ xis und Lebensführung überw unden und - auch in der K irche - die Z ukunft für sich zu haben. W aren sie „Enterbte“ ? G ründeis A n alyse der N achkriegsjugend galt w ohl al­ lein den m ännlichen Jugendlichen, auf die H aselünnerinnen traf sie nicht zu. O b­ gleich ihre spätere Position in der bürgerlichen G esellschaft - sei es als Ehefrau oder in einem Beruf, der ihnen eine ausköm m liche Existenz garantieren konnte ganz ungew iß war, konnten sie sich schw erlich durch die Krisen der G egenw art um eine aussichtsreiche K arriere beraubt fühlen, die für ihre M ütter, die Frauen der V orkriegszeit, nie bestanden hatte. So leiteten sie denn auch aus ihrer Lebens­ situation trotz all der bitteren Erfahrungen ihrer jungen Jahre keine besondere „Sendung“ ab. D ie K atastrophe des Krieges hatte für sie eine andere K onsequenz: Sie nutzten die C hancen, die sich für sie nach dem U ntergang der alten W elt auftaten. Bürgerliche K onventionen m ußten sie nicht einschränken, sofern deren fortdauernde G eltung 14 H anna-B arbara G erl-F alkovitz, Rom ano G uardini 18 8 5 -19 6 8 . Leben und W erk (M ainz 41995) 181.

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sie nicht w eiter überzeugte und sie die Selbstsicherheit aufbrachten, aus dieser Erkenntnis auch gegen W iderstände praktische Folgerungen zu ziehen. In der Jugendbew egung hatten sie eine unbürgerliche Lebenspraxis kennengelernt. Sie hatten G elegenheit gehabt, neue Verhaltensform en zu erproben und Freude am einfachen Leben zu em pfinden. Das w aren günstige V oraussetzungen dafür, aus­ getretene Pfade zu verlassen und neue Wege für ihre Lebenssituation zu finden. M eist kam es darauf an zu experim entieren nach der von ihnen gern geäußerten For­ mel: „W ir w urschtelten uns so d urch “, was nicht selten bedeutete, Lösungen für fam iliäre N o tsituationen oder N ischen für eine berufliche T ätigkeit zu finden und Provisorien als Chancen für sich zu akzeptieren. Diese F laltung w ar den tu rb ulen ­ ten Z eitläuften und den U nsicherheiten ihrer beruflichen Situation angemessen. D ie Situation in den einzelnen Berufen unterschied sich sehr voneinander und verlangte von den H aselünnerinnen Phantasie, B eharrlichkeit und A npassungsbe­ reitschaft, um eine befriedigende A rbeit und eine sichere Existenz zu finden und in den w echselvollen Z eitum ständen durchzuhalten. D ie Wege der H aselünnerin­ nen in den Berufen, die sie m ehrheitlich w ählten - A pothekerin, Ä rztin, Lehrerin, Juristin - verliefen selten gradlinig. Das Leben der A pothekerinnen und Ä rz tin ­ nen scheint noch am stabilsten verlaufen zu sein, w eniger angefochten von den G efährdungen der Zeit. D ie A pothekerin, die die väterliche A potheke übernahm und ein Leben lang w eiterführte, die Ä rztin, die m it ihrem M ann eine G em ein­ schaftspraxis eröffnete - sie m ochten in den schw ierigen Zeiten ihre Problem e ge­ habt haben, Geschäft und Praxis dauerhaft zu sichern, aber sie konnten ih r Leben auf eine Existenz gründen. A nders erging es den Lehrerinnen. Sie fanden oft erst nach langen Jahren der sogenannten W artezeit, in der sie verschiedene, nicht selten fachfrem de A ufgaben w ahrgenom m en und in anderen B erufsfeldern Erfahrungen gesam m elt hatten, eine Stelle im Schuldienst. Am schw ierigsten gestaltete sich die Laufbahn der Juristin nen . Ihnen w aren erst nach langen A useinandersetzungen im Jah re 1922 alle Berufe der R echtspflege ge­ öffnet w orden, schon bald nach dem B eginn der nationalsozialistischen H err­ schaft w urden sie ihnen w ied er verschlossen15. Eine ganze R eihe der H aselünnerinnen hatte Ju ra studiert und m ußte sich nun m it den w echselnden Bestim m ungen auseinandersetzen. N ur einer von ihnen H ildegard G ethm ann (Jg. 1903) - gelang es noch, im Jahre 1935 die Z ulassung als R echtsanw ältin zu erlangen, bevor den Frauen ab 1936 dieser Weg verbaut w urde. Andere, die es ihr hatten nachtun w o llen oder das A m t einer R ichterin oder Staatsanw ältin erstrebten, m ußten sich beruflich anders orientieren: G ertrud Veltman (Jg. 1911) trat w enige Wochen vor B eginn des Krieges als Sachverständige in ein w eltbekanntes Industrieunternehm en ein und verdankte ihre Stelle, w ie man ih r un zw eid eutig zu verstehen gab, dem U m stand, daß M än­ ner nicht m ehr in ausreichendem M aße zur V erfügung standen. 15 Deutscher Juristinnenhund (Hrsg.), Juristinnen in Deutschland. Eine Dokum entation 19 0 0 -19 8 9 (Frankfurt 1989) 6 -2 1 . Vgl. hierzu auch: C laudia H uerkam p, Bildungsbürgerin­ nen 274-295.

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Barbara von der H eyd en (Jg, 1907) arbeitete zunächst als juristische H ilfsarb ei­ terin in einem B erliner A nw altsbüro, dann als L andw irtschaftsgehilfin auf einem schw äbischen B auernhof und w urd e schließlich im Jah re 1944 in einer R echtsbe­ ratungsstelle in K arlsruhe dienstverpflichtet - ein Lebensw eg, der beispielhaft zeigt, w elche F lexib ilität und A npassung an veränderte Bedingungen von den Frauen dieser G eneration aufgebracht w erden m ußten. Ihre eigentlichen K arrie­ ren erlebten diese Frauen erst in der B undesrepublik: H ildegard G ethm ann gründete m it K olleginnen den Juristinnenbund und käm pfte von dieser Position aus für eine zeitgem äße E ntw icklung des F am ilien ­ rechts in der B undesrepublik D eutschland. G ertrud V eltm an w urde zu B eginn der siebziger Jahre zu r ersten und einzigen D irektorin, die die Firm a M annesm ann je hatte. Barbara von der H eyd en w irk te in den letzten zehn Jahren ihres beruflichen Lebens als R ichterin am Flessischen L andessozialgericht in D arm stadt. A ndere Lebensläufe gestalteten sich kom plizierter. D ie drei genannten H ase­ lünnerinnen - H ildegard G ethm ann, G ertrud Veltman und B arbara von der H e y ­ den - w aren unverheiratet, eine Tatsache, die auf ihren beruflichen Lebensweg nicht ohne E influß geblieben war, und das in zw eifacher H insicht: Einerseits h at­ ten sie sich, unbeschw ert von Fam ilienpflichten, ganz ihrer beruflichen T ätigkeit w idm en können. A ndererseits - und das w ar w ohl entscheidender - w ar ihre K onzentration auf eine außerhäusliche E rw erbsarbeit existenznotw endig. Eis gab keinen Ernährer, der für sie eintreten konnte; sie hatten nicht die M öglichkeit, sich in ungünstigen Zeiten für eine W eile in eine private Existenz zurückzuziehen. Sie hatten selbst für ih r Leben einzustehen: eine allgem eine M axim e, die sich in ihrem Leben freilich unübersehbar konkretisierte. Für die verheirateten Frauen, die die V erantw ortung für Kinder trugen und ne­ ben ihren fam iliären Pflichten nach einer B erufstätigkeit strebten, w ar die Lage schw ierig. Ihr W unsch ließ sich in der R egel nur m it einem H öchstm aß an E rfin­ dungsgabe und O rganisationstalent verw irklichen. Es gab H aselünnerinnen, die diese F ähigkeiten aufbrachten und sich auf ein A benteuer einließen. K einer von ihnen gelang eine A n stellun g auf D auer oder eine ko n tin uierlich e B erufstätigkeit in anderer Form , auch w enn sich die m eisten von ihnen im m er w ieder sachlichen A ufgaben widm eten. D ie Ä rztin, die m it ihrem M ann eine gem einsam e Praxis unterhielt, bestim m te selbst in A bsprache m it ihm A rt und A usm aß ihres W irkens, und von den P rio ri­ täten, die sie setzte, hing es ab, ob sie sich m it der R olle einer H elferin ihres M an ­ nes begnügte oder sich als K ollegin engagierte. A ndere H aselünnerinnen m ußten sich auf dem allgem einen A rbeitsm arkt behaupten. U nd da w aren es nicht allein V eränderungen der fam iliären Situation - neue Positionen des M annes, Wechsel des W ohnortes - , die eine regelm äßige B erufstätigkeit der Frauen unterbrachen; auch A rbeitsangebote w aren nicht im m er leicht zu finden. R igid e staatliche B estim m ungen schränkten ihre Chancen nicht unerheblich ein. Lehrerinnen w aren im K aiserreich verpflichtet gew esen, bei einer Verheira­ tung aus ihrem B eruf auszuscheiden. M it solchen D iskrim inierungen w o llte die W eim arer R ep ub lik aufräum en. U nd in der Tat stellte der A rtikel 128, A bsatz II

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der W eim arer Verfassung fest: „A lle A usnahm ebestim m ungen gegen w eibliche Beam te w erden beseitigt.“ D ie Praxis sah freilich anders aus. Im Zuge des Perso­ nalabbaus im öffentlichen D ienst w urde der A usschluß verheirateter Beam tinnen w eiter betrieben. D ieses Vorgehen w urde schließlich m it dem G esetz über die „R echtsstellung der w eiblichen B eam ten“ im Jahre 1932 bestätigt, das die Entlas­ sung der w eiblichen Beam ten bei einer V erheiratung vorsah, sofern sie w irtsch aft­ lich versorgt w aren 16. Keine der verheirateten Lehrerinnen un ter den H aselünne­ rinnen hat ihren B eruf ausgeübt. Einschränkend w irk te sich auch das im selben G esetz verfügte Verbot des soge­ nannten „D oppelverdienertum s“ aus. M it dieser B egründung m ußte trotz des großen Bedauerns ihrer V orgesetzten H ed w ig B olterauer ihre Stellung in der N a­ tionalbibliothek in W ien aufgeben, obgleich das G ehalt ihres M annes, eines M ittelschulprofessors, für eine fünfköpfige Fam ilie nicht gerade üppig war. N eben solchen Behinderungen durch staatliche Vorschriften konnte auch die nicht abgeschlossene P rofessionalisierung eines Studienfaches die Suche nach einer B erufstätigkeit erschw eren. Das w ar der Fall der Psychologie, die sich erst allm ählich aus der Philosophie als eigenständige D isziplin herausbildete und für ihre A bsolventen noch keine spezielle B erufsausbildung vo rsah 17. H ed w ig B o lter­ auer, bei Karl B ühler in W ien im Fach P sychologie prom oviert, m ußte sich daher nach anderen - auch fachfrem den - M öglichkeiten um sehen und entschloß sich zu einer zusätzlichen A usb ild un g zur W issenschaftlichen B ibliothekarin. N ach ihrer Entlassung aus der N ation albib lio th ek bem ühte sie sich innerhalb dieses Berufes um neue A ufgaben. So baute sie in den 30er Jah ren in W ien A rbeiterbüchereien auf und leitete sie, bis sie von den N ationalsozialisten nach dem A nschluß Ö ster­ reichs aus dieser Stellung vertrieben w urde. Da auch dieser B erufsw eg verschlos­ sen war, begann sie m itten im Krieg in B erlin ein M edizinstudium , das sie zw ar nach zw ei Sem estern w ied er aufgab, doch kehrte sie m it einer w ichtigen Inform a­ tion nach W ien zurück: D ort bilde A ugust A ichhorn, ein Schüler Sigm und Freuds, P sych o an alytiker aus. D iese N achricht gab ihrem Leben eine neue W en­ dung. In gew isser H in sich t konnte sie an ihr Psychologiestudium anknüpfen und m it ihrer A usbildung zu r P sych o an alytikerin vollenden. N och im A lter von neunzig Jahren w irk te sie in diesem B eruf zum W ohle ratsuchender M enschen. A uch w enn sich bei nicht w enigen Frauen m einer U ntersuchungsgruppe ein lebhaftes Interesse an einer B erufstätigkeit und ein großes Engagem ent bei der Verfolgung ihrer Ziele beobachten lassen, ist der geschilderte Lebenslauf doch exzeptionell. D ie M ehrheit der M ütter hat sich ganz der E rziehung ihrer K inder gew idm et und jeden anderen E hrgeiz aufgegeben. Das leise B edauern m ancher Eltern, die viele O pfer für die A usb ild un g ih rer T öchter gebracht hatten, das ihnen nun vergebens schien, konnte nicht ins G ew icht fallen, folgten die M ütter 16 Dazu Claudia H uerkam p, Bildungsbürgerinnen 2 15 -2 2 3 . 17 Mitchell G. Ash, Die experim entelle Psychologie an den deutschsprachigen U niversitäten von der Wilhelminischen Zeit bis zum N ationalsozialism us, in: M itchell G. Ash, U lfried G euter (Hrsg.), Geschichte der deutschen Psychologie im 20. Jahrhundert (O pladen 1985) 45-82.

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doch einer unabw eisbaren Pflicht, w ie sie der allgem eine V erhaltenskodex vor­ schrieb. Der Zw eite W eltkrieg m it seinen V erlusten w ar es, der solche Vorschriften lockerte oder ganz außer Kraft setzte: Es verstand sich von selbst, daß K riegerw it­ w en für ihre Kinder sorgen und dazu die A ufgabe des Vaters und Ernährers mit übernehm en m ußten. W ieder w ar es der Krieg, der die V erhältnisse durcheinan­ derw arf, der Verlust und T rauer m it sich brachte und zugleich die Chance, neue W ege zu gehen, m it ihrem Leben - freilich unter erschw erten Bedingungen - zu experim entieren und K arrieren in einem A lter zu erreichen, die sie nicht für m ög­ lich gehalten hatten. A ber wenn diese Erfolge sie auch m it Freude und Stolz erfül­ len m ochten, so vergaßen sie nicht, daß sie letztlich auf eine A usnahm esituation zurückgingen, die nicht unbedingt eine neue O rdnung oder eine Veränderung von V erhaltensnorm en begründen ko n n te18. Eine U ntersuchung der gew ählten und p raktizierten Lebensform en bestätigt diese E instellung. D ie ledigen H aselünnerinnen verm eiden es, w enn sie es nur eben einrichten können, allein zu leben. D ie heute verbreitete „Single“-Existenz w äre ihnen frem d und ganz und gar nicht erstrebensw ert erschienen. Ihre Vorstel­ lun g eines gelungenen und erfreulichen Lebens spielte sich in Fam ilien ab, so w ie es ihnen ihre Eltern vorgelebt hatten. Da sich ihnen diese M ö glich keit durch Fleirat und die G eburt von K indern nicht geboten hatte, suchten sie nach anderen Form en fam iliären Lebens, die nicht in jedem Fall verw andtschaftliche B eziehun­ gen voraussetzten. So hat H elene H oppe, eine Studienrätin, m it einer K ollegin ein gem einsam es Leben geführt, das erst m it dem Tod der Freundin endete. D ie m ei­ sten ledigen H aselünnerinnen suchten freilich, die B eziehung zu ihrer H erkun fts­ fam ilie zu intensivieren. F lildegard G ethm ann w ar froh, in der N ähe ihrer verh ei­ rateten Schw ester zu leben, und pflegte enge K ontakte zu deren Fam ilie. In ihrem hohen A lter kehrte sie in ihr E lternhaus zurück. A ndere lebten viele Jah re in und m it der Fam ilie ihrer Schw ester oder ihres B ruders, die für sie eine eigene: ihre Fam ilie bedeutete. Ihre E instellung zu dieser unterschied sich nicht von jenen, die üblicherw eise m it Fam ilien verbunden w erden. Bei auftretenden Problem en w a­ ren sie bereit, die B edürfnisse ihrer A ngehörigen über die Interessen ihrer K ar­ riere zu stellen. So verzichtete G ertrud Veltman, nachdem sie nur w enige Jahre die Position der D irekto rin ihres U nternehm ens m it Freude ausgefüllt und sich ihrer P rivilegien erfreut hatte, auf diese T ätigkeit und zog sich m it 61 Jahren ins P rivat­ leben zurück. N ach der E rkrankung ihres B ruders, in dessen H aushalt sie lebte, sah sie ihre A ufgabe darin, ihre Schw ägerin bei seiner Pflege zu unterstützen. Was die Frauen dieser A ltersjahrgän ge verband und sie - w enn man es so sehen w ill - zu einer G eneration zusam m enschloß, w aren die gem einsam erlebten ein ­ schneidenden zeitgeschichtlichen E reignisse, die unübersehbar in ih r Leben hin­ ein w irkten und sie zu produktiven A n tw orten herausforderten. Zwei W eltkriege hatten die ihnen vertraute W elt grundlegend verändert: A us dem U ntergang der V orkriegsw eit hatten sie neue Perspektiven für ihre Lebensgestaltung gewonnen. 18 Ute Frevert, Frauen-Geschichte. Zwischen Bürgerlicher Verbesserung und N euer W eib­ lichkeit (Frankfurt a.M. 1986) 2 5 4 f.

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Schulbesuch und Studium hatten ihnen neue T ätigkeitsfelder eröffnet, die sie m it Freude und jugendlichem Engagem ent ausfüllten. M anche Wege verloren sich in den 30er Jah ren wieder. D ie H errschaft der N ationalsozialisten bedeutete für m anche einen tiefen E inbruch in ihre Existenz. Die beiden jüdischen M itsch üle­ rinnen, tief getroffen und in ihrem Leben bedroht, konnten sich am Ende nach Südam erika retten. Bem ühungen einiger H aselünnerinnen, den K ontakt zu ihnen in der N achkriegszeit w iederzubeleben und sie nach D eutschland einzuladen, schlugen fehl. D ie beiden Jüd in n en hatten offenbar kein Interesse, das Land w ie­ derzusehen, das sie so schm ählich aus ihrer H eim at vertrieben hatte. Liest man in Briefen, die H aselünnerinnen in den Jahren 1933 und 1934 m itein­ ander gew echselt haben, gew innt man den E indruck, auch sie fühlten sich verfolgt und bedroht. „In unseren B ekanntenkreisen“ schreibt eine von ihnen im O ktober 1933, „ist durch A bbau so viel N ot und K leinm ut, daß man gar nicht w eiß, w ie helfen. In den B erliner Ä m tern zeigt sich die allgem eine Tendenz, alles, was k a­ tholisch war, m it Z entrum spolitik zu identifizieren und sie dem entsprechend ab­ zubauen. F. K. ist auch ohne Pension abgebaut.“ B egreiflicherw eise konnte man zu einem so frühen Z eitpunkt das grauenhafte A usm aß der Judenverfolgung nicht voraussehen, aber w ar die K onzentration auf das katholische Schicksal nicht ge­ eignet, den B lick auf das Leiden der Jud en zu verdecken? O b freilich die in diesem B rief vertretene M einung un ter den H aselünnerinnen vorherrschte und ob die be­ schriebenen E rfahrungen auch die eigenen w iedergeben, läßt sich nicht eindeutig erm itteln. Eine M ehrheit von ihnen w ird sich verm utlich w ie schon so oft „durchgew ursch telt“ haben. D er Z w eite W eltkrieg räum te m anche dieser neu geschaffenen H indernisse not­ gedrungen w ied er w eg: Juristin nen , die im angestrebten B eruf nicht hatten arbei­ ten können, w urden nun zu juristischer T ätigkeit dienstverpflichtet, andere nah­ men die Stellungen ein, die durch den W eggang der M änner frei gew orden waren. V ergleicht man die Frauen der „Jahrhundertgeneration“ m it der G eneration ihrer M ütter, so fallen bei den Jüngeren die höheren B ildungsabschlüsse und ihre B erufstätigkeiten auf. Sollte dies das U nterscheidungsm erkm al zw ischen diesen beiden G enerationen sein? Eine A n tw o rt setzt eine genauere U ntersuchung der älteren G eneration voraus. Zu ihr gehörten nicht allein die in der R egel zwischen 1870 und 1880 geborenen M ütter der Schülerinnen, sondern auch die V ertrete­ rinnen der Frauenbew egung, die den Frauen das Recht auf Studium und Beruf erstritten hatten; gehörten die U rsulinen in H aselünne, die selbst die B ildun gs­ m öglichkeiten ihrer Zeit ausgeschöpft und ihren Schülerinnen den Weg zu deren Zielen geebnet hatten. D ie m eisten Schw estern hatten zu B eginn des 20. Jahrhunderts die Lehrbefähi­ gung für höhere M ädchenschulen erw orben und legten einige Jah re später die O berlehrerinnenprüfung ab. D ie um einige Jah re Jüngeren gelangten über den so­ genannten „vierten W eg“ zum U niversitätsstud ium 19. Das geschah zw eifellos im 19 Der sogenannte „vierte Weg“ öffnete Lehrerinnen den Zugang zu einem U niversitäts­ studium. Vgl. die „ Abänderungen der bisherigen Vorschriften für die O berlehrerinnenprü-

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Interesse der Schule in H aselünne, die im H in b lick auf ihre w eitere E ntw icklung über eine ausreichende Zahl akadem isch gebildeter Lehrerinnen verfügen mußte. A ber die Schw estern m einten nicht allein dem höheren A uftrag zu folgen, sie w aren dankbar, die Chance zu einem Studium zu erhalten. D er B ildun gsw ille ver­ band sie m it ihren späteren Schülerinnen. A uch in der Intensität ihres beruflichen W irkens standen sie den Jüngeren nicht nach. A n M ater Theresia Brem e (Jg. 1873) läßt sich die V ielfalt der A ktivitäten studieren. Sie w ar Lehrerin, O rdensschwester, Schriftstellerin und als L eiterin von Schule und K loster in schw ierigen Zeiten einer U nternehm erin vergleichbar. M it Souveränität und G eschick verhandelte sie m it Stadt, Staat und kirchlichen Behörden, bis im Jahre 1941 auch ihre Kunst am Ende w ar: Ihre Schule w urd e aufgelöst und in eine N A P O L A um gew andelt; die Schw estern w urden aus ihrem K loster vertrieben. V ergleicht man die beiden G enerationen nach den K riterien B ildungsabschlüsse und B erufstätigkeit scheinen die U nterschiede nicht so deutlich und hart zu sein, w ie der B lick auf den Krieg als bestim m endes Ereignis und Erlebnis zunächst sug­ gerierte. M anche L eistungen der Jüngeren w aren von den A lteren vorgeprägt und vorbereitet. D ie „Jahrhundertgeneration“, die solche A spirationen als ihre eige­ nen erkannte, nahm als V erpflichtung auf, w as ih r als unvollendet, als vergebens erhofft überkom m en war. N icht zuletzt aufgrund ihrer jüngsten geschichtlichen Erfahrungen suchten sie die G esetzgebung der B undesrepublik D eutschland im Sinne einer tatsächlichen G leichstellung der Frau zu beeinflussen. In diesem Sinne haben sich die Juristin nen um H ildegard G ethm ann in den restaurativen 50er Ja h ­ ren engagiert. So betrachtet hat jede G eneration auf ihre W eise und nach ihrem Verm ögen zur geschichtlichen E ntw icklung beigetragen. Das zeigte die bisherige U ntersuchung, die an bestim m ten M erkm alen G enera­ tionsbildung zu erkennen suchte: am B ildungsw illen, der sich in Schullaufbahn und Studium äußerte, und am öffentlichen W irken im Beruf. W ährend in beiden G enerationen, bei Lehrerinnen und Schülerinnen, ein starkes B ildungsinteresse vorhanden war, konnten erst die Jüngeren ihre Ziele erreichen. Es w aren die Schulreform en zu B eginn des 20. Jahrhunderts, die die V oraussetzungen schufen, daß sie die A b iturprüfun g ablegen, studieren und einen akadem ischen Beruf ausüben konnten. U ntersucht man die gew ählten Lebensform en der älteren und jüngeren Jahrgänge, so zeigt sich freilich, daß ältere N orm en w eiblichen Lebens w eiterhin bestim m end geblieben sind und die E instellungen der ledigen und ver­ heirateten Frauen prägten. Es fragt sich freilich, ob die H aselünnerinnen diesem U rteil zugestim m t hätten. Eine von ihnen, Josefa Fischer-E rling, hat sich im Jah re 1928 in einer Zeitschrift des Q uickborn m it „einem Problem unserer Z eit“ auseinandergesetzt und dabei den G enerationenbegriff als unterscheidendes K riterium eingeführt20. D ie A uto-

fung“ (1909), abgedruckt in: Emmy Beckmann (Hrsg.), Die Entwicklung der höheren M äd­ chenbildung in Deutschland von 18 7 0 -1 9 14 , dargestellt in D okum enten (Berlin 1936) 177. 20 Josefa Fischer-Erling, Zu einem Problem unserer Zeit, in: H elene Helming (Hrsg.), D er neue Ring. Zeitschrift fü r Mädchen und junge Frauen (M .-Gladbach 1928) 1 1 3 -1 1 6 .

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rin, Jg. 1900, lange Jahre im Q uickborn aktiv und in L eitungsfunktionen tätig, J u ­ ristin, später M utter von vier K indern, w ollte in ihrem A ufsatz m it ihren L eserin­ nen eine neue E instellung zur M oral finden, die „in einer Zeit der V erw orrenheit“, in der viele Begriffe einen „ungeheuren U m stu rz“ erfahren haben, keine O rien tie­ rung mehr gäbe. In ihrer Z eitanalyse traf sie klare U nterscheidungen zw ischen den Erfahrungen und A nschauungen zw eier G enerationen, der älteren und der gegenw ärtigen: „W ir sind M enschen unserer Zeit, aber nicht einer früheren G ene­ ratio n .“ Für ihre G eneration gelte: „W ir sind nicht mehr eingelullt in das w arm e Bett gegebener Sitten und A nschauungen, w o w ir behaglich schlum m ernd, doch gut und sicher durchs Leben kam en.“ Was sie geprägt habe, sei, „dass w ir unseren K örper neu entdecken m ussten, der in der vorigen G eneration gedarbt und ge­ hungert hatte“. In der Ü berw indung einer jahrhundertelangen Leibfeindlichkeit sieht sie den entscheidenden W andel, der sich in ihrer G eneration - nicht zuletzt durch die Jugendbew egung - vollzogen habe. Der G ehem m theit und U nterdrükkung, den entleerten bürgerlichen Konventionen der älteren G eneration setzt die jüngere die B efreiung des Körpers und die V ersöhnung m it der N atur entgegen. So glücklich und dankbar Josefa Fischer-E rling diese E ntw icklung konstatiert, so beunruhigt ist sie von anderen Erscheinungen. Dem offensichtlichen Verlust m o­ ralischer M aßstäbe m öchte sie m it einer neuen B egründung der M oral begegnen. Platte die A utorin m it der E ntdeckung des Körpers ein M erkm al zur U n ter­ scheidung der beiden G enerationen gefunden, verdunkelte sich der Begriff doch in dem A ugenblick, w o sie ihn zu r Beschreibung der gegenw ärtigen Jugen d be­ nutzen w ollte: D iese zeichne sich durch eine Fülle ganz unterschiedlicher E instel­ lungen aus zw ischen konventioneller M oral und sexueller L ibertinage, so daß sich offenkundig keine befriedigende Einheit m ehr herstellen ließ - eine Erkenntnis, die die Beobachterin besorgt registrierte. Sie em pfand den Z w iespalt derjenigen, „die .. . zw ischen beiden Lebensform en“ stehen. Sie, die in der freieren Lebens­ praxis der Jugendbew egung die entscheidende Prägung ihres Lebens erfahren und sich durch sie von der G eneration ihrer Eltern unterschied, hatte doch nichts gem ein m it denjenigen unter den Jungen, die keine B egrenzung ihrer F reiheit hin­ zunehm en bereit waren. So bleibt die Verw endung des G enerationenbegriffs am bivalent. Tiefreichende Veränderungen des B ew ußtseins vollziehen sich eher langsam über die Jahrzehnte hinw eg und prägen M entalitäten in langfristigen Prozessen, die über die G enera­ tionenfolge hinausw eisen. Das zeigt die U ntersuchung der H aselünnerinnen: Bei allen V eränderungen in ihren D eutungen, E instellungen und Zielen gibt es grun d­ legende Ü berzeugungen, die sich im zeitlichen W andel durchhalten. Eine Verw en­ dung des G enerationenm odells in der geschichtsw issenschaftlichen Forschung, das neben den A ltersjahrgängen auch die jew eilige Lebenspraxis berücksichtigt, scheint m ir sinnvoll, wenn die zugrundeliegenden langfristigen m entalen W and­ lungen nicht außer A cht gelassen w erden.

Personenregister K ursiv gesetzte Seitenzahlen beziehen sich auf Nennungen im Anm erkungsapparat. Aus den dortigen Literaturnachweisen wurden allerdings nur solche Personennennungen berücksichtigt, die für die Abhandlungen von inhaltlicher R elevanz sind (z. B. Primärquellen o. Skizzierung d. Forschungsstandes/-entwicklung u.a.).

Abels, K urt X I I Adenauer, K onrad 5, 107, 108, 110, 120, 152, 177, 180, 181, 182, 184 A d orn o, T heodor W. 17, 2 5 ,1 6 5 Ahbe, Thomas 203 A ichhorn, August 289 A li, Tariq 110 A llerbeck, Klaus 166 Alverdes, Paul 139 Am endt, G ünter 232 A pel, Erich 207 A rendt, Hannah X I V Assm ann, Aleida u. Jan 141 Augstein, R u dolf 107 A ust, Stefan 241 Bachmann, Ingeborg 153 Badstiibner, Evamaria 191 Bahrdt, Hans Paul 237 Bahro, R udolf 6 Baier, H orst 1 1 0 Baltes, S. Peter B. 171 Banach, Jens 100 Bannas, G ünther 165 Bar-O n, Dan 24 Baumann, Michael 1 1 0 Bauß, Gerhard 1 1 0 Baxa, Jakob 143 Bebel, August 127 Beck, U lrich 186 Becker, R olf 166 Bell, Catherine 62 Benda, Ernst 231 Benn, G ottfried 134 Benneter, K laus-U w e 1 1 0 Benoist, Alain de 6 Bergmann, U w e 11 0 Best, W erner 104 Beumelburg, W erner 139

Biermann, W o lf 1 9 7 ,2 0 6 ,2 0 9 Bilstein, Johannes 38 Blisse, Cam illa 150, 151, 153, 155, 157 Bloch, Ernst 237 Blücher, Viggo G ra f 160, 161, 162, 163, 164, 171, ~178, 183, 184, 186, 230 Böhme, Hans-Joachim 201 Boehm, Max H ildebert 116 Böwe, K urt 201 Bohnsack, Ralf 37, 48 Bolterauer, H edwig 289 Bourdieu, Pierre 40 Brand, Volker 60 Brandt, Peter 234 Brandt, W illy 107, 181, 182, 186 Breitsamer, Joachim 37, 170 Breme, Theresia 285, 286, 292 Brinkmann, R o lf Dieter 157 Broszat, M artin 145 Bruch, Rüdiger vom 165 Bruder, A lm uth u. Klaus-Jürgen 207 Brückner, Peter 11 0 Brum lik, Micha 2 9 ,1 6 7 B ruyn, G ünter de 202 Buchhofer, Bernd 3 7 ,1 7 1 Buddrus, Michael X II Bude, H einz 1 , 38, 47, 48, 49, 65, 66, 68, 1 6 0 ,1 6 6 ,1 7 8 ,1 8 3 , 1 8 9 ,2 0 7 ,2 0 8 ,20 9,23 0, 231 Bühler, K arl 289 B uford, Bill 62 Burckhardt, Jacob 141 Carow, H einer 201 Caruth, C athy 63 Cassirer, Ernst 68 Castro, Fidel 181 Chemnitzer, Johannes 201 Cocker, Joe 211

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P e rso n en register

C ohn-B endit, Daniel 110 Com te, Auguste 66, 128 C onze, W erner 101 C orsten, Michael X I Dähnhardt, H einz 119 D ahrendorf, Ralf 107, 108 Daniel, U te X I, 266, 279 Da wes, Charles G. 126 Dean, James 147 Defoe, Daniel 180 Demartini, J. R. 36 Diederichs, Eugen 230 Diem, C arl 135 Dietrich, Hermann 121 Dilthey, W ilhelm XI, 34, 35, 44, 162, 168, 169, 171, 172, 176, 177 Dingräve, Leopold 98, 143 D örr, Margarete 20 D oerry, M artin 145, 165 D ohm s, Peter 135 D olezahl, Gabriele 249 Dow'e, D ieter XIV, 166 D raw ert, K urt 209 D roysen, Johann Gustav 12 Dutschke, Rudi HO, 1 1 2 ,1 8 2 , 184 Dwinger, Edwin Erich 139 D ylan, Bob 211 Ecarius, Jutta 167 Ehmer, Josef 183 Ehrenberg, Paul 137 Eick, Jürgen 173 Eick, W ilfried 236 Eisenberg, Christiane 133 Eisenstadt, Shmuel N. 60, 166 Elias, N orbert VIII, 38, 147 Emmerich, Wolfgang 193 Ende, Michael 173 Engels, Friedrich 238 Engler, Wolfgang 1 9 3 ,1 9 1, 194, 195, 203, 208 Enzensberger, Elans Magnus 6, 107, 173 Erhard, Ludwig 182 Erikson, Erik H. 8, 9 Erling, bzw. Fischer-Erling, Josefa 292, 293 Eschenburg, T heodor 121 Fallada, Elans 259 Falter, Jürgen W. 166 Fanon, Frantz 63 Feickert, Andreas 138

Feist, G ünter 193, 201 Felber, Florst 201 Fend, H elm ut 161, 218 Fest, Joachim 107 Feuer, Lewis S. 172 Fichte, Johann G ottlieb 136 Fiedler, G udrun 165 Fietze, Beate 166, 207 F inch,Janet 59 Fischer, Fritz 108 Fischer, K arl 136 Flitner, Andreas 159 Flitner, W ilhelm 175 Fogt, H elm ut 96, 170, 176, 230, 231 Freud, Sigmund 8, 17, 18, 23, 289 Freyer, Hans 142 Fried, Johannes 22 Friedeburg, Ludwig von 36, 182 Friedrich, W alter 37, 2 0 i, 210 Friedrichs,Jürgen 3 7 ,1 6 3 ,1 7 1 , 1 8 3 ,1 8 5 ,1 8 6 Frohn, W erner 201 Galenza, Roland 191 G allw itz, Max von 141 Gaulle, Charles, de 4 ,1 8 1 Gaus, G ünter 106, 112, 165, 192 Geiger, T heodor 3 5 ,1 1 6 Gerhardt, Ezra 235, 248 G ethm ann, Hildegard 287, 288, 290, 292 Geulen, D ieter 192 Giesen, Bernd 176 Gillis, John R. 50,2 0 7 Glaeser, Ernst 98, 175 Glatzel, Frank 1 1 8 ,1 2 2 Goebbels, Josef 119, 123, 124, 132, 140 Göschei, A lbrecht 192, 194, 207 Goethe, Johann W olfgang von 68, 159 Goldbach, Joachim 201 Gorbatschow , Michail 2 1 0 Gothein, Eberhard 142 Gramsci, A n ton io 6 Grass, G ünther 107 Gress, W olfgang 201 Großm ann, W erner 201 Gründel, Ernst G ünther 97, 98, 124, 284, 286 G rüttner, Michael X V G uardini, Rom ano 286 Günther, A lbrecht Erich 142 Guevara, Ernesto Che 237 Flaase, H orst 201 Flabennas, Jürgen 1 0 7 ,16 5 , 173, 186, 231

P e rso n en register Hahn, A lo is 62 Hailey, Bill 147 Halbwachs, M aurice 8 Hall, Stuart 65 Harig, Ludwig 133 H arnisch, Kerstin 219 Hassauer, Friederike 173 Flaubach, Theodor 1 1 9 ,1 4 0 Haug, H ans-Jürgen 232 Flavemeister, H einz 19 1 Hebdige, Dick 65, 67 Heidegger, M artin 35, 246 Heider, U lrike 232 Heller, Vitus 120 Henkes, Klaus 201 Plentig, H artm ut von 237 H erbert, U lrich XV, 9 7 ,1 0 0 ,1 7 7 Herder, Johann G ottfried 128 H erkom m er, Sebastian 236 H errm ann, U lrich X , XIV, 37, 230 Heuss, T heodor 1 8 0 ,1 8 4 H eyden, Barbara von der 288 Hielscher, Friedrich 135, 137, 138, 139 Hindenburg, Paul von 141 Hitler, A d o lf 65, 202, 256, 257, 270, 276 H örisch, Jochen 38, 50, 51, 54, 55 Hofer, W alther 184 H offm ann, Hans-Joachim 201 H ofm ann, Michael 203 H ohls, Rüdiger 23 H olthusen, Hans Egon 155 Honecker, Erich 1 8 8 ,1 9 2 , 197, 206, 219, 228 H oppe, Helene 290 H orkheim er, Max 35 H ornstein, W alter 171 H radil, Stefan 48 H übner-Funk, Sibylle 230 Hugenberg, A lfred 1 2 1 ,1 2 2 Huinink, Johannes 220 H ummitzsch, M anfred 201 Huxley, A ldous 8 lilies, Florian 51, 52, 53, 6 8 , 187, 218 Inglehard, Ronald 116 Jaeger, Hans 95, 130, 172, 230 Jahn, Friedrich Ludwig 141 Jaide, W alter 6 6 ,6 7 , 1 6 6 ,1 7 8 ,1 7 9 ,1 8 4 , 185, 218 Jakobs, Karl-FIeinz 201 Jarausch, K onrad FI. 23 Jaspers, K arl 108

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Jennings, Jerem y 63 Jennings, Kent 166 Jünger, Ernst 64, 133, 139, 140, 142 Jung, C arl Gustav 8 Jung, Edgar 124 Junker, W olfgang 201 Kaas, Ludwig 120 Kaderas, Brigitte 165 Käsler, D irk 35, 36 Kästner, Erich 180 Kahl, Reinhard 236, 242, 246 Kaiser, Joachim 102 Kapp, Wolfgang 257 Kater, Michael H. 166 K atz, Jack 62 Kaufmann, Richard 161 Keilson, Hans 22 Kem pow ski, W alter 173 Kennedy, John F. 1 0 7 ,1 8 2 Kertzer, Davi