Schriften des Historischen Kollegs - Historisches Kolleg

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Schriften des Historischen Kollegs Kolloquien 52 Deutschland und Italien 1860-1960 Politische und kulturelle Aspekte im Vergleich R. O ldenbourg Ver...

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Kolloquien 52 Deutschland und Italien 1860-1960 Politische und kulturelle Aspekte im Vergleich

R. O ldenbourg Verlag München 2005

Deutschland und Italien 1860-1960 Politische und kulturelle Aspekte im Vergleich

Herausgegeben von Christof Dipper unter M itarbeit von Elisabeth M üller-Luckner

R. O ldenbourg Verlag M ünchen 2005

Schriften des H istorischen Kollegs herausgegeben von Lothar Gail in Verbindung mit Htienne Francois, Johannes Fried, Klaus Hildebrand, Manfred I lildenneier, Claudia Märtl, Jochen Martin, Heinrich Nöth, Luise Schorn-Schütte, Ulrich Wilhelm und Dietmar Willoweit Geschäftsführung: Georg Kalmer Redaktion: Elisabeth Müller-Luckner Das Historische Kolleg fördert im Bereich der historisch orientierten Wissenschaften Ge­ lehrte, die sich durch herausragende Leistungen in Forschung und [.ehre ausgewiesen haben. Ls vergibt zu diesem Zweck jährlich bis 7,11 drei Forschungsstipendien und ein Förderstipen­ dium sowie alle drei Jahre den „Preis des Historischen Kollegs“ . Die Forschungsstipendien, deren Verleihung zugleich eine Auszeichnung für die bisherigen Leistungen darsteilt, sollen den berufenen Wissenschaftlern während eines Kollegjahres die Möglichkeit bieten, frei von anderen Verpflichtungen eine größere Arbeit abzuschließen. Professor Dr. Christof Dipper (Dannstadt) war - zusammen mit Professor Dr. Thomas A. Bradv (Berkeley, Cal.), Professor Dr. Harold James (Princeton, N.J.) und Dr. Felicitas Schmieder (Frankfurt a.M.) - Stipendiat des Historischen Kollegs im Kollegjahr 1998/1999. Den Obliegenheiten der Stipendiaten gemäß hat Christo! Dipper aus seinem Arbeitsbereich ein Kolloquium zum Thema „Deutschland und Italien, 18 6 0 - 1960. Politische und kulturelle Strukturprobleme im Vergleich“ vom 22. bis 24. Juni 1999 im Historischen Kolleg gehalten. Die Ergebnisse des Kolloquiums werden in diesem Band veröffentlicht. Das Historische Kolleg, früher vom Stiftungsfonds Deutsche Bank zur Förderung der Wis­ senschaft in Forschung und Lehre und vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft ge­ tragen, wird seit dem Kollegjahr 2000/2001 in seiner Grundausstattung vom Freistaat Bayern finanziert; seine Stipendien werden aus Mitteln des DaimlerChrysler Fonds, der Fritz T h y s ­ sen Stiftung, des Stifterverbandes und eines ihm verbundenen Förderumernehmens dotiert. Träger des Kollegs ist nunmehr die „Stiftung zur Förderung der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und des Historischen Kollegs“ .

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliograhe; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar

© 2005 Oldenbourg Wissenschaftsverlag Gm bH, München Rosenheimer Straße 145, D-S1671 München Internet: http://www.olderibourg-veiiag.de Das Werk einschließlich aller Abbildungen ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages u n zu­ lässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, M ikrover­ filmungen und die Einspeicherung und Bearbeitung in elektronischen Systemen. Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbcständigem Papier (chlorfrei gebleicht) Gesamtherstellung: R. Oldenbourg Graphische Betriebe Druckerei Gm bH, München ISBN 3-486-20015-1

Inhalt Christof Dipper V o rb em erk u n g ......................................................................................................................

VII

Verzeichnis der Tagu ngsteilneh m er............................................................................

IX

Christof Dipper Ferne Nachbarn. Aspekte der Moderne in Deutschland und I ta lie n ..........

1

1. Das Land Marco M eriggi Regionalismus: Relikt der Vormoderne oder Vorbote der Postmoderne? .................................................................................................................

29

G ustavo Corni Der U m gang mit Landschaft und U m welt ......................................................

39

2. Der Staat Pierangelo Schiera Gemeinwohl in Italien und Deutschland von der konstitutionellen Ara bis zum Totalitarismus. Schlagwort, politische Praxis oder L e h r e ? ....................................................................................

69

Franz J. B a u e r Wie .bürgerlich“ war der Nationalstaat in Deutschland und Italien? . .

107

Fab io Rugge Die Gemeinde zwischen Bürger und S t a a t .........................................................

121

Lutz Kl ink h a m m e r Staatliche Repression als politisches Instrument, Deutschland und Italien zwischen Monarchie, Diktatur und R e p u b l i k ...................................

133

Wo l f g a n g Sch i e d e r Die Geburt des Faschismus aus der Krise der M o d e r n e ..............................

159

Rolf Wörsdörfer Die Grenze, der Osten, die M inderheiten und die Modernisierung Nationalstaat und ethnische Gruppen in Deutschland und in Italien . .

181

VI

Inhalt

3. Die Kultur B m n ello Mantelli Rassismus als wissenschaftliche Welterklärung. U ber die tiefen kulturellen Wurzeln von Rassismus und Antisemitismus in Italien und anderswo ...........................................................................................................................

207

Hans-Ulrich Tbamer Der öffentliche U m gang mit der Vergangenheit im deutschen und italienischen N a tio n a ls t a a t.........................................................................................

227

Lut z R a p h a e l Von der liberalen Kulturnation zur nationalistischen K ultur­ gemeinschaft: Deutsche und italienische Erfahrungen mit der N ationalkultur zwischen 1800 und 1960 ...........................................................

243

P erso n en eg ister............................................................................................................... Geographisches Register ........................................................................................... S a c h r e g is te r ......................................................................................................................

277 281 282

Vorbemerkung Der vorliegende Band enthält die Referate eines Kolloquiums des Historischen Kollegs, das vom 21. bis 24. Jun i 1999 in der Münchener Kaulbach-Villa stattfand. Da es sein komparatistisches Anliegen ernst nahm, hatten alle Referenten die Pflicht, den deutsch-italienischen Vergleich in ihrem Beitrag selbst vorzunehmen anstatt dies der Diskussion oder später der Einleitung des Sammelbandes zu über­ lassen. Die dabei vorausgesetzte Zweisprachigkeit der Teilnehmer erwies sich nicht als Hindernis, denn es gab hinreichend Kollegen, die dieses Erfordernis er­ füllten. Alle Beiträge wurden - auch unter Einbeziehung der Diskussion - lür den Druck überarbeitet, die der italienischen Kollegen anschließend ins Deutsche übersetzt. Das brauchte gewiß seine Zeit, und doch trägt der Herausgeber die Ver­ antwortung für die ungebührlich lange Frist, bis dieses Buch endlich erscheinen konnte. Die D urchführung der Tagung lag w ie immer in den bewährten Händen von Frau Dr. Elisabeth Müller-Luckner, die mich auch bei der Herausgabe dieses Ban­ des in jeder Hinsicht unterstützte. Ihr gilt darum an erster Stelle mein herzlicher Dank. Zu danken habe ich ferner Frau Dr. Friederike Hausmann, die als unge­ wöhnlich engagierte und kundige Übersetzerin zum Gelingen des Werkes beige­ tragen hat. Übersetzungen kosten bekanntlich Geld. Die Vereinigung von F reun­ den der Technischen Universität zu Darmstadt e.V. hat in hochherziger Weise dafür gesorgt, daß daraus kein Problem geworden ist. Es ist an dieser Stelle schließlich die Gelegenheit, dem Historischen Kolleg sel­ ber, und das heißt natürlich in erster Linie den Mitgliedern des Kuratoriums, be­ sonderen Dank zu sagen. Ich verrate ihnen kein Geheimnis, wenn ich versichere, daß ich dieses Forschungsjahr in München zu den angenehmsten Erfahrungen meines Berufslebens zähle, denn das hören sie natürlich von jedem, der sich in meiner Lage befindet. Ein besonders glücklicher Umstand war es jedoch, daß, ab­ gesehen von Frau Dr. Felicitas Schmiedet', der Förderstipendiatin dieses Jah r­ gangs, nur ausländische Kollegen mit mir die Kaulbach-Villa teilten: die Professo­ ren Tom Brady, H arold James und, dank besonderer Großzügigkeit des Hauses, auch noch mein Freund Paolo Prodi. Er teilte sich mit Prof. Dr. Karl O tm ar Freiher r von Aretin und dem inzwischen leider verstorbenen Prof. Dr. Reinhard Elze die Leitung des Kolloquiums, wofür ich mich auch an dieser Stelle nochmals be­ danken möchte. Darmstadt, im M ärz 2003

C hristof Dipper

Postscnptum Zwei läge vor Weihnachten 2004 verlangte Ulrich Wengenroth, der auf der Tagung über N a tion a le T e ch n ik k u ltu r en referiert hatte, unter Androhung von Rechtsmitteln, daß sein be­ reits ausgedruckter Aufsatz über das gleichnamige Thema aus dem Kolloqiumsband heraus­

V III

V o rb e m e r k u n g

genommen werde. Historisches Kolleg und Herausgeber entsprachen diesem Ansinnen. Herr Wengenroth hatte mir seinerzeit das Vortragsmanuskript überlassen und wie alle Referenten der Tagung mit dem 'Historischen Kolleg einen Autorenvertrag abgeschlossen. Aus seinen negativen Äußerungen über das Kolloquium ist zu schließen, daß er seinen A u f­ satz nicht mit Beiträgen veröffentlicht wissen wollte, die nicht semen wissenschaftlichen An­ sprüchen genügen. Wengenroth konnte an der Tagung selbst allerdings nur die letzten drei Stunden teilnehmen. Er kennt also weder die seinerzeitigen Vorträge noch die für den Druck ausgearbeiteten Manuskripte. Eine sachlich derart unbegründete Urteilsbildung w id er­ spricht allen anerkannten Regeln, sein Verhalten jedem Anstand.

Verzeichnis der Tagungsteilnehmer Prot. Dr. Karl O tm ar von Arctin, München Prof. Dr. Thomas A. Brady, Berkeley, Cal. (Stipendiat des Historischen Kollegs 1998/99) Prof. Dr. Franz Bauer, Regensburg Dr. Gabriele Clemens, Gutweiler Prof. Dr. Gustavo Corni, Trient Prof. Dr. Christof Dipper, Darmstadt (Stipendiat des Historischen Kollegs 1998/99) Prof. Dr. Reinhard Elze, M ünchen ( j ) Dr. Thomas Götz, Regensburg Dr. Hans Heiss, Bozen Dr. Lutz Klinkhammer, Rom Dr. Giovanni Luearelli, Bologna Prof. Dr. Brunello Mantelli, Turin Prof. Dr. Marco Meriggi, Neapel Dr. Jens Petersen, Rom Prof. Dr. Paolo Prodi, Bologna Prof. Dr. Lutz Raphael, Trier Dr. M aurizio Ricciardi, Vicenza Prof. Dr. Fabio Rugge, Pavia Prof. Dr. Wolfgang Schicdcr, Köln Prof. Dr. Pierangelo Schiera, Trient Dr. Ute Schneider, Darmstadt Prof. Dr. H ans-U lrich Thamer, Münster Prof. Dr. Ulrich Wengenroth, München Dr. Rolf Wörsdörfer, Darmstadt

Christof Dipper Ferne Nachbarn A spekte der M o d ern e in D eutschland und Italien

I. Deutschland und Italien gelten gemeinhin als diejenigen unter allen Völkern Europas, die die meisten Parallelen in ihrer Geschichte aulweisen. Aberhunderte Schriften erzählen wieder und wieder, w ie beide V ölker seit dem Mittelalter ihren Weg weithin gemeinsam gegangen sind: erst vereint unter der altehrwürdigen Kai­ serherrlichkeit, dann zum Nachteil beider in zahlreiche Einzelstaaten zerfallen und zur Beute der Nachbarn, der Franzosen (um genau zu sein) geworden, ent­ sprechend verspätet deshalb zu nationaler Einheit findend und schließlich z w ei­ mal zur alten Waffenbrüderschaft zurückkehrend, die freilich ebenfalls zweim al durch Verrat (von italienischer Seite wohlgem erkt) beendet wurde. Weniger glanzvoll also die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, aber immer noch parallel, bis hin zur gemeinsamen Erfahrung faschistischer Diktatur, aus deren Klauen w ie ­ derum beide Nationen von auswärtigen Mächten befreit wurden. Die zweite Nachkriegszeit hat das Empfinden gemeinsamer Geschichte im Zeichen am erika­ nischer Vormacht und jahrzehntelanger christdemokratischer Regierungsverant­ wortung noch einmal kräftig befestigt. „Die Epoche des Nachkriegs in Deutsch­ land und Italien stellt ein weiteres Beispiel für die Ä hnlichkeit oder Gleichheit im Verlauf der nationalen Geschichte beider Nationen dar“, versicherte 1973 mit Theodor Schieder ein H isto rik er1, der dem historischen Vergleich keineswegs un ­ kritisch gegenüber stand2. Wenn man einmal versucht, dieser Geschichtserzählung auf den Grund zu ge­ hen, so stößt man auf zwei Erkenntnisse: Erstens ist sie (erst) im 19. Jahrhundert entstanden, und zweitens findet sie sich vor allem nördlich der Alpen. Ersteres ist nicht weiter verwunderlich, denn die meisten unserer Geschichtsbilder entstam] T h e o d o r S ch i e d e r , Vorwort, in: Von der Diktatur zur Demokratie. Deutschland und Italien m der Epoche nach 1943. Referate der 9. deutsch-italienischen Historikertagung, Salerno, 15.-17, Juni 1971 (Braunschweig 1973) 5. ~ D e n ., Möglichkeiten und Grenzen vergleichender Methoden in der Geschichtswissen­ schaft (1965), jetzt in: ders., Geschichte als Wissenschaft. Eine Einführung (München 21968) 195-219.

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C h r is to f D ip per

men jener Zeit, als man die großen nationalen Synthesen zu schreiben begann natürlich alles andere als frei von zeitgenössischen politischen Nebenerwägungen, wie vielleicht am besten der Streit zwischen Sybel und Ficker um die Italienpohtik der deutschen Kaiser zeigt. Das ist also bekannt. Letzteres wird von Deutschen dagegen meist übersehen, und das ist natürlich auch nicht weiter überraschend, denn das Bild deutsch-italienischer Parallelgeschichte enthält insgeheim einen deutlichen Schuß Suprematieanspruch, es weist den Italienern die Rolle der Ge­ führten, Schwächeren zu, auch wenn sie Verbündete sind3. „Großm ütig“ eilte Karl der Große Leo III. zu Hilfe, der ihm „zum D an k“ die Kaiserkrone aulsetzte. Alfred Rethels Kolossalgemälde von 18524, das diesen M oment festhielt, war frü­ her bei uns in jedem Schulgeschichtsbuch zu finden. Am Weihnachtstag des Jahres 800 begann die deutsch-italienische Parallelgeschichte gleich mit einer guten Tat. Der D ank hielt sich in der Folgezeit allerdings in Grenzen, selbst auf seiten der Päpste, ja gerade sie wurden zu den Anführern des Kampfes gegen die Deutschen. Canossa mag als Stichwort genügen-1’, später der Lombardische Bund gegen Bar­ barossa. Arnos Cassiolis Gemälde der 1176 stattgefundenen Schlacht von Legnano aus dem Jahre 1870 findet man in deutschen Geschichtsbüchern selten, Verdis gleichnamige, schon 1849 im revolutionären Rom uraufgeführte Oper wird hier­ zulande nicht gespielt. Gabriele De Rosas B egrüßungsworte zur eingangs ange­ sprochenen deutsch-italienischen H istorikertagung enthalten nicht den minde­ sten Hinweis auf eine Parallelgeschichte, obwohl die Umstände das nahelegten. Aber offenbar gab es damals auf italienischer Seite dieses Bild von den Parallelen nicht oder man wollte es verschweigen. O der hat es etwa ein solches me gegeben? W ir wissen es nicht. Die Historie dieses Geschichtsbildes ist noch nicht geschrie­ ben. Der vorliegende Sammelband will zu diesem Thema nichts beitragen, er stellt sich ganz bewußt nicht in die Tradition deutsch-italienischer Parallelgeschichten, liefern sie doch immer schon ein Interpretament, das es erst noch zu überprüfen gälte. Etwas anders ist der historische Vergleich. Er ist ein Verfahren zur U rteils­ bildung, vielen anderen dadurch von vornherein überlegen, daß es die Kriterien der Fragestellung offenzulegen zwingt und zwangsläufig einen Maßstab liefert, der der Zeit, um die es geht, entnommen ist. Ob man Cavour mit Bismarck ver­ gleicht6, Hitler mit M ussolini7, die R evolution von 1848 nördlich und südlich der Anders fällt bekanntlich das Bild deutsch-italienischer Kulturkontakte aus, wo die Deut­ schen seit jeher eher die Nehmenden sind. Das ist aber hier nicht das Thema. 1 Es handelt sich in Wahrheit um das von seinem Schüler Josef Kehren im Aachener Rathaus gemalte Fresko, für das Rethel bereits 1840 den Entwurf gezeichnet und damit den Wettbe­ werb gewonnen hatte. 5 Zur außerordentlichen Rolle dieses Ereignisses in der kollektiven Erinnerung der Deut­ schen zuletzt O t t o G e r h a r d O e x l e , Canossa, in: E t ien n e F rangois, H a g e n S c h u lz e (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. I (München 2001) 56-67. 6 S i e g f r i e d A. K a e h l c r , Cavour, Louis Napoleon und Bismarck im Spiegel des Jahres 1848, in: d e n . , Vorurteile und Tatsachen. Drei geschichtliche Vorträge (Hameln 1949) 36-58. 1 Ein konzeptionell mißlungenes Beispiel ist W alter R a u s ch e r, Hitler und Mussolini. Macht, Krieg und Terror (Graz, Wien, Köln 2001).

A sp ek te der M o d ern e in D eu tschlan d und Italien

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Alpen8 oder den „Imperialismus im unfertigen Nationalstaat“9 - stets ist man ge­ zwungen, sein Vorhaben zu begründen, seine Erkenntnisabsichten zu benennen, und stets vermag man dank der Unterschiede das Spezifische des Falles zu erken­ nen und dadurch die Defizite unseres Geschichtsbildes noch am ehesten zu behe­ ben. Das erwartet man natürlich auch von anderen historiographischen Verfahren, doch zeigt ein Blick in die Literatur, daß vergleichende Arbeiten in aller Regel methodisch reflektierter vergehen als andere. Eine Untersuchung von Bismarcks Entlassung im Jahre 1890 etwa legitimiert sich - scheinbar - schon im H inblick auf die unstreitige historische Bedeutung des zu untersuchenden Sachverhalts für die nachfolgende deutsche Geschichte, ein Vergleich der deutschen und italieni­ schen Hauptstadtfrage müßte überhaupt erst einmal plausibel machen, daß es d a ­ bei um mehr geht als um den Sitz der Regierung, daß in ihm sich Wesentliches für die Geschichte beider Länder wiederfindet. Dazu unten mehr. Es ist hier nicht der Ort, Grundsätzliches zum historischen Vergleich zu sagen. Dazu ist in den vergangenen Jahren viel geschrieben w o rd en 10. Die Komparatisten, so scheint es, haben sich M ut gemacht. Aber hat es viel genützt? H artm ut Kaelble hat die komparatistischen sozialgeschichtlichen Titel in Europa und den Vereinigten Staaten gezählt, die zwischen 1970 und 1995 erschienen sind, und mit einigem guten Willen kann man seinen Befund als beginnenden A ufschwung in­ terpretieren11. In Deutschland sei „der eigentliche Start“ in den 1980er Jahren zu verzeichnen, schreibt er an anderer Stelle12. Aber wenn es noch eines Beweises für die Aschenputtelrolle der vergleichenden Forschung in der deutschen Geschichts­ wissenschaft bedarf, so sehe man sich die Indexgliederung für das Jahrbuch der Historischen Forschung an; sie kennt geographisch nur Länder und Territorien und methodologisch nur ganz wenige Kategorien. Ein Buch wie dieses hier ist darin nie und nim mer angemessen unterzubringen; gerade daß Europa eine eigene Kennziffer erhalten hat.

8 C h rist o f D ip per, Revolution und Risorgimento. Italien 1848/49 aus deutscher Perspektive, in: D i e te r l . a n g e i i ' i e s c b e (Hrsg.), Die Revolutionen von 1848 in der europäischen Geschichte. Ergebnisse und Nachwirkungen (HZ-Beiheft 29, München 2000) 73-89. 9 W olfg a n g S c h i e d e r , Imperialismus im unfertigen Nationalstaat. Einige vergleichende Ü ber­ legungen zu Deutschland und Italien, in: W olfr a m P yta , L u d w i g R i c h t e r (Hrsg.), Gestal­ tungskraft des Politischen. Festschrift für Eberhard Kolb (Berlin 1998) 21 1-220. Iu H e i n z - G e r h a r d H a u p t , J ü r g e n K o ck a (Hrsg.), Geschichte und Vergleich. Ansätze und Er­ gebnisse international vergleichender Geschichtsschreibung (Frankfurt a.M., N ew York 1996); im folgenden zit. H a u p t, K o ck a . S te fa n Hrad.il, S t e fa n I m m e r f a l l (Hrsg.), Die west­ europäischen Gesellschaften im Vergleich (Opladen 1997). H a r t m u t K a e l b l e , J ü r g e n S c h r i e w e r (Hrsg.), Gesellschaften im Vergleich. Forschungen aus Sozial- und Geschichtswissen­ schaften (Frankfurt a.M. u.a. 1 1999). H a r t m u t K a e l b l e , Der historische Vergleich. Eine Ein­ führung zum 19. und 20. Jahrhundert (Frankfurt a.M., New York 1999); im folgenden zit. K a e lb le, Vergleich, 11 K a e lb le, Vergleich, Schaubild 1. L)ers., Vergleichende Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts: Forschungen euro­ päischer Historiker, in: H a u p t, K o ck a , 97, im folgenden K a e lb le , Vergleichende Sozialge­ schichte.

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C h r is t o f D ip per

Um so wichtiger sind daher vergleichende Studien. A n anderer Stelle habe ich mich zu den denkbaren Aufgaben eines deutsch-italienischen Vergleichs geäu­ ß ert13. Es waren dort vier Argumente, die hier nur knapp wiederholt werden sol­ len. Erstens seine Funktion als Korrektiv zur Parallelgeschichte, ihren Verkürzun­ gen und Fehlwahrnehmungen. Zweitens als Korrektiv z u r Sonderwegstheorie, die ihre - schwindende - Überzeugungskraft vor allem dem falschen Vergleichsmaß­ stab, den angelsächsischen Gesellschaften, verdankt. Drittens als Ergänzung der W ahrnehmungs- und Beziehungsstudien, die vor allem in den letzten Jahren unser Wissen beträchtlich erweitert haben. Und s c h l i e ß l i c h u n d v o r allem viertens die eigentliche Aufgabe: den Vergleich der von beiden Gesellschaften eingeschlagenen Wege in die Moderne. Deren wesentliche Etappen - die Geburt der Universität, Glaubensspaltung, Aufklärung, Revolution, Nationalstaatsgründung und N atio ­ nalisierung der Massen, Industrialisierung und anschließend T e r t i a r i s i e r u n g u n d schließlich Verwestlichung - sind allesamt Stationen, die auf den ersten Blick hier wie dort nach denselben Mustern abliefen und dieselben Ergebnisse hervorbrach­ ten. N ur die Glaubensspaltung ist die offensichtliche Ausnahme. Aber die italie­ nische A ufklärung erreichte n i e m a l s j e n e n Popularisierungsgrad wie ihr deutsches Gegenstück, in der Rechtspolitik dafür Weltruhm, die Revolution war dagegen bei den Eliten in Italien ungleich populärer als hierzulande, von Napoleon ganz zu schweigen, die Integration der Italiener in ihren Nationalstaat hatte viel größere H i n d e r n i s s e z u überwinden u n d b e n ö t i g t e e n t s p r e c h e n d d e u t l i c h m e h r Zeit, die Industrialisierung Italiens kam fast ganz ohne Bergbau, H ütten und Hochöfen mit ihren spezifischen unternehmerischen Führungsfiguren und sozialen Folgeer­ scheinungen aus, und die Verwestlichung Italiens, wenigstens im eingeschränkten Sinne v o n Am erikanisierung, s c h e i n t n a c h a l l e m , was w ir bis in unsere Gegenwart zu beobachten und zu analysieren vermögen, nicht die Gesellschaft in demselben Maße erfaßt zu haben w ie im Falle Deutschlands. Überhaupt hat man den Ein­ druck, als habe die institutioneile Verfestigung der M oderne im 19. und 20. Jah r­ hundert nördlich und südlich d e r A lpen unterschiedlich Fuß gefaßt. Dies ist er­ klärungsbedürftig.

II. Das kann der vorliegende Band jedoch nicht erschöpfend beantworten. ET stellt sich außerdem noch eine andere, komplementäre Aufgabe, nämlich den konkre­ ten Vergleich von Them en und Problemen. A ut Vollständigkeit oder system ati­ sche Begründung der A uswahl kam es weniger an, was nicht heißen soll, daß Will­

13 C h r i s t o f D ipp er, Italien und Deutschland seit 1800: zwei Gesellschaften auf dem Weg in die Moderne, in: d e rs ., L utz K l i n k h a m m e r , A le x a n d e r N ü t z e n a d e l (Hrsg.), Europäische So­ zialgeschichte. Festschrift für Wolfgang Schieder (Berlin 2000) 485-503. Im folgenden zit. D ipper, K li n k h a m m e r , N ü t z e n a d e l.

A sp e k te der M o d e r n e in D eu tsc h la n d un d Italien

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kür herrschte. Vielmehr stand zunächst eine pragmatische Überlegung im Vorder­ grund: die doppelte Sprach- und Sachkompetenz der Referenten. Das war deshalb wichtig, weil nur so verhindert werden konnte, daß am Ende doch nur wieder (be­ stenfalls) eine Reihe von Parallelgeschichten vorgetragen wurde und dem H eraus­ geber die A ufgabe des Vergleichs überlassen blieb. Diese, man darf getrost sagen, ehrgeizige Vorgabe mutete den Referenten also ein doppeltes Pensum zu: Jeder hatte den Auftrag, seine Fragestellung für beide Nationen abzuhandeln, was na­ turgemäß ein komparatistisches Vorgehen zur Folge hatte. Die Wahl der Them en w ar also beschränkt, aber natürlich nicht beliebig. Sie stand vielmehr in engem Zusammenhang mit dem bereits angesprochenen Weg zweier Gesellschaften in die Moderne, der neben vielen Ähnlichkeiten eben auch charakteristische Unterschiede aufweist. Parallelen also, doch galt es neben diesen selber vor allem die Abstände zueinander zu vermessen. Von vornherein ausgeschlossen w ar der wirtschaftsgeschichtliche Vergleich. Wenn überhaupt ein Them a eine lange Tradition komparatistischer Beiträge auf­ weist, dann ist es dieses, genauer: die Industrialisierung. Das hat mehrere U r ­ sachen. Zunächst machte der Vorgang selber, anders als lange Zeit von den H isto ­ rikern hernach beschrieben, vor politischen Grenzen nicht Halt. Weder die gewerblichen Zentren noch gar die M ärkte respektierten sie14. Das blieb den Zeit­ genossen natürlich nicht verborgen, und so blickten Industrielle, Minister, parla­ mentarische Kommissionen, Sozialreformer und nicht zuletzt Revolutionäre all­ zeit auf die Vorreiter, um die künftige Entwicklung in ihrem eigenen Lande recht­ zeitig zu erkennen; Karl Marx warf den skeptischen Lesern seines ,Kapitals“ die klassische W arnung an den Kopf: „De te fabula narratur“; nur das Zarenreich nahm er später davon aus. Eine Masse beschreibender Quellen sind die Folge. Und schließlich haben die Statistiker seit Jahrzehnten eine solche M enge an D a­ tenmaterial zu diesem Vorgang angehäuft - für das 19. Jahrhundert freilich oft ge­ nug extrapoliert und entsprechend problematisch - , daß vergleichenden Studien inzwischen keine sonderlichen Schwierigkeiten mehr entgegenstehen15. Eine komparative deutsch-italienische Industriegeschichte ist freilich nach wie vor De­ siderat16, und erst recht gilt dies für den noch ungleich schwierigeren Agrarsektor. Die erkenntnisleitende Absicht war sodann auch nicht eine sozialhistorische, wie das noch vor zehn bis fünfzehn Jahren sicherlich der Fall gewesen wäre. Nicht

14 Stellvertretend für die vielen, wenn auch keineswegs unübersehbaren vergleichenden Überblicke sei S i d n e y P o lla rd , Peaceful Conquest. The Industrialization of Europe 1760— 1970 (Oxford 198!) genannt, weil hier erstmals die Regionen anstelle der Nationalstaaten als geographisches Substrat dienen. 15 Wiederum nur stellvertretend für viele andere sei verwiesen auf B. R. M it c h e ll, European Historical Statistics 1750-1970 (London 1975) sowie auf die beiden im Dienste der Moderni­ sierungstheorie angelegten Datenhandbücher von P e t e r F lora, State, Economy, and Society in Western Europe 1815-1975, 2 Bde. (Frankfurt a.M., London, Chicago 1983/87). 16 Nicht zu verwechseln mit Darstellungen der wirtschaftlichen, und das meint vor allem industriellen Beziehungen, für die inzwischen etliche substanzreiche Bücher namentlich aus deutscher Feder vorliegen.

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daß w ir dazu über eine hinreichende Zahl vergleichender Untersuchungen verfüg­ ten; eher ist das Gegenteil der Fall17. Eine Studie wie sie H artm ut Kaelble für die sich angleichenden deutsch-französischen Verhältnisse vorgelegt h at18, sucht man für andere Länder vergebens. Immerhin mag seine ebenfalls s i n g u l ä r e Sozialge­ schichte Westeuropas von 1880 bis 1980, in der auch Italien berücksichtigt ist, den Verlust ein wenig verschmerzen lassen. Allerdings geht Kaelble von einer anderen Fragestellung bzw. Ausgangshypothese aus, nämlich von der erkennbaren A n n ä­ herung der gesellschaftlichen Verhältnisse im Beobachtungszeitraum. Das eben sei die Besonderheit Europas im W eltm aßstab19. Das heißt umgekehrt nichts anderes, als daß vorher erhebliche Unterschiede bestanden. Das mag im ersten M om ent banal klingen, aber wenn man bedenkt, w ie eng ge­ sellschaftliche Verfassung und politische Institutionen miteinander Z u s a m m e n ­ hängen, dann wird niemand von deutlichen A bweichungen namentlich in den vorindustriellen Gesellschaften überrascht sein. U nd in der Tat legen dies die w e ­ nigen deutsch-italienischen Studien nahe. M an darf jedoch das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Wenn Marco Meriggi mit Blick auf die Ergebnisse der deutschen Bürgertumsforschung erhebliche Distanzen zwischen deutschem und italienischem Bürgertum festgestellt hat 20, insofern es auf der Apenninenhalbinsel im 19. Jahrhundert zu einer adlig-bürgerlichen Elitenfusion kam, zu der che napoleonische Zeit den Grund gelegt hatte, in Deutschland aber nicht, so muß man hinzufügen, daß er dabei die Bürgertumsforschung Bielefelder Prägung vor A u ­ gen hatte. Dort neigte man jedoch zuletzt dazu, Bürgertum als Kultur zu definie­ ren - „Bürgerlichkeit" als Stichwort21 - , es deshalb naheliegenderweise mit B il­ dungsbürgertum gleichzusetzen22 und folglich im europäischen Vergleich für ein­ zigartig zu halten. Meriggi hatte andererseits, damals jedenfalls23, aufgrund seiner eigenen Forschungspräferenzen weniger die italienische „borghesia umanistica“ 17 Hilfreich ist die bei K a e l b l e , Vergleich, im Anhang aufgelistete „Auswahl von vergleichen­ den sozialhistorischen Arbeiten“. IS H a r t m u t K a e lb le , Nachbarn am Rhein. Entfremdung und Annäherung der französischen und deutschen Gesellschaft seit 1880 (München 1991). Schon der Titel enthält den wichtigen Hinweis, daß es sieh bei dem beobachteten Prozeß nicht um eine lineare Entwicklung gehan­ delt hat. 19 D ers., Auf dem Weg zu einer europäischen Gesellschaft. Eine Sozialgeschichte Westeuro­ pas 1880-1980 (München 1987). M a r c o M e r i g g i , Italienisches und deutsches Bürgertum im Vergleich, in: J ü r g e n K o c k a (Hrsg.), Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich, Bd. 1 (München 1988) 141-158. Ergänzend d e n . , Soziale Klassen, Institutionen und Nationalisie­ rung im liberalen Italien, in: GG 26 (2000) 201-218. 21 J ü r g e n K o ck a (Hrsg.), Bürger und Bürgerlichkeit im 19. Jahrhundert (Göttingen 1987). Es handelt sich um die Beiträge zu einer Konferenz, die den Vergleich des deutschen Bürger­ tums im europäischen Umfeld vorbereiten sollte; an ihm wiederum w a r Meriggi mit seinem in der vorigen Anm. zitierten Beitrag beteiligt. 21 Vgl. insbes. das Großprojekt des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte: Bildungs­ bürgertum im 19. Jahrhundert, 4 Bde. (Stuttgart 1985/92). -■> Vgl jedoch inzwischen M a r co M e r ig g i, Milano borghese. Circoli cd elites nell’Ottocento (Venedig 1992).

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im Blick, deren Sozialstatus mangels vergleichbarer Selbststilisierung geringer ge­ wesen sein mochte als in Deutschland - das gilt aber nicht für den Süden und des­ sen Bürgertum „par excellence“, die Advokaten24 von der man aber ansonsten durchaus sagen darf, daß sie eine dem deutschen Bildungsbürgertum ähnliche Rolle spielte. U nd jedenfalls hat sie sich im Unterschied zum deutschen Gegen­ stück bis in unsere Tage erhalten, w ie man nicht zuletzt am „liceo classico“, ihrem vielleicht wichtigsten Reproduktionswerkzeug, ablesen kann; es erfreut sich im Unterschied zum humanistisch-altsprachlichen G ym nasium hierzulande anhal­ tender Nachfrage. Seit kurzem entdecken deutsche H istoriker jedoch endlich die A grarbourgeoisie25, und schon verschieben sich die Gewichte mehr in Richtung gesellschaftlicher Normalverteilung. Von weiteren, am besten natürlich verglei­ chenden Arbeiten wird es also abhängen, ob die herkömmliche Vorstellung, das deutsche Bürgertum habe wenig mit dem finanziellen, das italienische dafür wenig mit dem kulturellen Kapital zu tun gehabt bzw. haben wollen, noch weiterhin auf­ recht erhalten werden kann. Ich bin hier eher skeptisch26. M öglicherweise wird man künftig aber vor allem regional deutlicher unterscheiden müssen27. Das sich kulturell definierende Bürgertum mit seinem erheblichen Prestige und Einfluß dürfte in Neapel nicht minder bedeutsam gewesen sein als in den deutschen Terri­ torien, hier allerdings nur bis in die ersten Jahre des Kaiserreichs, wo schon alsbald 24 Die sehr erfolgreiche Standespolitik in Richtung Freie Advokatur, die mit vielen anderen und insbesondere politischen Tätigkeiten verbunden werden konnte und nach der Einigung Mittel- und Norditalien aufgedrängt wurde, schildert H a n n e s S iegrist, Advokat, Bürger und Staat. Sozialgeschichte der Rechtsanwälte in Deutschland, Italien und der Schweiz, 1 8 20. Jahrhundert, 2 Bde. (Frankfurt a.M. 1996). Eine ausschnitthafte Zusammenfassung: ders., Verrechtlichung und Professionalisierung. Die Rechtsanwaltschaft im 19. und 20. Jah rh un ­ dert, in: C h r i s to f D i p p e r (Hrsg.), Rechtskultur, Rechtswissenschaft, Rechtsberufe im 19. Jahrhundert, Professionalisierung und Verrechtlichung m Deutschland und Italien (Ber­ lin 2000) 101-124. 25 K la u s H e ß , Ju nker und bürgerliche Großgrundbesitzer im Kaiserreich (Stuttgart 1990). Axel F lü gel, Bürgerliche Rittergüter. Sozialer Wandel und politische Reform in Kursachsen 1680-1844 (Göttingen 2000). Trotz des starken Anteils des Ancicn Regime liefert dieses Buch Argumente für eine Erweiterung des deutschen Bürgertumsbegriffs. Aus italienischer Perspektive hat vor Jahren A lb er to M a ria B anti, Terra e denaro. Una borghesia padana dell’Ottocento (Venedig 1989) versucht, ostelbische Gutsbesitzer und obentalienische Agrarbourgeoisie miteinander in Beziehung zu setzen. 26 Zu mehr Klarheit verhilft auch nicht M a r c o M e r i g g i , P i e r a n g e l o S ch ier a (Hrsg.), Dalla cittä alia nazione. Borghesie ottocentesche in Italia e in Germania (Bologna 1993), weil die Beiträge mit einer rühmlichen Ausnahme nicht vergleichend angelegt sind. Bei der Aus­ nahme handelt es sich um S ilvia M a rz a ga lli, deren meisterhafte komparatistische Studie über das Bürgertum der Seehandelsstädte der Revolutionszeit hier, auch wenn nicht einschlägig, wenigstens genannt werden soll: Les boulevards de la fraude. Le negoce maritime et le Blocus Continental 1806-1813: Bordeaux, Hambourg, Livourne (Villeneuve d ’Ascq 1999). 27 Ein äußerst gelungenes Beispiel für den Vorteil regional vergleichender Studien bietet I h o m a s G ö tz , Bürgertum und Liberalismus in Tirol 1840-1873. Zwischen Stadt und .Re­ gion“, Staat und Nation (Köln 2001). Er zeichnet die gewundenen Pfade der unterschiedli­ chen politischen Sozialisation des bürgerlichen Liberalismus im habsburgischcn Alt-Tirol nach und führt dabei die altbekannte teleologische Deutung ad absurdum, derzufolge die Spaltung entlang der Sprachgrenze v o n Anfang an die einzig mögliche g e w e s e n sei.

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der „Niedergang der Mandarine“ einsetzte, während die süditalienischen A d vo ­ katen den Staat eroberten und ihn bis heute dominieren. Die Agrarbourgeoisie da­ gegen blieb nördlich der Alpen auf N ord- und Ostdeutschland beschränkt und ließ dem Adel meist den Vortritt, während sie in Italien die Landwirtschaft trotz unterschiedlicher Agrarverfassungen großenteils unter ihre Kontrolle brachte, bis sie nach dem Ersten Weltkrieg vielerorts gegenüber den neuen Genossenschaften den R ückzug anzutreten begann. Wie vor geraumer Zeit schon Carlo Capra28 hat Meriggi neuerdings den Vor­ schlag gemacht, auch im Falle Italiens von einer Notabelngesellschaft zu sprechen. Das überzeugt schon deshalb, weil von hier aus die politische Repräsentanz und schließlich das politische System überhaupt in den Blick kommen; die vielfältigen Ü bereinstim mungen mit Frankreich sind alles andere als zufällig. Von hier aus bieten sich Zugänge für die vergleichende Untersuchung der Staatseliten an, die Arpad von Kümo vorgelegt hat, denn sie unterstreicht diese Befunde und stellt als Folge davon fest, daß in gewissem Sinne die höhere Beamtenschaft Italiens das Opfer davon war, weil sie von den bis ins Parlament reichenden Notabein daran gehindert wurde, ein eigenes Standesbewußtsein zu entwickeln und es durch Zu­ gangs- und Beförderungsregeln gegen Eingriffe von außen abzuschotten. Italien habe neben der Schweiz „in dieser Beziehung [...] einen europäischen Sonderfall“ dargestellt29. Entsprechend gering war der soziale Status der Ministerialbürokratie, deutlich geringer als im vorunitarisclien Piemont. In Preußen kam es dagegen, wie man weiß, in diesem Bereich tatsächlich zu der sonst vermißten Elitenfusion mit den bekannten Folgen. Das Stichwort Notabelnregime legt dann auch den Schluß nahe, daß der Adel südlich der Alpen eine andere Sozialfigur w ar als nördlich, und in der Tat akzep ­ tierten die Flabsburger 1814 bei ihrer R ückkehr in die Lombardei den einheim i­ schen Adel nur noch in Ausnahmefällen bei Flofe - anders als vor der Revolu­ tion30. Die napoleonische Zeit bedeutete also doch eine Wasserscheide, die vom einzigen komparatistischen Werk zum Adel in Europa, das Italien wenigstens einigermaßen berücksichtigt, stark unterschätzt w ird 31. W ie ganz anders der italienische Adel im 19. und 20. Jahrhundert tatsächlich, verglichen mit Deutsch28 C a r lo C a p ra , Nobili, notabili, elites: dal „modello“ francese al caso italiano, in: Quaderni storici 37 (1978) 12-42. 29 A rp a d v o n K li m ö , Staat und Klientel im 19. Jahrhundert. Administrative Eliten in Italien und Preußen im Vergleich, 1860-1918 (Vierow 1997) 230. 30 Die schon mittelfristig ungeheuren politischen Kosten, die sich aus dieser am deutschen Adelsbild ausgerichteten Politik ergaben, sind Gegenstand von M a r co M e r i g g i , Amministrazione e classi sociali nel Lom bardo-Veneto 1814-1848 (Bologna 1983). Das legt schon die im englischen Titel ausgedrückte starke These nahe: A rn o J. M a y e r , The Persistence of the Old Regime. Europe to the Great War (N ew York 1981). In der italieni­ schen Übersetzung lautet der Titel nicht viel anders: II potere dell’Ancien Regime fino alla prima guerra mondiale (Bari 1982). Deutliche Kritik an Mayers Weigerung, den von der Re­ volution verursachten sozialen Wandel anzuerkennen, in den von Passato e Presente 4 (1983) 11-33 abgedruckten Kommentaren; Innocenzo Cervelli bezieht sich dabei übrigens mehr als auf die italienische auf die preußisch-deutsche Adelsgeschichte.

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land, beschaffen war, geht aus Jens Petersens knappem, aber glänzendem Ü b er­ blick hervor32. Auch die Industriebourgeoisie unterschied sich bei allen Ähnlichkeiten in den politischen Werthaltungen aufgrund des andersartigen Charakters der italieni­ schen Industrialisierung deutlich von ihrem deutschen Gegenstück. Ulrich Wen­ genroths Beitrag in diesem Bande weist mit Recht darauf hin, daß zahlreiche große Unternehmerpersönlichkeiten nicht nur vom Lande kamen, sondern dort auch ihre Fabriken errichteten. Vor allem gilt das für die Textilindustrie, bei der man den Eindruck hat, daß sich von ihren proto-industriellen Ursprüngen trotz vollständiger Mechanisierung sehr viel mehr erhalten hat als in anderen Sektoren. Auch das Finanzkapital weist in Italien eine deutlich andere soziale Physiognom ie auf. Es ist bzw. war mindestens bis vor kurzem famiiistisch organisiert, was eine enge Bindung an die halbstaatlichen G roßkonzerne keineswegs ausschloß. Eine vergleichende Unternehmergeschichte, wie sie H artm ut Berghoff für das deutsch­ englische Beispiel vorgelegt hat, existiert jedoch nicht. „Cum grano salis“ läßt sich dasselbe vom Proletariat und infolgedessen auch von der A rbeiterbewegung sagen, denn außer einer älteren, freilich vom besten Kenner - und letzten Zeugen dessen, was er schrieb - verfaßten Übersicht für die Zeit bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gibt es praktisch keine vergleichende L i­ teratur33. Daß in beiden Ländern das Fabrikproletariat ländlichen Ursprungs war, besagt noch nicht allzu viel. Entscheidend w ar vielmehr, daß in Italien der Anteil der Frauen und Kinder unter den Fabrikarbeitern dauerhaft hoch blieb, vor allem aber, daß im 19. Jahrhundert ein Landarbeiterproletariat erheblichen Umfangs entstand34, viel zahlreicher als die Fabrikarbeiter und von Anfang an die A rbeiter­ bewegung prägend35. Neben deren sozialistisch-sozialreformerischem Flügel gab 32 J e n s P e t e r s e n , Der italienische Adel von 1861 bis 1946, in: H a n s - U l r i c h W eh le r (Hrsg.), Europäischer Adel 1750-1950 (GG Sonderheft 13, Göttingen 1990) 243-259. 33 L eo Valiani, II movimento operaio e socialista in Italia e in Germania dal 1870 al 1920, im gleichnamigen Sammelband, den er zus. mit A d a m W andru sk a herausgegeben hat (Bologna 1978) 7-28. Ausgeklammert bleibt hier der Fall Triest, dessen Arbeiterschaft multinational und dessen Parteiorganisation internationalistisch war, was schon einige Zeit vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu Spannungen mit der W iener Parteispitze führte. Dazu zuletzt M arina C a tta ru z z a , Socialismo adriatico. La socialdemocrazia di lingua italiana nei territori costicri della Monarchia asburgica 1888-1915 (Manduria, Rom, Bari 22001). 34 Eine zwangsläufig nicht mehr ganz aktuelle Übersicht stammt von Volker H u n e c k e , So­ ziale Ungleichheit und Klasscnbildung in Italien vom Ende des 18. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, in: L ian s-U lrich W eh le r (Hrsg.), Klassen in der europäischen Sozialge­ schichte (Göttingen 1979) 210-232. Zuvor hatte Hunecke mittels einer Kombination von Wirtschafts-. Sozial- und Erfahrungsgeschichte am Beispiel Mailands den italienischen Weg der Industrialisierung beschrieben. Dieser wollte die in anderen Ländern beobachteten so­ zialen Erschütterungen vermeiden, hat aber gerade dadurch, so die These, die Militanz der Eabrikarbeiterbewegung um die Jahrhundertwende bewirkt: Arbeiterschaft und Industrielle Revolution in Mailand 1859-1892. Zur Entstehungsgeschichte der italienischen Industrie und Arbeiterbewegung (Göttingen 1978). 35 Das hatte sich in gewissem Sinne bereits 1848 abgezeichnet, und zw ar insofern, als in Italien, anders als in Deutschland und Frankreich, die ländlichen Aufständischen nicht in die biirgeriich-nationale Bewegung zu integrieren waren - kein Wunder allerdings, wo doch de-

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es daher stets auch einen anarchistischen. Die Folge waren Parteienkonkurrenz, Spaltungen schon lange vor 1917, Richtungskiimpfe, Streiks, die oft zu A ufstän­ den wurden, und scharfe staatliche Repression. Die Spannbreite reichte von .di­ rekter Aktion' und Attentaten - König Um berto I. wird 1900 erschossen - bis zu parlamentarischer Präsenz mit Einfluß auf die Regierung zu Zeiten Giolittis, zu dem allerdings 1911 wegen des Libyenkriegs die Brücken abgebrochen wurden. Wie damals in Frankreich litt auch der italienische Sozialismus an den Spannungen zwischen einem „Ouvrierism us“ vor allem an der (im Vergleich zu Deutschland schmalen) Basis und bürgerlichen Spitzenvertretern, unter ihnen, im Kaiserreich ganz undenkbar, Professoren und andere bürgerliche Honoratioren. Das „Kapi­ tal“ erschien erstmals in 43 Folgen von 1882 bis 1884, in Buchform 1886, beide Male von einem demokratischen Verleger herausgegeben, der zugleich Senator des Königreichs war, das überall sonst in Europa viel populärere „Kommunistische M anifest“ vollständig sogar erst 1891, und zw ar im anarchistischen Milieu. Ob in Italien eine auch nur ,negative Integration“ stattgefunden hat, ist schwer zu sagen, ja einer neueren Studie zufolge ist sogar fraglich, ob jedenfalls die italienischen Landarbeiter wenigstens in die gewerkschaftliche Bewegung w irklich integriert waren. Bernd Kölling fiel auf, daß nach 1918 die bislang gut organisierten, hoch­ gradig streikbereiten Landarbeiter der Lomellina ebenso rasch zu den Rechten überliefen wie ihr Pendant in Pommern, von dem man das ohnedies annahm. Beide Male w a r es die Erfahrung der Ohnmacht, d.h. ihrer Unfähigkeit, ihre ele­ mentaren Interessen mit Hilfe sozialistischer Organisationen durchzusetzen36. Auch hier bestätigt sich im übrigen der Wert regionaler Untersuchungen, zumal mehr noch als im Falle des Bürgertums die A rbeiterbewegung in beiden Ländern geographisch sehr ungleich verteilt w ar - in Italien trotz der A llgegenwart des Landproletariats. In Deutschland schaffte es die SPD immerhin nach der Jah rh u n ­ dertwende, und zwar als einzige Partei, in sämtlichen Reichstagswahlkreisen ei­ nen Kandidaten aufzustellen, auch wenn er oft nur Zählkandidat war. Für eine vergleichende Geschichte von Arbeiterschaft und A rbeiterbewegung sind das allenfalls Stichworte. Zu ihnen gehört auch die von Spannungen, ja d eut­ scherseits von Verstörtheiten nicht freie Beziehungsgeschichte der sozialistischen Parteien und erst recht der Gewerkschaften37. Denn die politische K ultur w ar im Kaiserreich doch ziemlich anders, sie färbte auch auf die ,Reichsfeinde“ ab. U m ge-

ren Führer als Grundbesitzer die Besitzverhältnisse auf dem Lande nicht in Frage stellen lie­ ßen. Dazu C h r i s t o f D ip p e r, Revolutionäre Bewegungen auf dem Lande: Deutschland, Frank­ reich, Italien, in: D i e t e r D o w e , H e i n z - G e r h a r d H a u p t, D i e t e r L a n g e w i e s c h e (Hrsg.), Europa 1848. Revolution und Reform (Bonn 1998) 555-585. 36 B e r n d K ö llin g , Familienwirtschaft und Klassenbildung. Landarbeiter im Arbeitskonflikt: das ostelbische Pommern und die norditalienische Lomellina 1901-1921 (Vierow 1996). 37 Das wird auch sehr gut sichtbar bei dem Vergleich von M a rin a C a tta ru z z a , „Organisier­ ter Konflikt“ und „Direkte A k tio n “. Zwei Formen des Arbeiterkampfes am Beispiel des Werftarbeiterstreiks in H amburg und Triest (1880-1914), in: AfS 20 (1980) 325-355.

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kehrt hat der nach Italien ausgewanderte Soziologe Robert Michels bekanntlich von dort aus 1911 seine Oligarchisierungsthese politischer Großorganisationen mit Blick auf die SPD entwickelt. Dem polyzentrischcn italienischen Sozialismus fehlte dazu jegliche Voraussetzung. Deutsch-italienische sozialgeschichtliche Vergleiche enden mit dem Ersten Weltkrieg. In der übrigen Literatur ist das nicht viel anders. Erstens hat die m o­ derne Sozialgeschichte ihren Ursprungsort im 19. Jahrhundert, und zweitens än­ dern sich im 20. als Folge der .Verwissenschaftlichung des Sozialen' (Lutz R a­ phael) die Quellen dafür in einem solchen Maße, daß, es für Historiker noch schwieriger wird, sie auszuwerten. Drittens werden die Zeiten danach für R e­ gimevergleiche attraktiver als vorher, wie überhaupt Faschismus und N ational­ sozialismus auf die Forschung eine anhaltende, freilich negative Faszination aus­ üben. Viele dieser Arbeiten dienen dem Versuch, das Wesen des Faschismus oder, wie man heutzutage sagt, eine Faschismustheorie auszuarbeiten. Die Ermittlung des Sozialprofils der Anhänger und Aktivisten spielt dabei eine wichtige, teils so­ gar zentrale Rolle. Schon die Zeitgenossen haben deshalb und dann wieder die Forschung namentlich der 1960er und 1970er Jahre auf der Suche nach der gesell­ schaftlichen Grundlage des Faschismus bzw. Nationalsozialismus mit einem wohl einzigartigen A ufwand an Quellenrecherchen und Analyseverfahren eine nicht mehr zu überblickende Zahl entsprechender Beiträge hervorgebracht. Gerade die Fülle empirischer Einzeltorschung hat aber explizit vergleichende Arbeiten ten­ denziell eher verhindert. Zu den wenigen Ausnahmen zählt darum die Zwischen­ bilanz der von Wolfgang Schieder für den Braunschweiger Historikertag 1974 z u ­ sammengerufenen Referenten, deren Beiträge freilich wie so oft Italien und Deutschland getrennt behandeln. Schieder faßte die Ergebnisse mit der Feststel­ lung zusammen, die alte Mittelstandsthese habe an Plausibilität verloren; daß PNF und N SD A P „sukzessive ein breiteres soziales Spektrum ausgefüllt haben, [sei] weiter erhärtet“ worden38. M it solchen - richtigen - Einsichten hat sich die sozial­ historische Faschismusforschung freilich selber relativiert, denn je mehr man er­ kannte, daß die Anhänger Hitlers und Mussolinis schon in der sogenannten Be­ wegungsphase - bei allerdings starker Fluktuation - aus allen Schichten kamen und beide Geschlechter erfaßten, desto mehr verlor sie natürlich an Erklärungs­ kraft. Sven Reichardt betont darum mit Recht in seiner Arbeit über die Kampf­ bünde, eines der ganz wenigen wirklich komparatistischen Bücher zum Faschis­ mus, daß es zw ar „immer noch einiges“ erkläre, wenn man „den Nationalsozialis­ mus als stärker mittelständisch geprägte Bewegung mit [...] antiproletarischen Reflexen“ begreife, fährt dann freilich fort: „Aber im Vergleich mit anderen L än ­ dern, auch und gerade mit dem italienischen Ursprungsland, wird die These von einem gemeinsamen sozialen Substrat des Faschismus äußerst problematisch, da sich etwa in Italien auch der aufsteigende Mittelstand in der faschistischen Bcwc-

W o lfg a n g S c h i e d e r (Hrsg.), Laschismus als soziale Bewegung. Deutschland und Italien im Vergleich (Göttingen 21983) 8.

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gung engagierte.“39 Dort fehlte statt dessen, könnte man hinzufügen, um ein w e i­ teres aktuelles Forschungsergebnis zu zitieren, der nach Zehntausenden zählende deklassierte Kleinadel, der in der Weimarer Republik, von Schlagworten wie „Neuadel“ und „Fiihrertum“ elektrisiert, schließlich großenteils auf die N ational­ sozialisten setzte40. Die Faschismustheorie erhofft sich folglich gegenwärtig mehr Erklärungskraft vom Blick auf die faschistische Praxis, die tatsächlich ein wichtiges M erkm al war. Auf dem U m w eg über die Frage, ob sich die eine oder andere (Erlebnis-)Generation von dieser Praxis besonders angezogen fühlte, kommen freilich sozialge­ schichtliche Fragestellungen und Sachverhalte erneut zur Geltung41. Von den genannten abgesehen, halten sich sozialgeschichtliche Beiträge zur Faschismusforschung in Grenzen, erst recht vergleichende. U nd was das Ende faschistischer Herrschaft in beiden Ländern sozial bedeutete, was ihr gesellschaft­ liches ,Ergebnis' war, liegt zw ar keineswegs im Dunkeln, ist aber nicht annähernd so präzise erforscht wie die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Seit R alf Dahrendorfs äußerst einflußreichem Essay von 1968 wissen w ir nicht nur, wie modern der Nationalsozialismus war, sondern daß er auch eine um vieles modernere Ge­ sellschaft hinterlassen hat. „Zukünftigen autoritären Regierungen nach dem M u ­ ster der deutschen Tradition [hat er] die soziale Grundlage genom m en.“42 D ah ­ rendorf sprach darum von der „Revolution der nationalsozialistischen Zeit“ . Auch die Nationalsozialisten hatten sich als Revolutionäre bezeichnet, aber D ah­ rendorf meinte natürlich etwas anderes. Seine These hat er nicht mit Zahlen unter­ mauert - das haben andere getan43 - , sie hat sich gleichwohl durchgesetzt. Schließ­ lich entsprach sie der allgemeinen Erfahrung, der Anschauung, dem Lebensgefühl. „So viel Anfang war nie . . . “ Vergleichbares ist für Italien nicht überliefert. Die italienische Revolution von 1945 verstand sich als politische. Doch die euphorische Stim mung der - verm eint­ lichen - Selbstbefreiung durch die Resistenza schlug alsbald um. Der Friedensver­ trag w urde als zu hart empfunden, das antifaschistische Parteienbündnis zerfiel, der Staatsapparat wurde sehr zurückhaltend gesäubert, die einflußreiche katholi­ sche Kirche konnte beim besten Willen nicht als antifaschistisch gelten. Vor allem aber waren die Italiener nicht annähernd s o stark von Faschismus und Krieg be­

39 S v e n R e ic h a r d t, Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA (Köln 2002) 24 f. 40 S t e p h a n M a l in o w s k i , Vom König zum Führer. Sozialer Niedergang und politische R a d i­ kalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat (Berlin 2003). 41 Aus Vergleichsperspektive neben R e i c h a r d t nur noch M a r c o Tarcbi, La „nvoiuzione legale“. Identitä collettive e crollo della dcmocrazia in Italia e Germania (Bologna 1993). 42 R a lf D a h r e n d o r f , Gesellschaft und Demokratie in Deutschland (Taschenbuchausgabe, München 51977) 431. Ebd. das folgende Zitat. 43 Quantitative wie qualitative Forschungen zur Sozialstruktur sind ein wichtiges Merkmal der deutschen Nachkriegssoziologie. Dahrendorf berief sich bei seiner Auslegung auf W olf­ g a n g Z a p f, Wandlungen der deutschen Elite. Ein Zirkulationsmodell deutscher Führungs­ gruppen 1919-1961 (München 1965). Zapf hatte bei Dahrendorf studiert.

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troffen w ie die Deutschen. Nennenswerten gesellschaftlichen Wandel brachte erst, das W irtschaftsw underder 1950erJahre zustande44. Damit sind w ir aber erst recht in einer Epoche, die die sozialgeschichtlichen Untersuchungen aussparen. Zeitgeschichte als Sozialgeschichte: Der Forschungs­ bedarf ist festgestellt43, die Forscher interessieren sich lür anderes46. Sie über­ sprangen gewissermaßen die Sozialgeschichte und wandten sich nach einem Übermaß an politikgeschichtlichen Studien sogleich kulturalistischcn Themen zu. Das hat durchaus plausible Gründe.

III. Die Tagung, von der der vorliegende Band Bericht gibt, stand also weder im Zei­ chen der Wirtschafts- noch der Sozialgeschichte. Auch um politische Ereignisge­ schichte konnte es selbstverständlich nicht gehen, denn das Erkenntnisinteresse galt, w ie es der Untertitel nahelegt, Strukturproblemen und dem U m gang mit ihnen. Er orientiert sich mithin an der Frage, wie überhaupt und w ie intensiv die Moderne beide Gesellschaften erfaßt hat, und greift dabei durchaus pragmatisch jene Them en auf, die hilfreiche Antworten versprechen. Wenn es um politische und kulturelle Strukturprobleme geht, mag der U m gang mit den drei Größen In­ stitutionen, Lebenslagen, Erinnerung besonders interessant sein. Sie verteilen sich in diesem Buch ebenfalls auf drei Abschnitte, die menschliche Lebenszusammen­ hänge, soweit sie hier von Interesse sind, strukturieren: Das Land, der Staat, die Kultur. Warum der gewählte Zeitausschnitt? Er ist in doppelter Weise begründungs­ pflichtig. Denn Kaelbles Forschungsbilanz hat ergeben, daß „die lange zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts [...] bisher das Eldorado der vergleichenden Sozialge­ schichte“ sei47. Kaelble liefert auch den Grund dazu: Diese Jahrzehnte seien „ohne Zweifel eine Schlüsselepoche für das Aufkom m en säkularer europäischer Ent­ wicklungen, die auch unsere heutige Gesellschaft noch prägen“. Wenn dieser A b ­ schnitt dennoch nicht gewählt wurde, so vor allem deshalb, weil hier, wie schon mehrfach betont, Sozialgeschichte nicht im Mittelpunkt steht. Er wäre auch, was Italien betrifft, ziemlich ungeeignet, denn wichtige wirtschaftliche und soziale Entwicklungen bzw. U mbrüche würden damit kaum oder gar nicht erfaßt: Indu­ 44 Der eilige Leser sei auf folgenden nützlichen Überblick verwiesen: P e r c y A llu m , Italian society transformed, in: P atrick M c C a r t h y (Hrsg.), Italy since 1945 (Oxford 2000) 10-41. 45 P a u l Erker, Zeitgeschichte als Sozialgeschichte, in: GG 19 (1993) 203-238. 46 Vgl. die gleichzeitig mit dem Aufsatz von Erker erschienenen Bilanzen: H a n s G ü n t e r H o ck erts, Zeitgeschichte in Deutschland. Begriff, Methoden, Themenfelder, in: Hist. Jahrb. 113 (1993) 98-127. A n s elm D ö r i n g - M a n t e u f f e l , Deutsche Zeitgeschichte nach 1945. Ent­ wicklung und Problemlagen der historischen Forschung zur Nachkriegszeit, in: VfZ 41 (1993) 1-29. 47 K a e lb le , Vergleichende Sozialgeschichte, in H a u p t, K o ck a , 100. Ebd. auch das nächste Zitat.

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strialisierung, Alphabetisierung, Sozialstaat, Urbanisierung und anderes mehr. Die ersten drei Errungenschaften fanden dort später statt, die Urbanisierung lange zuvor. Wenn also nicht, wie so oft, von 1850 bis 1914, welcher Zeitraum dann? Die im M ittelpunkt stehenden politischen und kulturellen Strukturprobleme lenken unseren Blick auf den anderen wichtigen Baustein der Moderne: den N a ­ tionalstaat. M it ihm kam etwas ganz Neues in die Welt. Selbst wo er keine G ren­ zen verschob und sich ins ererbte Gefäß der frühneuzeitlichen Monarchien ein­ paßte, vollzog sich seine Geburt nicht ohne Gewalt. Denn er w ar politisch anders verfaßt als seine Vorgänger, legitimierte sich anders und verlieh seinen Bürgern eine neue Form von Identität. Er erwartete deshalb von ihnen auch mehr und be­ schwor neuartige Krisen herauf. Damit ist der Beginn des Untersuchungszeit­ raums festgelegt. A uf der Apenninenhalbinsel entstand der Nationalstaat ziemlich genau 1860, bei uns nur wenig später. Schwieriger zu begründen ist das Ende. H undert Jahre sind, auch wenn wir uns seit Flacius Illyricus’ Chronologie noch so sehr daran gewöhnt haben, zunächst einmal keine in der .Geschichte selbst“ vorfindliche Größe, sondern ein Konstrukt wie jede andere Periodisierung auch, allerdings ein scheinbar besonders wenig wertbefrachtetes. Was geht um 1960 zu Ende, das mit i860 im Zusammenhang steht? In jedem Falle ist es der klassische, der Nationalstaat des 19. Jahrhunderts. In Italien und Deutschland hat dieser Staat besonders viele Krisen hervorgerufen, weil er in den Augen seiner Bürger lange Zeit als unvollständig, unfertig und ungerecht, ja als illegitim empfunden wurde und sich deshalb seinerseits von zahlreichen Feinden außer- und namentlich innerhalb seiner Grenzen bedroht glaubte. Es bedurfte der Erfahrung zweier Weltkriege und der bis dahin schlimmsten Diktaturen Europas, damit die beiden Nationen sich selbst anerkannten und zugleich mit den Nachbarn auszukom m en lernten. Daß diese Zäsur sich mit anderen verband - mit nachgeholter, sich in wahrhaft atemberaubendem Tempo vollziehender Industrialisierung in Italien, mit Wohlstandsgesellschaft und einem neuen Schub von Städtewachstum und mit der beginnenden Einsicht in die ökologischen Folgen beider - , macht die Ent­ scheidung um so plausibler. Gesellschaftsgeschichtlich beginnt, so meinen in z w i­ schen viele Historiker, in den 1960ern eine neue Epoche: unsere Gegenwart. Die Lücken sind offensichtlich, aber wo gäbe es sie nicht? Vollständigkeit war nicht beabsichtigt und wäre ohnedies illusorisch. Legitim ist aber die Frage, ob das hier Vorgestellte ein sinnvolles Ganzes ergibt, doch müssen darüber die Leser ent­ scheiden. Beliebigkeit war jedenfalls nicht im Spiel. Vielmehr handelt es sich um Stichworte, deren Beantwortung aussagekräftige Beiträge zur Leitfrage e r w a r t e n ließ, wie diese beiden Gesellschaften ihren Weg in die M oderne gegangen sind. Dabei wurde eine Mischung angestrebt, die einesteils Them en enthält, welche man mit Recht in einem Band mit diesem Titel erwartet, und andernteils solche, die man vielleicht eher als unkonventionell bezeichnen kann. Die einzige Lücke, die man w irklich bedauern muß, ist das Them a .H au pt­ stadt'. Jens Petersen, der Deutschrömer, konnte krankheitshalber seinen ein­ drucksvollen mündlichen Beitrag leider nicht druckfertig machen. Gustav Seibts Rom -Buch, zu dem sich der A utor von der deutschen Hauptstadtfrage nach 1990

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hat inspirieren lassen, läßt erahnen, was es hierzu aus vergleichender Perspektive alles zu sagen gäbe48. Die Parallele des H auptstadtwechsels ist dabei fast schon ba­ nal zu nennen, obwohl bereits die bloße Tatsache, daß sich ein Nationalstaat seine Hauptstadt aussuchen kann bzw. muß, eine erklärungsbedürftige Ausnahme ist. An historischen Hauptstädten ist Deutschland besonders reich - Wien, R egens­ burg, Aachen und vor allem Frankfurt, seit kurzem auch noch Bonn - , aber hier­ zulande scheint das Thema erledigt. Dagegen gibt es an dauerhaften Rivalen in Italien keinen Mangel; namentlich der Anspruch Mailands, sowohl die moralische als auch die wirtschaftliche Kapitale des Landes zu sein, wird von Rom wohl nie­ mals zu entkräften sein49. Eine ganz andere Dimension tut sich freilich auf, sobald man die Bedeutung der einmal gewählten Hauptstadt für ihr Land zu ermessen sucht. Um Berlin gab es weder Krieg noch eine internationale Diskussion Gebildeter und Frommer, nie­ mand mußte bei seiner Wahl den Fluch der Kirche fürchten noch hat Berlin als Hauptstadt die deutsche Politik überiordert. Das alles läßt sich aber von Rom sa­ gen. fc> Es hat sich als . schwer verdaulicher Brocken im italienischen Magen ~ erwiesen. Für unsere Leitfrage der Funktion der einzelnen Themen für die Moderne, so könnte man diese Gedankenskizze abschließen, die das Fehlen des Beitrags schmerzlich erahnen läßt, ist jedenfalls so viel klar: „Roma aeterna“ bedeutet Aura, Geschichtsschwere, Erblast. Berlin dagegen steht seit 1870 immer w ieder als Symbol für Neubeginn, Moderne, Nüchternheit, Tempo. Die Entscheidung für Rom bindet das Land mehr als nur symbolisch mit Bleigewichten an die Vergan­ genheit. Das kann man schon am Stadtbild ablesen. Der Nationalstaat w ar im mer nur kurzfristig, also in Ausnahmefällen, in der Lage, der Stadt seinen Stempel auf­ zudrücken. A m ehesten ist das noch M ussolini gelungen, der die mittelalterlichen Viertel bis auf geringe Reste abreißen und für die geplante Weltausstellung von 1942 an der südwestlichen Peripherie den nach ihr benannten Stadtteil EU R er­ richten ließ; dieses Viertel einschließlich des „Palazzo della civiltä rom ana“ ist, was seine tatsächlich realisierte Formsprache betrifft, neuerdings als Ergebnis deutschen Einflusses identifiziert worden, den Mussolini bei seinem Staatsbesuch in Berlin im September 1937 aufgenommen hat; er ließ daraufhin die Pläne um ar­ beiten30. A ber insgesamt gesehen wurde Rom niemals wirklich modern (und wo es das sein will, mißrät der Versuch in aller Regel; die ganze Urbanistik ist ver­ pfuscht): im Zentrum die Reste der Antike und eine Stadt auf barockem G rund­ riß, an ihren Rändern Slums, die einen gelegentlich glauben lassen, man befinde sich schon in der Dritten Welt. 48 G u st a v S e ih t , Rom oder Tod. Der Kampf um die italienische Hauptstadt (Berlin 2001). 49 Meist wird übersehen, daß es in Italien von 1943 bis 1945 nicht weniger als drei H aup t­ städte gab: Brindisi bzw. Salerno als Hauptstadt des „Königreichs des Südens", Salö bzw. Ve­ rona oder Mailand als Hauptstadt der „Repubblica Sociale Italiana“ und natürlich das päpst­ liche Rom. ^ N icole T i m m e r m a n n , Repräsentative „Staatsbaukunst“ im faschistischen Italien und im nationalsozialistischen Deutschland. Der Einfluß der Berlin-Planung auf die E UR (Stuttgart 2003).

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O b der Regionalismus ein Relikt der Vormoderne oder Vorbote der Postm o­ derne sei, lautete die an Marco Meriggi gerichtete Frage. Seine A ntw ort fiel uner­ wartet, ja vielleicht provokativ aus, weil er neuartige regionale Identitäten aufspü­ ren wollte, anstatt sich für die W irkungsweise des deutschen Föderalismus oder der italienischen Regionen zu interessieren. N icht alle Deutschen werden gerne lesen, daß beide nicht mit den historischen Staaten identisch und daher künstlich seien. Im Kern geht es ihm um lebendiges Regionalbewußtsein, das er aus kollek­ tiven Interessen und Leistungen gespeist und im Wettbewerb stehend sieht. Seit den 1890ern sei das zu beobachten, und zwar in den entstehenden wirtschaftli­ chen Ballungsgebieten, deren Arbeiterklasse mit ihren parteipolitischen Präferen­ zen den Trend noch verstärkte. W ährend in Deutschland der konfessionelle und sogar der innerprotestantische Gegensatz die Differenzierung noch zusätzlich be­ günstigt, aber geographisch anders verteilt habe, so daß sich insgesamt eine grö­ ßere Vielfalt ergab, seien in Italien wirtschaftliches, intellektuelles und sozialisti­ sches Zentrum zusammengefallen und habe der Lombardei zu einem neuen Selbstbewußtsein verholfen. Den faschistischen Regim en w ar regionales Sonder­ bewußtsein ein Dorn im Auge, sie bekämpften es nach Kräften, doch brachten sich über die Provinzfürsten (schon ihre Bezeichnungen „Gauleiter“ bzw. „federali" sorgte dafür) die Regionen im m er wieder aufs Neue in Erinnerung. Nach 1945 sollte deshalb der Regionalismus der Stärkung der Demokratie dienen und w urde von oben verordnet, aber bis zum Ende des hier behandelten Zeitraums hatte R om den Verfassungsauftrag nicht umgesetzt. Meriggi sieht in den verschie­ denen Ausprägungen des Regionalismus kein R elikt der Vergangenheit, sondern eher so etwas w ie einen gesellschaftlichen Jungbrunnen, dessen Wasser die L o y a ­ litäten immer w ieder neu sprudeln lassen. Gustavo Cornis Beitrag bestätigt dagegen unsere landläufigen Vorstellungen vom deutsch-italienischen Gegensatz. Das Verhältnis zur Natur, der U m gan g mit der Landschaft ist in beiden Gesellschaften sehr verschieden. N aturschutz sei B e­ standteil der deutschen Kultur, in Italien gebe es allenfalls bei den Eliten ein ö ko ­ logisches Gefährdungsbewußtsein. Bevor die Deutschen sich nun selbstgefällig zurücklehnen, sollten sie Cornis H inw eis lesen, daß ökologisches Denken in dem hier zur Diskussion stehenden Zeitausschnitt vor allem von antiliberalen Kräften getragen wurde. Bauerntümelei diente der A b w eh r von vielem: der A rbeiterbew e­ gung, der Industrie, der Großstadt, dem Judentum und eben auch der N atu r­ zerstörung - kurz, der Moderne. Bevor die Grünen in den 1980er Jahren die Ö k o ­ logie endgültig zum Bestandteil der Moderne machten, boten selbst sie manchen altvertrauten kulturpessimistischen Stimmen eine Heimat. Im Blick auf ungute deutsche Traditionen darf man also durchaus von einer erfolgreichen Kulturrevo­ lution sprechen, aber für die Zeit zwischen 1860 und 1960 tut man sich mit einem Urteil schwerer. Wenn das „machet Euch die Erde untertan“ (1. Mo. 1, 28) einen vormodernen U m gang mit Natur bedeutet, der schonende Umgang mit ihr dage­ gen für Moderne steht, dann müßte der aus dem deutschen Idealismus hervorge­ hende Gedanke des Naturschutzes angesichts der .N ebenw irkungen“, insbeson­ dere seines hohen politischen Preises, als ein weiteres Beispiel für ,reactionary

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m odernism“ (Jeffrey Herf) gewertet werden. Aber was für eine Moderne ist dann jene, die, wofür das italienische Beispiel steht, im Zeichen liberaler Weitsicht Ein­ griffe in den Raubbau an unserer U m welt ablehnt oder jedenfalls verhindert? Die Dinge verhielten sich vielleicht anders, wenn alle unter Gemeinwohl das­ selbe verstünden. Pierangelo Schiera zeichnet ein sich über Jahrhunderte erstrekkendes Panorama des Gemeinwohls, in dem er ein anerkanntes und verbindliches N ormensystem sieht, das unter dem Einfluß des Naturrechts und der klassischen N ationalökonom ie im 18. Jahrhundert an unmittelbarer Geltungskraft verloren und in den modernen Verfassungen den Staat nur noch auf eine nicht näher be­ stimmte und jedenfalls ethisch neutralisierte „Wohlfahrt“ verpflichtet habe. Der liberale Staat sei dann aber Ende des 19. Jahrhunderts sehr nachdrücklich an seine Gemeinwohlverpflichtung erinnert worden, und zw ar einerseits von der katholi­ schen Soziallehre, andererseits von Gierkes Idee der Genossenschaft. Praktische, wenn auch begrenzte W irkung erzielte jedoch der Kathedersozialismus, und auch das nur nördlich der Alpen; in Italien blieb diese Lehre auf die Universitäten be­ schränkt. Der alteuropäischen Tradition des Gemeinwohls komme das Subsidiari­ tätsprinzip, wie es etwa O swald von Nell-Breuning entwickelt hat, am nächsten, das nicht nur den liberalen Staat überwinde, sondern auch den totalitären Staat hätte verhindern können. Das w ar nun freilich nicht der Fall, und bei der Frage nach den Gründen kann Franz Bauer eine A ntw ort beisteuern: Der Staat, namentlich der italienische, w ar gewissermaßen zu bürgerlich. Der Staat des Bürgertums sei im 19. Jahrhundert eben der nationale gewesen, ihm habe man die Lösung auch aller anderen P ro ­ bleme zugetraut, so daß man beispielsweise auf sozialpolitische Zweckbestim ­ mungen geglaubt habe, verzichten zu können. Dabei sei dieser Nationalstaat w e ­ der in Italien noch in Deutschland unter namhafter bürgerlicher Beteiligung ent­ standen, diese habe sich erst im Laufe der Zeit clurchgesetzt. Offensichtlich waren aber moderne Staaten nur in der Weise zu organisieren, daß sie von vornherein die bürgerlich-liberale O rdnung realisierten, die allerdings nur von einer Minderheit der Bewohner geteilt wurde. Tatsächlich bezeichnete sich das faschistische Italien als „la grande proletaria“ und auch der Nationalsozialismus stützte sich in seiner Propaganda stark auf antibürgerliche Affekte. Was bedeutet das für die Frage nach der Moderne? Es habe davon zu viel auf einmal gegeben, so die These Wolfgang Schieders. Die nationale Identitätsfindung, die politische Verfassungsbildung und der wirtschaft­ liche Strukturwandel seien überall stets von erheblichen Konflikten begleitet ge­ wesen. Alle Regime hätten sie nur einzeln bewältigen können, und wo dazu nicht die Zeit war, seien sie zusammengebrochen. Der Faschismus italienischer und deutscher Spielart ist für Schieder deshalb ein „Krisenprodukt der M oderne“ . Seine Führer gaben sich als Vermittler einer antimodernen Allianz aus, benutzten aber nicht nur im Falle der Massenmobilisierung erfolgreich modernere Strategien als ihre bürgerlichen und kommunistischen Konkurrenten, sondern ihnen gelan­ gen auch nach der Machtergreifung im Falle der nationalen Identitätsbildung und des wirtschaftlichen Wandels erhebliche Erfolge. Zum Ausgleich betrieben sie an

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anderen Fronten - das Beispiel der Rolle der Frauen wird von der Wissenschaft aus guten Gründen immer w ieder hervorgehoben - eine antimodernistische Poli­ tik, freilich mit modernen Mitteln. Die vom Faschismus erzeugten Modernisict'ungsschübe waren deshalb teils gewollt, teils waren sie eine unbeabsichtigte Folge seiner Politik; in jedem Falle aber sorgten sie dafür, daß seither in diesen bei­ den Gesellschaften M odernisierungskrisen nicht mehr zum Zusammenbruch des politischen Systems geführt haben. Der Leser wird bemerkt haben, daß Bauers und Schieders Beiträge sich, anders als die übrigen dieses Bandes, an der herkömmlichen Chronologie orientieren. Ihr Erkenntnisinteresse ist allerdings ebenfalls ein strukturgeschichtliches. M it Lutz Klinkhammers Ausführungen kehren w ir nun wieder zu diachronen Fragestel­ lungen zurück. Für eine vergleichende Geschichte der Gewalt fehlen zu viele Vor­ arbeiten, so daß er sich auf einen kursorischen D urchgang der Repression als m o­ derner Herrschaftstechnik beschränken muß. N icht jeder wird erfreut sein zu lesen, daß das ,bürgerlichere“ italienische Königreich wesentlich repressiver war als das Deutsche Reich. Die politische Gewalt war geradezu strukturell, weil die italienische Honoratiorenherrschaft sich anders nicht hätte halten können. Das setzte sich im Ersten Weltkrieg mit Tausenden ausgesprochener und H underten vollstreckter Todesurteile fort. Im Vorfeld der Machtergreifung des italienischen Faschismus ging es, erst recht gemessen an der kurzen Zeitspanne, ebenfalls un ­ gleich g e w a l t s a m e r z u als in der W e i m a r e r Republik. Die spezifisch faschistische Gewalt konnte sich nahezu ungehindert austoben, weil Polizei, Militär und Justiz wegsahen. Vergleichbare Gewaltorgien gab es in Deutschland erst nach dem 30. Januar 1933, und gerade das macht die W illfährigkeit der Ordnungskräfte be­ sonders erklärungsbedürftig. Hinsichtlich der sichtbaren, demonstrativ zur Schau gestellten Gewalt blieben sich die beiden Faschismen gegenseitig also nichts schul­ dig. Der Nationalsozialismus entwickelte darüber hinaus jedoch ein auffallend hohes Maß an administrativer Gewalt, deren G ipfelpunkt H eydrichs „kämpfende V erwaltung“ bildete. Sie setzte den Holocaust in Deutschland, West- und Südeu­ ropa nahezu geräuschlos ins Werk. Im ,O sten“ kamen jedoch genuin faschistische Methoden zur Anwendung, und dies nicht nur beim Holocaust, sondern ebenso im Alltag der Besatzung - auch wo diese aus Italienern bestand51. Militärs und Sondertruppen arbeiteten dabei reibungslos mit der Verwaltung zusammen. Wenn mit Z ygm unt Bauman der Holocaust das M erkm al einer freilich höchst proble­ matischen M oderne ist, so bedeutet das natürlich nicht, daß Italien bis 1945 nicht ebenfalls an der M oderne teilgehabt hätte. Die Frage ist eher, inwieweit die in bei­ den Ländern seither praktizierte Repression - Klinkhammer deutet sie als radika­ len Bruch mit jeglicher Tradition - als Gradmesser der Modernität taugt. Daß sie sich vorwiegend gegen die Linke richtete, hilft hier vielleicht weniger weiter als der Blick auf ihre Methoden. U nd hier fällt auf, w ie sehr nun verfassungsrecht­ liche und politische Vorkehrungen an die Stelle von Ausnahmezustand und Schießbefehl traten. Es fällt allerdings auch auf, daß die italienische Rechte die 31 Vgl. Anm. 55.

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legal zur Verfügung stehenden Repressionsinstrumente nicht für ausreichend hielt und, möglicherweise gedeckt vom amerikanischen Geheimdienst, in den 1960er Jahren zum Mittel des Staatsstreichs gegriffen hat. Sie kam dabei nicht bis zur l a t . Immerhin bewies sie damit, wie wenig sie vom grundlegend modernisierten poli­ tischen System ihres Landes hielt. Fabio Rugges modellhaft angelegter Vergleich der italienischen und preußi­ schen Kom m unalpolitik und -Verfassung (Rugge weiß natürlich, daß es von der preußischen nicht weniger als sechs Varianten gab) bringt ebenfalls am Ende ver­ traute Vorstellungen durcheinander. Sein Blick ist am 19. Jahrhundert geschult, dort setzt Rugge an. A uf der normativen Ebene waren die Unterschiede erheblich, ihre Wesenselemente schlossen sich gegenseitig aus. Rugge umschreibt sie mit den Begriffen ,Autonom ie' für das preußische und .D em okratie“ für das italienische System - .D em okratie“ verstanden als Versuch, ein echtes Mehrebenensystem zu verhindern, indem die Parlamentsmehrheit bzw. die von ihr gestellte Regierung (über die Provinzen hinweg) ein direktes Durchgriffsrecht auf die Kommunen er­ hielt, deren gewählten Körperschaften man von Rom aus mißtraute52. Das er­ leichterte dem Faschismus die Machtergreifung, er mußte .nur noch' die Wahlen abschaffen. In Preußen hat dagegen der Demokratisierungsschub der Revolution an der kom m unalen Autonomie nichts geändert - viele Bürgermeister blieben im Amt, auch so prominente wie Adenauer in Köln und Jarres in Duisburg - , so daß der Nationalsozialismus beides beseitigte, dabei aber kollaborierende B ürger­ meister wie Goerdeler in Leipzig zunächst noch duldete. Rugges provokanten Feststellungen für die Zeit bis 1922/33 wird man kaum widersprechen können: Erstens sorgten die Parteien dafür, daß die beiden Systeme sich aufeinander zu be­ wegten, und zw ar im Interesse ihrer Machtausübung. Zweitens wirkte die Dem o­ kratie auf kom m unaler Ebene in Italien konfliktsteigernd und störte den Zusam­ menhalt von Staat und Nation, weil die Regierung häufig unliebsame G emeinde­ räte auflöste und Bürgermeister absetzte. Nach 1945 lebte in den (w estd eu tsch en Ländern, w ie man jetzt sagen muß, die Autonom ie, in Italien die Demokratie nicht mehr im alten Sinne auf, die Parteienherrschaft steuerte nun noch direkter mittels Personalpolitik und Finanzzuweisungen den Gang der Dinge, nur konnte man das in den ersten beiden Jahrzehnten angesichts fortbestehender H onoratio­ renpolitik und steigender Staatszuschüsse noch übersehen. Was ist modern? Die Beseitigung der kommunalen Autonomie. In normativer Hinsicht hatte Italien deshalb jahrzehntelang einen Vorsprung53, aber auf den Ü bergang zur Leistungs­ verwaltung - das w a r ihre wichtigste neue Vermittlungsaufgabe zwischen Bürger 52 Es ist nicht nebensächlich, wenn „cittadino“, ein Schlüsselbegriff im „Land der hundert Städte“ (Cesare Cantü), seine ursprüngliche Bedeutung aufgab, sie an den Staat verlor, w äh ­ rend im Preußen der Reformzeit eigens der „Staatsbürger“ geschaffen wurde, weil „Bürger“ an die Stadt gebunden blieb. 53 Er verringert sich, wenn man andere deutsche Staaten heranzieht. In Süddeutschland ist nach 1806 der Trend zur Verstaatlichung der Kommunen weit vorangekommen, die Regie­ rungen orientierten sich, wie später das Italienische Königreich, am französischen Vorbild. In der Rheinprovinz hatte dieses ohnehin Geltung.

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und Staat - gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte das offenbar keinen markanten Einfluß. Rolf W örsdörfer zeigt für die M inderheitenpolitik nach dem Ersten Weltkrieg, daß die eklatanten deutsch-italienischen Unterschiede zwischen 1919 und 193 954 eine Anomalie waren. In beiden Staaten lebten die ,eigentlichen* Minderheiten im Osten, waren also Slawen und damit in den Augen Deutscher wie Italiener ku ltu ­ rell rückständig bis minderwertig und auch gefährlich. Dementsprechend fand in beiden Staaten eine vergleichbare politische Mobilisierung bis hin zu G renzkäm p­ fen statt; die Grenzlandrhetorik war hier wie dort dieselbe. Was Berlin von der Fortsetzung der preußischen Entnationalisierungspolitik der Vorkriegszeit ab­ hielt, w ar seine Sorge um die Grenz- und Ausländsdeutschen - auch in Südtirol während Rom sich von solchen Rücksichten frei wußte. Es begann darum sofort eine harte Assimilationspolitik; D ’Annunzios A nhänger und der sogenannte Grenzlandfaschismus taten ein übriges. Nach dem Marsch auf Rom änderte sich nichts wesentliches mehr. Das Reich besaß erst nach der Zerschlagung Polens w ie ­ der eine nennenswerte polnische Minderheit. Teile von ihr sollten eingedeutscht werden, für die übrigen und vor allem für die Juden ordnete Hitler schon Anfang O ktober 1939 U m siedlung zugunsten der vor der T ür stehenden Volksdeutschen an. Damit kam G ewaltanwendung ins Spiel, buchstäblich M ord und Totschlag. W örsdörfer ordnet bei seiner Bewertung M ussolini in die Tradition des R isorgi­ mentos ein, während er in der Umsiedlungspolitik den A usdruck biologischen Rassism us’ erblickt. Dieser Verdacht ist bei H itler natürlich im mer berechtigt. A m Rassismus Mussolinis kann aber nach allem, was w ir mittlerweile wissen, eben­ falls kein vernünftiger Zweifel mehr bestehen. Er richtete sich allerdings eher ge­ gen andere Gruppen. Die einverleibten Slowenen und Kroaten bezeichnete man dagegen als „alloglotti“, Anderssprachige, die man also ,nur‘ italianisieren müsse. Im Krieg, 1941, gab es bezüglich der annektierten „Provinz Ljubljana“ dann aber auch dort einen Vorschlag, die Slowenen um zusiedeln55. Die Unterschiede relati­ vieren sich also mit Kriegsbeginn. Genau besehen, endete aber, was den U m gang mit nationalen Minderheiten betrifft, in Italien die Tradition des 19. Jahrhunderts schon mit den Grenzverschiebungen nach 1918, denn diese ließen sich mit den herkömmlichen A rgumenten nicht mehr rechtfertigen, auch wenn das natürlich mit abenteuerlichen Theorien versucht wurde. Die im Zuge der spätimperialisti­ schen Politik annektierten Bevölkerungen sollten gar nicht mehr assimiliert w e r ­ den. Aus der Sicht der Diktatoren war es deshalb nur logisch, sie umzusiedeln oder zu vertreiben. Die Alliierten haben sich im Zweiten Weltkrieg diese L ogik zu 54 U nd nicht schon 1933. Da Hitler sich niemals an gegebene Zusagen gebunden fühlte, konnte er sich, um Zeit zu gewinnen, in den Anfangsjahren eine weit konziliantere Politik gegenüber Polen erlauben als die Weimarer Republik, die außerdem von den Siegermächten kontrolliert wurde. Die jüdische Minorität wird, was plausibel ist, von Wörsdörfer ausge­ klammert. 55 B r u n e l l o M a n te lli , Die Italiener auf dem Balkan 1941-1943, in: D ip p er, K li n k h a m m e r , N ü t z e n a d e l, 65. Dazu ist es dann nicht gekommen, aber auf die in Gang gekommene U m ­ siedlung der Südtiroler sei hier wenigstens hingewiesen.

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eigen gemacht, so daß Italien und Deutschland am Ende unseres U ntersuchungs­ zeitraumes ethnisch homogener waren als zuvor. M it Z ygm unt Bauman muß man auch das der M oderne zurechnen. Rassismus ist eine moderne Welterklärung und für seine A nhänger absolut ra­ tional, weil wissenschaftlich fundiert56. Vor allem die damals modernen D iszipli­ nen Biologie und Anthropologie haben viel zu seinem Aufstieg und zu seiner G laubwürdigkeit beigetragen. Er w ar für alle jene attraktiv und überzeugend, die zu den wissenschaftsgläubigen Milieus zählten - vom Professor über den Lehrer bis zum gebildeten Arbeiter denn er erklärte mehr als nur den längst vor 1880 thematisierten Unterschied der Rassen: Er half die Menschheitsentwicklung bes­ ser zu verstehen (nämlich weder christlich noch idealistisch, sondern materiali­ stisch) und die kulturellen Unterschiede, lieferte Rezepte für die Lösung der na­ tionalen und der sozialen Frage, rechtfertigte den Imperialismus und vieles mehr. Brunello M antelli beschreibt seine Geschichte in Italien bis 1945, und sofort w e r ­ den die Parallelen und Unterschiede zu Deutschland klar. Gemeinsam ist die naturwissenschaftliche Fundierung, die H ierarchisierung der Rassen mit dem eigenen Volk an der Spitze („razza latina“ bzw. „A rier“) und die Suche nach Handlungsmöglichkeiten, die die - für bedroht gehaltene - Spitzenstellung si­ chert. Die Unterschiede sind jedoch erheblich. A uf der Ebene der Weltanschau­ ung findet der religiös-sexuelle Komplex in Italien keine, der antisemitische nur eine geringe Entsprechung; auf der Ebene des Drängens z ur Praxis geht es in bei­ den Rassismen um Prävention und Kontrolle, aber Auslese bzw. Züchtung und gar A usmerze finden sich nur in Deutschland. Der wichtigste Unterschied besteht sicherlich im Um stand, daß der deutsche Rassismus eine unlösbare Einheit mit dem völkischen Denken eingegangen ist, und das ließ ihn geradezu volkskulturclle Züge annehmen; in Italien gibt es hierzu keine Entsprechung. Die Breiten­ wirkung w ar in Italien also geringer, auch bei den Gebildeten: wegen der geringe­ ren Bedeutung der Naturwissenschaften im Bildungssystem 57 (selbst rassistische Vorstellungen wurden oft in kulturell-literarischen Bezügen formuliert) und folg­ lich auch ihrer Experten im Alltag58, wegen der anhaltenden Bedeutung des k a ­

56 U lrich H e r b e r t hat das knapp, aber bündig ausgeführt: Rassismus und rationales Kalkül. Zum Stellenwert utilitaristisch verbrämter Legitimationsstrategien in der nationalsozialisti­ schen „Weltanschauung“, in: W o lf g a n g S c h n e i d e r (Hrsg.), „Vernichtungspolitik“. Eine De­ batte über den Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid im nationalsozialistischen Deutschland (H am burg 1991) bes. 2 7 ff. 37 Mussolinis Unterrichtsminister Giovanni Gentile hat in seiner berühmten Reform 1923 in den maßstabsetzenden klassischen Gymnasien die naturwissenschaftlichen Unterrichtsfä­ cher nahezu abgeschafft. Näheres bei J ü r g e n C h a rn itz k y, Die Schulpolitik des faschistischen Regimes in Italien (Tübingen 1994). ^ Italienische Anthropologen begannen zwar, die Bewohner der faschistischen Siedlerstädte m Karteien zu erfassen, aber im KZ Auschwitz Zwillinge und Liliputaner einzusperren und an ihnen in Absprache mit Universitätsinstituten und finanziert von der Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaft barbarische genetische Versuche vorzunehmen - diese medizinisch pervertierte Forscherpraxis ist in italienischen Lagern schlechterdings nicht vorstellbar.

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tholischen Weltbildes, wegen geringerer Bedrohungsgefühle des Kollektivs; von der .Herrschaft der M inderwertigen“ war in Italien nicht die Rede. Die Judenfeindschaft, die hier freilich nur gestreift werden soll, spielte inner­ halb der katholischen Atntskirche bis zum Finde des 19. Jahrhunderts eine tra­ gende Rolle59, schon weil der italienische Nationalstaat den Juden weiter entge­ gengekommen war als irgendein anderer in Europa60. Undenkbar bei seinem nationalsozialistischen Gegenstück, blieb der Antisemitismus in den Anfängen des italienischen Faschismus auf den Flügel um Farinacci beschränkt; unter den M itgliedern des PN F gab es Juden, Mussolini hatte mit Margherita Sarfatti zeit­ weise eine jüdische Geliebte. Aber das hat in der Folge dazu geführt, daß er dra­ stisch unterschätzt worden ist. Mantelli stellt hierzu einiges klar, auch wenn das hier nicht sein Thema ist61. Lange vor 1938 sorgten statistische Erhebungen dafür, daß die Uberrepräsentanz der winzigen jüdischen Minderheit in einigen Berufen zum Gesprächsstoff selbst in den Bars wurde; das hat das Klima vergiftet und es ermöglicht, daß wie in Deutschland die Entrechtung und Ausplünderung nach 1938 durchaus populär war. U ber die Flaltung der katholischen Kirche zur Ju d en ­ verfolgung ab 1938 herrscht wie im Falle Deutschlands Uneinigkeit. Unstrittig ist nur, daß Klerus und Klöster in Rom und Oberitalien zur Rettung der Verfolgten 1944/45 Außerordentliches geleistet haben. Aber der Beitrag der judenfeindlichen Theologie und Volksfrömmigkeit und die Politik des Vatikans sind bis heute nicht wirklich geklärt; was den Vatikan betrifft, auch wegen seiner dubiosen A rchivpo­ litik, die den Verdacht geradezu provoziert. Im Blick auf Deutschland ist aber zu bemerken, daß in Italien nicht nur der Rassismus weniger Breitenwirkung genoß, sondern daß, wichtiger noch, eine Reihe von Denkhaltungen und Institutionen fehlte, die rassistisches und antisemitisches Gedankengut popularisierten und ihm das O dium des Verwerflichen nahmen: Ohne vollständig sein zu wollen, seien ge­ nannt: das völkische Denken, das mit dem Antisemitismus als .kulturellem C ode' (Shulamit Volkov) eine klassenübergreifende und entsprechend weit verbreitete Sprache, ja Weltdeutung gefunden hatte; die judenfeindliche Theologie des L u ­ thertums und die deutschnationale Flaltung seines Führungspersonals; der seit 39 Dazu in deutscher Sprache zuletzt das methodisch freilich nicht unumstrittene Buch von D a v i d /. Kertzer, Die Päpste gegen die Juden. Der Vatikan und die Entstehung des modernen Antisemitismus (Berlin, München 2001). Ungleich zuverlässiger für Deutschland O la f B la sch k e, Katholizismus und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich (Göttingen 1997). 60 Neben .Argumenten“ und Redefiguren aus dem Neuen Testament spielten im judenfeind­ lichen Diskurs der italienischen Katholiken daher Invektiven gegen Freimaurertum und Risorgimento eine prominente Rolle. 61 Der wichtigste Beitrag in deutscher Sprache stammt von Enzo Collotti, Die Historiker und die Rassengesetze in Italien, in: C h r i s t o f D ipper, R a i n e r H u d e m a n n , J e n s P e t e r s e n (Hrsg.), Faschismus und Faschismen im Vergleich. Wolfgang Schieder zum 60. Geburtstag (Vierow 1998) 59-77. Eine Fallstudie ist G a b r i e l e S c h n e i d e r , Mussolini in Afrika. Die faschi­ stische Rassenpolitik in den italienischen Kolonien 1936-1941 (Köln 2000). Die Kontinuität der Judenfeindschaft vom 19. Jahrhundert bis in den Faschismus skizziert C a rlo M o o s , Das Italien der Einigungs- und Nach-Einigungszeit und die Juden, in: O l a f B la sch k e, A ra m M a ttioli (Hrsg.), Katholischer Antisemitismus im 19. Jahrhundert. Ursachen und Traditionen im internationalen Vergleich (Zürich 2000) 229-238.

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langem institutionalisierte Antisemitismus der Verbände vom Alpenverein bis zu den Burschenschaften (ein vergleichbar intensives Verbandsleben war in Italien überhaupt unbekannt); personalpolitische Traditionen in Bürokratie und Militär; der andere U m gang mit psychisch Kranken und ganz allgemein der Aufstieg der Experten und die damit einhergehende A ufw ertung ihrer Wissensbestände, die der gesellschaftlichen Steuerung dienten. Das alles lief nicht geradewegs auf den Holocaust zu, erklärt aber in jedem Falle, weshalb nach 1933 in Deutschland ge­ gen Entrechtung und Vertreibung so wenig Widerspruch gekommen ist. Kurz: Auch wenn ein deutsch-italienischer Vergleich in Sachen Antisemitismus und mehr noch in Sachen Rassismus bislang aussteht, wird man immerhin sagen können, daß in Italien beide eine deutlich geringere Breitenwirkung hatten. Beides sind moderne Weltsichten, ihrer Verbreitung standen auf der Apenninenhalbinsel jedoch die allgegenwärtige katholisch geprägte Volkskultur, der noch immer ver­ gleichsweise hohe Anteil mindestens funktionaler Analphabeten und das überlie­ ferte Familiensystem entgegen. Gegen die in staatliches Handeln umgesetzten modernen Weltsichten - und das war ab 1937 der Fall, als unter ausdrücklicher Billigung des Vatikans62 im italienischen Kolonialreich die Rassentrennung einge­ führt w urde - , bot das kaum Schutz. Das erklärt den Rassismus im Besatzungs­ alltag auf dem Balkan, von dem Mantelli schreibt, und die rasche Entrechtung und Ausplünderung der italienischen Juden, erst recht natürlich die Drangsalierung der ausländischen nach 1938. Mildernden Effekt hatte allenfalls ciie in Jahrhunder­ ten eingeübte Verweigerungshaltung gegenüber der Obrigkeit. Die hochherzigen und mutigen Rettungsaktionen erfolgten bezeichnenderweise erst in einem Augenblick, als das Leben der Juden erkennbar bedroht war, und zwar, wie man zu glauben geneigt war, ausschließlich durch die deutsche Besatzungsmacht. Viele dieser Unterschiede erklärt gewissermaßen implizit Lutz Raphaels Bei­ trag, dem es weniger um die Inhalte als vielmehr um die soziale Reichweite dessen geht, was die beiden Gesellschaften landesweit als Kultur praktizieren. Auch ciie Techniken bzw. Medien und Institutionen für die Herstellung einer nationalen Kultur finden Raphaels Interesse. Für die beiden sich seit langem als Kulturnatio­ nen verstehenden Gesellschaften trat mit der Einheit gewissermaßen der Ernstfall ein, den Deutschland dank überlegener institutioneller Voraussetzungen besser bewältigte als Italien. Bis 1945 diagnostiziert Raphael für Italien eine landesein­ heitliche literarisch-humanistische H ochkultur mit vergleichsweise schmaler so­ zialer Basis, d.h. in anhaltender Konkurrenz zu den lebenskräftigen, regional unterschiedlichen Varianten katholischer Volkskultur. In Deutschland dagegen herrschte eine inhaltlich differenziertere, auch die Realien einschließende H o ch ­ kultur, die außerdem institutionell ungleich besser abgesichert war. Gerade das er­ klärt den kulturellen Bürgerkrieg, der um 1900 in Deutschland gegen die sich for­ mierende Avantgarde ausgerufen w urde63 und der nach 1918 sogar die politische 62 Eine wichtige Voraussetzung dafür war, daß der Vatikan die koptische Kirche nicht als wirklich christliche akzeptierte. 6-’ Als latenten Bürgerkrieg zweier Kulturen wird man den in Italien besonders lang anhal-

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Stabilität zu unterminieren half. Die Nationalsozialisten ergriffen scheinbar für die überlieferte H ochkultur Partei, was ihnen deren A nhänger in Scharen z u ­ führte, und beendeten den Kulturkrieg 1933 gewaltsam; die U nterhaltungskultur ließen sie indessen gewähren. Der italienische Faschismus war, was die Inhalte betrifft, kulturpolitisch viel weniger festgelegt, ihm ging es vornehmlich um die Vergrößerung der Reichweite, die dank seiner Aussöhnung mit dem Vatikan und großer technischer Anstrengungen ein gutes Stück vorankam. Zwischen 1945 und 1960 bildete sich der Kanon nationaler H ochkultur in Deutschland erheblich rascher zurück als in Italien. D ort leisten nicht nur Katho­ liken und Kommunisten Widerstand, sondern es gelang dem Land sogar, mit P ro­ dukten wie Essen und Design besonders gut sichtbare und entsprechend bedeut­ same Segmente in die westliche Wohlstandskultur zu integrieren. So gesehen ist Italien heute ein Stück weit Weltmacht. Im Gegenzug drang vor 1960 die a-nationale M assenkultur auf der Apenninenhalbinsel nur langsam vor. In der B undesre­ publik waren die die traditionelle H ochkultur absichernden Eliten durch den Krieg stark geschwächt, wenn nicht verschwunden, ihre Reste suchten die Träger­ schichten mit der westlichen Industriegesellschaft auszusöhnen64 - erfolgreich, wie sich heraussteilen sollte. Diese mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs einhergehende hochkulturelle Zä­ sur begegnet naheliegenderweise auch beim U m gang mit der Vergangenheit. Bis dahin hatte es lediglich hie und da Retuschen gegeben. Wie H ans-Ulrich Thamer betont, hat der Faschismus geschichtspolitisch in beide Gesellschaften unter­ schiedlich stark eingegriffen. W ährend in Deutschland im wesentlichen die im 19. Jahrhundert geschaffenen Bilder und M yth en fortbestanden - es war die fünf­ fache Siegergeschichte von A rm in ius über Barbarossa, L u t h e r und die Befreiungs­ kriege bis zur Reichsgründung 1871 - , erweiterte Mussolinis Rom kult die herge­ brachte Zweigipfligkeit - Hochmittelalter und Risorgimento - um einen weiteren Gipfel beträchtlich nach rückwärts und suchte damit seine spätimperialistischen Ausgriffe historisch zu rechtfertigen65. Die Fachwissenschaft vermochte dem nicht zu folgen, wohingegen Hitlers konventionelles Geschichtsbild den Flistorikern nicht allzu viel Anpassung abverlangte. Daß die im 19. Jahrhundert zur nationalen Erbauung geschaffenen Geschichts­ bilder und -m yth en der verschiedenen Nationen miteinander vereinbar sind, wird tenden Kulturkampf bezeichnen dürfen, dessen Exponenten Jesuiten und Freimaurer waren. Ernsthafte Versuche zu seiner Beilegung unternahm Giolitti, beendet hat ihn erst Mussolinis Lateranabkommen von 1929. Verlierer w ar der Laizismus. 64 Eines der in dieser Hinsicht einflußreichsten Bücher war ohne Zweifel H a n s F r e y e r s Theorie des gegenwärtigen Zeitalters (Stuttgart 1955). Er erklärte dem gebildeten Publikum die Industriegesellschaft als das unüberwindliche Hauptm erkmal der Gegenwart und trö­ stete es über die Verluste mit dem Hinweis auf Zuwachs an Freiheit im Sinne unbegrenzter Möglichkeiten hinweg. 63 Daß die römische ein Bestandteil der italienischen Geschichte sei, war europaweit bis ins 18. Jahrhundert nahezu selbstverständlich. Erst das Entstehen der modernen Nationen und der Wissenschaftlichkeit der Historiographie, beides hing miteinander zusammen, machte diesem Geschichtsbild ein Ende.

A sp ek te der M o d ern e m D eu tsc h la n d un d Italien

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man schwerlich erwarten. Sie sollten ja gerade die im Kampf gegen die Feinde ent­ standenen Nationen repräsentieren. Aus italienischer Sicht hatten die .Deutschen“ die Italiener über Jahrhunderte daran gehindert, sich zu einem Staat zusam m enzu­ schließen, die mittelalterlichen Kaiser nicht anders als die Habsburger im Zeitalter des Risorgimento. So erklären sich die gewissermaßen antagonistischen Bilder der Historienmalerei des 19. Jahrhunderts66. W ährend sich die Deutschen und Italie­ ner aber dieser kontrastiven Identitätsgeschichte, die das tatsächliche Verhalten der beiden N ationen zueinander übrigens nur marginal beeinflußt hat, nach 1945 entledigten, schuf nunmehr der U m gang mit der totalitären Vergangenheit neue Unterschiede. In Italien avancierte die Resistenza zum „G ründungsm ythos“ (Jens Petersen) der Republik, mit dessen Hilfe man sich eine nähere Auseinanderset­ zung mit dem Faschismus ersparte - weit über die 1960er Jahre hinaus. Psycholo­ gisch entschuldeten sich die Italiener durch den Neologismus des „nazifascismo“, gegen den die Resistenza gekämpft habe und der alles wahrhaft Schlimme bei den Deutschen verbuchte. Die italienische Zeitrechnung setzt darum bei 1943 die ent­ scheidende Zäsur an, mit dem Koalitionswechsel am 8. September habe etwas Neues begonnen. So konnte selbst die optische .Entsorgung der Vergangenheit“ in Italien denkbar knapp ausfallen. Der Flolocaust hat den Westdeutschen einen ähnlichen A usweg verbaut. Statt dessen versuchten öffentliche M einung und Geschichtswissenschaft, die Epoche des Nationalsozialismus aus dem Kontinuum deutscher Geschichte hinauszu­ drängen. Diese Strategie scheiterte nicht schon mit Brachers Buch zur Weimarer Republik67, sondern erst im Verlauf der sogenannten Fischer-Kontroverse, die 1961 einsetzte. Entsprechend schwierig gestaltete sich die Suche nach positiven Seiten der deutschen Vergangenheit und angesichts der deutschen Teilung stieß auch die Selbstanerkennung der Bundesrepublik lange Zeit auf große Schwierig­ keiten. Der Widerstand gegen H itler zählte damals nicht dazu, der 17. Juni erwies sich als ungeeignet, die Freiheitstraditionen des 19. Jahrhunderts blieben trotz der Gedenkfeiern 1948 reichlich abstrakt. Einen A usw eg versprach am ehesten der Blick auf die Regional- und Stadtgeschichte, und beide Wege wurden entspre­ chend oft betreten. Bücher, Feste, Ausstellungen, neuerdings auch länderspezifi­ sche „Fläuser der Geschichte“ zeigten und zeigen eine im Frieden mit sich selbst lebende Gesellschaft, die sich in diesem entpolitisierten Raum nun auch buchstäb­ lich anstandslos der einstmals unter ihr lebenden jüdischen .M itbürger“ erinnern konnte68. Kurz: Gegen Ende unseres Vergleichszeitraums konnten die Deutschen neidvoll auf den U m gang der Italiener mit ihrer jüngsten Vergangenheit blicken. Noch ahnte niemand, daß in den 1990ern ein um so radikalerer, geradezu staats-

66 Eindrucksvolle Belege im Katalog zur gleichnamigen Ausstellung: M o n ik a F la ch e (Hrsg.), Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama (Berlin 1998), D ie tr i ch B ra ch e r, Die Auflösung der Weimarer Republik (Stuttgart, Düsseldorf 68 Kritisch dazu M o n ik a R ich a rz , Luftaufnahme - oder die Schwierigkeiten der Heimatfor­ scher mit der jüdischen Geschichte, in: Babylon 8 (1991) 27-33.

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C h risto f D ip per

gefährdender Zusammenbruch des nationalen Selbstverständnisses und seiner Geschichtsbilder eintreten würde, der im westlichen Europa Seinesgleichen sucht. Damit sind w ir beinahe in der Gegenwart angekommen, doch steht noch die Präsentation eines Beitrags aus, den die wenigsten in diesem Sammelband erw ar­ ten w ürd en 69. Wenn man jedoch an einer Technischen Universität unterrichtet, liegt die Frage nach den kulturellen Rahmenbedingungen der Technik nahe70. Wie berechtigt diese Frage ist, zeigt der Beitrag U lrich Wengenroths ohne Zweifel. Er stellt einen Zusammenhang zwischen Art und Weise der Industrialisierung einer­ seits und Technikkultur bzw. Denkstil der Ingenieure andererseits her, der inter­ essante Perspektiven eröffnet. Die schwerindustriell basierte Entw icklungsge­ schichte Deutschlands brachte Erfahrungen und Traditionen für den U m gang mit Fabrikorganisation und Technik hervor, die von italienischen Unternehmern zu Recht als ungeeignet für ihr Land betrachtet wurden. So schlugen beide Indu­ strien unterschiedliche Entwicklungspfade ein. Die Parallelität wirtschaftlicher Leitsektoren, das Korsett einheitlicher N orm en und der internationale Wettbe­ werb erzwangen gleichwohl stufenweise H omogenisierungen, die jedoch die blei­ benden Unterschiede nicht beseitigt haben. Unter diesen greift Wengenroth die Konstruktionsstile auf und kann damit die Erfolge beider Industrien auch im je­ weils anderen Land erklären, da Produktions- und Konsumgüter unterschiedli­ chen Logiken bei Entwurf, Herstellung und Verkauf gehorchen. Daß genau in dem Moment, als in Deutschland die Konsumgesellschaft sich bemerkbar machte, italienisches Design den Siegeszug hierzulande antrat, dürfte damit Z u s a m m e n ­ hängen71. Ein weiterer bleibender Unterschied, den freilich Wengenroth aus guten Gründen ausgeklammert hat, betrifft die Betriebsstruktur des Gewerbesektors beider Länder. In Deutschland bestimmen mittelständische Betriebe wenn nicht das Bild, so doch jedenfalls die Statistik, in Italien dagegen die Kleinbetriebe. Kein anderes industrialisiertes Land, von Japan abgesehen, ist derart eindeutig von F ir­ men mit maximal zehn Beschäftigten bestimmt wie Italien. Die weltbekannten Namen Fiat, Olivetti oder Benetton täuschen darüber hinweg, daß italienische Unternehmer die überschaubare, eher an eine Werkstatt erinnernde Produktions­ stätte bevorzugen und es dank Kooperativen dennoch schaffen, auf dem Welt­ markt präsent zu sein. Ob diese gewissermaßen vormoderne Betriebsstruktur die Fabrik der Zukunft darstellt, wird man erst in künftigen Zeiten wissen.

69 Vgl. jedoch das Postscriptum des Vorworts. 70 „The concept of style applied to technology counters the false notion that technology is simply applied science and economics“, schrieb der Altmeister der Technik- als Kulturge­ schichte, T h o m a s P. H ughes'. The Evolution of Large Technological Systems, in: W ie b e t . Bijker, T h o m a s P. H u g h e s , T r e v o r P. P i n c h (Hrsg.), The Social Construction of 'technological Systems (Cam bridge, Mass., London -’ 1990) 69. 71 Dazu demnächst A lb r e ch t B a n g e r t , Moda e design, in: G u s t a v o C o rn i, C h r i s t o f D ip p e r (Hrsg.), Italiani in Germania (Bologna 2005).

A sp ek te der M o dern e in D eu tschlan d und Italien

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IV. Wir sind nun tatsächlich am Ende unseres Ganges durch die Ausschnitte deut­ scher und italienischer W irklichkeiten zwischen I860 und 1960 angelangt. Von einem Sonderweg fand sich keine Spur. Gleichwohl sind die Unterschiede hoch­ bedeutsam im Hinblick auf die eingangs formulierte These, die institutionelle Ver­ festigung der Moderne habe im 19. und 20. Jahrhundert nördlich und südlich der Alpen unterschiedlich Fuß gefaßt. Wenn man, ohne Vollständigkeit anzustreben, Kirche, Monarchie, direkte Repression, Gemeinde- bzw. Regionalautonomie und eine auf das Familiensystem gestützte Daseinsvorsorge als Erscheinungsformen der Vormodernc ansieht, w ird der Unterschied schon auf den ersten Blick offen­ sichtlich. Fast alle spielen in Italien eine anhaltende, teilweise bis heute dauernde Rolle. Ausnahmen sind die Monarchie, die 1946 allerdings nur mit knapper Not abgeschafft wurde und deren männliche Vertreter sicherheitshalber des Landes verwiesen werden mußten, und die schon 1865 beseitigte Gemeindeautonomie, die allerdings der denkbar engen Bindung der Menschen an ihre H eimat nichts hat anhaben können. Natürlich gibt es auch Institutionen der Moderne. Bei ihnen fällt allerdings die begrenzte soziale Reichweite auf, die teilweise erst in der zweiten Nachkriegszeit überwunden wurde. Dazu zählt das Privatrecht, das nicht von ungefähr gerade die Familie bis weit ins 20. Jahrhundert vor staatlichen Eingriffen schützte, ferner die Demokratie, deren politische Reichweite bis 1913 in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer sozialen stand; danach wurde das Land unregierbar - Mussolinis Chance. Einen Sozialstaat konnte sich das Land vor den 1950er Jahren nicht leisten, die Selbstorganisation der Bürger in Vereinen beschränkte sich jahrzehntelang auf die Ober- und obere Mittelschicht. Dasselbe gilt für die modernen Weltbilder. Ob die im Risorgimento geschaffene nationale H ochkultur sich jemals durchgesetzt hat, kann man bezweifeln. Sie hatte sich nicht nur äußerst lebenskräftiger Konkurren­ ten zu erwehren, sondern ihrer Durchsetzung standen auch Analphabetenrate und mangelhafte Kenntnis der Hochsprache entgegen. Als R undfunk und Fernse­ hen diesen Mangel beseitigt hatten, war die klassische N ationalkultur einschließ­ lich ihres Geschichtsbildes schon wieder bis auf Reste verschwunden. So verwun­ dert nicht, daß auch der Rassismus, zeitweise international das attraktivste der modernen Weltbilder, in Italien über die Kreise der in die N ationalkultur Inte­ grierten nicht hinausgelangt ist; zum H aß auf Juden genügen bekanntlich schon weniger moderne Gegebenheiten. Für die 1919 zu Italien geschlagenen nationalen Minderheiten wirkte sich der dort inzwischen erreichte Grad nationaler Massen­ mobilisierung nachteilig aus; fünfzig Jahre früher wären sie wahrscheinlich glimpflicher davongekommen. Muß man noch eigens für Deutschland die Gegenrechnung aufmachen? Mehr Aufschluß verspricht die Suche nach den Gründen. Diese können hier nur ange­ deutet werden. Einerseits sind sie natürlich in den weiterreichenden Eingriffen zu suchen, denen die Deutschen als Untertanen einer reglementierungswütigen und *n Grenzen benevolenten O brigkeit schon lange vor der Entstehung des N atio­

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C h r is t o f D ip p e r

nalstaats ausgesetzt waren; der moderne Staat ist, jedenfalls hierzulande, um eini­ ges älter als der nationale. Sodann erfaßte die Industrialisierung die deutsche Ge­ sellschaft ebenfalls früher als die italienische, und auch zu größeren Teilen. Schließlich lockerte der früh ausgebildete Sozialstaat bei seinen Klienten u n w ei­ gerlich die familiären Bande, da auf Versorgungsleistungen nunmehr ein rechtlich verbriefter Anspruch bestand. Vieles andere wäre in diesem Zusammenhang noch zu nennen. Statt dessen ist noch ein anderer Erklärungsansatz zu nennen. Er fragt nach der gesellschaftlichen Disposition zur Bewältigung von Um brüchen und Krisen. Der schwedische Sozialpsychologe Erikson72 hat den interessanten Versuch unter­ nommen, seine Erkenntnisse über die Entwicklung der menschlichen Identität auf Nationen zu übertragen. Demzufolge wäre auch bei diesen die Art und Weise, wie sie frühere Krisen gelöst haben, für deren weiteren Weg ausschlaggebend - nicht in deterministischem Sinne, sondern als Disposition. Für unser Them a heißt das, daß die beobachteten deutsch-italienischen Unterschiede zu erheblichen Teilen auf das Krisenmanagement des 19. Jahrhunderts zurückgeführt werden können und daß auch die unterschiedliche Reichweite faschistischer bzw. nationalsoziali­ stischer Diktatur bis zu einem gewissen Grade eine Folge getroffener oder unter­ lassener Entscheidungen in der Zeit der Nationalstaatsgründung war. Die am offensichtlichsten auf kollektive Erfahrungen der Italiener zurückgehende p o liti­ sche Verhaltensform ist deren Mißtrauen, ja Feindschaft gegenüber dem Staat. M it ihm haben sie überwiegend schlechte Erfahrungen gemacht, und zw ar seit J a h r ­ hunderten. Schon mancher Sprachgebrauch ist enthüllend, „Piove, governo ladro“, pflegten früher italienische Landarbeiter zu schimpfen - eine Verwün­ schung, die deutschen Ohren unfaßlich scheint: A m Regen soll die Regierung schuld sein, weil sie ja ohnedies den Arm en alles stiehlt. ,Die Regierung': Gewöhnlich spricht der Italiener vom „palazzo“; auch das A usdruck tiefsitzen­ der, jahrhundertealter (schlechter) Erfahrungen. U m gekehrt bliebe die in Deutschland anzutreffende Staatsvergottung ohne die entsprechenden (guten) Er­ fahrungen - nicht immer, aber jedenfalls hie und da - durchaus unerklärlich. Die so erzeugten unterschiedlichen Dispositionen haben in beiden Gesellschaften ent­ sprechend unterschiedliche Erwartungen der Bürger und H andlungsspielräume der Politiker zur Folge. Gegenwärtig lassen sich die Italiener lieber von .Brüssel1 etwas vorschreiben als von Rom, und vorsichtshalber haben sie in den römischen „palazzo“ gleich noch einen Exponenten jener Kreise gewählt, die ihr Ansehen dem U mstand verdanken, Staat und Gesetze an der Nase herumzuführen. So ge­ sehen, sind die Parallelen zwischen Deutschland und Italien derzeit eher gering.

71 Erik EL Erikson, Identität und L ebenszyklus (Frankfurt 1974). Dazu E lans-U lrich W ehler, Erik Erikson. Der unaufhaltsame Siegeszug der Identität, in: ders., Die Herausforderung der Kulturgeschichte (München 1998) 130-135.

1. Das Land

Marco Meriggi Regionalismus: Relikt der Vormoderne oder Vorbote der Postmoderne?* Da es bei dem vorliegenden Thema vor allem darauf ankommt, die geistige Bezie­ hung zwischen Zentrum und Peripherie in der italienischen und deutschen Ge­ schichte in dem Jahrhundert zwischen 1860 und 1960 zu vergleichen, muß der Be­ griff Regionalismus meiner Ansicht nach flexibel und ohne strenge Begrenzung benutzt werden. In diesem Sinne ist Regionalismus zu verstehen als Ausdruck des Zugehörigkeitsgefühls zu einer lokalen Identität, die einerseits nicht notwendi­ gerweise mit den Grenzen der Region übereinstimmen muß, und zum anderen im Laufe der Zeit sowohl räumlichen als auch inhaltlichen Veränderungen unterw or­ fen sein kann. Im folgenden werde ich dies begründen und mich dabei vor allem auf die Zeit von der nationalen Einigung der beiden Länder bis zum Ersten Welt­ krieg und nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Zeit bis 1960 beziehen. In Deutschland ist meines Erachtens in der ersten Phase, die ich in Betracht zie­ hen will, unter Regionalismus das Überleben der alten Staaten - mit ihren herr­ schenden Dynastien, lokalen Institutionen und unabhängigen Verwaltungsappa­ raten - innerhalb der föderalen Struktur des Reiches zu verstehen. M it anderen Worten, im Kaiserreich stellen die Regionen nicht periphere Gliederungen zen­ traler staatlicher Institutionen dar, sondern sind selbst diese staatlichen Institu­ tionen oder, wenn man so will, regionale Staaten. Ohne Zweifel wird das B ewußt­ sein der bestehenden und sich weiter ausprägenden Unterschiede der territorialen Bestandteile des Reiches voneinander nach der Zäsur von 1870 in mehrfacher Hinsicht sogar noch ausgeprägter als vorher. Jetzt nämlich existiert ein einheit­ liches - wenn auch föderal geprägtes - System, und mit ihm entwickelt sich in kur-

Aus dem Italienischen übersetzt von Friederike Hausmann.

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M arco M criggi

zer Zeit das Umfeld zur Herausbildung einer ihm gegenüber kontrastiven Iden­ tität1. Trotz seines föderalen Aufbaus setzt sich im Kaiserreich unzweifelhaft ein wirkliches Zentrum von Anfang an als dominierendes Element durch, als dessen Kehrseite die alten Staaten veranlaßt werden, das Profil ihrer lokalen Eigenheit zu betonen. Daß im Kaiserreich Regionalismus in erster Linie eine antipreußische Haltung bedeutete, braucht wohl nicht weiter belegt zu werden. Sie gründete sowohl in der Art, wie die deutsche Einigung zustande gekommen war, als auch in der föderalen Struktur, die dem preußischen König die Kaiserwürde und dem preußischen M i­ nisterpräsidenten das Amt des Kanzlers des Bundes vorbehielt. Auch unter dem Aspekt der territorialen A usdehnung stellte sich das Reich im übrigen - trotz des spürbaren Gegensatzes zwischen ost- und westelbischen Preu­ ßen - als Bund unter der offenbaren, erdrückenden preußischen Übermacht dar. Je mehr im Betrachtungszeitraum die Befugnisse des Reiches gegenüber den ver­ schiedenen regionalstaatlichen Realitäten Z u n a h m e n , desto mehr verstärkte sich auch das preußische Übergewicht über das ganze System. Zugleich wuchs die Ausstrahlungskraft der klassischen M ythen, auf denen das preußische Staatsmo­ dell spätestens seit der napoleonischen Zeit basierte, über die Grenzen seiner Ent­ stehung in Ostelbien hinaus: militärische Größe, dynastische Expansion, stark vom Adel geprägter gesellschaftlicher Traditionalismus und institutioneller A utoritarismus. O bw ohl die Kompetenzen der zentralen Institutionen gegenüber den Ländern weiter ausgebaut wurden, sollte diese Entwicklung bekanntlich erst in der Weimarer Republik, d.h. nach der Abschaffung der alten regionalen M o n ar­ chien, darunter vor allem der preußischen, zum Stillstand kommen2. In einem solchen Kontext konnte Regionalismus nur bedeuten, das Gefühl des Unterschiedes im Vergleich zu den erwähnten Wertvorstellungen und M ythen zum A usdruck bringen zu wollen. Wenn Berlin deshalb zwar in staatlicher H in ­ sicht den zentralen Pol des Systems darstellte, so bildete sich doch ein N etz von alternativen, regionalen Polen heraus, das vor allem in Verbänden und Vereinen

1 Zum Begriff der „kontrastiven Identität“, der vielen Überlegungen des vorliegenden Tex­ tes zugrunde liegt, bietet wertvolle Hinweise: U g o F a b ie tti, L’Identitä etntca. Storia e critiea di un concetto equivoco (Rom 1995). 2 Mit den entsprechenden bibliographischen Hinweisen diskutiert diese Frage: D i e t e r L ang e w i e s c h e , Föderalismus und Zentralismus im deutschen Kaiserreich: Staat, Wirtschaft, G e­ sellschaft, Kultur - eine Skizze, im folgenden zitiert: L a n g e w i e s c h e , Föderalismus, in: O l i v e r J a n z , P i e r a n g e l o S ch iern , H a n n e s S ieg ris t (Hrsg.), Zentralismus und Föderalismus im 19. und 20. Jahrhundert. Deutschland und Italien im Vergleich (Berlin 2000) 79-90, im folgenden zitiert: J a n z , Scbiera, Siegrist, Zentralismus. Ausführlicher als in diesem 'Text geht Langewiesche auf dieses Thema ein in: Föderativer Nationalismus als Erbe der deutschen Reichs­ nation: der Föderalismus und Zentralismus in der deutschen Nationalgeschichte, in: d ers., G e o r g S c h m i d t (Hrsg.), Föderative Nation. Deutschlandkonzepte von der Reformation bis zum Ersten Weltkrieg (München 2000) 215-241. Ferner K u r t D ivw ell, Zwischen Föderalis­ mus, Unitarismus und Zentralismus. Retchsreform und Länderneugliederung in der Weima­ rer Republik (1918-1933), in: J a n z , S cb ie r a , S iegrist, Zentralismus 215-225.

R egionalisniu s

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angesiedelt war, wo sich „naturgemäß“ das Verlangen nach Unabhängigkeit ge­ genüber dem A utontarism us der staatlichen Institutionen formulierte. Hinreichend bekannt ist in dieser Hinsicht das Beispiel Münchens, das sich als Kunststadt ausdrücklich an Paris orientierte. Aber auch allgemeiner kann man meiner Meinung nach von einem dauerhaften Regionalbewußtsein oder besser: regionalen Überlegenheitsgefühl Süddeutschlands gegenüber dem Kaiserreich sprechen, das im wesentlichen als eine Ausdehnung des ostelbischen Preußens über seine historischen Grenzen hinaus verstanden wurde. Deutlich w ird diese Einstellung einerseits im Hin blick auf die Kirchen selber, wo eine Art anthropo­ logischer Gegensatz zwischen dem süddeutschen Katholizismus und dem nordund ostdeutschen Protestantismus aufscheint, andererseits aber auch hinsichtlich der Art und Weise, wie die in diesem Gegensatz verankerten Kirchen sich organi­ sierten. Im dem wichtigen Bereich des landwirtschaftlichen Verbandswesens trat, um nur ein Beispiel zu nennen, ebenfalls ein Gegensatz dieser A rt zwischen dem in Ostelbien verwurzelten Bund der Landwirte und den in Süddeutschland am weitesten verbreiteten katholischen Bauernvereinen zutage, der sich zeitweise zum Konflikt steigerte3. Neben diesen Auseinandersetzungen regionaler H erkunft lassen sich ohne Schwierigkeiten viele andere nennen. Anhand eines neueren tiefgreifenden A uf­ satzes von Dieter Langewiesche4 wäre beispielsweise zu erwähnen, daß H am burg sich als erstes Zentrum der sozialdemokratischen B ewegung durchsetzte und diese Rolle bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auch beibehielt. Im gleichen Zeit­ raum entwickelte sich das westliche Preußen industriell schneller als das östliche, woraus Mentalitätsunterschiede und vor allem eine unterschiedliche Sicht des Verhältnisses von Gesellschaft und Staatsgewalt erwuchsen. Im letzteren Fall han­ delt es sich um die Entstehung eines Regionalbewußtseins, das nicht einfach mit den Grenzen der Länder des Reiches übereinstimmte, sondern sich im Gegenteil innerhalb eines einzelnen, allerdings des größten, Bundesstaates herausbildete und bis dahin unbekannte Konstellationen hervorbrachte. Wie wiederum Langewie­ sche unterstreicht, war der N orden im allgemeinen weiter entwickelt als der Sü­ den, und daraus entwickelte sich gewissermaßen eine „nordbedingte“ A b w ei­ chung der kollektiven Identität, die die Grenzen der einzelnen Bundesstaaten zu überschreiten begann und einem sozusagen überstaatlichen Regionalisnius zum Leben verhalf. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß sich zw ar in einzelnen Bereichen regio­ nale Polarisierungen und Gegensätze auch zwischen anderen Staaten herausbilde­ ten, daß Regionalismus aber im Rahmen des Kaiserreichs vor allem in der Form der antipreußischen Selbstbehauptung, d.h. als Eindämmung des „Herrenmen­ schentums des O stens‘<:>zum A usdruck kam. In diese Richtung wirkten sowohl

L a n g e w i e s c h e , Föderalismus 83. 1 L a n g e w i e s c h e , Föderalismus. L a n g e w i e s c h e , Föderalismus 90.

die Institutionen, an tn m u m « w ..... ....... , der bürgerlichen Gesellschaft, die sich zu diesem Zweck auf konfessionelle, poli­ tische und kulturelle Identitäten bezogen. Sie wandten sich nicht nur gegen das sozusagen offizielle und dynastische, sondern auch gegen das „zivile“ Preußen, das den Hohenzollern ablehnend gegenüberstand. Selbst in einem Milieu wie dem der Sozialdemokratie, das theoretisch für das Verschwinden lokaler Traditionen als besonders anfällig galt, bildeten sich starke Konfliktpotentiale zwischen den Parteimitgliedern aus Süd- und preußischen Genossen, Die Süddeutschen, die d a­ von überzeugt waren, die entwickeltere politische Kultur zu besitzen, betrachte­ ten die preußischen Genossen als Verfechter einer Organisationsform, die - wenn auch unbewußt —in i h r e r autoritären und hierarchischen Konzeption dem ver­ gleichbar war, was man im allgemeinen als Preußentum in seiner monarchisch­ staatlichen Form ablehnte7. Im Kaiserreich existierte also sowohl ein Regionalismus der alten Staaten, dem die föderale Struktur des Reiches im übrigen einen günstigen Nährboden bot, als auch ein neuer Regionalismus, der aus der Gesellschaft und ihren Veränderungen erwuchs. Vor allem aber bestand mit dem Preußen der Hohenzollern ein M ittel­ punkt, gegenüber dem sich der staatliche oder, w ie w ir gesehen haben, der w ir t­ schaftliche und gesellschaftliche Regionalismus als alternative Identität leicht ab­ grenzen konnte. Die Reichsverfassung hatte dafür in institutioneller Flinsicht die Voraussetzung geschaffen, die dann durch die sich tatsächlich entwickelnden B e­ ziehungen zwischen den Ländern verstärkt wurde. Man könnte leicht der Versuchung verfallen, ähnliche Überlegungen auch für Italien anzustellen, dessen Entwicklung in den ersten Jahrzehnten nach der Eini­ gung von einem Teil der Zeitgenossen als Piemontisierung und Zentralisierung verstanden und von einem großen Teil der H istoriker auch in dieser Weise darge­ stellt worden ist8. Ich bin allerdings der Meinung, daß eine A nalyse des Problems, die über die rein institutionell-formalen Fakten hinausgeht, ein wesentlich nuancierteres, weniger monolithisches Bild ergibt als die genannten Formeln. Preußen, die Hohenzollern, Bismarck, der Traditionalismus der grundbesitzen­ den Elite und der Militarismus, Berlin: Alle Kettenglieder scheinen im Kaiserreich reibungslos ineinanderzugreifen und trotz des „Korrektivs“ der föderalen Verfas­ sung die nicht-preußischen Teile des Reiches zu regionalistische Reaktionen gera­ dezu zu „ zwingen“. Im Königreich Italien existierte ein solches föderales Korrektiv bekanntlich nicht. Im Einheitsstaat wurden nämlich die Strukturen der vorher bestehenden Staaten aufgelöst, und die politischen Pläne eines bedeutenden Teils der politi­ schen Elite, denen in den ersten Jahren nach der Einigung ein nicht-zentralisti-

6 T h o m a s N i p p e r d e y , Deutsche Geschichte 1866-1918, Bd. 2 (München 1992) 92. 7 L a n g e w i e s c h e , Föderalismus 84. 8 Ein Überblick dazu gibt: M a r co M e r i g g i , Tra istituzioni e societä: le elites dell’Italia liberale nella storiografia recente, in: Le carte e la Storia 5, Heft 2 (1999) 10-23, im folgenden zitiert: M e r i g g i , Istituzioni.

testcns X8b3 gescncitert. in diesem j am uaieu uic vjcsciü.^ iu> . u w«uU„ 5o ,v ,„ u heitlichung in Kraft, durch die nach französischem Vorbild ein System auf der Ba­ sis von Präfekturen eingeführt wurde. Neben der institutioneile Vereinheitlichung und administrativen Zentralisierung bestand in den ersten Jahrzehnten nach der Einigung in der Regierung und in den höchsten Stellen von Militär und Verwal­ tung ein deutliches Ü bergewicht von Personal, das im ehemaligen Königreich Sar­ dinien-Piemont und besonders in Piemont seine Karriere begonnen hatte10. D ar­ aus ließe sich spontan der Schluß ziehen, daß in Italien das ernsthafte Problem der zu geringen Repräsentanz der Peripherien bestanden habe, während das Zentrum eine spezifische staatlich-regionale Überlegenheit zu Lasten der Gebiete besaß, die als Staaten vor der Einheit bestanden hatten und im Königreich Italien aufgeo-angen waren. Bei genauerer Betrachtung ist ein derartiges Urteil, wie gesagt, nicht wirklich zutreffend1L Rom, das seit 1871 Hauptstadt des Königreichs war, ist beispielsweise keines­ falls Synonym für die sabaudische Dynastie, obwohl in der ehemaligen H aup t­ stadt des Kirchenstaates und der katholischen Christenheit Politik und Verwal­ tung lange Zeit sozusagen piemontesisch sprachen. R om war zudem nach Turin (1861) und Florenz (1865) bereits die dritte Hauptstadt, in die sich das in vieler H i n s i c h t noch w enig gefestigte Königreich im Verlauf von nicht einmal zehn Jah ­ ren gab. Während im deutschen Kaiserreich Berlin von Anfang an das unverrück­ bare und in der vorangegangenen Geschichte fest verankerte Zentrum war, wie die Kontinuität der Entwicklung im neuen Kontext der Vielstaatlichkeit der föderalen Struktur bezeugt, erwies sich in Italien das Zentrum als beweglich und vor allem der Tradition der herrschenden Dynastie vollkommen fremd. Die Dynastie war wie entwurzelt und aus dem Zusammenhang gerissen und jedenfalls unfähig, das Übergewicht zu verstärken und zu integrieren, das einerseits die Vertreter des alten Staates gleichsam durch bloßes Beharrungsvermögen in Verwaltung und M i­ litär ausübten, und das gleichzeitig ihre „M änner“, ihre Landsleute im Parlament, d.h. in der Legislative besaßen. Wie hätte sie dazu auch in der Lage sein können angesichts der Tatsache, daß die Region, in der die D ynastie wurzelte, nur ein Siebtel der Fläche des neuen nationalen Territoriums umfaßte und zudem im Zuge des Einigungsprozesses sein historisches „H erzstück“ Savoyen an Frankreich ver­

9 Vgl. dazu: R o b e r t o R u ffd li , Governo, Parlamente) e correnti politiche nella gencsi della legge 20 marzo 1865, in: R o b e r t o Ruffili, Istituzioni, societä, stato. Bd. 1. 11 ruolo delle lstituzioni amministrative nella fonnazione deilo Stato in Italia (Bologna 1989} 275-328, mit der dort zitierten Literatur. 10 Vgl. dazu: G u id o M elis, Sforia dell’amministrazione italiana 1861-1993 (Bologna 1996); R a ffaele R o rn a n elli (Hrsg.), Storia dello stato italiano. DaU’Unitä a oggi (Rom 1995); A rp a d Klimo, Staat und Klientel im 19. Jahrhundert. Administrative Eliten in Italien und Preußen im Vergleich 1860-1918 (Köln 1997). 11 Im folgenden beziehe ich mich weitgehend auf: l l a r i a P o r ci a n i , Lokale Identität - natio­ nale Identität. Die Konstruktion einer doppelten Zugehörigkeit, in: J a n x , S ch ien t , Siegrist, Zentralismus 103-133, im folgenden zitiert: P o rcia n i, Identität.

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Marco M ertggi

loren hatte? Der preußische Staat umfaßte dagegen zwei Drittel des Territoriums des deutschen Kaiserreiches. Wenn einige Jahrzehnte lang Regierung, Verwaltung und Heer weiterhin eine Art den Piemontesen vorbehaltenes „Revier“ blieben, so war das Parlament des neuen Italien von A nlang der wichtigste O rt der M ediation zwischen den lokalen Interessen der verschiedenen Teile des Königreichs, die von den Vertretern der schmalen Schicht der Notabein, die das Wahlrecht besaßen, in Rom repräsentiert und gestützt w u r d e n 12. Zu oft hat die Geschichtsschreibung, die den Zentralismus und damit auch die Piemontisierung im italienischen Einheitsstaat betonte, meines Erachtens allerdings übersehen, wie sehr diese Institution, die es außer im König­ reich Sardinien zuvor nicht gegeben hatte, in der Lage war, den Interessen der ter­ ritorialen Peripherien Ausdruck zu verleihen. Wie viele neuere Untersuchungen gezeigt haben, wurde das Parlament im politischen Leben Italiens lange Zeit ten­ denziell mehr als Instrument zur Beilegung lokaler Konflikte als z u r Gestaltung einer nationalen Politik verstanden. Als durch die Wahlreformen seit 1882 das System der Notabeln-Elite überwunden w urde und Abgeordnete der Massenpar­ teien im Palazzo Montecitorio in größerer Zahl vertreten waren, ließen sich auch diese besonders anfangs von dieser H altung anstecken13. Wenig später, als nach den sogenannten „Vätern des Vaterlands“ die nächste Generation antrat, ver­ schwand die ursprüngliche piemontesischc H egemonie in Verwaltung und Heer von selbst14. Diese Betrachtungen vermitteln das Bild eines Landes, m dem lokale Polarisie­ rungen keineswegs fehlen, die dank institutioneller M öglichkeiten dann aber auch Mittel und Wege finden, um ihnen Ausdruck zu verleihen, trotz des von Staat und Verwaltung angeblichen Zentralismus. Nicht zufällig haben wir an dieser Stelle ganz allgemein von lokalen und nicht von regionalen Polarisierungen gesprochen, da vor der Einigung Italiens - im G e­ gensatz zu Deutschland, würde ich sagen15 - solche Polarisierungen sich vor allem auf der Ebene der Städte und Gemeinden ausdrückten. Unmittelbar vor der Eini­ gung w ar Italien nämlich noch überwiegend ein Land, in dem die Städte innerhalb der aus unterschiedlichen Regionen gebildeten Staaten auf ihre A utonomie poch­ ten. Das Königreich Sardinien, der Kirchenstaat, das Königreich LombardoVenetien und das Königreich beider Sizilien waren aus verschiedenen Regionen zusammengesetzte Staaten, die H erzogtüm er Parma, Piacenza, Modena und R eg­ gio dagegen Stadtstaaten. Als unitarisch verfaßter Staat läßt sich vor der Einigung M e r i g g i , Istituzioni; und jetzt vor allem: F u lv io C a m m a r a n o , Storia politics delPItalia liberale V s 6 1-1901 (Rom 1999). 13 A lb er to M a rio B anti, Storia delta borghesia italiana. L’etä liberale (Roma 1996) besonders 193-212; M a u r i z io R id o lß , II PSI e la nascita del partito di massa 1892-1922 (Roma, Bari 1992). 14 S a b i n o C a s se s e, Questione amministrativa e questione meridionale (Mailand 1977); L ucio C e v a , Le forze armate (Turin 1985), 13 M a r c o M e r i g g i , P i e r a n g e l o S cb ie ra (Hrsg.), Dalla cittä alla nazione. ßorghesie ottocentesch ein Italia e in Germania (Bologna 1993).

R egionalisniu s

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nur das Großherzogtum Toskana bezeichnen. Die Regionen, wie w ir sie innerhalb des augenblicklich geltenden politisch-administrativen Systems kennen, sind da­ gegen eine Erfindung der Zeit nach der Einigung; sie entstanden nach 1860 als Bausteine eines von oben, ursprünglich vor allem aus statistischen Gründen ent­ worfenen Plans16. Das alles verhinderte im übrigen nicht, daß sich innerhalb der politisch-admini­ strativen Konstruktion des Einheitsstaates bald neue Tendenzen zeigten mit dem Ziel, die Besonderheiten einzelner lokaler Zusammenhänge in den Vordergrund zu rücken. Diese letzteren scheinen aber mehr die Begleiterscheinung eines neuen Geschichtsabschnitts - der Gegenwart - zu sein als die Konsequenz aus der Ver­ gangenheit. Zudem handelt es sich um Spannungen und Forderungen gegenüber dem Ganzen und nicht so sehr um feindselige Reaktionen gegen einen bestimmten Teil. Dies wird deutlich, wenn man den für die spätere Zeit des liberalen Italien cha­ rakteristischen Fall der Lombardei mit ihrem anspruchsvollen, nie zufriedenge­ stellten R egionalbewußtsein heranzieht. Der lombardische Regionalismus artiku­ lierte sich bezeichnenderweise nicht unmittelbar nach der Einigung, sondern um die Jahrhundertwende, also in der Zeit des Übergangs von dem auf eine Klasse gestützten N otabelnregim e zu einem auf mehrere Klassen gestützten Staat17, der seine Politik auf die Industrialisierung auszurichten begann. Zuvor war der Widerstand gegen die Einheitspolitik am deutlichsten im M ezzogiorno zum A usdruck gekommen, denn hier war die Einbindung in das König­ reich Italien zumindest teilweise eher als Vereinnahmung empfunden worden denn als das Erreichen eines selbstgesteckten Ziels. Das Drama des so genannten Brigantenwesens unmittelbar nach der Einigung läßt sich auch unter diesem Blickwinkel betrachten. Zugleich aber nutzte der Süden die Einbindung in den Einheitsstaat zu internen Gewichtsverschiebungen. llaria Porciani hat in ihrem grundlegenden Aufsatz, auf den sich unsere Ausführungen im wesentlichen stüt­ zen, darauf hingewiesen, daß noch 1870 in den Erdkundebüchern der Schulen Italien gelegentlich nur in Piemont, Lombardei, Emilia, Marken, Umbrien, Tos­ kana, Neapel und Sizilien gegliedert war. Diese vereinfachende Darstellung unter­ schlug im N orden Ligurien und Venetien, reduzierte aber vor allem den Süden auf den bloßen Gegensatz zwischen Insel und Festland. Es ist deshalb wenig verwun­ derlich, wenn in den ersten drei Jahrzehnten nach der Einigung in verschiedenen Teilen des Südens immer wieder der Versuch gemacht wurde, eine eigene Identität durchzusetzen, nicht aber - das gilt es zu betonen - gegen Rom, sondern vielmehr

16 L ucio G a m b i , I.’ „invenzione“ delle regiom italiane, in: M a r c o B c ll a b a r b a , R e i n h a r d S tä u ­ b e r (Hrsg.), Identita territorial! e cultura politica nella prima etä moderna/Territoriale Iden­ tität und politische Kultur in der Frühen Neuzeit (Bologna, Berlin 1998) 375-380, mit der dort zitierten Literatur. 17 Die Begriffe „stato notabilare monoclasse“ und „stato pluriclasse“ schlägt vor: M a ss im o Sevcro G i a n n i m , 11 pubbheo potere. Stati e arnministrazione pubbliche (Bologna 1983).

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M arco M e rig g i

gegen Neapel; nicht gegenüber der neuen, sondern gegenüber der alten H au p t­ stadt18. Ganz anders liegt, wie gesagt, der Fall der Lombardei. Um die Jahrhundert­ wende entspann sich zwischen dem ehemaligen „Staat M ailand“ und der Zentral­ regierung eine Auseinandersetzung vor allem um die Militär- und Steuerpolitik der Regierung Crispi, gegen die sich ein Bündnis verschiedener, scheinbar unver­ einbarer gesellschaftlicher Kräfte aus Industriellen, Katholiken und Sozialisten form ierte19. In dieser Situation erwies sich die alte Vertretung territorialer Interes­ sen durch die Notabein als völlig unzureichend angesichts der H erausbildung komplexer, höchstens als ökonomisch-korporativistisch zu bezeichnender Inter­ essenlagen. Dagegen formierte sich hier zum ersten M al ein Regionalismus, wie wir ihn dann im 20. Jahrhundert bis heute immer wieder antreffen. Er bringt die Interessen der ökonomisch entwickeltsten Teile des Landes zum Ausdruck, d.h. die einer Industrieregion, die sich gegen die für den Zentralstaat typische büro kra­ tische ra ti o und seine Umverteilungspolitik zur Wehr setzt. Dieser Regionalismus postuliert teilweise eine „anthropologische“ Überlegenheit der Träger des eigenen Wirtschaftssystems gegenüber dem nationalen System oder besser gegenüber der Welt der Politik, die man der Wirtschaft einerseits, der lokalen Verwaltung ande­ rerseits entgegenstellt. Bei anderer Gelegenheit nutzt man die Standortvorteile, um weitere Ressourcen zur U nterstützung des lokalen Wirtschaftswachstums herauszuschlagen20. Seit s i c h M ailand gegen Ende des 19. Jahrhunderts selbst zur „moralischen H auptstadt“ Italiens erklärte, entwickelte sich ein bis zum Ende der 20er Jahre an­ dauernder Prozeß, der zur H erausbildung eines Gegenpols führte, der sich nicht gegenüber Rom als politischer Hauptstadt abgrenzte, sondern in einem viel w e i­ teren Sinn gegen die Meridionalisierung der öffentlichen Verwaltung, d.h. der staatlichen Bürokratie, die che Piemontisierung der ersten 40 Jahre nach der Eini­ gung ablöste. Von diesem Zeitpunkt an lernte Italien - metaphorisch gesprochen einerseits einen sozusagen gesellschaftlich-ökonomischen Regionalismus kennen, der sich von der Lombardei, dem Zentrum des Industriedreiecks immer weiter auf die angrenzenden Gebiete ausbreitete, und andererseits einen staatlich-bürokratischen Regionalismus in der Form der starken Identifizierung des Südens mit dem Staat, wobei Sizilien teilweise eine A usnahme bildete. Wie w ir gesehen haben, hat sich in dem hier behandelten Zeitraum die Bedeu­ tung des Lokalismus allmählich verändert. Wenn am Ausgangspunkt die alten, vornationalen Staaten standen, führte das zuletzt Entwickelte zu neuen Formen regionaler Zusammengehörigkeit, die der Geschichte nach der Einigung angehö­ ren. In diesem Zusammenhang, so meine ich, kann der Vergleich zwischen Deutschland und Italien neue interessante Erkenntnisse bringen, wenn man die 18 Ila ria P o rcia n i, Identität 127. 19 Vgl. dazu neuerdings zusammenfassend: M a r c o M e r i g g i , Breve storia dell Italia settentriale. Dall’Ottocento a oggi (Rom 1996) besonders 73-78, im folgenden zitiert: M e r ig g i, Breve Storia. 20 M e r ig g i, Breve Storia.

R egio n a lism us

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Zeit nach der Zäsur durch den Ersten Weltkrieg und die D iktatur betrachtet. Am Rande sei bemerkt, daß unter der Diktatur in beiden Ländern die Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen Nation und Region widersprüchlich waren, obgleich sowohl Nationalsozialismus als auch Faschismus offiziell mit Nachdruck die Einebnung dieses Widerspruchs behaupteten und mit dem Mittel der Gleichschaltung geltend zu machen versuchten21. In der Nachkriegszeit treten in unserem Zusammenhang in der Bundesrepublik das Verschwinden des Preußentums und die starke Betonung des Regionalen bei der Gründung der Bundesrepublik in den Vordergrund. Schon in der Weimarer Republik war der Einfluß Preußens als Folge der Reichsreform bekanntlich etwas in den H intergrund getreten. Unter dem Nationalsozialismus w ar diese Entwick­ lung allerdings teilweise wieder zurückgenom men worden. Preußen verschwand bekanntlich nicht völlig von der Bildfläche, blieb aber - jedenfalls für den Zeit­ raum, mit dem w ir uns hier beschäftigen - ganz ein Problem der D D R, was die Entstehung eines territorialen Pluralismus im politischen und kulturellen Leben der Bundesrepublik erleichterte. Es hatte aber die Durchsetzung eines R egionalis­ mus im neuen Deutschland schon als programmatisches Ziel eines Großteils der Bevölkerung gegolten, da man ihn als mögliches und wünschenswertes Gegenmit­ tel gegen den staatlichen Zentralismus betrachtete, der sich unter dem N ational­ sozialismus ohne weiteres mit der D iktatur identifiziert hatte22. Auch im postfaschistischen Italien erblickte man in den Regionen, deren Ein­ richtung der Verfassungsgeber als autonome Subjekte innerhalb des politisch-administrativen Systems der R epublik vorsah, wesentliche Instrumente zum Aufbau der Demokratie. Man w ar der Überzeugung, daß sie ganz von selbst die A nnähe­ rung zwischen der „ M a s s e “ der Bürger und den staatlichen Institutionen erm ög­ lichen würden, die im liberalen Italien nicht gelungen war und die das faschisti­ sche Regim e bewußt unterdrückt hatte. Diese neue Phase eines sozusagen institutionellen, von oben vorgegebenen R e­ gionalismus, der sich damit sowohl von dem Regionalismus der vorunitarischen Staaten in den ersten Jahrzehnten nach der Nationalstaatsbildung als auch von dem durch wirtschaftliche und gesellschaftliche Interessen geprägten Regionalis­ mus der Gründerzeit unterschied, trug jedoch bekanntlich vor allem in der Bun­ desrepublik Deutschland Früchte. Hier traf er nämlich auf einen bodenständigen Regionalismus. In Italien dagegen w urde die in der Verfassung von 1946 vorgese­ hene Einrichtung der Regionen erst viel später verwirklicht. Die ersten Wahlen zur Bildung der Regionalräte ( C o n s i g l i r e g i o n a l l ’) fanden erst 1970 statt, also jen­ seits unseres Betrachtungszeitraums. Die Gründe für diesen „verspäteten Auf21 Für Deutschland: G u s t a v o C o rn i, Zentralismus und Lokalismus in der deutschen Land­ wirtschaft zwischen den beiden Weltkriegen, in: J a n z , S ch iern , S iegrist, Zentralismus 185— 214; H an s M o m m s e n , Reichsreform und Regionalgewalten - Das Phantom der Mittelinstanz 1933-1945, in: J a n z , S ch i e n t, S iegrist, Zentralismus 227-237; für Italien: S t e fa n o C a v a z z a , Piccole patric. Feste popolari tra regione e nazione durante il f a s c i s m o (Bologna 1997). ** C h risto p h K l e ß m a n n , Thesen zur Rolle von Zentralismus und Föderalismus in der Bun­ desrepublik Deutschland und in der DDR, in: J a n z , S chierel, S iegrist, Zentralismus 263-273.

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M arco M e riggi

Bruch“ liegen bekanntermaßen in einem Regionalismus „von unten“, der, poli­ tisch getragen vor allem von Kommunisten und Sozialisten, in Teilen Mittel- und Oberitaliens entstanden w ar23. Dazu gehört die Emilia Romagna, die aus denjeni­ gen Territorien hervorgegangen war, die vor der Einigung die H erzogtüm er Parma, Piacenza, M odena und Reggio und Teile der päpstlichen Legationen u m ­ faßt hatten; außerdem die Toskana, ungefähr in den Grenzen des ehemaligen Großherzogtums, und zuletzt Umbrien, ehemals Teil des Kirchenstaates. In der Epoche des Kalten Krieges und der Konfrontation der Blöcke hielten die R egie­ renden in Rom jedoch die Inkraftsetzung der Regionalstatute für viel z u gefähr­ lich und verzögerten sie nach Kräften. Dieser neue Regionalismus ist praktisch nicht zu vergleichen mit den G rund­ elementen jenes Regionalismus, wie er mit den genannten Einschränkungen in den ersten Jahrzehnten nach der Einigung noch spürbar war. Das Beispiel der so­ genannten „roten" Regionen bietet vielmehr ein besonders gutes Beispiel dafür, wie dehnbar das Paradigma Lokalismus/Regionalismus sein kann, wie sehr es sich im Laufe der Zeit erneuern und ändern kann, und, je nach der jeweiligen histori­ schen D ynam ik, als Instrument zur A nalyse unterschiedlicher gesellschaftlicher Prozesse und Gebiete unterschiedlichen Umfangs genutzt werden kann. Abgesehen von den hier getroffenen, bloß vorläufigen Schlußfolgerungen liegt meiner Ansicht nach die tiefere Bedeutung der Regionalismen - angesichts der Vielfalt der dargestellten Beispiele fällt es mir schwer, den Begriff im Singular zu verwenden - in der Geschichte Deutschlands und Italiens als Nationalstaaten ge­ rade in dieser außerordentlichen Flexibilität. Sie sind nämlich offenbar nicht oder nicht nur Relikt der Vergangenheit, und ebensowenig nur A usweg oder Weiter­ entw icklung der heute immer spürbareren Krise des Nationalstaats, sondern d au­ erhafter A usdruck von Interessen einzelner Teile des nationalen Territoriums - in, wie w ir gesehen haben, wechselnder Mischung von geographischen, ideologi­ schen und kulturellen Momenten. Diese Regionalismen wenden sich zum einen gegen ein dominierendes Zentrum, beispielsweise das Berlin des Kaiserreichs, zum anderen gegen die Zugehörigkeit zum Nationalstaat als solchem. Sie bilden, mit anderen Worten, die wesentliche Voraussetzung für jene „doppelte“ Loyalität und „doppelte“ Existenz als Bürger im lokalen und staatlichen Rahmen, die w ir gegenwärtig wiederentdecken, ja sie manchmal g a n z n e u z u erfinden glauben, die aber in W irklichkeit nie aufgehört hat, ein Grundelement der Geschichte des Ja h r ­ hunderts von 1860-1960 und der folgenden Jahrzehnte zu sein.

2i U m b e r t o A lle g r e t ti , Zentralismus und Föderalismus im republikanischen Italien, in: J a n z , S ch ien t , S ieg ris t, Zentralismus 253-262.

Gustavo Corni

Der Umgang mit Landschaft und Umwelt" Ein historischer Vergleich, wie U n w eit und Natur und deren Verbindung mit menschlicher Tätigkeit m Deutschland und Italien in den hundert Jahren nach 1860 wahrgenommen wurden, ist wegen des vollständigen Fehlens vergleichender Darstellungen außerordentlich schwierig. Die nicht sehr zahlreichen U ntersu­ chungen zu diesen Them en beschäftigen sich ohne jeglichen vergleichenden Blick nur mit jeweils einem der beiden Länder. Thematiken und Vereinigungen im Bereich des U mwelt- und Naturschutzes und der Ökologie in Deutschland und Italien hatten bis vor wenigen Jahren nur geringe Berührungspunkte. In dem vor­ liegenden Aufsatz kann ich deshalb nur versuchen, Vorschläge für eine verglei­ chende Studie zu machen, indem ich einige Aspekte herausgreife, die ich für be­ sonders relevant halte. Bei diesen zentralen Punkten, um die sich ein sinnvoller Vergleich entwickeln kann, geht es mir darum, die Gründe für dieses grundle­ gende Fehlen einer gegenseitigen Kommunikation zu erklären und die Ursachen für den geradezu sprichwörtlichen Unterschied zwischen Deutschen und Italie­ nern in Umweltfragen herauszuarbeiten. „Den“ Deutschen wird nachgesagt, daß sie die N atur heben und respektieren, während „die“ Italiener sie angeblich ver­ geuden und ausbeuten.

1. Italia felix Nach den Worten eines der bedeutendsten italienischen Geographen sind wenige Landschaften „so vom Menschen geschaffen wie die Italiens“ 1. Tlirri betonte die lange Tradition einer Landwirtschaft, die in jahrhundertelanger, unablässiger A r ­ beit von Generationen von Bauern die Landschaft gestaltet haben. Das gleiche gilt auch für das Eingreifen des Menschen in die nicht unmittelbar für landwirtschaft­ liche Zwecke genutzte Natur wie etwa die Gartenkultur, die sich seit der röm i­ schen Antike entwickelte. Ein weiteres wichtiges Element für dieses Verhältnis von Mensch und U m w elt ist meiner Ansicht nach darin zu sehen, daß in Italien Aus dem Italienischen übersetzt von Friederike Hausmann. 1 L. l u r r i , Semiologia del paesaggio italiano (Mailand -1990) 51; im folgenden zitiert: Turri, S e m io lo g ia .

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G ustav o C o rn i

im m er die Stadt im M ittelpunkt blieb, denn die Aneignung und Transformation der Landschaft ging im wesentlichen von der Stadt aus. Um nur zwei bezeich­ nende Beispiele zu nennen, sei an die Verbindung von Stadt und c o n t a d o (U m ­ land) in der Zeit der Renaissance in der Toskana und Umbrien erinnert oder an die tiefgreifenden U m w andlungen der natürlichen Landschaft der Terraferma durch den venezianischen Adel einige Jahrhunderte später. Diese enge Beziehung zwischen Mensch und N atur wurde auch außerhalb Italiens wahrgenommen, ja von außen weitgehend hereingetragen. Die lange Tra­ dition der Reiseliteratur über Italien hat immer wieder che außerordentliche na­ türliche Fruchtbarkeit der Halbinsel und die besonderen Charakteristika seiner üppigen N atur betont. Seit dem Mittelalter galt Italien in ganz Europa als der „Garten des Reiches“ . Datür seien zwei Beispiele genannt. Im 16. Jahrhundert verkündete der Brescianer Lanteri, es gäbe „im ganzen Universum kein fruchtba­ reres und besser bewirtschaftetes“ Land als Italien, und zwei Jahrhunderte später nennt Bruneau de la Martiniere Italien einen „Garten, in dem es alles gibt, was für das Leben notwendig ist und es angenehm machen kann"2. Der Glaube an eine außergewöhnlich privilegierte geographisch-natürliche Ausstattung kom m t auch in der weit verbreiteten Überzeugung zum Ausdruck, daß auch unter der Erd­ oberfläche ein entsprechender Reichtum an Bodenschätzen vorhanden sei, was ja bekanntermaßen nicht zutnfft. Auch das Klima wird von italienischen und aus­ ländischen Schriftstellern und Reisenden jahrhundertelang immer wieder als eines der Wesensmerkmale für die Lebensqualität auf der Halbinsel genannt. Der A uf­ klärer Antonio Genovesi ging schließlich sogar so weit zu behaupten, neben der „Begabung“ seiner Bewohner sei das Klima einer der entscheidenden Faktoren, den Primat Italiens über die anderen Nationen Europas zu rechtfertigen3. Der letzte Künder und Verbreiter dieses Bildes von Italien als „Schöpferin von Schönheiten“ unendlichen Reichtums war der Mailänder Abt, Geologe und N a ­ turforscher Antonio Stoppani, dessen Reisebeschreibung über die natürlichen Schönheiten Italiens unter dem bezeichnenden Titel II B e l p a e s e 4 zu Beginn des 20. Jahrhunderts weite Verbreitung fand. Turri schreibt dazu: „Die Betrachtungen des enthusiastischen Naturbeobachters Stoppani, der in wahrhaft bahnbrechender Weise Landschaften nach ihren geologisch-künstlerischen Merkmalen zu ,lesen“ verstand, sind ziemlich simplizistisch, sobald es sich um che ökonomische und soziale Realität handelt.“5 Stoppani gebührt jedenfalls das Verdienst, als einer der

- Zit. n. U. Tucci, Credenze geografiche e cartograha, in: Stona d ’Italia Emaudi, Documenti, (Torino 1973) Bd. 1,76. 3 Ebd. 77. Interessanterweise wird nicht viel später mit den gleichen Argumenten umgekehrt behauptet, das „südliche“ Klima habe negative Auswirkungen auf den Charakter der Italie­ ner, die deshalb auch auf politischem Gebiet nicht die notwendigen organisatorischen Fähig­ keiten entwickeln würden. 4 Die erste Auflage erschien 1875. Mindestens bis zum Ersten Weltkrieg war das Buch ein großer verlegenscher Erfolg. Vgi. den Nachdruck (Pordenonc 2000). 5 Turri, Semiologia 167.

D er U m g a n g mit Landschaft und U m w elt

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ersten die Italiener, die gerade erst in einem Nationalstaat vereint waren, mit „ihrem" Land vom Norden bis zum Süden bekannt zu machen. Diese im wahrsten Sinn des Wortes geographische Legende w ar in und außer­ halb Italiens s o verbreitet, daß im 18. Jahrhundert und auch später Sozialreformer so weit gingen, die bäuerliche Bevölkerung zu kritisieren, weil sie aus angeborener Dummheit besonders durch Abholzungen die üppige italische N atur ohne jedes Verständnis ausbeuteten6. In W irklichkeit zerfällt und verändert sich dieses Bild einer h a h a Jelix, wenn man es einer genaueren Untersuchung unterzieht, und tiefe Widersprüche treten ans Licht. Zwei extreme Beispiele sollen dies erläutern. Das eine Extrem zeigt die Genera­ tionen und Generationen von Grundeigentümern und Bauern, die mit ihrer tagtäglichen Arbeit m den m a r eite, den Feuchtwiesen vor allem in der Poebene, ein außergewöhnliches Beispiel für ein Gleichgewicht zwischen Mensch, Erde und Wasser geschaffen haben. Der Wert dieser Feuchtwiesen hing davon ab, daß im ­ mer ein bestimmter Wasserstand gehalten wurde, der genau kontrolliert und regu­ liert werden mußte. Die richtige Behandlung der rn ar c it e erlaubte beträchtliche Produktionszuwächse beim Anbau von Futterpflanzen. Einer der wichtigsten Er­ forscher der Geschichte der italienischen Landwirtschaft schreibt dazu: „Einer größeren Vergewaltigung der natürlichen O rdnung steht ein größerer Aufwand an Technik und Überwachung gegenüber, damit die N utzun g dauerhaft die ge­ wünschten Ergebnisse bringt.“7 Ein ähnlich aussagekräftiges Beispiel bieten der Reis- und der Weinanbau8. Das andere Extrem bildet das Verhalten der meisten Großgrundbesitzer Süditaliens, die mit ihrer ,Plünderermentalität' zur Steigerung ihrer Einkünfte den Getreideanbau auch auf marginale Böden ausdehnten, damit stark zur Verschlechterung des hydrogeologisehen Gleichgewichts vieler A pen­ ningegenden beitrugen und nachhaltige ökologische Schäden verursachten9. Zu dieser A usbeutung trug in großem Maße auch die bäuerliche Bevölkerung des Sü6 So heißt es im Bericht der parlamentarischen Untersuehungskommission zur Lage der Bauern des Südens (1909): „Die Wälder sind und werden aus Achtlosigkeit und Ignoranz zerstört, vor allem aber, weil sie im Gebirge, wo sie nichts einbringen, weder von den Eigentümern noch von denjenigen, die sich darum kümmern sollten, geliebt w erden.“ Zit. n. C. J ' e h c c , Dal ,legnicidio‘ a .Regione verde d’ Europa“: la montagna abruzzese-molisana nell’Otto e Novecento, m: Memoria e Ricerca 1 (1998) 87. ' P. B c v i l a c q u a , Economie d ’aequa ed equihbri d ’ambiente in Italia, in: A. C a r a c c i o lo , G. B o n a cch i (Hrsg.), fl declino degli elementi. Ambiente naturale e rigenerazione delle risorse nell’Europa moderna (Bologna 1990) 111. s Die Auseinandersetzung um den Reisanbau durchzieht die Geschichte der italienischen Landwirtschaft seit dem Mittelalter: Dem Vorwurf von Ärzten und Reformern, die Reisfel­ der seien ungesund, traten die Produzenten entgegen und waren in der Lage, im Laufe der Jahrhunderte die Risiken für Gesundheit und Hygiene durch technische Verbesserungen auf ein Minimum zu reduzieren. Vgl. L. F accini, Uomini c lavoro in risaia. fl dibattito sulla risicoltura ncl ’700 e nel ’800 (Mailand 1976), v P. B e v i la c q u a , Tra natura e storia. Ambiente, economie e risorse in Italia (Rom 1996) 95. Und ebd. 96: „Vielerorts war das, was für das hydrogeologische Gleichgewicht und die Si­ cherung der Böden unschätzbaren Wert hatte, unter dem Gesichtspunkt des unmittelbaren ökonomischen Nutzens wertlos.“

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G ustavo Gorni

dens bei, die nahe am Existenzminimum lebte. Gegen diese machtvollen ö kono­ mischen Dynamiken konnten die Verfechter landwirtschaftlicher Verbesserungen unter den Bourbonen des 18. Jahrhunderts trotz der Richtigkeit ihrer Vorschläge nichts ausrichten. EbensowenigOvermochten das che Reformer,’ die sich für die Erhaltung des Waldes emsetzten, der im „Dizionario delle at'ti e d e’ mestien“ (W ö r­ terbuch der H andw erke und Berufe) als „das wertvollste und notwendigste Gut für die Bedürfnisse der Menschheit“ bezeichnet w u rd e 10. Nach der Einigung Italiens breitete sieh diese ,Plünclerermentalität
10 B. V ecchio, II bosco negli scrittori italiani del Settecento e dell’etä napoiconica ( Turin 1974) 58. 11 F. C h u b o d , Storia della politica estera italiana da! 1870 al 1896 (Bari 1976)413. 12 S. J a c i n i , Relazione finale (Atti della Giunta per l’Inchicsta agraria e sulle condiziom della classe agricola, Bd. 15, Fl. 1; Rom 1884). Dieser Text wird bis heute immer wieder nachge­ druckt: I risultati dell’inchiesta agraria (Turin 1976). Aut Jacini fußt die noch immer lesens­ werte Darstellung von K. Th. E h e b e r g , Agrarische Zustande in Italien (Leipzig 1886).

Der U m g a n g mit Landschaft und U m w eit

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und eine Gewähr für Erneuerung m der B ew ahrung.“ 13 Diese Tradition fand vor allem in die f ür das große Publikum geschriebene populäre Literatur Eingang. Ein besonders eklatantes Beispiel dafür ist der 1873 erschienene Roman G i a n n e t t o von Luigi A. Parravictm, der bis zum Ersten Weltkrieg nicht weniger als 69 Auf­ lagen erlebte. Parravicmi betonte ähnlich anderen Erfolgsautoren wie Cesare Cantü und Giovanni Prati die „wohltuende Abgeschiedenheit der ländlichen Wett”, weil sie für aufrührerische oder gar revolutionäre Elemente unempfänglich sei14. Diese bäuerliche Welt blieb jedoch der städtischen immer untergeordnet. Der Romantizismus eines Niccolo Tommaseo oder Giuseppe Pitre, des Begrün­ ders der italienischen Kulturanthropologie, hat sich dieser abstrakten Ideale um ­ fassend bedient, auch wenn es Ausnahmen gibt wie beispielsweise im Verismus Giovanni Vergas, bei dem die inneren Widersprüche und das Elend des Volkes z u ­ tage treten, Vor allem aber für den Katholizismus, der im kulturellen [.eben des geeinten Italien lange m die Rolle einer Minderheit und einer „minderen“ Kultur gedrängt war, bildeten die Ideale des Ruralismus und der Sehnsucht nach dieser - angeblich - guten verlorenen Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg ein Leitmotiv. Isnenghi stellt - in einem gewaltigen Zeitsprung - eine Verbindung zwischen die­ sem katholischen Rurahsmus und dem M ythos vom „Bauern als Soldat“ her, wie er besonders im Ersten W eltkrieg gepflegt w u r d e 1-.

2. N atu r und Kultur Um die Jahrhundertwende blickten wichtige Vertreter des kulturellen Lebens in Italien ohne Zweifel mit großem Interesse und voller Bewunderung auf Deutsch­ land, auf seme ökonomische und militärische Kraft und seine „Wissenschaft“ 16. Eine neuere U ntersuchung hat herausgearbeitet, wie intensiv die Kontakte und Reisen waren, so daß man fast von einer U m kehrung der jahrhundertealten Tendenz der deutschen Reisen in den Süden sprechen kann. Interesse und Be­ wunderung mündeten jedoch selten in wirkliches gegenseitiges Verständnis, wie Giuseppe Antonio Borgese, einer der angesehensten italienischen Journalisten 1909 schrieb: „Die Beziehungen zwischen Deutschland und Italien, die in einem L’ M. h n e n g h i , [1 ruralismo nella cultura italiana, in: P. B e-v ilaa ju a (Hrsg.), Storia dell’agricoltura italiana, Bd. 2., Mercato e istituziom (Venedig 1991) 877. Isnenghis Aufsatz gehört zu den sehr wenigen tiefergehenden Analysen über rurahstische Elemente in der literarischen Kultur Italiens. Vgl auch: /i. A so r R o s a , Scrittori e popolo (Rom 1960). H Ebd. 880. 13 Ebd. 894: „Es reicht, wenn die Soldaten resignieren und gehorchen, weil sie den Krieg als eine Naturkatastrophe hinnehmen.“ Reste dieses Mythos finden sich auch im Zweiten Welt­ krieg m der Eülle der Literatur und der Erinnerungen der Alpini (Gebirgsjäger) in Grie­ chenland und Russland von G. ßeclesc/n, Centomila gavette cli ghiaccio (Mailand ‘' -1994) bis R i g o m S t e r n , II sergente nella neve (zuletzt Turin 2001). Die A lpini werden darin als M uster­ beispiel einer engen Beziehung von Mensch und Natur dargestellt. 16 R. R o m e o , La Germania e la vita intellettuale italiana d a ü ’unitä a 11a prima guerra mon­ diale, in: d e n . , Mornenti e problem! dl storia contemporanea (Assisi, Roma 1971) 153..(84.

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politischen Bündnis stehen und aut hunderterlei Weise in der Industrie und im Austausch von Waren verbunden sind, sind nie über das Oberflächliche hinausge­ kommen, und vielleicht ist es nicht einmal übertrieben zu behaupten, daß wir das stärkste Volk des zeitgenössischen Europa weder besser noch schlechter kennen als Tacitus die Abköm m linge von Ariovist und A rm im us.“ 17 Einer der Aspekte, die die italienischen Reisenden am meisten beeindruckte, war eben die „unaus­ löschliche Liebe" der Deutschen zu einer Natur, die sie keineswegs großzügig be­ dacht hatte: „Vor allem der Wald läßt mit dem Rauschen seiner Blätter ihr H erz höher schlagen“, schreibt der bereits zitierte Reisende18. Ebenso dauerhaft, wie sich für Italien das Bild des Gartens verfestigt hatte, in dem der Mensch mit seiner Arbeit ein inniges Verhältnis mit der N atur eingeht, hielt sich innerhalb und außerhalb Deutschlands das v o n T a a u i s geprägte Stereo­ typ der Deutschen als eines wilden, groben und naiven Volkes, das in enger Ver­ bindung zu einer unberührten N atur lebt. Man braucht nur daran zu denken, w el­ che Rolle der Wald in den Märchen spielt, die die Gebrüder Grim m in einer umfassenden kulturanthropologischen Arbeit gesammelt und mit denen sie die Bildung der Deutschen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts grundlegend beeinflußt h ab en 19. Als weiteres Beispiel sei daran erinnert, wie Goethe, der das deutsche Geistesleben seit dem 19. Jahrhundert am nachhaltigsten geprägt hat, den Respekt des Menschen vor der natürlichen U mwelt als Basis für das Gleichgewicht z w i­ schen Mensch und N atur auffaßt. Ich möchte noch eine natürliche Umgebung in Betracht ziehen, die seit Petrarcas Ersteigung des Mont Ventoux in der euro ­ päischen Kultur immer große Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat: die Berge und ganz besonders die unwirtlichen Alpen. Mit der Ausnahme Hegels, der sie langweilig und nicht zu tiefen Gedanken anregend fand, hat eine lange Reihe von d e u t s c h e n Denkern, angefangen bei Goethe über Haller und Hölderlin bis N ietz­ sche, die Alpen bereist und nach dem „Erhabenen“ gesucht, das m der zunehm en­ den Verstädterung und Industrialisierung immer schwieriger z u finden war20. Zu dieser das ganze 19. Jahrhundert andauernden Begeisterung für die Alpen läßt sich zwar in der angelsächsischen Kultur eine Parallele finden, nicht aber in Italien. Eine Ausnahme bildet das Trentino, wo Cesare Battisti, ohne die zugrundeliegen­ den nationalistischen Motive zu verschweigen, zu einem der Vorreiter der Ent­ 17 C Visentin, Nel paese clelie sclve c eieile idee. Viaggiatori italiam in Germania 1866-1914 (Mailand 1994) 108. 18 Zit. ebd. 81. 19 J a c o b it. W ilh elm G r i m m , Altdeutsche Wälder (Frankfurt a.M. (813). Dazu J a c k Z ip e s , The Enchanted Forest of the Brothers Grimm. N ew Modes of Approaching the Grim ms’ Fairy dales, in: Germanic Review 52 (1987) 66-74. Vgl.: P. G i a c o m o n i , II fascino del sclvaggio. L’invenzionc estetica delle Alpi in epoca romantics e oltre, in: D. Frigo, P. G i a c o m o n i , H. .M üller-Frank (Hrsg.), Pensare la natura. Dal Romanticismo all’ecologia (Mailand 1998) 245-260. Ferner P e tra R a y m o n d , Von der Land­ schaft im Kopf zur Landschaft aus Sprache. Die Ronvannsierung der Alpen in den Reiseschilderungen und die Literarisierung des Gebirges in der Erzählprosa der Goethezeit (Tübingen 1993) sowie P. G i a c o m o n i , II laboratorio dclla natura. Paesaggio montano e sublime naturale in eta moderna (Mailand 2001).

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deckung der Alpen und des Alpinismus wurde. Sicher nicht zufällig war er ein Geograph nicht der französischen, sondern der deutschen Schule21. Obwohl sich in Deutschland sett Beginn des 19, Jahrhunderts beispielsweise mit der Romantik die gleichen geistigen Strömungen entfalten wie in Italien, ent­ wickelt sich das Verhältnis zur natürlichen U m w elt in ganz unterschiedliche Rich­ tungen. An Stelle der ästhetisierenden, stark inteliektualisierenden Auffassung der Natur in Italien am Ende des 19. Jahrhunderts wird die Natur in Deutschland als Teil der deutschen Kultur gesehen, als Grundelement der nationalen Identität Deutschlands, die sich zur gleichen Zeit wie die italienische herausbildete. Diese Identität verdichtete sich um che Kategorie ,Volk‘ , die seit dem Ende des 19. Jah r­ hunderts immer mehr rassistische Bedeutung erhielt. In diesem Zusammenhang wurde der Begriff Kultur dem der Zivilisation entgegengestellt, welch letztere man als mechanistisch, ihrem Wesen nach ,uncleutsch‘ und Ursache von Zerrüt­ tung verstand“ . Um die tieferhegenden Ursachen für diese Unterschiede zu erfassen, mul!> man sich einige strukturelle Daten ins Gedächtnis rufen. Seit der Mitte des 19. Ja h r ­ hunderts erlebte che Gesellschaft in Deutschland einen tiefgreifenden Motlernisierungs- und Iransformationsprozeß. Innerhalb weniger Jahrezehnte wurde das Kaiserreich zur stärksten Industriemacht des Kontinents, die die Vorherrschaft Großbritanniens in Frage stellte. Diese Veränderungen waren mit einer massiven Verstädterung und inneren Migration verbunden. Im Jahre 1870 lebten erst zwei Millionen Menschen oder 4,8% der Gesamtbevölkerung in Großstädten mit mehr als 200000 Einwohnern, während 26 Millionen Menschen oder 63,9% in ländli­ chen Gemeinden wohnten. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs lebten dagegen 21% der Bevölkerung in Großstädten, während der Anteil der ländlichen Bevöl­ kerung drastisch auf 40% gesunken war-3. Das Stadtgebiet von Berlin mit seinen drei M illionen Einwohnern umfaßte um 1900 147 Quadratkilometer, Diese wenigen Daten dürften genügen, um den sehr beschleunigten Veränderungsprozeß der Wirtschaft, der Wohnverhältnisse, der Gesellschaft und Kultur zu verdeutlichen. Die italienische Industrie war zu die­ sem Zeitpunkt auf wenige kleine Inseln im Norden beschränkt, der Urbanisa­ tionsprozeß hatte sich gegenüber den seit Jahrhunderten entwickelten Verhältnis­ sen nicht wesentlich beschleunigt, und eine Mehrzahl von 60-70% der Bevölke­ rung lebte weiterhin in kleinen ländlichen Gemeinden, beschäftigt im primären Sektor oder in eng damit verbundenen Berulszweigen.

V. Cali, Battisti geograto, m: V. Cali, Patriot! senza patria. I democratic' treiitini tra Otto c Novecento (Treuto 2003) 97 ft. - ’ Uber das Gegensatzpaar Kultur/Zivilisation erscheinen mit die Betrachtungen von Adorno und Horkheimer nach wie vor aktuell: T. W' A d o r n o , M. H o r k h e i m e r , Lezioni di sociologia (Turin 1966; original Frankfurter Beiträge zur Soziologie, Bd. 4). In diesen Jahrzehnten verließen la u se n d e von Italienern unter dem Druck der schweren Agrarkrise die Halbinsel in Richtung Nordamerika. Vgl. ,4. l.a z z a rin i, Campagne venete cd emigrazione di massa 1866-1900 (Vicenza 1981).

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Waren also die Furcht vor clem Einbruch der Massengesellschaft in Italien bloße intellektuelle Gedankenspiele, so stand das Problem in Deutschland real auf der Tagesordnung. Weite Kreise des deutschen Kultur- und Gesellschaftslebens rea­ gierten angesichts dieser Bedrohung und dieser radikalen Veränderungen damit, daß sic sich an die Natur klammerten und ganz besonders an die Landwirtschaft als eine traditionelle, eng an die Natur gebundene menschliche 'Tätigkeit. Wir dü r­ fen nicht vergessen, daß hinter den Reaktionen, mit denen wir uns zu beschäftigen haben, sehr starke gesellschaftspolitische Motive standen: Vor allem die ostelbischen Großgrundbesitzer mußten befürchten, ihre traditionelle gesellschaftliche und politische Hegemonie nicht nur über die bäuerliche Bevölkerung zu verlie­ ren, sondern auch ganz allgemein über das ganze politische und gesellschaftliche System des 1871 gegründeten Reiches24. Im letzten Dritte! des 19, Jahrhunderts und bis 1914 treffen w ir in Deutschland auf eine Reihe kultureller und gesell­ schaftlicher Phänomene, die in Italien kein Äquivalent haben. Das Schlagwort von der Landflucht, das von Intellektuellen und Politikern wie ein drohendes Ge­ spenst an die Wand gemalt wurde, brachte die Beunruhigung über die massive Wanderungsbewegung aus den ländlich geprägten, relativ rückständigen Gebieten des Ostens, in denen der Großgrundbesitz, der J u n k e r “ dominierte, nach Westen zum Ausdruck. Man benutzte dieses Schlagwort zur Rechtfertigung verschie­ dener Versuche, die Tendenz um zukehren oder w enigstens ihre negativen A u s­ wirkungen abzuschwächen. Dazu gehört die Bodenreform bewegung23, mit der man den Staat dazu bringen wollte, Druck auf die G roßgrundbesitzer auszuüben, einen Teil ihres Bodens für die Verwirklichung einer umfangreichen Ansiede­ lungspolitik abzugeben. Auf diese Weise hoffte man, viele der jungen Menschen, die weggehen wollten, an die Scholle zu binden, weil sich bessere Lebens- und A r­ beitsperspektiven boten. Zur Bodenreform gesellte sich - teilweise - das Konzept der Siedlung, d. h. der Schaffung einer Vielzahl kleiner und mittlerer Höfe, um den Anteil der deutschen Bevölkerung vor allem m den Ostprovinzen zu stärken26. ln kleinerem Maßstab verbreitete sich m den urbanisierten Gebieten che Schre­ bergartenbewegung vor allem am Rande der größeren deutschen Städte, wo man 24 Die Geschichte des B u n d e s d e r L a n d w i r t e , einer hervorragend organisierten Masseninter­ essenvertretung, ist nicht nur dafür symptomatisch, wie stark die Hegemonie der preußi­ schen Großagrarier war, sondern meiner Ansicht nach auch dafür, wie weitverbreitet die von Ihnen vertretenen antistädtischen, das Bauerntum idealisierenden Schlagw orte in der Bevöl­ kerung waren. Der 1892 gegründete Bund brachte es auf mehrere hunderttausend Mitglieder und ,kontrollierte' eine weit höhere Zahl von W ählerstim m en für den Reichstag und die ver­ schiedenen Landtage. Vgl. dazu die grundlegende Monographie von //.-/. P u h le , Agrarische Interessenpolitik und preußischer Konservatismus im wilhelminischen Reich (1893-19(4). Ein Beitrag zur Analyse des N ationalism us in Deutschland am Beispiel des Bundes der Landwirte und der Deutsch-Konservativen Partei (Hannover 21975). Den gegenwärtigen Lorschungsstand faßt zusammen R. A ld cn b o fJ , Agriculture, m: R. C h i c k c r i n g (Hrsg.), Impe­ rial Germany. A Historiographical Companion (Westport/Conn., London 1996) 33-61. 23 A. D a m a s c h k e , Die Bodenreform (Jena 1902). 26 Nach Linse „gliedern sich die Siedlungsideologien ein als Totalentwürfe der besten O rd ­ nung für Mensch und Gesellschaft, als Quelle der spirituellen und sozialen Regeneration“. U. Linse, Die Kommune der deutschen Jugendbewegung (München 1973) 19.

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sie teilweise auch heute noch selten kann. Daß die zum Teil erst vor kurzer Zeit Zugezogenen mit der Erde verbunden blieben und ein Stück Land hatten, das sie bestellen konnten, war iiir viele Stadtverwaltungen, aber auch für Vertreter der In­ dustrie ein Anliegen. Als einer der zahlreichen in diesem Zeitraum entstandenen Verbände setzte sich der „Verein zur Beförderung des Gartenbaus in den p reußi­ schen Staaten“ m seinem Statut das Ziel, „die Menschen durch neue Bepflanzun­ gen in der Landschalt wieder heimisch zu machen“ . Es entstanden deshalb neue Formen der Stadtplanung, mit denen inan - und an vorderster Front die Industrie - Grünflächen zu schaffen suchte, um, wie beispielsweise m der Berl iner Siemens­ stadt, jeder einzelnen Familie einen eigenen Garten zu erm öglichen. Im G egensatz dazu bemühten sich damals in Italien, wo die Industrialisierung nur mühsam vor­ ankam, einsichtige Unternehmer wie Alessandro Rossi, einer der bedeutendsten Textihndustriellen Venetiens, die Fabriken auf dem Land anzusiedeln--''. Die Stra­ tegie solcher Unternehm er bestand darin, die Fabrik ohne Bruch in die bäuerliche Welt einzufügen und einen kontinuierlichen Ü bergang zu schaffen, während im Deutschen Reich der Bruch längst vollzogen war. Deshalb versuchte man in Deutschland, Werte und Elemente des bäuerlichen Lebens als Surrogate in der städtischen Umgebung w ie d e r z u b e 1e b e n . U m die Jahrhundertwende hatte im Kaiserreich das literarische Genre des B au­ ernromans großen Erfolg, das die Vergangenheit, in der das Landvolk noch M it­ telpunkt des deutschen Lebens gewesen war, nostalgisch verklärte-8. N eben der Nostalgie hatte diese literarische Richtung ohne Zweifel auch einen pessimisti­ schen Grundton, denn sie ließ m naher Zukunft den Triumph des Materialismus und des ,vcrw estlichten‘ Maschinenwesens befürchten, die als weit entfernt von den wahren Werten des Volkes angesehen w urden-9. Zu den wichtigsten Vertre­ tern dieser Richtung zählen Otto Ammon, Georg Hansen, Julius Langbehn und in der Zeit nach dem Firsten Weltkrieg Hans Grimm, A utor des erfolgreichen, 1926 erschienen Romans „Volk ohne Raum ", der das Thema der Siedlungspolitik zur Wiederbevölkerung des flachen Landes vor allem in den von der .slawischen Flut* bedrohten Ostgebieten auigritf. Eines der einflußreichsten Werke in dieser Richtung ist ohne Zweifel die vierbändige, 185 1-69 erschienene „Naturgeschichte des deutschen Volkes als Grundlage einer deutschen Sozialpolitik“ von Wilhelm Heinrich Riehl, der mit der A utorität des Wissenschaftlers betont, das deutsche Volk müsse unbedingt in der N atur und der Landwirtschaft verwurzelt bleiben30. Zitieren möchte ich in diesem Zusammenhang auch Adolf Bartels’ „Der Bauer in der deutschen Vergangenheit“ aus dem Jahr 1900, in dem der „ewige Bauer“ als

G. Baglioni , L’ideologia clella borghesia neil’ Italia liberale (Turin 1974). 1:' Vgl. K. Rossbacher, H cim atkunstbew cgung und H eim atrom an. Zu einer L iteratursozio lo ­ gie der Jahrhundertwende (Stuttgart 1973). K. Bergmann, Agrarromantik und G roßstad tfetnclschalt (Meisenheim a. d. Glan 1970). „Der Schauder, mit dem Riehl die Perspektive einer von der Religion des Materialismus und Individualismus beherrschten Gesellschaft betrachtet, stellt ihn in eine Linie mit Ihoreau, Ruskin und C a rlyle “; S. Schama, Paesaggio e memoria (Mailand 1997) 116.

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Sym bol für Menschlichkeit clem „industriellen R adikalism us“, dem Hauptfeind des deutschen Volkes, entgegengestellt wird-’ 1, .Eine weitere, ausschließlich „deutsche“ Ausdrucksform dieser scharfen R eak­ tion auf die M odernisierung ist seit Ende des 19, Jahrhunderts die Verbreitung einer Reihe von Bewegungen unter den Jugendlichen, die unter dem Namen „Ju­ gendbewegung“ zusam m engefaßt werden. Diese Jugendgruppen hatten zum 'feil sehr unterschiedliche und in einigen Fällen stark religiös geprägte ideologische Grundlagen, gemeinsam war ihnen jedoch die Kritik an der Moderne, an der U r­ banisierung, an der Industriegeseiischaft, und dem setzten sie die Aufwertung der tragenden Werte der H eim at entgegen. Eine der dynamischsten und interessante­ sten dieser Bewegungen waren die „Wandervögel“ . Den Mittelpunkt ihrer Aktivi­ täten bildete die „Fahrt“, die in kleinen Gruppen zu Fuß unternommen wurde, um sich in einen Winkel der N atur Deutschlands zu versenken und ihn aus näch­ ster Nähe kennenzulernen. Diese Ausflüge standen im Zeichen des Protests und der Rebellion gegen die (Zivilisation“ und dienten der Suche nach dem N atü rli­ chen, Unverfälschten32. Quantitativ gesehen waren diese Gruppen ohne Zweifel von eher bescheidenen Ausm aßen, sie erfaßten aber motivierte und selbstbewußte Jugendliche, die später zu den Eliten des Landes gehören sollten. Auf dem ersten Jugendtag im Jahre 1913 auf dem Hohen M eißner bedauerte Ludwig Klages aus­ drücklich: „Zerrissen ist der Zusammenhang zwischen Mensch und Erde, ver­ nichtet für Jahrhunderte, wenn nicht für immer, das Urlied der Landschaft“33, Der Vollständigkeit halber möchte ich an die Verbreitung von Gruppen erinnern, d e­ nen es in unterschiedlicher Weise immer um die Wiederaneignung des eigenen Körpers und eine harmonische Beziehung zur Natur ging. Das Spektrum reichte von der Lebensrcform bew egung über die Freikörperkultur bis zu den Naturheilkundlern: „Um 1900 entstanden Hunderte solcher Kolonien, Siedlungen, Vereine, Orden und Bünde.“34 Die vielleicht extremste Erscheinungsform dieser Reaktion auf die stattfinden­ den beschleunigten gesellschaftlichen Veränderungen war die Auseinanderset­ zung um die gegensätzlichen Begriffe „Agrarstaat/Industriestaat“ um die Jah r­ hundertwende. Diese Debatte spielte sich auf höchstem intellektuellen Niveau ab und bezog die bedeutendsten deutschen Sozialwissenschaftler von Max Weber bis Lujo Brentano ein. Es ging um die Frage, ob eine Umkehr sinnvoll und/oder reali­ sierbar sei, und von verschiedenen Diskussionsteilnehmern wurde vorgeschlagen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und den drittwichtigsten Industriestaat

31 /. H c r m a n d , Grüne Utopie Deutschland. Zur Geschichte des ökologischen Bewußtseins (Frankfurt a.M. 1991) 91, im folgenden zitiert: I l e r r n a n d , Grüne Utopie. 3- Nipperdey weist darauf hin, daß in dieser Zeit in keinem anderen westlichen Land eine derart selbstbewußte, gut organisierte Jugendbewegung entstanden ist. Th. N ip p er d ey , Deut­ sche Geschichte 1866-1918, Bd. 1: Arbeitswclt und Bürgergeist (München 1990) ! !8. Zit. H c r m a n d , Grüne Utopie 98. Ebd. 92.

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der Welt zu deindustrialisieren35. In keinem anderen europäischen Land und schon gar nicht m Italien spielte sich etwas Vergleichbares ab. Eine der aktivsten und am weitesten verbreiteten Meinungs-Bewegungen dieser Zeit war ohne Zweifel der 1904 von Ernst Rudorlf gegründete „Bund Heim atschutz“. Angeregt durch Riehl formulierte er: „In dem innigen und tiefen Gefühl für die N atur liegen recht eigentlich die Wurzeln des germanischen Wesens." Der Bund, der vor dem Ersten Weltkrieg über 40000 Mitglieder zählte, machte sich den Schutz der .Heimat' zur Aufgabe, die er als I,ebenskern für den einzelnen und die Gemeinschaft verstand. Konkret w a r darunter zu verstehen: „Schutz des Landschaftsbildes, einschließlich der Ruinen, ['...] Rettung der einheimischen Tier- und Pflanzenwelt sowie der geologischen Eigentümlichkeiten“36. Vor allem unter der Führung des Architekten und zweiten Präsidenten des Bundes, Paul Schultze-N aum burg, der später eine nicht unwichtige Rolle in der Kulturpolitik des Nationalsozialismus spielen sollte, verfolgte der Bund zu spezi­ fischen Fragen eine realistische und flexible Politik, die sich der Moderne nicht kompromißlos entgegenstellte, sondern nach einer Entwicklungsrichtung für die Industrie suchte, die möglichst weitgehend im Gleichgewicht mit der Umwelt: stehen sollte37. Die Begründer des Bundes und viele seiner Mitglieder, die zu den bürgerlichen Schichten gehörten, bezogen sich nicht auf eine völkische Ideologie in einem rassistischen Sinne, wie sie in den bisher erwähnten Gruppen und Ver­ einigungen weit verbreitet war, sondern aut die Ökologie als neuer kultureller Orientierung. Gemeinsam war ihnen allen eine mehr oder weniger radikale A b ­ lehnung der Stadt und vor allem der Großstadt, die als Negation der .germani­ schen“ Kultur und als Zerstörerin oder Verderberin ihrer wichtigsten Werte ange­ sehen wurde38. Nach dem Gesagten dürfte es kaum mehr verwundern, daß gerade aus Deutschland einige der wichtigsten kulturellen und wissenschaftlichen Anstöße zur Debatte um die Ökologie gekommen sind, w ie w ir sie heute verstehen. Eine zentrale Rolle für die theoretische Begründung der ökologischen Bewegung spielte der Biologe Ernst Haeckel, der mit seinem 1866 veröffentlichten Buch über „Generelle M orphologie“ die Behauptung aufstellte, daß alle lebenden O rganis­ men untrennbar mit der sie umgebenden U mwelt verbunden seien. Diese soge­ nannte monistische Theorie übte einen grundlegenden Einfluß auf das ökologi­ sche Denken aus. Der von ihm geprägte Begriff „Ö kologie“ enthält nach Haeckel " Vgl. die Monographie von K. D. Bark in, The C ontroversy over German Industrialization 1890-1902 (Chicago, London 1970). Zit. n. B e r g m a n n , Agrarromantik 122. J/ Vgl. die neu erschienene Monographie. W. A. R o llin s, A. Greener Vision of Home: C u ltu ­ ral Polities and Environmental Reform in the German Heimatschutz Movement 1904-1918 (Ann Arbor 1997). 38 vg|. d ie grundlegende Monographie: A. L ees, Cities Perceived. Urban Society in Euro­ pean and American Thought 1820-1940 (New York 19S5). Auch unter diesem Aspekt gibt es wohl kaum einen schärferen Gegensatz als den zur städtischen Kultur Italiens auch zu Be­ ginn der Industrialisierung. Neuerdings C. Z i m m e r m a n n , Die Zeit der Metropolen. Urbani­ sierung und Großstadtcntwieklung (Frankfurt a.M. 1996).

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„die Summe aller freundlichen und gegensätzlichen Beziehungen eines Tiers oder einer Pflanze mit seiner organischen und anorganischen Umgebung, darunter auch die anderen Lebewesen. (...) Ökologie ist das Studium der Ö konomie und der Lebensweise der animalischen O rganism en.“-’9 Haeckel machte keinerlei grundsätzlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier40 und hielt es für wesent­ lich, aus der wissenschaftlichen Beobachtung der natürlichen Welt Lehren zu zie­ hen, um daraus sozialpolitische M aßnahmen abzu letten41. Nach Haeckels A n ­ schauung ist die Welt eine untrennbare Ltnheit, und daher muß die Ö kologie eine radikale normative Philosophie sein, die keinerlei Teillösungen akzeptiert. Später gründete Haeckel den Mon is Le nb u nc l, der in seiner pantheistischen und antichrist­ lichen Lehre selber Züge einer Religionsbewegung annahm, wie sie anfangs in den Analysen des Biologen nicht vorhanden gewesen waren. Eine weitere Wurzel der Ökologie, zu der deutsche Intellektuelle einen w ichti­ gen Beitrag leisteten, ist die sogenannte energetische Ökonomie. Ausgehend von der Theorie der ökonomischen Kreisläufe Johann von Thünens, eines W irt­ schaftswissenschaftlers des frühen 19. Jahrhunderts, entwarf sie das Bild eines tn sich geschlossenen Wirtschaftssystems, das sich nicht unendlich ausdehnen kann. Die Einsparung der nicht unendlich erneuerbaren Ressourcen und die zentrale Rolle der Landwirtschatt bis zur Selbstversorgung mit Lebensmitteln sind zwei der theoretischen Implikationen dieses Zweigs der Ökonomie, zu der Wilhelm Ostwald (1911) und Ernst Fischer bedeutende Beiträge geliefert haben42. Auch hervorragende deutsche Geographen wie Ritter und Ratzel sahen m dem Verhält­ nis des Menschen zu seiner U mwelt eines der Grundprobleme des menschlichen Lebens. A ngesichts begrenzter Ressourcen müsse demnach der Mensch die eigene ökonomische und soziale Entwicklung unter Kontrolle halten, um nicht die Grenzen der Entropie zu sprengen. Diese stark mit utopischen Elementen befrachteten Theorien, die unter ande­ rem in die ökologische Bewegung der sechziger und siebziger Jahre des 20. Jah r­ hunderts eingeflossen sind, enthielten optimistische und pessimistische Ansätze zugleich. Wiederum ist festzustellen, daß die ökologische B ewegung unserer Tage keinerlei kulturelle Wurzeln in Italien hat. Diese weltanschaulichen Entwicklungslinien und Ansätze von Aktionen w u r ­ den durch den Ersten Weltkrieg nur kurzfristig unterbrochen. In der unmittelba­ ren Nachkriegszeit nahmen sie nicht weniger virulente Formen an und bezogen eine wachsende Zahl von Menschen ein. Im Jahr 1920 entstand, um nur ein Beispiel zu nennen, unter Beteiligung von Gemeinden, Verbänden lind Indu­ strieunternehmen der „Siedlungsverband R uhrkohlebezirk", der im herunterJ‘> A. P o g g i o , Ambientalisnio (Mailand f996) 6. 42 Aut diesem Terrain bewegte sieh später Konrad Lorenz, der allgemein als einer der Grün­ derväter der zeitgenössischen O kologiebewegung angesehen wird. Lorenz hat vor allein den Begriff einer einheitlichen „Um w elt“ herausgearbeitet, vgl. A. Bramwell, Ecology in the 20"’ C entury: A History (Yale, London 1989) 58. 41 Ebd. 40ff. 4- Ebd. 6 7 ff. und 74 f.

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gekomrnensten Bergwerks- und Industriegebiet Deutschlands und vielleicht Europas für insgesamt über 100 000 Menschen neue Wohnviertel mit viel Grün entwarf, zum Teil realisierte und sie m eine Gesamtplanung des Gebiets einbet­ tete43.

3. Elitärer U m w eltsch u tz In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich die Idee des U m w elt­ schutzes als A ntw ort aut die mehr oder weniger schnellen Industrialisierungspro­ zesse und als Element eines wachsenden Nationalismus in allen wichtigen Indu­ strieländern. Diese Zeit bezeichnen die Historiker der U m w eltbew egung als die Phase des „elitären U m weltschutzes“, da kleine Gruppen der gesellschaftlichen Elite die Bildung von Verbänden und gesetzliche Maßnahmen m dieser Richtung vorantrieben. Erste Schritte wurden in den Vereinigten Staaten und in England unternommen. Angeregt besonders von Präsident Theodor Roosevelt, entstand in den USA ein immer weitläufigeres N etz von N ationalparks als wichtiger Faktor der Bestätigung der „Frontier“-Ideologie zur Legitimation der besonderen Rolle Amerikas44. Seit der G ründung des „National Trust for Places of Historie Interest or National B eauty“ im Jahre 1894 entwickelte sich auch in Großbritannien eine lebhafte Bewegung zum Natur- und Denkmalschutz in einer großen Zahl von Initiativen auf lokaler Ebene. In diesem Zusammenhang spielten die Theorien von John Ruskin und W illiam Morris über die Verflechtung von Natur, Geschichte und Nation eine wichtige Rolle4-. Bereits im Jahre 1853 war der Wald von Fon­ tainebleau (in der Nähe von Paris) aus ästhetischen und sozialen Gründen aut Initiative von Intellektuellen, besonders Malern, zum Nationalpark erklärt w o r­ den. Auch Italien bewegte sich unter dem D ruck kleiner Gruppen innerhalb der liberalen Führungselite in diese Richtung. Garibaldi gehörte 1871 zu denjenigen, die die Einrichtung des En te N a z i o n a l e p e r la P r o t e z i o n e A n i m a l i vorantrieben, und der piemontesische Politiker Quintino Sei la, der in den sechziger Jahren eine führende Rolle in der Regierung spielte, gehörte im Jahre 1863 zu den Gründern des italienischen Alpenvereins C l u b Al pi no I t a l u m o . Der bekannte Naturforscher Alessandro Ghigi aus Bologna gründete 1898 den Naturschutzbund P r o M o n t i bus e t Sy lv is , der allerdings nur kurze Zeit bestand. Dauerhafter und wichtiger 43 Vgl. K. G. Wey, Umweltpolitik m Deutschland. Kurze Geschichte des Umweltschutzes (Opladen 1972) 14Iff; im folgenden zitiert: Wey, Umweltpolitik. 44 Der amerikanische Präsident wußte sehr wohl, daß die Aufwertung des Reichtums der Natur die Entwicklung bestimmter Wirtschaftszweige wie der Holzindustrie, der Energiege­ winnung und des Abbaus von Bodenschätzen nicht einschränken durfte, da diese für die Aufrechterhaltung des „american way of life“ wesentlich waren. Er sah Naturschutz dem ­ nach als dynamisch an. 45 P. D o g li a n i , Territorio c identitä nazionale: parchi tiaturali e parchi storici neüe regioni d’Europa e del Nord America, in: Memoria e Ricerca 1 (1998) 7-37.

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waren die Initiativen von Spitzenvertretern der Bourgeosie des Nordens, die 1894 den Touring Club Ciclistico Itahano, seit 1904 Touring Club Italiano (TCI), grün­ deten. Dieser bisher wenig untersuchte Verein spielte jedoch unzweifelhaft eine wichtige Rolle für das Entstehen einer nationalen Bourgeoisie, die für die Ideale der Kultur, des Reisens und der Kenntnis Italiens gewonnen wurde46. Die Statu­ ten formulierten als eine der Aufgaben des neuen Vereins: „Bildung eines nationa­ len Bewußtseins von der Pflicht, die natürlichen Elemente der italienischen L and­ schaft, die natürlichen, historischen und volkstümlichen Elemente jedes D en k­ mals zu kennen“47. Die Initiativen der Natur- und Denkmalsschützer trafen allerdings auf den W i­ derstand eines großen Teils der Liberalen, die in Treue zu ihrem Weltbild daran festhielten, daß der Staat in keiner Weise in den U m gang mit den künstlerischen, historischen und natürlichen Ressourcen eingreifen dürfe. Diese H altung setzte sich im Forstgesetz von 1877 durch, das an die freihändlerische Tradition der tos­ kanischen Gesetzgebung anknüpfte und deshalb den Waldbesitzern großen JLindlungsspielraum einräumte. Dem Gesetz lag der Gedanke zugrunde, der Wald sei ein „notwendiges Ü b el"48. Daß der Staat stets nur wegschaute, w urde aber allmählich in Frage gestellt, und unter den führenden Eliten setzte sich das Bewußtsein durch, daß das historische, künstlerische und natürliche Erbe des Landes schutzbedürftig sei. Man folgte auch in diesem Fall dem Vorbild Frankreichs, dessen Touring Club und andere private Organisationen seit langem die N otwendigkeit von Schutzgcsetzen propa­ giert hatten. Der 1906 endgültig verabschiedete Gesetzestext umfaßte neben den historisch-künstlerischen auch Denkmäler „der Natur und der volkstümlichen Tradition“, die als „künstlerisch und malerisch" von Interesse für die A llgem ein­ heit seien. In Italien hatte die Diskussion schon 1860 begonnen, und verschieden­ ste Vorschläge waren vorgelegt worden, verloren sich aber in den Mäandern der parlamentarischen Krisen und der allgemeinen Langsamkeit der parlamentari­ schen Arbeit. Die Vorlagen, die von Untersuchungen und Berichten begleitet w a ­ ren, ließen aber einen allgemeinen Konsens heranreifen, der schließlich zur Verab­ schiedung des Gesetzes im Jahre 1902 führte49, das sich jedoch aut den Schutz der

46 V gl. d ie ric h tu n g sw eisen d e S tu d ie: R.J. B. B osw ortb , The T o u rin g C lu b Italian o and the N a tio n a liz a tio n of the Italian B o u rg e o isie, in: E u rop ean H is to ry Q u a rte rly 27 (1997) 371 — 410. 47 V gl. F. Ventura, A lle o rig in i d ella tu tela d elle b ellezze n atu ra li in Italia, in: Storm u rb a n a 40 (1987) 17; in i fo lgenden z itiert: Ventura, A lle o rig in i. Seit d iesem Z eitp u n k t ve rb re itete der T C I lö b lic h e rw e ise im B ü rgertu m das B ild eines Italien „ohne P ro b lem e, vo ller to u ristisch er A ttra k tio n e n un d w u n d e rb a re r Ö rtlic h k e ite n , [ .. . ) ein m alerisch es, d u rch g ro ß a rtig e L a n d ­ sch alten au sgezeich n etes L an d ", l'urri, S cm io lo g ia 160. 4S V gl. B. V ecchio, U n d o cu m en to in m ateria fo restale n e ll’ Italia d el Secon do O tto cen to : I d ib a ttiti p arlatn e n tari 1869-18 77, in: S to ria urb an a 69 (1994) 177-204; un d: O . Gaspari, El b osco com e a n ale n ecessarioh alb eri e uo m irii n ella m o n tagn a ita lia n a , im M e m o ria e R icerca 1 (1998) 58. 49 E ine au sfü h rlich e N ach zeich n u n g d er p o litisch en D eb atte fin d et sieh b ei: A. Pea.no, L a di-

D e r U m g a n g mi t L a n d s c h a f t u n d U m w e l t

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historisch-künstlerischen Denkmäler beschränkte. In den folgenden Jahren erhob sich von verschiedener Seite Kritik daran, daß der Schutzuinfang zu beschränkt war, und man schlug vor, ihn auch auf „Landschatten, Wälder und G ewässer“ aus­ zudehnen. Es erscheint mir außerordentlich bemerkenswert, um die in diesem Aulsatz eingangs gemachten Feststellungen zu bestätigen, daß diese Vorschläge zur Erweiterung sich immer aut historisch-literarische und ästhetische Gründe beriefen-"’"1. Der gleiche ästhetisch-kulturelle Gesichtspunkt lag den verschiedenen Initiativen auf lokaler Ebene zugrunde, wo jeweils kleine Gruppen den Staat zum Schutz der Örtlichkeiten von besonderem Interesse aufforderten wie beispiels­ weise der Wasserspiele von Tivoli oder die durch Dante berühmt gewordenen IV neta von Ravenna3 k Im Jahre 1905 stellte der aus Ravenna stammende damalige Minister für Landwirtschaft, Industrie und Handel, Luigi Rava, einen Gesetzes­ entwurf vor, durch den der staatliche Schutz auf „Berge, Wasser, Wälder und alle 'Feile des heimischen Bodens" ausgedehnt werden sollte, die mit der Geschichte und den sittlichen Einstellungen des italienischen Volkes verbunden waren. Die­ ser Entwurf stand im Einklang mit dem, was der Minister bereits ein ja h r zuvor durchgesetzt hatte, als die Pineta von Ravenna vom Staat gekauft und für unver­ äußerlich und unveränderbar erklärt worden war. Dazu schreibt F. Ventura: „Der Antrieb zum Handeln war aus einer Art Erhaltungsinstinkt entstanden, in dem sich die historisch-künstlerisch-literarische Bildung der konservativen und intel­ lektuellen Elite rationalisierte.“-'’2 Im Jahr 1910 richtete der Präsident des TGI, Luigi V. Bertorelli, eine nationale Kommission „für den Wald und die W eide“ ein, und Botaniker und Geologen setzten sich mit ihrer A utorität dafür ein, daß der Staat das Naturerbe beispielsweise durch botanische Schutzzonen bewahre33. Diese Vorschläge wurden vom Parlament nur teilweise aufgegritfen. Das Ge­ setz von Juni 1912 beschränkte sich darauf, Villen, Parks und Gärten von beson­ derem historisch-künstlerischen Interesse unter Schutz zu stellen. Erst im Juni 1922 erließ das Parlament ein allgemeines Gesetz, „zum Schutz der N aturschön­ heiten und Gebäude von besonderem historischen Interesse“, das die Forderun­ gen von Wissenschaftlern und Naturschützern aufgriff. Gleichzeitig wurden Pläne für die Einrichtung von Nationalparks vorgebracht, die ein konkretes Zei­ chen für den Willen des Staates zum Naturschutz setzen sollten. Die Einrichtung der ersten beiden italienischen Nationalparks, d.h. des Gran Paradiso im Dezem­ ber 1922 und der A bruzzen im Januar des folgenden Jahres, waren erste, wenn auch bescheidene Schritte auf diesem Weg. Die beiden Areale waren als Jagdrevier im Besitz des Hauses Savoyen bereits vorher für jede Form menschlicher Er­ ics* del paesaggio italiano. Formazione della coseienza nazionalc, p ro p o ste di legge e contosto internaxionale nel primo dccennio del Novecento, in: Storia urbana 61 (199 2) 137-168. Ebd. 147. 31 Vgl. z. B. ü b er B rescia: G. P. Treccani, O rg a n iz z a z io n e d ella tu tela e restauro d ei ,p atri m o ­ n um en t!' aU’in d o m an i dclI’U n itä d ’ Italia. II caso d ella p ro v in e ia di Brescia (1862-1892), in: Storia urb an a 40 (1987) 4 3 -7 0 . 32 Ventura, A lle o rig in i 13. 53 Ebd. 28.

Gustavo Corn!

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S c h l i e ß u n g unzugänglich gewesen. Daß König Vittono Emanuele III. di es e b ei de n Jagdreservate dem Staat überließ, war ohne Zweitel eine sehr großzügige Geste, sie zum Schutz d e r U mwelt vor j ed e r Form d e r N utzung zu bewahren, „kostete“ jedoch w en ig34. Hin Vergleich mit dem, was um die gleiche Zeit in Deutschland geschah, muß der föderalen Struktur des von Bismarck 1871 geschaffenen Reiches Rechnung tragen, die eine allgemeingültige Gesetzgebung auf diesem Gebiet nicht zuließ. Mehr als in Italien entstanden auch hier Vereine und Gruppen, denen Wissen­ schaftler, Politiker und Beamte angehörten, mit dem Ziel, Gesetze zum Schutz der Natur vor menschlichen Eingriffen und vor allem vor der beschleunigten indu­ striellen Entwicklung zu schaffen. Das Zusammenwirken der Anregungen von unten und der auf Länderebene verabschiedeten Gesetze brachte wichtige Ergeb­ nisse hervor. In Preußen nahm man sich in mehreren Anläufen des Problems der Überschwem mungen an, das durch wiederholte Choleraepidemien in den Jahren 1892 und 1901 verschärft wurde. Diese M aßnahmen fanden ihren Abschluß im Wasserschutzgesetz von 1913, dem der Gedanke zugrunde lag, das Gemeinwohl müsse immer Vorrang vor individuellen ökonomischen Interessen haben. Eben­ falls in Preußen wurde 1908 eine Bauordnung mit allgemeinen Grundsätzen für die Bebauung von Gebieten erlassen, deren Landschaft oder natürliche Gegeben­ heiten als wichtig erachtet wurden. Darin wurden keine bindenden Kriterien fest­ gelegt, sondern vielmehr den Regierungspräsidenten der Länder breiter Ermes­ sensspielraum eingeräumt” . Auch in anderen Ländern wurde der gesetzliche Schutz der Naturschönheiten ausgedehnt, so in Österreich im Jahre 1903, in H es­ sen 1902 und in Sachsen 1909. Im Jahre 1906 richtete die preußische Regierung auf Vorschlag des Direktors des Danziger Museums, Hugo Comventz, eine „Staatliche Stelle für N aturdenk­ malpflege“ ein, die alle Initiativen, auch die von unten, zu koordinieren, schüt­ zenswerte Örtlichkeiten auszuweisen und dann konkret das Verfahren zum Schutz der „N aturdenkm äler“ in die Wege zu leiten hatte.

4. Die faschistische Ideologie des Bauerntums Zwischen den beiden Weltkriegen scheinen die bisher in den beiden Ländern ver­ folgten Entwucklungslinien zusammenzulaufen, als zuerst in Italien und zehn Jahre später in Deutschland zwei Bewegungen der Rechten an die Macht kamen, denen eine das Bauerntum stark verherrlichende Ideologie gemeinsam war. Eine enge Parallele zwischen Mussolinis feste de! grano (Getreidefesten) und seiner Verherrlichung bäuerlicher lu g e n d e n - nicht zuletzt beim Kinderkriegen - und dem „Erntedankfest“, das jedes Jahr, manchmal sogar im Beisein Hitlers, auf dem Bückeberg gefeiert wurde, zwischen den battaglie del grano (Getreideschlachten) >' Ebd. 26 f. ^ Wey, Umweltpolitik 132ff.

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und den „Erzeugungsschlachten“, ist kaum von der Hand zu weisen, auch wenn man sich H itler kaum in Hem dsärm eln oder im Unterhemd beim Dreschen vor­ stellen kann. Es gibt aber noch weitere Parallelen. Der italienische Faschismus entstand in den Jahren 1920/21 in der Poebene. Trotz seines städtischen U r­ sprungs erzielte er seine ersten Erfolge auf dem Land bei der U nterdrückung der Forderungen der Tagelöhner und landlosen Bauern in den Wirren der N ach­ kriegszeit. Bald aber gewann der Faschismus auch in den Kreisen des bäuerlichen Mittelstands Anhänger, die jede allzu radikale soziale Bewegung bis dahin mit Mißtrauen betrachtet hatten. Auch der Nationalsozialismus in Deutschland konnte in der Wirtschaftskrise 1929 und in der daraus resultierenden politischen Systemkrise in allen Bereichen der Bevölkerung A nhänger gewinnen; ohne Z w ei­ fel aber erzielte er die größten Erfolge vor allem auf dem Land, und zw ar unter den protestantischen Bauern. An dieser Stelle zeigen sich jedoch schon die ersten Unterschiede. Der Kern der Botschaft, die M ussolini in N ord- und Mittelitalien auf dem Land verkündete, zielte auf Wiederherstellung der O rdnung und Ausschaltung jeder revolutionären Bedrohung. Gewiß, man versprach ganz allgemein das Land denjenigen, die es be­ arbeiteten und es fruchtbar zu machen verstanden, aber das anfängliche Verspre­ chen von Landzuteilungen verschwand, sobald das Bündnis mit den kapitalisti­ schen Grundbesitzern der Poebene geschmiedet war. Die G rundzüge des faschi­ stischen Ruralism us zielten dagegen erstens auf demographisches Wachstum, zweitens auf das mögliche Potential für eine Kolonialpolitik, die die Massen der landhungrigen Bauern zufrieden stellen sollte, und drittens auf das Erreichen der Autarkie bei der Versorgung mit Lebensmitteln56. Im H inblick auf den ersten Punkt verfolgte man eine geburtenfreundliche Politik und stoppte die interne M i­ gration. Der zweite Punkt w urde besonders nach der Eroberung Äthiopiens 1935/36 aktuell, und für das dritte Ziel setzte das Regim e seinen Propagandaappa­ rat im Rahmen der „Getreideschlachten“ in Gang. Die bäuerliche Bevölkerung wurde genauso w ie in der Tradition des liberalen Italien als Flort familiärer Tugen­ den, als Faktor von Stabilität und Konsens für die M achthaber gesehen, die ange­ sichts mangelnder Ressourcen Tugenden w ie Genügsamkeit mit großem propa­ gandistischen A ufw and verherrlichten57. Emblematisch ist in dieser Hinsicht fol­ gender Text einer Tageszeitung: „Der Landw irt ist von N atu r aus diszipliniert, ein hervorragender Soldat, ein guter Bürger und ein lautloser Steuerzahler.“58 Der Faschismus fügte dem natürlich neue Elemente w ie die Instrumentalisierung der traditionellen Fruchtbarkeit der Bauern hinzu, um ein demographisches Wachs­

56 V g l A. N ützen adel, L an d w irtsc h a ft, S taat un d A u tark ie . A g ra rp o litik im fasch istisch en Italien (1 9 2 2 -1 9 4 3 9 ) (T ü b in g en 1997) 44; im fo lgen d en z itiert: N ützenadel, L an d w irtsc h aft. 1,7 V gl. V. d e Grazia, C o n sen so e cu ltu ra d i m assa n e ll’ Italia fascista (R o m a, B ari 1981) 130. 58 Z it. n.: P. G. Zunino, L’id e o lo g ia del fascism o . M iti, cred en ze e v alo ri n ella s ta b iliz z a z io n e del regim e (B o lo g n a 1985) 305.

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tum zu erzielen, das mit „acht M illionen Bajonetten“ die für Italien beanspruchte Rolle einer europäischen Großmacht untermauern sollte59. Die faschistische Ideologie des Bauerntums war deshalb „ein ideologisches Konstrukt und diente zur Bündelung verschiedener gesellschaftspolitischer W ert­ vorstellungen“60. Sie übernahm viele Elemente der Ideologie des Bauerntums aus dem liberalen Italien, aber diente auch als Brücke zum Katholizismus, dessen U n ­ terstützung Mussolini von der Spitze bis zur Basis dringend benötigte. U m demgegenüber die Rolle des Ruralismus in Ideologie und politischer Stra­ tegie des Nationalsozialismus zu verstehen, muß man vor allem seine Begrifflichkeit in Betracht ziehen. H ier läuft alles auf das Schlagwort von „Blut und Boden“ hinaus, das eine ganze andere Bedeutung hat als die zur gleichen Zeit vom Faschis­ mus verbreiteten Parolen. Die nationalsozialistische Weltanschauung wurzelte eben in den völkischen, großstadtfeindlichen Tendenzen, die voller H aß gegen M etropolen und Modernität, explizit rassistisch und, wie w ir gesehen haben, im späten 19. Jahrhundert in Deutschland weit verbreitet waren. Der führende Ver­ treter der „Blut und Boden“-IdeoIogie und spätere „Reichsbauernführer“ und Landwirtschaftsminister Richard Walther Darre und seine A nhänger waren fest davon überzeugt, daß der N iedergang des deutschen Volkes nur aufgehalten w er­ den könne durch das Bauerntum als „Blutsquelle des deutschen Volkes“61. Diese radikale, in vieler Hinsicht vage und dünkelhafte Vorstellung gehörte eigentlich in den Rahmen einer umfassenderen Botschaft zur W iederaufwertung der bäuerli­ chen Bevölkerung. U nd diese Botschaft hängt meiner Ansicht nach eng mit den traumatischen Erfahrungen aus der beschleunigten Industrialisierung und M o d er­ nisierung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zusammen. Dieser mit den modernsten Mitteln der Massenkomm unikation verbreiteten Botschaft gab ein Großteil der Bauern selbst - weniger unter den Katholiken - in den Jahren 1930 bis 1933 in Form von Wählerstimmen ihre Zustimmung. Auch in den folgenden Jahren unterstützen sie Flitler trotz wachsender wirtschaftlicher Schwierigkeiten. Der anhaltende Konsens der bäuerlichen Bevölkerung, die etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung umfaßte, basierte einerseits auf der Ü b erz eu ­ gungskraft dieser Botschaft, andererseits auf den agrarpolitischen M aßnahmen des Nationalsozialismus wie Preisgarantie, Organisation des Binnenmarktes und Abschottung gegen ausländische Konkurrenz und nicht zuletzt durch das gesetz­ liche Verbot der Aufteilung von Bauernhöfen durch das „Reichserbhofgesetz“ vom September 193362. Gleichzeitig w urde die ganze bäuerliche Bevölkerung, oder besser: w urden alle diejenigen, die mit der „Reichsernährung“ zu tun hatten, 59 C. I p sen , D em o grafia to ta lita ria . II p ro b lem a d ella p o p o laz io n e neU’ Italia fascista (B o lo ­ gn a 1997), 60 N ü tz en a d el, L an d w irtsc h a ft 49. 61 V g l. die - in ih rer A n a ly s e etw as ein se itig e - M o n o g rap h ie : A. Bramwell, R. W. D arre and H ik e r ’s G reen P a rty (A b b o tsb ro o k 1985). 62 Ü b e r d ie A g ra rp o litik des N atio n a lso z ia lism u s: G. C o r n i, L a p o litica ag ra ria del n az io n a lso cialism o 19 30 -1 9 3 9 (M ila n o 1989). E ngl. Ü b ers.: H itle r and the Peasan ts (N e w Y o rk, O x ­ ford 1990).

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zwangsweise in der gigantischen Organisation des „Reichsnährstands“ zusam ­ mengefaßt, der bis zu acht M illionen M itglieder umfaßte und einen wichtigen p o ­ litischen Faktor innerhalb des Dritten Reichs darstellte und dem deutschen B au­ erntum eine Reihe symbolischer und materieller Kompensationen lieferte63. Natürlich w ar diese Agrarpolitik nicht der K ern der Politik des N ationalsozia­ lismus, und w eder Hitler noch die anderen hochrangigen Vertreter der national­ sozialistischen Polykratie teilten das ideologische und strategische Projekt Darres, der immer mehr in Isolation und Schwierigkeiten geriet. Wie konnte, um ein B ei­ spiel zu nennen, das Vorhaben des isolierten und ökonomisch autonomen Erb­ bauern mit der N otwendigkeit des Regimes in Einklang gebracht werden, der Stadtbevölkerung billige Lebensmittel zur Verfügung zu stellen? Wie ließ sich die Fähigkeit bäuerlicher Familien, viele Kinder in die Welt zu setzen, und die R edu­ zierung der Frau auf ihre M utterrolle aufrechterhalten, wenn die anhaltende Landflucht die Frauen zu steigendem Arbeitseinsatz zwang? Dadurch, daß vor al­ lem vom Balkan billig Lebensmittel importiert werden und nach Kriegsausbruch die scheinbar unerschöpflichen Reserven der besetzten Gebiete genutzt werden konnten, ließen sich diese Widersprüche abschwächen. Dies gelang aber nur teil­ weise, und die Wirtschaftspolitik des nationalsozialistischen Regimes drehte sich vor allem um die M axim ierung der industriellen Produktion, um Deutschland den Sieg zu ermöglichen. Dieser vorrangigen Zielsetzung wurde das politische Projekt Darres untergeordnet, und schon seit der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre war Darre immer mehr isoliert, bevor er 1941 völlig entmachtet wurde. Wenn man die Agrarpolitik des Nationalsozialismus mit der des Faschismus vergleicht64, so stünde also auf der einen Seite Darre, der eine biodynamische Landwirtschaft verfocht, die übrigens von führenden Nationalsozialisten empört abgelehnt w urde, und - mit zumindest zweifelhaften wissenschaftlichen Fähigkei­ ten - den unveränderlichen und deshalb bäuerlichen Charakter der Deutschen studierte. A uf italienischer Seite stand ihm der wichtigste A gronom des Landes, Arrigo Serpieri gegenüber, der die „integrale U rbarm achung“ propagierte und, zumindest solange es die internen Kräfteverhältnisse des Regimes erlaubten, auch als den besten Weg realisierte, um die bäuerlichen Massen zu befreien und ihnen im Rahmen der „A utarkie“ Mussolinis eine zentrale gesellschaftliche und ökono­ mische Rolle zu verleihen. Wie für andere Protagonisten des Regim es stellte auch für Serpieri das Bauerntum einen Stabilitätsfaktor dar, die Wiege patriotischer Tra­ ditionen und den H ort von Werten w ie Genügsamkeit, denen das Regim e grund­ legende Bedeutung beim aß65. Doch Serpieri w ar vollkommen frei von jeglicher ideologischen Verherrlichung des Bauerntums; er wollte die Bauern in den Prozeß der Modernisierung einbeziehen und sie nicht mit einem nach rückwärts, in eine

63 V gl. H. Gies, in : G. Corni, H. Gies, B ro t-B u tter-K a n o n e n . D ie E rn ä h ru n g sw irtsc h a ft in D eutschland u n ter d e r D ik ta tu r H itle rs (B erlin 1997) 75 ff. 64 V gl. G. Corni, D ie A g ra rp o litik des F asch ism u s. Ein V ergleich zw isc h e n D eu tsch lan d un d Italien, in: T el-A viv Ja h rb u c h fü r d eu tsch e G esch ich te 17 (1988) 39 1 -4 2 3 . 65 N ützenadel, L an d w irtsc h aft 33.

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mythische Vergangenheit gewandten Blick aus ihr herauslösen, wie dies Darre und die Ideologen des „Blut und Boden“ taten. Innerhalb des Faschismus, der nicht weniger als der Nationalsozialismus aus verschiedenen Fraktionen zusammengesetzt war, gab es allerdings einige G rup­ pen, die eine stärkere ideologische Verherrlichung des Bauerntums vertraten, frei­ lich ganz ohne rassistische Wurzeln und ohne kulturpessimistische Färbung. Ich beziehe mich vor allem auf die Gruppe „Strapaese“, die unter dem Titel „II Selvaggio“ eine 1924 von Mino Maccari und anderen toskanischen Faschisten gegrün­ dete Zeitschrift herausgab. Der Gegenbegriff zu dem ins Deutsche kaum über­ setzbaren „strapaese“ war „stracittä“66. M it ersterem waren diejenigen kulturellen Werte und Traditionen des ländlichen Italien mit seinen kleinen Ortschaften und Dörfern angesprochen, das nach M einung der A nhänger dieser Bewegung den wesentlichen Bezugspunkt für den Faschismus hätten bilden sollen, von diesem aber verraten w orden seien. Die Vertreter von „Strapaese“, zu denen bedeutende Intellektuelle w ie C u rzio Malaparte und Leo Longanesi gehörten, standen der M oderne pessimistisch gegenüber, deren weitere Entwicklung ihrer M einung nach unweigerlich zur unwiderruflichen Gefahr für die N atur und die Werte von Ehrlichkeit und Einfachheit werden würden, die traditionell die bäuerliche Welt charakterisiert hatten. Maccari wünschte sich in diesem Sinne eine „mehr italieni­ sche und weniger deutsche oder amerikanische“ M oderne in H arm onie mit dem „ursprünglichen italienischen Geist“, wobei in den ideologischen Äußerungen der Gruppe ein gewisser rassistischer Unterton nicht fehlte67. Stadt oder „stracittä“ dagegen bedeutete Fabriken, Arbeiterklasse, Revolutionsgefahr und Demokratie. Das waren für Maccari keine positiven Werte, und ihnen wollte er sich entgegen­ stellen. O bw ohl die Gruppe „Strapaese“ auf historisch-kulturellem Gebiet eine w ich ­ tige Rolle spielte, hatte sie keinerlei G ewicht für das Regime, sondern blieb isoliert und verbrauchte sich in steriler Kritik am Regime. Ihr wirres politisches Konzept konnte keinen Erfolg haben, weil das Regim e das Bündnis mit den Kräften der Großindustrie und den Grundbesitzern unbedingt aufrecht erhalten mußte. Eine nicht geringere Rolle spielte aber, was Zunino folgendermaßen formuliert: „Diese Einheit zwischen Mensch und Natur, die in einen von heidnischen und u rtüm ­ lichen M yth en durchdrungenen M ystizism us einging, [...] w ar der geistigen Tra­ dition der Italiener vollkommen fremd.“68 Es ist interessant festzuhalten, daß in diesem Klima weitverbreiteter ideologischer Verherrlichung des Bauerntums die wesentlichen Initiativen der beiden Regim e auf dem Gebiet von U m w elt und Ökologie weitgehend divergierende W urzeln hatten. Dies trifft meiner Ansicht nach weniger auf Deutschland zu, w o in den Jahren vor der Machtergreifung des Nationalsozialismus Theorien weitverbreitet gewesen waren, die den Schutz der 66 V gl. d azu au sfü h rlic h : L. M an goni, L’in terv e n tism o ciella cu itu ra. In te llettu a li e riv iste del fascism o (R o m , B ari 1974) 136. 67 V gl, N ütz en adel, L an d w irtsc h aft 3 9 ff. 68 Zunino, L’id c o lo g ia 273.

D er U m g a n g m it Landschaft u n d U m w e lt

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Natur mit der Eugenik, das heißt mit der „Erbgesundheit“ der Menschheit in Ver­ bindung brachten. Von der bereits 1920 gegründeten Zeitschrift „Naturschutz“ kamen nach 1933 bruchlos Vorschläge, die sich Herm ann Göring zu eigen machte, zu dessen zahllosen Ämtern auch das des Reichsforstmeisters gehörte. Er über­ trug dem Gründer der Zeitschrift, Professor Walther Schönichen, die Leitung der 1935 neu eingerichteten „Reichsstelle für N aturschutz“ und erließ im selben Jahr ein „Reichsnaturschutzgesetz“. Das Gesetz hat insofern eine grundlegende B e­ deutung, als es durch allgemeingültige Normen die bisher bestehenden Einschrän­ kungen durch den - inzwischen abgeschafften - Föderalismus aufhob69. Schöni­ chen bezeichnete den Naturschutz als „notwendig für die Gesunderhaltung der deutschen Seele“. Das Gesetz definierte eine Reihe unterschiedlich geschützter Bereiche von N aturdenkm älern über Naturschutzgebiete bis hin zum allgemeinen Landschaftsschutz und gab dem Staat das Recht, diese Schutzzonen auszuweisen und mit abgestuften Beschränkungen zu versehen. In den folgenden Jahren ging man tatsächlich schnell daran, Tausende von Schutzgebieten unterschiedlicher Größe und unterschiedlicher Art einzurichten. Es gilt festzuhalten, daß das von Göring stark forcierte Gesetz auf allen Parteiebenen nur auf mäßiges Interesse stieß70, denn es stand im Gegensatz zu anderen Optionen. Wenn beispielsweise Ödland, Torf- und Sumpfzonen als solche erhalten werden sollten, widerstrebte das nicht nur Darre, dessen Ziel es war, Boden für die Lebensmittelversorgung u r ­ bar zu machen. Der Naturschutz stieß auch auf den Widerstand derjenigen zivilen und militärischen Einrichtungen, die als Vorbereitung Deutschlands auf den Krieg neue Autobahnen, Industriegebiete und Infrastrukturen projektierten und ver­ wirklichten, so daß man sogar von der „Hilflosigkeit des N aturschutzes“71 ge­ sprochen hat. Das Gesetz blieb auch nach dem Fall des „Dritten Reiches" in Kraft, und das heißt w ohl, daß man es grundsätzlich als gutes gesetzliches Werkzeug be­ trachtet hat. Ein Blick auf die faschistische Gesetzgebung auf diesem Gebiet zeigt nur w e ­ nige bemerkenswerte, untereinander sehr widersprüchliche Elemente. Die von Gentile 1923 in die Wege geleitete Reform der höheren Bildung schaffte das Fach Naturwissenschaften in den humanistischen G ym nasien ab. M it diesem in Europa einzigartigen Schritt bewies einer der hervorragendsten italienischen Intellektuel­ len seine völlige Verständnislosigkeit für die Probleme der N atur und N atu rw is­ senschaften. Aktiver war das Regime auf dem Gebiet der Naturschutzgebiete, die seit 1933 vom Staat betrieben wurden. M it dem Stilfser Nationalpark und dem Circeo wurden zwei neue Naturschutzgebiete eingerichtet, wobei politische und propagandistische Motive eine starke Rolle spielten. Das N aturschutzgebiet des Circeo beispielsweise w urde als Vervollständigung der Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe und damit einer der Erfolge verstanden, dessen sich das Regime 69 V gl. G. G rön in g, J. Wolscbke, N atu rsch u tz und Ö k o lo g ie im N atio n a lso z ia lism u s, in: D ie A lte Stadt 10 (1983) 1-17. 70 Wey, U m w e ltp o litik 150. /l G röning, Wolscbke, N a tu rsch u tz 11.

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nach innen und außen in seiner Propaganda besonders bediente. Die Forstpolitik ließ das Prinzip des Schutzes für dieses kostbare Gut fallen72 und den „Bedürfnis­ sen der Betreiber von Wasserkraftwerken und der G rundbesitzer"73 völlig freie Hand. Auf der anderen Seite w urde im Juni 1939 ein Gesetz zum Schutz der U m w elt­ güter erlassen, das die gesetzliche Basis für deren Schutz bis in unsere Tage dar­ stellt. Das Umweltschutzgesetz kam im wesentlichen auf D ruck von Wissen­ schaftlern wie Gustavo Giovannoni zustande, die die N otwendigkeit betonten, die U m w eltzerstörung durch den Menschen einzudämmen. Ihre Vorstellung des N aturschutzes stand in enger Verbindung mit den ästhetisierenden Vorstellungen, von denen eingangs schon die Rede w ar74. Das Gesetz definierte sowohl einzelne natürliche oder historisch-künstlerische O bjekte als auch „ganze Landschaften" von „traditionsgemäß ästhetischem W ert“. D arüber hinaus führte es als richtungs­ weisendes Konzept die Erstellung von „Landschaftsplanungen“ ein, die dazu d ie­ nen sollten, die Entwicklung von unter historisch-künstlerischen oder U m w eltg e­ sichtspunkten besonders interessanten Gegenden langfristig zu planen. Wie w ir im folgenden Abschnitt sehen werden, w urde dieses Element der Planung bis heute weitgehend mißachtet.

5. Die „große U m w ä lzu n g “ Ähnlich rasche und radikale Veränderungen von Gesellschaft, Wirtschaft und U m w elt, w ie sie Deutschland schon im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erlebt hatte, lernte Italien erst im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs der späten fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts kennen. Einige Daten sollen dies verdeutlichen: Bei der Volkszählung im Jahre 1951 w urden 42,2% der Bevölkerung in die Kate­ gorie „Landwirtschaft, Jagd, Fischerei“ eingeordnet, wobei diese Kategorie im Süden bis auf 56,9% stieg. N u r 7,4% der Wohnungen besaßen Strom- und Trink­ wasseranschluß und sanitäre Einrichtungen im Haus. Im Laufe weniger Jahre hat die ökonomische Entwicklung in Italien zu radikalen Veränderungen geführt, die auf die Qualität der U m w elt und den U m gang der Bevölkerung mit der U m w elt stark eingewirkt haben. Zu den sichtbarsten und einschneidendsten Phänomenen gehört in diesem Zu­ sammenhang die interne Migration von Süden nach Norden, die die großen Städte der Industriegebiete aufblähte. Als direkte Folge von Industrialisierung und Ver­ städterung wurden vor allem in den weniger fruchtbaren Gegenden lan dw irt­ schaftliche Flächen brachgelegt, wo die dauernde Bearbeitung durch die Bauern 71 D as h at d azu b eig etragen , d aß der A n te il des W aldes an d er G esam tfläch e des L andes im Ja h r 1947 n ur 2 0 % b etru g g e g en ü b er den 2 9 ,4 % in d er B u n d e sre p u b lik , 4 0 ,5 % in Ö sterreich und so g a r 5 3 ,4 % in S pan ien. 73 Gaspari, II b osco 69. 74 V gl. Ventura, A lle o rig in i 36 ff.

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bis dahin zerstörerische U m welteinwirkungen w ie Erdrutsche und Überschwem ­ mungen hatte eindämmen können. Zwei Jahrzehnte später ergab die Volkszäh­ lung, daß der Prozentsatz der in der Landwirtschaft Beschäftigten auf 18,5% ge­ sunken w ar und sich damit den entwickelten Industrieländern angenähert hatte. In der gleichen Zeit waren über eineinhalb M illionen H ektar bewirtschafteten Bo­ dens aufgegeben worden. Zwischen 1955 und 1971 wanderten über neun M illio ­ nen Italiener vom Süden in den N orden in die grollen Industriestädte nach M ai­ land und Turin, aber auch nach Rom. Turin w urde innerhalb weniger Jahre nach Neapel und Palermo die drittgrößte ,süditalienische“ Stadt75. Dieses demographische Wachstum hat zu einer abnormen Bautätigkeit geführt. Während im Zeitraum von 1951-1971 die Bevölkerung um 12% gewachsen ist, stieg die Zahl der Wohnungen um 70%; während 1950 insgesamt 73400 Häuser gebaut w urden, erreichte die B autätigkeit 1964 mit 450000 Häusern ihren H ö h e­ punkt. Das Straßennetz vergrößerte sich von 170569 Kilometern, davon 479 Ki­ lometer Autobahn, auf 286496 Kilometer, davon 4342 Kilometer Autobahn. Diese Bautätigkeit ließ Italien in wenigen Jahren zu einem der größten Produzen­ ten und Konsumenten von Zement werden. Dem Ansturm auf H äuser und W oh­ nungen folgte der auf Zweithäuser und Zweitwohnungen, gewöhnlich am Meer oder in den Bergen in landschaftlich besonders bevorzugter Lage76. Erwähnen will ich lediglich, daß für die U m w elt besonders schädliche Indu­ strien w ie die chemische und petrochemische fast ausschließlich an der Küste an­ gesiedelt wurden und viele unter ökologischem Gesichtspunkt wertvolle Gegen­ den schwer geschädigt haben, beispielsweise in Sizilien, Sardinien und in der L a­ gune von Venedig, wo sich in jenen Jahren der größte Chemiestandort Europas entwickelte. Diese „große U m w älz u n g “ hat allein durch ihr Tempo alte W ertvor­ stellungen und Bindungen zerstört und ausgeprägte Erscheinungsformen von Konsumismus sowie ein weitverbreitetes Desinteresse für das, was um den einzel­ nen Konsumenten herum passiert, entstehen lassen. Turri hat von einem Ver­ schwinden der „topofilia“ gesprochen, das heißt von jener fruchtbaren und beru­ higenden Liebe und Verbindung mit dem eigenen Wohnort. Im übrigen ist es wohl kein Zufall, daß es im Italienischen kein Wort für „Heimat“ gibt. Diese Ent­ wurzelung hat Pier Paolo Pasolini zu Beginn der siebziger Jahre mit Bitterkeit er­ faßt, als er beklagte, daß aus unseren großen und kleinen Städten plötzlich die Glühwürmchen verschwunden w aren77. Die rasante Entwicklung der sechziger und siebziger Jahre war natürlich eine Hochzeit für Bauspekulanten, die weitgehend ungestört agieren konnten, und zwar trotz des Artikels 9 der Verfassung, in dem es heißt: „Die Republik schützt die Landschaft und das historische und künstlerische Erbe der N ation.“78 Die 73 P. G in sborg, S to ria d ’ Italia dal d o p o g u e rra a o ggi. S o cictä e p o litic » 19 43-19 88 (T urin 1989) 317. 76 Turri, S em io lo g ia 33. 77 Vgl. P. P. Pasolini, S critti co rsari (M a ila n d 1977, d eu tsch e Ü b erse tzu n g : F re ib eu te rsch rif­ ten, B erlin 1998). 78 A n d ererseits hat C e d e n ia d arau f h in g ew iesen , d aß d ie ser A rtik e l o hn e D eb atte von d er

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führenden Schichten haben diese U m w älzun g unterstützt, die eine nicht zu be­ zweifelnde Verbesserung der Lebensbedingungen vor allem für die Unter- und Mittelschichten mit sich brachte und den Herrschenden vierzig Jahre lang unge­ störtes Regieren ermöglichte. Das Gesetz von 1939 stand eigentlich nur auf dem Papier, und erste Versuche, den ß aub o o m in den Griff zu bekommen, wie etwa mit dem Gesetzesentwurf des christdemokratischen Ministers Sullo zu Beginn der sechziger Jahre, wurden von mächtigen Interessengruppen blockiert. Eine der zahlreichen, von Menschen verursachten Katastrophen in der neuesten Ge­ schichte Italiens hat bewirkt, daß diese Lähm ung durchbrochen wurde. Der Erd­ rutsch in A grigent am 19. Juli 1966, der eine der bedeutendsten Ausgrabungsstät­ ten der Welt gefährdete, hat das A usmaß des Problems der aggressiven Bauspeku­ lation und der weitgehenden Unfähigkeit von Staat und lokalen Behörden, sie in irgendeiner Weise einzudämmen, vor aller A ugen geführt. Nach Cederna, der die U m w eltzerstörung aufmerksam analysiert, aber teilweise allzusehr als endgültige Katastrophe beschrieben hat79, wurden in dem Jahr, für das durch das sogenannte Überbrückungsgesetz Aufschub gewährt wurde, bevor strengere Regeln für die Bebauungspläne in Kraft traten, noch einmal auf einen Schlag über acht M illionen neue H äuser gebaut. Zur Bauspekulation und zur wilden U rbanisierung gesellte sich seit Anfang der siebziger Jahre als weiteres Problem, das das Umweltgleichgewicht zutiefst be­ trifft, die Kernenergie. 1975 w urde ein umfassender Plan vorgelegt, der den Bau zahlreicher Kernkraftwerke vorsah, um die A bhängigkeit der italienischen W irt­ schaft vom Erdöl - w ir befinden uns in der Zeit unmittelbar nach der Erdölkrise zu verringern. Ich bin der Meinung, daß man von diesem Zeitpunkt an eine ent­ schiedene Wende in der gerade erst entstehenden italienischen U m w eltbew egung erkennen kann. In völlig anderem R ahm en und aus anderen Gründen beginnt sich die italienische Entwicklung wieder der deutschen anzugleichen.

6. I Verdi - die Grünen Auch in Westdeutschland haben sich in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Welt­ krieg weitere bedeutsame ökonomische Veränderungen mit A usw irkungen auf die U m w elt vollzogen. In den Jahren des Wirtschaftswunders scheint jedoch die Kritik an der Moderne stark in der M inderheit gewesen zu sein gegenüber dem Glauben an die Wohltaten von Produktivitätssteigerungen und Vollbeschäftigung, die bald die Wohlstands- und Konsumgesellschaft hervorbringen sollten. Dazu kam, daß alles, was nach der dramatischen Erfahrung des Nationalsozialismus in irgendeiner Weise an kulturpessimistische oder das Bauerntum verherrlichende Thematiken und Strömungen erinnerte, an sich schon durch seine N ähe zu TheoK o n stitu ieren d en V ersam m lu n g u n te r a llg em ein e r In te resselo sig k eit einfach an g en o m m en w u rd e. A. C e d e r n a , L a d istru z io n e d ella n atu ra in Italia (T urin 1975). 79 V gl. auch sein erstes B uch : A. C e d e r n a , I van d ali in casa (B ari 1956).

D er U m g a n g m it L an d sch aft und U m w e lt

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rie und Praxis der „Blut und Boden“-Ideologie diskreditiert war. Diese Selbstzen­ sur hat, um nur ein Beispiel zu nennen, zum Verschwinden der „Volkskunde“ aus dem kulturellen und akademischen Leben geführt, weil sie durch ihre B indungen an das Regim e allzu sehr belastet war. Das Entstehen und die ungestüme Entw icklung der U m w eltbew egung in der Bundesrepublik seit den siebziger Jahren hat viele Gründe, die letztlich ihre U rsa­ che darin hatten, daß die Politik mit ihrem eisernen Dreiparteiensystem vor allem bei den Jugendlichen in eine Vertrauenskrise geriet, weil sie zu wenig Raum für alternative Positionen und Entwürfe zu lassen schien. In dieser Hinsicht bedeu­ tete die kurze Periode der Großen Koalition von 1966 bis 1969 eine wichtige Wende. Die darauf folgende Regierung W illy Brandts hat daran mit ihrer im Inne­ ren weit weniger couragierten Politik als nach außen nur wenig geändert. Man braucht nur daran zu denken, welche gegensätzlichen politischen Kulturen und Mentalitäten in der, allerdings meist nicht explizit geführten, Auseinandersetzung zwischen Brandts technokratischem Nachfolger H elm ut Schmidt und dem J u ­ gendflügel seiner eigenen sozialdemokratischen Partei aufeinanderprallten. Ein zweites wesentliches Element für die Entstehung der Grünenbewegung war das Problem des Friedens, das sich mit großer Dringlichkeit stellte. Die jungen Gene­ rationen reagierten seit den sechziger Jahren auf die Stellung der Bundesrepublik an vorderster und am meisten gefährdeter Front der westlichen Allianz mit der Forderung nach dem Ausscheiden Deutschlands aus den Bündnissystemen, wenn nicht gar nach Neutralität. Auch das Problem der Identität spielt eine entscheidende Rolle in einem Land, das seine nationale Identität definitiv verloren zu haben schien. Die Forderung nach erweiterter demokratischer Partizipation und die A blehnung der außenpoli­ tischen Blockbildung bildeten den politischen Kern der alternativen Bewegungen meist studentischen Ursprungs, die sich in jenen Jahren entwickelten. In diesen Bewegungen spielten auch Them en und Vorstellungen w ie der Feminismus, ein alternativer Marxismus, der Anti-Imperialismus und die Kritische Theorie eine Rolle, w ie sie, ausgehend von den USA, in allen industrialisierten Ländern ku r­ sierten80. Diese kulturellen Fermente waren auch in Frankreich, Italien und ande­ ren industrialisierten Ländern wirksam und haben auch dort zu einer Schärfung des ökologischen Bewußtseins geführt. Aber in Deutschland, und analog dazu, jedoch aus anderen Gründen, auch in Italien, überlagerten sich diese Them en mit spezifischen Problemen, so daß daraus die besondere Form der „grünen“ B ew e ­ gung in Deutschland entstand, die sie zu der wichtigsten und auch am besten er­ forschten machten81.

80 V gl. I. G ilch e r-H o ltey (H rsg .), J968. Vom E reign is zu m G egenstand d er G esc h ic h tsw is­ senschaft (G ö ttin g e n 1997). Sl V gl. die um fassen d e S tu d ie ü b er „grü n e P o litik “ : F. Capra, C. Spretnak, D ie G rün en : n ich t lin k s, nich ts rech ts, so n d ern vo rne (M ü n ch en 1985). D ie A u to re n w id m en m it u n g e fäh r 150 Seiten fast z w e i D ritte l ih res B uch es dem d eu tsch en , un d nich t einm al ein e h alb e Seite dem italien isch en F all.

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G u stav o C o rn i

Hervorzuheben ist in erster Linie die starke Entwicklung der M obilisierung von unten durch die „Bürgerinitiativen“ seit Beginn der siebziger Jahre, die sich die direkte Partizipation der Menschen an thematisch und örtlich begrenzten po­ litischen Fragen zum Ziele setzten. Ein großer Teil dieser Initiativen von B ürger­ gruppen w ar eng mit Umweltfragen verbunden, aber es finden sich auch andere Probleme w ie das der Atomwaffen und ganz allgemein das der direkteren dem o­ kratischen Partizipation. Als ein weiteres charakteristisches Element der d eut­ schen U m w eltb ew egun g erscheint mir das hohe Niveau der Debatten im kulturel­ len Leben, die von der Bewegung ausgelöst wurden und sie ihrerseits anregten. Von Enzensberger bis Offe, von Bahro82 bis Carl A m ery beteiligten sich wichtige Exponenten der jüngeren Intellektuellen der Bundesrepublik am Entwurf von Theorien, Strategien und Weltanschauungen der Umweltbewegung. Beide Aspekte fehlen in Italien völlig. Auch in Italien sind - mit einigen Jahren Verspä­ tung - Gruppierungen und Vereinigungen zu lokal begrenzten Fragen entstanden, aus denen dann die eigentliche Partei der „Verdi“ hervorgegangen ist. Diese spon­ tan entstandenen Vereinigungen knüpften in gewisser Weise an den elitären U m ­ weltschutzgedanken an83, begannen sich jedoch allmählich davon zu entfernen, um sich entschieden in eine politische R ichtung zu entwickeln. Dennoch können diese Gruppen w eder in quantitativer noch in qualitativer Weise mit den über zwei M illionen Menschen konkurrieren, die zu Beginn der siebziger Jahre von den deutschen Bürgerinitiativen mobilisiert werden konnten, deren Zahl einige Jahre später sogar bis auf drei M illionen anstieg84. In Italien beteiligten sich Intellektuelle kaum an der Ausarbeitung von T heo­ rien und Entwürfen in Umweltfragen. Einige wie Antonio Cederna85, die lange Zeit isoliert blieben, vollbrachten jedoch Pionierleistungen in Sachen U m w eltb e­ wußtsein. Auch die zahlreichen Natur- und Umweltschutzvereinigungen der N achkriegszeit, von der 1955 gegründeten It aha Nostra über Pro N atura des J a h ­ res 1959 bis zu dem sieben Jahre später entstandenen W orld W ildlife Fund Italia (W W F), zählten unter ihren Mitgliedern und Führungspersönlichkeiten hochran­ gige Intellektuelle wie Altiero Spinelli, Umberto C olom bo und Paolo Volponi. Dennoch ist in Italien keine kulturelle Debatte über Umweltfragen zu finden, wie sie in Deutschland - oder auch in den U SA - geführt wurde.

82 A. S. M arkovits, P. Gorski, G rün sch läg t ro t. D ie d eu tsch e L in k e n ach 1945 (H a m b u rg 1995) 139 ff. 83 Ein B eisp iel d afü r ist die 1961 von ein er G ru p p e lib e ra le r u n d d em o k ra tisch er In te lle k tu ­ e lle r um G iu lio E in au d i g e g rü n d ete Societä d e g l i a m ici d i B occa di M agra , d ie sich den S ch utz d er e in z ig a rtig e n F lo ra u n d F au n a dieses im G o lf von La S p e zia gelegen en G eb iets zu m Z iel setzte. V gl. P og g io, A m b ie n talism o 20ff. 84 V gl. P o g g io , A m b ie n talism o 19: „The rap id m u ltip lic atio n of c itiz e n s ’ gro u p s reflected the m o u n tin g crisis o f the M o d ell D eu tsc h la n d “; C. B oggs, S o cial M o vem en ts and P o litical P o w er. E m ergin g F o rm s o f R ad ic alism in the W est (P h ilad e lp h ia 1986) 173. 85 V gl. Turri, S em io lo g ia 143: „L an ge w ar er ein P re d ig e r in d er W ü ste w ie S av o n aro la. M an sch en k te ihm kein G ehör, denn sein e W o rte p afken n ich t zu dem O p tim ism u s, in dem Italien sich e n tw ic k e lte .“

D er U m g a n g m it L and sch aft und U m w e lt

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Ein drittes Element in der Bewegung der deutschen Grünen zumindest in ihrer Anfangsphase bestand aus Gruppen und Persönlichkeiten, die deutlich in der ku l­ turpessimistischen und das einfache Leben verherrlichenden geistigen Tradition standen, die oben analysiert wurde. Bewegungen wie der „Jungdeutsche B und“, die „Freisoziale U n io n “ und die „Aktionsgemeinschaft U nabhängiger D eut­ scher“, Persönlichkeiten w ie Herbert Gruhl und A ugust Haussierter86 spielten auch auf organisatorischer Ebene eine wichtige Rolle für das Entstehen der ö ko ­ logischen Bewegung. Z war vage und unklar, vertraten diese Gruppen und Persön­ lichkeiten doch in weitem Umfang antistädtische und antidemokratische Vorstel­ lungen, die ein einfaches bäuerliches Leben verherrlichten und an kulturpessim i­ stische Strömungen anknüpften. Sie waren auf der Suche nach einem „dritten Weg“ zwischen Kommunismus und Kapitalismus, der implizit, aber eindeutig auf faschistische Modelle Bezug nahm. Seit dem Offenbacher Kongreß vom N ovem ber 1979 wurden diese Gruppen weitgehend ausgeschaltet, doch der Einfluß dieser geistigen Strömungen in der Entstehungsphase der deutschen U m weltbewegung ist unleugbar87. H ier ist nicht der Ort, die Geschichte der grünen Bewegung in Deutschland nachzuzeichnen, die komplex und reich an ideologischen Auseinandersetzungen, aber auch reich an politischen Erfolgen ist. Seit Ende der siebziger Jahre w urde man sich nämlich allmählich klar darüber, daß Initiativen von unten nicht zur Lösung bestimmter Probleme im politischen Bereich ausreichten. Daraus ging die Entscheidung zur Teilnahme an der Politik zunächst auf lokaler und dann auch auf Bundesebene im Bündnis mit der SPD hervor. Diese Entscheidung w urde von den „Alternativen“ oder „Fundis“ entschieden bekämpft, die zu keiner Form des Kompromisses be­ reit waren. Diese Entscheidung w ar jedoch von einschneidender Bedeutung nicht nur für die Ü berw indung des seit drei Jahrzehnten unverändert bestehenden Dreiparteiensystems, sondern auch für Veränderungen innerhalb der herrschenden Kul­ tur der größeren Parteien. Bei den Wahlen zum Bundestag im Jahre 1983 konnten die Grünen erstmals mit ungefähr zwei M illionen Wählerstimmen (5,6% ) die Fünfprozenthürde überspringen und 27 Abgeordnetenmandate erobern. Seither verfügen sie über ein stabiles Wählerpotential vor allem unter der Jugend und den Frauen. U nter diesem D ruck mußten sowohl die seit 1982 regierende CD U /CSU als auch die Sozialdemokraten, die Gewerkschaften und Unternehmer ihre politi­ sche Haltung in U mweltfragen grundlegend ändern. Als Beispiele zu nennen sind die ökologisch ausgerichteten Positionen führender SPD -Politiker wie Reinhard Eppler und O skar Lafontaine oder das umweltverträgliche marktwirtschaftliche 86 V gl. H. K l e i n e n , Vom P ro test zu r R eg ieru n g sp arte i. D ie G esch ich te d er G rün en (F ra n k ­ furt a.M . 1992) 20ff; 7'. K eller , Les V erts allem an d s. U n co n servatism e a lte rn a tif (P aris 1993) 60 ff. 8/ A u to ren ein g eh en d er U n tersu ch u n gen w eisen a llerd in g s d ie T h ese z u rü c k , daß d ie ö k o lo ­ gische B e w eg u n g n u r m o d e rn isierter A u s d ru c k des p o litisch en Id ealism u s und K u ltu rp essi­ m ismus sei. V gl. z .B .: T. P ogu n tk e, A ltern ativ e P o litics. T he G erm an G reen P a rtv (E d in ­ burgh 1993) 134.

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G u stav o C o r n i

Modell, das von Kurt Biedenkopf88, einem der führenden Köpfe der C D U , im Jah r 1985 vorgestellt wurde, und nicht zuletzt das Aufgreifen von Umweltfragen und Pazifismus durch die Kirchen89. Weitere Beispiele sind die von den Ländern und vom Bund seit den achtziger Jahren ergriffenen Gesetzesinitiativen vor allem für den Emissionsschutz und der Stop für den Ausbau der Kernenergie. Trotz massiver Kritik aus der eigenen Bewegung90 suchte und sucht die „grüne“ Utopie nach einer konkreten Realisierung auf politischem Gebiet91. Für Italien sind meiner Ansicht nach vor allem zwei grundlegende Charakteri­ stika hervorzuheben, die einerseits auf die elitäre Tradition des Naturschutzes z u ­ rückzuführen sind, andererseits auf das im Vergleich zum föderativen Aufbau der Bundesrepublik andersartige politische System des Landes. Im Hinblick auf den ersten Punkt scheint mir in den seit den fünfziger Jahren gegründeten U mweltund Naturschutzorganisationen immer noch das Modell von pressure groups vor­ geherrscht zu haben, die einen relativ kleinen, dafür aber gesellschaftlich und k u l­ turell hochrangigen Mitgliederkreis für Umweltfragen gewinnen konnten. Dies gilt m. E. vor allem für Italia Nostra?2. Diese Gruppen verstanden sehr wohl, Ver­ änderungen des kulturellen Lebens w ahrzunehm en und sich ihnen anzupassen, indem sie die Zahl ihrer aktiven und passiven M itglieder und ihren W irkungsbe­ reich beachtlich erweiterten. Der W W F Italia zählte beispielsweise 1991 über 300000 eingeschriebene M itglieder und darüber hinaus 8 00 0 0 Kinder und j u ­ gendliche in den Panda Clubs()i. Dennoch blieb das Referenzmodell meiner A n ­ sicht nach immer das der pressure group, die nicht direkt politisch agiert. Darüber hinaus haben alle Gruppen und Vereine ihre U nabhängigkeit und ihr besonderes Profil bewahrt, so daß es nicht zur Bildung einer größeren, koordinierten U m ­ weltbewegung gekom men ist. Der zweite Aspekt scheint mir die ausgeprägte Politisierung oder sogar Partei­ ausrichtung in der italienischen U m w eltbew egung zu sein. Teilweise aufgrund der traditionellen Stärke der Kommunistischen Partei Italiens orientierten sich viele Energien und Entwürfe im U mweltbereich von vorneherein an den traditionellen Parteien, allen voran am PCI. Eine wichtige Rolle spielte aber auch der Partito Radicale mit seinen Volksabstimmungskampagnen gegen die Atomenergie und zur Einschränkung der Jag d 94. Dadurch w urde vermutlich die M öglichkeit einer M o ­ bilisierung von unten stark eingeschränkt. In Italien war die U m w eltbew egung aber auch nicht wie die Bürgerinitiativen und die Grünen in Deutschland Auffangbecken für die aus der Protestbewegung der späten sechziger Jahre hervorge­ gangenen Jugend- und Alternativbewegungen. In Italien übernahmen diese Rolle 88 K eller, Les V erts 29. V gl. auch : Wey, U m w e ltp o litik 160ff. 89 H e rm a n d , G rün e U to p ie 180 ff. 90 V gl. d ie sch arfe K ritik eines P u risten : A. B ra m w ell, T h e F a d in g of the G reens. T h e D e­ clin e o f E n viro m cn tal P o litics in the W est (N e w H aven , L o n d o n 1994). 91 P ogu n tk e, A lte rn ativ e P o litics 114. 92 R. Strassoldo, L e rad ici d e ll’erb a (N eap el 1993) 81. 93 Poqqio, A m b ie n talism o 3 6 f. 94 Ebd. 42.

D er U m g a n g m it L andschaft und U m w e lt

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neben einer ziemlich schwachen grünen Bewegung95 die sogenannte „außerparla­ mentarische L in k e“, aber auch terroristische Gruppierungen, die in Italien z w ei­ fellos stärker sozial verwurzelt waren als in Deutschland. Die U m wcltbewcgung in der Bundesrepublik der letzten zwei Jahrzehnte kann zu Recht als ein politi­ scher Faktor ersten Ranges bezeichnet werden, der Konsens und aktive Partizipa­ tion von H undertausenden von Menschen zu mobilisieren in der Lage war. Diese Einschätzung scheint mir von zwei Elementen gestützt zu werden: In erster Linie hatte die U m w eltproblem atik auch in der D D R eine überaus wichtige Bedeutung als politisches „Surrogat“, denn um diese Fragen entstanden Anfang der achtziger Jahre die ersten rudimentären Formen des Dissenses gegenüber dem kom m unisti­ schen R egim e96. In zweiter Linie ist nicht zu leugnen, daß sich die Grünen 1989/ 90 besonders lau zur Wiedervereinigung verhielten. Dennoch hat die Geschichte sie - wie man zu sagen pflegt - nicht bestraft, sondern es ist ihnen im Gegenteil ge­ lungen, ihr politisches G ewicht nicht nur zu haken, sondern sogar noch auszu­ dehnen bis hin zum Eintritt in die Regierungskoalition mit den Sozialdemokraten. Auch in Italien sind die Grünen in der Mitte der 90er Jahre an der R egierungs­ koalition beteiligt gewesen und haben - natürlich - den U m weltm inister gestellt. Dennoch ist wohl nicht zu leugnen, daß ihr Gewicht im kulturellen und gesell­ schaftlichen Leben und in der Politik um einiges geringer ist als das der Grünen in Deutschland. Die U mweltprobleme werden heute unzweifelhaft als globale Probleme gesehen, und viele Denkansätze in dieser Richtung sind auch weltweit verbreitet. Gleichwohl w irken kulturelle Traditionen und besondere historische Entwicklungen in Italien und Deutschland weiter und sorgen dafür, daß Ä hnlich­ keiten nur oberflächlich bleiben.

93 Vgl. M. Diani, Iso le n e ll’a rcip e lag o (B o lo g n a 1988). % m . F ulbrook , A n a to m y o f a D ictato rsh ip . Inside the G D R 19 49-19 89 (O x fo rd 1995).

2. Der Staat

Pierangelo Schiera

Gemeinwohl in Italien und Deutschland von der konstitutionellen Ara bis zum Totalitarismus Schlagwort, politische Praxis oder Lehre?"' Das Gemeinwohl kann man meiner festen Ü berzeugung nach nicht einfach als Schlagwort oder politische Praxis betrachten, w ie es als Anfrage des Herausgebers formuliert w urde, sondern man darf es mit vollem Recht als eine „D oktrin“ be­ handeln1. Als solche w ar nämlich der Begriff in der langen Verfassungsgeschichte Europas besonders stark mit Bedeutung aufgeladen, da sich in ihm als bis heute gültiges dialektisches Grundmuster dieser Geschichte die Spannung zwischen Unitarismus und Zentralismus einerseits, zwischen Pluralismus und Polyzentris­ mus andererseits ausdrückte. Mein Beitrag muß aus diesem Grund notwendigerweise zeitlich die vom Thema der Tagung gesetzten Grenzen überschreiten und wird sich mit einer Betrachtung über die Theorie des Gemeinwohls im Rahmen der großen Verfassungsdebatte beschäftigen, die vom 18. Jahrhundert bis über die M itte des 19. Jahrhunderts hin­ ausreicht2.

A us dem Italie n isch en ü b erse tz t von F ried e rik e H au sm an n . 1 D er B egriff „ L e h re“ hat in m ein er K o n zep tio n d er eu ro p äisch en P o litik un d V erfassu n gs­ geschich te ein en b eso n d eren Sin n, d er bis ins M itte la lte r an d ie A n fän ge d er m o d ern en P o li­ tik um das Ja h r 1000 zu rü c k re ic h t. V gl. d azu : P ie ra n g elo Scbiera, D al B en co m u n e alla P ubb lica F elicitä. A p p u n ti p er u n a sto ria d elle d o ttrin e, in : Italia et G erm an ia. L ib er A m ico ru m A rn o ld E sch, h rsg. v. H a g e n K eller , 'Werner P aravicini, W olfgan g S ch ied e r (T ü b in gen 2001) 113-131. A u f d iesem T ext fu ß t d er v o rlieg e n d e A u fsa tz, a llerd in g s m it einem an d eren Z eit­ h orizon t. 1 V gl. d azu : P. Schiera, Ü b erleg u n g e n zum P ro b lem des K o n stitu tio n alism u s in E u rop a im Ü b ergan g vom 18. zu m 19. Ja h rh u n d e rt, in : E u ro p äisch e S o zialg e sc h ich te. F estsch rift für W olfgang S ch ied er, hrsg. v. C h r is to f Dipper, Lutz K lin k h am m er, A lexander N ütz en a d el

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P i e r a n g e l o S c h ie r a

Die Idee des Gemeinwohls reicht bekanntlich zurück in die Gründungsphase moderner Politik in Europa um die erste jahrtausendw ende in der harten A usein­ andersetzung um die Legitimation der Rechte des mittelalterlichen Bürgers und setzt sich - mit notwendigen Anpassungen - in der bewegten und nur scheinbar widersprüchlichen Entwicklung des modernen Staates fort3. Im 18. Jahrhundert allerdings, das darf nicht vergessen werden, befand sich die Idee des Gemeinwohls bereits im N iedergang und hatte an politischer Produktivität verloren.

I. Auch die Welle der Revolution wollte und konnte die Idole von Gemeinwohl, Gemeininteresse, Glück und Wohlstand nicht zerschlagen. In der Virginia B ill o f Rights vom 12. Juni 1776 wird das Volk von Virginia - mit einer bezeichnenden Veränderung der Zielsetzungen - als „good people“ charakterisiert, und schon in der Section / der B ill werden die Rechte der Menschen, die in den Gesellschafts­ vertrag eintreten, formuliert als „the enjoym ent of life and liberty, with the means of acquiring and possessing property and pursuing and obtaining happiness and safety“ . Dieses Konzept w ird in der Section 3 noch einmal nachdrücklich aufge­ nommen: „That government is or ought to be instituted for the common benefit, protection and security of the people, nation or com m unity; of all the various m o­ des and forms of government, that is best which is capable of producing the greatest degree of happiness and safety and is most effectually secured against the danger of m aladm inistration.. .“4. In Frankreich ist die Entwicklung komplexer, aber noch interessanter. In der Declaration des droits de l ’homme et du citoyen der Constitution frangaise vom 3. September 1791 tritt als entscheidende N euerung die zentrale Rolle des homme hervor. Er wird aber politisches Subjekt nur als citoyen, d.h. als Mitglied einer in­ stitution politique, die ihrerseits nicht zu trennen ist von der Zielsetzung der „con­ servation des droits naturels e imperscriptibles de l’ homme" (Art. III). Diese Petitio principii wäre sinnlos, sähe nicht der Art. XII „une force publique“ vor, von der die „garantie des droits de l’homme et du citoyen“ abhängt. Daraus entspringt die politische Verpflichtung, diese zu garantieren, und deshalb wird im selben Ar(B erlin 2000) 9 3 -1 1 2 . D er v o rlieg e n d e A u fsatz ist in V erb in d u n g m it d iesem Text en tw o rfen un d verfaß t w o rd en . 3 V gl. d a zu : P ie r a n g e lo Schiera, L e g ittim itä, d isc ip lin a , is titu z io n i: tre p resu p p o sti p er la nascita d ello S tato m o d ern o , in: G. Chittolini, A. M ohlo, P. Schiera (H rsg .), O rig in i d ello Stato . P ro cessi di fo rm a zio n e statale in Italia fra m ed io ev o ed etä m o d ern a (B o lo g n a 1994) 1 7 -4 8 ; en gl. Ü b e rse tz u n g : T h e O rig in s o f t he S tate in Ita ly 13 00-16 00 (C h ic a g o , L o n d o n 1995); zu r T h em atik des G em ein w o h ls: M. S. K em p sch a ll , T h e C o m m o n G ood in L ate M e d iev al P o li­ tical T h o u g h t (O x fo rd 1999), so w ie H e r fr i e d Miinkler, H a ra ld B lu h m (H rsg .), G em ein w o h l un d G em ein sin n . H isto risc h e S em an tik en p o litisc h e r L eitb eg riffe (B erlin 2001). 4 Z it. nach: F. H a r tu n g (H rsg .), D ie E n tw ic k lu n g d er M en sch en - un d B ü rgerrech te von 1776-1946 (B e rlin 194S) 24.

G e m e i n w o h l in I ta lie n u n d D e u t s c h l a n d

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tikel präzisiert: „cette force est done instituee pour l ’advantage de tous, et non pour l’utilite particuliere de ceux, auxquels eile est confiee“5. Genau dies scheint schon das Hauptanliegen der Verfasser des Programms des Buongoverno zu Zei­ ten der Republik von Siena gegen Mitte des 14. Jahrhunderts gewesen zu sein. Die Dinge liegen jedoch wesentlich komplizierter, denn am Ende des 18. Jah r­ hunderts vollzog sich in Frankreich durch die Vermischung der Einflüsse von Revolution, Verfassungsformulierungen und der praktischen U msetzung durch Napoleon in Organisation und Krieg ein diffiziler Prozeß der Reduzierung des Begriffs der Politik auf die Verfassung6. Deshalb ist zu beachten, wie die Verfas­ sung auf der Ebene der staatlichen O rdnung allmählich mit dem System der Rechte und Pflichten der Bürger gleichgesetzt w urde, wobei es mehr um die Rechte als die Pflichten ging, denn der Staat war inzwischen „enthauptet“ und zum bloßen „O rgan“ der A nw endung der Prinzipien der „revolutionären O rd ­ nung“ heruntergestuft worden. In der Constitution de la Republique francaise vom 24. Juni 1793 wiederholt Art. 1 feierlich: „Le but de la societe est le bonheur commun.“ Erst im zweiten, auch graphisch abgehobenen Teil des Artikels wird wiederholt: „Le gouvernement est institue, pour garantir ä l’homme la jouissance de ses droits naturels et imprescriptibles.“7 Abgesehen von der Frage nach der Tragweite dieser bescheidenen und letztlich unauslotbaren lexikalischen und textlichen Veränderungen, muß man doch festhalten, daß jetzt die Gesellschaft mit ihrem bonheur commun die zentrale Rolle in der Konstruktion des Diskurses spielt. Die Menschen- und Bürgerrechte werden - zumindest unter dem Gesichtspunkt der Logik - , obwohl sie natürlich und un ­ wandelbar sind, der Priorität des Gemeinwohls untergeordnet. Das beweist auch die Tatsache, daß in diesem Text von der force publique keine Spur mehr zu finden ist, ihre Funktion hat sich generalisiert in die „souverainete nationale“ (Art. 23), die sich allerdings als „gouvernement“ (Art. 1) konkretisiert und normalisiert8. In der Verfassung des Jahres Drei, der geglücktesten und berühmtesten der Verfas­ sungen der Republik, wird zwischen „hom m e“ und „societe“ mit der Formel „homme en societe“ auf brillante Weise ein Gleichgewicht hergestellt, dem die

5 Ebd. 28 un d 30. 6 Ebd. 30, A rt. X V I: „Toute so ciete, dans la q u elle la g ara n tie des d ro its n ’est pas assu ree ni la sep aration des p o u v o irs d eterm in ee, n ’a p o in t de c o n stitu tio n .“ A b geseh en von d er G ew a l­ ten teilun g, von d e r h ie r n ich t d ie R ed e zu sein hat, b ed eu tet d ies, daß d ie V erfassun g m it d er G arantie d er R ech te, d .h . m it d er ö ffen tlich en G ew alt, zu sam m e n fällt u n d daß also eine G e­ sellsch aft erst w a h rh aft p o litisch ist, w en n sie diese C h a ra k te ristik a au fw eist. 7 Ebd. 32. s D ie V o lk sso u v erän ität ist tatsäch lich a b stra k t u n d so zu sag en u n b ew eg lic h . Sie kann sch w erlich als „ garan tie s o c ia le “ w irk e n , d .h . au f B e w eg u n g e n d er G esellsch aft reagieren . D ie S o u v e rän ität w ird n äm lich auch w ie d ie M en sch en rech te m it dem B egriff d er U n v e rjä h r­ b arkeit ch a ra k te risie rt u n d d a rü b er h in au s m it den B egriffen E in h eit, U n te ilb a rk e it un d U n ­ veräu ß erlich k eit (d ie säm tlich die sich tb aren Ü b erre ste des aus dem A lte rtu m ü b erk o m m e­ nen K onzepts sin d ).

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P ieran gelo Sch iera

üblichen Rechte von liberte, egalite, sürete und propnete zugewiesen werden9. Der Diskurs bleibt unverändert, er strukturiert sich aber weiter, wie man aus den anderen Artikeln entnehmen kann, die die Beziehungen des „einen“ mit „allen“ im Rahm en der Gesellschaft regeln. Es zählen nämlich nur die konkreten und administrativen Inhalte in Funktion der „utilite generale“ und des „maintien de la societe“. Darauf hat sich die alte Idee des Gemeinwohls anscheinend inzwischen reduziert. Offensichtlich ist der ursprüngliche Zweck des „Friedens“, der in dem berühmten Fresko in Siena so melancholisch in den Mittelpunkt gerückt ist, von der Geburt des modernen Staates und des mit ihm sich herausbildenden „euro­ päischen Staatensystem s“ neutralisiert worden. Deshalb soll er durch andere „Zwecke“ ersetzt werden, die immer weiter ins Innere gerückt und immer enger auf das individuelle Glück bezogen sind, vielleicht als Pendant zur Melancholie des kollektiven Friedens im Mittelalter.

II. N icht nur die Vielfalt der Bezüge, sondern auch die Tatsache, daß sie nicht auf eine einheitliche politische Linie zu reduzieren sind, macht es schwierig, die Fülle der vor allem ökonomischen und juristischen Produktion zu untersuchen, die der Verwissenschaftlichung des Gesellschaftlichen vorausging, ein Phänomen, das gleichzeitig zum Konstitutionalismus verlief und ihn mit bedingte10. Als Ergebnis w urde jedenfalls der mittelalterliche Gedanke einer symbiotischen Genossen­ schaft, der noch zu Beginn der N euzeit bei Althusius besonders wichtig w ar und fiir die alte Ständegesellschaft insgesamt eine fundamentale Rolle spielte, in eine zugleich aufgeklärtere und materiellere Form der Gesellschaftlichkeit überführt, die in der „bürgerlichen Gesellschaft“ eine neue Form finden konnte1L Daraus er­ 9 Ebd. 38, A rt. 1 d er C o n stitu tio n de la R ep u b liq u e F ran ^aise, A n III F ru ctid o r 5 = 1795 A o ü t 22. 10 P. S ch iera , K o n stitu tio n a lism u s, V erfassun g u n d G esch ich te des eu ro p äisch en p o litisch en D en ken s. Ü b erleg u n g e n am R an d e ein er T agu n g, in: M. K irsch , P. Schiera (H rsg .), D en k en un d U m se tz u n g des K o n stitu tio n alism u s in D eu tsch lan d u n d an d eren eu ro p äisch en L än d ern in d er ersten H ä lfte des 19. Ja h rh u n d e rts (B erlin 1999) 2 3 -3 2 . D as T h em a h atte ich sch on b e­ h an d elt in: R. G herardi, P. Schiera, Von d er V erfassun g zu r V erw altu n g: b ü rgerlich e S ta ats­ w irtsch a ft in D eu tsch lan d u n d Italien nach d er n atio n alen E in ig u n g ; im fo lgen d en z itiert: G herardi, Von d er V erfassun g z u r V erw altu n g, in : Erk V. H e y e n (H rsg .), W issen sch aft und R echt d e r V erw a ltu n g seit dem A n cien R egim e (F ra n k fu rt a.M . 1984) 131. D o rt ist d er fo l­ gen de P assus z itie rt: L u d w ig G litm pow icz , S am m e lrez en sio n , in : Z eitsch rift fiir das P riv a tund Ö ffen tlic h e R ec h t d er G eg e n w art X IV (1887) 478: „In d en vier D ecen n ien (1 8 3 0 -1 8 7 0 ), in d en en d ie eu ro p äisch en C o n tin en ta l-S ta a te n sich in b estän d igen V erfassun gskrisen b efan ­ den, u n d die G eister sich v o rw ie g en d m it d er F ra g e d er b esten K o n s titu ie ru n g ' d er S taaten , d e r besten ,V erfassu n gsfo rm ‘ b esch äftigten : da stan d auch au f d er T ageso rd n u n g d er T h eo rie v o rw iegen d d as ,V erfassu n gsrech t'. D iese B e w e g u n g n ah m ih r Ende zu A n fan g d er 70er Jah re, da d ie V ö lk e r d e r C o n tin en ta lstaa te n , v o r allem Ö sterre ich s u n d D eu tsch lan d s, m it neuen V erfassun gen b e g lü c k t w u rd e n . N u n b egan n ein e an d ere B e w eg u n g .“ 11 V gl. d a z u : M a n fr e d R iedel, G esellsch aft, b ü rg e rlic h e , in: G esch ich tlich e G ru n d b egriffe,

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gab sich auch für das Gemeinwohl vor allem die Konsequenz, daß seine primären syntaktischen Elemente w ie beispielsweise Glück, Interesse, Sicherheit und Policey in immer stärker philosophisch-praktische Schemata gegossen wurden. Aber nicht alles sollte sich auf „Soziologie“ reduzieren. Daneben und zuvor existierte nämlich, wie w ir gesehen haben, das Phänomen der Verfassung, in die genau die grundlegende Wertvorstellung unserer Lehre einging, die sich nicht direkt in die Formalisierung einer als natürlich verstandenen Gesellschaft übertragen ließ. An dieser Stelle ist vielleicht die berühmte Bemerkung Kants12 zu zitieren: „[...] Der Satz Salus publica suprema civitatis lex est bleibt in seinem unverminderten Wert und Ansehen; aber das öffentliche Heil, welches zuerst in Betracht zu ziehen steht, ist gerade diejenige gesetzliche Verfassung, die jedem seine Freiheit durch Gesetze sichert; wobei es ihm unbenommen bleibt, seine Glückseligkeit auf jedem Wege, welcher ihm der beste dünkt, zu suchen, wenn er nur nicht jener allgemei­ nen gesetzlichen Freiheit, mithin dem Recht anderer Mituntertanen, Abbruch tut.“ 13 Der aus Genf stammende Sismondi war zw ar w eder Deutscher noch Italiener, aber doch ein w enig halber Italiener, und vor allem so sehr mit dem Thema des „Kleinstaats“ befaßt, daß er als den zeitgenössischen politisch-konstitutionellen Problemen sowohl in Deutschland als auch in Italien nahestehend zu betrachten ist. Für ihn sollten die „Sozialwissenschaften“ der Teil der Humanwissenschaften Bd. 2 (S tu ttg a rt 1975) 7 1 9 -8 0 0 . A u ch : P ie ra n g elo Schiera, D alla so c ia lita alla so ciev o lezza: una via alia m o d e rn iz z a z z io n e neU’E u rop a del X V II e X V III seco lo , in: A ugust Buck (H rsg .), D er E u ro p a-G e d an k e (T ü b in g en 1992). E ine w issen sc h a ftlic h e B e trac h tu n g d er G esellsch aft en tw ic k e lt sich in A n a lo g ie z u r w ach sen d en w issen sch aftlich en B e rü c k sic h tig u n g d er N atu r: von d er socialitas P u fen d o rfs z u r socialite/sociabilite d e r A u fk lä ru n g bis z u r G esellschaft bei K n igge: V gl. F. Palladini, S am u el P u fe n d o rf d isc ep o lo d i H o b b es. P er u n a re in te rp re tazio n e del g iu sn a tu ra lism o m o d ern o ? (B o lo g n a 1990); a u ch : C. Müller, D er h eu tig e K am pf um die U n iv e rs a litä t vo n M en sch en rech ten : R ü c k fra g en b ei S am u el P u fen d o rf, in: B. G eyer, H. G oerlich (H rs g .), Sam u el P u fe n d o rf un d seine W irk u n g e n b is au f die h eu tig e Z eit (B aden B aden 1996), der ein en A b sch n itt (2.1) fo lge n d e rm aß en ü b ersc h re ib t: „Vom N a tu rre c h t der A n tik e üb er das k irc h lic h e N a tu rre c h t zu m sä k u laren N a tu rre c h t“, 123-127; E tienne Fran­ cois (H rsg .), S o c ia b ilite et so ciete b o u rgeo ise en F ran ce, en A lle m ag n e et en S uisse 17 50-18 50 (P aris 1987); A dolph F reih err v o n K n igg e , U m g an g m it M en sch en , in: W erk au sw ah l in 10 B än den , B d. 6 (H a n n o v er 1993). /. Kant, U b e r d en G em ein sp ru ch : D as m ag in d er T h eo rie ric h tig sein , tau gt ab er nichts für die P rax is, 1793, in: W erk e, h rsg. v. Rosenkranz, S ch u bert, V II, 1 (1838). D arin fin d et sich auch die D efin itio n des D esp o tism u s als „V erfassung, die alle F re ih eite n d er U n tertan e n , die alsdann gar k e in e R ec h te h ab en , a u fh e b t“, ebd. 199. 13 Ebd. 209. A u fz u g re ife n un d w e ite rz u e n tw ic k e ln ist auch die Ü b e rle g u n g von: W. Merk, D er G ed an ke des gem ein en B esten in d er deu tschen S taats- u n d R e c h tse n tw ic k lu n g , im fo l­ genden z itie rt: Merk, D er G ed an k e des gem ein en B esten , in : F e stsch rift fü r G eh eim rat Dr. A lfred S ch u lze (W eim ar 1934) 69: „Es ist das V erdienst des p reu ß isch en A llg e m ein en L a n d ­ rechts von 1794, d aß es im S in n e d ie ser B e w eg u n g d ie sta atlich en H o h e itsre ch te u n d die U n tertan en p flich ten g e se tzlic h gen au um sch rieb en u n d den B egriff u n d d ie Z w an g sg ew alt der P o lizei g ru n d sä tz lic h a u f die F älle der O rd n u n g sb e w ah ru n g un d S tö ru n g sa b w e h r b esch ränkt h at zu e in e r Z eit, als in F ran k re ic h d er .W o h lfah rtsau ssch u ß* (C o m ite du salu t p ub lic) in fratz e n h after V erze rru n g des W o h lfah rtsged an k en s das G em ein w o h l d ad u rch zu fördern su ch te, d aß er m ö g lic h st v ielen .W o h lfah rtsfein d e n ' den K opf a b sc h lu g .“

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sein, der sich auf die „Bildung und Bewahrung der Gesellschaften, auf alle Speku­ lationen der Theorie und auf den ganzen Grundbestand der Erfahrung bezieht, die die Menschen aufklären und sie freier das Ziel erkennen lassen, dessentwegen sie sich vereinigen und sich zusammenschließen, das heißt ihren gemeinen N u t­ zen“. Daraus ergeben sich für Sismondi zwei hauptsächliche „Gegenstände“: Der erste ist „die Theorie des Gemeinwesens selbst oder der Verfassungen der freien Völker“, der zweite die „Theorie der Verteilung der Reichtümer unter den M it­ gliedern des Gemeinwesens; eine Theorie, die als politische Ö konomie bezeichnet w ird “ 14. O bwohl dieser Abschnitt aus einem 1839 erschienenen Werk stammt, hatte Sismondi diese Ü berlegungen schon in seinen Rechercbes sur les constitu­ tions des peuples libres angestellt, die 1796 begonnen aber zu seinen Lebzeiten nie veröffentlicht w orden w aren 15. Der Zusammenhang zwischen den „Sozialwissenschaften“ und dem „gemeinen N u tz en “ der Menschen könnte nicht klarer ausgedrückt werden, und nicht m in­ der kohärent ist der Forschungseifer des Autors, der sich unmittelbar nach Voll­ endung der Untersuchung über die Verfassung der freien Völker, die er selbst, w ie w ir gerade gesehen haben, mit der „Theorie des Gemeinwesens“ gleichsetzt, sei­ nem Werk über die „politische Ö ko n o m ie“ widmete, für das er bis heute berühmt ist16. Es darf auch nicht vergessen werden, daß diese beiden Grundlegungen der Sozialwissenschaften ideell durch das leidenschaftliche Interesse Sismondis für die Geschichte der italienischen Städte im Mittelalter verbunden waren, die für ihn die Wiege nicht nur des Gemeinwohls bildeten, mit dem w ir uns beschäftigen, sondern auch der - von der Revolution wiedererweckten - Freiheit, die zu vertei­ digen die großen modernen Nationen w ie insbesondere Großbritannien und Frankreich die Pflicht hatten. Aus der Lektüre der Histoire Sismondis ergeben sich viele H inweise dafür, diese Freiheit als Frucht des Gemeinwohls zu betrach­ ten. Als Beleg genügt ein Zitat aus der von ihm selbst 1832 erstellten Zusammen­ fassung17, die neben der methodologischen Naivität Sismondis auf dem Gebiet 14 ]. C. L. S im o n d o d e Sism ondi, S tu d i in to rn o alle c o stitu z io n i d ei p o p o li lib e ri (C ap o lag o 1839), E in leitu n g 9 („ S tu d i in to rn o alle scien ze s o c ia li“). F ran zö sisc h : E tu des su r les scien ces so ciales, B d. 1: F^tudes su r les c o n stitu tio n s des p eu p les lib re s, B d. 2 u n d 3: E tudes su r l’ econ om ie p o litiq u e (P aris 1936-38). 15 ]. C. L. Sism ondi, R ech erch es su r les co n stitu tio n s des p eu p les lib res. Texte in ed it, h rsg. un d ein g el. v. M arco M inerbi (G en f 1965). 16 J. C. L. Sism ondi, N o u v eau x p rin cip es d ’eco n o m ie p o litiq u e , 2 B de. (P aris 1819), im fo l­ genden z itie rt als: Sism ondi, N o u v eau x p rin cip es. S ch on vo rh e r w ar an ö k o n o m isch en S tu ­ dien 1801 ersch ien en : T ab leau d e [’a g ric u ltu re to scan e (N a c h d ru c k G enf 1998). (D eu tsch e Ü b ers.: G em äld e d e r to sk an isch en L an d w irtsc h a ft, T ü b in g e n 1805). 17 /. C. L. Sism ondi, F listo ire des R ep u b liq u e s Italien n es d u m o y en äge, 16 Bde. (P aris 1807— 1818). Im Ja h re 1832 ersch ien ein e h erv o rragen d e Z u sam m en fassu n g des W erkes z u e rst in E n glisch , dann in F ran zö sisch : H is to ry o f Italian R ep u b lic s, o r the O rig in , P ro gress and F all o f Italian F reedo m (L o n d o n 1832); (z itie rt im fo lgen d en aus d e r A u sgab e P aris 1841 als: Sis­ m o n d i, H is to r y ); H is to ire de la ren aissan ce d e la lib e rte en Italic, de ses p ro gres, de sa d ec a­ dence, de sa ch u te, 2. B de. (P aris 1832). D ie en glisch e A u sg ab e w u rd e auch ins D eu tsch e ü b erse tz t als: G esch ich te d er italien isch en F reistaaten . Ihr Ü rsp ru n g , F o rtsc h ritt un d Fall (A u g sb u rg 1840). E ine italien isch e Ü b e rse tz u n g ersch ien 1836 u n ter dem T itel: C o m p en d io

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der Geschichtsschreibung zeigt, wie sehr er auch bei der Vermischung seiner w is­ senschaftlichen Interessen auf den Fragen des Gemeinwohls beharrt: „The knowledge of times past is good only as it instructs us to avoid mistakes, to imitate virtues, to improve b y experience: but the preeminent object of this study, - the science of governing men for their advantage, of developing their individual facul­ ties, intellectual and moral, for their greater happiness - that political philosophy, began in modern Europe only with the Italian republics of the middle ages, and from them diffused itself over other nations.“ 18 D arüber hinaus hatte Sismondi schon in der ersten Ausgabe seiner N ouveaux principes bei der verwunderten Feststellung, w ie wenige Regierenden in der Lage seien, den Zusammenhang der beiden Faktoren Bevölkerung und Reichtum zu begreifen, eine Lanze für die Ver­ bindung von Wissenschaft und Politik gebrochen, wobei er die erstere in politi­ sche Wissenschaft - zur Sicherung der Freiheit und aller damit zusammenhängen­ den Vorteile für die Bürger - und ökonomische Wissenschaft - im Interesse des „bien-etre physique de l’hom m e“ - unterteilt19. Letzteres ist unerläßlicher Be­ standteil „du bonheur de l’ homme“, mit dem sich die „Sozialwissenschalt“ be­ schäftigt, die gerade deshalb „la plus importante entre les sciences“ auch jenseits der Naturwissenschaften ist20. A u f der Fähigkeit, „bonheur“ zu erreichen und zu verteidigen, beruht die Unterscheidung zwischen Freiheit und Tyrannis, die letztlich - das eigentliche Interesse Sismondis an seiner eigenen Zeit, d.h. seiner Bewunderung für die Französische Revolution und seiner Verachtung für N ap o ­ leon, ausmacht: „The sym p ath y existing among fellow-citizens, from the habit of living for each other and b y each other, - of connecting every thing with the good of all, - produced in republics virtues which despotic states cannot even imagine [ .. .] “21. Diese Verherrlichung der Freiheit ist geschichtswissenschaftlich gesehen sicherlich übertrieben, erhält ihre Rechtfertigung aber aus dem politischen A n ­ liegen Sismondis, das er in der Definition der Freiheit - und m. E. auch des Ge­ meinwohls - am Schluß seines kleinen Buches formuliert: „It is the participation of numbers in the government, and not the name of republic as opposed to mon­ archy, that constitutes liberty: it is, above all, the reign of the laws; publicity in the

d ella sto ria d ’ lta lia d ei seco li di m ezzo (L u g an o 1836). E ine n eu ere Ü b e rse tz u n g von A . S a l­ sano ist m it ein er E in leitu n g von P. S ch iera ersch ien en u n ter dem T itel: S to ria d e llc re p u b b liche italian e (T urin 1996). 18 H isto ry , In tro d u c tio n 1, 19 Im „A ve rtisse m e n t“ z ur zw e iten A u sg a b e d e r „ P rin c ip e s“ steh t d agegen a u f S eite IV: .. l’accro issem en t des rich esses n ’est pas le b ut de P eco no m ie p o litiq u e , m ais le m oven do nt eile d isp o se p o u r p ro c u re r le b o n h eu r de to u s“ . 20 G. D u p u igren et-D esroussilles, S ism o n d i et le g o ü t du b o n h eu r (esq u isse de p sy c h o a n a ­ lyse), in: H isto ire , so c ialism e et c r itiq u e de l’eco n o m ie p o litiq u e , E con o m ies et societcs X (P aris 1976), zit. n ach: F. Sofia, U n a b ib lio teca gin ev rin a del settecen to : i lib ri del gio van e S is ­ m ondi (R o m 1983). A u f den Seiten 95 ff. w id m et die A u to rin d e r L eid en sch aft S ism o n d is fü r die B o ta n ik einen u m fan greich en E xkurs u n d leitet d arau s ein en Z u sam m en h an g zw isch en dieser un d S ism o n d is In teresse fü r V erfassun gsfragen ab. Sismondi, H is to r y 146.

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administration, as well as the tribunals; equality; the removal of the shackles on thought, on education, and on religion“, mit einem Wort die „constitution“22. Sismondi vertritt im Grunde einen Liberalismus, der sich auf die individuelle Zustimmung zu gemeinsamen Werten stützt, bei dem aber die unteren Schichten auch in der Lage sind, im Namen des G eheim wohls den Ausschluß von der direk­ ten M achtausübung zu ertragen23. Diese Sicht entspricht der für den Liberalismus des frühen 19. Jahrhunderts typischen M ischung aus Individualismus und N atio ­ nalismus, sie ist jedoch auch beschränkt, wenn man bedenkt, daß bei Sismondi das wissenschaftliche Interesse für die Ö konomie das für Rechtsfragen überwog wobei es schwer ist, diese Unterscheidung für die damalige Zeit überhaupt zu tref­ fen. Für ihn - ebenso wie für Romagnosi, von dem noch die Rede sein wird - ist eine „Wissenschaft der Gesetzgebung“ wichtig, die in der Lage ist, die K omplexi­ tät des gesellschaftlichen und politischen Gefüges zu erkennen und zu regeln und sowohl Gleichheit als auch Freiheit zu sichern24. Dabei geht es nicht nur um die Theorie, sondern auch um historische Determiniertheit, an die die Entstehung der modernen Ö konom ie gebunden ist. Die historische Forschung nämlich erlaubt es Sismondi, das Wissen zu erwerben, um die Wissenschaft von der Regierung und der Ö konomie zu entwerfen. In der letzteren mischen sich die großen Ideale und Werte mit elementaren Daten der Realität, die konkrete Aspekte der Gesellschaft und der R egierung berühren. Beispielsweise w eist Sismondi selbst auf seine p rin ­ zipielle und tiefgreifende Differenz gegenüber A dam Smith in der Frage des Ein­ greifens der Regierung in die Ö konom ie hin. Für ihn gilt: „ [...] Le gouvernement est institue pour proteger, avec les forces de tous, chacun contre le injures de tout autre. II oppose l ’interet public ä tous les interets prives“25.

III. Sismondi, dessen W erk noch zu wenig erforscht ist, besticht durch die Internatio­ nalität seiner Biographie und seiner die Disziplinen überschreitenden w issen­ schaftlichen Interessen und Werke. Aus diesem Grund bringt er m. E. ein für das ganze Europa seiner Zeit typisches Phänomen zum Ausdruck, das ich als „Konstitutionalisierung des Zusammenlebens" bezeichnen möchte. Sie sollte nicht nur der gegenseitigen Hilfe und „Zuwendung“ zwischen den M itgliedern der Gesell­ schaft dienen, wie dies bereits im Mittelalter, in H um anism us und M oderne vom 13. bis 18. Jahrhundert als einer ersten Phase der E ntwicklung der Lehre des G e­ 22 E bd. 269. 23 /. C. L. Sism ondi, A vertissem en t, a.a.O ., V I, sp ric h t au sd rü c k lic h von „science du bien p u b liq u e “ u n d in den N o u v eau x p rin cip es 5, d efin ie rt er d ie „science de la le g is la tio n “ als „th eo rie !a p lu s su b lim e d e la b ien faisan ce“: „E lle so ig n e les h om m es et co m m e n atio n , et com m e in d iv id u s .. 24 Sism ondi, N o u v e a u x p rin c ip es 3 f.; „M ais rien n ’est p lu s co m m u n dans to u tes les scien ces p o litiq u e s q u e d e p erd re d e vue l ’une ou l ’au tre face d e ce d o u b le b u t.“ 25 Sism ondi, N o u v eau x p rin c ip es 336.

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meinwohls der Fall gewesen w ar26. Für Sismondi gellt es darüber hinaus um die Menschenrechte, die soziale Frage und die Leistungsfähigkeit des Staates. Was die diesbezüglichen französischen Verfassungstexte über die Menschenrechte sagen, haben w ir kurz behandelt und ist so bekannt, daß selbst ein Hinweis auf die wich­ tigste Literatur zum Them a überflüssig erscheint. Für Deutschland liegen die Dinge wesentlich komplizierter, aber auch hier wird allmählich geforscht, wie dies bereits für Italien der Fall ist27. Der Konstitutionalismus verdient also wohl, in seiner Entwicklung gegenüber der Durchsetzung der „Sozialwissenschaften“ im Sinne des 19. Jahrhunderts und des damit verbundenen Sozial- und Verwaltungsstaates untersucht zu werden, um die Frage zu beantworten, ob diese Entwicklung wenigstens teilweise auf die Theorie des Gemeinwohls zurückgeführt werden kann. N icht um Ergebnisse vor­ wegzunehmen, sondern um Mißverständnisse zu vermeiden, ist zu betonen, daß die wesentliche Variable der Veränderung des Gemeinwohls in der nachrevolutio­ nären Zeit m. E. in der Entwicklung der Verwaltung liegt, wie sie - sowohl mit der Revolution als auch mit der Verfassungsfrage eng verbunden - in ganz Europa zu beobachten ist. Das gilt auch für das mögliche Weiterbestehen als Referenzbegriff im langen Prozeß der demokratischen Verwissenschaftlichung der Politik28. A m Ende des revolutionären Prozesses proklamierte Napoleon 1799: „[...] la Constitution est fondee [...] sur les droits serves de la propriete, de Tegalite, de la liberte [...]. Citoyens, la Revolution est fixce aux principes qui l ’ont commencee. Elle est finie.“ Dieser rätselhafte und doppelbödige Satz kann meiner Ansicht nach auch einfach so interpretiert werden, daß es sich erübrigte, sobald die Revo­ lution in der Konstitution fixiert war, von „konstituierender“ Gewalt zu spre­ chen, da man es direkt mit einer „konstituierten“ G ewalt zu tun hatte. Diese letz­ tere hatte sowohl das eher traditionelle M erkm al des gemeinen Wohls als auch das revolutionäre des allgemeinen Willens in sich aufgenommen, um beiden das Werkzeug für ihre Erhaltung und praktische U m setzung zu garantieren. Dieses W erkzeug w ar die Verwaltung, die durch die Revolution grundlegende Verände­ rungen dahingehend erfahren hatte, daß sie stärker verrechtlicht und straffer orga­ nisiert wurde. Für Deutschland und Italien genügt die Erwähnung von Namen wie M ohl und Stein, Romagnosi, Brunialti und Spaventa, um das Gewicht und die Richtung dieser Entwicklung zu charakterisieren29. 26 M. S. K em psh all, T h e C o m m o n G oo d, a.a.O . 27 F ü r F ra n k re ic h : M. Kirsch, M o n arch un d P a rlam e n t im 19. Ja h rh u n d e rt. D er m o n ­ arch ische K o n stitu tio n a lism u s als eu ro p äisc h e r V erfassu n gstyp - F ran k re ic h im V ergleich (G ö ttin gen 1999); fü r D eu tsch lan d : M. Kirsch, P. Schiera (H rs g .), D en ken un d U m setzu n g des K o n stitu tio n alism u s in D eu tsch lan d , a .a .O .; fü r Italie n : P. Schiera, S v ilu p p o d elle scien ze so ciali e stu d io del m edio evo n e ll’ O tto cen to , in: B u lle ttin o d e ll’ ls titu to S to rico Ita lian o p er il M edio Iivo e A rch iv io M u rato ria n o 100 (1 9 9 5 -1 9 9 6 ) 6 5 -1 0 7 ; im fo lgen d en z itie rt: Schiera, Svilup po d elle scien ze so ciali. 28 V gl. P. Schiera, A m m in istra z io n e e co stitu zio n e: verso la n ascita d e lla scien za p o litica, in: 11 p en siero p o litico 15 (198 2) 7 4 -9 1 . 29 R. v o n Mohl, D ie P o lizei-W issen sch aft nach den G ru n d sätze n des R ech tsstaates (T ü b in ­ gen 1832); L. v o n Stein, D ie V erw altu n gsle h re (186 9), bes. B d. 1, D ie v o llzieh en d e G ew alt

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Im H endiadyoin der Bezeichnung „Rechtsstaat“, die stark vom deutschen Geist geprägt war, sich aber bald im ganzen Westen Europas durchsetzte, drückt sich die Rolle der Rechtsordnung aus, mit der zum einen der Staat sein Monopol des „Öffentlichen“ einfordert und sich zum anderen die Individuen und Gruppen des „Privaten“, d. h. die Gesellschaft in ihren weiter bestehenden Assoziationsfor­ men, als eigenständige Inhaber und Ausübende der in der Verfassung fixierten Prinzipien legitimieren30. Das heißt m. E., daß in der „Rechtsordnung“, die aus der Revolution hervorging und in der Verfassung sanktioniert wurde, Staat und Gesellschaft nebeneinander bestehen, aber sich nicht mehr durch gegenseitige, einander blockierende Gewalten und Kompetenzen überlagern wie in der societas civilis sive status des Ancien regime, sondern in der Form einer tendenziellen Trennung und Gegenüberstellung unter dem Schutz des Gesetzes oder besser der Legislative, der für beide gilt31. Daraus leitet sich eine starke Bedeutungsveränderung des Prinzips des Gemeinwohls ab, das zw ar w ie zuvor Inhalt und Richtung des staatlichen Handelns bestimmt, dem nun allerdings durch das Gesetz Grenzen gezogen sind, die der Staat auch in der Verfolgung des Gemeinwohls nicht über­ schreiten darf32. Die Exekutive - als Verwaltung - ist somit zum gemeinsamen Terrain für die beiden Sphären des „Öffentlichen“ und des „Privaten“ geworden, auf die - ko n ­ trolliert durch die allgemeine, die Verwaltungs- und die Verfassungsgerichtsbarkeit33 - sowohl das autoritative Handeln des Staates als auch das freiwillige H an-

(A alen 1962); G. D. R o m a gn osi, D e ll’in d o le e dei fatto ri d e ll’in civ ijm e n to con esem p io del suo riso rg im en to in Italia (M aila n d 1839). F ü r den „ a u fg e k lä rte n “ A sp ek t d er V erw altu n g in Italien b ereits im 18. Ja h rh u n d e rt vgl.: B. Sordi, L’ am m in istra z io n e illu m in a ta. R ifo rm a d elle C o m u n itä e p ro g e tti di co stitu zio n e n ella T o scana le o p o ld in a (M aila n d 1991), u n d fü r die deu tsch en L än d er: H. Maier, D ie ältere d eu tsch e S taats- u n d V erw altu n g sle h re (P o liz e iw is ­ sen schaft) (M ü n ch en 1980); auch D. W illoweit (H rs g .), S taatssch u tz, T h em en h eft von: A u f­ k lä ru n g 7,2 (H a m b u rg 1992). 30 V gl. n eu erd in gs: G Gozzi, D em o crazia e d iritti. G erm an ia: d a llo Stato di d iritto alla d em o crazia c o stitu z io n ale (B ari 1999), bes. Kap. 2: Lo S tato di d iritto e i d iritti p u b b lici so gg ettivi 3 5 -5 8 . 31 E.-W. B ö ck e n fö rd e , G esetz u n d gesetzgeb en d e G ew a lt: von den A n fän gen d er deu tsch en S taatsrec h tsle h re b is zu r F lö h e des staatsrec h tlich en P o sitiv isn iu s (B erlin 1981). 3- Merk, D er G ed an k e des gem ein en B esten 70 -7 1 . 33 E rw äh n e n sw e rt ist an d ieser S telle, d aß R . G n eist u n m itte lb a r ins Italien isch e ü b erse tz t w u rd e : R. Gneist, Lo S tato secon do il d iritto , o ssia la g iu s tiz ia n e ll’a m m in istra zio n e p o litica (1872, B o lo gn a 1884). In d iesem Z u sam m en h an g m ö ch te ich ein Z itat von S ilvio S paven ta (B erg am o 1880) a u fgreifen , zit. n.: R a ffaela G berardi, Von d er V erfassun g z u r V erw altu n g 140: „In d er V e rw altu n g ist F reih eit w ese n tlich R e s p e k tie ru n g d es R ech ts u n d der G ere ch tig ­ keit, u n d dies k o n s titu ie rt das, w as d ie D eu tsch en „R ec h tssta a t“ n en nen, d .h . den C h a ra k te r d er m o d ern en M o n arc h ie , fü r d ie n ich t n u r die R ec h te b e z ü g lic h d er p riv aten G üter, so n d ern jedes R ech t u n d In teresse, das je d e r e in ze ln e B ü rg e r in d er V erw altu n g d er G em ein g ü te r h at, seien sie m o ralisch o d er ö k o n o m isch , jed em e in ze ln en sic h e r g aran tiert i st . . Si l vi o S paven ta ist u .a . V erfasser von: G iu stiz ia n e ll’a m m in istra z io n e (R o m 1880), d arin w ird die N o tw e n ­ d ig k e it b eto n t, „ .. .d ie G ren zen d er ge w ö h n lich en V erw a ltu n g im m er m eh r zu e r w e ite r n .. D ie „ Ju stiz fö rm ig k e it d er V erw a ltu n g “ b ild e t auch fü r O tto M a y e r d ie Q u in tessen z des V er­ w altu n gsrec h ts.

G e m e i n w o h l in I ta lie n u n d D e u t s c h l a n d

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dein der M itglieder der Gesellschaft einwirken. A uf diesem Gebiet besitzt der Staat auch aufgrund der fortschreitenden Verrechtlichung und Organisation der Bürokratie ein ausschlaggebendes Gewicht. Die Bürokratie als eigentliches Sub­ jekt der Verwaltung ist in erster Linie ein staatliches W erkzeug, sie spielt aber auch eine wichtige Rolle für die Emanzipation der Gesellschaft, denn sie eröffnet ihr nicht unwesentliche Spielräume34. Zusammenfassend lautet meine These, daß die Verfassungen nicht nur im gan­ zen politischen System der neuen „nachrevolutionären“ Staaten große Verände­ rungen mit sieh gebracht haben, sondern auch direkt in der Verwaltung, denn sie erhielt Aufgaben, Zwecke, inhaltliche und ideelle Handlungsbereiche zugewiesen, vergleichbar mit denjenigen, die vor und in der frühen N euzeit, jedenfalls aber im Absolutismus unter dem „sicheren“ Mantel des Gemeinwohls vereint waren. B e­ sonders deutlich bringt dies die berühmte Definition von Lorenz von Stein zum Ausdruck, nach der Verwaltung „lebendige Verfassung“ sei35. Nicht minder prä­ gnant ist in diesem Sinne die Formulierung von Otto Mayer, dem Juristen und „Begründer“ des deutschen Verwaltungsrechts, der gerade die geringe Wissen­ schaftlichkeit der Verwaltungslehre Steins heftig kritisierte. Er bezeiehnete die Verwaltung als „Tätigkeit des Staates zur Verwirklichung seiner Z w ecke“36. Klar tritt dies auch aus der deutschen Literatur zu Fragen der Verfassung und Verwal­ tung bis zum Jahre 1848 hervor, aber auch in der politischen Praxis, die daraus hervorging, angefangen von der „Verfassung des Deutschen Reiches“, verkündet von der „Verfassunggebenden N ationalversam mlung“ am 28. M ärz 1849, und der „Preußischen Verfassungsurkunde“ vom 31. Januar 1850 über die Verfassung des Norddeutschen Bundes von 1867 bis hin zu der unter der Ägide Bismarcks am 16. April 1871 verkündeten „Verfassung des Deutschen Reichs“37. Eine ähnliche 34 In diesem Z u sam m en h an g sei au f z w e i „K lassik er“ v erw ie se n : O tto H intze, D er B eam ­ ten stan d , in: G esam m elte A b h a n d lu n g en , B d. 2, S o zio lo g ie u n d G esch ich te (G ö ttin gen 1964); H e rb e rt v o n B orcb , O b rig k e it un d W id erstan d . Z u r p o litisch en S o z io lo g ie des B eam ­ ten tu m s (T ü b in gen 1954). 3:1 V gl. zu S tein a llg em ein : F. M. D e Sanctis, C risi e scien za. L o re n z Stein alle o rig in i d ella scien za so ciale (N e ap e l 1976); P. Schiera, Z w isch en P o liz eiw isse n sch aft un d R ec h tssta a tlic h ­ keit. L o re n z vo n S tein u n d d er d eu tsch e K o n serv atism u s, in: R. S ch n u r (H rs g .), S taat und G esellsch aft, S tu d ie n ü b e r L o re n z von Stein (B erlin 1978) 2 0 7 -2 2 1 ; S p ezifisch zu m T hem a: G. P avanini, „V erfassun g - V e rw a ltu n g “ in L o ren z von S tein . N o ta su un p o ssib ile in flusso del p en siero d i A rth u r S ch o p en h au er, in : A n n ali d e ll’Istitu to sto rico ita lo -g erm an ico in T rento 10 (1984) 97—117; M. Ricciardi, „D ie G ew alt d er D in g e“ . A n tefatti d ella d o ttrin a d ella societä e d e ll’a m m in istra z io n e di L o re n z von S tein , ebd. 18 (199 2) 20 1 -2 2 2 . O tto M a y e r b en ü tzt auch ein e an d ere F o rm u lieru n g , die d e r im Text zitie rte n von Stein en tsp rich t: „V erfassun gsrech t vergeh t, V erw altu n gsrech t b este h t“, vgl. d azu A n m . 49. M an d arf n ich t vergessen , d aß M a y e rs „D eu tsch es V erw a ltu n g srec h t“ von ein er b ezeich n en d en h isto risch en E in fü h ru n g au sgeh t, in d er d ie P o lizeistaaten , d ie in d e r frü h en N eu z eit aus den m itte lalte rlic h en „ R ec h tsb e w a h ru n g sstaa te n “ h erv o rgegan gen seien , als „V erw altu n gsstaaten m it ein er allu m fassen d en in n eren V e rw a ltu n g stä tig k e it“ b eze ich n e t w erd en , 39 ff. {Merk, D er G edan ke des gem ein en B esten 54). 37 D azu : Merk, D er G ed an k e des gem ein en B esten 71: „B ism arck s R eich sv erfassu n g h ielt sich von so lch er E in se itig k e it (ein er B e g ren zu n g d er A u fg ab en des S taates auf das H e er und die R ec h tsp rech u n g im Sin ne K ants u n d W ilh e lm von H u m b o ld ts - A nm . P. S ch iera) fern; sie

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P i e r a n g e l o S c h ie r a

Orientierung findet sich auch in Italien, basierend aut einer eigenständigen Tradi­ tion, die auf die A ufklärer des 18. Jahrhunderts von Filangieri bis Verri zurück­ geht38. An erster Stelle zu nennen wäre vielleicht neben Melchiorre Gioia mit sei­ nem 1815 erschienenen „Nuovo prospetto delle scienze economiche . . . “39 auch Giandomenico Rom agnosi mit seiner U ntersuchung über „die Charakterzüge ei­ nes zur höchsten M acht gelangten Staates“, die mit den „Funktionen des sozialen Staates“ gleichzusetzen sind. Daraus erwächst für ihn die N otw endigkeit dessen, was er die „Vergesittung“ (incivilimento) nennt, die in der ökonomischen, m ora­ lischen und politischen Vervollkommnung der „sozialen A nsam m lung“ besteht, um „durch M äßigung der Machtbefugnisse der Regierung eine gute Gesetzge­ bung und eine treue Verwaltung zu erhalten“40. Auch an dieser Stelle scheint mir nicht der Fortschrittsgedanke im Vordergrund zu stehen, der so stark von Elementen der A ufklärung geprägt ist und daher den vielfältigen Interessen Romagnosis nicht gerecht w ird, sondern vielmehr der wichtigere Begriff der „Verfassung“, die das ein wenig abstrakte Konzept der Ver­ gesittung politisch lebendig macht. „Lebensweise eines Staates“ ist eine Form ulie­ rung, die ich auch heute noch keineswegs unpassend fände, um sich begrifflich dem Verfassungsproblem anzunähern. Diese „Weise“ ist für Romagnosi niemals allgemein, sondern besitzt normative Wertigkeiten auf halbem Weg zwischen N a ­ turrecht und positivem Recht, die auf dem dynamischen Grund der „Verfassung“ ruhen, der er seine „Scienza“ gewidm et hat41. Es geht nämlich nicht nur um Recht, sondern um materiellere und konkretere Zielsetzungen der Menschen, die auch politisch dank der „sozialen Kraft“ zu erreichen sind, die in der ganzen europäi­ schen Geschichte dynam isch gewirkt hat und für Romagnosi nichts anderes ist als b ezeich n et im V o rsp ru ch a u sd rü ck lic h als Z w e ck des K aiserreich es den ,S ch u tz des B u n d e s­ gebietes un d des in n e rh a lb d esselb en g ü ltig e n R ech tes so w ie d ie P flege d er W o h lfah rt des D eu tsch en V o lk es“. A u f d iesen S atz w u rd e auch d ie Z u stä n d ig k e it des R eich es z u r so zialen G esetzg e b u n g ge g rü n d et, d ie B ism arck au s den G ed an k en des ch ristlich en Staats h eraus in A n g riff n ah m . Im ü b rig en hat auch B ism arck den A u s h ilfs z w e c k alle r staatlich en W o h l­ fa h rtsfö rd e ru n g im m er w ie d e r b eton t; sie soll n u r ein setzen , w en n u n d so w e it die K raft der E in zeln en un d d er en geren V erb ände v e rsag t.“ V gl. auch : H. Rosin, G ru n d zü g e ein er a llg e ­ m ein en S taatsle h re nach d en p o litisch en R eden un d S ch riftstü c k e n des F ü rsten B ism arck , in: A n n alen des D eu tsch en R eich s (1898) 84 ff. /. A. S ch u m p eter, G esch ich te d er ö k o n o m isch en A n a ly s e (G ö ttin gen ). y> N uo vo p ro sp e tto d elle scien ze eco n o m ich e o ssia so m m a to tale d elle id ee teo rich e e p ra tiche in o gn i rarno di a m m in istrazio n e p riv ata e p u b b lica, d iv ise in a ltre ttan te classi, u n ite in sistem a rag io n ato e g e n erale di M elch io rre Gioia au to re d elle tavo le statistic h e (M aila n d 1815). 40 Z um G egen stan d d e r w ah ren p o litisch en W issen sch aft: Gian D o m e n ic o R om agnosi, D iritto p u b b lico u n iv e rsale (N e ap e l 61839) E in leitu n g X V II: „la vera p o ten za di un o stato ag ric o lo e co m m e rciale g iu n to alla sua n atu rale g ra n d ez z a di te rrito rio , di p o p o laz io n e e di go vern o , atte g g iata con tu tte la co n d izio n i d ella p o litic a u n itä “; V gl. z u R o m agn o si; Luca M annori, U n o S tato p er R o m ag n o si, B d. 1: II p ro getto c o stitu z io n ale (M a ila n d 1984) B d. 2: La sco p erta del d iritto a m m in istrativ o (M ailan d 1987). 41 Gian D o m e n ic o R om a gn osi, L a scien za d elle c o stitu z io n i (T urin 1847) en th ält w esen tlich e Ü b ere in stim m u n g en m it dem zitierten W erk S ism o n d is. R o m agn o sis zw e ites W erk, D e ll’ in ­ d o le e d ei ta tto ri d e ll’in civ ilim en to , ist 1832 ersch ien en .

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das Streben nach kollektivem Glück, nach dem bonum commune42. In die gleiche Richtung wäre weiterhin ein berühmter Anhänger von Romagnosi zu zitieren, Carlo Cattaneo, der unter anderem die bereits erwähnte sehr schöne Feststellung Sismondis über den Zusammenhang von Verfassung und Wissenschaft aufgreift: „Solange w ir nicht den M ut haben, in unsere Verfassungen unsere wahre Religion, nämlich die Wissenschaft, hineinzuschreiben, werden unsere Feinde sich mit den Waffen, die ihnen unsere Feigheit zur Verfügung stellt, auf unser Feld drängen können.“43

IV. Diese Gedanken über Wissenschaft, Verfassung, Vergesittung, Verwaltung und Organisation finden in ganz Europa weite Verbreitung und bilden die theoreti­ sche und ideologische N ahrung für die Fierausbildung eines nationalen B ürger­ tums, das sich mit Verspätung auch in Deutschland und Italien vollzieht. Meiner Ansicht nach werden diese Ideen auch weiterhin von der alten Vorstellung des Gemeinwohls geprägt, obwohl sie nun im H inblick auf die nationale und auch so­ ziale Frage anders präzisiert, aber auch anders formuliert werden, nämlich auf der Grundlage der wachsenden Spezialisierung der Sozialwissenschaften und des Staates am Übergang vom „breiten und umfassenden W eg“ zur „besonderen A na­ lyse“, wie sie schon Mitte des 19. Jahrhunderts von einem Verfechter des Freihan­ dels wie Francesco Ferrara gefordert w urde44. Das ist die Endphase, die ich nun auch in Bezug auf die positivistische Verwissenschaftlichung der Lehre vom Ge­ meinwohl diskutieren möchte. In diesem Zeitraum waren Deutschland und in ge­ ringerem und abgeleiteten M aße auch Italien ein regelrechtes „Laboratorium der bürgerlichen Welt“ für die Entwicklung der Theorie und der praktischen Anwen-

42 W. K ro ge l, F re ih eit u n d B ü rg e rlic h k e it, D as V erfassun gsleb en d er ita lien isch en S ta d tre p u ­ b lik en im h isto risc h -p o litisc h e n D en ken D eu tsch lan d s u n d Italie n s (1 8 0 7 -1 8 4 8 ), in: R. K oselleck, K. S ch re in e r (H rs g .), B ü rgersch aft. R ezep tio n un d In n o v atio n d er B e g rifflich k e it vom hohen M itte la lte r bis ins 19. Ja h rh u n d e rt (S tu ttg a rt 1994) 4 9 5. H ie r auch d ie P assage aus C icero s D e re p u b lic a (1,25), die R o m agn o si in seinem In civ ilim e n to 13, z itiert: „P op ulu s autem non om n is co etu s q u o q u o m odo co n gregatu s sed co etu s m u ltitu d in is iu ris co n sen su et u tilita tis co m m u n io n e so c ia tu s.“ 43 C. C attaneo, F ilo so fia d e lla riv o lu z io n e (1851), zit. n.: Luigi B ulferetti, U au to n o m ia d ella scien za nel C attan e o , in: C arlo G. Lacaita (H rsg .), L’ o pera e l’e red itä di C a rlo C a tta n e o (B o ­ logna 1975) 150. Ü b e r C a tta n e o und F e rrari in einem K o n text, d er dem h ier b espro ch en en verw an d t ist: Schiera, S v ilu p p o d elle scien ze so ciali. 44 In d er E in leitu n g zu : B ib lio te ca d e ll’ eco n o m ista. P rim a serie, T rattati co m p lessiv i, Bd. 3, i'rattati ita lia n i d el seco lo X V III. G en ovesi, V erri, B eccaria, O rtes (T urin 1852) L. Es sei auch d arau f h in g ew ie sen , d aß A ttilio B ru n ia lti im V erlag U T E T in T u rin seit 1883 eine „B ib lio teca di scien ze p o litich e. S celta c o llezio n e d elle p iü im p o rtan ti o pere m o d ern e italia n e e stran iere di scien ze p o litic h e “ h erau sgab .

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P ieran gelo Sch iera

dung von M aßnahm en auf ökonomisch-sozialem und politisch-konstitutionellem

Gebiet45. Einer der Wege, auf denen sich diese Entwicklung vollziehen konnte, war bei­ spielsweise die Leistungsfähigkeit des Staates, ein Them a, das wiederum mit der Suche nach der Begründung und der Ausgestaltung des Staates selbst als juristi­ sche Persönlichkeit eng verbunden war46. In den komplexen Mechanismus der „Leistung“ wurden auch gesellschaftliche Subjekte, Einzelpersonen oder G rup­ pen, vor allem in der Form der „organisierten Interessen“ einbezogen, die in die­ ser Zeit theoretische und praktische Aufm erksam keit erhielten47. Das hängt damit zusammen, daß die - vornehmlich bürgerlichen - Interessenorganisationen und ihre parlamentarische Vertretung während des ganzen hier behandelten Zeitraums auseinanderklafften, so daß oft die öffentliche Verwaltung zwischen den Polen vermitteln und auf diese Weise an die Stelle der Parteien treten mußte, die lange Zeit weder in Deutschland noch in Italien w irksam als Interessenvertreter zu w ir ­ ken imstande waren48. Jedenfalls bilden die Vertretung von Interessen, die Fähig­ keit zur Selbstorganisation trotz starker innerer Konflikte - und die Vermittlungs­ funktion der öffentlichen Verwaltung - komplementäre Prozesse, die wie die Ver­ waltung selbst von der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts in einem inhaltlich u m ­ fassenden Rahm en verstanden wurden, der heute verlorengegangen ist49. 45 P. S ch iera , II la b o ra to rio b o rgh ese. S cien za c p o litic a n ella G erm an ia d c ll’O tto cen to (B o ­ lo gn a 1987), dt.: L a b o rato riu m der b ü rg e rlic h e n W elt. D eu tsch e W issen sch aft im 19. J a h r ­ h u n d ert (F ra n k fu rt a.M . 1992). D as b etrifft auch d en Ü b e rg a n g vom R ech tsstaat zu m S o z ia l­ staat [vgl. d azu d ie h isto risch -v e rg le ich cn d e A n a ly se : G e rh a r d A. R itter , D er S o zialstaat: E n tsteh u n g un d E n tw ic k lu n g im in tern a tio n a le n V ergleich (M ü n ch en 1991)] un d die d am it zu sam m en h än gen d e F rage d er w issen sc h aftlic h e n B e h a n d lu n g des P h än o m en s, d ie von ein er fo rtsch reiten d en ju ristisc h e n F o rm a lisie ru n g un d d am it auch V eren gu n g ge k en n zeic h n et ist. V gl. d a zu : Erk V. H e y e n (H rsg .), W issen sch aft u n d R ech t d e r V erw altu n g seit dem A n cien R egim e, a.a.O . 46 Zum K rite riu m d e r „ L e istu n g sfä h ig k e it“ ist zu v erw eisen au f d ie b eid en gro ß en deu tsch en V erw a ltu n g sw issen sc h a ftler O tto M a y e r u n d E rnst F o rsth o ff, die dieses P rin zip als G ru n d ­ lage d er staatlich en V e rw a ltu n g stä tig k e it ein g efü h rt bzw . erw e ite rt haben. Ü b er den S taat als P e rsö n lic h k eit vgl. von italie n isc h e r Seite: M aurizio Eioravanti, G iu risti e c o stitu zio n e p o li­ tica neH’O tto c en to tedesco (M aila n d 1979); P. Costa, S tato im m a g in ario . M etafo re e p arad ig m i n ella c u ltu ra g iu rid ic a fra O tto cen to e N o v ecen to (M a ila n d 1986). 47 L. O r n a g h i (H rs g .), 11 co n cetto di „ in teresse“ (M a ila n d 1994), un d: S tato e co rp o razio n e. S to ria di un a d o ttrin a n ella c risi d el sistem a p o litico co n tem p o ran eo (M a ilan d 1984); u n ter einem an d eren A sp e k t auch : F ulvio Tessitore, C ris i e tra sfo rm a zio n e d ello Stato . R ich erch e sul p en siero g iu sp u b b lic istic o italia n o fra O tto e N o v ece n to (N e ap e l 1963). 4S F ü r Italie n g ilt das k la ssisc h e W erk: M arco M inghetti, I p ar titi p o litic i e la in g e ren za Joro n ella g iu stiz ia e n e ll’a m m in istra z io n e (B o lo g n a 1881). D arü b er: R affaela G herardi, L’arte del co m p ro m esso . L a p o litica d ella m ed iaz io n e n e ll’ Italia lib e ra le (B o lo g n a 1993). 49 Zu v ersteh en n äm lich als „leb en d ige V erfassu n g“ n ach d er b ek an n ten F o rm u lie ru n g Stein s. A b e r auch d e r B e g rü n d er des G ed an ken s d er L e istu n g sfä h ig k e it des Staates, O tto M a y e r - d e r als B e g rü n d e r eines V erw altu n gsrech ts, das erfo lg reich d a ra u f ab z ielte , effe k tiv e r u n d b in d e n d e r zu w e rd e n als d ie V erw altu n g sw issen sc h aft S tein s, dessen G egn er er w a r - , dach te an ein e z ie m lic h w e ite A u sb re itu n g der V erw altu n g : vgl. d azu auch zu den p h ilo so ­ p h isch en un d id e o lo g isc h e n V o rau ssetzu n gen d er B e g rü n d u n g des p o sitiv en V erw a ltu n g s­ rech ts in D eu tsch lan d : Erk V F iey en , O tto M a ye r. S tu d ien zu den ge istigen G ru n d lagen

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Die Organisation der Beziehungen zwischen der staatlichen Autorität und den einzelnen politischen Subjekten war vielleicht der Bereich des gesellschaftlichen Lebens, in dem wegen der gleichzeitig verlaufenden Prozesse der Demokratisie­ rung und Industrialisierung die politische Auseinandersetzung am intensivsten geführt wurde. Die Entwicklungen in diesem Bereich haben weder in Italien noch in Deutschland - allerdings mit unterschiedlich schwerwiegenden Folgen - bis zum Totalitarismus unseres Jahrhunderts eine dauerhafte Lösung gefunden. Wenn es auch zu weit gehen würde, zwischen Revolution und Verfassung einerseits und Reform und Verwaltung andererseits einfach Parallelen zu ziehen, kann es doch nicht als Zufall betrachtet werden, wenn in der Zeit, mit der wir uns beschäftigen, die letztere gegenüber der ersteren einen neuen Aufschwung erlebte50. Eine solche umfassende Sicht scheint mir nicht unangemessen, und in diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, daß der mittelalterliche Gedanke der securitas geeignet ist, die Hauptleistung der öffentlichen Verwaltung im Bereich der Sozialgesetzgebung zu beschreiben. M einer Ansicht nach kann man somit durchaus behaupten, daß der politisch­ konstitutionelle Prozeß in Italien und Deutschland wie in ganz Europa zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert in seiner Gesamtheit von den Grundcharakteristiken der „Lehre“ des Gemeinwohls keineswegs abweicht. In Italien spielte das Be­ wußtsein der neuen Aufgaben, die der Einheitsstaat vor sich hatte, eine hervorra­ gende Rolle, denn es ging um die H erausbildung des „modernen Staates“, verstan­ den als „Vervielfältiger einer Transformation der Gesellschaft, die noch weitge­ hend unvollendet“ w a r51. Für einen wichtigen A utor w ie Pasquale Villari bedeu­ tete dies auch den bewußten Ü bergang von der romantischen Vorstellung aus der Zeit vor der Einigung von der Kommune als hortus conclusus der Freiheit52 zu der neuen Vorstellung vom Staat als „Laboratorium, in der materielles Handeln und Werte Gestalt annehmen, die eine moderne Gesellschaft auszeichnen f...] “53. An seiner V erw altu n g sw issen sc h aft (B erlin 1981); A. H u eber, O tto M aye r, D ie „ ju ristisch e M e ­ th o d e“ im V erw altu n g srec h t (B erlin 1982); vgl. auch d ie R ezen sio n von P. Schiera zu den b ei­ den W erken in: Ju s . R iv ista d i scien ze g iu rid ic h e 30 (1983) 273. 50 C hristof D ipper, R ifo rm a sociale. S to ria d i un co n cetto co n tro v e rso , in: R a ffaela G h erardi, G u stavo G ozzi (H rs g .), C o n c e tti p o litic i d e ll’O tto cen to in G erm an ia e in Ita lia (B o lo ­ gna 1992). 31 Luisa M angoni, L o S tato u n ita rio lib erale, in: La le tte ra tu ra italian a, Bd. 1: II le tte rato e le istitu z io n i (T urin 1982) 475; au ch : Silvio L anaro, 11 P lu tarco ita lia n o : l ’istru z io n e d el p o p o lo dopo l ’U n ita , in: S to ria d ’Italia. A n n ali 4: In te llettu a li e p o tere (T urin 1981) 554: „ ... d er ja ­ ko b in isch e W un sch , nach d er E in ig u n g eine G esellsch aft m ittels des S taates en tstehen zu las­ sen, ist dem gesam ten geb ild ete ren u n d m odernen B ü rg ertu m Italien s gem ein sam . C risp is K onzept des S taates, das sich von den P rin z ip ien d er E th ik B e rn ard o S p aven tas n ur u n w e ­ sen tlich u n tersch eid et, stim m t b eisp ielsw e ise m it den V o rstellu n gen ein es gro ß en T eils d er H isto risch en R ech ten ü b erein . . . “. 32 L iier kö n n te sich ein o ffen er W id e rsp ru c h zu den T h esen S ism o n d is v e rb ergen , die im Ita ­ lien des R iso rg im en to so w eite V erb reitu n g fanden. 53 M. M oretti, „L’ Ita lia , la civ iltä la tin a e la c iv iltä g e rm an ic a“ (1861). S ü lle o rig in i d eg li stu d i m cd ievistici di P asq u ale V illa ri, in: R ein h a r d Elze, P ie ra n g elo Schiera (H rsg .), Ita lia e G erm a­ nia. Im m agin i, m o d e lli, m iti fra d u e p o p o li n e ll’O tto ccn to : il M ed io v ev o . D as M ittelalter.

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P i e r a n g e l o S c h ie r a

ciie Stelle der poetischen Verherrlichung der städtischen Freiheiten, wie sie die Fö­ deralisten vor der Einigung verfaßt hatten, trat nach der Einigung die prosaische Darstellung von Verwaltungsakten des neuen Staates: „Die Reformmethode des Staates, die sich auf U ntersuchung gründet, sollte sich bei ihrer Verwirklichung in die Verbindung von .Macht' und ,'Wissen“ um setzen“54. Von einer vagen Form der Gesellschaftswissenschaft, die vom Gedanken der Vergesittung getragen war, galt es, zu der konkreteren politischen Wissenschaft überzugehen, die sich auf die fak­ tische Analyse von Institutionen, Ö konomie und Verwaltung stützte55.

V. „In den ersten O ktobertagen 1872 traten in Eisenach eine Anzahl M änner aller politischen Parteien zu einer Beratung über die wichtigsten sozialen Fragen der Zeit, Fabrikgesetzgebung, Gewerkvereine und Wohnungsfrage, zusam men.“ M it diesen Worten eröffnete Gustav Schmoller die Versammlung des „Vereins für So­ cialpolitik“ am 23. O ktober 1897 in Köln, und schon in diesen ersten Worten wird deutlich, wie sehr der Gedanke des „Gem einwohls“ auch 25 Jahre später die Tref­ fen dieser „Männer aller politischen Parteien“ beseelte56. Eindrucksvoller noch ist, wie Schmoller die Zeit von 1862-1875 beschreibt, die er als den wichtigsten A n sic h ten , S te re o ty p e n un d M y th e n z w e ie r V ö lk e r im 19. Ja h rh u n d e rt: D eu tsch lan d un d Italien (B o lo g n a, B e rlin 1988) 362. Im fo lgen d en z itie rt: M oretti, L’Italia. 54 E bd. 360. A n d e rerseits w a n d te sich V ilfari selb st sch o n 1867 a u sd rü c k lic h den so z io -ö k o n o m isch en A sp ek te n d er G esch ich te von F lo re n z im M itte la lte r zu u n d m erkte k ritisc h die U n fä h ig k e it des S tad tstaates an, „aus seinem Sch oß d en m o d ern en S taat en tstehen zu lassen “ : 11 co m m ercio e la p o litic a d elle a rti m a g g io ri in F iren ze, T eil 2, in: II P o litecn ico IV,4 (1867) 18. A u f d iesem W ege w u rd e v ielleich t V illa ris In teresse fü r M a ch ia v elli g e w ec k t, vgl. M oretti, L’Italia 341. D eu tlich e r noch w ird d ie B e z ie h u n g zw isc h e n S ta d tsta a t un d m o d ern em S taat n egativ b e u rte ilt in dem d arau ffo lgen d en A u fsa tz vo n 1868: L a F a m ig lia e lo S tato n ella sto ria italian a, T eil 1, in: II P o litecn ico V,6 (1868) 5 -2 3 . V gl. M oretti, L’Italia 360 f., d er auch die p ro ­ gressiv e A n n ä h e ru n g V illaris an ein e re ch tsg e sc h ich tlic h e S ich t b eto n t u n d z e ig t, w ie er sich au sd rü c k lic h das allg em ein e re P ro b lem des „w ah ren S ta atsb e g riffs“ als V erb in d u n g von E in ­ h eit d er p o litisch en M ach t u n d G ew a lte n teilu n g stellte: G en au d ies ab e r m an gelte den ita lie ­ n isch en S tad tstaate n , in den en d esh alb d ie M ach t „in tausen d H ä n d e “ v e rteilt sein m u ß te, um den ge g en seitig en A u sg le ic h alle r im S p iel b efin d lich en K räfte zu erreich en : „In d ieser T ei­ lu n g u n d U n te rte ilu n g , in d ie ser a n d au ern d en A n a ly s e w aren alle E lem en te, die d ie m o dern e G esellsch aft un d den m o d ern en S taat k o n stitu iere n , vo rh an d en , ab er d er S taat selb st w u rd e n ie g e fu n d e n .“ (M oretti, L’Italia 361). 55 A. Canlini, L e co rp o ra z io n i co n tin u an o : c u ltu ra eco n o m ica e in terv en to p u b b lico n e ll’Italia u n ita (M a ila n d 1993). 56 G u stav Schm oller, Z u r 2 5 jä h rig en F eier des V ereins fü r S o c ia lp o litik . E rö ffn u n gsrede bei d er G en eralv ersam m lu n g am 23. S ep tem b er 1897 in K öln a. R h ., in: Z w a n z ig Jah re D e u t­ sch er P o litik (1 8 9 7 -1 9 1 7 ). A u fsätze un d V o rträge von G ustav S ch m o ller (M ü n ch en , L eip z ig 1920) 23, im fo lgen d en z itiert: S chm oller, Z w an z ig Ja h re . Z um w isse n sc h a ftlic h -k u ltu re lle n K lim a, dessen E n tsteh u n g d er V erein m itg estaltete, vgl.: R ü d i g e r v o m B ru ch , W issen sch aft, P o litik u n d ö ffen tlich e M ein u n g . G e le h rte n p o litik im W ilh e lm in isc h e n D eu tsch lan d , 1890— 1914 (H u su m 1980).

G e m e i n w o h l in I ta lie n lin d D e u t s c h l a n d

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Zeitabschnitt des Jahrhunderts bezeichnet: „das neue Deutsche Reich entstand, die deutsche Volkswirtschaft reckte zum erstenmal ihre Glieder so, daß man ihre Ebenbürtigkeit neben Westeuropa erkannte; die neue soziale Schichtung der Ge­ sellschaft w ar das Ergebnis der ungeheuren technischen und volkswirtschaftlichen Fortschritte; die sozialen Probleme pochten an die Pforten der Gesetzgebung; der moderne Arbeiterstand erwachte zum Selbstbewußtsein“57. Der Geist der Zeit aber sei noch nicht reif gewesen, denn es herrschten nach wie vor die „einseitigen Ideale der individualistischen A ufklärung in allen Gliedern“58. N otw endig waren „neue Ideale, neue soziale Ordnungen und Einrichtungen“, und eine von diesen w ar der Verein, der eine Zwischenstellung zwischen den Erben des Radikalismus und Republikanismus der vierziger und fünfziger Jahre und den konservativen Vertretern des Manchesterliberalismus einnahm. Neben dem politischen Fort­ schritt wollte er auch soziale Fortschritte erzielen und „mit offenem Blick für die sozialen M ißstände und Kämpfe die soziale W irklichkeit“ erkennen. Die Gründung des Vereins macht Schmoller als entschiedene O ption für die praktischen Ideale einer praktikablen Sozialreform geltend. In 25 Jahren hatten 13 Generalversammlungen stattgefunden, und 74 Bände der Schriften waren ver­ öffentlicht worden, die Gedanken und Ideale, Vorschläge und Beiträge zur Kennt­ nis der „sozialen W irklich keit“ enthielten. Ich halte diese Darstellung der Leistun­ gen des Vereins keineswegs für übertrieben. M an braucht nur daran zu denken, wie viele Menschen in jenem heftigen Ringen um Legitimation, das die ersten Jahrzehnte des Kaiserreichs inmitten von Wirtschaftswachstum, politischen Kri­ sen und wissenschaftlicher Forschung begleitete, mit der sozialen Frage und den Idealen der Sozialreform konfrontiert wurden. H andel und Steuern stehen an erster Stelle der behandelten Themen, wobei auch Fragen der internationalen Politik weitgehend berücksichtigt werden59. Dann folgen die U nternehmen, angefangen von den Großunternehmen und der Reform des Aktiengesetzes von 1884, bis hin zu den Familien- und H an dw erks­ betrieben. Sowohl unter ökonomischen als auch juristischen Gesichtspunkten

37 Schmoller, Z w a n z ig Ja h re . D ie R ed e w u rd e auch a b g ed ru ck t in: T ä g lich e R u n d sch au , 26. S ep tem b er 1897. 58 Schmoller, Z w a n z ig Ja h re 24. S ch m o ller fü gt h in z u , d aß die M itg lie d e r des V ereins kein e P artei grü n d en w o llte n , so n d ern n u r „d u rch ih re T ä tig k e it au fk läre n , d ie W ah rh eit ins L ich t stellen , d u rc h ih re R eden u n d S ch riften , ih re V ersam m lu n gen u n d P u b lik a tio n e n in alle P a r­ teien un d K lassen ein e grö ß ere E rk en n tn is d e r so zialen D in ge h in e in b rin g e n , d en b ere ch tig ­ ten p rak tisch en Id ealen e in e r d u rc h fü h rb a re n so zialen R efo rm die W ege b ah n en “ . 39 S ch m o ller u n terstreich t d ie B e d eu tu n g d e r gro ß en v ergleich en d en U n tersu c h u n g von 1894 ü b er d ie H a n d e ls p o litik d er „ K u ltu rstaate n “ zw isch en 1860 u n d 1892 m it fo lgenden W orten: „Jeder T iefe rb lic k en d e w eiß , w ie seh r von d er staatlich en M ach t, dem h an d e lsp o liti­ schen E in flu ß, dem Z o lltarif u n d den H an d elsv e rträg en gerad e auch die L age d er un teren K lassen, d er A rb e ite r in jed em L an d e a b h ä n g t.“ Z u gleich w eist S ch m o ller auf d ie Ü b erm ach t der „gro ßen W eltre ic h e“ (g em ein t ist: E n glan d ) g egen ü b er den „ m ittleren un d k lein e ren K ul­ tu rstaaten “ hin: S chm oller, Z w a n z ig Ja h re 24.

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P i e r a n g e l o S c h ie r a

wird weiterhin der landwirtschaftlich-soziale Bereich betrachtet, aber das H aup t­ anliegen des Vereins definiert Schmoller als die „gewerblich-soziale Frage“60. Schmoller schreibt, der Verein wolle gewiß die deutsche Wirtschaft nicht von Grund auf revolutionieren und ebenso wenig einen Plan für eine vollkommene soziale Zukunft entwerfen: „Wir wollten nur mit der Leuchte der Wissenschaft den Weg der Praxis vorangehen, uns selbst und wom öglich das Vaterland über das Einzelne und Konkrete der sozialen Tatsachen und der Reformen belehren, in den Kämpfen des Tages, der Interessen und Leidenschaften der Stimme der Billigkeit, der Vernunft, der Wissenschaft Gehör verschaffen.“61 M it diesen Worten wird die Tragweite der Arbeit dieser „Männer“ hervorragend ausgedrückt und betont, daß sie sich mit der Wissenschaft auf der einen und der Gesellschaft auf der anderen zwischen zwei starken Lagern zu behaupten hatten. Beide Seiten hatten ein star­ kes politisches Potential, so daß der Verein zu einem O rt außerordentlichen Ein­ satzes, außerordentlicher Anstrengung und W irksam keit wurde, zugleich aber frei und von den offiziellen und staatlichen Institutionen unabhängig blieb. D en­ noch zielte die Arbeit eng und vielleicht auch ausschließlich auf den Staat, weil ihm die Ideale sozialer Kultur zugrunde liegen, auf die sich Schmoller wiederholt bezieht und die - angesichts ihrer Bedeutung in der ganzen politischen Geschichte Europas - schlechterdings nur als die des Gemeinwohls zu verstehen sind. Anders läßt sich auch der Anspruch und der Stolz Schmollers nicht interpretieren, „über und außerhalb der sozialen Klassen und ihrer egoistischen Interessen“ zu ste­ hen62. So ist auch die Begeisterung zu verstehen, mit der Schmoller das 19. Ja h r ­ hundert als „soziales“ Jahrhundert definiert, in dem die großen U m wälzungen der „sozialen Struktur der Gesellschaft“ begleitet werden von der „Hebung des Wohlstandes und der Kultur der M assen“ . Diese H erausforderung w ird in der Vorstellung Schmollers zu einem neuen „Zustand des sozialen Friedens“63 führen, der die melancholische Darstellung des Friedens in dem Fresko des „Buongoverno“ in Siena aufzugreifen scheint. In diesem Kontext klingt der Wille an, die 60 D ie Frage des K redit- un d O rg a n is a tio n s w e s e n b eh an delt S ch m o ller un ter d em S tich w o rt „G en ossen sch aft“, die n ach seinen W orten „in ih rer B e d e u tu n g ka u m üb ersc h ä tzt w e r d e n k a n n “, S chm oller, Z w a n z ig J a h re 25. 61 S chm oller, Z w a n z ig J a h r e 25. 62 Schmoller, Z w a n z ig J a h re 2 6 -2 7 : G egen den V o r w u rf von R echts und L in ks, der Verein sei un p olitis ch , entgegnet S ch m oller: „die geistige u n d soziale B e w e g u n g , die vo n uns a usging, hat als S auerteig die w eitesten Kreise b eein flu ß t“ . In sb eso ndere w a s „die soziale n Pflichten u n d R ec h te des Sta ats“ u n d die Ergebnisse des m od e rn e n d eu tsc he n Sozialrech ts betreffe, habe sich in zw is ch e n eine „soziale G e d a n k e n w e lt “ gebild et, die gan z a uf der „geistigen und wis sen schaftlichen B e w e g u n g “ beruhe, die auch vom Verein fü r S o c ia lp o litik getragen werde. 63 D er tro c ke n e S ch m o ller bietet seine g an ze m eta p h o risc h e K un st auf, u m die nahe Z u k u n ft zu beschreiben: „es w ird , w e n n ich ein B ild g e brau ch en darf, ein sozialer B a u m erwachsen, der seine W u r z e ln in den in tellek tu ellen un d m oralisch en F o rtsc hritte n des gan zen Volkes, seine B lätter u n d A ste in den verbesserten soziale n In stitutionen, seine B lüten un d F rü ch te in der höh eren G esittu n g u n d d em breiteren W oh lsta n d der M assen h aben w i r d “, Schmoller, Z w a n z ig J a h r e 28. B ein ahe scheint an die ser Stelle das G e m e in w o h l reine M e ta p h e r g e w o r ­ den zu sein!

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Untersuchung der sozialen Fragen nur „nach dem Maßstab der allgemeinen Wohlfahrt“ zu messen64. Wenn man diese wichtige Rede Schmollers an und über den Verein näher be­ trachtet, ist zu unterstreichen, w ie er die N ähe zu den katholischen und protestan­ tischen Bewegungen betont, die seit den 80er Jahren in Gesellschaft und Politik Deutschlands sich mit wachsendem Interesse für die sozialen Probleme einsetz­ ten: „Es ist dieselbe geistig-ethische und soziale Gedankenwelt, welche in der deutschen Staatswissenschaft, im besten Teil unseres Beamtentums und unserer Geistlichen, welche in dem wiederbelebten christlichen und staatlichen Sinne wie in einem Teil des politischen Fortschrittes sich von 1880 bis zur Gegenwart immer mehr Terrain eroberte, welche in der Arbeiterschutzgesetzgebung von 1891 einen gewissen Triumph feierte.“65 Später wiederholte Schmoller in einem Artikel aus dem Jahre 1901 seine Ansicht, daß weder der liberale Individualismus mit seinen alten Theorien des Manchestertums noch die feudal-konservativen Lehren in der Lage seien, der großen politischen, ökonomischen und sozialen Entwicklung seit der Reichsgründung gerecht zu werden. Der Verein f ü r Socialpolitik sei dem ge­ genüber entstanden aus der Vereinigung von Verfechtern sozialer Reformen und eines maßvollen sozialen Fortschritts gegen den Sozialismus auf der einen und das Manchestertum auf der anderen Seite. Schon Brentano habe „die sittlichen Zwecke des Menschen, das größtmögliche leibliche und sittliche Wohlbefinden der M enschen“ w ieder in den Mittelpunkt des ökonomischen Denkens gerückt, und das Wirtschaftsleben habe so wieder eine Funktion der Gesellschaft und des Staates werden können66. Bismarck habe dann aus „sozialethischem Pflichtgefühl“ zwischen 1878 und 1890 die erste Phase der Reformen der Arbeiter-Versicherungsgesetze eingeleitet, die sich ihrerseits an der sächsischen und preußischen Bergwerksverfassung vom 16. bis 18. Jah rh un ­ dert orientierte67. I n d e r zweiten Phase von 1890 bis 1895 sei der junge Wilhelm II. bestimmend gewesen, der die Gesetzgebung zugunsten der Arbeiter vor allem auf dem Gebiet des Vereinsrechts mit N achdruck vorangetrieben habe. Dann aber 64 S chm oller, Z w a n z ig J a h r e 33. In W ir k lic h k e it ist Schm oller, w ie auch aus einer R ed e in Breslau im J a h r 1899 h ervo rgeht, sehr ü b e r die W e n d u n g der R e g ie r u n g s p o lit ik nach dem A b g a n g Bism arck s b e u n r u h ig t u n d d r ü c k t laut den W u n s ch aus, „daß u n sere soziale P o litik in den Bah nen bleibt, die das D eu tsche R eich von 1881-1891 beschritten hat“ , E rö ffnu ng s­ w o rte z u r G e n er a lv ers a m m lu n g des Vereins für S o c ia lp o litik in B reslau am 25. Septem ber, in: Schmoller, Z w a n z ig J a h re 42. 65 Schmoller, Z w a n z ig J a h re 30. W eiter un ten w ir d zu zeigen sein, w ie die se E instellu n g - 50 J a h r e später, nach den Exzessen des T o talitarism us - vor allem von ka th o lisc h e r Seite aufgegriffen w u rd e . Sie n ahm dann B e z u g a uf die christliche S oziallehr e von Papst L eo XIII. aus der Zeit Sch m ollers un d g rü n d e te sich w ie bei die sem auf die A ngst vo r der R ev o lu tio n der Sozialisten auf d e r einen un d v o r d em in div id ualis tisch en K o n serv a tivism us des M an ch esterliberahsm us a uf d er a nderen Seite. H ie r ist vielleicht le dig lic h Sch m ollers z u sa m m e n fa s ­ sende B e m e rk u n g ü b e r die R o lle des Vereins zu erw ä h n e n : „Das Ü b e r g e w ic h t d e r G esam tmteressen üb er die egoistischen K lassenin teressen gilt es zu e r h a lte n .“ 66 D er Verein für S o c ia lp o litik un d die soziale R eform , I, Schmoller-, Z w a n z ig J a h r e 43 f. 67 D er Verein fü r S o c ia lp o litik un d die soziale R eform , II, Schm oller, Z w a n z ig Ja h re 4 6 f. Zum eth isch -so zialen A sp ek t vgl.: H. Rosin, G r u n d z ü g e einer all gem ein e n Staatsle hre, a.a.O.

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P i e r a n g e l o S c h ie r a

habe sich unter dem D ruck der gewandelten Einstellung der Parteien, allen voran der konservativen und der nationalliberalen, der Wind gedreht. Weder das Zen­ trum noch die Sozialdemokratie seien demgegenüber zahlenmäßig und in p o li­ tisch-kultureller Elinsicht in der Lage gewesen, eine politische Aufgabe in dem Umfang, dessen Deutschland nun bedurfte, zu realisieren. Deshalb habe sich nicht nur das Tempo der Sozialreform verlangsamt, sondern es seien w ieder „Genuß­ sucht und H absucht der Individuen“ und „Haß und Kampforganisation der Klas­ sen“ zum Vorschein gekommen. Für Schmoller stellte sich an diesem Punkt vor allem die Frage, ob die führenden Länder Europas noch des notwendigen „geisti­ gen und sittlichen A ufschw ungs“ fähig seien68. All dies zeigt meiner Ansicht nach, wie sehr er „wissenschaftlich“ jenen „Zeitgeist“ zu schaffen vermochte, der im Zeichen der sozialen Frage vielleicht zum letzten M al der Lehre vom Gemeinwohl eine mögliche Form zu geben wußte.

VI. U m diese H ypothese zu untermauern, möchte ich kurz auf Schmollers Interesse für die merkantilistische Politik zurückkom men, das ich bereits als eines der Grundelemente der geschichtswissenschaftlichen Arbeit Gustav Schmollers cha­ rakterisiert habe. Den M erkantilismus setzte er in Beziehung zu den Problemen einer modernen Gesellschaft wie der deutschen, die längst an der „sozialen Frage“ krankte und daher mit einem latenten Klassenkonflikt zu leben hatte69. 68 S chm oller, Z w a n z ig J a h r e 49, un d w eiter: „Die gesu nde N e u o r d n u n g w ir d ge lingen, w e n n z u r ric htig en Einsic ht u n d E rkenntnis die ric htig en F ü h re r k o m m e n , w e n n die gro ßen s o ­ zialen Ideale sich a b k lä re n zu sittlichen Kräften u n d gerechten In stitu tio n en .“ Diese A rtik el b egleiteten den K o n gre ß des Vereins in M ü n c h e n im J a h re 1901, V gl. I rm ela G orges, S o z ia l­ fo rsch un g in D eu ts c h la n d 1872-1914. G esellschaftliche Einflü sse auf T h e m e n - und M e t h o ­ d e n w a h l des Vereins fü r S o z ia lp o litik (Königstein/Ts. 1980); D. K rü ger, N a tio n a lö k o n o m e n im w ilh e lm in isch en D eu tschlan d (G ö ttingen 1983); ders., La p o litica sociale nelle n uo ve gen erazio ni del „Verein fü r S o c ia lp o litik “ dal 1890 al 1914, in: A n n a li d e ll’ Istituto sto ric o italo ge rm a n ic o in Trento 10 (1984) 2 3 1 -2 5 4 . V ergleic hbare B e trac htu nge n zu einer anderen w ic h ­ tigen wis sen schaftlichen In stitu tion Berlin s: R ü d i g e r v o m B ru ch , D ie staatswissenschaftliche Gesellschaft. B e stim m u n g s fa k to ren , V oraussetzungen und G r u n d z ü g e der E n tw ic k lu n g , 1883-1914, in: H u n d e r t J a h r e Staatsw is sen schaftlic he Gesellschaft zu Berlin , 1883-1983 ( Berlin 1 9 8 3 ) 9 -6 9 . 69 P ie ra n g elo Schiera, D a ll’arte di go verno alle scienze d ello Stato. II C a m e r a lis m o e l ’assolu tism o tedesco (M a ila n d 1968) 116-126, Kap. 2: S ch m o ller e la ,politic a so c ia le“. II M erca n t ilism o e i co m piti storic i della M o n a r c h ia prussiana; R ü d i g e r v o rn B ruch, Z u r H is to risie r u n g d er S taatswissenschaften. Von der K a m era listik z u r H is to risc h e n Sch ule der N a ti o n a lö k o n o ­ m ie, in: B eric hte z u r W issen schaftsgeschich te 8 (1985) 131-146. Zu den bio graph isch en A sp ek te n : O tto H intze, G ustav Schmoller. Ein G ed e n k b la tt, in: G esam m elte A b h a n d lu n g en , Bd. 2, a.a.O. 51 9 -5 4 3 ; Fritz H artu n g, G ustav S ch m o ller u n d die p reu ßisch e G esch ichts­ s ch reibu ng, in: S taatsbild e nde Kräfte d e r N e u z e it (B erlin 1961) 46 0 -4 9 6 . Ü b e r den b e rü h m ­ ten B rief M a x W ebers an S ch m o ller vom 23. J u n i 1908 vgl. P ie r a n g elo Schiera, Das Po litische der „D eutschen W issen schaft“, in: C. K ö n i g , E b erh ard L ä m m ert (H rs g.)» K o n k u rren ten in der Fak ultät. Kultur, W issen u n d U n ive rsitä te n 1900 ( F r a n k fu r t a.M . 1999) 163-180.

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„Das 15., 16. und der Anfang des 17. Jahrhunderts sind auch für Brandenburg und Preußen die Zeit des ständischen Territorialstaats“, schreibt Schmoller in ei­ nem berühmten Aufsatz über die Epochen der preußischen Finanzpolitik , von dem seine Ü berlegungen 'zur M odernität ausgehen („das kräftige politische Leben“), die ihn besonders interessiert. In dieser Hinsicht w ird durch die Einbeziehung der gesellschaftlichen Kräfte unter Führung des Adels, des Fleeres und der sehr leben­ digen Bürokratie nach Schmollers Ansicht unter Friedrich II. ein Flöhepunkt er­ reicht: „Gesellschaft und Volkswirtschaft hatten sich der führenden Macht des aufgeklärten Absolutismus untergeordnet, hatten die veränderten Formen ange­ nommen, die den Ü bergang zur Rechts- und Steuergleichheit, zur heutigen bür­ gerlichen Gesellschaft bildeten.“70 Schmoller ist stolz darauf, daß Preußen und Deutschland trotz ihres anfängli­ chen Rückstandes gegenüber Frankreich und England aufholen und bis zum Ende des 19. Jahrhunderts eine überlegene Stellung erreichen konnten. Dafür führt er ökonomische und technische Gründe an, letztendlich aber geht es um ideelle M o ­ tive: „Die letzte Ursache jedes vollendeten leistungsfähigen Finanzwesens ist die Flingabe des einzelnen an das Ganze, die Fähigkeit von M illionen, sich für ein­ heitliche große Zwecke zu organisieren und Opfer zu bringen.“ Das Problem sind zu allen Zeiten die Zielsetzungen des Staates, und die modernen „Kulturstaaten“ erfordern mehr M ittel als der mittelalterliche Staat, denn sie müssen viel umfas­ sendere Zielsetzungen verwirklichen. A uch die H altung der Menschen zu den Pflichten des Staates spielt jedoch eine Rolle und kom m t in den unterschiedlichen politischen Verfassungen und Steuersystemen zum Ausdruck. Unter diesem Aspekt beschreibt Schmoller die „Steuerpflicht“ als einen enormen moralischen und geistigen Fortschritt: „Welche Abstraktion, einem unpersönlichen Wesen ohne jede genaue Abrechnung im Einzelnen einen freiwilligen Antheil an allem Einkommen der Staatsbürger zu gönnen! Welch sittliches Vertrauen, welche k o m ­ plizierte Organisation setzt das voraus.“ O bwohl Schmoller hier nicht ausdrücklich auf die Lehre vom Gemeinwohl Be­ zug nimmt, behandelt er vornehmlich Them en aus diesem Bereich, w ie z.B. die Gerechtigkeit als formales und materielles Problem, die von ihm als Grundprinzip des ganzen politischen und gesellschaftlichen Lebens gesehen w ird 71. Diese Zu­ rückhaltung läßt sich vielleicht so erklären, daß auch Schmoller sich der N o tw en ­ digkeit nicht entziehen kann, eine positive und wissenschaftliche Sprache zu be­ nutzen und eine stark moralisch aufgeladene Ausdrucksweise zu vermeiden, in der jahrhundertelang die Lehre vom Gemeinwohl verbreitet worden war. Dabei 70 G u stav S chm oller, D ie Ep o ch en der p reu ßisch en F in a n zp o litik , in: J a h r b u c h fü r G e s e tz ­ ge bung, V erw a ltu n g u n d V olk sw irtschaft, Bd. 1 (1877) 41 -77. 71 Elier w ir d man daran erin nert, d aß L ore nz etti die G ere ch tigke it als ve rteilen d e u n d a u s ­ gleic hende d arstellt, als Basis der E intracht, die die M ensch en in der G esellschaft z u s a m m e n ­ hält. H ie r z u auch die Verse ü b e r die A bga b en p flic h t, die als K o m m e n t a r un ter d em Fresko angebracht sind: „p er qu esto con triu nfo all ui [al ben co m un ] si danno/censi, trib uti e sig norie t e r r e . . . “ („deshalb geben sie z u m T riu m p h für das G em einw o hl/Z in se, A b g a b e n und herrschaftlichen G r u n d . . . “)

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lehnte Schmoller den immer sterileren Charakter der zeitgenössischen ökonom i­ schen Wissenschaft ab72, und das erklärt meiner Ansicht nach die praktische D i­ mension, der Schmollers historisches Interesse für den M erkantilismus gerade auf der Basis einer ethischen Begründung zuzurechnen ist. M it seiner Sozialpolitik knüpft er nämlich direkt an den M erkantilismus an und überspringt dabei den Wirtschaftsliberalismus, obwohl er sich über die Unterschiede in der wissen­ schaftlichen Arbeit durchaus im klaren ist: „Der Unterschied der heutigen de­ skriptiven Richtung der N ationalökonom ie von der des vorigen Jahrhunderts be­ steht darin, daß heute nicht mehr zufällige N otizen gesammelt, sondern nach strenger Methode wissenschaftlich vollendete Beobachtungen und Beschreibun­ gen gefordert werden.“73 Schmoller w ar mit dieser H altung nicht allein, wenn man bedenkt, welches Gewicht die „Kathedersozialisten“, zu deren führenden Köpfen neben Schmoller auch Wagner gehörte, im deutschen Universitätsleben gegen Ende des Jahrhunderts erlangt hatten74. Im Hin blick auf A dolf Wagner muß noch einmal daran erinnert werden, was oben über die Rolle der deutschen Wissenschaft im System Bismarck gesagt worden ist, in dem die Finanzwissen­ schaft als eine neue Disziplin Einfluß gewann, die dem Staat zeigen konnte, wie er sich die Mittel zu beschaffen hat, um seine sozialen A ufgaben zu erfüllen75.

72 Seine b evo rzug te n A u t o re n sind A d a m S m ith u n d L o r e n z von Stein, G u stav Schmoller, D ie E p ochen der p reu ßisch en F in a n zp o litik , a.a.O. 113. V gl. auch G u stav S chm oller, W i l ­ h elm Roscher, in: Z u r Litera tu rgesch ic h te der Staats- un d Sozia lw issen sch a ften (L e ip z ig 1888), zit. n.: August Skaiweit, G. von S ch m o ller u n d der M e r k a n tilis m u s , in: D ie E n t w ic k ­ lu n g der deu tschen V olk sw irtschaftslehre im 19. J a h r h u n d e r t. G ustav S ch m o ller z u r 70. W ie ­ d er k eh r seines G eb urtstages, 24, J u n i 1908 ( L e ip z ig 1908) 309 ff. S ch m o ller k ritisiert hier den fortschreitenden Verlust d er E m p irie un d die w ach sen d e A b s tra k th e it d e r m od e rn e n li b e ra ­ len Ö k o n o m e n in d e r N a ch fo lg e von S m ith und R ic a rd o , die längst „zu gän zlich a nschauu n gs- un d farb lo sen, s p in tis ie ren d en , abstrakten , einteilenden, d efin ie ren d en S tu b e n g e ­ lehrten, zu phan tastis ch en S ozialisten, zu k a lk u lie re n d e n M a th e m a tik e rn , zu d o k trin ä re n , b reitspu rige n T h e o re tik e r n n atu rrec h tlich er R o b in s o n a d e n “ ge w o rd e n seien. Vgl. d a zu auch: P ie ra n g elo Schiera, F riedrich Tenbruck (H rsg.), G ustav S ch m o ller e il suo tem po: la nascita delle scienze sociali in G e rm a n ia e in Italia. G ustav S ch m oller in seiner Zeit; die En tstehu ng der S ozialw issen sch aften in D eu tschlan d und Italien (Bologna, B erlin 1989); im fo lg enden z i­ tiert: Schiera, G ustav S ch m o ller e il suo tem po ; M. Bock, FI. H om a n n , P. S chiera (H rsg.), G u ­ stav S ch m o ller oggi: lo svilup p o delle scienze sociali in G e r m a n ia e Italia. G ustav S ch m oller heute: die E n t w ic k lu n g d e r S o zialw issen sch aften in D eu tschla n d un d Italien (B olog na, Berlin 1991). 73 In: H a n d w ö r t e r b u c h d er Staatsw issen schaften (Jena 1889—94) Bd. 7, 557. 74 Vgl. d a zu die b erü h m te A u s e in a n d e r s e t z u n g z w is c h e n den beiden Be rlin er Ö k o n o m e n und dem Präsid ent des In d ustriellenverban d es, F reih err von S tu m m , nachgezeic hn et in: P Schiera, L a b o r a to riu m 2 0 6 ff. 75 Von Adolf W agner sei zu m in d e st er w ä h nt: G r u n d le g u n g d er allgem einen V o lk s w ir t ­ schaftslehre (L e ip z ig 1876); F in a n zw issen sc h a ft ( L e ip z ig 1886-96); G ru n d le g u n g d er p o lit i­ schen Ö k o n o m ie ( L e ip z ig 1892).

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VII. Die Bewegung cler „Kathedersozialisten“ unter Führung Wagners und Schmollers bildet die wichtigste Verbindung zwischen Italien und Deutschland auf dem Ge­ biet der Staats- und Sozialwissenschaften. Es wird zumindest kurz zu zeigen sein, daß vor allem über das Problem der Finanzen und der Steuerpflicht die Verbin­ dung aufrechterhalten wurde. Dabei ging es nicht nur um die Theorie, sondern auch um die praktische Durchsetzung von Maßnahmen, die man von dem großen Vorbild auf wissenschaftlichem und politisch-sozialem Gebiet aus BismarckDeutschland auf das jüngere und unreifere Italien zu übertragen versuchte. Anfangs war die H altung des neuen Italien gegenüber Bismarck und seiner P o ­ litik keineswegs positiv, und beim Vergleich zwischen Bismarck und Cavour schnitt meistens der letztere besser ab: „dem von Cavour vertretenen Begriff der Freiheit stellt sich jetzt eine Vergötzung des Staats ä la Bismarck gegenüber, die einmal wie eine A rt Staatssozialismus, ein anderes Mal wie die U nterdrückung der Kirche durch den Staat erscheint“76. Diese Flaltung änderte sich zum Teil nach dem Machtantritt der Flistorischen Linken und dem Abschluß des Dreibundes im Jahre 1882, mit dem sich Italien an die beiden mitteleuropäischen Mächte an­ schließen konnte, um so die internationale Anerkennung zu erlangen, die nach der erfolgten Einigung noch nicht wirklich erreicht war. Nach Crispi hatte „Fürst Bis­ marck, der kein Pangermanist ist, ein Interesse daran, das große Reich, das durch die Siege von 1870 und 1871 entstanden war, zu erhalten. Dieses Reich w urde fast gleichzeitig mit der Einheit Italiens geschaffen; die zwei Nationen bildeten sich gleichzeitig und hatten eine Zeit lang - und w ir hoffen, das wird nicht mehr der Fall sein - leider gemeinsame Feinde. Der deutsche Kanzler w ar deshalb w ie w ir an der Aufrechterhaltung der bestehenden Verhältnisse in Europa interessiert; er zur Erhaltung des Reiches, w ir zur Bewahrung der Einheit Italiens mit Rom als H auptstadt“77. Deutschland w urde in jenen Jahren aber nicht nur als militärische und politi­ sche Macht betrachtet, die innerhalb weniger Jahre eine führende Stellung in Eu­ ropa erobert hatte, sondern auch als ein vollendetes politisches System, in dem die unterschiedlichen Kräfte eine Einheit bildeten und zusammenspielten, weil dort „eine literarische, wissenschaftliche, industrielle und gesellschaftliche U m w ä l­ zung der politischen vorausgegangen war, die dann nur als notwendige Konse­ 76 Diese B e m e r k u n g sta m m t von Isacco Artom, dem G en era lse kretä r im A u ß e n m in is te riu m , an M in gh etti im J a h r 1884, zit. n.: F ed erico C h a b od , Storia della politic a estera italiana del 1870 al 1896 (Bari 1990), 598; im to lgen dcn zitiert: C h a b od , Storia. 77 Luigi Salvatorelli, Storia del N o v ece n to ( M a ila n d 1981). D a z u auch, w as C r is p i in d er Tut'iner Rede vom 25. O k to b e r 1877 nach seinem Treffen m it B ism arck in Fried rich sru h über diesen sagte: „Die G eschic hte der Zeit, in der w ir leben, w ir d von ein e m M a n n beherrscht: [ . . . ] sein R e g ie r u n g s p r o g r a m m zeich n e t sich d urch eine w u n d e rb a r e A u s r ic h t u n g d er u n t e r ­ schie dlichen Teile auf ein einziges Ziel aus: die ses scheinbar do pp elte Ziel ist in W ir k lic h k e it nur ein einziges, n äm lich der Friede und die G röße seines L a n d e s “, zit. n.: C h a b od , Storia 184 f.

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quenz folgte“. Weil dies in Italien nicht geschehen w ar78, verfestigte sich in Italien ein M inderwertigkeitsgefühl gegenüber den Deutschen, das sich an der Vorstel­ lung der M odernität und genauer gesagt der „Modernität des Staates“ festmachte79. „Mit Deutschland gemeinsam am Triumph der harmonischen D em o­ kratie und des unaufhaltsamen Fortschritts arbeiten“, forderte Marselli 1870 in seinem Programm für ein neues Europa, das unter deutscher Führung „in kluger Weise lernen, arbeiten, sich eine O rdnung geben und voranschreiten“ wolle80. Die „soziale Revolution“ w urde auch von der „extremen L in ken “ thematisiert, wie sie Giovanni Bovio definierte, der 1886 die politisch-ökonomischen Positionen so­ wohl der Rechten als auch der Linken kritisierte81. Dafür gibt es in der Wissen­ schaft, vor allem auf juristischem und ökonomischem Gebiet, viele Beweise. Diese Aspekte müssen betont werden, da die Wissenschaft auch im politischen System Italiens eine tragende Rolle spielte und in Wirklichkeit gerade zur Leistungsstei­ gerung und M odernisierung beitrug, die man, wie gesehen, an den Deutschen so bew underte82. 1887 erschien in der seit vier Jahren bestehenden „Rassegna di scienze sociali e politiche“ ein Aufsatz von Boglietti mit dem Titel II socialismo di Stato in Germ ania. Darin w urde die von Schmoller vertretene Richtung unter zwei Aspekten dargestellt: zum einen im H inblick auf die Politik Bismarcks, zum anderen im Verhältnis zu dem immer revolutionäreren Sozialismus marxistischer 78 Rosario R o m e o , L a G e rm a n ia e la vita in tellettuale itaüana d a ll’ U n itä alla p rim a guerra m on d ia le , in: ders., M o m e n t i e p ro b lem i di storia co n te in p o ra n e a (Assisi, R o m 1971) 163, im fo lgenden zit.: R o m eo , La G erm ania; er zitiert: Pasquale Villari, W as die A u s lä n d e r in Italien nicht b em erke n , in: Italia 4 (1873) 3. 79 R o m eo , L a G e r m a n ia 165: „D ie G e r m a n o p h ilie in den in tellek tu ellen Z irke ln verstärkte sich dann in anderen Kreisen d u r c h das A nseh en , das d eu tsc he r Fleiß u n d w issenschaftliche Prä zisio n in allen technischen un d w irtsch aftlich en B ereich en a llm ä h lic h genossen. Vor allem im Süden Italiens w u r d e das n eue D eu tsc h la n d d a r ü b er hin au s als Beispiel eines starken, g e ­ o rdneten Staates em p fu n d e n , d er sich auf auth en tische p olitisch e Tugenden, Sin n fü r D is z i­ plin un d tiefes P flichtgefühl grü n d e te .“ C b a b o d , Storia 5, sprich t von einer „rein m oralis ch en und w irk lic h k e its fr e m d e n H in n e ig u n g z u m neuen D eu ts c h la n d “ . 80 Marselli, Gli avv en im en ti del 1870 (Turin 1870), zit. n.: C b a b o d , Storia 20. 81 „D ie p olitische R e v o lu t io n hat als letzte K o n seq u e n z die P ro k la m a tio n des R echts a uf N a tio n a litä t h ervo rgebracht. A ls n eue R ev o lu tio n d ro h t da, w o die N a tio n schon p r o k l a ­ m ie rt ist, un ve rm e id lich d ie s o zia le R e v o lu t io n .“ A n ge sich ts die ser B e d r o h u n g w e rd e n nach B o vio aus den ehem als liberale n S taaten autoritäre, und dabei steht das D eu tsc h e R eich an e r ­ ster Stelle, „das die S ozialisten geiß elt, un d [ . ..J das A u g e s ch m e rzerfü llt dem Vatikan, dem Z e n tru m aller ko nservativ en M a ch t, z u w en d et. D e r g ro ß e K anz ler n en nt da nn den gro ß en Priester .H o h e r H e r r “, un d L u t h e r ve rne igt sich vor Leo X . “, zit. n. G. B o v io , Discorsi parlam entari 147 ff. 82 R o m eo , L a G e rm a n ia 165 ff.: „Dies alles trägt d a zu bei zu er klären, w a r u m Italien m eh r als jedes and ere L and au ß e rh a lb des deu tschen K u ltu r ra u m s in M itte le u r o p a ku ltu re ll von D eu tschlan d beeinflu ßt w u rd e . Das La n d hatte seine s taatliche Einheit erst k ü rzlich erreic ht und käm pfte um die M o d e r n is ie r u n g des in tellektu elle n Leb ens, w ä h r e n d gleic hze itig g ro ße A n stren gun gen u n te r n o m m e n w u r d e n , den anderen gro ßen Staaten E uropas a uf p olitisch ­ s ozialem G ebiet g le ic h z u k o m m e n .“ R o m e o verdeutlic ht (S. 167), daß auf die sem G ebiet der deutsche E influ ß D eu tsc h la n d s g e g e n ü b e r dem fran zö sischen un d englischen dauerhaft ü b erw o g. V gl. auch: O tto Weiss, La „scienza ted esca“ e l’Italia n e ll’O tto c en to , in: A n n a li d e ll’Istituto sto ric o ita lo - g e rm a n ic o in Trento, 9 (1983) 9-8 5 .

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Prägung und der N otwendigkeit des Reiches, Treue- und Unterstützungsgaran­ tien von den verfassungsmäßigen Kräften zu erhalten83. Aus der Komplexität lind Ü berlagerung dieser Aspekte zog Boglietti die Rechtfertigung für die W ider­ sprüchlichkeit der Bismarckschen Gesetzgebung, die den Sozialisten entge­ genkam und zugleich gegen sie gerichtet war84. Wenig später beschrieb Dalla Volta in derselben Zeitschrift die Ergebnisse dieser schwankenden Politik, die von den „Parteien des Staatssozialismus“ unterstützt würden und in der Lage seien, „einige wichtige ökonomische R eform en“ durchzusetzen85. Bismarck aber gebühre das größte Verdienst: „Er ist im übrigen kein Theoreti­ ker, der sich M ühe gäbe, praktische Vorschläge mit einer bestimmten Lehre zu be­ gründen. Er läßt sich als seinem Kompaß und Polarstern einzig und allein von der salus publica leiten.“86 Nach der „Rassegna“ war die Wirtschaftsgesetzgebung des Jahrzehnts von 1879 bis 1889 das W erk Bismarcks, in dem sich die Grundsätze des Kathedersozialismus widerspiegelten und auf diese Weise in Staatssozialismus verwandelten. Grundlage dafür w ar die Verfassung des Deutschen Reiches, die im Guten oder Schlechten im N am en der Monarchie jene Vermischung von Gesell83 F rancesco Ferrara hatte w e n ig e J a h r e z u v o r seinen b e rü h m te n A u t s a t z ü b e r den „G erm an esim o eco n o m ico in Italia“ geschrieben: N u o v a A n to lo g ia 26 (1874) 983 ff. D a rin kritisierte er voller Ironie den E k le k tiz is m u s d e r italienischen V ertreter des W ir tsch aftslib eralism u s, weil sie sich auf einen „theoretischen D u r c h s c h n itt“ eingelassen hätten u n d der V erlo ckun g d urc h die N e u h e ite n aus D eu tschlan d erlegen seien. Zur A u s e in a n d e r s e t z u n g zw ischen „ W irtsch aftslib eralen “ un d „h isto rischer S c h u le “ vgl.: A. Cardini, Stato liberale e p ro tezio nism o in Italia 1890-19 00 ( B o lo g n a 1981). 84 Sehr interessant sind die sch ön en Zitate, die Boglietti aus den R ede n Bism arck s brin gt, um die neue S o z ia lp o litik in die T radition der H o h e n z o lle r n zu stellen o der u m die Pflicht des Staates zu un terstreich en , sich d e r sch w ä ch ste n B ü rg ern a n z u n eh m e n . Vor allem fü r B i s ­ m a rck hatte ein ch ristlich er Staat a u f p olitisch em G eb ie t die Pflicht, „p raktisch es C h r is t e n ­ t u m “ zu v e rw irklic h e n . 85 R. Dalla Volta, D ieci anni di soc ialism o di Stato in G erm ania, in: R a sse gn a di scienze s o ­ ciali e p olitiche 7 (1890) 354. Das p olitische P r o g r a m m faßt er fo lg e n d e r m a ß en zu sam m en : „ P ro tek tio n ism u s, M o n o p o le , S taatseisenbahnen, In dustrieg esetzge b u n g, Versic herungen für die A rb e iterk la sse , S teu erre form e n, E n t w ic k lu n g d er K o lon ialpo litik : Das sin d die F ra ­ gen, fü r d ie d er S taatssozialism us in D eu tschlan d gegen die vo rh e r h errsch en d en Prinzipien käm pft. Das sind auch die F ragen , fü r d eren L ö s u n g w ir h era u sra ge n d e D a rste llu n g e n und A n w e n d u n g e n bei d e r Schule des K ath e derso zia lism us finden kö nn en , d er d a nn von d er R e ­ g ieru n g ü b e r n o m m e n w u r d e . “ A u s fü h rlic h beschäftigt sich D a lla Volta in einem Exkurs mit dem Verhältnis des p olitischen Geistes im neuen P re uße n zu H egel u n d sprich t sogar von „ n atü rlich er A ffinität der H e gelsc h e n P h ilosop hie z u m Geiste des p reu ß is ch en Staates“ . Ä h n lic h w ie B oglietti vo r ih m b etont auch D a lla Volta, daß ein Z u s a m m e n h a n g z w is c h e n den „Ideen B is m a r c k s “ und den „P rinzipien des C h r is t e n tu m s “ bestehe. 86 In einer redak tion ellen A n m e r k u n g u n te r dem Titel „L’assicu razio ne in G e rm a n ia co n tro la ve cchiaia e l’ in validitä degli o p e ra i“ h eiß t es in: R a sse gn a di scienze socialie e p olitiche 7 (1898) 2 7 9-281 : „Es w ä re gleic h e rm aß e n ungerecht, Fürst B ism a rck v o r z u w e rfe n , daß dieses G esetz auf seinen eigenen P r in zip ien ruhe, das heißt vo r allem auf der zutiefst p reu ß isch en V orstellung der cäsarischen un d b üro kra tisch en A llm a c h t des Staates, un d daß er dam it im W id e rsp ru c h stehe zu den V orstellun gen d er deutschen N a tio n , o der ge n a u er zu den sozialen und politischen V orstellungen W esteu rop as von A u to n o m ie , U n a b h ä n g ig k e it, ko op erativ er O rga n isa tio n d er G esellschaft und in n iger H a r m o n ie der p olitischen In stitu tion en mit den In stitutionen der S o z ia lö k o n o m ie .“

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schaft und Staat aufrechterhielt und diesem „Pflichten“ zu übernehmen erlaubte, die in der liberalen oder sozialistischen Auffassung von staatlicher Macht keinen Platz hatten. Schon 1881 hatte Kaiser Wilhelm I. selbst gesagt, die „Behandlung“ der sozialen Übel dürfe nicht ausschließlich in der U nterdrückung der dem okra­ tisch-sozialistischen Ausschreitungen liegen, sondern zugleich in positiver Form in der Verbesserung des Wohlergehens der arbeitenden Klassen87. Bekanntlich be­ zog die „Behandlung“ die „Kranken“, d.h. die Arbeiter, in der Form der nach In­ dustriezweigen und Ländern organisierten unabhängigen Berufsgenossenschaften mit ein, die in technischer wie politischer Hinsicht zentraler Kontrolle unterw or­ fen blieben88. Aus diesem kurzen Ü berblick kann man die Schlußfolgerung ziehen, daß die Politik Bismarcks zum Zeitpunkt seines Rücktritts vor allem unter dem innenpo­ litischen Gesichtspunkt der sozialen Frage auf Interesse stieß und nicht mehr wie zehn Jahre zuvor vor allem als außenpolitisches Problem des Dreibunds. In die­ sem Sinne ist der sogenannte „ökonomische Germ anism us“ zu verstehen, der in der italienischen Auseinandersetzung um die entstehenden Sozialwissenschaften eine große Rolle spielte. In dieser Auseinandersetzung waren im übrigen auch die klassischeren und traditionelleren Verweise auf England und Frankreich vertre­ ten. Die Debatte ist von den zwei miteinander zusammenhängenden Grundfragen nach der Legitimität der staatlichen Intervention in der Wirtschaft - gegen die liberalistischen Prinzipien des laisser-faire - und nach dem „ethischen Element als den ökonomischen Gesetzen innewohnender F aktor“ bestimmt89. Die Vermutung, es hätten sich zu diesen Fragen stark kontrastierende Positio­ nen entwickelt, wäre jedoch falsch, denn von Anfang an hatte sich eine pragmati­ sche und „mittlere“ H altung durchgesetzt, die auch in den folgenden Jahrzehnten die italienische Forschung in diesem Bereich charakterisieren sollte90. Sogar die zugrundeliegende Dogm atik bekam in der Ökonomie einen eher „politischen“ als „wissenschaftlichen“ Charakter, da sie auch in Italien mit der kritischen Situation der sozialen Frage und den damit zusammenhängenden Themen des Sozialismus

87 R. Dalla Volta, Dieci anni di soe ialism o di Stato in G erm ania, a.a.O ., der seinerseits zit..: W. H. D aw son , B ism a r c k and State S ocia lism (L o n d o n 1890). 88 Francesco Saverio N itti, der seit 1898 den L eh rstu hl für Fina n zw issen sc h a ft an der U n i ­ versität N ea p el in nehatte, grü n de te 1894 die Zeitschrift „ R ifo rm a s o c ia le “, hatte aber bereits z u v o r an d er „ R a sse gn a “ m itgearb eitet, w o er ü b er die R ü c k s tä n d ig k e it d er italienischen P o ­ litik im eu ro päischen Vergleic h und b esonders g e g en ü b er D eu tsc h la n d auf dem G ebiet der S ozialve rsich er un gen ein sehr hartes U r te il fällte. Das deutsche S o zia lve rsich eru n gsw e sen nannte er „ein gigantisches W erk , das mit dem H a m m e r eines S o z ia l-Z y k lo p e n geschaffen w o r d e n ist“. 89 G u stavo Gozzi, M o d e lli p olitici e qu estio n e sociale in Italia e G e rm a n ia fra O tto e N o v e ­ cento (B o lo g n a 1988) 93 ff. un d 181 ff.; A. Cardini, G ustav S ch m o ller e l’ Italia. La cu ltura c l’o pera degli econ o m isti fu nzion ari, in: Schiera, G ustav S ch m o ller e il suo tem po 127-152. Als Ü b e r b lic k vgl. R. Faucci, La scien za econ o m ica in Italia (185 0-194 3): da Francesco F e r­ rara a L uigi E inau d i (o.O . 1981) 90 R aflaela Gherardi, L’Italia dei co m pro m essi. Politica e scienza n ell’ etä della Sinistra, in: Schiera, G ustav S ch m oller e il suo tem po 21 7-252.

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und Marxismus verknüpft w ar91. Von Luigi Cossa bis Giuseppe Ricca Salerno und Antonio De Viti De Marco, von Paolo Emiliani-Giudici bis Giuseppe Toniolo se­ hen alle italienischen Ö konomen ihr Ideal in der mittelalterlichen „Dem okratie“ der Stadtstaaten, besonders in Florenz, und zugleich in der politisch-sozialen N otwendigkeit, den neuen Staat mit ausreichenden Mitteln auszustatten, damit ei­ sernen Aufgaben gerecht werden kann92. Auch Fedele Lampertico sieht bei sei­ nem Versuch, die Abhängigkeit der italienischen Ö konomen von der deutschen Wissenschaft zu rechtfertigen, das entscheidende Kriterium der deutschen Lehre in der ökonomischen Funktion des Staates, der „mit allen seinen konstitutiven Elementen und in der Fülle seiner Funktionen“ betrachtet wird, zu dessen „Auf­ gaben“ in erster Linie Einheit, Souveränität und Wohlstand seiner Bürger gehö­ ren. Deshalb führe die moderne Ö konom ik, die sich auf das Prinzip der Gesell­ schaftlichkeit stütze und unter historischen und ethischen Gesichtspunkten z u ­ gleich behandelt wurde, notwendig zum Staat als „einem der mächtigsten und wichtigsten Produktionsfaktoren“93. Ähnliche Vorstellungen sind bei Cusum ano in einem Lampertico gewidmeten Werk zu finden, dessen Methode darauf zielt, „den wahren Fortschritten der Wissenschaft zu folgen, und sich nicht vom Ruhme des Vaterlands, von der maßvollen Art und dem Maßstab italienischer Eigenart zu entfernen“. Die soziale Frage wird von ihm als der Motor für die neue wissen­ schaftliche Orientierung des „Kathedersozialismus“ angesehen, der wie die „mo­ dernen organischen Staatstheorien“ aus dem Fortschritt der Sozialwissenschaften und der Vervollkommnung der Methode statistischer Betrachtung hervorgegan­ gen ist94. Im weiteren zeigt er als höchsten Wert der deutschen Wissenschaft auf, 91 Schiern, S vilup p o delle scien ze sociali 101, w o ich in einem k u r z e n E x k urs die histo rischen G run d la ge n d er n euen ö ko n o m is c h e n W issenschaft in Italien skiz zie re. 92 Im J a h r 1888 er schienen die b eiden g ru n d leg e n d e n W erk e d er italienischen F in a n z w is s e n ­ schaft: G iuseppe R icca Salerno, S cien za delle finanze (F lo ren z 1888); A ntonio D e Viti D e Marco, II caratterc teorico d e ll’ec o n o m ia h n a n zia ria ( R o m 1888). D u rc h diese W e rk e erhielt das F in a n zp ro b lem im m e r m eh r im m a n e n te un d technische, d .h . w issen schaftliche, Züge und löste sich vom P ro blem der „Z ie le“ staatlichen H a n d eln s , die De Viti D e M a rco b e i­ spielsweise als b lo ße „ P ostulate“ betrachtet, die anderen D iszip lin en en tn o m m e n sind. So wird auch in Italien die F rag e nach W erten un d Inhalten - entsprechend d er L e h r e des G e ­ m ein w o hls - im N a m e n w issen schaftlicher D a rste llu n g neutralisiert. A u c h für R ic ca Sale rno sind die öffentlichen F in a n zen „nic ht S taatsw irtsch aft im eigentlichen Sin n, die als ihr b es o n ­ deres Ziel auf Pro sperität gerichtet ist, s on d ern V erw a ltu n g der A u s g a b e n un d Einn ahm en , G esamtheit der G eldm ittel, die alle Ziele betreffen“. 93 i e d e l e L am pertico, E c on o m ia dei p opoli e degli Stati (M a ila n d 1874). U n t e r „cconom ia dei p o p o li“ versteht L am p e rtico , w as im D eutschen „V olksw irtschaft“ g enan nt w ird , w ä h ­ rend die „econom ia degli S ta ti“ der d eu tsc he n „S taatsw irtsch aft“ en tspric ht. Im selben J a h re erschien in d er „ N u o v a A n t o lo g ia “ die A n t w o r t L u ig i L u z z attis auf den A u fs a tz von Ferrara unter dem Titel „L’ec o n o m ia p olitics e le scuole ge r m a n ic h e “. Bereits im ersten Kapitel, das der „legge economica“ g e w id m e t ist, b egegnen A u s d rü c k e w ie „econom ia e t ec n o lo gia “, „so­ ciality ec o n o m ic a “, „eco no m ia p rivata, ec on o m ia p o litica “, „legge un iv ersale di s o lid a rie tä “, „sohdarietä e c o n o m ic a “. Das 10. K apitel trägt den Titel: „Soggetto della legge economica: l’u o m o “, w ä h re n d im 14. Kapitel ausfüh rlich das T h e m a „fun zio ne ec on o m ica d ello Sta to “ behandelt ist. ,4 V! C usu m an o, Le scuole ec on o m ich e della G erm a n ia in rap po rto alla q u estio ne sociale

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daß sie sich zwischen „ökonomischem Individualismus“ und Sozialismus positio­ niere zugunsten eines „modernen Staatsbegriffs“, der als „soziale Rechtsordnung“ zu verstehen ist, wie aus den Werken Gustav Schmollers und dem darin enthalte­ nen „ethischen M o m ent“ hervorgehe93. Bismarck, der doch so wenig zum Ge­ spräch mit Professoren und Wissenschaftlern vor allem über wissenschaftliche Fragen geneigt war, fiel in dieser Debatte eine m erkwürdige Rolle zu: Vor allem in Italien wurde sein Werk durch die Lehren und Theorien der politischen Ö ko n o ­ mie der „Kathedersozialisten“ rezipiert und verbreitet, die dem „Staatssozialis­ m us“ wissenschaftliche W ürden verliehen und ihn über die Grenzen Deutsch­ lands hinaus verbreiteten, obwohl Bismarck selbst nichts anderes bezweckte als „Sozialpolitik“96. Die G uida alio studio d e ll’econom iapolitica von Luigi Gossa bietet ein weiteres Beispiel für das neu erwachte historische Interesse im Bereich der Wirtschafts­ und Finanzwissenschaften, das sich gleichzeitig mit der wachsenden Beachtung für den modernen Staat entwickelte. Demnach läßt sich erst seit dem 16. Jahrhun­ dert im Rahmen der grundlegenden U m w älzun g auf dem Wege zur Moderne da­ von sprechen, daß die W irklichkeit unter einem ausschließlich ökonomischen Blickwinkel betrachtet w ird 97. In diesem Zusammenhang w ird häufig das Buch von Knies zitiert, der sich besonders den ökonomischen Aspekten im Werke Ma~ chiavellis widmete. Diese Erneuerung wird im Sinne Schmollers darauf zurückge­ führt, daß die „modernen Staaten auf Einkünfte angewiesen w aren “, so daß daraus eine Reihe von gesetzlichen M aßnahm en hervorging, die sich am Prinzip der all­ gemeinen N ützlichkeit orientierten und - allerdings im Rahmen der herrschenden „empirischen System e“ - erstmals teilweise systematisiert wurden.

(N eapel 1875) 8 i ff. Z u r üb erau s w ic h tig en R olle d e r Statistik fü r d ie T h eo rie und fü r die p ra ktisch en B e z ie h u n g e n z w is c h e n Ö k o n o m ie u n d V erw a ltu n gsw issen sc h a ft vgl. z u m D eu tschlan d d er d a m a lige n Zeit: G. Mayr, D ie O r g a n is a tio n d e r am tlich e n Statistik und die A rb e itstä tig k eit der statistischen B u reau s (M ü n c h e n 1875): A d o lf Wagner, Z u r Statistik und z u r Frage d e r E in rich tu n g des n atio n a lö k o n o m isc h e n un d statistischen U n terric h ts an d en deutschen U n ive rsitäte n, in: Zeitschrift des K ö n ig lic h -P reu ß is ch en statistischen B ureaus (1877); W. Stieda, D eu tschlan ds sozialstatistische E rh eb un ge n im Ja h r e 1876, in: Ja h rb u ch für G esetzge bu ng, V erw a ltu n g u n d V olk sw irtschaft 11 (1887) 205 ff.; z u r h eutigen L iteratur: U. G. Schäfer, H is to risc h e N a t i o n a lö k o n o m ie u n d S ozialstatistik als G esellsch aftsw issen ­ schaften (1971); Irm ela G orges, S o zia lfo rsch u n g in D eu tsc h la n d 1872-1914. G esellsch aftli­ che Einflüsse auf T h e m e n - un d M e th o d e n w a h l des Vereins fü r S o z ia lp o litik , a.a.O. 95 V C u su m a n o, Le scuole eco n o m ich e della G erm a n ia in ra p po rto alla q u cstio ne sociale, a.a.O. 126 un d 127. C u s u m a n o b eze ich ne t sich als S c h ü ler von C o ssa, W a g n e r u n d Engel, a n ­ erken nt aber die in no vatoris ch e R o lle S ism on dis als Ö k o n o m , der „das soge n a n n te ethische M o m e n t in die p olitisch e Ö k o n o m ie einführen, d e r W issenschaft ein k o m p le x ere s un d w e n ig e r m aterialistisches Ziel als S m ith geben u n d ih r einen m en schlichen u n d p h ila n t h r o p i­ schen C h a r a k t e r verle ih en w o llt e “ , zit. n.: Kautz, T h eo rie und G esch ic hte d er N a t i o n a lö k o ­ nom ie , Bd. 2 (W ien 1858). 96 Vgl. P. Wagner, S ozialw issen sch aften und Staat. Fra n kre ic h , Italien, D eu tschla n d 1870— 1980 (Fran kfu rt/ M ain 1990); R a ffaela Gherardi, L’arte del co m p ro m e sso . La politic a della m ediazion e n ell’ Italia liberale ( B o lo g n a 1993). 97 Luigi Cossa, G u id a alio stu d io d e l l’econ o m ia politica, Bd. 2 (M a ila n d 1878) 129.

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Gossas Schüler Giuseppe Ricca Salerno unterstreicht, wie sein Lehrer darauf bedacht war, sich gegen die Strömung abzugrenzen, die „der Finanzwissenschaft ein ökonomisches Fundament gab“ und dagegen das vorwiegend politische und ethisch-juristische Fundament der „finanziellen Erscheinungsformen“ betonte98. Auch hier darf der Verweis auf die Stadtstaaten nicht fehlen, die „ein zw ar flüch­ tiges aber dennoch lebendiges Bild davon geben können, was ein moderner Staat sein soll". Dieser in der Literatur des Risorgimentos häufig vorhandene Verweis w ird an dieser Stelle mit der neuen brennenden sozialen Frage in Verbindung ge­ bracht. Dieses Klischee ist schon 1856 bei Paolo Emiliani-Giudici zu finden, für den das Studium der Stadtstaaten gerade dazu beitragen sollte, „die schlimmsten Übel zu beseitigen, die unter dem nicht genau definierten Namen des Sozialismus sich zu einer gleichförmigen Klage und Plage der zivilisierten V ölker entwickelt haben“. Vor allem der Verweis auf Florenz sei nützlich, „den vielleicht dem okra­ tischsten Staat, der je auf dieser Welt existiert hat“, das w ahre Modell „für die Lö ­ sung des Knotens, von dem w ir sehen, wie er immer kom plizierter w ird und deut­ lich weitreichende und traurige U m w älzungen vorausahnen läßt“99. Bei Ricca Sa­ lerno ist zu erwähnen, daß er die politischen Systeme in zwei Kategorien einteilt: diejenigen, die auf der Lehre des Gemeinwohls, w ie sie vor allem von den D eut­ schen Wolff, Justi und Sonnenfels vertreten wurde, basieren, und diejenigen auf der Grundlage der Rechtslehre in der Nachfolge von Grotius, Kant, den Physiokraten und Smith. Selbstverständlich ist für ihn allein die erstere der N atur und der Praxis der Kulturvölker angemessen, da nur durch sie auch die Durchsetzung des Rechts garantiert werden kann 100. Ähnliche Vorstellungen finden sich auch in dem wichtigsten und sehr frühen historischen W erk von Giuseppe Toniolo, in dem die Größe von Florenz vor al­ lem aufgrund der „ethisch-ökonomischen Faktoren“, von denen der Stadtstaat sich leiten ließ, im Vergleich zur Gegenwart leuchtend zur Geltung k o m m t101: „Diese Vorbereitungsphasen sind von höchster Bedeutung für die Geschichte eines Volkes und für die Einsicht in die Gesetze der Soziologie.“ Das gilt für die seiner Ansicht nach in seiner Gegenw'art besonders w enig verstandene Frage der Ethik in der Ö konomie, denn „es kom m t vor, daß die Sorge um die A nhäufung von Reichtum die Ideale der Kultur erstickt und die Existenz materialistisch 98 G iuseppe Ricca Salerno, Storia delle d o tt n n e finanziarie in Italia, col ra p p o r to dellc do ttrine forestiere e delle istituzioni e c o n d iz io n i di fatto (P a le rm o 1881, 21896). 99 P. Emiliani-G iudici, Storia dei co m u n i italiani, Bd. 3 (Flo ren z 1856) 3. 100 G iuseppe Ricca Salerno, T eoria dei prestiti p u b b lic i (M a ila n d 1879), zit. n.: G herardi, Von der Verfassung z u r V e rw a lt u n g 144. Zu den im engeren Sin n m eth o d o lo g isch en A sp ek te n der G ege n ü b e rste llu n g vgl. R, Gherardi, Sul „ M e th o d e n s tr e it“ n e lj’etä della Sin istra ( 1 8 7 5 1885). C o s titu z io n e , a in m in istra zio n e e finanza nella „via m e d ia “ di G iu sepp e R ic ca Salerno, in: M ateriali per u n a cu ltur a g iu rid ica 13 (1983) 85 ff. 101 G iu seppe Toniolo, D ei re m o ti fattori della p oten za ec on o m ica di F iren ze nel M e d io Evo. C o n s id e r a z io n i so c ia li-ec o n o m ic h e ( M a ila n d 1882) 149. Toniolo selbst stellt seine Ü b e r l e ­ gu ngen als „ G r u n d z ü g e der a n g e w a n d te n S o z ia lp s y c h o lo g ie “ da r und en tsc h u ld igt sich d a ­ für, w e d e r ein L e h rb u ch noch ein im eigentlichen S in ne ö k o n o m is c h -ju ris tis ch es W erk v e r­ faßt zu haben.

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macht. Dies war mitten in der wunderbaren wirtschaftlichen Blüte unserer mittel­ alterlichen Republiken nicht der Fall, und vor allem nicht m Florenz.“ 102 Dies war m. E. das Bild der historisch ausgerichteten „Sozialwissenschaften“ Italiens im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Im Rahmen einer starken Berück­ sichtigung der deutschen E ntwicklung sind die soziale Frage, die O rdnungsfunk­ tion des Staates und das ethische M oment die wichtigsten Elemente dieser Strö­ mung, die außerdem nach wie vor an der aus dem Risorgim ento übernommenen romantischen Verherrlichung der mittelalterlichen Stadtstaaten festhält. Dieser le­ bendige wissenschaftliche und intellektuelle Austausch zwischen Deutschland und Italien stand mit den starken Ähnlichkeiten in Zusammenhang, die in der Formation der Nationalstaaten und dem Aufbau ihrer wirtschaftlichen und ge­ sellschaftlichen „M odernität“ gegeben waren. Allerdings ist die führende Rolle zu berücksichtigen, die Deutschland inzwischen im internationalen Maßstab ein­ nahm, und außerdem die Besonderheit seiner inneren politischen Struktur. Das Problem der Wohlfahrt und des Wohlfahrtsstaates w urde im übrigen nicht nur in Deutschland und Italien diskutiert, wobei man nur an die komplexe und kom pli­ zierte Geschichte der großen liberalen und sozialistischen Ideologien und noch mehr an deren A nwendung und Konsequenzen in der angelsächsischen Welt im 20. Jahrhundert zu denken braucht103.

VIII. M an kann meiner Ansicht nach das bisherige Ergebnis in Bezug auf das G em ein­ wohl folgendermaßen zusammenfassen: Wie ich einleitend zu zeigen versucht habe, w ar die alte Lehre vom Gemeinwohl im 17. und 18. Jahrhundert in die große europäische Bewegung des Konstitutionalismus eingegangen, w o Them en wie Glück und Wohlstand der Bürger in die modernen „Verfassungsurkunden“ A u f­ nahme fanden, so daß die Lehre des Gemeinwohls als Lehre erstmals grundlegend neutralisiert wurde. Erst später jedoch, im Rahmen der Wirtschaftstheorien und der Behandlung der sozialen Frage, werden einem autonomen Weiterbestehen dieser Lehre Grenzen gesetzt, da sich die verschiedenen Zweige der Wirtschafts­ wissenschaften, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit den Bezie­ hungen zwischen Staat und Wirtschaft befaßten, immer mehr in eine deskriptive, objektivierende, technische und neutrale Richtung entwickelten. Damit w urde das „ethische M o m ent“ immer mehr in den H intergrund gedrängt, das in der B lü­ 102 Ebd. 178. 103 Zu England - un d w ie d e r u m D eu tsc h la n d - vgl.: W olfgang J. M o m m s e n , W olfgan g Mock (H rsg.), D ie E n tstehu ng des W ohlf ahrtsstaates in G r o ß b rita n n ie n un d D eu tschlan d 1850— 1950 (Stuttgart 1982). F ü r die U S A m öchte ich auf das h erv o rra ge n d e „h is to ris che“ W erk des großen C h ic a g o e r S o zio lo ge n A, W. Small h inw eisen : T h e C a m era lists. T h e P ioneers of G e r ­ man Social P o lic y ( C h ic a g o 1909), das der a m erik a n isc h e n „ S o z ia lp o lit ik “, die sich dam als gerade voll en tw ic kelte , als le istungsfähiges M o d ell die deu tsche K am eralistik u n d Polizciw issenschaft des 17. bis 18. J a h r h u n d e rts vor A u g e n führen sollte.

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tezeit der Lehre vom Gemeinwohl immer eine hervorragende Rolle gespielt hatte. Trotzdem befaßte man sich weiterhin mit dieser alten Lehre, und sie stand nach wie vor hinter den zwischen Wirtschaftswissenschaft und Sozialpolitik angesie­ delten Grundüberlegungen, während die Sprache sich wissenschaftlicher, „de­ skriptiver“ O bjektivität befleißigte. Diese Entwicklung hängt zweifelsohne mit der mehrfach erwähnten, jedoch kaum zu überschätzenden Tatsache zusammen, daß sich die Sozial- und Staatswissenschaften um die Wende des 19. zum 20. Jah r­ hundert in Spezialdisziplinen auffächerten104. Eine Rolle spielt aber vielleicht auch die gleichzeitige Verbreitung von „sozialen“ Bedürfnissen, Erwartungen und Ideologien in immer breiteren Bevölkerungskreisen und daher die N o tw en d ig­ keit, auf einer Ebene, die von der wissenschaftlichen verschieden war und niedri­ ger lag, diese Bedürfnisse „populär“ zu erklären105. Das Konzept des Gemeinwohls, das formal der Wissenschaftlichkeit zum O p ­ fer gefallen ist, findet andere Kanäle, um seine erklärende, beruhigende und diszi­ plinierende Funktion weiterhin erfüllen zu können. Zwei verschiedene Wege scheinen mir deutlich zu werden, die beide das Gemeinwohl wieder „populari­ sieren“, nachdem es so stark verwissenschaftlicht worden war. Diese Populari­ sierung entspricht m. E. der neuen „Massendim ension“, die die Politik und die auch der Staat nach der positiven, d.h. erfolgreichen Lösung der sozialen Frage entwickelte. Das betrifft beispielsweise auch die neuen Politik- und O rganisati­ onsformen der Parteien, wie sie die Volksbewegungen des Zentrums und der So­ zialdemokratie schufen106. In dieselbe Richtung geht auch die zweite Entwicklungslinie der Lehre des Ge­ meinwohls, die ein seit dem Mittelalter konstitutives Element betrifft, nämlich die dem „Gemeinen“ innewohnende Pluralität aus Körpern und Körperschaften, auf deren Eintracht ein geordnetes Zusammenleben basiert. A n dieser Stelle müßten die „Verbände“ auch in praktisch-organisatorischer Hinsicht in der Sozialgesetz­

104 Vgl. d a zu den w ic h tig e n zeitgen össis ch en Beitrag: K a rl T h e o d o r v o n In a m a -S ter n e g g, E n t w ic k lu n g der V erw a ltu n gs le h re und des V erw a ltu n gsrec h ts seit d em Tode von L o re n z von Stein, in: Zeitschrift fü r V olk swirtschaft, S o z ia lp o litik un d V er w a ltu n g 11 (1902) 137 ff. 103 P e te r Hora, K r is e n b e w ä ltig u n g o der K ris e n e rzeu gu n g? D er W ohlf ahrtsstaat in h is to ri­ scher Pers pektive, in: W. J. M o m m se n , W. Mock (H rsg.), Die En tstehu ng des W o h lfa h rts sta a ­ tes in G ro ß b rita n n ie n u n d D eu tschlan d 1850-1950, a.a.O. 353 ff. W elche lcgitim atorische B e­ d eu tu n g die Praxis d e r „Soziale n K u lt u r “ und der „V o lk s w o h lfa h rt“ erla ngt hatte, w ir d m. E. besonders d eutlich an d em S a m m e lb a n d zu Ehren des 25. R eg ie r u n g s ju b ilä u m s Kaiser W il­ helm s II. un ter dem Titel: S oziale K u ltu r und V o lk sw o h lfa h rt w ä h r e n d d e r ersten 25 R e g ie ­ ru n gsja h re Kaiser W ilh e lm s II. Ein G e d e n k w e r k in a u s g e w ä h lte n E inzela b schn itten (Berlin 1913). M an m ü ß te das W e r k im einzeln en beh an deln , u m h era uszu a rb e iten , w ie tief un d u m ­ fassend in die sen gan z p raktisch en Bereich en m an d a ra u f bedach t war, d ie neue G rö ß e P r e u ­ ßens u n d des Kaiserreic hs zu rechtfertigen, u n d z w a r in allen Bereich en des ko llektiv en L e ­ bens, angefangen von E rz ieh u n g un d W issenschaft, üb er M e d iz in und G esun d heitsfü rso rge, bis hin zu r inneren O rg a n is a tio n der für die V o lk sw o h lfa h rt z u stä n d igen E inrichtungen. Ein J a h r später brach d er Erste W eltk rie g aus. 106 E. Fattorini, I C a tto lic i tedeschi: d a ll’in transigenza alla m odernitä, 1870-19 53 (Brescia 1997).

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gebung Bismarcks und der Italiens untersucht w erd e n 107. Ganz allgemein wäre auch die Rolle des „Pluralismus zwischen Liberalismus und Sozialism us“ näher zu untersuchen108. Erwähnenswert wäre auch, daß um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert auf diesem Wege alte und neue korporative Formen des Staates wieder Verwirklichung fanden. Sie zeigten sich in einer eher soziologisch-realpo­ litischen Version einerseits, die direkt auf die Vertretung „organisierter Interes­ sen“ gerichtet w a r 109, in einer eher rechtlich-institutionellen Version andererseits, wom it die Bedeutung des Rückgriffs auf die mittelalterliche Tradition und die daraus entspringende Theorie und Praxis des Gemeinwohls nicht aufgehoben w a r 110. Das alles würde uns zu weit führen und verhindern, diese ohnehin schon langen Ausführungen zu einem Ende zu bringen. Deshalb will ich zum Schluß als einen letzten Aspekt der Geschichte des Geschicks oder Mißgeschicks der Lehre des Gemeinwohls die beiden Varianten beleuchten, durch die, wie angedeutet, der Be­ griff des Gemeinwohls seit der Jahrhundertwende in einem gewissen Sinne „Po­ pularität“ erlangte. A uf der einen Seite haben w ir die christliche Soziallehre mit ihrem Prinzip der Subsidiarität, auf der anderen die gewerkschaftlich-genossen­ schaftliche Lehre mit ihrem Prinzip des Korporatismus. Beide Varianten entstanden um die Jahrhundertw ende in Italien, vor allem aber in Deutschland in Reaktion auf den liberalen Rechtsstaat in der letzten Phase der theoretischen und praktischen Auseinandersetzung um die Lösung der sozialen Frage. Die erwähnten organisatorischen Veränderungen, die die Entstehung des neuen „Sozialstaates“ in organisatorisch-interventionistischem Sinne notwendig begleiteten, fanden einen günstigeren N ährboden in den großen populären Leh­ ren christlicher oder sozialistischer Prägung als in den immer komplizierteren, immer spezialisierteren Verzweigungen der Sozial- und Staatswissenschaften. Ge­ gen den fortschreitenden Positivismus und die Säkularisierung der Politik ent­ wickelte sich von beiden Seiten der Opposition eine heftige Gegenbewegung ge­ gen den Liberalismus, die auf der einen Seite direkt oder indirekt revolutionär, auf der anderen solidaristisch-korporativ geprägt war. Ich möchte mich jetzt mit die­ ser zweiten Seite beschäftigen, vor allem in ihrer katholischen A usprägung als „christliche Soziallehre“. In den 40 Jahren von der E’n zyklika Rerum N ovarum von Papst Leo XIII. im Jahre 1891 bis zu Q uadragesimo Anno von Pius XI. im Jahre 1931 entwickelte die katholische Kirche auf diesem Gebiet Konzepte und

107 Vgl, Luigi D al Pane, II tram o n to delle co rp o ra zio n i in Italia, secoli X V III e X IX ( M a i­ land 1940). 108 So lautet der schöne Titel des Buches von: R. Eisfeld, P lu ra lism u s zw isc h e n L ib era lism u s un d S ozia lism us (Stuttgart 1972). 109 V gl. auch fü r w eitere L iteratur: L. O r n a g h i (H rs g .), Il co ncetto di „interesse“, a.a.O., und: Stato e co rp ora zion e. Storia di un a do ttrin a nella crisi del sistem a politico co n te m p o raneo, a.a.O. 110 K o n k re t ist dabei gedach t an die F ran zo se n H a u r io u u n d D u g u it, aber auch an die D e u t ­ schen seit G ierke un d an d ie E n glä n der M a itla n d u n d Barker, d ie im ü b rig en G ier k e ins E n g ­ lische üb ersetzten, aber auch an L a s k i, vgl.: P. Scbiera (H rsg.), S ocie tä e co rp i (N e a p e l 1986).

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Prinzipien, die - angefangen vom Prinzip der Subsidiarität - eng mit der alten Lehre des Gemeinwohls verknüpft sind. Ohne auch hier weiter ins Detail zu gehen, kann man meiner Ansicht nach fest­ stellen, daß auch im neuen Jahrhundert mit seinen neuen gesellschaftlichen Be­ dürfnissen und seinen neuen Technologien in Produktion und Politik der Bezug auf das Gemeinwohl A usdruck und U nterstützung der Forderung nach Lei­ stungsfähigkeit war, die in anderer Form schon im alten liberalen Staat bestanden hatte und auch erfüllt worden war, jetzt aber weniger als Pflicht des Staates, denn als eine von der Wissenschaft getragene Technik verstanden wurde. Die eigentli­ che Neuheit würde demnach, wie gesagt, in der gegen den Liberalismus gerichte­ ten „Massen“-Perspektive bestehen, die der Bezug auf das Gemeinwohl und auf die Leistungstechniken annahm: im N am en eines gesellschaftlichen, kooperati­ ven, subsidiären und korporativen Pluralismus, begleitet von einer A rt autoritä­ rem Technizismus. Es braucht kaum betont zu werden, daß es vom antiliberalen sozialen O rganizismus zum faschistischen Korporatismus nur ein kleiner Schritt war. Es wäre jedoch vielleicht wichtig zu zeigen, daß die beiden Tendenzen im Totalitarismus des 20. Jahrhunderts - mit einer Erweiterung der staatlichen A uf­ gaben, aber auch mit einem falschen korporativen Pluralism us111 - aufeinander­ treffen. In dieser Hinsicht ist die Geradlinigkeit beeindruckend, mit der der bereits z i­ tierte Walther M erk in seinem überaus fundierten Aufsatz über das Gemeinwohl in der germanischen Tradition auf kaum mehr als einer Seite die Fäden einer weit ausgreifenden Argumentation zusammenführt und auch das 19. und 20. Jah rh u n ­ dert mit einbezieht112. Seine Darstellung war bis zu diesem Punkt nur dadurch entwertet, dieses Urteil sei mir gestattet, daß er ausschließlich darauf bedacht ist, von Anfang an einen im übrigen unbestrittenen „germanischen Weg“ zum Ge­ m einwohl zu beweisen. Man könnte sagen, der Kohärenz sind keine Grenzen ge­ setzt. Nach Merks Urteil degenerierte die insgesamt positive Entwicklung w äh ­ rend des alten Reiches in der Weimarer Republik: „Das Gemeinwohl w urde hier im Grunde kaum weniger vereinzelungssüchtig als bloße Summe der Einzelwohle aufgefaßt, als dies der manchesterliberale Glaubenssatz von der bloßen Sicherheitswächteraufgabe des Staates getan hatte.“ Demgegenüber habe das nationalso­ zialistische Reich mit seinem Grundsatz „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ die Konzeption der deutschen Rom antik und der historischen Schule wieder aufge­ griffen und sie dem C harakter und den besonderen Bedürfnissen des „Volkstums“ 111 Carl S ch m itt, Ü b e r die drei A rte n des rech tsw is sen schaftlichen D en ken s ( H a m b u r g 1934), bietet - in d e r ga n zen Vielfalt u n d In te llige nz d er w issen schaftlichen A r g u m e n t a tio n ein a u ß e r o rd e n tlich gutes Beispiel fü r die ideologische A u fla d u n g , die die D eb atte u m diese T h em en zu B egin n der n ation alsozialistisch en H errschaft hatte. Zu einer k u rz e n , aber ge­ nauen C h a r a k t e r is ie r u n g von Schm itts P lu ra lism u sv erstä n d n is vgl. B. L ange-E nzm ann, h ra n z B o rke n a u als p olitisch er D e n k e r (B erlin 1996) 81 f. 112 Merk, D er G ed a n k e des g em ein en Besten, § 5 : D e r G ed a n k e des gem ein en Besten im Ve rfassungs- u n d R ec htsstaate des 19. Ja h r h u n d e r ts un d im D ritte n Reich 70 -72, die zugle ich die letzten Seiten des Buches sind.

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und insbesondere der „Volksehre, Volkskraft und Volksgesittung“ angepaßt. Dies habe nichts zu tun mit einem kalten, unpersönlichen „öffentlichen Interesse“ (ordre public) und ebenso wenig mit dem marxistischen Zerreißen des Volkes in einander entgegengesetzte und miteinander kämpfende Klassen, sondern drücke nur die Konzeption „eines alle Volksgenossen durchdringenden germanischen Volksfrieden, der lebendigen Fühlung Aller mit A llen“ 113 aus. M it Pirandello könnte man sagen: „So ist es, wie es Ihnen scheint.“ Inzwischen sind wir im Jahre 1934 angelangt. N ur ganz wenige, aber um so dramatischere Jahre später erscheinen im Jahre 1948 bei Herder in Freiburg die ersten Hefte der,,Beiträge zu einem W örterbuch der Politik“, die eine theoretische A ntw ort geben wollen auf die „großen A ufga­ ben des öffentlichen Lebens und der Neugestaltung aller politischen Verhältnisse nach grundsätzlichen Richtlinien aus christlich-abendländischer Schau“ 114. O s ­ wald von Nell-Breuning, der R edakteur der Stichworte, die im 2. Heft über die christliche Staatslehre enthalten sind, drückt die Hoffnung aus, „die christliche Staatslehre so darzubieten, wie es dem heutigen Stande der Wissenschaft und den heutigen Bedürf nissen des Lebens entspricht“ 11-'’ . U m mich nicht von dem m ono­ lithischen Charakter dieses theoretischen Angebots fesseln zu lassen, das der auf diesem Gebiet bedeutendste deutsche Jesuit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorlegt, werde ich mich darauf beschränken, das umfangreiche „Sachverzeichnis“ zu den Stichwörtern „G em einwohl“, „Konstitutionalismus“, „Legitimität“, 113 Merk, D er G ed a n k e des g em ein en Besten 72. M e r k zitiert: II. Schreuer, G erm anisc he un d slaw ische S ta atsb ild u n g (1929) 15. Dem T h e m a des G e m e in w o h ls im N a tio n a ls o z ia lis ­ mus hat M ich a el Stolleis eine w ertv o lle U n t e r s u c h u n g g e w id m et, die m ic h von je der w eiteren V ertie fung befreit: G e m e in w o h lfo r m e ln im nation alsozialistisch en R ec ht (B erlin 1974). Z u m Faschism us dagegen u n d d em „W erte geh a lt“ seiner „ R e v o lu tio n “ insbesondere im B e z u g auf das k o rp o ra tiv e S y s t e m verw eise ich auf: P ie ra n g elo Schiera, K o rpo ra tivism us im it a lien i­ schen Faschism us - n ur E lem ent d er S y s te m s te u e r u n g o der n o tw en d ig e p luralistisch e K o m ­ ponente des italienischen To talitarism us?, in: G erd B ender, R a in er Maria K iesow , D ieter Sim on (H rs g .), Das E u ro p a d er D iktatur. S teu eru n g - W ir tsch a ft - R ec h t ( B a d en -B a d en 20 02) 53 -7 6 . Z u m Vergleic h z w is c h e n italien is ch em F aschism us u n d deu tsc h e m N a tio n a ls o ­ zialism u s vgl. W olfgang S ch ied e r (H rs g .), Faschism us als soziale B e w eg u n g . D eu tschla n d un d Italien im Vergleic h (G ö ttinge n 2 1983); ders., Das italienische Experim ent. D er F aschis­ mus als V orbild in d er Krise der W e im a r e r R e p u b lik , in: H Z 262 (1996) 73 -125. 114 A u s d em V o rw o rt des Verlags z u m 2. Fleft „Z ur ch ristlich en S taatslehre“, hrsg. v. O s w a ld v o n N ell-B reu n in g, S. J, un d PI e r m a n n S a ch er (F r e ib u rg 1948), im fo lg end en zitiert: Zur christlichen Staatsle hre. D er Titel des ersten H eftes lautete „Zur soziale n F ra g e “ (die offen­ sic htlich nicht a u s d rü ck lic h etw as m it „christlich “ zu tun hat). In d em zitierten V orw o rt heißt es sehr sin nre ich: „Das W e r k soll zu gle ich der E rn eu er u n g un d d er W eite rb ild u n g der gro ß en T radition der christlichen G es ells ch a h s - u n d Staatsle hre die n e n .“ 115 Z u r ch ristlich en Staatsle hre; die b ib lio gra p h isch e N o t iz am Ende des H eftes zählt die „Säulen“ der christlichen S taatsle hre fo lge n d e rm a ß en auf: A u g u stin u s , T h o m a s von A q u in , Leo X III., Pius X L , Pius XII.; als einfache „Tra gsteine“ ge lten Fra ncisco V itoria un d F r a n ­ cisco Suarez. Sehr interessant ist die vo rgeschlagen e S ek un d ärliteratu r, die einer eigenen U n ­ ters u c h u n g w ert w ä re. Es ist auch zu betonen, daß die von N e ll- B r e u n in g im Text geäußerte H o ffn u n g nicht w eit entfernt ist von d em W un sch , Verfassung und S o zialw issen sch aften zu verbind en, w ie ihn schon S ism on di fo rm uliert hatte.

G e m e i n w o h l in I ta lie n u n d D e u t s c h l a n d

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„Subsidiaritätsprinzip“, „Souveränität“, „Totalitärer Staat“, „Totalitarismus“, „Verfassung“, „Verwaltung“ und „Wohlfahrtsstaat“ zu konsultieren. Das Gemeinwohl wird in erster Linie in Bezug auf den Staat und das für die So­ ziallehre grundlegende Prinzip der „Subsidiarität“ erörtert. Daraus ergibt sich als die letztendliche Aufgabe des Staates die Verwirklichung des Gemeinwohls, ver­ standen in dem umfassenden Sinne, „was erfordert ist, damit alle Glieder der Ge­ meinschaft durch das Regen ihrer eigenen Kräfte zu ihrer allseitigen Vollendung zu gelangen vermögen und so innerhalb der großen Gemeinschaft die Werte und Ziele aller Kultursachgebiete, und auf diese Weise eine allseitig vollendete mensch­ liche Kultur verwirklicht werden kann“. N ur auf diese Weise kann man der dop­ pelten Gefahr entgehen, die einerseits in der „Totalität“ des Staates besteht, wie sie der Totalitarismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts darstellte, andererseits in der Auslöschung des Staates zum bloßen Kontrolleur nach den individualisti­ schen und liberalen Lehren des 19. Jahrhunderts: Wie schon die Enzyklika Q ua­ dragesimo anno festgestellt hatte, liege die Lösung des Dilemmas im goldenen M ittelw eg 116. Als Hauptaufgabe des Staates wird die Aufrechterhaltung der Rechtsordnung angesehen, und zur Erfüllung dieses Zwecks muß der „Rechts­ staat „auch über die Mittel verfügen, also ein „Machtstaat“ sein. Auch die Rechts­ ordnung darf aber nicht nur in einem formalen Sinn verstanden werden, sondern muß sich auf das Gemeinwohl, auf den „Wohlfahrtsstaat“ richten. Das heißt aller­ dings nicht, daß der Staat sich um das individuelle Wohl seiner einzelnen M itglie­ der zu kümmern habe, denn das würde ihn zum „Polizei-“ oder „Versorgungs­ staat“ werden lassen117. Natürlich kann für einen solchen Staat das Gemeinwohl sich auch nicht nur auf rein materielle Dinge beschränken, sondern er muß sich als „Kulturstaat“ darstellen, aber immer nur subsidiär. Der Staat hat demnach nicht die Aufgabe, „im eigentlichen Sinn“ selbst Kultur oder „Weltanschauung“ her­ vorzubringen, sondern er muß „alle“ in die Lage versetzen, Kultur zu schaffen. Es ist für diese christliche Soziallehre kein Widerspruch, sondern nur kohärent, wenn sie mit großer Leichtigkeit und Elastizität die zu bevorzugende Verfassungsform entwirft. Als theoretisches Modell gilt das korporative, das hier passender als „be­ rufsständisch“ definiert wird, und für das die Regel zu gelten hat: „so viel Staat wie nötig, so viel Gesellschaft wie möglich“, wie sie am besten in der korporativen Gesellschaftskonzeption der E n zyklika Quadragesimo anno von Papst Pius XI. aus dem Jahre 1931 enthalten ist118. Verfassungsrechtliche Feinheiten werden nicht weiter erörtert, da die „Staatsmacht“ einerseits von Gott gegeben ist, ande­ rerseits nur gesellschaftlicher N atur ist. Als einziges weltliches Kriterium taucht wieder das Gemeinwohl auf, dessen Inhalte allerdings ziemlich unklar bleiben, abgesehen von der grundlegenden Tatsache, daß sie eine artikulierte, berufsständi­ sche Struktur der Gesellschaft betreffen. Da es keinen direkt von Gott getragenen

116 Z u r ch ristlich en 117 Z u r christlichen p u b lik hat schon W. 118 Z u r christlichen

Staatsle hre 5. Staatsle hre 24. D en A u s d r u c k „V erso rgun gsstaat“ für die W e im a r e r R e ­ M e r k ve rw en d et: Merk, D er G ed a n k e des gem ein en Besten, A nm . 114. Staatsle hre 97.

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und auf Gott gerichteten Staat gibt, erscheint als die beste Lösung also eine sich selbst nach den Prinzipien des or do christianus regulierende Gesellschaft119. A uf dieser Grundlage läßt sich auch das Problem der Legitimität lösen, denn es unter­ stellt wieder jeden Machtanspruch - sei es der einer Dynastie, Klasse oder von an­ derer Seite - ausschließlich dem wahrhaft vielgestaltigen Prinzip des Gemein­ wohls, das, w ie w ir gesehen haben, sowohl als gesellschaftliche Grundlage als auch als deren Begrenzung verstanden w ir d 120. Die Erörterung N ell-Breunings läuft anscheinend darauf hinaus, das Gemein­ w ohl nachdrücklich als Schlüssel zum „Verständnis“ des Staates zu benutzen, nicht in philosophischer oder anthropologischer Sicht, denn in diesem Sinne bleibt er auf scholastische Weise „göttlich“, sondern in der historischen und w elt­ lichen Gegebenheit staatlicher Macht, die man als „säkular“ bezeichnen könnte121. H ier hat die necessitas boni communis Vorrang. N u r diese kann die Ge­ sellschaftsordnung begründen, aus der dann die gesellschaftliche Autorität her­ vorwächst. Nach dieser Logik lassen sich auch die schwierigen Fragen der D em o­ kratie und der Volkssouveränität lösen. A uf dieser Diskursebene ist historisch und konkret alles möglich. Vorausgesetzt ist eine korporative Gesellschaftsordnung, wie sie traditionell in der christlichen Lehre von Augustinus über Thomas von A quin, die spanischen Spätscholastiker bis hin zur zeitgenössischen kirchlichen Soziallehre entwickelt w u rd e122. Es muß natürlich erwähnt werden, daß im Jahre 1948 dieses Bedürfnis nach A r ­ tikulation und Subsidiarität der „natürlichen“ politischen Gesellschaft in katholi­ schen Kreisen ausdrücklich als gegen den Totalitarismus gerichtet empfunden und vertreten w u rd e 123. Das gleiche hat weiterhin für den nichtkirchlichen Bereich zu gelten, da man wohl mit Recht behaupten kann, daß die „Entdeckung“ des Tota­ litarismus die größte Leistung der Politikwissenschaft im 20. Jahrhundert gew e­ sen ist. U nter diesem Gesichtspunkt ist auch von Bedeutung, daß das Prinzip der Subsidiarität neuerdings von Verwaltungsexperten, Ö konomen und Juristen, die am Aufbau des neuen Europa beteiligt sind, wieder aufgewertet worden ist124. 119 Z u r ch ristlich en Staatsle hre 31 ff. z u m S tich w o rt „S ta a ts ge w a lt“ . 120 Z u r ch ristlich en S taatsle hre 107: „Jedes R ec h t ist g e m ein schaftsgebu nd en u n d findet seine G ren ze do rt, w o es g e m e in sc h a fts w id r ig w ir d o der w i r k t . “ 121 O. Giacchi, Lo Stato laico (M a ila n d 1986). 122 A lles ist denkbar, w e n n m an an die A u f z ä h lu n g von A n m . 115 denkt. 123 Z u r ch ristlich en Staatsle hre 74: „D er totalitäre Staat s tü rzt die beiden G ru n d sä tze , auf d e ­ nen d ie gan ze christliche G esellschaftslehre ruht: Das S ub sid ia ritä tsp rin zip , in d em er nicht helfend u n d e r g ä n ze n d einsp rin gen w ill, w o die L eistu n g s fä h ig k eit des E inzelm en sch en o d er k lein e rer G em einsch aften nicht m eh r ausreicht, s on dern von vo rnh erein alles an sich reißt. Das Solida ritä tsprin zip , in dem er die G em ein h a ftu n g in B in d u n g u n d R ü c k b in d u n g v e r­ fälscht z u m einseitig en Verhaftet- u n d Verfalle nsein des verm assten M e n s ch en an den M o ­ loch o d er L ev iathan Staat.“ 124 D ies gilt nicht n u r fü r den en tsp rech en d en A r tik e l des M aastrich t-V ertrages, son dern auch fü r den A u fs a tz vo n A. D ’A tena , D as S u b s id ia ritä ts p rin zip in der italienischen Verfas­ sung, in: M. N ettesh eim , P. Schiera (H rs g .), D er in tegrierte Staat. Verfassungs- u n d e u r o p a ­ rechtliche B e tra c h tu n ge n aus italienischer un d d eu tsc h e r Perspektive (Berlin 1999) 105-128. Vgl. auch das S tic h w o rt „W o h ls ta n d “ im S tich w o rtv erze ich n is des W erkes.

G e m e i n w o h l in I ta lie n u n d D e u t s c h l a n d

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Um einer solchen A ufw ertung aber tatsächlich Gewicht zu geben, wäre es unbe­ dingt notwendig, daß die erwähnten Experten auch jenes „ethische M o m ent“ wirklich wieder aufnähmen, von dem w ir gesehen haben, wie es in der w issen­ schaftlichen Entwicklung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorstellun­ gen am Endes des 19. Jahrhunderts gänzlich aufgegeben worden ist125. Sonst be­ steht die Gefahr, daß die gute alte Lehre vom Gemeinwohl wieder zu pathetischer R hetorik mißbraucht wird, wie sie noch bis vor wenigen Jahren die Aufmärsche oder Zeitungen der Unterstützer des Honeckerregimes schm ückte126.

125 U b e r die N o t w e n d ig k e i t einer solchen W ie d e rb e le b u n g vgl. M. Bock, H. H om a n n , P.

Schiera, G ustav S ch m o ller oggi, a.a.O. 126 B eispiele d a zu: „W o das Volk regiert, herrschen W oh lsta n d un d K u lt u r “ (A u fsch rift auf einem S p ru ch b a n d ); „Sold aten des S o zia lis m u s tragen ihre, Waffen für den F rieden u n d das W oh l des V olk es", in: N eu es D eu tsc hlan d, 8. 10. 1989, anläßlich einer M ilitä rp a ra d e . Es sei je doch die B e m e rk u n g erlaubt, daß eine A n a ly s e der W a hlslogan s für die S en atsw ah l in B e r ­ lin im O k to b e r 1999 w o h l ähn lich e R esultate ergeben hätte! In die sem Sinne k an n man w o hl da von sprechen, daß die alte Lehre vo m G e m e in w o h l längst a uf d er Ebene p olitisch er S lo ­ gans p op ulistisch un d d em ago gisch ve rw en d et w ird. Dies ist jedoch A u s d r u c k der en o rm e n E n tw ic k lu n g von In stitutionen, die die Leh re vo m G e m e in w o h l in den letzten 100 bis 150 Ja h ren in den, Staaten E uropas, die sich als „Sozialstaat" verstanden, h ervo rge b ra c h t hat.

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Franz J. Bauer

Wie ,bürgerlich' war der Nationalstaat in Deutschland und Italien? M ir ist aufgegeben die Frage zu erörtern, wie ,bürgerlich“ der Nationalstaat in Deutschland und Italien gewesen sei. .Bürgerlich' steht hier in Anführung, denn ich will kenntlich machen, daß diese prädikative Bestim mung einige Probleme aufwirft. W ir müssen uns also darauf verständigen, in welchem Sinne w ir dieses ,bürgerlich' verwenden werden. Nicht problematisch hingegen ist - davon wollen wir, um die uns gestellte Aufgabe nicht allzu sehr zu komplizieren, jedenfalls aus­ gehen - das Subjekt der in unserer Leitfrage enthaltenen Aussage, nämlich der Nationalstaat. Ein Nationalstaat ist ein Staat, dessen konstitutives Prinzip nicht eine D ynastie ist, nicht eine hierokratisch oder durch H erkom m en und Tradition legitimierte Herrschaftsordnung (wie etwa der sog. Lehensstaat), auch nicht eine chiliastische Erlösungseschatologie, sondern die gedachte Einheit aller das Staats­ gebiet bewohnenden Individuen in der N ation 1. Den auch hier als M öglichkeit drohenden unendlichen Regreß von einem Explanandum zum anderen schneiden w ir dezisionistisch ab, indem w ir die Frage, wie und wodurch nun ihrerseits die Kategorie der .Nation' bestimmt sei, auf sich beruhen lassen. N u r soviel muß gesagt sein: Dem Begriff der .Nation' inhärent ist im Sinne einer weiteren - historisch vom französischen Modell abgeleiteten - Vor­ annahme, daß es sich dabei um ein spezifisch .bürgerliches' Konzept handle. Das impliziert dann auch, daß eine wesensmäßige Affinität zwischen Bürgertum und Nationalstaat bestehe, mit anderen Worten, daß der Nationalstaat im Idealfall und das heißt: wenn die Geschichte keine Sonderwege geht - .bürgerlich' ist oder zu sein habe. Dies ist denn auch die logische Prämisse der uns gestellten Frage, wie .bürgerlich' der deutsche und der italienische Nationalstaat gewesen seien. Der Idealtypus des bürgerlichen Nationalstaats also ist das tertium comparationis, die abstrakte Referenzgröße, an der der deutsche und der italienische Vergleichsfall in seiner jeweils konkreten historischen Ausprägung zu messen ist. A uf eine nähere Bestim mung der Vergleichskonstellation der beiden Nationalstaatsfälle, etwa 1 G ru n d le gen d H a g e n S ch u lz e, Staat u nd N a tio n in der euro päis chen G eschic hte (M ü n ch en 1994); A rt. „Volk, N a t i o n “ , in: G esch ic htlich e G run d begrif fe. H istorisches L ex ik o n d e r p o ­ litisch-s oziale n S prache in D eu tschlan d, hrsg. von O tto B ru n n er u.a., Bd. 7 (Stuttgart 1992) 141-431, h ier 3 8 2-389 .

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nach dem M uster der bekannten Frage, ob sie gemäß dem großen Kursbuch der Weltgeschichte fahrplanmäßig oder ,verspätet“ im Zielbahnhof nationaler Heils­ erwartungen einliefen, werden w ir verzichten, denn w ir wollen unsere Ü berle­ gungen von geschichtsphilosophischen Finalperspektiven frei halten. Der Klärung bedürftig ist aber, w ie gesagt, was w ir für unseren Zusammenhang unter .bürgerlich“ verstehen wollen2. Von der A n tw o rt darauf hängt ab, wie die vergleichende Untersuchung anzulegen ist, und auf welches Erkenntnisziel hin w ir sie durchführen wollen. Denn es macht einen prinzipiellen Unterschied, ob man deskriptiv-assertorisch den Anteil bürgerlicher Gruppen und Schichten an der Errichtung und Ausgestaltung des Nationalstaates bestimmen will, oder ob man das .bürgerlich“ in - erklärter oder unerklärter - n orm ativer Absicht als Kri­ terium für die Annäherung an einen Sollwert der gesellschaftlichen Vollkommen­ heitsskala verwendet. Die Frage, w ie .bürgerlich“? w ürde dann eigentlich bedeu­ ten: „Wie .liberal“ . . . ? “ oder gar „Wie .m odern“ w ar der N ationalstaat?“ Sie w ürde in dieser Form wieder auf eine Diskurstradition verweisen, die in der für die deut­ sche und italienische Gesellschaft nach 1945 gleichermaßen kennzeichnenden Identitätskrise ihren Ursprung hatte. A m Anfang dieses Diskurses stand die alte Frage, wie es habe geschehen können, daß beide Länder vom N ormalpfad der M odernisierung abgekommen und faschistischen Diktaturen anheimgefallen seien. Das Bürgertum, zum .eigentlichen“ Kollektivsubjekt der Nationalstaats­ epoche erklärt, w urde in diesem D eutungszusam m enhang zum O bjekt einer Defizienzpathologie, bei der der Patient nur verlieren konnte. Die Diagnose lautete entweder, das Bürgertum sei aufgrund einer fatalen Ichschwäche zu feige, zu ängstlich, zu kompromißlerisch und opportunistisch gewesen, um den alten, vor­ bürgerlichen, vormodernen Eliten das Heft im Nationalstaat aus der Hand zu nehmen und die Gesellschaft dieses Staates konsequent gemäß seiner eigenen, nämlich fortschrittlichen Klasseninteressen zu gestalten. Dies war die deutsche Diagnose3. Die von der italienischen Geschichtsschreibung lange Zeit favorisierte A n tw o rt lief auf das gerade Gegenteil hinaus: Daß es zur faschistischen Devianz vom historischen Tugendweg deshalb gekommen sei, weil das Bürgertum zu eng­ herzig und zu halbherzig zugleich seinem partikularen Klasseninteresse gefolgt sei und es unterlassen habe, die unterbürgerlichen Schichten beizeiten und in ange­ 2 M a n fr e d R iedel, Bürger, Staatsbürger, B ü r g e rtu m , in: G esch ic htlich e G run dbegrif fe. H i ­ sto risches L e x ik o n zu r p olitisch -so zia le n Sprache in D eu tsc h la n d , hrsg. von Otfo B ru n n er u .a ., Bd. 1 (S tu ttgart 1972) 67 2 -7 2 5 ; R a ffa ele R om anelli, Borghesia /B ü rgertu m / B o urgeo is ie . Itin erari europei di un concetto, in: J ü r g e n Kocka (H rs g .), B o rghesie eu ro pee d e ll’ O tto c en to (V enezia 1989) 6 9 -9 4 . 3 J o h n Breuilly, T h e Elusiv e C lass. S om e R e m a rk s on the H is t o r io g r a p h y of the B o urgeoisie, in: A r c h iv für Sozialg eschich te 38 (1998) 38 5 -3 9 5 ; Lotha r Gall (H rsg.), B ü rg e r tu m un d b ü r ­ gerlich-liberale B e w e g u n g in M it te le u ro p a seit d em 18. J a h r h u n d e r t (H isto risc h e Zeitschrift, S on derh eft 17, M ü n c h e n 1997 )\J ü r g e n Kocka, O b rig k eits s ta a t u n d B ü rgerlic h ke it. Zur G e ­ schic hte des deu tschen B ü r g e r tu m s im 19. J a h r h u n d e r t, in: W olfgang H a rd tw ig , H a rm -H in rich B ran d t (H rs g .), D eu tsc h la n d s W eg in die M o d e r n e ( M ü n c h e n 1993) 107-121; J o n a th a n Sperber, Bürger, B ü rg e r t u m , b ürge rlic he Gesellschaft. Studie s of G erm a n ( U p p e r ) M id d le C la ss and its Social C u lt u r a l W o rld , in: J o u r n a l of M o d e r n H is t o r y 69 (1997) 2 7 1 -2 9 7 .

W i e . b ü r g e r l i c h ' w a r d e r N a t i o n a l s t a a t in D e u t s c h l a n d u n d I t a l i e n ?

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messener Weise (etwa durch eine große Landreform im Süden) am nationalstaatli­ chen M odernisierungsprojekt zu beteiligen und sich damit einen Verbündeten heranzuziehen gegen die in den Schützengräben der Reaktion verschanzten Feinde von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit4. Diese mehr geschichtsphilosophischen als geschichtswissenschaftlichen D eu­ tungsparadigmen gelten freilich mittlerweile in beiden Geschichtskulturen als überholt. Für Deutschland w ie für Italien hat die lebendige und ertragreiche B ür­ gertumsforschung der letzten eineinhalb Jahrzehnte gezeigt, daß es ,das‘ B ürger­ tum als eine geschlossene, sozial homogene und auf der Basis einer gemeinsamen ,Klassenlage“ zu einem klar definierten, kohärenten und handlungsleitenden bür­ gerlichen Bewußtsein gelangende Formation nicht gegeben hat. Die italienischen H istoriker haben sich daher angewöhnt, anstatt von borghesia von borghesie zu sprechen5; ihre deutschen Kollegen, denen dieser bequeme A usw eg der Pluralisierung verschlossen ist, weil „Bürgertümer“ ein sprachliches U ngetüm ergäbe, sind dazu übergegangen, die Heterogenität und innere Differenziertheit des soziokulturellen Phänomens ,Bürgertum ' mit der Rede von „bürgerlichen Gruppen und Schichten“ umschreibend zum A usdruck zu bringen. Ich brauche das hier nicht weiter zu vertiefen, die Sachlage ist bekannt, und meine Aufgabe kann auch nicht ein eingehender Vergleich der verschiedenen Formen von Bürgertum in D eutsch­ land und Italien sein - darum hat sich Marco Meriggi bereits an anderer Stelle in gehaltvoller Synthese bemüht6. Ich w erde mich auf den Versuch beschränken, auf­ zuzeigen, wiew eit es den bürgerlichen Schichten in den beiden Ländern bis zum Ersten Weltkrieg gelungen ist, den Nationalstaat nach ihren Vorstellungen zu p rä­ gen. A uch das ist wahrlich ein .weites Feld“. Ich werde mich daher auf einige wenige, mir besonders triftig erscheinende Aspekte oder Parameter von B ürger­ lichkeit konzentrieren und zu jedem einige Beobachtungen und Thesen zur D is­ kussion stellen. 1. Die nationalen Einigungsbewegungen und der bürgerliche Anteil an der N atio ­ nalstaatsgründung 2. Bürgertum/Borghesie: Binnendifferenzierung, Vergesellschaftung und H an d ­ lungsräume 3. Bürgertum und Liberalismus: Aufbau und Ausbau des Nationalstaates in Deutschland und Italien

4 G ru n d le gen d : A lberto M. Banti, S toria d ella b orgh esia italiana. L’etä libera le ( R o m a 1996); Giustino F ortim ato, La crisi d ello stato liberale e il regim e fascista ( R o m a 1996); R a ffa ele R om anelli, Po litical D ebate, Social H is t o r y and the Italian Borghesia: C h a n g in g P erspectiv es in H is torical R esearch, in: J o u r n a l of M o d e rn H is t o r y 63 (1991) 71 7-739 ; P aolo Pezzino, La borghesia italiana: profili sociali e a u to ra p p res en ta zio n i, in: Passato e Presente 15 (1997) 151— 16 L 3 M arco M e r ig g i , B o rghesie , in: D iz io n ario sto ric o d e l l’Italia unita, a cura di B ru n o B o n g i o ­ v a n n i e N icola Tranfaglia (R o m a , B ari 1996) 67 -79. 6 M arco M eriggi, Italienisches u n d deutsches B ü r g e r t u m im V ergleich, in: J ü r g e n K ocka (H rsg.), B ü r g e r t u m im 19. J a h r h u n d e r t. D eu tsc h la n d im eu ro päischen Vergleic h, Bd. 1 (M ün ch en 1988) 141-159.

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F ran z J. B au er

4. Parlamentarische Repräsentation, politische Partizipation, nationale Integra­ tion im Deutschen Kaiserreich und im Königreich Italien, Ein fünfter Komplex, welcher Gegner und Gegenwelten des Bürgertums im Span­ nungsfeld von Tradition und industrieller M oderne von der Jahrhundertwende bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs zum Gegenstand haben könnte, muß aus Zeitgründen unberücksichtigt bleiben. Einige Aspekte dieses Komplexes habe ich an anderer Stelle schon behandelt, auf die ich hier nur verweisen kann7.

1. Die nationalen Einigungsbewegungen und der bürgerliche Anteil an der N ationalstaatsgründung Ich denke, man kann, ohne ernsthaften Widerspruch gewärtigen zu müssen, fest­ stellen, daß der aktive und verantw ortliche Beitrag von bürgerlichen Elementen zur Herstellung der nationalstaatlichen Einheit in Italien per saldo größer w ar als in Deutschland. Dabei w ird keinesfalls übersehen, daß die bürgerliche Nationalbewegung vor allem in Preußen ab 1860 durchaus ein politisches Potential dar­ stellte, eine politische Kraft, von der ein zunehmender Erwartungsdruck auf das politisch-militärische ITandlungszentrum des monarchischen Staates zur H erbei­ führung einer w ie auch immer gearteten Lösung der nationalen Frage ausging. In der heute gängigen Terminologie könnte man sagen, die bürgerliche N ationalbe­ w egung generierte und dominierte einen nationalpolitischen Diskurs , dessen Le­ gitimationszwängen sich auch ein Bismarck nicht entziehen konnte. Dies galt um so mehr für die Zeit nach 1866, als der größere Teil des bürgerlichen Liberalismus in Preußen und in den süddeutschen Staaten auf die Bismarcksche Linie einge­ schwenkt w a r8. In Deutschland wie in Italien läßt sich die N ationalbewegung grob in zwei Strömungen einteilen: eine gemäßigte, liberal-konstitutionelle und eine d em o kra­ tisch-republikanische Richtung, wobei allerdings in Italien das republikanische Element mit seiner den nationalpolitischen Diskurs ideologisch stark prägenden Galionsfigur M azzini schon vor 1848 deutlich konsistenter und schärfer profiliert ist als in Deutschland. Eine spezifische Differenz von grundlegender Bedeutung besteht indes darin, daß die demokratische Strömung in Deutschland nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 auf den nationalstaatlichen Einigungspro­ 7 Franz J, Bauer, N a tio n und M o d e r n e im geein ten Italien (186 1-191 5), in: G eschic hte in W is sen schaft u n d U n ter r ic h t, Jg. 46, H e ft 1 (Ja n u a r 1995) 16—31; vgl. auch D o m e n ic o S e ttem brini, Storia d e l l’idea a ntibo rghese in Italia 1860-1989. Socie tä del benessere - L ib e r a lis m o T o talitarism o (R o m a , Bari 1991); kritisch d a zu C osta ntino Marco, L o spirito a ntibo rghese in Italia, in: C o s c ie n z a storica 3, N . 7 (1993/1) 34 -5 9 . s G r u n d le g en d D ieter L a n g ew ie sc h e , L ib era lism u s in D eu tschlan d ( F ra n k fu rt a .M . 1988); H e llm u t Seier, L ib era lism u s un d B ü r g e r tu m in M itte le u r o p a 1850-1880. F o r s c h u n g u n d L itera tu r seit 1970, in: L othar Gail (H rsg.), B ü r g e r tu m u n d b ü rge rlic h -lib era le B e w e g u n g in M itte le u ro p a seit dem 18. fahrhundert (H is to ris c h e Zeitschrift, Sonderheft 17, M ü n c h e n 1997) 131-229.

W i e . b ü r g e r l i c h “ w a r d e r N a t i o n a l s t a a t in D e u t s c h l a n d u n d I ta lie n ?

zeß sehr viel weniger Einfluß hatte als in Italien9. Dort blieb sie nicht nur als poli­ tische Kraft präsent, sondern es gelang ihr sogar, eine höchst aktive Rolle in die­ sem Prozeß zu spielen und sich mit der Eroberung des bourbonischen Südens ihren indisputablen Ehrenplatz im identitätsstiftenden G roßmythos des R isorgi­ mento zu sichern10. Zugespitzt ließe sich behaupten, Garibaldis ,Zug der Tausend“ habe die legitimatorische Basis geschaffen für die parlamentarische RegierungsÜbernahme durch die systemtragend gewordene Linke im ja h r 1876. Wenn sich also unter verschiedenen Gesichtspunkten zeigen läßt, daß im italie­ nischen Einigungswerk, anders als im deutschen, das Bürgertum nicht nur als Faktor, sondern als A kteur unmittelbar beteiligt war, so darf daraus andererseits nicht gefolgert werden, das Risorgimento sei so gut wie ausschließlich das Werk des B ürgertums gewesen. Das Bürgertum im vor-unitarischen Italien war, w ie w ir wissen, numerisch und ökonomisch recht schwach, viel schwächer jedenfalls als im Deutschland der gleichen Zeit. Dies gilt auch dann, wenn man unter ,Bürger­ tum “ nicht nur im Sinne eines eng gefaßten ökonomischen Klassenbegriffs das kapitalistisch-industrielle Wirtschaftsbürgertum, also die .Bourgeoisie“ verstehen will. Die risorgimentale Führungsschicht w ar keineswegs eine rein bürgerliche Elite, sondern ein aristokratisch-bürgerliches Amalgam. Im Lager der M oderati spielten liberale Angehörige des Adels eine maßgebliche Rolle, und entsprechend gewichtig w ar ihr Anteil am Einigungswerk. Nicht nur, daß die bürgerlichen Kräfte in Italien sehr viel aktiver und unmittelbarer für die N ationalstaatsgrün­ dung w irken konnten, ist mithin ein entscheidender Differenzpunkt gegenüber dem deutschen Fall, sondern auch und vielleicht mehr noch die Tatsache, daß der italienische Adel so viel aufgeschlossener w ar für die liberalen und nationalen Ideen als sein deutsches Pendant. Warum der italienische Adel so .bürgerlich“ war, glauben w ir zu w issen 11: 9 L eb en sw ege un d S elbstverständn is der deu tschen P a u ls k ir ch en lin k e n nach 1849 un d ihre p olitisch e N e u o r ie n tie r u n g bis hin z u r E n t w ic k lu n g alter n a tive r Strategie n u n te r V erarbei­ tun g der O h n m a c h t se rfa h r u n g w e rd e n jetzt dif feren zie rt aufgearbeitet von Christian J a n s e n , Einheit, M a c h t u n d Freih eit. Die P a u ls k irch en lin k e un d die d eu tsche Po litik in der n a c h r e ­ vo lu tion ären Epoche 1849-1867 (D ü sse ld o rf 2000). 10 H a r tm u t Ullrich , B ü r g e rtu m un d nation ale B e w e g u n g im Italien des R is o rg im en to , in: O tto D ann (H rs g .), N a tio n a lis m u s un d so zia ler W a n d e l ( H a m b u r g 1978) 129-156. Z u le tz t Sofia Basso , I li beraldem o cratici del Partito d ’A z io n e e il p rim a to della societä civile, in: N u o v a R ivista Storic a 81 (1997) 309-358 . 11 J e n s P etersen , D e r italienische A d e l von 1861 bis 1946, in: Plans-U lrich W ehler (H rsg.), E u rop äis ch er A d e l 1750-19 50 (G ö ttingen 1990) 2 4 3 - 2 5 9 ; M arco M eriggi, D er lo m b a rd o venezia nische A d e l im V orm ärz, in: A rm g a rd R e d en -D o h n a , Ralph M elville (H rsg.), D er A del an der S ch w elle des bürgerlichen Zeitalters 1780-18 60 (Stu ttgart 1988) 22 5 -2 3 6 . N eu er e U n ters u c h u n g e n z u m piem o ntesischen un d z u m toskan is ch en A del legen allerdin gs d e u t li­ che regio nale D ifferenzieru ngen nahe. So stellt A n th on y Cardoza, A risto crats in Bo urgeois Italy. T h e P ied m o n tese N o b ility, 1861-1930 (C a m b r i d g e 1997) fest, daß der pie m o ntesis che A del sich als sozial fü h re n de Schic ht auch in der 2. H ä lfte des 19. Jah r h u n d e rts b eh au ptete und sich nicht in n en n e n s w e r te m U m fa n g a uf V erb in dun gen m it den b ürge rlic h e n Eliten e i n ­ ließ. T hom as Kroll, D ie R ev o lte des Patriz iats. D er to skan isch e A d e ls lib e ra lism u s im R is o r ­ gimento ( T ü b in g en 1999) k o m m t zu Ergebnissen, die ge ra d ezu q u e r liegen zu r bisherigen Sicht d er R is o r g im e n to fo r s c h u n g auf die sem Feld. Kroll zu fo lge zielte die Po litik des toska-

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F ranz J. Bauer

- Der vergleichsweise frühere Abbau feudaler Strukturen, die in Italien ohnehin nie so geschichtsmächtig waren wie nördlich der Alpen, weil hier das große historische Erfolgsmodell des hohen Mittelalters nicht der Personenver­ bands,Staat“ war, sondern die patrizisch geführte Stadtrepublik; von daher die größere Nähe des Adels zur städtischen Welt, neben der ein selbstgenügsamer Ruralismus keine tragfähige Identitätsbasis war. Überhaupt w ar die italienische Gesellschaftsstruktur .urbaner“ als die deutsche. - Die nachhaltige Delegitim ierung aristokratischer Standesprivilegien durch die napoleonische Modernisierungspolitik. - Schließlich die Tatsache, daß zumindest der norditalienische Adel angesichts der strukturellen Rückständigkeit des Landes in der ersten Hälfte des 19. Ja h r ­ hunderts seiner Elitenfunktion nur durch die R ezeption ausländischer, in erster Linie englischer, in zweiter Linie französischer, in jedem Falle aber ,liberaler“ Modernisierungsstrategien gerecht werden konnte. - Ein weiterer Aspekt, der aber genaugenommen in den Zusammenhang unseres zweiten Komplexes gehört, ist, daß auch die nichtadeligen Vertreter der N otabelnschicht in Italien die sicherste Fundierung ihrer ökonomischen und sozia­ len Existenz im Landbesitz sahen, was die Vergesellschaftung adeliger und .bür­ gerlicher“ Elemente offensichtlich erleichtert hat.

2. Bürgertum/Borghesie: Binnendifferenzierung, Vergesellschaftung und Handlungsräum e Ich habe nun doch immer wieder, entgegen den eingangs geäußerten Vorbehalten, von ,d em “ Bürgertum im Kollektivsingular gesprochen. Es ist daher an der Zeit, daß w ir uns die Binnendifferenzierung dieser groben Kategorie etwas genauer ansehen, ehe w ir dann versuchen, das relative Gewicht und die Gestaltungskraft der bürgerlichen Gruppen im deutschen und italienischen Nationalstaat vergleichend zu bestimmen. Dabei gehen w ir ganz allgemein davon aus, daß das Bürgertum die middle classes zwischen dem Adel und den ländlichen und städtischen U nter­ schichten umfaßt, mit mehr oder m inder breiten Zonen des Übergangs nach oben w ie nach unten. Konsensfähig dürfte für beide Vergleichsgesellschaften sein, daß die Angehörigen dieser gedachten Gesamtkonfiguration - alternativ oder k u m u ­ lativ - durch die M erkm ale von .Besitz und B ildung“ zu charakterisieren sind; oder w ie Ruggiero Bonghi - vielzitiert - sagte, es handelt sich um quelli che hanno e sanno. nischen P atriz ia ts im m o d e r a t i s m o „auf eine k o n stitutio n elle N e u b e g r ü n d u n g der A d e ls h e r r ­ schaft, nicht aber auf die Schaffung eines N a tio n a ls ta a te s “ (393). W enn die toskan is ch en m o ­ derato sch ließli ch doch das nation ale E in ig u n g s p ro g r a m m a dop tierten, so taten sie es unter d em D r u c k d er n a t io n a lu n ita ris ch -d em o k ra tis ch en A k tio n s p a rtei. D ie nation alp o li tische Strategie des toskan isch en A dels w ä re m ithin in er ster L in ie fu nk tion al un d in stru m enteil im S in ne s e k u n d ä r e r S tandesdefensio n zu in terpretie ren.

W i e . b ü r g e r l i c h “ w a r d e r N a t i o n a l s t a a t in D e u t s c h l a n d u n d I t a l i e n ?

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Nach der A rt der materiellen Güter, deren Besitz den Bürger machen, bestehen im 19. Jahrhundert erhebliche Unterschiede zwischen Deutschland und Italien. Eines der wichtigsten Ergebnisse der italienischen Bürgertumsforschung der letz­ ten Jahre w ar es, die enge Bindung des italienischen Bürgertums an Landbesitz aufgewiesen zu haben. Für ein Land, dessen industrieller take o ff erst für das Ende des 19. Jahrhunderts angesetzt wird und dessen gewerblicher Sektor bis dahin nur in insulär-punktuellen Kernen existierte, ist das an sich nicht verwunderlich. Aber es bedurfte des differenzierten empirischen Aufweises dieses elementaren Sach­ verhalts durch sozialgeschichtliche Untersuchungen, um die ideologisch begrün­ dete Persistenz des Dogmas zu brechen, daß ,B ürgertum “ wesentlich und eigent­ lich nur die Kapitalistenklasse des Industriezeitalters sein könne. Eine industrie­ kapitalistische Bourgeoisie aber w ar in Italien auch am Ende des 19. Jahrhunderts erst im Entstehen begriffen, wohingegen sie in Preußen - nicht zuletzt die Ergeb­ nisse des plutokratischen Dreiklassenwahlrechts weisen es aus - schon seit den 1860er Jahren durchaus mit eigener Klassenphysiognomie identifizierbar war. Demnach versteht es sich von selbst, daß sie nicht der historische Protagonist des Risorgim ento gewesen sein kann, dessen Interpretation als bürgerliche Revolu­ tion zur Fierstellung eines nationalen Marktes damit ebenfalls relativiert worden ist. Daß noch für die längste Zeit des 19. Jahrhunderts das ökonomisch-soziale Fundament der italienischen Geseilschaftselite im Besitz von Grund und Boden bestand, könnte im übrigen auch die vergleichsweise größere Nähe und Permea­ bilität zwischen Adel und .B ürgertum “ in Italien m iterklären12. Wie sieht es auf der anderen Seite aus, bei denen, die kraft ihres F unktionsw is­ sens und ihrer Bildung als Bürger gelten können? H ier scheint ein kennzeichnen­ der Unterschied zwischen der deutschen und der italienischen Gesellschaft darin zu liegen, daß für Deutschland die Kategorie eines .Bildungsbürgertum s“ ange­ nommen werden kann, das seine Alimentation schon im Dienst der vor-unitarischen Staaten fand. Als Bürokratie des monarchischen Staates entfaltete es dort bereits eine beachtliche M odernisierungsleistung und genoß - wenn auch nicht gerade beim traditionellen städtischen Flandelsbürgertum - ein hohes gesell­ schaftliches Prestige. In Italien hingegen hat die Beamtenschaft, wenn ich recht sehe, w eder ihrem Status noch ihrem Selbstverständnis nach jene innere Geschlos­ senheit und A utonom ie erlangt, die in Deutschland ihren Anspruch legitimierte, im Hegelschen Sinne der unabhängige Stand zu sein, dem es zukam, das allge­ meine mit dem besonderen, das staatliche mit dem bürgerlichen Interesse zu ver­ mitteln. Die Bürokratie des liberalen Italien bildete, w ie Meriggi festgestellt hat, „eine extrem flexible, aber unbeständige Organisation, in der sich wechselnde par­ lamentarische Mehrheitsverhältnisse spiegelten“ - eine für das Deutsche Kaiser­

12 A u s fü h rlich h ierzu Banti, Storia (w ie A n m . 4) Kap. IV, 6 5 - 9 7 („Po ssedere la t e r ra “); ders., Terra e d en aro . U n a b orgh esia p adan a d e ll’O t to c en to (Venezia 1989). F ü r ein lo kale s Beispiel vgl. R o b e r t o Balzani, P e te r H e rtn e r (a cura di), U n a b orgh esia di Pro vincia. Possidenti, im p ren ditori e a m m in is tra to ri a Forh' fra O t to c en to e N o v ecento ( B o lo g n a 1998).

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reich ganz fernliegende Vorstellung13. (W ir werden darauf später noch einmal z u ­ rückzukom m en haben.) Für Italien läßt sich die Schicht derer, die kraft ihres .Wissens“ politisch hand­ lungsberechtigte Bürger waren, angemessener mit der Kategorie der professionisti erfassen14. Den Exponenten der Freien Berufe gelang es nach der nationalstaatli­ chen Einigung in zunehmendem Maße, den Staat, w ie man gesagt hat, zu „er­ obern“, oder, wie ich eher sagen würde, den um tanschen Staat als großes, säkula­ res Modernisierungsprojekt recht eigentlich erst zu schaffen. W ährend für Italien wohl gilt, daß diese professionelle Funktionselite - m erster Linie die avvocati die risorgimentale Elite aus adeligem und bürgerlichem Landbesitz aus ihrer ge­ sellschaftlichen und politischen Führungsposition und von ihrem ersten Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie verdrängen konnte, würde ich für das Deutsche Kaiserreich eher die These einer relativen Deklassierung des klassischen B ildungs­ bürgertums vertreten. Lagen die Einkommen aus gehobener Tätigkeit im Staats­ dienst und die Einkommen aus Handel und Gewerbe bzw. frühindustriellen A k ­ tivitäten im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts noch einigermaßen nahe beieinan­ der, so öffnete sich im Zuge der H ochindustrialisierung nach 1860/1870 hier eine Schere. U ber die Mechanismen des preußischen Dreiklassenwahlrechts führte dies zu der geradezu grotesk anmutenden Situation, daß die Reichskanzler Caprivi und B ülow ebenso w ie etliche preußische M inister in der dritten Klasse wählten, während ein Berliner Wurstfabrikant allein die beiden Wahlmänner sei­ nes U rwahlbezirks ernennen konnte. Angesichts der wachsenden D iskrepanz der materiellen Möglichkeiten w urde es für die .Bildungsbürger“ im Kaiserreich im ­ mer schwieriger, ihren einstigen Prestigeprimat zu behaupten, weil sie mit den sich herausbildenden großbürgerlichen Lebensstilen nicht mehr mithalten konn­ ten. Die Gemeinsamkeit der bildungs- und wirtschaftsbürgerlichen Verkehrs­ kreise (oder M ilieus) als Basis einer gesamtbürgerlichen Vergesellschaftung löste sich im späten Kaiserreich tendenziell auf. Politisch fand diese Erosions- und Des­ integrationstendenz ihren A usdruck einerseits in der Zersplitterung und Schwä­ chung des linksliberalen Parteiensegments und andererseits im Aufkom m en diffu­ ser antimodernistischer und kultur- oder zivilisationskritischer Ideologien, in denen sich das Unbehagen an den sozialen Folgen der fortschreitenden Industria­ lisierung und der am H orizont heraufziehenden Massengesellschaft manife­ stierte15.

13 Marco Meriggi , D eu tsch es un d italien isch es B ü rg ertu m im V ergleich, in: Jürgen Kocka (H rsg .), B ü rg ertu m im 19. Ja h rh u n d e rt. D eu tsch lan d im eu ro p äisch en V ergleich , B d. 1 (M ü n ch en 1988) 14 1 -1 5 9 , h ier 148; z u le tz t A rp ad v. Klimö, S taat un d K lien tel im 19. J a h r ­ h u n d ert. A d m in istra tiv e E liten in Italien u n d P reu ß en im V ergleich (K ö ln 1997). 1-1 M aria Malates ta (H rs g .), S o c ie ty and P ro fessio n s in Ita ly 18 50-19 14 (C a m b rid g e 1995). 13 Hans Mommsen, D ie A u flö su n g des B ü rgertu m s seit dem späten 19. Ja h rh u n d e rt, in: J ü r ­ gen Kocka (H rsg .), B ü rg e r un d B ü rg e rlic h k e it im 19. Ja h rh u n d e rt (G ö ttin gen 1987) 2 8 8 -3 1 5 ; K a rl Heinrich Pohl, L ib era lism u s un d B ü rg ertu m 18 80-19 18, in : Lothar G ail (H rs g .), B ü r­ gertu m un d b ü rg e rlic h -lib e ra le B e w eg u n g in M itte le u ro p a seit dem 18. Ja h rh u n d e rt (H is to ­ risch e Z e itsch rift, S o n d erh eft 17, M ün ch en 1997) 2 3 1 -2 9 1 , B eisp iele auch bei Franz J. Bauer,

W ie ,b ü rg e rlic h “ w a r d er N a tio n a ls ta a t in D eu tsc h la n d u n d Italien?

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3. Bürgertum und Liberalismus: Aufbau und Ausbau des Nationalstaates in Deutschland und Italien Im dritten Abschnitt unserer Skizze wenden w ir uns nun der Kernfrage nach der Rolle von Bürgertum und Liberalismus beim Auf- und Ausbau des Nationalstaa­ tes zu. Die gängigen Geschichtsbilder lassen hier eine deutliche A sym m etrie des Befundes zugunsten Italiens erwarten. Nicht umsonst charakterisiert die allge­ mein akzeptierte Epochenbezeichnung das geeinte Italien bis 1922 geradezu als Italia liberale , während eine vergleichbare Zuschreibung für das Deutsche Kaiser­ reich wohl keinem H istoriker in den Sinn kommen würde. Bei genauerer Analyse zeigt sich freilich auch hier, daß die Dinge ganz so einfach und eindeutig nicht liegen. M an könnte che Liste der Faktoren, die einer unverfälscht bürgerlich-liberalen Prägung des politischen Systems des Kaiserreichs entgegenstanden, mit der Figur des ersten Reichskanzlers beginnen, ohne sich einer unangemessen personalistischen Geschichtsauffassung schuldig zu machen. M an kann sich dabei sogar auf Max Weber berufen, der noch im Jahre 1918 in einer bitteren Bilanz über die „Erbschaft Bismarcks“ feststellte, dieser habe mit dem charismatischen, ja nachge­ rade mythischen Prestige des genialen Reichsgründers und der Skrupellosigkeit seiner Herrschaftstechnik die Entwicklung des Kaiserreichs zu einem reprä­ sentativ-parlamentarischen, bürgerlich-liberalen Verfassungsstaat monolithisch blockiert16. Die ältere Geschichtsschreibung - beginnend mit Treitschke17 - hat immer w ie­ der Gefallen daran gefunden, die Parallelität der historischen Rollen der Gründer­ figuren Bismarck und Cavour zu betonen. Die vergleichende A nalyse fördert hier allerdings viel mehr grundlegende Differenzen zutage. Cavour war kein B ürgerli­ cher, aber ein überzeugter Verfechter des klassischen liberalen Programms. Bis­ marck w ar weder das eine noch das andere, weder bürgerlich noch liberal - im Ge­ genteil. Immerhin hat er die unentrinnbare Geschichtsmächtigkeit der liberalen und nationalen Ideen für seine Epoche erkannt und ihr in seinem politischen H an ­ deln Rechnung getragen; er hat sie für seine Zwecke benützt, aber zu keiner Zeit adoptiert. Eine der Position Bismarcks vergleichbare M onopolstellung der Macht hat Cavour nie besessen, weder realpolitisch noch im kollektiven Konsenshaus­ halt der Nation. A uch das Kontingenzfaktum des frühen Todes Cavours spielt hier eine Rolle, wenn auch nicht ausschlaggebend, während Bismarcks Schatten fast drei Jahrzehnte lang über der Reichspolitik lag. B ü rg erw e g e un d B ü rg erw e lten . F am ilien b io g rap h isch e U n tersu c h u n g e n zum d eu tsch en B ü rgertu m im 19. J a h rh u n d e rt (G ö ttin g e n 1991) 28 9 -2 9 3 . 16 Max Weber, P arlam e n t un d R eg ieru n g im n eu g eo rd n eten D eu tsch lan d . Z u r p o litisch en K ritik des B eam ten tu m s un d P arte iw ese n s, in: d e n ., Z u r P o litik im W eltk rie g . S ch riften und R eden 1918, h rsg. von W olfgan g J. M o m m s e n (M W G 1/15, T ü b in g e n 1984) 4 2 1 -5 9 6 , h ier 43 7 -4 5 0 . 17 H einrich v. Treitschke , C av o u r, in: ders., H isto risc h e un d p o litisch e A u fsätze, B d. 2 (L e ip ­ zig M 913) 2 4 2 -4 0 2 .

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Ein strukturelles Hindernis für eine durchgreifende Verbürgerlichung des deut­ schen Nationalstaats stellte ohne Zweifel auch die Armee dar. Im Bewußtsein der Deutschen - ob sie nun der kleindeutsch-preußischen Nationalstaatslösung posi­ tiv, skeptisch oder distanziert gegenüberstanden - blieb die Reichsgründung das gemeinsame Werk Bismarcks, der preußischen Monarchie und des preußischen Generalstabs. Die Tatsache, daß die staatliche Einigung durch drei militärische Siege erzwungen wurde, hat die weitgehende Exemption des Militärs aus dem Verfassungssystem zu einem erheblichen Grad ermöglicht. Damit blieb die Armee auch als institutionelles Reservat des preußischen Adels sakrosankt18. In Italien hingegen waren die Custozzas und Lissas schwerlich geeignet, eine legitimatorische Basis für die extrakonstitutionelle Verselbständigung des militärischen F ak­ tors zu schaffen19. Sehen w ir uns schließlich noch die Rolle des Monarchen und die Stellung der Monarchie daraufhin an, w iew eit sie einer bürgerlichen Aneignung des nationalen Staates entgegenstanden. Die Hohenzollerndynastie behielt neben der - zunächst nicht ohne Vorbehalte angenommenen - Kaiserwürde ihr historisch hochgradig prestigegeladenes preußisches Königtum, und sie bewahrte sich auch, gegen alle Eventualität von Parlamentarisierungstendenzen der Reichsverfassung nachhaltig immunisiert, ihren angestammten Herrschaftsraum Preußen, der bekanntlich allein schon für drei Fünftel des Reichsgebiets stand. U nd sie behielt mit Berlin den traditionellen Raum ihrer symbolischen Machtpräsenz und Prachtentfaltung, wo das Reich sich mit der Erfindung einer eigenen Symbolsprache - man denke an den späten Bau eines eigenen Reichstages20 - immer schwertat, während das sabaudische Königtum seine eigene Residenzstadt verlassen und von einer H aup t­ stadt zur nächsten ziehen mußte, bis es dann 1870 in R om eher scheu und unwillig ins monumentale Gehäuse einstiger imperialer und päpstlicher Größe kroch. Ge­ wiß lassen sich auch für das Hohenzollernreich Tendenzen ausmachen, die deut­ sche K aiserwürde im Sinne Treitschkes und später Friedrich Naumanns zu einem in seinem Sym bolw ert eigenständigen, genuin nationalen Reichskaisertum zu ent­ wickeln. A ber trotz allem Aufwand, den Wilhelm II. betrieben hat, um seinen Großvater als ,W ilhelm den G roßen“ gegen die übermächtige Identifikationsfigur Bismarcks als Reichsgründer und Vater des Vaterlandes im Denkmals- und B e­ wußtseinsraum der Deutschen zu etablieren, hat doch Wilhelm I. und mit ihm seine D ynastie nie die zentrale Funktion als nationale Integrationsfigur erlangt, die Vittorio Emanuele II. und der Casa sabauda von D estra w ie Sinistra gleicher­ maßen konsequent zugeschrieben w urde21. 18 Zu D eu tsc h lan d zu sam m en fassen d un d ab w äg en d Thomas Nipperdey, D eu tsch e G e­ sch ich te 1866-19 18, B d. 2, 201 ff. 19 Joh n Gooch, E sercito , stato e so cietä in Italia 18 70-19 15 (M ila n o 1994); E sercito e citta d a ll’u n itä agli an n i tren ta, Bd. 1 un d 2 (R o m a 1989). 20 G erhard A. R itter, D er B e rlin er R eich stag in d e r p o litisch en K u ltu r d er K aiserzeit (= H u m b o ld t-U n iv e rs itä t zu B erlin . Ö ffen tlic h e V orlesun gen 102, B erlin 1999). 21 Wolfgang H ardtw ig, B ü rg ertu m , S ta atssy m b o lik un d S ta atsb e w u ß tsein im D eu tschen K aiserreich 1 8 71-19 14, in: G esch ichte u n d G esellsch aft 16 (1990) 2 6 9 -2 9 5 ; Wolfgang H ardt-

W ie .b ü rg e r lic h “ w a r der N a tio n a ls ta a t in D eu tsc h la n d un d Italien?

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O bwohl es also in den staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen Deutschlands mehr und massivere Traditionsbestände des Ancien Regim e gab, die einer umfassenden Inbesitznahme des Nationalstaates durch das liberale Bürger­ tum entgegenstanden, kann doch andererseits kein Zweifel bestehen, daß das Bismarcksche Reich von der uneingeschränkten Zustimmung des größten Teils der besitz- und bildungsbürgerlichen Eliten getragen war. War es auch nicht durch diese Eliten selbstverantwortlich begründet worden, so entsprach es doch natio­ nal- wie verfassungspolitisch im wesentlichen deren langgehegten Wünschen und Zielvorstellungen2-. U nd zumindest bis 1878 war das nationale und liberale B ür­ gertum über seine Vertretung im Reichstag auch unmittelbar und maßgeblich an der inneren Ausgestaltung des neuen Reiches nach liberalen Prinzipien beteiligt, weil Bismarcks Gesetzesprojekte den liberalen Zeitgeist aufnahmen. Daß der unitarische italienische Nationalstaat, den die M oderati schufen und die Destra dann in sechzehn Jahren parlamentarischer Regierung ausbaute, eben­ falls diesem Zeitgeist entsprach, liegt auf der Hand. Gleichwohl w ird man, den adelig-bürgerlichen Am algam charakter der risorgimentalen Führungsgruppen in Rechnung stellend, nicht stricto sensu von einem Staat des Bürgertums sprechen können. Vielmehr haben w ir hier ein bürgerliches Projekt av a n t la lettre vor uns, das Werk einer modernisierenden Elite, die es sich zur Aufgabe machte, nach den Prinzipien des westeuropäischen Liberalismus das staatlich-institutionelle Ge­ bäude für eine bürgerliche Gesellschaft zu errichten, die es als solche erst zu schaf­ fen galt. Nach soziologischen Kriterien einen Entwicklungsschritt zu einem Staat des Bürgertums, nicht nur fü r das Bürgertum, machte das Königreich dann unter der parlamentarischen Ägide der Sinistra, in der die großbürgerlich-adelige Notabelnschicht der proprietari durch eine mittel- und kleinbürgerliche borghesia umanistica mit engerem (süd)italienisch-provinziellem Erfahrungshorizont abge­ löst w urde23. Daß diese Entwicklung aber nicht den Charakter eines antagonisti­ schen Konflikts zwischen konkurrierenden Klassen hatte, zeigte sich in der Phase des Trasformismo, als sich aus den in engerem Sinne bürgerlichen Elementen bei­ der Lager ein breites bürgerliches Zentrum zur Defensivunion formierte. Erst jetzt trat im übrigen Italien eine Phase ein, in welcher der liberale Staat durch seine Infrastrukturmaßnahmen, seine Zoll- und Wirtschafts- und nicht zuletzt durch wig, Von P reuß en s A u fg ab e in D eu tsch lan d zu D eu tsch lan d s A u fg ab e in d er W elt. L ib e ra lis­ m us un d b o ru ssian isch es G esch ich tsb ild zw isch en R ev o lu tio n un d Im p e ria lism u s, in: ders., G esch ic h tsk u ltu r u n d W issen sch aft (M ü n ch en 1990) 10 3-160 ; [Maro Palla], L a m on arch ia n ella S to ria d ’ Italia. In terven ti di L ev ra, M a zzo n is, R o m an c lli, in: P assato e P resen te 16, N . 44 (1998) 1 5 -3 9 \Franz J. Bauer, R o m a C a p itale . G esch ich tsv erstän d n is und S ta atssy m b o ­ lik in d er H au p tsta d t Italien s (1870 b is 1940), in: H elm ut Engel, Wolfgang Ribbe (H rsg .), Via triu m p h a lis. G esch ich tslan d sch aft „ U n te r den L in d en “ zw isc h e n F rie d ric h -D e n k m a l un d S ch lo ß b rü ck e (B erlin 1997) 159-180. 22 L othar Gail, B ü rg ertu m , lib e rale B e w eg u n g , N atio n . A u sg e w ä h lte A u fsätze (M ü n ch en 1996). 23 H artm ut Ullrich, D er ita lien isch e L ib era lism u s von d e r N a tio n a lsta a tsg rü n d u n g bis zum E rsten W e ltk rie g , in : D ieter Langewiesche (H rsg .), L ib eralism u s im 19. Ja h rh u n d e rt. D eu tsch lan d im eu ro p äisc h e n V ergleich (G ö ttin gen 1988) 3 7 8 -4 1 4 , h ier 388.

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Franz J. B au er

seine Rüstungspolitik das Aufkommen eines industriekapitalistischen W irt­ schaftsbürgertums förderte24. Demgegenüber hatte Bismarcks Politik bereits in der Konfliktzeit, und a fo rtio ri dann nach 1866 bzw. 1871, ganz entschieden die Interessen jener Bourgeoisie berücksichtigt und bedient, welche die H ochindu­ strialisierung trug und mit deren Fortschreiten immer mehr an Gewicht gewann.

4. Parlamentarische Repräsentation, politische Partizipation, nationale Integration im Deutschen Kaiserreich und im Königreich Italien Die Frage nach der .Bürgerlichkeit“ eines Staatswesens oder einer politisch-gesell­ schaftlichen O rdnung hat, auf das 19. Jahrhundert bezogen, ihren Fluchtpunkt immer in den Problemen der Repräsentation, Partizipation und Integration. Die­ sen Aspekten will ich mich nun zum Abschluß noch zuwenden. Fulvio Cam m arano hat hervorgehoben, daß die herrschenden Eliten des liberalen Italien sich in ein Spannungsfeld zwischen zwei alternativen Strategien gestellt sahen: die .N a­ tionalisierung der Po litik“, womit die nationale Integration der Gesamtgesell­ schaft im neuen Einheitsstaat gemeint ist, und die .Politisierung der N ation “, also die Eröffnung politischer PartizipationsmögJichkeiten fü r prinzipiell alle A n ge­ hörigen der N ation; denn es macht geradezu die Essenz der nationalen Idee aus, daß es vor ihr keine Unterschiede ständischer Berechtigung mehr geben kann. Weil diese beiden Alternativen in den A ugen der liberalen Politikerklasse der Italia unita einander auszuschließen schienen, spricht Fulvio Cam m arano von einem D ilemma, einer Zwangslage25. N un w ird man in der Tat davon auszugehen haben, daß sich das Integrations­ problem für den italienischen Nationalstaat sehr viel schärfer stellte als für den deutschen. Die Gründer des Deutschen Reiches hatten nach dem großen Nationalisierungs- und Politisierungsschub durch das Nationalparlament und sein Ver­ fassungsprojekt von 1848/49 spätestens seit Beginn der 1860er Jahre eine mental bereits weitgehend vorgebildete Nation vor sich, und die schon annähernd totale Alphabetisierung der deutschen Bevölkerung gab prinzipiell allen Deutschen die M öglichkeit zu einer zumindest passiven Teilnahme am nationalen Diskurs26. In

24 R affaele Romanelli, II co m an d o im p o ssib ile. S tato e so eietä n e ll’ Italia lib e ra le (B o lo g n a 1993); Guido Pescosolido, U n ita n az io n ale e sv ilu p p o eco n o m ico 1850-1913 (R o m a, B ari 1998); Franklin H. A d ler , Italian In d u strialists fro m L ib era lism to F ascism . T h e P o litica l D evelo p m en t o f the In d u stria l B o u rg e o isie, 19 06-19 34 (C a m b rid g e 1995). 25 Fulvio C am m arano, N a z io n a liz z a z io n e d ella p o litic a e p o litic iz z a z io n e d ella n azio n e. I d ilem m i d ella classe d irig en te n e ll’ Italia lib erale, in: Marco Meriggi, Pierangelo Schiera (a cu ra d i), D alla cittä alia n azio n e. B o rgh esie o tto cen tesch e in Italia e in G erm an ia (B o lo g n a 1993) 139-163. 26 Z u sam m en fassen d O tto D ann, N atio n und N atio n a lism u s in D eu tsch lan d 17 70-19 90 (M ü n ch en 1993).

W ie .b ü r g e r lic h “ w a r der N a tio n a lsta a t in D eu tschla n d u n d Italien?

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Italien dagegen machte die exorbitant hohe Analphabetcnquote den politischen Führern des neuen Staates imperativ und ganz wörtlich die , Bildung' der Nation zur ersten A ufgabe27. Gerade in Anbetracht der relativen Rückständigkeit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse Italiens nimmt es sich zunächst um so bemerkens­ werter aus, daß der italienische Nationalstaat mit einer vergleichsweise fortschritt­ lichen Verfassungsform ausgestattet war. Dieses Urteil bezieht sich in erster Linie auf die Tatsache, daß der Konstitutionalismus des piemontesischen Statuto sich bereits in der Verfassungspraxis der 1850er Jahre zur parlamentarischen M o n ar­ chie entwickelt hatte. Damit verlagerte sich in einem für das Deutsche Kaiserreich kaum vorstellbaren M aße die politische Entscheidungs- und Gestaltungskompe­ tenz von der Monarchie zu den im Parlament dominierenden liberalen Eliten, die w ir zumal nach 1876 als genuin bürgerliche Eliten identifizieren können. Unter diesem Gesichtspunkt war demnach das politische System des Königreichs Italien in sehr viel stärkerem Maße bürgerlich geprägt als dasjenige des Deutschen Kai­ serreichs28. Da indes, wie w ir gesehen hatten, der italienische Nationalstaat als M odernisie­ rungsprojekt einer schmalen liberal-demokratischen Avantgarde an der breiten, kirchlich gebundenen Bevölkerungsmehrheit vorbei - wenn nicht gar gegen sie ins Werk gesetzt worden war, ergab sich gerade aus der institutioneilen Stärke des Parlaments in bezeichnender Dialektik ein strukturelles Hemmnis für die innere M odernisierung der politischen Verfassung. Angesichts ihrer minoritären Posi­ tion in der italienischen Gesellschaft mußte die regierende Elite befürchten, bei einer breiteren Beteiligung der in Fundamentalopposition verharrenden katholi­ schen Massen29 an der parlamentarischen Willensbildung ihr politisches Gestal­ tungsmonopol zu verlieren und möglicherweise sogar den liberalen und unitari­ schen Nationalstaat in seinem Bestand zu gefährden. Die logische Konsequenz daraus w ar die strikte Beschränkung der politischen Partizipation. Das Wahlrecht, das mit Zensus und Kapazitätskriterien bis zur Reform von 1882 die Q uote der Partizipationsberechtigten auf magere zwei Prozent der Gesamtbevölkerung be­ schränkte, trug diesem liberalen Wagenburgkomplex ebenso Rechnung wie die einigermaßen künstliche Festschreibung eines altliberalen Notabelnmodells poli­ tischer Mediation, das keine Parteien kennen wollte und darauf beharrte, daß das 27 Umberto L e w a , F are gli ita lia n i. M e m o ria e celeb razio n e del R iso rg im en to (T orino 1992); Simonetta Soldani, G abriele Turi (a cu ra d i), F are gli ita lia n i. S cu o la e cu ltu ra n c ll’ Italia contem p o ran ea, 2 Bde. (B o lo g n a 1993); lla ria Porciani, La festa d e lla n azio n e. R ap p resen tazio n e d ello stato e sp azi so c iali n e ll’ Italia u n ita (B o lo g n a 1997); Christopher Duggan, F rancesco C risp i, .p o litical e d u ca tio n ' and the p ro b lem o f Italian n atio n al co n scio u sn ess, in: Jo u rn a l of M o dern Italian S tu d ie s 2, n. 2 (1997) 141-166. 28 Ullrich, D er ita lien isch e L ib e ra lism u s (w ie A nm . 23) 378 f.; den., T h e Statuto Albertm o, in: Iio rst Dippel (H rsg .), E x ecu tiv e and L eg islativ e P o w ers in th e C o n stitu tio n s o f 1848-49 (B erlin 1999) 12 9-161 ; Um berto Baldocehi, Berto Corbellini A ndreotti (a cu ra d i), S u d d iti e cittad in i. P er un o stu d io d ella sto ria co stitu z io n ale ita lian a (M a n d u ria 1997). 29 Z u sam m en fassen d je tz t Guido Formigoni, L’Italia dei ca tto lic i: fede e n az io n e d a l R is o rg i­ m en to alla R ep u b b lica (B o lo g n a 1998).

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als interesselos postulierte Individuum ohne Zwischenagenturen direkt aus sei­ nem lokalen Klientelmilieu heraus im nationalen Parlament repräsentiert sein solle30. Wie Cam m arano in seiner scharfsinnigen A nalyse gezeigt hat, bestand das Dilemma der liberalen Elite darin, daß sie eben jene politische Partizipation nicht glaubte gewähren zu können, die andererseits die Voraussetzung w ar für erfolg­ reiche nationale Integration. Dieses Dilemma bedeutete auch, daß das liberale Ita­ lien zw ar in einem ganz substantiellen Sinne .bürgerlich“ war - und in der Tat sehr viel bürgerlicher als das Deutsche Kaiserreich. In eben dieser Bürgerlichkeit lag aber auch ein strukturelles Integrations- und Inklusionshindernis begründet, w el­ ches die demokratische Legitimation der liberalen Herrschaft und des liberalen Systems im beschleunigenden Wandel der beginnenden Industrialisierung immer prekärer erscheinen ließ. M it anderen Worten: Eben weil das liberale Italien .bür­ gerlicher“ w ar als das Deutsche Kaiserreich, zog es der politischen Partizipation unter- oder antibürgerlicher Schichten sehr viel engere Grenzen als dieses. Erst unter Giolitti w urde dann der Versuch gewagt, der .belagerten Zitadelle“ des bür­ gerlich-liberalen Elitensystems durch die Flucht in die Zukunft demokratischer Massenrepräsentation und -partizipation zu entrinnen31. Ich schließe mit einem knappen Fazit des skizzierten Vergleichs: Wenn die mangelnde politische Dominanz des Bürgertums als spezifische Schwä­ che des Deutschen Kaiserreichs erscheint, so lag die Schwäche des liberalen Italien gerade in der exkludent bürgerlichen Klassenprägung seines politischen Systems. Der italienische Nationalstaat war in diesem Sinne .bürgerlicher“ als der deutsche, dieser dafür in vielen anderen Hinsichten .m oderner“. Welches der .bessere“ Weg war, ist nicht zu entscheiden. Die Geschichte läßt uns hier, wie so oft, ratlos. Vor der Aufgabe, demokratieverträgliche Formen nationaler Integration und politi­ scher Partizipation für die industrielle Massengesellschaft zu entwickeln, haben schließlich beide Systeme gleichermaßen versagt.

30 H a rtm u t Ullrich, S istem i ele tto ra li e sistem a p o litico d a lla rifo rm a d el 1882 alia crisi d i fine secolo, in : P ier Luigi Ballani (a cu ra d i), Idee di ra p p re se n ta n z a e sistem i ele tto rali tra O tto e N o v ecen to (V en ezia 1997) 6 1 -1 3 8 ; fern er d er Ü b e rb lic k b ei E mma Maria, L a „D em o crazia d en tro e fu o ri il p arla m e n to “ a fine o tto cen to , in: S tu d i sto ric i 37 (1996) 1083-1153. 31 C a m m a ra n o, N a z io n a liz z a z io n e (w ie A nm . 25) 143 f., 150, 155; um fassen d je tz t S andro R ogari, A lle o rig in i del trasfo rm ism o : p a rtiti e sistem a p o litico d e ll’ Ita lia lib e rale 1861-1914 (R o m a 1998).

Fabio Rugge

Die Gemeinde zwischen Bürger und Staat"' I. Ich möchte zunächst einige der üblichen - und z w ar in diesem Fall vier ganz kurze - Bemerkungen vorausschicken. Erstens umfaßt mein Beitrag nicht den ganzen Zeitraum, dem diese Tagung gewidmet ist, sondern er reicht nur bis zum A us­ bruch des Zweiten Weltkriegs, wobei ich allerdings einige Ausblicke auf die Zeit nach dem Ende der autoritären Regim e in den beiden zu betrachtenden Ländern geben werde. Zweitens werde ich nicht Italien und Deutschland, sondern Italien und Preußen einander gegenüberstellen, jedenfalls solange man Preußen von Deutschland getrennt betrachten kann. Schon unter diesen Prämissen erscheint ein Vergleich ziemlich kompliziert, aber für mich jedenfalls wäre die Aufgabe unüberschaubar geworden, wenn ich auch andere Gebiete Deutschlands und da­ mit eine noch größere Zahl von Variablen hätte mit einbeziehen müssen. Drittens wird mein Vergleich nur städtische und nicht ländliche Gemeinden berücksichti­ gen, eine Unterscheidung, die ihrerseits Gegenstand der Betrachtung sein wird. Viertens werde ich keine A nalyse von Charakter und Entwicklung der Gemeinde­ ordnung in Preußen und Italien anstellen. Da ich davon ausgehen kann, daß sie in ihren G rundzügen, soweit sie hier in Betracht kommen, bekannt sind, werde ich direkt auf einige Kennzeichen zu sprechen kommen, die für den Vergleich, um den es geht, besonders interessant sind.

II. Als erste Frage möchte ich untersuchen, inwiefern und inwieweit die geltenden Normen für die Gemeinden in Italien und Preußen übereinstimmen oder sich unterscheiden. D er Unterschied ist beeindruckend groß. M it dem Gesetz von 1865 w urde in Italien das Gemeindewesen vereinheitlicht, wobei noch einige R e­ ste der Regelungen aus der Zeit vor der Einigung bestehen blieben, die aber im Rahmen der herrschenden Uniformität bedeutungslos waren. In Preußen dagegen

A us dem Italie n isch en ü b erse tz t von F ried e rik e H au sm an n .

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Fab io R u gg e

war das Gemeindewesen durch unterschiedliche Gesetze auf Provinzebene gere­ gelt. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts existierten nicht weniger als zehn O rd ­ nungen auf Provinzebene. Als Johannes M iquel im Jahr 1873 die Einführung einer staatlichen Gemeindeordnung für alle preußischen Städte vorgeschlagen hatte, fehlte seiner A ufzählung der bestehenden Unterschiede zwischen den einzelnen G emeindeordnungen kein einziges wichtiges Element der Stadtverwaltung. Die Unterschiede betrafen z.B. die Modalitäten des Erwerbs und der Ausübung des Gemeindewahlrechts, die Einrichtung der Ämter, die D auer der Amtsausübung, den U m fang der Gemeindesteuern, die städtische Polizei, die staatlichen Kontrollbefugnisse. Eine zweite Ebene von A bweichungen betraf die Gemeindeverfassungen, d.h. die von den einzelnen Gemeinden selbständig geschaffene O rdnung der Verwal­ tungsorganisation. Aufgrund der unterschiedlichen Gemeindegesetzgebungen auf Provinzebene und der Autonomie der Gemeinden in ihrer Selbstorganisation bil­ dete sich somit in Preußen eine sehr weitreichende Differenzierung des Gemein­ dewesens heraus. Es war beispielsweise möglich, daß sich einzelne Städte der Rheinprovinz, w o in der Regel eine Bürgermeistereiverfassung üblich war, für ein M agistratssystem entscheiden konnten, wie es in den sechs Ostprovinzen gültig war. In letzteren dagegen galt wenigstens für die kleinen Städte umgekehrt, daß sie für die Bürgermeistereiverfassung votieren konnten. Der Unterschied zu Italien spricht für sich. Im neu geschaffenen Königreich haben wir es mit einer Piemontisierung des Landes zu tun, weshalb sich das Pro­ blem, regionale oder gar städtische Traditionen und Orientierungen zu respektie­ ren oder zu übernehmen, überhaupt nicht oder nur selten stellte. In Preußen da­ gegen bestand eine sehr genaue Vorstellung von der Vielgestaltigkeit des H err­ schaftsgebietes, und man w ar mit einem Feingefühl, das vormodern zu nennen wäre, bereit, die unterschiedlichen Gemeindeverwaltungsformen, die diese Viel­ gestaltigkeit mit sich brachte, zu integrieren. Ich werde jetzt nicht auf die Frage eingehen, w ie und inwieweit das System der Gemeindeverwaltungen in Italien als zentralistisch zu charakterisieren wäre, aber die Uniformität an sich bewirkt, ganz abgesehen von weiteren Faktoren, unzweifelhaft eine Zentralisierung. U m diese W irkung und gleichzeitig die weiterbestehende Bevorzugung der Uniformität in­ nerhalb der italienischen institutionellen Kultur zu belegen, möchte ich eine Stel­ lungnahme des Consiglio di Stato aus dem Jahre 1975 zitieren. Darin wird die N otw endigkeit einer Gemeindeordnung betont, „die Allgemeingültigkeit und Einheitlichkeit besitzt“, und den Kommunen das Recht, eine Gemeindeverfas­ sung zu bestimmen, bestritten - was in Preußen zugelassen w ar - , weil man ver­ hindern wollte, „daß die Autonomie im Gegensatz zum Staat tritt und so zum Störfaktor im System der allgemeinen gesellschaftlich-politischen O rdnung w ird “. Das Kriterium der Einheitlichkeit hat tatsächlich als besonders integrierendes und verstärkendes Element des zentralistischen Systems in Italien gewirkt. Weil die O rdnung der Gemeinden einheitlich sein mußte, rechtfertigte sich aus dem Bedürfnis, die kleineren - gewöhnlich weniger starken - Gemeinden zu schützen,

D ie G e m ein d e zw isc h e n B ü rger und Staat

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der Wille, die großen - gewöhnlich stärkeren - Gemeinden den gleichen Bedin­ gungen zu unterwerfen. Da die letzteren Aufgaben zu bewältigen hatten, wie sie aus dem Charakter einer Großstadt erwachsen, sahen sie sich gezwungen, vom Zentrum die Entscheidungs-, Regulierungs- und Finanzressourcen zu fordern, über die sie aufgrund der Einheitsordnung nicht verfügten. Dieser Blick auf G rößenordnung und somit Typus der Gemeinde, läßt einen weiteren Aspekt des Vergleichs erkennen. Man sollte nämlich nicht vergessen, daß in Preußen nicht nur nach Provinzen, sondern auch nach der Art der Gemeinde unterschieden wurde, d.h. in Preußen gab es eine eigene, fest in der preußischen Tradition verwurzelte Gemeindeordnung für die Städte. Die wichtigste dieser Städteordnungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde im Jah r 1853 ausdrücklich als Folge eines drei Jahre zuvor erlassenen Gesetzes eingeführt oder in gewisser Weise als Reaktion darauf - , mit dem man versucht hatte, eine einheitliche O rdnung für Städte und Landgemeinden einzuführen. Die unter­ schiedliche Behandlung von Städten und Gemeinden blieb bis in die Weimarer Zeit erhalten. In Italien w urde durch die Einheitlichkeit, wie sie die Gesetzgebung nach der Einigung zum Dogma erhoben hatte, auch dieser A spekt der Differenzierung der Gemeinden ausgelöscht. Anders als in einigen Staaten vor der Einigung, gab es im neuen Königreich Italien keine gesonderte Regelung für die Städte. Durch die Piemontisierung wurden alle auf die einheitliche und durchgängige Stufe der Ge­ meinde gestellt, und man kann sich vorstellen, wie demütigend dies auf einige ehe­ malige Hauptstädte gew irkt hat. Die Bezeichnung „Stadt“ behielt einen nur noch symbolischen Wert. In einem „Lexikon der Gem eindeverwaltung“ von 1860 heißt es dazu: „Nachdem der Codice C ivile [Zivilgesetzbuch] und die Legge municipale [Gemeindegesetzgebung] auch die Köpfe der Städte rücksichtslos eingeebnet hat, besitzt das Prädikat [Stadt - Anm. R.] keinerlei Wert mehr. Wer es hat, kann es be­ halten, aber es ist ganz und gar un w irksam .“ Das Dogma der Einheitlichkeit der Gemeinden behielt bis vor nicht allzu lan­ ger Zeit in Italien Gültigkeit. Als A usdruck einer weitverbreiteten und einflußrei­ chen institutionellen Kultur zitiere ich dazu die Entscheidung eines Verwaltungs­ gerichts aus dem Jahre 1975, die zudem noch das Verdienst hat, eine A rt histori­ sche Bilanz dieser Frage zu ziehen: „Der italienische Gesetzgeber glaubte, im neuen Einheitsstaat den nationalen Zusammenhalt dadurch besser garantieren zu können, daß die Tätigkeit der Kommunen und Provinzen einheitlich und im w e­ sentlichen durch Einebnung geordnet wurde, um auf diese Weise strukturelle U n ­ terschiede zwischen der O rdnung der großen und der kleineren Gemeinden zu vermeiden.“ Bemerkenswerterweise wird hier nach über einem Jahrhundert wie in der oben zitierten Ä ußerung die Metapher der „Einebnung“ benutzt, die als Garantie für den „nationalen Zusammenhalt“ erscheint. Das Wort „Stadt“ war seit 1859 tatsächlich aus dem Gemeinde- und Provinzge­ setz verschwunden und tauchte erst im 6. Kapitel der Legge sulle autonomie locali [Gesetz über die Gemeindeautonomie] des Jahres 1990 wieder auf, das den „cittä metropolitane“ gewidm et ist. Das Prinzip der Gleichrangigkeit der Kommunen

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Fabio R u gg e

wird erst 1997, und auch dann in bloß theoretischer Form, von den Grundsätzen angetastet, die in dem Gesetz über den sogenannten „federalismo amministrativo“ die Grundlage für die Übertragung von Funktionen an die Gemeinden bilden sol­ len. Zu diesen Grundsätzen zählt ausdrücklich „das Prinzip der Differenzierung der Zuweisung der Funktionen unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Charakteristiken der Gemeinden auch hinsichtlich der Verbände, der Einwohner­ zahl, des Gebietsumfangs und der bestehenden Strukturen“ . Da das Thema des vorliegenden Beitrags „Die Gemeinde zwischen Bürger und Staat“ lautet, scheint es angebracht, die Konsequenzen der hier angestellten Beob­ achtungen für den Bürger zu beleuchten. O hne Zweifel bewirkte die italienische Ordnung, die jede regionale, typologische und individuelle Eigenart beseitigt hatte, eine Schwächung der Bindung des Bürgers an seine Kommune. Die Ge­ meinde, die jede eigene institutioneile Identität verloren hat, stellt nur noch eine Ausdrucksform des Staatlichen, ein organisatorisches Phänomen dar, das dem Bürger zw ar nahe, im wesentlichen aber bloß Vertreter der höheren und höchsten Autorität des Staates ist. Der Bürger wird in eine Gemeinde geboren und hat dort seinen Wohnsitz, aber er ist im wesentlichen Bürger des Staates, und es hat keinen Sinn, unter diesen Voraussetzungen von einer Gemeindebürgerschaft zu spre­ chen. Ganz anders lagen die Dinge in Preußen, wie schon der scharfsinnige Beobach­ ter Santi R om ano zu Beginn des 20. Jahrhunderts festgestelJt hat. Er hob hervor, daß bei den „germanischen Völkern [...] die persönliche Bindung derer, die einer Gemeinde angehören“, fortbestehe, und brachte damit zum Ausdruck, daß in Preußen die Identität des Stadtbürgers sehr viel stärker als in Italien ausgeprägt sei und sich forterhalte. Auch die historisch-konstitutionellen Implikationen dieses Umstands hat Santi Rom ano aufgezeigt. Im Fortbestehen unterschiedlicher Städ­ teordnungen leben, auch wenn eine Tendenz zur Angleichung besteht, alte Parti­ kularismen fort. Die Einheitlichkeit der G emeindeordnung dagegen, die als C h a ­ rakteristikum der M oderne angesehen wird, entspricht der Forderung nach Gleichheit politischer Partizipationsrechte und erfüllt damit eines der grundle­ genden Prinzipien zeitgenössischer Verfassungen. Vor etwa 100 Jahren konnte es passieren, daß ein Preuße das Recht hatte, einen städtischen M agistrat zu wählen oder auch nicht, je nachdem ob er in Hannover oder in D anzig lebte. Je nachdem in welcher der beiden Städte er lebte, konnte seine Stimme sehr viel weniger - oder aber sehr viel mehr - Gewicht haben als die eines Wählers in Frankfurt am Main. In Italien w ar w eder das eine noch das an­ dere möglich, denn ein bestimmtes Einkommen und die Kenntnis des Lesens und Schreibens berechtigten überall zur Wahl, die überall dem Prinzip „ein Mann eine Stim me“ folgte. Dieser Unterschied hatte im ganzen 19. Jahrhundert natürlich auch A usw ir­ kungen auf den Einfluß des preußischen Bürgertums auf das städtische Leben. Das Bürgertum hatte seine Wurzeln in der eigenen Stadt und machte sie zu seiner Hochburg, fast als sollte damit der geringe Einfluß auf das staatliche Leben k o m ­ pensiert werden. Dagegen konnten Impulse und institutioneile Pläne zur Verein­

D ie G em ein d e zw isc h e n B ü rger un d Staat

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heitlichung von Stadt und Land und zur Einführung einheitlicher Städteordnun­ gen in ganz Preußen nur vom Staat kommen; der aber verzichtete darauf. Als wollte Berlin das städtische Bürgertum für dessen schwache Position auf staatli­ cher Ebene entschädigen, bot es eine flexible und vielfältige O rdnung und dele­ gierte auf gewisse Weise die Entscheidung über Form und Umfang der Kom m u­ nalverwaltung. Trotz dieser Unterschiede bewegten sich die Entwicklungen in Italien und Preußen aufeinander zu. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das kommunale Wahlrecht in der Weimarer Republik sogar durch eine Verfassungsnorm (Art. 17) vereinheitlicht. Diese Tatsache verdeutlicht, daß auch im Rahmen der deutschen Verfassung das G emeindebürgerrecht als Ausformung des Staatsbürgerrechts ver­ standen wurde. A uch in Deutschland setzte sich demnach die „Verstaatlichung“ des Gemeindebürgerrechts durch, die in Italien seit der Schaffung des Königreichs im wesentlichen gegolten hatte und im Jahr 1889 durch die Vereinheitlichung der Wahllisten für Parlament und Gemeinde auch faktisch zum Abschluß gekommen war. Dieser Konvergenz zwischen den beiden Ländern liegt ein epochaler und uni­ verseller Demokratisierungsprozeß zugrunde, der zur unterschiedslosen Verallge­ meinerung des Rechts auf politische Partizipation führt. Die Verallgemeinerung des Wahlrechts führt dazu, daß dort, w o für ein Gebiet Vertreter gewählt werden, diese Wahlen allen betroffenen Individuen offenstehen müssen, wobei natürlich bestimmte Beschränkungen bestehen bleiben. Als notwendigerweise überörtliche, fest im staatlichen Zentrum verankerte Organisationen tragen die Parteien zur In­ tegration der Gemeinden in den Staaten bei und geben durch ihre Beteiligung an der Gemeindepolitik dieser einen größeren geistigen H orizont. Sie wenden sich an die Bürger vor allem als Staatsbürger und ihre das Ganze betreffenden Forde­ rungen gehen über die Unterschiede zwischen den Provinzen und den Gegensatz zwischen Stadt und Land hinaus. Die trotzdem bestehende Verwurzelung der Parteien im Lokalen, die ihre Existenz und ihr Flandeln bestimmt, wird somit ständig sublimiert und verdrängt. Unter diesem Gesichtspunkt ist es nicht ver­ wunderlich, daß in Deutschland zwei so unterschiedliche Parteien wie die Sozial­ demokratie und die N SD A P gleichförmige Kommunalordnungen vorschlugen, die sowohl die Unterschiede zwischen den Provinzen als auch die zwischen Stadt und Land überwinden sollten. Erst das nationalsozialistische Gemeindeverfassungsgesetz von 1935 hat dieses Ziel eines „gleichförmigen“ Systems der K om m u­ nalverwaltung tatsächlich erreicht.

III. Die Rolle der Parteien als Befürworter der Vereinheitlichung der Gemeindeord­ nungen und deshalb der Verstaatlichung des Gemeindebürgerrechts führt zu der zweiten Frage, mit der ich mich hier beschäftigen will, nämlich der D ialektik des Verhältnisses von bürokratischem und „partitokratischem“ Modell der Stadtver­

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waltung. Dabei braucht wohl kaum betont zu werden, daß ich beide Adjektive nicht in dem pejorativen Sinn benutze, der ihnen gewöhnlich anhaftet. Auch er­ übrigt sich eine vorhergehende Definition der beiden M odelle, da diese Charakte­ risierung aus der kurzen diachronen Rekonstruktion der Kräfte von selbst deut­ lich wird, die in den beiden Ländern die Lokalverwaltungen beherrscht haben. A uch hier werden natürlich Unterschiede und Ü bereinstim mungen zum Vor­ schein kommen. In der ersten Phase, die von den 60er Jahren bis in die 80er Jahre des 19. Jah r­ hunderts reichte, lag sowohl in Preußen als auch in Italien die Stadtregierung in der Lland der Notabein. Die Zusammensetzung dieser Notabienschicht war aber ziemlich unterschiedlich. In Preußen handelte es sich in erster Linie um Notabein aus den Städten selbst, in Italien dagegen von außerhalb der Städte. U nter den ita­ lienischen Notabein waren nämlich zahlreiche Grundbesitzer zu finden, und häu­ fig spielten alte oder neue Adelstitel, die in jedem Fall einen nicht-städtischen B e­ zug herstellten, eine nicht unwesentliche Rolle für das Selbstbewußtsein dieser Schicht. Sowohl in Preußen als auch in Italien organisierten sich diese Eliten für den Kampf um die Stadtverwaltung nicht in regelrechten Parteien, sondern in p ar­ teiähnlichen Gruppierungen, die sich auf ein ausgedehntes Klientel wesen stützten. Der grundlegende Unterschied zwischen dem italienischen und dem preußi­ schen Beispiel liegt in der Reichweite ihrer Herrschaft. Während die italienischen Notabein entweder direkt oder durch Männer ihres Umfelds die Stadt verwalte­ ten, teilten die preußischen H onoratioren die Stadtherrschaft mit einem B eamten­ tum, das zw ar von ihnen ausgewählt wurde, aber in ethischer und normativer Hinsicht Eigenständigkeit genoß. Die Leitung der Verwaltung hat ein Bürgerm ei­ ster inne, der ebenso wie der Magistrat bezahlt wird, um die Kom m unalverwal­ tung professionell führen zu können. In Italien dagegen liegt die Verwaltung in der Fland des sindaco [Gemeindevorstand] und der giunta [Stadtverordnetenaus­ schuß]. Ersterer w ird von der italienischen Regierung ernannt, wobei Verwal­ tungserfahrung nicht das entscheidende Kriterium ist, sondern vielmehr, inw ie­ weit der Ernannte die Notabeinschicht zu repräsentieren vermag, loyal gegenüber der Regierung und zur Vermittlung fähig ist. In dieser ersten Phase kann weder von einem ausgesprochen bürokratischen noch von einem „partitokratischen“ Modell gesprochen werden, sondern frühe­ stens in der zweiten Phase um die Jahrhundertwende. Seit den 80er Jahren wurden die Kommunen in Preußen zu Trägern von Versorgungsunternehmen, denn frü­ her als in Italien übernahmen sie eine wachsende Zahl sozialer Funktionen und Aufgaben. Die städtische Notabeinschicht fühlte sich anscheinend weder dazu „berufen“ noch technisch in der Lage, diese E ntwicklung zu steuern und selbst in die Hand zu nehmen. An ihre Stelle trat eine immer größere und professionell ausgestattete Bürokratie, die selbst zur Erweiterung der städtischen Dienstlei­ stungen beitrug und damit die Voraussetzung auch ihres eigenen Wachstums schuf. Anders vollzog sich die Entwicklung in Italien. Dort übernahmen die Stadtver­ waltungen nur zögernd soziale Versorgungs- und Dienstleistungsfunktionen. So­

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weit bürokratische und technische Strukturen in dieser Hinsicht erforderlich w a­ ren, blieb das Verwaltungspersonal unter dem Gesichtspunkt der funktionalen Hierarchie und des Prestiges immer dem sindaco und seinen assessori untergeord­ net, die anfangs noch Vertreter der örtlichen Notabeinschicht waren. Durch die A usweitung des Wahlrechts und die Wählbarkeit des sindaco begannen die Ge­ meindeverwaltungen immer stärker von Fraktionen beherrscht zu werden, und die Gemeinderäte setzten sich nach Kriterien der Parteizugehörigkeit zusammen und bezogen ihre Legitimation aus dem jeweiligen Programm. Die stärkere Ü ber­ nahme sozialer Versorgungsaulgaben durch die städtischen Verwaltungen wurde zum O bjekt der Parteipolitik. Dafür ist symptomatisch, daß man in Italien von „städtischem Sozialism us“ oder - in der katholischen Version - „sozialer R athaus­ politik“ sprach, wenn man die Bemühungen der Stadtverwaltungen zur U nter­ stützung ihrer Bevölkerung meinte, für die sich in Preußen die großen Bürgermei­ ster stark machten und dabei schlicht von „kommunalen A ufgaben“ sprachen. Das heißt natürlich keineswegs, daß es nicht auch in Preußen auf kommunaler Ebene zu parteipolitischen Auseinandersetzungen gekommen wäre, aber solche Ü bereinstim mungen ändern nichts an den grundsätzlichen Unterschieden. Der erste Unterschied besteht im preußischen Dreiklassenwahlrecht, das den Einfluß sowohl der Sozialdemokraten als auch - wenngleich in geringerem M aße - den des Zentrums spürbar abschwächte. Während in Italien in wichtigen Städten wie M ailand und Rom die Stadtverwaltungen ganz in der Hand der Sozialisten lagen, war dies in vergleichbaren Städten Preußens viel weniger der Fall. Der zweite U n ­ terschied zwischen Preußen und Italien ist darin zu sehen, daß auch unter den ge­ änderten politischen Verhältnissen die Autonom ie der städtischen Beamten in Preußen nicht angetastet wurde. Diese Tatsache trat in dieser zweiten Phase um so deutlicher hervor, als es angesichts der beginnenden Politisierung des städtischen Lebens für die Gemeinderäte durchaus denkbar und möglich gewesen wäre, stär­ ker in den Vordergrund zu treten. Dies w ar aber nicht der Fall, und sogar die So­ zialdemokraten, die am meisten dazu neigten, auch auf kom m unaler Ebene die Parteipolitik vorherrschen zu lassen, ließen erkennen, daß sie die Entscheidungs­ und Handlungsfreiheit der Bürgermeister befürworteten. Sie erkannten, daß die Bürgermeister häufig die Interessen der ärmsten Schichten gegen die Egoismen der ersten und zweiten Zensusklasse verteidigten. Es sollte beachtet werden, daß der zweite Unterschied nicht zur Gänze aus dem ersten entspringt, d. h. daß das konziliante Verhalten der Sozialdemokraten gegen­ über den Bürgermeistern nicht einzig und allein A usdruck der Schwäche war, zu der das Dreiklassenwahlrecht die Parteien der Linken verurteilte. Als in der Wei­ marer R epublik das Dreiklassenwahlrecht auch auf städtischer Ebene abgeschafft wurde und alle Parteien, einschließlich der extremen Linken, in den Gemeinderä­ ten vertreten waren, behielten die Bürgermeister häufig ihre unabhängige Posi­ tion. Das zeigt die Tatsache, daß viele Bürgermeister, die noch nach dem Dreiklas­ senwahlrecht gewählt worden waren, auch nach den Wahlen nach neuem Recht in der Kommune auf ihrem Posten blieben. Für einige von ihnen, die auch von den Arbeiter- und Soldatenräten nicht ihres Amtes enthoben worden waren, endete

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ihre Karriere erst 1933. In jenem Jah r wurden Bürgermeister wie Eichhoff in D ortmund abgesetzt, der seit 1911 im Amt war, Jarres in Duisburg, Bürgermeister seit 1914, Adenauer in Köln und Luken in Kiel, beide seit 1917 im Amt. Dennoch ist ein Zusammenhang zwischen dem bürokratischen Modell der Kom m unalverwaltung und dem Zensuswahlrecht nicht zu bestreiten, und die Entstehung der Parteien hat dieses Modell unzweifelhaft in Schwierigkeiten ge­ bracht. Diese Entwicklung möchte ich durch die Darstellung verdeutlichen, die sich in einer der kanonischen Schriften der deutschen kommunalen Wissenschaf­ ten findet, nämlich dem „Flandbuch der kommunalen Wissenschaft und Praxis“ in der Ausgabe von 1953. Redakteur dieser Ausgabe war Erich Becker, der sich unter anderem allzu zurückhaltend zur Reform der Gemeindeordnung unter dem Nationalsozialismus äußerte. Er hob den Unterschied zwischen dem ursprüngli­ chen bürokratischen M odell, das er keineswegs ablehnt, und dem „partitokratischen“, w ie es sich unter der Weimarer Republik herausgebildet hat, deutlich her­ vor und machte letzteres für die Katastrophe der Selbstverwaltung verantwort­ lich, auf die der Nationalsozialismus dann reagiert habe. Becker schreibt: „Die D emokratisierung der Gemeinden durch die Politisierung der Gemeindewahlen, die Repräsentation der Gemeinde durch Vertreter der politischen Parteien, die Verwirklichung der allgemeinen, gleichen, unmittelbaren und geheimen Wahlen ... und die A nw endung der Grundsätze der Verhältniswahl haben eine Revolution traditional gebundener Verhältnisse zur Folge g e h a b t .... Die zur Parteienzersplit­ terung mißbrauchte demokratische Freiheit ... hat sich jedoch destruktiv ausge­ w irk t.“ Entscheidend ist dann, daß „der Pluralismus der politischen Kräfte ein­ heitsstiftende Entscheidungen gefährdete ... und eine widerstrebende wirtschaft­ liche Interessenpolitik den Gemeinsinn zerstörte“ . U nzweifelhaft hatte das vor der Weimarer R epublik bestehende bürokratische System „einheitsstiftende Entscheidungen“ ermöglicht und den „Gemeinsinn“ gegen „widerstrebende wirtschaftliche Interessen“ geschützt. Der Nationalsozia­ lismus hat jedoch das vorherige System nicht wiederhergestellt. Deutschland hat nämlich im Gegenteil als dritte Phase nach dem N otabelnsystem und dem begin­ nenden Uberhandnehmen der Parteien eine autoritäre Radikalisierung des „partitokratischen“ Systems erfahren. Die neuen Bürgermeister unter dem N ationalso­ zialismus waren der Partei verpflichtet. Sie bezogen ihre Legitimation mehr aus der Parteizugehörigkeit als aus der professionellen Eignung, und ihre Funktion bestand darin, auf lokaler Ebene im Zentrum formulierte Willensentscheidungen durchzusetzen. Das Wesen des bürokratischen M odells der wilhelminischen Zeit ging dadurch verloren und ebenso das Element der Wahl, das ein integrierender Bestandteils dieses Modells gewesen war. Unter diesem Gesichtspunkt lassen sich unter den autoritären Regim en der bei­ den Länder bezeichnenderweise konvergente Entwicklungen beobachten. Auch in Italien war die Zeit vor dem Faschismus durch heftige Konflikte auf lokaler Ebene charakterisiert, die der Reform von 1926-1927 zur Rechtfertigung dienten, um die W ählbarkeit der Ämter auf lokaler Ebene aufzuheben und einen podestä einzuführen. Die kommunalen Wahlkämpfe und die Anwesenheit von Parteien in

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den Gemeindesälen wurden lächerlich gemacht. In gewisser Weise erinnert diese R hetorik an die M axim e, auf die sich das wilhelm inische bürokratische Modell stützte, wonach Politik „nichts im Rathaus zu suchen“ habe. Beide rhetorischen Formulierungen laufen darauf hinaus, auf kommunaler Ebene bloß noch „Ver­ w altu n g “ zu sehen. Es ist bezeichnend, daß allzu leichtgläubige amerikanische Forscher sich so weit täuschen ließen, die Elinführung des podestä als die Einfüh­ rung des city m anager in Italien zu begrüßen. Die beiden Formen der Gemeindevertretung sind jedoch in Wirklichkeit ab­ grundtief verschieden. Im wilhelm inischen bürokratischen Modell sollte die Ver­ waltung als Zusammenfassung städtischer Interessen in erster Linie der Stadt selbst dienen. Im faschistischen M odell, das für Italien wie Deutschland Geltung besaß, sanktionierte die herausgehobene Rolle der Verwaltung den beschränkten und untergeordneten C harakter städtischer Interessen angesichts der übergreifen­ den politischen Werte, die die Partei verkörperte.

VI. Bisher w urde das Them a unter dem Gesichtspunkt der Einheitlichkeit der kom ­ munalen O rdnungen und der M odelle der Gemeindeordnung betrachtet. N un möchte ich einige weitere Überlegungen anfügen, die den Vergleich verständli­ cher, aber auch problematischer machen. Deutlich w urde bereits das Fortbestehen eines Partikularismus in den Gemeindeordnungen Preußens, der erst durch die M odernisierung unter dem Nationalsozialismus aufgehoben wurde. Der Begriff „M odernisierung“ ebenso wie das Adjektiv „modern“ werden hier selbstver­ ständlich nicht im wertenden Sinne verwendet und nur, um eine abgeschlossene Vergangenheit zu bezeichnen. Der Fortbestand dieses Partikularismus hängt sicher mit der Fähigkeit des preußischen Bürgertums zusammen, im lokalen R ah ­ men sozusagen die Herrschaft im eigenen Flaus zu beanspruchen und zu bewah­ ren. Die Durchsetzung einer einheitlichen Gesetzgebung in Italien von Anfang an müßte dann im Gegenteil eine stärkere zentripetale A usrichtung der italienischen Bourgeoisie bedeuten oder aber die Existenz einer entsprechend stärker eingrei­ fenden Zentralmacht. Das sichtbare Ergebnis des Zusammenspiels von politisch Handelnden und normativen Beschränkungen ist denn auch eine im Vergleich zu Italien größere Autonomie der preußischen Städte. Diese waren hinsichtlich der Stadtverfassung und ihres Kompetenzbereichs keinerlei Beschränkungen unterworfen. Die italie­ nischen Städte dagegen besaßen nicht das Recht, eine Gemeindeverfassung zu be­ stimmen, und ihre Zuständigkeiten waren nur virtuell unbeschränkt, da in diesem Bereich die Prioritäten gesetzlich geregelt waren. Die Kontrollbefugnisse sind vielleicht vergleichbar, aber die in Preußen bestehende Bewegungsfreiheit und der H andlungsspielraum der Städte waren in Italien undenkbar. In Preußen übernah­ men die Kommunen wesentlich früher als in Italien und ohne jegliche spezielle Gesetzgebung Aufgaben der öffentlichen Hand besonders im Bereich der Sozial­

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politik. Erst 1938 schritt die nationalsozialistische Regierung in Deutschland mit einer gesamtstaatlichen Regelung ein. Die entsprechende italienische Regelung stammt aus dem ja h r 1903, also etwa gleichzeitig mit der Entwicklung städtischer Dienstleistungen auf der Halbinsel. Wenn w ir diese unterschiedlichen Entwicklungen aus der Perspektive des B ür­ gers zu betrachten versuchen, sind die Erkenntnisse eindeutig und klar entgegen­ gesetzt. Der preußische Bürger besaß die Gewißheit, daß viele Fragen, die ihn u n ­ mittelbar betrafen, auf kom m unaler Ebene entschieden wurden. Der italienische Stadtbürger dagegen hatte fast die entgegengesetzte Gewißheit: Das Rathaus er­ schien als der verlängerte A rm eines entfernten staatlichen Willens und eines viel­ leicht abstrakten, deshalb aber nicht weniger gegenwärtigen staatlichen Gesetzes. Wenn diese etwas gewagte historisch-psychologische Darstellung einen Sinn haben soll, dann stellt sich die Frage, welche von beiden Situationen tatsächlich die Voraussetzungen für jenen „nationalen Zusam m enhalt“ und die Wahrung je­ ner „allgemeinen gesellschaftlich-politischen O rganisation“ bot, um die es den oben zitierten italienischen Verwaltungsrichtern so sehr ging. Aus diesen G rün­ den rechtfertigten sie, wie wir gesehen haben, die Einheitlichkeit der italienischen Gem eindeordnungen und den zugrundeliegenden Zentralismus. Natürlich ist das keine abstrakte Frage - so als handelte es sich um das ideale System der Beziehun­ gen zwischen Zentrum und Peripherie - , sondern eine Aufgabe, die überlegt und systemkonform in den beiden Ländern angegangen und gelöst wurde. Unter diesem Gesichtspunkt können wir nun zu den M odellen der Gemeinde­ vertretung zurückkehren. Es läßt sich leicht sehen, daß das bürokratische w ilhel­ minische Modell dem „nationalen Zusammenhalt“ durchaus diente, der auch in Preußen ohne Zweifel als notwendig erachtet wurde. Der Bürgermeister konnte auf seine Verwaltungsfachkenntnisse und auf seine konservative politische Ein­ stellung oder gar das Fehlen von parteipolitischen Ü berzeugungen verweisen, was allerdings durch die Prozedur der „Bestätigung“ zu verifizieren war. Damit besaß die Zentralregierung eine sichere Garantie dafür, daß die Stadtverwaltung, über die der Bürgermeister die volle Kontrolle besaß, keine irgendwie gefährliche poli­ tische Richtung einschlagen würde. Das Dreiklassenwahlrecht seinerseits er­ gänzte das bürokratische M odell insofern, als die Spitze der Verwaltung nicht be­ fürchten mußte, mit einem allzu radikalen Stadtrat, der etwa mit der politischen Einstellung der Zentralregierung nicht übereinstimmte, konfrontiert zu sein. In dieser .A nordnung“ wurde der .Zusammenhalt“ dadurch gewährleistet, daß der Bürgermeister wie ein Scharnier zwischen Stadt und Staat angesiedelt war und beide vertrat. Auch der italienische sindaco übte eine solche doppelte Funktion aus, aber ihm mangelten die anderen institutionellen und professionellen M erkm ale, die den Bürgermeister für die preußische Zentralregierung so vertrauenswürdig machten. Auch erhielt er sein Amt nicht auf der Basis eines Klassenwahlrechts, und trotz der Beschränkungen des Wahlrechts konnten durchaus Vertreter von Gruppen das Rathaus erobern, che der Zentralregierung alles andere als loyal gegenüber­ standen. Deshalb schien zur Wahrung des „nationalen Zusammenhalts“ und der

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„allgemeinen gesellschaftlich-politischen Organisation“ eine einheitliche, d.h. zentralistische Gesetzgebung tatsächlich gerechtfertigt und eine aktive Kontrolle über die verbliebene Gemeindefreiheit, d.h. über Funktionen, die man den Ge­ meinden nicht entziehen konnte, notwendig. Nicht zufällig waren die Beziehun­ gen zwischen Regierung und Kommunen im ganzen 19. Jahrhundert von der häu­ figen Auflösung von Gemeinderäten und der Absetzung der sindaci bestimmt. Man könnte also zu dem Schluß kommen, daß wenigstens im 19. Jahrhundert der Eindruck des preußischen Bürgers, viele ihn betreffende Dinge würden auf städtischer Eibene entschieden, dem Eindruck der Elite der preußischen Regierung gegenüberstand, diese Dinge würden nicht .unvernünftig' entschieden und daher bestünde keine Gefährdung für den „nationalen Zusammenhalt“ und die „allge­ meine gesellschaftlich-politische Organisation“. Bei genauerem Elinsehen beruh­ ten diese .E indrücke“ auf der Existenz einer sehr technischen und sehr elitären Kom m unalverwaltung in Preußen. Beide Faktoren fehlten in der kommunalen Organisation Italiens, deren .demokratischerem“, d. h. weniger elitärem und w eni­ ger technischem, Charakter eine starke Einschränkung der Gemeindefreiheit als Gegengewicht gegenüberstand. Dieses Schema, nach dem eine erweiterte Demokratie auf lokaler Ebene eine größere Kontrolle durch das Zentrum nach sich zieht, scheint sich auch durch die Phase der vollen Entfaltung des „partitokratischen“ Modells in Italien seit Anfang des 20. Jahrhunderts zu bestätigen. In dieser Entwicklungsphase lag, wie angedeu­ tet, die Verwaltung wichtiger Städte in der Hand von systemfeindlicheil Kräften oder jedenfalls von Gegnern der Zentralregierung, die darauf natürlich mit fort­ dauernden Eingriffen und Kontrollen reagierte. Die Situation spitzte sich unm it­ telbar vor dem M achtantritt des Faschismus mit der Auflösung H underter von Gemeinderäten besonders zu. Es muß jedoch eingeräumt werden, daß das genannte Schema bei der Analyse der „partitokratischen“ Phase nicht ohne weiteres zutrifft. Zumindest zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es Anzeichen für die M öglichkeit einer andersartigen Entwicklung des Verhältnisses von Demokratie und Autonom ie auf G emeinde­ ebene, - und nach dem Zweiten Weltkrieg ließe sich dies noch überzeugender dar­ stellen. U nter bestimmten Bedingungen - und nur unter bestimmten B edingun­ gen - schien eine kohärente Parteiendemokratie eine .A nordnung“ zu sein, die eien .Zusammenhalt“ mindestens genauso wirksam garantierte wie das preußische b ü­ rokratische Modell. Die Parteikanäle, die von der Gemeinde zur H auptstadt führten, ließen sich als Kommunikations- und Vermittlungsebene nutzen. Die lokalen und die zentralen Eliten konnten auf diesem Wege gegenseitiges M ißtrauen überwinden: Die ersteren konnten über die Positionen der eigenen Partei ihre Verfassungs-, ja sogar R e ­ gierungstreue beweisen; die letzteren konnten auf dieser Basis den Gemeindever­ waltungen größere Bewegungsfreiheit, ja sogar größere Autonomie einräumen. Die Partei oder die Parteien übernahmen so, wenn der Vergleich auch etwas ge­ wagt sein mag, die gleiche Funktion als Zwischenglieder, als Vermittler und G a­ ranten wie die preußischen Bürgermeister des 19. Jahrhunderts.

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Ein hervorragendes Beispiel für dieses Zusammenspiel der Funktionen ist das erwähnte Gesetz von 1903 über die öffentlichen Versorgungsbetriebe der Ge­ meinden. O bw ohl es von den Regierungseliten ausgearbeitet war, um die Indu­ striepolitik der Gemeinden zu bremsen, die sozialistischen Umverteilungszielen dienen sollte, wurde es doch von den Sozialisten durch ihren Einfluß auf Giolitti, den Urheber des Gesetzes, mitgestaltet und stellte unzweifelhaft eine Konzession an die Forderungen der Sozialisten dar. In diesem Fall handelte es sich jedoch um eine besonders günstige D yn am ik und einen besonders geglückten Fall. Meiner Ansicht kann man aus dem Vergleich der beiden Fälle die Lehre ziehen, daß das Verhältnis zwischen Demokratie und Autonomie auf Gemeindeebene in der ganzen ersten Phase der zeitgenössischen staatlichen Entwicklung nicht einfach war. Wo die A utonom ie - wie in Preußen sehr w eit reichte, war sie in ein System eingebettet, das die Bürgerbeteiligung ein­ schränkte und die Einflußmöglichkeiten der Parteien beschnitt; wo dagegen - wie in Italien - das Prinzip der gleichberechtigten Teilnahme der Bürger an der Selbst­ verwaltung gesichert w ar und die Parteien diese Aufgabe erfüllen wollten, wurde die Autonomie streng kontrolliert. Das Verhältnis zwischen A utonom ie und D e­ mokratie w urde in beiden Ländern unter den autoritären Regim en neu geordnet, jedoch um den Preis der U nterdrückung beider, so daß von der .Gemeinde“ in Italien nur ein .neuer Partikularism us“ in der Gestalt des ras und der Bildung neuer Provinzen und in Deutschland der Gauleiteregoismus übrigblieb.

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L u tz K linkham m er

Staatliche Repression als politisches Instrument Deutschland und Italien zwischen Monarchie, D iktatur und Republik 1.

Zur Fragestellung

Auch wenn „Repression“ sowohl im deutschen wie im italienischen Sprachge­ brauch ein selbstverständlicher Begriff zu sein scheint1, der zudem die italienische Debatte um den Charakter des liberalen Staats bestimmt2, dürfte eine inhaltliche Klärung angebracht sein. U nter Repression verstehe ich eine Herrschaftstechnik, die einerseits auf die Unterdrückung, gleichzeitig aber auch auf die Entlegitimierung von oppositionellem Verhalten abzielt. Sie ist das Spezifikum einer säkulari­ sierten Massengesellschaft, welche sich als Ansamm lung von Individuen versteht, deren Zusammenhalt vom Staatszweck abhängig und durch eine Verfassung for­ muliert ist. M it Opposition meine ich die sichtbare Verweigerung von Gefolg­ schaft, nicht die Äußerung politischer Programme und Pläne von seiten alter­ 1 O b w o h l er T itel un d G egen stan d d er S tu d ie b estim m t, feh lt ein e in h a ltlic h e B e stim m u n g dieses B egriffs bei F erdin an do C o r d o v a , D em o c razia e rep ressio n e n e ll’ Italia di fine secolo, B u lz o n i E d ito re (R o m a 1983). E in en tsp rech en d es L em m a ist auch in d en sechs B än den der E n ciclo p ed ia d e ll’A n tifasc ism o e d e lla R esisten za, Teti E ditore (M ila n o 1 9 6 9 -1 9 8 7 ) n ich t zu finden. - Sieh e d azu das E in leitu n g sk a p itel „L a n atu ra del p ro getto lib e ra le “ von R a ffa ele R o m a nelli, II co m an d o im p o ssib ile. Stato e so cietä n e ll’ Italia lib e ra le , II M u lin o (B o lo g n a 1988). D er B an d v erein t v ie r b ereits an an d erer S telle p u b liz ie rte A u fsätze des V erfassers. R o m an elli, d er ein p o sitiv es U rte il ü b er d ie m o d e rn isiere n d e N a tu r des „lib eralen P ro je k ts “ m it sein er fast n atu rgegeb en en W id e rsp rü c h lic h k e it („ il co m an d o im p o ssib ile “, d .h . „d er B efehl, frei zu sein “) zu fällen versu ch t, w eist zu R ec h t d a rau f h in, d aß zu o ft d ie ze itgen ö ssisch en P o lem iken u n g e p rü ft b is h eu te d ie h isto rio g rap h isc h e D eb atte b estim m en . E ine em p irisch e E in lö su n g dieses D efizits k an n R o m an e llis B e itrag , in dem in d ire k t fü r ein Ende d e r ita lie n i­ schen V ersio n d er S o n d erw e g sd eb atte p läd ie rt w ird , a llerd in g s auch n ich t fü r sich b ean sp ru ­ chen. E in gan z a n d erer A n satz u n d ein w e it w e n ig e r o p tim istisch es B ild Italien s im 19. J a h r ­ h u n d ert fin d et sich h in g egen bei J o h n A. D avis, L egge e o rd in e. A u to ritä e c o n flitti n e ll’ Italia d e ll’800 (M ilan o 1989, en gl. O rig . 1988 u.d.T .: C o n flic t and C o n tro l. L aw and O rd e r in N in e te e n th -C e n tu ry Ita ly ). Es ist k e in Z u fall, daß sich h ier ita lien isch e u n d an g elsäch sisch e P o sitio n gegen ü b ersteh en . D ie S tu d ie von D avis ist z w e ife llo s ein e d er b esten Ü b e rb lic k s d a rstellu n gcn zu u n serem T h em a.

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nativer Eliten, die den grundsätzlichen Rahmen des bestehenden Systems nicht in Frage stellen. W ährend die U nterdrückung oppositionellen Verhaltens über militärische und polizeiliche Apparate abläuft, so stellt die Entlegitimierung von nicht erwünsch­ tem Verhalten auf die Definition von Andersartigkeit ab, auf einen juristisch wie publizistisch zu fixierenden Verhaltenskodex3. Eines der wichtigsten Mittel dieser Repression ist die Formulierung von parlamentarisch verabschiedeten A usnah­ megesetzen oder von Staatsschutzparagraphen in den Strafgesetzbüchern. Die Skala der Instrumente der Repression reicht vom Berufsverbot (für bestimmte Gruppen) und vom Parteiverbot über Polizeihaft, Schutzhaft, „confmo di polizia“, Verbannung bis hin zum Spezialgericht, Kriegsgericht, Standgericht bzw. zum Belagerungszustand und zur militärischen Intervention. Emigration aus allgemeingesellschaftlichen, d.h. überwiegend ökonomischen Motiven - deren Persistenz aber durchaus als Mittel angesehen werden kann, um die Lohnhöhe unter Kontrolle zu halten4 - fällt nicht unter die Kategorie der R e ­ pression. Zum Katalog repressiver Zwangsmaßnahmen gehört auch die forcierte Emigration, die faktisch in Formen der Vertreibung übergehen kann. Idealtypisch sind „außerordentliche“ Repressionssituationen, die einen massiven Rückgriff auf M ilitär und polizeiliche Gewalt erfordern, von Situationen der „normalen“ R e ­ pression zu unterscheiden, in denen mit Hilfe der staatlich dafür konzipierten A p ­ parate, v. a. Polizei und Justiz, eine präventive wie repressive Gegnerbekämpfung stattfindet. Repression als Herrschaftsinstrument machte in Kontinentaleuropa nicht an den Ländergrenzen halt, sondern gehörte zu den politischen A ntworten auf fun­ damentale Herausforderungen des Transformationsprozesses seit 1789, deren Einsatz im deutschen wie italienischen Nationalstaat in parallelisierender Analyse betrachtet werden kann5. In der ersten Hälfte des hier zu betrachtenden Säkulums 3 N ich t th e m a tisie rt w ird h ier d e r g ro ß e K o m p lex d e r in n e rg e se llsc h aftlich en R ep ressio n , z .B . g egen ü b er dem w eib lic h e n G esch lech t im R ah m en d er sta atlich en S ittlic h k eitsn o rm en un d ih rer ju ristisch en A u sle g u n g , d ie u n z w e ife lh a ft als F orm d e r o b rig k e itlic h e n w ie m än ­ n erg esellsch aftlich en G e w altau sü b u n g ged eu tet w erd en k ö n n en . Zu d iesem B ereich : Tanja Hommett, S ittlic h k eitsv e rb re ch en : sex u e lle G ew alt im K aiserreich (F ra n k fu rt a.M ., N ew Y o rk 1999) so w ie Elena Zavaglia, A b u so del co rp o. L a v io len za sessu ale n ella R o m agn aT oscana d e ll’O tto c en to (Im o la 1998) u n d Tiziana Noce, L a legge co n tro la v io le n z a sessuale: d o m an d e di o g g i a p ro cessi di ie ri, in: R iv ista di sto ria co n tem p o ran ea n .3 (1991) 42 3 -4 5 0 . 4 Von 1873 bis 1973 verließ en ca. 26 M illio n en Ita lie n e r ih re H e im at, um in n erh alb von E u ro p a bzw . nach U b ersee au sz u w an d e rn . D ah in ter stan d ein so z io -ö k o n o m isc h e s M o d ell d er K o p p elu n g von in n e rer S tagn atio n m it äu ß e rer M o b ilitä t un d D evisen b esch affu n g, das d ie E m ig ratio n als „ S ic h e rh e itsv en til“ in K aui nahm : Ercole Sori, L’ e m ig ra zio n e italia n a d a ll’ U n itä alla seco n d a g u e rra m o n d iale , U M u lin o (B o lo g n a 1979) v.a. 119 ff., 2 1 8 ff. Sergio Bologna, K o n tin u ität u n d Z äsu r in d er G esch ich te d er italien isch en M ig ra tio n sarb e it, m: Cesare Berm ani, Sergio Bologna, Brunello M antelli, P ro le ta rie r d er „A ch se“ : S o z ia lg e ­ sch ich te d er italien isch en F re m d arb e it in N S -D c u tsc h lan d 1937 b is 1943 (B erlin 1997). 5 G ru n d legen d h in sic h tlich sein er m eth o d isch en R eflex io n , sein e r in h a ltlic h e n A n a ly s e und seines v ergleich en d en A n satzes h ierzu : C hristof Dipper, Italien un d D eu tsch lan d seit 1800: Z w ei G esellsch aften au f dem W eg in die M o d ern e, in: C. Dipper, L. Klinkham m er, A. Niit-

Staatliche R ep ressio n als politisches Instrum ent

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zwischen 1860 und 1960 kam cs in Italien zu zwei einschneidenden Wellen der R e­ pression. Die erste kann mit dem Stichwort „brigantaggio“ Umrissen werden, die zweite mit dem „Staatsstreich des B ürgertum s“ (U. Levra) in den 1890er Jahren. Die andere Hälfte des Untersuchungszeitraums war hingegen gekennzeichnet durch den militärischen Ausnahmezustand im Ersten Weltkrieg mit seinem exor­ bitant hohen Einsatz der M ilitärjustiz zur Bestrafung von Formen der Verweige­ rung und durch die systemim manente Repression durch die faschistischen Re­ gime. Waren die ersten beiden Phasen noch gekennzeichnet durch gezielte politi­ sche Maßnahmen, d. h. die A usrufung des Ausnahmezustands und die Einschal­ tung einer meist militärischen Spezialjustiz, so kann für die Zeit des Faschismus von Wellen der Repression kaum gesprochen werden: H ier muß vielmehr von ei­ nem Kontinuum ausgegangen werden, das freilich beschleunigende wie verhar­ rende Momente kannte.

2. Repression im Dienste der N ationalstaatsgründung Am 21. O ktober 1860 fand das Plebiszit statt, mit dem das Königreich beider Si­ zilien mit dem Norden unter der Herrschaft Vittorio Emanueles II. vereint wurde. Dank einer umfangreichen literarischen Produktion von Stereotypen über den Zusammenprall zwischen ,zivilisiertem“ Nord-Italien und der .Barbarei“ der neuen Länder im Süden war den Eliten des Nordens klar (und im Turiner Parla­ ment w urde dies entsprechend diskutiert), daß ihnen die undankbare, aber patrio­ tische Pflicht zukom m en würde, mit einer strikten A nw endung der Gesetze die süditalienische Bevölkerung, die seit Jahrhunderten unter Korruption und M iß ­ wirtschaft daniederlag, aus der Barbarei und dem Elend, aus dieser Vorhölle des neuen Italien herauszuholen6. Das Allheilmittel sollte neben der Schaffung eines straffen Zentralismus in einem massiven Einsatz des Militärapparats in den neuen Provinzen bestehen. Gleichzeitig wurden die Übergangsregim e in Toskana, Sizi­ lien und Süditalien abgeschafft. Anfang April 1861 schlug Innenminister Minghetti im Turiner Parlament vor, zum Schutz der öffentlichen O rdnung die Truppenstärke und die Carabinieripräsenz zu erhöhen. Er verteidigte die Legitimität des Einsatzes der bewaffneten Macht mit dem Argument, „die aufrührerischen Orte niederzuhalten“. Minghetti selbst meinte, daß dem „politischen brigantaggio“ ein „räuberisches Briganten­ tum“ auf dem Fuß folgen und daß die Reste der zerschlagenen Banden schließlich

z e n a d e l (H rsg .), E u ro p äisch e S o zialg e sc h ich te. F estsch rift fü r W o lfgan g S ch ie d er (B erlin 2000) 4 8 5 -5 0 3 , in sb eso n d ere 4 9 7 f. 6 So D aniela Adorni, II b rig a n ta g g io , in: S to ria d ’Ita lia. A n n a li 12: La crim in a litä , a cu ra di L ucian o V io lan te (T orino 1997) 283 f. Z um „ K u ltu rg e g en sa tz “ zw isch en N o rd un d Süd aus der F lu t an „ m erid io n alistisc h e r“ L ite ra tu r h erau sgegriffen : Claudia P e t r a c c o n e , Le d ue civiltä. S etten trio n ali e m erid io n a li n ella S to ria d ’ Italia (R o m a, B ari 2000).

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von Straßen- und Raubüberfällen leben w ürd en 7. Die Botschaft lautete also, daß selbst der politisch geschlagene Feind noch gefährlich war, denn er war „krim i­ nell“. Woran aber konnten der politische Feind und der Kriminelle erkannt w er­ den? Für die nationalstaatlich gesinnten Politiker fiel die A ntw ort leicht: an ihrer Sympathie für die Bourbonenherrschaft. Bourbonische Reaktion, garibaldinisch-demokratische Opposition und B ri­ gantentum - dies waren die drei Bedrohungen, gegenüber denen sich der neue Staat mit einer Strategie der Entlegitimierung durch Kriminalisierung zur Wehr setzte: eine Begründung, die es erlaubte, die militärischen Strafexpeditionen zu rechtfertigen. Äußerer Feind (Bourbonen) und innerer Feind (Demokraten und Briganten) konnten nur beseitigt werden, indem man den Süden unter M ilitärgo u­ vernement stellte, was im Sommer 1862 auch geschah, obwohl Cavour selbst noch kurz vor seinem Tod vor dem Mittel des Belagerungszustandes gewarnt haben soll8. In Neapel und Sizilien waren per Dekret schon im Februar 1861 das nord­ italienische Strafgesetzbuch samt zugehöriger Strafprozessordnung sowie das Ge­ setz über die Gerichtsverfassung eingeführt worden - also noch bevor es zur Er­ öffnung des Parlaments kam, was entsprechende Proteste in Sizilien hervorrief9. In Süditalien sollten mit dieser M aßnahm e die parlamentarischen Verwicklungen vermieden werden, die die Einführung der neuen Justizverfassung in der Lom bar­ dei und der Emilia bew irkt hatten. Auch Minghetti w ar der M einung, daß „ein bißchen soldatisches Vorgehen heilsame Medizin für dieses Volk sei“ 10. Der M in i­ sterrat verabschiedete schon im Mai 1861 besondere M aßnahm en zur Kontrolle des Südens: Es wurden Proskriptionslisten von „Briganten und Wegelagerern“ er­ stellt, ferner konnten Justiz- und Verwaltungsbeamte abgesetzt werden, die die Regierung nicht unterstützten oder die „Hindernisse in der Am tsführung hervor­ riefen, sei es wegen parteiischer oder oppositioneller Gesinnung, sei es aus Schwä­ che oder aus anderen G ründen“ . Destra wie Sinistra waren sich weitgehend einig, und Rattazzi schrieb kurz vor dem berüchtigten Massaker in Pontelandolfo: „Das Blut, das jetzt fatalerweise vergossen werden muß, ist ein großes U nglück, das

7 Adorni, B rig an tag g io 284. M it w e lc h e r H a ltu n g d ie n o rd ita lien isch en S o ld aten nach S ü d ­ italien k am en , z e ig t d ie zeitgen ö ssisch e D arste llu n g vo n Antonio Q uaglia, II p o p o lo , la m ag io r p arte sono c am u risti. D ia rio m ilita rc e di co stu m e, 1860-18 70, di A n to n io Q u a g lia, b ersag liere p iem o n tese (T o rin o 1997), so w ie aus eigen em E rleb en als G efan gen er d er B rig a n ­ ten: Johann Jak ob Lichtensteiger, Q u a ttro m esi fra i b rig an ti, 18 65-18 66, h rsg. von Ugo di Pace (C a v a d ei T irren i 1984; u rsp rü n g lich 1894 ersch ien en u n te r dem T itel: V ier M o n ate u n ­ ter den B rigan ten in den A b ru z z e n ); Jose Borjes, La m ia v ita tra i b rig a n ti, hrsg. von Tommaso Pedio (M a n d u ria 1998). s A n d e rerseits soll er, w ie R o sa rio R o m eo au fg ez eig t h at, g e d u ld e t h ab en , daß „im K am pf gegen das B rig an ten tu m .k e in e Z eit d am it v ersch w en d et w ird , G efan gen e zu m ach en 1“ . B rief D elia R occa an C av o u r, 15. 1. 1861, z itie rt nach Rosario Romeo, C a v o u r e il suo tem po (1 8 5 4 -1 8 6 1 ), B d. III (R o m a, B ari 1984) 871. 9 Romeo, C a v o u r III 871. 10 M in g h etti an F a rin i, 15. 12. 1960 (Romeo, C a v o u r III 871).

Staatliche R ep ressio n als politisches Instrum ent

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traurige Erinnerungen hinterlassen wird: dennoch ist es eine schreckliche N o t­ wendigkeit, der man sich zu beugen hat.“ 11 Im neugegründeten Deutschen Reich brauchte man nach Königgrätz kein Blut im Innern mehr zu vergießen: Das Franzosenblut genügte, der gemeinsame äußere Feind überdeckte die D ifferenzen12, doch was wichtiger war, um einen etwaigen hannoverschen oder süddeutschen „brigantaggio“ zu verhindern, waren die föde­ ralen Strukturelemente des neugegründeten Reiches13 (mit seiner Konstruktion, daß es sich staatsrechtlich um den Zusammenschluß von Fürsten gehandelt habe) und die relativ weiten Prärogativen der traditionellen Herrscherhäuser in den ein­ zelnen Gliedstaaten, die den Einigungsprozeß abfederten. Die piemontesische Lösung der italienischen Einheit, die seit 1860 mit der A b ­ setzung der alten Herrscherhäuser verbunden war, erwies sich hingegen als weit radikaler - auch für die Identitätsbildung bei den neugewonnenen Untertanen. Was die Lage in Süditalien weiter verschärfte, war die Tatsache, daß sich der ver­ triebene König Francesco II. unter der Protektion der Kurie im nahen R om auf­ hielt. M inisterpräsident Rattazzi suchte das Problem zu verkleinern, indem er die eigentliche Bedrohung in einer ausländischen Verschwörung (im Vatikan nebst Österreich und Spanien) ausmachte, doch diese Linie der Destra moderata wich im Sommer 1862 einem harten militärischen Eingreifen vor O r t 14, als Rattazzi den O berkommandierenden La M arm ora ermächtigte, gegebenenfalls den Belage­ rungszustand zu verhängen. Diese längst geforderte Blankovollm acht des M in i­ sterpräsidenten an den General w urde binnen weniger Tage aktiviert und mit einem D ekret verbunden, in dem La M arm ora die zivile wie die militärische Ge­ walt übertragen wurde. In Süditalien führte dies zu einer Militärdiktatur, die von der Furcht umgetrieben wurde, Garibaldi könne einen Aufstand der lokalen demokratischen Kräfte hervorrufen oder sogar ein Bündnis zwischen diesen und den traditionsverhafteten bäuerlichen Rebellen herbeiführen. Der B elagerungszu­ stand w urde zw ar nach drei Monaten wieder aufgehoben, nicht ganz zufällig zwei Tage vor Beginn der entsprechenden Parlamentsdebatte. Trotz La M arm oras „Er­ folgsbilanz“ geriet Rattazzi ins Kreuzfeuer der Kritik, da ciie Sinistra die Nicht11 R a tta z z i an San D o n ato , 4. 8. 1861 ( R o m e o , C a v o u r III 872). 12 Zu d iesem F e in d b ild s. M ich a el J eis m a n n , D as V aterlan d d er F ein de: S tu d ien zu m n a tio ­ nalen F e in d b e g riff un d S elb stv erstän d n is in D eu tsch lan d un d F ran k re ic h 17 92 -1 9 1 8 (S tu tt­ gart 1992). 13 A u ch n ach dem A n n ex io n sg e se tz von 1866 traten d ie A b g eo rd n eten d er a n n ek tierte n Staaten n ich t etw a dem p reu ß isch en A b g e o rd n ete n h au s b ei, so n d ern es fan den W ahlen zu einem N o rd d e u tsch en R eich stag statt, nach allg em ein e m W ah lrech t, in dem au ch die neuen T errito rien re p rä sen tiert w aren . A lle rd in g s sch lo ß P reu ß en m it den m eisten K lein staaten M i­ litärv erträg e ab, so daß deren T ru p p en in d ie p reu ß isch e A rm ee in teg riert w u rd e n (G eb h ard ts H an d b u ch d e r D eu tschen G esch ich te, 5. A u fl., B d. 2 (B erlin , L eip z ig 1913) 690 f.). 14 Schon R ic a so li h atte versu ch t, d ie Z u stim m u n g N ap o leo n s III., dessen T ru p p en in R om saßen, fü r den K am pf gegen d ie B rig a n ten zu erh alten . D och erst M in g h etti u n d sein A u ß e n ­ m in ister V isco nti V enosta erh ie lten das fran zö sisch e P lazet - auch w en n es n ich t zu einem fö rm lichen d ip lo m atisc h e n A b k o m m e n kam - zu en tsp rech en d en V erein b aru n gen zw isch en den M ilitärb e h ö rd en des R egn o d ’Ita lia un d d en en F ran k re ic h s, um d ie V erfo lg u n g d er B ri­ ganten an den G ren zen zu m K irch en staat vo rn eh m en zu kö nn en .

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Verfassungsmäßigkeit des Belagerungszustands und den M ißbrauch der Exeku­ tive kritisierte. Die Moderati hingegen warfen ihm zu große Schwäche vor: Die Repressionsaktionen seien zu ineffizient, der „brigantaggio“ habe eine Verbrei­ tung, die nicht mehr zu kontrollieren sei15. Bei den parlamentarischen Debatten um Polizei und öffentliche O rdnung scheinen Kontinuitätslinien auf, die bis in die Gegenwart reichen. Im Sommer 1863 kam es schließlich auch zur Einführung eines parlamentarisch abgesegneten Ausnahmegesetzes, obwohl dieses Instrument innenpolitisch, wie w ir gesehen haben, höchst umstritten war. Das ursprüngliche Gesetz passierte zw ar nicht das Parlament, doch der Rechtsanwalt Giuseppe Pica legte eine ver­ kürzte Fassung des Entwurfs vor, damit man nicht ohne Beschluß in die Som m er­ pause gehen möge. Das Paket von Ausnahmeregelungen sollte eine Dauer von 5 Monaten haben und w ar nur als Übergangslösung bis zur Verabschiedung eines präziseren Gesetzes gedacht. Es sah vor, daß Provinzen mittels königlichen De­ krets als „im Zustand des brigantaggio“ befindlich deklariert werden konnten. Dort wurden alsdann Militärtribunale eingerichtet. Bei bewaffnetem Widerstand w ar die sofortige Füsilierung der Aufständischen vorgesehen. Für Vagabunden, Arbeitslose, Verdächtige und „Helfershelfer“ (manutengoli, wörtlich H andlan­ ger) konnte ein Zwangswohnsitz festgesetzt werden. Es folgten Massenverhaftun­ gen sowie Exekutionen mit und ohne Prozeß. Die Kategorie der „manutengoli“ wurde sehr weit ausgelegt, so daß auch die politischen G egner der Regierung hohe Strafen erhalten konnten. M inister Peruzzi sprach in der Parlamentsdebatte vom Dezember 1863 denn auch von einem „heilsamen Terror“ 16. Die Ausnahmegesetze zur U nterdrückung des Brigantentums wurden bis 1865 mehrmals verlängert17, während der militärische A usnahmezustand in Süditalien mit der Auflösung der „M ilitärzonen“ erst Anfang 1870 aufgehoben wurde. Der 15 W arum d e r sü d ita lie n isc h e b rig a n ta g g io so v erb reitet sei, erk lä rte ein G en eral m it den V o rteilen , die er einem gro ß en P erso n en k reis lieferte: D en B au ern un d P äch tern sei er n ü tz ­ lich , w eil d ie E igen tü m er aus A n gst vo r d en B rigan ten ih re L än d e reien n ich t k o n tro llierten un d die b äu erlich en P äch ter d ie B e sitz e r u n g e stra ft ü b erv o rte ile n ko n n ten . D en L an d a rb e i­ tern , d ie zu den B rigan ten sto ß en ko n n ten , u m einen T eil d er B eute zu erh alten , so b ald sie ein e W affe erh ielten ; den S p io n en un d H e lfe rsh e lfe rn , w e il sie d aran ve rd ie n ten ; den G ro ß ­ g ru n d b esitz e rn , w e il sie m ittels d er B rig an ten ih re p riv aten F ehden au stra g en u n d eine A rt von fe u d aler O b erh errsch aft w e ite rh in ausü b en ko n n ten , d ie ihnen m it dem Fall d e r B o u r­ b o n en h errsch aft gen o m m en w o rd en w a r; d e r B o u rb o n en p arte i, w eil das L an d in A u fru h r b lieb un d ih rer A g ita tio n N a h ru n g lieferte; v ielen A n g e ste llte n d er n euen R eg ieru n g , da sie gegen B elo h n u n gen , d ie ih r G eh alt bei w eitem ü b erstie g en , A m tsg eh eim n isse verraten un d B rigan ten sch ü tzen ko n n ten . U n d w as B ü rg erm eiste r u n d N a tio n a lg a rd e an g eh e, so sp ie g e l­ ten d iese A m tsträg er ih re W ä h lersch aft en tsp rech en d w id e r (z itie rt nach Adorni, B rig a n ta g ­ gio 296). 16 Adorni, B rig an ta g g io 304 f. 17 D ie L egge Pica (n. 1409 vom 15. 8. 1863) w a r in K raft vom 22. 12. 1863 bis F e b ru ar 1864, d an ach w u rd e sie a u fgeh o b en , ab er in h a ltlic h ab g elö st von d er legge P e ru z z i n. 1661 vom 7. 2. 1864, d ie bis zu m 30. 4. 1864 in K raft w a r; sie w u rd e ab g elö st vo n d er legge n. 1742 vom 30. 4. 1864 bis D ezem b er 1864; d iese w ie d eru m von d er legge n. 2061, d ie vom 24. 12, 1864 bis zu m 31. 12. 1865 reich te.

S taatliche R epressio n als politisches In stru m ent

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Kampf um die Einigung erwies sich als folgenschwere Belastung für den jungen Einheitsstaat. Gleichzeitig war mit dem Instrument des Belagerungszustands das M uster geliefert worden, wie innenpolitische Repression im „liberalen“ Staat wirksam ausgeübt werden konnte. Wie einschneidend diese war, ist schwer z u sa­ gen. Trotz einer Flut von Literatur zum „brigantaggio“ ist die archivalische Ü ber­ lieferung noch nicht entsprechend ausgewertet worden, so daß es bislang keine zuverlässigen Zahlenangaben gibt - im übrigen ein generelles Problem der italie­ nischen Geschichtswissenschaft, auch zum Ersten und Zweiten Weltkrieg. Weder die Zahl der waflentragenden Briganten noch die der Sympathisanten oder als Helfershelfer Etikettierten läßt sich bislang ausreichend beziffern18, auch nicht die der im Kampf eingesetzten Soldaten. Die Zahl der Verhafteten war jedenfalls be­ eindruckend hoch: Allein in der Provinz Catanzaro wurden Anfang des Jahres 1864 jede Woche etwa 300 Personen als „briganti, vagabondi, oziosi, sospetti camorristi e sospetti m anutengoli“ arrestiert19. Zwischen 1861 und 1862 sollen in Kalabrien etwa 1560 Briganten „ausgeschaltet“ worden sein, davon 1023 in der Provinz Catanzaro, 306 in Cosenza und 234 in Reggio Calabria20. In Süditalien kamen somit drei zentrale Instrumentarien der Repression zum Einsatz: die Verhängung des Ausnahmezustands, flankierende Ausnahmegesetze, die scheinbar zeitlich begrenzt sein sollten, bald aber auf Dauer gestellt wurden, und die Einrichtung von M ilitärtribunalen. Jede dieser Maßnahmen konnte auch isoliert auftreten, ihr Zusammentreffen verweist jedoch auf eine entsprechend hö­ here repressive Intensität.

3. Die Kontrolle der entstehenden Massengesellschaft: „Aufstachelung zum Klassenhaß“ Vor dem Hintergrund der G ründung der Sozialistischen Partei und der Bildung von „Camere del Lavoro“ ist die Repressionswelle der 1890er Jahre zu sehen: Schon am 1. Mai 1891 waren über 200 Angehörige der sozialistischen oder anar­

18 V gl. d azu d ie n ach d en k lich en B e m e rk u n g e n des L eiters des H isto risc h e n A m ts des ita lie ­ nisch en H eeres, R iccardo Treppiccione, II B rig an ta g g io nei d o cu m e n ti d e ll’U fh c io S to rico (1 8 6 0 -1 8 7 0 ), in: S tu d i sto ric o -m ih tari 1995 (R o m a 1998) 10 3 -1 3 7 , h ier 112. 19 D iese Z ah l habe ich aus den e in sc h lä g ig e n A k ten des F o ndo B rig a n ta g g io ( G - l 1) im „U fficio S to ric o d ello Stato M ag g io re d e ll’E se rcito “ in R o m z u sam m e n g estellt (b u sta 71). Vor k u rzem sin d u m fan greich e A rch iv fü h rer v o rg e leg t w o rd en zu den B rig an ta g g io -B e stän d en , die d er in ten siven A u sw e rtu n g im m er noch h arren : F o nti p er la sto ria del b rig an ta g g io p o stu n itario co n servate n elP A rc h iv io C e n tra le d ello Stato . T rib u n ali m ilita ri s tra o rd in a ri. In ven tario a cu ra di Loretta D e Felice, P u b b lica z io n i d egli A rch iv i di S tato . S tru m en ti 131 (R o m a 1998); G u id a alle fo n ti p er la sto ria d el b rig a n ta g g io p o stu n itario co n serv ate n egli A rch ivi d i S tato , P u b b licaz io n i d eg li A rch iv i d i S tato . S tru m en ti 139 (R o m a 1999). 20 So d ie A n gab e von Vanni C lo d o m iro , P ro b lem i d ella C a la b ria p o stu n ita ria , in : S tud i P iacentini 29 (2001) 13 -37, h ier 19 (o h n e Q u e lle n an g a b e ). C lo d o m iro selb st sch ein t bei d ieser Z ah len an gab e au f d ie zeitgen ö ssisch e P u b liz istik z u rü c k g eg riffen zu haben.

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chistischen Bewegung verhaftet worden. Während des Zeitraums von 1894 bis 1898 kam es zu einer höheren Zahl von politisch motivierten Exekutionen, von verhängten Gefängnisstrafen und von politischen Verhaftungen als in den fünf­ undzw anzig Jahren vorher. W ährend der blutigen Maitage 1898 - einer Brotre­ volte mit politischem Hintergrund, hervorgerufen durch die Schutzzollforderun­ gen der etwa 150000 italienischen Getreideproduzenten, die eine Brotteuerung nach sich zogen21 - verursachten die Kanonen des piemontesischen Generals Bava Beccaris allein in den Straßen von Mailand 80 tote und 450 verletzte Demonstran­ ten, hinzu kamen 56 in anderen Teilen Italiens22. 1898 wurden zudem zahlreiche Zeitungen beschlagnahmt, Abgeordnete verhaftet, Diskussionszirkel und Vereini­ gungen aufgelöst. 700 Mailänder, darunter 200 Frauen und Kinder, wurden ver­ haftet und zum Castello Sforzesco gebracht, wo eine Serie von Prozessen vor den Spezialgerichten einsetzte. Die staatliche Repression fiel auf dem Boden des Deutschen Reiches weit un ­ blutiger, wenn auch nicht weniger erbittert aus als in Italien. Opfer waren neben den Katholiken, die von den Kulturkampfgesetzen getroffen wurden23, vor allem die Sozialdemokraten in der Phase der Geltung der Sozialistengesetze 1878-1890. Im Vergleich zu den drakonischen Gefängnisstrafen, die die militärischen Spezial­ gerichte in Italien fällten, fielen die Haftstrafen, zu denen A ugust Bebel 1872 im sogenannten Leipziger Hochverratsprozeß sowde im selben Jahr wegen Majestäts­ beleidigung und 1877 wegen Beleidigung Bismarcks verurteilt wurde, erheblich niedriger aus. Zudem konnte Bebel die Gerichtsverhandlungen entsprechend für die Verbreitung seiner politischen Anliegen nutzen - was schon W ilhelm Lieb­ knecht 1894 hervorhob24. Im Jahr 1898 führte allein das M ailänder Tribunale d igu erra 129 Prozesse gegen 828 A ngeklagte durch. Von diesen wurden 688 verurteilt, mithin eine Verurtei­ lungsquote von 83 Prozent. Bei einem Drittel dieser Verurteilten handelte es sich 21 Z u r A n a ly se des P ro d u ze n te n -K o n su m en ten g eg en sa tzes im K aiserreich s. Christoph Norm , V erb rau ch erp ro test u n d P arte ien system im w ilh e lm in isc h e n D eu tsch lan d (D ü sseld o rf 1996). 22 A driano D a l Pont, I lag e r d i M u sso lin i. L’altra faccia d el co n fin o nei d o cu m e n ti d ella p o lizia fascista (M ilan o 1975) 33. D ie zu m a n tiö sterre ich isch en E rin n eru n g so rt gew o rd e n e n „cin q u e g io rn a te “ in M ailan d 50 Ja h re z u v o r h atten 350 T o desop fer gefo rd ert. 23 E in zeln e rep ressiv e G esetze w ie z .B . d er so gen an n te K a n z elp arag rap h (§ 130a StG B ) w u rd e n von den G erich ten a lle rd in g s n u r in g erin gem U m fan g z u r G eltu n g g e b rach t un d w aren d ah er w eitg eh en d in effizien t: so das U rte il vo n Ronald J. Ross, T h e F a ilu re of B is­ m a rc k ’s K u ltu rk am p f. C ath o lic ism and State P o w er in Im p e rial G erm an y, 18 71-18 87 (W a­ sh in gto n D .C . 1998) 96 u n te r H in w e is au f M anfred Scholle, D ie p reu ß isch e S tra fju stiz im K u ltu rk a m p f 18 73-18 80 (M a rb u rg 1974). Schon 1969 w ie s E rnst R u d o lf H u b e r - u n ter B e­ n u tzu n g d er D isse rtatio n von O. Elhle, D er K an z elp arag rap h (H e id e lb e rg 1908) - d arau f hin, d aß zw isch en 1894 un d 1904 n u r v ier V eru rteilu n g en a u fgru n d § 130a StG B a u sg e sp ro ­ chen w o rd en w aren un d sch on 1906 ein e S trafrec h tsk o m m issio n sein e A u fh e b u n g vo rsch lug, w a s a llerd in g s erst 1953 - fü r d ie B u n d e sre p u b lik - geschah . Ernst R u d o lf Huber, D eu tsche V erfassu n gsgesch ich te seit 1789, B d. IV (S tu ttg a rt, B e rlin , K öln, M a in z 1969) 701. 24 D er L e ip z ig e r H o ch v erra tsp ro z eß vom Ja h re 1872, neu h erau sgegeb en von K arl-H einz Leidigkeit (B erlin 1960) 7.

Staatliche R ep ressio n als p olitisches Instrum ent

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um Minderjährige. Der Umfang der verhängten Haftstrafen belief sich durch­ schnittlich auf über zwei Jahre. In Florenz und Neapel wurden von den dortigen Militärgerichten gleichfalls hohe Haftstrafen verhängt25. Die Anklagepunkte ent­ sprachen dem, was seit Jahren von der ordentlichen Gerichtsbarkeit nach den Be­ stim mungen des Codice Zanardelli, dem 1889 eingeführten Strafgesetzbuch, ge­ ahndet werden konnte: So beriefen sich die Militärrichter vor allem auf die Artikel 252-255 des Codice penale, d. h. auf den Vorwurf der „Beihilfe zur Aufstachelung zum Verbrechen“ und der „Aufhetzung zum B ürgerkrieg“. Artikel 248 stellte die „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ unter Strafe, Artikel 246 die „Aufstache­ lung zum Verbrechen“ . Der noch dehnbarere Artikel 247 pönalisierte die „Auf­ stachelung zum Klassenhaß“ . Kaum präziser war Artikel 118, welcher „Vergehen gegen die Staatsmacht“ unter Strafe stellte. Artikel 247 richtete sich zudem gegen das Delikt des „Gutheissens einer Straftat“, wobei darunter in mehr als weiter Auslegung „das öffentliche Gutheißen einer Tat, die vom Gesetz als D elikt gewer­ tet w ir d “, verstanden w urde - ohne daß die Tat selbst vorher begangen worden sein m ußte26. Schon der Codice Zanardelli hatte mithin besondere Korsettstangen zum Schutz der gesellschaftlichen O rdnung eingezogen: Dazu zählte in erster Linie das Vergehen eines „vilipendio contro le istituzioni“ (art. 126), also die Verunglimp­ fung der staatlichen Institutionen, ein geradezu klassischer Staatsschutzparagraph, mit dem ein modernes crimen laesae maiestatis festgeschrieben wurde. U nd über Artikel 247 konnten sowohl die anarchistische wie die sozialistische A gita­ tion in umfassendem Maße kriminalisiert w erden27. Wenig Gebrauch machten die M ilitärrichter hingegen von den repressiven A us­ nahmegesetzen vom Juli 1894. Ü ber den Straftatbestand der „Aufstachelung, Straftaten zu begehen“ sowie der „Befürwortung von Straftaten mittels der Presse“ konnte die Presse geknebelt werden (legge n. 315). Gleichfalls bedroht waren „alle Vereinigungen und Versammlungen, die zum Gegenstand haben, mit­ tels ihres Tuns die soziale O rdnung um zustürzen“ (legge n. 316). U nd aufgrund des Gesetzes n. 314 konnte ein Zwangswohnsitz verhängt werden28. W arum benötigte der italienische Staat überhaupt noch eine Ausnahmegerichts­ barkeit, da doch schon das gewöhnliche Strafrecht mit seiner sehr dehnbaren Kri­ minalisierung politischer Vereins- und Versammlungstätigkeit ein umfassendes 23 U m b erto Levra, II co lp o di stato d e lla b o rgh esia. L a crisi p o litica di fine seco lo in Italia 1896/1900 (M a ila n d 1975) 157f. 26 So w u rd e d er A n a rc h ist M o lin a ri 1894 zu 23 Jah ren G efän gn is v e ru rte ilt w eg en „associazio n e a d e lin q u e re “ un d „eccitam en to alia g u erra c iv ile “, o b w o h l er bei den U n ru h e n in der L u n ig ian a g a r n ich t an w esen d gew esen w ar. Er w u rd e v e ru rte ilt w egen ö ffe n tlich er R eden, d ie er ze itlic h w eit frü h e r geh alten h atte un d w egen sein er T ä tig k e it als R e d a k te u r des A lm a nacco an arch ico . D ie E in rich tu n g d e r M ilitä rg e ric h te un d d ie D u rc h b rec h u n g des R ü c k ­ w irk u n g sv erb o ts w u rd e n vom K assatio n sg e ric h tsh o f g e b illig t, und es w u rd e le d ig lic h eine B esch w erd e gegen das e rstin sta n z lich e U rte il ein g eräu m t (C o rd ov a , D em o c razia e R ep ressio ne 29). 27 C o r d o v a , D em o crazia e R ep ressio n e 13. 28 Levra, C o lp o 158.

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Interventionsinstrument bereitstellte? Griff der italienische Staat auf M ilitärge­ richte zurück, weil im Codice Zanardelli die Todesstrafe abgeschafft worden war? Letzteres ist unwahrscheinlich, da auch die Militärgerichte nach 1894 keine To­ desurteile mehr fällten. Es darf jedoch angenommen werden, daß die M ilitärtribu­ nale aufgrund ihrer juristischen Inkompetenz effizienter waren, weil ihnen das Ergebnis und die Schnelligkeit des Urteils wichtiger waren als dessen Begrün­ dung. Träfe diese These zu, so w ürde es sich um eine Strategie der Entprofessionalisierung in politischer Absicht handeln. Die W illkür und die Inkompetenz der M ilitärjustiz waren übrigens schon den Zeitgenossen aufgefallen: So w urde dem Vorsitzenden des M ilitärgerichts Neapel, Colonello M ondino, in der „Rivista popolare“ Unkenntnis elementarster straf­ prozessualer und strafrechtlicher Regeln und insbesondere die voreingenommene Wertung von Zeugenaussagen vorgeworfen: Denn M ondino hatte erklärt, daß für ihn die „guten Zeugen“ im wesentlichen die Carabinieri und das Wachpersonal seien29. Doch auch in anderen Fällen w ar die Inkompetenz der Militärgerichte kaum zu übersehende Absicht: Unter „Aufstachelung zum Verbrechen" (nach Art. 246 Codice penale) verstand man beispielsweise, daß die Masse durch Reden und Geschrei zu einem „Vergehen des A ufruhrs“ gebracht werde, wobei für die Militärgerichte die Frage des unmittelbaren kausalen Zusammenhangs zwischen Reden und Revolte keine Rolle spielte. Der bürgerlich-monarchische Staat des letzten Jahrhundertviertels w urde die Geister und die Fesseln nicht mehr los, die er selbst durch die Verfassungsbewe­ gung - wenn auch in anderer Absicht30 - geschaffen hatte. Die Vorstellung der Pressefreiheit, der Meinungsfreiheit, der Versammlungsfreiheit hatte sich auch in den Schichten verbreitet, deren Freiheit 1789 und 1848 nicht gemeint war. Der entfesselte Prometheus der Massengesellschaft konnte nur noch durch A usnah­ megesetze und Waffengewalt unter Kontrolle gebracht werden: In der politischen Program matik hinter 1789 zurückzukehren, war unmöglich geworden. Die H o ­ noratiorenherrschaft war ohne Ausnahmegesetze nicht mehr haltbar31. So w urde mittels des Justizapparats Politik betrieben und durch den C odice Penale in Ver­ bindung mit den Gesetzen vom Juli 1894 diejenigen Unruhestifter verurteilt, de­ nen man in stereotypisierter Form vorwarf, sie hätten, „mittels Schriften, die im Osservatore Cattolico publiziert worden sind, auf für die öffentliche Ruhe gefähr­ liche Weise zum Haß zwischen den verschiedenen sozialen Klassen aufgestachelt; 29 C o r d o v a , Democrazia e Repressione 42 f. 30 D azu fü r den to sk an isch en A d el Thomas K roll, D ie R ev o lte des P a triz ia ts. D er to s k a n i­ sche A d elslib e ra lism u s im R iso rg im en to (T ü b in g en 1999). 31 Schon M ax W eb er hat den P ro zeß d e r A u flö su n g d er H o n o ra tio re n h errsc h aft d u rch d ie m o d ern en M assen p arteien im K aiserreich w ie fo lgt b esch rieb en : „D ie H o n o ra tio re n h e rr­ schaft ab er in den P arte ien ist au ß e rh a lb v e rk e h rsen tleg en er a g rarisc h e r G eb iete m it p a tria r­ chalem G ro ß g ru n d b esitz ü b erall d esh alb u n h altb ar, w eil d ie m o dern e M asse n p ro p ag an d a die R a tio n a lisie ru n g des P arte ib e trieb s: den P arteib eam ten , die P a rte id is z ip lin , d ie P arteik asse, d ie P a rteip resse un d d ie P a rte irek la m e z u r G ru n d lag e d er W ah lerfo lg e m ach t. D ie P arteien o rg an isiere n sich zu n eh m en d straffer.“ Max Weher, P arlam en t u n d R eg ieru n g , in: ders., W irt­ sch aft u n d G esellsch aft (T ü b in g en 51985) 858.

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la t e n begangen, die darauf abzielen, gewaltsam die Verfassung des Staates und die Regierungsform umzustürzen; die Einwohner des Königreichs zu einer bewaffne­ ten Erhebung gegen die Kräfte des Staates veranlassen w ollen"32. Der Staatsschutzparagraph mußte die bürgerliche Sozialordnung retten - auch wenn dies letztlich ein unzureichendes Mittel war. Die politische Agitation der A rbeiter­ klasse w ar nicht mehr aufzuhalten, w ie sich an der Entwicklung der Streikbewe­ gung um 1900 ablesen läßt: Von 410 Streiks mit etwa 94000 Streikenden im Jahr 1900 stieg ciie Bewegung 1901 auf 1671 Streiks mit 420000 Beteiligten an. Die R e­ pression von 1898 hatte, dies war auch vielen Industriellen klargeworden, vor al­ lem eines bewirkt: die Sozialistische Partei und die Arbeiterligen erheblich zu stärken33. U nd ehemalige Garibaldiner wie der republikanische Parlamentsabge­ ordnete und Medizinprofessor in Messina, Napoleone Colajanni, verglichen be­ reits 1898 die Savoyerherrschaft mit dem Königreich beider Sizilien: Was die R e ­ pression angehe, so sei es in 40 Jahren Bourbonenherrschaft in Süditalien zu 2067 politischen Verurteilungen gekommen, doch im neuen Königreich Italien hätten die M ilitärtribunale - ohne die ordentliche Gerichtsbarkeit! - allein in wenigen Monaten des Jahres 1898 schon 2500 Bürger verurteilt34. Gleichzeitig führten die zahlreichen Verurteilungen von Anarchisten, Sozialisten und Republikanern zum Zwangsaufenthalt auf süditalienischen Inseln w ie Lipari zu einer ersten Welle an autobiographischer Verbannungsliteratur35, Innenpolitisch kam es seit 1894 immerhin zu einer massiven juristischen Dis­ kussion um die Rechtswidrigkeit des Ausnahmezustands. Der Belagerungszu­ stand im Innern war nämlich im Statuto Albertino nicht vorgesehen, ja viele J u r i­ sten gingen sogar davon aus, daß das Gewaltenteilungsprinzip des Artikels 6 - der zw ar vorsah, daß die Exekutive D ekrete zur Gesetzesausführung erlassen könne, darunter aber nicht solche Dekrete meinte, in denen die Geltung von Gesetzen aufgehoben werde - einen Belagerungszustand völlig ausschlösse. Juristische A u ­ toritäten kamen daher zu dem Schluß, daß der A usdruck Belagerungszustand ohne jede rechtliche Bedeutung sei. Andere wiederum waren der M einung, daß die Verfassung der Exekutive sogar ausdrücklich verbiete , Teile ihrer Garantien außer Kraft zu setzen. Doch die normative Kraft des Faktischen w ar stärker. Di Rudini verhängte den Belagerungszustand und öffnete damit die Möglichkeit, Kriegsgerichte einzuführen - wie dies im übrigen schon Crispi 1894 in Sizilien und der Lunigiana getan hatte36. Die Verfassung konnte ausgehebelt werden mit 32 C ord ova , D em o crazia e R ep ressio n e 98. 3j Am edeo Osti G u errazzi, G ran d e in d u stria e le g isla zio n e so c iale in etä g io littia n a (T orino 2000) 13 f. G lan C arlo Joeteau, L’arm o n ia p ertu rb a ta (R o m a, B ari 1988). 34 Napoleone C olajanni , L’Italia d el 1898. T u m u lti c re az io n e (1898), G alze ran o E ditore (N D r. C a sa lv elin o 1998). 35 D ie b eiden B ü ch er von Ettore Croce, N el D o m ic ilio C o a tto (1899) un d A d o m icilio co atto (1900) liegen nun in einem B an d vo r u n ter dem T itel: D o m ic ilio C o a tto , G alzeran o E ditore (C a sa lv e lin o 2000). 36 So auch sch o n 1852 in S assari un d T em p io , 1849 in G en ua ( C ordova, D em o c razia e R e ­ p ressio n e 12). W en ig e rg ieb ig zu d iesem F rag ek o m p le x h in gegen Christopher Duggan, C re a re Sa n azio n c. V ita di F ran cesco C risp i (R o m a, B ari 2000).

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dem Instrument des gewöhnlichen Strafrechts, nämlich mit dem Codice Zanardelli, der erst seit kurzem in Kraft war. Auch wenn dieser einige Strafrechtsmiiderungen gebracht hatte, zählte das Faktum weit stärker, daß darin neue Delikte ein­ geführt worden waren, die auf eine Kriminalisierung der politischen Opposition hinausliefen. Es w ar kein Zufall, daß diese Repression zu einem Zeitpunkt statt­ fand, als die Wahlberechtigung zum Parlament eine Erweiterung erfuhr. Hatten 1880 nur 2,2 Prozent der Bevölkerung das Wahlrecht besessen, so w ar 1882 der straffe Zensus von 1860 deutlich herabgesetzt und durch persönliche Qualitäten des Bürgers ergänzt worden: Neben einer Mindeststeuersumme waren nun Schul­ bildung sowie Schreib- und Lesefähigkeit erforderlich. Statt 620000 Bürgern wählten 1882 schon 2 Millionen, 1886 2,4 M illionen37. In der Wahlrechtsfrage hatte das Deutsche Reich einen weniger konservativen Weg beschritten, wenn auch das Spannungsverhältnis von einzelstaatlichem Dreiklassenwahlrecht, vor allem in Preußen, und allgemeinem M ännerwahlrecht im Reich die politische Kul­ tur des Kaiserreichs38 bestimmte. Schaut man vergleichend auf das Deutsche Reich, so w ar das Sozialistengesetz ebenfalls als Ausnahmegesetz konzipiert worden. Es hielt sich nicht weniger als 12 Jahre lang, obwohl zwischen 1878 und 1887 nur schwer eine parlamentarische Mehrheit für das Gesetz zu finden gewesen war. U nd auch das Ende des Gesetzes 1890 war nicht Ergebnis der Ü berzeugung, daß die M aßnahm e überflüssig gew or­ den sei. Schließlich hatte der Bundesrat im O ktober 1889 einen Entwurf für ein unbefristetes Gesetz vorgelegt. Nach Bismarcks „starrsinniger Ü berzeugun g“ mußte der Staat nämlich mit der Sozialdemokratie, die für den Kanzler außerhalb jedes politischen Kommunikationszusammenhangs stand, „in einem bürger­ kriegsähnlichen Zustand bleiben“39. M it dem konservativ-nationalliberalen Kar­ tellreichstag schien einer Verlängerung des Sozialistengesetzes nichts mehr im Weg zu stehen. Doch die Nationalliberalen, die an sich einem Dauergesetz z u ­ neigten, aber ihrerseits nicht dessen Opfer werden wollten, forderten im Reichs­ tag entsprechende M odifikationen an § 22 des Sozialistengesetzes, der die A us­ weisung sozialistischer Agitatoren aus ihren bisherigen Heim atwohnorten gestat­ tete. Das Kartell spaltete sich in der Frage des Ausweisungsparagraphen40. W ährend man in Italien die Opposition mit der Wurzel auszuschalten gedachte, erhofften sich viele Befürworter des Sozialistengesetzes eine entsprechende Ein­ w irkun g auf die „vaterlandslosen Gesellen“41. Untersucht man die strafrechtliche 37 Z ah len bei Francesco Bartolotta, P arlam cn ti e go vcrn i d ’ Italia dal 1848 al 1970, 2 B de., V ito B ian co E d ito re (R o m a 1971). 3S Thomas K ühne, D re ik lasse n w ah lre c h t un d W a h lk u ltu r in P reu ssen 18 67-19 14. L an d ta g s­ w ah len zw isc h e n k o rp o ra tiv e r T rad itio n u n d p o litisch em M a sse n m a rk t (D ü sse id o rt 1994). 39 So das U rte il von Wolfgang Schieder, B ism arck un d d e r S o z ia lism u s, in: Johannes Klinisch (H rsg .), B ism arck un d seine Z eit (B erlin 1992) 1 7 3-189 , h ier 18 8-189 . 40 Huber, D eu tsch e V erfassu n gsgesch ich te IV 2 0 2 -2 0 8 . 41 „Selbst das S o zia liste n g e se tz z ie lte sc h lie ß lich n ich t a u f das - a llerd in g s auch im R eich stag n ich t d u rc h se tz b a re - v o llstä n d ig e V erb ot d er S o z ia ld e m o k ratie ab, so n d ern so llte neb en ih ­ rer ö ffen tlich en p o litisch en V ersam m lu n g stätig k e it vo r allem ih re P resse zu m E rliegen b rin ­ g e n .“ (Schieder, B ism a rck 186).

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Praxis im Deutschen Reich in den Jahren nach 1880, so scheint sie durchweg m il­ der gewesen zu sein als im Italien der späten 1890er Jahre. Vor allem erlaubten die regulären Strafprozesse eine ganze andere publizistische und agitatorische Ver­ arbeitung42 als die kurzen Prozesse vor den italienischen Kriegsgerichten. A u ß er­ dem gewährte selbst das Sozialistengesetz den aufgrund § 22 strafrechtlich Ver­ urteilten den Rechtsschutz der Strafprozeßordnung43. Ähnlich w ie im italienischen Fall benötigte auch die deutsche Justiz nicht unbe­ dingt den Rückgriff auf das Sozialistengesetz44. So standen Bebel, Auer und Ge­ nossen 1886 vor dem Landgericht Freiberg wegen Geheimbündelei nach § 128 des Strafgesetzbuchs vor Gericht, wurden von diesem Anklagepunkt sogar freige­ sprochen, allerdings nach § 129 StGB wegen Teilnahme an einer „gesetzwidrigen Verbindung“ verurteilt. Das Sozialistengesetz hatte insofern eine rechtskodifikatorische Bedeutung, da dort die „gesetzwidrige Verbindung“ inhaltlich definiert worden war. Schon damals hatte Ignaz A uer die in den ersten zehn Jahren des Sozialistengesetzes verhängten Freiheitsstrafen aufaddiert und in der Summe ein Strafmaß von 831 Jahren Gefängnis (U-FIaft inklusive) ermittelt, was er zu 1000 Jahren aufrundete. Die italienische Repression war im Vergleich deutlich härter: Allein das M ailänder M ilitärgericht verhängte in einem einzigen Jahr, 1898, 1400 Gefängnisjahre, während gleichzeitig in Neapel - laut Colajanni - 812 Angeklagte zu 700 Jahren verurteilt wurden. Ob dieser deutsch-italienische Vergleich ein treffendes Abbild der gesamtge­ sellschaftlichen justizförmigen Repression liefert, bleibt insofern fraglich, als über den repressiven Einsatz der norm alen Strafjustiz kaum Informationen vorliegen. Diese Einschränkung gilt für Italien wie Deutschland jedoch gleichermaßen. Der Rückgriff auf die Ausnahmegesetze w ar jedenfalls in beiden Staaten nur die Spitze eines Eisbergs von rechtsförmiger Repression gegen politische Opposition, die der moderne Verfassungsstaat mit schmaler politischer Spitze und hohem Kontrollbediirfnis lawinenartig losgetreten hatte45. 42 D as Sch eitern ein er p o liz e ilic h e n U n te rb in d u n g sstra te g ie w ird q u elle n m ä ß ig d ic h t b elegt bei R e in h a r d H öhn , D ie vaterlan d slo sen G esellen . D er S o zia lism u s im L ic h t d er G eh eim b e­ rich te d er p reu ß isch en P o liz e i 18 78-19 14, B d. I (1 8 7 8 -1 8 9 0 ) (K ö ln , O p lad en 1964). 43 H uber, D eu tsch e V erfassu n gsgesch ich te 1163 f. 44 E .-R . H u b e r ist d er A n sic h t, daß d as A u sn ah m e strafrec h t des S o z ia listen g e se tz es eh er s e l­ ten zu r A n w e n d u n g kam u n d d aß sich S taatsan w altsch aften w ie G erich te s tä rk e r au f das S trafgesetzb u ch stü tzte n , w o b ei in sb eso n d ere § 129 (B ete ilig u n g an e in e r g e se tz w id rig e n V erb in d u n g) zu m E in satz k am , n ich t jed o ch § 17 S o zia listen g e se tz , m it dem d ie T eiln ahm e an einem v erb o ten en V erein p ö n alisie rt w u rd e . D ie deu tsch en G erich te griffen bei d er B e ­ käm p fu n g d er S o z iald e m o k raten g e leg en tlic h ab er auch au f b estim m te S o n d erstraig e setz e zu rü c k w ie das S p ren g sto ffg esetz von 1884. W äh re n d es im ersten S ep ten n at des S o z ia lis te n ­ gesetzes n u r zu 24 V erfah ren w eg en v e rb o ten er O rg a n isa tio n en nach StG B kam , vo n denen nur ach t m it V eru rte ilu n g en geen d et h atten , k am es zw isch en 1886 un d 1889 zu 55 V erfahren m it 33 V eru rteilu n g en . In diesen Jah ren ve rsch ärfter H an d h a b u n g des S o zialisten g e se tz es w u rd en 236 A n g e k la g te w eg en T eiln ah m e an geh eim en o der v erb o ten en O rg a n isa tio n en v e r­ u rteilt. 45 Ü b errasch en d erw e ise geh t R affaele R o m a n e lli in sein e r D a rste llu n g zu m lib e ra le n S taat (.R om a n elli, II co m an d o im p o ssib ile ) au f d ie F rage d er R ep ressio n kau m ein. M it d er T h ese

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Eine besonders massive Waffe des Staates im Deutschen Reich w ar die Verhän­ gung des sogenannten „kleinen Belagerungszustands“ . H inter diesem § 28 des So­ zialistengesetzes verbarg sich vor allem eine Einschränkung der Versammlungs­ und der Pressefreiheit, verbunden mit einer Kontrolle des Waffenbesitzes und der Einschränkung der Freizügigkeit. Personen, von denen eine Gefährdung der öf­ fentlichen Sicherheit und O rdnung zu befurchten war, konnte der Aufenthalt in den betreffenden Ortschaften und Bezirken verboten werden. Allerdings setzte dies voraus, daß die Landeszentralbehörden mit Genehmigung des Bundesrats Ortschaften und Bezirke als durch sozialistische U msturzbestrebungen für ge­ fährdet erklärt hatten. Die A usweisungsm öglichkeit mittels dieses Paragraphen war im übrigen weit umfassender als die des § 22, der vorsah, daß strafrechtlich Verurteilte als Ne^ewmaßnahme ausgewiesen werden konnten. Der kleine Belage­ rungszustand des Sozialistengesetzes w urde vor allem über einige große Städte verhängt: Berlin, H am burg, Leipzig, Frankfurt und Stettin. Da dem Reichstag darüber Rechenschaft abzulegen war, bot dies eine öffentliche Gelegenheit zur Kritik an den Regierungsmaßnahm en46. Wiederum erscheint das parallele italienische Instrument des „domicilio coatto“, das nicht einer Ausweisung, sondern einer zielgerichteten Deportation entsprach, als w eit schärfer, und zw ar sowohl in seinem potentiellen A n w en ­ dungsrahmen als auch in seiner Praxis47. In zehn Jahren w urden insgesamt knapp 900 Ausweisungen nach § 2 8 Sozialistengesetz verfugt. 1888 wurde als weiteres Repressionsinstrument die Möglichkeit der A berkennung der Staatsangehörigkeit für sozialistische Agitatoren, die nach § 22 verurteilt worden waren oder die an sozialistischen Kongressen im Ausland teilgenommen hatten, diskutiert. Auch wenn diese „Expatriierungsvorlage“ am Widerstand der Nationalliberalen schei­ terte48, w ar damit eines der Repressionsinstrumente des „Dritten Reichs“ vorge­ dacht worden. Der Unterschied zum italienischen Belagerungszustand w ar mithin beträcht­ lich: Dort lieferten die militärischen Schnellgerichte eine juristische Waffe größe­ rer Schärfe, größerer Schnelligkeit und geringerer Publizität. Genau dieses schwere juristische Geschütz w urde den deutschen Einzelstaaten 1870 genom ­ men. Zwar konnte die preußische Regierung unter Rückgriff auf das Belagerungs-

eines „com ando im p o ssib ile “ v e rsu ch t er, d ie lib eralen R egim e vo r dem V o rw u rf eines sc h a r­ fen z e n tra listisch en A u to rita rism u s in S ch u tz zu n eh m en un d au f d ie Idee eines lib eralen P ro jek ts zu verw eisen . E ine Ü b e rp rü fu n g d ie ser T h ese, d .h . ein e A n a ly s e von T iefe und Sch ärfe d er in n eren R ep ressio n , b leib t aus. 46 D azu H uber, D eu tsch e V erfassu n gsgesch ich te IV 1185 f. 47 D as P o liz e i-G e se tz vo n 1889 (testo u n ico di p .s.) h atte das d o m ic ilio co atto als „n o rm ale s“ R ep ressio n sin stru m e n t vo rgeseh en , d agegen fü h rte C risp i das „ d o m icilio c o a tto “ zu sätzlich m it den A u sn ah m e n g esetze n vom S o m m er 1894 ein, d ie im D ezem b er 1895 au ß e r K raft tra ­ ten , um d an n von d er R eg ieru n g di R u d im 1898 fü r ein w eitere s Ja h r w ie d ere in g efü h rt zu w erd en . C risp is „ d o m icilio c o a tto “ fü h rte zu 387 E in w eisu n gen , das re g u lä re P o lizeig esetz von 1889 h in g egen zu 4500 „ Z w a n g sz u w e isu n g e n “ (so Petrini, P rev en zio n e in u tile 133). 4S A n gab en nach H uber, D eu tsch e V erfassu n gsgesch ich te IV 1185 f.

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zustandsgesctz von 185149 eine Reihe von Grundrechten örtlich und zeitlich be­ grenzt aufheben, sofern eine dringende Gefahr für die öffentliche Sicherheit be­ stand (und wie dies in Elsaß-Lothringen auch praktiziert w urde50). Doch die Ent­ ziehung des gesetzlichen Richters durch Einsetzung von (z.B. militärischen) A u s­ nahmegerichten, also die A ußerkraftsetzung von Art. 7 der Reichsverfassung, konnte nur über die Ausrufung des Reichsbelagerungszustands erfolgen51, zu der es in der Ara Bismarck jedoch nicht kam. Erst am Vorabend des Ersten Weltkriegs wurde der Reichsbelagerungszustand (= Kriegszustand) nach Art. 68 Reichsverfassung ausgesprochen, wobei der Kaiser dies für das Reichsgebiet ohne Bayern tat. Für sein Territorium sprach der bayeri­ sche König auf Ersuchen des Kaisers am selben Tag eine analoge Erklärung aus52. Diese institutionelle Rücksichtnahme auf föderale Strukturen dürfte wesentlich zu einem unblutigeren Zusammenwachsen des neuen Kaiserreichs beigetragen ha­ ben. Versucht man, an dieser Stelle ein Resümee zu ziehen, so w ird deutlich, daß zur H omogenisierung des Nationalstaats und zur U nterdrückung von politischen Unruheherden nicht nur der Polizei- und M ilitärapparat bemüht wurde, sondern in erster Linie die Justiz zum Einsatz kam. U m die widerspenstige Bevölkerung (in Süditalien) gefügig zu machen und um Opposition (Sozialisten, Anarchisten) mit Hilfe der Justiz auszuschalten, mußten zuerst Widerstandshandlungen krim i­ nalisiert und dem gewöhnlichen Strafrecht unterworfen werden. Der piemontesische Staat hatte seine französische Lektion hervorragend ge­ lernt. N och knapp 60 Jahre vorher waren nämlich die Piemontesen die „brigands“ gewesen, die sich von einem fremden Joch befreien wollten und von der französi­ schen Republik als Verbrecher und Räuber kriminalisiert und verfolgt wurden. Die französische Republik hatte auch gezeigt, mit welchen Mitteln Zugehörigkeit eingefordert und politische U nterwerfung durchgesetzt werden konnte. Die A uf­ stellung der Carabinieri w ar ein Beweis für die Lernfähigkeit der piemontesischen Führung. Dieses militarisierte Polizeikorps, das nur für Aufgaben der Ruhe und O rdnung im Innern zuständig war, keine lokalen Loyalitäten und Verbrüderun­ gen aufwies und nicht aus Rekruten bestand, denen die Nähe z ur eigenen Familie vielleicht gewisse Rücksichten auferlegt hätte, war eine effiziente Invasionsstreit­ macht, die vielleicht nur den einen Nachteil hatte, zu leicht als solche erkennbar zu sein und die Sprache der Bevölkerung in den neu eingegliederten Gebieten nicht zu verstehen. A ber auch in diesem Punkt hatte man von den Franzosen ler­ nen können. Neben Einheimischen als Dolmetschern w ar die Nationalisierung der Führungsschichten das beste Instrument, um die Massen unter Kontrolle zu 49 D azu Huber, D eu tsche V erfassu n gsgesch ich te III 1053. j0 Z u m „ D ik ta tu rp a ra g rap h e n “ fü r E lsaß -L o th rin g e n s. H uber, D eu tsch e V erfassu n g sg e­ sch ichte IV 450 ff. F ü r P reu ß en w u rd e n u r 1885 ü b er B ielefeld d e r p reu ß isch e B e la g e ru n g s­ zu stan d v erh än gt, w as allerd in g s ein e ju ristisc h e D eb atte au slö ste un d d azu fü h rte, daß P re u ­ ßen d an ach d ie a lle in ig e R eich sk o m p e ten z z u r V erh än gu n g des B e la g e ru n g szu stan d s a n e r­ kan nte (ebd. IV 1046). M H uber, D eu tsch e V erfassu n gsgesch ich te III 10 29ff. 5’ H uber, D eu tsch e V erfassu n gsgesch ich te IV 1043.

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bringen. Die Italianisierung der Notabein mußte daher das zentrale Anliegen des neuen Gesamtstaates sein. Die Nationalisierung der Führungsschicht mußte der Nationalisierung der Massen vorausgehen. Die lokale O brigkeit in Süditalien durfte keine Separatidentität oder bourbonische Nostalgien mehr aufweisen ebensowenig wie die piemontesischen Notabein, die 60 Jahre vorher keine monarchisch-savoyischen Tendenzen ausdrücken durften, sondern die politische Kul­ tur und Symbolsprache der freiheitsbringenden R epublik zu übernehmen hat­ ten53. Lag eine solche Bereitschaft zur Anpassung nicht vor, dann w ar bewaffne­ tes Einschreiten die Folge: Die bourbonischen Soldaten, die ihrem König Fran­ cesco II. im Jahr 1861 treu blieben, w urden in Kriegsgefangenenlager verbracht, die im hohen Norden, in den piemontesischen Alpentälern angelegt wurden. In Fenestrelle im Val Chisone befand sich die Festung fast auf 2000 Metern Höhe. Nach langwieriger Beförderung trafen sie dort auf die ihren Souveränen treuge­ bliebenen Soldaten des Kirchenstaats und der kleineren italienischen Staaten54. Das Bismarcksche Einigungsmodell der H omogenisierung im gemeinsamen Kampf gegen den äußeren Feind hat solche Probleme nicht aufkommen lassen sondern (z.B. mit der Entstehung der Weifenpartei oder der Bayerischen Patrio­ tenpartei) auf die parlamentarische Ebene verlagert. Stattdessen w urde im D eut­ schen Reich durch den militärischen Kampf nach außen ein egalitäres Moment eingebracht, das in Italien w ohl erst während des Ersten Weltkriegs seine eini­ gende W irkung entfalten konnte. Die entfesselte demokratisierende D yn am ik sei­ nes Einigungsmodells hatte der Eiserne Kanzler - trotz aller staatsrechtlicher Be­ tonung der Fürstenherrschaft - wohl unterschätzt. So verstärkte er diese Strö­ mung noch durch die Einführung des allgemeinen, gleichen und geheimen M än ­ nerwahlrechts auf Reichsebene, um ein Instrument gegen die liberalen Notabeln an der Hand zu haben und gegebenenfalls die Instrumentalisierung der Massen betreiben zu können. Doch schon 1878 mußte sich der Zauberlehrling eingeste­ hen, die gefährliche Substanz nicht richtig eingeschätzt zu haben. Die Büchse der Pandora sollte mit Hilfe des Sozialistengesetzes wieder geschlossen werden, aller­ dings mit nur mäßigem Erfolg, da die neugeschaffene politische Öffentlichkeit auf Z u r fran zö sisc h e n A n n ex io n P iem o n ts Lutz K lin k h am m er, D ie Z iv ilisie ru n g d er A ffekte. K rim in a litiitsb ek äm p fu n g im R h e in la n d und in P iem o n t u n te r fran zö sisc h e r H errsch aft 1798—1814, in: Ja h rb u c h des H isto risc h e n K ollegs 1998 (M ü n ch en 1999) 119-161. 54 In ein er sch arfen an tip ie m o n te sisch en P o le m ik , die ein em n euen, in zw isch e n w e it v e rb re i­ teten R iso rg im e n to -R e v isio n ism u s v erp flich tet ist, erg eh t sich d ie h isto risch e S tu d ie des J u ­ risten F ulvio Izzo, I L a g e r dei S avo ia. S to ria in fam e del R iso rg im en to nei cam p i di co n centram en to p er m erid io n a li, E d izio n i C o n tro c o rre n te (N a p o li 1999). D er V erfasser versteigt sich so gar d a zu , von ein em p iem o n tesisch en „ E n d lö su n g sp ro je k t“ zu sp rech en , d as d arin b e­ stan d en haben so ll, von d er p o rtu g iesisc h e n R e g ie ru n g ein e In sel ü b erlassen zu b eko m m en , um - in ein er A rt M a d ag a sk a rp la n - d ie sü d ita lien isch en K riegsgefan gen en d o rth in in d ie D e­ p o rtatio n zu sch ick en (eb d. 145 ff.). Ä h n lic h im T eno r G e rla n d o Lentini, La b u g ia riso rgim en tale: il R iso rg im en to ita lian o d alla p arte d eg li sco n fitti (R im in i 1999). M artucci, L’ in venzio n e d e ll’ Italia u n ita, geht gar von 4 0 0 0 0 n eap o litan isch en K riegsgefan gen en aus, die nach N o rd italie n verb rac h t w o rd en seien.

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Reichstagsebene - gerade wegen ihrer Negation der M itw irkun g der Parteien am politischen Leben - nicht mehr eingeschränkt werden konnte. So war zw ar die so­ zialistische Presse verboten worden, die Wahl sozialdemokratischer A bgeordne­ ter aber war nicht zu verhindern. Während Bismarck nach seinem Vorstoß mit der Reichsverfassung permanent die innenpolitische Bremse betätigen mußte, um die A usw irkungen der egalitären Komponente nach innen abzuschwächen und um Sozialisten und Katholiken von der M acht fernzuhalten, war die italienische Einigung gegen den Katholizismus und gegen den Süden vorgenommen worden. Ferner erforderte das unitarisch­ zentralstaatliche Modell einen erhöhten Bedarf an Interessenverzicht und innerer H omogenität. Der italienische Nationalstaat schloß eine doppelte - und damit die M öglichkeit einer ambivalenten, spannungsreichen - Zugehörigkeit zu zwei Staatswesen aus: Deutscher u n d bayerischer Untertan, das ließ sich auf italienisch nur als eine Spaltung konzipieren in eine nationale staatsbürgerliche (oder in ihr Gegenteil: eine anti-nationale, süditalienische oder katholische Identität) und eine m unizipale bürgerliche Identität.

4. Die Erfahrung massenhafter Repression im Ersten W eltkrieg und in der Epoche des Faschismus Zwischen der strukturellen Gewalt des bürgerlich-monarchischen Staates einer­ seits und der regime-immanenten Gewalt der faschistischen Diktatur andererseits liegt der Erste Weltkrieg, der angesichts des für die Zeit des Krieges auf D auer ge­ stellten militärischen Ausnahmezustands kaum mit der innenpolitischen Repres­ sion in Friedenszeiten verglichen werden kann. Allerdings zeigen sich auch hier im deutsch-italienischen Vergleich signifikante Unterschiede, die ein Schlaglicht auf den jeweiligen Einsatz von Repression gegenüber der eigenen Bevölkerung werfen. 5,9 Millionen Italiener waren zwischen 1915 und 1918 wehrdienstpflich­ tig. Angesichts einer Gesamtzahl von 7,7 M illionen Familien war nahezu jeder Haushalt von der Einberufung, aber auch von der Durchsetzung der M ilitär­ pflicht betroffen55. Im Laufe des Kriegs kam es zu 870000 Anzeigen vor den J u ­ stizbehörden. Zieht man circa 470000 Anzeigen wegen Wehrpflichtverweigerung ab36, bleiben 400000 Anzeigen wegen Vergehen, die in U niform begangen w u r ­ den. M it dem Stichtag des 2. 9. 1919, dem Tag der „Amnestie für die Fahnenflüch­ tigen“, hatte die Militärjustiz die gigantische Zahl von 350000 Verfahren durchge­ führt, von denen 210000 mit einer Verurteilung und 140000 mit Freispruch be­ endet worden w aren57. 93 0 00 Soldaten aus der Etappe wurden wegen unerlaubter ,5 G iorgio R ochat, C o n sen so e rifiu to nei so ld a ti d ella G ran d e G u erra 1915-1918, in : S tu d i e ricerche di sto ria co n te m p o ran ea 28 (1999) 5—18. 56 D avon w aren n u r 100000 w irk lic h e V erw eigerer, da 3 7 0 0 0 0 „ re n ite n ti“ als E m ig ran ten tern d er H e im at dem G estellu n gsb efeh l nach Italien sch lich t n ich t gefo lgt w aren . 57 G ru n d le g en d : E m o Forcella, A lberto M on ticon e, P lo to n e d ’ esecu zio n e. I p ro cessi d ella

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L u tz K lin k h a m m e r

Entfernung von der Einheit verurteilt, 6000 Frontsoldaten sind wegen Desertion verurteilt worden, davon 2000 wegen Uberlaufens zum Feind58. Es kam zu zwei Gattungen von Todesurteilen: erstens die „standgerichtlichen“ Urteile an der Front, die oft ohne Gerichtsentscheidung erfolgten und Dezim ierungen von g an­ zen Einheiten gleichkamen. Von diesem Typ sind 150 Fälle bekanntgeworden. Zweitens die gerichtlichen Todesurteile, die nach der offiziellen Statistik des Kriegsministeriums 4028 ausmachten, davon 2967 als Kontumazialurteil. Von den verbleibenden 1061 Todesurteilen wurden etwa drei Viertel (750) vollstreckt59. Ü ber die 62000 Zivilisten, die von den Militärgerichten - vor allem wegen ihrer Unterstützung für Deserteure - verurteilt wurden, gibt es bis heute fast keine In­ formationen. Auch die Tätigkeit der insgesamt 117 Militärgerichte im Ersten Weltkrieg w urde bis heute nicht systematisch analysiert60 - wenn man von den statistischen U ntersuchungen absieht, die Guglielm o Tagliacarne 1921 und G ior­ gio M ortara 1927 im Auftrag des Kriegsministeriums Vornahmen und die bis heute die einzigen zuverlässigen Gesamtzahlen darstellen61. Für die faschistische Geschichtsschreibung blieb der Erste Weltkrieg das große Heldenepos, für die an­ tifaschistische Geschichtsschreibung nach 1945 der letzte „gesunde Krieg“. So konnte es dazu kommen, daß erst Giovanna Procacci 1993 die Aufm erksam keit auf die enorme Zahl von 100000 italienischen Kriegsgefangenen gelenkt hat, die in österreichischen und deutschen Lagern Hungers gestorben und von der Nation völlig vergessen worden waren62. Im Deutschen Reich hingegen wurden während des Ersten Weltkriegs 141 To­ desurteile von Zivilgerichten gefällt, davon 94 vollstreckt. Kriegsgerichte erkann­ ten in insgesamt 150 Fällen auf Todesstrafe, davon in 32 Fällen wegen Mordes.

P rim a G u erra M o n d ia le (B ari 1968) X V I. E in B eisp iel fü r d ie W illk ü r e in e r so lch en sta n d ­ re ch tlich en E rsc h ieß u n g , in d iesem F all w eg en B e fe h lsv e rw eig eru n g , da d ie S o ld aten dem B efehl ih rer O ffiz iere , in den Tod zu stü rm en , n ich t n ach g eko m m en u n d stattd essen ein e aus O rtsk en n tn is re su ltie ren d e m ilitä risc h sin n v o llere A lte rn ativ e vo rgesch lagen h atten , re k o n ­ stru ie rt M aria Rosa Calderoni, L a fu cila z io n e d e ll’alp in o O rtis, M u rsia (M ila n o 1999). 58 Antonio Gibelli, L a G ran d e G u erra d eg li Ita lia n i, 19 15-19 18 (M ila n o 1998) 114. Zu P h ä­ nom en un d G rü n d en d er D esertio n je tz t d ie m it P ro ze ß ak te n arb eite n d e D e ta il-A n a ly s e von Bruna Bianchi, L a fo llia e la fuga. N ev ro si di g u erra , d ise rz io n e e d iso b b ed ien za n e ll’esercito italia n o (1 9 1 5 -1 9 1 8 ), B u lz o n i (R o m a 2001) b eso n ders 15 9 -3 3 7 m it s ta tistisch er A u sw e rtu n g au f d er B asis eines u n system atisc h e n S am p les von 1281 D esertio n en (zu m Sam p le: ebd. 207 f.). 59 G ibelli, G ran d e G u e rra 123. 60 Bianchi, F o llia 291, 221. 61 Bianchi, F o llia 1 6 0 f. u. 210. M o rtara w u rd e sein e M ü h e n ich t g e d an k t, m it den a n tise m i­ tisch en G esetzen von 1938 v e rlo r er sein e P ro fessu r u n d em ig rierte nach B rasilien . D azu: Elisa Signori, L e le ggi ra z z ia li e le c o m u n itä accad em ich e. C a si, p ro b lem i, p erc o rsi nel co n testo lo m b ard o , in: U n a d ifficile m o d ern itä. T rad izio n i d i ricerca e co m u n itä scien tific h e in Ita lia 18 90-19 40 (P av ia 2000) 4 3 1 -4 8 6 . 62 G iovanna Procacci, S o ld ati e p rig io n ie ri ita lia n i d u ran te la G rande G u erra (R o m a 1993, N D r. T o rin o 2000) so w ie dies., D a lla rasse g n azio n e alla riv o lta . M e n ta litä e co m p o rtam en ti p o p o lari n clla G ran d e G u erra (R o m a 1999). Z u r R eze p tio n d ie ser F o rsch u n gen vgl. das In­ terv iew von G. Procacci in d er Z e itu n g U n itä vom 5. 6. 2000.

Staatliche R ep ressio n als politisches Instrum ent

15 J

Hingerichtet wurden 48 der 150 Verurteilten63. Die italienische Repression gegen­ über den eigenen Soldaten war mithin um ein Vielfaches höher als im Deutschen Reich. Angesichts der traumatisierenden Erfahrung des Ersten Weltkriegs könnte man versucht sein zu fragen, ob der Faschismus nicht trotz seines repressiven C h a ra k ­ ters - im Vergleich zu den Verlusten und zur Militärgerichtsbarkeit im Krieg überwiegend als R ückkehr zur Normalität empfunden wurde. Kann man den innentalienischen B ürgerkrieg der Jahre 1919 bis 1922 mit seinen 3-4000 Toten (von denen 2-3000 den Sozialisten und 637 den militanten Faschisten zuzurechnen w a ­ ren64) vielleicht noch dem A usnahmezustand des Krieges zuordnen, so gilt dies nicht mehr für die Jahre nach der D urchsetzung der faschistischen Diktatur ab 1926. Nachdem die Machtergreifung des Faschismus über eine umfassende Amnestieregelung für die Bürgerkriegsjahre auch juristisch flankiert worden war, kam es zur Einführung von einschneidenden Ausnahmegesetzen (Testo unico delle leggi di Pubblica Sicurezza, 1926) und eines neuen Strafgesetzbuches: Der Codice Rocco brachte eine Reihe von Verschärfungen mit sich, auch wenn die fa­ schistische Strafjustiz auf die Instrumente des „liberalen“ Staates65 zurückgreifen konnte. Das neu eingeführte „Tribunale speciale per la Difesa dello Stato“, mit dem die 1888 abgeschaffte Todesstrafe wiedereingeführt w urde66, stand in direk63 D eu tsch e Z ah len nach Eberhard Kolb , D ie M asch in erie des T errors. Zum F u n k tio n ie ren des U n te rd rü c k u n g s- un d V erfo lg u n gsap p arates im N S -S y ste m , in: K. D. Bracher, M. Funke, FL-A. Jacobsen (H rsg .), N atio n a lso z ia listisc h e D ik ta tu r 1933-1945. E ine B ilan z (B o n n 1983) 2 7 0 -2 8 4 , d e r e x p liz ite V ergleich zw isch en E rstem un d Z w eitem W eltk rieg h ier 281 (u n te r V erw eis au f Wagner, V o lk sgerich tsh o f). Ein H in w e is au f d ie T o d esu rteile in ein igen e u ro p ä i­ schen A rm een im E rsten W eltk rie g bei Rochat, C o n sen so 15. 64 Z ah len nach Alberto Banti, S to ria d ella b o rgh esia italian a. L’etä lib e ra le (R o m a 1996) 337, u n ter R ü c k g riff au f Emilio Gentile, S to ria del P artito fascista 1 9 19-19 22 (R o m a, B ari 1989) 493 f. - Z u r G ew a lt in d er W eim arer R ep u b lik : D irk Schumann, D er au fgesch o b en e B ü rg e r­ k rie g : s o z ia le r P ro test un d p o litisch e G ew a lt in D eu tsch lan d 1923, in: Z eitsch rift fü r G e­ sch ich tsw issen sch aft 44 (1996) 5 2 6 -5 4 4 . D ers ., G ew alt als G ren zü b ersch re itu n g : Ü b e rle g u n ­ gen zu r S o zia lg e sc h ich te d er G ew alt im 19. un d 20. Ja h rh u n d e rt, in: A rch iv fü r S o z ia lg e ­ sch ich te 37 (1997) 3 6 6 -3 8 6 , so w ie ders., P o litisc h e G ew alt in d er W eim are r R ep u b lik : K am pf um die S traß e un d F u rch t vo r dem B ü rg e rk rie g (E ssen 2001). 65 D as in d er R eih e „S to rie d ’ Ita lia “ im V erlag S an so n i ersch ien en e B u ch von Roberto M artucci, L’in v e n zio n e d e ll’ Italia u n ita 1855-1864 (M ila n o 1999) w a r u rsp rü n g lich u n te r dem T i­ tel „L’ Italia illib e ra le “ a n g e k ü n d ig t w o rd en . In d e r je tz ig e n A u sg a b e fin d et sich d ie ser B egriff n ich t m ehr, von den b eh an d elten T h em en her läß t sich d er Band jed o ch als a n ti-riso rg im e n ta l b ezeich n en . A u s en tg eg en g esetzter P ersp ek tiv e: Alfonso Scirocco, In d ifesa del R iso rg im en to (B o lo g n a 1998), d er es fü r falsch h ält, aus d er R etro sp ek tiv e, im W issen um den F asch ism u s, dem R iso rg im en to den „ P ro z e ß “ zu m ach en : D ie p atrio tisch e Sp rach e, d ie D en k m äler usw . z cu eten vom E n th u siasm u s d er Z eitgen o ssen u n d ko n n ten n ich t b lo ß e P ro p ag an d a gew esen sein (eb d. 184). w> Von 1926 bis 1943 w u rd e n vom S p e z ia lg e ric h t 4596 P ro zesse gegen ca. 5600 A n g e k la g te gefü h rt. 47 T o d esu rte ile w u rd e n verh än gt. Von 978 P ro zessen nach 1941 b etrafen 131 S lo w e ­ nen un d K ro aten , gegen die 36 T o d esu rteile verh än gt (u n d 26 davon v o llstre c k t) w u rd e n : Z ahlen b ei Claudio Schwarzenberg, D iritto e g iu s tiz ia n ellT ta lia fascista (M ila n o 1977) 88 f. Z ur G esch ich te e in z e ln er H in g e ric h te te r s. Enzo M agrl, I fu cila ti di M u sso lin i (M ila n o 2000). W eitaus ra d ik a le r w aren jed o ch die S p e z ia lg erich te in d en italien isch b esetzten G eb ieten.

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L u t z K lin k h a m m e r

tem Bezug zu den Militärgerichten des Belagerungszustands mit ihrer Entprofessionalisierung in politischer Absicht: Auch das faschistische Spezialgericht be­ stand nicht aus Berufsrichtern, sondern aus Armeeoffizieren bzw. faschistischen Milizführern sowie einem Militärrichter67. Der „confino di polizia“ hatte einen Vorgänger in der Legge Pica gegen die Briganten mit ihrer Möglichkeit, einen Wohnsitz zwangsweise zuzuweisen. Der Faschismus verstetigte den früheren Ausnahmefall, er machte das zur Regel, was eine - wenn auch häufig angewandte - Ausnahme gewesen war. Die N otbremse der Bourgeoisie wurde zum „norma­ len“ Herrschaftsinstrument68. Die Dichotomie von juristischer Theorie, die am Normalfall orientiert blieb, und der Praxis des Ausnahmezustands w urde aufge­ hoben und im C odice Rocco zugunsten der Repression unifiziert69. Die früher fallweise definierte Gefahr, die von den „classes dangereuses“ ausging, wurde in der fortgeschrittenen Massengesellschaft auf all diejenigen ausgedehnt, die es dem cäsaristischen Regim e an Gefolgschaft missen ließen. Die neuen „gefährlichen Klassen“ waren diejenigen, die sich nicht für das Regim e mobilisieren ließen. Be­ zeichnenderweise sollten auch diese Ausnahmegesetze, die rückwirkende Geltung erhielten, nur vorübergehend in Kraft sein, maximal fünf Jahre. Faktisch blieben sie bis zum Sturz des Faschismus erhalten. Der liberale Staat hatte das Sicherheits­ ventil der Emigration beibehalten. Der nationalfaschistische Staat wollte eine A b ­ stim mung mit den Füßen gegen die Gefolgschaftspflicht nicht mehr zubilligen. So wurde 1926 mit den Sicherheitspolizeigesetzen auch die Deliktfigur der Staats­ flucht eingeführt (und zwar sowohl als „espatrio abusivo“ wie als „tentativo di espatrio“), die jedoch nur im Fall von politischen Motiven strafbar war, da man nur darin eine Schädigung der übergeordneten nationalen Interessen sah70. Es ging also vornehmlich darum, eventuelle antifaschistische Aktivitäten von Emigranten im Ausland zu verhindern und Regim egegner unter permanenter polizeilicher Kontrolle zu behalten. U ber die Strafgesetze hinaus w ar der Polizei seit 1926 die M öglichkeit eingeräumt worden, praktisch unbegrenzt gegen potentielle Feinde des Faschismus, die über das Strafrecht nicht belangt werden konnten, vorzuge­ hen. Die Repression w urde zur Präventivmaßnahme - ein Charakteristikum d ik ­ tatorischer Repression71. Im Gegensatz zur Repression bourgeoiser Regime 67 N eppi M od on a , Pelissero, P o litica c rim in a lc 770 u. 776. Es h an d elt sich d ab ei u m ein e M i­ lita risie ru n g d er p o litisch en Ju s tiz , ein P h än o m en , das bis h eute b estim m te K o n tin u itä tsele­ m en te au fw eist, z .B . im F all d er in Italien gefü h rten K riegsv erb rech erp ro zesse. 6S Z ur stra frec h tlich -rep ressiv e n K o n tin u ität zw isch en lib e ra le m un d fasch istisch em S taat s. L uciano Violante, D elin q u e re, p erd o n are , p u n ire, in: S to ria d ’ Italia. A n n a li 12: L a crim in a litä , a cu ra di L u cian o V io lan te (T orino 1997) X V II-X X X IX , h ier XXXIV''f. 69 Z u r G enese d er S ich e rh e itsgesetze s. A lberto A cquarone, L’o rg a n iz z a z io n e d ello Stato to ta litario (T orino 1965) 95 ff. so w ie d ie ü b erzeu g en d e A n a ly s e von G uido N eppi M odon a, M a rco Pelissero, L a p o litica c rim in ale d u ra n te il fascism o , in : S to ria d ’Italia. A n n ali 12: La c r i­ m in alitä, a cu ra di L u c ian o V io lan te (T o rin o 1997) 75 7 -8 4 7 . 70 A rtik e l 160 lau tete: „ C h i, sen za averlo ch iesto e o tten u to , ab b an d o n i il te rrito rio dello Stato , co m m ette u n fatto ille cito , in q u an to nega e d isco n o sce la sua su b jectio a lla so v ran itä d ello S tato stesso .“ (N eppi M odon a, P elissero, P o litica c rim in a le 773). 71 A uch w e n n der ju ris tis ch e V o rsch lag, präven tiv e S ic h eru n gsm aß n ah m en ins Strafrecht

S taatliche R epressio n als politisches In strum ent

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wurde im Faschismus der Kreis von Prävention und Repression geschlossen, in­ dem die Repression schlicht zur Prävention erklärt und damit der reaktive C h a­ rakter der Repression praktisch außer Kraft gesetzt wurde. Diese Lektion in Sachen Repression mußte in Deutschland, wo man weder das klassische Instrument des „domicilio coatto“ noch die Rechtsfigur der Verban­ nung, des „bagno penale“ oder der Strafkolonie kannte, erst noch gelernt werden - was mit der N S-M achtergreifung in ungeahnter Geschwindigkeit geschah. Vor 1933 hatten die Behörden des Reiches versucht, die politischen Gegner von dem angeblichen Gefahrenort a>’egzubringen, ohne sie deswegen an einen bestimmten Ort /?/»zubringen, also zu deportieren. A usw eisung72, Vertreibung oder A u sb ü r­ gerung waren die Ziele gewesen, nicht die Schaffung von Straflagern. Dies änderte sich mit der Einrichtung der nationalsozialistischen Konzentrationslager, die eine extrem verschärfte Form der Zuweisung eines Zwangswohnsitzes darstellten. Auch die Ghettoisierung und die Deportation in ungastliche Gegenden oder auf unwirtliche Inseln gehörten in die M aßnahm engruppe des „domicilio coatto“. In diesem Sinne stellte der faschistische „confino di po lizia“ eine Vorwegnahme der nationalsozialistischen „Schutzhaft“ bzw. der Verbringung in Konzentrationsla­ ger dar. Allerdings radikalisierte sich das N S-R egim e weit schneller als der italienische Faschismus, der eine dauerhaftere Verbindung mit den traditionellen Machteliten und der katholischen Kirche eingegangen w a r73. 1934 gab es in Italien 839 „confinati politici“, Ende 1937 waren es 2250, 1941 stieg die Zahl auf 3100, von denen viele in Pisticci, Ventotene oder Tremiti interniert wurden. Zum Jahresende 1940 hatte das Innenministerium eine Personenkartei mit über 12000 Einträgen von ex-

au fzu n eh m en , erstm als 1893 in dem E n tw u rf fü r ein S ch w eiz er S trafgesetzb u ch au ftau ch te: dazu aus re c h tsh isto risch er S ich t D a v id e Petrini, L a p rev e n zio n e in u tile. Ille g itim itä d elle m isure p rae te r d elic tu m (N ap o li 1996) 147. 72 D ie M a sse n a u sw e isu n g e n von P o len m it ru ssisch er o d er ö sterreic h isc h e r S ta atsb ü rg e r­ schaft aus den p reu ß isch en O stp ro v in z en 1885 (vgl. H uber, D eu tsch e V erfassu n gsgesch ich te IV 486) w a r ein e p o liz e ilic h e M aß n ah m e, die sich gegen als u n erw ü n sc h t an geseh en e A u slä n ­ der ric h te te u n d in so fern m it dem C o n fin o fü r p o litisch e G egn er kau m zu v ergleich en ist. 73 D azu auch Dipper, Italien un d D eu tsch lan d 499. V iele T h em en k o m p le x e w erd e n jed o ch erst seit k u rz e r Z eit w issen sch aftlich in ten siv er erfo rsch t, w ie z .B . das M assen p h än o m en der D en u n ziatio n im fasch istisch en Italien . M . F ra n z in e lli hat jü n g st eine S tu d ie zu m D e n u n z i­ an ten tum v o rg e leg t, d ie vo r allem au f P o liz eib e rich te u n d B riefe z u rü c k g re ift. D ab ei w erd en die d en u n zie ren d en B riefe nach P ro ze n tzah len au f ih ren In h alt au sg e w ertet, o hn e daß der Leser ein e G esam tzah l d er u n tersu c h te n B riefe m itg ete ilt b ekäm e (M im m o Franzinelli, D elato ri. Spie e co n fid en t! an o n im i: l’arm a segreta del regim e fascista (M ila n o 2001) 10 f.) Im V ergleich von O V R A m it G estapo u n d N K V D k o m m t F ra n z in e lli g a r zu dem E rg eb n is, daß m an an g esich ts des u n tersch ie d lic h e n G rads an M ita rb e it in d e r B e v ö lk e ru n g (d ie N a z iD en u n zian ten h ätten ih re B riefe m eh rh e itlic h u n tersch rie b e n , d ie italien isch en seien w e itg e ­ hend an o n ym g eb lieb en ) auch b ed en ken m üsse, d aß Italie n sc h lie ß lich „vor dem F asch ism u s 60 Ja h re m ein em lib e rale n S ystem s verb rach t h ab e, w äh re n d d em N a tio n also z ia lism u s J a h r ­ zehnte von z e n tra lis tis c h -a u to ritä re r (!) T rad itio n vo rau sg e g an g e n seien un d d em S o w je t­ ko m m u n ism u s ein e jah rh u n d e rte la n g e z a ristisch e H e rrsc h aft“ (eb d. 16).

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L u tz K lin k h a m m e r

confinati erstellt, bis Juli 1943 kamen weitere 2000 hinzu. Die Kategorie der archivmäßig nachweisbaren „confinati“ umfaßte 16786 Personen74. In Preußen hingegen wurden - nach der Ermächtigung mittels der Reichstags­ brand-Verordnung - bereits im M ärz und April 1933 mindestens 25000 Personen in „Schutzhaft“ genommen. Das Preußische Innenministerium rechnete im Som ­ mer 1933 mit einer Dauerzahl von 10000 politischen Häftlingen. Die Polizei konnte selbständig entscheiden, ob die Schutzhaft-Häftlinge in ein Konzentra­ tionslager verbracht oder der Justiz überstellt werden sollten. 1939 betrug die Zahl der Konzentrationslagerhäftlinge etwa 25000, Anfang 1942 waren es knapp 100000 Personen75. Reichstagsbrand-Verordnung, H eimtücke-Verordnung und Hochverratsjustiz lieferten in NS-Deutschland ein umfangreiches Instrumenta­ rium zur Ausschaltung politischer Gegner. Bereits 1933 wurden fast 10000 Perso­ nen wegen politischer Vergehen rechtskräftig verurteilt76. Die zivilen Strafge­ richte verhängten während des Dritten Reiches über 16000 Todesurteile. Auch in der Ausgrenzung angeblicher „innerer Feinde“ und „rassisch“ defi­ nierter Minderheiten zeigte sich das N S-R egim e sehr schnell weit radikaler als der Faschismus. Das Reichsbürgergesetz, das Gesetz zum „Schutz des deutschen B lu­ tes und der deutschen Ehre“ sowie das Rassenschandegesetz mit ihren späteren zahllosen Aus- und Durchführungsbestimmungen schufen schon 1935/36 eine rechtsförmige Grundlage für die A usgrenzung der jüdischen Deutschen, während die faschistische Forderung nach „Reinheit der italienischen Rasse“ erst 1937/38 eine gesetzliche Ausgestaltung erfuhr. Die totalitäre Entwicklungslinie des Regimes wies in Italien die gleichen C h a ­ rakteristika auf wie in Deutschland (Ausschaltung politischer Gegner, A usgren­ zung stigmatisierter Mitbürger, Faschismus als politische Religion usw.), jedoch nicht die gleiche Geschwindigkeit. Der eigentliche qualitative Sprung erfolgte in Italien wie in Deutschland mit der Entfesselung des Krieges77. Auch das faschisti74 A n a ly se d er Z ah len bei Petrini, P re v e n zio n e in u tile 155; d ie erh alten en P e rso n alak ten alle r „c o n fin ati“ sin d in v ier B än den v e rö ffe n tlich t w o rd en von Adriano D al Pont, Simonetta C arolini (H rsg .), L’ Ita lia al co n fin o. L e o rd in an ze di a ssegn az io n e al co n fin o em esse d a lle C o m m issio n i p ro v in c iali d al n ovem bre 1926 al lu g lio 1943, 4 B de. (R o m a 1983). Ein g u te r Ü b e r­ b lic k ü b er den F o rsch u n gsstan d zu d iesem T h em a b ietet Costantino D i Sante, L’in tern am en to civ ile n e ll’ A sco lan o e il cam p o di co n cen tram en to di S erv ig lian o 19 40-19 44 (A sc o li P icen o 1998). 75 Z u r S ch u tzh aft Kolb, M asch in erie des T errors 2 7 7 f. m it V erw eis au f d ie Z ah len an gab en von M . B ro szat. D ie K atego rien der zu In haftierenden w u rd en allerd in gs b estän dig erw eitert. 76 K olb, M a sch in erie des T errors 279. 77 W äh re n d des K riegs kam es z u r ex trem en A u s w e itu n g d er (le g alen ) M ö g lic h k eite n zu r V erh än gu n g von T o desstrafen . D ie A u s w e itu n g d e r D elik te, d ie m it T o desstrafe geah n d et w u rd e n , fu n k tio n ie rte ü b er die h äu figen M o d ifik atio n e n an d e r sog. K rie g sso n d e rstraf­ re ch tsv e ro rd n u n g , die im L aufe des K rieges m eh rfach n o v e llie rt w u rd e . § 5a K SSV O erlau b te ab K riegsb egin n d ie A n w e n d u n g d er T o d esstrafe, w en n es d ie A u fre c h te rh a ltu n g der M an n eszu ch t o d er die S ich erh eit d er T ru p p e erfo rd erten - S ch lü sselb egriffe e rz w u n g en er G efo lgsch aft. E n tsp rech en d d er K SSV O fü r den m ilitä risc h e n B ereich w u rd e n auch fü r die Z iv ilb e v ö lk e ru n g b eso n d ere K riegsstrafgesetze erlassen . D ie A u sw e itu n g to d e sw ü rd ig e r S traftatb estän d e w a r b eträch tlich .

Staatliche R epressio n als politisches Instrum ent

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sehe Regim e entfaltete sein Repressionspotential, dem N ationalsozialismus hierin vergleichbar, in weit stärkerem Maße gegenüber den Bevölkerungen der besetzten und annektierten Territorien. Die italienische Forschung zu diesem T hem enkom ­ plex steckt, auch wegen Problemen des Quellenzugangs, noch in den Anfängen78. Zahlen zur italienischen Repressionspolitik sind daher vorläufig. In Libyen w u r ­ den 100000 Einwohner in das Landesinnere deportiert und dem Verhungern in Konzentrationslagern preisgegeben79, in Italien selbst wurden Tausende von B e­ wohnern besetzter Gebiete (v.a. Slawen) und von Juden in italienischen Konzen­ trationslagern interniert80, in Slowenien starben etwa 10000 Einwohner (bei einer Bevölkerung von 330000) durch die Hand der Besatzungsmacht81, eine Todes­ quote, die die NS-Besatzungsmacht in Italien zwischen 1943 und 1945 in keiner Provinz verursacht hat und die auch im deutsch besetzten Frankreich zwischen 1940 und 1944 nicht erzielt w orden sein dürfte82. Werfen w ir noch einen abschließenden Blick auf die Ausnahmegerichtsbarkeit während des Krieges: Vertraut man den Zahlen für den Zweiten Weltkrieg nach der offiziellen Wehrmachtkrim inalstatistik, so fanden in circa fünf Kriegsjahren (ohne die Verfahren vor dem Reichskriegsgericht) rund 630000 kriegsgerichtliche Verfahren statt83 - eine relativ gesehen weit geringere Zahl als in der italienischen 7S E ine B ila n z d er F o rsch u n g zu einem w ic h tig en T eilb ereich ita lien isch er B e satz u n g sh e rr­ sch aft b ei Bmnello M antelli, D ie Italie n e r au f dem B a lk a n 19 4 1 -1 9 4 3 , in : Dipper, K linkham ­ mer, N ützenadel (F Irsg.), E u ro p äisch e S o z ia lg e sc h ich te 5 7 -7 4 . Je tz t auch D avid e Rodogno, II n uo vo o rd in e m ed iterran eo (T orino 2003). 79 Angelo D el Boca, G li ita lia n i in L ib ia d al fascism o a G h ed d afi (B ari, R om 1988) 183. 80 D azu Simonetta Carolini, „P erico lo si n elle c o n tin g e n ze b e llic h e “ . G li in tern ati dal 1940 al 1943 (R o m a 1987). E ine K arte d er L ag er un d ein e E in fü h ru n g in den K o ntext d er „ e th n i­ schen S ä u b eru n g e n in der .P ro v in z' L u b ia n a “ b ei C arlo Spartaco Capogreco, R en ic ci. U n eam po di co n cen tram en to in riva al T evere (C o se n z a 1998) A b b .! und 13 ff. J e tz t auch den., I cam p i del D uce (T orino 20 04). Zu dem b erü ch tig tsten d ie ser L ag er s. Tone Ferenc, R ab A rb e - A rb issim a . C o n fin am e n ti - rastre llam e n ti - in tern am e n ti n ella p ro v in c ia di L u b ian a 1941-1943. D o cu m en ti (L ju b lja n a 2000). 81 D ie Z ah l von 10000 T oten n ennt Richard J. B. Boswortb, T h e Italian d ic tato rsh ip (N e w Y ork 1998) 4, auf d er B asis der A n g ab en von Jo h n W alsto n . D ie d etaillierteste D a rste llu n g eine re in e Q u e lle n d o k u m e n ta tio n - zu italien isch en T ö tu n g sh a n d lu n g en im italien isch an n ek tierte n S lo w en ie n w u rd e v o rgeleg t von Torte Ferenc, „Si am m azza tro p p o p o c o “. C o n d an n ati a m o rte - o staggi - p assati p er le arm i n ella p ro v in c ia di L u b ian a 1941-1943. D o cu m en ti (L ju b lja n a 1999). 82 Ein V ergleich d e r B e sa tz u n g sp o litik des N S -S taats in v ersch ied en en L än d ern in Lutz Klinkhammer, G ru n d lin ie n n atio n a lso z ia listisc h e r B e sa tz u n g sp o litik in F ra n k re ic h , J u g o s la ­ w ien un d Italie n , in: Christof Dipper, R ainer H udem ann, Jens Petersen (H rsg .), Faschism us und F asch ism en im V ergleich . W o lfgan g S ch ie d er zu m 60. G eb u rtstag (V iero w 1997) 183— 213. 83 M anfred Messerschmidt, Fritz Wüllner, D ie W e h rm ac h tju stiz im D ien ste des N a tio n a lso ­ zialism u s. Z e rstö ru n g e in e r L egen d e (B ad en -B ad en 1987), seh en die o ffizie lle W eh rm ach ts­ sta tistik als lü ck en h aft an, da d arin w o h l n u r die v o llstrec k ten T o d esu rteile erfaß t w u rd e n , und gehen von ca. 5 0 0 0 0 T o d esu rteilen aus. A uch Franz W, Seidler, D as Ju s tiz w e s e n d er W eh rm acht, in: FI. Poeppel u .a . (F Irsg.), D ie S o ld aten d er W eh rm ach t (M ü n ch en 1998) 361 — 404, u rte ilt, d aß d ie K rim in a lsta tistik d er W eh rm ach t u n v o llstän d ig ist un d sch lie ß t m ittels H o ch rech n u n g auf ein e G esam tzah l von 15000 bis 3 0 0 0 0 (ein e en o rm e S p an n e !) T o d esu rtei-

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L u t z K lin k h a m m e r

A rmee im Ersten Weltkrieg, denn es ist zu berücksichtigen, daß bis 1945 fast 20 M illionen U niformträger in den deutschen Streitkräften agierten, darunter last zwei M illionen Ausländer. Ü ber die entsprechende italienische Militärgerichts­ barkeit im Zweiten Weltkrieg fehlt es bislang an Studien84 - auch wegen der U n ­ zugänglichkeit des einschlägigen Archivfonds im Militärarchiv des Heeres. Trotz der strukturellen Ähnlichkeit der Ausnahmejustiz war im faschistischen Italien die Zahl der verhängten Todesstrafen bei weitem niedriger als in NSDeutschland. W ährend für die Zeit bis 1939 die beiden Regime faschistischen Typs eine Reihe von systemischen Analogien aufwiesen, die von der internationa­ len Geschichtswissenschaft ebenso betont werden w ie sie von weiten Teilen der italienischen, insbesondere der konservativen und liberaldemokratischen, For­ schung beiseite gewischt werden85, stößt für die Zeit des Zweiten Weltkriegs mit der Realisierung des Mords an den europäischen Juden der Vergleich zwischen Deutschland und Italien an seine Grenzen. Zu unterschiedlich waren Quantität und Qualität der mörderischen Repression. Eine Ähnlichkeit läßt sich allenfalls in einigen Bereichen der Besatzungspolitik und der „Partisanenbekämpfung“ erken­ nen, sofern man die N S-P olitik im besetzten West- und Nordeuropa zum M a ß ­ stab nimmt. Daß Italien „glücklicherweise keine Konzentrationslager gekannt habe“, w ie Italiens Präsident Cossiga bei seinem Staatsbesuch in Deutschland 1990 verlautbarte, ist Teil eines dauerhaften italienischen M ythos, der die eigene Repressionspolitik nach innen und außen über dem antifaschistischen Kampf ge­ gen NS-Deutschland „vergessen“ hat. Ein Großteil der italienischen Elite hat sich len. In w eiteren 2 3 0 0 0 k rieg sg e ric h tlic h e n V erfah ren erfo lg te die V e ru rte ilu n g zu ein er Z u ch th au sstrafe. E tw a 8 4 0 0 0 V erfah ren en deten m it G efän gn isstrafen von 1-15 Ja h re n . In w eitere n 8 4 0 0 0 V erfah ren w u rd e n G efän gn isstrafen zw isc h e n 6—12 M o n aten v erh än gt, w ä h ­ rend 2 3 0 0 0 0 M an n G efän gn isstrafen u n ter 6 M o n aten erh ielten . In run d 177000 F ällen w u rd e ein e A rreststrafe v erh än gt. D as T rib u n al b estan d nach K rie g sstrafv erfah re n so rd n u n g aus einem M ilitä rju stiz b e a m te n , d er vo rh e r kein R ic h te r gew esen sein m u ß te, aus ein em O f­ fiz ie r un d einem M ilitä r im R a n g des A n g e k lag te n . J u r is t u n d O ffiz ie r ko n n ten d ah e r p ra k ­ tisch das U rte il auch o hn e Z u stim m u n g des D ritte n festlegen . D as G ros d er T o desstrafen w u rd e w eg en F ah n en flu ch t verh än gt. Von 13.500 V eru rte ilte n w egen F ah n e n flu ch t erh ie lten 6000 d ie T o d esstrafe (Seicller, Ju stiz w e se n 3 7 7 -3 8 0 , 382 f., 385, 364). 84 E ine A u sn ah m e s te llt Ferenc, Si am m azza, dar. Im Ja h r 2000 sin d im A rc h iv io C e n tra le d ello S tato d u rc h d ie M ilitä rju stiz T au sen de von A k te n fa s z ik e ln d ep o n ie rt w o rd en , d ie P ro ­ zesse u n d E rm ittlu n ge n vo r den ita lien isch en M ilitä rg e ric h te n gegen d ie E in w o h n er der italien isch o k k u p ie rte n Z onen in Ju g o s la w ie n un d G riech en lan d b etreffen u n d d ie d e m ­ n ächst zu r A u s w e rtu n g freigegeb en w erd en . 83 D ieses N ich t-W ah rn e h m e n -W o llen h än gt en g m it d er A u sg e sta ltu n g d er eigen en K riegserin n e ru n g un d p o litisch in stru m e n ta lisie rte r S elb ststilisie ru n g en zu sam m en . V gl. zu d iesem K o m p lex z .B . Filippo Focardi, „B ravo ita lia n o “ e „cattiv o ted esco “ : rifle ssio n i s u lla gen esi di d u e im m agin i in cro cia te , in: S to ria e M e m o ria 5 (1996) 5 5 -8 3 . F ü r die an g elsäch sisch e F o r­ sch u n g ist d er d e u tsc h -ita lie n isc h e D ik ta tu re n v erg leic h , gegen den sich R en zo D e F elice (au ch in U n k e n n tn is d er d eu tsch en S p rach e) so v eh em en t g e w an d t hat, zu m S tan d ard th e m a gew o rd e n : vgl. z .B . Paul Brooker, T h e F aces o f F rate rn alism : N a zi G erm an y, F ascist Ita ly and Im p e rial Ja p an (O x fo rd 1991); A lexan d er]. D e G rand, F ascist Ita ly and N a z i G erm an y : T h e ,F asc ist' S ty le of R u le (L o n d o n , N e w Y o rk 1995); Aristotle A. Kallis, F ascist Ideo lo gy. T e rrito ry and E x p an sio n ism in Ita ly and G erm an y, 1922-1945 (L o n d o n , N ew Y o rk 2000).

Staatliche R ep ressio n als politisches Instrum ent

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selbst nach 1945 die Absolution für die Katastrophen der eigenen N ationalge­ schichte erteilt86. Wie massiv die politische Repression im Faschismus war, davon legt nicht zuletzt die Abrechnung bei Kriegsende ein blutiges Zeugnis ab. Nach Hans Wollers überlegter Analyse wurden circa 15 000 Menschen Opfer der wilden Säuberungen bei Kriegsende87. Die Ausnahmejustiz der außerordentlichen Schwurgerichte richtete sich nun gegen die ehemaligen Exponenten der Repres­ sion selbst. Die R epublik brach in beiden Staaten radikal mit der faschistischen Repression, ließ jedoch weiterhin vereinzelte Rückgriffe auf Elemente der „liberalen“ Tradi­ tion zu. M it dem Szenarium wechselten auch die politischen Akteure: Seit 1948 richtete sich der innergesellschaftliche D ruck in Deutschland wie Italien, die nun beide unter christdemokratischer Vorherrschaft standen, gegen die kom m unisti­ sche politische Kultur im eigenen Land. U nter geistiger Leitung des Vatikans w urde ein „Kreuzzug der Heim kehr" (Pius XII.) in den Schoß katholischer Moral und Gesellschaftskultur ausgerufen, der mit dem Kampf gegen eine als Bedrohung empfundene kulturelle Am erikanisierung verbunden w urde88. In der Bundesre­ publik w urde das kommunistische Milieu der unmittelbaren Nachkriegsjahre er­ folgreich marginalisiert und mit dem Bannstrahl des Parteiverbots belegt89. W ä h ­ rend die Spiegel-Affäre 1962 einen Wendepunkt bedeutete, so wurde in der Ge­ schichte der italienischen politischen Repression im Sommer 1960 eine markante Zäsur erreicht: Die Manifestationen gegen Ministerpräsident Tambroni in Genua waren ein Beispiel für den nunmehr erfolgreichen D ruck der Demonstranten ge­ gen die Regierungspolitik90. Seitdem geht es nicht mehr um offene staatliche R e­ pression, sondern um Verantwortung für politischen Terrorismus, um V erschwö­ rung und Staatsstreichpläne, um U nterwanderung und kalkulierte „strategia della tensione“ .

S6 W er an d ie ser K o n stru k tio n rü tte lt, w ird als N estb e sc h m u tze r b earg w ö h n t u n d kan n w e ­ gen V eru n g lim p fu n g d er In stitu tio n en („ v ilip e n d io “) vo r G erich t g estellt w erd e n . D er C o d ic e R o cco b esteh t - tro tz z a h lreich er E rg än zu n g sg e se tze - als R u in e des m ateriellen Strafrech ts w e ite rh in fort, da ein e u m fassen d e S trafrech tsrefo rm gesch eitert ist. D ie A b sch af­ fu n g des „ v ilip e n d io " -D e lik ts w ird im m er m al w ie d e r ö ffen tlich d is k u tie rt - den n d ie L ega N o rd hat ein In teresse d aran , u n ge straft die S ym b o le des N a tio n a lstaa ts in F rag e stellen zu kö nn en . 87 Hans Wollet', D ie A b re ch n u n g m it dem F aschism us in Italien 1943 bis 1948 (M ü n ch en 1996). ss D er Vf. b ere itet zu diesem T h em a ein e S tu d ie vor. 89 Z ur N a c h w irk u n g der fasch istisch en E in h eitsp artei au f d ie d eu tsch e P arteien rech tsleh rc vgl.: Susanne B enöhr, D ie P arte ien staatsleh re von G erh ard L eib h o lz im S p iegel des fa sc h isti­ schen V erfassu n gsrech ts, in: Q u e lle n un d F o rsch un gen aus italien isch en A rch iv en un d B i­ b lio th ek en 81 (2001) 50 4 -5 2 8 . 90 G le ic h z e itig leiteten sie ein e (k u rz e ) Ph ase d er fried lich en P ro teste ein, um seit 1969 einem um so m assiveren p o litisch en T erro rism u s P latz zu m achen. W aren zw isch en 1948 und 1962 noch 95 Ita lie n e r bei D em o n stratio n en au fgru n d des E insatzes von F eu erw affen d urch die P o lizei gesto rb en , so gab es zw isch en 1963 u n d 1967 kein en ein zigen Toten bei M a n ife sta tio ­ nen.

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Wolfgang Schieder

Die Geburt des Faschismus aus der Krise der Moderne I. Nie waren sich Deutschland und Italien in der neuzeitlichen Geschichte näher als in der Zeit von 1933-1945. Die faschistischen Gemeinsamkeiten zwischen den D iktaturregimen Mussolinis und Hitlers w urden gleichwohl in der historischen Forschung lange Zeit erheblich verkannt. Das hatte verschiedene Gründe, die hier nicht ausführlich erörtert werden müssen. Jedoch ist festzuhalten, daß es w eniger wissenschaftsimmanente Ursachen als vielmehr politische Gründe waren, welche lange Zeit geradezu zu einer Tabuisierung vergleichender Faschismusforschung führten. Ursprünglich gehörte der Faschismusbegriff bekanntlich zum politischen Begriffsarsenal der kommunistischen L in ken 1. Indem sie die als faschistisch1 an­ gesehenen Regim e in Italien und Deutschland, aber auch anderswo (z.B. in U n ­ garn oder in Spanien) als repressive Diktaturvarianten bürgerlicher Klassenherr­ schaft ansahen, setzten die kommunistischen Dogm atiker die liberaldemokrati­ schen Gesellschaften des Westens permanent unter Faschismusverdacht. In der Zeit der alliierten Kriegsallianz gegen die Achsenmächte wurde diese ideologische Kampfansage von der sowjetischen Propaganda zwar vorübergehend zurückge­ nommen, um dann jedoch in den Zeiten des .Kalten Krieges' erneut vorgetragen zu werden. Die westliche Forschung reagierte auf die kommunistischen Unterstellungen begreiflicherweise von Anfang an ablehnend. Der Faschismus war für sie nicht der Normalfall gefährdeter bürgerlicher Herrschaft, sondern allenfalls ein A usnahm e­ fall. Die Diktaturregim e M ussolinis und vor allem Hitlers w urden in die N ähe der Sowjetdiktatur Lenins und besonders Stalins gerückt. Anstelle .faschistischer“ Ge­ meinsamkeiten zwischen Faschismus und Nationalsozialismus hob man die ,tota­ litären“ Affinitäten von Nationalsozialismus und Sowjetkom munism us hervor, welche diese Regim e von demokratischen Verfassungsstaaten unterschieden. Auch wenn diese totalitaristische Herrschaftstheorie nicht politisch verbindlich

1 Vgl. W olfgan g S ch ied e r , F asch ism u s, in: S o w je tsy ste m und d em o k ratisch e G esellsch aft. Eine vergle ic h e n d e E n z y k lo p ä d ie (F re ib u rg 1968) 4 3 8 f.

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W o lfga n g Schie der

war, hatte sie doch ebenfalls in hohem Maße einen doktrinären Charakter. M etho­ disch abweichendes Verhalten w urde in der Regel nicht wissenschaftlich disku­ tiert, sondern politisch sanktioniert: Wer versuchte, sich auf eine vergleichende Faschismusforschung einzulassen, geriet unter Kommunismusverdacht oder er mußte sich vorwerfen lassen, den Nationalsozialismus zu ,unterschätzen1, was immer damit gemeint sein mochte. Dem kommunistischen .Antifaschismus' stand ein westlicher ,Antikom m unism us' gegenüber. Für eine eigenständige, außerhalb des polarisierten politischen Kontextes stehende Komparatistik blieb da kein Raum. Sich auf den so naheliegenden Vergleich von Faschismus und N ationalso­ zialismus einzulassen, galt vielen Zeithistorikern in Italien und in Deutschland als politisch bedenklich und deshalb als wissenschaftlich unzulässig. Die Vermeidungsstrategien waren allerdings in Deutschland und in Italien nicht identisch, man w ehrte den Vergleich von Faschismus und Nationalsozialismus in den beiden Nachkriegsdemokratien vielmehr mit unterschiedlichen A rgumenten ab. Von außen betrachtet schien es sich sogar um zwei ganz verschiedene Diskurse zu handeln, was auch die eigentlich erstaunliche Tatsache erklärt, weshalb die ge­ genseitige Wahrnehmung so gering war. In der Bundesrepublik Deutschland setzte man bei der A bw ehr des k o m m un i­ stischen Faschismusvorwurfs in besonderem M aße auf die D enkfigur des .Totali­ tarismus'. A nknüpfend an die von Talmon, Arendt und Friedrich entwickelte politikwissenschaftliche Herrschaftstheorie wurde die nationalsozialistische D ik ­ tatur Hitlers als wesensgleich mit der bolschewistischen D iktatur Stalins an­ gesehen. Diese .totalitären Regim e' galt es daher wissenschaftlich zu vergleichen und nicht die faschistische Diktatur Mussolinis mit der nationalsozialistischen Hitlers. Allenfalls erklärte man sich bereit, eine „Differenzierung von Typen und Versionen des Totalitarismus“ zuzulassen2, innerhalb derer dann auch, aber erst in zweiter Linie, dem italienischen Faschismus bis zu einem gewissen Grade ein totalitärer Charakter zugestanden wurde. Diese H ierarchisierung real existierender .totalitärer Regim e' hatte in Deutsch­ land, auch wenn das von manchen Forschern nicht so intendiert war, geschichts­ politisch eine entlastende Funktion. Wenn Hitlers nationalsozialistische H err­ schaft nicht als historisch singulär angesehen werden mußte, sondern mit einem aus herrschaftstheoretischer Sicht ähnlich strukturierten Gewaltregime gleichge­ stellt werden konnte, dann befreite dies das postnationalsoziahstische Deutsch­ land in der kollektiven Erinnerung aus seiner marginalisierten Position. Der Ver­ gleich mit dem offenkundig weniger totalitären faschistischen Regim e in Italien konnte dagegen nicht zur Entlastung der Deutschen beitragen, weil daraus letzten Endes nur der Nationalsozialismus mit seiner politischen Verbrechensbilanz als das in jeder Hinsicht radikalere Regim e hervorgehen konnte. Auch wenn man den totalitaristischen Ansatz dahingehend modifizierte, daß man den Nationalsozia­

2 K arl D ietrich B racher, Z e itg e sc h ich tlic h e K ontroversen um F aschism us, T o talitarism u s, D em o k ratie (M ü n ch en 1976) 35.

G eb u rt des Faschism us aus der Krise der M o d ern e

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lismus seinem eigenen Wesen nach als „Hitlerism us“ bezeichnete3, konnte man zu dem gleichen Ergebnis kommen, obwohl die Ä hnlichkeit der .charismatischen Führerdiktaturen“ Hitlers und Mussolinis auf der Hand liegt. D er to ta litä re “ C h a ­ rakter des NS-Regimes wurde einfach auf die Person Hitlers zurückgeführt - so wie die des Sowjetregimes auf die Stalins. Man brauchte nur Hitlers vorgebliches .Program m “ zum „Entwurf einer Herrschaft“ zu stilisieren4, um eine strukturelle Gleichsetzung mit dem stalinistisch geprägten Marxismus-Leninismus zu erm ög­ lichen. Als erklärter Antiprogram m atiker fiel dagegen Mussolini auch aus dieser Vergleichsperspektive heraus. Wenn es an einem .P rogram m “ fehlte, dann konnte das faschistische Regim e in Italien nach dieser historischen Logik auch nicht .totalitär“ gewesen sein. So definierte man sich an dem eigentlichen historischen Problem, wie .totalitäre Herrschaft“ überhaupt entstehen konnte, letzten Endes vorbei. Wichtig w ar allein, daß das N S-R egim e .totalitär“ war. Ganz anders, so scheint es zunächst, der Erinnerungsdiskurs in Italien. Die To­ talitarismustheorie spielte in der italienischen Faschismusforschung nach 1945 so gut w ie überhaupt keine Rolle5. Das ist insofern erstaunlich, als diese, w ie Jens Pe­ tersen nachgewiesen hat, eigentlich ihren U rsprung gerade in Italien hatte6. Schon früh w urde Mussolini vorgeworfen, auf ähnliche Weise ein .regime totalitario“ an­ zustreben wie die Bolschewisten. Der ehemalige liberale Ministerpräsident Nitti erregte mit diesem Vorwurf schon 1925 internationale Aufmerksamkeit, als er clem faschistischen Regim e „die Verleugnung derselben Grundsätze von Freiheit und O rd n un g “ unterstellte, die für das bolschewistische in der Sowjetunion cha­ rakteristisch sei7. Nach dem Zusammenbruch des faschistischen Regimes wollte in Italien jedoch so gut wie niemand mehr etwas von diesen frühen A nalysen w is ­ sen. Das lag ohne Zweifel zunächst einmal daran, daß die Historiker, die der ko m ­ munistischen Linken nahestanden, sich nicht selbst politisch delegitimieren w o ll­ ten, indem sie die Sowjetunion historisch auf eine Stufe mit dem Faschismus und dem Nationalsozialismus stellten. A n die Stelle des totalitären setzten sie das anti­ faschistische Paradigma, wonach der Faschismus ein System bürgerlicher Klas­ senherrschaft gewesen sei. U nd dieses sahen sie durch den Sieg der Resistenza über den ,N azifascismo“ der RSI als überwunden an, weshalb es für sie keiner w e i­ teren Beschäftigung mit dem faschistischen Regim e mehr bedurfte. Aber auch die italienischen Historiker, die politisch eher in der Mitte oder rechts einzuordnen waren, sahen keine Veranlassung, einen Diskurs über den to ­ talitären Charakter des faschistischen Regimes zu eröffnen. Auch wenn jeder Ver­ 3 Klaus H ildebrand, N a tio n also z ia lism u s o d er F litle rism u s?, in: M. Bosch (H rsg .), P ersö n ­ lich k e it un d S tru k tu r in d er G esch ich te (D ü sse ld o rf 1977) 5 5 -6 1 . 4 Eberhard Jäckel, H itle rs W eltan sch au u n g. E n tw u rf e in e r H e rrsc h aft (T ü b in g en 1969); im fo lgen d en z itie rt: Jäckel, W eltan sch au u n g. 5 E ine d e r w en ig en A u sn ah m en : D. Fisichella, A n a lisi del to talitarism o (M essin a, F iren ze 1976). 6 Jens Petersen, D ie E n tsteh u n g des T o talitarism u sb e g riffs in Italien , in: Eckhard Jesse (H rsg .), T o talitarism u s im 20. Ja h rh u n d ert. E ine B ilan z d er in tern atio n ale n F o rsch u n g (B on n 1996) 95 -1 1 7 . 7 Francesco Nitti, B o lsch ew ism u s, F ascism u s un d D em o k ratie (M ü n ch en 1926) 53,

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W o lfga n g Schiedet"

gleich mit dem N S-R egim e die weitaus geringere Brutalität der faschistischen D iktatur hervortreten läßt, bringt er jedoch auch vielerlei gemeinsame Strukturen zutage, die den Faschismus und den Nationalsozialismus im U rsprung als ähnlich erscheinen lassen. A uch die nichtkommunistische Geschichtsschreibung bemühte sich daher in Italien darum, nicht die Gemeinsamkeiten, sondern die Unterschiede von Faschismus und Nationalsozialismus zu betonen. Das ganze Lebenswerk von Renzo De Felice ist davon geprägt, den Faschismus außerhalb des „sengenden Ke­ gels des H olocaust“, wie er einmal gesagt hat, zu halten8. Im letzten Band seiner nicht ganz vollendeten Mussolini-Biographie w urde der faschistische D iktator ge­ radezu als M ärtyrer dargestellt, der sich am Ende geopfert habe, um die Italiener gegenüber der deutschen Besatzung zu schützen9. Sowohl die , linke“ wie die ,rechte' Geschichtsschreibung weigerte sich also in Italien lange Zeit, in irgendei­ ner Weise Vergleiche von Faschismus und Nationalsozialismus zuzulassen. Das enthob sie der N otw endigkeit selbstkritischer Reflexion. Im Ergebnis hatte das, ähnlich w ie der Rekurs auf das Paradigma des Totalitarismus in Deutschland, für die kollektive Erinnerung in Italien zweifellos ebenfalls eine entlastende F u n k ­ tion. Seit der großen europäischen Wende von 1989 und dem Zusammenbruch des Sowjetsystems hat sich das alles grundlegend geändert. N icht nur der Faschismus, sondern auch der Kommunismus ist seitdem Geschichte. Damit erhält nicht mehr nur der Antifaschismus, sondern auch der A ntikom m unism us eine andere Q u ali­ tät: Er hat keine wirkliche Realität mehr. Daß das sogenannte „Schwarzbuch des K om m unism us“ unter Intellektuellen eine gewisse Aufregung hervorrief, war letzten Endes ein reines Nachhutsgefecht, eine reale politische Dimension eröffnete das Erscheinen dieser Publikation nicht m eh r10. Wer sich auf den Versuch einer faschistischen Komparatistik einläßt, hat deshalb keine politisch motivierten Unterstellungen mehr zu befürchten. M an kann geradezu von einer Historisierung des Faschismusproblems sprechen. M it großer Selbstverständlichkeit wird heute in Deutschland über die kulturellen, die wirtschaftlichen oder die sozialpo­ litischen Gem einsamkeiten von Faschismus und Nationalsozialismus geforscht11. Am faschistischen U rsprung der nationalsozialistischen Rituale wie überhaupt am fundamentalen, keineswegs nur äußerlichen Vorbildcharakter des Italofaschismus für den Nationalsozialismus kann daher heute kein Zweifel mehr bestehen12. 8 Renzo De Felice , In te rv iew im C o rrie re d ella S era (27. 12. 1987). 9 Renzo D e Felice, M u sso lin i P alleato . II. La gu erra c iv ile 19 43-19 45 (T orino 1997). V gl. auch ders., R o sso e N ero (M ilan o 1995). 10 Stephane Courtois (H rsg .), S ch w arzb u ch des K o m m u n ism u s (M ü n ch en 1998). 11 Jens Petersen, Wolfgang Schiedet (H rs g .), F asch ism u s u n d G esellsch aft in Italien . S taat, W irtsch aft, K u ltu r (K ö ln 1998); R o lf W örsdorf er (H rs g .), S o zia lg e sc h ich te un d so zia le B e w e ­ gu n gen in Italien 1848-19 98. F o rsch u n gen u n d F o rsch u n g sb e rich te (M itte ilu n g sb la tt des In ­ stitu ts z u r E rfo rsch u n g d er eu ro p äisch en A rb e ite rb e w e g u n g 21/98). V gl. Christof Dipper, R ainer H udem ann, Jens Petersen (H rs g .), F asch ism u s un d F asch ism en im V ergleich (K öln 1998); im fo lgen d en z itie rt: Dipper u.a., F asch ism u s un d F aschism en . 12 V gl. d az u Wolfgang Schieder, D as ita lien isch e E xp erim ent, D er F aschism us als V orb ild in d er K rise d er W eim arer R e p u b lik , in: H Z 262 (1986) 7 3 -1 2 5 ; ders., E rw in von B eckerath und

G eb urt des F aschism us aus der Krise der M o d ern e

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Auch in Italien gibt es heute eine Faschismusforschung, die bewußt den Vergleich mit dem Nationalsozialismus sucht13. Bezeichnenderweise steht dabei das rassisti­ sche Gewaltpotential des italienischen Faschismus in den italienischen Kolonien und in den im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten auf dem Balkan im Mittel­ p u n k t14. Auch die faschistische Beihilfe zum nationalsozialistischen Massenmord in den Jahren 1943-1945 ist in Italien kein Tabuthema m eh r15. Ein Teil der italie­ nischen Geschichtsforschung hat damit den Anschluß an internationale For­ schungsdiskussionen gefunden, von denen man sich in Italien lange Zeit w eitge­ hend ferngehalten hatte.

II. Stärker als bisher sind heute die Voraussetzungen dafür gegeben, in den Vergleich von italienischem und deutschem Faschismus modernisierungstheoretische Ü ber­ legungen einzubringen. Bisher sind die beiden Regim e unter diesem A spekt er­ staunlicherweise allenfalls getrennt untersucht worden. Ein diskussionswürdiger Ansatz, die historische Verwandtschaft der faschistischen Regim e in Italien und Deutschland zu erweisen, w urde damit bisher nicht genutzt. In Italien sah die auf die Resistenza gegen den Faschismus in seiner national­ sozialistisch dominierten Endphase konzentrierte historische Forschung keinen Anlaß, dem in ihren Augen fremdbestimmten Faschismus irgendeinen gesell­ schaftlichen Entwicklungsaspekt zuzubilligen. Die revisionistische historische Schule um Renzo De Felice w ar andererseits davon überzeugt, daß Italien nach dem Ersten Weltkrieg durch den Faschismus in seiner gesellschaftlichen Entwick­ lung vorangebracht worden sei. Auch sie sah sich deshalb nicht genötigt, irgend­ welche modernisierungstheoretischen Überlegungen anzustellen, schon gar nicht das Italien M u sso lin is, in: Christian Jansen, Lutz Niethammer, Bernd Weishrocl (H rs g .), Von d er A ufgab e d er F reih eit. P o litisch e V era n tw o rtu n g u n d b ü rg e rlic h e G esellsch aft im 19. u n d 20. Ja h rh u n d e rt. F estsch rift fü r H an s M o m m sen zum 5. N o v em b er 1995 (B erlin 1995) 2 6 7 283. 13 V gl. Enzo C ollotti (H rs g .), F ascism o , fascism i (F ire n z e 1989); G ustavo Corni, F ascism o e fascism i (R o m a 1989). 14 Angelo D el Boca, I gas di M u sso lin i: II fascism o e la gu erra d ’E to p ia (R o m a 1996); Roberto Gentilli, G u erra area s u ll’E to p ia, 1935-1939 (F ire n z e 1992); Brunello M antelli, D ie Italien er auf dem B alk an 1 9 4 1-19 43, in: Christof Dipper, Lutz Klinkham m er, A lexander N ützenadel (H rsg .), E u ro p äisch e S o zialg e sc h ich te. F estsch rift fü r W o lfgan g S ch ie d er (B erlin 2000) 57 -7 4 . 15 Nicola Caracciolo, G li eb rei e l’ Italia d u ran te la g u e rra 1940-45 (R o m a 1986); Adolfo Scalpelli (H rsg .) San Sabba. Istru tto ria e p ro cesso p er il L ag er d ella R isie ra (T rieste 1995); Cesare Manganelli, Brunello M antelli, A n tifa sc isti, P a rtig ian i, E brei. I d ep o rtati a le ssan d rin i nei cam pi di ste rm in io n az isti 19 43-19 45 (M ila n o 1991); Liliana Picciotto Fargion, II lib ro d ella m em oria gli eb rei d ep o rtati daH’Ita lia (1 9 4 3 -1 9 4 5 ) (M ila n o 2 1991); Centro Furio Jesi (FIrsg.), La m en zo gn a d ella ra zza . D o cu m en ti e im m agin i del ra z z ism o e d e ll’a n tise m itism o fascists (B o lo g n a 1994); Enzo Collotti, D ie H is to rik e r un d d ie R assen gesetze in Italien , in: Dipper u.a., F asch ism u s un d F asch ism en 5 9 -7 8 .

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solche, die über den italienischen Faschismus hinausgingen. Es waren aber angel­ sächsische Forscher, die den italienischen Faschismus modernisierungstheoretisch in den Blick nahmen. Der Faschismus w urde von ihnen als das Ergebnis des kri­ senhaften Übergangs vom Agrar- zum Industriestaat interpretiert16. Das schloß einen Vergleich mit dem Nationalsozialismus aus. Andere Autoren verstanden den italienischen Faschismus als eine besondere Form einer Entwicklungsdikta­ tur, was w iederum keinen vergleichenden Bezug zum Nationalsozialismus z u ­ ließ 1?. Anders als über den Faschismus wird über den Nationalsozialismus schon seit langem intensiv unter modernisierungstheoretischen Gesichtspunkten diskutiert. Den Anfang machte 1963 Rail Dahrendorf mit seinem Buch über „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“. Dahrendorf vertrat bekanntlich die These, daß der Nationalsozialismus einen Bruch mit der gesellschaftlichen Tradition in Deutschland bew irkt und dem Land insofern einen „Stoß in die M odernität“ ver­ setzt habe18. Nach seiner Auffassung sei der Nationalsozialismus entgegen seinen vielfach rückwärtsgewandten Absichten in seiner realhistorischen W irkung ,m o­ dern* gewesen, weil er durch die .Gleichschaltung' der deutschen Gesellschaft zahlreiche traditionelle Institutionen zerstört und die gesellschaftliche Macht gan­ zer sozialer Klassen (vor allem des ostelbischen Adels) ein für alle Mal beseitigt habe. David Schoenbaum sprach sogar von einem „Triumph des Egalitären“, der im .Dritten Reich' zu einer „klassenlosen W irklichkeit“ geführt habe19. Dieser In­ terpretation ist entschieden widersprochen worden. Der vorgebliche M odernisie­ rungseffekt des Nationalsozialismus w urde als „Pseudomodernisierung“20 oder als „vorgetäuschte M odernisierung“21 bezeichnet. H en ry A. Turner wies auf die rückwärtsgewandte Programmatik des Nationalsozialismus hin und bezeichnete 16 V gl. Gino Germ ani, A u to rita rism o , fascism o e classi so c iali (B o lo g n a 1975); A. F. K. O r­ ganski, F ascism and M o d e rn iz atio n , in: Stuart J. W oolf (H rsg .), T h e n atu re o f fascism (L o n ­ do n 1968); Ju a n L. Linz, Sam e n o te to w a rd a co m p arativ e s tu d y of fascism in so c io lo g ical h isto ric al p ersp ectiv e, in: Walter L aqueur (H rsg .), F ascim : A R ead e r’s G uide. A n a ly se s, In ­ terp retatio n s, B ib lio g ra p h y (B erk eley , Los A n geles 1976) 3 -1 2 1 ; A lan Cassels, Jan u s: T he tw o faces of fasc ism , in : T h e C a n a d ia n H isto ric a l A sso cia tio n , H isto ric a l P ap ers (Ottawa 1969) 165-184. 17 Jam es A. Gregor, Italian fascism and d ev elo p m en tal d ic tato rsh ip (P rin ceto n 1979); Paul Corner, F ascist a g ra ria n p o lic y and the Italian ec o n o m y in the in te r-w a r-y e a rs, in: John A. D avis (H rsg .), G ram sci and Ita ly s p assiv e re v o lu tio n (L o n d o n 1979) 2 3 9 -2 7 4 ;John S. Cohen, R ap p o rti a g ric o ltu ra - in d u stria e sv ilu p p o a g ric o lo , in: Pierluigi Ciocca, G ianni Toniolo (H rsg .), L’eco n o m ia ita lian a nel p erio d o fascista (B o lo g n a 1976) 3 7 9 -4 0 7 ; Bruno Wanrooij, M o b ilitaz io n e , m o d e rn iz z a z io n e , tra d iz io n e, in: G iovanni Sabbatucci, Vittorio Vidotto (H rsg .), S to ria d ’ lta lia . 4. G u erre e F ascism o 1914-1943 (R o m 1998) 37 9 -4 4 0 . 18 R alf D ahrendorf, G esellsch aft un d D em o k ra tie in D eu tsch lan d (M ü n ch en 1968). 19 D a v id Schoenbaum, D ie b rau n e R ev o lu tio n . E ine S o zia lg e sc h ich te des D ritten R eich es (K ö ln , B erlin 1968) 345. 20 Florst M atzerath, Heinrich Volkmann, M o d e rn isieru n g sth eo rie un d N a tio n a lso z ia lism u s, in: Jürgen Kocka (L Irsg.), T h eo rien in d er P raxis des H isto rik e rs (G ö ttin gen 1977) 99. 21 Hans Mommsen, N a tio n also z ia lism u s als v o rgetäu sch te M o d e rn isie ru n g , in: W alter H. Pehle (H rsg .), D er h isto risch e O rt d es N atio n a lso z ialism u s. A n n ä h e ru n g en (F ra n k fu rt i 990) 3 1 -4 6 .

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diesen als einen „A usdruck utopischen A nti-M odernism us“22. Um ihre fort­ schrittsfeindlichen Ziele verfolgen zu können, hätten die Nationalsozialisten zwangsläufig eine industrielle Kriegsmaschinerie aufbauen müssen, jedoch hätten sie alles andere als eine Modernisierung der deutschen Gesellschaft beabsichtigt. M ehr oder weniger auf dasselbe läuft auch die These von Jeffrey H erf hinaus, der Nationalsozialismus habe einen „reactionary m odernism “ vertreten23. H erf hebt zwar stärker auf die innere Widersprüchlichkeit des nationalsozialistischen A n ti­ modernismus ab, aber auch er insistiert darauf, daß der Nationalsozialismus den Modernisierungsprozeß in Deutschland angehalten habe. Auch dies war freilich noch nicht das letzte Wort. Von zwei entgegengesetzten, aber im Ergebnis konvergierenden Positionen aus ist erneut der Versuch gemacht worden, dem Nationalsozialismus einen modernisierenden Effekt zuzuschreiben. A uf der einen Seite interpretieren Götz A ly und Susanne Heim „A uschw itz“ als einen „spezifisch deutschen Beitrag zur Entwicklung der europäischen M o ­ derne“24. Sie unterstellen, daß es so etwas wie eine „Ökonomie der Endlösung“ gegeben habe, die ihren U rsprung letztendlich im ökonomischen System des ganz gewöhnlichen Kapitalismus hatte25. Die nationalsozialistische ,Endlösung‘ der sogenannten Judenfrage wird damit monokausal auf die Planmäßigkeit ökonom i­ scher Rationalität reduziert26. Stellten A ly und sein Kreis das „für latent erachtete D ekonstruktionspotential“ des Nationalsozialismus ins Zentrum ihrer Vorstel­ lung von Modernisierung27, so sprachen die H istoriker um R ainer Zitelmann von einer „tatsächlich durch den Nationalsozialismus vollzogenen revolutionären M odernisierung“28. Zitelmann glaubt dies aus den verstreuten Äußerungen H it­ lers ableiten zu können, die sich in seiner Sicht zu einem kohärenten Modernisie­ rungsprogramm zusammenfügen lassen29. Hitler wird auf diese Weise geradezu zum Protagonisten der gesellschaftlichen Modernisierung Deutschlands erhoben. Es besteht kein Zweifel, daß beide Interpretationen, so konträr sie in ihren Wer­ tungen sein mögen, methodisch konvergieren. In beiden Fällen wird erstens un­ reflektiert intentionalistisch argumentiert. Ob nun H itler persönlich oder die so­ 22 H en r y A. Turner, F asch ism u s u n d K ap italism u s in D eu tsc h lan d . S tu d ien zu m V erh ältnis zw isch en N a tio n a lso z ia lism u s u n d F asch ism u s (G ö ttin gen 1972) 169. 23 Je ffrey H erf , R e a c tio n a ry m o d ern ism . T ech n o lo gy, c u ltu re and p o litics in W eim ar and in the T h ird R eich (C a m b rid g e 1984). 24 Götz A ly, Susanne Heim (H rs g .), B e v ö lk e ru n g sstru k tu r un d M assen m o rd . N eu e D o k u ­ m ente zu r deu tsch en P o litik d er Ja h re 1 9 3 8 -1 9 4 5 (B erlin 1991) 12; im fo lgen d en z itie rt: Aly, Heim, B e v ö lk e ru n g sstru k tu r. 2:1 V gl. Götz A ly u. a., S o z ia lp o litik un d Ju d e n v e rn ic h tu n g . G ib t es ein e Ö k o n o m ie d er E nd­ lö su n g? (B erlin 1987). 26 V gl. d azu d ie sch arfsin n ig e K ritik von Dan Diner, R a tio n a lisie ru n g un d M eth o d e. Zu einem n euen E rk läru n g sv e rsu ch d er „E n d lö su n g “, in: V ZG 40 (1992) 35 9 -3 8 2 . 27 N orbert Frei, W ie m odern w ar d er N atio n a lso z ia lism u s?, in: G G 19 (1999) 371; im fo lg e n ­ den z itie rt: Frei, N atio n a lso z ialism u s. 28 R ainer Zitelm ann, H itler, S elb stv erstän d n is eines R ev o lu tio n ä rs (S tu ttg art 21989) 48; im fo lgenden z itie rt: Zitelm ann, H itler. 29 M ichael Prinz, R ainer Zitelm ann (H rsg .), N a tio n also z ia lism u s u n d M o d ern isieru n g (D arm stad t 1991); im fo lgen d en z itie rt: Prinz, Zitelmann, N atio n a lso z ialism u s.

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genannten „Vordenker der Vernichtung“ im Mittelpunkt stehen30, die Idee w ird jeweils mit der U msetzung in die Praxis gleichgesetzt. Beide M ale wird zum zw e i­ ten Modernisierung „von allen ethischen und politischen Optionen gelöst“ und auf methodisch unzulässige Weise reduktionistisch verwendet31. Selbstverständ­ lich war der Nationalsozialismus schließlich ein Teil der .M oderne“ - was sollte er im 20. Jahrhundert anderes auch sein. H itler zum Repräsentanten der „totalitären Seite der M oderne“ zu erheben32, ist deshalb ebenso trivial wie die ,Endlösung' als „spezifisch deutschen Beitrag zur Entwicklung der europäischen M oderne“ zu bezeichnen33. Die eigentliche Frage muß sein, wie der Nationalsozialismus in den Gang der Moderne einzuordnen ist. Und dies kann nicht intentionalistisch be­ stimmt werden. Es lassen sich ebenso viele Ä ußerungen Hitlers dafür finden, daß er im Zeichen der M oderne marschieren wolle, wie solche gegen diesen Weg. .M odernisierung' ist theoretisch gesehen nicht von politischen Entscheidungs­ prozessen abhängig. Sie vollzieht sich nicht wegen, sondern eher trotz dieser. M o ­ dernisierende Entwicklungen können durch politische Entscheidungen ebenso behindert oder gar angehalten werden w ie Stagnation auch völlig unabhängig da­ von eintreten kann. In der sozialwissenschaftlichen Theorie ist Modernisierung ein säkularer Prozeß, der sich „weitgehend eigendynam isch“ vollzieht und nicht das Ergebnis gezielter politischer Steuerung ist. U m die A usw irkungen der natio­ nalsozialistischen A ra auf den Modernisierungsprozeß in Deutschland historisch richtig einzuschätzen, ist es daher unergiebig, allein nach fortschrittsträchtigen und rückwärtsgewandten Äußerungen Hitlers und führender Nationalsozialisten zu suchen, um den Nationalsozialismus auf dieser Basis nach der einen oder ande­ ren Richtung hin einzuordnen. Für die modernisierungstheoretische Bewertung der Zeit des .Dritten Reiches' ist vielmehr entscheidend, was sich in sozialge­ schichtlicher Hinsicht tatsächlich verändert hat. Dabei ist dreierlei zu berücksichtigen. Zum ersten lassen sich modernisierungs­ theoretische Fragestellungen nur über L an gZ eitun tersuch un gen beantworten. Die Epoche des .Dritten Reiches' ist für sich genommen zu kurz;, um über gesell­ schaftliche Veränderungsprozesse Auskunft geben zu können, die sich als longue duree darstellen. W ie sich die zwölf Jahre in d en M odernisierungsprozeß Deutschlands einordnen, läßt sich n u r abschätzen, wenn m an eine lange Vorge­ schichte u n d eine Nachgeschichte m it einbezieht. Zweitens geht man von falschen Voraussetzungen aus, wenn man ,M odernisie­ rung' deterministisch als einen linearen Prozeß ansieht, der irgendwann zum Ziel kommt. Spätestens seitdem Detlef Peukert auf die .pathologischen Entwicklungs­

30 Götz Aly, Susanne H eim , V o rd en ker d er V ern ich tu n g. A u s c h w itz u n d d ie d eu tsch en Pläne fü r ein e neue eu ro p äisc h e O rd n u n g (H a m b u rg 1991). 31 Frei, N a tio n a lso z ia lism u s 375. 32 V gl. C hristof Dipper, M o d ern isie ru n g des N a tio n a lso z ialism u s, in: N P L 36 (1991) 4 5 0 4 5 6 ." 33 R ainer ZJtelrnann, D ie to ta litä re S eite der M o d ern e, in : Prinz, Z itelm ann, N a tio n a lso z ia ­ lism u s 1-20,

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formen der M oderne1 hingewiesen hat34, wissen wir, daß diese ein „Doppelge­ sicht“ hatte35. Anstatt immer nur die Fortschrittsfrage zu stellen, ist es daher viel sinnvoller, den Nationalsozialismus als ein Krisenprodukt der M oderne zu verste­ hen. Drittens schließlich liegt auf der Hand, daß Modernisierungsprozesse nur in historischer Relation zu solchen in anderen Gesellschaften untersucht werden können. Die sozialwissenschaftliche Theorie ist hier durchweg normativ verfah­ ren. Die angelsächsischen Demokratien galten erstens als das Maß aller Dinge. Zweitens behauptete man, daß sie ein global gültiges Paradigma lieferten, an dem sich alle anderen, vor allem auch die noch nicht entwickelten Gesellschaften, ori­ entieren sollten. Beides ist längst fragwürdig geworden, das heißt aber nicht, daß damit die ganze Modernisierungstheorie falsifiziert wäre. M an muß nur ihren glo­ balen Anspruch aufgeben und ihren historischen Geltungsanspruch auf Europa beschränken. U nd man darf selbstverständlich nicht normativ verfahren, sondern man sollte das M odernisierungsparadigma nur als heuristisches Prinzip verwen­ den.

III. In der sozialwissenschaftlichen Modernisierungstheorie finden w ir eine verwir­ rende Vielfalt von Parametern, an denen der Prozeß der Modernisierung gemessen wird. Aus geschichtswissenschaftlicher Sicht bleiben davon nur drei, jeweils eng aufeinander bezogene Ereigniszusammenhänge übrig, welche den Veränderungs­ prozeß in den europäischen Staaten im Ü bergang vom 19. zum 20. Jahrhundert bestimmt haben36. Es handelt sich um den Prozeß der nationalen Identitäts­ findung, den Prozeß der politischen Verfassungsbildung und den Prozeß des wirtschaftlichen Strukturwandels. Der Prozeß der nationalen Identitätsfindung umfaßte zum einen die äußere Nationsbildung im Sinne staatlicher Souveränitäts­ abgrenzung von anderen Nationalstaaten und zum anderen die innere N ationsbil­ dung im Sinne gesellschaftlich-kultureller und politisch-rechtlicher H om ogeni­ sierung37. U nter politischer Verfassungsbildung ist der Prozeß zu verstehen, der vom absolutistischen Obrigkeitsstaat zum liberalen Verfassungsstaat führte. Der Prozeß des ökonomischen Strukturwandels schließlich w urde durch die fort­ schreitende Industrialisierung herbeigeführt, durch welche die nationalen Gesell­ schaften Europas anstelle von überwiegend agrarischen überwiegend industrielle Erwerbsstrukturen erhielten. 34 G ü n ter K önke, „ M o d ern isie ru n g ssc h u b “ o d er relativ e S ta g n a tio n ? E in ige A n m erk u n g en zum V erh ältn is von N atio n a lso z ia lism u s u n d M o d ern e, in : G G 20 (1994) 586. ^ D e t le v Peukert, V o lk sgen o sse u n d G em einsch aftsfrem der. A n p assu n g, A u sm e rz e un d A u fb eg eh ren u n ter dem N a tio n a lso z ia lism u s (K öln 1982) 296. 36 D e t le v P eu k ert, M ax W eb ers D iagn o se d er M o d ern e (G ö ttin g e n 1989) 65. 3/ V gl. d azu z u le tz t A n th on y D. Smith, N a tio n a l Id e n tity (L o n d o n 1993).

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Im Prinzip prägten diese drei Modernisierungsprozesse seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert alle europäischen Gesellschaften. Jeder der drei Modernisierungs­ prozesse erzeugte schon für sich genommen einen enormen politischen H an d ­ lungsdruck, der sich im Laufe des 19. Jahrhunderts ständig steigerte. Weder die Nationsbildung noch die Verfassungsfindung und erst recht nicht die Industriali­ sierung ließen sich ohne große Reibungsverluste durchsetzen, je d e r dieser säkula­ ren Strukturveränderungen enthielt vielmehr ein hohes Konfliktpotential. Dieses w ar leichter zu bewältigen, wenn die drei Prozesse zeitlich einigermaßen aufein­ ander folgten, wenn vor allem der Vorgang der modernen Nationsbildung wenigstens nach außen hin abgeschlossen war, ehe die Industrialisierung ihre ge­ waltigen gesellschaftlichen Sprengkräfte entfaltete. Eine ganz andere historische Konstellation ergab sich jedoch in den europäischen Ländern, in denen die drei Modernisierungsprozesse relativ gleichzeitig, d.h. innerhalb von ein oder zwei Generationen bewältigt werden mußten. Diese Situation stellte sich in Europa letzten Endes nur für zwei Völker, für die Italiener und für die Deutschen. Für beide ergab sich eine Konfliktkumulierung, w ie w ir sie in anderen europäischen Ländern nicht antreffen. N u r in Deutschland und in Italien entstand daraus seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert eine M odernisierungskrise, welche das politi­ sche System der beiden Länder hoffnungslos überforderte. In dieser Krise ist nach meiner Auffassung der U rsprung des eigentümlichen Diktatursystems zu suchen, das als Faschismus zu bezeichnen ist. Der Faschismus w a r zunächst in Italien und dann auch in Deutschland die politische A n tw o rt auf eine nicht zu bewältigende M odernisierungskrise. Er ist daher auch nicht unter dem Aspekt von Modernisie­ rung, sondern dem von M odernisierungskrise zu diskutieren. Läßt man sich einmal auf diesen wissenschaftlichen Zugriff ein, ergeben sich im Vergleich der Vorgeschichte von Faschismus und Nationalsozialismus erstaunli­ che Parallelen. Die historischen Unterschiede sollen deshalb selbstverständlich nicht geleugnet werden. A ber w er immer nur die nationalen Eigenarten Deutsch­ lands und Italiens betont, sitzt in einer historistischen Falle, die alle historischen U rteile subjektiver Beliebigkeit ausliefert. In aller Kürze ist auf folgende historische Gemeinsamkeiten hinzuweisen: Erstens hatten die beiden Länder, anders als Frankreich und England, aber auch anders als z.B . Spanien oder Schweden, erst vergleichsweise spät, manche sagen verspätet, ihre nationale Einheit finden können. Die politischen Eliten der bei­ den Länder sahen ihren Staat nach außen hin bis 1914 noch nicht als saturiert an. Erst recht kann man beide Länder als unfertige Nationalstaaten bezeichnen, wenn man den Prozeß der inneren Nationsbildung betrachtet38. Die ,herrschende Klasse* - ein für Italien bezeichnender A usdruck der Zeit - tat sich mit der „N a­ tionalisierung der M assen“ (George Mosse) außerordentlich schwer. In Italien 38 V gl. d azu a u sfü h rlic h e r W olfgan g Schieder, D as D eu tsch lan d H itle rs u n d das Italien M u s ­ so lin is. Z um P ro b lem fasc h istisch er R eg im e b ild u n g , in: G e rh a r d Schulz (H rsg .), D ie G roße K rise der d re iß ig e r Ja h re . Vom N ie d e rg a n g d er W eltw irtsc h af t zu m Z w e iten W eltk rie g (G ö t­ tin gen 1985) 4 4 -7 1 .

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blockierte sie bis 1912 durch ein restriktives Wahlrecht den Zugang der ländlichen und städtischen Unterschichten zum Parlament. In Deutschland führte Bismarck z w ar schon 1867 das allgemeine Wahlrecht ein, bis zum Ersten Weltkrieg wurde die organisierte A rbeiterbewegung jedoch von der politischen M acht ferngehal­ ten, obwohl die SPD 1912 die stärkste Fraktion im Reichstag stellte. In Italien blieben auch die kirchengebundenen Katholiken dem laizistischen Staat fern, während sie sich in Deutschland mit Hilfe der Zentrumspartei seit der Jah rh un ­ dertwende immerhin aus der Isolierung, in die sie der preußisch-protestantische Staat gedrängt hatte, herauskämpfen konnten. Es liegt auf der Hand, daß sowohl Italien wie Deutschland aufgrund der ver­ gleichsweise späten Nationalstaatsgründung, zweitens, auch erst spät zu einer modernen Verfassungsgebung kommen konnten. Die Verfassungsschöpfung geht in beiden Ländern auf die Revolution von 1848/49 zurück. Die 1848 für das Kö­ nigreich Piemont-Sardinien als Statuto Albertino geschaffene Verfassung wurde 1861 sogar mehr oder weniger unverändert zur Verfassung des neuen Königreichs Italien erhoben. In Deutschland trat die Reichsverfassung von 1849 zw ar nie in Kraft, sie w urde jedoch in wesentlichen Elementen in die Verfassung des N o rd ­ deutschen Bundes von 1867 und schließlich des Deutschen Reiches von 1871 übernommen. Das ist nicht nur eine formale Parallele, der Rückgriff auf das liberale Verfassungsprogramm von 1848/49 zeigt vielmehr, daß man in beiden Fäl­ len den nationalrevolutionären Staatsbildungsprozeß historisch zu legitimieren trachtete. Auch insofern hatte die Verfassungsgebung in beiden Ländern eine ähn­ liche Funktion, als sie den politischen Status quo zementieren sollte. Ein Verfas­ sungswandel war eigentlich nicht vorgesehen. O bw ohl ganz unterschiedlich an­ gelegt, enthielt die nationalstaatliche Verfassung deshalb in beiden Fällen einen fundamentalen Widerspruch: Fehlte es im konstitutionell-parlamentarischen R e­ gierungssystem Italiens an einer demokratischen Legitimation, so hatte das allge­ meine Wahlrecht im monarchisch-autoritären System des Deutschen Kaiserrei­ ches einen bloß plebiszitären Effekt, da es keine parlamentarische Verantwortlich­ keit der Regierung gab. Die sich daraus jeweils ergebenden Spannungen zwischen Verfassungsnorm und gesellschaftlicher Realität setzten die jungen N ationalstaa­ ten unter einen konstitutionellen Dauerkonflikt. Weder kam es jedoch bis zum Ersten Weltkrieg in Deutschland zu einer Parlamentarisierung des R egierungssy­ stems noch in Italien zu einer vollständigen D emokratisierung des Wahlsystems. Der latente Verfassungskonflikt in den beiden unfertigen Nationalstaaten wurde nun auch noch dadurch verschärft, daß in beiden Ländern - in Italien aller­ dings nur im Norden - der Ü bergang vom Agrar- zum Industriestaat vollzogen wurde. Wenn es zu den unvermeidlichen wirtschaftlichen Wachstumskrisen kam, wirkten sich diese daher dramatisch aus. Geht man von der relativen Gleich­ zeitigkeit von N ationsbildung, latentem Verfassungskonflikt und ökonomischer Wachstumskrise aus, kann man erklären, weshalb sich Italien und Deutschland bis 1914 in einer permanenten Strukturkrise befanden, w ie es sie in anderen euro­ päischen Ländern nicht gegeben hat. Klassenkampf im wirtschaftlichen Bereich vermischte sich mit politischen Partizipationsansprüchen der Arbeiter zu einem

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systembedrohenden Protest. U nd zur gleichen Zeit spitzte sich das Verhältnis von säkularem Staat und katholischer Bewegung dramatisch zu. Die staatstragenden Kräfte - in Deutschland vor allem der Adel, in Italien im starken Maße auch das Bürgertum - reagierten darauf auf sehr ähnliche Weise: Phasen der vorsichtigen Öffnung wechselten mit solchen der schieren Repression ab. Man kann geradezu von einem Pendelschlag repressiver und kooperativer Politik sprechen. Nach der staatlichen Einigung herrschte in beiden Ländern zunächst eine Aufbruchsstimmung, welche verdeckte, wie unfertig die beiden Nationalstaaten w a ­ ren. Die ersten gesellschaftlichen Konflikte führten jedoch schon jeweils zu einer politischen Zuspitzung, die eine Phase kom prom ißloser Repressionspolitik einlei­ teten. In Deutschland war diese durch den Kulturkampf und das Sozialistengesetz gekennzeichnet. In Italien reichte sie von Crispis antisozialistischer Politik zu A n ­ fang der 90er Jahre bis zu den Militärregierungen um 1900, dem Jahr, in dem der italienische König Um berto I. durch einen anarchistischen Attentäter ermordet wurde. In beiden Fällen ging es darum, den inneren Nationalisierungsprozeß auf­ zuhalten und den Unterschichten die politische Partizipation gewaltsam vorzu­ enthalten. Diese Politik ist in Deutschland und Italien gleichermaßen gescheitert. In bei­ den Ländern w urd e daraufhin übereinstimmend der Versuch gemacht, die sich überlagernden Modernisierungskrisen durch eine Politik begrenzter Reformen zu lösen. Das w ar der ursprüngliche Ansatz sowohl des von Kaiser Wilhelm II. ein­ geleiteten Neuen Kurses seit 1890, dessen Exekutor der Reichskanzler Caprivi war, als auch des sogenannten Systems Giolitti, das dieser seit seiner ersten M in i­ sterpräsidentschaft im Jahre 1901 aufbaute. W ährend Bismarck bis zu seinem Sturz unverändert die großagrarischen Besitzschichten für die zuverlässigsten Stützen des politischen Systems im Kaiserreich gehalten hatte, zweifelte Caprivi daran, daß es sinnvoll sei, den Staat einseitig den Interessen der Agrararistokratie auszuliefern. Er versuchte deshalb, durch ein System von Handelsverträgen den Wirtschaftsinteressen des Bürgertums entgegenzukommen. Die Arbeiter ver­ suchte er durch Arbeiterschutzgesetze zu erreichen, die ihnen Bismarck verwei­ gert hatte. Das Zentrum machte er erstmals de facto zur Regierungspartei. U nd in Preußen machte er den freilich vergeblichen Versuch, das restriktive Dreiklassen­ wahlrecht zu reformieren. Auch Giolitti dachte schon 1899 in überraschender Übereinstim mung mit C a ­ privi darüber nach, ob die italienische Monarchie sich weiterhin nur auf die Inter­ essen „kleiner privilegierter Klassen“ und nicht vielmehr auf die „Zuneigung der ungeheuren M ehrheit des Landes“ stützen dürfte39. Auch er erkannte die N o t­ wendigkeit einer, wenn auch begrenzten, Einbeziehung von Katholiken und So­ zialisten in den liberalen Staat. Deshalb betrieb er eine Wahlreform, die den Anteil der wahlberechtigten M änner an dem der Gesamtbevölkerung von zuletzt 9,4% auf 23,4% erhöhte.

39 G io v a n n i Giolitti, D iseo rsi ex trap a rlam e n ta ri. A cu ra d i N in o V aleri (T orino 1952) 220.

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Beide Reformprogramme enthielten zahlreiche Ungereimtheiten. Im Prinzip w ar es schon ein Widerspruch in sich, eine Politik nationaler Kooperation und In­ tegration zu betreiben, um die politische Hegemonie des Adels bzw. von Adel und Bürgertum zu erhalten. Es kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, daß die Po­ litik Caprivis bzw. Giolittis jeweils so viele Elemente einer durchgreifenden M o ­ dernisierung von Staat und Gesellschaft enthielt, daß sie auf lange Sicht zu einer Vollendung des Nationalstaats auf einer demokratischen Basis hätte führen kön­ nen. Sowohl Gaprivi als auch Giolitti sind jedoch politisch gescheitert. Gegen sie bildete sich jeweils ein strikt modernisierungsfeindlicher Oppositionsblock, der zwar heterogen zusammengesetzt war, aber vor allem über die Außenpolitik zu innenpolitischer Gemeinsamkeit fand. In Deutschland stand diese Politik unter dem Schlagwort der ,Sam m lung“. Sie wurde von dem preußischen Finanzminister Johann von M iquel konzipiert und zielte auf die Vereinigung aller bürgerlichen und aristokratischen Kräfte zur Bekämpfung der Sozialdemokratie. Sie führte in der Praxis vor allem zu einer Aufhebung der traditionellen Interessengegensätze von Industriellen und Agrariern, so daß man von einem „Kartell der gesamten bürgerlichen Gesellschaft“ gesprochen hat40. Miquel w ar es auch, der die außen­ politischen Implikationen dieser Politik am klarsten formulierte. Eine überseeisch orientierte Weltmachtpolitik des Deutschen Reichs sollte dazu dienen, die A blen­ kung des „revolutionären Elements“ zu fördern und „die Gefühle der Nation durch die Beschäftigung mit auswärtigen Fragen zu begeistern und auf einen ge­ meinsamen Boden zu bringen“41. Die imperialistische ,Weltpolitik“ hatte also für ihn eine deutlich innenpolitische Funktion. In Italien formierte sich ein Oppositionsblock gegen das ,System Giolitti“, in dem sich ebenfalls altkonservative Agrarier und industrielle Unternehmer zusam ­ menfanden. Seit 1910 lag das Ziel dieses Oppositionsblocks auch hier in der Außenpolitik. Giolitti w urde 1911 wider seinen Willen dazu gezwungen, in L i­ byen eine imperialistische Eroberungspolitik zu beginnen, was ihn innenpolitisch sowohl von den Sozialisten w ie von den Katholiken trennte. Auch in Italien fun k­ tionierte also das sozialimperialistische Programm, „auswärts A blenkung für die Konflikte der Innenpolitik“ zu suchen42. Entscheidend war, daß die Gegner der innenpolitischen Versöhnungspolitik ih­ ren Erfolg jeweils in hohem Maße der Entstehung eines sich neu formierenden radikalen Nationalismus verdankten. Das läßt sich schon an der G ründungsge­ schichte des Alldeutschen Verbandes (1891) und der Associazione Nazionalista Italiana (1910) festmachen. Beide Organisationen entfalteten eine imperialistische Massenpropaganda, die große Teile des gebildeten und mittleren Bürgertums er­ faßte. Ein antisozialistischer und antidemokratischer Nationalismus lieferte das ideologische Ferment, das die an sich heterogene Front der Gegner innenpoliti­ 40 Zit. nach W olfgan g Schiedet', Im p e rialism u s im u n fertigen N a tio n alsta a t. E inige v e rg le i­ chende Ü b erleg u n g e n zu D eu tsch lan d un d Italie n , in: W olfgang Pyta, L u d w ig R ich ter (H rsg.), G esta ltu n g sk ra ft des P o litisc h e n . F estsch rift fü r E berhard K o lb (B erlin 1998) 218. 41 J o h a n n e s M iquel, R ed en , 4. B d.: 1892-1901 (H a lle 1914) 282. 42 G io va n n i Giolitti, M e m o rie d ella m ia vita, B d. 2 (M ila n o 1922) 287.

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scher Reformen miteinander verband. Die soziale Vollendung des Risorgim ento w urde damit in Italien ebenso verhindert wie in Deutschland die demokratische Vollendung des .autoritären Nationalstaats1' (W. j . Mommsen). Selbstverständlich war es, das gilt vor allem für Italien, nicht unbedingt zwangsläufig, daß dieser anti­ modernistische Imperialismus in einen großen Krieg führen mußte. Jedoch be­ w irkte die industriewirtschaftliche und gesellschaftspolitische D ynam ik, welche der Erste Weltkrieg in beiden Ländern auslöste, daß die latente M odernisierungs­ krise nach Kriegsende erneut aufbrach.

IV. Zum ersten w aren sowohl Deutschland w ie Italien nach 1919 weder nach außen hin saturiert noch im Innern als Nationalstaaten konsolidiert. Deutschland wurde aufgrund des Versailler Vertrages in seinem territorialen Bestand erheblich be­ schädigt. Infolge des Anschlußverbotes gegenüber Österreich konnten diese Ge­ bietsverluste auch nicht nachträglich kompensiert werden. Italien vergrößerte z w ar 1919 sein Staatsgebiet, gleichwohl blieb das Gefühl der .vittoria mutilata' vorherrschend, weil die durch den Londoner Vertrag von 1915 geweckten G roß­ machthoffnungen bei weitem nicht erfüllt wurden. Die notwendige Massenmobi­ lisierung von Soldaten hatte andererseits M illionen von M ännern aus den länd­ lichen und proletarischen Unterschichten das Gefühl vermittelt, erstmals gleich­ berechtigt in die N ation aufgenommen worden zu sein. Ihre Integration in den nationalen Staat ließ sich daher nach Kriegsende nicht mehr so leicht verhindern wie vor 1914. U m so bedrohlicher w urde der A nspruch auf nationale Gleichbe­ rechtigung von denen empfunden, welche die Integration der Arbeiter, aber auch der Katholiken in die Nation vor dem Krieg erfolgreich abgewehrt hatten. Blickt man zweitens auf die Verfassungsentwicklung, so ist festzustellen, daß sich das Verfassungssystem Deutschlands und Italiens 1919 dem der westeuro­ päischen Länder annäherte. In Deutschland w urde das seit 1871 bestehende allge­ meine und gleiche Wahlrecht auf die Frauen ausgedehnt und mit der Weimarer Verfassung durch ein parlamentarisches Regierungssystem ergänzt. In Italien w urde umgekehrt das bestehende parlamentarische System durch die Einführung des allgemeinen Wahlrechts (allerdings nach w ie vor nicht für Frauen) vervollstän­ digt. Die Einführung des reinen Verhältniswahlrechts versprach in beiden L än ­ dern eine größere Gerechtigkeit bei der Repräsentation der Interessen herbeizu­ führen. Dennoch ist die M odernisierung des Verfassungssystems in beiden Fällen mißlungen. Ursache dafür w ar die Tatsache, daß die Um stellung des Verfassungs­ systems auf moderne Ansprüche gegen den Willen der alten Machteliten erfolgen mußte. Beamtenschaft, Offizierskorps, Kirchen, Unternehmer, in Italien auch die Monarchie, verloren zw ar ihren politisch bestimmenden Einfluß, sie blieben aber politisch präsent. Entscheidend war sowohl in Italien als auch in Deutschland, daß die gesellschaftliche M acht der Großagrarier nicht gebrochen wurde. Bei der Durchsetzung der parlamentarischen Demokratie mußten sich die Parteien der

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neuen O rdnung auf die der alten stützen. In Deutschland gab es das Bündnis von SPD und kaiserlichem Heer und das Abkom m en zwischen Gewerkschatten und Unternehmern. In Italien bediente sich nach vergeblichen Versuchen Nittis, die Politik dem modernisierten politischen Verfassungssystem anzupassen, der alte Giolitti der traditionellen klientelistischen Praktiken, um innerhalb und außer­ halb des Parlamentes überhaupt noch etwas durchzusetzen. Für die verfassungs­ politische Modernisierung erwies es sich vor allem als tödlich, daß die G rundbe­ sitzer der Poebene Methoden gewaltsamer Selbstverteidigung entwickelten, durch welche sie die demokratischen Institutionen systematisch delegitimierten. 1919 waren die Parteien, welche die Modernisierung des Verfassungssystems durchgesetzt hatten, in beiden Ländern im Parlament zunächst in der Mehrheit. SPD, Zentrum und DDP hatten in der Weimarer N ationalversammlung sogar eine Dreiviertelmehrheit. In Italien stellten die Sozialistische Partei (Partito Socialista Italiano), die neugegründete Volkspartei (Partito Popolare Italiano) und die libe­ raldemokratische Linke bei den ersten Nachkriegswahlen vom 16. November 1919 ebenfalls dreiviertel aller Abgeordneten. Eine tragfähige Regierungsmehrheit ergab sich daraus aber weder in Deutschland noch in Italien. In Italien w ar über­ haupt eine stabile Koalitionsbildung unmöglich, da einerseits die antiklerikalen Vorbehalte auf bürgerlich-laizistischer Seite zu groß waren und andererseits der antisozialistische Affekt die katholische Volkspartei vor einem Zusammengehen mit dem PSI zurückschrecken ließ. Das Ergebnis waren M inderheitsregierungen, die von Mal zu Mal schwächer waren. In Deutschland kam es bekanntlich 1919 in der Weimarer Nationalversam m ­ lung zunächst zu einvernehmlichem Handeln zwischen Sozialdemokraten, Zen­ trum und Deutscher Demokratischer Partei. Schon bei den ersten Reichstagswah­ len von 1920 zeigte sich jedoch, daß die Weimarer Koalition in der Minderheit war. Das Schlagwort von der „Republik ohne R epublikaner“ kam zu dieser Zeit erstmals auf43. Der Sache nach entsprach in Italien der Rechtsruck bei den Parla­ mentswahlen vom 15. M ai 1921 ziemlich genau dem Ergebnis der deutschen Reichstagswahlen vom 6. Juni 1920. In beiden Fallen erwies sich also, daß die m o­ dernisierungsfeindlichen Parteien der politischen Rechten stark genug waren, die Reform des politischen Systems zu blockieren. Der Faschismus hätte aber w eder in Italien noch in Deutschland eine Chance gehabt, wenn nach 1919 nicht drittens auch das Wirtschaftssystem der beiden Länder in eine fundamentale Strukturkrise geraten wäre. Die forcierte Kriegswirt­ schaft hatte in allen kriegführenden Ländern zu einer einseitigen Förderung der waffentechnisch relevanten Schwerindustrie geführt. Daraus ergab sich bei Kriegsende eine gesamtwirtschaftliche Asym m etrie, die vor allem in Italien, aber auch in Deutschland zu einer dramatischen Verschlechterung der industriellen Produktivität führte. Eine enorme Staatsverschuldung in Italien einerseits, der passive Widerstand gegen die französische Rheinlandbesetzung in Deutschland 4j E iner d er ersten B elege in d e r Ju b ilä u m sn u m m e r des S im p lizissim u s vom 1 .1 . 1920 („ Jen ­ seits“).

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andererseits führten beide Länder in eine galoppierende Inflation, die das Ver­ trauen vor allem der Beamten und Angestellten in das politische System ruinierte. In Deutschland konnte die H yperinflation von 1923 zw ar noch einmal beseitigt werden, aber die wirtschaftliche Dauerkrise der Weimarer Republik brach in dem M om ent wieder auf, in dem 1929 mit dem N ew Yorker Börsenkrach die W eltwirt­ schaft durcheinandergeriet. Die sich verschärfende, dreifach sich überlagernde Modernisierungskrise schuf sowohl in Italien w ie in Deutschland eine historische Konstellation, in der sich die traditionellen Herrschaftseliten nicht mehr in der Lage sahen, sich aus eigener Kraft zu behaupten. Sie ließen sich daher jeweils auf ein Bündnis mit einer politi­ schen M assenbewegung ein, die eigentlich politische H egemonie mit einem totali­ tären Machtanspruch bedrohte. Diese Massenbewegung war in Italien der Partito Nazionale Fascista und in Deutschland die NSDAP. Aufgrund des strukturell ähnlichen, sich ausdrücklich am italienischen Vorbild orientierenden Charakters des Nationalsozialismus muß man diesen als eine Variante des Ursprungsfaschis­ mus begreifen. Sowohl der PN F als auch die N SD A P hatten eine erheblich breitere soziale Ba­ sis und eine ungleich festere organisatorische Konsistenz als der Nationalismus der Vorkriegszeit44. Beide stellten jedoch keine soziale Klassenbewegung dar. M it­ glieder und W ähler kamen nicht, w ie so oft behauptet worden ist, nur aus dem Kleinbürgertum bzw. der piccola borghesia. Beide stellten vielmehr politische Sammlungsbewegungen ohne feste soziale Basis dar. Die soziale Qualität ihrer M itglieder und Sympathisanten stand außerdem nicht ein für allemal fest. PNF und N SD A P samt ihren zahlreichen Unter- und N ebengliederungen waren einem ständigen sozialen Veränderungsprozeß unterworfen. So ziemlich alle gesell­ schaftlichen Gruppen und Schichten wurden nacheinander von ihnen erfaßt, z u ­ nächst Bauern, Studenten und bestimmte Gruppen von Akadem ikern, dann H andw erker und Kleinhändler, schließlich das mittlere und obere Bürgertum so­ wie zu einem beträchtlichen Teil auch die Arbeiterschaft. Beide faschistischen Par­ teien stellten insofern eine Ersatzpartei für alle anderen Parteien der N achkriegs­ zeit dar. Da sie ihren Mitgliedern jedes innerparteiliche Mitspracherecht verwei­ gerten und die Partei streng hierarchisch von oben nach unten organisierten, kann man die beiden Parteien nicht als Volksparteien bezeichnen. Als charismatisch ge­ lenkte Führerparteien waren sie jedoch unzweifelhaft Massenparteien moderner Art. Dies tritt noch deutlicher hervor, wenn man den politischen Stil der beiden Be­ wegungen vergleicht. Politik w ar für den PNF w ie für die N SD A P die Fortset­ zung des Krieges mit terroristischen Mitteln. N icht zufällig kam ein großer Teil der Ursprungskader beider Bewegungen jeweils aus den militärischen Veteranen44 V gl. D azu W olfgan g Schieder, D er S tru k tu rw a n d e l d er fasch istisch en P artei Italiens in d er Phase d er H e rrsc h a ftsstab ilisie ru n g , in: ders. (H rsg .), F asch ism u s als so zia le B e w eg u n g (G ö t­ tin gen 2 1983) 6 9 -9 6 ; ders.. D ie N S D A P vo r 1933. P ro fil ein er fasch istisch en P artei, in: G G 19 (1993) 141-154.

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Organisationen des Nachkriegs. Der militante Aktionismus konnte in Italien erst nach der Mateottikrise von 1924 und in Deutschland erst mit dem Röhmmord 1934 gewaltsam gebändigt werden. Für sich allein genommen hätte er auch weder den italienischen noch den deutschen Faschismus an die politische Macht ge­ bracht. Sowohl Mussolini als auch Hitler instrumentalisierten jedoch die blinde Gewalttätigkeit ihrer Bewegungen. Dies führte sie zu einer politischen D oppel­ strategie, die nach meiner Auffassung das Wesen faschistischer Regim ebildung ausmachte. Einerseits drohten sie mit Bürgerkrieg, andererseits versprachen sie, diesen zu vermeiden, wenn man sie nur an der politischen Macht beteiligte. Diese politische Doppelstrategie w ar inhaltlich zw ar in Italien und Deutschland nicht vollständig identisch, aber im Prinzip handelte es sich jedoch um historisch in höchstem Maße vergleichbare Konzeptionen. Es gab im 20. Jahrhundert kaum zwei andere politische Machtwechsel, die sich so gut vergleichen lassen wie der am 28. O ktober 1922 und der am 30. Januar 1933. In Italien formierte sich nur etwas schneller als in Deutschland ein politisches Zweckbündnis, das jede politische Reformlösung in der Modernisierungskrise ablehnte. Sichtbar in Erscheinung trat diese antimoderne Allianz in Italien 1921 in den ,Blocci N azionali“, in Deutsch­ land 1931 in der sogenannten H arzburger Front. In beiden Fällen glaubten die traditionalen Machteliten, den Faschismus zu ihren Bedingungen politisch ein­ gebunden zu haben. Wie sich jedoch wenig später zeigen sollte, verhielt es sich genau umgekehrt. Es ist eigentlich nur schwer zu begreifen, wie man angesichts dieses Krisensze­ narios überhaupt darauf kommen konnte, dem italienischen Faschismus und dem Nationalsozialismus eine modernisierende W irkung zuzuschreiben. M an konnte zwar versuchen, das Verhältnis des Faschismus zur M oderne aus den schriftlichen oder mündlichen Erklärungen Mussolinis bzw. Hitlers herauszulesen. Von Eber­ h ard jäck el über Ernst Nolte bis zu Rainer Zitelmann ist dies im H inblick auf H it­ ler mit unterschiedlicher A kzentuierung auch praktiziert worden45. Der A m eri­ kaner James Gregor und sein italienischer Kollege Emilio Gentile haben dasselbe im Hinblick auf Mussolini versucht46. Die Ergebnisse sind jedoch nicht überzeu­ gend. Das gilt jedenfalls für Mussolini, der sich dezidiert nicht auf ein festes Pro­ gramm festlegen wollte und in seinem politischen Handeln einen dezisionistischen Aktionismus befolgte. Das gilt aber auch für Hitler, dessen sogenanntes Programm, sieht man von seinem radikalantisemitischen Kern ab, für sein H an ­ deln w eniger verbindlich war, als häufig angenommen wird. Allerdings w ar es für den frühen Faschismus in Italien ebenso charakteristisch wie für den frühen Nationalsozialismus, daß ihr erster Auftritt bestimmte revolu­ tionäre Erwartungen weckte. Das lag weniger an Mussolini oder gar an Hitler selbst, als vielmehr an den politischen Kadern, auf die sie sich jeweils in der Grün45 Jäck el, W eltan sch au u n g; Ernst N olte, D er F asch ism u s in sein er E p oche (M ü n ch en , Z ü rich 51979); Z itelm ann, H itler. 46 J a m e s A. G regor, L’id e o lo g ia del fascism o (M ila n o 1974); Emilio G entile, L e o rig in i d e ll’id e o lo g ia fascista 1 9 18-19 25 (B ari 1975).

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dungsphase ihrer B ew egungen stützen m ußten. A ls tier Faschism us am 23. M ärz 1919 in M ailand gegründet w urde, w urde er in ganz w esentlichem U m fang vom politischen F uturism us m itgetragen47. D ie Futuristen w aren antisozialistisch und an tiklerik al eingestellt. Sie verstanden sich aber gleich zeitig als die A vantgarde der M oderne. Schnelligkeit, B ew egung und perm anente A ktio n w aren für sie die Z ei­ chen von M odernität. D eshalb verbanden sie ihr program m atisches Z ukunftspro­ gram m vor allem m it einem Bekenntnis zur m odernen Technik und zum Indu­ striesystem . A uch nach M ussolinis M achtergreifung gab es in der faschistischen B ew egung eine aus dem revolutionären Syn dikalism us kom m ende Ström ung, die an eine technokratische E rneuerung des W irtschaftssystem s glaubte48. Ihr bedeu­ tendster Exponent w ar M assim o Rocca. Schon in der Zeit des M arschs auf Rom w urden von diesen Faschisten die sogenannten G ruppi di C om petenza gebildet, w elche dem Faschism us einen m odernistischen A ppeal geben sollten. Spätestens 1923 w ar es dam it jedoch vorbei. M ussolini hatte näm lich begriffen, daß er seinen persönlichen M achtanspruch nicht gegen, sondern nur m it den traclitionalen E li­ ten durchsetzen konnte. U m diese von den Zeitgenossen als .fiancheggiatori“ bezeichneten G ruppen dauerhaft an sich zu binden, durfte er nicht den A nschein er­ w ecken, m it seiner B ew egung in irgendeiner Weise revolutionäre Ziele zu haben. In einem brutalen A kt der Säuberung w urden deshalb von ihm alle faschistischen G ruppierungen, die w eiter von der .R evo lutio n “ träum ten, entw eder zur A ufgabe dieser H offnungen gezw ungen oder in den D issidentism us gedrängt. Später gab es dann zw ar nochm als den Versuch einiger in tellektueller Faschisten um den Ö ko ­ nom en U go Spirito, auf dem U m w eg über den K orporativism us zu einer Sozialisierung des Produktiveigentum s zu kom m en. Doch auch dieser Versuch scheiterte im M ai 1932 auf dem „Secondo C onvegno di Studi Sindacali e C orporativi“ in Ferrara gründlich. Auch der frühe N ationalsozialism us kannte die Vorstellung, über einen .dritten W eg“ zw ischen K apitalism us und Sozialism us die K rise der M oderne zu b ew älti­ gen. D ie Thesen G ottfried Feders gingen, so abstrus sie sein m ochten, in diese R ichtung und fanden bekanntlich sogar Eingang in das Parteiprogram m der NSDAP. Von ungleich größerer B edeutung war, daß sich seit M itte der 20er Jahre vor allem in N orddeutschland ein .lin ker“ N ationalsozialism us um die Brüder Strasser entfaltete, der d ezid iert Program m e zur Enteignung der G roßindustrie ventilierte. A uch dieser Versuch einer revolutionären Profilierung des N ation al­ sozialism us scheiterte jedoch bezeichnenderw eise an dem W illen Flitlers, sich nach dem Vorbild M ussolinis m it den traditionellen M achteliten zu arrangieren. D ie linken N ationalsozialisten w urden 1932 genau in dem M om ent aus der B ew e­ gung herausgedrängt, in dem H itler sich der G roßindustrie annäherte und dieser ausdrücklich eine E igentum sgarantie gab. 47 V gl. W olfgan g S ch ied e r , D ie Z u k u n ft der A vantgarde. K un st und P o litik im italienischen F u tu r is m u s 1909-1922, in: Ute F rev er t (FIrsg.), Das N e u e J a h r h u n d e rt. E u rop äisch e Z e itd ia­ gn osen u n d Z u k u n f ts e n tw ü rf e u m 1900 (G ö ttingen 2000) 22 9 -2 4 3 . 48 V gl. d a zu n euerd in gs G iuseppe P arlato , L a Sin istra fascists. S toria di tin p ro g e tto m ancato ( B o lo g n a 2000).

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W eder M ussolini noch H itler duldeten also, daß ihre B ew egungen als revo lutio ­ när m ißverstanden w erden konnten. D ie V ergleichbarkeit von italienischem und deutschem Faschism us ergibt sich deshalb gerade daraus, daß sich die beiden .F üh rer“ als V erm ittler einer antim odernen A llian z anboten. Von ihren national­ konservativen Sym pathisanten unterschieden sich die italienischen und die deut­ schen Faschisten nicht dadurch, daß sie zukunftsträchtigere m oderne Program m e hatten, sondern nur dadurch, daß sie in der Lage w aren, zeitgem äße politische Form en der M assenm obilisierung zu entw ickeln. Das scheinbar M oderne am Fa­ schism us w ar nur sein politischer Stil: die A usnutzung der Technik und der M e­ dien, vom A uto und F lugzeug bis zum R undfunk; die C horeographie der M assen­ versam m lungen, vom D ialog zw ischen ,F ührer“ und .M asse“ bis zum Aufm arsch der disziplinierten H orden der M iliz bzw. der SA ; die D yn am ik der Sprache, das häm m ernde Stakkato der Parolen; die furchtbare V ereinfachung von K om plexität; die Suggestion gestellter, m it Fahnen, G irlanden und politischen Sym bolen über­ ladener B ilder; die E ntdeckung der Fotografie und des Film s zu politischen Zwecken; schließlich die A usn utzun g des sportlichen W ettkam pfs zur politischen Identifikation m it dem R egim e. Es w ar die besondere Kunst sow ohl M ussolinis als auch H itlers, sich aller dieser m odernen M ittel zu antim odernen Z w ecken zu bedienen. D er scheinbar m oderne H abitus des Faschism us beider G estalt führt deshalb nicht an dem U rteil vorbei, daß beide in ihren Ländern das .P rojekt der M oderne“ auf verhängnisvolle Weise gestört haben. N un w ird allerdings im m er w ied er behauptet, daß der Faschism us ungeachtet seiner eigenen Intentionen gleichsam w id er W illen doch .m odern“ gewesen sei. D abei w ird auf alle m öglichen E ntw icklungen verw iesen, w elche sich in Italien und D eutschland in faschistischer bzw. nationalsozialistischer Zeit trotz allem vollzogen hätten. Ich kann dem schon deshalb nicht folgen, w eil es nahezu unm öglich ist, festzustellen, was sich ohne, gegen oder m it dem Faschism us ent­ w ickelt hat. Selbst w enn es gew isse T eilm odernisierungen gegeben hat, muß doch im m er gefragt w erden, ob nicht ein ungleich größerer M odernisierungsschub möglich gew esen w äre, w enn man nicht den faschistischen Weg gegangen w äre. Ein B lick auf die faschistisch-nationalsozialistische Frauenpolitik soll das ab­ schließend noch etwas verdeutlichen49. Sow ohl der italienische als auch der d eu t­ sche Faschism us w aren, darüber besteht in der Forschung Ü bereinstim m ung, in ihrem U rsprung zutiefst antifem inistisch eingestellt. D ie Frauen sollten vom A rbeitsm arkt ferngehalten w erden und vor allem eine R olle als Ehefrau und G e­ bärerin spielen. In diesem Sinne betrieb der Faschism us sow ohl in Italien w ie in D eutschland eine d ezid iert natalistische P olitik. D ie gesetzlichen M aßnahm en 49 Vgl. dazu Ute Frevert, Frau en gesc hich te zw isc h e n b ürge rlic h e r V erb esserun g u n d neuer W eiblic h keit ( F ra n k fu rt 1986); Claudia Koonz, M o th ers in the F ath erlan d ( N e w Y o rk 1987); Victoria de G razia, Le d o nn e nel regim e fascista (Venezia 1993); M aria Fraddosio, T h e Fallen Hero: T h e M y t h of M u s s o lin i and Fascist W o m en in the Italian Social R ep u b lic (1 9 4 3 -5 ), in: J o urn al of C o n t e m p o r a r y H is t o r y 31 (1996) 9 9 -1 2 4 ; Dianella Gagliani, Mariuccia S alvati (H rsg.), D on ne e spazio nel p rocesso di m o d e r n iz z a z io n e (B o lo g n a 1995); P erry Wilson, T he C l o c k w o r k Factory. W o m en and W o r k in Fascist Italy (O x fo rd 1993).

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gegen die A btreibung w urden in beiden D iktaturen verschärft, ciie öffentliche Sexualberatung w urd e verboten, die Ehescheidung zw ar nicht erschw ert, aber auch nicht erleichtert. G leichzeitig w urde eine R eihe von fam ilienfreundlichen A ngeboten gem acht, vom E hestandsdarlehen über steuerliche E rleichterung für K inderreiche bis hin zu G eburtenpräm ien. Der N ationalsozialism us ging darüber allerdings hinaus, indem er einer rassistisch begründeten E ugenik zum D urch­ bruch verhalf, durch ciie angeblich A rtfrem de d iskrim iniert, ausgesondert, sterili­ siert oder gar erm ordet w urden. Das spezifisch Faschistische an dieser P o litik liegt darin, daß es die beiden Regim e nicht bei der reinen R epression beließen, sondern den Frauen äußerlich ein neues kollektives R ollenverständnis zu geben versuch­ ten. Dies w urde durch den A ufbau zahlreicher Frauenorganisationen erreicht, w elche für beide R egim e charakteristische Form en annahm en. Ich nenne nur die N S-Frauenschaft und die Fasci Fem m inili als die beiden jew eils größten faschisti­ schen Frauenorganisationen. A ber die organisatorische Erfassung von M illionen von Frauen im D ienste des Regim es w ar keine E rm unterung zu r E m anzipation, sie w ar ein „E rsatzangebot für die bew ußt vorenthaltene E m anzipation“ (U te Frevert), ein „Ventil“ (V ictoria de G razia), das die in dividuelle Em anzipation k o l­ lektiv vergessen m achen sollte. Das w ar die klassische M ethode, antim oderni­ stisch m it m odernen M itteln zu sein. Dem w idersp rich t auch nicht, daß sow ohl der Faschism us w ie der N ationalsozialism us den Frauen selektiv tatsächlich ge­ w isse E m anzipationsm öglichkeiten anboten. Ein B eispiel dafür w ar die Accadem ia Fem m inile Fascista di E ducazione Fisica, welche der Faschism us 1932 in O rvieto begründete. D ie dort studierenden jungen Frauen w urden gezielt mit m o­ dernen E rziehungsm ethoden ausdrücklich nicht für die F am ilie, sondern für öf­ fentliche Führungsaufgaben des Faschism us ausgebildet. D er sportliche G eist, der ihnen verm ittelt w urde, w ar ausschließlich M ittel zum Zw eck, die M asse der ita­ lienischen Frauen sollte von diesem w eiter ferngehalten w erden. Die F ührungska­ der der N S-F rauenschaft w urden in ähnlicher Weise ausgebildet, w enngleich w e­ niger elitär. A uch in ihrem Fall ging es darum , w eibliche Funktionäre h eran zub il­ den, nicht etw a Frauen individuell zu fördern. M an kann deshalb auch in diesem Fall nicht von einer P o litik in em anzipatorischer A bsicht sprechen, sondern allen ­ falls von einer Instrum entalisierung von M odernität. Was für die F rauenp o litik gilt, könnte für die gesam te F am ilien po litik von Fa­ schisten und N ation also zialisten nachgew iesen w erden. Erst recht käm e man bei der vergleichenden B ew ertung anderer so zialpolitischer M aßnahm en des Faschis­ mus in D eutschland und Italien zu ähnlichen Ergebnissen. In der K ulturp o litik ließ das faschistische R egim e in Italien den A kteuren zw eifellos größeren Sp iel­ raum als das N S-R egim e in D eutschland. A ber auch w enn die italienische K ultur in der Zeit des Faschism us w en iger den A nschluß an die M oderne verlor als die deutsche in der Zeit des N ationalsozialism us, so erstarrte sie doch nach der D urchsetzung von M ussolinis D iktatur ebenfalls m ehr und mehr. W elchen P o li­ tikbereich man auch im m er untersucht, das Ergebnis ist im m er dasselbe: W eder haben die italienischen Faschisten und ihre totalitären Vettern in D eutschland ge­ nerell eine M odernisierung der G esellschaft angestrebt noch haben sie eine solche

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bew irkt. U nd w enn sie die M odernisierung in manchen Bereichen vorangetrieben haben, w ar dies nicht das Ergebnis zielgerichteten H andels. M an sollte deshalb aufhören, dem Faschism us w eiterhin ein M odernisierungspotential zu un terstel­ len. Sinnvoll ist allein, die Entstehung faschistischer Regim es als das Ergebnis ku­ m ulierter M odernisierungskrisen zu verstehen.

Rolf Wörsdorfer Die Grenze, der Osten, die M inderheiten und die M odernisierung - N ationalstaat und ethnische Gruppen in Deutschland und in Italien 1. „Zwei M illionen von vierzig . . - Zur Problem- und Fragestellung Im N achlaß des aus Triest stam m enden slow enischen N ation alitäten p olitikers Josip W ilfan 1 findet sich eine C o llage, auf der die Sym bolfiguren der europäischen N ationen abgebildet sind. D er G röße nach a n g e o rd n e t-v o m „Iw an“ m it B auern­ kittel und K opfbedeckung aus Pelz über den „M ichel“ m it Pfeife und Z ipfelm ütze bis zum spanischen Stierkäm pfer in voller A rbeitsm ontur - zeigen sie die Ein­ w ohnerzahl ihres H erkunftslandes an. D arüber erkennt man die M itglieder eines A usschusses, der eine A rt D achorganisation der nationalen M inderheiten in Europa darstellte und der seit 1925 die Europäischen N ationalitätenkongresse einberief. D ie A ngehörigen der M in o ritäten selbst erscheinen auf dem B ild nur als Zahl („40 M illio n en “); die D arstellungsform suggeriert, daß sie zusam m engenom men die „sechstgrößte europäische N atio n “ bilden könnten, gleich h inter den R ussen, D eutschen, B riten, Franzosen und Italienern. O hne jeden künstlerischen A nspruch fab riziert, w eist die C o llage die N ationalitätenkongresse (ähnlich w ie die K ongresse der Zweiten Internationale vor 1914) als „sechste G roßm acht“ aus und verdeutlicht das G ew icht der M inoritäten im Europa der Z w ischenkriegszeit: Zusam m engenom m en lebten in den europäischen Staaten m ehr A ngehörige von M inderheiten, als m ittelgroße Länder w ie Polen oder Spanien E inw ohner hatten2. 1 D er g rö ß te Teil des N achlasses liegt im Z g o d o v in s k i arh iv (S tadtarchiv ) von Lju b lja n a , ein klein erer Teil im Institut za n ar o d n o s tn a v p rasan ja (Institut für N atio n a litä ten fra ge n ), e b en ­ falls in L ju b lja n a . Teile der D o k u m e n ta t io n w u r d e n in den sie bziger J a h r e n verfilm t und dem B undesarchiv in K o blenz überlassen. Vgl. zu Jo s ip W ilfan die biog raph isch e S k iz z e von jo z e Pirjevec, D ie p olitis ch e T h eo rie u n d T ä tig k e it Jo se f W ilfans, in: Umberto Corsini, D avide Zaffi, D ie M in d e rh e ite n zw isc h e n den beiden W eltk rie gen . M it einer E in fü h ru n g von M an­ fre d Alexander, Schriften des Ita lienisch -D eutschen H istorisc he n Instituts in Trient 10 ( B e r ­ lin 1997) 167-174; im folg enden zitiert: Corsini, Zaffi, M in d erh eiten . 2 Xose-M anoel Nünez Seijas, El p r o b le m a de las n ac io nalid ades en la E u ro p a de en tregu erras. El C o n g r e s o de N a cio n a lid a d e s Eu rop eas (192 5-193 8), D issertation, Eu rop äis ch es H o ch sc h u lin stitu t (F lo ren z 1992), 3 Bde., im fo lg enden zitiert: Nunez Seijas, El p r o b le m a de

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R o lf W ö r s d ö rfe r

In den zw ei hier interessierenden Staaten m achten die ethnisch-nationalen M in ­ derheiten 1931 nach den A ngaben O tto Junghanns 1,6% (D eutsches R eich) und 2,37 % der G esam tbevölkerung (K önigreich Italien) aus; in absoluten Zahlen w a­ ren dies 1036000 Staatsangehörige in D eutschland, 971000 in Italien3. O bw ohl die beiden Länder zu den bevölkerungsreichsten und größten des dam aligen Europa zählten, lebte in ihnen nur ein kleiner Teil der insgesam t 40 M illionen europäischen M inderheitenangehörigen. Eine R eihe von G em einsam keiten lassen cs dennoch sinnvoll erscheinen, die deutsche und die italienische M in derh eitenp o ­ litik in der vergleichenden Perspektive zu untersuchen: a) D ie T erritorien beider Länder grenzten nach 1918 im O sten an einen vom B altikum bis zu r T ürkei reichenden „zw ischeneuropäischen“ Korridor, dessen R egierungen m it den Siegerm ächten des Ersten W eltkriegs M inderheiten­ schutzverträge abschlossen4. D eutschland und Italien w aren in M inoritätenA ngelegenheiten vertraglich nicht gebunden, w enn man von der A usnahm e des deutsch-polnischen O berschlesien-A bkom m ens (1922) absieht. b) Italiener und D eutsche stellten als „verspätete N ation en “ im U bergangsbereich zw ischen den klassischen w estlichen N ationalstaaten und den neu entstande­ nen pluriethnischen Staaten N o rdost-, O stm ittel- und Südosteuropas5 eine A rt dritten Typus dar, w as sich auch an ihrer H altung den M inderheiten gegenüber ablesen läß t6. c) Schließlich brachten D eutschland und Italien als ökonom ische Late comers - aber zugleich auch als europäische G roßm ächte - in den 20er und 30er Jahren faschistische D iktaturen hervor, die eine jew eils spezifische, nicht a priori als

las n acio nalid ades; R u d olf Michaelsen , D er eu ro päisc he N a tio n a litä te n -K o n g r e ß 1925-1928 ( F ra n k fu rt a.M ., Bern 1984). 3 O tto Jun gh an n , D ie n ation ale M in d e r h e it (B erlin 1931) 74 f. N unez Seijas, El p ro b lem a de las nacio nalidades 167, k o m m t für die Zeit nach 1919 zu einer etw as höh eren Zahl für D eu tsc h la n d (1 0 5 0 0 0 0 ) u n d zu einer d eu tlich n iedrigeren fü r Italien (700 000 ). Solche A b w e ic h u n g e n finden sich, einm al abgesehen vom z u g r u n d e gele gten Jahr, in der ganzen M in d erh eiten literatu r. D ie offizie llen B e v ö lk e ru n gs sta tis tik e n ten dieren d ahin, die Zahl der M in d e r h eiten an g e h ö rig e n n ied riger a nz usetzen, die P u b lik a tio n e n d er einzeln en M in o r i t ä ­ ten dahin, sie zu übertreib en. 4 Bastiaan Schot, N a tio n o d er Staat? D eu tschlan d un d d er M in d erh eiten sc h u tz . Z u r V ö lk e r ­ b u n d sp o litik d er Ä ra S tresem ann ( M a r b u r g 1988); Erwin Viefhaus, D ie M in d erh eiten fra ge un d die En tstehu ng d e r M in d e rh e ite n sc h u tz v e r tr ä g e auf d er Pariser F ried e n s k o n fere n z von 1919. Eine Studie zu r G eschic hte des N a tio n a litä ten p ro b lem s im 19. u n d 20. J a h rh u n d e rt ( W ü r z b u r g 1960). 5 Vgl. d en A b sch n itt „G esch ic h tsregio n en “, in: H arald Roth (H rsg.), S t u d ie n h a n d b u c h Ö s t ­ liches E urop a, Bd. 1, G esch ic hte O s tm itte l- und S üdo ste uro pas (K öln, W eimar, W ie n 1999) 57 -96. 6 Einige ethnische G ru p p e n k ö n n en hier n ur k u r z g enan nt w erd e n . D eu tschlan d: Tschechen, M äh rer, M a su re n , K asch ub en , Litauer, W allo n en , Friesen. Italien: Friauler, Ladin er, Is trorum änen, klein e deutsche S prac hinseln in N o r d ita lie n , Sarden, K atalanen, K ro aten (M olise), A lb a n e r u n d G riech en in versch iedenen Teilen S üditalie ns un d Siziliens.

N ation alstaat un d ethnische G ru p p e n in D eu tschlan d un d Italien

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„typisch faschistisch“ zu definierende M in o ritäten p o litik verfolgten7. Es w ar für die M inderheiten nicht unerheblich, ob das Regim e der T itularnation in der faschistischen Epoche einen ku lturellen oder einen biologisch m otivierten R as­ sism us propagierte und p raktizierte. d)D as oft am habsburgischen M odell entw ickelte term inologische Instrum enta­ rium der neueren N ationalism usforschung ist auf seine T auglichkeit zum Erfas­ sen der deutschen und italienischen Situation hin zu überprüfen. Es stellt sich die Frage, w elche W echselbeziehungen in den beiden Ländern zw ischen der M inderheiten- und M odernisierungsproblem atik bestanden, w ie „m odern“ oder „lib eral“, „konservativ" oder „tolerant“ die M in o ritäten p o litik in un ter­ schiedlichen historischen Perioden ausfiel, und ob sich die von D eutschland und Italien vertretenen Positionen w echselseitig beeinflußten. Wenn die Lage der M inderheiten nördlich und südlich der A lpen vielerlei Ä h n ­ lichkeiten aufw ies, so rührte dies nicht nur daher, daß Preußen und P iem ont-Sar­ dinien das nationale Territorium erst relativ spät geeint hatten. Es hing auch dam it zusam m en, daß die quantitativ bedeutenden nicht-dom inanten ethnischen G rup­ pen sogenannte „G renzm inderheiten“ w aren8. D ie A ngehörigen der größeren, im (nord-)östlichen G renzbereich siedelnden border-minorities verstanden sich in D eutschland und Italien zum eist als K onnationale der jew eils zw eitgrößten N achbarnation. In beiden Fällen w aren es slaw ische N achbarn, deren N atio n al­ staat 1918 entw eder neu entstand (Polen) oder erw eitert und um stru k tu riert w urde (Serbien/Südslawien). D ie E xistenz der zw ar nicht m onoethnischen, aber doch national klar definierten R ep ub lik Polen erleichterte es den A ngehörigen der M inderheit in O stdeutschland, sich als „Polen“ zu verstehen. D ie kom plexere ethnische Z usam m ensetzung des südslaw ischen Königreichs, die Präsenz einer zugleich jugoslaw ischen und serbischen M onarchie, das K onstrukt der „dreina-

7 Vgl, z u r V er w e n d u n g des Begriffs „ F as c h ism u s “ als Epochenbegrif f C hristof Dipper, R ai­ ner H udem ann, Jens Petersen (FIrsg.), Faschism us u n d F aschism en im V ergleich. W olfgan g Schie der z u m 60. G eb urtsta g (Köln 1998); siehe auch Helga Grebing, Klaus K inner (H rs g .), A r b e it e r b e w e g u n g u n d F aschism us. Fasc h ism us-In te rp re ta tio n en in d er euro p ä isc h e n A r ­ b eite rb e w e g u n g (Essen 1990). Eine g e lu n g e n e G es a m td a rs tellu n g z u r L age der M in d erh eiten un ter d em italienischen Faschism us bleibt der schon üb er 30 J a h r e alte, aber im m e r noch lesbare B and vo n Claus Gatterer, Im K a m p f gegen R o m . Bürger, M in d erh eiten u n d A u t o n o ­ mien in Italien (W ien 1968), im folgenden: G atterer, Im K am pf gegen R o m . Es gibt kein e ve rgle ic hb are S tudie z u r Situatio n der ethnischen G ru p p e n un ter dem N S -R e g im e ; m a n ist b isla ng d a ra u f a ng ew iesen , fü r die Zeit des N a tio n a ls o z ia lis m u s je w eils eine G esch ichte der Polen, der D änen u n d der Sorb en in D eu ts c h la n d p ar allel zu lesen. s Ich folge hier d e r T y p o lo g ie des tschechischen N a tio n a lis m u s -F o rsc h e rs M iroslav Hroch, M in d erh eiten als P ro blem der vergle ic h e n d e n N a tio n a lis m u s fo rs ch u n g, in: Hans Henning H ahn, Peter Kunze (H rsg.), N a tio n a le M in d e rh e ite n u n d staatliche M in d e rh e it e n p o lit ik in D eu tschla n d im 19. Ja h r h u n d e r t (Berlin 1999) 9 - 1 8 ; im folgenden zitiert: H ahn, Kunze, N a ­ tionale M in d erh eiten ; siehe auch A lb ert F. Reiterer, K ärntn er Slo w en en : M in d er h eit oder Elite? N e u e r e T endenzen der ethnischen A rb e itste ilu n g (K lagenfurt, C e lo v ec 1996) 97 -9 9 , im fo lg enden zitiert: Reiterer, K ärntn er S lo w en en .

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R o lf W övsd ö rfer

m igen N atio n “, das In- und N ebeneinander regionaler und nationaler Identitäten erschw erte es dagegen den M inderheiten in Italiens N ordostprovinzen, zu einer ähnlich klaren E igensicht zu gelangen9. D am it ist noch nicht gesagt, die polnische M inderheit hätte dem deutschen N a­ tionalstaat größere Schw ierigkeiten bereitet als die slow enisch-kroatische dem italienischen. Entscheidend ist vielm ehr zunächst, daß aus „w estlicher“ (in diesem Falle deutscher und italienischer) Sicht beide N achbarländer, Polen und Südslaw ien, als „Produkte von V ersailles“, als habsburgische N achfolgestaaten, als p ro ­ visorische und p rekäre N eugründungen galten. Jede R evision des Versailler Ver­ tragsw erks, darin w aren sich D eutschland und Italien einig, w ürde zuallererst von den beiden östlichen N achbarn O pfer verlangen. Polen und Südslaw ien w aren Länder, die von A nfang an um ihre E xistenzberechtigung käm pften10; dies gilt auch dann, w enn man in B etracht zieht, daß die P o litiker und G eneräle in W ar­ schau und Belgrad die eigene G renze gern w eiter nach W esten verschoben hätten, was in unterschiedlichem A usm aße und unter radikal gew andelten B edingungen erst nach dem Z w eiten W eltkrieg gelang. Insgesam t förderte die geostrategische Lage an der deutschen und italienischen O stgrenze die H erausb ildun g von Irrec/e»Jrt-Bewegungen und w irk te auf die B ündniskonstellation der europäischen M ächte ein 11.

9 Vgl. z u r K o n str u ktio n der dre inam ige n N ation : Hans Lemberg, U n v o lle n d e te Versuche n ation aler Id e ntitätsb ildun g im 20. J a h r h u n d e r t im östlichen E urop a; die ,Tschechoslowak e n ‘, die J u g o s l a w e n “, das . S o w je t v o lk “, in: H elm ut Berding, N a tio n a le s B e w u ß ts e in und k o llek tiv e Identität. S tudien z u r E n t w ic k lu n g des k o llektiv en B e w u ß ts ein s in der N e u z e it 2 ( F ra n k fu rt a . M . 1994) 58 1 -6 0 7 ; im folg enden zitiert: Lemberg, U n v o lle n d e te Versuche. 10 A ntoni Czubinski, D eu tsc hla n ds M in d e rh e it e n p o h t ik 1918-1945, in: P o ln isch e W eststu ­ dien (1/1983) 46 -7 1 . In D eu tsc h la n d trat vor allem der F ra n k f u rte r S o z ia ld e m o k ra t H e r ­ m ann W endel vehem ent fü r das Ü b e rle b e n des SH S -Staats bzw. J u g o s la w ie n s ein. Vgl. R o lf W örsdorf er, H e rm a n n W en d el u n d A d o lf Köster. Zw'ei d eu tsche S o z ia ld e m o k r a t e n in S ü d ­ o steu ro p a (190 9-193 0), in: Bert Becker, H orst Ladem acher (FIrsg.), Geist u n d Gestalt im histo rischen W andel. Facetten d eu tscher u n d euro p ä isc h e r G esch ic hte 1789-1989. Fest­ schrif t fü r Siegfried Bah ne (M ü n s t e r 1999). 11 D en A u s d r u c k Irredenta fü r das B estreben der M in d erh eiten im Z w isc h e n k rie g s eu r o p a , auf d em W ege einer R ev is io n d er G ren zen zu r „ M u tt e rn a t io n “ z u r ü c k z u k e h r e n , verw en det der balten deu tsch e ju n g k o n s e r v a t iv e M ax H ildebert Boehm, E u rop a irredenta. Eine E infüh ­ r u n g in das N a tio n a litä ten p r o b lem d er G e g e n w a r t (Berlin 1923); sie he z u r Irreden tism u sP ro b le m a tik vo r d em Ersten W eltk rie g Sergio Romano, D e r Irreden tism u s m d er italie­ nischen A u ß e n p o lit ik un d M arina G arbari, D e r Irreden tism u s in der italien isch en H is t o r io ­ graphie, in: Angelo A ra, E berhard Kolb, G r en zregio n en im Z eitalter d er N a tio n a lism en . El­ saß-Lothringen/T rie nt-Trie st 1870-1914, Schriften des Italie n isch -D e utsc h e n H istorischen Instituts in Trient 12 (B erlin 1998); im fo lge n d e n zitiert: A r a , Kolb, G re n z r e g io n e n 13-24 und 25 -53.

N a tio n a ls ta a t un d ethnische G ru p p e n in D eu tschla n d und Italien

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2. Il confine mobile - die schwierige Ostgrenze So selbstverständlich, w ie sich ein großer Teil der zirka 900000 Polen in O ber­ schlesien, O st- und W estpreußen k u ltu rell und politisch an der R ep ub lik P o len 12 o rientierte, so w andten die nahezu kom plett in der G renzregion Julisch Venetien lebenden Slow enen und Kroaten ihren B lick nach Südosten, w o 1918 zunächst im vorm als habsburgischen R aum der „Staat der Slow enen, Kroaten und Serben“ und dann durch die Fusion m it Serbien das „K önigreich der Serben, K roaten und Slow enen“ (SFIS-Staat, seit 1929 Jugo slaw ien ) entstanden w a r13. In den ersten N achkriegsw ochen des Jahres 1918 w aren in diesen G renzgebieten (und darüber hinaus in der sorbischen L ausitz) N ation alräte aus dem Boden geschossen, die für den A nschluß ihrer R egion an Polen, den SH S-Staat oder - im Falle der Sorben an die Tschechoslow akei eintraten. Zur jed erzeit aktivierbaren A nhängerschaft der N ation alräte zählten oft dem obilisierte A ngehörige der Streitkräfte. Sieht man von den „spontanen In tern atio nalisten “ ab, etw a den vielfach als überzeugte K om m unisten aus russischer K riegsgefangenschaft zurückgekehrten ehem aligen Soldaten des österreichischen K aisers14, so hefteten sich nach dem W affenstill­ stand in „Z w ischeneuropa“ un zäh lige jun ge M änner eine K okarde in den N atio ­ nalfarben an die U niform . W ährend die Frontkäm pfer andersw o, zum Beispiel in Süditalien und Sardinien (com battentism o, L andbesetzungen) oder in K roatien und Bosnien („grün e“ B ew egung), in der E rfüllung ihrer sozialen Forderungen (Bodenfrage) die notw endige K om pensation für die im Schützengraben oder in der K riegsgefangenschaft verbrachten Jah re sahen, signalisierten viele Soldaten in den G renzregionen ihre oft aus derselben m ateriellen N o t geborene B ereitschaft, für G renzverschiebungen zugunsten des alten (D eutschland, Italien) oder des neuen N ationalstaats (Polen, SH S-K önigreich) zu käm pfen15. 12 Vgl. die Q u e lle n e d itio n von R udolf Jaw orski, D ie p oln ische G re n z m in d e r h e it in D eutschla nd 1920-1939, in: D eu tsche u n d Pole n z w is c h e n den K riegen. M in d erh eiten sta tu s und „ V o lk s tu m sk am p f“ im G ren zgeb iet. A m tlich e B e ric h tersta ttu n g aus b eiden L ä n d e r n 1920-1939. P o la c y in N ie m c y m ic d y w o jn a m i. Statu s m niejszo sci i w a lk a g ran niczn a. R ep o rty w la d z p o lsk ich in n ie m ie ck ich z lat 1920-1939, hrsg. v. R u d o lf Jaw o rski, M arian Wojdechowski, 2 H a lb b ä n d e ( M ü n ch en , N e w Pro viden ce, L on do n, Paris 1997) 4 9 - 7 0 , hier 51; im fo lg enden zitiert: Jaw orski, P o ln isch e G ren zm in d e rh e it. D er H e r a u s g e b e r b eziffert die G esa m tza h l der Polen im D eu tsc h la n d der Z w isc h e n k r ie g s z eit auf 8 0 000 0 bis 1,5 M il lio ­ nen und gibt z ah lreich e H in w eise , w a r u m die V olk szä h lu n g sd a ten als äußerst u n g e n a u a n z u ­ sehen sind. D as von d er p oln is chen R e g ie r u n g finan zie rte Institut für M in d erh eiten fra g e n in W arschau nan n te für die P o le n in Sch le sien, O s t- u n d 'Westpreußen zu sa m m e n d ie Zahl von 1,2 M illio n en , eine Zahl, bei der noch d ie B e rlin - un d R u h rgeb ie tsp o len fehlten. V gl. S. J. Paprocki ( H rs g .), M in o r i t y A ffairs and Po la n d. A n In fo r m a to r y S u r v e y (W a r s a w 1935) 38; im folgenden zitiert: Paprocky, M in o r i t y Affairs. 13 D ie Zahl der ju lischen S lo w en en w ir d ge m e in h in a uf 35 000 0, die d er Kroaten a uf 15 000 0 beziffert. 14 M arina Rossi, I prigio n ieri dello Zar. Soldati italiani d e l l’esercito a u s tr o -u n g a rico nei lager della R u ssia 1914-19 18 ( M ila n o 1997). 13 W o dies n o t w e n d ig schien, ließ der alte N a tio n sta a t „seine“ M in d erh eiten sofort spüren , welche K o n s eq u e n ze n die irreden tistische P ro p a g a n d a für sie haben könne: Ein Sorb e, der

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R o lf W ö rs d ö r fe r

D iese Form einer „institutioneilen und m entalen F o rtw irkun g des W eltkrie­ ges“ 16 traf im deutschen und italienischen (N ord-)O sten auf einen fruchtbaren, gut vorbereiteten Boden: Schon seit dem 19. Jah rh un dert arbeiteten in den ö stli­ chen G renz- und M ischgebieten diverse patriotische Schul- und Schutzvereine, die die national indifferenten oder regionalistisch orientierten G renzlandbew oh­ ner in die Schem ata des „D eutschtum s“ und der „Italian itä“ zu pressen suchten17. Sie führten Konzepte der N ation ins Feld, deren rom antische U rsprünge (Johann G ottfried Flerder, G iuseppe M azzin i) am Vorabend des Ersten W eltkriegs längst durch neue, im perialistische und rassistische Theorem e und Ideologien überdeckt w aren. O rganisationen w ie der O stm arken-V erein, der Verein für das D eutsch­ tum im A usland (V D A ), der Schulverein Siidm ark auf deutsch er18 und die Societä D ante A ligh ieri, die Lega N azionale oder die Trento e Trieste auf italienischer Seite19 trugen dazu bei, die M en talität einer G renzbevölkerung zu form en, deren Kam pf- und A bw ehrbereitschaft in einem zw eiten Schritt auf den gesam ten „V olkskörper“ p ro jiziert w erden sollte. U m gekehrt verfochten auch die K am pf­ bünde, Schutz- und Schulvereine der B evölkerungsgruppen, die 1918 zu M in der­ heiten w urden, einen integralen N ationalism us, der w enig R aum für territoriale oder ku lturelle K om prom ißlösungen ließ20. Das patriotische Vereinswesen erlebte bei K riegsende in Italien einen neuen A ufschw ung, obw ohl so m anche nationale V ereinigung zunächst am Sinn ihrer T ätigkeit zw eifelte, w eil die meisten ehem aligen terre irredertte inzw ischen „er­ lö st“ w orden w aren. Bei den Schulen und K indergärten kam es zu einer N euver­ teilung der K om petenzen zw ischen der Societä D ante A ligh ieri, der Lega N azio -

als M itglied der tschechischen D elegatio n an der Pariser F r ie d e n s k o n fere n z tcilge n o m m cn hatte, w u r d e bei seiner R ü c k k e h r nach D eu tschlan d w eg en Verrats m ilitä risc h e r G eheim nisse verhaftet un d verurteilt; er hatte in Paris üb er die T r u p p en k o n ze n tra tio n e n in d e r L a usitz b e­ richtet, m it denen P re uß e n die Sorb en ein zu sch ü c h tern versuchte. V g l. / a n Solta, A b r i ß der sorb isch en G eschic hte (B a u tz e n 1976) 152. 16 G erd K r umeich, 1918: Das Ende des W eltk rie ges?, in: 42. D eu tsc he r H is t o r ik e r ta g , Inten­ tio nen - W irk lic h k e ite n , S kripten heft III, Z eitgeschichte 6 9 - 7 3 , h ier 69 (F r a n k fu rt a .M . 1998), im folg enden zitiert: K r umeich, 1918. 17 Vgl. den A b s ch n itt „Die S ch ul- u n d S c h u tzv e rein e“, in: G atterer, Im K am pf gegen R o m 128-138. 18 V gl. Reinhard Stäuber, Von d er ,w elsch en V o lk s k u ltu r“ z u m .deutschen K u lt u r p r in z ip “. C h ris tia n Schneller u n d die A n f ä n g e d eu tsc h n a tio n a le r S ch utzarb eit im S üd e n d er H a b s b u r ­ germ o n a rc h ie 1860/70, in: N a tio n a lis m u s u n d G esch ic h tssc h re ib u n g/ N a zio n a lism o e storiografia, (= G eschic hte u n d R egion /S to ria e regio ne, 5. Jg., 1996) 143-162; Eduard G. Staudin­ ger, D ie S ü d m a rk. A sp e k te der P r o g r a m m a t ik u n d S t r u k t u r eines d eu tsc he n S ch utzvereins in der S teie rm ar k bis 1914, in: H elm ut Rumpler, A rn old Suppan (H rs g .), G eschic hte d e r D eu t­ schen im Bereich des h eutigen S lo w en ie n - Z go d o vin a n em eev na o b m o e ju d anaenje Slovcnije, 1848-1941 (W ie n , M ü n c h e n 1988) 130-154; D avide Zaffi, D ie deu tschen n ationalen S ch utzve reine in Tirol u n d im K üsten lan d, in: A ra, Kolb, G r e n z reg io n en 2 5 7-284 . 19 Beatrice Pisa, N a z io n e e politica nella socie tä D ante A lig h ie r i ( R o m a 1995). 20 Das bekannteste Beispiel ist d er slo w en isch e Schulverein d er H e iligen K yrill u n d M eth od. V gl. A ndrej Vovko, M a l p o lo zi d a r . . . d o m u na altar. P o rtret n ar o d n o o b ra m b n e solsk e or~ gan izaeije d r u z b e Sv. C i r ila in M e to d a (L ju b lja n a 1994).

N a tio n a lsta a t un d ethnische G ru p p e n in D eu tschla n d un d Italien

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nale und der O pera N azionale Italia redenta21. N eben dem Proselytism us der B il­ dungsvereine machte sich eine tief in den A lltag der G renzbevölkerung ein drin ­ gende Sym b o lp o litik bem erkbar: P atriotische Schutzbünde, Frontkäm pfer- oder K riegerw itw enverbände w eihten Fahnen, veranstalteten U m züge, enthüllten D enkm ale und legten G rundsteine zu vaterländischen E inrichtungen; all dies sollte helfen, das nationale B ew ußtsein in den neuen Provinzen zu festigen22. A n ­ dererseits verschw am m en die G renzen zw ischen dem propagandistischen A uftre­ ten „friedlicher“ Irredentisten und den Kam pagnen bewaffneter Form ationen, die w ie die deutschen „Freikorps“ oder die italienischen A rditi und Legionäre in den östlichen G renzregionen operierten23. Ein d ritter Faktor, der die N ation alisierun g der G renzregionen vorantrieb und der M inderheitenproblem atik ihr eigenes G epräge gab, w aren die P lebiszite über die künftige territoriale Z ugehörigkeit von Teilen Schlesw igs, K ärntens und O berschlesiens. Politische Präferenzen oder konfessionelle L o yalitäten w aren im „V olkstum skam pf“ vor O rt eher zw eitran gig; der Sozialdem okrat aus Flensburg redete über den D änen in derselben „grenz- und auslandsdeutschen“ Sprache, die auch der D eutschnationale aus O stpreußen benutzte, w enn er auf den Polen zu sprechen kam 24; der norddeutsche Protestant sah den nordischen oder slaw ischen N achbarn in dem selben Licht w ie der katholische Kärntner oder T iroler den Slo­ wenen und Italiener25. In der M ehrheitsbevölkerung außerhalb der G renzregionen und vor allem in der politischen Führungsschicht folgte die E instellung der M inderheit gegenüber einer anderen M atrix. Am angesehensten w aren jene M inoritäten, deren Sprache 21 Ich ve rw eise hier auf: R olf W örsdorf er, K risenh erd A dria . 1915-1955. K o n s tr u k tio n und A rtik u la tio n des N a tio n a le n im it a lien is ch -ju g o s la w isc h e n G re n z r a u m ( P a d e rb o rn u.a. 2004) 161-219. 21 Vgl. den p aralle l gelagerten „F all“ E ls aß -L o th rin g e n im A u fsa tz von A nnette Maas, K r ie ­ ge r d e n k m ä le r einer G r en zreg io n - D ie Sch la chtfeld er um M e tz un d W ciß en b u rg/ W ö rth 1870/71—1918, in: A ra, Kolb, G re n z reg io n en 285-299 . 23 Vgl. z u m P h äno m en des arditism o: Pamela Ballinger, B lutopfer un d Feuertaufe. D er K rie gerritus der A r d iti, in: Hans Ulrich Gum brecht, Friedrich Kittler, B ernhard Siegert (H rsg.), D er D ic h ter als K o m m a n d a n t. D ’ A n n u n z io erob ert F ium e ( M ü n c h e n 1996) 175— 202; im folgenden: Gum brecht, Kittler, Siegert, D er D ich ter als K o m m and an t. 24 A u s den Zeiten des V o lk stu m ska m p fes sin d eine R eihe eth no zen trisch cr u n d rassistischer S ch im p fw o rte überliefert, mit denen d e r je w eils A n d e re ein g edec kt w u r d e , w o im m e r dies straflos m ö glic h war. „P o la c ke n “ n annten D eutsche die Polen, „W in d isch e“ o d er „S ch la w i­ ner“ hieß die B e zeich n u n g für die Slo w en en , „W alsch e“ sagten die T iro le r üb er die Italiener. Sehr verbreitet w a r d er venezia nische A u s d r u c k für S la w e n „s’cia vi“, d er u rs p r ü n g lic h so viel wie „ S k la v en “ bedeutete. D ie S lo w en en ah m ten die D eu tsc hö ster reic he r nach u n d bezeichneten den Italiener als „L a ll“ ( „ W elsc h e r“). D ie Epitheta w a re n austauschbar, u n d die B e ­ sch im pfun g galt im m e r vor allem d em je w eilig e n un m itte lb a ren N a ch b a rn un d K o n k u r r e n ­ ten. 25 G erad e ih re Stellun g zu r M in d e rh e ite n p r o b le m a tik in Südtiro l un d S ü d k ä r n te n w u rd e z u m I n d ik a to r für die „nationale Z u v e rlä s sig k e it“ d er deutschen K atho lik en , die mit dem R eich sb un d der kath olischen A u s lä n d sd e u ts ch en ü b e r eine eigene V olk s tu m s v e rein igu n g und mit d em O s n a b r ü c k e r B ischo f W ilh e lm Bertlin g üb er einen eigenen M in d e r h e i t e n b i­ schof verfügten.

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und K ultur derjenigen des Staatsvolks am nächsten stand; das galt von B erlin aus gesehen für die D änen, von Rom aus für die A ostaner. D er „N arzißm us der k lei­ nen D ifferenzen“, der sonst in ethnisch-nationalen K onflikten m anchm al eine große R olle spielt, w urde hier also nicht w irksam 26. Vor allem im 19. Jah rh un dert gab es sogar M inderheiten, auf die die H errscher regelrecht stolz w aren. So erklär­ ten V ertreter des preußischen K önigshauses, es sei ihnen eine besondere Freude, im Kreis M alm ecly am äußersten w estlichen Rand des K önigreichs auch fran zö ­ sischsprachige B ürger zu ihren U ntertanen zählen zu dürfen27. Von den italien i­ schen Faschisten und von M usso lin i persönlich ist bekannt, daß sie die „deut­ schen“ Prim är- und Sekundärtugenden der Südtiroler durchaus schätzten, ohne sich deshalb in ihrer Italian isierun gsp o litik beirren zu lassen. In beiden Ländern entschied darüb er hinaus bei der B ehandlung der M in d er­ heiten ein „W est-O st-G efälle“. D ie Slaw en w urden m it dem O sten und m it ö stli­ chen Stereotypen iden tifiziert, w ie sie etwa C laudio M agris in seinen „G renzbe­ trachtungen“ beschrieben hat: „Auch ich glaubte als Bub, daß Prag w eiter östlich liege als W ien, und w ar ein i­ germ aßen überrascht, als m ir der Schulatlas das G egenteil bewies. D ieses w eitver­ breitete U nw issen w ar und ist oft m it absichtlicher oder unbew ußter G ering­ schätzung verbunden. Was im O sten liegt, erscheint oft düster, beunruhigend, un ­ geordnet, u n w ü rd ig .“28 D ie östliche G renz- und M inderheitenproblem atik w ar im öffentlichen B e­ w ußtsein Italiens und D eutschlands m it schm erzlichen E rinnerungen verbunden, die sich in einer B lut- und O pfersprache, einem V erletzungs- oder V erstüm m eltendiskurs artikulierten . U m schrieb man in Italien die unerfüllten G ebietsw ün­ sche an der A dria seit 1918 p lakativ als vittoria m utilata, so ging in D eutschland im H in b lick auf die verlorenen O stterritorien das W ort von der „offenen W unde“ oder von der „blutenden G renze“ um 29. Südlich der A lpen argum entierte man mit den 600000 K riegstoten, die das Land nicht nur für Trient und Triest, sondern

26 Sigm und Freud, D as U n b e h a g e n in der Kultur, in: Freud , K ulturthe ore tisch e Schriften ( F ra n k fu rt a.M . 1986) 191-270, h ier 243.

27 Klaus Pabst, D ie p reu ßisch en W a llo n e n - eine staatstr eue M in d e r h e it im W esten, in: H ahn, K uhn, N a tio n a le M in d e r h e ite n 71 -79. 28 Claudio Magris, W e r steht auf d e r a nderen Seite? G r e n z b e trac h tu n g e n (S a lzb u rg, W ie n 1993) 8. 29 Klaus Zernack, D eu tsc h la n d s O s tgren ze, in: A lexander D em andt (H rs g .), D eu tschlan ds G ren zen in der G eschic hte (M ü n c h e n 1993) 140-165, hier 155, betont die von d er W eim arer R e p u b lik nicht w a h rg e n o m m e n e n „ C h a n c en in der R ü c k v e rle g u n g d er deutsc h -p o ln isc h e n G ren ze an eine Linie, die nicht allein in h is to ris ch er Sic ht ihre T ragfähigkeit b ew ie sen hatte, s on dern auch bei der s c h w ie rig e n A b g r e n z u n g in den ethnischen M isc h ge b ieten den z u ­ k u nftsträch tigen K o m p r o m iß su c h te.“ - In den letzten J a h r e n ist die d eu tsche un d italien i­ sche G r c n z la n d r h e to rik vor allem von L itera tu rw isse n sc h a ftlern u n ters u c h t w o rd en . Vgl. Wolfgang R e if K alter Z w e ifro n te n k rie g . D e r G ren z la n d r o m a n ko n se rva tive r un d (prä-) fa­ schistischer A uto re n d er Z w isc h e n k rie g s zeit, in: R ichard Faber, B arbara N aum ann (H rsg.), L itera tu r der G ren ze - T h eo rie der G ren ze ( W ü r z b u r g 1995) 11 5-135; Gum brecht, Kittler, Siegen, D er D ich ter als K o m m a n d a n t.

N ation alstaat un d ethnische G rup pen in D eu tschla n d un d Italien

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auch für Bozen und D alm atien geopfert habe; daraus folgte nahezu zw angsläufig eine Sakralisierung der realen oder der angestrebten G renzen30. Breite Teile der Ö ffentlichkeit beider Lander m achten die M inderheiten dafür m itverantw ortlich, daß im O sten nach 1 9 1 8 T erritorien verlorengegangen oder nicht im erw arteten A usm aße hinzugew onnen w orden w aren. D ie bewaffneten G renzkäm pfe in D eutschlands östlichen M inderheitenregionen ließen neue irredentistische Interessengem einschaften entstehen, so das verzw eigte N etzw erk des D eutschen Schutzbundes. Später begannen M inderheiten- und V olkstum sinsti­ tute, A usschüsse, Sem inare, L ehrstühle und Forschungsgem einschaften, die N a­ tion und ihre territorialen A nsprüche „w issenschaftlich“ zu er- und begründen. Viele dieser Institutionen w idm eten sich dem Studium der 1 9 1 8 neu erw orbenen oder verlorengegangenen T erritorien und lieferten A rgum ente für den „Volks­ tum skam pf“31. In Italien bildeten die D ’A nnunzio-U nternehm ung in Fium e, der K onflikt mit den Slaw en im besetzten D alm atien und die B randschatzung des slow enischen Volkshauses in Triest im Som m er 1 9 2 0 den Flintergrund für die neue G renzlan drh etorik32. B eteiligt w aren im m er w ied er A r d iti, Legionäre, „D esperado-Sol­ daten “33, dann aber auch die reguläre Truppe, bewaffnete N ationalisten und schließlich die ersten s q u a d re der Faschisten. D ie Besuche M ussolinis und V iktor FImanuels III. in Triest tauchten die G renzregion in eine Sym bolw elt, die in den folgenden zw ei Jahrzehnten im m er w eiter ausgebaut (U rb an istik, D enkm ale, H elden kult u .a .) w urde. M it Ettore Tolomei stand ein Experte in Fragen der N a­ tion bereit, der nicht zögerte, die deutschsprachigen Siedlungsgebiete am O ber­ lauf der Etsch zu einer „rein italienischen“ Region zu erklären, deren Bew ohner nur ihre rom anische Sprache verlernt hätten34. Von den irredentistischen V ereini­ gungen und bewaffneten Form ationen ausgehend, bestanden vielfältige Q uerver­ bindungen zu den A nhängern der „konservativen R evo lutio n “ in D eutschland35 und den N ationalisten in Italien; einige Vertreter des irredentistischen Lagers gin ­ gen unm ittelbar zum Faschism us über36. 30 Vgl. Wörsdörfer, K risenherd A d r ia 6 9 -1 5 5 . 31 M ichael Fahlbusch, W issenschaft im D ien st der n ation alsozialistisch en P o litik? Die V o lk s ­ deu tschen F o r s ch un gsgem einsch aften von 1931 bis 1945 (B ad en -B a d en 1999). 32 Vgl. einen K lassik er d er slo w en isch en „Storiografia m ilita n te“ : Lavo Cerm elj, Slo veni e croati in Italia tra le due gu erre (Trieste 1974); im folg enden zitiert: Cerm elj, Slo veni e croati. 33 Krumeich, 1918 72. 34 Sergio Benvenuti, Christof FI. v. H artungen, Ettore Tolo mei (186 5-1952). U n n azio nalista di co nfine - D ie G ren zen des N a tio n a lis m u s (A rc h ivio Tre ntin o 1, 1998); Gisela Framke, Im K am pf u m Siidtirol: Ettore Tolo mei ( 1 8 6 5 -1 9 5 2 ) und das A rch ivio per l’A lto A d ig e ( T ü b in ­ gen 1987). 35 D ie gre n z- un d a u s lan dsd eu tschen O r g a n is a tio n en w a ren d urch setzt mit M itg lied e rn der Jun g k o n se rv a tiv e n , die in d er End p hase d er W eim a re r R e p u b lik den v o lk sk o n se rva tive n F l ü ­ gel d er D N V P u n terstützten . W eitere w ic h tig e S a m m e lb e ck en waren der J u n i - C l u b un d die R in g b e w e g u n g . V gl. Ulrich H erbert, Best. B io gra p h isc h e Studie n über R a d ik a lis m u s , W elt­ an sc h a u u n g und Vernunft, 1903-19 89 (Bonn 1996). 36 So hatte die A u s la n d so rga n is a tio n des PNF, die Fasci a ll’estero, ihre U r s p r ü n g e u.a. in der irred en tis tisch-n atio n alistis chen V ere in igun g Trento e Trieste. Ihr Leiter, G io v a n n i G iu riati,

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R o lf W'örsdörfer

Das in den G renzregionen verbreitete ethnisch-nationalistische T reibhausklim a w urde durch die Tatsache verstärkt, daß Polen und der SFIS-Staat Teil des fran zö ­ sischen B ündnissystem s (Cordon sanitaire) w aren; die M inderheitenproblem atik w irk te in die außenpolitischen B eziehungsdreiecke B erlin-Paris-W arschau und R om -P aris-B elgrad hinein und w urde von diesen beeinflußt. Das hatte A us­ w irkun gen auf die So lidarstrukturen des „G renz- und A uslandsdeutschtum s“. K ärnten und die Saar, T irol und O berschlesien w urden oft in einem A tem zug ge­ nannt; der sozialdem okratische O berbürgerm eister im französisch besetzten Saarbrücken organisierte die Spendenkam pagne für eine „F reiheitsglocke“, die in das von den Slow enen „bedrohte“ K ärnten verschickt w urde37. D ie Tatsache, daß die - von Sow jetrußland einm al abgesehen - größte M ilitärm ach t des Kontinents m it dem jew eils zw eitgrößten N achbarn im Bunde stand, erleichterte es R om und B erlin, die vom M inderheiten-Irredentism us der Slawen ausgehende G efahr ins Ü berdim ensionale zu projizieren. A uf der eingangs zitierten C o llage aus dem W ilfan-N achlaß sind dann auch bezeichnenderw eise zw ei Figuren als M ilitärs d argestellt: der Franzose und der Pole38.

3. Die Phasenverschiebung nach dem Ersten W eltkrieg Diese G em einsam keiten können nicht von einem grundlegenden U nterschied ab­ lenken, der in der Lage Italiens und D eutschlands 1918 eintrat: W ährend das D eutsche R eich als V erlierer des Ersten W eltkriegs einen großen Teil seiner slaw i­ schen, germ anischen und rom anischen M inderheiten an die N achbarländer Polen, D änem ark, Frankreich und B elgien abgegeben hatte und in eine Phase verstärkter nationaler (nicht sozialer) H om ogenisierung eingetreten w ar - vor allem auch auf­ grund der desolaten w irtschaftlichen Situation, die den Zustrom ausländischer

w u r d e später s o ga r S ek retär d er Faschistischen Partei. Vgl. Domenico Fabiano, „La L eg a ita­ lia n a “ p er la tutela d egli interessi n az io n a li e le orig in i die Fasci italiani a ll’estero (192 0-1923), in: Storia C o n te m p o r a n e a , Jg. X V I, Nr. 2 (A p ril 1985) 20 3-250 . Ein von der H is to rio gra p h ie m ö g lic h e rw eis e zu w e n ig b eachteter F u n k tio n ä r des Faschis m us, E u genio C o selschi, ging aus d er Societa Dante Alighieri hervor, arbeitete in F iu m e mit D ’A n n u n z io zu sa m m e n u n d leitete später eine der vielen O r g a n is a tio n e n des d alm atinisch en Irreden tism u s. M u s s o lin i stellte ihn an d ie S pitz e d er im S o m m e r 1933 g egrün deten Com itati d ’Azione p er TUniversalita di Roma. Vgl, Andrea Floffend, Z w isc h e n K ultur-A c h se un d K ulturka m pf. D ie B e z ie ­ h un gen z w is c h e n .D ritte m R e ic h “ u n d faschistischem Italien in den Bereich en M e d ien , Kunst, W issenschaft un d R assenfragen ( F ra n k fu rt a.M ., B erlin u .a . 1998) 39 2-395 . 37 M a x H ild eb ert B o eh m w id m e t e sein B u ch „E uro pa irre d en ta “ d em „ehrenvollen A n d e n ­ k e n d er zahllosen stillen H e ld e n des G ren zlan dkam pfe s/ die an Saar/Rhein u n d R u h r un d in der deu tschen O stm ark/in Obersch le sien/Sudetenland/Kärnten/Tirol u n d den baltischen Landen/in O s tgaliz ien A V e iszruszlan d/ M azedo nien /F in n land u n d Irland für V olk stu m un d Freiheit blu teten un d sta r b e n “ ('Boehm, Europa irreden ta 3). -is W ie A n m . 1.

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A rbeitskräfte stoppte39 hatte das K önigreich Italien die M inderheitenproblem a­ tik zw ischen 1918 und 1920 überhaupt erst „im portiert“ . H ier bedarf deshalb zunächst der W andel in der Lage Italiens einer E rläuterung: D ie schon vor dem Ersten W eltkrieg auf der A penninenhalbinsel und den vorge­ lagerten Inseln präsenten ethnischen G ruppen, die A lbaner und G riechen in Süd­ italien und Sizilien oder che K atalanen in A lghero (Sardinien), lassen sich noch leicht einem pränationalen Stadium der gesellschaftlichen E ntw icklung zuordnen. Ihre ethnische Identität w ar ungew iß, was sich sogar aus den Toponym en und an­ deren Bezeichnungen ablesen läßt. So hieß die später nach der w irklich en H er­ kunft ihrer Bew ohner Piana degli A lbanesi genannte A grostadt im w estlichen Sizilien zu A nfang des vergangenen Jahrhunderts noch Piana dei G reci40. Als Sidn ey Sonnino und Leopoldo Franchetti K alabrien besuchten, sollen sie ein L o­ kal m it dem N am en „Zu den Streikenden“ (Agli scioperanti) entdeckt haben. In W irklich keit, so glaubte A ntonio G ram sci die beiden M ezzogiorno-F orscher und das interessierte Publikum belehren zu m üssen, habe auf dem N am ensschild „Zu den Skip etaren “ gestanden41. Die M inderheitenidiom e - etw a die slaw ischen D ialekte in Friaul - sah man im liberalen Italien m anchm al gar nicht zu U nrecht als einfache H aussprachen an42

39 Es ist in teressant z u beobachten, w ie ein vö lk isch er A u t o r aus d em deu tsc h -b a ltisch en M i ­ lieu, der in d er R ege l nicht öffentlich als A n tis e m it in Ersc h e in un g trat, seinen g a n z e n R a ss is ­ mus auf die „d u n k e lh ä u tige n G u rka s u n d Sen eg alesen “ o d er einen „grinsenden S u d a n n e g e r “ lenkte, der an der T ö tu n g Leo S chlageters beteiligt g ew esen sein soll (Boehm , E u ro p a ir r e ­ denta 309). D ie aus den K olo nie n s ta m m en d en Soldaten d er Entente ersetz ten 1923 den als M in d erh eiten an gc h ö rige n o d er A r b e itsm ig r a n te n in W estd eutschla n d k a u m noch v o rh a n d e ­ nen „ A n d e r en “ . Es lo hnt, die a p o k a ly p tisc h e V isio n bis zu Ende zu zitieren: „E uro pa ist dem Ziel sehr nahe. In gan z F ra n k re ic h w im m e lt es von klein en M ulatten. In der H e im a ts ta d t Beethovens, in der Stadt G uten bergs u n d vor d em K ö lner D om , d er Porta N ig r a in Trier und der K aiserpfalz in A ach en . . . tum m e lt sich A frik a . Das R hein la n d und das R u h r g e b ie t von heute sin d ein V orspu k a uf das Eu rop a von m o rge n o d er ü b e r m o r g e n .“ (ebd.) 40 In ih rer ro m an tisierenden N a iv itä t eb enso w ie in ih rer sprachlichen A u s d r u c k s k ra ft le­ s en sw ert b le iben die Zeilen, die Eric J. H o b s b a w m E nde der 50er Ja h re d ie sem siz ilian is ch en Dorf w id m ete. Vgl. H obsbawm, Sozialrebellen. A rch a isch e S o zia lb e w e g u n g e n im 19. und 20. J a h r h u n d e r t [1959] ( N e u w ie d 1962) 127-144. 41 Antonio Gramsci, A lcu n i tem i della q u es tio n e m eridio n ale , in: Gramsci, Scritti politici 3, II n u o v o partito della classe o peraia e il suo p r o g r a m m a. La lotta contro il fascism o ( 1 9 2 1 1926), hrsg. v. Paolo Spriano (R o m a 1978) 2 4 3 - 2 6 5 , h ier 261. Tatsächlich hatte w e d e r F r a n ­ chetti noch G ra m sci recht, s on d ern G iu s tin o F o rtun ato , ein a nderer gro ß e r M e rid io n a list. Als er Franchettis Beric ht üb er das Gaffe degli scioperai las, klärte er den Freun d d a r ü b e r aut, daß scioperai im kalabresischen O r t s d ia le k t nicht „S treiken d e“, son dern „b ürgerlich e M ü ­ ßig g ä n g e r “ bedeutet. (Leopoldo Franchetti, C o n d iz io n i ec on o m ich e e a m m in is tra tiv e delle provincie napoletane. A p p u n ti di viaggio - D ia rio del viaggio [1875], hrsg. v. Antonio Ja n nazzo (R o m a -B a r i 1985) 78, A nm . 1). G ram scis „scipetari“ -Version ähnelte einer „P ro je k ­ tion“ im p sy ch o a n a ly tisc h e n Sinne, denn der sardische M a rx ist w a r selbst alb anisc he r A b ­ stam m ung. 42 Dies gilt auch fü r die erst nach 1918 an Italien gefallene M in d erh eit d er L a d in er in S ü d ­ tirol. V gl. Christoph Perathoner, „Die D o lo m it e n la d in e r“ . Ethnisches B e w u ß t s e in u n d p o li­ tische Partizipatio n 18 48-1918 (W ie n , B o zen 1998).

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R o lf W ö r s d ö rfe r

oder interpretierte sie - wie das Patois der A ostaner und Seealpenbew ohner - als R elikte früherer dynastischer K om binationen. D ie frankophonen A ostaner w aren italienische Patrioten und A nhänger der Savoyer-D ynastie; viele von ihnen hatten w ährend der R isorgim ento-K riege in den populären ^//»^-R egim entern für Ita­ lien gekäm pft43. Eine nationale Problem atik schien sich bei ihnen ebenso w enig zu stellen w ie bei den süditalienischen M inderheiten. G etrübt w urde das Bild eines intakten, m ononationalen italienischen Einheitsstaates allenfalls dadurch, daß der einheim ische katholische K lerus in den M inderheitenregionen durchw eg ein be­ harrendes, der A ssim ilation entgegenw irkendes Elem ent darstellte. W irklich rele­ vant w urde das Problem eines gegen R om (als H auptstadt Italiens) gerichteten katholischen M inderheitenklerus erst nach dem Ersten W eltkrieg44. D er w eiter oben form ulierte U nterschied in der Lage beider L änder läßt sich also p räziser fassen: Preußen-D eutschland w ar m it dem M inderheitenproblem im eigenen Land vor allem in der H ochzeit des Irredenta - und Risorgim ento-N ationalism us konfrontiert und hatte deshalb nach 1918 zum indest eine C hance, die bis dahin gem achten Erfahrungen auszuw erten und „die Lehren aus der G eschichte“ zu ziehen. O b dies bis in die letzte K onsequenz hinein gelang, ist eine ganz andere Frage. Italien dagegen m ußte sich just zu einem Z eitpunkt ernsthaft G edanken um M inoritätenangelegenheiten m achen, an dem seine politische Führungsschicht glaubte, die E inigungsbew egung endlich vollendet und das eigene nationale T erri­ torium arrondiert zu haben. D araus folgte für Rom im Z eitraum zw ischen der m i­ litärischen B esetzung und der A nnexion der neuen G ebiete zw eierlei: Einerseits gaben die V erantw ortlichen im Parlam ent und andernorts w o h lklin gen de E rklä­ rungen über ihre B ereitschaft ab, die Rechte der M inderheiten zu achten. Es w ar nicht verw underlich, daß Sprecher der julischen Slawen und Südtiroler später eben diese D eklarationen m it der rauhen W irklich k eit der A ssim ilatio n sp o litik verglichen43. A ndererseits sahen die politische Klasse, die B ürokratie und die R e­ pressionsorgane im Fortbestehen ethnischer G ruppen in den „neuen Provinzen“ eine A rt Ü berbleibsel der habsburgischen A ra46. Das italienische Vorgehen in Südtirol und vor allem in Ju lisch Venetien trug deshalb schon vor der faschisti­ schen M achtübernahm e p un ktuell die Züge einer ressentim entsgeladenen Recon­

43 V gl. z u m k o m p le x en W echselverhältn is von Sprache u n d Identität im A o s ta ta l seit 1860 Tullio Omezzoli, L in g u e e ide ntitä valdostana, in: Storia d ’Italia, Le r e gio n i d a ll’U n it ä a oggi, L a Valle d ’ A o sta (T orin o 1995) 139-202. 44 Vittorio Peri, T w o Ethnic G ro u p s in the M o d e r n Italian State 18 60-1945, in: D on a l A. K e r r (H rsg.) in Z u s a m m en a rb e it m it M o rd e ch a i B rener, S h eriden G illey u n d Ernst Christoph Suttner, R eligio n , State and Ethnic G ro u p s ( N e w York 1992) 13 9-178; siehe auch den A b ­ schnitt „Kirche und M in d erh eiten 1918 bis 1943“ , in: G atterer, Im K a m p f gegen R o m 6 6 5 713. 45 C erm elj, Sloveni e croati 21 ff., z itiert u. a. E rk lä ru ngen von A u ß e n m in is te r Tittoni, V ik to r Em anuel III., G ra f Sforza, G io litti, L u zz atti. 46 Eine f o r m a m e n tis , die an den ersten k ro atisch en Präsid enten un d H o b b y - H is t o r i k e r Fran jo T u djm an erin nert, für den die kleine, aber politisch un d ku lturell einflu ßreiche italie­ nische M in d er h eit in Istrien ein „ R e lik t des F a sc h ism u s“ darstellte.

N a tio n a lsta a t un d ethnische G ru p p e n in D eu tschla n d un d Italien

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q u i s t a * 7. A uch wenn der Ü bergang vom habsburgischen zum sabaudischen S y ­ stem im B ereich der Legislative eher langsam vonstatten ging, gab es keinerlei Z ugeständnisse an autonom istische oder regionalistische K onzepte; was zählte, w ar der eiserne W ille des Zentralstaats. D ie deutsche A uß en p o litik fühlte sich unterdessen verantw ortlich für das Schicksal m ehrerer M illionen „A uslandsdeutscher“, die entlang des zw isch en ­ europäischen K orridors von Estland bis R um änien als M inderheiten lebten48. In B erlin begann man zu begreifen, daß die M inderheitenproblem atik eine A rt „A chillesverse des V ölkerbundes“ (Baron H eykin g) bildete49. D er im O ktober 1922 gegründete Verband deutscher V olksgruppen in Europa, die D achorganisa­ tion der deutschen M inderheiten, forderte den E intritt des D eutschen Reichs in die W eltorganisation50. D ie H ervorhebung der M in o ritäten p ro b lem atik blieb nicht ohne in n en p oliti­ sche Folgen: W er die D eutschen in R eichs-, G renz- und A usländsdeutsche auf­ teilte, der betonte das traditionelle deutsche Verständnis der N ation als A bstam ­ m ungsgem einschaft. Denn die durch das V ersailler V ertragsw erk vom „deutschen V olkskörper“ abgetrennten A usländsdeutschen, für die man auch den Begriff „V olksdeutsche“ prägte, halfen den D eutschen im R eich gerade aufgrund ihrer be­ sonderen Lage, sich selbst noch einm al intensiver als D eutsche zu fühlen51. Der M inderheitendiskurs blockierte die A usb reitun g eines W eim arer V erfassungspa­ triotism us, der nicht die A bstam m ungsgem einschaft, sondern die dem okratische V erfaßtheit des Staates hätte betonen m üssen. Vor diesem H intergrund bildeten sich h yb ride, m it der sozialen R ealität des Landes w en ig in E inklang stehende A llian zen : Stärker als an jedem anderen O rt zogen in der M in derh eitenp o litik R ep ub likan er und M onarchisten, D eutschna­ tionale und Sozialdem okraten, Pazifisten und V ölkische an einem Strang; bis zu einem gew issen G rade kontrollierten sie sich auch w echselseitig. N ationalism us und U niversalism us bildeten keinen G egensatz: Das Engagem ent in der V ölkerbundligen-U nion und in der Interparlam entarischen U nion, vor allem aber die A nnäherung an den V ölkerbund bis hin zu r M itgliedschaft, erschienen als vielver­ 47 M a n d en ke etw a an das Vorgehen gegen die slaw isc he n Bischöfe von Triest u n d Veglia (Krk), Karlin und M ah nic, o der an die einsetzend e Ita lia m sie run g der T o p o n y m e . Hans Heiss, D e r a m biv ale nte M o dellfall: S ü d tiro l 1918-1998, in: R o lf W örsdorf er, Sozialg eschich te und soziale B e w e g u n g e n in Italien 1848-1998. F o rsch u n gen u n d F o rsch un gsberich te ( M it ­ teilu ngsblatt des Instituts z u r E rfo rsc h u n g d er eu ro päischen A r b e it e r b e w e g u n g 21, 1998) 2 2 5-241 , hier 227; im fo lg enden zitiert: Heiss, M o dellfall, konstatiert für das S ü d tiro l d er Zeit nach 1918 „ein em gew issen K o n fo r m itä ts d ru c k m it d em N a tio n a ls ta a t“ . 48 D avon lebten etw a s über drei M illio n e n in der T sch echo slo w ak ei, gut eine M illio n in P o ­ len, 7 1 400 0 in R u m ä n ie n , 5 5 1 0 0 0 in U n ga rn , 5 1 4 0 0 0 in Ju g o s la w ie n , 17 7000 in den b alti­ schen R e p u b lik e n u n d im M em e lla n d . Vgl. Wilhelm Winkler, Statistisches H a n d b u c h der europäischen N atio n a litä ten (W ien, L e ip z ig 1931) 5 ff. 49 Baron H eyk ing, D e r in tern ation ale S ch u tz der M in d erh eiten - D ie A chillesferse des V ö l­ k e rbundes, in: D er A uslä n dsde utsch e, X. Ja h rg a n g , 1926, 86-90. yj Schot, N a tio n o der Staat 142 f. Z u m Verständnis d er N a tio n als „ P e rs ö n lich k eit“ o d er „ K ö rp e r“ vgl. H roch , M in d e r h e i­ ten als Pro blem 15.

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R o lf W ö r s d ö r fe r

sprechende Schritte, w enn es galt, die Lage der A usländsdeutschen zu verbes­ sern52. D arüber hinaus forderten die deutschen M inderheitenvertreter von der R eichsregierung, den ethnischen G ruppen im eigenen Lande alle jene Rechte zu gew ähren, die man für die deutschen V olksgruppen im A usland zu Recht ein ­ k lage53. D er B erührungspunkt deutscher und italienischer Interessen lag in Südtirol, wo die deutsch- und ladinischsprachige B evölkerung sich alsbald m it einem m assiven A ssim ilationsdruck konfrontiert sah54. D ie W illkürherrschaft Rom s w ar eine H erausforderung an die gesam te europäische Ö ffentlichkeit: G egen die fasch isti­ sche M in o ritäten p o litik w andten sich in den 20er Jah ren so unterschiedliche P er­ sönlichkeiten w ie die niederländische P azifistin und Fem inistin C h ristin a B akker van Bosse oder der b ayerische M inisterpräsident H einrich H eld. D eutschlands E intritt in den V ölkerbund, die Förderung der N ationalitätenkongresse durch das A usw ärtige A m t, die K ritik Stresem anns an der faschistischen Südtiro l-P o litik trugen dazu bei, daß Rom den D ruck auf die Südtiroler nicht beliebig erhöhen konnte55. G anz in der L o gik der hier skizzierten E ntw icklung besetzten die R egierungen beider L änder seit M itte der 20er Jah re im O rchester der europäischen M ächte die äußersten Plätze: Stieß B erlin in die m inderheitenfreundliche Fanfare, dann schlug Rom auf die m inoritätenfeindliche Pauke. In den D ebatten der internationalen O rganisationen traten sie entw eder isoliert - m eist galt dies für Italien - oder gem einsam m it gleichgesinnten ausländischen B ündnispartnern auf (Ö sterreich, Jugo slaw ien , R um änien, Polen), die die deutsche bzw. italienische Position von ihrem nationalen Standpunkt aus un terstützten 56. Von besonderem Interesse ist dabei das italienisch-polnische Z usam m enw irken: D er verletzte Stolz der p o ln i­ schen R ep ub lik, die nach dem W illen der Siegerm ächte die Rechte der deutschen, jüdischen, ukrainischen u .a. M inoritäten im eigenen Land57 garantieren sollte, ohne eine K om pensation in Form eines besonderen Schutzes für die ostdeutschen

52 Vgl. zu r M in d e r h e ite n p o litik des V ö lk e r b u n d e s Stanislaw Sierpowski, M in o rities in the S y s te m of the L eagu e of N a tio n s, in: P au l Smith in Z u s a m m en a rb e it m it Kalliopi K ouja und A rn old Suppan, M in o r ities and the L ea gu e of N a tio n s ( N e w Y o rk U n iv e r s it y Press C o m p a ­ rative Studie s on G o v ern m e n ts and N o n - d o m in a n t Ethnic G rou ps in E urope, 1850-1940, Bd. 5, D a r tm o u t h 1991) 13-37. 53 Vgl. „Stresem anns D en ksch rift vo m 13. J a n u a r 1925 ü b e r die k ü n ftige deu tsche M in d e r ­ h eit e n p o litik im V ö lk e r b u n d “, N L des R eich sa u ß en m in iste rs Dr. G ustav Stresem ann, F i lm ­ ko p ie im Institut für E u rop äisch e G eschic hte, M a in z , Band 351, Filmnr. Fl 3165/H 7415/FI 17 572 4-734 , auch a b g e d r u c k t in Schot, N a tio n o d er Staat 2 8 6 f. 54 Siehe un ter den neueren V eröffentlic hungen vo r allem R olf Steininger, S ü d tiro l im 20. Ja h r h u n d e r t. Vom Leben und Ü b e r le b e n einer M in d e rh e it (In n s b r u c k 1997); im fo lgen ­ den zitiert: Steininger, Südtirol. Einen guten Ü b e r b li c k üb er die L itera tu r bietet: Heiss, M o ­ dellfall. 55 Pieiss, M o d ellfall 230. 56 Bele ge im W ilf a n -N a c h la ß (w ie A n m . 1). 57 W erner Benecke, „D ie O stgeb ie te der Z w eiten Poln ischen R e p u b lik “ . Staatsm acht und öffentliche O r d n u n g in einer M in d e r h eiten reg io n 1918-1939 (M ü n c h e n 1999).

N a tio n a lsta a t un d ethnische G ru p p e n in D eu tschla n d und Italien

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Polen zu erhalten, traf sich m it dem selbstbew ußten bis überheblichen A uftreten des m inderheitenrechtlich ungebundenen K önigreichs Italien.

4. Ostdeutsche Polen zwischen Selbstbehauptung und Assimilation Jede E ntnationalisierungs- oder A ssim ilatio n sp o litik setzt sich in letzter Instanz das Ziel, eine kom pakte T itularnation und einen hom ogenen N ationalstaat zu schaffen. W elche Faktoren in unserem Falle den jew eiligen A ssim ilationsprozeß beschleunigten oder retardierten, läßt sich am Beispiel der östlichen, slaw ischen G renzm inderheiten beider Länder zeigen. D ie für die M in derheitenpolitik D eutschlands und Italiens typische Phasenverschiebung nach 1918 erfordert für che D arstellung eine R ückblende bis in die Zeit vor der deutschen R eich sgrün ­ dung58. Vor dem Ersten W eltkrieg lag der polnische B evölkerungsanteil in D eutschland noch bei 4 M illio n en; das w aren 6,2% der R eichsbevölkerung und im m erhin 10% der E inw ohner Preußens. D ie Polen w aren bei w eitem die größte nichtdeutsche B evölkerungsgruppe im R eich, ihr A bw ehrkam pf gegen die preußische E ntnatio­ nalisierun gspo litik w urde bisw eilen als der „längste Krieg in der G eschichte des m odernen E uropa“ bezeichnet-'’9. Zwei H auptbew eggründe leiteten das Vorgehen Preußens: Zum einen sollten die polnischen G ebiete und vor allem die als n atio na­ les Zentrum der Polen bekannte Provinz Posen (Poznan) im R ahm en des p reußi­ schen Staates gehalten w erden. M ißtrauisch beobachtete man von B erlin aus das Entstehen einer polnischen Parallel- oder A lternativgesellschaft, deren M itglieder sich unter dem Einfluß der deutschen V erw altung akkulturierten, ohne sich entnationalisieren zu lassen60. Zum anderen erlaubte das auf dem im sanguinis be­ ruhende preußische Staatsbürgerschaftsrecht von 1842 die G erm anisierung all jener frem dsprachigen M inderheiten, die nicht w ie Sinti oder „ostjüdische“ A r­ m utsm igranten von vornherein aus der „V olksgem einschaft“ ausgeschlossen, ent­ rechtet und außer Landes geschafft w urd en 61. dS p(j|. Italien bleibt von In teresse der b ah n b re ch en d e Band von Gatterer, Im K a m p f gegen Rom . Vgl. z u r deu tschen M in d e r h e ite n p o litik v o r 1914 Hahn, K unze, N a tio n a le M in d e r h e i­ ten. 39 N o c h 1927 beriefen sich italienische D ip lom aten , die ge gen ü b er deu tschen G es p rä c h s ­ p artnern nach einer L e g itim a tio n fü r Italiens d r a k o n isc h e A ss im ila tio n s g es etzg e b u n g s u c h ­ ten, a u f die M in o r it ä t e n - und in sbeso ndere P o le n p o litik P re uße ns vor 191S (D e utsch e B o t ­ schaft R o m an A u s w ä r tig e s A m t, 30. 8. 1927, in: P A A A , A bt. V ia , M in d e r h e ite n k o n g r e ss e in Genf, R 60466). 60 Vgl. R u d o lf Jaw orsk i, H a n d el u n d G e w e r b e im N a tio n a litä ten k a m p f. Studie n zu r W i r t ­ sch aftsgesin nung d er Polen in der P r o v in z Posen (187 1 -1 9 1 4 ) (G ö ttinge n 1986). 61 Vgl. W olfgan g W ipperm ann, Das ,ius sangu in is' un d die M in d erh eiten im D eu tschen K ai­ serreich, in: Hahn, Kuhn, N a tio n a le M in d e r h e ite n 133-143 . Von der A u s w e is u n g ko n n ten auch Pole n betroffen sein, die nicht e in g eb ü rge rt w o r d e n w a ren oder „trotz teilw eise lang-

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R o lf W ö rs d ö r fe r

A uf dem H auptfeld des N ation alitäten ko n flikts - dem B ildungssektor - trat seit 1841 federführend der polnische B ildungsverein T ow arzystw o Pom ocy N auko w ey auf, der polnischen Jugendlichen das Studium erm öglichte und so zur H er­ ausbildung einer nationalen Elite in den preußischen G ebieten beitrug62. D ie preußische R egierung tat ihrerseits alles, um den jungen Polen den Z ugang zum höheren B ildungsw esen zu versperren: D ie Behörden schlossen polnische Schulen und B ibliotheken; m it dem B eginn des K ulturkam pfs w urde selbst der R eligio n s­ unterricht - vielfach die letzte schulische B astion der M inderheit - germ anisiert. Seit 1886 gab es in der ganzen Provinz Posen nur noch eine offizielle Sprache: das D eutsche. Eine propagandistische Schlüsselstellung unter den B efürw ortern der A ssim ilatio n sp o litik h ielt der 1894 gegründete D eutsche O stm arken-V erein, der die G erm anisierung über das von den am tlichen Stellen betriebene A usm aß h in ­ aus forcierte. W enn diese P o litik letztendlich scheiterte, so hing dies vor allem d a­ m it zusam m en, daß die russische R evolution von 1905 das Polnische in K ongreß­ polen als U nterrichtssprache bis hin zur U niversität W arschau erneut etablierte und dam it der polnischen N ationalbew egung A uftrieb gab. In dem selben Jah r gründeten nationalbew ußte Polen m it der Straz (W acht) das polnische G egen­ stück zum O stm arken-V erein63. N ach dem Krieg stellten auf deutscher Seite vor allem M ilitärs und V erw altun­ gen der G renzprovinzen die Ü berlegung an, den Polen alle B ürgerrechte zu ver­ w eigern. Das A usw ärtige A m t nahm dem gegenüber eine „w eichere“ H altun g ein, m ußte es doch auf die Lage der deutschen M inorität in der R ep ub lik Polen R ü ck­ sicht nehmen. B em erkbar m achte sich hier der Einfluß einer grenz- und auslands­ deutschen Lobby, die auf eine relativ tolerante M inderheitenpolitik hinw irkte. D ie langfristig gleichw ohl angestrebte A ssim ilation der polnischen M inorität w ürd e um so leichter fallen, als die in D eutschland verbliebenen Polen m it Posen ihre stärkste B astion verloren hatten64. Tatsächlich aber w ar die deutsche B evölkerung Polens in den 20er Jahren der beste G arant dafür, daß die polnische M in o rität in O stdeutschland zw ar num e­ risch zurückgin g, aber in einer R eihe konsistenter Siedlungskerne erhalten blieb. Das preußische Schulgesetz vom 31. D ezem ber 1928, das den Polen die M ö glich ­ keit zur E rrichtung eigener Privatschulen gab, w ar heftig um stritten; bis dahin hatte es überhaupt nur in O berschlesien polnische Schulen gegeben. D er Verband der polnischen Schulvereine in D eutschland w urde bei der G ründung privater jä h r ig e m A u fe n th a lt in D eu tschlan d ih re p reuß isch e, sächsische, b ay erisch e etc. S ta ats b ü r­ ge rschaft nicht n ac hw e isen k o n n t e n “ (Ebd. 140). 62 M anfred H einem ann, State, S chool and Ethnie M in o rities in P russia 1860-1914, in: Ja nusz [Jözef] Tomiak in Z u s a m m en a rb e it m it K nu t Eriksen, Andreas Kazam ias u n d Robin Okey, S ch oo ling, E du catio nal P o lic y and Ethnic Id e n t it y ( N e w Y o rk U n iv e r s it y Press C o m ­ p ar ative Studie s on G o v ern m e n ts and N o n - d o m in a n t Ethnic G ro u p s in Europe, 1850-1940, Bd. 1, D a rtm o u t h 1991) 133-159, hier 142f; im folg enden zitiert: H einemann, State, School. Sabine Grabowski, D eu tsc h e r un d p o ln is c h e r N a tio n a lis m u s . D er D eutsche O s tm a r k e n Verein u n d die p oln ische S traz 1894-1914 ( M a r b u r g 1998). D en N a m e n „W ach t“ adaptie rten später auch einige s ü d s la w isc h e Sch u tzve rein e (Slovenska straza,Jad ran ska strain). 64 Jaw orski, Po ln isch e G ren z m in d e r h e it 61.

N a tio n a ls ta a t u nd ethnische G ru p p e n in D eu tschla n d un d Italien

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Schulen aktiv. D aneben bestand als D achorganisation der polnischen M in derh ei­ ten der Bund der Polen in D eutschland, dessen Leitung sich durchw eg aus R u h r­ gebiets- und B erlin-Polen zusam m ensetzte. D er Verband, der nie mehr als 50000 M itglied er zählte, tat sich schw er bei der Interessenvertretung der G renzland­ polen. Er w ar initiativ am A ufbau eines Verbandes der nationalen M inderheiten in D eutschland beteiligt, dem auch sorbische, dänische und friesische O rgan isatio ­ nen angehörten65. Seit A nfang der 30er Jah re häuften sich die Ü bergriffe von SA -F orm ationen auf M itglied er und E inrichtungen der polnischen M inderheit. Aus O berschlesien, wo es eine eigene, auch die Polen betreffende M inderheitenschutzregelung gab, klagte der Bund der Polen beim V ölkerbund die E inhaltung der G arantien ein66. Der SA -T error w urde erst 1934 im Z usam m enhang m it der deutsch-polnischen N ichtangriffserklärung unterbrochen; für die Polen in D eutschland trat zunächst eine „unleugbare E ntspannung“ (Jaw orski) ein, doch w urden sie endgültig zu einer A rt „Verhandlungsm asse der deutschen A ußen- und P o len p o litik“ degradiert67. Zur B ekäm pfung der M inderheit schuf das N S-R egim e den m ilitan t-po len ­ feindlichen Bund D eutscher O sten, der in der Lausitz auch gegen die Sorben aktiv w urde68. B erlin erließ darüber hinaus ein „Gesetz über den Schutz der R eichs­ grenze und über V ergeltungsm aßnahm en“, das zw ar nicht explizit gegen die M in ­ derheit gerichtet war, aber fast ausschließlich gegen sie angew endet w urde. Seit H erbst 1938 w aren dann die M itglieder der polnischen M inderheit nur noch Frei­ w ild; es kam zu ständig neuen Ü bergriffen auf E inzelpersonen, E inrichtungen und V ersam m lungen der Polen. Z ugleich w urden die O stprovinzen von beh ö rdli­ cher Seite aus rad ikal germ anisiert; drei Tage nach dem m ilitärischen Ü berfall auf die R ep ub lik Polen, am 4. Septem ber 1939, erfolgte das Verbot des Bundes der Po­ len in D eutschland.

65 192 7 brach d er Verband d e r nationalen M in d e r h e ite n D eu tschlan d s mit d em E u r o p ä i­ schen N a tio n a litä te n k o n g re ß , w eil die ser sich w eigerte , die Friesen als nationale M in d erh eit anz ue rken ne n. Die p oln ische, sorbische und dänisch e M in d er h eit in D eu tschla n d w a r fo rtan nicht m eh r a uf den N atio n a litä ten ko n gre sse n vertreten. 66 C o m it e d ire cte u r de la Section de l’ U n io n des Po lo nais en A lle m a g n e (O p p e ln ) au C o n se il de la Socie te des N ation s, 18. 6. 1932, in: A S M A E , S ocie tä delle N a z io n i, P etiz io ni delle minoranze, b. 85. (Das hier b en utzte E x em p lar w u r d e d em italienischen A u ß e n m in is te r D in o Grandi am 16. 7. 1932 überm ittelt.) 67 J a w o r s k i , Po ln isch e G ren z m in d e rh e it 67. 68 „ln G erm a n y , w h e r e for lo ng ye a rs the Pole s suffered the most bitter p ersecutio n and oppression, a p erio d has n o w en sued w h e n the hig hest go u ve rn em en t circles have o fficially p roclaim ed the cessatio n of e x te r m in a to r y activities. U n fo rtun ate ley , v irtu a lly u n d e r the ve r y eyes of the adm in istra tio n , an open cam p aign again st the Poles is bein g co n d ucted b y various G erm an o r g a n iza tio n s, such as the B u n d D eu ts c h e r O sten, etc. The official o rders and in ­ d u c tio n s are not respected b y the local executive a uthorities and their organs. U n d e r these conditions, it can be stated that the s ituatio n o f the P olish m in o rit y in G e rm a n y has in p r a c ­ tice not u n d er g o n e a n y fu nd am en tal ch ange fo r the better.“ Paprocki, M in o r i t y Affairs 48.

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R o lf W öt'sdörfer

5. Habsburgisches Erbe, Risorgim ento-N ationalism us und julische Slawen M iroslav H roch schreibt verallgem einernd, daß den liberalen Eliten im Europa des 19. Jahrhunderts eher an einer A ssim ilierung der M inderheiten gelegen w ar - sie hätten darin den besten Weg zur bürgerlichen E m anzipation gesehen - , w äh ­ rend die konservativen Führungsschichten auf die B eibehaltung der sprachlichen B arrieren gesetzt hätten, selbst um den Preis einiger Z ugeständnisse, etw a in der Sch ulp o litik69. In diesem stark von der österreichischen E rfahrung beeinflußten D eutungsversuch verhielten sich politische Term inologie und historische W irk ­ lich keit beinahe spiegelverkehrt zu unseren heutigen Vorstellungen. Eine liberale M in derh eitenp o litik setzte sich für die A ufhebung der M inderheit als gesonderter G ruppe (E ntnationalisierung) und für die A ngleichung ihrer Lebensverhältnisse an die der T itularnation ein. K onservative w aren dagegen eher bereit, ethnische B esonderheiten zu tolerieren oder sogar zu fördern, w enn sie sich dafür von deren Trägern abschotten konnten. Sie w aren an der B ew ahrung ihrer eigenen P rivile­ gien stärker interessiert als an einer H om ogenisierung der G esellschaft. D ie A n ge­ hörigen der M inderheiten bezahlten den Erhalt ihrer kulturellen E igenständigkeit m it dem V erzicht auf die M odernisierung und mit dem Verharren im K rähw inkel oder R eservat70. D eutet man das H ro ch ’sche M odell nur ein w enig w eiter aus und schem atisiert es, dann ergeben sich folgende G egensatzpaare: Politische Ausrichtung

M inderheitenpolitik

Gesellschaftspolitisches M odell

liberal assim ilatorisch dem okratisch/urban konservativ tolerant elitär/ländlich Tatsächlich folgte Italien dem liberalen Vorbild, was insofern nicht verw under­ lich ist, als der K onservativism us dort in der Zeit vor 1914 keine auf nationaler Ebene w ahrnehm bare ku lturelle und politische K raft darstellte71. Von den beiden H auptström ungen des Risorgimento beschäftigten sich w eder die G em äßigten, die in der konstitutionell-m onarchischen Tradition des piem ontesischen L ibera­ lism us standen, noch die vielfach aus dem Süden stam m enden D em okraten, die

69 }~lr0ch, M in d erh eiten als P ro b lem 14. 70 B e stä tigu n g findet H ro c h s T h ese zu m in d e st teilw eise im Falle K ärntens, w o die deutschen Ko nservativen mit den kath oli schen S lo w en en zu sa m m e n g in g e n , w ä h re n d die D eu ts c h lib e­ ralen betont a ntislow e nisc h un d a n tik le rik a l auftraten. V g l .J a n k o Pieterski, Slo w en is ch oder d eu tsc h? N a tio n a le D iffere n zieru n gsp ro ze sse in Kärnten 1848-1914 (K la genfurt, C elo vec 1996). Im B u rg en la n d rieten die ö sterreic hischen S o z ia ld e m o k ra te n noch nach d em Zweiten W eltk rie g d en A n g e h ö rig e n der kro atisch en M in d erh eit, ih re D ia le kte aufzug eb en und deutsch zu sprechen, w e il ihnen dies n eu e soziale C h a n c e n eröffne. V gl. Heiterer, Kärntner S lo w e n e n 172 f. 71 A n d e r s verhielt cs sich in d er K o m m u n a lp o lit ik u n d bei den e lez io n i a m m in istra tive, w o die sogenan nten e le r i c o - m o d e r a ti seit 1907 gro ße Erfolge erzielen konnten. A b e r auch sie w a r e n ke in e eigentlich ko nservativ e Partei, son dern sie b ildeten das Scharnier z w is c h e n dem liberalen un d dem kath oli schen Lager.

N a tio n a ls ta a t un d ethnische G ru p p e n in D eu tsc h la n d un d Italien

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sich überw iegend für eine zentralistisch organisierte R epublik einsetzten, ern st­ haft m it dem M inderheitenproblem 72. Im V erständnis der politischen Klasse Italiens bildeten die ethnisch-nationalen G ruppen bis zum Ersten W eltkrieg einen w eißen Fleck. Dies hing - sieht man von den bei H roch erw ähnten allgem eineren G ründen ab - mit der dam aligen V orstellung vom N ationalstaat und von der Staatsbürgerschaft zusam m en, die unm ittelbar an die N ation alität gebunden war. Das italienische R isorgim ento exaltierte die R olle der N ation als Subjekt und ließ keinen R aum für die kulturelle E ntw icklung der kleinen ethnisch-sprachlichen G ruppen73. D er reine oder quasi-reine N ationalstaat stellte für viele Italiener den Inbegriff des F ortschritts dar, w ährend m ultiethnische R eiche w ie das habsburgische in ih­ ren A ugen R ückschritt und R eaktion verkörperten74. D ieselbe A uffassung be­ herrschte seit 1918 die B eziehungen Italiens zu Südslaw ien und das Verhältnis der italienischen B evölkerung zur slow enisch-kroatischen M inderheit an der A dria. D ie Italiener sahen im SFIS-Staat nicht nur einen der vielen juristischen N ach fo l­ ger Ö sterreich-U ngarns, sondern auch ein strukturelles A nalogon zur H ab sb ur­ germ onarchie75. Piero Parini, Leiter der PN F-A uslandsorganisation, bezeichnete Jugo slaw ien sogar als „asiatisches“ L and76, eine frühe A ntizipation der N olteschen „asiatischen Tat“, unterstellt doch der G ebrauch des W ortes „asiatisch“ in beiden Fällen, alles G em eine, Rohe und B rutale könne im m er nur aus dem O sten, in letzter K onsequenz aus A sien stam m en, w ährend der W esten, Europa, grun d­ sätzlich der F lort der Z ivilisation sei.

72 C arlo Ghisalberti, D ie Lage der M in d erh eiten im italienischen N ationalstaat, in: Corsini, Zaffi, M in d e rh e ite n 2 7 - 3 8 , hier 29; im fo lg enden zitiert: Ghisalberti, L age der M in d erh eiten . 73 Ghisalberti, L age d er M in d erh eiten 27. Seit 1866 gehö rten bere its die sogenan nten „Vene­ zia nischen S lo w e n e n “ in einigen T älern der P r o v in z U d i n e (Vielem) zu Italien; es handelte sich u m eh em a lige U n te rta n e n der Serenissima, deren Sie dlun gsge b ie te m it dem lo m b a r d o venetischen K ö nig reich an Ö sterreich u n d da n n an Italien fielen. Die zeitgenössische L it e ­ ratur b ekla gt die d esolate Lage die ser B e v ö lk e r u n g s g r u p p e , der von Staats w eg en jeglich e M in d erh eiten rech te versagt blieben. D a die S ituatio n d e r Beneski slovenci nie G egenstand in tern ation aler V erträge w ar, u n t e r n a h m die italien isch e R e g ie r u n g w en ig , sie zu verbessern. 74 D ie triestin er N a tio n a llib e ra le n b auten den R is o r g im e n to T r r e d e n tis m u s zu einem k o m ­ pletten w eltan sch a ulich en S ys tem aus. A u c h hier ve rqu ic kten sich, ähnlich w ie im Falle der M m d e r h e ite n lo b b y im D eu tschlan d nach 1918, n ationalistische un d univ ersalistische M o ­ tive. V gl. A nna M illo, L’elite d el potere a Trieste. U n a b iografia collettiv a 1891-1938 (M ila n o 1989). 7:1 Vgl. syn th etisc h R olf Wörsdörfer, Zw isc he n Karst un d A dria. E n tnatio nalis ie run g, U m ­ sie dlung u n d V ertreibu ng in D alm atien , Istrien und J u lis c h Venetien (192 7-195 4), in: R obert Streibel (H rsg.), F lu c h t u n d Vertreibung. Z w isc he n A u fr e c h n u n g un d V erd rä n gu n g (W ien 1994) 92 -1 3 3 . Sie he auch Milica Kacin Wohin?., J o i e Pirjevec, S toria d egli slo veni in Italia 1866-1998 (Venezia 1998); im fo lgend en zitiert: Kacin Wohinz, Pirjevec, Storia d egli slo veni; Pavel Stranj, La c o m u m t ä som m ersa. Slo veni in Italia dalla A alia 2 ( Trieste 1992). 76 Die F o r m u lie ru n g findet sich in einem A r tik e l Parinis z u r dalm a tin isch en Frage, der 1928 in der Z eitschrif t II Legionario erschien. V gl. D eu ts c h e B otschaft R o m an A u s w ä r tig e s A m t , 25. 7. 1928, in: P A A A , A bt. II, Politische B e z ie h u n g e n z w is c h e n Italien und J u g o s la w ie n , R 72801.

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D abei w ar man in Rom alles andere als „w estlich“ orientiert: D er W ilsonism us in M inderheitenfragen, den Leonida B issolati und Teile der italienischen V ö lker­ bundliga (F am iglia italiana) verfochten, w ar im Italien der Jahre nach 1918 chan­ cenlos77. K urzfristig überw og ein auf die engen B eziehungen zum jugoslaw ischen Königshaus und zu den serbischen Eliten bauender m oderater E xpansionism us, der m it dem N am en C arlo Sforza verknüpft ist und der seine historische G estal­ tungsfähigkeit 1920 m it dem V ertrag von R apallo unter B eweis stellte78. .M ittelfri­ stig begab sich vor allem das faschistische Italien in das D ilem m a, einerseits den eigenen D alm atien-N ostalgikern viel R aum zu lassen, andererseits aber die kro a­ tische U stasa auf jede nur erdenkliche Weise zu unterstützen. Beides w ar schw er m iteinander zu vereinbaren, obw ohl die Interessen der slaw ischen M inorität in Ju lisch Venetien in jedem Fall unberücksichtigt blieben79. Die M inderheit in den adriatischen terre redente bestand überw iegend aus Slo­ w enen, die in G örz (G orizia/G orica), in Triest (Trieste/Trst), im Karst, im Isonzo(Soca-)Tal und im nördlichen Teil Istriens siedelten, und aus K roaten, die vor a l­ lem im Landesinnern der größeren Südhälfte Istriens zu H ause w aren 80. In der Z w ischenkriegszeit verstanden sich die julischen Slow enen und K roaten vielfach als einheitlich auftretende „jugoslaw ische M in d erh eit“, die Teil der „dreinam igen N atio n “ des SH S-K önigreichs w ar81. D ie m eisten E xil- und W iderstandsorgani­ sationen w aren interethnisch-binational, das Z entralorgan der slow enischen und kroatischen E m igranten in Jugo slaw ien druckte A rtikel in beiden Sprachen ab. Verfügten die m eisten E xilgruppen über zen tralstaatlich -n ation allib erale oder k a­

77 A ls s tu m m e r u n d zu gle ich un sic h tb a re r Z euge blieb die von W o o d r o w W ils o n v o rg e ­ schlagene, aber nie realisie rte G ren zlin ie z w is c h e n Italien u n d Ju g o s la w ie n , die sogenannte „ W ils o n - L in ie “ . V gl. Corrado Belei, Q u e l co nfine m ancato . L a linea W ils o n , 1919-1945 (B rescia 1996). 78 B arbara Bracco, C a r lo Sforza e la qu estio n e adriatic a. Politica estera e o p in io n e p ub blica n e l l ’u ltim o go ver n o G io litti ( M ila n o 1998). 79 In sofern blieb die L age an der n o r dö stlich en A d r ia im m e r ge spannt. Ern sth afte H o ffn u n g auf eine Ä n d e r u n g d e r Situatio n hegte ein Teil der ju li schen Exilanten n u r w ä h r e n d der R e ­ gieru n g s zeit M ila n Stoja dino vic s ( 1 93 5-193 8). D e r ju go sla w is c h e M in isterp rä sid en t w a r als p e r s ö n lich er Fre u n d des italienischen A u ß e n m in is te r s G a le a z z o Graf C ia n o bestrebt, Ele­ m en te des faschistischen u n d nation alsozialistisch en H e rrsc h a ftsm o d e lls zu im portie ren. 80 D ie Kroaten in Istrien, die sich oft auch n ur als Istrianer (istrani) verstan den un d mit dem C a k a v is c h e n ü b e r einen eigenen s ü d s la w isc h e n D ia le k t verfü gten, hatten zu den Slo w en en des ö sterreic hischen K üstenlandes m eh r V erb in d u n gen als zu ih ren „ K o n n a tio n a le n “ in D a l­ m atien o d er K ro atien -S la w o n ien . Erst d u r c h die A n n e x io n s d e k r e te der P a rt is a n en p a rla ­ m en te w ä h r e n d des Z w e iten W eltk rie gs un d d urc h die F ried e n sk o n fere n z von 1947 w u r d e d e r „ k r o a tis c h e “ Teil Istriens an K roatien angeschlo ssen. Vgl. M arkus Helmes, D e r Pariser Fried e n sve rtrag fü r Italien von 1947. En tstehung, B e stim m u n g e n , A u s w ir k u n g e n , in: Z e itge­ schic hte 1 - 2 (1998) 5-3 5 . 81 Vgl. Lemberg, U n v o lle n d e te Versuche, so w ie den - üb erau s p olem isch en - A u fsa tz von A lojz I v a n i c e v i Klischees und F ein dbild er, W ege u n d Irrw e g e des J u g o s la w is m u s , in: M an­ fre d Prischning (H r s g .), Identität u n d N ach b a rsch a ft. D ie Vielfalt der A lp e n - A d r ia - L ä n d e r (W ien , Köln, G raz 1994) 138-169.

N a tio n a ls ta a t und ethnische G ru p p e n in D eu tschlan d u n d Italien

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tholisch-autonom istische Program m e, so öffneten sie sich in der zw eiten H älfte der 20er Jah re auch dem kom m unistischen E influß82. D ie italienische E ntnationalisierungspolitik in der Julischen M ark galt schon den Zeitgenossen als das abschreckendste B eispiel für die A rro ganz eines R e­ gim es, das sich auf eine „zw eitausendjährige K ultur“ berief und dabei system a­ tisch all jene Rechte abbaute, die für die julischen Slow enen und Kroaten unter der österreichischen H errschaft selbstverständlich gegolten hatten. A uch auslän di­ sche Beobachter, die sonst Sym pathien für den Faschism us hegten, verurteilten die P o litik des R egim es an der nordöstlichen A dria. D er besondere Eiaß, der den Süd­ slaw en entgegenschlug, hatte viele U rsachen: D ie nationalliberalen Eliten in Triest und U m gebung pflegten - hierin Teilen der B evölkerung im O sten D eutschlands nicht unähnlich - seit jeher eine rassistisch eingefärbte Slaw enfeindschaft. Soziale Ä ngste vor dem slaw ischen Stadt- und L andproletariat (vor allem vor den Im m i­ granten), m it V erschw örungstheorien legitim ierte O hnm achtsgefühle gegenüber den U m trieben der serbischen G eheim gesellschaften, schließlich die Furcht vor dem Panslaw ism us und den orthodoxen „Schism atikern“ in M oskau und Belgrad verw oben sich zu einem einzigen B edrohungskom plex. D er G roße K rieg konnte die Situation n ur verschärfen: Triest zählte zu den frühen städtischen H ochburgen der Faschisten. V erstüm m eltenm ythos und To­ tenkult gehörten zum id eo lo gisch-kulturellen G epäck einer Frontkäm pfergenera­ tion, in der oft junge O ffiziere das Sagen hatten. Triester Squadristi trugen die ersten schw arzen H em den, die sich bald darauf faschistische K am pfbünde in ganz Italien zum Vorbild für ihre U niform nahm en. In der Industrie- und A rbeiterstadt hatte der Faschism us die auf der A penninenhalbinsel sonst seltene G elegenheit, ein A m algam zu schaffen, das den sozialen und den nationalen Feind einschloß. So entstand das F eindbild des slavocomunismo, das sich als sehr effizient erw ies, bot es doch der Triester O berschicht eine L egitim ation, den Faschism us finanziell und propagandistisch zu fördern83. Viele Faschisten der ersten Stunde in Triest w aren beides: Slaw enhasser und A ntisem iten. N achdem sie im V erlauf der 20er Jahre in der w eltoffenen H afenstadt an E influß verloren hatten, traten sie 1938 w ieder verstärkt in Erscheinung, um die U m setzung der faschistischen R assege­ setze propagandistisch zu begleiten84.

82 Vgl. Milica K acin-W obinz, Prv i a ntifacizem v Evropi. P r im o rs k a 1925-1935 (K ö p er 1990). Zur ko m m u n istis c h e n N a tio n a litä ten p o litik vgl. E d va rd KardeIj, D ie V ierteilung. N a tio n a le Frage d er S lo w e n e n ([1938], W ie n 1971). 83 V gl. die A u fs ä tz e von Anna Maria Vinci (Il fascism o e la socie tä locale) u n d D ario M attiussi (Il P artito N a z io n a le Fascista), in: Is tituto regio nale per la storia del m o v in ien to di liberazio ne in F riu li-V e n e zia G iulia, Friuli e V en ezia G iu lia - Storia del ’900 (G o r iz ia 1997) 221-258 u n d 2 5 9 - 2 7 2 ; im folg enden zitiert: Istituto re g io n a le, Friuli e V enezia G iu lia . Von Interesse w ä r e es, einige S tr u k t u r m e r k m a le des ju lisc he n G ren z la n d -F a s ch is m u s mit denen des N a tio n a ls o z ia lis m u s zu vergle ic hen, in sbeso ndere a u f die N ä h e der K a m p fb e g riffes / w o com unista un d „ jü d is c h -b o ls c h e w is tisc h “ hin. 84 Silva Bon, I ,cHversi‘ : la persec uzion e antiebraic a, in: Istituto re gion a le, F riu li c V en ezia Giulia 3 0 9 - 3 1 6 un d die d o rt zitierte Literatur.

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D ie 20er und 30er Jahre standen an der nordöstlichen A dria zunächst im Zei­ chen einer radikalen E ntnationalisierungspolitik, über die die Lageberichte des N ationalitätenkongresses85 und die Bücher des T riestiner Slow enen Lavo C erm elj86 meist zuverlässig A uskunft geben (u .a. Schule, V erw altung, Ju stiz, Kirche, Presse, Eigennam en, T oponym e). In der zw eiten H älfte der 20er Jah re traten im Karst und im Isonzotal bew affnete G ruppen auf, die sich m it A nschlägen gegen das Vorgehen der italienischen Behörden zur W ehr setzten. M ilitärisch stellten die nach irischem Vorbild operierenden K am pfgruppen der O rjuna, T IG R und Borba keine große G efahr dar; sie blieben trotzdem ein Stachel im Fleisch des Regim es, w eil sie dem zivilen W iderstand der Jugen d kulturb ew egu ng, der K atholiken und K om m unisten zu m ehr P ub lizität verhalfen. A uf die Venezia G iulia regnete eine R epression herab, die sich in m assenhaften Festnahm en und K onfinierungen, in Sondergerichtsprozessen m it T odesurteilen äußerte. Von M ussolini selbst ist be­ kannt, w ie nervös er in den 30er Jah ren auf die N achrichten aus der nordöstlichen G renzregion reagierte87. W enig richtete gegen die slaw ische O pposition eine P o litik der öffentlichen A r­ beiten aus, auch w enn sich im m er w ied er H inw eise auf einzelne Slow enen oder K roaten finden, die die H offnung auf den sozialen A ufstieg veranlaßte, m it dem R egim e zusam m enzuarbeiten. Das regionale E ntw icklungsm odell der Faschisten, das man pointiert m it „G renzlandfaschism us = A ssim ilation plus B ew ässerung plus E lektrifizierun g“ um schreiben könnte, blieb in den ersten A nsätzen stecken. D ie E ntnationalisierungspolitik w ar nur dort erfolgreich, w o Slow enen und Kroaten einen sehr geringen A nteil der G esam tbevölkerung darstellten, etw a in den K üstenstädten Istriens. Ein K ontinuitätsfaden gegenüber der liberalen A ra blieb gew ahrt: D ie Faschisten traten zugleich als (nicht sehr effiziente) M odernisierer und als A ssim ilatoren auf88. Im F rühjahr 1941 w urde Italiens östliche G renzregion zum A ufm arschgebiet für den Krieg der A chsenm ächte gegen Jugo slaw ien . N ach dem Sturz M ussolinis und der K apitulation Italiens schuf N S-D eutschland im Septem ber 1943 die O pe­ rationszone A driatisches K üstenland, deren V erw altung der N SD A P -G auleiter von Kärnten übernahm 89. A n die Spitze des R epressionsapparats trat ein aus dem K ärntner „A bw ehrkam pf“ hervorgegangener und zuletzt aus Polen herbeigerufe­ ner SS-Funktionär, der zu den größten M assenm ördern des 20. Jahrhunderts zählt: O dilo G lobocnik90. 85 E w ald Ammende (H rsg.), D ie N a tio n a litä ten in den Staaten Europas. S a m m lu n g von L a ­ geberichten (W ie n , L e ip z ig 1931). S6 V gl. vor allem Cerm elj, Slo veni e croati. 87 Vgl. den A b s c h n itt „E ntnatio nalisierun g u n d W id e r s t a n d “ m ein er M o n o g r a p h ie ü b e r die M in d e r h e it e n p ro b le m a tik im n ordö stlich en A d r ia ra u m . 88 Vgl. S. Bon G h era rdi , L. Lubiana, A. Millo, L’ Istria fra le due guerre. C o n t r ib u t i per una storia sociale ( R o m a 1985). 89 K arl Stuhlpfarrer, D ie O p er a tio n s z o n e n A lp e n v o r la n d un d A driatisch es K üstenland (W ien 1969); Enzo C ollotti , II L ito rale adriatico nel nuo vo o rd ine eu ro peo 1 9 43-19 45 ( M i ­ lano 1974); G alliano Fogar, Trieste in gu erra 1940-1945. S ocie tä e R esis ten za (Trieste 1999). 90 Vgl. S ieg fried J . P ucher, .. in der B e w e g u n g fü hrend tä tig “. O d ilo G lo bo cn ik - K äm pfer

N a tio n a ls ta a t un d ethnische G ru p p e n in D eu tschlan d und Italien

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6. Hitler, M ussolini und die M inderheiten - Resümee Die Behandlung der Polen, Slow enen und Kroaten, darüber hinaus aber auch die der hier eher beiläufig erw ähnten D änen91, Sorben92, A ostaner93 und Südtiroler belegt, daß D eutschland und Italien in alternierenden Perioden auf die friedliche A ssim ilation, die gew altsam e E ntnationalisierung und - w ie noch zu zeigen sein w ird - die D eportation und die U m siedlung der M inderheiten setzten. D ie N atio ­ nalitäten p o litik Preußens bis 1918 und die M in derh eitenp o litik Italiens bis 1922 wiesen eine R eihe struktureller G em einsam keiten auf, obw ohl es ersterer m ehr um die B esitzstandsw ahrung und letzterer m ehr um die A blösung vom m ulti­ ethnischen R eichsgedanken und um die V ollendung des Risorgimento ging. D ie U nterschiede w aren nur graduell, da auch Preußen nach 1871 den M inderheiten gegenüber repressiver auftrat als in den Jahren vor der R eichseinigung. Im krisengeschüttelten liberalen Italien der Jah re vor dem „M arsch auf R om “ w urden sehr unterschiedliche m inderheitenpolitische Konzepte diskutiert. Das faschistische R egim e hatte dagegen von Beginn an w en ig Interesse, sich im euro ­ päischen M aßstab für die W ahrung von M inderheitenrechten einzusetzen. A llen ­ falls nutzte es die G elegenheit, den südslaw ischen N achbarstaat durch die Förde­ rung separatistischer B ew egungen (U stasa, V M R O ) zu destabilisieren94. D em ge­ genüber w ar D eutschland in den 20er Jah ren in ganz Europa als m inderheiten­ freundliche M acht angesehen, auch w enn die Bereitschaft, den Polen, D änen und Sorben im eigenen Lande entgegenzukom m en, begrenzt blieb. Man kann für die 20er Jah re w eder im deutschen noch im italienischen Falle von einem einheitlichen W illen der T itularnation und ihrer O rgane zu r A bw ehr bzw. N iederh altun g der M inderheiten im eigenen Lande ausgehen. Elem ente der P o lykratie, etw a der G egensatz zw ischen R eichs- und Länderregierungen, zw ifiir den A n s c h lu ß , V oll streck er des H o lo c a u s t (K lagenfurt, C e lo vec 1997); Maurice Williams, Friedrich R a in e r e O d ilo G lo b o cn ik. L’a m icizia in solita e i ruo li sinistri di d ue n azisti tipici, in: Q ua le sto ria , Nr. 1 (1997) 141 —175. 91 Jorgen K ü h l, D ie dänisch e M in d e r h e it in P re uße n u n d im D eu tsc he n R eich 18 64-1914, in: Hahn, Kunze, N a tio n a le M in d e r h e it e n 12 1-132; Lorenz R er up, T h e D anes in Sch le sw ig from the N a tio n a l A w a k e n in g to 1933, in: Andreas Kappeler (H rs g.) in Z u s a m m en a rb e it mit Fikret A d an ir un d Alain O ’Day, T h e F o rm a tio n of N a tio n a l Elites ( N e w Y o rk U n iv e r s it y Press C o m p a r a t iv e Studie s on G o v ern m e n ts and N o n - d o m in a n t Ethnie G rou ps in Euro pe, 1850-1940, Bd. 6, D a r tm o u t h 1992) 2 2 5 - 2 5 3 ; Joh an Peter Noack, D et danske m in d reta l i S yd sle svig 19 20-1945, 2 B än de (A a rh u s 1989). 92 A leksandr A. Gugnin, D ie nationale B e w e g u n g d e r Sorben im sla w isc h -d eu tsc h e n K o n ­ text, in: Michael G. Müller, O steu ro p ä isch e G esch ic hte in vergle ic hender Sicht (B erlin er Jah rbu ch fü r O s teu o p ä is ch e G eschic hte, 1996/1) 2 6 7 -2 7 2 , im folgenden zitiert Müller, O s t ­ euro päische G eschic hte; R oland M arti, D ie Sorb en - Prü fstein un d Exp erim entie rfeld für N a tio n a litä ten p o litik , in: E u ro p a ethnica 1 (1992), 13—36; Peter Kunze, A u s der G esch ic hte der L a u s itz e r S orben, in: Dietrich Scholze (H rsg.), D ie Sorb en in D eutschland. S ie ben K a p i­ tel K ulturge sc hich te (B a u tze n 1993) 7-5 5. 93 Titllio O m ezzoli, Prefetti e fascism o nella p rovinc ia d ’ A osta 1926-1945 (A o sta 1999). 94 Stefan Troehst, N a tio n a lis m u s un d G ew a lt im O s te u ro p a d e r Z w isc h e n krie gszeit. T erro ­ ristische Sep aratism en im Vergleich, in: Müller, O s t eu ro p ä is ch e G eschic hte 2 7 3-314 .

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sehen Z entralstaat und lokalen Institutionen, zw ischen Präfekten und PN F-Sekretären, w irk ten der A rtiku latio n eines solchen gem einsam en W illens entgegen. Im katholischen Italien gelang es vor allem bis zum K onkordat von 1929 den ebenfalls katholischen M inderheitenkirchen der Aostaner, der Südtiroler und der julischen Slaw en, einen Teil des E ntnationalisierungsdrucks zu m ildern. N ach der N S-M achtübernahm e w ar bei der B ehandlung von M inderheitenpro­ blem en in D eutschland anfänglich noch der Einfluß des A usw ärtigen A m ts zu spüren, aber der A ustritt der jüdischen G ruppen aus dem N ationalitätenkongreß deutete bereits an, in w elche R ichtung die deutsche M in o ritäten p o litik steuerte. D er liberaldem okratische Flügel der M inderheitenbew egung um Paul Schie­ m ann95 brach m it den offenen N S-Sym pathisanten und den K onservativen, von denen einige noch halbherzige Versuche unternahm en, die R eichsregierung m it B lick auf die Lage der A usländsdeutschen zu einer M äßigung ihrer an tisem iti­ schen P o litik zu bewegen. D en E thnozid, die Z w angsassim ilation der ethnischen G ruppen bis zu deren restloser A uflösung in der T itularnation, strebten bis etw a 1936 nur die italien i­ schen Faschisten an. M ussolini betonte, Italien sei es gelungen, die Juden zu assi­ m ilieren; es w erde dem Land deshalb nicht schw erfallen, auch die Slaw en zu entnationalisieren96. Entsprechend groß w ar das D ilem m a, in das jene M in derh eiten ­ vertreter gerieten, die in M ussolini und nicht in H itler ihren H auptfeind sahen (Slow enen, Südtiroler). Schien doch das faschistische Italien in den A ugen der V olkstum spolitiker die nivellierende, w eil assim ilierende M odern isierun gsp o litik des i?worg/wewfo-Liberalism us auf die Spitze zu treiben. D em gegenüber sahen m anche M inderheitenvertreter das N S-R egim e, aber auch die austrofaschistischen R egierungen D ollfuß’ und Schuschniggs, als V erfechter eines ethnischen G ruppen gegenüber relativ toleranten K onservativism us an, der sich potentiell an tago n i­ stisch zum M ussolini-Faschism us verhielt. So klam m erte sich der christlich-so zial orientierte G örzer Slow ene E ngelbert B esednjak, ein ehem aliger A bgeordneter des röm ischen Parlam ents, an die T heorie der „M inderheiten im autoritären Staat“, für die Ö sterreich das M odell abgab97. W er aber als europäischer M in d erh eitenp o litiker w eiter auf das A usw ärtige A m t und die R eichsregierung setzte, w urde bald enttäuscht. D aß H itler sich nicht für Südtirol interessierte, w ar bekannt, auch w enn es bis in die M itte der 30er Jahre dauerte, ehe er sich m it seinen A nsichten in der N SD A P durchsetzte98. N ich t erst der „A nschluß“ Ö sterreichs und die auf ihn folgende U nterdrückung der K ärntner Slow enen ließen erkennen, daß es im H in b lick auf M inderheiten95 M ich a el G arleff, „P aul Sch ie m an ns M in d erh eiten th eo rie als B eitrag z u r L ö s u n g der N a ­ tio n a litäte n fra ge“, in: Zeitschrift für O s tfo rsc h u n g, 25. Jg., H e ft 4 (1976) 63 2-660. % V gl. Wörsdörfer, K rise n h erd A d r ia 278. 97 M a n c h e K o n ze p tio n e n der M in d e rh e ite n p o litik , die w eit ü b e r d en Z w eiten W eltk rie g hin aus in der S ü d tiro le r V olk spartei (SVP) un d in d er Fö d erativ en U n io n E u rop äis ch er V o lk sgrup p e n (F U E V ) einflu ßreic h blieben, s ta m m en aus d ieser Zeit. 98 Vgl. W olfgan g Schiedet, Das italienische E xperim ent. D er F aschism us als Vorbild in der Krise d e r W e im a re r R e p u b lik , in: H Z 262 (1996) 73 -1 2 5 , hier v o r allem 110—114.

N a tio n a ls ta a t un d ethnische G ru p p e n in D eu tschla n d und Italien

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A ngelegenheiten keinen ernstzunehm enden „Lösungsversuch des D ritten R ei­ ches“ gab, w ie ihn etw a ein Pionier der deutschen N ationalism usforschung später ausm achen w o llte " . Z w ar unterschied sich die N S-P olitik anfänglich klar von der des faschistischen Italien; die biologische Rassenlehre w ar inkom patibel m it einer M elting-Pot-H ypothese, denn sie untergrub jegliches Vertrauen in eine „zivilisa­ torische A u fw ertu n g“ sogenannter „unterlegener V ölkerschaften“ durch die A s­ sim ilation. In seiner R ede vom 17. 5. 1933 hatte H itler erklärt, der N atio n also zia­ lism us kenne „nicht den B egriff des G erm anisierens“, ihm sei jene „geistige M en ­ talität des vergangenen Jah rh un d erts“ frem d, „aus der man glaubte, vielleicht aus Polen oder Franzosen D eutsche zu machen .. .“ 10° A ber die nationalsozialistische B lut-und-B oden-Ideologie w urde von den ver­ antw ortlichen Stellen im N S-M achtapparat flexibel ausgelegt, wenn strategische Ziele w ie etw a das dauerhafte Bündnis m it Italien oder selbst der auf kürzere Sicht konzipierte P akt m it der Stalinschen U dSSR Vorrang hatten. D ie A blösung des K ärntners H ans Stein ad ler als V D A -V orsitzender - ein G eschenk H itlers an M ussolini - und die E ingliederung der gesam ten „V olkstum sarbeit“ in die z u ­ nächst von R ud o lf Hess, später dann von der SS kontrollierte Volksdeutsche M it­ telstelle entzogen der völkisch-jungkonservativen oder allgem einer der „grenzund auslandsdeutschen“ M in derh eitenp o litik den letzten R est jener A utonom ie, die ih r das R egim e bis dahin gelassen h atte101. D ie späte, ohne große K om plikationen vollzogene und von außen auch gar nicht als solche wahrgenom m ene „G leichschaltung“ der völkischen Rechten führte zum kom pletten Bruch m it allen em anzipatorischen G edanken, die der N ationalitätenkongreß in seiner frühen Zeit p ropagiert h atte102. V olkstum sideo­ logen und E thnopolitiker, die zuvor kleine G renzkorrekturen oder U m siedlungs­ m aßnahm en nur als „äußerste M ö glich keit“ akzeptiert hätten, sahen p lö tzlich in B evölkerungsverschiebungen m ittlerer G rößenordnung (Südtiroler, B alten deut­ sche) geeignete Schritte zur Lösung ethnisch-nationaler Problem e und w irk ten d i­ rekt an U m siedlungsm aßnahm en m it. U ber die subjektiven B ew eggründe kann man nur m utm aßen: M öglicherw eise entging ihnen, daß diese U m siedlungspo litik den Weg frei m achte zu im m er m assiveren V ertreibungsm aßnahm en und zur not­ dürftig getarnten assim ilatorischen Praxis der sogenannten „W iedereindeut­ schung“. Ebenso denkbar ist, daß sie m it einer Eskalation der B evölkerungspoli­ tik einverstanden w aren, deren innere Logik die V erantw ortlichen im Vorfeld und im V erlauf des K rieges dahin führte, die am m eisten verachteten und d iskrim in ier­ ten B evölkerungsgruppen in Europa nicht m ehr einfach nur auszugrenzen oder

99 Eugen Lem berg, Geschic hte des N a tio n a lis m u s in E u ro p a (Stu ttgart 1950) 235. 100 Max Dom arus, Hitler. R eden u n d P r o k la m a tio n e n . Bd. 1: 1932-1938 ( W ü r z b u r g 1962) 27, hier zitiert nach Jaw orski, Po ln isch e G r e n z m in d e r h e it 67. 101 Valdis O. Lumans, H im m le r ’s A ux ilia rie s. T h e V olk sdeutsche M ittelstelle and the G e r ­ man M in o r ities of E urop e ( C h a p e l H ill, L o n d o n 1993). 102 D er N a tio n a litä te n k o n g r e ß , nach 1933 o hn eh in n u r noch ein To rso, w eigerte sich zu m Beispiel auch, die Basken gegen die U n t e r d r ü c k u n g durc h Fran co -S pa n ien zu un terstützen .

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R o lf W ö rs d ö r fe r

um zusiedeln, sondern sie zu vernichten - aus dem Ethnozid w ar ein G enozid ge­ w o rd en 103. N ach 1945 hat die M in derh eitenp o litik in D eutschland w ie in Italien eine an ­ dere W ertigkeit bekom m en. D eutschland verlor m it den ostelbischen Polen seine größte bodenständige M in o rität, Italiens slaw ische border-m inority w urde durch die A btretung großer Teile Julisch Venetiens an Jugo slaw ien (Slow enien und Kroatien) dezim iert. An vielen O rten in O steuropa und auf dem Balkan ver­ schw anden die deutschen und italienischen Sprachinseln; die B RD , die D D R und Italien m ußten in den 40er und 50er Jah ren in unterschiedlichem A usm aß V ertrie­ bene und Exilanten aufnehm en, hinzu kam en in den folgenden Jahrzehnten soge­ nannte Spätaussiedler. Ist die B edeutung der autochthonen M inderheiten z u rü ck ­ gegangen, so stellen der w eltw eite M arkt für A rbeitskräfte und der F lü chtlin gs­ strom aus K riegs- und K risenregionen beide Länder vor neue H erausforderun­ gen, die m it denen der traditionellen M inderheitenproblem atik vergleichbar, aber nicht gleichzusetzen sin d 104.

Abkürzungen: A bt.

A b t e ilu n g

ACS

A r c h iv io centrale dello Stato

ASM AE O r ju n a

A rch iv io s to ric o -d ip lo m a tico del M in is tero degli affari esteri O r g a n iz a c ija ju g o slo v a n s k ih n acio nalis to v

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H isto risc h e Z eitschrift

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Politisches A rc h iv des A u s w ä r tig e n A m ts

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Pre sid en za del C o n s ig lio dei m in istri

T IG R

T rst- Istr a - G o r ic a - R ije k a

VDA

Verein für das D e u ts c h tu m im A u s la n d

VMRO

V n atresn a m a k e d o n s k a r e v o lu c io n a rn a organizacija

103 V gl. G ötz A ly , „E n d lö s u n g “ - V ö lk e r v e r s c h ie b u n g u n d der M o rd an den euro p ä isc h e n J u d e n ( F ra n k fu rt a.M . 1995); z u r F rag e nach d er M itw issersc h a ft u n d M it v e r a n t w o r tu n g des italienischen Faschism us vgl. Enzo Collotti, Lutz Klinkham m er, Il fascismo e l’ Italia in guerra. U n a co n versazio n e tra storia e sto rio grafia ( R o m a 1996). 104 In d er D iskussio n ist in D eu tsc h la n d eine A u s w e i tu n g des Begriffes „ M in d e r h e it “ etw a im S in ne von Cornelia Schmalz-Jacobsen, Georg Hansen (H rs g.), Ethnische M in d e r h e ite n in der B u n d e s r e p u b lik D eu tschlan d. Ein L ex iko n (M ü n c h e n 1995). Siehe auch die B eiträge in Ulrich Bielefeld (H rsg.), Das Eigene u n d das Frem de. N e u e r R assism us in d er A lten W elt? ( H a m b u r g 1998).

3. Die Kultur

Brunello Mantelli Rassismus als wissenschaftliche W elterklärung U ber die tiefen kulturellen W urzeln von Rassismus und Antisemitismus in Italien und anderswo"' 1.

Faschismus, Rassismus, Antisemitismus und Geschichtsschreibung

Seit dem 1. Septem ber 1938 w urde die kleine jüdische G em einde in Italien, die nach der von der faschistischen R egierung am 22. A ugust des Jahres durchgeführ­ ten Z ählung nur 48000 einheim ische und 10000 A usländer um faßte1, durch G e­ setze, V erw altungsanordnungen und -rundschreiben m it einer Flut von B estim ­ m ungen überschw em m t. Ihre M itglied er w urden dadurch von vollberechtigten B ürgern (sow eit man diesen Begriff in einem faschistischen Staat überhaupt ge­ brauchen kann) zusehends zu Bew ohnern eines ihnen im m er feindlicher gegen­ übertretenden Landes. Im G egensatz zu einer ebenso irrigen w ie w eitverbreiteten V orstellung2 w aren die vom m onarchisch-faschistischen Italien beschlossenen

A u s dem Italienischen üb er setzt von Friede rike H a u s m a n n . 1 Vgl. Michele Sarfatti, M u s s o lin i co n tro gli ebrei (Turin 1994) 128-182. 2 Vgl. George L. Mosse, T o w ard the Final S olutio n. A H is t o r y of E u rop ean R a cism ( N e w Y o rk 1979) (Ich zitiere nach d e r italienischen A usgabe : II ra z z is m o in E u ro p a dalle o rig in i a ll’ O lo c au s to [M a ila n d 1992] 2 1 4 -2 1 6 ); vgl. auch: Renzo De Felice, Storia degli ebrei italiani sotto il fascism o (Turin 1961) (m ehrere N eu a u fla g e n ohn e w esentlich e V erän deru ngen) X X X V If.; im fo lgenden zitiert: De Felice, Storia degli ebrei; M eir Michaelis, M u s s o lin i and the J e w s . G e r m a n -Ita lia n R elation s and the J e w is h Q u e stio n in Ita ly 1922-19 45 (O x fo rd 1978) sprich t v ö llig u n ang em essen von einer „verw ässerten Version d e r N ü r n b e r g e r G e ­ s etze“ (ich zitiere n ach d er ital. A u s ga b e : M u s s o lin i e la qu estio n e ebraica. Le rela zio ni italotedesche e la p olitica razzia le in Italia [M a ila n d 1982] 393); im fo lg enden zitiert: Michaelis, M ussolin i.

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B r u n e llo M a n te lli

antisem itischen M aßnahm en alles andere als gem äßigt, sondern - zum Z eitpunkt ihres Inkrafttretens - rad ikaler als die im nationalsozialistischen D eutschland geh tenden B estim m ungen3. Die E ntstehung der M aßnahm en von 1938 und der später noch folgenden w urd e bisher im w esentlichen unter politischen G esichtspunkten analysiert. D em nach habe M ussolini die antisem itischen M aßnahm en ergriffen, w eil er davon überzeugt war, daß es „zur Festigung des italienisch-deutschen Bündnisses n o t­ w endig sei, jeden offenen Kontrast zw ischen der P o litik der beiden R egim e besei­ tigen zu m üssen“4. Im Kern bedeutet dies: „Der rassische A ntisem itism us [sei] keine logische Folge des faschistischen C redos [gewesen, sondern] eine logische Konsequenz der A chsenpolitik. Es [habe sich] nur insofern um eine dem Faschis­ mus innew ohnende Tendenz [gehandelt], als der Stahlpakt den im perialen Plänen des Faschism us entsprach.“5 D ie Präm isse einer derartigen These ist die A nnahm e, den M aßnahm en hätten keine antisem itischen M otive zugrunde gelegen, die in Italien „kaum verbreitet w aren “, und führt dann zu der B ehauptung, der Faschism us habe m it den an ti­ jüdischen M aßnahm en von 1938 öffentlich seine Trennung vom „vom italien i­ schen Volk, seiner M en talität, seinen Traditionen und seiner G eschichte“6 v o llzo ­ gen. Denn: „P sych e u n d K ultur des einfachen Volkes in Italien kennen n icht einm al in ih rer k le in b ü r g e r ­ lichsten u n d p ro v in ziellste n A u s p rä g u n g rassistische V erh etzu n g u nd R assism us. Beides w a r nicht n ur u n b e k a n n t, s on dern nicht einm al im K eim v o rhan den . . . D ie italienische K ultur un d, üb er den rein k u ltu r e lle n A sp e k t hinaus, auch die form a mentis der Italiener ist u n d w a r e n t w e d e r im w esentlich en katholisch o d er aber laizistisch, beides H a ltu n g e n , die d em R a s s is ­ m us en tgeg en steh en .“7

D abei hatte der Faschism us bereits vor der E inführung der antisem itischen M aß­ nahm en des Jahres 1938 den B eweis m ilitanten R assism us von Staats wegen

3 V gl. Michele Sarfatti, Gli ebrei negli anni del fascismo, in: C orrado Vivanti, Gli eb rei in Ita­ lia (Turin 1997 = Storia d ’ Italia E inaudi, A n n a li 11) 1680; im fo lgenden zitiert: Sarfatti, in: Vivanti, G li ebrei in Italia; ausführlicher: ders., G li ebrei n ell’ Italia fascista (Turin 2000) 143; im fo lgenden zitiert: Sarfatti, Gli ebrei. D e r U m s ta n d w u r d e s o w o h l von zeitgenössischen Beo b a ch te rn h ervo rgeho ben (vgl. Guido Ludovico Luzzatto, Scritti politici. E b raism o cd antis em itis m o [M a ila n d 1996] 83), als auch von den italien isch en Tageszeitungen in ihren K o m ­ m entaren ü b e r die M a ß n a h m e n der R e g ie r u n g h ervo rge h o b e n u n d sogar vom „V ölkischen B e o b a ch te r“ in seiner A u s g a b e v o m 25. O k to b e r 1938. 4 De Felice, S toria d egli eb rei 286, 5 Michaelis, M u s s o lin i 393. 6 De Felice, Storia degli eb rei 23 f. u n d X X X V I. 7 Ebd. 3 0 f. W ie man sieht, w ir d h ier w ie d e r einm al der klassische Topos des „guten Italie­ ners“ v o rgetragen. Vgl. d a zu: D a v id Bidussa, 11 m ito del bravo italiano (M a ila n d 1994), M e r k w ü r d i g ist nicht z u letz t die B e h a u p tu n g , K a th o lizis m u s u n d L a izism u s seien im m u n gegen R assism us, allerdin gs m it der E in s c h r ä n k u n g „in d e r hiesigen E rschein ungsform (S. 31), d . h . in Italien. D ie W u r z e ln des R a ssism u s m ü ß ten d a h e r a n d e r s w o zu suchen sein, w o aber genau, w ir d nicht gesagt (es läßt sich je d o c h im A u s sc h lu ß v erfah re n ve rm u ten , im Pro testa n tism u s und d er R efo rm a tio n ...) .

R assism us als w issenschaftliche W elte r k lä r u n g

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erbracht. 1937 w urde eine R eihe von gesetzlichen B estim m ungen erlassen, die H eiraten und jede Form von festen sexuellen B eziehungen zw ischen italienischen B ürgern und U ntertanen in den K olonien L ib yen , Eritrea und dem gerade 1936 eroberten Ä thiopien verbot und dort als eine A rt V orläufer der A p arth eid8 ein R e­ gim e strik ter R assentrennung errichtete. A uch in diesem Fall galt allerdings lange Zeit eine rein politische Lesart des R assism us der faschistischen K olonialpolitik: „D as R ass e n p r o b le m begann M u s s o lin i von dem A u g e n b lic k an zu interessie ren, als er ein impero zu schaffen beschlo ssen hatte. . . . W ä h re n d des Ä th io p ien fe ld zu g s w u r d e die N o t ­ w e n d ig k e it eines .italienischen R a ss e n b e w u ß ts e in s “ für den D uce zu einer regelr echten O b session. In d er z w e it e n H älf te des Ja h res 1936 . . . n ah m die rassistische P ro p a g a n d a in der faschistischen Presse a ll m äh lich die A u s m a ß e einer regelr echten K am pagn e an.“9

2. Das Regime und die Naturwissenschaftler U nter diesen V oraussetzungen w ird die unzw eifelhafte Tatsache, daß der faschi­ stische R assism us10 und A ntisem itism us bei den italienischen 'W issenschaftlern auf Z ustim m ung stieß, sehr häufig kleingeschrieben und, wenn er nicht zu leug­ nen ist, m it K ategorien w ie dem O pportunism us und K arrierism us einzelner erklärt. D ieselbe L inie w urd e bekannterm aßen lange Zeit im Fall D eutschlands verfolgt: „Seit 1945 gibt es in d e r Zeitgeschichte des O s tb lo c k s u n d des Westens w ie auch in der W is ­ senschaftsgeschichte die Tendenz, R a sse nthe orien u n d R a sse n id e o lo g ien hau ptsäch lich als die T ä tig k e it vo n am R a n d e stehenden p olitisch en Extrem isten o der .P seu do-W issen sch aftle rn ‘ z u b etrachten. Im d em o k ra tis ch en L ager w a r W issen schaft s y n o n y m mit D em o k r a tie oder w en ig sten s m it A p o litis m u s . . . Im R a h m e n d ieser .apolitical id e o lo g y of scien ce1 - w ie

s Vgl. Angelo D el Boca, Le leggi razziali n elF im pero d i M u s s o lin i, in: Ders., Massimo Legnani, M ario G. Rossi (H rsg.), II regim e fascista. Storia e sto rio grafia (R o m , Bari 1995); vgl. auch die kritische, in fo rm ative Ü b ersic ht: Nicola Labanca, Il ra z z is m o colo niale italiano, in: Alberto Burgio ( H rs g .), N el n o m e della razza. II ra z z is m o nella storia d ’ lta lia 1870-1945 (B o ­ lo gna 1999) 1 4 5-163 ; im folgenden zitiert: Burgio, N el n o m e della razza. 9 Michaelis, M u s s o lin i 124 f. D ie gleiche Positio n n im m t D e Felice, S toria degli ebrei 2 8 0 f. ein. Im G egensatz d a zu hat Sarfatti, M u sso lin i, a.a.O ., den Z u s a m m en h a n g zw ischen k o l o ­ niale m R a ssism u s u n d A ntis em itis m u s un terstric hen. In einem spätere n B eitrag k o m m t er zu der „ Ü b e r z e u g u n g , d a ß in der z w e iten H ä lfte der d re iß ige r J a h re in Italien ein, w e n n auch ko nfuser u n d un einh eitlic he r P r o z e ß d er E rrich tu n g eines .rassistischen S taates“ in G a n g ge­ setzt w u r d e . “ (II ra z z is m o fascista nella sua co n cretezza: la defin iz ion e „ebreo “ e la collocazione di questi nella co s tru en d a g e rarch ia razziale, in: Burgio, N cl nom e della r a zza 327). 10 Im H in b lic k auf den ko m p le x en begrifflic hen Z u s a m m e n h a n g zw isc h e n R assism us un d A ntis em itis m us teile ich vö ll ig die A n s ic h t M ic h e le Sarfattis: „Es existiert s o w o h l d e r A n t i ­ sem itism us als auch d e r R a ssism us, ja ge n a u er gesagt: d ie A n tis em itis m en u n d die R assism en , m anchm al m ite in a n d e r verm ischt, m anchm al u n a b h ä n g ig vo nein ander. M a n darf deshalb den A ntisem itism us nicht n u r als Teil des R a ssism us, son dern man m u ß ihn als auto n o m b e tra c h ­ ten. (Michele Sarfatti, Il ra z z is m o fascista nella sua co n cretezza, a.a.O. 321).

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Bru nello M an te lli

der a m erik a n isc h e W issen sc haftsh isto rik er M a r k W a lter cs nennt - entstand w eitgeh en d e Ü b e r e in st im m u n g : .G u te W is s en sc h a ft“ und .schlechte P o litik' schlo ssen einan der aus. Ein .echter N a z i' k ö nn te som it nie ein gu te r W is sen schaftler s e i n . " 11

W enn je d o c h u n w i d e r l e g li c h e B eweise dafür Vorlagen , daß ein bedeutender W is­ senschaftler zw eifelsfrei den R assism us und A ntisem itism us des faschistischen o d e r des nationalsozialistischen Staates bejaht hatte, dann konnte dies unter den obigen V oraussetzungen nur als - gew iß bedauerliche und ehrlich bedauerte m oralische Schw äche des betreffenden W issenschaftlers, o d e r sogar m it den für totalitäre System e t y p i s c h e n Z w angsm echanism en erklärt werden. Im Falle Italiens ist darüber hinaus überraschenderw eise festzustellen, daß eine d erartige F laltung nicht nur von N aturw issenschaftlern und W issenschaftshistori­ kern, sondern in sehr großem U m fang auch von A llgem ein h isto rikern eingenom ­ men w ird. „Es sticht die Tatsache ins A u g e , daß z w a r einiges ü b e r die H a lt u n g von G eistesw issen sch aft­ lern [g eg e n ü b e r R assism us un d A n tis em itis m u s ] bei G eistesw is sen sch aftle rn geschrieben w o r d e n ist, w ä h re n d bis vo r k u rz e m ü b e r die H a lt u n g der n atu rw issenschaftlich en W elt fast absolu tes S c h w e ig e n herrschte. D abei n ah m die .w is sen schaftlic he' T h e m a t ik im offizie llen O r g a n der R a ss e n k a m p a g n e ,L a difesa d ella r a z z a ' 12 breiten R a u m ein. A u ß e rd e m - und noch m ehr ins A u g e s pringe nd - hatte die R a ss e n k a m p a g n e m it eine m .M anifest d er rassisti­ schen N a tu r w is s e n s c h a f tl e r '13 begonnen. D ie G esch ic h tssc h re ib un g hat sich auf die Feststel11 Benott Massin, A n th r o p o lo g ie un d H u m a n g e n e t ik im N a tio n a ls o z ia lis m u s oder: W ie schreiben deu tsche W is sen schaftler ih re eigene W issen schaftsgeschich te?, in: H eidrun K aupen-H aas, Christian Salier (H rsg.), W issen schaftlicher R assism us. A n a ly s e n einer K o n tin u i­ tät in d en H u m a n - u n d N a tu rw is s en sc h a fte n (F ra n k fu r t a .M ., N e w Y o rk 1999) 12 f., im fo l­ genden zitiert: Kaupen-H aas, W is sen schaftlic her R a ssism us. 12 D ie Zeitschrift erschien er stm als am 5. A u g u s t 1938 un ter der L eitu n g des Jo u rn a lis ten Telesio Interlandi, d em H a u p tsc h riftle iter d er rö m ischen Z e itu n g „II Tevere“, die seit 1924 h alboffizielles S p ra c h ro h r des R egim es („Il P o po lo d ’ Italia“ w a r dage gen das offizie lle O r ­ gan) un d A u s d r u c k seiner antisem itisch en S tr ö m u n g e n war. Z u r R e d a k t io n zählten G uid o L andra, A ssisten t am L eh rstu hl fü r A n t h r o p o lo g ie d er U n iv e rs itä t R o m ( L eh rstu h lin h a b e r w a r der b eka n n te A n t h r o p o lo g e Sergio Sergi, von d em später d ie R ed e sein w ir d ); L id io C i ­ priani, P ro fesso r fü r A n t h r o p o lo g ie an d er U n iv e rs itä t F lo re n z un d D ir e k t o r des M u s e o N azio n ale di A n t ro p o lo g ia ed Etn ologia in F lorenz; L eo ne Fra n zi, A ssisten t der K in d e r k lin ik der U n iv e rs itä t M a ila n d u n d A u t o r von Studien ü b e r den nation alsozialistisch en Rassism us; L in o B u sinc o, A ssisten t d e r A llg e m ein en Path o lo gie d er U n iv e rs itä t R o m ; M a rce llo Ricci, A ssistent der Z o o log ie d e r U n iv e rs itä t R o m . A lle diese Person en w a r e n z w a r kein e erstran ­ gigen W issenschaftler, stan den aber ke in e s w e g s a u ß e rh a lb d er w issenschaftlichen und a k a d e ­ mischen Welt. 13 A m 14. J u l i 1938 erschien im „G io rnale d ’ Ita lia “ ein nicht gezeich ne te r Text un ter der Ü b ers c h rift „D er F a sc hism us un d die R a ss e n p r o b le m e “ . Er w u r d e von verschie denen a n d e­ ren Z e itun ge n ü b e r n o m m e n und in den fo lgend en M o n a te n u n te r dem sic herlich nicht k o r ­ rekten , aber um so b ez eich nenderen Titel „M an ife st der faschistischen N a tu r w is s e n sc h a f tle r “ b ekan nt. N a c h ge na u en In stru ktio n e n M u s s o lin is hatten den A rtik e l G u id o L a n d ra und D in o A lfieri verfaßt, der d a m a lig e M in is t e r fü r „ V o lk s k u ltu r“ u n d ab 1940 Botschafter in Berlin. D as in zehn T h esen gegliederte D o k u m e n t behauptet, daß „die R assen . , . existie ren“ (These Nr. 1); d aß „der B egriff d er R asse . . . rein b io lo g is c h “ sei (These Nr. 3); daß d ie Italie­ ner A r ier seien (These Nr. 4); daß man „ zw isc h e n eu ro päischen (w estlic h e n ) a u f d e r einen, östlichen u n d afrikan isch en M ittelm e er v ö lk ern auf d er anderen Seite un te rs c h e id e n “ müsse (These Nr. 8); daß „die J u d e n n icht zu r italien isch en R a ss e“ gehö rten (These Nr. 9); und daß

R a ss is m u s als wis sen schaftliche W e lte rk läru n g

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lu ng dieses Sachverhalts b esch ränk t un d nicht w e ite r danach gefragt, was vo rher un d nachher geschehen ist. Es w u r d e nicht danach gefragt, ob dieses M an ifest E n d p u n k t der V orbereitung einer R a ss e n k a m p a g n e sein kö nn te, in der w is sen schaftliche Kreise eine besondere R o lle g e ­ spielt hatten. Es w u r d e nicht danach gefragt, w ie stark d er R a ssism u s in die sen Kreisen p r ä ­ sent w a r u n d w elch e K o n s eq u e n ze n die V erfolg un g h atte.“ 14

D abei deuteten eine R eihe von Indizien in diese R ichtung. Schon am 9. Ju li 1938 w ar im Innenm inisterium eine G eneraldirektion für D em ographie und Rasse (D irezione generale per la dem ografia e la razza, norm alerw eise ab gekürzt als D em orazza) eingerichtet w orden, die als erste A m tshandlung in großer Eile eine allge­ m eine E rhebung über die in Italien ansässigen Juden durchführte. Die D em orazza entstand nicht ex novo, sondern w urde aus dem bereits existierenden, dem M in i­ sterium beigeordneten zentralen dem ographischen Institut (U fficio dem ografico centrale) gebildet. Schon allein diese Tatsache erlaubt die H ypothese, daß eine V erbindung zw ischen R assism us und D em ographie bestand, einer D iszip lin , die keinesw egs auf den akadem ischen R aum beschränkt blieb, sondern das Innenm i­ nisterium als eine Schlüsselinstitution des m odernen Staates b etraf15. D esw egen gehörte ja Francesco Savorgnan zu den U nterzeichnern des genannten M anifests. D ie V erbindung zw ischen R assenpolitik und akadem ischer Welt erscheint noch enger, w enn man in B etracht zieht, daß die M itglied er des am 5. Septem ber im In­ nenm inisterium eingerichteten O bersten R ates für D em ographie und Rasse (C o n siglio superiore per la dem ografia e razza) fast ausschließlich renom m ierte W is­ senschaftler w are n 16. jede R a ss e n m is c h u n g an sic h schädlich sei (These Nr. 10). A m 25. A u g u s t w u r d e d u r c h eine V erla utbarung d er faschistischen Partei Italiens b ek an ntge geb en , daß der P arte isekre tär A chillc S tarace in A n w e se n h e it von A lfieri „eine G r u p p e von faschistischen N a t u r w is s e n ­ schaftlern em p fan gen hat, die an italienischen U n ive rsitäte n u n terrich ten. U n t e r d e r L eitu n g des M in is ters für V o lk s k u ltu r le gten sie die G r u n d sä tz e nieder u n d verpflichteten sich darauf, die Basis des faschistischen R assism us b ild e n “. N eb en den fü nf P ersonen, die w i r bereits als M it glied e r d e r R e d a k t io n d er „D ifesa della r a z z a “ kenn en (vgl. die v o rhe rge he nde Fu ßno te), finden w ir h ier N a m e n von entschieden grö ß ere m G ew ic h t: N ic o la Pende, O r d in a riu s , D i ­ rektor des Instituts fü r spezie lle m ediz inisch e Path o lo gie der U n iv e rs itä t R o m u n d Senator; Sabato Visco, O rd in a r iu s u n d D ire k t o r des Instituts fü r a llgem ein e P h y s io lo g ie in R o m , des b io logischen Instituts des N a tio n a le n Fo rsch un gsrats ( C N R ) u n d A b ge o rd n ete r; Edo ard o Zavattari, O r d in a r iu s und D ire k t o r des zo o lo gisc h e n In stituts d er U n iversität R o m (un d M eister von M arce llo Ric ci); Francesco Savo rgnan , O r d in a r iu s fü r D em o gr ap h ie an der U n i ­ versität R o m u n d P räside nt des Zentrale n Statistik in stitu ts (ISTAT); A r tu r o D o n a g g io , O r ­ dinarius, D ir e k t o r d e r n eu r o p sy ch ia tris ch en K linik der U n ive rsitä t B o lo gn a un d Präsid ent der italienischen Gesellschaft für P sych ia trie . 14 G iorgio Israel, Pietro Nastasi, Scienza e razza n ell’Italia fascista (B o lo g n a 1998) 34; im f o l­ genden zitiert: Israel, Nastasi, Scienza e razza. 15 Israel, Nastasi, S cien za e ra zza 231. 16 Viele w a r e n N atu rw issen sc h a ftler: F ilippo B o tta zzi, O r d in a r iu s fü r H u m a n p h y s io lo g ie an der U n iv e rs itä t N ea p el; A lessa n d ro G higi, O r d in a riu s für Z o o log ie an d er U n ive rsitä t B o ­ logna; Raffaele C o r s o , O r d in a riu s fü r E th no lo gie an der U n iv e rs itä t F lorenz; Vito D e Blasi, Dozent für G eb urtshilfe un d G y n ä k o lo g ie d er U n ive rsitä t G en ua; C e sa re Fru go ni, O r d i n a ­ rius fü r k lin isch e u n d a llgem eine M e d iz in der U n iv e rs itä t R o m ; Liv io Livi, O r d in a r iu s für Statistik der U n iv e rs itä t Florenz; U m b e r t o Pieranto ni, O rd in a r iu s für G en etik u n d R a sse n ­ biologie der U n iv e rs itä t R o m ; G iu n io Salvi, O r d in a r iu s für H u m a n a n t h r o p o lo g ie der U n i-

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B r u n e llo M an telli

B ekanntlich w urde die rein biologistische E rklärung der R assenfrage im M an i­ fest in den faschistischen K reisen sow ohl von politischer Seite als auch von In­ tellektuellen und W issenschaftlern angegriffen. K einer der K ritiker stellte jedoch das R asseprinzip als solches in Frage, es ging vielm ehr darum , die jew eilige vis polemica an der einen oder anderen These zu beweisen und ihr eine andere entgegenzustellen, die jedoch die scharfe D iskrim in ieru ngspo litik des Faschism us nicht w en iger unterstützte. Es ist hier zw ar nicht der O rt einer ausführlichen Behandlung der D iskussion, die sich bis zum Sturz des m onarchistisch-faschisti­ schen Regim es am 25. Ju li 1943 hinzog und begleitet w urde von V erw altungsm aß­ nahm en und -regeln, die die italienischen und die in Italien ansässigen Juden im ­ m er m ehr einengten17. Eine zusam m enfassende B eurteilung muß m.E. jedoch zu dem Schluß kom m en, daß „der K ernpunkt aller antijüdischen R egelungen von K riterien bestim m t war, die die O pfer kenntlich m achen sollten. D iese von M us­ solini gem einsam m it seinen M itarbeitern und den M itgliedern des G roßen F a­ schistischen R ates en tw ickelten K riterien stützten sich auf das B lut, und zw ar in erster Linie auf das .ererbte' und in zw eiter auf das .vorherrschende1, w ährend für M ischlinge ,nicht vorherrschend jüdischen C h arak ters“ politische anstatt ideolo­ gische K riterien festgelegt w urden , um die kom plexen Problem e der teilw eise ari­ schen Fam ilien zu regeln. Insgesam t ergibt sich daraus die Schlußfolgerung, daß die antijüdischen M aßnahm en des Faschism us rassistisch-biologisch begründet w aren “18. Ebenso teile ich die A uffassung, daß die durch unterschiedliche A uslegungen des R assism us verursachten Polem iken und G egensätze zw ischen verschiedenen M achtgruppierungen innerhalb des W issenschaftsbetriebs oder im politischen Be­ reich nichts anderes sind als „interne Kämpfe, die sich im m er w ieder zw ischen den verschiedenen M achtzentren des Faschism us abspielten m it dem Ziel, die G unst des D uce zu gew innen und ihn von der eigenen Sichtw eise zu überzeugen. Es han­ delt sich dabei um eine für alle D iktaturen charakteristische D yn am ik innerhalb der F ührungsstrukturen. D ie der G esellschaft verw eigerte M einungsfreiheit verla­ gert sich in M achtkonflikte zw ischen den Führungscliquen, denen als einziges K am pfinstrum ent der gegenseitige V orw urf des Verrats an der richtigen Linie zur Verfügung steh t“ 19. D aher ist es kein Zufall, w enn die sogenannten R adikalen wie

ve rsität N ea p el; Sergio Sergi, O r d in a riu s fü r A n t h r o p o lo g ie der U n iv e rs itä t R o m ; Francesco V alagussa, D o z e n t fü r klin is ch e Pä dia trie der U n iv e rs itä t R o m ; G io vann i P etragnan i, G e­ n e r a ld irek to r des öffentlichen G esu n d h e itsw esen s (d .h . ein h o h er B e a m ter des In n e n m in i­ steriu m s, von d em d am als d ie G esu n d h e itsä m ter a b h ä n g ig w a ren ); a uß e r d e m die bereits be­ k a n nten Francesco S avo rgnan u n d Sabato Visco. 17 Vgl. Sarfatti, Gli ebrei 103-230; D e Felice, Storia degli ebrei 39 3-495 . D e r B io gra p h M u s ­ solinis betont die G egn erschaft z w is c h e n den Verfechtern eines biologisch en R assism us und d en Vertretern einer sp iritualistischen E rk läru ng. D ie se A u ffa s su n g k an n ich in k e in er Weise teilen. 18 Sarfatti, in: Vivanti, G li ebrei in Italia 1692. 19 Israel, Nastasi, S cien za e r a zza 223.

R a ssism u s als w issenschaftliche W elte rkläru n g

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L andra, Interlandi und G iovanni Preziosi20 w issenschaftlich sehr viel angesehe­ nere P ersönlichkeiten w ie Pende und Visco als „verkleidete Ju d en “ angriffen, und diese letzteren, die sogenannten G em äßigten, dam it antw orteten, die ersteren seien schädlicher als ein H aufen Jud en 21. Da es sich bei staatlich verordnetem A ntisem itism us und R assism us um eine em inent politische Frage handelte, w äre es absurd, eine strenge wissenschaftliche K ohärenz22 in den M aßnahm en und Erklärungen zu diesem Them a aus den Ja h ­ ren 1938 bis 1943 zu suchen. Bei genauerem Zusehen zeigt sich vielm ehr das Bild eines K raftfeldes, in dem verschiedene (politische und/oder wissenschaftliche) M achtgruppen ihre Karten ausspielen, um M ussolini auf ihre Seite zu ziehen und sich zu diesem Z w eck vor dem D iktato r selbst und den höheren Ebenen des R e­ gim es als die treuesten und strengsten Verfechter seiner w eltanschaulichen Vorga­ ben zu profilieren suchen. A uf diesem G ebiet zum indest stehen w ir vor einer in gew isser H insicht p o lykratisch en D ynam ik. Ä hnlich w ie bei den antisem itischen M aßnahm en des D ritten Reiches seit 1933 und bei den in die gleiche R ichtung laufenden antijüdischen B estim m ungen des schrecklichen Jahres 1938 in U ngarn und R um änien w urde natürlich auch m it den italienischen M aßnahm en 1937-1938 ein qualitativ neues N iveau erreicht: A us in der öffentlichen M einung und in intellektuellen und w issenschaftlichen Kreisen w eit verbreiteten V orurteilen w urden R assism us und A ntisem itism us in die Form staatlicher G esetze gegossen. D adurch w urde das fundam entale P ostulat der G leichheit der B ürger vor dem G esetz verletzt, so daß die Staaten, die diese Ge­ setze erließen, in ihrer verfassungsrechtlichen E ntw icklung um m indestens ein Jahrhundert, tief in die R estaurationszeit, zurückfielen. A bgesehen davon ver­ w eist die Ü bereinstim m ung w eiter B ereiche der w issenschaftlichen Welt m it dem Rassism us und A ntisem itism us des Staates auf die F orm ulierung kategorialer A p ­ parate in den N aturw issenschaften, die m it einer rassistischen W eltanschauung kom patibel oder sogar auf sie gegründet w aren. Dies stellt eine unabdingbare Vor­ aussetzung dafür dar, daß das U ndenkbare geschehen konnte, um hier eine tref­ fende F orm ulierung von H ans M om m sen zu paraphrasieren23.

20 A ls N a tio n a lis t u n d frü her Vertreter des A n tis em itis m u s w u r d e Prezio si schon 1920 zu m A n h ä n ge r d er Faschisten u n d repräsentierte in nerhalb des P N F un d des R egim e s die anti­ jüdische Positio n, die z w a r la n ge Zeit in d e r M in d e r h e it blieb, aber zie m lich a ktiv u n d la u t ­ stark auftrat. 21 Vgl. Israel, Nastasi, S cien za e r a zza 223. 22 Dies gilt g an z offensic htlich auch für den A n tis em itis m u s des nation alsozialistisch en S ta a ­ tes, d er häufig fälschlicherw eise für ko h ä r e n t gehalten w ird . V gl. z u r H e r a u s b ild u n g der kom ple xen D efinition des „ J u d en “ im D ritte n Reich: R aul H ilberg, Die V ern ich tu n g d er e u ­ ropäischen J u d e n ( F ra n k fu rt a.M . 1993) 69 ff. 23 Hans M o m m se n , D ie R ea lis ieru n g des U to pis chen: die „ E ndlö sun g d e r J u d e n f r a g e “ im „D ritten R e ic h “ , in: G esch ic hte un d Gesellschaft 9 (1983) 38 1-420 .

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B r u n e llo M antetli

3. Die italienischen Naturwissenschaftler als Vordenker des staatlichen Rassismus und A ntisemitismus 3.1 Die erste Phase: Von der Einigung Italiens bis zum Libyenkrieg

D ie Liste der U nterzeichner des „M anifests der rassistischen N aturw issenschaft­ ler“ und der M itglied er des O bersten Rates für D em ographie und Rasse geben nützliche H inw eise auf die w issenschaftlichen D isziplinen, die in B etracht zu zie­ hen sind: Es geht um Statistik, D em ographie, A nthropologie, Ethnographie, B io ­ logie, Z oologie und verschiedene Fachgebiete der M edizin; sie bilden die B estand­ teile der E ugenetik oder besser - um den in Italien und D eutschland bevorzugten A usd ruck zu gebrauchen - die „E ugenik“). D aher gilt es, die E ntw icklung dieser D isziplinen seit der E inigung Italiens zu untersuchen. „Eine der w ichtig sten V erän d eru ngen, die sich im B ereich d er M e d iz in u m die W en de des 19. z u m 20. Ja h rh u n d e r ts vo llzoge n, w a r die V ersch ie bu ng des Forsch un gsin teresses vo m In di­ v id u u m auf soziale G ru p p e n . . .. Das w ach sen d e Interesse fü r die „soziale n K r a n k h e iten “ w ie T u be rkulose , A lk o h o lis m u s , S y p h ilis , M a la ria , T y p h u s . . . un d die Ü b e r z e u g u n g , daß die A u fg a b e des A r z te s nicht allein in d er H e ilu n g des K rank en , s on d ern im S ch utz d er G esell­ schaft vor K ra n k h e it bestehe, trugen z u m Entstehen der „S o z ia lm e d iz in “ bei, die sieh das e h rgeizige Ziel setzte, die k ö rp e rlich e Beschaffe nheit der M e n s ch h e it zu verbessern. D arin kam die im Westen 'weitverbreitete Furcht v o r dem Verfall und v o r der ,D egeneration‘ der weißen Rasse zum Ausdruck. Die aggressivste und radikalste Reaktion au f diese Angst w a r die sogenannte , Eugenetik' in den medizinisch-biologischen Wissenschaften,“24

Im Jah r 1889 veröffentlichte G iuseppe Sergi, der als G ründer der italienischen A nthropologie gilt und an der U niversität R om lehrte, den Band Le degenerazioni umane (D ie m enschlichen D egenerationserscheinungen)25. A usgehend von einer D arw inschen K onzeption, die sich auch stark an die U ntersuchungen von Francis G alton26 anlehnt, b eklagt der Forscher, daß die n atürliche A uslese in der m ensch­ lichen G esellschaft auf viele H indernisse stoße, w eshalb viele „D egenerierte“ überleben und - was von entscheidender B edeutung sei - auf ihre N achkom m en­ schaft A nom alien, Schw ächen und A bw eichungen übertragen könnten. Jeder Ka­ tegorie von „D egenerierten“ w id m et Sergi ein eigenes K apitel und führt den Leser durch eine G alerie von T ypisierungen: die V errückten, die Selbstm örder, die K ri­ m inellen, die Prostituierten, die Knechte und K nechtischen, die Landstreicher und B ettler und die Schm arotzer. D am it w urden alle G estalten, die die Stabilität der G esellschaft der B ürger und R echtdenkenden bedrohten, w ie sie den Eliten der Zeit so sehr am H erzen lag, unter die allgem eine K ategorie der D egeneration subsum iert. Bei der E rörterung der Frage, w as m it diesen M enschen zu geschehen

24 Roberto Maiocchi, Scienza italiana e ra zzis m o fascista (F lo ren z 1999) 7 (die ku rsive H e r ­ v o rh e b u n g von mir); im folg enden zitiert: Maiocchi, S cien za italiana. 25 C laudio Pogliano, E ugenisti, m a con giudizio, in: Burgio, N el n om e della r a z z a 423-442. 26 Zu G alton vgl. G u n n ar Schmid, Francis Galton: M e n s c h e n p r o d u k tio n zw isc h e n Technik u n d F iktio n, in: Kaupen-H aas, W issen schaftlicher R a ss is m u s 345-367 .

R assis m us als w issenschaftliche W e lte rk läru n g

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habe, liegt der A kzen t vor allem auf präventiven M aßnahm en in einer Form , die dann für die italienische E ugenik typisch w ird. M an unterstreicht die N o tw en dig­ keit der V erbesserung der Rasse durch Sozial- und U m w elth ygiene, man p ro kla­ m iert die Z w eckm äßigkeit, diejenigen, die nicht für sich selbst sorgen können, zu unterstützen, und verlangt gleich zeitig ein drakonisches Vorgehen gegen die „De­ generierten“, die in ihrem krim inellen und asozialen Leben fortfahren und eine Besserung ablehnen. In diesem Fall, so äußert sich Sergi, m üßten diese M enschen zur A rbeit gezw ungen und an der Fortpflanzung gehindert werden. D iese letztere These w urde zw ar von W issenschaftlern, die den laizistischen Parteien und den Sozialisten bzw. der katholischen Kirche nahestanden, heftig d iskutiert und kritisiert, sie w urde aber in den folgenden Jah ren von dem K rim i­ nologen und P sych iater A ngelo Z uccarelli m ehrm als w ieder aufgegriffen, denn er vertrat die These, die Sterilisierung von erblich B elasteten und D egenerierten sei „vorbeugend, w irkun gsvo ll und rad ik al“27. Den eigentlichen A ufschw ung der E ugenetik in Italien löste ein internationales Ereignis aus, näm lich der erste internationale K ongreß für E ugenetik, der im Ju li 1912 unter dem Vorsitz von Leonard D arw in stattfand. A n diesem K ongreß nahm nicht nur eine große und hochkarätige D elegation italienischer W issenschaftler teil28, w ich tiger noch w ar das nachhaltige Echo der V eranstaltung in Italien. Im selben Jah r w urde an der U niversität G enua der erste Lehrstuhl für soziale Euge­ netik eingerichtet und m it Serafino Patellani besetzt, der später die berühm ten A r­ tikel M endels über die Vererbung kö rperlicher M erkm ale übersetzte29. A ußerdem richtete die von G iuseppe Sergi gegründete R öm ische A nthropologische G esell­ schaft ein K om itee für eugenetische Studien (C om itato per gli studi eugenetici) ein. Zu den M itgliedern der italienischen D elegation in London gehörte auch C o rrado G ini, der führende Statistiker Italiens und G ründer des ISTAT, dessen D irek­ tor und Präsident er bis zu seiner A blösung durch Savorgnan im Jah re 1932 blieb. 1935 rief er an der U niversität Rom die erste italienische F akultät für Statistik, D e­ m ographie und V ersicherungsm athem atik ins Leben. In einem A ufsatz, den Gini in dem entscheidenden Jah r 1912 veröffentlichte, vertrat er die A nsicht, die D e­ m ographie sei der eigentliche M otor der G eschichte. In seiner Sichtw eise w ird die

27 A ngelo Z uccarelli , Profilassi sociale. A se ss u a liz z a z io n e e ste riliz z a z io n e dei deg en erati, in: L’A n o m a lo 9 (1898) 186-189, zit. nach: P oglia n o, Eugenisti, a.a.O. 427. 28 M itg lie d e r der D ele ga tio n w a r e n R affaele G arofano (S ch üle r L o m b ro so s, K rim in ologe und D o ze n t für S trafrecht un d S tra fp r o z e ß o r d n u n g an d er U n ive rsitä t N eap el), C o rr a d o Gini (s.u.), V in cenzo G iu f f r id a -R u g g e n (ein r e n o m m ie rte r A n th ro p o lo g e ), A ch ille L oria (Professor für Politische Ö k o n o m ie an d er U n iv e r s itä t Padu a), A n to n io M a r r o (Schüle r L om brosos, P s y ch ia ter un d D ir e k t o r des K önig lichen Irrenh auses von Turin un d C o llegn o ), der So zio lo ge und Po lito lo ge R o b e r t M ichels (der bereits die italienische Staatsbürgerschaft besaß), Enric o M o rse lli (P syc h ia te r u n d A n th r o p o lo g e , D ire k t o r des Irrenhauses in Genua), A lfredo N icefo ro (S ch üle r L o m b ro so s, P ro fesso r für S tatistik an der U n iv e r s itä t R o m ) und der bereits e r w ä h n te G iuse p p e Sergi. 29 Serafino P atellani , G rego rio M e n de l e l ’opera sua, in: II M o rg a g n i 56 (1914).

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Bru nello M antelli

A nalogie zw ischen O rganism en und V ölkern als zw ingend vorausgesetzt, und daraus ergibt sich für ihn, daß die besonders fruchtbaren V ölker im Vorteil seien. A ngesichts der Tatsache, daß einerseits die Eigenschaften einer N ation letztlich von der Q ualität ihrer F ührungseliten abhingen, andererseits aber die unteren Schichten norm alerw eise die m eisten K inder zeugten, müsse deshalb zur A uf­ rechterhaltung der Q ualität der Eliten an der Verbesserung der unteren Schichten gearbeitet w erden, aus denen notw endig ein Teil der M itglieder der künftigen E li­ ten hervorgehe30. A uf diesem Weg stieß Gini auf die E ugenetik, die seiner M ei­ nung nach E inw irkungen auf das Erbgut m it E inw irkungen auf che U m w elt ver­ binden müsse. Er stand dem städtischen Leben feindlich gegenüber, in dem er hauptsächlich das E rbgut schädigende Faktoren entdeckte, und propagierte die R ückkeh r zu einem G oldenen Z eitalter ländlichen Lebens. D azu gehöre unter an ­ derem die Eheschließung in jungen Jahren, denn dadurch w erde besonders die Q ualität der N achkom m enschaft gesichert. W ir sind schon m ehrm als auf den N am en G iuseppe Sergi gestoßen, in dessen W erken im m er w ied er auf das K onzept der Rasse B ezug genom m en w ird: „Die m enschlichen Rassen haben eigene und spezielle m entale C h arakteristiken , die sie in unterschiedlicher Weise befähigen, das hervorzubringen, was w ir Zivilisation nennen“31. D ennoch w ird der R assebegriff bei Sergi im w esentlichen unter k u ltu ­ rellen G esichtspunkten gesehen, w ährend der rein biologische A spekt begrenzt bleibt. Dies war, w ie von verschiedener Seite bem erkt w orden ist, fast unaus­ w eichlich. D ie große Bandbreite der som atischen M erkm ale der Italiener hätte, w e n n ein zu enges Band zw ischen anthropologischen M erkm alen einerseits und intellektuellen und m oralischen A nlagen andererseits angenom m en w orden w äre, die Existenz einer als italienisches Volk bezeichneten Einheit in Frage gestellt32. N icht von ungefähr glaubten W issenschaftler und In tellektuelle unm ittelbar nach der italienischen E inigung, als der junge Staat sich m it den schw eren sozialen A uf­ ständen auseinandersetzen m ußte, die gew öhnlich als süditalienische B riganten­ unruhen bezeichnet w erden, eine E rklärung für das B rigantentum in den Beson­ derheiten der B evölkerung des Südens finden zu können. D er bekannteste Ver­ fechter dieser T heorie w ar C esare Lom broso33, der später zum G ründer der K rim inalanthropologie w erden sollte und 1862 als Sanitätsoffizier in K alabrien in jenen H eeresabteilungen D ienst tat, die gegen die B riganten eingesetzt w urden. In den darauffolgenden M onaten veröffentlichte er einige Schriften über die „barba­ rische K rim in alität“ der G egend und führte sie auf rassische Kom ponenten zu ­ rück. A ls Lom broso 1898 seine A ufsätze erneut veröffentlichte, bezog er auch diese m ilitäranthropologischen Studien aus den frühen 60er Jah ren (des 19.Jah r­ 30 V gl. Maiocchi, Scienza italiana 83 ff. 31 Giuseppe Sergi, L e p rim e e le p iü antich e civiltä. I creatori (Turin 1926) VII, zit. in: Maioc­ chi, Scienza italiana 143. 32 Vgl. Maiocchi, S cien za italiana 144. 33 Vgl. zu r A u fn a h m e d er T h eo rie n L o m b r o s o s u n ter W issenschaftlern in D eu tschlan d M a­ riacarla Gadehusch Boruiio, D ie R e ze p tio n d er k rim in a lth eo lo gisch en T h eo rie n von C esare L o m b ro s o in D eu tsc h la n d 1880-1914 (H u s u m 1995).

R assism us als w is sen schaftliche W e lte rk läru n g

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hunderts) mit ein, in denen er die rassisch m inderw ertige langschädlige Kopfform in den süditalienischen G ebieten nachgewiesen hatte34. M it geringerer w issenschaftlicher E xaktheit, aber größerem narrativen Pathos erzählte der gebildete piem ontesische O ffizier A lessandro Bianco di Saint Jo rio z in seinen E rinnerungen, daß man sich im Süden „unter einer B evölkerung befin­ det, die zw ar in Italien lebt und in Italien geboren ist und doch zu prim itiven Stäm m en A frikas zu gehören scheint ..., b lutrünstige und beutegierige Bestien, nicht nach dem E benbild Gottes erschaffene M enschen“35. Den gleichen A nsatz verfolgte A lfredo N iceforo, einer der w ichtigsten Schüler Lom brosos, von dem anläßlich der Londoner Konferenz 1912 die R ede war. In seinem Buch La delinquenza in Sardegna11’ erklärt der K rim inologe und Statisti­ k er den hohen P rozentsatz von V erbrechensfällen im Innern der Insel (die von ihm einfach „Zone des V erbrechens“ genannt w ird) als eine angeborene E igen­ schaft der „Rasse der B evölkerung dieser O rte, einer Rasse, der jene Form barkeit vollkom m en fehlt, die zu r V eränderung und E ntw icklung des m oralischen B e­ w ußtseins füh rt“37. D ie These von den „zw ei Italien “ w urde von N iceforo auch in seinen späteren A rbeiten L’Italia barbara contemporanea. Studi e appunti^ und Itahani del Nord e Italiani del Sud 39 w ieder aufgegriffen, auch w enn in d ie­ sem letzteren Text neben anthropologisch-biologische R assetheorien anthrop o lo gisch -kulturelle Sichtw eisen treten, die sich auf den Begriff der N ation stü t­ zen: „Es gibt also zw e i un tersch ie dlic he Italien u n d italienische Rassen: eine lateinische im Süden und eine germ an isch e im N o rd e n . . . Es gibt jedoch k ein en Z w eif el daran, daß d e r Geist der N ation u n a b h ä n g ig von R a sse nu ntersc hie d en existiert. W enn ein Siz ilia n er u n d ein P iem on tese auch u n tersch ie dlic he n R assen a ng eh ören, sind sie sich d o ch in ih rem nation ale n B e ­ w ußtsein ähnlich. Das nationale B e w u ß ts e in , das ü b er au s le bendige G efühl b r ü d e rlic h e r V er­ b un den heit desselben Vaterlands en tsp rin gt e in zig un d allein der G em einsch aft der Ideen, der H o ffn un ge n, der geschichtlic hen u n d sozialen Ereignisse, die u n tersch iedliche Rassen g e ­ m ein sam d urc h leb t h ab en .“40

In diesen W orten spiegelt sich deutlich der italienische N ationalism us um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert. Da der R assebegriff im engeren Sinn, w ie er sich als Stereotyp in den Jahrzehnten nach der E inigung herausgebildet hatte, of­ fensichtlich nicht anw endbar w ar, setzte man das K onzept der N ation ein und griff schließlich w ied er auf die ch ristlich-kath olisch e T radition als einigendem

■’4 Pier Paolo P o g g io , U n ifica z io n e n azio n a le e dif feren za razzia le, in: B u r g io , N e l n om e della razza 90f. D as e r w ä h n t e W erk L o m b r o s o s tru g den Titel: In C a la b r ia (186 2-189 /). Studii (Catania 1898). 35 Alessandro B ianco di Saint J orio z , II b r ig a n ta g g io alia fro n tiera p ontific ia dal 1860 al 1863. Studio s to r ic o - p o litic o -s ta tis tic o -m o ra le-m ilita re (M a ila n d 1864) 12 u n d 36. 36 Alfredo N iceforo, L a d elin q u e n z a in Sard egn a (P a le rm o 1897). 37 Ebd. 59 (ich zitiere nach d er N e u a u fla g e C a g lia ri 1977). 38 Ders., L’Italia b arbara co n te m p or an ea. Studi e a pp un ti ( M a ila n d , P a lerm o 1898). 39 Ders., Italiani del N o r d e Italiani del Sud (Turin 1901). Ebd. 23; zit. nach: M aiocchi, Scienza italiana 114.

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B ru nello M antelli

Elem ent des italienischen Volkes zurück. A uf diesem Wege traf sich N iceforo41, der die T heorie der zw ei italienischen Rassen vertrat, schließlich mit G iuseppe Sergi, dem Vertreter der kulturellen E rklärung. A uch die ku lturelle V ariante w ar jedoch eine T heorie s u i g e n e r i s , die ausschließ­ lich für die w eiße „R asse“ G eltung haben sollte (und, w ie w ir sehen w erden, selbst hier nicht für alle ihre A usprägungen). W enn es um Schw arze geht, tauchen w ie­ der eindeutig rassistische, biologisch abgeleitete E rklärungsm uster auf. „Ich bin der Ansic ht, daß das D o g m a der G leich heit aller M ensch en für unsere Zivilisatio n schädlich i s t . . . W er von m ein en Lesern fühlt sich nicht d em , L a z z a r o n c ‘ in N ea p el o der dem Kretin aus dem A o s ta ta l ü b er leg e n ? U n d w e n n schon kein M e n sch d em anderen gleicht, w a r u m sollte es da n n kein en U n tersch ie d zw isc h e n N a tio n e n o d er R assen geben? W a ru m sollte es kein en U n te r s c h ie d z w is c h e n einem E u rop äer un d einem N e g e r geben, u n d z w i ­ schen die sem u n d eine m C h in e s e n u n d H in d u s t a n e r ? “42

M it diesen W orten faßte F ilippo M anetta, ein überzeugter Verfechter der Sache der K onföderierten im am erikanischen B ürgerkrieg, in seiner Sam m lung den u n ­ ter den Eliten des neuen Italien verbreiteten R assism us zusam m en. D ie irredentistischen K reise, bei denen sich das Streben nach der V ollendung der nationalen E inigung in im perialistische A nsprüche auf die O stküste der A d ria verw andelt hatte, verw endeten auch gegenüber den Slaw en, die man als Flindernis betrach­ tete, rassistische A rgum ente. N ach A nsicht R uggero Fauros (besser bekannt unter seinem Pseudonym Tim eus, m it dem er seine A rtikel gew öhnlich U nterzeichnete) w aren Italiener und Slaw en „zw ei Rassen, die sich Tag für Tag und M inute für M i­ nute auf bedrohliche Weise bekriegen “, der Kam pf zw isch en den beiden N ationa­ litäten w ar „ein Schicksal, das sich nur im vollkom m enen Verschwinden einer der beiden sich bekäm pfenden Rassen erfüllen kann. ... Für uns hat jedenfalls die E xistenz von zehntausend Italienern einen höheren Wert als die von fünfzig- oder hunderttausend Slaw en “43. N eben dem R assism us der N aturw issenschaftler und dem Im perialism us der N ationalisten, der eine rassische H ierarchie behauptete, sind ferner diejenigen G eistesw issenschaftler hier zu berücksichtigen, die auch in Italien den „M ythos des A riertum s“ etablierten. In dieser H insicht spielen vor allem diejenigen D iszi­ plinen w ie beispielsw eise die Sprachw issenschaft eine R olle, denen der P ositivis­ 41 Das U rte il darüber, in w ie w e it eine P ersön lichk eit w ie N ice fo ro zu r V erb reitung rassisti­ scher S ter e o typ en un ter den gebild eten S chic hten b eig etragen hat, d a r f nicht von der Tat­ sache beeinflu ß t w erd e n , daß er sich in k e in er W eise m it d em R assism us un d A n tisem itism u s des faschistischen R e g im e s gem ein m achte, d em g e g en ü b er er kritisc he D istan z bewahrte. Diese H a lt u n g spricht fü r die m oralis ch e und p olitische A u frich tig k e it d er Person, d a rf aber das h isto rio graph isc he U r te il d a rü b e r nicht beeinflu ssen, daß es eine V erb in d u n g zw ischen dem R a ssism u s d er liberale n Ä r a und der R a ss e n p o litik des Faschism us gab. 42 Filippo M anetta, L a r a z z a negra nel suo stato selvaggio in A fric a e nella sua dup lice co ndizio n e di em a n cip ata e di schiava in A m e ric a. R accolta d elle o pin io ni dei piü distin ti antro po logi d ’E u ro p a e d ’A m e r ic a , n onchc di celebri viaggiator i m esse in sie m c e co rro bo rate da osserv azio ni p ro p rie (Turin 1864) 44, zit. nach: M aiocchi, S cien za italiana 157. 43 Enzo Collotti, Sul ra z z is m o antislavo, in: B urgio, N e l n om e della r a z z a 3 9 -4 1 . D ie zitier­ ten Stellen stam m en aus: R u g g e r o Timeus, Scritti politici (191 1-191 5), (Triest 1929) 63, 496.

R assis m us als w issenschaftliche W e lte rk läru n g

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mus den Status der „exakten W issenschaften“ verschafft hatte. A ngelo De G ubernatis, der als erster Italiener ein Studium im neu eingerichteten Fach Philologie und Philosophie abgeschlossen hatte und als bedeutender Sprachw issenschaftler galt, hat vielleicht auch „als erster in Italien einen G egensatz zw ischen arischer und sem itischer R asse“ behauptet44. 1886 schrieb er in einem R eisebericht aus In­ dien, auch er sei „Arier, und dazu noch Italiener, das heißt aus einem Volke stam ­ m end, dem G ott w ie dem indischen und griechischen den arischen G enius tief ein ­ geprägt h at“45. G anz ähnlich äußerte sich Paolo M antegazza, neben seinem wissenschaftlichen und persönlichen R ivalen G iuseppe Sergi einer der B egründer der italienischen A nthropologie und A utor zahlreicher gew ichtiger w issenschaftlicher M onogra­ phien, aber auch einer R eihe populärw issenschaftlicher V eröffentlichungen, die w eite V erbreitung fanden. In einer der letzteren schreibt er: „Ich glaube fest an ei­ nen höheren Typus m enschlicher Schönheit, der jeden niedrigeren Typus m ongo­ lischer, am erikanischer oder sonstiger Schönheit übertrifft, und w enn ein M ensch einer niederen Rasse außerordentlich schön erscheint, dann finde ich immer, daß er sich unserem arischen Typus annähert.“46 N och rad ikalere E instellungen finden sich in den Texten des jungen Leonida B issolati, der als R epublikaner begann und eine große K arriere in der entstehen­ den sozialistischen B ew egung vor sich hatte. In den ersten beiden Jahrzehnten nach der G ründung der PSI w ar er als R edakteur der Parteizeitung „A vanti“ einer der w ichtigsten Exponenten der Partei. Im Jah r 1879 schrieb er in einem A ufsatz: „Die Sem iten n eh m en in der m en schlichen T y p o lo g ie z w is c h e n den G elb en un d dem A r ie r eine M ittelste llu n g ein. Sic stehen h ö h er als die G elb en o der Turanier, und sind nicht m it den A riern zu verw echseln, die m an auch In d o e u ro p ä e r nennt. Ihre äußerlich en M e r k m a le sind: niedrige Stirn, krauses H aar, sta rk g e k rü m m te N ase, sehr fleischige u n d vo rstehend e L ip pen, lange G lie d m a ß e n u n d Plattfüße. . . . D ie E n t w ic k lu n g des Sem iten vo llzie h t sich sehr schnell und ist mit sechzehn Ja h ren schon vo llendet. In die sem A lte r sin d diejenigen Teile des S c h ä ­ dels, in d em die O rg a n e der In tell ig enz sitzen, schon fest m it ein a n d er ve rza h n t un d häufig auch m it ein a n d er verbu nd en. D eshalb ist ein w eitere s W ach stu m d er grauen Zellen u n m ö g ­ lich. Bei d er arischen R asse ist ein derartiges Ph ä n o m en nicht zu beobachten. H ie r b ehalten die S ch ädelkno ch en gegen ein a n d er im m e r eine ge w isse B e w eg lich k e it un d erlaub en so dem inneren O r g a n eine w eitere E volutio n bis z u m le tzten L ebenstag. Seh r zah lreich e und e in ­ deutige V ersuche b ew eisen , d a ß d er Sem it nach d em s iebzehn ten L eb en sja hr seine w is s e n ­ schaftlichen K enntn isse nicht m ehr zu er w eitern v e r m a g .“47

In wenigen Zeilen zusam m engefaßt finden w ir hier die gängigen Stereotype jeder angeblich w issenschaftlichen Beschreibung des Juden, w ie sie einige Jahrzehnte später in den Z eichnungen des „Stürm er“ und der „Difesa della razza“ ihren A u s­

44 M auro Raspanti, II mito aria n o nella cu ltura italiana tra O tto e N ovecento , in: Burgio, N el nome della razza 78. 'b Angelo De Gubernatis, P e r eg rin a z io n i indiane. India centrale ( F lo ren z 1886), zit. nach: Raspanti, II m ito aria no, a .a.O ., in: Burgio, N el n om e della razza 78. 46 Paolo M antegazza, F isio n o m ia e m im ica (M a ila n d 1881) 97. 4/ Leonida Bissolati, II princip io logic o d e ll’ascetism o, in: Rivista r epu bb licana 2 (1879) 281 f.

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B ru n e llo M antelli

druck finden sollten. Ph ysio gn o m ik und Phrenologie w urden herangezogen, um aus G esichtszügen und Schädelform en im Sinne des w issenschaftlichen P o siti­ vism us der zw eiten H älfte des 19. Jahrhunderts charakterliche M erkm ale ab zu lei­ ten. 3.2 Die zweite Phase: Vom Libyenkrieg bis zu den Rassengesetzen 1938

W ie w ir gesehen haben, hatte der R assism us in der italienischen K ultur feste und w eitreichende W urzeln geschlagen. Es blieben allerdings W idersprüche und A porien, die nicht nur auf K ontrasten zw ischen verschiedenen Schulen beruhten, son­ dern vor allem auf dem grundsätzlichen G egensatz zw ischen den Verfechtern einer Suprem atie des A riertum s und denjenigen, die die Existenz einer autonom en „italischen R asse“ behaupteten. D ie ersteren betonten, je nach der von dem ein ­ zelnen Forscher betriebenen W issenschaft, die biologischen, sprachlichen oder ästhetischen natürlichen A nlagen und nahm en dabei die unangenehm e Schlußfol­ gerung in Kauf, daß die italienische H albinsel in zw ei oder drei rassisch getrennte G ebiete aufzuteilen war. D ie letzteren unterstrichen den C h arak ter der Italiker als einer „M ischrasse" und knüpften dabei an die Tradition des röm ischen Reiches an, dessen besondere A ssim ilationsfähigkeit in den V ordergrund gestellt w urde, um auf diese Weise die E inheitlichkeit des Stam m es - gleichgesetzt m it der N ation zu behaupten. B eide Ström ungen stim m ten natürlich darin überein, daß die w ei­ ßen E uropäer den A frikanern, A siaten und am erikanischen Indianern überlegen seien, und daß eine eugenetische P o litik sich die Rassenverbesserung zum Ziel set­ zen müsse. A ußerdem zogen sie in Z w eifel, daß die slaw ische W elt sich jem als dem zivilisierten E uropa angleichen könnte. D er L ib yen krieg von 191148 und dann der Erste W eltkrieg49 spielten in diesem Zusam m enhang eine einschneidende R olle und trugen zu einer tiefen Verände­ rung bei. D er K riegsverlauf m it seiner hohen Zahl von G efallenen und Versehrten bereitete den B evölkerungsw issenschaftlern bald Sorgen. „Seit dem A usbruch des Ersten W eltkriegs nahm die Sorge um das biologische Schicksal der w eißen B evöl­ kerungen sehr zu. Da dem Krieg vor allem die jüngsten und stärksten M änner zum O pfer fielen und w eil U nzäh lige verletzt, erschöpft, unterernährt und krank zurückkehrten, w ürd e der Krieg nach A nsicht vieler Forscher das biologische

48 M it d er B e se tzu n g L ib y e n s un d der D o d e ka n e s, die d em zu sa m m e n b r e ch en d en O sm an ischen R eich entrissen w u r d e n , m achte sich auch in Italien ein liberaler Im perialism u s breit. Er m anif estie rte sic h einerseits als p o p u listisc h e r S o zia lim p erialis m u s , So k a m es b eze ich n e n ­ der w e ise ü b e r die F rag e der H a lt u n g z u m L ib y e n k r ie g zu einer A b s p a ltu n g der s o z ia lim p e­ rialistischen M in d erh eit d er Sozialistis ch en Partei Italiens und z u r G r ü n d u n g der reform isti­ schen sozialistisch en Partei Italiens unter F ü h r u n g Ivanhoe B o n o m is un d Leo nida Bissolatis. A u f der a nderen Seite b ar g der liberale Im peria lism u s in sich die W u r z e ln des kriegerischen N ation alism us. 49 B e k a n n term a ß en beteiligte sich Italien erst seit Ende M a i 1915 am Krieg.

R assism us als w issenschaftliche W elte rkläru n g

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Erbe der kriegführenden V ölker negativ beeinflussen.“50 „[N ach A nsicht Franco Savorgnans] w erden im gegenw ärtigen K rieg die jüngsten, gesündesten und stärk­ sten Individuen der w eißen Rasse getötet, die den auserw ählten Teil der M ensch­ heit darstellt“ . Das in tellektuelle N iveau der N eger liege „um zw ei G rad niedriger als das der W eißen, und das der A ustralier noch um einen G rad niedriger als das der afrikanischen N eger“51. D eshalb w erde die m enschliche Rasse als G anzes aus einem derartigen K rieg geschw ächt und verschlechtert hervorgehen. N icht alle sind so pessim istisch. Der Sanitätsoffizier Placido C onsiglio schlug beispielsw eise vor, die Front dadurch zur bew ußten Selektion zu nutzen, daß man A bteilungen von „neuropsychiatrich anom al ..., unvollständig und fehlerhaft E ntw ickelten“52 an die gefährlichsten Frontabschnitte schickte, um auf diese Weise die F ortpflanzung der genannten B ehinderten unm öglich zu machen. C orrado G ini zeigte keinerlei B eunruhigung über das M assensterben, denn er w ar da­ von überzeugt, daß „Kriege einerseits unverm eidliches Ergebnis der dem ographi­ schen E ntw icklungsgesetze [seien], w ährend auf der anderen Seite eben diese G e­ setze eine rasche B eseitigung der dem ographischen Schäden [sicherstellten] und sogar eine gew isse V erbesserung der neuen G enerationen nicht völlig ausschlös­ sen“53. Pessim isten und O ptim isten, die Verfechter der G eburtenförderung und die Vertreter einer gem äßigten G eburtenkontrolle w aren sich jedenfalls darin einig, daß dem Staat die A ufgabe zukom m e, G esundheit und Kraft des Stam mes zu er­ halten. U m die m enschliche Rasse zu verbessern, „muß eine A usw ahl unter allen R assen oder m enschlichen Varianten getroffen w erden, die sich die H errschaft über Länder und M eere streitig m achen. W eil aber ohne Zweifel die sogenannten w eißen oder ,leukoderm ischen‘ Rassen körperlich und geistig am weitesten ent­ w ickelt sind, m uß ihnen die V orherrschaft gesichert, ihr O rganism us gesund er­ halten und ihre Intelligenz vervollkom m net w erden. D ies alles ist nur zu errei­ chen a u f Kosten der farbigen, der gelben und speziell der schwarzen Rassen “54. Es w ar kein Zufall, daß die R egierungsübernahm e d er Faschisten zu B eginn der 20er Jah re von der ad Ä oc-G riin d u n g verschiedener w ich tiger Institutionen be­ gleitet w ar, die der R assenpflege und -V erteidigung dienen sollten. Die „O pera nazionale m aternitä ed in fan zia“ (O N M I, Staatliches M utterschafts- und K inderhilfsw erk) und das ISTAT w urden 1926 ins Leben gerufen, gleich zeitig m it der

1,0 Maiocchi, Scienza italiana 12 f. 51 Francesco Savorgnan, La gu erra e la p op o laz io n e. S tudi di dem o gra fia (B o lo g n a 1918) 87, zit. ebd. 99 f. Placido Consiglio, 1 m ilitari a n o n n a li in guerra, in: R iv ista di a n tro p o lo g ia 20 (1915/16) 3 16; zit. nach: Pogliano, Eugenisti, ma con giudizio, a.a.O., in: Burgio, N e l nonie della razza 428 f. C o n s ig lio konnte seine T h eo rie n w ä h r e n d des L ib y e n k r ie g e s en tw ic keln , w o ihm S o l­ daten a nv ertraut waren , die u n te r K riegspsycho sen un d -neuro sen litten. 3'’ Maiocchi, Scienza italiana 13. >l Enrico Morselli, L’uccision e pietosa (l’eutanasia) in rapporto alia medic in a, alla m orale, e a ll’eugenic a (Turin 1923) 234 ( H e r v o r h e b u n g von mir).

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B ru n e llo M an telli

Verabschiedung der Sondergesetze, der sogenannten „leggi fascistissim e“, die die E tablierung des diktatorischen R egim es sanktionierten. Wie nicht anders zu er­ w arten, spielten die W issenschaftler, von denen bisher schon die Rede w ar (und andere, von denen noch die Rede sein w ird), eine zentrale R olle. Da Italien nun keine liberale, sondern eine faschistische M onarchie war, w urde natürlich auch die w issenschaftliche D ebatte vom Staat reglem entiert: M it der w ichtigen „H im m el­ fahrts-R ede“ M ussolinis vom 27. M ai 1927 w urde die G eburtenförderung zur offiziellen R egierun gslin ie erklärt. D am it hatte sich die R ichtung von C orrado G ini durchgesetzt, die in Slogans zum A usdruck kam w ie: „Die Zahl ist M acht“ und „Wenn w ir w en iger w erden, schaffen w ir kein Reich, sondern w erden eine K olonie“ . N aturw issenschaft und N aturw issenschaftler, allen voran M edizin und M ediziner, m achten sich zu instrumenta regni und übernahm en eine Sichtw eise, die man m.E. ohne jede Ü bertreibung nationalrassistisch nennen kann. „D ie S o z ia lm ed izin hat nach A nsicht der m eisten einschlä gig en W issen schaftler die A ufgabe, die w issen schaftlichen u n d praktis ch en E rgebnisse der versch ie denen b iologischen und soziale n Leh ren z u sa m m e n z u fa s s en , u m die p h y sisc h e G es u n d h e it aller Nationen zu s c h ü t­ zen, u m die A n f ällig k e it für K rank heiten u n d die S terb lic hk eitsrate der ganzen Menschheit zu verm in d e rn , die durc h sc h n ittlic h e L e b e n s e r w a r t u n g der ärm ere n Klassen zu erhö hen un d um die Spezie s zu v erbessern . . .. D em Faschism us dagegen liegt vor allem daran, die G e s u n d ­ heit der Italiener zu sch ützen , die A n fällig k eit für K rank heiten u n d die Sterb lichk eitsrate in Italien zu verm in d e rn , unser Volk zu stärk en un d unsere Rasse z u verbessern.“55

In Ü bereinstim m ung m it den ihm eigenen im perialen Plänen erw eiterte und ver­ vielfachte der Faschism us die w issenschaftlichen Institutionen, die sich m it der K olonialforschung befaßten, und regte die O rganisation von Kongressen und Ta­ gungen zu entsprechenden Them en an. Aus diesen Initiativen ging eine F ülle von Publikationen hervor, deren A nsatz sich im G runde kaum von den bereits z itier­ ten Thesen unterschied, die M anetta 60 Jah re zuvor vertreten hatte. „ A u f g r u n d m o d e rn e r w issen schaftlicher U n t e rs u c h u n g e n geht die M e h rh eit der Forscher davon aus, daß sich das P r in z ip d er .m enschlic h en V er v o llk o m m n u n g s f ä h ig k e it “ auf die h u n ­ dert M illio n en N e g e r u n d N e g r o id e nicht a n w e n d e n läßt. Ihrer A n s ic h t nach stehen diese m en schlic hen Rassen a u fgru n d versch ie dener b iologisch er U r s a c h e n trotz in tensiver ä ußerer E rz ieh u n g anschein en d auf einem p sych isch un d m oralisch viel niedrigeren N iv e a u als die w e iß e n R a ss e n .“36

D iese Sätze schrieb 1937 Bruno Francolini, D ozent für K olonialgeographie und -ethnologic an der U niversität N eapel. Eine herausragende R olle in der K olonial­ forschung spielte in jenen Jahren Lidio C ip rian i, der später M itglied des R ed akti­ onskom itees der Z eitschrift „Difesa della razza“ w urde. In zw ei 1932 veröffent­ lichten Texten57 legte er seinen Lesern eine summa des biologisch begründeten

” Giuseppe Mastrocchio, M e d icin a fascista e medic i fascist!, in: A rc h iv io fascista di medic in a politic a 4 (f 930) 122 ( H e r v o r h e b u n g im O rigin al), zit. nach: Maiocchi, Scienza italiana 61. 56 Bruno Francolini, A fr ic a oggi. A sp etti e p rob lem i della c o lo n iz z a z io n e eu ro pe a (Bologna 1937) 115, zit. nach: Maiocchi, Scienza italiana 159. 57 Lidio Cipriani, C o n s id e ra z io n i sopra il passato e l ’avvenire delle p o p o laz io n i africanc (F lo r en z 1932); ders., In A fric a dal C a p o al C a ir o (F lo ren z 1932).

R assism us als w issenschaftliche W e lte rk läru n g

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R assism us vor, dessen L eitm otiv die „Existenz einer grundlegenden bio p sych o lo ­ gischen V erschiedenheit der N eger und W eißen“ ist38: „ N ic hts von un serer Zivilisatio n ist in S ch w a r z a frik a w irk lic h v e r w u rz e lt und w ir d sieh auch nie ve rw u r z e ln ; und zu glau ben, eine p sych isch den höheren R assen u n terlegene m enschlic he R asse durc h E rz ieh u n g d auerhaft an die se Zivilisatio n h era n zu fü h r en o der auch n ur a n ­ n ähern zu kö nn en , ist a b su rd . . . D ie Z ielstre big keit von E rgebnissen un d die daue rn d e n In no vatio nen, w ie sie unsere Zivilisatio n ch arakterisiere n, scheint an eine besondere A r t von G ehirn g e bu nden zu sein, die zu besitzen bisher nur die w eiß e R asse b ew ie sen h a t . . . W er die s c h w a r z e Seele kennt, kann nur lächeln angesic hts der von m anchen geäußerten utopischen Vorstellung, d a ß w ir m o rge n vo n Streitkräften zu L a n d u n d zu W asser ü b errascht w erd e n, von Ju s tizp a lä s ten , U n iv e rs itä te n un d W erkstätten, die als R esultat der G eh irn tä tigk eit der N e g e r entstanden sind . . . Bei den N egerrassen gre n zt die m entale U n terle g e n h eit d er Frau häufig an regelr echte B lödh eit, w esh a lb ge w isse V erhaltensw eisen zu m in d e st in A frik a oft ka u m m eh r etw as M e nsch lic he s h aben u n d sich sehr denen der T iere a n n ä h e rn .“59

Aus solchen A nsichten ging natürlich die Stigm atisierung jeder Form von M estizentum s hervor, gegen das die Strenge des Gesetzes und das Eingreifen des Staates gefordert w urde. D ie A nstrengungen der E ugeniker und A nthropologen, der D em ographen und Statistiker zur V erbesserung der italischen Rasse fand ein hervorragendes Ter­ rain der Erprobung und V erifizierung in den trockengelegten Pontinischen Süm p­ fen im südlichen Latium . D ie 1928 begonnene U rbarm achung führte zu r G rün­ dung von vier neuen Städten: L itto ria (das heutige L atina), A p rilia, Pontinia und Sabaudia, in denen vor allem M enschen aus der östlichen Poebene von Venetien und dem Friaul angesiedelt w urden. In A nw esenheit M ussolinis referierte am 8. M ärz 1934 der (als Erfinder der drahtlosen Telegraphie bekannte) N atu rw issen ­ schaftler G uglielm o M arconi als Präsident vor der V ollversam m lung des N ation a­ len Forschungsrats (C o n siglio N azionale delle R icerche, C N R ): „W ir bereiten eine U n t e r s u c h u n g ü b e r die E r n ä h r u n g der B e v ö lk e ru n g vor, die in den trockengele gten Po ntinischen S üm p fen , die sem gro ßen L a b o r a to riu m der H u m a n b io lo g ie , zusa m m e n gefa ß t ist. M it die ser U n t e rs u c h u n g ist eine u m fassen de Erfassung der s o m a t i­ schen u n d d e m o gra p h is ch en C h a r a k t e ris t ik e n d e r im m igrierten F am ilie n v erbu nden, u m die A n p a ss u n g an die neue U m g e b u n g zu erforschen. Die C h a r a k t e ris t ik e n jedes einzeln en I n d i­ viduu m s w e rd e n auf einer K a rteik arte z u sa m m e n g efa ß t, um daraus ein k o m m u n a le s A rch iv der Fam ilien zu b ild e n .“60

38 Maiocchi, S cien za italiana 162. 39 Die Zitate sta m m en aus: Cipriani, C o n s id e ra z io n i sop ra il passato e l’avvenire d elle p op olazioni africane, a.a.O. 17; ders., In A frica dal C a p o al C a iro , a.a.O. 594; ders., C o n s id e r a ­ zioni, a.a.O. 145; ders., In A fric a, a.a.O. 586.
224

B ru n e llo M an telli

Eine Fülle von K arteikarten w urde deshalb über die ehem aligen Tagelöhner aus Venetien und Friaul angelegt, die in den A gro Pontino gezogen w aren, um dort ein H aus und Land zum Bebauen zu finden. Zu den K arteikarten der O N M I über die K inder in jed er einzelnen Fam ilie und die des ISTAT m it den personenbezo­ genen D aten gesellte sich eine anthropom etrische Erfassung, die G ini angeregt hatte, und eine von N ico la Pende ausgearbeitete b iotypologische (von beiden w ird noch die Rede sein), außerdem eine anthropologische Studie, die Sergio Sergi6! m it N achdruck gefordert hatte, und schließlich die bereits erw ähnte U ntersuchung über die E rnährung, die von Sabato Visco entw orfen w urde. Wie Israel und N astasi62 hervorheben, tum m elte sich eine unglaubliche Zahl von F o r­ schern im A gro Pontino63, und ein großer Teil von ihnen sollte einige Jah re später aktiv an den seit 1938 vom Staat ergriffenen antisem itischen und rassistischen M aßnahm en m itw irken. Interessant (und buchstäblich haarsträubend) ist die B eschreibung der anthro­ pologischen K arteikarte, die dem G ehirn Sergio Sergis entstam m t: „Das an th ro p o g ra p h isch e B latt fü r jede E inzelp erso n . . . besteht aus einer K a rteik arte . . . in un tersch ie d lic h e r F arb e fü r die beid en Geschlechter. Sie en thält k u r z e A n m e r k u n g e n zu r A n a m n e se u n d M o r p h o p h y s io lo g ie d er Person, einige a n th ro p o m e trisc h e u n d a n t h r o p o g ra ­ p hische D aten, d a r u n ter die B lu tg ru p p e , die Fingerabdrücke u n d ein Ph oto . Ein k lein e r U m ­ sch lag die nt d a zu, eine H aarprobe a u f z u b e w a h r e n .“64

Das H auptinteresse bei der D atensam m lung galt der V erteidigung und Verbesse­ rung der Rasse und sicherlich nicht dem Schicksal des Individuum s, und daraus w urd e auch gar kein H ehl gem acht: „Die G esundheit des Einzelnen gew innt ... B edeutung, wenn sie vor allem in Funktion zur R assengesundheit gesehen w ird .“65 In diesem G eiste schlug C orrado G ini 1931 vor, eine „K arteikarte für A nthropom etrie und K onstitution“ einzuführen, „um qualitative und quan tita­ tive D aten über die som atische K onstitution der Eltern in [kinderreichen] F am i­ lien zu erfassen“66. Ziel dieser Erfassung soll es sein, physiologische und som ati­ sche M erkm ale herauszufinden, die hohe F ruchtbarkeit begünstigen. A uf diesem

61 A ls Sohn un d Sch üler vo n G iuse p p e Sergi hatte er den a n th ro p o lo gisc h en L eh rstu h l seines V aters an d er U n iv e rs itä t R o m inne u n d leitete das gleic h n a m ige Institut. 62 Israel, Nastasi, Scienza e razza 151 ff. 63 A u c h A lfre do N ice fo ro fehlte nicht. 64 Sergio Sergi, Le s cienze a n tro p o lo gic h e in Italia du ra n te l’a nn o X III E. F., a.a.O ., zit. nach: Israel, Nastasi, Scienza e r a zza 541 ( H e r v o r h e b u n g e n von mir). 65 Pietro Petrazzani, R ecen sio n e al p r im o n u m ero della n uo va rivista „A rch iv io fascista di m ed ic in a p o litica “, in: R ivista s pe rim en tale di freniatria 52 (1927) 3 0 7 f.; zit. nach: Ferruccio Giacanelli, Tracce e p ercorsi del r a zzis m o nella psich iatria italiana della p rim a m etä de] N o ­ vecento, in: Burgio, N el n o m e della ra zza 399 f. 66 C orrado Gini, N u o v i risultati delle indagin i sulle fam ig lie n um e ro se italiane, in: Atti d e ll’ Ina. C o n f e re n z e di C u lt u r a A ssic u ra tiv e d e l l’anno 1931, 4 (R o m 1932) 47; zit. nach: Israel, Nastasi, Scienza e r a z z a 132. I N A ist die A b k ü r z u n g fü r Istituto n az ion ale delle assicura zio n i (Staatliches Versic herungsin stitut).

R assis m us als w issen schaftliche W e lte rk läru n g

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Weg trifft die im perialistische D em ographie G inis auf die B iotypologie des M en­ schen, die N icola Pende en tw ickelt hat, ohne Zweifel der w ichtigste Vertreter des w issenschaftlichen Rassism us in seiner italienischen A usprägung. Pende versucht die U ntersuchung der M enschentypen auf biom etrischer und anthropom etrischer G rundlage m it den Ergebnissen der E ndokrinologie zu verbinden und kom m t zu einem K onzept des B io typ us unter vier eng m iteinander verknüpften A spekten: m orphologisch, hum oral-dynam isch, m oralisch und kognitiv. D araus leitete er eine präzise operative H andlungsanleitung ab: D urch die E rstellung der zitierten biotypologischen K arteikarten sollte die B evölkerung bis in kleinste erfaßt w er­ den, um daraus eine B io p olitik zu r R assenverbesserung abzuleiten: „D ie N a tu rw is s en sc h a ft fu ßt a uf der E rforschu ng d er M ensch en , die als Zellen des großen G esellsch aftsorgan ism u s betrachtet w erd e n , u n d m u ß in einer Epoche, die so realistisch und natu ralistis ch ist w ie die un srige , die R e g ie re n d e n le iten . . . Kein B ü r g e r darf aus freier W ill­ kü r d em L eb en des Staatsgan zen z u m Sch aden gereic hen. W enn dies der Fall w äre, w ü r d e er zu r b ösartigen Zelle eines Tumors, d e r sich d e r L eb e n s n o tw e n d ig k e it der G esam th eit des m enschlic hen O rg a n is m u s entzie ht un d seine S tabilität un d V italität b e d r o h t.“67

O ffensichtlich ist der zugleich naturalistische und organizistische A nsatz: „Die m o d e rn e ratio nale un d soziologisc he P o litik, die . . . nicht m ehr m eta p h ys is c h , m ystisch o d er idealistisch b egrü n d e t w ir d , s on d ern a uf der T atsach en grun dlagc d e r B iolo gie und der H u m a n b io p s y c h o lo g ie fußt, m u ß es als zentrale A u fg a b e jedes Staates b etrachten, der w ie der unsere auf eine id eale O r g a n is a tio n abzie lt, die Q u a litä t seiner B ü r g e r zu verbessern ... [Zu die sem Z w e ck ] m uß die [b io ty p o lo g isc h e ] K arteik arte die P s y c h o p h y s is der norm ale n, der sub m o r b id e n un d p r ä m o r b id en Persö n lic h k eit in ih rer G esam th eit erfassen, u m als p e r ­ sönliche D o k u m e n ta tio n des je w e ilig e n B io t y p u s z u m Z w e c k e d er O rth o gc n e sc zu dienen. Diese K a rteik arte m uß z u r G r u n d la g e d er staatlichen A u fz u c h t d er K le in kin der, K in der und J u g e n d lic h e n bis z u m E rw ac hse ne nalte r w e rd e n , und sie w ird das w irk lic h entscheid ende D o k u m e n t für Identif ik atio n, G esun dh e it u n d B e w e rt u n g des Bü rgers sein, d e r . . . eine w a h rh a ft p ro d u k tiv e Zelle sein m uß , die sich h ar m o nisc h un d einv erständig in das Z ellganze des von M u s s o lin i ge schaffenen Staates e in fü g t.“68

In ihren G rundannahm en beherrschten diese Theorien im übrigen vom A usgang des 19. Jahrhunderts bis in die vierziger Jah re des 20. hinein die w issenschaftliche W elt, und es kann deshalb kaum verw undern, daß die G esetze von 1938 dam it u n ­ schw er zu vereinbaren w aren. Ä hnliche T heorien w aren bekannterm aßen in der ganzen w estlichen W elt verbreitet, und jede nationale T radition w andelte sie nach ihren B edürfnissen ab. Es versteht sich von selbst, daß der Rassism us der italien i­ schen W issenschaftler nicht eine bloße Kopie dessen war, was deutsche, angel­ sächsische oder französische Kollegen zu sagen hatten, aber er w ar auch nicht

67 Nicola P e n d e , Bcmifica u m a n a r azio nalc e b io lo gia politic a ( B o lo g n a 1933) 7 u n d 39; zit. nach: M aiocchi, Scienza italiana 47 f. 68 Ebd., und: L a schcda biotipo logich a in d iv id u a le nella m edicin a preventiv a e nella politica sociale, in: A tti della Sips, X X V I riu nion e, Venezia 12-18 settem bre 1937, 5 ( R o m 1938) 283 f.; un d: L a cartclla b io tip o lo g ica o r to gen etica in div id uale, q u ä le fo ndam ento d e lla m e d i­ cina preventiv a e della bonifica della stirpc, in: ebd. 1 ( R o m 1938) LII; zit. nach: Isra el , Naslasi, Scienza e razza 1401.

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Bru nello M antelli

grundlegend verschieden. Ü berall näm lich bezog man sich auf dieselben Ideen, L eitprinzipien, Forscher und T heoretiker, zu denen, um nur die w ichtigsten zu nennen, C harles D arw in, H erbert Spencer, Cesare Lom broso, Francis G alton und M ax N o rd au69 gehörten.

69 M a x N o r d a u w a r das P s e u d o n y m von S im o n M a x im ilia n Siidfeld, d e r 1882 an der S o r­ b o n n e m it einer A r b e it ü b e r die „K astration der F r a u “ bei d em b erü h m te n F o rsch er und A r z t J e a n -M a r t in C h a rc o t p r o m o v iert w o r d e n war. 1892/93 veröffentlichte Südfeld unter d em N a m e n M ax N o r d a u ein zw e ib ä n d ig e s W erk un ter dem T itel „ E n ta rtu n g“ (Berlin ), das in viele Sprachen üb erse tz t w u r d e u n d in vielen, g a n z u n tersch iedlichen k u ltu re llen Kreisen gro ß en Einfluß ausübte. Sch on in seiner ersten A u sga b e erschien das W erk mit einer W id ­ m u n g für C e sa r e L om b roso.

Hans-Ulrich Thamer Der öffentliche Um gang mit der Vergangenheit im deutschen und italienischen N ationalstaat G eschichtsbilder sind M edien der Selbstverständigung einer G esellschaft. D ie K onstruktion und Popularisierung von G eschichtsbildern sind geeignete R es­ sourcen für die E ntfaltung p olitischer Identitäten und N orm en m it dem Ziel der politisch-sozialen Integration. Sie transportieren Ideale und Z ielvorstellungen, mit denen sich politisches H andeln rechtfertigen läßt und mit denen in dividuelle L o yalitäten und Interessen auf regionale und nationale G em einschaftsform en be­ zogen und verpflichtet w erden sollen. D ie K onstruktion und V erm ittlung von G eschichtsbildern ist som it Teil eines V ergem einschaftungsvorganges, in dem sich das Selbstverständnis einer N ation oder einer anderen politischen O rdnungsform konstituiert. Das gilt besonders für die Epoche der N ationalstaaten, die ihre L eg i­ tim ation auf das historische A rgum ent stü tzen 1. U nser T hem a läßt sich auf vielfache W eise behandeln. Einmal als eine R eko n ­ struktion des nationalen G eschichtsdiskurses, d. h. als Frage nach dem Einsatz von G eschichte als A rgum ent zur L egitim ation der nationalen G em einschaft. Ver­ gangenheit in diesem K ontext kann w eit zurückliegende, zu einem M yth o s gero n ­ nene Zeiten m einen, die in der R egel positiv konnotiert sind. Zum anderen kö n ­ nen w ir in einem engeren Sinne V ergangenheit als Frage nach dem politischen U m gang m it der besonders belastenden nationalsozialistischen bzw. faschisti­ schen V ergangenheit der beiden postdiktatorialen Staaten D eutschland und Italien verstehen und folgen dam it dem öffentlichen Sprachgebrauch vor allem in D eutschland, der V ergangenheit auf die Zeit der N S-D iktatur reduziert und die E rinnerung daran nach einer langen Phase der T abuisierung fast zu einer negativen Identität der D eutschen m acht. D och w id ersp rich t eine solche R eduktion der G e­ schichtskultur auf die Zeit der beiden faschistischen D iktaturen allen geschichts­ wissenschaftlichen E rkenntnissen über den historischen O rt der beiden Faschis­ men, die eben keine Insel oder „Parenthese“ (D e Felice) im Fluß der G eschichte

1 Vgl. d a zu d ie Ergebnisse d er neueren N a tio n a lis m u s - F o r sc h u n g . Z u sa m m en ge fa ß t bei H a­ gen Schulze, Staat un d N a tio n in der euro p ä isc h e n G eschic hte (M ü n c h e n 1994); Benedict A n ­ derson, D ie E rfin d un g d er N a tio n . Z u r K arrie re eines erfolgreich en K o nze ptes ( F ra n k fu r t a.M. 1987); Etienne Frangois, Hannes Siegrist, Jak ob Vogel (FIrsg.), N a tio n und Em otion. D eutschland und F ran kreich im Vergleich (G ö ttinge n 1995).

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H an s-U lrieh T h am c r

des 19. und 20. Jahrhunderts darstellten und sich um gekehrt auch einem Bündel von V ergangenheitskonstruktionen zur R echtfertigung der eigenen H errschaft bedienten, die sich w iederum mit älteren, vor-faschistischen B ildern von G e­ schichte berührten bzw. überschnitten. Ü berdies w aren diese frühen nationalen G eschichtsbilder, die in die Faschism en hineingewachsen w aren, nach 1945 nicht etw a verbraucht oder völlig d iskred itiert, sondern sie lebten w eiter und w urden im Sinne der These, daß es sich bei den Faschism en nur um eine Parenthese oder einen B etriebsunfall gehandelt habe, zur A nknüpfung an eine scheinbar unbeschä­ digte V ergangenheit revitalisiert. D ie nationalen M ythen und V ergangenheitskon­ struktionen, um die es vergleichend gehen soll, w aren darum fester Bestandteil des politisch-gesellschaftlichen Prozesses der beiden Verfassungs- und G esellschafts­ system e und ihres jew eils historisch begründeten Selbstverständnisses. D arum soll die Frage nach den V ergangenheitskonstruktionen als K om bination und Ü berlagerung der beiden skizzierten A nsätze behandelt werden. Ü berdies w ird ein V ergleich der beiden politischen K ulturen und ihres U m ganges m it der Ver­ gangenheit angestrebt, um gem einsam e G rundm uster in der K onstruktion und V erm ittlung von G eschichtsbildern, aber auch charakteristische A bw eichungen oder U ngleichzeitigkeiten herauszuarbeiten, die einen B lick auf die jew eilige po­ litische K ultur erlauben. D ie R epräsentation der V ergangenheit durch die E rzählung von G eschichte ist konstitutiver Bestandteil im Prozeß der E rfindung der N ation. Z wischen N ation und G eschichte, aber auch zw ischen N ation und M ythos gibt es eine innere Ver­ w andtschaft2. D ie erzählte V ergangenheit soll den N ationen die L egitim ation durch ihre verm eintlich lange D auer sichern und ihre G ründung in eine w eit zu ­ rückliegende V ergangenheit rücken bzw. Ereignisse dieser V ergangenheit in ein K ontinuum m it der jew eiligen N ationsbildung stellen. D ie historische B egrün­ dung des Strebens nach Stiftung und V ollendung nationaler E inheiten führt zur A usw ahl bestim m ter Ereignisse und B egebenheiten, die in besonderer W eise die Einheit der N ation darstellen und begründen können. D iese ausgew ählten B ilder von der Vergangenheit, die durch verbale w ie durch n icht-verbale K om m unikation verm ittelt w erden, verw andeln die historischen Ereignisse in Z eichen- und D eutungsangebote, lassen aus F iktionen N orm en ent­ stehen. Das R eservoir dieser B ilder von V ergangenheit ist nicht unbegrenzt und w iederh o lt sich offenbar im m er wieder. Das schafft V ertrautheit beim Publikum und verstärkt bzw. garantiert die Fähigkeit von B ildern, überhaupt ein Publikum zu erreichen. Was sich angesichts des begrenzten R epertoires an B ildern von Ver­ gangenheit ändert, sind nicht die E reignisse, die beschw oren w erden, w ohl aber die D eutung und die F unktion, die sie in einem jew eiligen K ontext annehmen.

2 Etienne Francois, H a g e n Schulze, Das e m o tio n a le F u n d a m en t der N a tio n en , in: Monika Flacke (H rs g .), M y t h e n der N a tio n en . Ein eu ropäisches P an oram a. Eine A u s ste llu n g des D eu tschen H istorischen M u s e u m s u n te r der S ch irm herrsch aft von B u n d e s k a n z le r Dr. H e l­ m u t Kohl (Berlin 1998) 17-32; im fo lg enden zitiert: M y t h e n d er N ation en .

D er öffentliche U m g a n g mit der Vergangenheit

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Die E rzählung von G eschichte richtet sich auf Them en und E reignisse von M it­ telalter und N euzeit, die ihren E rinnerungsw ert dadurch behalten, daß sie sich auf ein N orm engefüge einer G em einschaft beziehen lassen. M it der Entstehung von N ationalbew egungen und N ationalstaaten ist die E rzählung von V ergangenheit in der R egel auf die N ation bezogen und dam it auf die Schaffung von nationalen Z ei­ chen und Sym bolen. M it dem W andel und den Brüchen der politischen K ulturen können die nationalen B ilder von Vergangenheit sich überlagern, aber sich auch in einem vielschichtigen Prozeß ablösen. Sie können auch m iteinander konkurrieren, wenn es innerhalb einer G esellschaft divergente bzw. antagonistische A uffassun­ gen über die L egitim ität der politisch-sozialen O rdnung gibt. Die R epräsentation von V ergangenheit kann dann dazu dienen, einer bestim m ten Sicht der sozialen und politischen W elt A nerkennung zu verschaffen3. D abei kann es zu Sym b o l­ käm pfen kom m en4. B eispiele für sym bolische Kämpfe zw ischen den verschiede­ nen politischen T eilkulturen um die ku lturelle D eutungsm acht finden sich im D eutschen K aiserreich ebenso w ie im Liberalen Italien zw ischen 1870/71 und 1914, noch sehr viel ausgeprägter und unverm ittelt nebeneinander stehend etwa in der W eim arer R epublik. Daneben kann es zu A blösungen und Ü berlagerungen von B ildern durch historische U m brüche kom m en. Eine solche Zäsur in beiden N ationalstaaten bedeutet der U ntergang der beiden national-faschistischen Füh­ rerdiktaturen des D ritten Reiches bzw. des Staates M ussolinis, die beide in nationalistisch-im perialer Ü bersteigerung an das überlieferte R eservoir der N atio n al­ bilder anknüpften und nach 1945 zu N euorientierungen oder zu U m deutungen in der historischen B egründung nationaler Identität herausforderten. W elche Ver­ gangenheit sollte in den beiden postfaschistischen G esellschaften rekonstruiert und erzählt w erden? D ie nationale E rzählung w ar durch ihre Instrum entalisie­ rung für die E roberungs- und V ernichtungspolitik d iskreditiert und konnte nach 1945 auf der öffentlichen Ebene nur durch eine A rt norm ativer A bgrenzung er­ zählt w erden, indem nur bestim m te Teilbereiche der nationalen T radition auf­ gegriffen w urden, w ie etw a der A ntifaschism us, oder indem andere scheinbar unbeschädigte T raditionen w ied er aufgenom m en w urden, die nach verbreiteter M einung nicht vom N ationalsozialism us bzw. vom Faschism us o kk up iert und korrum piert w aren. Eine w ichtige R olle bei der V erm ittlung von Vergangenheit zum Zw ecke der nationalen M ob ilisierun g und Integration spielen die M edien, die dafür eingesetzt werden. D azu gehören Schulbücher, historische R om ane und Sachbücher, Feste und Feiern, M alerei und D enkm äler, M useen und A usstellungen, M usik, T heater und Film . Sie haben eine je unterschiedliche soziale R eichw eite und schichtenspe­ zifische W irkungsm öglichkeit. D ie Intensität ihrer Botschaften nim m t durch Ver­ 3 G ru n d sä tzlich e Ü b e r le g u n g e n u n d Beispiele dafü r bei M an u el Borutta, D ie K u lt u r des N ation ale n im L ib eralen Italien. N a tio n a le S y m b o le un d R itu a le in R o m 1870/71 u n d 1895, in: Q u e lle n u n d Fo rsch un gen aus italienischen A rc h iv e n u n d B iblio th eke n ( Q F I A B ) 79 (1999) 48 0 -5 2 9 , 4 8 5 f., im folgenden zitiert: B orutta, K u ltu r des N ation alen. 4 Pierre B ou rdieu , S o zia le r R a u m und soziale M ach t, in: P ierre B ou rdieu , J. C. Passeron, Rede u n d A n t w o r t (F ra n kfu rt a.M . 1992) 149.

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H a n s -U lr ic h T h a m e r

netzung und M ultim ed ialität zu und ist überdies von zeitspezifischen W ahrneh­ m ungsform en bestim m t. Es sollen für die erste U ntersuchungsphase, d.h . für das deutsche K aiserreich und den liberalen Staat Italiens bis zum Ersten W eltkrieg vor allem Zeugnisse der bildenden Kunst, M alerei und der G raphik herangezogen w erden, die neben den D enkm älern zu den w ichtigeren zeitgem äßen Form en nationaler Ikonographie gehörten. Bezogen auf ihre Trägerschichten w aren sie vor allem zentraler Bestanciteil der p o litisch -kulturellen Selbstverständigung des B ürgertum s5. Daneben gab es populärere M edien, die auch für ein breiteres P ub li­ kum zugänglich w aren und deren A n alyse auch den Weg zu einer so zialgeschicht­ lich differenzierten R ezeptionsgeschichte eröffnen kann. D azu gehören Feste und Feiern, populäre D ruckerzeugnisse w ie B ilderbögen oder Panoram en. Für die Z w ischenkriegszeit sollen A usstellungen als E rinnerungsorte auf Zeit und als B e­ deutungsträger ausgew ählt w erden, die im Z eitalter neuer audiovisueller M edien dem A nspruch einer D em okratisierung der B ilderw elten und ihrer Verm ittlung am besten entsprachen und die an die Stelle der m ittlerw eile stark diskreditierten H istorienm alerei traten6. Für die beiden auf M assenm obilisierung und M assen­ konsens zielenden national-faschistischen B ew egungen und D iktaturen kom m en als charakteristische A usdrucks- und V erm ittlungsform en zusätzlich politische M assenrituale hinzu, die sich in aufdringlich er Form historischer Versatzstücke bedienten und Sym bole und Zeichen aus den verschiedensten H erkunftsbereichen in tegrierten 7. Für die zw eite N ach kriegszeit bietet sich eine noch größere B and­ breite von V erm ittlungstechniken und Form en an, von der klassischen Form der L iteratu r und P ub lizistik bis hin zu den m odernen visuellen und elektronischen M assenm edien. Folgt man dem Befund der B erliner A usstellung „M ythen der N ation en “ (1998), so ist es jew eils ein B ündel von Ereignissen, die in den verschiedenen M e­ dien als H auptthem en der E rinnerungskultur verm ittelt w erden. Es sind im deut­ schen nationalen D iskurs fünf E reignisse, die im m er w iederkehren: die Schlacht im T eutoburger W ald (9 n. C hr.), der Tod des Stauferkönigs F riedrich B arbarossa (1190), die V erbrennung der B annandrohungsbulle durch M artin Luther (1520), die V ölkerschlacht bei L eip zig (1813) und die K aiserproklam ation in Versailles (1871)8. D ie Botschaft, die von diesen Schlüsselereignissen in der nationalen Ge­ schichtserzählung ausging, w ar einfach: A rm inius, der B efreier G erm aniens, w urd e zur Sym b o lfigur im K am pf gegen das Welsche, W estliche. Er fand sich im

5 Vgl. Frank Becker, Bilder v o n K rie g und N a tio n . D ie E in igu n gskrie ge in d er b ürgerlichen Ö ffen tlic hk eit D eu tschla n ds 1864-1913 ( M ü n c h e n 2001), im fo lg enden zitiert: Becker, Bilder v o n Krie g u n d N ation . 6 D a zu jetzt z u sam m e n fasse nd C hristoph K ivelitz, Die P ro p a g a n d a a u s s tellu n g in eu ro ­ päischen D ik ta tu re n . K o nfro n tatio n un d V ergleich: N a tio n a ls o z ia lis m u s in Deutschland, F a sc hism us in Italien u n d d ie U d S S R d e r Stalin zeit (B o c h u m 1999). 7 H ans-U lrich Thamer, Po litisc h e R it u a le u n d p olitisch e K u ltu r im E u ro p a des 20. J a h rh u n ­ derts, in: J a h r b u c h fü r E u rop äisch e G eschic hte 1 (2000) 79-97. 8 Monika Flacke, D ie B e g r ü n d u n g der N a tio n aus der Krise, in: M y th e n der N a tio n 101— 128.

Der öffentliche U m g a n g m it d er V ergangenheit

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heroischen G estus auf G edenkm ünzen, auf Schm uck und G edenkblättern, auf Ö lgem älden und auf D enkm alsentw ürfen, bis er schließlich auf einer Berghöhe bei D etm old eine ikonographisch endgültige Form annahm . An den im K yffhäuser schlafenden K aiser B arbarossa knüpfte sich die E rw artung auf W iederkehr der R eichsherrlichkeit. Die V erbindung des nationalgesinnten schlafenden Kaisers m it m onarchischen Sym bolen brachte u .a. ein K upferstich von W ilhelm von K aulbach9 zum A usdruck, aber auch im K yffhäuser-D enkm al10 in T hüringen ge­ hen der erw achende Barbarossa und der sich über ihm befindliche W ilhelm I. zu Pferde eine national-m onarchische Sym biose ein. W ie w eit der B arbarossam ythos reichte, zeigte die V erw endung durch A dolf H itler, der den A ngriff auf die So­ w jetunion im Som m er 1941 als „U nternehm en B arbarossa“ tarnte. Im L utherbild des 19. Jahrhunderts schließen sich gleich m ehrere D eutungsstränge zusam m en: der Freiheitsheld der A ufklärung, der Stifter einer N ation alreligio n , die V erkörpe­ rung bürgerlicher Tugenden. N eben zahlreichen G em älden und Stichen w ar es in diesem Fall das W artburgfest vom 18. O ktober 1817, das als erstes N ationalfest das Lutherbild w irkun gsvo ll verbreitete und auf diese Weise eine politische Figur schuf, die Protestantism us und deutsche N ationsw erdung m iteinander ver­ knüpfte. So fand sich Luther am Ende des 19. Jahrhunderts in der G esellschaft von A rm inius bis B ism arck unter der deutschen Eiche und auf den Sam m eltassen. A uch in den B ildern von dem B efreiungskrieg verbinden sich drei ikonographische T raditionen: 1. die D arstellung der O pferbereitschaft des gesam ten Vol­ kes, 2. das A ufgebot der F reiw illigen und 3. deren Einsegnung. Bei A do lf M enzel in seiner Lithographie „V iktoria“ von 183611 w erden der Sieg und das O pfer der Toten bzw. V erw undeten für das V aterland gefeiert. Bei M enzel geschah dies in einer bürgerlich-egalitären Form ohne die D arstellung von H ierarchien; in einem Schlachtengem älde von Johann Peter K rafft12 w urden Feldherren zu Pferde deut­ lich hervorgehoben und dam it soziale R angunterschiede im m onarchisch-aristo­ kratischen Sinne betont. N och einm al w urde 1913 m it dem V ö lkersch lach tden k­ mal in L eip zig der B efreiungskrieg zum T hem a, diesm al durch die ästhetische G e­ staltung der M onum entalität und B lockhaftigkeit als A ufruf zur nationalen Sam m lung und G eschlossenheit. Für das vierte Them a des nationalen D iskurses, die K aiserproklam ation und R eich sgrün dun g in Versailles, gibt es ein alles beh err­ schendes Bild, die K aiserproklam ation von A nton von Werner, eine A uftrags­ arbeit m it offiziellem Charakter, das bald auch für m useale Zwecke, näm lich für

9 W ilhelm v o n K au lbach , Friedrich B arb arossa im Kyffhäuser, 1841, A bb . in: M y t h e n der N ation 109. 10 Vgl. G u n th e r Mai , „F ü r K aiser u n d R e ic h “. Das K a is e r -W ilh e lm -D e n k m a l a uf d e m K y f f­ häuser, in: ders. (H rs g .), Das K y f fh ä u s er-D en k m a l 1896-1996. Ein nationales M o n u m e n t im europäischen K o ntex t (Köln, W eimar, W ie n 1997) 149-178. 11 Adolph M enzel, V ic to ria !, 1836, A b b . in: M y t h e n d er N a tio n en 118. 12 J o h a n n P e te r K rafft, Sie gesm eldun g n ach d er Sch la cht bei L eipzig, 1839, A bb . in: M y t h e n der N a tio n en 119.

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H a n s -U lr ic h T h a m e r

das Zeughaus in Berlin, nachgeschaffen w u rd e 13. Es ist keine realistische A b sch il­ derung der Ereignisse selbst, sondern eine sym bolische D arstellung der p o liti­ schen K ultur und W ertm uster des K aiserreichs, das sich als eine festliche Ver­ sam m lung von Fürsten und G enerälen, als ein H eerlager und keinesw egs eine Z ivilgesellschaft darstellte. A nton von W erners Bild w ar der A usgan gspunkt für eine ganze Flut von B ildern, die alle die V erbindung von B ürgertum und M o n ar­ chie im Sinne des N ationalstaates propagierten und m it der N ation alisierun g auch eine M ilitarisieru n g der bildungsbürgerlichen Schicht zum A usdruck brachten bzw. verstärkten 14. D ie V erknüpfung der einzelnen nationalen B ilder und S ym ­ bole zu einer kontinuierlichen, aufeinander aufbauenden N ationalgeschichte, m eist als einer G enealogie deutscher A hnherren von A rm inius über Luther zu B ism arck, w urde bald zu einem beliebten Them a vieler Blätter, die in M assenauf­ lage rep ro duziert die G eschichte zur Vorgeschichte des K aiserreichs um deuteten. Sym bolische G egenw elten neben oder gegen die D om inanz der m onarchisch geprägten N atio n alku ltu r gab es auch im autoritären N ationalstaat Bism arcks und W ilhelm s. Das w aren einerseits regionale Traditionen und historische B ezüge, wie sie etw a in B ayern gepflegt w urden, andererseits der B ezug auf Erinnerungsorte und -ereignisse, die quer zur herrschenden politischen K ultur standen, etw a die E rinnerung an die R evolution von 1848, an die die dem okratische E m anzipations­ bew egung erin n erte15. Eine Flucht in den geschichtslosen O rt der N atur als A n t­ w o rt auf die m onum entalisierte nationale E rinnerung an die B efreiungskriege im Jah r 1913 bei der E inw eihung des V ölkerschlachtdenkm als in L eip zig bedeutete das gleichzeitig stattfindende Treffen der Jugen d - und Lebensreform bew egung im H erbst 1913 auf dem H ohen M eißner bei K assel16. M ittelalter und R isorgim ento w aren auch die E ckpunkte der italienischen nationalen G eschichtserzählung des 19. Jahrhunderts, angefangen m it der m yth i­ schen Ü berhöhung D antes und seiner U m deutung zum Propheten des R iso rg i­ m entos17. Zur Essenz des patriotisch gefärbten italienischen G eschichtsepos ver­ dichtete sich die sogenannte sizilianische Vesper von 1282, ein Topos, der sich ebenso vorzüglich zur B ehauptung des U nabhängigkeitsw illens gegen die Frem d­ herrschaft eignete w ie die nationale D eutung des „lom bardischen B undes“, des Sinnbildes für den vereinten K am pfesw illen gegen ausländische B edrohung. Zum 13 Anton v o n Werner, K a is erp r o k la m a tio n in Versailles, 1877, A bb . in: M y t h e n d er N a tion en

121 .

14 Vgl. Becker, Bilder von K rie g u n d N a tio n , passim. 15 V gl. Christina K lau sm ann , Ulrike R u ttm a n n , D ie Tradition d er M ä r z r e v o lu tio n , in: Lo­ th a r Gail (H rsg.), 1848. A u fb r u c h z u r Freih eit. Eine A u s ste llu n g des D eu tsc he n H is t o r i­ schen M u s e u m s un d d er Schirn K un sth alle F r a n k fu rt a. M a in z u m 150jährigen J u b ilä u m der R e v o lu tio n von 1848/49 (Berlin , F r a n k fu rt a.M . 1998) 159-183. 16 W infried M o g g e , J ü r g e n R eu leck e (H rs g .), H o h e r M e iß n e r 1913. D er Erste Freid eutsche J u g e n d ta g in D o k u m e n te n , D e u tu n g e n u n d B ild ern (K öln 1988). 17 D a z u als Ü b e r b lic k llaria Porciani, „Fare gli itali ani“ , in: M y t h e n d e r N a tio n 199-222; R e in h a r d Elze, P ie ra n g elo Schiera (H rs g.), Italia e G erm ania. Im rnagini, m odelli, m iti fra due p op oli n ell’ O ttocento: il M e d iev o . Das Mittelalter. A nsic hten , S tere o typ en u n d M y th e n z w e ie r V ö lk e r im n eun ze hn te n J a h rh u n d e rt: D eu tschlan d un d Italien (B olog na, B erlin 1988).

D er öffentliche U m g a n g m it der V ergangenheit

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dram atischen Volksaufstand w urd e der A ufstand in G enua 1746 stilisiert; die B ildsprache des frühen 19. Jahrhunderts erinnerte ganz an dram atische A ppelle der französischen rom antischen R evolutionsikonographie. Der H eld der H an d­ lung w ar ein Knabe namens B alilla. Er sollte nahtlos in die populäre B ildkunst E ingang finden bis hin zum R isorgim ento und zum italienischen Faschism us. Von den M useen des R isorgim entos in der R egierun gszeit C rispis bis hin zum F aschis­ mus reicht die W irkungsgeschichte dieses M ythos. Zugleich schuf das R isorgim ento seine ganz eigene B ild- und E rzähltradition, vor allem in der B eschw örung der Sym biose der dem okratischen und m on­ archischen E inheitsbew egung in G estalt des Treffens zw ischen dem K önig und dem dem okratischen H elden G aribaldi von Teano (1860) - ein italienisches Pen­ dant zu dem kaiserlichen und preußisch-deutschen R eichsgründungsm ythos, aber doch m it einem charakteristischen U nterschied: König und dem okratischer H eld begegnen sich ebenbürtig jeder auf dem Pferde, w ährend A nton von W erners H eerlager allein das m onarchisch-m ilitärische Elem ent hervorhebt18. Im gem einsam en R ückgriff auf die einheitsstiftende Erinnerung an das R iso rg i­ m ento kam auch die A m bivalenz der italienischen N atio n alkultur zum A usdruck. D ie sym bolische Inbesitznahm e von Rom als H auptstadt am 3. Ju li 1871 durch den K önig kopierte einerseits ein päpstliches R itu al des A m tsantrittes durch eine Prozession, an die nun ein festlicher F ackelzug zum Q uirin alsp alast als der neuen Residenz erinnerte, die einst Sym bol der w eltlichen M acht des Papstes war. Eine eigene national-m onarchische Tradition und L egitim ation w urde durch die gleichzeitige B erufung auf die G eschichte des R isorgim entos inszeniert: A uf der Piazza del Popolo w urden auf vierzehn großen H istoriengem älden Schlüsselsze­ nen des R isorgim entos von 1849 bis zum röm ischen P lebiszit von 1870 gezeigt, wobei die G eburt der N ation aus dem K rieg, ähnlich w ie bei A nton von Werner, im M ittelp un kt stand. V ittorio Em anuele w ar der H eld in der visuellen E rzählung der m ilitärischen und politischen A ktionen, nur einm al tauchte G aribaldi als sieg­ reicher Feldherr und dam it als K onkurrent auf, der sich freilich in dieser B ilderge­ schichte dann beim Treffen von Teano dem K om m ando des Königs unterw arf. R epublikanische E rinnerungsorte und -figuren, w ie etw a M azzin i und die Volks­ arm een, blieben in dieser m ilitärisch-m onarchischen B ildw elt völlig ausgeblendet. In der F igur G aribaldis zeigte sich die vielfache V erw endbarkeit des N atio n alh el­ den für eine politisch-soziale Identitätsstiftung, paßte er doch ebenso in das d y n a­ stische G eschichtsbild der M onarchie w ie in die republikanische T radition des R i­ sorgim ento, w ie sie später vor allem von der dann regierenden Sinistra beschw o­ ren w urde. A uch für autoritäre H errschaftsm odelle, etw a von M in isterp räsiden t C rispi, ließ sich der ehem alige D iktato r von Sizilien in A nspruch nehm en19. Die nationalen B ilder von der Vergangenheit, w ie sie uns im 19. Jah rh un dert in großen H istoriengem älden und populären B ilderbögen, auf D enkm älern und in 18 D azu Borutta, K u ltu r des N a tio n a le n , bes. 500 ff. 19 Zum G e s a m tz u sa m m e n h a n g Franz J. Bauer, N a tio n un d M o d ern e im geein ten Italien, in: G W U 46 (1995) 16-31.

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H a n s - U l r ic h T h a m e r

Festinszenierungen begegnen, stiften in der R egel eine V erbindung, eine im agi­ näre G em einschaft von V ergangenheit und G egenw art, indem sie dieser G egen­ w art eine fiktive V ergangenheit oder Vorgeschichte entw erfen, die als gem einsa­ m er B ezugspunkt anerkannt w ird : ein A k t der nationalen Einheit oder Befreiung, des nationalen A ufbruches oder A uferstehung. Die G eschichte bietet eine schein­ bar schlüssige A n tw o rt auf die Frage nach H erkunft, L egitim ität und B estim m ung der zu konstituierenden nationalen G em einschaft. Diese F orm ierung einer im agi­ nären G em einschaft basiert auf der Schilderung und D eutung einer V ergangen­ heit, die die K om plexität historischer E reignisse auf eine essentielle Botschaft re­ duzierte, m ithin einen M yth o s entw irft, der in der R egel freilich w irkun gsvo ller w ar als jede historische Forschung und D arstellung, w eil er einfache und sichere A ussagen versprach. D er B egründung p olitischer L egitim ität durch das historische A rgum en t dien ­ ten auch die G eschichts- und Propagandaausstellungen der Z w ischenkriegszeit, die sich allerdings teilw eise auch der fachw issenschaftlichen Expertise und R echt­ fertigung bedienten. A usstellungen w aren und sind O rte des ästh etisch -didaktischen Experim entes und reflektieren die veränderten W ahrnehm ungsbedürfnisse der m odernen W elt. Ihre N ähe zur G eschichts- und K ulturp o litik einer sp ezifi­ schen nationalen V erfassungs- und G esellschaftsordnung besteht seit ihren A n ­ fängen. Ihre zunehm ende D id aktisierun g in der Z w ischenkriegszeit ist Ergebnis zahlreicher R eform bem ühungen seit der V olksbildungsbew egung der Jah rh un ­ dertw ende. Zugleich knüpften sie an die w irtschaftlichen und sozialen L eistungs­ schauen an, w ie sie sich in den nationalen und internationalen Industrie- und G e­ w erbeausstellungen, vor allem in den W eltausstellungen, p ub likum sw irksam ent­ w ick elt hatten. A uch diese hatten sich zu ihrer Legitim ation oft des historischen A rgum entes bedient oder Produkte der bildenden Kunst als Sym bol einer vergan­ genen ästhetischen H o ch kultur zusätzlich eingesetzt. D ie politisch-integrativen M öglichkeiten, die in der B erufung auf eine gem ein­ sam e G eschichte und einen gem einsam en G egner liegen und die eine m oderne Präsentation durch eine A usstellung p ublikum sw irksam verm itteln könnte, suchte man auch in der von tiefen p o litisch -kulturellen G egensätzen zerrissenen W eim arer R ep ub lik zu nutzen. N ational-politische A ufklärun g sollte nach dem W illen der V eranstalter und auch in der W ahrnehm ung des Publikum s die h isto ri­ sche A usstellung zur Jah rtausen dfeier des Rheinlandes 1925 in Köln leisten und dabei das Eigene vom Frem den, dem Französischen, abgrenzen bzw. herausstellen. A uch die Z ugehörigkeit anderer G renzregionen, näm lich des Saarlands und D anzigs, zum R eich sollten durch historische A usstellungen im öffentlichen Be­ w ußtsein befestigt w erden. A n diese A usstellun gstraditio n und -argum entation konnte die nationalsozialistische G eschichtspolitik, die von einer V ielzahl m itein­ ander ko n kurrieren der Institutionen m it großem A ufw and betrieben w urde, an­ knüpfen20. Im W inter 1933 w urd e eine historische A usstellung über den deut­

20 H ans-U lrich Thamer, G esch ic hte un d P ro pag and a. K ulturh is to ris ch e A u s ste llu n g en in

D er öffentliche U m g a n g mit d er Vergangenheit

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sehen O sten präsentiert, die A usstellun g „Deutsches Volk - Deutsche A rb eit“ von 1934 deutete G eschichte ganz im Sinne überkom m ener nationaler G eschichtsbil­ der als eine A ufstiegs- und N iedergangsgeschichte, in der nun m it der „national­ sozialistischen E rhebung“ ein neuer A ufbruch und eine W iederanknüpfung an die historische Größe des M ittelalters und des friederizianischen Preußens gegeben war. D er Zw eck dieser G eschichtsausstellungen für die R epräsentation der D iktatur in D eutschland w ie m it längerem Vorlauf in Italien w ar eindeutig: Es ging unter A nknüpfung an nationalistische historische A rgum entationsm uster und m oderne A usstellungstechniken um die V erbreitung des B ildes einer geschlossenen natio ­ nalen Volks- und Leistungsgem einschaft, die sich in die K ontinuität der jew eiligen N ationalgeschichte einfügte und den A nspruch erhob, deren H öhepunkt und V ollendung darzustellen. Das w ar nicht nur ein angeordnetes Bild, sondern ent­ sprach den E rw artungen und A npassungsbedürfnissen verschiedener G ruppen der G esellschaft. V erm ittelt w urde dieses B ild - und auch das kam beim Publikum an - m it den m odernsten technischen audiovisuellen und ausstellungsästhetischen M itteln, die ihrerseits Beweis für den verm eintlich fortschrittlichen C h arak ter des Regim es und seiner technisch-industriellen M odernität waren. Doch dam it konn­ ten sie zugleich ausgesprochen regressive, antiem anzipatorische und inhum ane Inhalte transportieren. A us der unterschiedlichen G ew ichtung der historischen A rgum ente und der technisch-industriellen Elem ente dieser A usstellung lassen sich idealtyp isch drei Form en von A usstellungen herausarbeiten: erstens die hi­ storische A usstellun g im traditionellen Sinne, die m eist Them en und K onzepte der nationalen G eschichtstradition aufgriff, zw eitens die industrielle und soziale Leistungsschau, die sich auch des historischen A rgum entes bediente, freilich meist zeitgeschichtlich ausgerichtet w ar und sich auf die faschistische Parteigeschichte als Leitthem a konzentrierte, und drittens die reine Propagandaausstellung, die einzig und allein die M yth isieru n g der jew eiligen faschistischen Parteigeschichte betrieb. Them en und D eutungsm uster der historischen A usstellungen knüpften vor a l­ lem an das überkom m ene R eservoir nationalistisch-im perialer G eschichtsbilder an, denen w ir bereits im K aiserreich begegneten. W ährend die Titel der A usstel­ lungen diese scheinbar ungebrochene nationale K ontinuität suggerierten, w urde die eigentliche politische Botschaft m eist durch Schlußsequenzen oder durch das Verfahren der G egenüberstellung präsentiert und durch gestalterische M ittel ver­ stärkt. A usstellungen dieser A rt trugen bezeichnenderw eise Titel w ie „Ewiges D eutschland“ (1934), „Das deutsche A n tlitz im Spiegel der Jah rh un derte“ (1937) oder „D eutsche G röße“ (1940). V ergleichbar dam it ist die italienische A usstellun g „M ostra A ugustea della R om anitä“ (1937/38)21. Es w urden jew eils D urchgänge

der N S -Z eit, in: G G 24 (1998) 34 9 -3 8 1 ; im fo lg enden zitiert als T h am er , G esch ic hte un d P r o ­ paganda. Zum V ergleich H ans-U lrich T h am er , D ie R ep rä se n ta tio n d e r D ik tatur. G esch ic hts- u n d P ro pag andaausstellun gen im n ation als ozialistis ch en D eu tsc h la n d un d im faschistischen Ita-

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durch die deutsche und italienische G eschichte angeboten, von der germ anischen V orzeit bis zum N ationalsozialism us oder vom röm ischen Im perium bis zum neuen faschistischen Im perium M ussolinis. Im Falle der A ugustusausstellung w urd e die K ontinuität bzw. Identität durch Parallelisierung erreicht22. So erschien A ugustus als Feldherr und p olitischer Führer, aber auch als Schöpfer von W ohl­ stand und als Priester im D ienste einer R eligion. Dies aber w aren jene Q ualitäten, die in der faschistischen Propaganda auch M ussolini unterstellt w urden. D ie P ar­ allelität der charism atischen Führerherrschaft und die K ontinuität nationaler Ein­ heitsstiftung w urden in einem eigenen Saal der W iedergeburt des Im perium s durch die D arstellung des nationalen E inigungsw erkes V iktor Em anuels und M ussolinis inszeniert, die von antiken und m odernen Trium phbögen eingerahm t w aren. Eine M ussolinibüste durfte in deutlicher P arallelität zu A ugustusbildnissen nicht fehlen. Inhaltlich orientierten sich die historischen A usstellungen an tra­ ditionellen G eschichtsbildern des 19. Jah rh un derts, die nicht als spezifisch faschi­ stisch oder nationalsozialistisch zu kennzeichnen sind, sofern darunter eine ras­ senideologische und n ational-revolutionäre, gew altverherrlichende U m deutung der nationalen G eschichtstraditionen zu verstehen ist. Daß dies aber nicht die ein zig denkbare und m ögliche G eschichtsdeutung in den beiden D iktaturen war, die geschichts- und kulturp o litisch flexibel oder auch indifferent bzw. unausgeprägt genug war, um auch andere, nicht grundsätzlich ab­ w eichende national-konservative D eutungsm uster zu akzeptieren und propagan­ distisch zu nutzen, zeigen die erw ähnten nationalgeschichtlichen A usstellungen und die w enigen dazu p ublizierten Kataloge. Was dort zu lesen w ar oder in den A usstellungen durch Inszenierungen und Ensem blebildung insinuiert w urde, w a­ ren herköm m liche Interpretationsm uster, die von nationaler G röße, von M ach t­ staat und Kampf bzw. E roberung und Expansion handelten und oft von p rom i­ nenten H isto rikern verfaßt w aren. Im Falle der A ugustusausstellun g w ich man hingegen vom zeitgenössischen Forschungsstand ab und orientierte sich an n atio ­ nal-im perialen G eschichtsbildern, die in eine einfachere K ontinuitätslinie zum Staat M ussolinis zu bringen w aren. N ich t Fälschung, sondern einseitige A k zen tu ­ ierung w ar die D evise dieser G eschichtsinterpretation, w ährend sich in das tra­ dierte populäre nationalistische G eschichtsbild der N S-A usstellungen im m er m ehr rassistische Interpretationen einschlichen. D arstellungsleitende M uster w a­ ren in der N S-A usstellung m eistens dichotom ische G eschichtsbilder, etw a über die M achtentfaltung und A usdehnung des R eiches einerseits, über die nationale Z ersplitterung und den Verfall andererseits. Das Streben zum Reich, das seinen H öhe- und E ndpunkt in der E ntfaltung des D ritten Reiches fand, zog sich als roter Faden durch alle A usstellungen. R assenpolitische M otive bildeten nicht das eigentliche A usstellungsthem a, sondern dienten als Schlußsequenz einm al der

lien, in: C h r is to f Dipper, R a in er H u d em a n n , J e n s P etersen (H rsg.), F asc hism us un d Faschis­ m en im V ergleich. W o lfg a n g S ch ieder z u m 60. G eb urtsta g (V iero w 1998) 22 9 -2 4 6 . 22 D a z u ausfüh rlich F ried em a n n Scriba, A u g u stu s im S c m v a r z h e m d ? D ie M o str a A ugu stea della R o m a n itä in R o m 1937/38 (F r a n k fu rt a.M.' 1995).

D er öffentliche U m g a n g m it der V ergangenheit

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D eutung des M achtverfalls in der bisherigen G eschichte und der Legitim ation der neuen Politik des D ritten Reiches. In der A usstellung „N ürnberg - die deutsche Stadt. Von der Stadt der R eichstage zur Stadt der R eichsparteitage“ (1937 im G er­ m anischen N ationalm useum ) w urden in den Schlußsequenzen die N ürnberger R assengesetze von 1935 in eine K ontinuitätslinie zu r Vertreibung der N ürnberger Juden un ter Karl IV. gestellt und dam it die N S -P o litik als Ü berw indu ng der „zer­ setzenden jüdischen E inflüsse“ präsentiert, die für den M achtverfall seit dem spä­ ten M ittelalter verantw ortlich gem acht w urden, um dann die N S-Z eit als W ieder­ herstellung des Sinnes deutscher G eschichte zu feiern23. M it der A ugustusausstellung in der A nlage und These durchaus vergleichbar w ar die A usstellung „Deutsche G röße“ von 1940, die einen H öhepunkt natio nal­ sozialistischer A usstellun gspo litik darstellte und aufgrund ihrer politischen A us­ richtung und ihrer A usstellun gsd id aktik in der N S-Presse auch entsprechend ge­ feiert w urd e, da sie „zum ersten M al ausschließlich unter politischen G esichts­ punkten konsequent durchgeführt und nicht m ehr von halbherzigen K om prom is­ sen eingeschränkt w u rd e“24. D ie Them en w aren dieselben w ie in früheren A u s­ stellungen: deutsche M achtentfaltung im M ittelalter, O stexpansion von H anse und deutschem O rden, A ufstieg Ö sterreichs und B randenburg-P reußens und schließlich die R eichsgründung B ism arck, dazw ischen im m er w ieder „innere Z er­ setzung“ und „zerstörerische Ideen“ als G efährdung des R eiches. In dieser Linie des A uf und Ab bedeutete schließlich die E rlösergestalt A dolf H itler die V erhei­ ßung auf Stabilität und Dauer. Er habe, w ie der H isto rik er Fritz R örig begeistert im K atalog form ulierte, durch die „straffe Zusam m enfassung des R eiches dem deutschen Erbe im O sten ungeahnte M ö glich keiten “25 verliehen. In der Variante der A usstellung, die im besetzten B elgien gezeigt w urde, baute man die N S-E uropaideologie zusätzlich in die A rgum entation ein. O ptisch erfuhr die These von der G eschlossenheit eine V erstärkung durch eine einheitliche R aum gestaltung, die die O bjekte als B edeutungsträger auf optische E inheitlichkeit zurechtstutzte oder vergrößerte, indem man nicht m it dem authentischen O bjekt, sondern m it R ep li­ ken arbeitete, die sich entsprechend verändern ließen. Ich übergehe die Industrie- und Sozialausstellungen w ie die P ropagandaaus­ stellungen, die zw ar ausstellungstechnisch und didaktisch noch sehr viel aufw en­ diger und m oderner w aren und dam it an die Standards heranreichten, die die italienische „M ostra della R ivoluzione Fascista“ von 193226 gesetzt hatte, die aber wie diese sich allein auf die V erherrlichung der f aschistischen Parteigeschichte und des Führerm ythos konzentrierte und auf die E inordnung in die G eschichtstradi­ 23 Belege bei Thamer, Geschic hte un d P r o p a g a n d a 357. 24 Zit. ebd. 378. 23 A u s ste llu n g D eu tsche G röße. U n t e r der S ch irm he rrsch aft des Stellvertreters des Führerreichsm in isters R u d o lf H e ß veranstaltet von d er D ienststelle des B eauftragten des F ü h re rs für die Ü b e r w a c h u n g der gesam ten geistigen u n d w eltan sch a u lich en Sch u lu n g und E rz ieh u n g der N S D A P. D u rc h g e fü h r t vom A m t fü r S ch rif ttu m spfle ge (M ü n ch en 1940) 122. 2(> D a z u Marla Stone, Stagin g Fascism. T h e Exh ib itio n of the Fascist R ev o lu tio n , in: J o u rn a l of C o n t e m p o r a r y H is t o r y 28 (1993) 2 1 5-243 .

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H a n s - U l r ic h T h a m e r

tion verzichtete. Statt dessen setzte man auf die V erlockungen der Technik und der M assenzivilisation, die durch A usstellun gsd id aktik und -them atik den M o dern i­ tätsbew eis erbringen sollten. B licken w ir abschließend auf den U m gang m it G eschichte in der zw eiten N ach­ kriegszeit, so fällt grundsätzlich eine zunehm ende P luralisierung der M edien, der T hem en und D eutungs- bzw. A neignungsform en auf, die jede generalisierende A ussage erschw ert. G leichw ohl gibt es trotz m ancher abw eichender Position einen M ainstream , der in charakteristischer Phasenverschiebung und Intensität in der B undesrepublik D eutschland w ie in Italien zu finden ist. Einen hier nicht w ei­ ter zu behandelnden Sonderfall stellt die D D R -G eschichtspolitik m it ihren verordneten G eschichtsbildern dar, die nach anfänglichen Parallelen m it zunehm en­ der Stalinisierung und B ehauptung einer E igenstaatlichkeit einen eigenen Weg nahm en, der 1989 ein abruptes Ende ohne erkennbare N ach w irkun g fand27. A uf den ersten B lick w ar die A usgangslage für das nationale G eschichtsbe­ w ußtsein in D eutschland und Italien nach 1945 offensichtlich durchaus deckungs­ gleich. M an w ar m it einem abrupten Bruch in der nationalen G eschichtskontinui­ tät und den dort vorherrschenden Paradigm en konfrontiert. D ie G eschichte w ar zw ar nicht an ihr Ende gekom m en, aber die „G eschichtsm elodie D eutschlands“, w ie T heodor H euß es fo rm ulierte28, w ar völlig zertrüm m ert. N ationale Ge­ schichtsbilder, die durch die nationalsozialistische H yb ris zur R echtfertigung von E roberung und V ernichtung m ißbraucht w orden w aren und zu der These Hypo­ stasien w urden, der N ationalsozialism us sei die Vollendung der deutschen N ationalgeschichte, w aren zunächst vö llig d iskred itiert; A lternativen w aren nur m üh­ sam zu erkennen, da es aus der deutschen G esellschaft auch kaum W iderstand ge­ gen diese D eutungen und diese H errschaft gegeben hatte. Eine „E ntpreußung“ der deutschen G eschichte als Teil einer politischen E ntnazifizierung w ar seitens der Besatzungsmächte zunächst angesagt. Der N ationalsozialism us galt in U m ­ kehrung der positiven D eutung durch die N ationalsozialisten nun als logische K onsequenz der gesam ten deutschen G eschichte, die von Luther über Friedrich den G roßen und B ism arck bis H itler führte und eine einzige „M isere“ darstellte. A llenfalls die B erufung auf die ku lturellen Leistungen als „guten K ern“ der deut­ schen G eschichte, als G egengew icht gegen die G eschichte des M acht- und M ili­ tärstaates blieb. Friedrich M einecke, A ltm eister der deutschen G eschichtsw issen­ schaft, suchte einen A usw eg in der V erbindung von G eist und M acht und plä­ dierte für den p o litisch -kulturellen N euaufbau durch G oethe-Bünde. A uch Italien stand 1945 vor einem Bruch in der nationalen Identitätsgeschichte, nachdem der Faschism us den N ationalgedanken völlig für sich vereinnahm t und die eigene H errschaft unter breiter Z ustim m ung der italienischen G esellschaft als H öhepunkt der italienischen N ationalgeschichte gedeutet hatte. D och anders als 27 A u s d er u m fan greich en L ite ra tu r je tz t d ie kn ap p e Z u sam m en fassu n g von E dgar W olfrum , G esch ich te als W affe. Vom K aiserreich bis z u r W ie d erv e rein ig u n g (G ö ttin g e n 2001) bes. 5 6 146; fü r Italien J e n s P e te r s e n , W an d lu n gen des italien isch en N atio n a lb ew u ß tsein s nach 1945, in: Q F IA B 71 (1991) 69 9 -7 4 8 . 28 Z it. nach Wolf r u m , G esch ichte als W affe 57.

D er öffentliche U m g a n g mit der Vergangenheit

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in W est-D eutschland besaß die Tradition der R esistenza, die in der eigenen R he­ to rik und politischen Pädagogik der N ach kriegszeit sicherlich eine größere B e­ deutung und Brette besaß als in der historischen W irklich keit unter der faschisti­ schen D iktatur, eine große B edeutung für die W iedergew innung einer nationalen Identität, die an die freiheitlich-dem okratische T radition des R isorgim ento an zu­ knüpfen beanspruchte und sich als gem einsam er N enner für eine in sich hetero­ gene K oalition aus K atholiken, Liberalen und Kom m unisten anbot. „Die R esi­ stenza w urde zum G ründungsm ythos des neuen Staates und der neuen G esell­ schaft“29, indem sie sich auf das O pfer der antifaschistischen M ärtyrer und auf die W iederbelebung des A ktes der nationalen Befreiung berief. Das bedeutete auch eine Befreiung von den Traditionen der nationalen G eschichte des M achtstaates und eine H inw endung zur G eschichte der G esellschaft, des K atholizism us, der A rbeiterbew egung, aber auch U nsicherheiten im U m gang mit der G eschichte der N ation und des Staates. Zugleich schützte der zum M ythos erstarrte A ntifaschis­ mus vor der N o tw en d igkeit einer historisch-em pirischen B eschäftigung m it der faschistischen Vergangenheit. Indem der Faschism us zum O bjekt eines tausend­ fach beschw orenen A bscheus und einer rhetorischen D istanzierung w urd e und blieb, brauchte man nicht über die historischen Zusam m enhänge seines Entste­ hens und seiner H errschaftsm echanik einschließlich des breiten Konsenses, den die Führer-H errschaft M ussolinis gefunden hatte, nachzudenken und sich selbst unangenehm e Fragen zu stellen. D ie historische A ufarbeitung des Faschism us be­ gann erst in den 1970er und 1980er Jah ren , beispielsw eise durch historische Streit­ schriften oder durch historische A usstellungen über K ultur und W irtschaft der 1930er Jahre. D am it w aren die „Ferien von der G eschichte“, die 1945 eingesetzt hatten, zu Ende; es w ar die M ö glich keit eröffnet, „für die M assen ein kollektives G edächtnis zurückzu gew in n en “30. N ationale G egenm ythen, die sich durch W iderstand gegen den N atio n also zia­ lism us zusätzlich legitim iert hatten, gab es im N achkriegsdeutschland nicht, sieht man einm al von dem verordneten A ntifaschism us der D D R ab, der bis 1989 P o li­ tik und G esellschaft des anderen deutschen Staates erlaubte, sich auf die Seite der Sieger zu stellen, w o man m ehrheitlich doch zu den kleinen oder auch größeren T ätern bzw. V erantw ortlichen gehörte31. M it der A nerkennung staatlicher und sozialer K ontinuitätslinien über 1945 hinaus hat sich die B undesrepublik den u n ­ gleich schw ierigeren Part im U m gan g m it der N S-V ergangenheit aufgeladen. Das erforderte eine schw ierige Balance zw ischen einer norm ativen p o litisch -m o rali­ schen A bgrenzung vom N ationalsozialism us einerseits und einer Integration der M illionen von Individuen andererseits, die das D ritte R eich als M ittäter bzw. M it­ läufer oder auch in innerer D istanz überlebt und erlebt hatten, in die Staatsbürger­ gesellschaft der B undesrepublik. A uch w enn dieser Prozeß im R ückb lick trotz 29 P etersen , W an d lu n g en 711. 30 Ebd. 737. 31 A u s d er um fan greich en L ite ra tu r je tz t P e te r R eich el, V e rg a n g en h e itsb e w ältig u n g in D eu tschlan d. D ie A u sein an d ersetz u n g m it d er N S -D ik ta tu r von 1945 b is h eute (M ü n ch en 2 0 0 1 ).

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H a n s - U l r ic h T h a m e r

der vielen W idersprüchlichkeiten und Skandale im einzelnen als insgesam t gelun ­ gen bezeichnet w erden kann, können die hohen politisch-m oralischen Kosten dieses Integrationsvorganges, zudem es grundsätzlich keine A lternativen gab, nicht übersehen werden. G eschichtspolitisch entsprach dieser am bivalenten politischen Strategie der Versuch, die „schlechte“ T radition des D ritten Reiches von den unbeschädigten, positiven T raditionslinien der deutschen N ationalgeschichte zu trennen, was im K onkreten im m er w ieder zum Streit darüber führte, was zu diesem positiven Teil zu rechnen w ar und was nicht. G ehörten das B ism arck-R eich, die Traditionen Preußens dazu, oder sollte man trennen zw ischen einem hum anistischen, recht­ staatlichen Erbe und einer obrigkeitsstaatlich -m ilitaristisch en E ntw icklungslinie und ihrem W eiterw irken andererseits. W ie sollte man m it dem N ationalgedanken um gehen, der nicht nur durch die nationalsozialistische E roberungs- und Ver­ nich tungspo litik aufs Schw erste belastet war, sondern dem durch die deutsche Teilung auch der territo riale B ezugspunkt fehlte. Eine A n tw o rt auf dieses schw ere Erbe bestand im Verdrängen der Erinnerung an die N S-Z eit und auch in der Flucht aus der G eschichte. D ie politischen A n ­ knüpfungspunkte für eine Identitätsvergew isserung der bundesrepublikanischen politischen K ultur lagen in der B etonung gegenw ärtiger und zukü nftiger A ufga­ ben, im A ufbau eines V erfassungsstaates und eines funktionierenden parlam enta­ risch-dem okratischen System s, das die Fehler von W eim ar nicht w iederholen und das sich grundsätzlich von der zw eiten deutschen D iktatur der SED in der D D R abheben sollte. D er Versuch, die Erinnerung an den gescheiterten V olksaufstand in der D D R vom 17. Ju n i 1953 zu einem nationalen G edenk- und Feiertag zu m a­ chen32, scheiterte nicht nur an G ew ohnheiten der bundesdeutschen F reizeitgesell­ schaft, sondern auch an den konträren G eschichtsdeutungen und -bildern, die sich m it dem 17. Jun i verbanden. W ar es ein A rbeiteraufstand, in der T radition der dem okratischen A rb eiterb ew egun g, ein Volksaufstand m it dem Ziele einer B efrei­ ung von der SE D -D iktatur oder ein A ufstand für die W iedervereinigung? Die Schw ierigkeiten einer konsensualen historischen E inordnung spiegeln auch die W andlungen in der bundesdeutschen G eschichtskultur. M it dem Verblassen des antitotalitären Konsenses, der sich von N ationalsozialism us und Stalinism us glei­ cherm aßen abgrenzte, verlor der 17. Jun i seine W irkun gskraft als nationaler Feier­ tag, w ie er anfänglich noch an nationalen E rinnerungsorten w ie etw a dem H er­ m annsdenkm al oder in Erinnerungsreden an die B efreiungskriege begangen w urde; es traten allm ählich verfassungspatriotische Verbindungen zu r R evolution von 1848/49 oder auch zur dem okratischen A rb eiterbew egungstradition in den V ordergrund. D ie Freiheitsidee w urd e im geschichtspolitischen D iskurs der Bun­ desrepublik m ächtiger und suchte sich andere A nknüpfungspunkte außerhalb der etablierten nationalen T raditionsbilder. Das w aren teilw eise verschüttete Traditio­ nen, die m itunter etw as kram pfhaft w iederbelebt w urden, die aber für die poli­ 32 D azu E dgar Wolfrum, G esch ic h tsp o litik in d er B u n d e sre p u b lik D eu tsch lan d . D er W eg z u r b u n d esrep u b lik a n isc h e n E rin n eru n g 19 48-19 90 (D arm stad t 1999).

D er öffentliche U m g a n g mit der Vergangenheit

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tisch -kulturelle W estorientierung der B undesrepublik anschlußfähiger w aren. D azu berief man sich in der offiziellen G eschichtspolitik zunehm end auf die Tra­ ditionen der Paulskirche und anderer dem okratischer E m anzipationsbew egun­ gen, die aber nur langsam für eine breitere Ö ffentlichkeit attraktiv und in ihr historisch-politisches B ew ußtsein integrierbar und rezipierbar w urden. D er nationalen E rinnerung, in die diese dem okratischen Traditionen einge­ pflanzt w erden sollten, ging eine regionale Identitätsvergew isserung voraus, die am A nfang der W iedergew innung von G eschichte in den 1970er Jahren stand. Landesausstellungen über m ittelalterliche H errscherfiguren und D ynastien, die zu B egründern einer regionalen Identität erklärt w urden, m achten den p u b li­ kum sw irksam en Anfang, begleitet von einem breiten kulturellen Bedürfnis nach H erkunftsvergew isserung, w ie sich u .a. in der D enkm alschutzbew egung und der R ettung von erhaltensw erten K ulturgütern vor der A brißbirne der M assen w o h l­ standsgesellschaft äußerte33. Im U nterschied zu Italien hat dieses Bem ühen um regionale Identitätsstiftung keine zentrifugale Kraft entw ickelt, die zu einer G e­ fährdung der nationalen politischen Integration und der sozial-ökonom ischen So­ lidarität zu w erden droht. Statt dessen w urden die Erfolge dieser A usstellungen, zuletzt auch der „Preußen“-A usstellung in Berlin, A nlaß zu Ü berlegungen, ein deutsches G eschichtsm useum zu gründen. W ie kontrovers dieser G edanke, der vor allem von der B undesregierung H elm ut Kohls nach dem politischen W echsel 1982 aufgegriffen w urde, tatsächlich war, zeigen die heftigen öffentlichen D ebat­ ten, die auch zu D ebatten um eine nationale Identität w urden34. D ie regionale Selbstvergew isserung durch den R ückgriff auf die Erinnerung an M ittelalter und frühneuzeitliche Staaten hat sich aber auch nicht gegen einen an­ deren, im m er breiter w erdenden geschichtspolitischen Trend gerichtet, obw ohl dies von dem einen oder anderen Protagonisten dieser R ückkeh r zur G eschichte vielleicht intendiert war. G em eint ist der im m er breiter w erdende A nteil der A u s­ einandersetzung m it der N S-V ergangenheit, die seit den späten 1970er Jahren ein­ setzte und seither ungebrochen ist. N eue Identitätsdebatten in der B undesrepu­ blik, vor allem in den 1980er und 1990er Jahren, drehten sich um den Stellenw ert des N ationalsozialism us im deutschen P o litik- und Staatsverständnis, um die Ver­ strickung der deutschen G esellschaft in die N S-V erbrechen, um die V erdrängung der entsprechenden E rinnerungs- und Schulddiskussion. Ü ber Ergebnis und F o l­ gen dieser teilw eise erregten geschichtspolitischen Streitfälle gibt es nach w ie vor unterschiedliche Einschätzungen: D ie E rinnerung an eine „Vergangenheit, die nicht vergehen w ill“, und die der deutschen Ö ffentlichkeit einen „E rinnerungsim ­ perativ“ (W olfrum ) auferlegte, hat nach der einen Ü berzeugung sich zum alles be­ herrschenden G rundzug einer rein negativen Identität der deutschen G esellschaft entw ickelt, die zu einer Lähm ung und Starre führen könnte; sie hat sich nach M ei­ 33 H ans-U lrich T h am er , Vom H eim atm u seu m z u r G esch ich tssch au . M useen u n d L an d e s­ au sstellu n gen als O rt d er E rin n eru n g un d d er Id e n titä tsstiftu n g , in: W estfälische F o rsch u n ­ gen 46 (1996) 4 2 9 -4 4 8 . 34 A ls D o k u m en tatio n d er K o n tro v erse C hristoph Stölzl (H rsg .), D eutsches H isto risc h e s M useum . Ideen - K o n tro v ersen - P ersp e k tiv e n (B erlin 1988).

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H a n s- U lric h T h a m e r

nung der linksliberalen Ö ffentlichkeit zu einem unverzichtbaren B estandteil der politischen K ultur entw ickelt, dessen A uflösung verhängnisvoll w äre. Freilich gilt, daß die H isto risierun g des N ationalsozialism us, die noch im H isto rikerstreit von 1986/87 als eine G efährdung einer dem okratischen G eschichtskultur galt, durch den G ang der E reignisse, vor allem durch die politische Zäsur von 1989/90, längst im G ang ist und dam it eine neue Phase des U m ganges m it Vergangenheit eingeleitet hat, die in das 21. Jah rh un d ert weist.

L u tz Raphael

Von der liberalen Kulturnation zur nationalistischen Kulturgemeinschaft: Deutsche und italienische Erfahrungen mit der Nationalkultur zwischen 1800 und 1960 I. G ut 50 Jah re nach K riegsende ist w eder in Italien noch in D eutschland klar, was eigentlich unter „N atio n alk ultu r“ zu verstehen sei. „K ultur“ w ie „N ation“ sind aus gegenw ärtiger Perspektive ebenso um strittene w ie vieldeutige Begriffe. Als Z eithistoriker vergleichend über eine verm eintliche „N atio n alk ultu r“ Italiens und D eutschlands zu schreiben, erfordert also w enigstens einige kurze E rläuterungen darüber, unter w elchem B lickw inkel von w elchen theoretischen V oraussetzungen aus ein solches Them a behandelt w erden soll. B egriff w ie Sache ergeben sich in beiden Ländern aus der besonders engen V erzahnung von B ildung, Kunst und L i­ teratur m it der N ationalbew egung im 19. Jah rh un dert. Bevor sie zu N ation alstaa­ ten w urden, galten Italien und D eutschland bereits als sprachlich und k u ltu rell­ literarisch geeinte N ationen. Entsprechend großes G ew icht hatten die V orstellun­ gen und W erke von Literaten, G elehrten und Künstlern für das N ation albew u ßt­ sein der Trägerschichten der N ationalbew egung beider Länder. D ie Leitidee der K ulturnation bzw. des Volkes, das aufgrund gem einsam er Sprache, Kunst und G eschichtsbew ußtsein zum Träger des Staates w ird , hat für die N ation albew egun ­ gen beider Länder bis zur E inigung und N ationalstaatsgründung eine w ichtige Rolle gespielt. Das m it hohen E rw artungen an ihre kulturschöpferische W irkung verknüpfte „Intellektuellen-K onstrukt, als das hier N ation au ftritt“ 1, stieß sich dann nach 1860 bzw. 1871 zunehm end an den harten R ealitäten nationaler P o litik bzw. nationaler K lassengesellschaften. Es zeigte sich schon bald, daß „N atio n al­ ku ltu r“ trotz realisierter politischer E inheit ein höchst prekäres und pro b le­ matisches Ziel blieb, das des ständigen Einsatzes nationalbew ußter P o litik er und

1 D ieter L a n g ew ie sc h e , N atio n , N a tio n alism u s, N atio n a lstaa t. F o rsch u n gsstan d u n d F o r­ sch u n gsp ersp ek tiv en , in: N P L 40 (1995) 1 9 0-236 , h ier 212, im fo lgen d en zit.: L a n g e w ie s c b e , N ation .

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L u tz R aph ael

In tellektueller bedurfte. Praktisch entw ickelte sich daraus ein kulturpolitisches G rundm uster, das etw a w ie folgt Umrissen w erden kann: Schulisch kanonisierte B ildungsgüter sollten in allen Schichten der N ation bekannt gem acht w erden, und die politische N ation sollte durch einen gleicherm aßen nationalspezifischen und nationalbew ußten K ulturkonsum (m ittleren Schw ierigkeitsgrads) wenn nicht tag­ täglich, so doch zum indest an den W ochenenden bekräftigt w erden. So kehrte ein G erm anist der W ilhelm inischen Zeit in einer zw eideutigen F orm ulierung z u ­ gleich auch die vertraute R eihenfolge in den B eziehungen zw ischen N ation albe­ w ußtsein, Sprache und K ultur um, als er einleitend zu seiner G eschichte des D eutschunterrichts schrieb: „N ation ist am Ende K ulturgem einschaft“2. Für gut 100 Jahre dom inierte in D eutschland und Italien ein solches volkspäd­ agogisches Program m nationaler B ildung, um dann überraschend plötzlich nach 1945 einer a-nationalen B reiten kultu r w estlichen Zuschnitts Platz zu machen. D ieser W echsel vollzog sich parallel zur allgem einen A kzeptanz einer in ternatio ­ nalen H ochkultur, an der sich K ünstler und Literaten beider N ationen rege betei­ ligten und die von den G ebildeten als zeitgem äße Form eigenen K ulturkonsum s akzep tiert w urde. D ieser negative Befund für den Z eitraum nach 1960 ergibt zu ­ sam m en m it dem starken G ew icht von K unst und K ultur bei der Entstehung der beiden m odernen N ationen vor 1860 das Tertium com parationis des folgenden V ergleichs. D ie neuere N ationalism usforschung bietet nun zahlreiche A nknüpfungspunkte und Interpretationsangebote für eine vergleichende B etrachtung der Beziehungen zw ischen „K ultur“ und „N ation“ im Prozeß der „N atio n sbildun g“. In neueren Studien sind Literaten, Intellektuelle und K ünstler als A kteure auf der nationalpo­ litischen B ühne w iederentdeckt w orden. Vor allem ih r E rfindungsreichtum , ihre G estaltungskraft und ihr A usdrucksp o ten tial w erden inzw ischen w ieder als w ich ­ tige Voraussetzungen für den Erfolg nationaler Identitätsvorstellungen ernst ge­ nom m en3. H ierbei geht es im w esentlichen um die „K ultur des N ation alen “, d.h. also im w eitesten Sinn um Sym bole und R epräsentationen der N ation, deren H erstellung, V erbreitung und W eitergabe von der Ebene der F lo ch kultu r der wenigen bis hin zu r A lltagspraxis der vielen verfolgt w ird. Ü bersp itzt form uliert, erschei­ nen die H elden älterer nationalgestim m ter K unst- und Literaturgeschichten in

2 Z it. in: Paul Geyer, D er d eu tsch e A u fsatz (M ü n ch en 1906) 296. 3 J ü rg en Link, W u lf Wülfing (H rsg .), N a tio n ale M y th e n u n d S y m b o le in d er z w e iten H älfte des 19. Ja h rh u n d e rt. S tru k tu re n u n d F u n k tio n en von K o n zep ten n atio n a ler Id e n tität (S tu tt­ g art 1991); B ernhard Giesen, D ie In te lle k tu e lle n u n d d ie N a tio n . E ine d eu tsch e A ch sen zeit (F ra n k fu rt a.M . 1993); Georg Bollenbeck, B ild u n g u n d K ultur. G lan z un d E lend eines d eu t­ sch en D eu tu n gsm u sters (F ra n k fu rt a.M . 1994), im fo lgen d en zit.: Bollenbeck, B ild u n g ; Bern­ hard Giesen (H rsg .), N a tio n a le un d k u ltu re lle Id e n titä t (F ra n k fu rt a.M . 1991); H elm ut Ber­ tling (H rsg .), N atio n ale s B e w u ß tsein u n d k o lle k tiv e Id en tität (S tu d ien zu r E n tw ic k lu n g des k o lle k tiv e n B ew u ß tsein s in d er N eu z eit 2, F ra n k fu rt a.M . 1994); ders. (H rsg .), M y th o s und N atio n (S tu d ien z u r E n tw ic k lu n g des k o lle k tiv e n B e w u ß tsein s in d er N eu z eit 3, F ran k fu rt a.M . 1996); zu m F o rsch u n gsstan d siehe Langeiviesche, N atio n .

Von d e r liberale n K ulturn atio n zu r n ation alistisch en K ulturgem ein schaft

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diesen Studien nun w ieder als Pioniere nationaler K onstruktionsarbeit, In der Präsentation der Forschungsergebnisse ist dabei an die Stelle hagiographischer V erehrung häufig der ideologiekritische oder postm oderne Gestus nationaler M y ­ thenzerstörung getreten, doch hinsichtlich der R elevanz der im w esentlichen von G ebildeten, von Intellektuellen geschaffenen Sym bole für die N ationsbildung sind sich ältere w ie neuere kulturgeschichtliche Forschungen einig: D ie natio nal­ politischen Selbsterm ächtigungen und Phantasien der Intellektuellen w erden w ie­ der ernstgenom m en, ih r bew ußtseinsprägender Einfluß auf breitere Teile der B evölkerung oder zum indest die politisch einflußreicheren Elem ente in ihr un ter­ strichen. U nbefriedigend an dieser Forschung ist, daß sie w eitgehend die W ir­ kungsfrage außer acht läßt. Vielfach verm ißt man die Einsicht, daß zw ischen den K onstruktionsarbeiten und den W irkungsabsichten von Intellektuellen, K ünst­ lern und P o litikern einerseits und den effektiven W irkungen ihrer A nstrengungen W elten lagen4. In diesem um fassend angelegten Forschungsfeld zum Verhältnis zw ischen K ul­ tur, Staat und N ation läßt sich die uns hier interessierende Fragestellung nach der „N atio n alk ultu r“ p räziser verorten: Ihr geht es nicht um die „K ultur des N atio ­ n alen“, sondern nur um einen Teilaspekt, näm lich um die R ückw irkun gen dieser ebenso vielfältigen w ie diffusen P raktiken nationaler Sinnstiftung in A lltag und P o litik auf die zeitgenössischen K ulturpraktiken im engeren Sinne. M it letzteren ist die P ro d uktio n , der V ertrieb und der Konsum oder die geistige A neignung von literarischen, m usikalischen oder künstlerischen Produkten gemeint. „N atio n al­ k u ltu r“ bezeichnet also im folgenden keinesw egs das diffuse Ergebnis nationaler Identifikationsprozesse, ist also keinesw egs Syn o n ym irgendeiner „nationalen Identität“, sondern benennt das Ensem ble von V orstellungen und Praktiken im engeren Feld der K ulturproduktion, die sich aus dem G esam tprozeß von N atio ­ nalisierung und N ation sb ildun g ergeben. Zum einen rücken dabei die n atio nalisti­ schen bzw. nationalen A ufladungen von M u sik , K unst und L iteratu r im Zuge na­ tionalstaatlich zen trierter K lassiker- und K anonbildung in den B lick. H ier geht es also im Kern um die V erzahnung von N ation albew ußtsein und B ildungsidee in beiden Ländern. Zum ändern soll genauer untersucht w erden, in welchem M aße auch K ulturangebote und U nterhaltungsbedürfnisse jenseits der schulisch san k­ tionierten, quasi legitim en K ultur m it der N ationalidee verknüpft w orden sind. Dabei w ird im folgenden w eniger die K unstproduktion als vielm ehr die Verbrei­ tung und der Konsum „nationaler“ K ulturgüter in D eutschland und Italien ver­ glichen. Es soll vor allem die B reitenw irkungen n atio nalkultureller T raditions­ pflege und K onstruktionsarbeit genauer untersucht w erden. A ngesichts der V ieldeutigkeit der benutzten Begriffe scheint es angebracht, in aller K ürze zu klären, in w elchem Sinn zentrale Begriffe w ie „ N atio n alkultu r“, „H o ch kultur“, „V olkskultur“ und „B reiten-“ oder „M assen kultur“ im folgenden gebraucht w erden. In A bgrenzung von K onzepten w ie „nationale Identität“ oder „Kultur des N ation alen “ definieren w ir „N atio n alkultu r" als „gem einsam e R e­ 4 V gl. h ierzu L a n g ew ie sc h e , N atio n 212.

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L u tz R a p h a el

geln für die H erstellung und V erbreitung ku ltureller G üter innerhalb einer N a­ tio n “5. Es handelt sich bei näherer B etrachtung um ein höchst disparates Ensem ­ ble vom P raktiken, W erten und Institutionen. D abei lassen sich m indestens fünf A spekte unterscheiden: 1. „N atio n alk ultu r“ bezeichnet zunächst einm al das Ensemble von V orstellun­ gen, die eine V erbindung hersteilen zw ischen Sprache, Literatur, Kunst oder noch allgem eineren Ideen einerseits und dem politisch-sozialen Ensemble „N ation“ oder „Volk“. W ir befinden uns hier auf d er Ebene der D eutungsm uster und G e­ sam tkonzeptionen, w ie sie etw a folgenreich von H erder, Fichte, Leopardi oder M azzin i en tw ickelt und vertreten w orden sind. Ideelle G rundlage und politische A n trieb skraft dieser D eutungsm uster ist der „Kampf um eine gem einschaftliche Lebensform “6 für die eigene N ation. 2. „ N atio n alkultu r“ bezeichnet ein G eflecht von Institutionen (Verlage, A kad e­ m ien, Schulen, U niversitäten, Vereine), die für die V erbreitung und die R ep ro d u k­ tion all jener W erke und W issensbestände sorgen, die in den nationalen Kanon von „B ildun gsgütern “ eingegangen sind und den K ernbestand dessen bilden, was als beglaubigtes hochkulturelles Erbe der eigenen „Lebensform “ G eltung besitzt. 3. „N atio n alk ultu r“ existiert zugleich auch als N orm angeeigneten W issens über diese W erke und deren leitenden W erte. Sie ist in diesem Sinn eine spezifische A usp rägun g von „B ildung“, die von einzelnen G ruppen der politischen N ation in besonderem M aße interpretiert und ak tualisiert w ird , aber zugleich auch auf allge­ m eine A nerkennung und m indestens partielle Kenntnis aller M itglieder einer N a­ tion A nspruch erhebt. In dieser D im ension lassen sich besonders gut die sp ezifi­ schen W irkungsabsichten und der W andel der B eziehungen zw ischen politischer Ideenw elt und literarisch -künstlerischer K ulturw elt beobachten. 4. „N atio n alk ultu r“ m eint zugleich auch die konkreten Praktiken der A n eig­ nung von B ildungsgütern und Traditionen vor dem H intergrund der allgem ein geteilten Leitvorstellung einer „N atio n alk u ltu r“. N icht was die Schule als N orm setzt, sondern was der M ark t der U nterhaltungskünste anbietet und von den B ür­ gern m it nationalpolitischer B edeutung besetzt w ird , ist unter diesem G esichts­ punkt von Interesse. 5. M it der E tablierung des D eutungsm usters, mit der K onsolidierung von Insti­ tutionen und R outinen der A neignung w ird die N atio n alkultur selbst zum Ge­ genstand historischer R eflexion. Seit dem letzten D rittel des 19. Jahrhunderts führte die Frage nach der zeitgem äßen A usgestaltung des n ationalkulturellen A uf­ trags, die ku lturelle Einheit der N ation sicherzustellen und ihrer politischen, w irt­ schaftlichen und sozialen B edeutung in angem essener - d .h . aber im m er auch in international ko n kurrenzfähiger - W eise zu bew ahren, im m er w ieder zu funda­ m entalen K onflikten in P o litik und Kultur.

5 Pierre Sorlin, Italian N a tio n al C in e m a 18 96-19 96 (L o n d o n , N e w Y o rk 1996) 9; im fo lgen ­ d en z it.: Sorlin, C in e m a. 6 E ugen L e m b er g , N a tio n a lism u s, B d. 1: P sy c h o lo g ie u n d G esch ich te (R e in b e k 1964) 103.

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Dieses lose zusam m engefügte Ensemble von V orstellungen und P raktiken w ird im Kern zusam m engehalten durch die spannungsvolle Beziehung zw ischen den unterschiedlichen kulturellen A usdrucksw eisen, die realiter innerhalb der als Ein­ heit gedachten oder staatlich realisierten „N ation“ nebeneinander existieren. W ir dürfen nicht vergessen, daß „N atio n alk ultu r“ D yn am ik und D urchsetzungskraft durch die rom antische Leitidee gew innt, Elem ente der zeitgenössischen E liten­ ku ltur zu verbinden m it A spekten der sogenannten Volkskultur. Dieses bipolare O rdnungs- und Beziehungsschem a ist einerseits grundlegend für das gesam te K onstrukt, andererseits w ird es bereits im 19. Jah rh un dert gesprengt durch den unaufhaltsam en A ufstieg der m arktförm ig organisierten U nterhaltungskünste7. M it „H och“k u ltu r w ird daher nur noch jene engere Sphäre von W erken und Ein­ stellungen bezeichnet, die den Segen der B ildungsinstitutionen, der anerkannten Instanzen der K ulturpflege oder der sich vom Publikum sgeschm ack und B il­ dungskanon em anzipierenden K ulturproduzenten selbst haben. D avon lassen sich als „B reiten“- oder „M assen“k u ltu r jene P raktiken abgrenzen, die zw ar auf eine große, auch zahlungsfähige N achfrage stießen, aber von den V ertretern so­ w ohl der offiziellen B ildungsinstitutionen als auch der kulturellen A vantgarden abgelehnt bzw. bestenfalls geduldet w orden sind. Seit der wachsenden K om m er­ zialisierun g der U nterhaltungsw ünsche der vielen trat seit dem ausgehenden 19. Jah rh un d ert auch diese sogenannte „M assen kultur“8 in das B eziehungs- und Spannungsfeld der N ation alkultur ein. Dies veränderte die A usgangslage grun d­ legend, w eil die kom m erzielle U n terh altun gskultur den etablierten G egensatz zw ischen „G ebildeten“ und „U ngebildeten“ aushöhlte und in ein kom plexeres System „feiner U nterschiede“ transform ierte. Sie w irk te dam it in genau die g lei­ che R ichtung w ie der Prozeß der N ationsbildung, d .h . sie führte zu stärkerer k u l­ tureller Integration und Partizip atio n der vielen. U m so interessanter ist die B eob­ achtung, daß sich dennoch kein stabiler G leichklang zw ischen den politischen und sozialen Prozessen der N ation alisierun g und dem W erdegang der N atio n al­ kulturen beobachten läßt. D ie deutschen und italienischen Pfade m öchte ich in drei Z eitabschnitten un ter­ suchen: 1. die kulturellen Fundam ente der beiden N ationalstaatsgriindungen; da­ bei w erde ich m ich im w esentlichen auf Phänom ene der Jahrzehnte zw ischen 1820 und 1860 beziehen. 2. D ie K onstellation der Jah rh un dertw en de, die ich vor allem unter dem G esichtspunkt der V erbreitung der nationalen H ochkulturen betrach­ ten m öchte. 3. die Jah rzeh n te zw ischen K riegseintritt beider Staaten in den Ersten W eltkrieg und dem Ende des Z w eiten W eltkriegs; hier m öchte ich mich vorrangig mit der nationalpolitischen Steuerung einer neuartigen M assenkultur beschäfti­

7 K aspar Maase, G ren zen lo ses V ergn ügen. D er A u fstie g d er M a sse n k u ltu r 18 50-19 70 (F ran k fu rt a.M . 1997), im fo lgen d en z it.: Maase, V ergn ügen ; D a v id Forgacs, Ita lia n C u ltu re in the In d u strial E ra 1880-19 80: C u ltu ra l In d u stries, P o litics and the P u b lic (M an c h e ste r 1990), im fo lgen d en z it.: Forgacs, C u ltu re . 8 Zu B e g riff u n d S ach e vgl.: Timm G e n ett , A n g st, H aß u n d F aszin atio n . D ie M asse als in te l­ le k tu e lle P ro je k tio n un d d ie B e h a rrlic h k e it des P ro jiz ie rte n , in: N P L 44 (1999) 193-240.

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gen. Den letzten A bschnitt m öchte ich dann in gebotener K ürze einem A usb lick auf die A uflösung n atio nalkultureller Traditionsbestände in beiden Ländern nach 1945 w idm en.

II. Z ahlreiche P arallelen, aber auch m arkante D ifferenzen kennzeichnen die k u ltu ­ relle A usgangslage der beiden späten N ationalstaaten D eutschland und Italien. In beiden Ländern hatten die U m brucherfahrungen der Französischen R evolution die nationalen A m bitionen der vorrangig literarisch und juristisch gebildeten In­ tellektuellen gew eckt und in den republiques des lettres beider Sprachgebiete die Stim m en derer lauter w erden lassen, die eine enge Verknüpfung zw ischen einer E rneuerung der nationalsprachlichen literarischen Produktion und dem p o liti­ schen Schicksal der eigenen N ation zu erkennen glaubten9. Flerder und die R o ­ m antik entw ickelten das eingangs dargestellte norm ative G rundm odell der Ein­ heit von Volk, Sprache und H ochkultur. Italienische w ie deutsche Schriftsteller sahen sich bereits seit dem 18. Jah rh un d ert zur A bw ehr der französischen H ege­ m onieansprüche in P o litik und K ultur herausgefordert und verteidigten die m aßstabsetzenden Leistungen der eigenen L iteratu rpro duktion in V ergangenheit und G egenw art. L iteraturhistorische Studien haben d arauf hingew iesen, daß gerade im deutschen Fall der antifranzösische A bw ehrreflex stark und die B ereitschaft zu nationalliterarischer Ü berheblichkeit besonders groß gewesen sei10. W ir begegnen dieser h o chkulturellen A ufladung auch in Italien: Es hat den A nschein, als habe die realpolitische M acht-, ja O rtlo sigkeit der eigenen N ation in beiden F ällen ihre selbsternannten in tellektuellen W ortführer zu kom pensatorischen U niversalitäts­ ansprüchen für die eigene literarische und in tellektuelle Produktion angetrieben. Im italienischen Fall rückte die erste „B lütezeit“ volkssprachlicher Literatur, die P roduktion der drei großen Florentiner: D ante, B occaccio und Petrarca, in einen politischen Zusam m enhang, im deutschen Fall ersetzte die W eim arer Klas­ sik, was an m aßstabsetzenden D enkm älern der eigenen L iteratur und K unst in früheren Jahrhunderten - im m er auch m it B lick auf die anderen bereits etablierten N ation alkulturen - zu fehlen schien. 9 V gl. h ie rz u : Pau l H azard, L a re v o lu tio n fran gaise et les lettres italien n es (P aris 1910); Friedrich Wolfzettel, Peter Ibring, K a th o lizism u s u n d N a tio n alb e w u ß tse in im italien isch en R iso rg im en to : M o d elle n atio n a ler Id e n titä tsb ild u n g d u rc h R e lig io n (F ran k fu rt a.M . 1991); Marco C erruti, D alla fin e d e ll’antico regim e a lia R e sta u ra z io n e , in: L e tte ra tu ra ita lia n a , Vol. 1 Il le tte ra to e le is titu z io n i, h rsg. v. Alberto A sor Rosa (T o rin o 1982) 3 9 1 -4 3 2 ; Roberto Tessari, II R iso rg im e n to e la c risi di m etä seco lo , in : eb d. 4 3 3 -4 6 8 ; Georg Bollenbeck, B ild u n g . 10 Wiedemann, Ulrich J. Beil, D ie .v e rsp ätete N a tio n “ un d ih re .W e ltlite ra tu r“: D eu tsch e K a­ n o n b ild u n g im 19. u n d frü h en 20. Ja h rh u n d e rt, in: Renate von H eydebrand (H rsg .), K anon, M ach t, K u ltu r (S tu ttg a rt 1998) 3 1 5 -3 2 2 . H inrich C. Seeba, N a tio n a llite ra tu r. Z u r A sth etisie ru n g d e r p o litisch en F u n k tio n von G esch ic h tssc h re ib u n g, in: K u ltu rn atio n sta tt p o litisch er N a tio n ?, h rsg. v. Franz N orbert Mennemeier, C onrad Wiedemann (T ü b in g en 1986) 197-207.

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Neu ist, daß diese nationalbew ußte K ulturpflege der G elehrten, K ünstler und L iteraten nun als B eitrag für die politische E inigung des eigenen Volkes gedeutet w urde. D ie R evolutionsepoche m it ihren politischen U m brüchen und K riegs­ ereignissen bot A nlässe genug, P o litik und K unst aufs engste m iteinander zu ver­ binden. Im Zuge der R eform politik in V erw altung und B ildung entstanden auch erste Projekte zur institutionellen A bsicherung der neuartigen Verbindungen z w i­ schen H ochkultur, Volk und Politik. E rinnert sei an dieser Stelle nur an F riedrich Im m anuel N ietham m ers Idee eines „N ationalbuches“ als „G rundlage der allg e­ m einen B ildung der N ation “ von 1808. A ls b ayerischer Z entral-Schulrat w ar er der berufene M ann für ein n atio nalkulturelles Program m 11. N ach dem W iener Kongreß, m it der F ortdauer der politischen Teilung der b ei­ den N ationen in zahlreiche E inzelstaaten, bekam das literarische und ku lturelle Z usam m engehörigkeitsgefühl der G ebildeten beider Länder im m er stärker p o liti­ sche Q ualität. A m Vorabend der R evolution von 1848 schrieb ein italienischer In­ tellektueller: „U na storia della letteratura italiana sarebbe una storia d T talia"12. In der trium phierenden R ückschau nach erreichter Staatsgründung konnte der D ich­ ter C arducci dann auch selbstbew ußt die R ealität des „In tellektuellen kon strukts“ betonen: „Q uando il principe di M etternich disse l’Italia essere u n ’ espressione geografica, non aveva capito la cosa; ella era u n ’espressione letteraria, una tradizione p o etica“ 13. U nd ein italienischer B eobachter erklärte seinen Landsleuten die m ilitärisch-diplom atische E inigung D eutschlands als „Triumph einer langen C u ltu rarb eit“ 14. U ber die literarischen K ontroversen der Zeit hinw eg entstand in beiden L än ­ dern ein gegenw artsoffener Kanon großer W erke und A utoren, w elche die eigene N ationalsprache m aßstabbildend geform t oder im Fall der bildenden K ünstler das ästhetische Potential des eigenen Volkes exem plarisch artiku liert h atten 15. B il­ dungserlebnisse en tw ickelten nationalpolitische R elevanz und die B iographien der N ationalbew egungen beider Ländern zeigen uns im m er w ieder die engen Ver­ quickungen ku ltureller und politischer W ahrnehm ungsm uster. E xem plarisch läßt sich dies an den literarhistorischen K lassikern zeigen. G ervinus und De Sanctis vollzogen beide auf ihre A rt und Weise die zentralen O perationen, die für die 11 H ans-G eorg H errlitz, D er L ek tü re-K an o n des D eu tsc h u n terrich ts im G ym n asiu m (H e i­ d elb e rg 1964) 93; im fo lgen d en z itie rt: L e k tü re-K a n o n . 12 L u ig i La V ista an K D e S an ctis 1847, zit. in: R aul M ordend, S to ria d ella le tte ratu ra ita lian a di F ran cesco D e S an ctis, in: Alberto A sor Rosa (H rs g .), L e tte ratu ra italian a. Le o p ere, Vol. 3: D alP O tto cen to al N o v ecen to (T orino 1995) 5 7 3 -6 6 5 , h ie r 575; im fo lgen d en z it.: M ordend, Storia. 13 G. Carducci, P resso la to m b a di F ran cesco P e trarca (1874), in: O p ere, Bd. V II (B o lo g n a 1935) 346, z it. in: M aria Serena Sapegno, „ Ita lia“ , „ Ita lia n i“, in : L e tte ratu ra ita lia n a , h rsg. v. Alberto y4so?- Rosa, Vol. 5: Le q u estio n i (T orino 1986) 16 9 -2 2 2 , h ier 169; im fo lgen d en zit.: Sapegno, Italia. 14 Z it. in: Ulrich Engelhardt, „ B ild u n g sb ü rg e rtu m “ . B egriffs- u n d D o gm en gesch ich te eines E tiketts (S tu ttg a rt 1986) 147. 15 Peter Uwe H ohendahl, L iterarisch e K u ltu r im Z e italter des L ib eralism u s 18 30-18 70 (M ün ch en 1985).

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w eitere E xistenzform einer N atio n alliteratur von ausschlaggebender B edeutung w u rd en 16: Sie fixierten m it fachlicher A uto rität den Kanon klassischer Texte und A utoren der M uttersprache, und sie integrierten diese literarischen H öhepunkte in eine dram atische, aber teleologisch gegenw artsorientierte G eschichte von großer D ichtung, E ntw icklung der M uttersprache und Werden der eigenen N ation. D ie nationalgesinnten G ebildeten nahm en diese gelehrten K onstruktionen an, m achten sich selbst b ereitw illig zu Trägern eines neuen nationalliterarischen K las­ sikerkultes. Er w urde fester Bestandteil der nationalbew egten bürgerlichen F est­ kultur. N achdem die W eim arer K lassiker in thronisiert w orden w aren, konnte die hunderste W iederkehr von Schillers G eburtstag am 10. N ovem ber 1859 in mehr als 440 deutschsprachigen Städten vom B ildungsbürgertum festlich begangen und als „N ationalfest“ inszeniert w erden. D en Schillerfeiern von 1859 lassen sich in dieser H in sich t die D ante-Feiern von 1865 zur Seite stellen, in diesem Fall w ar die politische E inheit bereits R ealität gew o rd en 17. D er Prozeß der N ationalisierung dieser Traditionspflege läßt sich besonders drastisch im Fall von D ürer beobach­ ten. 1815 inszenierte noch der kleine K ünstlerkreis der N azarener eine G edächt­ nisfeier für „seinen“ D ürer, aber bereits 1828 w urde der 300. Todestag m it z ah lrei­ chen Festakten in Städten und zw ei großen Feiern in N ürnberg und B erlin began­ gen. Das öffentliche Interesse am „deutschen“ R enaissance-M aler entw ickelte sich. D er E rinnerungskult w urde von nun an kontinuierlich gepflegt und k u lm i­ nierte in der nationalliberalen Phase in der großen D ürer-A usstellung von 1871 in N ürnberg, die nunm ehr dem „deutschesten der deutschen M eister“ 18 galt. In beiden Ländern gaben diese literarhistorischen Identifikationen und K lassi­ kerinthronisationen aber zugleich auch das tragische Leitm otiv vor, das die B em ü­ hungen um die N ationalisierung der eigenen K lassiker überschatten sollte. Die nationalen K lassiker entw ickelten sich zu H albgöttern, deren Leistungen die n a­ tio n alku ltu relle G egenw art zw an gsläufig überragten und den n atio nalkulturellen B em ühungen in beiden Ländern einen m arkant kulturkonservativen Zug aufprä­ gen sollten. In Italien w idm ete sich schon 1855 ein rasch berühm t werdendes Buch 16 Georg G ottfried G ervinus , G esch ich te d er p o etisch en N a tio n a llite ra tu r d er D eu tsch en , 5 B de. (L e ip z ig 1 8 35-18 42); vgl. Jürgen Fohrmann, D as P ro je k t d er deu tsch en L ite ra tu rg e ­ sch ich te (S tu ttg a rt 1989); Francesco De Sanctis, S to ria d ella le tte ra tu ra italia n a (N a p o li 1872); M ordenti, S to ria 5 7 3 -6 6 5 . 17 A lberto Asor Rosa, L a fo n d az io n e del laico , in: L e tte ra tu ra italian a, Vol. 5: L e q u estio n i (T orino 1986) 17 -124; Ilaria Porciani, S tato e n azio n e: l ’im m agin e d eb o le d e ll’ Italia, in : Sirnonetta Soldani, G abriele Turi, Fare gli ita lia n i. S cu o la e cu ltu ra n e ll’ Italia co n tem p o ran ea (B o ­ lo gn a 1993) 3 8 5 -4 2 8 , h ier 403 f., im fo lgen d en z it.: Soldani, Turi, F are; Reinhold Grim m j o s t Flerm and (H rsg .), D eu tsch e F eiern (W iesb ad en 1977); R ainer Noltenius, D ich terfeiern in D eu tsc h lan d (M ü n ch en 1984); ders., S ch ille r als F ü h re r u n d H e ila n d , in: Ö ffen tlich e F e s tk u l­ tur, h rsg. v. D. Dülfing, P. Friedemann, P. Münch (H a m b u rg 1988) 2 3 7 -2 5 8 ; Ute Schneider, P o litisc h e F e stk u ltu r im 19. Ja h rh u n d e rt. D ie R h e in p ro v in z von d er fran zö sisch en Z eit bis zu m E nde des E rsten W eltk rieges (1 8 0 6 -1 9 1 8 ) (E ssen 1995) 1 4 8-156 . 18 So die C h a ra k te risie ru n g d u rch J. H ü b n er, zit. in: Ja n e Cam pbell Hutchison, D er v ielg e­ feierte D ürer, in: Grim m , Flermand, F eiern 2 5 -4 5 , h ier 37.

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der Frage, w arum die italienische L iteratur in Italien nicht populär sei19. D er A utor kam zu dem Ergebnis, daß vor allem das w eibliche Publikum die zeitgenös­ sischen R om anautoren Frankreichs oder Englands bevorzuge, eine Beobachtung, die m it deutlichen E inschränkungen, man denke nur an den Erfolg von G. F re y ­ tag, auch für die deutsche Leserschaft G ültigkeit hatte. Bevor w ir uns w eiter m it den Wegen der V erbreitung der entstehenden „N atio ­ n alk u ltu r“ befassen, ist jedoch grundsätzlich ihre begrenzte Popularität zu beden­ ken und zu beachten, w enn w ir nicht den B lick für die Proportionen verlieren wollen: D ie ku lturelle Institution im deutschen Sprachraum überhaupt, das T hea­ ter, ratifizierte zw ar sehr rasch die K anonisierung der W eim arer K lassiker, doch in der Praxis dieses städtischen U nterhaltungsortes par excellence, dessen Publikum w eit über A del und B ildungsbürgertum hinausreichte, dom inierte nicht die „N a­ tio n alliteratu r“, sondern das bew ährte R epertoire von U nterhaltungsstücken internationaler H erkun ft20. „N icht der m it norm ativem G eltungsanspruch nach und nach sich herausbildende Kanon .klassischer' Kom ponisten, A utoren und W erke bestim m te das R epertoire, sondern die V orstellung des jew eiligen P u b li­ kum s davon, was unterhaltsam sei.“21 Bereits zu Lebzeiten hatte G oethe in der Publikum sgunst den kürzeren gegenüber K otzebue gezogen. N icht seine Stücke, nur seine bald als klassisch definierten B ildungsbestrebungen und V ersittlichungsansprüche setzten sich durch. Schließlich behauptete das M usiktheater, das in der P ublikum sgunst eindeutig den V orrang vor dem Sprechtheater genoß, seinen in ­ ternational-europäischen Charakter. In deutschen O pernhäusern dom inierte nach w ie vor die italienische Oper, dann ab M itte des Jahrhunderts die italienische und französische O perette. In dieser H insicht ergibt sich zum indest für die T heater­ w elt eine erste D ifferenz zw ischen beiden Ländern, w enn man nach der Stellung der jew eiligen nationalen K lassiker im m usikalischen R epertoire fragt. In Italien w urden die international so erfolgreiche O per und ihre gefeierten zeitgen ö ssi­ schen Protagonisten w ie Rossini, Verdi oder Puccini zu dem und über lange Zeit einzigen populären Teil der neuen „N atio n alk u ltu r“. Dem ist im deutschsprachi­ gen Raum dam als, d .h . vor Wagner, nichts G leichartiges an die Seite zu stellen. Statt dessen fand nördlich der A lpen die eigene N ation alliteratur als Teil der neuen schulischen B ildung w achsende V erbreitung und vor allem kanonische G ültigkeit. A nders als in Italien fand in den deutschen Staaten der kulturelle und intellektuelle A ufbruch um 1800 seinen A bschluß und das Fundam ent seiner w ei­ teren Prägekraft in den neuhum anistischen Reform en der höheren B ildun gsinsti­ tutionen22. N eben Latein und G riechisch etablierten sich dabei allm ählich der

19 R u g g ier o B on g h i, P erch e la le tte ra tu ra ita lia n a non sia p o p o lare in Ita lia (N a p o li 1884). 20 V gl. h ierz u : Ute Daniel, H o fth eater. Z ur G esch ich te des T h eaters u n d der H ö fe im 18. und 19. Jah rh u n d e rt (S tu ttg a rt 1995). Ebd. 39. “ B ollenbeck , B ild u n g ; Karl-Ernst J eis m a n n , D ie E n tsteh u n g des G ym n asiu m s als S ch ule des Staates un d d er G eb ild eten , 1787-1817 (S tu ttg a rt 1996); ders., H ö h ere B ild u n g zw isch en R eform und R e a k tio n 1817-1859 (S tu ttg art 1996).

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m uttersprachliche U nterrich t und G eschichte als prägende B ildungsfächer und statteten in den pädagogisch gelungensten Fällen die kleine M inderheit der G ebil­ deten m it einem festen Bestand von K ulturw erten und m oralischen w ie ästh eti­ schen M aßstäben aus23. Parallel zu den B estrebungen, in Lesebüchern und L itera­ turgeschichten das K onzept der N atio n alliteratur zu konkretisieren, w urden auch für den D eutschunterricht der höheren Schulen L ehrpläne entw orfen und er­ probt, die dem Z iel dienten, „nationale B ild un g“ über den Weg der m uttersprach­ lichen Literaturgeschichte zu verm itteln. D er entscheidende Schritt w ar vo llzo ­ gen, als das Problem der historischen Stoffülle in den 60er Jahren zugunsten der Sch w erp un ktb ildun g in den beiden „B lütezeiten“ der deutschen N atio n allitera­ tur, H och m ittelalter und W eim arer K lassik, entschieden w urde24. In seiner triv ia­ leren N orm alversion verm ittelte der D eutschunterricht fortan den Schülern einen um fangreichen Schatz an K lassikerzitaten und einen soliden, betont nationalen B ildun gsdünkel. D ie Lehrerschaft der höheren B ildungsanstalten w urde für gut 150 Jah re die w ich tigste Trägergruppe dieses n atio nalkulturellen Selbst- und Sen­ dungsbew ußtseins. Zusam m en m it den bildungsbürgerlichen W ortführern der breiten ku lturellen V ereinsbew egungen in den deutschen Staaten des 19. Jah rh u n ­ derts sorgten sie dafür, daß dieses K ulturm odell auch auf benachbarte soziale G ruppen vor allem des städtischen K leinbürgertum s ausstrahlte. In Italien m ußte sich das neue n atio nalkulturelle D eutungsm uster der In tellek­ tuellen im R ahm en der nur w enig reform ierten B ildungseinrichtungen katholischgegenreform atorischer Prägung einrichten25. Z w ar w aren die neuen und alten na­ tionalen K lassiker recht einfach in die literarisch-hum anistische Tradition dieser B ildungsanstalten zu integrieren, dafür entstand ein deutliches Spannungsverhält­ nis zw ischen der rhetorisch-antiquarischen B ildungstradition einerseits und den neuen A nsprüchen neuhum anistischen W issens andererseits. Schulen und U n i­ versitäten in den italienischen Staaten fanden vor 1860 nur in w enigen Fällen A n ­ schluß an die neuen Form en und Standards von W issenschaft und G elehrsam keit, w ie sie nördlich der A lpen en tw ickelt w urden. D ie schulische Pflege der klassi­ schen lateinischen A utoren folgte den vertrauten Pfaden ästhetisierender G elehr­ sam keit und rhetorischer Tugendlehre, ohne die B rücke zu den neuen, v.a. nörd­ lich der A lpen entw ickelten Standards von klassischer P hilologie und G eschichts­ forschung zu schlagen, aber auch ohne den Kanon m aßstabbildender Texte und A utoren zu öffnen für die jüngeren V ertreter der m uttersprachlichen Literatur. Trotz der m arkanten Ü bereinstim m ungen hinsichtlich der „idealistischen Im prä­ gn ierun g“26 und der stark literarischen Prägung der schulischen B ildun g bestan­ den in dieser H in sich t bis zum Ende des 19. Jahrhunderts noch große U n ter­ schiede zw ischen D eutschland und Italien. D ie Schulfrage entw ickelte sich zur 23 Horst Joachim Frank, G esch ichte des D eu tsc h u n terrich ts. Von den A n fän gen b is 1945 (M ü n ch en 1973) 2 1 5 -4 8 4 . 24 H errlitz, L ek tü re-K an o n 123-132. 25 M arino Raicich, Itin erari d elia scu o la classica d e ll’ O tto c en to , in: Soldani, Turi, F are, B d. 1, 1 3 1-170 , im fo lgen d en z it.: Raicich, Itin erari. 26 Bollenbeck, B ild u n g 126.

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ersten H yp o th ek für die n ationalkulturellen A m bitionen der T rägergruppen des R isorgim ento, Das Bündnis von N atio n alkultur und höheren B ildungsanstalten w ar also in beiden Ländern ganz unterschiedlich stark ausgeprägt, als es zur G ründung des N ationalstaates in D eutschland und Italien kam. A bgründe trennten jedoch die Situationen in beiden Ländern, wenn man die V oraussetzungen prüft, von denen aus das Leitprogram m der N ationalkultur, die V erknüpfung von V olkskultur und H o ch kultur in A ngriff genom m en w urde. In D eutschland w ar der literarische A ufschw ung zw ischen 1770 und 1830 begleitet w orden von der „L eserevolution“, durch die sich bekanntlich erstm als extensives Lesen, O rien tierung an literarischen N euerscheinungen und M oden via B uch­ m arkt etablierte27. Dies hatte die Praktiken des literarischen Konsums tiefgreifend verändert. Für D eutschland nehmen die Schätzungen zur realen Lesefähigkeit für 1800 einen A n teil von 10% der B evölkerung an, bis zur M itte des Jah rh un dert w ar er auf etw a 25% angew achsen28. D ie elem entaren schulischen Voraussetzungen für die Teilnahm e an der expandierenden B uch kultur in den deutschen Staaten verbesserten sich im Verlauf des Jahrhunderts ko n tin uierlich , w enn auch m it m ar­ kanten geographischen D ifferenzen, m it dem E rgebnis, daß 1870 etw a 75% der B evölkerung als potentielles Leserpublikum betrachtet w erden können. A llm äh ­ lich w aren die V oraussetzungen für eine kontinuierliche N achfrage nach neuem Lesestoff geschaffen. D am it etablierte sich auch ein N etz von Verlagen und Ver­ triebsw egen, in dem die gerade erfundene „N atio n alliteratur“ ihre K äufer und L e­ ser finden konnte. In beiden Ländern w aren V erleger und B uchhändler als M issio ­ nare von B ildun g, W issenschaft und L iteratur tätig, die in vielfältiger, w enn auch allein schon aus G ründen der Zensur häufig in d irekter Form den Zielsetzungen der N ationalbew egung zuarbeiteten. Das Program m einer „ N atio n alkultu r“ fand in ihnen eine feste institutioneile Stütze. D ie ersten Z usam m enstellungen „natio­ naler K lassiker“ w aren jedenfalls Ergebnis verlegerischer Strategien: G. H em pels „N ationalbibliothek säm tlicher deutscher C lassik er“ etw a begann m it einer Start­ auflage von 150000 Exem plaren, m ußte dann aber w egen A bsatzschw ierigkeiten die A uflagenzahlen reduzieren29. Die 100 Bände um fassende „biblioteca popolare“ aller italienischen, lateinischen und griechischen K lassiker des Verlegers Pom ba in Turin erschien in einer A uflage von 10000 Exem plaren30. D iese U n ter­ schiede in den A uflagenzahlen w iederholen sich im m er wieder, wenn man D ruck­ produkte vergleicht, die sich an den engeren Kreis der G ebildeten beider Länder richteten. W ährend im deutschsprachigen R aum die „G artenlaube“, das typische Produkt n atio nalb ew ußter literarischer U nterhaltung im besitzenden B ildun gs­ 27 R einhard Wittm ann, G esch ichte des d eu tsch en B u ch h an d els (M ü n ch en 1991), im fo lg e n ­ den zit.: Wittm ann, B u ch h an d el; R o lf Engelsing, A n alp h ab ete n tu m u n d L e k tü re (S tu ttg art 1973). 2S Wittmann, B u ch h an d el 232. 29 Wittmann, B u ch h an d el 253. 50 M aria lolan d a Palazzolo, G eo grafia e d in am ica d eg li in sed iam cn ti ed ito ria li, in: S to ria d e ll’ed ito ria n e ll’ Ita lia co n tem p o ran ea, hrsg. v. G abriele Turi (F ire n z e 1997) 73; im fo lgenden zit.: Turi, E d ito ria.

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bürgertum , 1875 auf 382000 Exem plare kam , m ußte sich ihr italienisches Pendant „l’Em porio pittoresco“ m it einer A uflage von 10000 Exem plaren (1873) zufrieden geben31. Insgesam t w ar die B uchproduktion in D eutschland nach Titeln und A uf­ lagenhöhen etw a dreim al so hoch w ie in Italien. Diese U nterschiede in der A uflagenhöhe und Publikationsdichte verweisen auf eine jew eils andere kulturelle G esam tkonstellation in den beiden Ländern. Vor 1860 lassen sich in Italien nur in ganz abgeschw ächter Weise die Spuren der „Le­ serevolution“ beobachten. Die bescheidenen A nsätze konzentrierten sich vor allem in M ittel- (Florenz) und N orditalien (Turin, M ailand). Zollschranken, Zen­ sur, Fortdauer der älteren Lesepraxis intensiver W iederholungslektüre religiöser w ie auch hum anistischer Klassiker, vor allem aber das Fehlen einer breiteren L e­ serschaft selbst in den Städten ließen die italienische H albinsel nach 1750 deutlich zurückfallen gegenüber den nördlichen L eseregionen32. Einige D aten können dies verdeutlichen: 1861 zählte die am tliche Statistik des neuen K önigreichs 78% A n ­ alphabeten und um 1870 gingen laut Schätzungen noch 62% der schulpflichtigen K inder nicht oder nur sehr unregelm äßig zu r Schule33. In einer solchen B ildun gs­ landschaft w endeten sich V erleger und B uchhändler in Italien zunächst einm al an eine verschw indend kleine M inderheit. E rschw erend kam in Italien h inzu, daß die Frage der nationalen H ochsprache nach w ie vor aktuell, auch von dieser Seite her die grundlegende E inheit eines literarischen M arktes längst nicht sichergestellt war. Folgt man den Berechnungen T ullio De M auros, der in diesem Zusam m enhang im m er w ieder herangezogen w ird , so sprachen gerade einm al 2,5% der B evölkerung des neugegründeten Kö­ nigreichs Italienisch als M uttersprache, die übrigen G ebildeten beschränkten sich darauf, es als Schriftsprache zu benutzen, die sie selbst nicht sprachen34. Sprach­ p o litik und Sprachschöpfung gehörten deshalb zu besonders intensiv diskutierten Them en unter den Intellektuellen des R isorgim ento. T ypischerw eise entw ickelte sich daraus w iederum eine K ontroverse zw ischen den Puristen, die die kano n i­ sierte L iteratursprache der F lorentiner K lassiker verteidigten, und den M o d ern i­ sten, die für eine A npassung und A nnäherung der Schriftsprache an die gespro­ chene Sprache plädierten, um eine neue G rundlage für eine nationale V erkehrs­ sprache zu schaffen35. Zum Z eitpunkt der N ationalstaatsgründung w aren also in Italien die V oraussetzungen für die m assenhafte V erbreitung irgendeiner „N atio­ n alliteratu r“ noch keinesw egs gegeben. Trotz aller U nterschiede gingen in beiden Ländern die ku lturell tonangebenden Liberalen davon aus, daß über Schule und V olksbildung die eigene K ultur allm äh­ lich zur K ultur des gesam ten Volkes w erden könnte und sollte. Sicherlich üb er­ 31 Turi, E d ito ria; W ittm ann, B u ch h an d el. 32 Palazzolo, G eo grafia 11-54; M ario Infelise , La n u o v a fig u ra d e ll’ed ito re, in: ebd. 5 5 -7 6 ; Luigi Mascilli Migliorini, L etto ri e lu o g h i d ella le ttu ra , in: ebd. 77 -1 1 2 . 33 Giulia Barone, A rm ando Petrucci, P rim o : non leggere. B ib lio tech e e p u b b lica le ttu ra in Ita lia d a l 1861 ai n o stri gio rn i (M ilan o 1976) 12; im fo lgen d en zit.: Barone, P rim o . 34 Tullio de M auro, S to ria lin g u istic a d e ll’ Italia u n ita , B d. 1 (R o m a 1976) 3 6 -4 5 . 35 Sapegno, Italia 187 ff.

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schätzten die Träger der neuen nationalpolitischen B ildungsideale dabei das G e­ w icht der B uch kultur und übersahen die Erfolge, die n atio nalkulturelle Ideen bereits auf dem Feld der M usikk u ltu r errangen. D enn hier errangen beide N atio ­ nalbew egungen zuerst und am nachhaltigsten P opularität. In Italien w ar es die B rücke von O per, O perette und populärer L iedkultur, die nationale Töne in die U nterhaltungs- und V olkskultur brachte. In den deutschen Staaten entstand mit der Sängerbew egung eine noch viel stärkere V erbindung zw ischen M usikk u ltu r und N ationalbew egung. M eines W issens läßt sich diesem N etzw erk von G esangs­ vereinen in den deutschen Staaten vor und nach der R eichsgründung mit 60000 aktiven Sängern und noch mal so vielen bloß zahlenden M itgliedern nichts Ver­ gleichbares in Italien an die Seite stellen-56. D iese breite K ulturbew egung veran ­ kerte die nationalliberale B ew egung in einem sozial offeneren kleinstädtischen M ilieu m ittlerer Bürger, H andw erker, K aufleute bis hin zu den A rbeitern; selbst auf dem Land faßte die Sängerbew egung in einigen R egionen D eutschlands Fuß. 1861 und 1862 bildeten m it dem nationalen Sängerfest in N ürnberg und der G ründung des D eutschen Sängerbundes den ersten H öhepunkt in der nationalpo­ litischen M o b ilisierun g m usikalischer Freizeitbedürfnisse und G eselligkeitsfor­ men. A uch in diesem Bereich kam es zur H erausb ildun g eines Kanons gepflegten Liedgutes, der m it der Fixierung von G esangsritus und G eselligkeitsritualen ein ­ herging. D aneben hatten es volkspädagogische A m bitionen m it literarisch -w issen ­ schaftlichen Z ielsetzungen in beiden L ändern, vor allem jedoch in Italien m it ei­ nem w eitaus schw ierigeren G elände zu tun. D ie B ew egung der V olksbildungsver­ eine, die G ründung von V olksbibliotheken nahm südlich der A lpen typ isch er­ w eise erst nach der E inigung einen A ufschw ung: D ie erste „V olksbibliothek" (biblioteca popolare) w urd e 1861 in Prato gegründet und in der Folge beschränkten sich diese zunächst auf die städtischen R egionen N o rd- und M ittelitaliens37. Ent­ sprechend der w eiter en tw ickelten Infrastruktur etablierte sich im deutschspra­ chigen R aum die V olksbüchereibew egung bereits im V orm ärz: 1847 existierten 440 Vereine, die etw a 12000 M itglied er organisierten. Zum selben Z eitpunkt w u r­ den in Preußen, Sachsen und B ayern zusam m en 839 L eihbibliotheken gezählt38. Doch auch im deutschsprachigen R aum gilt, was in Italien als generelles Phäno­ men zu beobachten ist, w enn man sich den Lesegew ohnheiten der U nterschichten in den Städten, vor allem aber auf dem Land zuw endet: Für die große M ehrheit dieser bestenfalls am R ande vom neuen nationalbew ußten K ulturkonsum er­ faßten M enschen w ar natürlich das christliche Schrifttum , die E rbauungsliteratur der w ichtigste und häufig der einzige Lesestoff. Von protestantischer Seite w ar der „H auptverein für christliche E rbauungsschriften in den preußischen Staaten“

D ieter Langemesche, D ie sch w äb isc h e S än g e rb ew eg u n g in d er G esellsch aft des 19. J a h r ­ h un derts - ein B e itra g zu r k u ltu re lle n N a tio n sb ild u n g , in: Z eitsch rift fü r W ü rttem b e rg isc h e L an d esgesch ich te 52 (1993) 25 7 -3 0 1 . Barone, P rim o 3 8 -4 1 . jS Wittm ann, B u ch h an d el 232.

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tätig und m eldete 1851 den Vertrieb von 4,5 M illionen B üchern. A uf katholischer Seite nahm en die entsprechenden A nstrengungen seit 1845 m it der G ründung des „Borrom äus-V ereins“ einen A ufschw ung. Solcher W irksam keit konnten die N a­ tionalbew egten lange Zeit nichts G leichw ertiges zur Seite stellen.

III. M achen w ir nun einen Sprung gut 30 Jah re w eiter, und beobachten wir, ob sich diese strukturellen R ahm enbedingungen für die E ntfaltung hom ogener N atio n al­ ku lturen in D eutschland und Italien angenähert und w ie ihre Vertreter auf die neuen H erausforderungen einer in dustriellen M assengesellschaft reagiert haben. In beiden Ländern haben die staatlichen A lphabetisierungsbem ühungen den Kreis m öglicher Kunden für die A ngebote der N atio n alku ltu r vergrößert, den­ noch ist das Tempo dieser Expansion in D eutschland nach w ie vor größer als in Italien. „An der Schw elle des Ersten W eltkrieges dürften die V oraussetzungen zur verständigen R ezeption gedruckter Texte bei etw a zw ei D ritteln der deutschen E rw achsenenbevölkerung vorhanden gew esen sein (ein P rozentsatz von m inde­ stens 20 bis 25% ist bekanntlich heute noch jed er L esekultur un zugän glich).“39 In Italien um faßt dieser bereits sehr w eit gefaßte Personenkreis deutlich w en iger Per­ sonen, bestenfalls die H älfte der erw achsenen B evölkerung (49% 1901) galt als alphabetisiert. W ährend also im B ereich der V olksschulbildung nach w ie vor gro ­ ßer N achholbedarf südlich der A lpen und do rt insbesondere in den südlichen Landesteilen und auf den Inseln herrscht, nähern sich die schulischen Vorausset­ zungen für die V erbreitung der inzw ischen als N orm unum strittenen N ation al­ ku ltur im engeren Kreis der G ebildeten und B ildungsbeflissenen einander an. Im neugegründeten K önigreich Italien w ächst näm lich der P rozentsatz der Schüler, die eine höhere Schule besuchen, ständig schneller als der Kreis der A lp h ab etisier­ ten. Vor allem das städtische K leinbürgertum sorgt für diesen anhaltenden N ach­ frageboom nach höheren B ildungsabschlüssen, der d irekt der V erbreitung natio­ n alkultu rellen B ildungsw issens und entsprechender K ulturw erte zugute kom m t. D erselbe Trend ließ sich bereits 30 Jah re früher in den deutschen Staaten beobach­ ten, und er setzte sich auch im K aiserreich fort. D er A nteil Schüler, die höhere Schulen besuchten, stieg im K önigreich Italien von 73 pro 100000 Einw ohner im Jah r 1861 auf 291 im Jah r 1901 und noch w eiter auf 521 im Jah r 1911. In Preußen, dem deutschen Land, für das entsprechende Zahlen vorliegen, w aren es 1860 be­ reits 310 pro 100000 E inw ohner gew esen, aber ih r A nteil stieg in der Folgezeit deutlich langsam er an als in Italien: 1900 kam en 470 und 1911 580 Schüler höherer Schulen auf 100000 Einwohner. D ie A nteile der deutlich kleineren G ruppe der Studierenden hatten sich um die Jah rh un dertw en de nördlich und südlich sogar um gekehrt: In Italien w urden 1901 83 Studenten pro 100000 gezählt, im D eut■>9 Ebd. 296.

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sehen R eich w aren dies nur 7940. W ie anfechtbar und interpretationsbedürftig diese Zahlen auch im m er sein m ögen, sie zeigen eines m it G ew ißheit: D er Kreis der B ildungsbeflissenen und der B ildungsinteressierten ist in beiden N ation alstaa­ ten deutlich breiter gew orden als dreißig Jah re früher. Die M ärkte für die B il­ dungsgüter der „N atio n alk ultu r“ sind dam it größer gew orden, zw ischen die um ­ fassende „B ildun g“ der A kadem iker, G elehrten und Literaten und die verm eint­ liche „V olkskultur“ rom antisierter Bauern und Landbew ohner hat sich um die Jah rh un dertw en de eine breitere Zone m ittlerer K ultur geschoben, in der Ideen, N orm en und W erke der „ N atio n alkultu r“ vielfach w irksam w erden konnten. D iese V eränderungen in der Bildvingslandschaft beider Länder schlagen sich in vielfältigen Form en breiterer B eteiligung an nationalbew ußter K ulturpflege nie­ der. D ie A lphabetisierungsfortschritte und der A usbau des höheren Schulwesens hinterließen in den nationalen B ücherm ärkten ihre deutlichen Spuren. In Italien fanden nun Jugen dbücher w ie C o llod is „A vventure di Pinocchio“ oder De A m i­ d s ’ „C uo re“ üb er 300000 Käufer, zeitgenössische literarische B estseller kamen um 1900 im D urchschnitt auf A uflagen von über 10000, selten über 20000 Exem ­ plaren. A ber schulische K lassiker w ie Dantes „D ivina C om m edia“ erreichten dem gegenüber m it 74000 Exem plaren deutlich höhere A uflagen41. Im D eutschen R eich intensivierten sich die volkspädagogischen B em ühungen: 1901 w urde die „D eutsche-D ichter-G edächtnis-Stiftung“ gegründet, die sich der V erteilung von „niveauvollen“ Schriften an ländliche Krankenhäuser, an Schul-, F ab rik- und G e­ fängnisbüchereien w idm ete. D er „Verein der B ücherfreunde“ käm pfte gegen die um sich greifende „Schundliteratur“. Z ugleich intensivierten sich im engeren Kreis einer nicht nur konsum ierenden, sondern „kulturräsonnierenden“42 Leser­ schaft die B em ühungen um eine A ktualisieru ng des nationalen B ildun gsp ro ­ gram ms. Es entstanden regelrechte K ulturbew egungen w ie der D ürerbund und der W erkbund, die sich dem Ziel w idm eten, einen zeitgem äßen Stil nationaler K ultur zu en tw ickeln und zu pflegen43. In vergleichender Perspektive darf schließlich auch nicht die Tatsache außer acht gelassen w erden, daß im letzten D rittel des 19. Jahrhunderts der Einfluß deutscher B ildun g und W issenschaft auf die italienischen B ildungseinrichtungen beträchtlich war. Das altsprachliche liceo z.B . rückte erst in dieser Phase im L eh r­ betrieb und im Selbstverständnis den französischen und deutschen Vettern nä­ her44. A n den U niversitäten begann die A ufholjagd der italienischen W issen­

40 Jürgen C harnitzky, D ie S c h u lp o litik des fasch istisch en R egim es in Italien (1 9 2 2 -1 9 4 5 ) (T üb in gen 1994) 413; F ritz Ringer , E d u catio n and S o c ie ty in M o d ern E u rop e (B lo o m in g to n 1979) 272. 41 Enrico D ecleva, U n p an o ram a in ev o lu z io n e, in: Turi, E d ito ria 2 2 5 -2 9 9 , h ier 227; Niccold Zapponi, I m iti e le id eo lo gic. S to ria d ella cu ltu ra ita lia n a 1870-1960 (S to ria d e ll’ Italia contem p o ran ea 7, N a p o li 1983) 9. 42 W ittmann, B u ch h an d el 266. 43 G erhard Kratzsch, K u n stw art un d D ü re rb u n d . Ein B eitrag z u r G esch ichte d er G eb ild eten im Z eitalter des Im p erialism u s (G ö ttin gen 1969). 44 Raicich, Itin erari.

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schaftier. Bis 1900 hatten die italienischen A kad em iker - vor allem in den G eistes­ und Sozialw issenschaften - einen festen P latz in den internationalen N etzw erken erringen können. A uch die neo-idealistische W ende, die nach Jahrzehnten p o siti­ vistischer M einungsführerschaft in der in tellektuellen Welt Italiens seit 1890 zu beobachten ist, rückte das Land noch näher an die deutsche K ulturw elt heran, in der die idealistische A bw ehrreaktion gegen den unaufhaltsam en A ufstieg der N a­ turw issenschaften und deren W issenschaftsm odelle ähnlich heftig ausfiel. W ie­ derum sind im Feld der n atio nalkulturell bedeutsam en Intellektuellen zunächst einm al, wie vor 1870, die G em einsam keiten und P arallelen zu betonen. Schließlich w aren die Träger der offiziellen N atio n alku ltu r um 1900 m it vier gleichartigen neuartigen E ntw icklungen konfrontiert, die die K onstellation dessen, was w ir z u ­ sam m enfassend als „N atio n alk ultu r“ identifiziert haben, tiefgreifend veränderten: Zum einen entstand eine neuartige K onkurrenz der im perialen G roßm ächte Europas auch im kulturellen und w issenschaftlichen Sektor. D ie N ation alkultur w urd e zu einem w ichtigen Elem ent im W ettbew erb der G roßm ächte um M acht und E influß. D ie politischen Eliten beider Länder suchten im Bündnis m it füh­ renden Intellektuellen neue Form en ku lturp o litisch er Propaganda im A usland zu entw ickeln. D ie E inrichtung von deutschen und italienischen Schulen, die Ver­ breitung und Ü bersetzung deutscher L iteratur in der W elt, die E inrichtung von A uslandsinstituten gehörten als B egleitprogram m in diese Phase im perialistischer K onkurrenz45. D ahinter stand jedoch für beide N ationalstaaten das handfestere Problem , daß sie zu den größten A usw andererstaaten Europas gehörten und die deutsch- und italienischsprachigen A usw an derer in ihren E inw andererregionen in der R egel nur M inoritäten bildeten, die in die Z w ickm ühle zw ischen ku ltureller Selbstbehauptung und A npassung an ihre hispano- bzw. lusitano-am erikanischen oder anglo-am erikanischen U m gebungen gerieten. D ie Pflege der nationalen H o ch kultur ging in diesen A usw andererm ilieus häufig ein enges Bündnis m it der gezielten Pflege von B rauchtum und Elem enten der heim atlichen A lltagsk u ltu r ein, die zu ganz ungew öhnlichen N euarrangem ents und N eudefinitionen der jew eiligen N atio n alku ltu r führen sollte. Vor allem im ländlichen Italien w irkten die aus A m erika oder anderen, europäischen Ländern zurückkehrenden A rb eits­ m igranten als M ultip likato ren für die N ationalkultur, gründeten Theatervereine und stifteten D ichterbüsten. So etw a kam ein B ergdorf in der G arfagnana, Pro­ vinz Lucca, in den 1890er Jahren in den G enuß eines kleinen Theaters und einer Büste des patriotischen D ichters C ard ucci46. Die staatliche K ulturp o litik ihrerseits konzentrierte sich vor allem auf die Pflege der patriotischen nationalen H ochsprache und die prestigefördernde D ar­ stellung von Spitzenprodukten der eigenen K ulturtraditio n. Die gleichzeitig auf höchster diplom atischer Ebene und im A lltag bedeutsam e K onkurrenz von K ul­ 45 B eatrice Pisa, N a z io n e e p o litica n ella S o cietä „D ante A lig h ie r i“ (R o m 1995); Patrizia Salve tti, Im m ag in e n az io n ale ed e m ig ra z io n e n ella S o cietä „D ante A lig h ie ri“ (R o m a 1995). 46 R ola n d Sarti, L o n g live the Stron g. A H is to ry of ru ra l S o c ie ty in the A p e n n in e M o un tain s (A m h u rst 1985).

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turgütern förderte in beiden Ländern in den unterschiedlichsten M ilieus die N a­ tionalisierung der K ulturp raktiken, verlieh den idealisierten V orstellungen von den N ationen als K ulturgem einschaften Leben und Ü berzeugungskraft. D abei zeigte sich aber auch, daß B reiten w irkun g vor allem von den konsum fähigen, gän­ gigeren K ulturgütern ausging, und die A neignung der n atio nalkulturellen K las­ siker sich häufig d arauf beschränkte, sich nationalbew ußt m it deren Prestige zu identifizieren. Z weitens: In Italien w ie im D eutschen R eich trat jedoch im gleichen Zeitraum eine im w esentlichen gem eineuropäische U n terh altun gskultur ihren Siegeszug an47. Schaut man auf die B estsellerlisten beider Länder, so findet man neben den m uttersprachlichen A utoren vor allem die internationalen K lassiker: D um as, Scott, K ipling usw .48. N eben dieser bereits im gesam ten 19. Jah rh un dert zu beob­ achtenden „W eltliteratur“ der R om anautoren gab es die französischen E rfolgsau­ toren von O peretten und K om ödien, die die T heaterbesucher in Italien und D eutschland unterhielten. Schließlich etablierte sich auch bereits in Fortsetzung und A usw eitung des K olportagerom ans das um fangreiche A ngebot der T rivial­ literatur49. N ick C arter und Sherlock H olm es w aren die erfolgreichsten H elden des neuen K rim inalrom ans in H eftform at. U nd ihre beiden A utoren, der en gli­ sche A rzt C onan D o yle und der am erikanische Jo u rn alist John R ussel C o ryell, w eisen uns auch den Weg zu den neuen Produktionszentren dieser M assenlitera­ tur über nationalstaatliche G renzen hinw eg, näm lich die angelsächsische Welt, voran die U SA . D ie E rfolgsgeschichte dieser neuen literarischen Form en verdeut­ licht jedoch ein grundlegendes D ilem m a, dem sich alle selbsternannten G ralshüter nationaler K ulturhoheit in Italien und D eutschland seit Ende des 19. Jahrhunderts gegenübersahen: Das U nterhaltungsbedürfnis und der literarische G eschm ack der vielen verschm ähte die im K lassikerkanon bereitgehaltenen Schätze der N ation al­ kultur. A uch die volkspädagogisch liebevoll aufbereiteten Spuren leichter zugäng­ licher nationaler D ichtung konnten m it den V erkaufserfolgen der neuen interna­ tionalen K onkurrenz nicht m ithalten. Sow ohl auf der Ebene der kulturellen A vantgarden als auch auf der Ebene der m arktgängigen und anspruchslosesten T rivialprodukte w aren die nationalen G renzpfähle ins W anken geraten, erschie­ nen vor allem die bislang m itgepflegten zw eit- und d rittrangigen P rodukte n atio ­ n alkultu reller T raditionspflege als provinziell. D er Lärm der B eschw örungsrituale natio nalkultureller T radition um 1900 sollte uns nicht dazu verleiten, diese grun d­ legende Schw äche der nationalen H ochkulturen beider Länder zu übersehen. D rittens entfaltete sich in beiden Ländern spätestens seit den 1890er Jahren die traditionssprengende D yn am ik der kulturellen Avantgarden. D ie engere W elt der K ulturproduzenten, zum al der Kreis derer, die nicht auf kom m erziellen Erfolg, sondern auf künstlerische A nerkennung aus dem Kreis der Experten und der P ro ­ 47 M aase, V ergn ügen . 48 Turi, E d ito ria; Wittm ann, B u ch h an d el. 49 Heinz ]. Galle, G ro sch en h efte. D ie G esch ich te d er d eu tsch en T riv iallitera tu r (F ra n k fu rt a.M . 1988).

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duzenten selbst setzten, sprengte den R ahm en n atio nalkultureller E tikette, die nicht zu letzt in der Pflege der K lassik und in der Fortsetzung eigener T raditions­ linien bestand. D er Bruch m it diesen T raditionen ging einher m it einer w achsen­ den Internationalisierung der hochkulturellen Produktion. N aturalism us und Im pressionism us m arkieren die W asserscheide in diesem Prozeß, der das K onzept der N atio n alku ltu r im m er stärker historisierte, die A ufnahm e zeitgenössischer A utoren in den Kanon im m er schw ieriger m achte und schließlich B egriff und Sache allm ählich auf den festen Kanon schulisch verm ittelter und offiziell gefeier­ ter W erke und A utoren reduzierte. D ie R enaissance von K lassikern (etw a der G oethekult im w ilhelm inischen B ildungsbürgertum ) und die wachsende zeitliche und stilistische D istanz zw ischen nationalem Kanon und G egenw artsliteratur oder Kunst gehören in diesen Zusam m enhang. D ieser vielschichtige Prozeß ist in der L iteratur- und K unstgeschichte beider Länder für die Jahrzehnte 1890-1910 vielfach an alysiert und dargestellt w orden. A n dieser Stelle können w ir uns des­ halb darauf beschränken, die Folgen für die W eiterführung n atio nalkultureller A m bitionen zu um reißen. Zum einen gehörten B ürgerkün stler der nationalen Be­ w egungsphase (G. F reytag, G. C arducci) um 1900 im m er m ehr der Vergangenheit an, die neuen literarischen und künstlerischen A vantgarden entw ickelten ein aus­ gesprochen voluntaristisches und selbstreferentielles Verhältnis zur N ation. G a­ briele d ’A nnunzio und die italienischen Futuristen liefern zw ei Paradebeispiele für diese neue K onstellation. Zum ändern gew ann un ter den Trägern der nationa­ len K ulturw erte eine kulturpessim istische Ström ung im m er deutlicher an Ge­ w icht, sie w urd e in dieser Phase zum eist jedoch noch überspielt durch die B em ü­ hungen um historisierende Synthesen bzw. abgem ildert durch historisch reflektie­ rende K u ltu rk ritik und K ulturphilosophie. A lle Ström ungen hatten in der w ilh el­ m inischen Ä ra K onjunktur und fanden Z uhörer und A nhänger im Kreis der G ebildeten50. In Italien finden sich vergleichbare P h änom ene, jed o c h in deutlich abgeschw ächter Form . Dies mag auch dam it Zusam m enhängen, daß südlich der A lpen der N ationalism us in den K ulturdebatten sich schw ächer und w eniger deutlich artikulierte. V iertens etablierte sich in beiden Ländern ein m arkanter ideologischer Bruch in der V olksbildungsbew egung. N eben der nationalliberalen R ichtung w aren nun K atholiken und Sozialisten bzw. laizistische D em okraten besonders stark auf die­ sem Feld engagiert. Trotz der zahlreichen Ü bereinstim m ungen bei den bildungs­ politischen Zielen überw ogen doch die w eltanschaulichen D ifferenzen und die politische K onkurrenz, so daß diese V olkskulturbew egung zunächst einm al dazu beitrug, die unterschiedlichen politischen Lager auch ku lturell und w eltanschau­ lich voneinander abzugrenzen. In diesem Sinn läßt sich die Feststellung von D ie­ ter L angew iesche über die deutsche V olksbildungsbew egung auch auf Italien übertragen: „Es gehört näm lich zu den B esonderheiten der deutschen (und auch 50 Ekkehard Mai, Stephan Waetzoldt, G e rd Wolandt (H rs g .), Id een gesch ich te un d K un st­ w issen sch aft. P h ilo so p h ie u n d b ild e n d e K un st im K aiserre ic h (K u n st, K u ltu r u n d P o litik im D eu tsch en K aiserreich 3, B erlin 1983).

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der österreichischen) V olksbildung, daß sie zw ar m it dem A nspruch auftrat, ein ku ltu rell hom ogenes Volk schaffen und dam it den Prozeß der N ationsbildung vollenden zu w ollen. D och organisatorisch zerfiel sie in konkurrierende R ich tun ­ gen, die sich entlang der G renzen der großen sozialm oralischen M ilieus voneinan­ der ab grenzten.“51 A uch w enn gerade im Fall der sozialistischen V olksbildungs­ bew egung die Z ielsetzungen letztlich m it den L eitorientierungen n atio n alkultu­ reller H ebung des K ulturniveaus in E inklang standen und in der A usw ahl „guter“ L iteratur w eitgehend Ü bereinkunft mit den konkurrierenden V olksbildungsbe­ w egungen zu erreichen war, so blieben die politischen D ivergenzen viel zu groß, als daß hier dauerhaft K ooperation und E inheit herzustellen war. D ie kulturellen E rziehungsansprüche und Lenkungsabsichten der V olksbildner w aren in beiden Ländern groß, zum al sie im W irken des w eltanschaulichen und politischen G eg­ ners m indestens ebenso große G efahren sahen w ie in der U nbildung der U nter­ schichten und im „Schund“ und „Schm utz“ des U nterhaltungsm arktes. Im w il­ helm inischen R eich überlagerte der G egensatz zw ischen konfessioneller und frei­ den kerisch -laizistisch er R ichtung im m er stärker den älteren G egensatz zw ischen nationalliberaler und katholischer V olkskulturbew egung. D ieser G egensatz blieb in Italien auch noch zu B eginn des Jahrhunderts deutlich schroffer als nördlich der A lp en 52. L iier w aren die Im pulse zur E ntw icklung einer katholischen V olksbildungsbe­ w egung nach dem Bruch zw ischen neugegründetem N ationalstaat und Vatikan fest in H änden ultram ontaner Kräfte. D ie K am pfstellung gegen liberale, aber auch dem okratisch-laizistische Ström ungen der V olksbildungsbew egung w ar entspre­ chend schroff und führte dazu, daß es zu einer integralistischen A bschließung katholischer M ilieus gegenüber den B ildungsgütern und L eitfiguren der lib eral­ laizistischen N atio n alku ltu r kam . In diesem Sinn schotteten die vo lksp ädago gi­ schen B em ühungen des Klerus (D on Bosco, Padre Bresciani und seine N ach ­ folger) die eigene K lientel auch gezielt ab von den offiziellen K ulturw erten des N ationalstaats53. Trotz des K ulturkam pfes läßt sich eine solche kulturelle Front­ stellung nur in abgeschw ächter Form in den katholischen R egionen des D eut­ schen R eiches w iederfinden. Zum einen w ar die Prägekraft des n atio nalkulturell vereinheitlichten Schulw esens ungleich stärker, zum ändern blieben w ichtige M ultip likato ren breitenw irksam er Form en der N ationalkultur, w ie der Sän­ gerbund, als überkonfessionelle V ereinigungen und G eselligkeitsforen erhalten. D agegen kam es vielerorts zur A usgrenzung der gesam ten sozialdem okratischen

- 1 D ieter Langewiesche, „ V o lk sb ild u n g “ un d „ L e se rle n k u n g “ in D eu tsch lan d von d er w il­ h elm in isch en A ra bis z u r n atio n also z ia listisc h e n D ik tatu r, in: IA S L 14 (1989) 10 8 -1 2 5 , h ier 110, im fo lgen d en z it.: Langewiesche, V o lk sb ild u n g. Stefano Pivato, C le ric a lism o e k ic is m o n ella c u ltu ra p o p o lare ita lia n a (M ila n o 1990) 1 5 120; Francesco Traniello, L a cu ltu ra p o p o lare ca tto lic a n e ll’ Italia u n ita, in: Soldani, Turi, F are, Bd. 1 ,4 2 9 -4 5 8 . Alessandra D i Ricco, P ad re B rescian i: P o p u h sm o e re az io n e, in: S tu d i s t o r ia 22 (1981) 833-860.

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B ildungsvereine und dem A ufbau entsprechender P arallelorganisationen im sozialdem okratischen M ilieu. A uf zw ei Feldern „m ittleren “ K ulturkonsum s läßt sich für die Zeit um 1900 die F ortdauer der unterschiedlichen n atio nalkulturellen Traditionen hinein in die Zeit der entstehenden U n terh altun gskultur beobachten. Zum ersten entw ickelte sich in dieser Phase die M u sik k u ltu r in Italien en dgültig zum breitenw irksam en Träger von N ationalstolz und kulturellem Selbstbew ußtsein. Die O per hatte seit 1860 nach und nach auch innerhalb Italiens ein im m er breiteres Publikum erobert, O pernhäuser w urd en neu- und ausgebaut, der B edarf gerade auch an billigen P lät­ zen w uchs ständig54. D iese große P opularität verband sich nun aufs engste m it dem N ationalkult. Seinen ersten H öhepunkt erreichte diese Fusion 1913, als an­ läßlich des hundertsten G eburtstages von Verdi vom 10. bis zum 24. A ugust A ida in der A rena von Verona aufgeführt w urde und als nationale G edenkfeier insze­ niert w urde. D ieser N ationalisierungsprozeß ist begleitet von der wachsenden V erbreitung von O pernarien und O perettenm elodien über W anderkapellen und M usikw ettb ew erb e. Insofern die M u sikk u ltu r w en iger eng m it den B ildun gsb ar­ rieren verknüpft w ar als die literarische und w issenschaftliche H ochkultur, folgte die B egeisterung für die großen nationalen O pern auch unkonventionellen We­ gen: Sehr rasch entw ickelte sich ein „Star“system der großen Solistinnen und So­ listen, dem ein entsprechendes A ufführungsrepertoire beliebtester A rien und M u­ sikstücke zur Seite stand. In diesem Fall steigerte der Wechsel vom integralen „K lassiker“kanon zum „P otpourri“ der bekanntesten und beliebtesten M elodien zw eifellos den nationalen Sym b o lw ert des italienischen K ulturexportguts Nr. I 55. In D eutschland dagegen blieben O per und O perette Teile einer internationalen bzw. europäischen M usikkultur, die nationalpolitische Sym b o lik behielten allein die G esangvereine, w ährend die n atio nalkulturellen A nsprüche W agners allein eine kleine, vor allem bildungsbürgerliche A nhängerschaft zu m obilisieren ver­ m ochten. Statt dessen etablierte sich im D eutschen R eich m it der A usw eitu n g der literarischen M ärkte eine neuartige, rasch populäre V erbindung von N atio n alku l­ tur und H eim atkun st56. Die K onkurrenz von D ialekt und H ochsprache gehörte in D eutschland w ie in Italien zu den B elastungen für jede B reiten w irkun g der allein hochsprachlich ausgerichteten N ationalkultur. M it der im w ilhelm inischen L iteraturbetrieb rasch reüssierenden H eim atdichtung eines Ganghofer, Thom a u .a . entstand eine Ström ung, die sich ganz bew ußt in den größeren politischen R ahm en des N ationalstaats stellte, ja in zahlreichen Texten ein ausgesprochen nationalistisch-konservatives Sendungsbew ußtsein entw ickelte, das bei einem 54 Fiamma Nicoledi, II teatro liric o e il su o p u b b lico , in: Soldani, Turi, F are, Bd. 1, 25 7 -3 0 4 . 55 G iovan n i M orelli, L’o pera, in : I lu o g h i d ella m em o ria. S tru ttu re ed ev en ti d elP Italia u n ita (R o m a, B a ri 1997) 4 5 -1 1 3 , h ier 5 9 -6 5 . 56 V gl. R ainer Stephan, L u d w ig G an gh o fers R o m an e. Ü b e r m ö glich e K atego rien ein er Ä sth e tik d er T riv ia llite ra tu r (D iss. F re ib u rg ., M ü n ste rsch w a rz a ch 1981); Hans Schwerte, G an gh o fers G esu n d u n g - ein V ersuch ü b er sen d u n g sb e w u ß te T riv ia lliteratu r, in: Heinz Otto Burger (H rsg .), S tu d ien z u r T riv ia llite ra tu r (S tu d ien zu r P h ilo so p h ie und L ite ra tu r des n eu n ­ zeh n ten Ja h rh u n d e rts 1, F ran k fu rt 1968) 154-208.

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G roßteil der Leserschaft auf ein positives Echo zu stoßen schien. Jedenfalls w urde die H eim atliteratur zu einer überaus erfolgreichen, nationalpolitisch w irksam en U nterström ung, in der sich die Vorbehalte von K ulturproduzenten w ie K onsu­ menten gegenüber den sich im m er stärker von den M aßstäben der K lassik abw en­ denden A vantgarden artikulierten. „H ohelieder auf N ation und N atur bildeten jahrzehntelang die H aup tlektüre der sozialen A ufsteiger bis hin zum städtischen M ittelstand in einer sich industrialisierenden M assengesellschaft.“57 So konnte G anghofers Rom an „Schloß H ub ertus“ mit 677000 verkauften Exem plaren zum unum strittenen B estseller der V orkriegsjahrzehnte w erden. D ie w eiteren Erschei­ nungsform en dieser ebenso gut regionenbezogenen wie auch nationalbew ußten K ultur reichen von den Bem ühungen um den D enkm alschutz über die aufkom ­ m ende N aturschutzbew egung bis hin zu den landesgeschichtlichen und m undart­ lichen H eim atvereinen. In der R egel verbanden ihre Träger ostentativ den Bezug auf die K lassiker deutscher Kunst und K ultur m it den eigenen heim atbezogenen A ktivitäten. N atürlich existierten vergleichbare E rscheinungen auch im zeitge­ nössischen Italien, doch scheint m ir - sow eit es der Forschungsstand überhaupt schon zuläßt, sichere A ussagen zu m achen - der für die deutsche K onstellation so typische doppelte B rückenschlag eher die A usnahm e zu sein: von dem engeren bildungselitären Z irkel zu einer sozial breiteren V erankerung und die K om bina­ tion n atio n alkultureller m it regio n alkulturellen A m bitionen.

IV. In der Phase der W eltkriege erlebten dann D eutschland und Italien ganz dram ati­ sche N euerungen in den B eziehungen zw ischen ku ltu reller P roduktion und na­ tionaler P olitik. In beiden Ländern gipfelte dies in dem Versuch, die N etzw erke ku ltureller Produktion und K onsum tion einer klaren nationalpolitischen Z ielset­ zung zu unterw erfen und dabei auf die letzten M ittel von Verbot und Lenkung zurückzugreifen. D urch totalitäre Steuerung der K ulturpraktiken versuchten das N S-R egim e w ie der italienische Faschism us die strukturellen W idersprüche zu beseitigen, die das Program m einer N atio n alku ltu r in beiden Ländern seit der M itte des 19. Jahrhunderts allm ählich angesam m elt hatte. D ie nationalpädagogi­ schen B em ühungen der liberalen A ra, die w achsende Zahl der Lesekundigen an das „w ertvolle“ K ulturerbe der N ation heranzuführen und dam it dem rom anti­ schen V olksbegriff ein Stück w eit näher zu kom m en, hatten sich als Sisyp h us­ arbeit erw iesen, die neuartige M assen kultur entführte die frisch in den Schulen herangezogenen neuen Kunden ebenso w ie die bedrohlich angewachsene so ziali­ stische und katholische K onkurrenz58. M it R adio und Film traten breitenw irksam M edien auf, die das G ew icht der Schriftkultur w eiter zurückdrängten und neben der M usik nunm ehr auch dem 57 W ittm ann , B u ch h an d el 299. 38 L a n g ew ie sc h e , V o lk sb ild u n g.

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gesprochenen W ort und dem bew egten B ild als Träger nationaler A kkulturation entscheidende B edeutung gaben. B eide M edien veränderten in der Zwischenkriegszeit nachhaltig die V ertriebsw ege und A rtikulationsform en der bereits im 19. Jah rh un dert aufgeblühten U nterhaltungskünste m ittleren und niederen „K ul­ tu rw ertes“ . D ies ist besonders für Italien von großer B edeutung, w eil sie hier ihre B reiten w irkun g zeigten, bevor die „L eserevolution“ des 19. Jahrhunderts alle R e­ gionen und Schichten des Landes bereits erreicht hatte. D ie A usrüstung m it K ino­ sälen m achte rasch große Fortschritte - 1929, am Ende der Stum m film ära, sind landesw eit 3000 Film theater gezählt w orden, - alle größeren und kleineren urbanen Zentren besaßen ih r Kino, und sie w urden gut besucht, in den 30er Jahren flössen fast zw ei D rittel aller Freizeitausgaben der Italiener ins Kino59. Beide L än ­ der en tw ickelten schließlich vor und nach dem Ersten W eltkrieg bedeutende Film industrien, die nicht allein für den nationalen M ark t produzierten. Eine vergleichende B etrachtung der auffällig parallelen Wege beider Länder tut gut daran, vom italienischen Fall auszugehen: Zum einen entw ickelten sich hier früher die spezifischen M erkm ale „natio n alto talitärer“ (T heodor Schieder) K ul­ tu rp o litik , zum anderen beeinflußte das italienische Beispiel in vieler H insicht die K ulturp o litik der N ation also zialisten nach 1933 - häufig in direktem G egensatz zu deren offiziell im m er betontem Führungs- und O rigin alitätsan sp ruch 60. Die Bestrebungen des faschistischen Regim es in Sachen K ultur w aren typischerw eise keinesw egs einheitlich über die gesam te Zeitdauer des R egim es. Im m er w ieder kam es zu K urskorrekturen, ja geradezu dram atischen W enden, so 1932 m it der A bkehr von der Förderung der D ialekte oder 1938 m it den Rassengesetzen und der dann einsetzenden A usschließung jüdisch er Künstler, W issenschaftler und Intellektueller. D ennoch lassen sich einige G rundkonstanten der faschistischen P o litik form ulieren. Erstens richtete das R egim e seine A nstrengungen darauf, die große M ehrheit der zeitgenössischen K ulturproduzenten für sich zu gew innen61. M achtpolitisch ging es darum , die Träger der literarisch geprägten F lo ch kultu r stärker als in der V ergangenheit für die Ziele der nationalen P o litik zu m obilisieren. H ier knüpfte der Faschism us un m ittelb ar an die Erfahrungen des Ersten W eltkriegs, vor allem an das letzte K riegsjahr an, als nach der N iederlage von C aporetto sich gerade das B ürgertum für die M o b ilisierun g der gesam ten N ation engagierte. Das in tellek­ tuelle und kulturp o litisch e Engagem ent des Philosophen G iovanni G entile ver­ d eutlicht exem plarisch den N exus zw ischen dem älteren nationalliberalen und dem neuen faschistischen Program m der N ationalkultur. G entile w ar aufgrund seiner neuhegelianischen Philosophie und seines grundlegenden pädagogischen 59 Sorlin, C in e m a 55 f. 60 A ndrea H o ffe n d , Z w isch en K u ltu r-A c h se un d K u ltu rk am p f. D ie B e zie h u n g e n zw isch en .D ritte m R e ic h 1 u n d fasch istisch em Italien in den B ereich en M e d ien , K un st, W issen sch aft un d R assen fragen (F ra n k fu rt a.M . 1998), im fo lgen d en z it,: H o ffe n d , K u ltu r-A ch se. 61 M ario I sn e n g b i, Ita lia del F ascio (F ire n z e 1996); M ich el O stenc, In tellectu els italien s et fascism e (1 9 1 5 -1 9 2 9 ) (P aris 1983); G a briele Turi, i l fascism o e il co n sen so d eg li in tellettu ali (B o lo g n a 1984).

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Interesses an der V erbreitung nationaler B ildung im Ersten W eltkrieg zu einem entschiedenen Interventionisten gew orden, w eil er in der K riegsteilnahm e für Italien die M ö glich keit sah, den Prozeß der N ation sb ildun g geistig und politisch abzuschließen. D ie ku lturelle und m oralische Einheit Italiens über alle Schichten und R egionen hinw eg stand dann auch im M ittelp un kt von G entiles vielfältigen A ktivitäten w ährend des Faschism us. A ls B ildungsm inister im ersten K abinett M ussolini reform ierte er das Schulsystem , als L eiter des Istituto fascista di cultura und später dann der Scuola norm ale superiore in Pisa, als V erlagsdirektor bei Le M onnier und B esitzer des renom m ierten Verlags Sansoni dom inierte er die in tel­ lektuelle Szene Italiens in den späten 20er und den 30er Jahren. G entiles natio nal­ ku lturellem Engagem ent kam gerade in der A nfangsphase des Faschism us großes G ew icht zu. 1925, in der K risensituation nach der E rm ordung des sozialistischen A bgeordneten M atteotti, form ulierte und organisierte er das M anifest der faschi­ stischen In tellektuellen 62. Ihm gelang es, die M ehrheit der nationalliberalen und konservativen Intellektuellen zu gew innen und selbst die M inderheit der O pposi­ tionellen in die kulturellen P restigeprojekte des R egim es w ie die Enciclopedia ita­ liana und die G ründung der A ccadem ia d ’Italia einzubinden63. D iese ehrgeizigen P restigeprojekte verdeutlichen aber auch, daß der faschistische Staat bereit war, in bislang unbekanntem U m fang die Förderung und öffentliche Inszenierung von K ultur und Kunst in die H and zu nehmen. N eben den hochkulturellen Spekta­ keln w ie der B iennale in Venedig oder der großen A usstellung faschistischer Kunst aus A nlaß des 10. Jahrestages des „M arsches auf R o m “ sind hier vor allem die staatlichen U nterstützungsm aßnahm en für das nationale Verlagswesen und die F ilm industrie zu nennen. So organisierte das faschistische R egim e italienische Buchm essen in Buenos A ires, N ew York und San Francisco oder subventionierte aufw endige Vorhaben zu r E dition der nationalen K lassiker w ie A lfieri, G ioberti, G aribaldi, G alileo, Foscoli oder Leopardi64. Im G egenzug erw artete das R egim e H innahm e der politischen R ahm enbedingungen und die Z ustim m ung zu den na­ tio nalkulturellen Z ielsetzungen, aber es akzeptierte ausdrücklich P luralism us und A utonom ie im engeren B ereich der Kultur. Trotz seiner betont nationalen K ultur­ politik akzeptierte das R egim e, daß gerade eine jüngere G eneration von Verlegern in der Z w ischenkriegszeit (w ie M ondadori oder U TE T ) den w achsenden M arkt für U n terh altun gsliteratur m it Ü bersetzungen aus dem Englischen, F ranzösi­ schen und D eutschen belieferte und dafür sorgte, daß die 30er Jahre neben dem verhaltenen A ufschw ung der italienischen B uchproduktion vor allem gekenn­ 62 G iovanni Gentile, M an ife st d er fasch istisch en In te lle k tu e lle n an d ie In te llek tu ellen a ller N atio n en . 21. A p ril 1925, in : Ernst N olte (H rsg .), T h eo rien ü b er den F asch ism u s (N e u e W is­ sen sch aftlich e B ib lio th e k 21, K önigstein/T s. 1979) 112—117. 63 Andreas Gipper, G io v an n i G en tile: vo n d er P h ilo so p h ie d er Im m an en z zu r fasch istisch en D o k trin , in: Joachim Born, M arion Steinbach (H rsg .), G eistige B ra n d stifter u n d K o lla b o ra ­ teu re (D resd en 1998) 8 1 -9 7 ; G abriele Turi, G io van n i G en tile. U n a b io g rafia (F ire n z e 1995); Sergio Rom ano , G io van n i G en tile, la filo so fia al p o tere (M ila n o 1984). 64 Gianfranco Pedullä, G li ann i del fascism o : im p re n d ito ria p riv a ta e in terv en to statale, in: Tun, E d ito ria 3 4 1 -3 8 2 , h ier 344, 355.

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zeichnet w aren vom w eiteren V ordringen der internationalen L iteratur - sowohl auf der Ebene der U nterh altun g w ie der literarischen Avantgarde. Im Ergebnis si­ cherte diese P o litik dem R egim e breite H innahm ebereitschaft, w enn nicht gar Zu­ stim m ung im Kreis von Intellektuellen, K ünstlern und Verlegern, zum indest bis 1938. Bis zur V erkündung der antisem itischen R assengesetze kannte das faschisti­ sche Italien keinen M assenexodus kritischer In tellektueller und Künstler. Zugleich m obilisierte das R egim e die anpassungsbereite M ehrheit der K ultur­ produzenten für ih r P rojekt einer zeitgem äßen A ktualisieru n g der italienischen N ationalkultur. B ekanntlich gehörten Teile der zeitgenössischen A vantgarden w ie die F uturisten zu den Faschisten der ersten Stunde65. A ber auch ihre Gegner, die V erteidiger kulturko nservativer M o d ern itätskritik bzw. vo lk sk u ltu reller G egen­ entw ürfe einer zeitgenössischen neuen N atio n alku ltu r standen in engen Ver­ bindungen zu G ruppen und Personen des R egim es. So entw ickelte sich in den Jahren des Faschism us eine breit geführte D ebatte um die zeitgem äße G estaltung einer N ationalkultur, die die B rücke zw ischen der zeitgenössischen E litenkultur und den kulturellen P raktiken und ästhetischen N orm en der breiten M ehrheiten, aber auch den großen V orbildern der V ergangenheit schlagen so llte66. De facto etablierte sich jedoch eine politisch affirm ative, ästhetisch konventionelle M eh r­ heitsström ung in der offiziell geförderten Kunst und Literatur. Ihr zur Seite ge­ stellt w urd e die Pflege der nationalen K lassiker - unter Einschluß der röm ischen Kunst, die in Zeiten im perialer Expansion w ährend der 30er Jahre ein im m er w ichtigerer B ezugspunkt für die K ulturp o litik des R egim es w urde67. Schließlich vereinheitlichte und intensivierte das R egim e die traditionellen Be­ strebungen nationalliberaler V olksbildungspolitik: H ierzu gehörten staatliche Subventionen für die bessere A usstattung von V olksbüchereien und Schulbibliotheken, aber auch sp ektakulärere M aßnahm en w ie die E inrichtung der „Theater­ sam stage“ m it Sondervorstellungen renom m ierter Bühnen für bildungsferne Schichten. G rößte Po p ularität aber genossen die landesw eiten Tourneen großer T heater im R ahm en der parteieigenen bzw. staatlichen F reizeitorganisation O pera N azionale D opolavoro: In den 30er Jahre erreichten diese A ufführungen im m er­ hin eine M illio n Z uschauer pro Jah r68. D och das R egim e entw ickelte in der Praxis ein ganz neuartiges M odell der V erm ittlung und A neignung von N ationalkultur. Es läßt sich am besten als nationalbew ußter Konsum vereinfachter H o ch kultur in organisierter F reizeit beschreiben. D abei traten die älteren volkspädagogischen Instrum entarien rasch in den H intergrund zugunsten der neuen M edien Film , R undfunk und Schallplatten. D ie O rganisatoren faschistischer K ultur ließen sich

65 Renzo de Felice (H rs g .), F u tu rism o , c u ltu ra e p o litic a (T o rin o 1988). 66 Susanne v. Falkenbausen, D er z w e ite F u tu rism u s u n d d ie K u n stp o litik des F asch ism us in Italien 19 22-19 43 (F ra n k fu rt a.M . 1979). 67 Friedemann Scriba, A u g u stu s im S ch w a rz h e m d ? D ie M o stra A u g u ste a d ella R o m an itä in R o m 1937/38 (F ran k fu rt a.M . 1994). 68 Victoria De G razia, T h e C u ltu re o f C o n sen t. M ass O rg a n iz a tio n o f L eisu re in F ascist Ita ly (C a m b rid g e 1981) 162 f.; im fo lgen d en z it.: De G razia, C u ltu re .

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ohne langes Zögern auf die U nterhaltungsbedürfnisse neuer Schichten von K ul­ turkonsum enten ein. D araus en tw ickelte sich seit M itte der 20er Jah re ein recht eigenw illiges Projekt einer m ittleren nationalen K onsum kultur, von der vor allem A ngestellte, Beam te, Freiberufler und kleinere K aufleute, also das w eitere soziale U m feld der M ittelschichten in Italien, sich angesprochen fühlten. Sie w aren die H auptkunden der K ultur, die das O pera N azio n ale D opolavoro, das parteieigene, später staatliche F reizeit- und So zialw erk des R egim es, seit 1925 im m er reichhal­ tiger anbot69. Am B eispiel der M u sik k u ltu r lassen sich die Verbindungen m it älteren Tenden­ zen sehr gut aufzeigen. W ir haben bereits gesehen, w ie sich O pern, O peretten und V olksliedpflege bereits im 19. Jah rh un d ert aufs engste m it dem N atio n alkult ver­ bunden hatten. Das faschistische R egim e rationalisierte die V erbreitungsw ege die­ ser nationalen M usikkultur, gab über subventionierte Tourneen der großen B üh­ nen, durch R adioübertragungen und lokale M usik- bzw. Sängerw ettbew erbe der bereits florierenden M u sik k u ltu r eine nationale A usrichtung. D abei bediente es sich der bereits bestehenden V erbreitungsw ege und vor allem des „Star“System s der großen Solistinnen und Solisten, dem ein entsprechendes A ufführungsreper­ toire beliebtester A rien und M usikstücke zur V erfügung stand. A uch w enn offi­ ziell die „V eredelung“ des populären G eschm acks im m er w ieder hervorgehoben w urde, so blieb, sieht man von den offiziellen H ym nen und patriotischen Liedern der faschistischen O rganisationen ab, der lenkende Einfluß auf die G esangskultur gering70. In vergleichender Perspektive ist höchst aufschlußreich, daß in der Zwischenkriegszeit nicht zuletzt dank der politischen Förderung durch das faschistische Regim e erstm als die starke lo kalistische und regionalistische U nterström ung in der italienischen K ultur in das Projekt einer N atio n alkultur integriert w urde. Eine w ich tige V oraussetzung hierfür w ar die V ersöhnung zw ischen N ationalstaat und V atikan 1929. Sie w ar durch kultur- und schulpolitische Z ugeständnisse des fa­ schistischen Regim es seit 1923 vorbereitet w orden. D am it trat die vor allem auch kath o lisch -klerikal gebundene D ialek tk u ltu r aus ihrer D istanz zur offiziellen N a­ tionalkultur. Es entstand das für deutsche B eobachter vertraute Bild einer V erkop­ pelung von N ationalism us und H eim atk u ltu r71. Das R egim e setzte alles daran, lo ­ kale T raditionen und Folklore w iederzubeleben und sie ganz w ie in der deutschen H eim atbew egung für eine Stärkung nationaler Identität n utzbar zu machen. Die N euerfindung „m ittelalterlich er“ W ettkäm pfe nach dem Vorbild des Palio in Siena w ar das spektakulärste B eispiel. Folkloristische V eranstaltungen als T ouri­ stenattraktion, als G elegenheit zur Selbstdarstellung der lokalen W ürdenträger des Regim es und als M aßnahm en der W irtschaftsförderung w aren das konkrete Ergebnis, das sich übrigens sow eit absehbar großer Popularität erfreute. 69 D e Grazia , C u ltu re 138-149. 70 Emilio Franzina, Inni e can zo n i, in: I sn engh i, L u o gh i 11 5-162 . 71 S tefano C avaz za, P icco le P atrie. F este p o p o lari tra regio n e e n az io n e d u ra n te il F ascism o (B o lo gn a 1997).

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Schauen w ir nun auf den deutschen Fall. M it B lick auf die O rganisationsform en kann man nicht nachdrücklich genug unterstreichen, w ie viele A nregungen die N ationalsozialisten nach der M achtübernahm e 1933 von den italienischen F a­ schisten aufnahm en72. Das N S-R egim e folgte nach kurzen Experim enten m it radikalen völkisch-nationalistischen N euerungen w ie den T hingspielen dem fa­ schistischen Vorbild, w enn es nationalorientierte kulturelle K onsum m uster zu etablieren suchte, die die etablierten U nterhaltungsbedürfnisse der Kinogänger, R adiohörer und T heaterbesucher nicht radikal um zuerziehen suchte, sondern sie befriedigte, dabei aber die p olitisch-ideologische Indoktrination nicht aus dem B lick verlor73. A uch der N ationalsozialism us verfolgte das Ziel, den K ulturkon­ sum der D eutschen zu „nationalisieren“74. Zum einen inszenierte sich das R egim e als H üter des klassischen Erbes: Die zeitgenössische K lassikerverehrung bot zahlreiche A nknüpfungspunkte, um einen d ezid iert nationalpolitischen H eld en kult (w ie im Fall von Schiller oder W agner) und einen pseudo-religiösen G eniekult (um G oethe) zu pflegen, der auf breiten W iderhall un ter den G ebildeten stieß. M it ihnen w urden viele andere K lassiker oder, w ie es zeitgenössisch gern hieß, „deutsche M eister“ in Kunst, M u ­ sik und L iteratur im „Braunhem d" dargestellt. A ls „nationale R evo lutio n “ stili­ sierte sich die M achtergreifung auch als R ückkeh r zu großen nationalen T raditio­ nen, bediente die W unschträum e nationalkonservativer B ildungsbürger. N eben dem Tag von Potsdam gab es auch den Tag von W eim ar: A m 10. N ovem ber 1934 zelebrierte die R egierung den Staatsakt aus A nlaß des 175. G eburtstages Friedrich Schillers75. D er inzw ischen einflußreichste G estalter der N S-K u lturp o litik , der M in ister für V olksaufklärung und Propaganda, G oebbels, führte dabei R egie und zeigte sich als gelehriger Schüler der Italiener: P restigegew inn durch grandios inszenierte nationale K lassikerkulte w ar sein ganz zentrales A nliegen: Feier und Popularisierung der nationalen K lassiker, in diesem Fall der „deutschen M eister“ durch Theatertage, Festw ochen und Sonderveranstaltungen gehörten ganz w ie im faschistischen Italien zum R epertoire des R egim es. A ls B eispiele seien genannt: die B eethoven-W ochen 1934, R adioübertragungen von Bach, H ändel und dann vor allem der W agnerkult. N icht nur die B ayreuth er Festspiele w urden vom 72 W olfgan g Schieder, D as ita lien isch e E x p erim en t. D er F asch ism u s als V orb ild in d er K rise d e r W eim a re r R e p u b lik , in : H Z 262 (1996) 73—125; H o ffe n d , K u ltu r-A ch se. 73 A d elh eid v. Saldern, „K u nst f iir ’s V o lk “ . Vom K u ltu rk o n se rv atism u s z u r n a tio n a ls o z ia li­ stisch en K u ltu rp o litik , in: D as G ed äch tn is d er B ilder. Ä sth e tik u n d N a tio n a lso z ialism u s, h rsg. v. H a rald Welzer (T ü b in g en 1995) 4 5 -1 0 4 , im fo lgen d en zit.: v o n Saldern, K un st; Hans D ieter Schäfer, D as gesp alten e B e w u ß tsein . D eu tsch e K u ltu r un d L e b e n s w irk lic h k e it 1933— 1945 (M ü n ch en 1981). 74 Z u r K u ltu rp o litik vgl. M ich a el H. Kater, D ie m iß b rau ch te M use. M u s ik e r im D ritten R eich (M ü n ch en , W ien 1998); J a n - P ie te r Barhian, L ite ra tu rp o litik im „D ritten R e ic h “ . In sti­ tu tio n en , K o m p eten zen , B e tä tig u n g sfeld er (F ra n k fu rt a.M . 1993); H ild e g a r d Brenner, D ie K u n stp o litik des N a tio n a lso z ia lism u s (R e in b e k 1963); F red K. P r ieb erg, M u sik im N S -S ta a t (F ra n k fu rt a.M . 1982). 75 G e o r g K uppelt, S ch ille r im n atio n a lso z ia listisch en D eu tsc h lan d . D er V ersuch einer G leich sch altu n g (S tu ttg a rt 1979).

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R egim e großzügig finanziell unterstützt, der W agnerkult w urde darüber hinaus aufs engste m it der N S-Sym b o lik verknüpft und system atisch gefördert76. In die­ sen B ereich der N S-K u lturp o litik gehören auch die A ktivitäten der N S-K ulturgem einde, seit 1937/38 organisatorisch in das nach italienischem Vorbild aufge­ baute Partei-Freizeit/K ulturunternehm en „Kraft durch F reude“ integriert: 1935 w aren hier bereits 1,5 M illionen M itglied er in 2000 U ntergliederungen o rgan i­ siert77. Im Sektor der V olksbildungsarbeit beerbte das N S-R egim e eine besonders a k ­ tive, aber w eltanschaulich stark fragm entierte B ew egung. W ährend im Fall der nationalliberalen, konfessionellen und nationalistischen O rganisationen die K on­ tin uität überw og, kam es im Fall der sozialdem okratischen und kom m unistischen V ereine und E inrichtungen zu Verboten und „Säuberungen“, die vielfach zum A bbruch der B ildungsarbeit führten. Schließlich entw ickelte das Regim e zum Teil p arallel, zum Teil beeinflußt vom faschistischen Vorbild neue Wege der Popularisierung und Lenkung der U nterhaltungs- oder M assenkultur. G anz ähnlich w ie in Italien ging es auch den Verant­ w ortlichen in B erlin und M ünchen darum , einen Stil nationalbew ußter gehobener U nterh altun g zu fördern, in dem der K onsum der „deutschen M eister“ einen fe­ sten Platz einnahm . Film und R adio w urden die bevorzugten M edien dieser B e­ strebungen. W unschkonzerte, N o n-stop-M usikprogram m e im R adio, nationale A daptionen bew ährter H o llyw o o d -G en res ergänzten die w enigen, aber propa­ gandistisch exponierten politischen Sendungen und Film e. Daneben sorgten K las­ siker-A daptionen dafür, daß auch das nationale Erbe in der „gepflegten U nterhaltungs“k u ltu r nicht fehlte. Z ugleich vertiefte das N S-R egim e in seiner K ulturp o li­ tik das Bündnis zw ischen nationalem K ulturchauvinism us und H eim atbew egung. H ier konnte es sich, w ie w ir gesehen haben, viel stärker als der Faschism us auf frühere E ntw icklungen stützen. Bereits im w ilhelm inischen K aiserreich w aren in H eim atliteratur, N aturschutzbew egung und M undartpflege die an tim o dern isti­ schen, großstadtfeindlichen V orbehalte und R essentim ents m it einem m arkant nationalistisch-konservativen Sendungsbew ußtsein aufgeladen w orden. D iese heim atzentrierte D eutschtüm elei nahm en die N ationalsozialisten begierig auf: Trachtenfeste, germ anische Stam m estraditionen und nationalbew ußte H eim at­ literatur in konventionellen literarischen Form en bis hin zum kriegsbew ährten nationalistischen M ilitärkitsch , aber auch seriöse volkskundliche und regionalge­ schichtliche Forschung fanden hier ihren Platz. Die G em einsam keiten reichen also gerade in der B reiten kultur sehr w eit, auch das N S-R egim e machte in der Praxis Z ugeständnisse an die a-nationale U n terh al­ tungskultur und nutzte geschickt die neuen M edien, um das neuartige K onzept einer nationalbew ußten K onsum kultur in der B evölkerung zu verbreiten. In allen breitenw irksam en M edien, R adio, Film und Theater, dom inierte allen politischideologischen Lenkungsabsichten zum Trotz U nterhaltung: F ür Kino und Thea7(> Kater, M u se 79 ff. 77 Von Saldern, K unst 62.

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ter sind knapp die H älfte aller A ufführungen bzw. Film e der Sparte „vorwiegend heitere F ilm e“ bzw. „heitere ,G ebrauchsdram atik‘“ zugeordnet w orden78. G lei­ ches gilt für das R adioprogram m 79. Zugleich konnte der w ichtigste Träger der älteren, nationalliberalen V orstellung von „ N atio n alkultu r“, das B ildun gsb ürger­ tum , ganz ähnlich w ie im faschistischen Italien w eiter seine traditionellen hum ani­ stischen B ildungsgüter pflegen, sofern es bereit war, sich von liberalen und dem o­ kratischen D eutungen und Spielarten dieses etablierten B ildungskanons still­ schw eigend zu trennen. D ieser Bruch ist aber bereits vielfach in der W eim arer Zeit vollzogen w orden80. Dies bereitete in D eutschland einem noch kleineren Kreis von B ildungsbürgern Schw ierigkeiten als in Italien, obw ohl es anders als in Italien auch im B ereich von K ultur und B ildung offiziell zu einer „G leichschaltung“ kam . D er entscheidende U nterschied zum faschistischen Italien liegt jedoch in der Stellung des Regim es zur kulturellen M oderne. A nders als in Italien vollzog sich in D eutschland der nationaltotalitäre Versuch, eine p o litisierte N atio n alkultur von oben zu erzeugen, als Bruch m it den w ichtigsten Ström ungen der zeitgenös­ sischen K ulturproduktion. W ir dürfen nicht vergessen, daß der M achteroberung der N ation also zialisten ein perm anenter K ulturkam pf zw ischen A nhängern einer international ausgerichteten, häufig politisch links sich verortenden M oderne und A vantgarde und einer breiten kulturkonservativen M ehrheitsström ung voraus­ gin g81. D iese K onfrontation w ar auch eine Folge des verlorenen W eltkriegs, den viele G ebildete zum K rieg der K ulturen dram atisiert hatten. D ie nationalistische A ufladung der eigenen K ulturw erte und B ildungstradition im verm eintlichen A b ­ w ehrkam pf gegen die universalistischen G eltungsansprüche der w estlichen D e­ m okratien w urd e von großen Teilen der G ebildeten, voran den M andarinen der akadem isch-universitären B ildun gsw elt, auch nach K riegsende w eitergepflegt. D araus ergab sich eine K onstellation, in der die entschiedene A b w eh r auslän di­ scher Einflüsse und Ström ungen sich im m er stärker m it der A blehnung aller G e­ genw artstendenzen in K unst und L iteratu r verband. K ulturpessim ism us und U berfrem dungsängste gingen eine unheilvolle A llian z ein. V ölkisch-nationale und antiw estliche Ideen gew annen deutlich an Boden. H in zu kam , daß angesichts der G renzrevisionen der E rhalt deutscher Sprache und K ultur jenseits der R eichs­ grenzen zum w ichtigsten kulturpolitischen Ziel von der nationalistischen Rechten 78 G erd Albrecht, N a tio n a lso z ia listisc h e F ilm p o litik (S tu ttg a rt 1969) 110; K on rad Dussel, Ein n eues, ein h ero isch es T h ea ter? N atio n a lso z ia listisc h e T h e a te rp o litik un d ih re A u s w ir ­ k u n g e n in d er P ro v in z (B o n n 1988) 337. 79 N anny Drechsler, D ie F u n k tio n d er M u sik im d eu tsch en R u n d fu n k 19 33-19 45 (P faffen ­ w e ile r 1988). 80 Frank, D eu tsc h u n terrich t 5 7 1 -7 5 2 ; Klaus Behr, G y m n a siale r D eu tsc h u n terrich t in der W eim arer R e p u b lik un d im D ritte n R eich . E in em p irisch e U n tersu c h u n g u n ter id e o lo g ie k ri­ tisch em A sp ek t (W ein h eim , B asel 1980). 81 Adelheid von Saldern, Ü b erfrem d u n g sä n g ste. G egen die A m e rik a n isie ru n g d er d eu tsch en K u ltu r in den z w a n z ig e r Ja h re n , in: A m e rik a n isie ru n g : T raum un d A lp tra u m im D eu tsch lan d des 20. Ja h rh u n d e rts, h rsg. v. A lf Lüdtke, Inge M arßolek, Adelheid von Saldern (S tu ttgart 1 9 6 6 )2 1 4 -2 4 4 .

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bis zur Sozialdem okratie w urde. V ölkische Ideen und rom antische T raditionen ergänzten sich höchst w irkungsvoll in der Verbreitung holistischer K onzepte von „ N atio n alkultu r“, die in im m er stärkerem M aße als „K ulturgem einschaft“ und als V oraussetzung nationaler „W iedergeburt“, konkret als G rundlage nationaler G e­ schlossenheit, verstanden w urde, ohne die eine R evision des V ersailler Vertrages und die R ückgew in nung nationaler G röße als unm öglich erschien. D am it w urden Fragen nationaler K ultur in einem bislang unbekannten M aße politisiert. G riffig drückte dies der Liberale T heodor H euß aus, w enn er von K ulturp o litik als der „So zialp o litik der Seele“82 sprach. D abei entw ickelte sich die Frage nach der Inte­ grationsfähigkeit m oderner K unsttendenzen, aber auch der internationalen U n ­ terh altun gskultur in eine „zeitgem äße“ N atio n alkultur zum zentralen K onflikt­ p unkt. Einer pragm atischen A npassung stand vor allem die allseits verbreitete H ierarch isierun g der kulturellen Praktiken entsprechend dem etablierten natio­ n alkultu rellen Kanon entgegen. D ie N ationalsozialisten w aren zunächst einm al nichts anderes als das Sprach­ rohr dieser breiten kulturkonservativen Ström ung der W eim arer R ep ub lik, die vom nationalliberalen und katholischen Lager bis zur nationalistischen Rechten reichte. Selbst die rassistische A ufladun g w ar keine genuin nationalsozialistische B esonderheit, sondern hatte über die verschiedensten völkischen Ström ungen breite A kzep tanz gefunden. D ie Sprache von „Blut und B oden“, von „Rassen­ seele“ und „jüdischer Z ersetzung“ hatte sich bereits vor 1933 als H auptidiom etabliert, w enn es darum ging, den A nspruch zu form ulieren, auch k u ltu rell die deutsche N ation zu einer hom ogenen G esinnungsgem einschaft zu vereinen. A l­ tere rom antische Traditionen trafen sich m it neueren rassistischen D eutungs­ m ustern in dem Ziel, durch A bspaltung unerw ünschter G egenw artstendenzen die Einheit der N atio n alkultur w iederherzustellen. M it dem N ationalsozialism us hatte also eine Partei in dieser K onfrontation den Sieg errungen: Sie nutzte ihn, um die deutsche K ultur von „entarteter K unst“, „A sp h altliteratur“ und „K ultur­ bolschew ism us“ zu „säubern“ und dem völkischen R einigungsfuror der W eim a­ rer Zeit zunächst freien L auf zu lassen. B erufsverbot, Exil, Verfolgung und B ü­ cherverbrennung sind bekanntlich w ichtige Z äsuren der ersten H errschaftsm o­ nate. De facto kam es zu einer Spaltung der deutschen K ulturnation: Bauhaus und Z w ölftonm usik, Expressionism us und die H auptvertreter der literarischen M o ­ derne m ußten das Land verlassen. M it diesen K ulturproduzenten und T raditions­ deutern verließ aber auch eine andere D eutung des gesam ten K ulturerbes, des nationalen K lassikerkanons das Land. T ypischerw eise konzentrierten sich die kulturpolitischen A nstrengungen des Exils darauf, ein „anderes“ D eutschland zu bewahren und zu beerben. Z w angsläufig verblieb der breiten M ehrheit der K ul­ turproduzenten im D ritten R eich ein engerer A rtikulatio n ssp ielraum als im faschistischen Italien. W ährend dennoch im nationalsozialistischen D eutschland eine „R est-V ielfalt“ geduldeter zeitgenössischer K unstrichtungen und L iteratu r

S2 Ebd. 60.

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w eiterexistierte, scheiterte das R egim e bei dem Versuch, eine „neue deutsche K unst“ als politisches A uftragsw erk zu kreieren. A us der deutsch-italienischen Parallelgeschichte der Z w ischenkriegsjahre las­ sen sich aus m einer Sicht m indestens vier G em einsam keiten erkennen, die uns auf die kom plizierte G eschichte der V erschränkung zw ischen politischer N ation und nationaler K ultur in dieser Phase im perialer K onfrontation der europäischen N a­ tionalstaaten verw eisen. 1. D ie „natio n alto talitären “ K ulturdiktaturen w aren bei den K ulturkonsum en­ ten populär, im italienischen Fall reichte die Z ustim m ung bis w eit ins Lager der kritikb ereiten und skeptischen Intellektuellen. Das verw eist darauf, daß in der er­ sten H älfte des 20. Jahrhunderts trotz gegenläufiger Tendenzen in H och- w ie B reiten kultu r die Idee einer hom ogenen integrierenden N atio n alku ltu r m it strik ­ ten internen H ierarchien und einem festen Kanon von M eisterw erken und K las­ sikern nach w ie vor einem verbreiteten Bedürfnis in gebildeten und b ildun gs­ bereiten Schichten entsprach. Z w ei D inge kam en hierbei zusam m en: Zum einen steigerte der N ationalism us den A nspruch der vielen auf Teilhabe an der hochbe­ w erteten und allgem ein anerkannten N atio n alkultur und bot den B ildun gsb erei­ ten auch vielfältige sym bolische A nerkennung, wenn sie - auch in intellektuell red uzierter Form - partizipierten. Das K ulturm onopol des B ildungsbürgertum s w urde entsprechend p ub likum sw irksam von beiden Regim es gebrochen. G leich­ zeitig schufen die national beglaubigten K lassikerkulte auch R echtfertigungen für die Irritationen und A blehnungen, m it denen gebildete w ie bildungsbeflissene Konsum enten auf die T raditionsbrüche, Provokationen und A nsprüche der A vantgarden reagierten. D er M assenerfolg der M ünchener A usstellun g „Entartete K unst“ 1937 beruhte w ohl nicht zu letzt darauf, diese G efühle und R essentim ents zu bedienen83. 2. D ie beiden R egim e gehörten zu den w enigen erfolgreichen K onkurrenten der expandierenden am erikanischen K ulturindustrie im Europa der Z w ischen­ kriegszeit. D ieser ökonom isch w ie in tellektuell sehr relative Erfolg ließ sich nur durch scharfen ökonom ischen P rotektionism us und m assive politische Interven­ tion aufrechterhalten. Im A bw ehrkam pf gegen den „A m erikanism us“, w ie es zeit­ genössisch hieß, adaptierten die D iktaturen begierig die neuesten Techniken und gingen zugleich auch auf D istanz zu den kulturkonservativen und xenophoben H ardlin ern in den eigenen Reihen: N ich t von ungefähr gehören gerade die deut­ schen und italienischen Varianten einer m odernen U nterh altun gskultur m ittleren Schw ierigkeitsgrades zu den zeitgenössisch erfolgreichen und kulturhistorisch in­ teressanten H ervorbringungen beider R egim e84. Bei aller ideologischen D istanz forcierten sie den U m bau der V erm ittlungsform en und den W andel des Ge­ schm acks hin zu einer breiten K onsum enten-U nterhaltungskultur, in der die D if­ 83 K laus-Peter Schuster (H rs g .), D ie .K u n ststa d t“ M ü n ch en 1937. N a tio n a lso z ia lism u s und .en tarte te K u n st' (M ü n ch en 1987). 84 Karsten 'Witte, F ilm im N atio n a lso z ia lism u s, in: Wolfgang Jacobsen, Anton Kaes, Hans H elm ut P rinzler (H rsg .), G esch ich te des d eu tsch en F ilm s (S tu ttg a rt, W eim ar 1992) 39 -1 0 0 ; Sorlin, C in e m a 61 ff.

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ferenz zw ischen E und U als legitim e, w enn auch hierarchisch bew ertete Variation einer „K ultur“ akzep tiert w urde. Erst dahinter tat sich das verfem te und u n ter­ drückte Feld von „Schund“, „Schm utz“ und „E ntartung“ bzw. „K osm opolitis­ m us“, „K ulturbolschew ism us“ bzw. liberal-dem okratischer „D ekadenz“ auf. 3. Beide Regim es entw arfen ein ganz neuartiges M odell der Politisierung natio­ n alk ultu reller K onsum praktiken: M it organisierten K ulturfahrten, T heaterbesu­ chen, Festspielen und K ulturw ochen kreierten die O rganisatoren der faschisti­ schen und nationalsozialistischen K ultur eine A ngebotsstruktur, in der sie zu ­ gleich Elem ente politischer Z ustim m ung und nationalbew ußter A ffirm ation ein­ bauten. In ihrer plum p aufdringlichen Form w urd e dies von den Freunden und Kennern der H o ch kultur m it Verachtung registriert, im A ugenblick des m ilitäri­ schen Fiaskos beider Regim es auch von den bildungsbeflissenen Ü berlebenden als Frevel und V errat an den eigenen K lassiker gebrandm arkt. Doch w ir sollten uns nicht täuschen lassen: D ie Zeugnisse der Teilnehmer, großer w ie kleiner B ildungs­ bürger, sprechen eine andere Sprache: Sie zeigen uns eine sublim e Form ku lturchauvinistischer Im prägnierung nach außen. Erst als in beiden Ländern der p o li­ tische Traum im perialer Größe bzw. W eltgeltung ausgeträum t war, w urde es allen als das erkennbar, w as es von A nfang an w ar: Selbstüberschätzung in Zeiten einer international gew ordenen H och- w ie U nterhaltungskultur. 4. Beide R egim es gaben ihren n atio nalkulturellen Initiativen einen betont hero­ isch-m ännlichen Zug. In D eutschland forderten die kulturkonservativen Ideolo­ gen die Ü berw ind u ng einer angeblich drohenden „K ulturfem inisierung“. K ultur w urde besonders käm pferisch und m askulin. In der A rch itektur und Skulp tur beider R egim e kom m t diese geschlechtergeschichtliche D im ension besonders deutlich zum A usdruck. D ahinter stand natürlich in beiden Regim es das B estre­ ben, die tradition ellen G eschlechterdifferenzen durch kulturelle N orm en zu sta­ bilisieren und m ilitärisch-käm pferische W erte in der eigenen N ation alkultur auf­ zuw erten 85.

V. Die m ilitärischen K atastrophen der beiden D iktaturen rissen auch ihre natio nal­ kulturellen A m bitionen m it in den A bgrund. Z uletzt hatten K ultur und B ildung als w ohlfeile R echtfertigungen herhalten m üssen, als es darum ging, die nackten M achtegoism en der R egim e in ihren aggressiven E roberungskriegen zu bem än­ teln. A ngesichts der B ereitw illigkeit, m it der zahlreiche Vertreter der K ulturw elt sich bis zum Ende den beiden R egim es zur V erfügung gestellt hatten, verw undert es eigentlich, daß unm ittelbar nach K riegsende die B eschw örung der eigenen K ulturtraditionen zum indest ku rzfristig auf ein breiteres Echo stieß und O rien ­ tierungsbedürfnisse zu befriedigen schien. D ennoch läßt sich für Italien und die S5 Von Saldern, K un st 7 9 f.

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L u t z R aphael

B undesrepublik D eutschland feststellen, daß dann jedoch überraschend rasch die 30 Jahre lang verstärkten Verknüpfungen von N ation und K ultur zerrissen, die nationalen A ufladungen des kulturellen Konsums jäh abbrachen. D iese generelle B ehauptung stützt sich auf B eobachtungen in unterschiedlichen Feldern und auf unterschiedlichen Ebenen der K ulturproduktion: Zum einen schlossen sich jetzt - sow eit das nicht bereits vorher geschehen w ar - die literarischen und kü n stleri­ schen G ruppen und Ström ungen den internationalen Trends an, suchten gezielt universalistische B ezugspunkte für die eigene literarische oder künstlerische A r­ beit und kritisierten entschieden die Ü berbleibsel des nationalistischen K ultur­ konservatism us. W ährend die H o ch kultur also jeden F lirt m it nationalpolitischen Them en ablehnte, setzten sich in der U nterh altun gskultur in kürzester Zeit die am erikanischen L eitbilder und K onsum standards als neue ästhetische Standards durch. In der Film industrie verdrängte in den 50er Jahren H o llyw o o d endgültig die ökonom isch schw ächere nationale K onkurrenz. N ach 1945 zerfiel „N atio n alk ultu r“ in ihre nur noch lose m iteinander verbun­ denen Bestandteile. Zum einen überlebte der harte Kern des gym nasialen Kanons m uttersprachlicher K lassiker in K om bination m it dem altsprachlichen U nterricht. Dieses literarisch-neuhum anistische B ildungsw esen geriet w ährend der 50er und 60er Jahre in w achsende D iskrepanz zu den sozialen R ealitäten der höheren Schu­ len, zur G egenw artskultur und sah sich gleichzeitig durch wachsende A nforde­ rungen gegenw artsbezogener W issensverm ittlung herausgefordert. In beiden Ländern w urde die als „F ortschritt“ und „M odernisierung“ gefeierte ökono­ m isch-soziale E ntw icklung auch ku lturell als Ü berw indung negativ b eurteilter Traditionen begrüßt. Entsprechend leise trat dieses K ulturm odell nach 1960 in beiden Ländern von der B ühne ab, nachdem die letzten kulturpessim istischen Stim m ungen in den B ildungseliten verhallt w aren 86. D aneben existierten in den 50er und 60er Jah ren die gerade entw ickelten Trivialform en nationaler K ultur­ pflege in den neuen M assenm edien weiter. Insbesondere das in beiden Ländern öffentlich-rechtlich ko n trollierte Fernsehen stabilisierte in besonderem M aße diese A usdrucksform en einer gehobenen U nterhaltungskultur, in der B ildun gszi­ tate und K lassiker ein fester B estandteil w aren 87. D och in beiden Ländern vollzog sich der A bschied vom alten Traum der einen N atio n alku ltu r nicht ohne W iderstände und K onflikte. K om m unisten und Ka­ tholiken entw ickelten in beiden Ländern für kurze Zeit noch einm al E ntw ürfe zu einer Floch- w ie M assenkultur integrierenden „ N atio n alkultu r“. D ieser k u ltu r­ politische Traum einer dem okratisch-populären N atio n alku ltu r nach verm eint­ lich jakobinisch-republikanischem französischen Vorbild, w ie es die K ulturp o li­ tik der V olksfront entw orfen hatte, bew egte in den 50er Jahre die G ram sci-A n­ hänger der KPI in gleichem M aße w ie die stalinistischen K ulturorganisatoren der S6 Axel Schildt, Z w isch en A b e n d la n d lin d A m e rik a : S tu d ien zu r w estd eu tsc h e n Id een lan d ­ sch aft d er 50er Ja h re (M ü n ch en 1999); B o lle n b e ck , B ild u n g 30 5 -3 1 2 . 87 S teph en G u n dle, L’a m e ric a n iz z a z io n e del q u o tid ia n o . T elevisio n e e co n su m ism o n e ll’Italia d eg li ann i cin q u a n ta , in: Q u a d e rn i S to ric i 62 (1986) 56 1 -5 9 4 .

Von der liberale n K ulturn atio n z u r n ationalistischen K ulturge m e in sc haft

275

entstehenden D D R, hier im Bündnis mit den Literaten und B ildungsbürgern des E xils88. Beides blieb M inorität gegenüber den von den W estalliierten geduldeten Versuchen des katholischen Lagers, den öffentlichen Raum allein solchen K ultur­ produkten freizugeben, die mit den eigenen W eltdeutungen und M o ralvorstellun ­ gen zu vereinbaren w aren. Vor allem für die katholische Seite schien für kurze Zeit der alte Traum realisierbar, die N atio n alkultur zu rechristianisieren89. Italien er­ lebte zw ischen 1948 und 1956 noch einm al ein kurzes N achspiel p o litisch -id eo lo ­ gischer G leichschaltung von integralistischer Seite. Doch auch diese A m bitionen brachen sich am beharrlichen W iderstand abw eichender K ulturbedürfnisse, und die katholischen ähnelten nicht w en iger als die kom m unistischen A nstrengungen angesichts der technischen Ü berlegenheit und der ideologischen A ttraktivität des dem okratisch-kapitalistischen M assenkulturm odells der U SA im m er m ehr dem aussichtslosen Kam pf selbsternannter letzter K ulturritter. Die neuen dem o krati­ schen R egim e etablierten sich in beiden Ländern ohne neue oder alte n atio n alkul­ turelle A m bitionen. Ihre universalistischen politischen Werte w aren nur noch lose m it den tradierten literarisch-künstlerischen B ildungsgütern und K lassikerkulten verknüpft. D er Prozeß der E ntkanonisierung, der nach 1945 und dann verstärkt in den 60er Jah ren alle P rodukte der schulisch kanonisierten B ildung ergriff, h in ter­ ließ deshalb in der politischen O rdnung der beiden N ationen nur m arginale Sp u­ ren - ganz anders als noch ein halbes Jah rh un d ert zuvor.

8S Von Saldern, K un st 82f; Forgacs, C u ltu re 152 ff. S9 S tefan o P iva to, S tru m en ti delF egem o n ia catto lic a , in : Soldani, Turi, F are, B d. 2, 36 1 -3 8 8 .

Register

Personenregister A d en au er, K onrad 19, 128 A lfie ri, V itto rio 265 A lth u siu s, Jo h an n e s 72 A ly , G ö tz 165 A m e ry, C a rl 64 A m m o n , O tto 47 A q u in , T h o m as von 104 A ren d t, H an n ah 160 A rio v ist 44 A rm in iu s 24, 44, 2 3 0 -2 3 2 A uer, Ign az 145 A u g u stin u s, A u re liu s 104 A u g u stu s 236 B ach, Jo h a n n S eb astian 268 B ah ro , R u d o lf 64 B a k k e r van B o sse, C h ris tin a 194 „ B a lilla “ (G . B. P erasso ) 233 B artels, A d o lf 47 B attisti, C e sare 44 B au m an n , Z y g m u n t 18,21 B eb el, A u g u st 140, 145 B eccaris, B ava 140 B ecker, E rich 128 B ergh o ff, H a rtm u t 9 B e rto relli, L u ig i V. 53 B esed n jak , E n gelb ert 204 B ied en ko p f, K u rt 66 B ism arck , O tto von 2, 3, 32, 54, 79, 87, 9 0 94, 96, 100, 110, 1 1 5 ,1 1 6 , 140, 144, 1 4 7 149, 169, 1 7 0 ,2 3 1 ,2 3 2 ,2 3 7 , 238 B isso lati, L eo n id a 200, 219 B o ccaccio , G io v an n i 248 B o g lie tti, A n to n io 92, 93 B o n gh i, R u g g iero 112 B orgest', G iu sep p e A n to n io 43 B o vio , G io v an n i 92 B racher, K arl D ietrich 25 B ran d t, W illy 63

B re n tan o , L u jo 48, 87 B ru n ia lti, A ttilio 77 B ü lo w , B ern h ard von 114 C am m aran o , F u lv io 118, 120 C a n tü , C e sare 43 C a p p o n i, G ino 42 C a p ra , C a rlo 8 C a p riv i, L eo von 114, 170, 171 C a rd u c c i, G io su e 249, 258, 260 C arter, N ic k 259 C a ssio lis, A m o s 2 C attan e o , C a rlo 81 C av o u r, C a m illo B enso 2, 91, 115, 136 C e d ern a, A n to n io 62, 64 C e rm e lj, L av o 202 C ip ria n i, L id io 222 C o la ja n n i, N ap o leo n e 143, 145 C o llo d i, C a rlo 257 C o lo m b o , U m b e rto 64 C o n s ig lio , P lacid o 221 C o n w e n tz , F lu go 54 C o r y e ll, Jo h n R u ssel 259 C o ssa , L u ig i 9 5 -9 7 C o ssig a, F ran cesco 156 C risp i, F ran cesco 36, 91, 143, 170, 233 C u su m an o , V ito 95 D ’A n n u n z io , G ab riele 20, 1 8 9 ,2 6 0 D ah ren d o rf, R a lf 12, 164 D alla V olta, R ic ard o 93 D ante A lig h ie ri 53, 232, 248, 257 D arre, R ic h ard W alth er 5 6 -5 9 D a rw in , C h arle s 226 D a rw in , L eo n ard 215 D e A m ic is, E dm ondo 257 D e F e lice , R en z o 162, 163, 227 D e G ra z ia , V icto ria 178 D e G u b ern atis, A n gelo 219

R egister

278 D e M au ro , T u llio 254 De R osa, G ab riele 2 De S an ctis, F ran cesco 249 D e V iti D e M arco , A n to n io D iesel, R u d o lf 281 Di R u d in l, A n to n io 143 D o llfu ß , E n gelb ert 204 D on B o sco, G io van n i 261 D o y le , C o n a n 259 D um as, A lex a n d re 259 D ürer, A lb rech t 250

95

E ichhoff, E rn st 128 E m ilia n i-G iu d ic i, P ao lo 95, 97 E n zen sb erger, H an s M agn u s 64 E ppler, R ein h ard 65 E rik so n , E rik FI. 28 F a rin ac ci, R o b erto 22 F au ro s, R u g g e ro 218 Feder, G o ttfrie d 176 F errara, F ran cesco 81 F laciu s Illy ric u s 14 F ich te, J o h a n n G o ttlieb 246 F ick er, J u liu s von 2 F ila n g ie ri, G aetan o 80 F ischer, E rn st 50 F o sco lo , U g o 265 F ran cesco II. 137, 148 F ran ch etti, L eo p o ld o 42, 191 F ra n co lin i, B ru n o 222 F re v e rt, U te 178 F re y ta g , G u stav 251, 260 F ried rich II. 89, 238 F ried rich B arb aro ssa 2, 24, 230, 231 F ried rich , C a rl Jo ach im 160 G alilei, G alileo 265 G alto n , F ran cis 214, 226 G angh ofer, L u d w ig 262, 263 G a rib ald i, G iusep p e 51, 111, 137, 233, 265 G en o v esi, A n to n io 40 G en tile, E m ilio 175 G en tile, G io v an n i 59, 264, 265 G erv in u s, G eo rg G o ttfried 249 G h ig i, A lessa n d ro 51 G ierk e, O tto F ried rich von 17 G in i, C o rra d o 215, 216, 221, 222, 224, 225 G io b erti, V in cen zo 265 G io ia, M e lc h io rre 80 G io litti, G io v an n i 10, 120, 132, 170, 171, 173 G io v an n o n i, G ustav o 60

G lo b o cn ik , O d ilo 202 G o eb b els, Jo se p h 268 G o erdeler, C a rl F ried rich 19 G oeth e, Jo h a n n W o lfgan g von 44, 251, 268 G ö rin g, H erm an n 59 G ram sci, A n to n io 191 G rego r, Jam es 175 G rim m , Jaco b u. W ilh e lm 44 G rim m , H an s 47 G ro tiu s, H u go 97 G ru h l, H e rb e rt 65 H a ec k e l, E rnst 49, 50 H än d el, G eo rg F ried rich 268 H aller, A lb rech t von 44 H an sen , G eo rg 47 H au ssleiter, A u g u st 65 F lege l, G eo rg W ilh e lm F ried rich 44 H e im , S usan ne 165 H e ld , H e in rich 194 H em p el, C a rl G ustav 253 H erd er, Jo h an n G o ttfrie d 186, 246, 248 H e rf, Je ffre y 17, 165 H e ss, R u d o lf 205 F leu ß , T h eo d o r 2 3 8 ,2 7 1 H e y d ric h , R ein h ard 18 F le y k in g , A lfo n s von 193 H itle r, A d o lf 2, 11, 20, 24, 25, 5 4 -5 7 , 15 91 6 1 ,1 6 5 ,1 6 6 ,1 7 5 -1 7 7 ,2 0 4 ,2 0 5 ,2 3 1 ,2 3 7 , 238 H ö ld e rlin , F ried rich 44 H o lm es, S h e rlo ck 259 H ro ch , M iro slav 198, 199 In te rlan d i, T elesio 213 Isn en g h i, M ario 42, 43 Israel, G io rgio 224 Ja c in i, S tefan o 42 Jä c k e l, E b erh ard 175 Ja rre s, K arl 19, 128 Ja w o r s k i, R u d o lf 197 Ju n g h a n n , O tto 182 J u s ti, Jo h a n n H e in rich G o ttlo b von 97 K aelb le, H artm u t 3, 6, 13 K ant, Im m an u el 73, 97 K arl IV. 237 K arl d er G roße 2 K au lb ach , W ilh e lm von 231 K ip lin g, Jo sep h R u d y a rd 259 K lages, L u d w ig 48 K üm o , A rp ad von 8

Person en register K nies, K arl G ustav A d o lf 96 K ö llm g, B ernd 10 K ohl, H e lm u t 2 4 ! K o tzeb u e, A u g u st von 251 K rafft, J o h a n n P eter 231 L a M arm o ra, A lfo n so F errero M arch ese di 137 L afo n tain e, O sk a r 65 L am p e rtico , F ed cle 95 L an d ra, G u id o 213 L an g b eh n , J u liu s 47 L a n g ew ie sch e, D ieter 31, 260 L an te ri, G iaco m o 40 L en in , W la d im ir Iljitsch 159 L eo III. 2 L eo X III. 100 L eo p a rd i, G iaco m o 246, 265 L ev ra, U go 135 L ie b k n e ch t, W ilh e lm 140 L o m b ro so , C e sa re 216, 217, 226 L u k en , E m il 128 L uth er, M a rtin 24, 2 3 0 -2 3 2 , 238 M acc ari, M in o 58 M a c h ia v e lli, N icc o lö 96 M a g ris, C la u d io 188 M alap arte , C u rz io 58 M an etta, F ilip p o 2 1 8 ,2 2 2 M a n te g a z z a , P ao lo 219 M a rco n i, G u g lielm o 223 M a rse lli, N ic o la 92 M a rtin ie re , B ru n eau do la 40 M arx , K arl 5 M a teo tti, G iaco m o 175, 265 M a ye r, O tto 79 M a z z in i, G iu sep p e 110, 186, 233, 246 M e in e ck e, F ried rich 238 M en d el, G reg o r 215 M e n z e l, A d o lf 2 3 1 M e rk , W a lth e r 101 M e ttern ic h , K lem ens W en zelslau s 249 M ic h e ls, R o b ert 11 M in g h e tti, M arco 135, 136 M iq u e l, Jo han nes von 122, 171 M o h l, R o b ert von 77 M o m m sen , H an s 213 M o m m sen , W o lfgan g J. 172 M o n d ad o ri, A rn ald o 265 M o n d in o , C o lo n c llo 142 M o rris, W illia m 51 M o rtara, G io rg io 150 M o sse, G eo rge 168

279

M u sso lin i, B en ito 2, 11, 15, 20, 22, 24, 27, 5 4 -5 7 , 159-162, 175-178, 188, 189, 202, 2 0 4 ,2 0 5 ,2 0 8 ,2 0 9 , 2 1 2 ,2 1 3 , 2 2 2 ,2 2 3 , 225, 229, 236, 239, 265 N ap o leo n 7 1 ,7 5 , 77, 112 N astasi, P ietro 224 N au m an n , F ried rich 116 N e ll-B re u n in g , O sw ald von 17, 102, 104 N ice fo ro , A lfred o 217, 218 N ieth am m er, F ried rich Im m an uel 249 N ietzsch e, F riedrich W ilh elm 44 N itti, F ran cesco 1 6 1,173 N o lte , E rnst 175 N o rd au , M ax 226 O ffe, C la u s 64 O p el, A dam 285 O stw a ld , W ilh e lm

50

P ad re B rescian i 261 P ain i, P iero 199 P a rra v icin i, L u ig i A . 43 P aso lin i, P ier P ao lo 61 P ate lla n i, Scrafin o 215 P ende, N ic o la 2 1 3 ,2 2 4 ,2 2 5 P e ru z z i, B ald assare 138 P etersen , Je n s 9, 1 4 ,2 5 , 161 P etrarca, F ran cesco 44, 248 P e u k ert, D etlev 166 P ica, G iusep p e 138 P ira n d e llo , L u ig i 102 P itre, G iusep p e 43 P ius X I. 1 0 0,103 P ius X II. 157 P o m ba, G iusep p e 253 P o rcia n i, lla r ia 35 P ra ti, G io van n i 43 P re z io si, G io van n i 213 P ro cacci, G io van n a 150 P u ccin i, G iaco m o 251 R a tta z z i, U rb an o 136, 137 R atz el, F ried rich 50 R ava, L u ig i 53 R eich a rd t, Sven 11 R eth e l, A lfred 2 R icca S alern o , G iusep p e 95, 97 R ie h l, W ilh e lm H e in rich 47, 49 R itter, C a rl 50 R o cca, M assim o 176 Ilö h m , E rnst 175 R ö rig, F ritz 237

R egister

280 R o m a g n o si, G ian D om en ico

76, 77, 80,

81 R o m an o , S an ti 124 R o o sev elt, T h eo d o r 51 R o ssi, A lessan d ro 47 R o ssin i, G io acch in o A n to n io 251 R u d o rff, E rn st 49 R u sk in , Jo h n 51 S ain t J o rio z , A lessan d ro B ianco di 217 S arfatti, M a rg h erita 22 S avo ia (D y n a stie ) 33, 53, 116, 192 Sav o rgn an , F ran cesco 211, 215, 221 Sch ieder, T h eo d o r 1, 264 S ch iem an n , P au l 204 S ch iller, F ried rich von 250, 268 S ch m id t, H e lm u t 63 Sch m o ller, G ustav 8 4 -9 0 , 92, 96 S ch o en b au m , D avid 164 S ch ö n ich en , W alth er 59 S ch u ltz e -N a u m b u rg , P aul 49 S ch u sch n igg, K u rt 204 S co tt, W alter 259 S eib t, G u stav 14 S ella, Q u in tin o 51 S erg i, G iu sep p e 2 1 4 -2 1 6 , 218, 219 S erg i, S erg io 224 S erp ie ri, A rrig o 57 S fo rza, C a rlo 200 S ism o n d i, J. C . L. S ism o n d e de 7 3 -7 7 , 81 S m ith , A d am 76, 97 S o n n en fels, Jo se p h von 97 S o n n in o , S y d n e y 42, 191 Sp av en ta, B e rtran d o 77 Speer, A lb e rt 289 Spencer, H e rb e rt 226 S p in e lli, A ltiero 64 S p irito , U g o 176 S talin , Jo ss if W issario n o w itsc h 159—161, 205' S tein , L o re n z von 77, 79 S tein ach er, H an s 205 S to p p an i, A n to n io 40 Strasser, G rego r u. O tto 176 S tresem an n , G ustav 194

S u llo , F io re n tin o 62 S y b e l, H e in rich von 2 T acitu s, C o rn e liu s 44 T agliacarn e, G u glielm o 150 T alm o n , Jo sep h 160 T am b ro n i, F ern an d o 557 T h o m a, L u d w ig 262 T h ü n en , Jo h an n von 50 T im eu s (V gl. F au ro s) 218 T o lo m ei, E tto re 189 T o m m aseo , N icco lo 43 T o n io lo , G iusep p e 95, 97 T reitsch ke, H e in rich von 116 T urner, H e n ry A . 164 T u rri, E. 3 9 ,4 0 ,6 1 U m b e rto I.

1 0 ,1 7 0

V en tu ra, F ran co 53 V erdi, G iusep p e 2 ,2 5 1 ,2 6 2 V erga, G io van n i 43 V erri, P ietro 80 V illari, P asq u ale 83 V isco , S ab ato 2 1 3 ,2 2 4 V itto rio E m an uele II 135, 233, 236 V itto rio E m an uele III 54, 116, 189 V olkov, S h u lam it 22 V o lp o n i, P ao lo 64 W agner, A d o lf 9 0 ,9 1 W agner, R ich ard 251, 262, 268 W alter, M a rk 210 W eber, M ax 4 8 ,1 1 5 W erner, A n to n von 2 3 1 -2 3 3 W ilfan , Jo sip 1 8 1 ,1 9 0 W ilh elm I. 9 4 ,1 1 6 ,2 3 1 W ilh e lm II. 8 7 ,1 1 6 ,1 7 0 ,2 3 2 W o lff, C h ristia n vo n 97 W o lfru m , E dgar 241 W o ller, H an s 157 Z itelm an n , R a in er 165, 175 Z u cc arclli, A n gelo 215 Z u n in o , P ier G io rg io 58

G eo gra p h isch es Register

281

G eographisches R egister A ach en 15 A g rig e n t 61 A lg h ero (S ard in ien ) A lp en 44, 45, 51 A p rilia 223

Ison zo 2 0 0 ,2 0 2 Istrien 2 0 0 ,2 0 2 191

B alk an 23, 57 B a y e rn 1 4 7 ,2 3 2 ,2 5 5 B e lg rad 1 8 4 ,1 9 0 ,2 0 1 B e rlin 1 5 ,2 0 ,3 0 ,3 2 ,3 3 ,4 5 ,4 7 ,1 1 6 ,1 2 5 ,1 4 6 , 188, 190, 19 3-195 , 197, 2 3 2 ,2 4 1 ,2 5 0 , 269 B o lo g n a 51 B o nn 15 B o zen 189 B ra n d en b u rg 89 B rü ssel 28 B u en o s A ires 265 C a n o ssa 2 C a p o re tto 264 C a ta n z aro 139 C o se n z a 39 C u sto z z a 116 D alm atien 189 D an zig 124, 234 D etm o ld 231 D o rtm u n d 128 D u isb u rg 19, 128 E lsaß -L o th rin g e n 147 E m ilia -R o m a g n a 35, 38, 136 F en e stre lle (V al C h iso n e) 148 F e rrara 176 F iu m e 189 F len sb u rg 187 F lo re n z *33, 95, 97, 98, 141, 254 F ran k fu rt/ M ain 15, 124, 146 F re ib e rg 145 F ria u l 9 1 ,2 2 3 ,2 2 4 G arfagn an a 258 G enf 73 G en ua 1 5 7 ,2 3 3 G ö rz 200 G ran P arad iso 53 H a m b u rg 31, 146 H a n n o v er 124

K alab rien 1 3 9 ,1 9 1 ,2 1 6 K ärn ten 1 8 7 ,1 9 0 ,2 0 2 ,2 0 4 K arst 2 0 0 ,2 0 2 K assel 232 K iel 128 K öln 19, 84, 128 K ö n ig g rätz 137 L a tiu m 223, 224 L a u sitz 185, 197 L egn an o 2 L e ip z ig 1 9 ,1 4 6 , 230, 232 L ig u rie n 35 L ip ari 143 L issa 116 L itto ria (L atin a ) 223 L ju b lja n a 20 L o m b ard ei 8, 16, 35, 36, 136 L o m e llin a 10 L ucca 258 L u n ig ia n a 143 M ailan d 15, 36, 61, 127, 140, 145, 254 M a lm e d y 188 M a rk e n 35 M essin a 143 M o d en a 34, 38 M o n t V en to ux 44 M o sk au 201 M ü n ch en 3 1 ,2 6 9 N eap el 7, 3 4 -3 6 , 61, 135, 136, 141-143, 1 4 5 ,2 1 8 ,2 2 2 N ew Y o rk 1 7 4 ,2 6 5 N ü rn b e rg 237, 250, 255 O b ersch lesien 187, 190, 197 O rv ieto 178 O stelb ie n 3 1 ,4 6 O stp reu ß en 185, 187 P alerm o 61 Paris 3 1 ,5 1 ,1 9 0 P arm a 34, 38 P iacen za 34, 38 P ian a d eg li A lban esi/dei G rcci P iem o n t 8, 33, 35

191

Register

282

P isa 265 P isticci 153 P o eb en e 55 P o m m ern 10 P o n telan d o lfo 136 P o n tin ia 223 Posen 195, 196 P o tsd am 268 P rag 188 P rato 255 P reu ß en 8 ,1 9 ,2 0 ,3 1 ,3 2 ,3 4 ,3 7 , 54, 89, 110, 1 1 3 ,1 1 6 ,1 2 1 -1 2 7 , 1 2 9 -1 3 2 ,1 4 4 , 154, 170, 183, 1 9 5 ,2 0 3 , 255, 256 R a p a llo 200 R aven n a 53 R eg e n sb u rg 15 R eg g io di C a la b ria 34, 38, 139 R om 2, 15, 16, 19, 20, 22, 28, 3 3 -3 6 , 38, 61, 91 , 116, 127, 137, 176, 188, 190, 192, 194, 2 0 0 ,2 1 4 ,2 3 3 S aar 1 9 0 ,2 3 4 S a a rb rü ck en 190 S a b au d ia 223 Sach sen 54, 255 San F ran cisco 265 S ard in ie n (In sel) 6 1 ,1 8 5 S a rd in ie n -P iem o n t (K gr.) 33, 34, 183 S av o yen 33

S ch lesien 185, 187, 190, 196, 197 S ch le sw ig 187 S ien a 7 2 ,8 6 ,2 6 7 S iz ilie n 35, 36, 61, 135, 136, 143, 191, 233 S tettin 146 S ü d tiro l 1 9 2 ,1 9 4 ,2 0 4 T eano 233 T erni 280 T iro l 190 T iv o li 53 T o sk an a 3 5 ,3 8 ,4 0 ,1 3 5 T rem iti 153 T ren tin o 44 T rien t 188 T riest 181, 188, 1 8 9 ,2 0 0 ,2 0 1 T u rin 33, 61, 135, 253, 254 U m b rien

35, 38, 40

V en edig 6 1 ,2 6 5 V eneto 34, 47, 185, 192, 200, 202, 224 V entotene 153 V ero na 262 V ersailles 2 3 0 ,2 3 1 W arsch au 184, 190, 196 W eim ar 2 4 0 ,2 6 8 W estp reuß en 185 W ien 15 ,1 8 8

Sachregister A d el 8, 1 2 ,3 0 ,8 9 , 111, 113, 116, 126, 170, 171 A g ra rp o litik sieh e L an d w irtsc h a ft A lp h a b e tisie ru n g 14, 118, 119, 253, 254, 2 5 6 ,2 5 7 A n tifasc h ism u s sieh e R esisten za A n tise m itism u s, R assism u s 2 0 -2 3 , 27, 58, 154, 175, 178, 201, 2 0 7 -2 2 6 , 237, 264, 266 A rb e iter, A rb e ite rb e w e g u n g 9, 85, 87, 92, 96, 98, 100, 172 A rm ee sieh e M ilitä rw esen A u fk lä ru n g 4, 80, 97 A u ta rk ie 55, 57 A u to n o m ie 1 9 ,2 7 , 127, 129, 131, 132 A v an tgard e, F u tu rism u s 23, 176, 259, 260

B au ern 4 1 - 4 3 ,4 7 ,5 5 ,5 7 B enetto n 26 „B lu t u n d B o d en “ sieh e R u ra lism u s B u n d e sre p u b lik D eu tsch lan d 37, 6 3 -6 7 , 206, 2 3 8 -2 4 2 , 274, 275 B ü rgerre ch te siehe M en sch en rech te B ü rg ertu m , B ü rg e rlic h k e it 6 -9 , 17, 19, 28, 38, 42, 70, 71, 1 0 7-120 , 12 4-132 , 170, 171 B ü ro k ra tie 8, 79, 87, 113, 1 2 6 -1 2 8 , 172 C D U , D em o crazia cristian a 66, 157 D D R 37, 67, 105, 206, 2 3 8 -2 4 0 , 274 D em o k ratie (als p o litisch e Id e o lo g ie), D em o k raten 19, 110, 131, 132, 136, 198

Sachregister D em o k ra tie (als R eg ieru n g sfo rm ) D en k m a lsch u tz 5 1 -5 4 , 59 D estra sto rica 1 1 7 ,1 3 6

172, 193

F asch ism u s (auch P N F ) 11, 17, 19, 22, 2 3 ,3 6 , 42, 55, 58, 101, 108, 128, 129, 131, 132, 135, 1 5 1-157 , 1 7 4 -1 7 9 ,2 0 0 -2 1 4 , 2 2 1 -2 2 6 ,2 2 9 ,2 3 0 ,2 3 3 ,2 3 5 -2 3 7 ,2 6 3 - 2 6 7 , 2 7 2 ,2 7 3 F asc h ism u sth e o rie 11, 12, 159-167 F iat 26 F ö d eralism u s 30, 32, 33, 54, 66, 124, 147 F rau en 18, 172, 177, 178 F re ih eit 7 2 -7 6 , 128, 142 F u tu rism u s sieh e A v an tgard e G ew alt, R ep ressio n 1 0 ,1 8 ,1 9 ,2 7 , 133-157, 170, 174, 175, 189, 2 0 1 ,2 0 2 G ew e rk sch aften 10, 173 G lü c k 7 0 ,7 5 ,8 1 G ru n d b e sitz e r 41, 46, 55, 5 8 ,1 1 1 ,1 1 7 ,1 7 1 , 172 H o lo c au st

18, 23, 25, 156, 163

Im p e rialism u s, K o lo n ien 2 2 0 -2 2 2 , 225, 236

21, 24, 171, 209,

In d u stria lisie ru n g , In d u strie 4, 5, 9, 13, 14, 2 4 ,2 6 , 4 5 ,5 7 , 60, 113, 114, 167, 169 In d u strie lle 58, 17 1-173 , 176

283

L ib era le, L ib eralism u s 42, 52, 76, 85, 8 7 ,9 0 , 98, 108, 109, 11 5-117 , 198 M en sch en - un d B ü rgerrech te 70, 71 M ig ra tio n 60, 134, 152 M ilitä rw e se n , A rm ee 116, 134, 135, 137— 14 2,146 , 1 4 8 -1 5 2 ,1 5 5 ,1 5 6 ,1 7 2 , 173, 185, 1 8 7 ,2 1 6 ,2 1 7 ,2 2 1 M in d erh eit, n atio n ale 20, 155, 1 8 1-206 M o d erati 1 1 1 ,1 1 7 M o d ern e 4, 5, 13, 14, 16-18, 21, 27, 58, 76, 92, 98, 108, 120, 124, 159, 166, 167, 178, 270 M o d ern isieru n g 17, 18, 48, 57, 109, 112, 114, 119, 129, 163-175, 178, 179 M o n arc h ie 2 7 ,1 1 6 ,1 7 2 N atio n , N a tio n sb ild u n g 4, 14, 15, 17, 27, 28, 42, 45, 10 7 -1 2 0 , 16 7-169 , 1 8 1-206 , 2 1 7 -2 1 9 , 2 2 7 -2 4 1 ,2 4 3 -2 7 5 N a tio n a lism u s, ra d ik a le r 171, 172, 186, 187, 189, 1 9 6 ,2 1 7 ,2 1 8 ,2 7 0 N atio n a lso z ialism u s (auch N S D A P ) 11, 12, 17-19, 24, 49, 5 5 -5 9 , 62, 101, 125, 1 2 8 -1 3 0 ,1 3 2 ,1 5 3 -1 5 6 ,1 7 4 -1 7 9 ,1 9 7 ,2 0 4 , 205, 2 2 9 -2 3 1 , 2 3 5 -2 3 7 , 240, 241, 263, 2 6 8 -2 7 3 N o tab e in 8, 1 8 ,3 4 -3 6 , 111, 117, 119, 126, 128, 148 O liv e tti 26

Ju d e n

22, 23, 27, 155, 195, 207, 237, 264

K aiserreich , D eu tsches 7 ,2 9 - 3 4 ,4 5 ,4 7 , 54, 79, 85, 93, 1 1 3 -1 2 0 , 137, 140-151, 1 6 7 172, 192, 2 2 9 ,2 3 1 ,2 3 2 , 256 K ath o lik en , K ath o lizism u s 1 2 ,2 2 - 2 4 ,2 7 , 3 1 ,3 3 ,3 6 ,4 3 ,1 0 0 ,1 0 2 - 1 0 4 , 149, 16 9,170 , 172, 173, 215, 239, 260, 261, 263, 267 K irch en staat sieh e V atikan K o lo n ien sieh e Im p erialism u s K o m m u n isten , K o m m u n ism u s 24, 63, 66, 9 2 ,9 5 , 157, 159, 1 6 2 ,2 3 9 ,2 7 4 K ö n ig reich Italie n 3 3 -3 6 , 42, 43, 5 2 -5 4 , 9 1 -9 3 , 11 5 -1 3 2 , 13 3-150 , 16 7-172 , 1 8 5 190, 195, 19 8 -2 0 0 , 229, 233, 256 K o n stitu tio n , K o n stitu tio n alism u s 69, 7 1 73, 7 6 -8 1 , 83, 93, 96, 10 0-103 , 119, 124, 167, 169, 172 L a n d w irtsc h a ft, A g ra rp o litik 57, 60, 61

9, 50, 52, 56,

P a ra llelg esc h ich te 1, 2, 4, 5, 28, 115, 272 P arlam e n tarism u s 33, 34, 53, 82, 87, 110, 118-120 P iem o n tisie ru n g siehe Z en tralism u s P o liz ei 134, 147, 152 R assism u s sieh e A n tisem itism u s R ec h tsstaat 78, 100 R eg io n alism u s 16, 27, 2 9 -3 8 , 241 R ep ressio n siehe G ew alt R esisten za, A n tifasc h ism u s 1 2 ,2 5 , 161, 163, 239 R ev o lu tio n 4, 8, 42, 70, 71, 74, 7 7 -7 9 , 110, 127, 176 R iso rg im en to 20, 24, 25, 27, 97, 110, 111, 113, 114, 198, 199, 203, 232, 233, 239, 2 4 8 -2 5 6 R u ralism u s, „B lu t und B o d en “ 42 , 43, 47, 54, 5 6 ,5 8 ,6 2 ,6 3 ,6 5 , 1 1 1 ,1 1 2 ,2 0 5

284

R egiste r

S in istra sto ric a 91, 111, 117, 136 S o n d erw e g 4, 6, 7, 28, 107 S o z ia lism u s (ita lie n isch er) 36, 132, 139— 145, 151, 1 7 3 ,2 1 5 ,2 1 9 , 239, 260, 263 S o z ia lstaa t, so ziale F rag e 14, 21, 27, 28, 41, 46, 8 5 -8 9 , 91, 93, 95, 96, 98, 100 SP D , S o z ia ld e m o k ra tie 10, 1 1 ,3 1 , 32, 65, 99, 125, 127, 140, 14 4 -1 4 6 , 149, 171, 173, 193, 2 6 0 -2 6 2 , 271 S taatsstre ic h 19, 157 U n iv e rsitä t sieh e W issen schaften U rb a n isie ru n g 14, 46, 62 V atikan , K irch en staat 22, 24, 33, 3 4 ,3 8 , 157 V erfassu n g sieh e K o n stitu tio n V ergleich , h isto risch er 2 -4 , 11

V erw a ltu n g 7 7 -7 9 , 82, 84, 103 V ö lk isch 5 6 ,1 9 3 ,2 0 5 ,2 7 1 W ah lrefo rm sieh e Z ensus W eim are r R e p u b lik 18, 25, 30, 101, 125, 127, 17 2 -1 7 4 , 19 0-197 , 229, 234, 240, 271 W id erstan d , d eu tsch er 25, 239 W issen sch aften , U n iv e rsitä t 48, 50, 59, 73, 74, 77, 81, 86, 87, 9 0 -9 2 , 94, 95, 9 8 -1 0 0 , 1 0 2 ,1 0 4 ,2 0 9 ,2 1 1 ,2 1 3 -2 1 9 ,2 2 2 -2 2 6 ,2 5 7 , 258 Z ensus, W ah lrefo rm 119, 124, 127, 128, 130, 144, 170, 172 Z en tralism u s, Z en tralstaat, P iem o n tisie ru n g 3 2 -3 4 , 36, 69, 122, 130, 135 Z e n tru m sp arte i 99, 169, 173

Schriften des H istorischen Kollegs: Kolloquien 1 H einrich Lutz. (Hrsg.): Das röm isch-deutsche Reich im politischen S ystem K arls V., 19 82, XII, 2 8 8 S. ISBN 3 - 4 8 6 - 5 1 3 7 1 - 0 vergriffen 2 Otto Pflanze (Hrsg.): Innenpolitische Problem e des Bism arck-Reiches, 19 8 3 , XII, 3 0 4 S. ISBN 3 - 4 8 6 - 5 1 4 8 1 - 4 vergriffen 3 Hans C on rad P e yer (Hrsg.): G astfreundschaft, Taverne und Gasthaus im M ittel­ alter, 19 83, XIV, 2 7 5 S. ISBN 3 - 4 8 6 - 5 1 6 6 1 - 2 vergriffen 4 Eberhard Weis (Hrsg.): R eform en im rheinbündischen Deutschland, 19 8 4 , X V I, 3 1 0 S. ISBN 3 - 4 8 6 - 5 1 6 7 1-X 5 Heinz A n g erm eier (Hrsg.): Säkulare Aspekte der R eform ationszeit, 19 8 3 , XII, 2 7 8 S. ISBN 3 - 4 8 6 -5 1 8 4 1 - 0 6 G e ra ld D. Feldm an (Hrsg.): Die N achwirkungen der Inflation au f die deutsche Geschichte 1 9 2 4 - 1 9 3 3 , 19 85, XII, 4 0 7 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 2 2 2 1 -3 vergriffen 1 Jürgen K ocka (Hrsg.): A rb eiter und Bürger im 19. Jahrhundert. Varianten ihres Verhältnisses im europäischen Vergleich, 19 86, X V I, 3 4 2 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 2 8 7 1 -8 " vergriffen 8 K o n ra d Repgen (Hrsg.): K rieg und Politik 1 6 1 8 - 1 6 4 8 . Europäische Problem e und Perspektiven, 19 8 8 , X II, 4 5 4 S. ISBN 3 - 4 8 6 - 5 3 7 6 1 -X vergriffen 9 A ntoni Mpczak (Hrsg.): K lientelsystem e im Europa der Frühen Neuzeit, 19 8 8 , X, 3 8 6 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 4 0 2 1 -1 10 E berhard K olb (Hrsg.): Europa v o r dem K rieg von 18 70. M ächtekonstellation K on flik tfeld er - Kriegsausbruch, 19 8 7 , XII, 2 1 6 S. ISBN 3 - 4 8 6 - 5 4 1 2 1 -8 11 Helmut G eorg K oenigsberger (Hrsg.): Republiken und Republikanism us im Europa der Frühen Neuzeit, 19 88, XII, 3 2 3 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 4 3 4 1 -5 12 W infried Schulze (Hrsg.): Ständische G esellschaft und soziale M obilität, 19 88, X, 4 1 6 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 4 3 5 1 -2 13 Joh an n e Autenrieth (Hrsg.): Renaissance- und H umanistenhandschriften, 19 88, XII, 2 1 4 S. mit Abbildungen ISBN 3 -4 8 6 -5 4 5 1 1 - 6 14 E rnst Schulin (Hrsg.): Deutsche G eschichtsw issenschaft nach dem Zw eiten W elt­ krieg ( 1 9 4 5 - 1 9 6 5 ) , 19 8 9 , XI, 3 0 3 S. ISBN 3 - 4 8 6 - 5 4 8 3 1-X 15 W ilfried B u rn er (Hrsg.): Tradition, Norm, Innovation. Soziales und literarisches Traditionsverhalten in der Frühzeit der deutschen A ufklärung, 19 89, X X V , 3 7 0 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 4 7 7 1 -2 16 H artmut Boockmann (Hrsg.): Die A n fän g e der ständischen Vertretungen in Preu­ ßen und seinen N achbarländern, 19 92, X , 2 6 4 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 5 8 4 0 -4 17 Joh n C. G. R öhl (Hrsg.): Der Ort K aiser W ilhelm s II. in der deutschen Geschichte, 1 9 9 1, XIII, 3 6 6 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 5 8 4 1 -2 vergriffen

Schriften des H istorischen Kollegs: Kolloquien 18 G erh ard A. R itter (Hrsg.): Der A u fstieg der deutschen Arbeiterbew egung. S o zia l­ dem okratie und Freie G ew erkschaften im Parteiensystem und Sozialm ilieu des K aiserreichs, 1990, X X I, 4 6 1 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 5 6 4 l-X 19 R oger Dufrciisse (Hrsg.): R evolution und G egenrevolution 1 7 8 9 - 1 8 3 0 . Zur gei­ stigen Auseinandersetzung in Frankreich und Deutschland, 19 9 1, XVIII, 2 7 4 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 5 8 4 4 -7 2 0 K laus S ch rein er (Hrsg.): Laienfröm m igkeit im späten M ittelalter. Formen, Funk­ tionen, politisch-soziale Zusam menhänge, 19 9 2 , XII, 4 1 1 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 5 9 0 2 -8 2 1 Jürgen Miethke (Hrsg.): Das Publikum politischer Theorie im 14. Jahrhundert, 19 9 2 , IX, 3 0 1 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 5 8 9 8 -6 2 2 D ieter Simon (Hrsg.): Eherecht und Fam iliengut in A ntike und M ittelalter, 1992, IX, 168 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 5 8 8 5 -4 2 3 Volker P ress (Hrsg.): A lternativen zur R eichsverfassung in der Frühen N euzeit? 19 95, XII, 2 5 4 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 0 3 5 -2 2 4 K urt R aaflaub (Hrsg.): A nfänge politischen Denkens in der Antike. G riechenland und die nahöstlichen Kulturen, 19 9 3 , XXIV, 4 5 4 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 5 9 9 3 -1 2 5 Shulam it Volkov (Hrsg.): Deutsche Juden und die M oderne, 19 9 4 , XX IV, 17 0 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 0 2 9 -8 2 6 H einrich A. W inkler (Hrsg.): Die deutsche Staatskrise 1 9 3 0 - 1 9 3 3 . Handlungsspielräum e und A lternativen, 19 9 2 , XIII, 2 9 6 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 5 9 4 3 -5 vergriffen 2 7 Joh an n es F ried (Hrsg.): D ialektik und R hetorik im früheren und hohen M ittelalter. R ezeption, Ü berlieferung und gesellschaftliche W irkung antiker G elehrsam keit vornehm lich im 9. und 12. Jahrhundert, 19 97, X X I, 3 0 4 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 0 2 8 -X 2 8 P a o lo Prodi (Hrsg.): Glaube und Eid. Treueform eln, G laubensbekenntnisse und Sozialdisziplinierung zw ischen M ittelalter und Neuzeit, 1993, X X X , 2 4 6 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 5 9 9 4 -X 2 9 Ludwig Schmugge (Hrsg.): Illegitim ität im Spätm ittelalter, 1994, X , 3 1 4 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 0 6 9 -7 3 0 B ern h ard K ö lv e r (Hrsg.): Recht, Staat und Verwaltung im klassischen Indien, 19 9 7 , XVIII, 2 5 7 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 1 9 3 -6 31 E lisabeth Fehrenbcich (Hrsg.): A d e l und Bürgertum in Deutschland 1 7 7 0 - 1 8 4 8 , 19 94, X V I, 25 1 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 0 2 7 -1 3 2 R obert E. F ern er (Hrsg.): Neue Richtungen in der hoch- und spätm ittelalterlichen B ibelexegese, 19 9 6 , XI, 191 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 0 8 3 -2 33 K laus H ildebrand (Hrsg.): Das Deutsche Reich im Urteil der G roßen M ächte und europäischen Nachbarn ( 1 8 7 1 - 1 9 4 5 ) , 19 95, X, 2 3 2 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 0 8 4 -0 3 4 Wolfgang J. Mommsen (Hrsg.): K ultur und K rieg. Die R olle der Intellektuellen, K ünstler und Sch riftsteller im Ersten W eltkrieg, 19 9 5 , X, 2 8 2 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 0 8 5 -9 vergriffen

Schriften des H istorischen Kollegs: Kolloquien 35 P eter K rü g e r (Hrsg.): Das europäische Staatensystem im Wandel. Strukturelle Bedingungen und bewegende K räfte seit der Frühen Neuzeit, 1996, X V I, 2 7 2 S. ISBN 3 - 4 8 6 - 5 6 1 7 1 -5 3 6 P eter Blickte (Hrsg.): Theorien kom m unaler Ordnung in Europa, 19 96, IX, 2 6 8 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 1 9 2 -8 3 7 Hans E berhard M a y er (Hrsg.): Die K reuzfahrerstaaten als m ultikulturelle G esellschaft. Einw anderer und M inderheiten im 12. und 13. Jahrhundert, 19 9 7 , XI, 187 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 2 5 7 -6 38 M anlio Bellom o (Hrsg.): Die Kunst der Disputation. Problem e der Rechtsaus­ legung und Rechtsanwendung im 13. und 14. Jahrhundert, 1997, 2 4 8 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 2 5 8 -4 3 9 F rantisek Sm ahel (Hrsg.): Häresie und vorzeitige R eform ation im Spätm ittelalter, 19 98, XV, 3 0 4 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 2 5 9 -2 4 0 A lfred H averkam p (Hrsg.): Inform ation, Kom m unikation und Selbstdarstellung in m ittelalterlichen Gem einden, 19 9 8 , XXII, 2 8 8 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 2 6 0 -6 4 1 Knut Schulz (Hrsg.): H andwerk in Europa. Vom Spätm ittelalter bis zur Frühen Neuzeit, 19 99, X IX , 3 1 3 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 3 9 5 -5 4 2 W erner Eck (Hrsg.): Lokale Autonom ie und röm ische Ordnungsmacht in den kaiserzeitlichen Provinzen vom 1. bis 3. Jahrhundert, 19 9 9 , X, 32 7 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 3 8 5 -8 4 3 M anfred H ilderm eier (Hrsg.): Stalinism us vo r dem Zw eiten W eltkrieg. Neue W ege der Forschung / Stalinism before the Second W orld War. New Avenues o f Research, 19 9 8 , X V I, 3 4 5 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 3 5 0 -5 4 4 Aharon O ppenheim er (Hrsg.): Jüdische G eschichte in hellenistisch-röm ischer Zeit. W ege der Forschung: Vom alten zum neuen Schürer, 1999, XI, 2 7 5 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 4 1 4 -5 4 5 D ietm ar W illoweit (Hrsg.): Die Begründung des Rechts als historisches Problem, 2 0 0 0 , 3 4 5 S., ISBN 3 -4 8 6 -5 6 4 8 2 -X 4 6 Stephen A Schuker (Hrsg.): Deutschland und Frankreich. Vom K onflikt zur A u s­ söhnung. Die G estaltung der westeuropäischen Sicherheit, 1 9 1 4 - 1 9 6 3 , 2 0 0 0 , X X , 2 8 0 S., ISBN 3 -4 8 6 -5 6 4 9 6 -X 4 7 Wolfgang R einhard (Hrsg.): Verstaatlichung der W elt? Europäische Staatsm odelle und außereuropäische M achtprozesse, 19 99, X V I, 3 7 5 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 4 1 6 -1 4 8 G erh ard B esier (Hrsg.): Zwischen „nationaler R evolu tion “ und m ilitärischer Aggression. Transform ationen in K irche und G esellschaft 1 9 3 4 - 1 9 3 9 , 2 0 0 1 , X X V III, 2 7 6 S . ISBN 3 -4 8 6 -5 6 5 4 3 -5 4 9 D avid Cohen (Hrsg.): D em okratie, Recht und soziale K on trolle im klassischen Athen, 2 0 0 2 , IX, 2 0 5 S. ISBN 3 -4 8 6 -5 6 6 6 2 -8 5 0 Thomas A. B rad y (Hrsg.): Die deutsche R eform ation zw ischen Spätm ittelalter und Früher Neuzeit, 2 0 0 1 , XXII, 2 5 8 S., ISBN 3 - 4 8 6 -5 6 5 6 5 -6

Schriften des H istorischen Kollegs: Kolloquien 51 H arold Jam es (Hrsg.): The Interwar D epression in an International Context, 2 0 0 2 , X VIII, 192 S., ISBN 3 -4 8 6 -5 6 6 1 0 -5 52 C h risto f D ipper (Hrsg.): D eutschland und Italien, 1 8 6 0 - 1 9 6 0 . Politische und k u l­ turelle Aspekte im Vergleich (mit Beiträgen von F. Bauer, G. Corni,