Schwarzes Gold aus der Heide

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Schwarzes Gold aus der Heide Auch Deutschland kann auf eine lange Geschichte der Erdölförderung zurückblicken. Ein Dorf in Niedersachsen erlebte zu Beginn des 20. Jahrhunderts sogar einen regelrechten Ölrausch. Heute steht dort, in Wietze bei Celle, das Deutsche Erdölmuseum. Wir haben es besucht.

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üneburger Heide – das klingt nach entschleunigtem Landleben, nach Heimatfilmidyll mit Heidschnucke und wortkargem Schäfer. Dass der sandige Landstrich zu Stummfilmzeiten auch gern mal als Wildwestkulisse genutzt wurde, erscheint aus heutiger Sicht kurios. Vor 100 Jahren aber lag es wohl gar nicht so fern, die niedersächsische Steppe mit den amerikanischen Weiten zu assoziieren: Tatsächlich entbrannte damals nämlich im Süden der Heide, genauer in Wietze bei Celle, ein regelrechtes Erdölfieber, das der Gegend im Volksmund den Namen „KleinTexas“ einbrachte. Über die Region hinaus ist die schil­ lernde Erdölhistorie des Örtchens

Wiet­ze heute wenig bekannt. Dabei reicht sie mindestens ins 17. Jahrhundert zurück. Damals schöpften dort Bauern schweres Öl aus Teerkuhlen, um es als Heilstoff und Wagenschmiere zu verkaufen. Mit der Industrialisierung dann weckte der zähflüssige Rohstoff auch über die Heide hinaus Begehrlichkeiten. So führte der Geologe Hunäus 1858 in Wietze eine der weltweit ersten Erdöltiefbohrungen durch. Und als 1899 schließlich eine Bohrung auf eine eruptive Ölquelle stieß, löste die Nachricht vom sprudelnden schwarzen Gold einen Rausch aus. In kürzester Zeit schossen auf dem Bauernland dicht an dicht hölzerne Fördertürme, sogenannte Vierböcke, aus dem Boden. Wietze

verwandelte sich zur Boom Town, die Arbeits- und Glückssuchende von nah und fern anlockte. 80 Prozent der deutschen Erdölproduktion stammten aus Wietze Die Einwohnerzahl explodierte. Großzügige Villen für die leitenden Angestellten der Ölfirmen, Hotels und Geschäfte entstanden, aber auch Arbeiterkolonien. In rasantem Tempo ging der Ausbau der Infrastruktur voran. Transportierten erst noch Pferdefuhrwerke das Rohöl zur Weiterverarbeitung nach Bremen, verfügte Wietze binnen weniger Jahre über einen Eisenbahnanschluss, die größten Öltanks Europas und eine eigene

Deutschland ist auch heute noch Erdöl­ förderland! So bezieht unsere Raffinerie in Leuna tatsächlich auch Erdöl aus Vorpommern. Was es damit auf sich hat, erfahren Sie auf bonjour online! bonjour | 46

Bewahrt: Viele Zeugnisse des kurzen Erdölbooms finden sich im Deutschen Erdöl­ museum in Wietze.

Raffinerie. Und als sich abzeichnete, dass die Kapazitäten nicht ausreichten, wurde sogar das Flüsschen Aller für den Schiffsverkehr ausgebaut und ein Hafen errichtet. Zwischen 1900 und 1920 entwickelte sich das frühere Bauerndorf so zu einem Zentrum der Erdölindustrie, in dem bis zu 80 Prozent des deutschen Erdöls gefördert wurden. Als die Ergiebigkeit der Bohrungen nach dem Ersten Weltkrieg langsam nachließ, wurde ein Bergwerk errichtet: Hunderte Arbeiter, „Ölmuckel“ genannt, wuschen das schwarze Gold nun auch unter Tage aus dem Heidesand – bis 1963 die Pumpen und Schachtanlagen endgültig stillgelegt wurden. Wo sich einst der Wald aus Fördertürmen erstreckte, dehnen sich heute längst wieder Kiefern-forsten aus. Und wer übers platte Land nach Wietze fährt, könnte fast glauben, er nähere sich einer typisch niedersächsischen Kleinstadt – würde nicht von fern bereits das Wahrzeichnen und Wappenmotiv des 8.000-EinwohnerStädtchens grüßen: ein 54 Meter hoher Bohrturm. Auch sonst im Ort ist die Erdölära noch immer höchst präsent. An der Hauptstraße wechseln sich Jugendstilvillen ab mit präch-

tigen Höfen der während des Booms zu Wohlstand gekommenen Bauern. Linker Hand führen die „Schachtstraße“ und der „Bohrmeister-HasenbeinWeg“ ins Grüne. Rechts bietet die „Glückauf Apotheke“ ihre Dienste an. Und an einem Abzweig steht unter alten Eichen, nein, kein Hermann-Löns-Denkmal, sondern eine stählerne Tiefpumpe. Im Museum stehen Fördertürme an originalen Bohrlöchern Vor allem aber ist Wietze Sitz des Deutschen Erdölmuseums. An gepflegten Häuschen und Gärten vorbei führt eine kleine Straße – der „Schwarze Weg“ – zu der in einem diskreten Backsteinbau beheimateten Institution. Das Gebäude steht auf geschichtsträchtigem Grund: mitten auf der „Teufelsinsel“, dem einstigen Brennpunkt des Ölfiebers, dem Ort der legendären 1899er-Bohrung. Und wer das Museumsgebäude nach hinten ins zwei Fußballfelder große Freigelände verlässt, sieht sich unversehens in die Boomzeiten zurückversetzt: Vierböcke stehen dort an originalen Bohrplätzen, daneben historische Tiefpumpenantriebe aus

Holz und Stahl, Ölabscheider, altertümliche Feldbahnen und diverses Spezialgerät, meist noch funktionstüchtig und teils sogar von den Besuchern zu bedienen. Ein faszinierend authentischer Ort der Industriegeschichte, der, wie Museumsleiter Dr. Stephan Lütgert nicht ohne Stolz anmerkt, in Deutschland in dieser Form einmalig ist: Um einen vergleichbaren Eindruck zu gewinnen, müsste man schon nach Rumänien oder Baku reisen.“ Das Museum, der Name lässt es erahnen, beschränkt sich aber nicht nur auf die lokale Erdölförderung. Der Rundgang führt zu Exponaten aus ganz Deutschland, die ein anschauliches Bild vermitteln von der Entwicklung der Fördertechnologie: Sie reichen von Bohrmeißeln über zig Tonnen schwere Großgeräte bis zum genannten 54-Meter-Bohrturmkoloss, der bis 1986 an 32 Plätzen in Norddeutschland zum Einsatz kam und Teufen bis zu 7 Kilometern erreichte. Darüber hinaus bietet eine kompakte Dauerausstellung in der Museumshalle einen Überblick über die deutsche Erdölhistorie und ihre geologischen Voraussetzungen – und spart auch sozialgeschichtliche und ökologische Aspekte nicht aus. Die Entwicklung des bald 50 Jahre bestehenden Museums, betont Dr. Stephan Lütgert, sei damit aber keinesfalls abgeschlossen. „Rund um Wietze gibt es noch unglaublich viel zu entdecken und zu erforschen.“ Und auch konzeptionell hat der promovierte Industriearchäologe für sein Museum ehrgeizige Pläne. Es lohnt sich also nicht nur für Naturfreunde, öfter mal einen Abstecher in die Heide zu machen. Weitere Informationen finden Sie unter www.erdoelmuseum.de

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