Schwatzhafter Schriftverkehr. Chatten in den Zeiten des Modemfiebers

Schwatzhafter Schriftverkehr. Chatten in den Zeiten des Modemfiebers

Praxis Internet Kulturtechniken der vernetzten Welt Herausgegeben von Stefan Münker und Alexander Roesler Als das Internet Mitte der 90erJahre seine...

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Praxis Internet

Kulturtechniken der vernetzten Welt Herausgegeben von Stefan Münker und Alexander Roesler

Als das Internet Mitte der 90erJahre seinen globalen Siegeszug begann, wa­

ren die Erwartunge"n groß - zu groß. Der Mythos einer schönen neuen Welt

hatte sich gebildet, in der jenseits aller Beschränkungen Orte zur Verwirk­

lichung utopischer Visionen entstehen würden. Dieser Mythos Internet ist

entzaubert worden.

Heute ist das Internet Teil des alltäglichen Lebens. An die Stelle der illusio­

nären ErwartUngen sind in den letztenJahren im Netz eigene und neuartige

kulturelle Praktiken gerückt - vom literarischen Schreiben über Spielen bis

hin zu neuen Formen des Arbeitens. Diese will der Band darstellen und

kommentieren.

Stefan Münker ist Kulturredakteur beim Fernsehen, Alexander Roesler

Verlagslektor. Gemeinsam haben sie in der edition suhrkamp herausgege­

ben: Mythos Internet (es 2010); Televisionen (es 2091), sowie Telefonbuch.

Beiträge zu einer Kulturgeschichte des Telefons (es 2174)'

Suhrkamp

Inhalt Vorwort.................................

7

Stefan Münker und Alexander Roesler Vom Mythos zur Praxis. Auch eine Geschichte des Internet. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

I I

Claus Leggewie Remilitarisierung des Cyberspace? Erkundungen in einer turbulenten Woche .........

25

Inke Arns This is not a toy war: Politischer Aktivismus in Zeiten des Internet. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

37

Christiane Schulzki-Haddouti Gefahren aus dem Netz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

61

Volker Grassmuck Urheberrechte im Netz

75

Klaus Goldhammer Ein Blick zurück nach vorn: Die Internet-Ökonomie. Ökonomisches Handeln im Internet edition suhrkamp 2254 Erste Auflage 2002 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2002 Originalausgabe Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der . Über.setzung, des öffentlichen Vortrags sowie der übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, .vervielfältigt oder verbreitet werden. Satz: ] ung Crossmedia, Lahnau Druck: Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden Printed in Germany Umschlag nach Entwürfen von Willy Fleckhaus und Rolf Staudt I 2

3

4 5 6 - 07 06 05 04 03 02

102

Harald Preissler und]oachim Reske Drehbücher vernetzter Arbeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..

120

Natascha Adamowsky Spielen im Netz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..

140

Christiane Funken Digital Doing Gender . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ...

I

58

Christiane Heibach Schreiben im World Wide Web ­ eine neue literarische Praxis? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..

182

Uwe Wirth Schwatzhafter Schriftverkehr. Chatten in den Zeiten des Modemfiebers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..

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r-­



Uwe Wirth

Schwatzhafter Schriftverkehr

Chatten in den Zeiten des Modemfiebers »Daß sie anstatt den Hut zu ziehen, mit dem Hallo der vertrauten Gleichgültigkeit sich begrüßen, daß sie anstatt von Briefen sich anrede- und unterschriftslose Inter offic communications schicken, sind beliebige Symptome einer Erkrankung des Kontakts. Die Entfremdung erweist sich an den Menschen gerade daran, daß die Distanzen fortfal­ len.« Adorno 1969, S. 44

Die Frage nach der Praxis des Chattens könnte durch dieses Zitat

aus der Minima Moralia eine rasche und endgültige Antwort er­

halten: Tatsächlich erscheint der Web-Chat dem naiven Betrach­

ter zunächst als Kommunikation zwischen entfremdeten jungen

Menschen, die über räumliche Distanzen hinweg Kontakt suchen

und sich, anstatt den Hut zu ziehen, mit dem barbarischen hallöle

der virtUellen Vertraulichkeit begrüßen.

(SPOOKY) Na nu, wer ist denn da da?????

(Lt. Riker) hallöle SPOOKY

(PaRaNoiA) hi spooky

(SPOOKY) Hallo Lt. Riker!!

(SPOOKY) Hallo para

(zit. nach Beißwenger 2000, S. 51).

Wichtiger als das kulturkritische Attest einer »Erkrankung des

Kontakts« scheint die Frage, welche kommunikativen Konse­

quenzen der Umstand hat, daß die elektronischen Medien in der

Lage sind, nicht nur soziale, sondern auch räumliche Distanzen

zu überbrücken, um so einander fremde Menschen »in Kontakt«

zu bringen. So besehen betrifft die mediale Seite der »Erkrankung

des Kontakts« die Übertragungsbedingungen, unter denen im

Rahmen des World Wide Web kommuniziert wird. Zu fragen

wäre demnach, welche Umschrift die sozialen Bedingungen der

face-to-face-Kommunikation durch die medialen Rahmenbedin­ 208

gungen der Interface-to-Interface-Kommunikation erfahren. Nach Sassen gründet die Popularität des Chattens darin, daß man »rund um Uhr und Globus miteinander Kontakt aufnehmen« kann (Sassen 2000, S. 92). Dabei entwickeln die Chat;ter Strate­ gien, »die tradierte Kommunikationssysteme in ihren phatischen . Möglichkeiten übertreffen« (Sassen 2000, S. 93). Inter-Relay-Chat, Web-Chat und Online-Chat sind nicht nur die populärsten Formen der Online-Kommunikation, sondern sind auch zu einem privilegierten Untersuchungsgegenstand zahlreicher Untersuchungen in Linguistik und Soziologie avan­ ciert - Dutzende von Aufsätzen befassen sich mit dem Problem des Turn-taking oder des Gender-switchings (vgl. Runkehl, Schlobinski, Siever 1998, S. 87) und auch die Kulturwissenschaft­ ler und Philosophen haben das Thema Chat für sich entdeckt, denn offensichtlich ruft die Tatsache, daß die computervermit­ teIte Chat-Kommunikation wegen ihrer synchronen Übertra­ gung eine »schriftliche Mündlichkeit« ermöglicht, nach einer Re­ vision des herkömmlichen Schriftbegriffs. Sandbothe wertet den Online-Chat als »performatives Schreiben eines Gesprächs, in dem Sprache interaktiv geschrieben statt gesprochen wird«, das eine»Verschriftlichung der Sprache« zur Folge hat (Sandbothe 1997, S. 149).

Während nach Derrida die Schrift, »um zu sein, was sie ist, in radikaler Abwesenheit eines jeden empirisch festlegbaren Emp­ fängers überhaupt funktionieren können (muß)« (Derrida 1976, S. 134), setzt die Schriftlichkeit des Online-Chats die Anwesen­ heit von Sender und Empfänger notwendig voraus, auch wenn sich diese an räumlich entfernten Computern befinden. Insofern erschüttert der Schriftverkehr der Chat-Kommunikation das Dogma des Dekonstruktivismus, daß dem Funktionieren der Schrift die »Möglichkeit des >Todes< des Empfängers« und des Senders (ebd.) »eingeschrieben« sein müsse, denn der Online­ Chat funktioniert nur unter der Voraussetzung der »fernen An­ wesenheit« lebendiger Sender und Empfänger. Dies hat weitrei­ chend Konsequenzen nicht nur für die Theorie der Schrift, son­ dern auch für die Praxis des Schriftverkehrs. So stellt Sigrid Weigel in ihrer Untersuchung der »Spuren der Abwesenheit« am postalischen und post-postalischen Liebesdiskurs die Frage, »was in der elektronischen Post mit den Momenten von Abwesenheit und Nachträglichkeit geschieht« (Weigel 1999, S. 82). 2°9

Vor dem Hintergrund dieser vertrackten Ausgangskonstella­ tion - dort die These von der medialen »Erkrankung des Kon­ takts«, hier die Verlebendigung des Schriftbegnffs durch den ,.Ausfall der Abwesenheit« - sollen im folgenden die kommuni­ kativen und die medialen Probleme des Online-Chats aufgerollt werden.

Der Chat zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit Aus linguistischer Sicht besteht die »kommunikationsgeschicht­ liche Novität« des Chattens darin, daß Schrift »für die situations­ gebundene, direkte und simultane Kommunikation« verwendet wird (Storrer 2001, S. 462), ohne in einem »systematischen Ver­ hältnis zu einer vorgängigen oder nachträglichen Oralisierung« zu stehen (ebd.). Dabei ist freilich auch von Interesse, wie die Teil­ nehmer des Chats miteinander Kontakt herstellen und mit wel­ cher kommunikativen Grundhaltungen die Äußerungen im Chat produziert und rezipiert werden (vgl. Beißwenger 2000, S. 39 f.). Unter den Vorzeichen einer dezidiert medialen Fragestellung müssen darüber hinaus die performativen Übertragungs- und Ver­ körperungsbedingungen des Chats thematisiert werden. Chatten hat, wie das Telefongespräch, den Charakter einer synchronen Kommunikationssituation, die medial durch die Konstellation »zeitliche Nähe vs. räumliche Distanz« ausgezeichnet ist. Dabei werden die Übertragungsbedingungen des Chats durch den Um­ stand bestimmt, daß es sich um eine Computer mediated Commu­ nication handelt, welche die Chat-Teilnehmer im Rahmen eines fernschriftlichen real time Dialogs in ein Verhältnis der »fernen Anwesenheit«, das heißt, der»Telepräsenz« zueinander bringt. Die Verkärperungsbedingungen des Chats stehen im Spannungs­ verhältnis von medialerSchriftlichkeitund konzeptioneller Münd­ lichkeit. 1 Während die Chat-Kommunikation medial betrachtet »graphisch« als Schrift verkörpert wird - im Gegensatz zum Tele­ fongespräch, dessen Verkörperungsform »phonisch« ist-, erweist sich die konzeptionelle Grundhaltung der Chat-Kommunikation als mündliche (vgl. Beißwenger 2000, S. 42). Diese konzeptionelle I

Vgl. Beißwenger 2000, S. 41 f., der sich dabei auf die Unterscheidung von Koch und Oesterreicher 1994, S. 588 stützt.

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Mündlichkeit resultiert sowohl aus dem umgangssprachlichen Sprachstil der situationsgebundenen Kommunikation als auch aus der synchronen Übertragung der Daten. ' Hier zeigt .~ich die Wechselwirkung von Verkörperungsbedin­ gungen und Ubertragungsbedingungen: Die Frage nach den Ver­ ~ärperungsbedingungen des' Chats betrifft die Medialität der Außerung, die entweder »graphisch« oder »phonisch~ ist, wäh­ rend sich die Frage nach den Übertragungsbedingungen auf das Trägermedium bezieht, das die technischen Rahmenbedingungen vors~hreibt und damit gleichsam parergonal auf die Medialität der Außerung einwirkt. Hieran schließt sich die Aufgabe einer »trägermedienkritischen Betrachtung« (vgl. Beißwenger 2000, S. 38) der Chat-Kommunikation an, welche die Verflechtung von Datenübermittlung und Datenspeicherung reflektiert. Diese Ver­ flechtung ist nämlich maßgeblich für das Oszillieren ,des Chats zwischen konzeptioneller Mündlichkeit und konzeptioneller Schriftlichkeit verantwortlich. Während die Situationsgebundenheit und die Synchronizität für die These von der konzeptionellen Mündlichkeit des Chats sprechen, lassen sich durchaus auch Elemente konzeptioneller Schriftlichkeit ausmachen, und Zwar insbesondere aufgrund der trägermedialen Determination des Chattens (vgl. Beißwenger 2000, S. 44). Dies betrifft zum einen den Umstand, daß die getipp­ ten Chat-Mitteilungen graphisch auf der Bildschirmoberfläche für einen längeren Zeitraum wahrnehmbar bleiben, als gleichlau­ tende phonische Mitteilungen. Das erste Moment konzeptionel­ ler Schriftlichkeit betrifft also die »Entflüchtigung« der Kommu­ nikation durch die trägermediale Form der Anzeige auf dem Bildschirm. Darüber hinaus gibt es aber auch die Möglichkeit, ei­ nen Chat jederzeit unbemerkt mitzuschneiden, da bei der Chat­ Kommunikation das Interaktionsmedium mit dem Speicherme­ dium zusammenfällt. In beiden Fällen haben die medialen und die technischen Rahmenbedingungen des vernetzten Computers di­ rekte Implikationen auf die kommunikative Konzeption. Dies wird deutlich, wenn es um die Frage nach der Dialogizität des Chats geht. Eine Chat-Mitteilung wird für die Empfänger erst auf dem Bildschirm sichtbar, nachdem sie von ihrem Produzenten auf sei­ nem Terminal eingetippt und die »Enter«-Tastegedrückt wurde. In diesem Moment wird die Nachricht an einen Server übermit­ 211

telt, der sie verarbeitet und an alle Teilnehmer der Chatrunde wei­ ter übermittelt - auch an den Produzenten. Dabei ist die Chat­ Kommunikation einem programmierten, editiven Dispositiv un­ tervvorlen, welches das sequenzielle Eingangsprinzip über das in­

teraktive Dialogprinzip stellt: Die ,.Rückübermittlung« der Mit­ teilung vom Server an die Chatteilnehmer erfolgt strikt linear ­ wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Dies hat zur Folge, daß die Dia­ loge zwischen zwei Chattern zumeist von Repliken anderer Chatter unterbrochen werden. Das »Mühlenprinzip« (Wichter 1991, S. 78 f.) beim Übermitteln und Rückübermitteln hat somit direkte Auswirkung auf die kommunikative Praxis des Chattens. I (SPOO KY) Irgendwie ist jetzt an mir was vorbeigeschossen 2 (Findalf) Hausdrache, nö, und ja, er ist scheiß langsam! 3 (Arktikus) GFi: *ggg* ... hmm ... der auch ... auf jeden Fall zu KArneval *s* 4 desertstorm betritt den Raum. 5 ruebennase langweilt sich immer noch ... 6 (GFi) Karneval in Herne? har ... 7 (SPOOKY) Hallo ruebennase, wieso langweilst du dich? 8 (Hausdrache) Hat jemand ne Ahnung, wie ich CarpeDiem per Mail erreiche?? 9 (Arktikus) SPOOKY: so froh, daß Du ein Hausgeist bist und kein menschliches Wesen ... sonst wäre das wohl noch ins Auge gegangen ...:-) 10 (Arktikus) sei froh ... sollte es heißen I I (findalf) spooky, aha und was war das? sah es aus wie text? *g~'

12 (ruebennase) spooky, weil keiner mit mir chattet (zit. nach Storrer 2001,S. 442). Die strikte Sequenzialisierung hat zur Folge, daß die 'Replik von SPOOKY (Zeile 7) auf die Aussage »ruebennase langweilt sich immer noch « (Zeile 5) durch »Gfis« Rückfrage »Karneval in Herne? har » (Zeile 6) unterbrochen wird, welche sich auf die Äußerung von Arktikus (Zeile 3) bezieht. SPOOKYs Frage »Hallo ruebennase, wieso langweilst du dich?« (Zeile 7) wird erst in der letzten Zeile beantwortet »spooky, weil keiner mit mir chattet«. Das Phänomen der strikten Sequenzialisierung indiziert, daß 212

der eigentliche Äußerungsakt weder durch das Eintippen der Mitteilung seitens des Produzenten, noch durch sein Drücken der »Enter«-Taste vollzogen wird, sondern erst durch die Rücküber­ mittlung der Mitteilung seitens des Servers. Der performative Äu­ ßeru!.1gsakt bedarf also eines elektro.~ischen »Empowerments« der Ubertragung, um überhaupt als Außerung ins kommtinika­ tive Spiel gelangen zu können. Insofern hängen beim Chat die performativen Verkörperungsbedingungen -und mit ihr die kon­ zeptionelle Dimension der Kommunikation - unmittelbar von den Übertragungsbedingungen ab. Der Produzent vollzieht mit dem Eintippen der Mitteilung und ihrem Versenden lediglich eine »Äußerungsanweisung« an den Server (Beißwenger 2000, S. 55), deren Umsetzung von der Auslastung des Servers abhängt;' Der DeLay zwischen der Übermittlung der Äußerungsahwei­ sung und der Rückübermittlung der Mitteilung an alle Chat-Teil­ nehmer bezeugt die kommunikative Relevanz der Übertragungs­ bedingungen. In dem Maße, in dem sich die Übertragung der Chat-Kommunikation verlangsamt, wird aus der konzeptionel­ len Mündlichkeit des Chats nämlich wieder konzeptionelle Schriftlichkeit. Aus dem »schriftlichen Telefongespräch« wird bei Überlastung des Servers eine Art Kurz-Email, welche den Cha­ rakter einer bizarren Anrufbeantworterkommunikation hat. Dergestalt oszilliert der Chat in seiner konzeptionellen Münd­ lichkeit zwischen Datenübertragung und Datenspeicherung. Genauer gesagt: Der Chat pendelt, abhängig von den technisch bedingten Übertragungsbedingungen, zwischen der konzeptio­ nellen »sekundären Mündlichkeit« des Telefonierens und der konzeptionellen "sekundären Schriftlichkeit« des Anrufbeant­ worters (vgl. Wirth 2000, S. 165f.). Der Anrufbeantworter verleiht dem telephonischen Anruf telegraphischen Schriftcharakter, indem er ihn aufzeichnet,spei­ chert und wieder abrufbar macht. Zugleich kompensiert die Ver­ bindung mit der answering machine den momentan nicht eirilös­ baren Anspruch auf Erreichbarkeit durch die Verbindung mit einem Aufzeichnungsautomaten, der an Stelle einer synchronen Obertragung von Daten eine Speicherung von Daten vornimmt. Der Anrufbeantworter hat insofern die gleiche Funktion wie ein Briefkasten oder die Mailbox für elektronische Post: Er ver­ schiebt den Moment der Zustellung so lange, bis der Empfanger wieder erreichbar ist. Der Unterschied zwischen Anrufbeant­ 21 3

r-­ worter und Briefkasten einerseits und der elektronischen Post an­ Gespräch«, doch' er vertrete »die Stelle einer mündlichen Rede« dererseits besteht darin, daß sich im Rahmen der Computer me­ (GelIert 1989, S. 111). Dabei erfordert der schriftliche Dialog der diated Communication der Ort des Speicherns nicht mehr beim Briefkommunikation als »freie Nachahmung« des guten Ge­ Empfänger, sondern beim Server befindet, zu dem erst eine tele­ sprächs eine mimetische Kunstsprache, welche die gespipchene kommunikative Verbindung herstellt werden muß. Dieses Her­ Sprache in eine schriftliche Mündlichkeit transformiert, die nicht stellen einer Verbindung ist wiederum die technische Grundvor­ »sorgfältig geputzt«, sondern »natürlich« wirken soll. Das Resul­ aussetzung für jede Form der Online-Telekommunikation. So tat ist eine briefliche Schriftsprache, die durch eine »sekundäre besehen ist der Online-Chat die Heilung jener Krankheit, mit der Natürlichkeit« ausgezeichnet ist. Obwohl man sich beim Schrei­ der Anrufbeantworter das »lebendige Telefongespräch« infiziert ben der Worte bedient, »die in der Welt üblich sind«, redet man in hat: Während der Anrufbeantworter den Anspruch der Telekom­ Briefen gerade nicht so, »wie andre im Umgange sprechen. Man munikation auf unmittelbare Erreichbarkeit pervertiert, indem er ahmet vielmehr ihre Sprache geschickt nach« (GelIert 1989, die übertragene Stimme speichert, den lebendigen Dialog des Ge­ S.113). Erst durch die Nachahmung verlieren die umgangs­ sprächs verschriftlicht, ermöglicht der Online-Chat einen quasi­ sprachlichen Ausdrücke ihre Gemeinheit und erhalten jene mündlichen Dialog im Medium der Schrift. »gewisse Zierlichkeit«, die sie so natürlich wirken läßt, »daß je­ der glaubt, er würde eben so von der Sache gesprochen haben« (ebd.). Konzepte schriftliche Mündlichkeit' Nicht erst Geliert und Gottsched, bereits Demetrios vergleicht

den Brief - unter Hinweis auf Arternon - mit der literarischen

in Brieftheorie und im Chat Gattung des Dialogs.2 Der Brief ist »gleichsam die eine Hälfte des

Der Chatsteht, was seine mediale und kommunikative Dynamik Dialogs« (zit. Koskenniemi 1956, S.43), das heißt, ein »schrift­

betrifft, nicht nur in einem Spannungsverhälmis zum ebenfalls liches Gespräch«, dessen Stilideal sich dennoch am »natürliche(n)

synchronen Telefongespräch, sondern auch zum Briefwechsel. Plauderton des täglichen Verkehrs« orientiert (zit. n. Kosken-

Zwar ist der Briefwechsel asynchron, da die »postalische Über­ I niemi 1956, S. 44). Die Integration des Mündlichen in den Rah­

tragung« durch den Briefträgers länger braucht als die elektro­ men des Schriftlichen impliziert hier also ein lalein di epistoles,

nische Übertragung zum Server, dennoch aber erhebt der Brief, d. h. ein »schriftliches Plaudern«. wie das Telefongespräch den Anspruch auf »Dialogizität«. Der Insofern »schriftliches Plaudern« auch die mediale und kom­ Chat teilt mit dem Brief die Engführung medialer Schriftlichkeit munikative Leitidee des Chattens ist, muß hier gefragt werden, ob und konzeptionellen Mündlichkeit. und inwieweit der Online-Chat unserer Tage sich aus den·brief­ Von der antiken Brieftheorie bis hin zum Briefroman des theoretischen Konzepten der Antike und des 18. Jahrhunderts 18. Jahrhunderts geht es, mit Luhmann zu sprechen, um die Frage herleiten läßt. Dabei fallen zwei wichtige Unterschiede ins Auge. wie Mündlichkeit »durch die besondere Funktion von differen­ Der erste betrifft das Verhältnis zwischen der verschriftlichten zierenden Rahmen innerhalb von Rahmen in den Text hinein­ Mündlichkeit des Briefs und der des Chats: Zwar offenbart die Sprache des Netzgeplauders eine sorglos ungeputzte »sekundäre kopiert werden (kann)« (Luhmann 1993, S. 365). Dieses Kopier­ verfahren impliziert eine Transformation des Mündlichen ins Natürlichkeit«, wie sie Geliert postuliert - an die Stelle der »ge­ Schriftliche. Der Dialog wird »zur literarischen Form«, etwa zum wissen Zierlichkeit«, welche die schriftlich nachgeahmte Um­ Briefroman (ebd.). Für Gottsched ist die Verschriftlichung mündlicher Rede defi­ :I. Demetrios bezieht sich in seinen Ausführungen über das Briefeschreiben niens der Briefkommunikation schlechthin - der Brief ist eine aus dem 1. Jahrhundert n. ehr. auf eine Sammlung von Briefen des Aristo­ »geschriebene Anrede an einen Abwesenden« (Gottsched 1973, teles, als deren Redaktor Artemon genannt wird (vgl. Koskennierrii 1956, S. 145) und Gellert schreibt, der Brief sei zwar »kein ordentliches S.20). 2I4

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gangssprache aufweisen soll, sind allerdings die Chat-spezi­ fischen Ausdrucksformen der Acrostichons, Emotikons und die der Comicsprache entlehnten Denkblasen getreten. Ein zweiter Unterschied betrifft das Verhältnis von Sender und Empfänger: Für die antike Brieftheorie ist der Brief kein indiffe­ rentes Werkzeug für den Austausch von Informationen, sondern philophrenesis, also ein Beweis für die freundschaftliche Gesin­ nung (Koskennierni 1956, S. 35). Eben deshalb soll sich der Brief ein unmittelbares Plaudern (laiein) zum Ziel setzen, da dies die natürliche Form des kommunikativen Umgangs zwischen Freun­ den ist (vgl. Koskenniemi 1956, S. 35). Die Freundschaft muß, wie Aristoteles im 8. Buch seiner Nikomachischen Ethik feststellt, im lebendigen Umgang praktiziert werden, was die räumliche An­ wesenheit der Freunde zur Voraussetzung hat. Zwar hebt die räumliche Distanz »nicht die Freundschaft schlechthin auf, son­ dern nur ihre Betätigung«, dauert die Trennung allerdings zu lange, »so kann sie wohl auch die Freundschaft selbst vergessen machen. Darum sagt man: ,Viele Freundschaften hat der Mangel an Gespräch aufgelöst«< (Aristoteles 1975, S. 238; 1157 bIO). Das schriftliche Gespräch verhindert diese Gefahr, weil der Brief zu einem anwesenden Stellvertreter für den abwesenden Freund wird. Insbesondere in der lateinischen Brieftheorie ist die Briefsituation dadurch ausgezeichnet, daß man sich »wechselsei~ tig die Anwesenheit des Partners vorstellt« (Koskenniemi 1956, S. 38). Zur »dialogischen Vergegenwärtigung« der Briefsituation trägt maßgeblich bei, daß der Empfänger so angeredet wird, als ob er anwesend wäre. Dadurch kann der Empfänger den Schreiber· wie einen Anwesende·n vor sich sehen. Diese brieflich vermittelte Anwesenheit ist natürlich nur eine imaginierte, doch hat sie eine entscheidende Konsequenz: Insofern man nämlich· die Auffas-' sung vertritt, daß die Worte des Briefschreibers nicht aus der Ferne kommen, sondern dem Empfänger »gleichsam persönlich begegnen« (Koskenniemi 1956, S.46), wird die Aufmerksamkeit anstatt auf den Zeitpunkt des Schreibens, auf den Augenblick des Briefempfangs .gerichtet. Der Brief verwirklicht sich sozusagen erst im Moment des Empfangs. Der Brief ist nicht nur ein Infor­ mationsträger, sondern er stiftet »Kontakt mit dem Empfänger, den der Schreiber schon beim Absenden des Briefes vorwegneh­ men kann« (ebd.). Vor diesem Hintergrund erscheint die These Weigels, daß mit 2I6

der Theorie des Virtuellen das postalische »Denken der Abwe­ senheit« (Weigel 1999, S. 85) verschwinde, als fraglich, da bereits die antike Brieftheorie maßgeblich vom »Denken der Anwesen­ heit« geprägt ist. Zwar fehlen dem antiken Brief noch die~tech­ nischen übertragungsmöglichkeiten der postpostalischenEpo­ che, so daß die Verbindung zwischen Sender und Empfänger durch eine »imaginierte Anwesenheit« hergestellt werden muß. Entscheidend ist dabei jedoch, daß nicht allein die Dichotomie ,.Anwesenheit vs. Abwesenheit« die Demarkationslinie zwischen dem postalischen und dem postpostalischen Schriftverkehr mar­ kiert, sondern daß sich der Unterschied am Konzept der Freund­ schaft festmacht. Von dieser Warte aus, läßt sich nun der Unter­ schied zwischen Brief- und Chat-Kommunikation wie: folgt bestimmen: Während die antike Brieftheorie auf dem Freund­ schaftskonzept fußt, das der Aufrechterhaltung des Kontakts zwischen Freunden mit Hilfe von schriftlichem Geplauder dient, findet das postpostalische Geplauder des Online-Chat zwischen einander unbekannten Personen statt. Der Chat dient nicht der Aufrechterhaltung des Kontakts zwischen Freunden, sondern der Kontaktanbahnung zwischen Fremden.

Chatten als Kommunikation zwischen Unbekannten Im Unterschied zur mündlichen »face to face« Kommunikation aber auch zum Telefonat und erst Recht zum Freundschafts~on­ zept der antiken Brieftheorie, ist beim Chat das Ansprechen ·von Fremden die kommunikative Standardsituation, denn die Chaner sind sich zunächst weder von der Person noch vom Namen her bekannt. Natürlich war in den von Adorno beschworenen Zeiten, als man noch den Hut zog, auch die Kontaktanbahnung von 'ein­ ander völlig Fremden leichter. So lesen wir am Anfang von Flau­ berts Bouvard et Pecuchet die folgende Episode: »Als sie die Mitte des Boulevards erreicht hatten, setzten sie sich gleichzeitig auf dieselbe Bank. Um sich die Stirn abzuwischen, nahmen sie ihre Kopfbedeckung ab, die jeder neben sich legte, und der kleine Mann sah, daß in dem Hut seines Nachbarn >Bou­ vard< geschrieben stand, während dieser mühelos in der Mütze des Mannes im Gehrock das Wort >Pecuchet< entzifferte. 2I7

>Sieh an<, sagte er ,beide haben wir den Gedanken gehabt, un­ seren Namen in unsere Kopfbedeckung zu schreiben.< 'Weiß Gott, ja; man könnte mir meine sonst im Büro vertau­ schen.«< (Flaubert 1979, S. 39). Auch im Online-Chat geht es darum, den Kontakt zu einem bzw. mehreren telepräsenten, aber unbekannten und insofern an­ onymen Schreibinstanzen, herzustellen. An die Stelle des Hutes ist das Modem getreten und an die Stelle des in den Hut »einge­ schriebenen« Namens die IP-Adresse der User. Diese ermöglicht über den Umweg des genutzten Computers die Identifizierung des Nutzers, selbst dann noch, wenn dieser sich mit einem Pseud­ onym bzw. einem Nickname maskiert. Das Pseudonym dient nicht nur dazu, die Identität des Chatters zu verschleiern, son­ dern auch dazu, ihn für die Zeit seiner Telepräsenz »unverwech­ selbar« zu machen - es übernimmt damit die Funktion einer Signatur. D.arüber hinaus ist der Nickname der aber auch »Schlüs­ sel zur Kontaktaufnahme« (Sassen 2000, S. 99). Anders als in herkömmlichen Kommunikationssystemen, wählt sich der Chatter seinen Nickname selbst - die einzige Ein­ schränkung des Chat-Programms besteht darin, daß der gewählte Nick noch nicht an jemand anderen vergeben wurde. Dergestalt dient das gewählte Pseudonym sowohl der unverwechselbaren Designation als auch der Konstruktion einer Netzidentität. Die Wahl des Pseudonyms ist ein Akt der Selbstinszenierung, der Nickname übernimmt die Funktion eines »indexikalischen Strohhalms«, denn er bietet »eine der wenigen Optionen, Merk­ male - wenn vielleicht auch nur vermeintliche - potentieller Ge­ genüber zu erkunden, solange man mit diesen noch nicht in Kon­ . takt getreten ist« (Sassen 2000, S. 100). So wecken die Nicknames »Bienchen« und»Thanatos« andere Assoziationen als die Nicknames »Laberkopp« und »Cybergirk Ihre indexikalische Funktion besteht darin, Hinweise auf be­ stimmte Interessensbereiche und kommunikative Einstellungen zu geben, ganz abgesehen von den geschlechtsspezifischen Impli­ kationen bzw. Nichtimplikationen des jeweiligen Pseudonyms. Jemand, der den Namen »Cybergirl« wählt, möchte-unabhängig davon, ob er tatsächlich ein girl ist - als solches wahrgenommen werden. Auf diese Implikation legt jemand, der den Namen »Gfi« 218

wählt, offensichtlich keinen Wert. Aus der Wahl des Niclrnames als Mittel der Selbstinszenierung lassen sich so Rückschlüsse auf die kommunikative GrundeinsteIlung des Chatters bzw. der .. Chatterin ziehen. Die Frage der Pseudonymität bzw. der Anonymität von Kom­ munikation unter Netzwerkbedingungen hat gravierende sprachphilosophische Implikationen. So behauptet Sibylle Krä­ mer, die Nutzer »computermediatisierter Netzwerke« agierten »nicht als Personen, sondern als Symbolketten im Sinne freige­ wählter Namen« (Krämer 1997, S. 97). Zugespitzt wird diese Po­ sition durch Elena Espositos These, Chatten sei eine Form an­ onymer Kommunikation, die sich nicht personalisieren .lasse (Esposito 1995, S. 252). Gegen beide Positionen läßt sich einwen­ den, daß Chat-Kommunikation prinzipiell die Möglichkeit offenläßt, die gespielte Identität durch die reale zu ersetzen, also »die Kommunikation in einem authentischen Sinn zu persona­ lisieren« (Sandbothe 1997, S. ISO). Hierfür ist gerade die »variable Anonymität« der Chat-Kommunikation ein Paradebeispiel, da das Verhalten der Chatter oftmals darauf abzielt, ihre Anony­ mität aufzuheben (vgl. Gallery 2000, S. 83). Damit ist freilich noch nichts über das sprach- und medien­ philosophische Problem gesagt, welches Pseudonymität und An­ onymität aufwerfen. Ein Pseudonym ist, wie Lejeune betont, ein Name, dessen sich eine wirkliche Person bedient, »um die Ge­ samtheit oder einen Teil ihrer Schriften zu veröffentlichen« (Le­ jeune 1989, S. 228). Das Pseudonym ist ein zweiter Autorenname, der auf diese »zweite Geburt« hinweist, ansonsten aber »ebenso authentisch wie der erste« (Lejeune 1989, S. 228). Gemäß Kripkes Eigennamentheorie wird ein Name nach dem Taufakt »von Glied zu Glied verbreitet wie durch eine Kette« (Kripke 1981, S. 107). Neben seiner »starr designativen« Bezugnahme auf ein Indivi­ duum liefert der Gebrauch eines Namens die Überlieferungsge­ schichte des Namens mit, welche bis zum Akt der Taufe zurück­ reicht. Diese Namenstheorie erfährt unter Netzbedingungen insofern eine Revision, als der Nickname des Chatters, solange er im Netz verwendet wird, nicht auf eine Person, sondern auf die IP-Adresse eines Netzzugangs verweist. An die Stelle der Über­ lieferungsgeschichte des Namens treten die Übertragungsbedin­ gungen des Netzwerks. Dadurch wird der Nickname zu einem Etikett, das auf eine IP-Adresse referiert, aber nicht auf eine Per­ , 21 9

son. Insofern ist der Nickname zwar, wie jedes andere Pseudonym ein »zweiter Eigenname«, aber er ist als Pseudonym unter Netz­ werkbedingungen der »starre Designator« einer IP-Adresse, die ihrerseits durch eine Login-Prozedur determiniert ist. Die referentielle Beziehung des Pseudonyms ändert sich erst dann, wenn die Taufe in real live noch einmal nachvollzogen wird wie es bei einer Chatter-Party der Fall ist. Dort erhält jeder Chat­ ter zur Identifizierung einen Sticker mit seinem Nickname - in dem Moment wird das Etikett zum »starren Designator« einer Person (vgl. Gallery 2000, S. 85). Diese »Wiedertaufe« im Rah­ men einer Chatter-Party hebt die Anonymität der Teilnehmer je­ doch nicht auf, wie Gallery behauptet (ebd.), da sie ja nur eine Zu­ ordnung zwischen einer realen Person und ihrem Pseudonym vornimmt. Die Anonymität endet erst dann, wenn einer Person nicht nur ihr Pseudonym, sondern auch ihr Eigenname zugeord­ net werden kann. Bei einem Chatter-Treffen in real live ändert sich jedoch noch etwas anderes, das mit Blick auf die oben ge­ machten Ausführungen zur antiken Brieftheorie entscheidend ist: Die Chatter können in gemeinsamer räumlicher Anwesenheit »lebendigen Umgang« praktizieren und »richtige Freunde« wer­ den. Dies bedeutet aber, daß zwischen dem Schriftverkehr vor und dem Schriftverkehr nach einem Treffen in real live eine fun­ damentale Differenz besteht, weil das schriftliche Geplauder da­ nach nicht dem der Anbahnung von Kontakt zwischen Fremden, sondern der Aufrechterhaltung von Kontakt zwischen Freunden dient. Die Frage nach dem Pseudonym hat aber auch eine medien­ technische Implikation, insofern nämlich, als das Pseudonym parergonale Funktion besitzt. Die »Anmeldung« bzw. »Registrie­ rung« der eigenen Rücksendeadresse beim Provider und die Wahl eines Pseudonyms sind die technische Rahmenbedingung dafür, daß ein Chatter überhaupt Zugang zum Chatroom erhält. Derge­ stalt verbindet das Pseudonym den äußeren Rand, nämlich die Welt des Real Live mit dem inneren Rand, also der virtuellen Welt des gewählten Chatkanals. Mit anderen Worten: Das Pseudonym sichert die Trans World I dentity zwischen einer realen Person und ihrer Metamorphose als dramatis persona. Die Kehrseite dieser Trans World I dentity ist die Möglichkeit, den Chat-Teilnehmer zu identifizieren, hinauszuwerfen oder sogar ganz zu sperren. Der Kommunikationsspielraum der Chatteilnehmer wird näm­ 220

lich durch einen »performativen Rahmen« (vgl. Wirth 2002) von Vorschriften begrenzt, bedingt durch die technischen Rahmenbe­ dingungen des Chat-Programms und durch die Netikette bzw. Chatikette des Systemoperators oder des Providers. Die Chati­ kette ist sozusagen ein »diskursethische Plugin«, das aus einem Set von Verhaltensregeln und Sanktionsandrohungen besteht, welche die illokutionäre Kraft von realen Vertragsbedingungen haben. So heißt es am Ende der bei »www.chatcity.de« abgelegten Verhaltensregeln: »Bevor du dich komplett daneben benimmst oder aus dem Ge­ fühl der· völligen Anonymität heraus andere justitiabel beleidigst oder bedrohst: In unserem Chat wird bei jedem Login dein Nick­ name im Zusammenhang mit deiner IP und dem Zeitpunkt des Logins gespeichert. Über diese Angaben kann man dich im Regel­ fall ausfindig machen .... « (www.chatcity.de/helpfram.html. zit. nach Runkehl, Schlobinski, Siever 1998, S. 76). Die These, Nicknames seien die »Schlüssel zur Kontaktauf­ nahme« (Sassen 2000, S.99) wirft nicht nur die Frage nach der Pseudonymität, sondern auch nach der phatischen Funktion selbst auf. Nach Jakobson besteht die phatische Funktion der Sprache darin, »sich in einem überschwenglichen Austausch ri­ tualisierter Formeln« zu ergehen (Jakobson 1979, S. 9 I), und zwar mit dem Ziel, »Kommunikation herzustellen« (ebd~). Der Chat nivelliert nicht nur geographische und soziale Distanzen mit den medialen Mitteln der Telepräsenz, sondern er übersetzt die altmodischen Form der Höflichkeit, welche Adorno so schätzte, in postpostalische Rituale der Kontaktaufnahme. A: moinC B: C ... Halloele C: moin! C: Hi D: huhuC E: Morgen!!!!! C: huhuhuhu

(zit. nach Runkehl, Schlobinski, Siever 1998, 93)·

221

Hier kommt es nicht auf den Wortlaut der Begrüßung an, sondern auf den Akt der Begrüßung als solchen (vgl. Beißwenger 2000,

Konversation«, deren Verschwinden Adorno in der Minima Moralia beklagt (Adorno 1969, S. 44). Glaubt man Sigrid Weigel, so ist das »postpostalische Subjekt« durch einen nachgerade unheimlichen Drang beherrscht, sich im Rahmen der elektronischen Möglichkeiten der Telepräsenz nar­ zißtisch zu präsentieren (vg1. Weigel 1999, S. 85). Tatsächlich weist der Online-Chat ein großes Maß an »narzißtischer Schaulust« (Freud 1975, S. 94) bzw. an selbstverliebten Inszenierungsstrate­ gien auf, wobei allerdings die autoerotische Bezugnahme apf den eigenen Körper in eine autoreferentielleBezugnahme auf die ei­ gene Äußerung transformiert wird. Dies hat sowohl kommunika­ tive als auch mediale Konsequenzen. Auf der kommunikativen Ebene wird die narzißtische Selbstbespiegelung beim Chatten in das Format der Selbstbeschreibung und des Selbstkommentars konvertiert. Auf der medialen Ebene äußert sich die narzißtische Autoreferentialität darin, daß der »Moment der Verbindung« nicht nur in phatischer, sondern auch in übertrag1lngstechnischer Hinsicht in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Der Online-Chat stellt in dieser Hinsicht eine Radikalisierung jenes »written to the moment« dar, welches die Ästhetik des Briefromans auszeichnete, wobei sich eine Verschiebung vqn der Performativität der schriftlichen Verkörperungsbeding1lngen zur Performativität der schriftlichen Übertrag1lngsbeding1lngen fest­ stellen läßt.

S. 5 I). Indiziale Bedeutung hat auch der performative Aufwand,

also die Ausführlichkeit mit der das Ritual der Begrüßung betrie­ ben wird, weil sich daran das Maß der sozialen Wertschätzung ablesen läßt. An die Stelle der Informationsübertrag1lng treten performative Rituale der Kontaktanbahnung und der Kommuni­ kationsverlängerung. Die Tatsache, daß man als Hinzukommen­ der in einem Chatroom namentlich begrüßt wird, gilt dabei bereits als Anzeichen dafür, daß man von der Community akzep­ tiert wird. tach babsi, wie war die sonnenallee fete, biste mit mir

zusammengestossen ?

hoi babs

hi, Babsilain:)

(zit. nach Runkehl, Schlobinski, Siever 1998, S. 75).

Die herausragende Rolle phatischer Kommunikation bei

»freien«, d. h. unmoderierten Chats beschränkt sich für Run­

kehl et a1. nicht auf die ausführlichen Begrüßungssequenzen,

sondern zeigt sich daran, daß das Gespräch aus »Freude an der

Kommunikation«, also um seiner selbst willen geführt wird

(Runkehl, Schlobinski, Siever 1998, S. II3). »Um seiner selbst

willen« heißt hier aber auch soviel wie, »um Aufmerksamkeit

zu erzeugen«. IgnoriertWerden bedeutet den diskursiven Tod,

deshalb ist das Chatten ein nicht still zu stellender Flirtdiskurs.

Um Kontakt herzustellen oder um ihn aufrecht zu erhalten,

muß man permanent seine Kommunikationsbereitschaft signali­

sieren und seine »ferne Anwesenheit« demonstrieren - sei es

durch besonders ausgefallene Gesprächsbeiträge, sei es durch

den Einsatz semiotischer Hilfsmittel, wie das Ändern des

Schrifttyps oder der Schriftfarbe. Das Buhlen um Aufmerksam­

keit ist auch wegen der multilateralen Kommunikationssitua­

tion des Chats nötig, je größer die Teilnehmerzahl, desto häufi­

ger läßt sich deshalb beobachten, daß sich der Chat »in

gegenstandslosem Geplapper erschöpft« (Beißwenger 2000,

S.48). Die phatische Funktion dieses »gegenstandslosen Ge­

plappers« steht in direkter funktionaler Analogie zu jener nutz-

losen »und nicht einmal zu Unrecht als Geschwätz verdächtiger 222

Chatten als» Written 10 the Moment«

I

Im »Preface« zu Richardsons berühmtem Briefroman Clarissa (174 8) heißt es, die präsentierten Briefe seien von beiden Seiten »written while the hearts of the writers must be supposed to be wholly engaged in their subjects«, es handele sich daher um »in­ stantaneous descriptions and reflections« (Richardson 19 8 5, S. 35), welche dem »jugendlichen Leser« mit dem Ziel Zur Kennt­ nis gebracht würden, ein Bild der menschlichen Natur zu malen. Die Poetik des »written to the moment« verleiht dem Brief sym­ ptomatischen Charakter, denn er wird, mit Peirce zu sprechen, zum genuiner Index für jene Umstände, in denen sich der Verfas­ ser im Moment des Schreibens befindet (vg1. Peirce 1983, S. '1 57). Der Brief ist ein »Abbild« bzw. »Abdruck« der Empfindungen 223

des Schreibenden (GeBert 1989, S. 138), an ihm zeigen sich die Spuren der performativen Verkärperungsbedingungen. So..etwa in Wenhers Brief vom 21. ]unius, der den emotionalen Uber­ schwang seines Verfassers durch die »Os« und »achs!« zum Aus­ druck bringt. Sie sind Pinselstriche des schriftlichen Seelenpor­ träts. »0 es ist mit der Ferne, wie mit der Zukunft! ein großes däm­ merndes Ganze ruht vor unserer Seele, unsere Empfindung ver­ schwimmt darin wie unser Auge, und wir sehnen uns, ach! unser ganzes Wesen hinzugeben, uns mit aller Wonne eines einzigen, großen, herrlichen Gefühls ausfüllen zu lassen - Und ach! wenn wir hinzueilen, wenn das Dort nun Hier wird, ist alles vor wie nach, und wir stehen in unserer Armut, in unserer Eingeschränkt­ heit, und unsere Seele lechzt nach entschlüpftem Labsale« (Goe­ the 1994, S. 57). Während die Poetik des Briefromans in Analogie zu den theatra­ len Nachahmungstechniken auf eine Inszenierung von Sympto­ men abzielt, läßt sich bei der Chat-Kommunikation eine Ten­ denz zur Selbstbeschreibung feststellen. Damit radikalisiert sich im Schriftverkehr des Chat, was Luhmann als Konsequenz der Fremdheit zwischen Autor und Leser über die schriftliche litera­ rische Kommunikation im allgemeinen sagt: Da Autor und Leser einander unbekannt sind, muß sich der Prozeß der Kommunika­ tion selbst kontrollieren, »indem er sich durch Ersatz-Anzeichen von Interesse und Relevanz konditioniert« (Luhmann 1993, S. 365). Der autopoeüsche Selbstbezug ist die einzige Möglich­ keit, um den schriftlichen Kommunikationsprozeß voranzutrei­ ben, etwa in Form des Selbstkommentars. Dadurch wird erstens eine Unterscheidung zwischen »der eigenen Geschichte« und »neuer«bzw. »interessanter Zusatzinformation« eingeführt, zweitens werden Autor und Leser zu »selbstbeobachtenden Ein­ heiten«, die unter dem Diktat stehen, »sich selbst (und damit auch andere) als Beobachter zu beobachten« (Luhmann 1993, S·3 66 ). Briefroman und Chat unterscheiden sich semiotisch betrachtet durch unterschiedliche Strategien im Einsatz der »Ersatz-Anzei­ chen«. Was im Briefroman durch inszenierte Symptome implizit zum Ausdruck gebracht wurde, wird im Rahmen der Chat-Kom­ 224

munikation durch konventionale Signale oder Selbstbeschrei­ bungen explizit gemacht. Was sich beim Brief - auch beim insze­ nierten - indexikalisch am Text zeigte, wird beim Chat im Text gesagt. Das »ach!« des empfindsamen Briefs, welches sich mit ei­ ner »gewissen Zierlichkeit« als Spur schriftlicher Mündlichkeit ausgab, wird zum etwas weniger zierlichen, ostentativen *emp­ findsamsei*. Die »interessanten Zusatzinformationen« müssen nicht mehr aus den inszenierten Symptomen »herausgelesen« werden, sondern werden zu expliziten propositionalen Sym­ ptombeschreibungen der Form »SPOOKY freut sich« bz w. zu Denkblasen (Y'freuy,·), Acronymen rg'~ als Abkürzung für »grins«) oder Emotikons :-). Die Selbstbeschreibungen und Er­ satz-Anzeichen des Chat sind dabei nicht nur »Kompensations­ maßnahmen für fehlende non-verbale Information« (Lenke und Schmitz 1995, S. 128), sondern sie haben Kommentarfunktion. Während im Rahmen des Briefromans jede schriftliche Mittei­ lung gleichsam »physiognomischen Status« hatte, weil sie ein »Abdruck« bzw. ein »Abbild« des emotionalen Zustands des Ab­ senders war, welcher vom Leser abduktiv erschlossen werden mußte, wird bei der schriftlichen Mitteilung des Chats die Ge­ mütsverfassung des Schreibenden in Form eines kommentieren­ den Emotikons angezeigt. Emotikons erscheinen an der Ober­ fläche als »ikonische Rekonstruktion typisierter Gesichtsaus­ drücke« (Beißwenger 2000, S.97), welche die emotionale und intentionale Einstellung ihres Verfassers porträtieren. So ist das Smiley:-) ein Zeichen für gute Laune, das iterierte Smiley:-))) be­ zeichnet sehr gute Laune und das winky Smiley;-) dient alsIro­ niesignal. Die semiotische Funktion der Emotikons besteht je­ doch nicht in erster Linie darin, eine» Verbildlichung der Schrift« (Sandbothe 1997, S. 152) vorzunehmen, sondern wie ein Zeigefin­ ger, das heißt, als degenerierter Index auf die emotionale und in­ tentionale Einstellung ihres Verfassers hinzuweisen (C P 5.75). Die Performativität des Schreibens im Chat ist dadurch ausge­ zeichnet, daß alle Ersatz-Anzeichen - ebenso wie die gewählten Pseudonyme - den Charakter degenerierter Indices haben. Sie fungieren als autoreflexive Gesten, bzw. als Selbstkommentar des " Schreibenden. Die kommunikative Konsequenz, welche das Dik­ tat zur Beobachtung zweiter Ordnung im Rahmen des Schriftver­ kehrs hat, ist eine Inflation expliziter Selbstkommentare. Das gilt letztlich auch von den »Handlungszuschreibungen«, "

225

sei es in Form des unvermeidlichen ~'knuddeV, sei es in Form von selbstbezüglichen Aussagesätzen wie »Tartagura kriecht durch den Raum und begrüßt mal alle Anvvesenden« oder» Jim wundert

sich grad mal, dass hier zwei Frauen im Raum rumsitzen«, bei de­ nen der Absender in der dritten Person auf sich Bezug nimmt. Diese »Zuschreibungs-Turns« haben eine gewisse Ähnlichkeit mit den Bühnenanweisungen von Theaterstücken (vgl. Lenke und Schmitz 1995, S. 128, Beißwenger 2000, S. 87-93). Sie besit­ zen insofern »theatralen Charakter«, als sie mit Hilfe direktiver bzw. deklarativer Sprechakte imaginäre Zustände herstellen und damit spontane Rollenspiele initiieren können (vgl. Turkle 1997, S. 328). Zugleich sind diese Selbstinszenierungen Formen der Selbstbeschreibung, durch die der Chatter eine fiktive Außen­ sicht auf seine selbstgewählte Rolle im Chat etabliert. Der Chatter ist sozusagen gleichzeitig Regisseur und Akteur, bzw. Autor und dramatis persona. In dieser Hinsicht ähnelt die Schreibhaltung beim Chatten der des Briefromans, bei dem der Autor in der Maske des Herausgebers die Briefe seiner Figuren aus einer »fik­ tiv allographen« Perspektive heraus kommentiert. Diese fiktive Allographisierung eröffnet den Raum des Selbstkommentars, in­ dem es durch eine Verdopplung der Aussageinstanzen - Stich­ wort Ego-Pluralität - ein »Sich-selber-fremd-werden« der Aus­ sagesubjekte impliziert. Zugleich ist diese konstruierte Distanz zu sich selbst, diese, wenn manso will, »künstliche Selbstentfrem­ dung« die Voraussetzung für jede Form der Selbstbespiegelung­ auch für die narzißtische. Dabei muß man allerdings festhalten, daß das Phänomen des fiktiv allographen Selbstkommentars keine Spezialität postpostalischer Subjektivität ist, sondern seine Wurzeln in der diskursiven Rahmung des Briefromans hat, der definitions gemäß eminent postalisch ist. Ganz anders verhält es . sich mit der medialen Manifestation narzißtischer Autoreferen­ tialität, welche den »Moment der Verbindung« in den Mittel­ punkt rückt. Dank schneller Übertragungskanäle erlaubt der Chat eine Fernschriftlichkeit, bei der sich das »written to the moment« nicht mehr auf die symptomatischen Verkärperungsmäglichkei­ ten der Gemütszustände, die der Absender beim Schreiben hatte, bezieht. Das »written to the moment« des Chats betrifft vielmehr die wechselseitige Schreibbereitschaft, welche ihre direkte Analo­ gie im »spoken to the moment« der Telefonie hat. Das »performa226

I'

tive Schreiben« des Chats ist dabei nicht mehr nur durch die me­ dialen Verkörperungsbedingungen der Schrift bestimmt, s~.ndern in dominanter Weise durch die Ubertragungsgeschwindig~eit der Schrift. Die einzigen genuinen Indices, welche im Rahmen des schwatzhaften Schreibverkehrs überhaupt noch vorkommen, sind die Schreibfehler der Chatter, welche Symptome für die hohe Schreibgeschwindigkeit sind. Dabei lassen sich nicht nur »viele Besonderheiten der Chat-Kommunikation als natürliche Konse­ quenz des beschleunigten Schreibens« erklären, wie Storrer fest­ stellt (Storrer 2001, S. 440), sondern die Performativität des Chat leitet sich ganz grundsätzlich von der Beschleunigung detfern­ schriftlichen Übertragung im Rahmen der Computer mediated Communication her. Das »written to the moment« des Chat wird durch die rasche Abfolge von Übertragungsereignissen, genauer: durch den »moment of transmission«, bestimmt. Dieses diskursive Trommelfeuer bewirkt eine Modifikation des kommunikativen Erwartungshorizontes. Im ersten Moment erscheint eine Schrift-Zeile auf dem Bildschirm, im nächsten Mo­ ment wird sie gelesen, im übernächsten Moment beantwortet und dann, durch das editoriale Dispositiv des Chatprogramms, se­ quentialisiert rückübertragen. Der Online-Chat ist nicht. mehr nur durch den Moment des tatsächlichen Eintreffens der Mittei­ lungen bestimmt, sondern eher durch ein antizipierendes Entge­ genfiebern, welches gleichsam die mediale Transformation der These von der »Erkrankung des Kontakts« ist. Die Metapher des Entgegenfieberns hat zugleich eine dromologische Implikation, denn sie erinnert an jenes Kanonenfieber, das Goethe im Zusam­ menhang mit der Kanonade von Valmy beschrieb. Bei dem mehr­ stündigen Schußwechsel wurde Goethe durch das »Brummen«, »Butteln« und »Pfeifen« der herannahenden Kugeln in einen fieb­ rigen Zustand versetzt (vgl. Goethe, 1948, S. 233ff.). Das Kano­ nenfieber endete erst, nachdem er sich »wieder in Sicherheit« be­ fand. Die mediale Analogie zum Kanonenfieber von einst ist das M 0­ demfieber, bei dem der kontaktsuchende Chatter erwartungsvoll den Repliken auf seine kommunikative Kanonade entgegenfie­ bert. Die Praxis des Chattens ist durch die Gefahren fernschriftli­ cher Erreichbarkeit ausgezeichnet, die sich außerhalb des aktua­ len, performativen Vollzuges von Chat-Kommunikation nicht nachempfinden lassen. Dies zeigt sich an Tilman Sacks Ver~~ch, 227

.l.- _

ein "Chattheater« zu inszenieren. 3 Die aus »realen« Online­ Chats gewonnene Textfassung für die Aufführung ist zwar eine Mimesis der diskursiven Praxis des Chattens, insofern es das so­ ziale Gefäde1 der Chat-Interaktion auf die Bühne bringt. Was das "Chat-Theater« aber nicht nachahmen kann, ist der für den On­ line-Chat entscheidende »moment of transmission«. Dieser Mo­ ment ist nur Online erfahrbar und kann durch keine nachgestellte performance eingeholt werden. Der sich in Sicherheit wiegende Betrachter im Zuschauerraum ist für das Modemfieber unemp­ fänglich, da dieser perlokutionäre Effekt elektronischer Fern­ schriftlichkeit nur für jene erfahrbar ist, die in der Arena des Cha­ trooms als schwatzhafte Kombattanten teilnehmen.

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