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SC|M Studies in Communication | Media FULL PAPER Monothematische und multithematische mediatisierte Vergemeinschaftungshorizonte: Grundmuster kommun...

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Studies in Communication | Media

FULL PAPER Monothematische und multithematische mediatisierte Vergemeinschaftungshorizonte: Grundmuster kommunikativer Vernetzung und medienvermittelter Vergemeinschaftung Andreas Hepp, Matthias Berg und Cindy Roitsch

SCM, 0. Jg., 2/2011, S. 295-332

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Prof. Dr. Andreas Hepp – Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informations­ forschung (ZeMKI), Universität Bremen – [email protected] Matthias Berg, M.A. – Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI), Universität Bremen – [email protected] Cindy Roitsch, M.A. – Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI), Universität Bremen – [email protected] Postadresse: ZeMKI Universität Bremen Linzer Straße 4 28359 Bremen

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Monothematische und multithematische mediatisierte Vergemeinschaftungshorizonte: Grundmuster kommunikativer Vernetzung und medienvermittelter Vergemeinschaftung Andreas Hepp, Matthias Berg und Cindy Roitsch

Zusammenfassung: Heutige Medienkulturen zeichnen sich durch eine umfassende Mediatisierung aus, auch was deren Vergemeinschaftungen betrifft. Gerade jungen Menschen wird diesbezüglich eine nachhaltige Veränderung unterstellt. Bisherige Forschung setzt hierbei allerdings primär bei der Entität von Vergemeinschaftungen als solchen an oder aber bei der Betrachtung von Einzelmedien wie beispielsweise dem Social Web. In diesem Beitrag wird ein anderer Blick entwickelt, der die subjektiven mediatisierten Vergemeinschaftungshorizonte einzelner junger Menschen und deren gesamte kommunikative Vernetzung in den Fokus rückt. Grundmuster solcher mediatisierter Vergemeinschaftungshorizonte lassen sich in einem Spannungsverhältnis von mono- vs. multithematischer Ausrichtung, mediatisierten Vergemeinschaftungen vs. Mediatisierungsvergemeinschaftungen und lokaler vs. translokaler kommunikativer Vernetzung beschreiben. Während der Beitrag ein solches Raster anhand der Gegenüberstellung von zwei Extremfällen vorstellt, verweist er insgesamt auf eine medienethnografische Erforschung von 60 Fällen junger Menschen zwischen 16 und 30 Jahren mittels qualitativer Interviews und einer qualitativen Netzwerkforschung auf der Basis von Netzwerkkarten und Medientagebüchern. Abstract: Monothematic and Multithematic Horizons of Mediatized Belongings: Patterns of Communicative Networking and Mediated Community-Building Schlagwörter: Mediatisierung; Vergemeinschaftung; qualitative Netzwerkforschung; Netzwerkkarten; Medientagebücher Keywords: mediatization; community building (Vergemeinschaftung); qualitative network research; network maps; media diaries

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Monothematische und multithematische mediatisierte Vergemeinschaftungshorizonte: Grundmuster kommunikativer Vernetzung und medienvermittelter Vergemeinschaftung 1. Vergemeinschaftung in ‚mediatisierten Welten‘ Wenn sich die Medien- und Kommunikationsforschung mit Mediennutzung und -aneignung befasst, geht es immer wieder auch um Fragen der Vergemeinschaftung. Versteht man Vergemeinschaftung im Sinne Max Webers (1972, S. 21) als eine soziale Beziehung, die auf subjektiv gefühlter Zusammengehörigkeit der Beteiligten beruht, so ist hier nicht nur an situative Vergemeinschaftungen einer gemeinsamen Medienrezeption oder an Online-Vergemeinschaftungen zu denken. Vergemeinschaftungen in heutigen Medienkulturen werden in erheblichem Maße mit und durch Medien hergestellt. Dies betrifft lokale Vergemeinschaftungen von Freundeskreisen, die wir mit dem Social Web und Mobiltelefon organisieren, die politische Vergemeinschaftung der Nation, die als Gemeinschaftserleben im gemeinsamen Fernsehen von Spielen der Nationalmannschaft erfahrbar wird, posttraditionale Vergemeinschaftungen verschiedener Szenen, die in ihrem Kern häufig auf bestimmte Musikstile und andere Medienphänomene bezogen sind, aber auch Fantasiegemeinschaften, in die wir über Filme oder Bücher eintauchen. Vergegenwärtigt man sich diese Beispiele in ihrer Gesamtheit, ist Vergemeinschaftung in unseren heutigen mediatisierten Welten selbst durch Mediatisierung gekennzeichnet. Wichtig ist dabei im Blick zu haben, dass Mediatisierung in unserem Verständnis weder die jüngste Etablierung der digitalen Medien meint, noch die Durchsetzung einer „Medienlogik“ der so genannten Massenmedien. Auch wenn beides auf wichtige Mediatisierungsschübe verweist, fasst der Begriff der Mediatisierung einen langfristigen Wandlungsprozess der zunehmenden Etablierung von technischen Medien und der zunehmenden Prägung von Kommunikation und damit der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit durch dieselben (Krotz, 2007). Als „mediatisierte Welten“ (Hepp, 2011a, S. 77) wollen wir an dieser Stelle mediatisierte Sozialwelten im Sinne „kleiner Lebens-Welten“ (Luckmann, 1970) bezeichnen, für deren Artikulation Medien konstitutiv sind. In mediatisierten Welten konkretisiert sich für jeden Menschen alltagsweltlich erfahrbar die fortschreitende Mediatisierung von Kultur. Wichtig ist es, im Blick zu haben, dass sich die Kommunikationsnetzwerke mediatisierter Welten nicht einfach mit bestimmten Lokalitäten oder Territorien decken, sondern mit ihrer zunehmenden Durchdringung mittels verschiedener technischer Kommunikationsmedien jenseits solcher Bezüglichkeiten bestehen (Shibutani, 1955, S. 566). Mediatisierte Welten sind dabei in unterschiedlichen „Skalierungen“ (Strauss, 1978, S. 126) auszumachen. So wäre beispielsweise auf mediatisierte Welten von bestimmten Organisationen wie der Universität oder Schule hinzuweisen, genau so wie auf die mediatisierte Welt der Politik, aber beispielsweise auch die der Familie. Diese Aufzählung macht bereits deutlich, dass sich die verschiedenen mediatisierten Welten wechselseitig überlagern. 298

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Hepp/Berg/Roitsch | Grundmuster kommunikativer Vernetzung

In einem solchen Sinne können wir auch von mediatisierten Welten der Vergemeinschaftung sprechen. Nun hat sich allerdings die Medien- und Kommunikationsforschung bisher für einzelne Vergemeinschaftungen ausgehend von diesen selbst interessiert: Es ging um die Frage, wie sich bestimmte Vergemeinschaftungen durch welche Prozesse (medienvermittelter) Kommunikation konstituieren. Prominent dafür sind die vielen im Weiteren diskutierten aktuellen Studien zu Online-Vergemeinschaftungen und Vergemeinschaftungen des Social Web, aber auch ältere Arbeiten zur Vergemeinschaftung der Nation und Fankulturen bzw. Szenen. Während Forschungen in einer solchen Ausrichtung wichtige Beiträge zu unserem Verständnis von Medienkommunikation und Vergemeinschaftung geleistet haben, reichen sie unseres Erachtens aber nicht mehr aus, um dieses Phänomen in Zeiten fortschreitender Mediatisierung zu erfassen: In dem Moment, in dem zunehmend jede Form von Vergemeinschaftung mediatisiert ist, greift die Auseinandersetzung mit der Mediatisierung einer einzelnen Vergemeinschaftung zu kurz. Wichtig werden die Fragen danach, wie sich verschiedene Formen von mediatisierten Vergemeinschaftungen in der subjektiven Sicht einzelner Menschen überlagern und ob sich hier bestimmte Grundmuster der Beziehung von kommunikativer Vernetzung (im Sinne einer kommunikativen Konnektivität mittels Medien der wechselseitigen, aber auch der standardisierten Kommunikation, d. h. der so genannten Massenkommunikation) und medienvermittelter Vergemeinschaftung (im Sinne einer durch Medienkommunikation (mit)artikulierten, gefühlten Zusammengehörigkeit von Menschen) ausmachen lassen. Interessant ist eine solche Frage insbesondere für jüngere Menschen, letztlich weil diesen als „digital natives“ (Palfrey & Gasser, 2008; Prensky, 2001) immer wieder unterstellt wird, in Sachen medienvermittelter Vergemeinschaftung anders orientiert zu sein als Menschen älterer Generationen.1 In diesem Aufsatz wollen wir erste Überlegungen präsentieren, wie sich diese Forschungsfragen beantworten lassen. Hierzu wollen wir in vier Schritten vorgehen. Zuerst einmal legen wir das theoretische Konzept des „mediatisierten subjektiven Vergemeinschaftungshorizonts“ dar, das wir im Rahmen unserer empirischen Forschung entwickelt haben. Dieses Konzept dient dazu, mediatisierte Vergemeinschaftung in ihrer Gesamtheit aus ego-zentrierter Sicht einer Person zu erfassen. Hierauf aufbauend erläutern wir das Vorgehen unserer empirischen Forschung. Diese bestand im Kern darin, „ethnografische Miniaturen“ von 60 Personen im Alter zwischen 16 und 30 Jahren zu erheben, die uns Zugang zur ihrer kommunikativen Vernetzung und medienvermittelten Vergemeinschaftung gewährten. Erste Analysen dieses Datenmaterials weisen auf Grundmuster der Artikulation von mediatisierten subjektiven Vergemeinschaftungshorizonten hin. Diese legen wir im folgenden Abschnitt des Aufsatzes anhand von zwei exemplarisch ausgewählten Extremfällen aus unserem Datenmaterial dar. Die dabei her1 Angemerkt sei an dieser Stelle allerdings, dass uns das Konzept der „digital natives“ zur Bezeichnung einer Generation von Menschen, die mit digitalen Medien aufgewachsen ist und entsprechend viel selbstständiger mit diesen umgeht, viel zu pauschalisierend ist. Wir greifen es an dieser Stelle nur auf, weil es die wissenschaftliche Diskussion der letzten Jahre mit geprägt hat. Siehe dazu unsere kritische Auseinandersetzung in Hepp, Berg, & Roitsch, 2011a.

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ausgearbeiteten musterhaften Zusammenhänge spitzen wir im letzten Abschnitt unseres Beitrags weiter zu und entwickeln so Möglichkeiten der Visualisierung solcher Gesamthorizonte von mediatisierter Vergemeinschaftung. Unsere Analysen beruhen auf der empirischen Forschung, die wir in dem Projekt „Mediatisierte Alltagswelten translokaler Vergemeinschaftung: Die kommunikative Vernetzung und medienvermittelte Gemeinschaftsbildung der ‚digital natives‘“ als Teil des DFG-Schwerpunktprogramms 1505 „Mediatisierte Welten“ realisieren. Neben unserer inhaltlichen Fragestellung geht es uns dabei auch darum, methodisch neue Ansätze einer qualitativen kommunikations- und medienwissenschaftlichen Netzwerkforschung zu entwickeln. In diese geben wir mit dem vorliegenden Beitrag gleichzeitig einen Einblick.2 2. Mediatisierte subjektive Vergemeinschaftungshorizonte: Die Mediatisierung von Vergemeinschaftung aus ego-zentrierter Sicht Die Beschäftigung mit medienvermittelter Vergemeinschaftung war bereits ein zentrales Thema der ,klassischen‘ Massenkommunikationsforschung. Internationaler Forschungsstand ist, dass erst die Massenmedien die Artikulation von Nation als „vorgestellte Gemeinschaft“ (Anderson, 1996) ermöglichten (siehe bspw. Scannell, 1989; Billig, 1995; Morley, 2000; Löfgren, 2001). Insofern kann „nationale Vergemeinschaftung“ selbst in Beziehung zum Prozess der Mediatisierung gesehen werden, da sie u. a. auf der Durchsetzung von institutionalisierten Massenmedien beruht (Thompson, 1995, S. 46). Mit fortschreitender Mediatisierung spätestens seit den 1990er Jahren durch die sich dann etablierenden digitalen Medien3 rückten zusätzlich andere Aspekte von medienvermittelter Vergemeinschaftung in den Fokus der Medien- und Kommunikationsforschung. Dies sind mit der Verbreitung des Internets seit den 1990er Jahren insbesondere virtuelle Gemeinschaften bzw. online communities, wofür einzelne klassische Studien des Feldes stehen (u. a. Rheingold, 1993; Baym, 1998; Jones, 1998; überblickend: Döring, 2002; Thiedeke, 2003; Deterding, 2008). Versucht man diese Studien im Rückblick zusammenfassend zu bewerten, so zeichnen sie sich durch die Erforschung bestimmter „Orte“ (Gochenour, 2006: 33) des Internets aus, d. h. konkreter Online-Foren und Diskussionsräume, deren „virtuelle Gruppen“ (Thiedeke, 2003) dann als Gemeinschaften interpretiert wurden. Es konnte dabei gezeigt werden, dass diese Kommunikationsplattformen thematisch ausgerichtet sind bzw. die Mitgliedschaft bei ihnen durch ein mitunter weitreichendes Involvement gekennzeichnet ist (siehe u. a. Jankowski, 2006, S. 61-64). Exemplarisch für solche „online communities“ sind in der empirischen Forschung – neben professionellen und 2 Zur weiteren methodologischen Reflexion unseres Vorgehens siehe Hepp, 2011b. 3 Im Folgenden wird „digitale Medien“ als Sammelbegriff für verschiedene Formen digitaler netzbasierter Medien wie E-Mail, Social Web, Chat, Mobiltelefon etc. verwendet. Im Sinne von Kubicek (1997, S. 218-220) und Beck (2006, S. 12-14) wird damit von einem Verständnis von „Kommunikationsmedium“ ausgegangen („Medium zweiter Ordnung“), das über ein rein technisches Verbreitungssystem hinaus („Internet“, „GSM-Netz“) die Merkmale der Spezifik eines Zeichensystems, der sozialen Institutionalisierung, des Organisationscharakters und schließlich der (durchaus variablen) kommunikativen Leistungserbringung erfüllt.

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technikorientierten Online-Gruppierungen (Feenberg & Bakardjieva, 2004, S. 38) – populärkulturelle (Baym, 2000; Jenkins, 2006) und politische Online-Gruppierungen (Castells, 2002; Pike, 2005; Wall, 2007). Mit der Veralltäglichung des Internets und weiterer digitaler Medien wird dieses Konzept „virtueller Gemeinschaft“ jedoch zunehmend problematisiert. Das Argument dabei ist, dass die bisherigen Untersuchungen im Hinblick auf Aktivitätsniveau und thematische Kohärenz lediglich herausgehobene Spezialgruppen betreffen. Mit fortschreitender Mediatisierung und zunehmender kommunikativer Vernetzung durch digitale Medien ist jedoch die medienvermittelte Vergemeinschaftung wesentlich stärker auf die „Alltagswelt“ (Schütz & Luckmann, 1979, S. 25; Hepp, 2008) zu beziehen. Von Vergemeinschaftung lässt sich dann sinnvoll sprechen, wenn im Sinne Max Webers (1972, S. 21) eine soziale Beziehung auf subjektiv gefühlter Zusammengehörigkeit der Beteiligten beruht. Intensives thematisches Involvement in Online-Foren ist durch Alltagsinteresse begründet, dem dann Vergemeinschaftung folgen kann, aber nicht muss. Maria Bakardjieva (2005, S. 165-188) zeigt beispielsweise, dass „virtual togetherness“ durch Alltagsthemen und Alltagsprobleme (mitunter als Beteiligung nur für einen bestimmten Zeitraum) angeregt wird und der Gegensatz von virtueller/öffentlicher Vergemeinschaftung und realer/privater Vergemeinschaftung dem Kontinuum bestehender Sozialformen nicht gerecht wird. In vergleichbarer Argumentation fordert aus soziologischer Sicht Hubert Knoblauch (2008, S. 84f.), statt von „virtuellen Gemeinschaften“ von „Kommunikationsgemeinschaften“ zu sprechen, bei denen „interaktive Medien die Ausbildung sozialer Strukturen“ ermöglichen. Kommunikative Netzwerke werden hier als ,strukturelle Basis‘ für ortsübergreifende, medienvermittelte Vergemeinschaftung angesehen. In einem solchen Sinne argumentiert ebenfalls Gochenour (2006), dass Vergemeinschaftung mittels digitaler Medien alltagsweltlich tendenziell in „distributed communities“ stattfindet, d. h. rein virtuelle Vergemeinschaftungen einen geringen Stellenwert haben und digitale Medien eher als Infrastruktur angeeignet werden, um die ,zerstreuten‘ Vergemeinschaftungen von Freunden und Bekannten zu halten („online groups of relationships“ im Sinne von Matzat, 2009, S. 388). Ähnliche Argumentationen finden sich in Studien zur Mobilkommunikation (Berridge, 2001; Katz, 2002; Nyiri, 2003; Berg, 2010). Fasst man solche Forschungsergebnisse zusammen, lässt sich festhalten, dass die Spezifik der Veränderung von Vergemeinschaftung im Hinblick auf den aktuellen Mediatisierungsschub nicht in deren zunehmenden „Virtualisierung“ zu sehen ist. Kennzeichnend ist vielmehr eine fortschreitende „Translokalisierung“ von Vergemeinschaftungsprozessen. Dabei lösen sich vorgestellte Vergemeinschaftungen mediatisierter Welten von Kommunikationsnetzwerken mit ausschließlich ­territorialen Bezüglichkeiten. Dies lässt sich damit begründen, dass die Translokalität gegenwärtiger medienvermittelter Vergemeinschaftung nicht mehr primär auf die Territorialität einer Region oder Nation bezogen sein muss, wie es beim ­Mediatisierungsschub der Etablierung von klassischen Massenmedien und ihren territorialen Verbreitungsräumen der Fall gewesen ist. Der aktuelle Mediatisierungsschub digitaler Medien macht verschiedene translokale Kommunikationsnetzwerke möglich, die sich über unterschiedliche Territorien hinweg erstrecken 301

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können und sich nicht mit diesen decken müssen. Exemplarisch dafür stehen neuere Formen religiöser bzw. spiritueller Vergemeinschaftung bzw. der Wandel der Vergemeinschaftung von traditionellen Kirchen (Knoblauch, 2009; Hepp & Krönert, 2009), die posttraditionalen Vergemeinschaftungen von Jugendkulturen und Szenen (Vogelgesang, 2001; Hitzler & Pfadenhauer, 1998; Hitzler & Niederbacher, 2010), soziale Bewegungen wie beispielsweise die globalisierungskritischen (Castells, 2002) oder auch ethnischen Vergemeinschaftungen der Diaspora (Bailey, Georgiou, & Harindranath, 2007; Hepp, Bozdag, & Suna, 2011b). Solche Formen von Vergemeinschaftung lassen sich als deterritoriale Vergemeinschaftung charakterisieren. Diese beziehen zwar Netzwerke lokaler Gruppierungen ein, positionieren diese aber in einem medial vermittelten, weitergehenden ‚vorgestellten‘ Sinnhorizont. Der Begriff der deterritorialen Vergemeinschaftung bezeichnet also solche medial vermittelten, translokalen Vergemeinschaftungen, die einen gemeinschaftsbildenden Sinnhorizont jenseits des Lebensortes der eigenen Face-to-FaceErfahrung haben, aber nicht – wie die Nation – von einer territorialen Bezüglichkeit von Gemeinschaftsbildung ausgehen. Deterritoriale Vergemeinschaftungen werden nicht einfach durch Einzelmedien (ein Online-Forum, nur Mobilkommunikation etc.) aufrecht erhalten. Vielmehr artikulieren sie sich transmedial, d. h. über verschiedene (digitale) Medien und Kommunikationsformen hinweg. Eine solche Diskussion des aktuellen Forschungsstands wirft aber zwei grundlegende Fragen auf: Wie ist die sich überlagernde Vielfalt solcher unterschiedlichen Vergemeinschaftungen aus Sicht des bzw. der Einzelnen zu fassen? Und wie sieht dies insbesondere für junge Menschen aus, denen eine besondere Affinität nicht nur zu digitalen Medien, sondern auch zu den genannten Vergemeinschaftungen unterstellt wird? Zur Beantwortung dieser beiden Fragen erscheint es uns notwendig, medienvermittelte Vergemeinschaftung nicht aus Sicht der Entität der Vergemeinschaftung selbst zu betrachten (worauf die bisherige Argumentation in der Kommunikations- und Medienforschung hinausläuft), sondern aus Sicht des bzw. der Einzelnen. Genau an dieser Stelle setzt das Konzept des „mediatisierten subjektiven Vergemeinschaftungshorizonts“ an (siehe zum Folgenden Hepp, 2011a, S. 115-120). So bietet es sich unserer Meinung nach an, zur Bestimmung dessen, was die subjektive Sicht auf Vergemeinschaftung ausmacht, auf die Sozialphänomenologie Alfred Schütz’ und Thomas Luckmanns zurückzugreifen. In deren Perspektive zeichnet sich die Alltagswelt eines Menschen dadurch aus, dass sie fraglos erfahren wird. Das Handeln in der Alltagswelt gilt zunächst einmal als unproblematisch. Dieses Fraglose ist umgeben vom Unbestimmten, d. h. einem „unbestimmte[n] und folglich nicht in gleicher Sicherheit vorliegende[n] Horizont“ (Schütz & Luckmann, 1979, S. 31). Ein solcher Horizont wird nun als „grundsätzlich bestimmbar, als auslegungsfähig“ erlebt: „Schon das Fraglose hat demnach seine Auslegungshorizonte, also Horizonte der bestimmbaren Unbestimmtheit“ (Schütz & Luckmann, 1979, S. 31). Es ist nun möglich, diese Überlegungen auf medienvermittelte Vergemeinschaftung zu beziehen: Fraglos erlebt werden neben Vergemeinschaftungen in der lokalen Gruppe, die sich auf direkte Kommunikation stützen, sicherlich Momente translokaler Vergemeinschaftungen, die auf wechselseitiger Medienkommunikati302

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on basieren: im Telefonat oder E-Mail-Austausch mit Freunden an anderen Orten beispielsweise. Die weitergehenden translokalen Sinnhorizonte von Vergemeinschaftung sind aber insofern ‚bestimmbare Unbestimmtheiten‘, als sie nicht auf direkter bzw. wechselseitiger (Kommunikations-)Erfahrung beruhen, sondern auf ‚Vorstellungen‘, wie sie durch standardisierte Medienkommunikation entstehen können. Betrachten wir dies nun aus subjektiver Sicht, können wir sagen, dass für jeden einzelnen Menschen ein komplexes Ganzes von Sinnhorizonten der Vergemeinschaftung besteht, in dem sie bzw. er sich – sicherlich mit situativer Varianz – verortet. Es ist dieses Gesamt, das wir als subjektiven Vergemeinschaftungshorizont bezeichnen wollen. Dieser ist zuerst einmal für eine einzelne Person eine ‚bestimmbare Unbestimmtheit‘, indem er als in der Alltagswelt unproblematischer Bezugsrahmen von Vergemeinschaftung erlebt wird. Einzelne Momente des Vergemeinschaftungshorizonts – und dabei insbesondere die Sinnhorizonte der auf medienvermittelten Kommunikationsprozessen beruhenden, translokalen Vergemeinschaftungen – können aber durch verschiedene Erlebnisse problematisch werden. Hierbei stehen direktes lokales Erleben und vermitteltes translokales Erleben in Beziehung zueinander. Um ein Beispiel zu nennen: Selbstverständlich spielt es im Hinblick auf die Gesamteinschätzung des jeweiligen medial vermittelten Vergemeinschaftungshorizonts eine Rolle, wie man lokal die Gruppe einer bestimmten politischen Bewegung (Attac) oder einer bestimmten Szene (HipHop) ‚vergemeinschaftend erlebt‘. Wenn man lokal ausgeschlossen wird, hat dies erhebliche Folgen für die ‚Glaubwürdigkeit‘ des medial vermittelten Vergemeinschaftungshorizonts. Für heutige mediatisierte Welten lässt sich argumentieren, dass der subjektive Vergemeinschaftungshorizont getragen wird von vielfältigen (medialen) Kommunikationsnetzwerken. Er ist damit umfassend mediatisiert, d. h. durch die Spezifik von verschiedenen Medien ‚geprägt‘. Dies betrifft zuerst einmal alle Momente translokaler Vergemeinschaftung. Wie mehrfach argumentiert, rekurrieren deren Sinnhorizonte umfassend auf Medienkommunikation in ihren verschiedenen Schattierungen – man kann gar vermuten, dass ein in breitem Maße translokal ausgerichteter subjektiver Vergemeinschaftungshorizont nur in Medienkulturen vorstellbar ist. Bemerkenswert aber ist, dass auch lokale Momente des subjektiven Vergemeinschaftungshorizonts durch Mediatisierung gekennzeichnet sind. Nimmt man hier als ein Beispiel von lokaler Vergemeinschaftung die Paarbeziehung, wird dies greifbar. So lässt sich für (jüngere) Paare zeigen, dass deren Beziehung und damit auch Erleben von Vergemeinschaftung umfassend mit gemeinsamer Medienaneignung durchdrungen ist (vgl. dazu Linke, 2010). In den Paarbeziehungen wird nicht nur fortlaufend ein beziehungsspezifisches Medienkommunikationsrepertoire ausgehandelt – also ein „Repertoire“ (Hasebrink & Domeyer, 2010; Hasebrink & Popp, 2006) gemeinsam genutzter Medien. Ebenso findet in Paarbeziehungen über den Tagesverlauf hinweg eine mehr oder weniger fortlaufende Abstimmung von Alltagshandeln mittels Medien statt. Hier sind (Mobil-)Telefon und internetbasierte Medien wie Chat von Relevanz. Dabei geht es nicht nur um einfache Handlungskoordination, sondern auch um Vorbereitungen medienbezogener sozialer Veranstaltungen wie beispielsweise das gemeinsame 303

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Fernsehen oder Computerspielen, die wiederum (auch) auf Vergemeinschaftung in der Paarbeziehung abzielen. Wir können damit von einer „Mediatisierung der Paarbeziehung“ (Linke, 2010, S. 163) sprechen. Diese ist ein Beispiel dafür, dass lokale Momente subjektiver Vergemeinschaftungshorizonte in heutigen mediatisierten Welten ebenfalls als mediatisiert zu begreifen sind. Solche Beispiele bringen uns zu Fragen der kommunikativen Mobilität, die – so die Überlegung – das Erleben des heutigen Lokalen in fortschreitendem Maße kenn­zeichnet. Der Ausdruck kommunikative Mobilität versucht, die Beziehung zwischen Medien und einer zunehmenden lokalen Mobilität in gegenwärtigen Medienkulturen insgesamt zu fassen. Diese Beziehung kann auf zweifache Weise gestaltet sein, nämlich erstens in der Form, dass ‚Endgeräte‘ der Medienkommunikation selbst zunehmend mobil werden. Beispiele dafür wären das bereits mehrfach genannte Mobiltelefon, aber auch Laptops, Personal Digital Assistants (PDAs), MP3-Player, mobile digitale Fernseh- und DVD-Abspielgeräte, mobile Spielkonsolen und verschiedene Formen des „wearable computing“. Gleichzeitig bedeutet kommunikative Mobilität auch, dass sich zweitens stationäre Medien zunehmend auf Menschen in Bewegung richten. Mit Bezug auf die Überlegungen von Raymond Williams zur „mobilen Privatisierung“ der modernen europäischen Gesellschaften (Williams, 1990, S. 26) wird deutlich, dass solche Aspekte kommunikativer Mobilität bereits bei der standardisierten Medienkommunikation des Fernsehens greifbar gewesen sind. So schuf das Fernsehen mehr oder weniger stabile, zentrierte Kommunikationsräume für Menschen, die sich zwischen verschiedenen Orten (Wohnort, Arbeitsort) bewegen. Andere Beispiele für den Mobilitätsfokus stationärer Medien wären Videokameras, die Menschen in Bewegung überwachen, oder die Versuche von Reisenden, durch die Nutzung von Internetcafés Kommunikationsbeziehungen aufrechtzuhalten, wenn sie unterwegs sind. Diese Definition von kommunikativer Mobilität verweist bereits darauf, dass sie in Beziehung gesehen werden muss zu einer anderen Form der Mobilität – nämlich der lokalen Mobilität. Lokale Mobilität bezieht sich auf die zunehmende Tendenz von Menschen, in einem doppelten Sinne mobil zu sein. Auf der einen Seite haben wir so etwas wie eine situative lokale Mobilität (die Mobilität einer Person über den Tages-, Wochen- oder Monatsverlauf, beispielsweise beim beruflichen Pendeln). Lokale Mobilität in diesem Sinne bedeutet nicht einfach ein ‚Jetten durch die Welt‘ (in den meisten Fällen zumindest nicht), sondern ist eher eine Art von Mobilität zwischen definierten Orten. Dies ist die Form von Mobilität, die Raymond Williams mit seinem Konzept der mobilen Privatisierung im Blick hat. Auf der anderen Seite haben wir so etwas wie eine biografische lokale Mobilität (eine lokale Mobilität über den Lebensverlauf einer Person hinweg, beispielsweise in Form von Migration). Vor einem solchen Hintergrund müssen wir eine Betrachtung von mediatisierten subjektiven Vergemeinschaftungshorizonten in Beziehung sehen zu Fragen der kommunikativen Mobilität. Situative lokale Mobilität kennzeichnet die Alltagswelt vieler Menschen in gegenwärtigen „mediatisierten Welten“ (vgl. überblickend Urry, 2007). Diese kann ein (regelmäßiges) Pendeln zwischen Wohn- und Arbeitsort sein, aber auch komplexere Formen annehmen, wie beispielsweise das phasenweise Sich-Befinden an unterschiedlichen Arbeitsorten im Außendienst. In 304

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all solchen Situationen werden durch die Aneignung verschiedener Medien der wechselseitigen Medienkommunikation Beziehungsnetzwerke aufrecht erhalten, wobei gerade bei phasenweise bestehender lokaler Mobilität dauerhafte Beziehungen und Momente von Vergemeinschaftung (auch) durch Medienkommunikation gestützt werden können (Berg, 2010). Noch deutlicher wird dies bei der biografischen lokalen Mobilität, als deren herausragendes Beispiel die Migration bzw. die auf diese verweisenden Vergemeinschaftungen der Diaspora genannt werden können (Hepp et al., 2011b). Deren translokale Vergemeinschaftungen sind in ihrer Spezifik kaum fassbar, wenn man nicht auch Fragen der lokalen Mobilität einbezieht. Bezieht man dies auf unseren Begriff von mediatisierten subjektiven Vergemeinschaftungshorizonten zurück, wird deutlich, in welchem Maße wir diese im weiteren Lebenskontext von Menschen einordnen müssen: Wie die solchen Vergemeinschaftungshorizonten zugrunde liegenden Kommunikationsnetzwerke gestaltet sind, hängt erheblich von der Lebenssituation von Menschen einschließlich ihrer Mobilitäten ab. Entsprechend muss eine Forschung zu mediatisierten Vergemeinschaftungshorizonten und ihrer kommunikativen Vernetzungspraxis stets kontextualisierend sein. 3. Ethnografische Miniaturen: Qualitative Netzwerkforschung als Teil empirischer Medienkulturforschung Unser Ansatz zur empirischen Untersuchung solcher mediatisierten Vergemeinschaftungshorizonte junger Menschen besteht in einer vergleichenden Aus­wertung von „ethnografischen Miniaturen“ (Bachmann & Wittel, 2006) im Gesamtrahmen einer qualitativen Netzwerkforschung als Teil empirischer Medienkultur­ forschung. Der Begriff der „ethnografischen Miniatur“ will verdeutlichen, dass es in unserer Forschung nicht um eine umfassende Rekonstruktion von (auch ­medienbezogenen) Lebenswelten geht. Dies wäre eine allgemeine ethnografische Fragestellung nach der „dichten Beschreibung“ (Geertz, 1997) bestimmter Sozial­ welten. Im Vordergrund steht vielmehr die Rekonstruktion des Wechselspiels von kommunikativer Vernetzung und medienvermittelter Vergemeinschaftung im Gesamthorizont einzelner junger Menschen. Hierbei handelt es sich um eine medien­ ethnografische Fragestellung nach der kommunikations- und medienwissenschaftlichen Beschreibung von Momenten „mediatisierter Welten“ (Hepp, 2011a). Unser Ansatz der qualitativen kommunikations- und medienwissenschaftlichen Netzwerkforschung hebt dabei auf die aktuelle methodische Diskussion um die medienethnografische Forschung zu digitalen Medien ab. Während anfängliche Forschung mit Konzepten der „virtuellen Ethnografie“ (Hine, 2000; Hine, 2005) arbeitete, die im Kern darin bestand, Ansätze der ethnografischen Forschung auf das ‚Feld‘ des Internets als einem ‚virtuellen Raum‘ zu übertragen, erscheint ein solches implizites Separieren der Aneignung des Internets von der weiteren Alltagswelt mit fortschreitender Mediatisierung nicht (mehr) angemessen. Will man kommunikative Vernetzungs- und Vergemeinschaftungsprozesse mittels digitaler Medien in ihrer Gesamtheit erfassen, ist eher eine ‚Netzwerkethnografie‘ zielfüh305

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rend. Dieser Ausdruck wird hier nicht im Sinne von Howard gebraucht, der diese wie folgt beschreibt: „Network ethnography is the process of using ethnographic field methods on cases and field sites selected using social network analysis“ (Howard, 2002, S. 561). Vielmehr wird unter Netzwerkethnografie im Sinne von Wittel (2006) die qualitative Rekonstruktion kontextspezifischer Strukturen und Prozesse des kommunikativen Netzwerkens verstanden (siehe auch Kozinets, 2010). Dieses Verständnis trifft sich mit Überlegungen der qualitativen Netzwerkforschung in der Soziologie (Hollstein, 2006; Diaz-Bone, 2007), die auf eine Rekonstruktion der Sinndimension von sozialen Netzwerken zielt. Das Spezifikum der qualitativen kommunikations- und medienwissenschaftlichen Netzwerkforschung ist also darin zu sehen, dass sie eine Rekonstruktion von Kommunikationsnetzwerken und kommunikativen Vernetzungspraktiken in ihrer stets auch subjektiven Sinndimension betreibt. Dies muss ebenfalls als Voraussetzung dafür gelten, überhaupt Vergemeinschaftung fassen zu können, indem diese eine soziale Beziehung ist, die auf subjektiv gefühlter Zusammengehörigkeit der Beteiligten beruht. Solche subjektiven Zugehörigkeitsgefühle lassen sich nur beschreiben, wenn man die jeweilige Sinnzuschreibung der Wir-Beziehung einer Vergemeinschaftung verstehend zugänglich macht. Im Rahmen einer solchen Gesamtorientierung arbeiten wir konkret mit einer Verschränkung verschiedener Erhebungsmethoden für 60 Fälle von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 16 bis 30 Jahren. Die Auswahl der einzelnen Interviewpartnerinnen und -partner erfolgte entlang dem Konzept des „theoretischen Samplings“ (Glaser & Strauss, 1998, S. 53-83). Dies heißt, dass das Untersuchungsfeld in seiner Varianz in einem Wechselverhältnis von Datenerhebung und -auswertung erschlossen wird. Bei der Auswahl der Personen haben wir ein besonderes Augenmerk darauf gelegt, solche auszuwählen, die nicht dem (Organisations-)Kern bzw. der Elite einer Szene, politischen Bewegung oder weiteren translokalen Vergemeinschaftung angehören. Bei fast allen Personen handelt es sich also im Sinne von Schmidt und Neumann-Braun (2003, S. 249) um „allgemein jugendkulturell [oder politisch, religiös etc.] Orientierte“. Die Datenerhebung erfolgte zwischen November 2010 und September 2011 in zwei deutschen Großstädten – Bremen und Leipzig – sowie den sie umgebenden ländlichen Regionen. Für jeden der Fälle wurden „triangulativ“ (Flick, 2004) folgende Daten erhoben: n Qualitative Interviews: Es handelt sich hierbei um durchschnittlich zweistündige Interviews. Gegenstand dieser Interviews waren erstens Fragen zu den Vergemeinschaftungen, denen sich die jeweilige Person zugehörig fühlt. Zweitens wurden Fragen zur hierauf bezogenen Aneignung unterschiedlicher Medien in ihrer Gesamtheit gestellt. Durch diese Interviews wurde es uns möglich, Zugang zur Aneignung unterschiedlicher Medien zu bekommen bzw. ihrer Relevanz für die Artikulation der Vergemeinschaftungen der jeweiligen Person insgesamt. n Freie Netzwerkkarten: Im Rahmen dieser Interviews wurden die Gesprächspartnerinnen und -partner gebeten, auf zwei freien (also unstrukturierten) Karten aus ihrer je subjektiven Sicht ihre Kommunikationsnetzwerke zu visu306

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alisieren (siehe als Beispiele die Abbildungen im folgenden Abschnitt). Bei einer der beiden Netzwerkkarten standen die wechselseitigen Kommunikationsbeziehungen im Vordergrund („Medien der personalen Kommunikation“), bei der anderen die Kommunikationsbeziehungen mit bzw. durch standardisierte Medieninhalte („Massenmedien“). Es geht bei dieser Erhebungsform also darum, wie die Interviewten ihre verschiedenen kommunikativen Konnektivitäten ,sehen‘ und wie sie diese Visualisierung dann erläutern. Auf diese Weise wird eine subjektive Gesamtsicht auf das Kommunikationsnetzwerk erfasst und gleichzeitig damit verbundene „stories“ (White, 1992, S. 127). n Medientagebücher: Des Weiteren wurden dieselben Personen gebeten, über eine Woche hinweg in einem Tagebuch sämtliche Formen medienvermittelter Kommunikation festzuhalten im Hinblick auf die genutzten Medien, die Nutzungssituationen wie auch (bei personaler Kommunikation) die Kommunikationspartner, den Zweck und die Inhalte der Kommunikation festzuhalten (siehe als Beispiel Hepp, 2011b, S. 68). Ein solches Tagebuch bietet Zugang zu den Prozessen kommunikativer Vernetzung, bildet also ,Vernetzungspraktiken im Verlauf‘ ab. n Materiale Dokumentation: Schließlich versuchten wir so umfassend wie möglich, die Medienaneignung der betreffenden Interviewpartnerinnen und -partner durch weiteres erhobenes Material zu dokumentieren. Hierzu zählen insbesondere Skizzen und Bilder der jeweiligen häuslichen Mediennutzungsorte, Fotografien derselben und die Archivierung persönlicher Social-Web-Profilseiten (Facebook, MeinVZ, StudiVZ usw.). Eine solche Triangulation unterschiedlicher Erhebungsmethoden bietet uns für jede der „ethnografischen Miniaturen“ einen vielschichtigen, verstehenden Einblick in die Kommunikationsnetzwerke, über die einzelne Vergemeinschaftungen vermittelt sind: Durch die Interviews erfahren wir viel über die Kontexte kommunikativer Vernetzungsprozesse, d. h. die Positionierung der Interviewten in ihrer Alltagswelt, ihre Sozialbeziehungen sowie ihre generelle Medienaneignung. Die freien Netzwerkkarten geben uns aus ego-zentrierter Sicht Einblicke dahingehend, wie die Interviewten ihre Kommunikationsnetzwerke sehen und welchem Medium (Brief, Telefon, E-Mail, Fernsehen, Radio, Zeitung etc.) sie dabei welche Bedeutung für kommunikative Konnektivität zuschreiben. Schließlich gestatten die Medientagebücher es, diese Netzwerke nicht einfach als gegeben aufzufassen, sondern zumindest in einem bestimmten Zeitabschnitt den Prozess des ‚Netzwerkens‘ – also die Praktiken, durch die fortlaufend die Struktur des Netzwerks hervorgebracht wird – herauszuarbeiten. Insgesamt wird so die Rekonstruktion des transmedialen Kommunikationsnetzwerks (qualitative Netzwerkkarten, Webseitenarchive), der kommunikativen Netzwerkpraktiken (qualitative Interviews, Dokumentation der Medienumgebung, Webseitenarchive), der Prozesse des kommunikativen Netzwerkens (Medientagebücher, qualitative Interviews) sowie der Horizonte medienvermittelter Vergemeinschaftung (qualitative Interviews, Netzwerkkarten, Medientagebücher) möglich. Die Daten wurden und werden von uns mit Hilfe des Verfahrens der qualitativen Kodierung ausgewertet, deren Ziel eine materialbasierte Theoriebildung ist. 307

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Um zu einer Theorieentwicklung über das gesamte erhobene Material zu gelangen, ist es notwendig, dieses mit einem übergreifenden Kategoriensystem zu erfassen. Hierzu wurde das gesamte Interviewmaterial nach üblichen Standards transkribiert bzw. die erstellten Protokolle in digitaler Form erfasst (Hartung, 2006), Medientagebücher und Netzwerkzeichnungen digitalisiert und die Social-WebProfilseiten archiviert. Die Auswertung des Gesamtmaterials erfolgt dann in einem Prozess der qualitativen Inhaltsanalyse des zuerst „offenen“, dann „axialen“ und „selektiven“ Kodierens im Sinne der Grounded Theory (Glaser & Strauss, 1998; Strauss & Corbin, 1996; Strübing, 2004), um so zu einer kommunikationsund medienwissenschaftlichen Theoriebildung zu gelangen (Krotz, 2005; Hepp, 2011a). Dieses Verfahren eignet sich deshalb, weil mit ihm die vergleichende Auswertung so unterschiedlicher Materialquellen wie Netzwerkkarten, Interviews oder Profilseiten im Internet möglich ist. Durch einen konstanten Vergleich der Fälle und eine fortlaufende Arbeitshypothesenbildung, die am Material geprüft wird, werden von uns insbesondere folgende Muster analysiert: n musterhafte Praktiken kommunikativer Vernetzung; n Prozess- und Strukturmuster kommunikativer Vernetzung; n Situativitätsmuster kommunikativer Vernetzung; n Muster der Zugehörigkeit und Vergemeinschaftung; n Muster von Kontextfaktoren. Das auf diese Weise ausgewertete Material unterziehen wir derzeit einer „Typenbildung“ (Kelle & Kluge, 2009), die auf das Erfassen der subjektiven mediatisierten Vergemeinschaftungshorizonte zielt bzw. deren Beziehung zum vorhandenen Gesamtrepertoire der kommunikativen Vernetzung. Da dieser Prozess noch nicht abgeschlossen ist, können wir an dieser Stelle keine fertige Typologie von mediatisierten Vergemeinschaftungshorizonten präsentieren. Jedoch weisen unsere bisherigen Auswertungen darauf hin, dass diese in einem Spannungsverhältnis von mono- und multithematischen Vergemeinschaftungshorizonten bzw. von mediatisierten Vergemeinschaftungen und Mediatisierungsvergemeinschaftungen zu entwickeln ist. Wie sich diese Spannungsverhältnisse gestalten, wollen wir im Weiteren anhand exemplarisch ausgewählter Extremfälle aus unserem Datenmaterial verdeutlichen. 4. Subjektzentrierte Verortungen in mediatisierten Welten: Zwei Beispiele mediatisierter Vergemeinschaftungshorizonte Wie wir nun durch die Betrachtung von zwei aus unserem Datenmaterial ausgewählten Fällen zeigen möchten, ist eine Unterscheidung von mediatisierten Vergemeinschaftungshorizonten entlang bestimmter Grundmuster thematischer Zentrierung und der Spezifik von Vergemeinschaftung möglich. Um Extrembeispiele handelt es sich bei diesen nicht deswegen, weil wir hier mit Fällen von ‚extremer Vergemeinschaftung‘ konfrontiert wären. Extremfälle sind diese vielmehr im Hinblick auf unseren Gesamtdatenbestand, d. h. sie führen uns die größtmögliche Varianz von mediatisierten Vergemeinschaftungshorizonten junger Menschen vor 308

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Augen. Konkret sind dies die Fälle von Kerstin Faber und Claas Kuhnert, die beide Ende 20 und aus der gleichen Stadt sind, sich in ihren Vergemeinschaftungshorizonten aber grundlegend unterscheiden.4 Die 27-jährige Kerstin Faber lebt alleine in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Bremen, die sie ehemals gemeinsam mit ihrem im Jahr 2007 geheirateten Ehemann bewohnte, von dem sie aber seit 2010 getrennt lebt. Sie arbeitet – nach einer entsprechenden Ausbildung im Anschluss an das Abitur – als Erzieherin in einer evangelischen Kindertagesstätte in einem anderen Bremer Stadtteil und absolviert derzeit nebenberuflich eine Fortbildung, um sich als Kita-Leiterin zu qualifizieren. Daneben ist sie in der Kirchengemeinde aktiv, wie auch in Kinder-, Jugend- und Medienausschüssen. Betrachtet man Kerstin Fabers kommunikative Vernetzung in der wechselseitigen wie auch standardisierten Kommunikation, ist diese deutlich durch solche Aktivitäten gekennzeichnet, wie die von ihr erstellten Netzwerkkarten zeigen (siehe zu den weiteren Analysen auch die unten stehenden Abbildungen ihrer Netzwerkkarten; wie im Methodenteil ausführlicher diskutiert, handelt es sich bei den Netzwerkkarten um Zeichnungen der Interviewten, in denen diese selbst ihr Kommunikationsnetzwerk sowohl in der wechselseitigen Medienkommunikation als auch standardisierten Medienkommunikation (Massenkommunikation) visualisierten und diese Visualisierung zeitgleich erläuterten). Bei der wechselseitigen Kommunikation von Kerstin Faber fällt zuerst einmal auf, dass der „Computer“ mit Facebook, E-Mail und ICQ eine zentrale Stellung einnimmt. Sie ist täglich auf Facebook, das sie nicht nur nutzt, um mit Freunden Kontakt zu halten, sondern auch um Aktivitäten in ihrer Kirchengemeinde zu organisieren, in der sie sich neben ihrer Mitgliedschaft im Gemeindevorstand vor allem um die Jugendfreizeiten kümmert. Um Informationsflüsse in Facebook zwischen Leitungspersonal und Jugendlichen getrennt zu halten, arbeitet Kerstin Faber mittels verschiedener „Gruppen“, zu denen unterschiedliche Zugehörigkeiten bestehen. Das tägliche Mailen dient ihr ebenso vor allem der Organisation ihrer kirchlichen und kirchenbezogenen Aktivitäten: „Fortbildung, Kirchenvorstand, evangelische Jugend, Jugendverband, Medienausschuss“. „Freundeinfos“ tauscht sie neben Facebook über ICQ aus, das sie regelmäßig einmal die Woche sonntags mit einer Freundin nutzt, sowie über das Festnetztelefon, mit dem sie mit Freundinnen regelmäßig auch länger telefoniert. Bereits bei ihrer Aneignung des Mobiltelefons steht aber wiederum eine eher instrumentelle Nutzung zur Termin- und Arbeitsorganisation ihrer verschiedenen Aktivitäten in der Kirchengemeinde und angrenzenden ehrenamtlichen Tätigkeiten im Vordergrund.

4 Bei diesen und allen weiteren genannten Namen handelt es sich um Pseudonyme.

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Abbildung 1: Netzwerkkarten Kerstin Faber5

5 Die genauen Namen des medienbezogenen Gremiums und des Jugendverbandes sind entfernt worden, weil sonst die Identität von Kerstin Faber nicht geschützt werden könnte.

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Betrachtet man die Aneignung standardisierter Medieninhalte, bieten die Netzwerkkarten wiederum einen ersten Einblick in die kommunikativen Konnektivitäten von Kerstin Faber. Im Vordergrund steht auf dieser zuerst einmal der von ihr als „trimediale“ bezeichnete Komplex von Internet, Radio und Fernsehen. Im Internet geht es neben ehrenamtlich bezogener Informationssuche und -lektüre auch über Facebook-Pinnwand-Informationen um ein Verfolgen des Webangebots der Landesrundfunkanstalt. Dies erklärt sich über das ehrenamtliche Engagement von Kerstin Faber im Medienbereich. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls das tägliche Hören des Senders „Bremen 4“ zu sehen (der Jugend- und Servicewelle von „Radio Bremen“). Im Fernsehen interessiert sie sich – neben dem lokalen Nachrichtenmagazin von Radio Bremen – für Unterhaltungsangebote des „Harz IV TV“ (23), wie sie es selbst nennt. Im Printbereich liest Kerstin Faber auffallend viele Fachzeitschriften (beispiels­weise „Kita heute“) sowie Fachbücher und kauft weitere Zeitschriften, wenn sie deren Themen interessieren. Daneben liest sie Romane und Krimis bzw. hört ohne ausgeprägte Geschmackspräferenzen über CDs Musik. Außerdem geht sie gelegentlich ins Kino und schaut ebenso mitunter „Kitschfilme“ (zum Teil in Englisch) auf DVD. Abbildung 2: Auswertung Medientagebuch Kerstin Faber

Neben den Netzwerkkarten macht auch die Auswertung des Medientagebuchs von Kerstin Faber die Vielzahl der von ihr genutzten Medien greifbar. Die in Abbildung 2 gewählte Visualisierung bildet über einen Zeitraum von sieben Tagen (in diesem Falle beginnend mit einem Samstag) ihre kommunikative Vernetzung im Verlauf ab. Dabei stellen die unterschiedlich farbigen Blöcke annäherungsweise die zeitlichen Nutzungsphasen verschiedener Medien dar, derer sich Kerstin Faber in der betreffenden Woche bedient hat. Die vertikale Anordnung der einzelnen Blöcke wiederum entspricht der Zuordnung dieser einzelnen Nutzungsphasen zu Vergemeinschaftungsformen, die für sie besonders relevant sind. Betrachtet man nun beispielsweise die kommunikativen Prozesse im Zusammenhang mit freundschaftlicher Vergemeinschaftung, fällt auf, dass dieser Bereich mittels mehrerer Medien artikuliert wird: Facebook spielt eine gewichtige Rolle, 311

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aber ebenso das Telefon (inklusive Handy) sowie das Chat-Programm ICQ. Letzteres kommt zum Beispiel zum Einsatz, um sich mit einer Freundin parallel zum Fernsehen über das Programm auszutauschen (siehe Tag 2). Des Weiteren ist auffällig, dass insbesondere der für Kerstin Faber wichtige religiöse Bereich nahezu das komplette Spektrum unterschiedlicher Medien umfasst. Insgesamt zeigt eine solche Auswertung, dass sich bei Kerstin Faber keine Vergemeinschaftungsform findet, in der ein einzelnes Medium dominant ist. Diese bis hierher knapp umrissene transmediale kommunikative Vernetzung von Kerstin Faber verweist bereits deutlich auf einen monothematisch ausgerichteten mediatisierten Vergemeinschaftungshorizont. Monothematisch ist er deswegen, weil in dessen Zentrum klar die religiöse Vergemeinschaftung steht, der sich andere Formen von Vergemeinschaftung ‚unterordnen‘. Greifbar wird dies, wenn wir uns die kommunikative Artikulation dieses Vergemeinschaftungshorizonts genauer anschauen. Betrachtet man die religiöse Vergemeinschaftung, die – wie wir gesehen haben – das thematische Zentrum des Vergemeinschaftungshorizonts von Kerstin Faber bildet, ist diese im klassischen Sinne mediatisiert: Auch wenn das lokale Gemeinschaftsleben in der Kirchengemeinde eines Bremer Stadtteils das Rückgrat bildet, bleibt die eigene Lektüre der Bibel für Kerstin Faber ein wichtiges Moment der Verortung in dieser Vergemeinschaftung. Zwar wurde dies durch die Erfahrung der Ehe mit einem fundamentalistischen Anhänger einer evangelischen Freikirche belastet. Wie Kerstin Faber es selbst formuliert hat es nach „diese[m] krasse[n] Glaubensding zu Hause […] ganz lange gebraucht, bis ich in Anführungszeichen überhaupt freiwillig wieder ‘ne Bibel aufschlagen“ (KF 6) konnte. Mittlerweile gehört die Lektüre der Bibel aber wieder zum festen Kernbestand ihrer Glaubensartikulation: „ich hab auch ein Interesse daran zu erfahren, was so in der Bibel steht“ (KF 39). Während die Lektüre der Bibel und weiterer religiöser Texte eine translokale Hintergrundorientierung für die religiöse Vergemeinschaftung bietet, konkretisiert sich diese kommunikativ gleichwohl in der lokalen Kirchengemeinde des Stadtteils. Das Engagement von Kerstin Faber ist dabei – wie bereits unsere Analysen der kommunikativen Vernetzung gezeigt haben – selbst wiederum umfassend mediatisiert. Während das eigentliche Webangebot ihrer Kirchengemeinde sie eher zur Kritik herausfordert („dann geh ich noch manchmal bei [meiner Gemeinde] auf der Seite gucken, ob die […] es jetzt mal langsam hinkriegen, ihr Internetangebot aktuell zu kriegen“), organisiert sie ihr Engagement in der Gemeinde neben E-Mails vor allem über Facebook. Der herausgehobene Stellenwert beider für Kerstin Faber wird daran deutlich, dass für sie das tägliche Einschalten des Computers fest mit einem „ich geh‘ meine Mails angucken, ich geh zu Facebook“ (KF 14) verbunden ist. Ihre Erfahrung zu Letzterem schildert sie wie folgt: „Für die Gemeinde ist das ja total praktisch bei diesen Jugendprojekten, das einfach darüber laufen zu lassen, oder dann irgendwie geschlossene Gruppen zu gründen. Zum Beispiel fahren wir jetzt nach Dresden zum Kirchentag und da bin ich halt die, die die Anmeldung macht. Und jetzt hab ich gesagt, ich mach uns dann ‘ne geschlossene Gruppe bei Facebook, wo wir [uns] dann halt noch austauschen kön-

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Hepp/Berg/Roitsch | Grundmuster kommunikativer Vernetzung nen: Was weiß ich, was müssen wir mitbringen, wann fahren wir los, wie teuer, […] und solche Sachen.“ (KF 26)

Diese Aussage muss exemplarisch für die Verlagerung der religiösen Organisations- und Identitätskommunikation von Kerstin Faber ins Internet bzw. konkret zu Facebook gesehen werden. Der Einsatz von Gruppen bei Facebook ermöglicht ihr ein ausdifferenziertes Kommunikationsmanagement, indem sie bestimmte Informationen – beispielsweise identitätstiftende Bilder einer Kohlfahrt (KF 37) – nur einer bestimmten geschlossenen Gruppe zugänglich macht. Durch eine solche Aneignung der technischen Möglichkeiten von Facebook zentriert Kerstin Faber ihre kommunikativen Bezüge thematisch ganz erheblich. Dies wird weiter dadurch gesteigert, dass auch andere Zugehörigkeiten von Kerstin Faber religiös ausgerichtet sind. Hier lässt sich zuerst einmal auf ihre Arbeitsvergemeinschaftung verweisen. Indem sie bei einem kirchlichen Träger arbeitet, sieht sie sich in dieser als „pädagogisch kirchlich angehaucht[e]“ (KF 14f.) Erzieherin. Wie wir bereits gesehen hatten, war die partnerschaftliche Vergemeinschaftung mit ihrem Mann ebenfalls religiös geprägt. Kerstin Faber beschreibt die Zeit ihrer Ehe als eine noch viel engere religiöse Zentrierung ihrer kommunikativen Vernetzungen als sie derzeit besteht: Ihr Mann untersagte ihr nicht nur kommunikative Kontakte zu Freundinnen, sondern er lehnte auch bestimmte zu stark weltliche Medieninhalte aus Fernsehen, Kino oder Literatur ab und versuchte sie zu überzeugen, sich hierbei zurückzuhalten. Ihre Familie – mit der sie neben direkten Besuchen insbesondere durch regelmäßige Telefonate in Beziehung steht – scheint ebenfalls religiös ausgerichtet zu sein, zumindest fand sie durch diese Zugang zu einer religiösen Schule und in die lokale Gemeinde. Des Weiteren ist auch die lokale und regionale Vergemeinschaftung von Kerstin Faber religiös geprägt. Zwar sagt sie, dass ihr Bremen als Lebensort was ihre Zugehörigkeitsgefühle betrifft ebenso wichtig ist wie ihre Gemeinde. Kommunikativ hergestellt wird ihre Verortung im Lokalen – neben direkter Kommunikation – wie wir bereits gesehen haben u. a. durch standardisierte Medieninhalte wie das Regionalmagazin „Buten un Binnen“ (dessen Webseite sie ebenfalls liest und auf die sie bei interessanten Inhalten von ihrer Facebook-Pinnwand verweist, 15) bzw. das lokale „Radio Bremen 4“ („wenn ich zu Hause bin, mach ich eigentlich dann Radio an“). Interessant ist ebenfalls, dass sie „nur den Bremer Tatort […] [sieht], weil ich dann immer gucken will, ob ich was kenne“ (KF 23). Eine solche Verankerung im lokalen Kommunikationsraum ist bei ihr aber gleichwohl wiederum mit den Bezügen zur religiösen Vergemeinschaftung zu sehen. Gemeint ist dies nicht nur in dem Sinne, dass sich lokale Vergemeinschaftung für Kerstin Faber in der örtlichen Gemeinde konkretisiert. Dies trifft ebenfalls in Bezug auf Medieninhalte in einem weitergehenden Sinne zu, nämlich dass es ihr bei ihrer Aneignung der lokalen Medienberichterstattung immer auch um ihr Engagement als religiöse Vertreterin in einem medienpolitischen Ausschuss geht: „weil man ja doch ‘n bisschen auf‘m Stand sein muss, was da los ist, wenn man dann in diesem Gremium sitzt“ (KF 15f.). Und auch wenn Kerstin Faber von ihrer weiteren medienvermittelten Verortung in Norddeutschland erzählt, verweisen ihre Aussagen auf ihre religiöse Zugehörigkeit. Exemplarisch dafür stehen ihre Berichte der Rezeption 313

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der ZDF-TV-Serie „Immenhof“. Diese mag sie nach eigener Auskunft deswegen, weil sie auf einem Gut in Schleswig-Holstein spielt, eine Region, die sie durch mehrfache Ausflüge und Urlaube mit ihrer Gemeinde kennengelernt hat: „da hat unsere Gemeinde ihr Freizeitheim genau am Meer, [deswegen] fand ich das immer toll“ (KF 18). Eine solche monothematische Ausrichtung setzt sich weiter fort, wenn man die privaten Kontakte von Kerstin Faber betrachtet. Auffallend ist, dass ihre Schulund Ausbildungsvergemeinschaftung bereits religiös ausgerichtet war, indem sie bis zur zehnten Klasse in eine konfessionelle Schule ging. Aus dieser hielt sich eine Gruppe von vier Freundinnen, die mittlerweile translokal verstreut leben, mit denen Kerstin Faber aber – auch dies medial vermittelt – eine freundschaftliche Vergemeinschaftung aufrecht erhält. Dies geschieht nicht nur durch gemeinsame Telefonate und E-Mails. Es geht auch um gemeinsame Rezeptionserlebnisse, unter denen die kollektive translokale Rezeption von „Bauer sucht Frau“ hervorsticht. Kerstin Faber sieht diese Sendung sonntags immer über ICQ ‚gemeinsam‘ mit einer Freundin: „Also sie wohnt noch bei [ihren] Eltern [in Niedersachsen]. Sie sitzt dann vor‘m Fernseher und ich sitze hier vor‘m Fernseher. ((lacht)) Und dann [machen] wir beide unser ICQ an und dann schreiben wir uns, wie peinlich die Menschen ((lacht)) grade bei ‚Bauer sucht Frau‘ wieder irgendwie durchdrehen.“ (KF 10)

Darüber hinaus werden Rezeptionserlebnisse translokal – genannte Orte sind hier neben Bremen und Bremerhaven Dublin und Hannover (KF 31) – im Kreis ihrer verstreuten Freundinnen über Facebook-Einträge geteilt. Dies betrifft neben den bereits genannten Informationen über lokale Radio- und Fernsehbeiträge im Internet gefundene Inhalte. Aufmerksam auf Neues wird Kerstin Faber vor allem „durch Facebook, dass man dann automatisch auf Youtube weitergeleitet wird, wenn irgendeiner meiner Freunde irgendwie so‘n Musik oder irgendetwas“ (KF 16) postet. Nur eine ihrer Freundinnen ist nicht über Facebook erreichbar. Mit dieser muss sie deswegen „mailen und telefonieren halt“ (KF 13). Schließlich trifft sich Kerstin Faber mit ihren Freundinnen lokal, auch um ins Kino zu gehen oder mit ihnen DVDs anzuschauen. Als ein besonderes Erlebnis nennt sie hierbei die „Twilight-Verfilmungen“ (KF 32), die sie gemeinsam auf Englisch gesehen haben. Diese Filme verweisen bereits auf einen wichtigen anderen Aspekt im mediatisierten Vergemeinschaftungshorizont von Kerstin Faber, nämlich ihre Fantasievergemeinschaftungen. So fühlt sich Kerstin Faber beim Lesen und Rezipieren verschiedener fiktionaler Produkte „in meiner eigenen Welt“ (KF 22). Hierbei geht es ihr insbesondere um das fantasievolle Ausmalen gefühlsmäßiger Zugehörigkeiten. So schildert sie aus ihrer Kindheit die Lektüre von „Hanni und Nanni“ mit deren Internatswelt, die sie wegen der dortigen Vergemeinschaftung stark faszinierte: „die hatten ihre Freundinnen da und ham mit denen dann tolle Sachen gemacht, Mitternachtspicknick und sowas“ (KF 20). Durch das Ausmalen der Zugehörigkeit zu einer solchen Vergemeinschaftung wurde „Internat“ zu einem wichtigen biografischen Thema für Kerstin Faber. Dieses bestimmt nicht nur ihr auch heutiges Interesse für „Harry Potter“ – „das ist ja auch so‘n Internat“ (20) –, sondern sie hatte sich auch überlegt, Erzieherin in einem Internat zu werden, was ihre Ehe 314

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dann aber unmöglich machte. Und auch bei anderen fiktionalen Produkten wie den „Twilight-Verfilmungen“ oder „Herr der Ringe“ geht es ihr immer wieder um Projektionen von Vergemeinschaftung, wobei sie sich dabei einmal mehr mit religiösen Dimensionen befasst. So ist ihr bei „Herr der Ringe“ wichtig, „dass das alles biblische Bezüge hat, das fand ich dann mega­spannend“ (KF 21). Oder sie befasst sich damit, dass bei den originalen „Twilight“-Büchern „die Autorin Mormonin ist“ (KF 32). Ihr Hang zu solchen religiös durchsetzten Fantasievergemeinschaftungen war in ihrer Ehe ein großer Konfliktstoff, weil ihrem Mann diese „nicht christlich genug“ (KF 32) erschienen. Geht es um politische Vergemeinschaftung, fällt auf, dass Kerstin Faber Politik trotz ihres ausgeprägten religiösen ehrenamtlichen Engagements kaum interessiert. Von uns auf das Thema angesprochen meint sie nur lachend „ach du meine Güte! Politik war ich noch nie so“ (KF 38). Momente politischer Vergemeinschaftung finden sich allenfalls bei ihrem wiederum religiös getragenen Interesse für die alternative politische Vergemeinschaftung der Ökologiebewegung. Zwar würde sie sich nicht als „Öko-Erzieher“ (KF 8) charakterisieren. Dennoch weist sie mit ihrem Verzicht auf ein Auto bzw. ihrem ökologisch orientierten Einkaufsverhalten eine Affinität zu dieser Bewegung auf. Diese Affinität geht so weit, dass sie die „ökologische Suchmaschine“ (KF 12) ecosia.org ausprobiert hat. Bei dieser wird mit jeder Suche „irgendwie ein Quadratmeter Regenwald“ (KF 12) gespendet. Zwar hat sich die Suchmaschine dann wegen der Qualität ihrer Ergebnisse für sie als nicht praktikabel herausgestellt. Den Versuch begründet Kerstin Faber gleichwohl mit ihrer religiösen Orientierung: „Kirche ist ja immer viel mit ökologisch“ (KF 12). Von einem solchen religiös motivierten Interesse für die Ökologiebewegung fallen andere politische Vergemeinschaftungen wie die der Nation oder ­Europas deutlich ab. Die beiden letztgenannten sind für Kerstin Faber eher unwichtig und beide Begriffe verweisen für sie nur auf geografische Räume mög­ licher Reiseziele. Deutlich anders ist der mediatisierte subjektive Vergemeinschaftungshorizont von Claas Kuhnert gelagert. Er ist 29 Jahre, stammt ursprünglich aus der Region um Chemnitz und zog zum Biologiestudium nach Bremen. Dieses brach er dann ab und war von 2001 bis 2010 als freier Mitarbeiter bei einem Sprachenzentrum tätig, bei dem er Kurse gab und ausländische Studierende betreute (Claas Kuhnert spricht neben Deutsch und Englisch sowohl Spanisch als auch Rumänisch). Nachdem er diese Tätigkeit aufgrund des Einbruchs der Teilnehmerzahlen nach der Finanzkrise aufgeben musste, schult er derzeit zum Kaufmann im Gesundheitswesen um. Claas Kuhnert lebt mit zwei Mitbewohnerinnen in einer Dreier-WG in Bremen, hat aber immer wieder längere Phasen von mehreren Monaten im Ausland verbracht, u. a. in Neuseeland. Dies verweist bereits auf eine deutlich umfassendere situative wie biografische lokale Mobilität und entsprechend ausgeprägte translokale Kommunikationsbeziehungen, als dies bei Kerstin Faber der Fall ­gewesen ist. Im Gegensatz zu ihrem stark monothematischen, auf religiöse Ver­ gemeinschaftung ausgerichteten Horizont, haben wir es bei Claas Kuhnert mit einem wesentlich stärker multithematischen mediatisierten Vergemeinschaftungshorizont zu tun, der auf die Aneignung unterschiedlicher, auch nicht-deutschsprachiger Medien rekurriert. 315

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Deutlich wird dies über eine erste Annäherung an seine kommunikative Vernetzung, in deren Zentrum klar das Internet steht – sowohl für die wechselseitige Kommunikation als auch für den Zugang zu standardisierten Medieninhalten. Exemplarisch unterstreicht dies der Tagesablauf von Claas Kuhnert, dessen Beginn er wie folgt beschreibt: „das erste was ich morgens mache, ist Rechner anmachen, Nachrichten, Facebook, StudiVZ, erstmal gucken ob da etwas passiert ist über Nacht […]. Man war ja fünf Stunden nicht online“ (CK 2f). Analog schaltet er aus der Berufsschule kommend wieder zuerst den Computer an, „dass ich entweder Filme gucke oder Serien gucke oder chatte“ (3). Am Wochenende ist Claas Kuhnert – falls nicht mit Freunden unterwegs – „den ganzen Tag online“ (3). Betrachtet man im Rahmen einer solch intensiven Internetaneignung die medienvermittelte wechselseitige Kommunikation näher, fällt die zentrale Positionierung Facebooks auf, das Claas Kuhnert täglich nutzt. Nach einem gezielten Aussortieren verfügt er über Kontakte zu 200 Personen – „vorher waren‘s an die 500“ (CK 34), die sich translokal weit und breit in und über Europa hinaus streuen: „zur Hälfte sind das schon Bremer, ein Viertel würd‘ ich sagen deutschlandweit, und der Rest international“ (CK 41). Facebook dient ihm auch weit häufiger als E-Mail zum Versenden von Nachrichten (CK 64). Telefonische Kontakte sind dem ebenfalls deutlich untergeordnet. Sie betreffen neben seltenen Anrufen bei der Familie, zu Terminabsprachen u. ä. Bremer Freunde sowie einige ausgewählte auswärtige Freunde. Daneben nutzt Claas Kuhnert die Chat- und Telefoniemöglichkeiten des Internets, was neben Gesprächen mit global weit verstreut lebenden Freunden über Skype vor allem das regelmäßig verwendete deutschsprachige Chat- und Kontaktportal „Gayromeo“ betrifft, auf dem sich schwule, biund transsexuelle Männer im Internet treffen. Die Mobiltelefonnutzung spielt bei ihm praktisch keine Rolle, da er sich intensives mobiles Telefonieren aufgrund seiner aktuellen Finanzsituation als Umschüler nicht leisten kann. Hinzu kommt, dass er Smartphones als „absoluten Kommunikationskiller“ (CK 6) ablehnt, da sie dazu verleiten, auch in Gegenwart von anderen „den ganzen Tag nur da[zu] sitzen und irgendwas im Internet nach[zu]gucken“ (CK 6).

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Abbildung 3: Netzwerkkarten Claas Kuhnert

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Auch bei der von Claas Kuhnert angefertigten Netzwerkzeichnung mit den von ihm genutzten standardisierten Inhalten fällt die herausgehobene Stellung des Internets auf: Dieses „umfasst“ für ihn neben Musik Filme und Zeitungen. Für seinen Zugang zu audiovisuellen Inhalten nutzt er neben legalen Seiten für kostenlose Downloads, wie die Webseiten von Musikgruppen, Torrent-Seiten wie „piratebay“ oder verschiedene Streaming-Angebote wie „youtube“ oder „kino. to“ (CK 10). Daneben liest er über das Internet nationale und internationale Online-Zeitungen sowie Blogs beispielsweise zu Film- und Musikthemen, die er über einen Newsreader verfolgt. Beim Zugang zu Musik ist für ihn darüber hinaus das Social Web wichtig. So ist nach seiner Auskunft der „erst[e] Anlaufpunkt für Musik, die ich nicht kenne, […] mySpace“ (CK 29). Hinzu kommen verschiedene Newsletter, die er erhält, und die tägliche Lektüre verschiedener Wikipedia-Seiten sowie anderer thematischer Spezialseiten wie „Chefkoch.de“ oder einschlägige Fußballwebseiten. Hinter diesem stark auf eine sprachliche wie kulturelle Vielfalt von unterschiedlichen Internetangeboten ausgerichteten Zugang zu standardisierten Medieninhalten fällt sein gelegentliches Rezipieren von Dokumentationen auf Arte oder 3sat – die länger zurück liegen, da der DBTV-Empfänger seines Computers derzeit nicht installiert ist (CK 18) – oder das gelegentliche Schauen von DVDs kaum ins Gewicht. Was Musik und lokale Informationen betrifft, weicht davon allenfalls das morgendliche Hören des Lokalsenders „Bremen 4“ in der Küche der WG ab. Im Hinblick auf seine situative lokale Mobilität im Tagesverlauf ist daneben darauf zu verweisen, dass er die im Internet geladenen und bei unbekannteren Bands gekauften Musiktitel „täglich“ (CK 27) mit seinem iPod Video hört: „auf‘m Weg zur Schule, auf‘m Weg wieder zurück, das ist jeweils fast ‘ne Stunde“ (CK 28). An gedruckten Inhalten liest Claas Kuhnert regelmäßig nur die kostenlose Kino-Zeitschrift des Cinemaxx sowie zwei kostenlose Stadtanzeiger mit einem redaktionellen Teil. Abbildung 4: Auswertung Medientagebuch Claas Kuhnert

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Betrachtet man die kommunikative Vernetzung von Claas Kuhnert hinsichtlich ihrer Prozesshaftigkeit anhand seines Medientagebuchs (siehe Abb. 4), so sticht zunächst der medienvermittelte Austausch mit Freunden ins Auge: Wenn es um das Aufrechterhalten von Beziehungen geht, kommt insbesondere dem Internet eine zentrale Bedeutung zu. Dass es sich dabei nicht selten um translokal über verschiedene Länder hinweg verstreute Kontakte handelt, wird dann deutlich, wenn man die auf Freundschaft ausgerichteten Kommunikationsprozesse mit denen vergleicht, die sich auf „Europa“ beziehen. Besonders was die Nutzung von Facebook und Skype angeht, sind hier gehäuft Parallelen zu verzeichnen. So kommuniziert Claas Kuhnert speziell mit einem Freund in Istanbul regelmäßig über das Thema Film, für das beide eine große Begeisterung hegen. Ein Blick in die entsprechende Zeile offenbart, dass sich Claas Kuhnert Filme anschaut (auf dem PC oder auch im Kino), sich darüber im Internet (auf Foren und Datenbanken) informiert und sich dann mit Freunden via Facebook und vor allem Skype darüber austauscht. Insgesamt betrachtet, zeigt sich hier – wie auch bei Kerstin Faber –, dass über alle Gruppen und Interessen hinweg eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Transmedialität vorherrscht. Eine Ausnahme besteht bei Claas Kuhnert in der Dominanz des WWW für seine nationale Zugehörigkeit: weil er sich in der abgebildeten Woche überwiegend der Online-Ausgaben deutscher Zeitungen und Magazine bedient, um sich bezüglich des Tagesgeschehens auf dem Laufenden zu halten. Wie er im Interview beschreibt, informiert er sich dabei in aller Regel aber auch über internationale Themen und Außenpolitik. Dies ist gleichwohl – wie unsere weiteren, differenzierten Analysen zeigen werden –, nicht überzubewerten, wie auch im Medientagebuch die Zentralität des Portals Gayromeo für ihn nicht hinreichend greifbar wird. Abweichungen zwischen den Angaben im Medientagebuch, in dem das Webportal weit seltener verzeichnet wird, als es Claas Kuhnert im Interview beschreibt, können mit der Habitualisierung seiner Nutzung erklärt werden. Hinzu kommt, dass die Themen und Kommunikationspraktiken dieses Portals dominanten Geschlechternormen widersprechen und auch im Interview das Thema erst im späteren Verlauf nach Aufbau einer hinreichenden Vertrauensbasis offen angesprochen wurde. An solchen Stellen wird die zuvor beschriebene triangulative Ergänzung unserer Materialbasis deutlich. Sieht man diese kommunikative Vernetzung in Beziehung zu Claas Kuhnerts subjektivem Vergemeinschaftungshorizont, fällt auf, dass Letzterer zuerst einmal vom Privaten ausgeht. Dem entspricht seine Selbstcharakterisierung in dem Satz „in erster Linie bedeutet mir meine Freizeit sehr viel“ (CK 1). Vergemeinschaftung ist entsprechend für ihn primär freundschaftliche Vergemeinschaftung, die er sehr stark ego-zentriert sieht. Es geht bei ihm also nicht um eine Clique oder eine Gruppe von Freunden, sondern um ein Netzwerk unterschiedlicher Freundschaften, in dessen Zentrum er selbst steht: „meine Freunde kennen sich teilweise untereinander so gut wie gar nicht, sowas wie ‘ne Clique ist sowieso nichts für mich, weil ich‘s gar nicht mag in Gruppen zu sein“ (CK 4). Der Grund für die sehr breite translokale Streuung dieses Freundschaftsnetzwerks ist neben den längeren Auslandaufenthalten und Reisen von Claas Kuhnert seine Tätigkeit in der Sprachschule, durch die er Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft kennengelernt hat: „dadurch, dass ich jahrelang international quasi gearbeitet habe, kenn ich auch 319

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von jedem Winkel der Erde irgendwelche Leute“ (CK 45). Herkunftsländer, die er im Laufe des von uns geführten Interviews als Orte fester Kontakte nennt, sind neben Deutschland u. a. Ägypten, Australien, Großbritannien, Jordanien, Malaysia, Neuseeland, die Niederlande, Polen, Rumänien, Russland, Thailand, die Türkei und die USA. Dass Claas Kuhnert solche freundschaftlichen Vergemeinschaftungen sehr wichtig sind, wird an dem Engagement deutlich, mit dem er versucht, diese kommunikativ nicht nur lokal, sondern auch über weite Distanzen hinweg aufrecht zu halten. So ‚sammelt‘ er, wie bereits deutlich wurde, nicht einfach Facebook-Kontakte, sondern sortiert solche aus, die er nicht (mehr) zu seinem Freundeskreis zählen möchte. Es geht ihm um „intensiveren Kontakt, mehr als Hallo und Tschüss“ (CK 34). Das Internet bietet ihm die Möglichkeit, sich immer wieder auch intensiver mit den Freunden auszutauschen: „Man guckt halt, ist jetzt jemand online, mit dem man gerade Interesse hat, mal wieder was zu hören. Dann klingelt man halt einfach mal durch oder schreibt einmal kurz im Chat was und fragt so: ‚na, hast Du gerade Zeit, lass mal kurz telefonieren.‘“ (CK 35)

Telefonieren kann dabei Unterschiedliches bedeuten, d. h. neben Internettelefonie über Skype auch reguläres Telefonieren beispielsweise nach Jordanien oder in die USA. Facebook ist für Claas Kuhnert die Kommunikationsplattform, auf der sein Freundeskreis lokal wie translokal zusammenläuft. Er ist durch seine internationale berufliche Ausrichtung „Facebook-Mitglied der ersten Stunde“ (CK 36). Anfangs diente es ihm primär für seine internationalen Kontakte, neben StudiVZ für die deutschen Kontakte. Mittlerweile ist Claas Kuhnert in Letzterem „seltener bis gar nicht“ (CK 35) aktiv und verwendet Facebook selbst für lokale Verabredungen. Aber auch seine translokalen Freundschaftsbeziehungen werden lokal immer wieder aufgefrischt. Claas Kuhnert berichtet davon, selbst immer wieder Freunde im Ausland zu besuchen. Und monatlich kommt beispielsweise eine Freundin aus den Niederlanden nach Bremen. Durch dieses breite translokale Freundschaftsnetzwerk hat er auch ein großes Interesse an der Teilhabe am politischen Geschehen in unterschiedlichen Regionen der Welt, dem er über Newsfeeds und andere Internetquellen nachgeht – ein Punkt, auf den wir später nochmals zu sprechen kommen. Erst einmal im Widerspruch zu einer solchen Ausrichtung auf einen translokalen Freundeskreis scheint die starke Verankerung von Claas Kuhnert in der lokalen Stadtvergemeinschaftung zu stehen. Er bezeichnet sich als eine Person, der – obwohl aus Chemnitz stammend und wegen des (abgebrochenen) Studiums umgezogen – Bremen „schon wichtig [ist]“ und zwar als „meine Heimatstadt“ (CK 46). Er fährt fort: „Ich freu‘ mich irgendwann auch immer hier anzukommen, das ist doch mein Lebensmittelpunkt“ (CK 46). Bremen ist sein „geografischer Anker“ (CK 47) und er geht davon aus, „wenn ich in Deutschland bleibe, bleib‘ ich in Bremen“ (CK 74). Dieser vordergründige Widerspruch löst sich auf, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Verankerung in der Stadt Bremen zuerst einmal über die lokalen Freundschaften geschieht, und dass vermittelt über diese eine städtische Zugehörigkeit entstanden ist. Letztere bezieht zum Zeitpunkt unseres Interviews dann unterschiedliche Dimensionen ein. Dazu zählt u. a. der lo320

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kale Fußballverein, dessen Spiele Claas Kuhnert gelegentlich in seinem Stammlokal ansieht und mit einer Tipprunde im örtlichen Freundeskreis begleitet. Vor allem zählt dazu aber eine erste Ebene politischer Vergemeinschaftung. Interessant ist an dieser Stelle sein Bericht über sein gewandeltes Verhältnis zu der Partei „Die Linke“, deren Mitglied er in Dresden geworden war. Es war dann aber das lokale Handeln der Bremer Parteifunktionäre, das ihn von dieser entfremdete: „Die Linke hier in Bremen interessiert mich nicht, weil die, das sind alles Dummköpfe, […] was die veranstalten ist einfach nur Kasperltheater“ (CK 53). Die wechselseitigen lokalen Angriffe der Parteimitglieder aufeinander haben dazu beigetragen, dass sich der Horizont seiner politischen Vergemeinschaftung zunehmend hin zu einer sehr eigenen Vorstellung von „sozialliberal“ (CK 53) gewandelt hat, mit der seine nun tägliche Lektüre der FAZ-Online korrespondiert. Auch wenn es sich hierbei um eine sicherlich ungewöhnliche Bewertung der politischen Ausrichtung der Zeitung handelt, entspricht diese seiner politischen Selbstinterpretation: „ich selbst nenn mich sozialliberal, was aber auch mit den Medien zusammenhängt, die ich konsumiere; also die FAZ ist nunmal ‘ne liberale Zeitung“ (CK 53). Eine herausgehobene Verankerung seiner politischen Beschäftigung bleibt aber das Lokale, wenn er feststellt: „Stadtteilentwicklung finde ich immer ganz interessant. Das ist ja wie gesagt für mich meine Heimatstadt“ (CK 54). Im Hinblick auf die mediale Vermittlung politischer Informationen ist für Claas Kuhnert zentral, dass diese kostenfrei ist – ob er nun FAZ-Online bzw. weitere Online-Zeitungen oder die kostenlosen Bremer Stadtanzeiger liest: „Warum soll ich dafür Geld ausgeben?“ (CK 55) Neben dieser Verankerung im Freundeskreis, der lokalen Stadtvergemeinschaftung und der vor allem lokalen politischen Vergemeinschaftung ist die Zugehörigkeit zu verschiedenen Szenen ein wichtiges Moment des subjektiven Vergemeinschaftungshorizonts von Claas Kuhnert. Generell lässt sich festhalten, dass er in keiner Szene zu einer Organisationselite im engeren Sinne des Wortes zählt. Er taucht in diese meist „touristisch“ (Eckert, Vogelgesang, Wetzstein, & Winter, 1991; Winter, 1995, S. 167) ein bzw. bewegt sich häufig medial vermittelt an deren Rändern. Ähnlich wie seine freundschaftlichen Vergemeinschaftungen stehen dabei die verschiedenen Szenen in seinem Vergemeinschaftungshorizont eher lose nebeneinander bzw. sind über einige wenige Personen gewissermaßen als Knoten verbunden. Deutlich wird dies an seiner Verortung in der Filmszene, der Graffitiszene, der Musikszene und der Schwulenszene, wobei in all diesen Fällen Momente von Mediatisierung greifbar werden. Seine Beziehung zur Filmszene charakterisiert Claas Kuhnert als sein „größtes und wichtigstes Hobby“, nämlich „Filme und Filmpreise“ (CK 2). Seinen Filmgeschmack beschreibt er dabei als sehr offen: „besondere Vorlieben habe ich bei Filmen eigentlich nicht“ (CK 8). Gleichzeitig handelt es sich bei seinem Filminteresse aber um ein kontinuierliches biografisches Thema, bei dem, wie schon bei der Beschreibung seines Freundeskreises, eine gewisse Selbst-Zentrierung deutlich wird: So ist er schon als Kind in Vor- und Nachwendezeiten gerne „auch alleine ins Kino gegangen“ (CK 17). An die Stelle der Kinobesuche sind dann mit dem eigenen Fernseher „Videokassetten [getreten], irgendwann DVDs und spätestens als das Internet dazukam, ist mein Filmkonsum rapide gestiegen“ (CK 19). Wie 321

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wichtig das Internet für sein Filminteresse ist, zeigt sich daran, dass Claas Kuhnert wegen der illegalen Downloads auf die Linux-Distribution Ubuntu als Betriebssystem gewechselt ist: „gerade wenn man so ein Hobby hat, was sich am Rande der Legalität bewegt, dann muss man mit Windows echt aufpassen“ (CK 21). Das Internet bietet für Claas Kuhnert nicht nur die Infrastruktur, sich aktuelle Filme in den Originalsprachen vor dem Kinostart in Deutschland zu besorgen. Es geht daneben um eine weitergehende Kommunikation über die Filme. Er verfolgt über das Internet verschiedene „Kino- und Filmblogs“ (CK 8) wie das eines „Insider[s] in Hollywood“ (CK 9) und informiert sich zu den Gerüchten im Vorfeld der Filmpreisverleihungen, beispielsweise der Oscars. Sein Ziel ist es dann, möglichst viele der nominierten Filme gesehen zu haben, was er für sich selbst in einer Exceltabelle dokumentiert. Er fühlt sich ganz klar einer Gruppe von Experten zugehörig, auch wenn er selbst in „Foren […] eigentlich gar nicht“ (CK 14) online über die Filme kommuniziert. Lokal ist es dann insbesondere eine Person, mit der er sein Interesse teilt, nämlich ein ehemaliger Partner, mit dem er sich nach wie vor regelmäßig trifft und zu dem das gemeinsame Fantum ein verbindendes Element ist: „ich hab ‘nen sehr guten Freund, der macht das genauso wie ich, wir haben das gleiche Hobby“ (CK 13). Allerdings schauen sie nur selten gemeinsam Filme, weil der Ex-Partner als Barkeeper einen anderen Lebensrhythmus hat und eher Deutsch als die Originalsprache präferiert. Dennoch stehen sie im engen kommunikativen Kontakt: „wir sehen uns, ich würde sagen, spätestens alle zwei Wochen. Ansonsten haben wir per Chat bestimmt auch spätestens alle drei Tage Kontakt“ (CK 15). Touristische Zugehörigkeiten zu anderen Szenen sind nicht ganz so ausgeprägt, aber durchaus vorhanden. Zu nennen ist hier beispielsweise die Graffitiszene. Zwar ist Claas Kuhnert selbst nicht als Sprayer aktiv6, interessiert sich aber nachhaltig für – wie er es nennt – „Streetart“. Er fotografiert regelmäßig Graffiti, die er in der Stadt sieht, und hat sich deswegen eine „kleine Taschenkamera“ (CK 24) angeschafft. Auch sein im Zusammenhang mit der Stadtvergemeinschaftung bereits diskutiertes Interesse am lokalen Fußballverein ist an dieser Stelle zu erwähnen. Neben dem gelegentlichen Verfolgen von Spielen in einer Kneipe und der Tipprunde im Freundeskreis informiert sich Claas Kuhnert im Internet über den aktuellen Stand der Dinge, auch was die Bundesliga insgesamt angeht. Insbesondere bei Spielen gegen den Hamburger Sportverein geht seine Identifikation aber ein Stück weiter: „Als Werder-Fan mag ich den [HSV] nicht“ (CK 71). Dass seine Zugehörigkeit zur Fußballfangemeinschaft aber eher touristische Züge aufweist und auf die bereits betrachtete lokale Stadtvergemeinschaftung verweist, drückt er an anderer Stelle explizit aus: „Ich bin jetzt kein Fußballfanatiker, dass ich jetzt jedes Spiel gesehen haben muss. Meine Sympathien sind bei Werder aber so‘n riesen Fußball- oder Werder-Fan bin ich halt nicht“ (CK 72). Daneben hat er einen ausgeprägten Bezug zu Musikszenen. Zwar schildert Claas Kuhnert seinen Musikgeschmack – ähnlich wie sein Filminteresse – als sehr breit von Rock, über Elektro und Drum‘n Base sowie Pop bis hin zur Klassik reichend (CK 58). Den6 Für Aktivisten in der Sprayer-Szene haben wir andere Beispiele in unserem Datenmaterial; siehe dazu unsere Analysen in Hepp et al., 2011a.

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noch ist seine touristische Beteiligung an Musikszenen vergleichsweise intensiv. Wiederum liest er intensiv Blogs und Newsletter bzw. hat zusätzlich bei den Bands, die er gerne hört, den Newsfeed der jeweiligen Bandwebseiten abonniert. Daneben hat er aber auch persönliche Kontakte und Freundschaften zu Musikern, was neben der Erfahrung der kleinen Musikszene Neuseelands seine Bereitschaft, Musik im Gegensatz zu journalistischen Produkten auch zu kaufen, stark prägt. Nach seiner Auskunft sind „neuseeländische und dann auch generell kleinere Labels […] [diejenigen], wo ich zum Beispiel grundsätzlich das Original kaufe“ (CK 31). Über das Internet lädt er sich nur freie Titel oder die von bekannten Musikern, die aus seiner Sicht hinreichend über Geld verfügen. Hinzu kommt, dass er sich einmal mehr via Facebook breit über seine Musikinteressen austauscht. Während es bei solchen szenebezogenen Vergemeinschaftungsmomenten letztlich um spezifische Aneignungen von Mediatisierungsvergemeinschaftungen geht, ist eine weitere Szene für Claas Kuhnert zentral, die stärker als mediatisierte Vergemeinschaftung zu begreifen ist, nämlich die Schwulenszene. Neben lokalen Kontakten und (Ex-)Partnerschaften wie der bereits erwähnten ist sein Kontakt zu dieser vor allem über ein Social-Web-Angebot vermittelt, nämlich „Gayromeo“, eine Chat- und Dating-Plattform für Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle. Wie wichtig diese für ihn ist, wird daran deutlich, dass er berichtet, „online bin ich da, sobald mein Rechner an ist“ (CK 66). Hierbei betont er in dem Interview mit uns, dass es ihm bei seiner Aneignung dieser Plattform nicht einfach nur darum geht, schnelle Kontakte zu haben – was er vielen anderen Nutzern unterstellt –, sondern vielmehr um eine nachhaltigere Kommunikation, die dann auch zu ­einer Beziehung führen kann. So sagt er uns zu seiner Nutzung dieser Plattform Folgendes: „[Bei] Gayromeo.com hat man ja auch noch anderen Inhalt, da geht‘s nicht nur um Chat. […] Das ist halt gedacht als ‘ne Kennenlern-Plattform für Schwule, halt. Ich weiß nicht, ob Lesben überhaupt zulässig sind da, ich hab‘s noch nie nachgeguckt. Also ich hab noch nie ‘ne Frau da entdeckt, außer Transsexuelle. Und ich weiß nicht, ob die Originalidee das war, was die Seite jetzt ist. Es ist aber in erster Linie quasi ‘ne Sex-Plattform. Also die meisten Nutzer nutzen das wirklich dazu ‚Ich bin geil, ich will jetzt jemanden treffen‘. […] Sehr zielgerichtet. Es gibt durch andere Nutzer, so wie ich, die das dafür überhaupt nicht nutzen, sondern einfach nur um die Leute auch kennenzulernen oder einfach nette Chats zu haben und sich dann vielleicht auch persönlich kennen zu lernen. Aber ich würd‘ mal sagen, 70 Prozent nutzen‘s wirklich nur für Sex.“ (CK 66)

Ein letztes wichtiges Moment des mediatisierten Vergemeinschaftungshorizionts von Claas Kuhnert ist seine Verortung in einer europäischen politischen Vergemeinschaftung. Für ihn ist, was Zugehörigkeit betrifft, „Europa“ ebenso wichtig wie seine Partnerschaft und damit weit wichtiger als Deutschland bzw. seine Familie, die er beide auf der selben Stufe sieht wie lose Bekannte. Ganz explizit sagt Claas Kuhnert „ich persönlich seh‘ mich als EU-Bürger“ (CK 48) und fährt fort „wir sind alles Europäer und ich hoffe, dass das auch alles so weitergeht“ (CK 49). Hierbei hat er ein sehr breites Verständnis von Europa und zählt nicht nur den Großraum Istanbuls mit dazu, sondern sieht ebenfalls Ägypten als Grenzland 323

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der EU an: „Ägypten […] grenzt an die EU; es ist für mich auch unsere Nachbarschaft“ (50). Dieses umfassende Bekenntnis zu Europa als einem zentralen Moment seines Horizonts politischer Vergemeinschaftung wird zuerst einmal durch die Vielfalt der translokalen Freundschaften getragen, wie er sie ortsübergreifend u. a. mittels Facebook aufrecht hält. Hinzu kommt allerdings, dass er – wie wir bereits betont haben – durch diese Freundschaften die politische Berichterstattung in verschiedenen europäischen Regionen (und darüber hinaus) verfolgt. Claas Kuhnert berichtet in dem Interview mit uns, dass er neben FAZ, Spiegel-Online und Zeit-Online „relativ regelmäßig“ (CK 56) den Guardian, die Times und die NZZ in ihren Online-Ausgaben liest. Hierbei besteht für ihn eine gewisse Rangfolge, die sich durch die Internationalität von Themen ergibt: „In der Regel erstmal die deutsche, wenn mir da die Info nicht reicht, dann die englische, oder wenn‘s natürlich ein internationales Thema ist, dann sofort die englische“ (56). Solche Lektüren geben seinem Horizont von politischer Vergemeinschaftung eine nachhaltige europäische – in manchen Momenten auch globale – Orientierung. Seinen Bezug zu Deutschland sieht er primär über seine Familie, zu der er selbst aber keinen wirklich intensiven Kontakt hält: „familiär bin ich in Deutschland verwurzelt“ (CK 47). 5. Vom Mono- zum Multithematischen: Grundmuster mediatisierter ­Vergemeinschaftungshorizonte Wie lassen sich nun die im letzten Abschnitt erfolgten Analysen so systematisieren, dass Grundmuster mediatisierter Vergemeinschaftungshorizonte greifbar werden? Und was genau zeigen die beiden Extremfälle an Zusammenhängen, die über sie hinaus für unser gesamtes Datenmaterial kennzeichnend sind? Unseres Erachtens machen die beiden betrachteten Fallbeispiele deutlich, dass subjektive mediatisierte Vergemeinschaftungshorizonte von jungen Menschen in einem dreifachen Spannungsverhältnis eingeordnet werden können. 1. Dies ist zuerst einmal das Spannungsverhältnis von mediatisierter Vergemeinschaftung und Mediatisierungsvergemeinschaftung.7 Unter mediatisierten Vergemeinschaftungen sind solche Formen von Vergemeinschaftung zu verstehen, für die Mediatisierung zwar nicht konstitutiv ist, die in ihrer heutigen Form aber zunehmend von Mediatisierung geprägt sind. Beispiele sind die Dorf- oder Stadtvergemeinschaftung, die familiäre Vergemeinschaftung oder verschiedene Schulund Ausbildungsvergemeinschaftungen, wie sie in unseren Analysen deutlich wurden. Auch wenn der affektive Kern dieser Vergemeinschaftungen – das Dorf, die Stadt, die Familie, die gemeinsame Tätigkeit usw. – erst einmal unabhängig von Medienkommunikation bestand hat und auf direkte Kommunikation rekurriert, werden diese Vergemeinschaftungen doch in zunehmendem Maße mit Medien hergestellt und damit auch durch diese geprägt. Mediatisierung konkretisiert sich hier also in der Form, dass sich der Charakter der kommunikativen Konstruktion dieser Vergemeinschaftungen ändert, auch wenn Medien für die kommunikative 7 Siehe zur Entwicklung dieser Begrifflichkeit im Detail Hepp et al., 2011a.

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Konstruktion der Form dieser Vergemeinschaftung nicht konstitutiv sind: Familie wird als Vergemeinschaftung anders erlebt, wenn zum Beispiel deren Mitglieder fortlaufend durch Mobilkommunikation kommunikativ miteinander vernetzt sind als wenn eine ständige kommunikative Rückvergewisserung nicht möglich ist. Aber auch lokale Vergemeinschaftung wird anders hergestellt, wenn etwa lokale Erlebnisse fortlaufend im Social Web dokumentiert werden bzw. man an der lokalen Vergemeinschaftung einfacher auch kommunikativ partizipieren kann, wenn man sich phasenweise an anderen Orten aufhält. Hierbei ist es wichtig, die Mediatisierung von Vergemeinschaftungen nicht einfach auf digitale Medien zu beziehen, sondern im Blick zu haben, dass es sich hierbei um einen langfristigen historischen Prozess handelt, der weit vor deren Etablierung begann: Die Form von familiärer Vergemeinschaftung hat sich beispielsweise ebenfalls mit der Etablierung des Fernsehens als Teil ihrer kommunikativen Konstruktion verändert, wie medienhistorische Studien zeigen (Spigel, 1991). Ähnliches kann bezogen auf lokale Vergemeinschaftung und lokale standardisierte Medien gesagt werden (Jarren, 1988). Mediatisierungsvergemeinschaftungen hingegen sind solche Formen von Vergemeinschaftung, für deren Artikulation technische Kommunikationsmedien konstitutiv sind. Zu denken ist an die verschiedenen Szenen und Fanvergemeinschaftungen wie die der Filmfans. Indem bei solchen Formen von Vergemeinschaftung der Kern derselben jenseits der medienvermittelten Kommunikation nicht vorstellbar ist, indem ihr Vergemeinschaftungskern bspw. ein medial vermittelter Musik- und Erlebnisstil (wie bei Szenen) oder ein Medienprodukt (wie bei Fangemeinschaften) ist, rekurrieren sie konstitutiv auf Mediatisierung. Begreift man Mediatisierung zusätzlich in einer langfristigen Perspektive als einen Prozess der zunehmenden Verbreitung technisch vermittelter Kommunikationsmedien und der damit einhergehenden Prägung von Kultur und Gesellschaft durch dieselben – auch vor der Etablierung digitaler Medien (Krotz, 2007, S. 37-41; Hepp, 2011a, S. 48-55) –, können die Nation und Europa ebenfalls als eine Mediatisierungsvergemeinschaftung begriffen werden: Vorstellungen von Nation bzw. Nationalität bestehen historisch, seitdem diese mittels standardisierter Medien in bestimmten Territorien an breite Bevölkerungskreise kommunizierbar wurden und auch die Herstellung einer europäischen Zugehörigkeit ist ein Prozess, der konstitutiv durch medienvermittelte Kommunikation getragen wird. Bei beiden der von uns betrachteten Fälle wurde deutlich, dass solche Vergemeinschaftungen deswegen ein höheres Maß an Unbestimmtheit haben. Dies gilt insbesondere dann, wenn sie nicht in Beziehung stehen zu unmittelbareren Formen von Kommunikation, ob dies nun die Erfahrung von Nationalität bei der kollektiven Rezeption von Spielen der Fußballnationalmannschaft ist oder aber die Erfahrung Europas durch die wechselseitige Kommunikation von Menschen verschiedener europäischer Länder und angrenzender Staaten. Für diese Unbestimmtheit stehen gerade auch sehr weite Begriffe von Europa, wie bei Claas Kuhnert. Unsere Interpretation bezieht sich also nicht auf eine Bewertung der Ansichten unserer Interviewpartner. Das Datenmaterial zeigt hier deutlich, dass akademische Begriffe von dem, was beispielsweise ‚Europa’ als Vergemeinschaftung ist, sich gerade nicht mit den Alltagsbegriffen decken müssen. Es geht uns um das Argument, dass 325

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­ ediatisierungsvergemeinschaftungen im Vergemeinschaftungshorizont unbeM stimmter sind als mediatisierte Vergemeinschaftungen. 2. Zweitens besteht ein Gegensatz zwischen Lokalität und Translokalität. ­Lokalität hebt darauf ab, dass einzelne Vergemeinschaftungen im lokalen Handlungsraum eines Menschen gelebt werden, Translokalität darauf, dass diese Vergemeinschaftungen über verschiedene Orte hinweg bestehen. Nun ist es so, dass Mediatisierungsvergemeinschaftungen per se translokal ausgerichtet sind: Indem Medienkommunikation für diese konstitutiv ist, bestehen solche Vergemeinschaftungen grundlegend orts­übergreifend (ohne zwangsläufig wie die Nation auf ein bestimmtes Territorium zu verweisen). Dies gilt erst einmal für mediatisierte Vergemeinschaftungen wie die Familie, die Dorf- oder Stadtteilvergemeinschaftung nicht. Bemerkenswert an der Mediatisierung dieser Vergemeinschaftungen ist jedoch, wie unsere beiden Fallbeispiele zeigen, dass damit deren Translokalität auf neue Weise möglich wird: Dies betrifft nicht nur Familien oder die Vergemeinschaftungen von Freundeskreisen, die mit fortschreitender Mediatisierung vergleichsweise einfach über verschiedene Orte hinweg aufrecht erhalten werden können (was in beiden Fallbeispielen gerade bei den freundschaftlichen Beziehungen deutlich wird). Dies betrifft beispielsweise Dorf- und Stadtvergemeinschaftungen, in die man mittels der kommunikativen Vernetzung digitaler Medien in Echtzeit auch an anderen Orten eingebunden bleiben kann. 3. Schließlich haben wir einen dritten Gegensatz, nämlich den von monothematisch und multithematisch. Während die Gegensätze von mediatisierter Ver­ gemeinschaftung/Mediatisierungsvergemeinschaftung und lokaler Erstreckung/ translokaler Erstreckung in einer Beziehung zueinander stehen, bewegt sich dieser Gegensatz auf einer anderen Ebene. Dies ist die Ebene der Gesamtbetrachtung eines subjektiven Vergemeinschaftungshorizonts im Hinblick auf dessen thematische Zentrierung in der kommunikativen Vernetzung. Konkret geht es darum, dass ein solcher Horizont durch eine Vergemeinschaftung dominiert sein kann, also monothematisch ist. Dies ist für das hier diskutierte Fallbeispiel Kerstin Faber kennzeichnend. In einem solchen Fall ‚bestimmt‘ eine Form von subjektiv gefühlter Zugehörigkeit (hier die religiöse) eine Vielzahl von weiteren Zugehörigkeiten. Entsprechend besteht eine Zentrierung der kommunikativen Vernetzung hierauf. Multithematisch meint dagegen, dass sich ein subjektiver mediatisierter Vergemeinschaftungshorizont dadurch auszeichnet, dass verschiedene Formen von Vergemeinschaftung und kommunikativer Vernetzung ‚nebeneinander stehen‘. Dies ist für den Vergemeinschaftungshorizont von Claas Kuhnert kennzeichnend, bei dem nicht nur die freundschaftliche Vergemeinschaftung aus seiner Sicht ego-zentriert letztlich aus verschiedenen, nebeneinander stehenden Einzelbeziehungen und Teilgruppen besteht, in denen dann Vergemeinschaftung erfolgt. Auch Momente von Vergemeinschaftung beispielsweise in der Filmszene, in Musikszenen oder der Schwulenszene stehen unverbunden nebeneinander und werden kommunikativ zum Teil auch mit unterschiedlichen medialen Möglichkeiten gemanagt; beispielsweise wenn Claas Kuhnerts Einbindung in die Schwulenszene durch ein spezifisches Web-Portal gesichert wird, das neben anderen Anwendungen wie Facebook steht, oder wenn sein Interesse in der Filmszene über die Lektüre von Spezialblogs ausgelebt wird. Ein ähnliches Nebeneinander-Stehen ist für 326

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Claas Kuhnerts lokale wie europäische politische Vergemeinschaftung kennzeichnend. Demnach hebt der Begriff des Gegensatzes in diesem Fall darauf ab, dass Vergemeinschaftungshorizonte entweder eher monothematisch oder eher multithematisch orientiert sein können. Vor dem Hintergrund solcher Überlegungen wird es möglich, die Differenz der Vergemeinschaftungshorizonte von Kerstin Faber und Claas Kuhnert kontrastiv in folgenden Visualisierungen gegenüberzustellen. Abbildung 5: Mediatisierte Vergemeinschaftungshorizonte von Kerstin Faber und Claas Kuhnert

Die in dieser Abbildung sichtbare Darstellung der beiden Vergemeinschaftungshorizonte entlang der von uns herausgearbeiteten Grundmuster spitzt deren Differenz nochmals zu: Während im Falle von Kerstin Faber mit ihrer Gemeinde eine religiöse Vergemeinschaftung im Zentrum des mediatisierten Vergemeinschaftungshorizonts steht, die sich mit anderen Formen von Vergemeinschaftung entweder überlappt oder direkt in Beziehung zur kommunikativen Konstruktion der anderen Formen von Vergemeinschaftung steht, ist bei Claas Kuhnert die Überlappung wesentlich geringer. Letztlich lässt sich keine Form von Vergemeinschaftung ausmachen, die den mediatisierten Vergemeinschaftungshorizont dominiert; verschiedene Formen von Vergemeinschaftung werden durch, in weiten Teilen unabhängige, kommunikative Vernetzungen artikuliert. In einem Fall ergibt sich ein stark monothematischer, im anderen Fall einen stark multithematischer Vergemeinschaftungshorizont.8

8 Rollentheoretisch sind solche Gegensätze u. E. nicht einfach aufzulösen, indem die von uns interviewten monothematisch orientierten Menschen in verschiedenen sozialen Situationen durchaus verschiedene „Rollen“ ausfüllen, im Falle von Kerstin Faber als Erzieherin, Jugendgruppenleiterin, Gremienmitglied etc. Aus rollentheoretischer Sicht wäre das Argument vielmehr, dass auch die Vielfalt der gelebten und in der Sozialisation erworbenen Rollen in einem vergleichsweise konsistenten und thematisch zentrierten Horizont verortet werden.

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Solche Überlegen helfen uns weiter, die Mediatisierung von Vergemeinschaftungshorizonten differenzierter einzuschätzen. Gängige These der aktuellen Forschung ist, dass im Hinblick auf den aktuellen Mediatisierungsschub digitaler Medien, und hier vor allem der Etablierung von Internet und Social Web, die medialen Prägkräfte darin zu sehen seien, dass sie einen „vernetzten Individualismus“ fördern würden oder zumindest dessen „materielle Stütze“ seien (Castells, 2005, S. 142). Unsere bisherigen Analysen zeigen jedoch, dass sich in den mediatisierten Vergemeinschaftungshorizonten junger Menschen bestehende Prägkräfte von Medien – insbesondere des Social Webs – unterschiedlich konkretisieren, was auf verschiedene Prozesse der Aneignung dieser Medien und der kommunikativen Vernetzung durch dieselben verweist. So legen unsere bisherigen Befunde nahe, dass bei monothematischen Vergemeinschaftungshorizonten eine Aneignung von Medien im Allgemeinen und dem Social Web im Speziellen dominiert, bei der kommunikative Vernetzung thematisch zentriert erfolgt. Dabei dienen unterschiedliche Medien der entsprechenden Fokussierung eines mediatisierten Vergemeinschaftungshorizonts, was mögliche ‚Unbestimmtheiten‘ minimiert: Das der eigenen Erfahrung ferner liegende Unbestimmbare von Vergemeinschaftung wird fokussiert und damit sicherer. Bei multithematischen Vergemeinschaftungshorizonten hingegen geht es in wesentlich stärkerem Sinne nicht nur um eine breite, stark auf das Ego bezogene kommunikative Vernetzung – vielleicht am ehesten das, was Autoren wie Manuel Castells unter „vernetztem Individualismus“ verstehen –, sondern damit zusammenhängend auch um das (dann notwendige) kommunikative Management derselben. Thematische Vielfalt des mediatisierten Vergemeinschaftungshorizonts bedeutet hier eine Herausforderung an eine Aneignung von und kommunikative Vernetzung durch Medien, die ‚Unbestimmtheiten‘ durch ein entsprechendes kommunikatives Management zu überwinden hilft. In beiden Fällen ist Mediatisierung bezogen auf Vergemeinschaftung gleichwohl als ein ‚doppeltes Phänomen‘ anzusehen, indem es einerseits um die fortschreitende Mediatisierung von bestehenden, gerade auch lokalen Vergemeinschaftungen geht (mediatisierte Vergemeinschaftungen), andererseits um den Relevanzgewinn von solchen Vergemeinschaftungen, für die Mediatisierung konstitutiv ist (Mediatisierungsvergemeinschaftungen). Genau dies ist der Punkt, an dem angesichts des aktuellen Mediatisierungsschubs verschiedene Medien direkt ineinandergreifen, wie wir anhand der beiden diskutierten Fallbeispiele gesehen haben. Dies ist bei jüngeren Menschen nicht zuletzt deswegen der Fall, weil verschiedene Medien bis hin zum Film in die Infrastruktur des Internets verlagert werden. Das Fallbeispiel von Claas Kuhnert, der seine Filmbiografie entlang der ‚Stationen‘ Kino, Fernsehen/Video, Computer/DVD und Computer/Internet beschrieben hat, zeigt das exemplarisch. Auffallend an den hier herausgegriffenen mediatisierten Vergemeinschaftungshorizonten bleibt, dass politisches Engagement insbesondere als ein Moment lokaler Vergemeinschaftung begriffen wird – ein Aspekt, den es sicherlich weiter zu verfolgen gilt.

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