Seltener Mut gegen den Tyrannen. Theodor Roller nannte Hitler einen

Seltener Mut gegen den Tyrannen. Theodor Roller nannte Hitler einen

IM BRENNPUNKT Dienstag, 27. Januar 2009 Seltener Mut gegen den Tyrannen Theodor Roller nannte Hitler einen Lügner – Bis Kriegsende in „Heilanstalt“w...

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IM BRENNPUNKT

Dienstag, 27. Januar 2009

Seltener Mut gegen den Tyrannen Theodor Roller nannte Hitler einen Lügner – Bis Kriegsende in „Heilanstalt“weggesperrt Der Tübinger Buchhalter Theodor Roller nannte Adolf Hitler „den größten Volksschädling, der je deutsche Erde betrat“. Der tiefgläubige Christ bezahlte seine Furchtlosigkeit mit sechs Jahren Psychiatrie. RAIMUND WEIBLE Aus dem Brief spricht der heilige Zorn. Als Theodor Roller am 11. Februar 1939 an Adolf Hitler schreibt, tut er dies auch, um „meine Pflicht getan zu haben, damit ich nicht mitschuldig bin am deutschen Untergang“. Unverblümt teilt er dem Tyrannen mit, was er von ihm hält. Roller schreibt: „Als Christ nenne ich Sie einen Lügner und als Deutscher den größten Volksschädling, der je deutsche Erde betrat!“ Roller war sich der Konsequenzen bewusst. Der damals 24-jährige Buchhalter der Kreissparkasse Tübingen besaß einen klaren Verstand. Als Christ hatte er glasklar erfasst, welches Spiel Hitler trieb. Nach außen sicherte der oberste Nazi den christlichen Konfessionen den Bestand zu und beruhigte damit Millionen Katholiken und Protestanten, insgeheim arbeitete er daran, die Kirchen durch seine Hakenkreuz-Ideologie zu ersetzen. Rollers Schreiben an Hitler ist ein seltenes Beispiel des Widerstands eines Mannes aus dem Volk gegen die Nazi-Diktatur. Vom Charakter her war die Tat am ehesten vergleichbar mit dem Vorgehen Georg Elsers, der am 8. November 1939 ohne jede Hilfe Hitler durch einen Bombenanschlag zu beseitigen versucht hatte. Für Gewalt war Roller freilich nicht zu haben. Ein Attentat hätte er als hinterhältig empfunden. Offen wollte er den Diktator mit der Wahrheit konfrontieren. Bisher war Rollers couragierte Verbal-Attacke auf Hitler unbekannt. Jetzt erst, 60 Jahre später, erfährt die Öffentlichkeit davon. Roller, der am 30. Oktober 2008 im Alter von 93 Jahren starb, machte in seinen letzten 15 Lebensmonaten Bekanntschaft mit Hans-Joachim Lang. Der Historiker und Wissenschaftsredakteur beim „Schwäbischen Tagblatt“ in Tübingen hatte manchen Leserbrief gelesen, in dem Roller aus seiner tiefen religiösen Überzeugung heraus politische Aktualitäten kommentierte, kannte aber nicht dessen Hintergrund. Einmal machte der alte Herr eine Andeutung, dass er den Fahneneid auf Hitler verweigert habe. Das weckte Langs Neugier. Im Juli 2007 traf er sich zum ersten Mal mit Roller in dessen Wohnung im Tübinger Vor-

Machte kein Aufheben vom Widerstand gegen Hitler und den Folgen: Theodor Roller, aufgenommen 2007. ort Derendingen. Der erstaunlich rüstige Greis fasste Vertrauen zu Lang, obwohl dieser nicht seinen Glauben teilte. Roller verfügte über ein gutes Gedächtnis und auch über eine große Sammlung an Notizen und Briefen. Lang entdeckte zusätzlich zahlreiche Patienten- und Gerichtsakten. Im Bundesarchiv fand er schließlich in Unterlagen des Reichsjustizministeriums die Urteilsbegründung des Stuttgarter Sondergerichts, in der Auszüge des neun Seiten langen Briefs von Roller an Hitler erhalten waren. Die Zusammenarbeit zwischen Roller und Lang trug Früchte. Mitte Februar bringt der Verlag Hoffmann und Campe Langs Buch über Roller unter dem Titel „Als Christ nenne ich Sie einen Lügner“ heraus. In jenem Brief an Hitler lässt Roller den Diktator wissen, dass er einst dessen „tiefster Verehrer und Fanatiker der NS-Idee“ war. Zunächst Mitglied im Jungvolk des Christlichen Vereins Junger Männer, schließt sich Roller 1930 der Hitler-Jugend an. Er bringt es zum Scharführer, trägt Verantwortung für 30 bis 35 Buben. Der Jüngling verehrt Hitler wegen dessen

Kampfs gegen den „bewusst gottlosen Bolschewismus“. Im November 1935 tritt Roller aus der HJ aus. Die zunehmende Ideologisierung des Jugendverbands bereitet ihm Unbehagen. Roller bezweifelt die Oberhoheit des „Führers“, den geforderten Eid auf Hitler mag er nicht leisten. Der bibeltreue Roller ist bereit, dem Gemeinwesen zu dienen, ja selbst dem NS-Staat, weil er sich an

Wenn der Treueid gefordert wurde, war Schluss dem Jesus-Wort orientiert: „Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist.“ Doch immer, wenn der Treueid auf den weltlichen Machthaber gefordert wird, ist für Roller Schluss. So endet eine halbjährige Episode beim Nachrichtensturm der SAStandarte 125 in Tübingen, dem er seiner Mutter, einer überzeugten Nationalsozialistin, zuliebe beitritt. In größte Probleme gerät der Rekrut, als er beim 13. Infanterie-Gebirgsjägerregiment in Bad Reichenhall den Fahneneid auf Hitler ver-

Foto: Metz

weigert. Das gilt als Befehlsverweigerung, Roller wird in Haft genommen. Das Militärgericht schickt ihn am 13. November 1937 in ein Reservelazarett nach München. Dort wird sein Geisteszustand begutachtet. Die Militärärzte halten ihn für schizophren und weisen ihn in die Nervenklinik der Uni München ein. Dank der Bemühungen seines Vaters wird Roller aus der Psychiatrie mit der Diagnose „Verdacht auf Schizophrenie“ entlassen, kehrt nach Tübingen zurück, arbeitet wieder bei der Sparkasse, wird dort als Psychokranker gemobbt. Roller sucht einen Ausweg, möchte Missionar werden, benötigt zum Besuch der Basler Missionsschule eine Ausreiseerlaubnis und wendet sich damit persönlich an Hitler. Er nennt Hitler nicht nur einen Lügner und Wahnsinnigen. Er will von ihm auch wissen, wie er sich anmaßen könne, das Wort „Gott“ in den Mund zu nehmen, wenn Menschen wegen ihres Bekenntnisses zu Gott „in Gefängnissen und Konzentrationslager schmachten oder in Irrenhäuser eingeliefert werden". Am 18. März 1939 wird Roller von der Gestapo abgeholt. Er kommt

zur Untersuchungshaft ins Stuttgarter Polizeigefängnis. Man wirft ihm Beleidigung leitender Persönlichkeiten des Staates vor und bezieht sich dabei auf das Heimtückegesetz. Das bedeutet: Man unterstellt, er habe den Brief in der Absicht geschrieben, damit er in verschiedene Hände gerät, wo er seine Wirkung entfalten könnte. Deshalb wurde der Brief als schädliche Propaganda bewertet. Die Kanzlei des „Führers der NSDAP“ empfiehlt: „Die dauernde Unschädlichmachung des Roller ist dringend geboten.“ An diese Vorgabe hält sich die Justiz. Am 14. Februar 1940 erklärt das Sondergericht Stuttgart Roller für psychisch krank, spricht ihn wegen Unzurechnungsfähigkeit frei und weist ihn zur Sicherungsverwahrung in eine Heilanstalt ein. Das klingt eher harmlos, war es aber nicht. Denn Roller lief Gefahr, Opfer des Vernichtungsprogramms „lebensunwerten Lebens“ zu werden. Am 11. März 1940 trifft Roller in der psychiatrischen Heilanstalt Weißenau bei Ravensburg ein. Er arbeitet in der Gärtnerei, macht sich auch in der Küchenverwaltung nützlich. Dort schätzt man seine buchhalterischen Kenntnisse. Diese Arbeitsfähigkeit war so etwas wie eine Lebensversicherung. Arbeitsunfähige Pfleglinge wurden in grauen Bussen abtransportiert und umgebracht. „Wenn ich nicht geschafft hätte, hätten sie mich auch ausrotten können“, berichtete Roller später. Zwischen dem 20. Mai 1940 und dem 13. März 1941 werden 677 Weißenau-Patienten getötet. „Nur dank einiger glücklicher Fügungen“ habe Roller den „Maßregelvollzug“ überlebt, sagt Lang. Am 28. Mai 1945 stehen die Franzosen vor der Weißenau. Roller könnte gehen. Er verlässt die Heilanstalt aber erst, als ihm schriftlich bestätigt wird, dass seine Einweisung aus politischen Gründen erfolgte. Er kehrt nach Tübingen zurück und schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Am 27. April 1949 hebt das Landgericht Tübingen das Sondergerichtsurteil auf. Der rehabilitierte Roller erhält Wiedergutmachung und arbeitet wieder als Buchhalter. Ein stiller Mensch, der sich nie seiner Attacke auf Hitler gerühmt hat. Wie gewohnt nimmt er am 30. Oktober 2008 an der „Stunde“ in der Salemskirche teil, dem Treffpunkt der Hahn’schen Gemeinschaft. Die Kirchgänger singen „Christus, der ist mein Leben“. Währenddessen schläft Roller friedlich ein. Heute steht das Schicksal des Widerständlers im Mittelpunkt der Feier des Landtags zum Gedenken der NS-Opfer in Weißenau. Lang hält einen Vortrag über Roller.

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Finanzkrise trifft die Ärmsten Fast eine Milliarde Menschen sind unterernährt. Die Finanzkrise hat die Zahl steigen lassen. Jetzt suchen Experten nach Wegen aus der Hungerkrise. MARTIN DAHMS Eine Nachricht, die einen Ruck durch die Welt gehen ließ: Die Nahrungsmittelpreise steigen, immer mehr Menschen können sich kaum noch das Nötigste für ihr Überleben leisten. Das war vor einem Jahr. Dann kam die Finanzkrise, seitdem redet die Welt über Bankenrettungspläne und Konjunkturstützen. Die Zahl der Hungernden ist derweil von rund 850 Millionen auf gut 960 Millionen gestiegen, schätzt die Welternährungsorganisation FAO. Der Hunger ist ein politisches Problem, „ausschließlich“, sagt FAO-Direktor Jacques Diouf. „Wir kennen die Kosten und die Hindernisse, es fehlt allein der politische Wille.“ Nicht ganz. Spaniens sozialistischer Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero hat zu einer internationalen Konferenz über „Nahrungsmittelsicherheit für alle“ nach Madrid geladen: Bis heute reden Fachleute und Politiker aus 120 Ländern über Wege aus der Krise. 80 Prozent der Hungernden leben auf dem Land. Darauf machte der Landwirtschaftsstaatssekretär Gert Lindemann aufmerksam. „Das bedeutet, dass Nahrungssicherung und Landwirtschaftspolitik eng miteinander verknüpft sein müssen.“ Es reicht nicht, den Hungernden zu essen zu geben. Es geht darum, die Landwirtschaft armer Länder so zu stärken, dass sie den heimischen Bedarf decken kann. „Wir brauchen die sichtbare Hand des Staates“, schreibt die Weltbank. Falls noch jemand hoffen sollte, dass der Markt allein in der Lage ist, die Grundbedürfnisse aller Menschen zu sichern, dann hat ihm die Realität schon widersprochen. Die Nahrungsmittelpreise sind in Folge der Finanzkrise auf das Niveau von 2006 gefallen, aber die Krise trifft vor allem die armen Länder. „Wir erwarten, dass das starke Auf und Ab der Preise weitergehen wird“, sagt Ngozi Okonjo-Iweala von der Weltbank. „Das wird die Ärmsten am stärksten treffen, weil sie die Hälfte ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben.“ Die Probleme sind erkannt. Die Konferenz will heute eine „Globale Allianz für Nahrungsmittelsicherheit“ ins Leben rufen. Kein Weg wird daran vorbeiführen, dass die reichen Länder den armen mehr Geld bereitstellen, um aus der Hungerkrise herauszufinden.

Das Eingliedern gelingt viel zu selten Integrationsbeauftragte Böhmer: Studie liefert dramatische Resultate – Vor allem Defizite im Bildungsbereich Deutschland ist mit einem Migrantenanteil von fast 20 Prozent das Einwanderungsland in Europa. Doch eine Studie zeigt, dass die Integration der Zuwanderer mit Tempo und Umfang des Zustroms nicht Schritt hält. GUNTHER HARTWIG Unter den Zuwanderern stellen Aussiedler mit rund vier Millionen Menschen (4,7 Prozent der Bevölkerung) die größte Gruppe, gefolgt von Türken (2,8 Millionen) und Migranten aus EU-Ländern (1,9 Millionen). Die Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung stützt sich auf Daten des Mikrozensus von 2005, einer jährlichen Befragung von 800 000 repräsentativ ausgewählten Bürgern. Nach dieser Studie sind Menschen mit türkischer Herkunft am schlechtesten integriert. Hauptgrund: 30 Prozent aller Türken sind ohne jeden Bildungsabschluss, nur 14 Prozent haben Abitur, 72 Prozent haben keine berufliche Qualifikation. Zum Vergleich: Bei Aussiedlern und Zuwanderern aus der EU haben nur jeweils drei Prozent keinen Bildungsabschluss. Die Forscher zogen neben dem Bildungsgrad weitere 14 Indikatoren zur Bestimmung von Integration heran, darunter den Beschäftigungsstatus, die soziale Absicherung, Kontakte mit deutschstämmi-

gen Personen, Teilnahme am kulturellen Leben. In den Ländern gelingt Integration in Hessen (23 Prozent Migrantenanteil) und Hamburg (26) am besten. Bayern (18) belegt Platz 4. Baden-Württemberg, mit 24 Prozent das Flächenland mit dem größten Migrantenanteil, landet mit Nordrhein-Westfalen (23 Prozent) auf Platz 5. Das Saarland bildet auf Platz 11 – die Ostländer sind zusammengefasst – das Schlusslicht. Zu der befriedigenden Integrationsleistung von Bayern und der mittelmäßigen von Baden-Württemberg tragen trotz hoher Ausländer-

quote die bisher günstigen Arbeitsmarktbedingungen in beiden Ländern bei. Im Südwesten haben etwa 87 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund einen Job. Allerdings schneiden die Südländer bei den Bildungsindikatoren schlecht ab. Gerade mal 19 Prozent der 16bis 20-jährigen Migranten besuchen im Südwesten eine gymnasiale Oberstufe, 17 Prozent sind es in Bayern. „Dieser Makel ist auch den guten Beschäftigungsmöglichkeiten geschuldet, die lange ohne hohe Qualifikation ein gutes Einkommen garantiert haben“, heißt es in der Studie. Folglich sind auch

die Selbstständigenquote und der Migrantenanteil in „Vertrauensberufen“ mit je sechs Prozent oder in Akademikerberufen mit 19 Prozent eher niedrig. Nur das Saarland schneidet mit 17 Prozent noch schlechter ab. Von den Türkischstämmigen sind in Baden-Württemberg jedoch nur 26 Prozent der 20bis 64-Jährigen ohne schulischen oder beruflichen Bildungabschluss, in Bayern 22 Prozent. Außer Schleswig-Holstein, das den gleichen Wert wie der Südwesten aufweist, fallen alle übrigen Länder hier weiter zurück. Im Saarland hat fast die Hälfte der 20- bis 64-Jährigen keinerlei

Qualifikation vorzuweisen. Positiv entwickelte sich in Baden-Württemberg das familiäre Zusammenwachsen von Migranten und Einheimischen. Der Anteil gemischter Ehen ist mit 23 Prozent noch gering, hat sich in der zweiten Zuwanderergeneration aber mehr als verdoppelt. Bayern profitiert im Integrations-Ranking davon, dass hier viele Neubürger aus den EUStaaten stammen. Das erklärt, warum im Freistaat lediglich zehn Prozent der Zuwanderer auf öffentliche Leistungen angewiesen sind, während diese Zahl in Berlin bei Aussiedlern (31 Prozent) und Türken

(26 Prozent) wesentlich höher liegt. Ein weiteres wichtiges Kriterium für den Grad der Integration ist die Aufnahme der Staatsbürgerschaft. In Baden-Württemberg hat nur gut jeder zweite Migrant einen deutschen Pass. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), nannte die Resultate der Studie „dramatisch“. Nun gelte es, die Integrationsanstrengungen zu verdoppeln. Nach dem Willen der Koalition sollen Kinder türkischer Zuwanderer das Bildungsniveau ihrer deutschen Altersgenossen bis zum Jahr 2012 erreichen. „Bildung ist der Schlüssel für Integration“, bekräftigte Böhmer. OECD-Generalsekretär Angel Gurria sprach sich für ein Umdenken in der Bildungspolitik aus. Wer nicht in die Ausbildung junger Migranten investiere, müsse später einen hohen Preis zahlen. Der Islamwissenschaftler Bekir Alboga kritisierte die Studie. Die Behauptung, türkische Einwanderer seien schlechter integriert als andere Gruppen, sei wissenschaftlich nicht belegt. Auch der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, warnte vor falschen Schlüssen. Da aus der Türkei überwiegend Angehörige einkommensschwacher und bildungsferner Schichten angeworben worden seien, müsste jetzt eine schichtenspezifische Untersuchung der Integrationsprobleme folgen. Zudem gebe es unterschiedliche Startbedingungen für junge Menschen.