Sicherheit - Strategie und Technik

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Sicherheit Sicherheit European Phased Adaptive Approach Beistand für Europa oder „US-Vorneverteidigung”? Andreas Uhl Aegis-Kreuzer USS MONTEREY B ...

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Sicherheit Sicherheit European Phased Adaptive Approach

Beistand für Europa oder „US-Vorneverteidigung”? Andreas Uhl

Aegis-Kreuzer USS MONTEREY

B

ereits unter der Bush-Regierung hatten die USA Pläne entwickelt, die Verteidigung ihres Homeland gegen ballistische Raketen so weit wie möglich in Richtung eines potentiellen Angreifers voraus zu stationieren. Damals sollten Raketensilos und Radare in Polen und Tschechien stationiert werden, was auf Grund fehlender vorheriger Abstimmung mit den NATOPartnern und insbesondere mit Russland aber politisch nicht durchzusetzen war. Unter der Obama-Administration wurde nun ein mit den Partnern abgestimmtes Konzept entwickelt, welches auch mit Russland – wenn auch kontrovers – verhandelt wurde.

Luftverteidigung in vier Phasen Das neue Konzept des European Phased Adaptive Approach ist in vier Phasen gegliedert, deren Realisierung 2011 begonnen hat und die gemäß der Planung bis 2020 abgeschlossen sein soll: s Initial Integrated Defense (2011), s Enhanced Medium Range Ballistic Mis-

Autor Fregattenkapitän Andreas Uhl ist deutscher Verbindungsoffizier bei der Missile Defense Agency, Abteilung Aegis-BMD, in Dahlgren/Virginia.

sile Defense/MRBM (2012 bis 2015), s Robust Intermediate Range Ballistic Missile Defense/IRBM (2015 bis 2018) und s Early Intercept and Regional Intercontinental BallisticMissile Defense/ICBM (2018 bis 2020).

SRBM: bis MRBM bis IRBM bis ICBM über

1.000 km Reichweite 3.000 km Reichweite 5.000 km Reichweite 5.000 km Reichweite

Das Eintreffen des Kreuzers USS MONTEREY auf seiner Ballistic Missile Defense/ BMD-Station ist das erste sichtbare Zeichen für den Beginn des European Phased Adaptive Approach. Hinter den Kulissen wurde bereits 2010 die Interoperabilität zwischen dem US-amerikanischen Führungssystem für die Abwehr ballistischer Raketen (Command, Control, Battle Management, Communication, BMD-Führungssystem der USA/C2BMC) und jenem der NATO, dem Active Layer Theater Ballistic Missile Defense/ALTBMD-Führungssystem, nachgewiesen. Die USS MONTEREY ist eine von aktuell 22 Einheiten der U.S. Navy, welche mit dem speziell für die Abwehr ballistischer Bedrohungen konzipierten Aegis-BMDGefechtsführungssystem und Abwehrflugkörpern vom Typ SM-3 Block IA ausgerüstet ist. Unterstützt werden sollen die

(Foto: SuT Archiv)

Ende März 2011 hat mit Eintreffen des US-Kreuzers USS MONTEREY (CG 61) im Mittelmeer eine neue Phase sicherheitspolitischen und militärischen Beistandes der USA für Europa begonnen: Der European Phased Adaptive Approach (EPAA).

in europäischen Gewässern stationierten Einheiten künftig durch ebenfalls in Europa stationierte Luftraum-Überwachungsradare AN/TPY-2 und das in Ramstein etablierte „Command, Control, Battle Management & Communication/C2BMC“-System. Es ist das Herzstück des US-Ballistic Missile Defense System (BMDS). Ein solches Führungssystem wurde außerhalb Amerikas erstmals 2010 in Bahrain bei U.S. Naval Forces Central Command/USNAVCENT in Betrieb genommen, seit Beginn 2011 steht in Ramstein unter Kommando den von U.S. European Command/USEUCOM in Stuttgart ein weiteres System im Rahmen der Regional Defense für Europa zur Verfügung. Es ermöglicht mit seinen vernetzten Sensoren – anfangs landgestützte AN/TPY-2 und seegestützte SPY-1 – sowie seiner Anbindung an die NATO-Frühwarnorganisation eine schnelle und robuste Lagebildgewinnung und unterstützt damit die Aegis-BMD-Schiffe in ihrer Auftragserfüllung. Ziel dieser ersten Phase ist die Herstellung einer Initial Capability gegen SRBM, MRBM und IRBM, sie soll noch 2011 abgeschlossen sein, die Interoperabilität mit den NATO-Führungssystemen soll weiter verbessert werden. Im Rahmen der Vernetzung werden auch andere seegestützte SPY-1-Radare zur Luftraum-Überwachung beitragen. Diese Fähigkeit richtet sich gegen Bedrohungen aus dem Bereich des Strategie & Technik · September 2011

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(Foto: U.S. Navy)

Sicherheit

Aegis-Kreuzer USS SHILO feuert einen SM-3-Flugkörper ab

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September 2011 · Strategie & Technik

Infrared erhöhen die Reichweite und verbessern die Granularität von Erfassungen gegen anfliegende Raketen. (Grafik: Lockheed Martin)

Nahen und Mittleren Ostens und zielt auf den Schutz Südeuropas ab. In der zweiten Phase werden zwischen 2012 und 2015 erste Infrastrukturmaßnahmen zur Stationierung von „Aegis-Ashore“ in Rumänien und Polen durchgeführt und das System auf Hawaii getestet. Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine landgestützte Version des bewährten Gefechtsführungssystems der U.S. Navy einschließlich eines SPY-1-Radarturmes sowie eines Mk-41-Vertical-Launch-Starters. Tatsächlich wird das System aussehen, als habe man die Brückenaufbauten eines AegisSchiffes abgeflext und an Land gestellt. AegisAshore ist „teilmobil“ konzipiert, es soll in 100 Tagen montiert und einsatzfähig sein bzw. demontiert und verladen werden können. Ebenfalls in dieser Phase werden die AegisBMD-Einheiten mit der neuen Aegis-Software und dem verbesserten Flugkörper SM3 Block IB ausgerüstet, was deren Fähigkeit zur vernetzten Operationsführung weiter verbessert. Insbesondere wird die Option „Launch-on-Remote“ eingeführt, welche es ermöglicht, SM-3 Block IB Flugkörper auch auf Daten der über das C2BMC angeschlossenen Sensoren zu starten. In dieser Phase werden luft- und raumgestützte Sensoren mit dem C2BMC vernetzt. Bis 2018 soll die dritte Phase des European Phased Adaptive Approach, Robust IRBM Defense, abgeschlossen sein. Sie umfasst den Aufbau und die Inbetriebnahme der beiden Aegis-Ashore-Systeme in Rumänien und Polen sowie die Einführung der Aegis 5.1-Software in Verbindung mit dem Flugkörper SM-3 Block IIA bei den Aegis-Systemen in See. Die Modifikationen in den individuellen Systemen wie auch im C2BMC erlauben eine Verbesserung der Zieldatendiskriminierung und der Möglichkeit, Raketen durch die Nutzung von Fremddaten zu bekämpfen („Engage-on-Remote“). Das satellitengestützte Precision Tracking Space System sowie das luftgestützte Airborne

bedrohung des Heimatlandes so weit wie möglich nach Osten, ähnliches haben die USA durch Kooperationsabkommen mit Japan, Südkorea und Taiwan bereits im Pazifik erreicht. Basis für die US Homeland Defense bildet das oben beschriebene Command, Control, Battle Management, Communication, BMD-Führungssystem der USA/C2BMC mit seinem vernetzten Ballistic Missile Defense System (BMDS). Ausgewählte Komponenten davon dienen auch der Regional Defense in Europa im Rahmen des European Phased Adaptive Approach. Das BMDS besteht aus diversen stationären und mobilen Sensoren. Hinzu kommen exoatmosphärische Abfangsysteme wie der Ground Based Interceptor (GBI) in Silos in Kalifornien und Alaska, das landgestützte THAAD und see- und landgestützte SM3-Flugkörper. Für die sogenannte Terminal

Das leistungsfähige SPY-1-Radarsystem der Aegis-Schiffe wurde für den Einsatz an Land getestet 2020 soll mit Abschluss der vierten Phase – Early Intercept and Regional ICBM Defense – die Regional Defense für ganz Europa einsatzfähig sein. Ab 2018 werden die Flugkörper SM-3 Block IIB mit ihrer höheren Reichweite und gesteigerten Geschwindigkeit in die Aegis-BMD-Systeme an Land eingerüstet. In allen vier Phasen hält die U.S. Army in den USA zusätzlich zwei Batterien Theater High Altitude Air Defense/THAAD für eine eventuell notwendig werdende Verlegung bereit.

Regional Defense für Europa Der Flugkörper SM-3 Block IIB wird künftig die erste Verteidigungslinie der US Homeland Defense darstellen. Hier zeigt sich auch die Haupt-Motivation der USA für den kostenintensiven European Phased Adaptive Approach: Die USA schieben ihre Verteidigungslinie gegen die Raketen-

Defense 1 nutzt das BMDS landgestützt Patriot-Flugkörper (PAC-3) und seegestützt SM-2 Block 4-Flugkörper.

NATO-Europa und der EPAA Europa tut gut daran, den European Phased Adaptive Approach mit offenen Armen willkommen zu heißen und ihn nach Kräften zu unterstützen. In NATOEuropa fehlen Waffensysteme zur Abwehr ballistischer Bedrohungen, allerdings liegt bereits Südost-Europa in Reichweite von Mittelstreckenraketen aus dem Mittleren Osten. Noch aber fehlen die Mittel für eine territoriale Luftverteidigung NATOEuropas. Die meisten existierenden und in Planung bzw. Konzeption befindlichen Systeme der landgestützten Flugabwehr in NATO-Europa sind sowohl hinsichtlich ihrer Zahl als auch ihrer Fähigkeiten nicht zur flächendeckenden Verteidigung gegen

Weiter heißt es in den VPR: Deutschland beteiligt sich an dieser Sicherheitsvorsorge entsprechend seiner wirtschaftlichen und politischen Stellung im Bündnis, aber auch entsprechend seiner finanziellen Möglichkeiten.

Die maritime Dimension Für das von Finanzkrisen gebeutelte Europa insgesamt böte eine maritime AbwehrOption neben den oben genannten strategisch-operativen Vorteilen möglicherweise den wirtschaftlicheren Lösungsansatz, da bereits vorhandene Fähigkeiten nur noch ausgebaut werden müssten. Eine Konzentration auf eine seegestützte Raketenab(Foto: U.S. Air Force)

Auch Mk41-Starter wurden bereits für den Landeinsatz getestet ballistische Bedrohungen des eigenen Territoriums geeignet. Bei der seegestützten Luftverteidigung sieht es nicht anders aus. Zwar verfügen die Marinen der europäischen NATO-Staaten über gut zwei Dutzend hochmoderne Flugabwehreinheiten mit Potential für eine seegestützte BMD, jedoch besitzt noch keine davon aktuell eine Fähigkeit zur Abwehr von MRBM und darüber hinaus. Eine solche wird derzeit nur durch die US-Einheiten des European Phased Adaptive Approach sicher gestellt.

Deutscher Beitrag gefordert Am 31. Januar 2011 hat der Commander Allied Air Command Europe das „Initial Operational Level Concept for the Establishment of a NATO BMD Capability“ gezeichnet. Damit sind die Weichen für die Zukunft gestellt, und auch von Deutschland wird als eines der größten und wirtschaftlich potentesten Mitgliedsländer ein entsprechender Beitrag gefordert werden. Die neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien (VPR) vom 18. Mai 2011 betonen auch weiterhin die Wichtigkeit von Landesund Bündnisverteidigung. Die VPR weisen gleichzeitig auf die zunehmende Bedrohung Deutschlands durch die Verbreitung und Weitergabe von Massenvernichtungsmitteln und die Verbesserung ihrer Trägermittel hin. Neben glaubhafter Abschreckung und einem wirksamen Nichtverbreitungsregime werden auch wirksame Frühwarnund Abwehrmaßnahmen zur Das landgestützte Patriot PAC-3-Abfangsystem 74

September 2011 · Strategie & Technik

Ein Ground Based Interceptor (GBI) für den exoatmosphärischen Abfangeinsatz Unterbindung von Handlungsoptionen der Akteure sowie zum Schutz der Bevölkerung gefordert. (Foto: U.S. Army)

(Foto: U.S. Def.)

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wehr hätte aber noch weitere Vorteile: s Sie ermöglicht die Stationierung in internationalen Gewässern, s sie sichert Mobilität als Reaktion auf kurzfristige Lageanpassung, s Kriegsschiffe sind – anders als landgestützte Systeme – nicht nur singulär für die Raketenabwehr, sondern flexibel in mehreren Aufgaben (Multi-Role) einsetzbar s und – weit wichtiger und wesentlicher – sie hinterlassen eben keine „politischen Schockwellen“ wie der Bau ortsfester Einrichtungen an den Grenzen des Bündnisses. Im technologischen Zusammenhang lässt sich feststellen, dass die Fähigkeiten des Flugkörpers SM-3 bereits vorhanden sind und nicht nur im Rahmen des maritim ausgerichteten European Phased Adaptive Approach operativ eingesetzt werden. Mit eigenen entsprechenden Fähigkeiten könnte NATO-Europa die USA hier im Sinne eines „Burdensharing“ entlasten und sich relativ zeitnah in ein bestehendes System der Sicherheitsvorsorge eingliedern.