Stadtentwicklung von St. Wendel - Memotransfront

Stadtentwicklung von St. Wendel - Memotransfront

Aus: Rainer Hudemann unter Mitarbeit von Marcus Hahn, Gerhild Krebs und Johannes Großmann (Hg.), Stätten grenzüberschreitender Erinnerung – Spuren der...

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Aus: Rainer Hudemann unter Mitarbeit von Marcus Hahn, Gerhild Krebs und Johannes Großmann (Hg.), Stätten grenzüberschreitender Erinnerung – Spuren der Vernetzung des Saar-Lor-Lux-Raumes im 19. und 20. Jahrhundert. Lieux de la mémoire transfrontalière – Traces et réseaux dans l’espace Sarre-Lor-Lux aux 19e et 20e siècles, Saarbrücken 2002, 3., technisch überarbeitete Auflage 2009. Publiziert als CD-ROM sowie im Internet unter www.memotransfront.uni-saarland.de.

Gerhild Krebs

Stadtentwicklung von St. Wendel Wohnhaus, Bachstraße 19, Missionshaus der Steyler Missionare, Missionshausstraße 50, sowie ehemalige Tritschlerkaserne und Welvertkaserne, Tholeyer Straße, St. Wendel

Baugeschichte – Ursprünge und Entwicklung bis zur Frühen Neuzeit Der katholischen Legende nach soll Wendalinus, ein schottischer Adliger und Bruder von Oranna, deren Verehrung in Berus ihr Zentrum hat, als Eremit und Hirte an der oberen Blies gelebt und 617 als Abt des nahen Klosters Tholey gestorben sein. Das Kloster existierte jedoch erst später, insofern legt die Legende bestenfalls nahe, daß es zu dieser Zeit an beiden Orten christliche Vorposten gab und zwischen ihnen enge Kontakte bestanden. Mit der Christianisierung der Region zwischen dem 7. und 12. Jahrhundert wurde das Dorf zum Zentrum der regionalen Wendalinus-Verehrung. Um 1180 gab es bereits eine steinerne Wendelskirche, zu der am Wendelstag im Oktober gewallfahrtet wurde. Parallel zur Wallfahrt entstand der Wendelsmarkt, der zentrale Markt der gesamten Umgebung für Vieh, Kleidung und Gebrauchsgegenstände. Der Wendelsmarkt lockt bis heute zahlreiche Besucher aus dem Saarland und seinen Nachbarregionen an. Kurfürst Balduin von Trier interessierte sich für das prosperierende Wallfahrts- und Marktzentrum. Er kaufte 1326 Burg und Dorf St. Wendel mit etwa 600 Einwohnern. 1328 finanzierte er den Ausbau der Wendelskirche zur gotischen Hallenkirche, dem heutigen St. Wendeler Dom, in deren Mitte vor den Chorstufen ein repräsentativer symbolischer Steinsarkophag für Wendelin gestellt wurde, dazu eine zweite Tumba hinter dem Hochaltar, in der die Reliquien aufbewahrt wurden. Die Bauarbeiten am Dom kamen um 1360 mit der Chorweihe um Abschluß. Auf dem Reichstag in Nürnberg erkaufte Balduin am 23. August 1332 bei Kaiser Ludwig dem Bayern die Stadtrechtsurkunde für St. Wendel, was der Stadt und dadurch wiederum dem Bistum dauerhaft weitere Einkünfte brachte. Die Stadt erhielt eine zeitgemäße Befestigung mit Stadtmauern etc., die allerdings während des Holländischen Krieges 1674 auf Anordnung des französischen Marschall Turenne geschleift wurde. Sein Nachfolger, General de Bussy, ließ 1677 die ganze Stadt niederbrennen. Dabei wurden die kurfürstliche Burg, das Rathaus aus dem 15. Jahrhundert und ein Teil der Wohnbebauung zerstört.

18. und 19. Jahrhundert Um die Mitte des 18. Jahrhunderts erlebten Handel und Handwerk der Stadt eine Blütezeit, die in der Errichtung zahlreicher Wohnhäuser und einer Modernisierung des Doms ihren Ausdruck fand. Der Wendelsdom wurde 1753 mit einer dreistufigen barocken Kuppelhaube versehen, was die Schließung des großen Westfensters zur Folge hatte. Während der Revolutionskriege hatte St. Wendel ab 1792 unter Plünderung und Einquartierung durch Truppen beider Seiten zu leiden. Zwischen November 1792 und Februar 1793 und erneut ab Januar 1794 (rund 4000 Mann) war St. Wendel von französischen Truppen besetzt. Bei Aufbruch und Rückkehr der napoleonischen Armee aus Rußland war St. Wendel eine der Zwischenstationen gewesen. Generalfeldmarschall Blücher verfolgte die Reste der Grande Armee und schlug am 6./8. Januar 1814 kurzfristig sein Hauptquartier in St. Wendel auf. Auf dem Wiener Kongreß wurde St. Wendel dem Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Saalfeld zugesprochen und gehörte ab 1816 zum neugebildeten sachsen-coburgischen Fürstentum Lichtenberg. In dieser Zeit entstanden in der Stadt mit ihren rund 3000 Einwohnern mehrere neue Brücken über die Blies, ein Hospital, eine höhere Knabenschule (Lyzeum) und eine protestantische Pfarrei (1825); zugleich wurden in der heutigen

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Bahnhofstraße und Kelsweilerstraße viele neue bürgerliche Wohnhäuser errichtet. Die Gegend profitierte auch durch die Befreiung vom Militärdienst. Im Zuge der liberalen Bewegung nach dem Hambacher Fest 1832 kam es auch in St. Wendel zu mehreren Revolten der Bevölkerung wegen der schlechten Lebensbedingungen; sie wurden mit Hilfe preußischer Truppen aus Saarlouis niedergeschlagen. Am 31. Mai 1834 verkaufte der Herzog von Coburg das Land gegen eine jährliche Rente von 80000 Talern an das Königreich Preußen. Der preußische Staat machte aus St. Wendel einen Garnisonsstandort, mit einer Kaserne in der Bachstraße. Das denkmalgeschützte Gebäude dient heute zu Wohnzwecken. Ökonomisch ging es der Gegend in dieser Zeit sehr schlecht. Bis zur Mitte des Jahrhunderts wanderten viele Bürger aus dem Wendeler Land nach Amerika aus, darunter der Maler Nikolaus Marschall (1829–1918), der in den Südstaaten der USA lebte und die Fahne der konföderierten Armee entwarf. Die Wirtschaftslage in St. Wendel änderte sich erst 1860, mit der Eröffnung der Rhein-Nahe-Bahn zwischen Bingen und Saarbrücken, wovon die Stadt als Bahnstation und durch eine Eisenbahnwerkstätte profitierte. Ausdruck des wirtschaftlichen Aufschwungs im Gefolge der Eisenbahn war auch 1869 die Einrichtung der städtischen Landwirtschaftsschule, damals die erste ihrer Art in der Rheinprovinz.

20. Jahrhundert Die Steyler Missionsgesellschaft ließ sich 1898 in St. Wendel nieder und errichtete ein großes Missionshaus. Während der nationalsozialistischen Zeit wurde 1937/1938 am westlichen Stadtrand beiderseits der Ausfallstraße nach Tholey ein großer Kasernenkomplex errichtet. Von 1961 bis 1999 war im Bereich der Tritschlerkaserne eine französische Garnison untergebracht, das erste Curassierregiment. Die Rückgliederung an die Bundesrepublik brachte St. Wendel wirtschaftlich zunächst eine negative Entwicklung, da 1960 mit der traditionsreichen Tabakfabrik Marschall, Hersteller des bei Bergleuten beliebten Kautabaks „Rolles“, ein großer Arbeitgeber schließen mußte. Dafür wurde die Welvertkaserne, der andere Teil des nationalsozialistischen Kasernenkomplexes, ab 1960 Bundeswehrgarnison und brachte dadurch erneut Geld in die Stadt. Die St. Wendeler Eisenbahnwerkstätte wurde 1982 in ein Instandsetzungswerk der Bundeswehr umgewandelt (Heeres-Instandsetzungswerk 860); es war mit rund 1000 Beschäftigten zeitweise der größte Arbeitgeber der Stadt. St. Wendel hat durch die Gebietsreform von 1974, bei der mehrere Dörfer im Umland zum Stadtgebiet gezogen wurden, heute rund 28000 Einwohner. Künstlerisch und touristisch nahmen die Stadt und das Wendeler Land seit 1979 vor allem durch die vom hier geborenen Bildhauer Leo Kornbrust angeregte Skulpturenstraße mit ihren jährlichen internationalen Bildhauersymposien großen Aufschwung. Der international bekannte Kornbrust, Professor in München, griff 1971/1972 die Idee des Bildhauers und Malers Otto Freundlich auf, der bereits 1936 zwei Skulpturenstraßen quer durch Europa als völkerverbindendes Konzept einer „Voie de la Solidarité Humaine“ vorgeschlagen hatte. Zu Ehren des französischen Regiments wurde am 1. Mai 1999 anläßlich seiner Verabschiedung ein hochrechteckiger, schlichter Gedenkstein auf der Grünfläche vor der Kaserne eingeweiht, der das Wappen des Regiments trägt: Auf blauem ovalem Schild mit der gelben bourbonischen Lilie sind zwei angreifende Kürassiere mit gezogenem Säbel Rücken an Rücken auf ihren Pferden zu sehen, dazwischen ein weißer Turm. Auf dem Gelände der ehemaligen Tritschlerkaserne, die seit 1999 leer stand, wird nun ein Gewerbe- und Handwerkerpark „Tholeyer Berg“ und ein „Stadt- und Erholungspark St. Annen“ entstehen. Dazu haben Stadt und Landkreis St. Wendel die Wendalinus-Park GmbH gegründet.

Regionalhistorischer Kontext Im 18. Jahrhundert wurde in St. Wendel viel in Malerei investiert, wovon der hier geborene, bekannte Pastellmaler Nikolaus Lauer (1753–1824) mit seiner Malschule und seinen Porträts von St. Wendeler Bürgern profitierte. Lauer ging später nach Berlin und porträtierte unter anderem mehrmals Königin Luise

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von Preußen. Der erfolgreiche Pianist, Komponist und Dirigent Philipp Jakob Riotte (1776–1856) verließ 1818 ebenfalls die Heimat, um in Wien als Kapellmeister des Theaters an der Wien zu arbeiten. Der 1775 in St. Wendel geborene Peter Franz Anton Huber schloß sich 1792 als Chasseur zu Pferde den Besatzungstruppen an. Unter der französisierten Namensform Pierre François Antoine Huber nahm er an den Schlachten der Revolutionskriege und der napoleonischen Kriege teil. Er stieg 1813 zum Brigadegeneral auf und verlebte seinen Ruhestand hochdekoriert in Paris, wo er 1832 starb. Als einer der „Helden Frankreichs“ wurde sein Name in den Arc de Triomphe eingemeißelt. Die protestantische Prinzessin Louise Pauline Charlotte Friederice Auguste von Sachsen-GothaAltenburg und spätere Herzogin von Coburg (geboren 1800 oder 1801), Mutter des späteren englischen Prinzgemahls Albrecht (anglisiert: Albert), regierte in St. Wendel nach ihrer Scheidung von Herzog Ernst I. von Coburg ab September 1824 bis zu ihrem Tod 1831 in Paris. Um ihr Erbe kam es zum Streit zwischen ihrem ersten und zweiten Ehemann. Luises Sarg wurde zunächst in St. Wendel verwahrt und erst 1859 nach Coburg überführt. Prominentestes und zugleich umstrittenstes Mitglied der in St. Wendel beheimateten Steyler Missionare war zu seinen Lebzeiten Pater Hugolinus Dörr aus dem Köllertal, der sich während des SaarAbstimmungskampfes 1933–1935 als einziger katholischer Priester der Region offen für die Erhaltung des Status Quo einsetzte und dafür nicht nur Anfeindungen und nationalsozialistische Propagandahetze zu erdulden hatte, sondern auch von seinem Orden unter Druck gesetzt wurde, sein politisches Engagement gegen Hitlerdeutschland aufzugeben. Dörr ging im September 1934 ins Exil nach Forbach und kam 1940 unter ungeklärten Umständen in einem französischen Internierungslager ums Leben. Für die Rückgliederung des Saarlandes an die Bundesrepublik setzten sich in St. Wendel vor allem der Arzt Dr. Hans Maurer als Mitgründer der noch verbotenen CDU und der angehende Jurist Werner Zeyer als Vorsitzender der Jungen Union ein. Maurer stieg später zum Präsidenten des Saarländischen Landtages auf, Zeyer zum Ministerpräsidenten (1979–1985). Ihr Gegenspieler Jakob Feller, bis 1955 CVP-Politiker, schloß sich nach der Abstimmung der CDU an und wurde Fraktionsführer im Landtag, Präsident des saarländischen Städte- und Gemeindetages und Bürgermeister von St. Wendel bis zu seiner Pensionierung 1982. Zwischen 1950/52 und 1965 war St. Wendel der Schauplatz eines international bekannten Motorradstraßenrennens, dessen Bedeutung im Motorsport bis 1959 vom politischen Sonderstatus des autonomen Saarlandes profitierte. Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Strauß (CSU), der 1960 die Schirmherrschaft dieses Motorradrennens innehatte, trug sich ins Goldene Buch der Stadt mit dem Satz ein, daß er „als alter Freund der deutschen Saar und überzeugter Europäer gern in der ersten Garnisonsstadt des Saarlandes verweile“. Das Straßenrennen wurde wegen des zunehmenden Verkehrs Anfang der 1960er Jahre eingestellt. Seit den 1970er Jahren fand auf dem Gelände der französischen Kasernen ein international bekanntes Moto-Cross-Rennen statt. Trotz aller Kriege und Zerstörungen war noch in den 1960er Jahren viel historische Bausubstanz im Stadtkern von St. Wendel vorhanden. Mangelndes Geschichtsbewußtsein und ökonomisch orientierte private und städtische Sanierung zerstörten jedoch bis Anfang der 1980er Jahre zahlreiche Gebäude, die dem Stadtbild heute touristisch nutzen könnten. Spuren der mittelalterlichen Stadt sind in der Nähe des Wendelsdomes und Reste der Stadtmauer noch an zwei Stellen zu erkennen. Die beiden Gebäudekomplexe der ehemaligen Kasernen mit den skulptierten Schmuckelementen, die eigentlich Denkmalstatus haben müßten, um als materielle Reste von der nationalsozialistischen Ideologie Zeugnis abzulegen, werden im Zuge der wirtschaftlichen Umnutzung vermutlich bald baulich verändert werden (geschützt ist derzeit nur die Zeppelinhalle). An der Eingangsmauer der ehemaligen Welvertkaserne wurde der Kasernenname bereits abgespitzt. Dagegen wurde eine neu geschaffene Zugangsstraße zum Gelände der ehemaligen Tritschlerkaserne zweisprachig nach dem ersten Curassierregiment benannt – auf die deutsch-französische Freundschaft mit der langjährigen Garnison weist man gerne hin. Am daran anschließenden Verkehrskreisel wehen die Europafahnen.

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Quellen und weiterführende Literatur Brill, Hermann, St. Wendel – eine berühmte Stadt, St. Wendel 1982. Staatliches Konservatoramt des Saarlandes (Hg.), Denkmalliste des Saarlandes, Saarbrücken 1996, erstellt vom Referat 2: Inventarisation und Bauforschung (Dr. Georg Skalecki), Stand: 1.8.1996, S. 315f.