Stangengewirr - St. Stephan Breisach

Stangengewirr - St. Stephan Breisach

2,50€ EINZELPREIS Auflage: 750 Stück Advent 2009 DIE INFORMATIONSSCHRIFT DES MÜNSTERBAUVEREINS BREISACH E.V. Nr. 43 2/2009 Münsterbauverein Brei...

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EINZELPREIS Auflage: 750 Stück

Advent

2009

DIE INFORMATIONSSCHRIFT DES MÜNSTERBAUVEREINS BREISACH E.V.

Nr. 43 2/2009

Münsterbauverein Breisach e.V.

Baugerüste sind mehr als nur

Stangengewirr

Unser Münster Thema: Wer war

Maurice Jardot? Von Uwe Fahrer, Stadtarchivar Betrachtung: Der Patron des Münsters – Archäologie im Breisacher Münster – (Altes) Neues zum Haase Dörle

Bild: Aus einem Farbfenster im Kölner Dom. Der heilige Stephanus, einer der sieben Diakone, die in Jerusalem von den Aposteln geweiht wurden, verteilt Gaben an die Armen.

Berufen zum Dienst an den Armen und Notleidenden (Apg 6, 1-6) Von Günter Schwan Die jeweils auf dieser Seite abgedruckte geistliche Betrachtung verfasste dieses Mal Günter Schwan, der 1992 in Trier zum Diakon geweiht wurde. In dieser Funktion hilft er seit einigen Monaten in der Seelsorge der Münsterpfarrei aus.

Inhalt 2.2009 „Der Gönner unserer Sache“ Wer war Maurice Jardot? Von Uwe Fahrer, Stadtarchivar

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Ein Blick in den frühen Untergrund Archäologie im Breisacher Münster Von Frank Löbbecke

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(Altes) Neues zur Haas-Geschichte: Ob sie wohl stimmt?

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Eine Breisacher Ballade von Max Rieple Die Sage vom Breisacher Münsteraltar »Badischen Heimat«

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Außenrenovierung 2009 - 2010 10 Bilder von Hermann Metz

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Heilige im Münster Der heilige Andreas Von Dr. Erwin Grom

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Zahlensymbole: Die Neun Von Dr. Erwin Grom

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Untersuchung Stephanusdarstellung War das Tympanon einst farblich gefasst? 15 Vor 40 Jahren erschien Geschichte der Stadt Breisach a. Rhein von Günther Haselier

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Benefizkonzert: Einladung zum Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach (BWV 248)

Die Musica sacra und ihre Zuhörer

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Baugerüste sind mehr als nur Stangengewirr 20

Aktuell

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Unser Münster 2 - 2009

Interview mit einem Gerüstbaumeister

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Als einer von 7 Männern, so erzählt die Apostelgeschichte, war der hl. Diakon Stephanus, unser Münsterpatron, in einer Gemeindeversammlung dazu gewählt und durch Handauflegung von den Aposteln beauftragt worden, dafür Sorge zu tragen, dass die bereitgestellten Gaben gerecht an alle verteilt wurden. Denn immer wieder waren besonders Witwen, aber auch Waisen und Ausländer bei der täglichen Versorgung übersehen worden. Diese lebten meistens von Almosen, waren also auf die Unterstützung durch ihre Mitchristen angewiesen. Ihre Lebensbedingungen waren für die junge Gemeinde in Jerusalem so etwas wie ein Prüfstein: Wenn es den Armen und Notleidenden gut geht, dann leben wir nach dem Willen Gottes, wie es die Propheten schon früheren Generationen immer wieder ans Herz gelegt hatten (z. B. Jer 7, 6-7: »Wenn ihr Fremdlinge, Witwen und Waisen nicht bedrückt.. dann will ich mit euch wohnen«). Wenn die Apostelgeschichte auch nicht im Einzelnen von den Tätigkeiten der 7 Diakone erzählt, so setzte doch der hl. Stephanus mit seiner Berufung zum Dienst an notleidenden Menschen und seinem bis zur letzten Konsequenz reichenden Bekenntnis zu Christus die Botschaft der Menschwerdung Jesu und sein Erlösungswerk fort. In seinem Leben und Sterben vereinigte er beides: Nächstenliebe und Gottesliebe. In diesem Sinn ruft auch das 2. Vatikanische Konzil (1962 - 65) eindrücklich den Zusammenhang von Solidarität mit den Armen und der Begegnung mit Christus in Erinnerung: Gerade die Liebe zu den Notleidenden unserer Erde stiftet eine heilbringende Beziehung zu Jesus Christus, dem Bruder aller Geringsten. Denn im Geringsten begegnet Jesus selbst und in ihm Gott, heißt es in »Lumen gentium«. Und das Gleichnis vom letzten Gericht (Mt 25, 31-46) macht die solidarische Liebe zu den Bedrängten, Ausgegrenzten, den Notleidenden aller Art zum entscheidenden

Maßstab christlichen Handelns: »Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan«. (Mt 25, 40) Der Dienst am Nächsten ist ein Ort der Gottesbegegnung, keine lästige Pflicht, kein moralischer Appell, kein Almosen. Wer sich Gott zuwendet, kann gar nicht anders als sich der Menschen anzunehmen. Und umgekehrt kann die Abwendung vom Nächsten auch für Gott blind machen. Solidarische Liebe, sozialdiakonischer Einsatz für Arme, Schwache, Kranke und Notleidende sind also kein schmückendes Beiwerk, sondern sind »unverzichtbarer Wesensausdruck« der Kirche, schreibt Papst Benedikt XVI in seiner Enzyklika »Deus caritas est«. Seitdem ich in Breisach wohne, bewundere ich das vielfältige soziale und diakonische Engagement in unserer Pfarrei. Dabei denke ich - um einige Beispiele zu nennen - an die Frauen und Männer, die ohne Aufsehen ganz im Stillen wirken. Ich denke an die Kommunionhelferinnen und - helfer, die Kranke besuchen, ihnen das Wort Gottes verkünden und das »Brot des Lebens« reichen. Ich denke an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gottesdienstteams im Seniorenpflegeheim, die Woche für Woche den Bewohnern die Teilnahme an der Wort-Gottes-Feier ermöglichen. Und ich denke nicht zuletzt an unsere Kolpingfamilie, die sich für Menschen in Notsituationen einsetzt und sich partnerschaftlich mit den Christen in Canto Grande /Peru verbunden weiß. Möge es uns allen auch weiterhin gelingen, auf die Fürsprache und nach dem Vorbild unseres Münsterpatrons immer wieder ein Auge für die Menschen um uns und besonders die zu haben, die unsere Hilfe, unsere Zuwendung, unsere Aufmerksamkeit, unsere Liebe brauchen. Und das aus der Gewissheit, dass wir es tun, weil uns der menschgewordene Sohn Gottes dazu die Kraft gibt. _________________________________ Verbindungen zum heiligen Stephanus findet man in Breisach immer wieder; ein Beleg dafür ist eine Studie zum Tympanon, das mit dem heiligen Stephanus zu tun hat: Seite 17. In der nächsten Ausgabe wird es hier einen kleinen Bericht über eine frühe Breisacher Münze, einen »Dicken« mit Stephanusdarstellung geben.

„Der Gönner unserer Sache“

Wer war

Maurice Jardot? Von Uwe Fahrer, Stadtarchivar Bürgermeister August Ehrlacher, Fabrikant Paul Obrecht, Dr. med. Hans Loewe, Oberbaurat Bosch vom Erzbischöflichen Bauamt und Oberbaudirektor Joseph Schlippe, dem Leiter des Freiburger Wiederaufbaubüros und Denkmalpfleger, auch Capitain Jardot teilnahm, den Höfler in seinem Tagebucheintrag „den Gönner unserer Sache“ nennt. Unter dem 24. Oktober 1945 schreibt Höfler: „Heute war ich in der Ziegelfrage (Beschaffung von Ziegeln für das Münster; Anm. d. Verf.) bei Capitain Jardot. Er erklärte mir, er komme am 26. oder 27. Oktober nach Baden-Baden (Sitz der französischen Militärregierung für das Land Baden; Anm. d. Verf.) und wolle die Freigabescheine erwirken. Sein Büro war mit verschiedenen Aufnahmen von unserem Hochaltar geschmückt. Es zeigte sich, dass er Breisach in sein Herz geschlossen hat ...“ Am 11. November erfuhr Höfler, dass „Capitain Jardot nicht mehr zuständig“ sei, für den Münsterpfarrer eine „Hiobsbotschaft“, die jedoch nur vorübergehend zu einem Stillstand der Materialbeschaffung führte, denn schon am 7. Dezember war Jardot in Kandern, um dort die Freigabe von 6000 Ziegeln zu besorgen, am 13. Dezember bemühte er sich „dass wir die SS-Wagen für das Bauholz bekommen“ und an Heiligabend 1945 notiert Höfler: „Wider Erwarten kamen heute mit Spezialwagen die letzten Langholzfuhren von Hölzlebruck. Der Frachtbrief trug zwei französische Stempel. Wer dafür gesorgt hat, weiß ich nicht. Wahrscheinlich wieder Capitain Jardot. Jetzt geht allmählich alles von selbst. Man spürt die Hilfe Gottes sichtbar...“ und zum Schluss seines Tagebuches widmet Hugo Höfler unter dem 4. Januar 1946 einen längeren Eintrag Capitain Jardot: „Gegen Abend

Maurice Jardot Bild Archives Départementales du Haut-Rhin, Repro: Stadtarchiv Breisach

Unser Münster 2 - 2009

Wer sich etwas eingehender mit der Wiederaufbaugeschichte des Münsters 1945 beschäftigt, stößt hin und wieder auf einen „Capitain Jardot“. In den „Kriegstagebüchern“ des Stadt- und Münsterpfarrers Hugo Höfler wird er erstmals unter dem 14. September 1945 erwähnt. Dort lesen wir: „Heute war ich in Freiburg. Wir gingen zum Vertreter von Herrn Jardot, Colonel Focault. Dieser, ein sehr entgegenkommender Herr, sicherte uns einen Militärwagen zu, der uns das Baumaterial heraufführt. Ebenso drängte ich, dass das Holz für den Dachstuhl herbeikomme. Dem Herrn Spiritual, Pater Sauer, gab ich einen Brief an den Denkmalpfleger von Basel, Herrn Universitätsprofessor Riggenbach (vgl. „unser münster“ Nr. 2/2007) mit, in welchem ich bat, die Schweiz möchte die Ziegelfrage lösen....“ Am 20. September 1945 hatte Hugo Höfler dann eine persönliche Unterredung mit Capitain Jardot: „Er erklärte mir, dass es ihm missfallen habe, dass die Arbeiten am Münster nicht weiter vorangeschritten seien. Ich entgegnete ihm, dass das eine Folge der leidigen Transportfrage sei. Er stellte mir seinen Wagen zur Verfügung, damit ich den Herrn Oberbaurat Bosch (vom Erzbischöflichen Bauamt Freiburg, Anm. d. Verf.) zur Besprechung der Transportfrage holen könne....“ Schon am nächsten Tag trafen die ersten beiden Lastwagen mit Backsteinen aus Freiburg ein, die von der Fahrbereitschaft der Militärregierung gestellt wurden. Capitain Jardot sorgte dann dafür, dass der Chauffeur des Lastwagens sämtliche Fuhren mit Baumaterial für das Münster tätigen konnte. Am 17. Oktober 1945 fand in Breisach eine Besprechung zum Fortgang der Münsterbauarbeiten statt, an der neben Hugo Höfler u.a.

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Übersicht: Hier wurden die Bilder aufgenommen

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Die Musica sacra und ihre Zuhörer

Mit »Geschenk des Himmels« überschrieb der Chefredakteur des RHEINISCHEN MERKURS Michael Rutz in Nr. 15 der Wochenzeitschrift seine Gedanken zu Kirchenkonzerten. Nach der Darstellung der Erfahrungen seiner eigenen Laufbahn als Sänger meint er folgendes (Auszug): Einen Himmel ohne Palestrina? Ohne Mozart? Ohne Bach, ohne Beethoven? Unmöglich. Allein der Auftritt: vorne der Dirigent, dann ein vielstimmiges Orchester, ein prachtvoller Chor mit Sopran und Alt, mit Bariton und Bass, zudem die Solisten: himmelsgemäß. Und die Kompositionen von einer Frömmigkeit, wie sie dem Himmel unbedingt angemessen wäre. Wenn dann der Schlusschor aus der Johannespassion verklungen ist: » ... Herr Jesu Christ, erhöre mich, ich will dich preisen ewiglich« - dann würden alle stille sein, die gewaltige musikalische Idee nachklingen lassen, in sich gehen, und sie würden merken: Musik gehört nicht zum Leben, Musik ist Leben, auch im Jenseits, und sie ist das »donum dei«, ein Geschenk Gottes. Stille? Einkehr? Heute bricht sofort Beifall los. Zu ergriffenen Nachgedanken bleibt keine Zeit, der Taktstock ist noch nicht gesunken, da fängt irgendein musikalischer Laie zu klatschen an, winkt einer Sängerin, die im Sopran mitsingt, der Chorraum der Kirchen ist ohnehin voller Angehöriger, die von Stolz auf ihre singenden Familienmitglieder, nicht aber von musikalischer Kenntnis oder gar von Ergriffenheit geplagt sind. Man muss ja schon froh sein, wenn nicht zwischen jedem einzelnen Chor applaudiert wird. Das sind die kleinen Todesstöße für die geistliche Musik. Sie wird »geistlich« nicht durch die Aneinanderreihung der Noten. Vielmehr bezieht sie ihren sakralen Gehalt durch Zuordnungen von außen, durch das Ziel, das der Komponist ihr gibt: durch den geistlichen

Text, den Aufführungsort, die Integration in die liturgische Handlung. Und eben durch die subjektive Haltung, die der Zuhörer dem Werk im Moment der Aufführung entgegenbringt. Das alles bestimmt darüber, ob es sich bloß um ein Konzert handelt oder um ein Stück der Musica sacra. Es gibt genügend Beispiele für den fließenden Übergang zwischen beidem. Vor allem J. S. Bach hat aus weltlicher im Handumdrehen geistliche Musik gemacht. Der erste Satz seines 1. Brandenburgischen Konzerts findet sich als Sinfonia seiner Kantate zum 23. Sonntag nach Trinitatis wieder, »Falsche Welt, ich trau dir nicht«. ... Musikwissenschaftler haben diese Abschreibpraxis feinsinnig »Parodieverfahren« genannt. Bach hat das im Weihnachtsoratorium auf die Spitze getrieben. Wo es zum Lobe sächsischer Herrscher eben noch hieß »Blühet, ihr Linden, in Sachsen wie Zedern«, lautet die weihnachtliche Umdichtung: »Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen ...« ... Oder die Melodie des »Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage«, die zuvor auf den Text »Tönet ihr Pauken! Erschallet Trompeten!« hörte. Wenn es also in der Musik selbst nichts Geistliches gibt, wohl aber »geistliche Musik«, der das Geistliche von außen angewandelt wird, dann kommt es auf diese äußeren Umstände wirklich an. Sie bedürfen der Pflege. Eine weltliche Musik wie Bruckners Achte, die er »dem lieben Gott« gewidmet hat, wird nur dann vom Zuhörer als Stück zur Ehre Gottes verstanden werden, wenn sie in einer Kirche erklingt. Der Komponist geistlicher Musik wird ohne eigenen Glauben nichts zuwege bringen; die Texte brauchen theologische Fundierung; der Aufführungsort will bedacht sein. Ist es ein Kirchenraum, bedarf er der Ausschmückung - das Licht, die Kerzen; die Atmosphäre, in der geistliche Musik erklingt, ist Teil der Rezeption, des Heiligen.

Gesehen am Münsterweg

Aus Heft 2009-1: Die moderne Sandsteinskulptur links ist ein Werk der Breisacher Schule von Helmut Lutz. Sie wurde um 1980 von Bildhauer Hoppe geschaffen und steht nordöstlich gegenüber dem Radbrunnenturm. Die Plastik blieb ohne Namen. (Foto Birgit Lüttmann)

Unser Münster 2 - 2009

Wo befindet sich die Skulptur rechts? Welches Motiv zeigt sie?

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Das Gerüst ist auf Uhrenhöhe angelangt

sammen halten. Das ist jedoch eine bewährte Technik. Sie sind ja auch nicht mehr der Jüngste: Kennen Sie noch die Zeit der Holzgerüste, die mit Seilen zusammengebunden wurden? Selbstverständlich. Die hatten mindestens den Vorteil, dass man sich nicht - wie bei Stahlgerüsten - an ein Raster halten musste. Aber Holz ist in diesem Fall kein sehr zuverlässiges Material. So musste es nach und nach den gestiegenen Sicherheitsvorschriften weichen. Ist es für Sie etwas Besonderes, eine Kirche wie das Breisacher Münster einzurüsten? Auf jeden Fall. Für uns Gerüstbauer ist dieses Gerüst hier eine ständige Herausforderung, die Können und Erfahrung verlangt. Man kann es nicht mit an Zweifamilienhäusern aufgestellten Gerüsten vergleichen. Alleine seine Höhe zwingt uns, auf eine gesteigerte Stabilität zu achten. Dies ist schon deshalb nötig, weil extrem schwere Baumaterialien - z. B. Sandsteinquader - über das Gerüst zum Einbauort transportiert werden müssen. Die Vorschriften des Denkmalschutzes, also die Beachtung sensibler Gebäudeteile, macht es auch nicht einfacher. Schließlich liegt bei den Gerüstbauern die Verantwortung für ihre eigene Sicherheit und die der Steinmetze und anderer Handwerker. Demnächst rüsten wir den Nordturm ein. Dort muss ein Teil des Gerüsts auf das steile und dazu noch gewölbte Dach der Nordapsis gesetzt werden. Das macht man nicht im Vorbeigehen.

Baugerüste sind mehr als nur

Stangengewirr

Interview mit Herrn Klaus Keding, 62 Jahre alt, seit 1975 Gerüstbaumeister der Firma Weber, Gerüstbau. Ihn beobachtete Hermann Metz bei der Arbeit und befragte ihn.

Unser Münster 2 - 2009

Wenn man das Gerüst am Breisacher Münster sieht: Es nötigt einem schon Respekt ab.

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In der Gerüsttechnik steckt mehr als man denkt. Das derzeit an der Nordwand des Breisacher Münsters stehende Gerüst ist mit Eckteilen um die 90 m lang; an der höchsten Stelle ist es 24 m hoch. In ihm sind gut und gern 4000 Gerüstelemente verbaut. Sein Gewicht dürfte bei 45 Tonnen liegen. Dabei sollten Sie bedenken, dass die Gerüststangen ausschließlich durch Klemmteile, also durch Reibung zu-

Von Weitem gesehen ist ein Gerüst doch ein filigranes und sicher nachgiebiges Gebilde. Gibt es Tricks, ein Gerüst stabiler zu machen? Klaus Keding, Gerüstbaumeister

Es ist wie bei jeder aus Stäben, Brettern u. Ä. bestehenden Konstruktion. Wird sie belastet, benötigt sie stabilisierende Elemente wie etwa Diagonalstäbe. Dass das Münster Strebepfeiler und andere vorstehende Formen besitzt, hilft der Gesamtstabilität des Gerüsts, denn solche Formen zwingen den Gerüstbauer zu Kröpfungen, die der Konstruktion zusätzlichen Halt geben. Wichtig sind dabei auch die in den Mauerwänden verankerten Dübel: Sie stabilisieren das Gerüst in der Horizontalen. Sie haben die Verantwortung für die Sicherheit der Gerüste ... Es ist nicht so, dass ich als Capo meinen Mitarbeitern dauernd mit dem Schraubenschlüssel hinterher rennen muss, um zu kontrollieren, ob alle Muttern richtig angezogen sind. Auch sie wissen genau, welche Verantwortung auf ihnen lastet.

hen und die Gerüstfüße am Boden schon gleich ein Stück von der Wand weggestellt. Eine einfache Rechnung ergibt: Würde das etwa 25 m hohe Gerüst am Nordhaus um nur 2° von der Vertikalen abweichen, hinge es ganz oben um fast 90 cm nach außen. Könnten Sie das noch hinnehmen? Niemals. Ein Gerüst muss absolut senkrecht stehen. Das prüfen wir beim Aufbauen laufend mit der Wasserwaage nach. Ist Gerüstbauer ein Ausbildungsberuf? Ja. Mein eigener Sohn war der erste Auszubildende bei der Firma Weber. Es freut mich, dass er ein fachkundiger und zuverlässiger Mitarbeiter geworden ist.

Haben Sie nachts schon einmal von einem zusammenstürzenden Gerüst geträumt? Nein, aber ein solches Unglück habe ich schon gesehen. Wenn man beispielsweise schwere Planen angebracht hat und der Wind fängt an zu pfeifen, verfolgt einen die Sorge um die Gerüstsicherheit oft genug bis nach Hause. Am nördlichen Querhaus hängt der Giebel - eine Folge des Bombardements 1945 - in etwa 18 Meter Höhe ein ordentliches Stück nach außen. Wann haben Sie das bemerkt? Wenn man so lange wie ich Gerüste aufstellt, ist einem der Sinn für die Senkrechte und die Waagrechte fast eingepflanzt. So habe ich den nach Norden hängenden Giebel sofort gese-

Klaus Keding auf dem Gerüst am Nordturm

Unser Münster 2 - 2009

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Notiz in der BZ am 25. 9. 2009

Darüber freuen sich die Pfarrgemeinde und der Münsterbauverein Einstimmig sprach sich der Breisacher Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung für einen Zuschuss in Höhe von 35 000 Euro für die katholische Kirchengemeinde St. Stephan aus. Das Geld ist für den 4. Bauabschnitt der Außenrenovierung am Breisacher Münster bestimmt. Die Kosten hierfür belaufen sich auf rund 356 000 Euro. »Es geht um die Sanierung unseres großen Wahrzeichens«, betonte Rathauschef Oliver Rein.

Pfarrer Paul Rudigier wurde verabschiedet

Ehegeschichte, Münstergeschichte

Virtuoses Hornkonzert

Am 12. 7. und am 19. 7. wurde Pfarrer Paul Rudigier in Gottesdiensten in Gündlingen und Breisach verabschiedet. Seit Sommer 2000 hatte der Pensionär die Gündlinger Gemeinde St. Michael seelsorgerisch betreut und in dieser Zeit zusammen mit seiner Haushälterin Hulda Erschig im Pfarrhaus Gündlingen gewohnt. Unser Bild zeigt ihn im Mai 2006 anlässlich seines Goldenen Priesterjubiläums zusammen mit Pfarrer P. Klug und Weihbischof W. Kirchgässner.

Am 21. 9. 2009 feierten Luise und Siegfried Spindler ihre Diamantene Hochzeit im Münster. Sind 60 Jahre Ehe an sich schon etwas nichts Alltägliches, so hat die Hochzeit des Paares am 17. September 1949 auch eine historische Besonderheit. L. und S. Spindler waren nach dem Krieg das erste Paar, das sich vor dem kurz zuvor wieder zurückgeholten Hochaltar das Ja-Wort gab. Die beiden wurden von Pfarrer August Müller getraut. Der Münsterbauverein entbietet dem Ehepaar Spindler seine besten Wünsche für den Lebensabend. Pfarrer Hugo Höfler, Müllers Vorgänger, hatte den Altar zu Kriegsbeginn 1939 in weiser Voraussicht abbauen und in einen Bergungsraum nach Freiburg bringen lassen. In seinem Tagebuch (= Kriegstagebücher) lesen wir darüber:

Am 24.Januar 2009 war im Hansjakob-Hof des Badischen Winzerkeller im Rahmen eines Ensemblekonzerts Hornmusik auf höchstem Niveau zu hören. Prof. Christian Lampert von der Musikhochschule Stuttgart war nun schon zum dritten Mal mit seinen Schülern – die alle bereits in deutschen Spitzenorchestern engagiert sind – nach Breisach gekommen, um durch ein Benefizkonzert den Münsterbauverein Breisach und damit die Renovierung unseres St. Stephansmünster tatkräftig zu unterstützen. Die über 400 musikbegeisterten Zuhörer konnten musikalische Kostbarkeiten der Hornliteratur aus 4 Jahrhunderten genießen. Die Begeisterung der Zuhörer äußerte sich nicht nur in stürmischem Applaus, sondern auch im Spendenkorb - 3000 € konnte Peter Wiedensohler als Rechner des Münsterbauvereins freudestrahlend entgegen nehmen. Der Münsterbauverein Breisach und die Münsterpfarrei St.Stephan danken allen MusikerInnen für diesen großen Münsterbaustein. Ein besonderer Dank gilt Herrn Martin Grom, auf dessen Initiative diese Konzerte ins Leben gerufen wurden. Mit diesem Dank verbindet sich die Hoffnung, dass auch 2010 wieder Hornmusik für unser Breisacher Münster erklingen möge. Ein herzlicher Dank gilt auch dem Badischen Winzerkeller für die großherzige Unterstützung dieses Meisterkonzertes. (drg)

»Mein Herbst geht heute zu Ende, mein Spätherbst beginnt morgen, und ich werde jeden Tag für Euch beten«, versicherte Rudigier den Gündlingern in seiner letzten Predigt. Sein neues Zuhause hat P. Rudigier in der March gefunden.

Pfarrfest 2009: Auch der Münsterbauverein war mit einem Informationsstand anwesend

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28. August 1939 Gegen 15 Uhr meldete mir meine Schwester den Besuch eines Dr. Martin vom Badischen Kultusministerium. Ich ging sofort hinunter und begrüßte ihn. Er legte mir seine Ausweise vom Kultusministerium und auch vom Herrn Erzbischof vor. Er erklärte mir, daß man unter Umständen an den Abbau des Hochaltars denken müßte. Es müsse alles möglichst unauffällig vor sich gehen. Wir gingen gleich in die Kirche und betrachteten den Hochaltar. Darauf wurde hiesigen Handwerksleuten der Auftrag gegeben, ein Gerüst aufzuschlagen, angeblich weil der Holzwurm entfernt werden müsse. Es sprach sich aber sofort im Städtchen der eigentliche Grund herum. Herr Martin war mir sehr dankbar, daß ich den Reliquienschrein bereits entfernt habe. Sonst wird man als halber Landesverräter hingestellt, wenn man so etwas unternimmt. ...

Eine gute Idee zugunsten des Münsters Springerle sind (lt. WIKIPEDIA): ... traditionelle Anis-Weihnachtsplätzchen ... Sie gehören wie Spekulatius zum Bildgebäck. Springerle sind in Süddeutschland, Österreich, der Schweiz und Ungarn bekannt. Der Name kommt ... vom Aufspringen (Aufgehen) beim Backen. Dabei wächst der Teig auf die doppelte Höhe und bildet am unteren Rand einen „Fuß“. Eine Spezialistin im Springerlebacken ist Frau Oktavia Schauenburg, die ihre Kunst auf dem Pfarrfest und auf dem Nikolausmarkt vorstellte und verkaufte. Wenn man dann noch - wie sie - die richtigen Model zur Verfügung hat, dann wird ein besonders schönes Gebäck daraus. Der Münsterbauverein dankt dem Ehepaar Schauenburg (Bild) für diese sympathische Art, die Münsterrenovierung zu unterstützen!

Münstersteine: Weihnachtsgeschenke der besonderen Art

Stilvolle Steinmetzarbeiten Die derzeit am Münster tätigen Steinmetze der Firma A. Hellstern (Freiburg) haben zugunsten der Münsterrenovierung Sandsteinornamente zu stilvollen kleinen Kunstwerken gestaltet. Die beschädigten Zierelemente waren im Zuge der Außensanierung aus den Münster-Querhäusern ausgebaut worden. Einige davon sind in der Glasvitrine im Münster zu besichtigen. Natürlich gibt es immer noch die beliebten kleinen Kerzenständer aus alten Steinen. Sie sind schon für 10 bis 30 Euro zu haben. Bilder: Neue Friese (oben) Altes Akanthusornament umgearbeitet (unten).

Neue Steinpatenschaftstafel Der Münsterbauverein konnte im Oktober 2009 im Münster eine dritte Patenschaftstafel aufstellen. Auf ihr - sie misst 2m x 1m - sind die Steinpaten Nummer 150 bis 232 aufgeführt. Sie finden ihre Patensteine ausnahmslos auf der (hier kolorierten) Westseite des Münsters. Mit ihren Spenden ist das Steinpatenkonto am 1. 10. 2009 auf stolze 236 000 Euro angewachsen (darin enthalten ist die große Spende der Paul-MathisStiftung, die die Renovierung des Schneckenturms übernahm). Dafür bedanken sich die Münstergemeinde St. Stephan und der Münsterbauverein Breisach bei allen Spendern sehr herzlich.

Seite 23

Der Münsterbauverein im Internet :

www.st-stephan-breisach.de oder www.unser-münster.de

Impressum Redaktion: Hermann Metz, Dr. Erwin Grom Layout: Martin Hau Bilder: Privat, Pfarrarchiv; sonstige Herkunft ist angegeben. Herausgeber: Druck: Meisterdruck, Reute Münsterbauverein Breisach e.V. Konten: Münsterplatz 3, 79 206 Breisach, Sparkasse Staufen-Breisach Tel. 07667/203 Fax 566 KTN: 6000 509 www.st-stephan-breisach.de [email protected] BLZ: 680 523 28 KTN: 25 99 18 BLZ 680 615 05 Volksbank Breisgau-Süd

Hornkonzert 2010 Am Samstag 23.01.2010 kommen nunmehr zum 4. Mal die Hornisten um Prof. Lampert auf Initiative von Martin Grom nach Breisach. Sie werden in ihrem Ensemblekonzert wieder virtuose Hornmusik mit vielen Überraschungen zu Gehör bringen. Alle Musiker verzichten erneut zugunsten der Münsterrenovierung auf eine Gage. Das Konzert wird um 20:00 Uhr im Hansjakob- Hof des Badischen Winzerkellers stattfinden. Alle Freunde des Münsters und der Musik sind herzlich eingeladen. Der Eintritt ist frei – Spenden zugunsten der Münsterrenovierung sind erwünscht.

Preis für Castellum-Forschung

Im Heft 2008 - 2 hatten wir das Glück, in Herrn Dr. Marcus Zagermann einen Autor zu finden, der maßgeblich mit den Untersuchungen zum römischen Kastell auf dem Münsterplatz befasst war. Von ihm stammt auch die Computersimulation, die uns zeigt, wie das Breisacher Kastell ausgesehen haben könnte.

Kanzeltausch

Zwei Termine im Advent 2009, über die wir in »unser Münster« 2009-2 leider nicht mehr berichten können, werden wohl als ein besonderes ökumenisches Zeichen in die Breisacher Kirchengeschichte eingehen: der Kanzeltausch. Am 2. Advent, 6. Dezember, 2009, predigt Pfarrer Peter Klug in der Martin-Bucer-Gemeinde. Eine Woche später, am 3. Advent, 13. Dezember 2009, richtet Pfarrer Peter Hanselmann das geistliche Wort von der Kanzel des Münsters St. Stephan an die Gemeinde. Darauf werden wir in der nächsten Ausgabe eingehen.

Für seine Arbeit hat M. Zagermann nun einen Preis erhalten, zu dem wir ihn herzlich beglückwünschen. M. ZAGERMANN, geboren 1976 in Villingen, hat in Freiburg und Wien Provinzialrömische Archäologie, Ur- und Frühgeschichte sowie Alte Geschichte studiert. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kommission zur vergleichenden Archäologie römischer Alpen- und Donauländer der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München. Für seine Doktorarbeit über die Römerzeit auf dem Breisacher Münsterberg wurde ihm im Oktober in der Freiburger Universität der Ralf-Dahrendorf-Preis verliehen. (Den Dahrendorf-Preis, der der Förderung des Historiker-Nachwuchses an den Universitäten Freiburg, Basel und Straßburg dient, hat die Badische Zeitung gestiftet).

2 500 000 Euro Renovierungskosten? Bei einer solchen Summe darf man schon so nachdenklich schauen wie Pfarrer Peter Klug

Liebe Mitglieder des Münsterbauvereins, liebe Steinpaten, liebe Förderer und Freunde des Münsters St. Stephan, die Vorstandschaft des Münsterbauvereins Breisach e. V. entbietet Ihnen und Ihren Familien Segenswünsche zum Weihnachtsfest und alles Gute im neuen Jahr 2010. Wir bedanken uns ganz herzlich bei Ihnen für das Engagement, das Sie auch 2009 dem Münster angedeihen ließen und hoffen, dass Ihnen das 800 Jahre alte Breisacher Wahrzeichen - dessen abschließende Renovierungsphase begonnen wurde - auch in Zukunft eine helfende Hand wert ist. Unser Dank gilt auch dem Trio, das sich diesem Heft widmet: den Herren Hermann Metz, Dr. Erwin Grom und Martin Hau. Ebenso bedanken wir uns herzlich bei allen Autoren, die interessanten Lesestoff über das Münster beigesteuert und dies für Gottes Lohn getan haben. An dieser Stelle darf ich Ihr Augenmerk auf Herrn Uwe Fahrers Beitrag in diesem Heft lenken: Er zeichnet ein Porträt des Franzosen Maurice Jardot, den in Breisach kaum jemand kennt und der - wie wir auch aus den Kriegstagebüchern von Dekan Hugo Höfler wissen - in den schweren Nachkriegsjahren ein wichtiger Helfer beim Aufbau des Münsters St. Stephan war. Schließlich haben wir für Sie, wie in den vergangenen Jahren auch, ein kleines Dankeschön in Form einer Doppelkarte mit Münstermotiv herausgesucht.

Ihr Peter Klug Pfarrer und 1. Vorsitzender des Münsterbauvereins Breisach

Neue Steinpatenschaftstafel - Tympanon: War es farblich gefasst? - Breisacher Ballade - Außenrenovierung - 40 Jahre alt: Die Geschichte der Stadt Breisach - Heilige im Münster - Zahlensymbole: Die Neun - Weihnachtsoratorium von J. S. Bach