Steinkohle gibt Aldenhoven ein neues Gesicht - Spurensuche

Steinkohle gibt Aldenhoven ein neues Gesicht - Spurensuche

Hermann Goertz, 2003 Steinkohle gibt Aldenhoven ein neues Gesicht Der ehemalige Gemeindedirektor von Aldenhoven - Herr Hermann Goertz (s. Foto rechts...

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Hermann Goertz, 2003

Steinkohle gibt Aldenhoven ein neues Gesicht Der ehemalige Gemeindedirektor von Aldenhoven - Herr Hermann Goertz (s. Foto rechts) - blickt zurück auf Jahrzehnte des Aufbruchs und Strukturwandels und lässt die Zuhörer im Bergmannshaus teilhaben an lokaler Zeitgeschichte, die für die anwesenden Bergleute und Bergmannsfrauen Phasen eigener Lebensgeschichten bedeuten.

Mit EMIL MAYRISCH beginnt ein neues Zeitalter in Aldenhoven Als der Vermessungssteiger (-ingenieur) Simon Kraut 1938 auf dem freien Feld zwischen Siersdorf und Dürboslar den Mittelpunkt für die Schächte des neuen Steinkohlenbergwerkes Emil Mayrisch markierte, wurde auch für die Gemeinde Aldenhoven ein neues Zeitalter eingeläutet, wenn auch noch durch den Krieg unterbrochen. Kohleförderung hatte beim Wiederaufbau nach dem Krieg unbedingte Priorität mit der Folge eines hohen Bedarfs an Arbeitskräften. Deren Anwerbung im In- und Ausland gelang und steigerte das Problem der Unterbringung. Der EBV, der für die Beschaffung von Wohnraum verantwortlich war, übertrug diese Aufgabe an die Wohnungsbaugesellschaften ABS, Rheinland und Conti, die Wohneinheiten geradezu aus dem Boden stampften. Die Übersicht zeigt: 1950 1951 - 1959 1960 - 1965 Insgesamt

211 Wohnungseinheiten 1.500 Wohnungseinheiten 800 Wohnungseinheiten 2.511 Wohnungseinheiten

Von den in 15 Jahren erstellten Wohnungseinheiten waren 4/5 aller Mietwohnungen zweckgebunden für den Bergbau.

Neubaugebiet entsteht

Der explosionsartige Bevölkerungszuwachs wandelte den landwirtschaftlich ausgerichteten und von verträumter dörflicher Idylle geprägten Ort zu einer Wohn- und Industriegemeinde. Bald schmolz der durch die jähe Veränderung hervorgerufene Widerstand der Landwirte, als 1

im Zuge des Baus von Straßen und Wohnungen der Wertzuwachs an Grund und Boden sich verdreifachte. Der gesamte Grunderwerb erfolgte ohne Enteignung. Die folgende Übersicht liefert einen Einblick in die damaligen Investitionen. Maßnahmen Grunderwerb Erschließung der Wohn- und Siedlungsgebiete Kanalbau und Kläranlage Schulbauten, Lehrschwimmbecken und Turnhalle Sportplätze und Bäder in der zentralen Sport- und Erholungsanlage am Merzbach Industrieansiedlung und Erschließung (ohne Grunderwerb)

Kosten

Zuschüsse, so weit noch feststellbar

3,5 Millionen DM 3,6 Millionen DM 1,9 Millionen DM

1,9 Millionen DM 1,2 Millionen DM

3,8 Millionen DM

2,7 Millionen DM

4,7 Millionen DM

2,2 Millionen DM

1,4 Millionen DM

0,7 Millionen DM

Der Wohnungsmarkt In einem Jahrzehnt – von 1950 bis 1960 – betrug der Bevölkerungszuwachs in Aldenhoven 425 %. Es gab 1.667 Haushalte und jährlich etwa 60 Eheschließungen. Das Wohnungsdefizit belief sich auf 18,3 %, es fehlten 309 Wohneinheiten. Um die Schieflage von Nachfrage und Angebot auf dem Wohnungsmarkt in den Griff zu bekommen, fanden die Verantwortlichen pragmatische Lösungen, die heutzutage undenkbar wären, sich jedoch damals zweckmäßig und effektiv auswirkten. Gleichsam in „einem Boot“ saßen die Bezirksregierung Aachen, der Kreis Jülich und die Gemeinde Aldenhoven. Wenn Letztere zu den nicht immer perfekten Bebauungsanträgen der Wohnungsbaugesellschaften schnell und großzügig ihre Zustimmung erteilte, konnte sie das Einvernehmen der übergeordneten Behörden voraussetzen. Es lag im allseitigen Interesse, dass das Aachener Revier bei der Wirtschaftsförderung eine Rolle spielte. Energiegewinnung nahm in den Jahren des Wiederaufbaus und Wirtschaftswunders einen hohen ökonomischen und zugleich gesellschaftlichen Rang ein.

Das Exmittiertenproblem Als „Exmittierte“ galten solche Bürger, die in zweckgebundenen Bergarbeiterwohnungen untergebracht waren, aber – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr in einem Arbeitsverhältnis mit dem EBV standen und deshalb aus den Wohnungen ausziehen mussten. 1964 umfasste dieser Personenkreis 164 Familien mit 725 Menschen. Laut einem Urteil des OVG Münster war das Amt Aldenhoven zur Unterbringung der Exmittierten verpflichtet. Es wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, um die Verpflichtung einzulösen:

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1. Ein privater Investor baute drei mehrstöckige Häuser in der Markfestestraße. (s. Foto links) 2. Das Amt Aldenhoven erstellte für 2,1 Millionen DM in Aldenhoven und Siersdorf jeweils zwei Wohnblöcke mit 42 sog. Schlichtwohnungen, die inzwischen abgerissen worden sind. 3. Mehrere drei- bis fünfgeschossige Mietwohnungshäuser wurden privat in der Gerberstraße und im Westring errichtet. (s. Foto Mitte) 4. Auf privater Basis entstand 1966 ein achtstöckiges Hochhaus mit 48 Wohneinheiten, das im Volksmund die Bezeichnung „weißer Riese“ erhielt. (s. Foto rechts) Trotz aller Bemühungen ließ sich das Exmittierten-Problem in Aldenhoven mit baulichen Maßnahmen allein nicht bewältigen. Wieder erwies sich einvernehmlicher Pragmatismus als erfolgreich. Den stringent juristischen Handlungsrahmen entwickelte der damalige Beigeordnete Franz Müller, der mir im Amt des Gemeindedirektors nachgefolgt ist. Diesmal saßen im sprichwörtlichen „einen Boot“ das Amtsgericht Jülich, die Amtsverwaltung Aldenhoven und die Siedlungsgesellschaften. Und so verlief die Vollstreckung, wenn das Amtsgericht Jülich eine Räumung verhängt hatte: Es erschienen drei Herren, um den Gerichtsbeschluss auszuführen, und zwar Herr Zilles (Amtsverwaltung Aldenhoven), Herr Marx (Gerichtsvollzieher des Amtsgerichtes Jülich) und Herr Beck (Wohnungsbaugesellschaften). Der Gerichtsvollzieher stellte einen Stuhl aus der zu räumenden Wohnung vor die Haustür und hatte damit die Räumung formal vollstreckt. Herr Zilles wies als Vollstreckungsbeamter des Amtes Aldenhoven die Exmittierten wieder in die „geräumte“ Wohnung ein. Herr Beck erklärte als Vertreter der Wohnungsbaugesellschaften sein Einverständnis. Die Exmittierten waren untergebracht, und alle waren zufrieden, weniger allerdings das Amt Aldenhoven, das für die Miete aufkommen musste, aber einen allerdings wenig aussichtsreichen Regressanspruch den Mietern gegenüber besaß.

Das neue Rathaus Das aus dem Jahre 1452 stammende und später als Amtsgericht genutzte Gebäude, das heute den Namen des Sozialreformers Ludwig Gall trägt, diente bis 1961 der Amtsverwaltung als Rathaus.

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Angesichts des enormen Zuwachses administrativer Anforderungen reichten Verwaltungspersonal und Räume nicht mehr aus. Ein neues Rathaus war unabdingbar. Bereits Ende 1959 hatte man mit notwendigen Vorarbeiten begonnen. Planung und Bauleitung lagen in Händen des Aachener Architekten Reitz. Für die Statik zeichnete die Firma Dolfen aus Jülich verantwortlich.

Gemeinderat

Endlich konnte am 2. September 1961 der Umzug ins neue Rathaus erfolgen. Dessen Kosten beliefen sich auf 1,4 Millionen DM. Nach Erhalt eines Zuschusses in Höhe von 459.000 DM hatte das Amt Aldenhoven 941.000 DM als Eigenleistung aufzubringen.

Die Schulsituation Im Jahr 1961 waren in Aldenhoven 1.161 Schulkinder zu versorgen. Dafür stand zunächst nur die 1850 auf dem Dorfplatz – heute Place d’Albert – gebaute Volksschule mit vier Klassenräumen zur Verfügung. Schulraum war dringend, permanent und unter laufender Anpassung an die Schülerzahlen zu beschaffen, entsprechend auszustatten und baulich zu ergänzen.

Sporthalle

Einweihung der Sporthalle

1960 befanden sich zwei Trakte – Katholische Schule für Mädchen und Katholische Schule für Knaben – im Bau. Die Albert-Schweitzer-Schule für evangelische und andersgläubige Schülerinnen und Schüler musste bereits 1967 erweitert werden und war mit 13 Klassen die größte Schule im Kreis Jülich. Zum Schulzentrum Schwanenstraße zählten neben den drei Schultrakten geräumige Pausenhöfe, eine Gymnastikwiese, ein Lehrschwimmbecken und eine große Turnhalle mit Gymnastikraum. Für die Turnhalle wurden 930.000 DM aufgewendet; der Zuschuss betrug 670.000 DM. Zum Schulzentrum Aldenhoven-Ost gehörten die Pestalozzi-Schule sowie die vom Kreis Düren gekaufte Realschule mit Großsporthalle. Der Erwerb der Großsporthalle belief sich auf 30.000 DM. 4

Schwanenstraße Schulzentrum

Sonderschule – Einweihung 1970

Käthe-Kollwitz-Realschule

Für Schulbauten, Lehrschwimmbecken und Turnhallen hat Aldenhoven: insgesamt investiert 3,8 Millionen DM

als Zuschuss erhalten 2,7 Millionen DM

an Eigenleistungen aufgebracht 1,1 Millionen DM

Richtfeste und Einweihungen von Schulgebäuden, Lehrschwimmbecken und Sporthallen füllten in den 50er und 60er Jahren mit großen Schlagzeilen die lokale Presse. Rat und Verwaltung legten größten Wert auf eine zeitgemäße Ausstattung der Schulen. Im Schuljahr 1959/60 unterrichteten 25 Lehrerinnen und Lehrer die Aldenhovener Schulkinder; ein Fehlbedarf von 12 Lehrpersonen war festzustellen. Herr Schulrat Laschet glich in ständiger Anpassung an die wachsende Schülerzahl die Unterbesetzung aus. Die Gemeinde unterstützte durch den Bau von Lehrerwohnungen das Bemühen der Schulaufsicht. Bleibt noch nachzutragen, dass 1964 die VHS Aldenhoven eröffnet wurde.

Freizeit und Erholung Für die Eingliederung der Neubürger war es wichtig, sie in bestehende Sportvereine einzubinden. Zuerst gründeten die Neubürger den Fußballverein VfR, der später aber mit dem Traditionsverein Teutonia 05 fusionierte.

Teutonia

Sportplatzeinweihung

Eine herausragende Rolle spielten die Ringer - das Flaggschiff des TuS Aldenhoven unter der Leitung des Apothekers Hans Jürgen Klein – mit den Gebrüdern Ruch und Wilfried Colling als Spitzensportler, um einige der großartigen Athleten zu nennen. Lothar Ruch machte als Bundestrainer Karriere, sein Bruder Karl Heinz trainiert heute noch die Ringermannschaft, und Wilfried Colling, genannt „Catcher“, war sogar Teilnehmer bei der Olympiade in Seoul. Wenn die Bundesliga-Gruppe auf die Matte kam, umjubelte sie die vollbesetzte Großturnhalle.

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Großsporthalle

Da die vorhandenen Sportstätten nicht ausreichten, wurde Mitte der 50er Jahre eine zentrale Erholungs- und Sportanlage am Merzbach an der Westgrenze nach Niedermerz geplant und sukzessive realisiert. Am 1. August 1959 erfolgte der erste Spatenstich zum Bau des Freibades. (s. Foto rechts) Planung und Bauleitung übernahm Bauingenieur Heinrich Zimmet vom Amtsbauamt der Gemeinde Aldenhoven, was erhebliche Kosten einsparte. Als ich Herrn Bürgermeister Vit fragte, wie die Finanzierung zu gewährleisten sei, antwortete er: „Das ist Ihre Sache, Herr Amtsdirektor Goertz“. Kosten Zuschüsse Eigenleistung 380.000 DM 280.000 DM 100.000 DM Die Einweihung des Freibades war ein großes Fest. Herr Landtagspräsident Johnen taufte es auf den Namen „Glück-auf-Bad“ und stieß anschließend mit den geistlichen Herren Dechant Klingen und Superintendent Hack mit drei Gläschen Schnaps – auf „Gott Vater – Gott Sohn und Gott Hl. Geist“ an. An der Programmgestaltung beteiligten sich die Segelfluggruppe „Nordstern“, die einen Blumenstrauß abwarf, sowie das Wasserballett „Hellas“ aus Eschweiler, das die zahlreichen Gäste mit eleganten Darbietungen begeisterte.

Freibad – Einweihung: H. Goertz

Freibad – Einweihung: Wasserballett

Sensationeller Höhepunkt war der ebenso sportliche wie humorvolle Akt des Bürgermeisters Franz Vit. Er eröffnete – feierlich mit Zylinder – das Glück-auf-Bad mit mutigem Sprung vom Fünf- m- Turm.

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Freibad – Einweihung: Sprung F. Vit

Hochbetrieb im Freibad

Das Freibad erfreute sich hohen Zuspruchs. Weit über Aldenhoven hinaus war es ein beliebter Anziehungspunkt. Am 29. August 1964 konnte der 100 000. Besucher begrüßt werden. Im Anschluss an den alten Sportplatz, der später noch als Trainingsplatz genutzt wurde, baute die Gemeinde 1963/64 einen Rasenplatz mit Laufbahn, Sitztribüne und Flutlichtanlage.

Fußballspiel

Kosten 345.000 DM

Zuschüsse 186.400 DM

Eigenleistung 158.600 DM

1973/74 wurde ein Aschenplatz mit Sportlerheim und überdachter Sitztribüne errichtet. Kosten 2,4 Millionen DM

Zuschüsse 1,1 Millionen DM

Eigenleistung 1,3 Millionen DM

Von 1970 bis 1972 entstanden durch die holländische Firma Pelikaan aus Eindhoven Hallenbad (s. Foto rechts) und Gaststätte. Kosten 1.565.000 DM

Zuschüsse 765.000 DM

Eigenleistung 800.000 DM

Die Kosten wurden als sensationell günstig angesehen. Viele Stadt- und Gemeindevertreter aus der näheren und weiteren Umgebung überzeugten sich vor Ort über die preiswerte Fertigbauweise. Der Abriss der Bäder bedeutet für den Freizeitbereich der Gemeinde einen herben Qualitätsverlust. Erfreulich sind der Erhalt der Sportplätze südlich des Merzbaches sowie die lukrative Umwandlung der Grundstücke in Bauland für das Wohngebiet „Am Schwanenkamp“.

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Der Römerpark Schwere körperliche Arbeit unter Tage brachte es mit sich, dass unsere Bergleute eher als andere Betriebsangehörige Invaliden wurden oder früher ins Rentenalter eintraten. Viele waren glückliche Opas und verfügten nun über hinreichend Zeit, sich um ihre Enkelkinder zu kümmern. Neben dem Hobby, in hauseigenen Gärten zu arbeiten, fehlte in Aldenhoven eine zentrale Stelle, in der sich die alten Kumpel treffen und vom Bergbau klönen konnten. Dieser zentrale Ort, an dem man die Kleinen unbesorgt spielen lassen konnte, musste nach einem kurzen Spaziergang für die Älteren erreichbar sein. Nun zeigte sich, wie wertvoll schon im November 1962 die Entscheidung des Rates gewesen war, die Bebauungsplanentwürfe zwischen Pützdorf und „Auf der Komm“ nicht zu realisieren, sondern meinem Vorschlag zu folgen, diesen Raum für eine „grüne Lunge“ freizuhalten. In einer Oase der Ruhe, in einer großzügig angelegten Parklandschaft sollten Alt und Jung Erholung finden. Ich habe damals den Rat gebeten, diese einmalige Chance nicht zu verpassen. Sie sei keine Utopie, habe ich ausgeführt, alles sei nur eine Frage der Zeit und natürlich auch der finanziellen Möglichkeiten. Über meinen Vorschlag hat damals die Jülicher Volkszeitung bereits am 8.11.1962 ausführlich berichtet. Bis es jedoch soweit war, setzte die Gemeinde bereits innerhalb des Ortes vereinzelt Akzente in der Begrünung. Hervorheben möchte ich hier den Ausbau des Köttenicher Weihers von 1968 bis 1970. Nachdem die Gemeinde die Altbauten preisgünstig erworben hatte, wurde der Weiher mit Hilfe der Rheinbraun entschlammt. Ferner wurde ein Versammlungsraum für den Angelsportverein, zu dem überwiegend Bergleute gehörten, eingerichtet und ausgestattet. Schließlich entstanden um den Weiher entsprechende Grünanlagen. Zu den Kosten von 64.220 DM erhielt die Gemeinde einen Zuschuss von 22.437 DM. Ab 1970 war die Verwaltung bemüht, Grundstücke, die für den Römerpark in Aussicht standen, zu erwerben. Die Eigentümer schätzten ihr Land als hochwertig ein, weil ihnen bekannt war, dass damals schon ein Bebauungsplanentwurf dem Rat vorgelegen hatte und sie mit einer Bebauung des Gebietes rechneten. Entsprechend teure Preise forderten die Besitzer, und die Verhandlungen mit ihnen erwiesen sich insgesamt als schwierig. Ein Eigentümer ließ sich von einem Rechtsanwalt in Köln vertreten, der den Namen Wirtz III führte und Wert darauf legte, so beachtet und angesprochen zu werden. Herr Oberamtsrat Wassenhoven als Baumamtsleiter und ich haben beim ersten Termin sehr lange mit ihm verhandelt. Als aber die Verhandlungen stockten, deutete ich an, dass wir letzten Endes die Grundstücke auch enteignen könnten und dann viel weniger zahlen würden, als wir jetzt anzubieten bereit seien. Daraufhin hat Wirtz III uns enorm beschimpft und zornig zugesichert, solange es einen Rechtsanwalt Wirtz III in Köln gebe, würde kein Bürger in Aldenhoven den Fuß in die geplante Parklandschaft setzen. Am Schluss wurden wir „Kommunisten“ genannt und aus seinem Büro verwiesen. Als sich aber in Gesprächen mit der Regierung in Aachen die Möglichkeit abzeichnete, zum Grunderwerb einen Zuschuss schließlich doch zu erreichen, haben wir mit den Grundstückseigentümern und mit Herrn Wirtz III neu verhandelt und auch etwas im Kaufpreis zugelegt, sodass es doch schließlich zu einer Einigung gekommen ist. Insgesamt haben wir für den Grunderwerb 811.448 DM aufgebracht. Ein Zuschuss hierzu in Höhe von 545.400 DM hat uns den Ankauf wesentlich erleichtert. Der Rat gab 1974 die Planung für den Römerpark in Auftrag. Es entstanden Planungskosten von 29.300 DM. Im gleichen Jahr wurde auch ein Ges8

taltungswettbewerb ausgeschrieben, dessen Kosten mit 25.020 DM zu beziffern waren. Den Wettbewerb gewann der Landschaftsarchitekt Georg Reepel aus Düren, der hier schon die Friedhofsanlagen geplant hatte und zu dem ein Vertrauensverhältnis bestand. Deshalb erwarteten wir, auch in Zukunft gut beraten und auch preislich angemessen behandelt zu werden. Die Schätzungen über die zu erwartenden Kosten für den Ausbau und die Gestaltung der Parkanlagen ließen erkennen, dass die Gemeinde diese Investitionen unter keinen Umständen allein schultern könnte. Mit großer Spannung haben wir die Antwort der Bezirksregierung auf unseren Antrag erwartet, die Ausbaukosten zu bezuschussen. Als schließlich der Bewill igungsbescheid des Regierungspräsidenten in Höhe von 1.193.820 DM eintraf, - das war der erste Bewilligungsbescheid über eine Million, den ich in Händen hielt, - habe ich sofort unseren Bürgermeister Franz Vit angerufen und mit ihm diesen Erfolg bei einem Glas Champagner spontan gefeiert. Wir erkannten nun: Der Römerpark ist keine Utopie mehr, sondern er wird Realität werden! Insgesamt sind einschließlich Planung und Ausschreibung für den 1,2 Hektar großen Römerpark 2.550.380 DM ausgegeben worden. Die Landeszuschüsse beliefen sich auf 1.739.220 DM, sodass die Eigenbeteiligung der Gemeinde Aldenhoven doch immer noch 811.160DM betragen hat. Aber auch für weitere Aufforstung und Begrünung sind von 1975 bis 1983 nochmals 370.000 DM ausgegeben worden, für die wir einen Zuschuss von 119.375 DM empfangen haben. Es war für mich eine große Freude, als mir am 4. September 1976 der Bürgermeister bei den Einweihungsfeierlichkeiten den großen Wappenteller (s. Foto rechts) in Anerkennung meiner Verdienste um den Römerpark übergeben hat, der die Widmung trägt: „Herrn Gemeindedirektor Hermann Goertz als geistigem Vater des Römerparks in Dank und Anerkennung gewidmet Fr. Vit, MdB, Bürgerm.“ Es ist gut zu wissen, dass die Oase der Naherholung im Zentrum des Ortes Aldenhoven mit einem großen Teich als Anziehungspunkt für Kinder und Erwachsene erhalten bleibt.

H. Goertz am Teich

Die alten Leute wurden nicht vergessen Es war eine erfolgreiche Zeit des Aufbruchs, als die Zuschüsse noch flossen und die Verantwortlichen der Gemeinde in Schulen und Sportstätten investieren konnten. Das Vereinsleben blühte und wurde damals durch finanzielle Unterstützung großzügig gefördert. Bei Festen überreichten Bürgermeister, Fraktions- und Ausschussvorsitzende Vereinen, Wohlfahrtsver-

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bänden und Sportvereinen jeder ein Couvert mit einer Spende. Ja, es war - auch für mich in den 24 Jahren meiner beruflichen Tätigkeit in Aldenhoven - eine schöne, herrliche Zeit.

Bei der Infrastruktur für Kinder und heranwachsende Jugend vergaßen Rat und Verwaltung unsere alten Leute nicht. Deren Betreuung wurde Gott sei Dank im wesentlichen von den Kirchen und den örtlichen Wohlfahrtsverbänden übernommen. Die Gemeinde organisierte und bezahlte die beliebten Altenfahrten in die nähere und weitere Umgebung von Aldenhoven. Das Sozialamt Aldenhoven war immer bemüht, die älteren Menschen zu begleiten, ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und bei Schwierigkeiten nach Auswegen zu suchen. Besondere Verdienste um die alten Menschen hat sich der von Bergleuten ins Leben gerufene Invalidenverein Siersdorf erworben, dem in der großen Mehrheit die Bergleute als Mitglieder angehörten. Von 1965 bis 1966 hat die Gemeinde Aldenhoven in der Probsteistraße Häuser zu Altenwohnungen hergerichtet, die insgesamt 280.000 DM gekostet haben und über Darlehen finanziert wurden. Beim Einzug der Familien begrüßte Bürgermeister Franz Vit die alten Leute mit einem Blumenstrauß. Ich erinnere mich noch an einen Bericht der Jülicher Volkszeitung, der schilderte, mit welcher Freude die alten Leute damals die neuen Wohnungen bezogen haben.

Der neue Friedhof Schon 1959 erkannte man im Rat und in den zuständigen Ausschüssen, dass mit dem rasanten Zuwachs der Bevölkerung zwangsläufig eine Erhöhung der Sterbequote verbunden war und der vorhandene Friedhof in Zukunft nicht ausreichen würde. Für die erforderlichen Erweiterungsarbeiten war wieder einmal der Erwerb von Grundstücken erforderlich - in Aldenhoven, in dieser Ortslage, immer ein schwieriges Problem. Insgesamt wurden für den Grunderwerb zur Erweiterung des Friedhofes 265.283 DM und für die Herrichtung der Anlagen weitere 195.000 DM ausgegeben. Aus Schnellzuwachsmitteln erhielt die Gemeinde hierzu einen Betrag von 65.000 DM. Hinzukam der Ausbau des Parkplatzes, der 49.497 DM gekos-

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tet hat und mit 22.500 DM bezuschusst wurde. 1981 mussten wir für Erweiterung und Plattierung der Friedhofswege noch einmal 58.944 DM investieren, um jederzeit einen geordneten Zugang zu den Gräbern zu ermöglichen. Die 1967 neu errichtete und sehr würdig ausgestaltete Friedhofshalle mit drei kleineren Räumen und einem besonderen Trakt zur Leichenaufbewahrung hat insgesamt 247.808 DM gekostet. Auch Toilettenanlagen durften nicht fehlen. Zur Friedhofshalle bewilligte man uns einen Zuschuss von 153.950 DM. In der Nähe der Friedhofshalle wurde noch ein kleines Gräberfeld für die Gefallenen mit 18 Gedenksteinen für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft ausgewiesen. Ein größeres Denkmal mit der Inschrift „Den unvergessenen Toten der deutschen Heimat im Osten“ erinnert daran, dass mit dem Bergbau viele Bürger aus den ostdeutschen Gebieten nach Aldenhoven gekommen sind und mit diesem Denkmal zeigen wollten: Die Toten, die wir in der Heimat zurücklassen mussten, sind nicht vergessen! In der Mitte des Friedhofes ragt eine schlichtes, steinernes, vier Meter hohes Kreuz aus Anröchter Dolomit in den Himmel, das sechs Gedenktafeln mit den Namen der Kriegstoten aus Aldenhoven trägt. Hier findet jährlich am Volkstrauertag die Kranzniederlegung statt.

Die alte Friedhofshalle dient als Geräteraum. Insgesamt wurden - bei einem Zuschuss von 176.000 DM - für den neuen Friedhof 816.532 DM investiert. Wenn wir hierzu das Fazit ziehen, darf man feststellen, dass bei der früheren Bevölkerungsstruktur und - größe dieser Friedhof im Umfang und mit einer solch schönen Friedhofshalle nicht notwendig gewesen wäre, aber er wäre auch in dieser Qualität nicht entstanden.

Ansiedlung von Ausgleichsindustrie Die Nachrichten über nicht auszuschließende Krisen im Steinkohlenbergbau und insbesondere die Beschäftigung von Frauen in den Textilbetrieben in Mönchengladbach und darüber hinaus haben uns rechtzeitig veranlasst, nach Wegen zu suchen, um hier Ausgleichsindustrie anzusiedeln. Diese Maßnahmen wurden auch vom EBV unterstützt, weil er gleichermaßen die neue Situation erkannte und eine Monokultur in der Industrieansiedlung als nicht wünschenswert ansah. In entsprechenden Plänen wurde entlang der B1 Richtung Jülich bis zur Gemarkungsgrenze Bourheim ein Gebiet ausgewiesen. Für den Erwerb von Industriegrundstücken und deren Aufschließung haben wir von 1961 bis 1976 rund 1,4 Millionen DM investiert. Bezuschusst wurde diese Maßnahme mit 725.000 DM. 11

Die Sonderregelung im Bewilligungsbescheid über den Landeszuschuss besagte, dass die Gemeinde die Erlöse, die sie aus dem Verkauf von Grundstücken an ansiedlungswillige Betriebe erzielte, so lange für den Ankauf weiterer Industriegrundstücke verwenden durfte, bis der Landeszuschuss aufgrund der Differenz zwischen Ankauf und Verkauf von Grundstücken durch die Gemeinde aufgezehrt war. Der Ankauf der benötigten Industriegrundstücke wurde durch die Sonderregelung erheblich erleichtert, und diese Art eines Schneeballsystems versetzte die Gemeinde in die Lage, den größten Teil der ausgewiesenen Industriegrundstücke ohne zusätzlichen Eigenetat zu erwerben. Das war auch für die Regierung durchaus eine gute Sache, denn wir waren natürlich interessiert, die Grundstücke nicht zu verschleudern, sondern haben stets versucht, einen entsprechenden Preis zu bekommen. Eine meiner schwierigsten Aufgaben, aber auch einer der größten Erfolge bestand darin, die Philips-Konzernleitung in Eindhoven zu gewinnen, das geplante neue Autolampenwerk in Aldenhoven zu bauen, weil hier der bessere Standort gegenüber anderen Interessenten – besonders Alsdorf und Würselen - sei. Meine Argumentation bestand in der Hauptsache aus folgenden Kriterien: Erstens: Lage des Baugebietes mit unmittelbarem Anschluss an das Autobahnnetz. Zweitens: Günstiges Angebot an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, bedingt durch rasanten Bevölkerungszuwachs, junge Arbeitskräfte und ausscheidende Facharbeiter im Bergbau. Diese Argumente haben auch den Leiter der Deutschen Philips GmbH Glühlampenwerk Aachen, Herrn Direktor J.G. Alblas, überzeugt, der sich in Eindhoven für den Standort Aldenhoven eingesetzt hat. Weitere Gespräche, die ich insbesondere mit dem Personalchef - Herrn Fritze - in Aachen geführt habe, wirkten überzeugend, speziell im Hinblick auf Frauen-Arbeitsplätze. Gerade sie benötigte man im Autolampenwerk. Ich musste sogar für eine bestimmte Anzahl von Frauen garantieren, die hier als Beschäftigte zur Verfügung stünden. Ich hatte optimistisch ja gesagt, konnte jedoch die Zusage nachher nicht halten. Deshalb musste noch ein entsprechender Werksverkehr eingerichtet werden, um aus den benachbarten Städten Leute nach Aldenhoven zu bekommen. Die Entscheidung der Konzernleitung in Eindhoven über die Auswahl Aldenhoven als Standort hat mir Herr Alblas persönlich zu Weihnachten 1960 mitgeteilt. Diese noble Geste deute ich dahingehend: Der erfahrene Industriekapitän hatte aus den Gesprächen mit mir gespürt, dass ich als junger Verwaltungschef dem Rat und Bürgermeister gegenüber einen wirtschaftlichen Erfolg für die Gemeinde brauchte. Ausführlich berichtete die lokale Presse am 16.11.1962, dass an einem Mittwochnachmittag das Autolampenwerk mit der ersten Halle offiziell der Bestimmung übergeben wurde. Dass Aldenhoven damals die kinderreichste Gemeinde der Bundesrepublik Deutschland war, griff Direktor Alblas in seiner Eröffnungsrede auf: „Das Werk in Aldenhoven ist mein jüngstes, aber auch mein liebstes Kind“. Dieser Satz klang den Verantwortlichen der Gemeinde wie Musik in den Ohren, weil wir noch weitere Chancen der Kooperation erwarteten.

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Emblem Philips

Ortsbegehung

Inbetriebnahme

Direktor Alblas freute sich über das Bild „Blumenmarkt in Amsterdam“, das ich ihm für seine Verdienste bei der Auswahl Aldenhovens als Standort des neuen Autolampenwerks Philips und zur Erinnerung an die offizielle Inbetriebnahme des Werkes als Dank der Gemeinde Aldenhoven überreichen durfte (s. Foto rechts). In der ersten Halle war die Produktion von jährlich 50 Millionen Autolampen vorgesehen. Mit 140 Mitarbeitern fing man damals an, mit dem weiteren Ausbau von zwei Werkshallen erhöhte sich die Belegschaft auf 350 und in der Schlussphase bis zur Stilllegung Ende der 80er Jahre auf 800, überwiegend Frauen. Die Möglichkeit des Schichtbetriebes, insbesondere aber auch die Einsparung der weiten Hin- und Rückfahrten in den Mönchengladbacher Raum, schufen Voraussetzungen dafür, dass Frauen die Arbeitsplätze annahmen. Man darf nicht vergessen, dass diese Frauen meistens eine größere Familie zusätzlich zu versorgen und so eine hohe Leistung für Familie und Beruf aufzubringen hatten.

Schild Zerres

Gebäude Zerres

Schließlich hat auch die kleine Fabrik Zerres, die heute noch hier ansässig ist, mit der Hosenanfertigung für den überregionalen Markt die Produktion aufgenommen und war in der Lage, gerade Frauen gewünschte Zeitarbeitsplätze anzubieten. Eine Maschinenfabrik aus Düren, die Export- und Textilmaschinen produzierte, errichtete in Aldenhoven ein Zweigwerk, welches ausschließlich ausgeschiedenen, qualifizierten Bergarbeitern zur Verfügung stand, die dort eingestellt worden sind. Nach einigen Jahren aber hat dieses Werk wegen Exportschwierigkeiten schließen müssen. Nicht anders ging es einem mittleren Betrieb der Baubranche aus Krefeld, der hier ein Zweigwerk errichtete, das inzwischen auch hier nicht mehr existiert. Bis heute sind Rat und Verwaltung immer bemüht gewesen, weitere Betriebe in diesem Gewerbegebiet anzusiedeln. Trotz der hervorragenden Voraussetzungen mit unmittelbarem Anschluss an das Autobahnnetz in Richtung Aachen, Köln, Düsseldorf, Krefeld und Duisburg sind die Erfolge nicht zufriedenstellend. Die Gründe sind meines Erachtens erstens die allgemeine wirtschaftliche 13

Stagnation, zweitens aber auch die immer stärker werdende Konkurrenz im Angebot für Gewerbe- und Industrieflächen von allen Nachbargemeinden um Aldenhoven.

Bevölkerungsstruktur und soziale Folgen Die aktuelle Zusammensetzung der Bevölkerung sieht so aus: 7001 Männer, 7121 Frauen, 8772 sind römisch-katholisch, 2394 evangelisch , 2956 Sonstige - eine Zahl, die größer als die der hier lebenden evangelischen Christen ist und sich vorrangig durch Muslime türkischer Herkunft ergibt. Die strukturelle Entwicklung Aldenhovens von der Markfeste zur Wohn- und Industriegemeinde wurde auch durch den Zuzug vieler ausländischer Familien beeinflusst. In der Großgemeinde Aldenhoven leben nach dem Stand des Jahres 2000 insgesamt 2027 aus dem Ausland stammende Mitbürger, das sind 12,97 % der Bevölkerung. Im Ortsteil Aldenhoven sind es 1509 Menschen, also 9,65 %. In Siersdorf 416 gleich 2,67 %, in allen übrigen Ortsteilen insgesamt 102, nur 0,65 %. Die größte Ausländergruppe stammt aus der Türkei, aber viele Bergarbeiter kamen auch aus Spanien, Italien, Marokko und noch anderen Ländern Europas sowie darüber hinaus. Erfreulich ist, dass Aldenhoven keine manifesten Ausländerprobleme kennt. Meines Wissens hat es praktisch keine großen Streitigkeiten in der Öffentlichkeit gegeben. Auch in unseren Schulen bestehen keine unüberwindbaren Probleme der Integration, wenngleich das rechtzeitige Erlernen der deutschen Sprache in Kindergärten und im alltäglichen Umgang weiterhin zu fordern und zu fördern ist. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Integration hier in Aldenhoven durchweg gelungen ist bzw. Aussicht auf Erfolg zeigt. Als Gründe hierfür nenne ich erstens: Bereits vor dem Zuzug der Ausländer hatte hier eine Mischung der angestammten Bevölkerung Aldenhovens mit Vertriebenen aus dem Osten stattgefunden. Zweitens: Der Gemeinderat setzte sich in der Mehrheit aus zugezogenen Bürgern zusammen, die im Rat Führungspersönlichkeiten stellten. Ich darf vier Namen repräsentativ nennen: Bürgermeister Vit, Amtsbürgermeister Karl Klebsch, Fraktionsvorsitzender der SPD Fraktion Karl Kistner und Vorsitzender der Sozialausschüsse Bernhard Tertel. Es gab noch andere Leute, die immer dafür gesorgt haben, dass zugewanderte Leute bei uns nie zu kurz gekommen sind. Ich wende mich jetzt der Fürsorgeaufwendung zu und beleuchte ein besonderes Problem. Im Jahre 1959 wurden in der allgemeinen Fürsorge 63 Parteien mit 145 Personen betreut. 21 Kinder waren in Heimen untergebracht. Zu der steigenden Zahl kann ich kurz aufführen: 1981 waren es schon 177 Parteien, 310 Personen, Ausgaben 226.400 DM. 1985: 201 Parteien, 364 Personen, 325.600 DM Ausgaben. 1990: 238 Parteien, 400 Personen, 872.000 DM Ausgaben. 1995: 309 Parteien, 650 Personen, 3.081.000 DM. Ausgaben. 2000: 383 Parteien, 853 Personen, insgesamt 3.500.000 DM Fürsorgeaufwendung der Gemeinde Aldenhoven. Beim Vergleich - 63 Parteien mit 145 Personen in 1959, 383 Parteien und 853 Personen in 2000 - kann ich feststellen, dass in den letzten zehn Jahren der Aufwand von 226.400 DM auf 3.5 Millionen DM gewachsen ist. Weil der Kreis ab 9. Mai 2000 nur noch 50 % erstattet, bleibt im Klartext: Die Gemeinde Aldenhoven hat künftig jährlich mehr als 1,5 Millionen an Sozialausgaben zu verkraften. Der Kämmerer Lothar Tertel hat mir bestätigt: Nach dem 14

Haushalt 2002 sind vom allgemeinen Haushalt 880.000 EURO, also rund 1,6 Millionen DM an den Sonderhaushalt „Fürsorge“ abzuführen. Hinzu kommt auch noch eine höhere Kreisumlage. Schon dieses Beispiel erklärt den Aufschrei der Städte und Gemeinden, dass ihnen von Bund und Ländern immer mehr Aufgaben mit erheblichem Aufwand übertragen werden, ohne irgendeinen Ausgleich zu finden. Da ist klar, dass hierdurch die Gemeinden in die finanzielle Pleite getrieben werden. Das Haushaltssicherungskonzept bedeutet, dass kaum Raum für Investitionen und freiwillige Leistungen besteht. Zusätzlich zwingt man die Gemeinden, die Grundsteuern anzuheben. Wenn sie sich diesen Sätzen nicht anschließen, würde die Gemeinde keine allgemeine Schlüsselzuweisungen mehr bekommen. Die wirtschaftliche Situation ist fatal. Im Rahmen der Schlüsselzuweisungen sollte für Aldenhoven eine Sonderzuweisung als Aufstockung ausgewiesen werden. Rat und Verwaltung müssten sich für ein „lex specialis Aldenhoven“ zur Lösung der unerträglichen hohen Sozialausgaben einsetzen. Wenn wir jetzt diesen Sozialhaushalt mit den Städten im Kreis Düren vergleichen, kann man feststellen, dass die übrigen 12 Gemeinden, also außer Düren und Jülich, nur ein Drittel solcher Aufgaben aufzuwenden haben Die außergewöhnliche Bevölkerungsstruktur Aldenhovens ist im Ergebnis für die sozialen Folgelasten verantwortlich. Schon heute zeigt sich eine noch weitere Verschlechterung dadurch, dass immer mehr leerstehende Wohnungen der Siedlungsgesellschaften mit Familien belegt werden, die der niedrigen Einkommensschicht zugerechnet werden müssen, oder bei denen nicht auszuschließen ist, dass diese auch über kurz oder lang Sozialhilfeempfänger werden. Die außergewöhnlichen Aufwendungen an Fürsorgeleistungen sind ein derartig massiver Passivposten in der Umstrukturierungsbilanz einer landwirtschaftlichen Markfeste zu einer Wohn- und Industriegemeinde, der auf Dauer nicht hingenommen werden kann. Man muss bei der Berechnung der allgemeinen Schlüsselzuweisungen die besondere Situation Aldenhovens berücksichtigen, sonst kann die Gemeinde beim besten Willen nicht die notwendigen Aufgaben erfüllen. Damals hat sich Herr Bürgermeister Vit erfolgreich für einen besonderen Kinderansatz bei der Schlüsselzuweisung eingesetzt und so das Budget der Gemeinde angemessen erhöhen können. Auch mir ist es als Gemeindedirektor gelungen, bis zu meiner Pensionierung am 31.7. 1983 durch Einzelanträge 27 Millionen DM Landeszuschüsse zu „erbetteln“. Während meiner Dienstzeit, in der insgesamt 80 Millionen DM investiert worden sind, hatte ich das Glück und die Freude, meinen Beitrag zu der Entwicklung Aldenhovens zu leisten. Hier eine Übersicht: Investitionen bis zur Kommunalen Neugliederung am 1. Januar 1972 Amt Aldenhoven Gemeinde Aldenhoven Insgesamt Aldenhoven Gemeinde Siersdorf Übrige Gemeinden Summe:

Kosten

Zuschüsse

2,7 Millionen DM 20,5 Millionen DM 23,2 Millionen DM 10,3 Millionen DM 6,5 Millionen DM 40,0 Millionen DM

0,5 Millionen DM 9,9 Millionen DM 10,4 Millionen DM 2,5 Millionen DM 2,3 Millionen DM 15,2 Millionen DM

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Investitionen nach der Kommunalen Neugliederung 39,6 Millionen DM

Zuschüsse während dieses Zeitraumes 12 Millionen DM

Investitionen während meiner Amtszeit von 1959 bis 1983 80 Millionen DM

Zuschüsse während dieses Zeitraumes 27 Millionen DM

Inzwischen sind strukturelle Veränderungen eingetreten, von denen ich einige knapp analysieren möchte: 1. Die Großbetriebe Emil Mayrisch und Philips haben ihre Tore geschlossen. Die Arbeitsplatzverluste bei aller Härte für die Einzelschicksale sind aber doch von diesen Betrieben sozialverträglich gelöst worden. 2. Der Wohnungsmarkt hat sich stabilisiert und ist flexibler geworden. 3. Die Versorgung mit den Gütern des täglichen Gebrauchs ist bei schmerzlicher Verdrängung von kleinen und mittleren Lebensmittel- und Fachgeschäften durch die Niederlassung preisgünstiger Supermärkte gut gewährleistet. 4. Die ärztliche, zahnärztliche und apothekengemäße Gesundheitsversorgung ist sichergestellt. 5. Zu beklagen sind die Schließung von Freibad und Schwimmhalle, die seinerzeit Starprojekte der Infrastruktur waren. Als Teilersatz leistet die Kleinschwimmhalle in Siersdorf Großartiges. 6. Die Versorgung von Schulen, Turnhallen, Sportplätzen, Lehrschwimmbecken kann auf Grund der erheblichen Zweckinvestitionen als optimal bezeichnet werden. 7. Die Industrie- und Gewerbeansiedlung, mit dem Ziel ortsnaher Arbeitsplätze ist aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Stagnation unbefriedigend. 8. Der Kinderreichtum in Aldenhoven wurde durch die Bewilligung allgemeiner und zweckgebundener Zuschüsse gebührend honoriert. 9. Der hohe Ausländeranteil hat keine gravierenden gesellschaftlichen Probleme verursacht. 10. Die Fürsorgeaufwendungen aber liegen im kommunalen Vergleich erheblich über dem Landesdurchschnitt. Dieser durch den Bergbau verursachte strukturelle Nachteil muss bei der Berechnung der allgemeinen Schlüsselzuweisungen durch Einfügung eines Sonderansatzes zugunsten der Gemeinde beseitigt werden. 11. Eine Bürgerinitiative setzt sich in Kooperation mit Rat und Verwaltung für den Erhalt und die Umgestaltung des Römerparks ein.

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Von der Markfeste zur Stadt? Es wäre wünschenswert, wenn die Entwicklungstendenz der Einwohnerzahl der Großgemeinde Aldenhoven die magische Grenze von 15.000 Einwohnern überschreiten könnte. Mit dieser Zahl hätte damals der Antrag der Gemeinde Aldenhoven auf Stadtwerdung Erfolg gehabt, den die Verantwortlichen vor einigen Jahren bereits gestellt hatten. Neben dem mangelnden städtischen Gepräge im Ortskern war es zur Zeit der Antragstellung gerade die unglückliche Stagnation des Bevölkerungszuwachses, die den Regierungspräsidenten so entscheiden ließ, dass der Antrag vorerst storniert wurde, jedoch später bei weiterer Entwick lung durchaus erneuert werden könnte. Von der historischen Bedeutung her, das darf heute sicher festgestellt werden, hätte die Markfeste Aldenhoven die Bezeichnung „Stadt“ auf jeden Fall verdient.

H. Goertz, Mitgründer der Städtepartnerschaft Aldenhoven / Albert, studiert die dortige französische Presse

Hierzu habe ich auch dem Historiker - Herrn Prof. Dr. Günter Bers von der Universität zu Köln - eine umfassende Schrift vorgelegt, die zur Veröffentlichung in einem weiteren Sonderband über die Geschichte Aldenhovens noch ansteht und in Kürze zu erwarten ist.

Die Einführung als Amtsdirektor des Amtes Aldenhoven und die Verabschiedung als Gemeindedirektor der neugegliederten Gemeinde Aldenhoven im Casino Emil Mayrisch des Eschweiler Bergwerkvereins in Siersdorf unterstreicht symbolisch und schicksalhaft das 24jährige Wirken von Hermann Goertz in Verbundenheit mit den Bergleuten und ihren Familien in Aldenhoven.

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