sts-merkblatt - Schweizer Tierschutz STS

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S T S - M E R K B L AT T NutztiereTiergerechte und kostengünstige Ställe / TKS 1.16

Wenn eine Milchkuh auch noch Mutter ist In der Milchviehhaltung werden Mutter und Kalb in der Regel gleich nach der Geburt oder in den ersten 24 Stunden getrennt. Bei der muttergebundenen Kälberaufzucht darf das Kalb weiterhin saugen, ohne dass der Landwirt auf das Melken verzichten muss.

«Vor dem Melken dürfen die Kälber bei ihren Müttern saugen», beschreibt Bettina Engels die von ihr praktizierte muttergebundene Kälberaufzucht. Sie ist Mitarbeiterin auf dem Gutsbetrieb Rheinau, einem biologisch dynamisch wirtschaftenden Betrieb der Stiftung Fintan in der Gemeinde Rheinau bei Schaffhausen. Auf dem Hof arbeiten Menschen mit einer Behinderung mit nicht behinderten zusammen. Bettina Engels ist sowohl ausgebildete Sozialtherapeutin als auch Landwirtin.

Kälber können es kaum erwarten Eben wurden die Kühe gefüttert und sind noch am Fressgitter eingesperrt. Die Landwirtin lässt zuerst einmal nur diejenigen Kühe aus dem Fressgitter, welche vor dem Melken ihr Kalb säugen dürfen. Es sind zurzeit fünf der insgesamt 45 Kühe. Sie führt Bely, mit 15 Jahren die älteste Kuh in der Herde, in eine der drei Abkalbebuchten. Die anderen vier Kühe gehen zügig zum Wartebereich vor dem Melkstand. Im daran angrenzenden Kälberauslauf warten schon ihre Kälber.

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Kaum sehen diese ihre Mütter, wollen sie zu ihnen. Sie können es kaum erwarten, bis sie saugen dürfen. Der Melker öffnet das Gitter zwischen Warteraum und Auslauf und stracks läuft jedes Kalb zu seiner Mutter und beginnt, an einer Zitze zu saugen.

Die Kühe halten während des Säugens einen gewissen Abstand zueinander ein. Es fällt auf, dass manche der Kälber mit dem Schwanz wedeln. Da die Kälber rückwärts gerichtet neben ihren Müttern stehen, gleicht das Schwanzwedeln einem Fächeln von Luft zum Kopf der Mütter. Diese schlecken ihre Kälber, die gierig Milch trinken. Am Euter entsteht Schaum, der zu Boden tropft. Nach etwa drei Minuten nehmen Bettina Engels und der Melker schon das erste Kalb von der Mutter weg und bringen es zurück zur Kälbergruppe. Nacheinander nehmen sie auch die anderen Kälber weg und lassen die Mütter in den Melkstand. Die Kälber lassen sich nicht gerne von ihren Müttern trennen. Gerne würden sie noch länger saugen. Auch die Mütter lassen ihre Kälber offensichtlich nicht gerne gehen.

Sobald alle Kälber von den Müttern getrennt sind, beginnt der Melker im Melkstand die Euter zu reinigen und zu melken. Bei einer der vier Kühe läuft schon Milch aus der Zitze. Die Kühe sind voll auf die Milchabgabe eingestellt.

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Mit dem Säugen allein ist es nicht getan «Wir haben manchmal bis zu neun Kühe, welche wir gemeinsam säugen lassen», sagt die Tierbetreuerin. Das Zusammenbringen und Trennen der Mütter und Kälber ist aufwändig und braucht Zeit. Während im Wartebereich alles sehr schnell vor sich geht, dürfen sich Kuh Bely und ihr Kalb Bernstein in der Abkalbebucht Zeit lassen. Sie haben das Privileg, dass sie etwa eine Stunde zusammenbleiben dürfen. Es ist das letzte Kalb der 15 Jahre alten Kuh. «Sie hat ins leere Euter gekalbt», erklärt Bettina Engels. Damit ist gemeint, dass sie kaum Euter gebildet hat und relativ wenig Milch gibt. Die Tierbetreuer deuten es als ein Zeichen, dass sie keine Kälber mehr zu Welt bringen möchte, das heisst, dass sie ihre Altersgrenze erreicht hat.

Nachdem Bely ihr Kalb gesäugt hat, hört der Kontakt nicht einfach auf. Das Kalb bleibt weiterhin eng bei seiner Mutter stehen, während diese es mit ihrer Zunge intensiv vor allem an Kopf, Hals und Vorhand schleckt. Dem Kalb gefällt es offensichtlich, denn es hält der Mutter den Kopf hin. Nur, wenn die Mutter seine Ohren schleckt, weicht es ihr aus. Vielleicht ist es dort unangenehm für das Kalb wegen der grossen Ohrmarken. Erst nach etwa einer halben bis Dreiviertelstunde hört die Mutter auf, das Kalb zu schlecken. Dort, wo sie am meisten geschleckt hat, ist das Fell richtig nass. Schliesslich legen sich Mutter und Kalb in der Abkalbebucht hin.

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Kälber sind gesünder Was sind die Gründe, dass die Kälber auf dem Gut Rheinau an ihrer Mutter saugen dürfen? «Die Kälber sind gesünder», sagt Bettina Engels. Früher, das heisst vor etwa zwei Jahren, als die Kälber noch nicht an ihrer Mutter saugen durften, habe es öfters Tiere mit Durchfall gegeben als jetzt. Seither gäbe es keine Abgänge mehr wegen Durchfall oder Lungenentzündung. Von der Mutterkuhhaltung her ist bekannt, dass Kälber, welche bei der Mutter saugen, kaum an Durchfall leiden. Wenn die Kälber immer Zugang zu ihrer Mutter haben, nehmen sie die Milch während des ganzen Tages über mehrere kleine Portionen verteilt auf. Im Stall der Rheinau dürfen die Kälber nur morgens und abends während jeweils drei bis sieben Minuten an der Mutter saugen. Die kleineren Kälber länger, die grossen weniger lang. Die Milchmessungen bei den Kühen zeigen, dass die Kälber in dieser Zeit eher mehr Milch aufnehmen als, wenn sie der Landwirt mit dem Eimer tränken würde. Die Kälber nehmen demnach wie in der konventionellen Kälberhaltung in kurzer Zeit viel Milch auf. Martin Ott, Leiter des Gutsbetriebes, sieht als Hauptgrund für die Gesundheit der Kälber den direkten Kontakt von Mutter und Kalb während des Säugens. «Das Kalb wird durch die Mutter geschützt», bringt er es auf den Punkt. Es profitiere von ihrer immunbiologischen Erfahrung. Im Speichel, den das Kalb beim Saugen entwickelt, erkennt die Mutter, wenn ihr Kalb von einer Krankheit bedroht wird und bildet die nötigen Abwehrstoffe, welche sie dem Kalb weitergibt. Bildlich gesprochen sei es, wie wenn eine Mutter ihr Kind an der Hand über die Strasse führe. Die Kuh nimmt das Kalb sozusagen immunbiologisch an die Hand.

«Die Kuh soll keinen Stress haben.» Der ursprüngliche und wohl ausschlaggebende Grund, dass die Kälber auf dem Hofgut Rheinau an ihren Müttern saugen dürfen, ist, dass die Tierbetreuer das natürliche Verhalten der Kühe in die Haltung integrieren möchten. Natürlicherweise sondert sich die Kuh vor der Geburt von der Herde ab und bringt ihr Kalb an einem geschützten Ort zur Welt. Während der ersten Tage nach der Geburt besucht sie es öfters, um es zu säugen, bis sie es zur Herde mitnimmt. Auf der Rheinau kommt die Kuh vor der Geburt in eine separate Abkalbebucht mit Sichtkontakt zur Herde. Schon am Tag des Kalbens oder spätestens am Tag danach darf sie zum Fressen zurück zur Herde gehen, bleibt allerdings nachts während der ersten drei Tage nach der Geburt in der Abkalbebucht bei ihrem Kalb. «Die Kuh soll keinen Stress haben», sagt Martin Ott. Danach wird die Kuh, wie oben beschrieben, nur noch zwei Mal pro Tag zum Säugen zu ihrem Kalb gelassen. Man könne die Kuh lehren, dass sie nur zwei Mal täglich zum Kalb komme. «Das Weggehen vom Kalb ist natürlich», begründet Martin Ott, dass Mutter und Kalb getrennt werden. In seinem Buch «Kühe verstehen» beschreibt er die Phase, in welcher die Mutter in der Natur ihr abseits der Herde verstecktes Kalb in den ersten Lebenstagen besucht und wieder alleine lässt. Diese Trennung ertrage das Kalb ohne Probleme. Es gelte, in der Nutztierhaltung diese Beziehung über einen längeren Zeitraum zu «konservieren». Auf der Rheinau dürfen die Kälber etwa drei Monate bei ihren Müttern saugen, bevor sie abgesetzt werden und die Milch am Nippel eines Eimers trinken.

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«Wir müssen die Kälber kennen und gut beobachten», sagt Bettina Engels. Das ist eine Voraussetzung, dass das Verfahren funktioniert. Die heikle Phase ist, wenn die Kälber im Alter von etwa drei Tagen die Abkalbebucht verlassen und nur noch zwei Mal täglich saugen dürfen. Hier müsse sie darauf achten, wie schnell ein Kalb saugt und es entsprechend lange bei der Mutter lassen. «Nur das plötzlich zu viel und zu schnell beschert uns den Durchfall», erklärt sie. In solchen Fällen verabreiche sie den Kälbern zwischen dem Saugen Kamillen- oder Schwarztee mit Traubenzucker und Salz. Das kontrollierte Zusammenbringen von Mutter und Kalb benötigt Zeit. Es kommt stark darauf an, wie man sich organisiert, wo man die Tiere zusammenlässt. Für Bettina Engels ist die Einstellung des Betriebsleiters ausschlaggebend. Im umfassenden Merkblatt des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau FiBL «Muttergebundene Kälberhaltung in der Milchviehhaltung» ist auch ein Betrieb beschrieben, in welchem die Kälber sogar im Anbindestall saugen dürfen.

«Es gibt tausend verschiedene Möglichkeiten.» Das Verfahren auf der Rheinau ist nur eines von vielen möglichen Verfahren der muttergebundenen Kälberaufzucht in der Milchviehhaltung. Das oben genannte Merkblatt des FiBL beschreibt verschiedene Varianten aus der Praxis. Es gibt Landwirte, welche zuerst die Kühe melken und dann die Kälber saugen lassen. Andere lassen die Kälber nur in den ersten Lebenswochen bei den eigenen Müttern saugen und geben sie dann einer Ammenkuh, welche auch noch gemolken wird. Wieder andere unterteilen ihre Herde in eine reine Ammenkuh- und eine reine Milchkuhgruppe. «Es gibt tausend verschiedene Möglichkeiten», sagt eine Landwirtin, welche die muttergebundene Kälberhaltung praktiziert. Ziel all dieser verschiedenen Verfahren ist es, dass Kuh und Kalb die Mutter-Kind-Beziehung länger ausleben dürfen und dass ein Melken trotzdem möglich ist. Das Absetzen der Kälber führt allerdings in vielen der muttergebundenen Verfahren zu einem Trennungsschmerz. Je älter das Kalb ist und je besser man es auf das Absetzen vorbereitet, desto besser kommen die Tiere damit zurecht.

Dem gegenseitigen Besaugen der Kälber vorbeugen In der Mutterkuhhaltung und auch bei den Systemen der muttergebundenen Kälberaufzucht kommt es selten vor, dass Kälber sich nach dem Saugen an der Mutter auch noch gegenseitig besaugen. Offensichtlich können sie den Saugreflex an der Mutter befriedigen. Beim Verfahren auf der Rheinau komme das gegenseitige Besaugen manchmal vor, wahrscheinlich, weil die Zeit des Saugens an der Mutter - morgens und abends während jeweils weniger Minuten - knapp bemessen ist. Der Sozialkontakt zwischen Kuh und Kalb komme wohl etwas zu kurz, meint Bettina Engels. Das Merkblatt des FiBL empfiehlt, den Kälbern pro Tag etwa 50 Minuten Zeit für das Säugen einzuräumen. Bei den meisten Betrieben, welche den Kälbern genügend Zeit geben, dürfte das gegenseitige Besaugen dann kein Problem sein, sagt Anet Spengler, Mitverfasserin des FiBL-Merkblattes.

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Literatur • Muttergebundene Kälberaufzucht in der Milchviehhaltung (2011). Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL et al. (Hrsg), 20 Seiten. Preis: CHF 9.–, Bestelladresse: FiBL, Postfach, 5070 Frick, www.fibl.org • Kühe verstehen. Martin Ott (3. Auflage 2012). Faro im Fona Verlag AG, 5600 Lenzburg ISBN 978-3-03781-033-0. Preis ca. CHF 35.–

Adresse des Betriebes: Gut Rheinau Gmbh, Zum Pflug 3, 8462 Rheinau, Tel. 052 304 91 27, www.fintan.ch

Autor und Fotos: Michael Götz, Dr. Ing. Agr., Landwirtschaftliche Bauberatung-GmbH, Säntisstrasse 2a, 9034 Eggersriet SG, Tel./Fax 071 877 22 29, [email protected], www.goetz-beratungen.ch

Herausgeber: Schweizer Tierschutz STS, Dornacherstrasse 101, Postfach, 4018 Basel, Tel. 061 365 99 99, Fax 061 365 99 90, Postkonto 40-33680-3, [email protected], www.tierschutz.com

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Dieses und weitere Merkblätter stehen unter www.tierschutz.com>publikationen>Nutztiere/Konsum>Infothek zum Download bereit.

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