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Suhrkamp Verlag Leseprobe Jaklin, Asbjørn Rote Zone Kriminalroman Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg © Suhrkamp Verlag suhrkamp taschenbuch 4...

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Jaklin, Asbjørn Rote Zone Kriminalroman Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg © Suhrkamp Verlag suhrkamp taschenbuch 4649 978-3-518-46649-0

suhrkamp taschenbuch 4649

Während des Kalten Krieges in den achtziger Jahren fliegen britische Jagdflugzeuge in Nordnorwegen im geheimen Auftrag gefährliche Manöver. Dreißig Jahre später wird während einer Luftwaffenkonferenz in Tromsø der Pilot Peter Barrow tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden. Ein natürlicher Tod? Der Journalist Alexander Winther von der Zeitung Nordlys beschäftigt sich mit dem Fall und findet schnell heraus, dass noch weitere Kameraden aus Barrows ehemaliger Schwadron unter mysteriösen Umständen ums Leben kamen. Gibt es einen Zusammenhang? Die Suche in der Vergangenheit der Piloten weckt in Alexander Winther Erinnerungen an seine eigene Zeit als Soldat in Afghanistan. Als ein Kollege vom Radiosender NRK, der zu viel wusste, attackiert wird, begreift Winther, dass er in großer Gefahr ist. Asbjørn Jaklin stammt aus Tromsø, er ist Journalist bei Nordlys, Historiker und Autor zahlreicher Sachbücher. Für Nordfronten – Hitlers skjebneomrade (Nordfront – Hitlers Schicksalgebiet) wurde Jaklin 2006 für den renommierten Brage-Preis nominiert. 2014 erschien Tödlicher Frost (st 4481), der erste Band einer Serie um Alexander Winther. In Rote Zone verarbeitet er das mysteriöse Mehamn-Unglück, bei dem 1982 ein ziviles Passagierflugzeug in der Nähe des nordnorwegischen Ortes Menhamn unter bisher ungeklärten Umständen abstürzte und alle 15 Insassen starben. Aus einem kalten Krieg wäre damals fast ein heißer Krieg geworden.

Asbjørn Jaklin

Rote Zone Kriminalroman Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg

Suhrkamp

Titel der Originalausgabe: Rød Sone Umschlagabbildung: Richard Nixon / Arcangel Images; FinePic, München

Der Verlag dankt NORLA für die Förderung der Übersetzung.

Erste Auflage 2016 suhrkamp taschenbuch 4649 Deutsche Erstausgabe © Suhrkamp Verlag Berlin 2016 Copyright © Vigmostad & Bjørke AS 2014 Published in agreement with Stilton Literary Agency Suhrkamp Taschenbuch Verlag Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm Umschlag: ZERO Werbeagentur, München Printed in Germany ISBN 978-3-518-46649-0

ROTE ZONE

Prolog Sie stürzten ab, das Flugzeug bebte und zitterte. Die Fliehkräfte zogen sie in die Höhe, der Sicherheitsgurt hielt sie fest. Sie starrte auf die Hand ihres Sitznachbarn, der sich an den Armlehnen festhielt, seine Knöchel traten weiß hervor. Die Maschine verlor schnell an Höhe. Sie spürte, wie Übelkeit aufstieg, das Flugzeug rotierte im Fallen. Der Kapitän brüllte Kommandos, die Stimme überschlug sich, seine Worte wurden vom Heulen der Motoren fortgerissen. Es stieg vom Magen auf. Sie sah ihren Mann vor sich, das Kind. Sie würde sie nie wiedersehen. Tränen traten ihr in die Augen. Sie wollte schreien, aber der Schrei wurde erstickt, als­ sie sich übergab.

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1 



Tromsø, Bergstation der Fjellheisen-­ Seilbahn, Montag, 21. Juni 2010

Alexander Winther fühlte sich ohne Fotografen verloren. Er stellte sich auf die Zehen bei dem Versuch, nicht nur den Sushi-Koch, sondern auch Tromsøya, die Tromsø-Brücke und die Bergspitzen von Kvaløya aufs Bild zu bekommen. Die Sonne kam von schräg hinten, über den Fløyberg, und lieferte gutes Fotolicht. Er trat nach links, damit Blåmannen, der Berg, den die alten Tromsøer Karl Johans Nase nannten, zwischen die Kochmütze und einen hochgehaltenen Lachs passte. Dicht herangehen, der Blickkontakt mit der Kamera bringt die Leute zum Lächeln. Mist, der Koch schaute in die Fernsehkamera des staatlichen Senders NRK. Das iPhone klingelte. Alex schoss noch ein paar Bilder, bevor er sein Telefon aus der Tasche fischte. Change of plans. Ausbauen zur Doppelseite. Umfrage unter den Leuten, mehr Fotos. Eine Umfrage! Alex hasste es, x-beliebige Menschen nach Dingen zu fragen, von denen sie keine Ahnung hatten. Er rief den Chef vom Dienst an. Erstad nahm nach dem zweiten Klingeln ab. »Speaking. Ist irgendwas unklar?« »Ehrlich gesagt, Erstad, wie soll eine Pressekonferenz über Sushi für eine Doppelseite herhalten? Und wonach soll ich die Leute denn fragen?«

»Winther, du musst die Zeitung nicht planen, dafür haben wir hier bei Nordlys gutbezahlte Redakteure. Es ist Sommer, wir sind nicht allzu viele in der Redaktion, es gibt keine verdammten News, die Parole heißt: Schreibt lange Artikel und blast sie mit Fotos auf. Hast du gute Bilder? Denk dran, immer nah an die Menschen heran, Winther, immer nah ran. Wenn wir ehrlich sind, interessieren uns die Menschen, nicht die Dinge.« »Und welches Thema stellst du dir bei der Umfrage vor?« Erstad seufzte. »Römmegröt oder Sushi zum Mitsommernachtsfest? Ist Sushi besser als Dorsch? Solche Sachen, bloß nicht zu schwierige Fragen. Das schaffst du schon, that's my man!« Alex protestierte nicht weiter, er beendete das Gespräch und sah sich nach geeigneten Umfrage-Opfern um. Es sah schlecht aus, auf der großen Terrasse vor dem Bergrestaurant standen nur Mitglieder des Exportausschusses für Fisch, der Sushi-Koch und andere Journalisten und Fotografen. Ein paar Touristen besuchten das Samenzelt auf dem Plateau, sonst war niemand zu sehen. Sollte er die Kollegin vom NRK fragen? Kaum. Er stellte sich an die Seilbahnstation und wartete auf die nächste Gondel, die sich gerade an der steilsten Stelle befand, wo die Kabine langsamer wurde und beinahe zum Stehen kam; bei den Passagieren führte das zu dem unangenehmen Gefühl, in den Abgrund zurückzugleiten. Am vorderen Fenster der Gondel sah er eine Gruppe asiatischer Touristen, die erschrocken zusammenzuckten und nach irgendetwas suchten, woran sie sich festhalten konnten. Fünf Japaner nach Sushi befragen? Keine schlechte Idee, die wussten zumindest, worum es ging. Es klingelte. Wieder Erstad. »Sorry, Mister, ziemlich viel Hin und Her. Change of plans, once more, die Leute haben ständig kranke Kinder. Ich brau9

che dich auf einer Konferenz im Hotel Sydspissen, norwegischer Jagdfliegerankauf, große Sache. Du kommst mit der nächsten Gondel runter und fährst so schnell es geht auf diese Konferenz.« »Ja, ja, aber worum geht’s da eigentlich?« »Nordgebiete, Sicherheit, irgendetwas in der Richtung. Darum geht’s doch immer.« Alex hörte Erstad in Papieren blättern. »Ich schicke dir das Programm per E-Mail. Ein interessanter Bursche von Eurofighter ist dabei, das sind die, deren Angebot für die neuen Jagdflugzeuge nicht akzeptiert wurde.« »Die sich zurückgezogen haben«, korrigierte ihn Alex. »Aus Protest, wegen der Absprache der Norweger mit den Amerikanern.« »Mag sein. Anyway, los jetzt! Die Pressekonferenz hat schon begonnen. Vergiss die Umfrage! Im schlimmsten Fall klinken wir eine Anzeige mit Eigenwerbung ein.« »Wolltest du mich als ehemaligen Marinejäger nicht eigentlich von Verteidigungsthemen fernhalten?« »Prinzipien kannst du reiten, wenn du die Mannschaft dafür hast! Im Sommer heißt es: Alle Mann an die Pumpen!« »Erstad, nur der guten Ordnung halber: Nicht ich, sondern Nordlys hat diese Quarantäne in Verteidigungsfragen verhängt.« »Hold your horses! Ich mag dich eigentlich, aber wenn du weiterhin aufsässig bist, versetze ich dich in die Netzredaktion. Wie lange bist du jetzt bei uns?« Er hatte am 1. Oktober angefangen. »Bald neun Monate, dass muss reichen. Die Quarantäne ist aufgehoben. Get your feet moving!« Alex betrat das ehemalige Lager Sydspissen und fühlte sich sofort unwohl. Nicht nur, weil sämtliche ehemaligen Militärangehörigen zwiespältige Gefühle gegenüber derartigen 10

Urlaubseinrichtungen hatten. Er erinnerte sich an lange und langweilige Wochenenden mit ziemlich feuchten Samstagen und der schlechten Verfassung am Tag danach, wenn sie zurück zu den Kasernen im Inneren der Provinz Troms fuhren. Außerdem wirkte das Gelände heruntergekommen. Die alten Holzgebäude waren während des Krieges als Gefangenenlager und nach 1945 als Gefängnis für internierte NS-Mitglieder genutzt worden. Alex hatte von Dingen gelesen, die nicht ohne Grund in ganz Norwegen Aufsehen erregt hatten. Ein Leiter der Lagerwache war im Frühjahr 1945 Amok gelaufen, hatte sein ganz privates Todesurteil über einen Landesverräter verhängt und ihn mehrfach vor ein fiktives Liquidierungskommando gestellt. Nachts ließ man den Gefangenen mit einer Schlinge um den Hals in einem Sarg liegen, so dass er sich beinahe selbst stranguliert hätte. Alex wäre in Afghanistan auch gern auf feindliche Gefangene losgegangen, die Kameraden von ihm getötet hatten, allerdings hatte die Professionalität derartige Auswüchse unterbunden. Im Frühjahr 1945 schien diese Professionalität gefehlt zu haben. Er ging an den alten Holzbaracken vorbei auf ein großes modernes Gebäude am See zu. Sydspissen Hotel hieß die Anlage jetzt, ausgesprochen vornehm. Das Hotel lag nur einen Steinwurf von Tromsøs populärstem Park, Telegrafbukta, entfernt, der vor allem für das große Rockfestival Bukta bekannt war. Blaugefrorene Kinder wateten dort im flachen Wasser, und einmal im Jahr feierten die Abiturienten hier ihre ›Taufe‹ in Bier und Erbrochenem. Die Konferenz im Tagungsraum ›Tussøy‹ hatte bereits vor mehreren Stunden begonnen. Alex kam ungern so unvorbereitet, aber was sollte er machen, wenn Erstad meinte, dynamischen Führungsstil zeigen zu müssen. Diesmal war es allerdings nicht so schlimm. Die jahrelangen Diskussionen über 11

neue norwegische Jagdflugzeuge waren bekannt. Im Konferenzraum zeigte eine Frau eine Powerpoint-Präsentation über auf Werten basierenden Führungsstil. Die Präsentation war schwer zu erkennen, da das Sonnenlicht durch die großen, nach Süden gewandten Fenster fiel. Alex nahm ganz links Platz, von dort hatte er einen guten Blick auf das Rednerpult. Er überflog das Programm, der nächste Programmpunkt klang interessant. Peter Barrow, eine britische Pilotenlegende, der ›nicht nur gegen den polaren Tiefdruck in Nordnorwegen, sondern auch gegen die Argentinier auf den Falklandinseln gekämpft hatte‹, wie es in der Ankündigung hieß. Mein Gott, was mochte wohl schlimmer sein? Die Frau kam allmählich zum Ende, sie beantwortete ein paar Fragen aus dem Saal und gab dann das Mikrofon weiter. Der Konferenzleiter, ein ehemaliger Offizier in Zivil, stellte Barrow als Berater der europäischen Eurofighter vor. Alex entschied sich, einen Trick anzuwenden, den er bei den Fotografen gelernt hatte: Den Vortragenden auf dem Weg zum Pult zu fotografieren, war viel besser als diese langweiligen Rednerpultfotos. Er nahm seine Spiegelreflexkamera, stand auf, drehte sich um und sah im Sucher ein überraschtes und erschrockenes Gesicht. Barrow, der auf dem Weg zum Rednerpult um Alex herumgehen wollte, stieß mit ihm zusammen, verlor das Gleichgewicht und fiel in die Stuhlreihen auf der anderen Seite. Dort blieb er auf einem Mann aus dem Publikum liegen, der fluchte und den Briten von sich schob. Alex entschuldigte sich, gab Barrow die Hand und half ihm auf. Der Brite strich über sein Jackett und dankte. Alex roch die heftige Alkoholfahne. Die Reste einer lebhaften Runde am Vorabend an der Bar – oder Durst bereits um ein Uhr mittags? Alex ging von der zweiten Variante aus. 12

Barrow fummelte am Mikrofon und brauchte die Hilfe des Konferenzleiters, um es sich anzustecken. Weitere Minuten vergingen, bis er die richtige Datei im Computer gefunden hatte. Die Stimmung im Saal war gespannt, allerdings hatten die meisten Zuhörer Verständnis für den Vortragenden, der einen schwierigen Start zu haben schien. Es ging ein erleichtertes Raunen durch den Raum, als sich das amerikanische Jagdflugzeug F-35 Joint Strike Fighter in all seiner Pracht auf der Leinwand zeigte. »Dies«, sagte Barrow und zeigte mit der rechten Hand auf das Foto, »ist ein großartiges Flugzeug. Wenn man eine Supermacht ist und ständig hinter den feindlichen Linien bombardieren muss. Lockheed Martin hat ein anspruchsvolles Flugzeug für Bodenangriffe entwickelt. Es ist also kein Jagdflugzeug, es ist ein Bodenangriffsflugzeug«, wiederholte er. Nicht ganz blöd, wenn man am Boden Unterstützung braucht, dachte Alex. Es hatte in Afghanistan Situationen gegeben, in denen er und die anderen Soldaten ohne Luftunterstützung verloren gewesen wären. Er musste dieses Gefühl von Verzweiflung, das ihn plötzlich überkam, verdrängen. Die Geräusche, die Gerüche. Er musste sich auf den Briten konzentrieren. »Das Problem ist, dass Sie zehn Milliarden Kronen für ein Supermachtflugzeug bezahlen müssen, das Norwegen weder braucht noch in nationalen Zusammenhängen nutzen könnte. Dies ist kein Kampfflugzeug für Norwegen. Ich will Ihnen auch sagen, warum. Es ist im Grunde ziemlich einfach.« Barrow starrte einen Moment zu lange auf die Fernbedienung, bevor er sie wieder bediente. Alex sah kurz das schwedische Jagdflugzeug JAS Gripen und einen Eurofighter aufblitzen, bevor eine Karte der Arktis die Leinwand ausfüllte: Spitzbergen, Nordnorwegen, die Barentssee und die KolaHalbinsel. 13

»Oops«, sagte Barrow, schwankte und klickte zurück zu dem schwedischen Flugzeug. »Dies ist ein Jagdflugzeug, es ist aus Schweden, und vielleicht ist es sogar besser als unseres, Geschmackssache.« Smarter Trick. Er rief einen Konkurrenten zum Gewinner aus und erhöhte dadurch seine eigene Glaubwürdigkeit. »Aber Norwegen hat sich nicht zwischen zwei Flugzeugen entschieden und das beste ausgesucht«, fuhr Barrow fort, »Sie haben die amerikanische Maschine gewählt, weil Sie es immer schon so gemacht haben.« Er zählte an den Fingern ab, was Norwegen seit dem Krieg gekauft hatte: F-86 Sabre, F-104 Starfighter, F-5 Freedom Fighter, D-16 Fighting Falcon. Ausnahmslos amerikanische Flugzeuge. Das Foto auf der Leinwand wechselte, ein Eurofighter Typhoon hob sich deutlich gegen einen blauen Himmel ab. »Dies ist vermutlich das zweitbeste Flugzeug, aber es ist noch immer um Klassen besser als die amerikanischen Maschinen, für die sich die Norweger entschieden haben. Wohlgemerkt, für die Einsätze, für die Norwegen tatsächlich ein Jagdflugzeug benötigt.« Barrow klickte, eine Landkarte des nördlichen Teils von Norwegen erschien. Er hatte die wichtigsten wirtschaftlichen Zonen markiert, das Gebiet um Spitzbergen und Jan Mayen. Die Routen, die die russischen Bomber und Aufklärungsflugzeuge für gewöhnlich flogen, waren ebenfalls eingezeichnet. Von der Kola-Halbinsel zur Nordsee und zurück. »Was braucht Norwegen? Was braucht jeder europäische Staat?« Er wandte sich der Karte zu, denn aus ihr ergab sich die Antwort, doch er strauchelte und musste einen Schritt zur Seite treten. »Die europäischen Länder benötigen wendige Jagdflugzeu14

ge, die schnell vor Ort sind und den alten Iwan identifizieren und abfangen können – der sich ernsthaft wieder anfängt zu rühren.« »Und«, Barrow schwankte vor der Karte, »Sie haben, wie wir, große Seegebiete, die Sie kontrollieren müssen. Da braucht man keinen Bomber wie die F-35 Joint Strike Fight, sondern echte Jagdflugzeuge, mit denen man schnell wieder zu Hause ist, wenn Unwetter aufziehen. Wenn der polare Tiefdruck kommt. Schneebohen.« Barrows Versuch, einen meteorologischen Ausdruck Norwegisch auszusprechen, führte zu Heiterkeit im Saal. Bei Barrow nicht. Er sah fürchterlich aus, er hatte blutunterlaufene Augen und schwitzte. »Ich bin oft in Nordnorwegen gewesen. In den Achtzigern. Ich will nur sagen …« Er hielt inne. Schluckte.»Was ich sagen will, ist …« Barrow schaute an die Decke. Schwankte.»’tschulligung.« Wieder unterbrach er sich und schluckte. Alex sah, wie ein feuchter Schweißfleck auf der rosafarbenen Hemdbrust immer größer wurde. »Entschuldigen Sie mich«, sagte Barrow und stützte sich am Rednerpult ab, bevor er den Mittelgang hinunterging, das kleine Mikrofon noch immer am Revers, die Fernbedienung in der Hand. Der Konferenzleiter erhob sich, sagte eine kurze Pause an und lief ihm nach. Alex drehte sich um und sah, wie die Glastür langsam zufiel, hinter der die beiden verschwunden waren. Alex nutzte die unfreiwillige Pause, um seine E-Mails und die Netzausgabe von Nordlys zu checken. Die Redakteure luden zum Sommerfest ein – er hoffte, Tora dort zu treffen. Der revidierte Seitenplan von Erstad zeigte, dass Alex Seite 6 für den Jagdfliegerankauf und Seite 7 für das Sushi zugeteilt waren. Sein iPhone vibrierte. Eine SMS von Vivi. Liebling, kannst 15

du mir morgen Abend bei den Mädchen helfen? Muss eine Sonderwache übernehmen. Der Konferenzleiter kam zurück. Fünfzehn, sechzehn Minuten waren vergangen. »Es tut mir leid«, sagte er, »aber Mr Barrow ist leider indisponiert und kann seinen Vortrag nicht fortsetzen. Das ist bedauerlich, aber nicht zu ändern. Ein plötzliches Unwohlsein.« Der Suff hat viele Namen. Wie sollte er jetzt Seite 6 füllen? Den verantwortlichen Redakteuren gefiel es ganz und gar nicht, wenn eine fest eingeplante Reportage im letzten Moment abgesagt wurde. Denn dann mussten sie irgendeinen Schreibtischartikel hervorkramen und redigieren. »Wäre es möglich, ihn später zu interviewen?« Alex versuchte zu retten, was zu retten war. »Ich fürchte, nein, jedenfalls nicht im Moment. Tut mir leid«, erklärte der Konferenzleiter und erteilte das Wort dem nächsten Vortragenden, einem Anthropologen der Universität Tromsø, der ein Resümee der internationalen Zusammenarbeit in der Barents-Region lieferte. Wie vorhergesehen ohne jeden Neuigkeitswert.

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Vor der Küste der Falklandinseln, ­ HMS Invincible, Samstag, 1. Mai 1982

Peter Barrow hatte den Überlebensanzug kontrolliert, die Druckausrüstung, den Fallschirm und den Notfallschirm, bevor er die Leiter zum Flugdeck hinaufstieg. Die Ausrüstungsgegenstände waren für sich genommen nicht weiter problematisch, doch zusammen waren sie so schwer und sperrig, dass er sich jedes Mal zusammenreißen musste, wenn er die unterste Stufe der Leiter bis zum Flugzeug hinaufstieg. Im Cockpit kontrollierte er, ob sich der Griff des Schleudersitzes in der richtigen Position befand. Er schnallte sich an und setzte die Sauerstoffmaske auf. Er hatte heute den langweiligen Job, auf dem Flugdeck für Alarmbereitschaft zu sorgen – in voller Kampfmontur im Cockpit, jederzeit bereit zu starten. Andererseits: Dies waren echte Kampfhandlungen, er konnte jede Sekunde gegen die Argentinier in einen dogfight geschickt werden. Allein bei dem Gedanken beschleunigte Barrows Puls. Er vertraute seinen Fähigkeiten, er wusste, dass die Sea Harrier funktionieren würde, und er wusste auch, dass sie bessere Unterstützung als die Argentinier bekamen, falls er meilenweit vom Festland entfernt landen musste. Aber die Argentinier hatten auch moderne Maschinen, also sollte man nicht allzu siegessicher sein. Barrow stellte den Funk ein und wählte die Combat Air Pa17

trol-Frequenz. »Stand by and ready«, meldete er der Flugkontrolle. Er bekam die Informationen über die Windgeschwindigkeit und die Wolkendecke. Peter Barrow schaute hinaus. Das Tageslicht verschwand allmählich. Das Wetter war auch nicht besonders gut, aber es war trotz allem die reine Idylle im Vergleich mit den grässlichen Bedingungen in Nordnorwegen, wo sie zuletzt operiert hatten. Innerhalb weniger Wochen waren sie von der einen auf die andere Seite der Erde verlegt worden. Er hörte, wie die Flugkontrolle die beiden Piloten rief, die den Luftraum über dem Schiff kontrollierten. Richard Morton und Douglas Scofield. Morton, der Leiter der Schwadron, meldete sich. »Ich habe einen spoke auf dreihundertzwanzig Grad«, gab die Flugkontrolle durch. »Schlage vor, ihr untersucht das mal.« Spoke nannte man im Pilotenjargon das Registrieren eines elektronischen Signals, das von einem Radar oder etwas Ähnlichem ausging. »Empfangen. Lege uns auf Kurs 050, um es zu untersuchen und zu unterbinden«, antwortete Morton. Wenig Anhaltspunkte, dachte Barrow, vermutlich würde nichts dabei herauskommen, trotzdem mussten sie es kontrollieren. Im schlimmsten Fall handelte es sich um einen argentinischen Luftangriff auf ihren Flugzeugträger. Morton meldete, dass er seinen Kurs korrigiert und sich auf dreitausend Fuß gelegt hatte, die Wolkenspitzen waren eintausend Fuß unter ihm. Einige lange Minuten war es still. Plötzlich war Morton wieder da. »Zwei Kontakte, Kurs dreihundertfünfzehn Grad, einundzwanzig Meilen voraus, scheinen Flugzeuge in Kampfformation zu sein. Wir versuchen, hinter sie zu kommen!« Barrows Herz klopfte. Sollte es wirklich zum Kampf kommen? Unzählige Male waren sie in einer derartigen Situation 18

gewesen, sie waren den Argentiniern auf der Spur, doch dann hatte der Feind die Flucht vorgezogen. Barrow drehte lauter. »Wir haben Sichtkontakt! Es sind Canberras. Verdammt tief, auf etwa dreihundert Fuß.« Mortons Stimme klang erregt, aber dennoch beherrscht. Er und Scofield teilten die Flugzeuge unter sich auf. Morton sollte den Anführer übernehmen. Scofield den anderen. »Sie haben uns offenbar nicht gesehen. Wir sind perfekt platziert auf six o'clock«, teilte Scofield mit. »Wir gehen runter. Tally ho!« Der Schlachtruf kam von Morton. Scofield berichtete kurz darauf, dass er zwei Sidewinder abgefeuert hätte, ohne zu treffen. Shit! Eine lange Minute später meldete sich Morton, auffallend unangestrengt im Ton. »Splash bei einer Canberra.« Barrow ballte triumphierend die Fäuste über dem Kopf. Morton hatte einen der Argentinier abgeschossen! Die Schwadron, die bisher die meisten Bereitschaftswachen hatte, während die Jungs auf der HMS Hermes eine ruhige Kugel schoben, hatte einfach so ein feindliches Flugzeug eliminiert! Die ganze Schwadron stand auf dem Flugdeck, als Morton und Scofield landeten. Morton triumphierte, Scofield bedauerte, dass er keinen Erfolg gehabt hatte. Sie hätten zwei Canberras auf dem Zähler haben können. »Du erwischst ihn beim nächsten Mal«, sagte Morton und schlug seinem Kameraden auf den Rücken. Die Piloten versammelten sich vor Mortons Sea Harrier, um ein Foto zu machen. Und Peter Barrow bekam von der Flugkontrolle die Genehmigung, aus seiner Maschine zu klettern, um mit aufs Bild zu kommen. Als der Blitz explodierte, standen sechs Männer der 801. Naval Air Squadron lächelnd und voller Adrenalin auf dem Flugdeck der HMS Invincible: Die 19

Schotten Richard Morton und Thomas Baird, die Londoner Peter Barrow, Douglas Scofield und Steven Campbell und der notorische Aston-Villa-Fan David Hutton aus Birmingham. Steven Campbell stimmte den selbstgetexteten Song zur Melodie von ›Don't cry for me Argentina‹ an: You don't frighten me, Argentina, The truth is: We will defeat you. We'll sink your carrier with our Sea Harrier. And soon the Falklands will be on our hands!

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