SWR2 Glauben „DEN MENSCHEN ZUR SEITE STEHEN“

SWR2 Glauben „DEN MENSCHEN ZUR SEITE STEHEN“

SWR2 MANUSKRIPT ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE SWR2 Glauben „DEN MENSCHEN ZUR SEITE STEHEN“ WERNER BERGENGRUEN, EIN SCHRIFTSTELLER UND RELIGIÖSE...

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SWR2 MANUSKRIPT ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE

SWR2 Glauben „DEN MENSCHEN ZUR SEITE STEHEN“ WERNER BERGENGRUEN, EIN SCHRIFTSTELLER UND RELIGIÖSER MAHNER, WIRD WIEDERENTDECKT VON MATTHIAS KUSSMANN SENDUNG 27.12.2015 / 12.05 UHR Redaktion Religion, Kirche und Gesellschaft

Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR

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Erzählerin:

Werner Bergengruen war für den Menschen engagiert, gegen jede Tyrannei – das macht seine Romane, Novellen und Gedichte bis heute lesenswert.

00: Bergengruen:

Mir scheint, es ist die Aufgabe der Autoren, den Menschen zur Seite zu stehen, in dem sie noch geschlossene Augen öffnen und geöffnete offen erhalten.

Erzählerin:

Als der „Spiegel“ 1967 Studenten nach ihrem Lieblingsautor fragte, kamen Hermann Hesse und Werner Bergengruen auf Platz eins. Doch zwei Jahre später wollten die meisten Studenten von Bergengruen nichts mehr wissen. Was war passiert? Die Studentenbewegung war auf ihrem Höhepunkt. Die sogenannte „bürgerliche“ Literatur wurde für tot erklärt, zumal wenn sie von christlich geprägten Autoren stammte. Die Studenten wollten den Bankrott einer kapitalistischen Gesellschaft zeigen, die ihre NaziVergangenheit verdrängte – da war für Gottvertrauen kein Platz. Dabei ging es Bergengruen um mehr. 1950 hatte er im Rundfunk gesagt, was er für den „Kern der Epik“ hielt:

01: Bergengruen:

Es sind die Fragen nach Recht und Unrecht, nach Recht und Macht, Schuld und Gnade, Freiheit und Notwendigkeit. Diese Fragen stellen sich in jeder Zeit, wie sie sich offen oder in allerlei Verhüllungen schließlich im Leben jedes Menschen stellen. 2

Erzählerin:

Die Frage nach Recht und Macht, Recht und Unrecht war auch für die 68er wichtig. Aber „Schuld und Gnade“?

02: Sohn:

Ja, und da geht´s los, damit konnten sie nichts anfangen. Aber die Denkschiene „Schuld und Gnade“, die war bei ihm vorgezeichnet. Er hat das Leben doch unter religiösen Gesichtspunkten gesehen ...

Erzählerin:

Alexander Bergengruen, der 85jährige Sohn des Autors, lebt in Baden-Baden in dem Haus, das sein Vater 1958 für die Familie bauen ließ. Seit vielen Jahren hält der Historiker Vorträge und publiziert Aufsätze über Leben und Werk des Vaters.

03: Sohn:

Er hat die Welt als eine gelungene angesehen. Alles, was wir hier so als Schwierigkeiten erleben, sind Entgleisungen. So wie der liebe Gott seine Welt gedacht hat, war sie eben in Ordnung. Und die Aufgabe des Menschen wär halt diese Ordnung zu finden oder, wenn man Glück hat, wieder herzustellen.

Erzählerin:

Nur, diese „Ordnung“ gab es für die „Kritische Theorie“ nicht, die das Denken um 1968 prägte. Eins der einflussreichsten Bücher war „Jargon der Eigentlichkeit“ von Theodor W. Adorno. Der Philosoph wandte sich darin gegen jede Form von Metaphysik und erledigte Bergengruen in wenigen höhnischen Zeilen. Adorno bezog sich 3

auf dessen Lyrikband „Die heile Welt“, der 1950 erschienen war. Er enthielt Gedichte, die im Krieg und kurz danach entstanden waren. Bergengruen erklärte den Begriff der „heilen Welt“ so: 04: Bergengruen:

Um zu den Aufgaben des Autors in den tyrannischen Zeiten zurückzukehren: Der schreibende Mensch wird hier nicht immer unmittelbar, nicht immer offensiv, nicht immer frontal handeln. Vielfach wird auch seine Aufgabe darin bestehen, dem Verzerrten und Pervertierten ruhig die unzerstörte innere Substanz, also das Bild der „heilen Welt“ gegenüber zu stellen – und damit dem Urteil Maßstäbe zu geben.

Erzählerin:

Adorno galt nach den Nürnberger Rassengesetzen der Nazis als „Halbjude“ und war mit seiner jüdischen Frau 1938 in die USA emigriert. Dass Bergengruen sein Buch wenige Jahre nach Auschwitz „Die heile Welt“ nannte, war für ihn ein Affront. Genau wie das letzte Gedicht des Bands:

Zitator:

Frage und Antwort „Der die Welt erfuhr, faltig und ergraut, Narb an Narbenspur auf gefurchter Haut, den die Not gehetzt, 4

den der Dämon trieb – sage, was zuletzt dir verblieb.“ „Was aus Schmerzen kam, war Vorübergang. Und mein Ohr vernahm nichts als Lobgesang.“ (HW 272) Erzählerin:

„Nichts als Lobgesang“: Bergengruen wollte mit dem Gedicht Mut machen, trotz allem am Glauben festzuhalten. Doch dabei war ihm wohl nicht klar, wie es auf jene wirken konnte, zumal Nicht-Gläubige, die unter der NS-Diktatur das Schlimmste erfahren hatten ... Der Autor erlebte nicht mehr, wie sein Werk, gerade noch erfolgreich, innerhalb weniger Jahre fast vergessen wurde. Er starb schon 1964. Heute werden nur noch wenige seiner Bücher aufgelegt. Doch jetzt versucht die Werner Bergengruen-Gesellschaft, sein Werk wieder bekannter zu machen. Nach und nach sollen vergriffene Titel neu herausgegeben und wissenschaftlich kommentiert werden. Zudem gibt es eine Reihe mit Texten von und über den Autor, berichtet Eckhard Lange, Präsident der BergengruenGesellschaft. Zwei Ausgaben sind bisher erschienen.

05: Lange:

Da haben wir in der letzten angefangen mit dem „Compendium Bergengruenianum“. Das ist eine Art Tagebuch, das Bergengruen geführt 5

hat. Aber nicht im Sinne von üblichen Tagebüchern, wo man alles Mögliche reinschreibt, wie Thomas Mann z.B., dass er beim Arzt war, wen er getroffen hat … Sondern das ist ein schon sehr literarisch konzipiertes Buch, das in Aphorismen-Form oder auch in eingestreuten Essays Themen des Tages, der Zeit auch behandelt, vor allem das „Dritte Reich“ wird sehr gut analysiert. Zitator:

Wie leicht entschwindet das Denkbild des Herren aus dem Sinn eines Volkes und wie leicht und unmerklich schiebt sich das des Sklavenvogts an seine Stelle. (CB 59) Aus der Barbarei kann eine neue Kultur werden. Was aber kann aus mechanisierter Barbarei werden? (CB 58)

06: Lange:

Man erkennt Bergengruen plötzlich als einen politischen Schriftsteller, weil man ihn ja eine Zeit lang in die Ecke gedrängt hat, „das ist unpolitische heile Welt, was der verkörpert“. Er ist ein sehr scharfer Analytiker, auch politischer Analytiker.

--------------------------------------- Musikakzent --------------------------------------Erzählerin:

Werner Bergengruen wird am 16. September 1892 in Riga als Sohn eines deutsch-baltischen Arztes geboren. Die ländliche Umgebung und deren verhaltene Melancholie prägen ihn.

6

07: Bergengruen:

Ich glaube schon, dass die Eindrücke der Landschaft, die man als Kind mitbekommt, und die bereits in Vorvätern präfiguriert sind, das die doch einen wesentlichen Anteil haben auch an dem, was der Mensch produziert, was er denkt, was er schreibt, formuliert usw.

Erzählerin:

Als die Russifizierung im Baltikum fortschreitet, wird Bergengruen von seinem Vater zum Schulbesuch nach Deutschland geschickt. Danach studiert er in Marburg, München und Berlin ein paar Semester Theologie, Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte, einen Abschluss macht er nicht. Bergengruen fühlt sich als Deutscher und Balte. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldet er sich freiwillig zum Deutschen Heer, 1919 schließt er sich der Baltischen Landwehr an, die in seiner Heimat gegen die Rote Armee kämpft. Danach arbeitet er in Berlin als Journalist und Schriftsteller. 1935 erscheint „Der Großtyrann und das Gericht“, sein bis heute bekanntester Roman.

Zitator:

Es ist in diesem Buche zu berichten von den Versuchungen der Mächtigen und von der Leichtverführbarkeit der Unmächtigen und Bedrohten. (GG 7)

Erzählerin:

Der Roman spielt zur Zeit der Renaissance im italienischen Cassano. Ein Mönch und Diplomat ist ermordet worden. Der herrschende Großtyrann verlangt das Verbrechen in nur drei Ta7

gen aufzuklären und mit größter Härte zu bestrafen. Schon beginnen sich alle gegenseitig zu verdächtigen, es wird verleumdet und intrigiert, alte Rechnungen werden beglichen, falsche Geständnisse erpresst, und der Polizeichef, der Angst um seinen Posten hat, führt eine Unschuldige als Täterin vor. Schließlich gesteht ein frommer Arbeiter die Tat – nicht, weil er es war, sondern weil er will, dass wieder Ruhe in die Stadt einkehrt. Da erklärt der Großtyrann bei der abschließenden Gerichtsverhandlung, dass er selbst den Mönch getötet habe; zunächst, weil der ein Verräter gewesen sei. Zitator:

Und da ich mir dies Recht nahm, das mir niemand abstreitet, so nahm ich mir ein anderes von der glei-chen Unabstreitbarkeit: nämlich dasjenige, mir einen Erweis zu gewähren von der Gesinnung und der Gewissensstärke derer, mit denen ich zu schaffen habe als mit meinen Dienern und Untertanen. Und ich habe sie alle unterliegen sehen vor jeder Versuchung. (GG 309)

Erzählerin:

Doch der Priester Don Luca wagt es, den Herrscher zu fragen, ob nicht auch er einer Versuchung erlegen sei:

Zitator:

Der ärgsten von allen (…). Der des GottÄhnlichseinWollens. Der Versuchung der Schlange im Paradiese, welche unseren Voreltern sagte: „Ihr werdet sein wie Gott, indem 8

ihr wissen werdet das Gute und das Böse.“ Wir andern sind in Versuchungen und Verschuldungen gefallen nach menschlicher Weise und innerhalb der Begrenzung des menschlichen Wesens. Du aber als der einzige hast gesündigt, indem du dich über das Menschliche zu erheben trachtest und Gott gleich sein wolltest. (GG 310f.) Erzählerin:

Am Ende gesteht der Großtyrann seine Schuld und bittet die Untergebenen um Vergebung. Wie in vielen anderen Texten kritisiert Bergengruen zunächst eine Figur oder eine Zeit, verweist dann aber darauf, wie es anders sein könnte.

Zitator:

Geht jetzt ruhig in eure Häuser. Es wird manches sein, das ihr noch untereinander werdet in seine Ordnung zu bringen haben. Dies mögt ihr in der Stille tun, jeder nach seinem Gewissen. Und auch ihr sollt euch ja gegenseitig vergeben. (…) Und dann werden wir trachten, unser Leben weiterhin zu ertragen, ein jeder nach seiner Weise. Denn dies wird ja von uns gefordert. (GG 319)

Erzählerin:

Der Roman über einen Alleinherrscher, der sich anmaßt Gott zu spielen, wird 1935 natürlich von manchen als verdeckte Kritik an Hitler gelesen. Doch zunächst schreibt Hitlers Chefideologe Alfred Rosenberg eine begeisterte Rezension im “Völkischen Beobachter“. Er ist wie Bergengruen 9

Deutschbalte und schätzt dessen Bücher sehr. Den Roman liest Rosenberg als Lob auf eine starke Führergestalt, die zugleich fähig ist, einen Fehler einzugestehen. 08: Sohn:

Das hat das Buch davor bewahrt, sofort verboten zu werden. Aber zwei Jahre später ist Goebbels zu dem Ergebnis gekommen, das passt nicht in unsre Ideologie.

Erzählerin:

Ein Führer, der Schwäche zeigt? Unmöglich. 1937 wird Bergengruen aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen.

09: Sohn:

Ich besitze heute noch den Text, der ihm damals zugeschickt wurde, da hieß es: „Weil Sie nicht geeignet sind, am Aufbau der deutschen Kultur teilzunehmen.“ Es durfte nichts von ihm gedruckt werden, er durfte keine öffentlichen Vorträge halten, aber er konnte in internen Kreisen, zum Beispiel in religiösen oder privaten Zirkeln, da konnte er auftreten.

Erzählerin:

Dennoch erscheinen später kleinere Auflagen des „Großtyrannen“.

10: Sohn:

Die Verlegerfamilie in Hamburg hat gelegentlich bei Goebbels eine Sonderauflage erwirkt. Aber wenn Goebbels sich das hat aus dem Kreuz leiern lassen, entschuldigen Sie den Ausdruck, dann hat er sich meistens hinterher gerächt,

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indem er die Papierzufuhr gesperrt hat, das war ja im Krieg ein Problem. ---------------------------------------- Musikakzent -------------------------------------Erzählerin:

1936 zieht Bergengruen mit seiner Familie von Berlin nach München. Dort konvertiert er vom protestantischen zum katholischen Glauben. Ein Grund mag die Erinnerung an seine strenge pietistische Mutter gewesen sein. Einmal schreibt er, ihm erscheine der Protestantismus …

Zitator:

… wie eine korrekte, rechthaberische und oft genug in einem gemeinen Sinne auch rechthabende Gouvernante – die katholische Kirche wie eine Mutter einfachen Ursprunges, (…) ihr Körper strotzt von Milch, ihr Herz von Wärme. Die eine unterrichtet; die andere gebiert, nährt, bettet, heilt, tröstet und liebt. (CB 69)

Erzählerin:

… was aber nicht heißt, dass Bergengruen sich nach der Konversion als dezidiert „katholischen“ Autor sieht.

11: Lange:

Er selber hat nicht allzu viel von katholischen Schrift-stellern gehalten. Seine Tochter hat wohl mal gehört, wie er gesagt hat: Diese katholischen Schriftsteller sind mir ein Gräuel. Er meinte damit natürlich diese reine Erbauungsliteratur, da kann bei ihm nicht die Rede von sein. Er ist ein sehr ernsthafter, tragischer Schriftsteller auch. 11

Die Romane, die Novellen, die haben alle einen tragischen Hintergrund. Das sind Fabeln, Parabeln der menschlichen Existenz, die eben auf einer christlich-abendländischen Tradition fußen. Erzählerin:

Bergengruen ist ein Meister der Novelle, die in knapper Form eine „unerhörte Begebenheit“ erzählt. „Die drei Falken“ etwa spielt wie der „Großtyrann“ im Mittelalter. Es geht um einen Erbstreit unter geldgierigen Bürgern, bei dem ein Gelegenheitsarbeiter, dem ebenfalls ein Erbteil zufällt, als einziger innere Größe zeigt und sein Erbe ausschlägt. Die Novelle entstand 1935/36 und wurde von den Nazis nicht verboten. Doch sie antwortet auf ihre Zeit. Der Autor zeigt das Bild eines Menschen, der sich nicht korrumpieren lässt und großherzig ist, …

Zitator:

… also gerade jener seelischen Elemente, die damals aus der deutschen Realität ohne Spur verschwunden zu sein schienen. (DF 7)

Erzählerin:

In München hat Bergengruen, dessen Frau auf Nazideutsch „Dreivierteljüdin“ ist, Kontakt zum katholischen Widerstand gegen Hitler und lernt Mitglieder der „Weißen Rose“ kennen. Von Germanisten wird er heute gelegentlich als innerer Emigrant bezeichnet, der sich während der NS-Zeit unpolitisch wegduckte, was so nicht stimmt.

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12: Sohn:

Er hat zum Beispiel auch die Sitzungen der Geschwister Scholl in München mitgemacht. Er hatte einen Freund, der uns schräg gegenüber wohnte, und in dessen Haus haben sich die Geschwister Scholl immer getroffen. Der Hans Scholl hat dann seine Texte mitgebracht und mein Vater hat die dann abends heimgebracht, die Mutter hat sie während der Nacht auf der Schreibmaschine mit Durchschlägen abgetippt. Mein Vater ist dann im Morgengrauen mit dem Fahrrad rumgefahren und hat sie dort in die Briefkästen geworfen, wo es ihm richtig schien.

Erzählerin:

1937 erscheint in Wien – noch vor dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland – der Lyrikband „Der ewige Kaiser“. Bergengruen veröffentlicht ihn anonym, da die Gedichte zwar vom Mittelalter handeln, sich aber deutlich gegen Hitler wenden. Texte daraus gehen im Widerstand bald von Hand zu Hand und sickern im Krieg ins Deutsche Heer ein.

13: Sohn:

Als Hitler in Österreich einmarschiert ist, sind Gestapo-Leute bei dem Verleger in Wien angekommen und haben gesagt, von wem sind diese Gedichte? Da hat der Verleger gesagt: „Der Autor wohnt in München, ich muss erst fragen, ob er einverstanden ist.“ Dann hat dieser Verleger bei uns angerufen. Mein Vater hat gesagt: „Ja, sofort sagen: Da hab ich gar keine Schwierigkeiten mit …“

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Erzählerin:

Bergengruen weiß, warum er die Gedichte anonym publiziert hat, doch er lässt es darauf ankommen. Wenig später stehen GestapoLeute vor der Tür.

14: Sohn:

Ich weiß noch, dass ich ihnen damals die Tür aufgemacht habe. Die waren aber sehr freundlich. Ich hab sie dann rauf zum Vater in den ersten Stock ins Arbeitszimmer geführt und hab natürlich immer durchs Schlüsselloch geguckt, was die da miteinander redeten. Aber mein Vater hat denen gesagt: „Nein, das hat mit Herrn Hitler überhaupt nichts zu tun! Da geht es um die Kaiser-Ideologie von Friedrich Barbarossa und von seinem Enkel Friedrich dem Zweiten, und hat die also mit Mittelalter vollgedröhnt. Am Schluss, nach einer halben Stunde, sind sie sehr höflich aufgestanden und haben gesagt: „Sehr interessanter Vortrag, vielen Dank“, und es ist nichts draus geworden. Aber es hätte auch anders ausgehen können … -------------------------------- Musikakzent -----------------------------------

Erzählerin:

Nach dem Krieg lebt Bergengruen zunächst in der Schweiz, dann in Rom und schließlich in Baden-Baden. Seine Bücher werden nach wie vor viel gelesen. Aber neben der damals jungen Literatur etwa eines Böll oder Grass wirken sie mit ihrer gedrechselten Sprache ein wenig wie aus dem 19. Jahrhundert.

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15: Lange:

Er war jemand, der die Brücken nach hinten auf keinen Fall abbrechen wollte, im Gegenteil. Er war eher eine „arrière-garde“ statt einer „avantgarde“ – der drauf geguckt hat, dass man die Brücken nicht abbricht, sondern das was gut ist aus der Tradition heraus mitnimmt …

Erzählerin:

Zudem setzt sich Bergengruen auch nach dem Krieg kaum direkt mit seiner Zeit auseinander, sondern versucht sie in historischen Stoffen zu spiegeln. Darum trifft ihn nach 1945 gelegentlich der Vorwurf, er weiche aktuellen Themen und Problemen aus.

16: Bergengruen:

Erinnern Sie sich daran, dass der große Roman der napoleonischen Zeit, Tolstois „Krieg und Frieden“, ein halbes Jahrhundert nachher geschrieben wird. Und dass die ganze Zeit dort so lebendig aufatmet, als wenn Tolstoi mit an ihr teilgenommen hätte. Das ist einmal so gewesen, das muss nicht immer sein. Ich könnte mir aber vorstellen, dass es erst dann möglich ist, wenn die Dichter eine äußere Verklammerung an diese Zeit ein bisschen hinter sich gebracht haben. Wenn sie frei geworden sind von Ressentiment, frei geworden von der Vorstellung, dass das, was sie persönlich in der Zeit erlitten haben, nun den Mittelpunkt des Weltgeschehens bildet – und sie zu einer epischen Objektivität kommen, die nicht an die verflossene Zeit gebunden ist, sondern an die Individualität des Dichters. 15

Erzählerin:

Im Lauf der 50er Jahre zieht sich Bergengruen aus der Welt, die ihn umgibt, langsam zurück – sie wird ihm fremd, ist zu laut, zu schnell.

17: Sohn:

Das lag in seiner Persönlichkeit. Er war ein sehr guter Unterhalter, aber letztlich war er ein Mensch der Distance. Auch zu uns Kindern hat er Distance gehalten. Zum Beispiel hat er uns immer abends und morgens die Hand gegeben, das ist ja für einen Vater eigentlich sehr ungewöhnlich. Distance hat er überall gewahrt. Deswegen war eben die Vergangenheit – die war ihm durchschaubar, die war lebendig, die konnte er darstellen, wie seine Romane und Novellen zeigen. Damit konnte er sich auch seiner Zeit gegenüberstellen. Er hat sich nicht integriert, auch in seine Zeit nicht. Letztlich hat er sich mit nichts identifiziert als mit sich selber.

Erzählerin:

Sein letztes großes Romanprojekt ist die „Rittmeister“-Trilogie. Die unzeitgemäße Hauptfigur ist auch ein Selbstportrait des Autors.

18: Bergengruen:

Die Gestalt des Rittmeisters ist etwas, was mir seit langer Zeit ein inniger Wunsch war, das einmal zu gestalten. Die Figur eines Mannes, der die alte Zeit repräsentiert, ohne die neue zu missachten oder ohne sich in Illusionen zu wiegen. Das ist der Mann, der ganz genau weiß: Das Zeitalter des Pferdes, das Zeitalter unsrer alten Herrlichkeit ist vorbei und da ist nichts zu machen. Und der

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Mensch muss die Kraft haben, den Spruch der Geschichte ruhig entgegen zu nehmen … Erzählerin:

Am 4. September 1964 stirbt Werner Bergengruen in Baden-Baden, 71jährig. – In seinem Werk plädierte er für Humanität und wandte sich „gegen die Trockenheit des Herzens“, wie er einmal schrieb.

19: Bergengruen:

Mir scheint, es ist die Aufgabe der Autoren, den Menschen zur Seite zu stehen, in dem sie noch geschlossene Augen öffnen und geöffnete offen erhalten. Die Schreibenden müssen den Menschen helfen, die furchtbare geistige Einkerkerung und Isolierung zu überwinden und sich allem Druck zum Trotz das Gefühl für Gut und Böse, für echt und unecht zu erhalten – und ihr Herz vor den seelenzerstörenden Wirkungen des eisigen, ja des vereisenden politischen Zynismus´ zu bewahren, der hinter den vorgespiegelten Begeisterungs-Rasereien des Machtrausches zu stehen pflegt.

Erzählerin:

Damit ist der Autor bis heute aktuell. Wie in dem Gedicht „Die letzte Epiphanie“, das gegen Ende des Zweiten Weltkriegs entstand, doch auch von den Flüchtlingen unsrer Tage spricht:

Zitator:

Ich hatte dies Land in mein Herz genommen, ich habe ihm Boten um Boten gesandt. In vielen Gestalten bin ich gekommen. Ihr aber habt mich in keiner erkannt. 17

Ich klopfte bei Nacht, ein bleicher Hebräer, ein Flüchtling, gejagt, mit zerrissenen Schuhn. Ihr riefet dem Schergen, ihr winktet dem Späher und meintet noch Gott einen Dienst zu tun. Ich kam als zitternde, geistesgeschwächte Greisin mit stummem Angstgeschrei. Ihr aber spracht vom Zukunftsgeschlechte und nur meine Asche gabt ihr frei. Verwaister Knabe auf östlichen Flächen, ich fiel euch zu Füßen und flehte um Brot. Ihr aber scheutet ein künftiges Rächen, ihr zucktet die Achseln und gabt mir den Tod. Ich kam, ein Gefangner, als Tagelöhner, verschleppt und verkauft, von der Peitsche zerfetzt. Ihr wandtet den Blick von dem struppigen Fröner. Nun komm ich als Richter. Erkennt ihr mich jetzt? (MVH 126)

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